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Bergeinsamkeit über dem Gardasee, am Ostgrat des Monte Caplone (Tour 20)
Gotlind Blechschmidt (Hsg.)
VERGESSENE BERGE
Unberührte Wanderparadiese in den Alpen entdecken

Inhalt
Vorwort
Einführung
DIE TOUREN
Bayerische VoralpenEugen E. Hüsler
1Ein Aussichtsbalkon in den Ammergauer Alpen
2Der König und sein Komponist
3Krapfenkarspitze & Co.
4Ein Grenzgang der besonderen Art
Lechtaler AlpenGotlind Blechschmidt
5In den Namloser Bergen
6In der Liegfeistgruppe
Totes GebirgeSusanne Posegga
7In der Mondlandschaft des Toten Gebirges
GesäuseSusanne Posegga
8Bergauf und bergab durch den Nationalpark Gesäuse
Der Triglav-NationalparkMartin Sinzinger
9Im Angesicht des Triglav
10Herrliche Natur im Dolina Triglavskih Jezer
Pesariner DolomitenEugen E. Hüsler
11Rund um den Creton di Culzei
12Ein Klettersteig der Sonderklasse
Lienzer DolomitenSusanne Posegga
13Wilde Lienzer für zahme Wanderer
DolomitenEugen E. Hüsler
14Unterwegs auf dem Sellaband
15Die Route der Signora Paolina
16Wo die Dolomiten am wildesten sind
Belluneser DolomitenEugen E. Hüsler
17Alta via delle Dolomiti Bellunesi
PalagruppeMartin Sinzinger
18Val Venegia: Liebliches Tor zum Hochgebirge
19Variation der Palaronda
GardaseebergeEugen E. Hüsler
20Fast 2000 Meter hoch – der Monte Caplone
21Vergessene Aussichtswarte
22Die große Reibn
23Berühmter Gipfel, einsamer Weg
Südlicher AdamelloMaria & Wolfgang Rosenwirth
24Überschreitung des Monte Boia
25Um den Cornone di Blumone
26Vom Monte Bazena zum Monte Frerone
27Blaue Juwelen in den Brescianer Voralpen
Brescianer VoralpenMaria & Wolfgang Rosenwirth
28Aussichtsbalkon über dem Iseosee
Bergamasker AlpenMaria & Wolfgang Rosenwirth
29Stolze Berge, steile Hänge
MedelgruppeMichael Pröttel
30Durchquerung der Medelgruppe
31Auf den Spuren des Paters
Adula-AlpenGotlind Blechschmidt
32Auf das Rheinwaldhorn
Tessiner AlpenGotlind Blechschmidt
33Auf den Spuren der Transhumanz
34Via Alta Vallemaggia
Grajische AlpenGotlind Blechschmidt
35Auf den Rocciamelone
36Kulturelle Erkundungen um Usseglio
SeealpenGotlind Blechschmidt
37Großartige Rundtour über das Kloster Sant’Anna
Register
Impressum
Die Gletscher der Eiszeit hinterließen dieses große Kar im Toten Gebirge. (Tour 7)
Kurz vor dem Gewitter im weitläufigen Valle di Cadino, südlicher Adamello (Tour 26)
Am Abstieg vom Cimone della Bagozza, Bergamasker Alpen (Tour 29)

Der Schiederweiher im Stodertal spiegelt die markante Spitzmauer-Ostwand. (Tour 7)

Valle del Gleno mit der zerstörten gleichnamigen Staumauer, Bergamasker Alpen (Tour 29)
Vorwort
»Wo Wandern ein Abenteuer ist …« Im vorliegenden Buch »Vergessene Berge« stellen Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, drei Autorinnen und vier Autoren 19 Gebirge in den Alpen vor, die fast alle nicht vor unserer Haustür liegen. Von den Bayerischen und Lechtaler Alpen ausgehend reichen sie über das Gesäuse im Osten bis zu den Seealpen ganz im Südwesten des 1200 Kilometer langen Alpenbogens. Alle sind sie irgendwie »vergessen«, nämlich von deutscher Seite aus abgelegen, übergangen und vernachlässigt, und finden in der alpinen Wanderliteratur im Allgemeinen wenig Beachtung. Insider hingegen wissen schon seit geraumer Zeit, welche herrlichen Wanderungen man in diesen wilden, urtümlichen Gebirgen abseits touristischer Hotspots unternehmen kann und wie sehr sie sich von den gewohnten Unternehmungen unterscheiden. Sicher sind auch dort, je nach Lage und Saison, mal mehr – meist einheimische – oder weniger Wanderer unterwegs. Aber im Allgemeinen geht es eher ruhig zu, und das ganze Drumherum ist auch ein anderes: Statt breit ausgebauter Wege mit umfangreicher Seilbahninfrastruktur gibt es vorwiegend schmale Bergpfade und wenig oder keine Aufstiegshilfen; man schläft nicht in hotelähnlichen Unterkunftshütten, sondern in einfacheren Berggasthäusern und Talunterkünften oder Biwakhüttchen; anstelle von Halligalli wie in Ischgl & Co. finden traditionelle, tief berührende Almfeste statt. Die Zeit scheint hier ein wenig stehen geblieben. Durch die weitere Anfahrt – gern mit öffentlichen Verkehrsmitteln – handelt es sich in den seltensten Fällen um Tages- oder Wochenendtouren, und so ergibt sich ein gutes Verhältnis zwischen der Anreisezeit und der Zeit am Berg. Und warum nicht nach einer Woche im Adamello in die Tessiner Alpen wechseln und den Bergurlaub dort fortsetzen? Wer mehrwöchige Bergauszeiten schon einmal erlebt hat, weiß um ihren Erholungswert. Man muss ja auch nicht jeden Tag am Berg unterwegs sein, sondern legt Ruhetage ein, spürt in den Tallagen interessante Ecken und Winkel auf und geht auf kulturelle Wanderschaft. Jedes der hier vorgestellten vergessenen Gebirge hat seine ureigene Charakteristik und bietet alles andere als Einheitsbrei. Es erwartet Sie eine entsprechend interessante Lektüre: Nach einer Kurzvorstellung des jeweiligen Gebirges folgen Wandervorschläge unterschiedlicher Dauer, ferner Infos zu Anreise und Aufenthalt unter Aspekten der Nachhaltigkeit. So sind auch Dorfläden, Käsereien sowie spezielle bzw. preisgünstige Unterkünfte und lokale Initiativen aufgeführt. Sanfter Tourismus wie hier vorgeschlagen gibt manchen von der Bevölkerung weitgehend verlassenen Gegenden eine Überlebenschance und stärkt die lokale und regionale Wirtschaft. Alle Touren wurden von den Autorinnen und Autoren abgegangen und sorgfältig dokumentiert; Veränderungen im Gelände sind aber jederzeit möglich. Das Autorenteam verspricht Ihnen einmalige Wanderabenteuer und tiefe Eindrücke, von denen Sie lange zehren werden. Und Vorsicht – es entwickelt sich schnell ein gewisser Suchtfaktor!
Viel Freude in den »Vergessenen Bergen« wünschen
Gotlind Blechschmidt, Eugen E. Hüsler, Susanne Posegga, Michael Pröttel, Maria und Wolfgang Rosenwirth und Martin Sinzinger
Einführung
Ausrüstung und OrientierungWas die Schuhe angeht, sind feste, über den Knöchel reichende Wanderschuhe mit gutem Profil nötig, bei der Gletschertour aufs Rheinwaldhorn allerdings steigeisenfeste Schuhe. Für einige Touren genügen auch Multifunktions- oder Approachschuhe. Auf die Mitnahme anderer spezieller Ausrüstung oder von Teleskopstöcken wird jeweils in den Infokästen hingewiesen. Stöcke sind bei langen Abstiegen und auch auf Schneefeldern sehr nützlich. In den Rucksack gehören ein Erste-Hilfe-Set, ferner eine Rettungsdecke oder ein Biwaksack sowie eine Taschenlampe und eine Trillerpfeife (auch für das Abgeben von Notfallsignalen); gern auch eine Reepschnur mit einem Karabiner und natürlich ausreichend Getränke und einige Energieriegel, dazu höhenangepasste warme Kleidung (Mütze, Handschuhe) und ein Regenschutz. Ein Handy (inklusive Karten- oder Tourenportalen als Apps) mitzunehmen ist nützlich, aber man sollte sich gerade in den vergessenen Bergen nicht auf die Netzabdeckung verlassen! Daher empfiehlt sich die Mitnahme der jeweiligen topografischen Karte und ausgedruckter Tourenbeschreibungen. Wer sich nicht die betreffende Karte kaufen möchte, kann sich unter Umständen auch einen Kartenausschnitt online heraussuchen und ausdrucken.
Onlinekarten:
Deutschland (Bayern):
https://geoportal.bayern.de/bayernatlas Frankreich: https://www.geoportail.gouv.fr Italien (Piemont): https://webgis.arpa.piemonte.it/Geoviewer2D/index.html
Italien (Bozen):
http://gis2.provinz.bz.it/geobrowser Italien (Südtirol): https://www.sentres.com/de/suedtirol/karte
Österreich: www.austrianmap.at Schweiz: https://map.geo.admin.ch Slowenien: http://www.geopedia.si www.alpenkarte.eu https://mapcarta.com
Schwierigkeiten und GehzeitenDie Touren reichen von Talwanderungen über Klettersteige bis zu einer leichten Gletscherhochtour – dazwischen liegt ein ganzes Spektrum an Routen verschiedener Schwierigkeitsgrade. Im Allgemeinen befinden sie sich mit teils schmalen Bergwegen auf steileren Abschnitten und kurzzeitigen Versicherungen im mittleren Bereich. Schwere Touren verlaufen öfters im absturzgefährdeten Gelände, sind häufiger mit Versicherungen oder kleinen Kletterstellen gespickt, und dauern auch länger. Die Angaben zum Tourencharakter in den Infokästen liefern weitere Hinweise dazu.
In der Schweiz geben die einheitlich gestalteten Wegweiser eine Grundeinteilung vor: Die »normalen« Bergwanderwege sind auf gelben Schildern mit weiß-rot-weißen Wegmarkierungen ausgewiesen, alpine Routen auf blauen Schildern mit weiß-blau-weißen Markierungen. Ferner gilt eine Einteilung von T 1 bis T 6, wobei Bergwandern die Stufen 1 bis 3 und Alpinwandern die Stufen 4 bis 6 umfasst. Die Gesamtbewertung einer Route richtet sich nach dem Spitzenwert der Hauptkriterien. Weitere Informationen unter: www.sac-cas.ch/de/ausbildung-und-sicherheit/tourenplanung
Für die vergessenen Berge gilt, dass steile Grashänge, Schrofengelände oder exponierte Gratpassagen vor allem an Regentagen oder bei Gewitter gefährlich und schwieriger werden können als angegeben. Da kann es schnell einmal zu heiklen Situationen kommen. Das Gelände sollte absolut beherrscht werden, und auch die eigene psychische Konstitution spielt eine wichtige Rolle.
Die Gehzeiten sind ohne Pausen gerechnet und geben lediglich eine Richtschnur. Sie können sich deutlich verlängern, wenn man beispielsweise doch einmal den Weg suchen oder ein Gewitter abwarten muss. Neuschnee und einfallender Nebel verlängern eine Bergunternehmung ebenfalls. Oder es ist aber irgendwo so schön, dass man einfach länger als gedacht verweilen möchte.
Tümpel beim Passo del Termine mit Scaglia und Cornone di Blumone, südlicher Adamello (Tour 25)
Bergfrühling in der Pala-Gruppe: Abstieg ins Val Garès (Tour 19)
Tourensaison und WetterDie Tourensaison richtet sich ganz klar nach Höhenlage und Charakteristik der jeweiligen Tour. Für die meisten eignet sich allerdings nur die Zeit ab Mitte Juni bis Herbst oder bis zum ersten Schneefall. Falls Übernachtungen in Hütten notwendig sind, ist man auf deren Öffnungszeiten angewiesen, es sei denn, es gibt Winterräume. Das bedeutet allerdings, mehr Gepäck dabeihaben zu müssen (evtl. Kocher, Lebensmittel). Früh in der Saison liegt in den Höhenlagen womöglich noch Schnee und macht manche Passagen im Extremfall unpassierbar. Im Herbst wiederum kann ein früher Wintereinbruch die Pläne vereiteln.
Im Juni und Juli ist die Blumenpracht in den Bergen am schönsten, dann kommen Blumenliebhaber voll auf ihre Kosten – im Herbst wiederum bestechen die klare Luft und die Färbung der Laubbäume und Lärchen. Allerdings sind die Tage schon deutlich kürzer. »Goldener Oktober« gilt nicht überall, in den Seealpen ist dann schon mit Regenphasen zu rechnen. Zur Hochsaison im Juli und August sind mehr Menschen unterwegs (vor allem in der Schweiz um den Nationalfeiertag am 1. August und in Italien in der Woche mit dem 15. August, Ferragosto). Andererseits hat es auch seinen Reiz, in der Hochsaison zum Beispiel Tanz- oder sonstige Folkloreabende, Wallfahrten und Patroziniumsfeste mitzuerleben, wodurch sich in jedem Fall Einblicke in die Kultur der bewanderten Region eröffnen. Es heißt immer, die Wetterentwicklung im Auge zu behalten (ein Höhenmessgerät, das mittels Luftdruckmessungen funktioniert, leistet hier gute Dienste – zeigt das Gerät nach einer Übernachtung oder auf einem Gipfel eine deutlich höhere als die tatsächliche Höhe an, dann ist ein Tiefdruckgebiet im Anmarsch und man muss mit Regen rechnen). Bei Grattouren ist die Einschätzung der Gewittergefahr besonders wichtig. Achten Sie auf hohe Quellwolken, die sich ab Mittag entwickeln, und auch auf mögliche Risiken, die sich entlang von metallenen Versicherungen entwickeln können! Man sollte am besten stets vor einer Tour die einschlägigen Wetter-Webseiten besuchen und auch Webcams, an denen sich die Höhenlage der Schneedecke ablesen lässt.
www.alpenverein.de
www.alpenverein.at
www.wetter.orf.at
www.provinz.bz.it
www.arpalombardia.it/Pages/Meteorologia/Previsioni-e-Bollettini.aspx/topPagina (Lombardei)
www.meteoschweiz.ch
www.meteosvizzera.admin.ch/home.html?tab=overview (Tessin)
www.accuweather.com
www.mountain-forecast.com (Sechs-Tage-Prognose, auch mit Angaben über Windchill und Temperatur in einzelnen Höhenlagen; in die Suchmaske einen Gipfel des gewählten Gebietes eingeben)
Bergrettung und alpines NotsignalEs empfiehlt sich, die hier angegebenen Notrufnummern ins Mobiltelefon einzuspeichern. Wenn eine davon in einer Notsituation gewählt werden muss, sollte man die Antworten auf die folgenden fünf »W-Fragen« parat haben: 1. Wer ruft an? (Nennen Sie Ihren Namen und Standort) 2. Wo ist das Ereignis? (Hierzu sollte man die Ortsangabe möglichst genau angeben, z. B. die GPS-Koordinaten) 3. Was ist geschehen? (Beschreiben Sie knapp das Ereignis und das, was Sie konkret sehen) 4. Wie viele Betroffene? (Schätzen Sie auch die Verletzungen der betroffenen Personen und geben Sie deren Alter an) 5. Warten auf Rückfragen (legen Sie nicht gleich auf, die Notrufmitarbeiter benötigen von Ihnen vielleicht noch weitere Informationen!) Sollte in einer alpinen Notlage bei einer der Touren kein Mobilfunknetz bestehen, ist das alpine Notsignal zu senden, also sechsmal pro Minute in regelmäßigen Abständen ein akustisches oder optisches Signal abzugeben, dann eine Minute zu warten und das Signal zu wiederholen. Das Antwortsignal besteht aus drei akustischen oder optischen Zeichen pro Minute.
Allgemeine europäische, kostenfreie Notrufnummer: 112 (funktioniert auch mit leerer Prepaidkarte und auch bei sehr schwachem Netz) Österreich: Alpinnotruf 140, Rettung 144 Italien: 118
Schweizerische Rettungsflugwacht REGA: 14 14
Die Haindlkarhütte im Nationalpark Gesäuse (Tour 8)
Frankreich: 15
Notruf-Apps: zum Beispiel SOS-EU-ALP über https://www.leitstelle.tirol/news/sos-eu-alpnotruf-app-fur-tirol-bayern-und-sudtirol oder https://echosos.com/de
UmweltschutzEs versteht sich von selbst, keine Spuren außer den Fußspuren zu hinterlassen, weder unterwegs noch beim Aufenthalt in einer bewirtschafteten oder gar unbewirtschafteten Hütte. Nehmen Sie allen Müll wieder mit ins Tal! Das gilt auch für Papiertaschentücher. Sie verrotten nämlich erst nach einem bis fünf Jahren. Nehmen Sie auch ruhig einmal fremden Müll mit. Unter Felsen versteckte Plastikflaschen lassen sich zusammentreten und beanspruchen dann im Rucksack kaum Platz.
Beachten Sie die jeweils gültigen Regeln, wenn Sie in einem Naturpark oder gar Nationalpark unterwegs sind, zum Beispiel auch, was Feuermachen oder wildes Zelten anbelangt. Stören Sie keine Tiere und lassen Sie nicht Ihre Hunde frei laufen! Pflanzen darf man nicht entnehmen, aber natürlich gern fotografieren. Benutzen Sie keine Abschneider. Bei Gewittern oder Starkniederschlägen entwickeln sie sich zu Bachläufen und führen zu Erosion.
Wenn es irgendwie geht, nehmen Sie bitte schon zur Anreise die öffentlichen Verkehrsmittel! Besonders bei Überschreitungen stellen sie ihre Vorteile unter Beweis. Wie entspannend, eine »Bergfahrt« mit einer Zugreise beginnen und aufhören zu lassen.
Die bei Autofahrten herausgeschleuderten Emissionen kann man bei Portalen wie myclimate oder anderen kompensieren. Das gespendete Geld kommt Klimaschutzprojekten zugute …

