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Emma Vall
Vor dem großen Knall

Ein Krimi aus Schweden

Aus dem Schwedischen

von Dagmar Brunow

Saga

Diese Geschichte spielt in Enskede, einem südlichen Vorort von Stockholm. Die Straßen, Gebäude, die Schule und die nähere Umgebung Enskedes bilden den Schauplatz für die fiktive Handlung des Romans. Sämtliche Charaktere sind erfunden, sie haben keine Entsprechung in der Wirklichkeit. Eventuelle Ähnlichkeiten mit realen Personen und Ereignissen sind nicht beabsichtigt.

Vielen Dank an Elin, Ellen und Emil für kluge Anmerkungen und an August Wiklung für seine nützlichen Ratschläge.

Emma Vall

Feuer

Der Geruch von Schweiß und Staub zog durch die Luft. Beim genaueren Hinschauen konnte man erkennen, wie sich die Ringe im Luftzug leicht bewegten. Die Sprossenwand warf gestreifte Schatten an die Wand. An der aufgestellten Gummimatte hockte eine Person, deren Rücken durch das lange Anlehnen feucht geworden war. Wenn die Turnhalle leer war, schien die Zeit stillzustehen. Doch die Morgendämmerung wich allmählich einem neuen Tag, und wenn bald der Schultag begann, würde alles immer noch genauso hoffnungslos sein wie zuvor. Länger sitzen zu bleiben war unmöglich. Die Gummisohlen quietschten, als sich die Füße gegen den Boden stemmten und sich der steife Körper mühsam hochhievte. Unter dem Basketballkorb lagen zu kleinen Bällen zerknüllte Papiere. Wichtige Schreiben von der Rektorin. Zum Brüllen. Worte ohne Inhalt und Bedeutung.

Die Schuhe hinterließen schwarze Striche auf dem Boden, um den der Sportlehrer solche Angst hatte. Die neue Regelung würde zur Folge haben, dass noch viel mehr solcher Striche den Turnhallenboden verunstalteten. Aber das schien niemanden zu kümmern.

Warum nicht das Unvermeidliche beschleunigen? Alle aufrütteln, sie wecken, nicht feige ausweichen. Der Schweiß auf dem Rücken wurde kühl. Steife Finger und rote Hände sammelten das zusammengeknüllte Papier auf. Es könnte bald heiß werden hier, unerträglich heiß. In den Umkleideräumen stand eine Kiste mit liegen gebliebenen Kleidungsstücken, die zusammen mit dem Papier gut brennen würden.

Das war nur eine erste Warnung. Ein schwelendes Anzeichen von Unzufriedenheit.

Die Clique aus Dalen

Svala rannte über die Straße in Richtung Schulhof. Als sie noch bei ihrem Bruder Pétur im Malmgårdsvägen gelebt und jeden Morgen die U-Bahn genommen hatte, war es ihr leichter gefallen, pünktlich zu sein. Jetzt, seit sie um die Ecke wohnte, kam sie fast immer erst auf den letzten Drücker.

Nesima und ihre Clique schlenderten über den Handelsvägen. Sie schienen alle Zeit der Welt zu haben. Hasim kickte seine Zigarette in Svalas Richtung. Seit Anfang der neunten Klasse waren dies ihre neuen Mitschüler. Svala wusste, dass sie sich Mühe geben sollte, sie zu mögen, aber das tat sie nicht. Birgitta Knapp, die neue Rektorin, hatte die Idee gehabt, dass die Jugendlichen aus Enskede-Dalen mit den Jugendlichen in Alt-Enskede zusammen unterrichtet werden sollten. Integration nannte sie das und hatte trotz aller Proteste rund dreißig Schülerinnen und Schüler aus der Dalen-Siedlung in die Enskede-Schule aufgenommen.

Zu Péturs Schulzeit waren diejenigen Schüler, die nicht schwedisch aussahen oder ungewöhnliche Namen hatten, fast alle Adoptivkinder gewesen. Svala musste an Lisa denken, die ihren chilenischen Namen absolut nicht benutzen wollte. Es gab auch ein paar, deren Eltern Einwanderer waren, aus Ungarn oder Italien, und deren Familien schon lange in Schweden lebten. Und dann gab es natürlich Svala und Pétur selbst, mit ihrer isländischen Mutter Aisa. Aber Einwanderer aus den anderen skandinavischen Ländern wurden sowieso als Schweden angesehen, hatte Svala festgestellt. Wären ihre Eltern aus der Türkei oder dem Iran hergekommen, hätte sie größere Schwierigkeiten gehabt.

