Читать книгу: «Deutschland zu Fuß»


Aufziehende Sturmfront im Naturschutzgebiet Ribnitzer Moor. Nicht mehr lange, und dann würde hier Weltuntergangsstimmung herrschen (→S. 48).
Inhalt
Vorfreude ist die schönste Freude
Der Norden
Mein ganz persönliches Endzeitszenario
Schmerzen und Hunger
Wind und Wetter
Erste Begegnungen
Wildcampen mit Vierbeinern
Abenteuer Schlafplatzsuche
Eine neue Etappe
Wandern ohne Wanderweg
Erste Unwetter
Naturgewalten am Weststrand
Der Nordosten
Auf dem Festland zum Hünengrab
Begegnungen auf der Seenplatte
Mit Heißhunger nach Waren
Slapstick
Karin und der Wolf
Sabrina
Sehnsüchte und Vorurteile der Anderen
Ursula und mein eigener Strand
Geräusche in der Abenddämmerung
»Schraube«
Sue und Thomas
Traumhafte Ausblicke
Die Mitte
Probleme im Erzgebirge
Leerstand im Spielzeugland
Julia und die Glöckners
1937 bis 2019
Grenzgebiet
Johannisbeeren auf dem Rennsteig
Nich lange schnacken, Kopp in Nacken
Abseits des Weges
Vicci und Jonas
Bierdurst
Schönste Stadt – schönster Fluss
Zwischen Laurenburg und Bad Ems
Der Südwesten
Nina und Florian
Moselfest
Neue Sohlen
Wenn der Körper streikt
Pilgerleben
Deutsche Gastfreundschaft
Ich komme wieder
Bärenbrüder
Peggy und Tilo
Regen lieben lernen
Maik und Steffen
Ziele
Es lohnt sich immer aufzubrechen
Ein besonderer Dank
Impressum
Für
Florian, Jonas, Julia, Maik,Nina, Pat23, Peggy, Sabrina, Steffen,Sue, Thomas, Tilo und Victoria.
Es war mir eine Freude,dass ihr mich ein Stück des Wegesbegleitet habt.
Vielen Dank auch an Nadine und Nicofür die gelungene Überraschungam Ziel der Reise.
Vorfreude ist
die schönste Freude
Die Aufregung bei einem solchen Vorhaben ist für mich am Anfang am größten, also wenn es losgeht und ich mich auf das freue, was vor mir liegt. Man sagt ja: Vorfreude ist die schönste Freude. Das Glücksgefühl unterwegs oder der Punkt, an dem man realisiert, dass das Vorhaben gelingen wird, ist noch mal ein ganz anderes. Schon einige Tage vor Erreichen meines Ziels wurde mir klar, dass eigentlich nichts mehr zwischen mir und dem Endpunkt am Haldenwanger Eck steht. Obwohl ich auch zuvor nie daran gezweifelt hatte, überwältigte mich dieser Gedanke doch regelrecht. Doch die Gewissheit am Ende meiner Tour, dass ich das Vorhaben wirklich durchgezogen hatte, verlieh mir ein unfassbares Gefühl von Glück und Zufriedenheit. Was dabei wirklich in mir vorging, lässt sich kaum in Worte fassen. Ich war einfach nur glücklich und dankbar für den Weg, der hinter mir lag, und wusste, dass jede Entscheidung, die ich unterwegs getroffen hatte, die richtige war. Doch bevor ich zum Ende meiner Reise komme, möchte ich euch von meinem Weg dahin berichten, den tollen Begegnungen, auch den weniger angenehmen Begebenheiten, den aufregendsten Momenten und natürlich dem ganz normalen alltäglichen Wahnsinn, der mich unterwegs begleitete.
Bereits nach meiner 700-Kilometer-Tour durch den Harz fragten mich die Leute: »Wie kommt man auf die Idee, so viele Kilometer zu Fuß zurückzulegen? Der Harz ist doch gar nicht so groß?« Meine Standardantwort lautete immer: »Wenn man im Zickzack läuft und so viel wie möglich entdecken möchte, kommt man auch in einer kleinen Region schnell auf 700 Kilometer.« Ähnliche Fragen erreichten mich nach meiner 3442-Kilometer-Fernwanderung durch Deutschland. Natürlich hätte ich die Bundesrepublik auch in rund 1000 Kilometern von Nord nach Süd durchwandern können, doch das reizte mich nicht. Ich wollte mehr von dem Land sehen, mir Zeit dafür nehmen und nicht nur die üblichen Top Trails gehen. Alle für mich interessanten Landschaften und die Verbindungen zwischen ihnen ergaben diese Summe. Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass auch der Gedanke verlockend war, der Erste zu sein, der eine solch weite Strecke nur in Deutschland am Stück zu Fuß zurücklegt. Da ich von vornherein plante, einen Dokumentarfilm über dieses Vorhaben zu drehen, sollte es natürlich auch etwas Besonderes sein.
Meine Route durch Deutschland plante ich nur in groben Zügen. Die tatsächliche Strecke ergab sich unterwegs spontan, von Woche zu Woche. Gerade auf so einer Tour mag ich es nicht, wenn alles vorhersehbar und durchgeplant ist. Ich möchte spontan agieren können und mich selber überraschen. Mir ging es hauptsächlich darum, in der Natur unterwegs zu sein. Die Besorgung von Vorräten musste sich dem unterordnen. Sehenswürdigkeiten spielten bei meiner Planung ebenfalls keine große Rolle. Sie waren, wenn sie zufällig auf meiner Route lagen, eher ein zusätzlicher Bonus am Wegesrand.
Auch wenn ich sonst ein Freund von traditionellen Wanderkarten bin, wären diese auf so einer langen Tour zu umständlich gewesen. Ich hätte ständig neue Karten organisieren und zusätzlich überflüssiges Gewicht mit mir herumschleppen müssen. Also entschied ich mich für die Deutschland-Wanderkarte der Kompass-App. Da ich sonst immer diesen Verlag nutze und die App optisch ähnlich aufgebaut ist, kam ich damit schnell gut klar.

Deutschland bietet viele spannende Fernwanderwege, und selbst nach 3442 Kilometern zu Fuß durchs Land hat man noch lange nicht alles gesehen, was es in diesem Land zu entdecken gibt.

