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Eriksson
Bleierne Schatten

Erik Eriksson
Bleierne Schatten
Kriminalroman
Übersetzt aus dem Schwedischen
von Nicola Jordan

© 2011 Oktober Verlag, Münster
Der Oktober Verlag ist eine Unternehmung
des Verlagshauses Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster
www.oktoberverlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Originaltitel: Järnskuggan
Übersetzung aus dem Schwedischen: Nicola Jordan
Satz: Monsenstein und Vannerdat
Umschlag: Tom van Endert
unter Verwendung eines Fotos von www.photocase.de/ruanorosa
eBook-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmund www.readbox.net
ISBN: 978-3-941895-10-2
UND DIE UHR SCHLUG
1.
Marika hatte Sara geraten, das Geld vorher zu verlangen, sonst könnte er sie reinlegen.
Trotzdem vergaß sie es, aber es war ja auch das erste Mal. Der Kerl hatte abends angerufen, als Sara in ihrem Zimmer saß. Er sagte, dass er ihre Nummer von Marika bekommen hätte, und dass sie sich ein bisschen Geld verdienen könne, wenn sie zu ihm nach Hause käme. Er wohnte im Klackaväg in Solberga.
»Dreihundert«, hatte Sara gesagt, und er hatte geantwortet, dass das okay sei.
Sara wusste, wo er wohnte. Als sie und Marika einmal an dem Haus vorbeigingen, hatte Marika davon erzählt. Doch, es wäre schon eklig, aber eine einfache Art, Geld zu verdienen.
Sara ging an einem Dienstag nach der Schule hin. Er bat sie, sich neben ihn aufs Sofa zu setzen. Sie brauchte sich nicht auszuziehen, das wollte er nicht, oder jedenfalls sagte er nichts davon. Das war gut, denn sie hatte sich vorher Sorgen deswegen gemacht.
Sie saß so weit wie möglich von ihm entfernt, mit ausgestrecktem Arm, und machte es.
Er schaute sie nicht an und sie schaute ihn nicht an. Als es vorbei war, schob er ihre Hand weg. Sie stand auf und wischte sich die Hand am Sofabezug ab, denn das Klebrige war an ihre Finger gekommen. Dann verlangte sie das Geld.
»Es liegt in der Küche unter der Zeitung«, sagte er.
Sie ging in die Küche, wo eine Illustrierte mitten auf dem Tisch lag. Sie hob die Zeitschrift hoch. Darunter lagen zwei zusammengefaltete Hunderter.
»Es sollten aber dreihundert sein«, sagte sie.
Er blieb im Wohnzimmer sitzen. Sie ging nicht zu ihm hinein, sondern blieb in der Küche und sagte noch einmal, dass sie sich aber auf dreihundert geeinigt hätten. Er hätte es versprochen, als er anrief.
»Zweihundert sind genug«, sagte er.
»Verdammter Scheißkerl«, antwortete sie.
Sie ging in den Flur hinaus. Dort hingen ein Mantel und ein Schal. Sie spuckte auf den Mantel und zog den Schal auf die Erde, bevor sie die Tür öffnete und ging. Die Tür ließ sie offen stehen. Vielleicht würde jemand kommen und reinschauen und sehen, dass er mit heruntergezogener Hose dasaß.
Um halb fünf fuhr Sara mit dem Pendelzug von Älvsjö zum Hauptbahnhof. Sie rief Marika an und fragte, ob sie sich nicht treffen könnten, um einen Hamburger zu essen und ein bisschen herumzulaufen.
Danach rief sie ihre Mutter an und sagte, dass sie mit einigen Klassenkameraden in der Schule bleiben und eine Gruppenarbeit für Erdkunde durchgehen wolle.
»Wir bekommen Brote und sowas von unserer Klassenlehrerin«, sagte sie.
»Lass es aber nicht so spät werden«, meinte ihre Mutter.
»Nein, ich bin spätestens um halb neun zu Hause.«
»Wollt ihr so lange arbeiten?«
»Ich habe versprochen, hinterher noch in der Bibliothek zu helfen. Wir wollen Bücher über Afrika heraussuchen, die wir dann mit der Klasse lesen.«
»Okay, aber komm hinterher schnell nach Hause.«
»Ganz bestimmt.«
»Pass auf dich auf! Küsschen.«
Es war Viertel nach fünf, als sich Sara und Marika vor Åhléns trafen. Sie gingen die Treppe zum Wartesaal beim Kiosk hinunter. Dort standen eine Menge Leute. Sie unterhielten sich in kleinen Gruppen, einige rauchten, und andere tranken Bier aus Dosen, aber es war niemand da, den Sara wiedererkannte. Sie blieben eine Weile dort, und Sara fragte Marika nach Zigaretten.
»Ich kaufe welche«, meinte Marika.
Sie ging zum Kiosk und verlangte eine Schachtel Marlboro. Der Mann im Kiosk schaute sie etwas fragend an, sagte aber nichts, sondern gab ihr die Schachtel.
Sie zündeten sich gerade ihre Zigaretten an, als zwei Polizisten von der Platte hereinkamen. Sara hielt ihre Zigarette hinter dem Rücken versteckt, während Marika auf den Ausgang zuging. Die Polizisten hatten anderes zu tun, als in die Richtung der Mädchen zu blicken, aber da Marika schon auf dem Weg nach draußen war, fand Sara, dass sie ihr ebenso gut folgen konnte.
Die Platte war die ganze Woche über frei von Schnee gewesen. Es waren ein paar Grad plus. Früher am Tag hatte es genieselt, aber nun war alles wieder trocken. Dies war einer der warmen Zeitabschnitte in diesem launischen Winter, der entweder Massen von Schneematsch und fallende Eiszapfen oder milde Wochen mit Sonne und Südwind brachte.
Sie gingen eine Runde über die Platte, sahen aber niemanden, den sie kannten. Sara wurde allmählich hungrig und schlug vor, dass sie zu McDonald’s in der Sergelsgata gehen sollten.
Sie aßen beide einen großen Burger und tranken Coca Cola. Sara nahm eine Apfeltasche zum Nachtisch.
»Warst du bei diesem Kerl?«, fragte Marika.
»Ja«, antwortete Sara.
»Hast du das Geld bekommen?«
»Nur zweihundert.«
»Der alte Geizhals, ich bekomme immer dreihundert.«
»Ich weiß.«
»Sieh zu, dass du zuerst das Geld bekommst. Denk nächstes Mal daran.«
»Ich weiß nicht, ob ich noch mal hingehe.«
»War er eklig?«
»Ja, verdammt nochmal, obwohl er nichts gemacht hat. Aber es war trotzdem eklig.«
»Man muss an was anderes denken. Es geht ja ziemlich schnell.«
»Mmh.«
»Wollen wir gehen?«
Sie gingen zurück zu Åhléns, ins Warenhaus hinein, blieben stehen und schauten zu, wie ein rothaariges Mädchen in der Parfümabteilung geschminkt wurde. Es handelte sich um eine Art Werbeaktion. Das Mädchen war vielleicht siebzehn, drei Jahre älter als Sara und Marika.
Lippenstifte und kleine Döschen mit Lidschatten lagen auf der Theke neben der Kosmetikerin, die damit beschäftigt war, eine dünne Schicht blauer Farbe auf die Augenlider des rothaarigen Mädchens aufzutragen. Sara nahm einen der Lippenstifte, schaute ihn an, schraubte ihn auf, roch daran, machte einen kleinen roten Strich auf den Handrücken und legte den Lippenstift zurück auf die Theke.
Niemand beachtete Sara, alle schauten auf das Mädchen auf dem Stuhl der Kosmetikerin.
Als Sara den Lippenstift zurücklegte, nahm sie gleichzeitig einen anderen, verbarg ihn in der Hand und trat einen Schritt zurück, um einige andere Mädchen vorzulassen, die ebenfalls zusehen wollten.
»Wir hauen ab«, flüsterte sie Marika zu.
Sie nahmen die Rolltreppe hinauf in die Damenabteilung. Sara steckte den Lippenstift in ihre kleine schwarze Schultertasche. Bevor sie die Hand wieder herauszog, fühlte sie das Handy und das Teppichmesser, das harmlos mit eingezogenem Blatt in der Tasche lag.
Marika wollte eine Jacke anprobieren. Sie griff nach drei taillenlangen, glänzenden Modellen, eins in Rosa und zwei in Dunkelbraun. Dann zeigte sie sie der Verkäuferin vor den Umkleidekabinen.
»Ganz hinten ist noch frei«, sagte die Verkäuferin.
Sie gingen in die Kabine. Marika zog sich um, und auch Sara probierte eine der dunklen Jacken an.
»Ich will nur eine schwarze haben«, sagte sie.
»Willst du eine kaufen?«
»Nein, meine alte geht noch.«
Sara hatte eine enge, taillenlange Jacke an, unter der sie einen dunkelroten Pullover trug. Die Hose war schwarz und die Schuhe ebenfalls, mit Ausnahme der Außenseiten der Sohlen, die grün waren.
Ihr kurzgeschnittenes Haar war dunkelbraun mit einem leicht roten Ton. Es war ihre natürliche Farbe, aber sie war ihr nicht dunkel genug. Vielleicht sollte sie es schwarz färben.
Marika hatte eine dunkelrote Jacke, die etwas länger als Saras war. Beide Mädchen hatten kleine Schultertaschen.
»Die Jacken hier sind nichts«, sagte Sara.
»Ich weiß nicht«, meinte Marika.
»Hol ein paar andere«, entgegnete Sara.
»Nein, wir gehen wieder.«
Sara hielt die rosa Jacke hoch. Sie war wirklich hässlich und dazu noch teuer, zweitausendeinhundert Kronen.
»Was für eine verdammt hässliche Jacke«, sagte sie.
Marika nickte. Sara ließ die Jacke auf den Boden fallen. Sie öffnete ihre Tasche, nahm das Messer, drückte das kurze dreieckige Blatt heraus, hob die Jacke wieder hoch und zog einen Ärmel auf links. Dann schnitt sie langsam mit dem Messer an dem glatten Stoff auf der Innenseite des Ärmels entlang. Als die Fäden rissen, war ein schwach knisterndes Geräusch zu hören, ein langgezogenes Raaaatsch.
Sie zog auch noch den anderen Ärmel auf links und machte einen ebensolchen Schnitt, aber nun zog sie das Messer etwas schneller. Das Geräusch war nicht so deutlich, nicht so herausfordernd.
Sie versuchte es noch einmal, aber jetzt war das Futter lose, sodass sie mit dem Blatt keinen Halt mehr bekam.
Das musste reichen. Sara drehte die Ärmel wieder auf rechts und betrachtete die Jacke. Es war nichts zu sehen. Dann tauschten sie ihre Jacken. Das machten sie manchmal. Marika mochte Saras schwarze Jacke und überlegte, genauso eine zu kaufen.
Sie verließen die Kabine und gaben die drei Jacken einer Verkäuferin, die sie, ohne etwas zu sagen, auf einen Wagen legte. Sie war gerade mit einem anderen Kunden beschäftigt und nahm kaum Notiz von Sara und Marika.
Sara hatte das Messer noch in der Hand. Das Blatt war reingeschoben, niemand sah, was sie da versteckte. Bevor sie die Abteilung verließen, blieben sie an einigen Ständern mit Kleidern und Röcken stehen. Sie schauten sich die Teile an, nahmen sie herunter und hängten sie wieder zurück.
Als Sara die Hand zwischen einige dicht an dicht hängende Seidenröcke schob, fingerte sie mit dem Daumen das Messerblatt heraus. Dann zog sie das Blatt langsam von oben nach unten an einem dünnen lila Seidenstoff entlang. Und wieder fühlte sie den schwachen Widerstand, als die Fäden zerschnitten wurden, das fast unhörbare reißende Geräusch, den Weg der kurzen Stahlschneide durch den Stoff.
So einfach war das, so unglaublich leicht und problemlos. Sie tat, was sie wollte, und niemand konnte sie hindern. Sie wollte am liebsten weitermachen, aber Marika zog leicht am Riemen ihrer Schultertasche und flüsterte, dass sie jetzt gehen müssten.
Der Freitag dieser Woche war der wärmste Tag des Winters. Sara ging nach dem Mittagessen nicht wieder zur Schule. Sie hatte vor, eine Entschuldigung mit dem Namen ihrer Mutter zu schreiben und am Montag abzugeben. Das hatte sie auch früher schon getan.
Sie nahm den Pendelzug in die Stadt, lief eine Weile herum und fuhr dann zurück nach Älvsjö.
Nachmittags ging sie zu ihrer Schwester Hanna nach Hause. Sie hatte einen eigenen Schlüssel, aber sie rief immer vorher an. Hanna arbeitete in der Stadt, manchmal abends, und dann schlief sie tagsüber.
Sara rief an, aber es nahm niemand ab. Nach einer Viertelstunde rief sie noch einmal an. Auch dieses Mal keine Reaktion.
Hanna hatte eine Wohnung am Telefonplan in Hägersten, direkt hinter dem großen Bürogebäude von Ericsson. Von der Schule in Solberga aus dauerte es zu Fuß eine Viertelstunde dorthin.
Sara klingelte ein paar Mal an der Tür und wartete sicherheitshalber eine Weile, bevor sie die Tür aufschloss, für den Fall dass Hanna schlief. Es kam vor, dass Hanna tief und fest schlief, wenn sie Tabletten genommen hatte. Sara wusste, dass Dosen mit Tabletten im Badezimmerschrank standen. Sie kannte sich in der Wohnung aus, weil sie dort manchmal in der Bettnische neben der Küche schlief.
Mitten in der Nacht oder früh am Morgen konnte das Telefon klingeln. Sara wachte beim kleinsten Geräusch auf und hörte das Handyklingeln aus Hannas Zimmer. Es klingelte oft viele Male, bevor Sara die gedämpfte Stimme ihrer Schwester hörte.
Einmal hatte Sara gefragt, wer so spät noch anrief, aber Hanna hatte eine ausweichende Antwort gegeben. Eigentlich konnte es Sara egal sein, wer es war. Es hatte bestimmt mit der Arbeit ihrer Schwester zu tun. Hanna mischte sich nicht in Saras Angelegenheiten ein, und da hatte sie wohl auch kein Recht, ihre Schwester auszufragen.
Aber sie hätte es doch gern gewusst.
Hanna besaß ein normales Telefon mit Anrufbeantworter und Fax und zwei Handys. Von einem der Handys hatte Sara die Nummer. Auch ihre Mutter kannte diese Nummer, und ebenso Hannas alte Freunde in Älvsjö und Solberga.
Das andere Handy war von der Arbeit, hatte Hanna gesagt.
Sara wusste, dass Hanna mit Menschen arbeitete; sie war so eine Art Hostess, die sich um Leute kümmerte und ihnen die Stadt zeigte, sie zu Festen begleitete und solche Sachen.
Hanna verdiente anscheinend ziemlich gut, glaubte Sara. Ihre Schwester war immer gut angezogen und konnte es sich leisten, ihren Urlaub in Thailand und ähnlichen Ländern zu verbringen.
Hanna war vor Kurzem zweiundzwanzig geworden. Die Schwestern sahen sich ziemlich ähnlich mit ihren schmalen Schultern, dunklen Augen und dem rotbraunen Haar.
Sara warf einen Blick in den Kühlschrank, als sie in Hannas Wohnung kam. Es waren Milch und Käse und ein paar andere Dinge da. Sie machte sich ein Butterbrot und goss sich ein Glas Milch ein.
Dann nahm sie das Butterbrot und die Milch mit ins Wohnzimmer und setzte sich an den Glastisch. Auf dem Tisch lagen neben dem Telefon zwei Bücher. Ein kleines grünes Lämpchen blinkte, was vermutlich bedeutete, dass Nachrichten auf dem Anrufbeantworter waren. Sara drückte auf die Abhör-Taste. Sie sollte das nicht tun, konnte es aber nicht sein lassen.
Es waren drei Nachrichten eingegangen, eine von jemandem, der ein paar Worte murmelte und dann auflegte, eine von einer Frau namens Sibylla, und dann noch eine Nachricht von einem Mann, der sich als Paul vorstellte. Er wollte, dass Hanna sich meldete, es wäre wichtig. Er hatte eine sehr tiefe Bassstimme und klang wie jemand in einem amerikanischen Film.
Sara wusste, dass die Nachrichten nicht gelöscht werden würden. Sie hoffte, dass Hanna nicht merken würde, dass sie sie heimlich abgehört hatte.
Sie ging zurück in die Küche, stellte das Glas in die Spülmaschine und ging ins Wohnzimmer zurück. Als sie überlegte, was sie machen könnte, fiel ihr Hannas Fotoapparat ein, den sie ausleihen durfte, wenn sie wollte.
