Читать книгу: «Mühlviertler Grab»

Шрифт:

Eva Reichl

Mühlviertler Grab

Kriminalroman


Zum Buch

Die letzte Ruhe Chefinspektor Oskar Stern und sein Team müssen in St. Oswald bei Freistadt zwei Mordfälle aufklären. Ein Politiker und ein Landwirt wurden vom Totengräber auf dem Friedhof tot aufgefunden. Der Täter hat die Hände beider Opfer mit Kabelbinder gefesselt, ein Toter ist nachweislich ertrunken. Ist die geplante Lockerung des Tierschutzgesetzes der Grund, warum die Männer sterben mussten? Und weshalb wurden die Mordopfer ausgerechnet auf dem Grab von Paula Eckinger abgelegt, die vor einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben kam, bei dem der Lenker des anderen Fahrzeugs Fahrerflucht begangen hat? Chefinspektor Oskar Stern zweifelt schon bald an der damaligen Unfalltheorie, doch niemand will ihm glauben …

Eva Reichl wurde in Kirchdorf an der Krems in Oberösterreich geboren und zog bereits als Kleinkind mit ihrer Familie ins Mühlviertel. Nach einer kaufmännischen Ausbildung, und neben einer Beschäftigung als Controllerin, schreibt sie überwiegend Kriminalromane und Kindergeschichten. Mit ihrer Mühlviertler-Krimiserie verwandelt sie ihre Heimat, das wunderschöne Mühlviertel, in einen Tatort getreu dem Motto: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Böse liegt so nah. Eva Reichl lebt mit ihrem Mann und den beiden Töchtern in Ried in der Riedmark.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Immer informiert

Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie

regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.

Gefällt mir!

Facebook: @Gmeiner.Verlag

Instagram: @gmeinerverlag

Twitter: @GmeinerVerlag

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2020 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

2. Auflage 2020

Lektorat: Katja Ernst

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Eva Reichl

ISBN 978-3-8392-6606-9

1. Kapitel

Oskar Stern wurde vom Läuten seines Handys geweckt. Er blinzelte. Draußen war es noch dunkel, demnach konnte er nicht verschlafen haben. Er griff nach dem Smartphone, das störend auf dem Nachtkästchen vibrierte, und wischte über das Display.

»Chef! Wir haben einen neuen Fall«, drang die Stimme von Gruppeninspektorin Mara Grünbrecht aus dem Lautsprecher an sein Ohr.

»Wo?«, war alles, was Stern imstande war zu fragen. Sein Gehirn kam nur langsam in die Gänge und weigerte sich, auf das eben Gehörte angemessen zu reagieren. Schließlich war es unter der Bettdecke kuschelig warm, und Stern fühlte sich, als wäre er erst vor wenigen Augenblicken eingeschlafen.

»In St. Oswald bei Freistadt.«

Stern brummte und hielt dabei die Augen geschlossen. Er wünschte, er könnte ein paar Minuten länger im Bett liegen bleiben.

»Stern?« Grünbrechts Stimme drang fordernd aus dem Handy.

»Ich komme ja schon«, grummelte er.

»Soll ich auf Sie warten und Sie mitnehmen?«, fragte Grünbrecht. Es war ihr anzuhören, dass sie das lieber nicht tun wollte.

»Nein. Ich brauche noch eine Weile«, erwiderte Stern, und das war nicht übertrieben. Bevor er einsatzfähig war, benötigte er mindestens eine Tasse starken Kaffee. Vielleicht sogar zwei. Das war etwas, das sich mit zunehmendem Alter veränderte. Die Agilität verlangte oftmals eine gesonderte Einladung, um sich zu zeigen. Außerdem hatte er ein weiteres Hindernis zu überwinden, und das war der eigentliche Grund, weshalb er etwas mehr Zeit brauchte. Es wartete bestimmt bereits in der Küche auf ihn.

»Okay. Wir sehen uns dann auf dem Friedhof.«

»Auf dem Friedhof? Wieso auf dem Friedhof?« In Sterns Gehirn schrillten die Alarmglocken. Es konnte wohl kaum sein, dass die St. Oswalder die Leiche jetzt schon für das Begräbnis bereit machen wollten? »So schnell geht das aber nicht, wenn jemand stirbt, dass man den auf den Friedhof bringen kann, wenn der noch gar nicht …«

»Nein, Chef. Der Friedhof ist der Fundort der Leiche«, fiel Grünbrecht ihm ins Wort.

»Okay.« Stern beruhigte sich. »Wir sehen uns also nachher auf dem Friedhof.« Er beendete das Gespräch und wälzte sich aus dem Bett. Geräusche in seiner Wohnung hatten ihn die halbe Nacht wachgehalten, und auch in diesem Moment war ein Poltern zu hören. Ebenso ein Kratzen an der Schlafzimmertür. Es kam ihm vor, als lebte er mit einer Horde Poltergeister zusammen. Er schlüpfte in Hose und Hemd und schlurfte zur Tür. Ein starker Kaffee würde seine müden Knochen zum Leben erwecken, hoffte er, und danach wollte er nach St. Oswald aufbrechen. Er drückte die Klinke, zu seinen Füßen rollte ein Fellknäuel in den Raum. Und noch eines.

»Na, ihr beiden? Ihr habt es heute Nacht aber ordentlich krachen lassen. Ich verpetze euch bei eurer Mutter, da könnt ihr Gift drauf nehmen.« Er stieg über die kleinen, gerade mal zehn Wochen alten Kätzchen hinweg in den Flur. Die aufgedrehten Mitbewohner sausten purzelnd hinter ihm her und holten ihn auf halbem Weg in die Küche ein. Seit Wochen ging das schon so. Er konnte keinen Schritt mehr machen, ohne befürchten zu müssen, auf eines der Tiere zu treten.

Vor zweieinhalb Monaten war er von der Arbeit nach Hause gekommen und hatte festgestellt, dass eine fremde Katze, die zweifelsohne durch ein offenes Fenster in seine Wohnung geklettert war – was im strafrechtlichen Sinn Hausfriedensbruch und widerrechtliches Betreten bedeutete – im Wohnzimmer ihre Jungen zur Welt gebracht hatte.

Eine Sauerei war das gewesen!

Stern erinnerte sich nur ungern daran, wie er alles hatte putzen müssen. Anschließend hatte er die Nachbarn gefragt, ob die Katze ihnen gehöre, aber niemand hatte der Besitzer der nunmehr vierköpfigen Familie sein wollen, und Stern hatte es nicht übers Herz gebracht, die alte Streunerin samt ihrem Nachwuchs auf die Straße zu befördern – Hausfriedensbruch hin und widerrechtliches Betreten her. Anfangs war die Sache auch ganz harmlos gewesen, da hatten die Rabauken die meiste Zeit an den Zitzen der Mutter gehangen und geschlafen. Aber seitdem sie angefangen hatten, die Umgebung zu erkunden, machten sie Sterns Wohnung unsicher und ließen ihn nachts nicht schlafen.

In der Küche stellte er eine Schüssel mit Katzenfutter zu Boden, auf das sich die hungrigen Mäuler gierig stürzten, bereitete sich selbst eine Tasse Espresso zu und säuberte, während die Kaffeemaschine geschäftig surrte, das Katzenklo. Mit der Tasse in der Hand beobachtete er die Rasselbande und überlegte, dass es nun langsam an der Zeit war, für die Findelkinder eine neue Bleibe zu suchen. Dann hätte auch er endlich wieder seine Ruhe, und die Streunerin könnte ihres Weges ziehen.

Seine Enkelkinder Melanie und Tobias würden sich über ein Haustier bestimmt freuen. Für sie hatte er ein schwarz-weiß geflecktes Kätzchen ausgewählt, das gefiele ihnen bestimmt am besten. Ihm musste nur noch einfallen, wie er seine Tochter Barbara überzeugen konnte, seinen Enkeln ihren langersehnten Wunsch nach einem Haustier endlich zu erfüllen.

Das Fell des zweiten Kätzchens war gestreift, bis auf den weißen Bauch und die ebenso weißen Pfoten. Dieses wollte er Bormanns Sekretärin schenken. Wenn er der Gerüchteküche im Landeskriminalamt Glauben schenken durfte, hatte sie sich erst kürzlich von ihrem langjährigen Freund getrennt und war nur noch heulend im Vorzimmer des Dienststellenleiters anzutreffen. Da wäre ein Schmusetiger, mit dem man Kuscheln und den man streicheln konnte, genau die richtige Ablenkung, fand er. Und für das dritte Kätzchen, ein astreiner grau-brauner Tiger, der wild und klug zugleich zu sein schien, würde ihm auch noch etwas einfallen.

Eine halbe Stunde später verließ er die Wohnung und fuhr mit seinem grauen Audi A6 auf der A7 Richtung Freistadt. Nach gut 40 Minuten erreichte er St. Oswald und bog bei der ersten Kreuzung rechts ab, da er den Turm der Kirche bereits erspähte. Dort in der Nähe musste der Friedhof sein, schlussfolgerte er, was sich nach der nächsten Kurve als richtig erwies. Ein blau blinkendes Lichtermeer empfing ihn, als hieße es ihn trotz des traurigen Anlasses willkommen.

Stern hielt nach Webers Wagen Ausschau. Durch die Versorgung der Katzenfamilie war er später losgekommen als üblich, dennoch hoffte er, vor dem Gerichtsmediziner eingetroffen zu sein. Zwischen ihnen beiden gab es diesen unausgesprochenen Wettkampf, wer als Erster an einem Tatort war. Von einem unerklärlichen Ehrgeiz gepackt – den Stern zwar jedem gegenüber abstreiten würde, sollte man ihn darauf ansprechen –, wollte er diesen Wettkampf jedes Mal unbedingt gewinnen wie ein Schuljunge, dem gerade die Hormone einschossen.

Als der Audi näherrollte, entdeckte er Webers Wagen direkt vor dem Friedhofseingang. Mist, fluchte er innerlich und parkte ein gutes Stück weiter hinten am Straßenrand. Wäre er tatsächlich vor Weber hier gewesen, würde er es ihm sofort unter die Nase reiben, sobald dieser einträfe. So aber beschloss er, Webers Sieg mit keinem Wort zu erwähnen, ihn einfach zu ignorieren und dessen Bedeutsamkeit, falls notwendig, herunterzuspielen.

Die Kollegen hatten den Friedhof längst abgesperrt. Ein paar neugierige St. Oswalder flankierten die Pforte in der Hoffnung, sie könnten einen Blick auf das Geschehen in der Gräberanlage werfen. Ein Aufgebot an Einsatzfahrzeugen wie dieses blieb natürlich nicht unbemerkt. Stern war sich sicher, dass bald der ganze Ort darüber Kenntnis erlangen würde. Doch sie waren hier durch Mauern vor neugierigen Blicken geschützt. Der Friedhof glich einer Festung, gerade jetzt, wo die Eingänge von Uniformierten bewacht wurden, die nur autorisierte Personen hindurchließen. Die Abschottung durch die Eingrenzung der Mauern war zwar gut für die Bestandsaufnahme des Tatortes, aber schlecht für die Ermittlungen, da der Täter wahrscheinlich seine Tat genauso ungestört hatte vollziehen können. Es würde schwer werden, Augenzeugen zu finden.

Stern übertrat die Schwelle zum Friedhof und erkannte sofort, wohin er sich wenden musste. Ermittler und Spurensicherer standen um eines der Gräber versammelt, als wären sie andächtig in ein Gebet versunken. Er konnte sich nicht erinnern, die Kollegen jemals so einträchtig gesehen zu haben. So friedlich …

Oder vor Schock gelähmt?

Denn üblicherweise waren sie geschäftig, jeder ging seiner Arbeit nach und ein reges Treiben beherrschte den Tatort. Als er näherkam, verstand er, was der Grund für ihr ungewöhnliches Verhalten war.

»Chef, wir haben auf Sie gewartet. Wir meinten, Sie sollen das genau so sehen, wie wir es vorgefunden haben«, empfing ihn Gruppeninspektorin Mara Grünbrecht mit einer Erklärung anstatt eines Grußes. Die Körperhaltung der Leiche ließ Stern wissen, dass seine Kollegen richtig gehandelt hatten.

»Grüß euch«, sagte er abgelenkt, da sein Gehirn bereits die ungewöhnliche Darstellung auf dem Grab aufzunehmen versuchte.

Eine Person kniete inmitten von rosa blühenden Rosen auf einer mit Granit eingefassten Grabstätte, der Kopf hing nach unten, die Hände waren vor dem Leib mit Kabelbindern festgezurrt. Stern musste sich bücken, um dem Opfer ins Gesicht blicken zu können, damit er wusste, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelte. Es war eindeutig ein Mann, Mitte 30, schätzte er. Er erhob sich und umrundete das Grab. Die Kollegen wichen zurück, damit er auf den schmalen Wegen zwischen den Gräbern genügend Platz fand. Die Haare des Toten waren feucht, klebten ihm an Stirn und Nacken. Stern fragte sich, ob es letzte Nacht geregnet hatte, und sah sich auf dem Friedhof um. Alles war trocken, bis auf die Gräber, deren Besitzer die wenigen Blumen, die um diese Jahreszeit noch blühten, am Vortag gegossen hatten. Für Oktober war es ungewöhnlich warm, da mochte es schon gut sein, für ein wenig zusätzliche Feuchte zu sorgen. Aber wenn es nicht geregnet hatte, wieso war das Opfer dann nass?

»Was hältst du davon?«, fragte Gruppeninspektor Hermann Kolanski seinen Vorgesetzten mitten in dessen Überlegungen hinein. Er trug wie immer seine abgewetzte Lederjacke, Jeans und Cowboystiefel. Die Sonnenbrille hatte er auf sein Haupt hochgeschoben, um die Leiche auf dem Grab ungefiltert betrachten zu können. Wie üblich waren seine dunklen Haare viel zu lang, doch Kolanski pflegte die Wildnis auf seinem Kopf wie andere Männer ihren Wagen.

Stern ließ sich mit einer Antwort Zeit. »Der Täter hat ihn in Pose gebracht. Betend. Aus welchem Grund auch immer«, fasste er in wenigen Worten zusammen.

Der Anblick war in der Tat ungewöhnlich. Die zusammengebundenen Hände des Mannes waren vor dessen Brust derart positioniert, dass man meinen könnte, er würde beten. Den Kopf hielt er dabei geneigt, was den Anschein erweckte, er täte es aus Demut und nicht, weil er tot war. Durch die etwas zur Seite gestellten Beine konnte er nicht umkippen. Der Täter hatte sich Mühe gegeben, den Torso so auszurichten, dass er im Gleichgewicht war, und die Totenstarre tat ihr Übriges dazu.

»Was will der Täter damit andeuten? Dass das Opfer ein frommer Mann gewesen ist?«, stellte Grünbrecht eine berechtigte Frage.

»Oder vielleicht das genaue Gegenteil, dass er es nötig gehabt hat, im Angesicht des sicheren Todes seinem Herrn zu huldigen, um doch noch in den Himmel zu gelangen, wenn man an diese religiösen Dinge glaubt«, warf Gruppeninspektor Edwin Mirscher ein.

»Ich will, dass genügend Fotos von der Leiche gemacht werden, und zwar so, wie sie in Pose gebracht ist. Kennen wir den Namen?«

»Oliver Koch. 35 Jahre alt. Regionalpolitiker, wenn man dem Totengräber Glauben schenken darf«, spulte Grünbrecht herunter.

»Dem Totengräber?«, echote Stern.

»Johannes Blöchinger. Er hat die Leiche heute Morgen gefunden. Er wartet dort drüben auf uns.«

Sterns Blick folgte Grünbrechts Fingerzeig und wanderte hinüber zu einem Kreuz in der Mitte des Friedhofes, von wo ein Mann in Arbeitsklamotten und mit einem Spaten, auf dem er sich abstützte, zu ihnen herübersah und sie beobachtete. Ihn würde er später vernehmen.