Auch abseits der bekannten Fernwanderwege Deutschlands lohnt es sich, einen Blick zu riskieren. Unweit vom Rennsteig befindet sich zum Beispiel der höchste frei stehende Kletterfelsen Thüringens.
Um eins vorwegzunehmen: Eine genaue Auflistung der einzelnen Wege meiner Tour gibt es nicht, auch keinen GPS-Track. Jeder, der eine Tour in diesem Stil machen und das damit verbundene Gefühl von Freiheit erleben will, sollte sich seinen eigenen Weg suchen. Denn genau das ist Teil einer solchen Tour. Eine Route nachzulaufen ist einfach, doch definitiv weniger spannend. Das ist wie im Leben: Sucht, findet, geht euren eigenen Weg und nicht den, der euch von jemand anderem vorgelegt wurde. Dieses Buch soll also kein Wegweiser für Menschen sein, die vielleicht eine ähnliche Reise planen. Ich wünsche mir allenfalls, dass es vielleicht den ein oder anderen inspiriert, loszuziehen.
Der Norden
576 km


Motivation für das, was vor mir liegt: ein traumhafter Sonnenuntergang am ersten Abend meiner Reise im Norden der Insel Sylt.
Mein ganz persönliches
Endzeitszenario

Am Morgen des 20. Mai 2019 ging mein Zug von Leipzig nach Sylt. Neun Stunden Fahrt lagen vor mir. Für die ersten zwei Nächte hatte ich mir auf Sylt eine Unterkunft gebucht und wurde gleich mit einem für Deutschland ungewöhnlichen Preisniveau konfrontiert. Sylt wird nicht umsonst als Insel der Reichen und Schönen betitelt. So buchte ich die billigste Unterkunft, die ich finden konnte: für schlappe 150 Euro pro Nacht. Der Eigentümer der Pension holte mich persönlich am Bahnhof ab. Er drehte in seinem SUV noch ein paar Runden mit Umwegen, während er mir einiges über die Insel erzählte.
Sylt ist nach Rügen, Usedom und Fehmarn die viertgrößte Insel Deutschlands und die größte deutsche Nordseeinsel. Sie erstreckt sich über 38 Kilometer in Nord-Süd-Richtung. An der Ostseite das Wattenmeer, das bei Niedrigwasser weitgehend trocken liegt und Teil des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer ist. Sylt ist die einzige Nordseeinsel, auf der heute noch Wanderdünen zu bestaunen sind. Viele Jahrzehnte lang wurden im Norden und im Süden der Insel immer wieder Acker- und Weideflächen, aber auch Häuser unter den Sandmassen begraben. Um ihre Häuser, Grund und Boden zu schützen, begannen die Anwohner, die Dünen mit Strandhafer zu bepflanzen. Durch die bis zu zwölf Meter langen Wurzeln kann ein Wandern der Dünen verhindert werden. Die größte der heute noch existierenden Wanderdünen steht unter Naturschutz und darf nicht betreten werden. Allerdings gibt es gut angelegte Wanderwege, auf denen man den Wanderdünen im Listland nahe kommen kann. Westerland ist das Zentrum der Insel, wo knapp die Hälfte der rund 18 000 Einwohner von Sylt lebt. Wer es ruhiger mag, genießt lieber die ausgedehnten Heide- und Dünenlandschaften im Inselnorden. Dort, in der Nähe von List, hatte ich mir für die ersten zwei Nächte ein Zimmer gesucht, um mich auf die Tour vorzubereiten und am nördlichsten Punkt Deutschlands meine Wanderung zu beginnen.
Ich wanderte vom Norden der Insel zum elf Kilometer langen Hindenburgdamm, der Sylt mit dem Festland verbindet. Meine letzte Nacht verbrachte ich im Freien, unterhalb des Morsum-Kliffs, einer mehr als 20 Meter hohen und bis zu zehn Millionen Jahre alten Felsformation. Bereits am Hindenburgdamm musste ich meine Wanderung kurz unterbrechen, da dieser nicht begehbar ist, sondern nur mit dem Zug passiert werden kann.
Die ersten 517 Kilometer meiner Tour führten nach Sylt entlang der Nordsee, über den Nord-Ostsee-Kanal bis auf die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. An der Ostsee war ich auch früher schon oft, die Nordsee hingegen war mir bis dahin unbekannt. Gerade die Stimmung bei Ebbe faszinierte mich. Von Klanxbüll bis nach Husum bewegte ich mich hauptsächlich auf dem Nordsee-Radweg vorwärts, der um diese Jahreszeit menschenleer war. Allerdings hatte ich dafür noch nie zuvor so viele Schafherden gesehen, die auf der östlichen Seite meines Weges unermüdlich das frische grüne Gras stutzten.
Auf der westlichen Seite lag die Nordsee, die zwischen den Gezeiten wechselte und unermüdlich kalten Wind von der See an Land blies. Meine Fantasie wurde von dem kalten, rauen Wetter und der unendlichen Weite bei Ebbe beflügelt. Gleichzeitig machte sich eine Art Endzeitstimmung in mir breit. Das war es wohl auch, was mir einen solchen Kick gab. Schon seit ich denken kann, verschlinge ich Endzeitromane und lasse keinen Hollywoodfilm aus, der sich diesem Thema widmet. Endlich konnte ich meine zugegebenermaßen etwas bizarre Vorliebe für Endzeitszenarien ungehindert ausleben. Ich fühlte mich ein wenig wie Denzel Washington in »Book of Eli« oder wie der Revolvermann Roland Deschain in Stephen Kings Fantasy-Saga »Der dunkle Turm«.

Der stetige Wind kennt keine Pause.