Die Kamera lag in einer Kommodenschublade. Sie war von Olympus und nicht größer als eine Zigarettenschachtel. Ein kleines klappbares Tischstativ gehörte dazu. Sara hatte die Kamera schon mehrmals benutzt und kannte sich mit den Knöpfen aus.
Jetzt öffnete sie die Abdeckung vor dem Objektiv, hob die Kamera, schaute hindurch, ging auf der Suche nach Motiven im Zimmer umher, blickte aus dem Fenster und hinein in eine Wohnung des Hauses auf der anderen Straßenseite. Im Fenster stand eine Frau, mit dem Rücken Sara zugewandt. Sie fuchtelte mit den Händen; vielleicht sprach sie mit jemandem im Zimmer.
Sara holte das Stativ, schraubte es fest, stellte die Kamera auf den Tisch und setzte sich in den Sessel. Sie wollte ein Foto von sich selbst machen.
Aber irgendetwas fehlte.
Sie suchte nach einem Notizblock, riss drei Seiten heraus, holte den Lippenstift, den sie bei Åhléns mitgehen lassen hatte, und schrieb auf jedes Blatt einen großen Buchstaben: I C H.
Dann legte sie die Blätter vor sich auf den Glastisch, kontrollierte den Bildausschnitt im Sucher, drückte auf den Selbstauslöser der Kamera und setzte sich eilig in den Sessel.
In diesem Moment hörte sie, dass jemand einen Schlüssel in das Schloss der Wohnungstür steckte.
2.
Die schwarzen Wolken kamen ganz plötzlich. Gegen Mittag lag eine dicke Schneedecke auf den Straßen und Bürgersteigen von Älvsjö.
Am Morgen war es vier Grad warm gewesen, die Sonne hatte hervorgeschaut und sich in der Fassade der Messehalle gespiegelt. Eine halbe Stunde lang badeten die abgetauten Straßen um das Zentrum von Älvsjö herum in einem trügerischen Licht, das weiß war und nicht zu dieser Jahreszeit gehörte.
Dann kam der Schnee. Verner Lindgren war mit ein paar Lebensmitteln in einer Einkaufstasche auf dem Heimweg vom Konsum. Er ging ohne Kopfbedeckung, in Jackett und dünnen Schuhen. Jetzt beeilte er sich nach Hause zu kommen, lief das letzte Stück zum Törnrosväg, über den Wendeplatz und in den Hauseingang hinein.
Er machte die Deckenleuchte an. Das Unwetter nahm zu, es wurde dunkel. Es war doch noch nicht Frühling geworden; nun war es wieder kalt, Matschwinter und Dunkelheit.
Verner setzte Kaffeewasser auf, schlug Dagens Nyheter auf und las die Überschriften über den Mord an Fadime1. Das Wasser fing an zu kochen. Verner stand über den Tisch gebeugt, las weiter und ließ das Wasser eine Weile brodeln, bevor er in die Kochecke ging und den Kessel vom Herd nahm.
Er dachte an das, was er gelesen hatte, und fühlte sich ruhelos und irritiert, beschloss jedoch, seine Gefühle nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Er konnte diese Gefühle beherrschen, inzwischen konnte er das, beinahe jedenfalls.
Es war halb eins. Verner schenkte sich eine Tasse Kaffee ein und machte das Radio an. Der erste Beitrag der Nachrichtensendung handelte von Fadime, von der Trauer, dem Zorn und der Machtlosigkeit.
Er hörte zu, trank seinen Kaffee, schmierte sich ein Butterbrot, trank langsam, kaute langsam und war zufrieden mit sich, weil er es schaffte, Schlucke und Bisse zu kontrollieren, während er gleichzeitig der brutalen Wahrheit über den Tod einer jungen Frau ausgesetzt war.
Der Wetterbericht nach den Nachrichten kündigte weiteren Schnee an, mehr Kälte, glatte Straßen und stürmischen Wind.
Verner aß noch ein Butterbrot.
Um halb zwei war er mit der Zeitung fertig. Er genoss seine tägliche Zeitung, die er nach Hause bekam. Früher hatte er kein Abonnement gehabt. Jetzt las er sie meistens morgens in Eile, bevor er zu einem seiner wechselnden Jobs ging.
In dieser Woche hielt er Vorträge vor jungen Männern und Frauen, die eine Ausbildung als Wachpersonal machten. Verner hatte aus seinen Jahren als Polizist Kenntnisse und Erfahrungen, die er nun mit anderen teilte; er hielt Seminare über die Beurteilung von Verbrechen und die Gefahr voreiliger Schlussfolgerungen ab, berichtete über Fälle, Irrtümer und Erfolge.
Aber er erzählte nie von sich selbst. Er sprach über Fälle, die er kannte, von denen er gehört oder gelesen hatte. Er nahm an, dass das Unternehmen, das sein Honorar bezahlte, nicht wusste, warum er aufgehört hatte als Polizist zu arbeiten. Oder sie wussten es, und es war ihnen egal.
Es war kurz nach vier, als das Telefon klingelte. Verner war im Badezimmer. Der Wasserhahn lief, sodass er das Klingeln zunächst nicht hörte. Dann eilte er ins Wohnzimmer und meldete sich mit seinem Nachnamen. Eine unbekannte Stimme murmelte etwas.
Verner wiederholte seinen Namen und klang dabei leicht verärgert.
»Bist du es, Verner?«, fragte der Unbekannte.
»Ja, ich bin’s«, antwortete Verner, und nun klang er noch ärgerlicher.
»Hier ist Lasse.«
»Ach ja?«
»Erkennst du mich nicht?«
»Nein.«
»Lasse, verdammt nochmal, Lasse Gunnar Bergman.«
Verner musste nachdenken. Er wusste, wer Lasse Bergman war, aber die Stimme erkannte er nicht. Der Mann, mit dem er sprach, klang angestrengt und heiser, die Stimme war etwas zischend.
»Lasse?«, sagte Verner nach einigen Sekunden der Stille.
»Genau.«
»Das ist ja lange her; ich habe tatsächlich in letzter Zeit ein paar Mal daran gedacht, dich anzurufen. Hättest du nicht angerufen, dann hätte ich mich wohl dieser Tage gemeldet.«
»Ja, siehst du, Verner, die Leute sind alle gleich, wir denken ganz einfach gleich.«
»Wie geht es dir?«
»Tja, eher bescheiden. Ich hatte eine Halsoperation.«
»Ich dachte schon, dass du dich anders anhörst.«
»Eine Weile ging es mir gar nicht gut, aber jetzt bin ich auf dem Wege der Besserung.«
»Wohnst du noch auf Söder?«
»Ja klar, in der Bondegata, an derselben Stelle. Ich bin heute nicht mehr so beweglich.«
»Wir können uns aber doch treffen?«
»Ja klar, das wollte ich vorschlagen.«
»Von alten Zeiten sprechen.«
»Genau, Verner, wir haben viel zu bereden.«
»Wollen wir eine Zeit ausmachen?«
»Ich melde mich nochmal deswegen. Ich habe nächste Woche einen Termin im Krankenhaus; danach werde ich hoffentlich wieder gesund. Ich rufe an, wenn ich das erledigt habe, in ein paar Wochen.«
»Okay, Lasse, aber vergiss es nicht.«
»In dem Fall musst du mich anrufen, Verner.«
»Unbedingt, ich verspreche es.«
Als das Gespräch vorbei war, blieb Verner eine Weile am Tisch sitzen und versuchte sich zu erinnern, wann er Lasse Bergman das letzte Mal getroffen hatte.
War es vor fünf Jahren?
War es in demselben Jahr, als er bei der Polizei aufgehört hatte?
Nein, es war im Jahr davor. Verner hatte Lasse aufgesucht, um ihm einige Fragen zu einer Untersuchung zu stellen, die in Verbindung mit einem alten Fall aus den siebziger Jahren stand, als Lasse als Researcher beim Fernsehen beschäftigt war. Er hatte für Nils Lövgren gearbeitet, der damals Reporter beim Wochenmagazin Fokus war. Nils und Verner kannten sich. So freundeten auch Lasse und Verner sich an.
Sie tauschten Informationen über Untersuchungen und Verbrechen aus, trafen sich dann und wann, und nur Nils Lövgren wusste von ihrer Zusammenarbeit. Es wurde als eher unpassend betrachtet, dass Polizisten und Fernsehjournalisten einander halfen.
So vergingen einige Jahre. Verner hielt den Kontakt mit Lasse und Nils aufrecht. Sie sahen sich gelegentlich, und zwar nicht nur dann, wenn die Arbeit es erforderte. Sie waren Freunde und hatten viel zu bereden.
Aber Verner war gezwungen gewesen, bei der Polizei aufzuhören, als bekannt wurde, dass er gewalttätig gegenüber Tatverdächtigen geworden war, die allesamt Frauen misshandelt hatten. Er kündigte von sich aus; es kam nicht zu einer Anklage.
Die folgenden Jahre waren die schwersten in Verners Leben. Er verlor den Halt, begann zu trinken, wurde depres-siv und bekam starke Medikamente verordnet, war lange krankgeschrieben. Der Wendepunkt kam im Herbst 2000, als er im Zusammenhang mit einem Mord in Älvsjö als möglicher Täter verdächtigt wurde.
Zu dieser Zeit brach er mit seinem destruktiven Leben. Er traf Margret Mattson von der Bezirkskriminalpolizei und half ihr, den Fall zu lösen. Verners Mithilfe wurde geheim gehalten, auch wenn Margrets Chef mehr begriff, als er zugeben wollte.
Verner hörte auf zu trinken, während Lasse weitermachte und sich sein Umgang bald auf eine kleine Schar von Frührentnern beschränkte, die in kleinen Wohnungen im Viertel zwischen Bondegata und Kocksgata auf Söder wohnten. Manchmal sahen sie sich zusammen eins von Hammarbys Heimspielen an. Und manchmal tranken sie ein Bier im Kvarnen. Aber meistens saßen sie bei Lasse und tranken – es war recht gemütlich in seiner großen Küche.
Lasse und Verner hatten sich fünf Jahre lang nicht gesehen. Verner wusste es wirklich zu schätzen, dass Lasse angerufen hatte, aber er schämte sich ein wenig, dass er selbst in all den Jahren nicht von sich hatte hören lassen. Nun hatte er das sehr starke Gefühl, dass es eilig sei.
Das war am Donnerstag, dem 24. Januar 2002. Gegen sieben Uhr hörte es auf zu schneien.
Verner las den ganzen Abend über, bis nach Mitternacht. Er las ein Buch zu Ende, das er für zwanzig Kronen aus einer Wühlkiste auf dem Flohmarkt in Skärholmen gekauft hatte, Frank Hurleys Buch über Shackletons Expedition zum Südpol. Das Buch roch nach altem Staub, duftete nach Abenteuer. Verner merkte nicht, wie die Stunden vergingen; er wurde ergriffen von den trockenen, heroischen Texten, tauchte ein in die Nebel auf den alten Fotografien, war selbst einer der Männer im Packeis, einer der Steuermänner auf der unglaublichen Segelfahrt über das Weddell-Meer.
Einige Stunden lang befand er sich in einer gefährlichen, aber unkomplizierten Welt, mit ständiger tödlicher Bedrohung und einer unbeirrbaren Kameradschaft zwischen den Männern. Einer gefrorenen Welt ohne Frauen.
Am Freitag um halb eins ging Verner zum Bahnhof Älvsjö, um den Pendelzug in die Stadt zu nehmen. Er hatte frei, wollte in die City fahren, in den Geschäften herumlaufen und nach einem Pullover suchen, vielleicht ein paar ausländische Zeitungen in der Stadtbibliothek lesen.
Als der Zug am Bahnsteig hielt, stieg gleichzeitig mit Verner ein junges Mädchen ein. Sie trug eine kurze, schwarze Jacke und eine enge, schwarze Hose. An einem Riemen über der Schulter hatte sie eine kleine Tasche. Ihr Haar war rotbraun und kurz.
Das Mädchen schaute Verner nicht an. Er sah sie und dachte flüchtig, dass es vermutlich kalt sein müsse in der eng anliegenden Kleidung und mit nacktem Bauch. Aber er hatte keinen Anlass, sich für das fremde Mädchen zu interessieren, und setzte sich im Wagen mit dem Rücken zu ihr.
1 Die 1975 in Kurdistan geborene Fadime Sahindal, die mit ihrer Familie in Uppsala lebte, wurde 2002 von ihrem Vater getötet, weil sie sich weigerte, in eine von ihrer Familie arrangierte Hochzeit mit ihrem türkischen Cousin einzuwilligen. Dieser sogenannte Ehrenmord löste in Schweden eine große gesellschaftliche Debatte aus und ist bis heute Synonym für Verbrechen dieser Art. [Anm. d. Übers.]
3.
Sara nahm einen Briefbogen. Sie schrieb mit stark rückwärts geneigter Handschrift: Meine Tochter Sara musste nach dem Mittagessen nach Hause gehen und sich hinlegen, weil sie sehr starke Magenschmerzen hatte.
Das war nicht gut; sie schrieb es noch einmal und fügte hinzu: Mit freundlichen Grüßen, Christina Larsson. Das war der Name ihrer Mutter.
Sie zerknüllte das Blatt mit dem missglückten Versuch, faltete den anderen Bogen zusammen und steckte ihn in die Handtasche. Dann ging sie. Es war halb acht am Montag. Ihre Mutter hatte Nachtwache im Krankenhaus Huddinge gehabt und würde bald nach Hause kommen, ins Bett gehen und noch schlafen, wenn Sara aus der Schule kam.
Wenn Sara sich überhaupt die Mühe machte, nach Hause zu fahren. Vielleicht würde sie wieder bei Hanna schlafen.
Sie rief Hanna vormittags während der Pause an. Hanna war zu Hause; doch, das würde schon gehen, meinte sie. Sie hatten zwei Stunden Kunst und sprachen über Fotografie. Sara hatte sich für den Kunstzweig entschieden, als sie in die siebte Klasse kam; jetzt ging sie in die achte und fand immer noch, dass die Kunststunden die einzigen waren, die Spaß machten.
Vor dem Mittagessen gab sie die Entschuldigung bei ihrer Klassenlehrerin ab, die sie las und nickte und sagte, dass sie hoffte, dass es Sara nun wieder gut gehe.
»Ich glaube schon«, sagte Sara.
»Willst du zur Schulschwester gehen?«, fragte die Lehrerin.
»Nein, es ist wieder in Ordnung.«
»Bestimmt?«
»Absolut.«
Hanna saß im Wohnzimmer und las, als Sara kam. Sie stand auf, ging in die Diele und umarmte Sara. Die Schwestern umarmten sich immer. Manchmal machte ihre Mutter es auch so, aber meist nur, wenn es ihr richtig gut ging, wenn sie nicht gestresst war und ein paar freie Tage hatte, was nicht oft vorkam.
»Willst du irgendwas haben?«, fragte Hanna.
»Ja, was Warmes«, sagte Sara.
»Soll ich Kakao machen?«
»Ja, gerne.«
»Und ich habe superleckere Zimtschnecken. Ich war bei NK, in der Konditorei im Untergeschoss. Bist du mal dagewesen?«
»Nein, gehst du zu NK?«
»Ich war mit jemandem da, der dort etwas kaufen wollte.«
»Mit wem denn?«
»Jemand, den ich bei der Arbeit getroffen habe.«
»Ein Mann?«
»Ja, das kann man sagen.«
Sie waren in die Küche gegangen. Hanna machte den Kakao. Sara setzte sich an den kleinen Tisch vor dem Fenster.
»Papa hat angerufen«, sagte Hanna.
»Was wollte er?«
»Ich weiß nicht, vielleicht wollte er einfach nur reden. Ruft er dich nie an, Sara?«
»Wozu sollte ich mit ihm reden?«
»Kannst du dich überhaupt an irgendwas erinnern?
Du warst ja noch so klein; du warst erst drei, oder?«
»Ich kann mich an ein Mal erinnern, als Mama und Papa stritten und Mama Angst bekam.«
»Ja, so ging es die ganze Zeit. Hat Mama nie was erzählt?«
»Nein, sie hat nie was gesagt.«
Sara wollte ihre Schwester fragen, wie es ihr ging, ließ es dann aber bleiben. Sie tranken den Kakao und aßen die herrlich klebrigen Schnecken von NK. Hanna machte Musik an, Come along von Titiyo, und es war warm und gemütlich, und Sara dachte, dass sie auch gerne so leben würde, mit einer eigenen Wohnung und einer guten Arbeit, ohne nörgelnde Erwachsene und widerliche alte Kerle.
Es war fünf Uhr und schon dunkel draußen.
Eine Viertelstunde später klingelte Hannas Handy das erste Mal. Sie waren ins Wohnzimmer gegangen. Das Handy lag im Regal versteckt. Es war ihr zweites Handy, das von ihrer Arbeit.
Hanna stand auf, nahm das Handy und ging zurück in die Küche, während sie das Gespräch entgegennahm. Sara sollte es wohl eigentlich nicht mitbekommen, meinte aber zu hören, dass Hanna sich nicht mit ihrem eigenen Namen meldete.
