Читать книгу: «TEXT + KRITIK 234 - Robert Menasse»

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TEXT+KRITIK.

Zeitschrift für Literatur

Begründet von Heinz Ludwig Arnold

Redaktion:

Meike Feßmann, Axel Ruckaberle, Michael Scheffel und Peer Trilcke

Leitung der Redaktion: Claudia Stockinger und Steffen Martus

Tuckermannweg 10, 37085 Göttingen,

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Print ISBN 978-3-96707-633-2

E-ISBN 978-3-96707-636-3

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Levelingstraße 6a, 81673 München

www.etk-muenchen.de

Inhalt

Michael Köhlmeier

Mein Robert Menasse

Daniela Strigl

Der Gegendenker. Laudatio für Robert Menasse

Attila Bombitz Variationen auf die Entgeisterung. Zum literarischen Werk von Robert Menasse

Armin Schäfer Konstruktion und Störung. Zu Robert Menasses »Die Vertreibung aus der Hölle«

Sławomir Piontek Die Erziehung der Lust als ein Psychogramm einer Generation

Florence Baillet Robert Menasses Theaterstücke. Zeitgenossenschaft, politisches Engagement und figurenorientiertes Drama

Benjamin Biebuyck Von der Spannung der Symbole in Robert Menasses Essays und Reden

Ewout van der Knaap Eine eurosophische Fiktion. Zu Robert Menasses »Die Hauptstadt«

Eva Schörkhuber Zugänge zum literarischen Vorlass von Robert Menasse

Robert Menasse Der Preis der Werte

Ewout van der Knaap Vita Robert Menasse

Ewout van der Knaap Auswahlbibliografie

Notizen

Robert Menasse Abwesenheitsnotiz 2020/21

Michael Köhlmeier

Mein Robert Menasse

Einmal hat mich Robert Menasse gelobt. Als ich ihm einen Witz erzählte, nämlich diesen: Es klingelt an der Tür, der Mann macht auf, sieht aber niemanden. Dahört er unter sich ein Kratzen. Dort steht ein kleiner Tod, halb so hoch wie sein Knie, in der Knochenhand die Sense. Er sagt: »Hab keine Angst, ich hole nur den Hamster.«

Robert lachte sehr laut und sehr lange, wir saßen im Kaffeehaus, und immer wieder lachte er von Neuem. Ich ahnte, dass ihn der Witz auf etwas anderes gebracht hatte, das nur ihn anging, oder das zu erklären zu umständlich gewesen wäre und für mich ohne Bedeutung. Seither höre ich den Nachhall seines Lachens aus allen seinen Büchern. Auch aus jenen, die er vor meinem Witz geschrieben hat, sogar aus jenen, die er geschrieben hat, bevor wir uns kannten. Das wäre allerdings eine Art Wunder. Aber diese Art Wunder würde zu ihm passen.

Als unsere Tochter beerdigt wurde, kam er. Und war da. Und weinte mit mir. Es gibt nichts zwischen uns zu vergeben, weil wir uns seit diesem Tag immer alles vergeben würden.

Daniela Strigl

Der Gegendenker Laudatio für Robert Menasse 1

An Robert Menasse gibt es, gottlob, viel zu loben, so viel, dass man nicht weiß, wo anfangen – und auch nicht, wo aufhören.

Hätte das Wort nicht einen leicht gönnerhaften Beigeschmack, würde ich sagen, Robert Menasse ist ein Tausendsassa, einer, der vieles ist und vor allem vieles kann.

Zunächst ist er natürlich Schriftsteller, Romancier. Sodann Essayist und politischer Kommentator. Außerdem Theaterautor (2009 wurde sein Stück »Doktor Hoechst« am Staatstheater Darmstadt uraufgeführt). Menasse ist Germanist (als solcher hat er etwa energisch für die Wiederentdeckung von Gerhard Fritsch plädiert), er ist – oder war – Übersetzer aus dem Portugiesischen.

Er ist übrigens auch: Laudator (seine Rede auf den in Wiener Neustadt geborenen Autor Elazar Benyoëtz gehört zu den besten Laudationes, die ich je gehört habe). Schade also, dass Robert Menasse seine Laudatio nicht selbst halten kann. Er ist auch ein glänzender Redner.

Ob er ein ebenso guter Zuhörer ist, weiß ich nicht, aber das gehört zu den Vorzügen dieser Textsorte: Es bleibt ihm nichts anderes übrig.

Menasses erste Erzählung hatte den prägnanten, adoleszentem Kunstwollen durchaus angemessenen Titel »Nägelbeißen« und erschien 1973 in der legendären Jugendzeitschrift »Neue Wege«. 1979 gehörte Menasse zu den studentischen Begründern des »Zentralorgans herumstreunender Germanisten«. Im Jahr darauf wurde er an der Universität Wien promoviert, mit einer Dissertation über den »Typus des ›Außenseiters‹ im Literaturbetrieb (Am Beispiel Hermann Schürrer)«. Anders als der genialische Dichter und gewiss nicht minder begnadete Trinker Schürrer, eine berühmte Wiener Lokal-Größe, hatte Robert Menasse kaum Gelegenheit, den Außenseiterstatus im Literaturbetrieb am eigenen Leib zu studieren.

Als Schriftsteller im engeren Sinn hat er sich mannigfaltig bewiesen: In seinen Romanen exerziert er alle möglichen Genres durch, manchmal auch in Überblendungen: den Exilroman, die Gelehrtensatire, den philosophischen Konversationsroman, den Campus-Roman, den Reiseroman, die Dorfgeschichte, den historischen Roman, den erotischen Entwicklungsroman. 2009 überraschte er seine Leser mit einem Erzählband – es war, und das war nun wirklich überraschend, sein erster. An Gedichten sind meines Wissens nur fünf Stück erschienen, weshalb ich mir erlaube, sie hier unter den Gabentisch fallen zu lassen, merkwürdigerweise firmierten sie unter dem Titel des allerersten – vom Autor verworfenen – Romanprojekts »Kopfwehmut«.

Das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien ist aber, das soll nicht übersehen werden, kein Literaturpreis (die Literaturpreise Menasses sind Legion), es ist ein Orden. Die »großen Verdienste«, die damit laut Statut gewürdigt werden sollen, gehen gerade im Fall Robert Menasses über das hinaus, was er sozusagen auf Grundlage seiner Profession, seines Schriftstellerhandwerks geleistet hat. Robert Menasse ist eine Institution, eine Wiener Institution, wie man, um »Das Lied der Deutschen« zu zitieren, »Von der Maas bis an die Memel, / Von der Etsch bis an den Belt«, also eben nicht nur hierzulande und nicht nur auf dem Gebiet des heutigen Deutschland, weiß. Die Institution Robert Menasse wirkt europaweit, sie wirkt auch dort, wo nicht deutsch gesprochen wird, sogar dort, wo das Deutsche aus historischen Gründen keinen besonders guten Klang hat, in Holland zum Beispiel, in Amsterdam, wo Menasse längere Zeit gelebt hat.

Kein Zweifel: Robert Menasse ist öffentliches Eigentum, er ist unser aller Menasse. Er ist auch für seine Gegner, ja für seine Feinde eine Institution, ein monumenthaft aufragendes Ärgernis.

Der Geburtsort Wien ist keine notwendige Bedingung für das Werden und Gedeihen einer Wiener Institution, aber, wie der Fall Menasse zeigt, es erleichtert und beschleunigt die Angelegenheit. Der Übergang von der Wiener zur österreichischen Institution ist bekanntlich fließend. Als 1995 Österreich als Gastland zur Frankfurt Buchmesse geladen war, da schien es geradezu zwingend, dass Robert Menasse die Eröffnungsrede halten sollte. Wer, wenn nicht er? Robert Menasse ist, wie Wendelin Schmidt-Dengler, sein Doktorvater und zeitlebens wohlwollender Kritiker gesagt hat, »ein Meister im Umgang mit symbolischen Repräsentationen«. Schmidt-Dengler meinte das im Hinblick auf Menasses literarisches Werk, man kann es aber auch auf den Autor münzen: Robert Menasse selbst beherrscht die Kunst der Repräsentation, er hat sich mit Kompetenz und Chuzpe, mit der Anmaßung des um seinen Wert Wissenden, zur Institution ausgestaltet; er verkörpert längst die umfassende Zuständigkeit für nationale Belange.

Im offiziösen, seinerzeit vom Wissenschaftsministerium initiierten sogenannten »Kulturinformationssystem« im Internet namens »aeiou« findet sich im Eintrag zu Robert Menasse der Satz: »Im Mittelpunkt seiner Essayistik steht die Positionsbestimmung der österreichischen Literatur.« Kann man das sagen, oder drückt sich da nicht vielmehr das Wunschdenken aus, Menasse möge sich auf seine Kernaufgaben als Autor und Literaturwissenschaftler konzentrieren? Gewiss, mit dem Essay »Die sozialpartnerschaftliche Ästhetik« (1990) hat er ein Bild der österreichischen Literatur geprägt, das den Geist der Realverfassung des Landes atmet, das die Spuren von Kompromiss und Konsens um des lieben Friedens Willen trägt. Aber die »Positionsbestimmung der österreichischen Literatur« ist für Menasse eben in erster Linie insofern von Interesse, als sie etwas über dieses Land verrät. Und so erscheinen auch Werke in einem rotweißroten Licht, die man lange nur als individuell-existenziell verstehen wollte. A. E.I. O.U. – kein Wunder, dass Menasse für eine doppeldeutige Lesart des habsburgischen Wahlspruchs plädiert und die Erkenntnis in jedem Fall für tröstlich erklärt: Austria erit in orbe ultima – »Österreich wird in der Welt das Letzte sein«.

»Brillant« ist wohl das in Bezug auf Menasses Essayistik am häufigsten gebrauchte Wort. »Brillant«, das meint, neben der substanziellen Härte und Qualität, immer auch die Sphäre des Effekts, das Funkelnde, Glänzende, Blendende des geschliffenen Ausdrucks. Und wirklich, wir erleben Robert Menasses Befunde als brillant, egal, ob sie uns nun plausibel erscheinen oder haarsträubend, was auch hin und wieder vorkommt – ja, dann wirken sie fast noch beeindruckender, müssen wir doch Könnerschaft bewundern, wo wir die Gefolgschaft in der Sache verweigern.

