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Erich Schütz

Judengold

Kriminalroman


Zum Buch

JÜDISCHES GOLD Leon Dold ist Journalist. Als er am Bodensee für einen Dokumentarfilm recherchiert, stößt er auf einen Fall von Goldschmuggel und eine Geschichte, die schon im Dritten Reich begann: Jüdisches Kapital wurde damals in die Schweiz verschoben. Ein Zugschaffner namens Joseph Stehle spielte offensichtlich eine tragende Rolle, auch ein Schweizer Bankhaus war involviert. Jetzt soll es gewaschen nach Deutschland zurückgebracht werden. Auf der Suche nach den Hintergründen stößt Leon auf unglaubliche Machenschaften und verstrickt sich immer tiefer in den brisanten Fall: Eine Organisation, die Verbindungen in höchste Geheimdienstkreise zu haben scheint, von deren Existenz jedoch niemand etwas wissen will, streckt ihre tödlichen Fänge nach ihm aus …

Erich Schütz volontierte beim Südkurier in Konstanz, studierte in Berlin und arbeitete danach beim SWR in Stuttgart, doch der Bodensee lockte ihn zurück. „Das Wasser und die Landschaft“, verrät er, „aber vor allem der kulinarische Genuss in den Landgasthöfen.“ Folgerichtig wurde aus dem ehemaligen Polit-Journalisten ein Food-Journalist, Herausgeber des Restaurants-Guide der „Südland Köche“ und Buchautor für spannende Bodensee-Geschichten.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Neuausgabe 2021

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © aboutpixel.de / Blick in die Ferne und © Gernot Weiser

ISBN 978-3-8392-3398-6

Widmung

Für Martina, die, während dieser Krimi geschrieben wurde, zuversichtlich ihre Chemotherapie durchstand.

Kapitel 1

»Grüezi«, murmelte Joseph Stehle kurz angebunden vor sich hin, ohne seinen Gesprächspartner anzuschauen. Dabei öffnete er eine abgegriffene, dunkelbraune Ledertasche und legte einige dicke, mit einem dünnen Gummi zusammengeschnürte Reichsmarkbündel, auf die Theke des schweizerischen Bankhauses Wohl & Brüder in Schaffhausen.

»Grüezi«, antwortete der rundliche Bankangestellte hinter den dicken Panzerglasscheiben, ebenfalls ohne besondere Freundlichkeit. Es war offensichtlich, die beiden kannten sich, es schien jedenfalls nicht das erste Mal zu sein, dass der Mann dem Kassierer lose Geldbündel auf den schmucklosen Tresen blätterte.

Der Schalterraum war nicht größer als ein ganz normales Wohnzimmer. Ein quadratisches, kleines Fenster zur Straße sowie eine alte Schreibtischlampe, direkt über der Kasse, dienten als einzige Lichtquelle. Außer der Ladentür führte nur noch eine weitere Tür direkt neben der Kasse in einen anderen Raum.

»Vier neue Nummernkonten«, befahl Joseph Stehle mit grobem schweizerischen Tonfall. Er sprach auffallend ungehobelt und ohne Höflichkeitsschnörkel. Er war groß gewachsen, hatte eine stattliche Figur, graue, kurze Haare mit angedeutetem Linksscheitel, ein schmales, strenges Gesicht mit tiefen Furchen und eine Nase, die ebenfalls schlank, aber etwas zu lang geraten war. Unter einem offenen, schwarzen Mantel trug er sichtbar eine dunkelblaue Uniform.

»Selbstverständlich, mein Herr«, nassauerte der Bankangestellte und kramte mit seinen wurstigen Fingern die für eine Nummernkontoeröffnung notwendigen Formulare aus einem Fach unter seiner Theke hervor. Der Angestellte wirkte hinter seinem Schalter klein und gedrungen. Er hatte eine Nickelbrille auf seiner Nase und im Verhältnis zu seinem Zwergenwuchs einen zu großen, quadratischen Kopf mit glatt gescheitelten, fettigen Haaren.

Während des gesamten bürokratischen Vorgangs fiel kein persönliches Wort. Vor allem aber war auffallend, dass beide weder einen Namen noch eine Adresse nannten.

Als Joseph Stehle die Bank verließ, knöpfte er trotz milden Sonnenscheins seinen Mantel fest zu. Er hielt dabei in seiner rechten Hand einen kleinen Zettel, auf dem vier Nummern geschrieben standen. Energisch marschierte er durch das Herrenackerviertel, einem der schönsten Winkel in der Schaffhauser Altstadt. Er ging hinunter, an dem kleinen, frühklassizistischen Kastenerker mit einfacher Namenkartusche vorbei, und blinzelte vergnügt der kleinen Friedenstaube zu, die seit der Französischen Revolution 1789 über der Rundbogenpforte verharrte.

Von Frieden war zu jener Zeit in ganz Europa keine Rede, auch nicht in Schaffhausen. Die gesamte Schweiz befand sich in einem Ausnahmezustand. Nachdem Hitler in Österreich einmarschiert war, die deutschen Truppen fast ganz Frankreich überrannt hatten und in Italien Mussolini mit faschistischer Skrupellosigkeit herrschte, war die Schweiz zur eingeigelten Trutzburg für viele Flüchtlinge geworden. Hauptsächlich Juden, aus allen besetzten Ländern, suchten Zuflucht – für sich und ihre Ersparnisse.

Joseph Stehle war über diese Situation nicht unglücklich. Im Gegenteil: Seine Geschäfte liefen glänzend. Er fühlte sich bestens, vertrieb mit einem angedeuteten Fußtritt eine Taube von einer Parkbank am Rhein und setzte sich selbst darauf. Er blinzelte kurz in die Sonne, dann stierte er auf den Zettel in seiner Hand. Seine Lippen bewegten sich leicht, er prägte sich die Nummern ein: Nummer 1017 Josef Weiß: 200.000 Reichsmark; Nummer 1020 Jakob Kaufmann: 130.000 Reichsmark; Nummer 1045 Samuel Rosenberg: 100.000 Reichsmark und 1048 Nathan Wolf: 250.000 Reichsmark.

Er hatte sich ein System erdacht, mit dem er sich die Nummern und vor allem die Höhe der Summen leicht merken konnte. Dabei fuhr er einfach gedanklich mit dem Zug seine Lieblingsstrecke, die Gäubahn, von Stuttgart nach Zürich ab. An jeder Bahnhofsstation – er kannte alle – hatte er vor seinem geistigen Auge Schließfächer eingerichtet. Schon vor Jahren hatte er damit begonnen. Im Hauptbahnhof Stuttgart hatte er in seinem Kopf das erste Depot angelegt. Dort fuhr der Zug nach Zürich schon seit Jahren um 7.58 Uhr ab. Sein erstes Nummernkonto in dem Schaffhauser Bankhaus Wohl & Brüder hatte so die Nummer 758. Das war leicht zu merken. Das zweite Konto, am ersten Halt Böblingen, hatte die Ankunftszeit als Nummer und damit 823, die Nummer des dritten Kontos war mit der Abfahrtszeit 825 identisch usw.

Die jeweiligen Kontonummern in der Bank erbat er sich nach dem Fahrplan der Reichsbahn, der in seinem Kopf fest verankert war. Er konnte alle Ankunfts- und Abfahrtszeiten im Schlaf herunterleiern. Als Schaffner fuhr er die Strecke schon seit Jahren. Die Summe der Beträge merkte er sich ebenso leicht. Dafür brauchte er kein weiteres System, dabei halfen ihm seine Gier und ein kleiner Trick. In seinem Kursbuch unterstrich er mit Bleistift jene Ziffern, die an seinen Haltestellen zu weiteren Anschlusszügen führten. So waren zum Beispiel unter Böblingen bei der Ankunftszeit 8.23 Uhr die Ziffern der Zugnummer für die Anschlusszeit nach Sindelfingen unterschiedlich gestrichelt. Der Vorteil des Systems: Zugnummern änderten sich so wenig wie die Fahrpläne. Und es gab immer eine große Auswahl an Anschlusszügen und Nummern. Die glatten Tausenderbeträge konnte er so leicht verschiedenen Zügen zurechnen.

Die Namen der Eigentümer selbst, da war er sich sicher, konnte er vergessen. Nach allem, was er gehört hatte, war die Angst unbegründet, dass Juden nach 1940 es noch schafften, Deutschland zu verlassen. Und wenn schon: Wo wollten sie klagen? In Deutschland sicher nicht, lachte er selbstsicher in sich hinein, und in die Schweiz müssten sie erst einmal hereinkommen. Ein Beschluss des Bundesrates in Bern von 1939 machte eine Einreise für deutsche Juden fast unmöglich. Ohne gültige Ausreisepapiere, und zwar von deutscher Seite, ging nichts mehr. Die Schweizer Behörden wiesen Reichsdeutsche, die von den deutschen Behörden keine gültigen Ausreisepapiere vorlegen konnten, gnadenlos zurück, und Juden bekamen diese Genehmigung in Deutschland kaum noch. Viele Flüchtlinge, die schon vor dem Berner Beschluss schwarz über die deutsch-schweizerische Grenze gelangt waren, wurden von den Schweizer Behörden nach 1940 sogar wieder zurück an die Gestapo ›ausgeschafft‹, wie es im Schweizer Amtsjargon hieß.

Joseph Stehle und einige seiner Kollegen hatten schon zuvor das lukrative Geschäft erkannt. Ob Kellner im Speisewagen der deutschen Gesellschaft Mitropa oder eben Schaffner der Reichsbahn – mit fast allen Zöllnern standen sie auf Du und Du. Ihr Grenzübertritt als Zugbegleitpersonal war tägliche Routine. Illegale Vermögensverschiebungen aus dem Deutschen Reich in die Schweiz boten sich als lukratives Nebengeschäft geradezu an.

Joseph Stehle hatte die Geldscheine, Münzen oder den Schmuck stets in einem sicheren Versteck im Zug deponiert. Er schob seine alte Lederaktentasche in den Hohlraum der Waggonaußenwand im eigenen Schaffnerabteil und ließ die Sperrholzwand wieder zurückschnappen. Der Hohlraum maß immerhin zehn Zentimeter Breite und reichte über die gesamte Fläche unterhalb des Waggonfensters bis zum Heizungsschacht. Der Zutritt in das Abteil war nur dem Dienstpersonal gestattet. Die Abteiltür hielt er immer verschlossen. Selbst die Zöllner baten ihn nur selten, diese Tür zu öffnen. Schließlich galt er sowieso als ein Einhundertfünfzigprozentiger. Und meist verlief der tägliche Grenzverkehr ohnedies ohne Zwischenfälle.

*

»Wenn Sie mich umbringen, versiegt Ihre Quelle«, hatte sie ihn noch gewarnt. Doch Joseph Stehle drehte ihr die Halsschlagadern ab.

Sie schaute ihm flehend in die Augen.

Er lächelte sie kalt an und erhöhte den Druck.

Als er spürte, wie das Leben aus ihrem Körper weichen wollte, löste er die Fäuste, fing ihren dünnen Leib auf, damit dieser nicht lautstark auf den Boden ihres Wohnzimmers krachte, und trug sie ins Badezimmer.

Dort lehnte er die bewusstlose Frau mit der einen Hand an die grün geflieste Wand, öffnete ungeschickt mit der anderen Hand ihre Bluse, suchte dann die Knöpfe ihres Rockes, um diesen über ihre schmalen Hüften zu streifen, und entkleidete sie, so weit es ihm in dieser Stellung möglich war.

Zwischendurch öffnete sie ihre Augen, doch Joseph Stehle wusste, was er zu tun hatte, und drückte ihr schnell beide Halsschlagadern, jetzt leicht mit einer Hand, wieder ab.

Dann legte er den für ihn leichten Körper in die Badewanne, entkleidete sie vollständig und zückte aus seiner Hosentasche ein Schweizer Offiziersmesser.

Er kniete sich neben die Wanne, ließ die Klinge aufspringen und schnitt der Frau rasend schnell beide Pulsadern in ihren Unterarmen auf.

Die Arme legte er schlaff auf ihren nackten Bauch.

Zufrieden sah er das Blut aus den Wunden quellen.

Seine Hände waren blutig geworden und auch sein Messer. Er drehte einen Wasserhahn auf, dann den zweiten, und staunte, wie leicht er mit den beiden Hähnen die Wassertemperatur regeln konnte. Das Badezimmer in der Stuttgarter Schlossstraße war großzügig ausstaffiert, in dem Haus gab es eine der ersten Zentralheizungen und im Bad Mischbatterien für Warm- und Kaltwasser, wie sie Stehle noch nie gesehen hatte.

Für die Schönheit des Körpers der schlanken Frau hatte Joseph Stehle heute keinen Blick. Er schaute nur in ihr Gesicht und wusste, dass er ihr jederzeit, sollte sie doch noch einmal ihre Augen öffnen, schnell wieder die Halsschlagadern abdrücken würde.

Doch die junge Frau erwachte nicht mehr.

Joseph Stehle drehte das Wasser ab und blickte zufrieden auf sein Werk. Er ging in die Küche, holte aus einer Schublade ein scharfes Messer und drapierte es so bei der Leiche in der Wanne, dass man glauben konnte, es sei ihr aus der Hand geglitten. Eine Jüdin, die sich das Leben nahm, war in jenen Tagen nichts Besonderes. Da hatte er auch vonseiten der Stuttgarter Polizei keine weiteren Nachforschungen zu befürchten. Jüdisches Leben war zu jener Zeit keine Ermittlung wert.

Joseph Stehle wog sich in der Sicherheit, dass in der Wohnung über seine schwunghaften Schiebereien keine Hinweise zu finden waren. Der jetzt toten Dame, wie auch ihm, war von Anfang ihrer Geschäftsbeziehungen an klar gewesen, dass jede Art von Aufzeichnungen den eigenen sicheren Tod bedeuten konnte. Denn für Devisenvergehen gab es im Deutschen Reich kein Pardon. Aus Angst vor der Todesstrafe hatten sie sich gegenseitig immer wieder versichert, keine Beweise für ihre Geldtransaktionen aufzubewahren.

Luise Levy starb am 4. November 1940. Der für die Behörden offensichtliche Selbstmord einer 39-jährigen Jüdin war in den Kriegsjahren für die Öffentlichkeit kein Thema.

Mit Luise Levy versiegte für Joseph Stehle aber tatsächlich fürs Erste eine Einnahmequelle. Sie hatte recht gehabt, sie war wie eine Goldader für ihn gewesen, die ihn zu immer neuen Funden geführt hatte. Doch er hatte sie beseitigen müssen. Die Stuttgarter Jüdin hatte ihm zwar die meisten seiner Kunden zugeführt, aber das Geschäft wurde immer gefährlicher. Dabei hatte vor drei Jahren alles ganz harmlos begonnen.

*

Joseph Stehle tat am 13. August 1937 Dienst in dem Personenzug Singen–Winterthur, Abfahrt 9.30 Uhr, Gleis 1. Die Grenzzöllner durchstreiften die Waggons. Sie fuhren jeweils von Singen bis über die Grenze Rielasingen-Ramsen mit. Alle Passagiere mussten ihnen ihre Ausweise sowie eine Bewilligung zum Grenzübertritt oder die neue, gesetzlich vorgeschriebene Grenzkarte vorlegen.

Er, Joseph Stehle, kontrollierte als Schaffner die Fahrscheine, die Zöllner begutachteten die Grenzpapiere.

Joseph Stehle war den Zöllnern oft ein Stück voraus. Die Fahrkarten waren in jener Zeit schneller kontrolliert als die Ausweispapiere, und an jenem Tag hatte zudem eine attraktive Frau seine Aufmerksamkeit erregt. Sie saß im Erste-Klasse-Abteil allein am Fenster. Sie hatte eine blonde Dauerwelle, trug ein keckes rotes Hütchen und hatte sich in ein enges blaues Kostüm gezwängt, das die Konturen ihres Körpers mehr als erahnen ließ.

»Heil Hitler«, begrüßte Stehle sie freundlich. Die Frau war nach seinem Geschmack und nach der von ihm verinnerlichten Rassenlehre durch und durch arisch.

»Heil Hitler«, antwortete sie leise und reichte ihm ihre Fahrkarte.

Stehle sah ihre Hand leicht zittern.

Er nahm die Fahrkarte, schaute diese genau und in Ruhe an, um nichts zu übersehen. Dann lochte er sie und reichte sie der jungen Frau mit einer unverfänglich klingenden Nachfrage zurück: »Sie fahren heute wieder nach Hause?«

»Ja«, lächelte sie unsicher, »ich besuche eine Tante in Winterthur, sie hat heute Geburtstag. Um 18.30 Uhr geht doch wieder ein Zug zurück?«

Stehle zeigte sich hilfsbereit und griff nach seinem Kursbuch: »Was für einen Tag haben wir denn heute?«, fragte er ganz beiläufig, als wüsste er dies nicht ganz genau, und blätterte sich durch die dünnen Seiten seines dicken Kursbuches.

»Freitag«, wusste die Zugfahrerin.

»Schon«, lachte Stehle, »aber welches Datum?«

»Heil Hitler«, brachen die Zöllner in das Abteil ein.

»Stören wir?«, lachte der ältere der beiden Grenzer und klopfte Stehle kameradschaftlich auf die Schultern. »Tut uns leid, Joseph, aber es muss sein.«

Stehle zwinkerte der Frau komplizenhaft zu.

Der ältere Zöllner nahm ihre Papiere, prüfte sie sorgfältig und wurde plötzlich unfreundlich in seinem Ton: »Sie haben einen Tagesschein, Frau Levy«, herrschte er sie an. »Einen Tagesschein, eine Rückfahrkarte und doch eine ziemlich große Reisetasche?«

»Meine Tante in Winterthur hat Geburtstag, und sie hat nur einen Wunsch«, die junge Frau versuchte, unbefangen zu wirken und öffnete auf den Fingerzeig des Zöllners folgsam ihre Tasche. »Schauen Sie …«

»Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck …!«

Die Männer blickten ratlos. Zehn Mal hörten sie den künstlichen Schrei des Vogels, dann mussten sie alle lachen, nachdem Frau Levy das braune Packpapier von einer überdimensionalen Kuckucksuhr abgestreift hatte.

Es war Punkt 10 Uhr am 13. August 1937, und der Personenzug Singen–Winterthur überquerte, wie jeden Tag, ohne besondere Vorkommnisse die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz.

*

Die deutschen Zöllner verließen vor dem schweizerischen Ramsen den Zug, die Schweizer Zöllner stiegen zu, nur Joseph Stehle und der Lokführer blieben nach der staatsvertraglichen Vereinbarung Zugbegleiter bis nach Winterthur.

Joseph Stehle nutzte diese Chance: Kaum hatte der Zug den Schweizer Bahnhof nach dem Grenzübertritt verlassen, zog es ihn in das Abteil der blonden Dame zurück.

»Alles in Ordnung?«, fragte sie ängstlich, als er wieder in ihrem Abteil stand.

»Ja«, lachte Stehle freundlich, »aber Sie wollten mir doch noch das heutige Datum nennen?«

Luise Levys Gesichtsfarbe veränderte sich. In die vornehme Blässe ihrer Wangen schoss dunkelrot das Blut.

»Tja«, Joseph Stehles Stimme wurde amtlich, »wir haben gar nicht in den Kasten der Kuckucksuhr reingeschaut, geschweige denn die dicke Tasche ordentlich durchsucht.«

Luise Levys Kopf glühte plötzlich. Sie schluckte deutlich und antwortete unsicher: »Wir sind doch jetzt in der Schweiz.« Es klang wie eine Frage, auch wenn es eine Feststellung sein sollte.

»Aber noch immer in einem Waggon der Deutschen Reichsbahn«, konterte Stehle amtlich, legte geschickt eine kleine Pause ein, in der Luise Levys Gesichtsfarbe nun wieder ganz blass wurde, und setzte zynisch lächelnd nach: »Heute ist der 13. – Freitag, der 13., der Geburtstag Ihrer Tante! Das ist wohl kein Glückstag für Sie, oder?«

»Warum?«

»Weil man als liebe Nichte dieses Datum doch immer parat hat, oder?« Stehles Tonfall war plötzlich harsch geworden.

»Wollen Sie die Polizei rufen?« Luise Levy hatte sich schnell gefangen, es war offensichtlich für sie, dass der Schaffner Lunte gerochen hatte. Sie fragte sich nur, warum er seinen Verdacht nicht schon den Zöllnern gemeldet hatte, und schöpfte deshalb gleichzeitig Hoffnung. Die Begehrlichkeit der Menschen, das hatte sie in den vergangenen Jahren schon oft erfahren, machte diese angreifbar.

Joseph Stehle antwortete nicht. Er spürte die Angst in der jungen Frau aufkeimen. Diesen Augenblick genoss er.

»Was wollen Sie?« Luise Levy wollte handeln, um möglichst schnell diese für sie prekäre Lage zu verändern. »Ich biete Ihnen die Hälfte meiner Provision.« Ihr war klar, sie musste diesen Mann ködern. Er hoffte offensichtlich auf einen Vorteil, sonst hätte er die Grenzer noch auf deutschem Hoheitsgebiet gerufen.