»Hat es heute Nacht geregnet?«, fragte er.

»Nicht, dass ich wüsste«, antwortete Mirscher.

»Prüft das nach! Denn wenn es in Linz nicht geregnet hat, heißt das noch lange nicht, dass das in St. Oswald auch der Fall gewesen ist«, befehligte Stern und widmete sich den Händen des Opfers. »Hier! Er hat eindeutig Abwehrverletzungen. Seine Fingerkuppen sind wundgescheuert.« Stern deutete auf die Hände des Toten. »Jedoch dort, wo die Kabelbinder sind, kann ich keine Verletzungen erkennen. Sie haben sich nicht ins Fleisch gegraben.«

»Das bedeutet, dass der Täter die Hände des Opfers erst nach dessen Tod mit Kabelbindern festgezurrt hat«, meldete sich Weber zu Wort. »Außerdem hat er einen Schlag auf den Hinterkopf abbekommen. Das ist zwar nicht auf Anhieb auszumachen, da er nur eine Beule und eine kleine Platzwunde hat, aber ich bin mir sicher, wenn ich ihm den Schädel öffne, dass das umliegende Gewebe, und vielleicht auch die Schädeldecke, meine Vermutungen bestätigen werden.«

»Kann die Kopfverletzung von einem Sturz stammen?«

»Eher unwahrscheinlich. Da sie weit oben am Kopf ist, müsste das Opfer schon ziemlich blöd gefallen sein«, zeigte sich Weber hinsichtlich dieser Theorie skeptisch. »Aber wie sag ich immer: Es gibt nichts, was es nicht gibt.«

»Ist er an dem Schlag gestorben?«, fragte Stern weiter, ohne auf Webers von sich gegebene Kalender-Weisheit einzugehen.

»Das kann ich dir nicht sagen«, antwortete der Gerichtsmediziner. »Was ich dir bislang erzählt habe, war eine Ferndiagnose, weil ich das Opfer noch nicht anrühren durfte. Deine Kollegen wollten ja unbedingt, dass du es so siehst, wie es der Täter für uns zurückgelassen hat.«

»Für uns? Dann sendet er uns deiner Meinung nach eine Botschaft?«, hakte Stern nach. Auch wenn er und Weber sich oftmals uneins waren und sie dieser »Wer-als-Erster-am-Tatort-ist-Wettstreit« zu Konkurrenten machte, interessierte ihn dessen Meinung. Schon allein deswegen, da Weber heute noch keinen abfälligen Kommentar, weil Stern nach ihm am Friedhof eingetroffen war, abgelassen hatte. Dieser ständige Schlagabtausch gehörte zu jedem neuen Fall dazu wie ein Semmelknödel zu einem ordentlichen Schweinsbraten.

»Vielleicht. Vielleicht auch nicht«, entwand sich Weber einer Bestätigung dessen, was er zuvor angedeutet hatte. »Es kann nämlich durchaus sein, dass der Tote nur ein Stoßgebet zum Himmel schicken wollte, damit du ein wenig beherzter aufs Gaspedal drückst und als Erster am Tatort erscheinst.« Weber grinste. Die endlich ausgesprochene Stichelei des Gerichtsmediziners brachte Sterns Weltbild, wie die Dinge zwischen ihnen beiden standen, wieder in Ordnung, wenngleich Webers nächste Frage ihn erneut unter Strom setzte: »Wieso bist du überhaupt so spät dran? Du wohnst ja allein, da müsste es demnach doch viel schneller gehen, dass du hier bist.«

Webers Frage ignorierend sagte Stern patzig: »Wenn du eh schon so lange vor mir dagewesen bist, kannst du mir sicher sagen, wann unser Opfer gestorben ist.« Denn natürlich ärgerte es ihn, dass Weber vor ihm in St. Oswald eingetroffen war, wie es ihn auch ärgerte, dass die Katzenfamilie Schuld daran trug, dass er morgens immer etwas länger brauchte, bis er die Wohnung verlassen konnte. Aber er wollte seinen Kollegen natürlich nicht auf die Nase binden, dass er, der beinharte Chefinspektor der Mordgruppe am Landeskriminalamt Oberösterreich in Linz, nicht in der Lage war, eine fremde Katzenfamilie in ein Tierheim zu verfrachten. Wie ließe ihn das denn dastehen? Da war es besser, die Kollegen stellten wegen seiner seit Wochen beinahe täglichen Verspätungen irgendwelche Spekulationen an, die ohnehin nicht zutrafen.

»Das könnte ich, wenn ich ihn mir mal genauer ansehen dürfte«, konterte Weber sofort.

Nachdem der Polizeifotograf Fotos vom Leichenfundort gemacht hatte, gab Stern dem Gerichtsmediziner zu verstehen, dass der Tote ihm gehörte. Weber kniete sich zu dem Opfer hinab und begann mit der Untersuchung vor Ort. Dafür öffnete er seinen mitgebrachten Koffer und zog Skalpell und ein Thermometer heraus, um zu allererst die Temperatur des Leichnams zu messen, die er für die Bestimmung des Todeszeitpunktes benötigte.

»Nehmen Sie sich Webers Sticheleien nicht so zu Herzen«, sagte Grünbrecht nahe Sterns Ohr, während sie beobachteten, wie der Gerichtsmediziner die Leiche in eine waagrechte Position brachte, ihr einen kleinen Schnitt im Rumpf verpasste und das Thermometer einführte, um die Temperatur der Leber zu messen.

»Das tue ich nicht«, gab Stern erstaunt zurück. Bislang hatte er angenommen, dass er seine aufwallenden Emotionen Weber gegenüber stets gut im Griff gehabt und vor den anderen hatte verbergen können. Wie es aussah, war das nicht der Fall.

»Dann ist es ja gut«, erwiderte Grünbrecht. »Gibt es vielleicht etwas, das Sie uns erzählen möchten? Warum Sie in letzter Zeit immer so spät dran sind?«, nutzte sie die Gelegenheit, solange sie auf Webers Einschätzung des Todeszeitpunktes warteten, ihn ihrerseits auf sein vermeintliches Geheimnis anzusprechen. Stern fiel auf, dass die anderen Kollegen unauffällig näherkamen. Anscheinend wollten sie mithören, was er antwortete.

»Nicht, dass ich wüsste«, brummte er.

»Eine Frau vielleicht?«, sprach Mirscher aus, was alle dachten.

»Ihr spinnt ja!«, fuhr Stern ihn an.

»Das würde erklären, warum du jeden Tag als Letzter ins Büro kommst«, schloss sich Kolanski der scheinbaren Verschwörung an.

»Interessiert sich vielleicht noch jemand für den Toten? Oder wollen alle lieber über Sterns Liebesleben plaudern?«, fragte Weber leicht pikiert, während er die Leiche weiter untersuchte.

Stern schüttelte ob der Spinnereien der Kollegen den Kopf und bat den Gerichtsmediziner, er möge doch bitte seine Erkenntnisse mit ihnen teilen.

»Der Todeszeitpunkt ist keine zwölf Stunden her, eher zehn. Die Leichenflecken an Beine und Gesäß sind voll ausgeprägt und konfluiert, lassen sich aber noch wegdrücken. Die Totenstarre ist am ganzen Körper ausgebildet, das bedeutet, dass der Tod vor mindestens acht Stunden eingetreten ist. Das alles deckt sich mit der Körpertemperatur, die bei diesen Temperaturen – in der Nacht hatte es an die 10 Grad – im Durchschnitt um 0,5 Grad Celsius pro Stunde sinkt. Zusammengefasst würde ich meinen, dass der Todeszeitpunkt zwischen 23 Uhr und 1 Uhr liegt«, gab Weber das Ergebnis seiner Untersuchung bekannt.

»Todesursache?«, fragte Stern knapp.

»Das Opfer ist erstickt oder ertrunken«, sagte Dominik Weber.

»Ertrunken?«, echote Stern.

»Ja. Oder erstickt. Petechiale Stauungsblutungen weisen darauf hin. Sie sind zwar nur gering ausgebildet, aber das könnte daran liegen, dass das Opfer nicht die Möglichkeit hatte, während des Todeskampfes nach Luft zu schnappen.«

»Was heißt ertrunken?«, hakte Stern nach und sah sich demonstrativ um. »Wir sind auf einem Friedhof, da gibt es nichts, wo man ertrinken könnte.«

»Dort drüben bei dem Kreuz ist ein Trog«, sagte Grünbrecht.

»Und? Ist Wasser drin?«

»Staubtrocken«, ließ ihn die Gruppeninspektorin wissen.

»Das ist dann wohl euer Problem«, erwiderte Weber. »Und nicht meines.«

»Seine inzwischen angetrockneten Haare und die bis zur Brust feuchten Klamotten sprechen für Webers Theorie«, schloss sich Grünbrecht der Meinung des Gerichtsmediziners an und deutete auf die unterschiedliche Farbgebung der Kleidung. »Seht ihr die dunklen Flecken auf dem Hemd? Die reichen bis zur Brust oder dem Bauch. Die Hose hingegen ist beinahe trocken.«

»Nach der Obduktion werden wir Gewissheit haben. Wenn das Opfer ertrunken ist, finde ich Wasser in der Lunge«, sagte Weber und packte die Instrumente in den Koffer.

Stern, der dem Gespräch etwas ratlos gefolgt war, fragte: »Könnt ihr mir verraten, warum jemand einen ersäuft und ihn anschließend auf einen Friedhof schafft?«

»Und ihn derart zur Schau stellt?«, ergänzte Weber.

»Vielleicht war’s ja ein Unfall«, schlug Mirscher ein wenig naiv vor. »Und derjenige, der ihn gefunden hat, hatte nicht den Mumm, die Polizei zu verständigen, sondern hat ihn hierher zum Beten gebracht, weil sich das so gehört … oder so.«

»Warum hat er ihn nicht einfach liegen lassen, dort, wo er ihn angeblich gefunden hat? Wäre das nicht die normale Reaktion?«, warf Grünbrecht ein, und Mirscher zuckte mit den Schultern.

»Vielleicht ist er im Maria Bründl ertrunken«, stellte Kolanski eine These auf.

»Im Maria Bründl? Was ist das denn?«, wollte Grünbrecht von ihm wissen.

»Es gibt hier etwa zwei Kilometer außerhalb von St. Oswald im Wald eine Heilquelle, das ist das Maria Bründl. Sie zieht die Menschen, die an die Heilkraft von solchen Gewässern glauben, scharenweise an«, erklärte Kolanski.

»Kolanski, unsere wandelnde Wikipedia«, äußerte sich Mirscher durchaus anerkennend.

»Wenn der Tote krank gewesen ist, hat er vielleicht versucht, sich in dem Wasser von dieser Krankheit zu heilen und ist dabei ausgerutscht und ertrunken«, spekulierte Kolanski weiter. »Das würde zu der Verletzung an seinem Schädel passen. Wenn er sich den Kopf gestoßen hat und dadurch bewusstlos geworden ist …« Kolanski ließ das Ende des Satzes offen. Es wusste ohnehin jeder, was er ausdrücken wollte.

»Und wie ist er auf das Grab gekommen? Zu Fuß ja wohl kaum.«

»Da sind Schleifspuren.« Kolanski deutete rechts vom Grab auf zwei sanfte Rinnen im Kies des Weges. »Es sieht zwar so aus, als ob der Täter versucht hätte, den Weg wiederherzurichten, da die Spuren an dieser Stelle enden«, Kolanski machte drei Schritte vom Grab weg und wies zu seinen Füßen hinab, »aber wenn man genau hinsieht, kann man zwei Vertiefungen erkennen. Wahrscheinlich von den Schuhen des Opfers, die sich tief in den Kies gegraben haben. Die Kratzer auf seinen Halbschuhen würden diesen Schluss durchaus zulassen.«

»Warum soll der Täter das Opfer von der Maria-Bründl-Quelle hierhergebracht haben?«, fragte Grünbrecht.

»Tja, das müssen wir noch klären.« Kolanski steckte die Daumen in die Gürtelschlaufen seiner Hose und starrte auf den Toten, als wartete er auf dessen Kommentar.

»Die Kabelbinder hat er sich gewiss auch nicht selber angelegt und festgezurrt«, antwortete stattdessen Grünbrecht.

»Aber es würde erklären, warum er betet«, warf Mirscher ein. »Ich meine, warum ihn jemand als betend dargestellt hat«, stellte er richtig. Schließlich beteten Tote nicht mehr.

»Blödsinn! Was ihr da von euch gebt, gehört in ein Märchenbuch und nicht in einen Polizeibericht«, bereitete Stern den wilden Spekulationen ein Ende. Dennoch blieb ebenso für ihn die Auffindeposition des Toten ein Rätsel. Um keinen Fehler zu begehen, wenn doch etwas an dieser Heilwasser-Theorie dran sein sollte, sagte er zu Weber, dass er den Toten bei der Obduktion auf etwaige Krankheiten untersuchen solle. Allzu groß schätzte er die Wahrscheinlichkeit allerdings nicht ein, dass das Opfer tatsächlich krank gewesen war. Schließlich stand es mit seinen 35 Jahren gerade in der Blüte seines Lebens.

»Erzählt mir mehr über den Toten«, verlangte Stern von den Kollegen.

Grünbrecht zückte ihren Notizblock und las vor. »Also, Oliver Koch befand sich am Anfang seiner politischen Karriere. Er gehörte der rechten Partei an, war verheiratet und hatte ein Kind.«

»Weiter?«, hakte Stern ungeduldig nach.

Grünbrecht klappte ihren Notizblick zu und sagte: »Nichts weiter. Wir haben erst mit den Ermittlungen angefangen. Das Wenige, was ich Ihnen über Oliver Koch sagen kann, weiß ich vom Totengräber. In so einem kleinen Ort kennt jeder jeden. Obwohl gut gekannt hat er den Koch anscheinend nicht, das behauptet er zumindest.«

»Interessant«, brummte Stern.

»Wahrscheinlich war dieser Koch seiner Meinung nach in der falschen Partei, und er wollte nicht, dass wir denken, dass er auch zu denen gehört.«

Ein Totengräber, der eine Leiche findet, sinnierte Stern. Das Ganze mutete ziemlich ungewöhnlich an, ganz egal, zu welcher Fraktion der Tote gezählt hatte.

»Kommen Sie, Grünbrecht, wir beide reden mit dem Mann. Die Spurensicherung soll den Friedhof nach einem Gegenstand absuchen, mit dem man das Opfer niedergeschlagen haben könnte. Und natürlich suchen wir nach dem Tatort. Haltet Ausschau nach etwas, das dafür infrage kommt, jemanden zu ertränken. Mirscher und Kolanski, ihr beide befragt die Leute vor dem Friedhof. Vielleicht ist jemand dabei, der etwas gesehen hat.«

Stern schritt seiner Kollegin voran in Richtung des Kreuzes, das im alten Teil der Gräberanlage in der Mitte auf einem Betonsockel thronte und die Toten zu bewachen schien. Von dort aus beobachtete der Totengräber nach wie vor das Geschehen neugierig. Stimmt schon, so ein Mord auf einem Friedhof war etwas Besonderes, dachte Stern, ebenso, dass dieser Fall ganz St. Oswald aus seinem friedlichen Dornröschenschlaf rütteln würde. Plötzlich gab es einen Mörder in den eigenen Reihen. Sie würden sich gegenseitig verdächtigen, etwas mit dem Tod von Oliver Koch zu tun zu haben. Misstrauen und Denunzierungen würden ab heute Einzug in die Bevölkerung halten und gedeihen wie Unkraut auf einem wohlgenährten Boden.

