Читать книгу: «Majestätische Berge»

Umschlagbild: Der österreichische Kaiser Franz Joseph I. mit Kronprinz Rudolf auf der Jagd. Atelieraufnahme, 1865.
Majestätische Berge
Inhalt
Einleitung
Monarchie, Ideologie und Tourismus
Autorschaft und Dank
Die Alpen der Aufklärung: Freiheit, Republik
«Ein freyes und glückseliges Volk»
Landsgemeindedemokratie
Denkmäler der Freiheit
Zwei Alpenhelden
Wilhelm Tell, Ehrenbürger der Französischen Revolution
Andreas Hofer, Märtyrer des antinapoleonischen Aufstands
Politische Mythologie als Interaktionssystem
Britische und italienische Hoheit im Gebirge
Die Monarchie auf Reise
Königin Victoria in der Zentralschweiz
Albert Edwards Alpentour
Der Jägerkönig Vittorio Emanuele II.
Margherita, die «Regina Alpinista»
Königliche Reisende und reisende Könige
Habsburg als alpiner Touristenmagnet
Das Haus Österreich zieht ins Gebirge
Kurorte: Ischl, Meran, Reichenau
Touristen im Spiegel der Kur- und Gästelisten
Abseits der höfischen Etikette?
Publikumsecho
Majestätische Berge in der Belle Époque?
Mont Aiguille, Grossvenediger, Matterhorn
Von der Republik zur Nation
Hotelpalast, Märchenschloss
Die Tugend der Einfachheit
«La majesté de nos cimes»
Schluss: Natur, menschengemacht
Von der Aufklärung in die Belle Époque
Und heute?
Anmerkungen
Ausgewählte Literatur
Bildnachweis
Register
Autor und Autorinnen
Einleitung
Am 1. Mai 1830 fand in London die englische Premiere der neuen Oper Guillaume Tell von Gioachino Rossini statt. Die Oper über den legendären Freiheitshelden aus den Schweizer Bergen war ein halbes Jahr vorher in Paris uraufgeführt worden. Die Bühne in London betrat jedoch nicht der Mann mit der Armbrust, den man von früheren Darstellungen her kannte. Statt das Libretto zu übersetzen, hatten es die Intendanten für England auf einen anderen Alpenhelden umschreiben lassen – auf Andreas Hofer, der 1809 den Aufstand der Tiroler gegen Bayern und Napoleon angeführt hatte. Die Oper hiess jetzt Hofer, the Tell of the Tyrol. Dieser englische Hofer-Tell beginnt mit den Vorbereitungen zu einer Hochzeit in alpiner Szenerie: «Schön wie eine Braut wacht der Morgen auf, von Gold bedeckt glühet der Gletscher» (Fair as a bride the morning is waking, Sheeted with gold the glacier glows). Ganz ähnlich fängt auch Rossinis Tell an, bloss nicht in einem Tiroler Bergtal, sondern am schweizerischen Vierwaldstättersee. Nach diesen romantischen Hochzeitsvorbereitungen gehen die beiden Operngeschichten aber ganz auseinander. Bei Rossini tötet Tell zum Schluss den habsburgischen Vogt und Unterdrücker Gessler, was vom Volk begeistert gefeiert wird: «Freiheit, steig wieder vom Himmel herunter, Dein Reich möge neu beginnen!» In der englischen Hofer-Version singt der Chor gerade umgekehrt: «Heil dem Hause Habsburg! Freude dem Hause Habsburg! Tirol ist der Krone zurückgegeben!»
Wilhelm Tell war in Kreisen der helvetischen Reformer des späten 18. Jahrhunderts, in der Französischen Revolution von 1789 und in Friedrich Schillers berühmtem Drama von 1804 ein Held, welcher republikanische Ideen und Forderungen der Aufklärung verkörperte. Dass er in den Alpen lebte, zeigte seine Naturnähe. Nur wenn man sich mit der Natur versöhnte, konnte man der korrupten Monarchie mit ihrer gekünstelten Hofkultur die Stirn bieten. Andreas Hofer war dagegen ein Held, der sich gegen die Ideen und Waffen der Revolution in ihrer napoleonischen Phase aufgelehnt hatte. Republikanismus und Monarchiefeindlichkeit konnte man ihm nicht nachsagen. Seine Hinrichtung erfolgte auf französischen Befehl. Als er posthum immer berühmter wurde, huldigte ihm die gefürstete Grafschaft Tirol unter der Devise «Für Gott, Kaiser und Vaterland».
Um 1830 konnte Rossinis Opernmusik also mit einem republikanischen Bergler wie auch mit einem monarchistischen Bergler aufgeführt werden. Diese Austauschbarkeit und ideologische Verlagerung wollen wir im vorliegenden Buch als Zeichen einer grösseren Veränderung betrachten. Das Buch befasst sich mit dem Wandel von der republikanischen Alpenbegeisterung in den Jahrzehnten um 1800 zu einem neuen «majestätischen» Alpenbild im Europa der Belle Époque um 1900. Um diese Entwicklung zu verstehen, kann man sich nicht auf das kleine Gebiet der Schweizer Berge beschränken, wo Wilhelm Tell seine Gämsen jagte. Man muss dazu nach Möglichkeit den ganzen Alpenraum ins Auge fassen. Dieser reicht von Nizza bis Wien und umfasst heute (in alphabetischer Folge) deutsche, französische, italienische, österreichische, schweizerische und slowenische Teile. Es handelt sich um einen Ort in der Mitte Europas, wo viele ideelle, regionale und nationale Traditionen auf engem Raum zusammenkamen. Seit dem 18. Jahrhundert zogen die Alpen zudem mehr und mehr das Interesse von auswärtigen Reisenden auf sich, die das allgemeine Bild, das man sich über dieses Gebirge machte, aufnahmen, weitergaben und veränderten. Von einem Teil dieser Reisenden und Touristen soll hier die Rede sein.
Monarchie, Ideologie und Tourismus
Ein Jahr vor seinem Tell dichtete Friedrich Schiller in einem Drama folgende Verse: «Auf den Bergen ist Freiheit! Der Hauch der Grüfte steigt nicht hinauf in die reinen Lüfte. Die Welt ist vollkommen überall, wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual.» Diese Losung sollte ein Trost sein für bürgerliche Untertanen, die nach politischer Partizipation in den Fürstenstaaten des 18. Jahrhunderts strebten und einen utopischen Ort im Gebirge brauchen konnten.1 Wenig später wurde die aufklärerische Gegenwelt des Gebirges aber zunehmend von anderen Kräften in Anspruch genommen, welche die Bergbevölkerung nicht wegen ihrer vermuteten Freiheitsliebe schätzten, sondern weil man sie für besonders treu und ergeben hielt. Erzherzog Johann von Österreich, ein jüngerer Bruder von Kaiser Franz I., fand 1822 in den Bergen «Kraft, Treue, Einfalt, ein noch unverdorbenes Geschlecht». Sein Ziel war es, im Bund mit den Bergbewohnern dem Schwindel der Zeit entgegenzutreten und «während alles sich krampfhaft bewegt, ruhig als Muster dessen zu stehen, wie es überall sein sollte». Mit dem Leben auf einem steirischen Gebirgshof, seiner Heirat mit einer Postmeisterstochter und seinen alpinistischen Initiativen wurde der Erzherzog zur perfekten Verkörperung der romantischen Alpensehnsucht. Er führte auch nicht wenige seiner kaiserlichen Verwandten persönlich in die Bergwelt – ein Indiz für die zunehmende Aufmerksamkeit der Monarchie für die Alpen.2
Dies ist nur eine der zahlreichen Geschichten aus den Anfängen des monarchischen Alpeninteresses. Man könnte etwa auf die frühen Reisen anderer gekrönter Häupter hinweisen. Sie führten in den 1810er-Jahren zwei Kaiserinnen der Franzosen, eine englische Königin und einen preussischen König nach Chamonix (das man oft zur Schweiz zählte) und ins Berner Oberland. An den Höfen in Paris, London und Berlin wusste man natürlich seit Langem Bescheid über die Besonderheiten dieser Gebirgsregionen, doch erst jetzt machten sich nicht nur Adlige, sondern auch Regenten auf, um sie zu besichtigen.3 In jedem Fall spielten besondere Umstände und – wie man annehmen darf – allgemeine kulturelle Einflüsse eine Rolle. Beide sind nicht leicht zu ergründen. Wenn wir den Stellenwert der Monarchie im Alpenraum systematisch erfassen wollen, sollten wir auf jeweils zeitspezifische Weise die Präsenz der Dynasten, die politische Verfassung und Verfassungsdiskussion sowie die Raumwahrnehmung betrachten. In diesem Buch thematisieren wir vor allem den ersten und den dritten Punkt.
Präsenz der Dynasten: Im Alpenraum gab es keine grossen königlichen Residenzstädte. Grenoble, die bevölkerungsreichste Stadt, war bis zur Revolution Sitz eines königlichen Gerichts, aber nicht eines Herrschers. Innsbruck hatte eine Zeit lang als Hauptort einer habsburgischen Linie gedient, doch in unserer Untersuchungsperiode war das Vergangenheit. Die Dynasten, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert in die Alpen reisten, kamen von aussen. Unsere Studie konzentriert sich vor allem auf das britische und das italienische Königshaus sowie auf die habsburgische Kaiserfamilie. Dabei interessieren nicht zuletzt die Beziehungen zwischen Monarchie und Gesellschaft, und zwar in beide Richtungen: Wie weit folgten die Monarchen mit ihren neuen Alpenreisen allgemeinen Entwicklungen der europäischen Kultur? Und wie weit wirkten sich ihr Verhalten und ihr Vorbild umgekehrt auf die allgemeine Entwicklung des Tourismus aus?
