Читать книгу: «Der Mensch, das Wissen und der Glaube»

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Prof. Ernst Peter Fischer

WISSENSCHAFTS-GESCHICHTE


DIE UNBELEHRBARKEIT DES MENSCHEN

WISSEN UND GLAUBEN

DIE NACHTSEITE DER WISSENSCHAFT

© Verlag KOMPLETT-MEDIA GmbH

2011, München/Grünwald

www.komplett-media.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:

HEROLD Auslieferung Service GmbH

www.herold-va.de

Inhaltsverzeichnis

DIE UNBELEHRBARKEIT DES MENSCHEN

Die Überproduktion der Natur

Gefährliches Ziel: Wachstum

Nachhaltigkeit

Egoismus und Altruismus

Die Farbe des Mondes

Die Logik des Misslingens

Menschliches Versagen

Lernmodule

Lernfähig, aber nicht belehrbar

Die Tragik der Allmende

Angst vor Schlagen – keine Angst vor Blumen

Die lautlose Katastrophe lässt uns kalt

Was geht schief bei uns?

Nachhaltigkeit muss gelernt werden

Die menschliche Natur

Bildungsprogramme für Nachhaltigkeit

Instinkt und Rationalität

Rationalität erfasst nie das Ganze

Instinktive Weisheit

Mit Herz und Gefühl die Zukunft meistern

WISSEN UND GLAUBEN

Das Streben nach Wissen

Die Frage nach Gott

Gott oder Darwin?

Antworten und neue Fragen

Wissenschaft und Religion

Die Trinität am Himmel

Das Wunder der Erklärung

Die Wahrheit behält ihr Geheimnis

Der Mut zur Wissenschaft

„Glauben heißt nichts wissen“

Wissenschaft und Glaube

Die Achsenzeit

Sky und Heaven

Himmlische und irdische Sphäre

Selektionskriterium „Transzendenz“

Man kann nicht nicht wissen wollen

Der Mensch braucht Wissen und Glauben

Wissen und glauben allein führt zu Widersprüchen

Die lineare Zeit

Die Idee der „Zweiteilung“

Vernünftige Antworten auf vernünftige Fragen

Form ist niemals kausal begründbar

Widersprüche in der Wissenschaft

Widersprüche im Glauben

DIE NACHTSEITE DER WISSENSCHAFT

Karl Popper

Gewissheit

Johannes Kepler: „Heilige Raserei“

Archetypus

Revolution

August Kekulé

Francois Jacobs

Alex Müller

Werner Heisenberg

Psychische Inflation


DIE UNBELEHRBARKEIT DES MENSCHEN

Evolutionäre Schranken im globalen Zeitalter

Die Evolution hat Menschen lernfähig gemacht. Aber können wir alles lernen? Oder bleiben wir in Situationen unbelehrbar, auf die uns unsere Entwicklungsgeschichte nicht vorbereitet hat? Wir wissen, daß wir zu viele Menschen auf dem Planeten sind, und ändern doch nichts an unserem Kinderwunsch. Wie können wir mit Katastrophen umgehen, die sich lautlos und langsam vor unseren Augen vollziehen? Wie können wir lernen, auf kurzfristige Erfolge (Wirtschaftswachstum) zugunsten langfristiger Ziele (Klimaschutz) zu verzichten? Was tun wir, wenn die Rationalität versagt?

Das 20. Jahrhundert hat in der Naturwissenschaft eine merkwürdige Entwicklung mit sich gebracht. Man hat ja nach dem erfolgreichen 19. Jahrhundert gedacht, dass im 20. Jahrhundert die Wissenschaft alles erfasst, alles ergreift und alles vollendet. Stattdessen hat man bemerkt, dass die wesentliche Vorsilbe des 20. Jahrhunderts die Vorsilbe ‚un‘ ist.

Erst wurde eine Unstetigkeit in der Natur entdeckt, dann wurde eine Unbestimmtheit in der atomaren Wirklichkeit gefunden, dann wurde sogar eine Unentscheidbarkeit bei mathematischen Gesetzen entdeckt, dann wurde eine Ungenauigkeit in der Logik als grundlegend verstanden und dann ist sogar noch – das ist das Stichwort der Chaosforschung – eine Unvorhersagbarkeit in die ganze Natur hineingekommen.

Ich möchte heute dieser Unsitte ein weiteres Beispiel hinzufügen. Ich möchte die Frage erörtern, ob trotz aller Wissenschaft, trotz aller Fähigkeit der menschlichen Gesellschaft, über Naturwissenschaft die Wirklichkeit oder das Natürliche kennen zu lernen, trotz unserer Fähigkeit, über die Dinge etwas zu lernen, nicht zum Schluss etwas übrig bleibt, was uns gefährdet. Das ist das, was ich die Unbelehrbarkeit des Menschen nenne.

Es könnte sein, dass die Evolution uns nicht in die Lage versetzt, wirklich das zu lernen, was wir benötigen, um im globalen Maßstab überleben zu können. Insofern ist es eine spannende Frage, ob der Mensch trotz aller Lernfähigkeit im Hinblick auf seinen evolutionären Ursprung unbelehrbar bleibt.

Die Überproduktion der Natur

Im Buch von Charles Darwin, über die Abstammung der Arten, ist vor allen Dingen eines auffällig, das Darwin auch als Erstes in seiner Theorie deutlich macht: Die Natur fällt dadurch auf, dass sie Überschuss produziert. Immer ist zu viel da. Denn, wenn die Natur nicht Überschuss und Übermengen produzieren würde, wäre ja auch jede Auswahl überflüssig. Wenn nur ein paar von uns hier herumlaufen würden, gäbe es keine Probleme. Das Problem gibt es dadurch, dass wir so viele sind und dass wir immer mehr werden, dass wir eine Überproduktion pflegen. Wir haben uns die Eigenschaft der Natur angewöhnt, einfach zu viel zu machen.