Wer etwa Robert Menasses langen Essay »Das Land ohne Eigenschaften« (1992) jetzt wieder liest, der staunt freilich, wie haltbar die Schlussfolgerungen zur österreichischen Identität am Vorabend des EG-Beitritts sind, wie prophetisch der Autor manches damals gesehen hat, etwa den fiktiven Charakter der unverdrossen beschworenen Neutralität.

Robert Menasse ist der Ausnahmefall des Propheten, der im eigenen Lande sehr wohl etwas gilt. Das ist keine einseitige Liebe: Menasses Kritik an Österreich ist durchpulst von einem patriotischen Furor, der für Autorinnen und Autoren der nächsten Generation schwer begreiflich ist.

Dass in Österreich schlicht alles Symbol ist und dass die Macht des Imaginären in die Wirklichkeit hineinwirkt, berührt, wie der Germanist Friedbert Aspetsberger meinte, auch das Phänomen Menasse: So verlangte der Autor gleich nach Regierungsantritt des Wende-Kabinetts Schüssel /

Riess-Passer 2000 dessen Rücktritt, weil es seine historische Mission – das Aufbrechen der großkoalitionären Verkrustung – erfüllt habe. Die Regierung trat nicht zurück, 2002 dann aber doch: Die Realität richtete sich nach der Fiktion des Dichters. – »Menasse fordert viel, ist aber kein Doktrinär«, resümiert Aspetsberger.

Freilich: Das Apodiktische gehört nun einmal wesentlich zum Geschäft. Der Eros des Denkens tritt nicht schamhaft auf. Auch Karl Kraus hat seine Urteile über die Zeit und ihre Genossen nicht in das Gewand tastender Überlegung gekleidet. Ganz in seinem Sinne versteht Robert Menasse den Schriftsteller als den natürlichen Feind der Floskel – und damit der Sprache des Journalismus wie der Politik. Das Denken des Essayisten kann deshalb grundsätzlich nur ein Gegendenken sein. Nicht zwangsläufig bloß gegen die Macht, sondern auch gegen die öffentlich sich artikulierende Mehrheit – wie es Menasse mit seiner These von der im Jahr 2000 endlich in Österreich eingezogenen »Normalität« unternahm. Jörg Haider als Proponent einer etwas anderen »Linksopposition« gegen die rot-schwarze Einheitspartei – diese Deutung Menasses sahen damals viele als rote Fahnenflucht.

Unerschrockenheit ist es, was den politischen Kommentator Menasse zuvörderst auszeichnet: Robert Menasse erschrickt prinzipiell nicht vor der eigenen Courage, es erschrecken immer die anderen. Er kennt buchstäblich keinen Genierer.

Menasse hat sich, ohne Ansehen der Partei, mit allen angelegt: mit Jörg Haider selbstverständlich, mit Kurt Waldheim und Wolfgang Schüssel, mit Viktor Klima und auch mit Helmut Zilk – nie hat er seine Zielpersonen in ihrem Individuellen aufs Korn genommen, immer in ihrem Symptomatischen. Was er sagte, war hieb- und stichfest, das heißt auch: zitabel.

Dass er, der den Beitritt des Landes zur EG als einen weiteren Versuch beschrieb, die Verantwortung für sich selbst loszuwerden, später mit großer Ausdauer die scheindemokratische Verfasstheit der EU anprangerte, war ein Labsal für viele seiner Leser. Hier jedoch scheint sich nun ein Kurswechsel anzukündigen. Auch das gehört zur Institution Menasse: Wenn Robert Menasse in Brüssel weilt und über eine Revision seines Brüssel-Bildes nachdenkt, dann halten das die österreichischen Medien für berichtenswert. Das meint wohl Friedbert Aspetsbergers Beobachtung, Robert Menasse sei ein »Medienmensch« – »und vielleicht mehr Medienmensch (…) als der durchschnittliche Medienmensch Medienmensch ist«. Was immer man von einer möglichen Bekehrung zum Brüssel-Paulus halten mag: Menasses geistige Gelenkigkeit übertrifft zweifellos die seiner jungen Kollegen.

Mut bewies Robert Menasse nicht nur bei der Einmischung in die öffentlichen, also ureigenen Angelegenheiten, sondern auch bei der Erprobung und Eroberung neuer literarischer Genres.

Als Autor hat er prinzipiell jede sich stellende Herausforderung angenommen oder vielmehr: Er hat sie sich selbst gestellt. Er hat nicht ein Buch über den Geisteszustand Europas vor der großen Wende geschrieben, sondern gleich eine Trilogie: die Trilogie der Entgeisterung. Er hat nicht bloß die Geschichte des Rabbi Menasseh ben Israel erzählt, des Lehrers von Baruch Spinoza, er hat sie mit der zeitgenössischen Existenz des Alter Egos Viktor Abravanel, eines Wiener Historikers, zu einer grundlegenden Fallstudie über die Vorzüge und Nachteile des Erinnerns wie des Vergessens verknüpft, jenseits aller vorgestanzten Antworten. Er hat nicht irgendein Theaterstück über das zeitgenössische Wirtschaftstreiben verfasst, sondern – mit »Doktor Hoechst« – natürlich gleich ein »Faustspiel«. Er hat die Lebensbeichte eines liebeshungrigen Klatschjournalisten, der in der Badewanne nach der verloren Uterus-Wohligkeit sucht, nicht irgendwie genannt, sondern »Don Juan de la Mancha«, solcherart Mozart und Cervantes vor seinen Karren spannend. Und er hat sogar ein Buch, das zu schreiben einem seiner Helden einen ganzen Roman lang nicht gelingen wollte, kurzerhand selbst geschrieben: die »Phänomenologie der Entgeisterung« erschien als eine Art Appendix zur Trilogie. Für diejenigen unter Ihnen, die den zweiten Band, den Roman »Selige Zeiten, brüchige Welt« kennen: Es stimmt, dass Leo Singers in vielen Gesprächen beschworenes Buch, mit dem er Friedrich Hegels »Phänomenologie des Geistes« fortschreiben, ihn gut dialektisch bestätigen und widerlegen wollte, zu guter Letzt erscheint, doch es ist eigentlich nicht sein Buch, es sind die Aufzeichnungen der hassgeliebten Judith Katz, die seine philosophischen Kaffeehaus- und Barspekulationen für die Nachwelt verewigt, selbst hingegen das Zeitliche gesegnet hat.

Billig gibt es dieser Autor also nicht. Dr. Menasse ist nicht nur ein Dr. Tausend, er ist immer auch Dr. Höchst. Dass ein »bestrickender intellektueller Hochmut« dazu gehört, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit Hegel just den »totesten aller toten philosophischen Hunde« als Leitmotiv zu erwählen, hat Sigrid Löffler schon 1999 in ihrer Laudatio zur Verleihung des Grimmelshausen-Preises an Robert Menasse festgestellt. Menasse wollte und will vom dialektischen Denken, vom Modell des Fortschritts als Dreischritt, nicht lassen, selbst wenn er es ironisiert. Die Umkehrung der von Hegel gesehenen Entwicklung, der Rückschritt vom vollendeten Wissen (verdeutlicht in Hegel selbst) bis zum Verschwinden dieses Wissens heute, dieses Modell ist dem, der es in seiner »Phänomenologie der Entgeisterung« vorstellt, selbst nicht geheuer, vor allem weil, »angelangt in der Gegenwart, wenn die entfaltete Dummheit total ist, ich dieselbe nicht repräsentieren möchte«.

Um die »Trilogie der Entgeisterung« zu genießen, muss man jedoch, wie ich bestätigen kann, keineswegs Hegel-Spezialist sein. Der Titel des ersten, 1988 erschienen Romans »Sinnliche Gewißheit« (fulminant wie alle Titel Menasses) zitiert das erste Kapitel des Hegel’schen Werks, er formuliert aber auch ein sehr leicht nachvollziehbares Programm: Die Erlebnisse des Ich-Erzählers Roman, der wie Robert Menasse etliche Jahre als österreichischer Lektor in Saõ Paulo lehrt und der die jüdischen Emigranten Singer und Katz in der »Bar jeder Hoffnung« kennenlernt, sind dem Bedürfnis nach unmittelbarer sinnlicher Gewissheit geschuldet: nach Frauen, nach Alkohol, nach der Hitze der Tropen. Selten ist ein Buch, in dem so viel über Philosophie geredet wird, sinnlicher gewesen, selten amüsanter.

Der dritte Band »Schubumkehr« tritt hingegen als eine Art Muskelprotz der Motivik, der Konstruktion und des Sinnverweises auf, nichts an dieser Erzählanordnung spricht für sich, alles spricht immer auch für etwas anderes. Der symbolische Muskelaufbau lässt Roman Gilanian, der sich nach dem Brasilien-Intermezzo in den Schoß der Mutter und in den der Heimat flüchtet, den geschichtlichen Prozess der Entgeisterung und Verblödung am eigenen Leib zu Ende führen: Komprechts im Waldviertel wird für Menasse zur Modellgemeinde Österreichs, nichts mehr ist hier, was es ist, alles ist so, als ob, alles ist Kopie, auch Romans jüdische Identität.

»Hier ist ein Exkurs nötig. Es sind immer Exkurse nötig.« (Don Juan de la Mancha) Im nationalsozialistischen Sprachgebrauch bezeichnete man als »Geltungsjuden«, wer als Mischling ersten Grades nach den Nürnberger Rassegesetzen eigentlich kein Jude war, aber als solcher galt, weil er z. B. mosaischen Glaubens oder mit einem Juden / einer Jüdin verheiratet war. Robert Menasse, der weder nach den Gesetzen der Nazis noch nach jenen der jüdischen Religion Jude ist, hat sich in seiner Rolle als Autor ganz bewusst zum »Geltungsjuden« der österreichischen Nachkriegsliteratur gemacht. Er hat an eine durch die Vertreibung der Intelligenz 1938 fast vollständig verschüttete jüdische Wiener Literaturtradition angeknüpft, an eine ganz spezifische, geistreich-widerspruchsvolle Art und Weise zu denken, zu reden, schreiben – und, ja auch das, zu blödeln. Robert Menasse hat sich, in erster Linie in seinem großen Doppelgänger-Roman »Die Vertreibung aus der Hölle«, zuletzt aber auch mit der vielleicht besten Geschichte seines Erzählbandes, »Vom Ende des Hungerwinters«, mit den jüdischen Wurzeln seiner Familie auseinandergesetzt – oder: diese jüdischen Wurzeln (mit dem Rabbi Menasseh / Manasseh) erst erfunden. Immer hat er auch die Frage reflektiert, wie über dieses Thema zu sprechen, zu schreiben sei. In »Das Ende des Hungerwinters« wird die Erzählung des Vaters vom Überleben im Amsterdamer Tiergartenversteck grandios durch dessen Entertainer-Routine unterlaufen, in der er tränenlos erstarrt scheint. Das allenthalben verherrlichte Erinnern ist ein kompliziertes Geschäft.

