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Ernst Wiechert

Die Majorin

Roman

Inhaltsverzeichnis

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Impressum

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Die Majorin hielt auf ihrem Rappen vor dem niedrigen Kieferngehölz und sah zu, wie der Mann über das Moor kam. Sie war nicht hergeritten an die Grenze ihrer Felder, um das zu sehen, sondern sie hatte nur getan, was sie jeden Abend zu tun pflegte. Seit sehr vielen Jahren. Nach jedem langen, lauten und sehr einsamen Tage ritt sie hierher an die Grenze. Sie spielte ein bißchen mit diesem Wort, dessen Klang und Bedeutung ihr gefielen, obwohl es sich um keine Landesgrenze handelte, noch um die Grenze irgendwelcher wilder und verbotener Wünsche. Aber wer die Arbeit und Sorgen und Pflichten der Majorin hatte, durfte wohl ein wenig mit einem vieldeutigen Wort spielen, am Abend, wenn die Gespanne von den Äckern heimgekehrt waren, wenn kein Steuerbeamter dagewesen, kein Pferd gefallen, kein Schuldenbrief von ihrem Sohn gekommen war.

Das Moor lag nach Westen, und es war schön, eine Weile in den ungeheuren Himmelsbrand zu blicken, in den die Abendwolken stürzten und vor dem die schmalen Birken zwischen Schilf und Ried in starrer Schwärze standen. Auch den Flug eines Reihers gab es mitunter zu sehen, taumelnd wie über einem Feuermeer, oder der Flötenruf eines Brachvogels fiel herab und berührte ihr Herz mit einer bittersüßen Gewalt. Und dann war es gut heimzureiten, zu den dunklen Parkwipfeln am Horizont, die abgewandten Augen noch erfüllt von dem wilden Abendrot und im Ohr noch die weglose Klage der großen, fremden Vögel, die man niemals sah.

Aber heute kam nun der Mann über das Moor, und sie drängte das Pferd zwischen die niedrigen Kiefern zurück, damit er sie nicht vor der Zeit erblicke. In zwanzig Jahren hatte sie nie einen Menschen dort herkommen sehen, und die Leute sagten auch, daß dort niemand gehen könne, außer er suche den Tod, und der lasse sich dann auch ohne viele Mühe finden.

Aber der Mann sah nicht aus, als ob er den Tod suche. Er machte wohl Umwege um die vielen Wasserblänken und um die hellgrünen Grasflächen, er mußte wohl auch ab und zu zurückspringen, wenn sein Auge ihn getäuscht hatte, aber er kehrte immer wieder in die alte Richtung zurück, die aus der Sonne herzukommen und bei der Majorin enden zu wollen schien. Und da seine Gestalt, hoch und schmal und schwarz, aus dem Abendrot aufgebrochen zu sein schien, aus den Flammen des Unterganges sich herausarbeitend, bedrohlich einsam in der Öde des Moores, war es nicht verwunderlich, daß die Hände der Majorin unruhig auf dem Sattelknopf lagen und daß es ihr in den Sinn kam, als halte sie zwischen diesen Händen das Ende einer Brücke, auf der der Fremde von einem brennenden Ufer herüberkomme.

»Dummkopf!« sagte sie laut und ärgerlich. Und sie kniff die Augenlider zusammen, um seinen Weg besser verfolgen und seine Gestalt besser erkennen zu können.

Nun war nicht allzuviel Seltsames an dem Mann, außer daß er über das Moor kam, während doch rechts und links zwei glatte und stille Landstraßen es umgingen. Höchstens noch die Farbe seines Kleides, die nun langsam erkennbar wurde, ein fleckig verblaßtes Khakibraun, und eine Art von uniformmäßigem Zuschnitt, mit Gürtel und Wickelgamaschen, so daß er wie ein verschollener fremder Soldat aussah.

Also ein Landstreicher, dachte die Majorin und atmete nun doch auf, als der letzte Gürtel rotbeglänzten Wassers hinter ihm lag. Aber da geschah das Unerwartete, daß der Mann stehenblieb, sich umwandte und nach langer Regungslosigkeit plötzlich die Arme hob. Und nach der aufmerksamen Sorgsamkeit seines Weges und vor dem ungeheuren Hintergrund war diese Gebärde rätselvoll und ganz unverständlich. Auch war sie in sich nicht eindeutig, denn sie konnte einem Menschen angehören, der fliegen oder beten oder die Welt umarmen wollte. Sie hatte etwas Unvollendetes, wie sie sich dort in den roten Himmel zeichnete, eine fast hilflose Zwecklosigkeit, und so sank sie auch in sich zusammen, fiel herab und endete, und als der Mann sein Gesicht nun wieder nach Osten kehrte, schien er sich der vergangenen Gebärde zu schämen, denn er kam nun schnell und geraden Weges auf die Majorin zu.

Zuerst war die Majorin verblüfft, ja fast erschrocken, denn so etwas gab es in dieser Landschaft nicht, daß jemand über die Äcker oder die Heide oder das Moor ging und plötzlich die Arme hob, in das Abendrot hinein. Vielleicht gab es das in den Ländern der Feueranbeter, in Persien vielleicht, aber nicht hier. Hier gab es den schweren Schritt der Heimkehrer, am selbstgeschnittenen Stock, oder den leichtsinnigen der Landstreicher oder den tanzenden unwissender Kinder. Aber dann verlief sich das Erschrecken, und es blieb nur eine gesteigerte Aufmerksamkeit, wach und hilfsbereit zugleich, wie vor einer Gefahr oder einer Krankheit.

Der Mann lief ihr fast in die Arme. Vielleicht war er geblendet von seinem langen, feierlichen Blick ins Abendrot, vielleicht auch kamen nun, nach der Stunde der Gefahr, die vergessenen Sorgen wieder über ihn, der Nahrung oder des Schlafes oder der Sicherheit, denn seine Stirn war gesenkt, und seine Augen erfreuten sich nicht an dem Festen des Waldes, das sich nun vor ihm erhob. Es erwies sich in der Nähe nun als richtig, daß er eine Art von vergangener Uniform trug, und die Majorin glaubte zu sehen, daß viele Sonnen- und Regentage über sie hingegangen waren, viele Morgen in Nebel und Tau, viele Nächte unter Sternen und Gebüsch. Aber doch war noch etwas anderes an diesem Kleid, was sie nicht denken konnte, aber was doch da war: etwas Großes und Weites und fast Gefährliches. Sie hätte doch reiten sollen, ja, vielleicht war es nicht gut, hier zu warten. Jeden Sonntag sagte der Pfarrer, daß die Menschen Gott verloren hätten. Ja, mein Lieber, da suche ihn doch, dachte sie schnell, dazu seid ihr doch da … und vielleicht hat dieser Mann Gott gesehen, als er die Arme hob …

Aber als sie nun das Gesicht des Mannes ganz nah erblickte, wußte sie nicht, ob er wirklich Gott gesehen habe. Oder es mußte ein düsterer und trauriger Gott gewesen sein, denn die Lippen des Mannes waren sehr schmal und bitter, und zwischen den Brauen stand eine müde Falte, als lohne es sich nicht mehr, sie fortzuwischen. Aber das Seltsamste an dem schmalen und in der Versunkenheit sehr abweisenden Gesicht war doch seine Farbe, ein fahles und trockenes Braun, wie Holz, das in Meeressand gelegen hat und sich kühl und tot zwischen den Händen anfühlt. Aber da die Majorin nicht will, daß der Mann gegen ihr Pferd läuft, holt sie einmal Atem und sagt dann mit ihrer leisen, tiefen Stimme: »Das war nun ziemlich dumm, mein Lieber, das da mit dem Moor.«

Der Mann erschrickt, und das ist natürlich. Aber er erschrickt auf eine seltsame Weise. Wie ein Tier. Denn beim ersten Laut springt er mitten im Schritt zur Seite, hinter eine junge Birke, und seine rechte Hand greift in die Tasche, noch ehe er das Bild des Pferdes und der Reiterin begriffen hat.

Man muß viel gejagt worden sein, denkt die Majorin, um so schnell zu sein … Das Ganze ist ein bißchen unheimlich, das Moor und das Feuer hinter der Welt, und davor der fremde Wanderer, den sie nun so erschreckt hat. Aber die Majorin fürchtet sich nicht. Sie hat in zwanzig einsamen Jahren das Fürchten verlernt. Sie wundert sich nur, daß der Mann, nachdem er das Grundlose seiner Angst begriffen hat, weder lächelt noch böse wird. Nichts als Abweisung ist in seinem Gesicht, der kalte Hochmut eines Erwachsenen über einen dummen Kinderscherz, und schon suchen seine grauen Augen nach der Fortsetzung seines Weges, an der Reiterin vorbei, wo es wieder still und ganz einsam um ihn sein könnte.

