Читать книгу: «Das Spukhaus in Schöneberg»
Erdmann Graeser
Das Spukhaus in Schöneberg
und andere humoristische Erzählungen
aus der Romanfolge
Lemkes sel. Wwe.
Saga
Das Spukhaus in Schöneberg
© 1937 Erdmann Graeser
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711592403
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Im Spukhaus in Schöneberg
Wind und Wetter hatten im Laufe der Jahre das große Schild mit der Inschrift: „Zur Märzwiese, Restaurant und Kegelbahn“, arg mitgenommen, aber der „olle reiche Lemke“, wie ihn die Leute nannten, dachte nicht daran, die Farbe auffrischen zu lassen.
Unverändert hatte sich der große Garten erhalten, nur daß er jetzt, da bei den Straßenregulierungen ringsum Anschüttungen vorgenommen worden waren, so tief lag, daß die Gäste, wie sonst ein paar Stufen hinauf, eine kleine Treppe hinuntersteigen mußten.
Da unten aber spazierten die Hühner wie früher zwischen den klobigen, grüngestrichenen Tischen, brannten abends die flackernden Petroleumlampen, sah man Herrn Lemke an heißen Sommertagen in Hemdsärmeln mit der Gießkanne umhergehen und die Wege sprengen. Und auch das Rollen der Kegelkugeln hörte man, die Stimme des Jungen, der sein „Jrennadier“ und „alle neine“ durchdringend schrie und dabei die nackten Beine anzog, daß ihn die stürzenden Kegel und sausenden Kugeln nicht trafen.
Und man hätte glauben können, daß Lemkes alter Weißbiergarten trotz des Aufschwungs, den Schöneberg genommen, trotz des Näherrückens Berlins unverändert und siegreich allen Neuerungen standhalten werde, wenn da nicht merkwürdige Gerüchte im Umlauf gewesen wären. Irgendwo hatte es einer gelesen, war es durchgesickert, daß der „olle Lemke vakoofen wolle“. Und man glaubte auch die Gründe zu kennen: erstens, die „olle Lemken“ war nicht mehr so taktfest auf den Beinen und konnte sich nicht mehr so wie früher um die Wirtschaft kümmern. Man merkte das schon am Essen, das lange nicht mehr so gut wie sonst war. Und die alten Stammgäste drückten die Augen ein und schnalzten mit der Zunge, wenn sie von dem „jrienen Aal mit Jurkensalat“ und den großen Portionen Gänsebraten schwärmten, die man einstmals hier bekommen. Zweitens aber – und wenn man davon sprach, dämpfte man jedesmal die Stimme, denn der „olle Lemke“ konnte „sehre eklij“ werden, wenn er es hörte – „war irgendwas mit dem alten Haus los“. Andere sagten es geradezu heraus: „Es spukte“ oder: „Lemkes selige Witwe ging um.“ Man hatte – besonders die beiden Dienstmädchen, die in der Küche hantierten – oft genug in der Nacht einen schrillen Schrei gehört, und wenn der „olle Lemke“ auch zehnmal am andern Morgen behauptete, daß seine Frau nur schlecht geträumt habe, so ließ man es sich doch nicht ausreden, daß noch etwas anderes „dran“ sei, denn man hörte es ja auch nachts oben auf dem Boden rumoren.
Alle Milchmänner, die mit ihren Frauen von Wilmersdorf und Schöneberg zur Milchablieferung nach Berlin fuhren, spähten jedesmal, wenn sie vorüberkamen, nach dem Garten und dem im Grün des Nußbaumes und der Linden versteckten Hause, grüßten zuvorkommend den „ollen Lemke“ und erwarteten irgend etwas Neues zu erfahren – aber da war keine Veränderung zu bemerken, alles war beim alten.
Nur den jungen Herrn Lemke, den Sohn, sah man jetzt wieder häufiger und wunderte sich, was aus dem schmächtigen, tolpatschigen Burschen, der immer für ein bißchen dumm gegolten, für ein selbstbewußt auftretender, stattlicher Mensch geworden war. Und jedesmal erinnerte man sich dann an die alte Geschichte, wie damals der junge Lemke mit der Anna, dem hübschen, forschen Dienstmädchen, seinen Eltern durchgebrannt war, um dann in Berlin ganz von vorn anzufangen, „wie dunnemals seen Jroßvata“, der auch keinen Dreier besessen und es dann doch zu solcher Wohlhabenheit und solchem Ansehen in Schöneberg gebracht hatte.
„Aba det haben se beede ihren Frauen zu vadanken“, pflegten dann die alten Schöneberger Bauern hinzuzusetzen, „wat die Jroßmutta für een resolutes Frauenzimma jewesen is, merkt ma ja am besten daraus, det se jetz noch nach ihrem Tode im Hause ’rumwirtschaft’.“
Nachmittags, wenn die Sonne nicht mehr ganz so grell schien, sahen die Vorübergehenden „die kranke Lemken“ vor der Haustür sitzen, umgeben von einer Hühnerschar, die darauf wartete, daß für sie etwas abfiel. „Ach herrjeh“, hieß es dann jedesmal mit Bedauern, „wat is aus die schöne, rotbackige Frau jeworden – die wird’s wohl nich mehr lange machen“. Und dann freute man sich über Herrn Wilhelm Lemke, der so zu seiner Mutter hielt und jeden Tag den weiten Weg von der Landsberger Straße bis nach Schöneberg machte, um zu erfahren, wie es mit der Kranken stände.
„Wenn se sich man ’n Dokter nehmen wollten, det Jeld haben se doch dazu!“ sagten die Leute. Aber „die Lemken“ wollte von den Ärzten nichts wissen. „Ick halt’ nischt von die janzen Dokters“, wehrte sie jedesmal ab, „die können mir ooch nich helfen, die denken man imma jleich an’t Schneiden und Absäbeln. Nee, nee, det muß von janz alleene besser werden. Und et fehlt mir ja ooch nischt, ick hab’ ja keene Schmerzen, bloß det ick ’n bißken schwach uff die Beene bin und keene Luft krieje. Wenn ick janz stille sitze, merk’ ick ibahaupt nischt von, nur ’rumloofen derf ick nich mehr so wie frieher!“
Eines Tages kam auch Tante Marie mit nach Schöneberg hinaus. Unter ihrem Umschlagetuch verbarg sie mit großer Geheimnistuerei einen Gegenstand, der sich als eine alte Zigarrenkiste entpuppte, die sie als ihre „Hausapotheke“ bezeichnete. Tante Marie hatte die Absicht, die Kranke „nu ’mal jründlij zu kurieren“, aber ehe sie damit anfing, legte sie der Lemken die Karten. Ja, die Karten hatten wieder mal recht, „da stand die Krankheit“ – und sie wies auf die schwarzen Kreuze –, „aba et war ooch Hoffnung vorhanden“, und darum öffnete Tante Marie die Zigarrenkiste und begann unter den Fläschchen und blauen Tüten zu suchen. „’n Kapital steckt hier drinne“, wiederholte sie fortwährend, „wat braucht man denn det teire Jeld die Apothekas in ’n Rachen zu werfen?“ Und da ihr ja die Mittel nichts kosteten, denn sie hatte sich die heilkräftigsten Kräuter – Lindenblüten, Stiefmütterchen- und Kamillentee selbst gesammelt oder von Onkel Karl schenken lassen, ging sie nicht sparsam damit um, sondern beschloß gleich eine Radikalkur. „Die Hauptsache is, det die Krankheit erst ’mal or’ntlij ’rauskommt.“ Und die durchschlagenden Erfolge, die sie dann mit einem ganz besonders wirksamen Tee erzielte, der auch ihr immer geholfen hatte, veranlaßten sie, wieder und immer wieder darauf hinzuweisen, wie dringend notwendig für jeden Haushalt solch eine Apotheke sei. Dem alten Herrn Lemke leuchtete das auch ein, und als Tante Marie am nächsten Tage wiederkam, wurde sie in die gute Stube geführt, wo auf dem Tische ein zierliches kleines Schränkchen stand – „’ne wirkliche Hausapotheke, die ick in ’ne richtje Apotheke jekooft habe, damit Se sich nich imma mit die olle Zijarrnkiste zu schleppen brauchen“ – wie Herr Lemke zur Erklärung sagte.