Mit seiner Selbstbestimmung als öffentlicher Ezzesgeber hat Robert Menasse, Kopie oder nicht, die Rolle des jüdischen Schriftstellers in Österreich, in Wien, wieder zu einer begehrenswerten gemacht. Die Kaffeehauskultur ist ihr Humus, nicht ihre Zukunft. Menasses Standpunkt ist nicht der verlorene Posten des letzten jüdischen Mokka-Mohikaners. Es ist nicht die Rolle der verschämten Selbstwahrnehmung, nicht die des Opferlamms, es ist eine aktive, eine selbstbewusste, zupackende, freche, ja fröhliche Rolle.

Einer der in allen Sätteln gerecht ist, kein Prinzipien- und kein I-Tüpfel-Reiter.

Vielleicht doch: Tausendsassa. Der Tausendsassa kommt, wie man nachschlagen kann, aus dem Französischen, vom Hetzruf für Hunde: »ça, ça!« – also »da! da!« Der Rufende weckt die »totesten der toten philosophischen Hunde«. Auf jeden Fall weckt er mit Vergnügen schlafende Hunde und hetzt sie in tausend Richtungen. Er will sie in Bewegung sehen. Nicht immer lassen sie sich zurückpfeifen. Der Hund verkörpert Wachsamkeit und Treue – und den Tod.

Was einer schreibt, schreibt er mit dem Tod um die Wette. Da hört sich der Spaß auf, oder er fängt erst an. In »Schubumkehr« steht: »Es ist alles lächerlich, wenn.« Der Thomas-Bernhard-Leser ergänzt: »wenn man an den Tod denkt«. Mit einem solchen Satz konnte man in den seligen Zeiten vor 40 Jahren noch preisverleihende Minister erschüttern.

In »Sinnliche Gewißheit« behauptet der Erzähler, das Leben des Einzelnen hänge davon ab, dass er es erzählen könne. Worauf der Wirt Oswald mit dem Satz zustimmt: »Ich kann jeder sagen.« Der Titel des Erzählbandes ist also nicht einfach die trotzige Antwort auf den Titel eines jüngeren Kollegen, der da behauptet »Das bin doch ich«, um es post festum gleich wieder abzustreiten.

Nach altem Brauch soll das Erzählen als Trick funktionieren, um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, das letzte Wort zu behalten, und das letzte Wort ist bei Robert Menasse immer eine Pointe.

»Anekdoten mit Toten« heißt eine Kurzgeschichte in dem Band. Menasse erzählt darin die Geschichte von Onkel Alfred, dem passionierten Steinmetz aus Schrems, der sich in jahrelanger Arbeit eine Gruft baut, eine Pyramide eigentlich, ein »Monument des ewigen Lebens«. Onkel Alfreds Lebensgefährtin, die Großmutter des Ich-Erzählers, kommt gegen den Drang zur Unsterblichkeit nicht an: »›So gib doch a Ruh‹, sagte Oma. Und Onkel Alfred: ›Für die Ruh hab ich später Zeit!‹«

Das wäre, zugegeben, ein verführerisches Bild für den emsig bauenden Autor Menasse, der keine Ruh geben will. Das Bild ist aber von unangemessener Düsternis, zumal in der Geschichte die Behörde die Einebnung des pyramidalen Traums besorgt.

Der Autor selbst hat uns ein freundlicheres Selbstporträt gewissermaßen auf dem Serviertablett offeriert, das ganz ohne Koketterie das Stoffliche und Handfeste und Handwerkliche des Schreibens bemüht. In einem Interview hat er sich den Kochlöffel – nicht irgendeinen übrigens, sondern den seiner Großmutter – zum literarischen Zunftzeichen erwählt. Seine Gewürze beschreibt er so: »Das Salz ist zum Beispiel die Erziehung. Der Pfeffer die Erregung. Der Paprika ist die Scham. Ganz wichtig ist mir der Chili. Der Chili ist die Gier! Der Chili ist das Fiebern. Das ist eigentlich der Dauerzustand des Dichters.«

Diese Stelle mag Sie an den meistzitierten Romananfang der letzten Jahre erinnern. Hier geht es aber um die schlichte Erkenntnis, dass literarische Wirkung hergestellt wird, dass vor dem Rühren das Umrühren liegt.

Intelligenz ist ein Geburtsfehler, kein literarisches Verdienst. Der Rest ist Arbeit.

1 Gehalten anlässlich der Verleihung des Goldenen Verdienstzeichens der Stadt Wien am 15.4.2010. Der erwähnte Erzählband ist »Ich kann jeder sagen. Erzählungen vom Ende der Nachkriegsordnung«, Frankfurt/M. 2009.

Attila Bombitz

Variationen auf die Entgeisterung Zum literarischen Werk von Robert Menasse
1

Robert Menasses literarisches Werk kann vor einem europäischen Hintergrund erörtert werden, in dem historisches und kulturelles Erbe resoniert: »Als Widerspiegelungen der ideellen Welt erweisen sich Menasses ›welthaltige‹ Romane nicht nur als Zusammenhang stiftende Erzählungen der verlorengegangenen Totalität auf höchstem Niveau, sondern darüber hinaus als selbstreferentielle literarästhetische Diskurse.«1 Menasse stellt Lebenswelten von literarischen Protagonisten dar, deren aktuell-eigene und ehemalig-kollektive Geschichten in den Romanen miteinander verstrickt sind. Im Vordergrund der großen realistisch-zeitgenössischen Panoramabilder stehend, haben diese Figuren fixe Ideen und kreative Vorstellungen, in deren Sackgassen sie zu geraten scheinen: Roman Gilanian, Leo Singer und Judith Katz pseudophilosophieren miteinander und reflektieren übereinander im brasilianischen Alltag; Samuel Manasseh ben Israel und Viktor Abravanel aus zwei verschiedenen historischen Epochen spiegeln einander in den europäischen Vertreibungsgeschichten; Nathan als Don Juan und Don Quijote in einer Person mischt seine ahistorischen Lebenslektionen über Lust und Lesen; eine ziemlich große Zahl von zeitgenössischen Protagonisten aus mehreren Generationen nimmt in »Die Hauptstadt« an einem Europa-Countdown teil, während sie alle an ihren eigenen familiären und politisch-historischen Traumata leiden.

Menasse erzählt in Zeitromanen negative Entwicklungsgeschichten.2 Die Romane »Sinnliche Gewissheit« (1988), »Selige Zeiten, brüchige Welt« (1991), »Schubumkehr« (1995) – als »Trilogie der Entgeisterung« bezeichnet – üben eine komödienhafte, aber gleichzeitig hartnäckige Kritik an den politisch-historischen Ideologien des ausgehenden 20. Jahrhunderts: Der Geist, der die Welt noch verbessern will, verwandelt seinen Glauben in bittere, mörderische Diskurse. »Die Vertreibung aus der Hölle« (2001) ist eine ironische Antwort auf den verlorenen Status der Geschichte und ein Musterbeispiel in Form einer weitläufigen Erzählung über die Äquivalenz zweier verschiedener »historischer« Epochen. »Don Juan de la Mancha« (2007) berichtet über das Sexualleben eines lese- und schreibsüchtigen Intellektuellen in Form autobiografischer Aufzeichnungen und psychoanalytischer Farcen und zeigt Leben, Liebe und Leiden in den »seligen« postmodernen Zeiten. »Die Hauptstadt« (2017) stellt die Alltagswelt einiger EU-Beamter in Brüssel dar und analysiert ironisch deren institutionelle Ebene und wie die supranationale Vorstellung eines friedlichen und gemeinsamen Europa-Projektes schiefzugehen droht. Die Rückentwicklung dieser Figuren fällt mit der Entwicklung der Menschheit zusammen: »Während nämlich der Held des Entwicklungsromans zur vollständigen Entfaltung seiner Persönlichkeit und sinnvollen Integration in die Gesellschaft voranschreitet, regredieren Menasses Figuren zu ihrem Anfangspunkt. Sie tun das jedoch in völliger Übereinstimmung mit der äußeren Welt.«3 Das Phänomen ›Entgeisterung‹ ist in allen Werken Menasses omnipräsent. Es ist aber nicht nur eine komische Simulation oder Paraphrase des pathetischen und idealistischen philosophischen Fachwortschatzes, sondern eine Art ständige Spiralbewegung zwischen dessen Polen: Menasse hält Hegels »Phänomenologie des Geistes« in Händen, liest thesenhaft das Inhaltsverzeichnis von hinten nach vorn, mit der sich Werk für Werk wiederholenden Konsequenz: Dass die geistige Arbeit der Menschheit nicht verhindern kann, tragischen – politisch-historischen wie privaten – Ereignissen entgehen zu können, ist ein purer Skandal. Zeitlich und örtlich ist es egal, wo sich die literarischen Protagonisten aktuell aufhalten: Das Unwiederholbare ist immer und überall wiederholbar. Das ist die Ironie der Tragik im Romanwerk Menasses.