Shirley, hatte sie das gesagt?
Hanna blieb eine Weile in der Küche. Als sie zurückkam, machte Sara sich nicht die Mühe zu fragen. »Das war von der Arbeit«, sagte Hanna.
Sara verstand, dass Hanna bei ihrer Arbeit eine wichtige Stellung hatte, weil sie sie zu Hause anriefen.
Eine halbe Stunde später klingelte das Handy wieder. Jetzt spitzte Sara die Ohren, um mitzuhören, und sie war sich recht sicher, dass Hanna sich wieder mit diesem fremden Namen meldete.
Shirley?
Sara fand, dass der Name altmodisch und irgendwie spannend klang. Aber sie fragte ihre Schwester auch dieses Mal nicht. Es war wie ein Geheimnis, von dem Sara nichts wissen durfte, und doch tat sie es.
»Ich muss los zur Arbeit«, sagte Hanna.
»Kommst du heute Abend später?«, fragte Sara.
»Es wird wohl ziemlich spät werden, aber du kannst bleiben, wenn du willst. Ruf nur Mama an und sag, dass du bei mir bist.«
»Ja, werde ich machen.«
»Und geh morgen zur Schule, wenn ich bis dahin nicht zurück bin. Das musst du versprechen.«
»Aber klar, du brauchst dir keine Sorgen zu machen.« Hanna machte sich fertig. Sie stand ziemlich lange vor dem Spiegel im Badezimmer, und als sie wieder rauskam, fand Sara, dass ihre Schwester unglaublich gut aussah. Besonders die Augen und die Wangen waren schön; die Farbe war absolut gleichmäßig, dünn und leicht schimmernd.
Um halb acht bestellte Hanna ein Taxi.
4.
Lasse Bergman wurde wach, als sich ein großer Klumpen gefrorener Schnee vom Dach löste und in den Hof hinunterfiel. Dabei wurden zerbrochene Eiszapfen und Schmutzwasser gegen die Fenster im zweiten Stock geschleudert.
Hinter einem der Fenster befand sich Lasses Schlafzimmer. Er lag auf dem Rücken, hatte einen trockenen Mund und fragte sich, woher das langgezogene Grollen kam. Er brauchte eine Weile, um es zu begreifen. Es hätte ihm vielleicht direkt klar sein müssen, dass es sich um hinunterfallendes Eis handelte, denn in diesem Winter war viel Eis und Schnee vom Dach gerutscht.
Aber nun brauchte er etwas Zeit, bevor er es begriff.
Er setzte sich im Bett auf, tastete nach der Brille, die normalerweise auf dem Stuhl lag, fand sie aber nicht. Daraufhin legte er sich wieder hin und dachte, dass er ebenso gut im Bett liegen bleiben und vielleicht wieder einschlafen konnte.
Die Uhr der Sofiakirche schlug zehn Mal, aber das spielte keine Rolle, weil Lasse sich mit dem Aufstehen nicht zu beeilen brauchte. Vom Fenster her zog es kalt, die äußere Scheibe war gesprungen. Ein Stück Glas fehlte, aber so war es schon den ganzen Herbst und Winter über gewesen.
Und vielleicht war es nur wegen des Lochs im Fenster möglich, die Uhr der Sofiakirche zu hören. Lasse hatte mehrmals darüber nachgedacht, als er im Bett lag, und nun kam der vertraute Gedanke zurück: der Klang, langsam und gedämpft, eingehüllt in Grau und Tau.
In Grau und Tau, wiederholte Lasse noch einmal für sich. Das machte er oft: Er nahm ein Wort und kostete seinen Klang aus, fand einen Reim, wiederholte ihn, merkte sich den Reim und holte ihn immer wieder hervor.
Gerade jetzt passte der Reim. In diesem Tauwetter war es ein geradezu verdammt gutes Wort. Es taute und taute, der ganze Schnee schmolz weg, und trotzdem schneite es weiter, taute weiter und matschte weiter.
Matsche, Platsche, Schmierblatt-Patsche, dachte Lasse. Vor seinem inneren Auge zog ein flüchtiges Bild der Redaktion des alten Aftonbladet in der Vattugata im Viertel Klara vorbei, wo er Ende der sechziger Jahre einige Jahre lang gearbeitet hatte. Er hatte dort am großen Tisch in der Zentralredaktion gesessen, als Neil Armstrong den Mond betrat, als der Vietnamkrieg sich verhärtete, als Erlander an Palme übergab.
Lasse Bergman hörte beim Aftonbladet auf und wurde Freelancer, investigativer Reporter und Ermittler. Er lernte alles über Archive und andere Informationsquellen, und verschaffte sich Kontakte bei der Polizei. Einige seiner größten Beiträge machte er für Nils Lövgren vom Fernsehmagazin Fokus. Dabei war es um Prostitution gegangen, um den Handel mit kleinen Mädchen, Vermieter als Zuhälter, Politiker unter den Bordellkunden.
Lasse dachte oft an diese Jahre zurück – als die besten seines Lebens. Er trank schon damals, aber nicht allzu viel. Er hatte Spaß, bekam Anerkennung. Er war noch nicht alt. Das war fünfundzwanzig Jahre her.
Gegen drei Uhr rief Lasse Olle Magnusson an und fragte, ob er zum Alkoholgeschäft wolle.
»Wie konntest du das nur wissen?«, fragte Olle.
»Bring mir was mit«, sagte Lasse. »Eine kleine Flasche Explorer und eine kleine Flasche Whiskey, nimm Long John oder Grants.«
»Hast du auch Geld?«
»Ja, verdammt, ich habe noch was von der Rente.«
»Okay, dann komme ich gegen fünf, halb sechs vorbei.« Lasse duschte in dem kleinen Badezimmer. Dann rasierte er sich und zog ein sauberes, weißes Hemd an. Er kochte Kaffee und stellte Brot und Belag hin, Schinken, Käse und Salzgurken.
Olle kam um zehn nach sechs. Bei ihm waren Walter Olsson und Björn Åhman. Sie hatten auch etwas gekauft, sodass es schon reichen würde.
Es wurde spät. Eine Weile war Lasse ein wenig besorgt, dass die Nachbarn klopfen würden. Walter hatte angefangen zu singen. Er klang recht gut; er setzte seinen starken Tenor ein, als ob er auf einer Opernbühne stünde. Aber kein Nachbar beschwerte sich, alle Gäste waren guter Stimmung, und gegen Mitternacht waren das Brot und die Gurke mit dem guten Inhalt der Flaschen hinuntergespült.
Als Lasse die Tür hinter seinen Gästen zumachte, war es ein Uhr. Er saß eine Weile in der Küche, rauchte eine Zigarette, trank ein Glas Wasser, ging ins Badezimmer, um zu pinkeln und sich die Zähne zu putzen, und zog sich aus.
Er schlief fast unmittelbar ein.
Am Morgen um halb sieben erwachte er. Es war ungewöhnlich, dass er nach einem Fest so früh wach wurde. Meistens ging er spät zu Bett und schlief lange, ob er nun nüchtern oder betrunken schlafen ging.
Jetzt erwachte er mit Kopfschmerzen. Er hatte einen trockenen Mund, hatte etwas Unangenehmes geträumt, konnte sich aber nicht an den Traum erinnern. Nach einigen Minuten stand er auf, nahm eine Aspirin und trank ein Glas Wasser. Aber es half nicht.
Dann zog er sich an. Er hatte beschlossen, nach draußen zu gehen und etwas frische Luft zu schnappen, eine Zeitung zu kaufen, wieder nach Hause zu gehen und Kaffee zu trinken und so die Kopfschmerzen vielleicht loszuwerden.
Ein paar Minuten vor sieben ging er die Treppe hinunter, über den Hof und hinaus auf die Bondegata. Die Glocke der Sofiakirche schlug sieben Mal, als er um die Ecke auf die Renstiernas gata bog, und wie schon so viele Male zuvor dachte er, dass der helle Klang freundlich und heimelig war.
Der kleine Supermarkt hatte gerade aufgemacht. Er kaufte eine Dagens Nyheter und kehrte nach Hause zurück. Die Kopfschmerzen ließen allmählich nach. Als er den Schlüssel ins Türschloss steckte, überlegte er, dass er vielleicht auf den Kaffee verzichten und sich stattdessen hinlegen sollte. Es war ja erst Viertel nach sieben.
Er entschied sich, als er seinen Mantel aufhängte.
Er ließ die Zeitung auf der Kommode in der Diele liegen und ging in die Küche. Dort machte er ein Fenster auf; es musste gelüftet werden. Das Fenster konnte einige Stunden auf Kipp stehen, es war ja recht warm draußen. Jetzt wollte er eine Weile schlafen. Das Geschirr konnte er später spülen.
In diesem Moment schien es ihm, als ob er etwas aus dem Schlafzimmer hörte, so als ob jemand die Schranktür öffnete, die immer quietschte.
Lasse ging eilig in die Diele und weiter ins Schlafzimmer. Ein Mann stand in seinem Schlafzimmer. Lasse hatte ihn nie zuvor gesehen.
»Was zum Teufel machst du hier?«, fragte Lasse.
Der Mann antwortete nicht. Er machte ein paar schnelle Schritte auf Lasse zu. Im selben Moment kam ein anderer Mann aus dem Schrank. Lasse konnte ihn nur flüchtig sehen.
Beide Männer trugen schwarze Handschuhe. Keiner von ihnen sagte etwas. Nun ging alles sehr schnell.
Als sie die Wohnung verließen, schlug die Uhr der Sofiakirche.
5.
Margret war auf dem Weg zum Odenplan und stand an der roten Ampel vor der Stadtbibliothek, als ihr Handy klingelte. Ihr Dezernatschef Lennart Philipsson war dran. Er fragte, wie es gelaufen sei, ob sie die Zeugin angetroffen habe, die sie am Vormittag aufsuchen wollte.
»Ich habe sie vernommen«, antwortete Margret, »und es hat einiges ergeben.«
»Gut«, meinte Philipsson. »Leider muss ich dich bitten, auch noch einen anderen Fall zu übernehmen.«
»Aha?«
»In der Bondegata, unsere Leute sind schon da. Es handelt sich um einen Todesfall. Kannst du hinfahren?«
»Jetzt sofort?«
»Ja, es geht nicht anders.«
Margret bekam die Adresse und fuhr um den Odenplan herum, zurück zum Sveaväg, dann durch den City-Tunnel, hinauf zum Medborgarplats und in die Folkungagata. Am Vortag hatte sie eine Ermittlung, an der sie einige Zeit gearbeitet hatte, beiseitelegen müssen, weil ein Kollege krank geworden war. Margret musste ein Verhör übernehmen, eine schwere Körperverletzung in der U-Bahn. Und jetzt noch dieser neue Fall, um was auch immer es dabei gehen mochte.
Das Ermittlungsdezernat der Bezirkskriminalpolizei litt wie immer an Personalmangel. Und in den letzten Tagen war viel passiert: Gewalt im Bandenmilieu in Salem, eine Reihe von Fällen mit schwerer Körperverletzung in der City und in Västerort, bewaffnete Raubüberfälle auf Gärdet und in Enskede, Auseinandersetzungen zwischen Kriminellen im Drogenmilieu mitten in der Stadt. Margret hatte an einem Fall von ungewöhnlich brutalem Mobbing an einem Gymnasium in Alby gearbeitet. Eltern hatten Anzeige erstattet; es ging um Bedrohung sowohl von Schülern als auch von Lehrern mit vielen Beteiligten. Dann musste sie die Ermittlung ihres kranken Kollegen übernehmen. Jetzt hoffte sie darauf, dass der Todesfall in der Bondegata kein Verbrechen war. Die allermeisten Todesfälle im eigenen Heim hatten ja natürliche Ursachen. Sie wollte die Fälle, die sie schon hatte, abschließen und nicht gezwungen sein, noch eine weitere Ermittlung aufzunehmen.
Sie hatte Schwierigkeiten, die Hausnummern zu erkennen, als sie in die Bondegata abbog, aber dann entdeckte sie ein geparktes Polizeiauto und wusste, dass sie am Ziel war.
Die Wohnung lag im Hinterhaus im zweiten Stock. Margret klopfte an, öffnete die Tür, trat ein und begrüßte ihre beiden uniformierten Kollegen, die in der Diele standen, mit einem Kopfnicken. Es handelte sich um eine junge, recht große Polizistin und einen älteren Polizisten, der ebenso groß wie die Frau war.
»Olle Sjögren«, stellte der Polizist sich vor.
Margret nannte ihren Namen und auch das Dezernat, von dem sie kam.
»Cecilia Bauer«, sagte die Polizistin.
»Wann seid ihr angekommen?«, fragte Margret.
»Wir sind um fünf nach elf gekommen«, antwortete der Kollege.
»Also vor gut einer Stunde«, meinte Margret.
Dann ging sie in die Küche. Der Tote lag vor dem Herd, den Kopf in einer Blutlache.
Es war unordentlich in der Küche. Leere Gläser und leergetrunkene Flaschen standen auf dem Tisch, neben dem Toten auf dem Fußboden lag eine zerbrochene Flasche. Auf dem Küchentisch stand ein Aschenbecher, gefüllt mit Zigarettenkippen und anderen Dingen, die dort gelandet waren: eine halbe Gurkenscheibe, zwei Flaschenverschlüsse, eine Reihe abgebrannter Streichhölzer, ein verkohlter Korken.
Einiges an Müll, das sich vielleicht auf dem Weg in den Aschenbecher befunden hatte, war über Tisch und Boden verteilt. Am Rand der Blutlache lag neben dem Kopf des Toten eine mit Blut vollgesogene Zigarette.
Es roch schlecht in der Küche, ungelüftet, muffig, obwohl das Fenster auf Kipp stand.
»Stand das Fenster offen, als ihr gekommen seid?«, fragte Margret.
»Wir haben natürlich nichts angefasst«, sagte die Polizistin namens Cecilia.
»Nein, das ist klar«, sagte Margret. »Ich meinte eher, dass es merkwürdig ist, dass es so miefig riecht, obwohl das Fenster offen ist.«
»Mir ist es auch aufgefallen«, meinte Cecilia. »Es sitzt wohl in den Wänden, vielleicht so eine Art Altmännergeruch.«
»Ja, vielleicht«, sagte Margret.
»Brauchst du uns noch?«, fragte Olle Sjögren.
»Nein, ich kümmere mich jetzt darum«, antwortete Margret. »Vielen Dank euch beiden.«
Die beiden uniformierten Polizisten gingen. Margret blieb in der Küche stehen, nahm ihr Handy, rief beim Technischen Dezernat der Bezirkskriminalpolizei an, musste warten, rief eine andere Nummer an und erwischte jemanden, der dafür sorgen wollte, dass geeignete Techniker informiert wurden.
»Bitte sie um Rückruf«, sagte Margret.
Sie hoffte, dass es nicht so lange dauern würde. Sie sollten innerhalb der nächsten Stunde kommen; sie wollte nicht bei dem Toten bleiben.
Dann begann sie sich umzusehen. Sie schaute sich alle Gegenstände in der Küche genau an, versuchte sich ein Bild davon zu machen, was geschehen sein konnte, wie viele Personen dagewesen waren, was diese Personen getan haben konnten.
In der Küche hatte ein Fest stattgefunden, ein Saufgelage, vielleicht ein Streit, Sachen waren durch die Gegend geflogen, mehrere Gläser waren zerbrochen, Spritzer waren über Tisch und Boden verteilt.
Sie hockte sich neben dem Toten hin. Sein Gesicht war nicht verletzt, aber auf der einen Seite des Kopfes, ein Stück über dem Ohr, war eine Wunde, aus der wohl das Blut gelaufen war.
Hatte jemand auf den Mann eingeschlagen, ihn umgestoßen? Oder war er selbst im Suff gestürzt und hatte sich den Kopf am Herd, der Spüle oder der Tischkante angeschlagen?
Margret suchte nach Spuren an den Stellen, auf die der Mann gefallen sein konnte. An der Herdecke war vielleicht etwas; jedenfalls sah es so aus. Aber das mussten die Techniker herausfinden.
Margret fühlte sich unsicher. Nach einer kurzen Kontrolle konnte man nicht sagen, ob das hier ein Unfall oder ein Verbrechen war. Aber es hatten sich mehrere Menschen in der Küche aufgehalten, der Tote war nicht allein gewesen. Nun galt es also, diese alle ausfindig zu machen, die Gäste des Toten, die Saufkumpane.
Die Techniker kamen nach fast zwei Stunden. Bis dahin hatte Margret Zeit genug gehabt, um die Bücherregale des Toten durchzuschauen, einige Schreibtischschubladen zu öffnen, einen Stapel ungeöffnete Post, unbezahlte Rechnungen und Reklame durchzugehen. Auf einem Zettel vom Hausverwalter stand eine Mitteilung, wonach die Rohre in allen Badezimmern des Hauses überprüft werden mussten. Die Mitarbeiter einer Sanitärfirma sollten am Dienstag, den 5. Februar, vor der Mittagszeit kommen.