»Chefinspektor Oskar Stern, das ist meine Kollegin Gruppeninspektorin Mara Grünbrecht«, stellte Stern sich und seine Kollegin dem Totengräber vor. »Wie heißen Sie?«

»Hans Blöchinger. Eigentlich heiß’ ich ja Johannes, aber alle sag’n Hans zu mir. Ist kürzer. Kann man sich leichter merk’n«, sprudelte es aus dem Angesprochenen heraus.

Na gut, eine Leiche zu finden war keine alltägliche Sache, da war Erregung schon angesagt, dachte Stern und hoffte, dass der Mann in seiner Aufregung nichts angefasst hatte. Dann nämlich würden sie am Tatort seine Fingerabdrücke finden, vielleicht sogar auf dem Opfer. »Sie haben den Toten entdeckt?«

»Ja, heut’ Morgen. Ich wollt’ ein Grab ausschaufeln für eine andere Leich’, für eine frische. Aber die hier ist noch frischer.« Der Totengräber deutete hinüber auf das Grab, auf dem das Opfer gefunden worden war, das gerade von zwei in weißen Overalls steckenden Männern in einen grauen Blechsarg gehoben wurde. »Die andere Leich’ ist nämlich schon 83 Jahre alt, ist also schrumpelig. Eine Frau ist es.«

»Ist Ihnen bei dem Toten irgendetwas aufgefallen, das außergewöhnlich ist?«, fragte Stern.

»Wenn S’ mich frag’n, ist bei der Leich’ alles außerg’wöhnlich«, antwortete Blöchinger, und Stern gab ihm in Gedanken recht. »Sonst sterb’n die Leut’ ja im Bett oder auf der Straß’n. Oder werd’n erschossen wie in Amerika. Aber so …« Erneut zeigte der Totengräber hinüber zu jener Stelle auf dem Friedhof, von wo sich die Männer gerade mit dem geöffneten Sarg auf den Weg in die Gerichtsmedizin machten, da sich der Sargdeckel aufgrund der Totenstarre der Leiche nicht schließen ließ. Dort würde ihm Dominik Weber alle Geheimnisse entlocken, die er vor ihnen verbarg. Ob er tatsächlich ertrunken oder an dem Schlag auf den Kopf gestorben war. Und ob er tatsächlich an einer schweren Krankheit gelitten und Heil im Quellwasser von Maria Bründl gesucht hatte. Ein Unfall war nicht auszuschließen, wenngleich er äußerst unwahrscheinlich war. Aber vielleicht hatte tatsächlich jemand die Leiche gefunden und sie aus Angst, mit einem Verbrechen in Verbindung gebracht zu werden, hierhergeschafft, ohne sich zu erkennen zu geben. Die festgezurrten Hände deuteten jedoch eher auf vorsätzlichen Mord und eine Zurschaustellung des Opfers hin. Deshalb würden sie die Unfalltheorie nicht weiter verfolgen. Für Stern lag ohnehin auf der Hand, dass es sich um Mord handelte. Die in Pose gebrachte Leiche sprach eindeutig dafür.

»Haben Sie jemanden auf dem Friedhof gesehen, der Ihnen verdächtig vorkam?«

»Na! Zu so früher Stund’ sind noch keine Leut’ auf ’m Friedhof. Da bin ich immer allein«, erklärte Blöchinger. Er wirkte nun etwas entspannter als zu Beginn der Befragung.

»Was haben Sie eigentlich so früh hier gemacht?«, wollte Grünbrecht von dem Totengräber wissen.

»Ich hab ja schon g’sagt, dass ich ein Grab ausheben muss, für die alte Frau, die vor ein paar Tagen g’storben ist. Die ist friedlich entschlafen. Zumindest denken das alle, weil wiss’n tut man so etwas ja eigentlich nie«, erwiderte Blöchinger.

»Gibt es einen begründeten Anlass für diese Spekulation?«, fragte Stern. Ein zweites Opfer würde ihm gerade noch fehlen.

»Nein! Aber wiss’n tut man es trotzdem net.«

Stern verdrehte ungewollt die Augen. »Dafür gibt es die Totenbeschau, Herr Blöchinger. Damit alles seine Ordnung hat und keine Gewalttat als natürlicher Tod durchgeht.«

»Kann ich weiterarbeit’n? Am Nachmittag ist das Begräbnis der Frau, und da muss ich mich wirklich beeilen, dass ich das schaff’«, erklärte der Totengräber. »Das ist nämlich net klass’, wenn die Familie kommt und den Sarg net in die Erde reinlassen kann. Stellen S’ Ihnen das mal vor!«

»Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass das Begräbnis am Nachmittag überhaupt stattfinden kann. Der Friedhof ist schließlich ein Tatort, und wir müssen zuerst alle Spuren sichern«, sagte Stern.

Der Totengräber nahm die Nachricht mit Bestürzung auf. »Das geht net! Bei uns ist noch nie ein Begräbnis abg’sagt word’n! Das ist ja net wie ein Konzert oder eine Party. Das ist eine Leich’, und die Leich’ vergammelt, wann die net unter die Erd’ kommt.« Auf seinem Gesicht wechselten Unglaube und Entsetzen einander ab. Anscheinend konnte er Sterns Worte nicht glauben, noch viel weniger wollte er sie an die Betroffenen weiterleiten, die dadurch vor einem unangenehmen Problem stünden, wofür Stern dann doch Verständnis aufbrachte.

»Wo wollen Sie denn graben?«, frage er.

»Dort drüben, gleich hinter dem schönen Kreuz von unser’m Herrn Pfarrer. Dort, wo die neuen Gräber alle sind. Dort muss ich graben.« Blöchinger deutete in die angesprochene Richtung, hinüber in den neuen Teil des Friedhofes, wo eine grüne Rasenfläche zu sehen war. Offensichtlich hatte man in St. Oswald vorgesorgt und den Friedhof erweitert, damit jeder Tote seinen Platz in geweihter Erde fand.

»Das ist okay. Wenn Sie in diesem Teil des Friedhofes bleiben, dürfen Sie das Grab ausheben«, entschied Stern und ließ den Totengräber ziehen. Er war zweifelsohne ein einfacher Mann, jedoch einer, der seine Arbeit äußerst ernst nahm.

2. Kapitel

Chefinspektor Oskar Stern und Gruppeninspektorin Mara Grünbrecht kehrten nach der Befragung des Totengräbers zurück zur Fundstelle der Leiche. Stern inspizierte die Grabstätte erneut und rätselte, was der Täter mit der Positionierung des Opfers hatte ausdrücken wollen, welche Botschaft dahintersteckte und ob das Opfer und die Tote in dem Grab einander gekannt hatten.

»Paula Eckinger«, las er die Inschrift auf dem Grabstein laut vor. »Sie ist nur 29 Jahre alt geworden.«

»Glauben Sie, dass es eine Verbindung zwischen unserem Opfer, diesem Oliver Koch, und Paula Eckinger gibt?«, griff Grünbrecht seine Überlegungen auf.

»Wir sollten herausfinden, wie die Frau gestorben ist und ob sie Koch gekannt hat.«

»Okay.« Grünbrecht wollte sich schon an die Beschaffung der Informationen machen, als Stern sie zurückhielt.

»Mirscher und Kolanski sollen das erledigen, und sie sollen sich auch umhören, wie Koch als Politiker gewesen ist. Ob er beliebt war oder nicht. Wir beide fahren zu diesem Bründl, von dem Kolanski gesprochen hat.«

»Wieso das …? Ich dachte, Sie glauben eh nicht …«

»Ich will ausschließen, dass wir etwas übersehen. Auch wenn das mit dem Bründl unwahrscheinlich ist. Aber wir suchen nach etwas, in dem das Opfer ertrunken sein könnte, so wie Weber behauptet hat«, erklärte Stern seine Beweggründe. »Und wenn wir bei diesem Bründl Kampfspuren finden, haben wir vielleicht den Tatort. Denn auf dem Grab ist Koch sicher nicht ertrunken. Und auf dem Friedhof sehe ich auch sonst nichts, wo Wasser drinnen ist. Der Trog unter dem Kreuz ist ja leer.«

»Okay, Chef. Wir nehmen meinen Wagen«, schlug Grünbrecht vor und googelte bereits im Gehen alles Wissenswerte über das Maria Bründl im Exenholz, das gut zwei Kilometer außerhalb von St. Oswald in einem ausgedehnten Waldstück lag. Während sie den Motor des BMW startete, setzte sie Stern darüber in Kenntnis, was sie im weltweiten Netz in Erfahrung gebracht hatte. »Anscheinend gibt es zu diesem Bründl eine Geschichte. Ein Holzfäller hat sich schwer bei der Arbeit verletzt. Anschließend hat er mit dem Wasser die Wunde behandelt und ist rasch genesen.«

»Zufall«, brummte Stern.

»Diese Heilung war nur die erste. Ab da an sind ständig Menschen zu der Quelle gepilgert und wurden von ihren Leiden erlöst«, berichtete Grünbrecht weiter, was im Internet geschrieben stand.

»Ach was! Wir Menschen klammern uns in der Not an alles Mögliche. Der Glaube an dieses Wasser aktiviert die Selbstheilungskräfte, und die haben diese Menschen, von denen da geschrieben steht, gesund werden lassen. Und nicht das Wasser, das angeblich irgendwelche Heilkräfte besitzt.« Stern hielt nicht viel von solchen Dingen. Schon gar nicht, wenn es keine Beweise gab, sondern nur Aussagen von den angeblich Geheilten, die seines Erachtens nicht in der Lage waren, objektiv Zeugnis abzulegen. Mit Zeugenaussagen hatte er im Laufe seiner Dienstzeit so seine unliebsamen Erfahrungen gemacht. Einmal hatte ein Zeuge sogar beim Leben seiner Mutter geschworen und einen bestimmten Menschen als Täter identifiziert, der jedoch zur Tatzeit nachgewiesen in China gewesen war.

»Es gibt dort eine Kapelle«, erzählte Grünbrecht, als sie die Ortstafel passierten und sich der Wald vor ihnen ausbreitete. »Wenn ich mich richtig daran erinnere, was ich eben im Internet gelesen habe, hat man sie um 1696 erbaut. Der Altar kam erst viel später hinzu, von irgendjemandem aus Ottensheim.«

»Einem gewissen Meister Kepplinger«, ergänzte Stern.

Grünbrecht spähte neugierig zu ihrem Chef hinüber und war überrascht, dass er den Namen jenes Mannes kannte, der den Altar der Kapelle erschaffen hatte. Weder stufte sie Stern als besonders gläubig noch als geschichtlich interessiert ein.

»Tja, da staunen Sie, Grünbrecht, was? Auch ich kann mit einem Handy mehr tun, als bloß zu telefonieren.« Stern hielt sein Smartphone in die Höhe, auf dem die Seite der Gemeinde St. Oswald über das Maria Bründl geöffnet war, und wedelte damit herum. Nur mit dem Lesen tat er sich schwer. Er brauchte eine Brille, war ihm seit Längerem klar, aber irgendwie sträubte er sich, diese Tatsache zu akzeptieren. Mit einer Brille, so glaubte er, wäre er dem Pensionsantritt noch näher als ohne, und mit seinen 59 Jahren fühlte er sich dem Rentnerdasein ohnehin schon viel zu nahe. Deshalb hatte er die Schriftgröße auf seinem Handy auf Maximum gestellt, um die Informationen halbwegs entziffern zu können. »Im Jahr 1680 ließen die damaligen Herrscher von Weinberg eine Badeanlage bei der Quelle errichten, 1761 wurde diese Anlage neu gebaut und im Jahr 1955 geschlossen«, las er laut vor.

»Schade, sonst hätten wir ein Bad nehmen können. Dadurch hätten wir am eigenen Leib erfahren, ob das Wasser eine Wirkung hat oder nicht«, scherzte Grünbrecht und bog in die Zufahrt zur Heilquelle ein. Auf dem Parkplatz vor der spätbarocken Wallfahrtskapelle Maria Bründl hielten sie an.

»Natürlich hat Wasser eine Wirkung. Man wird davon sauber und es löscht den Durst«, brummte Stern.

»Das natürlich auch, aber das meinte ich nicht. Irgendetwas muss doch dran sein an dieser Heilwasser-Geschichte.«

»Laut wissenschaftlichen Untersuchungen weist die Quelle einen Radongehalt von 5,6 nCi pro Liter auf«, dozierte Stern.

»Und was bedeutet das?«, fragte Grünbrecht, die keinen blassen Schimmer hatte, was ihr Vorgesetzter damit ausdrücken wollte. »Radon ist doch so radioaktives Zeug, oder etwa nicht?«

»Schon, aber wenn man der Medizin Glauben schenken darf, hilft das natürlich vorkommende Radon im Wasser bei Rheuma sowie Haut- und Atemwegserkrankungen.« Stern beendete die Internetrecherche und steckte das Handy in die Brusttasche seiner Jacke. »Und wie wir mit eignen Augen feststellen können, glauben ganz viele Menschen an die Heilkraft dieses Radonwassers.« Stern und Grünbrecht beobachteten vom Wagen aus, wie mehrere Personen ganze Kisten voller Wasserflaschen aus dem Wald herauskarrten.

»Irgendwo dort drinnen ist wohl die Quelle«, schlussfolgerte Grünbrecht.

»Ich schlage vor, wir sehen uns das mal an.« Stern stieg aus dem BMW und folgte den Pilgern hinein in den Wald. Nur einen Steinwurf von der Kapelle entfernt befand sich am Beginn eines Hangs eine Abfüllstation, zu der das Wasser der Quelle geleitet wurde, damit die Menschen beim Abfüllen ihrer Flaschen die Andacht in der Kapelle nicht störten. Mindestens acht Personen belagerten die Entnahmestelle, und Stern überlegte, wie viele weitere seit dem Mord an dem Politiker hier gewesen sein mochten. Sie alle hatten dazu beigetragen, dass alle Kampfspuren – wenn es welche gegeben hatte – vernichtet worden waren.

»Hier werden wir nichts finden, Chef«, kam Grünbrecht zu dem gleichen Ergebnis.

»An einem derart stark frequentierten Ort ist es immer schwer, Spuren zu sichten, Grünbrecht. Schauen wir uns den steinernen Brunnen mal genauer an, ob es überhaupt möglich wäre, dass darin jemand ertrinkt.«

»Oder ersäuft wird.«

»Auch das ist natürlich denkbar.«

Die Kriminalbeamten warteten darauf, bis die Menschen mit ihrem abgezapften Heilwasser von dannen gezogen waren, und besahen sich anschließend die Abfüllstation.

»Wir haben Glück, Chef. Dort oben ist eine Kamera. Sie zeigt auf den Platz vor der Entnahmestelle.«

»Der Winkel ist nicht gerade vielversprechend«, warf Stern ein. »Alles, was sich direkt vor der Quelle abspielt, wird nicht gefilmt. Und wenn man seitwärts den Hang runterkommt, erfasst einen die Kamera auch nicht.«

»Trotzdem sollten wir den Betreiber um die Aufnahmen bitten.«

»Übernehmen Sie das, Grünbrecht.«

Die Gruppeninspektorin notierte sich die Anweisung, und Stern stellte sich vor, wie der Mord an diesem Platz abgelaufen sein könnte.

»Wenn die Brunnen zur Gänze mit Wasser gefüllt sind, kann man darin jemanden ertränken. Und an diesem Hahn«, Stern deutete auf den Zapfhahn, der aus der Steinmauer ragte, »kann man sich leicht stoßen, wenn einem der Kopf unter Wasser gedrückt wird.«

»Das würde die Verletzung am Hinterkopf des Opfers erklären. Demnach müssten wir Spuren an dem Hahn finden«, resümierte Grünbrecht.

»Wenn inzwischen nicht zu viel Wasser durch Heilsuchende heruntergelaufen ist«, warf Stern ein.