Die Wolkenformationen und der weite Blick bei Ebbe beflügeln meine Fantasie.
Schmerzen und
Hunger

Bereits an den ersten Tagen meiner Wanderung bildeten sich erste Blasen an meinen Füßen. Ich sollte noch lange damit zu kämpfen haben. Das wunderte mich sehr, da ich solche Probleme von vorangegangenen Touren nicht kannte. Leider gibt es kein Patentrezept gegen Blasen. Egal, wie sehr man sich durchs Netz googelt, man findet zwar Tipps wie doppelte Socken, Trailrunning-Schuhe etc., doch jeder Mensch und jeder Fuß sind anders. Ich gewöhnte mich schnell an das übliche Prozedere: Blase aufstechen und desinfizieren, Pflaster mit einem Stück Binde verstärken und ran an die zerriebene Stelle. In den folgenden Wochen testete ich wirklich alles, was ich je darüber gehört oder gelesen hatte, bis ich mir fest vornahm, die Schmerzen zu ignorieren, egal, wie sehr es brannte. Ich beobachtete mich sogar bei Selbstgesprächen, die nur um die schmerzenden Stellen kreisten, was der Sache nicht gerade förderlich war. Mit Ignoranz hoffte ich, die betroffenen Stellen früher oder später abzuhärten und konzentrierte mich auf andere Körperteile, um meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Irgendwann gelang mir das ganz gut. Am Ende half völlig unerwartet mein gefühlt dreißigstes Paar neue Einlegesohlen, das ich auf der Tour ausprobierte.
Auf einer kleinen Landzunge bei Dagebüll, direkt gegenüber der Insel Föhr, übernachtete ich auf einem Campingplatz. Meine Füße sehnten sich nach einer Erholung und ich mich nach einer warmen Dusche und einem guten Essen. In der Nähe meines Schlafplatzes, den ich weit abseits der vielen Wohnwagen auswählte, stand ein weiteres Zelt. Es dauerte nicht lange, und der langhaarige, vollbärtige Besitzer des Zeltes kam in auffällig bunter Outdoor-Kleidung auf mich zu. Er war begeisterter Bergsteiger und gönnte sich eine Auszeit von seiner Heimatstadt Wien, da er endlich mal das Flachland erkunden wollte. Ihm ging es wie mir mit der Nordsee. Nie hatte es ihn von den Bergen weggezogen, da er sich einfach nicht vorstellen konnte, dass es an der See etwas Spannenderes als Wasser zu sehen geben könnte. Nun war er froh, das Experiment gewagt zu haben, und begeistert von der Weitsicht, die ihm diese Landschaft bot. Wir tauschten uns ausgiebig über unser Outdoor-Equipment aus und fachsimpelten über diverse Ausrüstungsgegenstände, die auf so einer Tour sinnvoll oder auch weniger sinnvoll sind. Da ich annehme, dass viele Leser*innen sich für das Equipment interessieren, das ich auf solch einer Tour auf meinem Rücken trage, hier ein kleiner Einblick in meine Outdoor-Ausrüstung:
KLEIDUNG
– Unterhose
– Socken
– T-Shirt langärmlig
– Merino-Hoodie
– Polartec-Hoodie
– Daunenjacke
– Regenjacke
– Regenponcho
SCHLAFEN
– Doppelwandzelt inklusive Unterlegplane, Gestänge und sechs Heringe
– Aufblasbare Isomatte
– 3–4 Jahreszeiten Schlafsack
KOCHEN
– Wasserdichter Packsack
– Titanium-Topf
– Gaskocher
– Gaskartusche
– Löffel
– Wischtuch
– Zwei 2,5-Liter-Wassersäcke
– Selbstgebauter Duschaufsatz
– Wasserfilter
– Feuerzeug
– Multifunktionsmesser
PFLEGE
– Wasserdichter Packsack
– Zahnbürste und Zahnpasta
– Sonnenschutz
– Biologisch abbaubares Waschmittel
– Acryl-Spiegel
– Nagelzwicker
– Ohrenstäbchen
– Handspiegel
– Rasierapparat
– Toilettenpapier
– Handtuch
ERSTE HILFE
– Verbandsmaterial
– Pflaster
– Schmerzmittel
– Entzündungshemmer
REPARATUR
– Reparaturset Zelt
– Reparaturset Isomatte
– Drei Meter Paracord
– Nähzeug
LUXUS
– Outdoor-Kopfkissen
– Campingstuhl
– Schlafmaske
– Ohropax
In Husum nahm ich mir ein Hotelzimmer. Ich wachte auf einer Matratze auf, in der ich schlichtweg versank. Ich hatte das Gefühl, auf einem Marshmallow zu schlafen, was keineswegs meinem Bedürfnis nach einer wohltuenden Schlafunterlage entsprach. Egal. Ich machte mich frisch und peilte voller Vorfreude den Frühstücksraum an. Bei einem Übernachtungspreis von 89 Euro hatte ich mir fest vorgenommen, so viel wie möglich in mich hineinzuschaufeln. Da lohnt es sich doch, gleich Brote für unterwegs vorzubereiten. Gesagt, getan. Vier Brötchen, Unmengen Obst und zwei Stullen in Servietten verpackt, fielen für mich als Vorrat ab. Jetzt fühlte ich mich gut und konnte auch über den Preis schmunzeln. So satt war ich schon seit Tagen nicht mehr. Eigentlich plagte mich auf der gesamten Reise ein ständiges Hungergefühl. So viele Kalorien, wie ich verbrannte, konnte ich gar nicht aufnehmen, geschweige denn in meinem Rucksack mit mir herumschleppen.
Verpflegung für vier bis fünf Tage hatte ich immer im Rucksack dabei. So konnte ich eine Zeit lang in der Natur bleiben und mich von der Zivilisation fernhalten. Morgens gab es einen Apfel und eine Schüssel Müsli. Damit es nicht zu trocken ist, vermischte ich es mit einem »Obstquetschi« und ein wenig Wasser. Quetschis sind eigentlich eine ökologische Katastrophe, und es ist mir ein Rätsel, warum Menschen 90 Gramm zerquetschtes Bio-Obst in Kunststoffverpackung zum Auslutschen kaufen. Als Outdoor-Proviant sind sie allerdings optimal. Die Zwischenmahlzeit bestand aus zwei Scheiben Brot mit Tomaten und einem Gemüse-Aufstrich. Noch zwei, drei Powerriegel am Tag und abends eine Fertignudelsuppe. In meinem Fall sollte es vegan, zumindest vegetarisch sein.
Hin und wieder bietet auch die Natur unterwegs verschiedene Köstlichkeiten, die man direkt vom Baum oder vom Busch pflücken und essen kann. Allerdings sollte niemand denken, dass man davon satt wird. Definitiv nicht. Ich habe in den 165 Tagen meiner Wanderschaft mindestens zwölf Kilo abgenommen. Obwohl ich mich, sobald sich ein Café oder Ähnliches bot, mit Kuchen und Eisbechern vollgestopft habe. Zwei Stück Torte und ein Eisbecher waren auf der Tour keine Seltenheit. Auch in den Ortschaften, in denen ich mir eine Unterkunft nahm, suchte ich gezielt nach Restaurants, die meinen gefühlt ständig leeren Magen bis zum Bersten füllten.
Wind und
Wetter