Raumwahrnehmung: Hier geht es um den Wandel von republikanischen zu royalistischen Alpenbildern, um dessen räumliche Schwerpunkte und Ausmasse. Zur Klärung dieser Fragen muss man nicht nur die touristische und technische Erschliessung von Berggebieten und die dabei entstehende materielle Kultur (Hotelpaläste, Schlossbauten und anderes) berücksichtigen. Die politisch-ideologische Frage ist auch vor dem Hintergrund der Nationalstaatenbildung zu sehen, die den Alpenraum zu einer grossen, militärisch bewachten und befestigten Grenzregion machte. Viele Gipfel erhielten durch das aufkommende vereinsmässig organisierte Bergsteigen und durch diese nationalen und nationalistischen Bestrebungen eine neue Bedeutung. Trotz ihrer Erschliessung verkörperten die Alpen aber weiterhin die Natur und eigneten sich damit als Projektionsfläche für allgemeine Vorstellungen über Tugend und Untugend in den unsicheren, schnelllebigen Zeiten des industriellen Fortschritts und der europäischen Expansion.
Das erste Kapitel dieses Buchs führt in die Welt und die Gedanken der Aufklärer, die im 18. Jahrhundert zunächst in die Schweizer Alpen reisten und dort ein «freyes und glückseliges Volk» antreffen wollten. An den Landsgemeinden besuchten sie politische Versammlungen, die einige von ihnen an antike republikanische Ideale erinnerten. Der Kult um den helvetischen Helden Wilhelm Tell nahm ganz neue Formen an, wurde aber im Alpenraum zwei, drei Generationen später vom beginnenden Kult um den Tiroler Helden Andreas Hofer konkurrenziert. Das zweite Kapitel wechselt die Perspektive und blickt den Monarchen bei ihrer Reisetätigkeit, insbesondere ihren Alpenreisen über die Schultern. Queen Victoria begab sich zum Beispiel 1868 für mehrere Wochen in die Zentralschweiz und absolvierte ein dichtes Programm an touristischen Besichtigungen. In Italien herrschte Vittorio Emanuele II., König von Sardinien-Piemont, über eigene Berglandschaften, zum Beispiel das Aostatal. Dort schoss er 1850 seinen ersten Steinbock und wurde später zum alpinen «Jägerkönig». Im dritten Kapitel begeben wir uns in das weitläufige Alpengebiet des Habsburgerreichs, das nicht nur das heutige Österreich umfasste, sondern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch die ganze Alpensüdseite von der Lombardei bis und mit Slowenien. 1857 verlegte Kaiser Franz Joseph seine Sommerresidenz nach Ischl im Salzkammergut. Er und weitere Mitglieder der kaiserlichen Familie kannten den Ort von vielen früheren Aufenthalten. Ihre Anwesenheit prägte die lokale Entwicklung: Auch die Adligen, und wer sonst in der Monarchie etwas auf sich hielt, wollten bald da sein. Das vierte Kapitel kehrt schliesslich zum allgemeinen Alpenbild zurück und befasst sich mit der titelgebenden Frage nach den politischen und kulturellen Vorstellungen in der Belle Époque. In welcher Weise waren die Berge in jener Zeit vor dem Ersten Weltkrieg «majestätisch», und woran kann man das erkennen?
Das Buch beruht auf Quellen aus britischen, italienischen, österreichischen und schweizerischen Archiven und stützt sich auf die einschlägige Fachliteratur. So wie wir das Thema behandeln, ist es allerdings in der historischen Literatur bisher noch nicht dargestellt worden. Neu ist nicht das Aufgreifen einzelner Episoden, sondern deren Verbindung zu einer übergreifenden Fragestellung und ihre Behandlung in transnationaler Perspektive. In allen drei historiografischen Traditionen, die im Buch angesprochen werden (Monarchie-, Alpen- und Tourismusforschung), dominierten bis in die Gegenwart nationale und regionale Untersuchungen. Erst in jüngster Zeit richten Forschende den Blick vermehrt auf die multinationale und europäische Bühne.4 Dies kann die Ergebnisse nicht unwesentlich verändern. So ist man in der Schweiz gewohnt, den philhelvetischen Stimmungsumschwung, der das Image des Landes in der Aufklärungszeit in unerwarteter Weise erneuerte und aufhellte, hervorzuheben und den späteren Wandel zu vernachlässigen. Es ist, als ob man den sensationellen Moment des ersten Kontakts auskosten wollte und nicht wirklich danach fragen möchte, inwiefern dieser in eine stabile Beziehung mündete. Wissenschaftlich gesehen sollten wir uns nicht von solchen Momenten hinreissen lassen. Es kann sich herausstellen, dass die späteren nicht weniger interessant waren – nur anders.
Autorschaft und Dank
Das Buch wurde von zwei Autorinnen und einem Autor geschrieben. Die Idee dazu stammt von früheren Erfahrungen mit der Geschichte des Alpenraums. Ausgeführt wurde sie in einem Projekt, das der Schweizerische Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung in den Jahren 2014 bis 2017 unterstützte. Eva Bachmann verfasste das zweite Kapitel zu den britischen und italienischen Hoheiten im Gebirge. Von Ursula Butz stammt das dritte Kapitel über Habsburg als alpiner Tourismusmagnet. Beide Texte basieren auf Dissertationen, die an der Universität Luzern eingereicht wurden und auch als selbstständige, wesentlich weiter ausgreifende Publikationen zugänglich sind.5 Jon Mathieu, der Leiter des Projekts, schrieb das erste und das vierte Kapitel über die Alpenbilder in der Aufklärungszeit und der Belle Époque.
Fremdsprachige Zitate von literarischer Qualität werden im Haupttext zusammen mit einer deutschen Übersetzung wiedergegeben. Um die Lesbarkeit des Buchs zu erhöhen, haben wir diese Originalzitate sonst in den Endnoten vermerkt und den Haupttext ganz in Deutsch gehalten.
Unser Dank geht an die zahlreichen Personen in den verschiedenen Archiven und Bibliotheken und auf den Tagungen, welche zum Gelingen beigetragen haben – thank you, merci beaucoup, grazie mille.6 Gedankt sei auch dem Schweizerischen Nationalfonds, der Universität Luzern, der Albert Koechlin Stiftung und dem Verlag Hier und Jetzt, der das Werk in vorbildlicher Weise betreut hat.

Karte des Alpenraums. Markiert sind Orte, die im Buch besonders erwähnt werden.
