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Eva Ashinze

Tod in Winterthur Moira van der Meer ermittelt

Eva Ashinze

Tod in Winterthur

Moira van der Meer ermittelt

Kriminalroman

orte Verlag

1. Auflage, 2017

© 2017 orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Janine Durot

Umschlagbild: Patrick Hutter (istock)

Satz: orte Verlag, Schwellbrunn

eBook-Herstellung und Auslieferung: HEROLD Auslieferung Service GmbH, www.herold-va.de

ISBN Buch: 978-3-85830-222-9

ISBN eBook: 978-3-85830-228-1

www.orteverlag.ch

Einmal ritt die Schlange auf ihrem Pferd, im Sattel zusammengerollt, wie es ihre Art war. Als sie an der Spinne vorbeikam, die die Strasse entlanglief, sagte diese: «Entschuldigung, Herr, aber so reitet man nicht.» «Nicht?», fragte die Schlange. «Kannst du mir dann zeigen, wie man reitet?» «Mit Freuden», sagte die Spinne.

Die Schlange glitt an der Flanke des Pferdes herab aus dem Sattel zu Boden. Die Spinne sprang in den Sattel, sass ganz gerade und galoppierte höchst elegant die Strasse hinauf und hinunter. «So reitet man richtig», sagte sie. «Sehr gut», sagte die Schlange, «wirklich sehr gut. Steig bitte ab.»

Die Spinne sprang herab, und die Schlange glitt an der Flanke des Pferdes wieder hinauf in den Sattel, in dem sie sich wie zuvor zusammenrollte. Dann schaute sie auf die Spinne hinab und sagte: «Wissen ist sehr gut, aber Haben ist besser. Was nutzt einem reiterisches Können ohne Pferd?» Und ritt davon.

Märchen der Haussa, Nigeria

1

«Sie wollen was?» Ich glaubte, mich verhört zu haben.

«Ich möchte, dass Sie meine Eizellen finden.» Die Frau mir gegenüber sah mich gelassen an. So, als sprächen wir über das Wetter. Über Klatsch und Tratsch aus den europäischen Königshäusern. Über irgendetwas Alltägliches. Aber sicher nicht über Eizellen. Verschwundene Eizellen. Sie schien zu spüren, dass ich der Angelegenheit skeptisch gegenüberstand.

«Hören Sie sich unsere Geschichte erst einmal an», sagte sie. Sie beugte sich vor, und ihr runder Bauch stiess beinahe an die Tischkante. «Bitte. Und danach entscheiden Sie, ob Sie den Auftrag übernehmen wollen.»

Claire Corazolla hatte per Mail um einen Termin bei mir in der Kanzlei ersucht. Sie hatte geschrieben, es handle sich um eine delikate Angelegenheit, die sie und ihr Mann gerne persönlich mit mir besprechen würden. Claire war eine feingliedrige, elegante und offensichtlich schwangere Blondine um die Vierzig. Sie trug dezente, aber teure Kleidung, am Ringfinger ihrer schmalen Hand funkelte ein grosser Diamant und entsprechende Pendants zierten die Ohrläppchen. Ihr Mann, ein grosser schlanker Mittfünfziger, war ebenso gediegen gekleidet, und sein Teint liess darauf schliessen, dass er zahllose Stunden draussen verbrachte, vermutlich auf dem Golfplatz. Herr und Frau Corazolla mussten sich verlaufen haben. Solche Klienten waren üblicherweise in den grossen Anwaltskanzleien auf der anderen Seite des Hauptbahnhofs von Winterthur zu finden. Auf der sonnigen Seite. In meinen Räumlichkeiten gingen mittellose Alleinerziehende ein und aus, die um Alimente kämpften, Kleinkriminelle und auch grössere Kriminelle in der Hoffnung, ich könnte sie vor dem Gefängnis bewahren, und Asylanten, die abgeschoben werden sollten. Meine Kanzlei war die letzte Anlaufstelle für die mittellosen Hoffnungslosen. Mandanten wie die Corazollas, Mandanten mit Geld, die waren hier äusserst rar gesät.

«Sie wurden uns wärmstens empfohlen, Frau van der Meer», fuhr Claire Corazolla fort. «Man hat uns gesagt, Sie seien die Beste. Niemand würde so für seine Mandanten kämpfen wie Sie.» Sie sah mich hoffnungsvoll an.

Obwohl ich dagegen anging, liessen Claires Worte etwas wie Stolz in mir aufkeimen. Ich war die Beste. Behauptete zumindest jemand. «Na, dann schiessen Sie mal los», hörte ich mich sagen.

Das liess sich Claire nicht zweimal sagen. Sie sah ihren Mann an. «Willst du?», fragte sie.

Er verneinte.

Also begann Claire zu erzählen. Claire und Manfredo lernten sich kennen und schnell lieben. Sie wünschte sich sehnlichst ein Kind, er wollte sie glücklich sehen, also wünschte er sich auch eines. Es klappte nicht. Nach einem Jahr erfolgloser Zeugungsversuche wandte sich das Paar an eine Fertilitätsklinik, die namhafte «Wunschkinder-Klinik». Bescheuerter Name, wenn man mich fragt. Auf jeden Fall war die Ursache schnell gefunden, es lag an Manfredo. Die Chance auf eine natürliche Schwangerschaft sei verschwindend klein, sagte man ihnen und schlug eine Befruchtung im Reagenzglas vor. Claire musste Hormone spritzen, dann entnahm man ihr reife Eizellen, siebzehn insgesamt. Diese Eizellen wurden von Hand befruchtet. Zwei der befruchteten Eizellen wurden daraufhin in Claires Gebärmutter eingesetzt. Claire und Manfredo hatten Glück, gleich beim ersten Mal wurde Claire schwanger. Das Baby sollte in gut drei Monaten zur Welt kommen.

«Und»? fragte ich ungeduldig. «Wo liegt das Problem? Hat man Ihnen eine falsche Eizelle eingepflanzt? Die Eizelle einer anderen Frau?» Das war schon vorgekommen und wurde in den Boulevardmedien entsprechend ausgeschlachtet: «Eizelle verwechselt: Weisse Frau bringt schwarzes Kind zur Welt» oder «Chaos-Klinik in Italien: Mehrere Eizellen vertauscht und den falschen Frauen eingepflanzt».

Claire und Manfredo sahen sich an.

«Nein», ergriff Manfredo das Wort. Es war das erste Mal, dass ich ihn sprechen hörte. Er hatte eine angenehme Stimme, die nun aber aufgewühlt klang. «Nein. Umgekehrt. Wir vermuten, dass unsere Eizellen einer anderen Frau eingesetzt worden sind.»

Ich war verblüfft.

Manfredo sprach weiter. «Von den siebzehn Eizellen, die man meiner Frau entnommen hat, wurden zehn befruchtet. Das hat die Biologin uns so gesagt. Die restlichen sieben waren defekt. Zwei Eizellen wurden Claire eingesetzt. Bleiben also acht.»

Ich nickte. So viel Kopfrechnen lag noch drin.

«Diese acht befruchteten Eizellen haben wir einfrieren lassen. Falls es beim ersten Mal nicht geklappt hätte, hätte Claire nicht die ganze Prozedur mit der Eizellenentnahme nochmals über sich ergehen lassen müssen. Es wären einfach zwei Eizellen aufgetaut und eingesetzt worden, verstehen Sie?» Manfredo sah mich fragend an.

Ich nickte wieder. Das war mir alles klar. Nicht klar war mir, worauf Manfredo hinaus wollte.

«Nun gut.» Claire übernahm. «Auf jeden Fall haben wir vor einer Woche das hier erhalten.» Sie streckte mir ein Papier entgegen. Ich nahm es und sah es mir an. Es war eine Rechnung der Fertilitätsklinik. Kryokonservierung von fünf Zygoten, Kostenpunkt CHF 400.

«Fünf Zygoten. Nicht acht. Was ist aus den restlichen dreien geworden?» Claire strich sich nervös eine Haarsträhne hinter das Ohr. «Ich habe natürlich gleich in der Klinik angerufen. Man hat mich abgewimmelt. Ich hätte mich geirrt, haben sie gesagt. Es habe nie zehn befruchtete Eizellen gegeben. Lediglich sieben.»

Ich wollte etwas sagen, doch Manfredo kam mir zuvor.

«Sie zweifeln, ich sehe es Ihnen an. Aber ich war dabei. Es waren zehn befruchtete Eizellen. Wir hatten extra nachgefragt und uns über die grosse Anzahl gefreut. Es waren definitiv zehn.» Claire und Manfredo sahen mich erwartungsvoll an. «Glauben Sie uns nun?»

«Ich glaube Ihnen. Ich glaube Ihnen, dass es ursprünglich zehn befruchtete Eizellen gegeben hat. Nun gut, jemand hat nachlässig gearbeitet, drei Eizellen sind zerstört worden. Wurden aus Versehen weggeworfen. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Aber dass sie einer anderen Frau eingesetzt wurden, das erscheint mir doch etwas abwegig.» Ich zuckte die Schultern. «Weshalb sollte die Klinik ein solches Risiko eingehen?»

«Siehst du?» Manfredo wandte sich an seine Frau. «Sie hält uns auch für Phantasten. Ich habe es dir ja gesagt.» Er sammelte die Papiere ein und erhob sich halb von seinem Stuhl.

«Warte.» Claire hielt ihn zurück. Sie sah mich an. «Ich bin nochmals in die Klinik gegangen. Ich wollte mich persönlich mit unserem Arzt unterhalten.»

«Und?», fragte ich ungeduldig.

«Doktor Brock war nicht da, nur seine Vertretung, eine Frau Doktor Altmann. Wieder hat man mich abgewimmelt. Alles sei korrekt abgelaufen, hiess es. Man könne nichts für mich tun, hiess es. Aber danach, ich war bereits wieder am Gehen, hat die Biologin auf dem Flur meinen Weg gekreuzt. Sie wollte schnell an mir vorbei, aber dann ist sie doch stehengeblieben. ‹Es tut mir leid›, hat sie mir zugeflüstert.» Claire starrte vor sich hin, in Gedanken versunken. Dann hob sie den Blick, sah mich direkt an. «Was war das, wenn kein indirektes Schuldeingeständnis? Weswegen sollte sie mich bedauern, Mitleid mit mir haben? Die Behandlung war ja offensichtlich erfolgreich.» Claire deutete auf ihren dicken Bauch. «Da ist doch irgendetwas faul.»

«Selbst wenn etwas faul sein sollte», erwiderte ich. Was ich bezweifle, fügte ich im Stillen hinzu. «Selbst wenn, so wären Sie bei der Staatsanwaltschaft besser aufgehoben. Ich kann die Klinik anschreiben, allenfalls diesen Doktor Brock um ein Treffen bitten. Erstatten Sie Anzeige. Die Staatsanwaltschaft kann dann ein Verfahren eröffnen.» Ich überlegte kurz. «Natürlich könnte ich die Anzeige für Sie verfassen. Mehr kann ich nicht tun.»

Manfredo winkte ab. «Eine Anzeige wegen Diebstahls oder was? Wir haben keine Beweise, keine Zeugen. Machen Sie sich nicht lächerlich. Die Staatsanwaltschaft würde keine zwei Minuten für so etwas verschwenden.»

Claire stiess ihm den Ellbogen in die Seite.

Ich wollte aufbegehren und ihn zurechtweisen, obwohl er Recht hatte: Mit einer Anzeige wegen mutmasslich entwendeter Eizellen würden die Corazollas bei der Staatsanwaltschaft ins Leere laufen. Bevor ich aber etwas sagen konnte, läutete mein Handy. Ich sah kurz auf die Nummer. Es war Béjart, mein Bekannter bei der Polizei. Ich würde ihn später zurückrufen. Ich sah auf und direkt in Claires veilchenblaue, mit Tränen gefüllte Augen.

Sie griff nach meinen Händen. «Helfen Sie uns. Bitte.» Mit einer Hand wischte sie eine Träne weg. «Wenn Sie herausfinden, dass die drei Eizellen weggeworfen wurden, in Ordnung. Dass sie unsachgemäss behandelt wurden und nicht mehr zu gebrauchen waren, ebenfalls in Ordnung. Damit kann ich, damit können wir leben. Aber mit dem Gedanken, dass vielleicht irgendwo ein Kind von Manfredo und mir zur Welt kommt, ausgetragen von einer anderen Frau, dass dieses Kind in eine andere Familie geboren wird, von Fremden aufgezogen wird, damit kann ich nicht leben.»

Ich wollte etwas erwidern, aber Claire ergriff bereits wieder das Wort. «Stellen Sie sich vor, in zwanzig Jahren ist da eine junge Frau. Sie findet heraus, dass sie mit ihrer Familie nicht blutsverwandt ist, dass sie die Folge einer Unregelmässigkeit in einer IVF-Klinik ist.» Claire schlug sich die Hand vor den Mund. Sie rang nach Fassung. Dann fuhr sie sich mit der Hand über das Gesicht, setzte sich gerade hin. «Gehen Sie der Sache nach. Wir zahlen Ihnen einen Stundenansatz von 400 Franken.» Claire sah mir in die Augen.

Ich horchte auf. Das war beinahe das Doppelte meines üblichen Honorars.

«Ausserdem», fuhr Claire fort, «ausserdem möchten wir Ihnen einen Vorschuss überweisen. Wir hatten an 10 000 Franken gedacht.»

Mir stockte der Atem.

«Wir wissen, dass Sie das wert sind.» Claires Stimme war leise, aber bestimmt.

Mein Handy gab einen Summton von sich. Eine SMS war eingegangen. Das kam mir gelegen, ich brauchte etwas Zeit, um mich zu sammeln. Um zu überlegen, ob ich den Vorschuss annehmen sollte. Ob ich den Auftrag annehmen sollte. Ich griff nach dem Telefon und sah mir die SMS an.

«Moira, ruf mich zurück», stand da. «Es ist jemand gestorben.»