Das war das heutige Datum. War es jemand von der Sanitärfirma gewesen, der den Toten gefunden hatte?
Aus Briefen und Unterlagen, die Margret fand, erfuhr sie, dass der Tote Lars Gunnar Bergman hieß, dass er zweiundsechzig Jahre alt war und Journalist im Vorruhestand.
Sie hatte auch einen Umschlag mit Fotos gefunden, auf denen Bergman mit bekannten Leuten von Sveriges Television zusammenstand. Hatte er vielleicht dort gearbeitet?
Als Margret zurück in ihr Büro bei der Bezirkskriminalpolizei auf Kungsholmen kam, hoffte sie immer noch, dass Bergman in der Bondegata aus Gründen gestorben war, die die Polizei lediglich zu den Akten nehmen musste. Aber ihr war klar, dass das vermutlich Wunschdenken war. Voraussichtlich musste sie sich in der nächsten Zeit auch mit diesem Fall beschäftigen, während sie gleichzeitig die anderen Ermittlungen nicht vernachlässigen durfte.
Sie blieb bis nach sechs Uhr sitzen, weil sie mit dem Papierkram, den sie zu erledigen hatte, fertig werden und einige Notizen für sich selbst machen wollte.
Der Gedanke an die Fotos von Sveriges Television ließ sie nicht los. Es waren keine neuen Aufnahmen. Einige der Personen, die die Fotos zusammen mit Bergman zeigten, waren bekannt, eine Moderatorin, ein bärtiger Reporter, die heute wohl um die sechzig sein müssten. Auf dem Bild waren sie Anfang vierzig. Das war zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig Jahre her. Kannte nicht Verner jemanden vom Fernsehen aus dieser Zeit?
Sie hatte sich eine ganze Weile nicht bei Verner gemeldet. Jetzt beschloss sie ihn anzurufen.
Er war nicht zu Hause. Und er hatte keinen Anrufbeantworter und kein Handy. Er war altmodisch, wollte nicht gestört werden, er war der einzige von Margrets Bekannten, der nicht jederzeit zu erreichen war.
Als sie sich kennen lernten, hatte sie Zettel in seinen Briefkasten gelegt. Das war vor zwei Jahren gewesen, als er ihr half, Nordin zu finden, den Rächer von Älvsjö. Nun ja, sie hatte auch Verner geholfen.
Seitdem hatten sie sich gelegentlich getroffen und ziemlich oft telefoniert. Das letzte Mal war ungefähr einen Monat her.
Spät an diesem Abend ging Verner ans Telefon. Margret rief aus ihrer Wohnung in Årsta an; sie wollte Verner diesmal unbedingt erreichen.
Er freute sich und sagte, dass er sie auch hatte anrufen wollen.
»Arbeitest du?«, fragte Margret.
»Ich gebe Seminare für angehende Wachleute.«
»Da kann man mal sehen.«
»Arbeit ist Arbeit.«
»Du, Verner, ich hatte heute einen Todesfall, ein älterer Mann in der Bondegata wurde tot in seiner Küche gefunden. Er war ein alter Journalist, hat offenbar für das Fernsehen gearbeitet. Sein Name war Lars Gunnar Bergman. Sagt dir das was?«
Es wurde still. Verner antwortete nicht. Margret war sich sicher, dass er ihre Worte gehört hatte, und begriff, dass die Stille bedeutete, dass Verner etwas wusste. Sie wartete. Es vergingen nur einige Sekunden, aber sie kamen ihr lang vor.
»Ich kannte ihn«, antwortete Verner schließlich. »Ich habe vor einiger Zeit noch mit ihm gesprochen. Wie starb er?«
»Er lag auf dem Boden mit einer tiefen Wunde am Kopf. Die Techniker können wohl in ein paar Tagen etwas sagen, und dann müssen wir mit den Gerichtsmedizinern sprechen. Ich konnte nicht entscheiden, ob es ein Unfall war oder etwas anderes.«
»Lasse Bergman«, sagte Verner langsam.
»Wie gut kanntest du ihn?«
»Es ist lange her, aber wir haben früher recht viel miteinander verkehrt, und wir hatten einen gemeinsamen Bekannten.«
»War er ein gewöhnlicher ehrenwerter alter Mann?«
»Absolut, Lasse war ein guter Mensch. Man konnte sich auf ihn verlassen. Aber er trank ziemlich viel. Ich will gerne wissen, was ihr herausbekommt. Ruf mich doch an, sobald du mehr weißt. Vielleicht kann ich euch behilflich sein.«
»Ich rufe an. Und wenn wir es zu den Akten legen, rufe ich trotzdem an; es wäre schön, wenn wir uns treffen könnten.«
»Unbedingt, Margret, wir hören voneinander.«
6.
Der Mann fasste Hanna hart um die Handgelenke. Sie bat ihn vorsichtig zu sein, aber er hörte nicht, was sie sagte, oder vielleicht war es ihm auch egal.
Er zwang ihre Arme nach hinten auf das Kissen und dann streckte er sie seitlich aus. Der Griff um die Handgelenke war sehr hart. Sie schrie nicht, aber sie bat ihn wieder und wieder vorsichtig zu sein.
Dann war es vorbei und er ließ sie los.
Er wandte sich ab, lag kurze Zeit mit dem Rücken zu ihr. Dann stand er eilig vom Bett auf und ging ins Badezimmer.
»You go now«, sagte er.
Sie sah ihn nicht, aber sie verstand ja, was er sagte, und zog sich an, so schnell sie konnte. Das Geld hatte sie schon bekommen.
Er blieb im Badezimmer. Sie war in zwei Minuten angezogen, stand vor dem Spiegel im Zimmer, brachte schnell ihre Haare in Ordnung, nahm die Handtasche und ging zur Tür hinaus, machte sie leise hinter sich zu.
War er Südamerikaner? Sie wusste es nicht genau. Aber er hatte ihre Handynummer von der Internetseite bekommen, die sich an ausländische Geschäftsmänner richtete. Er sah aus, als könnte er aus Südamerika kommen.
Zuerst hatten sie sich in der Bar getroffen. Er hatte auf ihrem Handy angerufen und wollte, dass sie im Hotel direkt auf sein Zimmer kommen sollte, aber sie wollte zuerst unter anderen Menschen sein, um die Chance zu haben abzulehnen.
Er wirkte freundlich. Er erwähnte einiges von dem, was er auf ihrer Homepage im Netz gelesen hatte, und er wählte die netten Dinge, die weichen Dinge: dass sie sich kümmern und da sein, es warm und schön machen wollte.
Es gab anderes, das er hätte wählen können, aber er wählte die netten Dinge. Und das war entscheidend für sie. Er war freundlich und wählte die ruhigen und netten Dienste, die sie anzubieten hatte.
Trotzdem war er grob geworden.
Hanna hatte sich einige Male geirrt. Dieser Mann war nicht richtig brutal gewesen, es gab schlimmere. Aber er hatte ihr wehgetan. Jetzt waren ihre Handgelenke rot; vielleicht würde sie blaue Flecken bekommen. Nun ja, die würden nach einer Woche wieder weg sein, und sie konnte sie ja immer noch überschminken.
Eine Stunde war sie bei dem Mann gewesen. Er gab ihr zweitausend Kronen; das war ihr Preis für einen Besuch. Fünftausend, wenn sie die ganze Nacht blieb.
Niemand wusste dieses Mal, wo sie gewesen war. Manchmal wusste Rina, wohin sie gegangen war. Sie trafen sich manchmal in der kleinen Wohnung in der Regeringsgata, die Rina benutzen durfte, wenn sie einen besonders wichtigen Kunden empfangen musste, jemanden, der Paul kannte. Hanna benutzte die Wohnung ebenfalls gelegentlich.
Jetzt war Hanna in einem Taxi auf dem Weg nach Hause. Es war halb zehn abends. Der Wagen fuhr von Tegelbacken über Norr Mälarstrand Richtung Essingeled. Als sie am Rålambshovspark waren, nahm Hanna eine Tablette aus der Dose, die sie in der Handtasche hatte. Sie hatte einen leicht trockenen Mund und brauchte eine Weile, um die Tablette hinunterzubekommen. Gerade da klingelte das Handy. Es war ein Mann mit einer Bassstimme, der Englisch ohne Akzent sprach. Er fragte nach Shirley. Hanna antwortete mit einer sehr weichen, etwas kindlichen Stimme, dass er bei ihr ganz richtig sei.
Der Mann sagte, dass er die Frau treffen wolle, die diese wunderbaren Dienste anzubieten hätte. Er könne nicht warten, er wolle Shirley jetzt sofort treffen.
»An welche Dienste denkst du?«, fragte Hanna.
»Du schreibst, dass du gerne lutschst«, sagte der Mann.
»Ja, das stimmt ganz genau«, sagte Hanna mit ihrer allerkindlichsten Stimme.
»Ich will dich jetzt sofort treffen«, sagte der Mann.
Hanna bat den Taxifahrer, zu wenden und zur City zurückzufahren. Sie waren schon oben auf dem Essingeled.
»Ich muss in Gröndal runter und drehen, um auf die andere Seite zu kommen«, sagte der Fahrer.
»Du sitzt am Steuer«, sagte Hanna.
Als sie von der Autostraße abgefahren waren, murmelte der Fahrer etwas, was Hanna nicht verstand.
»Was hast du gesagt?«, fragte sie.
»Mist, sie haben die Auffahrt gesperrt«, sagte er. »Wir müssen über Hornstull und die Västerbro fahren.«
»Du bist immer noch derjenige, der am Steuer sitzt«, sagte Hanna.
Als sie über die Västerbro fuhren, sah Hanna, dass ein leichter Nebel über dem Riddarfjärd lag. Die kleinen Schneehaufen, die die Lastwagen der Straßenreinigung ins Wasser hinuntergekippt hatten, waren weggeschmolzen. Nun war die Wasseroberfläche teilweise mit zerbrochenen Eisschollen bedeckt. Entlang der südlichen Seite waren die Eisschollen davongetrieben, und dort glänzte das Wasser schwarz und bedrohlich.
»Wohin fahren wir?«, fragte der Taxifahrer.
»Grand Hôtel«, antwortete Hanna.
7.
Am Donnerstag, dem 6. Februar, war die Stockholmer Polizei ungewöhnlich großen Belastungen ausgesetzt: Zwei junge Männer waren am späten Abend des Vortages erschossen worden, der eine in einem Restaurant in der City und der andere vor seiner Wohnung in Västberga. Vermutlich gab es eine Verbindung zwischen den Morden.
Um Mitternacht war in einer Wohnung in Trångsund ein Streit ausgeartet. Acht Personen wurden mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht, die meisten mit Messerstichen.
Um zwei Uhr nachts mähte ein betrunkener Autofahrer in Huvudsta drei Jugendliche um.
Etwas später in derselben Nacht wurde eine junge Frau nach einer Vergewaltigung in Fittja schwer mitgenommen aufgefunden.
Früh am Morgen schoss jemand in dem Lagergelände hinter dem Gasbehälter bei Värtan mit einem Automatik-Karabiner auf drei Mitglieder eines Motorrad-Clubs. Alle überlebten, aber zwei der Männer trugen Bauchverletzungen davon.
Von all den Gewaltverbrechen, die sich in der Nacht und am Morgen ereignet hatten, beunruhigte die Schießerei bei Värtan die Polizeiführung am meisten. Sie konnte der Anfang eines Krieges zwischen Motorrad-Gangs sein.
Als Margret zur Arbeit kam, hatte sie die Nachrichten schon im Autoradio gehört. Sie überlegte, dass sie vermutlich zum zweiten oder dritten Mal im Laufe der Woche gezwungen sein würde, die Fälle, an denen sie arbeitete, zur Seite zu legen.
Aber dazu kam es nicht. Ihr Chef, Lennart Philipsson, war gerade von einem Koordinierungstreffen mit der Führung der Bezirkspolizei gekommen. Nun hielt er eine Lagebesprechung mit den Leuten vom Ermittlungsdezernat ab. Er fasste sich ziemlich kurz, verteilte Aufgaben, benannte neue Projektleiter und erkundigte sich nach dem Stand der laufenden Ermittlungen. Was konnte noch etwas warten, was eilte?
Lennart Philipsson war zurückhaltend und effektiv. Er wurde dafür geschätzt, dass er immer kurze Besprechungen abhielt. Jetzt bat er, nach dem Treffen mit Margret sprechen zu dürfen.
»Die Techniker liefern ihren Bericht über den Fall in der Bondegata heute Vormittag ab«, sagte er. »Aber einiges habe ich schon gestern Abend gehört, und zwar genug, um einzusehen, dass wir die Sache weiter verfolgen müssen.«
»Das kann ich mir vorstellen«, antwortete Margret.
»Der Obduktionsbericht kommt auch heute.«
»Okay.«
»Ich will, dass du den Fall übernimmst, Margret. Aber du wirst für den Anfang allein sein. Wir haben keine Leute, du kennst das ja.«
»Ja klar, aber das ist in Ordnung. Ich warte auf die Berichte, und dann fahre ich in die Bondegata.«
»Gut, dann verbleiben wir so. Halte mich auf dem Laufenden. Du bist vorerst deine eigene Projektleiterin.«
»Nur eine Sache noch: Was weiß die Presse?«
»Ich habe einige Fragen bekommen und gesagt, dass wir noch nichts wissen.«
»Haben sie gedrängt?«
»Nein, nicht besonders. Alte Männer, die im Zusammenhang mit einer Sauferei sterben, haben keinen Nachrichtenwert. Und wir sind uns ja tatsächlich unsicher, nicht wahr?«
Margret ging in ihr Büro. Sie nahm ihre Notizen aus der Bondegata hervor und las sie durch. Der Todesfall hatte sich vor zwei Tagen ereignet.
Die Stunden vergingen. Gegen Mittag hatte Margret weder von den Technikern noch von den Gerichtsmedizinern etwas bekommen. Sie ging hinunter ins Aquarium, die Kantine beim Schwimmbecken. Sie bestellte das Tagesgericht: Makkaroniauflauf mit zerlassener Butter.
Den Kaffee ließ sie aus.
In dem Moment, als sie zurück ins Büro kam, klingelte das Telefon. Es war einer der Techniker. Ja, sie hatten Spuren an der Herdecke gesichert. Der Mann war genau dort aufgeschlagen, der Schlag musste hart gewesen sein, es gab zahlreiche Hautpartikel, Blut, Haare.
Und Fingerabdrücke?
Ja, von mehreren Personen. Es hatte ja ein Fest in der Wohnung stattgefunden, vielleicht waren es die Fingerabdrücke der Gäste, aber das wusste man noch nicht. Wie viele Personen?
Vier verschiedene Personen, Abdrücke auf Gläsern und Flaschen, auf dem Tisch und der Arbeitsplatte.
Was sonst noch?
Haare, Textilfragmente, Zigarettenkippen, also reichlich DNA-Material. Und dann noch Urin und ein paar andere Kleinigkeiten auf der Toilette.
Ein paar andere Kleinigkeiten?
Ja, etwas benutztes Toilettenpapier, das neben dem Klo gelandet war.
Okay, gut, danke.
Ein ausführlicher Bericht würde folgen. Das wars fürs Erste, aber so war es ja immer.
Es waren also eine ganze Menge Leute in der Wohnung gewesen. Nun ging es darum, sie ausfindig zu machen.
Margret fuhr in die Bondegata.
Die Wohnung war abgesperrt, das Schild der Polizei klebte an der Tür. Margret hatte einen Schlüssel bekommen, da das Dezernat bereits Kontakt mit dem Verwalter aufgenommen hatte.
Sie machte langsam auf, lauschte auf das knarrende Geräusch der Tür, dachte, dass es sich so angehört haben musste, wenn der Mann, der hier gewohnt hatte, die Tür öffnete, tausende von Malen, zehntausende von Malen. Ein vertrautes Geräusch, vielleicht ein liebgewordenes Geräusch?
Und als der Mörder kam?
Wenn es einen Mörder gab. Aber falls es so war, wie reagierte er auf das Geräusch der Tür? Reagierte er beunruhigt, gestört, ängstlich, böse auf ein ungewohntes Geräusch, das vielleicht Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte?
Margret schloss die Tür genauso langsam, wie sie sie geöffnet hatte.
Der Blutfleck in der Küche war noch da, aber nicht mehr so klebrig, etwas von dem Geruch hing noch in der Luft, süß, leicht übelkeiterregend.
Sie blickte sich um, musterte alle Gläser, Flaschen, Essensreste, Zigarettenkippen, Flecken.