Die Alpen der Aufklärung: Freiheit, Republik
Im Jahr 1724 wurde die Prinzessin Polyxena von Hessen-Rotenburg mit dem Kronprinzen von Sardinien, Carlo Emanuele III., vermählt, dessen erste Frau kurz vorher verschieden war. Im Sommer sollte die 18-jährige, für ihre Schönheit berühmte Prinzessin durch die Schweiz reisen, um ihren Mann auf der savoyischen Seite des Genfersees zu ehelichen. Am 5. August traf sie mit ihrem Gefolge in Basel ein. Von überall strömten Menschen herbei, neugierig auf die Pracht des adligen Einzugs. Die Prinzessin erhielt hier einen neuen, vom Königreich Sardinien bestellten Hofstaat (Hofdamen und Bedienstete) und schickte ihre hessische Entourage nach Deutschland zurück. Zwei Wochen später traf die neue Reisegesellschaft in Lausanne ein und wollte über den Genfersee setzen. Am anderen Ufer warteten der König Vittorio Amadeo II. und der heiratslustige Kronprinz. Mit ihren Fernrohren sahen sie das Segelboot der schönen Polyxena abfahren. Doch ein jäh aufkommender Sturm versetzte alle in Aufregung und zwang das Boot zur Umkehr. Am nächsten Tag gelang die Überfahrt. Der König zeigte sich erleichtert und vergnügt über den «holdseligen Anblick seiner schönen Sohnsfrauen». Der Prinz, der sie wohl ebenfalls zum ersten Mal sah, führte seine Braut zur Kirche, wo die priesterliche Einsegnung erfolgte.7
Im Gefolge der Prinzessin befand sich Johann Michael von Loën, 30-jährig, aber schon weit gereist, Sohn einer reichen Kaufmannsfamilie aus Frankfurt und sehr gut ausgebildet, unter anderem vom berühmten Aufklärer Christian Thomasius. Loën verdanken wir den Bericht über die «Heimführung der vermählten Prinzessin». Als er damals die Hügelzüge oberhalb Lausanne erreichte, geriet er in Begeisterung:
«Ich übersahe hier in einem unbeschreiblichen Entzücken den grossen Genfer See, der als ein lichter Cörper mit einem mit Blau schattirten Grund hervor schimmerte: Gegen über erhoben sich nach und nach die Savoyische, denen Wolken gleichende Alpen.» Seine Stimmung wurde fast religiös, denn «alle Schauspiele der Welt haben nichts gegen diese Pracht der Natur. Ich wurde hier durch die Schönheit so unzehliger Vorwürffe [Gegenstände] gleichsam näher in die Gegenwart des allmächtigen Schöpfers gebracht, um die Werke seiner Hände, die so majestätisch von allen Seiten hervor glänzten, mit gebührter Andacht zu bewundern.»8
Als beglückend empfand von Loën auch den Gedanken, dass die Schweizer, deren Land er durchquerte, «in stolzer Freyheit» lebten. Anderer Meinung war der mitreisende Grosshofmeister, General in sardischen Diensten; er hielt die Schweizer für Spitzbuben («coquins»). Doch der aufklärerisch gesinnte Frankfurter liess sich nicht beirren. Als er von Savoyen wieder nach Genf kam, erhielt er schon von der äusseren Erscheinung «einen deutlichen Begriff von den Vorzügen eines freyen Staats und von dem Verderben, in welche die Hoheit der Monarchen durch den Krieg ihre Völcker stürtzen». Ganz besonders galten die Vorzüge für die Berggebiete, an denen es in der Schweiz nicht mangelte: «Die rauhesten Gegenden zeugen insgemein bessere Menschen, als die fruchtbarste Gefilder, wo der Uberfluss, der Müßiggang und die Wohllüste die Menschen verderben.»9
Allgemein war das Alpenbild der Aufklärung, das hier aufscheint, vielschichtiger, als man oft annimmt. Denn es gab nicht nur ein Projekt der Aufklärung, sondern zahlreiche Projekte. Und das Bild von den Alpen hatte nicht bloss eine, sondern viele Dimensionen: ästhetische, emotionale, ökonomische, religiöse, politische. Die Alpenbilder befanden sich zudem in beständigem Wandel. Die jüngere Forschung hat sich von der Schwarz-Weiss-Periodisierung früherer Autoren mehrheitlich verabschiedet und anhand einer grossen Zahl von Texten gezeigt, dass man nicht von einem einfachen Übergang von «hässlichen, furchterregenden» zu «reizvollen, erhabenen» Alpen sprechen kann. Vielmehr gab es seit der Zunahme der Schriftlichkeit im Spätmittelalter verschiedene Ansichten über die Bergwelt. Manchmal fanden sich positive und negative Wertungen in ein und demselben Text, manchmal verteilten sie sich auf verschiedene Texte. Ausgehend von der Naturforschung kam es seit dem frühen 18. Jahrhundert zu einer Verlagerung. Die positiven Wertungen gewannen an Gewicht und wurden mit der Zeit zu regelrechten Konventionen, während die negativen Wertungen in den Hintergrund traten, ohne je ganz zu verschwinden. Auffälliger noch als die Urteilsverschiebung war aber die ungeheure Vermehrung der Texte und damit der Aufmerksamkeit, welche die Alpen auf sich zogen. Nach Ausweis der Reiseliteratur fiel der Beginn der explosionsartigen Zunahme in die 1760er-Jahre, als «aufgeklärte» Stimmen in Europa vielerorts die Deutungshoheit gewannen.10 Die Reiseberichte weisen auch darauf hin, dass dieser neue Alpendiskurs in geografischer Hinsicht ausgesprochen selektiv war. Er betraf vor allem die kleine Region von der Zentralschweiz bis nach Chamonix mit dem hohen Mont-Blanc-Gipfel. Die Alpenreisenden kamen vor allem aus nördlichen Ländern, namentlich England, Frankreich und Deutschland. In den folgenden Abschnitten präsentieren wir einige dieser Reisenden, mit speziellem Blick auf ihre politischen Ideen und Beobachtungen.11

Abb. 1: Ansicht des Genfersees mit schweizerischen und savoyischen Alpen aus den «Tableaux topographiques» von Beat Fidel Zurlauben, 1780.
«Ein freyes und glückseliges Volk»
«Wenn man ein freyes und glückseliges Volk sehen will, so muß man in die Schweitz reisen.» Mit diesen Worten leitete Johann Michael von Loën einen Bericht über die Eidgenossenschaft ein, die er 1719 und dann wieder im Gefolge der erwähnten hessischen Prinzessin 1724 bereist hatte. Es sei erstaunlich, wie Menschen mit derart grossen Unterschieden punkto Religion, Sitte und Sprache seit dem ersten Bund von 1315 eine so «unverbrüchliche Vereinigung» und eine so «mächtige Republick» haben erschaffen können. «Keine Länder in der Welt sind besser zu einer freyen Republick gelegen. Die Natur hat sie gleichsam mit unersteiglichen Mauren umgeben. Ihre eigne Nachbarn beschützen sie durch ihre Eifersucht, indem es einem jeden nachtheilig seyn würde dem andern einen Flecken davon zu gönnen.» Einige meinten freilich, dass es die «natürliche Armuth» sei, welche die Schweizer vor Einfällen auswärtiger Feinde schütze. Denn sie hätten ausser einigen Eisenbergwerken und ihren Weiden in den Tälern wenig Schätze.
«Allein diejenigen, welche so urtheilen, kennen den wahren Werth der Länder nicht. Die ganze Schweitz, auch in den wildesten Gebürgen, ist voller Menschen; diese sind die wahren Reichthümer eines Landes. Was kann man nicht mit ihnen ausrichten, zumahl mit solchen, die frisch, gesund, arbeitsam, redlich und beherzt, wie die Schweitzer, sind?»12
Über die Schweizer zirkulierten allerdings noch andere Urteile, welche von Loën seinen Lesern nicht vorenthielt. Sie galten – besonders bei den Franzosen – als «unhöfliches, rohes und grobes Volk», kurz: als dumme Bauern («gros paisans»). Er selbst war positiver gestimmt und hob ihren Witz hervor, der sich ihrer freien Denkungsart verdanke. Doch die Freiheit hatte in seinen Augen auch Schattenseiten. Sie mache das gemeine Volk «ein wenig trotzig und ungesittet, auch hin und wieder wollüstiger und üppiger, als man es in diesen Ländern vermuthen sollte».13 Es ist nicht sicher, wann genau von Loën den Schweizer Bericht und jenen über die Prinzessin zu Papier brachte. Wahrscheinlich geschah es in den 1740er-Jahren und vielleicht zuerst in französischer Sprache, die im Adel und in gebildeten Kreisen weit über Frankreich hinaus verbreitet war. In seinen gesammelten «Kleinen Schriften» erschienen die Texte erstmals 1749. Von Loën war ein sehr produktiver Autor. Das Neue Gelehrte Europa, eine in Wolfenbüttel gedruckte Galerie von Intellektuellenbiografien bemerkte 1753: «Der Hr. von Loen ist gegenwärtig in der gelehrten Welt eine Person, auf welche aller Augen gerichtet sind.» Der preussische König und Aufklärungsfreund Friedrich II. berief ihn als Regierungspräsidenten von zwei Grafschaften. Früher hatte von Loën solche Berufungen abgelehnt und sittenkritische Romane verfasst. Jetzt sagte er zu, blieb aber weiterhin stolz, einem neuen Zeitalter der Vernunft anzugehören und für das Wohl der Gesellschaft zu arbeiten. Dazu eigneten sich in seinen Augen die Staatsform einer reformfreudigen, zentralistischen Monarchie, aber auch – wie mit dem Schweizer Beispiel belegt – demokratisch-republikanische Verfassungen.14

Abb. 2: Johann Michael von Loën (1694–1776), deutscher Autor und Staatsmann der Aufklärung. Frontispiz seiner «Kleinen Schriften», Ausgabe 1750.
Karriere in einem kulturell aufgeschlossenen deutschen Fürstenstaat machte auch von Loëns Grossneffe, ein anderer Frankfurter, auf den nun wirklich viele Augen blickten: Johann Wolfgang Goethe. In Dichtung und Wahrheit (1811) würdigte Goethe den Schwager seiner Grossmutter als mutigen Mann, der mit kritischen und vorurteilsfreien Schriften viel bewirkt und sich auch Unannehmlichkeiten eingehandelt habe.15 Goethe selbst war der Schweizer Bergwelt vor allem aus Gründen des ästhetisch-emotionalen Naturerlebnisses und seiner damit verbundenen Naturforschung zugetan. Er hatte sie drei Mal während mehreren Monaten besucht: 1775, 1779 und 1797. Beim letzten Mal gehörte er zu den berühmtesten Autoren seiner Zeit. Tagebücher, Briefe, Gedichte, Zeichnungen und weitere Dokumente zeugen von diesen streckenweise zu Fuss zurückgelegten Reisen. Auch Texte, welche die Alpen nicht nennen, könnten von ihnen inspiriert gewesen sein, wie etwa die kleine Abhandlung Über den Granit. In ihr verband Goethe die Betrachtung des menschlichen Herzens mit der Beobachtung dieses «ältesten, festesten, tiefsten, unerschütterlichsten Sohnes der Natur».

Abb. 3: «Scheideblick vom Gotthard nach Italien». Zeichnung von Johann Wolfgang Goethe vom 22. Juni 1775.
