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Ewa A.

1001 Dattelkeks

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Titelei

Impressum

Alles hat einen Anfang

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Ein paar Worte

Weitere Werke der Autorin

Impressum neobooks

Titelei

1001 Dattelkeks

von

Ewa A.







Impressum

Text:

Copyright © 2020 Ewa A.

Alle Rechte vorbehalten

Cover:

Copyright ©

Renee Rott,

Dream Design - Cover and Art

unter Verwendung von Bildmaterial

von stock.adobe.com

Lektorat:

Julia Feldbaum

https://www.redaktionsbuero-feldbaum.de


Verlag:

E. Altas

79423 Heitersheim

ewa.xy@web.de

https://www.facebook.com/EwaA.Autorin


Die Geschichte sowie die Personen und die Orte in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Begebenheiten, Orten, lebenden oder toten Personen sind in keiner Weise beabsichtigt und wären purer Zufall.


Alles hat einen Anfang

Wie alle guten Märchen, so könnte auch dieses mit »Es war einmal« beginnen. Aber das tut es nicht. Warum? Ganz einfach, weil ich euch die Geschichte erzähle.

Vor langer, langer Zeit lebte in einem fernen, heißen Land eine junge Frau. Ihr Haar war so schwarz wie Ebenholz und ihre Haut …

Äh … nein, nicht so weiß wie Schnee, das ist ein anderes Märchen. Darf ich jetzt weitererzählen?

… und ihre Haut war so golden und rein, wie teure Myrrhe.

Wie, ihr habt keine Ahnung, wie Myrrhe aussieht? Wie Bernstein, okay?!

Also, dann eben: Ihre Haut war so golden und klar wie Bernstein. Zufrieden?

Nein, sie war nicht die Schönste im ganzen Land …

Welcher Frosch?

Zwerge?

Nein, auch keine Hobbits!

Muggel? Nein! Mein Gott, euch kann man auch gar nichts recht machen …

Warum sollte sie denn eine Prinzessin sein? Hab ich das mit einem Wort erwähnt?

Nein, jetzt … wartet doch mal! Lasst mich doch …

Nein! Sie hatte auch keine böse Stiefmutter …

Welche Stiefschwestern, zum Teufel?

Nein, ihr Name war Shanli und hatte nichts mit Asche zu tun. Sie war die einzige Tochter eines Bäckers, Herrgott!

Naja, sie war nicht hässlich, aber …

Ach, wisst ihr was? Dann lest doch selbst!

Kapitel 1
Hamdi und Ramdi

Zwischen den weiß getünchten Häusern von Al Hurgha war es noch kühl zu dieser Morgenstunde. Noch vertrieb eine frische Brise die Hitze des Vorabends aus den Räumen. Doch schon bald, wenn die Sonne höher stieg, würden die Winde die Glut der Wüste mit sich bringen, und die Schatten würden kürzer werden. Sobald die grell leuchtende Scheibe den Zenit erreichte, würde einem die Luft vor Augen flimmern und der Sand jedem die Fußsohlen verbrennen, der es wagte, ohne Schuhwerk umherzulaufen. Es würde ein heißer Tag werden, so wie immer.

»Ah, Shanli ist schon dabei, den Karren zu beladen!« Der alte Taliman hatte gerade einen Fensterladen aufgestoßen und im Hof das wohlbeleibte Nachbarsmädchen bei seiner Arbeit entdeckt.

Sein Eheweib, Golroo, die bei einem Fenster nebenan die Läden öffnete, erwiderte: »Ja, heute ist doch Markt. Sie will dort, wie ihr Vater, die Ware verkaufen. Irgendwie muss sie schließlich Geld verdienen.«

Der grauhaarige Mann seufzte und stützte sich auf den Fenstersims. »Das wird nicht leicht werden für sie, nach Omids Tod.«

»Ja. Aber wir werden ihr helfen, wo wir können«, sagte die ältere Frau und eilte zur Tür, um sie aufzuschließen.

Taliman humpelte zu seiner Frau und beobachtete von dort aus, wie Shanli eine Kiste nach der anderen in den Handkarren lud.

»Schau mal, Golroo! Ich glaube, sie hat abgenommen. Ihr Kleid scheint nicht mehr so eng zu sitzen.«

Golroos Augen wurden schmal, als sie das Mädchen genauer inspizierte. »Ja. Sie wirkt nicht mehr ganz so dick wie an Omids Beisetzung.«

»Oder ist es nur ein neues Kleid?«, fragte Taliman und kratzte sich dabei sein graues Kinnbärtchen.

Golroo legte ihren Kopf schief. »Ja, das könnte natürlich auch sein.«

Plötzlich tönte die Stimme des jungen Mädchens zu ihnen hinüber. »Guten Morgen, ihr zwei. Ich kann euch übrigens hören, und nur, damit ihr es wisst: Es ist kein neues Kleid.«

Als Shanli die letzte Kiste auf dem Wagen abgestellt hatte, drehte sie sich zu dem älteren Ehepaar um. Sie schmunzelte, denn wieder einmal hatten Taliman und Golroo es geschafft, ihr ein fragwürdiges Kompliment zu machen, und das auf ihre ganz besondere Art. Sie wusste selbst, dass man sie nicht als Schönheit bezeichnen konnte. Dazu waren ihre Waden zu stark, die Schenkel zu voll und der Bauch zu rund. Über ihren breiten Hintern wollte sie lieber nicht nachdenken, denn der konnte es locker mit dem eines Kamels aufnehmen. Ihr einziger Trost war, dass ihr praller Busen ausladender war als ihr Bauch und sie eine schmalere Körpermitte besaß. Zwar hatte jene immer noch ein gewaltiges Ausmaß, aber immerhin war eine Taille auszumachen. Irgendwo, zwischen den Teigröllchen. Dies verlieh ihrer fülligen Figur zumindest einen Hauch von Weiblichkeit. Ihre runden Wangen und das kurze Kinn ließen ihre Nase noch kleiner erscheinen. Würde sie nicht frech in die Höhe ragen, würde sie vermutlich gar nicht auffallen in ihrem Gesicht. Ein Glück, dass sie ohne großen Buckel zwischen ihren dunkelbraunen Augen lag. Wenigstens diese vermochten, ein bisschen von ihren Pausbacken abzulenken.

Golroo lachte, und ihr Gesicht gewann zusätzliche Falten. »Guten Morgen, Shanli, meine Liebe. Das ist doch wunderbar. Und wenn du noch weniger isst, wirst du irgendwann richtig hübsch werden.«

Shanlis schwarze Augenbrauen hoben sich in entsetzter Überraschung.

»Jaha«, erwiderte sie mit einem säuerlichen Grinsen. Und gerade, als sie glaubte, es könne nicht noch schlimmer werden, nickte Taliman ihr aufmunternd zu.

»Dann kommen auch endlich die Männer und wollen dich alle heiraten. Du wirst sehen, die werden dir das Haus einrennen.«

Unglücklich lächelnd verzog das Mädchen sein Gesicht. »Ja, danke, Taliman. Da kann ich ja nur hoffen, dass du richtig liegst. Aber jetzt – muss ich erstmal auf den Markt.«

Mit einem genervten Aufstöhnen verschloss sie die Tür ihres bescheidenen Heims und packte danach den Handkarren. Entschlossen zog sie ihn hinter sich her, auf die Straße.

Shanli versuchte, die trüben Gedanken, die Golroo und Taliman geweckt hatten, aus ihrem Kopf zu verscheuchen. Aber das war gar nicht so leicht. Als wäre der Tod ihres Vaters nicht schrecklich genug, musste sie sich auch noch mit solchen Dingen auseinandersetzen. Gut, sie war ein wenig runder als die meisten Mädchen. Ja, vielleicht sogar auch um ein ganzes Stück runder. Na und? Warum sollte sie deshalb keinen Mann finden? Aber … sicher würde es doch irgendwo einen geben, der sich von ihrem Kamelhintern nicht abschrecken ließ, schließlich hatte ihr Kopf keine Ähnlichkeit mit dem eines Tieres. Es musste ein Mann sein, dem der Charakter wichtiger war als das Äußere. Und wenn der ihr nicht über den Weg laufen würde, dann blieb sie halt allein. Sie würde auch ohne einen männlichen Beschützer durchs Leben kommen.

Wie sehr sie doch ihren Vater vermisste!

Shanlis Traurigkeit verwandelte sich in Wut. Trotzig zerrte sie ihren Wagen durch die engen Gassen und kam nach einer Weile am Markt an. Die junge Frau wusste genau, wo ihr Vater all die Jahre seinen Stand aufgebaut und die süßen Backwaren feilgeboten hatte. Sie würde sein Handwerk weiterführen, denn nichts anderes hatte sie gelernt und konnte sie so gut wie dies. Sogar ihr Vater hatte stets behauptet, dass ihr Talent zum Backen seines bei Weitem überträfe. Ja, ihre Leckereien waren wirklich von besonderer Güte. Sie hatte genug Süßigkeiten von anderen Händlern gegessen, um das beurteilen zu können. Von irgendwoher mussten ihre Rundungen ja kommen. Dank der außergewöhnlichen Gewürze und des reinen Mehls, auf das sie großen Wert legte, schmeckten ihre Backwaren außerordentlich gut.

Sie verwendete auch nur die besten Mandelkerne und die süßesten Früchte, die sie auftreiben konnte. Es machte ihr Freude, die kleinen Köstlichkeiten zuzubereiten, und sie liebte es, neue zu erfinden.


Viele der anderen Kaufleute, Händler und Bauern waren schon da und bauten ihre Stände auf. Es herrschte reges Treiben. Die Luft war geschwängert von dem Geruch des reifen Schafskäses, der jungen Zwiebeln und der frisch gefangenen Fische. Das leise Gackern der Hühner, die zum Verkauf angeboten wurden, vermischte sich mit den Rufen der Händler und den dröhnenden Schreien der Esel, welche die Lasten schleppten.

Nach allen Richtungen grüßend bahnte sich Shanli einen Weg durch das Getümmel. Sie liebte den Markt, denn er sprühte vor fröhlicher Lebendigkeit. Eine Horde Kinder tobte lautstark an ihr vorüber und brachte sie zum Schmunzeln. Oft nahmen die Händler ihre ganze Familie mit, und während sie die Ware ausluden, kümmerten sich ihre Ehefrauen hinter den Ständen um den Nachwuchs.

Die Bäckerstochter kam an Tuchhändlern vorbei, die ihre bunten Stoffballen zu gefährlichen Türmen aufeinanderstapelten. Diesen folgten Verkaufsstände, an denen mit Holzgeschirr und Keramik gehandelt wurde. Danach kamen Bauern, die Eier, Käse und Honig unter die Leute bringen wollten. Die Fischer und Fleischer hatten ihre Stände hinter den Olivenbauern, welche ihre grüne und schwarze Ernte, Seifen und Öle feilboten. Dann kamen die Gewürzstände, die ebenso farbenfroh waren wie jene der Tuchhändler. Diese mochte Shanli besonders, denn die unzähligen Gewürzsäcke lagerten offen, vor und auf den Verkaufstischen, sodass man ungehindert einen Blick hineinwerfen konnte. Dunkelrotes Paprikapulver, gelbes Curry, braunes Piment, schwarzer Kümmel, grüne Kardamomkapseln und vieles mehr verströmten einen eigenen herrlichen Duft.

Vieles erinnerte sie, auf tröstliche Weise, an ihren Vater. Bald gelangte sie zu der Stelle, an der er gewöhnlich seinen Stand aufgebaut hatte.

Doch zu Shanlis Verblüffung hatte bereits ein anderer Händler diesen Platz bezogen. Es war ein Bäcker, der seine Fladenbrote verkaufen wollte.

»Seid gegrüßt, Fremder«, sagte Shanli und stellte ihren Karren vor dem Mann ab. »Bestimmt war es ein Versehen, aber Ihr steht hier auf Omids Platz.«

Der Bäcker warf ihr einen mürrischen Blick zu und verteilte nebenher seine Ware auf dem Tisch. »Nein, das war Omids Platz. Aber nun ist es meiner.«

»Nein. Ich bin Omids Tochter, das ist nun mein Verkaufsplatz«, herrschte Shanli den Mann an.

Dieser drehte sich zu ihr um, und unverhohlene Verachtung machte sich auf seiner Miene breit. »Marktplätze können nur von den Söhnen übernommen werden. Niemals von Töchtern.«

Mit großen Augen sah Shanli den Bäcker an. »Aber mein Vater hatte keinen Sohn, ich verkaufe nun die Backwaren.«

»Das kannst du von mir aus auch tun«, meinte der Mann hämisch. »Aber nicht auf dem Markt und schon gar nicht auf meinem Platz.« Er wandte ihr den Rücken zu und beschäftigte sich erneut mit dem Ordnen seiner Ware.

Entrüstet tippte Shanli gegen sein Schulterblatt. »Nein. Das hier ist mein Platz, und du wirst ihn jetzt räumen.«

Zornig drehte der Bäcker sich zu ihr um. »Falsch, du wirst hier verschwinden. Schlepp dein breiten Hintern und dein freches Maul von meinem Stand fort.«

Wütend schnaubte Shanli unter der Nase des Mannes: »Ich sag dir, wohin ich meinen breiten Hintern schleppe: vor den Marktaufseher. Der wird dir dann sagen, wo du dein dämliches Gesicht hinschleifen darfst.«

Mittlerweile hatten die anderen Händler, die um sie herumlagerten, aufgehört, ihre Verkaufsstände aufzubauen und schauten den Streitenden zu. Zu Shanlis Entsetzen kamen einige näher und mischten sich ein.

»Frauen haben auf dem Markt keinen Stand. Das gab es noch nie!«

»Soweit kommt es noch, dass Frauen Handel betreiben dürfen.«

»Als würde irgendjemand von einer wie dir etwas kaufen wollen.«

»Soll sie ihr Zeug doch lieber selbst fressen. So wie sie aussieht, macht sie das sowieso den ganzen Tag.«

Im Chor lachten die Männer Shanli aus, hielten sich die Bäuche und zeigten mit dem Finger auf sie.

Die Wut und der Ärger der jungen Frau wuchsen mit jedem Lacher, denn zu ihres Vaters Zeiten wäre man mit ihr nicht so umgesprungen.

»Nur, weil ich eine Frau bin, soll ich hier nicht verkaufen dürfen? Ihr habt doch nicht mehr alle Datteln an der Palme!«, schrie sie in die Runde. »Meine Ware ist genauso gut wie eure, wenn nicht noch besser.«

»Worte eines dummen, fetten Weibs!«

»Ist es das, wovon du nachts träumst, abgesehen vom Essen?«

»Verschwinde von hier!«

»Du hast hier nichts verloren, Weib!«, riefen die Händler durcheinander.

Doch Shanli wollte nicht klein beigeben und schüttelte störrisch den Kopf. »Ihr könnt mich mal gernhaben! Ich werde einfach stehen bleiben und hier meine Waren verkaufen.«

»Das wirst du nicht!«, bellte ein Verkäufer, packte Shanlis Wagen und schob ihn weg.

»Halt, du Dieb! Lass sofort meinen Karren los!« Shanli spurtete dem Mann hinterher und sprang ihm auf den Rücken.

Der Fladenbrotverkäufer eilte ihr ebenso nach und versuchte, sie von dem Dieb hinunterzureißen, der ging durch das wilde Gezerre schließlich zu Boden. Letztlich purzelten alle drei übereinander.

Zwischenzeitlich hatte einer der Händler den Marktaufseher geholt, der nun mit stolz geschwellter Brust angetrabt kam.

»Was ist denn hier los?«, brüllte er auf die Meute nieder, die sich im Staub zu seinen Füßen wälzte.

Aus den drei Streitenden waren mittlerweile sechs geworden. Während Shanli auf den vermeintlichen Karrendieb einschlug, versuchte einer, diesen außer ihrer Reichweite zubringen, was jener allerdings als Angriff wähnte und sich nun an zwei Fronten wehrte. Der Bäcker, der Shanli um die Taille gepackt hatte, wurde unterdessen von einem anderen zurückgehalten, da es als unsittlich galt, eine fremde Frau anzufassen, geschweige denn, auf ihr zu liegen. Ein anderer Verkäufer wollte Shanli ebenfalls aus dem Getümmel entfernen und zog entschlossen an einem ihrer Fußgelenke. Nichtsdestotrotz fing er sich dafür fortwährend saftige Tritte von ihr ein.

Da keiner der Balgenden dem Marktaufseher Beachtung schenkte, nickte der seinem Gehilfen zu, welcher umgehend einen Eimer Wasser besorgte.

Erst als die sechs Streithähne vor Nässe trieften und sich die Augen rieben, kehrte Ruhe ein.

Mit nassen, verstrubbelten Haaren und geröteten Wangen schaute Shanli grimmig zu dem Marktaufseher auf. »Da seid Ihr ja endlich, Marktaufseher.« Atemlos zeigte sie auf den Fladenbrotverkäufer neben sich. »Der Trottel will mir meinen Platz streitig machen.« Als Nächstes zeigte sie auf den Karrendieb. »Und der Esel hier wollte meine Ware stehlen.«

Doch sogleich wetterten die Männer dagegen.

»Sag ihr, dass du mir selbst diesen Platz zugeteilt hast, Marktaufseher.«

»Stimmt doch gar nicht. Dein Wagen stand im Weg, ich wollte ihn bloß zur Seite schieben«, schrie der andere Shanli an.

»Welcher Marktplatz? Der von Omid?«, fragte der Marktaufseher und verschaffte sich Gehör.

»Ja!«, schrie der Bäcker, und Shanli nickte selbstsicher.

»Ja, Omid war mein Vater. Also geht der Platz an mich über!«

Der Marktaufseher schüttelte den Kopf. »Nein. Auf dem Markt handeln keine Frauen. Verkauf deine Ware zum Küchenfenster hinaus, wie es die andern Weiber tun.«

Bestätigendes Gemurmel der Männer trieb Shanli die Zornesröte ins Gesicht. Davon hatte sie noch nie etwas gehört. »Seit wann ist das so? Überall sind hier Frauen hinter den Ständen.«

Mit stoischer Miene sprach der Marktaufseher: »Ja, aber sie verkaufen nicht. Das Recht auf einen Marktplatz liegt schon immer bei den Männern.«

Trotzig zogen Shanli ihre Augenbrauen zusammen. »Aber Ihr wisst genau, dass man in den Gassen nichts einnimmt. Die Käufer tummeln sich hier auf dem Markt, wo sie die Waren vergleichen können.«

»Dennoch bist du eine Frau und wirst, gemäß den Vorschriften, keinen Marktstand bekommen«, widersprach der Marktaufseher.

»Warum, überhaupt, dürfen Frauen keinen Handel auf dem Markt betreiben? Es ist höchste Zeit, dass diese altbackenen Vorschriften geändert werden.«

Laut gaben die Männer ihre Entrüstung über diese dreiste Forderung kund.

Die Brust des Marktaufsehers schwoll an, und in Rage brüllte er auf Shanli hinunter: »Was glaubst du, wer du bist? Meinst du, ein dahergelaufenes, feistes Weib kann die althergebrachten Vorschriften einfach so außer Kraft setzten? Aus gutem Grund wurden die Frauen aus dem Markthandel ausgeschlossen, weil nämlich genau immer das passiert, was jetzt auch geschehen ist. Streit und Zwietracht liegen euch im Blut. Tratsch und Ränkespinnerei sind nicht die Beschäftigungen der Männer, wohl aber die der Weiber. Vor langer Zeit, nachdem man teures Lehrgeld bezahlt hatte, beschloss man diese Vorschrift. Die wird nicht nur in Al Hurgha eingehalten, sondern auch in Hesch Tael, wo der Markt doppelt so groß ist. Sogar in Pallagur hält man daran fest.«

Plötzlich erklang Hufgetrappel, und das erregte Murmeln der umstehenden Zuschauer wurde stetig lauter. Es waren die riesigen Pferde der Leibgarde des Schahs, denen eine Gasse freigeräumt wurde und die vor ihnen stehen blieben.

Hastig stand Shanli auf und brachte ihre Kleider in Ordnung. Das fehlte ihr gerade noch, dass sie in diesem Aufzug Schah Parviz vor die Augen treten sollte. Sie hatte ihn hin und wieder aus großer Entfernung gesehen, wenn er durch Al Hurgha ritt, denn sein Palast lag am Ende der Stadt, auf einem Hügel. Wie oft hatte sie sich vorgestellt, er würde von seinem Rappen aufschauen, wenn er durch die Gassen ritt, und sie an ihrem Schlafzimmerfenster bemerken? Eindeutig zu oft. Denn auch jetzt spielte sich der Traum in ihrem Geiste ab.


Wie eh und je würde Parviz ihr von seinem Pferd aus ein strahlendes Lächeln schenken, das ihr Herz flattern ließ. Natürlich verliebte er sich auf den ersten Blick in sie. Sobald er sie bemerkte, würde er die Zügel seines Rappens anziehen und elegant aus seinem Sattel gleiten. Seine obsidianfarbenen Haare würden ganz langsam, bei jeder einzelnen seiner Bewegungen, im Wind schwingen. Ohne sie einen Moment aus den Augen zu lassen, würde er behände die Kisten hochklettern (die selbstverständlich immer rein zufällig unter ihrem Fenster herumstanden). Und dann, wenn er bei ihr auf dem Fenstersims angelangt war, dann würde er sie stürmisch in die Arme ziehen und …


»Nenne dem Schah jetzt endlich deinen Namen, du einfältiges Huhn!«, schrie der Marktaufseher in Shanlis Ohr.

Erschrocken fuhr die junge Frau zusammen und erwachte aus ihrem Tagtraum. Sie fand sich tatsächlich Schah Parviz gegenüber und stellte fest, dass er noch viel attraktiver war, als sie sich vorgestellt hatte. Aber eigentlich überraschte sie das nicht. Groß und stattlich stand er vor ihr.

Als Parviz Shanlis Geistesabwesenheit wahrnahm, verzogen sich seine vollen Lippen zu einem atemberaubenden Schmunzeln. Dieses verleitete das Mädchen wiederum zu einem leisen Seufzen. Die zimtbraunen Augen des Schahs waren nicht nur wunderschön, sondern strahlten auch wahre Güte aus.

Hatte er sie schon angesprochen? Wie lange hatte sie so weggetreten da gestanden? War ihr etwa der Sabber aus dem Mund gelaufen? Denn immer, wenn sie von ihm träumte, war am nächsten Morgen ihr Kopfkissen nass!

Gebannt stierte Shanli auf Parviz' Mund, und weil der Schah so groß war, musste sie den Kopf in den Nacken legen.

»Nun, verrätst du mir heute noch deinen Namen, oder soll ich morgen noch mal vorbeikommen?«

Ein hysterisches Kichern entwich Shanli, nachdem sie sich dazu überwinden konnte, dem Schah zu antworten. »Nein, ich verrate ihn Euch, aber Ihr könnt morgen gerne noch mal kommen.«

»Und?«, fragte Parviz, während seine Stirn sich in Erwartung kräuselte.

»Und was?«, erwiderte Shanli und beobachtet, wie der Schah zweifelnd zum Marktaufseher blickte.

Der schüttelte grummelnd den Kopf und schrie der jungen Frau abermals ins Ohr, die immer noch völlig in Parviz' Anblick versunken war.

»Deinen Namen, Weib!«

Auf ein Neues zuckte das Mädchen zusammen. »Oh, Shanli, Euer Hoheit. Ich heiße Shanli Farhad.«

Parviz nickte. »Gut. Und warum hast du hier eine Prügelei angezettelt?«

Enttäuscht über diese Unterstellung, die nicht richtig war (zumindest nicht ganz), zog Shanli beleidigt den Kopf ein.

»Ich habe keine Prügelei angezettelt, sondern nur den Idioten dort davon abgehalten, meine Ware zu stehlen. Und ich habe versucht, mein Recht auf den Marktplatz meines Vaters durchzusetzen.«

Erneut brach ein Streitgespräch aus, denn die Händler wollten die Anschuldigungen nicht auf sich sitzen lassen. Parviz hörte jedem der Männer aufmerksam zu, und erneut verfiel Shanli ins Träumen. Mit leerem Gesichtsausdruck verfolgte sie, wie Parviz von einem zum Nächsten schritt. Nachdem er mit dem Marktaufseher einige Worte gewechselt hatte, wandte er sich wieder ihr zu.

»Nun, Panli, so wie es aussieht …«

»Ich heiße Shanli, nicht Panli«, unterbrach das Mädchen den jungen Schah schüchtern.

Zerstreut schüttelte dieser den Kopf. »Ja, sagte ich doch. Wie dem auch sei, leider kannst du den Marktplatz nicht bekommen. Die Vorschriften dazu sind eindeutig: Keine Frau darf auf dem Markt ihre Ware verkaufen.«

Traurig schlug Shanli die Augen nieder, denn wenn der Schah ihr dies untersagte, gab es nichts daran zu rütteln. Sie musste dem Markt fernbleiben und auf anderem Wege ihre Backwaren verkaufen. Die Frage war nur, wie? Niemals würde sie genügend Geld einnehmen, um die Kosten decken und sich selbst versorgen zu können.

Sanft legte Parviz einen Finger unter Shanlis Kinn und hob es an. »Nun hadere nicht, Ramdi.«

»Shanli!«, flüsterte die junge Frau und war zu tiefst betrübt, dass der Schah sich nicht mal ihren Namen merken wollte.

»Ja, genau«, ging der Schah ungerührt über seinen Fauxpas hinweg. »Was willst du denn verkaufen?«

Shanli schniefte und zeigte hinter sich auf den Karren. »Süßwaren.«

Parviz ließ ihr Kinn los und linste an ihr vorbei auf die Kisten, die mit allerlei Backwaren gefüllt waren. Ein leichtes Grinsen legte sich auf seine Züge, als er Shanli wieder betrachtete. »Wenn ich dich so anschaue, dann können sie doch nur wunderbar schmecken.«

Die anderen Händler prusteten leise in die Hände, als hätte Parviz sie beleidigt, doch Shanli wusste es besser. In den Augen des jungen Schahs war nämlich kein Spott zu finden, sondern nur offene Freundlichkeit, die ihr Inneres erwärmte.

