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Erdmann Graeser
Koblanks Kinder
Roman
Einer Berliner
Familie
Saga
Koblanks Kinder
© 1989 Erdmann Graeser
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711592472
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
1
Der Garten in der Bülowstraße war klein geworden – war klein geworden durch die dichten Gebüsche, die die Wege so schmal gemacht, daß die dicke, behäbige Frau Koblank sie völlig versperrte, wenn jemand an ihr vorbei zur Laube wollte.
In der Mitte des viereckigen Platzes hatte ihr Mann – damals, vor fünfundzwanzig Jahren, als er eingezogen war – ein junges Apfelbäumchen gepflanzt; das war nun ein dicker Stamm, dessen Äste den ganzen Rasen überschatteten. Eine grüne Holzbank stand dort, auf der Frau Koblank lieber saß als in der Laube, in der es nach ihrer Ansicht zu viele Mücken gab. Auch Fräulein Elli, die Stieftochter, konnte man hier öfter sehen, zumeist mit einem Buch, denn sie »schmökerte den ganzen Tag«, wie die Leute im Hause sagten.
Von den Mietern, die hier gewohnt hatten, als Koblanks Kinder noch in die Schule gingen, war fast keiner mehr da – die meisten waren fortgezogen, als hinter dem Nollendorfplatz ein ganz neuer Stadtteil entstanden war, mit Häusern, die einen »Aufgang nur für Herrschaften« hatten, mit Wohnungen, die Badestuben und Mädchengelasse besaßen. Und einen von den Alten hatte der Tod geholt: Großvater Koblank war eines Herbsttages sanft und selig in seinem Lehnstuhl entschlafen und ruhte längst neben der ersten Frau seines Sohnes, neben »Auguste Koblank, geb. Zibulke«, in der Familiengruft auf dem Friedhof in der Kolonnenstraße. »Die Liebe höret nimmer auf!« stand unter seinem Namen. Der Grünkramkeller unten im Hause, dieses Klatschnest, war auch verschwunden. Ein Wildbrethändler wohnte jetzt dort, vor dessen Tür am Messinghaken ausgeweidete Rehe, Fasanen und Hasen hingen, von denen noch das Blut abtropfte, was für die Hunde der Bülowstraße ein besonderer Anreiz war, dem Koblankschen Hause häufige Besuche abzustatten.
Zu Ostern oder Pfingsten, immer nur einmal im Jahre, kam Großvater Zibulke, um den Weihnachtsbesuch seiner Enkelkinder zu erwidern. Ja – er lebte immer noch, war ein kleines, vertrocknetes Männchen mit einem Rattengesicht geworden, das seiner Redensart: »Kenn’ ick, weeß ick!« treu geblieben war. Nach dem Tode seiner Frau lebte er nun ganz einsam in dem alten Hause der Lindenstraße. Alle Versuche, ihn hier in der Bülowstraße aufzunehmen und zu verpflegen, scheiterten an seinem Eigensinn. »Det jibt bloß Stunk, und ick will keenen mehr haben vor meinem Tode, ick hab’ jenug jehabt!« hatte er jedesmal abgewehrt, bis man es endlich aufgegeben, ihn umzustimmen.
»Dann nicht!« hatte ihm Herr Koblank erleichtert beigepflichtet. Er war stets zufrieden, wenn keine Veränderungen eintraten, denn nichts ging ihm über das ruhige Geleise, in das sein Leben allmählich geraten. Noch war sein Gesicht frisch und rot, aber das Haar erbleicht und der dicke, runde Vollbart grau geworden. Sonntags, wenn er mit Rösken, seiner Frau, und der Tochter Elli in den Tiergarten spazieren fuhr, um in Charlottenhof Kaffee zu trinken, glich er einem der pensionierten Militärs der Potsdamer Vorstadt; aber wochentags, auf dem Kohlenplatz, wurde er das Pendant zu Onkel Anton, seinem treuen Helfer, den man in der ganzen Gegend nur »das olle Original« nannte. Nein, wochentags gab Herr Koblank nicht viel auf seinen äußeren Menschen, zum Kummer seiner Frau ließ er sich manchmal verkommen. »Dann jeh’ ich sonntags als Fönix aus meiner Asche vor«, sagte er, um sie zu trösten.
Der Kohlenhof am Nollendorfplatz war nun ganz von den hohen, schwarzen Brandmauern der ringsum erbauten Mietskasernen eingeschlossen, das Wiesengelände dahinter verschwunden, der Faule Graben zugeschüttet. Eine Dampfstraßenbahn ratterte durch die Maaßenstraße nach der ehemaligen Wilmersdorfer Chaussee hinauf, und die vorhandenen Reste der Wiesen wurden durch Straßenaufschüttungen eingeteilt und bald abgezäunt. Da und dort stand noch ein alter Weidenstumpf, ein Erlengebüsch, war eine Grabenvertiefung, trippelte auch wohl ein Haubenlerchenpärchen verwundert auf dem ungewohnten Steinpflaster, flüchtete dann aber bei Annäherung von Sonntagsspaziergängern, die das Neuland besehen kamen, scheu in die Laubenkolonien, die da und dort auf dem tiefer gelegenen Terrain jetzt entstanden waren.
Theo Koblank wurde es schwer, die Stelle wiederzufinden, wo einstmals der hohe Weidenbaum stand, in dessen Gabelästen er so oft mit seinen Freunden gesessen hatte. Eines Tages, als er nach langer Zeit wieder einmal hinausgekommen, war der Baum spurlos verschwunden gewesen, wie »Rotkopp«, der sagenhafte Geist dieser Gegend, den jetzt niemand mehr kannte als Fritze Seifert, Theos bester Freund.
Seifert hatte zu derselben Zeit sein Abiturientenexamen gemacht, als Theo mit Ach und Krach auf dem Realgymnasium die Versetzung nach Prima erreichte. Und als nun Fritze Seifert, der Sohn eines ehemaligen Majors, in die Pepiniére übersiedelte, um dort seine Ausbildung als Militärarzt zu empfangen, hatte Theo in rascher Entschlossenheit erklärt, nun auch nicht länger mehr zur Schule gehen zu wollen. »Ich will Zahnheilkunde studieren und Zahnarzt werden!«
»So – und deswegen biste so lange auf die hohe Schule jejangen?« hatte Herr Koblank ärgerlich gefragt.
»Du weißt nicht, was Zahnarzt ist, Vater«, hatte Theo in überlegener Ruhe erwidert. »Zahnarzt kann nur einer werden, der diese Vorbildung besitzt! Ich könnte ja auch Tierarzt werden – aber Zahnarzt ist mir lieber!«
»Na, denn werd Zahnarzt, aber jeder Barbier kann Zähne ziehen, ohne bis Oberprima jekommen zu sein!«
»Das verstehst du nicht besser!«
»Werd nicht wieder frech!«
»Mit dir kann man nicht sprechen, ohne daß du einen anbrüllst, das bist du so vom Kohlenplatz gewöhnt!«
»Zankt euch nicht – schreit nicht so!« hatte Frau Koblank aus der Nebenstube gerufen. »Wat sollen die Leute von uns denken, wenn det heute, am Sonntagmorgen, schon wieder losgeht! Ick hab’ noch von vorigen Sonntag jenuch!«
Sonntags war immer der Tag, an dem die Gegensätze in der Familie aneinandergerieten, denn sonntags blieb Herr Koblank daheim und holte nach, was er in der Woche versäumt. Er hatte dann eine Vorliebe, kleine Reparaturen in der Wohnung vorzunehmen, Nägel einzuschlagen, abgebrochene Stuhlbeine anzuleimen, das ganze Haus bis auf den Boden hinauf nach Schäden abzusuchen. Keinem Mieter war dann wohl, mit Herrn Koblank zusammenzutreffen, ihm ein Anliegen vorzutragen, denn »er machte stets Krach«! Am schlimmsten war es, wenn er mit seinem Sohn zusammengeriet, den man seit ein paar Jahren in die auf demselben Absatz liegende Hofwohnung einquartiert hatte. Diese Wohnung bestand nur aus zwei Stuben und Küche. Die Küche diente als Rumpelkammer. In der ersten Stube war Herrn Koblanks immer größer gewordene Bibliothek, in der zweiten Theos Möbel untergebracht worden. Dort lebte er nun, seitdem er Student geworden, abseits von der Familie, kam nur mittags zum Essen oder spätnachts heim. Und das nannte er zum Ärger seiner Mutter »früh«, denn oft genug, wenn die Kneiperei zu lange gedauert, sah man ihn im Morgengrauen die Hintertreppe hinaufwanken, zuweilen geführt vom Bäcker jungen, einmal auch von einem Milchmädchen, das sich aber seitdem nie wieder zu diesem Dienst bereit finden ließ, trotzdem der Herr Student das Mädchen »kleine Salatschnecke« genannt hatte.
2
Es war ein warmer Märznachmittag, ohne Sonnenschein, mit zarten, blauen Nebeln über den Bäumen am Landwehrkanal. An der Potsdamer Brücke stand das alte Weiblein, das im Herbst Blutbuchenzweige und getrocknete Disteln an die Künstler verkaufte und das jetzt, in diesen Vorfrühlingstagen, große, gelbe Mimosenbüschel feilbot, deren süßer Duft die Sehnsucht nach südlichen Ländern erweckte.
Theo war auf dem Heimweg aus der Vorlesung. Den langen, grauen Paletot trug er stets offen, vorn im Knopfloch steckte ein Veilchensträußchen, das er sich unterwegs gekauft.
Plötzlich stutzte er und sah scharf hinüber: Dort, bei dem alten Weiblein, stand da nicht seine Schwester Elli? Gewiß – aber mit wem? Wer war dieses feine Mädchen mit dem blonden Haar, das wie bei den Edelknaben auf alten Gemälden offen um den Kopf getragen nur bis zu den Schultern reichte? Sie hatte eben ein Mimosenbüschel erstanden, verabschiedete sich nun mit einem Nicken von Elli und verschwand in der stillen, vornehmen Straße »Am Karlsbad«.
Theo ging hinüber, holte seine Schwester ein, begrüßte sie. Wahrscheinlich hatte sie ihn ebenfalls schon gesehen, denn sein Erscheinen überraschte sie nicht im geringsten.
»Wer war das?«
Sie lächelte. »Nichts für dich!«
»Was heißt das?«
»Nichts für dich – keins von den Geschöpfen, die du zu lieben vorgibst.«
»Rede keinen Zimt – wer war das?«
»Ich kenn’ sie von der Charlottenschule her!«
»Jott, laß dir doch nicht alles so ’rausziehen! Wie heißt sie denn?«
»Bianka!«
»Fein, so sieht sie auch aus! Hat sie vielleicht auch noch einen Vatersnamen?«
»Einen berühmten sogar – ihr Vater ist der bekannte Professor Hans Rieth!«
»Der Maler?«
»Ja – der Maler!«
»Na, der ist wohl berühmter durch seinen Scheidungsprozeß geworden als durch seine Malerei! Hatte er nicht damals einen Meineid geleistet?«
»Nein, nur der Klatsch hat ihm das angehängt! Übrigens wußte ich, daß du das sagen würdest!«
»So, wußtest du das?« fragte er höhnisch, hielt aber an sich. »Siehst du sie denn öfter?« erkundigte er sich dann.
