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Ewa A.

Just a little Teenage-Dream

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Ein paar Worte

Weitere Werke von Ewa A.

Impressum neobooks

Widmung

Just a little Teenage-Dream

Ein Liebesroman von Ewa A.

Impressum

Texte: © Copyright by

E. Altas

79423 Heitersheim

ewa.xy@web.de

Cover:

Bildmaterial:

pixabay_london-441853 (www.pixabay.com)

pixabay_rain-930263 (www.pixabay.com)

Covergestaltung:

Sabrina Baur

“Sophia Silver Coverdesign”

(www.photorina.net)

Alle Rechte vorbehalten.

*

Die Handlung sowie die Personen und Orte in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Begebenheiten, Orten, lebenden oder toten Personen sind in keiner Weise beabsichtigt und wären purer Zufall.

*

Es gibt Menschen, die sind wie die Flamme einer Kerze.

Mit ihrem Licht halten sie dich auf dem Weg, geben dir Mut ihn weiterzugehen und spenden dir Kraft mit ihrer Wärme.

Diese Geschichte widme ich meinen drei Flammen:

Alara,

Bea und

Ellik


Kapitel 1

Mai 2010

Ist es nicht seltsam, dass man die peinlichen Dinge, die einem im Leben widerfahren, vollkommen vergessen kann, aber die verpassten Chancen nie?

Du möchtest ein Beispiel? Man kann zum Beispiel wunderbar vergessen, dass es einem im letzten Schuljahr vor versammelter Klasse die Hose zerrissen hat, als man sich nach der heruntergefallenen Tafelkreide bückte. Aber man wird es immer bereuen, dass man den geilsten Typen, den man je vor die Augen bekam und der einen ständig herausfordernd anlächelte, nicht angesprochen hat. Und das kann über fünf Jahre und noch länger her sein, man wird es auf ewig bereuen. Tatsache!

Noch seltsamer verhält es sich allerdings mit den Situationen, in denen man gedemütigt wurde. Da scheint man beinahe ein fotografisches Gedächtnis zu besitzen. Diese Erinnerungen brennen sich einem ins Gehirn ein und tauchen immer wieder auf - wie eine Boje auf hoher See. Blubb!! Und da treiben sie dann, an der Oberfläche der Gedankensuppe. Unerwartet aus dem Nichts sind sie auf einmal da, abrufbar bis in jede (und ich meine wirklich jede) verdammte Einzelheit.

Bevor ich weiter ins Blaue philosophiere, sollte ich mich vielleicht erst vorstellen. Also, ich bin Karen, dreiundzwanzig Jahre alt und nicht gerade eine Augenweide. Meine Körpergröße wäre für ein Mädchen, das Model werden will, perfekt, aber wegen meiner Figur bin ich nun mal keins, leider. Ich habe eine Haarfarbe, die ich nach Ansicht einiger damaliger Klassenkameraden hätte besser ändern sollen, weil rot anscheinend nicht in die Top-Drei ihrer bevorzugten Haarfarben gehörte. Am wenigsten hasse ich an mir meine Augen, da ich für ihr Vergissmeinnichtblau schon ein paar Komplimente einheimsen durfte. Allerdings bekomme ich schneller einen Sonnenbrand als man Mallorca sagen kann und weil ich alles, was weiter als zehn Meter von mir entfernt ist, nur verschwommen sehe, benötige ich manchmal eine Brille.

Naja, wie man lesen kann, bin ich erstens das Anti–Schneewittchen und zweitens ein verrücktes Huhn. Da sich damit leider kein Geld verdienen lässt, schufte ich als Sekretärin in einem Versicherungsunternehmen. Ich falle also nicht in die Kategorie: außergewöhnlich.

Wahrscheinlich bist du rein zufällig hier zwischen diesen Buchseiten gelandet. Aber da du schon mal hier bist, möchte ich dir eine total verrückte Geschichte erzählen, die mir passierte. Mach es dir bequem, hol dir etwas zu trinken, denn das kann ein bisschen länger dauern.

Zurück zu den von mir zuvor erwähnten eingebrannten Einzelheiten meiner Demütigung.

Ich war wirklich glücklich an jenem Tag. Es roch nach Sommer, nach gemähtem Gras und heißem Asphalt. Die Bienen schwirrten in den Lavendelsträuchern umher.

Der Wocheneinkauf und die letzte Anprobe meines Hochzeitskleides lagen gerade hinter mir. Endlich passte mir dieser Traum in Weiß, ein Korsagenkleid mit einem schmalen, langen Rock, der mit unzähligen winzigen Glitzersteinen bestickt war.

Da ich zwar recht groß bin, aber leider nicht superschlank, sondern … nennen wir es drall, war es schier unmöglich gewesen, etwas zu finden, in dem ich nicht wie eine Schneelawine aussah. Nach ein paar Änderungen saß das Kleid perfekt und ich hoffte, innerhalb der letzten drei Wochen vor meiner Hochzeit nicht mehr zuzunehmen.

Peter, mein Verlobter, wollte, dass wir uns um die Mittagszeit bei ihm zu Hause trafen. Da ich nach der Heirat bei ihm einziehen sollte, war meine Wohnung bereits zum Ende des nächsten Monats gekündigt, mit Umzug-Kartons vollgestopft und dementsprechend ungemütlich. Also fuhr ich gleich vom Brautladen aus zu Peter.

Der weiße Wagen meiner Arbeitskollegin Desiree parkte ebenfalls schon vor seinem Haus, was mich nicht überraschte. Wir hatten nämlich vereinbart, uns bei ihm zu treffen, um gemeinsam in einer Gärtnerei, den Tischschmuck für die Festtafel auszusuchen.

Desiree hatte mich in den letzten Wochen bei den Vorbereitungen zur Hochzeit sehr unterstützt. Ich war froh, eine so gute Freundin wie sie gefunden zu haben. Sie ging sogar mit Peter den Hochzeits-Anzug aussuchen, da ich an jenem Tag doch nicht frei bekommen hatte, weil mein doofer Chef, Herr Becker, mal wieder ganz spontan auf eine Geschäftsreise gehen musste. Und ich war damals die Auserwählte gewesen, die kurzfristig seine Reise, wie auch die Vertretung für seine Abwesenheit, hatte arrangieren dürfen.

Überladen mit Tüten voller Lebensmittel stolperte ich nun den schmalen Weg entlang, durch den gepflegten Vorgarten, auf das Reihenhaus meines Verlobten zu. Ich klingelte mit dem Ellenbogen und Peter öffnete mir die Tür. Da mir fast die Arme vom Gewicht meines Einkaufs abfielen, rauschte ich mit einem platten „Hallo“ an ihm vorbei, direkt in die Küche und stellte meinen Ballast auf der Kücheninsel ab.

Peters Wohnung war gegen meine Schuhschachtel riesig. Natürlich verdiente er, als zweiter Geschäftsführer (sein Vater ist übrigens erster) einer Großbäckerei, um einiges mehr als ich.

Sofort machte ich mich daran, die Lebensmittel auszupacken und in den Schränken zu verstauen. Nebenher plapperte ich munter drauflos: „Gott sei Dank, das mit dem Kleid wäre erledigt. Jetzt müssen wir uns nur noch wegen der Blumen einig werden. Das Probeessen vom Catering ist ja erst nächste Woche und …“

Peter war mir in die Küche gefolgt. Mit ernster Miene schaute er mir bei der Arbeit zu. „Karen, wir müssen reden.“

Etwas verwirrt blinzelte ich ihn an. Taten wir das denn nicht gerade?

Mit einem schuldbewussten Ausdruck auf seinem einnehmenden Gesicht wartete er auf eine Reaktion von mir. Seine blonde Prinzen-Föhn-Frisur lag wie immer perfekt. Angespannt biss er die Zähne zusammen, so dass sein Kirk-Douglas-Gedächtnisgrübchen noch tiefer wurde.

War er nervös?

Mittlerweile war Desiree hinter ihn getreten und begrüßte mich flötend über seine Schulter hinweg: „Hallo, Karen.“

„Hi, Desiree. Schön, dass du schon da bist“, erwiderte ich lächelnd und wandte mich dann leicht genervt wieder an meinen Verlobten. „Oh nein, sag nicht, dass die Band abgesagt hat?“

„Nein, … es geht nicht darum.“ Peter rieb sich seine Unterarme. Ein weiteres Anzeichen für seine Nervosität. Langsam hörte ich mit dem Auspacken auf.

Desiree, wie immer topgestylt in einem schwarzen Mini, viel zu hohen High-Heels und einem roten Shirt mit schwarzen Tupfen, erinnerte mich an einen überdimensionalen Marienkäfer. Gebannt betrachtete sie Peter von der Seite. Ihr akkurat geschnittener Pagenkopf leuchtete bronzefarben in den gleißenden Sonnenstrahlen, die durch die breite Fensterfront hereinfielen. Der grellrot geschminkte Mund lächelte erwartungsvoll. Staubkörnchen tanzten wie Konfetti durch die Luft. Es roch nach Kaffee, den Peter kurz zuvor aus dem Kaffeevollautomaten herausgelassen hatte.

„Um was geht es denn?“, fragte ich tonlos.

Und dann kam die Antwort, auf die ich nicht vorbereitet war. Zwei Wörter nur, die alles veränderten.

„Um uns.“ Peter schluckte, ich sah seinen Adamsapfel hüpfen.

Desiree begutachtete mich lauernd. Ihre Lippen waren leicht geöffnet.

Mein Blick wechselte von ihr zu ihm. „Sollten wir nicht - nachher darüber reden?“

Fassungslos stand ich da, mit einer Zehnerpackung weißer Bio-Eiern aus Freilandhaltung in den Händen. Peter senkte sein Haupt und wich auf diese Weise meinem Blick aus.

Plötzlich lag Desirees manikürte Hand auf seiner Schulter. Ihre spitzen, roten Fingernägel krallten sich leicht in sein weißes Polohemd. Prompt hob sich sein Kopf wieder mir entgegen, als hätte er aus dieser Geste Mut geschöpft.