2

Ich lernte Jan in einer regnerischen Freitagnacht kennen. Ich war mit einer Studienkollegin quer durch Zürichs Ausgehlokale gezogen, und schliesslich landeten wir in einer kleinen Bar am Kreuzplatz, unweit von meiner damaligen Studentenbude, einer wenig heimeligen Einzimmerwohnung an der Asylstrasse. Die Bar gibt es schon längst nicht mehr, das ganze Gebäude ist abgerissen worden. Damals war sie mein zweites, gemütlicheres Zuhause. In dieser Freitagnacht, es musste kurz vor Mitternacht gewesen sein, war die Bar spärlich besucht. Ich sass mit meiner Freundin an einem Tisch in der Mitte, Jan mit zwei Bekannten am Tisch vor unserem. Er warf mir immer wieder verstohlene Blicke zu, aber wenn ich ihn dabei ertappte, schaute er schnell woanders hin. So was passierte mir damals oft. Es war keine Seltenheit, dass mir ein Wildfremder in einem schummrigen Lokal verstohlene Blicke zuwarf. Meine Haut mit der Farbe von Milchkaffee, meine langen Beine und meine grünen Augen schienen die Männern unwiderstehlich anzuziehen. Trotzdem war es diesmal anders. Es war besonders. Vielleicht lag es an seinen stahlblauen Augen, die in seltsamem Kontrast zu seinem schmächtigen Körper standen. Vielleicht lag es an seinem flüchtigen, schüchternen Lächeln.

Irgendwann fasste er sich ein Herz und prostete mir mit seinem Bierglas zu. Ich sah, welche Überwindung ihn dies kostete. Das musste belohnt werden. Ich sagte zu meiner Freundin, ich sei gleich wieder da, stand auf und ging auf ihn zu. Seine Augen weiteten sich ungläubig.

«Ich bin Moira», sagte ich und streckte ihm die Hand entgegen.

«Ich bin Jan», sagte er und schüttelte meine Hand. Er sah mich lange an. «Du bist schön», sagte er.

«Ich weiss», antwortete ich. Dann setzte ich mich neben ihn. Wir unterhielten uns. Wir sprachen über das Studium – er studierte Kunstgeschichte, ich Rechtswissenschaften. Wir sprachen über Kunst, über Bücher und vor allem über uns selbst. Jan war klug. Irgendwann verabschiedete sich meine Kollegin und auch seine Bekannten gingen ihres Weges. Irgendwann kam der Inhaber der Bar und kündigte die Schliessung an.

Für den Weg von der Bar zu mir nach Hause benötigten wir über eine Stunde. Wir waren klatschnass vom Regen, spürten aber weder Nässe noch Kälte. Danach waren Jan und ich für ein paar Monate zusammen.

Dann brach ich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion meine Zelte in Zürich ab. Ich verfrachtete meinen ganzen Krempel in das Haus meiner Mutter an der Seidenstrasse in Winterthur und bereiste für einige Monate die USA. Ich lebte in San Francisco und arbeitete illegal in einer Sandwichbude, Seite an Seite mit chinesischen Immigranten. Es zog mich nach Las Vegas und schliesslich ins Death Valley. Ich schien nach etwas zu suchen, was ich verloren hatte. Etwas, von dem ich selbst nicht wusste, was es war. Natürlich fand ich es nicht. Ich fand nicht einmal zu mir selbst. Meine Reise war vergeblich gewesen. Es schien, als hätte sie einem einzigen Zweck gedient: Jan zu entkommen. Jans Liebe zu entkommen. Liebe kann sanft sein und erbauend. Liebe kann dem Liebenden aber auch den freien Willen nehmen. Ihm das Gefühl geben, im freien Fall zu sein ohne Aussicht auf eine sanfte Landung. Ich schien Liebe nicht gut zu ertragen. Vielleicht, weil ich sie nicht gewohnt war.

Ich hätte Jan im Voraus informieren können. Ich hätte ihn anrufen können. Oder ihm einen Brief schreiben. Ich tat nichts davon. Als ich irgendwann in die Schweiz zurückkehrte und mein Studium wieder aufnahm, war Jan neu liiert. Ich gönnte es ihm. Ich freute mich für ihn. Ehrlich. Ich zog in eine Wohngemeinschaft in Winterthur und fuhr da fort, wo ich vor Jan aufgehört hatte: Ich arbeitete daran, mich Stück für Stück in meine Einzelteile zu zerlegen. Wobei Alkohol keine unerhebliche Rolle spielte. Das war vor fünfzehn Jahren. Ich war damals fünfundzwanzig Jahre alt.

Ein paar Jahre später traf ich Jan zufällig im Salzhaus. Er trug noch immer enge Jeans und ein weisses Hemd, wie ehedem. Wir waren beide gekommen, um eine Band zu sehen, Element of Crime. Vor Beginn des Konzerts standen wir an der Bar und unterhielten uns über Belanglosigkeiten. Unser Gespräch war angestrengt, die frühere Vertrautheit war uns abhandengekommen. Jan hatte mir das abrupte Ende unserer Beziehung noch immer nicht verziehen. Nach wenigen Minuten betrat Norah das Salzhaus. Ich kannte sie von früher, sie war eine Freundin meiner Schwester gewesen. Sie kam vom Eingang her auf uns zu, gross und schlank und blond, ein Hingucker.

«Moira», sagte sie und nahm meine Hand. «Ich habe dich von Weitem erkannt. Es ist eine Ewigkeit her.» Sie musterte mich. «Wie geht es dir, Moira?»

«Gut», sagte ich. «Es geht mir gut, Norah.» Dann stellte ich ihr Jan vor. Ich konnte es in ihren Gesichtern, in ihren Blicken sehen, bevor sie selbst es wussten. Ich liess die beiden allein. Ein Jahr später waren sie verheiratet. Seither habe ich die beiden kaum noch getroffen.

3

Claire und Manfredo Corazolla verliessen meine Kanzlei. Bald würden sie um 10 000 Franken ärmer sein. Ich hatte den Auftrag angenommen und sie in aller Eile entsprechende Formulare ausfüllen lassen. Wie ich genau vorzugehen gedachte im Fall der verschwundenen Eizellen, das wollte ich mir später überlegen. Ich wollte im Moment nur eines: Béjart zurückrufen. Es war kurz nach elf Uhr, als ich endlich seine Nummer wählte. Er ging sofort ran.

«Guido? Was ist los?» Meine Stimme klang belegt, mir war beklommen zumute, und mein Herz schien nur mehr unregelmässig zu schlagen.

«Es tut mir leid», sagte Béjart. «Ich habe schlechte Nachrichten.»

«Wer?»

«Jan Krüger. Ich glaube, du kanntest ihn.»

Ich blieb seltsam ruhig. So, als hätte ich Bescheid gewusst.

«Moira? Moira?»

«Ich bin noch da», sagte ich.

«Ist alles in Ordnung?»

«Mir geht es gut.»

Béjart schwieg einen kurzen Moment. «Komm hierher. Komm zu Jans Haus. Seine Frau … Sie hat gesagt, ich soll dich anrufen.»

«Norah», unterbrach ich ihn.

«Ja, Norah Krüger. Norah könnte deine Unterstützung gebrauchen.»

Nun schwieg ich. «Ich komme», sagte ich dann.

«Gut», antwortete Béjart. «Und, Moira, das Haus ist auch der Tatort.»

Keine halbe Stunde später traf ich bei Jan und Norah ein. Sie bewohnten ein Haus mit grossem Garten und Swimmingpool, obwohl sie kinderlos waren. Aber das war vielleicht anders geplant gewesen, damals, als sie das Haus kauften. Anfangs der 1970er-Jahre war es von einem namhaften Architekten erbaut worden; nun galt es als Designklassiker. Nicht hässlich anzusehen, aber nicht mein Geschmack. Zu massiv, zu sehr für die Ewigkeit gebaut. Nichts ist für immer. Panta rhei. Alles fliesst. Davon hatte der Architekt mit Sicherheit nichts wissen wollen.

Béjart und sein Kollege rauchten gerade vor dem Haus, als ich vorfuhr. Gute Idee. Ich würde mich ihnen anschliessen. Ich stieg aus und nickte den beiden grüssend zu, während ich mir eine Zigarette anzündete.

«Gut, dass du da bist», sagte Béjart.

Ich trat zu ihm und streckte ihm die Hand entgegen.

Wir verzichteten darauf, unsere Freundschaft in Polizeikreisen gross publik zu machen. Wie eng unsere Bekanntschaft war, ging nur uns beide etwas an. Obwohl wir uns selbst nicht schlüssig darüber waren.

«Becker, das ist Moira van der Meer, die Anwältin. Moira, das ist mein Kollege Daniel Becker.» Wir schüttelten ebenfalls die Hände. Dann war der Höflichkeiten genug getan.

«Na?», fragte ich und stiess gleichzeitig den Rauch aus.

«Was ist passiert?»

«Sieht nach Raubmord aus», sagte Becker.

«Ach ja? Hier im Brühlbergquartier?» Ich deutete mit der Zigarette auf die idyllische Umgebung, die schmucken Häuser, die gepflegten Gärten. «Dann sind das wohl die berüchtigten Bloods and Crips des Viertels?» Wieder deutete ich mit der Zigarette, diesmal auf ein paar kleine Jungs, die in einer Einfahrt Ball spielten. Meine Ironie perlte an Decker ab wie Wasser an einem Gummistiefel.

«Winterthur hat sich verändert», sagte er gleichmütig. «Und gerade in dieser Gegend haben in letzter Zeit einige Einbrüche stattgefunden.»

Einbrüche vielleicht, aber wohl ohne Mordopfer. Das hier war schliesslich nicht Caracas. Ich hatte eine harsche Entgegnung auf der Zunge, doch ein Blick von Béjart liess mich innehalten. Besser, ich zerbrach nicht gleich am Anfang zu viel Porzellan. Ich nahm einen letzten Zug von meiner Zigarette und schnippte den Stummel weit von mir. Kein Wunder, dachte ich, kein Wunder brauchte Norah Unterstützung.

«Wo ist Norah?», fragte ich.

Béjart deutete mit dem Daumen Richtung Garten. Nach einigem Suchen konnte ich in einer Ecke eine Gestalt ausmachen, die in einem von grünen Ranken überwucherten Pavillon sass.

«Steht sie unter Verdacht?», fragte ich.

«Die Ehefrau steht immer unter Verdacht», antwortete Becker. Wohl war.

«Aber sie scheint ein ziemlich wasserdichtes Alibi zu haben. Schmauchspuren sind ebenfalls negativ, wie ich gehört habe.» Béjart nickte mit dem Kinn zum Haus, in dem sich die Kriminaltechniker tummelten.

«Todeszeitpunkt?», fragte ich.

Becker sah Béjart warnend an. Der ignorierte den Blick.

«Vor mehr als sechs und weniger als zwölf Stunden.» Béjart zuckte mit den Schultern. «Genauer geht es im Moment nicht.»

Es war kurz nach elf Uhr vormittags. Das hiess, Jan war nach Mitternacht erschossen worden. Irgendwann in den sehr frühen Morgenstunden.

«Keine weiteren Details», sagte Becker mit fester Stimme. «Immerhin steht die Ermittlung noch ganz am Anfang.» Hinter seinem Rücken schnitt ich ihm eine Grimasse, Béjart grinste mich an.

«Hat sie ihn gefunden?», fragte ich.

«Ja. Sie hat die Nacht auswärts verbracht und ist heute Morgen nach Hause gekommen. Schon an der Tür hat sie gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Im Wohnzimmer hat sie dann ihren Ehemann aufgefunden. Tot. Erschossen mit mehreren Schüssen. Diverse Sachen sind weggekommen. Es scheint sich vor allem um Schmuck zu handeln und um ein paar kleinere Kunstgegenstände. Wir sind mit der Frau durchs Haus gegangen und haben sie eine möglichst genaue Liste erstellen lassen, aber sie … Sie war natürlich vollkommen durcheinander. Du weisst schon.»

Jan war ein Kunstbeschaffer, sofern es diesen Begriff überhaupt gibt. Nach dem Studium hatte er sich bald selbstständig gemacht. Er hatte viele namhafte Klienten, die sich für Kunst interessierten. Wenn deren Herz ein Kunstobjekt begehrte, von dem sie gehört oder gelesen hatten, machte Jan sich auf die Suche danach oder zumindest nach etwas Vergleichbarem. Er musste gut Geld verdient haben mit dieser Tätigkeit. Nebenbei machte er Expertisen und Schätzungen. Vor einiger Zeit hatte ich anlässlich einer Scheidung kurz beruflich mit ihm zu tun gehabt. Das war das erste und einzige Mal seit unserer Lovestory, dass wir uns länger als zehn Minuten am Stück unterhalten hatten. Es war interessant gewesen. Jan war ein spannender Mann gewesen.

«Wo hat Norah die Nacht verbracht?»

«Sie war an einem Treffen in Zürich. Hat in einem Hotel übernachtet.» Béjart sah mich an.

So wasserdicht klang das Alibi in meinen Ohren nicht.

«Es gibt offenbar viele Zeugen, die das bestätigen können», mischte sich Becker ein. Er schien meine Zweifel gespürt zu haben.

Ich nickte, sagte nichts. Dann zündete ich mir eine weitere Zigarette an. Ich überlegte. «Mehrere Schüsse, ja?», hakte ich nach.

Becker und Béjart nickten unisono.

Nicht gut, dachte ich. Mehrere Schüsse hiess meistens, es war etwas Persönliches. Es hiess, jemand war wütend. «Wie ist der Täter ins Haus gekommen?», fragte ich.

«Durch die Hintertür, die direkt in den Garten führt.» Becker wies mit dem Kinn die Richtung.

«Aufgebrochen?»

Becker schüttelte den Kopf. «Es hat Werkzeugspuren am Rahmen. Aber dann hat der Einbrecher gemerkt, dass er die Tür auf ganz normale Art und Weise öffnen kann.»

«Sie war nicht abgeschlossen?» Ich sah ihn ungläubig an.

Wieder schüttelte er den Kopf. «Er hat wohl immer erst abgeschlossen, wenn er zu Bett gegangen ist.»