»Ich habe sie heute seit langem wieder zum erstenmal getroffen, sie war bis jetzt in Genf. Nun ist sie vom Gericht dem Vater zugesprochen worden, daraus ersiehst du ja am besten, daß der Vater schuldlos ist.«
»Freut mich!«
»Warum freut dich das?« fragte Elli verächtlich-erstaunt.
»Na – als Schwiegerpapa nachher ist das angenehmer!«
»Um Gottes willen, Theo, bilde dir nicht zuviel ein! Vor der könntest du auf den Knien liegen, dann sähe sie dich gar nicht. Die stammt aus einer Künstlerfamilie, für die sind wir elende Parvenüs – Hottentotten, die reich geworden sind! Wenn die unsere Lebensgewohnheiten oder auch nur unseren Geschmack teilen sollte, würde ihr schlecht! Ich war mal in der Schulzeit zu einem Geburtstag bei ihr eingeladen – als ich dann nach Hause kam, habe ich alles gehaßt – Vätern, Muttern, unsere Einrichtung und am meisten mich selbst – so ordinär kam mir alles vor!«
»So!«
»Ja – das kannst du dir nicht vorstellen, denn du hast ja nie den Drang gehabt, aus unserer Sphäre herauszukommen!«
»Aber du!«
»Gewiß, ich! Von klein auf sogar!«
»Na – dann laß dich mit deiner feinen Bianka sauer kochen«, sagte Theo grob, ging schnurstracks hinüber auf die andere Seite und verschwand in einem Zigarrenladen.
Am Abend, als er in seiner »Bude« saß, eingehüllt in dicke Rauchwolken, hörte er unten im Hof einen Signalpfiff. Überrascht blickte er von seinem Buch auf, öffnete das Fenster, antwortete durch den gleichen Pfiff. Dann ging er hinaus, klinkte die Tür auf und kehrte in die Stube zurück.
Bald darauf trat Fritze Seifert ein. »Morjen!«
»Morjen!« Sie »begrunzten« sich noch immer mit dem alten Gymnasiastengruß, unbekümmert um die Tageszeit.
»Nanu? Noch nicht fertig?«
Theo befühlte prüfend das Kinn. »Eigentlich hätte ich mich noch rasch rasieren lassen können ...«
»Unsinn, mach man! Ich dachte, du sitzt hier und lauerst auf mich, weil ich zu spät komme! Oder hast du keine Lust?«
»Doch!«
»Aber kein Geld?«
»Doch – ich hatte nur ganz vergessen, daß heute Mittwoch ist!«
»Das vergesse ich nie!«
Eine Viertelstunde später polterten sie die Treppe hinunter, gingen bis zum Nollendorfplatz und fuhren mit der Dampfbahn nach Wilmersdorf zu Schramm.
Schon draußen in dem kahlen, dunklen Garten vernahmen sie die Tanzmusik und summten vergnügt mit:
»Hört ihr das Klavier?
Für’n Jroschen tanzt man hier:
Polka, Walzer und Mazurka –
Träderäderäh!«
Die Scheiben waren beschlagen, man sah nur die Schatten der vorüberwirbelnden Paare; sie rissen die Saaltür auf und gingen ihrem Stammplatz in der Nähe des Klavierspielers zu.
Das bekannte und für sie so vertraute Bild: An allen Tischen ringsum junge Männer mit jungen Mädchen, davor ein dichtes Spalier Tanzlustiger, jeden Augenblick bereit, sich unter die umherwirbelnden Paare zu mischen. Am hochgeklappten Flügel der hübsche, junge Spieler, in der Mitte des Saales der dicke, gnomähnliche Tanzmeister, seinen Bulldoggenkopf fortwährend nach allen Richtungen wendend, um etwaige »Nassauer«, die den Tanzgroschen nicht bezahlen wollten, rechtzeitig am Verschwinden zu hindern.
Theo und Seifert nahmen sofort ein Abonnement, bekamen das Bändchen ins Knopfloch und ein wohlwollendes Begrüßungsnicken der Bulldogge. Der Kellner brachte ihnen auf ihren Wink zwei Deckelgläser mit »Echtem« und begrüßte sie vertraulich: »’n abend’s, Herren!« und zu Theo, der stets ein nobles Trinkgeld gab: »Na, Herr Doktor, heite so spät? Fräulein hat schon nach Ihnen jefragt!«
»Welche – die mit dem Scheitel?«
»Nee, die Schlanke, Jroße, Hibsche!«
Theo spähte im Saal umher, sah aber Mieze nicht. Er hatte einen Schluck Bier genommen, eine Zigarre angezündet und sah Seifert zu, der sofort auf eines der Mädchen zugegangen war, es mit einem Kopfnicken »engagierte« und nun im Polka durch den Saal raste. »Wenn er sie bloß nicht an den Tisch bringt – dann hat sie wieder ’ne Freundin, von der sie sich nicht trennen will und die ich dann wieder nehmen soll – fällt mir aber heute gar nicht ein ...«
Ja – diese Gefahr bestand immer bei Seifert –, er war stets sofort verliebt und brachte es nicht über das Herz, das Mädchen, mit dem er ein-, zweimal getanzt, in irgendeiner Ecke stehen zu lassen.
Die Blumenverkäuferin ging mit ihrem Korb umher und bot Sträußchen an. Es war Ehrensache, daß jeder Herr, der schon mit einer Dame zusammen saß, ein Veilchenbukett oder ein paar Maiglöckchen für seine Erwählte kaufte. Den »Ledigen« steckte sie als ganz selbstverständlich eine Tuberose ins Knopfloch.
»Jott sei Dank, Heupferd«, sagte Theo, Seifert seinen Kosenamen gebend, »daß du die nicht gleich geheiratet hast – schrecklich, ein Mädel mit so ’n Kaffeekinn und ’n Mund wie ’ner Sparbüchse.«
Seifert lachte: »Prost, Kognak!«
Das war nun wieder Theos Kosename, eine der Benennungen, die sie hier draußen gern gebrauchten. Er setzte sich, immer noch hastig atmend, und sagte: »Ich hab’ angetippt, wo sie wohnt – Gesundbrunnen, danke schön – bis dahin nach Hause begleiten und dann den Weg wieder zurück, die halbe Nacht um die Ohren schlagen für ’n paar Küsse! Einmal und nicht wieder in die Gegend! Was nicht im Zentrum wohnt, begleite ich nicht – und wenn man mich auch für ’n Stoffel hält!«
»Tanzt du schon wieder?«
Heupferd nickte, wirbelte sein schwarzes Schnurrbärtchen hoch. »Ich kann keine schmachten lassen – die kleine Dicke mit dem Sphinxgesicht brennt ja schon drauf, daß ich sie hole – ist das Walzer oder Polka?«
»Rheinländer!« sagte Theo. »Na, die verlierst du dabei, wenn du sie nicht feste hältst – viel Vergnügen!«
Als Seifert dann zurückkam, sagte er verwundert: »Nanu – immer noch solo? Mieze hat dich wohl versetzt?«
»Wer weiß, was mit der wieder los ist – da muß man ja immer auf was gefaßt sein! Übrigens – da kommt sie ja, bringt auch noch eine mit, gratuliere, Heupferd, nu biste versorgt!«
Die beiden Mädchen waren an den Tisch getreten, »’n Abend«, sagte Mieze, ein hübsches, blasses Mädchen mit blondem Wuschelhaar. »Ich war vorhin schon hier, hab’ dann nur meine Schwester vom Bahnhof abjeholt – kommt direkt aus dem Jeschäft, kann nicht vor Ladenschluß fort. Hier, setz dich, Jrete – so, bei Herrn Seifert, von dem ich dir schon erzählt hab’. So – und ich hier! Na ...?« Und sie sah alle und dann Theo, an dessen Seite sie sich gesetzt, ganz besonders prüfend an.
»Kellner, zwei Bier, dunkel!« sagte sie.
Seine Beziehungen zu Mieze bestanden bereits seit vier Wochen, und die Liebe war daher völlig abgeklärt. Seifert dagegen stand mit Grete vor einem völlig neuen Problem, und da sie ihm, wie übrigens jedes Mädchen, ausnehmend gut gefiel, war er glücklich, vor ihr Parade reiten zu können, indem er von dem Leichenpräparat erzählte, an dem er heute gearbeitet hatte.
Aber Grete sagte schaudernd: »Wenn Sie dann mittags Biefstück essen – sehen Sie dann das andere nicht immer vor sich?«
»Dann könnte ich nicht Arzt sein, wenn mich das störte!«
»Nee – da ist ein Fotograf besser d’ran«, sagte Grete, »Fotograf ist was Schönes!«
»Na – Sie sollen mich ja auch nicht heiraten!«
»Jrete – du bist doof!« sagte die ältere Schwester verweisend. Und sich zu Seifert wendend, entschuldigte sie Grete: »Die hat noch keine Herrenbekanntschaft jehabt – darum red’ sie so, wie sie der Schnabel jewachsen ist ...!«
»Kommen Sie, Fräulein, tanzen! Kreuzpolka – oder haben Sie Angst, wenn ich die Hand um Ihre schlanke Taille lege?« Und dann wippte er ein paar Augenblicke mit ihr hin und her, ehe er vom Platz loskam, und summte gleich allen übrigen den Text mit:
»Siehste woll, da kimmt er,
Lange Schritte nimmt er,
Siehste woll – da kimmt er schon –
Der verflixte Schwiegersohn.«
Theo und Mieze waren am Tisch sitzen geblieben. »Ich hab’ meine Schwester nur deshalb mitjebracht, damit dein Freund auch jemanden hat, der in derselben Jegend wohnt wie ich. Ich kann euch ja nicht verdenken, daß ihr euch ärgert, wenn er ’ne andre in die entjejenjesetzte Richtung bringen soll und ihr deshalb auseinanderkommt!«
»Du opferst also deine Schwester auf dem Altar unserer Freundschaft?«
»Die läßt sich nicht opfern, wir müssen uns vor ihr überhaupt ’n bißken vorsehen, sie verquatscht sich dann zu leicht zu Hause!«
»Warum hast du denn so lebensmüde getan – in deinem Brief?«
»Ich bin auch lebensmüde, lange mach’ ich das nicht mehr!«
»Warum denn aber bloß?« fragte er mißmutig.