Aber Tante Marie war gar nicht so entzückt davon. Mißtrauisch besah sie sich die eleganten Glasstöpselfläschchen, die etikettierten Salbentöpfchen und bunten Pillenschachteln und schüttelte bedenklich den Kopf. Interesse erregte bei ihr nur die kleine, seltsam gebogene Schere, die sie für ein Operationsmesser hielt. Und sie konnte auch gar nicht Herrn Lemke zustimmen, der nun mit diesem Heilmagazin einem ganzen Heer von Krankheiten Trotz bieten wollte.
„Is ja nischt drinne in die kleenen Pullen, bloß Uffmachung, ick halte det Jeld for wejjeschmissen. Hätten Se mir man lieba wat von jesajt. Wenn nu zwee uff eenmal krank werden, denn is for keenen jenug da, nee, da is mir meene Apotheke doch ville lieba!“
Und darum blieb die elegante Hausapotheke unbenutzt stehen, und Tante Marie kurierte mit ihren Mitteln weiter. Aber es wurde und wurde nicht besser mit der Kranken. Und eines Morgens sagte Wilhelm Lemke, der die ganze Nacht über bei seiner Mutter gewacht hatte: „Nee – det jeht so nich mehr weita, hier muß wat Ernstliches jeschehen“ und ging und holte einen Arzt.
Doch wie es schien, wurde der auch nicht klug aus dem Zustand der Kranken, aber er schrieb ein langes Rezept und traf die Anordnung, daß Frau Lemke im Bett blieb. Sie jammerte zwar: „Nee, nee, Herr Dokter, ick derf mir nich festlejen, denn is’s aus und vorbei mit mir“ – aber als nun alle auf sie einredeten und ihr gut zusprachen, fügte sie sich endlich.
Gegen Tante Marie, die sich einmischte und dem Doktor widersprach, wurde der alte Arzt grob. „Sie mit Ihrer verdammten Quacksalberei machen, daß Sie überhaupt ganz aus der Krankenstube kommen. Ihnen geb’ ich die Schuld, daß man mich nicht früher gerufen hat. Legen Sie sich Ihre Karten alleine, und machen Sie selbst solche Pferdekuren durch, aber probieren Sie das nicht bei anderen, wenn Sie Alledie nicht auf dem Gewissen haben wollen!“
Tante Marie war wie vor dem Kopf geschlagen, ging hinaus, packte umständlich ihre Karten und die Zigarrenhausapotheke zusammen und verschwand, ohne einem Menschen Adieu gesagt zu haben.
„Nulpe“
Es wurde nicht besser, aber auch nicht gerade schlechter mit der „ollen Frau Lemke“, und Dr. Knast, der täglich seinen Besuch bei ihr machte, dachte manchmal, daß sie mit ihrer Natur den alten Weidenbäumen da draußen auf den Schöneberger Wiesen glich: man konnte denken, es seien morsche, tote Stümpfe, aber an jedem entdeckt man doch noch etwas Grünes – so frisch, so saftig wie in den besten Jugendjahren des Baumes.
Mit dem „jroßartijen Bejräbnis“, auf das man sich schon gespitzt, war’s also vorläufig nichts, dafür wurde die Nachbarschaft durch eine andere Überraschung entschädigt: Der „olle“ Herr Lemke hatte Haus und Grundstück verkauft. Noch zweifelte man daran, aber eines Morgens blieb die grüne Zauntür geschlossen, und in den nächsten Tagen hörte man oft das Geschrei flüchtender Hühner, das dann immer jäh verstummte. Und dann wußte man, daß wieder eins gefangen und geschlachtet worden war. Bis endlich der große Garten still und öde dalag und die Berliner, die an schönen Nachmittagen hier vorüberzogen, ahnungsvoll prophezeiten: „Na – nu wird det nich mehr lange dauern, denn wird hier ooch jebaut werden, schade um den scheenen Jarten mit die ollen prachtvollen Beime, lange jenug hat er sich ja jehalten.“
Hinten an der Rückseite des Hauses hielten Tag für Tag Rollfuhrwerke und Möbelwagen, auf denen die grünen Stühle und Tische und schließlich auch der Hausrat fortgeschafft wurden. Sang- und klanglos waren die alten Lemkes dann plötzlich ebenfalls verschwunden, ohne daß man Gewißheit darüber bekommen, für welche Summe der Garten denn nun eigentlich verkauft worden war und welche Pläne das Ehepaar hatte.
Doch dann brachten die Milchhändler einige Zeit darauf die Nachricht nach Schöneberg, daß sie die alte kranke Lemken an dem Parterrefenster eines Hauses hatten sitzen sehen. „Dichte bei die Bülowstraße, aba in die Potsdama Straße – da wohnen se jetz, wir haben ihr deitlich akannt, se hat uns ja ooch noch zujenickt“, sagten die Milchfrauen. Und wen von den Schönebergern der Weg nach Berlin führte, der paßte nun scharf auf die Fenster jenes Hauses auf, und wer Glück hatte, sah die Lemken da auch manchmal sitzen, wenn die gelbe Herbstsonne auf die blanken Scheiben fiel.
„Der Olle nennt sich nun Rentje und looft mit ’ne jriene jestickte Mitze ’rum. Manchmal buddelt er ooch vorne in den kleenen Jarten und flanzt da allen Tod und Deibel an. Die Frau soll’s ja nu wieda ’n bißken besser jehen, bloß ’rumloofen kann se nich mehr, weil se Wasser in die Beene hat. Da wird se nu in’n Rollstuhl durch die Stuben jefahren, manchmal hält ooch ’ne Droschke vor die Türe, und denn fahren alle beede mang’n Tierjarten – leisten können se sich’s ja, denn det Haus jehört sie!“
So erzählte man sich, aber mehr erfuhr man auch nicht, denn wie es drinnen in den großen, gemütlichen Stuben zuging, wußte man nicht. Nur die Hausbewohner erhielten dann und wann einen kurzen Einblick, wenn sie die Miete bezahlen kamen. Dann saß der „olle Lemke“ an seinem Mahagonie-Rollpult und quittierte mit seiner dicken Unterschrift, die nicht trocken werden wollte trotz des vielen Goldsandes, den er auf die nassen großen Buchstaben streute. Dann mußten die Mieter warten, denn der „olle Lemke“ war ein bißchen ängstlich, daß sie beim Zusammenkneifen der Quittung die Schriftzüge verwischen könnten. Während sie nun dastanden und Herr Lemke in weichen Filzschuhen auf der Stubendiele hin- und herbanlancierte, besahen sie sich die Einrichtung: den braunen Kachelofen, in dem – trotz der warmen Witterung draußen – schon das Feuer sprühte, lauschten auf die unheimlich langen Triller des echten Harzers, der nebenan in der Stube sang, oder stellten Betrachtungen über die großen Lithographien an, die rechts und links von dem Regulator über dem schwarzen Ledersofa hingen und den alten Kaiser und seine Gemahlin darstellten.
Und wenn Herr Lemke diesen Blick auffing, konnte er manchmal im Unteroffizierston fragen: „Sind Sie Soldat jewesen – welchen Rejement?“ Und wenn der Alte guter Laune war, fragte er wohl auch weiter, hörte interessiert zu, verfiel dann aber in eigene Erinnerungen, brummelte vor sich hin und warf dem Kaiserbild gerührte Blicke zu. Wie zur Entschuldigung oder Erklärung setzte er dann hinzu: „Wie ick in Schöneberj noch den Jarten hatte, da war schon im März an sein’n Jeburtstaj imma wat jefällij. Da feierten wir Frihlingsanfang, und die Jäste saßen in’t Freie, und der Flieda wurde schon jrien!“
Dann zog Herr Lemke sein rotes Taschentuch und schneuzte sich gewaltig, und wenn das Gedröhne verstummte, mahnte eine wehmütige Stimme aus der Nebenstube: „Vata – wat rejste dir wieda so unnütz uff, laß doch die ollen Jeschichten, et jeht uns doch jetz ooch nich schlecht!“
„Nee, jewiß nich, aba man denkt doch an so wat und kann et nich vajessen! Ick vasteh’ et ja ooch jetz noch nich, wie ick’s ibers Herz habe bringen können, mir von den scheenen Jarten zu trennen!“
Und in dieser Stimmung, die die Mieter stets wahrzunehmen wußten, gelang es am leichtesten, Herrn Lemke für allerlei Verbesserungen und Reparaturen in den Wohnungen gefügig zu machen. Dieser Stimmung verdankten sie die neuen Tapeten, die glänzend braungestrichenen Dielen, die sauber getünchten Küchen, denn dann pflegte der Alte jedes Anliegen mit einem: „Jajaja“ zu beantworten, und was er versprochen, das hielt er, wenn er sich auch nachher über seine Gutmütigkeit ärgerte.