Dann ging sie ins Schlafzimmer. Dort war es aufgeräumter. Das Fest hatte offensichtlich in der Küche stattgefunden. Das Bett war ungemacht. Auf dem Boden lagen Zeitungen und auf einem kleinen Tisch neben dem Bett Bücher: ein Krimi von Dürrenmatt, ein Buch über Segelschiffe im Indischen Ozean, Mein erster Kreis von Olof Lagercrantz.
Margret überlegte, dass die Bücherauswahl vielleicht typisch war für einen alten Journalisten: eine bunte Mischung, ein breites Allgemeininteresse.
Am Fußende des Bettes war eine Schranktür. Margret öffnete sie, sie quietschte, aber das Geräusch war ein anderes als das der Wohnungstür.
Der begehbare Schrank war groß. Er erstreckte sich über die gesamte Seite des Raumes. An der Decke hing eine Leuchte. Margret machte das Licht an. Der Schrank war vollgestopft. An der einen Seite hingen Kleidungsstücke, unter denen drei große Kartons standen.
Margret machte den Deckel eines Kartons auf. Er war gefüllt mit Ordnern, Zeitungen, Papierstapeln, Heften, Umschlägen mit Zeitungsausschnitten. Der Inhalt des zweiten Kartons war ähnlich, der des dritten ebenso. Sein Lebenswerk, dachte Margret.
Seine alten Zeitungsausschnitte und Notizen und all so etwas, was Journalisten vermutlich sammeln.
Sie ging zurück in die Küche. Dann rief sie Verner an. Ausnahmsweise ging er sofort ans Telefon.
»Ich bin in der Wohnung von Lasse Bergman«, sagte Margret.
»Hast du etwas herausgefunden?«
»Nein, nichts Konkretes.«
»Wann bekommst du den Obduktionsbericht?«
»Heute.«
»Ruf mich an, wenn du ihn gelesen hast.«
»Verner, ich arbeite allein an diesem Fall, das ist nicht gut.«
»Nein, das ist nicht gut.«
»Kannst du mir helfen?«
»Wie denn?«
»Kannst du herkommen?«
»Jetzt?«
»Ja, kannst du so schnell wie möglich herkommen?«
»Du weißt, dass du mich nicht reinlassen darfst?«
»Klar weiß ich das.«
Verner rief ein Taxi und war fünfundzwanzig Minuten später in der Bondegata. Er klopfte an, wartete aber die Antwort nicht ab, sondern trat ein. Er kannte sich aus, war schon früher in der Wohnung gewesen, hatte viele Male mit Lasse dort gesessen und geredet.
Verner umarmte Margret und küsste sie auf die Wange. Es schien ihm, als sei es lange her seit dem letzten Mal, und er wusste, dass er es war, der sich bei ihr hätte melden sollen.
»Alles in Ordnung?«, fragte er.
»Ja, bei dir auch?«
»Hast du etwas Besonderes gesehen?«
»Nein, nicht direkt.«
Er sah sich um. Margret beobachtete ihn, eine lange Zeit sprachen sie nicht miteinander. Verner saß lange in der Hocke neben dem Blutfleck, stand auf, sah sich weiter um, wandte sich um, ging wieder in die Hocke.
Er fasste nichts an. Aber er schaute genau und lange hin, schnupperte, sagte nichts.
Dann ging er hinüber ins Schlafzimmer. Margret folgte ihm. Er öffnete die Schranktür.
»Hast du in den Kartons nachgeschaut?«, fragte er.
»Ich habe die Deckel aufgemacht, aber ich habe nichts von dem angefasst, was in den Kartons ist. Sind das Sachen von seiner Arbeit?«
»Ich nehme es an.«
»Weißt du, was das für Sachen sind?«
»Ich kann es nur vermuten, aber ich weiß es nicht genau. Wahrscheinlich sind es Dinge, die er nicht wegwerfen wollte, aber es kann ja zum größten Teil alter Krempel sein, alte Zeitungen und Zettel und sowas.«
»Wie viel weißt du eigentlich über Lasse Bergman?«
»Über sein Privatleben fast nichts. Wenn wir uns trafen, sprachen wir über die Arbeit, und das ist lange her. Wir haben einander bei ein paar Sachen geholfen.«
»Du hast schon damals auf deine eigene Weise gearbeitet, nehme ich an.«
»Das kann man vielleicht so sagen. Wir hatten ganz einfach Nutzen voneinander.«
»Kannst du mir denn jetzt helfen?«
»Ich darf nicht mit dir arbeiten, das weißt du.«
»Aber wenn es sich regeln ließe, hättest du dann Lust?«
»Wie zum Teufel sollte das zugehen?«
»Ich weiß nicht, es war nur so ein Gedanke.«
Um halb fünf war Margret zurück im Dezernat. Sie bekam den Gerichtsmediziner vom Karolinska institutet zu fassen. Ja, die Obduktion war abgeschlossen.
»Und was kann man sagen?«
»Tja, der Schlag auf den Kopf war tödlich. Es war ein einziger Schlag, und er war sehr hart. Der Mann könnte gestürzt sein, aber in dem Fall hätte er eine ordentliche Geschwindigkeit drauf gehabt. Es sieht fast aus, als sei er gegen etwas Hartes geschleudert worden, eine Ecke, könnte man tippen.«
»Das klingt, als sei er Gewalt ausgesetzt gewesen.«
»Das kann sein, aber es ist nicht ganz ausgeschlossen, dass er sich die Verletzung selbst zugefügt haben kann. Er kann ja auf dem Tisch gestanden haben und gestürzt sein oder gelaufen und gestolpert sein.«
»Und sonst?«
»Er hatte eine Menge Alkohol intus, über ein halbes Promille. Er hatte Anzeichen von Leberschäden, die er wohl durch dauerhaftes Trinken bekommen hat.«
»Sonst nichts Besonderes?«
»Einige Proben dauern noch etwas, aber ich glaube kaum, dass noch etwas Bemerkenswertes dabei herauskommt. Er war ein verbrauchter Mann, aber nicht von der schlimmsten Sorte, kein Penner, keiner von den Saufbrüdern. Anständige Zähne und Nägel, sauber und ordentlich, keine Narben. Und in erster Linie Gurke und Brot im Magen sowie einiges an Alkohol, wie gesagt. Er hatte wohl spät am Abend, bevor er starb, gegessen.«
»Und wann starb er?«
»Sechs oder sieben Stunden nach seiner letzten Mahlzeit, irgendwann morgens gegen 7 Uhr.«
»Okay, vielen Dank, jetzt kann ich mir ein Bild machen.«
Margret blieb am Schreibtisch sitzen. Sie notierte, was der Obduzent berichtet hatte. Dann ging sie zu Lennart Philipsson. Seine Tür stand wie gewöhnlich offen.
»Hast du Zeit?«, fragte Margret.
»Komm rein«, sagte Philipsson.
»Ich glaube nicht, dass Bergman durch einen Unfall gestorben ist.«
»Und wie kommst du darauf?«
»Im Moment weist eigentlich alles darauf hin, das Gespräch mit dem Rechtsmediziner, Details am Tatort, Gespräche mit Verner. Er kannte Bergman ja.«
»Ach so, du hast mit Verner gesprochen?«
»Ich habe ihn ein bisschen zu Bergman befragt.«
»Aha.«
»Lennart, können wir Verner einbeziehen, gibt es irgendeine Möglichkeit dafür?«
»Du meinst, ihn wieder arbeiten zu lassen?«
»Ja, du weißt genauso gut wie ich, dass Verner ein unglaublich guter Polizist war, und jetzt fehlen uns Leute wie nie zuvor. Er wird hier gebraucht.«
»Schon, aber du weißt, warum Verner aufgehört hat.«
»Das weiß ich, aber er bekam ja die Chance, selbst zu kündigen. Du warst es, Lennart, der ihm die Chance gegeben hat. Das war verdammt anständig von dir. Und das bedeutet, dass Verner nicht verurteilt worden ist, es gibt keine Anklage, seine Papiere sind sauber.«
»Ja schon, so ist es.«
»Und du stimmst mir zu, dass er gebraucht wird?«
»Das ist eine heikle Angelegenheit, Margret. Ich würde Verner gerne wieder einstellen, wenn es ginge, aber viele hier würden an die Decke gehen. Er hat sich eine ganze Reihe Feinde gemacht. Er ist ja nicht gerade einer von der diplomatischen Sorte.«
»Ich weiß, aber kannst du dir nicht etwas einfallen lassen?«
»Lass mich bis morgen darüber nachdenken.«
Margret verließ Philipssons Büro. Sie wusste nicht, was sie erwarten konnte. Aber vielleicht gab es trotz allem eine Möglichkeit.
Um halb sieben räumte sie die Papiere weg, die auf dem Tisch lagen. Sie zog ihre Jacke an und öffnete die Tür, um zu gehen, als das Telefon klingelte. Es war Philipsson.
»Komm zu mir«, sagte er. »Ich glaube, mir ist etwas eingefallen.«
Margret zog die Jacke wieder aus, hängte sie an den Haken an der Tür und ging in den Flur. Philipsson kam ihr entgegen.
»Ich glaube, ich weiß, wie wir es machen«, sagte er.
»Du meinst mit Verner?«
»Ich habe noch einiges an ungenutztem Geld. Es ist eine besondere Zuweisung vom Ministerium, um die alten Haushaltslöcher zu stopfen.«
»Aha?«
»Wir können Verner als Berater beschäftigen, mit Vertrag. Wir stellen ihn für drei Monate ein. Er bekommt natürlich seinen Dienstausweis nicht zurück, und er bekommt auch keine Dienstwaffe. Er wird nicht wieder Polizist, aber er kann trotzdem für uns arbeiten, und wir können von seinen Kenntnissen profitieren.«
»Das klingt ganz fantastisch.«
»Ich werde es morgen Vormittag checken, aber ich bestimme selbst über dieses Geld, und ich habe ja schon früher Berater beschäftigt, wie du weißt.«
»Ja, diese Ökonomen, die hier gesessen und gerechnet haben, und die Frau von der Universität.«
»Genau, ich entscheide selbst, wen ich einstelle. Ich glaube, die Sache geht klar. Willst du mit Verner sprechen?« Margret rief Verner am selben Abend an. Er war nicht zu Hause. Sie rief noch einmal an, keine Antwort. Um halb zwölf erreichte sie ihn.
»Willst du mit mir zusammenarbeiten?«, fragte Margret.
»Erklär, was du meinst«, sagte Verner.
Margret erklärte, Verner hörte zu. Er sagte nichts, stellte keine Fragen. Margret glaubte schon, dass er den Vorschlag zurückweisen würde.
»Wann fangen wir an?«, fragte er.
»Du musst morgen mit Philipsson sprechen, er regelt das mit dem Vertrag und so.«
»Ja, und dann sehen wir uns in der Bondegata.«
»Sollen wir sagen um elf Uhr?«
8.
Sara ging am Montag nicht zur Schule und auch nicht am Dienstag. Sie war in der Stadt, lief herum, aß Hamburger, ging ins Kino. Sie hatte ein bisschen Geld, denn Marika hatte ihr hundertfünfzig Kronen geliehen. Zwei Mal war sie bei PUB und probierte Kleider an. Sie hatte das Teppichmesser in der Hand, schob das Blatt aber nie heraus. Saras Mutter hatte in dieser Woche Nachtdienst. Sie schlief den größten Teil des Tages und schaute dann eine Weile bei ihrer Freundin Ann-Charlotte vorbei. Sie waren Nachbarinnen, kannten sich aus ihrer Jugend, tranken oft ein Glas Wein zusammen und redeten.
Am Mittwoch nach dem Mittagessen ging Sara zur Schule. Sie hatte eine Entschuldigung bei sich, die sie selbst geschrieben hatte. Ihrer Lehrerin waren Zweifel gekommen. Jetzt rief sie Saras Mutter zu Hause an.
War Sara zu Hause geblieben, war sie krank gewesen? Die Mutter schlief, als die Lehrerin anrief. Sie wurde wach, wusste zuerst nicht richtig, welcher Tag es war, hatte einen trockenen Mund. Die Lehrerin wiederholte die Frage.
Denn es war doch wohl Saras Mutter, mit der sie sprach, Christina Larsson?
Ja sicher, ja doch. Sie hatte immer noch einen schrecklich trockenen Mund.
Ja, wie war es denn nun mit Sara?
Ja, also, Sara war wohl einen Tag zu Hause gewesen, oder ein paar Tage.
Ach so, dann hatte also alles seine Ordnng?
Ja, alles war völlig in Ordnung.
Sara kam auch dieses Mal wieder davon. Sie wurde langsam gut darin, Entschuldigungen zu schreiben. Ihre Mutter begriff, dass Sara schwindelte, aber weil sie nun einmal gestresst war und Saras Entschuldigung hatte durchgehen lassen, als die Lehrerin angerufen hatte, fand sie, dass es peinlich wäre, es sich anders zu überlegen. Sara konnte sich weiterhin gefälschte Entschuldigungen schreiben. Es würde noch eine Zeitlang gutgehen.
Der Kerl rief am Mittwochabend an. Er sagte, dass er Sehnsucht nach ihr habe, und dass sie voriges Mal so gut gewesen sei. Er sagte auch, dass es wohl ein Missverständnis gegeben habe; er habe geglaubt, dass sie sich auf zweihundert geeinigt hätten.
Könnte Sara noch einmal zu ihm kommen?
»Ich will dreihundert haben«, sagte Sara.
»Selbstverständlich, meine Kleine«, sagte der Kerl.
Sara gefiel es nicht, wie er das sagte. Sie murmelte etwas Unverständliches und legte auf.
Aber sie ging hin. Und nun lagen drei Hunderter unter der Zeitung auf dem Küchentisch.
Sie fühlte sich eklig, als sie von ihm wegging. Als sie nach Hause kam, wusch sie sich lange die Hände, dann duschte sie und wusch sich noch mehrere Male die Hände.
Ihre Mutter kam gegen zehn Uhr nach Hause. Sara saß vor dem Fernseher. Die Mutter sagte, dass sie sich etwas zu essen nehmen könne, und fragte, ob Sara ihr Gesellschaft leisten wolle. Sie habe eingekauft, es gebe Coca Cola und Zimtschnecken.
Sara sagte, dass sie nicht hungrig sei.
Sie wusch sich wieder die Hände, zum siebten Mal, seit sie nach Hause gekommen war. Aber als sie ins Bett kroch, fand sie trotzdem, dass ihre Hände rochen. Seife half nicht. Sie ging zurück ins Badezimmer und schraubte den Deckel einer Flasche Eau de Cologne ab. Sie spritzte etwas auf die eine Hand und verrieb es. Der Duft war stark.
Am Morgen hing der Geruch noch im Zimmer. Ihre Mutter war wach; es war einer der seltenen Tage, an denen sie gleichzeitig aufstanden.
»Du riechst nach irgendwas«, sagte ihre Mutter.
»Ich habe ein bisschen aus deiner Flasche genommen«, antwortete Sara.
»Das darfst du.« Sara antwortete nicht. Sie hätte ihrer Mutter gerne von dem Kerl erzählt, aber sie tat es nicht. Eine Sekunde lang war sie ganz kurz davor, die Worte lagen ihr auf der Zunge, aber sie ließ sie nicht hinaus.
Am Donnerstagvormittag hatten sie eine Foto-Übung; das war Teil des Kunstunterrichts. Sara und zwei andere Mädchen hatten die Aufgabe bekommen, einige Porträtaufnahmen von Menschen im Gewühl der Straße zu machen. Sie hatten eine Stunde Zeit. Dann sollten sie den Schwarzweiß-Film entwickeln und Abzüge machen. Eine Kamera durften sie sich von der Schule leihen.
Sie gingen hinunter ins Zentrum von Älvsjö. Es war zehn Uhr, der Himmel war bedeckt, aber das Licht war trotzdem ziemlich stark.
Sie wechselten sich mit dem Fotografieren ab. Zuerst fotografierten sie sich gegenseitig, dann fotografierten sie eine ältere Frau, die an der Bushaltestelle vor dem Konsum auf einer Bank saß.
Als Sara an der Reihe war zu fotografieren, kam ihr ein Mann auf dem Bürgersteig entgegen. Er war eher groß, ging schnell, hatte keine Kopfbedeckung, trug eine halblange, dunkelblaue Jacke.
Es war Verner Lindgren. Sara richtete die Kamera auf ihn. Er sah, was sie machte, lächelte sie leicht an, verlangsamte seine Schritte und wartete darauf, dass sie mit dem Zeigefinger auf den Auslöser drückte.
»Ist es was geworden?«, fragte er.
»Ich glaube schon«, sagte Sara. »Aber ich mache noch ein Bild«.
»Tu das«, sagte Verner.
Er blieb stehen und lächelte immer noch. Sara knipste drei Mal, sicherheitshalber.
»Kommt das in die Zeitung?«, fragte Verner.
»Nein, das ist für die Schule«, sagte Sara.