Aber so kann man mit der Majorin nicht verfahren. Es ist nicht nur ihr Grund und Boden, auf dem er steht, sondern sie selbst ist auch eine Frau, die eine Antwort wünscht, wenn sie eine Frage gestellt hat. Eine Frau, die zu jedermann »du« sagt, der irgendwie zu ihrem Reich gehört, die Krieg, Russeneinfall, Plünderung, Streik und Aufruhr gesehen hat, die einen nackten Holzsarg aus Frankreich geholt hat, um ihn unter den Parkwipfeln in die Erde zu legen, einen Sarg mit einem Major, der schon graues Haar hatte, als sie noch mit einer Erzieherin französische Gespräche führte, und der dann auf eine wunderbare, aber bedrückende Weise ihr Mann wurde.

»Sehr dumm war es, nicht wahr?« fragt sie also und läßt das Pferd aus den Kiefern heraustreten.

Und das geht dem Mann nun wohl doch gegen den Stolz, daß er mit einem solchen Tadel davongehen soll. Außerdem hat sich bei seinem Sprung seine rechte Wickelgamasche gelöst, die schwarz von Moorwasser ist, und es würde nicht gut aussehen, wenn er sie wie eine schmutzige Schlange hinter sich herzöge. Ein Abgang mit einer losen Wickelgamasche kann niemals sehr stolz sein. »Von hier mag es wohl so aussehen«, sagt er, nicht eben höflich, indem er den schmutzigen Stoff wieder zu einer festen Binde legt, »aber von mir aus war es eben anders.«

»So, so …«, sagt die Majorin. »Außerdem darf man nasses Zeug nicht so fest binden, weil es nachher einspringt …« Nun sieht der Mann doch auf, und er hat ein etwas spöttisches Lächeln um seine schmalen Lippen, als er sagt: »Das ist also dasselbe geblieben, daß die Frau Majorin alles besser weiß, sogar wie man eine Wickelgamasche bindet …«

Zuerst ist die Majorin still, ganz still. Sogar ihre Reitpeitsche, mit der sie die Fliegen gescheucht hat, liegt bewegungslos auf dem Hals des Pferdes. Dann drückt sie die Augenlider wieder zusammen, wie sie sich das angewöhnt hat, wenn sie vom Hoftor nach den Gespannen späht. Und als auch das ihrer Erinnerung nicht hilft, steigt sie ab und steht dicht vor dem fremden Mann. Sie sind beide gleich groß, und sie können einander bequem in die Augen sehen. Es ist für jeden Menschen guten Gewissens schön, in das ruhige, etwas strenge Gesicht der Majorin zu blicken, wo alles an seinem rechten Platz ist, und auch der Fremde hat nun keine Scheu, diesem nahen Antlitz Linie für Linie nachzugehen. Vielleicht ist er ein Geringgeborener, aber dann hat er wohl vieles in der Welt gesehen, Tod und Liebe, Einsamkeit und Schmerz, und die Scheu vor einem Menschengesicht verloren. So daß er es betrachten kann wie eine Landschaft, die den Augen des Wanderers wehrlos gehört, Wolken und Seen und das Band der Straße, und von der man sich wenden kann, wenn sie einem nicht gefällt, oder bleiben, wenn sie dem Herzen wohltut.

Der Blick der Majorin ist nicht ganz so ruhig, nicht nur, weil dies jemand ist, der sie kennt und auf eine fast beleidigende Weise zu kennen vorgibt, ohne daß sie selbst sich seiner erinnern könnte, sondern auch weil nun, Auge in Auge, dies fremde Gesicht etwas schmerzlich Verwirrendes hat, eine Erstarrung des Leidens, über die Lächeln, Abweisung und Spott nur wie Wolkenschatten über ein Lavafeld gehen. Aber nicht Sentimentalität oder Resignation des Leidens, sondern eine erschreckende Nacktheit des Schmerzes, ausgewaschen gleichsam bis auf den steinigen Urgrund. Ein Mann aus einem Kerker, oder einem Schiffbruch, oder aus einem Schlachtfeld. Oder auch alles zugleich.

Und plötzlich vergißt die Majorin, daß sie sich doch erinnern wollte. Es ist so lange her, daß sie solche Gesichter gesehen hat, damals, als die Geschichte über dies Land ging, daß sie sich nun verliert in dieses Werk der Natur, ein hartes, vielleicht ein böses, aber doch ein vollendetes Werk. Und weil sie vierzig Jahre alt ist und graue Fäden in ihrem Haar hat und einen Sohn, der nicht ganz unschuldig daran ist, hebt sie ein wenig die Hand zu einer hilflosen Gebärde und sagt ganz leise: »Nein, dann war es sicherlich nicht dumm …«

Und diese unerwartete Güte der Stimme und der Antwort haben eine wunderbare Wirkung. Sie sind wie ein warmer Hauch gegen eine gefrorene Fensterscheibe. Der Mann lächelt einen Augenblick lang, nun ohne Spott und Abweisung, und einen Augenblick lang kann die Majorin wie durch ein geöffnetes Tor in ihn hineinsehen, und sie fürchtet sich nun nicht mehr, obwohl das Abendrot erlischt und die Stimmen über dem Moor erwachen, die niemand kennt, auch wenn er zwanzig Jahre in der Landschaft gelebt hat. Sie wird sich niemals mehr fürchten, auch wenn dieser Mann aus dem Kerker gekommen sein sollte.

Und das ist er nun wirklich. Aus Gefangenschaft und Kerker und Landstreichertum, bis an den Rand der großen Wüste, in der die Pyramiden schlafen, die Sphinxe und die vielen Königsgräber. Er macht keine Geschichte daraus, viel weniger noch einen Roman, und das meiste muß sie erfragen, während sie nebeneinander über die dunkelnden Felder gehen. Jawohl, verwundet und gefangen, im Argonnenwald, und zweimal geflohen und das letztemal einen Wachtposten halbtot geschlagen. Wieviel? Zehn Jahre Kerker. Milde genug für ihre Kriegsgesetze. Und die letzten fünf Jahre Deportierung und Straßenbau am Rand der Wüste. Sie rechnet nach, da ihr noch zwei Jahre fehlen. Ja, zwei Jahre brauche man von dort unten, wenn man keine Sehnsucht habe. Und er habe keine Sehnsucht gehabt … »Ausgebrannt«, sagt er. Briefe? Nein. Wozu Briefe? Dichter schreiben Briefe, aber er sei kein Dichter. Habe nur von weitem wiedersehen wollen, deshalb auch der Weg übers Moor statt über die Landstraßen. »Zwei Leben«, sagt er, »ein geschenktes und ein eingebranntes, und aus dem eingebrannten kann man nicht mehr zurück … hat den Menschen verändert, böse gemacht, wild. Und die Wilden gehen nicht hinter dem Pfluge her.«

Sie fühlt in der Dämmerung, daß er sich wieder verwandelt, an seinem Schritt, an dem unruhig Fliegenden seiner Augen, der Gespanntheit seines Gehörs. Es muß die Nacht sein, die sich von allen Seiten nähert, die das erzeugt, und es wird wohl so sein, daß er einen neuen Instinkt erworben hat oder einen verlorenen wiedergewonnen, wie ein verwildertes Haustier, das zu seinen Ahnen wiederkehrt, mißtrauisch, wach, gespannt.

Sie fragt nun nichts mehr. Sie fühlt, daß nur noch ein Faden ihn an ihre Gegenwart bindet und daß eine unbedachte Silbe genügen könnte, damit er mit einem Sprung ins Dunkel entweiche, in die große Einsamkeit, aus der er kommt und in der er bleiben möchte. Sie ist ziemlich ratlos, ja, fast hilflos, und in ihrer Hilflosigkeit verfällt sie auf eine ihrer Kinderunarten, für die sie oft gestraft worden ist: leise vor sich hin zu singen, ohne Worte, nur so, daß der Boden der Melodie gerade noch erkennbar ist. Und es ist auch ein Kinderlied, das sie vor sich hin summt.

Einen Augenblick scheint es, als wolle der Mann stehen bleiben, zurückgestoßen von der Unzartheit des Singens nach seinem kurzen Lebensbericht. Aber dann bleibt er doch an ihrer Seite, es ist sogar, als trete er leiser auf, damit kein Ton ihm verlorengehe. Es ist lange her, daß er eine Frau hat singen hören, dicht an seiner Seite, fast für ihn allein, indes die Sterne aufzuziehen beginnen und die Büsche wie dunkle, sanfte Tiere im Felde liegen.

Und als sie zu Ende gesungen hat, fragt er nicht etwa, was das gewesen sei oder wie die Worte hießen, sondern sie schweigen beide. Aber dies Schweigen ist anders als vorher, ein gleichsam gemeinsames Schweigen, und als sie die Höhe der Bodenschwelle erreichen, von der man Park und Gebäude wie eine dunkle Festung liegen sieht, von einzelnen Lichtern freundlich erhellt, bleiben sie gleichzeitig stehen und blicken hinunter.