Eines Sonntagsnachmittags – die Glocken der Zwölfapostelkirche hatten gerade geläutet – riß es draußen an der Korridorklingel, daß die alte Frau Lemke vor Schreck in ihrem Rollstuhl in die Höhe ging. „Jott und Vata“, sagte sie, die Hand aufs Herz drückend, und rang nach Atem, „da is sicherlich wat ins Haus passiert!“ Und sie ließ schwach und hilflos den Kopf auf die Brust sinken.
Auch Herr Lemke saß wie versteinert auf dem Sofa und lauschte voll Erwartung, was da kommen würde. Beide hörten, wie Minna, das neue Dienstmädchen, durch den Korridor rannte, die Sicherheitskette wegschob, einen Aufschrei ausstieß, dann aber offenbar die Fassung wiedergewann und mit jemand verhandelte.
„Nu möcht’ ick bloß schon wissen, wat da draußen los is!“ schrie Herr Lemke mit Schlachtkommandostimme. „Minna, komm’ ’rin, mach’ aba die Türe zu!“
„Ick kann ja nich, der Mann hält ja det Been vor“, schrie Minna zurück.
„Wer hält hier de Beene vor, na warte mal, ick hol’ mir jetz bloß mal ’n Plättbolzen“, rief Herr Lemke aufspringend, und während er durch den Korridor lief, brüllte er: „Stemm’ dir jejen, Minna, aba feste, klemm’ ihn in, klemm’ ihn janz gehörij in!“
Als Herr Lemke mit dem Plättbolzen ankam, stand der Mann bereits im Korridor: „Ick zehle jetz bis drei, und wenn meen Hund denn nich ooch drinne is – sind Se jeliefert, Freilein!“ Und sich zu Herrn Lemke wendend, sagte er: „Man muß ja’n lieben Jott for allens danken, aba so’n Dussel is mir wahaftij noch nich vorjekommen – saje ihr immafort, ick bin ’n juta Bekannta, aba se kann nich heeren!“
„Na – alooben Se mal, det is doch ooch keene Art nich, mit wem ha’ ick denn eijentlij det Vajniejen?“
„Nu kennt der mir ooch nich mehr, nee, et is nischt, wenn die Leite so alt werden“, sagte der Mann, „ick merk’ schon, mit den Besuch ha’ ick mir ’rinjeritten, wär’ ick man lieba nich jekommen!“
„Wenn Se bloß keene Reden halten wollten, sonnern sajen, wer Se sind! Da könnte ja jeder kommen und meen Bekannta sind!“
„Jetz will ick erst ’mal bei meen’n Hund“, sagte der Mann, „der is det nich jewöhnt, det’r alleene uff de Treppe sitzen soll, nu fängt er schon an zu jaulen!“ Und zur Tür hinausrufend, setzte er drohend hinzu: „Kusch’ dir, Nulpe, sonst dreh’ ick dir den Schnörjel nach links!“
„Nu kenn’ ick Ihnen“, sagte Herr Lemke, „Sie waren damals uff die Hochzeit von meenen Sohn!“
„Janz recht, ick bin Onkel Karrel“, sagte der Mann, „schade um Ihre scheene Vastehste, die hat ’n bißken bei det Stubensitzen jelitten. Nu lassen Se mir ’mal ’raus, ick muß die Töle erst eene stechen, denn wenn die nich ab und zu ’ne Reinijung kriejt, is se nich zu bändjen!“
Damit drängte er sich an dem fassungslosen Mädchen zur Tür hinaus, packte einen zottigen großen Hund am Halsband und schrie ihn an: „Mit dir ha’ ick mir verkooft, ’ne Ratze biste, aba keen amerikanischa Bluthund – wat wi’ste denn nu von mir – hier is ja deen jutet Herrchen!“ Und sich zu Herrn Lemke wendend, sagte Onkel Karl kummervoll: „Ick jloobe nemlij, der Hund is varrickt – nu seh’n Se bloß ’mal det Karnickel, jetz kennt er mir wieder nich!“
„Ja – et scheint so, villeicht is’s janich Ihrer“, sagte Herr Lemke, „Minna, jeh’ ’rin und saj’ meene Frau Bescheed, denn det kann hier noch lange dauern!“
„Denn loof’, du Karnalje du“, sagte Onkel Karl, den Hund, der sich fortwährend hatte freimachen wollen, wieder loslassend, „loof’ bei’n Schinder und laß dir schlachten!“ Und sich zu Herrn Lemke wendend, sagte Onkel Karl: „Det kommt davon, weil wir nicht jleich ’rinkonnten! Nu muß ick hinta ihn her, und wenn ick ihm dann wejloofe, kommt er wieder hinta mir her, so macht er det imma, denn sonst is’s ’n sehr anhänglichet Tier. Lassen Se also die Türe offen, wir kommen jleich wieder zurück – adje so lange!“
Und damit rannte Onkel Karl davon, und man hörte ihn auf der Straße schrille Pfiffe ausstoßen und in allen Tonarten „Nulpe“ schreien.
Onkel Karl baut
„Der Hund is man bloß vapriejelt“, sagte Frau Lemke, als Onkel Karl dann mit „Nulpe“ in der Stube war.
„Na, machen Se’n ’mal det Maulkörbchen ab, da werden Se sehen, wie er zuschnappt. Nee, ick hab’n uff’n Mann dressieren wollen, und da is er so jeworden. Aba et is ja bloß, det man drüba red’t! Nu von wat anneres, denn det Biest vasteht ja jedes Wort, et vadreht schon wieder so dehmlich die Oojen in’n Kopp“, suchte Onkel Karl das Gespräch abzulenken. „Det is hier Ihre jute Stube – wahr?“
„Ja“, sagte Herr Lemke, der sich nur schwer von dem an der Tür kratzenden „Nulpe“ abwenden konnte, „eijentlich jehört noch ’n Klavier ’rin, aba wer soll denn druff spielen?“
„Da find’t sich schon imma eener, det is’s wenijste“, sagte Onkel Karl, „soll ick Se eens beschaffen – ganz billij?“
„Ick kann mir ja schon denken, wat for eens, aba lieberst nich –“, und Herr Lemke kratzte sich bedenklich den Kopf, „Se meenen doch det, wat früha meene Schwiejatochta in det untairdsche Lokal hatte und wat denn nachher bei den Fischhändla kam?“
„Ja – bei Onkel Aujusten und Tante Liesen, die aba bis jetz noch keenen Dreier abjezahlt haben. Erstens jehört se’t nich, un zweetens: Wat soll det da bei die so nutzlos ’rumstehen, wo Ihre kranke Frau jetz sonne jroße Freide dran haben könnte! Nulpe, kratz’ nich, sonst schmeiß ick dir’n Stiebel an’n Kopp – ja kieck man so dusselij, dir meene ick, wen denn sonst!?“
„Is aba ooch wahr“, sagte Frau Lemke, „’n bißken Musik wär’ doch sehr scheen, wo man nu janischt mehr hört, denn wegen die Mieta müssen wa jedesmal die Leiakastenmänna von’n Hof jagen, so leid et uns ooch tut.“
„Also – abjemacht, Seefe“, sagte Onkel Karl, „ick beschaff’ et Sie, nächsten Sonntaj steht’s hier, und wenn Se wollen, bring’ ick eenen her, der perfekt druff spielen kann!“
„Ach – den Herrn Hahn, wat? Iber den sich meen Sohn so jeärjert hat“, sagte Herr Lemke, „den wollen wa man lieba in die Versenkung lassen, der Kerrel hat dunnemals meene Schwiejatochta ins Jerede jebracht!“
„Is doch allens man bloß Klatsch jewesen von die vadammte Bande aus de Ackastraße. Hier in’n feinen Westen weeß doch keen Mensch wat von. Nulpe, wennste nu nich uffhörst, kriste den annern Stiebel ooch noch an’n Kopp!“
„Na, det können wir uns noch allens iberlejen“, sagte Herr Lemke, „wodrieber ick mir aba schon die janze Zeit wundere, det is Ihr Aussehn. Se haben sich mächtig vaändert, wat, Mutta?“
„Finden Se?“ – Onkel Karls Augen suchten einen Spiegel – „ja, det macht woll die Ausrüstung. Ick hab’ mir nehmlich uff die Landwirtschaft jeschmissen. Heitzutaje muß man doch allens zu vawerten suchen, wahr? Und wo ick nu so jute Kenntnisse in die Naturwissenschaften habe ...“ Er schwieg bescheiden, aber nach einigen Sekunden setzte er hinzu: „Nebenbei bau’ ick ooch!“
„So?“ sagte Herr Lemke gedehnt und sah seine Frau bedeutsam an, „det vastehn Se also ooch so jut? Wat ick Ihn’n schon imma frajen wollte – wat sind Sie’n eejentlij von Beruf, irjend wat missen Se doch jelernt haben?“
„Ick?“ Onkel Karl faßte in die Westentasche, holte einen Priem vor, biß davon ein Stück ab und schob es in die Backentasche. „Ick bin frieha uff See jewesen, vastehen Se? Aber als ick denn bei den jroßen Sturm aus’n Mastkorb jeschleidert wurde, jab ick die Seefahrerei wieder uff und hab’ denn so ’rumjesimpelt – bis jetz – nu bin ick Landwirt und Bauuntanehma in eene eenzichte Person!“
„So?“
„Ja –“, sagte Onkel Karl mit großer Befriedigung, daß die Sache endlich einmal festgestellt worden war. „Ja, ick bin schon ’n jutet Sticke in de Welt ’rumjekommen und hab’ wat zu sehen jekriejt. Woher hätt’ ick denn det ooch allet sonst – irjendwo muß et doch herkommen. Sie mißten mal rauskommen bei mir, Herr Lemke, und sich meene Plantasche ansehen, staunen wirden Se!“
„Ja, unsa Sohn hat uns schon von azehlt“, sagte Frau Lemke, „wir kennen allet nach die Beschreibung, ooch von Ihre Bauerei wissen wir, von det Blockhaus!“
„Ach, Se denken, so wat bau’ ick bloß?“ Onkel Karl schüttelte mit einem nachsichtigen und überlegenen Lächeln den Kopf. „Nee, liebe Frau Lemke, det wär’ woll nich det richtje! Ick hab’ da draußen ’ne scheene Eckpazelle gekooft und laß ’ne sojenannte Mietskaserne ufführen, denn det rentiert sich imma am besten. Die ersten Balkenlaje is schon fertij, eene Bank jibt denn det Jeld zum Weitabau – det is Usus so –, aba nu bin ick ’n bißken int Stocken jeraten, denn ’n Laie macht sich ja keene Vorstellung, wat da allet drum und dran hängt.“
„So?“ sagte Herr Lemke und mahnte durch einen sanften Stoß seine Frau zur Vorsicht.