Bei Ostenfeld machte ich Rast unter einem Windrad. Irgendwie war das spannend, da ich schon immer mal ganz nah an so ein Ding heranwollte. Erst wenn man direkt darunter steht, realisiert man, was für monströse Bauwerke das sind. In der ganzen Gegend waren die Windräder zu sehen, und alle rotierten fleißig, um Strom zu erzeugen. Bis auf das, unter dem ich saß. Aber das war gut so, denn die Dinger machen auch ordentlich Lärm. Grundsätzlich genieße ich lieber den Blick in die Ferne, ohne dass er am Horizont von Stromerzeugern gestört wird. Auf der anderen Seite bin natürlich auch ich an erneuerbaren Energien interessiert und halte sie für eine vernünftige Alternative zu fossilen Brennstoffen. Eines der Hauptargumente gegen Windräder ist der Vogelschlag. Jährlich sterben dadurch wohl zwischen 50 000 und 100 000 Vögel. Betrachtet man jedoch andere Zahlen, relativiert sich die Zahl schnell. Alleine durch Kollisionen im Bahn- und Straßenverkehr kommen jährlich etwa 70 Millionen Vögel um. Durch Glasscheiben an Gebäuden sind es alleine in Deutschland sogar 100 Millionen. Der Vogelschlag durch Windräder ist wiederum problematisch, da es häufiger seltene Arten trifft wie zum Beispiel den Rotmilan oder Fledermäuse. Weitere Störfaktoren sind der Lärm, erzeugter Infraschall, Schattenwurf oder die Veränderung des Landschaftsbildes. Einerseits sollten diese Probleme in meinen Augen nicht ignoriert werden. Andererseits ist in unserer Gesellschaft eine weitaus schlimmere Lärmbelästigung in anderen Bereichen allgegenwärtig. Das durch Windkraftanlagen veränderte Landschaftsbild ist auch mir ein Dorn im Auge, jedoch empfinde ich die Erweiterung des Acker-, Städte- und Straßenbaus ebenso wenig als Augenweide. So nehme ich also lieber diese durchaus berechtigten Einwände in Kauf, als weiterhin auf fossile Energie zu setzen. Der Mensch hat sich nun mal auf diesem Planeten breit gemacht und benötigt Energie. Daher müssen wir mit der bisher bestmöglichen Erzeugung leben, denn darauf verzichten können wir alle nicht.
Regen ließ in diesen Tagen nie lange auf sich warten. Vier Kilometer vor Hollingstedt waren meine Klamotten, vor allem meine Hose, so durchnässt, dass ich mir für die kommende Nacht eine Unterkunft suchen wollte. Vor dieser Tour habe ich bei der Vorbereitung bewusst auf eine Regenhose verzichtet. Als meine Wanderhose nur noch wie ein nasser Lappen an mir herunterhing, fragte ich mich allerdings, auf was für komische Ideen ich manchmal komme, nur um Gewicht zu sparen. Keine Regenhose, aber Kissen, Stuhl und Kameradrohne. Ich nahm mir vor, die Hose bald aus Leipzig nachschicken zu lassen. Das setzte ich allerdings nie in die Tat um, und würde sie nun – nach Abschluss der Reise – auch beim nächsten Mal zu Hause lassen.
Im Schutz des Daches einer Bushaltestelle bemühte ich mich, über mein Smartphone eine Unterkunft in Hollingstedt ausfindig zu machen, was mir nicht gelang. Daraufhin rief ich in einer Gaststätte an und fragte, ob man mir dort weiterhelfen könnte. Der Frau, mit der ich telefonierte, meinte: »Vielleicht vermietet Frau Pepper noch.« Im Netz fand ich die Nummer von besagter Frau Pepper und rief sofort an. Sie klang zunächst nicht begeistert, da das Zimmer nicht hergerichtet sei. Nach einem kurzen Plausch und der Versicherung, keine hohen Ansprüche zu haben, sagte sie schließlich zu. Kurz vor Ende des Gesprächs fragte ich noch nach dem Preis für die Nacht. »Ich nehme 25 Euro«, antwortete Frau Pepper. Ich dachte, ich höre nicht recht, tat aber unbeeindruckt und freute mich. Selbst wenn die 25 Euro nur für eine Nacht in der Garage gewesen wären, hätte ich sie in diesem Moment gern bezahlt.

Nach einem regenreichen Tag bekomme ich trotz anfänglicher Schwierigkeiten doch noch eine sehr gemütliche Unterkunft, um mich und meine Kleidung zu trocknen.
Eine Stunde später klingelte ich völlig durchnässt bei Frau Pepper, die mir gleich meinen Poncho abnahm, um ihn zum Trocknen in den Fahrradschuppen zu hängen. Mit den Worten »Ach, hätten Sie doch gleich gesagt, dass Sie Wanderer sind, dann hätte ich sofort zugesagt. Bei Radfahrern und Wanderern sage ich niemals nein«, bat sie mich herein und zeigte mir das Zimmer. Alles ein wenig in die Jahre gekommen, aber sehr gemütlich. Was will man mehr? Ich mochte Frau Pepper, da sie so zurückhaltend und bescheiden wirkte. Auch als ich ihr 30 statt der ausgemachten 25 Euro in die Hand drückte, wollte sie diese erst gar nicht annehmen. Dabei war die Pension weitaus behaglicher und das Bett weniger durchgelegen als in dem teuren »Marshmallow«-Hotel in Husum.
Im Anschluss fragte ich noch, wo ich im Dorf essen gehen kann. Dabei dachte ich an die Gaststätte, deren Mitarbeiterin mir den heißen Tipp mit Frau Pepper gegeben hatte. Meine Vermieterin verneinte. Das Wirtshaus habe nur am Wochenende geöffnet. Im gleichen Atemzug bot sie mir Brot, Mettwurst und Käse an. Das Einzige, was sie vorrätig hätte. Ich schloss Frau Pepper immer mehr ins Herz, lehnte aber dankend ab und erwähnte, noch Brot im Rucksack zu haben. Ich wollte ihr nicht unnötig zur Last fallen, war ich doch schon froh, dass ich überhaupt bei ihr übernachten konnte. Zugegeben, mein Brot blieb an diesem Abend im Rucksack. Stattdessen packte ich den Kocher aus und kochte mir im Zimmer eines meiner Fertiggerichte. Zum Glück gab es dort einen Tisch mit Steinplatte. Auf dem Teppich hätte ich den Kocher nur ungern angeschmissen.
Erste
Begegnungen