«Auf einem hohen nackten Gipfel sitzend und eine weite Gegend überschauend, kann ich mir sagen: Hier ruhst du unmittelbar auf einem Grunde, der bis zu den tiefsten Orten der Erde hinreicht, keine neuere Schicht, keine aufgehäufte zusammengeschwemmte Trümmer haben sich zwischen dich und den festen Boden der Urwelt gelegt.»16
Eine sehr bekannte, weil umstrittene Äusserung über die politischen Verhältnisse in der Schweiz legte Goethe einer Romanfigur in den Mund. Die Passage wurde 1796 geschrieben und erschien 1808 in Briefe aus der Schweiz, die einer Edition der Leiden des jungen Werthers angehängt und als von diesem stammend ausgegeben wurde:
«Frei wären die Schweizer? frei diese wohlhabenden Bürger in den verschlossenen Städten? frei diese armen Teufel an ihren Klippen und Felsen? Was man dem Menschen nicht alles weiß machen kann! besonders wenn man so ein altes Märchen in Spiritus aufbewahrt. Sie machten sich einmal von einem Tyrannen los und konnten sich in einem Augenblick frei denken; nun erschuf ihnen die liebe Sonne aus dem Aas des Unterdrückers einen Schwarm von kleinen Tyrannen durch eine sonderbare Wiedergeburt; nun erzählen sie das alte Märchen immer fort, man hört bis zum Überdruß: sie hätten sich einmal frei gemacht und wären frei geblieben; und nun sitzen sie hinter ihren Mauern, eingefangen von ihren Gewohnheiten und Gesetzen, ihren Fraubasereien [Geschwätz] und Philistereien [Kleingeistigkeit], und da draußen auf den Felsen ist auch wohl der Mühe wert, von Freiheit zu reden, wenn man das halbe Jahr vom Schnee wie ein Murmeltier gefangengehalten wird.»17
Laut Forschung ist die wahre Absicht des Autors in dieser Passage schwer zu ermitteln. Schon die Stereotypie des Diskurses könnte zum Widerspruch gereizt haben. Tatsächlich war die Botschaft von der Schweizer Freiheit seit den 1760er-Jahren in der Reiseliteratur fast gebetsmühlenartig wiederholt und verbreitet worden. Das war auch die Zeit, als das lange, barock anmutende Lehrgedicht von Albrecht von Haller über die Alpen (1732) wirklich berühmt wurde. Nicht wenige bemühten sich jetzt, es auswendig herzusagen. Mit der Zeit jedoch wurde der Blick einiger Autoren kritischer. Einerseits kannte man das idealisierte Land nun besser als früher, andererseits erhöhte die zunehmende Politisierung der Aufklärung die Massstäbe. Die altertümliche Gerichtspraxis in der Eidgenossenschaft sorgte bei Aufklärern für Unmut. So besonders im Fall von Anna Göldin, die 1782 unter dem Vorwurf der Hexerei verhaftet und – weil man das offiziell nicht mehr sagen durfte – wegen Giftmords verklagt und hingerichtet wurde. Das aristokratische Regiment in den Städten und die Geschlechterherrschaft in den Länderorten gerieten nun vermehrt in die Kritik, besonders seit die 1789 ausgebrochene Revolution in Frankreich nach grundsätzlichen Massnahmen und Entscheidungen rief. Während sich die einen auf die Seite der überzeugten Erneuerer schlugen und die Freiheit in der Schweiz als bisher nicht verwirklichte Fiktion geisselten, konnten konservative Geister diese Freiheit jetzt umso mehr als übertrieben empfinden.18 Ohnehin liessen sich viele Behauptungen über die Machtverteilung schlecht überprüfen. Wenn es einen Ort gab, wo man die republikanisch-freiheitliche Verfassung im Vollzug beobachten und sinnlich erleben konnte, dann waren es die periodischen Versammlungen der politisch berechtigen Landleute, die sogenannten Landsgemeinden.
Landsgemeindedemokratie
Im Jahr 1777 war die allgemeine Landsgemeinde in Glarus auf Sonntag, den 27. Juli, angesetzt. Infolge starker Regenfälle und Überschwemmungen wurden jedoch viele Landleute aufgehalten, sodass sich nur etwa ein Drittel auf der grossen Wiese zwischen dem Hauptort und Schwanden einfand. Der Landammann beorderte die Anwesenden daher in die Kirche und liess darüber befinden, ob man das jährliche politische Grossereignis aus gegebenem Anlass auf den folgenden Tag verschieben sollte. Eigentlich war die Teilnahme für die erwachsenen Männer verpflichtend. Zugleich fragte er die gut tausendköpfige Versammlung, ob einige ausländische Reisende – drei Engländer und ein Franzose – diese Landsgemeinde besuchen durften. Beim Franzosen handelte es sich um den 22-jährigen Louis Ramond de Carbonnières, der einen Bericht dazu hinterlassen hat: «Eine brausende und schmeichelhafte Akklamation kündigte uns die Einwilligung dieser Republikaner an», stellte er zufrieden fest.19
Im Verlaufe des Sonntags trafen dann mehr und mehr Stimmberechtigte ein, und am nächsten Morgen begaben sich alle auf die Landsgemeindewiese. Dort war ein vierfacher Ring von Bänken mit einem Durchmesser von ungefähr hundert Metern («plus des trois cents pieds») aufgestellt. Auf den innersten Bänken sassen die Räte, auf den anderen die gemeinen Männer, alle mit Waffen und ohne für fremde Augen erkennbare Rangunterschiede. Der Landammann stand aufrecht, gestützt auf ein «Freiheitsschwert», mit dem man angeblich einst die Österreicher vertrieben hatte, neben ihm ein Gerichtsdiener und zwei Weibel in den Standesfarben. Die Frauen kamen nicht an den Ring heran, die Knaben konnten hingegen im Innern auf dem Boden sitzen. Der Landammann eröffnete die Versammlung mit einer Rede zur aktuellen Erneuerung der Allianz zwischen der Eidgenossenschaft und Frankreich, die zwei Monate vorher nicht ohne Nebengeräusche abgeschlossen worden war. Sie wurde jetzt von den Glarnern mit grossem Beifall und ohne Auszählung der Stimmen ratifiziert. Nachher zogen sich während neun Stunden viele Wahl- und Sachgeschäfte hin. Ramond de Carbonnières scheint sich aber – wie er eigens hervorhob – nicht im Mindesten gelangweilt zu haben. Die schnörkellosen Reden, der an die Antike gemahnende demokratische Entscheidungsprozess und die alpine Landschaft hatten ihn zur Gänze gefangen genommen.
«Welches Gebäude besässe die Majestät dieses Tales, das von den natürlichen Bollwerken des Landes geschützt, mit Alphütten übersät und von Viehherden bedeckt ist, welche diesen Republikanern die Annehmlichkeiten ihres Landes vor Augen führen und in allen Herzen immer aufs Neue die Liebe zum Heimatland entfachen? Ich war durchdrungen von dem, was ich sah, und konnte diese erhabene Verbindung von Grösse und Einfachheit nicht genug bewundern.»20
So ausführlich die Schilderungen von Ramond de Carbonnières waren, sie erschienen nicht als selbstständiger Reisebericht, sondern in einem Buch über die Schweiz, das man als zweistimmig bezeichnen kann. Der Engländer William Coxe, der ein Jahr vorher das Land als Begleiter eines jungen Herzogs besucht hatte, publizierte 1779 eine Beschreibung der Schweiz in Form von Briefen. Sie wurde bald von Ramond de Carbonnières ins Französische übersetzt, allerdings in sehr freier Form. Er fügte längere «Bemerkungen» und «Reiseabschnitte» des Übersetzers hinzu. Manchmal dienten die Zusätze zur Bestätigung von Coxe, oft aber auch zu einer impliziten oder expliziten Kritik. Wenn man die beiden in dieser Publikation von 1781 vereinten Autoren einordnen will, liesse sich der Engländer als vernunftbetont charakterisieren, der Franzose als gefühlsbetont. Die Unterschiede deuteten sich etwa bei ihrer Rousseau-Lektüre an. Jean-Jacques Rousseau hatte seinen berühmten Liebesroman Julie ou la Nouvelle Héloïse am Genfersee und in den angrenzenden Walliser Bergen situiert. Der 1761 erstmals erschienene Roman schlug alle Verkaufsrekorde und lenkte die Fantasie des europäischen Publikums auf die Alpen. Nicht wenige pilgerten mit dem Buch in der Hand an die Orte des fiktiven Geschehens. So auch die beiden Autoren. Coxe schrieb dazu zwei Seiten, Ramond de Carbonnières wollte mehr bieten und wies in Zusätzen auf einen besonderen Aussichtspunkt und einen weiteren Erinnerungsort hin.21

Abb. 4: Die Landsgemeinde in Trogen, Appenzell Ausserrhoden, vom 24. April 1814. Sie wurde wie andere Landsgemeinden auch von ausländischen Reisenden besucht. Druckgrafik nach einer Zeichnung von Johann Jakob Mock.