Unterwegs in den Vette, in der Bildmitte das Cimónega-Massiv (Tour 17)
Bayerische Voralpen
Eugen E. Hüsler

Eine so große wie stille Gratwanderung in den Bayerischen Voralpen: vom Galgenstangenkopf zur Krapfenkarspitze
Bayerische Voralpen
Berge zwischen Trubel und Stille
An einem Föhntag brauchen die Münchner nicht an den Tegernsee oder nach Garmisch zu fahren, um ihren Bergen nahe zu sein. Es reicht ein Besuch des Olympiaturms, 32 Sekunden Liftfahrt bis zur Aussichtsplattform 185 Meter über Grund. Da stehen sie dann am südlichen Horizont, schön aufgereiht und fast zum Greifen nahe, die Bayerischen Alpen, angeführt von der Zugspitze.
An- und Rückreise
Mit Bahn und Bus: Sowohl per Bahn als auch mit dem Bus sind die Ortschaften in den Bayerischen Voralpen bequem erreichbar. Von München führen Bahnlinien nach Oberammergau, Garmisch-Partenkirchen, Kochel, Lenggries, Tegernsee und Schliersee–Bayrischzell.
Mit Pkw: Wer mit dem eigenen Fahrzeug anreist, kommt ab München am bequemsten über die A 95 bzw. die A 8 ins Zielgebiet.
Nachhaltige Übernachtungsmöglichkeit, Einkehr, Einkaufen
Das Alpenvorland ist ein Top-Reiseziel. Entsprechend besteht ein breitgefächertes Angebot, von der AV-Hütte (am Berg) bis zur Luxusherberge mit Wellnessoase im Tal. Viele Almen bieten im Sommer Brotzeiten und Getränke an. Ein paar Einkaufstipps: Holzofenbrot (Adolf-Link-Hütte, Spitzing, www.alpenverein.de), Marmeladen und Aufstriche (Genussschmelzerei Essendorfer, Schliersee-Neuhaus, www.essendorfer.de), feine Käse (Tölzer Kasladen, Bad Tölz, www.toelzerkasladen.de), Weine und Delikatessen (Wein & Lukull, Lenggries, www.weinundlukull.de), Eybel Schokoladenquelle (Waakirchen, www.trueffel.de), Käse, Joghurt, Butter (Schaukäserei Ettal, www.schaukaeserei-ettal.de)
Ausrüstung
Normale Bergwanderausrüstung
Karten und Literatur
Eugen E. Hüsler, Isarwinkel, Rother Wanderführer; Hildegard Hüsler, Wanderführer Isarwinkel und Tegernseer Berge, Bruckmann Verlag AV-Karten Bayerische Alpen 1:25 000, Blätter 7, 9, 12, 13
Kontakt
Regionale bzw. örtliche Tourismusbüros, z. B. www.ammergauer-alpen.de, www.bad-toelz.de, www.lenggries.de, www.tegernsee.com

Ihr Gipfel liegt gut 90 Kilometer vom Olympiagelände entfernt, die Liftfahrt vom Eibsee herauf dauert – trotz modernster Technik – etwas länger als jene am Olympiaturm. Noch erheblich mehr zieht sich an schönen Sommertagen die Anreise, und wer Pech hat, verbringt kostbare (Frei-)Zeit mit nervender Parkplatzsuche.
Das gilt auch für Erholungssuchende, die den Walchensee ansteuern. Er hat sich in den letzten Jahren zu einem der absoluten Hotspots des bayerischen Wochenendtourismus entwickelt, die 28 Parkplätze am Südufer sind im Sommer bei Schönwetter rappelvoll, auf dem Wiesenstreifen zwischen Straße und Wasser räkeln sich Jung und Alt, mehr oder minder bekleidet, es riecht nach Sonnencreme. Draußen auf dem See wird eine neue Sportart geübt, auf einem Board stehend: SUP.
SUV und Wohnmobile verstopfen derweil Straße und Parkflächen. Heile Bergwelt? Die beginnt erstaunlicherweise bereits ein paar Schritte vom See entfernt. Das Baumgrün schluckt den Lärm, dafür zwitschert und pfeift es in den Bäumen, untermalt vom Gurgeln eines Bergbachs. Ein dicker Ameisenhaufen demonstriert eindrucksvoll, wie Gewusel nach einem (geheimen) Plan völlig lautlos funktioniert.

Nur frühmorgens einsam: der Herzogstand. Tiefblick auf den Kochelsee
Wege in die EinsamkeitEs gibt sie, auch in den Bayerischen Voralpen, und manchmal beginnen sie da, wo der Trubel am größten ist. Wer kennt schon den vielleicht schönsten, garantiert intimsten Ausguck hoch über dem Walchensee? Natürlich sind damit nicht die beiden absoluten Hotspots der Region gemeint, auch nicht der Simetsberg. Letzterer bietet übrigens – wenn Tageszeit und Lichteinfall stimmen – beim Abstieg einen Tiefblick auf den See, den man nur magisch nennen kann. Wie ein blauer Spiegel liegt das Gewässer da, eingebettet in verschattete, dunkle Waldhänge. Mit dem Fernglas lässt sich mit etwas Glück ziemlich genau im Osten, am bewaldeten Hang des Rautbergs, zwischen den Baumwipfeln die kleine Hütte mit dem ganz großen Walchenseeblick entdecken – ein echter Geheimtipp. Also bitte nicht weitersagen …
Erbe der WittelsbacherEin besonders weitläufiges Wandergebiet sind die Ammergauer Alpen, einst das bevorzugte Jagdrevier der bayerischen Könige. Auch im Vorkarwendel gingen die Wittelsbacher gern hoch zu Ross auf die Pirsch. So mancher der kunstvoll angelegten Reitwege blieb erhalten, andere sind längst verfallen, wie etwa der Herzogsteig unter der Schöttelkarspitze. Wer die Soiernseen mit dem Drahtesel ansteuert, folgt den Spuren des Märchenkönigs Ludwig II. Der hatte es allerdings weniger mit der Jagd; er ließ sich lieber – so heißt es zumindest – bei Vollmond in einem Boot übers Wasser rudern. Dabei kam ihm wohl die Idee einer Seebühne, um in der großen Bergkulisse Wagners Oper »Rheingold« aufführen zu lassen. Das Spektakel hätte man sich sogar von der Schöttelkarspitze aus anschauen können. Die bekam einen Pavillon, für dessen Bau man die Bergspitze um ein paar Meter abtragen musste. Ludwigs kunstvoll angelegten Reitweg nutzen heute die Wanderer; vom Pavillon, der bei einem Unwetter abbrannte, ist lediglich eine etwa drei Meter lange Eisenstange übriggeblieben. Das Soiernhaus – heute eine in Ehren ergraute Alpenvereinshütte – diente dem Monarchen als Unterkunft, das Gesinde war in einem Nebenhaus untergebracht.