Stehle hingegen zögerte. Er beugte sich nah zu ihr hinunter, roch die Mischung ihres teuren Parfums und inhalierte die Aura ihrer Angst. Er versank fast in ihrem Dekolleté.

Luise sprang von ihrer Sitzbank auf, sie spürte die Überlegenheit des fremden Mannes. Sie hasste diese Situation und diesen Schaffner. In Augenhöhe stand sie ihm nun aufrecht gegenüber.

Er grinste ihr jetzt unverschämt ins Gesicht. Gleichzeitig wurde ihm aber klar, dass diese Frau kein leichtes Opfer sein würde. Er begehrte sie zwar auf der einen Seite und war noch nie einem sich bietenden Seitensprung ausgewichen, fürchtete aber zugleich, dass das Spiel mit ihr vielleicht doch zu gefährlich werden könnte. Er überlegte daher, ob er nicht doch lieber das Angebot annehmen sollte, um sich ein paar Mark nebenbei zu verdienen. »Wie hoch ist denn die Provision?«

»Zehn Prozent, ich würde sie mit Ihnen teilen. Das hieße dann für Sie und für mich jeweils fünf.«

»Wie viel ist das in Mark und Pfennig?«

»Rund 1.000 Mark für Sie.«

Joseph Stehle überschlug kurz. Er bekam im Monat 275 Reichsmark von der Reichsbahn. Dafür musste er 56 Stunden die Woche arbeiten. 1.000 Mark, das war weit mehr als ein Vierteljahresverdienst, für nichts! Nur dafür, dass er nicht wahrnahm, was sowieso nur er aufgedeckt hatte. »1.500«, forderte er kalt.

»In Ordnung«, erwiderte Luise Levy.

»Und Sie eröffnen für mich ein Konto in der Schweiz und zahlen den Betrag dort ein.«

Luise Levy sah jetzt die Unsicherheit in den Augen des deutschen Schaffners. Ihm war klar geworden, dass er solch eine Summe unmöglich mit nach Deutschland nehmen konnte. Er hätte sie dort auch gar nicht ausgeben können.

Joseph Stehle zögerte plötzlich: Was hatte er von dem Geld? Er begab sich damit in die Hand dieser fremden Frau. Sie konnte ihn jederzeit verpfeifen und noch schlimmer: Sie konnte ihn erpressen. Auf der anderen Seite malte er sich aus, was er mit dem Geld alles tun könnte.

»Wir sollten uns auf neutralem Boden in Winterthur weiter unterhalten«, unterbrach Luise Levy die Gedanken des plötzlich ängstlich wirkenden Schaffners. Sie musste diesen unbekannten Mann für sich gewinnen, zumindest so lange, bis sie aus diesem Zug ausgestiegen war. Sie setzte auf ihre weiblichen Reize, straffte ihren Oberkörper, zog ihre Bluse glatt und zeigte stehend ihre attraktive Figur. Mit großen Augen und geöffneten Lippen sah sie Joseph Stehle an.

Joseph Stehles Angst wich blitzartig. Er sah ihre Lippen, er blickte unverhohlen auf ihren festen Busen, musterte ihre zierlichen Hüften und roch ihr teures Parfum. Er schöpfte erneut eine vage Hoffnung. Er wähnte sie in seiner Hand. Hinter dem Winterthurer Eisenbahnheim kannte er ein ziemlich heruntergekommenes Hotel. Dort war er bei solchen Gelegenheiten schon mehrfach abgestiegen. Stehle fühlte sich wieder wie ein ganzer Kerl. »Sie überlassen mir Ihren Pass und die Bewilligung zum Grenzübertritt, und wir treffen uns in Winterthur im Hotel Studer hinter dem Eisenbahnerheim. Sie werden es leicht finden, Sie gehen aus dem Bahnhof heraus, dann rechts, über die Brücke der Zürcherstraße, über die Gleise, und biegen dann links in den Bahnmeisterweg ein.«

Luise Levy fiel ein Stein vom Herzen. Sie lächelte ihn ehrlich aus ihren blauen Augen an, reichte ihm den Pass und die Grenzübertrittsbewilligung und versprach: »Ich werde eine halbe Stunde nach Ankunft unseres Zuges in Winterthur im Hotel Studer sein.«

»Ich weiß«, antwortete Stehle arrogant, »ohne Ihren Pass gibt es keinen Weg zurück, und deutsche Schmuggler werden aus der Schweiz direkt der Gestapo überstellt.«

*

Als Luise Levy die Hände ihres Mörders um ihren Hals spürte, wusste sie, dass alles Gold und Geld, welches sie bisher mit diesem Mann über die Grenze geschafft hatte, verloren war. Sie allein war die Garantin für ihre jüdischen Kunden, dass diese den ihr anvertrauten Schatz nach der Hitlerzeit wieder zurückbekommen würden. Den meisten hatte sie nur von einem Konto in der Schweiz erzählt, wohin genau die Summen und Schätze geschafft wurden, wussten diese nicht. Sie alle hatten ihr in ihrer Notlage vertraut, ihr vertrauen müssen. Mit ihrem Tod waren jedoch alle entscheidenden Informationen über die tatsächlichen Eigentümer der Vermögen nur noch in Stehles Hand. Ihre begründete Vorsicht und ihr Misstrauen gegenüber allem hatten zur Folge, dass sie niemandem etwas über ihre Beziehung zu diesem Mann und der Schaffhauser Bank erzählt hatte. Schriftliche Dokumente, die Bargeldzahlungen belegt hätten, waren zu jener Zeit in Deutschland für alle Beteiligten tödlich. Deshalb gab es nur die Aufzeichnungen, die Stehle in der Schaffhauser Bank hinterlegt hatte.

Joseph Stehle war sich über seine Position schnell klar geworden. Er hatte darauf gesetzt. Sie waren sich damals in dem Winterthurer Hotel nähergekommen. Er hatte Zeit genug gehabt, sie kennenzulernen. Er hatte schon damals ihre ständige Angst gespürt, wie zuvor in dem Zugabteil. Zur Schmugglerin war sie nicht geboren. Deshalb empfand er sie schon bald als Gefahr für sich. Immer, wenn er sie in Stuttgart besuchte, um bei ihr neue Geldbündel und andere kleine Schätze abzuholen, war sie zu besorgt und furchtsam. Sie hatte es ihm leicht gemacht, ihr die gesamten Geschäfte abzunehmen. Jetzt hielt er alle wichtigen Papiere in seinen Händen. Seit dem Gerede über die Vernichtungsanlagen für Juden war ihre Angst ins Unermessliche gewachsen.

Er musste sie töten, bevor es zu spät war – ob er wollte oder nicht!

Sie musste weg.

*

Zunächst hatte er ihren Tod bedauert. Er hatte es geliebt, mit ihr zu schlafen, wenn sie bei seinen Besuchen in Stuttgart vor Angst zitterte. Später erst lernte er Katharina Gloger kennen. Sie war keine Goldader, dafür ein echter Goldschatz. Die junge Frau war auf der Flucht aus der besetzten Tschechoslowakei. Sie war ihm regelrecht in die Arme gelaufen. Es war im August 1943, kurz nach 22 Uhr. Er hatte Dienstschluss und wollte gerade das Bahnhofsgebäude in Singen verlassen, da hatte er sie getroffen.

Er hatte Katharina Gloger schon gesehen, bevor sie vor ihm stand. Sie trug einen auffallend schönen Koffer, mit hellem, braunem Holz gerahmt und mit dunkelbraunem Leder bezogen. Joseph Stehle fiel das Gepäckstück aber nicht wegen dessen Verarbeitung auf, sondern weil es offensichtlich schwer war. Für die Größe des kleinen Handgepäcks war es zu schwer. Stehle hätte gerne gewusst, was sich darin verbarg.

Sie hatte ihn gezielt nach der Wohnung des katholischen Stadtpfarrers gefragt. Joseph Stehle schilderte ihr hilfsbereit den Weg zum Pfarrhaus. Danach folgte er ihr unauffällig. Er ahnte, dass diese Frau eine illegale Absicht verfolgte. Eine fremde Dame, spätabends allein auf der Straße, das war ungewöhnlich. Und August Ruf, der Stadtpfarrer, war bekannt für seine antinazistische Einstellung. Joseph Stehle witterte ein mögliches Geschäft für sich. Zu lange schon hatte er seine Fähigkeit, Wertsachen über die deutsch-schweizerische Grenze zu schieben, nicht mehr genutzt.

Er sah in der Dunkelheit, wie der Frau im Pfarrhaus Einlass gewährt wurde. Er wartete. Es dauerte circa eine halbe Stunde, dann kam sie wieder aus dem Pfarrhaus heraus und ging direkt zum Central-Hotel.

Stehle folgte ihr durch die Adolf-Hitler-Straße bis vor das Hotel in der Innenstadt Singens. Er sah, wie nach kurzer Zeit in einem Gästezimmer ein Licht angeknipst wurde. Es war im ersten Stock, das dritte Zimmer von links.

Stehle rauchte genüsslich eine Zigarette und wartete, bis ihr Licht erlosch.

Dann wusste er, was er zu tun hatte.

Kapitel 2

»Nichts wäre leichter, als mit dem Boot den ganzen Kladderadatsch von Kreuzlingen nach Meersburg zu schippern, warum nur müssen wir versteckt über diese kahlen Felder kutschieren?«

»Was machst du dir einen Kopf? Bisher ging immer alles glatt, Opa wird schon wissen, warum er uns mit der Karre nach Zürich geschickt hat!«

»Sind wir überhaupt noch in der Schweiz? Oder sind wir schon in Deutschland?«

»Was soll’s, wir sind mitten in Europa, mach dir nicht ins Hemd, du Scheißer.«

Sven steuerte den schweren, silbergrauen Mercedes mit leichter Hand über die schmalen Straßen am Südhang des Randen entlang. Das eingebaute Navigationsgerät verriet ihm die kleinsten Feldwege mit allen möglichen Grenzübergängen. Sven war wie immer gut gelaunt. Er hatte eine große, neumodische Sonnenbrille auf der Nase, freche Sommersprossen und lockige, blonde Haare, die ihm tollkühn ins Gesicht hingen. Er grinste verwegen und drehte das Radio lauter. Er hatte gerade eine CD der Böhsen Onkelz eingeschoben und grölte mit. »Nur die Besten sterben jung …«

Sven führte oft und gerne Aufträge für seinen Opa aus. Der kleine Gefallen, den er ihm heute tat, war eine Lappalie. Einmal Zürich und zurück, pah! Er würde die Karre noch einige Zeit behalten dürfen, und schon allein dieser Gedanke gefiel ihm. Heute Abend würde er damit eine Tour durch die Singener Innenstadt unternehmen. Zwar waren die Gartenwirtschaften jetzt im späten Herbst längst geschlossen, aber seine Kumpels hingen noch immer gerne vor dem ›Exil‹, einer seiner Stammkneipen, herum.

Sein nur um wenige Jahre älterer Bruder Bernd dagegen wirkte eher ängstlich. Er saß steif neben Sven. Er trug eine etwas biedere Kombination: braune Kordhose, blaues Hemd und ein schwarzes Sakko. Seine Haare waren kurz geschnitten, seine Brille hatte dicke Gläser mit Zylindern. Im Gegensatz zu seinem Bruder gefielen ihm die Aufträge seines Opas nie. Er hatte dabei immer das Gefühl, etwas zu tun, das er nicht ganz durchschaute.

Auf der anderen Seite war der Auftritt heute Morgen cool gewesen. Sie waren in Zürich in der Bahnhofstraße direkt beim Hauptsitz der Schweizer Bankgenossenschaft vorgefahren. Locker hatte Sven den Wagenschlüssel in die Hände eines Bediensteten geworfen, dann hatten sie die Papiere von Opa auf einen Tisch gelegt, und schon waren sie bedient worden wie Staatsgäste im Bundespräsidialamt. Es hatte Kaffee und feinste Sprüngli-Pralinen und anschließend eine Führung in die Katakomben des noblen Bankhauses gegeben. Dort hatte ihnen ein weiterer Bediensteter mehrere Schlüssel überreicht, und gemeinsam hatten sein Bruder Sven und er mehrere Fächer seines Opas in dem Saferaum geplündert. Sie hatten dabei konzentriert vorgehen, zum Teil nummerierte Goldbarren entnehmen und notieren sowie einen nicht unerheblichen Batzen Bargeld zusammenzählen müssen.

»Befehl von Opa«, hatte Sven gegrinst und einige Scheine, wie in einem schlechten Hollywoodstreifen, in die Luft geworfen.

»Woher der das alles nur hat?«, wollte Bernd im Auto wissen.

»Du fragst, wie immer, zu viel«, wies ihn Sven zurecht. »Du weißt doch: W-Fragen beantwortet nur der liebe Gott.«

»Scheiß drauf, das muss gerade der Alte sagen, der weiß ja nicht einmal, wie man Gott schreibt.« Bernd hasste die Ausflüchte seines Opas auf alle die Fragen, die darauf abzielten, ein bisschen Licht in das mysteriöse Leben des alten Herrn zu bringen.

»Dafür muss er einen guten Draht zu ihm haben«, beschwichtigte Sven seinen Bruder, »der Nebel kommt doch wie vom lieben Gott selbst gemacht.«

Es war ein klarer Novembertag. Für die Jahreszeit war es bisher viel zu warm. Sonnenstrahlen schafften sich immer wieder einen Weg durch die wallenden Nebelbänke, die vom See aus dank dem leichten Ostwind sanft westwärts geschoben wurden. Jetzt in den späten Nachmittagsstunden drückten sich die Nebelbänke aus dem Tal unterhalb des Randen nach oben in die Hügelkette zwischen der Schweiz und Deutschland empor. Die Wälder liegen hier einsam, nur unterbrochen von einigen Wiesen und Feldern und wenigen einzelnen Bauernhöfen. Wanderer können sich nur schwer orientieren, wo und wann sie die Staatsgrenze überschreiten. Dabei kann es vorkommen, dass sie trotz Geradeausmarsch in nur eine Himmelsrichtung öfter die Grenzseite wechseln, als sie es selbst wahrnehmen. Hie und da stehen alte, längst vermooste Grenzsteine, manchmal ein neues Schild, das Grenzgänger ermahnt, nicht zu schmuggeln.

Die Autofahrer haben es leichter, sich zu orientieren. Sie sehen zumindest die obligatorischen Grenzschranken, sofern sie auf den ordentlichen Straßen fahren. Und an jedem offiziellen Grenzübergang entlang dieser kleinen Landstraßen wehen sichtbar deutsche und schweizerische Flaggen in gemeinsamer Eintracht.

Allerdings sind die Zollhäuser selbst oft unbesetzt. Eine Garantie dafür gibt es aber nicht, denn hin und wieder wird trotz Personalmangels auch an den kleinen Grenzübergängen kontrolliert. Doch das Besetzen dieser Posten lohnt sich kaum. Es gibt an den kleinen Grenzübergängen fast keinen Verkehr. Meist sind es nur wenige Traktoren, die dort über die Grenze fahren, denn die deutschen Landwirte verpachten ihre Äcker gerne an Schweizer Bauern. Diese bezahlen mehr als ihre deutschen Kollegen.

Die beiden Brüder hatten sich den kleinen Grenzübergang bei Wiechs am Randen, zwischen dem kleinen Flecken der schweizerischen Ortschaft Bibern und dem noch kleineren deutschen Klecks Beuren, ausgesucht. Langsam näherten sie sich dem kleinen Zollhäuschen von der Schweizer Seite kommend. Beide Staatsfahnen hingen vor der Zollstation schlaff im Wind. Die Amtsstube war in einem Gebäude untergebracht, das nicht viel mehr Raum bot als eine Garage. Trotzdem war das Häuschen ordentlich hergerichtet. Vor den Fenstern haderten rote Geranien mit einem bevorstehenden Winter, dem noch immer die Kraft fehlte, echte, für sie tödliche Fröste zu schicken.

Sven hatte circa 100 Meter vor dem Grenzübergang angehalten. Er griff zu einem Fernglas auf der Rückbank des Wagens. Er schob seine Sonnenbrille lässig nach oben und hob das Glas vor seine Augen. Dann schwenkte er, wie ein Jäger auf der Pirsch, die Straße vor sich ab. Er spähte nach einem Auto der Zollbeamten, sah aber keines. Beruhigt gab er langsam wieder Gas.

»Lass uns doch erst mal zu Fuß die Lage abchecken«, riet Bernd und minderte die Lautstärke der Böhsen Onkelz.

»Pah, die faulen Säcke sind doch alle zu Hause«, provozierte Sven und drückte das Gaspedal kräftiger durch. Der schwere Wagen schaltete automatisch vom zweiten in den dritten Gang und beschleunigte.

Bernd nahm das Fernglas von Sven und spähte nun ebenfalls. Er sah die geöffnete Schranke und die Tür des Zollhäuschens verschlossen. Erleichtert erwiderte er: »Du hast recht, der Schlagbaum ist oben.«

»Give me five«, forderte Sven seinen Bruder auf, und sie schlugen ihre jeweils rechten Handflächen aneinander.

Lachend überquerten sie die unbesetzte Grenzstation.

»Und jetzt nichts wie Gas«, freute sich Bernd und drückte mit seiner linken Hand auf das rechte Knie seines Bruders und damit dessen Fuß noch fester auf das Gaspedal.

Nach dem ungehinderten Grenzübertritt bogen die beiden in ein weiteres Nebensträßchen auf dem Weg von dem schweizerischen Örtchen Thayngen in Richtung des deutschen Kleinstädtchens Tengen.

Über einen Feldweg bog Sven in ein Seitental ab, als er plötzlich scharf abbremsen musste. Jäh standen sie in einer Nebelwand, und direkt vor ihnen waren, wie aus dem Nichts, mehrere eisern schillernde Pflugscharen aufgetaucht. Die Scharen standen drohend in die Luft, direkt vor der Frontscheibe. Sie gehörten zu einem Traktor, der, ohne auf den Verkehr zu achten, von dem Acker auf die kleine Straße gefahren war. Die Straßenverkehrsordnung schien den Fahrer nicht zu kümmern. Der saß geschützt hoch oben auf seiner Zugmaschine, Nebelscheinwerfer hatte er nicht eingeschaltet. Warum auch? Mag sein, dass er gedacht hatte, beim Pflügen würden sie ihm auch im Nebel nicht weiterhelfen. Und auch Nebelschlussleuchten hatte der Bauer bis zu diesem Tag auf dem Feld noch nie eingeschaltet.

Sven hatte die Pflugscharen in Höhe seiner Frontscheibe gerade noch vor sich gesehen, war heftig erschrocken und stand unvermittelt auf dem Bremspedal, während er laut und aggressiv hupte.

Der Bauer hörte das Warnsignal offensichtlich nicht, oder es interessierte ihn nicht. Er streifte den für ihn vermeintlichen Städter in seinem Mercedes mit keinem Blick, wendete geschickt seinen schweren Traktor auf dem schmalen Sträßchen und setzte die sechs Pflugscharen danach in aller Seelenruhe wieder in das Erdreich am Straßenrand.

Sven sah das Schaffhauser Nummernschild an dem Traktor, hupte erneut und zeigte dem Schweizer Bauer seinen gestreckten Mittelfinger. Doch dieser schien sich um die beiden Jungs in dem teuren Auto immer noch nicht zu scheren und zog gemächlich weiter seine Bahn.

Die beiden Brüder fuhren mit deutlich hörbarem Vollgas weiter. Sie sahen nicht mehr, wie der Bauer grob lächelte, ebenfalls sein Gaspedal bis zum Anschlag drückte und zu seinem Handy griff.

»Bauerntrottel«, quittierte Sven die Begegnung und reduzierte das Gas gerade rechtzeitig vor der nächsten scharfen Rechtskurve wieder.

»Für den sind wir die Schwobenärsche, die hier eh nichts verloren haben, der Chaibe, der weiß doch nicht einmal den Unterschied zwischen Baden und Schwaben«, pflichtete Bernd seinem Bruder bei. »Dabei nehmen die mit ihren teuren Fränkli den deutschen Bauern ihre Felder weg.«

»Deutsches Land in deutsche Hand!«, skandierte Sven und reckte seine rechte Hand, mit ausgestrecktem Arm und ausgestreckten Fingern, hoch nach vorn.

»Stimmt«, pflichtete ihm Bernd bei, »die haben jetzt schon einige Tausend Hektar bei uns gepachtet oder gar gekauft. Die deutschen Bauern können bei diesen Preisen, die die Schweizer Bauern bezahlen, längst nicht mehr mithalten. Das ist nicht in Ordnung.«

»Genau«, stachelte Sven seinen Bruder an, »und wenn dann ein deutscher Bauer irgendetwas in die Schweiz einführen will, dann zahlt er kräftig Zoll, der Schweizer Chaibe aber nicht.«

Dass bei diesem Deal die deutschen Landbesitzer den Reibach machten, so wie auch die Schweizer Grundstücksbesitzer, wenn reiche Deutsche sich ihr Häuschen in der Steueroase Schweiz kauften, so weit wollten die jungen Männer nicht denken. Konnten sie auch nicht, denn so unvermittelt, wie zuvor der Traktor aufgetaucht war, tauchte jetzt ein Zollwagen vor ihnen auf.