Auch Parviz ließ sich von dem leisen, hämischen Gelächter nicht beirren. »Komm heute Nachmittag in den Palast und bring mir von deinem Gebäck. Wenn es meine Mutter und mich begeistern kann, wirst du vielleicht der neue Hoflieferant.«

Das Gelächter der Männer verstummte abrupt, und Shanli bekam riesige Augen. »Ist das Euer Ernst, Hoheit?«

Parviz nickte mit einem Schmunzeln. »Natürlich.« Dann drehte er sich um und ging auf seinen Rappen zu. Ein Strahlen machte sich auf Shanlis Gesicht breit, und mit klopfendem Herzen sah sie zu, wie Parviz sich in den Sattel schwang. Er nahm die Zügel in die Hand, und bevor er davonritt, zwinkerte er ihr zu. »Nasche nicht zu viel von deinen Leckereien, Hamdi, das würde nur deiner Schönheit schaden.«

Voller Verlegenheit begann Shanli, zu kichern. Noch nie hatte ein Mann zu ihr gesagt, dass sie schön war. Selbst dass er ihren Namen schon wieder verunstaltet hatte, machte ihr nichts aus. Denn bald würde sie Hoflieferant werden und jeden Tag in den Palast gehen, um Parviz zu sehen. Ja, sie würde den Schah verwöhnen und ihn mit ihren Süßigkeiten in den Bann ziehen. Ob er sie dabei Hamdi oder Ramdi nannte, das war ihr völlig gleich.

Kapitel 2
Gefährliche Kekse

Shanli war noch nie zuvor in ihrem Leben im Palast gewesen. Schon von außen war das weiße Prachtgebäude mit seinen vier hohen Türmen, den Hunderten von Arkaden und den gewaltigen Zwiebeldächern beeindruckend. Aber von innen war der Palast schlichtweg atemberaubend. Immer wieder musste Shanli an die Decke starren, die in weiter Ferne zu thronen schien. Über und über war die Kuppel mit einem filigranen Muster verziert. Stuck in Ranken, Blüten und Schnörkel prunkte verschwenderisch an Decke und Wänden. Der Fußboden war eine spiegelnde Fläche aus wolkenweißem Marmor.

Um ihrer Aufregung Herr zu werden, atmete Shanli tief durch. Sie hatte eine kleine Auswahl an Leckereien eingepackt, von der sie glaubte, dass sie ihr am besten gelungen war. Dass eine Sorte davon Schah Parviz oder seiner Mutter Aazar besonders gut schmecken würde, konnte sie nur hoffen. Ungeduldig ruckelte sie auf ihrem Stuhl umher und sah sich eingeschüchtert um.

War ihr Backtalent wirklich so gut, um es mit dem derzeitigen Hoflieferanten aufnehmen zu können? Sicherlich benutzte er nur das teure Rosenwasser aus Apunqur. Sie dagegen bereitete es selbst zu und sammelte dafür die zarten, rosaroten Blütenblätter der kniehohen Buschrosen, die sie vor den Toren von Al Hurgha fand. Bestimmt war der Hoflieferant ein alter, erfahrener Bäcker, der nur doppelt gemahlenes Mehl verwenden würde. Oh, nein, sie würde sich nur blamieren.

Genau in diesem Moment, als die Angst Shanli zu überwältigen drohte, kam ein Diener daher.

»Folge mir. Schah Parviz und sein Mutter trinken nun ihren Mokka. Sie möchten deine Süßigkeiten kosten.«

Hastig erhob sich Shanli mit ihrem Korb und folgte dem Diener durch die Halle, einen langen Gang entlang, zu einem Iwan. Von dieser halb offenen Halle aus hatte man einen herrlichen Blick auf den gepflegten Garten des Palastes. Die gigantischen weißen Vorhänge schwebten wie rauschende Wasserfälle im warmen Wind und verliehen dem Raum etwas Unwirkliches. Der Schah und seine Mutter saßen halb liegen auf niedrigen Ottomanen. Auf zierlichen Tischen hatte man ihnen den Mokka griffbereit zur Seite gestellt.

Der Diener verbeugte sich. »Schah Parviz, die Bäckerstochter.«

Parviz hob erfreut den Kopf. »Ah, ja! Tritt näher – Bäckerstochter.«

Shanli ging langsam auf Mutter und Sohn zu. Sie schluckte und klammerte sich ängstlich an den Korb, der mit seinen Backwaren den Schlüssel ihrer Zukunft enthielt.

Während der Schah ihr entgegenlächelte, verzog seine Mutter, Aazar, keine Miene. Nicht nur der kalte Blick der älteren Frau ließ Shanli verzagen, sondern auch deren Erscheinung. Aazar war trotzt ihres Alters, das bei Anfang vierzig liegen musste, die schönste Frau, die Shanli je gesehen hatte. Sie hatte eine hohe, gewölbte Stirn, die in eine edle, schmale Nase überging. Ihre Augenbrauen waren feine Bögen, über eindrucksvollen Augen, welche eine leichte Schräglage hatten. Ihre wallenden Locken waren von einem fast durchsichtigen Schleier bedeckt. Trotz ihrer weiten, kostbaren Kleider war zu erkennen, dass sie gertenschlank war. Shanli schätzte, dass Aazar ihr mit Leichtigkeit auf den Kopf spucken könnte, wenn sie auf ihren schier endlosen Beinen stand und es darauf anlegen würde. Abgesehen davon hatte Parviz‘ Mutter ausgesprochen grazile Hände und nicht solche Dattelfinger wie sie.

Wie sollte diese Frau, die augenscheinlich sehr auf ihre Figur achtete, an ihren reichhaltigen Leckereien Gefallen finden? Aazar sah wahrlich nicht danach aus, als würde sie irgendetwas tun, was ihrem Aussehen schadete. Im Ganzen wirkte sie kühl und verbittert. Es war ein Wunder, das Parviz eine solche zuversichtliche und einnehmende Ausstrahlung hatte. Wahrscheinlich kam er mehr nach seinem Vater als nach seiner Mutter.

Der Schah winkte Shanli zu sich. »Komm, zeig uns deine Ware.«

Eilig wuselte das Mädchen zu dem jungen Herrscher und kniete vor ihm nieder. Shanli schlug die Tücher beiseite und holte die Süßigkeiten hervor, die sie sogleich Parviz darreichte.

Ein Schmunzeln floh über sein Gesicht. »Das sieht alles sehr lecker. Ähm, wie war noch gleich dein Name?«

»Shanli, Hoheit«, erwiderte die Bäckerstochter und blinzelte verwirrt.

»Genau, Shanli. Shanli, ja, welche deiner Köstlichkeiten würdest du denn empfehlen?«

Unruhig schaukelte das Mädchen auf ihren Knien. »Nun, es kommt darauf an, was Ihr bevorzugt. Wenn es eher etwas Frisches und Fruchtiges sein soll, solltet Ihr diese probieren.«

Ohne die Backwaren zu berühren, deutete Shanli auf kleine Halbmonde, welche mit hauchdünnen Orangenstreifen kunstvoll verziert waren. »Das sind Mandelkekse mit einem fruchtigen Orangenaroma. Falls Ihr jedoch einen herberen Geschmack bevorzugt, munden Euch jene vielleicht besonders gut. Das ist Mandelkonfekt, das winzige Knusperperlen aus kandierten, zerstoßenen Mokkabohnen enthält. Und wenn Ihr lieber Pikantes mögt, so habe ich hier Ziegenkäsekringel mit einem Hauch Honig und einer Prise Kreuzkümmel«

»Beeindruckend, nicht wahr, Mutter?«

Aazar legte den Kopf schief und unterzog Shanli einer strengen Musterung. »Ja, tatsächlich scheint sie wesentlich mehr Fantasie zu besitzen als unser bisheriger Bäcker.«

Ein Grinsen huschte über Shanlis Gesicht. »Danke, Euer Hoheit.« Anscheinend war diese herbe Schönheit doch keine Kostverächterin.

Mit einer Verneigung hielt sie Aazar das Gebäck vor die Nase und zeigte auf braune, kreisrunde Plätzchen. »Darf ich Euch noch diese Gewürzkekse ans Herz legen. Sie enthalten eine fein abgestimmte Mischung aus Muskatblüte, Piment und Kardamom. Sie schmecken nicht nur gut, sondern sind auch eine Wohltat für den Magen und eine schmackhafte Bereicherung zu Eurem Mokka.«

Aazar schaute Shanli tief in die Augen, bevor sie mit spitzen Fingern nach einem der Gewürzkekse angelte. In Mäuschen-Manier begann sie, an dem Keks herumzuknabbern. Gebannt warteten Parviz und Shanli auf Aazars Urteil. Schließlich nickte die Schah-Mutter, und nachdem sie hinuntergeschluckt hatte, meinte sie: »Wirklich vorzüglich. Du bist eine talentierte Bäckerin.«

Shanli stieg sofort die Röte ins Gesicht, und als sie bemerkte, wie Parviz sie voller Stolz anlächelte, senkte sie schüchtern ihren Blick.

»Nun, Fanli …«

»Shanli, Euer Hoheit«, berichtigte das Mädchen den Schah flüsternd.

Dieser erwiderte daraufhin: »Gesundheit!« Danach brachte er Shanli mit seinem Lächeln schier um den Verstand und fuhr fort: »Also, von welchen Keksen soll ich kosten? Ich mag es ausgesprochen süß, und du scheinst mir auf diesem Gebiet eine wahre Kennerin zu sein.«

Shanli schaffte es fast, sich das Kichern zu verdrücken. Allerdings wurde aus dem Lachen ein Grunzen, weshalb sie Parviz schnell mit den Leckereien ablenkte. »Diese Marzipankugeln sind dann genau das Richtige. Sie enthalten nicht nur Feigen- und Dattelstückchen, sondern sind auch von einem gezuckerten Rosenblatt umhüllt.«

»Mmmh! Was für eine Versuchung«, brummte Parviz und versank dabei in Shanlis Augen, während er sich gleichzeitig eine Marzipankugel griff.

Ein tonloses Hecheln entfloh der Bäckerstochter, denn kein Mann hat sie jemals mit dem gleichen Hunger betrachtet wie ihre Süßigkeiten.

Gemächlich schob der Schah die Leckerei in seinen Mund. Nicht einen Moment wich sein Blick von Shanli, die kurz vor einer Ohnmacht stand.

Wie war es möglich, dass sie innerlich schier verbrannte, nur weil sie ihm beim Essen zuschauen durfte?

Parviz ließ sich die Köstlichkeit erst im Munde zergehen. Doch dann biss er in mahlenden Bewegungen zu, was ein jähes Ende fand.

»Autsch!«, schrie er auf und verzog schmerzhaft das Gesicht.

Shanli stockte vor Schreck der Atem. Mit schreckensweiten Augen wurde sie Zeugin, wie er angewidert den Inhalt seines Mundes auf den Boden spuckte.

»Beim Barte des Propheten, was war das? Ich habe mir fast den Zahn ausgebissen.«

Entsetzt nahm die Bäckerstochter wahr, wie Parviz sich den Mund abwischte und Blut an seinen Händen fand.

»Das … Das tut mir entsetzlich leid. Das … das kann nur ein winziges Stückchen einer Mandelschale gewesen sein«, stammelte Shanli und warf sich mit bebender Brust vor dem Schah nieder.

Sie wusste genau: Keiner vergoss ungestraft das Blut des Herrschers. Ihre Stimme zitterte, als sie Parviz anflehte: »Verzeiht mir, oh gütiger Schah. Niemals wollte ich Euch verletzen. Was kann ich tun, um Euch die Schmerzen vergessen zu lassen? Ich werde alles tun, was Ihr verlangt.«

»Du blutest. Wie schlimm ist es, mein Sohn? Muss ich den Hakim rufen?«, fragte Aazar besorgt.

»Nein, ich denke nicht«, wehrte Parviz undeutlich ab, denn er prüfte mit seiner Zunge, ob seine Zähne Schaden davongetragen hatten.

Nach wie vor kauerte Shanli in unterwürfiger Haltung am Boden und traute sich gerade noch, Luft zu holen.

Lange nicht mehr so freundlich wie zuvor, hörte sie Parviz sprechen: »Ohne Zweifel sind deine Süßigkeiten die besten, die ich jemals gegessen habe. Allerdings sind sie auch die gefährlichsten. Es wird wohl besser sein, ich verschone meine Zähne vor deinem Backwerk.«

Shanlis Herz wollte aus ihrer Brust springen, so trommelte es. Wieso hatte sie dieses elende Schalenstückchen nicht in dem Mandelmehl entdeckt? Warum musste der Schah ausgerechnet diese Marzipankugel wählen? Sie hatte ihre einzige Chance verspielt, durch eine seltendämliche Unachtsamkeit.

Vorsichtig sah Shanli auf und musste Parviz mürrisches Gesicht ertragen. Und eh Shanli sich‘s versah, purzelten ihr die Worte aus dem Mund: »Bitte, Euer Hoheit, gewährt mir eine zweite Chance. Ich verspreche Euch, nie wieder, wird eine Nuss- oder Mandelschale in meinen Süßwaren zu finden sein. Beim Grab meines kürzlich verstorbenen Vaters schwöre ich Euch, dass ich Euch eine Delikatesse kredenzen werde, die Euch alles vergessen lassen wird.«

Heimlich sagte sich Shanli, dass sie diesen Schwur leichter erfüllen könnte, als vermutet, denn schließlich vergaß der schöne Parviz ja alle Nase lang ihren Namen.

Der Schah schnaufte resignierend. »Na gut. Du sollst deine zweite Chance haben. Komme wieder, wenn du diese Delikatesse zubereitet hast. Aber wehe dir, Shanli, sollte ich erneut mein Blut schmecken, dann will ich dich nie wieder in meinem Palast sehen.«

Betrübt verzog sich Shanlis Gesicht. »Ja, Schah, Parviz. Ich werde an nichts anderes mehr denken.«

Warum erinnerte er sich auf einmal an ihren Namen? Sie konnte nach ihrem Versprechen nur hoffen, dass der Schah einen Zufallstreffer gelandet hatte.

Shanli stand auf und rückwärts laufend entfernte sie sich von dem Herrscherpaar, in einer andauernden Verbeugung.

Erst als sie den Iwan verlassen hatte, richtete sie sich wieder auf und konnte frei atmen. Was hatte sie da nur angestellt?

Aazar betrachtete ihren Sohn, der der Bäckerstochter hinterherschaute. Parviz war ein stattlicher Mann geworden und erwies sich immer wieder als weiser und gütiger Herrscher. Was jedoch ein Ding der Unmöglichkeit war, war sein Vergnügen daran, jedem weiblichen Wesen den Kopf zu verdrehen. Wie er es eben wieder mit dieser unförmigen Bäckerstochter getan hatte. Parviz genoss in vollen Zügen die zum Teil kopflose Bewunderung der Frauen. Ja, er wusste sehr genau um sein Aussehen und seine Macht, die er über die Weiber hatte. Selbst die alten Dienerinnen fingen zu kichern an, wenn er sie in die Mangel nahm.

Oft genug hatte sie ihrem Sohn gesagt, dass diese Spielereien eines Schahs nicht würdig wären. Doch auf diesem Ohr schien Parviz taub zu sein. Sie war es leid, ihm Vorträge zu halten. Mit seinen fünfundzwanzig Jahren war er alt genug, bald selbst einen Sohn zu haben. Ja, sollte sich doch sein Eheweib um dieses Problem kümmern. Er bräuchte nur eine Frau, die ihm den Verstand raubt, sodass er nicht mehr das Bedürfnis hatte, andere Weiber in zerstreute Hühner zu verwandeln. Dennoch musste die Braut gewissen Anforderungen entsprechen und auf Leib und Seele geprüft werden. Nur, wo sollte sie diese eine spezielle Frau für ihren Sohn finden?

»Parviz, ich denke, es ist an der Zeit, dass du dir eine Braut suchst«, sprach Aazar unvermittelt das Thema an.

Verblüfft schaute der Schah auf. »Mutter, wie kommst du denn jetzt auf diese Idee?«

»Weil du dieser Bäckerstochter wie ein verliebter Gockel hinterherstarrst und langsam für einen Nachfolger sorgen solltest.«

Parviz setzte sich auf. Sein Gesicht zeigte grimmige Unentschlossenheit. »Und wen sollte ich deiner Meinung nach heiraten? Die Bäckerstochter?«

»Eine, die du liebst, die dir eine treu ergebene Ehefrau und zugleich eine pflichtbewussten Herrscherin sein kann. Sie muss mehreren Ansprüchen genügen.«

Hoffnungslos schüttelte der Schah den Kopf. »Und wo soll ich diese Frau finden?«

Aazar grinste hinterhältig. »Nicht du wirst sie finden, sondern sie dich. Wir werden im ganzen Land verkünden, dass du eine Braut suchst. Jede Frau kann um dich werben. Aber du wählst dann nur jene aus, die dir gefallen. Und ich werde diese Auswahl einigen Prüfungen unterziehen. Die Gewinnerin erfüllt dann, so Allah will, alle Anforderungen, die wir stellen.«

Parviz schmunzelte. »Eine großartige Idee, Mutter. Lass sofort die Nachricht verkünden: ›Schah Parviz sucht eine Braut!‹«

Kapitel 3
Walfänger gesucht

»Shanli, Shanli! Wach auf!«

Ein Poltern an der Haustür ließ die junge Bäckerstochter zu sich kommen. Verschlafen rieb sich Shanli die Augen. Bis spät in die Nacht hatte sie in der Küche gestanden und sich an der Zubereitung der neuen Süßigkeit versucht, die den Schah alles vergessen lassen sollte. Das lange Arbeiten hatte sich jedoch gelohnt, denn sie hatte ein süßes Konfekt hergestellt, welches einem im Munde sacht dahinschmolz, während sich die verschiedenen Aromen der Zutaten auf wunderbare Weise entfalteten. Mit Honig und Sesamsaat in den Haaren war sie schließlich vollkommen erledigt ins Bett gefallen, wo sie noch immer lag, obwohl die Sonne bereits fast ihren Höchststand erreicht hatte.

Gemächlich quälte sich Shanli aus ihrem Nachtlager und legte sich eine Decke um ihre Schultern. Mit einem herzhaften Gähnen öffnete sie ihre Fensterläden, um zu schauen, wer der Verursacher des Radaus war. Das gleißende Sonnenlicht ließ sie ihre Augen zusammenkneifen.

Es waren Golroo und Taliman, die vor ihrer Tür standen.

»Guten Morgen. Einen Moment, ich komme gleich hinunter«, rief sie dem älteren Ehepaar zu und machte sich auf den Weg ins Untergeschoss. Dies bestand nur aus einem Raum, der zugleich Backstube und Küche war. Die meiste Zeit des Tages verbrachte sie dort. Das Obergeschoss bestand aus zwei Zimmern, die ihren Eltern und ihr von jeher als Schlafzimmer gedient hatten.

Kaum hatte sie die Haustür geöffnet, fielen Golroo und Taliman aufgeregt über sie her.

»Shanli, hast du die Neuigkeit schon gehört? Du musst dich bewerben. Alle Mädchen sind bereits auf den Weg in den Palast.«

Verständnislos schüttelte Shanli den Kopf. »Wo muss ich mich bewerben? Warum gehen alle Mädchen in den Palast?«

Strahlend verkündete Golroo, was sie in Erfahrung gebracht hatte. »Heute Morgen verkündeten der Ausrufer des Palastes, dass der Schah eine Braut suche und alle unberührten Jungfern des Reiches um ihn werben könnten.«

»Was? Alle?«, fragte Shanli baff.

Begeistert nickte Taliman. »Ja, ja. Das ist deine Gelegenheit, Shanli. Nach dem gestrigen Zwischenfall auf dem Markt weiß jeder, dass der Schah einen Narren an dir gefressen hat. Du musst noch heute in den Palast und ihm deine Hand anbieten.«

Erschrocken schaute Shanli zwischen den alten Eheleuten hin und her. »Der Schah hat höchstens einen Narren an meinen Keksen gefressen, aber nicht an mir.« Leise nuschelte vor sich hin. »Und das hat ihn schon fast einen Zahn gekostet und mich meinen Kopf.«

»Unsinn. Die Männer erzählten, dass er dich eine Schönheit nannte und dir zuzwinkerte«, rief Golroo entzückt.

Taliman fuhr seine Frau an: »Was redest du da, Weib? Unser Schah ist ein feiner Mann, ein kluger Herrscher. Er hält nicht nach Vergänglichem wie Schönheit Ausschau, sondern nach viel wichtigeren Dingen. Die auserwählten Bewerberinnen müssen sich nämlich noch einer Prüfung unterziehen.« Mit einem liebevollen Lächeln wandte er sich an Shanli. »Er hat deinen Mut und dein goldenes Herz erkannt, Mädchen. Und deswegen wirst du sogleich auf den Hügel hinauflaufen und ihm deine Hand anbieten. Omid hätte darauf bestanden.«

Betrübt senkte Shanli den Blick. Ja, ihr Vater hätte wahrscheinlich das Gleiche gesagt. Dennoch konnte sie Talimans Worten nicht ernst nehmen. Wie hätte Parviz ihr »goldenes Herz« entdecken sollen? Welchen Mut? Vielmehr hatte sie ihm vorgeführt, dass sie sich in ihrer Verzweiflung mit Männern prügelte, im nassen Zustand erbärmlich aussah und mit ihren zahnzerschmetternden Süßwaren ein Attentat begehen konnte. Letzteren Eindruck sollte sie jedoch heute ändern können. Aber … vielleicht hatten Golroo und Taliman recht, und Parviz war ihr gegenüber gar nicht so abgeneigt, wie andere ledige Männer es waren? Schließlich hatte er sie angelächelt und nicht ausgelacht, wie es die Händler getan hatten. Während diese sie verhöhnt hatten, gewährte Parviz ihr eine zweite Chance. Er war tatsächlich der erste Mann gewesen, der mit ihr geturtelt hatte. Und das ohne Angstschweiß.

Hmm, sie wollte sowieso in den Palast, um ihm das Konfekt anzubieten, dabei könnte sie doch gleich ihre Bewerbung als Braut einreichen. Wenn Parviz sie nicht als Hoflieferanten wollte, dann möglicherweise als Braut. Oder umgekehrt. Mehr als ein »Nein!« konnte ihr nicht passieren. Doch, eigentlich schon, aber darüber wollte sie jetzt lieber nicht nachdenken, denn sonst würden sie keine zehn Pferde in die Nähe des Palastes bringen.

»Also gut. Ich wollte ihm heute eh eine Kostprobe meiner neuen Süßigkeit bringen. Dann kann ich mir das Spektakel ja mal anschauen.«

Die Nachbarsleute strahlten zufrieden.

»Braves Kind!«

»Tu das, Mädchen.«

Und so kam es, dass Shanli sich, mit ihrer neuen Süßigkeit, in die Schlange der Bewerberinnen einreihte, die vor den Toren des Palastes endete. Es schien, als hätten sich alle heiratsfähigen Mädchen der Stadt eingefunden, um die Braut des Schahs zu werden. Da war Bitu, die Tochter des Schneiders, die mit ihren achtzehn Jahren nicht nur in Shanlis Alter war, sondern auch die gleiche füllige Statur hatte. Zwei Mädchen weiter, vor Bitu, stand Nisra. Sie war das jüngste Kind des Metzgers, aber drei Jahre älter als Shanli. Die schlanke Nisra stach einem sofort ins Auge, da sie hochgewachsen war und die meisten Wartenden überragte. Viele beneideten Nisra um ihre wohlgestaltete Figur, allerdings nicht um den Höcker auf ihrem Nasenrücken und ihre etwas zu lang geratenen Zähne. Es waren jedoch auch viele fremde Gesichter unter den Bewerberinnen auszumachen.

Ein weiteres Mädchen kam angerannt und stellte sich hinter Shanli in der Reihe an. Sie war jedoch nicht aus dem Ort gekommen, sondern aus dem Palast. Augenscheinlich musste sie eine Bedienstete sein. Shanli begrüßte sie mit einem scheuen Lächeln, welches umgehend erwidert wurde.

»Du bist die Bäckerstochter, die gestern die Süßigkeiten in den Palast brachte, nicht wahr?«

»Ja. Woher weißt du das?«, fragte Shanli freudig erstaunt, bis ihr der Grund einfiel, weshalb das Mädchen wissen konnte, wer sie war. »Oh, nein. Es hat sich schon herumgesprochen, dass ich die kleine, dicke Shanli bin, die dem Schah mit einem einzigen Keks fast das Gebiss zerlegt hat?«

Angesichts Shanlis ängstlicher Grimasse musste die Bedienstete laut lachen. »Was? Nein, ich habe dich in der Halle mit dem Korb gesehen, und der Diener sagte mir, dass du vielleicht die neue Hoflieferantin werden würdest.«

Shanli pustete laut erleichtert ihren Atem aus. »Ich dachte schon …«

»War das dein Ernst? Hat dein Keks wirklich Schah Parviz‘ Zähne beschädigt?«, wollte das Mädchen wissen.

»Äh, nein. Nein, das war nur ein Scherz«, erwiderte Shanli mit einem unechten Grinsen. Sie war doch nicht so dumm und würde selbst für die Gerüchte über sich sorgen.

»Ich bin Simin, die Tochter des Wesirs. Außerdem arbeite ich als Aazars Zimmermädchen.«

Shanli betrachtet Simin genauer. »Dein Vater ist Ziar?«

»Ja, und das ist nicht immer ein Zuckerschlecken, glaub mir.«

Unglaublich, dass das hübsche Ding die Tochter des kahlköpfigen Wesirs sein sollte, dessen Gesicht einen in Angst und Schrecken versetzen konnte. Dies lösten entweder seine tiefen Narben oder sein gewaltiger Schnauzbart aus. Ja, es lag wohl eher an seinem gezwirbelten Schnauzer, denn dessen Ausmaße und Ebenmäßigkeit grenzten schon an Zauberei. Das haarige Teil war ihr einfach unheimlich. Simin dagegen zählte zu jenen Menschen, die man auf Anhieb gern haben musste. Sie war nicht außergewöhnlich schön, aber sie besaß eine Natürlichkeit, die sie von innen heraus strahlen ließ. Ihr Lächeln war herzerfrischend. Und all dies machte sie so einnehmend. Bestimmt auch für Parviz. Es war zum Heulen!