Aber Onkel Karl, trotzdem er eben Nulpe pantomimisch mit Stiefelwerfen bedroht, hatte es bemerkt und sagte gekränkt: „Se brauchen Ihre Jattin ja nich zu knuffen; wenn Se nich wollen, denn nich. Ick dachte bloß eben, wo ick Sie nu det scheene Klavier beschafft hab’, wirden Se mir ooch ’n bißken jefällij sind. Wa’m soll ick mir denn an’n Halsabschneida wenden, wo ick sonne reichen Vawandten hab’? Nulpe, wennste jetz nich jleich ruhij bist und die Schnauze hältst, hau’ ick dir ’n Brejen in! – Zu’n Hund kann man Schnauze sajen, det is nich unanständij“, fügte Onkel Karl wie zur Entschuldigung hinzu und sah Frau Lemke fragend an.
„Denn ’n Schnabel hat er ja nich –“, sagte die Kranke mit einem zustimmenden Lächeln.
„Nee – sonst könnten ja die Hunde zwitschern.“ Und Onkel Karl sah Frau Lemke dankbar an, als wäre sie auf seiner Partei.
Die Tür öffnete sich, Minna – mit einem Tablett voll Gläsern und Flaschen – kam herein und machte, als sie an Onkel Karl vorbei mußte, einen großen Bogen.
„Ach Jott – ick tu’ Ihn’n nischt –, nehmen Se sich lieberst vor den Hund in acht. Wenn Se den zufällij uff’n Schwanz treten sollten, streckt er Sie mit eenen Tatzenschlaj zu Boden!“
Als Herr Lemke mit seltener Kunstfertigkeit die Weißbierflaschen öffnete, die Gläser gefüllt und alle getrunken hatten, sagte Onkel Karl: „Wie wär’ det mit’n Jungen von den Nulpe – Herr Lemke, wollen Se eenen haben, ’n hibschet Exemplar?“
„Nee – danke! Ibrijens, ist denn die Töle da ’ne Sie?“ fragte Herr Lemke. „Ick hab’ ihr bisher for’n Er jehalten!“
„Det is ooch keene Ihr und keene Sie, sonnern ’n Er“, sagte Onkel Karl, stolz auf seinen Hund.
„Denn vasteh’ ick nich, wie de Vieh Junge kriejen soll!“
„Jott, is det allet eene Umständlijkeet“, sagte Onkel Karl ein bißchen verdrießlich, „ick meene natierlich, wenn die Sie von den Er Junge kriejt!“
„Ach so, nu ha’ ick Ihn’n schonst vastanden“, sagte Herr Lemke, befriedigt mit dem Kopf nickend, „vasteh’ schonst, ja ja – Sie haben noch ’ne Sie zu Hause!“
„Nee, leida eben nich“, sagte Onkel Karl.
„Denn kann ick mir nich helfen, denn bleibt mir die Jeschichte schleiahaft“, sagte Herr Lemke, „Mutta – vastehst du denn det?“
„Ihr habt eich jejenseitij ’n bißken vaheddert“, sagte Frau Lemke, „seh’ ma, Vata, er meent ...“
„Nee, nee, aklär’s mir lieba nich“, wehrte der Alte ab, „mir platzt sonst wat in’n Kopp. Ick will ja jakeen so’n Biest, keen junges und keen altes nich!“
„Denn nich“, sagte Onkel Karl gekränkt, „denn behalte ick se, bis ick ’n wirklichen Liebhaba for finde!“
„Det wird woll ooch det beste sind, prost“, sagte Herr Lemke, nach dem Glase fassend.
„Prost – na, und wie is nu mit det Jeld jejen jute Sichaheet?“
Herr Lemke schüttelte ruhig und gelassen den Kopf: „Nee, meen Lieba, wenn Se desterwejen herjekommen sind, tut mir’s um Ihre Stiebeln leid. Ick will Ihn’n nämlich sajen, det ick den Rummel janz jenau kenne. Ick seh’t ja hier vorne uff die Schöneberjer Wiesen, wo se wie varrickt zu bauen anjefangen haben, lauta vakrachte Häusa, keene Lieferanten und keene Handwerka sind bezahlt worden, Vorteel davon haben nur die Kerls, die die mittellosen Leite zu’t Bauen vaanlaßt haben. Wenn ick Ihn’n heite fimfhundert Tala jebe – morjen sind se alle, da haben Se een Loch zujestoppt und ’n anneres is offen!“
„Also fimfhundert –“, sagte Onkel Karl, eine große, lederne Brieftasche vornehmend, „jejen Wechsel oda wat wollen Se for ’ne Sichaheet?“
„Nich ’n Dreier“, sagte Herr Lemke grob. „Mann, lassen Se die Finga von die janze Bauerei, lejen Se sich lieba ’ne Piereselhecke an, det is jescheita, da riskieren Se nischt!“
„Aba, wennste ihn helfen könn’st?“ sagte Frau Lemke leise, als sie sah, wie Onkel Karl, noch immer zögernd, die lederne Brieftasche in die Nankingjacke steckte.
„Nee, den is nich zu helfen“, sagte der Alte, „haste die dicke Brieftasche jesehen, det sind allet unbezahlte Rechnungen!“
„Se hätten mir ja später det Haus abkoofen können“, sagte Onkel Karl.