»Die Spurensicherung soll trotzdem herkommen und alles absuchen«, erwiderte Grünbrecht, während sie das Handy entsperrte und nach der gewünschten Nummer scrollte.

»Wenn es Kampfspuren gegeben hat, sind die vernichtet«, sagte Stern zu Grünbrecht, was er sich vorhin bereits gedacht hatte, und deutete auf den Boden. »In den letzten Stunden sind hier bestimmt Dutzende Füße darüber getrampelt.«

»An der Entnahmestelle werden wir wahrscheinlich unzählige Spuren von genauso vielen Leuten finden«, zeigte Grünbrecht sich ebenfalls nicht gerade hoffnungsvoll, einen Treffer zu landen und somit zu einem schnellen Ergebnis im Mordfall Oliver Koch zu kommen. Anschließend wählte sie die Nummer der Spurensicherung.

Währenddessen begutachtete Stern das Granitbecken der Entnahmestelle und fragte sich, ob es tatsächlich möglich war, dass dieses Wasser, das irgendwo nahe der Kapelle aus der Erde kam, Heilkräfte besaß. Wenn ja, konnte es nicht schaden, sich damit das Gesicht zu waschen und die Augen zu reiben, entschied er kurzerhand, bevor Grünbrecht ihr Telefonat beendete. Dann musste er ihr auch nichts erklären. Er warf rasch einen Blick zu ihr hinüber, und als er sie mit dem Rücken zu sich stehend der Spurensicherung Anweisungen geben sah, bückte er sich und benetzte das Gesicht mit dem kühlen Nass. Mehrmals wusch er sich die Augen und hoffte, dass dadurch eine Brille nicht mehr nötig wäre.

»Chef, was machen Sie da?«, fragte Grünbrecht plötzlich hinter ihm.

»Äh …« Stern fiel es schwer, auf die Schnelle eine passende Antwort zu finden. Sein Gesicht war nass, das Wasser tropfte von seinem Kinn auf Brust und Bauch und hinterließ auf dem blauen Hemd dunkle Flecken. Es war zwecklos, ihm fiel keine Ausrede ein, also blieb er bei der Wahrheit. Oder der Beinahe-Wahrheit. »Mir war heiß, und da habe ich mich ein wenig abgekühlt.« Mit der Hand wischte er das überschüssige Wasser ab, um zu verhindern, dass es weiter seine Kleidung durchnässte.

»Sie könnten einen Tatort verunreinigt haben«, wies Grünbrecht ihn auf diese Möglichkeit hin.

»Ich bin mir sicher, dass der Mord nicht hier stattgefunden hat. Außerdem habe ich aufgepasst, dass ich nichts berührt habe bis auf den Hahn. Und den haben Unzählige vor mir angefasst.«

»Ihnen war gar nicht heiß. Sie haben das Wasser ausprobiert, weil Sie wissen wollen, ob es tatsächlich Heilkräfte besitzt. Wegen Ihrer Augen. Und ich dachte, Sie halten nichts von diesem Hokuspokus. Sie sollten sich eine Brille zulegen, Chef.« Grünbrecht sah ihren Vorgesetzten herausfordernd an. Stets wetterte er gegen Gefühle und Glauben. Immer verlangte er Fakten. Doch wo waren die Beweise für die Heilkraft dieses Wassers?

»Ich halte auch nichts davon. Aber wenn wir schon mal da sind, kann es nicht schaden, es zu testen«, rechtfertigte Stern sein Handeln.

Grünbrecht schüttelte den Kopf. »Wenn ich das Mirscher und Kolanski erzähle …«

»Nichts werden Sie, Grünbrecht! Das bleibt unser kleines Geheimnis!« Stern hob drohend den Zeigefinger.

»Sie können mich nicht zum Schweigen zwingen, Chef. Wenn ich es für mich behalte, dann mache ich das aus freien Stücken«, stellte die Gruppeninspektorin klar.

Stern seufzte. Natürlich hatte Grünbrecht recht, auch was sein ansonsten so penibel auf Fakten getrimmtes Bewusstsein anbelangte. Für einen Augenblick hatte er sich hinreißen lassen und an die Kraft des Wassers glauben wollen. Nun, schaden würde es ihm bestimmt nicht, hoffte er, auch wenn darin in einer höheren Konzentration als üblich Radon zu sein schien. Er würde dadurch schon nicht erblinden. Obwohl sich jetzt ein ungutes Gefühl bei ihm einstellte.

»Wir sollten für Weber eine Probe mitnehmen. Die kann er mit den Rückständen in der Kleidung des Opfers abgleichen. Wegen dem hohen Radongehalt müsste leicht herauszufinden sein, ob das Opfer hier getötet wurde«, wechselte er rasch das Thema.

»Haben Sie etwas dabei, in das wir das Wasser füllen können? Oder wollen Sie Ihr Hemd zur Verfügung stellen?«, stichelte Grünbrecht und deutete auf die dunklen feuchten Flecken auf Sterns Brust.

Stern ignorierte seine Kollegin und bat eine der Frauen, die eben mit mehreren leeren Flaschen in den Wald gepilgert kamen, um ein Behältnis. Und weil er es gar so charmant anstellte, füllte ihm die dralle Endvierzigerin auch noch selbiges, was Stern ein überhebliches Grinsen ins Gesicht zauberte. Dann aber musste er die Damen enttäuschen und ihnen mitteilen, dass sie heute kein Heilwasser mehr würden zapfen können, da die Spurensicherung alles untersuchen musste. Nur für die falsche Blondine, die ihm eines ihrer Gefäße überlassen hatte, machte er eine Ausnahme. Sekunden später war die Spurensicherung bereits im Anmarsch und sperrte das Gebiet rund um die Heilquelle ab. Stern übergab ihnen die Flasche mit dem Quellwasser, welches später im Labor analysiert und mit den Proben von der Kleidung des Opfers abgeglichen werden würde. Sollte sich ebenso Wasser in der Lunge des Toten befinden, würde das natürlich ebenfalls auf eine eventuelle Übereinstimmung überprüft werden.

»Kommen Sie! Wir fahren nach St. Oswald zurück. Ich bin gespannt, was Kolanski und Mirscher indessen über das Opfer herausgefunden haben«, sagte Stern, als sie wieder oben am Parkplatz standen. Anschließend ließ er sich auf den Beifahrersitz von Grünbrechts BMW fallen.

*

Zurück auf dem St. Oswalder Friedhof sahen Stern und Grünbrecht, dass die Autos der Kollegen immer noch am Eingang des Friedhofs parkten. Grünbrecht stellte ihren Wagen auf der Straßenseite gegenüber ab. Da fiel Sterns Blick auf eine ihm bekannte Gestalt. Eleonore Winkler, Reporterin bei den OÖ. News, kam den Friedhofsweg herunter und geradewegs auf ihn zugestöckelt.

»Chefinspektor Stern!«, rief sie und wedelte mit einem Aufnahmegerät in der Hand, um auf sich aufmerksam zu machen.

Stern fragte sich, warum die Journalistin bereits Kenntnis von dem Mordfall hatte, gab sich aber sofort selbst die Antwort. Die junge ehrgeizige Frau hatte bestimmt mal wieder den Polizeifunk abgehört.

»Frau Winkler«, grüßte Stern zurückhaltend und wollte sich an der zarten Reporterin vorbeidrücken, doch die stellte sich ihm selbstbewusst mit ihren Stöckelschuhen in den Weg. Sie trug ein hellblaues Kostüm, um den Hals hatte sie einen azurblauen Seidenschal gewickelt. In diesem Outfit hätte die Journalistin über einen Catwalk flanieren können, hier vor dem Friedhof wirkte sie eindeutig overdressed.

»Stern, darf ich Sie zu dem Mord interviewen?«, fragte sie mit einem Augenaufschlag wie einst Marilyn Monroe.

»Sie wissen, dass ich Ihnen über laufende Ermittlungen keine Auskunft geben darf. Dafür ist die Pressestelle in der Nietzschestraße am Landeskriminalamt zuständig«, erwiderte Stern gelassen.

»Sie bestätigen also, dass es sich um Mord handelt?«, redete Winkler in ihr Aufnahmegerät hinein und hielt es anschließend Stern hin.

»Das hab ich nicht gesagt«, brummte Stern grimmig. Die Journalistin verstand es jedes Mal, ihn aus der Reserve zu locken.

»Ausgeschlossen haben Sie es allerdings auch nicht.«

Stern blieb stehen. Seine Gelassenheit war wie weggepustet. Eindringlich betrachtete er die Frau. »Wir wissen doch noch gar nicht, ob es Mord war. Wir haben eben erst mit den Ermittlungen angefangen.«

»Können Sie mir zumindest sagen, wer der Tote ist?«, fragte Winkler.

»Solange seine Identität nicht bestätigt ist, kann ich das nicht«, sagte Stern und ging weiter.

»Stern?«, rief Winkler ihm hinterher.

Der Chefinspektor blieb nicht stehen und drehte sich auch nicht um. Er hatte mittlerweile das Friedhofstor erreicht und zog es hinter sich zu. Erleichtert, wie er feststellte, denn dieses Tor bot ihm vor der neugierigen und gleichzeitig scharfsinnigen Frau ein wenig Schutz. Wenngleich er dieses Gefühl als lächerlich abtat. Immerhin war er eine stattliche Erscheinung, vielleicht ein bisschen zu stattlich, wenn er an die paar Kilo zu viel dachte, die er auf die Waage brachte, und die Frau wog gut ein Drittel weniger als er. Was sollte sie ihm da schon entgegensetzen? Dennoch strahlte sie etwas aus, was ihm Respekt einflößte. Es war ihr Verstand, der dieses Gefühl bei ihm auslöste.

»Geben Sie mir ein Exklusiv-Interview, so wie damals, als der Liebenauer Priester ermordet wurde?« Eleonore Winkler klimperte mit ihren stark getuschten Wimpern. Sie wusste ihre weiblichen Reize einzusetzen, das musste Stern zugeben.

»Damals haben Sie mir einen Tipp gegeben, erinnern Sie sich?« Stern hatte hinter dem Tor aus Gitterstäben angehalten.

»Ja, ich erinnere mich«, flötete Winkler durch die Stäbe hindurch. »Wenn ich Ihnen wieder einen Tipp gebe, steht das Interview dann? Die Menschen interessieren sich viel mehr für eine Story, die aus dem Mund eines Chefinspektors stammt«, sagte sie, griff durch die Gitterstäbe, fasste nach dem Revers von Sterns Jacke und zupfte ihn zurecht, »als für die langweiligen Fakten einer Pressestelle.«

Stern, dem Winklers Verhalten langsam unangenehm wurde, überlegte, was schon schiefgehen sollte, wenn er in diesen Deal einwilligte? Eigentlich nichts. »Ich bin gespannt, welchen Tipp ich von Ihnen kriege, der uns hilft, den Mord rascher aufzuklären«, sagte er und wandte sich ab.

»Ich sagte doch, dass es sich um einen Mord handelt«, lachte Eleonore Winkler und klatschte einmal in die Hand. Auch wenn sie draußen vor den Toren des Friedhofs bei den anderen Schaulustigen warten musste, freute sie sich über diesen kleinen Erfolg.

Stern biss sich auf die Lippen. Dass ihm dieser blöde Kommentar entfleucht war, ärgerte ihn. Er hoffte, dass die Reporterin mit dieser Information sorgfältig umging, da sie sich schließlich ein Exklusiv-Interview von ihm erhoffte. Beeinflussen konnte er es nun allerdings nicht mehr.

Mirscher und Kolanski hatten sich indessen in der Leichenhalle einquartiert und befragten dort die auskunftswilligen St. Oswalder.

»Habt ihr etwas herausgefunden, das uns weiterhilft?«, wollte Stern von Gruppeninspektor Hermann Kolanski wissen.

»Nur das Übliche. Einen wirklich Verdächtigen haben wir nicht, aber wir stehen ja erst am Anfang der Ermittlungen«, vernichtete Kolanski Sterns Hoffnung, den Fall rasch zu lösen.

»Okay. Grünbrecht und ich fahren zur Witwe und überbringen ihr die Nachricht vom Tod ihres Mannes«, sagte Stern.

»Ich möchte auf gar keinen Fall mit euch tauschen«, gab Kolanski ehrlich zu. »Da höre ich mir viel lieber an, was die St. Oswalder zu sagen haben, auch wenn vieles davon nur Klatsch und Tratsch ist. Wusstest du, dass die hier das erste oberösterreichische Schnapsmuseum haben?«

»Nein, wusste ich nicht«, brummte Stern und blickte auf die Uhr. Es war längst nach Mittag, sein Magen knurrte. Das trug nicht gerade dazu bei, ihn bei Laune zu halten.

»Das sollten wir uns mal ansehen«, redete Kolanski weiter von dem Schnapsmuseum.

»Ach, sollten wir?« Sterns Stimmung verbesserte sich dadurch nicht wirklich.

»Anscheinend kann man die Schnäpse dort verköstigen«, fügte Kolanski hinzu.

»Ich hab Hunger, Kolanski. Ich brauch etwas zum Beißen und nicht zum Saufen!«, fuhr Stern den Kollegen an. »Außerdem sollst du mit den Leuten nicht über das Schnapsmuseum reden, sondern über das Opfer!«

»Dann sollten wir unbedingt bald etwas essen«, lenkte Kolanski sofort ein, um seinen Chef nicht noch mehr zu reizen.

»Wir treffen uns nachher im Gasthaus im Ort. Ich hab da eines gesehen, als ich hergefahren bin. Liegt direkt an der Straße«, sagte Stern, der selber wusste, dass er im Begriff war, unleidig zu werden. Hunger brachte diese Eigenschaft bei ihm zum Vorschein. Er hielt nach Grünbrecht Ausschau, und als er sie bei Mirscher entdeckte, deutete er ihr, dass sie mit ihm mitkommen solle. Das war auch so eine Sache, die seine Laune regelmäßig in den Keller sinken ließ. Mirscher und Grünbrecht hatten vor zu heiraten, und Bormann, der Dienststellenleiter, lag ihm seit Wochen in den Ohren, dass er die Angelegenheit regeln solle, was bedeutete, dass einer von den beiden die Abteilung verlassen musste. Doch Stern wollte sich nicht für oder gegen einen aus seinem Team entscheiden. Er wollte, dass alles blieb wie es war. Denn so war es gut. Alles lief, wie es laufen sollte.

Wenn er sich für Grünbrecht entschied, dauerte es bestimmt nicht lange, bis sie ein Kind bekam. Dann würde er auch sie verlieren, zumindest für eine gewisse Zeit, die allerdings lange genug war, dass er sich derweilen in den Ruhestand verabschiedete. Das passte nicht zu seinen Plänen, da er sie eigentlich als seine Nachfolgerin vorschlagen wollte. Mara Grünbrecht war die geborene Ermittlerin, hatte ein Gespür für Menschen und einen todsicheren Riecher, was die Motive der Täter anbelangte. Sie war die perfekte Ergänzung zu ihm. Er war der reife, auf Fakten getrimmte Kriminalbeamte und sie eine junge Inspektorin, die auch Bauchgefühle zuließ. Außerdem wäre sie in der Lage, Mirscher und Kolanski eine gute Vorgesetzte zu sein. Wahrscheinlich besser, als er es jemals gewesen war. Und wenn er sich für Mirscher entschied, brauchte er sich zwar über eine lange Babypause keine Gedanken zu machen, so wie er die beiden einschätzte, dennoch war der Kollege nicht so mit dem Herzen ein Ermittler wie Grünbrecht, auch wenn er ein guter Polizist war. Grünbrecht ging mit einer Leidenschaft an die Sache ran, die Mirscher fehlte. Außerdem …

»Wohin fahren wir?«, unterbrach Grünbrecht seine Gedanken.

