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© Verlag KOMPLETT-MEDIA GmbH

2013, München / Grünwald

www.der-wissens-verlag.de

ISBN 978-3-8312-5729-4

Lektorat: Carolina Haut

Design Cover: Heike Collip, Pfronten

Satz: Schulz Bild & Text, Mainz

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HEROLD Auslieferung Service GmbH

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Ernst Peter Fischer

Gott und die anderen Großen

Wahrheit und Geheimnis in der Wissenschaft

Wissenschaft ist „das wirksamste Mittel, das der Mensch gefunden hat, um neben Gott bestehen zu können.“

François Jacob

Für Klaus,

der im Glauben an die Chancen des Wissens handelt

Inhaltsverzeichnis

Ein Vorspiel im Theater

Ernste Fragen am Anfang

Keplers Raserei

Galileis Gehabe

Newtons Uhrwerk

Darwins Teufel

Plancks Quanten

Einsteins Würfel

Bohrs Lächeln

Paulis Zweifel

Heisenbergs Ordnung

Hawkings Kosmos

Moderne Mätzchen am Ende

Anhang 1

Anhang 2

Angaben zur Literatur

„Wenn du dir die Liebe Gottes in Erinnerung rufen willst, sagte Mom immer, schau dir einfach den Sonnenaufgang an. Und wenn du dir den Zorn Gottes in Erinnerung rufen willst, sagte Dad, schau dir einen Tornado an.“

Jeanette Walls, „Ein ungezähmtes Leben“

Ein Vorspiel im Theater

„Nun sag‘, wie hast du‘s mit der Religion?“ So lautet die berühmte Frage, die das Fräulein Margarete im ersten Teil von Goethes Faust dem gelehrten Mann der Wissenschaft mit diesem Namen stellt, während sie mit ihm einen Gartenspaziergang unternimmt, wie Verliebte es tun. Zwar versucht Faust diese ihm eher lästige, inzwischen als „Gretchenfrage“ sprichwörtlich gewordene Bitte um ein Bekenntnis abzuweisen, in dem er ein ganz anderes Thema anzuschlagen versucht und abwiegelt: „Laß das, mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut.“ Doch das fromme Fräulein lässt nicht locker, und Margarete formuliert ihre kleine Frage an den großen Mann punktgenau um: Heinrich, „Glaubst du an Gott?“

Die Gretchenfrage und die Wissenschaft

„Glaubst du an Gott?“ – die Antwort, die jemand auf diese Gretchenfrage gibt, hängt von vielen Faktoren ab, zu denen sicher auch das Wissen gehört, über das der oder die jeweils Angesprochenen verfügen und das sich vor allem in den letzten vier Jahrhunderten ungemein verändert hat. In dieser Zeit haben sich, von Europa ausgehend, Menschen in aller Welt im Rahmen einer methodisch fortgeschrittenen und systematisch vorgehenden Naturwissenschaft bemüht, ihr Wissen zum Nutzen der Allgemeinheit zu vermehren und dabei immer mehr Gesetze der Natur finden und erfinden können.

Die Gretchenfrage benötigt ihre jeweils besondere und eigenständige Antwort, wenn sie Personen gestellt wird, die sich anders als Faust und sein Dichter Goethe etwa mit den Quantensprüngen von Atomen und Molekülen auskennen, die vielleicht sogar das expandierende Universum in seiner wachsenden Unermesslichkeit erfassen und darüber hinaus seinen Anfang als Urknall denken können, die zusätzlich noch mit dem dynamischen Gedanken der Evolution und den dazugehörigen genetischen Varianten vertraut sind, um nur ein paar Beispiele für die Themen zu nennen, denen sich in den jeweiligen naturwissenschaftlichen Disziplinen große und kleine Forscher mit steigendem Erfolg zugewandt haben und zuwenden.

Die Physiker, Chemiker und Biologen sind dabei spätestens seit dem 19. Jahrhundert so gut vorangekommen, dass einige von ihnen in den ersten Jahrzehnten nach 1900 meinten, die Gretchenfrage bald ganz vergessen und Gott in ihrem Denken vernachlässigen und vielleicht sogar ganz beiseiteschieben zu können.

Doch in der Geschichte und in der Gegenwart zeigt sich den Menschen ein möglicherweise für viele unerwartetes anderes Bild. Denn trotz all ihrer fachlichen Triumphe im Einzelnen fühlten und fühlen sich nachdenkliche und empfindsame Wissenschaftler, die zu Beginn ihrer Karriere voller Optimismus davon geträumt haben, mit ihrem eigenständig gewonnenen Wissen der Wahrheit gegenüberstehen zu können, unentwegt herausgefordert, ihre persönliche Position zu Gott zu klären und sich im Ganzen entweder auf ihn zu beziehen oder sich von ihm abzusetzen.

In diesem Buch sollen einige der dazugehörigen religiösen oder gottlosen Bekenntnisse großer Forscher vorgestellt werden, um jedem, der heute lebt und sich den weit reichenden Erkenntnissen der Wissenschaft nicht verschließt, die Vielfalt der möglichen Antworten aufzuzeigen, die auf die unter Menschen unvermeidbare Gretchenfrage erlaubt sind. Dies geschieht in Zeiten, die zwar gerne als „säkular“ bezeichnet werden, die aber bei aller Hinwendung zum allein Weltlichen von dem Heiligen nicht lassen können.

In ewigem Geheimnis unsichtbar sichtbar

Es geht also in einem historischen Durchgang vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart um das Wechselspiel von erfahrenem Wissen und gelebtem Glauben, wie es sich bei großen Naturforschern europäischer Provenienz zeigt, wobei an dieser Stelle sogleich eine hartnäckige Asymmetrie auffällt und angemerkt wird. Sie besteht darin, dass die weltliche Gegenfrage zur Gretchenfrage nirgendwo gestellt wird, jedenfalls nicht in einer expliziten und dadurch verbindlichen Form.

Goethe hätte dem in Gretchen verliebten und neugierigen Faust als Antwort doch auch die Worte in den Mund legen können: „Und du, was hältst du von der Wissenschaft?“ Solch eine Wendung hätte durchaus in das Zeitalter der Aufklärung gepasst, dem der Dichter im ausgehenden 18. Jahrhundert angehörte und in dem das Hohe Lied der Rationalität nicht nur vorsichtig angestimmt, sondern auch gerne und laut gesungen wurde.

Der Schöpfer von Faust unternimmt in dem dazugehörigen Drama dafür etwas anderes. Er lässt seinen Helden dem umschwärmten Gretchen nahe bringen und klarmachen, dass es neben Gott etwas anderes von Bedeutung gibt, nämlich all das, was sich in dieser Welt zeigt und eine besondere Qualität aufweist, wie er erläutert. Denn was es – im Himmel und auf der Erde – gibt, drängt von sich aus massiv zu dem geliebten Fräulein hin, und zwar so, dass es „Haupt und Herz“ von Gretchen zugleich erfasst und ihre Person wie ein Gewebe umfängt, das dabei eine Eigentümlichkeit an den Tag legt, nämlich „in ewigem Geheimnis unsichtbar sichtbar“ neben ihr zu sein, wo es dann sogar weiter „webt“.