»Da ist es nun«, sagt die Majorin, und es ist, als sei die Wärme des wartenden Herdes schon in ihrer Stimme.

»Ja, das ist es«, erwidert der Fremde.

Einen Augenblick sehen sie still auf das, was wie eine Insel des Lebens erscheint. Ein leiser Wind ist über den Feldern. Es riecht nach der ersten Kleeblüte, und der Geruch mischt sich mit dem des Pferdeleibes, der warm geworden ist unter Woilach und Sattelgurt.

»Ich bitte Sie, mein Gast zu sein, heute«, sagt die Majorin, und das letzte Wort fügt sie wie eine Entschuldigung hinzu. »Der Tag ist Ihnen wohl nicht leicht gewesen, und es würde mir traurig sein, Sie nun ins Dunkle gehen zu sehen … wir sind alle Ihnen wohl viel schuldig …«

Und damit geht sie voran, voller Angst nun, aber er bleibt an ihrer Seite. Es fällt ihm wohl keine Formel des Dankes ein, und sie ist auch froh, daß er es unterläßt. Nach einer Weile aber, als habe er ihre Einladung gar nicht gehört, sagt er: »Singen Sie oft?«

»Oft? Ach nein … aber wenn es nötig ist, für mich allein, dann tue ich es gern … als Kind durfte ich es nicht, aber wer viel allein ist, der tut es wohl gern, um eine Stimme zu hören, nicht wahr?«

»Nein«, sagt der Mann ziemlich schroff.

Und dann gehen sie durch das Tor.

An der ersten Linde der großen Allee steht ein Mann, der wie ein zweiter Baum aussieht, nur ohne Krone. »Das ist Jonas«, sagt die Majorin. »Ich habe ihm verboten, auf mich zu warten, aber er gehorcht nicht. Immer denkt er, daß mir etwas zustoßen könnte. Es ist spät geworden, Jonas, aber ich bringe auch einen Gast.« Der große Schweigende nimmt die Zügel. Zuerst sieht er die Majorin an und dann das Pferd, ob ihnen nichts geschehen sei. Dann bleibt noch der Blick für den Fremden übrig. »Das Kind ruft um die Eulenstunde«, sagt er, »die Frau Majorin sollte früher heimkommen …«

»Nun schilt nicht, Jonas«, sagt sie und klopft dem Pferd zum Abschied auf den Hals, dort, wo die schwere Hand des Knechtes liegt.

»Er ist wunderlich«, sagt sie leise im Weitergehen. »Damals, als die Kosaken kamen, fingen sie ihn, aber sein kleiner Bruder lief über die Felder, bis ins Moor, und ertrank dort. Sie hörten ihn rufen, vielleicht eine Stunde lang, und er kniete vor ihnen, damit sie hülfen. Aber sie lachten ihn aus. Seither hört er es rufen …«

»Waren Sie hier damals, als das war?«

»Ja, ich und Jonas … Wußten Sie das nicht?«

»Nein, das nicht«, erwidert er einsilbig.

Es riecht nach jungem Laub, und der Fremde sieht einmal nach oben, wo der Wind an die schweren Kronen rührt. Die Majorin denkt, daß er diesen Laut wohl kennen werde, der allen Heimatlosen die Nacht anzeigt, und noch einmal fürchtet sie, er könne ihn fortlocken, dicht vor der Stille des Hauses. Aber dann erscheint das erste erleuchtete Fenster zwischen den Stämmen, und sie hören die Hunde anschlagen im Haus.

»Ich stehe früh auf«, sagt der Fremde an der weißen Steintreppe. »Wenn es so sein könnte, daß ich niemand zu wecken brauche, bevor ich gehe …«

»Man soll nicht an den Weizen denken, solange das Gras noch nicht gemäht ist, sagte mein Vater«, meint die Majorin und lächelt. »Aber auch das wird eingerichtet … es wohnen genug wunderliche Leute hier.«

Ein Mädchen schaltet das Licht in der Halle ein, knickst und starrt mit runden Augen auf den Fremden. »Wach auf, Lena«, sagt die Majorin gutmütig. »Da ist ein Gast, führ ihn ins grüne Zimmer und klopfe nach zehn Minuten an, ob du ihn herunterführen darfst. Wir essen dann zusammen.«

Lena steht auf der ersten Treppenstufe und dreht sich um. Ein Taubstummer, denkt sie, und ihre Neugier wächst. Der Fremde steht noch an der Tür, wie er eingetreten ist, und blickt in die Dämmerung der Halle hinauf, die durch beide Stockwerke läuft, dorthin, wo die ausgestopften Steinadler schweben und die Geweihe und Elchschaufeln hängen, dunkel, mit weißlichen Enden. Sein Gesicht ist nicht mehr finster, aber gleichsam geblendet und ein bißchen verstört, wie bei einem gefangenen Wolf, der sich umblickt und den Wald nicht mehr sieht.

»Bitte«, sagt das Mädchen und knickst noch einmal.

Der Mann fährt zusammen und sagt etwas in einer fremden Sprache, und dann geht er gehorsam die Treppe hinter dem Mädchen hinauf, und Lena fühlt etwas Kaltes im Nacken, als ob das ein Werwolf hinter ihr sei, und oben werde er über sie herfallen und ihr die Kehle durchbeißen. Und in aller Angst freut sie sich, daß viel zu erzählen sein wird in der Küche und daß die Majorin doch wunderliche Gäste habe, ohne Hut und mit Moorerde an den Beinen und mit einer Haut wie die Wilden im Zirkus.

Ihr Gesicht ist noch blaß, als sie wieder in der Küche ist, aber sie hat schnell eine rote Korallenschnur um den Hals gelegt, bevor sie die Treppe wieder hinuntergelaufen ist. »Ein Indianer«, sagt sie, »ganz gewiß ein Indianer! Und er hat oben im grünen Zimmer gestanden und auf den Teppich gesehen, wie das schwarze Wasser aus seinen Schuhen gelaufen ist. Und dann hat er das Fenster aufgemacht und gesehen, ob man herausspringen kann …«

»Du bist ein Kalb, Lena«, sagt die Mamsell mit ruhiger Entschiedenheit und stützt den Schaumlöffel unter das Doppelkinn.

»Und wenn die Frau Majorin Indianer empfängt, so sind es sicherlich Häuptlinge, und sie heißen Weißer Adler oder Fliegender Hirsch, verstanden? Und man sieht es daran, daß sie dir gleich eine rote Kette mitbringen als Geschenk.«

Darauf ist ein großes Gelächter in der Küche, bis Jonas hereinkommt, der das Pferd versorgt hat. Jonas hat eine Stube im Insthaus, aber er darf jeden Abend am Feuer in der Küche sitzen und Holzlöffel oder Quirle schnitzen, oder ganz leise auf seiner Harmonika spielen, oder den schweren Kopf in beide Hände stützen und schweigend in das Feuer starren. Er darf das, seit er damals wiedergekommen ist, nachdem die Kosaken ihn mitgeschleppt hatten, krank, zerschlagen, verwirrt, mit einem Lanzenstich durch die linke Schulter. Und viele Monate haben sie allein am Feuer gesessen, die Majorin und er, und draußen war nichts gewesen als das Gebrüll herrenlosen Getiers und der dumpfe Lärm ferner Geschütze und mitunter die Stimme eines Kindes, versinkend im Moor. Aber diese Stimme hat nur er allein vernommen. Seither sitzt er hier, jeden Abend, fast zwanzig Jahre lang, und mitunter kommt die Majorin herein, bleibt vor dem Feuer stehen und legt eine Hand auf seine gebeugte Schulter. »Ja, Jonas«, sagt sie, »wir beide, nicht wahr?«

Eine treue Kameradin ist sie, und sie vergißt nicht so schnell, wie die Männer vergessen. Der Pastor zum Beispiel, dem er die beiden Kühe gerettet hat und der ihm nur zunickt, als sei er ein Tagelöhner.

Die Mädchen stürzen über ihn her und halten ihn an den Rockklappen fest. »Was ist, Jonas, ist es wahr, daß es ein Indianer ist? Du hast ihn doch gesehen, als er ankam?«

Jonas sieht sich unruhig um. Er kann es nicht vertragen, wenn so viele Menschen dicht um ihn sind. Er öffnet einmal vorsichtig seine Arme und schiebt die Mädchen zur Seite. Dann sitzt er vor dem Fenster, legt mit bloßen Händen eine Kohle auf den Tabak seiner Pfeife und starrt dem Rauch nach.

»Jonas!« rufen sie zornig im Chor.

»Ja«, sagt er erwachend und sieht die Kinderfrau des jungen Herrn an, die seit zwanzig Jahren im Hause ist. »Ja, es ist Michael, des Waldbauern Sohn.«

Es ist so still, daß sie oben den Schritt des Fremden hören, einen unruhigen, schnellen Schritt, der von Wand zu Wand läuft, hin und her.