»Zur Witwe nach Brunngassen in St. Oswald«, antwortete Stern und vertagte die längst überfällige Entscheidung, wer denn nun in eine andere Abteilung wechseln sollte, zum wiederholten Mal auf später.

»Ich hab die Adresse«, sagte Grünbrecht und hielt ihr Handy hoch.

»Natürlich haben Sie die«, antwortete Stern nicht überrascht. Er wusste, wie zuverlässig seine Kollegin war. Erneut schmerzte es ihn, sie vielleicht gehen lassen zu müssen.

Schweigend fuhren sie nach Brunngassen zu Silvia Koch, um ihr vom Tod ihres Mannes zu berichten. Das Überbringen von Todesnachrichten war etwas, an das sich Stern nie hatte gewöhnen können und auf das er sich geistig vorbereiten musste. Als sie vor dem schmucken Einfamilienhaus anhielten, fiel ihnen vor der Tür ein Kinderwagen auf. Stern erinnerte sich, dass Grünbrecht gesagt hatte, dass die Kochs ein Kind hatten.

»Ich hasse diesen Teil unseres Jobs«, sprach Grünbrecht aus, was Stern dachte.

»Bringen wir es hinter uns«, sagte er und stieg aus dem Wagen.

Das Haus der Kochs lag am Rande von Brunngassen mit Blick auf den nahegelegenen 18-Loch-Golfplatz, der an diesem Tag, dank des schönen Wetters, gut besucht war, vorwiegend von Rentnern. Wenn Stern erst einmal im Ruhestand war, würde er sich ebenso eine Beschäftigung suchen müssen, überlegte er. So eine gemütliche Wanderung über einen Golfplatz, und hie und da einen Ball in ein Loch katapultieren, wäre vielleicht das Richtige. Doch jetzt galt es, eine Frau über den Tod ihres Mannes zu informieren. Er zog die Hose hoch und schritt vor Grünbrecht die Einfahrt her zu dem Haus der Kochs. Dort angekommen warf er einen Blick in den Kinderwagen, ein Kleinkind schlummerte darin. Die Haustür stand halb offen. Es hatte den Anschein, als wären Mutter und Kind eben von einem Spaziergang zurückgekehrt.

»Na toll«, seufzte Grünbrecht, der es offensichtlich besonders naheging, einer jungen Mutter sagen zu müssen, dass sie Witwe war. Stern überlegte, ob das etwas damit zu tun hatte, dass sie vielleicht selber schwanger war, verscheuchte diesen Gedanken jedoch sofort. Noch gab es keine Anzeichen dafür.

Der Chefinspektor spähte durch den Türspalt und drückte auf die Türglocke. Eine helle Tonabfolge ertönte. Im Inneren des Hauses waren Geräusche zu hören, jemand näherte sich der Tür. Als diese zur Gänze geöffnet wurde, stand eine Frau um die 30 vor den Kriminalbeamten, die langen blonden Haare zu einem lockeren Zopf zusammengebunden und auf ihrem Shirt Reste von Nahrung. Anscheinend hatte sie nach der Fütterung des Kindes bislang keine Zeit gefunden, sich umzuziehen. Sie wirkte gestresst. Wahrscheinlich nutzte sie die wenigen Stunden, in der das Kind schlief, um ein paar Dinge im Haushalt zu erledigen.

»Frau Silvia Koch?«, fragte Stern, damit er Gewissheit hatte, nicht einer falschen Person die Todesnachricht zu überbringen.

»Ja?« Die Frau warf einen Blick in den Kinderwagen, und als sie feststellte, dass das Kind weiterhin seelenruhig schlief, wanderten ihre Augen zurück zu den fremden Leuten vor ihrer Haustür.

»Chefinspektor Oskar Stern, das ist meine Kollegin Gruppeninspektorin Mara Grünbrecht. Wir sind vom Landeskriminalamt Oberösterreich und müssen Ihnen leider eine traurige Mitteilung machen. Ihr Mann wurde heute Morgen tot aufgefunden«, sagte Stern und beobachtete die Frau genau, damit er jede ihrer Regungen registrierte.

»Oliver? Das kann nicht sein.« Die Ehefrau des Opfers blickte die Inspektoren ungläubig an.

»Es tut uns sehr leid, Frau Koch«, sagte Grünbrecht. »Wir haben Ihren Mann tot aufgefunden.«

»Sind Sie sicher, dass es Oliver ist?« Die Unterlippe der Frau zitterte, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Ihr Verstand schien sich zu weigern, den Tod ihres Mannes auch nur in Erwägung zu ziehen.

»Wir sind sicher«, bestätigte Stern.

»Nein!« Die Frau sank zu Boden und hielt sich wie eine Ertrinkende am Türstock fest. Sie weinte, schrie, bis nur noch seltsame Geräusche ihrer Kehle entschlüpften. Von Grünbrecht ließ sie sich hochziehen und ins Wohnzimmer führen. Die Gruppeninspektorin geleitete sie zur Couch, wo die Witwe niedersank und sich wie ein verletztes Tier wand.

»Wir brauchen einen Arzt! Der soll ihr ein Beruhigungsmittel geben«, bemerkte Grünbrecht. Stern griff umgehend zu seinem Mobiltelefon und wählte den Notruf.

»Ich sehe nach dem Kind«, sagte er, als er das Gespräch beendet hatte und sie auf das Eintreffen des Mediziners warten mussten. Indessen brachte Grünbrecht in Erfahrung, wer sich um die Familie kümmern konnte, und rief die Schwester von Silvia Koch an. Die versprach, umgehend herzukommen.

Eine halbe Stunde später standen die Kriminalbeamten erneut vor dem Haus in Brunngassen, herausgefunden hatten sie jedoch nichts. Der Arzt und das Kriseninterventionsteam umsorgten die junge Witwe, die Tante das mittlerweile wache Kind.

»Ich schlage vor, wir kommen später noch mal. Lassen wir der Frau ein wenig Zeit, diesen schweren Schlag zu verkraften. In ihrem Zustand bekommen wir ohnehin nicht viel aus ihr heraus. Ich frage mich aber, warum sie ihren Mann nicht als vermisst gemeldet hat? Schließlich hat er die Nacht nicht zu Hause verbracht«, spekulierte Stern.

»Dafür kann es mehrere Gründe geben«, warf Grünbrecht ein. »Vielleicht ist sie mit dem Baby überfordert und hat nicht einmal gewusst, ob ihr Mann zu Hause gewesen ist oder nicht. Viele Paare schlafen, wenn sie kleine Kinder haben, in getrennten Zimmern.«

»Ach ja?« Stern war hellhörig geworden. Hatte er eben so etwas Ähnliches herausgehört, wie dass Grünbrecht doch keine Kinder haben wollte?

»So etwas gibt es, klar«, bekräftigte Grünbrecht.

»Soll das heißen, dass Sie …?« Stern stammelte umständlich herum.

»Dass ich was?« Grünbrecht verstand nicht, was ihr Chef meinte.

»Na, wollen Sie einmal …?« Erneut beendete Stern den Satz nicht, sondern hoffte, dass auch so klar wurde, was er meinte.

Doch dem war nicht so. »Was will ich?«, fragte Grünbrecht.

»Na, ein Kind!«, platzte Stern heraus.

»Was hat der Fall damit zu tun, ob ich ein Kind will?« Grünbrecht zog verständnislos die Stirn in Falten.

»Nichts. Ich wollte nur wissen, ob Sie mal Kinder haben wollen«, erklärte Stern gereizt. Über so etwas zu reden fiel ihm nicht leicht, schon gar nicht mit Grünbrecht. Dennoch fühlte er sich jetzt, wo die Sache ausgesprochen war, irgendwie erleichtert.

Grünbrecht schmunzelte. Endlich hatte sie verstanden, auf was ihr Chef hinauswollte. »Natürlich will ich mal Kinder haben, ich finde diesen Wunsch ganz normal. Aber zuerst werden Edwin und ich heiraten.«

Stern wusste nicht, ob er erleichtert sein sollte oder nicht. Die Entscheidung, wer von den beiden nach der Hochzeit das Team verlassen musste, nahm ihm Grünbrechts Antwort jedenfalls nicht ab. Er wollte nicht weiter nachhaken, da ihm das Gespräch unangenehm war und er jetzt sowieso nichts ändern konnte. Außerdem machte sich sein Magen wieder bemerkbar und schickte Geräusche die Speiseröhre empor, die dem Brummen eines Bären ähnelten. Er entschied, dass der richtige Zeitpunkt gekommen war, um Kolanski und Mirscher im ortsansässigen Gasthaus zu treffen und seiner schlechten Laune mit einem saftigen Schweinsbraten samt Kraut und Semmelknödel ein Ende zu bereiten.

Eine Viertelstunde später betraten er und Grünbrecht die Gaststube. Gemütliches Flair empfing sie, ebenso wie aufgeregte Wirtsleute, die natürlich alles über den Mord wissen wollten.

Mit den Worten »Laufende Ermittlungen« erklärte Stern ihnen, warum sie nichts erzählen durften, und setzte sich an einen freien Tisch. Dort wurden sie von der hiesigen Stammtischrunde misstrauisch beäugt.

»Mirscher und Kolanski kommen gleich«, informierte ihn Grünbrecht nach einem Blick auf ihr Handy und blätterte anschließend in der Speisekarte. Stern hielt seine Karte eine Armlänge von sich gestreckt, um sie besser studieren zu können. Diese verdammte Altersweitsichtigkeit war in den letzten Wochen rapide fortgeschritten. Wenn er nicht irrte und er die verschwommene Aneinanderreihung von Buchstaben richtig interpretierte, war das erste Gericht auf der Speisekarte ein Schweinsbraten mit Semmelknödel. Seine Lieblingsspeise. Die würde er nehmen. Also brauchte er gar nicht weiterzulesen.

»Die Ehefrau als Täterin können wir wohl ausschließen«, ließ er die Begegnung mit Silvia Koch Revue passieren und klappte die Speisekarte zu. Mit der Bestellung wollten sie bis zum Eintreffen der Kollegen warten. Vorausgesetzt, das dauerte nicht mehr allzu lange.

»Das denke ich auch«, schloss sich Grünbrecht seiner Meinung an. »Trotzdem sollten wir nachher noch einmal zu ihr fahren und mit ihr reden. Vielleicht hat sie ja einen Verdacht, wer ihrem Mann das angetan haben könnte, und vor allem warum.«

»Das machen wir«, brummte Stern und rieb sich die Hände. In dem Gasthaus duftete es verführerisch, und Sterns Verlangen, seinen Hunger zu stillen, wuchs von Sekunde zu Sekunde weiter an. »Wo bleiben bloß Mirscher und Kolanski? Ich verhungere …«

Im selben Augenblick schwang die Tür der Gaststube auf und die Kollegen traten ein.

Stern war erleichtert. »Wenn man vom Teufel spricht.«

Grünbrecht lächelte den Eintretenden entgegen. Ein angedeuteter Kuss flog durch die Luft, was Stern einen Seufzer entriss. Mirscher setzte sich neben seine Verlobte, Kolanski nahm neben dem Chefinspektor Platz. Der bestellte nun endlich seinen geliebten Schweinsbraten, Grünbrecht wie üblich einen Salat und Mirscher ein Kotelett nach Mühlviertler Art mit Speck und Champignons. Kolanski begnügte sich mit einer Suppe und begründete seine Zurückhaltung mit dem durch den Mordfall einhergehenden Zeitmangel, genügend Sport treiben zu können, weshalb er bei gleichbleibendem Verzehr von Speisen an Gewicht zulegen würde. Das wolle er auf gar keinen Fall. Stern, dem Kolanskis Sportleidenschaft schon immer schleierhaft gewesen war, ließ sich den Appetit deswegen nicht verderben und orderte noch einen Semmelknödel extra zu seinem Schweinsbraten.

»Was habt ihr über das Opfer herausgefunden?«, begann er mit der Besprechung des Falls.

»Oliver Koch war so etwas wie eine jüngere Ausgabe von Donald Trump. Jähzornig, hat jeden Furz getwittert. Unberechenbar soll er gewesen sein und frauenverachtend«, kam Kolanski ebenfalls gleich zur Sache.

»Muss man heutzutage so sein, um gewählt zu werden?«, stieß Grünbrecht verächtlich aus.

»Er hat gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in dem ehemaligen Gasthaus Maria Bründl gewettert, das zuvor leer gestanden hat. Das hat ihm nicht nur Freunde beschert, haben mir die St. Oswalder erzählt. Der Großteil der Bevölkerung steht der Aufnahme von Flüchtlingen nämlich positiv gegenüber«, redete Mirscher weiter.

Schon wieder dieses Maria Bründl, dachte Stern, und seine Gedanken schweiften kurz zu seinem Selbstversuch mit dem radonhaltigen, angebliche Heilkräfte besitzenden Wasser ab. Er schaute aus dem Fenster auf das gegenüberliegende Haus, an dem ein Reklameschild befestigt war, um zu testen, ob seine Sehkraft sich inzwischen verbessert hatte. Als er keine Veränderung bemerkte, versuchte er erneut, den Text auf der Speisekarte zu entziffern, was ihm jedoch ebenso schwerfiel. Also hatte sich weder an seiner Kurzsichtigkeit noch an seiner Altersweitsichtigkeit etwas geändert.

»Bei einem Teil der Österreicher hätte ihm das große Sympathie eingebracht«, spuckte Grünbrecht angewidert aus. Es war ihr anzusehen, was sie davon hielt. »Ich verstehe nicht, was in unserem Land los ist. Uns geht’s doch gut, so gut wie schon lange nicht mehr. Wir haben ein funktionierendes Sozialsystem, sodass kaum jemand unter den Rost fällt, und dennoch verlangen viele Österreicher nach dem rechten Lager, einem ›starken Mann‹.«

»Eine seltsame Entwicklung, wie auch die Art des Todes von unserem Opfer seltsam ist«, lenkte Stern das Gespräch wieder auf ihren Fall.

»Ertrunken auf einem Grab«, brachte Kolanski es auf den Punkt.

»Das steht noch nicht fest«, warf Stern ein.

»Aber wie die Dinge liegen, ist es wahrscheinlich.«

Dem wusste Stern nichts entgegenzusetzen. Dennoch würde erst Webers Obduktion der Leiche Gewissheit bringen.

»Der Fundort ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht der Tatort«, sagte Mirscher. »Wir wissen noch immer nicht, wo das Opfer getötet wurde.«

Die Unterhaltung verstummte, weil das Essen serviert wurde. Ein saftiger Schweinsbraten samt drei Semmelknödel wanderte vor Stern auf den Tisch, und ihm lief der Speichel im Mund zusammen. Dass diese Mahlzeit die letzte für lange Zeit sein würde, wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht.

3. Kapitel

Nach dem Essen fuhren Stern und Grünbrecht erneut zu Silvia Koch in der Hoffnung, dass die Wirkung des Beruhigungsmittels inzwischen eingesetzt hatte und sie ihr ein paar Fragen stellen konnten. Als die Kriminalbeamten im Haus der Kochs eintrafen, lag die Witwe auf der Couch im Wohnzimmer, mit einer Decke bis zu den Schultern eingehüllt, und starrte vor sich hin. Stern war nicht sicher, ob sie ihre Anwesenheit überhaupt registrierte.

»Frau Koch?«, fragte er und berührte sie sanft am Arm.

Die Angesprochene hob den Kopf und blickte ihn mit geröteten Augen an.

»Ich bin Chefinspektor Oskar Stern, das ist meine Kollegin Gruppeninspektorin Mara Grünbrecht. Wir waren vorhin schon mal da, erinnern Sie sich?«

Die Frau nickte und schlug die Decke zur Seite.