»Wieso denn das? Liegt es an seinem Schnauzer?«, fragte Shanli.

Simins Lachen klang glockenhell durch die Luft. »Shanli, du bist wirklich witzig. Nein, er wollte nicht, dass ich dem Schah meine Hand anbiete. Er ist davon überzeugt, dass Parviz mich ablehnt und diese Schmach ihn für immer und ewig verfolgen würde.«

»Oh!«

»Ja, du sagst es«, nickte Simin und rückte dichter an Shanli heran. »Dabei bin ich über beide Ohren in Parviz verliebt. So wie alle hier wahrscheinlich!«

Betroffen verzogen sich Shanlis Lippen, als sie stumm bejahte. Die Mädchen unterhielten sich und schwärmten über Parviz‘ Vorzüge, während Shanli in der Schlange langsam vorrückte. Stück um Stück wurde die Reihe vor ihr kürzer, und immer wieder liefen weinende Mädchen an ihnen vorbei, deren Bewerbung abgewiesen wurde. Irgendwann standen sie im Gang vor der Tür zum Iwan, wo Parviz die Audienzen abhielt. Nisra ging hinein, und Shanlis Magen beschloss spontan, sich zu verknoten. Würde Parviz die Metzgerstochter in die engere Auswahl nehmen?

Für Shanli fühlte es sich an, als wäre nur ein Augenblick vergangen, als Nisra wieder herauskam. Sie versuchte, ihr Gesicht hinter den Händen zu verbergen. Doch ihr lautes, herzzerreißendes Schluchzen war nicht zu überhören. Ohne sich umzuschauen, rannte das Mädchen aus dem Palast. Shanlis Knie wurden weich wie Reismehlpudding. Die arme Nisra!

Dann kamen die nächsten Mädchen an die Reihe. Mit ihren hellbraunen Mähnen hoben sich diese Bewerberinnen von den restlichen ab, die so gut wie alle schwarzhaarig waren. Seltsamerweise kamen diese mit einem euphorischen Lächeln wieder aus dem Saal heraus und verkündeten jedem, auch denen, die es nicht wissen wollten, dass sie der Schah in den engeren Bewerberinnenkreis gewählt hatte.

Simin sah Shanli herausfordernd an. Grimmig fragte sie: »Hast du auch den Verdacht, dass Parviz sich nur Frauen aussucht, die seinen Schönheitsvorstellungen entsprechen? Offensichtlich steht er auf helle Haare.«

»Ja«, erwiderte Shanli bitter. »Wie beinahe alle Männer in Al Hurgha.«

Dann war Bitu an der Reihe. Die Tochter des Schneiders zog laut die Luft ein, bevor sie die Audienzhalle betrat. Shanli glaubte, bereits zu ahnen, was passieren würde. Als einen Moment später Bitu wieder lautstark die Tür hinter sich schloss, war ihre Miene regungslos. Shanli hätte sie am liebsten geschüttelt, um von ihr einen Anhaltspunkt zu bekommen, wie die Audienz ausgegangen war. Aber Bitus energische Schritte und ihr wütendes Schnauben ließen bei Shanli den Verdacht aufkommen, dass sie nicht gut verlaufen sein konnte.

Schließlich wurde Shanli die Tür zur Audienzhalle geöffnet. Ein Engegefühl zog in ihre Brust ein, und sie bemühte sich, weiterzuatmen.

Als Simin ihr »Viel Glück!« zuflüsterte, drehte sie sich seufzend nach ihr um.

»Danke«, wisperte Shanli und schritt über die Schwelle.

Parviz und seine Mutter saßen in zwei üppig verzierten Thronsesseln. Während der Wesir und ein weiterer Mann, der augenscheinlich ein Schreiber war, mit gelangweilten Gesichtern neben ihnen ihre Plätze eingenommen hatten.

Die Miene des Schahs heiterte sich auf, als Shanli näher kam.

»Ah, die Bäckerstochter. Bringst du mir heute deine versprochene Leckerei, die mich alles vergessen lassen soll? Das ist aber nett.«

Shanli kniete nieder. »Ich möchte Euch nicht nur mein Gebäck anbieten, Schah Parviz, sondern auch meine Hand.«

»Was?«, lachte er ungläubig.

Trotz ihres galoppierenden Herzens sprach Shanli es erneut aus. Vielleicht hatte er sie nicht verstanden.

»Ich möchte mich als Eure Braut bewerben.«

Indessen der Wesir und Aazar sie mit stoischer Miene beäugten, prustete der Schreiber leicht vor sich hin.

Parviz jedoch lächelte sie gutmütig an. »Oh, Shari, wie kommst du denn dazu?«

Verwirrt blickte Shanli zu ihm auf. »Nun Ihr … ich dachte … Ihr wart so freundlich zu mir, und ich dachte, dass …«

»Nein, mein Herz!«, unterbrach Parviz sie sanft. Er beugte sich ihr entgegen. »Du hast zwar ein hübsches Gesicht und bist so süß und rund wie deine leckeren Kekse, aber ich kann dich nicht zur Frau nehmen. Das verstehst du doch sicher?«

Er schien wirklich eine Antwort von ihr zu erwarten, weswegen Shanli stumm nickte.

»Schau mich an, Pavi, mein Eheweib muss genauso strahlend schön sein wie ich. Aber weißt du was? Ich mache dir einen Vorschlag. Nimm einfach ab, und dann kommst du noch mal. Es wäre wirklich einfach, sich in dich zu verlieben.«

Fassungslos starrte sie ihn an. War das sein Ernst? Wie sollte sie so schnell abnehmen? Der war ja witzig! Was sollte sie dazu sagen?

Shanlis Kopf schien leer gefegt zu sein, und so holperten die Worte wie von selbst über ihre Lippen. »Wollt Ihr jetzt von meinem Backwerk probieren?«

»Nein, danke. Momentan bin ich sehr beschäftigt, wie du siehst. Ich werde nach dir rufen lassen, sobald ich Zeit habe.«

Shanli schluckte. Das war hart. Sie hatte nicht nur eine Absage bekommen, sondern gleich zwei. Ihr waren schon einige Demütigungen widerfahren, aber diese war die schlimmste. Sie verwandelte ihr Inneres in eine brennende Leere. Ihre Beine waren auf einmal so schwer wie Blei. Überhaupt fühlt sich ihr Körper an, als wäre er eine Last. Wie sehr sie ihn hasste, wie sehr sie sich hasste!

Mit Müh und Not schaffte es Shanli, sich zu erheben. Sie war noch zu schockiert, als dass sie Tränen vergießen konnte. Ihr Kiefer verkrampfte sich, weil sie die Zähne fest zusammenbiss. Sie zog sich mit einer Verbeugung aus dem Saal zurück.

Draußen vor der Tür traf sie wieder auf Simin, deren Augen stumm um eine Antwort baten. Shanlis Verneinen war nicht mehr als ein kurzes Zucken ihres Kopfes. Eilig flüchtete sie aus dem Palast. Floh vor Scham und Schande, in jeglicher Hinsicht abgewiesen worden zu sein.

Sie rannte den Hügel hinunter, durch die engen Gassen Al Hurghas. Und es schien als wolle das Leben sie bestrafen, denn der Händler, der ihr den Platz auf dem Markt streitig gemacht hatte, trat ihr mit einem Kumpan in den Weg.

»Schau an, Omids Tochter. Die ist gut zu Fuß, obwohl sie so fett ist. Willst du womöglich abnehmen?«, verhöhnte der Händler sie laut.

Der andere Mann feixte. »Vielleicht will sie sich wie all die anderen Weiber als Braut des Schahs bewerben?«

Erschrocken warf sie dem Mann einen Blick aus den Augenwinkeln zu. Dies reichte den Männern wohl als Antwort aus, denn sie schlugen sich vor Lachen gegenseitig auf den Rücken.

»Welcher Mann würde die als Frau wollen?«

»Ein Walfänger vielleicht!«

So schnell Shanli konnte, rannte sie nach Hause, doch das Gelächter verfolgte sie und hallte in ihren Ohren fort.

Kapitel 4
Smaragdgrüne Flammen

Golroo und Taliman fingen Shanli im Hof ab.

»Und? Was hat er gesagt?«, fragte Taliman sogleich.

Golroo schimpfte: »Wie kannst du so was fragen? Siehst du nicht, wie elend sie aussieht.« Sie legte Shanli den Arm auf die Schulter. »Was hat der Schah gesagt?«

Niedergeschlagen murmelte die Bäckerstochter: »Dass er eine schöne Ehefrau an seiner Seite braucht.«

Talimans Brauen zogen sich zusammen. »Oh, das ist aber nicht ganz das, was wir erwartet haben.«

»Nein, nicht ganz«, pflichtete Shanli ihm unglücklich bei. »Er schickte alle fort, die ihm nicht hübsch genug waren. Auch Nisra, die Metzgerstochter.«

Golroo nickte verärgert. »Wegen ihrer Nase wahrscheinlich.«

»Ja, die ist recht ungewöhnlich, mit ihrem Buckel«, sagte Taliman.

»Sie ist das gutherzigste Mädchen, das ich kenne. Nisra würde alles für einen tun.« Shanli wurde wütend. »Und Bitu, die gewöhnlich immer ein Lächeln auf den Lippen trägt und immer ein offenes Ohr für einen hat, wurde aus dem gleichen Grund wie ich abgewiesen: weil sie zu dick ist!«

»Ja, natürlich«, empörte sich Golroo. »Sie ist ja noch dicker als du!«

Taliman fuhr seine Frau an: »Na, jetzt übertreib mal nicht so! Bitu ist gar nicht so dick wie Shanli!«

Wäre ihr nicht zum Heulen zumute gewesen, hätte sie über die zwei Alten gelacht. Aber momentan war ihr überhaupt nicht danach. Viel lieber wollte sie sich nur noch in ihr Bett verkriechen, sich die Decke über den Kopf ziehen und es nie wieder verlassen.

Shanli beschloss, dass das die beste Idee des Tages war, und verabschiedete sich von dem Ehepaar. Mit hängenden Schultern schlurfte sie heim. Sie verschloss die Eingangstür ihres Hauses, schlüpfte aus ihren Schuhen und ließ den Korb, der die unberührten Süßigkeiten enthielt, an Ort und Stelle fallen. Die Küche sah noch immer wie ein Schlachtfeld aus, was Shanli seufzen ließ. Überall standen verklebte Schüsseln und lagen benutzte Rührlöffel herum, die sie an ihre vergebene Mühe erinnerten. Nuss- und Eierschalen lagen zum Teil auf dem Boden. Spuren von Mehl und Sesam zogen sich durch den ganzen Raum.

In der Nacht war sie zu müde gewesen, um aufzuräumen, und am Morgen konnte sie nicht schnell genug zum Palast gelangen. Und für was? Um auf ganzer Linie zu versagen. Sie war weder Hoflieferantin geworden noch in die Brautauswahl gelangt. Wie hatte sie nur glauben können, eins dieser Ziele zu erreichen?

Tränen kullerten über Shanlis Wangen. Sie brachte nicht mehr die Kraft auf, Ordnung zu schaffen. Ausgelaugt bis auf die Knochen, schien das Bett sie magisch anzuziehen.

In ihrem Schlafzimmer ließ sie sich sofort auf die Matratze fallen und rollte sich zu einer Kugel zusammen. Mit dem Kissen unter dem Kopf, das den wohlvertrauten Geruch ihres Zuhauses in sich trug, kamen Erinnerungen an ihre Kindheit.

Wie glücklich sie gewesen war, ohne es zu ahnen. An ihre Mutter erinnerte sie sich nur vage. Denn diese war gestorben, als sie fünf Jahre alt gewesen war. Aber umso mehr Platz nahm ihr Vater in ihren Gedanken ein. Vor ihren Augen formten sich Bilder, als er ihr zeigte, wie man Eischnee besonders steif schlug. Oder als sie beim Gewürzhändler die Säcke nach neuen Aromen durchschnüffelten. Oder wie sie stundenlang Mandeln aus den nassen Häuten flutschen ließen und sich dabei scheckig lachten, weil die Kerne durch die ganze Küche hopsten. Sogar dann noch, als es ihm immer schlechter ging und er sich nicht mehr allein auf den Beinen halten konnte, hatte er es genossen, mit ihr die kleinen Arbeiten zu verrichten, die die Süßbäckerei mit sich brachte. Wie sehr sie sein Lachen vermisste!

Lange bevor seine letzte Stunde geschlagen hatte, sagte er ihr voraus, dass er bald sterben würde. Zuerst hatte sie seine Aussagen als grundlose Ängste abgetan und ihm widersprochen. Aber dann, als er nicht mehr gesund wurde, sondern immer schwächer und kränklicher, begriff sie, dass er sein Ende spürte. Ab jenem Zeitpunkt war ihr jeder Tag, den sie mit ihm verbringen durfte, wie ein Geschenk vorgekommen. Omid hatte sie gut vorbereitet auf seinen Tod, denn er hatte gewusst, dass es für sie nicht leicht werden würde. Nachts hatte sie sich lautlos in den Schlaf geweint, um ihm tagsüber ein Lächeln schenken zu können. Doch nun, wo er nicht mehr hier war und alles, wofür er sein Leben lang hart gearbeitet hatte, unterzugehen drohte, schmerzte sie seine Abwesenheit stärker als je zuvor.

Sie hatte nicht nur sich enttäuscht, sondern auch ihren Vater. Ohne die Einnahmen vom Markt würde sie bald keine Zutaten mehr kaufen können. Das Wenige, was der Verkauf über das Küchenfenster einbringen würde, könnte nie und nimmer die Ausgaben für die teuren Gewürze oder Mandelkerne decken. Bald wären ihre Vorräte aufgebraucht, und dann musste sie Zutaten minderer Güte kaufen, was sich unweigerlich auf den Geschmack ihrer Süßigkeiten auswirken würde und dies wiederum auf ihren Verkauf. Womöglich würde sie irgendwann gar kein Geld mehr haben, um Zutaten zu kaufen. Wie sollte es nur weitergehen?

Musste sie wirklich das einzig Wertvolle, das sie von ihrem Vater geerbt hatte, verkaufen müssen? Omid hatte ihr das Amulett kurz vor seinem Tod gegeben. Sie war überrascht gewesen, denn sie hatte nicht gewusst, dass er ein solch wertvolles Schmuckstück besaß. Mitten in der Nacht hatte er es ihr in die Hand gedrückt und sie ermahnt, es niemandem zu zeigen.

Verstohlen suchte Shanli in der Innenseite ihres Kopfkissens nach der geheimen Tasche, wo das Amulett versteckt war. Kaum hatten ihre Finger das Fach ertastet, zwängten sie sich durch die kleine Öffnung und wurden fündig. Sie barg das schwere Schmuckstück, dessen Kälte sie leicht erschaudern ließ. Wehmütig betrachtete sie den daumengroßen Smaragd, der die Form eines Tropfens hatte und an einer groben Goldkette hing. Seine goldene Fassung war kunstvoll verarbeitet und mit vielen winzigen Diamanten verziert. Selbst jetzt noch, in der schwachen Nachmittagssonne, glitzerten diese wie blanke Sterne. Und der geschliffene Smaragd schien regelrecht zu glühen, als loderte eine Flamme in ihm. Wie gebannt starrte Shanli auf das Medaillon. Sie konnte sich gar nicht satt sehen an seiner Schönheit.

Sollte sie diese Kostbarkeit wirklich verkaufen? Sicher würde sie für das Schmuckstück eine Menge Geld bekommen, aber sie würde es nie wiedersehen. Das war ebenso sicher. Denn nie im Leben würde sie mit ihren Süßigkeiten so viel verdienen, um dieses Schmuckstück zurückkaufen zu können. Verzweifelt schloss Shanli die Augen und die Hand, in der das Amulett lag. Sanft rieben ihre Fingerspitzen über den kühlen Stein.

Alles könnte so einfach sein, wenn nur … Ja, es gab einiges, was ihre aussichtslose Situation verbessern würde.

»Ich wünschte … ich wünschte …«, nuschelte Shanli in die Stille ihres Zimmers.

Ja, was sollte sich alles erfüllen? Dass Parviz sich in sie verlieben würde, dass sie nicht mehr dick war, dass sie genügend Geld hatte … oder wenigstens, dass sie auf dem Markt verkaufen dürfte. Oder etwas, dass dies alles unnötig machen würde.

»Ich wünschte … Ich wünschte, ich wäre ein Mann!«

Erschrocken öffnete Shanli die Augen, denn ein Ruck war durch das Medaillon gegangen. Was war nur mit ihr los? Wieso sah sie plötzlich Sterne vor Augen? Vielleicht war sie übermüdet.

Shanli kniff die Augen zusammen und hörte im nächsten Moment eine Männerstimme.

»Naja, ich weiß nicht, ob das jetzt eine Verbesserung ist?«

Sie riss ihre Lider auf und rang nach Luft, denn vor ihrem Bett stand ein Mann. Ein Kerl in einer lila Pumphose! Er hatte die Arme vor seiner Brust verschränkt, die in einer seidenen Tunika mit Weste steckte. Die Krönung seiner Erscheinung waren jedoch seine Glitzerschuhe, deren Spitze sich zu einer Schnecke kringelten.

Ungläubig starrte Shanli nach deren Musterung wieder in sein Gesicht, und als sich seine Braue in einer zynischen Geste erhob, war es soweit: Sie holte tief Luft und brüllte sich die Seele aus dem Leib.

Doch anstatt zu flüchten, runzelte der braunhaarige Eindringling lediglich die Stirn und meinte: »Was schreist du denn so? Du hast mich doch herbeigerufen.«

Weil er nach wie vor keine Anstalten machte, zu flüchten, sprang Shanli aus dem Bett und begann, mit dem Kissen auf ihn einzuschlagen.

Das Amulett noch immer fest in der Hand, brüllte sie ihn an: »Verschwinde! Was willst du von mir? Ich bin eine anständige Frau! Raus aus meinem Haus!«

Der Mann wehrte sich nicht, sondern versuchte bloß, sich vor den Schlägen zu schützen. »Aua! Hör auf mit dem Unfug! Autsch! Bist du verrückt?«

Schließlich konnte er ihr das Kissen wegnehmen, wobei das Amulett zu Boden fiel. Doch das kümmerte den Eindringling nicht, vielmehr fing er Shanlis Handgelenke ein, weil sie angefangen hatte, ihm eine Ohrfeige nach der anderen zu verpassen.

Erneut fing sie an, zu schreien, allerdings in Richtung Fenster: »Hilfe! So helft mir doch!«

»Wieso rufst du denn jetzt nach Hilfe?«, fragte er kopfschüttelnd.

Shanli geriet in Panik, denn der Kerl schaute sie so komisch an. »Er will mir Gewalt antun!«

»Äh, igitt, nein, will ich nicht!« Angewidert verzog sich das Gesicht des jungen Mannes.

»Ein Frauenschänder! So kommt mir doch zur Hilfe!«, rief die Bäckerstochter und versuchte vergeblich, sich von ihm zu befreien.

Verdattert zog der Braunhaarige den Kopf ein und ließ Shanlis Hände los. »Nur zur Erinnerung: Du bist keine Frau mehr!«

»Was?!«, murmelte sie und hielt verdutzt inne. Seine Worte, wie auch seine erhobenen Hände, die ihr seine Handinnenflächen zeigten, in einer Gebärde des Aufgebens, verwirrten sie.

Der Eindringling zuckte mit den Schultern. »Du hast dir doch gewünscht, ein Mann zu sein. Jetzt bist du einer.«

»Wie?« Shanli schüttelte unverständig den Kopf.

Doch als der Pumphosen-Mann mit seinem Kinn auf sie deutete, blickte sie an sich herunter. Der nächste Schock stand ihr bevor: Ihr Busen war weg, dafür war ihr Bauch noch kugliger als zuvor.

Mit riesigen Augen starrte Shanli wieder den Eindringling an, der sie still beobachtete. Abermals senkte sie ihren Blick und fasste sich nach kurzem Zögern zwischen die Beine, um gleich darauf zu schreien – mit einer Stimme, die, wie sie nun bemerkte, viel tiefer war, als gewöhnlich. Völlig entgeistert, aber immerzu brüllend, schlug sie die Hände vors Gesicht, wo sie prompt einen Bart fand. Total überfordert von ihrem neuen männlichen Körper, fing sie an, vor dem Fremden zu flüchten. Denn nur er konnte schuld daran sein. Rückwärtslaufend, stetig schreiend, wich sie zurück, und als sie glaubte, den Ausgang hinter sich zu haben, drehte sie sich um. Allerdings donnerte sie mit ihrer Stirn gegen die Tür, was ihre Flucht abrupt beendete.

Besinnungslos sank Shanli zu Boden. Der Fremde trat näher an Shanli heran. »Wunderbar! Da kommt man nach einem Jahrhundert endlich mal wieder an die frische Luft, und dann das!« Er schnaufte laut. »Vergiss es! Dich werde ich nicht ins Bett tragen! Bei so einem Brocken, wie dir, heb ich mir ja einen Bruch!«

Kapitel 5
Glitzerschuhe und andere schreckliche Dinge

Langsam öffnete Shanli ihre Lider. Im selben Moment malträtierte sie ein wummerndes Pochen an ihrer Stirn.

Was war geschehen? Ach, ja sie war gegen die Tür geknallt, wegen des komischen Kerls. Kerl?!

Die Erinnerung stürzte auf Shanli ein wie ein Eimer eiskaltes Wasser. Sofort rappelte sie sich auf, bis sie, aufrecht sitzend, mit ihrem Rücken an der geschlossenen Tür lehnte. Zu ihrem Entsetzen stand der seltsame Eindringling nach wie vor in ihrem Zimmer herum. Was bedeutete, dass es kein verrückter Traum gewesen war und dass sie … Nein, das konnte sie nicht glauben!

Ängstlich blickte sie an sich hinunter. Tatsache, sie war ein Mann!

»Nein, nein, nein! Das kann nicht sein!«, hechelte Shanli und verfiel zusehends erneut in Panik.

Der Mann hatte sich, in seiner anscheinend typischen Pose, mit verschränkten Armen, vor ihrem Bett aufgebaut. Seine Brauen wanderten seinem braunen Haarschopf entgegen, als er sie argwöhnisch betrachtete.

»Jetzt komm mal wieder runter von der Palme!«, fuhr er sie an, was sie wohl beruhigen sollte. »Du tust so, als wäre es das Schrecklichste auf der Welt, ein Mann zu sein!«

Fassungslos starrte Shanli den braunhaarigen Eindringling an, der lediglich ein paar Jahre älter als sie sein konnte. »Das ist es doch auch!«

»Naja, wenn man so aussieht wie du, dann wahrscheinlich schon!«, meinte er amüsiert.

Wütend wippte Shanli mit ihrem Kopf. »Sagt der Mann in lila Pumphose.«

»Hey, zu meiner Zeit war das total angesagt, ja?!«

Shanli prustete: »Wann soll das gewesen sein? Im letzten Jahrhundert?«

Der Eindringling verfiel ins Grübeln. »Nein, das muss schon länger her sein. Denn als ich das letzte Mal draußen war, war Kiomars Schah, und davor waren schon zwei Jahrhunderte vergangen, seit ich verwandelt worden bin.«

Shanli sah den Mann befremdlich an. Draußen? Hatte man ihn eingesperrt? Aber …

»Kiomars war … Schah Parviz' Urgroßvater oder so, glaub ich«, nuschelte sie mehr zu sich selbst.

Der Typ war doch nicht ganz klar im Kopf. Was erzählte der ihr da? Gut, sie selbst war auf einmal ein Mann, was ja noch viel verrückter war. Vielleicht war sie diejenige, die einen Sprung in der Schüssel hatte? Bildete sie sich das alles nur ein, träumte sie doch?

»Also, was ist jetzt?«, fragte der Fremde und riss Shanli damit aus ihren Gedanken. »Soll ich dich wieder zurückverwandeln? Ehrlich gesagt ist es sowieso ein Wunder, dass das auf Anhieb geklappt hat. So etwas musste ich nämlich noch nie machen!«

Shanli legte den Kopf schief. »Du hast das getan? Warum?«

Er schüttelte den Kopf, und vorwurfsvoll tönte seine Stimme. »Weil du es dir gewünscht hast! Schließlich muss ich die Wünsche erfüllen, die du aussprichst.«

Verdutzt schaute sie den Eindringling an. Es stimmte, sie hatte sich laut gewünscht, ein Mann zu sein. Mit großen Augen starrte Shanli ihn an.

»Du kannst mir meine Wünsche erfüllen?«

»Jaahaa, solange du das Amulett besitzt.« Der Fremde nickte gemächlich und hatte einen Ton angeschlagen, der deutlich machte, dass er sie für dumm wie Fladenbrot hielt.

Langsam zog ein Strahlen auf Shanlis Gesicht. »Du bist ein Dschinn! Ein Dschinn, so wie der aus dem Märchen mit der Wunderlampe.«

»Naja, so etwas Ähnliches wie ein Dschinn«, gab der Mann zu. »Eigentlich bin ich nur verflucht dazu, anderen zu dienen. In Wirklichkeit bin ich ein Mensch, verstehst du?«

Aufgeregt schüttelte Shanli kurz den Kopf. »Nein. Aber das ist im Grunde ja auch egal. Wichtig ist nur, dass du meine Wünsche erfüllen kannst. Hab ich das richtig verstanden?«

Das Gesicht des Dschinns verfinsterte sich. Er war ein Hohlkopf. Warum glaubte er immer noch, nach all der Zeit, dass sich irgendein Besitzer des Smaragdes für seinen Fluch interessieren würde? Nach vier Jahrhunderten, die es jetzt wohl sein dürften, und den vielen Herren, denen er hatte dienen müssen, sollte er doch allmählich wissen, dass es nur um die Wünsche ging, die er ihnen erfüllen konnte. Auch diesmal würde er den Diener machen und jeden Wunsch, den das pummlige Mädchen aussprach, in die Tat umsetzen. Und verflucht noch mal, er konnte sich schon denken, wohin die Reise gehen würde. Eindeutig zu oft hatte er das durchgemacht.