Der Autor und sein Übersetzer stammten nicht nur aus verschiedenen Ländern, sondern auch aus verschiedenen Milieus. Ramond de Carbonnières hatte Jurisprudenz studiert und gehörte in seiner Studentenzeit in Strassburg zu einem Literaturzirkel, in dem wichtige Protagonisten des deutschen Sturm und Drang verkehrten. Er war ebenfalls literarisch tätig. Später wurde er Kardinalssekretär, Politiker und ein bekannter Erforscher der Pyrenäen. Coxe schlug dagegen eine geistliche Laufbahn ein. Sie führte ihn über das King’s College in Cambridge und eine Tätigkeit als Reisebegleiter des Adels auf ein Erzdekanat einer englischen Diözese. Seine Darstellung der Glarner Landsgemeinde war deutlich nüchterner als diejenige seines Übersetzers. Er stellte einfach fest, dass die Regierung «entirely democratical» und der Landammann «the chief of the republic» sei und machte Angaben über den Wahlmodus, die politische Berechtigung und die gewöhnlichen Geschäfte. Trotz «den natürlichen Defekten einer demokratischen Verfassung» erhielt die Landsgemeinde auch von seiner Seite viel Zustimmung. «Allgemeine Freiheit (liberty), allgemeine Unabhängigkeit und Befreiung von willkürlichen Steuern sind Segnungen, welche jenen Mangel an Verfeinerungen zur Genüge kompensieren, die durch Reichtum und Luxus eingeführt werden.» Allerdings könne eine solche Art von «allgemeiner Demokratie» nur in kleinen Staaten funktionieren, wo es keine sehr reichen Personen gebe.22
Ob republikanische Verfassungen nicht nur in kleinen, sondern auch in grossen Staaten praktikabel seien, wurde mit der angelaufenen Amerikanischen Revolution und der bald einsetzenden Französischen Revolution zu einer höchst aktuellen Frage. Aber schon die Frage, ob die Landsgemeinde wirklich demokratisch sei, war umstritten.23 Immerhin hatte sich ihr Ansehen gegenüber früheren Zeiten wesentlich verbessert. Es ist bekannt, dass das 16. und das 17. Jahrhundert – auch auf der ideellen Ebene – der Monarchie gehört hatten. Die meisten Staatstheoretiker hielten die Demokratie damals für eine ineffiziente und ungerechte Pöbelherrschaft, kaum besser als Anarchie. Lokalisiert wurde diese «schlechte» Verfassung vor allem in den Zentralalpen: in Graubünden und in den eidgenössischen Länderorten mit ihren Landsgemeinden.24 Als sich dann im 18. Jahrhundert die Koordinaten des europäischen Diskurses verschoben, als die Monarchie kritisiert und die Demokratie aufgewertet wurde, waren es gerade jene Gebiete, die sich zur politischen Idealisierung eigneten. Einerseits wegen ihres Rufs als historische Bezwinger des Adels, andererseits wegen ihrer aktuellen Staatsform. An dieser hatte sich zwar wenig verändert, doch plötzlich war die Umgebung positiv gestimmt. Auch die seit Langem gerühmte Freiheit nahm einen anderen Klang an.
Denkmäler der Freiheit
In der ständischen Gesellschaft der frühen Neuzeit sprach man von Freiheit meist im Plural und in einem partikulären und korporatistischen Sinn. Die «Rechte und Freiheiten» (jura et libertates) bezeichneten einen speziellen Status und Privilegien von lokalen, regionalen und anderen Körperschaften. Über diese Freiheiten konnte man reden, ohne die Gleichheit mitzudenken. Der Begriff galt für Adels- und Fürstenherrschaften ebenso wie für die wenigen Landschaften mit republikanisch-demokratischen Verfassungen. Von dieser älteren Verwendung unterschied sich die Freiheit im modernen Sinn, als allgemeinen männlich-individuellen Anspruch, der mit der Aufklärung ins Zentrum der Debatte rückte und sich mit dem Aufkommen einer Staatsbürgergesellschaft verfestigte.25 Die Intellektuellen, die in den Alpen ihre bürgerlichen Ideale suchten, hatten den letzteren Freiheitsbegriff verinnerlicht und trafen auf Einheimische, die zunächst mehrheitlich einer älteren Sprache verhaftet blieben. Nicht selten fiel schon die praktische Verständigung schwer, und auch in den Landsgemeindeorten war Freiheit eben nicht gleich Freiheiten. Besonders gut lässt sich die politische Aufladung der neuen Konzeption beobachten, wenn sie mit materiellen Symbolen operierte wie bei den kurzen Alpenauftritten von Louis-Sébastien Mercier und Guillaume-Thomas Raynal.
Louis-Sébastien Mercier, ein höchst umtriebiger Literat und Journalist aus Paris, bekannt für seinen utopischen Roman L’an 2440 und seine epischen Sittengemälde der französischen Hauptstadt (Tableaux), flüchtete 1781 in die Schweiz, weil er fürchtete, wegen seinen Publikationen verfolgt zu werden. Dort betätigte er sich weiterhin schriftstellerisch und besuchte mehrere Städte, unter anderem Luzern. Das Neuste, was man in diesem noch ziemlich mittelalterlich anmutenden Ort am Alpenrand besichtigen konnte, war ein grosses Relief der Zentralschweiz. Darauf liess sich die abwechslungsreiche Landschaft bis ins Detail erkennen: die Verästelungen des Vierwaldstättersees, der Übergang vom leicht hügeligen Mittelland über die Voralpen zum Hochgebirge mit seinen eigenwilligen Gipfelformen, dazu die vielen Fliessgewässer und die winzigen Strassen und Siedlungen der Menschen. Das minutiös nach der Natur angefertigte Relief zeigte ein Gebiet von rund 3500 Quadratmetern mit einer Berglandschaft, die noch niemand aus dieser erhöhten Perspektive überblickt hatte. Es stand in einem Zimmer von Franz Ludwig Pfyffer. Der gewesene Militärunternehmer in französischen Diensten und einflussreiche Staatsmann hatte sich seit drei Jahrzehnten mit der topografischen Vermessung des Raums und mit der Anfertigung dieser Suisse miniature befasst. Sie wurde, wie zahlreiche Erwähnungen in Reiseberichten bezeugen, ein enormer frühtouristischer Erfolg. Besonders begeistert und politisch äusserte sich Mercier über das modellierte Gipfelmeer:
«Das Auge entdeckt, dass der Despotismus in diesen hoch gelegenen Gegenden nie seine Unverschämtheit ausbreiten kann, denn indem er um einige Toisen [Masseinheit von 1,8 Metern] höher steigt, tritt der Unterdrückte das Haupt seines Unterdrückers nieder. Die Bergler sind geboren, um frei zu sein, und man kommt dort nicht im Entferntesten auf den Gedanken, dass es Menschen geben könnte, die mit dem Vorrecht geboren wurden, gebieterisch über andere zu herrschen.»26
Fast zur gleichen Zeit wie Mercier flüchtete der Abbé Guillaume-Thomas Raynal in die Schweiz, und zwar aus ähnlichen Gründen. Die von ihm herausgegebene Histoire des deux Indes, in welcher er den Kolonialismus, die Sklaverei und die Eliten in den Mutterländern kritisierte, wurde 1781 in Paris vom Henker öffentlich verbrannt. Dies kam Raynal offenbar zupass. Die Zensur machte ihn weitherum berühmt, sodass er auf seinen Reisen ständig Einladungen von besten Gesellschaften erhielt. Schon vor der Buchverbrennung scheint er auf die Idee gekommen zu sein, ein weiteres Zeichen zu setzen und den drei ersten Eidgenossen auf der Urner Rütliwiese ein Freiheitsdenkmal zu stiften. Dafür wollte er eine ansehnliche Summe auslegen, «mit so grosser Hochachtung ist er gegen unsere Freyheits Erretter durchgedrungen», wie eine Zeitschrift in Zürich meinte. Doch die Antwort aus Uri liess das Argument nicht gelten. Solange jeder Rechtschaffene, wenn er mit dem Schiff am Rütli vorbeifahre, ehrfürchtig den Platz des ersten Bundes besichtigte, dabei der Vorväter gedenke und Gott für die Freiheit danke, solange brauche es da «kein steinernes Denkmal». Auch in Kreisen der Aufklärer gingen die Meinungen über den Plan auseinander. Vorgesehen war zuerst ein neun Meter hoher Obelisk mit einem vergoldeten Tellenapfel an der Spitze. Goethe teilte einem Schweizer Freund mit, dieses Denkmal werde sich in der gewaltigen Natur armselig ausmachen; er hoffe, dass es nicht zustande käme. Die Chancen waren gering. Erst als sich der angesehene Franz Ludwig Pfyffer dafür einsetzte (so konnte er den Reisenden neben seinem Relief ein weiteres Angebot machen), gelang die Realisierung in veränderter Form. Statt auf der symbolisch bedeutsamen Urner Wiese, wurde ein redimensioniertes Denkmal auf einem Inselchen in der Nähe von Luzern errichtet, wo der Schiffsverkehr vorbeikam. Die mehrheitlich lateinische, von einer französischen Akademie abgesegnete Inschrift pries die drei Eidgenossen und die von ihnen errungene «libertas». Aber nicht sehr lange – 1796 schlug ein Blitz in den Tellenapfel und zerstörte das Monument. Obwohl es sich bei Reisenden einiger Beliebtheit erfreut hatte, wurde es nicht mehr aufgebaut.27

Abb. 5: Vierwaldstättersee mit dem Denkmal des Abbé Raynal. Das Monument wurde errichtet «zu Ehren der drei ersten Gründer der helvetischen Freiheit», heisst es auf der Umrissradierung von Christian von Mechel 1786.