Dann lacht Lena hellauf, und auch die andern lächeln, außer der Kinderfrau.

»Michael Fahrenholz steht auf unserm Denkmal«, sagt die Mamsell vorwurfsvoll. »Sie haben ihn tot in Frankreich liegen sehn … mach keine Scherze mit den Toten, Jonas!«

Jonas hebt die schweren Augen mit den vielen dunklen Gesichten und sieht sie an. »Ich habe nicht gesagt, daß er ein Lebendiger ist«, antwortet er ernst. »Ich habe nur gesagt, daß es Michael ist, des Waldbauern Sohn, und wir haben die Schafe zusammen gehütet, als wir klein waren.«

Wieder der Schritt von Wand zu Wand und der leise Ton des Feuers hinter der Herdtür, das in einem feuchten Buchenscheit klagt. Und dann die Klingel der Majorin, scharf und hell, und Lenas erstickter Schrei: »Ich gehe nicht! Ich kann nicht! Ich kann ihn nicht holen, oben aus dem Dunklen …«

Bis die Kinderfrau aufsteht und sie um die Schulter faßt und die Mamsell zornig wird. Und dann gehen sie beide hinauf, die alte Frau in ihrem dunklen Tuch um das graue Haar und Lena, mit gefalteten Händen vor der Brust, dicht unter der roten Korallenkette, die ein Geschenk roter Häuptlinge sein soll.

Er sah nicht wie ein Toter aus, der Fremde, als er der Majorin gegenüber hinter dem weißen Tischtuch saß, aber wie ein Verirrter, der in eine unheimliche Herberge geraten ist. Aber der keine Verwirrung zeigen will und deshalb kalt und fremd zu sein sich bemüht.

Er aß wenig und das Wenige schweigend und schnell, und auch die Majorin sagte nichts außer ein paar Worten freundlicher Nötigung. Dagegen konnte sie nicht vermeiden, ihn anzusehen, seine braunen, nicht unedlen Hände, auf denen die Jahre des Leidens eingeschrieben waren, und seine gesenkte Stirn, auf der der Schein der Lampe teilnahmslos lag. Sie grübelte tief in die Vergangenheit zurück, Kinderzeit und erste Ehe, Menschengesicht nach Menschengesicht, Lebende und Tote, Freunde und Feinde, aber die Stirn blieb verschlossen, und die grauen Augen, mitunter sich hebend, gaben keine Erinnerung, weder im Guten noch im Bösen.

Und langsam wurde die Majorin traurig, nicht weil sie ein Gesicht nicht wiederzuerkennen vermochte, sondern weil hier jemand über ihren klaren und tapferen Weg ging, ohne anzuhalten, in Bitterkeit eingeschlossen. Ein Mensch, der vom Menschen nichts wissen wollte, obwohl er jahrelang an andere gekettet gewesen war, und indes sie hier schafften im angehenden Jahr, Mensch und Erde, Herr und Knecht, Sonne und Regen, ein einträchtiger und gerundeter Kreis, stand er plötzlich draußen, mit zerschnittenen Wurzeln, die Seele vergiftet von bitteren Bildern, ein Mensch der Landschaft, der gelitten hatte über das Maß hinaus, der über seinem Teller schon wieder an die Straße dachte, die er gehen würde, aus der Heimat hinaus, Zorn im Herzen über die Festen und Wurzelnden, für die es ihn umgetrieben hatte, zwanzig Jahre lang.

Und wenn die Majorin den Blick über die schweigende Stirn ihr gegenüber hob, zur dunkelbespannten Wand über der breiten Tür, konnte sie den goldenen Rahmen sehen und in ihm das junge und hochmütige Gesicht ihres Sohnes, den sie vor zwanzig Jahren empfangen hatte, erschreckt und ohne Liebe. Der aufgewachsen war in zuchtloser Zeit, Wankendes und Zerfallendes vor den jungen Augen, und der nicht mehr zurückfand in Zucht und Ordnung, in harte Arbeit und stillen Verzicht. Ein Mensch der Städte, der über ihr Tagewerk lächelte und vor dem sie die Hausmädchen bewahren mußte, wenn er einkehrte bei ihr, ein Grammophon im Koffer und ein Album mit Photographien, vor denen die klare Stirn errötete.

Sie seufzte, schob dem Fremden noch einmal den Brotkorb zu und bat dann, mit ihr noch eine Weile am Kamin zu sitzen, im Nebenzimmer, um sich zu wärmen. Sie bat auch zu entschuldigen, daß sie eine kurze Pfeife rauche, seit der Zeit, als Jonas und sie am Herdfeuer gesessen hätten. Es habe damals nichts anderes gegeben, und dann hätten sie es eben beibehalten. Wer viel allein sei, werde ja leicht ein wenig sonderlich.

Der Mann reichte ihr Feuer und sah sie ohne Verwunderung an. Wahrscheinlich hatte er noch anderes gesehen als Frauen, die eine kurze Pfeife rauchten und dabei eine gestickte Krone in ihrem Taschentuch hatten.

Ob es hier ein Denkmal gäbe, für die Gefallenen, fragt er endlich, die Hände um die Knie gefaltet und den Blick in das Feuer gerichtet. Und wo es zu finden sei? Und nach der Antwort der Majorin erklärt er, daß das eine seiner »Sonderlichkeiten« sei, überall die Totenmäler aufzusuchen und die Namen zu lesen. Bei den meisten stehe Geburts- und Todestag geschrieben und wo sie gefallen seien, und er sitze gern davor und suche nach den Orten, die auch ihm bekannt seien. Die russischen Namen klängen traurig und sehr weit, die französischen aber hätten einen harten und unheimlichen Klang, und es tue gut, sie wieder vor sich hin zu sprechen, nachdem das alles gewesen sei. Und mitunter finde er auch den Namen eines toten Kameraden, und so wandere er eigentlich die Reihe der Toten entlang, von Landschaft zu Landschaft, denn mit den Lebenden sei es schwerer als mit den Toten.

Die Majorin sieht ihn an, und immer schwerer wird ihr Herz. »Da habe ich nun gelebt und geschafft«, sagt sie, »Jahr für Jahr, und die Menschen sagen, das sei eine tapfere und tüchtige Frau. Denn wenn eine Frau allein lebt und Menschen und Felder in Ordnung hält, dann scheint ihnen das schon etwas Großes zu sein. Aber ich weiß nun, wie klein das alles ist, denn die Menschen wollen ja arbeiten, und die Felder wollen ja Früchte tragen, und sie brauchen nichts als etwas Mühe und Liebe und Gerechtigkeit. Und ein einziger guter und gerechter Tag zieht alle anderen nach sich, denn wer gepflügt hat, der sät auch von selbst. Was ist da Großes dabei? Aber nun, da ich Sie gesehen habe … wie soll ich Ihnen helfen? Jedes Tier kommt am Abend heim, und wenn es nicht da ist, suchen wir es, die ganze Nacht. Sie aber gehen davon, an der Heimat vorbei, haben gelitten und wollen nicht, daß wir es gutmachen. Und die, die nichts gelitten haben, bleiben im Frieden und sehen Ihnen nach …«

»Auch die Frau Majorin hat gelitten«, sagt der Fremde.

Es wäre nun Zeit zu fragen, woher er das wisse und wer er sei, aber eben schlägt die Uhr, und er wendet den Kopf, lauschend und unruhig, und da muß sie es lassen. Raubvögel sehen so aus, auf dem trockenen Wipfel einer Kiefer, wenn ein Zweig sich gerührt hat am Boden unter ihnen.

»Es gab ein Sprichwort dort unten«, fährt er nach einer Pause fort. »Wenn die Tore sich öffnen, fällt die Tür zu. Das war für die, die immer von der Freiheit redeten … im Französischen reimte es sich.«

»Aber das ist nicht wahr!« sagt sie mit plötzlicher Erbitterung und ballt die Faust auf der Sessellehne. »Das ist die Philosophie von Gefangenen, aber nicht von freien Menschen!«

Nun lächelt der Fremde ganz arglos und sieht sie lächelnd an.

»Ist die Frau Majorin ein freier Mensch?« fragt er. Und dann, ohne eine Antwort abzuwarten, steht er auf und verabschiedet sich.

Sie bringt ihn bis an die Halle und sieht zu, wie er die Treppe hinaufsteigt. Sein Schatten, vielfach geknickt, liegt über den Stufen, und es sieht aus, als zöge er ihn hinter sich her.

Die Majorin schläft unruhig in dieser Nacht. Der Mond zieht an ihren Fenstern vorbei und legt zwei lange weiße Laken auf den Teppich. Sie bewegen sich lautlos, dicht nebeneinander, heben sich auf ihr Bett, gleiten die Wand empor, werden kleiner und sind dann fort. Aber sie tauchen bis in die Träume der Majorin und hängen dort über wirren und bösen Dingen, die immer von vorn beginnen und nie zu Ende sind.