„Nein, es kann nicht länger warten“, sagte er entschlossen.

Diesmal schluckte ich, denn diese Hand, die auf seiner Schulter lag, sagte mir bereits alles. Sein um Vergebung heischender Blick und Desirees hämisches Grinsen wären gar nicht mehr nötig gewesen, um mir klar zu machen, was gleich auf mich zukommen würde.

Langsam schüttelte ich meinen Kopf. Das konnte nicht sein!

„Nein! Nein, nein“, kam es leise über meine Lippen, denn ich glaubte, es aufhalten zu können.

Doch Peter sprach ungerührt weiter. „Ich kann dich nicht heiraten … Ich wollte es dir schon früher sagen, glaub mir, aber …“ Sein Flüstern erstarb. Erneut holte er Luft. „Keiner von uns hat es geplant. Es ist einfach passiert.“ Sein „Wir lieben uns einfach, Karen!“ ließ mich qualvoll aufschluchzen.

Wo war plötzlich der Boden hin? Ich schwebte über einem Abgrund. Auf einmal war nichts mehr wie zuvor. Während die Welt auf dem Kopf stand, war meiner wie leergefegt. Aber gleich darauf füllte er sich mit all den Kleinigkeiten, die ich wochenlang für die Hochzeit vorbereitet hatte. Mein Kleid, der Pfarrer, die Kirche, das Catering …

Ich stellte die Eier ab und hielt mich an der kalten Granitplatte der Kücheninsel fest. In jenem Moment schien mir die das einzige Stabile in meinem Leben zu sein, an dem ich mich festhalten konnte. Mit kugelrunden Augen starrte ich die beiden an und fragte völlig konfus: „Und was machen wir mit dem Hochzeitstisch in Rossners Geschenkeladen?“

Desiree räusperte sich kurz, um mir dann grausam lächelnd die nächste Bombe an den Kopf zu werfen. „Ach, ich denke das ist kein Problem. Wir tauschen einfach die Namen auf dem Tischkärtchen aus. Statt Peter und Karen wird es dann Peter und Desiree heißen.“

Ich quiekte hysterisch auf wie ein kleines Schweinchen, das zur Schlachtbank geführt wurde.

Ausgetauscht! Ich wurde ausgetauscht … So einfach war das.

„Und das Kleid?“, stammelte ich. „Willst du das auch?“

Abfällig lachend verneinte Desiree, so dass ihre glatten Haare synchron um ihr Gesicht wogten. „Sei nicht albern! Wie soll ich noch so schnell zunehmen, damit ich da reinpasse?!“

Mein Gehirn arbeitete mittlerweile auf Autopilot und verzweifelt suchte ich nach Peters Beistand. Das konnte nur ein Scherz sein, oder?

„Aber, aber was sagen deine Eltern …? Die, die Hochzeitsfeier ... bei euch?“, stotterte ich hoffnungsvoll.

Wieder meldete sich Desiree zu Wort. Peter war schon längst verstummt und glotzte nur noch zwischen ihr und mir hin und her, wie ein gehetztes Kaninchen beim Tennis.

„Sie werden erleichtert aufatmen. Schon lange reden sie auf Peter ein, dass er dich verlassen soll. Wusstest du das nicht? Du kommst nun mal nicht aus unseren Kreisen“, frohlockte meine adrette Arbeitskollegin.

„Nein!“, flüsterte ich ungläubig. „Stimmt das, Peter?“

„Das spielt jetzt keine Rolle mehr, Karen“, meinte er lahm und scheute noch immer den Augenkontakt mit mir.

Ich schluckte. Ja, jetzt ergab einiges am Verhalten seiner Eltern Sinn. Dieses aufgesetzte Lächeln seiner Mutter, ihre pikierte Art und Weise mir gegenüber, als hätte ich sie beleidigt. Dieser herablassende und zugleich abwägende Blick seines Vaters. Alles passte nun zusammen. Deswegen war ich mir nie wie die angehende Schwiegertochter vorgekommen, sondern wie ein Gast oder noch schlimmer, wie ein lästiger Eindringling.

Peter war bei meinen Eltern dagegen aufs Allerherzlichste aufgenommen worden. Ich würde schwören, dass sie ihn vom Fleck weg adoptieren würden, wenn sie es könnten. Meine Mutter riss ihn schon an der Tür an sich und schleppte ihn ins Wohnzimmer, um ihn neben meinem Vater auf das Sofa zu platzieren, wo dieser ihm bereitwillig eine seiner wohlbehüteten Bierflaschen in die Hand drückte. Mich, ihre einzige Tochter, vergaßen sie an der Haustür.

Ich konnte Peter und Desiree bloß noch stumm anstarren, meine Beine schienen leblos geworden zu sein.

„Karen, es wäre mit uns nie gut gegangen. Ehrlich gesagt, … bist du nicht mal mein Typ … Weißt du, eigentlich stehe ich mehr auf klein und zierlich.“

Peters Worte ließen mich auf den knallharten Boden der Wirklichkeit schmerzhaft aufschlagen.

„Eigentlich nicht dein Typ?!“, echote ich bestürzt und konnte nicht verhindern, dass meine Stimme zitterte.

Ich versuchte, den Kloß im Hals herunterzuschlucken, doch der blieb, wo er war.

Es tat schrecklich weh, sich so etwas anhören zu müssen. Musste er mir vor Desiree ausgerechnet das sagen, was mich am meisten verletzte? Und das, obwohl er mein Komplexe ganz genau kannte? Mit meiner überdurchschnittlichen Größe und dem (für meinen Geschmack) viel zu hohen Kampfgewicht fühlte ich mich sowieso schon wie eine wabbelnde Wikinger-Walküre. Schlachtschiff!, Wuchtbrumme! hörte ich im Geiste wieder meine alten Klassenkameraden pöbeln, woran die zerrissene Hose bestimmt nicht unschuldig war. Ganz zu schweigen von den Spitznamen, die mir meine roten Haare eingebracht hatten. Davon waren Feuerwehrmelder und Kupferkopf noch die schmeichelhaftesten gewesen.

„Ich werde mich um alles kümmern. Du brauchst lediglich deine Eltern und Verwandten zu informieren, dass ... wir uns getrennt haben.“

Aufatmend, als habe er eine Heldentat vollbracht, richtete Peter sich wieder zur vollen Größe auf und schaute mir in die Augen.

„Okay, okay.“ Vor mich hin nickend, wie der Wackeldackel auf der Kofferraumablage meines verstorbenen Opas, schritt ich betäubt aus der Wohnung.

Einem seelenlosen Zombie gleich, noch immer mit wackelndem Kopf, setzte ich mich ins Auto und fuhr nach Hause, zu meiner Schuhschachtel.

Jep, so ein Erlebnis bleibt dir in Erinnerung, ob du willst oder nicht.

Kapitel 2

Zuhause in meinem Chaos kamen dann endlich die Tränen. Mein Verstand weigerte sich, es zu verstehen.

Peter liebte mich nicht mehr? Wann war das passiert? Hatte er ganz plötzlich damit aufgehört oder nach und nach? Und wieso habe ich davon nichts mitbekommen? War ich so mit den Hochzeitsvorbereitungen beschäftigt gewesen, dass ich nicht gerafft hatte, dass die zwei es hinter meinem Rücken miteinander getrieben haben?

Im Geiste sah ich mich seelenruhig und treudoof auf dem Sofa sitzen, während hinter mir Peter liebestoll über Desiree herfiel.

Ich war so sehr verletzt, dass ich nicht mal wütend wurde. Peters Zurückweisung schmerzte mich wie ein Stich in die Brust. Es schnürte mir den Atem ab. All meine Komplexe waren mit einem Schlag wieder da und stärker als jemals zuvor.

Eine rothaarige, hellhäutige Kuh war ich und würde ich immer bleiben. Kein Mann würde mich jemals attraktiv finden, geschweige denn, sich in mich verlieben.

Schluchzend beschloss ich, erst einmal mit meinem allerbesten Freund Harry zu telefonieren. Weil er Desiree noch nie leiden konnte, war er genau die richtige Person, mit der ich erbarmungslos über sie herziehen konnte.

„Was sagst du da? Das darf doch wohl nicht wahr sein! Hab ich es dir nicht immer wieder gesagt, dass Krüppelzeh eine falsche Schlange ist?“, schrie mir seine näselnde Stimme aus dem Hörer entgegen.

Harry hatte Desiree den Spitznamen ‚Krüppelzeh‘ verpasst, weil er steif und fest behauptete (und das bis heute), dass sie sich vom zu vielen High-Heels-Tragen verkrüppelte Hammerzehen zugezogen hätte. Keine Ahnung, woher er das wusste.

„Aber nein, du wolltest mir ja nicht glauben Nein Harry, sie hilft mir nur“, äffte er mich nach. Zittrig holte ich Luft, doch Harry explodierte weiter. “Ja, jetzt wissen wir, wem sie geholfen hat … Ääh, igitt! Ich will es mir gar nicht vorstellen. Süße, die hat nicht deine Hochzeit vorbereitet, sondern ihre eigene.“ Ich schluchzte in ein Taschentuch, während Harry weiter redete. “Was kannst du auch von jemandem erwarten, der jeden Tag, und das vierundzwanzig Stunden lang, High Heels trägt?“

Jammernd heulte ich ins Telefon: „Peter sagte, dass ich eigentlich nicht sein Typ wäre, ich sei zu groß und zu fett.“

„Eigentlich … ist Peter ein Arschloch“, stellte Harry trocken fest.

Ich lachte verzweifelt auf. „Ich denke mir etwas ganz Gemeines aus, was ich ihnen antun werde“, schniefte ich schließlich ruhiger.

„So ist es richtig, Schätzchen! Denen zeigen wir, wo der Hammer hängt. Wobei ... Desiree braucht keinen mehr, die hat ja schon zwei an ihren Füßen.“

Lachend heulte ich wieder los.