„Wat’n für’n Haus, det jehört Se doch janich!“
„Aba det Jrundstück!“
„So?“ sagte Herr Lemke gedehnt, „ick weeß et zufällij aba bessa, Sie jehört nischt weita als die Schulden uff det Jrundstück und uff den Bau – dafor werden Se vaantwortlij jemacht werden!“
„Et soll mir mal eener wat tun wollen“, sagte Onkel Karl drohend, „komm, Nulpe, wir jehen los!“
„Geld her oder ich fall’ um“
Tag für Tag war dann Onkel Karl, dem allmählich etwas bänglich zumute wurde, umhergelaufen, um das Geld, das er den Bauhandwerkern schuldete, aufzutreiben. Eine Ahnung stieg in ihm auf, daß ihn dieser Herr Hahn, den er eigentlich bisher für einen großen „Schafskopp“ gehalten, in eine „vaflixte Patsche“ gebracht hatte. Wie schön hatte das damals geklungen: „Wollen Sie ein reicher Mann werden? Jetzt haben Sie Gelegenheit dazu – mit Nichts können Sie anfangen – und wenn Sie in zwei, drei Jahren das Haus gut verkauft, haben Sie so viel, daß Sie bis an Ihr Lebensende in einer Gummiequipage fahren können.“
Ja – und dann hatte Onkel Karl einen Kontrakt unterschrieben, und „alles andere“ hatte Herr Hahn besorgt: die Verträge mit den Lieferanten abgeschlossen, die Maurer und einen Polier engagiert, und dann war „die Sache in Gang gekommen“. Die Ausschachtungen hatten begonnen, das Fundament war gelegt worden, das Kellergeschoß entstanden. In Begleitung des Herrn Hahn war er – einige Wochen später – auf die Bank gegangen, um die erste Baugeldrate abzuheben. Dort hatte es ein großes Hin und Her gegeben, er wurde ganz konfuse von dem, was ihm die Herren vorrechneten und erzählten, und war schließlich sehr verblüfft gewesen, als man ihm zu guter Letzt doch noch eine größere Summe auszahlte. Nur eins begriff er bei der ganzen Geschichte: Kein Mensch würde jemals imstande sein, ihm klarzumachen, wie das alles zusammenhing. Für dumm sollte ihn aber auch niemand halten, und darum hatte er nichts gesagt, auch als ihm Herr Hahn die Summe wieder abgenommen und ihn in das Kontor der Baugesellschaft geführt hatte, wo ihn die Herren sehr freundlich empfingen und ihm, nachdem sie wieder angestrengt gerechnet, glatte hundert Taler als „ersten Verdienst“ auszahlten.
Erst ein paar Tage später kam Onkel Karl der Gedanke, daß das von der Bank erhobene Geld doch wohl dazu hätte dienen müssen, die Handwerker und Lieferanten zu bezahlen. Aber als er das Herrn Hahn gesagt, hatte der laut aufgelacht: „Die kommen doch ganz zuletzt, das ist doch alles kontraktlich ausgemacht.“ Und da sich Herr Hahn keine Sorgen machte, der doch die Sache gründlich verstand, machte sich Onkel Karl nun auch keine mehr, sondern ging seinen Liebhabereien nach und hatte sich Nulpe angeschafft. Zu seinem Schutze – denn es ergab sich, daß sich in seiner Wohnung allerlei erregte Leute einfanden, die von ihm, als Bauherrn, in nicht mißzuverstehender Weise Geld forderten. Schließlich hielt er es für das beste, gar nicht mehr aus dem Hause zu gehen, sondern in seinem Blockhaus zu kampieren. Hier in diesem Versteck hielt er sich für sicher, dressierte Nulpe und gab sich, während er seine kurze Pfeife rauchte, allerlei Vermutungen hin, was denn nun aus der ganzen Geschichte eigentlich werden sollte. Es war ein so eigentümlicher Gedanke, zu wissen, daß da ein Haus gebaut wurde, das ihm gehörte oder wohl auch nicht gehörte, daß Leute, die er gar nicht kannte, Geld von ihm haben wollten, während er doch keins hatte, und das Resultat dieses Nachdenkens war: „Ick kimm’re mir um die janze vaflixte Kiste nich mehr.“
Aber andere kümmerten sich um ihn. Am letzten Sonnabend sah Onkel Karl zu seinem Erstaunen plötzlich eine Gruppe sehr erregter und energischer Männer vor dem Rasenhause auftauchen, die ihm die Fäuste unter die Nase hielten und ihm erklärten, daß sie ihn „kurz und kleen hauen“ würden, wenn er sie nicht augenblicklich bezahlte.
Onkel Karl hatte ihnen klarzumachen versucht, daß ihn der Bau gar nichts mehr anginge, und daß er die hundert Taler, die ihm die „eejentlichen Bauherren“ gegeben, sehr gern wieder zurückzahlen wolle, aber dazu müsse man ihm Zeit lassen, bis er sich die Summe beschafft habe. So war es ihm geglückt, die erregten Männer zu beschwichtigen, aber er wußte, daß sie wiederkommen und ihn aufs neue bedrohen würden, und deshalb hatte er den alten, reichen Lemke in Schöneberg am nächsten Sonntag aufgesucht. Der Versuch war aber mißglückt, und nun befand sich Onkel Karl mit Nulpe auf dem Wege zu Tante Liese und Onkel August, von denen er ganz genau wußte, daß sie etwas „auf der hohen Kante“ liegen hatten.
„Nanu – wo kommst du denn her?“ hatte Onkel August mißtrauisch gefragt, und Tante Liese hatte entsetzt aufgeschrien: „Wat is denn det for’n Hund, so’n hab’ ick ja noch nie jesehen, nimm bloß den Köta wej, der springt eenen ja immafort an!“
„Der freit sich“, sagte Onkel Karl. „Wo ick herkomme? – Nu, ick wollt’ eich mal wieder besuchen – ihr wart ja ooch bei mir draußen!“
„Na, setz’ dir man“, sagte Onkel August mit einem etwas ängstlichen Blick auf seine Frau. „Wenn ick dir recht vastehe, wiste dir den Karpen holen kommen, denn ick dir vasprochen hab’.“
„Ja, den kann ick ja ooch mitnehmen, obwohl ick die Fischzucht wohl uffjeben werde. Ick hab’ so ville annere Untanehmungen vor. Den Bau zun Beispiel, der nimmt mir ’n bißken sehre in Anspruch. Ick will eich desterwejen ooch janich lange uffhalten. Wie wär’t denn, wollt ihr eich nu nich ’n bißken dran beteiljen?“
„Nee“, sagte Onkel August, und Tante Liese schüttelte den Kopf.
„Bloß mit hundert Tala“, schlug Onkel Karl vor.
„Nich mit hundert Dreia“, sagte Tante Liese kühl. Onkel Karl betrachtete sehr aufmerksam Tante Lieses Gesicht. „Wat du for ’ne merkwirdje Neese hast –“, sagte er und gab damit gelassen dem Gespräch eine andere Wendung.
„Ja –“, Tante Liese tat distinguiert, „die kümmert sich auch nur um ihre eigenen Angelegenheiten.“
„Hmhm!“ Onkel Karl schien das zu begreifen, warf aber gleich darauf Onkel August einen verächtlichen Blick zu, als er sah, wie der sich angelegentlich mit seinen Stiefelabsätzen zu schaffen machte.
„Wat ick sajen wollte – wie wär’t denn, wollt ihr mir nich meen’n Hund abkoofen – den Nulpe?“
„Warum wisten den loswerden?“ fragte Onkel August. „Is doch so’n scheenet Tier, kieck mal, wie er det Stuhlbeen da anknabbern will!“
„Bloß wejen die Steiern – Nulpe, laß det, du hast deen Fressen schon wej! Also – wie is’s?“
„Wat is denn det ibahaupt for ’ne Rasse?“ Aber Tante Liese fuhr erregt dazwischen: „Aujust, ick vasteh’ dir wahaftij nich, laß dir doch erst janich uff sowat in – wat sollen wir denn mit solchem Biest in die Stube?“
„Laß jut sind, Aujust, det, wat ick dafor fordere, hättste doch nich jeben können. Det is ’n echta Bernhadina, ’n sojenannta Lebensretta, und unta Brieda achzij bis neinzij Tala wert!“
„Der?“ Tante Liese zuckte verächtlich die Achseln. „Een Ziehhund is det, wie for jeden Lumpenkarren“, sagte sie.
„Na, denn probier’ mal, wie der dir zieht, vasuch’ mal bloß, den inzuspannen“, sagte Onkel Karl.
„Wollen wa nich ’n scheenen Karpen aussuchen jehen?“ meinte Onkel August, dem immer unbehaglicher zumute wurde.
„Det können wa ja nachher noch machen“, sagte Onkel Karl, „nehmlich, damit ihr’s wißt, ick bin eejentlich wejen ganz wat annres jekommen: Ihr mißt det Klavier wieder ’rausrücken!“
In dieser Pause starren Staunens, die nun folgte, biß Onkel Karl mit den Manieren eines Feinschmeckers ein Stück Kautabak ab und sah sich prüfend in der Stube um.
Aber plötzlich trat Tante Liese wie ein Untersuchungsrichter vor Onkel Karl hin: „Wer hat dir denn damit beauftragt, uns det auszurichten – he?“
„Der olle Lemke in Schöneberj!“
„Aba det Klavier is doch von die jungen Lemkes aus die Landberjer Straße!“
„Janz recht – ihr habt et sojar schon ibanommen, als die noch in de Ackerstraße wohnten, aba bis heite habt ihr noch nich so ville von abjezahlt.“
„Weil niemals nich een jenauer Preis genannt worden is“, sagte Tante Liese.