»Scheiße«, entfuhr es Bernd. »Was machen wir jetzt?«

»Ganz cool bleiben«, versuchte Sven ihn zu beruhigen und holte eine Pistole aus dem Handschuhfach.

»Bist du verrückt?«, entsetzte sich Bernd.

»Bleib cool, lass die doch erst mal rankommen, meist winken sie einen sowieso durch.«

Der Zollwagen fuhr an die Fahrbahnseite, zwei Zöllner stiegen aus, beide setzten sich ihre Dienstmützen auf den Kopf. Dann stellten sie sich mitten auf die Straße und nahmen den Mercedes mit festem Blick ins Visier.

Sven lenkte den Wagen langsam auf die Beamten zu.

Er wirkte unentschlossen, er überlegte: Wenn sie ihn nur durchwinken oder nur die Papiere kontrollieren wollten, dann hatte er keinen Grund, sich jetzt auffallend zu verhalten.

Wenn sie ihn stoppen würden, um den Wagen zu filzen, dann musste er sich etwas einfallen lassen.

»Scheiße, jetzt sitzen wir in der Falle, der Stinke-Schwizer-Bauerntrottel, der hat uns die auf den Hals gehetzt«, fluchte Bernd.

Sven grinste verächtlich. Er hielt noch immer die Pistole in der rechten Hand, entsicherte sie jetzt mit der linken und ließ dabei dem Mercedes freihändig den Lauf. Leise schnurrend bewegte sich der Wagen auf die beiden Männer zu.

Diese postierten sich links und rechts der schmalen Fahrbahn.

Sven ließ den Wagen zwischen sie rollen.

Der Zöllner auf der rechten Seite des Wagens hielt seine Hand hoch. Das Zeichen war unmissverständlich: Stopp!

Sven blickte in den Rückspiegel und entdeckte einen Dienstwagen des Schweizer Zolls hinter ihnen.

»Aha, so ist das, na denn gut«, kommentierte er die Zange, in die sie geraten waren, und klemmte die Pistole zwischen seine Schenkel.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Bernd ängstlich.

»Opa sein Geld bringen«, erwiderte Sven völlig gelassen und betätigte den automatischen Fensterheber. Das Glas senkte sich, der Wagen rollte zwischen die beiden Zöllner. Der eine blieb auf der einen Seite am Wagen stehen, der andere stand links auf der Höhe des Beifahrerfensters.

»Guten Tag, Ihre Papiere bitte«, forderte der Zöllner auf der Fahrerseite Sven auf.

Sven schaute dem Zöllner in die Augen, lächelte freundlich und griff zwischen seine Beine.

Dann ging alles sehr schnell: Sven hob die Waffe für den Polizisten kaum sichtbar mit der rechten Hand hoch und feuerte gleichzeitig los. Er gab einfach einen Schuss aus der Hüfte durch das geöffnete Fenster in Richtung des Zollbeamten ab. Gleichzeitig schlug er das Lenkrad scharf nach rechts ein, gab Vollgas, touchierte den rechts stehenden Zöllner und fegte ihn damit von der Straße. Der Wagen machte einen Satz und stob geradeaus davon.

Die beiden deutschen Zöllner blieben auf dem Boden liegend zurück. Die Schweizer Zollbeamten schalteten vorschriftsmäßig ihr Martinshorn ein und preschten zu ihren deutschen Kollegen. Über Funk schlug der eine Alarm, der andere kümmerte sich zunächst um die beiden Verletzten.

Sven blickte in den Rückspiegel und lachte: »Dem hab ich ein Ei abgeschossen«, prustete er.

Bernd saß kreidebleich neben ihm: »Du spinnst, du bist völlig verrückt, was jetzt?«

»Bleib cool«, beruhigte Sven seinen Bruder, »bis die sich von ihrem Schock erholt haben, sind wir über alle Berge.«

Der Alarm der Schweizer Zöllner rief zunächst nur die Schweizer Kollegen auf den Plan. Doch dank der internationalen Zusammenarbeit gab es eine Alarmstufe, die auch auf der jeweils anderen Seite der Grenze gehört wurde. Im Hauptzollamt Singen blinkten nur wenige Minuten später die roten Alarmlämpchen in der Einsatzzentrale auf. Von dort aus wurde bald eine Großfahndung auf der deutschen Seite gesteuert. Mordversuch an einem Kollegen! Aus allen Polizeistationen von Waldshut über Villingen-Schwenningen bis nach Singen und Konstanz rückten alle Mann aus.

Sven aber gab sich zuversichtlich. Er fuhr zunächst in Richtung Engen. Er wollte diesem Wirrwarr der kleinen Sträßchen entlang der Grenze entkommen. Auf der Autobahn konnte er mit seinem stark motorisierten Wagen schnell Kilometer wettmachen. Auf der anderen Seite war ihm klar, dass gerade dort die Straßensperren zuerst aufgebaut würden. Das sprach für die kleinen Nebenstraßen.

»Wir sollten möglichst schnell in Singen alles in meinen Golf umladen«, schlug Bernd vor.

»Bist du verrückt? Jetzt nach Singen hineinfahren?«, herrschte Sven ihn an.

»Klar, volle Kanne der Polizei entgegen, das glauben die doch nie«, verteidigte Bernd seine Idee. »Die sind jetzt auf alle Autos geeicht, die möglichst weit vom Tatort wegfahren. Wer dagegen in der Nähe bleibt, hat nichts zu verbergen.«

Sven bremste scharf ab und schoss in einen Waldweg. »Schnell, wechseln wir die Nummernschilder aus«, befahl er seinem Bruder und sprang aus dem Wagen, riss die hintere Tür auf, hob die Rückbank hoch und machte sich an der Innenverkleidung des Wagens zu schaffen.

Bernd rannte in der Zwischenzeit um das Auto herum, löste die Kennzeichen vorne und hinten und reichte sie seinem Bruder in den Fond des Wagens. Der gab ihm zwei neue Schilder, die er unter der Innenverkleidung des Fußbodens hervorgeholt hatte, und schob die alten unter die Verkleidung. Dann zog er sein Portemonnaie aus der rechten Hosentasche, nahm den Fahrzeugschein heraus und tauschte ihn mit dem anderen, der zu den neuen Schildern gehörte. Den alten Schein legte er zu den gebrauchten Schildern in den Hohlraum hinter der Verkleidung.

Bernd hatte die neuen Schilder schnell angebracht und setzte sich wieder auf den Beifahrersitz, Sven klemmte sich hinter das Steuer, stieß auf die Straße zurück und fuhr lässig und gemächlich Richtung Singen.

»Give me five«, lachte Sven, und Bernd schlug ein.

Sven drehte die CD wieder auf: »Es regnet Wut, hier gibt es keine Arche, wir ertrinken in Blut«, grölten die Böhsen Onkelz.

*

Kriminalhauptkommissar Horst Sibold hatte endlich dienstfrei. Er hatte einen routinemäßigen Arbeitstag hinter sich mit öden Verwaltungsarbeiten. Der Vorteil: Er kam pünktlich um 16.30 Uhr aus der Amtsstube, wie er das Kommissariat verächtlich nannte.

Horst Sibold war ein gutmütiger Mensch, Karriereleiter und Hierarchiedenken waren seine Sache nicht. Er hatte sich freiwillig aus Stuttgart an den Hohentwiel versetzen lassen, als man zur Verstärkung der südlichen Grenzstadt Polizeibeamte suchte. Zwar nahm er damals die Beförderung zum Hauptkommissar mit, doch wegen der Beförderung war er nicht umgezogen. Es war die Nähe zum Bodensee, die ihn zu dem Umzug ermuntert hatte, und, wenn er ehrlich war, in erster Linie die Scheidung von seiner Frau sowie ernsthafte Alkoholprobleme, die sich in der Dienststelle in Stuttgart herumgesprochen hatten. Singen sollte ein Neuanfang für ihn werden.

Horst Sibold war ein leidenschaftlicher Angler. Ein Argument mehr, das für den Umzug an den Bodensee sprach. In Stuttgart fand er kaum geeignete Gewässer, die ihm gefielen. Den Neckar überließ er lieber Daimler und anderen Industriebetrieben als Abwasserkanal. Die Fische daraus wollte er nie verspeisen. Doch Sibold gehörte schon immer zu den Petrijüngern, die ihren Fang auch selbst konsumierten. Man sah es ihm an, dass er gut und viel aß.

Gleich nach seinem Umzug nach Singen suchte er direkt am See einen Angelverein, in den er eintreten konnte. Doch schon bald fand er im Umland von Singen, im Hegau, sein Jagdrevier, sodass er meist auf das Angeln im Bodensee selbst verzichtete. Ein Kollege war Mitglied der Anglergemeinschaft ›Östliches Hegau‹. Dieser hatte bald Horst Sibold am Haken und zog ihn mit in seinen Verein. In der Aach, im Riederbach oder in der Biber gab es zwar keine Felchen oder Kretzer, aber wunderschöne Forellen und vor allem Saiblinge. Ein frischer Bachsaibling, das war für Horst Sibold wie ein Gedicht. Das leicht rötliche Fleisch des Fisches dünstete er meist nur sanft in Butter, dazu Salz und Pfeffer, einen kleinen Spritzer Olivenöl mit Zitrone, das war’s.

Auch für heute Abend hatte er es sich so vorgestellt. Noch galt für den Saibling, Anfang November, keine Schonzeit, und es war noch hell, als er den Innenhof des Kommissariats mit seinem grünen Opel Omega verließ. Im Kofferraum hatte er die Angelausrüstung immer griffbereit liegen. Er entschloss sich, nicht nach Hause zu fahren, sondern bog an der Bahnhofskreuzung links ab und fuhr südlich aus der Maggi-Stadt in Richtung Gottmadingen.

Der Kriminalkommissar hatte als Petrijünger den Hegau schnell wie seine Westentasche kennengelernt. Er fuhr auf der Landstraße vor Gottmadingen links weg, in Richtung des kleinen Orts Randegg.

Randegg selbst kannte Sibold als Mineralwassertrinker. Die Ottilienquelle in Randegg ist das bekannte Mineralwasser der Region. Den Anglern ist der Ort dank der Biber bekannt, einem durch und durch sauberen Bach mit – für Horst Sibold – den besten Saiblingen.

Ein gutes Stück vor der Schweizer Grenze bog Sibold in einen schmalen Waldweg ab, der offensichtlich nicht weiterführte. Doch er ließ seinen Omega über den Waldboden rollen und lenkte den Wagen geschickt an einigen Bäumen vorbei in ein Gestrüpp. Von hier aus hatte er nur wenige Meter bis zu seinem Angelstand an der Biber.

Sibold öffnete die Fahrertür, stieg aus, schaute sich um, dann knöpfte er seinen Hosenladen auf. Er blickte nochmals in alle Himmelsrichtungen, ließ die Hose ganz runter fallen, setzte sich stöhnend auf den Fahrersitz zurück und zog die weiten Hosenbeine über seine Schuhe. Vom Vordersitz aus griff er rücklings auf die Hinterbank und fischte eine alte Militärhose, die er bei der Bereitschaftspolizei erhalten hatte, nach vorn. Sein dicker Bauch war ihm im Weg, trotzdem schaffte er es, auch diese Hosenbeine über seine Schuhe zu ziehen. Danach wuchtete er sich wieder aus dem Wagen und zog die Hose jetzt ganz hoch. Den oberen Knopf konnte er zwar beim besten Willen nicht mehr durch das dafür vorgesehene Knopfloch schieben, doch wo einst der Knopf hielt, erfüllte heute sein Hüftfett diese Aufgabe.

Dann stopfte er Taschentuch, Messer und Handy von seiner Diensthose in die Anglerhose und ging um den Wagen herum zum Kofferraum. Dort zog er sein Sakko aus, legte es in den Wagen, zog einen dicken Pullover an und darüber eine ärmellose Outdoorweste mit unzähligen Taschen.

Schließlich tauschte er noch seine Schuhe gegen Gummistiefel aus, setzte sich einen Jägerhut auf sein nur noch spärlich mit Haaren bewachsenes Haupt und war endlich bereit, die Angelrute in die Hand zu nehmen.

Gerade wollte er, ausstaffiert wie ein echter Petrijünger aus dem Fachmagazin ›Rute und Rolle‹, losziehen, da bog ein weiteres Auto in den Waldweg ein. Er befürchtete, dass es Abendspaziergänger waren, die ihr Auto parken wollten, sodass sie ihn später eventuell blockierten, wenn er mit seiner Jagdbeute auf die Straße zurückstoßen wollte. Also schaute er sicherheitshalber nach und ging, geschützt durch das Blattwerk der Sträucher, bis zum Rand des Buschs, hinter dem sein Auto stand.

Durch das Gebüsch sah er einen silbergrauen Mercedes und zwei junge Männer. Der eine verkroch sich im Fond, der andere rannte an die Front des Wagens zur Motorhaube und schraubte an der Stoßstange herum. Bald war Sibold klar: Der Mann entfernte das Kennzeichen.

»Heiliger Strohsack!«, fluchte Horst Sibold und fragte sich: »Muss ich diese Lausbuben eigentlich sehen?« Unwillig schüttelte er seinen Kopf. Er hatte Feierabend. Er schnupperte mit seiner Nase schon den Duft von Saiblingen. Er sah ihr zartrosa Fischfleisch vor sich. Er sah aber auch, wie der eine Bursche um das Auto sprang und nun ein neues Kennzeichen an dem Wagen befestigte.

Der Kriminalhauptkommissar fluchte. Er griff in seine Hosentasche und tippte eine Nummer in sein Handy. Auf dem Display erschien: ›Anrufe werden umgeleitet‹.

Horst Sibold wurde ungeduldig. Unwillig schaute er dem Schauspiel, das die beiden Burschen boten, weiter zu.

Mit der Wiederholungstaste versuchte er erneut, eine Verbindung in das Kommissariat herzustellen. Immer noch war besetzt. Jetzt wählte Sibold die Nummer der Zentrale. Es dauerte verhältnismäßig lange, bis abgenommen wurde. Sibold hätte am liebsten losgepoltert, doch er musste leise sein. Also nannte er nur kurz seinen Namen und gab an, was er gerade sah.

»Ein möglicher Autoschieber juckt uns gerade wenig, Herr Hauptkommissar«, urteilte der diensthabende Telefonist in der Einsatzzentrale am anderen Ende der Leitung, »hier ist die Hölle los, ein Kollege des Zolls wurde gerade angeschossen.«

»Wo?«, fragte Sibold.

»Beim Grenzübergang Bibern.«

»Wie ging das vor sich?«

»Ich habe jetzt keine Zeit, Herr Hauptkommissar«, entschuldigte sich der Telefonist und wollte das Gespräch beenden.

»Glauben Sie, ich?«, stöhnte Sibold. »Glauben Sie, ich habe Zeit? Ich habe dienstfrei! Schicken Sie eine Streife, aber hopp!«

»Kollege! Es gibt hier keine Streife, die ich schicken könnte. Alle Mann sind im Einsatz, wir haben im Moment Wichtigeres zu tun, als einem Autodiebstahl nachzugehen.«

Horst Sibold hörte nur noch ein Klicken. Er schluckte trocken und zwang sich zu innerer Ruhe. Er spähte zu den beiden Burschen hinüber und sah, wie sie jetzt wieder im Wagen saßen und rückwärts auf die Straße stießen.

Schnell schlug er sich die Saiblinge aus dem Kopf und den Kofferraumdeckel zu. Klar, stimmte er der Einsatzentscheidung zu: Versuchter Mord an einem Kollegen, da hatte alles andere hintenanzustehen. Aber er konnte deshalb doch nicht diese zwei Trübspitze einfach laufenlassen. Dazu war er viel zu sehr Polizist, als dass er nicht zumindest erfahren wollte, was da vor sich ging.

Kaum hatte der silberne Daimler sich auf der Landstraße Richtung Singen eingefädelt, setzte sich auch Sibold mit seinem grünen Omega auf die Fährte der beiden. Nur zwei Autos waren zwischen dem Daimler und ihm. Langsam wurde es dunkel, er musste nahe dranbleiben.

*

Sven und Bernd fuhren über Gottmadingen nach Singen. Bernd fummelte an einem Weltempfänger und suchte auf dem UKW-Bereich den Polizeisender.

»Das kannst du lassen, die wissen doch eh nichts«, versuchte Sven seinen Bruder zu beruhigen.

»In der Karre sind wir mit den neuen Nummernschildern vorerst sicher, das sehe ich auch so«, überlegte Bernd laut, »aber wenn der Zollbeamte überlebt, wird er dich identifizieren, das ist dann wohl ein Leichtes für ihn.«

»Blöd, ich weiß, aber ich hatte keine Zeit für einen weiteren Schuss, hinter uns standen schon die Schweizer Bullen. Jetzt lass uns erst mal unseren Schatz in deinem Golf verstauen.«

»Dann fahren wir aber sofort damit zu Opa, du musst erst mal für eine Zeit verschwinden!«, riet Bernd seinem Bruder.

*

Auch Horst Sibold hatte den Polizeifunk eingeschaltet. Allerdings genügte ihm ein Knopfdruck, und er war auf Empfang. Er hörte die Ringfahndungsanweisungen seiner Kollegen und konnte sich schnell ein genaues Bild über den Umfang der Straßensperren machen, die im gesamten Hegau errichtet worden waren. Es mussten auch Kollegen aus Villingen-Schwenningen und Rottweil vor Ort im Einsatz sein, dachte Sibold, denn sie hatten schon fast alle wichtigen Kreuzungsstraßen gesperrt.

Er überlegte kurz, ob er den Daimler vor sich nicht fahren lassen und sich sofort im Kommissariat melden musste, um sich ebenfalls dem großen Fahndungsring anzuschließen. Dann aber verwarf er den Gedanken schnell wieder. Seine Neugier siegte: Welches Geheimnis hatten die zwei Jungs zu verbergen?

*

Sven und Bernd nutzten die Südtangente in Richtung Innenstadt.

Der Kommissar lächelte zufrieden. Wenn sie nicht bald wieder die Tangente verließen, würden sie genau auf eine Sperre seiner Kollegen zurasen, das war ihm nach Sachlage klar. Gerade hatte er noch gegrübelt, wie er die beiden Burschen allein stellen könnte, da schien sich das Problem schon zu lösen.

Entschlossen griff Kommissar Sibold erneut zum Handy. Er telefonierte, während er seinen Wagen steuerte. Diesmal ließ er sich von dem jungen Schnösel in der Leitstelle nicht abweisen. Ruhig und sachlich stellte er klar: »Wir bewegen uns auf die Sperre der Südtangente Richtung Innenstadt zu. Vor mir fährt ein silbergrauer Mercedes mit folgendem Kennzeichen …«

Weiter kam er in seinen Ausführungen nicht. Der Telefonist unterbrach lebhaft: »Silbergrauer Mercedes, sagen Sie? Ist das der Wagen, den Sie bei Randegg sahen, bei dem zwei junge Männer die Kennzeichen tauschten?«

»Ja doch, aber nun lassen Sie mich doch …«

»Vorsicht, Kollege Sibold, es sieht so aus, als würden Sie dem gesuchten Tatfahrzeug folgen. Die beiden Burschen fuhren ebenfalls einen silbergrauen Mercedes.«

Horst Sibold stöhnte. Er dachte an seine Saiblinge und hätte am liebsten auf der Stelle umgedreht. Doch jetzt steckte er mitten im Schlamassel. Er war noch nie während seiner Laufbahn auf Verfolgungsjagden scharf gewesen. Er hatte Angst vor hilflosen Verbrechern, die eine Pistole in der Hand hielten, und noch mehr vor schießwütigen Kollegen.

Doch vor ihm zuckte schon das kalte Blau der Warnlichter der Einsatzfahrzeuge der Polizei durch die Nacht. Sibold wusste, dass die Einfahrtsschleuse zur Straßensperre immer 1.000 Meter vor der Kontrollstelle begann. Die Kollegen mussten sie schon im Auge haben.

*

Sven hatte ebenfalls die Sperre erkannt. »Du Volltrottel!«, zischte er seinem Bruder zu. »Die Bullen suchen uns am Tatort. Versteck dein Volksradio und schnall dich an!« Gleichzeitig holte er wieder seine Pistole aus dem Handschuhfach.

*

Im Wagen hinter den beiden Flüchtenden entsicherte Kommissar Horst Sibold seine Waffe. Er war mit dem Einsatzführer der Straßensperre Südtangente über eine Ringleitung mit der Zentrale verbunden. Der Einsatzleiter hatte schnell entschieden. Alle Autos vor dem Mercedes wurden hektisch ohne Kontrolle durchgewunken. Dann rannten vor dem herannahenden Mercedes schnell einige Beamte über die Fahrbahn. Im Schlepptau zogen sie Kunststoffhürden, ein Nagelbrett und zwei Straßensperren aus Kunststoff, wie sie Bauarbeiter auf Autobahnen verwenden, mit sich. Wie im Schulbuch beschrieben, ordneten sie die Barrieren hintereinander an. Selbst für einen Lastwagen war ein Durchkommen nicht mehr möglich. Daraufhin rannten die Polizisten in Deckung.