Die Natur hat das Verfahren der Selektion eingeführt, um bei ihrer Wirkungsweise dafür zu sorgen, dass es nicht Übermengen werden, sondern dass nur die Angepassten, die sich an das Leben gewöhnt haben, übrig bleiben. Wir machen das dadurch, dass wir uns Ziele setzen, was ja in der Evolution nicht zu erkennen ist. Ganz wichtig: Wenn man den Gedanken der Evolution anschaut, dann offenbart sie kein Ziel. Was im Übrigen auch bedeutet, dass die Evolution keine perfekten Formen des Lebens hervorbringt, sondern immer wieder fehlerhafte. Die müssen sich natürlich in jeder Situation neu anpassen.

Wir haben das ja vielleicht durch Lernfähigkeit kompensiert. Wir müssen nur schauen, wie weit diese Lernfähigkeit reicht, ob sie nicht irgendwann an ihre natürlichen Grenzen stößt. Durch ihre Evolution und dadurch, dass sie kein Ziel hat, hat die Natur natürlich auch nie etwas Fertiges. Alles, was da ist, wird sich weiterentwickeln. Es wird nicht zum Stillstand kommen. Wir versuchen, an diesem Prozess teilzuhaben, indem wir uns Ziele vorgeben und den Prozess selbst in die Hand nehmen.

Gefährliches Ziel: Wachstum

Die Ziele haben wir bis jetzt nie diskutiert, sondern wir haben sie einfach nur hingenommen. Die Frage ist, ob diese Ziele tatsächlich leicht erreichbar sind. Bis jetzt hatten wir nämlich ein Ziel, das eigentlich gar keins ist. Dieses Ziel nannten wir Wachstum. Wir haben alle Neuerungen, alle Errungenschaften, alle Entwicklungen unter dieses Konzept des Wachstums gestellt. Das ökonomische Ziel, das wir vorgeben und das wir auch heute noch hören, lautet: Der Umsatz muss wachsen, der Gewinn muss wachsen, die Zahl der Autos muss wachsen, die Zahl der Produkte muss wachsen. Es muss alles wachsen, immer wieder wachsen. Wachstum ist der eigentliche Motor. Wachstum generiert Arbeitsplätze, Wachstum generiert Steuereinnahmen, Wachstum, Wachstum, Wachstum... Selbst eine doch physikalisch informierte und wissenschaftlich orientierte Bundeskanzlerin hatte es sich nicht nehmen lassen, einen Arbeitskreis ins Leben zu rufen, der ‚Innovation und Wachstum‘ hieß.

Dabei wissen wir längst, dass uns Wachstum schaden kann. Wir können nicht weiter wachsen. Und selbst die alte Tante ‚FAZ’ hat in einem Artikel festgehalten, dass, wer heute noch Wachstum als Ziel vorgibt – als Wachstum der Wirtschaft, Wachstum der Umsätze – der müsste eigentlich als Selbstmordattentäter bezeichnet werden. Denn, wenn wir alle so weiter wachsen, wie wir das in den letzten 100 Jahren getan haben, dann ist der Planet „Erde“ in absehbarer Zeit restlos überfordert.

Nachhaltigkeit

Jetzt stellt sich die Frage, ob wir ein neues Ziel formulieren können? Ein neues Ziel hat schon einen Namen bekommen: „Nachhaltigkeit“. Das ist ein Ausdruck, der aus dem Englischen kommt, ‚Sustainability’. Wir verstehen inzwischen, dass wir nachhaltig wirtschaften müssten. Der einfache Gedanke stammt aus dem 18. Jahrhundert. Schon damals sollte die Forstwirtschaft nachhaltig in dem Sinne wirtschaften, dass sie nicht mehr Bäume schlägt, als nachwachsen, sodass immer genügend Bäume da sind.

Wie können wir aber Sustainability, die Nachhaltigkeit, erreichen? Passt das überhaupt zu unserer Natur? Unsere Natur ist evolutionärer Art. Nachhaltigkeit, die wir fordern, ist eine kulturelle Forderung. Die Frage ist, ob die Kultur, die wir fordern, mit unserer Natur verträglich ist. Darum wird es gehen.

Das Problem der Nachhaltigkeit ist in aller Munde, wird in aller Öffentlichkeit diskutiert, aber zum Teil mit einer merkwürdigen Dummheit. Im März des Jahres 2009 gab es eine von vielen Konferenzen gegen den Klimawandel. Diesmal fand sie in Kopenhagen statt. In deren Verlauf hat einer der führenden Politiker Dänemarks gemeint, das wäre ja alles ganz toll, man müsste jetzt endlich etwas entschließen. Ich zitiere aus einem Zeitungsartikel vom März 2009: „Ich hoffe“, so der dänische Minister, „dass sich die ganze Welt zusammenschließt und eine Erwärmung unseres Planeten von maximal 2°C als Ziel beschließt.“ Überlegen Sie einmal, wie viel Unsinn in diesem Satz steckt. Als ob wir entscheiden könnten, wie sich der Planet aufheizt. Als ob es irgendwo eine Instanz gibt, die sozusagen 2°C festlegt. Außerdem wissen wir gar nicht, was eine Erwärmung von 2°C bedeutet. Wir haben überhaupt keine Ahnung. Aber wir formulieren das als Ziel und haben dadurch das Gefühl, dass wir etwas getan haben.

Ich glaube, dass wir überhaupt nicht mit der richtigen Rationalität, mit dem richtigen Vermögen, die Entscheidungen zu treffen, ausgestattet sind.

Wir behaupten nur, wir könnten das. Aber hat uns die Evolution an dieser Stelle nicht gewaltig im Stich gelassen? Können wir lernen, wie wir eigentlich mit den Problemen umgehen müssen, die auf uns zukommen?