Verner ging. Sara und die Mädchen blieben noch vor dem Konsum stehen, um einige weitere Fotos zu machen.
Verner ging weiter zum Bahnhof, um den Pendelzug zu nehmen.
Er dachte darüber nach, wo er dieses schwarzgekleidete Mädchen schon mal gesehen hatte. Als er an der Rolltreppe ankam, fiel ihm ein, dass er sie vor einiger Zeit gesehen hatte, als sie in den Pendelzug einstieg. Er nahm an, dass sie in der Nähe wohnte.
9.
Als Margret in die Bondegata kam, hatte die Turmuhr der Sofiakirche gerade neun geschlagen. Verner würde gegen elf kommen, aber Margret hatte einiges zu erledigen, bevor er kam, wollte einige Dinge herausfinden.
Waren Lasse Bergmans Verwandte benachrichtigt worden?
Wie lange konnten sie noch in der Wohnung bleiben?
Margret nahm an, dass Verner vielleicht nicht in ein Büro im Polizeigebäude auf Kungsholmen einziehen wollte. Aber irgendwo mussten sie sich aufhalten, wenn sie eine längere Zeit zusammenarbeiten wollten. Konnten sie in der Wohnung bleiben, auch nachdem sie untersucht worden und nicht länger als Tatort abgesperrt war?
Denn Margret betrachtete die Wohnung als einen Tatort, nicht als einen Unfallort. Sie war sich ziemlich sicher, dass es sich um ein Verbrechen handelte, einen Mord.
Aber sie wusste es noch nicht, es war mehr ein Gefühl.
Und dann die Verwandten. Sie wollten vielleicht in die Wohnung, wenn die Polizei ihre Arbeit erledigt hatte, den Nachlass des Toten durchgehen, das Erbe aufteilen.
In diesem Fall würde es unmöglich sein, die Wohnung als Arbeitsplatz für die weiteren Ermittlungen zu benutzen.
Dann blieb nur das Polizeigebäude.
Margret begann zu telefonieren. Zuerst mit dem Hausverwalter. War die Miete bezahlt?
Ja, die Miete wurde vierteljährlich berechnet, sie war bis April bezahlt.
Dann rief sie das Finanzamt an, das Pfarramt, die Personalabteilung von Sveriges Television, den Journalistenverband: Lebten Lars Gunnar Bergmans Eltern noch, hatte er Geschwister, eigene Kinder?
Nein, er war alleinstehend, keine nahen Verwandten, keine Erben.
Danach rief sie die Sanitärfirma an, die die Badezimmer des Hauses überprüft hatte. Einer der Mitarbeiter der Firma hatte Bergman gefunden und die Polizei gerufen. Sie bekam eine Handynummer; der Mann war gerade mit einem Auftrag unterwegs, er hieß Petur Wilhelmsson, was isländisch klang.
Margret bat Petur, der mit schonischem Akzent sprach, zu erzählen, was er gesehen hatte, als er in die Wohnung kam.
»Ich habe sofort gesehen, dass ein toter Mensch auf dem Boden lag«, antwortete Petur. »Ich habe die Polizei angerufen, und sie kamen nur ein paar Minuten später.«
»Wie sah es in der Küche aus?«
»Es lagen Sachen auf dem Boden, es war schon ein ziemliches Durcheinander, aber ich bin in die Diele gegangen und habe dort gewartet, weil ich nicht da drinnen stehen wollte.«
»Wie konntest du wissen, dass der Mann tot war?«
»Er lag völlig regungslos in einer Blutlache und sah tot aus. Ich habe die Polizisten gefragt, und sie bestätigten, dass er tot sei, und dann bin ich in die Wohnung darüber gegangen, um meine Arbeit zu erledigen.«
»Hast du jemanden vor der Wohnung oder auf der Treppe gesehen, als du gekommen bist?«
»Nein, es war niemand dort und niemand auf dem Hof.«
»Okay, ich melde mich, wenn noch was ist. Und du kannst mich ja anrufen, wenn dir was einfällt.«
»Wie ist er gestorben?«
»Wir wissen es noch nicht, wir versuchen es herauszufinden.«
Margret gab Petur aus Schonen ihre Handynummer, und er versprach, darüber nachzudenken, ob er etwas vergessen hatte.
»Kann es Mord sein?«, fragte er.
»Keine Ahnung«, antwortete Margret.
Verner kam um fünf vor elf. Er klopfte an, so wie er es bei seinem ersten Besuch getan hatte, öffnete dann die Tür und ging hinein.
Dieses Mal umarmten sie sich nicht und gaben sich auch keinen Kuss auf die Wange. Jetzt hatten sie angefangen zu arbeiten, sie ermittelten in einem Fall, sie waren Kollegen, Polizisten. Nun ja, Verner war ein ehemaliger Polizist, aber trotzdem. Polizisten küssten sich nicht, nicht im Dienst.
In diesem Moment fühlte es sich richtig an. Sie gaben sich die Hand, lächelten sich an, und sie wussten, dass dies vielleicht der Beginn von etwas Neuem war.
»Was nehmen wir zuerst?«, fragte Margret.
»Die Küche«, schlug Verner vor.
Sie standen in der kleinen Diele, jetzt gingen sie in die Küche, blieben bei dem Blutfleck stehen. Alles lag noch genauso da, nichts war entfernt worden. Die Techniker der Polizei hatten sich vorsichtig bewegt, man sah, wo sie nach Fingerabdrücken gesucht hatten, aber ansonsten war diese unaufgeräumte Küche der Ort, an dem ein älterer Junggeselle seine Feste gefeiert hatte und an dem er gestorben war.
»Vier Personen waren hier«, sagte Margret. »Also laut den Technikern, sie haben Abdrücke von vier Menschen gefunden. Glaubst du, dass Bergman mit ihnen gefeiert hat?«
»Vermutlich.«
»Wir müssen diese Personen finden.«
»Sie wohnen möglicherweise nicht weit von hier entfernt.«
»Das ist eine gute Vermutung.«
»Wir müssen mit den Nachbarn sprechen; sie wissen vielleicht, mit wem Lasse verkehrte.«
»Übrigens, Verner, hast du mit Philipsson über den Vertrag gesprochen?«
»Ich habe ihn heute morgen angerufen, bevor ich hierher fuhr.«
»Ist alles in Ordnung?«
»Ja, wir haben uns geeinigt, ich arbeite drei Monate lang als Berater.«
»Bin ich dann deine Chefin?«
»Ich glaube, ja.«
Sie begannen, alle Wohnungen im Haus abzuklappern. Sieben Mieter waren zu Hause. Drei von ihnen wussten, wer Lasse Bergman war. Eine ältere Dame sagte, dass sie manchmal mit ihm redete.
»Weißt du, ob er mit jemand Bestimmtem verkehrte?«, fragte Margret.
»Manchmal kamen ein paar Männer, ich würde sie sicherlich wiedererkennen.«
»Du weißt nicht, wie sie heißen?«
»Einer heißt Åhman, das weiß ich, denn er hat sich einmal vorgestellt. Aber an den Vornamen erinnere ich mich nicht.«
Das war alles, was sie in Erfahrung brachten. Sie beschlossen, die anderen Mieter am Abend und am nächsten Tag zu befragen. Trotzdem war es ein ganz gutes Ergebnis. Verner schlug das Telefonbuch auf, das bei Lasse in der Diele lag, suchte nach Å, fand dreieinhalb Spalten mit Åhman im Großraum Stockholm, suchte nach Adressen in der Nähe. Er ging davon aus, dass der Gesuchte ein alleinstehender Mann war.
Es dauerte nur wenige Minuten, bis Verner drei Männer namens Åhman angekreuzt hatte, einen Torbjörn, einen Björn und einen Sigvard. Er rief sie an. Torbjörn und Sigvard kannten Lasse nicht, aber Björn tat es.
Er wurde traurig und vielleicht auch ängstlich, als er hörte, was passiert war. Es war lange still am Telefon. Verner wartete eine Weile ab, dann sagte er, dass er Lasse auch gekannt habe.
»Kannst du herkommen?«, fragte Verner.
»Jetzt?«
»Ja, es ist ziemlich wichtig, du kannst uns helfen. Nimm ein Taxi und heb die Quittung auf, wir bezahlen.«
»Ich gehe, das dauert zehn Minuten. So verdammt alt bin ich nun auch wieder nicht.«
Es dauerte eine Viertelstunde, dann klopfte es an der Tür. Margret öffnete. Björn Åhman sah aus, als wäre er gut sechzig, hatte dickes graues Haar, er war sonnengebräunt und sah gesund und rüstig aus.
Margret bat ihn hereinzukommen. Björn Åhman schien zu zögern, machte einen vorsichtigen Schritt, dann noch einen.
»Er ist doch wohl nicht mehr hier?«, fragte er.
»Wenn du Bergman meinst, der ist nicht mehr hier«, antwortete Margret.
Åhman trat in die Küche. Er begrüßte Verner, der so stand, dass er die Blutlache auf dem Boden verdeckte.
»Donnerwetter, was für eine Unordnung«, sagte Åhman.
»So sieht es hier sonst nicht aus.«
»Wann warst du zuletzt hier?«
»Am Montagabend, zusammen mit ein paar anderen.«
»Wer waren sie?«
»Walter und Olle, sie wohnen in der Nähe, sie sind alte Kumpel. Und dann Lasse natürlich. Wir vier haben am Montag einen getrunken.«
»Wann bist du nach Hause gegangen?«
»Gegen Mitternacht, die anderen sind zur gleichen Zeit gegangen.«
»Wie sah es da in der Küche aus?«
»Nicht so verdammt unordentlich jedenfalls.«
»Kannst du zeigen, was du nicht wiedererkennst?«
»Ja, wir haben keine Flaschen und Gläser umgeworfen, es war ein ruhiger und netter Abend.«
»In Ordnung, Björn, das glaube ich dir. Weißt du, ob jemand anders Lasse später in der Nacht besuchen wollte?«
»Nein, zum Teufel, er war müde und wollte ins Bett gehen. Wir waren auch müde. Es war Zeit zu gehen. Es war ein guter Abend. Man hätte nie geglaubt, dass es so verdammt scheußlich enden würde.«
»Ja, es hat schlimm geendet.«
»Woran starb Lasse?«
»Das wissen wir nicht, aber wir werden es herausfinden.«
»Er hatte Halsschmerzen, aber davon stirbt man ja nicht. Es ging ihm gut, soweit ich weiß. Aber klar, es kann einen ja trotzdem erwischen, das Herz oder sowas.«
»Wir melden uns wieder, Björn. Danke für deine Hilfe. Wenn dir noch was einfällt, kannst du ja einen von uns anrufen. Und du kannst uns vielleicht Namen und Adressen der beiden anderen Männer geben, die hier waren.«
Björn Åhman schrieb zwei Namen auf ein Blatt Papier, das Margret ihm reichte. Dann gab sie ihm eine Karte mit ihrer eigenen Nummer und sie gaben sich die Hand und verabschiedeten sich.
»Gibt es eine Beerdigung?«, fragte Björn Åhman.
»Ich rufe dich an, wenn ich es weiß«, entgegnete Verner.
»Das ist gut, denn ich will hingehen. Lasse war mein Kumpel.«
»Ja, meiner auch«, antwortete Verner.
Verner und Margret erreichten Walter Olsson und Olle Magnusson am selben Nachmittag. Sie machten im Großen und Ganzen die gleichen Angaben wie Björn Åhman, und sie waren genauso erschüttert, als sie erfuhren, dass Lasse Bergman tot war. Sie wollten auch auf die Beerdigung gehen.
»Sollen wir ihnen glauben?«, fragte Margret.
»Ja, sie sagen die Wahrheit, da bin ich mir ziemlich sicher«, entgegnete Verner.
»Ich stimme dir zu.«
»Wir machen also weiter. Alle drei sagen, dass es ein ruhiges Fest war. Und niemand im Haus behauptet, dass Lasse gesoffen und Radau gemacht hat. Er trank, aber er konnte sich benehmen. Also hat er entweder auf eigene Faust ein nächtliches Fest gestartet, als die Freunde gegangen waren, oder aber jemand anders kam her und hat die Unordnung in der Küche gemacht.«
»Damit es aussehen sollte wie ein Saufgelage.«
»Gut möglich. Jemand will vielleicht, dass es so aussehen soll, als ob Lasse im Rausch gestürzt sei und sich tödlich verletzt habe. Vielleicht hat ihn jemand umgebracht und dann Unordnung in der Küche gemacht.«
»Wer hat es in dem Fall getan? Wer kann davon profitieren, den alten Lasse zu töten und es dann wie einen Unfall aussehen zu lassen? Er war keine wichtige Person, er hatte nichts von Wert in der Wohnung.«
»Oder er hatte etwas, von dem wir nichts wissen.«
»Genau, Margret, vielleicht sollten wir so denken.«
»In diesem Fall müssen wir die Wohnung noch einmal richtig gründlich durchsuchen und schauen, ob etwas fehlt. Aber das wird schwierig, denn wir wissen ja nicht, was er in seinen Geheimverstecken hatte, nicht wahr?«
»Nein, aber wir fangen einfach an und sehen dann weiter.«
Draußen dämmerte es, vor den Fenstern tropfte es von den Dächern, es war fünf Grad warm in Stockholm.
10.
Sie trafen sich am Bahnhof Waldfriedhof. Verner kam mit der U-Bahn, Margret mit dem Auto. Sie parkte, und sie gingen zur Kapelle. Es war neblig, halb elf vormittags, immer noch herrschte Tauwetter.
»Ich frage mich, wie viele kommen«, sagte Margret.
»Er hatte ein paar Freunde«, meinte Verner. »Aber es waren wohl nicht viele.«
Sie gingen zur Waldkapelle, dem kleinsten Versammlungsraum des Waldfriedhofs. Sie blieben draußen stehen. Fünf Personen standen schon dort, fünf ältere Männer. Drei von ihnen erkannten Verner und Margret wieder. Es waren die Männer, mit denen sie gesprochen hatten, die drei, die den Abend zusammen mit Lasse Bergman verbracht hatten, seinen letzten Abend.
Sie grüßten und gaben sich die Hand. Auch die beiden fremden Männer kamen und grüßten. Verner nahm an, dass sie Lasse auf die gleiche Art kannten wie die drei anderen.
»Ich habe früher mit Lasse zusammengearbeitet«, sagte Verner.
»Er war ein guter Kamerad«, sagte einer der beiden Fremden.
»Ja«, sagte Verner.
»Er dachte nicht nur an sich selbst«, meinte der Mann.
»Nein«, stimmte Verner wiederum zu.
Der Mann wandte sich Margret zu, legte ihr die Hand auf die Schulter und sah ihr voller Ernst und Trauer in die Augen. Margret lächelte ihn an, fasste mit der Hand seinen Ellbogen und drückte ihn leicht. So standen sie eine ganze Zeit.
Gerade da kam noch ein Mann, gekleidet in einen schwarzen Mantel und blaue Kappe. Es war Nils Lövgren. Er begrüßte die anderen hastig und murmelte etwas zu Verner von Verspätung bei der U-Bahn.
Dann öffnete jemand die Tür zur Kapelle und die Besucher gingen hinein. Sie waren acht Personen, sieben Männer und eine Frau.
Vorne stand der Sarg. Sie setzten sich auf die bereitgestellten Stühle, warteten, sprachen murmelnd, eine Orgel fing an zu spielen. Eine junge Frau betrat den Raum, vielleicht eine Pastorin. Ja, sie war Pastorin, denn sie trug einen weißen Kragen und eine schwarze Jacke. Sie begrüßte die Besucher.
Die Orgel spielte die ganze Zeit über, ziemlich leise, auf dem Sarg lagen einige Blumen.
Die Pastorin begann zu sprechen. Sie wandte sich an den toten Lars Bergman, sprach zu ihm, wandte sich an die Zuhörer, sprach zu ihnen, erzählte von Lasse. Sie sagte etwas von seinem Suchen nach der Wahrheit, seinem Kampf für die Ausgestoßenen und Wehrlosen der Gesellschaft.
Verner dachte: Weiß sie das oder denkt sie sich das aus? Hat sie etwas über Lasse in Erfahrung gebracht oder glaubt sie, dass alle alten Journalisten so sind wie Lasse? Die Pastorin sprach weiter über Lasses Mitgefühl, seine Unterstützung für die Schwachen.
»Er stand auf der Seite der unterdrückten Frauen«, sagte die Pastorin. »Er sah etwas, was alle Männer sehen, aber er versuchte zu verändern, was er sah. Er war ein mutiger Mann.«
Vielleicht weiß sie es, dachte Verner.
Die Orgel fing wieder an zu spielen. Die Pastorin bedeutete der Gemeinde sich zu erheben. Sie schloss die Trauerfeier mit einigen Worten über die Zeit, die schwer begreifliche Zeit, die so schnell verrinnt, und auf die man sich so schwer einstellen kann.