Sven hatte die ausweglose Sackgasse schnell erkannt. Es waren vielleicht noch 100 Meter bis zur Kontrollstelle. Er fluchte, trat entschlossen das Gaspedal ganz durch, drückte mit dem linken Fuß die berühmte Daimler-Handbremse bis zum Anschlag und riss gleichzeitig das Lenkrad so herum, dass der schwere Mercedes ausbrach und sich um 180 Grad drehte. In neuer Fahrtrichtung, so dachte Sven, könne er vielleicht ausbrechen.

Doch Horst Sibold stand mit seinem grünen Omega quer hinter ihm. Er hatte ebenfalls schnell reagiert und seinen Wagen so auf die Fahrbahn gestellt, dass es fast aussichtslos war, zwischen den Leitplanken und ihm durchzukommen.

Sibold saß noch im Wagen, er schwitzte. Er sah die Xenonleuchten des Mercedes wie eine Drohung auf sich gerichtet. Reflexartig öffnete er die Fahrertür und ließ sich seitlich aus dem Auto fallen. Zunächst musste der Wagen ihm Schutz bieten, dann robbte er mit seinem Revolver in der Hand von dem Fahrzeug weg, sprang, als er außerhalb des Lichtkegels des Mercedes war, ins Dunkel und verkroch sich hinter der nächsten Leitplanke. Sein Jägerhut blieb auf der Fahrbahn zurück.

Die Autos hinter ihm waren stehen geblieben. Einige Fahrer suchten hektisch einen Fluchtweg und legten die Rückwärtsgänge ein. Sibold grinste. Zwar war die Lage für die unbeteiligten Autofahrer prekär, aber ihre Sperre für den Mercedes war perfekt. Der Weg zurück, an ihm vorbei, wurde durch das Chaos versperrt.

Der schwere Daimler stand mitten auf der Straße: das Heck Richtung Straßensperre, wo die Polizei in circa 50 Metern Entfernung wartete; die Schnauze des Mercedes rund 20 Meter vor Sibolds Omega.

Sibold selbst kauerte unterhalb der Leitplanke im Gras. Er spähte zu den beiden Burschen, wollte gerade näher an den Wagen kriechen, da zischten unvermittelt vier Schüsse durch das Dunkel.

Der Daimler senkte sich mit einem Knall.

Sibold war klar, dass seine Kollegen aus der Deckung der Kontrollstelle die Reifen zerschossen hatten. Bravo, dachte er, alle vier auf einen Streich!

Dann war es still.

Eine Ruhe wie kurz bevor ein Fisch anbeißt, dachte Sibold, verscheuchte diesen Gedanken aber schnell wieder.

Über ein Megafon hörte er jetzt die Stimme seines Chefs: »Werfen Sie die Waffen aus Ihrem Wagen und steigen Sie mit erhobenen Händen aus. Sie haben keine Chance, unsere Scharfschützen haben Sie im Visier!«

Sibold lächelte. Eine bevormundende Anweisung, typisch sein Boss. Gerade hatte er sie zur Weiterbildung ›Psychologische Ansprache während Extremsituationen‹ geschickt. Als erstes Gebot hatten sie gelernt: Treiben Sie nie den Täter in die Enge! Doch sein Chef liebte nun mal Fakten. Und Sibold war klar: Wenn die beiden Burschen nicht schnell der Aufforderung nachkommen würden, dann würde die Androhung zur definitiven Realität werden. Vermutlich hatten die beiden in dem Wagen den Kollegen angeschossen, da lagen die Nerven und auch die Revanchegelüste bei jedem Polizisten blank.

Ein weiterer Einzelschuss hallte durch die angespannte Stille.

Die Heckscheibe des Daimlers barst.

Sibold drückte sein Gesicht ins Gras, es roch widerlich. Vorsichtig hob er seinen Kopf.

Der Wagen stand noch immer unbeweglich da, es tat sich nichts.

Kaum war der Hall verklungen, klinkte sich das Megafon erneut ein, die Stimme des Chefs klang jetzt ungehalten: »Wir zählen bis drei, dann sollten Sie die Türen geöffnet haben!«

Doch bevor irgendjemand mit Zählen beginnen konnte, hallte schon ein weiterer Schuss durch das Dunkel. Dieser aber klang deutlich anders – wie ein dumpfer, lauter Silvesterkracher. Gleichzeitig war es kurz blitzhell in dem Mercedes geworden, dann schien es, als würde dieser brennen. In Sekundenschnelle umhüllten Rauchwolken den Wagen.

Flutlichter gingen fast gleichzeitig wie aus dem Nichts an und setzten den Mercedes in ein gleißendes Licht.

Sibold sah, wie die beiden Türen aufflogen und die beiden jungen Männer hustend und keuchend aus dem Wagen flüchteten. Sie hielten ihre Hände schützend vor ihre Augen und bewegten sich, als wüssten sie nicht, wohin sie liefen.

Sibold sprang über die Leitplanken aus seiner Deckung.

Doch bevor er bei dem Wagen angekommen war, standen auch schon Polizeibeamte mit schusssicheren Westen und mit Maschinenpistolen im Anschlag neben ihm. Sie warfen die jungen Männer zu Boden und fesselten sie mit Plastikbändern an Armen und Beinen.

Der Einsatzleiter kam hinzu, hob Sibolds Jägerhut von der Straße auf und setzte ihm diesen auf den Kopf: »Du hast dir die Krönung heute verdient.«

Svens Waffe sowie Goldbarren, einige Edelsteine und Bargeld im Kofferraum des Mercedes wurden sichergestellt. In der Bilanz des Polizeiberichts stand noch am selben Abend in korrektem Beamtendeutsch: Hoch steuerbare Waren: Gold-/Silbermünzen im Wert von circa drei Millionen Euro; Schmuck im Wert von circa 800.000 Euro; und unter der Rubrik Bargeldaufgriffe war ein Wert von rund zwei Millionen Euro angegeben, aufgeteilt in verschiedene Währungen.

Kapitel 3

Der freie Journalist Leon Dold las die Polizeimeldung an seinem Bildschirm in seinem Büro in Überlingen. Er hatte für Eilmeldungen ein akustisches Signal auf seinem PC installiert. ›Zwei Zöllner nach Schießerei verletzt, einer schwebt in Lebensgefahr‹. Kurz überlegte Leon Dold, ob er mit seiner Kamera losziehen sollte. Doch am Tatort war für ihn, das war klar, nichts mehr zu sehen. Die Polizei lud am Ende der Pressemitteilung zu einer Pressekonferenz ein. Aber was sollte er dort?, fragte er sich. Für die Kollegen der lokalen Medien wie dem Südkurier würde es morgen der aktuelle Aufmacher sein. Zwei verletzte Zöllner, einer in Lebensgefahr, ein Kofferraum voller geschmuggelter Schätze. Das war der Stoff, von dem die Tageszeitungen tagelang leben würden. Aber für ihn, als freier Journalist, brachten solche Storys nicht viel ein. Diese Geschichten übernahmen die festangestellten Mitarbeiter der Medien. Journalisten, die im Tagesablauf der aktuellen Redaktionen integriert und jederzeit einsatzbereit waren. Das war er nicht. Er produzierte meist längere Storys, Features genannt. Er recherchierte intensiv, investigativ und gründlich. Deshalb notierte er sich die Polizeimeldung zunächst nur im Kopf – als Anregung für den eventuellen Einstieg in eine Reportage über den letzten Grenzzaun im Herzen Europas. Die Geschichte hatte er gerade jüngst wieder verschiedenen Sendern vorgeschlagen. Eine Reise entlang des Zauns sollte der rote Faden für eine halbstündige Fernsehreportage sein. Er hatte das Exposé dem Regionalprogramm angeboten sowie dem ZDF. Schließlich sei diese Staatsgrenze zwischen der Schweiz und Deutschland heutzutage, in Zeiten der weltweiten Globalisierung, irgendwie ein Anachronismus, hatte er argumentiert. Die Schweiz, sie war in sämtlichen Gremien der EU vertreten, trotzdem aber nicht ordentliches Mitglied der EU.

Wer von Singen nach Schaffhausen fährt, benötigt noch immer einen Pass, als Deutscher zumindest einen Personalausweis. Ausländer aber brauchen einen Reisepass, schließlich verlassen sie die EU. Dagegen kann längst jeder ungehindert von Singen bis nach Lissabon fahren, ohne sich auch nur einmal auszuweisen. Vor allem amerikanische Touristen staunen über die deutsch-schweizerische Grenze. Sie fragen sich, wo sie denn nun gelandet sind? Von wegen good old Europe.

Die grenzfreie Fahrt von Singen nach Schaffhausen war seit 1548 vorbei. Damals verabschiedeten sich die Eidgenossen aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, und seither sind Singen und Schaffhausen Grenzstädte. Endgültig festgezurrt hat Napoleon diese Grenze, nicht etwa Wilhelm Tell. Dieses Märchen, von dem Schwaben Friedrich Schiller geschrieben, glauben nur die Schweizer selbst. Tatsache ist, dass Napoleon nach französischem Vorbild den Zentralstaat Helvetische Republik schuf und die Grenzen dafür endgültig festlegte, wie sie heute noch gelten. Aus seinen französischen Departements wurden schweizerische Kantone, Schaffhausen war einer von ihnen.

Leon überlegte, wie er den Themenvorschlag aktualisieren könnte. Keine Redaktion, der er die Geschichte bisher angeboten hatte, schien sich dafür zu interessieren. Mit einer lässigen Handbewegung verscheuchte er die miesen Gedanken und schloss das aktuelle Nachrichtenfenster auf dem Bildschirm seines PCs.

Er hatte anderes zu tun, er musste sich jetzt konzen­trieren: ›Es werden festgesetzt, Sonderausgabenpauschbeträge, abziehbare Sonderausgaben …‹ Leon stöhnte. Doch einmal im Jahr musste er in diesen sauren Apfel beißen. Er saß in seinem Büro, in einer Überlinger Altstadtvilla, über der Einkommensteuer: Tankquittungen, Übernachtungsbelege, Parkhausquittungen galt es zu sortieren. Es war schon November, und das seit elf Monaten vergangene Vorjahr war von ihm noch immer nicht steuerrechtlich aufgearbeitet worden.

Er tippte in seine Fahrtentabelle: Überlingen–Zürich, 108 Kilometer. Er schrieb dazu: Recherche wegen Titelhandels, das war für eine Dokumentation der ARD, die er im vergangenen Jahr abgedreht hatte. Dabei fiel ihm ein, dass er damals in einer stinkvornehmen Zürcher Bank einen alten südafrikanischen Krügerrand verkauft hatte. Den Krügerrand hatte er von seinem Opa geerbt. Doch Leon brauchte immer eher Geld als Geldwertereserven. In Zürich hatte er den Krügerrand in einer Bank umgetauscht, weil er dort für ihn mehr Geld bekommen hatte als in Deutschland.

Gold hatte in der Schweiz einen höheren Kurs. Jeder Schweizer sollte Gold als Geldanlage besitzen, rieten die Schweizer Banken ihren Kunden. 20 Prozent der Ersparnisse sollten in Gold angelegt sein, empfahl eine Bankenstatistik der Schweizer Kredithäuser.

Leon erinnerte sich an das Geld, das ihm der Krügerrand eingebracht hatte. Es waren rund 300 Euro. Die Frage, ob er dieses Geld als Einnahme des vergangenen Jahres in seiner Steuererklärung nun angeben müsste, stellte er sich lieber nicht. Dafür fragte er sich jetzt, ob er damals geschmuggelt hatte. Er hatte das Gold aus Deutschland in die Schweiz ausgeführt. Plötzlich wurde er unruhig. Nicht wegen der 300 Euro, die waren längst wieder im Umlauf. Aber er hatte Gold ausgeführt in die Schweiz, weil er wusste, dass dessen Wert in der Schweiz höher notiert war. Und in der Pressemeldung der Polizei war von zwei jungen Männern berichtet worden, die Gold aus der Schweiz nach Deutschland hatten schmuggeln wollen. Und das im Wert von drei Millionen Euro. Eine Summe, die sich in der Schweiz umzutauschen proportional um ein Vielfaches mehr lohnen würde als sein läppischer Krügerrand!

Plötzlich erkannte er das Rätsel: Warum wollten die beiden jungen Männer so viel Gold aus der Schweiz schmuggeln, wo doch der Wert für Gold in der Schweiz höher lag?

Leon schob die Steuerunterlagen von seinem Tisch, griff nach einem Telefonbuch und rief einen Freund bei der Überlinger Volksbank an. Dieser bestätigte ihm, dass der Kurs von Gold an der Zürcher Börse immer höher notiert sei als in Frankfurt bzw. in der EU. »Nur ihr Fränkli haben wir geschlagen«, lachte er hämisch, »für unseren Euro müssen die Chaibe jetzt das Eineinhalbfache hinblättern.«

»Dafür bekommen sie die bessere Schokolade«, brummte Leon und legte schnell wieder auf, bevor sein Bankkumpel ihn noch an seinen, bis auf den letzten Cent ausgenutzten, Überziehungskredit erinnern konnte.

Aber damit war Leon wieder bei seinem eigentlichen Thema gelandet: die Steuererklärung des längst vergangenen Jahres. Wenn er endlich die zwölf Monate aufgearbeitet hätte, würde er sicherlich Geld vom Finanzamt zurückerstattet bekommen. Trotzdem wählte er die Telefonnummer des Zolls in Singen und ließ sich mit der dortigen Pressestelle verbinden.

Ein freundlicher, aber wortkarger Herr wollte ihn zunächst abwimmeln: »Wir haben zu diesem Fall in einer Stunde eine Pressekonferenz angesetzt. Da wird Sie unser Chef persönlich informieren.«

»Kann er uns auch schon etwas zu dem Motiv sagen?«, fragte Leon schnell, noch bevor der Pressesprecher wieder auflegen konnte.

Der Mann lachte: »Geld, was denn sonst? Immer das Gleiche, wir haben es hier nur mit Kapitalverbrechen im wahrsten Sinne des Wortes zu tun.«

»Und warum wollten die beiden Gold und Geld aus der Schweiz nach Deutschland schmuggeln?«

»Geldwäsche, was denn sonst?«, lag für den Polizeibeamten der Fall klar auf der Hand.

»Geldwäsche, verstehe ich schon«, blieb Leon unerbittlich, »aber geht da die Richtung nicht immer von Deutschland aus in die Schweiz? Warum also nun umgekehrt?«

Der Pressesprecher schwieg. Er schien zu überlegen. Dann gab er zu: »Eine gute Frage. Kommen Sie doch zur Pressekonferenz, dann können Sie ja unseren Chef direkt ansprechen.«

Entmutigt legte er auf und widmete sich wieder seinem ursprünglichen Vorsatz. Er musste diese verdammte Steuererklärung zu Ende bringen. Er suchte den Übernachtungsbeleg für sich und sein Kamerateam in Zürich. Er hatte, wie immer, alles in einer Schublade abgelegt. Und wie jedes Jahr musste er nun für die Steuer alle Belege, Rechnungen und Quittungen wieder zu einer Einheit zusammenfügen, um sie danach wieder getrennt nach Ausgabearten in einem Ordner abzuheften.

›Nächstes Jahr wird alles besser organisiert‹, schwor er sich jedes Jahr zornig. Frustriert fuhr er den Computer herunter, löschte das Bürolicht, schnappte sich entschlossen seinen grünen Parka vom Kleiderhaken im Flur und stieg in seinen alten 911er-Porsche.

*

Leon Dold fuhr von Überlingen in Richtung Ludwigshafen, er bediente, während der Porschemotor betulich schnurrte, sein Autoradio. Er suchte den Seefunk. Vielleicht wussten sie schon mehr zu der Schießerei am Zoll und der anschließenden spektakulären Festnahme. Doch der Sender nudelte, wie jeden Tag, Oldies der 70er ab.

Leon wurde nervös. Die ängstlichen Nebelkriecher vor ihm nervten. Bei den miesen Sichtverhältnissen konnte er aber auch nicht überholen. Deshalb fuhr er bei Stockach auf die Autobahn. Er fädelte sich schnell auf die linke Fahrbahn ein und konnte endlich Gas geben. Zwar hatte er noch Zeit bis zum Beginn der Pressekonferenz in Singen, trotzdem wollte er früher vor Ort sein. Die wirklichen Infos gab es immer vor und nach den Pressekonferenzen in kleinen Zirkeln. Was öffentlich vorgetragen wurde, das stand in der Regel nicht nur in den Pressemappen, sondern meist auch schon in den verschiedenen Meldungen der Kollegen.

*

Vor dem Hauptzollamt Singen, in der Bahnhofstraße, war großer Bahnhof angesagt. Der Eingang war mit Flutlichtern verschiedener Fernsehstationen hell erleuchtet. Aus Stuttgart waren Kollegen des SWR, der aktuellen Landesschau, angereist, verschiedene Privatsender hatten ihre Übertragungswagen direkt vor den Eingang gestellt. Fernsehkabel führten aus den kleinen Transportfahrzeugen der TV-Sender direkt in das große Besprechungszimmer des Zollamtes.

Drinnen rüsteten Zoll- und Polizeibeamte zur großen Pressekonferenz. Auch einige Beamte aus der Schweiz waren anwesend.

Die Kameras der Fernsehsender waren positioniert. Einige Kollegen sendeten sogar live, weil ihre Nachrichtensendungen bereits begonnen hatten. Sie wussten allerdings nicht viel mehr zu sagen, als den ganzen Abend über schon in jeder Meldung zu hören gewesen war, trotzdem redeten sie unablässig.

Leon grinste, als er im Vorübergehen belauschte, wie ein Kollege eines deutschen Privatsenders einem Schweizer Zöllner eine Sprachlektion verpassen wollte: »Bitte verstehen Sie, wir senden nicht nur in Süddeutschland, man muss Sie auch in Hamburg und Berlin verstehen.« – »Säg nüüt. I verschtand di scho«, antwortete der Schweizer entrüstet und grinste entschlossen in die Kamera.

Leon suchte nach ihm bekannten Gesichtern. Er hatte bisher wenig mit der Polizei in Singen zu tun gehabt. Er selbst war erst vor einem halben Jahr an den See gezogen. Der Liebe wegen, wie er jedem versicherte. Für ihn war es auch die Liebe zum See, für seine Freundin Lena Rößler in erster Linie die Liebe zu ihr.

Leonhart Dold lachte verunsichert, wenn der Widerspruch zur Sprache kam. Er hatte sich gerade auf seine Gradlinigkeit immer etwas eingebildet. Als gebürtiger Schwarzwälder, und dann noch Leonhart mit einem harten t, damit war er doch dazu geboren, deutlich und kompromisslos seine Meinung zu sagen. Aber in Sachen Liebe, musste er zugeben, eierte er schon sein ganzes Leben lang weich herum. Trotzdem hielt er sich zugute: Er war von Stuttgart weg zu Lena an den Bodensee gezogen, das war doch eindeutig!

Und Lena? Lena Rößler studierte an der Uni in Konstanz. Er hatte sie kennengelernt und sich Knall auf Fall in sie verliebt, als er am Bodensee für eine Fernsehdokumentation drehte. Daraufhin wollte er nicht mehr weg von ihr, oder eben vom See? Getrennt hatte er sich diese Frage noch nie beantwortet. Er hätte jedenfalls nach dieser heftigen Liebesattacke in Stuttgart nicht mehr einfach so weitermachen können wie bisher. Er war nun mal verknallt über beide Ohren. Lena war klug und äußerst attraktiv. Eine Kombination, die es in Leons Augen bei Frauen nicht allzu oft gab. Sie hatte von Anfang an immer klar und deutlich gesagt, was sie wollte bzw. was nicht. Das hatte ihm imponiert. Und als seine Dreharbeiten am See beendet waren, machte sie ihn mit ihrer Tante Helma bekannt. Sie hatte eine kleine Wohnung in ihrer alten Villa mit Seeblick leer stehen. Da konnte er nicht widerstehen.

Doch an Terminen wie heute verfluchte er diese Liebe, gleichgültig, ob sie nun in erster Linie Lena oder dem See galt. Denn in Stuttgart hatte er ein enges Netzwerk aufgebaut. Dort hätte er längst einen Polizisten intern anzapfen können. Öffentliche Pressekonferenzen taugten für Insidernews wenig. Jetzt stand er hier in einem großen Pressepulk und doch irgendwie allein.

Er schlenderte an aufgebauten Mikrofonen vorbei bis zur Stirnseite des Saals. Dort stand eine kleine Gruppe deutscher Polizeibeamter zusammen. Wie zufällig gesellte er sich zu ihnen. Dabei hatte er seine Ohren aufgestellt wie ein Luchs auf der Jagd. »Alles Gold und Geld war bisher ordentlich in einer Schweizer Bank deponiert«, hörte er gerade noch einen Polizisten sagen, als dieser zu ihm aufschaute. Sofort unterbrach der Mann seine Ausführungen und schaute Leon auffordernd an: »Was wollen Sie, kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Guten Abend«, Leon Dold stellte sich ordentlich vor, erzählte, dass er freier Journalist sei und neu am Bodensee arbeite, dann fragte er wie nebenbei: »Warum nur haben die Burschen das Gold nicht in Zürich umgetauscht, wo doch dort ein deutlich höherer Kurswert notiert ist?«

»Die Pressekonferenz beginnt in zehn Minuten, so lange müssen Sie sich schon noch gedulden«, fertigte ihn der Polizist ab, ohne auf den Inhalt der Frage einzugehen.