„Den kann ick eich ja nennen – hundert Tala, aba nur uff eenen Schlaj und jejen bar.“
„Aba ’n Recht dadruff haben bloß die jungen Lemkes“, warf Onkel August ein, „wie kommt denn der Olle zu?“
„Die jungen Lemkes wollen sich nich mit eich vakrachen“, sagte Onkel Karl, dem die Geschichte nun ganz klar wurde. „Nee, wollen sich nich mit eich vakrachen, und da haben sie ihre Forderung an den ollen Lemke vakooft. Und als ick letzten Sonntaj bei sie draußen war, hat mir der Olle beufftrajt, det Jeld inzutreiben oda eich det Klavier abzunehmen. Ick wirde eich ja raten, bezahlt’s lieba!“
„Nimm dir det Dreck uff’n Buckel und zieh ab mit“, sagte Onkel August ärgerlich, „denn hört endlich mal det Stoobwischen uff. Ick hab’ mir’t ja imma jedacht, det wir deswejen noch mal Ärjer haben werden!“
„I wo – die Sache stimmt noch nicht, da ist wat faul bei“, sagte Tante Liese, „aba ick werde mir akundjen jehen, und denn wird sich’s ja ’rausstellen!“
„Ja, det kannste tun, aba det Klavier nehm’ ick heite schon mit, det muß jestimmt werden, det soll ick jleich zu den Herrn Hahn bringen, hat der olle Lemke jesajt!“
„Ach so – nu merk’ ick wat“, sagte Tante Liese, „weeßt du, wat du bist, Onkel Karrel? Du bist een fauler Kopp – schwindelst – schäm’ dir wat.“
„Det hat mir noch keena zu sajen jewagt, nu jeh’ ick direktement nach Schöneberj, hol’ mir von den ollen Lemke ’ne Vollmacht, und denn komm ick mit’n Möbelwajen zurück und lad’ det Klavier uff, macht’s man inzwischen reene. Vorwärts, Nulpe, wir jehen, so wat lassen wir uns nich bieten – adje!“
Der Schandfleck der Familie
Aber mit dem Gang nach Schöneberg hatte es Onkel Karl nicht so eilig. Als er aus dem Fischerviertel hinaus war, zog er auf weiten Umwegen, immer in Angst und Sorge, daß er einen Gläubiger treffen könnte, nach der Landsberger Straße.
Er hatte sich unterwegs etwas anderes überlegt, um die hundert Taler zu bekommen. Tante Marie hatte ihn schon einmal unterstützt, damals im Frühjahr, als er seine Karriere als Bauunternehmer begonnen hatte. Da war sie es gewesen, die auf das Versprechen hin, in dem neuen, schönen Hause ein sonniges, großes Balkonzimmer zu bekommen, mit ihren Spargroschen herausgerückt war, damit er sich an dem Unternehmen hatte beteiligen können. Nun wollte er den Versuch machen, „den Rest“ von ihr zu bekommen.
Aber er hatte offenbar keinen günstigen Tag heute, der Empfang, der ihm zuteil wurde, gefiel ihm nicht. Tante Marie nahm kaum Notiz von ihm und unterhielt sich gleich wieder mit dem Zigarrenhändler Krause, Herr Lemke hatte mit der Bedienung der Gäste zu tun, und Frau Lemke litt an Zahnschmerzen und war deshalb schlechter Laune.
„Et jibt vaschiedene Mittel jejen“, sagte Onkel Karl, „aba det beste is woll, man hat den hohlen Zahn mit die Wurzel in de linke Westentasche. Wenn’t reimatisch is, lej doch mal die kranke Backe an Nulpen seen Fell, det zieht den Schmerz ’raus!“
„Oda ooch nich“, sagte Frau Lemke, die vor Schmerzen nur ganz wenig den Mund zu bewegen vermochte. „Wennste det arme Luda off die Weise ausnutzen willst, denn halt’s man erst ’n bißken sauberer. In den sein’n Pelz hecken se ja!“
„Ick werd’ mir noch ’n Affen anschaffen, der kann Nulpen denn ja absuchen“, sagte Onkel Karl, dessen hoffnungsfreudige Stimmung nun auch umschlug, „dazu hab’ ick mir det teire Tier doch nicht jekooft, det jeder dran ’rumnörjeln tut!“
Herr Lemke, den der Hund umschwänzelt hatte, ging nach der Küche und kam mit ein paar Knochen zurück, die er Nulpe unter den Tisch warf: „Da, nu vahalt dir aba still da unten“, sagte er. Dann fuhr er sich verlegen mit der Hand über die Bartstoppeln und meinte: „Hör’ mal, Onkel Karrel, hier kommen jeden Taj jetz Leite, sich nach dir akundjen, möchste nich mal ’ne annre Refrenz uffjeben? Ick hätte ja jewiß nischt jejen inzuwenden, aba det sind zumeist sonne Brieda mit blaue Mitzen und Aktenmappen, und det schad’t dem Lokal!“
Onkel Karl war sehr erstaunt. „Nu saj mal, wat wollen die denn eejentlich von mir, zeijen se denn irjend wat vor, äußern se sich denn janich ’n bißken?“
„Det wirste schon merken“, sagte Herr Lemke, „laß dir man mal mit Nulpen sehen, denn pappen se den ’n Siejel uff’n Schwanz, und futsch und wej is eens!“
„Also – hier bin ick nu ooch schon nich mehr sicha – na ja, ick kann ja jetz mal zur Abwechslung Tante Liesen ihre Adresse anjeben lassen, denn ick hab’ det nich jetan, det besorjt der Jeneralbevollmächtijte, unsa lieba Hahn!“
„So?“
„Ja – ibrijens is det nischt besonnres“, sagte Onkel Karl mit Genugtuung und einem zuversichtlichen Lächeln, „det muß man sich eben jefallen lassen, wenn man in’t öffentliche Leben steht.“ Und dann stieß er vertraulich Herrn Lemke an: „Hör’ mal, Willem, der da – bei Tante Marie – der Krause, wat is denn det for’n Mensch?“
„’n sehr netta, freindlicha Mann!“
„Na, hat’r denn wat?“
Trotz ihrer Schmerzen mischte sich nun Frau Lemke in das Gespräch: „Untasteh’ dir janich – den laß jefällijst zufrieden!“
Onkel Karl besah sich seine Weste. „Ja – bin ick denn jemeinjefährlich, warum denn sonne Angst – ick werd’ mir doch noch mit die Leite untahalten derfen!“
Und um ihr zu beweisen, daß er sich als freier Mann keine Vorschriften machen lasse, nahm er sein Weißbierglas und sagte: „Ick werd’ mir mal ’n bißken bei ihnen setzen und zuhören, wat die so woll reden!“
Aber das Gespräch verstummte in dem Augenblick, da er sich an den andern Tisch niedergelassen. Nulpe – widerwillig knurrend – war, einen Knochen in der Schnauze, seinem Herrn gefolgt.
„Karrel, ick wollte dir bloß bitten“, sagte Tante Marie, „wennste jehst, paß’ ’n bißken uff, det deene Töle nich an den Oljanda kommt!“
„Merk’ dir det, Nulpe“, sagte Onkel Karl unter den Tisch hinunter, „du bist ’ne Töle, und det draußen is ’n Oljanda! Vorleifij jeh’ ick aba nich, ick jedenke sojar hier noch Abendbrot zu essen – wat sajste nu?“
Herr Krause, der in seiner langen Weichselrohrpfeife gestochert hatte, erhob sich. „Ja, ich muß nun wieder mal ’rüber in meinen Laden, vielleicht komm ich nachher noch mal – adje solange!“
„Adje, adje“, sagte Onkel Karl, aber als sich nun Tante Marie ebenfalls erheben wollte, wandte er sich hastig zu ihr: „Ick muß dir wat sehr Wichtijes sajen!“
„Wat’n?“ Tante Marie sah ihn böse und mißtrauisch an.
„Mir hat wat Furchtbares jetreimt!“
„Is dir recht“ – und Tante Marie wandte sich ab.
„Und denn hatt’ ick ooch ’ne janz seltsame Ascheinung“, sagte Onkel Karl feierlich.
„Det kann man sich ja denken, bei dein’ ruheloset Leben!“
„Det war sicherlich Lemkes Selje“, sagte Onkel Karl.