Mit anderen und eher trockenen Worten: Faust empfiehlt Gretchen, sich erst von ihrem sinnlichen Wahrnehmen des rätselhaft bleibenden Gewebes namens Wirklichkeit seelisch erfüllen zu lassen und dabei auf die Beeinflussung ihrer Gefühle zu achten, um sich schließlich danach voller Neugierde zu fragen, wie sie das nennt, was sie bei diesem Vorgang des Erkennens erfährt und erlebt:

„Glück! Herz! Liebe! Gott!“ – so lauten die vier zum Teil sicher unkonventionellen Vorschläge von Goethes Helden, der anschließend – hoffentlich zu seiner Überraschung – von Gretchen zu hören bekommt:

„Ungefähr sagt das der Pfarrer auch, nur mit ein bisschen anderen Worten.“

An dieser Stelle lacht das Publikum gewöhnlich, vor allem mit dem Blick auf den Teufel Mephisto, der sich in der Nähe herumtreibt und nun grollt. Doch es lohnt sich, Goethes Witz ernst zu nehmen, weshalb hier versucht wird, in den einfachen Worten eines Sachbuchautors zwei zentrale Punkte des eben skizzierten poetischen Dialogs darzustellen, die im Verlauf des Buches verfolgt werden sollen. Da ist zum einen die An- und Einsicht von Faust, dass das sich uns aufdrängende Gewebe der Dinge um uns ein „ewiges Geheimnis“ bleiben wird, und zwar trotz aller Fortschritte, die wir nicht zuletzt den Großen der Wissenschaft verdanken, die folgend im Text vorgestellt werden. Und wenn es um diese offenen Geheimnisse und ihre Vorstellung geht, dann – dies zum Zweiten – klingt selbst der Faust wie ein Pfarrer, auch wenn sich der Gelehrte längst der Magie ergeben und mit dem Teufel verbündet hat.

Kurzum: Der Frage nach Gott entkommt man im deutschen oder europäischen Sprachraum nicht, auch wenn sich bei vielen Großen des Wissens in ihrem Inneren nicht unbedingt ein besonderes Gefühl regt, wenn der Name des Größten fällt. Auch sie glauben, bevor sie wissen.

Die Frage lautet, was sie glauben, nachdem sie etwas wissen. Mal sehen.

„Wir haben’s schwer. Denn wir wissen nur ungefähr, woher, jedoch die Frommen wissen gar, wohin wir kommen! Wer glaubt, weiß mehr.“

Erich Kästner, „Eine Feststellung“

Ernste Fragen am Anfang

Am Anfang steht das Problem des Anfangs. Beim Schreiben einer Rede oder eines anderen Textes geht es zum Beispiel um den ersten Satz, mit dem der zu liefernde Beitrag eröffnet wird und der die Aufmerksamkeit zu wecken hat. Doch diesen Einstieg habe ich an dieser Stelle bereits geschafft und hinter mir.

Dieser Anfang war offenbar leicht. Das genannte Problem stellt sich aber und erst recht beim Erkennen und Verstehen – etwa von Licht und Farben und anderen Erscheinungen – in dem, was als Wirklichkeit bezeichnet wird und uns – nach Goethe – wie ein geheimnisvolles Gewebe umgibt, das wenig empfindsame Zeitgenossen als Vernetzung beschreiben, was unnötig hart klingt.

Das Problem des Anfangs beim Erkennen besteht darin, dass der Einstieg, der erste Schritt zum Wissen, nichts von dem enthalten darf, was am Ende der Erklärung herauskommen soll. Das klingt zwar banal, macht aber mehr Mühe, als viele meinen. Bereits im vierten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung hat sich der Mönch Dionysius gefragt, wie man einen Anfang schaffen kann. „Die erste Ursache von allem ist weder Sein noch Leben. Denn sie ist es ja gewesen, die Sein und Leben erst erschaffen hat. Die erste Ursache ist auch nicht Begriff oder Vernunft. Denn sie ist es ja gewesen, die Begriffe und Vernunft erschaffen hat. […] Und dennoch ist diese erste Ursache auch keine Macht. Denn sie ist es ja, die die Macht erst erschaffen hat.“

Wer zum Beispiel als Physiker erklären will, was Materie ist und woraus sie besteht, darf nicht mit Atomen anfangen, die aus Einheiten bestehen, die selbst schon Materie sind, weil sie über eine Masse verfügen.

Natürlich kann die Physik die Eigenschaften eines Metallstücks dadurch verstehen, dass sie das Zusammenspiel von vielen Metallatomen berechnet, aber wann und wie aus den unsichtbaren Bausteinen der sichtbare Körper wird, den man in die Hand nehmen und vermessen kann, bleibt dabei offen – und solch ein Übergang liefert möglicherweise einen konkreten Fall für das ewige Geheimnis, von dem Faust spricht.

Wer als Philosoph erklären will, was Rationalität ist und wie das dazugehörige Erkennen funktioniert, darf nicht mit einer Sammlung aus abzählbaren Kategorien beginnen, die dann bloß noch kombiniert zu werden brauchen. Wer das Denken erklären will, muss mit einer anderen Fähigkeit des Gehirns beginnen, etwa dem konstruktiven Wahrnehmen oder einem malenden Schauen, wie es der Physiker Wolfgang Pauli einmal vorgeschlagen hat, von dem noch ausführlich die Rede sein wird.

Fragen nach dem Anfang

Nun gehört das Fragen nach dem Anfang sowohl zu den Grundthemen der Wissenschaft als auch zu den sicher uralten und prähistorischen Interessen von Menschen. Wie hat die Welt angefangen? Wie ist das Leben entstanden? Wie hat der erste Mensch ausgesehen? Wie hat die Sprache angefangen? Und in allen Fällen gilt es beim Antworten unter allen Umständen zu vermeiden, etwas von dem zu verwenden, was man erklären und seinen Beginn nehmen lassen will.

Es wird deshalb vorausgesetzt, dass Menschen sich schon sehr früh in ihrer Geschichte Gedanken über den Anfang und anderes gemacht haben, weil es zu den humanen Eigentümlichkeiten gehört, so etwas und mehr wissen zu wollen. Diese Feststellung ist bei Philosophen seit Jahrhunderten nachzulesen und bleibt unbestritten. Aristoteles etwa beginnt seine Metaphysik mit der Feststellung, dass alle Menschen von Natur aus nach Wissen streben, und wenn Immanuel Kant drei Fragen formuliert, die es zusammen ermöglichen sollen zu sagen, was der Mensch ist, dann interessiert ihn vor allem: „Was können wir wissen?“

Natürlich zitieren Lehrer und andere Bildungsbürger an dieser Stelle gerne den sagenhaften Sokrates und sein Verdikt: „Ich weiß, dass ich nicht weiß.“ Aber zum einen weiß ich, von wem der berühmte und vielfach falsch zitierte Satz stammt, in dem nicht von „nichts“ die Rede ist, und zum Zweiten hindert selbst diese Einsicht den Philosophen ja nicht daran, etwas wissen zu wollen, und zwar unentwegt und immer wieder, wie die zahlreichen Dialoge verdeutlichen, die uns von ihm dank Platon überliefert sind.

Zum Dritten kann das „Nichtwissen“ auch so verstanden werden, wie es Goethe ausdrückt, nämlich als das offene Geheimnis, das unsichtbar in den sichtbaren Dingen steckt und sowohl dem ersten Nachdenken kein Ende bietet als auch dem weiteren Wunsch nach Wissen jede Menge Platz lässt.