Einmal glaubt sie zu hören, daß ein Fenster klirrt, aber sie kann nicht erwachen, obwohl sie leise stöhnt in der Mühe, es zu tun. Und dann wird eine Sense gedengelt, weit drüben im Feld. Das Eisen klingt hell unter dem Hammerschlag, und der Klang geht weit hinaus aus dem Mittelpunkt der Welt, als der er erscheint in der großen Stille der Nacht.

Merkwürdig, denkt die Majorin im Traum. Das Vieh ist noch nicht ausgetrieben auf die Weiden, und schon dengeln sie die Sense, als ob sie mähen wollten …? Und da es ein Ton aus ihrem Leben ist, aus dem Leben der Tagewerke, des Wachseins und der Ordnung, gelingt es ihr, sich freizumachen von ihrem Traum, und sie sitzt aufrecht in ihrem Bett, noch mit klopfendem Herzen von der Mühe des Erwachens, und lauscht. Das Blut strömt zum Herzen, und die ersten Stare pfeifen schon im Park, aber hinter allen Lauten steht klar und eindeutig der helle Ton des Eisens, das unter dem Hammer klingt.

Sie steht auf und schiebt die Vorhänge zur Seite. Es ist schon so hell, daß sie durch die Lichtungen des Parkes die Felder sehen kann und hinter dem großen Roggenschlag den bepflanzten Hügel mit dem Totenmal für die Gefallenen. Es ist eine Aufmerksamkeit des Pastors für sie gewesen, die Wahl dieses Hügels, weil die Durchblicke und Lichtungen des Parkes so laufen, daß sie von ihrem Schlafzimmer den großen, viereckigen Stein sehen kann, und am oberen Rande, für sich allein, steht der Name des Majors als des obersten und vornehmsten Toten. »So ist er ewig bei Ihnen, Frau Majorin«, hatte der Pastor gesagt. »Drei Schritte ans Fenster, und des Unvergeßlichen Bild ist da.« Sie hat ihn von der Seite angesehen, wie es mitunter ihre Art ist, eine unangenehm klare und forschende Art, und hat dann »danke!« gesagt, und der Pastor ist verlegen und dann verletzt gewesen und hat sich bei seiner Frau beklagt. Ohne Erfolg, denn seine Frau hält die Majorin für eine »hochmütige Person« und ihren Mann für einen »charakterlosen Adelsdiener«.

Und nun hört die Majorin, daß der Klang des Eisens von jenem Hügel kommt, und obwohl das Tageslicht noch hinter den Wäldern steht, kann sie erkennen, daß dort ein Mensch am Totenmal beschäftigt ist. Sie läuft in ihr Arbeitszimmer, auf bloßen Füßen, und kommt mit dem Fernglas wieder, noch immer ein wenig verwirrt von Schlaf und Traum, noch ohne Argwohn und nur von einer unruhigen Neugier erfüllt.

Aber dann schreit sie ganz leise unter dem Glas auf. Der Mensch vor dem Totenmal trägt ein braunes Kleid, dessen Ränder in der Linse in vielen Farben schimmern. Er kniet vor dem grauen Stein, und sein rechter Arm schwingt auf und ab. Und bei jeder Bewegung kommt der helle Ton des Eisens zur Majorin herüber, verspätet gegen die Bewegung, weil die Entfernung fast einen Kilometer beträgt. Und es ist unheimlich, daß die Töne noch eine Weile in der Luft stehen, wenn der Mann seine Hand ruhen läßt. So, als ob der Stein von selbst töne.

Ohne zu denken, weiß die Majorin, was der Mann tut. Sofort, wie ein Reflex des Wissens. Sie hat es nie gesehen und niemals daran gedacht, daß jemand einen Namen aus einem Grabstein ausmeißeln könnte, ja, daß jemand seinen eigenen Namen auslöschen könnte von einer solchen Stelle. Ein Lebender, der einen Toten auslöscht. Oder ist es nicht vielmehr ein Toter, der sein Leben zerschlägt? Sie zittert in der Morgenkühle, und in dem Kreis des Glases zittert der Stein und der Mann, der den Meißel in den Stein schlägt.

Ihr nächster Gedanke ist wohl, ob jemand ihn beobachten könnte. Sie sieht schnell nach der Uhr, aber es ist so früh, daß nicht einmal Jonas aufgestanden sein kann. Dann wirft sie einen Mantel über und läuft schnell und lautlos die Treppen hinauf, zu dem viereckigen Turm, von dem man bis über das Moor sehen kann. Die Treppen sind noch dunkel, und in den Spiegeln des Korridors geht ihr Gesicht mit, ein blasses und sehr verstörtes Gesicht. Als sie die Falltür zur Plattform leise zur Seite hebt, ist der Mann gerade fertig. Sie kniet hinter der Brüstung und stützt das Glas auf den kalten Stein. Der Mann steht auf und geht langsam davon. Er tritt weder zurück und betrachtet sein Werk, noch dreht er sich aus der Entfernung um, sondern er geht ruhig den Hügel hinunter, als habe er dort oben in einem Buche gelesen oder den Sonnenaufgang erwartet. Und er geht den schmalen Steig entlang, der zwischen grünen Saaten und taunassen Wiesen zum Waldrand führt. Dort liegt der Hof des Waldbauern, und hinter dem Hof beginnt die Straße, die in die Wälder hineinläuft, nach fremden Dörfern und Städten, immer weiter ins Unbekannte hinein. Wer diese Straße betritt, will nicht mehr wiederkehren. Er hat einen Besuch gemacht, und nun hat er nichts weiter zu suchen hier.

Aber der Fremde geht über die Straße hinweg bis in den kleinen Obstgarten am Südhang. Dort steht eine Bank unter einem wilden Birnbaum, und dort sitzt er und blickt auf das Haus … Die Sonne steigt über den Rand des Feldes zu seiner Rechten, und der Wipfel des Birnbaumes und das Rot des Dachfirstes färben sich über der grauen Erde. Die Lerchen heben sich über allen Feldern, die Hähne krähen im Dorf, und unter dem wachsenden und immer klarer leuchtenden Blau des Himmels beginnt der neue Tag.

Da steigt die Majorin die Treppen wieder hinunter, langsam und sehr nachdenklich. Sie weiß nun, wer der Fremde ist. Auch die Erinnerung kommt nun leichter wieder. Und daß sie ihr Pferd einmal angehalten hat, vor Michael und Jonas, an der Schafweide, und gesagt hat, Weidenflöten, die man klopfe, müsse man aufs Knie legen und nicht auf einen Stein.

Aber es hilft ihr nichts, daß sie sich erinnert. Alle drei Söhne hat der Waldbauer verloren. Sein Haar ist grau, und es wird nicht wieder schwarz werden, wenn nun einer der Toten wiederkehrt. Aber vielleicht wird es weiß werden, wenn der Tote sich umsieht, in den Stuben und auf den Feldern und nach dem Grab der Mutter fragt und dann nichts mehr zu fragen hat, nicht einmal nach dem Weg. Weil alle Wege ihm gleich recht sind, die von dem grauen Hof fortführen, um die Abendzeit, wenn die Brachvögel zu rufen beginnen.

Und nun weint die Majorin wirklich, auf dem Bettrand sitzend, die Hände zwischen den Knien, mit einem ganz stillen Gesicht. Es ist möglich, daß sie um den Fremden weint oder um das, was dem Vater nun geschehen wird. Aber es ist auch möglich, daß sie um ihren Sohn weint, der fliederfarbene Handschuhe trägt, wenn er aus dem Wagen steigt. Am wahrscheinlichsten aber ist, daß sie um die Menschen weint. Daß sie wie Vögel sind, die über den Garten ziehen, hoch im Abendlicht, anzuschauen und zu hören, aber nicht zu halten, auch nicht mit erhobenen Händen. Und daß es nichts helfe, sich ein Leben der Arbeit und der Zufriedenheit zurechtzumachen, wenn der Mensch imstande ist, sich plötzlich aufzuheben aus diesem Leben, wie ein Vogel, über den Garten hinweg, ohne Abschied und Gruß.

Es ist seltsam zu sehen, wie die Majorin weint. Wie ein Mensch, der es verlernt hat. Ganz still, wie ein Holz, aus dessen Rinde es tropft. Die Majorin hat zu reiten gehabt und zu rechnen, bei den Gespannen zu halten und einen widerspenstigen Knecht vom Hof zu bringen. Sie hat keine Zeit zum Weinen gehabt und auch keine Erlaubnis. Wenn hundert Augen auf einen Menschen blicken, darf er wohl die Lippen zusammenpressen, aber nicht weinen. Auch nicht, wenn ein Holzsarg aus Frankreich in die Erde gleitet und die Menschen es erwarten. Auch nicht, wenn ein Hofmädchen weinend vor dem Stuhl der Majorin kniet und ein junger Mann mit fliederfarbenen Handschuhen die Achseln zuckt und einen Schlager zu pfeifen beginnt. Auch im Kriege wird nicht geweint, und eine Frau von vierzig Jahren, die für fünftausend Morgen Feld und Wald zu sorgen hat und für Mensch und Tier, die darauf leben, ist eben im Kriege.