Die Leitung der Konferenz unterstand dem Leiter des Zolls und dem Leiter der Polizei, jeweils zwei gewichtige Regierungsdirektoren. Doch viel Neues wussten auch sie nicht zu berichten. Dafür gab es ein dickes Lob für die schnelle Ergreifung der Täter.

Alle Fragen über etwaige Hintermänner, woher das Geld stammte, wohin es gebracht werden sollte, beschieden die Herren mit der Formel: ›Laufende Ermittlungen‹.

Leon hatte während der gesamten Konferenz die Polizisten im Hintergrund beobachtet. Er hatte genau registriert, wie sie alle auf einen Mann schielten, als der Einsatzleiter für die schnelle Ergreifung der Täter dankte. Der vermeintliche Polizist war auffallend gekleidet. Er sah wie ein Jägersmann, nicht wie ein Polizist aus. Auch sein ansehnlicher Bauchumfang lies eher vermuten, dass der Mann Rehrücken schmorte, als dass er Verbrecher jagte. Er wirkte nach außen sehr gelassen und abgebrüht, trotz der lobenden Worte seiner Vorgesetzten. Aus seinen Augen blitzte kein bisschen Stolz, eher Schalk, als der Einsatzleiter ihm ausdrücklich für die schnelle Ergreifung der Täter dankte. Die Lobesworte schienen diesem Mann eher peinlich zu sein. Ungeschickt steckte er die Hände seiner kurzen Arme in die weit ausgebeulten Taschen seiner alten, etwas vergammelten Kampfhose, die offensichtlich schon mehrere Schlachten erlebt hatte und wohl auch nie richtig gereinigt worden war.

Leon Dold ging nach dem Ende der Konferenz schnurstracks auf ihn zu. Neben diesem Beamten konnte auch er in seinem Outfit bestehen. Leon zählte in seinem Gewerbe nicht zu der Dressman-Fraktion. Da waren die Kollegen Moderatoren und Reporter im On immer besser gekleidet. Sie hatten in den Wintertagen immer einen schicken Trenchcoat oder gelackte Lederjacken für ihre Aufsager dabei. Die ganz Seriösen seiner Zunft banden sich sogar vor jedem Sätzchen vor der Kamera eine Krawatte um. Leon dagegen war zwar nur in Jeans erschienen und mit einem Pulli, doch neben dem Kommissar sah er nun doch außerordentlich gut gekleidet aus. »Gratuliere, Sie also haben die beiden Burschen gefasst.«

Horst Sibold lächelte. »Die Fragezeit ist, glaube ich, beendet«, wich er aus.

»Offiziell ja«, schmunzelte Leon, »aber ich habe auch keine Frage gehört, Ihr Chef hat Sie doch schon als den erfolgreichen Jagdführer vorgestellt, und Ihr Outfit lässt ja auch darauf schließen, dass Sie die Verfolgung der Täter selbst übernommen hatten.«

»Kommen Sie von C&A oder was wollen Sie von mir?«, reagierte Sibold kühl, »es ist doch alles gesagt.«

»Vielleicht für Sie, heute! Aber irgendwann werden auch Sie auf die Frage stoßen, die mir bisher noch niemand beantworten konnte.«

»Und die wäre?« Horst Sibold wurde nun doch zugänglicher, und Leon hatte das Gefühl, dass dieser untypische Beamte vielleicht sein richtiger Ansprechpartner sein könnte: »Warum schmuggelt jemand Gold aus der Schweiz nach Deutschland, wo der Kurs in der Schweiz deutlich höher notiert ist als hier?«

»Eine interessante Frage«, brummte der Kommissar plötzlich hellhörig und bat Leon: »Geben Sie mir Ihre Karte.«

Schnell griff Leon in seine Tasche, kramte ein selbst gebasteltes Visitenkärtchen hervor und setzte nach: »Verraten Sie mir Ihren Namen?«

»Der ist kein Staatsgeheimnis«, lachte Horst Sibold jetzt offensichtlich kollegialer gestimmt und gab Leon ebenfalls eine Visitenkarte, auf die er seine Handynummer notierte. »Die gebe ich nicht jedem, schließlich will man auch als Polizist manchmal seine Ruhe.«

Leon las die Visitenkarte und pfiff durch die Zähne. »Oho, Kriminalhauptkommissar. Ihre Dienstkleidung hätte Sie eher der reitenden Jägergruppe zugeordnet.«

»Tarnen und Täuschen ist unser Job«, lachte Horst Sibold jetzt doch noch zum Scherzen aufgelegt. Leon wurde aus dem schmuddelig wirkenden Kommissar nicht schlau. Doch eine Recherche in unbekannten Teichen war mühevolle Kleinarbeit. Leon war froh, einen ersten Fisch am Haken zu haben, wenn er auch noch nicht wusste, wie er diesen waidmännisch verkleideten Beamten einzuschätzen hatte.

Vielleicht konnte er über ihn doch noch etwas aus der Geschichte herausholen.

*

Leon trat vor das Hauptzollamt und sah, wie die Nachrichtenredakteure ihre Neuigkeiten von der Pressekonferenz hektisch absetzten. Fernsehkollegen schnitten in ihren Übertragungswagen Reporterbeiträge für die Spätnachrichten, andere versuchten weiter, Fachleute und Pressesprecher der Polizei vor ihre Mikrofone zu zerren.

Die Hörfunkkollegen saßen in ihren Reportagewagen und gaben den verschiedensten Nachrichtensendungen ihrer Anstalten Interviews.

Schneller ihre Arbeit erledigt hatten die Kollegen der Tageszeitungen. Sie hatten schon während der Pressekonferenz ihre Meldungen und Reportagen in ihre Laptops getippt und sie dann, per Knopfdruck via Handyleitungen, direkt in die Redaktionen verschickt.

Eine kleine Gruppe der schreibenden Zunft stand jetzt zusammen. Leon gesellte sich zu ihr. Er erhoffte sich einige Hintergrundinformationen, die die Lokalredakteure vor Ort meist besaßen.

Als er bei der Gruppe ankam, schauten ihn die Kollegen nur kurz an, dann redete ihr offensichtlicher Wortführer engagiert weiter: »Das lohnt sich alles nicht mehr. Ich bin jetzt dann den ganzen Tag unterwegs, von heute Morgen um 10 Uhr Pressekonferenz beim OB bis jetzt, spät am Abend. Denkste, ich bekomme deshalb einen höheren Tagessatz?«

»Sei froh, dass du noch mit einem festen Tagessatz rechnen kannst. Unser Verleger hat die Tagessätze gestrichen. Er bezahlt jetzt nur noch nach Zeilen und Artikel. Gleichzeitig hat er aber auch perfide festgelegt, dass kein Artikel länger als 50 Zeilen lang sein darf, da dem Leser mehr nicht zuzumuten ist.«

»Deshalb warst du heute mit deinem Text so schnell fertig«, frotzelte der Wortführer.

»Ja«, grämte sich der Kollege, »aber ich stehe jetzt auch noch hier, das ändert doch am Zeitaufwand gar nichts.«

Leon drehte ab. Er wollte sich den Abend nicht verderben lassen. Natürlich hatten sie alle recht. Der eine bekam zu wenig, der andere noch weniger, aber er konnte diesen Einsatz bisher gar nicht abrechnen, wer sollte ihm ein Honorar dafür anweisen? Er musste zuerst die Story verkaufen, wenn er überhaupt jemanden dafür interessieren konnte. Denn dafür musste er erst mal seinen eigenen journalistischen Zugang finden. Die Nachricht selbst verkauften die Platzhirsche, die ihm jetzt das Ohr volljammern wollten.

*

Leon fuhr von Singen nach Überlingen über Radolfzell. Ein Ortsschild lockte ihn nach Moos. Die Höri-Gemeinde neben Radolfzell war für ihn als Feinschmecker immer einen Abstecher wert. Zwei gute Restaurants hatte er dort auf seiner Liste stehen. Das Restaurant Gottfried oder, direkt daneben, der Grüne Baum. Eines der beiden Lokale war immer geöffnet, gleichgültig also, welches heute Ruhetag hatte. In den beiden Restaurants kochten zwei Brüder um die Wette. Beide waren angetan von der französischen Küche. Und Leon hatte Lust auf eine Bodensee-Bouillabaisse.

Er fuhr auf den Parkplatz, den die beiden Gourmets brüderlich teilten, und sah, dass im Grünen Baum Licht brannte. Also war es entschieden; Hubert, der jüngere Bruder, würde Leon heute verwöhnen. Hubert war ein Unikat, sein Mooser Fischtopf eine Köstlichkeit. Leon hatte ihn erst einmal gegessen. Der Mann machte eine Rouille, da konnten die Franzosen noch etwas lernen. Wobei Hubert Neidhart solche überschwänglichen Komplimente eher kleinredete. Denn sein Vorbild für sein Gasthaus auf der Höri war nach wie vor die typische französische Dorfgaststätte. In solchen Gasthäusern hatte er seine Lehr- und Wanderjahre verbracht, und diese Küche hatte ihn geprägt.

Leon parkte und stieg aus. Plötzlich wurde er unschlüssig. Er sah in sein Portemonnaie und zählte 25 Euro. Das musste genügen, für die Bodensee-Bouillabaisse und ein Glas Wein. Trotzdem überkam ihn ein schlechtes Gewissen. Nicht wegen des Geldes. Er dachte an Lena. Das letzte Mal war er mit ihr hier, sie hatte ihn mit den beiden kochenden Brüdern bekannt gemacht. Ihr hatte er den Tipp zu verdanken. Kurz hielt er inne, blieb stehen, im gleichen Moment klingelte sein Handy. Unschlüssig griff Leon in die Tasche, zog das kleine Ding heraus und sah auf das Display.

Verdammt! Er fühlte sich ertappt. Lena versuchte ihn gerade in diesem Augenblick, als er mit sich kämpfte, zu erreichen. Was sollte er jetzt tun?

Beherzt nahm er das Gespräch an: »Ich fahre gerade zu einer Pressekonferenz«, log er schnell. Er hatte einfach geredet, er wusste nichts anderes zu sagen. Während er sich aber reden hörte, schämte er sich auch schon für seine Lüge. Doch er konnte Lena nicht einfach die Wahrheit sagen, er hatte nun mal keine Lust, sie zu sehen, er musste heute Abend schließlich noch seine Steuer auf die Reihe bringen, beschwichtigte er sich selbst.

Auf der anderen Seite wusste er, dass es gerade heute Lena beschissen ging. Denn kurz nachdem er seine Wohnung am See bezogen hatte, attestierten die Ärzte bei ihr Krebs. Zuerst hatte sie nur Schmerzen im Unterleib. Dann ging alles plötzlich sehr schnell. Diagnose: Tumor am Gebärmutterhals.

Er und Lena wurden gemeinsam in einen Strudel von Angst und Schrecken geschleudert. Leon hatte sofort im Internet recherchiert: Die zweithäufigste Krebsart bei Frauen; 230.000 Tote jährlich weltweit; Überlebenschance immerhin 70 Prozent, dank des heutigen medizinischen Wissensstands.

Lena wurde operiert, der Tumor entfernt. Zurzeit musste sie eine dreimonatige Chemotherapie über sich ergehen lassen. Er selbst konnte nichts tun, das war sein Problem. Er konnte ihr nicht helfen. Er war machtlos, konnte nur danebenstehen, sah ihr zu, sah ihr Leiden, ihre Schmerzen, ihre Übelkeiten und das ganze Elend. Es war zum Verzweifeln, auch für ihn.

Am Anfang stand er liebevoll zu ihr. Er war in fast jeder freien Minute mit ihr zusammen. Doch mit der Zeit wurde dieses Aushalten zum Höllentrip.

Vor acht Wochen hatte Lena mit ihrer Chemotherapie begonnen. Seither war alles von Grund auf anders. Besonders in den Tagen nach der Infusion. Da war sie niedergeschlagen und sah völlig mitgenommen aus. Und heute hatte sie erst ihren vierten Termin gehabt, sechs Infusionstermine standen noch an. Leon hatte das Gefühl, jetzt schon am Ende zu sein, gleichzeitig wusste er, dass er eben feige gelogen hatte. Doch einen Weg zurück sah er nicht.

Lena bedauerte seine Absage, gab ihm aber auf ihre verständnisvolle Art zu verstehen, dass sein Job und der Pressetermin natürlich Vorrang hatten. Sie hatte schon von der Schießerei am Zoll in Wiechs am Randen und der Festnahme der Täter in Singen im Radio gehört.

Leon stöhnte, er fühlte sich nach der Absolution noch beschissener, flüsterte ihr trotzdem ein paar aufmunternde Worte ins Telefon und legte schnell auf. Gleichzeitig kam er sich so mies vor, wie es vermutlich Lena gerade ging.

Der Mooser Fischtopf mit den Bodenseefischen Hecht, Zander und Kretzer sowie der sagenumwobenen Rouille ließen ihn schnell wieder an seine Bodenseeliebe glauben. Er schrieb Lena eine aufmunternde SMS, verdrängte für den Rest des Abends sein schlechtes Gewissen und bestellte noch ein zweites Glas Wein. Der Riesling vom Hohentwieler Elisabethenberg des Weinguts Vollmayer schenkte ihm eine angenehme Säure und die Sicherheit, dass seine Entscheidung, an den Bodensee zu ziehen, auf jeden Fall gut war.

Kapitel 4

›Strahlender Apriltag voller Wunder und Blüten. Mit klarblauem Himmel erwachte der 1. April 1944‹, schrieb der Schaffhauser Bürger Erwin Nägeli in sein Tagebuch. Es waren die Zeiten, in denen die Schweizer ihre Neutralität genossen. Denn auf der anderen Seite der Grenze erschallte Tag für Tag der hässliche Sirenenton des Bombenalarms. Die Schaffhauser sahen von ihrem Marktplatz aus jeden Tag die Staffeln von Hunderten silbern glänzenden Flugzeugen mit deren tödlichen Frachten am nördlichen Horizont. Sie hörten das ferne Grollen der Explosionen und das Hacken der Bordwaffen. Waldshut, Blumberg, Singen – die deutschen Städte rund um ihre Heimat standen in Flammen. Doch im vermeintlich sicheren Schaffhausen ging alles seinen Gang. Die Friedenstaube im Rundbogen des Herrenackerviertels gurrte.

Doch um 11 Uhr desselben Tages sollte Erwin Nägeli tot sein und sich Schaffhausen mitten im Krieg befinden.

*

Zwei Tage zuvor war Joseph Stehle als Schaffner der Deutschen Reichsbahn wieder einmal über die Grenze von Singen nach Schaffhausen gefahren. Er hatte nur einen kurzen fahrplanmäßigen Aufenthalt und wollte diesen nutzen, um sein beachtliches Kapital, das er längst auf mehrere amerikanische Banken verteilt hatte, nach Argentinien zu transferieren. Er hatte gehört, dass seit Kriegseintritt der Amerikaner der Kapitalfluss auch aus der Schweiz nach Amerika streng überwacht wurde. Mehrere Milliarden waren schon über den großen Teich überwiesen worden. Kapital, das zum Teil vor den Nazis geschützt werden sollte, aber auch, so vermutete die US-Regierung, Nazigeld selbst.

*

Joseph Stehle hatte es nicht weit vom Bahnhof zu seiner Bank. Er drückte rasch die Klinke der Banktür und wollte eintreten. Doch gleichzeitig mit ihm drängte sich ein anderer vermeintlicher Kunde in den Geschäftsraum.

Der kleine Kassierer hinter dem Panzerglas schaute interessiert auf. Stehle achtete nicht weiter auf den zweiten Mann, schloss die Tür und ging zielstrebig auf den Kassierer zu. Barsch forderte er ihn auf: »Ich muss Direktor Wohl, den Junior, reden, schnell!«

Der Kassierer nickte untertänig und drückte auf einen Klingelknopf, der vor ihm in die Tresen montiert war. Dann blickte er auf den Mann neben Stehle, doch dieser sagte kein Wort.

»Mein Herr«, forderte der Kassierer ihn auf, seinen Wunsch zu formulieren, und schaute ihn direkt an.

Der Fremde aber blieb stumm. Er schien nur Augen für Stehle zu haben und beobachtete diesen unverhohlen.

Jetzt erst fiel der Mann auch Stehle selbst auf. Er war sehr jung, sicherlich keine 30 Jahre alt. Er hatte blondes, kurz geschorenes Haar, sodass die Haarspitzen sich kaum legen konnten. Sie standen, wie bei einer umgedrehten Bürste, auffallend steil nach oben. Sein Gesicht wirkte, trotz seines jugendlichen Aussehens, streng. Der Anzug, den er trug, schien teuer, sein Trenchcoat war salopp.

Die beiden Männer musterten sich kurz und stechend.

Stehle wurde unsicher.

Der Fremde lächelte lässig.

»Mein Herr, bitte, was kann ich für Sie tun?«, intonierte der Kassierer erneut mit ungeduldiger Stimme.

»Sie?«, lächelte der Mann den Kassierer an, »Sie, nichts!«

Der Kassierer wandte sich verunsichert zu Stehle.

Dieser zuckte ratlos die Achseln.

Schließlich regte sich der Fremde doch und sagte mit deutlich hörbarem englischen Akzent: »Ich warte mit Herrn Stehle auf Ihren Bankdirektor.«

Plötzlich witterte Joseph Stehle Gefahr. Woher kannte der Mann seinen Namen? Der Kassierer hatte ihn nicht damit angesprochen. Was wollte er von ihm? Er blickte ihn scharf an.

Der Fremde reagierte gelassen: »Ich hoffe, Sie haben Zeit.«

»Nein, keine Minute!«

»Ich weiß, Ihr Zug, Sie müssen zurück nach Deutschland. Aber Sie werden sich ein bisschen Zeit nehmen müssen«, antwortete der Mann selbstsicher.

Stehle schluckte. Er wusste nicht, was er dem fremden Mann antworten sollte, zu selbstbewusst stand dieser neben ihm.

Der Kassierer spitzte seine Ohren. Endlich, schien er zu denken, endlich brach jemand die Arroganz dieses überheblichen Schaffners.

Noch bevor Stehle sich fangen konnte, öffnete ein hagerer, großer Mann mit akkurat kurz rasiertem Oberlippenbart die Tür zu dem Besprechungszimmer neben der Kasse und nickte Stehle auffordernd zu.

Dieser wollte sich aus der unangenehmen Situation retten, setzte zu einem stürmischen Lauf an, hielt dann plötzlich nach zwei Schritten wieder inne und schaute unsicher zu dem Bürstenhaarschnitt im Trenchcoat zurück.

Doch dieser stand schon fast wieder auf seiner Höhe, lächelte ihm aufmunternd zu und ging zielgerade weiter an ihm vorbei auf den vermeintlichen Bankdirektor zu: »Grüezi, Herr Wohl«, sagte er und reichte dem verdutzten Bankchef unverfroren seine Hand. »John Carrington is my name. Aber lassen Sie uns alle zusammen drinnen weiter sprechen«, lud er die beiden überraschten Herren in das Besprechungszimmer ein, aus dem der Bankdirektor gerade getreten war.

Joseph Stehle setzte seinen begonnenen Sturmlauf fort und hetzte ebenfalls in den Besprechungsraum hinterher. Kaum drinnen, drehte er sich sofort um und stellte sich vor den fremden Eindringling. »Es reicht, wer sind Sie? Was wollen Sie? Woher kennen Sie meinen Namen?«

John Carrington lachte belustigt: »Reiche Männer sind schnell bekannt. Und Sie sind verdammt reich – für einen Schaffner sogar ungewöhnlich reich.«

Der jugendlich wirkende Bankdirektor vergewisserte sich mit einem geübten Blick, dass keine weiteren Kunden in der Filiale zu Zeugen des Schauspiels geworden waren, und schloss schnell die Tür. »Was wollen Sie?«, blaffte nun auch er den fremden Mann an.