Menschen wollen und können also wissen, und sie wollen in vielen Fällen wissen, wie etwas von ihnen Vorgefundenes angefangen hat – besonders das Ganze, „das Etwas, diese plumpe Welt, das sich dem Nichts entgegen stellt“, wie es Goethe genannt hat.

Dies gefällt als Formulierung, ruft aber zugleich auch ein Dilemma hervor. Wenn Menschen nämlich den Anfang aller Dinge – der Welt, des Kosmos, des Universums – erklären wollen, müssen sie der poetischen Einsicht nach entweder mit (einem) Nichts oder mit einem Konzept anfangen, das nicht von dieser Welt sein kann.

Natürlich kommt für sterbliche Wesen ohne himmlische Schöpferqualitäten nur die zweite Möglichkeit in Frage, und die dazugehörige Grundidee funktioniert im Denken der Menschen unter der Bezeichnung „Gott“. Gott ist nicht die Welt, er ist nicht von dieser Welt, aber der Gedanke an ihn gibt dem menschlichen Denken die Gelegenheit, das Problem des Anfangs zu lösen. Wie es die Schrift ganz vorne lehrt: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und beide können danach – zum Beispiel auch jetzt – als „ewiges Geheimnis“ mein Haupt und Herz beschäftigen. Und wie es in der Schrift weiter heißt: Am Anfang war das Wort, mit dem sich Menschen zuletzt über ihr Wissen unterhalten können.

Die Achsenzeit

Kurzum – ein Gott löst das Problem des Anfangs und gibt den Menschen die Chance, unter seiner Vorgabe das Wissen zu erwerben, nach dem sie ihrer Natur zufolge verlangen. Das Glauben an einen Gott und das Wissen von Menschen gehören also eng zusammen, wobei das zuerst genannte Abenteuer des Denkens dem zweiten geistigen Zugreifen auf die Wirklichkeit in der Geschichte der Menschheit weit vorausgegangen ist, wie überzeugende historische Argumente zeigen, die mit dem Vorschlag eines Philosophen beginnen. Die Rede ist von Karl Jaspers, der 1949 sein berühmtes Buch Vom Ursprung und Ziel der Geschichte vorgelegt und mit ihm und einer dort geäußerten Idee ein Forschungsprojekt begründet hat, das heute allmählich an Fahrt aufnimmt.

In seinen Überlegungen führte Jaspers viele ältere historische Untersuchungen zu der Beobachtung zusammen, dass der Ursprung der Weltreligionen – wie auch der der griechischen Philosophie – in den Jahren zwischen 800 und 200 vor Christi Geburt zu finden ist. Jaspers nennt diesen Abschnitt der menschlichen Geschichte die „Achsenzeit“ und schreibt dazu:

„In dieser Zeit drängt sich Außerordentliches zusammen. In China lebten Konfuzius und Laotse, entstanden alle Richtungen der chinesischen Philosophie, in Indien entstanden die Upanishaden, lebte Buddha, wurden alle philosophischen Möglichkeiten bis zur Skepsis und bis zum Materialismus, bis zur Sophistik und zum Nihilismus, wie in China, entwickelt, in Iran lehrte Zarathustra das fordernde Weltbild zwischen Gut und Böse, in Palästina traten die Propheten auf von Elias über Jesaias und Jeremias bis zu Deuterojesaias, Griechenland sah Homer, die Philosophen – Parmenides, Heraklit, Plato – und die Tragiker, Thukydides und Archimedes.“

Während der Achsenzeit – durch die parallelen Prozesse, die zu ihr hinführen und deren Ursprung und Wesen noch zu erforschen bleibt – verlässt die Menschheit ihre mythische Phase, wie Jaspers meint, ohne dabei einen Mechanismus angeben zu können, der den Schritt ermöglicht hat. Die führenden intellektuellen Vertreter der jeweiligen Völker und Gesellschaften beginnen, über die Bedingungen des humanen Lebens (Existierens) nachzusinnen. Sie entdecken dabei die Möglichkeit, den zahlreichen angebeteten Göttern, die bislang im Irdischen verankert waren, einen eigenen Ort – einen Platz im Himmel – zuzuweisen, und diese Gedanken und Vorschläge werden im Volk verstanden. Mit dieser Aufteilung entsteht eine Spannung zwischen dem Diesseits (dem Weltlichen) und dem Jenseits (dem Transzendenten). Wer neben die irdischen Machthaber tritt und Gottes Ratschluss verkündet, lenkt die Aufmerksamkeit auf sich und erwirbt Anerkennung – also die Priester und Propheten.

Tatsächlich entstehen jetzt Achsenkulturen, wie die historische Wissenschaft ermitteln konnte, ohne dass sie in der Lage wäre, das Aufkommen des dazugehörigen Denkens tiefer zu begründen. Erkennbar wird nur, dass in Gesellschaften mit der Erfahrung der Achsenzeit federführend Träger von Visionen agieren, wie sie bei Buddha und Jesus zu finden sind. Mit ihrem Zutun kommen kulturelle und soziale Ordnungen zustande, die dem Volk – den Menschen – zusagen und deshalb von ihm (von ihnen) getragen werden. Die Gründerfiguren stärken das Selbstbewusstsein der kleinen Leute, sie geben ihnen Anleitungen zum wohltätigen Handeln und statten ihr Leben mit Sinn aus. Ihre Nachfolger setzen dieses Wirken mit Hilfe von Institutionen fort, die sie einrichten, um die utopischen Vorstellungen der Religionsgründer in die Wirklichkeit umzusetzen und um Geschichten wie die der Evangelien erzählen und sammeln zu können.

Nach der Achsenzeit

Die von Jaspers identifizierte Achsenzeit stellt eine große Herausforderung an alle Wissenschaftler dar, die das Entstehen moderner Gesellschaften und die dazugehörigen geistigen Kräfte und Strömungen erfassen wollen. Doch so wichtig und spannend dieser Aspekt des menschlichen Lebens und seiner Entwicklung ist, in dem hier verhandelten Zusammenhang kommt der Achsenzeit nur eine einzelne Bedeutung zu.

Sie hängt mit der Tatsache zusammen, dass es in diesem Buch um Kulturen geht, die von Menschen hervorgebracht worden sind, die ihrerseits von Personen abstammen, die in der Achsenzeit die Erfahrung der Transzendenz gemacht haben. Anders ausgedrückt, der Autor und seine Leser sind Nachfahren von Menschen, die mit der eigenständigen Existenz einer zweiten (unsichtbaren) Wirklichkeit vertraut sind, in der sie einen Gott ansiedeln, der Einfluss auf die Geschicke in der irdischen Welt nehmen kann und zumindest anfänglich vieles in ihr bedingt hat. Und da diese himmlische Sphäre sich seit mehr als zweitausend Jahren bewährt und viele Menschen sich für ihr Seelenheil auf sie verlassen, kann Goethe seinem Magister Faust die Gretchenfrage nicht ersparen. Sie stellt sich ihm und uns mehr oder weniger natürlich und ganz selbstverständlich.