Wie nicht anders zu erwarten, ging es mir nach diesem Gespräch ein wenig besser. Die positive Wirkung auf das eigene Wohlbefinden von verdeckten, verbalen Attacken gegen einen Widersacher, wird meines Erachtens viel zu sehr unterschätzt.

Doch ich ahnte, dass dieser positive Effekt nach dem darauffolgenden Telefonat wieder dahin sein würde. Denn leider musste ich meine Eltern noch über die geplatzte Hochzeit in Kenntnis setzen.

Je älter ich wurde, desto schwerer fiel mir der wöchentlich abverlangte Anruf bei meinen Eltern. Wer ließ sich schon gerne jede Woche von seiner Mutter wie ein minderbemitteltes Häufchen Elend behandeln? Mit meinem Vater telefonierte ich dagegen gerne, weil er nicht mal ansatzweise an einem Gespräch Interesse zeigte. Immer auf seinem Fernsehsofa (wenn er mal zu Hause war), rief er meiner Mutter während des Telefonats zu: „Sag ihr Grüße, wir sprechen das nächste Mal miteinander.“ Ja, und das sagte er jede Woche.

Nicht, dass ich meine Eltern nicht liebte. Nein, ich liebte sie wirklich. Ich wusste, dass sie auf vieles verzichtet hatten, um mir einiges von dem bieten zu können, was lediglich die wohlhabenden Kinder in meiner Klasse hatten. Und genau das war das Problem. Während meine Mutter ihren Putz-Jobs nachging, brütete sie die fixe Idee aus, dass ich es noch viel weiterbringen müsste als sie selbst, in Beziehung Geld. Schließlich glaubte sie, zum Glücklichsein bräuchte man nur vermögend zu sein. Mein Vater, der als Fernfahrer arbeitete, war selten zu Hause. Er hatte übrigens keine Meinung dazu oder die gleiche wie meine Mutter. Ich hatte keine Ahnung – wir telefonierten ja nicht.

„Oh mein Gott, das ist ja schrecklich! Wie hast du das denn wieder fertiggebracht? Was sagen wir bloß der Verwandtschaft? Tante Erika wird sich das Maul zerreißen. Bist du sicher, dass Peter dich nicht mehr zurückhaben will? Wäre ja schade, er war so eine gute Partie, gerade für dich. Du weißt ja, Kind, mit deiner Körpergröße und deinen roten Haaren ist das nun mal nicht so einfach, jemanden zu finden, der ...“

Ja, da war er wieder. Der Moment, in dem ich einmal mehr überlegte, ob ich in das Telefontischchen reinbeißen oder mich zum nächsten illegalen Medikamentenversuch anmelden sollte. Möglicherweise hegst du gerade den gleichen Verdacht wie ich, dass meine Komplexe hier ihren Ursprung haben könnten.

„Nein, Mutter, mir wurde deutlich gesagt, dass er eine Andere liebt und seine Eltern mich nicht als Schwiegertochter möchten, weil ich nicht aus ihren gesellschaftlichen Kreisen stamme.“

Dass Peter jetzt erst, nach über einem Jahr, bewusst geworden war, dass er mich doch nicht attraktiv fand, konnte ich ihr nicht auch noch auf die Nase binden. Ich brachte es einfach nicht fertig. Es reichte ja schon, dass sie wusste, dass er eine andere liebte.

„Oh…“, erwiderte sie gekränkt. „Nur weil wir nicht gut betucht sind? So eine Frechheit!“

Ihr letzter Satz überraschte mich dann doch, weil gewöhnlich alles, was Peter oder seine Eltern taten, vollkommen richtig war, wie meine Mutter stets betonte.

„Gut, dass Peter die gesamten Kosten für die abgesagte Feier übernimmt“, beruhigte sie sich selbst.

Ein tröstendes Wort für mich, ihre Tochter, die sitzengelassene Braut, hatte sie allerdings nicht übrig. Dass mein Selbstwertgefühl zu dem Zeitpunkt auf dem Stand eines gebrauchten und wieder getrockneten Teebeutels angelangt war, brauche ich wohl nicht zu erwähnen, oder? Frustrierter konnte ich nicht mehr werden.

Traurig erklärte ich ihr: „Es hörte sich eher an, als würde er die Hochzeit nicht absagen, sondern sie nur mit einer anderen Braut feiern.“

Mutter trauerte schwer dem entgangenen gesellschaftlichen Aufstieg nach, derweil mein Vater im Hintergrund nebenbei fragte: „Muss ich was zahlen? – Nein? Na, wenigstens ist das umsonst.“

Ja, da hatte er ausnahmsweise mal den Nagel auf den Kopf getroffen.

Kapitel 3

Wenn du Glück hast, hast du einen Menschen, dem du alles erzählen kannst, wirklich alles, ohne dass du dich für irgendetwas schämen musst. Einen Menschen, der dir genau das sagt, was du brauchst. Nicht das, was du hören willst (das ist etwas anderes). Er sagt dir das, was für dich in dieser Situation am besten ist, auch wenn es manchmal wehtut.

Und bei mir war dieser Mensch meine langjährige Brieffreundin Marie Thomas. In der sechsten Klasse bekam im Englisch-Unterricht jeder Schüler einen Brieffreund zugewiesen. Und ich bekam Marie. Eine bessere Wahl als das Schicksal hätten wir selbst nicht treffen können: Zwei Mädchen im selben Alter, gleich und doch verschieden. Sie ist Yin und ich bin Yang. Sie ist klein und ich bin groß, sie ist schwarzhaarig und ich bin rothaarig …. Oh, mein Gott, das hört sich an, als sähen wir aus wie - Dick und Doof?

Naja, auf jeden Fall verstanden wir uns von Anfang an super. Alle anderen Brieffreundschaften machten nach einiger Zeit den Abgang, aber wir schrieben uns gegenseitig, dass die Schwarte krachte. Englisch wurde für mich zur zweiten Muttersprache und Deutsch für Marie.

Oft kam sie mich in den Ferien besuchen, weil meine Eltern nie genug Geld hatten, um mir eine Reise nach England zu finanzieren. Im Gegensatz zu meiner Familie hatten Maries Eltern nie Geldsorgen, da ihnen eine gut florierende Restaurantkette gehörte. Und seit Marie als Eventmanagerin arbeitete, war Geld das kleinste ihrer Probleme. Sie wohnte in London, während ihre Eltern ein älteres Landhaus außerhalb der Stadt hatten.

Seit ich meine eigene Wohnung hatte, telefonierten wir regelmäßig miteinander. So war es letztendlich nur logisch, dass Marie, meine beste Freundin, auch meine Trauzeugin werden sollte.

Ehrlich, ich weiß nicht, wie oft wir uns schon am Telefon gegenseitig die Ohren voll geheult hatten, wegen irgendwelcher Deppen, die uns die Herzen gebrochen hatten. Doch ich hatte diesmal den König aller Deppen gezogen – Peter.

Ich musste Marie einfach anrufen und während des Telefonats machte sie mir den Vorschlag, der mein ganzes Leben verändern sollte.

„So ein Mistkerl! Wie kann er dir das nur antun? Und sie, dieses hinterhältige Luder. Wie ich solche Frauen hasse! Honey, wie wäre es, wenn du die Koffer packst und zu mir nach London kommst? Lass den ganzen Mist hinter dir, du hast doch sowieso bald Urlaub.“

Ja, drei Wochen Urlaub hatte ich bei meinem Chef beantragt, der übernächste Woche beginnen sollte.

Das hieß, ich würde Desiree noch eine Woche lang an meinem Arbeitsplatz über den Weg laufen. Der einzige Trost war, dass sie in einer anderen Abteilung arbeitete und uns ein Stockwerk voneinander trennte. Das war dann aber auch schon alles, was mir diesen Spießrutenlauf ein wenig angenehmer machen würde, denn schließlich müsste ich den restlichen Kollegen sagen, dass die Hochzeit flachfiel. Sonst würden sie noch vergeblich vor der Kirche warten oder mir in der Kantine vor versammelter Belegschaft ein Geschenk überreichen wollen.

Nein, nein, nein. Nur, wenn ich schon daran dachte, bekam ich Schweißausbrüche.

Wenn Desiree nicht ganz so bescheuert wäre, wie sie aussah, würde sie vielleicht für sich behalten, dass sie meinen Ex-Verlobten ehelichen wollte. Doch mir war klar, dass dieser Gedanke in das Reich der Phantasie gehörte. Nein, Desiree schämte sich nicht die kleinste Bohne dafür, einer Arbeitskollegin den Bräutigam ausgespannt zu haben.

Also nahm ich Maries Vorschlag an. Ich gab mich der Hoffnung hin, dass bis nach dem Urlaub Gras über die ganze Sache gewachsen sein und ich mein Leben wieder so führen könnte wie vor dem Reinfall namens Peter. Schließlich starb die Hoffnung immer zuletzt.

Irgendwann entdeckt jeder von uns, dass es nicht nur den Himmel auf Erden gibt, sondern auch das Gegenstück. Diese eine letzte Woche bei der Arbeit, bevor ich meinen Urlaub antreten konnte, da durchschritt ich meine persönliche Hölle auf Erden.

Mein vorrangigstes Ziel lautete, mein Büro zu erreichen und dabei nicht in Desirees Fängen zu landen. Deswegen benutzte ich nicht den Haupteingang wie gewöhnlich, wo der einzige Aufzug im ganzen Haus war, sondern den Hintereingang, wo es lediglich ein Treppenhaus gab. Also joggte ich in Höchstgeschwindigkeit die Treppen ins dritte Stockwerk hoch und den Gang entlang, bis ich vor meiner Bürotür zum Stehen kam.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich dann einen hochroten Kopf und die Schnappatmung eines an Land geworfenen, sechs Kilo schweren Karpfens, der jeden Moment vor seinen Schöpfer treten würde. Leider muss ich gestehen, dass ich sportlich eine absolute Null bin (na, was für eine Überraschung!).