»Das kannst du nicht verstehen, Theo – das könnt ihr Männer alle nicht verstehen! Wie lange noch, und dann hast du mir auch über – dann sitze ich da! Na, schließlich kommt ja wieder einer, und dann jehe ich mit dem wieder ’n Vierteljahr, und dann ist es auch wieder aus! Und dann wieder einer – und wieder einer, aber keiner bleibt kleben, alle wollen sie nur ihr Verjnügen. Und ziert man sich, is’s jleich aus – es jibt ja jenuch andere Mädchen! Heiraten tut uns nur einer aus unseren Kreisen, aber man wollte doch ’raus aus dem Kamuff, wat Besseres werden! Mit so ’n Mann wird das dann bloß ’ne unjlickliche Ehe, wie Muttern ihre – danke, Herr Franke! Dann lieber in die Spree!«
»Aber ich habe dir ja gleich gesagt: Heiraten is nicht!«
»Du sollst ja auch jarnich, Theo! Ich meine man bloß, so is’s! Immer denkt man ja nich dran, aber manchmal über kommt’s einem doch, und dann schreibt man sonne dämlichen Briefe!«
»Mit meiner Gitarre
Steh’ ich und harre!
Liebchen, laß mich ein –
Will ganz artig sein ...«
Der Klavierspieler brach jäh ab, und der Tanzmeister schrie: »Damenwahl!«
Mieze stand auf, verbeugte sich vor Theo, und nun schwebten sie beide leicht und zierlich durch den Saal. »Liebst du mir denn überhaupt noch, Theo?«
Er drückte sie fester an sich: »Dummes Mädel, warum fragst du so?«
Ihre Augen standen voll Tränen. Und mit zuckenden Lippen flüsterte sie: »Is ja aus – ich weiß es, bloß du weißt es noch nich!«
»Mieze – mach doch keine Jeschichten!«
Sie nahm sich auch sofort zusammen. Als der Klavierspieler jetzt mitten im Walzer jäh abbrach, die kurze Pause machte, um die Groschen einzusammeln, stand sie lächelnd zwischen den anderen Paaren; niemand hätte ihr eine Gemütsbewegung angemerkt. Und dann griff der Spieler wieder in die Tasten, man tanzte den »Schwanz« – den Rest des Walzers.
»Ich schlage vor, wir fahren jetzt ’rein und essen was«, sagte Theo einige Zeit später.
»Die Henkersmahlzeit«, bemerkte Mieze halblaut.
Heupferd sah von einem zum anderen, begriff sofort, daß zwischen den beiden etwas vorgefallen war.
»Einverstanden – wenn Fräulein Jrete will!«
»Mir ist alles janz egal!«
»Na, dann los – Ober, zahlen!«
In der mondhellen Nacht wanderte man, zu zwei und zwei untergefaßt, die aufsteigende Chaussee hinauf zur Station Schmargendorf, um nach Bahnhof Friedrichstraße zu fahren. Bis Halensee hatte man das Abteil allein für sich, und Heupferd, der in der entgegengesetzten Ecke mit Grete Platz genommen, sagte von Zeit zu Zeit befriedigt aufatmend: »O knutsch, solang’ du knutschen kannst!«
Wenn die Küsse zu laut knallten, rief Theo jedesmal »Prost!«
Er saß mit Mieze in würdiger Ruhe da – ein glückliches Elternpaar, das die Tollheiten der Jugend nachsichtig aufnahm. »Ach – könnt’ ich noch einmal so lieben ...«, summte Mieze.
»Werd bloß nich elegisch«, warnte er.
In Halensee, aus dem dortigen Tanzlokal kommend, stiegen ausgelassene Pärchen ein – eine andere Mädchenart und ein anderer Schlag junger Männer.
Endlich war man am Ziel, kam in das Getriebe der nächtlichen Friedrichstadt, suchte eine von Aschingers »Bierquellen« auf, die jetzt überall neu entstanden waren. Und dann saß man in dem mit Spiegelglas ausgelegten Raum, aß Bockwurst mit Kartoffel- und Schusterjungen mit italienischem Salat, spendierte den Damen Kaviarbrötchen, Tartar-Beefsteak und echte Kulmbacher.
»Jehen wir dann noch in ’n Café?« erkundigte sich Theo.
»Nein, Jrete muß früh zu Hause sein, sonst schimpft Mutter« erklärte die ältere Schwester.
»Ich will aber noch ...«, maulte die jüngere, die allmählich Geschmack an diesem Dasein bekam; doch Miezes Widerstand gab den Ausschlag. Es ging nach der Luisenstraße. Die Händler boten den Pärchen auf Schritt und Tritt Wachsstreichhölzer an, Apfelsinen- und Blumenverkäufer drängelten sich ihnen auf, fanden aber keine Beachtung.
»Is es ex?« fragte Mieze. Und als Theo nicht gleich antwortete, sagte sie: »Ja – es ist ex! Immer, wenn mir einer zuredet, daß ich noch Liptauer Käse jarniert essen soll, dann ist es aus. Ich weiß nicht, wie das kommt, aber Liptauer ist mein Verhängnis!«
Als er noch immer schwieg, sagte sie: »Theo, quäl dir nicht, mir was vorzuspinnen! Ich weiß, was ich tue: Ich jeh’ von jetzt ab nach Halensee tanzen!«
»Das tust du nicht, Mieze!«
»Doch – und wenn du mir dann später mal im Café National wiedersiehst, brauchst du mir ja nich zu beachten. Aber einmal will ich dir doch noch als Mieze küssen, die du kennenjelernt hast – komm, hier in das dunkle Haustor, da sieht’s Jrete nich!«
3
Etwa eine Woche später saßen Herr und Frau Koblank nach dem Abendessen in der Berliner Stube, Röschen häkelte an einer großen Wolldecke, Ferdinand las die Abendzeitung, rauchte und äußerte von Zeit zu Zeit seine Ansicht, wenn ihn etwas besonders interessierte.
In solchem gemütlichen Beisammensein beschloß das Ehepaar jetzt meistens die Abende. Herr Koblank trank gewöhnlich sein Deckelglas Patzenhofer dazu, das ihm Rele – die immer noch bei der Familie im Dienst war – aus einer nahen Wirtschaft »frisch vom Faß« holen mußte, und Röschen steckte hin und wieder einen Fruchtbonbon in den Mund, an dem sie zu ihres Mannes Verwunderung »ewig lange lutschen konnte«.
Schließlich fiel es Herrn Koblank auf, daß seine Frau heute recht einsilbig antwortete. Er faltete daher die Zeitung zusammen, sah Röschen forschend an und fragte: »Elli ist im Konzert?«
»Ja – mit Fanny Schmidt!«
»Daß sie keine bessere Freundin hat – als dieses spinöse Frauenzimmer!«
»So sagst du – weil sie dir so vorkommt. Aber sie is janich spinös, bloß janz modern!«
»Das bin ich auch!«
»Nee, Nante, wir sind altmodische Leute – det merke ick jeden Tag mehr.«
»Wieso?«
»Et sind jetz andere Ansichten in die Welt, da kommen wir beede nich mehr mit! Und ick will auch nich mehr mit! Bin ick so alt jeworden mit meine Anschauungen, dann will ick mir jetzt zuletzt auch nich mehr umkrempeln lassen – nee, will ick nich!«
»Umjekrempelt hast du dich schon, du sprichst jetzt viel jebildeter als früher! Aber – über wen hast du dich denn wieder mal jeärgert?« fragte er mit einem gutmütigen Lachen und klopfte ihr liebevoll den runden Rücken.
»Ach Jott, Nante«, seufzte sie, »ick sag’s nur so ins Alljemeene ...«
»Nee – dir ist ’ne Laus über die Leber jelaufen, Rösekin!«
»Ich denke jetz über manches nach«, gab sie zögernd zu. »Weil du vorhin von Elli sprachst – die ist doch nu so ein auffallend schönes Mädchen, jebildet, hat mal ’n Vermögen zu erwarten – da sollte man doch meinen, die Freier müßten sich um ihr reißen! Ja – Pustekuchen, wenn mal wirklich einer antippt, wie neulich der Sohn von dem Ratsmaurermeister aus die Kurfürstenstraße, dann tut sie bloß verwundert, als wenn sie jar kein anderes Jefühl kennt! Aber ick sage dir, dadran ist bloß die Selekta schuld – mit Literatur und Jeschichte, Physik, Schemie und Astronomie, Philosophie und Kunstjeschichte! Das ist so, als wenn eine Blume nich in die Erde wachsen soll, sondern in einem Topp mit Kunstdünger – sie wächst ooch, wenn man ihr bejießt, aber sie kriegt ’ne Wespentallje, ’n Jesicht wie so ’ne Fijur aus Castans Panoptikum, und wo det Herze sitzen soll, da is der Überfluß von’s Jehirn hinjerutscht – und darum sieht sie alles mit ’n Verstand an. Und zu ville Verstand is ooch ’n Unjlick, denn in manche Sachen muß man unverständig sein können!«
»Sie hat nischt von mir!« gab Herr Koblank zu.
»Nee – det hast du alles dem Jungen vermacht!«
Er sah schuldbewußt drein – kraute sich den grauen Vollbart, sagte aber nichts.
»Jewöhnlich kann man ja mit Elli nischt besprechen«, begann Röschen nach einer Weile wieder, »da hält sie mir für dumm und is sie zu histörisch. Aber manchmal is sie doch zujänglicher, wie vorhin, ehe sie wegjing. Da hat sie mal ausjesprochen, wat sie so in ihrem Kopf für sich denkt. Weeßte, wat ’ne Kaste is?«
»Kaste jibt’s nicht«, sagte Herr Koblank, »Kiste kenne ich – die Kiste – aber sonst heißt’s Kasten – der Kasten!«
»Na – dann weeßte ooch nich, wat Kastenjeist is!«
»Ach soo! Kastenjeist – natürlich, den kenne ich! Kastenjeist hat dein Oller jehabt, als er sich dajegen stemmte, daß ich – man bloß ein armer Bierfahrer – dich heiraten konnte!«
»Janz recht – Vater hatte in dem Punkt seinen eijenen Kopp, wenn er auch die Kasten bloß in Reiche und Arme einteilte. Aber es jibt noch viel mehr Einteilung – Elli hat mir det sehr schön auseinanderjepolkt –, und wenn einer aus die untere Kaste in ’ne höhere will, lassen sie ihn nich ’rin!«
»Na – ich hab’s jeschafft«, sagte Ferdinand befriedigt. »Wenigstens aus der armen bin ich in die reiche jerutscht. Ob das aber ’ne höhere ist, weiß ich nicht so jenau! Mein Vater, siehste, hatte auch seine eigene Kasteneinteilung, der hielt die reichere nicht für die höhere, und das hat er die verstorbene Juste und den ollen Zibulke immer fühlen lassen, so lange wie er lebte. Der Sohn von einem prinzlichen Leibkutscher, der er doch war – er hat ja die Jeschichte tausendmal erzählt, noch dazu, wo er dann Eisenbahnbeamter je worden war, hielt sich, wenn er auch arm jeblieben, immer für mehr als wie den reichen, aber unjebildeten Töppermeister aus der Lindenstraße. Auch deinen Vater – den reichen Holzhändler – hätte er nicht jelten lassen. Auch nicht dich, wenn er euch nicht für jebildet jehalten hätte, und wenn’s bei dir, Rösekin, man bloß auch die Herzensbildung ist, denn in Jeojrafie biste schwach!«
»Danke scheen«, sagte Röschen.