»Ich bin ein Agent der US-Finanzpolizei«, stellte John Carrington sich vor, »und wir haben ein paar Fragen an Sie und Ihren Kunden Stehle, oder soll ich sagen Ihren Komplizen?«

Das war das Stichwort für einen Auftritt des Bankdirektors. Oswald Wohl, Schweizer Staatsbürger und Eigner der Privatbank Wohl & Brüder, setzte zu einer Lehrstunde zum Thema Schweizer Bankgeheimnis an: »Sie wissen wohl nicht, wo Sie sich hier befinden?«, raunzte er in Richtung des vermeintlichen amerikanischen Agenten, »Sie sind hier auf neutralem Boden der Schweizer Eidgenossenschaft, und hier gilt nur das Schweizer Recht, und zwar nach dem Bankengesetz von 1934. Wir sind dem Geheimnisschutz verpflichtet, und niemand wird hier zu keiner Zeit in diesen Räumen irgendetwas sagen oder erzählen über Bankgeschäfte gegenüber Dritten, ob gegenüber dem Staat, dessen Organen wie der Polizei oder wem auch immer. Schon gar nicht gegenüber der«, dabei lächelte er nun milde, »der US-Finanzpolizei!«

Nach dieser Tirade holte Oswald Wohl tief Luft und rüstete zur zweiten Runde. Er piekste mit dem Zeigefinger dem ungebetenen Besucher auf die Brust: »Im Übrigen, Herr Amerikaner«, referierte er ereifernd weiter, »im Übrigen werden Sie uns hier nicht zu einer Straftat drängen können, denn wenn ich Ihnen, und dann noch einem Amerikaner, auch nur ein Sterbenswörtchen von den Geschäften irgendeines Kunden erzählen würde, würde ich mich nach Schweizer Recht strafbar machen. Nach Schweizer Recht!«, betonte er laut, »und nur das zählt hier, verstanden?«

John Carrington hatte alle Ausführungen des Bankdirektors mit einem müden Lächeln quittiert. Der Finger auf seiner Brust aber störte ihn offensichtlich. Er schlug ihn energisch weg. »Hören wir auf, Versteck zu spielen!« Der Amerikaner legte sein freundliches Lächeln ab und wurde eiskalt. »Treiben Sie Geschäfte mit den Nazis in Ihrer Schweiz, wie Sie wollen, aber nicht mit unseren Banken«, jetzt lachte er hämisch, »und wenn, dann behalten Sie das schmutzige Geld bei sich, aber dummerweise liegt es nun bei uns in unseren Staaten, und da gelten unsere Gesetze, die Gesetze des US-Finanzministeriums.«

Während er sprach, legte Carrington einige Überweisungsbelege und Kontoauszüge auf den Tisch, die bewiesen, dass die Schaffhauser Bank Wohl & Brüder größere Summen auf verschiedene kleinere amerikanische Banken verschoben hatte. Und auf manchen Überweisungen fand sich auch der Name Joseph Stehle.

Carrington zeigte darauf. »Wir gehen davon aus, dass es sich bei diesen Beträgen um Nazikapital handelt.«

Joseph Stehle prustete. »Wie kommen Sie denn auf diese Schnapsidee?«

»Die deutsche Reichsbank hat zu genau jenem Zeitpunkt ihr Konto in New York aufgelöst, als aus der Schweiz plötzlich erstaunliche Überweisungsaufträge an uns einsetzten. Wir haben daraufhin alle Kapitalflüsse zu unseren US-Banken überprüft. Insgesamt stellten wir fest, dass seit Herbst 1940 von mehreren kleinen Schweizer Banken zusammengerechnet Milliardenbeträge zu uns flossen, mit jeweils sehr fraglichen Absendern. Herr Stehle, einer davon sind Sie! Ein Eisenbahnschaffner der Deutschen Reichsbahn mit einem Einkommen von 275 Mark monatlich hat bei uns auf mehreren Konten Millionenbeträge liegen. Heil Hitler!«

»Das ist nicht mein Geld, ich bin nur der Verwalter dieser Beträge. Im Übrigen wüsste ich nicht, seit wann die amerikanische Polizei in der neutralen Schweiz ermitteln dürfte.« Stehle war es heiß geworden. Er erkannte in diesem fremden Mann eine Gefahr, die er nicht so leicht loswerden würde. Pah, ein amerikanischer Finanzpolizist, das sollte glauben, wer mochte. Polizist? Der Mann roch für ihn nach amerikanischer Mafia.

»Herr Stehle, verlassen Sie sich darauf, ich werde Sie bald als amerikanischer Offizier in Deutschland vernehmen. Machen Sie sich nichts vor, es ist eine Frage der Zeit, dann sitzen alle Nazis wie Sie in ihren eigenen Gefängnissen. Überlegen Sie es sich gut, wir bieten Ihnen eine Zusammenarbeit an.«

»Meine Herren, bitte«, der Bankdirektor, ganz Schweizer Diplomat, suchte ein Ende der Konfrontation, er wollte Zeit gewinnen. Die neue Situation war ihm nicht geheuer. »Herr Carrington, oder wie immer Sie heißen mögen. Ich denke, wir gehen jetzt erst mal den rechtlich ordentlichen Weg. Sie benötigen eine Legitimation, geben schriftlich bei meiner Bank Ihr Ansinnen kund, und dann werden wir uns bei Ihnen oder Ihrer Dienststelle melden. So verkehren doch zivilisierte Menschen auch in Amerika miteinander, oder nicht?«

»Oh my god«, lachte der ungebetene Besucher. »Wo, glauben Sie, leben Sie? Wir haben Krieg in Europa. Wir werden die Nazis ausrotten, und meine Behörde sorgt dafür, dass kein Dollar eines Nazis in die falsche Tasche gelangt. Egal, ob diese Brut ihr Geld auf deutschen, Schweizer oder amerikanischen Banken versteckt hält.«

»Da kann ich Sie beruhigen.« Joseph Stehle witterte die Chance, sich als Nazigegner zu präsentieren. »Kein Pfennig der Beträge, die ich nach Amerika überwiesen habe, stammt von Nazis. Im Gegenteil: Ich habe das Geld von Verfolgten der Nazis zum Schutz vor den Nazis gerettet.«

»Sorry, Mister, Sie haben zurzeit gar nichts gerettet. Wir werden darüber noch befinden, zurzeit sind Ihre Konten gesperrt.«

»Das widerspricht den staatsvertraglichen Abmachungen«, ereiferte sich jetzt wieder der Bankdirektor.

John Carrington lachte: »Sie scheinen mich wirklich nicht verstehen zu wollen, aber ich bin sicher, Herr Stehle«, sagte er zu dem deutschen Schaffner gewandt, »Sie werden mich noch verstehen.« Jovial klopfte er Stehle auf die Schulter und sagte: »Sie wollten ja hier noch etwas erledigen, und soviel ich weiß, geht Ihr Zug in wenigen Minuten zurück nach Deutschland.« Süffisant verabschiedete er sich von den beiden: »Ein Zug ohne Schaffner? Ich denke, da würden selbst Sie Ärger mit der Gestapo bekommen.«

Schon im Türrahmen stehend, drehte sich Carrington noch einmal zu dem Bankdirektor um: »Einige der Summen, die Sie der New-York-City-Bank übereignet haben, weisen keinen weiteren Eigentümer auf als nur Ihre eigene Bank. Deshalb habe ich Sie Komplize genannt. Gewehrt gegen meine Unterstellung haben Sie sich nicht.«

Bevor der Bankdirektor antworten konnte, war Carrington aus dem Raum marschiert.

Stehle blieb, blass geworden, mit Oswald Wohl zurück. »Wir haben noch nicht verloren.«

Der Bankdirektor lachte herb auf: »Wir nicht, aber ihr Deutschen schon. Aber bleib gelassen, Joseph, der kann uns nichts nachweisen. Was wolltest du eigentlich?«

»Zu spät«, ärgerte sich Stehle, »zu spät, Oswald. Ich wollte dich bitten, unser Geld nach Argentinien zu transferieren. Argentinien soll sicher sein, du hörst ja, die Amis drehen wegen des Kriegs völlig durch.«

»Quatsch! Mach dir da mal keine Sorgen, wir sind hier in der Schweiz, und die Amis wissen, wie man Geschäfte macht. Da hatte ich bisher vor einem Einmarsch von eurer Wehrmacht mehr Angst. Stell dir vor, die SS hätte uns den Arsch aufgerissen, dann wärst du gleich weg gewesen. Deshalb bin ich auch froh, wenn der ganze Spuk nun bald ein Ende hat. Lange wird sich Hitler nicht mehr halten können.«

Joseph Stehles Augen flackerten. »Hör auf, so zu reden. Du siehst ja, wohin das führt, wenn die Amis hier das Sagen haben, dann gute Nacht!« Joseph Stehle schnappte nach Luft, drehte sich um und rannte aus dem Besprechungszimmer: »Mein Zug«, japste er nur noch und lief los.

*

Zwei Tage später, am 1. April, kurz vor 11 Uhr, tauchten zwei Staffeln viermotoriger Liberta-Bomber über dem Kohlfirstwald vor Schaffhausen auf. Zwölf Flugzeuge waren in dem ersten Geschwader formiert, über 20 Bomber flogen in der zweiten Staffel.

Es war ein Samstag, Markttag in Schaffhausen. Aus der Innenstadt konnte man die Flugzeuge deutlicher sehen als sonst. Doch wer sollte schon auf die täglichen Bombenflüge der Amerikaner achten. Ihre tödliche Fracht warfen sie auf der anderen Seite der Grenze, in Deutschland, ab.

Aber heute, da schien irgendetwas anders zu sein. Die kleinen Flieger kamen immer näher an die Munotstadt heran. Und dann: Punkt 11 Uhr krachte es plötzlich inmitten der eigenen Stadt. 236 Brandbomben und 130 Sprengbomben donnerten auf Schaffhausen. Nach 40 Sekunden war alles vorbei: 40 Tote und 270 Verletzte lagen in den Trümmern der Schweizer Stadt Schaffhausen.

Die Amerikaner entschuldigten sich später für den Angriff. Es sei ein Versehen gewesen, begründete die US-Armee die Bombardierung. Als Grund gab sie schlechte Sichtverhältnisse an.

Doch am 1. April 1944 hatte sich über ganz Europa ein blauer Himmel gezeigt. Die Sonne hatte an jenem Tag von Aufgang 7.45 bis Untergang 18.30 Uhr geschienen.

*

Joseph Stehle hatte die Bombardierung beobachtet. Er stand in sicherer Entfernung auf deutschem Boden. Vor ihm lag eine tote Sau in einer hölzernen Wanne. Er hatte gerade Harz über ihre hellbraunen Borsten geschüttet und heißes Wasser darübergegossen. Gemeinsam mit Ferdinand Alber, dem Gutsbauer auf dem Randen, schabten sie der Sau die Borsten von der Schwarte.

Ferdinand Alber hielt inne: »Die wollen ganz Europa. Die bombardieren alles kurz und klein.« Dabei zeigte er auf die US-Bomber, die gefährlich nah über den Hegaubergen kreisten.

»Die haben es nicht anders verdient«, höhnte Stehle und deutete mit seinem Kopf Richtung Schaffhausen, wo die ersten dunklen Rauchsäulen aufstiegen. »Immer schön neutral, nur nie Farbe bekennen. Wir hätten schon gleich nach unserer Ostmark«, damit meinte er Österreich, »auch die Schweiz heim ins Reich holen müssen.«

Ferdinand Alber verzichtete auf eine Antwort. Er warf seinen Borstenschaber weg und rannte in einen nahen Schopf. Die kleinen, silbernen Flugzeuge wurden immer größer und hielten direkten Kurs auf seinen Hof. Alber hatte Angst vor einem Abwurf oder Maschinengewehrbeschuss aus der Luft.

Stehle lachte und schabte unbeirrt weiter die Borsten der Sau. Er hatte diese Woche dienstfrei. Er musste immer drei Wochen am Stück arbeiten, dann meist rund um die Uhr, dafür durfte er danach eine Woche am Stück zu Hause bleiben. Doch Joseph Stehle legte sich in den freien Wochen nicht auf die faule Haut, sondern metzgerte.

Bevor er zur Deutschen Reichsbahn kam, hatte er in der Schweiz das Metzgerhandwerk erlernt. Als Hausmetzger wurde er heute von den Bauern rund um Singen engagiert, die meisten deutschen Metzger waren längst an der Front.

Joseph Stehle war von Geburt an Schweizer Staatsbürger. Er war in Thayngen, einem kleinen Grenzort zwischen Singen und Schaffhausen, geboren. Nach der Volksschule ging er mit 14 Jahren in Schaffhausen in die Lehre. Mit 17 Jahren, 1933, begann er in Singen in der Schweizer Firma Maggi zu arbeiten. Dort lernte er seine deutsche Frau kennen. Sein Schwiegervater holte ihn zur Bahn. Schon zuvor, noch in der Schweiz, hatte er zu ›hitlere‹ begonnen. Mit dem Eintritt in die NSDAP wurde er Schaffner bei der Deutschen Reichsbahn, diese Stelle hatte er der Partei zu verdanken. Das wusste Stehle, und dafür war er auch immer bemüht, ein ordentliches Parteimitglied zu sein.

Es war in den Kriegsjahren genau zugeordnet, welcher Bauer wie viel Vieh schlachten durfte. Im Gäu war bekannt: Wer Joseph Stehle engagierte, der musste saubere Papiere haben. Krumme Geschäfte, das hieß Schwarzschlachtungen, machte dieser Mann nicht.

So kannte man Joseph Stehle: ein aufrechter Mann, überzeugter Nazi, ehrlich und gradlinig.

Ferdinand Alber hatte deshalb den Schaffner als Metzger engagiert. Er selbst war nicht in der Partei und musste aufpassen, nicht angeschwärzt zu werden. Mit Joseph Stehle als Hausmetzger hatte man die Denunzianten auf seiner Seite.

Ferdinand Alber war wieder aus dem Schopf gekommen und sah der Staffel kritisch nach. Dann schaute er Stehle an und schluckte. Nein, dachte er, diesem Mann darf ich meine Gedanken nicht anvertrauen. Für sich aber beschloss er, baldmöglichst dieses überdimensionale Hakenkreuz an seinem geliebten Hohentwiel, das die Nazis der Maggi-Stadt dort hingemalt hatten, zu überstreichen. Schließlich, so dachte er: Man musste den Fliegern doch nicht schon von Weitem zeigen, wo Nazis wohnten, das provozierte doch nur deren Bombenabwürfe. Natürlich dachte er dabei auch an sich und seine Familie und seinen prächtigen Hof.

Joseph Stehle hatte ihn von der Seite beobachtet. Er schien seine Gedanken zu erraten und riet ihm fast drohend: »Alber, sei du froh, dass du auf deinem Hof bleiben durftest, während andere an der Front ihren Kopf hinhalten. Benimm dich wie ein deutscher Mann. Glaub standhaft an unseren Endsieg, und jetzt hol das Tor, dann können wir die Sau hochziehen.«

Die Schwarte des Schweins war glatt rasiert. Das Tier lag schlachtbereit in der Wanne, die Halsschlagader war geöffnet. Die beiden Männer stellten einen stabilen Rahmen über den Zuber. Vom Oberbalken hingen je zwei Enden eines Seils herunter. Stehle band an jedes Ende eine Hinterhaxe des Schweins. Dann zogen sie gemeinsam das Seil über die Winde. Kopfüber hing das Schwein in der Wanne. Blut rann noch immer aus dem tiefen Schnitt der Halsschlagader.

Fränzle, der Sohn des Gutsbauern, hielt mit der linken Hand eine Schüssel unter den Kopf des Tieres und fing das restliche Blut auf. Mit der rechten Hand rührte er in der roten, warmen Flüssigkeit, damit das Blut nicht klumpte.

»Fränzle, du wirsch mol en rächte Kerle«, lobte ihn der Metzger, »dir mach ich nachher eine extra Blutwurscht.«

Fränzle hörte das Lob gerne, gerade von diesem Mann, vor dem die Erwachsenen einen Heidenrespekt hatten, warum auch immer. Zu ihm, und auch zu den anderen Kindern, war er immer nett. Eine Extrawurst für ihn allein, das hätte ihm sein Vater nie gegeben. Und er wusste, danach bekam er von diesem Metzger auch noch ein Stück vom Apfelkuchen dazu. Seine Mutter musste immer zum Schlachttag einen großen Kuchen für den Metzger backen. Denn Joseph Stehle aß, wenn alle sich über die Wurstsuppe und die frischen Würste hermachten, am liebsten süßen Kuchen. Und wenn Stehle ihm dann ein Stück von dem Kuchen abgab, dann konnten seine Eltern diesem Mann nicht widersprechen.

›Stalin‹ nannten die Erwachsenen Stehle hinter dessen Rücken. Das musste ein ganz besonderes Schimpfwort sein. Die großen Leute sahen sich dabei verstohlen an. Fränzle schmunzelte dann mit den Alten, fragte sich aber, was dieser kinderfreundliche Metzger mit diesem bösen Mann in Russland gemein hatte, der Krieg gegen sie führte.

*

»Well, Stalin, du wirst nicht mehr lange leben, wenn du nicht dein Geld uns überlässt!«

Joseph Stehle lag blutverschmiert auf dem Rücken. Ihn hatte es mit seinem ganzen Körpergewicht auf die Schotterstraße geschlagen. Das rechte Knie tat ihm höllisch weh, er schmeckte Blut, und zu allem hin stand ihm dieser amerikanische Agent mit dem Absatz auf der Gurgel. Er konnte sich kaum bewegen, nicht einmal seine Blessuren betasten. Er lag hilflos wie ein Marienkäfer auf dem Rücken.

Er war vom Randen mit seinem Fahrrad weggefahren. Es war schon dunkel gewesen. Links und rechts an seine Lenkstange hatte er zwei Eimer mit Wurstsuppe gehängt. Die Suppe hatten die Albers ihm aus einem großen Kessel abgefüllt, dazu noch jeweils zwei Blut- und zwei Leberwürste beigegeben. Er hatte sich auf die strahlenden Augen seiner Frau gefreut und vor allem auf Medi, seine kleine Tochter. Das würde morgen ein Sonntagsessen geben. Schlachtplatte!

Plötzlich hatte es gekracht, sein Rad hatte abrupt gestoppt und ihn abgeworfen, wie ein störrischer Esel seinen Reiter. Er war mit dem Kopf voraus über die Lenkstange zu Boden gefallen. Sein Gesicht war auf die Schottersteine geknallt, er hatte sich noch in der Wucht des Falls auf den Rücken gedreht, aber schon war der Stiefel hart und rücksichtslos auf seinen Hals getreten.

Joseph Stehle hatte im Flug an alle gedacht, an alle, die ihm Böses wollten. Vor allem an Luise Levy und Katharina oder anonyme Mitwisser, die doch von einem der beiden Weiber informiert worden waren.

Auf dem Boden gelandet, öffnete er sofort die Augen und erkannte im Gegenlicht des Mondes, über den ledernen Stiefeln, diesen Bürstenhaarschnitt. Gleichzeitig hörte er die Stimme mit diesem englischen Akzent: »Good evening, Mister Stehle«, lachte John Carrington, »Glück für Sie, dass Sie heute nicht in Schaffhausen waren. Sonst hätten wir uns jetzt vielleicht gar nicht mehr treffen können.«

Stehle hechelte. Er bekam kaum Luft. Er roch das Fett der Lederstiefel, wollte antworten, schluckte Blut, versuchte, sich freizustrampeln.

Carrington lachte und drückte seinen Stiefel tiefer in den Hals des unter ihm liegenden Stehle.

Der fasste an den Stiefel, wollte ihn wegdrehen.

Carrington verstärkte erbarmungslos den Druck auf den Gurgelknopf.

Stehle musste würgen, bekam keine Luft mehr und legte schnell, als Zeichen seiner Unterwerfung, beide Arme weit von sich, flach auf den Boden.

»Okay«, klang die Stimme des Amerikaners versöhnlich, und gleichzeitig löste er den Druck seines Stiefels leicht.

Stehle konnte wieder Luft in die Lunge einziehen.

Carrington wartete geduldig, bis der Angegriffene sich erholt hatte. Dann legte er los: »Ich weiß nicht, ob dein Komplize Wohl die Bomben überlebt hat. Vielleicht ja, vielleicht nein. Spielt aber keine große Rolle, es sollte eine Warnung für dich sein.«

Carrington hielt inne, zog eine Zigarette aus seinem Trenchcoat und zündete sie an. Die Flamme züngelte in der Dunkelheit, er inhalierte den Rauch tief und ließ dann das noch brennende Streichholz achtlos auf Stehle fallen. Er unterstrich damit seine Furchtlosigkeit und Überlegenheit.

Mit ruhiger Stimme fuhr er fort: »Stalin, hör zu: Es ist keine Frage mehr, dass ihr Deutschen den Krieg verloren habt. Die Frage ist nur, wer ihn gewinnt. Wir oder Stalin.« Dann lachte er auf: »Ihr Deutschen habt ja doch Humor. Dass sie dich Stalin nennen, ist wirklich lustig. Gerade du, der du doch Stalin hasst. Aber es stimmt. Freundlich gesagt, bist du sehr gradlinig, korrekt und kompromisslos, wie deine Kollegen dich kennen. Aber wir beide wissen, du hast ganz andere Gemeinsamkeiten mit ihm: Du bist skrupellos und gehst über Leichen, genau wie Stalin.«

Stehle wollte etwas erwidern, aber seine Worte gingen über ein Gurgeln nicht hinaus, Carrington hatte den Stiefeldruck schnell wieder erhöht.