Menasse mischt bewährte Erzählgattungen: Subkategorial sind seine Romane Bildungs-, Familien-, Geschichts- und Zeitromane. Trotz der schweren und sich oft wiederholenden Themen wirken die Situationskomik und das Anekdotische farcehaft; dialogfreudig und handlungsorientiert ist die Erzählweise; metafiktional und reflektiert sind die einzelnen Erzählebenen; das Essayistische in der Erzähler- beziehungsweise Kommentarstimme macht die Romane ernst und gleichzeitig ambivalent. »Robert Menasse schreibt seine Texte mit dem sicheren Gefühl für das, was Effekt machen könnte; das ist kein negatives Kriterium vor allem dann, wenn man bedenkt, wie wenig überhaupt in der Literatur Effekt macht (…).«4 Zwar können seine Protagonisten noch einmal ein Leben führen wie einst die Figuren Marcel Prousts, Thomas Manns, Robert Musils oder Heimito von Doderers, nur tun sie das bereits vor den Kulissen einer »kopierten« Romanwelt. Diese Welt ist aber eine, die auf den Kopf gestellt ist, in der alles zitierbar ist und alles seine Kopie kennt: Das sind die Erfahrungen einer brüchigen Welt, und dazwischen zeigt sich der totale Zerfall des jeweiligen Subjekts. Mit Menasses Worten: »Das postmoderne Bewußtsein ist die Emphase von der Beliebigkeit der Beziehungen, die die Phänomene heute eingehen können, weil reale gesellschaftliche Vermitteltheiten keine Rolle mehr spielen, bzw. durch das Prinzip Beliebigkeit ersetzt sind: das allgemeine Bewußtsein ist eine Klitterung aus Versatzstücken der Geschichte, gereinigt von Geschichte, aus Zitaten, gereinigt vom Geist des Zitierten, Kopien, ohne Bewußtsein vom Original, also Original-Kopien, Farcen, die die Tragödien vergessen haben, die sie perpetuieren.«5

Diese Prämissen gelten auch für Menasses historische Romankonstruktionen: Menasse sprach in seiner Eröffnungsrede anlässlich der Frankfurter Buchmesse 1995 mit Schwerpunktland Österreich darüber, der größte Irrtum der Menschheit sei die Geschichte: »Erst der Glaube, daß es eine Geschichte gebe, die ein sinnvoller Prozeß sei, der ein Ziel habe, das man erkennen und auf das man schließlich bewußt hinarbeiten könne, hat aus dem Kreislauf simplen biologischen und sozialen Lebens von Menschen auf diesem Planeten jene Abfolge von Greuel in immer neuer Qualität gemacht, die wir als ›Geschichte‹ studieren und gleichzeitig verdrängen.«6

Die Geschichte als Erinnerung an die Lehren und Erfahrungen der Menschheit bezweifelt, Menasse zufolge, ihren eigenen Zustand im Gegensatz zu der europäischen ziel- und entwicklungsorientierten Auffassung, die ihren allgemeinen Aufstieg, ihre Würdigkeit für gutes Schicksal, ihre geistige Vorrangigkeit utopisch voraussetzt. In der »Geschichte« kommen private oder kollektive Pogrome, Genozide und Verbrechen in wahnsinnigen Ideologien verschleiert immer wieder vor. Diese wiederholen sich ständig – trotz des angeblichen aufklärerischen Impetus der ethisch orientierten Menschheitsgeschichte. »So macht Robert Menasse dem euphorischen geschichtlichen Fortschrittdenken den Garaus – durch sein Konzept des ›progressiven Rückschritts‹ bis hin zur entfalteten Totalität der Dummheit«.7 Menasses diesbezügliche Richtungssuche zieht sich durch sein ganzes Werk hindurch.

2

Der Roman »Sinnliche Gewissheit« stellt eine tief europäische Lebenswelt mit deutschsprachigen Nationen dar – in Brasilien. Roman Gilanian, als muttersprachlicher, promovierter Lektor an der Universität São Paulo, berichtet hier über sein alltägliches, langweiliges Leben in erster Person Singular. Wegen der stark begrenzten geistigen Arbeitsmöglichkeiten in seiner Heimat will er seine intellektuelle Tätigkeit andernorts fortsetzen und nimmt die ihm angebotene Lektoratsstelle am germanistischen Lehrstuhl in Brasilien an. Roman monologisiert über die fremden Phänomene in grammatisch-kausalen Übungssätzen und erlebt dabei seine »sinnliche Gewissheit«, was Hegel als das primitivste Stadium des menschlichen Bewusstseins bezeichnet hatte. Er leidet unter dem uninteressierten Nichtstun und dem subjektlosen Dasein, das aber in kultischer Irritation auf ständige Erfüllung wartet. Der Handlungsbogen spannt sich im ständigen Wechsel von Frauennamen und Lokalen, Sex und Onanieren, ›G’schichtl-Erzählen‹ und Philosophieren. Die inneren Monologe enthalten Leidenstiraden über die Hindernisse des absoluten Geistes, systemkritische Aussagen über die Kriterien des Romanschreibens, autopoetische Reflexionen über den Mystifizierungszwang der Zufälle. Brasilien als Welt erscheint im Roman ohne Karneval- und Fußballbezüge, in der Symbiose ehemaliger österreichischer Flüchtlinge jüdischer Abstammung und Ex-Nazis wird ein neues Österreich in Brasilien kreiert: »hier ist den Deutschsprachigen, vor allem den Österreichern möglich, sich wie daheim zu fühlen; man ist unter sich, in einer Enklave (…) man spricht Hochdeutsch mit Austriazismen versetzt, trägt Dirndl, trinkt Heurigen und pflegt ungebrochen die vertrauten Mentalitäten (…). Sie alle sind in dieser Fremde zu Hause«.8 Roman, der Protagonist, findet in der Beschäftigung mit seinem Romanentwurf die Möglichkeit eines Auswegs aus dieser existenziellen Sackgasse. Seine Lieblingsfigur in dieser Lebenssituation ist Leo Singer, der in der Bar Esperança (»Bar jeder Hoffnung«) seine Lehre über die sinnliche Gewissheit propagiert. Dieser dient der Figur Roman als Muster für dessen Roman, in dem die Schicksalsgeschichte eines Geistesmenschen mit tragischem Ausgang erzählt werden soll. Dieser Roman wird zum zweiten Roman Menasses: »Selige Zeiten, brüchige Welt«.

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»Selige Zeiten, brüchige Welt« nimmt den Topos Leben versus Werk als eine Kopie auf, in der sich der männliche Geist und der weibliche Körper gegenseitig bekämpfen. Der Ort ist wieder São Paulo, Brasilien. Im Hintergrund tut sich aber eine ganz »europäische« Lebensgeschichte auf: Der bereits bekannte Leo Singer will Körper und Geist von der Höhe des absoluten Wissens aus vereinigen, die klassische Opposition auflösen, das Werk in der Sicherheit des Lebens verwirklichen. Seine Aussagen entsprechen der geistigen Kondition, die körperliche Begierde und ihre Befriedigungen aber stehen im Stadium der sinnlichen Gewissheit. Leo Singers ewiger Kampf mit Judith Katz führt ihn zu billigen Huren und zum Alkohol. Das große Werk existiert einfach nur in seinem ›G’schichtl-Erzählen‹. Er kann weder seine Theorie in die Praxis umsetzen, noch seinen Gedanken eine schriftlich fixierte Form geben. Singers Zerfall ist aber auch im Körper determiniert. Er kann nicht einmal sein eigenes Leben gestalten. Er ist überzeugt davon, dass ein Philosoph sich im Stadium des absoluten Geistes von den körperlichen Begierden befreien kann. Begierde und Lust bedeuten bei ihm erneut eine unklare geistige Vereinigung, und eben diese sture Idee wird zu seiner Lebenslüge. Er pendelt zwischen der seligen Zeit und der brüchigen Welt dialektisch hin und her: Als das totalitätszentrierte (nicht) selbst gemachte Werk in einer Sackgasse landet, verzichtet Leo Singer darauf und wendet sich den wesentlichen Dingen des Lebens zu. Als er jedoch am Leben scheitert, zieht er sich an seinen Schreibtisch zurück. Er ist in seine eigene Geschichte eingeschlossen und verwirklicht die Scheinwirklichkeit der Anfangssituation: Er erkennt sein Ich-Bild weder im selbst gemachten Spiegelbild noch im wirklichen Spiegel, den Judith Katz vor ihn stellt. Tatsächlich ist Menasses Roman »ein Abgesang auf Größenwahn und Allmachtsideen«. Leo Singer maßt sich »ein Werk von messianischer Bedeutung an. Judith dagegen, die musische Gottheit, ist in der brüchigen Welt zugrunde gegangen, ohne ihre Funktion erfüllt zu haben, denn das von ihr bewahrte Werk ist lediglich eine Kopie der selbstgefälligen Monologe Leos.«9 Leo Singer opfert Judith, das Symbol des Lebens, das Medium des großen Werkes. Seine große Tat wird durch den Mord legitimiert. Das Werk verliert aber an Bedeutung: Nach dem Erscheinen werden nicht mehr als fünf Exemplare verkauft, so der allwissende Erzähler, der Roman Gilanian nachahmen sollte.

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Roman Gilanian kehrt in »Schubumkehr« mit großen und beeindruckenden Erfahrungen aus Brasilien nach Österreich zurück – im Jahr der mitteleuropäischen politischen Wenden. Über »Schubumkehr« schrieb Wendelin Schmidt-Dengler einführend: »›Schubumkehr‹ war als Begriff einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden, als im Mai 1991 ein Flugzeug der Lauda-Air über Thailand abstürzte, wobei die Ursache in der Schubumkehr lag, die sich automatisch eingeschaltet hatte; wenn dies geschähe, so müßte es, wie Lauda erklärte, alles zerreißen: Statt nach vorne, würde nun das Flugzeug in die Gegenrichtung geschleudert. Menasse meinte damals, daß dies der Begriff sei, der wie kaum ein anderer die europäische Situation nach 1989 träfe: Es würde eben alles zerrissen. ›Schubumkehr‹ zielt, so will es der Wille des Autors mit dem Sinn fürs Epochale, auf eine Zäsur, deren Konsequenzen kaum überdacht oder bedacht worden wären.«10

Schauplatz des Romans ist das Waldviertel, die tiefste österreichische Provinz, deren kleine Gemeinde Komprechts touristisch entwickelt werden soll. Die Figur Roman fällt familiär, sozialpolitisch und mental in eine Welt zurück, die er einmal schon überwunden hatte. Er muss also wieder vor der totalen Zusammenhanglosigkeit der Welt fliehen. Mit einer Videokamera versucht er, sein Leben zu registrieren und ihm so einen Sinn zu geben. Er nimmt alles auf, aber in den Aufnahmen ist dennoch nichts Wesentliches zu sehen. Er ist trotz seiner Zielsetzung nie am richtigen Ort und nie zur richtigen Zeit. Die Geschichte kann nicht einmal technisch objektiviert werden. Informationen über die bereits thematisierten Videoaufnahmen in »Schubumkehr«bekommen wir von gestaltlosen Figuren in Form unbenannter Dialoge. Roman selbst erscheint nie in den Szenen des Films, er bildet sich nicht ab, er kann nicht evoziert werden. Deshalb gibt es nur leere Lichteffekte im selbst gemachten Film: Es gibt niemanden mehr, der zu sehen ist, aber auch niemanden, der sehen könnte. Es wird noch immer das Ganze beansprucht, die Welt erlebt aber die letzten wahnsinnigen Stadien einer negativen Entwicklungsgeschichte, die globale Züge trägt. Roman verschwindet am Ende des Romans, er ist wieder dort angelangt, von wo er sich aufgemacht hatte: Die Heimatlosigkeit am Anfang in Brasilien und am Ende in Österreich werden übereinander kopiert.