„Jott sei Dank, det se nu bei dir anjelangt is, villeicht macht se noch’n ordentlichen Menschen aus dir – Karrel, Karrel, wo bist du hinjeraten!“
Onkel Karls Augen schielten plötzlich, und er mußte ein paarmal krampfhaft schlucken. Tante Marie sah ihn lange prüfend an und sagte seufzend: „Man wird aus dir eben nich kluj – denkste, ick weeß nich, dette det Jesichte ooch uff Kommando machen kannst! Damit haste schon imma als Junge standjehalten, wenn die andern Lausejungens wejjeloofen sind.“
„Na, denn nich“, sagte Onkel Karl und rollte die Augen wieder zurück, „nu ha’ ick’s ibawunden, et war bloß ’n Schwächeanfall, wie er iba die stärksten Rollkutscha kommen kann. Ihr stoßt mir von eich – jut – jut, jetz jeh’ ick unta die Vabrecha, nu sollt ihr aba wat von mir aleben, nu komm’ ick in die Zeitung!“
„Karrel, ick sage dir, denk’ an unse Eltern!“
„Nee – tu’ ick nich!“ – Er schüttelte energisch den Kopf und sagte mit erstickter Stimme: „Die Behandlung heite hier hat mir den Rest jejeben. Ihr könnt eich ja nachher später jejenseitij die Vorwürfe machen, denn det kann ick dir jleich sagen, liebe Marie – eh’r mir eena fängt, schieß’ ick’n ibern Haufen!“
„Wa’m wollen se dir denn fangen?“
„Det möcht’ ick alleene wissen – wat se wirklich nu schon von mir haben, wenn se mir haben! Wascheinlich is keen annrer da, den se steekern können!“
„Det Unjlick is, dette dir kenne ordentliche Frau jenommen hast“, sagte Tante Marie, „die hätte dir zusammenjehalten, hätte dir jekocht und die Kneppe anjenäht, aba du hast von kleenuff schon imma so’n unsoliden Eindruck uff alle Leite jemacht!“
„Und dabei hat mir Vata doch so jedroschen“, sagte Onkel Karl „und mir die untajelejten Pappdeckel imma aus die Hosen jezojen. Und darum jloob’ ick doch, det ick zu wat Besseres jeboren bin – sonst wär’ ick doch schon längst vaheirat’t!“
„Wenn du nu Kinda jekriejt hätt’st – wat wirdest du die for’n schlechtet Beispiel jejeben haben!“
„Och –“, sagte Onkel Karl, „wenn ick Kinda kriejen könnte, denn wird’ ick mir for Jeld sehen lassen, und die jroßen mißten mir anähren, und die kleenen wird’ ick vakoofen!“
„Fui Deibel – mit dir derf man wahaftij keen Mitleid nich haben“, sagte Tante Marie, „du bist da draußen uff die Wiesen janz und jar vakommen. Mir tut bloß der arme Hund leid, wat der bei dir so ausstehen mag!“
„Wi’sten koofen – der is uff alle Sorten Jeister dressiert ...“
„Spotte du man – du wirst schon in die Hölle an mir denken!“
„Wenn ick man erst drinne wäre, alle Deibels wirden sich freien. Denn führ’ ick se an nach’n Himmel, und denn machen wir eenen furchtbaren Krach!“
„Watte man, watte man“, sagte Tante Marie, weeßte denn nich mehr, wie’t in die Bibel steht: ‚Ihr werdet Rechenschaft ablejen missen for jegliches unnütze Wort!‘?“
„Da kämen wa aus det Jerechne ja janich mehr ’raus“, sagte Onkel Karl, „und denn wär’ die Ewijkeit um, und wat wär’ denn dann?“
Tante Marie sah ihn starr an, sagte: „Fuih, du bist een Jotteslästera, fuih und nochmals fuih!“ – und wandte sich entrüstet ab.
„Det tuste bloß, weil du mir keen Jeld jeben willst, aba watte man, et kommt noch janz anners mit mir!“
Sie wandte sich nochmals um und sagte: „Mach’s man wahr, Vata hat et ja noch uff’n Totenbett jesajt, det du Schande uff unsan ehrlichen Namen bringen wi’st!“
„Schande is janischt jejen, und uff’n Totenbett hat Vata ja janich mehr reden können!“
Aber Tante Marie hörte nicht mehr, was er sagte, sie ging zu Frau Lemke und sagte ihr etwas ins Ohr. Frau Lemke schüttelte sich und rief ihren Mann, und als er kam, erzählten sie ihm gleichzeitig Onkel Karls Lästerungen.
Da hielt es Onkel Karl für angebracht, „Nulpe“ am Halsband zu packen, dem widerstrebenden Tier den Maulkorb anzumachen und sich zu entfernen, ohne auch nur Lebewohl zu sagen.
Ein bißchen Bildung
In den nächsten Tagen ereignete sich etwas, das Tante Marie mit Grauen und Mitleid erfüllte. Es geschah – bald mittags, bald abends oder morgens –, daß ein bis aufs Skelett abgemagerter großer, zottiger Hund keuchend und abgehetzt durch die Landsberger Straße jagte, in Lemkes Restaurant und Bierlokal stürzte, dort mit aufgeregtem Winseln jeden Winkel abschnüffelte und dann wieder davonraste, ohne sich von jemand halten zu lassen.
„Nulpe – Nulpe –“ schrien die Straßenjungen hinterher und warfen ihm Steine nach. Und kaum eine halbe Stunde später wurde das abgehetzte Tier draußen in Schöneberg bei den alten Lemkes und dann – später wieder – im Fischerviertel bei Onkel August gesehen. Und überall sagten die Leute: „Et is angebunden jewesen, det arme Tier, und hat sich losjerissen, det sieht man ja noch an det Seil, dettet mitschleeft. Wascheinlich sucht et sein Herrchen, wenn’t man nich der Schinder kriejt!“
„Paßt ma’ uff, mit Onkel Karrel is wat“, sagte Tante Marie, der es über den Rücken lief, „den werden se wo finden, starr und steif, oda von’n Ast abschneiden!“
Die junge Frau Lemke meinte jedesmal: „Na, da missen wir uns ’n bißken kimmern, wa können ihn doch nich janz und jar in Stich lassen, zu det Bejräbnis muß doch eener mitjehen. Willem, zieh’ dir ma’ die Stiebeln an und jeh’ los und kimmere dir ’n bißken!“
Wenn Herr Lemke dann nach ein paar Stunden zurückkam, konnte er nur immer sagen: „Keene Spur – et jloobt ooch keener an den sein’n Tod, in’t Jejenteil, se sajen, er hat sich bloß dinne jemacht. Und wat man da allet zu hören kriejt: Vatan in Schöneberj hat er anpumpen wollen, Tante Liese hat er det Klavier fänden wollen! Ach – und nu erst in seene Wohnung oder uff’n Bau und in ‚Nei-Kalifornien‘, da stehen die Leite Taj und Nacht und warten. Der hat sich ’rinlejen lassen, dunnawetta – und dabei, wenn man jenau hinhört, merkt man, det er eijentlij ganz unschuldij ist, und det die Leite ihm man bloß so nachloofen, weil man sie uff ihn jehetzt hat.“
„Wo wird sich denn der ooch uffbammeln“, hatte Frau Lemke gesagt, „da kennt ihr Onkel Karreln schlecht! Der hat längst ’n jroßet, neiet Untanehmen vor – eenes Tajes wird er schon wieda ufftauchen und so tun, a’s wenn er ibahaupt nich wejjewesen is!“
Diese Ansicht hatte viel Wahrscheinlichkeit und wurde durch das Gerücht unterstützt, daß dieser oder jener der Gäste Onkel Karl irgendwo gesehen haben wollte. Und schließlich beruhigte sich auch Tante Marie: „Er is ja schon eenmal wejjewesen und seenen Meester aus die Lehre jeloofen, hat sich in die Welt ’rumjetrieben und sich denn doch wieda anjefunden. Ick jloob’ et ja nu ooch schon halb und halb, det er wieda uff die Wandaschaft jejangen is.“
Im Grunde genommen hatte auch jeder so mit seinen eigenen Angelegenheiten zu tun, daß er sich nicht um andere kümmern konnte. Frau Lemke kam schon nicht mehr aus den Sorgen heraus: die Kinder – erst Edwin und dann die kleine Liese – hatten die Masern bekommen, und es war Herbst geworden, bis die Kleinen soweit waren, daß man wieder aufatmen konnte. Und dann legte sich wieder Tante Marie, die sich bei den Nachtwachen überanstrengt hatte, und alle Gäste fanden es rührend, wie nun Herr Krause Tag für Tag kam, sich eingehend erkundigte und jedesmal eine kleine Aufmerksamkeit mitbrachte: eine seltene Messinaapfelsine, die die Kranke mit Zucker essen sollte, oder zur Zerstreuung einen der bunten Neu-Ruppiner Bilderbogen, manchmal auch Blumen oder die neuesten spaßhaften Couplets.