Mit einem tiefen Atemzug gestand der Dschinn letztlich: »Ja. Leider!«

»Das ist ja wundervoll!«, kiekste Shanli, sprang auf und begann vor Freude, wild auf und ab zu hüpfen.

Der Dschinn rieb sich die Stirn und schloss genervt die Augen. »Kann ich dich jetzt, bitte, zurückverwandeln? Es ist wirklich ein erschreckender Anblick, wenn ein übergewichtiger Kerl in einem zu engen Kleid herumhopst und trällert wie ein zehnjähriges Mädchen.«

»Ja, ja!«, jauchzte Shanli, mit einem Grinsen, das bis an ihre Ohren reichte. Sie trat näher an den Dschinn heran. »Solange ich nicht solche abartigen Glitzerschuhe wie du tragen muss.«

Mürrisch schaute er sie an. »Ja, sehr witzig! Also sprich es aus, damit das Elend ein Ende hat.«

Shanlis Brust hob sich in freudiger Erwartung. »Ich muss es mir nur laut wünschen?« Der Dschinn nickte und Shanli sprach es aus.

»Ich wünsche mir, wieder eine Frau zu sein!«

Ein Sternenregen wirbelt um Shanli auf, und bevor sie es sah, wusste sie, dass sie wieder ihren weiblichen Körper hatte, denn es fühlte sich richtig an. Lächelnd sah sie auf ihren großen Busen und ihren runden Bauch hinab.

Höhnisch kommentierte der Dschinn das Ergebnis: »Ja, das erklärt einiges. Da du nicht wieder schreist, gehe ich davon aus, dass dein … mehr als runder Zustand normal ist. Und kein Fehler von mir.«

Verärgert schaute Shanli zu dem Geist des Amuletts auf. Nun, wo sie dicht vor ihm stand, bemerkte sie, dass seine Augen voller Spott waren und die gleiche giftige Farbe wie der Smaragd hatten.

»Wie bekomme ich dich nervigen Dummschwätzer eigentlich wieder in den Anhänger hinein? Spuck es aus, du Scherzkeks! Was ist das Zauberwort?«

In zynischer Lässigkeit verzog der Dschinn einen Mundwinkel. »Nett, wirklich! Im Allgemeinen nennt man mich allerdings Navid. Und wenn du meine Dienste nicht mehr benötigst, solltest du Folgendes sagen: Oh, wundervoller Navid, schönster, edelster Mann, der auf Erden wandelt, auf ewig werde ich dir dankbar sein.«

Shanli versteinerte augenblicklich und betrachtete ihr Gegenüber. Der Kerl nahm sie doch auf den Arm und war eingebildet, dass es nur so krachte. Gut, seine Mähne hatte eine Farbe, die sie an leckere Haselnüsse denken ließ. Mochte sein, dass diese ungezügelten Wellen, die um sein markantes Gesicht fielen, auf manche Frauen einen gewissen Reiz ausübten. Ohne Frage auch seine grünen Augen. Dennoch war seine Hakennase nicht zu übersehen. Aber zusammen mit den schmal geschwungenen Lippen und dem kantigen Kinn war sein Gesicht alles andere als hässlich. Offensichtlich hatte der Pumphosen-Dschinn jedoch eine übergroße Schwäche für Schmuck, denn die goldenen Kreolen an seinen Ohrläppchen blitzten bei jeder Bewegung auf. Sogar seine Handgelenke wurden von breiten Goldspangen umfasst. Sie könnte wetten, dass er mehr als einen protzigen Fingerring an jeder Hand trug. Schade, dass sie ihre Vermutung nicht überprüfen konnte. Er hielt nämlich seine Hände unter den verschränkten Armen verborgen. Doch alles wies daraufhin, dass der Dschinn, welcher sich als Navid vorgestellt hatte, ein eitler, eingebildeter Pfau war. Und so, wie er sich benahm und aus seiner bestickten Seidenweste schaute, einer der allerschlimmsten Sorte. Na, das würde etwas geben! Dem Herrn würde sie gleich mal zeigen, wo das Kamel seine Locken hatte!

»Klar! Wundervoll! Schönster Mann!«, wiederholte Shanli vermeintlich ruhig seine Worte. Doch dann verpasste sie Navid einen unerwarteten Schlag auf den Hinterkopf und schrie ihn laut an: »Du hast sie doch nicht mehr alle! Ich geb dir gleich wundervoll!«

»Aua! Ist ja gut, Dickerchen. Das war es!«, entgegnete Navid kleinlaut und zog den Kopf ein.

»Wie: ›Das war es‹?«, wollte Shanli wissen.

Aber kaum hatte die letzte Silbe ihren Mund verlassen, musste sie zusehen, wie Navid anfing, sich um seine eigene Achse zu drehen. Er wurde immer schneller und schneller. Schließlich verwandelte er sich in einen grünen trichterförmigen Wirbelwind, der röchelnd in den Smaragd eingesaugt wurde. Zum Schluss hinterließ er nur noch ein leises Pupsgeräusch, das als letztes Anzeichen seiner Existenz im Raum nachhallte. Innerhalb von Sekunden war der Dschinn verschwunden. Nur noch das Amulett mit dem grün funkelnden Juwel lag am Boden, als wäre nie etwas geschehen.

Geschockt von Navids plötzlichem Verschwinden nuschelte Shanli benommen: »Jetzt hat der Kerl hier noch einen fahren lassen. Direkt vor meiner Nase! Ich fass es nicht!«

Vorsichtig schnüffelte sie. Zumindest war sein Abgang ohne Gestank. Ein Dschinn, der furzte, wenn er sich dünne macht. Unglaublich! Und … wie bekam sie ihn jetzt da wieder heraus?

Auf Zehenspitzen näherte sie sich dem Schmuckstück und hob es mit spitzen Fingern vom Boden auf. Damit sie den Smaragd besser untersuchen konnte, ließ sie ihn vor ihrer Nase, an der Kette, herunterbaumeln. Dämmriges Tageslicht fiel durch das Fenster und ließ den Edelstein hell leuchten. Das dunkle Grün war faszinierend und erinnerte sie an Navids Augenfarbe.

Shanli konnte es nicht glauben, sie hatte einen Dschinn. Zwar einen selbstgefälligen Angeber-Dschinn, aber immerhin konnte er ihr alle Wünsche erfüllen, die sie sich vorstellen konnte. Genau! Das war es – nein, halt! Das war der Satz, den sie sagen musste, wenn er verschwinden sollte. Aber kurz bevor er aufgetaucht war, hatte sie dreimal laut gesagt: Ich wünschte. Das musste es sein.

Und so sprach Shanli die Sätze laut in ihr verlassenes Zimmer: »Ich wünschte. Ich wünschte. Ich wünschte.«

Gebannt hielt sie die Luft an und wurde aus nächster Nähe Zeuge, wie … nichts passierte. Nach wie vor baumelte der Smaragd träge an der Kette, doch von Navid und seiner lila Pumphose war weit und breit keine Spur.

Shanli seufzte. War er sauer? Wollte der kleine Wichtigtuer etwa nicht mehr herauskommen? Konnte er sich da drin womöglich festhalten?

Die Bäckerstochter nahm den Smaragd in die Hand und schüttelte ihn. »Komm raus! Los mach schon, du Drückeberger, du hast lange genug auf der faulen Haut gelegen«, brüllte sie den Stein an.

Abermals geschah nichts. Shanli versuchte, sich an das zu erinnern, was sie getan hatte, als sie den Dschinn herbeigerufen hatte. Niedergeschlagen hatte sie sich ins Bett fallen lassen. Sich in Selbstmitleid geaalt und an ihren Vater gedacht, dann hatte sie den Smaragd aus seinem Versteck geholt. Sie hatte ihn in den Händen gehalten, fest umschlossen. Und … ja, sie hatte ihn gerieben, während sie die Sätze laut ausgesprochen hatte.

Aufatmend entschloss sich Shanli, es gleich noch mal zu probieren, und diesmal würde sie den Smaragd reiben.

Getan, gesagt.

»Ich wünschte … ich wünschte … ich wünschte«, und schon ging ein Ruck durch den Smaragd, und Navid, der Dschinn, stand, in seiner üblichen Haltung mit verschränkten Armen, wieder vor ihr. Seinen Kopf hatte er leicht in den Nacken gelegt, und von oben herab (was keine Kunst war, da er sie um einen guten Kopf überragte) schaute er sie an.

»Na, welchen Wunsch hat unser Schwabbelchen denn jetzt schon wieder?«

Kapitel 6
Wer will schon kleine Kekse?

»Hör zu, du aufgeblasener Kamelkopf, ich heiße Shanli. Du kannst mich gern weiter beschimpfen, aber du wirst dennoch meine Wünsche erfüllen müssen.« Ein schadenfrohes Grinsen breitete sich auf dem Gesicht der Bäckerstochter aus, als ihr etwas einfiel. »Vielleicht wünsche ich mir sogar, dass du die Stimme verlierst, damit ich mir dein Geschwätz nicht länger anhören muss.«

Navids Brauen rückten zusammen und offenbarten, wie verärgert er über ihre Drohung war. »Das kannst du gerne versuchen. Aber ich denke, dass der Fluch nicht zulassen wird, dass an mir Veränderungen vollzogen werden.«

Navid musterte seine neue Herrin aufmerksam. Vielleicht wäre es jedoch klug, herauszufinden, ob das überhaupt möglich war. Denn wenn ihr Wunsch, ihn stummzuhalten, nicht gelingen würde, bräuchte er gar nicht erst in Erwägung zu ziehen, sie zu überreden, ihn von seinem Fluch zu befreien. Allerdings wäre die kleine, moppelige Shanli vielleicht die Erste, die er mit seinem Charme dazu überreden könnte. Viele Verehrer hatte das Mädchen bestimmt nicht, so rund und frech, wie es war. Mmmh, ihr Honig um den Mund zu schmieren, bis sie ihm hörig war, würde ein hartes Stück Arbeit werden. Denn mit ihrer drallen Figur entsprach sie nicht wirklich dem Bild seiner Traumfrau. Zwar hatte sie, trotz der feisten Wangen, hübsche Züge, aber dennoch war es ein Mondgesicht. Sogar ein kleines Doppelkinn hatte sie. Konnte er sich wirklich dazu überwinden, Begehren zu heucheln? Aber hatte er eine andere Wahl, wenn er sich von dem Fluch befreien wollte?

Die kleine Shanli unumwunden danach zu fragen, konnte er sich sparen, das wusste er aus bitteren Erfahrungen. Mehr als einmal hatte er es auf diese Weise versucht. Einige Besitzer des Smaragdes hatte er gebeten, ihn mit einem Wunsch von dem Fluch zu befreien. Doch stets hatte er von den Frauen und Männern eine Absage oder fortwährend Ausreden gehört. Letztendlich hieß es immer: Erfülle mir nur noch diesen Wunsch, dann schauen wir weiter. Aber dazu war es nie gekommen, denn entweder griff der Besitzer ständig zu dieser Antwort, bis er starb, oder der Smaragd wurde ihm gestohlen, was noch öfters vorkam. Nein, er würde diese einmalige Chance, die sich ihm hier bot, nicht verschenken.

Also blieb ihm nichts anderes übrig, wenn er seine Freiheit wollte, als mit Shanli vorliebzunehmen. Er musste die Sache jedoch mit Bedacht angehen, nicht zu hastig, denn sonst würde sie Verdacht schöpfen. Sein Anliegen durfte er ihr gegenüber erst dann erwähnen, wenn er sie sicher in der Tasche hatte. Er musste ihr Vertrauen gewinnen und darauf achten, dass das Amulett, an welches er gebunden war, in ihrem Besitz blieb. Wer weiß, wem er sonst in die Hände fallen würde? Ja, je mehr er darüber nachdachte: Shanli war perfekt, um sein Anliegen zu erfüllen.

Mit schmalen Augen betrachtete die Bäckerstochter den Dschinn, der ihr plötzlich entgegenschmunzelte.

»Aber bitte, tu dir keinen Zwang an, wünsch es dir!«

Bedächtig schüttelte Shanli den Kopf, denn Navids Herausforderung kam ihr seltsam vor. »Nein, das hebe ich mir für später auf, wenn es mir mit dir zu bunt wird.«

»Wie du meinst«, erwiderte Navid mit einem leisen Lächeln.

Shanlis Misstrauen gegenüber dem Dschinn wuchs. Ihr Magen begann nämlich, zu schlingern, das war ein deutliches Zeichen, auf das sie hören sollte. Irgendetwas hatte er vor, doch was? Womöglich war er gar kein harmloser Dschinn, sondern ein bösartiger? Sie sollte auf der Hut sein.

»Gehen wir hinunter in die Küche. Mal schauen, wie gut du darin bist, meine Wünsche zu erfüllen«, sagte Shanli und öffnete die Tür.

Allerdings blieb sie daneben stehen und wartete. Die Bäckerstochter wollte dem Dschinn nicht unbedacht den Rücken zuwenden, sondern behielt ihn kritisch im Auge.

Navid ging auf sie zu und verharrte vor ihr. »Vergiss das Amulett nicht.«

Shanli hob die Faust und ließ den Smaragd an der Kette herunterfallen, sodass er ihn wild hin- und herschwingen sehen konnte. »Keine Angst, ich behalte es schön bei mir.«

»Das solltest du auch. Und ich rate dir, es gut unter den Kleidern zu verstecken.«

»Gut!«, nickte Shanli ernst. Mit Abstand folgte sie Navid in die Küche.

Als Navid der Unordnung ansichtig wurde, die dort herrschte, kräuselte sich seine Stirn. »Und ich liege auf der faulen Haut, häh?«

»Was?!«, fuhr Shanli ihn an. »Es war schon spät gestern Nacht, und heute Morgen musste ich zeitig in den Palast.«

Mit einem zweifelnden Gesichtsausdruck drehte Navid sich zu ihr um. »Und dann hattest du keine Zeit mehr, weil …?«

»Ich einen furzenden Dschinn aus seinem Gefängnis befreien musste?!«, keifte Shanli angriffslustig zurück.

»Moment, ja?! Für das Furzen kann ich nichts. Anscheinend hatte die Hexe, die mich verflucht hat, einen seltsamen Sinn für Humor.«

»Klar!«, erwiderte Shanli und machte mit dem ironischen Unterton deutlich, dass sie ihm nicht glauben wollte.

Doch Navid ließ sich nicht reizen, sondern überging ihre Spitze und meinte lediglich: »Wenn du eine saubere Küche willst, solltest du deinen Wunsch aussprechen.«

Shanli nickte, und nach einem Atemzug formulierte sie ihr Anliegen. »Ich wünsche, dass meine Küche sauber und aufgeräumt ist.«

»Das sind eigentlich gleich zwei Wünsche, aber … das dürfte kein Problem sein«, erwiderte Navid.

Er wippte kurz mit dem Kopf, und in einem Schauer von Sternen reinigten sich die Töpfe, Kannen, Schüsseln und Löffel von selbst, um gleich darauf zurück an ihre angestammten Plätze zu schweben. Die Nuss- und Eierschalen kreiselten über den Boden und hopsten schließlich, wie kleine Frösche, in einen Holzeimer hinein. Das verschüttete Mehl, alle verstreuten Sesamkörner und jegliche Krümel erhoben sich zeitgleich in die Luft. Wie Bänder flogen sie in kunstvolle Bögen und Spiralen durch den Raum und landeten ebenfalls im Eimer. Der Dielenboden, die Regale, der alte Holztisch und die Stühle waren mit einem mal so sauber wie noch nie zuvor. Die Küche war innerhalb kürzester Zeit blitzsauber.

»Wow«, flüsterte Shanli voller Erstaunen und drehte sich im Kreis. »Das ist unglaublich.«

Ein schiefes Grinsen erschien auf Navids Gesicht. »Nein, das war eher eine meiner leichtesten Übungen.«

Shanli geriet ins Grübeln. »Hast du jemals meinem Vater Wünsche erfüllt?«

Eine von Navids Brauen hob sich in arroganter Weise. »Dann würden wir vermutlich nicht hier, in dieser armseligen Hütte, stehen. Denkst du nicht?«

»Er wusste demnach also nicht, dass er ein verzaubertes Amulett besaß?«

Navid schüttelte den Kopf. »Der letzte Besitzer, der mich rufen konnte, lebte wohl vor knapp hundert Jahren. Daher nehme ich an, dass das Amulett jemandem vererbt wurde, dem das Geheimnis nicht bekannt war.«

Bedauern erfasste Shanli, und traurig stierte sie vor sich hin. »Es wäre vieles einfacher für uns gewesen, wenn wir von dir gewusst hätten.«

Plötzlich sah sie erwartungsvoll zu dem Dschinn auf, und dieser las an ihrer Miene die Hoffnung ab, welche schon einige seiner Herren gehabt hatten. Langsam schüttelte Navid den Kopf.

»Tut mir leid, Shanli. Diese Macht besitze niemand. Keiner kann Tote wieder zum Leben erwecken.«

Enttäuscht sackten die Schultern des Mädchens nach unten, und Navid überkam ein Gefühl von Mitleid. Shanlis volle Lippen verzogen sich zu einem Schmollmund, sodass er sich genötigt fühlte, sie aufzumuntern.

»Ich weiß, es ist ein schwacher Trost, aber … Ich kann dir viele andere Wünsche erfüllen, die dich glücklich machen.«

In ihren großen, unschuldigen Augen war noch immer leise Trauer zu entdecken, und doch wisperte sie zuversichtlich: »Ja, da gäbe es einiges, was mir das Leben angenehmer machen könnte und etwas ganz … Spezielles.«

»Aha«, entgegnete Navid und hob dabei sein Kinn in arroganter Weise an. »Dieses Spezielle hat nicht zufällig mit einem Mann zu tun?«

Mit einem lautlosen Seufzen verschränkte er seine Arme vor der Brust. Ihr Gesichtsausdruck sagte alles. Es wäre ja auch zu schön gewesen, mal nicht bei der Eroberung irgendeines muskelbepackten Schnösels helfen zu müssen. Ewig das gleiche Lied! Er konnte es nicht mehr hören. Und vor allem kam ihm damit ein ganz gewaltiges Problem in die Quere. Wie sollte er Shanlis Herz gewinnen, wenn sie es bereits verschenkt hatte? Kein Wunder, dass das füllige Mädchen ihm gegenüber so kaltschnäuzig war. Er hatte schon begonnen, an seinem guten Aussehen zu zweifeln.

Ja, er wusste sehr genau, wie er auf Frauen wirkte. Normalerweise. Es hatte ihn wahrlich überrascht, dass sie nicht empfänglich für ihn zu sein schien, sondern im Gegenteil, sich noch lustig über ihn machte. Gerade sie, die mit ihrer drallen Figur nun wirklich keinen Grund hatte, über andere unflätige Sprüche zu klopfen.

»Lass mich raten! Du willst, dass er sich in dich verliebt. Also, wie heißt der strahlende … Vollpfosten?«, sprach Navid in gelangweiltem Ton.

»Hey!«, rief Shanli sogleich. »Er ist kein Vollpfosten!«

Navid hob zweifelnd die Brauen. Sein herabwürdigender Blick, seine überhebliche Körperhaltung, alles an ihm machte deutlich, dass er ihr nicht glaubte und sie für ein verliebtes, doof-kicherndes Huhn hielt.

Verdammt, woher wusste er, dass sie einen heimlichen Schwarm hatte und genau das war?

Shanli begann, verlegen zu stammeln: »Woher … wie … kommst du …?«

»Weil das alle junge Frauen wollen!«, unterbrach Navid sie schroff.

»Ach so, na dann«, sagte sie gelassen. »Parviz heißt er. Es ist Schah Parviz von Al Hurgha, um genau zu sein.«

»Oho! Gleich ein Schah! Mit kleineren Keksen gibst du dich wohl nicht ab, was?«

Shanli explodierte, denn schon zum zweiten Mal an diesem Tage musste sie sich anhören, dass sie nicht gut genug war. Mit erhitzten Wangen bellte sie Navid an: »Was willst du damit sagen? Nur weil ich dick bin, bin ich es nicht wert, einen Schah abzubekommen?«

Der Dschinn bemerkte, dass ihm ein gewaltiger Fehler unterlaufen war. Auch wenn ihr Vorwurf eine falsche Unterstellung war, auf diese Art würde er bestimmt nicht bei Shanli landen können und seine Freiheit wiedererlangen. Mufflig gestand er: »Das wollte ich damit nicht sagen. Ehrlich! Üblicherweise ist es oft jemand, dem die Mädchen häufig begegnen. Meist möchten sie die Liebe eines Nachbarsjungen oder die eines Freundes für sich gewinnen.«

Shanli schnaufte beleidigt und wirkte wie ein kleines, trotziges Kind. Navid schmunzelte, und die Bäckerstochter registrierte zum ersten Mal die winzigen Grübchen, die auf seinen Wangen erschienen.

»Du brauchst also einen Liebestrank?«, fragte der Dschinn freundlich.

»Nein!«, empört schüttelte Shanli den Kopf.

»Ja, aber … du willst doch, dass dieser … Parviz dich liebt. Oder nicht?« Navid verstand die Welt nicht mehr, bis ihm ein neuer Gedanke kam. »Ach, dir geht es nur um seinen Reichtum? Ja, dann wünsch dir doch Gold.«

»Äh … nein!« Aufgebrachter als zuvor verneinte Shanli erneut seinen Vorschlag und stierte Navid böse an. »Ich brauch kein Gold, auch keine protzigen Ringe, wie andere Personen hier im Raum!« Der eingebildete Fatzke schloss wohl von sich auf andere. Frechheit! Bitterböse blitzten Shanlis Augen. »Mir geht es nicht darum, reich zu sein. Ich will schlank und blond werden. Das ist mein Wunsch.«

Navid zog schlackernd den Kopf zurück. Zum einen, weil Shanli wieder kräftig austeilte und zum anderen, weil er glaubte, sich verhört zu haben. »Was?! Warum denn schlank und blond?«

Genervt schnaubte Shanli und gestikulierte ungeduldig mit ihren Händen. »Parviz sucht nach einer schlanken, hellhaarigen Braut. Also will ich eine dünne Blondine werden. Ist doch logisch.«

Mit einem leicht verwirrten Ausdruck fragte Navid: »Wäre es nicht einfacher, ihm den Liebestrank einzuflößen, damit er sich in dich verliebt?«

»Nein, das will ich nicht. Er soll sich echt in mich verlieben und nicht wegen so eines blöden Tranks.«

Fassungslos schaute Navid auf Shanli hinunter. »Aha. Er ist also echt in dich verliebt, wenn du vollkommen anders aussiehst als in Wirklichkeit? Verstehe ich das richtig?«

Ein Strahlen fegte über Shanlis Gesicht. »Ja, genau so ist es! Denn dann verliebt er sich tatsächlich in mich, weil ich noch immer ich bin. Verstehst du?«

Navid schüttelte irritiert den Kopf und nuschelte leise vor sich hin. »Nein. Diese Logik kann wahrscheinlich nur eine Frau verstehen.«

»Der Schah sagte, wenn ich abnähme, wäre es leicht, sich in mich zu verlieben«, prahlte Shanli stolz.

»Ach was?!«, entfuhr es Navid lakonisch, was ihm prompt ein Fauchen von Shanli einbrachte.

»Wie? Glaubst du mir nicht? Oder stellt dieser Wunsch ein Problem für dich dar, oh großer Dschinn in lila Pumphose? Dann sag es lieber gleich.«

Navids Stirn legte sich in Falten, als er sich verteidigte. »Dich in einen Mann zu verwandeln, war eine große Nummer. Unterschätze das mal nicht, ja! Gewöhnlich zaubere ich Gegenstände herbei, die bereits existieren. Gold, Schmuck, Liebestränke, Essen, solches Zeugs eben. Ich verschiebe sie von einem Ort zum anderen, sozusagen. Weder habe ich bisher Dinge erschaffen noch welche verändert, und schon gar keine Menschen. Wie ich dir vorhin erklärte, habe ich noch nie zuvor eine Frau in einen Mann verwandeln müssen. Es hat mich selbst überrascht, dass es geklappt hat.«

»Ja, aber du hast es geschafft, mit allem Drum und Dran!«, bestätigte Shanli mit einem fröhlichen Nicken. Doch dann hielt sie kurz inne, weil eine unangenehme Erinnerung sie einholte. »Wie ich selbst festgestellt habe.«

»Na gut, wir können es versuchen. Aber ich kann dir nichts versprechen. Also beschwere dich nicht, wenn es schiefläuft.«

Von Navids Mahnung beunruhigt fragte Shanli ängstlich: »Was genau kann da schieflaufen? Dass ich oben dick und unten dünn bin? Oder lediglich blonde Flecken in meinen Augenbrauen bekomme?«

Der Dschinn zuckte mit den Achseln. »Könnte sein!«

Leicht entsetzt schaute Shanli ihn an. »Nichts Schlimmeres, oder? Kein drittes Auge oder so?«

»Nein, wo denkst du hin? Ich bin doch kein blutiger Anfänger! Hier geht es um die Kraft, die der Zauber benötigt, nicht um die Zauberkunst«, entrüstete sich Navid, schob dann jedoch ein nicht ganz überzeugtes »Denke ich!« hinterher.

»Aber ich könnte mich wieder normal wünschen, falls mir zwei Pobacken am Hinterkopf wachsen sollten?«

Navid prustete bevor antwortete. »Den normalen Zustand wieder herzuzaubern, ist kein Problem. Da muss ich ja nichts verändern.

»Gut, wenn das so ist … auf geht’s!«

Voller Tatendrang stellte sich Shanli kerzengerade hin. Sie schöpfte einen tiefen Atemzug und wollte gerade ihre Wünsche aussprechen, als Navid sie unterbrach.