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»Die Vertreibung aus der Hölle« kann gleichzeitig als Zeitroman und historischer Roman bezeichnet werden: »Noch stärker als in der Trilogie (…) ist in ›Die Vertreibung aus der Hölle‹ die tragisch-groteske menschliche Determiniertheit durch die Geschichte präsent.«11

Der erste Erzählstrang thematisiert die spanische Inquisition des 17. Jahrhunderts und die Vertreibung der portugiesischen Juden aus ihrer von ihnen als paradiesisch empfundenen Heimat, während der zweite Erzählstrang Österreich aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt. Die Geschichte wiederholt sich nur scheinbar: Sowohl der Völkermord im Namen der katholischen Kirche als auch der Holocaust nach der arischen Rassenlehre beruhen auf böser menschlicher Berechnung. Menasse lässt eine historisch fundierte christlich-katholische Wahnsinnsideologie in einer biografisch untermauerten Schicksalsgeschichte und eine zeitgenössische linksliberale Karriere eines Historikers parallel laufen. Der ehemalige Samuel Manasseh ben Israel wird Schriftgelehrter, Politiker und Lehrer, hingegen ist der gegenwärtige Viktor Abravanel im Werk von Menasse eine bekannte, wiederholt vorkommende Figur, die die großen Ereignisse des Lebens aus Feigheit, Unverständnis oder aus Dummheit verpasst. Sie teilen ein epochenübergreifendes Schicksal: Unvorbereitet begegnen beide Hauptfiguren der Zugehörigkeitspflicht zum Judentum, die von anderen geregelt und dementsprechend vorgeschrieben wird.

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Im darauf folgenden Roman widmete sich Menasse einem Amalgam von Archetypen der europäischen Neuzeit die weltliterarisch als wandernde und epochenübergreifende Figuren gelten. Don Juans und Don Quijotes ideologische Erbschaften werden von Menasse simuliert. Endergebnis und Kopie bilden eine Mischung namens »Don Juan de la Mancha«, dessen sexuell-intellektuelle Entwicklungsgeschichte vom letzten Stadium der Unlust her erzählt wird. Menasses Protagonist Nathan ist ein späterer Neffe des Don Quijote und besteht nicht mehr auf ritterlichen, sondern auf von den Medien beeinflussten Idealen. Er ist auch kein Don Juan im wahren Sinne des Wortes: Nathan ist ein sexsüchtiger Typ, der die Lust im Laufe seiner erotomanischen Heldentaten einfach verliert. Menasse stellt die Erziehung beziehungsweise Rückentwicklungsgeschichte der Lust eines intellektuellen Tollpatsches unserer Zeit in sexual- und psychoanalytisch simulierter Stilübung dar.

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Wenn die »Vertreibung aus der Hölle« zwei politisch-historische Epochen Europas miteinander verbindet, fokussiert »Die Hauptstadt« auf die Gegenwart der Europäischen Union, deren institutionelle Wurzeln in dem Schrecken der kriegssüchtigen nahen Vergangenheit zu finden sind. Eine Vielzahl von gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und kulturgeschichtlichen Konflikten und Problemen der Europäischen Union werden im Roman erörtert, in dem es um das überbürokratisierte System der Europäischen Union, die untereinander ohne richtige Balance kommunizierenden Sub- und Hauptinstitutionen, die europäische Marktwirtschaft mit nationalen Interessen und die politische und kulturelle Einheit Europas geht. Kulminationspunkt des Romans ist eine Art Europa-Countdown: Der Weg führt vier Protagonisten zur selben Zeit an ein und dieselbe Metrostation, wo ein vorbereiteter Terrorangriff auf sie, auf das Ende des Romans: auf Europa wartet. »Die Hauptstadt« ist Robert Menasses aktuelle Variation auf die Entgeisterung.12

1 Verena Holler: »Zwischen Avantgarde und Realismus. Anmerkungen zur Trilogie der Entgeisterung«, in: Kurt Bartsch / Verena Holler (Hg.): »Robert Menasse«, Graz 2004 (= Dossier 22), S. 27–58, hier S. 53. — 2 Der Beitrag folgt in vielen Teilen Attila Bombitz: »Poetik der ›Entgeisterung‹: zum literarischen Werk von Robert Menasse«, in: Ders. / Joachim Jacob (Hg.), »Literarischer Text und Kontext. Ein Buch für Károly Csúri«, Wien (Praesens) 2018, S. 145–152. — 3 Holler, a. a. O., S. 35. — 4 Wendelin Schmidt-Dengler: »Bruchlinien II. Vorlesungen zur österreichischen Literatur 1990 bis 2008«, hg. von Johann Sonnleitner, Salzburg, Wien 2012, S. 272. — 5 Robert Menasse: »Überbau und Underground. Die sozialpartnerschaftliche Ästhetik. Essays zum österreichischen Geist«, Frankfurt/M. 1997, S. 164 f. — 6 Robert Menasse: »›Geschichte‹ war der größte historische Irrtum. Rede zur Eröffnung der 47. Frankfurter Buchmesse 1995«, in: Dieter Stolz (Hg.): »Die Welt scheint unverbesserlich. Zu Robert Menasses ›Trilogie der Entgeisterung‹«, Frankfurt/M. 1997, S. 27–34, hier S. 28. — 7 Sigrid Löffler: »Literarische Flügelschläge. Laudatio anläßlich der Verleihung des Johann-Jacob-Christoph-von-Grimmelshausen-Preises 1999«, in: Eva Schörkhuber (Hg.): »Was einmal wirklich war. Zum Werk von Robert Menasse«, Wien 2007, S. 302–308, hier S. 308. — 8 Thomas Beckermann: »Versuch, die Auslöschung eines Bildes zu beschreiben. Robert Menasses erste Romane«, in: Dieter Stolz (Hg.): »Die Welt scheint unverbesserlich. Zu Robert Menasses ›Trilogie der Entgeisterung‹«, Frankfurt/M. 1997, S. 79–102, hier S. 80. — 9 Jessica Reischert: »Parodie der Muse«, in: Eva Schörkhuber (Hg.): »Was einmal wirklich war. Zum Werk von Robert Menasse«, Wien 2007, S. 173–187, hier S. 187. Singers / Menasses Philosophie erschien mit: »Phänomenologie der Entgeisterung. Geschichte des verschwindenden Wissens«, Frankfurt/M. 1995. — 10 Schmidt-Dengler, a. a. O., S. 93. — 11 Katarina Rohringer Vešović: »Geschichte ist eine irre Komödie«, in: Eva Schörkhuber (Hg.): »Was einmal wirklich war. Zum Werk von Robert Menasse«, Wien 2007, S. 53–82, hier S. 56 f. — 12 Vgl. Michael Multhammer: »Die EU als Weltgeist zu Pferde. Anmerkungen zur Poetik von Robert Menasses Roman ›Die Hauptstadt‹«, in: Birthe Hoffmann / Thorsten Carstensen (Hg.): »Text & Kontext. Jahrbuch für germanistische Literaturforschung in Skandinavien«, Bd. 41, Kopenhagen, München, 2019, S. 59–71, S. 66.

Armin Schäfer

Konstruktion und Störung Zu Robert Menasses »Die Vertreibung aus der Hölle«
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Robert Menasse hat mit seinen literarischen und essayistischen Texten, aber auch als öffentlicher Intellektueller eine Stufe erklommen, auf der die allgemeine Regel, wie Kommunikation funktioniert, verkehrt werden kann. Es scheint, als ob der Grundsatz, dass nicht der Sender, sondern der Empfänger über den Sinn einer Botschaft entscheidet, im Fall von Menasse aufgehoben wäre und er darüber bestimmen könne, wie seine Äußerungen zu verstehen seien. Dass er seine Intentionen als Richtschnur der Rezeption durchzusetzen vermochte, demonstriert die herausragende Stellung im literarischen Feld Österreichs, die er in den letzten 30 Jahren erlangt hat.1 Menasse hat auch die Entstehung seines Romans »Die Vertreibung aus der Hölle« (2001) durch zahlreiche Hinweise, Interviews und Vorabveröffentlichungen begleitet.2 Seine Selbstinszenierung als literarischer Autor und seine Rolle des öffentlichen Intellektuellen gehen Hand in Hand. Der Kredit, den er auf die Freiheit der Literatur aufgenommen hat, finanziert seine Essays zur Politik, und umgekehrt bewirtschaften seine Romane und Erzählungen die Themen seiner Essays.

»Die Vertreibung aus der Hölle« kann als ein Roman über die Effekte der Traumatisierung durch die nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden gelesen werden. Die erste Generation der Opfer des Nationalsozialismus hat auf die Verfolgung und Morde vielfach mit Schweigen und Verdrängen reagiert, sodass auf der Seite der Opfer das Gespräch zwischen den Generationen stockte und die Traumatisierung in die nachfolgenden Generationen fortwirkte. Der Dialog zwischen Opfern und Tätern kam ohnehin nicht in Gang. Menasse hat eine fabulierende Erzählweise und öffentliche Inszenierung seiner Person entwickelt, die den durch die Traumatisierung versperrten Zugang zur eigenen Geschichte freizuräumen und die Blockaden zu überwinden suchen.3 Er hat die Spannung zwischen der Forderung nach Faktentreue und Wahrhaftigkeit vielfach unaufgelöst gelassen und das Spiel mit der Verwirrung ihrer Unterscheidung über die Grenzen des Romans hinausgetrieben.4 Als er 2002 in seiner Dankesrede für den Hölderlin-Preis, der ihm für den Roman »Die Vertreibung aus der Hölle« verliehen wurde, ein Adorno-Zitat über Auschwitz erfand, um der Erfindung eines Rabbis, der im 17. Jahrhundert vor der Inquisition in Spanien in die Niederlande flieht, zu größerer Importanz zu verhelfen, wurde durch die Unterscheidung zwischen Geist und Buchstabe die wohlmeinende Absicht des Autors gerechtfertigt.5

Vielleicht ist in den letzten 30 Jahren, in denen Menasse auf dem literarischen Feld reüssierte, die Schwelle, auf der die Akzeptanz schwindet für Erzählweisen und öffentliche Auftritte, die geeignet sind, klar geschnittene Unterscheidungen zwischen Wahrheit und Lüge zu verwirren, auch in Österreich abgesenkt worden? Das Dilemma, vor das Menasse seine Leserinnen und Leser bereits in »Die Vertreibung aus der Hölle« stellt, hat für die Nachfahren der Täter jedenfalls keine Auflösung gefunden. Vielmehr verlangt er ihnen folgende, ebenso grundlegende wie simple Unterscheidungen ab: Die Äußerungen, die der Autor Menasse, seine Erzähler und seine literarischen Figuren treffen, sind in ihrem Wahrheitsgehalt nicht durch ihre Wörtlichkeit, sondern durch ihren Status als Aussagen zu begreifen, der seinerseits von wechselnden Spielregeln der Diskurse abhängt. Die Romane muten Leserinnen und Lesern also zu, dass sie solche Unterscheidungen zu treffen wissen – und dass sie diese Unterscheidungen zugunsten von Menasse auslegen.