Denn was kann der Gelehrte dem Vertrauen in Gott entgegensetzen? Sein aktuelles Wissen auf keinen Fall, das den armen Tor bekanntlich nicht sehr weise gemacht hat und eher frustriert, wie Faust in einem Monolog zu Beginn des Dramas ausführt. Die Tradition der Wissenschaft, die er fortsetzt, verfügt nicht über das ehrwürdige Alter der Religion, die weit über tausend Jahre mehr auf dem Buckel hat.

Als Goethe lebte, lag die Geburt der modernen Wissenschaft gerade einmal knappe zweihundert Jahre zurück, wenn die Auskunft der Geschichtsbücher zuverlässig ist. Sie datieren ihre Startphase auf das frühe 17. Jahrhundert, als in verschiedenen europäischen Ländern unter anderem Francis Bacon, Johannes Kepler und Galileo Galilei tätig waren und nutzbares Wissen zu erwerben versuchten. Die sich für die Menschen spürbar auswirkenden Erfolge der neuen Wissenschaft konnte man um 1800 noch an den Fingern einer Hand abzählen.

Nach dem Aufkommen der Wissenschaft

Unabhängig davon – heute leben wir mehr als 400 Jahre nach der Entscheidung der Menschen um 1600, ihre Lebensbedingungen durch den Einsatz wissenschaftlicher Methoden zu verbessern (und nicht nur passiv und brav das irdische Jammertal zu durchwandern). Wie oben gilt, dass die heute bestehenden Gesellschaften von Personen gebildet werden, die Nachfahren von Menschen sind, denen der Gedanke der Wissenschaft gekommen ist und die ihn erfolgreich umgesetzt haben.

Kurzum – wir Heutigen stammen anders als die frühen Heiligen von Menschen ab, die sowohl unmittelbare Transzendenzfähigkeit als auch vermittelbare Forschungswilligkeit erworben und weitergegeben haben, was uns allen die doppelte Fähigkeit sowohl zum vertrauenden Glauben als auch zum prüfbaren Wissen verleiht und jeden Versuch überflüssig machen sollte, mit einer der beiden genannten spirituellen Qualitäten allein in der Welt zurechtzukommen, die man erkennen und verstehen und in der man sich einrichten möchte.

In den Worten von Albert Einstein: „Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft blind.“ Beide gehören in unserer Kultur seit der Achsenzeit und nach der Geburt der modernen Wissenschaft untrennbar zusammen. Zwar fürchten viele, dass Gott verliert, wenn dem Menschen mehr und mehr Wissen zufällt, aber es könnte ja auch sein, dass Gott gewinnt, wenn der Mensch gewinnt. Das zu glauben gefällt mir.

„Der Glaube an Gott läuft im Jahre 1500 nicht auf das gleiche hinaus wie im Jahre 2000.“

Charles Taylor

Keplers Raserei

Vor dem Wissen steht der Glaube, und das heißt, dass die ersten Männer der Wissenschaft über einen festen Glauben an einen Schöpfergott verfügten. Von dieser Grundlage aus operierten sie und erkundeten die Welt um sie herum.

Gemeint ist zum Beispiel Johannes Kepler (1571–1630), der bis in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges lebte und sich trotz vieler Widrigkeiten und Mühen überzeugt zum Protestantismus bekannte, womit genauer das Luthertum gemeint ist, das seinen besonderen Ausdruck in dem so genannten Augsburger Bekenntnis gefunden hat und gläubigen Menschen ausreichend Platz für Freiheiten im Wollen und Handeln ließ.

Für Kepler wirkte Gottes Gnade auf vielfältige Weise bis in den persönlichen Bereich hinein, etwa dadurch, dass der Herr im Himmel den kränklichen Astronomen auf der Erde lang genug am Leben hielt, um ihm ausreichend Gelegenheit zu geben, das Werk des allmächtigen Herrn des Himmels und der Erden in seiner Schönheit und Vollkommenheit zu erforschen.

Leider schaffte es Gott nicht, sein Geschöpf Kepler so bei Gesundheit zu halten, dass der angestellte Astronom beim Kaiser als Arbeitgeber sein ausstehendes Gehalt einfordern konnte, nachdem der Herrscher ihn jahrelang nicht bezahlt und immer wieder vertröstet hatte. Der bescheidene Wissenschaftler starb daher arm und hinterließ eine vielköpfige darbende Familie.

Man wüsste gerne, was Gott sich dabei gedacht oder welche Prüfung seines gläubigen Geschöpfs der Herr dabei im Auge gehabt hat, falls solch eine Formulierung sinnvoll ist und von gottesfürchtigen Menschen nicht sofort als unangemessen verworfen wird.

Weltharmonik

Doch lieber zurück zum wissenschaftlichen Treiben unseres Helden: Kepler zeigte sich trotz aller Mühsal zeitlebens überzeugt, „Nichts in der Welt ist von Gott planlos geschaffen“, wie er etwa in seinem Hauptwerk Weltharmonik von 1619 geschrieben hat. Er sah seine Aufgabe vornehmlich darin, sich auf die entsprechenden Gedanken Gottes einzulassen und sie in möglichst vielen Details seines Weltenplans aufzuspüren.

Von den umfangreichen wissenschaftlichen Bemühungen Keplers, die den Gang von Licht durch Glas (Optik) ebenso ins Visier nahmen wie die sechseckige Form von Schneeflocken (Chemie), sollen in diesem Buch nur die astronomischen Leistungen bedacht werden, die den Himmel und seine Formationen zu erfassen versuchten, in denen seit dem Mittelalter dem lieben Gott Raum für sein Wirken zugestanden wird.

Die christliche Kultur des Abendlandes hat tatsächlich um 1300 herum die Gestalt des Kosmos übernommen und zugleich christlich aufgeladen, wie sie von den alten Griechen – vor allem in den philosophischen Werken von Aristoteles – entworfen worden war. Die Philosophen der Antike stellten sich jenseits des Mondes kugelförmige Himmelssphären vor, die nichts mit irdischer Wirklichkeit zu tun hatten, die sich vielmehr nach göttlichen Vorgaben und somit ohne physikalische Mühe drehten und dabei die Planeten mit sich führten. Deren Bewegungen waren von der sublunaren Erde aus gut zu beobachten.

Um die auf diese Weise zugängliche kosmische Mobilität zu erklären, benötigte man in der Antike keine Kräfte, wie sie die moderne Physik seit Newton benutzt. Dafür hatte der heidnische Grieche Aristoteles einen „unbewegten Beweger“ eingeführt, der alles in Schwung hielt, ohne sich selbst zu verausgaben.

Wie nicht anders zu erwarten, übernahm die christliche Zeit diesen zentralen Gedanken, nur dass sie den antiken Antreiber in ein lateinisch benanntes „Primum Mobile“ verwandelte, in das „Erste Bewegte“ also, aus dem heraus die göttliche Kraft fließt, die in der Welt wirksam ist und empfangen wird sowie weiterströmt.

Als Kepler sich an sein Werk machte, sah das christliche Denken die Erde mit dem Menschen im Zentrum der Welt. Um diese Mitte scharten und drehten sich die kugelförmigen Sphären, die ihrerseits weit außen Platz für das Göttliche ließen, das viele schöne Bezeichnungen erhielt und dabei als „Primum Mobile“ die Dinge auf ihren Weg brachte und den Lauf der Welt bestimmte.