Wie also sahen die Alpen der Aufklärung aus? Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sie in den 1770er- und 1780er-Jahren als Altar für einen modernen Freiheitskult und als hochgelegener Hort des europäischen Republikanismus erschienen. Die Inkubationszeit für diese symbolische Raumaneignung hatte lange gedauert, doch nach dem Siebenjährigen Krieg nahm der freiheitlich-republikanische Diskurs massiv zu. Obwohl es davon verschiedenste Varianten gab, erreichte er insgesamt eine Intensität, die einen auch nachträglich staunen lässt. Dass der Kult gerade hier stattfand, hatte teilweise historische Gründe. Das eidgenössische und bündnerische Berggebiet stand seit dem Spätmittelalter und vermehrt seit dem 16. Jahrhundert im Ruf der Adelsfeindschaft und Volksherrschaft, was von der neuen Gesellschaftskritik positiv gewertet wurde. Wichtig war auch die landschaftliche Ausstattung: Der Diskurs fand vor den Kulissen einer Berg- und Seenlandschaft statt, für die es in der europäischen Elite eine wachsende Nachfrage gab. Die zunehmende Neugier auf ungewöhnliche Landschaften und die davon ausgelösten Emotionen zeigten sich an den fast von Jahr zu Jahr steigenden Zahlen der Reisenden. Das erneuerte Verhältnis zur Natur hatte seinerseits ideelle Bezüge. Vielfach hörte man die Meinung, dass die Bevölkerung in dieser Umgebung die Unschuld und natürlichen Sitten aus der Kindheit der Menschheit bewahrt hätten, also noch nicht von der künstlichen und korrupten Zivilisation befallen worden seien.
Zwei Alpenhelden
Interesse verdient allerdings auch die erwähnte Tatsache, dass dieser aufklärerische Alpendiskurs in geografischer Hinsicht ausgesprochen selektiv war. Die Reisenden kamen vor allem aus den Zentren des wirtschaftlichen und kulturellen Aufbruchs im nördlichen Europa, namentlich England, Frankreich und Deutschland. Und das besonders gepriesene und bereiste Gebiet war eng begrenzt. Es reichte etwa von Luzern bis Chamonix, Orte, die in Luftlinie knapp 170 Kilometer auseinanderliegen, während der ganze Alpenbogen etwa 1200 Kilometer misst. In diesem Buch interessiert die Frage, wie es mit dem Diskurs weiterging und wie auch andere, bisher wenig beachtete Teile des Alpenraums einbezogen wurden. Im Folgenden wollen wir Aspekte des politischen Images und seiner Entwicklung zunächst anhand zweier Alpenhelden beobachten. Der erste war eine fiktive Gestalt, die im späten 15. Jahrhundert erstmals erschien und im vorrevolutionären und revolutionären Zeitalter eine grosse internationale Karriere als Held der schweizerischen Freiheit und Republik machte: Wilhelm Tell. Der zweite stellte sich im Jahr 1809 an die Spitze des Tiroler Aufstands gegen das napoleonische Regime der Bayern und Franzosen, wurde darauf hingerichtet und so erst recht zu einem Helden der tirolischen Freiheit und der österreichischen Monarchie: Andreas Hofer. Tell hielt man in der breiten Bevölkerung bis ins 20. Jahrhundert mehrheitlich für eine historische Gestalt, und bei Hofer interessiert hier weniger seine Realität als seine Rezeption. Inwiefern kann man den gesellschaftlichen Umgang mit den beiden Figuren als Sonde für die Entwicklung des politischen Klimas verwenden?

Abb. 6: «Hofer, the Tell of the Tyrol». Titelblatt der englischen Adaption der Oper «Guillaume Tell» von Gioachino Rossini, London 1830.
Einen aufschlussreichen Stimmungstest im romantischen Zeitalter gibt zunächst die Oper Guillaume Tell von Gioachino Rossini. In bestimmten Aufführungen trafen die beiden Alpenhelden aufeinander und erwiesen sich als austauschbar. Wie in der Einleitung ausgeführt, fand die englische Premiere der Oper im Mai 1830 statt, ein halbes Jahr nach der Uraufführung in Paris. Für die Londoner Vorstellung wurde das Libretto jedoch nicht übersetzt, sondern auf den Tiroler Helden umgeschrieben. Das Werk hiess hier Hofer, the Tell of the Tyrol. Diese «Grand Historical Opera» erzählte die Geschichte vom Tiroler Aufstand mit einleitenden Passagen, die noch recht nahe am Original waren: «Schön wie eine Braut wacht der Morgen auf, von Gold bedeckt glühet der Gletscher». Inmitten dieser romantischen, alpinen Szenerie werden in einem Dorf des tirolischen Pustertals Vorbereitungen für eine Hochzeit getroffen, bevor Fremdherrschaft und Befreiungskampf auf der Bühne in Erscheinung treten.28 Bei Rossinis Tell beginnt die Oper ebenfalls mit Hochzeitsvorbereitungen in alpiner Umgebung, hier im schweizerischen Uri und laut Szenenanweisung mit einem Gebirgsbach und dem Vierwaldstättersee. Doch dann gehen die beiden Erzählungen stark auseinander: Bei Rossini tötet Tell zum Schluss den habsburgischen Vogt und Unterdrücker Gessler mit der Armbrust, was vom Volk begeistert gefeiert wird: «Freiheit, steig wieder vom Himmel herunter, Dein Reich möge neu beginnen!» In der englischen Hofer-Version singt der Chor gerade umgekehrt: «Heil dem Hause Habsburg! Freude dem Hause Habsburg! Tirol ist der Krone zurückgegeben!»29
Der Librettist der englischen Oper begründete den Austausch der Helden mit den vielfältigen bereits gezeigten Dramatisierungen von Tell und mit dem Umstand, dass der Tiroler wie der Schweizer Held sein Land von Fremdherrschaft befreit habe. Tatsächlich war es auf britischen Bühnen in den Jahrzehnten vor 1830 zu einem auffallenden Tell-Boom gekommen, der auch auf Belustigung abzielte, etwa mit Titeln wie Tell and the Harlequin. Zudem lag die Verbindung Tell–Hofer im Vereinigten Königreich mit seiner dezidiert antinapoleonischen Haltung näher als anderswo und war von bekannten Autoren so ins Gespräch gebracht worden. Ein oft genanntes Beispiel war das Gedicht Hôffer von William Wordsworth, das den Tiroler von «Tell’s great Spirit» beseelt sah.30
Anders verhielt es sich in Berlin, wo Rossinis Tell im Herbst 1830 ebenfalls im Gewand von Hofer aufgeführt wurde, allerdings in einer gegenüber der englischen abgewandelten Version. Die komischen Elemente waren daraus entfernt worden, und die Loyalität des Tirols zur Krone diente hier als allgemeines Exempel der Untertanentreue. Der (ohnehin faktenwidrige) Sieg der Aufständischen wurde nicht als Selbstbefreiung des Landes dargestellt, sondern von österreichischen Truppen herbeigeführt, und zum Schluss erhielt der Freiheitsheld einen Orden aus den Händen des kaiserlichen Generals. Die Berliner Aufführung war Teil der Vermählungsfeier eines Sohns des Preussenkönigs Friedrich Wilhelm III. und wurde von den Berliner Nachrichten folgendermassen geschildert:
«Am 18. d. (Oktober), dem für Deutschlands Heil so hoch denkwürdigen Tage, begingen die Bewohner hiesiger Residenz ein herrliches Fest der innigsten, treuesten Unterthanen-Liebe und wahrer Verehrung des Allerhöchsten Königlichen Hauses im großen festlich erleuchteten Operntheater.»
Zuerst zeigte sich das junge Ehepaar in der königlichen Mittelloge, nachher trat der König auf, was die Anwesenden – laut Bericht – zu einem aus tiefster Brust einstimmig gesungenen «Heil Dir im Siegerkranz» veranlasste. Nachdem die stundenlange Oper dann vorbei war, unterblieben Beifallsbezeugungen für die Künstler, denn hier galt die Verehrung und Liebe nur einem Adressaten: «Heil dem König! Heil seinem ganzen Hause! Heil Preußen Dir!»31
Der König von Preussen bildete damals zusammen mit dem habsburgischen Kaiser in Wien und dem russischen Zaren den Kern der Heiligen Allianz. Im Sommer und Herbst 1830 war die politische Situation äusserst gespannt, nachdem die blutig ausgetragene, antimonarchische Julirevolution in Paris die liberalen Kräfte an vielen Orten Europas zu Aufständen animiert hatte. Die stramm antirepublikanische Inszenierung von Rossinis Tell-Oper muss vor diesem Hintergrund gesehen werden. Viel Erfolg war ihr jedoch nicht beschieden; sie verschwand nach wenigen Vorstellungen von der Bühne. Privat äusserte man sich von Anfang an auch anders als die Berliner Nachrichten. Carl Friedrich Zelter, ein einflussreicher Musiker und Kulturpolitiker in Berlin, teilte seinem Duzfreund Goethe brieflich mit, im Hause Hohenzollern sei das Opernoriginal wegen revolutionären Inhalts auf Widerstand gestossen.