Und dann saß Herr Krause, nachdem er erfahren, daß sein Präsent gut aufgenommen worden war, in der Nähe des Eingangs und paßte getreulich auf, daß die Hunde dem Oleander nicht zu nahe kamen. Wenn sich dann Frau Lemke zu ihm setzte, erfuhr sie so mancherlei, das ihr bisher bei ihrer Geschäftigkeit entgangen war. Herr Krause wußte über die Leute im Hause und in der Nachbarschaft gut Bescheid.
„Wat wohnt da nich allens in sonne jroße Mietskaserne“, pflegte er zu sagen, „wat steckt nich alleene bei Sie hier in’t Hintahaus! Lauta kleene Leite, die sich durchs Leben schlajen, so jut oder so schlecht et eben jeht. Ick habe wenij Schlaf und bin ’n Frühuffsteher – da seh’ ick, wie eena nach’n andern morjens uff de Arbeet jeht, wie se abends za Hause kommen und wat sich hier in de Nacht tut, wenn man denkt, det alle schlafen und det Haus zu is.“
Und mit einer Kopfbewegung wies Herr Krause dann manchmal auf die Vorübergehenden: „Sehen Se den da? Det is’n Steinmetz, der hat die Schwindsucht und hust’t sich tot! Und die da – det junge blasse Meechen – die hat sich mit eenen injelassen. Nu sitzt se da und lauert, bis allet vorüba is. Wenn se sich mal uff die Straße sehen läßt, looft se Spießruten, alle kieken se nach. Und det da –“ er zeigte mit der Pfeifenspitze nach ein paar kleinen Kindern, deren Köpfe viel zu groß für die mageren Körperchen waren –, „det sind die Kellawürma. Mutta wascht sich die Finga wund, und Vata sauft. Ja, sehen Se, Frau Lemke, det lebt allet und kraucht ’rum, und man denkt, det beste wär’, wenn se der Totenjräber injebuddelt hätte, aba fragen Se, wen Se wollen, sterben will doch keener nich!“
„Da kann man ja noch ordentlich froh sind“, sagte Frau Lemke. Und während Herr Krause weiter philosophierte, wanderten ihre Gedanken umher, wogen die Ereignisse der letzten Jahre ab, schweiften in die Zukunft, und das Ergebnis konnte sie nur befriedigen. Sie hatten Glück gehabt, aber freilich scharf genug waren sie auch hinterher gewesen, um es zu etwas zu bringen. „Na, nu –“ und sie suchte sich selbst abzulenken –, „nich beschreien, wer weeß, wat eenen noch allet bevorsteht. Uff eenmal is denn det Unjlick da, und denn wird man’s nich wieda los!“
„So is’s“, sagte Herr Krause. „Unjlick is wie Jrienspan oder Rost, man kann putzen, so ville wie man will, man sieht doch immer noch, wo et sich injefressen hat.“
„Man derf sich eben janich mit inlassen – mit det Unjlick“, sagte Frau Lemke. „Et jibt Leite, die haben ihr janzet langet Leben nur imma die Jedanken uff Tod und Bejräbnis und annere sonne traurijen Sachen. Nee, dafor bin ick nich. In’t Jejenteil – ick will jetz erst anfangen und wat von’t Leben haben, ick will mir amisieren! Unse Vawandte, die Tante Liese, die den reichen Fischameesta hat, die möcht’ ick ’n bißken ibatrumpfen – wissen Se – die hält uns nehmlich for ’n bißken pover. Der mißte man ’mal zeijen, det man ooch annern Umjang hat. Sie sind doch so’n jebildeter Mann, Herr Krause! Wodruff et ankommt, wissen Se doch – Sie müßten een’n doch ’n bißken in die Mache nehmen können – wat?“
„Jewiß – jewiß –“, und Herr Krause kratzte sich etwas bedenklich die Perücke, „det könnt’ ick sehr scheen. Sehen Se, Frau Lemke, Se mißten jute Bücher lesen!“
„Nee – det is nischt for mich, det ha’ ick schon frieha ’mal vasucht. Aba da steht man imma von Jräfinnen und Barons drinne, und so wat kann ick ja doch nich mehr werden. Nee, man mißte wo hinjehen und wat sehen, und Sie mißten eenen det ordentlich aklären, wat man nich vasteht!“
„Ach so – so meenen Sie det“, sagte Herr Krause geschmeichelt, „det soll mich schon recht sind!“
„Wenn man erst Tante Marie wieda jesund wär“, denn die mißte natierlich mitkommen, sonst jibt et wieda Jerede, wie dunnemals mit den Herrn Hahn. Von den Mann hätte ick ooch wat lernen können, aba da hab’n mir die Leite vaklascht, und da mußten wir’n ’rausschmeißen.“
„Ja, Tante Marie mißte mitkommen“, sagte Herr Krause begeistert, „da wirden wir ’mal in die ‚Walhalla‘ jehen!“
„Oda in die Opa –“, meinte Frau Lemke.
„Oper – et heeßt nehmlich nich Opa, sonnern Operr – det wird’ ick nich raten. Aba am Weinbergsweg, da jibt’s ’n beriehmtes Volkstheata, wo sehr riehrende Sticke uffjeführt werden, da mißte man ’mal hinjehen. Wenn man da so’n Stick jesehen hat, kann man die janze Woche drieba sprechen!“
„So? – Na ja! Und wat könnte man denn noch for seene Bildung tun?“ fragte Frau Lemke.
„Na – det wär’ doch schon ’n janze Masse“, sagte Herr Krause ermunternd, „aba wenn Sie noch wat Besonderes tun wollen – Se dirfen mir det aba nich ibelnehmen –, denn wird’ ick mir an Ihre Stelle ’n bißken Mihe jeben und richtjer sprechen!“
„Ja, man kann sich ’bei blamier’n mit det Berlinsche, aba man hat et sich ja so anjewöhnt. In die Schule durften wir so nich sprechen, und meene Mutta hat ooch imma jeschumpfen.“
„Jeschimpft“, verbesserte Herr Krause.
„Jeschumpfen“, sagte Frau Lemke, die da glaubte, er habe sie nicht verstanden.
„Ick meene, jeschimpft heeßt et!“
„Ach so – Sie fangen schon an“, sagte Frau Lemke, „na ja, achten Se man uff mir, ick werde Sie schon dankbar sind!“
„Sein!“ sagte Herr Krause.
„... dankbar sind sein“, wiederholte Frau Lemke gefügig.
„Nee, nu is’s janz falsch“, meinte der Zigarrenhändler, „sind sein kann man nie nich sajen.“
„Na – uff een’ Schlaj is det ooch nich zu machen, det muß so langsam mit die Zeit kommen. So peuhapeu – wat heeßt’n det eejentlich uff deitsch?“
„Det is’n Fremdwort“, sagte Herr Krause, „und mit die wird’ ick mir ibahaupt nich inlassen. Wir haben Anno Siebzig-Eenundsiebzig die Franzosen geschlajen, nu haben die ihre Rolle ausjespielt, nu kommen wir dran mit’s Deitsche, det wird jetz Weltsprache!“
„So –“, meinte Frau Lemke, „denn is man bloß jut, det ick erst jar keen Franzesisch jelernt, also – Herr Krause, nu haben wir uns besprochen, nu wollen wir aba ooch Wort halten. Ick wer’t meen’ Mann bejreiflich machen, und er wird et schon insehen. Et is ja ooch schon wejen die Kinda, man muß sich ja schon späta vor sie schämen. Den Edwin wollen wir uff die hohe Schule schicken, und wie sieht denn det dann aus, wenn seene Eltern so jewöhnlich sprechen. Nechstes Jahr zu Ostern kommt der Junge uffs Jimnasium, Jroßvata in Schöneberj hat’s ooch jasajt, bloß meen Mann is noch jejen, aba ick werd’s ihm schon bejreiflich machen!“
Und Frau Lemke nickte Herrn Krause freundlich zu und erhob sich. „Denn meen Mann winkt mir schon immazu“, sagte sie zur Entschuldigung.
Бесплатный фрагмент закончился.