»Jewiß«, erklärte Herr Koblank weiter, den die Unterhaltung jetzt lebhafter zu interessieren begann, »janz jewiß jibt es auch bei uns, jenau so wie bei den Schinesen, Kasten – je jebildeter ein Mensch ist, in eine desto höhere Kaste jehört er. Darum war ich ja so jieprig auf Bildung und hab’ dafür jesorgt, daß die Kinder noch jebildeter wie ihr eigener Vater würden. Nu haben sie beide Anspruch auf die allerhöchste Kaste!«
»Eben nich!« sagte Röschen.
»Eben doch!«
»Nee – Elli hat mir det, wie jesagt, sehr schön auseinanderjepolkt! Sie hat jesagt: ›Du jlaubst nich, Muttchen‹, hat sie jesagt, ›wat for Schwierigkeiten eine Kaste macht, um nich einen von der anderen ’reinzulassen! Det merke ick jetz‹, hat sie jesagt! ›Ick bin reich, habe mehr jelernt als viele andere, verstehe wat von Kunst und Musike, jehe immer nach die allerneuste Mode, bin eine exotische Schönheit – aber ick hab’ keine Familienkultur, denn mein Vater is von unten ’raufjekommen – det hängt mir an!«
»Det müßte doch ’ne Ehre sein, wenn ich von unten ’raufjekommen bin!« sagte Herr Koblank.
»Eben nich! Für dich ja, Nante, aber die anderen Kasten machen dir det zum Vorwurf. Ja, wenn es schon ’ne Urzeit her wäre – aber du bist noch zu frisch in deine neue Kaste, und Kultur haste jar keene!«
»Was verstehste unter Kultur? Soll ich immer Heureka sagen, wenn ich ’ne Stecknadel finde?«
»Nee – ick kann dir det ooch nich so erklären! Ick wollte bloß sagen, wat Elli noch jesagt hat. ›Wir, Koblanks Kinder‹, hat sie jesagt, ›sind bloß aus det Allerjröbste ’raus. Aufjenommen in ’ne höhere Kaste werden wir aber bloß durch einen Jlückszufall – auf den hoffe ick, denn ick hab’ als Mädchen mehr Schangzen als Theo‹, hat sie jesagt.«
»Na, will sie denn ’n Jrafen heiraten?«
»’n Jrafen nu jrade nich, vielleicht aber ’n Offizier!«
»Na, denn«, sagte Herr Koblank, »wissen wir ja nun, warum sie so zurückhaltend mit ihren Herzklappen ist!«
»Ach, sie jlaubt ja alleine nicht, daß sie dadurch jlücklicher werden könnte, denn ehe sie fortjing, blieb sie noch mal an der Tür stehen und sagte: ›Und erreichen wir’s, sind wir dann aus eine niedere in eine höhere Kaste aufjenommen worden, dann erleben wir in der Beletage nur die jleichen Schicksale wie unse Eltern ins Parterre! Von unsen Vater sagt man, det er in seine Jugend ein jroßer Donjuan mit Dienstmädchen jewesen is – na, und mein Bruder, der Herr Studente, is ein jroßer Donjuan mit Ladenmädchen oder Kellnerinnen – det is der janze Unterschied‹, hat sie jesagt und die Tür zujeklappt!«
»So – hat sie das jesagt? Na – wenn sie nich so aussähe wie ’n Mondkalb aus Braunbier und Spucke, dann könnte sie sich auf ’n paar Tachteln jefaßt machen«, sagte Herr Koblank. »Aber man kann ja nich an sie ’ran, ohne daß sie jleich Krämpfe kriegt. Wie hat’s der Racker von klein auf verstanden, uns kirre zu kriegen – dich und mich! Weißt du noch damals, als wir nich jleich die große Fete zu ihrem Jeburtstag machen wollten, wo sie da Veitstanz jekriegt, immer bloß das Weiße in die Augen jezeigt und mit ’n Fingern in der Luft Klavier jespielt hat! Und dann damals, wo ich ihr den Umjang mit dem langen Lulatsch von Ladewichs verboten hatte, da wurde sie mondsüchtig und wollte ins bloße Hemde auf der Dachrinne balangsieren ...«
»Na – und damals, wo sie scheintot war«, sagte Röschen. »Erst wie sie hörte, det ick ihr heißen Siejellack auf die Beene trippen wollte, jab sie die Verstellung auf.«
»Ja – wir haben schon was mit ihr durchjemacht«, seufzte Herr Koblank, »und nu stellt sich die Jöhre hin und wirft mir vor, daß ich als junger Kerl mal ’n Dienstmädchen in die Backen jekniffen habe!«
»Nee, Nante, da hast du mir nu falsch verstanden – det hat sie nich als Vorwurf jemeint. Sie hat dir nur verjliehen!«
»Sie soll mir nich verjleichen – der Popel! Sie soll Respekt haben vor ihrem Vater, dem sie das Leben verdankt!«
»Na – da hat woll auch ihre Mutter ’n bißken Anteil dran«, sagte Röschen, »und Respekt – Nante – Respekt bloß is auch so ’ne Sache, aber nich die Hauptsache, sondern det is die Liebe. Und lieben tut sie dir, det weeß ick am besten, also rede nich, wenn sie nach Hause kommt. Sie is immer schon unjlicklich, wenn sie in die Wohnung tritt. ›Bei andre Leute‹, sagt sie, ›riecht’s nach Kultur, bei uns immer nach Sauerkohl!‹«
»Dafür könnte ich sie schon wieder tachteln! Sauerkohl riech’ ich doch lieber als den Kulturjeruch im Museum bei die ollen äjiptischen Mumien, wo ich bloß Kopfschmerzen von kriege!«
»Nee – den Jeruch, den sie meint, der is noch anders! Aber da siehste, Nante, den Unterschied! Wir beede sind altmodische Leute, und unse Ansichten sind’s auch, denn die Zeit ist fortjeschritten, wir aber nich. Wat in meine Jugend unschicklich war, det is jetz schicklich!«
»Aber, Rösekin, Schicklichkeit ist zu allen Zeiten immer dieselbige jeblieben!«
»Nee!«
Sie sagte es so heftig, daß er stutzte. »Wieso nee, Rösekin? Da steckt doch was hinter?«
Frau Koblank häkelte erregt an ihrer Decke, ohne zu antworten.
»Willst’s nich sagen?«
»Nante, ick möchte nich jerne Krach machen, und du kannst solche Sachen nich ohne Krach abmachen!«
»Das käme doch drauf an!«
»Wenn du mir – nee, lieber nich!«
»Raus mit die Maus, Rösekin!«
»Wenn du mir versprechen willst, keenen Krach zu machen, sondern die Sache schlau anzufangen, dann möchte ick dir noch wat sagen, wo wir doch heute schon so vieles besprochen haben!«
»Schieß los – ich versprech’ dir alles!«
»Es is wat mit Theo«, zögerte sie.
»Wieder anjepumpt?«
»Ach Jott, da würde ick keen Wort mehr drüber sagen, wo du dir neulich so drüber uffjeregt hast, aber es is nich Jeld, sondern die Schicklichkeit, um die sich’s dreht. Da hat er nach alle die firlefanzigen Dinger zuletzt eene jehabt, die, nach ’m Bilde zu urteilen, ein sehr nettes Mädchen jewesen is, Mieze hieß sie. Ick hab’ ’n paar Briefe von sie jelesen – er läßt ja alles offen in die Schublade ’rumliegen, und ick muß sagen: Alle Achtung, sonne hübschen Briefe könnte ick janich schreiben. Immer waren sie hinten mit ’n Fingerhut zujesiegelt, und det war nötig, denn et war viel Jefühl drinne! Na – uff eenmal is’s aus mit Mieze – ohne Jrund, ohne alles! Jleich hat er ’ne andre, eene mit Ponnies bis uff die Neesenspitze ’runter – det Bild steht uff seinem Tisch in’n Joldrahmen. Einmal hat sie auch schon jeschrieben, aber ick mußte mir beim Lesen det Schnupptuch vorhalten, so roch er nach Patschuli!«
»Deine rochen immer nach Tivoli«, bemerkte Herr Koblank.
»Dir wird det Kalauern jleich verjehen«, sagte Röschen ärgerlich, »hör bloß weiter zu! Haste vorhin den Trillerpfiff unten in ’n Hof jehört? – Det war sie!«
»Warum soll sie denn nicht trillern?«
»Weil ihr dann Theo oben ein Zeichen jibt, det die Luft rein is, denn dann kommt sie oben!«
»Wat?«
»Ja – ick weiß’s von Anton. Der würde sich nicht drum kümmern, aber die Leute im Hause regen sich drüber uff, die olle Rektorn und dann die Rentjere! Anton hat ihnen jesagt, det is ’ne Versuchsdame, an die er sich üben muß, wie man falsche Zähne insetzt, aber sie jlooben’s nich, ick würd’s ooch nich jlooben.«
»Ich auch nicht!« stimmte Herr Koblank zu.
»Na siehste! Und wie ick jehört habe, finden sie es sehr komisch von mir, det ick als Mutter sowat dulde, wo ick eene unschuldige Tochter für die Ehe erziehen soll!«
»Ich weiß nicht«, sagte Herr Koblank kummervoll, »die sexuelle Frage spielt eine zu große Rolle in unserer Familie – wo das alles herkommt! Und nun jloobste, daß das Patschulimädchen jetzt drüben bei dem Bengel ist?«
»Ick jloobe, et is so, Nante!«
»Na – dann werd’ ich mal ’rüberjehen!«
»Nante, wenn du Krach machst, dann wird der Skandal janz jroß!«
»Ich mache keinen Skandal«, sagte Herr Koblank, »hab keine Angst nich, aber dulden darf ich so was in meinem Hause nicht!«
4
Es hatte keinen lärmenden Auftritt gegeben – Herr Koblank hatte nur »dem Skandal ein Ende gemacht«. Die Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn hatte aber, gerade weil sie jedes Toben und Schimpfen vermieden, einen so hohen Grad gegenseitiger Feindseligkeit verraten, daß ein enges Zusammenleben zur Unmöglichkeit wurde, zumal Theo hinter diesem Zusammenstoß Röschens Einfluß vermutete und jedes Zusammentreffen, jede Aussprache, jeden Versöhnungsversuch schroff ablehnte. Er erschien nicht mehr zu den Mahlzeiten, kam nur nachts heim und – eines Tages – blieb er ganz fort.
Am nächsten Morgen erhielt dann Herr Koblank einen Brief von seinem Sohn, in dem er ihm mitteilte, daß er sich in der Nähe der Universitätsklinik ein möbliertes Zimmer gemietet habe, um nicht »durch das tägliche Hin und Her so viele kostbare Arbeitszeit zu verlieren«. Er befreie dadurch die Familie von seiner anstößigen Gesellschaft, denn es sei ihm unmöglich, seine Lebensführung nach dem Metermaß der Philister einzurichten. Er bat, um die Kosten seines Unterhaltes bestreiten zu können, um pünktliche monatliche Einsendung einer Summe, wie sie andere Studenten auch bekämen. Sollte dieses Geld ausbleiben, so wäre er zu seinem Bedauern gezwungen, auf den Namen des Vaters Kredite zu fordern, Schulden zu machen, sein Studium aufzugeben und als Kellner oder Hausknecht nach Amerika zu gehen. »Alle Versuche, mich etwa wieder in das Prokrustesbett Eures Familienlebens zu spannen, sind unnütz« – schloß der ohne Gruß nur mit »Theo Koblank« unterzeichnete Brief.