Kopernikanische Umwälzungen

Der aus dem Württembergischen stammende Astronom Kepler kannte nicht nur die antiken Himmelsmodelle in christlicher Ausschmückung, wie sie etwa in Dantes Göttlicher Komödie eine Rolle spielen. Er kannte darüber hinaus auch die Ideen von Nikolaus Kopernikus (1473–1543), der in seinem Sterbejahr die bis heute für viele Menschen umwerfenden oder umwälzenden Ansichten über die Bewegungen am Himmel publiziert und dabei zwei dramatische Wendungen (Revolutionen) im Denken vorgenommen oder zumindest vorgeschlagen hatte.

Zum einen empfahl Kopernikus tatsächlich, die Erde aus dem Zentrum der Welt zu nehmen und dort die Sonne unterzubringen, wobei zu beachten ist, dass diese (eher unwesentliche) astronomische Erniedrigung des Menschen – seine Entfernung aus der Mitte – eine (wesentliche) christliche Erhöhung zur Folge hat. Denn je weiter außen die Erde im Modell der Himmelskugeln (Sphären) zu liegen kommt, desto näher rückt sie an die Quelle der göttlichen Kraft heran und damit auf Gott zu – ein Umstand, der bis heute vielfach übersehen und peinlich falsch verstanden wird.

Und zum Zweiten unterbreitete der polnische Domherr den Vorschlag, dass sich die Erde sogar zweimal drehe, nämlich nicht nur um die Sonne in einem großen Umlauf, für den sie ein Jahr benötigt, sondern zusätzlich in einem eher kleinen und kürzeren Rahmen um ihre eigene Achse – was den Wechsel von Tag und Nacht erklärt.

Philosophisch betrachtet steckt die so genannte „Kopernikanische Revolution“ in der zweiten Rotation unseres Planeten, da die von unserem Planeten zu beobachtende Drehung der Fixsterne jetzt nicht mehr von diesen Himmelskörpern, sondern von dem sie beobachtenden Menschen her erklärt wird. Der rückt auf diese Weise doch wieder in die Mitte seiner Welt, nachdem er gerade das Zentrum des Sonnensystems aufgeben musste. Ein zugegebenermaßen manchmal verwirrendes Hin-und-Her der Positionen, das auch vielen Großen der Geistesgeschichte Mühe macht, hier aber nicht weiter verfolgt werden soll, da es weniger um Kopernikus und mehr um Kepler geht. Der interessierte sich vor allem für die erste Idee seines revolutionären Vorgängers.

Genauer gesagt begeisterte sich Kepler unmittelbar für den heliozentrischen Vorschlag, obwohl es mit diesem Modell eine eigentlich unübersehbare und unüberwindbare Schwierigkeit gab. Denn offenkundig passt die Behauptung, die Erde drehe sich um die Sonne, die dabei selbst als ruhend betrachtet wird, nicht mit den Erfahrungen zusammen, die Menschen mit ihren Sinnen machen. Diese erlebten Eindrücke finden ihren Ausdruck sogar in der Sprache wieder und lassen die Menschen morgens von einem Sonnenaufgang und abends von dem dazugehörenden Untergang sprechen, obwohl der zentrale Himmelskörper im heliozentrischen Modell keinen einzigen Schritt tut und nicht geht, sondern einfach ruht.

Neben diesen allgemeinen Schwierigkeiten, dem Modell des Kopernikus zu vertrauen, gab es im frühen 17. Jahrhundert das weitere Problem, dass keinerlei empirische Evidenz für eine Drehung der Erde um die Sonne vorlag, was es vielen Astronomen dieser Zeit leicht machte, den heliozentrischen Gegenvorschlag zum geozentrischen Kosmos als belanglose Spielerei ohne wissenschaftlichen Wert abzutun. Es war offenbar mehr oder weniger allein Johannes Kepler, der trotz der genannten Widrigkeiten von Anfang an fest von der zentralen Position einer wärmenden und leuchtenden Sonne überzeugt war.

Kepler glaubte an das, was Kopernikus sagte. Dieser Glaube beruhte auf einem Grund, der direkt zu Gott führt. Er steckt darin, dass unser Astronom durch das Kopernikanische System von „religiöser Leidenschaft“ erfasst wurde, wie der Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli (1900–1958) in den 1950er Jahren in einer historischen Analyse ausgearbeitet und geschrieben hat.

Tatsächlich sieht Kepler in der heliozentrischen Anordnung am Himmel „das körperliche Abbild“ des „drei-einen Gottes“ in der Welt, wobei er Gott den Vater im Zentrum, seinen Sohn in der Oberfläche der Kugel und den „Heiligen Geist im Gleichmaß der Bezogenheit zwischen Punkt und Zwischenraum“ sieht, wie es bei ihm etwas kryptisch und für die Gegenwart nicht immer leicht nachvollziehbar heißt.

Einfacher ausgedrückt: Kepler erkundet die Gestalt des Kosmos im heliozentrischen Glauben mit Hilfe der christlichen Trinität, und mit diesen Vorgaben macht er sich daran, „nach den wahren Gesetzen der Proportionen der Planetenbewegung als dem wahren Ausdruck der Schönheit der Schöpfung zu suchen“, wie es Pauli in dem Aufsatz formuliert, in dem er 1952 den Einfluss archetypischer Vorstellungen auf die Bildung naturwissenschaftlicher Theorien bei Kepler erkunden möchte.

Pauli erläutert am Beispiel von Kepler seine bis heute von Wissenschaftsphilosophen kaum zur Kenntnis genommene Ansicht, dass erfolgreiches wissenschaftliches Erkennen nicht allein rational gelingt, sondern vor einem archaischen (irrationalen) Hintergrund stattfindet, in dem Pauli Urbilder der Seele vermutet, die sich als so genannte Archetypen am Denkspiel des Erkennens beteiligen. Und eines dieser archetypischen Urbilder, die in das Bewusstsein gelangen können, findet sich in der Trinität oder Dreifaltigkeit (Dreieinigkeit), mit deren Hilfe Kepler seinen festen Glauben an die Zuverlässigkeit des Kopernikanischen Modells erlangt und mit dessen Vorgabe und Hilfe er nun in der Lage ist, als empirisch tätiger Wissenschaftler nach „den wahren Gesetzen“ der Planetenbewegung Ausschau zu halten.

Geheimnisvolle Gesetze

Bekanntlich findet Kepler im Laufe seines weiteren Lebens drei Gesetze dieser Art, wobei sich die genannte Zahl nicht nur in die christliche Harmonie fügt, sondern auch zu einem besonderen Erlebnis von Kepler führt.

Tatsächlich findet er zunächst zwei Gesetze für die Bewegung der wandernden Himmelskörper, von denen das erste allgemein für die Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens von größter Bedeutung ist. Es stellt den Abschied von kreisförmigen Planetenbahnen am Himmel dar und verkündet, dass zum Beispiel die Erde die Sonne auf einer Ellipse umläuft.