«Zufällig war die Tür offen», sagte ich. «Zufällig wusste der Einbrecher, dass da viel zu holen war. Zufällig hatte er eine Waffe in der Tasche. Ein bisschen viele Zufälle für meinen Geschmack.» Ich wartete nicht ab, ob einer der beiden etwas darauf erwidern wollte, sondern wandte mich ab. «Ich werde dann mal zu Norah gehen.»

4

Ich ging quer über den Rasen auf den Pavillon zu. Das Gras war saftig grün, in den Lavendelbüschen summten die Bienen, und da und dort flatterte ein bunter Schmetterling durch die Gegend. Ein idyllischer Spätsommermorgen für den Betrachter, der das Blutbad im Inneren des Hauses nicht sehen konnte.

Die Kriminaltechniker waren an der Arbeit, Jan war bereits abtransportiert worden. Die Blutspuren auf Teppich, Sofa und Holzdielen sprachen ihre eigene Sprache. Eine Sprache der Gewalt. Der Sinnlosigkeit.

Ich hoffte, Norah war tatsächlich unschuldig. Das hoffte ich vor allem um meinetwillen. Norah hatte meine Schwester Maria gekannt und gemocht. Mein Leben mit Maria hatte vor vierundzwanzig Jahren abrupt geendet. Erinnerungen waren das einzige, was ich hatte. So gesehen bedeutete Norah mir viel, auch wenn ich sie kaum kannte. Jan hatte mir auch viel bedeutet. Ich versuchte, all diese Gedanken abzuschütteln. Sie waren im Moment nicht hilfreich. Sie verwirrten mich.

Ich hatte den Pavillon erreicht. Bevor ich Norah gegenübertrat, sammelte ich mich. Dann ging ich zu ihr unter das Blätterdach. Norah sass auf der halbrunden, schmiedeeisernen Bank und schaute zu Boden. Sie weinte nicht. Sie schien noch immer unter Schock zu stehen, ihr Gesicht war fahl und angespannt. Ich ging zu ihr und setzte mich neben sie. Norah sah weiter zu Boden.

«Norah», sagte ich sanft und legte ihr meine Hand auf die Schulter. «Norah, ich bin jetzt hier. Alles wird gut.» Es war eine Floskel, nicht mehr. Ich wusste, dass nichts mehr gut werden würde. Ein Mensch war tot.

«Nichts wird gut.» Norah durchschaute den billigen Trick. Sie hob den Kopf und sah mich an. Im diffusen Licht im Pavillon schienen ihre Augen nicht mehr blau, sondern nachtschwarz zu sein. Nachtschwarz und voller Verzweiflung. «Nichts wird gut», wiederholte sie. Dann fing sie endlich an zu weinen. Erst lautlos, die Tränen liefen ihr über die Wangen, und ihr Mund war verzerrt. Sie begann zu schluchzen, und das Geräusch steigerte und steigerte sich, bis Norah vor Kummer und Gram erstickte Schreie von sich gab. Wortlose Schreie, die mich umso mehr ins Mark trafen.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Béjart sich dem Pavillon näherte. Seine Miene war besorgt, und ich konnte ein lautloses «Brauchst du Hilfe?» von seinen Lippen ablesen. Unauffällig winkte ich ab. Norah sollte ihrer Trauer freien Lauf lassen. Vielleicht half es. Vielleicht auch nicht.

Irgendwann verstummte Norah. Sie schniefte noch ein paar Mal, dann kramte sie ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich.

«Willst du reden?», fragte ich sie.

Sie schüttelte den Kopf.

«In Ordnung», sagte ich. «Wir müssen nicht reden. Nicht jetzt.» Ich wollte noch etwas sagen, überlegte es mir aber anders.

Norah hob den Kopf und sah mich an. «Danke», sagte sie. «Du verstehst. Du hast das auch erlebt. Mit Maria.»

Wieder wollte ich etwas sagen. «Nein», wollte ich sagen. «Ich habe das nicht erlebt. Jan ist tot. Ermordet. Maria ist nur verschwunden.» Ich sagte nichts. In diesem Moment spielte es keine Rolle. Nicht für Norah.

«Komm mit», sagte ich stattdessen. «Wir gehen nach Hause.» Norah konnte nicht hier bleiben. Sie konnte nicht zurück in dieses Haus gehen; das musste ich ihr ersparen. Und sowieso durfte sie in den nächsten Tagen nicht hinein. Nicht, solange die kriminaltechnischen Ermittlungen nicht abgeschlossen waren. Ich half Norah beim Aufstehen. Erst jetzt nahm ich sie als Ganzes wahr. Sie war noch immer gross und schlank. Sie trug eine schmal geschnittene schwarze Hose und ein ebenfalls schwarzes Oberteil. Die blonden Haare fielen ihr lang und glatt über den Rücken. Die Füsse steckten in hochhackigen Pumps, die Fingernägel waren rot lackiert. Alles war perfekt. Norah war perfekt. Eine schöne, perfekte Frau. Eine unglückliche Frau.

Ich legte Norah den Arm um die Hüfte und führte sie durch den Garten zur Einfahrt. Becker trat mir in den Weg.

«Wir müssen sie vernehmen», sagte er.

«Nicht mehr heute», antwortete ich.

Becker wollte etwas erwidern, aber ich schnitt ihm das Wort ab. «Sie ist nicht verdächtig. Also lassen Sie uns gehen.» Ohne seine Entgegnung abzuwarten, ging ich mit Norah zu meinem Auto. Meist war ich mit dem Fahrrad unterwegs, aber heute Morgen hatte ich intuitiv dem Auto den Vorzug gegeben, als ich mich auf den Weg ins Büro gemacht hatte. Als hätte ich geahnt, dass ich es brauchen würde. Ich seufzte leise. Der Morgen schien ewig lange her zu sein.

Béjart sah mir in die Augen.

Ich konnte seinen Blick nicht deuten. Es konnte Missbilligung sein. Oder Bewunderung. Auf jeden Fall machte er keine Anstalten, uns aufzuhalten. Ich setzte Norah auf den Beifahrersitz, schnallte sie an und schloss die Tür. Dann fuhr ich los. Ich würde sie zu mir nach Hause fahren, ihr die Treppe hinauf und in mein Bett helfen. Ich würde Norah ein Beruhigungsmittel verabreichen – ich hortete ein paar Temesta für Notfälle. Dann würde ich zusehen, wie sie einschlief. Schlaf war heilsam. Und dann würde ich ihren Schlaf bewachen.

5

Ich beobachtete Norah eine Weile, während sie schlief. Sie lag reglos auf der Seite, die Knie angezogen und die Hände nahe am Gesicht. Embryonalstellung. Ihr Gesicht war verquollen und verriet die Qualen der letzten Stunden. Ansonsten sah sie ruhig und friedlich aus, ihr Atem klang gleichmässig. Dieses Bild war trügerisch. Norah würde lange keinen Frieden finden. Sie würde nie mehr die alte sein. Sie war jetzt schon eine andere Frau.

Ich ging in die Küche, zündete mir eine Zigarette an und öffnete das Fenster. Die Mittagssonne strahlte heiss vom Himmel. Der Sommer ist nicht meine Jahreszeit. Da liegt zu viel Fröhlichkeit in der Luft. Zu viel Glückseligkeit. Ich wünschte mir, dunkle Wolken würden aufziehen, ein starker Regen einsetzen.

Ich kochte mir einen starken Kaffee und rauchte eine weitere Zigarette. Ich rekonstruierte für mich den Ablauf der Tat: In der Tatnacht war das Opfer alleine zu Hause gewesen. Offensichtlich war Jan lange aufgeblieben. Vielleicht hatte er gearbeitet. Ein Glas Wein getrunken. Irgendwann war der Einbrecher zur Hintertür hereinmarschiert, hatte Jan überrascht, ihn mit mehreren Schüssen niedergestreckt und anschliessend die Wertgegenstände mitgehen lassen. Die Schüsse waren unbemerkt geblieben. Kein Nachbar hatte die Polizei gerufen. Am Morgen kam Norah nach Hause und fand Jans Leiche. Die Polizei kam. Die Kriminaltechnik kam. Später stiess ich dazu.

Ich nahm einen langen Zug und hielt eine Weile den Atem an, bevor ich den Rauch wieder ausstiess. Ich sah in den strahlend blauen Himmel hinauf. Das Diebesgut. Die offene Tür. Die Waffe. Die Schüsse. Jan, tot. Norah, schlafend in meinem Bett. Etwas fehlte. Aber was? Ich rauchte zu Ende, drückte die Zigarette aus. Ich versuchte zu glauben, dass ich es mit einem ganz normalen Fall zu tun hatte. Es gelang mir nicht wirklich.

Mein Telefon läutete. Ich erkannte die Nummer, zögerte kurz und nahm dann ab.

«Moira», sagte mein Vater. «Ich hatte einen Traum. Ich habe geträumt, du brauchst meine Hilfe.»

Ich hatte vierundzwanzig Jahre lang keinen Kontakt zu meinem Vater gehabt. Er war nach Nigeria, in seine Heimat abgehauen, als ich fünfzehn war und meine kleine Schwester Maria dreizehn. Seither hatte ich jeglichen Versuch einer Kontaktaufnahme von seiner Seite abgewehrt. Ignoriert. Bis vor ein paar Monaten. Ich hatte den Tod eines jungen Mädchens untersuchen müssen. Dabei war meine eigene, relativ erfolgreich verdrängte Vergangenheit wieder aufgekocht. Meine verschwundene Schwester. Meine dysfunktionale Mutter. Der abwesende Vater. Schliesslich hatte ich zum Telefon gegriffen und ihn angerufen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten hatte ich wieder die Stimme meines Vaters gehört. Seither standen wir sporadisch in Kontakt. Nicht, dass wir jetzt die besten Freunde wären. Dass die Vergangenheit überwunden und die Verletzungen geheilt wären. Aber wir befanden uns in einem Prozess der Annäherung.

«Vielleicht», antwortete ich meinem Vater, «vielleicht brauche ich tatsächlich Hilfe.» Ich erzählte ihm von meinem neusten Fall. Nicht der Fall der verschwundenen Eizellen. Der andere. Der Fall der vielen Zufälle. Ich erzählte ihm vom ermordeten Jan.

«Was soll ich tun?», fragte ich seufzend.

«Tu, was du immer tust», antwortete mein Vater. «Geh den guten Weg.»

Tja, was sollte ich sagen? Das half mir nicht wirklich weiter.

«Das ist dein Name, weisst du? Mmesoma. Der gute Weg.»

Ich verstand nur Bahnhof.

«Der Name findet einen. Nicht umgekehrt», fuhr mein Vater fort.

«Ich verstehe nicht», sagte ich. «Mein Name ist Moira.»

«Moira ist der Name, den deine Mutter dir gegeben hat. Er bedeutet Schicksal. Mmesoma ist der Name, den deine Ahnen für dich ausgesucht haben. Der gute Weg.»

Ich schwieg eine Weile. Ich musste das Gehörte erst einordnen. «Ich wusste nicht, dass ich einen zweiten Vornamen habe», sagte ich schliesslich.

«Nein. Deine Mutter wollte es so. Eine Erwähnung dieses Namens, und sie ist explodiert. Du kennst sie ja.» Ein glucksendes Lachen war zu hören.

Ich konnte das nicht lustig finden. Meine Mutter ist Alkoholikerin. Ein Glas zu viel oder zu wenig, ein Wort zu viel oder zu wenig hat einen Wutanfall zur Folge. Das war schon immer so. Deswegen war mein Vater wohl auch abgehauen und hatte mich und meine Schwester Maria mit Mutter allein gelassen. Aber das war eine andere Geschichte.

Moira und Mmesoma. Schicksal und der gute Weg. Vielleicht konnte ich irgendwann etwas damit anfangen. «Und Maria?», fragte ich.

«Was ist mit ihr?», erwiderte mein Vater die Frage.

«Welchen Namen haben ihr die Ahnen gegeben?»

«Ngozi. Gesegnet.»

Nun musste ich ein Lachen unterdrücken. Ein zynisches Lachen. «Da haben sie aber schön danebengegriffen», sagte ich.

Mein Vater schwieg eine Weile. «Deine Schwester ist an einem gesegneten Ort», sagte er. «Wo immer sie auch ist, es geht ihr gut.»

«Woher willst du das wissen?», fragte ich einigermassen aggressiv.

«Ich weiss es. Ich fühle es.»

Ich sagte nichts. Ich sagte nicht, dass ich keinen Deut auf solche Gefühle gab. Das waren Hirngespinste. Wunschdenken.

«Du glaubst mir nicht.» Mein Vater war nicht dumm. «Noch nicht. Aber es wird die Zeit kommen, wo du selbst die Dinge spürst.»

Bald nach dieser rätselhaften Aussage beendeten wir unser Telefonat. Ich war nicht klüger als zuvor. Aber ich war um einen Namen reicher. Mmesoma. Ich sagte ihn leise vor mich hin. Er klang gar nicht mal so übel.

6

Die nächsten zwei Stunden verbrachte ich damit, Norah beim Schlafen zuzusehen, eine Kleinigkeit zu essen, unzählige Zigaretten zu rauchen und vor allem unruhig durch die Wohnung zu tigern – alles möglichst geräuschlos, um Norah nicht zu wecken. Sie sollte ruhig noch etwas schlafen, bevor sie sich der Wirklichkeit wieder stellen musste. Dann hielt ich es nicht mehr aus. Ich musste raus. Raus aus meinen vier Wänden, raus aus meinem gedanklichen Hamsterrad. Ausserdem hatte ich um halb vier einen Termin in der Kanzlei. Ich vergewisserte mich, dass Norah tief und fest schlief und begab mich ein Stockwerk tiefer zu Willy Morgenroth, meinem Nachbarn und Vermieter. Auf mein Klopfen hin öffnete niemand, also ging ich in den Garten. Bei schönem Wetter ist Willy oft dort anzutreffen. Charlie, sein junger Golden Retriever, lag unter einem Baum im Schatten und liess die Zunge baumeln. Willy hingegen, mit Strohhut und Leinenhemd, machte sich mit einer grossen Heckenschere an ein paar Büschen zu schaffen.

«Willy, sind Sie des Wahnsinns?», fragte ich. «Es ist zu heiss, um draussen zu arbeiten. Und erst noch an der prallen Sonne.»