Ferdinand las zunächst einmal sorgfältig nach, was im Lexikon unter »Prokrustesbett« verzeichnet stand, dann erst gab er seiner Frau den Brief.
»Ich bin dran schuld«, sagte sie schluchzend, »mein Jott, wenn ick jeahnt hätte, det es so kommen würde ...«
»Ich kann mir nicht helfen«, bemerkte Herr Koblank, »der olle Ben Akiba hat doch immer recht – es ist alles schon dajewesen! So bin ich damals auch von meinem Vater wegjelaufen, weil er mich zwingen wollte, zwölf Jahre beim Militär zu bleiben, um den Zivilversorgungsschein und dann dadrauf eine Beamtenstellung mit Pensionsberechtigung zu kriegen. Da bin ich eines Tages einfach meiner Wege jegangen, und die haben mich in die höhere Kaste jeführt. Na – nu wollen wir doch mal sehen, ob der Bengel mit seinem Dickkopp in eine noch höhere rutscht! Jram bin ich ihm deswegen nicht, ich bin kein Prokrustes, werde ihm nischt von den Beinen abhacken oder ihn wie ’n Jummischlauch langziehen, damit er in die Bettstelle paßt. Das Jeld soll er haben – und nu loof, Jungekin, bis du dir die Hörner abjestoßen hast! Scherscheh la Famme – wie der olle Rat am Stammtisch immer sagt, was Französisch ist und soviel bedeutet wie: Die verflixten Weiber sind jedesmal schuld!«
»Nu wird er janz verkommen«, seufzte Röschen, »ohne Aufsicht da oben in das Viertel, wo die Verführung für die jungen Männer an alle Ecken lauert! Det is doch da, wo der Zirkus is – na ja, da is er ohne Widerstandskraft einfach verloren. Wir müssen ihn wieder zurückholen.«
»Nee – alt jenug ist er, wir können ihn nicht ewig am Jängelbande führen. Das einzige ist, wir schicken ab und zu mal Anton hin, daß er sieht, wie es ihm jeht, ob er jesund ist. Ich bin janz froh, daß es so jekommen ist, wenigstens bleibt hier die Luft rein, denn wenn wir ihn zurückholen, jinge die Völlerei erst recht los!«
5
Jenseits der Weidendammer Brücke. Da liegt das Berlin der Kasernen und Kliniken, die Welt der Tingeltangel und Studentenkneipen, des Chambre garnie, ist das Reich der Kellnerinnen, der gefälligen Mädchen, der Pfandleihen und der Armut.
Ein seltsames Menschengemisch bevölkert die Straßen: Studenten, Gelehrte, Ärzte, Offiziere und Soldaten, Händler, Musikanten, Chansonetten, vergrämte, zerlumpte Frauen, blasse Kinder, Krüppel, Zuhälter und Verbrecher mischen sich unter die Bewohner dieses Stadtteils, der von alters her als »Quartier Latin« seine eigenen Anschauungen und Gesetze hat.
Und in den Abendstunden, wenn die bunten Lichter der Singspielhallen aufflammen, die roten Laternen vor den »Lokalen mit Damenbedienung« und zweitem Eingang vom Hausflur, wenn die Straßenhändler ihre Posten beziehen, aus den Kasernen die Trompetensignale zur Heimkehr rufen, die grellgeschminkten und farbig-schreiend aufgeputzten Mädchen ihren Rundgang um das ihnen zugewiesene Straßenviertel beginnen, dann dringt, vom vornehmen Westen kommend, ein Schwarm junger Männer in diesen Stadtteil, um sich dort in den verrufenen Ballsälen und Kneipen, Singspielhallen und Kellerlokalen zu amüsieren.
In dieser Welt wohnte nun Theo. Er, der in dem neuerstandenen Berlin aufgewachsen, war in einer Gegend der großen Stadt untergetaucht, wo jeder Pflasterstein, jedes Haustor, jeder Raum Geschichten erzählen konnte – Geschichten merkwürdiger Menschenschicksale, die sich hier ereignet und ihr Ende gefunden hatten.
Die Stube, die Theo bewohnte, hatte ihm sein Freund Heupferd verschafft – es war eine alte »Studentenbude« und Frau Siebke, die Vermieterin, eine altgewordene Studentenmutter, die die Wesensart jedes Neuzugezogenen auf den ersten Blick richtig einschätzte und ihn danach gleich behandelte.
Oben an der Decke klebten wie Stuckornamente angetrocknete »Heringsseelen«, die silbrig schimmernden inneren Bestandteile von unzähligen Bücklingen, die die Studenten hatten »hochsteigen« lassen, indem sie sie beim Verzehren von Katerfrühstücken nach oben geschleudert. Der Eingang zu dieser Bude war vom Treppenflur aus, so daß der »Herr Doktor« zu jeder Zeit kommen und gehen konnte, ohne Frau Siebke zu stören. Der ehemals grüne Ripsbezug des Sofas zeigte durch Vertiefungen die Stellen an, wo man am bequemsten sitzen, und Häkeldecken auf der Lehne, wo man den Kopf unterbringen konnte.
Über diesem Möbel hing in etwas abgebröckeltem Goldrahmen eine Lithographie von »Faust und Gretchen«, in den Gardinenfalten lagen ganze Kollektionen toter Fliegen, vom blauglitzernden Brummer bis zur Musca domestica, und das Rouleau zeigte, wenn es morgens draußen hell wurde, eine magisch gefärbte Felsenlandschaft mit einer Wassermühle. Die Tür des Marmorwaschtisches hatte eine Vorliebe, von selbst aufzugehen, den Inhalt von Steingut und den Stiefelknecht zu zeigen, das Bett war jedoch ein Prunkstück. »Unser Ehebett«, hatte Frau Siebke stolz gesagt, »seit mein Oller tot is – und det is nu an die dreißig Jahre –, schlafe ick uff ’n eisernes wie der olle Kaiser Willem!«
Sie glättete liebevoll die rote Steppdecke und prüfte den Eindruck ihrer Worte in Theos Zügen.
»Jakeen Preis nich – fimfunzwanzig Emm – for diese Stube mit erstes Frühstück! Und mein Kaffi haben alle, die hier jewohnt, immer jelobt. Na – und wenn Ihre Kusine mal uff Besuch kommt, jeb’ ick ooch jerne mein jutes Zervis mit Verjißmeinnicht!«
Auf Besuch kam zuerst Onkel Anton, der jetzt mit seinem glänzend-kahlen Kopf und dem bartlosen Gesicht einem alten Clown glich. Er zwinkerte nicht mehr mit dem Auge, sondern kniff es fest zusammen und bekam dadurch etwas seltsam Spitzbübisches für Fremde. Eines Morgens war er da, gerade als Theo nach einer durchkneipten Nacht später als sonst aufgestanden und noch beim Kaffeefrühstück war. »Mach dir keene Umstände nich«, sagte er, »ick mußte wejen ’ne Holzladung aus Pommern uff ’n Stettiner Bahnhof, und da ick doch nu mal in die Jejend war, wollte ick mal sehen, wie’s dir jeht!‹ «
»Jut!«
»Ja, det sehe ick zu meine jroße Freude! Ville zu tun – wat?«
»Mächtig!«
»Schade, det is hier sonne schöne Amisierjejend, een Jammer, dette nich zukommst!«
»Nee!«
»Und die Juchhei-Meechens, die hier schon an ’n frühen Morjen ’rumrennen!«
»Hm!«
»Na – bei die nächste Antwort wirste woll bloß noch durch die Neese pusten, damit se noch kürzer is!«
»Onkel Anton, ich will dir mal was sagen: Wenn du mich aushorchen willst, mußt du das ein bißchen schlauer anfangen!«
»Dieses war meine Absicht nich, aber det Wort soll keene Brücke nich sind! Vater hat mir wat for dir mitjejeben – da!« Er zog einen Brief aus der Brusttasche und reichte ihn Theo hin.
»Danke!«
»Mach uff und quittiere!«
Theo zerriß den Umschlag, betrachtete lange die Geldscheine und sagte dann: »Quittieren – Unsinn, dafür quittiere ich nicht! Das Doppelte wäre gerade das Notwendigste!«
»Ick werd’s Vatern sagen! Für die Jegend reicht’s nich – hier is det Leben teurer wie in die Potsdamer Vorstadt!«
»Is’s auch!«
»Det läßt sich ja denken! Schade, det jetz um die Zeit nischt los is.«
»Nee!«
»Na, weeßte Theo, ick komm mal abends her, denn zeigste mir ’n bißken wat von den Klimbim! Ick schmeiße natürlich!«
Theo sah ihn düster an. »Weißte, Onkel Anton, ich glaube nicht, daß ich die Zeit dafür finde – du ahnst nicht, was ich tagtäglich für ein Arbeitspensum zu bewältigen habe. Ich sitze manchmal bis zum andern Morgen, um das nachzuholen, was ich an kostbarer Zeit, zum Beispiel durch einen Besuch am Tage, verloren habe. Aber ich meine dich nicht!«
»Ick fühle mir ooch nich jetroffen, nee – ick versteh’ schon, watte for ’n Besuch meinst!«
»Ach Jott, Onkel – aus Weibern mach’ ich mir jarnischt mehr! Ich lebe wie ’n Mönch in meiner Zelle, kannst ja Frau Siebke fragen, wenn du es nicht glaubst!«
»Ick jloob’ dir allens uff’s Wort, ick bin ja eener aus Dummsdorf! Schade, schade, dette dir nich länger jung jehalten hast! Seh mal mir an mit meinen kahlen Kopp – ick steh’ noch immer meinen Mann. Bloß jut, det ick nich jeheirat’t, ick hätte die Frau totunjlicklich jemacht, denn – det hab’ ick erst heite uff den Weg hierher jemorken – ick bin pollijamistisch veranlagt!«
»Das hast du dir durch uns angeheiratet! Aber ich hatte die Anlage geerbt – kannst du dir vorstellen, welche Willenskraft es mich gekostet hat, das Übel loszuwerden?«
»Und in so kurze Zeit – in die drei Wochen, wo du von uns weg bist, denn als du auszogst, hattste’s noch! Es war ja woll der Jrund, warum du wegmachtest? Wostet nu los je worden bist wie ’n Bandwurm mit Kopp, kannste doch nu wieder bei uns ziehen – soll ick’s Vatern sagen? Ja – nu sehste mir zuwider an, Theo! Ick weeß nich, warumste mir so anlackieren willst! Ick hätte mir wirklich janz jerne mit eich Studenten mal ’n bißken amisiert – mal schad’ts ja nich – aber ick will mir ooch nich uffdrängeln. Bei all deine Schlauheit biste nich schlau jewesen, Theo, sonst härteste mir dir zu ’n Freunde jemacht und hättst den Vorteil von jehabt!«
Anton stand auf. »Also – mach’s jut, arbeete nich zu ville, du siehst von die Überanstrengung schon janz käsig ins Jesichte aus! Und die Lockennadel da uff’s Tintenfaß jib man Frau Siebke zurück, det se sich ihre Funzeln feststecken kann. Adje, mein Sohn Absalon!«
An jenem Abend hielt Theo seinen Freund Heupferd frei. Er hatte gleich nach Antons Fortgang das Geld klein gemacht, besaß nun unerwartete Reichtümer und beglückte damit zuerst Frau Siebke, der er die Miete für den nächsten Monat im voraus bezahlte. Dann kaufte er sich einen neuen Spazierstock, einen japanischen Dolch und ein silbernes Reifenarmband und ging zu Habel essen. Als die Zeit gekommen war, daß er Heupferd abholen konnte, stieg er in das graue, alte Gebäude am Bahnhof Friedrichstraße, begrüßte Seifert und berichtete ihm im Café Bauer von dem glänzenden Umschwung in seinen Verhältnissen.