Sie wusste, dass sie sich bemühen sollte, Nesima, Hasim und die anderen näher kennenzulernen, jedenfalls bis zum Ende des Schuljahres halbwegs mit ihnen klarzukommen. Aber sie ging ihnen aus dem Weg. Wenn sie ehrlich war, hatten ihr in der letzten Zeit manche Situationen in der Schule Angst gemacht. Hass lag in der Luft.

In ihrem neuen Zimmer unter dem Dachfirst im Stora-Gungans-Väg, wo nur ein Bett, ein kleiner Schreibtisch und ein großer, alter dunkelroter Samtsessel Platz fanden, hatte sie ein Zitat an die Wand gepinnt. Es stammte von Nietzsche: »Wer einst den Blitz zu zünden hat, muss lange Wolke sein!«

Im letzten Sommerhalbjahr hatte sie sich beinahe wie ein Blitz gefühlt. Als sie nach der Scheidung ihrer Eltern mit Pétur zusammenwohnte und nach ein paar Anfangsschwierigkeiten gut allein zurechtgekommen war. Damals hatte sie das Wolkenhafte eine Zeit lang hinter sich gelassen und war sie selbst gewesen.

Jetzt bin ich wieder eine Wolke, dachte Svala, eine kleine, wollige Wolke, die keiner sieht. Sie hatte zumindest eine Ahnung davon, was es hieß, als Blitz einzuschlagen. Sie wusste, wonach sie sich sehnte.

Heute ging sie voller Vorfreude zur ersten Stunde. Ihr Englischlehrer Satya Dipraborty, genannt Dip, kam aus Indien. Er war schwer in Ordnung. Vor einem Jahr war er neu an ihre Schule gekommen, voller Engagement und mit unzähligen Plänen. Svala freute sich über die Anmerkungen, die er ihr unter ihre Englischaufsätze schrieb. Unter ihren Schwedischaufsätzen standen immer nur herablassende Kommentare, dass sie nichts als Teenagergeschwätz zu Papier brächte. Dip dagegen nahm ihre Texte ernst. Endlich bekam sie auch in Englisch eine Eins.

Mama war von der Idee der neuen Rektorin natürlich begeistert gewesen: »Endlich lässt sich diese verstaubte Schule mal was Sinnvolles einfallen«, hatte Aisa gesagt, als Svala ihr von den neuen Mitschülern erzählt hatte. Svala hatte ihr gegenüber bisher kein Wort darüber verloren, wie anstrengend sie die Neuen fand. Sie schämte sich für diese Gefühle.

Andererseits hatte sie Aisas psychologische Erklärungen satt. Es nervte sie total, dass sich Nesima im Klassenzimmer ständig unterhielt, dass Fatimah immer so sauer guckte, Sozan so frech war, Hasim so selbstherrlich und Ali so faul. Die Integration, von der die Rektorin geträumt hatte, fand nicht statt. Stattdessen bildeten die Dalener eine feste Gruppe. Auf dem Schulhof passierten eine Menge Dinge, von denen die Lehrer keine Ahnung hatten.

Svala ging nun langsamer, um hinter Nesima, Hasim und den anderen zurückzubleiben. Sie wollte nicht mit anhören, wie man ihr »Scheißschwedennutte« hinterherrief. Einmal hatte sie zurückgeschrien – mit der Folge, dass die Dalener ihr danach bei jeder Begegnung den Finger zeigten und sie als Rassistin beschimpften.

Svala spürte, wie die Wut in ihr hochstieg, und rannte impulsiv an der Clique vorbei auf den Schulhof, um rechtzeitig zum Unterricht zu kommen und sich nicht mit ihnen durch das Gedränge im Treppenhaus schieben zu müssen.

Nach Englisch war Schwedisch an der Reihe. Britt Magnell stand am Pult und trommelte nervös mit den Fingern auf die Tischplatte. Die Lehrerin verabscheute, dass die Ordnung, die sie in der Klasse durchgesetzt hatte, von den lauten neuen Schülern zerstört wurde, denen die festen Regeln, die in ihrer Stunde herrschten, egal waren. Eine kleine Gruppe von Lehrern hatte an der Schule lange den Ton angegeben. Das war allgemein bekannt. Neben Britt Magnell gehörte der Französischlehrer Magnus Smedjegård dazu, der mit seiner Ironie und seinen fiesen Tests die Schüler in Angst und Schrecken versetzte, und außerdem der Mathematiklehrer Göran Svanberg, der den Schülerinnen nie in die Augen sah, sondern nur auf die Brüste.

Svala hatte Aisa nie von alldem erzählt. Eltern wollten nicht an ihre Schulzeit erinnert werden. Sie wollten die Schrecken von damals vergessen, sie wollten nicht wissen, wie die Lehrer ihre Macht ausnutzten, sobald sich die Tür zum Klassenraum schloss. Beim Elternabend saßen Lehrer und Eltern lächelnd da und taten so, als wäre alles in bester Ordnung. Mit Aisa war es genauso.