Froh, unbemerkt an meinem Ziel angelangt zu sein, versteckte ich mich gleich hinter meinem Schreibtisch. Doch zwei der tratschsüchtigsten Kolleginnen watschelten direkt nach meiner Ankunft in mein Zimmer herein und drangsalierten mich mit Fragen.

„Karen, ist das wahr? Desiree erzählt unten, sie wäre die neue Verlobte von deinem … ähm, jetzt wohl Ex-Freund.“

„Hat er dich wirklich wegen Desiree verlassen? Das behauptet sie zumindest.“

Zu allem Übel kam in diesem Moment mein Chef, herein. Herr Becker verzog den Mund und grunzte abfällig, was mir zeigte, dass er das neueste Gerücht nun ebenfalls gehört hatte. Nach einem Blick auf mich, die kollabierend, mit roter Gesichtsfarbe, die einem Pavian-Hintern alle Ehre gemacht hätte, halb unter dem Schreibtisch lag, war ihm wohl sofort klar, dass er die Gerüchte, dass mein Verlobter mich sitzengelassen hatte, nicht in Frage zu stellen brauchte. Immerhin brachte das Auftauchen meines Bosses das firmeninterne Abhörkommando dazu, sich eiligst zu verdrücken, wofür ich ihm insgeheim dankbar war.

Beckers Stirn kräuselte sich unter seinen ergrauten Locken. „Wie sieht es aus, muss ich nun davon ausgehen, dass Sie Ihren Urlaub nicht antreten werden?“

Keinerlei Mitgefühl schwang in der tiefen Stimme meines Chefs mit. Mein Verdacht, dass er in Wirklichkeit ein Alien war, verhärtete sich angesichts seines Gebarens immer mehr.

„Nein, Herr Becker“, antwortete ich mit einem Räuspern. „Ich werde zwar nicht heiraten, aber meinen Urlaub werde ich trotzdem nehmen. Natürlich ohne den Heiratssonderurlaub.“ Mein Gesicht schmerzte bei dem Versuch eines falschen Grinsens.

Mit ruckartigen Bewegungen schob Herr Becker die Brille auf seiner Knollennase zu Recht. „Gut, gut. Dann wäre ja alles geklärt.“ Er nahm seinen Aktenkoffer und verschwand in seinem Büro.

Aufatmend ließ ich mich in meinen Bürostuhl zurückfallen und widmete mich meiner Arbeit.

Seltsamerweise hatten in dieser Woche viele meiner Arbeitskollegen etwas mit mir zu besprechen, was natürlich nur immer der Aufhänger war, um brühwarm etwas über die geplatzte Hochzeit in Erfahrung zu bringen.

Mit dem geschnieften Satz „Tut mir leid, ich kann noch nicht darüber reden“ konnte ich allen Gesprächen aus dem Weg gehen.

Um Desiree nicht anzutreffen, ging ich immer etwas früher, vor der eigentlichen Mittagspause, in die Kantine. Mein Plan funktionierte auch gut - bis Mittwoch.

Ich lief gerade am Lift vorbei, als sich plötzlich dessen Türen öffneten und ich Desiree gegenüber stand. Sie streckte in diesem Moment die linke Hand vor sich aus und zeigte ihren Freundinnen, die sie giggelnd umringten, den Verlobungsring. Vor Entzücken kieksten die Damen im Chor wild durcheinander:

„Oh, der ist ja wundervoll, Desi!“

„Wie schön!“

„So einen hätte ich auch gerne!“

„Du Glückspilz!“

Als sie mich entdeckten, verstummten sie jedoch abrupt, um gleich darauf leise weiter zu tuscheln und zu prusten:

„Das ist sie doch, oder?“

„Die ist ja ewig groß.“

„Schau dir mal die roten Haare an!“

Und Desi, die falsche Schnalle, grinste bösartig. So schnell wie meine Kondition es zuließ, hechtete ich zurück in mein Büro. Wütend über diese Schmach, die mir Peter und Desi zufügten, ersann ich einen teuflischen Racheakt, den ich noch vor meinem Urlaub lostreten wollte.

Am späten Mittwochnachmittag schlichen Harry (in einem beigen Trenchcoat mit Bogarthut) und ich (mit Kopftuch und großer Sonnenbrille) unbemerkt in Rossners Geschenkeladen.

Naja, wir blieben fast unbemerkt, bis Harry einen Stapel Töpfe umstieß, was zu einem Heidenspektakel führte. Ein kleiner Chihuahua, der einer Kundin gehörte, erschrak durch den Lärm dermaßen, dass er seinem Frauchen aus der Handtasche hüpfte und quer durch den Laden flitzte. Dabei zerbrach er vermutlich mehr Geschirr als der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen. Die Verkäuferinnen und die Kundin versuchten vergeblich, das wildgewordene Pelzknäul einzufangen, was uns Pseudo-Agenten die Gelegenheit gab, ohne großes Aufsehen ins Untergeschoss zu gelangen. Dort war er, der Heilige Gral: Peters und Desis Geschenktisch.

Als ich die Tischkarte sah, auf der ihre Namen nebeneinander verewigt waren, versetzte es mir einen Schlag in die Magengrube. Nicht nur mein Name war durch Desirees ausgetauscht worden, sondern auch das Trauungsdatum. Peter hatte es wohl besonders eilig Desi zu heiraten, denn der Termin lag vor unserem geplanten Hochzeitstermin.

Bloß diese Karte mit der vom Nebentisch zu vertauschen, erschien mir zu lapidar und zu auffällig. Deswegen tauschten wir einige der Geschenke aus, nicht viele. Nein, nur ein paar, auf die Desiree, meines Erachtens, am meisten Wert legen würde. Wir beschränkten uns auf drei Dinge. Aus einem Teppanyaki-Grill wurde ein Set geschmackloser Kerzenhalter, die Zwerge darstellten, deren pralle, nackte Hintern zu den Hosen heraushingen. Der edle Rotwein-Dekanter wurde zu einem kitschigen Toilettenbürstenhalter in Form eines hässlichen Babys. Und den eleganten Ice-Crusher ersetzte Harry durch einen (und ich weiß bis heute nicht, woher er den aufgetrieben hatte) riesigen, erschreckend echt aussehenden Dildo mit Vibration und Akkufunktion. Zwar könnte Desi daran womöglich noch ihre Freude haben, aber Peter sicherlich nicht. Zumindest vermutete ich dies. Aus diesem Grund gab ich Harry für den Austausch grünes Licht.

Mit einem zufriedenstellenden Gefühl der Genugtuung verließ ich schließlich den Laden.

Am Tag vor dem Abflug setzte ich einen weiteren Teil meines diabolischen Racheplans in die Tat um. Ich fand heraus (dank des firmeninternen Abhörkommandos), wo genau Peters und Desis Hochzeitsfeier stattfinden würde. Es war dann ein Kinderspiel unter Desirees Namen eine Torte samt Stripper zu bestellen, die pünktlich am Tag ihrer Hochzeit an besagte Adresse geliefert werden würde. Als Rechnungsadresse gab ich selbstverständlich Peters Anschrift an. Alles waren nur kleine Gemeinheiten, die ich einfädelte, aber sie halfen mir, die Schmach, eine sitzengelassenen Braut zu sein, leichter zu ertragen.

Abends verabschiedete ich mich von meinen Eltern. Angesichts der verheerenden Umstände (meine Mutter war noch immer zu Tode betrübt über den Verlust von Peter als Schwiegersohn) fiel der Besuch ziemlich wortkarg und kurz aus.

Endlich war es dann Freitagmittag und ich konnte nach der Arbeit zum Flughafen fahren. Beschwingt, alles hinter mir lassen zu können, bestieg ich meinen Flieger nach London. Sogar während des Fluges versuchte ich noch immer, Antworten auf die Fragen zu finden, die mir im Kopf umherzogen.

Warum war Peter erst drei Wochen vor unserer Hochzeit eingefallen, mir zu sagen, dass er mich nicht liebte? Weshalb hatte ich seine fehlende Liebe nicht bemerkt? Spielte es für eine Beziehung wirklich eine Rolle, aus welchen gesellschaftlichen Kreisen man kam? Peters komplettes Desinteresse an der Hochzeit hätte mir eine Warnung sein müssen. Wie hatte ich das bloß übersehen können? Jede noch so kleine Entscheidung, die unsere Feier betraf, hatte er mir überlassen, weil er angeblich geschäftlich ja so sehr eingebunden war. Auch dieser nicht-vorhandene Enthusiasmus zu der Angelegenheit, dass ich bei ihm einziehen würde (was übrigens die Idee meiner Mutter war), hätte mich wachrütteln müssen. Aber … ich hatte auf rosaroten Wattebäuschchen geschwebt: Endlich ein toller Kerl, der mich heiraten wollte.

Zum Glück hatte ich die Kündigung meiner Wohnung rückgängig machen können. Der Verlobungsring würde per Post an Peter zurückgehen. Und wenn ich in zwei Wochen wieder nach Hause kam, würde alles wieder so sein wie früher. Ich, Karen, das rothaarige Schlachtschiff, allein auf hoher See.

Kapitel 4

Marie wartete in der Ankunftshalle des Flughafengebäudes auf mich. Von Weitem sah ich sie (ich hatte meine Brille auf) immer wieder in der Menschenmenge, mal hier mal dort, auf und nieder hüpfen, wie ein lebender Flummi, der verzweifelt versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen.

Als sie mich entdeckte, rannte sie mir mit einem freudigen Aufkreischen entgegen. Ich ließ mein Gepäck fallen und wir hopsten uns an den Händen haltend im Kreis umher, wie zwei durchgedrehte Hühner. Nach einer halben Minute wurde uns bewusst, dass die Umstehenden ihre Unterhaltung drosselten und uns mit seltsamen Blicken maßen, was uns auf der Stelle verstummen ließ. Verlegen schnappte ich meine Sachen und lief kichernd mit Marie zu ihrem Auto.