Ein prächtiger Falter: der Admiral

Auch in den Bayerischen Voralpen häufig anzutreffen: der Stengellose Enzian
Im Schatten der HotspotsStille Winkel finden sich oft auch in der Nachbarschaft stark frequentierter Wanderziele – siehe Walchensee. Während rund um den Tegernsee der Bär brummt und die Parkplätze am Spitzingsee rappelvoll sind, begegnet man westlich des Blaubergkamms, zwischen Achenpass und Schildenstein, kaum einer Menschenseele. Sogar in der Wendelsteinregion – nicht unbedingt als Diaspora zu bezeichnen – gibt es ruhige, wenig begangene Wege und einsame Berge. Ein schönes Beispiel ist da der Hochsalwand-Ostgrat, unmarkiert und mit ein paar kurzen, leichten Kletterstellen garniert. Vom Gipfel aus kann man dann zuschauen, wie die Zahnradbahn des Herrn Steinbeis (so hieß der Erbauer und Finanzier wirklich!) an der schroffen Soinwand zur Bergstation hinaufklettert. Oben wuselt es an Schönwettertagen mächtig. Wer zum Gipfel und zur ganz großen Aussicht will, muss sich auf eine Viertelstunde Kolonnenwandern einstellen.
Auch weiter westlich, an Isar und Krottenbach, lassen sich Wanderziele entdecken, die fast noch als Geheimtipps durchgehen, etwa der Aufstieg zum Delpssee oder der Moosbachsteig mit seinen zauberhaften Wasserkaskaden, die sich über sagenhafte 350 Höhenmeter aneinanderreihen. Links des Rißbachs erhebt sich, ansetzend mit dem Galgenstangenjoch, die lang gestreckte, mehrgipflige Soiernkette. Die Gratüberschreitung bis zur Krapfenkarspitze ist ein absolutes Highlight und garantiert ein paar Stunden Bergeinsamkeit.
Das gilt auch für das Estergebirge, das sich mit seinen ewig langen oder sausteilen Anstiegen als ziemlich resistent gegen Besucherinvasionen erweist. Totale Einsamkeit verheißt der Aufstieg vom Loisachtal über die Teufelskapelle zur Hohen Kisten. Im Herbst wird man da höchstens einem Jäger begegnen. Wenn der dann nicht so richtig freundlich schaut, liegt es daran, dass die Waidmänner Touristen in ihrem Revier nicht gern sehen.
Früh aufstehen!Bergeinsamkeit gibt es – kein Witz! – auch am Herzogstand, am Brauneck oder an der Rotwand. Voraussetzungen: schönes Wetter und ein ganz früher Start. In den Tag hinein wandern, aus dunkler Nacht. Du hast den Berg für dich allein, kannst mit tausend Sternen am Himmel plaudern, auf die ersten Vogelstimmen hören, zuschauen, wie es im Osten allmählich zu dämmern beginnt. Und dann das Finale. Über einem nachtdunklen Bergrücken steigt sie hoch, erst nur ein gleißender Punkt, dann zur Kugel anwachsend: die Sonne, der 150 Millionen Kilometer entfernte Fusionsreaktor. Was für ein Schauspiel!
Einen fast unwirklichen Sonnenaufgang erlebten wir vor ein paar Jahren am Jochberg. Als die Sonne frühmorgens über der Benediktenwand erschien, tauchte der Vollmond, rötlich leuchtend, gerade hinter der Zugspitze ab. Ein Gänsehautmoment in Zeitlupe, unvergesslich!

Der letzte Wildfluss Bayerns: die Isar
1 Ein Aussichtsbalkon in den Ammergauer Alpen
Was für ein Gipfelname: Rosengarten
Naturfreunde, denen die Alpen näher sind als das Watt, bekommen glänzende Augen, wenn vom Rosengarten die Rede ist: das Felstrio der Vajolettürme, Tita Piaz, die Rotwand … Aber ein Rosengarten in den bayerischen Bergen? Der ist nur gerade halb so hoch wie die Rosengartenspitze in den Dolomiten und von eher unscheinbarer Gestalt, tarnt sich auch noch mit viel Wald- und Wiesengrün.
Anforderung/Schwierigkeit
Mittel
Tourencharakter
Gipfelüberschreitung in überwiegend bewaldetem Gelände, teilweise weglos, unmarkiert. Von der Blöße am Rosengarten hübsche Aussicht
Ausgangspunkt/Endpunkt
Parkplatz (ca. 880 m) am Eingang ins Tal der Schleifmühlenlaine; Zufahrt von der B 23 (Unterammergau)
Höchster Punkt
Rosengarten (1425 m)
Länge
560 Hm auf/560 Hm ab/7 km
Dauer
Parkplatz – Schartenköpfel (1370 m) 1.30 Std. – Rosengarten 0.30 Std., Abstieg 1 Std. Gesamt 3 Std.
Einkehr/Übernachtung
Gasthof Schleifmühle, www.gasthof-schleifmuehle.de
Wetzsteinmuseum
Wissenswertes über die Wetzsteinherstellung und ihre Geschichte vermittelt das kleine Museum direkt neben dem Gasthof Schleifmühle. In Unterammergau, am Dorfplatz, steht das Dorf- und Wetzstoa-Museum; im Freilichtmuseum Glentleiten ist eine historische Wetzsteinmühle zu besichtigen (19. Jh.).
Für die Unterammergauer ist ihr Rosengarten allerdings seit Jahrhunderten ein ganz besonderer Berg. Denn an seiner Nordostflanke, an den Hängen des Schartenköpfels, ist kieselsäurehaltiges Kalkgestein aufgeschlossen, und das eignet sich hervorragend zur Herstellung von Wetzsteinen. Die findigen Bauern machten daraus ein rentables Geschäft. Der gebrochene Stein wurde geschliffen, bis 1840 von Hand, später mit wasserbetriebenen Mühlen. Die Wetzsteine entwickelten sich bald zu einem echten Exportschlager; sie fanden nicht nur in der Region Abnehmer, sondern wurden auch in die Donauländer verkauft. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts lebten in Unterammergau noch über 40 Familien neben der Landwirtschaft von der Wetzsteinschleiferei. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Produktion eingestellt: Industrielle Fertigung schlägt Handwerk.
Der RosengartenAlso auf zum Rosengarten, dem bayerischen! Der Frühlingstag verspricht viel Sonne und angenehme Temperaturen. Die 25 000er AV-Karte, Ausgabe 2009, zeigt an dem Bergstock viel Wald, wenig Fels, ein paar Forstpisten und einen Fußweg, dessen wildes Auf und Ab einiges an Spannung verheißt, aber auch Raum zum Nachdenken lässt. Zum Beispiel über den Bergwald. Der hat ja mehr als nur eine Funktion, bietet den Dörfern im Tal im Winter Schutz vor Lawinen, er liefert Brenn- und Bauholz und ist ein artenreicher Lebensraum. Hier sind nicht nur Reh und Hirsch, Birkhuhn und Wiesel zu Hause, es wimmelt buchstäblich von Leben, auch dem winzigsten. Ein toter Baum, verrottend, ernährt vielerlei Insekten; in seinem Wurzelwerk legt der selten gewordene Hirschkäfer seine Eier ab. Das Millionenheer der Ameisen ist am Waldboden und an den Bäumen unterwegs: Allesfresser und unermüdliche Arbeiterinnen. Schmetterlinge gaukeln über Waldlichtungen, der Kuckuck zählt bis dreizehn und irgendwo klopft ein Specht. Er hat es auf Borkenkäfer abgesehen, die ihre Brutgänge zwischen Holz und Rinde, zwischen Baum und Borke, anlegen.
Anfängliche WegsucheStart: Parkplatz – 100 Meter: rechts weg von der Pürschlingstraße – 200 Meter: rechts ab von der Straße in die Schleifmühlenklamm. Wir schließen das Weidegatter – und sind zu zweit allein. Bis zum Gipfel werden uns gerade mal zwei Wanderer begegnen. Und die fragen nach dem Weg, weil sie sich total verlaufen haben … Das soll den Leserinnen und Lesern dieses Buches nicht passieren, deshalb die penible Beschreibung des Einstiegs. Den Weiterweg kann man nicht verfehlen – immer der Fahrspur nach, einen Schlepplift querend und im Wald am Hang hinauf zu einer komfortablen Forstpiste. Mit ihr weiter bergan über eine Rechtskehre zur Schartenkapelle (Bildstöckl) in einer Wiesensenke. Wie weiter? Nach kurzem Suchen entdecken wir eine gute Spur, die den Nordhang des Schartenköpfels nach rechts hin zur nordwestseitigen Geländekante schneidet. Hier verlässt man sie nach links und steigt weglos über den breiten Waldrücken an. Das Gelände ist gut begehbar, wiederholt muss man allerdings umgestürzten Bäumen ausweichen.


Oben u. unten: Leben und Sterben am Berg: Wind und Wetter haben den Bäumen am Gipfelrücken des Rosengartens schwer zugesetzt.
Das Große im KleinenHildegard entdeckt am Wegesrand eine Weinbergschnecke, die gerade dabei ist, im Zeitlupentempo einen kleinen Felsen zu ersteigen. Sie trägt ein fein gezeichnetes Gehäuse in der Form einer rechtsgängigen Spirale und wird sich bald übers Grünzeug hermachen und es mit ihrer Raspelzunge abernten. Ein Eichhörnchen turnt im Geäst hoch über uns und ganz schwindelfrei, irgendwo krächzt ein Rabe, und unter meinen Füßen, im dicken Humusboden, krabbelt, frisst und stirbt es gerade millionenfach. Waldleben. »Vorsicht!«, mahnt Hildegard, weil ich, meinen Gedanken nachhängend, fast über einen Ast gestolpert wäre. Der finale Aufstieg zum Schartenköpfel ist nicht nur weglos, hier liegt auch reichlich Totholz, dazu sind ein paar kleine Felsen zu übersteigen. Dann taucht recht unvermittelt das Gipfelkreuz auf, mit Buch, aber ganz ohne Aussicht. Dafür gibt’s eine nicht zu übersehende Wegspur, die kurz hinabläuft in die moorige Senke vor dem Rosengarten und anschließend über den Nordrücken unseres Wanderziels zum Gipfel ansteigt. Noch ein Kreuz, diesmal allerdings mit Aussicht. Der »Gipfel« entpuppt sich als ein nach Süden gerichteter, weitgehend baumfreier Hang. Das war nicht immer so, wie die zahlreichen Baumleichen beweisen. Sie tragen einen Hauch von Melancholie in das schöne Landschaftsbild, machen nachdenklich. Bäume sterben halt auch, wie wir Menschen. Und sie altern wie wir, in ihrer Jugend schlank und gerade gewachsen, bilden sich mit der Zeit Runzeln auf ihrer Haut, manche werden dick oder krumm, ihre Kronen lichten sich. Dafür entwickeln sie Persönlichkeit, jeder alte Baum ist ein Unikat, keiner wie der andere, in die Ringe ist sein Leben eingeschrieben, sind Trockenzeiten und feuchte Sommer gespeichert. Jetzt liegt der Baum am Boden, abgerissen die dicken Äste, die Borke geplatzt. Seine Nadeln hat er längst verloren. Dafür grünt es gleich daneben; ein zierliches Bäumchen, keinen halben Meter hoch, macht sich auf den Weg durchs Leben. Ewiger Kreislauf.
Abstieg ins TalDas Panorama vom bayerischen Rosengarten ist typisch für Alpenrandberge: viel Baumgrün rundum, am südlichen Horizont Felsgrau. Ein Blickfang ist der Teufelstättkopf, gerade mal zwei Kilometer weg. Er gibt in etwa die Abstiegsrichtung vor. Bald kommt ein steiniger Ziehweg in Sicht. Er läuft hinab in den Graben der Kurztallaine und mündet wenig später in die Pürschlingstraße. Den Abschluss der Runde bildet der Gang durch die Schleifmühlklamm. Es gischtet und stiebt ordentlich. Dazu passt das frisch gezapfte Bier im Gasthof Schleifmühle. Das kleine Wetzsteinmuseum nebenan besuchen wir ein andermal – versprochen.