Egoismus und Altruismus

Wir müssen insgesamt verstehen, und das ist die große evolutionäre Aufgabe, wie das entsteht, was wir kooperative Sozialverbände nennen. Denn in dieser Form entscheiden wir. Der Einzelne entscheidet heute nichts mehr, wir entscheiden das in Staaten, in Institutionen.

Das fängt natürlich evolutionär gesehen mit der Familie an. Und die große Frage, wie Familien entstanden sind, wie sich Sozialverbände kooperierender Art gebildet haben, ist immer noch spannend. Wie dabei moralische Verhaltensweisen entstehen – die Moral, die den Verband zusammenhält, die den Verband stark macht, um nach außen zu bestehen. Die grundlegende Idee, die die Evolutionsbiologie dabei vertritt, ist, dass der Einzelne sich bemühen sollte, egoistisch zu sein. Er muss sich selbst in seiner Gruppe um seine eigenen Vorteile bemühen. Er muss schauen, dass er sich durchsetzt, er muss schauen, dass er den großen Anteil bekommt und dass er oder sie sich möglichst vermehrt.

Aber eine Gruppe ist nur dann erfolgreich, wenn es zusätzlich zu den Egoisten auch genügend Altruisten gibt, also solche, die sich für den Gesamtverband einsetzen, die eventuell ihre eigenen Ziele dem Gruppenziel unterordnen. Auf diese Weise wird eine Gruppe dann stark, wenn der egoistische Einzelne von altruistischen Anderen kooperiert wird. Die Frage ist nur, wer da wann welche Rolle übernehmen muss. Die spannende Frage ist, ob wir das heute in einer ganz neuen Gemeinschaft noch durchhalten können, diese beiden Pole des individuellen Egoismus und des kommunalen Altruismus, wo doch die ganze große Gemeinschaft das globale Dorf ist. Sind wir auf dieses globale Dorf vorbereitet? Wenn nicht, wie können wir uns in die Lage versetzen, die Probleme, die diese Globalisie-rung, diese Gesamtwelt mit sich bringt, in den Griff zu bekommen?

Klar ist natürlich, dass Evolution Gruppenverbände schafft. Das fängt mit der Familie an. Familie wird zu Dörfern, Clans entstehen, Städte entstehen. Einer der evolutionären Gedanken besteht darin, diese Strukturen immer größer zu machen. Denn das Individuum wird von der Evolution so ausgestattet, dass es irgendwann einmal beschließt – das ist meist in der menschlichen Entwicklung die Pubertätszeit – die Sicherheit der familiären Bindung oder der Gruppenbindung aufzugeben, um autonom zu werden.

Der Einzelne geht dann hinaus in die Welt. Er versucht, sein eigenes Leben aufzubauen, gründet seinen eigenen Hausstand. Er versucht sich zu entfernen. Je mehr Wesen da sind, desto weiter geht die Entfernung vonstatten, sodass wir die ganze Zeit globalisieren. Das gehört zur Natur des Lebens, dass es globalisiert, wobei klar ist, dass es nach wie vor lokal orientiert entscheidet und handelt. Tatsächlich ist es auch so: Wir reden zwar von einer globalen Welt, aber alle Handlungen, alle Entscheidungen, alle Planungen, die wir ausführen, sind lokal. Wenn wir zum Beispiel sagen, dass es auf dieser Welt ein Wasserproblem gibt, dass es für die Menschen global zu wenig Zugang zu frischem Wasser gibt, dann können wir dieses Problem auf keinen Fall global lösen. Wie wollen wir das machen? Sie können etwas nur lokal lösen. Sie können lokal in Baden-Württemberg oder lokal irgendwo in Nepal den Zugang zu Wasserquellen verbessern, aber Sie können nicht global das Wasserproblem lösen. Insofern ist es klar, dass insgesamt lokale Aktionen bleiben, obwohl globale Probleme auftauchen.

Die Farbe des Mondes

Aber trotzdem müssen wir uns natürlich fragen, wie wir globale Probleme erkennen. Obwohl bei uns eigentlich alles in schönster Ordnung ist. Nur an anderen Stellen tauchen Probleme auf. Wir müssen uns überlegen, wie wir uns aus den eventuell gegebenen evolutionären Schranken befreien können, um diese Probleme für die Gestaltung der Zukunft sinnvoll bearbeiten zu können.

Dass es Situationen gibt, dass es Bedingungen gibt, auf die uns die Evolution nicht vorbereitet hat, das kann man sich leicht klarmachen. Das einfachste Beispiel hat jetzt zunächst einmal nichts mit dem globalen Problem zu tun, dem wir heute gegenüberstehen, aber es zeigt, dass es Situationen gibt, in denen wir evolutionär bedingt völlig unfähig sind, eine Frage zu beantworten.

Als die ersten Astronauten auf dem Mond landeten, wollte die Bodenstation wissen, welche Farbe der Mond hat. Wenn Sie auf dem Mond stehen, können Sie die Farbe des Mondes nicht angeben, weil unser Farbsehen unter der Bedingung der Erde, unter der Bedingung einer Atmosphäre, unter der Bedingung des Einwirkens des Sonnenlichtes, das eine bestimmte Helligkeit hat, das eine bestimmte Atmosphäre durchdrungen hat, entwickelt ist. Unser Sehen ist hieran angepasst. Wenn Sie auf dem Mond stehen, versagt dieses Sehen, d. h. Sie sind nicht in der Lage, die Farbe des Mondes anzugeben.

Die Logik des Misslingens

Ähnlich gibt es Situationen, auf die wir nicht vorbereitet sind, die mit dem Stichwort Komplexität und Vernetzung bezeichnet werden können. Eine Zeit lang wurde, wenn Flugzeuge abstürzten oder Unglücke mit Eisenbahnen oder komplizierteren technischen Einrichtungen geschahen, in der Zeitung immer formuliert: „Die Ursache des Unfalls war menschliches Versagen“. Damit meinte man, dass der Pilot oder der Lokführer oder der Autofahrer nicht 17 Knöpfe gleichzeitig in die richtige Richtung bewegen konnte. Seitdem hat sich auch das Wort der Bedienerfreundlichkeit durchgesetzt.