Aber da ertönt die Gutsglocke, hell und laut, und die Majorin steht auf. Sie schüttelt zornig den Kopf, denn sie will noch nicht alt sein. Und nur alte Frauen sitzen weinend auf dem Bettrand, wenn ein neuer Tag beginnt. Und als Lena das Frühstück bringt, ohne Korallenkette, sitzt die Majorin ruhig am Tisch, sieht ihr mit strengen Augen entgegen und erinnert sie daran, daß ihr Schürzenband wieder ein paar Nadelstiche vertrage. Und außerdem sei das Gastzimmer aufzuräumen, weil Michael Fahrenholz gegangen sei, um seinen Vater zu begrüßen.

Und Lena, auf dem Wege zur Küche, denkt, daß die Frau Majorin eine unheimliche Frau sei, viel klüger als der Herr Pfarrer, fast so klug wie der liebe Gott.

Indessen sitzt Michael auf der Bank unter dem Birnbaum und raucht. Rauchen ist immer gut, im Kerker wie in der Freiheit, am Rande der Wüste wie am Rande des Moores. Es ist gut, den blauen Wolken nachzusehen, wie der leise Wind sie empfängt und verändert und dahinträgt. Ein Gebilde ohne Schwere, flüchtig und frei. Und jetzt, um diese Stunde, ist es besonders gut. Ein schlechter Schlaf, eine sinnlose Arbeit dort auf dem Hügel und nun die flüchtige Wiederkehr. »Ja, ich bin es, nicht tot, sondern lebendig … ich gehe wieder fort, ich kann hier nicht sein … ich will keinen Hof und kein Dach und keine Ordnung … denn da sind Menschen, und ich will keine Menschen … allein will ich sein, ganz allein …« Und der Vater wird nicken, still und fast demütig, so wie früher, und die Erde von den Stiefeln kratzen, als ob er sehr beschäftigt sei. »Ja, Michael, so ist es ja nun … aber ein Stück Brot, das könntest du wohl essen mit mir, nicht wahr?« Und danach wird er gehen, in die Wälder, wo die stillen Bäume stehen, das grüne Moos, die Lichtungen mit jungem Gras, und wo das große Schweigen ist, die Stummheit ohne Ende.

Die Majorin? Ach Gott, er ist nicht ihr Sohn. Weder ihr Geliebter noch ihr Sohn. Das sind so Witwenlaunen, zu helfen und zu streicheln, und wenn die Sonne scheint, ist es vorbei. Er hat keine gute Erinnerung an Majore, er hat überhaupt keine guten Erinnerungen. Zum Teufel mit ihnen!

Nun ist das ganze Dach schon rot, und die Ketten klirren im Stall. Zeit für den alten Mann, aufzustehen. Aber er wird müde sein. Die Frau und drei Söhne ist viel, auch für einen Bauern viel. Es hilft nichts, daß einer zu Besuch gekommen ist und auf der alten Bank sitzt. Besuche helfen niemals viel, machen die Stuben nur leerer, wenn sie wieder fort sind. Aber wer totgesagt ist, muß sich zeigen, damit er keine Kränze bekommt, die ihm nicht zustehen. Und keine Inschrift auf einem Stein, die ihm nicht zusteht. Auch der Tod darf nicht betrogen werden.

Jonas … ja … wie groß er geworden ist … groß und wunderlich. Ein guter Kamerad, bei Schafen und Flöten. Dürfte nicht Reitknecht sein. Müßte im Moor sitzen und Torf stechen. Vielleicht, daß er einmal seinen Bruder fände, braun und still, aufrecht zwischen verwesten Pflanzen. Würde ihn nicht mehr rufen hören um die Eulenstunde. Nur die Ruhelosen rufen, aber vom Friedhof ruft es nicht mehr …

Noch immer das Starennest im Kirschbaum. Ob es noch dieselben sind? Weiß nicht, wie alt Stare werden. Vielleicht hundert Jahre. Bleiben immer glänzend und schwarz, werden nicht grau … Eine einzige Strähne an der linken Schläfe der Majorin, an der Herzseite … sieht seltsam aus … wie der kleine Korporal in der Wüste, der die Peitsche hatte … fanden ihn mit einem Loch in der Schläfe, unter der grauen Strähne … aber es war ein anderes Kaliber als das seiner Dienstpistole … Ja, auch Korporale sind nicht unsterblich …

Er sieht auf seine braunen Hände, schließt und öffnet sie nacheinander. Viel Böses an solchen Händen. Erde, Schweiß, Blut. Lauter gute Dinge. Gut im Augenblick, aber nicht immer gut in der Erinnerung. Haben das Brot gebrochen bei der Majorin, und sie hat zugesehen. Ist nicht immer gut für eine Frau, auf die Hände eines Mannes zu sehen, der im Kriege war. Handschuhe tragen nur die Stabsoffiziere, vom Major aufwärts. Die andern legen sie bald ab. Unbequem zu bestimmten Dingen …

Nun hat es sich gerührt im Hause. Ein müder Schritt. Zwei Schritte. Eine Magd wahrscheinlich. Vielleicht auch eine Stiefmutter … Ein schwerer Augenblick für den alten Mann, wenn der Sohn aus dem Grabe steigt. Braun und gesund ohne Leichenhemd … Weshalb ist er gekommen? Ja, weshalb? Hat es gerufen wie des Jonas kleiner Bruder, der nicht mehr aufrecht stehen will, sondern liegen, wie es sich für ihn gebührt? Oder ist es nur, weil er nicht beides zugleich sein will, lebendig und tot? Weil am Leben allein genug zu tragen ist?

Er weiß es nicht, die Tür geht auf, und einen Augenblick lang ist es ihm, als sei es deswegen gewesen: dies zu sehen, wie die graue Tür sich öffnet und im dunklen Raum der Vater steht und in die Sonne sieht. Ein hoher, gebeugter Mann mit grauem Haar, der nun die Hände faltet, weil er die Bank erblickt. Er schwankt nicht, er schreit auch nicht. Er steht auf der Schwelle und faltet die Hände. Vielleicht hat er viele solche Gesichte gehabt und weiß, daß es keinen Zweck hat, etwas anderes zu tun, als die Hände zu falten.

Weil alles wieder vergeht, was dort in die betrügerische Luft sich zeichnet: Gesicht und Gestalt, Farbe und Form.

Und auch wenn dies Vergängliche sich aufhebt von der Bank und durch das Gras herunterkommt, und wenn selbst der Gang der gleiche ist, etwas unregelmäßig und stockend, immer wieder auf dem Sprunge, so werden wohl auch die früheren Gesichte das gehabt haben, und es wird wohl daher kommen, daß man alles so tief bewahrt hat in der stillen Brust, und daß die Jahre lang und einsam sind, und viele Tage in Nebel und viele Nächte ohne Schlaf in der leeren Stube, die der Tod versiegelt hat, viermal hintereinander.

Aber dann muß er es wohl glauben, als die Stimme spricht, daß er da sei, aus der Gefangenschaft zurück und, ja, zu einem kurzen Besuch. Kein Wunder, daß der alte Mann nun zittert. Auch Bäume können zittern, auch Häuser, selbst die Erde, wenn der Mensch sie aufwühlt in der Schlacht. Aber es geht Michael doch nahe, als er es sieht. Der Vater ist kein Baum. Etwas Besonderes ist ein Vater, anders als alle anderen Menschen. Wenn der Korporal geweint hat damals, nun gut, er hat die Peitsche gehabt … recht so! Erde auf seine Tränen. Und wenn die Majorin weinen sollte … werden wieder trocknen, ihre Tränen … eine Majorin hat viele Dinge zum Trösten, nicht nur ein Taschentuch mit einer Krone. Aber der Vater, das ist nicht gut. Ist wie eine Kette um die Füße, und die Füße müssen frei sein. Sind wundgescheuert genug, vor langer Zeit.

»Michael …«, sagt der Vater und streift den braunen Rock mit den Fingerspitzen. »Michael ist tot, sie haben ihn liegen sehen mit offenen Augen … sein Name steht auf dem Stein … was soll ich tun, daß du die Ruhe findest?«

Etwas in der braunen Haut verändert sich bei Michael. Sieh, die Welt kehrt sich um, und man läßt die Toten nicht ein. Vielleicht war es nicht gut, das mit dem Stein auf dem Hügel. Steine soll man nicht schlagen oder versetzen, Grenzsteine nicht und Totensteine auch nicht.