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In der Erstausgabe des Romans »Die Vertreibung aus der Hölle« heißt es im Klappentext: »Was ist aus uns bloß geworden? Bei einem Klassentreffen, 25 Jahre nach dem Abitur, herrscht fröhliche Selbstzufriedenheit, bis Viktor seine ehemaligen Schulkollegen mit der Nazi-Vergangenheit ihrer Lehrer konfrontiert. Es kommt zu einem Eklat, der aus dieser Nacht eine Abenteuerreise in die Geschichte macht.«6 Der Historiker Viktor Abravanel ist ein Nachfahre des Rabbis Manasseh ben Israel, der vor der Verfolgung der Juden im Spanien des 17. Jahrhunderts nach Amsterdam floh, wo er unter anderem den späteren Philosophen Baruch de Spinoza unterrichtete. Abravanel erzählt in einer langen Nacht im Anschluss an das Klassentreffen seiner Jugendliebe Hildegund sowohl seine eigene Lebensgeschichte als auch die des Rabbis, die er als Historiker erforscht hat.

Die Literaturkritik kam zu keinem einhelligen Urteil: Kritiken, denen die Konstruktion des Romans missglückt schien, standen Rezensionen gegenüber, die ihn als Problematisierung der jüdischen Identität in Österreich lobten. Die Einwände entzündeten sich weniger an dem historisierenden Erzählstrang, der die Geschichte des Manasseh ben Israel ausbreitet, als vielmehr an der Vermittlung zwischen dem historisierenden Erzählstrang und der Entwicklungsgeschichte.7 Der Kritik, die dem Roman die Mängel seiner Konstruktion vorhielt und sich insbesondere gegen die Zumutung einer Fülle von Kalauern und Zoten verwahrte, standen Lobreden gegenüber, die in dem Roman eine »autobiographische Intention«8 ausmachten und »den Bildungsprozess Viktors vom unwissenden zum bewussten Juden«9 als die »Wunschautobiographie«10 eines Autors lasen, »dessen jüdischen Großvater während des Nationalsozialismus nur die Ehe mit einer Nicht-Jüdin schützte, und dessen Vater 1938 in einem Kindertransport das Land Richtung England verlassen konnte«:11 »Die Vertreibung aus der Hölle« sei ein »Roman, dessen kaum verhüllter Zweck es ist, die jüdische Identität seines Autors zu beglaubigen«.12 Iris Radisch hielt den Roman gar für einen »Glücksfall literarischer Ahnenforschung«.13

Der historisierende Erzählstrang hat nicht zuletzt Teil an der allgemeinen »Wiederentdeckung der sephardischen Geschichte«, die »ein willkommenes nicht-zionistisches Identifikationsangebot für die Generation nach der Shoah darstellt«.14 Jedoch wurden Irrtümer, Ungenauigkeiten und Fehler des Romans beanstandet: »Die Encyclopaedia Judaica bezeichnet den faktualen Anteil des Romans als unzuverlässig.«15 Literaturwissenschaftliche Beiträge konnten hingegen zeigen, dass der Roman eine Hypothek auf die Freiheiten aufnimmt, die Fiktionen zumeist zugebilligt werden. Einerseits hat sie die Geschichte des Manasseh ben Israel »als bloße Projektionsfläche«16 aufgefasst, auf die sich Wünsche nach einer jüdischen Identität richten. Andererseits hat sie nach dem Zusammenhang »zwischen den historischen Geschehnissen und der Erfahrung des Subjekts«17 gefragt und die Eigenart des Romans als Vergegenwärtigung von Vergangenheit gegenüber dem historisierenden Verfahren des Geschichtsromans abgegrenzt. Carsten Rohde kam zu dem Schluss, dass der Roman »implizit ein Plädoyer für das konkrete, politische Engagement in der Tradition der linksliberalen Emanzipationsbewegung« sei.18 Vivian Liska hat nicht zuletzt die Frage aufgeworfen, wie sich eine »poetologische Selbstreflexion mit der Frage nach dem Jüdischen verbindet«.19 Und Marc Chraplak zeigte, wie der Roman eine geschichtsphilosophische Anregung von Walter Benjamin aufgreift und an einem Genre des historischen Romans, der eigentlich die Gegenwart verhandelt, teilhat.20 Die Antworten, die der Roman gibt, liegen in den konkreten Spannungen zwischen mündlichem Erzählen und Textualität, zwischen dem Beschweigen der nationalsozialistischen Verfolgung in der Familie der Erzählerfigur und deren Geschwätzigkeit oder auch in der unerwiderten Liebe des Juden Abravanel zu dem »Nazifamilienkind« (191) Hildegund.

Im Folgenden soll die Art und Weise, wie der Roman die Spannung zwischen dem Effekt der Traumatisierung und den Schwächen der Erzählerfigur exponiert und zuspitzt, beleuchtet werden. Diese Spannung, so soll abschließend gezeigt werden, ist insbesondere nicht schon durch die Forderung aufzulösen, dass die Person Robert Menasse, der Autor des Romans, oder die Erzählerfigur Abravanel auf Faktentreue und Glaubwürdigkeit zu verpflichten sei.

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Der Roman fingiert mit Viktor Abravanel eine Erzählerfigur, die im Laufe einer Nacht nicht nur ihre eigene Lebensgeschichte vor seiner Jugendliebe Hildegund ausbreitet, sondern auch die Manasseh ben Israels. Der Schluss enthüllt, »dass Viktor nicht nur Erzähler und Protagonist seiner eigenen Kindheit, sondern auch als Erzähler des iberischen Handlungsstrangs auftritt. Diese [historisierende, der Verf.] Erzählung basiert nicht auf Viktors Erinnerungen, sondern auf seinen Forschungen zur Geschichte des Judentums in der Frühen Neuzeit.«21 Die Erzählerfigur fühlt sich in vielfacher Weise benachteiligt, ungeliebt und verfolgt, und sucht nach den Korrespondenzen zwischen persönlicher und politischer Geschichte: »Seit der Ohrfeige fiel Viktor im Grunde immer nur dann ein, daß sein Vater Jude war, wenn er ihn gerade aus irgendeinem Grund haßte oder verachtete. (…) Zugleich genierte er sich und haßte sich geradezu dafür, daß er seine letztlich pubertäre Abgrenzung von seinem Vater mit jenem dumpfen, atmosphärischen Antisemitismus verband, den er von Schule und Internat mitbekommen hatte, durch ein Schülerwitzchen da und eine Lehrerbemerkung dort.« (372)

Die Vermittlung der zwei Stränge oder Ebenen wird angereizt durch »eine am mündlichen Erzählen orientierte, sich der eigenen Fiktionalität und Subjektivität bewusste Rede, eine Rede zudem, die an ein konkretes Gegenüber gerichtet ist«.22 Dass diese Konstruktion erst am Schluss ersichtlich wird, ist Teil eines Kalküls: Man kann zwischen den zwei Erzählsträngen, die gegeneinander montiert sind, zahlreiche Analogien, Spiegelungen, Gegensätze und Verschiebungen ausmachen. Die Komplexität der Konstruktion ist ohne Rücksicht auf jüdische Traditionsbildung und Gedächtniskultur nicht zu verstehen.23 Mit dem Eintritt des historisierenden Erzählstranges in das Leben des Protagonisten, der, so geht die Fiktion, die Biografie des Manasseh ben Israel erforscht hat, und mit der Anbindung der über die nahezu gesamte Erzählzeit unbestimmt bleibenden Stimme, die die Biografie Manasseh ben Israels erzählt, an die Figur Abravanels wird ein rückwirkender Effekt ausgelöst: Die Leserinnen und Leser sind, sofern sie die Eigenart der Konstruktion nicht schon sogleich durchschaut haben, zur Überprüfung ihrer bisherigen Lektüre und gegebenenfalls zur Neubewertung des Romans eingeladen.

Vor dem Hintergrund der dem Erzähler Abravanel eigenen Bescheidenheit erfährt die Eigenart der Lebensgeschichte Manasseh ben Israels ihre Rechtfertigung und rücken die Eigentümlichkeiten, Fehler und Irrtümer, die diesem Erzählstrang sowohl auf der faktualen Ebene als auch auf der Ebene der Darstellung umspielen, in ein neues Licht. Auch wenn sie als eine Schwäche ausgelegt werden kann, steht infrage, wem diese Eigenart zuzurechnen ist. Was aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft als eine insgesamt fragwürdige Darstellung einer Lebensgeschichte erscheinen mag, wird durch die Erzählkonstruktion letztlich in einen Vorzug der Erzählerfigur konvertiert. Es gibt nicht länger eine unbestimmte Erzählstimme, die sich auf unzulängliche Weise die Ergebnisse der Geschichtswissenschaft aneignete und mehr oder minder deutlich von einem Autor unterschieden ist, der seinerseits eben nicht umstandslos mit Menasse gleichzusetzen ist, sondern die fingierte Erzählerfigur präsentiert im Laufe einer alkoholisierten Nacht eine Version ihrer Forschungen zur Geschichte des Judentums. Zum einen ist also die Lebensgeschichte Manasseh ben Israels nicht mehr vom Standpunkt der Erzählerfigur abzulösen, zum anderen nimmt dessen Lebensgeschichte den Charakter eines privaten und mündlichen Berichts an. Der Autor ist nicht seine Erzählerfigur, aber das Namensspiel, das der Roman initiiert, schlägt über den Abgrund, der zwischen Autor und Figuren, Leben und Text liegt, eine Brücke, auf der Robert Menasse seinen großen Auftritt hat: Je nachdem, wie die Leserinnen und Leser die Unterscheidungen handhaben und welchen Kräften im Namensspiel sie nachgeben möchten, ist Robert Menasse oder aber ist Robert Menasse nicht der Nachfahre des Lehrers von Spinoza.24 Die Logik des post hoc, ergo propter hoc kann eine Vertauschung anreizen, für die es keine sachliche Grundlage gibt, die aber in einer Fiktion leichthin statthaben kann. Ungleich höher als das symbolische Kapital, das so zu erwirtschaften ist, ist jenes, das aus einer Verkehrung der Beziehung Vorfahre und Nachfahre, Lehrer und Schüler gewonnen werden kann. Der Nachfahre des Lehrers Spinoza wird selbst zum Lehrer des Philosophen.