Menschen, die unter einem gewissen Druck stehen, können höchstens einen Knopf oder vielleicht zwei richtig bedienen, sonst wird die ganze komplexe Situation viel zu schwierig. Das rückwärts Einparken ist schon eine sehr komplexe Situation und wenn Sie jetzt noch in einer Gefahrensituation plötzlich rückwärts ausweichen müssen, dann verwechseln Sie die Drehung des Lenkrades, Sie verwechseln vielleicht Gaspedal und Bremspedal. Auf diese Weise kommt es zu einem Unfall, den man dann menschliches Versagen nennt. Aber die Situation hat einfach unsere evolutionären Bedingungen überfordert. Wir sind nicht dazu gemacht,

17 Knöpfe auf einmal zu bedienen. Wir sind auch nicht dafür angelegt, nichtlineare Reaktionen von technischen Systemen beurteilen zu können. Wenn wir das mit unserem evolutionären Erbe aber trotzdem tun, dann tritt das auf, was die Psychologen gerne die Logik des Misslingens nennen.

Menschliches Versagen

Es gibt gute Gründe dafür, dass das große Unglück von Tschernobyl dadurch zustande gekommen ist, dass das Bedienungspersonal durch die Reaktionen der technischen Geräte völlig überfordert war. Die sind zwar in allem unterrichtet gewesen, was man in bestimmten Alarmsituationen tun muss. Aber ein expotentielles Verändern von Parametern oder ein sehr gravierendes Verändern von mehreren Größen ist – selbst, wenn man das gelernt hat – im Moment einer dramatischen Situation einfach nicht nachvollziehbar. Man ist aber gezwungen zu handeln und macht das dann prompt falsch.

Es gibt tatsächlich menschliches Versagen, wenn keine Bedienerfreundlichkeit, Benutzerfreundlichkeit gegeben ist. Wir sind eben nur zu bestimmten komplexen Handlungen in der Lage. Wir können auch nur bestimmte komplexe Situation zur Zukunftsprognose einsetzen.

In den 60er Jahren war die merkwürdige Idee aufgekommen, dass man überhaupt jede politische Entscheidung den Menschen abnehmen und den Computern übertragen sollte. Denn Computer können beliebig komplexe Software einsetzen, um dann irgendwelche Parameter auszurechnen, die in Zukunft das evolutionär bedingte Denkvermögen des Menschen übersteigen. Aber der Gedanke, dass Computerprogramme über zukünftige Entscheidungen bestimmen sollen, ist natürlich noch schlimmer. Man sieht ja zum Beispiel bei den Börsenbewegungen, dass das in die Katastrophe führen kann.

Wir haben auch noch andere Situationen, auf die uns die Evolution nicht vorbereitet hat, mit denen uns wissenschaftliche Fragestellungen konfrontieren. Wir haben überhaupt keine Vorstellung für kosmische Dimensionen. Wir können uns vielleicht eine Tagesreise vorstellen, aber wenn wir sagen, Licht bewegt sich mit 300.000 km/sec, ist es sinnlos, den Versuch zu machen, sich das vorzustellen. Und von Entfernungen in Lichtjahren zu sprechen, ist einfach nur nett.

Auch die Vorstellung von evolutionären Zeiten ist schwer: Milliarden Jahren der Entwicklung oder „die Dinosaurier haben 100 Millionen Jahren auf der Erde gelebt“. Das ist alles nett, das kann man rational sagen und Sie können das auch abfragen oder in der Schulprüfung damit durchfallen oder sie bestehen. Eine innerliche Vorstellung haben wir davon aber nicht.

Auch die Zahl der Menschen, mit denen wir zu tun haben, überfordert uns irgendwann. Es gibt gute Gründe, dass die Evolution uns dafür ausgestattet hat, etwa mit 150 Menschen gut umgehen zu können. Eine Gemeinschaft von 150 Menschen organisiert sich auf ihre besondere Weise. Aber sobald es mehr werden, muss man andere Strukturen einführen. Es wird anonymer und dadurch steigt auch die Zahl der Fremden, mit denen man zu tun hat.

Fremde kann man als die Personen definieren, die man nur einmal trifft und dann nicht wieder. Bei einem Fremden können Sie damit rechnen, dass Sie nie von ihm eine Revanche bekommen oder dass er sich an Ihnen rächen kann. Sie können in dem Moment, wo Sie mit einem Fremden umgehen, eigentlich lügen und betrügen so viel Sie wollen, denn Sie sehen ihn ja nicht wieder.

Das geht natürlich nicht in einem Dorf mit 150 Leuten, da sehen Sie alle immer wieder. Wir haben ja in der Umgangssprache den Satz eingeführt: „Man sieht sich immer zwei Mal“, also auch Fremde sieht man zwei Mal, da sollte man vielleicht doch besser aufpassen. Aber insgesamt sind wir auf diese große Zahl der Menschen, mit denen wir zu tun haben, nicht eingestellt.

Auch die Zahl der Menschen, die uns durch die Medien begegnen, ist nicht etwas, was uns evolutionär vorgegeben ist. Auch die Zahl der Informationen, die wir verarbeiten müssen, ist eigentlich völlig unbegreiflich.

Jedenfalls können wir nicht so ohne weiteres auf evolutionäre Bedingungen zurückgreifen, wenn wir mit diesen neuen Situationen, die uns die Kultur geschaffen hat, umgehen wollen. Es könnte sein, dass wir auf diese Weise evolutionäre Schranken bei der Betrachtung globaler Probleme haben. Darauf möchte ich jetzt hinaus. Die Frage ist: Wenn wir schon nicht evolutionär vorbereitet sind, können wir uns dann kulturell darauf vorbereitet empfinden?