London hieß mich mit einem dunklen, von Wolken verhangenen Himmel willkommen, der ein baldiges Gewitter ankündigte.

„Ich freue mich so wahnsinnig, dass du bei mir bist.“ Marie strahlte mich voller Zuneigung an, so dass es mir auf Anhieb besser ging.

„Und ich bin froh, dass ich deinem Ratschlag gefolgt bin.“

„Es war das einzig Richtige, jetzt alles stehen und liegen zu lassen. Glaub mir!“

Maries herrliche braune Mandelaugen leuchteten. Ihre langen schwarzen Locken umspielten ihr hübsches Gesicht mit der kleinen Stupsnase. Fast zwei Köpfe kleiner als ich, aber mit einer süßen knackigen Figur, probierte sie, meine Koffer ins Auto zu hieven. „Ich bringe dich auf andere Gedanken, da bin ich mir ganz sicher“, keuchte sie währenddessen.

„Lass mich das machen, du Zwerg.“ Ich drängte sie zur Seite und hob die schweren Gepäckstücke in den Kofferraum.

Marie lachte, als sie zur Fahrertür ging und einstieg. „Ja, es hat auch seine Vorteile, so klein zu sein.“ Mit einem traurigen Schmunzeln stieg ich ins Auto, was Marie beobachtete. Sie startete das Auto und seufzte: “Schau nicht so deprimiert! So groß zu sein wie du, ist kein Nachteil.“

„Welche Vorteile hat es bitteschön, außer, dass ich kleinen, frechen Leuten wie dir auf den Kopf spucken kann?“, fragte ich mürrisch.

Maries exotische Augen wurden noch eine Spur schmaler. „Du weißt es ganz genau und ich werde es jetzt zum letzten Mal sagen, ich schwöre es: Deine superlangen Beine zum Beispiel. Um die ich dich beneide und vermutlich die ganze Welt, wenn du sie nicht immer verstecken würdest. Und wehe du jammerst mir wieder wegen deiner roten Haare oder Brille vor, dann kotzte ich. So ´ne Haarfarbe wie du hat sonst kein Mensch und spätestens seit Anastacia sind brillentragende Frauen sexy.“

Verhalten lächelte ich. Ich konnte es nicht leugnen, sie hatte mir schon oft Komplimente gemacht. Ja, möglicherweise stimmte das, was sie behauptete.

Oft nimmt man sich selbst viel kritischer wahr als andere es tun. Gerade wir Frauen sind besonders gut darin. Zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn, zu lockig, zu glatt … Wir finden an uns immer etwas, was uns nicht passt. Ich liebe es, eine Frau zu sein!

„Na“, seufzte ich resignierend. „Ich halt mich eher für eine Kreuzung zwischen einem irischen Riesenkobold und einer Brillenschlange. Aber … wenn du ein Mann wärst, würde ich dich für diese Komplimente glattweg heiraten.“

„Ja, ich mich auch“, sagte Marie, was uns wieder zum Gackern brachte.

Gekonnt schleuste sie uns durch den dichten Londoner Nachmittagsverkehr.

„Wir fahren zu meinen Eltern. Denen musste ich versprechen, dich sofort zu ihnen zu bringen. Aber vorher muss ich dir noch etwas erzählen.“

„Das hört sich ja spannend an. Hast du einen neuen Freund?“

Entschieden schüttelte Marie den Kopf. „Nein, ich bin glücklich mit Carl.“ Strahlend fuhr sie fort. „Du lernst ihn bald kennen. Ich bin gespannt zu erfahren, was du von ihm denkst. Bei dem, was ich dir erzählen will, geht es um meinen Bruder.“

„Jeff?“, fragte ich verwundert.

Ich wusste, dass Marie einen vier Jahre älteren Bruder hatte, aber er war bisher selten ein Thema für uns gewesen. Sie schien von ihm immer leicht genervt zu sein, weshalb ich sie nie großartig über ihm ausgefragt hatte. Von ihrem Freund Carl allerdings hatte ich schon einiges gehört. Und wie die beiden sich kennengelernt haben, ist eine unglaubliche Geschichte, die ich euch gerne ein anderes Mal erzählen werde.

Außerhalb Londons, auf einem Parkplatz, hielt Marie den Wagen dann jedoch unerwarteterweise an. Sie stellte den Motor ab, aktivierte zu meiner Verwunderung die Zentralverriegelung und wandte sich mir mit ernster Miene zu.

„Äh, was genau wird das hier?“, fragte ich sie mit kritisch gerunzelter Stirn.

Marie rieb ihre Hände in einer nervösen Geste an ihren Oberschenkeln und holte tief Luft, als würde sie einen gefährlichen Sprung ins Ungewisse wagen. Ihr Verhalten verunsicherte mich immer mehr, was ich mir aber nicht anmerken lassen wollte. Noch nie hatte ich sie so zögernd, fast schon ängstlich, gesehen. Sie schwieg nach wie vor, schien nach den richtigen Worten zu suchen, weswegen ich erneut fragte: „Gibt es einen bestimmten Grund, warum du uns hier in deinem Auto einsperrst?“

Sie wirkte wie ein kleines verschrecktes Kätzchen. „Ja. Bevor ich dir jetzt alles erzähle, möchte ich, dass du mir versprichst, nicht sauer auf mich zu sein und nicht davonzulaufen. Versprich es mir, Karen! Bitte!“

Mit kugelrunden Augen und einem Bauch, der in den Fußraum des Autos rutschen wollte, versprach ich ihr das Gewünschte. Voller Panik fragte ich mich jedoch im Stillen, was so schlimm sein konnte, dass sie glaubte, mich einschließen zu müssen?

Leise begann Marie zu sprechen: „Kannst du dich noch an meinen letzten Exfreund vor Carl erinnern?“

„Steve? Der Typ der dich von vorne bis hinten belogen hat?“

„Genau, diese schleimige Kröte meine ich“, zischte sie wütend.

Verwirrt schüttelte ich den Kopf, weil ich nicht verstand, auf was sie hinaus wollte. „Ja, aber, was hat der mit deinem Bruder zu tun?“

„Das erkläre ich dir gleich. Also, ich hatte dir nie genau gesagt, wobei Steve mich angelogen hat.“

„Nur, dass er nicht der war, für den du ihn hieltest. Ich dachte, seine Lügereien wären so ... allgemein gewesen.“

„Ja, das waren sie auch, aber viel schlimmer war, dass seine Liebe zu mir auch gelogen war, aus einem ganz bestimmten Grund“, gestand Marie und wirkte eher zerknirscht als unglücklich darüber.

Mir schwante ein schreckliches Drama. „Steve war in deinen Bruder verknallt?“

Marie lachte auf und verdrehte die Augen. „Nein, keiner der beiden ist schwul. Steve hat diese Gefühle oder vielmehr diese ganze Beziehung nur vorgetäuscht, um an meinen Bruder ranzukommen. In Wirklichkeit war Steve kein Barkeeper, sondern ein Reporter.“

Ich verstand nur Bahnhof und guckte dementsprechend drein. „Äh, wie jetzt?“ Mein Gehirn war nicht in der Lage, mehr zu begreifen. „Dein Bruder Jeff wohnt in London und arbeitet … Warte, ich hab‘s gleich! … Bei einer Internet Firma. Irgend so etwas war es doch, oder?“

„Karen, seit ich denken kann, haben mich Mädchen belagert, mir Freundschaft vorgeheuchelt, nur damit sie letztendlich meinem Bruder näherkommen konnten.“

„Tut mir leid, ich …“ Verdattert schüttelte ich abermals den Kopf.

Marie unterbrach mich. „Du warst die erste, richtige Freundin, die mich mochte. Mich und nicht die Tatsache, dass ich die Schwester eines Teenie-Idols war.“

Ich strahlte, denn endlich war bei mir der Groschen gefallen. „Aha, okay! Jetzt, danke. Jetzt komm ich mit“, murmelte ich nickend. „Und, … wer ist dein berühmter Bruder?“ Nun war ich gespannt. Wahrscheinlich war Jeff ein Schauspieler von einer englischen Fernseh-Serie, die ich nicht mal kannte.

Doch Marie eierte noch immer um eine klare Antwort herum. „Ich konnte es dir nicht eher sagen, Karen. Ich musste warten, bis du so weit bist …“

Wieder hatte ich keinen Plan, was Marie meinte. Bis ich so weit war? Mit was denn?, schrillte es in meinem Kopf.

Aus Maries Augen blitzte der Schalk. „Weißt du, wie gruselig es ist, wenn deine beste Freundin ihre gesamten Wände mit den Bildern deines Bruders tapeziert? Sie dir dauernd Lieder von ihm vorspielt und ständig von ihm schwärmt?“

Mein Hirn schien zu explodieren, tausend Bilder stürmten auf mich ein und mein Magen zog sich abrupt zusammen. Gleichzeitig wurde mir ganz heiß vor Scham, wenn ich daran dachte, wie ich mich als Teenager benommen hatte. Ungläubig stotterte ich: „Dein Bruder Jeff … ist …“ Das konnte nicht wahr sein. Ich stammelte weiter: „… ist Thomas May?“

Thomas May, ehemaliger Leadsänger der heißesten Boygroup, die es je gab, und mein absoluter Teenie-Schwarm. Vergöttert, angebetet von mir und noch anderen Millionen von Mädchen. Seine Songs spielte ich überall und zu jeder Zeit. Natürlich konnte ich die Songtexte auswendig (vorwärts und wahrscheinlich sogar auch rückwärts). Poster, Autogrammkarten, Zeitungsausschnitte und jeder noch so kleine Schnipsel, wurden von mir gesammelt und wie ein Heiligtum aufbewahrt.

Im Nachhinein betrachtet fand ich mein Getue von damals ziemlich unterbelichtet. In jenem Moment, in Maries Auto, war es für mich allerdings nur ein schwacher Trost, dass dieses Verhalten für ein Mädchen im Teenie-Alter als völlig normal galt.