Willy liess die Schere sinken und wandte sich mir zu. «Moira. Ich habe Sie nicht kommen hören.» Schweisstropfen standen ihm auf der Stirn, und sein Gesicht war gerötet. Diese Hitze war sicher nicht gut für den 75-jährigen Willy. Ich wollte mir um ihn nicht auch noch Sorgen machen müssen.

«Willy, das kann nicht gesund sein. Kommen Sie, machen Sie eine Pause.»

Willy zog ein grosses kariertes Taschentuch hervor und tupfte sich die Stirn ab. «Es ist tatsächlich warm heute», gab er zu. «Aber irgendwann muss ich das erledigen.»

«Irgendwann, aber nicht jetzt. Kommen Sie», sagte ich energisch, «ich habe eine andere Aufgabe für Sie.»

Willy schien froh zu sein, die Gartenarbeit für heute niederlegen zu können. Ohne gross nachzufragen folgte er mir ins kühle Innere des Hauses, Charlie ihm dicht auf den Fersen.

Ich bat Willy zu mir in die Wohnung und informierte ihn bei einem Glas kalten Wassers kurz über die Situation, den ermordeten Jan und die schlafende Norah.

«Wenn Sie ein Augen auf sie haben könnten?», bat ich Willy. «Nur für ein, zwei Stunden, bis ich wieder da bin. Es käme wohl nicht gut, wenn sie aufwacht und niemand ist da.»

«Wo denken Sie hin?» Willy war entsetzt. «Ich gehe mich kurz frisch machen, und dann werden Charlie und ich uns zu der jungen Dame setzen und auf sie aufpassen.»

«Willy, Sie sind ein Schatz», sagte ich.

Er winkte verlegen ab.

Die Anfänge unserer Bekanntschaft gehen zurück auf meinen Einzug in die Dachwohnung an der Rychenbergstrasse. Willy ist Besitzer des Hauses, und eine Klausel im Mietvertrag besagt, dass wir einmal im Monat zusammen zu Abend essen. Willy wollte von Anfang an vermeiden, dass zwischen uns lediglich ein anonymes Vermieter-Mieter-Verhältnis besteht. Nun, darum musste er sich keine Sorgen mehr machen. Aus den monatlichen Abendessen war nach und nach eine Freundschaft entstanden. Diese hatte sich seit dem Fall Maria Okeke intensiviert. Sie war intimer geworden. Ich wusste nun, dass ich Willy vertrauen konnte. Er würde mir zur Seite stehen, was auch geschah.

Meist wusste ich diese neue Vertrautheit in unserer Freundschaft zu schätzen, doch manchmal schreckte ich davor zurück. Ich war es nicht gewohnt, jemanden nahe an mich heranzulassen. Willy war da anders. Er war lange Jahre verheiratet gewesen und pflegte auch nach dem Tod seiner Frau alte Freundschaften, half hier und dort. Er liebte es, eine Aufgabe zu haben. Gebraucht zu werden. Er war auch immer Feuer und Flamme, wenn er mir bei einem meiner Fälle helfen konnte, und sei es nur mit einem guten Rat.

Ich liess ihn also guten Gewissens bei der schlafenden Norah zurück und machte mich zu Fuss auf in mein Büro, ich brauchte die Bewegung. Bereits nach dreihundert Metern bereute ich diese Entscheidung. Es war mittlerweile drei Uhr nachmittags, die Sonne brannte heiss vom Himmel, und meine Leinenbluse war nach wenigen Minuten durchgeschwitzt. Aber da musste ich nun durch. Es war zu spät zum Umkehren. Ich quälte mich den heissen Asphalt entlang und war froh um jedes Bäumchen, das ein wenig Schatten spendete. Sogar zum Rauchen war es mir zu heiss. Erleichtert betrat ich gut zehn Minuten später das Backsteingebäude an der Ecke Wülflingerstrasse/Schaffhauserstrasse, in dem sich mein Büro befindet. In der Eingangshalle passte mich Melvin, mein Büronachbar, ab.

«Du hast Besuch», flüsterte er und wies mit dem Kinn Richtung Küche, die auch unser Aufenthaltsraum ist. Seit einem Einbruch in mein Büro vor ein paar Monaten war Melvin etwas paranoid. In jedem Besucher sah er eine potentielle Gefahr und behielt ihn aufmerksam im Auge.

Erstaunt und wenig erfreut zog ich meine Augenbrauen hoch. Mandanten, die zu spät kommen, sind ein Ärgernis. Mandanten, die viel zu früh kommen, sind eine Unverschämtheit.

Ich schloss die Tür zu meinen Büroräumlichkeiten auf, setzte mich an meinen Schreibtisch und leerte eine Halbliterflasche Mineralwasser. Danach fühlte ich mich etwas besser. Etwas weniger erhitzt. Ich sass einen Moment lang da und überlegte, ob ich tatsächlich tun sollte, was ich zu tun gedachte. Ja, beschloss ich, ich sollte.

Ich zog ein Handy aus meiner Tasche. Norahs Handy. Während sie ihren Dornröschenschlaf schlief, hatte ich einen Blick in ihre Handtasche geworfen und es mitgehen lassen. Was natürlich grenzwertig war. Vom moralischen Standpunkt her. Was den rechtlichen Standpunkt betraf, da befand ich mich bereits voll und ganz in der Illegalität. Aber besondere Umstände verlangen nach besonderen Mitteln. Ich durchsuchte Norahs Handy, das glücklicherweise nicht durch einen Code gesichert war. Das hatte ich gehofft. Ich kenne viele, die ihre Handys nicht sichern. Denen es zu mühsam ist, erst einen Code eingeben zu müssen. Bei mir ist das nicht der Fall. Aber ich bin von Natur aus misstrauisch. Ich gehe bei allen grundsätzlich einmal vom Schlechtesten aus.

Ich sah mir die Liste mit den ein- und ausgehenden Anrufen der letzten Tage an. Es waren merkwürdig wenige. Norah schien ihre sozialen Kontakte auf jeden Fall nicht per Handy zu pflegen. Zwei Nummern waren am häufigsten aufgeführt. Eine Nummer gehörte zu Jan, die andere zu einer Rebecca. Ich wählte letztere. Die Wahrscheinlichkeit war hoch, dass es sich um Norahs engste Freundin handelte. Tägliche Telefonate führt man nicht mit der Putzfrau. Und wie ich in Erinnerung hatte, hatte Norah keine Geschwister.

Eine weibliche Stimme meldete sich am anderen Ende der Leitung. Ich hatte richtig gelegen. Rebecca war Norahs Freundin. Sie war erschüttert, als ich ihr die Neuigkeiten berichtete. Sie versprach, Norah am späteren Abend abzuholen und mit zu sich zu nehmen. Norah konnte vorerst bei Rebecca wohnen. Ich war erleichtert. Norah einen Tag lang bei mir aufzunehmen, war eine Sache. Sie über einen längeren Zeitraum in meiner Wohnung zu haben eine vollkommen andere. Dafür wäre die grösste Wohnung zu klein. Ich brauche das Alleinsein. Die Einsamkeit.

Ausserdem war Norah für mich eine Fremde. Klar, sie war mit meiner Schwester befreundet gewesen. Aber das war lange her, und ich hatte sie nie gut gekannt. Ich nahm an, sie wollte mich als Anwältin mandatieren. Weswegen sonst hatte sie mich am Morgen anrufen lassen? Vielleicht würde ich als ihre Anwältin Ansprüche gegen Jans Mörder geltend machen müssen. Vielleicht würde ich als ihre Anwältin aber das bestmögliche Strafmass für sie als Mörderin von Jan herausschlagen müssen. Das war ein unwahrscheinliches Szenario, aber ich musste alles in Betracht ziehen. Ich wusste nicht, was die nächsten Tage brachten. Welche Beweise, Indizien oder Ergebnisse schliesslich vorliegen würden. Deswegen war es besser, ich liess mich nicht zu stark auf Norah ein. Deswegen war es besser, ich hielt eine gewisse Distanz.

Ich schaltete Norahs Handy aus und verstaute es wieder in meiner Tasche. Zuvor hatte ich einen kurzen Blick auf ihre neusten Mails, SMS und WhatsApp Nachrichten geworfen. Ich kam mir schäbig vor, aber wo ich das Handy schon mal hatte, wollte ich die Gelegenheit nutzen. Es gab weder im Posteingang noch bei den Textmitteilungen etwas Auffälliges; kein Mordkomplott war per Mail geschmiedet, kein reumütiges Geständnis per SMS an eine Freundin versandt worden. Auffällig war höchstens, dass Norah sehr wenige Mails und Nachrichten versandte beziehungsweise erhielt. Mit Rebecca hatte sie ab und zu gesimst und auch mit einigen anderen, aber immer ziemlich unverbindlich. Abmachungen zum Pilates und solches Zeugs. Die Mails bestanden zur Hauptsache aus Werbekram. Norah nutzte die sozialen Medien noch weniger ich. Aber es passte zu den spärlichen Telefonaten. Norah schien ein ziemlich einsamer Mensch zu sein, das war die Erkenntnis, die der schnelle Blick in ihr Handy mir lieferte.

Ich stand auf, um mich um meinen Mandanten zu kümmern, der noch immer in der Küche auf mich wartete.

7

Der Mann erhob sich, als ich die Küche betrat. Mein Halb-vier-Uhr-Termin war er definitiv nicht. Ich hatte ihn noch nie gesehen.

«Frau van der Meer?», fragte er. «Moira van der Meer?»

Ich antwortete nicht. Spontane Besuche von potentiellen Klienten kann ich nicht ausstehen. Ich führe schliesslich kein Reisebüro, sondern eine Anwaltskanzlei. Ich musterte den Mann. Er war gross und früher wohl schlank gewesen, doch nun hatte er einen unübersehbaren Bauch und wirkte auch sonst irgendwie massig. Aufgeschwemmt. Auf seinem rosigen Schädel wuchs flaumiges blondes Haar, und seine Augen waren hellblau, das Weisse rot geädert. Instinktiv verspürte ich Abneigung dem Unbekannten gegenüber. Ich mochte ihn nicht.

«Ich bin Paul Petersen», sagte er. Er sah mich an, als müsste mir das etwas sagen. Als müsste ich Bescheid wissen. «Jan Krügers Partner. Geschäftspartner», fuhr er auf mein Schweigen hin fort.

Ich atmete ein. Ich konnte Alkohol riechen. Paul Petersen hatte in den letzten Stunden offensichtlich getrunken. Es schien ihm nicht gut zu gehen.

«Es tut mir leid wegen Jan», sagte ich.

Er antwortete nicht. Statt dessen zog er ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich die Nase. Auch eine Möglichkeit, seine Gefühle zu zeigen. «Kann ich mit Ihnen reden?», fragte Paul.

Eine etwas merkwürdige Frage. Weswegen war er sonst hierhergekommen? «Deswegen sind Sie hier, nehme ich an», entgegnete ich. Ich führte ihn in mein Besprechungszimmer. Wir sassen uns gegenüber.

Paul schwieg.

«Also», hakte ich schliesslich ungeduldig nach. Ich wollte meinen nächsten Mandanten nicht unnötig lange warten lassen.

«Jan wurde ermordet», sagte Paul.

Ach was. Das waren ja Neuigkeiten. «Ich weiss», sagte ich lapidar. Wieder herrschte Schweigen. «Sind Sie deswegen hier?», fragte ich. Diese Unterhaltung strengte mich an, obwohl sie gar noch nicht richtig begonnen hatte.

Paul starrte vor sich hin. «Ich habe Jan gesehen. Heute Morgen. Wir hatten ein Meeting mit einem wichtigen Klienten. Vorher wollten wir bei ihm zu Hause noch zwei, drei Details besprechen.»

Ich hatte gewusst, dass Jan einen Geschäftspartner hatte. Ich hatte ihn mir nur anders vorgestellt. Etwas weniger vierschrötig vielleicht. Aber der erste Eindruck kann natürlich täuschen. Wahrscheinlich hatte Paul ebenfalls Kunstgeschichte studiert und mit summa cum laude abgeschlossen.

«Weshalb?»

«Weshalb was?» Paul sah mich erstaunt an.

«Weshalb wollten Sie bei Jan zu Hause geschäftliche Dinge besprechen? Weshalb nicht im Büro?»

Als ich mich mit Jan beruflich unterhalten hatten, war das in einem Zweihundert-Quadratmeter-Loft im Sulzerareal passiert, das eher Ähnlichkeiten mit einer Galerie hatte denn mit einem simplen Büro.

«Mal so, mal so. Jan hat in letzter Zeit lieber von zu Hause aus gearbeitet. Er ist vielleicht zweimal die Woche im Geschäft aufgetaucht.» Er sah mich an. «Ist das wichtig?»

Ich zuckte die Achseln. «Vielleicht. Vielleicht auch nicht.»

Paul sah etwas irritiert aus.

Mir kam ein Gedanke: «In letzter Zeit, sagten Sie, arbeitete Jan lieber von zu Hause aus. Seit wann?»

Paul zuckte die Schultern. «Ich weiss nicht genau. Seit ein paar Monaten. Ein halbes Jahr vielleicht.» Er sah an mir vorbei.

«Und Sie haben keine Ahnung, weshalb das so war?»

Paul schüttelte den Kopf. Er sah irgendwie verlegen aus. Definitiv nicht wie jemand, der die Wahrheit sagt.

Ich liess es auf sich beruhen. «Fahren Sie fort», sagte ich. «Sie wollten also heute Morgen zu Jan.»

«Genau. Ich wollte zu Jan. Schon von Weitem habe ich die ganzen Leute gesehen, die Polizisten, die Gaffer. Als ich aus dem Auto ausgestiegen bin, haben sie ihn gerade abtransportiert.» Er tastete seine Hemdtasche ab und zog ein Päckchen Zigaretten hervor. «Darf ich?»

Ich nickte, schob ihm einen Aschenbecher hin und öffnete das Fenster.

«Sie auch?» Er hielt mir das Päckchen hin.

Warum nicht? Mir ist so gut wie jede Gelegenheit zum Rauchen willkommen.