Lernmodule

Sind Menschen also nur begrenzt lernfähig, können wir nicht alles lernen? Wenn Evolutionsbiologen oder überhaupt allgemein Biologen über Lernfähigkeit sprechen, dann sprechen sie von Lernmodulen, die es gibt. Wir haben ein Lernmodul für Musik, wir haben ein Lernmodul für Sprache, ein Lernmodul für Sport. Wir können auf alle möglichen Weisen etwas lernen und uns so gewissermaßen in einen Lebenskontext einführen. Ich kann musizieren, ich kann verschiedene andere Sprachen sprechen und ich kann mit diesem Gelernten sinnvoll existieren. Insofern hat man das Gefühl, dass uns Evolution lernfähig gemacht hat, um uns besser in den Gesamtkontext einer Gesellschaft einfügen zu können.

Die Frage ist natürlich, ob wir lernen, was wir lernen wollen oder ob wir lernen, was wir lernen sollen. Könnte es also nicht sein, dass uns die Evolution nur bestimmte Sachen zum Lernen gegeben hat, damit wir uns tatsächlich in ihrem Sinne - das heißt natürlich Vermehrung – zurechtfinden können.

Lernfähig, aber nicht belehrbar

Nehmen wir ein Beispiel: Wir haben doch schon seit den 1960ern und 1970er Jahren längst durch Zahlen gelernt, – das hat die Wissenschaft bewiesen, das hat die Politik bewiesen, das haben Filme bewiesen, das haben uns eigene Anschauungen bewiesen –dass wir zu viele Menschen auf der Erde sind. Dass viel zu viele Menschen auf diesem Globus leben. Wir haben dann diese schreckliche Zahl von 6 Milliarden gehört. Als in den 1960er Jahren das Jammern über die Bevölkerungsexplosion losging, wurde noch von 3 oder 4 Milliarden gesprochen. Inzwischen nähern wir uns der 7-Milliarden-Grenze. Bevölkerungswissenschaftler sprechen schon von 9 Milliarden, die dann irgendwann da sein werden. Abgesehen davon, dass wir uns so eine Zahl nicht vorstellen können, wissen wir trotzdem, dass wir irgendwie zu viele Menschen sind.

Wir haben also gelernt, dass wir auf Kinder verzichten sollen. Wir tun es aber nicht. Die Welt ist voller Fruchtbarkeitsrituale, überall kommen immer neue Menschen zur Welt. Man hat immer noch das Gefühl, dass die Zahl der Mitglieder, die eine Familie hat, auf die Qualität, Fruchtbarkeit und Stärke dieser Familie hinweist. Wir haben Fruchtbarkeitskliniken, wir haben künstliche Befruchtungsmaschinerie, wir tun alles, um die Zahl der Menschen möglichst zu vergrößern und wir freuen uns über jedes Kind, das geboren wird.

Ich freue mich über meine Enkel und ich möchte noch viel mehr davon haben. Das war von Anfang an der Fall. Die Menschen, die über die Notwendigkeit einer Bevölkerungseinschränkung gesprochen haben, also schon im 18. Jahrhundert, hatten selbst 10 oder 12 Kinder.

Auf der einen Seite denke ich, richtig, wir haben gelernt, dass es zu viele Menschen gibt. Aber ich bin nicht belehrbar. Ich will einfach die Kinder haben, das gehört zu meiner biologischen Grundausstattung, und ich kann einfach nicht darauf verzichten. Die Idee, gelernt zu haben, dass wir zu viele Menschen sind, taugt also nichts. Die Unbelehrbarkeit beim Bedürfnis nach Nachwuchs bleibt bestehen. Selbst, wenn ich gewissermaßen die Türe zur Lösung des Bevölkerungsproblems öffne – ich gehe nicht hin durch, weil das nicht meiner biologischen Natur entspricht.

Eine andere Geschichte, die wir alle kennen, ist die Idee der Nachhaltigkeit, die an uns herangetragen wird. Sie bedeutet, jetzt auf etwas zu verzichten, um in der Zukunft einen Vorteil zu haben. Aber die Zukunft ist sehr abstrakt. Die Zukunft ist sehr weit weg und die Nachwelt ist noch weiter weg. Es gibt diesen schlichten und einfachen Satz, der evolutionäre Bedingungen gut anspricht: „Was soll ich denn für die Nachwelt tun, die hat ja auch für mich nichts getan?“

Dieses Austauschprinzip wird also verletzt und ist nicht mehr da. Es ist ausgesprochen schwierig, nicht einem Einzelnen, sondern einer Gruppe, einer Gemeinschaft, einem Staat zu erläutern, dass er kurzfristige Vorteile hinten anstellen soll, um langfristige Gewinne zu erwarten. Denn die sind ja erstens nicht sicher, zweitens habe ich sie nicht vor Augen und drittens habe ich vielleicht ganz konkrete andere Probleme.

Dass wir noch heute so denken, zeigen die politischen Reaktionen, nachdem sich in jüngster Zeit die Politiker endlich auf eine große Klima-Rettung geeinigt und bestimmte Maßnahmen beschlossen hatten. Dass bestimmte Dinge getan werden sollen, um langfristig eine gefährliche Erderwärmung zu verhindern.

Da kamen die ersten Nachrichten von der Arbeitslosigkeit in der Automobilindustrie. Sofort haben die entsprechenden Politiker gesagt: Dann muss das langfristige Ziel des Klimaschutzes gegenüber dem kurzfristigen Ziel der Schaffung von Arbeitsplätzen in der Automobilindustrie hinten anstehen.

Und genauso ist es auch passiert, genauso wird es weiterhin passieren. Es wird in jedem Wahlkampf so laufen. Im Wahlkampf kann man Ihnen nicht sagen: „Wenn Sie jetzt auf Lohn verzichten, wenn Sie jetzt auf Ihren Arbeitsplatz verzichten, wenn Sie jetzt bestimmte Verzichte hinnehmen, haben wir das Problem in 20 Jahren gelöst.“ Dann werden Sie diesen Politiker nicht wählen, weil der Kandidat von der anderen Partei Ihnen kurzfristige Verbesserungen versprechen wird.