Sie kamen überein, den angebrochenen Abend im »Boulevard« und im »Eldorado«, zwei der größten Singspielhallen, zuzubringen. Und da saßen sie dann auch, starrten die geputzten, kurzröckigen Mädchen an, die – auf vergoldeten Stühlen sitzend – den Hintergrund des Podiums im Halbkreis einnahmen, und hörten mit Andacht dem Singsang zu:
»Ja – ich bin emanzipiert,
Es gibt nichts, was mich scheniert –
Hoppla, hoppla – hopplalla!«
Hatte eine kaum ausgesungen, so begann sofort die nächste:
»Sind es die Füßchen, die netten, netten,
Oder die kleinen Stiefeletten – letten,
Ist es dies oder das –
Oder ist es sonst noch was?«
Sie saßen, bis als letzte Nummer die »Csárdástänzerin« aufgetreten war, dann zogen sie nach dem »Strammen Hund«, einem Kellerlokal, dessen Publikum aus Droschkenkutschern und Studenten bestand, und aßen dort Erbssuppe und Königsberger Fleck.
Nun sehnte sich Heupferd heim. Theo gab ihm das Geleit bis zur Pepinière, dann schlenderte auch er heim. Doch in der Chausseestraße lockte ihn noch ein Café an – er verschwand dort, bestellte sich »einen Schwarzen«, und als ihn der starke Kaffee nach dem vielen Bier etwas ermuntert, forderte er zur Abwechslung einen Absinth.
In einem gewissen seligen Gefühl blieb er solange auf der roten, mottenzerfressenen Plüschbank sitzen, ein Plakat mit der Aufschrift »Kalte Ente« vor Augen, bis er einschlief.
Als er erwachte, stand ein Kellner in Hemdsärmeln vor ihm und bedeutete ihm, daß er jetzt hinausgeworfen werde, wenn er nicht freiwillig gehe. Theo sah verständnislos den Kellner und zwei brave, alte Frauen an, die den Fußboden aufwischten – stand auf und ging. Draußen war es schon ganz hell, die Spatzen schilpten, und die Arbeiter marschierten in ganzen Bataillonen in die Werkstätten und Fabriken.
In der Waschtoilette des Bahnhofes Friedrichstraße vollzog Theo eine Säuberung seines äußeren Menschen, freute sich über sein Armband und den Spazierstock, hatte aber noch immer keine Lust, heimzugehen. Er zog sein Portemonnaie heraus – es war noch immer genug darin, unter anderem auch ein ganz neuer, blanker Pfennig, den er fortwährend als Goldstück mitzählte. Dies ärgerte ihn so, daß er nach der Weidendammbrücke ging und den Pfennig in die Spree warf.
Bei diesem Beginnen wurde er von einem jungen, hübschen, ärmlichen Mädchen beobachtet. Er nickte ihm freundlich zu und fragte, was das junge, ärmliche und – wie es ihm schien – sehr hübsche Mädchen in dem kleinen Paket aus Zeitungspapier habe. Das junge Mädchen lächelte, öffnete das Paket an einer Seite und zeigte zwei trockene Schrippen.
Theo fragte, ob das junge Mädchen nicht lieber ein Beefsteak à la tatare mit ihm in den Zelten essen wolle, dann, wie es heiße, es käme ihm nur auf den Vornamen an.
Sie heiße Lore – sagte die Kleine, und ein Tatarbeefsteak würde sie sehr gern in den Zelten essen, aber jetzt müsse sie erst in die Fabrik, wo sie zwölf Mark wöchentlich verdiene.
Theo griff in die linke Westentasche, gab Lore zwölf Mark und sagte ihr, sie brauche also nicht in die Fabrik zu gehen, sondern könne mit ihm zusammen ein Beefsteak à la tatare in den Zelten essen.
Lore fragte, ob er das Geld auch redlich verdient habe, und er erwiderte, daß er kein Geld redlich zu verdienen brauche, denn er sei reich, sei ein Universalerbe.
Sie gab daraufhin ihrer Freude Ausdruck, endlich einen Universalerben in Wirklichkeit kennenzulernen, denn bisher sei ihr diese Sorte von Menschen nur in Zeitungsromanen vorgekommen. Sie war nun auch gern bereit, das Tatarbeefsteak mit ihm zusammen in den Zelten zu essen.
So gingen sie, nachdem Lore die eine Schrippe rasch verzehrt und die andere, um sich den Appetit nicht zu verderben, in die Spree geworfen hatte, durch den taufrischen Tiergarten nach den Zelten, und sie erzählte ihm unterwegs, daß sie ganz allein in der Welt dastehe.
Er fand das sehr nett, weil nun niemand da war, der ihm dreinreden konnte. Es wurde ihm auch nicht schwer, nachdem sie sich an zwei Beefsteaks à la Meier gestärkt hatten – denn Tatarbeefsteak gab es zufälligerweise leider nicht –, Lore für eine optimistische Weltanschauung zu gewinnen.
Die Arbeit in der Fabrik – erwiderte sie – habe ihr schon seit langem nicht mehr behagt, aber helf’ er sich, wenn eine so arm sei wie sie!
Worauf ihr Theo erzählte, daß er als Universalerbe die sonderbare Marotte habe, wie ein armer Student möbliert zu wohnen und nur dann, wenn es ihm gerade passe, sich nobel anzuziehen und das Leben in vollen Zügen zu genießen. Beweis: der neue Spazierstock, das silberne Armband, die große Zeche von sechs Mark fünfzig inklusive Trinkgeld.
Lore fand das sehr romantisch, aber an das »möblierte Zimmer« wollte sie nicht glauben. Er werde – sagte sie – in einem vornehmen Hause mit Treppenläufern, Blattpflanzen und Gipsfiguren wohnen.
»Nein, wenn ich Mensch und nichts als Mensch sein will«, sagte er, »dann wohne ich möbliert und gelte als unbemittelter Student!«
Zum Beweise schlug er vor, ihr seine Studentenbude zu zeigen. Ehe sie ja sagte, genoß sie erst noch die Stimmung in dem Garten: Da fuhren jetzt ununterbrochen Droschken vor, farbenprächtig gekleidete Damen in Ballkostümen stiegen mit etwas schwankend gehenden Herren aus, die sich dann erst an den Tischen ein wenig in Fasson brachten – die Haare kämmten, in kleinen Handspiegeln der Damen ihre grauen, übernächtigen Gesichter beäugten, die weinfleckigen Westen stramm zogen.
»Demimonde mit ihren Verehrern«, erklärte Theo der verwunderten Lore diese Gäste, »kommen aus dem Café Nazi, müssen sich stärken!«
Ja, alle verlangten Kraftnahrung: Bouillon mit Ei oder Mark, Paprikaschnitzel, Beefsteaks. Und mit all diesen Nachtschwärmern waren, aus einem der Cafés wohl, zwei Geiger und ein Flötist erschienen, ebenso aschfahl wie die übrigen, ebenso verstaubt auf Frackkragen und Weste, die Stärkwäsche ebenso zerknittert und beschmutzt. Und nachdem die Kapelle sich an schwarzem Kaffee mit Kognak gelabt, stimmte sie das gefühlvolle Lied an:
»Was kann denn schöner sein,
Als so recht tief hinein
Den holden Frau’n
Ins Auge schau’n –«
Die Spatzen piepten dazwischen und hüpften von Tisch zu Tisch, um die hingestreuten Semmelbrocken aufzupicken, von überall her klang jetzt das Tuten der Fabrikpfeifen, das den Arbeitsbeginn des fleißigen, werktätigen Berlins verkündete, aber die Kapelle spielte unbekümmert um diese Mahnung:
»Sehen Sie – das ist ein Geschäft,
Das bringt noch was ein –
Ein jedes Mädchen kann das nicht,
Es will verstanden sein – –«
Die Sonne kam höher, es wurde ein herrlicher, warmer Frühlingstag. Aus dem Tiergarten erklang frisch das Schmettern vorüberziehender Militärmusik, Frühaufsteher – alte Herren, die eine Brunnenkur durchmachten, tauchten jetzt zwischen der übernächtigen, bunten Gesellschaft auf.
Da fuhren die Droschken vor, der Spuk verschwand, eine Viertelstunde später hatten die Gartenlokale ihr solides, bürgerliches Aussehen zurückerhalten.
Auch Theo und Lore waren gegangen. In der Chausseestraße kaufte er ihr eine rotseidene Bluse und – da in dem Geschäft gerade »Großer Ausverkauf« war – auch noch eine Untertaille, ein Paar Strumpfbänder, blau, mit Schleifen, und einen Taftunterrock von einem Taft, der niemals brechen sollte.
Dann bogen sie in die Novalisstraße ein, um Theos »Möbliertes« zu besichtigen, nahmen sich jedoch für den Fall, daß die Besichtigung länger dauern und daß sie Hunger bekommen sollten, einen Pumpernickel, ein Pfund Butter, ein halbes Pfund Schweizerkäse und ein Pfund ff Aufschnitt sowie eine Flasche süßen Ungarwein mit.
6
Zwei Tage lang dauerte dieses Idyll.
Theo hatte die Tür, die nach der Wohnung der Frau Siebke führte, verriegelt und Heupferd durch eine Postkarte verständigt, daß er vorläufig unabkömmlich sei. »Große Sache«, hatte er als Grund angegeben.
Auf dem oberen Treppenabsatz befanden sich Wasserleitung und Ausguß, so daß sich Theo ohne fremde Hilfe mit der notwendigen Flüssigkeit versorgen konnte. Als er aber am Morgen des dritten Tages frisches Wasser dort holen wollte, fand er neben dem Ausguß Frau Siebke stehen.