Seit sie aus Island zurückgekehrt war, um sich um Svala zu kümmern, hatte sich vieles verändert, doch längst nicht so, wie Svala gedacht hatte. Dies war ihr letztes Schuljahr auf der Gesamtschule und Aisa nervte sie die ganze Zeit damit, wie wichtig es war, dass Svala gute Noten bekam, um aufs Gymnasium wechseln zu können. Aber seit Svala letzten Winter allein mit Pétur zusammengewohnt hatte, war sie daran gewöhnt, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. Damals waren Aisa und auch Jan, Svalas und Péturs Vater, weggezogen, um sich selbst zu verwirklichen.

Svala ging jetzt ihre eigenen Wege, obwohl es ihr das Leben hätte leichter machen können, dass sich Aisa nach ihrer Rückkehr wieder um alles kümmerte. Aber Svala hatte beschlossen, nicht wieder zum Kind zu mutieren. Aisa war erstaunt, dass Svala Wäsche wusch, sauber machte und Essen kochte. Auf diese Weise konnte Svala gut ihre Selbstständigkeit unter Beweis stellen.

»Diese Schwedischstunde fällt aus, stattdessen sollen sich alle Schüler von der siebten bis zur neunten Klasse in der Schulkantine versammeln. Rektorin Birgitta Knapp wird über ein neues Projekt informieren, mit dem dieses Schuljahr abgeschlossen wird.« Britt Magnell verzog angewidert die Lippen.

Matilda imitierte die verhasste Lehrerin, indem sie Svala mit gespitzten Lippen anguckte. Svala kicherte.

»Gleich kommt es«, flüsterte sie.

Magnell wandte sich wieder an die Klasse.

»Bevor ich gehe, möchte ich euch daran erinnern, dass dies euer letztes Schuljahr auf der Gesamtschule ist. Die meisten von euch können es sich nicht leisten, einen Gang herunterzuschalten, nur weil es langsam auf die Ferien zugeht. Das Schuljahr dauert noch einen ganzen Monat und eure Noten stehen noch lange nicht fest.«

Svala und Matilda wechselten einen Blick.

»Dumme Kuh«, murmelte Hasim hinter ihnen.

Doch seine Worte gingen in dem Lärm unter, mit dem die Schüler aus dem Klassenzimmer stürmten. Svala und Matilda schlenderten langsam über den Schulhof zur Kantine.

»Hast du dich schon für ein Gymnasium entschieden?« Matilda warf einen besorgten Blick auf Svala, die mit dem Kopf schüttelte.

»Und du?«

»Nee, meine Eltern wollen, dass ich aufs naturwissenschaftliche gehe, aber das ist was für verdammte Streber. Markus nimmt den Schwerpunkt Gesellschaftskunde. Meinst du, das wär was für mich?«

Svala gab keine Antwort, ihr hing das Thema Markus zum Hals raus. Sie vermisste die frühere Vertrautheit mit Matilda.

Sie quetschten sich mit an einen Tisch, an dem es noch freie Stühle gab. Im ohrenbetäubenden Stimmengewirr, das die Kantine erfüllte, rang Birgitta Knapp vergeblich um Aufmerksamkeit. Schließlich erhob sich Ville Hedlund, der Hausmeister, und pfiff so laut durch die Finger, dass es einem die Gehörgänge freiputzte. Es wurde schlagartig still.

»Danke. Wie allgemein bekannt ist, hatten wir im letzten Schuljahr Probleme mit Sachbeschädigung und Mobbing. Aber wir unternehmen alles, um ein Schulleben zu verwirklichen, auf das wir stolz sein können. Damit wir einander besser kennenlernen, auch über die ›Klassengrenzen‹ hinweg sozusagen, sind uns Gelder für ein spannendes Projekt bewilligt worden. In den Wochen bis zu den Sommerferien widmen wir uns dem Theater. Manche Unterrichtsstunden fallen aus, damit in der Turnhalle geprobt und Schauspielunterricht gegeben werden kann. Wir werden mit Szenen aus Shakespeares ›Romeo und Julia‹ arbeiten. Katja Kallin wird das Projekt leiten. Sie inszeniert gleichzeitig ›Romeo und Julia‹ in einem Zirkuszelt im Margaretapark; auch hier werden Schüler und Lehrer unserer Schule mitarbeiten. In meinen Augen ist dies eine große Chance für uns alle, negative Denkmuster zu überwinden und eine offene Atmosphäre an unserer Schule zu erzeugen. Ergreift sie, im Interesse von uns allen.«

Svala schnappte nach Luft. Katja Kallin! Katja, die Svala im letzten Jahr auf Tynningö kennengelernt hatte. Sie lehnte sich auf dem unbequemen Stuhl zurück. Vielleicht würden die letzten Monate auf der Enskede-Schule sogar ganz erträglich werden. Svala interessierte sich fürs Theaterspielen und Katja war total nett.