Wir werden auf dieses Problem noch zurückkommen und überlegen, was man daran ändern kann.

Die Tragik der Allmende

Eine andere Situation, auf die wir nicht vorbereitet sind, ist die, wenn es um etwas geht, das alle nutzen können oder müssen. Also ein Gemeingut, wie man sagt. Wenn dieses Gemeingut, die Natur, Flüsse, Wälder oder die Luft durch Eigeninteresse bedroht oder vernichtet wird. Das ist zum ersten Mal 1968 durch den amerikanischen Ökologen Garrett James Hardin beschrieben worden. Er hat das als ‚Tragedy of the Commons‘ beschrieben. In Deutsch sagt man „das Problem der Allmende“, dass ein Gemeingut durch Eigeninteresse ausgebeutet wird. Die Menschen nutzen das gnadenlos aus.

Die Industrie hat die Luft verschmutzt, weil das kostenlos war. Sie hat die Flüsse benutzt, weil das kostenlos war. Das alles ist Gemeingut gewesen. Sie hat es im Eigeninteresse ausgenutzt, sie hat dadurch Profite gemacht. Aber sie hat etwas ausgenutzt, das allen gehört.

Jetzt stellt sich die Frage, wie ich dafür sorgen kann, dass das anders gemacht wird, dass das Gemeingut erhalten bleibt, selbst wenn ich versuchen will, für mich den größtmöglichen Profit herauszuschlagen. Wie kann ich dafür sorgen, dass das natürlich angelegte, egoistische Zugreifen auf das Gemeingut altruistischen Modellen weicht?

Eine Möglichkeit, die sich in den letzten Jahren entwickelt, besteht darin, dass man nicht so sehr die Qualität der wirtschaftlichen Produktivität hervorhebt, sondern die Reputation, die ein Unternehmen hat, mit dem Gemeingut umzugehen. Es könnte gut sein, dass derjenige, der die Reputation gewinnt, umweltfreundlich zu sein, Bioprodukte herzustellen, von der Öffentlichkeit anerkannt wird und auf diese Weise die gesamte Wettbewerbsfähigkeit in Hinblick auf eine Gewinnmaximierung zurückgeführt wird.

Es ist zum ersten Mal der Gedanke aufgekommen, dass dieses alte Prinzip des „Shareholder Value“ vielleicht großer Unsinn ist. Selbst der eigentliche Erfinder dieser Idee, der amerikanische Manager Jack Welch hat gesagt, das wäre die dümmste Idee seines Lebens gewesen. Man könne eben nicht auf Gewinnmaximierung abzielen, sondern müsse Wettbewerbsfähigkeit erhalten. Wettbewerbsfähigkeit erhält man dadurch, dass man ein gewisses Ansehen hat.

Ideal wäre, dass zukünftig die Reputation eines Unternehmens von seinem altruistischen, auf Gemeinguterhaltung angelegten Verhalten abhinge und dies die Menschen in ihrem Konsumverhalten beeinflusste. Dann könnten wir tatsächlich eine Verbesserung unserer Ausgangslage erreichen und über Zukunftserhaltung und Nachhaltigkeit besser nachdenken.

Es ist ein ganz wichtiger Punkt, uns darüber klar zu werden, dass wir zwar sehr weitgehend und umfassend lernfähig sind – Ich habe ein paar Beispiele dazu genannt – aber dass es insgesamt in uns Beschränkungen gibt.

Wir können wirklich nicht alles lernen, man kann uns auch nicht alles beibringen. Wir müssen eine gewisse Naturvorgabe haben. Die muss aber in einer Kultur umgesetzt werden, um anwendungsfähig zu sein.

Angst vor Schlangen – keine Angst vor Blumen

Das einfachste Beispiel – es gibt kompliziertere – an dem man das zeigen kann, ist eine Sache, die wir eigentlich von Natur aus tun sollten, aber trotzdem lernen müssen: unsere Angst vor Schlangen. Wenn wir eine Schlange sehen, springen wir weg. Das tun wir, obwohl wir kaum einer begegnen. Aber wenn jetzt plötzlich eine Gummischlange auf dem Boden vor uns liegt, springen wir trotzdem weg. Man hat früher immer gedacht, dass das in unserem genetischen Material fixiert ist. Das ist aber nicht so. Wir springen nicht vor Schlangen weg, weil das von den Genen so vorgegeben ist, sondern wir springen weg, weil wir jemanden gesehen haben, der vor Schlangen weggesprungen ist. Das ist etwas, was wir lernen können. Wir sehen eine vernünftige Verhaltensweise und verhalten uns danach.

Jetzt stellt sich die Frage: Gibt es eine Grenze des Lernens durch dieses vernünftige Sehen?

Das ist in einem wunderbaren Experiment mit Primaten untersucht worden. Bei Affen kann man unterscheiden zwischen solchen, die in einem Gehege, also in Gefangenschaft aufwachsen, und solchen, die in der freien Wildbahn aufwachsen. Bei beiden ist klar, das wurde gezeigt, dass sie zunächst keine Angstreaktion vor Schlangen zeigen. Aber die Schimpansen in der freien Natur zeigen dann irgendwann doch die Reaktion, vor Schlangen wegzuspringen, aber nur deshalb, weil sie andere gesehen haben, die das taten.

Jetzt kann man folgendes Experiment machen: Man zeigt den Affen, die in Gefangenschaft aufwachsen, ein Video, auf dem sie einen anderen Affen sehen, der vor einer Schlange wegspringt. Und tatsächlich, beim nächsten Mal, wenn man diesem Affen eine Schlange in das Gehege legt, springt er vor dieser Schlange weg, selbst, wenn sie nur ein Gummispielzeug ist. Jetzt werden Sie fragen: Warum macht man das mit einem Video?