Die Konstruktion des Romans spannt insgesamt einen Schutzschirm gegen Korrekturen, Einwände und Kritik auf und verleitet nicht zuletzt zur Nachsicht gegenüber den offenkundigen Schwächen der Erzählerfigur bei der Beherrschung der Kunst des Erzählens und Schreibens. So besitzt Viktor eine nahezu kindliche Freude an Adjektiven: »Zwei Rappen, geschmückt mit lila Stoffrosetten, zogen den Leichenwagen, auf dem ein so kleiner Sarg lag, daß er für ein neugeborenes Kind bemessen schien. Dahinter schritt, mit beiden Händen ein Kruzifix in die Höhe haltend, Kardinal João d’Almeida aus Evora, in blutrotem Talar und mit rotem Birett, über den Schultern die hermelinbesetzte Cappa Magna, deren Schleppe von vier Domherren in lila Talaren getragen wurde. Es folgten die Pfarrer von Começos und den umliegenden Gemeinden in schwarzen Soutanen, mit weißen Chorhemden und violetten Stolen.« (11) Solche Detaillierung wird sodann in Variationen und Wiederholungen entfaltet: Er hatte »gerade noch den Sarg auf dem Wagen erspäht, diesen winzigen Sarg« (12 f.). Oder aber in der Spezifikation weiter detailliert: »Gezogen von den nachtschwarzen Pferden«. (13) So wie die Erzählerfigur die Adjektive, lieben die Figuren den Kalauer. Die Beschreibung einer Niederkunft gewinnt den Kalauer aus der Homonymie: »Im Kreis, um die Kreißende herum«. (31) Oder der Kalauer bahnt der Erzählerfigur die Assoziationen: »Er starrte auf die peinlich saubere, aber grobe Hose des Vaters, sagte nichts. Wie fadenscheinig sein Vater wirkte.« (27) Im Dialog zwischen Victor und seinem Schulschwarm Hildegund diktiert der Kalauer die Redeübernahme, die ihren Anlass eben nicht allein im Ausgesagten findet, sondern am Signifikanten. Der Dialog überschreitet den psychologischen Realismus; eine heteronome Ordnung oder Kategorie bricht in die Rede herein: »›(…) Hildegund klingt so – germanisch. Arisch.‹ / ›Du bist wirklich ein Arschloch.‹« (24) Das Erzählen überlässt die Dialogführung den Assoziationen, die von männlicher Eitelkeit, Dummheit und der sexualisierten Gewalt von Sprechakten angetrieben werden und mittels einer reflexiven Indienstnahme von Freuds Theorie des Witzes auf die zweite Stufe treten. Die wohlmeinenden Leserinnen und Leser können davon ausgehen, dass dem Autor die Kalauer und Zoten, Katachresen und Ungereimtheiten nicht als Fehler oder Ungeschicklichkeiten unterlaufen, sondern sie insgesamt eine Störung der Romankonstruktion betreiben und Teil einer literarischen Strategie sind.

Diese Strategie zielt auf eine reflexive Federung des Erzählens und versieht die Äußerungen von Erzählstimmen und Figuren mit mehreren Vorbehalten. Der erste Vorbehalt betrifft die Unterscheidung zwischen Gesagtem und Gemeintem. Die Aussageweise blockiert, dass eine Äußerung gänzlich die Spielregeln eines Diskurses erfüllt, einer – und nur einer – Instanz der Äußerung zugerechnet werden kann und so zu einer Aussage wird. Der zweite betrifft eine Verunsicherung über die Äußerungsinstanz beziehungsweise den Sender. Die Frage, wer überhaupt spricht, berichtet, erzählt oder schreibt, erfährt keine klare Antwort. Vielmehr tritt der Sprecher maskiert oder als Bauchredner seiner selbst auf oder aber ist die Äußerung das Produkt zweier Sprecher und kann insofern ihnen nur gemeinsam zugerechnet werden: Sowohl die Redeanführung als auch die Zirkulation der Rede verwirren die Zurechenbarkeit der Äußerung. Der dritte Vorbehalt betrifft die Möglichkeit der höherstufigen Revision. Die Rede einer Figur wird durch die einer weiteren Figur relativiert. Die Rede des jungen Viktor durch die des älteren. Der Erzähler revidiert die Rede seiner Figuren (die ihrerseits in wechselseitiger Spiegelung auftreten). Der Autor revidiert die Rede seines Erzählers. Der politische Essayist den Autor Menasse. Die wohlmeinende moralische Absicht das Gesagte. Der vierte Vorbehalt ist der Verdacht gegen die Leserin, den Leser. Das Missverständnis ist nämlich einem Leser oder einer Leserin zuzurechnen, die die Signale der Ironie, der Brechung und die Subtilität und Komplexität der Konstruktion nicht zu würdigen vermögen. Der fünfte Vorbehalt betrifft die Spannung zwischen der Schrift und der Mündlichkeit und Performanz des Erzählaktes. Viktor und Hildegund brechen von der Feier mit dem Taxi auf. Die Erzählerfigur findet im Wagen eine Bühne für ihren Auftritt vor der ehemaligen Mitschülerin, die Dialogpartnerin und Zuschauerin in einer Person ist. Auf einer zweiten Ebene erfolgt der Auftritt der Erzählerfigur vor dem Taxifahrer, der die Funktion des Publikums verkörpert. Auf einer dritten Ebene wird die Erzählung insgesamt zu einer Szene. Während das Erzählen über die Dialoge einen Charakter des Szenischen annimmt, nimmt die Bühne, auf der Abravanels Auftritt stattfindet, den Charakter des Filmischen an: Der Ort, an dem die Erzählung Abravanels statthat, ist nicht nur selbst in permanenter Bewegung, sondern die Bühne seines Auftritts verwandelt die Wahrnehmungen seiner Zuschauerin: Der Blick aus dem fahrenden Auto nimmt den Charakter des Filmischen an. Die Erzählerfigur bietet, mit anderen Worten, seiner Zuhörerin großes Kino, dessen Soundtrack aus dem Autoradio des Taxis kommt.

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Viktor Abravanel will im Laufe der Nacht als Erzähler seinen angestammten Platz an der Seite des Guten einnehmen. Wer aus der Hölle vertrieben wird, muss aber den Platz räumen, wo die Eindeutigkeit moralischer Unterscheidungen herrscht.25 Vielleicht weist die Scham, die eine Leserin, einen Leser angesichts der Peinlichkeit dieser Erzählerfigur – ihres Verhaltens und ihrer Reden – befallen mag, einen Ausweg, der die philosophischen Großfragen umgeht, mit denen der Roman auftrumpft?26 Péter Nádas hat in seiner Erzählung »Aufleuchtende Details« einen alten japanischen Fotografen über die Peinlichkeit ausführen lassen: »Im Leben eines jeden, lehrte er, gibt es peinliche Bilder und Szenen, die man am liebsten aus seinem Gedächtnis löschen würde. Man kann sie wohl vergessen, verschieben, beschönigen, verfälschen, um das eigene Bewußtsein irgendwie zu ertragen, doch umsonst. Vergeblich. Die Mühe ist überflüssig. Wenn man sie zu vergessen sucht, wird man sich nur umso stärker an sie erinnern. Darüber hinaus wird die Erinnerung nicht nur das Bild, sondern auch die Absicht des Löschens oder Vergessens, den Prozeß des Verschiebens bewahren.«27 Viktor Abravanel erzählt seiner nächtlichen Begleiterin, wie er als junger Mann mit einer Frau ins Stundenhotel ging. Er war »vor dem Hotel in einen Haufen Hundescheiße gestiegen, und nun gab es Hundescheißeabdrücke und -flecken an allen Ecken und Enden des Spannteppichs in diesem Zimmer, es stank bestialisch. Viktor saß auf der Bettkante, dachte ›Verdammte Scheiße‹ und weinte. In der Literatur, dachte der Germanistikstudent, würde es heißen: ›Und weinte bitterlich.‹ Lebenstechnisch war es ein peinliches Mißverständnis, aber zugleich war es sein Eintritt in die Welt des Romans. / ›Wirklich wahr?‹ / ›Ja!‹ / ›Hundescheiße?‹ Sie kicherte / ›Ja!‹ / ›Scheiße!‹ / ›Willst du mit mir in ein Hotel gehen?‹« (266)

Die erzählerische Rückwendung auf das Missgeschick exponiert nicht nur die Peinlichkeit der Situation, sondern stellt auch die Differenz zwischen literarischem Diskurs und Wirklichkeit aus, und zwar als Eintritt der Erzählerfigur »in die Welt des Romans«. Wenn nämlich in der Wirklichkeit gilt – wie mit Samuel Beckett beim »Warten auf Godot« zu lernen ist –, dass man nicht zweimal in denselben Dreck tritt, tritt in der Literatur an der beschriebenen Scheiße ihr kategorialer Unterschied hervor: Sie stinkt nicht. Die erzählerische Rückwendung auf das Missgeschick des Tritts in Hundekot hat jedoch noch eine weitere Funktion: Sie evoziert die Peinlichkeit des Missgeschicks, die einst die »Entjungferung« (267) des Erzählers Abravanal in einem Stundenhotel vereitelte, um nunmehr in der aktuellen Situation mittels seiner Erzählung über die einstige Schmach zu triumphieren. Der unachtsam zufällige Tritt in den Hundekot, der die Peinlichkeit macht, vereitelt zwar den Vollzug des ersten Beischlafs, aber liefert eben auch den Stoff für eine Erzählung, mit der die aktuelle Zuhörerin zum Beischlaf überredet werden soll. Vielleicht nimmt die Passage im Licht einer Bemerkung Sigmund Freuds auch den Sinn an, die Schutzlosigkeit und Verletzungen des Erzählers vor Augen zu stellen. Freud gibt den Hinweis: »Daß zufällige Aktionen eigentlich absichtliche sind, wird auf keinem anderen Gebiete eher Glauben finden als auf dem der sexuellen Betätigung, wo die Grenze zwischen beiderlei Arten sich wirklich zu verwischen scheint.«28 Die Szene führt in die Ununterscheidbarkeit zwischen der Peinlichkeit und dem Triumph über eben diese Peinlichkeit in der erzählerischen Rückwendung.