Sie sah sehr würdig aus, hatte eine goldene Brosche unter dem Halse angebracht und trug statt der ausgetretenen Filzlatschen Zeugschuhe mit Lederkappen. Sie sagte nicht wie sonst freundlich »Gu’n Morgen«, redete ihn auch nicht »Herr Doktor« an, sondern sah schweigend zu, was er an der Wasserleitung trieb. Er hatte ihr zugenickt, die Wasserkanne gefüllt, wandte sich gerade zum Gehen, da trat sie ihm in den Weg.
»Ick wollte bloß fragen, Herr Koblank, ob Sie mir mit Jewalt ins Zuchthaus bringen wollen?« fragte sie heiser flüsternd.
»Sie sind ja verrückt«, erklärte ihr Theo, wollte vorüber, kam aber nicht an ihr vorbei.
»Ick bin ’ne anständige Frau, die Witwe von einem königlichen Beamten, mein Mann war zwanzig Jahre bei die Post – ick frage Ihnen noch mal: Wollen Sie mir partuh ins Zuchthaus bringen? Denn dadruff steht Zuchthaus, wenn ick det dulde!«
»Machen Sie doch hier keinen Radau auf der Treppe, und lassen Sie mich endlich vorbei, sonst gieße ich Ihnen die Wasserkanne auf ’n Kopp!«
»Ick mache keenen Radau nich, aber ick sage Sie in’t Jute: Eene Stunde jeb’ ick Sie noch Frist! Is dann die Türe nich uffjeriegelt und det Frauenzimmer for immer weg, denn weeß ick, wat ick tue – verstehen Se, Herr Koblank!« Theo schob sie beiseite und verschwand in seiner Bude.
Eine Stunde später saß er mit Lore auf dem Balkon des Café Bauer. Sie trank eine »Melange«, er einen »Schwarzen« und rauchte Zigaretten dazu. Unten auf dem Fahrdamm glitten auf Gummirädern Hofequipagen vorüber, Fremde, den roten Baedeker in der Hand, spazierten auf der Mittelpromenade, unter großem Zulauf zog die Wache auf, ein Händler mit bunten Gummiballons kam eilig daher, Omnibusse ratterten durch die Friedrichstraße, und die Droschkenkutscher an dem nahen Halteplatz saßen auf dem Bock und aßen Sechserkäse, den sie, in Stücke geschnitten, auf die Klinge des Taschenmessers spießten und so zum Munde führten.
Theo und Lore hatten sich ausgesprochen. Sie wußte nun, daß er zwar kein Universalerbe sei, aber später einmal etwas erben werde, daß seine Mittel jetzt so ziemlich erschöpft seien und daß er – der moralischen Anschauung seiner Wirtin wegen – ihr länger keine Zuflucht bieten könnte.
Lore, die zuerst sehr verdonnert ausgesehen, hatte nun Tränen im Auge. »Ick liebe dir, auch wenn du bloß ein janz armer Student bist«, sagte sie. »Ick habe mir ja jleich jedacht, det det nich so in alle Ewigkeit weiterjehen konnte. Ick werde keen Lamento machen, dafor bin ick dir ville zu dankbar – nee, morgen früh, um halber sechse, jeh’ ick mit meene beeden trockenen Schrippen wieder in die Fabrik. Wenn du mir mal wiedersehen willst, kannst du mir ja schreiben, ick wohne in Schlafstelle bei Frau Lutze am Wedding.«
Theo notierte sich die Adresse, gab Lore das Fahrgeld für den Omnibus und eine Mark Überschuß, küßte sie zärtlich auf der steilen Cafétreppe und wartete, bis sie in den Wagen gestiegen und davongefahren war.
Und dann ging er nach der Pepinière, um seinem Freunde Heupferd die »große Sache« zu erzählen, die er in diesen drei Tagen erlebt hatte. Doch – Heupferd war im Kolleg. Theo hinterließ ihm eine Karte, auf der er um seinen Besuch bat.
Heimgekehrt, fand er die Fenster seiner Stube weit geöffnet. Die toten Fliegen waren aus der Gardine geschüttelt worden, der Fußboden war noch feucht und roch nach grüner Seife. Das Bett war frisch überzogen, auf dem Tisch lagen ein Hammer, ein Nagel und ein ganz neuer Pappkarton mit dem Aufdruck: »Möbliertes Zimmer zu vermieten«, und darunter mit Tinte geschrieben: »II. Treppe rechts bei Frau Siebke.«
Also sie wollte ihm, trotzdem er die Miete für den nächsten Monat schon bezahlt, zum Ersten kündigen – heute, am 15. des Monats, war ja Termin dazu.
Theo saß und überlegte. Gut, dann mußte sie aber auch die fünfundzwanzig Mark wieder herausrücken, die ihm jetzt sehr willkommen waren. Er ging hinüber und fand Frau Siebke in der Küche, wo sie Kaffee trank und Zuckerschnecken dazu aß.
»Von Sie kann man sich allens erwarten«, sagte sie, »wenn Sie eene olle Frau die Wasserkanne uff ’n jrauen Kopp zerschlagen wollen – sonne Mieter kann ick nich jebrauchen – je eher, desto lieber! Und von det im voraus jezahlte Jeld werd’ ick abziehen, wat Sie mir Schaden jemacht haben. In die Politur von ’n Tisch haben Sie mit den Ziehjarren ’n Loch jebrannt, die Waschschüssel hat ’n jroßen Sprung, und in den Handtuch sind Tintenflecker, det haben Se als Wischlappen for allet Mögliche benutzt!«
»Es tut mir wahrhaftig leid, daß ich Ihnen die kalte Dusche nicht vorhin gegeben habe«, sagte Theo, »dann würden Sie jetzt klarer im Kopfe sein und sich nicht so ’n Schwindel aushecken.«
»Machen Sie keen Skandal nich in meine Wohnung, sonst zähle ich bis drei, und wenn Se denn nich ’raus sind, verklage ick Se wejen Hausfriedensbruch!«
»Von Ihnen kann man ja erwarten, daß Sie einem morgens in die Zijorienlorke spucken – Sie – Sie, na, Sie wissen’s schon, was Sie sind, Sie olle Morchel!« Und damit verließ Theo die Küche.
Am Nachmittag kam Heupferd. Er war ein bißchen zurückhaltend – Theo merkte, er fühlte sich etwas zurückgesetzt. Und aus dieser gekränkten Stimmung entsprangen seine ersten Antworten. »Nun bist du zu Hause ’rausjeschmissen worden, jetzt setzt dich die Siebke sogar an die Luft, ich glaube, es wird dir überall so jehen, wenn du so weiter übertreibst!«
»Weiter übertreiben – Zimt! Daß du so was sagen kannst, Heupferd, ärgert mich direkt! Wir beide haben uns doch darüber geeinigt, daß das, was die Philister unsittlich nennen, seine eigentliche Ursache in der blödsinnigen Gesellschaftsordnung hat, die man auf Religion und Moral aufgebaut hat! In unserem Alter muß man heiraten können – dann würden wir nicht unsittlich sein; aber wer nimmt einen denn als Schwiegersohn, wenn man immer noch Student ist?! Was du übertreiben nennst, ist nur Idealismus – ich will nischt mehr mit der Sorte von Weibern zu tun haben, die in den Bums-Cafés sitzen oder auf der Straße ’rumrennen. Ich will eine, die mich liebt und die ich liebe – und weil’s jetzt noch nicht mit der richtigen Ehe geht, versuch’ ich’s mit der wilden Ehe!«
»Ich bin ja ganz deiner Ansicht, brauchst also nicht so laut zu brüllen – natürlich hast du recht! Aber bei dir liegt die Sache jünstiger als bei mir. Ich habe kein Vermögen zu erwarten, ich muß aushalten, bis ich soweit bin, um eine Frau ernähren zu können. Du aber mit dem, was dir dein Alter aussetzen wird, kannst übermorgen heiraten, wenn du willst ...«
»So! Aber nicht die, die ich mir ausjesucht! Ich sag’ dir ja – wer wird einem Studenten seine Tochter als Frau jeben wollen ...«
»Och« – machte Heupferd mit einer zuversichtlichen Handbewegung.
Theo verdroß diese Hoffnungsseligkeit. »Ich weiß«, sagte er, »wenn ich heute da anklopfe, wo ich gern möchte, bekäme ich glatt einen Korb!«
»So – du hast also schon eine ganz Bestimmte auf ’n Kieker?«
»Ja!«
»Ich bin gespannt wie ’n Flitzbogen!«
Theo holte die Zigarrenkiste aus dem Schrank, gab Feuer, die Stimmung wurde sofort gemütlicher. Und da rückte Theo mit seinem Geheimnis heraus, erzählte von jenem Vorfrühlingstage, als er seine Schwester mit der feinen, zierlichen Bianka Rieth getroffen hatte.
»Die ...«, sagte Heupferd gedehnt. »Na, das wäre nun jerade nicht mein Jeschmack!«
»Warum?« fragte Theo beleidigt. »Kennst du sie denn überhaupt?«
»Nee, die wäre nicht mein Ideal!« bekräftigte Heupferd nochmals und sah ganz erleichtert aus. »Kennen – natürlich kenn’ ich sie, war ja in der Tanzstunde mit ihr zusammen! Von meinem medizinischen Standpunkt aus – zu bleichsüchtig und zu mager!«
»Jrade so ’ne Blasse, Schlanke reizt mich!«
»Weil du so robust und kräftig bist! Das hat die Natur wohlweislich so eingerichtet, daß solche Gegensätzlichkeit sich anzieht. Von meinem medizinischen Standpunkt –«
»Hör doch damit auf! Ich bin ooch Mediziner – Spezialarzt!«
»Für verfaulte Zähne!«lachte Heupferd. »Jott, nun nimmste das schon wieder krumm, war doch bloß ’n Witz!«
»Und was hast du sonst an ihr auszusetzen?«
»Sie ist ’ne Zierpuppe! Hatte ein Jemache und Jetue in der Tanzstunde, daß man sich trotz der Lackschuhe und Glacés immer dreckig vorkam. Am empfindlichsten war sie mit ihrer Nase. Alle Augenblicke sagte sie: ›Hier riecht’s ja so unangenehm!‹ Das kam immer auf jeden, der in der Nähe stand. Und dann das Dicketun mit der Künstlerschaft – weil ihr Vater mit Öl malt – nee, danke! Da ist mir ’ne Kleine, Dicke, Schmuddlige mit roten Backen lieber.«
»Jeschmacksache!«
»Natürlich Jeschmacksache – alles ist Jeschmacksache! Aber das kann ich dir im voraus sagen: Du wirst nicht ihr Jeschmack sein!«
»Warum?« Theo kniff die Augen zusammen.