Der Trick besteht darin, dass man das Video manipulieren kann. Man kann jetzt einem Affen, der in Gefangenschaft aufgewachsen ist, dasselbe Video zeigen, nur dass die Schlange durch eine Blume ersetzt worden ist. Jetzt sieht also ein Affe, wie ein anderer Affe vor einer Blume wegspringt. Vorher hat der Affe gesehen, wie ein Affe vor einer Schlange wegspringt und er tut das auch. Jetzt sieht der Affe, wie ein Affe vor einer Blume wegspringt. Tut er das auch? Die Antwort ist: nein.

Daraus kann man schließen, dass wir von unserem konstitutiven, genetischen Material vor Dummheiten geschützt werden. Wir können nicht alles lernen, wir können auch nicht alle Fehler machen. Wir springen eben nicht vor Blumen weg, obwohl das in dem berühmten Roman ‚Brave New World‘ – ‚Schöne neue Welt’ – von Aldous Huxley genauso suggeriert wird. Da wird Kindern beigebracht, Angst vor Blumen zu haben und im Roman wird behauptet, das ginge. Tatsächlich jedoch geht das nicht.

Man kann Ihnen keine Angst vor Blumen beibringen und wir können vor bestimmten Sachen trotz aller Eintrichterung durch die Medien keine Angst bekommen.

Die Sache, vor der wir überhaupt keine Angst bekommen – und genau das fehlt uns – ist die lautlose sowie geruchs- und konturlose Katastrophe, die sich vor unseren Augen abspielt.

Die lautlose Katastrophe lässt uns kalt

Wenn Sie von hinten auf die Schulter geklopft werden, schrecken Sie zusammen. Von hinten haben wir Angstreaktionen, aber von vorne nicht. Vor Ihnen kann sich eine Katastrophe abspielen, vor allen Dingen lautlos, und Sie reagieren gar nicht darauf.

Die Natur kann vor Ihnen zerfallen, die Arten können vor Ihnen sterben, die Flüsse können in aller Ruhe vor Ihnen vergiftet werden, es macht keine Angst. Das kann man uns nicht beibringen, wir sind eben auf solche Situationen nicht vorbereitet. Die Evolution hat uns den Mechanismus, an dieser Stelle erregt zu sein, nicht gegeben. Nur manchmal sind wir erregt, wenn tatsächlich plötzlich ein Wald stirbt oder ruiniert ist oder wenn wirklich Menschen durch vergiftete Flüsse sterben. Aber wenn das nur weit genug entfernt ist, beruhigen wir uns schnell wieder.

Wir können uns also an ganz bestimmte Sachen nicht richtig anpassen. Wir bekommen keinen Schrecken, wenn vor uns lautlos die Welt einfach zugrunde geht. Und das bedeutet natürlich, dass wir auch vor dem Klimawandel keine Angst kriegen.

Der spielt sich lautlos vor unseren Augen ab. Das stört uns nicht wirklich. Wir sind besorgt, aber es bewegt uns nicht. Es bewegt uns jedenfalls nicht so sehr wie ein verschossener Elfmeter in einem wichtigen Fußballspiel. Der trifft unsere Emotionen unmittelbar.

Wir erfahren auch in aller Ruhe von der Überfischung der Ozeane, davon, dass bestimmte Regionen so überfischt sind, dass nichts mehr nachwächst. Und wir hören ununterbrochen von Ressourcenverschwendungen. Wir erfahren, dass wir viel zu viele Sachen kaufen und haben, die wir nicht gebrauchen. In einer Umfrage wurden Leute gebeten, 10 Tage lang zu beobachten, welche von den Dingen, die sie in ihren Zimmern haben, sie eigentlich benutzen. Das Ergebnis: Weniger als fünf Prozent. Das heißt, wir könnten 95 % der Dinge, die wir haben, einfach zurückgeben. Das tun wir aber nicht. Es stört uns nicht weiter. Es bewegt uns nicht.

Was geht schief bei uns?

Wir verschwenden die Ressourcen, und es stört uns nicht. Wir lassen den Klimawandel zu, das stört uns auch nicht weiter. Uns entsetzt nicht, dass die Ozeane überfischt werden. Wir haben ja auch kein direktes Problem damit. Wenn uns jemand sagt, dass ein Gewässer umkippt, dann suchen wir nach einem Schuldigen oder fragen nach der Kausalität. Der Schuldige ist außerhalb von uns. Wir sehen die Kausalität nicht. Uns wird da irgendetwas erzählt, aber der Prozess findet so langsam vor unseren Augen statt, dass wir es nicht wahrnehmen können.

Wir wissen auch nicht, wie wir in die Zukunft hinein handeln sollen. Wir wissen doch nur, dass das Handeln in die Zukunft unsicher ist. Jetzt soll ich zukunftsorientiert handeln, aber ich weiß nicht, ob das richtig ist. Das sagt mir ja auch niemand. Es gibt keine vertrauenswürdige Institution, die mir das sagt. Und die Versprechungen dieser Gläubigen und Weisen sind alles leere Versprechungen, von denen ich meine, dass sie sowieso nicht umsetzbar sind.

Und ich müsste, wenn ich jetzt handle, ohne dass ich die Kausalität kenne, ohne dass ich einen Schuldigen kenne, auch noch für Fremde handeln, die ich gar nicht kenne. Die ich persönlich nicht kenne und die für mich nichts tun. Wie soll ich das alles machen?

Wir sind in eine Lage gekommen, in der wir eine Handlung vornehmen sollen, ohne dass wir die klassischen Motive für diese Handlung in uns vorfinden.