Der Herbst: ein Farbenrausch. Am Rückweg vom Rosengarten
2 Der König und sein Komponist
Der Altlacher Hochkopf
Liebhabern der Wagnerschen Klangwolken, die – aus welchen Gründen auch immer – keine Karten mehr für den »Siegfried« auf dem Grünen Hügel von Bayreuth ergattert haben, empfiehlt sich als Alternative eine Wanderung zum Altlacher Hochkopf. Voraussetzungen: Freude an der Natur und etwas Bergerfahrung.
Anforderung/Schwierigkeit
Mittel
Tourencharakter
Einsamkeit statt Trubel bietet die Klamm-, Höhen- und Gipfelwanderung. Markierte Wege, abschnittsweise auch Sandstraßen. Highlights: Aufstieg durch die Klamm der Eibenlaine, Zugspitzblick
Ausgangspunkt/Endpunkt
Niedernach (802 m) am Ostufer des Walchensees. Anfahrt durch die Jachenau
Höchster Punkt
Hochkopfhütte (1299 m)
Länge
720 Hm auf/720 Hm ab/18 km
Dauer
Niedernach – Sattel (1174 m) 2 Std. – Galgenwurfsattel 1 Std. – Hochkopfhütte 1 Std., Abstieg 1.45 Std.
Gesamt 5.45 Std.
Einkehr/Übernachtung
Waldschänke in Niedernach; unterwegs keine Einkehrmöglichkeit
Von Ludwig II., dem »Kini«, weiß man, dass er nicht nur ein Faible für Monumentalbauten à la Versailles hatte, sondern auch gern in den Bayerischen Bergen weilte, am Schachen etwa oder an den Soiernseen. Und am Altlacher Hochkopf. Da hatte sein Vater, Maximilian II., eine Jagdhütte erbauen lassen, zusammen mit einem komfortablen Reitweg von Altlach herauf. Der hat die Zeitläufe halbwegs unbeschadet überstanden, im Gegensatz zur Originalhütte aus Wittelsbacher Zeit. Von der blieben lediglich ein schwarzer Kachelofen und einige mit Ornamenten verzierte hölzerne Wandverkleidungen erhalten. Ludwig hat der Platz auf jeden Fall sehr gefallen, wie er Richard Wagner 1878 schrieb: »Auf der Höhe des Hochkopfes, der gerade im Mai so wonnig schön ist, und den Sie leider i. J. 65 in so trauervoller Stimmung und überdieß bei heftigem Sturm kennenlernten, hier also feierte ich Ihr theures Geburtsfest.«
Zwei verwandte SeelenWagner weilte auf Einladung des Königs im Sommer 1865 auf der Hochkopfhütte. Das Wetter meinte es nicht gut mit dem Meister; wenigstens kam er mit seinem »Siegfried« ein gutes Stück voran, wie er im Tagebuch notierte: »… habe ich an Siegfried sauber geschrieben; der Zauber ist gelöst.«
Ludwig II. und Richard Wagner lernten sich 1864 kennen: zwei verwandte Seelen, der König ein Fantast, der vom Ritterleben vergangener Zeiten träumte und ihm mit seinen Schlössern Leben einzuhauchen versuchte; das Musikgenie Wagner, das dem Monarchen die dazu passenden Stoffe lieferte, grandios und pathetisch vertont. Eines Königs würdig eben. Was die beiden noch verband neben der Musik: Sie konnten überhaupt nicht mit Geld umgehen.
Einsame Wege zwischen Walchensee und IsartalDa müssen wir uns keine Gedanken machen. Denn auf dieser Tour gibt’s keine Gelegenheit, Geld auszugeben. Die Hochkopfhütte der DAV-Sektion Vierseenland ist nur für Mitglieder zugänglich; den grandiosen Zugspitzblick von der Terrasse aus dürfen dagegen alle genießen, sogar ganz umsonst. Von Altlach am Südufer des Walchensees kommt man über den ehemaligen Reitweg in zwei Stunden leicht zu dem Ausguck mit Promi-Historie. Wir haben uns diesmal eine längere Variante ausgedacht, die einen facettenreicheren Eindruck der Waldlandschaft zwischen Walchensee und Isartal mit ihren Gräben, Buckeln und Hochmooren vermittelt. Ausgangspunkt ist Niedernach am Abfluss des Walchensees. Abfluss? Das Wasser der Jachen ist weggestaut, weil es für den Arbeitseinsatz im Kraftwerk am Kochelsee gebraucht wird. Wie jenes des Rißbachs, das ein paar Meter diesseits der Grenze zu Tirol gefasst und in einem langen Stollen in den Walchensee geleitet wird. Die traurige Hinterlassenschaft: ein riesiges Flussbett, 300 Meter breit, meistens staubtrocken: ein bayerisches Wadi.
Dafür plätschert die Eibenlaine munter der Jachenau entgegen, wo sie gleich ihren Namen ändert. Fast in ihrem ganzen Lauf vom Rücken des Ochsensitzer Berges herab hat sie sich tief ins mürbe Gestein gegraben. Das sorgt für recht spektakuläre Landschaftsbilder und zwingt den Weg, nicht weniger als viermal die Bachseite zu wechseln – auf schmalen, aber stabilen Brücken. Gleich nach der vierten Querung steht man am Fuß des »Turms«, eines schroffen Felsenbugs über der Mündung des Kaltwassers in die Eibenlaine. Da hinauf? Ja, und sogar auf einem ordentlichen, aber eben sehr steilen Weglein. An einem Aufschwung – der Schlüsselstelle! – sind ein paar Eisenkrampen und ein dickes Drahtseil angebracht, an dem man sich gern festhält. Noch ein Fixseil, dann geht’s ungesichert im Zickzack weiter, bis sich der bewaldete Rücken allmählich zurücklegt. Exakt am Ende der Direttissima hat jemand eine Holzbank platziert – wirklich nett! Wir nehmen das Angebot gern an, genießen die freie Sicht auf den Walchensee und einen Schluck Isotonisches. Weiter geht’s auf bequemerem Geläuf, erst auf einem breiten Ziehweg, dann auf einer noch breiteren Forstpiste südwärts zu einer namenlosen Senke über dem Isartal. Hier erteilt ein gelbes Wegschild Auskunft: Galgenwurfsattel. Hinter der Wasserscheide folgen gleich mehrere Verzweigungen in kurzem Abstand, Wegweiser und rot-weiß-rote Markierungen halten uns aber auf der richtigen Spur. Die führt erst von Osten, dann nach Süden umbiegend hinauf zur Hochkopfhütte. Sie steht am Westhang knapp unterhalb des Altlacher Hochkopfs und beglückt mit einem magistralen Blick auf Deutschlands höchsten Berg, die Zugspitze.

Der Meister war auch hier.
Abstieg über die AlmDie Sonne steht schon recht weit im Westen; Zeit, an den Abstieg zu denken. Der alte Reitweg der Herren Richard und Ludwig bietet sich an oder der Pfad Richtung Galgenwurfsattel und hinab zur Unteren Sachenbacher Alm. Hier ertönt Glockengebimmel – Jungvieh genießt die Sommerfrische: würzige Kräuter statt Silage.
Wir wandern talauswärts, folgen einer Waldstraße, die recht brutal in den Hang trassiert wurde. Sie endet im Nirgendwo über dem Zusammenfluss von Alpenbach und Eibenlaine. Ein kleiner, ziemlich ausgewaschener Weg läuft steil hinunter zur Eibenlaine. Eine Hängebrücke führt übers Wasser ans rechte Ufer. In Gedanken bin ich schon weiter, im Biergarten der Niedernacher Waldschänke. Prost!

Bayerische Bilderbuchlandschaft: der Walchensee und seine Berge
3 Krapfenkarspitze & Co.
Große Gratüberschreitung im Vorkarwendel
Hotspots gibt’s in den Bayerischen Alpen genug, aber auch Leerstellen, Bergregionen, die man als Halbwildnis bezeichnen könnte. Wenige Wege, keine bewirtschafteten Hütten, dafür jede Menge Einsamkeit. Im Vorkarwendel ist der lang gestreckte Bergkamm nordöstlich der Soiernspitze für die meisten Bergsteiger Terra incognita.
Anforderung/Schwierigkeit
Anspruchsvoll
Tourencharakter
Kammüberschreitung im Vorkarwendel mit herrlichen Ausblicken, teilweise auf alten Jagdsteigen, mit weglosen Passagen. Im Neulahnerkar und am Grat kurze Kletterstellen (I). Bergerfahrung und ein sicherer Tritt sind unerlässlich, eine ordentliche Kondition Voraussetzung. Nur bei stabilem Wetter gehen – es gibt keine Zwischenabstiege – und genügend Getränke mitnehmen. Großes Panorama von der Krapfenkarspitze, fast so schön ist die Aussicht vom Dreierspitz.
Ausgangspunkt/Endpunkt
Parkplatz an der Straße ins Rißtal, knapp 1 km vor der Oswaldhütte
Höchster Punkt
Krapfenkarspitze (2109 m) bzw. Dreierspitz (1962 m)
Länge
1650 Hm bzw. 1500 Hm auf und ab (mit bzw. ohne Krapfenkarspitze)/24 bzw. 21 km
Dauer
Rißtal – Abzweig Jagdsteig (1124 m) 2 Std. – Jägersruh (1894 m) 2.30 Std. – Krapfenkarspitze 1 Std. – Galgenstangenjoch 2.30 Std., Abstieg ins Rißtal 2 Std.
Gesamt 10 Std.
Kürzere Variante mit Aufstieg durchs Neulahnerkar 8.30 Std.
Einkehr/Übernachtung
Unterwegs keine Einkehr, Oswaldhütte an der Rißtalstraße
Herbstzeit ist Wanderzeit: Die Bäume verfärben sich, der Himmel prunkt mit tiefem Blau, ein Hauch von Melancholie liegt über der Landschaft. Also nutzt man schöne Wochenendtage für einen Ausflug in die Berge oder besser: davor. Vor dem Karwendel in jene Bergregion, die treffend Vorkarwendel heißt. Schafreiter, denkt da der Münchner Gipfelstürmer! Aber nein. Unser Ziel ist acht Meter höher, dürfte aber heute nicht (geschätzte) 300 Besucher willkommen heißen, sondern möglicherweise bloß zwei: die Krapfenkarspitze. In der 25 000er AV-Karte findet man den Berg leicht. Etwas genauer hinschauen muss allerdings, wer in der Gegend nach Wegen sucht, das beruhigende Rot markierter Wege fehlt komplett. Immerhin, ein paar gestrichelte Linien verzeichnet das Kartenblatt – wohl alte Jagdsteige aus der Zeit der Wittelsbacher. Die frönten gern der Jagd, damit das aber nicht zu mühsam wurde, mussten Wege her, möglichst geeignet für Ross und Reiter.
Wir haben kein Pferd dabei, doch ein schön angelegter Weg erfreut auch uns Zweibeiner. Beim Blick auf die topografische Karte stellt sich bloß noch die Frage: links- oder rechtsherum? Wir entscheiden uns für den Aufstieg durchs Fermerstal, weil ich mir von der langen Gratwanderung im Abstieg unverstellte Aussicht und am späteren Nachmittag gutes Fotolicht verspreche.
Ins Tal des FermersbachsWir starten an der Rißtalstraße, knapp einen Kilometer nördlich der Oswaldhütte, und folgen der Sandstraße, die das breite, meist knochentrockene Geröllbett des Rißbachs quert. Traurig. Was auf Tiroler Boden als ungezähmter Wildbach daherkommt, wird in Bayern umgehend von einem finsteren, fast acht Kilometer langen Stollen geschluckt und zum »Arbeitseinsatz« in den Walchensee geleitet. Technik contra Natur. Bei der Paindlalm biegt unser Weg ins Tal des Fermersbachs ein. Aus der breiten Piste wird bald ein Ziehweg, später ein Pfad, der nur noch sanft ansteigt und schließlich in den ersten von insgesamt fünf Gräben mündet, die in der Folge zu queren sind. Der erste ist der wildeste, der letzte der tiefste. Nach einem Höhenverlust von 80 Metern steigt man dahinter auf zu einer Geländeschulter, wo eine Forstpiste, von der Fereinalm kommend, endet.
Hinauf!Gleich am Wendeplatz der Straße beginnt der alte Jagdsteig. Im Links-rechts-Rhythmus geht’s am bewaldeten Ostrücken des Dreierspitzes bergan, mit gelegentlichen Tiefblicken in den Dreiergraben. Nach etwa einer Stunde mündet die Zickzackspur auf eine größere Lichtung; links am Waldrand steht eine winzige Ein-Raum-Holzhütte. Ein paar Serpentinen höher verzweigt sich der Weg: rechts ist richtig, verrät die topografische Karte. Nach einer längeren Hangquerung kommt man aus dem Wald und steht wenig später am Eingang ins Neulahnerkar. Wir sind schon etwas geschlaucht, und mich zwickt‘s im Wadl. Weil das Gelände nicht unüberwindlich erscheint, entscheiden wir uns für den Abkürzer durch den Karwinkel hinauf zum Grat. Und die Krapfenkarspitze? Ein andermal. Der weglose Anstieg erweist sich dann als steinig und ziemlich mühsam, der finale Felsriegel zum Grat lässt sich aber überraschend leicht bezwingen. Als Orientierungspunkt dient ein Felskopf; links dieser natürlichen Wegmarke gewinnen wir den Grat. Noch ein paar Schritte, und wir stehen auf einem namenlosen, in der Karte mit 1979 Metern eingezeichneten Mugel. Höchste Zeit für eine Schau- und Verpflegungsrast. Schön aufgereiht am südlichen Horizont stehen die Karwendelgipfel, vom Sonnjoch bis zum Wörner.
KammwandernGut einsehbar ist auch unser Weiterweg über gleich mehrere Gipfel: Dreierspitz, Baierkarspitze, Fermerskopf und zuletzt der bewaldete Galgenstangenkopf: zwei Stunden auf und ab über Schrofen, zwischen Krummholz und im Gras. Gleich hinter dem Dreierspitz heißt es aufpassen, damit man nicht ins Latschengestrüpp gerät. Der richtige Weg führt über eine kleine Felsstufe (I, Steinmännchen) hinunter in eine Mini-Scharte, dann kurz aufwärts. Am Grat geht es weiter abwärts in das Joch vor der Baierkarspitze, dann steil über die steinige Grasflanke zum Gipfel mit Kreuz. Der Fermerskopf wird ebenfalls überschritten, der Galgenstangenkopf über die von Erosion gezeichnete Ostflanke umgangen (Abstecher 10 Min.).
Zurück ins TalDieser letzte Hochpunkt erhält öfters Besuch, was man auch dem Abstiegsweg anmerkt: keine undeutliche Spur mehr, sondern ein ordentlicher Weg. Er verläuft zunächst zur Nordostkuppe des Galgenstangenjochs, bevor er – teilweise im Wald – über viele Kehren hinabzieht zur Grafenherberge. Dann geht’s im Zickzack weiter bergab, bis die Spur nach rechts abknickt und am steilen Hang hinunterläuft gegen den Dreiergraben. Unmittelbar vor der Schlucht stößt man auf den Hinweg.
Noch vor der Paindlalm tauchen wir ein in den Talschatten. Am Gipfel des Schafreiters wärmen sich die letzten Gipfelstürmer im Licht der tiefstehenden Sonne, bevor sie zur Tölzer Hütte absteigen. Beim Blick ins Fermerstal lasse ich die schönen Bilder des Tages Revue passieren: ein riesiges Spinnennetz am Weg, der wilde Wandgraben, die Gämsen im Neulahnerkar, die Aussicht vom namenlosen Rastplatz. Übrigens: Begegnet sind wir den ganzen Tag über keiner Menschenseele.
Variante mit SpitzeNatürlich lässt sich die Tour um den Schlenker über die Krapfenkarspitze erweitern: Das bedeutet anderthalb Stunden und 150 Höhenmeter mehr. Man umrundet dabei den Gipfel südseitig und steigt aus dem Sattel mit dem schönen Namen Jägersruh über die Gumpenkarspitze zum höchsten Gipfel im langen Kammrücken auf. Da und dort muss man in dem schrofigen, auch felsigen Gelände (I) die Hände zu Hilfe nehmen. Kein Problem für geübte Berggänger.