»Können Sie uns ein paar Fragen beantworten?«

Silvia Koch versuchte, sich langsam aufzusetzen. Es war ihr anzumerken, dass sie unter dem Einfluss eines Beruhigungsmittels stand. Stern war unschlüssig, ob er ihr helfen sollte, da schob Grünbrecht ihre Hand in den Rücken der Witwe, um sie bei ihren Bemühungen, in die Senkrechte zu kommen, zu unterstützen. Die Decke legte Grünbrecht ihr anschließend auf die Beine.

»Wollen S’ einen Kaffee hab’n?«, fragte die Schwester der Frau, die ihnen zuvor die Tür geöffnet hatte und jetzt mit dem Kind auf dem Arm die Szene beobachtete. Auch ihr war die Last anzusehen, der Kummer, der diese Familie erschütterte. Stern lehnte dankend ab. Er fand es nicht angebracht, sich von diesen Menschen bedienen zu lassen, wo sie doch den Tod eines geliebten Menschen zu beklagen hatten.

»Was wollen S’ denn wissen?«, fragte Silvia Koch mit dünner Stimme. Gleichzeitig zog sie die Decke bis zu den Schultern hoch, als fröstelte sie. Ein Zeichen dafür, dass sie unter Schock stand, denn in dem Wohnzimmer war es angenehm warm temperiert.

Stern nahm einen Stuhl, stellte ihn vor das Sofa und setzte sich darauf. »Frau Koch, haben Sie eine Ahnung, wer Ihrem Mann das angetan hat?«, begann er mit der Befragung.

»Wie … wie ist er denn …?« Silvia Koch sah die Kriminalbeamten unsicher an. Wahrscheinlich hatte sie Angst, die genaue Todesursache zu erfahren, die Umstände zur Kenntnis nehmen zu müssen, wie es passiert war, und vor allem warum es geschehen war. Sie würde sich dann mit Dingen auseinandersetzen müssen, die sie vielleicht gar nicht wissen wollte, die sie wohlmöglich bislang verdrängt hatte. Dennoch trieb die meisten Menschen ein innerer Motor an, jede noch so winzige Wissenslücke zu füllen, auch wenn die Folgen unangenehm waren.

»Wir wissen es nicht genau. Er ist entweder ertrunken oder erstickt«, berichtete Stern.

»Ertrunken? Mein Mann ist ein ausgezeichneter Schwimmer g’wesen. Wo soll er denn ertrunken sein?«

»Auch das wissen wir nicht.«

»Wo haben Sie ihn g’funden?«

»Auf dem Friedhof.«

Schweigend verarbeitete Silvia Koch diese Nachricht, als hätte sie Schwierigkeiten, das eben Gehörte zu verstehen. Na gut, wenn jemand behauptete, der eigene Mann sei auf einem Friedhof ertrunken, war das tatsächlich außergewöhnlich, fand Stern. Aber wahrscheinlich war ebenso das Beruhigungsmittel schuld daran, dass die Frau im Augenblick so unnahbar wirkte. So distanziert.

»Frau Koch, ist Ihr Mann bedroht worden?«, versuchte Stern erneut, etwas aus der Frau herauszubekommen, das für den Fall relevant sein könnte.

Die Witwe schüttelte den Kopf. »Nein. Mein Mann ist ein anständiger Mensch g’wesen. Er hat keine Feinde g’habt, und schon gar keine, die ihn umbringen wollten. Sie wissen, dass es in der Politik net immer fein zugeht, das g’hört zu dem G’schäft nun mal dazu. Hernach geht man aber wieder auf ein Bier mitsammen.«

»Vielleicht hat einer von der Konkurrenz das nicht so entspannt gesehen«, stellte Stern in den Raum.

»Glauben S’ mir: Der Oliver hat sich um die Leut’ g’sorgt. Und wenn er es mal bis ganz nach oben g’schafft hätt’, hat er immer g’sagt, dass er dann ein Politiker für alle hätt’ sein wollen. Nicht so wie die jetzige Regierung, die es nur ihrer Wählerschaft recht machen will. Er wollte den Menschen dienen, nicht nur dem Geld.«

»Das hört sich ja alles vielversprechend an«, ließ Stern sich hinreißen zu sagen, obwohl er der Meinung war, dass die meisten Politiker, wenn sie erst mal eine gewisse Position innehatten, diesen Idealismus verloren und ihre ganze Energie dafür einsetzten, die eigene Partei zu stärken und wiedergewählt zu werden. Das Volk, für das sie sich vorher so vehement stark gemacht hatten, war ihnen dann egal. »Aber wir sind nicht hier, um die Wahlsprüche Ihres Mannes zu hören. Wir wollen die Umstände seines Todes aufklären.«

»Er hat oft bis spät in die Nacht hinein g’arbeitet. Gemeinderatssitzungen und so a Schmarrn. Alles nur für die Politik. Für mich und die Kleine hat er keine Zeit g’habt, seit sie auf der Welt ist.« Die Augen der Frau füllten sich mit Tränen, und ihr Blick wanderte hinüber zu dem in den Armen der Tante glucksenden Kind.

»Wie heißt sie denn?«, fragte Grünbrecht.

»Elisabeth. Wir nennen sie Sissi. Sie ist so ein Sonnenschein.« Ein Lächeln zeichnete sich auf dem Gesicht der Frau ab, als sie ihre Tochter ansah.

»Hat Ihr Mann in letzter Zeit mit jemandem Streit gehabt?«, kam Stern zum eigentlichen Thema zurück.

Das Lächeln der Frau erstarb. »Nicht, dass ich wüsst’. Aber vielleicht weiß ich ja net mehr alles, was mein Mann so g’trieben hat. So sieht es zumindest aus. Was denken Sie?«

Stern ignorierte die an ihn gerichtete Frage und fuhr fort: »Wieso ist Ihnen nicht aufgefallen, dass Ihr Mann in der Nacht nicht zu Hause gewesen ist?«

»Wir haben g’trennte Schlafzimmer, seit Sissi da ist. Er hat g’sagt, dass er es nicht aushält, wenn sie die ganze Nacht schreit.«

»Tut sie das denn?«, hakte Grünbrecht nach.

Stern zog die Augenbrauen hoch. Seiner Meinung nach interessierte sich Grünbrecht viel zu sehr für das Kind. Außerdem lugte sie ständig zu dem Mädchen hinüber, welches nun auf einer Decke am Boden saß und versuchte, Klötze aus Holz in einen hohlen Würfel zu stecken. Aber das mit den getrennten Schlafzimmern erklärte, warum Silvia Koch das nächtliche Ausbleiben ihres Mannes nicht bemerkt hatte.

»Jetzt nicht mehr so viel, anfangs hat sie vier Stunden am Stück g’schrien. Das kam sogar ziemlich häufig vor«, erzählte Silvia Koch. »Es war echt nervenaufreibend.«

»Beim Frühstück haben Sie ihn auch nicht vermisst?«, fragte Stern weiter.

»Wenn wir eine unruhige Nacht haben, kann es schon sein, dass er zur Arbeit geht, wenn ich und Sissi endlich schlafen«, erklärte Silvia Koch. »Und die letzte Nacht war so eine. In der Früh hat die Sissi dann brav g’schlafen.«

»Ihr Mann hat seine politischen Ansichten unter anderem auf Twitter verbreitet und sich dabei nicht nur Freunde gemacht.«

»Darüber weiß ich nix. Mit Twitter und Facebook, und wie sie alle heißen, hab ich nix zu tun. Ich muss g’stehen, dass ich mich damit net wirklich auskenn’, eigentlich gar net. Ich red’ lieber mit den Leuten, wenn ich ihnen auf der Straße begegne.«

»Alles klar. Hat es Streit in der Gemeinde gegeben?«

»Nicht mehr als sonst«, sagte die Witwe. Es war ihr anzusehen, dass sie das Gespräch erschöpfte. »Wie ich Ihnen schon g’sagt hab, mein Mann ist ein guter Mensch g’wesen. Er wollt’ für alle Politik machen und nicht nur für ein paar wenige. Ihm hat man vertrauen können. Er hätt’ g’halten, was er versprochen hat, wenn man ihn zum Bürgermeister g’wählt oder in die Landespolitik abberufen hätt’ … irgendwann einmal.«

Stern seufzte. Das politische Gelaber ging ihm auf die Nerven. Dafür hatte er nichts übrig. »Wenn Ihnen etwas einfällt, Frau Koch, das uns weiterhelfen könnte, rufen Sie uns bitte an.« Er hielt der Witwe seine Visitenkarte hin und stand auf. Silvia Koch nahm die Karte entgegen und starrte sie an, als hätte sie immer noch nicht ganz begriffen, was los war. Wenn das Beruhigungsmittel nachließ, würde sie die Wucht der Realität erneut treffen, und dann ging alles von vorn los. Stern hatte Mitleid mit der Frau.

»Danke, wir finden den Weg allein hinaus«, sagte Grünbrecht an die Schwester gewandt, die gerade das Baby holte, um es zu wickeln. Ein säuerlicher Geruch ging von der Kleinen aus, und Stern hoffte, dass dieser Abschreckung genug für Grünbrecht war, einmal eigenen Kindern den Hintern säubern zu müssen.

»Von so viel politischem Gerede kriege ich Kopfschmerzen«, sagte er, als sie draußen vor dem Haus auf den Wagen zusteuerten. »Die Frau sollte sich überlegen, ob sie nicht selbst in die Politik gehen will. Das Zeug dazu hätte sie.«

»Sie sagt doch nur, was sie immer von ihrem Mann gehört hat. Ich glaube, sie hat ihn wirklich geliebt. Bei ihm hingegen bin ich mir nicht so sicher.«

»Wieso?«, hakte Stern überrascht nach, weil er erfahren wollte, was seine Kollegin zu einer derartigen Annahme veranlasste.

»Ich denke, dass ihm die Karriere wichtiger gewesen ist als seine Ehefrau. Und sein Kind! Wieso sonst hätte er abends so lange arbeiten sollen? Oder er hatte ein Gspusi.«

Stern überlegte und brummte. »Mord aus Eifersucht?«

»Möglich.«

»Mirscher und Kolanski sollen prüfen, ob sie eine Geliebte von diesem Koch ausfindig machen können. In einem Ort wie diesem lässt sich ein Verhältnis sicher nicht lange verheimlichen«, ordnete Stern an.

»Noch etwas anderes, Chef«, sagte Grünbrecht, als sie den Wagen erreichten.

»Ja?«

»Haben Sie am Freitagabend schon etwas vor?«

Stern war überrascht. »Äh … nein.« Er hatte keine Ahnung, warum Grünbrecht das wissen wollte.

»Ich veranstalte bei mir zu Hause eine kleine Party, und ich würde mich freuen, wenn Sie kommen.«

Stern, dessen Gehirn bereits zu rotieren angefangen hatte, als Grünbrecht das mit der Party erwähnt hatte, überlegte fieberhaft nach einem möglichen Grund für diese Feier. Grünbrecht arbeitete seit drei Jahren im LKA, und noch nie hatte sie ihn zu sich nach Hause eingeladen. War sie etwa schon schwanger? Und wollte sie bei dieser Feier die frohe Botschaft verkünden?

Grünbrecht bemerkte Sterns Zögern offensichtlich und erklärte: »Mirscher und Kolanski werden da sein und noch ein paar Freunde von mir.«

Natürlich würde Mirscher auch da sein, dachte Stern panisch, schluckte und fragte: »Gibt’s dafür einen bestimmten Anlass?« Schweiß drängte durch seine Poren an die Oberfläche, und die Vorstellung, dass Grünbrecht tatsächlich …

»Ich hab Geburtstag!«

»Sie haben was?« Stern hatte so sehr damit gerechnet, dass Grünbrecht ihm mitteilte, sie würde das Team verlassen, dass er einen Moment brauchte, um die Information zu verarbeiten.

»Geburtstag. Ich hab Geburtstag. Geht’s Ihnen gut, Chef?«

»Ja!«, beeilte sich Stern mit einer Antwort. »Natürlich geht’s mir gut.« Obwohl – sicher war er sich nicht.

»Für einen Augenblick dachte ich, Sie hätten einen Schlaganfall erlitten oder etwas Ähnliches. Sie sind ganz blass und schwitzen.«

»Das ist nur … dieser Fall«, redete Stern sich heraus. Er konnte unmöglich sagen, was er wirklich gedacht hatte.

»Sind Sie sicher?«, hakte die Kollegin nach.

»Todsicher«, bekräftigte Stern die Lüge.

»Dann ist es ja gut. Ich dachte schon, Sie wollten mir eine Abfuhr erteilen wegen der Party. Sie kommen doch, oder?«

»Natürlich komme ich«, brummte Stern. »Und danke für die Einladung.«

»Ich koche, meine Freundin Sabine sorgt für den Nachtisch, und die Jungs kümmern sich um die Getränke.«

»Ich bringe Wein mit«, sagte Stern und legte damit eine Falle aus. Wenn Grünbrecht am Freitag Wein tränke, konnte sie unmöglich in freudiger Erwartung sein und diese Sache wäre erst mal vom Tisch. Stern war mit seiner Idee zufrieden.

»Das ist lieb von Ihnen«, sagte Grünbrecht, und Stern bekam sofort ein schlechtes Gewissen. Natürlich war das keinesfalls lieb von ihm, sondern heimtückisch. Hinterfotzig. Er seufzte ob seiner schändlichen Gedanken und hoffte, dass Grünbrecht nichts davon bemerkte.

»Sie können gerne eine Begleitung mitbringen«, sagte sie.

»Eine Begleitung?«, wiederholte Stern schon wieder baff.

»Ja. Vielleicht diejenige, wegen der Sie immer zu spät zum Dienst erscheinen.« Grünbrecht lächelte. Auch hinterfotzig, wie Stern vorkam, da sie ebenso hinter sein Geheimnis kommen wollte. Nun waren sie quitt.

Stern dachte an die Katzenfamilie in seiner Wohnung. Grünbrecht würde Augen machen, wenn er mit der Rasselbande vor ihrer Tür stünde. Aber hey! Vielleicht war das gar keine so schlechte Idee! Er könnte Grünbrecht eines der Kätzchen zum Geburtstag schenken, dann wäre er einen Teil seines Katzenproblems los. Sie hatte ohnehin bereits vor längerer Zeit einmal anklingen lassen, dass ihr ein Haustier gefallen würde.

»Mal sehen«, antwortete er kryptisch. »Seien Sie nicht enttäuscht, wenn ich alleine komme. Essen werde ich auf alle Fälle für zwei.« Stern strich über seinen fülligen Bauch.

»Okay.« Grünbrecht bohrte nicht weiter nach, wofür Stern ihr dankbar war. »Nach dem Essen am Freitag drehen wir noch eine Runde durch die Linzer Altstadt, auf einen Absacker. Ziehen Sie sich also was Hübsches an.« Grünbrecht warf einen Blick auf das alte Sakko ihres Chefs und lächelte erneut zweideutig, nichtsahnend, dass es völlig egal war, was Stern am Freitag trug, da sie die Linzer Altstadt nie erreichen würden.

4. Kapitel

Als Stern am nächsten Morgen im Landeskriminalamt in Linz in der Nietzschestraße eintraf, waren die Kollegen bereits versammelt und hefteten Notizen über den aktuellen Fall an eine Magnetwand.

»Na, auch schon da?«, begrüßte Kolanski ihn mit breitem Grinsen.

Stern ignorierte den Gruppeninspektor und brummte ein »Guten Morgen« in die Runde. Danach wollte er wissen, was es Neues gab.

»Dieser Oliver Koch ist anscheinend öfter am Golfplatz in St. Oswald gewesen als im Gemeindeamt«, erklärte Mirscher herablassend.