»Ich lag für tot«, sagt er leise, »aber dann fanden sie mich …«

Der Vater nickt. »Auch die andern sind gekommen«, sagt er. »Sie kommen oft und sitzen in der großen Stube auf der Ofenbank. Sie sprechen auch, wie du. Aber dann gehen sie fort, schnell, ohne Tür. So nahe … nein, so nahe ist noch keiner gekommen … Der Jüngste warst du, ein gutes Kind …« Und er hebt wieder die Hand und streichelt den braunen Stoff, so vorsichtig wie einen Schmetterlingsflügel.

Es fröstelt Michael, obwohl die Sonne sie beide bescheint, und er sieht dem Vater lange in die Augen. Freundlich sind sie und ganz ohne Angst, zwei nahe und gute Menschenaugen. Aber auf ihrem Grunde, innerhalb des grauen Kreises, der ihn umgibt, ist etwas verändert, eine leise Starrheit, die manchmal aufflackert und manchmal erlischt. Wie ein Raum, in dem viele Türen gehen und das Licht unruhig machen. Michael kennt solche Augen. Wenn die Sonne über der Wüste sinkt, dann sehen sie gern in das Feuer über den Dünen, und man muß vorsichtig mit ihnen sein, ganz still und behutsam, sonst gibt es Alarm oder Schüsse oder ein Standgericht.

Er lehnt an dem grauen Pfosten und denkt, daß das Herz ihm nun leicht sein müßte. Wenn er dem alten Mann nun zunickte und davonginge, durch den Baumgarten und die kleine Tür in der Buchenhecke und weiter zur Landstraße und auf der Landstraße in die Wälder hinein, dann würde der alte Mann hier stehen bleiben und ihm nachsehen und nicht einmal die Arme heben. Denn sie gingen ja doch alle fort, die andern auch. Sie saßen ein bißchen und sprachen und hörten zu, und wenn sie gesehen hatten, daß alles in Ordnung war, gingen sie eben wieder in ihr Reich. Und der alte Mann faltet die Hände und spricht ein Gebet und dreht sein Gesicht zur Wand oder öffnet die Bibel oder geht zu seinen Pferden.

Ja, das Herz müßte ihm leicht sein, aber das Herz ist so schwer wie ein Stein. Auch für das Herz gibt es unerwartete und unerhörte Dinge, an die es sich gewöhnen muß. Und außerdem ist es schwer zu wissen, wie ein Toter sich benimmt. Schwerer, als bei der Majorin am weißen Tisch zu sitzen. Vielleicht wäre es gut, wenn sie jetzt käme, auf ihrem Rappen und mit ihrer klaren, tiefen Stimme.

Aber statt dessen kommt die Magd, ein gebeugtes Wesen mit einem dunklen Tuch um das graue Haar. »Michael ist gekommen«, sagt der Vater. »Gib uns zu essen, Margarete.«

Die Magd erschrickt und sieht den Fremden an, aber dann macht sie ein leises Zeichen mit der Hand und geht ins Haus zurück. Sie weiß wohl zu unterscheiden zwischen Gästen, die über der Erde, und solchen, die unter der Erde sind.

Das Mahl ist wie vor zwanzig Jahren, still, freundlich, langsam. Die Magd geht ab und zu und wird unruhig, weil sie nicht weiß, wer der Fremde ist und ob er nicht Nutzen ziehen will aus dem stillen Wahn des Bauern. Aber Michael würgt das Brot in der Kehle. Ein Totenmahl ist nicht leicht für einen Lebenden.

Nur der Bauer ist ruhig, von einer stillen Heiterkeit. Gerundet und erfüllt ist nun seine Welt, denn Michael ist noch niemals gekommen. Vielleicht war da ein böses Wort, aus der Vergangenheit, ein Vorwurf, ein unbedachter Tadel. Aber nun ist es vergessen und vergeben. Auch Michael bricht nun von seinem Brot … dunkle Hände, anders als die der Brüder … und ein seltsames Gewand … aber er hört gut zu, wie die Ernte war und die Fruchtbarkeit der Tiere, hat nie viel gesprochen, auch als Kind nicht … ein guter Besuch, früh am Morgen, bevor das Pflügen beginnt …

Mitunter denkt der alte Mann, daß der Tote nun gehen müßte. Niemals noch war einer so lange bei ihm. Aber er kommt mit in den Garten, in die Ställe, zuletzt aufs Feld. Sitzt auf dem Ackerrain, die Pfeife im Mund, die Hände um die Knie, indes der Vater die Furchen wendet, eine nach der anderen, tief, gerade und lang. Die Sonne steigt, die Schatten werden kürzer, die Pferde werden warm, und der Geruch ihrer Haut vermischt sich mit dem Geruch der Erde. Kirchenglocken läuten hinter dem Wald, für einen Toten wahrscheinlich, ein dunkler, ernster Ton, der nichts Böses und nichts Trauriges hat. Der Bauer blickt über die Schulter nach seinem Sohn, aber die Glocken vertreiben ihn nicht. Er sitzt da und sieht über das Land, ein müder Soldat, der das Seinige getan hat. Und der Bauer wendet die Pferde und setzt den Pflug von neuem ein, sorgfältig und tief in den gesegneten Acker, auf dem ein Toter sitzt.

Und so bleibt es bis zum späten Nachmittag. Die Schatten werden wieder länger, und es ist die Zeit, in der man sich aufmacht zum Wandern. Der Wald steht still und warm, beglänzte Stämme unter Nadeln und jungem Laub. Ein Specht ruft, und weiße, runde Wolken stehen über den Wipfeln auf. »Ja, und auch Jonas ist da«, sagt der Vater, als die Furche beendet ist, »bei der Majorin, und hat es gut …« Und er nickt, bevor er den Pflug wieder wendet.

Michael zieht den rechten Fuß unter seinen Körper und dreht sich um. Längst wird er im Walde sein, bevor die neue Furche beendet ist. Dann wird das Bild fort sein, zergangen in der blauen Luft, und drüben, am anderen Ende des Feldes, wird der Vater einen Augenblick stehen bleiben, und dann vor sich hinnicken, und dann die neue Furche beginnen. Ein langer Besuch, aber so viel Zeit haben die Toten wohl nicht, daß sie am Abend noch auf der Bank sitzen können, wenn die Sonne hinter das Moor sinkt. Aber da dreht der Vater sich um und blickt über die Schulter zurück, und Michael bleibt sitzen. Nun ist es zu spät, und man muß warten auf die übernächste Furche, die wieder von ihm fortführt. Und nun kommt der Vater zurück, ihm entgegen, zwischen den beiden nickenden Pferdeköpfen, langsam und sicher wachsend, im gleichen Maße, wie das Rauschen der Pflugschar wächst.

»Ja, und sein kleiner Bruder ist noch nicht gefunden«, sagt der Vater, »und wir hören ihn manchmal rufen, Jonas und ich, um die Abendzeit …«

Und wieder wird der Pflug gewendet, und die Stoppel rauscht, und die Krähen, die aufgeflogen sind, gehen wieder die neue Furche entlang.

Und wieder dreht Michael sich zum Walde und stützt die rechte Hand in das warme Gras, aber wieder wendet sich der Vater um, auf der Mitte des Feldes, und blickt zurück. Aber der Sohn stopft sich ja eine neue Pfeife, und so ist es ihm wohl noch nicht eilig mit dem Abschied, wird noch Zeit haben, bis zum Abend vielleicht, und das Feld segnen bis zur letzten Furche.

Und so findet die Majorin sie, als sie langsam über das Feld geritten kommt. Jede Stunde ist sie auf dem Turm gewesen, und immer ist das Bild das gleiche geblieben. Ein friedliches Bild, aber doch seltsam für einen Mann, der mit den Toten Umgang hat, und für einen anderen, der von den Toten auferstanden ist und doch kein Dach über seinem Leben haben will. Seltsam und ein bißchen unheimlich in seinem Schweigen, und das Herz klopft ihr nun doch, als sie absteigt und zu dem Bauern tritt, um ihm ein gutes Wort zu sagen über sein Glück.