Er fand sichtbaren Gefallen an seiner Siegerpose. Er inhalierte nochmals tief den Rauch der Zigarette, blies ihn kräftig aus der Lunge und kam dann zu seinem Anliegen: »Wir denken an morgen. Der Sieg über die Nazis ist entschieden. Aber wir sind mit den Russen im Wettlauf, wer von uns zuerst Berlin erreicht. Wir wollen Hitler erledigen, aber wir wollen keine Rote Armee auf deutschem Boden. Wir müssen schon heute für die Zeit nach Hitler sorgen. Eure Armee hält an der Ostfront die Russen nicht mehr auf. Stalin ist auf dem Vormarsch, wir bekommen täglich neue Meldungen von den Russen. Weißt du, was das heißt?«

Joseph Stehle hatte endlich eine einigermaßen erträgliche Lage gefunden. Er hatte seinen Gurgelknopf unter der drückenden Sohle etwas auf die Seite drehen können. Angestrengt schielte er zu seinem Peiniger hoch.

Carrington zog erneut an der Zigarette und schnippte sie dann weit weg, während er den Rauch energisch aus den Lungenflügeln blies.

Dann schaute er wieder zu Stehle hinunter, nahm den Fuß vom Hals des fragwürdigen Millionärs und kniete sich neben ihn. Er fasste ihn am Kragen und zog dessen Kopf zu sich hoch. »Es gibt für dich nur eine Chance«, seine Stimme wurde jetzt leise, fast komplizenhaft redete er auf ihn ein, »du schließt dich uns an. Wir sind ein kleiner Kreis, der weiß, dass unser Feind nicht Hitler ist, sondern Stalin. Wir wissen, dass Hitler geopfert werden muss, darauf wartet die Weltöffentlichkeit. Aber halte unsere Regierung nicht für blöd. Der Präsident weiß, wer langfristig unsere Verbündeten sind. Deshalb wollen wir mit dir einig werden. Wir werden dein Geld freigeben, ohne dass sich in Zukunft irgendwelche Spuren mehr verfolgen lassen, woher das Geld überhaupt kam. Aber den Großteil des Geldes, das ohnehin nicht dir gehört, benötigen wir für den Aufbau unserer Organisation nach dem Krieg hier in Europa.«

In Stehles Kopf pochte es. Er drehte das Gesicht zur Seite und spuckte Blut. Seine Lippen waren aufgeplatzt, jetzt schwollen sie an. Er bekam kein Wort heraus.

John Carrington legte Stehles Kopf sachte auf den Schotter zurück. »Ich sage dir, wie es weitergeht«, fuhr er fort, »du wirst deinen Bankdirektor überzeugen, dass er nur mit uns einen Teil seines und deines Kapitals in den Vereinigten Staaten retten kann. Mach ihm klar, dass wir seine Bank in Schutt und Asche legen, wenn er unsere Anweisungen nicht befolgt. Wir haben alle Mittel und Wege, euch beide zu vernichten oder euch am Leben zu lassen. Ihr werdet von uns hören.«

Joseph Stehle kam nicht dazu, auch nur ein Wort zu erwidern. Es schien Carrington keinen Deut zu interessieren, was er noch vorzubringen gehabt hätte. Carrington stellte ihn vor die Entscheidung, vor die jeder Straßenräuber sein Opfer stellt: Geld oder Leben?

Dann verschwand er in der Dunkelheit.

*

Joseph Stehle kam nur langsam wieder zu sich. Er tastete sein rechtes Bein ab und versuchte, vorsichtig aufzustehen. Dann humpelte er zu seinem Fahrrad, suchte seine beiden Eimer, tastete den dunklen Boden nach seinen vier Würsten ab und fluchte leise vor sich hin.

Im Vorderrad waren vier Speichen gebrochen. Carrington hatte ihm offensichtlich einfach einen Stock ins Rad gesteckt. Das erklärte auch seinen Abwurf über den Fahrradlenker. Die Wurstsuppen waren aus den Eimern gelaufen und im Erdreich versickert. Wenigstens lagen die vier Würste aber noch auf dem Boden.

Töchterchen Mechthilde weinte, als sie ihren Vater im Flur stehen sah.

Dafür lachte sie schon am nächsten Tag wieder, als auf dem Sauerkraut mit Salzkartoffeln zwei Leber- und zwei Blutwürste vor sich hin dampften: »Papa, du bist der Beste«, küsste sie ihn auf seine verwundeten Lippen.

Joseph Stehle drückte sein Kreuz durch und strahlte. Wenn seine kleine Tochter zu ihm aufsah, dann war die Welt für ihn in Ordnung.

*

Wenige Wochen später begannen die Alliierten, gezielt das deutsche Verkehrsnetz zu bombardieren. Trotzdem fuhren noch immer die Züge über die Grenze von Singen nach Schaffhausen. Joseph Stehle wollte die Gelegenheit bei einer seiner nächsten Fahrten nach Schaffhausen nutzen, um nach seinem Komplizen Oswald Wohl zu sehen und zu bilanzieren, wie viel seines Kapitals noch beweglich war.

Sein Zug lief in Schaffhausen um 8.10 Uhr ein und musste planmäßig um 11.30 Uhr zur Rückfahrt bereitstehen. Die Lok mit ihren drei Waggons sollte auf Gleis drei einfach stehen bleiben, denn der größte Teil des normalen Zugverkehrs stand kurz vor dem Erliegen. Nur noch einzelne Verbindungen gab es von Schaffhausen nach Singen, und nur noch wenige Verbindungen weiter bis nach Zürich. Die Verbindungen nach Basel, über die deutschen Städte Tiengen und Waldshut, waren eingeschränkt worden.

Joseph Stehle eilte gleich nach der Einfahrt in den Bahnhof Schaffhausen in sein Dienstabteil und zog seine Uniform aus. Es war nicht mehr die Zeit, in der man sich auf Schweizer Straßen gerne als Deutscher zu erkennen gab. Leger, in Zivil gekleidet, schlenderte er Richtung Bankhaus Wohl & Brüder.

Das Bankhaus hatte den Angriff der US-Bomber heil überstanden. Trotzdem beschlich Stehle ein flaues Gefühl, als er das schmale Haus in der Schaffhauser Innenstadt betrachtete. Er roch den Stiefel Carringtons in seiner Nase und griff unwillkürlich nach seinen gerade verheilten Wunden im Gesicht. Kurz verharrte sein Schritt, unsicher schaute er sich um.

»Mach doch keis Büro uuf«, drohte plötzlich eine Stimme hinter ihm, und Stehle spürte einen stumpfen Gegenstand in seinem Kreuz. »Chum, gang wiiter«, forderte ihn die Stimme auf und schob ihn über die Straße in das Bankhaus.

Der Schalterraum wirkte auf Stehle noch düsterer als sonst. Dann sah er, dass das einzige Fenster des Raumes mit Zeitungspapier zugeklebt war. Der Mann hinter ihm verschloss die Ladentür. »Chunnsch druus?«, fragte er ihn und forderte ihn auf: »Hei gang wiiter, du kennscht doch de Wäg.«

Der Kassenraum war verwaist. Stehle sah, dass die Nebentür in das Besprechungszimmer offen stand. Aus dem Zimmer hörte er Stimmen und sah im Gegenlicht in der Luft Rauchschwaden stehen. Er roch Zigarettenqualm und erinnerte sich an den amerikanischen Agenten. Der Mann, der ganz offensichtlich vor der Bank auf ihn gewartet hatte, schob ihn in den Raum.

»Grüezi«, lachte ihn in einem schrecklichen, nachgeäfften Schweizerenglischdeutsch John Carrington an, »welcome in our Club!«

Stehle fluchte innerlich. Wie konnte er so blauäugig schon wieder diesem Mann in die Fänge laufen.

»Es war eine Frage der Zeit, des korrekten Fahrplanes der Deutschen Reichsbahn und eures Dienstplans«, beantwortete Carrington Stehles unausgesprochene Frage, »wir mussten uns wiederbegegnen.«

Stehle blieb wie angewurzelt unter dem Türrahmen stehen. In dem Besprechungsraum saßen neben Carrington noch drei weitere, ihm unbekannte Männer, und Oswald Wohl. Über dem Besprechungstisch strahlte eine Leuchtröhre, da auch in diesem Raum die Fenster verhängt waren. Auf dem Tisch lag eine Unzahl von Papieren. Stehle erkannte, dass es sich um Kontoauszüge handeln musste, die Runde hatte ihn offensichtlich erwartet.

»Ja«, lachte Carrington, »alles Ihre Konten, gratuliere, was für ein erfolgreicher Schaffner Sie doch sind.«

Stehle wurde blass. Wie viele Ängste und bange Minuten hatte er durchgestanden, um dieses Kapital anzuhäufen. Selbst zum Mörder war er geworden und zum Verräter. Er dachte an Luise Levy und vor allem an Katharina. Und nun sollte alles umsonst gewesen sein? Er blickte Hilfe suchend zu Wohl.

»Mir sind die Hände gebunden, Joseph. Lass uns in Ruhe darüber reden«, flüsterte der.

»Woher wissen Sie, welches meine Konten sind«, fragte Stehle barsch, »und mit welchem Recht sitzen Sie hier?«

»Stalin«, begann Carrington einen längeren Monolog, »Sie haben die Chance, die Machtverhältnisse von morgen schon heute zu akzeptieren. Sie können mit uns zusammenarbeiten und uns nach dem Ende des Krieges mit Ihrem Geld helfen, eine sinnvolle Verteidigung gegen das kommunistische Bollwerk und die Rote Armee aufzubauen. Ihr Geld ist verloren, wenn Sie sich gegen uns stellen. Sie können unser Freund werden, wenn Sie mit uns nach vorne schauen. Wir, das sind die neuen Machthaber in Europa. Vergessen Sie Ihren Traum von einem Vierten Reich. Wir alle müssen gemeinsam gegen nur eine Gefahr kämpfen, gegen die Rote Armee. Stalin wird sich nicht mit Berlin zufriedengeben, er will bis zum Rhein, oder vielleicht sogar bis zum Atlantik. Deshalb sitzen hier am Tisch auch Freunde des britischen Geheimdienstes MI 5 und ein offizieller Vertreter der Schweizer Bankenaufsicht, der aber auch ein Mitglied des Schweizer Geheimdienstes P 26 ist. Glauben Sie mir, ohne uns ist Ihr Geld futsch. Mit uns können Sie nach dem Ende des Krieges noch gewinnen.«

Oswald Wohl nickte. Stehle war klar, dass er ohne seinen jungen Bankchef nie mehr an sein Geld gelangen konnte. Sollte es stimmen, dass der dünne, schmallippige Herr neben Wohl von der Bankenaufsicht war, dann verstand er, dass sie auch seinen Komplizen in der Zange hatten. Schließlich hatte dessen Bank in den vergangenen Jahren sehr viel namenloses ausländisches Kapital zunächst ein- und dann ausgeführt. Millionen Reichsmark und auch Gold und Silber ohne Nachweis einer Quelle. Daraus konnte man ihm jederzeit einen Strick drehen. Und auch ihm selbst, einem Schmuggler aus Deutschland, drohten in der Schweiz empfindliche Strafen, gleichgültig, woher das Geld stammte.

Joseph Stehle erkannte seine verfahrene Situation, es blieb ihm kein anderer Ausweg, als sich vorerst auf das Vorhaben der Herren einzulassen. »Sie diktieren die Bedingungen«, kapitulierte er, »sagen Sie mir aber, was mir bleibt.«

*

Wenige Wochen später hatten die Angriffe der Alliierten auf Singen zugenommen. Im Oktober 1944 kam es zu einem Tagesangriff mit zwölf Bombern der amerikanischen Luftwaffe. Am Weihnachtstag, im Jahre 1944, überflogen 18 Bomber Singen und warfen 90 Sprengbomben auf die Hohentwielstadt, mit Gewichten bis zu 500 Kilogramm. Dabei wurden auch Brücken und Gleisanlagen schwer beschädigt. Die Zugverbindung in die Schweiz war jetzt vollständig abgebrochen. Für Joseph Stehle gab es keine Möglichkeit mehr, sich um sein Kapital in der Schweiz zu kümmern. Er verfluchte jeden Tag John Carrington und hoffte auf das Schweizer Bankengesetz.

*

In den letzten Kriegstagen bekam Joseph Stehle noch einmal Besuch. In der Hohentwielstadt herrschte das reinste Chaos. Die Bevölkerung flüchtete tagsüber aus der Stadt in die Wälder, aus Angst vor neuen Bombardierungen. Der stellvertretende Bürgermeister wollte die Stadt den heranrückenden Franzosen kampflos übergeben. Doch SS-Offiziere aus der nahe gelegenen Radolfzeller Kaserne zwangen den Volkssturm, die Stellung zu halten.

Joseph Stehle hatte den ganzen Tag über bei Räumungsarbeiten in der Innenstadt geholfen. Er war übermüdet und wollte sich ins Bett legen. Da hörte er ein leises Klopfen an der Haustür. In Socken, um seine Frau und Tochter nicht zu wecken, schlich er in den Flur. Er wollte gerade die Tür öffnen, da griff eine starke Hand von hinten um seinen Kopf und verschloss ihm den Mund. Der Griff war sehr stark, Widerstand erschien ihm zwecklos.

»Keine Angst«, flüsterte eine männliche Stimme, »ich muss mit Ihnen sprechen.«

Der Mann hatte seinen Griff gelöst und stand nun vor ihm. Er war groß, schlank und wirkte durchtrainiert. Trotz der Kälte hatte er nur einen Pullover übergestreift, der war allerdings aus einem warmen, feinen Gewebe. Seine Militärhose steckte in leichten, weichen Stiefeln, wie sie Stehle schon bei Carrington gesehen hatte. Unter dem Pullover, am Gürtel der Hose, ragte ein Messer hervor, das der Mann aber offensichtlich nicht ziehen wollte.

Dies beruhigte Stehle etwas, trotzdem war er verunsichert. Er schlurfte irritiert an dem Mann vorbei in die Küche. Der Fremde folgte ihm.

Leise, in einem süddeutsch-schweizerischen Dialekt, redete er auf Stehle ein: »Ich soll Sie grüßen von Freunden, wir machen uns große Sorgen um Ihre Stadt.«

Stehle wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er hatte den ganzen Tag mit dem Volkssturm und Bürgern versucht, die ärgsten Bomberschäden zu räumen. Er hatte Tote und Verwundete geborgen und in ausgebombten Häusern für Schlafplätze gesorgt. Noch immer hatte er den Gestank des Feuers der Brandbomben in seiner Nase.

»Wir wissen, dass Ihr Bürgermeisterstellvertreter ein einsichtiger Mann ist. Sprechen Sie ihn morgen an. Achten Sie darauf, dass Sie niemand hören kann, und dann kommen Sie morgen Abend mit ihm um 23 Uhr in das Gasthaus Frohsinn.«

Stehle sah den Mann fassungslos an.

»Meine Organisation und Sie haben die gleichen ­In­te­­r­essen. Ich soll Sie grüßen von John Carrington. Sie müssen ein reicher Mann sein, und Sie wollen doch sicher Ihr Geld wiederhaben?«

Stehle nickte, er verstand nun gar nichts mehr, war aber plötzlich hellwach, schließlich ging es hier um sein Geld, und das schien nun mal Carrington in der Hand zu halten.

»Passen Sie auf, dass Sie niemand belauscht, wenn Sie mit dem Bürgermeisterstellvertreter reden, und seien Sie pünktlich.«

Stehle nickte erneut, wollte etwas sagen, nach seinem Geld fragen, aber der Mann stand auf, sagte leise: »Uf wiederluege, bis Morgäobid«, und verschwand.

Joseph Stehle und der stellvertretende Bürgermeister waren keine Freunde. Doch in den vergangen Tagen, unter dem Druck der Fliegerbeschüsse, waren die Bürger Singens zusammengerückt. Die 4.000 Einwohner befürchteten wegen der Industrie inmitten ihrer Stadt die totale Verwüstung. Selbst Stehle verfluchte jetzt langsam das überdimensionale Hakenkreuz am Hohentwiel. Aber noch hatte niemand gewagt, es zu entfernen. Noch glaubten unbelehrbare Nazis an den Endsieg.

Joseph Stehle war klug. Er hatte die Gespräche mit Carrington nicht vergessen, und fast täglich hörte er heimlich einen Schweizer Sender. Er hatte die Frontlinien verfolgt. Colmar war wieder in der Hand der Franzosen, die Amis standen in der Pfalz und die Rote Armee bald vor Berlin.

Gleich nachdem der fremde Mann seine Wohnung verlassen hatte, befiel Joseph Stehle eine innere Unruhe. Langsam stand er auf. Er ging zum Küchenschrank, öffnete eine Schublade und zog sein rotes Parteibuch hervor. Er blätterte das Büchlein langsam durch. Er war 1932 Mitglied der NSDAP geworden. Fast wäre er der Fünfhunderttausendste gewesen. Wie war er stolz gewesen, als Schweizer jetzt ein Deutscher zu sein. Die NSDAP-Mitgliedschaft hatte für ihn mehr bedeutet als eine zufällige Geburt in den Grenzen des damaligen Deutschen Reiches. Vor allem hatte er damals noch geglaubt, dass selbst die Schweiz bald zum Großdeutschen Reich zählen würde.

Jetzt, wo er sich anschickte, sich aus der Partei zu verabschieden, hatte die NSDAP fast acht Millionen Mitglieder. Er starrte auf den goldenen Parteiadler mit dem Lorbeerkranz in den Fängen, darunter prangte das Hakenkreuz.

Stehle drehte sich vom Küchenschrank zum Tisch, legte das Parteibuch ab, kontrollierte die Vorhänge vor den Fenstern, schlurfte zum Küchenherd und stocherte in der Glut. Er holte noch zwei Holzscheite, wartete, bis sie Feuer fingen, dann legte er sein Parteibuch obenauf.

Stehles Augen wurden feucht. Er wartete, bis die Flammen nicht mehr züngelten, dann schürte er nach.

*

Am nächsten Abend fuhren zwei dunkle Gestalten auf ihren Fahrrädern aus der Südstadt Singens in Richtung Gottmadingen. Sie benutzen Feldwege und achteten darauf, dass sie nicht gesehen wurden.

»Ein Auto!«, schrie Joseph Stehle und sprang vom Rad, der stellvertretende Bürgermeister hinter ihm fluchte und fuhr direkt in den Acker. Die Erdschollen waren umgepflügt und tief gefroren. Die beiden Männer beeilten sich, ein gutes Stück von dem Weg, auf dem das Auto fuhr, wegzukommen, dann verschanzten sie sich, flach liegend, neben ihren Rädern, in den Furchen.

Eine kleine Militärkolonne fuhr Patrouille. Nur der erste Wagen hatte spärliches Licht. »Vermutlich SS«, flüsterte Stehle. Es waren die letzten, unverbesserlichen Kämpfer, die die Grenze zur Schweiz vor Flüchtlingen sichern wollten. In unregelmäßigen Abständen bewegten sie sich entlang der Grenzstraße. Kaum war die Kolonne vorbei, sprangen Stehle und sein Bürgermeisterstellvertreter wieder auf ihre Räder und traten in die Pedale. »Jetzt dürfte die Luft rein sein«, spornte Stehle den Bürgermeister an und fuhr über die Hauptstraße von Singen Richtung Gottmadingen weiter.

Das Gasthaus Frohsinn lag auf halber Strecke, zwischen den beiden Orten. Das Wirtshaus war an die Grenzstraße gebaut. Direkt hinter dem Gasthaus verlief die Staatsgrenze.

Die beiden Radler fuhren im Dunkeln sogleich in den Hof, schlichen vorsichtig hinter das Gasthaus, um ihre Räder dort abzustellen. Stehle war vorausgegangen, er wollte gerade um die Hausecke biegen, da bekam er einen solchen Schlag ins Gesicht, dass er fast zu Boden fiel. Bevor er sich wehren konnte, drehte eine dunkle Gestalt ihm beide Arme auf den Rücken und eine weitere hatte ihm einen Knebel in den Mund geschoben.

»Joseph?«, rief der zweite Radfahrer, eine dritte Stimme sagte: »Godfridstutz, des sind si.«

»Läck mi«, sagte der Mann hinter Stehle, ließ dessen Arme los und schob bedauernd ein »Äxgüssi!« nach.

Joseph Stehle würgte sich den Knebel aus dem Mund, während die beiden dunklen Gestalten schnell vor dem stellvertretenden Bürgermeister salutierten: »Herr Bürgermeister, Hauptmann Keller erwartet Sie!«

Die beiden Singener wurden auf deutschem Boden von den beiden Schweizer Soldaten in das deutsche Gasthaus Frohsinn geführt. Eine kleine Schweizer Abordnung saß um den verwaisten Stammtisch.

»Oberlüfzgi, die Abordnung aus Singen«, meldete einer der Soldaten.

Stehle tat noch immer der Unterkiefer weh, der Schweizer Soldat hatte ihm den Mund mit Gewalt aufgerissen. Auch die Wange schmerzte von dem Schlag ins Gesicht. Trotzdem spürte er davon nur wenig. Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. In der Runde im Gasthaus Frohsinn saßen mit den Militärs zwei alte Bekannte: John Carrington und der Mann, der sich bei dem letzten Treffen in Schaffhausen, im Bankhaus Wohl & Brüder, als ein Vertreter der Bankenaufsicht ausgegeben hatte. Stehle stand vor Staunen der Mund offen.