»Und wenn er nicht Golf gespielt hat, hat er sich in Linz bei seinen Parteifreunden herumgetrieben und dort genetzwerkt. Offenbar wollte er tatsächlich groß rauskommen, aber nicht als Bürgermeister von St. Oswald, sondern als Landes-Nummer-eins seiner Partei.« Kolanski betonte das Wort »Landes-Nummer-eins«, als gäbe es nichts Wichtigeres. Zumindest wenn man Politiker war.

»Ein aufstrebender Fisch im Haifischbecken also«, resümierte Stern. »Checkt sein politisches Umfeld, wer ihn unterstützt hat und wer etwas gegen ihn hatte. Wenn es in der Politik nach oben geht, hat man nicht nur Freunde.«

»Ja, Chef.«

»Ich habe bei der Gemeinde in St. Oswald angerufen und nach den Bändern der Überwachungskamera gefragt, die bei dem Bründl angebracht ist. Die haben mir gesagt, dass darauf niemand zu sehen sei, da die Kamera in den Wald hineingerichtet war. Irgend so ein Scherzkeks hat sie wohl verstellt, haben die gemeint. Manchmal treiben sich dort Jugendliche herum, die knutschen und fummeln und dabei ungestört sein wollen. Vielleicht waren die es«, berichtete Grünbrecht.

»Kommt das denn öfter vor?«, wollte Stern wissen.

»Dass Jugendliche knutschen? Davon gehe ich …«

»Blödsinn! Ich meine, dass die Kamera verstellt wird?«

»Das passiert hin und wieder, laut den Gemeindemitarbeitern. Wenn’s keine Jugendlichen waren, dann vielleicht jemand, der sich geniert hat, weil er Wasser gezapft hat und nicht wollte, dass er dabei gefilmt wird. Dieser ganze Heilwasser-Hokuspokus mutet ja doch ein wenig abergläubisch an, und nicht jeder will als abergläubisch gelten, gell?«, erwiderte Grünbrecht und sah Stern dabei amüsiert an. Denn natürlich war ebenso er mit dieser Anspielung gemeint.

»Wenn es eh schon mehrmals vorgekommen ist, dass die Kamera vom Bründl weggedreht wurde, ist das weniger verdächtig, als wenn es nur dieses eine Mal so gewesen ist. Denn dann wäre es ein Indiz dafür, dass jemand die Geschehnisse bei der Wasserentnahmestelle vertuschen wollte«, erklärte Stern, insgeheim froh darüber, dass durch das Verstellen der Kamera seine Gesichtswäsche nicht aufgenommen worden war. Das hätte ihm noch gefehlt, dass man ausgerechnet ihn vor dem Bründl sah, wie er sich mit dem radonhaltigen Wasser die Augen benetzte. Ihm reichte es schon, als gekürter Langsamfahrer von den Kollegen durch den Kakao gezogen zu werden.

»Die Tote in dem Grab, auf dem wir das Opfer gefunden haben, heißt Paula Eckinger, was wir ja schon wissen«, wechselte Grünbrecht das Thema, da sie diese Kamerasache nicht weiterbrachte. »Paula Eckinger ist vor einem Jahr im Alter von 29 bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt. Ein entgegenkommendes Fahrzeug hat sie und ihren Mann von der Straße abgedrängt, woraufhin ihr Auto gegen einen Baum prallte. Danach hat der Lenker des anderen Wagens Fahrerflucht begangen. Paula Eckinger ist am Unfallort verstorben, ihr Mann, der am Steuer gesessen hat, ist seither an den Rollstuhl gefesselt.«

»Hat man den Fahrer des anderen Wagens erwischt?«

»Nein.«

»Scheiße!«

Grünbrecht ging zur Magnetwand und befestigte darauf einen mehrere Jahre alten, ausgedruckten Zeitungsartikel. »Paula Eckinger wurde einmal zur Miss Mühlviertel gekürt. Sie war schön, ehrgeizig und fromm. Zumindest, wenn man diesem Artikel einer regionalen Wochenzeitung Glauben schenkt.« Auf dem abgedruckten Foto strahlte die damals 20-Jährige in das Objektiv des Fotografen. Über die rechte Schulter und die Brust hing eine Schärpe mit dem Aufdruck »Miss Mühlviertel« neben den Logos der Sponsoren der Misswahl. Darunter trug Paula ein knappes schwarzes Kleid, das ihre Figur vollends zur Geltung brachte. Stern musste zugeben, dass sie eine echte Schönheit gewesen war.

Kolanski stieß einen leisen Pfiff aus und Mirscher sagte: »Ja, das tue ich.« Dabei schien sich sein Blick für Grünbrechts Geschmack zu lange auf Eckingers Foto zu heften. Die Gruppeninspektorin verdrehte die Augen und hieb ihren Verlobten mit dem Ellbogen in die Seite. Mirscher war ein Typ, der einem nicht beim ersten Mal auffiel, und Grünbrecht hatte sich erst langsam in ihn verliebt, in seine blauen Augen und die kurzen brünetten Haare, die manchmal kreuz und quer standen. Vor allem schätze sie an ihm, dass er Gesprächen über Gefühle nicht aus dem Weg ging, was für einen Mann ziemlich untypisch war. Zumindest gemessen an den Männern, die Grünbrecht bisher kennengelernt hatte.

»Ich meinte nicht, ob sie schön gewesen ist, das steht zweifelsohne außer Frage«, sagte Grünbrecht leicht schnippisch. »Sondern ob sie tatsächlich derart fromm war, wie in dem Zeitungsbericht behauptet wird. Ein junges Mädel, das so blendend aussieht, hat doch bestimmt viele Verehrer.«

»Gibt es eine Verbindung zwischen ihr und diesem Oliver Koch?«, hakte Stern nach.

»Diese Frage kann ich noch nicht beantworten«, gab Grünbrecht zu. »Dazu muss ich erst die Eltern befragen oder die Nachbarn oder wen auch immer.«

»Vielleicht sollten wir mit dem Ehemann reden. Weiß der überhaupt schon Bescheid, was am Grab seiner Frau passiert ist?«

»Also von mir nicht«, sagte Mirscher, und auch Kolanski hob abwehrend die Hände.

»Dann übernehmen wir das, Grünbrecht.« Stern stand auf und wandte sich zur Tür.

»Wer fährt?«, wollte die Kollegin wissen.

»Ich«, brummte Stern. Doch als er den gelangweilten Gesichtsausdruck von Grünbrecht sah und sich an seinen Titel als langsamster Autofahrer des Landeskriminalamtes, den ihm die angeheiterten Kollegen bei der letzten Weihnachtsfeier feierlich verliehen hatten, erinnerte, streckte er den Arm aus und ließ den Schlüssel seines Audi A6 in Grünbrechts offene Hand fallen. Er wusste, dass sie lieber mit seinem luxuriösen Schlitten fuhr als mit ihrem Dienstwagen.

»Danke, Chef!«, sagte sie kokett und marschierte Po wackelnd an Mirscher und Kolanski vorbei in Richtung Ausgang. Die erstaunten Blicke der Kollegen folgten ihr, ebenso blöde Kommentare, wie dass Mirscher eine Gehaltserhöhung wolle und Kolanski acht aufeinanderfolgende Wochen Urlaub, um mit dem Fahrrad Australien zu durchqueren. Denn wenn Stern Grünbrecht seinen Wagen steuern ließ, musste er in Top-Laune sein, schlussfolgerten sie. Vielleicht würde er ihnen dann ebenso diese kleinen Annehmlichkeiten zugestehen. Einen Versuch, so schienen sie zu denken, war es zumindest wert.

Doch Stern schüttelte nur den Kopf, murmelte: »Kindsköpfe«, und verließ mit seiner Kollegin das Landeskriminalamt.

Grünbrecht jagte mit Sterns Audi die A7 in Richtung Freistadt hinauf, dass Stern Angst bekam, sie könnten in eine Radarfalle der Autobahnpolizei geraten. Seine junge Kollegin liebte das schnelle Fahren, das wusste er, aber dass sie ausgerechnet mit seinem Wagen sämtliche Geschwindigkeitsbegrenzungen übertreten musste, empfand er dann doch als provokant. Er entschied sich, ein Wort des Tadels auszusprechen.

»Können Sie den Fuß ein wenig vom Gaspedal nehmen? Der Mann im Rollstuhl läuft uns schon nicht weg.«

»Sie haben doch nicht etwa Angst, Chef?«, wollte Grünbrecht mit einem Seitenblick auf seine verkrampften Hände, die sich links am Sitz und rechts am Griff über dem Fenster festklammerten, wissen.

»Ich? Angst? So ein Schmarrn!«, blaffte Stern. »Ich will halt nicht die Strafe zahlen, die wir zweifelsohne kassieren, wenn Sie weiterhin so rasen.«

»Das ist ein Polizeiwagen, Chef«, erklärte Grünbrecht in knappen Worten, während sie konzentriert nach vorn durch die Windschutzscheibe sah, um links an einer Schlange langsam fahrender Wagen vorbeizuschießen. Wenn Stern nicht irrte, hatte sie vorhin sogar mit Lichtsignalen auf sich aufmerksam gemacht und dadurch die anderen Fahrer zur Seite gescheucht.

»Wir sind zivil unterwegs. Wir haben kein Blaulicht und keine Sirene.«

»Wenn die Kollegen von der Autobahnpolizei die Autonummer kontrollieren, werden sie ganz rasch feststellen, dass sie …«

»Grünbrecht, runter vom Gas!«, fiel Stern ihr ins Wort.

»Aber …«

»Kein Aber!«, fügte er mit einem Tonfall hinzu, der keinen Widerspruch duldete. Nur selten ließ er den Vorgesetzten auf diese Weise raushängen, und das auch nur dann, wenn es unbedingt sein musste. Und jetzt musste es sein! Seine Finger, die Sitz und Haltegriff umklammerten, begannen sich schon zu verkrampfen.

Murrend drosselte Grünbrecht das Tempo auf eine für Stern angenehme Geschwindigkeit. Seine Hände lösten sich langsam von den Festhaltemöglichkeiten, und er atmete erleichtert auf. Warum diese jungen Dinger immer so rasen mussten, war ihm ein Rätsel. Selbst bei Mordfällen war es nicht notwendig, dass man derart halsbrecherisch unterwegs war. Leichen liefen nicht weg.

In Sterns Brusttasche vibrierte das Handy. Stern zog es heraus und sah auf das Display: Dominik Weber, der Gerichtsmediziner.

»Grüß dich, Weber. Was gibt’s?«

»Grüß dich, Stern. Euer Opfer ist tatsächlich ertrunken. Ich hab in seiner Lunge Wasser gefunden«, verkündete der Gerichtsmediziner etwas zu gut gelaunt, fand Stern.

»Das erklärt dann auch seine nasse Kleidung. Wahrscheinlich wurde der Kopf gewaltsam unter Wasser gedrückt, da seine Sachen nur bis zur Brust feucht waren«, schlussfolgerte Stern. »Haben die Kollegen im Labor das Wasser aus der Lunge mit der Probe, die ich dir geschickt habe, schon verglichen?«

»Äh …?« Anscheinend hatte Weber keinen blassen Schimmer, wovon Stern redete.

»Weber?«, bellte Stern ins Telefon.

»Ich bin hier, Oskar«, meldete sich der Angesprochene nun nicht mehr ganz so gut gelaunt. »Ich dachte, das Bründl-Wasser, das du mir geschickt hast, wäre für mich … ich meine, für mich persönlich, da ich ja auf solche Dinge stehe, du weißt schon …«

»Was hast du damit gemacht?«, fragte Stern nichts Gutes ahnend.

»Ich … ich hab’s getrunken«, verkündete Weber.

»Du hast was?« Stern schnaubte. »Das war ein Beweismittel, Weber!«

»Da stand nur ›Bründl-Wasser für Weber‹ oben«, erklärte der Gerichtsmediziner. Er hatte wohl angenommen, es wäre ein Geschenk für ihn, eine kleine Aufmerksamkeit unter Kollegen quasi. Was ihm, wenn er eine Sekunde darüber nachgedacht hätte, seltsam hätte vorkommen müssen.

»Ja, weil du es untersuchen solltest, du …!« Stern brauchte einen Augenblick, um sich zu beruhigen. Anschließend sagte er, dass sie jetzt seinetwegen noch einmal zum Maria Bründl fahren müssten, um eine Vergleichsprobe zu holen, die Weber dann – zum Teufel noch mal – mit dem Wasser in der Lunge des Opfers abgleichen solle. Und zwar unverzüglich und auf der Stelle, sobald die Probe bei ihm eintreffe. Es dürfe keine Verzögerung mehr geben, denn sonst …

»Alles klar. Kein Problem! Danke, Oskar!« Dem Gerichtsmediziner war die Erleichterung selbst durch das Handy anzuhören, und Stern beendete das Telefonat mit einem aufgebrachten Tippen auf den roten Hörer auf dem Display.

»Was ist passiert?«, wollte Grünbrecht wissen.

Stern schnaubte noch immer, entschied sich aber für eine halbwegs disziplinierte Antwort: »Weber hat das Bründl-Wasser ausgesoffen.«

»Nicht wahr?«

»Doch!«

Die Gruppeninspektorin lachte.

»Was ist daran witzig?«, fragte Stern echauffiert.

Grünbrecht bemühte sich, die Sache etwas ernster zu nehmen. »Nichts, Chef«, sagte sie, obwohl ihre Mundwinkel verräterisch zuckten. Dass Weber Beweismaterial trank, weil er es als Geschenk von Stern ansah, empfand sie mehr als unterhaltsam. Wenn das die Runde im LKA machte …

»Wir müssen noch mal zur Quelle und eine weitere Probe holen«, spuckte der Chefinspektor aus, als hätte er etwas Giftiges im Mund.

»Ja, Chef«, gluckste Grünbrecht, und Stern rollte genervt mit den Augen.

Gott sei Dank hielten sie in diesem Augenblick vor dem Haus des Witwers an. Der Chefinspektor stieß die Tür des Audis auf und stieg aus. Ihm fiel sofort die Rollstuhlrampe beim Eingang auf, die nachträglich angebracht worden zu sein schien. Ein Zeichen, dass sie hier richtig waren.

Nach mehrmaligem Läuten wurde ihnen die Tür geöffnet. »Herr Eckinger?«, fragte Stern den Mann im Rollstuhl vor sich, obwohl er sich sicher war, dass er der Ehemann des Unfallopfers von vor einem Jahr sein musste. So viele querschnittsgelähmte Menschen gab es in St. Oswald bestimmt nicht.

»Richtig, Manuel Eckinger. Und wer sind Sie?« Eckinger kam bis ganz nach vorn an die Haustürkante gerollt, die mit Holzkeilen entschärft worden war, damit er bequem darüberfahren konnte.

»Chefinspektor Oskar Stern, das ist meine Kollegin Gruppeninspektorin Mara Grünbrecht. Wir sind vom Landeskriminalamt Oberösterreich in Linz und untersuchen den Mord an Oliver Koch. Dürfen wir reinkommen?«

»Oliver Koch? Der Politiker? Darf ich frag’n, was Sie von mir woll’n?« Eckinger machte keinerlei Anstalten, den Weg ins Haus freizugeben.

»Das würden wir lieber drinnen mit Ihnen besprechen«, antwortete Stern.

Eckinger wendete den Rollstuhl und fuhr den Beamten voraus ins Wohnzimmer. Das gesamte Haus war behindertengerecht umgebaut und die Einrichtung entsprechend angepasst worden. Die obersten Regale waren leer, sodass Eckinger alles bequem von seiner Position im Rollstuhl erreichen konnte. Die Teppiche hatte man entfernt, das erkannte Stern anhand von hellen Umrissen am Boden. An der Treppe ins Obergeschoss war ein Lift montiert, und Stern fiel auf, dass alle Türen im Erdgeschoss fehlten.

»Kaffee?«, fragte Eckinger.

»Gerne«, antwortete Stern.