Dann war es vorbei. Sie gingen hinaus, es war immer noch neblig. Nils Lövgren ging mit gebeugtem Kopf neben Verner. Seine Kappe hielt er in der Hand.
»Keine Glocken, die läuten«, sagte Margret.
»Nein, sie haben hier wohl keine Glocken«, antwortete Verner. »Ich erinnere mich an die Beerdigung meiner Mutter, da war es hier auch so, und damals dachte ich daran, dass es keine Glocken gibt.«
»Liegt sie hier?«
»Ja, auf der anderen Seite des Weges.«
»Und Lasse, was geschieht mit ihm?«
Margret hatte sich an Verner gewandt, aber es war Nils Lövgren, der antwortete.
»Er wird eingeäschert, und dann wird seine Asche in einem Kiefernwäldchen hier in der Nähe verstreut.«
»Auch dann wieder keine Glocken?«, fragte Margret.
»Nein, nur der Wind und vielleicht ein paar Vögel.«
Sie gingen langsam zum Parkplatz zurück. Als sie zum Auto kamen, fragte Margret Nils, ob er mit ihnen fahren wolle, aber er antwortete, dass es mit der U-Bahn schneller ginge, wenn der Zug denn pünktlich kam.
Sie verabschiedeten sich. Margret und Verner setzten sich ins Auto. Margret ließ den Motor noch nicht an, sie saßen eine Weile still da. Margret hörte Verners langsame Atemzüge.
Dann fuhren sie weg, den Nynäsväg vorbei am Globen, hinüber nach Söder, in die Bondegata.
SALLYS VIERTES TAGEBUCH
1.
Hanna hatte erst wenige Male mit Paul gesprochen. Es lief immer so, dass er den Kontakt zu ihr aufnahm, und sie ging davon aus, dass er es so haben wollte. Sie vermutete, dass er sich die meiste Zeit im Ausland aufhielt.
Ein einziges Mal hatten sie sich getroffen. Das war an einem Abend vor zwei Jahren im Operakällare gewesen, als Hanna gerade angefangen hatte, sich mit Geschäftsmännern zu treffen. Paul war sonnengebräunt gewesen, sie tranken Champagner und aßen russischen Kaviar und sie hatten kein bisschen über die Arbeit gesprochen.
Jetzt rief er sie wieder an. Sie war in einem Taxi auf dem Heimweg zum Telefonplan. Paul sagte, dass er sie treffen wolle; es sei etwas Wichtiges, etwas, was ihr sehr gefallen würde – da sei er sich sicher. Ein Angebot, sagte er.
Und wo wollte er sie treffen?
In der Operabar, am Mittwoch um fünf, passte ihr das? Aber sicher, das passte gut.
Paul sagte, dass er sich darauf freue, sich mit Hanna hinzusetzen, genau das sagte er. Sich hinzusetzen und eine wichtige Sache zu besprechen.
Hanna kam etwas zu früh. Paul war noch nicht da. Sie ließ sich in einem Ledersessel nieder und bestellte einen Dry Martini. Sie hätte gerne geraucht, ließ es aber bleiben, weil Paul jeden Moment kommen konnte.
Er kam um zwanzig nach fünf. Er entschuldigte sich, er sei bei einem Geschäftstreffen aufgehalten worden. Er wiederholte, dass es ihm wirklich sehr, sehr leid tue.
Paul war nicht allein. Er war in Begleitung eines Mannes, den er als Victor vorstellte.
»Sehr angenehm«, sagte Victor und streckte die Hand aus.
Hanna blieb im Sessel sitzen, gab ihm die Hand, nahm wahr, dass der Mann nach etwas roch, das vermutlich ein Herrenparfüm war. Es war ein ungewöhnlicher Duft. Hanna erkannte ihn nicht. Etwas, das mit dem Land zu tun hatte, Erde, Tiere, Pferde?
War es wirklich ein Parfüm, oder war es etwas anderes? Kam der Mann direkt vom Land, aus dem Wald?
Paul bestellte Drinks. Hanna bekam noch einen Dry Martini. Paul erzählte von jemandem, den er kürzlich getroffen hatte, einem Diplomaten, der gerade aus New York gekommen war, wo man heutzutage gerne Manhattan trank, um die Opfer des elften September zu ehren.
Paul lächelte, Victor lächelte ebenfalls. Hanna lächelte sicherheitshalber. Sie wusste nicht, ob das mit dem Manhattan ein Scherz gewesen war, und wenn es einer war, dann verstand sie nicht, was daran lustig war.
Deshalb lächelte sie, nippte an ihrem Glas und lächelte. Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen. Der Rock endete genau dort, wo er sollte, direkt über dem Knie. An einem Fuß war ihr der Schuh von der Ferse gerutscht, das Fußgewölbe war entblößt.
Sie trug eine hellbraune Seidenbluse mit großem Kragen, der oberste Knopf war aufgeknöpft.
Victor schaute Hanna die ganze Zeit über an. Paul schaute sie ebenfalls an, aber nicht mit demselben Blick.
»Wir bekommen bald wichtigen Besuch«, sagte Paul. »Es ist ein Kompagnon, könnte man sagen, Mitglied in einem Aufsichtsrat, an dem ich geschäftliche Interessen habe.«
Victor nickte so, als ob er in das eingeweiht wäre, was Paul zu erzählen hatte.
»Dieser Mann ist Amerikaner«, fuhr Paul fort. »Ich will, dass er sich gut betreut fühlt, wenn er nach Stockholm kommt. Und darüber will ich mit dir sprechen, Hanna.«
Hanna nickte. Ihr Glas war noch nicht ganz leer. Victor fragte, ob sie noch etwas trinken wolle. Hanna lehnte ab.
Sie hätte gerne mehr getrunken, aber sie wusste, dass das nicht gut aussehen würde.
»Wir essen einen Happen«, sagte Paul. »Du hast doch Zeit, Hanna? Ich habe einen Tisch im Operakällare bestellt.«
Natürlich hatte Hanna Zeit. Sie setzten ihr Gespräch über den amerikanischen Geschäftsmann fort. Hanna versprach, sich um ihn zu kümmern. Paul hatte nichts anderes erwartet. Auf Hanna konnte man ja immer zählen. Aber dieser Mann war ganz besonders wichtig.
»Er will nicht so viel in Erscheinung treten«, erklärte Paul.
»Ich verstehe«, sagte Hanna.
»Er kommt in die Wohnung.«
»Aha.«
»Jemand fährt ihn dorthin, und du darfst ihn dann empfangen, Hanna.«
»Aber sicher, ganz wie es am besten passt.«
Sie standen auf, um in den Speisesaal des Operakällare hinüberzugehen. Hanna entschuldigte sich, sie musste sich einen kleinen Moment zurückziehen. Paul und Victor warteten im Vorraum. Hanna ging auf die Damentoilette.
»Sie ist doch gut geeignet«, meinte Victor.
»Ja, sie hat Stil, und sie hat das spezielle Etwas, das unser Mann haben will.«
»Die richtige Farbe und Größe?«
»Ja.«
»Und das weißt du sicher?«
»Ja, das weiß ich ganz sicher.«
2.
Eines Abends gingen Margret und Verner in Älvsjö zusammen joggen. Sie folgten der beleuchteten Loipe entlang der Eisenbahnschienen, dann durch den Wald hindurch zum Fußballplatz und zurück ins Zentrum. Für die erste Runde brauchten sie achtzehn Minuten.
Sie liefen eine zweite Runde und zogen das Tempo etwas an. Es war matschig und glatt. Verner registrierte, dass Margret ohne Anstrengung lief, sie war leicht, durchtrainiert und ausdauernd. Außerdem war sie fünfzehn Jahre jünger als er.
Verner war gerade fünfzig geworden. Er wog siebenundachtzig Kilo, war stark und schaffte immer noch sechzig Liegestütze. Aber er wusste, dass Margret ihm davongelaufen wäre, wenn es sich um einen Wettkampf gehandelt hätte.
Sie verlangsamten das Tempo und gingen das letzte Stück zu Verners Wohnung im Törnrosväg.
»Du kannst zuerst duschen«, sagte Verner.
»Okay, ich beeile mich.«
Verner zog die Schuhe aus, hängte den Pullover und die Mütze auf, ging in die Kochnische und setzte Kaffeewasser auf. Er hatte Brot und Butter zu Hause, ein Stück Käse, ein paar Tomaten. Er nahm an, dass Margret etwas essen wollte. Er war selbst hungrig.
Margret war nach fünf Minuten fertig mit dem Duschen und Verner an der Reihe. Als er aus dem Badezimmer kam, stand Margret vor dem Bücherregal und schaute sich all die Reisebeschreibungen an, die sich bei ihm angesammelt hatten. Sie hatte schon den Tisch gedeckt und Brot und Tomaten aufgeschnitten. Der Kaffee war gerade durchgelaufen.
Bereits nach kurzer Zeit hatten sie sich gemeinsame Gewohnheiten zugelegt. Sie waren vor zwei Jahren während eines Falls öfter zusammen gewesen, hatten sich danach ab und zu getroffen, manchmal aber ein paar Monate lang nicht gesehen. Jetzt sahen sie sich täglich und beide wussten, wie der andere seine Butterbrote haben wollte: Zwei dicke Scheiben mit etwas Butter für Verner, zwei dünne für Margret, Butter auf der einen, Marmelade auf der anderen, wenn welche da war. Verner hatte Stachelbeermarmelade gekauft.
»Ich muss für ein paar Tage ins Dezernat«, sagte Margret.
»Ich verstehe«, entgegnete Verner.
»Ich muss Berichte schreiben, einem der Kollegen ein paar alte Sachen übergeben und bei den Fällen, an denen ich gearbeitet habe, ehe wir den in der Bondegata übernehmen mussten, noch ein paar lose Enden verknüpfen.«
»Okay, ich mache weiter und dann sehen wir uns … am Donnerstag, oder?«
»Ja, Donnerstag bin ich zurück. Ich muss auch Schießübungen absolvieren; ich bin schon lange nicht mehr in der Schießanlage gewesen, sodass ich das genauso gut gleich mit erledigen kann.«
»Schießt du gut?«
»Ganz ordentlich, vor ein paar Jahren habe ich ein paar Mal an Wettkämpfen teilgenommen, aber dann habe ich aufgehört. Es haben sich andere Dinge ergeben, die ich lieber machen wollte.«
»Was zum Beispiel?«
»Tja, ich wollte auch ein bisschen Freizeit haben, andere Menschen treffen, nicht immer nur Polizisten.«
»Das verstehe ich, ich habe nie mit Polizisten verkehrt.«
»Obwohl manche in Ordnung sind.«
Verner verstummte. Er dachte an seine Jahre als Polizist. Hatte er eigentlich irgendwelche richtigen Freunde unter den Kollegen gehabt? Und an welche dachte Margret, wenn sie sagte, dass manche in Ordnung waren? War er einer von ihnen?
»Noch ein Brot?«, fragte er.
»Nein danke, das reicht. Ich werde jetzt nach Hause fahren.«
Verner ging mit Margret zur Tür. Sie lächelte und fasste mit der Hand seinen Oberarm.
»Wir sehen uns am Donnerstag«, sagte sie.
Margret hatte für neun Uhr einen Platz in der Schießanlage, die im Keller des Polizeigebäudes lag. Sie holte Dienstwaffe und Munition aus dem Waffenschrank im Dezernat, fuhr mit dem Aufzug nach unten, grüßte einige Kollegen, denen sie begegnete, wurde in die Halle eingelassen, wählte Stand und Zielscheibe und setzte den Gehörschutz auf.
Margret schoss zuerst einige Serien auf die kurze Distanz, sieben Meter, erhöhte dann auf fünfzehn, war ein bisschen unzufrieden mit dem Trefferbild. Die Treffer lagen nahe beieinander, aber eine Idee zu hoch, sie saßen in der Brust der Pappfigur, nahe dem Hals.
Margret wog die Pistole in der Hand, die schwarze Sig Sauer fühlte sich schwer und zuverlässig an.
Sie schoss noch ein paar Serien, hielt die Treffer unten, aber jetzt streute sie die Schüsse.
Die fünfte Serie saß besser, die siebte war richtig gut.
Als sie fertig war mit Schießen, verließ sie die Schießanlage und nahm den Aufzug zurück ins Dezernat. Hätte sie die Waffe für einen Auftrag benötigt, hätte sie sie mit ins Büro nehmen dürfen. Aber nun verlangten die Regeln, dass sie Pistole und Munition wieder in den Waffenschrank einschloss.
Margret ging einmal im Monat zum Übungsschießen in die Anlage im Keller, und sie schaffte die jährliche Schießprüfung immer mit einem guten Ergebnis. Aber darüber hinaus hatte sie die Pistole noch nie benutzt, und darüber war sie froh.
Jetzt hatte sie noch einen Termin einzuhalten. Anstatt zurück ins Büro zu gehen, nahm sie die Treppen hinunter in den Trainingsraum, zog sich um und begrüßte die drei Kollegen von der City-Polizei, mit denen sie sich verabredet hatte. Es war Zeit für ihre regelmäßige Trainingseinheit in Selbstverteidigung: vierzig schweißtreibende Minuten, Aufwärmen, kurzes Krafttraining, dann Schläge und Tritte gegen den Sandsack, paarweises Training im Sparring, Serien von Frontaltritten, Rundtritten, Stoßtritten, Hüftwürfen, Beinwürfen.
Das Tempo war sehr hoch, alle vier waren schnell, konzentriert, diszipliniert. Sie versetzten einander harte Schläge, ohne zu treffen, steuerten die Schläge millimetergenau, ließen die heftigen Tritte fast die Wangen des Anderen streifen.
Margret trieb ihren Trainingspartner an die Wand. Er war jünger und wog viel mehr, aber sie war schneller, härter, geschickter.
Um elf Uhr saß Margret wieder an ihrem Schreibtisch im Ermittlungsdezernat der Bezirkskriminalpolizei.
Die Wohnung in der Bondegata war inzwischen aufgeräumt und gereinigt. Verner und Margret hatten das zusammen gemacht. Sie waren mit dem Vermieter übereingekommen, dass sie bis April bleiben konnten.
Die Scheibe in der Küche war immer noch gesprungen. Verner war das egal. Er hörte die Uhr der Sofiakirche schlagen und dachte, dass Lasse die Uhr unzählige Male gehört haben musste.
Aber die Zeit der Viertelstundenschläge war vorbei. Verner hatte in einer Zeitungsnotiz gelesen, dass Mieter in dem Gebiet rund um die Kirche protestiert hatten; sie konnten nicht schlafen, weil die Uhr so oft schlug. Daraufhin gab es eine Änderung. Jetzt schlug die Sofiakirche keine Viertelstunden mehr, sondern nur noch Stunden. Verner dachte: Mochte Lasse den Klang oder hörte er ihn nicht mehr, weil er die ganze Zeit da war? Und durfte er erleben, dass die Viertelstundenschläge verschwanden? Oder hörten die Schläge auf, als er starb? In derselben Woche? Am selben Tag? Vielleicht in derselben Stunde? Verner nahm sich vor herauszufinden, wann das Glockenläuten der Sofiakirche geändert worden war. Nicht dass es etwas bedeutete, aber um Lasses willen, auch wenn er nichts davon hatte.
Um halb zwölf klingelte das Telefon. Es war Margret. Sie wollte nichts besonderes, sich einfach nur melden.
Doch, es war alles in Ordnung.
Bei ihr auch?
Ja, bei ihr auch.
Es wurde ein kurzes Gespräch. Verner fragte sich, warum sie angerufen hatte. Dann dachte er, dass es wohl normal sei, dass man so etwas machte. Er mochte es, dass Margret angerufen hatte. Es freute ihn.
Dann betrat er den begehbaren Schrank. Er hatte beschlossen, den Inhalt der drei Kartons durchzuschauen. An diesem und am folgenden Tag sortierte Verner Papiere, Zeitungsausschnitte, Ordner, Matrizen, Berichte, Zettel. Er legte sie in Stößen auf den Tisch und den Boden.
So machte er es immer; es war eine Gewohnheit von früher. Er hatte auf diese Weise mehrere Fälle gelöst, Papiere gesammelt und sortiert, Namen und Plätze gefunden, Spuren aufgenommen.
Verner hatte seine Kenntnisse als Fahnder und Ermittler erworben, lange bevor die Computer das Hilfsmittel der Polizei wurden. Er hatte sich die neue Technik nie angeeignet. Er war sehr altmodisch, hartnäckig und genau. Er schrieb in kleine schwarze Notizbücher, auf Zettel und an den Rand von Zeitungen und Büchern.
Lasse Bergman war genauso gewesen. Das wusste Verner, nun bekam er die Gelegenheit, es noch einmal festzustellen.