Aber bevor sie es sagen kann, hat der Bauer heimlich die Hand gehoben und auf den Sohn gedeutet, der am anderen Ende des Feldes sitzt. »Michael ist gekommen«, sagt er mit einem stillen Lächeln und so leise, als stände er neben ihm. »Er hat Urlaub, länger als die anderen, denn er kam schon am Morgen … und die Frau Majorin soll sich nicht fürchten … die Toten sind gut …«

Zuerst versteht die Majorin nicht, aber dann, als sie versteht, erblaßt auch sie. Auch für sie dreht die Welt sich um, und es ist natürlich, daß ihr gerader Sinn sich dagegen wehrt. Sie ist gewohnt, daß Oben und Unten an ihrem Platz stehen, und sie will, daß die Toten wie die Lebendigen das Ihrige erhalten. »Fahrenholz«, sagt sie ernst, »man darf den Lebenden nicht die Tür verschließen … er lebt, Fahrenholz!«

Aber der Bauer lächelt, und er streichelt sogar vorsichtig ihre Hand. »Die Frau Majorin will mir helfen«, erwidert er, »und ich danke der Frau Majorin. Aber ich habe es nun überstanden. Es ist schön, daß Michael gekommen ist. Er ist sehr still. War immer still, schon als Kind. Aber dafür bleibt er auch länger als die anderen … nein, die Frau Majorin braucht mir nicht zu helfen …«

Es ist alles nah und wirklich: der Bauer mit seinem fast erleuchteten und feierlichen Gesicht, die Pferde mit hängenden Köpfen, die wartenden Krähen, die Sonne auf Pflug und Furchen und dahinter, still und regungslos, die sitzende Gestalt des Heimgekehrten. Ein ganz und gar irdisches Bild, ohne Spuk und Grauen, und die Majorin nickt sogar dem Bauern zu, überzeugt und fast verlegen, wie es scheint, aber als sie ihr Pferd nun über die Stoppel führt, zu dem Mann, vor dem die Tür nicht aufgemacht wird, wollen ihr wieder die Tränen kommen, und sie kann nicht zornig sein wie am Morgen, so verwandelt ist die Welt seit gestern abend. Ein alter Mann, wer soll hineinschreien in ihn, daß der Tod genug an dem Seinigen habe? Ein alter Mann, der zwischen den Toten lächelt, er würde sich fürchten, wenn er sich irrte. Schreien würde er vor Angst, wenn der Tote nicht wahr wäre. An einem Faden hängt seine mühsam gerettete Welt … wer würde es wagen, den Faden zu zerreißen?

Und der Sohn? Was wird der Sohn tun? Was hat er getan in diesen Stunden seit dem Aufgang der Sonne? Hat er sich gewehrt, wie die Scheintoten sich wehren? Oder hat er nur gelächelt, spöttisch und finster, wie es seine Art ist? »Ach, die Frau Majorin …«, wird er sagen, »und wie ist es nun mit der Philosophie der Gefangenen? ›Wenn die Tore sich öffnen, fällt die Tür zu!‹ Sieht die Frau Majorin vielleicht, daß die Philosophie der Gefangenen gar nicht so dumm ist? Eine weit vorausschauende, ja eine prophetische Philosophie? Da wollte nun einer wiederkehren, um ›Guten Tag‹ zu sagen, nur so im Vorübergehen. Aber siehe da, die Tür fiel zu. Nichts da von ›Guten Tag‹, sondern ›Gegrüßt seist du mir von jenseits des Grabes!‹ Weiß die Frau Majorin vielleicht einen Rat? Sie weiß doch, wie man Weidenflöten klopfen muß, damit sie nicht Risse bekommen. Vieles weiß sie, und das meiste besser als andere Menschen. Und hier ist einer, den man nicht aus dem Grabe lassen will. Vielleicht ist die Frau Majorin so gut, den Stein etwas anzuheben …«

Ach, die Majorin hat sehr müde Arme, als der Heimkehrer nun aufsteht und sich vor ihr verbeugt. Sie kann keinen Stein anheben, und sie hat im Augenblick genug zu tun, um aus dem schweigenden Gesicht abzulesen, wie er es aufgenommen habe, Heimkehr und Ausstoßung zu den Toten. Aber davon ist nichts zu lesen. Nichts als die kalte Ruhe eines Menschen, der viel gesehen hat, der wenig will und erwartet und der an das Kommende nicht mehr wendet als eine matte Neugier: etwa was für ein Kleid die Majorin trägt, oder ob die graue Haarsträhne breiter geworden ist in der Nacht, oder ob ihre Augen nun braun oder blau sind, mit denen sie ihn ansieht.

Und weil die Majorin nicht gewohnt ist, daß man in ihrem Gesicht umhergeht wie in einem herrenlosen Feld, nimmt sie die Zügel um den Arm und deutet nach dem Walde. »Wollen wir gehen«, sagt sie, »ich wollte Ihnen etwas zeigen.«

Sie drehen sich nicht um, weil sie nicht wissen wollen, wie der Bauer ihnen nachsieht, und so sprechen sie auch nicht, bis sie auf dem grünen Waldweg sind, der von der Landstraße fort in die Tiefe führt. Aber sobald die stillen Stämme um sie stehen mit dem frühen Harzgeruch und der Wechsel von Licht und Schatten sie überspielt und der Wind nun in der Höhe die Wipfel leise bewegt, scheint der Schritt des Mannes fester und freier zu werden, als erkenne er nun, nach einem Tag des Irrgangs und der nutzlosen Qual, die richtige Straße und als habe er vor, bis zur Nacht noch ein Stück des Versäumten nachzuholen.

Und da auch die Majorin diese seine Wandlung erkennt, fragt sie, früher, als sie gewollt hat, ob er sich das so gedacht habe, am Abend auf dem Moor und in der Frühe, als er sich ausgelöscht habe von den Toten.

Sieh an, denkt er, was für eine gefährliche Frau … Und nun kann er wieder lächeln und auf seine spöttische Art erwidern, daß es also wirklich so geblieben sei, daß die Frau Majorin alles wisse, und daß er es sich nun wirklich und anders gedacht habe. Sie übrigens wahrscheinlich auch.

»Ja«, sagt sie, und es komme nun darauf an, daß man nun aus dem Andersgewordenen auch einen anderen Schritt tue als den zuerst gewollten. Die Schafe dürften sich wohl vor dem gewohnten und plötzlich zugefallenen Tor drängen, aber der Mensch sei eben dazu da, ein neues Tor zu suchen.

Worauf der Mann freundlich fragt, ob er dieses Gleichnis auf sich beziehen solle.

Aber die Majorin schüttelt nur den Kopf und sieht vor sich hin, auf den grünen Weg, auf dem noch welke Blätter des letzten Herbstes liegen. »Kein Mensch kann so zurückkommen«, sagt sie leise, »nicht einmal aus der Hölle, und dann ihm so zusehen, einen Tag lang, ohne daß das Herz ihm weh tut. Kein Mensch kann das …«

»Weiß die Frau Majorin etwas von meinem Herzen?« fragt er böse. »Ich will der Frau Majorin etwas sagen: wenn er erwartet hätte, daß ich bleibe, dann wäre es leicht gewesen, nach einer Stunde zu gehen. Aber nun erwartet er, daß ich gehe … wie die anderen wohl gegangen sind … und nun ist es schwer zu gehen … verstehen Sie das?«

Also sei es leicht, sagt die Majorin nach einer Weile, das Böse zu tun, und schwer, das Gute zu tun?

Ja, ob sie das noch nicht gewußt habe? Die Frau Majorin werde wohl sehr alt werden müssen, um das zu lernen, und man sage ja, daß mancher es nie lerne.

»Der alte Mann, zum Beispiel«, erwiderte sie kurz, »oder Jonas … Ja, es war immer traurig auf der Welt für die Dummen, weil doch soviel Kluge danebenstehen und zusehen …«

Immer stiller wird der Weg. Nun rufen die Vögel schon aus der Tiefe des Waldes, und die Sonnenbänder liegen fast waagrecht im dunklen Geäst.

Noch etwas will die Majorin wissen. Dort auf dem Feld, als der Pflug auf und ab gegangen sei, dieses stillste Gerät der Erde, das er wohl in all den Jahren nicht gesehen habe, habe er da keine Lust verspürt, ihn aus den alten Händen zu nehmen in seine jungen und nach Blut und Schweiß und Haß so etwas wie Segen in ihnen zu spüren? Den Segen eines Geschlechtes, das in die Spuren des Vergangenen trete?

Aber da ist die Majorin wohl zu schnell gewesen, und sie hat wohl nicht bedacht, daß in den Augen eines solchen Mannes alle diese Dinge, Feld und Pflug und Furche, anders aussehen müssen als in ihren eigenen. Sie hat wohl vergessen, daß ihr selbst Saatfeld und Wiese seltsam vorgekommen sind damals, als sie mit dem Holzsarg aus Frankreich gekommen war. Aus einer verbrannten, vergifteten und verwüsteten Erde, einem Grauen ohnegleichen für jemanden, der gewohnt war, die Erde eine Mutter zu nennen. Der gewohnt war, die bloßen Hände in sie hineinzugraben, um Kühle und Wurzeln und Samen unter der Decke zu finden. Und die nun erfahren hatte, daß man statt dessen Blut und Eisen und Tote finden konnte, und nichts als dieses. Sie hat wohl vergessen, daß sie damals bei dem ersten Gespann gestanden und mit Grauen auf die Scholle geblickt hatte, die leise aufstieg aus der dunklen Tiefe. Und daß es lange gedauert hat, sehr lange, bis sie aufgehört hat, der Erde zuzurechnen, woran sie nicht schuldig war.

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