Fantastisch! Tiefblick von der Gumpenkarspitze auf die Soiernseen
4 Ein Grenzgang der besonderen Art
Vom Reitstein zur Königsalm
Viel Wald, unzugängliche Gräben, Felsen, ein paar Forstpisten – das zeigt uns die 25 000er Karte des Alpenvereins westlich vom Blaubergkamm. Aber keine markierten Wanderwege. Das macht neugierig, dürften hier doch früher Jäger (auch als gesetzlose) unterwegs gewesen sein. Also auf zur Pirsch, aber unbewaffnet!
Anforderung/Schwierigkeit
Mittel
Tourencharakter
Abwechslungsreiche Kammwanderung an der Grenze Bayerns zu Tirol, weitgehend unmarkiert. Orientierungsvermögen und Trittsicherheit unerlässlich, auch eine ordentliche Kondition. Bei Nässe nicht ratsam
Ausgangspunkt/Endpunkt
Parkplatz (830 m) an der Weißach, nahe der Abzweigung zur Königsalm
Höchster Punkt
Plattenalm (1582 m)
Länge
900 Hm auf/900 Hm ab/16 km
Dauer
Parkplatz – Mündung Albertsbach 0.30 Std. – Bodigbergalm (1214 m) 1.15 Std. – Reitstein (1516 m), 1 Std. – Plattenalm – 1 Std. Königsalm (1144 m) – Parkplatz 0.45 Std.
Gesamt 5.45 Std.
Einkehr/Übernachtung
Königsalm, im Sommer bewirtschaftet
Das Hoch Lukas sorgt für sattes Himmelblau, der Wald prunkt mit vielen Farben. Auf dem staubigen Fahrweg, der parallel zur Weißach verläuft, liegen bunte Blätter. Ich hebe eins auf, golden mit oranger Musterung. »Von einem Bergahorn«, weiß Hildegard. Die knorrigen Bäume stehen nicht nur in der Eng, sie sind in den Alpen Bayerns weit verbreitet. Dazu sehr robust, auch klimatolerant. Als Tiefenwurzler besiedeln sie problemlos Steilhänge, sogar Geröllpartien.
Jenseits der Weißach zeigt sich kurz die Trifthütte. »Erinnerst du dich noch?«, frage ich. Natürlich, früher gab es dort weit und breit die besten Bratwürste. Vor ein paar Jahren war dann Schluss – schade.
Almruhe am BodigbergEin paar Schritte weiter öffnet sich von links der Graben des Albertsbachs. Eine breite Forstpiste führt taleinwärts, beginnt bald anzusteigen. Nach den ersten paar Kurven wird der Blick in die verästelte Schluchtenlandschaft unter dem Reitstein frei: ungangbar. Wir bleiben brav auf der Sandstraße, die in den Bodigberggraben einbiegt. Wer im Hochsommer unterwegs ist, wird bei der schattig gelegenen Forsthütte samt Bank, Brunnen und Fischteich gern eine Pause einlegen. Wir verschieben unsere Rast um zwanzig Minuten weiter bergwärts. An der Bodigbergalm kann man einfach nicht vorbeigehen – zu schön ist der Platz: Bergesruh’, nicht einmal zwei Kilometer Luftlinie von der vielbefahrenen Achenpassstraße entfernt, aber ganz ohne das Dröhnen hochgetunter Zweiräder!
Auf schmalem PfadDer Reitstein ist von der Bodigbergalm noch nicht zu sehen; er versteckt sich hinter seinem felsigen Vorbau, dem Stacheleck. Das kann man wahlweise links oder rechts umgehen. Wir entscheiden uns für den westseitigen Weg, der – von der Alm aus gut einsehbar – aus der Wiesensenke diagonal ansteigt. Im Rücken des Stachelecks treffen beide Zustiege wieder zusammen. Eine gute Viertelstunde später hocken wir im Gras unter dem Gipfelkreuz des Reitsteins und genießen die Aussicht zum Achensee. Die fernen Dreitausender des Alpenhauptkamms geben sich heute bedeckt: kein Großvenediger und kein Großglockner. Nicht zu übersehen ist dagegen der Guffert, eine elegante Felspyramide und keine zehn Kilometer entfernt. Auf seinem Gipfel dürften sich deutlich mehr Leute treffen als auf unserem kleinen Stein …
Weiter führt der Weg zunächst über einen steilen Wiesenhang abwärts, dann wieder bergauf. Orientierungsprobleme gibt es nicht, ist unsere Route doch optimal markiert – mit Grenzsteinen. Sie leiten zuverlässig über den nur licht bewaldeten Kammrücken, der Bayern von Tirol trennt. Als Schweizer versuche ich natürlich, mich neutral zu verhalten: ein Fuß in Deutschland, der andere in Österreich – und beide in der EU. Der Grenzgang endet an der Geländeschulter wenig oberhalb der (bayerischen) Plattenalm: noch so ein formidabler Aussichts- und Rastplatz. Hildegard teilt ihren Apfel mit ein paar Bergdohlen, ich halte Ausschau nach putzigen Nagern. Eine Murmeltierfamilie hat sich nämlich unter der Almhütte eingenistet. Nichts zu sehen, auch kein Pfiff zu hören – Winterschlaf.

Mächtiger Nachbar des Reitsteins: der Guffert

Schmal, aber gut zu gehen: der Weg zum Reitstein
Hinab zur KönigsalmVon der Plattenalm führt ein schmaler Pfad, in etwa die Höhe haltend, mit viel Aussicht in die Tiroler Nachbarschaft ostwärts zum Schildenstein hinüber. Unter dem Gipfel stößt man auf den AV-Weg, der die Blaubergalm mit der Königsalm verbindet. Kürzer, aber nicht leicht zu finden, ist der direkte Abstieg zur Alm. Man folgt zunächst den Spuren nordöstlich in eine seichte Grasmulde am Platteneck-Rücken. An ihrem Rand entdecken wir eine rote Markierung und ein Steinmännchen – der Einstieg zum Abstieg. Der gut begehbare Weg quert zunächst die Nordhänge des Plattenecks, steigt dann steil ab in das weitläufige Wiesengelände der Königsalm. Die wartet mit zwei architektonischen Überraschungen auf: der über 40 Meter langen Almhütte von 1723 und dem danebenstehenden Bau, der einem Schweizer Chalet verblüffend ähnlich sieht. Kein Zufall. König Max I. Joseph ließ das Chalet Suisse in den 1820er-Jahren errichten, als in Wildbad Kreuth Molkekuren nach Schweizer Vorbild groß in Mode kamen. Im Erdgeschoss des doppelstöckigen Baus befand sich die Molkekammer, darüber ein eleganter Salon. Er verzeichnete zu Zeiten der Wittelsbacher öfters prominenten Besuch. So soll Österreichs Kaiserin Sisi hier gewesen sein, wohl zu Fuß, im Gegensatz zur russischen Zarin Alexandra, die sich in einer Sänfte auf die Alm tragen ließ.

Eine echte Idylle: die Bodigbergalm. Am Horizont: Roß- und Buchstein
Auf der WM-Strecke bergabWir halten’s mit Sisi, die bekanntermaßen gern in den Alpen wanderte, und nehmen den breiten Weg, der das weitläufige Almgelände nach Norden hin quert und in seinem Randbereich auf die Straßenzufahrt mündet. Die wird von Wanderern wie Mountainbikern rege frequentiert; im Winter – sofern ausreichend Schnee liegt – ist sie eine beliebte Rodelbahn. Auf der 1400 Meter langen Strecke mit einem Gefälle von durchschnittlich 13,6 Prozent wurden 1984 sogar Weltmeisterschaften ausgetragen. Der Sieger bei den Herren, Alfred Kogler aus Österreich, war exakt 4 Minuten und 49,92 Sekunden unterwegs. Bei den Damen gab es einen dreifachen Triumph der Italienerinnen. Wir sind ein gemischtes Doppel, fußläufig unterwegs und brauchen deshalb deutlich länger.
Die Lechtaler Alpen
Gotlind Blechschmidt

Stille Herbststimmung am Hönig mit der Zugspitze im Hintergrund
Die Lechtaler Alpen
Wilde Berge in den Nördlichen Kalkalpen
Die Lechtaler Alpen sind ein eher stilles Gebirge geblieben und gehören zu Recht in die Rubrik der »vergessenen Berge«. In ihnen finden Wanderer ein schier unerschöpfliches alpines Betätigungsfeld mit leichteren und schwereren Touren, bei denen sie sich wirklich nicht auf die Füße treten.
An- und Rückreise
Mit Bahn und Bus: mit der Bahn nach Reutte und per Bus 110 bis Stanzach, dann weiter mit Linien-taxi (Wanderbus) zu den Ausgangspunkten, siehe www.lechtal.at; zurück evtl. auch per Taxi; Wanderbus kostenfrei mit Lechtal AktivCard Taxi: Taxi Strolz in Bichlbach, Tel. 0043/5674/53 77, www.taxi-strolz.at
Weiteres Busangebot im Sommer: Bus 151 Rinnen–Berwang–Bichlbach–Reutte, siehe www.zugspitzarena.com/de/Info-Service/Verkehrsmittel Mit Pkw: nach Reutte und weiter entweder über Berwang oder Stanzach
Nachhaltige Übernachtungsmöglichkeit, Einkehr, Einkaufen
Im Tal: Gasthöfe und Pensionen (z. B. Gasthof Post in Stanzach) sowie Geschäfte im Namloser Tal zwischen Stanzach und Berwang; einfache Unterkünfte in Fallerschein; Campingplatz in Vorderhornbach, https://camping-vorderhornbach.at
Ausrüstung
Wanderausrüstung mit Bergstöcken
Karten und Literatur
DAV-Karte, Lechtaler Alpen, 1:25 000; Kompasskarte, Lechtaler Alpen, 1:25 000; Dieter Seibert, AVF Lechtaler Alpen, Rother 2008; Mark Zahel, Wanderführer Allgäu 2, Rother 2019
Kontakt
Tourismusverband Ferienregion Tiroler Lechtal, Untergiblen 23, A-6652 Elbigenalp, Tel. 0043/5634/53 15, www.lechtal.at; Naturpark Tiroler Lech, Klimm 2, A-6644 Elmen, Tel. 0043/664/416 84 65, www.naturpark-tiroler-lech.at, www.naturpark-lechtal.at

Die Lechtaler Alpen liegen grob gesprochen zwischen den Allgäuer Alpen und dem Wettersteingebirge. Von Westen ziehen sie im Uhrzeigersinn gesehen vom Flexenpass das Lechtal entlang, stoßen bei Reutte im Norden an das Außerfern, im Osten streichen sie an der Linie vom Fernpass über Imst nach Landeck weiter und reichen im Süden über das Stanzertal bis zum Arlbergpass. So umfassen sie eine Fläche von 1000 Quadratkilometern. Gesteine aus der Trias sind die Hauptfelsbildner. Während die Heiterwand und das Gebiet um den Fernpass aus Wettersteinkalk bestehen, dominiert im überwiegenden Teil der Lechtaler Alpen der Hauptdolomit. Dazu gibt es jüngere Gesteine wie Riffkalke aus dem Oberrät und noch jüngere aus dem Jura – Mergel, Hornstein- und Aptychenkalke – sowie die Gosauschichten – Konglomerate, Brekzien und Sandsteine – aus der Kreide. Die verschiedenen Gesteine bilden eine abwechslungsreiche Geomorphologie aus Felswänden, Schotterhalden, Mergelhängen und alpinen Matten.

Die graue Liegfeistgruppe erhebt sich über dem Namloser Tal.
Im Reich der ZweitausenderMit der Parseierspitze auf 3036 Metern gibt es in den Lechtaler Alpen genau einen Dreitausender, dafür aber laut dem Alpenvereinsführer von Heinz Groth 496 Zweitausender! Eher etwas abseits des Mainstreams gelegen, sind die Berge mit 19 Alpenvereinshütten, etlichen Jausenstationen, mehreren Weitwanderwegen (darunter der berühmte E 5 oder die Via Alpina rot) und teils auch mehrtägigen Höhenwegen wie dem Lechtaler, Augsburger oder Anhalter Höhenweg dennoch gut erschlossen. Entfernt vom Touristenhotspot Lech an der westlichen Grenze ziehen in den zentralen und nördlichen Lechtaler Alpen schmale, tief eingeschnittene Kerbtäler hinauf, in denen kleine Bergdörfer wie Kaisers, Madau, Gramais – die kleinste Gemeinde Österreichs – oder Pfafflar eine Ahnung von der Besiedelungsgeschichte des Gebiets geben. Hauptort des Lechtals ist Elbigenalp, wo 1841 die berühmte Geierwally geboren wurde; etwas lechaufwärts liegt der Ort Holzgau – hier zeigen etliche Häuser spätbarocke, farbenprächtige Fassadenmalereien, oft mit biblischen Szenen oder Elementen der Schlossarchitektur.

Der Anhalter Höhenweg führt über die gleichnamige Hütte.

Vom Grubigjoch schweift der Blick über steile Bergketten.