Paul zündete erst mir und dann sich selbst die Zigarette an. Nach einigen Zügen fuhr er mit seiner Schilderung fort. «Ich habe erst gar nicht begriffen, worum es geht. Als die Bahre rausgetragen wurde, dachte ich, es sei ein Unfall passiert. Ich dachte, es sei sie, die da liegt, Norah! Ich wollte rein zu Jan. Die Polizisten haben mich zurückgehalten. Und dann habe ich erfahren, was geschehen ist. Dass Jan tot sei. Ermordet. Erschossen.» Paul nahm sichtlich bewegt einen letzten Zug und drückte seine Zigarette aus. Die Erinnerung machte ihm zu schaffen.

Ich liess ihm Zeit, um sich zu sammeln. «Was wollen Sie von mir?», fragte ich dann.

«Jan hat Sie oft erwähnt», sagte Paul. «Er hat oft von Ihnen gesprochen. ‹Wenn du Probleme hast, dann such Moira van der Meer auf›, hat er gesagt. ‹Sie kann dir helfen.›»

«Und?», fragte ich und drückte meine Zigarette aus. «Haben Sie Probleme?» Ich hatte noch immer keinen blassen Schimmer, weswegen Paul Petersen hier war.

Paul starrte mich an. «Ich weiss, wer es getan hat», stiess er schliesslich hervor. «Ich glaube, sie war es. Norah.» Er fing an zu weinen. Dieser massige Mann sass in meinem Besprechungszimmer und weinte.

«Glauben Sie oder wissen Sie?»

Er zuckte mit den Schultern. Also glaubte er.

«Weswegen verdächtigen Sie Norah?», fragte ich.

Er hörte schlagartig auf zu weinen und sah mich an. «Das liegt auf der Hand», sagte er. «Sie bekommt jetzt alles.»

Ich schwieg. Meiner Meinung nach wird Geld als Mordmotiv überschätzt, von Raubmord einmal abgesehen. Es gibt andere, stärkere Beweggründe: Liebe, Eifersucht. Neid. Macht. Angst. Pauls Theorie überzeugte mich nicht. Ausserdem sah Norah nicht aus, als würde es ihr an Geld mangeln. Jan war schon immer grosszügig gewesen.

«Ich weiss noch immer nicht, was Sie von mir wollen», sagte ich. «Mit Ihrem Verdacht sind Sie bei der Polizei besser aufgehoben als bei mir.» Ich stiess meinen Stuhl zurück und erhob mich halb. Es war Zeit, dieses Gespräch zu beenden. Paul hatte mir mitgeteilt, was er mir hatte mitteilen wollen. Er führte irgendetwas im Schilde. Ich wusste nur nicht was.

Paul machte keine Anstalten aufzustehen. «Sie verstehen nicht», sagte er. «Jan war reich. Er hat ein Vermögen verdient.»

Ich reagierte nicht.

«Jan und Norah hatten so ihre Schwierigkeiten», fuhr Paul fort.

«Wer hat die nicht?»

«Es ging anscheinend über das übliche Mass hinaus.»

«Ich habe verstanden, worauf Sie hinauswollen. Aber was wollen Sie von mir?»

«Ich wollte nur, dass Sie das wissen. Das ist alles. Sie sollten es wissen.» Nun erhob Paul sich endlich.

Ich führte ihn zur Tür und verabschiedete ihn, ohne ihm die Hand zu geben. Er war mir zuwider. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Seine Trauer schien mir plötzlich nur gespielt.

Auf halbem Weg hinaus drehte Paul sich um. «Das mit Jan tut mir auch echt leid für Sie. Waren Sie nicht einmal zusammen?»

Ich spürte seinen lauernden Blick auf mir. «Wir waren befreundet», sagte ich, schloss die Tür und lehnte mich dagegen. Ich dachte über Paul nach. Über Norah. Und über Jan. Meine Gedanken gefielen mir gar nicht. Ich setzte mich an den Tisch, zündete eine weitere Zigarette an und sah auf die Uhr. Kurz vor vier. Zeit, mich meinem Mandanten zu widmen. Er sass vermutlich in der Küche und wartete.

8

Um fünf war auch dieses Gespräch vorüber. Mein Mandant war nicht wirklich glücklich über meinen Vorschlag, sich in einer Betrugssache schuldig zu bekennen. Immerhin hatte er eingesehen, dass es sich lohnte. Unter dem Strich würde er so besser wegkommen. Ich musste ihm nur noch beibringen, sich reumütig zu zeigen. Zumindest vor Gericht. Ich erledigte Papierkram, packte meine Tasche und brachte leere Gläser und Tassen in die Küche. Dann setzte ich mich hin und griff zum Telefon. Bevor ich das Büro endgültig verliess und Norah gegenübertrat, wollte ich versuchen, etwas mehr in Erfahrung zu bringen. Ich wählte Béjarts Nummer.

Er schien auf meinen Anruf gewartet zu haben. «Moira», sagte er. «Guter Abgang, den du heute Morgen hingelegt hast.»

Was sollte ich dazu sagen? Ich schwieg.

«Meinst du, das war klug? Becker scheint dich sowieso schon nicht zu mögen, weiss der Teufel wieso.»

Ich hatte das Gefühl, er mache sich über mich lustig. «Wenn ich klug wäre, würde ich ein anderes Leben führen», blaffte ich ihn an. «Ich bin nicht auf der Welt, um klug oder glücklich zu sein.»

«Nein? Wofür bist du dann auf der Welt?», fragte Béjart plötzlich sanft.

Tja, wofür eigentlich? Mir fiel spontan keine Antwort ein. «Becker interessiert mich nicht. Der hat nichts zu sagen.» Ich unterbrach mich. «Sag mal, welcher Staatsanwalt ist eigentlich in der Sache zuständig?»

«Staatsanwältin, nicht Staatsanwalt. Die Kummer.»

«Staatsanwältin Kummer», wiederholte ich. Ein Schauder lief über meinen Rücken.

«Alles in Ordnung, van der Meer?» Béjarts Stimme klang rau und zärtlich zugleich. Er wusste um meinen letzten Fall mit Staatsanwältin Kummer. Ein Fall, der mir nahe gegangen war. Ihm übrigens auch. Ein Fall, der mich in meinen Träumen noch ab und zu verfolgte. Staatsanwältin Kummer war für mich gleichbedeutend mit diesem Fall. Béjart wusste auch darum. Ich war dankbar für sein Feingefühl. Aber weshalb er mich in diffizilen Situationen immer bei meinem Nachnamen nannte, war mir schleierhaft.

«Mit Staatsanwältin Kummer komme ich klar», sagte ich gespielt forsch. Wobei es der Wahrheit entsprach. Abgesehen vom Umstand, dass unser letzter gemeinsamer Fall tragisch geendet hatte, waren Kummer und ich ziemlich auf einer Wellenlänge.

«Und sonst?», fragte ich.

«Was willst du wissen?»

«Alles.»

«Es gibt nichts Offizielles.»

«Und Inoffizielles?»

«Auch nichts.» Béjart lachte.

Sehr witzig. Ich liess Béjart meine Missbilligung durch die Telefonleitung spüren.

«Ehrlich.» Béjart war das Lachen vergangen. «Es gibt nichts. Projektile, Spuren, Fingerabdrücke, das muss alles erst ausgewertet werden.»

Da hatte er natürlich Recht. Trotzdem war ich enttäuscht.

«Und die Raubmord-Theorie?»

«Die hat absolute Priorität.»

Ich überlegte, ob ich Béjart nach Paul Petersen fragen sollte, entschied mich aber dagegen. Erst einmal musste ich mit Norah reden.

«Moira, willst du einen Rat von mir?», unterbrach Béjart meine Gedanken.

Eigentlich nicht. Eigentlich wollte ich ganz andere Dinge von Guido Béjart, aber die war er mir bislang nicht gewillt zu geben.

Er wartete meine Antwort nicht ab. «Nimm Kontakt zu deinen Hehlern auf. Du kennst doch einige ziemlich grosse Fische.»

Ich hörte ein Geräusch, das sich nach einem unterdrückten Lachen anhörte. Ha, ha. Moira van der Meer, Anwältin der lokalen und regionalen Unterwelt. So sah er mich wohl.

«Die gestohlene Ware», fuhr Béjart fort. «Irgendwo wird sie wieder auftauchen. Du findest da vielleicht schneller etwas raus als wir.»

Kein schlechter Hinweis. Ich würde der Sache nachgehen. Aber nicht jetzt. Nicht heute. «Danke», sagte ich. Ich meinte es so. Ich war ihm dankbar. Für alles.

«Wenn du mehr weisst …», fing ich an, vollendete den Satz aber nicht.

«Dann was?»

«Dann ruf mich an.»

«Ich werde dich vorher anrufen, Moira.» Béjarts Stimme war tief und verführerisch.

Ich schluckte. «In Ordnung», sagte ich.

«Bis bald, van der Meer», sagte er. Seine Stimme war nur mehr ein Flüstern. Er legte auf.

«Bis bald, Guido», antwortete ich.

Er hörte es nicht mehr.

9

Als ich nach Hause kam, war niemand in meiner Wohnung, das Bett war leer. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel. Norah war aufgewacht, und Willy hatte sie mit zu sich genommen. Ich war schon auf dem Weg nach unten, da überlegte ich es mir anders. Ob ich zehn Minuten früher oder später zu den beiden stiess, dürfte keine Rolle spielen. Norah war bei Willy gut aufgehoben; er kannte sich aus mit verzweifelten Frauen. Ich schlüpfte aus meinen verschwitzten Kleidern, stellte mich unter die Dusche und wusch den Schweiss des Tages ab. Danach wickelte ich mich in ein Badetuch, goss mir ein Glas kühlen Weissweins ein und setzte mich auf die Fensterbank. An meinem Wein nippend genoss ich den Ausblick über die Stadt. Ich sah auf die Uhr. Halb sieben. So langsam sollte ich nach unten zu Willy gehen. Rebecca würde in Bälde eintreffen, um Norah abzuholen, und vorher musste ich sie noch ein paar Dinge fragen. Ich hatte bis jetzt keine Gelegenheit dazu gehabt. Ich schlüpfte in eine weite Baumwollhose und ein T-Shirt und machte mich auf den Weg.

Norah sass an Willys Küchentisch, während er sich am Herd zu schaffen machte. Norah sah noch immer blass und elend aus, die Augen waren geschwollen und rot geädert. Sie versuchte sich an einem schwachen Lächeln. «Moira», sagte sie.

Mein Magen krampfte sich zusammen. Mit dem Schmerz anderer klarkommen ist nicht einfach.

Willy drehte sich zu mir um. «Moira», sagte auch er. «Sie kommen genau richtig. Ich wollte soeben die Hühnersuppe servieren.» Er nahm einen weiteren Suppenteller aus dem Schrank. «Sie essen doch mit, nicht wahr?» Es war keine Frage, mehr eine Feststellung. Trotzdem nickte ich.

«Hühnersuppe ist ein Allerheilmittel, Sie werden sehen, Norah», wagte Willy zu Norah und berührte mitfühlend ihre Schulter. «Sie hilft auch gegen Kummer.»

Norah antwortete nicht, aber ich konnte sehen, wie sie wieder mit den Tränen kämpfte. Ich setzte mich zu ihr und nahm ihre Hand in meine Hände. «Wie geht es dir, Norah?» fragte ich.

Sie zuckte die Achseln. War auch ein bescheuerte Frage, zwölf Stunden nachdem man den eigenen Mann tot aufgefunden hatte. Aber irgendwie musste ich anfangen.

Ich beugte mich vor. «Norah, wir müssen reden», sagte ich.

In dem Moment stellte Willy dampfende Teller vor uns hin. «Sie können reden, Moria. Aber erst nach dem Essen», sagte er bestimmt. Die schöne, unglückliche Norah weckte seinen Beschützerinstinkt.

Ich verzichtete darauf, Widerstand zu leisten. Wenn Willy sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war man gut beraten nachzugeben. Ausserdem hatte ich Hunger. Schweigend löffelten wir die Suppe mit Hühnerbrust, Koriander und Karotten. Dazu reichte Willy eine aufgebackene Baguette. Es schmeckte herrlich. Ich schlug mir trotz der traurigen Umstände den Bauch voll und schämte mich etwas dafür.

Norah ass nur zwei, drei Bissen und rührte ansonsten in der Suppe herum.

Nach dem Essen setzten Norah und ich uns ins Wohnzimmer.

Willy machte sich derweil in der Küche zu schaffen. Er kam noch einmal kurz herein und stellte zwei Gläser vor uns auf den Beistelltisch. Sie waren zu einem Drittel gefüllt mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit.

«Das beruhigt und tröstet», sagte er zu Norah.

Sie sah ihn dankbar an und nahm einen Schluck. Ich tat es ihr gleich. Der Whiskey brannte in meiner Kehle, und mir wurde warm ums Herz. Willy hatte nicht immer Recht. Aber oft.

«Norah, die Staatsanwältin würde dich morgen gerne ausführlich befragen. Bist du dazu in der Lage? Ich werde dabei sein», fügte ich schnell hinzu, als ich ihren erschrockenen Gesichtsausdruck wahrnahm. Die Kummer hatte mich angerufen, als ich das Büro bereits verlassen hatte. Sie drängte auf eine schnelle Einvernahme, was nachvollziehbar war. Die ersten Tage nach einer Tat sind immens wichtig für eine erfolgreiche Untersuchung. Kummer war sehr freundlich gewesen am Telefon, beinahe schon freundschaftlich. Norah schien definitiv nicht auf der Liste der möglichen Verdächtigen zu stehen.

Norah gab keine Antwort, sondern trank erneut von ihrem Whiskey. Dann sah sie mich an. Ich konnte den Ausdruck ihrer Augen nicht deuten.

«Jan hat dich immer geliebt.»

Der Themenwechsel irritierte mich, und ich war um eine Antwort verlegen.

«Er hat es nicht gesagt. Aber ich habe es gespürt. Er hat dich geliebt. Sogar als du nur noch ein Abbild deiner selbst warst, hat er dich geliebt.» Sie klang spöttisch und verletzt zugleich. Mit einer Hand warf sie ihr langes blondes Haar über die Schultern zurück. Eine trotzige Geste.