Ich lief, bis ich in Groß Rheide an einem Bäcker vorbeikam. Mein Bauch freute sich riesig auf zwei Stück Kuchen und eine Rumkugel, die mir aus der Theke sofort ins Auge stachen. Perfektes Frühstück. Vor dem Bäcker lungerten ein paar Jugendliche herum. Ich fiel ihnen scheinbar besonders auf, woraufhin eine ungefragte Frage-Antwort-Runde startete: »Woher, wieso, weshalb, warum, wohin?« Auch wenn ich in Gedanken nur bei meinem Kuchen war, schwatzten wir kurz. Sie stellten unzählige Fragen, und ich kam mir vor wie im Geografieunterricht: »Kennst du den Schwarzwald? Kennst du die Sächsische Schweiz? Kennst du dies? Kennst du jenes? Und warst du da schon?« Artig beantwortete ich jede einzelne. Als ich dann wiederum fragte, ob einer von ihnen denn schon mal an einem der genannten Orte war, kam ein kurzes »Nö!« Eine seltsame Unterhaltung. Dennoch freute es mich, dass ihnen diese Orte zumindest bekannt waren. Und dann musste ich wieder los, denn mein Magen knurrte wie wild. Ich konnte es kaum noch erwarten, meinen Kuchen zu verschlingen.
Weiter ging es durch Kropp, vorbei am Owschlager See – die Orte in der Gegend trugen seltsame Namen – bis zum Nord-Ostsee-Kanal, dessen Ufer ich nun folgte. Wie der Name schon sagt, verbindet der Kanal Nord- und Ostsee und gehört weltweit zu den meistbefahrenen künstlichen Wasserstraßen. Ich hatte gelesen, dass pro Jahr etwa 30 000 Schiffe diesen Kanal passieren. Gleichzeitig wunderte ich mich, warum ich seit Stunden kein einziges Schiff gesehen hatte, als der erste Frachter plötzlich am Horizont auftauchte. Als hätte ich sie mit meinem Gedanken heraufbeschworen, tuckerten ab diesem Moment vom kleinen Segler bis zum monströsen Frachter die Schiffe im Minutentakt an mir vorüber.

Bei meiner Ankunft am See im Naturschutzgebiet Ahrensee und nordöstlicher Westensee war es noch beschaulich und ruhig. Das sollte sich am kommenden Morgen ändern.
Bei Sehestedt wollte ich die Nacht verbringen, um dort am nächsten Morgen die Fähre über den Kanal zu nehmen. Also plante ich, bis Sehestadt zu laufen, mir dort Wasser zu besorgen und irgendwo in der Nähe zu übernachten. Ich hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als mich ein junger Mann fragte, ob er helfen könne. Ich antwortete, dass ich gerade nach Wasser und einem Schlafplatz Ausschau halte. Er erklärte, nicht weit von hier zu wohnen. Ich könne gern Wasser von ihm haben. Kurz darauf bot er mir auch seine Couch an, von der er mich allerdings um 5 Uhr verjagen müsse, um zur Arbeit zu gehen. Das ist definitiv nicht meine Zeit, um aus dem Bett zu springen oder auch nur die Augen aufzumachen. Nach einem freundlich ablehnenden Dankeschön lief ich trotzdem mit ihm und füllte meinen Wasservorrat auf. In seiner Wohnung bot er mir noch Brot an und fragte, ob er sonst noch etwas für mich tun könnte. Aber mit dem Wasser war ich schon wunschlos glücklich. Er erzählte mir noch, dass in seiner Nachbarschaft wohl mal ein Mann gewohnt hat, der die Legida-Demos in Leipzig mitorganisierte. Diese Information hatte zur Folge, dass wir die Europawahl vom 26. Mai 2019 auswerteten, bei der die AfD in Sachsen mit 25,3 Prozent gewonnen hatte. Ich war beruhigt, dass ihn das ebenso schockierte wie mich.
Als ich von einem Trampelpfad aus durch ein Gebüsch trat, eröffnete sich mir ein herrlicher Blick über den Ahrensee. Mir war sofort klar, dass ich die perfekte Stelle für die Nacht gefunden hatte. Nachdem mein Zelt aufgebaut und das Lager eingerichtet war, hüpfte ich ins kühle Nass. Was heißt kühl? Arschkalt war es. Aber es tat gut. Dann setzte ich mich ans Ufer und entspannte. Bald darauf hörte ich Stimmen. Ein junges Pärchen kam aus dem Gebüsch, wo auch ich kurz vorher gewesen war. Zum Glück hüpfte ich nicht mehr nackt in der Gegend umher. Die beiden grüßten zwar freundlich, waren aber sicher weniger erfreut, dass ausgerechnet an dieser Stelle bei Einbruch der Dunkelheit noch jemand vor Ort war. Da sie in ihrer Zweisamkeit etwas Abstand suchten und ich gerade entfernt von meinem Zelt saß, machten sie es sich genau vor der Nische meines Zeltes bequem, was sie offensichtlich gar nicht wahrnahmen. Das traf sich gar nicht gut, denn ich wollte bald zum Zelt gehen, um dort mein Abendbrot zuzubereiten. Ich wartete noch etwas, tat dann, was getan werden musste, ging zum Zelt und entschuldigte mich, dass ich die beiden jetzt stören müsse, weil ich nämlich heute Nacht hier wohne und mein Essen im Zelt liege. Das Mädel, sehr locker und freundlich, sagte, dass sie sich nicht gestört fühle, wünschte einen guten Appetit und schon einmal vorsorglich eine gute Nacht. Ich bezweifelte, dass ihre Begleitung das auch so entspannt sah. Daraufhin dauerte es auch nicht lang, und die beiden brachen auf. Wir verabschiedeten uns mit ein paar netten Worten. Nun war ich allein der kalten Nacht überlassen. In meinem Schlafsack spürte ich davon nicht viel. Zusätzlich lag ich auf einer weichen Unterlage aus hoch gewachsenem Gras und schlief wunderbar bis zum Morgen, der mich mit überraschend grauem Himmel und anhaltendem Dauerregen begrüßte.
Der Tag war für Regen denkbar ungünstig, denn ich konnte nicht den ganzen Tag im Zelt am See verbringen. Bis auf ein Frühstück war nichts Essbares mehr im Rucksack zu finden. Hätte ich nur nicht all die leckeren Powerriegel, die ich am Vortag vorsorglich in einem kleinen Laden gekauft hatte, schon am Vorabend als Nachtisch verschlungen! Und dann traf mich noch eine Erkenntnis wie ein Blitz: Heute war Feiertag, Christi Himmelfahrt. Es steuerten also die üblichen Himmelfahrtskommandos auf Testosteron und Alkohol durch die Landschaft, um sich selbst bis zum Umfallen zu feiern.
Ab zehn Uhr morgens war dann rings um den See auch die Hölle los. Von den Ufern drang übersteuerte Technomucke – K.I.Z., die Böhsen Onkelz, Trailerpark – und dazu grölende Männerchöre über den See. Ich mag diese Bands. Ich habe auch nichts gegen feiernde Menschen. Doch wenn man gerade in einem ganz anderen Film sitzt, der noch dazu am Ufer eines idyllischen Sees spielt und dann im Gegenzug die angetrunkene Menge hört, die den freien Tag als Aufforderung begreift, so richtig die Sau rauszulassen, drängt sich einem schon die Frage auf, ob die Menschheit noch zu retten ist. In der Befürchtung, eine der Dorfgangs könnte sich zu mir verlaufen, mit der Absicht, in meinem Zelt feuchtfröhlich weiterzufeiern, packte ich – klitschnass wie ich war – alles zusammen und machte mich auf Richtung Kiel.
Wildcampen
mit Vierbeinern