Steile, erodierte Hänge sind für die Lechtaler Alpen typisch.
Der Hauptdolomit baut stark zerklüftete Berge mit steilen Flanken und tiefen Runsen und Schluchten auf und ist extrem verwitterungsanfällig. So kommt es in jenen Bereichen häufig zu Steinschlag, Murenabgängen und auch Wegunterbrüchen. In den Tobeln halten sich oft bis in den Sommer noch Schneereste. Auch dieses wilde Ambiente mag dazu führen, dass sich in den Lechtaler Alpen weniger Bergwanderer als in den Nachbargebirgen aufhalten. Bei der vorgenommenen Tourenauswahl wurde auf Strecken in solch riskantem Gelände bewusst verzichtet. Mit der Namloser Wetterspitze bildet ein formschöner und zugleich leicht erreichbarer Gipfel in den Namloser Bergen das Ziel und mit dem Reuttener Höhenweg in der Liegfeistgruppe gegenüber eine etwas schwierigere, aber versicherte Gratroute.
Im Naturpark Tiroler LechNamensgebend ist der Talfluss Lech, der aber seinerseits nicht in den Lechtaler Alpen, sondern im Lechquellengebirge unterhalb des Formarinsees mit zwei Quellbächen (Formarin- und Spullerbach) entspringt und dann als Lech hurtig weitersprudelt. 2004 wurde im Talboden des Lechtals, eines typischen Trogtals, über eine Strecke von 62 Kilometern und eine Fläche von 41 Quadratkilometern der Naturpark Tiroler Lech ausgewiesen. Dieser grenzt teilweise direkt an Siedlungsgebiet und wird vor allem durch die alpine Wildflusslandschaft Lech bestimmt, wo es am Flussbett und in der seitlichen Aue nach Überflutungen zu großflächigen, sich stetig verändernden Schotter- und Sandflächenablagerungen kommt.
Das Naturparkzentrum befindet sich in Elmen auf der Lechbrücke. So bietet es sich an, bei einem mehrtägigen Bergurlaub in den Lechtaler Alpen auch noch in tieferen Lagen zu wandern und den vielen Naturschönheiten sowie kulturellen Schätzen nachzuspüren.
5 In den Namloser Bergen
Die Pyramide der Namloser Wetterspitze
Ihre perfekte Form macht die Namloser Wetterspitze zu einem der eindrucksvollsten Berge der Lechtaler Alpen. An der Nordseite unnahbar, führt an der Südseite der Pyramide ein einfacher Weg empor, der sich zu einer Rundtour mit schöner Sicht verlängern lässt.
Anforderung/Schwierigkeit
Leicht bis mittel
Tourencharakter
Gut markierter, unschwieriger Steig, am Abstieg übers Grubigjoch einige ausgesetzte Passagen
Ausgangspunkt/Endpunkt
Parkplatz bzw. Bushalt Fallerschein (1190 m)/ Namlos (1225 m)
Höchster Punkt
Namloser Wetterspitze (2553 m)
Länge
1284 Hm auf /1214 Hm ab/15 km
Dauer
Parkplatz bis Fallerschein 0.45 Std. – Putzenjoch 2.25 Std. – Namloser Wetterspitze 1 Std. – Brennhüttental 1.30 Std. – Namlos 1.45 Std.
Gesamt 7.25 Std.
Varianten
Weitere Anstiege führen vom Hahntennjoch über die Anhalter Hütte hoch (2,5–3 Std.) oder von Bschlabs (3.30 Std.).
Einkehr/Übernachtung
Michl’s Fallerscheiner Stube in Fallerschein, Anfang Mai bis ca. November geöffnet, auch Übernachtung, 0043/676/727 96 81, www.alpe-fallerschein.com; Sennstüberl Fallerschein, Mitte Mai bis Mitte Oktober geöffnet
Ein schöner Samstag Ende September und der Vorsatz, in die Lechtaler Alpen zu fahren. So kaufen Jutta und ich uns in einem Geschäft erst einmal eine Wanderkarte und entscheiden uns nach dem Kartenstudium für die Namloser Wetterspitze. Sie ragt als markante Pyramide südlich des Namloser Tals auf. Der Startpunkt liegt ungefähr eineinhalb Kilometer vor Namlos, wo der Sommerbergbach einmündet. Noch im Schatten gehen wir das für den öffentlichen Verkehr gesperrte, asphaltierte Almsträßchen über zwei Kilometer bis Fallerschein hinauf. Die Alm wurde schon 1316 als Vallerschine erwähnt und ist heute mit 40 Häusern das größte Almdorf Tirols. Noch steht keine Wolke am Himmel, und die Berge heben sich ringsum vom blauen Himmel ab.

Auf der Namloser Wetterspitze
Im Sommerbachtal zum PutzenjochAuf einem Bergweg wandern wir das idyllische Sommerbergtal aufwärts. Die Wetterspitze ist ausgeschildert, und es gibt keinerlei Orientierungsschwierigkeiten. In gleichmäßiger Steigung geht es erst rechts, dann links des Sommerbachs bergan. Nach einer Weile wird es deutlich steiler, und der Weg zieht, jetzt in der Latschenregion, in einem Linksbogen und vielen Serpentinen über die Wiesenhänge zum Putzen- oder Sommerbergjoch hinauf. Rechts baut sich der Egger Muttekopf mit seiner erodierten Ostwand auf; über ihn verläuft der Augsburger Höhenweg.
Zur WetterspitzeÜber dem Joch türmen sich große Quellwolken auf, ganz normal für diese Tageszeit. Nach der Rast am Joch folgt die letzte Etappe links am südlichen Gipfelhang hinauf. Im Sommer muss es hier sehr heiß sein, jetzt im Herbst ist es angenehm. Erst über viele Kehren durch alpine Matten, überwinden wir im letzten Stück eine Passage aus Hauptdolomitschotter mit einigen kurzen Felsstufen und stehen dann am Gipfelkreuz der Namloser Wetterspitze. Nur zwei Grüppchen von Bergsteigern – nicht viel für so einen herrlichen Tag wie heute – sind oben und verteilen sich auf dem breiten Gipfelplateau. Eine prächtige Aussicht öffnet sich hinab nach Norden ins Namloser Tal, zur Knittelkarspitze und dem Reuttener Weg sowie zum stolzen Thaneller; im Südosten erhebt sich die gewaltige Heiterwandkette. Und nach Süden hören die Bergfluchten schier gar nicht mehr auf …
Übers Grubigjoch ins BrennhüttentalDamit unsere Tour zu einem Rundweg wird, nehmen wir als Abstiegsweg den Südgrat der Wetterspitze. Über eine grusige, rötliche Erosionsfläche – hier sind Kössener Schichten und Rote Mergel vertreten – steigen wir in einen Sattel ab und jenseits kurz im Auf und Ab zum Grubigjoch hoch. Beim Blick zurück zeigt der Gipfelaufbau der Wetterspitze auf einmal die ebenmäßige Pyramidenform. Quasi gegenüber von uns sehen wir die Anhalter Hütte am Rand eines Karbodens. Einige Leute sitzen dort auf der Terrasse. Noch kurz geht es etwas ausgesetzt am Grat entlang, dann steil hinunter zum Imster Grubigjöchl und links ab ins Brennhüttental. Hier wüteten im Jahr 2005 Unwetter, die Uferböschungen des Brentersbachs sind stark erodiert und teils vermurt, sodass auf einem Abschnitt ein neuer Weg an der westlichen Bachseite angelegt wurde. Er führt etwas unbequem zwischen den Latschen weiter. Dann aber stoßen wir wieder auf eine Forststraße und wandern gemütlich nach Namlos hinaus. Die Schatten der Berge holen uns hier wieder ein – eine schöne, »runde« Tagestour geht zu Ende.
6 In der Liegfeistgruppe
Gipfelsammeln am Reuttener Höhenweg
Wer Nervenkitzel mag, ist mit dieser ambitionierten Tagestour gut bedient: Der Reuttener Weg führt an einem versicherten, ausgesetzten Zackengrat über Hintere und Vordere Steinkarspitze und auf Wiesenhängen weiter zu Galtjoch und Abendspitze.
Anforderung/Schwierigkeit
Mittel bis schwer
Tourencharakter
Rot markierter und versicherter, ausgesetzter Grat (I), Klettersteigerfahrung ist wünschenswert, Schwindelfreiheit und Trittsicherheit sind nötig. Nicht bei Regen oder Gewitter, Notabstieg von der Hinteren Steinkarspitze
Ausgangspunkt/Endpunkt
Kelmen, auch Bushalt (1360 m)/Rinnen mit Bushalt Richtung Berwang (1280 m)
Höchster Punkt
Hintere Steinkarspitze (2215 m)
Länge
1168 auf/1265 ab/13 km
Dauer
Kelmen bis Kelmer Jöchl 1.30 Std. – Gratbeginn 1.30 Std. – Hint. Steinkarspitze – 0.30 Std. Vord. Steinkarspitze – 0.30 Std. Galtpleisjoch – 0.30 Std. Galtjoch – 0.20 Std. ins Stiegelejoch – 0.20 Std. Abendspitze hoch und runter – 0.20 Std. Ehenbichler Alm – 1 Std. Rauth (über Forststr. 1.15 Std.) + 0.30 Std. Rinnen Gesamt 7 Std.
Varianten
Abkürzung: vom Joch zwischen Vord. Steinkarkopf und Galtjoch zum Kelmer Jöchl (0.45 Std.) und in 1 Std. nach Kelmen (ungenaue Zeiten auf den Schildern!); zur Knittelkarspitze (2376 m) führt von Namlos ein Pfad (öfters unklare Wegführung, 3.30 Std.); dann versichert bergab zum Reuttener Weg
Einkehr/Übernachtung
Ehenbichler Alm (1694 m), Tel. 0043/676/351 16 81, www.ehenbichler-alm.com
Jede Unternehmung in den Bergen steht und fällt mit dem Wetter, daran besteht kein Zweifel. Das kommende Wochenende, Anfang November, würde sich vielleicht noch mal für eine Tour eignen. Einige Bergwetterberichte sprechen von Föhnlage mit gutem Wetter, andere kündigen Regen an. Voller Optimismus wage ich es und fahre gen Süden bis Stanzach im Lechtal. Um sieben Uhr früh regnet es noch, und auch um acht. Aber dann reißt es auf, und ein bisschen blauer Himmel leuchtet durch, die Hochlagen sind schon weiß überzuckert.
Zum Kelmer JöchlVon Stanzach führt eine Verbindungsstraße über Kelmen bis Bichlbach im Außerfern. Vom Parkplatz in Kelmen folge ich der ausgeschilderten Strecke zunächst über eine Forststraße und später auf einem nach den Regenfällen rutschigen Pfad ziemlich steil bergan.
Zum Schluss leitet er mit einer Querung an einem erodierten Hang nach links hinaus an den Rand eines großen Karkessels. Hier öffnet sich ein fantastisches Panorama von der dunklen, fast furchterregenden Knittelkarspitze mit ihrer schattigen Ostwand links und weiter über die Hintere und Vordere Steinkarspitze bis zum sanften Galtjoch rechts: Das ist der Grat, an dem der Reuttener (Höhen-)Weg entlangführt. Ganz rechts spitzelt noch die Abendspitze hervor, und hinter mir prangt die stolze Namloser Wetterspitze.

Am Kelmer Jöchl

Am Joch über dem Steinkar beginnt der Reuttener Höhenweg.