Kepler erkennt die außerirdische Realität dieser geometrischen Figur mit Hilfe von langwierigen Beobachtungen der Marsbahn und sich nahezu ewig hinziehenden Berechnungen, wobei diese quantitative Akribie erkennen lässt, dass hier neben dem religiösen Eiferer auch ein streng der Empirie verpflichteter Wissenschaftler heutiger Prägung am Werk ist, was Kepler unmittelbar als Mittler zwischen der mittelalterlichen und der modernen Welt erkennen lässt. Er steht und wirkt wahrlich am Beginn der Neuzeit, wie man auch sagen kann und was zeigt, dass an seinem Beispiel noch mehr zu lernen ist – unter anderem die Tatsache, dass seine große Entdeckung von Planeten, die auf Ellipsen unterwegs sind, nicht zum Ende einer Untersuchung führt, sondern im Gegenteil einen neuen Anfang erzwingt. Aus dem folgenden Grund:

Solange die Planeten kreisförmig von außerirdischen Himmelssphären bewegt wurden, solange fragte niemand nach der Kraft, die dafür nötig war. Die Götter hatten es auf diese perfekte Weise so eingerichtet, und mehr war da für Menschen nicht zu wissen und zu wollen.

Indem Kepler die Kreise abschaffte und durch Ellipsen ersetzte, kam er zwar wissenschaftlich gesehen der Wahrheit am Himmel näher, musste aber dafür einen Preis zahlen. Er bestand in der Verpflichtung, eine Antwort auf die Frage zu geben, wer oder was für die gefundene geometrische Form zuständig ist und die nötige Kraft dafür liefert. Kepler sah das Problem, kam aber nicht auf die Lösung, die noch ein knappes Jahrhundert auf sich warten lassen musste, und zwar solange, bis Sir Isaac Newton in England die Bühne der Wissenschaftsgeschichte betrat, wie in dem dazugehörigen Kapitel genauer geschildert wird.

An dieser Stelle kann die Situation aber bereits benutzt werden, um einen wesentlichen Zug von naturwissenschaftlichen Fortschritten deutlich zu machen, der gerne übersehen oder missachtet wird. Gemeint ist das Phänomen, dass Kepler zwar der Wahrheit über die Planetenbahnen – ihrem richtigen und tatsächlichen Verlauf – näher gekommen ist, aber nur dadurch, dass er das Geheimnis ihres Wanderns nicht verkleinert, sondern im Gegenteil vergrößert hat. Die Planeten können Menschen ebenso verzaubern wie die Ellipsen, auf denen sie ihre Bahnen ziehen, und jedes dazugehörige Gesetz bringt mehr Gelegenheit zum Staunen.

Dazu reicht ein Blick auf das zweite Gesetz, das Kepler findet und welches heute als „Flächensatz“ bekannt ist. Es meint das Folgende:

Wenn man sich vorstellt, der umherziehende Planet sei mit einem Bindfaden an der Sonne befestigt und dann schaut, welche Fläche er während der Bewegung überstreicht, kommt man seit Kepler zu dem Ergebnis, dass in gleichen Zeiten gleiche Flächen erfasst werden. So lautet auch sein zweites Gesetz für die Planetenbewegung, über das man ruhig staunen und bei dem man sich fragen darf, wer das Räumliche und Zeitliche so eng verweben und das dazugehörige Gebilde unsichtbar sichtbar um uns legen konnte.

Nachdem Kepler den Flächensatz gefunden hatte, gab es viel anderes zu erledigen. So sollte es noch einige Jahre dauern, bis Kepler sich erneut „der Betrachtung himmlischer Harmonien“ widmen konnte, wie er in seiner Weltharmonik von 1619 schreibt. Dabei erkannte er nicht nur, „worin bei den Bewegungen der Planeten vom Schöpfer die harmonischen Proportionen ausgedrückt sind“, er konnte seinen Einsichten nun sogar eine elegante mathematische Form geben, die heute als „drittes Gesetz“ von Kepler bekannt und berühmt ist.

Der gläubige Astronom fand nämlich nach langem und mühevollem Umgang mit massenhaft vielen Zahlen, dass die Umlaufzeiten der Planeten (T) und ihr mittlerer Abstand zur Sonne (A) zusammenhängen, und zwar so, dass das Verhältnis aus den Quadraten der Umlaufzeiten (T2) und den Entfernungen zur dritten Potenz erhoben (A3) für alle Planeten gleich und damit konstant ist. T2/A3 ist eine feste Größe am beobachtbaren Himmel, wie Kepler feststellte.

Wenn das viele gläubige oder ungläubige Menschen heute nicht mehr unbedingt vom Hocker reißt, so sollten sich wenigstens einige von ihnen durch etwas anderes verblüffen lassen, nämlich durch Keplers unbeschreibliche Freude, die ihn erfasste, als er das dritte Gesetz erkannte und vor sich sah.

In seinen Mitteilungen dazu bekennt er offen, „Ich überlasse mich heiliger Raserei.“ Ich stelle mir dabei vor, wie fröhlich, vergnügt und ausgelassen der kleine Mann durch seine Räume oder über die Straßen seiner Stadt gehüpft ist, um jubelnd in die Hände klatschend seine astronomische Erkenntnis des göttlichen Weltenplans zu feiern. Wahrscheinlich hätte er am liebsten alle Menschen umarmt, die in seiner Nähe und bei drei nicht auf irgendwelchen Bäumen waren. Solch eine unbändige Begeisterung und ihre Schilderung zieht unmittelbar eine spannende Frage nach sich: Warum kann sich heute kein Wissenschaftler mehr auf ähnliche Weise freuen und durch Einsichten in die Abläufe der Natur berauschen lassen? Selbst Staunen scheint ein Fremdwort im Bereich der Forschung geworden zu sein, obwohl Keplers heilige Raserei ausreichend Anlass dazu geben könnte.

Staunen heute

Wenn oben gesagt wurde, dass inzwischen „kein Wissenschaftler“ mehr unbändig über eine Entdeckung jubelt und ausgelassen feiert, dann erfasst diese Feststellung mehr den Eindruck, den die Öffentlichkeit von der Forschung hat und den sie in den Medien serviert bekommt. In der hier vorgeführten Wissenschaft geht alles sachlich und korrekt und damit eher langweilig vor sich. Selbst wenn dort das Fest des Nobelpreises gefeiert wird, agieren die Ausgezeichneten eher steif und brav. Vermutlich kann sich heute niemand mehr einen Wissenschaftler wie den Griechen Archimedes vorstellen, der beim Einsteigen in eine Badewanne das überlaufende Wasser bemerkte. Diese Beobachtung half ihm zuerst, ein äußerst drängendes Problem zu lösen, und löste danach eine derartige Jubelstimmung in ihm aus, dass er nicht an sich halten konnte und nackend durch die Straßen lief, um allen dort umherlaufenden Menschen sein „Heureka“ zu verkünden – „Ich habe es gefunden!“, nämlich die Lösung der Frage, wie man das Volumen eines kompliziert gestalteten Kunstwerks – einer Krone in diesem konkreten Fall – ermittelt, ohne sie zu beschädigen.