»Halt! Warte! Erst nur einen Wunsch, damit ich mich besser konzentrieren kann.«

Nach einem kurzen, verstörten Nicken ließ Shanli die Luft aus ihren Lungen heraus und stürzte sich ins Abenteuer, indem sie laut verkündete: »Ich wünschte, ich wäre schlank.«

Kapitel 7
Unerwünschte Wünsche

Ein Sternenreigen setzte ein, und Shanli fühlte sich, als würde ihr Körper, von den Zehenspitzen an, in ein zu enges Loch gezogen. Als würde sie in einen schmalen Ring gesaugt und zum anderen Ende wieder ausgespuckt werden. Während das Engegefühl ihren Hals erreichte, befürchtete sie für einen Moment, erwürgt zu werden. Doch das beängstigende Gefühl wanderte zügig weiter, und nachdem es ihre Schädeldecke überwunden hatte, gab es ein dumpfes, ploppendes Geräusch, wie wenn man einen vollen Wasserbeutel entkorkte.

Etwas benommen blinzelte Shanli. Sie fühlte sich ungewohnt leicht, als würde sie im Wasser treiben. Sie schaute an sich herab. Die gute Nachricht war, sie war offenbar noch immer eine Frau, denn sie hatte einen Busen. Zwar nicht mehr so gewaltig wie zuvor, aber immerhin war er da. Was aber nicht hieß, dass wieder etwas zwischen ihren Schenkeln baumelte. Schnell fasste sie sich in den Schritt. Erleichterung machte sich in ihr breit. Puh! Alles in Ordnung.

»Was zum Geier machst du da?«, fragte Navid, der sie bisher stumm beobachtet hatte.

Shanli zuckte mit den Schultern. »Ich schau nach, ob nichts dazugekommen ist.«

Dann hob sie ihre Hände an und konnte nicht fassen, was sie sah. Lange, schlanke Finger und ein dünnes Handgelenk. Und auf jeder Seite gleich! Erfreut lachte sie auf.

»Keine Dattelfinger mehr. Ich kann sogar meine Knöchel auf dem Handrücken sehen. Schau dir das an, ich umfasse mein Handgelenk mit zwei Fingern.« Shanli begann, vor lauter Aufregung zu kreischen. »Oh, das ist ja … das ist ja unglaublich.« Sie hob ihr Kleid an, das nun nicht mehr spannte, sondern viel zu weit war. Neugierig betrachtete sie ihre Beine und streckte ihr rechtes aus. »Ich habe schlanke Fesseln. Und meine Waden erst!«

Begeistert raffte die junge Frau den Rock noch höher und bestaunte ihre neuen, wohlgeformten Gliedmaße, ohne einen Gedanken daran zu verwenden, dass ein Mann neben ihr stand. »Sind das nicht wunderschöne Beine? Sieh dir das an. Die sind doch eine Wucht, oder?«

Glücklich strahlend blickte Shanli zu ihrem Dschinn auf, der mit einem ziemlich seltsamen Gesichtsausdruck ihrem Befehl Folge leistete und ihre nackten Beine anstarrte.

»Das … äh … also …«

Grimmig fuhr Shanli ihn an »Was?! Sind sie etwa nicht schön?«

»Doch, doch! Sie sind … wunderschön«, stammelte Navid und schluckte. »Du bist wunderschön.«

Heiliger Bim-Bam, Shanli war wirklich eine Schönheit. Zuvor hatte sie schon ein hübsches Gesicht gehabt, trotz ihrer feisten Wangen, aber nun … Sie war eine Augenweide. Die hohe gewölbte Stirn kam erst jetzt richtig zur Geltung. Selbst ihre Stupsnase, die vorher bereits niedlich war, war nun entzückend. Aber ihre dunklen Augen und ihr süßer Mund wirkten jetzt noch betörender und raubten ihm schier den Atem, wenn er sie betrachtete.

»Ist das wahr?«, fragte Shanli ungläubig. »Ich bin wirklich schön?«

Navid nickte mit einem Schmunzeln. »Ja.« Er reichte ihr eine kleine glänzende Kupferkanne, die über der Kochstelle hing. »Hier, schau dir dein Spiegelbild an.«

Mit einem unsicheren Lächeln nahm Shanli ihm die Mokkakanne ab und betrachtete ihr Abbild. Langsam fuhren ihre Finger über ihr Gesicht. Nach einer Weile ließ sie die Kanne sinken.

»Und jetzt die blonden Haare«, flüsterte sie erwartungsvoll.

Navids Blick wurde kritisch. »Warum? Du bist schön genug Shanli. Der Schah wird sich jetzt schon in dich verlieben.«

Verbissen schüttelte Shanli ihr Haupt. »Nein. Ich will blond werden. Ich wünsche mir blonde … Körperbehaarung.«

Sie wollte nur auf Nummer sicher gehen, nicht dass sie an den Armen und Beinen plötzlich aussah wie ein Affe.

Abermals wehte eine Sternenbrise, und sogleich hob Shanli die Kanne an, um die Erfüllung ihres Wunsches zu überprüfen. Sie hatte tatsächlich eine goldblonde Haarpracht, die herrlich schimmerte. Sogar ihre Wimpern und Augenbrauen waren hell, genau so, wie sie es beabsichtigt hatte. Shanli konnte es nicht fassen. Sie war eine ganz andere Person, eine wunderschöne, schlanke Blondine. Von der kleinen dicken, dunkelhaarigen Shanli war weit und breit nichts mehr zu entdecken. Vielleicht noch eine leichte Ähnlichkeit in den Zügen, die einem jedoch nur auffiel, wenn man wusste, wonach man suchte.

Navid beäugte die neue Shanli mit Argwohn. Sein Zauber war gelungen, sogar mehr als das, er war vollkommen. Aber dennoch gefiel ihm nicht, was er sah. Die dunkle dicke Shanli war weg, und vor ihm stand eine anmutige Schönheit. Obwohl das Mädchen überglücklich wirkte und immer wieder ihren neuen Körper und ihr Gesicht in der Kanne bestaunte, hatte er das Gefühl, etwas Falsches getan zu haben.

»Das ist wunderbar, Navid. Warum schaust du denn so betrübt? Kannst du dich denn nicht mit mir darüber freuen, dass du meine Wünsche erfüllen konntest, dass alles so geworden ist, wie ich es mir vorstellte?«

»Ich weiß nicht. Ich finde es nicht richtig«, murmelte Navid leise.

Stürmisch konterte Shanli mit einem Kopfschütteln. »Nein. Es ist genau richtig. Parviz wird glücklich sein.«

»Aber … wirst auch du glücklich sein?«

Mürrisch verzog sich Shanlis Mund. »Natürlich. Es geht nur darum, dass ich so bin, wie Parviz es sich wünscht. Wenn er glücklich ist, bin auch ich glücklich.«

Navid musterte sie ernst. »Mag sein. Ich glaube jedoch …«

Navid vollendete seinen Satz nicht, denn er verfolgte, wie Shanli die Kupferkanne wegstellte und den Korb holte, welcher noch immer die Süßigkeiten enthielt, die sie für Parviz zubereitet hatte. Sie stellte ihn auf den Tisch, schlug die Tücher beiseite und suchte sich eine Leckerei heraus, die ohne Umschweife den direkten Weg in ihren Mund fand. Genüsslich schmatzte sie vor sich hin und schien, Navid vollkommen vergessen zu haben.

»Was tust du da?«, fragte er mit runden Augen.

Shanli schaute ihn an, als zweifle sie an seinem Verstand. »Wonach sieht es denn für dich aus? Ich esse. Kennst du das nicht?« Dann glaubte sie, zu begreifen, um was es Navid ging. »Ach so! Du willst auch probieren? Klar, du hast ja seit ein paar Jahrzehnten nichts mehr gegessen. Entschuldige.« Sie hielt ihm den Korb hin. »Hier, was magst du?«

»Nein, nein, nein!«, wehrte Navid ab. »Du hast dich doch gerade schlank gewünscht, und was machst du jetzt?«

Mit offenem Mund, in dem noch die letzten Reste des Marzipankonfekts auszumachen waren, glotzte Shanli ihn an. »Essen!«, war alles, was sie erwiderte.

»Das kann doch nicht dein Ernst sein? Du wünscht dich schlank und futterst dir gleich wieder einen runden Bauch an?«

Wut tauchte in Shanlis Miene auf, und laut fuhr sie Navid an. »Was, wenn dem so wäre? Ich kann mich ja immer wieder schlank wünschen? Oder darf ich ab jetzt nie wieder etwas essen?« Mit Nachdruck donnerte sie den Korb auf den Tisch.

In einer vorwursvollen Geste deutete der Dschinn auf ihre Figur. »Na, dann brauchst du dich ja nicht wundern, dass du so …« Er brach seinen Satz ab, denn er bemerkte, wie das Gesicht der blonden Shanli allmählich rot wurde vor Zorn

Schnaubend trat sie an Navid heran, um unter seiner Nase lautstark auszurasten. »Was? Na komm, sag es! Spuck es aus! Dass ich so fett bin! Das wolltest du doch sagen.«

Navids ballte seine Hände zu Fäusten. Die Frau war unverbesserlich, unmöglich und rechthaberisch. »Ja, das wollte ich!«, schrie er. »Wenn du ständig Süßigkeiten in dich hineinstopfst, ist es kein Wunder, dass du so dick und rund bist.«

»Weißt du was?«, giftete die schlanke Shanli ihn an und stach bei jeder Silbe mit ihrem Finger auf seine Brust ein. »Das ist mir egal. Sieh her!« Blindlings ging die Blondine zurück an den Tisch, griff in den Korb, nahm sich einen Keks heraus, zeigte ihm diesen und stopfte ihn sich danach demonstrativ ganz in den Mund. Mit dicken Hamsterbacken sprudelte sie wütend weiter und verteilte dabei beachtliche Mengen von Kekskrümeln. »Ich esse, so viel ich will. Und es ist mir egal, was die Leute hinter meinem Rücken tuscheln. Sollen sie doch sagen, dass sie froh sind, nicht so dick zu sein, wie ich es bin. Oder dass es für mich schon längst an der Zeit wäre, abzunehmen. Oder dass ich doch zu Hause bleiben soll, weil mein Anblick sie anekle.« Kaum hatte Shanli den letzten Satz ausgesprochen und den Keks hinuntergeschluckt, war ihre Wut hinfort und nur noch ihre Traurigkeit blieb übrig. Ihre dunkelbraunen Augen, die Navid an Ort und Stelle gefangen hielten, füllten sich mit Tränen. Heiser raunte sie: »Es ist mir egal, was du sagst. Denn es gibt nichts mehr, was mich noch verletzen könnte!«

Das Mädchen wandte sich ab, doch Navid fasste nachihrem Arm. »Shanli, warte! Es tut mir leid.« Langsam drehte sie sich zu ihm um und leise sprach er weiter: »Ich wollte dich nicht beleidigen oder dir wehtun. Ich wollte nur …« Abrupt hörte Navid auf, zu reden, und stierte entgeistert auf Shanlis rechte Wange. Er ließ sie los und murmelte entgeistert: »Oh je, oh je, das ist nicht gut! Das ist gar nicht gut!«

Erschrocken schrie die Bäckerstochter auf: »Was? Was ist nicht gut? So sag doch! Was stimmt nicht mir?«

Navid nahm geschwind die Kupferkanne vom Tisch und reichte sie ihr wieder. »Deine Wange sie … sie …«

Hastig sah Shanli auf das polierte Kupfer und musste beobachten, wie ihre Wange bebte und blubberte, wie kochender Reismehlpudding.

»Nein. Nein. Nein!«, jammerte sie hysterisch.

Es wurde schlimmer und schlimmer. Bis es einen Schnalzer gab und ihre Wange wieder die alt gewohnte pralle Rundung hatte. Shanli schaute Hilfe suchend zu Navid. Der allerdings war viel zu sehr geschockt, um etwas anderes sagen zu können als: »Ach, du liebes Bisschen.«

Seine Augenbrauen rutschten in unterschiedliche Höhen und machten Shanli deutlich, dass ihr Zustand bedenklich war.

Sie japste gerade »Oh, nein, bitte, bitte nicht!«, als es mehrmals hintereinander schnalzte. Wie Mais zu Popcorn ploppte, so sprang auch ihre linke Wange wieder in ihre alte Form. Waden, Schenkel, Bauch und Brüste, eins nach dem anderen folgte. Alles sprang wieder in seinem alten Umfang aus ihrem schlanken Körper hervor, bis Shanli wieder die mollige Bäckerstochter war.

Enttäuscht ließ sie ihre Schultern hängen. »Na, wenigstens bin ich noch blond!«

Navid verzog unglücklich das Gesicht. »Hmm, das würde ich jetzt so … nicht sagen!«

Mit einem Aufheulen schaute Shanli wieder in die Kupferkanne. Ganz allmählich wurden ihre Wimpern und Augenbraune von außen wieder dunkler, bis sie völlig schwarz waren. Sie schaute auf ihre Haarspitzen, wo das gleiche Spiel stattfand. Langsam stieg die Schwärze an ihren Wellen empor bis zum Scheitel. Einen Moment später war sie wieder ganz die Alte. Schwarzhaarig, dick und unglücklich.

Niedergeschlagen seufzte die Bäckerstochter auf. Der Traum, Parviz‘ Braut zu werden, war zum Greifen nah gewesen, und den wollte sie sich nicht nehmen lassen. Verflixt! Nein, sie müsste lediglich darauf achten …

»Du musst mich begleiten!«, sagte Shanli leichthin.

»Wohin?«, fragte Navid.

»Du wirst mich in den Palast begleiten. Ich werde das Amulett ständig bei mir tragen, und wenn ich beginne, mich zurückzuverwandeln, werde ich mich wieder schlank und blond wünschen. Ganz einfach.«

Der Dschinn schüttelte den Kopf. »So einfach ist das nicht. Um deine Wünsche zu erfüllen, muss ich außerhalb des Smaragdes sein.«

Shanli rieb sich über die Stirn und überlegte. Sie konnte schlecht mit ihm im Schlepptau in den Palast dackeln, und das nicht nur wegen seiner unmöglichen lilafarbenen Pumphose. Sie würden aussehen wie ein Paar. So könnte sie nicht um Parviz werben. Sie könnte Navid als ihren Bruder ausgeben. Aber ob man ihnen das glauben würde? Und was, wenn sie in die engere Auswahl gelangte und er sie dann nicht mehr begleiten dürfte? Nein, nein! Das war keine gute Idee. Wenn er jedoch … Genau, das war die Lösung!

»Du wirst mich, als meine Schwester, begleiten. Wir beide werden uns als Braut bewerben.«

»Was?«, rief Navid voller Entsetzen. Ihm stockte der Atem bei Shanlis abstruser Idee. Vehement schüttelte er den Kopf. »Nein! Nie und nimmer werde ich eine Frau und halte um die Hand eines Kerls an! Vergiss es! Was, um Himmels willen, war in diesem Keks drin, dass du solche bescheuerten Ideen hast?!«

Shanlis Augen wurden schmal, und sie stützte ihre Hände auf die Hüften. Ihr selbstgefälliges Grinsen bereitete Navid Sorgen. Äußerst große Sorgen!

»Shanli! Ich warne dich! Tu das nicht! Wehe!«, warnte er sie noch mit eiskalten Augen.

Doch es war zu spät, die Worte verließen bereits ihre Lippen. »Ich wünschte, Navid wäre eine blonde Frau!«

Kapitel 8
Unerwarteter Besuch

Ein Funkensturm toste um Navid, und noch bevor dieser sich gelegt hatte und die Sicht freigab, konnte die Bäckerstochter schon eine weibliche Stimme hören.

»Shanli, ich drehe dir den Hals um!«

Die Genannte presste die Lippen aufeinander, um nicht laut loszulachen. Da stand sie, die Pumphosen-Dschinni! Er war nicht mal eine hässliche Frau. Noch immer war er groß und schlank, allerdings hatte er jetzt einen Busen, breitere Hüften und eine Taille. Zugegebenermaßen machte er in der lila Pumphose gar keine üble Figur … als Frau. Das blonde Haar fiel in eleganten Wellen über Navids schmale Schultern. Nur wie er so breitbeinig dastand, das wirkte nicht gerade feminin. Aber … seine Hakennase hatte auch in dem weiblichen Gesicht ihren Reiz. Mit den hohen Wangenknochen und dem schmallippigen Mund zusammen konnte man es durchaus hübsch nennen. Bloß schaute er ziemlich grimmig.

»Warum hast du das getan?«, keifte die weibliche Ausgabe von Navid.

»Na, weil du mich immer blond und schlank halten musst, damit Parviz meine Bewerbung annimmt.«

Die große Frau grummelte. »Du verlangst ganz schön viel. Ich muss ständig auf der Lauer liegen und nicht nur auf dein Äußeres achten, sondern auch auf meins. Und dann noch deine Wünsche erfüllen. Sehr wahrscheinlich halten die Zauber kürzer an, weil es mehrere sind.«

»Umso wichtiger ist es, dass du dich immer in meiner Nähe aufhältst. Und falls Parviz mich wählt, muss auch in den Prüfungen mein Aussehen erhalten bleiben. Das heißt, du musst ebenso unbedingt erwählt werden, um mit mir gehen zu können.«

Erschrocken begehrte Navid dagegen auf: »Stopp! Es war bloß die Rede davon gewesen, dass ich deinem doofen Schah meine Hand anbieten, aber nicht, dass ich ihm auch noch schöne Augen machen soll. Ganz zu schweigen von irgendwelchen Prüfungen. Was sind das überhaupt für Prüfungen?«

»Keine Ahnung, was die sich dort oben im Palast ausgedacht haben. Wahrscheinlich wollen sie schauen, ob man zur Gemahlin des Schahs taugt. Ich vermute, man muss ihnen vortanzen oder einen Krug auf dem Kopf balancieren. Irgend so was in dieser Art.«

Der weibliche Dschinn schnaubte missbilligend. Das war ein ganz schön hartes Stück Brot, was er da schlucken sollte. Er sollte sich als Frau einem Mann an den Hals werfen, durch die Gegend tanzen, nebenher Wünsche erfüllen und ständig auf der Hut sein, dass der verrückte Plan funktionierte. Das einzig Gute an der Sache war die Erkenntnis, dass ihre Wünsche ihn verändert hatten und sie mit einem Wunsch vielleicht wirklich in der Lage war, ihn von seinem Fluch zu befreien. Wohl oder übel musste er der kleinen Bäckerstochter diesen riesigen Gefallen tun, um sie bei Laune zu halten. Ansonsten würde sie ihn womöglich zurück in den Smaragd schicken und nie wieder herausholen. Das konnte er nicht zulassen. Dennoch sollte er ihr klarmachen, dass das ganz schön viel war, was sie da verlangte. Genau, er musste beginnen, ihr einzureden, dass sie in seiner Schuld stand.

Mit mürrischem Gesicht gab Navid sich geschlagen. »Na gut. Ich tu dir den Gefallen und werde dir helfen, was ich jedoch nicht müsste. Du sollst wissen, dass es mich wahrlich Überwindung kostet, so hinaus auf die Straße zu gehen und einem Kerl nachzustellen.«

Shanli schmunzelte überheblich. »Oh, wie großzügig von dir. Allerdings hätte ich mir bei einer Weigerung auch einen Liebestrank von dir wünschen können, den ich dir dann heimlich eingeflößt hätte. Dann hättest du dich von ganz allein Schah Parviz an den Hals geworfen, mein Lieber. Und weißt du was? Ich glaube, es wäre dir dann egal gewesen, ob du ein Mann oder eine Frau bist.«

Navid wurde bleich vor Wut. Diese elende Natter machte es einem auch wirklich schwer, sie nur ein kleines Bisschen zu mögen. Sie reizte ihn bis aufs Blut.

»Glaub mir, du willst keinen Dschinn als Feind haben, der dir deine Wünsche erfüllen soll. Ehrlich gesagt habe ich oft den Hang zur Übertreibung. Also bitte, wünsch dich nur schlank. Wir werden sehen, wie schlank du werden kannst.«

Nun grinste Navid, während Shanli das Gesicht fast auseinanderfiel.

Unwillig maulte sie: »Ist ja gut. Waffenstillstand!«

Just in dem Augenblick wurde an die Haustür geklopft, und man hörte Golroo und Taliman rufen.

»Shanli, mein Kind? Alles in Ordnung bei dir?«

»Wir hörten dein Gebrüll. Ist da jemand bei dir?«

»Oh! Äh …« Panisch schauten Shanli zu Navid, der ratlos mit den Schultern zuckte. Fieberhaft überlegte das Mädchen, was sie ihren Nachbarn erzählen sollte. Es abzustreiten, würde die zwei Alten vielleicht noch misstrauisch und neugieriger machen, weshalb sie beschloss, die Flucht nach vorne anzutreten.

»Ja!«, rief sie zögerlich und ging auf die Tür zu.

Trotz Navids warnendem »Nein!« öffnete Shanli weit genug, damit das Ehepaar die blonde Dschinni sehen konnte.

Shanli lächelte verkrampft. »Meine liebe Cousine hat mich mit einem Besuch überrascht. Navida, komm doch mal her. Das sind meine Nachbarn Golroo und Taliman.«

Verwundert musterten die zwei Alten die schlanke Blondine, die mit mürrischer Miene auf sie zukam. Shanli räusperte sich laut und stierte Navid auffordernd an, denn sein Gang war unverkennbar der eines jungen selbstsicheren Mannes und nicht der eines schüchternen Mädchens. Doch der weibliche Dschinn gönnte ihr lediglich ein genervtes Brummen, ging an ihr vorüber und begrüßte die beiden Alten respektvoll.

Nach dem diese den Gruß erwidert hatten, meinte Golroo: »Ich dachte, du hättest keine Verwandten mehr.«

»Ach, jaaaa«, stammelte Shanli. »Navida ist … sie …«

Endlich kam Navid ihr zur Hilfe und übernahm die Antwort. »Eine weit entfernte Cousine. Mein Mutter war die Cousine ihrer Mutter.«

Taliman nickte bedächtig. »Aha, das erklärt auch, warum ihr euch nicht ähnlich seht.«

»Und ebenfalls, warum Navida so hübsch ist«, grinste Golroo.

Während Shanli, zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit, das Grinsen verging, fielen Navid vor Schreck beinahe die Augen aus dem Kopf.

»Tatsächlich!«, entgegnete er zynisch.

»Ja«, bestätigte Shanli derweil säuerlich. »Daran wird es wohl liegen.«

Aus den Augenwinkeln beobachtete Navid, wie seine junge Herrin die versteckte Schmach hinunterschluckte. Ihr Gesicht hatte sich verschlossen, und ihr Blick wirkte nicht mehr so heiter wie zuvor.

Golroo und Taliman verabschiedeten sich nach ein paar Höflichkeitsfloskeln, und als Shanli die Tür hinter ihnen zumachte, nuschelte sie leise: »Unfassbar! Jetzt ist sogar ein Kerl in Pumphose ‘ne hübschere Frau als ich.«

»Dafür kann ich ja jetzt wohl wirklich nichts!«, schnippte die blonde Navida zurück, was Shanli nur noch wütender machte.

Giftig starrte sie ihn an. »Ach, halt die Klappe, Blondie. Du siehst selbst mit deinem Bart im Gesicht noch besser aus als ich.«

Überrascht fasste Navid sich an die Wangen. Wie Shanli sagte, konnte er seine Bartstoppeln fühlen, was hieß, dass die Rückverwandlung bereits einsetzte.

»Shanli, das wird nie und nimmer gutgehen!«, versuchte er, sie nochmals zu überzeugen, dass ihr Plan nicht gelingen würde.

»Doch, das wird es. Und ich werde mit dir darüber nicht weiter streiten.«

Zusehends verwandelte sich Navid zurück in den männlichen Dschinn. Seine goldene Mähne wurde wieder braun und schrumpfte auf Schulterlänge zusammen. Zugleich verschwand sein Busen, und die Schultern wuchsen in die Breite. Sein Kinn gewann wieder sein kantiges Aussehen, während sein Hals kräftiger wurde. Füße und Hände verwandelten sich zu denen eines Mannes.

Je mehr Navid seine echte Gestalt annahm, desto panischer wurde Shanli. Denn insgeheim befürchtete sie, dass der Dschinn recht haben könnte. Doch welche Wahl hatte sie, wenn sie Parviz‘ Ehefrau werden wollte? Sie musste das Risiko eingehen und diese eine Chance nutzen, die sich ihr bot. Stur hielt sie an ihrem Plan fest und sprach den Satz aus, der ihr Ruhe bescheren würde – vor Navids Zweifel, den sie nicht hören wollte.

»Das war es!«

Sie vernahm noch aus dem grünen Zyklon seine tiefe Stimme, bevor er vollkommen im Smaragd verschwand: »Es wird trotzdem in die Hose gehen!«

Shanli hätte schwören können, dass er sie mit dem abschließenden Furzgeräusch verspottete.

Kapitel 9
Geschenke von einst und jetzt

Es war früh am Morgen, und die Gassen von Al Hurgha waren so gut wie menschenleer. Navid schaute sich verstohlen um. Sein grünes Kleid, das aus kostbarer Seide gefertigt und mit Hunderten von Perlen verziert war, stand im krassen Widerspruch zu der armseligen Hütte, die er soeben verlassen hatte. Hinter ihm trat Shanli aus der Tür. Auch sie hatte wie Navid die schlanke Blondinen-Gestalt angenommen. Die Bäckerstochter war ebenfalls nobel gekleidet, jedoch strahlte sie, im Gegensatz zu ihrem Dschinn, übers ganze Gesicht. Sie schaute zum Nachbarhaus, dessen Fensterläden noch verschlossen waren.

»Schnell, lass uns gehen, bevor uns Golroo und Taliman entdecken.« Hastig packte sie Navids schmale Hand und zerrte ihn hinter sich her, die Straße entlang, in Richtung Palast.

»Früher oder später werden sie dich in diesem Zustand antreffen. Das wird sich nicht vermeiden lassen«, machte er Shanli auf das Unausweichliche aufmerksam.