Kurz vor meinem ersten Freund fand diese Schwärmerei ein Ende. Thomas May trennte sich von seinem Partner und führte seitdem eine erfolgreiche Solokarriere. Natürlich hörte ich seine Musik noch immer, aber nicht mehr ausschließlich und lange nicht mehr mit dieser kindischen Verliebtheit.

„Bist du jetzt sauer auf mich?“

Marie riss mich aus meinen Gedanken. Darüber musste ich mir erst mal klar werden. Plötzlich war Marie nicht mehr die Marie, die ich kannte, sondern eine andere. Eine Marie mit einem Star als Bruder.

Du glaubst, einen Menschen in- und auswendig zu kennen. Doch dann kommt irgendwann eine Situation, in der du erkennst, dass man einen Menschen nie völlig durchschauen kann. Ist das nicht beunruhigend schön, dass das Leben immer wieder etwas Neues für uns bereithält?

Betrübt murrte ich: „Einerseits schon, weil du mir so wenig vertraut hast, aber andererseits … kann ich es verstehen. Warum hast du es mir nicht schon früher gesagt?“

„Karen, wenn ich dir das damals, im Alter von zwölf Jahren, gesagt hätte, wer mein Bruder ist, wärst du doch total ausgerastet. Du wärst genauso heuchlerisch wie die anderen Mädchen aus meiner Klasse geworden, die wussten, dass Thomas May mein Bruder war. Du kanntest seinen richtigen Namen nicht und hattest ihn noch nie gesehen. Später dachte ich, dass es für unsere Freundschaft keine Rolle mehr spielen würde.“

„Das tut es auch nicht“, lenkte ich ein. Nachdenklich fragte ich: „Wieso habe ich eigentlich nie den richtigen Namen von ihm irgendwo gelesen? Der hätte doch irgendwann durchsickern müssen?“

„Jeff hat immer versucht, seinen bürgerlichen Namen aus der Presse herauszuhalten. Für ein Interview war das immer eine seiner Bedingungen. Unsere Eltern hatten damals von Anfang darauf bestanden und das war auch gut so.“

Marie wirkte mit einem Mal bedrückt. „Weißt du, die Schwester von Thomas May zu sein ist echt scheiße für Beziehungen. Egal ob zu Männern oder Frauen. Ich liebe meinen Bruder, aber … Es gab Zeiten, da hätte ich ihm am liebsten den Hals umgedreht.“

„Und deshalb musstest du die Autotüren verschließen, um mir das zu sagen?“, stellte ich amüsiert fest.

„Hätte ich dir zuvor nicht von Steve und den anderen Mädchen erzählt, sondern es einfach hinausposaunt: Karen, übrigens, nach zwölf Jahren sag ich es dir jetzt, Thomas May ist mein Bruder. Wärst du doch stinksauer geworden, oder? Und ich weiß genau, was du am liebsten machst, wenn es dir zu viel wird: Du ergreifst die Flucht.“

Schmunzelnd kräuselte Marie ihre Stirn, während ich genervt gestand: „Kacke, ja. Ich wäre total sauer geworden und hätte dich hier alleine sitzen lassen.“ Ungläubig schüttelte ich den Kopf. „Wie hast du es bloß mit mir ausgehalten? Ich hab doch ständig von ihm gelabert.“

„Nein“, lachte Marie. „So übel war es nicht … Okay, ab und zu schon. Aber trotzdem war ich wahnsinnig gerne bei dir und wir hatten immer 'ne wahnsinnig tolle Zeit. Nur, wenn ich morgens bei dir im Zimmer aufgewacht bin, Jeff mich von jeder Wand angeglotzt hat, und ich seine Musik hören musste, das war schräg. Gott sei Dank hattest du die Schwärmerei aber irgendwann überwunden.“

„Oh Gott!“, kicherte ich leise. „Und wieso rückst du ausgerechnet jetzt damit heraus?“

„Wir gehen doch gleich zu meinen Eltern zum Tee. Sie haben Bilder von Jeff und mir herumstehen. Spätestens da hättest du ihn dann sowieso erkannt.“ Und ganz leise, dass ich es fast nicht gehört hätte, hängte sie ein „… Und weil er vielleicht da ist“ hintendran.

Ich erstarrte. „Wie, da ist? Du meinst jetzt, total verknautscht nach dem Flug, stinkend wie ein Biber, soll ich ihm gegenübertreten?“

„Entschuldige mal, bei meinen Eltern hat das eben noch keine Rolle gespielt, oder?“

Ich zog den Kopf ein. Marie hatte echt Talent, alles ins richtige Licht zu rücken. „Ja, sorry. Stimmt! Er ist einfach nur … dein Bruder.“

„Eben!“, grinste Marie. „Auf jeden Fall hab ich Recht behalten.“

„Mit was, dass ich vor Wut davongelaufen wäre?“

Marie startete mit einem breiten Grinsen den Wagen. „Nein, dass ich dich auf andere Gedanken bringe. Oder hast du in den letzten Minuten einen davon an Peter verschwendet?“

Gespielt erstaunt hob ich meine Augenbrauen an. „Was zur Hölle ist ein Peter?“

Lachend fuhren wir weiter und nahmen direkten Kurs auf einen Tee, der mir immer in Erinnerung bleiben würde.

Kapitel 5

Die grellen Blitze zuckten wild am düsteren Sommerhimmel und die Blätter der Bäume rauschten laut im Wind. Äste und Gräser schwankten in einem tobenden Rhythmus. In dicken Tropfen prasselte der Regen dröhnend auf unser Auto hinab. Schlammige Pfützen bildeten sich auf dem Kiesweg, der zu dem Gutshaus führte, in dem Maries Eltern wohnten.

„Na, super Wetter hab ich mir ausgesucht.“

Durch das Autofenster sah ich dem strömenden Regen zu. Marie parkte den Wagen neben einer großen Limousine im Hof. Wir hatten noch ein gutes Stück durch das Gewitter zum Hauseingang zu laufen, weshalb wir mit dem Aussteigen zögerten.

Marie atmete tief durch. „Also am besten raus und dann nur noch rennen, okay?“

„Okay“, antwortete ich kleinlaut und machte mich für den Sprint bereit.

Die Wagentür wurde mir durch den orkanartigen Sturm aus der Hand gerissen und ich hatte einiges zu tun, um sie wieder zu verschließen. So schnell wie ich in meinen sommerlichen Stofflatschen rennen konnte, jagte ich nahezu blind (wegen meiner nassen Brillengläser) zur Haustür. Allerdings trat ich dabei mehrmals in knöcheltiefe Regenlachen, die meine Schlappen bis zum Rand voll Wasser laufen ließen, was an einem heißen Sommertag bestimmt herrlich erfrischend gewesen wäre.

Mit quietschenden Gummisohlen kam ich neben Marie unter dem Vordach zum Stehen. Wir sahen einander an und nach Maries geschocktem Blick zu urteilen, musste ich genauso aussehen wie sie.

Die Mascara und der Kajalstrich liefen in langen schwarzen Bächen über ihre Wangen. Ich vermutete, dass wir beide gleich aussahen - wie diese abartigen Wasserleichen aus den Horrorfilmen. Lange, nasse Haarsträhnen klebten an unseren Köpfen und die riesigen dunklen Augenringe verliehen uns eine Totenblässe. Von meiner roten Haarfarbe und Maries Locken war nichts mehr zu erkennen. Wir trieften bloß einfach vor Nässe. Die gesamten Kleider hingen an uns herunter. Meine luftige, helle Tunika war nunmehr ein nasser Sack. Maries zuvor wunderschön schwingendes Sommerkleid tröpfelte nur noch traurig wie ein alter Putzlappen vor sich hin.

„Mein Gott, Mädchen, schnell, kommt rein! Ihr seid ja eingeweicht bis auf die Knochen.“ Die Tür hatte sich von uns unbemerkt geöffnet und plötzlich fanden wir uns Maries Mutter gegenüber. Kurzerhand zog sie uns ins Haus.

Da stand ich nun nässer als nass neben Marie und entdeckte voller Unbehagen, dass nicht bloß ihre Mutter uns in dem großräumigen Flur erwartete. Ein älterer Herr, der nur Maries Vater sein konnte, und zwei jüngere Männer zählten zu dem unerwarteten Empfangskomitee. Den einen davon machte ich sofort als Maries Bruder Jeff aus, der tatsächlich Thomas May, mein Schwarm aus vergangenen Zeiten war. Der andere war ein blonder Kerl, den ich nicht einordnen konnte. Er hielt gerade sein Handy am Ohr und telefonierte.

Während sich auf dem Gesicht von Maries Vater Sorge widerspiegelte, ließ der Unbekannte fast sein Handy fallen, als er uns ansichtig wurde. Er stöhnte ein gedehntes „Oh-mein-Gott“, wandte sich daraufhin von uns ab und lief davon. Es wirkte, als suche er das Weite, um sich das Elend nicht länger anschauen zu müssen.

Im Gegensatz dazu verfiel Maries Bruder in eine regelrechte Schockstarre, als könnte er, so schrecklich es auch war, nicht wegschauen.

Du weißt schon, wie bei einem Unfall. Man will es eigentlich nicht sehen, aber man kann nicht anders.

Ich schaute an mir herunter und wunderte mich nicht mehr über die Reaktionen der Anwesenden. Zu meinem Entsetzen war meine zuvor weiße Hose mit dicken Schlammspritzern übersät und meine beigen Leinenschlappen waren auf einmal kackbraun. Zum krönenden Abschluss unserer aparten Erscheinung bildete sich um Marie und mich allmählich eine bräunlich-gelbe Pfütze. Es sah aus, als hätten wir in der Diele einen Wettstreit im Hosen-Pinkeln veranstaltet.

“Ihr ruiniert den Parkettboden“, blaffte Jeff, der wohl gerade aus seiner Starre erwacht war.

Wenigsten hatte er ruiniert und nicht uriniert gesagt, schoss es mir durch den Kopf.