In Kiel suchte ich mir am Abend einen gemütlichen Italiener, um dort genüsslich zu speisen. Das Restaurant war, um es milde auszudrücken, sehr geräumig. Bereits beim Eintreten war es recht leer. Kurz darauf verabschiedeten sich auch die letzten Gäste, und ich war völlig allein in dieser riesigen Lokalität. Aus den Lautsprecherboxen plätscherte mir eine italienische Schmonzette nach der anderen entgegen, sodass ich mir so allein schon etwas fehl am Platz vorkam. Ich hätte laut loslachen können. Aber ich wollte den Kellner nicht irritieren oder verärgern. Wenn die Bilder der unzähligen Mafiosi an den Wänden zu seiner Familie gehörten, stand mir nicht der Sinn danach, mich mit ihnen anzulegen. So zog ich gesittet mein Abendmahl durch, bevor es raus in die Nacht ging.
Die Hafenstadt Kiel erinnerte mich von ihrem Flair tatsächlich ein wenig an Leipzig. Mit 250 000 Einwohnern ist es keine hektische Großstadt. Irgendwie schien alles ziemlich entspannt abzulaufen, und sobald man die Stadtgrenze erreicht, befindet man sich mitten in der Natur. Das ist städtisch gesehen genau nach meinem Geschmack. Kiel ist Landeshauptstadt, bevölkerungsreichste Stadt Schleswig-Holsteins und gilt seit 1900 als Deutschlands nördlichste Großstadt. Bekannt ist der Ort unter anderem für die internationale Segelwoche »Kieler Woche«, die schmackhaften »Kieler Sprotten« und nicht zuletzt, weil hier mit ThyssenKrupp Marine Systems die größte deutsche Werft ansässig ist.
Vorbei am Wellsee, durch das Landschaftsschutzgebiet Klosterforst sowie den Ort Preetz, gelangte ich in den Schellhorner Ortsteil Sophienhof. Dort befindet sich die kleine denkmalgeschützte Kapelle gleichen Namens. Der Eingangsbereich der Kapelle Sophienhof besteht aus einer kleinen Vorhalle mit drei offenen Arkadenbögen. Als ich gerade überlegte, darunter meine Isomatte auszubreiten, hielt plötzlich ein Auto, und ein Mann stieg aus. Es war Achim Caspar, der Küster, der nur noch schnell etwas in der Kapelle ablegen wollte. Er erzählte von vielen Pilgern, die er hier schon getroffen habe. Das läge wohl darin begründet, dass dieser Weg als Teil des deutschen Jakobsweges ausgeschildert sei. Eine Pilgerin hätte im vorherigen Jahr ihr Zelt in seinem Garten aufgeschlagen. Genau das bot er mir nun auch an. Er wohne nur 250 Meter weiter die Straße hoch. Wenn ich wollte, könne ich gern seine Wiese in Anspruch nehmen. Außerdem besäße er im Garten eine Außentoilette mit Waschbecken, die ich ganz für mich alleine hätte. Kurze Zeit später stand ich auch schon auf seinem Grundstück. Es lag am Dorfrand und bot einen herrlichen Ausblick auf die umliegende Hügellandschaft. Der Platz war traumhaft.
An meinem nächsten Schlafplatz am Vierer See bei Plön verbrachte ich die Nacht nicht ganz allein, da ich auf dem Weg zum See eine weitere Begegnung hatte, die mich nun neugierig auf Schritt und Tritt verfolgte. Ein ganzes Stück vor dem See, mitten auf dem Wanderweg, standen plötzlich zwei Pferde. Ich näherte mich und gab mit Streicheleinheiten zu verstehen, dass ich mich über ihre Anwesenheit tierisch freute. Das schien ihnen zu gefallen. Sie liefen nun hinter mir her bis zum See und sogar zu meinem auserwählten Schlafplatz. Als ich mich niederließ, blieben sie die ganze Zeit in meiner unmittelbaren Nähe, zeigten offen ihre Neugier und schnüffelten und knabberten alles an, was ich auspackte. Auch als ich am Abend mein Essen zubereitete, stand eines der Pferde die ganze Zeit neben mir, blickte mit seinem riesigen Kopf auf mich herab, nur etwa 20 Zentimeter von meinem entfernt. Wenn ihm danach war, knabberte es an meinem Basecap oder an meinem Handtuch, das hinter mir im Baum zum Lüften hing. Ich freute mich, dass sie so zutraulich waren. Allerdings fragte ich mich auch, zu wem die beiden wohl gehörten. Vermisste die Pferde nicht irgendwer? Sie trugen weder Halfter noch Ähnliches. Später genoss ich mit den neuen Kumpels an meiner Seite den traumhaften Sonnenuntergang am anderen Ufer des Sees, legte mich schlafen und war am nächsten Morgen hocherfreut, als ich von den niedlichen Vierbeinern in den neuen Tag begrüßt wurde.