»Was soll ich ihnen denn dann bloß sagen?«

Navid zuckte lässig mit den Schultern. »Na, das Gleiche, was wir auch im Palast erzählen werden: dass wir Schwestern sind.«

»Aber werden sie das nicht seltsam finden, dass plötzlich noch eine Cousine aufgetaucht ist.«

Navid schnalzte mit der Zunge. »Warum sollten sie sich wundern? Wenn der Schah, so wie du erklärt hast, im ganzen Reich ausrufen ließ, dass er eine Braut sucht, ist es doch verständlich, dass von überall die Mädchen kommen werden, um im Palast vorzusprechen. Ich bin überzeugt, dass deine Cousinen tatsächlich angereist kämen, wenn du welche hättest.«

Shanli nickte. »Ja, du hast recht.« Beunruhigt blickte sie zu Navid auf. »Wie sehe ich aus? Bin ich noch blond und schlank?«

»Ja. Noch!«, meinte dieser verdrießlich. »Aber ich weiß nicht, wie viel Zeit wir haben …« Nach einem Augenblick des Nachdenkens nahm der Dschinn einen von seinen breiten Armreifen ab und reichte ihn Shanli. »Hier, nimm ihn! Damit kannst du hin und wieder dein Spiegelbild überprüfen.«

Erstaunt betrachtete das Mädchen den schweren Goldarmreif, der in ihrer Hand ruhte. Er war wirklich so breit und blank poliert, dass sie ihr Abbild darin erkennen konnte.

»Aber … er ist ein Vermögen wert. Was, wenn ich ihn verliere?«

Navid schüttelte den Kopf, als wäre es das Abwegigste, was passieren könnte. »Dann verliere ihn einfach nicht. Und wenn, ist es nicht mehr mein Problem. Ich schenke ihn dir.«

Verdutzt blinzelte Shanli und streifte sich andächtig das Schmuckstück über. »Ist das dein Ernst? Er … er ist wunderschön, Navid. Ich kann das nicht annehmen!« Mit einem zaghaften Schmunzeln suchte sie den Blick ihres Dschinns, der fast schon verlegen wirkte. »Vielen Dank. So etwas … Kostbares hat mir noch nie jemand geschenkt. Ich werde ihn in Ehren halten, das verspreche ich dir.«

Die weibliche Navid grummelte: »Keine Ursache.«

Es war schon lange her, dass sich jemand bei ihm für etwas bedankt hatte, und noch länger, dass er irgendjemandem ein Geschenk gemacht hatte. Auch wenn ihm dieser Armreif nichts mehr bedeutete, wie einst, als er nach Ruhm und Reichtum strebte, so gab ihm Shanli jedoch das Gefühl, etwas Wichtiges verschenkt zu haben. Und das war – ein gutes Gefühl. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wann er das letzte Mal mit sich selbst im Reinen gewesen war. Sein Dasein war im Grunde nur noch von Langeweile, Unglück, Reue und Bitterkeit erfüllt gewesen. Seit Shanli ihn allerdings aus dem Smaragd geholt hatte, hatten diese Empfindungen keinen Platz mehr gefunden. Und verrückter Weise, hatte sein Herz einen Schlag ausgesetzt, als sie eben zum ersten Mal seinen Namen ausgesprochen hatte. Bisher hatte sie ihn nämlich mit allem Möglichen betitelt, von »Kamelkopf« bis »Pumphosen-Dschinn«. Vielleicht bildete er sich dies jedoch auch nur ein? Ja, gewiss brachte ihn lediglich ihre dazugewonnene Schönheit durcheinander, die gerade mal wieder im Treibsand verschwand.

»Shanli, du musst die Wünsche aussprechen.«

Erschrocken schaute sie auf Navids breite Armspange, die nun ihr Handgelenk zierte. Ihre Wange bebte bereits, und so sprach die Bäckerstochter die Wünsche aus, welche sie blond und schlank hielten.

Sie hatten den größten Teil der Strecke zurückgelegt, als ihnen zwei Männer entgegenkamen. Deren Blicke glühten voller Bewunderung für die beiden Blondinen. Shanli und Navid versuchten, schweigsam an ihnen vorbeizuhuschen. Die Männer versperrten ihnen jedoch den Weg.

»Wo kommt ihr zwei Hübschen denn her?«

»Wollt ihr etwa auch in den Palast und, wie all die anderen, um den Schah werben?«

»Was?«, fragte Shanli verwundert.

Ein Wildfremder machte ihr, mitten auf der Straße, einfach so ein Kompliment? Das war ja vielleicht nett gemeint, aber sein Ton bereitet ihr irgendwie Unwohlsein.

Während Shanli vor den zwei Fremden ängstlich zurückwich, blieb Navid stehen. Auf seiner Stirn stand überdeutlich »Komm mir bloß nicht zu nah« geschrieben. Allerdings konnten die Männer die Botschaft wohl nicht entziffern. Sie rückten noch dichter an die Mädchen heran.

»Ihr solltet besser um uns werben.«

»Wir sind zwar nicht so reich, aber können euch auf andere Weise ebenso beglücken.«

Navids Lippen verzogen sich voller Verachtung, was sein Gegenüber entweder nicht wahrnehmen wollte oder als Zeichen von unterdrückter Leidenschaft deutete. Denn verwegen strebte der Fremde an, eine von Navids Wellen spielerisch um seinen Finger zu wickeln. Doch der Dschinn packte die Grabscher und bog sie ganz allmählich in eine unnatürliche Haltung. Der Mann ging in die Knie und jaulte zugleich vor Schmerz auf. In seinen weit geöffneten Augen leuchtete Verwunderung.

Navid beugte sich drohend über ihn. »Das, mit dem du mich beglücken willst, kannst du behalten, denn das hab ich selbst. Also spar dir deine blöden Sprüche!«

Der andere Mann, welcher ursprünglich Shanli nachgestellt hatte, eilte seinem Freund zur Hilfe. Er griff nach Navids Arm und fuhr ihn derb an: »He, was fällt dir ein? Lass ihn los, du verrücktes Weib!«

Da Navid mit der einen Hand noch immer den frechen Kerl am Boden hielt, stopfte er dem neuen Angreifer lediglich zwei Finger in die Nase. Seine nun weiblich langen Fingernägel bohrten sich tief in dessen Nasenwände, sodass dieser laut aufschrie. Grob zerrte Navid ihn zu sich heran, mit einem Ausdruck, der wütender nicht sein konnte.

»Was hast du gesagt? Willst du mich womöglich schlagen? Ihr beiden solltet wirklich lernen, euch zu benehmen! Verhält man sich so zwei Frauen gegenüber?«

Shanli stellte verdattert fest, dass Navid wirklich eine Antwort zu erwarten schien, denn den einen rüttelte er an der Nase durch, und dem anderen verbog er noch stärker die Finger.

Im Chor gestanden die zwei Männer hastig ein: »Nein, nein! Aua!«

Das reichte Navid offenbar nicht, weil er sie prompt fragte: »Werdet ihr das noch mal tun?«

Erneut übte er Druck auf die beiden Knilche aus, in deren Gesicht langsam ein Ausdruck von Panik wuchs. Shanli wunderte sich zuerst, wieso dem so war, aber als sie bemerkte, wie sich Navids Gestalt veränderte, konnte es sie den zwei Männern nicht verübeln. Es war ein beängstigender Anblick, wie in Navids hübschem Frauengesicht ein Bart zum Vorschein kam, die Brauen buschiger wurden und die weichen Züge zunehmend an Härte gewannen.

»Nein! Nie wieder!«

»Auf keinen Fall!«, schrien die Männer hysterisch und versuchten, sich zu befreien. Kaum hatte Navid die Finger und Nasenlöcher freigegeben, stürmten die Rüpel davon, ohne sich nochmals umzudrehen.

Shanli schluckte geschockt, während Navid voller Abscheu seine Hand an seinem der Kleid abwischte.

»Igitt, das ist ja ekelhaft. Das nächste Mal schnappe ich ihn besser am Kragen als an der Nase.«

»Ja, das solltest du. Und ich sollte dich wieder zur Frau wünschen.«

Das tat Shanli dann auch gleich, und so setzten sie ihren Weg fort.

Navid schüttelte derweil grübelnd den Kopf. »Unglaublich, was manche Männer glauben, sich erlauben zu können.«

»Mmh, du hast ja keine Ahnung, was ich mir sonst anhören muss«, entgegnete Shanli.

Navid schaute sie von der Seite an. »Schlimmer als das?«

»Naja, sie wollten mich zwar nie anfassen oder in irgendeiner Weise bedrängen, aber dafür … durfte ich mir ihre netten Kommentare anhören, zu meiner Figur.« Betreten blickte Shanli kurz zu ihm hinüber.

Navid wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er erinnerte sich daran, dass er mit seinen Gemeinheiten über Shanlis Unförmigkeit ebenfalls nicht hinterm Berg gehalten hatte, sondern gleich damit über sie hergefallen war, und das auf vielerlei Weise. Selbst als sie bewusstlos am Boden gelegen hatte, war ihm eine Unflätigkeit über die Lippen gekommen.

Betroffen flüsterte Navid: »Tut mir leid, Shanli.« Und er bemerkte, dass er sich sowohl für seine eigenen Beleidigungen als auch die der anderen entschuldigte.

Shanli grinste, und dennoch war ihr anzusehen, dass ihr ganz und gar nicht danach zumute war. »Ach, was soll's! Ich bin es gewohnt.«

Dieser Satz hallte in Navid fort, schmerzte ihm auf der Seele und machte ihn obendrein zornig. Warum achteten die Menschen bei ihrem Gegenüber immer zuerst auf das Äußere? Wieso lernten sie denjenigen nicht erst kennen, bevor sie sich ihre Meinung bildeten? Und warum glaubten sie, demjenigen noch ihre verletzenden Gedanken unter die Nase reiben zu müssen? Hatten wir alle es denn nicht schwer genug, auf die eine oder andere Weise? Sah nicht jeder seine eigenen Makel selbst jeden Tag und vielleicht noch viel schlimmer, als sie in Wirklichkeit waren? Ja, er wusste, warum die Menschen diese gemeinen Dinge taten und warum er selbst es getan hatte. Auch in seinem früheren Leben als Mensch. Er hatte es getan, aus dem traurigen Grund, sich auf diese Weise besser fühlen zu können als der andere.

Der Dschinn und die Bäckerstochter gelangten am Palast an. Auch an diesem Tag warteten bereits viele Mädchen vor den Toren, in der Hoffnung, Parviz' Gattin werden zu können. Ein großer farbenfroher, gackernder Pulk von jungen Frauen tummelte sich aufgeregt vor dem Eingang. Manche von ihnen schienen sogar vor Ort genächtigt zu haben. Einige trugen Banner bei sich, worauf sie ihre Liebe zu Parviz bezeugten oder den Willen, ihm einen Sohn zu gebären.

»Was geht denn hier vor sich?« Navids Erstaunen war maßlos. »Wegen eines einzigen Kerls drehen die Mädechen durch?«

Shanlis Augenbrauen zogen sie vorwurfsvoll zusammen. »Kannst du das nicht verstehen? Es ist die Chance für jede Frau, egal aus welchen Verhältnissen sie kommt, einen gut aussehenden Mann abzubekommen, der nicht nur Geld, sondern auch Macht hat.«

»Aha!«, erwiderte Navid und verschränkte die Arme vor seinem weiblichen Vorbau, den er einen Moment verwirrt betrachtete, da er ihm in die Quere kam. »Es geht dir also doch um den Reichtum und nicht um die Liebe. Ich habe es geahnt!«

»Nein!«, wehrte Shanli ab, um kurz darauf kleinlaut einzulenken. »Es ist schon Liebe. Aber wenn ich die Möglichkeit habe, etwas zu verändern, warum sollte ich diese dann nicht wahrnehmen?«

Navid legte den Kopf schief. »Von welchen Veränderungen sprechen wir?«

Unschuldig blickte Shanli drein. »Naja, zum Beispiel, dass auch Töchter einen Marktplatz von ihrem Vater erben können oder dass Frauen, auch ohne einen Mann, Handel auf dem Markt betreiben dürfen.«

Navids Stirn schlug Falten und aufgebracht fuhr er sie an: »Deswegen stehen wir hier? Darum geht es? Dass du auf dem Markt deine Backwaren verkaufen kannst?«

»Nein, natürlich nicht!«

»Wieso hast du das nicht gleich gesagt? Du hättest dir die Satzung nur verändert wünschen müssen!«

Shanli schüttelte den Kopf. »Abgesehen davon, dass ich Parviz liebe, würde eine Hochzeit mit ihm all meine Problem auf einen Schlag lösen. Ich hätte genügend Geld weiterzubacken …«

»Was als Gemahlin des Schahs nicht mehr nötig wäre«, funkte Navid dazwischen.

»Ich liebe es aber, zu backen! Selbst wenn Parviz mich heiraten würde, täte ich es noch täglich.« Diese Antwort war Navid bloß ein Kopfschütteln wert. »Und ich könnte alle Zutaten kaufen, die ich möchte, ohne mir Gedanken um die Kosten machen zu müssen. Ich könnte die Vorschriften des Marktes ändern lassen, damit es anderen Frauen nicht gleich wir mir ergeht. Endlich wären sie unabhängig von einem Mann, könnten selbst für ihren Unterhalt aufkommen und würden nicht Verwandten zu Last fallen oder einen Mann heiraten müssen, den sie nicht wollen.«

Navid schmunzelte. »Warum willst du diese Änderung erreichen, wenn es dich dann gar nicht mehr betrifft?«

»Ich … weiß nicht. Einfach so, weil ich es eben tun will. Ich kann doch nicht mit Scheuklappen durchs Leben laufen und nur das tun, was gut für mich ist.«

Navid schwieg. Zu gern hätte er Shanli gefragt, warum sie das nicht könnte, aber keine Silbe kam über seine Lippen. Er wollte ihren entsetzten Blick nicht sehen, den sie ihm bestimmt zuwerfen würde, wenn sie seine Einstellung erkannte, die sich hinter dieser Frage verbarg. Insgeheim wusste er, dass nämlich genau dieser Egoismus ihn zu dem gemacht hatte, was er jetzt war: einem Dschinn, der verflucht war, jedem zu dienen, der das Amulett in seinen Besitz gebracht hatte – das Schmuckstück, dessen Eigentümer er selbst einst gewesen war.

Kapitel 10
Ein ganzer orientalischer Zoo

Von der Tür zum Audienzzimmer trennten Shanli und Navid nur noch wenige Mädchen, die vor ihnen in der Reihe warteten. Mittlerweile war es Mittag, und unzählige Male hatte Shanli die Wünsche aussprechen müssen, die Navid und sie in Form hielten. Allerdings hatten sie während des Wartens zwei wichtige Erkenntnisse gewonnen. Die eine war: Je öfter Navid ihre Wünsche erfüllt hatte, desto länger hielten die Veränderungen an. Offenbar nahm seine Zauberkraft durch das ständige Wünschen nicht ab, sondern zu. Ihre Rückverwandlung setzte nun nicht mehr abrupt, nach wenigen Augenblicken ein, sondern erst nach geraumer Zeit, und sie ging wesentlich langsamer vonstatten als zuvor. Die zweite Erkenntnis war, dass es sogar ausreichte, wenn Shanli den Wunsch lediglich in Navids Ohr flüsterte und nicht laut aussprach. Da vor und hinter ihnen weitere Bewerberinnen standen, die Shanlis ständige Wünsche gehört hätten, beschlossen sie, auf diese Weise den Zauber auszulösen. Denn zwei tuschelnde Blondinen waren lange nicht so auffällig, wie ein Mädchen, das sich fortwährend laut wünschte, etwas zu sein, was es schon war – nämlich schlank und blond.

Navid trat von einem Fuß auf den anderen. Er hob den Rock an und sah stöhnend auf seine zierlichen Füße. »Diese Riemenschuhe bringen mich noch um. Schau her! Zwischen den Zehen bin ich schon ganz wund!«

Knurrig stauchte Shanli den Dschinn zusammen. »Kannst du jetzt endlich mal aufhören, herumzuheulen. Erst passt dir die Farbe des Kleides nicht. Dann beschwerst du dich über den Schleier. Danach jammerst du, weil dir deine Frisur nicht passt, und nun wegen der Schuhe. Fehlt bloß noch, dass du mich fragst, ob dein Hintern in dem Kleid fett aussieht.«

Erschrocken drehte sich Navid zu ihr. »Tut er das etwa?« Bei dem Versuch, die Ausmaße seines Allerwertesten abzuschätzen, verrenkte er sich beinahe den Hals.

Shanli zog schüttelnd den Kopf ein. Wie konnte ein Dschinn nur so eitel ein?

»Nein, beruhig dich endlich!«, nuschelte Shanli. »Alles perfekt. Du wirst Parviz bestimmt gefallen.« Kurz kräuselte sich ihre Stirn. »Hoffentlich nicht zu gut.« Erneut schüttelte sie den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben. »Also, was tust du, wenn du nicht weißt, was du ihm erzählen sollst?«

Navids Oberlippe stülpte sich missmutig hervor, bevor er antwortete: »Dumm kichern und ›Ja‹ sagen.«

»Genau!«, sagte Shanli und atmete durch, denn das nächste Mädchen kam weinend aus dem Audienzzimmer.

Im selben Moment lief ein Trupp prunkvoll gekleideter Diener an der Schlange der Wartenden vorbei. In dessen Mitte stolzierte eine hochgewachsene junge Frau. Deren hochmütige Haltung verriet, dass sie die Tochter eines Emirs sein musste. Auch ihre gen Himmel gereckte schmale Nase ließ Shanli ahnen, dass das Mädchen sehr wahrscheinlich gewohnt war, das zu bekommen, was es wollte. Vielleicht war die junge Frau gerade deswegen eine strahlende Erscheinung und erfüllte sofort den Raum mit ihrer Anwesenheit. Alle Augen waren auf sie gerichtet, was ihr entweder gleich war oder nicht fremd. Ihre wallende Löwenmähne wippte im Takt ihrer entschlossenen Schritte. Der zartgoldene Stoff ihres Kleides war hauchdünn gesponnen, nahezu durchsichtig. Er schmiegte sich an ihre schmale Figur und besonders an ihre Beine, die schier endlos schienen.

»Hallooo! Wen haben wir denn da?«, grölte Navid der stolzen Schönheit hinterher. Er ließ einen eindeutigen Pfiff los, worauf sich die Prinzessin prompt umdrehte.

Neugierig musterte sie die Reihe der Mädchen, aus welcher der Ruf und der Pfiff erklungen waren. Mit einem irritierten Gesichtsausdruck wandte sie sich ab, setzte letztlich ihren Weg fort und wollte mit ihrem Gefolge einfach ins Audienzzimmer einmarschieren.

Zwischenzeitlich rammte Shanli Navid den Ellbogen in die Seite. »Sag mal! Geht‘s noch?«

»Was denn?«, meinte dieser unschuldig dreinblickend und flüsterte enerviert: »Ich bin schließlich immer noch ein Mann, zwar verflucht, aber nicht tot.«

»Aber im Moment bist du ein Mädchen, du Dumpfbacke!«, zischte Shanli vorwurfsvoll zurück. »Außerdem drängelt die Olle sich vor.« Gleich darauf beschwerte sie sich lautstark, mit all den anderen Mädchen, die ebenfalls warteten.

»Hey, du da, was soll das? Stell dich gefälligst hinten an!«

Doch die Prinzessin kehrte sich eine feuchte Sanddüne darum. Ihre Diener drängten die vorderen Mädchen rücksichtslos beiseite und beschützten sie vor wütenden Übergriffen derer, die sich das nicht gefallen lassen wollten. Plötzlich ging die Tür des Bewerbungszimmers auf, und Parviz schritt heraus. Der Schah baute sich zu seiner vollen Größe auf. Mit aufgestützten Händen und einem charmanten Lächeln schaute er in die aufgebrachte Runde. Er genoss sichtlich die bewundernden Blicke und Seufzer, die er den Damen entlockte.

»Was ist das hier für ein Tumult, meine süßen Vögelchen?«

Die zurückgedrängten Mädchen ereiferten sich: »Die hat sich vorgedrängelt!«

»Sie soll sich hinten anstellen, wie wir alle!«

»Was glaubt die, wer sie ist?«

Parviz' Brauen hoben sich, als er die stolze Unruhestifterin inmitten ihrer Diener bemerkte. »Ah, Prinzessin … ähm … Manizeh.« Er deutete mit einem Nicken auf eine Brünette, die eingeschüchtert vor ihm stand. »Ist dies das Mädchen, welches Euch vertritt? Wäre sie jetzt an der Reihe?«

Es war nicht zu übersehen, dass Manizeh ganz und gar nicht damit einverstanden war, dass der Schah ihr keine Sonderstellung einräumte, sondern sie, wie alle anderen auch, warten musste. Allerdings hatte sie nicht selbst in der Schlange gestanden, sondern das brünette Mädchen dafür engagiert, das nun zur Seite trat. Tatsächlich wäre es als Nächstes an der Reihe gewesen. Die Prinzessin nickte lediglich mit einem einseitigen, arroganten Augenbrauenzucken. Kein Wort kam über ihre starren Lippen.

Parviz machte den Weg für sie frei. »Nun denn, kommt herein, Prinzessin, es wird mir eine Ehre sein, eure Bewerbung anzunehmen.«

Die Tür schloss sich hinter ihnen, und ein genervtes Raunen und Stöhnen ging durch die Reihe der Wartenden.

»Uäh! Das ist er? Diesem Schmiernippel soll ich … Ich will gar nicht daran denken!«, würgte Navid hervor und sah aus, als würde er sich gleich übergeben.

Shanli seufzte wohlig. »Ja. Ist er nicht fantastisch? Groß, stark und gerecht.«

Navid schwieg mit vielsagender Miene.

Bald darauf schwebte Prinzessin Manizeh ungerührt mit ihrem Kommando wieder davon, und bald durften auch Shanli und Navid ins Audienzzimmer. Da sie sich als Schwestern vorstellten und beide dem Schah ihre Hand anbieten wollten, ließ man sie gemeinsam vorsprechen.

Wie schon tags zuvor, saß Parviz mit dem Wesir und einem Schreiber vor Shanli. Bloß Aazar, die Mutter des Schahs, war nicht anwesend.

Parviz strahlte sofort über das ganze Gesicht, als die zwei Mädchen den Iwan betraten.

»Welch ein doppelt schöner Anblick! Kommt näher, ihr zwei hübschen Schmetterlinge. Ihr seid wahrlich eine außergewöhnliche Wohltat für meine Augen!«

Während Shanli ins Kichern verfiel, verkrampfte sich Navids Gesicht zu einem unglücklichen Lächeln. Leise konnte die Bäckerstochter ihren Dschinn neben sich lästern hören. »Schleimer!«

Die zwei schlanken Blondinen ließen sich vor dem Thronsessel des Schahs ehrerbietig nieder. Die Bäckerstochter hielt den Kopf gesenkt und strich verlegen über ihr blaues Seidenkleid. Die vielen Glitzersteine, die in den Stoff eingearbeitet waren, brachten ihre ganze Gestalt zum Funkeln, was Parviz nicht entging. Mit einem betörenden Schmunzeln betrachtete er das Mädchen und dann dessen Schwester. Die beiden sahen sich zwar von den Gesichtszügen nicht ähnlich und ihr Gebaren war ebenfalls sehr unterschiedlich, doch beide hatten seidige Locken, die ihn an die sonnengereiften Ähren auf dem Feld erinnerten. Er liebte blonde Frauen, denn sie waren eine Seltenheit in seinem Reich. Vor allem wenn sie noch, wie die eine, grüne Augen hatten. Wie Smaragde leuchteten sie ihm aus dem anmutigen Gesicht des Mädchens entgegen, das ihn seinerseits ernst beobachtete. Die hübsche junge Frau schien dem Schah nicht hochnäsig zu sein, wie die Prinzessin, sondern lediglich erwartungsvoll, vielleicht sogar skeptisch.

»Ihr seid Schwestern? Stimmt das?«, fragte er freundlich.

Die Kleinere antwortete mit einem schüchternen Lächeln. »Ja, Euer Hoheit.«

»Wer von euch ist die Ältere?«, wollte Parviz wissen und bekam sogleich Antwort von der Größeren. »Ich, Schah Parviz.«

Aus ihrer Stimme tönte keinerlei Furcht, eher Trotz. Das war außergewöhnlich und sehr interessant. Normalerweise benahmen sich die Mädchen so, wie die jüngere Schwester: Sie kicherten und himmelten ihn schüchtern an. Aber diese grünäugige Schönheit tat weder das eine noch das andere.

»Deine Augen sind fürwahr funkelnde Edelsteine, mein Herz.«

Entsetzt sah Shanli auf. Da brat ihr doch einer 'nen Storch! Jetzt verdrehte der Dschinn dem Schah den Kopf! So eine Frechheit!

Navid kicherte indessen ein unglückliches: »Hehehe, ja.« Mit einem Blinzeln erhob er auf gezierte Weise seine Hand, um neckisch abzuwinken. »Ihr seid mit ja einer, Schah Parviz.«

»Oho, das hoffe ich doch«, schäkerte Parviz mit ihm weiter, und Shanli konnte nicht anders, als die Augen zu verdrehen.

Dies traute sie sich jedoch nur, weil Parviz es nicht sehen konnte, da sie erneut ihr Haupt gesenkt hatte.

Der Schah grinste breit. »Ihr zwei süßen Täubchen seid also gekommen, um euch als Bräute zu bewerben?«

Shanli hauchte und Navid knurrte: »Ja.«

Parviz' Blick wanderte zurück zu Shanli. Auch sie gefiel ihm. Denn sie hatte nicht nur ein reizendes Gesicht und eine wohlgestaltete Figur, sondern auch eine ebenmäßige Haut, die wie goldener Samt schimmerte. Es juckte den Schah förmlich in den Fingern, zu erfahren, ob sie sich auch so anfühlte.

»Das Schicksal muss es wirklich gut mit mir meinen, wenn zwei solch schöne Schwestern um meine Gunst buhlen. Wie ist dein Name, kleine Perle?«

Verlegen strahlte Shanli Parviz an, der sie nicht aus den Augen ließ.