«So haben sie einen ganz neuen andern Text in die Musik hofirt, und die Oper heißt nun: Andreas Hofer. Das soll nun keiner merken. Sind sie doch wie die kleinen Kinder, die sich einbilden man riecht’s nicht wenn sie die Augen zuhalten.» Den Schluss mit der Ordensverleihung fand Zelter besonders lächerlich: «Zuletzt erscheint ein Graf Hugniatti [der kaiserliche General] und bringt ein Stückchen weißes Blech, etwas größer als ein Kopfstück, hängt es dem guten Hofer um den Hals und geht still wieder ab.»32
Rossini gehörte zu den erfolgreichsten Komponisten seiner Zeit. Die Pariser Oper von 1829 wurde bald auf vielen Bühnen in Europa und darüber hinaus aufgeführt. Lokale Stoffanpassungen waren eine gängige Praxis. Im Falle von Guillaume Tell überstiegen sie das übliche Mass jedoch bei Weitem. In London und Berlin verwandelte sich Tell, wie gesagt, in Andreas Hofer. In St. Petersburg mutierte er zum Burgunderherzog Karl dem Kühnen, in verschiedenen italienischen Städten zum jüdischen Freiheitskämpfer Judas Makkabäus und zu den schottischen Helden William Wallace oder Rudolf von Sterling, die offenbar im Mittelalter gegen England gekämpft hatten. In der Mailänder Scala scheint die Premiere des Guglielmo Valace ein Pfeifkonzert des aufgebrachten Publikums ausgelöst zu haben.33 An jedem Aufführungsort spielten besondere Umstände und politisch-kulturelle Erwägungen eine Rolle. Allgemein legen die Wiedergaben und Mutationen von Rossinis Tell nahe, dass die internationalen Verflechtungen politischer Bewegungen und die Internationalität der Opernkultur miteinander zusammenhingen. Konkret wurde dieser Zusammenhang in den Theatersälen selbst, in denen die Eliten und teilweise eine breitere Bevölkerung Unterhaltungsbedürfnisse, politische Meinungen und Machtbeziehungen öffentlich machten – nicht immer im Sinn der existierenden Hierarchie. Um 1830 war Tell weitherum Zündstoff und damit ein Seismograf gesellschaftlicher Sensibilitäten.34 Begonnen hatte diese wahrhaft internationale Karriere in den 1760er-Jahren.
Wilhelm Tell, Ehrenbürger der Französischen Revolution
«Nein! vor dem aufgestekten Hut, Du Mörderangesicht! Bükt sich kein Mann voll Heldenmuth, Bükt Wilhelm Tell sich nicht!» So reimte Johann Kaspar Lavater in einem der ersten Schweizerlieder von 1767. Es umfasste gegen zwanzig Strophen und schilderte alle wichtigen Stationen der Tell-Geschichte mit dem Apfelschuss, dem patriotischen Tyrannenmord und dem hoffnungsfrohen Finale: «Die Freyheit seines Vaterlands, Steht auf mit Geßlers Fall, Und bald verbreitet sich ihr Glanz, Bald strahlt sie überall». Entstanden war das Lied in der vor Kurzem gegründeten Helvetischen Gesellschaft, die erstmals Mitglieder und Besucher aus den meisten Teilen der Eidgenossenschaft und ihren zugewandten Orten zu jährlichen Veranstaltungen zusammenführte. Der gemeinsame Gesang wurde bald zu einem wichtigen Element der Sozietätskultur. Mit einer hölzernen Tell-Statuette kam später ein weiteres Element dazu. Sie sollte ein «sinnlicher Gegenstand unserer allgemeinen Vaterlandsliebe» sein und stand fortan in der Mitte des Festsaals. Hinter der Figur war eine Halterung angebracht für einen «eidgenössischen Freundschafts-Pocal», in den man «Schweizerblut» (Wein) goss, bevor der Becher in der Versammlung die Runde machte. Der Tell-Kult stützte sich auf eine etwa 300-jährige Tradition, während welcher der Held mit unterschiedlicher Nachhaltigkeit in regionalen Kontexten erschienen war. In der gesamteidgenössisch gedachten Form der Helvetischen Gesellschaft kann man diesen Kult jedoch als neu bezeichnen.35
Für seine internationale Laufbahn war entscheidend, dass Tell fast gleichzeitig in Frankreich an Bedeutung gewann, wo einige die Figur ebenfalls seit Langem gekannt hatten. Das Königreich war das bevölkerungsreichste Land Europas, und in der revolutionären Phase geriet Tell hier in das Zentrum einer politischen Explosion von globaler Ausstrahlung. Die kleine, von ihrem westlichen Nachbarn abhängige Eidgenossenschaft war der Imaginationsraum, doch die kommunikative Macht lag in Paris. Diese französisch-helvetische Achse bildete das Sprungbrett für den alpinen Freiheitshelden. Seinen ersten Auftritt auf einer Theaterbühne der französischen Hauptstadt hatte Guillaume Tell am 17. Dezember 1766 mit einem Stück aus der Feder von Antoine-Marin Lemierre, einem Meister der didaktischen Dichtung, der später in die Académie française aufstieg. Der Erfolg scheint mässig gewesen zu sein, doch seit den späten 1780er-Jahren erlangte das Drama die Gunst der Wortführer und Anhänger der Revolution. Nach dem Bastillesturm wurde es regelmässig aufgeführt. Im August 1793 (die Republik war kaum einjährig und der König vor sechs Monaten hingerichtet) dekretierte der Nationalkonvent, dass Tell zusammen mit Brutus und einem anderen Tyrannenmörder für eine bestimmte Zeit dreimal wöchentlich gezeigt werden sollte. Im Mai 1794 (die Jakobiner waren an der Macht, Verhaftungen und Hinrichtungen an der Tagesordnung) erhielt das Stück den Titel Les Sans-Culottes suisses (die schweizerischen Revolutionäre). Bei den Aufführungen durfte jetzt offenbar die militärisch aufgeladene Marseillaise nicht fehlen. Seit zwei Jahren befand man sich im Krieg mit Österreich und der übrigen antirevolutionären Koalition. Dass sich Tells legendäres Geschoss gegen Habsburg gerichtet hatte, passte da bestens.36
Beim dramatischen Höhepunkt der Revolution eroberte der Schweizer Held neben der Bühne weitere Schauplätze der Hauptstadt, häufig zusammen mit Lucius Iunius Brutus, der im alten Rom den König gestürzt, die Republik hergestellt und dabei sogar zwei Söhne der politischen Tugend geopfert haben soll. An einem feierlichen Umzug zu Ehren der «Liberté» konnte die Menschenmenge im April 1792 zum Beispiel Tell und seinen Apfelschuss auf der Längsseite des grossen, von 24 Schimmeln gezogenen Triumphwagens bestaunen. Während den verbreiteten Umbenennungen der folgenden Zeit vervielfältigte sich der Name: Die rue Saint-George in Paris hiess jetzt rue Guillaume Tell, und drei Ortschaften in verschiedenen französischen Departementen wollten nach dem Schweizer benannt werden. Einige Revolutionäre tauften ihre Söhne gar nach dem Alpenhelden, denn die üblichen Vornamen stammten in ihren Augen von der «unmoralischen Legende des Christentums». Besonders intensiv wurde der Tell-Kult im Pariser Wahlbezirk Mail, der im Dezember 1793 die Freiheitsgestalt zum Schutzpatron erhob und als «Section Guillaume Tell» Tugendpredigten in einer zum «Temple de la morale» umfunktionierten Kirche veranstaltete. Später pflanzte die Sektion einen Freiheitsbaum und sang dazu patriotische Lieder zu Ehren der «Geissel der Tyrannen». Im April 1794 beschaffte man sich auch noch eine Tell-Büste, eine Kopie der neuen Büste im Jakobinerklub der Hauptstadt. Mit einem Festakt wurde sie im Moraltempel zu Füssen der Freiheitsstatue postiert, worauf ein Redner erklärte: «Hier ist er also in seiner Familie, dieser tugendhafte Gründer der helvetischen Freiheit, dieser wirkliche Patriarch aller Sans-Culottes.»37

Abb. 7: Mitgliederkarte der Section Guillaume Tell in Paris 1793/94. Antikisierende Darstellung von Tells Apfelschuss mit den Devisen der Französischen Revolution.
Seit den 1760er-Jahren machte die Tell-Geschichte auch Karriere in der politisch aufgewühlten Neuen Welt, und mit der Propagandaschlacht der Französischen Revolution und ihrer siegreichen Armeen war sie schliesslich fast allgegenwärtig. Am 16. März 1802 schrieb Friedrich Schiller, berühmt durch sein kämpferisches Freiheitsdrama Die Räuber, an seinen Verleger, er habe so oft das falsche Gerücht gehört, dass er an einer Dramatisierung von Tell arbeite, dass er schliesslich auf den Stoff aufmerksam geworden sei und sich jetzt wirklich an Quellenstudien mache. Zwei Jahre später war sein Wilhelm Tell bühnenreif. Die fünfeinhalb Stunden dauernde Uraufführung in Weimar wurde zu einem Triumph für den schwäbischen Dichter. Obwohl das Stück kontrovers war (oder vielleicht gerade deswegen), entwickelte es sich zu einem der berühmtesten Schauspiele des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Tells Tyrannenmord, der im revolutionären Paris bejubelt worden war, erhielt bei Schiller eine Gegenfigur, die zeigen sollte, dass es daneben auch verbrecherische Tyrannenmorde gebe.38 In den folgenden Jahrzehnten blieb das Thema politisch virulent, wie wir an der Rezeption der Tell-Oper von Gioachino Rossini im Gefolge der Julirevolution von 1830 gesehen haben. Nachher scheint die Assoziation zu Fragen der Legitimität von gewaltsamen Umstürzen aber langsam verblasst zu sein. Zwar wurde die Figur sehr häufig angerufen, doch mit anderen Erwartungen. Tell hatte seine intensive, revolutionäre Phase mehrheitlich hinter sich.