«Du irrst dich», sagte ich heiser. «Das mit uns war lange vorbei.»

«Für dich vielleicht.» Norah trank einen Schluck. Ihr Glas war schon beinahe leer. «Es spielt keine Rolle. Mich hat er auch geliebt. Auf eine andere Art. Das mit dir, das war», sie suchte nach Worten, «das war … Keine Ahnung, was das war.» Heftig stellte sie ihr Glas zurück auf den Glastisch. Ihre Stimmung hatte plötzlich umgeschlagen, sie schien nun wütend.

«Es tut mir leid», sagte ich. Dabei wusste ich nicht einmal, was mir leid tun sollte. Ich war mir keiner Schuld bewusst.

«Was wolltest du mich fragen?» Norah beendete das Thema abrupt. «Ach ja, die Befragung. Ich weiss nicht. Was meinst du? Du bist die Anwältin.»

«Es wäre gut, wir könnten der Aufforderung der Staatsanwältin Folge leisten. Je schneller die Polizei alle Informationen hat, desto schneller werden sie den … den Täter finden.» Ich hatte Mörder sagen wollen, aber das klang mir zu brutal. So endgültig. «Natürlich nur, wenn du meinst, du schaffst das», fügte ich an.

Norah nickte. Ihr Gesicht, das vorher vom Whiskey leicht gerötet gewesen war, war nun noch blasser als zuvor. «Es wird schon gehen», sagte sie leise.

«Gut.»

Wir schwiegen eine Weile. Norah schien in ihre eigene Welt abzudriften, sie starrte blicklos vor sich hin.

Ich räusperte mich. «Ich sollte vor der Einvernahme über ein paar Dinge Bescheid wissen», nahm ich vorsichtig den Faden wieder auf. «In Ordnung?»

Keine Reaktion.

Also fing ich an. «Norah, wo hast du die Nacht verbracht?»

Sie sah mich lange an, ohne etwas zu sagen.

Ich schlug unruhig ein Bein über das andere, nippte an meinem Whiskey. Ich fragte mich, ob ihre Gedankenversunkenheit dem Temesta zuzuschreiben war oder dem Schock.

«In einem Hotel», meinte sie dann leise.

«In einem Hotel? Wo? Kann das jemand bestätigen?» Es fiel mir schwer, meine Ungeduld im Zaum zu halten. Norahs Lethargie schien meinen Aktivismus zu steigern.

Norah starrte wieder stumm vor sich hin.

«Norah.» Ich versuchte, sie zu erreichen. Wider Erwarten gelang es mir.

Auf jeden Fall begann Norah zu sprechen. «Vor ein paar Wochen wollte ich spontan mit einer Bekannten essen gehen», sagte sie. «Im ‹Sotto Voce›, kennst du das? Hinter dem Bahnhof.»

Ich nickte. Ich fragte mich, worauf sie hinauswollte.

«Jan hatte ein Geschäftsessen. Hatte er mir zumindest gesagt. Es würde lange dauern. Meine Bekannte und ich haben das ‹Sotto Voce› betreten. Ich habe Jan entdeckt. Mit einer Frau. Mit einer anderen Frau.» Sie schien das Erlebte im Geist Revue passieren zu lassen. «Das ist schon mal vorgekommen. Es war nichts etwas Ernstes. Er ist zu mir zurückgekommen. Aber diesmal. Er hat diese Frau angeschaut mit einem Blick … Mit einem Blick, den er sonst nur hatte, wenn er von dir gesprochen hat.» Sie sah mich an.

Das war definitiv keine Antwort auf die Frage, die ich ihr gestellt hatte. Ich konnte den roten Faden in Norahs Schilderung nicht sehen. Wohin wollte sie mich führen? Ich bezwang meine Ungeduld und beschloss zu warten.

«Ich habe zum ersten Mal befürchtet, Jan könnte mich verlassen. Das ging nicht. Ich hätte es nicht ertragen. Es … ». Ihre Stimme brach. «Es ging einfach nicht. Wir haben keine Kinder. Jan ist alles für mich. Er ist mein Leben.»

Norah sprach in der Gegenwart von Jan. Sie wusste mit dem Verstand, dass Jan tot war. Aber sie hatte das Ausmass ihres Verlustes noch nicht vollends begriffen.

Norah barg für einen Moment das Gesicht in den Händen. Dann sammelte sie sich und griff nach ihrem Glas. Es war leer, trotzdem führte sie es zum Mund.

«Was hast du getan?», fragte ich. Ich wollte diese Befragung möglichst schnell hinter mich bringen. Ich sehnte mich nach einem weiteren Glas Wein und einer Zigarette. Ich sehnte mich danach, meine Ruhe zu haben, nicht gestört zu werden durch Norahs Schmerz.

«Nichts.» Norah öffnete die Hände weit, als wolle sie mir zeigen, dass sie leer waren. «Ich habe nichts getan. Was hätte ich tun sollen?» Sie lächelte ein merkwürdiges, kleines, trauriges Lächeln. «Ich habe mein Leben weitergelebt. Ich habe Jan bei der Arbeit unterstützt, ich habe versucht …»

«Du hast Jan bei seiner Arbeit geholfen?» Das war mir neu.

Wieder lächelte sie dieses Lächeln. «Ich habe Recherchen angestellt. Und natürlich repräsentative Aufgaben übernommen. Klienten ausgeführt und so. Das passt zu mir, nicht? Ich meine, schau mich an. Dafür bin ich wie geschaffen.» Jetzt hatte ihre Stimme einen harten ironischen Unterton, aber ihre Augen schwammen in Tränen.

Ich beschloss, da nicht weiter nachzuhaken. «Du hast dein Leben weitergelebt, Jan bei der Arbeit geholfen und was hast du noch? Ich habe dich vorhin unterbrochen», versuchte ich, sie auf den Weg zurückzuführen.

Norah zuckte mit den Schultern. «Und sonst nicht viel.»

Irgendwie hatte ich sie verloren. Ich hätte sie einfach reden lassen sollen.

Sie beugte sich vor und griff nach ihrem Glas. «Kann ich noch einen haben?«

Ich nickte und ging mit dem leeren Glas zu Willy in die Küche. Als ich zurückkam sass Norah in das Polster zurückgelehnt und starrte in die Ferne. Ihre Finger arbeiteten unablässig und kneteten den Saum ihres Oberteils.

Ich reichte ihr den Whiskey. «Erzähl mir von gestern Abend. Erzähl mir, was du gemacht hast.»

Norah trank einen Schluck. «Ich war an einem Klassentreffen in Zürich. Zwanzig Jahre Matura.» Sie lächelte wehmütig. «Die Zeit vergeht schnell.»

«In Zürich? Aber du warst doch hier auf dem Gymnasium.»

Norah schüttelte den Kopf. «Ich habe gewechselt, nachdem deine Schwester verschwunden war. Ich weiss nicht, es war nicht mehr das gleiche. Ich habe es nicht ausgehalten, wollte weg von den ganzen bekannten Gesichtern. Also haben meine Eltern mich an einem privatem Gymnasium in Zürich angemeldet.»

Ich nickte schweigend und nippte ebenfalls an meinem Whiskey. Ich spürte den Alkohol schon ganz schön. Nicht nur ich hatte unter Marias Verschwinden gelitten. Es hatte auch andere getroffen, das vergass ich immer.

«Denkst du oft an Maria?»

«Was?» Norahs Frage traf mich unerwartet.

«Tut mir leid», sagte sie. «Das geht mich natürlich nichts an.» Sie sah mich an. «Es ist nur … ich denke ziemlich oft an sie. Ich frage mich, was damals passiert ist. Wieso sie nie gefunden worden ist.» Sie schüttelte den Kopf. «Tut mir leid», wiederholte sie. Sie spielte nervös mit ihrem Glas.

«Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Maria denke», sagte ich. Unsere Blicke trafen sich. Ich wandte die Augen als Erste wieder ab. «Zurück zu gestern Abend.»

«Ich war also in Zürich, in der Nähe des Helvetiaplatzes. Es war spät geworden. Den Nachtzug wollte ich nicht nehmen, ich … irgendwie mag ich das Volk da in der Nacht nicht, die ganzen Betrunkenen. Also bin ich in ein Hotel gegangen.»

«Ein Taxi war keine Option?», warf ich ein.

Norah schüttelte den Kopf. «Ein Hotelzimmer ist nicht viel teurer als eine Taxifahrt von Zürich nach Winterthur. Aber das war nicht der Grund. Die Stimmung zwischen Jan und mir war angespannt. Ich habe dir ja gesagt, diese Frau und alles. Wir haben eine schwierige Zeit durchgemacht. Ich dachte, etwas Abstand ab und zu sei vielleicht ganz gut, deswegen bin ich nicht ungern in Zürich geblieben.» Sie umarmte sich selbst, als wäre ihr kalt. «Ich dachte, es sei ganz gut, mich etwas rar zu machen, seine Eifersucht zu schüren, indem ich über Nacht wegbleibe. Aber jetzt denke ich … wenn ich nur nach Hause gegangen wäre, dann …» Ihre Stimme brach. Sie griff nach ihrem Glas.

«Dann wärst du jetzt vielleicht auch tot, Norah.»

«Immer noch besser als das hier.» Norah klang traurig. Und bitter. Sie leerte den Rest des Glases in einem Zug. Dann begann sie erneut, den Saum ihres Oberteils zu kneten und starrte in die Ferne. Sie war offensichtlich an einem ganz anderen Ort.

Sie tat mir leid. Ich beugte mich vor, legte ihr sanft die Hand auf das Knie. «Norah. Du musst bald alle informieren. Freunde, Familie, Bekannte. Schaffst du das?»

Sie nickte, aber ich war mir nicht sicher, ob sie verstanden hatte, was ich gesagt hatte.

«Die Beerdigung muss warten bis die Staatsanwaltschaft dir grünes Licht gibt. Verstehst du?»

Wieder nickte sie. «Er wird jetzt also aufgeschnitten.» Ihre Stimme war tonlos. Dann krümmte sie sich zusammen und weinte laut.

10

Kurz darauf traf Rebecca ein. Sie war klein und rundlich mit wilden Locken. Ich liess Willy und Norah alleine, nahm Rebecca mit zu mir hoch und erzählte ihr noch einmal – diesmal etwas ausführlicher als am Telefon –, was geschehen war. Rebecca war verstört und wütend.

«Ich hoffe, sie finden den Kerl», sagte sie zornig. «Ich hoffe, sie erschiessen ihn, machen kurzen Prozess mit ihm.» Ihre Reaktion schien mir übertrieben und nicht ganz echt. Aber sie war gewillt und in der Lage, in der nächsten Zeit auf Norah aufzupassen, und darauf kam es an.

Wir holten Norah bei Willy ab und ich begleitete sie zum Auto. Norah war etwas wackelig auf den Beinen, also stützten wir sie den ganzen Weg durch den Garten.

«Bis morgen», verabschiedete ich mich.

Norah sah mich fragend an.

«Die Einvernahme», erinnerte ich sie.

Sie nickte vage.

Ich seufzte. Die Chancen standen gut, dass sie den Termin in einer Stunde bereits wieder vergessen hatte. Nachdem die beiden losgefahren waren, ging ich wieder nach oben. Eigentlich stand mir der Sinn nur noch nach meinen eigenen vier Wänden. Ich musste mich aber noch bei Willy bedanken. Seine Hilfe war nicht selbstverständlich.

Willy sass in seinem Sessel und hörte sich eine seiner geliebten Jazzplatten an, diesmal war es John Coltrane. Dank Willy kenne ich mich mittlerweile etwas aus.

«Moira, kommen Sie, setzen Sie sich zu mir.» Willy winkte mich heran. «Auch noch einen?» Er hielt sein Whiskeyglas hoch.

Ich zögerte. Oben wartete eine geöffnete Flasche Wein auf mich. Zudem hatte ich mir vorgenommen, meinen Alkoholkonsum im Zaum zu halten. Vor ein paar Monaten – anlässlich des Falles Maria Okeke – war ich mehr betrunken als nüchtern gewesen. Es war nicht annähernd so ausgeartet wie früher, während und nach meinem Studium, aber trotzdem besorgniserregend. Seitdem versuchte ich, wieder massvoll zu trinken. Doch: Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach.

«Einen kleinen», antwortete ich.

Willy sah mich erstaunt an, enthielt sich aber eines Kommentars und stellte einen kleinen Whiskey vor mich hin.

Ich nickte dankend und hob mein Glas.

Willy tat es mir nach und schweigend prosteten wir einander zu. Eine Weile sassen wir einfach da und hingen unseren Gedanken nach.

«Danke», brach ich schliesslich das Schweigen.

«Gerne», sagte Willy. Es sah aus, als wolle er noch etwas sagen.

Ich sah ihn fragend an.

Er schüttelte leicht den Kopf. «Es ist nichts. Ich habe nur gerade an meine Frau gedacht.» Willy erwähnte seine Frau selten. Ich wusste, dass er sie geliebt hatte. Aber sie war schon lange tot, und Willy hatte gelernt, alleine zu leben. Er schien den Verlust überwunden zu haben. Was wohl nicht hiess, dass er sie nicht ab und zu vermisste. «Ich hoffe, Norah kommt darüber hinweg», sagte Willy.

«Sie ist noch jung» erwiderte ich.

«Das heisst gar nichts», meinte Willy. «Sie kann trotzdem daran zerbrechen. Das ist keine Frage des Alters. Es ist eine Frage des Gemüts. Und Norah scheint mir sehr fragil zu sein.»

Ich gab keine Antwort. Ehrlich gesagt hatte ich mir genug den Kopf zerbrochen über Norah. Ich wollte für heute damit abschliessen.

Willy schien das zu spüren. Er kam auf etwas ganz anderes zu sprechen. Leider wählte er keinen unverfänglichen, leichten Gesprächsstoff wie beispielsweise das Wetter. Oder das Fernsehprogramm. Nein, er musste Celina ins Spiel bringen. Meine Mutter Celina. «Ich habe Celina zum Essen eingeladen», informierte mich Willy.