Am Vierer See bei Plön in der Holsteinischen Schweiz war ich nicht ganz allein und genoss die Gesellschaft von Vierbeinern, die mich auf Schritt und Tritt verfolgten.
Bereits bei einer Pause hatte ich mir, kurz hinter Ahrensbök an einem See, mein Tagesziel gesetzt. Nachdem ich mir im Ort noch einen üppigen Karamelleisbecher gegönnt und am letzten Haus des Ortes meine Wasserbeutel befüllt hatte, lief ich zu meinem Schlafplatz. Dort angekommen, wurde ich allerdings von übergroßen Verbotsschildern begrüßt. Die mir deutlich machten, dass der Pächter des Angelgewässers offensichtlich keinen Spaß versteht, wenn es um unerlaubtes Betreten des Areals geht. Da wurde mit Anzeige auf den Schildern gedroht, und selbst auf dem Feldweg war eine Schranke nicht nur für Autos angebracht. Ich muss allerdings zugeben, dass mich ein übliches Verbotsschild nicht sonderlich beeindruckt. Jeder mag darüber denken, was er will. Ich bin einfach weit davon entfernt einzusehen, dass mir irgendjemand das Betreten der Natur verbieten kann. Die Wiese, das Feld, der Wald oder Strand existierten lang, bevor sich jemand einbildete, jene nur Auserwählten zugänglich zu machen. Es ist traurig, dass es überhaupt Gesetze gibt, die Menschen verbieten, in der Natur zu schlafen, die uns doch allen gehört und in der wir uns individuell bewegen können sollten. Ich glaube gut zu wissen, wie man sich in der Natur zu benehmen hat, mit welcher Vorsicht und welchem Respekt man ihr begegnen sollte. Es ist für mich sonnenklar, dass der Müll nicht zurückbleibt, man in Trockenzeiten kein Lagerfeuer entfacht, sich in Naturschutzgebieten besonders achtsam bewegt oder anderer Leute Privatsphäre respektiert. Bis auf den Abdruck meines Zeltbodens wird am nächsten Tag niemand erahnen können, dass ich überhaupt vor Ort war. Auf der Welt gibt es weiß Gott schlimmere Dinge als einen umweltbewussten Naturfreund, der gern unter freiem Himmel übernachtet und nichts außer seinen Fußspuren zurücklässt. Oft begegnet mir an dieser Stelle das Argument: Wenn das alle machen würden! Aber wie wir alle wissen, machen das nicht alle. Wie oft trifft man schon mal im Wald einen Menschen, der dort sein Lager aufgeschlagen hat? Eigentlich nie. Und selbst wenn, wäre das für unsere Umwelt wahrscheinlich immer noch bedeutend gesünder, als tagtäglich jeden Meter mit dem Auto zurückzulegen, sich zu Hause an die Fernwärmeheizung zu kuscheln oder Strom aus Kohlekraftwerken zu verballern, um sich die neusten Abenteuer des »Dschungelcamps« ins Gehirn zu pressen. Aber nun ja, jeder wie er mag. Ich mag es nun mal, von Zeit zu Zeit draußen unterwegs zu sein und die Natur als mein Zuhause zu begreifen. Dennoch hatte ich in diesem speziellen Fall keine Lust auf sinnlosen Stress. Und da an dem See irgendwer sehr vehement und eindeutig versuchte »Eindringlinge« fernzuhalten, beeindruckte auch mich das. Ich zog weiter.

Beim Wildcampen und auch allgemein in der Natur sollte das Motto immer lauten: Nimm nichts mit außer Eindrücken, und hinterlasse nichts außer deinen Fußspuren.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit fand ich dann einen guten Platz am Rand eines Waldes, der sich als wahres Naturerlebnis herausstellte. Bei dem Geräuschpegel, den die Tierwelt in dieser Nacht dort verursachte, wurde ich das Gefühl nicht los, dass sich das gesamte Wild des Nordens in diesem Wald versammelt hatte. Sobald ich ein etwas lauteres Geräusch machte, sprang irgendetwas aus irgendeinem Gebüsch oder hinter einem Baum hervor und floh erschrocken in die Dunkelheit. Gesehen hatte ich nichts, da es im Wald natürlich unheimlich finster war. Außer den Geräuschen um mich herum nichts als Schwarz.

Am Owschlager See fand ich einen traumhaften Platz für mein Nachtlager und ließ für meinen Dokumentarfilm »Deutschland zu Fuß« vor der Kamera die letzten Tage Revue passieren.
Abenteuer
Schlafplatzsuche