Jetzt gibt es Vorschläge, wie man eventuell diese Probleme angehen könnte. Die einfachste Sache ist natürlich, dass man darauf hinweist, dass wir weniger Fleisch essen sollten. Dann bräuchte man weniger Rinder, die Rinder bräuchten weniger Futter, folglich bräuchte man weniger Anbaufläche. Die könnte dann in ganz anderer Weise in der Dritten Welt genutzt werden.

Wir wissen ja heute, dass die Produktion von Fleisch mehr Energie verbraucht, als sie uns letzten Endes bringt. Wir haben also das Gefühl, dass wir auf Fleisch verzichten sollten. Aber irgendwie tun wir es nicht.

Es scheint so zu sein, dass zu unserer evolutionären Geschichte der erfolgreiche Übergang von der pflanzlichen zur fleischlichen Nahrung gehört, dass das in uns immer noch als Bedürfnis vorherrscht und dass das Verspeisen eines anständigen Steaks zu unseren Grundbedürfnissen gehört. Da sind wir einfach unbelehrbar, obwohl wir gelernt haben, dass das von der energetischen und ökologischen Bilanz her völlig unsinnig ist.

Die andere Sache ist, dass wir längst vergessen haben, was wir eigentlich wollen. Nehmen wir zum Beispiel den Rasenmäher. Wollen Sie wirklich einen Rasenmäher besitzen? Die Antwort heißt: nein. Was Sie wollen, ist ein kurzer Rasen. Sie wollen Ihren Rasen geschnitten haben. Sie können auch fragen: Will ich wirklich ein Auto besitzen? Die Antwort ist: nein. Sie wollen nur mobil sein. Aber warum haben Sie dann ein Auto? Warum besorgen Sie sich nicht jemanden, der die Mobilität macht? Warum sorgen wir nicht dafür, dass die Mobilität zum Beispiel durch Carsharing gesichert wird? Oder dass eine Wohnsiedlung einen Rasenmäher hat, der in der Mitte steht und von der Gemeinschaft benutzt wird.

Braucht jeder eine Waschmaschine? Sie wollen ja nicht eine Waschmaschine besitzen, sondern saubere Wäsche haben.

Warum kann man das nicht so organisieren, dass irgendwo zentral gewaschen wird? Irgendwer mäht den Rasen und irgendwer sorgt für die Mobilität. Nicht jeder muss ein Auto haben, nicht jeder muss einen Rasenmäher haben.

Wenn Sie so denken, wissen Sie genau, dass Sie morgen die Industrie ruinieren. Denn die Industrie ist so angelegt, dass wir immer mehr kaufen, Das ist das Wachstumsideal, das wir anstreben – und die Politik fördert das ja, weil es um die Arbeitsplätze geht.

Also kaufen wir Sachen, die wir nicht wollen, von denen uns aber gesagt wird, dass wir sie brauchen und dass unsere Wirtschaft durch unseren Konsum davon abhängt. Das, glaube ich, ist genau der entscheidende Punkt, der schief geht.

Jetzt stellt sich die Frage: „Wie kann man dafür sorgen, dass wir zu mehr Nachhaltigkeit kommen? Die einzige Chance, die wir formal haben, ist, doch noch an die Lernfähigkeit der Menschen zu appellieren. Ihnen irgendwie zu sagen, dass sie sich nicht die richtigen Wünsche erfüllen.

Sie wollen ja, wie gesagt, keine Waschmaschine besitzen, sondern sie wollen saubere Wäsche haben. Sie wollen ja nicht ein Auto haben, sondern sie wollen in einer bestimmten Geschwindigkeit ein bestimmtes Ziel erreichen. Das kann man eventuell auch anders erreichen, als über ein so kompliziertes Modell.

Nachhaltigkeit muss gelernt werden

Das muss man erst einmal beigebracht bekommen, da muss man etwas erlernen. Und wir müssen natürlich insgesamt in der Lage sein, den Politikern, die wirklich nachhaltig denken und vorgehen wollen, zu glauben. Wir müssen sagen, dass die Politiker das richtige Ziel haben, wenn sie kurzfristige Vorteile zugunsten langfristiger Optionen opfern.

Die Politiker wiederum werden das nur machen, wenn sie von uns dazu gezwungen werden oder auch uns vertrauen können. Wir zwingen die Politiker nur dazu, wenn wir die entsprechenden Kenntnisse haben, wenn wir entsprechend gebildet sind. Wir zeigen Ihnen unser Vertrauen, wenn wir sie wählen.

Ein großer Schritt in diese Richtung wäre ein Bildungsprogramm, das den Leuten Nachhaltigkeit nahe bringt. Es gibt dazu ein Programm mit dem Namen ‚Mut zur Nachhaltigkeit‘. Man kann es im Internet unter der Adresse einer Stiftung finden, die sich ‚Forum für Verantwortung‘ nennt. Sie brauchen nur dieses Stichwort einzugeben und können das dann finden. Dieses Programm will niemandem beibringen, ärmlich und mühsam durchs Leben zu gehen, sondern nur zu überlegen, ob für das, was er tatsächlich für sein Leben braucht, was das Glück in seinem Leben ausmacht, wirklich Wirtschaftswachstum notwendig ist.

Grundsätzlich müssen wir uns umstellen. Wir wissen, dass wir nur einen Planeten haben. Die Art, wie wir im Augenblick Ressourcen verbrauchen, wie wir die Energie verbrauchen, setzt mindestens einen zweiten Planeten voraus, den es auf keinen Fall gibt.

Die Frage ist: Wie können wir unseren Lebensstil umstellen? Eine andere Frage ist diesem Zusammenhang zu berücksichtigen: Nachdem wir die Kultur der Nachhaltigkeit, die Kultur des Wissens, die Kultur der Ökologie verstanden haben und wir uns mit Wachstum falsch orientieren, legen wir uns nicht ein Verhalten auf, nicht ein Benehmen, das unserer Natur widerspricht?

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0+
Дата выхода на Литрес:
30 июля 2025
Объем:
124 стр. 8 иллюстраций
ISBN:
9783831256068
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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