„Ich konnte gut nachvollziehen, wieso Archimedes so aus dem Häuschen geraten war“, so Jeanette Walls in ihrem Buch Das ungezähmte Leben, das aus der Perspektive eines Mädchens erzählt wird, die folgende Erfahrung gemacht hat: „Es gab doch nichts Schöneres als dieses Gefühl, das einen überkam, wenn es „klick“ machte und man plötzlich etwas begriff, das einem ein Rätsel gewesen war. So schöpfte man Hoffnung, dass es vielleicht doch möglich war, diese gute alte Welt in den Griff zu bekommen.“

Die gesamte öffentliche Einstellung zum Vorgehen der Wissenschaft könnte sich ändern, wenn die Freude erwähnt wird, die mit dem Erkennen verbunden ist. Sie kann sowohl einem kleinen Mädchen ein herrliches Gefühl liefern als auch den großen Kepler in heilige Raserei versetzen. Sie hat im 20. Jahrhundert den französischen Biologen François Jacob und seinen aus Südafrika stammenden Kollegen Sydney Brenner dazu gebracht, „wie zwei Verrückte einen wilden Freudentanz“ aufzuführen, nachdem ihnen ein eleganter Einblick in das Funktionieren des genetischen Apparates einer Zelle gelungen war.

Gott muss doch ganz in der Nähe gewesen sein, wenn sich Menschen so unbändig darüber freuen, dass sie mit ihren geistigen Mitteln etwas von seiner Schöpfung verstehen können. Zumindest Keplers Gott wird bei dem Blick auf die tanzenden Forscher Wohlgefallen gefunden haben. Keplers Gott hat nämlich zum einen dafür gesorgt, dass die Welt durch ihre Schönheit den Menschen zugänglich ist. Und er hat seine sterblichen Ebenbilder ermutigt, ihr Wissen mit seiner Hilfe – mit seinen uns eingepflanzten Urbildern – zu erwerben und vermehren. Auf diese Weise wird Wissenschaft genau zu dem Gottesdienst, den Kepler in seinem astronomischen Tun gesehen und täglich praktiziert hat. Er muss sich trotz aller finanziellen Not dabei glücklich gefühlt haben.

Galileis Gehabe

Nur wenige Wissenschaftler verfügen über den Bekanntheitsgrad des Italieners Galileo Galilei (1564–1642), was vermutlich aber weniger an seinen fachlichen Qualifikationen und sachlichen Einsichten, sondern mehr an seinem polternden Auftreten und polemischem Engagement liegt, die beide zudem mit einem unübersehbaren Geltungsbedürfnis gepaart waren. Galilei ging es vor allem um die Priorität von Ideen und Entdeckungen. Ich kann mir gut vorstellen, dass er heute ein gefragter und gern gesehener Gast in televisionären Talkrunden wäre, der sich lärmend und stets selbstsicher über Gott und die Welt auslassen und alles besser wissen würde.

Es sind wohl vor allem diese menschlichen Eigenschaften gewesen, die den Poeten Bertolt Brecht auf die Idee brachten, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Theaterstück über das „Leben des Galilei“ zu schreiben, in dem der lebendige Dichter dem toten Forscher wunderbare Sätze wie den folgenden in den Mund legt:

„Ich halte dafür, dass das einzige Ziel der Wissenschaft darin besteht, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern.“

Brecht lässt seinen Galilei zum einen als leidenschaftlichen Wissenschaftler erscheinen, der „wie ein Liebender, wie ein Betrunkener“ herausbrüllt, was er erfahren hat und den eine große Sehnsucht auszeichnet: „Ich denke manchmal: ich ließe mich zehn Klafter unter der Erde in einen Kerker einsperren, zu dem kein Licht mehr dringt, wenn ich dafür erführe, was das ist: Licht“, lässt Brecht Galilei sagen.

Auf der anderen Seite führt der deutsche Dichter in seinem Theaterstück einen eher aggressiven Galilei vor, der gegen die unübersehbare öffentliche Dummheit kämpft und denjenigen in hoher Erregung „keine Gnade“ gewähren will, „die nicht geforscht haben und doch reden.“

Der letzte Satz passt ganz vorzüglich auf die vielen Ethiker und andere Philosophen, die in unseren Tagen etwa den biologischen und chemischen Wissenschaften unentwegt mit moralisch erhobenen Zeigefingern in die praktische Quere kommen wollen, ohne selbst auch nur das geringste Wissen erworben zu haben oder anbieten zu können, das den zahlreichen bedürftigen Personen unserer Tage die zitierte „Mühseligkeit der menschlichen Existenz“ tatsächlich nehmen kann (statt sie unnötig zu vergrößern).

Der Blick an den Himmel

Wer den Namen Galilei hört, denkt vermutlich zuerst daran, dass der Forscher doch mit der katholischen Kirche in Konflikt geraten ist und dann sogar die hässlichen Hände der unnachgiebigen Inquisition zu spüren bekommen hat, die ihm schwer zugesetzt und zu einem unnötigen Widerruf gezwungen haben.

Erst im Anschluss an dieses Trauerspiel fällt vielen Menschen bei dem Namen Galilei ein, dass dieser Physiker und Astronom Ansichten über die Bewegungen und das Aussehen von verschiedenen Himmelskörpern entwickelt hat, wobei Galilei als einer der ersten Astronomen seine Objekte nicht mehr nur mit bloßem Auge betrachten konnte, sondern dass ihm dabei maßgeblich die damals neue Konstruktion eines Fernrohrs zu Hilfe gekommen ist, das der Wissenschaft im Besonderen und der Menschheit im Allgemeinen ab 1609 eine stark erweiterte Sicht des Universums erlaubte.

Übrigens – für „Fernrohr“ kann man auch „Teleskop“ sagen, und es gehört zu meinen liebsten und leider nicht erfundenen Anekdoten, dass eine bekannte Philosophin in ihren Vorträgen über Galilei und andere Beobachter der Sterne in seiner Zeit stets von dem wunderbaren Teleskop mit einem „o“ in der Mitte sprach, das der italienische Physiker und seine Kollegen an den Himmel gerichtet haben. Mir gefällt das deshalb ausnehmend gut, weil in dem theologischen Versprecher die faktische Ferne (Tele) durch ein sinnvolles Ziel (Telos) ersetzt wurde und den Gedanken suggeriert, man habe mit dem Fernrohr einen Ort für den lieben Gott gesucht.

Natürlich zeigt sich selbst bei dem Einsatz neuester technischer Mittel weder der gewünschte Herr, noch war Galileis teleskopischer Blick an den Himmel im theologischen Sinn des Wortes zielgerichtet. Dem Helden von Brechts Theaterstück ging es nicht um einen Gottesbeweis, sondern schlicht und einfach um Beobachtung und eine Wissenschaft der Sterne mit besseren Methoden.

Als das besagte und wahrscheinlich in Holland zuerst gebaute Instrument im frühen 17. Jahrhundert Männern wie Galilei zur Verfügung stand und nach und nach – nicht zuletzt von ihm selbst – verbessert werden konnte, zeigten sich rasch zahlreiche Befunde am Himmel, die es zu verstehen und mit dem herrschenden Weltbild einer vornehmlich christlichen Menschheit zu versöhnen galt. Unter anderem offenbarte zum Beispiel der Mond eine merkwürdige Struktur seiner Oberfläche mit runden Kratern und länglichen Bergrücken, was ihm auf jeden Fall den Nimbus einer perfekten Kugel nahm, der ihm zukam, solange viele Götter oder ein Gott für ihn zuständig waren.