»Shanli, Herr.«

Der Schah grübelte laut vor sich hin. »Shanli. Shanli?«

Die Bäckerstocher konnte es nicht fassen, erinnerte Parviz sich wirklich an sie. Sie konnte ihre Unruhe nur mühsam verbergen, am liebsten hätte sie ihm mitten ins Gesicht geschrien, dass sie diese Shanli war, die ihm … mit einem Keks fast den Zahn abgebrochen hätte. Nein, das zuzugeben, wäre wirklich eine zu dusslige Idee.

Parviz wandte sich schließlich an den Wesir. »Shanli, der Name kommt mir bekannt vor. Haben wir nicht ein Stachelschwein im Palastgarten, das Shanli heißt?«

Der Riesenschnauzer des Wesirs zuckte. »Möglich, Herr. Allerdings hieß so auch die Zuckerbäckerin, die Ihr zu Euch bestellt hattet.«

»Nein! Die hieß doch Panli. Oder Ramdi? Na, egal!« Er schüttelte den Kopf und widmete dann dem Dschinn seine Aufmerksamkeit, der ihn mit großen Augen anglotzte.

»Und du mein kostbares Juwel. Wie darf ich dich nennen?«

»Navida, wenn es sein muss. Vielleicht habt Ihr ja einen Esel, der so heißt, dann könnt Ihr Euch den Namen besser merken«, erwiderte der Dschinn zynisch.

Parviz' Lachen hallte laut durch die Halle. »Du bist köstlich, Kleines. Ich mag Frauen mit Humor.«

»Was hab ich doch für ein Glück!«, flötete Navid voller Sarkasmus, den jedoch bloß Shanli heraushören konnte.

Parviz grinste, als vollbringe er eine Wohltätigkeit. »Ja, wohl war. Nun – ich nehme eure Anträge an. In zwei Tagen werde ich ein Fest ausrichten, bei dem ich die Bewerberinnen näher kennenlernen will. Ich würde mich freuen, wenn ihr meine Einladung annehmt und gegen Abend im Palast erscheint.«

Shanlis Magen hüpfte im Kreis, und sie musste ihre Lippen zusammenpressen, um nicht laut vor Freude zu jubeln. Navid dagegen hatte keine Probleme mit dem Sprechen und meinte fast schon zu überschwänglich: »Oh, wie wundervoll! Natürlich feiern wir mit Euch, Hoheit. Es gibt nichts, was wir lieber tun würden.«

Außer vielleicht, dir einen Tritt in den hoheitlichen Hintern zu verpassen, führte Navid in Gedanken fort.

Plötzlich stammelte Shanli aufgeregt: »Wir … wir sollten Eure Zeit nicht länger in Anspruch nehmen, Herr. Wir werden uns pünktlich zum Fest einfinden.«

Parviz entließ sie mit einem Nicken, und Shanli erhob sich. Mit tief gebeugtem Kopf verbarg sie ihre Hände hinter dem Rücken und lief rücklings zum Ausgang. Navid tat es ihr gleich, denn auch er hatte bemerkt, dass allmählich die Rückverwandlung einsetzte.

Die Bäckerstochter war heilfroh, die Audienz mit Erfolg bewältigt zu haben. Vor der Tür wünschte sie sich umgehend den Dschinn und sich selbst wieder in Form.

Navid begriff unterdessen, dass Shanli von dem Schah völlig eingenommen war. Niemals würde er gegen diese Vernarrtheit ankommen, die von ihr Besitz ergriffen hatte. Die sonst so schlagfertige Bäckerstochter, die ihre Krallen und haarigen Reißzähne wie ein Raubtier ausfahren konnte, wurde in der Gegenwart des schleimspurlegenden Schahs zu einem rammdösigen Kätzchen, das nicht mehr knurren, sondern höchstens noch lahm schnurren konnte. Ihm blieb allein die Hoffnung, dass Shanli ihm den Wunsch nach Freiheit erfüllte, wenn sie Parviz' Herz erobert hatte. Denn für was bräuchte sie dann noch einen Dschinn? Wenn sie die Gemahlin des Schahs war, besaß sie alles, was man sich wünschen konnte: Liebe, Reichtum und Macht. Vielleicht war der Plan, sie unter Parviz' Haube zu bringen, sogar noch besser als sein alter, bei dem er ihr den Kopf verdrehen sollte? Das Problem war nur, dass der neue Plan nicht so leicht umzusetzen war. Denn Parviz, der Schleimbolzen, jagte allem nach, was keine Hose trug. Ja, wahrscheinlich auch Kamelen. Andererseits … war dieser Weiberheld überhaupt in der Lage, jemand anderen zu lieben – abgesehen von sich selbst? Und wenn ja, dann waren da noch eine ganze Menge anderer Mädchen (allen voran die langbeinige Prinzessin Manizeh, die nicht leicht auszustechen sein würde), die Parviz ebenfalls wollten – und die Prüfungen. Weiß der Wüstengeier, was der Süßholz raspelnde Schah sich da ausgedacht hatte! Allerdings gab es noch eine viel dringendere Frage: Könnte er Shanli irgendwann dauerhaft blond und schlank wünschen? Aber war dies überhaupt noch nötig, wenn sie mit Parviz verheiratet war?

Kapitel 11
Süßigkeiten der besonderen Art

Die folgenden zwei Tage vergingen wie im Fluge. Shanli backte wie immer ihre Kekse und verkaufte diese über ihr Küchenfenster. Die Einnahmen waren gering, doch das störte sie nicht, denn dank Navid konnte sie sich alle Zutaten herbeiwünschen, die sie wollte.

Der Dschinn half ihr sogar beim Zubereiten der Köstlichkeiten und sie verzichtete darauf, seine Magie einzusetzen. Es schien, als mache es ihm Spaß, mit den Händen zu arbeiten, obwohl Shanli manchmal über seine verunglückten Kekse schallend lachen musste. Aber Navid nahm ihr das nicht übel, sondern amüsierte sich mit ihr. Ihre frechen Bemerkungen über seine Kunstwerke zahlte er ihr mit gleicher Münze heim, und so kabbelten sie sich in freundschaftlicher Weise.

Shanli zeigte Navid Gewürze, die ihm unbekannt waren, und nötigte ihn, ihre neusten Leckereien zu probieren, was er schnaubend über sich ergehen ließ. Zufrieden grinsend beobachtete sie ihn dann, wie er die Süßigkeiten verspeiste, und wartete gespannt auf sein Urteil. Meistens schmeckten sie ihm gut, was er sich anfangs nur unwillig aus der Nase ziehen ließ. Aber als er bemerkte, wie Shanlis dunkle Augen jedes Mal fröhlich glitzerten, wenn er dies zugab, kamen ihm die Eingeständnisse leichter über die Lippen. Wenn es ihm nicht mundete, probierte sie ebenfalls von den Backwaren und überlegte laut, woran es liegen mochte. Sie fand immer einen Weg, die Kekse doch in kleine Köstlichkeit zu verwandeln. Navid musste lächelnd den Kopf schütteln, wenn sie sich danach selbst lobte und über ihr eigenes Backwerk vollkommen ins Schwärmen geriet.

Währenddessen wollte Shanli, dass er sie immer wieder blond und schlank zauberte, damit die Zeitspanne der Veränderung sich vergrößerte. Manchmal erschrak die Bäckerstochter jedoch, wenn sie ihr blondes Spiegelbild auf einer blanken Fläche entdeckte. Ab und an vergaßen sie aber auch, den Wunsch zu erneuern. Und zeitweise war es Shanli lästig, ständig auf der Lauer zu liegen und daran zu denken. Allerdings mussten sie hin und wieder auch Navid verwandeln, wenn Golroo, Taliman oder Käufer vorbeischauten. Denn wie sollte sie ihnen erklären, dass ein junger Mann bei ihr wohnte, der, wie alle wussten, weder ihr Bruder noch ihr Ehemann war.

Schließlich brach der Abend des Festes an, und Shanli war ein einziges Nervenbündel. Da Parviz erwähnt hatte, er wolle die Bewerberinnen näher kennenlernen, gab sie sich der Hoffnung hin, mit ihm einige Augenblicke allein verbringen zu können.

Stunden hatte sie mit Navid diskutiert, gestritten und herumgealbert auf der Suche nach dem perfekten Kleid. Mittlerweile trug sie ein elfenbeinfarbenes Ensemble, welches reich mit goldenen Stickereien verziert und umsäumt war. Es betonte nicht nur ihre Figur und ihren makellosen Teint, sondern brachte ebenso ihre helle Haarpracht zum Leuchten. Navid bestand darauf, dass sie sich ein Diamantgeschmeide wünschen sollte. Aber Shanli wollte nur den Smaragd tragen, den sie wie die vorigen Tage unter ihrem Kleid verbarg. Navid gelang es lediglich, sie zu einem filigranen Stirnband zu überreden. Ein kleiner tropfenförmiger Brillant ruhte zwischen ihren Augen und funkelte mit ihnen um die Wette. Selbst Navid musste sich eingestehen, dass dieses Schmuckstück eine unvergleichliche Wirkung hatte. Unweigerlich zog es den Blick auf sich, und man versank in ihren schwarzen glänzenden Tiefen. Da Navid dem Schah nicht noch mehr gefallen wollte, bestand er darauf, dass sein Kleid auf keinen Fall grün sein dürfe. Er schwor, sollte der Schah ihn noch einmal wie einen Stein betiteln, würde er ihm besagten in den Rachen stopfen.

So schlappte der Dschinn in der Abenddämmerung, in ein violettes Kleid gewandet, mit der Bäckerstochter den Hügel hinauf.

Das Fest war bereits in vollem Gange, und der größte Teil der Bewerberinnen war schon da. Es mussten an die dreißig Mädchen sein, die in dem Iwan herumschwirrten. Eine breite Marmortreppe führte in den gepflegten und symmetrisch angelegten Palastgarten hinab. Mitten in der Anlage verlief ein langes, rechteckiges Wasserbecken, auf dem unzählige Lichter trieben und sich in der dunklen Oberfläche spiegelten. Palmen und Zypressen waren in Reih und Glied gepflanzt – wie Soldaten, die Wache hielten. Auch die akkurat verlaufenden Wege waren mit Fackeln bestückt und luden zum Flanieren ein. Zelte und Pavillons waren in regelmäßigen Abständen zu finden und boten genügend Gelegenheiten zum Ausruhen. Die weißen Sternblüten des Jasmins waren trotz der hereinbrechenden Dunkelheit noch überall im Park auszumachen. Orangenbäume verströmten ihren süßen Duft und verliehen der lauen Brise, die in den Iwan hineinwehte, eine besondere Frische. Die ausladenden Vorhänge bewegten sich sanft zwischen den monumentalen Arkadenbögen. Lange Tafeln waren über und über mit Speisen beladen. Äpfel, Trauben, Datteln und Kirschen glänzten prall und saftig in wuchtigen Messingschalen. Knusprig gebratene Hühner, Fische und Lammkeulen türmten sich verschwenderisch auf ovalen Platten, in deren gehämmertes Muster sich der ölige Fleischsaft sammelte. Dazwischen standen Schüsseln bereit, in denen heißer Reis und Bulgur dampften, die mit gerösteten Pinienkernen, Mandelblättchen und Korinthen verfeinert worden waren. Baklava, Reismehlpudding, Helva und mit Walnüssen gefüllte Feigen lockten mit ihrem zuckrigen Glanz. Zahlreiche bunte Sitzkissen lagen, unter ausladenden Palmen, im ganzen Saal verteilt. Dienerinnen reichten den Gästen heißen Tee und Mokka, aber auch kühles Wasser und frisch gepressten Saft.

»Hier sind nur Frauen«, flüsterte Navid.

Er schaute sich heimlich um, doch Shanli hörte seine Feststellung wohl nicht, denn sie stand mit verklärtem Gesicht einfach nur da und schwieg.

»Ach, du grüne Dattel! Ich bin in Parviz' Harem gelandet.« Panisch wisperte er: »Shanli, wenn die spitz kriegen, dass ich ein Mann bin, dann war ich das die längste Zeit. Die schneiden mir die Glocken ab.« Aufgrund des erschreckenden Gedankens krochen Navids Hände beschützend vor seinen Schoß, wo gewöhnlich besagte Körperteile zu finden waren.

»Blödsinn!«, murmelte Shanli, die immer noch völlig baff wegen der Pracht des Festes war. »Parviz' hat keinen Harem, das ist nur ein Fest.« Kritisch beäugte sie Navid. »Und von was für Glocken sprichst du überhaupt?«

»Na, von …« Navid verstummte und schüttelte den Kopf. »Vergiss es!«

Plötzlich rumpelte rücklings eine junge Frau gegen ihn, die sich erschrocken zu ihm umdrehte. Sie hatte eine wallende rote Mähne und war aufgrund ihrer hellen Alabasterhaut eine außergewöhnliche Schönheit. Mit zusammengekniffenen Augen betatschte sie Navids Brustbein und ließ ihre Hand weiterwandern, bis sie auf seiner linken Brust lag. Überrascht schnappte das Mädchen nach Luft. Aber anstatt ihre Hand zu entfernen, überprüfte sie ihren Verdacht mit der anderen und setzte diese auf Navids rechten Busen. Synchron drückte sie beide leicht, um dann entsetzt ihre Finger zu entfernen und aufzuschreien: »Oh, Verzeihung!« Sie rückte näher an Navids Gesicht heran, der das alles schweigend und mit versteinerter Miene über sich ergehen ließ. Ihre Nase kräuselte sich, als sie vor seiner weiterplapperte. »Ich dachte … Ihr wärt eine Säule, um die ein Vorhang drapiert ist. Aber anscheinend seid Ihr das nicht.« Sie kicherte einfältig. »Witzig, nicht wahr?«

Parviz erschien neben ihnen. »Ihr zwei Schneckchen, was spielt ihr denn da für ein Spiel? Darf ich mitmachen?«

»Auf keinen Fall!«, meinte Navid, während die Rothaarige fragte: »Schah Parviz, seid Ihr das?«

Nun rückte sie dem Schah auf die Pelle, der sich sogleich bei ihr unterhakte. »Natürlich, meine Blume. Wer sonst? Komm, wir gehen in den Garten«, säuselte er. Kurz wandte er den Kopf zu den blonden Schwestern. »Und um euch zwei Hübschen kümmere ich mich später.«

Damit ließ er sie stehen. Navid wurde schlagartig einiges klar, als er die Kehrseite der rassigen Rothaarigen sah. Sie hatte einen Hintern, der rund wie ein Apfel war und bei jedem Schritt appetitlich wogte. Prompt krabbelten Parviz' Finger von der Taille an abwärts. Frech erkundeten sie, was der Knackpo des kurzsichtigen Mädchens zu bieten hatte.

Navid schnaubte. »Ein feiner Schah, dein Parviz.«

»Ja, stimmt!«, staunte Shanli angetan. »Ihm ist es vollkommen egal, dass sie fast nichts sieht.«

»Ja«, lachte Navid auf. »Er legt auf andere Dinge wesentlich mehr Wert.«

Shanli schmunzelte. »Endlich siehst du ein, dass Parviz wirklich ein guter Mann ist.«

Navids blonde Brauen zogen sich zusammen. »Entweder du verschließt absichtlich deine Augen vor den Tatsachen, oder du bist blinder als die Rothaarige.«

Verärgert starrte Shanli ihn an, um ihn dann zu ignorieren. Missmutig stiefelte sie zur Tafel, wo sie auf ein bekanntes Gesicht traf.

»Simin! Schön, dich hier zu treffen. Parviz hat dich also ebenfalls erwählt?«

Verstört schaute die Tochter des Wesirs sie an. »Entschuldige – wer bist du? Müsste ich dich kennen?«

Entsetzt hielt Shanli den Atem. Verflixt! Wie hatte ihr nur solch ein Fehler unterlaufen können?

»Ich … ich …«

Navid drängte sich auf einmal neben sie. »Wir sind Shanlis Cousinen. Sie hat uns von dir so viel erzählt, dass wir schon glauben, dich selbst zu kennen.«

Simins Gesicht klärte sich. »Ach, die Bäckerstochter? Ja! Ich hatte so gehofft, dass Parviz auch sie erwählen würde. Shanli ist so lieb und lustig. Ich mag sie sehr.«

Shanli entfloh lediglich ein erfreutes Lachen. Doch Navid grummelte nickend: »Oh, ja. Allerdings kann sie auch ein ganz schön gemeines Biest sein.«

Der letzte Satz brachte ihm einen verstohlenen Fußtritt von Shanli ein. Er zuckte leicht zusammen und fuhr ächzend fort: »Wie ich immer wieder feststellen muss.«

Shanli lächelte säuerlich, gewann indessen aber ihre Selbstsicherheit zurück. »Meine Cousine wird bloß unleidig, wenn sie auf verbohrte Trottel trifft, die glauben, immer das letzte Wort haben zu müssen.«

»Ja, solche Leute mag ich auch nicht«, pflichtete Simin ihr bei. »Ihr habt also auch um Parviz' Hand angehalten? Wo kommt ihr her? Ich habe euch noch nie in Al Hurgha gesehen.«

»Aus Hesch Tael«, sprudelte es aus Navid heraus.

»Hesch Tael? Dann seid ihr fast drei Tage durch die Wüste gereist? Wie habt ihr so schnell von Parviz' Suche erfahren?«

»Oh, wir besuchten Shanli rein zufällig. Sie erzählte uns von Parviz' Suche nach einer Braut, und wir packten die Gelegenheit beim Schopfe.« Mit ernster Miene spann Navid die Lüge weiter.

Simin hörte aufmerksam zu und meinte: »Ich freue mich, dass es bei euch geklappt hat mit der Bewerbung. Dass ich Simin bin, wisst ihr ja, aber eure Namen kenne ich noch nicht.«

»Ich heiße Navida«, sagte der Dschinn.

Aber Shanli schaute ängstlich zwischen ihm und Simin hin und her. Was sollte sie nur sagen? Einen falschen Namen anzugeben, würde nur weitere Fragen und Lügen aufwerfen, wenn Parviz sie vor Simin mit »Shanli« ansprechen würde.

Kurz entschlossen stellte sich die Bäckerstochter mir ihrem richtigen Namen vor. Simin legte den Kopf schief und grinste.

»Du hast den gleichen Namen wie deine Cousine? Wohl sehr beliebt in eurer Familie?«

Abermals kam Navid zur Hilfe. »Ja, es war der Name unserer Großmutter.« Und um Simin nicht die Gelegenheit zu geben, noch weitere Fragen zu stellen, übernahm er das Gespräch. »Und, hast du mit Parviz schon deine Unterredung gehabt? Er wollte ja jede der Bewerberinnen heute Abend besser kennenlernen.«

Auf Simins Gesicht spiegelte sich Traurigkeit. »Nein, noch nicht. Ich denke, er wird sich mit mir auch nicht unterhalten wollen. Wir sehen uns ja fast täglich im Palast.«

Navid wirkte überrascht und musterte Simin genauer. »Wieso das? Arbeitest du für ihn?«

Simin grinste betreten, denn wieder einmal würde zur Sprache kommen, wessen Tochter sie war. »Ich bin Wesir Ziars Tochter und diene Parviz' Mutter.«

»Ahh«, meinte Navid und geriet ins Grübeln.

»Hannihanno, anne zusammen! Könntet ihr wohn einen Schritt zur Seite gneiten, damit ich besser an die köstnichen Fneischbännchen herankomme?«, trötete es unerwartet neben ihnen. Eine kleine Schwarzhaarige lächelte sie fröhlich an. »Ich bin übrigens Neinah und komme aus Pannagur.«

Während Simin sich auf die Lippen biss, um nicht naut – äh – laut loszugrölen, verzog Navid schmerzvoll das Gesicht, und Shanli blinzelte perplex.

Das Mädchen bemerkte offenbar das Verhalten jedoch nicht und plapperte munter weiter. »Ihr sonntet euch diese Köstnichkeiten wirknich nicht entgehen nassen. Die gefünnten Manden-Äpfen sind totan necker, und die Ninsensuppe ist einfach unvergneichnich.«

Navid trat schließlich beiseite, damit das Mädchen an die Platte mit den Fleischbällchen gelangen konnte, und fragte sie: »Du meinst, du kommst aus Pallagur.«

Sie blickte Navid zweifelnd an. »Ja, sagte ich doch.«

Shanli hatte nun ebenfalls zwei und zwei zusammengezählt und begriffen, dass das Mädchen kein L aussprechen konnte, sondern stattdessen immer ein N verwendete. Sie nickte aufatmend. »Ach, ja, dein Name ist Leilah.«

Skeptisch kräuselte sich die Stirn des Mädchens. »Nein! Wie kommst du denn da drauf? Bnoß wein ich kein N sprechen kann, gnaubst du, mein Name muss vonner Ns sein?«

Simin rutschte ein Prusten heraus, und Shanli schluckte nervös. »Entschuldige. Ich wollte nicht … ich dachte nur …«

Plötzlich lachte Leilah. »Ha, reingenegt! Natürnich, heiße ich Neinah. Wer heißt schon Neinah?«

Alle vier krümmten sich vor Lachen. Navid war der Erste, der sich wieder fing. »Allerdings könnte es schon passieren, dass Parviz dir diesen Namen gibt, denn anscheinend kann er sich keinen einzigen merken. Abgesehen von dem seines Stachelschweins.«

Leilah nickte vielsagend. »Ja, das ist mir auch schon aufgefannen. X-man musste ich ihm erknären, wie ich heiße und dass ich einen Sprachfehner habe. Ehrnich gesagt wäre ich nicht hier, wenn er nicht so schrecknich gut aussehen würde und ein Schah wäre.«

Simin zuckte mit den Schultern. »Er kann sich die Namen durchaus merken. Er benötigt nur etwas länger Zeit als andere. Um diese Schwäche zu verbergen, benutzt er auch immer Kosenamen.«

»Aha«, sagt Shanli und blickt vorwurfsvoll zu der blonden Dschinni. »Er ist gar kein Schleimer, wie du behauptest, Navida!«

Leilah lachte. »Schneimer?! Haha, wie nustig.«

»Ach, komm, Shanli, schau dir die ganzen Mädchen doch mal genauer an.« Navid platzte der Kragen, und er ereiferte sich weiter: »Parviz achtet nur auf das Äußere. Die Rothaarige, die fast genauso viel sieht wie eine Kichererbse, hat er ausgewählt, weil sie rote Haare und einen Knackarsch hat.« Erbost zeigte er mit dem Finger auf Shanli und sich selbst. »Und uns, weil er auf schlanke Blondinen steht.«

Die schwarzhaarige Leilah nickte. »Ja, das gnaube ich auch. Über die Hänfte der Mädchen hat bnonde Nocken. Und ich bin sichernich nur auserwähnt worden, wegen meines prannen Busens.«

»Ja«, sagte Navid und starrte genau dorthin. »Der Gedanke kam mir auch schon!«

»Und warum bin ich dann hier?«, fragte Simin und schaute die zwei erwartungsvoll an. »Ich habe weder blonde Haare und einen Knackarsch noch eine große Oberweite. Weswegen hat er mich dann ausgesucht?«

»Ja«, murmelte Navid. »Die Frage habe ich mir auch schon gestellt. Du passt irgendwie nicht in sein Beuteschema.«

Simins Augen wurden groß. »Willst du mir sagen, ich bin nicht hübsch genug?«

»Nein«, erwiderte Navid. »Ich habe einen anderen Verdacht, warum du hier bist.«

Shanli wollte schon fragen, welchen Vermutung Navid hege, als Parviz seinen Arm um Simin legte.

»Simin, du siehst heute Abend wunderschön aus. Wie ich sehe, hast du dich mit den Schwestern angefreundet. Ihr redet doch nicht etwa über mich, oder?«

Das einstimmige »Nein, nein!« ließ Parviz nicht einen Moment stutzig werden. Munter wandte er sich an Leilah, der er seine Hand reichte. »Kleine Lilie, du bist an der Reihe. Lass uns spazieren gehen!«

»Ich heiße Neinah und nicht Ninie?«, sagte das schwarzhaarige Mädchen und ließ sich von Parviz fortführen.

»Ja, aber das ist kein Grund, dich zu grämen, Neinah«, konnten sie den Schah noch antworten hören.

Navid schüttelte nur den Kopf, hielt dann jedoch inne und zog Shanli jäh mit sich fort. »Entschuldige uns, Simin. Wir müssen uns kurz die blonden Locken kämmen.«

Eilig zog er Shanli in ein stilles Eck. »Schnell, deine Haarspitzen werden schon schwarz, und ich glaube …«, Navids Augen irrten ratlos umher,«… bei mir baumelt jeden Moment etwas im Freien.«

Hastig murmelte Shanli die Wünsche und meinte danach: »Die ganze Aufregung macht mich hungrig.« Ein verschmitztes Lächeln legte sich auf ihre Züge. »Nass uns endnich von den Köstnichkeiten probieren.«

Navid folgte Shanli mit einem Lachen zu den reichlich bedeckten Tafeln, wo sie sich gleich zwei Teller mit Essen belud. Navid nahm sich lediglich ein wenig Obst und beobachtete Shanli schweigend. Kein Wort kam über seine Lippen, aber der Bäckerstochter fiel sehr wohl sein amüsiertes Mienenspiel auf. Gemeinsam ließen sie sich an einem niedrigen Tisch nieder, um den mehrere dicke Sitzkissen lagen. Shanli stellte ihre Teller ab und nahm sich sofort ein knuspriges Fleischbällchen, welches zur Gänze in ihrem Mund verschwand. Kaum hatte sie ein paar Mal gekaut, begann sie wonnig, mit vollen Backen zu stöhnen. »Oh … ist das gut. Mmmh! Ahh!« Sie schloss selig die Augen und genoss sichtlich jeden Bissen.

Navid beäugte Shanli irritiert. Denn diese Geräusche, die sie von sich gab, erinnerten ihn an etwas … anderes … Sinnliches.

Ganz in ihr Tun versunken, schleckte sie sich die Finger ab und saugte geräuschvoll an den Kuppen.