Vorwurfsvoll und alles andere als freundlich musterte er uns. Seine gleichmäßigen Augenbrauen bildeten dabei einen wütenden Strich und um seinen Mund lag ein bitterer Zug.

Gott, der Kerl sah wirklich so gut aus wie auf den Postern. Etwas älter, ja, aber zugegebenermaßen sogar noch besser als zu meiner Teenie-Zeit. Jeff war damals sechzehn Jahre alt gewesen und hatte dort schon blendend ausgesehen, zwar wie ein Milchbubi, aber extrem süß. Jetzt musste er achtundzwanzig sein und verdammte Scheiße … er sah absolut sexy aus, denn nun war er ein richtiger Mann. Ich roch förmlich, wie aus jeder seiner Poren männliche Pheromone krochen.

Meine Wangen färbten sich rosa von der Hitze, die allein sein Anblick in mir auslöste. Der Kerl war das beste Beispiel für die Redensart, dass Männer im Alter interessanter und Frauen nur älter werden. Allein deswegen gehörte ihm schon eine verpasst, mal ganz abgesehen von seiner unfreundlichen Art.

Maries Vater versuchte, die Situation zu entschärfen. „Das spielt jetzt keine Rolle. Marie, gehe mit Karen hoch, in dein altes Zimmer. Jane, bring ihnen ein paar trockene Kleider und Schuhe.“

„Ja, natürlich. Sonst werdet ihr noch krank. Die Begrüßung holen wir im Salon nach“, sagte Jane und machte sich auf den Weg.

Mit einem komischen Gefühl im Magen folgte ich Marie in ihr altes Kinderzimmer. Nachdem Jane uns Kleider und Schuhe gebracht hatte, verließ sie uns gleich wieder, damit wir uns ungestört umziehen konnten. Marie fand in dem Stapel ein schwarzes Kleid, das ihr wie angegossen passte. Aufgrund meiner Körpergröße waren mir die Kleider jedoch entweder zu kurz oder zu eng. Außer einem beigen, langen Faltenrock und einer braun gemusterten Bluse, die sogar für mich viel zu weit war. Ich fand mich in einer Kombination wieder, über die nicht mal meine Großmutter entzückt gewesen wäre.

Um das Desaster meiner Haare einzudämmen, machte ich mir einen Knoten im Nacken. Anschließend putzte ich meine Brillengläser, damit ich deutlich sehen konnte, was vor sich ging, was ich aber besser hätte lassen sollen. Denn als ich meine Ersatzschuhe sah, packte mich das Grauen: Gästepantoffeln aus pinkem Plüsch. Um den Alt-Oma-Look zu perfektionieren hätte mir nur noch das Brillenkettchen gefehlt.

In dem beigen Faltenrock, gemusterter Bluse, rosa Puschen, Brille und Dutt ging ich mit Marie wieder herunter zum Salon.

In diesem Aufzug sollte ich Thomas May gegenübertreten? Das konnte nur ein bizarrer Albtraum sein. Heimlich zwickte ich mich. Nein, es geschah leider wirklich.

„Wer ist eigentlich der andere Typ?“, fragte ich Marie leise auf Deutsch, damit uns keiner verstand, falls uns jemand hören sollte.

„Das ist Jeffs Manager und Berater Frank. Ein Vollpfosten wie er im Buche steht. Weiß gar nicht, warum der mit ihm hier rumhängt.“

Als wir den Raum betraten, sprach Jeff gerade mit Jane. Sie standen vor einem Tisch, der zur Tea Time eingedeckt war.

„Mom, du weißt, wir können nicht lange bleiben. Ich hab noch einen Termin.“

„Für einen Tee wird die Zeit bestimmt noch reichen. Ah, da seid ihr ja!“ Erfreut kam Jane auf uns zu.

Ich versuchte, mich hinter Marie zu verbergen, die in ihrem schwarzen Kleid überhaupt nicht omamäßig aussah. Natürlich war das ein sinnloses Unterfangen, weil Marie viel kleiner als ich war und ich der Mittelpunkt dieses Nachmittagstees sein sollte. Außerdem zog sie mich an ihre Seite und sabotierte damit meine Absicht, nicht aufzufallen.

„Also, Karen, dann stelle ich dir mal meine Familie vor. Diese schöne Lady, …“, sagte Marie und machte eine dramaturgische Pause, in der sie sich kokett die Haare über die Schulter warf. “… der ich verdammt ähnlich sehe, ist meine Mutter, Jane Thomas.“

Ja, unverkennbar war diese Frau Maries Mutter. Die gleichen Mandelaugen und dieselbe Stupsnase entdeckte ich in Janes nettem Gesicht. Nur hatte ihr Haar weder diese Locken noch die Farbe von Maries, sondern war glatt und braun. Jane legte grinsend einen Arm um Marie.

„Du bist unmöglich, Kind.“ Mit einem strahlenden Lächeln wandte sie sich zu mir und nahm meine Hände in ihre.

„Hallo, Karen, ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich immer wieder darüber freue, dass Marie dich damals zur Brieffreundin bekommen hat. Es ist höchste Zeit, dass du uns besuchst. Herzlich willkommen, Liebes.“

Als sie ihre Arme um mich legte, traten mir Tränen vor Rührung in die Augen. Nicht mal von meiner Mutter wurde ich nach längerer Abwesenheit so liebevoll begrüßt. Ich konnte mich gerade noch zusammenraufen, um nicht laut loszuheulen.

„Danke, Mrs. Thomas, das ist sehr freundlich von Ihnen. Vielen herzlichen Dank.“

Krampfhaft lächelte ich und rückte unnötigerweise meine Brille gerade, die eigentlich perfekt auf meiner Nase saß.

„Nenn mich bitte Jane“, forderte Maries Mutter mich auf.

Marie nahm mich an der Hand und zog mich weiter zu ihrem Vater. „Und dieser junge Mann ist mein Dad, Derek Thomas.“

Derek lachte in einem tiefen, vollen Ton. Er überragte mich um Haupteslänge, was mit selten bei einem Gegenüber passierte. Sein brauner Haarschopf war von unzähligen grauen Strähnen durchzogen. Trotz seines fortgeschrittenen Alters sah Derek noch überaus attraktiv aus.

„Danke, Marie, so charmant bin ich schon sehr lange nicht mehr vorgestellt worden.“

Wir gaben uns die Hand. „Es ist schön, Sie endlich kennenzulernen, Mr. Thomas.“

„Ganz meinerseits, Karen. Mr. Thomas ist übrigens nicht hier, ich bin Derek.“

Ich lachte erfreut über die nette Geste.

Marie war in der Zwischenzeit zu ihrem Bruder gegangen und hatte ihm den Arm auf den Rücken gelegt. Es hatte den Anschein, als wollte sie ihn auf mich zu schieben. „Und das ist mein Bruderherz, Jeff Thomas, besser bekannt als …“

„Thomas May“, beendete ich Maries Satz. Ich streckte Jeff meine Hand entgegen, die er nach einem kurzen Zögern annahm. Im Geiste war ich dankbar, dass ich tags zuvor noch meine Nägel frisch lackiert hatte und schenkte ihm mit neu gewonnener Selbstsicherheit mein schönstes Lächeln.

Jeff, der annähernd so groß wie sein Vater war, trug ein figurnah geschnittenes Hemd, das breite Schultern und eine muskulöse Brust erahnen ließ. Seine Augen erinnerten mich an das hellgrüne Moos, das im Frühjahr an den Steinen wuchs. Goldene Funken tanzten um seine Pupillen und verliehen seinen Iriden ein unheimliches Glimmen. Sein makelloser Teint wirkte wie Bronze. Die Nase war schmal und lang, sein Kiefer markant ausgeprägt mit einem atemberaubenden Männermund. Diese Lippen - voll und weich - waren wundervoll geschwungen. Eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit vom lieben Gott, die einem Mann zu schenken.

Ernst schaute er mir in die Augen und zeitgleich spürte ich, ein kleines Feuerwerk in meinem Magen toben.

„Hi, wie gesagt, ich bin Jeff“, meinte er, hob kurz seine mächtigen Schultern an, als könne er nichts dafür und beendete so schnell wie möglich unseren Augen- und Händekontakt, was in mir ein Verlustgefühl auslöste.

„Und das …“, fuhr Marie fort, wobei ihre Stimme unverkennbar widerwillig klang. „… ist Frank. Er ist nicht mit uns verwandt.“

Frank war einen Kopf kleiner als ich, hatte blonde Wellen, wässrig blaue Augen und eine spitze Nase. Das Lächeln auf seinen schmalen Lippen passte nicht zum Rest seines finster dreinschauenden Gesichts. Im Grunde war er ein gutaussehender Mann, doch seine arrogante Ausstrahlung machte es mir schwer, ihn sympathisch zu finden.

„Hi, Frank“, begrüßte ich ihn freundlich, worauf Frank zwar meine Hand schüttelte, mich aber schier keines Blickes würdigte, sondern auf seine Uhr sah und dabei ein gelangweiltes „Hi“ nuschelte.

Eine solche Unhöflichkeit war schwer zu schlucken, vor allem weil Maries Familienmitglieder als Zuschauer fungierten. Mir erlosch das Grinsen in Zeitlupe.

„Jeff, die Zeit drängt“, trieb Frank indessen seinen Schützling ungeduldig an.

„Eine Tasse Tee wird nicht den Weltuntergang einläuten, Frank“, murrte Jane ungehalten und begann, den Tee einzuschenken. Wir alle nahmen am Tisch Platz.

„Seid ihr gut durch den Verkehr gekommen?“, fragte Derek, der an Kopfende der Tafel saß.

Marie bestrich sich einen Scone mit Clotted Cream und antwortete ihrem Vater: “Ja, kein Problem. Der Flieger war sogar pünktlich.“

Jeff saß mir gegenüber und schaute ziemlich unzufrieden aus der Wäsche. Neben ihm klimperte Frank lautstark und entnervt in seiner Teetasse herum.