»Ich bin dein Freund, Kognak, mir darfst du also nischt übelnehmen, wenn ich dir als der Jüngere auch mal was sage.«
»Im Jejenteil, ich wäre dir sehr dankbar, wenn du mir sagtest, was du an mir auszusetzen hast!«
»Ich nicht – Jott bewahre! Du bist mir so, wie du bist, am liebsten – möchte dich jar nicht anders haben! Bei den Leuten aber, in deren Gesellschaft du eindringen willst, würde man auf Schritt und Tritt an dir Anstoß nehmen!«
»So!«
»Ja – weil du zu natürlich geblieben bist, das, was man savoir vivre nennt, bis jetzt immer verachtet hast!«
»Du nicht?«
»Nee! Du kannst dir ja denken, bei uns zu Hause jing’s immer ein bißchen knapp zu – was hat denn ein pensionierter Major, der sich nicht ’ne reiche Frau genommen! Und mein Vater, der den Krieg Siebzig mitgemacht, hatte sich als Hauptmann in eine Französin verliebt und sie geheiratet. Mama war aus adliger Familie, aber unbemittelt. Sie hat sich in das glänzende Elend eines um die Ecke gegangenen Majors hineingefunden – aber darunter jelitten. Und jetzt leide ich! Auf dem Gymnasium hab’ ich mir nischt daraus jemacht, mit einem Jummikragen ’rumzurennen, seit ich aber in der Pepinière bin, ist mir das unmöglich, da bind’ ich, wie die andern, jeden zweiten Tag einen frischen Leinenkragen um. Und dann hab’ ich auf mich achten jelernt – zujute ist mir auch gekommen, was die Mama tagein, tagaus gepredigt. Trotzdem ahnst du nicht, was es mich doch noch gekostet hat, um in einer feinen Tischgesellschaft keinen Verstoß zu machen, bloß das eine will ich als Beispiel anführen!«
»Ich esse also wie ’n Schwein?« fragte Theo.
»Nein – sei doch nicht immerfort beleidigt«, sagte Heupferd, »ich will damit nur sagen: Es gibt eine solche Masse jeheimer Jesetze für jewisse Kreise, daß man sich sofort unmöglich machen kann, wenn man sie nicht beachtet oder am Ende jar nicht kennt!«
»So?«
»Ja – ich fühlte mich zuerst stets verlegen und verfluchte meine Hilflosigkeit, wenn ich irgendwo bei einem von meinen Kommilitonen eingeladen war. Aber allmählich hab’ ich’s jelernt – jetzt bin ich sicher – ich kann sagen, in jeder Situation – bei Tische, im Theater, wenn ich sitze oder stehe!«
»Dann freut’s mich bloß, daß du mit mir Stoffel noch umjehst!«
Heupferd paffte nach der Decke hinauf.
»Diese Empfindlichkeit, die du fortwährend zeigst, ist ein Fehler, lieber Kognak! Da heißt es, die Ohren aufsperren. Du bist mein Freund und so, wie du bist, mir am liebsten – das hab’ ich vorhin schon jesagt! Aber da dieses Thema nu mal aufs Tapet jekommen ist, halte ich es für meine Freundespflicht, janz offen und ehrlich zu dir zu sein. Deine Schwester Elli würde mir recht jeben, die hat eher jemerkt, wie der Hase läuft, und hat sich danach jerichtet – sie kennt ja auch diese Bianka; frage also mal, ob ich nicht recht habe!«
»Leider Jottes«, sagte Theo bekümmert. »Nu kann ich also, wie früher mein Oller das Konversationslexikon, den ›Guten Ton in allen Lebenslagen‹ auswendig lernen.«
Heupferd verkniff sich ein Lächeln. »Dann würdest du so fein sein, wie dein Alter jebildet worden ist. Nee, Kognak, aus Büchern lernt man so was nicht – das macht die Umgebung! Wir müssen öfter zusammen ausgehen – ins Theater, in Gesellschaft sein – die Tingeltangel hier und der ›Stramme Hund‹ sind aber nicht die jeeigneten Örtlichkeiten.«
»Aber weswegen bin ich hier in diese Gegend jezogen – weil ich meine Freiheit haben und mich ausleben wollte!«
»Ja, aber da wolltest du auch noch nicht eine aus juter Familie heiraten«, sagte Heupferd spöttisch, »noch dazu so eine, wie du dir da ausjesucht hast!«
»Bitte, keine Beleidigung!«
»Nee – aber ’ne Prinzessin auf der Erbse ist diese Bianka Rieth! Schon wie sie das Haar trägt – ein Weib muß lange Haare haben, kurze hab’ ich alleine! Wir haben sie in der Tanzstunde immer den unechten Tituskopf jenannt!«
»Ihr Banausen!«
Sie saßen, rauchten die Zigarren zu Ende, dann stand Heupferd auf und dehnte sich: »Heute ist Donnerstag, Tanzabend in Halensee!«
»Wo der jute Ton herrscht«, sagte Theo kühl.
»Komm man«, ermunterte Heupferd, »die Tanzsäle hier in der Jejend sind unjenießbar für mich, mir jefällt es weder bei Emberg noch bei Lestmann! Die Blasmusike da – der Staub – und diese Jarnitur von verdorbenen Mädchen! Komm, fahren wir nach Halensee und üben uns dort im Walzertanzen! Wer jut Walzer tanzen kann, hat schon ’ne Chance im Leben mehr! Und die Damen von der Konfektion haben den richtigen Dreh ’raus!«
Theo zog sein Portemonnaie und zählte das Geld.
»Reicht’s – ich meine für uns beide, denn du müßtest mir heute mal pumpen!«
Das Ergebnis schien befriedigend zu sein. Theo – der nun fühlte, daß er jetzt wieder Oberwasser bekam – machte sich zum Ausgehen fertig. – Eine Stunde später waren sie draußen in Halensee.
Der Wind schaukelte das ausgehängte Blechschild mit der verheißungsvollen Aufschrift: »Heute Grand Bai«; die Treppe zum Saal war von Gruppen dicht umlagert. Theo zahlte das Eintrittsgeld und suchte sich mit seinem Freunde einen Platz, von dem aus sie den Saal überblicken konnten. Sie spürten sofort, daß es hier anders zuging als in dem gemütlichen Wilmersdorf, und beobachteten daher vorläufig nur.
Die Mädchen rauchten Zigaretten, behielten beim Tanzen zumeist die großen Hüte mit den Pleureusen auf dem Kopfe, trugen rauschende Unterröcke und sagten bei jeder Gelegenheit: »Pardonk!« Aus den Gesprächen mit den Herren an den Nebentischen hörten Theo und Heupferd, daß die Damen gewohnt waren, »warm Abendbrot« zu essen und zum Schluß selbstverständlich in ein Café geführt werden wollten.
Zum Tanzen schienen sie nur gelegentlich aufgelegt. Geschah es, daß sie sich dazu entschlossen, so mußten die beiden Freunde die Routine anerkennen, mit der die Mädchen dahinschwebten. Polka vermieden sie, weil ihnen dieses »Jehüpfe« nur die künstliche Frisur lockerte, sie auch nur »unnütz anstrengte«, und Walzer tanzten sie am liebsten mit ihren Freundinnen, zeigten, wie geschickt sie dabei »changieren« konnten, worunter sie ein merkwürdiges Vorwärts- und Rückwärtsgleiten verstanden, was hier offenbar als höchste Kunst galt.
Theo und Heupferd verständigten sich zumeist durch Blicke, durch ein abfälliges Kopfschütteln – sie erkannten: Halensee war eine Enttäuschung, sie konnten sich zum Tanzen nicht entschließen, weil sie fühlten, daß ihnen an der Bekanntschaft mit solch einem anspruchsvollen Mädchen nichts gelegen war, daß hier »Liebe auf den ersten Blick« nicht mehr vorkam, daß man ein »Zavalier« sein mußte, um in den Augen dieser Damen etwas zu gelten.
Und plötzlich sagte Theo: »Da drüben – an dem dritten Tische links – sitzt Mieze!«
»Die mit dem großen roten Hut – das soll sie sein?« fragte Heupferd ungläubig. Doch nun erkannte auch er sie, beobachtete sie ein Weilchen in ihrem Benehmen mit den Herren, an deren Tisch sie saß, und sagte dann mitleidig: »Schade – was ist in der kurzen Zeit aus dem reizenden Mädel jeworden!«
»Ob sie uns jesehen hat?« – »Sicher!«
Die beiden Freunde saßen ein Weilchen betreten da, dann sagte Heupferd: »Ich möchte doch mal mit ihr sprechen ...«
»In deinen Au–gen
Steht es ge–schrieben ...«
begann jetzt der Klavierspieler wieder. Ein paar Sekunden blieb die glänzende Parkettfläche noch frei, dann drehten sich einige wenige Paare im Walzertakt.
Heupferd erhob sich, ging schräg durch den Saal, blieb vor Mieze stehen, verbeugte sich. Sie sah auf, fremd, kalt, schüttelte abweisend den Kopf. Einer der Herren am Tische sagte: »Die Dame tanzt nicht mit jedem!«
Heupferd sah den Herrn scharf an, trat seitwärts – überlegte. Ein junges Mädchen in seiner Nähe machte ihm freundliche Augen. »Darf ich bitten, mein Fräulein?« fragte er etwas ungewiß.
Sie hob sofort die Arme, bereit, mit ihm zu tanzen. Gleich darauf tanzte auch Mieze mit ihrem Kavalier. War es Zufall, war es Absicht – während des Walzers waren diese beiden Paare nebeneinander geraten, tanzten sich auf den Hacken. Und plötzlich stolperte Miezes Herr, fiel auf die Knie, erhob sich jedoch gleich wieder.
Heupferd, der weitergetanzt hatte, kam jetzt an der Stelle vorüber, an der der verunglückte Tänzer wartete – gleich darauf sah Theo, wie er Heupferd in den Weg trat, ein kurzer, erregter Wortwechsel begann, wie beide Herren den Saal verließen.
Theo eilte ihnen nach – aber da traten die beiden schon wieder in den Saal. Heupferd, der sehr blaß war, machte seinem Freunde eine Handbewegung, die andeutete, daß alles erledigt sei, kehrte mit ihm an den Platz zurück, schnitt eine Grimasse, die sorglose Heiterkeit verraten sollte, trank sein Bier aus und sagte: »Kognak – wir wollen jehen – Kontrahage! Ich hatte den elejanten Burschen für einen Kommis jehalten – ist aber Viehmuse – Tierarzt!«
»Das durfte nicht kommen.«
»Nee – aber er war unverschämt jeworden, und nachher rempelte er auch noch beim Tanzen – da hab’ ich ihn überrannt!«
Auch Theo trank sein Bier aus. »Weißt du – ich hab’ Lust, ’rüberzujehen – zu provozieren!« Er reckte sich in seiner ganzen Staatlichkeit auf.
Aber Heupferd sagte unwillig: »Nein, komm, mach keine Dummheiten!«
So verließen sie den Tanzsaal, fuhren nach Berlin zurück, versuchten voreinander Komödie zu spielen, sich den Anschein zu geben, als ob die bevorstehende Mensur nichts weiter als eine interessante Unterbrechung ihres täglichen Einerleis sei.
Nur beim Abschied sagte Heupferd: »Daß mir die Mieze noch solche Geschichten einbrocken würde, hätte ich auch nicht jeahnt!«
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