Navid hielt den Atem an, als er sah, wie sich Shanlis rot glänzende Lippen um ihre Fingerspitzen schlossen und dabei verführerisch kräuselten. Wie es sich wohl anfühlen würde, wenn ihre vollen Lippen ihn … Nein, das durfte er nicht mal denken!

Als nächstes griff Shanli zu einem Stückchen Baklava. Der dickflüssige Zuckersirup tropfte aus dem Strudelteiggebäck heraus und lief ihr über die Hände, bis ans Handgelenk. Shanli wusste sich nicht anders zu helfen, und leckte mit der Zunge die süße Spur fort.

Ein heiseres Krächzen entfloh Navid. Der Anblick von Shanlis rosa Zungen, die sich sanft über ihre samtbraune Haut wand, war zu eindeutig zu viel für einen Mann, der schon lange keine Frau mehr gehabt hatte. Erotische Bilder stiegen in ihm auf, in denen es keine Rolle spielte, ob es ihre oder seine Zunge war, die mit ihrer Haut oder seiner spielte.

Erneut gab Shanli genießerische Töne von sich. Ihr wohliges Brummen und Seufzen lösten eine neue Woge von Verlangen in ihm aus. Unruhig rutschte Navid auf seinem Kissen herum. Sein Atem ging schwerer und schwerer. Was war nur mit ihm los?

Shanli bemerkte Navids seltsam erstarrtes Gesicht. Sein Blick war verhangen, und seine grünen Augen wirkten dunkler als sonst.

Sie schmatzte entschuldigend: »Leilah hatte recht, das Essen ist wirklich lecker.«

»Mmhm«, erwiderte er lahm. »Ich sehe, wie du es genießt.«

»Ja«, nickte Shanli und angelte sich nebenher eine Praline vom Teller. Obwohl sie Schokolade noch nie gesehen hatte, roch sie nur kurz daran und steckte sie sich, ohne Bedenken, in den Mund. »Und das ist das Problem«, mampfte sie und lutschte nebenher die braune Süßigkeit. »Essen ist für mich nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern ein Genuss. Mit allen Sinnen!« Sie riss entzückt die Augen auf, denn die Schokolade schmolz und entfaltete ihren vollen Geschmack. »Du lieber Himmel! Das musst du probieren, Navid.« Abermals schloss sie die Augen und stöhnte im Schmatzen. »Das ist unglaublich!«

Sie schnappte eine Praline und hielt sie Navid vor die Nase. »Na, komm schon, die ist nicht vergiftet.«

Der Dschinn zögerte. Seine Augen glitten langsam über Shanlis Gesicht und blieben auf ein Neues an ihren vollen Lippen hängen. Allmählich öffnete Navid seine. Shanli grinste zufrieden, als sich diese über ihre Finger stülpten und die Praline aufnahmen. Sie beobachtete aufmerksam, wie sich sein Mund schloss.

»Zerbeiße es nicht! Warte! Fühle, wie kühl es ist und die Hitze es nach und nach schmelzen lässt!«, befahl Shanli ihm leise. »Spürst du, wie es auf deiner Zunge ganz … langsam zergeht? Wundervoll, nicht wahr? Zuerst ist es ein wenig herb, aber gleich … überschwemmt eine herrliche Süße deinen Mund.« Gebannt hörte Navid Shanlis Flüstern zu. »Sie dringt in jeden Winkel vor. Nimmt all deine Sinne mit ihrer Lieblichkeit gefangen. Und dann … kommt er: dieser Rausch. Er wird stärker und stärker. Und während dir diese flüssige Wonne die Kehle hinunterläuft, stetig weniger wird, erfasst dich ein dunkles Verlangen nach mehr.«

Navid knurrte: »Ja, ich kann dieses Verlangen spüren, mehr, als mir lieb ist.«

Hätte er jetzt seine männliche Gestalt, müsste er eine steinharte Erregung verbergen. Aber auch jetzt nahm er wahr, wie ein Kribbeln sich in seinem Unterleib ausbreitete. Nie hätte er vermutet, dass ihn die Beschreibung einer Leckerei wolllüstig machen könnte. Nein, gewiss lag es nicht an Shanli!

Kapitel 12
Schnecken und Eier, die nicht existieren

»Oh, Parviz kommt auf uns zu!« Shanlis Wangen röteten sich vor Aufregung und Vorfreude, als sie den Schah durch die Menge schreiten sah.

Navid schnaubte, denn Parviz glotzte mit einem selbstgefälligen Grinsen in ihre Richtung.

Shanli murmelte derweil ihr Wünsche-Mantra und erteilte danach Navid im Flüsterton den Befehl: »Egal, wen er von uns nun mitnimmt, der andere muss heimlich folgen und in Hörweite bleiben. Es wäre das Schlimmste, was passieren könnte, wenn gerade in Parviz' Gegenwart dein Zauber nachlassen würde.«

»Na, also ich könnte mir da noch etwas Schlimmeres vorstellen!«, war Navids trockene Erwiderung.

Shanli konnte ihn nicht mehr fragen, was er damit meinte, da Parviz ihr seine Hand vor die Nase hielt.

»Kleine Perle, komm, lass uns spazieren gehen!«

Die Bäckerstochter lächelte glücklich und legte ihre Finger in Parviz'. Sie erhob sich und warf Navid, bevor sie gingen, nochmals einen mahnenden Blick zu. Der Schah führte sie quer durch das Festgelage zur steinernen Treppe, über die sie in den Garten gelangten. Alle paar Schritte schaute Shanli verstohlen über ihre Schulter, und kontrollierte, ob Navid ihnen folgte. Der Dschinn war ihnen auf den Fersen, allerdings in gebührendem Abstand, was sie beunruhigte. Denn was würde geschehen, wenn Navid ihre Wünsche nicht hörte?

Ihr Herz pochte ungestüm. Die Freude, endlich mit Parviz allein sein zu können, mischte sich mit der Angst, im ungünstigsten Moment dick und dunkelhaarig zu werden.

»Wie war dein Name noch gleich?«, fragte Parviz.

Die Bäckerstochter sah hinter sich und stammelte zerstreut: »Ähm … Shanli, Euer Hoheit, wie das Stachelschwein.«

»Ach, ja!«, grinste Parviz und wanderte mit ihr die Wege entlang. »Wo stammen deiner Schwester und du her?«

Shanli entschloss sich, bei Navids Geschichte zu bleiben und antwortete brav: »Aus Hesch Tael.«

»Eine schöne Stadt und eine der größten in meinem Reich«, entgegnete der Schah stolz und deute auf zwei Sitzkissen, die Nahe am Wasserbecken lagen. »Setzen wir uns.«

Sie waren ein ganzes Stück vom Fest entfernt, und die Stimmen der Gäste waren hier lediglich ein leises Murmeln. Die Dunkelheit verbarg sie vor neugierigen Blicken, denn auch das matte Licht der Fackeln und Laternen verlor sich nach wenigen Schritten in der Nacht. Shanli ließ sich neben Parviz nieder und sah ihn erwartungsvoll an. Die braunen Augen des Schahs glitten unruhig über ihre Gestalt und machten sie noch nervöser. Ihr wurde schlagartig warm.

»Du bist wunderschön, Shanli. Aber das weißt du bestimmt«, raunte er.

Die Bäckerstochter kicherte verlegen und senkte ihren Blick, der zufällig auf die Wasseroberfläche fiel. Im ersten Moment zuckte sie zusammen, denn sie hatte ihr übliches Spiegelbild erwartet. Aber stattdessen sah sie eine zierliche Blondine. Zwar hatte Shanli die vergangenen Tage schon öfters ihr verändertes Gesicht mit den hellen Haaren gesehen, aber dennoch war es ihr noch immer fremd. Aus irgendeinem Grund konnte sie nicht glauben, dass sie dieses Mädchen war. Es fühlte sich komisch an. Hastig schob Shanli die verwirrenden Gedanken beiseite, denn sie wollte voll und ganz Parviz' Aufmerksamkeit genießen.

Dieser hatte die Gelegenheit genutzt und war näher an sie herangerückt. »Meine süße Perle, darf ich deine Wange berühren? Deine Haut schimmert wie Seide, und ich verzehre mich danach, sie zu streicheln.«

Shanli brachte keinen Mucks mehr heraus, sondern konnte nur noch stumm nicken. Sacht legte Parviz seine Hand an ihre Wange, und sofort liebkoste sein Daumen ihr Gesicht. Er blickte tief in Shanlis Augen und sie glaubte, ihr Herz würde aufhören, zu schlagen.

Immer weiter beugte sich Parviz ihr entgegen, und Shanli hielt den Atem an. Instinktiv wusste sie, was nun kommen würde, denn sein Verlangen war unverkennbar. Jeden Moment würde er sie küssen. Endlich! Und sie würde im Himmel schweben. Nur noch ein Windhauch trennte ihre Lippen, … als Navid plötzlich aus einem nahegelegenen Strauch herausstürzte.

»Shanli Amir al Zadat, ich bin entsetzt!«, rief er empört. »Benimmt sich so etwa ein anständiges Mädchen?«

Erschrocken stoben Parviz und Shanli auseinander. Doch während der Schah sich über die Unterbrechung amüsierte, war Shanli äußerst erbost darüber.

»Wie … kannst du nur?«, presste sie zwischen ihren Zähnen hervor. Ihr war zum Heulen zumute. Warum musste er ausgerechnet jetzt aus dem Busch springen? Hatte er nicht noch einen Moment warten können? Grenzenlose Frustration ließ sie Navid garstig anschreien: »Was fällt dir ein? Du kannst doch nicht dazwischenplatzen und … und …«

Shanli fragte sich, was in ihren Dschinn gefahren war. Schließlich wusste er doch, dass sie in Parviz verliebt war. Sie verstand nicht, warum er sie um diesen Kuss gebracht hatte. Sie wäre noch verblüffter gewesen, wenn sie geahnt hätte, dass es Navid ähnlich erging. Noch im gleichen Augenblick, als er Shanli angekeift hatte, fragte er sich nämlich, warum er aus dem Gebüsch gestürmt war und den Kuss hatte verhindern wollen.

Navids Frauengesicht wirkte ebenso erzürnt wie ihres. Warum hatte er Shanli mit seinem Nachnamen betitelt? Gut, er kannte ihren nicht. Aber warum hat er dann nicht auf ihn verzichtet?

Etwas verunsichert von seinen eigenem unbedachten Tun, fiel der Dschinn in ihre Rede ein: »Was mir einfällt?! Na, ich sehe, wie du dich einem Mann hingibst, mit dem du nicht verheiratet bist.« Entschiedener meinte er: »Schäme dich, Schwester!«

Die Augen der Bäckerstochter wurden zunehmend runder, und ihre Brust schwoll vor unterdrücktem Zorn an.

»Ganz ruhig, meine Täubchen«, sprach Parviz mild und versuchte, die Wogen zu glätten. Mit einem arroganten Schmunzeln wandte er sich an Navid. »Kein Grund zur Eifersucht, Anita. Es wäre nur ein unschuldiger Kuss geworden.«

»Navida. Ich heiße Navida!«, bellte die blonde Dschinni und ballte zähneknirschend ihre Fäuste.

Shanli stutzte, um dann noch lauter als zuvor zu brüllen: »Genau, das ist es!« Behände sprang sie auf die Beine und reckte kämpferisch den Hals. »Du bist eifersüchtig!«

Navids Brauen hoben sich in einer abfälligen Geste. »Auf dich?! Mach dich nicht lächerlich, Shanli!«

Die Augen der Bäckerstochter wurden schmal. Sie stand kurz davor, ihrem Dschinn den Kopf abzureißen, Wünsche hin oder her.

Erneut mischte sich Parviz ein. »Du brauchst es nicht zuzugeben, mein kleiner Smaragd. Wir wissen alle, dass es so ist.«

Die ungeheure Blasiertheit des Schahs stahl den zwei Blondinen die Worte. Baff, aber noch immer wütend aufeinander, starrten sie sich verbittert an, bis Shanli sich entschloss, das Weite zu suchen, da die Romantik nun so oder so flöten gegangen war.

»Weißt du was, Anita? Du bist jetzt an der Reihe, ich überlass ihn dir.«

Navids Augen weiteten sich vor Schreck. »Shanli, nein! Du kannst mich doch jetzt nicht mit ihm hier allein lassen.«

»Oh, doch!«, gab diese zurück und lief davon. »Das kann ich!« Mit einem dreisten Grinsen rief sie dem Schah über die Schulter zu: »Viel Spaß mit meiner eifersüchtigen Schwester, Hoheit. Sie tut übrigens nur so, als wäre sie keusch, in Wirklichkeit ist sie ein mannstolles Luder!«

Der junge Herrscher lachte vergnügt, erhob sich allmählich und nahm umgehend die Witterung seiner neuesten Beute auf.

Derweil stierte Navid Shanli noch mit einem rachsüchtigen Grollen hinterher, welches ihm allerdings im Halse stecken blieb, als er Parviz auf sich zukommen sah. Dessen lauernder Blick ließ ihn fahrig kichern.

»Ihr glaubt doch nicht, was meine Schwester sagt?«

»Warum sollte ich das nicht, wenn es doch offensichtlich ist, dass es dich nach einem Kuss von mir dürstet.«

Parviz kam immer näher, und Navid versuchte fortwährend, ihm auszuweichen, was sich jedoch als sinnloses Unterfangen herausstellte. Der Schah folgte jeder seiner Bewegungen, sodass Navid letztlich aufgab. Er sagte sich, dass Angriff in dieser Lage wohl die bessere Verteidigung sei, und blieb stehen. Überheblich schüttelte er seine langen blonden Locken, legte den Kopf in den Nacken und verschränkte die Arme vor seiner weiblichen Oberweite.

»Ihr wollt also einen Kuss von mir?«

»Ich glaube eher, du willst mich verschlingen, mit Haut und Haaren«, erwiderte Parviz rau und baute sich dicht vor der blonden Dschinni auf, die genauso groß war wie er.

Navid legte allen Hochmut in seine Miene, den er aufbringen konnte. »Oh, nein, nein, mein lieber Schah, so leicht bin ich nicht herumzukriegen!«

Er packte Parviz mit einer Hand an den Wangen und presste diese grob zusammen, sodass sich dessen Mund zu einer komischen Schnute verschob. Mutig rückte er sogar noch näher an den Schah heran und hauchte verrucht: »Für einen Kuss müsst Ihr mir schon einiges bieten, Ihr Schlingel.« Langsam ließ er ihn los, tätschelte dann sacht seine Wange und meinte: »Glaubt Ihr etwa, ich küsse jeden Kerl?« Der letzte Schlag fiel allerdings um einiges härter aus und klatschte schallend. Umgehend versüßte Navid dem Schah den Hieb mit einem Eingeständnis: »Ihr wärt aber der Erste. Und das nicht nur im Küssen.«

Dieser wurde angesichts dieser Aussichten ganz hibbelig und grunzte gierig: »Mein Juwel. Ich werde dir Dinge bieten, die tausend Küsse rechtfertigen. Und noch vieles mehr.«

»Wir werden sehen, mein wilder Hengst«, schnurrte Navid und wandte dem Schah hochnäsig den Rücken zu, um langsam zum Fest zurückzuschreiten.

Shanli hatte sich, wider ihrer Androhung, Navid mit Parviz allein zu lassen, im Schutz der Dunkelheit in der Nähe versteckt und beobachtete die beiden. Ihre Wut kühlte allerdings nicht ab, sondern stieg mit jeder von Navids Berührungen an. Die Bäckerstochter sah nicht, dass Parviz den weiblichen blonden Navid bedrängte, sondern lediglich, dass er größeren Gefallen an ihrer vermeintlichen Schwester und deren grünen Augen hatte als an ihr. Sie hatte zwar keine Ahnung, ob es funktionierte, wenn der Dschinn sie nicht hörte, aber dennoch wisperte sie gehässig ihren geheimen Wunsch: »Ich wünschte, Navid würde stinken wie ein Kamelfurz.«

Parviz hatte Navids Verfolgung aufgenommen und pirschte ihm schnüffelnd hinterher. Die grünäugige Schönheit war wirklich ein ganz besonderer Edelstein. Sie zeigte nicht nur offen ihre Eifersucht, sondern auch ihre Wollust. Wie sie ihn angefasst hatte, ohne Scheu, ohne Zögern! Ja, eindeutig liebte sie das Spiel mit dem Feuer. Sie war eine Wildkatze, und genauso roch sie auch. Ja, sie war animalisch. Gewiss war sie auch so ungezügelt in der Liebe.

Der Schah legte einen Zahn zu und holte schließlich Navid ein, der angehalten hatte und anfing, an sich selbst zu schnuppern. Shanli hatte von dem Gespann ebenso die Fährte aufgenommen und grinste zufrieden. Ihre Wünsche erfüllten sich also, selbst wenn sie nicht direkt an Navids Ohren drangen.

Allerdings war ihr Wunsch vergebens. Sprachlos musste sie mit anschauen, wie Parviz seinen Arm um Navids Taille legte. Zu ihrer Genugtuung schubste Navid ihn jedoch an der Schulter so kräftig zur Seite, dass der Schah in einem Strauch landete, welcher neben dem Weg wuchs.

Laut konnte sie die hohe Stimme des Dschinns vernehmen: »Hach, Ihr seid aber auch ein ganz, ganz schlimmer Schlawiner, Schah Parviz.«

Dieser torkelte eilig zu Navid zurück. Und nach wenigen Schritten versuchte der Schah erneut, seine Finger auf Wanderschaft bei der Blondine gehen zu lassen. Das brachte ihm wieder einen derben Klaps ein und ein entsetztes, tiefes »Finger weg, Ihr Lümmel!«

Derweil glaubte Shanli, ihren Augen nicht zu trauen. Navids Weigerungen schienen den Schah nur noch weiter in seinen Bemühungen anzuheizen. Ständig kicherte der Schwerenöter oder lachte aus vollem Hals. Navid machte aus dem Schah ein kopfloses Huhn oder einen Hahn, wie auch immer. Aber dennoch war es unglaublich!

Endlich hatten sie das Fest wieder erreicht. Kaum hatte sich der Schah widerwillig entfernt, tippelte Navid aufgebracht zu Shanli hinüber, die nach ihnen im Iwan angekommen war.

»Hast du dir etwa gewünscht, dass ich stinke?« Ungeduldig wippte der blonde Dschinn mit dem Fuß und wartete auf Shanlis Antwort. Er war sich gar nicht bewusst, dass er sich wie eine zickiges Mädchen gebärdete.

»Nein?!«, säuselte Shanli zahm.

»Nimm es zurück! Sofort!«

Die Bäckerstochter machte auf Unschuldslamm. »Nein. Warum?«

Navid Augen stierten sie drohend an. »Weil der Gestank diesen angehenden Ziegenschänder erst richtig rollig macht.« Shanli schlug sich die Hand vor den Mund und musste ungewollt prusten, während Navid sich weiter ereiferte. »Dieser Kerl ist ein widerlicher Lüstling! Dazu noch dickfellig, und er besitzt die Intelligenz einer getrockneten Feige. Und den wolltest du küssen?!«

»Ja, das wollte ich!«, giftete Shanli zurück. »Warum hast du das verhindert? Du solltest mir helfen und mir nicht in den Rücken fallen. Oder willst du ihn dir selbst unter den Nagel reißen?«

Angewidert und zugleich völlig empört verzog Navid den Mund. »Äah, igitt! Bist du von allen guten Geistern verlassen?« Shanli legte den Kopf schief, und ihre Miene sprach Bände, dass sie noch immer sauer auf ihn war. »Ich … ich wollte dir doch nur helfen«, stammelte Navid. »Wenn du ihm das gibst, was er verlangt, wird er dich fallen lassen. Nur, wenn du es ihm verweigerst, kannst du sein Interesse wach halten.«

Navid atmete durch. Die Ausrede klang doch gut. Sogar in seinen Ohren. Ach, was! Es war gar keine Ausrede, genauso verhielt es sich doch. Er hatte Shanli nur davor bewahren wollen, ihre Zuneigung Parviz vor die Füße zu werfen, die jener mit besagten, stinkigen Körperteilen getreten hätte. Bestimmt würden die muffeln wie alter Schafskäse.

Allmählich verschwand die Wut aus Shanlis Gesicht, und Navid traute sich, ihr zuzuflüstern: »Ich sollte das wohl am besten wissen, denn schließlich bin ich ein Mann.« Ein Wimpernschlag später meinte er interessiert: »Du hast dir also wirklich gewünscht, dass ich stinke?«

Shanli nickte.

»Das heißt, dass sich die Wünsche auch erfüllen, wenn ich sie gar nicht höre.« Er grübelte. »Ich wusste es, bevor ich den Mief roch, dass du es dir gewünscht hast. Es war, wie eine Eingebung. Ich hatte bisher keine Ahnung, dass das auf diese Weise ebenso funktioniert.«

Shanli hob vielsagend die Brauen. »Auf jeden Fall ist das gut zu wissen – dass du zwar außerhalb des Smaragdes sein musst, aber nicht unbedingt in meiner Nähe, um meine Wünsche zu erfüllen.«

Navid pflichtete ihr bei. »Ja. Das könnte vieles einfacher machen.« Seine Augen begannen, zu leuchten. »Ich bräuchte nicht mal bei dir zu sein, wenn du die Prüfungen machst. Nie wieder muss ich Parviz' Dattelfinger ertragen.«

Shanli verneinte sofort. »Nein! Du wirst mich begleiten! In welcher Gestalt auch immer!«

»Shanli!«, flehte Navid jammervoll.

Doch die Bäckerstochter blieb hart. »Nein! Darüber brauchen wir nicht mehr zu streiten.«

Navid grollte unzufrieden, und Shanli ließ sich dazu herab, seinen Gestank fortzuwünschen. Was sie jedoch nur tat, weil sie es auch ihrer Nase nicht mehr länger zumuten wollte.

Nach und nach hatte Parviz mit allen Bewerberinnen gesprochen. Oder sonstiges mit ihnen getan, wie Navid mutmaßte. Das Fest neigte sich dem Ende zu, als der Schah einen Gong schlagen ließ und damit um die Aufmerksamkeit seiner weiblichen Gäste bat. Allmählich verebbte das Geschnatter der Mädchen, und Parviz bezog, vor seinem erhöht liegenden Thronsessel, Stellung. Mit einem breiten Lächeln schaute er auf die Bewerberinnen herunter, die alle gebannt an seinen Lippen hingen – außer eine.

Der blonde Navid schüttelte angewidert den Kopf und nuschelt vor sich hin: »Was schwebt der Wasserpfeife jetzt schon wieder vor?«

»Meine lieben Vögelchen, mit jeder von euch habe ich … gesprochen.«

»Vermutlich nicht nur das, du Schleimbeutel!«, kommentierte Navid leise.

»Und ihr alle seid ganz bezaubernd, doch leider kann ich euch nicht alle zur Gattin wählen. Sondern nur eine. Deswegen will meine Mutter, Aazar, euch vier Prüfungen unterziehen.«

Wildes Getuschel setzte ein, und auch Shanli sah sich um. »Wo ist Aazar überhaupt? Sie ist schon wieder nicht anwesend.«

Simin, die neben der Bäckerstochter stand, wisperte ihr zu: »Ja, Aazar ist wieder krank. Das hat sie alle paar Monate. Tagelang schließt sie sich dann in ihren Gemächern ein. Niemand darf sie in dieser Zeit stören. Irgendwann verlässt sie dann ihren Räume und sieht dann schöner aus als je zuvor.«

»Seltsam!«, erwiderte Shanli.

Navid dagegen interessierte sich für die vier Prüfungen, die die Mädchen absolvieren sollten. »Na, da bin ich ja mal gespannt, was das wird. Dem Himmel sei Dank, dass seine Mutter die Angelegenheit in die Hand nimmt. Ansonsten gäbe es wahrscheinlich einen Wettbewerb in nassen Kleidern mit Bananenschlecken.«

Shanli und Simin schauten angeekelt zu Navid hinüber, während Leilah laut grölte: »Bananenschnecken?! Warum sonnten wir an Bananen nutschen? Das sähe ja dämnich aus.«

Parviz schien Leilah gehört zu haben und griff ihre Frage auf. »Nein, Nina, ihr müsst keine Bananenschnecken sammeln.« Verwirrt hielte er inne, um gut vernehmlich zu grübeln. »Gibt es solche Tiere überhaupt? Ich hab noch nie solch eine Bananenschnecke gesehen.« Er schüttelte den Gedanken ab. »Wie dem auch sei. Übermorgen werden wir uns vor den Toren Al Hurghas treffen und gemeinsam zur Wüste Nahtab reiten.«

Die ersten Zwischenrufe erklangen, die fragten, was sie dort sollten. Auch Shanli und ihre Freundinnen blickten sich verwundert an, denn damit hatte keine von ihnen gerechnet.

Parviz hob beschwichtigend die Hände. »Nur Ruhe, meine süßen Sandmäuse. Ihr könnt jederzeit eure Bewerbung zurückziehen, wenn euch die Prüfungen zu gefährlich erscheinen. Doch meine Mutter hat ganz bestimmte Gründe, warum sie diese von euch verlangt. Bei der ersten Aufgabe geht darum, dass die angehende Gemahlin des Schahs dazu bereit sein muss, jedweder Gefahr zu begegnen. Und das wird sie, indem sie mir innerhalb von fünf Tagen ein schwarzes Schlangenei bringt.«

Ein Tumult brach aus, die Mädchen schrien aufgeregt durcheinander.

»Was?!«

»Ein Schnangenei?!«

»Wo sollen wir denn das in der Wüste finden?«

»Das ist lebensgefährlich!«

»Nie und nimmer gehe ich in die Wüste und suche nach Schlangeneiern!«

Navid zog Shanli zu sich heran. »Was hat die Alte vor? Was will die mit einem Schlangenei? Und dann noch mit einem schwarzen. So eins hab ich noch nie zu Gesicht bekommen, in all meinen Jahrhunderten!«

Shanli schüttelte geschockt den Kopf. »Ich hab nicht die geringste Ahnung!«

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9783753195278
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