Jane, die am anderen Tischende ihren Stuhl hatte, bemühte sich ebenfalls, eine ungezwungene Konversation ins Laufen zu bringen.

„Und, Karen, wie hat die das Stückchen Britannien gefallen, das du bisher gesehen hast?“

Dankbar lächelte ich Maries Mutter an. „Oh, sehr gut. Schade nur, dass das Wetter nicht mitspielt.“

Frank grunzte schadenfroh in seine Teetasse: „Tja, manche Dinge sehen auch im nassen Zustand noch besser aus als andere. Leider ist das nicht mit allem so.“

Janes Lächeln erstarb und ich vermutete, dass sie Franks Äußerung genauso wie ich als versteckte Beleidigung mir gegenüber verstand. Sie bedachte Frank mit einem Blick, der zeigte, dass sie ihn genauso entzückend empfand wie Fußpilz.

Was sollte ich darauf sagen? Ich beschloss, Franks Beleidigung, falls es eine war, zu ignorieren. Denn ich wollte nicht gleich am ersten Tag als Gast einen eskalierenden Streit anzetteln. Um wenigstens irgendetwas mit Jeff zu reden, sagte ich:

„Marie hat dir bestimmt erzählt, dass ich alle deine CDs habe. Ich liebe deine Musik.“

Wahrscheinlich warteten sie sowieso schon darauf, dass ich hysterisch kreischend über Jeff herfallen würde. Und da mein erster Auftritt eh sprichwörtlich ins Wasser gefallen war, konnte ich sie in dieser Beziehung doch nicht auch noch enttäuschen. Doch als ich Jeffs abfällige Miene bemerkte, wusste ich, warum ich es besser nicht getan hätte.

In sarkastischem Ton hörte ich ihn sagen: „Ah, ein Fan. Nett. Gottlob muss ich nicht mit jedem an einen Tisch sitzen. Aber manchmal bleibt einem nichts erspart.“

Ich saß da, wie vom Blitz getroffen. Hatte ich ihn richtig verstanden? Enttäuschung machte sich in mir breit. Jeder gemeine Satz von Jeff traf mich wie ein ätzender Stachel.

Frank lachte voller Hohn: „Oh ja, das wäre wirklich entsetzlich, wenn jeder deiner Fans mit dir einen Tee trinken wollte.“

Dann fiel Marie über die beiden her. „Aber sonst geht es euch noch gut, oder? Karen trinkt einen Tee mit mir, ihrer besten Freundin, und ist nicht wegen dir hier.“

Derek schüttelte mit einem verärgerten Grummeln den Kopf, während Jane die Hände vors Gesicht schlug und leise aufstöhnte.

Was hatte ich angestellt? Nur, weil ich Jeff schmeicheln wollte. Mann, was für eine blöde Idee!

„Ach ja? Marie, sei doch nicht immer so naiv“, fuhr er seine Schwester an und warf mir dann einen verächtlichen Blick zu. „Vielleicht will Karen ja noch ein paar Fotos von mir machen? Die kann sie dann ins Internet stellen, vielleicht sogar Geld damit verdienen. Ist ja nicht so, als hätten wir das nicht schon gehabt, oder?“ Jeffs Augen schossen böse Blitze auf Marie und mich ab.

Hatte ich wirklich Zeitungsausschnitte von diesem eingebildeten Trottel gehortet?

„Äh – nein, danke. Ich möchte kein Foto von dir“, sagte ich ruhig und stinkfreundlich, obwohl mir eher nach Schreien zumute war. Ich schob meinen Stuhl zurück und fragte Marie leise auf Deutsch: „Wo ist euer Bad? Ich muss hier raus.“

Tröstend drückte sie meine Hand und in ihren Augen stand unendliche Traurigkeit. „Im Flur gegenüber.“

Mit wackeligen Knien verließ ich den Salon. Der Spiegel in der Toilette zeigte mir ein müdes Gesicht, glasige Augen, fiebrig-rote Wangen und Lippen. Wieder war mir heiß, aber diesmal nicht von irgendwelchen romantischen Gefühlen, sondern von dieser Erniedrigung und diesen Unterstellungen, die mir eben widerfahren waren. Vom Regen in die Traufe, dachte ich. Wie viel konnte ich noch an Herabwürdigung ertragen? Ich wollte nicht weinen, nicht schon wieder, und so zwang ich mich zur Wut.

Ja, zwei solche aufgeblasenen Windbeutel hatte ich schon lange nicht mehr vor die Nase bekommen.

Zornig wusch ich mir das Gesicht, ordnete meine Haare und richtete meine hässlichen Klamotten, was sie nicht besser machte. Ungern, aber tapfer, kehrte ich in den Flur zurück und blieb vor der Zimmertür zum Salon stehen. Sie war einen Spalt breit geöffnet. Noch einmal tief durchschnaufend wollte ich in den Raum zurückkehren, doch dann hörte ich die Stimme von Jeff.

Ich weiß nicht, ob du schon mal in solch einer Situation warst, aber das ist eine, die man keinem wünscht. Du stehst da und bist dir im Klaren darüber, dass die anderen nichts von deiner Anwesenheit ahnen. Jedes einzelne Wort, das sie sprechen, kannst du wunderbar hören - auch deinen Namen, der fällt. Dein Herzklopfen dröhnt bis in deine Ohren und jeder deiner Atemzüge kommt dir höllisch laut vor. Die kleinste Bewegung könnte dich verraten, was natürlich unendlich peinlich wäre. Deshalb traust du dich weder einen Schritt vor noch zurück, obwohl dir bewusst ist, dass das, was du jetzt gleich hören wirst, nicht unbedingt ein Loblied auf dich sein wird.

„Ich wollte diese Karen nicht kennenlernen, aber ihr habt ja darauf bestanden. Mann, Marie! Was ist das wieder für eine Ziege, die du da angeschleppt hast?“

Ich glaubte, mich verhört zu haben, aber das Brennen, das meinen Hals hinunter in den Magen floss, belehrte mich eines Besseren.

„Und wie sie aussieht! Kein Wunder, dass der Bräutigam sie sitzen gelassen hat“, pöbelte Frank gehässig.

„Aber wirklich wahr!“, pflichtete Jeff ihm bei und trieb mir damit einen weiteren Dorn in die Brust, wo schon unzählige von ihren vorigen Gemeinheiten steckten.

Dazwischen hörte ich Marie wütend aufschreien. Doch es war Dereks tiefe Stimme, die erklang.

„Ihr zwei solltet euch schämen. Karen ist seit über zehn Jahren mit Marie befreundet und sie ist ein willkommener Gast in unserem Haus.“

„Ruhig jetzt und ihr zwei - benehmt euch! Alle! Karen wird jeden Augenblick zurückkommen“, beendete Jane aufgebracht die Diskussion, was für mich das Zeichen war, den Salon wieder zu betreten.

Meine Füße setzten sich langsam in Bewegung, obwohl ich lieber dort stehen geblieben wäre. Dicke Tränen brannten bereits in meinen Augen, aber ich straffte die Schultern, und als ich das Zimmer betrat, mied ich jeglichen Blickkontakt. Überall sah ich hin, nur nicht in die Gesichter der Anwesenden.

Mit steifem Rücken und emotionsloser Miene setzte ich mich an den Tisch, was mich meine ganze Kraft kostete. Ohne Hast trank ich meinen Tee und versuchte, ab und an Marie glücklich anzugrinsen, was mir fast eine Gesichtszerrung einbrachte.

Allerdings kannte Marie mich einfach zu gut, als dass ich ihr etwas vorspielen konnte. Auf Deutsch fragte sie: „Du hast alles mitangehört, nicht wahr?“

„Fast alles. Können wir bitte gehen? Mir geht es nicht besonders gut“, gestand ich ihr.

Mitfühlend nickte Marie und wandte sich an ihre Eltern. „Mom, Dad. Karen ist total erledigt. Wir gehen jetzt wohl besser, damit sie sich ausruhen kann.“

„Oh, selbstverständlich. Geht nur!“, sprach Derek und erhob sich.

Ich stand ebenfalls vom Tisch auf und ging auf das ältere Ehepaar zu. „Vielen Dank für den Tee. Jane, Derek … es war - sehr schön, Sie kennenzulernen.“

Für mein aufgesetztes Grinsen hätte ich den Oscar verdient, denn die letzten Worte wollten mir fast nicht über die Lippen kommen. Was Jeffs und Franks Verdienst war, die so gemein über mich hergezogen hatten, obwohl sie mich nicht mal kannten. Es schüttelte mich regelrecht vor unterdrückter Wut.

Fürsorglich runzelte Jane ihre hohe Stirn. „Mein Gott, Karen, du hast ja schon Schüttelfrost und siehst ganz fiebrig aus. Du gehörst in ein Bett, meine Liebe.“

„Wir treffen uns ein andermal, wenn es Karen besser geht“, meinte Derek.

Selbst, wenn es unhöflich war, so brachte ich es nicht über mich, in Jeffs oder Franks Richtung zu schauen, sondern verließ ohne Abschiedsgruß den Raum.

Was sollte ich auch zu jemandem sagen, für den ich sowieso nur eine unappetitliche Zumutung war?

Unsere nassen Sachen hatte Jane in eine Tüte gepackt, die sie Marie an der Haustür überreichte. Wir verabschiedeten uns von Maries Eltern und gingen zu ihrem Wagen.

Das Gewitter war vorüber, eine kühle Brise wehte uns ins Gesicht und die ersten Sonnenstrahlen bahnten sich einen Weg durch die Wolken.

Der typisch süßlich-modrige Duft eines Sommerregens lag in der Luft. Was mich seltsam tief im Herzen berührte. Vielleicht, weil er mich an längst vergangene Sommer erinnerte, in denen es noch keinen Peter, Jeff oder Frank gegeben hatte, die einem so verdammt wehtun konnten.

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211 стр. 2 иллюстрации
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9783753192154
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