Weiter ließ die Sonne auf ihrer Oberfläche Flecken erkennen, was sie in einem göttlichen Sinn unrein machte, weshalb das auf Schmutz verweisende Wort „Sonnenfleck“ ja überhaupt als Fachausdruck gewählt wurde. Und um den Planeten Jupiter konnte man einige Monde kreisen sehen, was den Astronomen und anderen Erkundern des Himmels viel Stoff zum Denken gab, da es offenbar zu den Regelmäßigkeiten am Himmel gehörte, dass kleinere Objekte um ein größeres zirkulierten – wobei an dieser Stelle für heutige Leser sicher nicht eigens erwähnt zu werden braucht, dass es sich in wissenschaftlichen Kreisen längst herumgesprochen hatte und als Tatsache akzeptiert wurde, dass die Erde sehr viel kleiner als die sogar als riesengroß angesehene Sonne war, die sich der kirchlichen Lehre und päpstlichen Überzeugung zufolge angeblich um unseren eher winzigen Heimatplaneten drehen sollte.

Das Buch der Natur

Bevor es das Fernrohr für den Himmel gab, war Galilei mehr mit irdischen Dingen und ihrer Physik beschäftigt, wie sie sich etwa in pendelnden Kronleuchtern oder den Bewegungen von fallenden oder schwimmenden Körpern zeigt. Er versuchte nach vielen Experimenten mittels zahlreicher Vorrichtungen die fleißig beobachteten und gemessenen Zahlen mit Hilfe der dazugehörenden Sprache zu verstehen, also mit den Formeln und Gleichungen, die die Mathematik den Menschen zur Verfügung stellt.

Galilei gewann dabei eine Überzeugung, die er in seinem Buch Il Saggiatore (Der Goldwäger) bis 1623 in einer Art Glaubensbekenntnis aufschrieb, dem die moderne Wissenschaft bis heute anhängt, obwohl es in vielen Disziplinen – etwa bei der Erforschung des Lebens – nicht unbedingt in der beschworenen Strenge haltbar ist und irgendwann von den praktizierenden Wissenschaftlern einmal gründlich bedacht und bezweifelt werden sollte:

„Das Buch der Natur kann man nur verstehen, wenn man vorher die Sprache und die Buchstaben der Mathematik gelernt hat, in denen es geschrieben ist. Es ist in mathematischer Sprache geschrieben, und die Buchstaben sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren, und ohne diese Hilfsmittel ist es menschenunmöglich, auch nur ein Wort davon zu verstehen.“

Mit anderen Worten, Galilei verkündet als seine feste Überzeugung, dass Gott ein Mathematiker ist. Viele Zuhörer sind bis heute von dieser Botschaft so sehr angetan und begeistert, dass niemandem auffällt, wie gewaltig Galilei hier aufschneidet. Was er sagt, heißt nämlich in moderner Sprache, dass es mathematisch fassbare Naturgesetze für Bewegungen wie etwa die des freien Falls von Kugeln und anderen Gegenständen gibt, um die sich Galilei höchstpersönlich und höchst emsig bemüht hat – leider ohne jeden Erfolg.

Galilei lag keinerlei Beweis für seine oben zitierte starke Behauptung vor, das Buch der Natur sei mathematisch verfasst, und sein Diktum sollte sich frühestens am Ende des 17. Jahrhunderts als relevant und akzeptabel herausstellen, nachdem der schon einmal angekündigte Isaac Newton sein berühmtes Gesetz für die Schwerkraft finden konnte, wie im nächsten Kapitel geschildert wird.

Kurzum, was Galilei über die Mathematik schreibt, entspricht und entspringt vielleicht seinen Wünschen und verdient vielleicht unsere Bewunderung als eine kühne Vision, hat aber leider mit dem ihm und seiner Zeit verfügbaren Wissen nichts zu tun. Dieser Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit brachte unseren Helden dann auch in den gefährlichen Konflikt mit der Kirche, den nur die Institution gewinnen konnte.

Wie gesagt, es dauerte einige Zeit, bis Galilei seine Augen von der Erde abwandte und sie durch ein Fernrohr an den Himmel schauen ließ, aber in dem Zusammenhang begann er sich auch so allmählich der Frage zuzuwenden, ob Kopernikus mit seinem heliozentrischen System besser beschreibt, wie sich die Planeten und ihre Sphären bewegen, als es das von der Kirche bevorzugte Schema mit der Erde in der Mitte der Welt zustande bringt. Unserem Helden gelingen einige glänzende Beobachtungen – neben den erwähnten Befunden muss unbedingt die Erkenntnis einer irregulären Struktur des Saturns genannt werden –, und sein Wissen bringt er als Sternenbotschaft (Sidereus Nuntius) in einem Buch unter, das sich weniger an die Kirche und mehr an die Kollegen richtet, denen gegenüber Galilei Stärke beweisen und seinen Anspruch auf Priorität festhalten möchte.

Er ist nicht nur extrem ehrgeizig, ihn ärgert zudem das sture Festhalten an überlieferten Gedanken, ob sie nun von Aristoteles oder aus der Bibel stammen. Er kämpft unermüdlich gegen alles, was einen Denkzwang ausübt – was ganz sicher zu Brechts Zuneigung ihm gegenüber beigetragen hat. Bei dem geschilderten Charakter muss es Galilei deshalb 1632 ein diebisches Vergnügen bereitet haben, seinen heute so berühmten Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme zu verfassen, womit das neue Kopernikanische und das alte geozentrische Bild gemeint sind, die miteinander zum Nachteil kirchlicher Lehren verglichen werden.

In seinem in vielen Teilen polemischen Text zeigt Galilei, dass ein toskanischer Bauer leichter das Geschehen am Himmel versteht als ein aristotelischer Philosoph, und er macht sich höchst vergnüglich über alle Zeitgenossen lustig, „die trotz guter Augen nicht sehen, was andere mit ihrer Erfahrung an Wahrem und Irrigem aufgedeckt haben“.

Mit diesem Dialog hat Galilei zwar der Nachwelt eine große Freude, sich selbst aber leicht angreifbar gemacht. Die Kirche sollte sich bald rühren und ihre unchristliche, menschenverachtende Macht zeigen.

Der Konflikt mit der Kirche

Galileis Konflikt mit der Kirche hatte um 1614 begonnen, als er sich in Briefen und Gesprächen dahingehend äußerte, dass es doch für Astronomen nicht um die Frage gehen könne, ob einzelne Bibelstellen in Einklang mit dem Kopernikanischen System stünden oder nicht. Es gehe in der Wissenschaft seiner Tage vielmehr um die Aufgabe, das ganze Denken über den Kosmos von der ihm überholt erscheinenden Philosophie des Aristoteles zu lösen und für eine Epoche neu zu entwerfen, der ein Teleskop zur Verfügung stand, das den Himmel näher holte und genauer Beobachtung zugänglich machte.

Nun hatte sich die Kirche schon seit langem entschieden, das Denken des großen Griechen nicht nur als zufällige Ergänzung einer durchweg christlichen Weltanschauung zu betrachten, sondern sich zu dem wissenschaftlichen Inhalt seiner Schriften zu bekennen. Zwar gab es einzelne Bemühungen in katholischen Kreisen, vorsichtig zu begründen, warum die Bibel dem historischen Schritt von Aristoteles zu Kopernikus kein Hindernis in den Weg lege. Aber im Jahre 1616 verkündete das Heilige Offizium unbeirrt und stur in Form eines Dekrets, dass die Behauptung, die Sonne stehe im Zentrum der Welt, „irrtümlich im Glauben“ sei.

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30 июля 2025
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9783831257294
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