Ich lächelte höflich. Schön für ihn.

«Es wäre nett, wenn Sie auch dabei wären.» Willy sah mich auffordernd an.

Mein Lächeln verblasste. Ich wünschte, ich hätte nicht noch bei Willy reingeschaut. Ich wünschte, ich wäre direkt nach oben gegangen.

Willy und Celina kannten sich aus Kindheits- beziehungsweise Jugendtagen. Sie waren in derselben Strasse gross geworden, in der Seidenstrasse. Willy war mehr als zehn Jahre älter als Celina, deswegen hatten sie sich aus den Augen verloren, als Willy mit Mitte zwanzig von zu Hause auszog. Vor Kurzem hatte Willy durch eine Verkettung von Zufällen ihre Bekanntschaft aber zu neuem Leben erweckt. Nicht gerade zu meiner Freude muss ich gestehen. Ich verstehe mich nicht besonders gut mit meiner Mutter. Nein, das ist eine schamlose Untertreibung. Eigentlich kann ich meine Mutter nicht ausstehen. Dass sie und Willy nun irgendwie freundschaftlich verbandelt waren, war, als dringe sie in mein Revier ein. Willy war mein Freund. «Eher nicht», antwortete ich.

Willy sah mich bittend an. «Moira. Irgendwann müssen Sie Frieden schliessen mit Ihrer Mutter. Die Vergangenheit hinter sich lassen. Je früher desto besser.»

Musste ich das? Nein. Ich kam ganz gut damit klar, meine Mutter zu verabscheuen. «Willy, glauben Sie mir, Sie möchten uns nicht beide gleichzeitig an Ihrem Tisch sitzen haben», sagte ich gespielt munter.

Willy öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber ich kam ihm zuvor: «Sie meinen es gut, ich weiss. Aber bei meiner Mutter und mir ist Hopfen und Malz verloren.» Ich erhob mich, um einen visuellen Schlusspunkt unter dieses Gespräch zu setzen.

«Sie können es sich noch überlegen», sagte Willy.

Ich nickte: Die Hoffnung stirbt zuletzt. «Gute Nacht, Willy.» Ich legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. Sie fühlte sich schmal und zerbrechlich an.

«Gute Nacht, Charlie.» Ich streichelte dem jungen Golden Retriever, der zusammengerollt zu meinen Füssen auf dem Boden lag, über den seidigen Kopf. Er gab im Schlaf einen kurzen glücklichen Seufzer von sich. Hund müsste man sein.

«Gute Nacht, Moira.»

Unter der Tür drehte ich mich nach Willy um. Er sah plötzlich alt aus, wie er in seinem Sessel sass – alt und irgendwie traurig. Wider Willen verspürte ich den Anflug eines schlechten Gewissens, verdrängte ihn aber. Ich hatte heute genug mitgemacht. Trotzdem blieb ein unguter Nachgeschmack zurück, als ich die Treppen hochging in mein Reich.

In meinem Schlafzimmer entledigte ich mich meiner Kleidung und schlüpfte in ein übergrosses T-Shirt, das mir als Nachthemd diente. Es war erst kurz nach neun, doch der Tag hatte mich geschafft, körperlich und emotional. Ich goss mir ein Glas Rotwein ein und setzte mich wieder auf die Fensterbank, meinen angestammten Platz für die Gute-Nacht-Zigarette. Ich trank meinen Schlummertrunk, rauchte und lauschte auf die Geräusche aus dem Garten. Grillen zirpten, ab und zu raschelte es im Dunkeln. Vom nahen Waldrand waren die Glocken der Kühe zu hören, die dort ihre Weide hatten. Idylle pur. Die Stadt schien weit weg.

Ich geriet ins Träumen, dachte an vergangene Sommer, frühere Leben. Ich war beinahe froh, als ein Bus die Rychenbergstrasse entlangfuhr. Ansonsten hätte ich noch angefangen an diesem lauen Sommerabend über Gott und die Welt nachzudenken, mit unabsehbaren Folgen. Eine Flasche Wein hätte ich dazu mindestens trinken müssen. Und irgendwann hätten mich die Erinnerungen an meine verschwundene Schwester eingeholt. So aber holte mich das Geräusch des Motors rechtzeitig auf den Boden zurück.

Ich ging ins Bad, putzte die Zähne und legte mich ins Bett. Bevor ich einschlief, fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, Norah nach Paul Petersen zu fragen.

11

Mitten in der Nacht schreckte ich hoch. Ich hatte von Jan geträumt. Ich hatte von unserer ersten gemeinsamen Nacht geträumt, von seinem makellosen, glatten Körper. Im Traum strich ich mit der Hand über seinen Brustkorb. Auf einmal waren meine Finger voller Blut.

«Jan», rief ich. «Jan, was ist los!»

Jan lachte wie ein Irrer: «Nichts ist los, Moira, nichts. Ich bin nur gerade gestorben.»

Ich begann zu schreien. Ich wachte von meinen eigenen Schreien auf. Es war heiss und stickig im Schlafzimmer; die Sonne hatte den ganzen Tag auf das Dach gebrannt, und die Wärme hatte sich gestaut. Ich stand auf und liess mir in der Küche kaltes Wasser über die Handgelenke laufen, benetzte mein Gesicht. Wieder setzte ich mich ans offene Fenster. Draussen war es dunkel, selbst die Strassenlaternen waren aus. Ich sog die nächtliche Luft ein, den schweren Duft der blühenden Pflanzen, den Duft nach Gras, den Geruch des Spätsommers. Ich schloss die Augen und hatte sofort wieder Jans Bild vor mir. Schnell öffnete ich sie und sah zum Himmel hoch. Die Sterne schienen greifbar nahe, und hinter der Tanne der Nachbarn stand der Mond als schmale Sichel am Himmel. Ich sah lange zum Himmel hoch. Ich war bedeutungslos, weniger als ein Staubkorn. Jan war bedeutungslos. Wir alle sind bedeutungslos angesichts der Unendlichkeit. Trotzdem oder vielleicht deshalb begann ich zu weinen.

12

Am nächsten Tag weckte mich das Läuten des Weckers um sieben Uhr. Ich war müde und hätte sonst etwas darum gegeben, den Kopf wieder aufs Kissen legen und weiterschlafen zu können.

Nach meinem Traum war an schlafen nicht mehr zu denken gewesen. Ich hatte lange Zeit auf der Fensterbank gesessen, geweint und um Jan getrauert. Später hatte ich mich zwar wieder ins Bett gelegt, aber mich während gefühlten Stunden hin- und hergewälzt. Entsprechend ging es mir heute. Aber ich musste aufstehen, ich musste in die Kanzlei. Die Fälle stapelten sich auf meinem Schreibtisch, ich hatte ein Plädoyer in einer Strafsache vorzubereiten, ich sollte diverse Schreiben verfassen, Anrufe tätigen. Und ich musste mich an den Fall der verschwundenen Eizellen machen. Immerhin hatte ich einen Vorschuss von 10 000 Franken akzeptiert. Eigentlich sollte dieser Fall sogar absolute Priorität haben.

Doch die Sache mit Jan und Norah war dazwischen gekommen. Ich fuhr hoch. Jan und Norah. Heute Nachmittag stand auch noch die Einvernahme an. Ich stiess einen Fluch aus, verliess mein Bett und setzte in der Küche Kaffee auf. Eine halbe Stunde später war ich auf dem Weg ins Büro.

Der Himmel war blau und wolkenlos; es war ein klarer, noch kühler Sommermorgen. Ein Morgen voller Versprechungen, ein Morgen, an dem alles im Bereich des Möglichen schien. Aber bald würde es wieder heiss werden und drückend.

Vorausschauend nahm ich mein Fahrrad für die kurze Strecke. Ich würde der Mittagshitze später so zwar nicht entgehen können, aber ich konnte sie schneller hinter mir lassen als zu Fuss.

Im Büro wimmelte ich Melvin ab, der schon vor mir da gewesen war. Er schien seit dem Einbruch das Büro nicht mehr zu verlassen, obwohl er als freier Journalist an keine Zeiten gebunden war. Egal. Solange er mich nicht behelligte, konnte er von mir aus in seinem Büro übernachten.

Ich erledigte erst die üblichen Routinearbeiten: Post und Mails durchgehen, To-Do-Liste aktualisieren, Tagesplan erstellen. Dann legte ich eine neue Akte an. Eine Akte mit dem Titel «Der Fall der verschwundenen Eizellen».

Nachdem das erledigt war, sass ich eine Weile ratlos da und fragte mich, wo ich anfangen sollte. Was ich von Corazollas an Unterlagen erhalten hatte, war spärlich und schnell gelesen. Ich beschloss, nicht direkt auf Angriff zu gehen. Ich würde die Wunschkinder-Klinik nicht anschreiben und Aufklärung verlangen. Das würde nichts bringen; es war nicht zu erwarten, dass die Klinik von ihrer bisherigen Aussage abweichen würde, nämlich dass Corazollas sich irrten. Ich musste anders vorgehen, subtiler. Erst einmal würde ich einige Erkundigungen über die Firma einholen und mir selbst ein Bild machen.

Einige Zeit später lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück, schaute zur Decke. Im Internet hatte ich erfahren, dass der Kopf der Wunschkinder-Klinik, dieser Doktor Brock, sich einen Namen innerhalb der Gilde der Reproduktionsmediziner gemacht hatte. Er war anscheinend eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Wer in seiner Klinik einen Termin vereinbarte, der wusste bereits, dass der Star der Babymacher dort das Zepter schwang. Seine Erfolgsrate war hoch, höher als die der anderen. Die Kosten waren wahrscheinlich entsprechend. Die Wunschkinder-Klinik war als Aktiengesellschaft im Handelsregister eingetragen, und Doktor Brock sass auch im Verwaltungsrat. Etwas schlauer als zuvor war ich nun. Die Frage war, wie weiter. Kurzerhand setzte ich mich wieder gerade hin, rief die Seite der Wunschkinder-Klinik auf und füllte das standardisierte Onlineformular mit den Angaben zu meiner Person aus, um einen Beratungstermin zu vereinbaren. Ich schickte das Formular ab und wandte mich anderen Dingen zu.

Kurze Zeit später, ich kam soeben von draussen, wo ich im spärlichen Schatten des Zwergapfelbaums eine Zigarette geraucht hatte, läutete mein Telefon. Die Sekretärin der Wunschkinder-Klinik war am Apparat. Wenn das kein zuvorkommender Service war? Ich war innert weniger als einer Stunde seit Kontaktaufnahme zurückgerufen worden.

«Sind Sie alleinstehend?», fragte die Empfangssekretärin. «Ihre Angaben waren da etwas missverständlich. Wenn ja, dann dürfen wir Ihnen leider keinen Termin anbieten. Künstliche Befruchtung ist in der Schweiz von Gesetzes wegen Paaren vorbehalten.» Sie machte eine kurze Pause. «Heterosexuellen Paaren», fügte sie hinzu, als sei sie unsicher, was meine sexuelle Ausrichtung anbelangte.

«Oh, das ist kein Problem», log ich aalglatt. «Ich habe einen Partner. Einen heterosexuellen Partner.» Nachdem das geklärt war, erhielt ich – erhielten wir – einen Termin. Bis dahin würde ich mir etwas einfallen lassen, was meinen fiktiven Partner anbelangte. Hindernisse waren schliesslich dazu da, um überwunden zu werden.

13

Norah wurde von Rebecca zur Staatsanwaltschaft gefahren, wo ich sie draussen auf dem Kiesplatz in Empfang nahm. Ich hatte sie absichtlich früh einbestellt; vor der Einvernahme wollte ich mich noch einmal alleine mit Norah unterhalten. Es gab einige Fragen, auf die ich gerne eine Antwort gehabt hätte. Paul betraf eine davon. Ausserdem mussten wir die ganze Sache mit meiner Mandatierung klären; die Kummer würde eine Vollmacht verlangen. Eigentlich brauchte Norah in diesem Verfahrensstadium nicht zwingend eine Vertretung, sie wurde nicht als Verdächtige befragt. Ich bezweifelte aber, dass Norah in ihrem Zustand alleine mit der ganzen Angelegenheit klarkommen würde, deswegen war es wohl ganz gut, wenn sie mich an ihrer Seite wusste.

Ich nahm Norah am Arm und lotste sie über die Strasse zum Café Lind. Norah trottete neben mir her, ihr Arm fühlte sich an wie derjenige einer Gummipuppe. Ich betrachtete sie von der Seite. Sie war sorgfältig zurechtgemacht, die Wimpern getuscht, die Lippen nachgezogen. Sie trug die gleichen Kleider wie am Vortag, mittlerweile sahen sie ziemlich ramponiert aus. Rebecca war wohl zu klein und rundlich, als dass sie sich etwas von ihr hätte leihen können. Aus dem Haus hatte sie sich nichts holen können, es war noch immer ein Tatort, die Ermittlungen waren im Gange. Und extra etwas kaufen, danach stand ihr wohl der Sinn nicht. Norah tat mir leid. Der Mann tot, ermordet – und es bleibt nicht einmal das traute Heim. Und selbst wenn es dann freigegeben würde, war es kontaminiert, vom Tod beschmutzt. Ich wusste nicht, ob ich in einem Haus mit solchen Erinnerungen jemals wieder würde leben wollen.

Im Café bestellte ich für Norah einen Vitaminsaft – sie sah aus, als könne sie ihn gebrauchen –, für mich ein Sandwich mit Käse. Ich hatte keine Zeit gehabt, etwas zu Mittag zu essen.

Während wir warteten, erläuterte ich Norah, was sie im Falle meiner Mandatierung für Rechte und Pflichten hatte. Sie unterschrieb die Vollmacht, aber ich hatte das Gefühl, sie habe kein Wort verstanden von dem, was ich gesagt hatte, und wenn sie selbst etwas sagte, so klang es schleppend, unzusammenhängend. Ich musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. Norahs Gesicht war unter dem Make-up von geisterhafter Blässe, die Augen starr, die Pupillen geweitet.

«Hast du etwas genommen?», fragte ich sie.

Sie starrte mich verständnislos an.