Mein Weg nach Lübeck verlief auf einem asphaltierten Fahrradweg. In Abständen setzte immer wieder Regen ein. Durch die Hitze konnte die Regenjacke entspannt im Rucksack bleiben, war meine Kleidung doch ohnehin von Schweiß durchnässt. Da ich bereits am Vortag in Lübeck eine Unterkunft für zwei Nächte gebucht hatte, wusste ich, dass ich meine Sachen am Abend aufhängen und trocknen konnte. Worauf ich mich allerdings am meisten freute, war nicht die Unterkunft an sich. Es gab eine Badewanne, meine liebste Entspannungsmaßnahme. Ich blieb zwei Tage, um mir in Ruhe die Stadt anzuschauen. Die Hansestadt ist mit rund 220 000 Einwohnern eine kreisfreie Großstadt im Südosten Schleswig-Holsteins und nach der Landeshauptstadt Kiel die Stadt mit den meisten Einwohnern. Lübeck gilt als »Königin« und »Mutter der Hanse« und wird auch »Stadt der Sieben Türme« und »Tor zum Norden« genannt. Die Altstadt mit mehr als tausend Kulturdenkmalen gehört seit 1987 zum UNESCO-Welterbe.
Von Lübeck aus lief ich weiter Richtung Osten, durch Misch- und Kiefernwälder, über lange Feldwege und durch kleine Dörfer. Ab Lochwisch hörte ich aus der Ferne das Grollen eines nahenden Gewitters, das sich mit dunklen Wolken langsam näherte, bis es mich bei Schönberg erreichte. Eigentlich ein ganz gutes Timing, denn in der Nähe der Teiche, an denen ich mein Zelt aufschlagen wollte, gab es ein kleines Fußballstadion mit Gastronomie. Dort gönnte ich mir eine Falafel, füllte meine Wassersäcke auf und wartete unter einem Sonnenschirm das Ende des Gewitters ab. Anschließend lief ich zu den Teichen. Ich lief und lief, erst an einem Teich vorbei, dann am zweiten und so weiter und so fort. Es ist nicht so, dass ich nicht ausreichend geeignete Schlafplätze entdeckt hätte, doch irgendwie denke ich oft: Es geht bestimmt noch schöner. Das hatte zur Folge, dass ich irgendwann durch hüfthohes Gras lief und meine Hose und Schuhe komplett durchweicht waren. Umkehren erschien mir allerdings sinnlos. Der Weg zurück war mittlerweile länger als der bis zum nächsten Wanderpfad. Meine Dummheit wurde überraschenderweise belohnt. Ich fand eine herrliche Nische zwischen Bäumen mit traumhaftem Blick über den Pappendorfer Teich, der wieder einmal eine herrliche Kulisse für einen weiteren Sonnenuntergang abgab, begleitet von einem tosenden Froschkonzert.
Normalerweise hielt ich immer spätestens eine Stunde, bevor es am Abend dunkel wird, Ausschau nach einem geeigneten Lagerplatz für die Nacht. Manchmal hatte ich aber auch schon ein Ziel im Visier, mit Vorliebe an einem Fluss oder See. So muss ich auf den letzten Kilometern des Tages weniger Ballast mit mir herumschleppen. Außerdem bietet sich mir so die Möglichkeit, noch ins kühle Nass zu hüpfen und mich um meine Körperhygiene zu kümmern. Ab und an stand der Zeiger während meiner Schlafplatzsuche allerdings auch schon auf 23 Uhr. Es gibt einfach nicht immer ein passendes Fleckchen Erde, wo man sich gemütlich niederlassen kann. Der Wanderer, der schon morgens um halb acht losläuft und am Nachmittag bereits seinen Schlafplatz findet, hat da vielleicht weniger Probleme. Da ich aber oft den ganzen Morgen entspannt an meinem Zelt abhing, ging es erst gegen Mittag los. Gegen Abend wurde es dann schon mal etwas knapp, und ich musste gegen die einbrechende Dunkelheit anlaufen. Oft waren auch angepeilte Wanderschutzhütten unauffindbar, oder eingezeichnete Wanderwege meiner App existierten in der Realität nicht. Das endete häufig damit, dass ich auf der Suche nach einem Anhaltspunkt mitten durch dichtes Gestrüpp im Wald umherirrte. Oft umrundete ich einen halben See, an dem es wegen des dichten Schilfs am Uferrand keinen Platz gab, wo mein Zelt hingepasst hätte. Ich kreuchte Hänge hoch und wieder runter und suchte an Feldrändern, an denen es oft keine Möglichkeit gab, da das Korn direkt bis zum Rand gesät und so gewachsen war, dass es mir bis zum Bauch reichte. Doch all das gehört auf einer solch langen Reise auch dazu und macht selbst eine Wanderung durch Deutschland ab und an zu einem kleinen Abenteuer.

Solche beeindruckenden Sonnenuntergänge wie hier an den Pappendorfer Teichen begleiteten mich auf der gesamten Reise. Sonnenaufgänge blieben mir als Langschläfer dagegen meistens verborgen.
Eine neue
Etappe

Der Weg auf eine Anhöhe bei Hamberge sollte traumhaft werden. Von dem Dorf aus hatte ich einen wunderbaren Ausblick über den letzten Teil der Strecke, den ich zuvor gelaufen war. Von Hamberge ging es weiter nach Jamel. Dort durfte ich bei einer älteren Dame meine Wasservorräte füllen, wobei sie mir noch zwei Flaschen zusätzlich schenkte. Davon abgesehen, dass ich das natürlich auch alles schleppen musste, freute ich mich.
Später kam ich am Kunstweg bei Alt Jassewitz und Weitendorf vorbei. Auf diesem zwei Kilometer langen Weg sind zeitgenössische Skulpturen verschiedener Künstler zu sehen, die durch ihre ländliche Umgebung eine besonders kontrastreiche Wirkung entfalten sollen. Der Kunstweg wurde 1993 ins Leben gerufen und ist eine schöne und interessante Abwechslung am Wegesrand.
An der Nordsee war ich auf dieser Reise zumindest bewusst zum ersten Mal und regelrecht fasziniert von der Endzeitstimmung bei Ebbe. Auch das Inland zwischen Nord- und Ostsee begeisterte mich und konnte mit landschaftlich schönen Ecken überzeugen. Vor allem die Holsteinische Schweiz sowie die vielen Seen, von denen ich noch nie zuvor gehört hatte und die ich auch gar nicht erwartet hätte, hatten es mir angetan. Ab Wismar stand für mich eine neue Etappe an: die Ostsee-Etappe, auf die ich mich schon sehr freute. Die Hansestadt blühte im Spätmittelalter auf, was noch heute im Stadtbild durch viele gotische Baudenkmäler erkennbar ist. Ich schlenderte durch die Altstadt, hing am Marktplatz rum und aß mich bei einem Italiener am Hafen satt. Eine ruhige, aber sehenswerte Stadt, wie ich finde. Im Jahr 2002 wurde die Altstadt von Wismar in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Heute ist sie ein beliebtes Besucherziel, zunehmend auch bei Kreuzfahrtschiffen.
Nördlich von Wismar kam ich das erste Mal an die offene Ostsee. Kurz vor der Insel Poel erwartete mich auch schon ein kleines Highlight: das Betonschiff von Redentin, das während des Zweiten Weltkrieges zur »Transportflotte Speer« gehörte. Diese Frachtmotorschiffe wurden aus Leichtbeton gebaut, da Stahl in Kriegszeiten knapp war.
Als das 40 Meter lange Betonschiff von Redentin für die Aufrüstung nach Wismar überführt wurde, strandete der Koloss in der Wismarer Bucht vor dem ehemaligen Fischerdorf Redentin. In den 1960er-Jahren sollte es in den Hafen geschleppt werden, lief aber auf einer Sandbank auf und liegt bis heute dort im flachen Wasser auf Grund. Leider konnte ich das Schiff nur vom Wanderweg aus sehen, da ich keine Ahnung hatte, wie man direkt hingelangte. Ohne das Gepäck auf meinem Rücken wäre ich eventuell die geschätzten zwei Kilometer einfach durchs flache Wasser gelaufen, aber in diesem Falle erschien mir das Unterfangen als zu unsicher.

Im Hafen von Wismar. In kleineren Städten entlang meiner Route gönnte ich mir ab und an eine Pause vom Zeltalltag, buchte eine Unterkunft und aß mich in den Restaurants satt.
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