Versicherungen am Reuttener Höhenweg

Gipfelkreuz auf der Vorderen Steinkarspitze
Ins SteinkarFast ebenerdig geht es entlang der Karschwelle bis zu einer Wegabzweigung – ich folge dem Wegweiser zur Steinkarspitze nach links und steige in mäßig steilem Gelände zwischen Alpenrosen, Latschen und offenen Wiesenhängen in das Steinkar hinein. Im Sommer müssen hier herrliche Blumenwiesen sein, jetzt aber leuchten nur noch einzelne Blütenköpfe hervor. Der Pfad quert nach links unter der Hinteren Steinkarspitze entlang bis zu einer Wasserstelle. Bei einer unangenehmen Schuttrinne bietet ein Stahlseil gute Sicherung. Es folgt ein versicherter Zickzackweg durch die Schrofen. Die lockere Geröllauflage möchte ich nicht in umgekehrter Richtung des Abstiegs gehen, zumal wieder Regen einsetzt. Wenigstens ist der Weg mit roten Punkten gut markiert und die Wegfindung insgesamt kein Problem. Nach einer weiteren Versicherung erreiche ich die Abzweigung zur Knittelkarspitze. Hier warnt ein Schild: »Reuttener Weg nur für Geübte!« Hinter einer kleinen Felszacke stehe ich endlich am Grat, wo rechts der Reuttener Weg beginnt.
Am Zackengrat entlangDie Felszacken sind durchaus beeindruckend, irgendwie hatte ich mir einen bequemeren Höhenweg vorgestellt. So schwindele ich mich nun am wirklich beidseitig ausgesetzten und oft versicherten Grat über sieben Felstürme hinweg, zuerst links, aber meist rechts des Grats, immer mal ab- und aufsteigend. An einer Leiter geht es knappe zehn Meter hoch. Danach folgt eine leichte Kletterei, weiterhin ausgesetzt am Grat. Über Pfadspuren erreiche ich, zuletzt unschwierig, die Hintere Steinkarspitze, wo es – etwa bei Gewitter – auch einen Notabstieg über die Wiesen geben würde. Die Sonne hat jetzt endgültig den Regen vertrieben, und die weite Sicht reicht zu den Lechtaler Bergketten, zum Hochvogel in den Allgäuer Alpen, zu den Tannheimer Bergen und dem Daniel- und Zugspitzmassiv.
Am breiten Rücken steige ich zuerst problemlos zwischen Graspolstern und Schutt in eine Scharte hinunter und wieder etwas aufwärts. Eine längere versicherte Stelle mit Seilen leitet in eine nächste Scharte hinab, von der es leicht auf die Vordere Steinkarspitze geht. Im Gipfelbuch haben sich nur wenige Besucher eingetragen – wirklich eine fast vergessene Tour!
Galtjoch und AbendspitzeBeim weiteren Abstieg ist Vorsicht geboten: Lockerer Schutt liegt auf dem Weg, und es handelt sich weiterhin um Absturz- und Schrofengelände. Doch bis zum Galtpleisjoch, wo von rechts ein Steig zum Kelmer Jöchl einmündet, wird es besser. Hier bietet sich die Option für einen kürzeren Rückweg. Da das Wetter jetzt stabil ist, besteht aber kein Grund, die lange Grattour abzukürzen. Trittspuren leiten am breiten Wiesenrücken zum Galtjoch mit seinem großen Kreuz hinauf – nach dem ausgesetzten Gelände bislang kommt mir dies nun wirklich wie ein Parkspaziergang vor.
Nach einer Rast geht es am mäßig steilen Nordostrücken zum Stiegelejoch herunter. Von hier liegt die Abendspitze gerade mal zehn Minuten entfernt. Der Pfad führt durch Latschen hoch, und auch dort wartet ein allerdings bescheideneres Gipfelkreuz. Die Sicht zur Zugspitze und zur spitzen Zacke des Daniels links davon ist von hier aus noch eindrucksvoller als vom Joch. Nach Stunden der Bergeinsamkeit begegnen mir nun die ersten Leute, die von der Reuttener Hütte (einer Selbstversorgerhütte der Sektion Reutte) eine kleine Nachmittagstour auf die Abendspitze unternehmen.
Über die Ehenbichler Alm nach RauthZurück am Stiegelejoch wende ich mich nach links. Der Weiterweg ist mit roten Eisenbügeln im Wiesenboden markiert und führt zu einem Bachlauf. Bald taucht er in den Wald ein und trifft danach auf eine Almstraße. Auf ihr erreiche ich bald die Ehenbichler Alm. Gleich beim Terrassengeländer nehme ich rechts den Pfad, der in angenehmem Gefälle durch den Wald leitet, und wähle bei einer Abzweigung die linke Strecke.
In Rauth erwartet mich noch ein Anstieg von circa hundert Höhenmetern bis nach Rinnen. Am kleinen Parkplatz ist jetzt niemand mehr – so heißt es, die Beine noch einmal in die Hand zu nehmen und dem Fahrsträßchen bergan zu folgen. Ein aufmerksamer Autofahrer reagiert auf mein Handzeichen und bringt mich zu meinem Fahrzeug zurück, bevor es ganz dunkel wird. Ich bin sehr zufrieden, denn trotz kurzer Tageslänge habe ich den Reuttener Höhenweg geschafft und weiß jetzt endlich, wie es dort oben aussieht …
Das Tote Gebirge
Susanne Posegga

Romantisch gelegen ist die Pühringerhütte am Elmsee mitten im Toten Gebirge.
Das Tote Gebirge
Alles andere als »tot«
Das Tote Gebirge macht nur streckenweise seinem Namen alle Ehre. Denn an zahlreichen Stellen wird man von der Vielfalt der Vegetation überwältigt, die sich von den Tälern bis in die Almregion zieht. Der Kalkstock verdankt den schaurigen Namen einem riesigen, kargen Karstplateau in seinem Zentrum. Vielleicht hat genau dieser Name bisher so manchen Wanderer abgeschreckt?
An- und Rückreise
Mit Bahn und Bus: München–Linz–Bahnhof Hinterstoder–Haltestelle Schiederweiher; Heimreise von Grundlsee/Gößl: Bus nach Bahnhof Bad Aussee, von dort mit dem Zug bis Attnang Puchheim Richtung Salzburg bzw. München Mit Pkw: End- und Startpunkt liegen auf der Straße rund 100 Kilometer voneinander entfernt, daher empfiehlt sich ausschließlich die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
Nachhaltige Übernachtungsmöglichkeit, Einkehr, Einkaufen
Ausseerland: Seehotel Grundlsee: www.seehotelgrundlsee.at
Die Wasnerin, Bad Aussee: www.diewasnerin.at;
Ferienhaus Das Heinz in Altaussee: www.dasheinz.com
Stodertal, Pyhrn-Priel-Region: Steinergut – wunderschön renoviertes Bauernhäuschen in Alleinlage für 7–14 Personen
Hütten: Prielschutzhaus (1420 m): www.prielschutzhaus.com
Pühringerhütte (1637 m): www.alpenverein.at/puehringerhuette
Ausrüstung
Wanderausrüstung, mind. 3 Liter Wasser Geführte Touren mit der Autorin Susanne Posegga: www.bergvagabundin.at
Karten und Literatur
Alpenvereinskarten: Totes Gebirge Mitte AV 15/2 | Totes Gebirge West AV 15/1 Franz Hauleitner, Salzkammergut Ost, Rother Wanderführer
Kontakt
www.urlaubsregion-pyhrn-priel.at

Als Teil des geschichtsträchtigen Salzkammerguts, das mit seinen kristallklaren Seen, den grünen Almen, den weißen Kalkbergen und wilden Schluchten zu einer der schönsten Landschaften Österreichs gehört, liegt das Tote Gebirge im Grenzgebiet zwischen Oberösterreich und der Steiermark. Schon Kaiser Franz Joseph liebte die Schönheit dieser Gegend und errichtete seine Kaiservilla im Kurort Bad Ischl, in dem sich gleich drei Flüsse in der Traun vereinen. Zwischen dem türkisfarbenen Wolfgangsee, dem tiefblauen Traunsee und dem von hohen Felswänden eingekesselten schwarzblauen Hallstätter See gelegen, markiert Ischl das oberösterreichische Zentrum der Region, die im Süden vom Dachstein begrenzt wird. Weiter nach Osten, auf der Südseite des Gebirges, bildet Bad Aussee das steiermärkische Pendant dazu – zwischen Grundlsee und Altausseer See von zwei glasklaren Gebirgsseen flankiert. Die Geschichte des Salzabbaus und der Almwirtschaft reicht hier 7000 Jahre zurück und in der Saline Altaussee unter dem Sandling wird bis heute Salz gefördert.
Einst tropisches UrmeerWährend sich das touristische Hauptaugenmerk auf den Dachstein richtet, erstreckt sich das Tote Gebirge rund 60 Kilometer in West-Ost-Richtung zwischen Bad Ischl und dem Pyhrnpass sowie rund 25 Kilometer in nord-südlicher Ausdehnung zwischen Bad Mitterndorf und dem Almtal. Mit einer Fläche von rund 1200 Quadratkilometern ist es das größte Karstplateau der Nördlichen Kalkalpen und eines der am wenigsten erschlossenen Gebirge Österreichs. Von steilen Nordwänden begrenzt, läuft es zum Süden hin etwas flacher und bewaldet ins Ennstal und das Ausseer Land aus. Die Schermberg-Nordwand gilt mit 1800 Metern Höhe nach der Watzmann-Ostwand als die zweithöchste durchgehende Wand der Nördlichen Kalkalpen. Vom höchsten Gipfel, dem Großen Priel (2515 Meter), erstreckt sich in Richtung Westen ein schier endloses Karstplateau, aus dem zahlreiche Gipfel ragen. Es wird wegen seines kargen Erscheinungsbildes oft auch als Mondlandschaft bezeichnet.

Wildnis im Almtal

Das Wehr am Schiederweiher

Karstlandschaft im zentralen Toten Gebirge
Der hellgraue Kalkstein erzählt eine Geschichte aus früher Urzeit, als sich das Gebiet vor 250 Millionen Jahren noch am Grunde des tropischen Urmeers Tethys befand: Milliarden Muscheln, Schnecken und Skelette sind im Sedimentgestein eingeschlossen. Aufgrund der Wasserlöslichkeit des Gesteins wird die Oberfläche durch die Witterung fortlaufend zu bizarren Formen gestaltet. Wie von Bildhauerhand geschaffen, schlängeln sich Mäanderkarren und Rillenreliefs auf der Felsoberfläche. Tiefe Spalten und Dolinen verschlucken das Regenwasser und leiten es ins Berginnere, wo es sich in unterirdischen Flüssen, Seen und Wasserfällen vereint, um nach einiger Zeit am Fuße der Berge in Riesenkarstquellen wieder zutage zu treten. Die letzte Eiszeit hat der Landschaft ihren Endschliff verpasst und aus so manchem schroffen Nunataker (ein aus dem Norwegischen stammendes Wort für einen aus Eismassen aufragenden Berg) einen abgerundeten Kogel geformt. Weit unter dem Dachsteinkalk findet sich das Haselgebirge, ein Gemenge aus Ton, Gips und Steinsalz. Letzteres verhalf der Region einst zu ihrem Reichtum und war sogar für die Gründung der Stadt München verantwortlich.
Wenig erschlossenNur eine Handvoll kleiner Skigebiete wie im Süden am Loser (1837 m) und auf der Tauplitzalm, im Osten und Nordosten auf der Wurzeralm und der Höss flankieren den gewaltigen Kalkstock, dessen zentrales Plateau im Winter nur von erfahrenen Tourengehern erreicht werden kann. Die Abstände zwischen den 28 Hütten, darunter fünf Selbstversorgerhütten, sind teils groß, und im Winter haben nur die am Rande gelegenen geöffnet. Auf der Tauplitzalm finden sich zudem auch einige kleine Almhütten, die wochenweise vermietet werden, und sogar drei Hotels.
Im Sommer jedoch lädt das Tote Gebirge Wanderer aller Couleur ein, seine Geheimnisse zu erkunden. Ein lockeres Wegenetz, das sich bei den Skigebieten etwas verdichtet, durchzieht das Gebiet. Rund um das Prielschutzhaus finden sich einige Klettersteige, und zahllose Wände bieten alpine, wenig abgesicherte Kletterrouten. Weitwanderwege wie unter anderem der E 4 sowie der Nordalpenweg 01 verlaufen in Ost-West-Richtung vom Pyhrn-Pass bis nach Bad Ischl. Während im Tal schon Sommer herrscht, ist im Toten Gebirge Mitte Juni gerade der letzte Schnee in den Mulden geschmolzen, und auf den Hochalmen und in den Karstspalten prahlt der Frühling mit seiner Farbenpracht. Jetzt beginnt der kurze Sommer in der Höhe und die Zeit für eine einzigartige Durchquerung. Die ideale Wanderzeit dauert von Ende Juni bis Ende September.
7 In der Mondlandschaft des Toten Gebirges
Hochalpine Drei-Tages-Durchquerung auf dem Ausseer Weg
Die Strecke durch das Tote Gebirge auf dem historischen Ausseer Weg ist eine lange, hochalpine Durchquerung für sehr konditionsstarke Geher durch eine faszinierende Karstlandschaft. Unterwegs wird man mit viel Einsamkeit belohnt.
Anforderung/Schwierigkeit
Mittel bis schwer, sehr gute Kondition, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erforderlich, nur bei absolut sicheren Wetterverhältnissen begehen!
Tourencharakter
Gut markierte Wege, alpine Steige im weglosen Gelände über stark verkarsteten Untergrund, seilversicherte, ausgesetzte Passagen
Tag 1
Aufstieg auf das Prielschutzhaus. Hinterstoder (591 m) – Prielschutzhaus (1422 m)
900 Hm auf/100 Hm ab/6 km/2.30 Std.
Tag 2
Überschreitung des hochalpinen Plateaus über die Brotfallscharte und den Ausseer Weg bis zur Pühringerhütte (1638 m)
1400 Hm auf/1200 Hm ab/12,5 km/8 Std. Prielschutzhaus bis Brotfallscharte 2.30 Std. – Großer Priel 0.45 Std. – Rotkogelsattel 3 Std. – Pühringerhütte 1.30 Std.
Leichtere Variante über die Klinserschlucht, Temlbergsattel
1000 Hm auf/800 Hm ab/10 km/6 Std.
Tag 3
Abstieg über die Lahngangseen zum Grundlseer Gößl (720 m)
300 Hm auf/1200 Hm ab/9,1 km/3.30 Std. Elmsee bis Vorderer Lahngangsee 1.45 Std. – Gößl 1.45 Std.
Gesamt 3 Tage, 14 Std.
Ausgangspunkt/Endpunkt
Hinterstoder (591 m)/Gößl (712 m)
Auf der Strecke bieten sich etliche Bademöglichkeiten in kristallklaren Berg- und Talseen. Der alte Reitweg wurde von Hand in den Fels geschlagen, um den Aufstieg des Wiener Adels, der zu Kaiserzeiten in Bad Aussee logierte, mit seinen Dienern samt Kaffeegeschirr bis auf den Priel zu ermöglichen. Man kann ihn in beiden Richtungen begehen. Warum die Variante von Nordost nach Südwest ein Gewinn sein kann, erschließt sich am Ende der Tour!
Zum PrielschutzhausAn einem Freitag Ende Juli treffe ich meinen Mitwanderer Engelhard am Bahnhof Hinterstoder, er reist aus Niederbayern an, ich aus Linz. Vom Bahnhof fährt man noch gut 20 Minuten mit dem Kleinbus bis zur Haltestelle Schiederweiher. Der Sommer kam spät nach einem schneereichen Winter, und nach den jüngsten Niederschlägen ziehen noch einige tiefhängende Nebelstreifen über die Hänge. Die Prognose für das Wochenende verspricht Sonne und niedrige Gewittergefahr – perfekte Bedingungen! Wir schultern die Rucksäcke, in denen sich Trinkflaschen für drei Liter Wasser befinden, und queren die Brücke über die Krumme Steyr, deren zart türkisgrünes Quellwasser nur wenige Grade erreicht. Bei der ersten Gabelung nach dem Johannisgut nehmen wir den linken Weg. Entlang des Bachs geht es bis zum Schiederweiher, der mit seinem eiskalten Wasser nur harte Zeitgenossen zum Bade lädt. Beim Foto-Spot am Wehr verschleiert noch der Dunst den Blick auf die Stodertaler Könige: die markante Spitzmauer-Ostwand, den Brotfall (2360 m) und den Großen Priel.