Verner saß über Lasses gesammelten Mühen, Jahren von Recherchen und Nachforschungen, Gesprächen und Interviews. Drei große Kartons voll mit Papierbündeln, Fakten, Entwürfen, Ideen, Wörtern, Zahlen, Namen, Namen, Namen.
Es gab auch zwölf Notizbücher mit angestoßenen Ecken. Verner erkannte, dass Lasse sie in der Tasche getragen und tausende von Malen hervorgezogen hatte.
In den beiden ersten Kartons herrschten System und Ordnung. Lasse hatte alles so einsortiert, dass man es wiederfinden konnte. Die Papierbündel waren geordnet, einige trugen eine Überschrift auf einem Vorsatzblatt, das um die Bündel herumgefaltet war, um andere waren Schnüre geknotet.
Der dritte Karton unterschied sich von den beiden ersten. Zwar gab es auch hier reichlich Bündel mit Kopien von Voruntersuchungen, Gerichtsverfahren und Urteilen. Verner sah ziemlich schnell, worum es ging. Lasse hatte alles Material über die großen Fälle von Kuppelei in den siebziger Jahren aufgehoben, die viel beschriebenen Fälle, in denen kleine Mädchen für Prostitution benutzt worden und in denen bekannte Männer aufgetaucht waren. Lasse Bergman hatte mehrere Jahre für das Fernsehmagazin Fokus an diesen viel beachteten Fällen gearbeitet. In dem Karton befand sich alles, was Lasse dazu aufbewahrt hatte.
Verner erkannte das Material wieder. Er hatte damals im Ermittlungsdezernat der Stockholmer Kriminalpolizei gearbeitet. Während dieser Arbeit hatte er Lasse kennen gelernt. Als die Gerichtsverfahren eingeleitet wurden, war Verners Arbeit abgeschlossen, aber er verfolgte das, was geschah, aus eigenem Interesse.
Sämtliches Material dieser Fälle befand sich in Lasse Bergmans drittem Karton. Aber in diesem Karton fehlte die Ordnung. Protokolle, Bögen und Hefte lagen, als seien sie in aller Hast hineingeworfen worden.
Als Margret am Donnerstag um neun Uhr in die Bondegata kam, war Verner schon da. Er saß im Wohnzimmer und kramte in den Papieren.
»Du bist die Kartons durchgegangen?«, fragte Margret.
»Genau, und es gibt viel zu überprüfen, wie du siehst.«
»Kannst du davon berichten?«
»Zwei Kisten enthalten allerlei aus Lasses Zeit als investigativer Reporter.«
»Okay, und die dritte Kiste?«
»Da drin sind die siebziger Jahre, die Fälle von Kuppelei, Sally T., der Minister, die kleinen Mädchen, der ganze Krempel.«
»Sally T., war das die, die Bordellmutti genannt wurde?«
»Ja, so hieß sie in den Zeitungen.«
»Und der Minister kam davon.«
»Ja, mit einem angeschlagenen Ruf. Aber du warst damals wohl noch sehr jung?«
»Ich war vielleicht zehn, und wenn ich etwas in der Zeitung gelesen habe, dann war es bestimmt über ABBA.«
»Sie haben Sally und den Minister überlebt.«
»Aber was nützt uns das hier, Verner? Was hat dieses alte Material zu bedeuten? Hängt es überhaupt mit Lasses Tod zusammen?«
»Ich weiß nicht, Margret. Ich werde ein bisschen blättern und überlegen und schauen, ob etwas relevantes auftaucht.«
»Währenddessen werde ich zusammenstellen, was wir von den Technikern und dem Gerichtsmediziner bekommen haben. Ich habe ein Modell dafür, eine Art Faktenschema, das vieles erleichtert.«
»Musst du nach Kungsholmen fahren und am Computer sitzen, um das zu erledigen?«
»Nein, ich habe Notizen, und wenn ich mehr Angaben brauche, rufe ich im Dezernat an. Aber ich glaube, ich werde einen Computer mit hierher nehmen. Ich möchte im Internet recherchieren können.«
3.
Hanna war müde, sie schlief schlecht, nahm fast immer Tabletten, ehe sie sich hinlegte. Meist fiel es ihr leicht einzuschlafen. Aber nach kurzer Zeit erwachte sie mit einem Ruck. Sie hatte dann geträumt. So fühlte es sich zumindest an, aber sie konnte sich nie an den Traum erinnern. Vielleicht war es am ehesten ein Gefühl ohne Traumbilder, ein Erlebnis von schrecklicher Einsamkeit, von drohender Gefahr.
Sie versuchte, nicht noch mehr Tabletten zu nehmen, aber es war schwer, weil sie ja halfen. Sie sollte neue Rezepte von Rina bekommen, die mit einem Arzt befreundet war. Es kam vor, dass Hanna sich auch über andere Kontakte Tabletten beschaffte. Und doch kostete es einiges, fünfhundert für eine Dose mit hundert Tabletten. Aber das spielte keine Rolle. Manche Menschen gaben ihr Geld für Alkohol aus, andere rauchten eine Schachtel Zigaretten am Tag. Hanna kaufte Tabletten.
Sie nahm sich ein paar Tage frei und machte das Handy aus. Sie wollte allein sein, sich ausruhen. Aber die Ruhe wurde zu Einsamkeit und nagender Rastlosigkeit.
Hanna rief Sara an und bat sie, nach der Schule zu kommen; sie konnten doch etwas zusammen unternehmen. Es war ein Dienstag. Sara hatte in letzter Zeit nicht geschwänzt. Sie hatte sich selbst versprochen, zumindest zu versuchen, der Schule eine Chance zu geben. Obwohl es genauso langweilig war wie immer. Die meisten Lehrer waren Idioten und ihr Klassenlehrer war am schlimmsten von allen. Nur ihr Kunstlehrer war okay.
Sie benutzte Hannas Kamera ziemlich oft. Die Filmrollen ließ sie irgendwo mitgehen. In der Hornsgata gab es ein gutes Geschäft. Die Rollen lagen vorne. Am Hötorg lag ein anderes Geschäft, in dem es auch ziemlich ungefährlich war, eine Rolle zu nehmen. Aber für die Entwicklung von Farbfilmen brauchte Sara Geld. In der Schule gab es nur eine Dunkelkammer für Schwarzweiß.
Der Kerl aus dem Klackaväg hatte wieder angerufen. Sara sagte, dass sie keine Zeit habe. Der Kerl entgegnete, dass sie vierhundert bekommen würde. Sara ging hin, bereute es jedoch, als sie das Geld bekommen hatte, und entschloss sich, nicht wieder hinzugehen. Das sagte sie auch Marika.
»Ich weiß«, sagte Marika. »Ich habe genauso gedacht. Aber man muss ja an Geld kommen.«
»Man könnte vielleicht das Geld nehmen und abhauen.«
»Du meinst, man scheißt drauf, es zu tun, und nimmt nur das Geld?«
»Ja.«
Sie waren sich darüber einig, dass die Idee gut war. Sie sprachen noch eine Weile darüber, die eine könnte drinnen im Wohnzimmer mit dem Kerl reden und die andere könnte in die Küche schleichen und das Geld nehmen, und dann könnten sie weglaufen.
»Wenn er nächstes Mal eine von uns anruft, dann machen wir es so«, sagte Marika.
Sie trennten sich vor der Schule. Sara nahm den 142er Bus zum Telefonplan. Sie klingelte bei Hanna, wollte nicht warten und nahm den Schlüssel heraus, um aufzuschließen, aber in dem Moment machte Hanna auf.
Sie sah müde aus. Sara dachte, dass ihre Schwester vielleicht geweint hatte. Es sah fast so aus. Ihre Augen waren ein wenig geschwollen. Aber Sara fragte nicht, wie es Hanna ging.
Sie tranken Tee. Hanna hatte nur Brot zu Hause, keine Plätzchen; sie war offensichtlich nicht in der Stadt gewesen.
»Wollen wir irgendwohin gehen?«, fragte Sara.
»Ja, wir können einen Spaziergang machen.«
»Oder in die Stadt fahren, ein bisschen einkaufen.«
»Tja, vielleicht auch das.«
»Oder ich weiß was«, sagte Sara. »Ich kann dich fotografieren. Wir fahren in die Stadt und dann mache ich ein paar Bilder von dir.«
Hanna zögerte, aber Sara überredete sie. Sie nahmen ein Taxi und Sara hatte wieder Gelegenheit festzustellen, dass ihre Schwester vermutlich reichlich Geld hatte.
Am Nybroplan stiegen sie aus. Es war immer noch hell. Sie folgten dem Strandväg in Richtung Djurgården und gingen auf den Kai hinaus.
»Hier ist es gut«, sagte Sara. »Vor dem Segelschiff da, das wird hübsch.«
Es war ein Dreimaster mit schwarzem Rumpf und dunkelblauem Deckshaus. Hanna stand direkt an der Reling, einen Schritt von der Kaikante entfernt. Sara machte mehrere Bilder. Jetzt lächtelte Hanna ein bisschen, es war ihr erstes Lächeln an diesem Nachmittag.
Sie gingen weiter, passierten Reihen von vertäuten Kähnen, Segelschiffen, kleinen Booten, die meisten in der Winterruhe, mit verschlossenen und abgedeckten Kajüten. In einigen größeren Motoryachten brannte Licht hinter den Scheiben des Deckshauses. Auf einem Vordeck saß ein schwarzer Pudel.
Sara machte noch ein Bild von Hanna vor dem Boot mit dem Pudel.
Dann gingen sie über die Brücke nach Djurgården, weiter vorbei am Nordiska museet und wieder hinunter zum Wasser bei Liljevalchs konsthall. Der Himmel war wolkenlos, es war überhaupt nicht kalt und immer noch so hell, dass Sara fotografieren konnte.
»Bist du schon müde?«, fragte Hanna.
»Nein, wir machen noch ein paar Bilder, dann hätte ich gerne was zu essen.«
»Ja klar, wir finden schon ein Lokal in der Nähe.«
Sie betraten das Werftgelände rechts vom Vasamuseet. Einige sehr große Motoryachten lagen an einem der Anlegestege vertäut.
»Vor dem Boot da«, meinte Sara.
Hanna stellte sich vor den Steven des Bootes. Das Boot war weiß, vielleicht dreißig Meter lang, hatte mehrere Etagen und eine verglaste Kommandobrücke. Die Scheiben waren getönt. Auf den verschiedenen Decks gab es Einlagearbeiten aus Holz. Der Handlauf der Reling und die Geländer waren ebenfalls aus Holz. Hier und dort glänzte Messing.
Neben dem großen Boot lag eine andere Yacht von ähnlicher Art, und etwas weiter weg eine, die noch größer war. Sara machte mehrere Bilder. Sie ging ein wenig in die Hocke, um ein Bild zu bekommen, das zeigte, wie groß das Boot war.
»Ein nettes Boot hast du«, sagte Sara.
Hanna lachte zum ersten Mal an diesem Tag.
»Ist es zu verkaufen?«, fragte Sara.
Während Hanna immer noch lachte, schüttelte sie gleichzeitig den Kopf und versuchte auszusehen wie eine Millionärin.
Sara senkte die Kamera. Sie war fertig mit Knipsen.
»Darf ich auch ein Bild von dir machen?«, fragte Hanna. Sie tauschten die Plätze. Als Sara für einen Moment zur Seite schaute, sah sie, dass Leute an Bord des dritten Bootes waren. Auf dem Achterdeck, in ihre Richtung gewandt, stand ein Mann.
Hanna machte ein Bild. Es war Zeit, den Anlegesteg zu verlassen. Sie gingen den Landungssteg zurück, der den Anlegesteg mit dem Kai verband.
In dem Moment rief jemand. Hanna und Sara wandten sich um. Es war der Mann, den Sara auf dem hinteren Boot gesehen hatte. Er stand immer noch auf dem Achterdeck des Schiffes, aber jetzt winkte er und rief noch einmal.
»Ist das jemand, den du kennst?«, fragte Sara.
»Ich glaube schon«, meinte Hanna.
Die Schwestern gingen zurück und auf den Mann zu. Er stand noch auf dem Deck, kam aber auf sie zu. Jetzt winkte er wieder.
»Er heißt Paul«, sagte Hanna, »ein Bekannter von mir.« Nun waren sie bei dem großen Boot angekommen. Es lag mit dem Heck zum Anlegesteg vertäut. Der Mann war vorne an die Reling getreten.
»Hallo Paul«, sagte Hanna.
»Was für eine Überraschung«, antwortete der Mann.
»Ja, wirklich«, meinte Hanna. »Das hier ist meine Schwester Sara.«
»Hallo Sara«, sagte Paul.
Er klappte eine Tür in der Reling zur Seite und reichte Sara die Hand. Sie beugte sich zu dem Mann hinüber und begrüßte ihn, auch Hanna gab ihm die Hand.
»Ihr seht euch wirklich ähnlich«, meinte Paul.
»Ja, das sagen viele«, sagte Hanna.
»Wollt ihr eine Weile an Bord kommen?«
Hanna schaute Sara mit einem fragenden Blick an; sie selbst war sich nicht ganz sicher, ob sie wollte, dass Sara Paul traf.
»Ich will gerne das Schiff sehen«, sagte Sara.
Damit war die Sache entschieden. Hanna und Sara gingen an Bord. Paul reichte ihnen wieder die Hand, half ihnen und schloss das Tor hinter den Schwestern.
»Ich habe einen Besucher«, sagte Paul. »Ihr sollt ihn kennen lernen.«
Er ging vor, wies ihnen den Weg, wandte sich um und öffnete eine Tür. Sie traten in ein Deckshaus, einen warmen und gemütlichen kleinen Raum mit Teppichboden, dunklen Holzwänden und Ledermöbeln.
In einem Sessel saß ein Mann. Er stand auf, als die Gesellschaft hereinkam. Seinem Aussehen nach war er in den Sechzigern. Er war grauhaarig, braungebrannt und mager.
»Ich heiße George«, sagte der Mann.
Paul stellte Hanna und Sara vor. Sie setzten sich. Paul fragte die Schwestern, was sie zu trinken wünschten. Für einen Moment wurde es still, keiner von ihnen fiel ein, was sie trinken könnten, so plötzlich kam es.
»Ich glaube, ich weiß, was du haben willst, Hanna«, sagte Paul. »Und du Sara, willst du vielleicht eine Coca Cola haben?«
»Ja gern, danke«, sagte Sara.
Paul ging zu einer Theke hinüber, hantierte kurz mit Flaschen und Gläsern und kam mit einem runden Tablett zurück. Er servierte Hanna einen Dry Martini und Sara ein Glas Coca Cola mit Eis.
»Was hat euch hierher geführt?«, fragte Paul.
»Wir sind ein bisschen spazieren gegangen«, antwortete Hanna. »Sara hat Fotos von mir gemacht, wir fanden, dass die Umgebung hier schön ist.«
»Du fotografierst also«, sagte Paul.
»Ein bisschen«, antwortete Sara. »Ich versuche es zu lernen.«
Sie nahm die Kamera hoch, wog sie in der Hand und schaute Paul an. Er lächelte sie an.
»Ja, deine Schwester ist bestimmt ein gutes Modell«, sagte er.
Sara zuckte mit den Schultern und nippte an ihrem Glas.
»Wir müssen bald weiter«, meinte Hanna.
»Ich verstehe«, sagte Paul. »Das war wirklich ein unerwarteter Besuch.«
Der Mann, der sich als George vorgestellt hatte, hatte immer noch nichts gesagt. Er lächelte die ganze Zeit, sah interessiert aus und nickte dann und wann zustimmend. Aber er war still.
Hanna änderte ihre Sitzstellung im Sessel, ein Anzeichen dafür, dass sie sich anschickte aufzubrechen. Sie wäre gerne geblieben, aber es war nicht gut, mit Sara und diesen beiden Männern hier zu sitzen. Sara war erst vierzehn. Sie sah älter aus. Hanna merkte, dass Sara die Blicke der Männer auf sich zog.
Sie erhob sich. Die Männer erhoben sich ebenfalls. Sara blieb sitzen, trank das Glas aus, dann stand auch sie auf. Sie standen sich gegenüber, der schweigsame Mann reichte Hanna die Hand, um auf Wiedersehen zu sagen.
In dem Moment kam Sara eine Idee. Sie tippte an den Blitzknopf der Kamera, hob die Kamera und knipste.
Alle fuhren zusammen. Hanna lachte, Paul lächelte. Der schweigsame Mann lächelte nicht, oder aber er versuchte zu lächeln, ohne dass es ihm gelang.
Paul begleitete die Damen hinaus. Er küsste Hanna auf die Wange und gab Sara die Hand. Er stand noch immer auf dem Achterdeck, als die Schwestern wieder auf den Kai kamen. Nun fing es an zu dämmern.
»Hast du gesehen, wie das Boot heißt?«, fragte Hanna.
»Lady Star«, anwortete Sara. »Es stand hinten drauf, und es stand auch auf dem Glas.«
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