Die Rückwendung des literarischen Erzählers, der in seiner Rede seine Traumatisierungen, Ängste und Störungen bearbeitet, ist nämlich von anderer Art als die Rückwendung des Historikers, der entlang der Fakten wahrheitsgetreu erzählt und seine Affekte, Wünsche, Bedürfnisse in seiner Erzählung, die er womöglich auch gar nicht als solche, sondern als Dokumentation, Bericht oder Schilderung versteht, einzuklammern sucht. Man muss der Erzählerfigur des Romans tatsächlich glauben: »Viktor lebte in steter Angst. Es war nicht mehr die Angst vor physischer Gewalt, es war die Angst vor dem Terror der Unzugehörigkeit. Des Ausgesetzt-Seins. Theaterdolche schlugen echtes Blut. Es war die Blindheit der Blicke, die töten wollte.« (458) Eine tiefsitzende Störung bannt den Erzähler in eine Art unvergängliche Gegenwärtigkeit. Dem Historiker Viktor Abravanel ist noch keine Wunde verheilt und jede Schmach, jede Kränkung, jede Verletzung noch gegenwärtig. Denn das Unbewusste kennt bekanntlich keine Vergangenheit.

1 Vgl. Matthias Beilein: »86 und die Folgen. Robert Schindel, Robert Menasse und Doron Rabinovici im literarischen Feld Österreichs«, Berlin 2008 (= Philologische Studien und Quellen 213), S. 12. — 2 Vgl. ebd., S. 165–189. — 3 Vgl. Volker Weidermann: »›Das stimmt nicht, Robert. Frag den Papa.‹ Interview mit Eva und Robert Menasse«, in: »Der Spiegel«, 9.1.2018. Vgl. auch Johannes Franzen: »Eine Lüge in der Wirklichkeit wird keine Wahrheit im Roman – Zur Kontroverse um Robert Menasse« (5.1.2019), https://www.54books.de/author/johannes (5.10.2021). — 4 Vgl. Robert Menasse: »Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung. Frankfurter Poetikvorlesungen«, Frankfurt/M. 2006, S. 89–114. Siehe ferner das Gespräch zwischen Menasse und Franz Schuh, in: »Die Presse«, 8.7.2012, https://www.diepresse.com/1263211/menasse-und-schuh-mit-aller-schwerkraft-ein-wiener (5.10.2021). — 5 Vgl. Beilein: »86 und die Folgen«, a. a. O., S. 175, 192 f. Siehe auch Konrad Paul Liessmann: »Über Robert Menasse: ›Die Vertreibung aus der Hölle‹«, in: Klaus Kastberger / Kurt Neumann (Hg.): »Grundbücher der österreichischen Literatur. Dritte Lieferung«, Wien 2019, S. 257–262, hier S. 258. — 6 Robert Menasse: »Die Vertreibung aus der Hölle. Roman«, Frankfurt/M. 2001, o. P. Der Roman wird im Folgenden nach der 8. Auflage 2017, Suhrkamp Taschenbuch, zitiert mit Seitenzahlen in Klammern. — 7 Franz Haas: »Welt und Zeitgeschichte im Doppelpack. Robert Menasses Roman ›Die Vertreibung aus der Hölle‹«, in: Kurt Bartsch / Verena Holler (Hg.): »Robert Menasse«, Graz 2004 (= Dossier 22), S. 204–208, hier S. 205. — 8 Andrea Reiter: »Die Geschichte der Marranen, ein Paradigma jüdischer Identität in Österreich nach der Shoah? Robert Menasses ›Die Vertreibung aus der Hölle‹«, in: »ASCHKENAS. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden« 20.1 (2010), S. 167–186, hier S. 167. — 9 Ebd. — 10 Ebd. Reiter übernimmt den Begriff von Florian Krobb: »Kollektivautobiographien – Wunschautobiographien: Marranenschicksal im deutsch-jüdischen historischen Roman«, Würzburg 2002. — 11 Ebd., S. 180. Zur Geschichte der Marranen als Modell für Menasses Wunschautobiografie siehe auch Alexander Rasumny: »Den Hass auf die Geschichte wegerzählen. Funktionen der Marranenthematik in Robert Menasses ›Die Vertreibung aus der Hölle‹«, in: Juliane Sucker / Lea Wohl von Haselberg (Hg.): »Bilder des Jüdischen. Selbst- und Fremdzuschreibungen im 20. und 21. Jahrhundert«, Berlin 2013 (= Europäisch-jüdische Studien – Beiträge 6), S. 351–368. — 12 Reiter: »Die Geschichte der Marranen«, a. a. O., S. 169. — 13 Iris Radisch, in: »Die Zeit«, 4.10.2002, S. 10, zitiert nach Reiter: »Die Geschichte der Marranen«, a. a. O., S. 173. — 14 Reiter: »Die Geschichte der Marranen«, a. a. O., S. 172 f. Reiter führt Caryn Aviv, David Shneer: »New Jews. The End of Jewish Diaspora«, New York, London 2005 an. — 15 Rasumny: »Den Hass auf die Geschichte wegerzählen«, a. a. O., S. 356. Die Belegstelle bei Cecil Roth / A. K. Offenberg: »Manasseh (Menasseh) Ben Israel«, in: »Enyclopaedia Judaica. Bd. 13«, hg. von Fred Skolnik und Michael Berembaum, 2. Aufl., Detroit u. a. 2007, S. 454 f. — 16 Rasumny: »Den Hass auf die Geschichte wegerzählen«, a. a. O., S. 357. — 17 Ines Schubert: »Historie und Gedächtnis im romanhaften Geschichtserzählen. Robert Menasses ›Die Vertreibung aus der Hölle (2001)‹«, in: Daniel Fulda / Stephan Jaeger / Elena Agazzi (Hg.): Romanhaftes Erzählen von Geschichte. Vergegenwärtigte Vergangenheiten im beginnenden 21. Jahrhundert, Berlin 2019, S. 371–389, hier S. 385. — 18 Carsten Rohde: »Totalität. Zu einem Schlüsselbegriff der modernen Romantheorie und seiner Dekonstruktion im Werk Robert Menasses«, in: »Études Germaniques«, Jg. 66, H. 4, 2011, S. 903–935, hier S. 926. — 19 Vivian Liska: »Fremde Gemeinschaft. Deutsch-jüdische Literatur der Moderne«, Göttingen 2011 (= Manhattan Manuscripts 6), S. 268. — 20 Marc Chraplak: »Versuch einer Rettung. Inversiver Messianismus – umgekehrter historischer Roman. Robert Menasses ›Die Vertreibung aus der Hölle‹«, in: »Weimarer Beiträge«, Jg. 64, H. 4, 2018, S. 566–584. — 21 Schubert: »Historie und Gedächtnis im romanhaften Geschichtserzählen«, a. a. O., S. 379. — 22 Bettina Bannasch: »Zum Problem der Vergleichbarkeit in der Shoahliteratur. Robert Menasses ›Die Vertreibung aus der Hölle‹«, in: Gerd Beyer / Rudolf Freiburg (Hg.): »Literatur und Holocaust«, Würzburg 2009, S. 213–236, hier S. 228. — 23 Siehe Gabriele Stumpp: »Zu einigen Aspekten jüdischer Tradition in Robert Menasses ›Vertreibung aus der Hölle‹«, in: Bartsch / Holler (Hg.): »Robert Menasse«, a. a. O., S. 59–78, hier S. 69. Vgl. ferner Reiter: »Die Geschichte der Marranen«, a. a. O., S. 181. Reiter bemerkt eine Verflechtung der beiden Erzählstränge und zieht die Schlussfolgerung: »Die Ähnlichkeit zwischen dem der Verfolgung entkommenen Marranen und dem assimilierten Juden, der an der Wende zum 2. Jahrtausend in Österreich lebt und halachisch nicht als Jude gilt, wird angezeigt durch die thematische (und häufig syntaktische) Verschränkung der Lebensgeschichten Viktor Abravanels und derjenigen Manasseh ben Israels und bekräftigt durch die Identität der Namen von Autor und historischem Subjekt. Während aber Viktor die Beziehung zu seinen Vorfahren zur Stärkung seines jüdischen Selbstbewusstseins dient, braucht Menasse seine eigene Biographie, um diejenige seines Namensvetters zu entwerfen.« — 24 Menasse selbst hat dieses Spiel nicht zuletzt in den Paratexten mittels einer Anekdote angereizt, die außerdem als eine Art Urszene in der Entstehungsgeschichte des Romans stilisiert worden ist: »Ich bin vor einem Rembrandt-Portrait gestanden und habe neben dem Bild gelesen, dass es ›Robbi Menasse‹ darstellt. Da ich als Kind so gerufen wurde und heute noch von Freunden so genannt werde, hat mich das ganz eigenartig berührt. Diese Sekunde der Fehllektüre hat mich natürlich amüsiert und neugierig gemacht, und ich habe mich gefragt: Wer war dieser Mann, der meinen Namen trägt?« Klaus Nüchtern: »Signatur des Wahnsinns«, Interview mit Robert Menasse, in: »Der Falter«, 27.7.2001, hier zitiert nach Beilein: »86 und die Folgen«, a. a. O., S. 170. Im Jahr 2002 variiert Menasse diese Anekdote in einem Interview mit dem »Freitag«; siehe Beilein: »86 und die Folgen«, a. a. O., S. 171. Weitere Varianten der Anekdote sind im Umlauf; vgl. Liessmann: »Über Robert Menasse: ›Die Vertreibung aus der Hölle‹«, S. 257. — 25 Siehe hierzu nochmals Menasse: »Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung«, a. a. O., S. 89–114. — 26 Vgl. Liessmann: »Über Robert Menasse: ›Die Vertreibung aus der Hölle‹«, a. a. O., S. 258: »Wie es sich mit den Kontinuitäten oder Parallelen in der Geschichte verhält? Was kann sich wiederholen? Was wird sich wiederholen?«. — 27 Péter Nádas: »Aufleuchtende Details«, in: Ders., »Lichtgeschichte. Fotografien«,Wädenswill 2012, S. 11–52, hier S. 18. — 28 Sigmund Freud: »Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum«, Einleitung von Ricardo Steiner, 3. Aufl., Frankfurt/M. 2017, S. 237.

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