»Welcome, Mr. Stehle, ich sehe, wir haben uns in Ihnen nicht geirrt.« John Carrington schien gut gelaunt. »Sie haben schnell begriffen«, schmunzelte er.

Der ranghöchste Schweizer Militär der Runde, vorgestellt hatte er sich als Hauptmann Keller, legte seine Hand auf Carringtons Unterarm. »Nöd jetzt«, unterbrach er ihn besänftigend. Er sah besorgt aus. Dann begrüßte er förmlich den Bürgermeister, aber auch Joseph Stehle.

Danach wurde den beiden Deutschen ein Platz in der Runde angeboten. Einer der Soldaten, die abseits standen, stellte einen Picknickkorb auf den Tisch. Schweizer Schüblinge, Schaffhauser Falken-Bier und Bierli, Schweizer Brötchen, bot der Hauptmann der Runde an. »Schämpis hämmer nöt, aber nömmäd«, lud er die Singener Abordnung ein zuzugreifen.

Der Bürgermeisterstellvertreter ließ sich nicht zweimal bitten, er hatte Hunger und langte zu. Stehle dagegen griff an seinen Unterkiefer und schob ihn mit seiner Hand sanft hin und her.

Währenddessen kam der Hauptmann ohne Umschweife zu seinem Anliegen. In erster Linie wandte er sich an den Bürgermeisterstellvertreter: »Wir sind eine kleine Abordnung und sprechen hier mit Ihnen im Auftrag höhergestellter Herren. Sie, in Ihrer Position, und wir, die Schweiz, haben die gleichen Interessen. Wir haben gehört, dass Sie sich über den Ausgang des Krieges keine Illusionen mehr machen. Im Interesse Ihrer Stadt sollten Sie deshalb für ein möglichst baldiges Ende der Kampfhandlungen einstehen. Wir wissen von neuen geplanten Bombardements vonseiten der Alliierten auf Ihre Stadt. Geben Sie auf! Verzichten Sie auf eine weitere Verteidigung Ihrer Stadt. Nur so können Sie den Verlust weiterer Menschenleben und Leid verhindern.«

Der stellvertretende Bürgermeister schluckte das Stück Wurst, das er gerade abgebissen hatte, Stehle dagegen schluckte trocken. Ihm war klar, dass die höhergestellten Herren in der Schweiz Angst um ihr Kapital in Singen hatten, so wie er Angst hatte um sein Kapital in der Schweiz. Die großen Betriebe, wie die Aluminiumwerke, die Georg-Fischer AG oder auch Maggi gehörten noch immer Schweizer Familien. Gerade die Maggiwerke hatten schon empfindlich unter dem Bombenhagel gelitten. Dabei produzierte Maggi schon seit 1887 unbehelligt im deutschen Singen. Der Frauenfelder Michael Johannes Julius Maggi hatte sein Werk in Singen gegründet, da die Stadt an das Eisenbahnnetz angeschlossen war. Allein dieser Verkehrsanschluss hatte auch weitere Schweizer Unternehmen lange vor dem Krieg in die Hohentwielstadt gelockt.

Joseph Stehle schielte zu seinem Bürgermeisterstellvertreter. Er war gespannt, wie sich dieser verhalten würde. Die Schweizer hatten gut reden. In Deutschland galt noch immer der unbedingte Glauben an den Endsieg. Wer sich dagegen aussprach, lebte gefährlich. Jedes Gericht verurteilte Zweifler wegen Wehrkraftzersetzung.

Der Bürgermeisterstellvertreter räusperte sich. Er wirkte auf Stehle äußerst unsicher und sprach entgegen seiner sonstigen Gewohnheit sehr langsam. »Wir sind nicht alle verblendet, meine Herren. Ich weiß um meine besondere Verantwortung. Ich werde morgen den Volkssturm auflösen. In der Stadt gibt es auch schon die ersten Bemühungen von KPD-Mitgliedern, die auf ein Ende des Widerstands hinarbeiten. Ich habe mich auch mit den Betriebsleitern bei Maggi und der Alu unterhalten. Wir werden bereit sein, sodass ein Einmarsch der Franzosen ohne Gegenwehr so schnell wie möglich erfolgen kann.« Gegen Ende seiner Ausführungen versagte dem Bürgermeisterstellvertreter die Stimme. Niedergeschlagen griff er zu der Flasche Bier vor sich.

»Wir wissen, dass wir auf Sie zählen können«, antwortete der Hauptmann laut, »veranlassen Sie alles Notwendige und achten Sie auf sich selbst.« Die Stimme des Hauptmanns senkte sich bedrohlich. »Wir haben Informationen, dass SS-Offiziere Sie auf einer Liste stehen haben.«

*

Der Bürgermeisterstellvertreter löste am nächsten Tag den Singener Volkssturm auf.

Ferdinand Alber hisste mit einigen Genossen der KPD in der Nacht eine große weiße Fahne auf dem Hohentwiel.

Am nächsten Morgen fanden Arbeiter den toten Bürgermeisterstellvertreter, aufgehängt an einem Baum neben der Alu. ›So geht es Verrätern‹, hatten die SS-Mörder auf einen Zettel geschrieben und an den Leichnam geheftet.

Joseph Stehle verbrannte am selben Abend alle weiteren Hinweise, die ihn als NSDAP-Mitglied ausgewiesen hätten. Er schaute in die Flammen, diesmal mit Trotz und ohne Tränen, aber mit einer ungefähren Ahnung davon, wie mächtig seine neuen Freunde waren. Sie hatten von den weiteren Bombardements der Alliierten gewusst und auch von den Todeslisten der SS und sogar, dass der Bürgermeisterstellvertreter darauf stand.

Sie hatten auch die Macht, ihm sein Geld wegzunehmen, davor fürchtete er sich am meisten.

Kapitel 5

»Wo haben Sie den Mercedes her?«

»Woher stammt das Geld, das Sie in der Schweizer Bankgenossenschaft abgehoben haben?«

»Wer hat Sie als Kurier eingesetzt?«

»Wollen Sie uns weismachen, das alles sei Ihr Geld?«

»Wollen Sie für Hintermänner einsitzen, die sich auf Ihre Kosten bereichern?«

Horst Sibold war nach dem versuchten Mord an seinem Zollkollegen in die sofort gegründete Soko ›Goldmillionen‹ beordert worden. Die ganze Nacht hatten sie Sven und Bernd Vierneisel vernommen. Der silbergraue Mercedes, mit dem die beiden Brüder ihre Schmuggelaktion hatten durchführen wollen, war in keinem amtlichen Kfz-Register gemeldet. Die amtlichen Kennzeichen waren alle gefälscht, wie auch sämtliche Papiere. Am nächsten Tag aber hatte sich herausgestellt, dass die Seriennummer des Wagens echt war. Er war in Sindelfingen produziert, jedoch nach den Unterlagen des Daimlerwerkes mit einer bestellten Sammelflotte direkt nach Kroatien ausgeliefert worden. Nur die beiden Personalausweise der zwei Burschen schienen echt zu sein.

Horst Sibold passte die rasche Vorgehensweise während den Ermittlungen der Kollegen nicht. Es herrschte ein für ihn unnötiger Zeitdruck. »Wir brauchen schnell ein Geständnis«, war jedoch der unmissverständliche Auftrag des Chefs. Ein Staatssekretär des Innenministeriums aus Stuttgart war schon am Morgen nach der Festnahme im Haus. Er hatte sofort am Vormittag dem angeschossenen Zollkollegen in der Hegau-Klinik einen Blumenstrauß überreicht. Natürlich waren die lokalen Pressefotografen alle geladen worden. Es gab Sekt und Butterbrezeln und die Mitteilung des Staatssekretärs: ›Der Beamte wird den Durchschuss überleben.‹ Die Kugel der beschlagnahmten Walther 6,5 hatte sich glatt durch seinen Bauch gebohrt. Glücklicherweise waren keine Organe und auch nicht die Wirbelsäule verletzt worden. Die Pistole trug nur die Fingerabdrücke von Sven Vierneisel, dem jüngeren Bruder der festgenommenen Schmuggler.

Die beiden Burschen saßen in Haft, die Schmuggelware war sichergestellt, also bilanzierte der Staatssekretär, mit einem Glas Sekt in der Hand, vor der Presse: »Ein voller Erfolg der Sicherheitsorgane im Land.«

Horst Sibold musste mit einigen Kollegen bei der Pressekonferenz im Krankenhaus anwesend sein. »Staffage für den Herrn Staatssekretär«, hatte er unlustig gemurmelt. Zu der Rede des Politikers verbiss er sich jeglichen Kommentar. Ein Kollege neben ihm sah ihm ins Gesicht. Auch er guckte sauertöpfisch. Sibold lächelte aufmunternd. »Du musst bei der Polizei schlucken lernen«, riet er ihm und griff statt zu einem Sektglas zu einem Glas Randegger Ottilienquelle. »Kein Alkohol, sondern Mineralwasser und deine Meinung, Prost.«

»Der Innenminister will morgen persönlich kommen und während einer Pressekonferenz dem Chef zu seinem schnellen Erfolg gratulieren«, klärte ihn der Kollege auf.

»Dann haben wir ja bis morgen noch etwas zu tun.« Horst Sibold stellte sein Wasserglas neben leere Sektgläser, legte dem Kollegen eine Hand auf die Schulter und schob ihn aus dem Raum. »Ich habe eine Idee«, drängte er ihn zum Gehen.

Sibold fuhr mit seinem Kollegen von der Hegau-Klinik, am Rande der Singener Weststadt, direkt in die Erzbergstraße in der Innenstadt. Dort saßen die beiden Untersuchungshäftlinge in der Justizvollzugsanstalt jeweils in einer Einzelzelle.

*

Sven und Bernd waren bis zu jenem Morgen abwechselnd verhört worden. Immer wieder wurden sie gebetsmühlenartig das Gleiche gefragt. Dann wurden die Aussagen abgeglichen und immer wieder mit neuen möglichen Variationen der vermeintliche Tathergang im Einzelnen durchexerziert. Schließlich waren sie alle erschöpft. An Dienstzeiten und vor allem Vorschriften zur Länge der Verhörzeiten hatten sie sich nicht gehalten.

Dass Sven abgebrühter war, stellte sich bald heraus. Ihn konnten sie nur dann aus der Reserve locken, wenn sie ihn mit neuen Teilgeständnissen seines Bruders Bernd konfrontierten.

Horst Sibold fuhr nach den Verhören in den frühen Morgenstunden gegen 4 Uhr nach Hause. In der Küche seiner Junggesellenwohnung dachte er noch einmal kurz an seinen verpassten Saibling, der nun noch immer in der Biber schwamm. Früher hätte er jetzt ein Bier oder gar eine Flasche Wein geköpft. Jetzt aber legte er sich mit einem flauen Gefühl im Magen ins Bett.

Um 8 Uhr klingelte das Telefon. Sein Abteilungsleiter bestätigte ihm die Berufung in die Soko. Er solle sofort seinen Dienst antreten. Hätte Sibold gewusst, dass zum Dienst antreten strammstehen vor dem Staatssekretär hieß, hätte er sich Zeit gelassen. So aber hatte er sich schnell einen Kaffee aufgebrüht, ein Käsebrot verschlungen und war losgefahren.

Dafür hatte er während der Rede des Landespolitikers im Krankenhaus fieberhaft überlegt, wie sie der Aussagebereitschaft der beiden Jungs nachhelfen konnten. Sven gegen Bernd, Bernd gegen Sven – das schien ihm der einzige Erfolg versprechende Weg zu sein.

Von der Burgstraße bog Sibold direkt über die Wider­holdstraße in die Erzbergstraße. Hier stand das einzige, während des Zweiten Weltkriegs in den Jahren 1939 bis 1942 erbaute deutsche Gefängnis. Es hatte seine abschreckende äußere Fassade verloren und stand heute leicht zu übersehen hell und freundlich hergerichtet inmitten einer Wohnsiedlung. Es diente nun in erster Linie Männern über 62 Jahren als Haftanstalt. ›Seniorenresidenz‹ nannten die Singener das Gefängnis liebevoll – ein einmaliges Versuchsmodell, bei dem die Insassen ihren Vollzugsalltag weitgehend selbstständig gestalten sollten.

Der Vollzugsbeamte erkannte den neutralen Dienstwagen der Kripo mit Freiburger Kennzeichen und öffnete das schwere Metalltor. Sibold fuhr in die Schleuse, nachdem sich das Tor hinter ihm geschlossen hatte, durch ein zweites Tor, direkt in den Innenhof.

Ein paar ältere Männer standen zwanglos im Hof zusammen und hielten sich an hölzernen Besenstielen fest. Sie hatten wohl die Aufgabe, einzelnen, wenigen Herbstblättern nachzustellen, die der Wind über die Mauer geweht hatte. Doch jetzt war eine heftige Diskussion zur Trainerfrage des SC Freiburg unter ihnen ausgebrochen. Einer von ihnen forderte energisch die Reaktivierung von Volker Finke, alle anderen aber bekundeten Solidarität mit dem neuen Trainer Robin Dutt, der zurzeit nicht so glücklich agierte. Finke dagegen war der alleinige Rekordhalter im deutschen Profifußball, der über 15 Jahre den badischen Klub trainierte und mit dem Verein in dieser Zeit dreimal in die Bundesliga auf- und wieder abgestiegen war. »Der Dutt packt des scho no«, verteidigte ein Senior der Haftanstalt den neuen Trainer, »die stiege uf.«

Auch die beiden Polizisten bewegten sich völlig frei auf dem Gefängnisgelände. Sie gingen an der diskutierenden Häftlingsgruppe vorbei. Sibold grüßte sie mit einem freundlichen: »Guten Morgen, meine Herren«, und konnte sich als Schwabe einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen, »der Finke ist in Rente, der Trainer des Landes heißt Armin Veh!«

»Wenn schon Ralf Rangnick,« konterte der Wortführer der Gruppe, »iser badisches Hoffenheim ist noch immer weit vor eurem Schwoben-VfB.«

Hinter der Eingangstür des Gefängnistrakts erwartete die Polizisten ein Vollzugsbeamter. »Sie wollen zu unsern beiden Youngsters?«

Sibold bejahte. »Zuerst zu Bernd Vierneisel, dann zu Sven.«

Das Altherrengefängnis in Singen diente auch zur Unterbringung der Untersuchungshäftlinge der Polizeibezirke Singen und Radolfzell. Auch die beiden Brüder wurden hier eingewiesen. Sie wurden jeweils in einem anderen Auto gefahren und mussten auch in verschiedenen Zellen, auf unterschiedlichen Ebenen, verwahrt werden; so lautete die Anordnung. Dass dies auch ausgeführt wurde, war nicht selbstverständlich, doch für Sibolds Plan wichtig. Deshalb ließ er sich zuerst zu Bernd führen.

Der Vollzugsbeamte spähte durch den Spion der Zellentür. Dann lächelte er milde, öffnete das Schloss und zog die dicke, schwere Tür zu sich hin auf. Bernd Vierneisel lag zusammengekauert auf seinem Bett. Neben dem Bett stand ein Eimer, in den er sich erbrochen hatte.

Die Zelle war karg eingerichtet. In der Ecke zum Fenster stand ein Bett. Am Fußende des Bettes war ein Waschbecken angebracht, daneben war die Toilettenschüssel montiert. Der Deckel stand offen, Erbrochenes befand sich auch hier. An der Wand gegenüber standen ein Tischchen und zwei Stühle. Mehr gab es nicht. Das Licht fiel durch ein kleines, vergittertes Fenster. Es roch streng, doch das Fenster war nicht zu öffnen. Der Fenstergriff war abmontiert.

Der Justizvollzugsbeamte griff zu seinem Schlüsselbund, nahm einen Stuhl, ging zu dem Fenster, stellte sich auf den Stuhl und öffnete mit einem Vierkantschlüssel die Luke.

Bernd sah zu ihm auf, seine Augen waren verquollen.

Sibold sah, dass der Junge geweint hatte. Er schaute zu seinem Kollegen, gab ihm mit seinem Ellenbogen einen leichten Schubs, und die beiden begannen mit ihrem Verhörspiel.

»Bernd«, sagte Sibold sanft, »wir müssen jetzt nach vorne schauen. Ihr habt euch die Scheiße eingebrockt, jetzt müssen wir darauf achten, dass wir zusammen ohne großen Schaden für euch die Suppe wieder auslöffeln. Du bist noch jung, versau dir dein Leben nicht wegen einiger Typen, die euch nur ausnutzen. Mach reinen Tisch, und ich helfe dir aus der Scheiße.«

Bernd schluchzte.

Sibold schob nach: »Warum willst du uns nicht sagen, von wem das Gold und Geld ist? Was hast du zu verlieren? Du sitzt hier im Knast, und die schicken die nächsten Kuriere los. Du könntest mit der Wahrheit auch deinem Bruder helfen. Dumm, dass er durchgedreht ist. Er baut einen Mist nach dem anderen. Hilf ihm. Du kannst ihn vor weiterem Unsinn bewahren.«

Bernd schaute den Kommissar unsicher aus seinen verweinten Augen an.

Sibold schnappte sich einen Stuhl, schob den übel riechenden Eimer mit einem Fuß von sich und setzte sich neben Bernd. »Schau mal, du warst in dem Wagen, mit dem ihr versucht habt, Geld und Wertsachen zu schmuggeln. Ein Vergehen gegen das Zollverwaltungsgesetz; Punkt, das ist das eine. Mein Gott, dafür gibt es Geldstrafen. Das andere ist die Frage: Woher stammen das Geld und das Gold? Dahinter verbergen sich die Fragen, die wir aufklären werden. Und dahinter stecken vermutlich Verbrechen, für die du deinen Kopf nicht hinhalten solltest. Da würde ich an deiner Stelle lieber aussagen.«

Der junge Mann schwieg. Er schaute von Sibold zu dessen Kollegen, dann zu dem Justizvollzugsbeamten.

Sibold gab dem Schließer ein Zeichen, daraufhin verließ dieser die Zelle. Sein Kollege übernahm jetzt in einem strengeren Ton den weiteren Part des Verhörs: »Der Mordversuch an einem Zollbeamten wiegt schwer. Es kann sein, dass Sie die Waffe nicht in den Händen hatten. Gut, wir haben keine Fingerabdrücke von Ihnen auf der Pistole gefunden. Aber es gibt ja auch Handschuhe.«

Bernd drehte sich auf seinem Bett um. An die Wand nuschelte er: »Ich will meinen Anwalt sprechen, das ist mein Recht.«

»Das ist dein Recht, aber nicht immer der beste Rat. Denk daran, du kannst mich immer sprechen, und ich meine es gut mit dir«, versicherte Sibold, stand auf und verließ die Zelle.

Sein Kollege folgte ihm. In dem kahlen Gang warteten sie, bis der Schließer das Fenster wieder verriegelt hatte, dann folgte auch er ihnen, drehte den Schlüssel dreimal um, und sie gingen gemeinsam ein Stockwerk höher vor die Zelle von Sven.

Sibold spähte durch den Spion.

Sven saß auf einem Stuhl. Er stierte stur vor sich hin.

Sibold beobachtete ihn eine kurze Zeit. Dann ließ er die Zelle öffnen und trat mit seinem Kollegen ein.

Sven Vierneisel war aufgestanden, stellte sich vor die beiden Be­amten und starrte ihnen herausfordernd ins Gesicht.

Eine knappe, unfreundliche Begrüßung von beiden Seiten eröffnete das Verhör. Sibold gab seinem Kollegen ein Zeichen, das heißen sollte, dieser habe mit seiner Art der Befragung zu beginnen.

»Mordversuch an einem Kollegen! Da würde ich mir das gestohlene Gold und Geld nicht auch noch in die Schuhe schieben lassen, Herr Vierneisel. Wir haben die Pistole untersucht. Die Fingerabdrücke auf der Pistole sind mit den Ihren identisch. Dazu ein Kollege, der bezeugt, dass Sie geschossen haben. Da würde ich jetzt doch mal versuchen, einige Dinge zu klären, oder?«

»Herr Kommissar«, lachte Sven frech, »das ist doch Ihr Job. Klären Sie mal auf, was Sie meinen klären zu können. Mein Anwalt wird Ihnen dann schon sagen, was wir davon halten.«

»Interessanter ist für uns, was Ihr Bruder sagt.« Horst Sibold hatte keine Lust auf diesen coolen Typen und mischte sich voreilig ein. Er hatte sich am Morgen schon vorgenommen, die beiden Brüder gegeneinander auszuspielen. Das Gespräch mit diesem hartgesottenen Sven konnten sie sich sparen, da war er sich sicher. Also log er: »Ihr Bruder hält Ihr Spiel nicht aus. Er will aussagen. Er hat uns gebeten, zuvor nochmals mit Ihnen zu sprechen. Ihm wäre es lieber, wenn Sie mit Ihrer Aussage Ihre eigene Situation verbessern würden. Wenn Sie uns helfen, Ihre Hintermänner zu überführen, dann, das wissen Sie genau, können Sie mit Strafmilderung rechnen. Und das haben Sie verdammt nötig.«

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Дата выхода на Литрес:
25 мая 2021
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443 стр. 6 иллюстраций
ISBN:
9783839233986
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