»Milch? Zucker?«

»Schwarz.«

»Und für Sie?« Eckinger blickte Grünbrecht aus seinen blauen Augen an, die einst bestimmt jedes Mädchenherz zum Schmelzen gebracht hatten. Er fixierte die Gruppeninspektorin wie eine Schlange ein Kaninchen. Dass sie ihm gefiel, war unschwer zu übersehen.

»Für mich bitte mit Milch«, antwortete Grünbrecht, die sich ihrer Wirkung auf Manuel Eckinger durchaus bewusst zu sein schien.

»Bitte nehmen Sie Platz.« Eckinger deutete auf eine Essgruppe. An der Frontseite des Tisches fehlte ein Stuhl, damit er dort mit dem Rollstuhl ranfahren konnte.

»Ich helfe Ihnen …«

»Des schaff’ ich schon!«, unterbrach Eckinger die Gruppeninspektorin mit einem Lächeln, das nicht über seinen Unmut hinwegtäuschen konnte. Immerhin lebte er nun schon seit einem Jahr in dieser Situation. Er kam gut allein zurecht.

»Natürlich.« Grünbrecht war ihr Verhalten sofort unangenehm.

»Ich nehme an, dass Sie mit mir reden woll’n, weil dieser Koch auf dem Grab meiner Frau gefund’n word’n ist«, sagte Eckinger, während er den Kriminalbeamten den Rücken zuwandte und in der Küche hantierte. »Die Spatzen pfeifen’s bereits von den St. Oswalder Dächern.«

»Genau deswegen sind wir hier«, bestätigte Stern Eckingers Vermutung.

»Wissen S’ schon, wer ihn ermordet hat?«, fragte Eckinger und holte Zucker aus einem Regal und Milch aus dem Kühlschrank.

»Nein, dafür ist es noch zu früh«, beantwortete Stern Eckingers Frage.

»Dann wissen S’ wahrscheinlich auch net, warum man ihn auf dem Grab meiner Frau abg’legt, abg’stellt, zurückg’lassen hat – oder wie immer man das bezeichnen will?«

»Sie sind erstaunlich gut informiert.« Stern wusste, dass sich der Tratsch und Klatsch auf dem Land schneller verbreitete als eine wichtige Info am Landeskriminalamt.

»In einem kleinen Ort wie St. Oswald spricht sich so etwas rasch herum«, bestätigte Eckinger Sterns Vermutung.

»Ich hatte zuvor den Eindruck, dass Sie überrascht waren.«

»Nur wesweg’n S’ deshalb zu mir kommen.«

»Wir hatten gehofft, dass Sie uns weiterhelfen können.« Stern nahm einen Schluck Kaffee, der mittlerweile vor ihm auf dem Tisch stand. »Haben Koch und Ihre Frau einander gekannt?«

Eckinger schien zu überlegen. »Natürlich haben die sich g’kannt. St. Oswald ist ein kleines Kaff, da kennt jeder jeden. Wenn auch net gut, dann zumindest flüchtig.«

»Wie gut haben die beiden sich gekannt?«, hakte Grünbrecht nach.

»Ich würd’ sagen, net so gut. Man hat sich halt auf der Straß’ g’grüßt. Mehr war da net«, erklärte Eckinger und gesellte sich zu ihnen an den Tisch.

»Glauben Sie, dass das Grab Ihrer Frau vom Täter zufällig gewählt wurde?«

»Kann sein. Vielleicht aber auch net. Ist das net Ihre Aufgabe, das herausz’finden?«

»Wie war das damals mit dem Autounfall?«, wechselte Stern das Thema, da Eckinger anscheinend nichts zum ungewöhnlichen Auffindungsort des Opfers beitragen konnte.

Der Angesprochene seufzte tief. Es fiel ihm offensichtlich schwer, über die Vergangenheit zu reden. Er wandte sich ab und fuhr mit seinem Rollstuhl zu der mindestens zwei Meter breiten Terrassentür, die einen großzügigen Blick hinaus in den Garten gewährte.

»Paula hat Rosen geliebt. Seit sie net mehr lebt, verwildert unser Garten«, sagte er nach ein paar Augenblicken des Schweigens. Seine Gedanken schienen irgendwo in der Vergangenheit festzuhängen. Weit weg von diesem Raum und weit weg von den Büschen und Sträuchern, deren Blätter aufgrund des Herbstes bunt gefärbt waren. Wahrscheinlich hatte er das Bild seiner Frau vor sich, wie sie dort draußen arbeitete und alles zum Blühen brachte. Wie sie lachte und sich der Schönheit der Natur erfreute. Jetzt trugen die Blätter kräftige Braun- und Rottöne und fielen bereits zu Boden. Die Herbstzeitlosen wuchsen üppig an allen Ecken, als gäbe es nichts Wichtigeres, als noch einmal zu erblühen, bevor die kalte Jahreszeit hereinbrach. Gelbe und rosa Rosen säumten den gekiesten Weg, der in jeden Winkel der Anlage führte. Es war klar zu erkennen, dass den Garten jemand mit viel Liebe gestaltet hatte. Doch dieser Jemand fehlte jetzt. Eckinger senkte den Kopf, atmete tief durch und kam zurück an den Tisch.

»Wir sind von einer Party nach Haus’ g’fahren«, begann er zu berichten. »Es war kurz nach Mitternacht, als uns ein Auto entgegen’kommen ist, mit auf’blendeten Scheinwerfern. Ich hab nichts g’sehen und den Fahrer als einen Trottel beschimpft, weil ich g’dacht hab, dass er bloß vergess’n hat, das Abblendlicht einz’schalten. Ich hab g’dacht, das passt schon irgendwie, das geht sich aus, wie so oft, wenn so was passiert. Ich hab noch zur Paula hinüberg’schaut … Sie hat die Augen zusammen’kniffen. Auch sie hat bestimmt g’glaubt, dass alles gut werden würd’. Wer denkt denn schon, dass …« Eckinger brach ab und bekämpfte die Tränen, die an die Oberfläche drängten. Es musste für ihn äußerst schmerzhaft sein, sich an die Ereignisse von damals zu erinnern, die seiner Frau das Leben gekostet hatten. Nach einer Weile redete Eckinger weiter. Seine Stimme war brüchig und kaum zu hören. Es war, als erlebte er alles noch einmal. »Die Lichter sind immer weiter auf unsere Fahrbahn rüberg’kommen. Ich hab g’schrien, er soll auf seine Seite zurückfahr’n, obwohl ich natürlich g’wusst hab, dass des Null bringt. Trotzdem hab ich g’schrien! Immer wieder! Was hätt’ ich denn sonst tun soll’n?« Eckinger sah die Kriminalbeamten hilflos an. Tränen rannten ihm über die Wangen, und der Schmerz wirkte in seinem Gesicht wie eingemeißelt. Wahrscheinlich hatte er diesen Augenblick schon zu oft durchleben müssen.

»Lassen Sie sich Zeit«, sagte Grünbrecht sanft.

»Als ich g’wusst hab, dass es keinen Ausweg mehr gibt und wir jede Sekunde aufeinanderprallen, hab ich das Lenkrad verrissen. Bei einem Frontalzusammenstoß hätt’ niemand überlebt. So aber hatten wir wenigstens eine kleine Chance … Das hab ich zumindest g’dacht.« Manuel Eckinger blickte die Polizisten an, als suchte er in ihren Gesichtern nach einem Funken Verständnis für sein Handeln. Wahrscheinlich fühlte er sich schuldig für den Tod seiner Frau, auch wenn ihn keine Schuld traf, wenn sich der Unfall so zugetragen hatte, wie er ihn schilderte. Dann räusperte er sich und starrte für eine Weile in seinen Schoß, als fände er dort die Vergebung, die er so dringend brauchte.

Stern empfand die Stimmung als sehr bedrückend, und auch Grünbrecht war hin- und hergerissen, wie weit sie sich in die Geschichte dieses Mannes hineinziehen lassen sollte. Denn natürlich empfand sie großes Mitleid mit ihm, doch näher an sich heranlassen als üblich durfte sie sein Schicksal dennoch nicht. Sonst lief sie Gefahr, selbst auszubrennen, und davon hatte keiner etwas.

Als Eckinger die Augen wieder auf die Inspektoren richtete, hatte sich etwas an ihm verändert. Er schien in die Gegenwart zurückgekehrt zu sein. »Paula ist sofort tot g’wesen, und ich bin seither ein Krüppel«, sagte er verbittert.

»Das alles tut uns sehr leid«, erwiderte Stern. Und das war keinesfalls eine dieser Floskeln, die man von sich gab, weil es der Umstand verlangte. Er meinte es ernst. Der Mann hatte sein tiefstes Mitgefühl. Er wusste nicht, was er tun würde, wenn ihn dessen Schicksal getroffen hätte.

»Ich bin damals mehrere Wochen im Krankenhaus g’legen und hab anschließend eine Reha g’macht, aber g’holfen hat das alles nix. Die Ärzte sagten, dass es ein Wunder ist, dass ich überlebt hab. Seltsam, wie ein Wunder kommt mir das gar net vor.« Eckinger rollte vom Tisch weg zurück zum Fenster. Er starrte hinaus und wandte den Kriminalbeamten den Rücken zu. Eine tiefe Traurigkeit ging von ihm aus, die Stern und Grünbrecht betroffen machte.

»Sagen Sie das nicht«, warf die Gruppeninspektorin ein.

»Es ist die Hölle, glauben S’ mir! Es wär’ besser g’wesen, ich wär’ statt Paula g’storben.« Verstohlen wischte Eckinger mit dem Handrücken über seine Wangen. »Ich hab sogar das Bründl-Wasser ausprobiert«, erzählte er dann, als er sich wieder gefasst hatte und zu ihnen an den Tisch zurückkehrte.

»Sie meinen, das Heilwasser aus der Quelle im Wald?«, fragte Grünbrecht.

Auf Eckingers Gesicht zeichnete sich ein verstohlenes Lächeln ab. »Sie halten mich jetzt bestimmt für abergläubisch, stimmt’s?«

»Nein, das tun wir nicht«, antwortete Grünbrecht rasch, bevor Stern sagen konnte, dass er schlichtweg gar nichts von diesem Hokuspokus hielt – obwohl das so nun ja nicht mehr stimmte. Aber vielleicht wurde Stern im Alter ja etwas offener für diese Dinge und gab alternativen Möglichkeiten eine Chance.

»Gut. Das ist gut.« Eckinger wirkte erleichtert und lächelte Grünbrecht an. »Sie müssen nämlich wissen, dass die Leute busweise nach St. Oswald kommen und das Wasser in Flaschen füllen. Ich hab keine Ahnung, was die damit anstellen.«

»Manche trinken es«, raunte Stern und dachte dabei ein Weber.

»Andere waschen ihr Gesicht damit«, ergänzte Grünbrecht spitz und sah zu Stern hinüber. Als der nichts erwiderte, sondern ihr lediglich einen warnenden Blick zuwarf, fügte sie hinzu: »Es ist doch gut, wenn man an etwas glauben kann, das einem Hoffnung schenkt.«

»Vielleicht haben S’ recht. Mir hat es allerdings net g’holfen, dieses Bründl-Wasser«, sagte Eckinger.

»Das tut uns leid. Das tut es doch, gell, Chef?«

Stern brummte, was Zustimmung bedeuten konnte oder auch Verneinung.

»Versprechen S’ mir, dass S’ denjenigen finden, der das Grab meiner Frau g’schändet hat?« Eckinger blickte die Inspektoren eindringlich an.

»Wir tun unser Bestes«, antwortete Stern.

»Das hab’n die damals auch g’sagt«, entgegnete Eckinger enttäuscht. In seinen Augen lag nun wieder ein trauriger Ausdruck, während er auf einen imaginären Punkt zwischen Stern und Grünbrecht starrte.

»Wer sind die?«, hakte Stern nach.

»Die Polizisten, die nach dem anderen Lenker g’sucht hab’n, der Fahrerflucht b’gangen hat.«

»Sie haben ihn nie gefunden?«

»Nein.«

»Das tut uns leid.« Stern konnte verstehen, was in dem Mann vorging. Vor nicht allzu langer Zeit war seine Ex-Frau Franziska von einem Lastwagen überrollt und getötet worden. Dem Fahrer hatte man noch an der Unfallstelle Blut abgenommen, um herauszufinden, ob er Alkohol getrunken hatte. Der Test war positiv ausgefallen. Aber dadurch, dass Stern wusste, wer der Kerl war, der seine Ex-Frau überfahren hatte, hatte er damit abschließen können. Das war Manuel Eckinger bisher leider nicht vergönnt gewesen. Außerdem machte es emotional einen großen Unterschied, ob die Ehefrau oder die Ex-Frau starb.

»Vielleicht ist es Schicksal, dass dieser Koch ausg’rechnet auf dem Grab meiner Frau g’funden worden ist.«

Die Kriminalbeamten ließ die Aussage aufhorchen. »Wie meinen Sie das?«, wollte Stern erklärt haben.

»Vielleicht wird der Unfalltod von Paula jetzt noch einmal aufg’rollt, weil sie nach einer Verbindung zwischen ihr und diesem Koch suchen.«

»Und weiter?«

»Es wär’ doch möglich, dass Sie dadurch auf den Fahrer von damals stoßen, oder etwa nicht?«

»Möglich wäre es.«

»Finden Sie ihn!«, sagte Eckinger und beugte sich nach vorn. »Damit ich endlich mit all dem abschließen kann!« Die Augen des Mannes flehten die Inspektoren regelrecht an.

»Wir können Ihnen nichts versprechen, Herr Eckinger. Aber wir werden sehen, was sich machen lässt«, sagte Stern. Der gewaltsame Tod eines geliebten Menschen war immer schwer zu verkraften. Doch es war besser, wenn man dem Täter ins Gesicht blicken konnte, als wenn man nie erfuhr, wer die Schuld am Tod der Ehefrau, des Ehemannes oder des geliebten Kindes trug.

Die Kriminalbeamten verließen, nachdem sie sich verabschiedet hatten, Eckingers Haus.

»Armes Schwein«, sagte Stern, als sie im Wagen saßen.

»Er hat viel durchgemacht«, schloss sich Grünbrecht ihm an.

»Und er steht auf Sie«, konnte Stern sich nicht verkneifen zu sagen.

»Echt jetzt?« Grünbrecht musterte ihren Chef von der Seite.

»Ich hab’s genau gesehen! Er hat Sie regelrecht angeschmachtet.«

»Wie können Sie darüber jetzt scherzen?«, fuhr Grünbrecht ihren Vorgesetzten an.

»Aber …«

»Was machen wir nun?«, schnitt sie ihm das Wort ab.

Stern war vor den Kopf gestoßen. Es war ihm ein Rätsel, wie das weibliche Geschlecht oftmals auf seine Aussagen reagierte. Dieses Unverständnis war wohl einer der Gründe gewesen, warum sich Franziska vor Jahren von ihm hatte scheiden lassen.

»Wir müssen herausfinden, wo Oliver Koch zum Zeitpunkt des Unfalls der Eckingers gewesen ist«, wechselte er das Thema. Über Grünbrechts Verhalten nachzugrübeln hatte ohnehin keinen Sinn. Er hoffte, dass sie sich von allein wieder einkriegen würde. »Vielleicht ist er derjenige, der Fahrerflucht begangen hat. Dann hätten wir ein Motiv, warum der Täter seine Leiche auf Paula Eckingers Grab zurückgelassen hat, als würde er für ihre Erlösung beten.«

»Oder für seine.«

Бесплатный фрагмент закончился.

985,37 ₽

Жанры и теги

Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
26 мая 2021
Объем:
312 стр. 5 иллюстраций
ISBN:
9783839266069
Издатель:
Правообладатель:
Автор
Формат скачивания:

Похожие книги