«Ob du was genommen hast?», wiederholte ich. «Cannabis, LSD, was auch immer. Deine Pupillen sind riesig, Norah.»

Sie starrte mich an, dann fing sie an zu kichern und konnte nicht mehr aufhören. «Nur einen kleinen Joint», prustete sie. «Nur einen kleinen Joint. Oder zwei oder drei.»

Ich fand das gar nicht lustig: Total zugedröhnt und das vor der Einvernahme.

Norah entging meine missmutige Miene nicht. Sie versuchte, ihr Kichern zu unterdrücken. Es gelang ihr nur kurz, dann ging es wieder los. Irgendwann war es endlich vorüber. «Ohne hätte ich es nicht geschafft», flüsterte Norah entschuldigend. «Und Rebecca hat immer was zu Hause.»

Ein feines Früchtchen, diese Rebecca. Aber ich war wohl die letzte, die mit Steinen werfen durfte, von wegen Glashaus und so, obschon ich mit Drogen nicht wirklich viel am Hut hatte, dafür umso mehr mit anderen Stimulantien.

Die Kellnerin brachte unsere Bestellungen.

«Trink», sagte ich streng und deutete mit dem Kinn auf den Saft.

Norah gehorchte und nahm einen winzigen Schluck.

Ich biss in mein Käsesandwich. Während ich kaute, machte ich mir Gedanken zur bevorstehenden Einvernahme. Sollte ich versuchen, sie zu verschieben? Immerhin hatte Norah eine ziemliche Menge geraucht, und ich wusste nicht, wie es im Moment um ihre Urteilsfähigkeit stand. Andererseits würden wir so die Staatsanwältin verärgern. Ich entschied mich, die Einvernahme wie geplant stattfinden zu lassen. Norah stand nicht unter Verdacht. Ich musste nicht wie eine Strafverteidigerin denken, die ihrem Mandanten Zeit verschaffen wollte. Im Moment war für mich nichts zu tun, ich musste keine Abklärungen oder Nachforschungen anstellen. Der Ball lag bei der Ballistik und den Tatortspezialisten, den Kriminaltechnikern. Ich hoffte einfach, Norah könne sich in den nächsten Stunden zusammenreissen.

Ich redete Norah gut zu und nötigte sie, ihren Saft zu trinken. Dann erläuterte ich ihr, wie die Einvernahme ablaufe. Sie hörte mir nicht wirklich zu. Ich seufzte und legte dann mein Sandwich beiseite. Ich beugte mich vor, nahm ihre eiskalten Hände in meine und schaute tief in ihre Augen. «Norah», sagte ich, «Norah, hör mir zu. Es ist wichtig.» Die nächste Viertelstunde verbrachte ich damit, Norah mit einem weiteren Saft auf den Boden zurückzuholen. Sie hatte gerade ihren Mann verloren, da konnte die Staatsanwältin nicht allzu viel erwarten. Für alle Fälle deckte ich mich mit zwei Flaschen Cola ein, bevor wir uns auf den Weg machten.

«Die Staatsanwältin heisst Kummer», informierte ich Norah, als wir die Staatsanwaltschaft betraten.

«Kummer?», sagte Norah. «Wie passend.» Wieder begann sie, hysterisch zu kichern. Das konnte heiter werden.

Zwei Stunden später stand ich vor dem Gebäude der Staatsanwaltschaft. Halbzeit. Norah hatte um eine Pause gebeten. Sie war noch drinnen auf dem Klo. Ich war vorausgegangen; ich brauchte dringend eine Zigarette, ich lechzte richtiggehend danach. Norah hatte ihre Sache ganz gut gemacht. Sie hatte zwar öfters den Faden verloren, oder es musste ihr mehrere Male die gleiche Frage gestellt werden, aber alles in allem hatte sie den Ablauf der Ereignisse wiedergeben können, wie sie es mir erzählt hatte, nur detaillierter. Auch Fragen nach Jans beruflicher Tätigkeit waren gestellt worden, nach dem Geschäft, den Finanzen. In diesem Zusammenhang hatte ich Paul Petersen erwähnt. Die Kummer hatte mir einen gelangweilten Blick zugeworfen.

«Den befragen wir auch noch», hatte sie gesagt.

Norahs Reaktion war da schon um einiges interessanter gewesen. Sie war zusammengezuckt bei der Erwähnung seines Namens. Ich fragte mich, was dahintersteckte.

Im zweiten Teil würden die persönlichen Verhältnisse zur Sprache kommen: Familie, Beziehungen, Freunde, Feinde. Das würde erfahrungsgemäss der belastendere Teil werden.

Nachdem ich mir gerade einen Glimmstängel angezündet hatte, gesellte sich zu meiner Überraschung Staatsanwältin Kummer zu mir, ebenfalls heftig an einer Zigarette ziehend.

Sie bemerkte meinen Blick und zuckte leicht verschämt mit den Schultern. «Ich komme einfach nicht dagegen an.»

«Ich auch nicht.» Wir grinsten uns in einem kurzen Moment komplizenhaft an. Dann wurden wir wieder ernst.

«Was halten Sie von ihr?»

Ich war irritiert. Es war eine unübliche Frage für eine Staatsanwältin. Immerhin war ich Norahs Anwältin. «Von Norah Krüger, meinen Sie?»

Kummer nickte.

«Sie ist meine Mandantin.» Ich stiess Rauch aus.

Kummer verstand, liess aber noch nicht locker. «Sie ist sehr schön.»

Darauf hatte ich keine Entgegnung parat. Es schien auch keine erforderlich zu sein.

«Sie scheint verwirrt zu sein», fuhr Kummer fort.

«Ihr Mann wurde gerade ermordet. Es wäre eigentümlich, wenn sie nicht verwirrt wäre.»

«Trotzdem …» Kummer wollte offenbar noch etwas loswerden, doch da trat Norah durch die Tür und kam auf uns zu. Ich hielt ihr eine Flasche Cola hin.

Die Kummer drückte ihre Zigarette im überquellenden Aschenbescher aus, der an der Wand befestigt war. «Bis gleich», meinte sie und ging wieder hinein.

Ich widmete mich Norah. «So weit alles gut?», fragte ich.

Sie gab keine Antwort. Immerhin trank sie ein paar Schlucke Cola.

«Was wollte sie?» Sie machte eine Kopfbewegung zur Eingangstür.

«Die Kummer? Eine rauchen.»

«Sonst nichts?» Norah musterte mich misstrauisch.

Ich zögerte. «Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was sie wollte», sagte ich dann.

Norah fragte nicht weiter nach. Sie trank noch ein paar Schlucke, schraubte den Deckel zu. «Können wir ein paar Schritte gehen?»

Ich nickte. Norah ging neben mir her. Auf der Höhe des Gefängnisses zog sie ein silbernes Etui aus der Hosentasche.

«Tut mir leid, Moira. Aber ohne steh ich das nicht durch.» Sie nahm einen vorgerollten Joint aus dem Etui und steckte ihn in den Mund.

«Bist du wahnsinnig?» Ich zerrte sie am Arm um die Ecke auf die Hermann-Götz-Strasse. Hier konnte man uns von den Fenstern der Staatsanwaltschaft aus nicht sehen. «Kannst du damit nicht warten, bis wir fertig sind?»

Norah hatte sich den Joint bereits angezündet, und sein süsslicher Geruch hüllte mich ein. Schnell trat ich einen Schritt zur Seite.

«Nein», antwortete Norah. «Kann ich nicht. Entweder ich bin bekifft, oder ich habe Heulkrämpfe. Such dir was aus.»

14

Die Kummer rümpfte kurz die Nase und musterte Norah kritisch, als wir zurück in ihr Büro kamen, enthielt sich aber eines Kommentars und stellte ihr wortlos ein Glas Wasser hin. Dann ging es weiter mit Fragen zu Jan, zu Norah, Freunden, Feinden, Familie. Norah schlug sich wacker, obwohl die Kummer sie mehrmals auffordern musste, sich zu konzentrieren.

«Wie war ihre Ehe?»

Auf diese Frage war Norah nicht vorbereitet gewesen. Ihr Gesicht verzog sich, aber einen Augenblick später war es wieder glatt und ausdruckslos. «Gut», antwortete sie.

«Gut?», hakte die Kummer nach. «Kein Streit, keine Unstimmigkeiten?»

Norah zuckte mit den Achseln. Sie hatte die Augen nun weit geöffnet, schaute die Staatsanwältin direkt an. «Wir hatten unsere Höhen und Tiefen. Wer hat das nicht? Aber unsere Ehe war stabil.»

Norah war gut, sehr gut sogar. Aber nicht gut genug. Erfahrene Staatsanwälte riechen Halbwahrheiten hundert Meter gegen den Wind.

«Ein Tief, von dem ich wissen sollte?»

Norah zögerte. Sie wandte sich mir zu, sah mich fragend an.

Ich nickte leicht.

Norah senkte den Kopf, spielte mit dem Saum ihres Oberteils, ein Tick, der mir an ihr schon mehrfach aufgefallen war. Sie seufzte. «Mein Mann hatte eine Geliebte», sagte sie leise.

Dem protokollführenden Polizisten entwich ein mitleidiger Zischlaut. Die Kombination von Trauer und Schönheit liess ihn nicht gleichgültig. Die Staatsanwältin warf ihm einen strafenden Blick zu.

«Kennen Sie sie?»

Norah schüttelte den Kopf.

«Hat Ihr Mann Ihnen von der Frau erzählt? War es ernst, ich meine, stand eine Trennung im Raum?» Die Kummer beugte sich vor. Jetzt wurde es interessant.

Wieder schüttelte Norah den Kopf. «Ich habe sie zusammen gesehen. Er hat sie angesehen … Er sah verliebt aus.»

«Das war alles?» Kummer sah skeptisch aus.

«Das war genug.» Norah traten die Tränen in die Augen, und sie blinzelte mehrmals.

Kummer stellte noch einige Fragen nach der Geliebten. Als klar war, dass Norah tatsächlich nicht mehr wusste, liess sie das Thema fallen. Es gab offensichtlich zu wenig her. Stattdessen konzentrierte sich die Staatsanwältin auf die Gegenstände, die aus dem Haus von Jan und Norah gestohlen worden waren.

«Ich habe doch den Polizisten gestern schon gesagt, was meiner Meinung nach weggekommen ist», sagte Norah. «Die haben mich gezwungen, Raum für Raum im Haus zu inspizieren, obwohl ich Jan doch gerade erst …» Nun rollten ihr Tränen über die Wangen, aber sie machte keine Anstalten, sie wegzuwischen. Der mitfühlende Protokollführer schob ihr eine Box mit Kleenex zu. Die Kummer liess sich davon nicht erweichen. Verständlich, denn das Diebesgut war essentiell, es konnte der Schlüssel zum Täter sein. Kummer ging mit Norah also noch einmal alle abhandengekommenen Gegenstände durch. Danach war die Luft raus; Norah konnte offensichtlich nicht mehr.

Ich versuchte, der Staatsanwältin ein bisschen auf den Zahn zu fühlen, in welche Richtung sich die ganzen Ermittlungen bislang entwickelt hatten. Sie blieb vage, aber ich hörte, dass der Raubmord nach wie vor als wahrscheinliches Szenario gehandelt wurde. Natürlich würden Kummer und ihre Leute alle Angaben von Norah trotzdem einer Überprüfung unterziehen. Zeugen, Kameras, Abbuchungen auf dem Bankkonto, auffällige Geldflüsse, alles würde durchleuchtet werden. Offensichtlich hegte man aber keinen Verdacht gegen Norah, unter anderem natürlich auch wegen der fehlenden Schmauchspuren und dem leicht überprüfbaren Alibi.

Vor der Staatsanwaltschaft zündete ich mir eine Zigarette an und begleitete Norah ins Café Lind, wo sie auf Rebecca warten würde. Ich verabschiedete mich, versprach, mich zu melden, sobald es Neuigkeiten gäbe, und ging zurück in die Kanzlei. Ich hatte mein Fahrrad dort stehen lassen und musste sowieso noch ein, zwei Dinge zu Ende bringen, bevor ich Feierabend machen konnte. Ich zog mein Jackett aus und schlenderte die Lindstrasse entlang, suchte Schatten unter den in regelmässigen Abständen gepflanzten Linden. Tagsüber ist die Strasse stark befahren, und es stinkt nach Abgasen, aber in lauen Sommernächten entfaltet sich der Duft der Lindenblüten und hüllt alles ein.

Ich bog in die Brunngasse ein, querte die Schienen im letzten Moment, als die Barriere schon beinahe unten war. Eine ältere Dame schüttelte missbilligend den Kopf. Ich lächelte ihr zu und steckte mir für die letzten zweihundert Meter eine Zigarette an. Heute hatte ich mir das Nikotin verdient.

Mittlerweile war ich in meinem Büro angelangt. Ich wischte mir den Schweiss von der Stirn und setzte mich einen Moment lang in die kühle, stille Küche, schloss die Augen. In meinem Büro läutete das Telefon. Nach einem Moment des Zögerns raffte ich mich auf, ging nach nebenan, warf einen Blick auf das Display. Es war James. James Wagner, mein Psychotherapeut. Ich hätte vor mehr als einer Stunde bei ihm sein müssen. Wahrscheinlich hatte er es schon unzählige Male auf meinem Handy versucht, das aber noch immer im Lautlosmodus war.

Ich nahm den Anruf entgegen. «Es tut mir leid, James», sagte ich anstelle einer Begrüssung. «Ich habe den Termin verschwitzt.» Ich betrachtete die nass geschwitzten Stellen, die sich unter meinen Armen gebildet hatten und musste grinsen. Verschwitzt traf es in der Tat.

«Vergessen? Oder unbewusst mit Absicht nicht dran gedacht?»

Unbewusst mit Absicht? Gibt es diese Terminologie? Wie auch immer. Ich wollte mich nicht auf eine Fachsimpelei mit James einlassen, die ich bestimmt verlieren würde. «Einfach vergessen. Unabsichtlich. Wirklich, James.»

«Hm.»

Seine Skepsis konnte ich durch den Hörer wahrnehmen. Ich wollte ihn besänftigen. «Es ist jemand gestorben, James», sagte ich.

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