Naturdenkmal am Grundlsee

Spitzmauer und Großer Priel werden auch »Stodertaler Könige« genannt.
Es geht fast eben dahin durch Fichtenwälder und mediterran anmutende Kiefernhaine mit zartem Unterbewuchs voller Orchideen. Am Wegesrand nickt uns eine Ästige Graslilie mit ihrer durchscheinend weißen Blüte zu. Gut eine Stunde lang zieht sich der Weg auf der Schotterebene des Talschlusses dahin, bevor er nach der Materialseilbahnstation jäh ansteigt. Wir ziehen flott hinauf, am Bach mit den vom Wasser glatt geschliffenen Gumpen entlang. Ihre feine, hellgraue Oberfläche mutet wie Porzellan an – nur wer sich ein paar Meter links vom Weg durch die Haselgebüsche schlägt, erhascht einen Blick. Bald erreichen wir einen schönen Buchenwald und am späten Nachmittag unser Tagesziel, das Prielschutzhaus, eine komfortable Hütte, die als Ausgangspunkt für Kletterer und für Bergtouren auf die Spitzmauer (2446 m) und den Großen Priel dient. Beide Paradegipfel sind auch als Tagestouren machbar, jedoch mit jeweils fast 2000 Höhenmetern im Auf- und Abstieg werden sie von den meisten Wanderern mit einer Hüttenübernachtung an zwei Tagen bewältigt.
Direkt neben der Hütte zeigen einige Wegweiser die umliegenden Ziele an: »Pühringer 6 Stunden« ist da zu lesen. Das beschreibt den kürzeren Weg über die Klinserschlucht. Für den nächsten Tag haben wir aber Größeres vor und gehen darum früh schlafen: Die Etappe wird fordernd sein – zumal wir einen Gipfel mitnehmen wollen. Wir packen die Rucksäcke und füllen alle Flaschen mit Trinkwasser, denn auf dem langen Weg gibt es keine einzige Quelle.
Durch die MondlandschaftUm halb sechs stehen wir auf; draußen auf der Terrasse begrüßt uns die Spitzmauer im feuerroten Morgenmantel. Über Wurzeln und Latschen folgen wir dem Weg bis zu einer Gabelung und halten uns dort rechts. Über anhaltend 30 Grad steiles Schrofengelände mit viel Geröll geht es bergan, bis wir nach einer guten Stunde das steile Schneefeld im Kühkar queren, das uns zum Einstieg einer Steilstufe führt. Rund 70 Höhenmeter mit einer guten Seilversicherung sind hier zu überwinden, teils ein wenig exponiert, bis wir plötzlich auf der Brotfallscharte stehen und sich mit einem Mal der Blick über das gewaltige Gebirge und die uns bevorstehende Tagesetappe öffnet. Das Gelände mit den unendlich vielen Dolinen, die Mondkratern gleichen, hat etwas Surreales. Fast scheint nicht sicher, ob wir uns noch auf der Erde befinden oder den Planeten soeben verlassen haben.

Ein wunderbarer Badeplatz am Vorderen Lahngangsee
Frühes GipfelglückRechter Hand winkt in nur einer guten halben Stunde und zusätzlichen 200 Höhenmetern der Gipfel des Großen Priels. Kein Wölkchen steht am Himmel – das Wetter soll halten. Wir sind früh dran und laufen zügig der Morgensonne entgegen und über den exponierten Grat, der zum großen roten Gipfelkreuz führt. Vor ein paar Jahren hat der Sturm das schwere, stählerne Kreuz wie einen Strohhalm geknickt. Kürzlich wurde ein identischer Nachbau mithilfe eines Hubschraubers wieder im Fels verankert. Wir sind die Einzigen um diese Zeit auf dem Gipfel des Großen Priels und genießen den Augenblick der Stille angesichts der mächtigen Tief- und Fernblicke. Jene Momente des Innehaltens sind mir ein wichtiger Teil des Bergwanderns geworden. Weiter drüben erhebt sich im Gegenlicht der Warscheneckstock, der den östlichsten Teil des Toten Gebirges bildet. Am Horizont sieht man bis zum Ötscher in Niederösterreich.
Die Sonne steigt schnell hoch und entfaltet ihre Kraft. Auf 36 °C soll das Thermometer im Tal steigen – hier oben auf über 2000 Metern werden es um die 20 °C. Über den weitläufigen Rücken geht es westwärts hinab bis zum Fleischbanksattel, wo von Norden ein paar Wanderer über den steilen Steig mit der großen Felsstufe von der Welserhütte hinaufkommen.
Der Weg über das PlateauAb hier beginnt nun der eigentliche Ausseer Weg sowie jener Abschnitt des Gebirges, der ihm seinen düsteren Namen verlieh. Auf den ersten Blick gibt es nur Gestein; nackter Fels, so weit das Auge reicht. Hier wird einem bewusst, wie wichtig der große Wasservorrat und die absolut stabile Wetterlage für diese Tour sind. Wer nicht genug zu trinken dabei hat, stößt bald an seine Grenzen, denn die Sonne knallt erbarmungslos auf das schattenlose Gelände nieder. Sollte man in ein Unwetter geraten oder in stundenlangen Regen und Sturm, bleibt als einzige Chance, unter einem Felsvorsprung oder in einer Höhle das Ende des Schlechtwetters abzuwarten. Ein Handynetz gibt es hier nicht, und so könnte nicht mal ein Notruf abgesetzt werden. Falls ein sommerlicher Schneefall die auf den Fels gemalten Bodenmarkierungen überdeckt, wäre es unmöglich, in diesem ewigen Auf und Ab einen Weg zu finden. Wer aber gut plant und die Wetterentwicklung im Auge behält, kann ein unvergessliches Bergerlebnis mit nach Hause nehmen.

Die mäandernde Teichl im Osten des Toten Gebirges

Tiefe Dolinen am Ausseer Weg
Nach dem Gipfel fallen wir in ein meditatives, schweigendes Gehen, passieren tiefe Dolinen – jene vertikalen Schächte, die das Wasser in den Fels gefressen hat, balancieren über Mäanderkarren und schreiten über glatte, ebene Felsplatten. Je länger wir gehen, umso mehr Leben entdecken wir in diesem vermeintlichen Ödland. Winzig klein, an das raue Klima angepasst, wachsen hier zahllose Überlebenskünstler, die in den buntesten Farben blühen wie der kobaltblaue Frühlingsenzian, die pinke Clusius-Primel und das gelbe Alpen-Sonnenröschen. Rechts liegt der von hier kaum ausnehmbare Schermberg mit seiner gigantischen Nordwand.
Rast mit GämsenAm späteren Vormittag legen wir auf einem sanften, mit alpinem Rasen bewachsenen Hügel eine Pause ein. Seit dem Priel haben wir niemanden mehr getroffen, und das wird heute bis zum Nachmittag auch so bleiben. Wir befinden uns auf 1900 Metern auf Höhe des Rotgschirrs, eine Stunde Gehzeit vom Rotkogelsattel entfernt. Einige Schneefelder haben sich hier vom Winter gehalten. Auch den Gämsen ist es heiß in ihrem dunklen Fell. Sie liegen zur Kühlung auf dem Altschnee – manche haben alle Viere in die Himmelsrichtungen ausgestreckt, andere stellen mit der Breitseite den größtmöglichen Kontakt zur kühlenden Schneeoberfläche her. Ein lustiger Anblick angesichts des traurigen Faktums, dass auch hier der Klimawandel angekommen ist. Ich setze meinen Sonnenhut und die Sonnenbrille auf. Es ist Mittag geworden und allein der Gedanke an den bei der Pühringerhütte gelegenen Elmsee verleiht uns Flügel.
Abkühlung in SichtNach der Rast geht es leichtfüßig über das Gestein hinauf zum Rotkogelsattel und von dort einen wenig ausgebauten Abschnitt über eine 300 Meter hohe Geländestufe hinab. Vermutlich war die ursprüngliche Wegführung anders. Als wir den dampfenden Dschungel aus Graualpendost, Alpenlattich und Pestwurzen unterhalb des Elms durchqueren, wird die Hitze unangenehm, Fliegen surren in der Luft. An der romantischen Pühringerhütte legen wir das Gepäck ab, befreien unsere brennenden Füße von den Wanderstiefeln und flitzen barfuß über weiche Almböden bis zu einem großen Felsen am Ufer, wo wir ins eiskalte Wasser des Elmsees springen. Den Spätnachmittag verbringen wir an der Pühringerhütte, einer gemütlichen hölzernen Hütte, die nur per Hubschrauber versorgt werden kann. Die Wirte nehmen jedoch immer wieder den langen Zustieg auf sich, um frischen Salat aus dem Tal zu holen. Das Alpenglühen auf dem Rotgschirr ist der letzte wunderbare Eindruck des Tages.
Im MärchenlandDer Plan war, auszuschlafen und gemütlich zu frühstücken, aber die Enge des Lagers und die Gewohnheit treiben uns früh hinaus. Es ist fünf Uhr, es soll wieder heiß werden. Zum Glück haben wir schon am Abend bezahlt. Die Nacht war klar und kalt, und über dem See liegt Nebel. Dahinter glüht der Salzofen (2070 m) im Sonnenaufgang feuerrot.
Der erste Teil des gut ausgebauten Weges führt durch eine Märchenlandschaft. Immer wieder kann man erkennen, dass hier einst viel Aufwand betrieben wurde, um kleine Senken mit Geröll anzufüllen und den Weg zu begradigen. Der Karst ist von üppiger Spaltenvegetation dschungelartig überwachsen, und alles blüht. Zirben und Kiefern wachsen auf wasserzerfressenen Felsblöcken. Das Gelände ist von Einsturzdolinen, Gräben, Schächten und Rundhöckern durchzogen. Rechts des Weges finden wir das Kleine Windloch. Aus der Schachtdoline pfeift ein starker Wind, der meine langen Haare senkrecht in die Höhe pustet, wenn ich mich darüber beuge. Engelhard kann sich vor Lachen kaum halten. Der Höhlengang ist mit einer weiteren Öffnung weiter oben beim Elm unterirdisch verbunden, wobei durch Druck- und Temperaturunterschiede der Wind entsteht. In der Elmgrube mit den schönen hölzernen Jagdhütten zweigt nach Westen der Weg zum Appelhaus ab. Hier könnte man die Tour auch noch um einen oder zwei Tage verlängern.

Das Gehgelände im Karst erfordert volle Aufmerksamkeit.
See um SeeWir aber nehmen den Abstieg über die Lahngangseen, von denen der obere in einer Senke etwas abseits des Weges schwieriger zu erreichen ist. Am blitzblauen unteren See führt der Wanderweg direkt am Ufer entlang und an seinem südlichen Ende findet man traumhafte Badegelegenheiten. Auf einem großen Felsen am Ufer vernichten wir die letzten Lebensmittel aus unseren Rucksäcken. Auch die Wasserflaschen hatten wir am Brunnen bei der Pühringerhütte angefüllt. Weiter geht es talwärts, immer an der Flanke des Salzofens, einer massiven Felswand, entlang bis zum Außengatterl, wo auf einem Marterl zu lesen ist, dass hier einst eine Sennerin vom Blitz getroffen wurde.
Bald lösen Fichten- und Buchenwälder die alpinen Weideflächen ab, doch dieses Jahr herrscht erschreckende Trockenheit. Je weiter wir in Richtung Grundlsee hinabsteigen, umso brauner wird die Landschaft. Oberhalb des Sees hat der Jungwald sein grünes Laub abgeworfen.
Wir biegen in den Weg 214 ab, ein kleiner Steig, der zwischen ein paar uralten, romantischen Bauernhäuschen auf die Dorfstraße nach Gößl und direkt bis zum Seeufer führt. Im türkisen Wasser erfrischen wir unsere heißen Füße und müden Körper – was für ein perfekter Abschluss nach zwei Tagen ohne Dusche! Die Bushaltestelle liegt nur ein paar Meter entfernt in Richtung Bad Aussee. Während der Wartezeit spendet eine große Weide am Seeufer Schatten. Der Bus bringt uns direkt zum Bahnhof, wo sich unsere Wege trennen: Engelhard fährt in Richtung Bayern und ich nach Linz.
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