Dies zeigte sich auch in der Schweiz, wo der Alpenheld infolge seiner Lokalisation und Tradition weitere Identitätsangebote bereitstellte. In der von Frankreich dominierten Helvetik (1798–1803) wurde das gesamte Land mit Tell-Symbolik eingedeckt. Ältere und neuere Vorstellungen verwickelten sich dabei in heftige Kontroversen. Nach 1830 und mehr noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Tell dann aber zu einer relativ überparteilichen nationalen Integrationsfigur. Das lässt sich an der Rezeption von Schillers Tell und an der Häufigkeit von Tell-Verwendungen bei offiziellen, politischen Anlässen zeigen. Auch die Geschichte der Denkmäler ist ein deutlicher Hinweis. Sie begann schon vor 1800. Das berühmteste, jetzt auch vom Bund subventionierte Tell-Denkmal im Urner Hauptort Altdorf stammt aber erst von 1895. Bald danach begannen die jährlichen Tell-Schauspiele in Altdorf und später im touristischen Interlaken. Vor dem Ersten Weltkrieg kam Tell noch auf eine Briefmarke und auf eine Banknote, die bisher der Helvetia vorbehalten gewesen waren. Er wurde Teil der modernen staatlichen Infrastruktur.39
Mehr Leidenschaften vermochte jetzt unsere zweite, jüngere Alpenfigur zu wecken: Andreas Hofer, Anführer und bald Symbol des Tiroler Aufstands von 1809 gegen die bayerisch-napoleonische Besetzung, 1810 in Mantua wegen Insurrektion hingerichtet. Die Rezeption macht ihn nicht nur zu einem Freiheitshelden, sondern auch zum Märtyrer, ja fast zu einem Heiligen.
Andreas Hofer, Märtyrer des antinapoleonischen Aufstands
Als Tiroler Kaiserjäger 1823 kurzfristig in Mantua stationiert waren, nutzten einige Offiziere die Gelegenheit, um in der Nacht vom 8. auf den 9. Januar die sterblichen Überreste von Andreas Hofer heimlich auszugraben und nach Trient zu bringen. Dort wurden die Knochen von einem Arzt geordnet und eingesargt, um sie nach Innsbruck zu transportieren. Schon zwei Mal hatte man vergeblich beim Herrscherhaus in Wien um Erlaubnis für eine Überführung nachgesucht. Die Offiziere handelten sich für ihre Eigenmächtigkeit eine kriegsgerichtliche Untersuchung ein, angeordnet per Handbillet von Kaiser Franz I. Die österreichische Machtzentrale hatte kein Interesse an einem Märtyrer für den tirolischen Patriotismus. Die gefürstete Grafschaft Tirol – bestehend aus den heutigen Ländern und Provinzen Nordtirol, Vorarlberg, Südtirol und Trentino – war 1814 nach neunjähriger Herrschaft vom bayerischen, mit Napoleon verbündeten König an Österreich zurückerstattet worden. Die Zentralisierungs- und Modernisierungsversuche der Bayern waren ein Grund für den zuerst erfolgreichen, schliesslich aber gescheiterten Aufstand von 1809 gewesen. Wiens Politik in der nachnapoleonischen Zeit unterschied sich davon nicht grundsätzlich. Die Gebeine von Andreas Hofer wurden daher in Innsbruck ohne besondere Vorbereitungen bestattet. Nachher liess der Kaiserhof unter beständiger Überwachung ein Denkmal erstellen und 1834 einweihen. Wie der britisch-österreichische Historiker Laurence Cole in seinen detaillierten Studien feststellt, erfuhr die Symbolik für die Freiheiten und Rechte Tirols dabei keine Würdigung. Stattdessen wurde Hofer «in einen rigiden religiös-patriotischen Kontext dynastischer Loyalitäten» eingebunden. Schon vor der unbewilligten Exhumation hatte man den Aufstandsanführer posthum in den Adelsstand erhoben, sodass sich die Nachfahren im Passeiertal «Edle von Hofer» nennen konnten.40
Die tirolische Bevölkerung scheint nach dem Aufstand mehrheitlich desillusioniert gewesen zu sein und zeigte wenig Interesse an einer Person, die für viele mit unerfüllten Hoffnungen und schweren Krisenjahren verbunden war. Begeisterung hatte dieser Aufstand dagegen bei Gegnern Napoleons in Deutschland und Grossbritannien ausgelöst. Er wurde dort schnell als «Freiheitskampf» bezeichnet, während die Protagonisten 1809 von «Insurrektion» und «Landesverteidigung» gesprochen hatten.41 Auf dem sogenannten Sandhof im Passeiertal in der Nähe von Meran, wo Hofer zu Lebzeiten als Wirt, Wein- und Viehhändler gelebt hatte, trafen nun immer mehr Reisende oder «Wallfahrer» ein, wie man bald sagte. Sie verbrachten meist einen Tag am Ort, um mit den Angehörigen zu sprechen und sich persönliche Sachen von Hofer zeigen zu lassen. Die Familie hatte ein Hofer-Zimmer eingerichtet mit seinem Abschiedsbrief, einer von ihm getragenen Tracht, einer kurzen Lederhose, einem breiten Hut, seinem alten Rosenkranz und weiteren Gegenständen zur Vergegenwärtigung des Helden. Seit 1835 führte man im Sandhof ein Fremdenbuch für Einträge der Besucher. Im Vorspann fand sich eine kurze Schilderung von Hofers Leben und vom Aufstand in deutscher, französischer, italienischer und englischer Sprache. Als Erster trug sich Erzherzog Johann ein, der seit Kindstagen eine nationalromantische Idee von den Alpen und speziell vom Tirol pflegte. Noch im selben Jahr verstarb sein älterer Bruder Kaiser Franz I. Für den Herrscherwechsel liess man den Sandhof käuflich erwerben, «um der Nachwelt ein ehrendes Andenken des für das a. h. [allerhöchste] Kaiserhaus und für sein Vaterland Tirol hochverdienten Andreas Hofer zu überliefern». Am Huldigungstag belehnte ein Stellvertreter des Kaisers die Angehörigen Hofers dann wieder mit ihrem verkauften Hof, womit diese in ein unmittelbares Lehensverhältnis zum Monarchen traten.42
In jener Periode verbesserte sich Andreas Hofers Ruf in weiten Kreisen der deutschsprachigen Bevölkerung Tirols. Zuerst wurde Hofer vor allem von nationalliberalen Kreisen aufgegriffen, später dezidiert von der konservativen Seite. Dadurch entwickelte sich die Figur nach der Jahrhundertmitte mehr und mehr zu einem Abgrenzungssymbol gegen den italienischsprachigen Landesteil im Süden. Sehr wichtig war die Verbindung mit dem Aufstieg des politischen Katholizismus im Zeichen des Kulturkampfs. 1866 beschloss ein Komitee aus lokalen Honoratioren, Klerikern und zwei Landtagsabgeordneten, eine Hofer-Gedächtniskapelle unweit vom Sandhof zu errichten.43 Im Spendenaufruf für die Kapelle wurde er 1866 als «christlicher Held» und «unerschrockener Martyrer» bezeichnet. Der Aufstand von 1809 habe gezeigt, «daß die Gebirgssöhne Tirols auch damals wie immer ein freiheitsliebendes Volk waren, daß in ihrer alten Verfassung ihr zeitliches Wohl und der weltbekannte Patriotismus begründet sei[en], daß nur durch Anerkennung der Eigenthümlichkeiten des Landes das tirolische Alpenland eine werthvolle Perle in der Kaiserkrone sei». Diese autonomistische Spitze gegen Wien könnte ein Grund für die sehr lange Bauverzögerung gewesen sein. Als die Gedächtniskapelle im September 1899 endlich eingeweiht werden konnte, waren die konservativen Kräfte aber vereint. Kaiser Franz Joseph und drei Erzherzöge nahmen persönlich an den Feierlichkeiten in Meran und im Passeiertal teil.44

Abb. 8: «Andreas Hofer’s Tod in Mantua, am 20. Februar 1810». Fresko von 1899 in der Herz-Jesu-Kapelle im Passeiertal, Südtirol.
Um die Jahrhundertwende kam es zu einem Crescendo solcher Feierlichkeiten. Schon drei Jahre vor dem Kapellenbau hatte der Kaiser auf dem Berg Isel bei Innsbruck, wo die meisten Schlachten von 1809 stattgefunden hatten, ein Hofer-Denkmal feierlich enthüllt. Den Höhepunkt bildete aber die Landesjahrhundertfeier von 1909. Während frühere Jubiläumsmöglichkeiten (die 50. oder 75. Jährung des Aufstands) unbeachtet geblieben waren, plante man jetzt mit enormem Mitteleinsatz eine Masseninszenierung und grossmassstäbliche Huldigungszeremonie nach der Devise «Für Gott, Kaiser und Vaterland». Höhepunkte waren die Ankunft des Kaisers in Innsbruck, die Messe auf dem Berg Isel und der grosse Schützenumzug in der Stadt. Mit den Worten «Namens des Landes gelobe ich Eurer Majestät unwandelbare Treue und Ergebenheit» erneuerte der Landeshauptmann den hundertjährigen Schwur Hofers. Insgesamt sollen um die 30 000 Personen am Fest teilgenommen haben, und in fast allen kleineren und grösseren Ortschaften Tirols wurden weitere lokale Feiern abgehalten. Die Andreas-Hofer-Verehrung verschmolz an diesem Anlass mit dem modernen Kult um die Person von Franz Joseph, der als guter, väterlicher Kaiser galt und Habsburg ein populäres Image gab, wie es bisher nie da gewesen war.45
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