Plötzlich unterbrach das Geheul des Feueralarms die Rede der Rektorin. Die Schüler sahen sich teilnahmslos an und zeigten keinerlei Reaktion. Es kam gelegentlich vor, dass der Feuermelder losging, aber das war fast immer falscher Alarm oder eine Übung. Nur hin und wieder brannte ein Papierkorb. Aber jetzt trieben die Lehrer sie bis auf den Schulhof. Hier draußen wurde das Geheul immer unerträglicher. Matilda und Svala ließen sich auf dem Asphalt nieder, während um sie herum die Lehrer versuchten, die Schüler im Klassenverband zu sammeln.

»Das mit dem Theater klingt super!«

Matilda guckte Svala desinteressiert an. »Nee, find ich nicht. Ist doch eher peinlich.«

Svala lehnte sich zurück. Auf die Arme gestützt, sah sie zum Himmel hoch. Als jemand aufschrie, zuckte sie zusammen.

»Aus der Turnhalle kommt Rauch! Es brennt!«

Im selben Moment waren Sirenen zu hören und die Feuerwehr brauste auf den Schulhof. Alle Schüler und Schülerinnen sammelten sich in Gruppen vor der Turnhalle und starrten mit offenen Mündern auf das Spektakel.

»Das ist ja ein richtig guter Tag heute!« Svala hörte Nesimas hämische Stimme hinter sich. Die übrige Clique lachte. Dann zogen sie ab.

»Shit, ich hab sie so satt, diese Haltung.« Matilda sah ihnen zornig hinterher. Doch dann grinste sie und fügte hinzu: »Aber wenn man es genau bedenkt, hat sie ja recht: Wer hat schon was gegen eine abgefackelte Turnhalle?«

Doch das Feuer war bald gelöscht und der Schultag ging weiter wie üblich. Auf dem Weg in den Chemieunterricht entdeckte Svala am Schwarzen Brett große Plakate, die Katjas Theaterprojekt ankündigten. Als sie stehen blieb, um sie näher anzuschauen, hörte sie, wie sich Britt Magnell und Magnus Smedjegård ein Stückchen weiter auf dem Korridor unterhielten.

»So ein Unsinn«, hörte sie ihre Schwedischlehrerin sagen. »Und dafür will die Rektorin kostbare Unterrichtszeit verschwenden. Theater spielen können die Schüler doch in ihrer Freizeit. In der Schule sollten sie Ordnung und Disziplin lernen, das kann den meisten von ihnen wirklich nicht schaden.«

»Ja. Wenn man sich vorstellt, was wir an Sachbeschädigung hatten, seit wir die da aufgenommen haben. Man kann doch an einer Hand abzählen, wer hinter dem Brand steckt«, sagte der Französischlehrer.

»Wobei wir sicher um das Theaterprojekt herumkommen, wenn die Turnhalle nun nicht mehr benutzbar ist.« Britt Magnell klang zufrieden.

»So schlimm wird es nicht sein. Ein bisschen Rauch von ein paar brennenden Kleidern, mehr war da nicht. Aber was sagst du eigentlich zum Treffen bei der Rektorin? Ist es nicht ein Jammer, dass Göran die Stelle nicht bekommen hat?«, hörte Svala Magnus Svedjegård sagen. »Dabei ist er pädagogisch viel kompetenter als sie, das zeigt sich immer deutlicher.«

»Kein Wunder. Schließlich hat Birgitta Knapp ja als Sportlehrerin angefangen«, antwortete Britt Magnell, woraufhin sich die beiden vielsagende Blicke zuwarfen.

Demonstrativ schrieb Svala ihren Namen auf die Liste, nachdem sie gelesen hatte, dass Katja für die Inszenierung im Park Statisten und freiwillige Helfer suchte. Aber das hätte sie auch getan, wenn die beiden Lehrer nicht so abfällig über das Projekt geredet hätten.

Leben im Park

In der großen Pause lief Svala in den Margaretapark.

Hier herrschte ein totales Durcheinander aus Zeltplanen, Leuten, die an Seilen rissen und zogen, und langen Pfählen, die donnernd in die Erde gerammt wurden.

Im Zentrum des Geschehens enteckte Svala eine vertraute Gestalt, eine Frau Mitte dreißig. Sie hatte wildes, ungekämmtes Haar und trug einen alten Overall, wie den, den Svalas Vater immer trug, wenn er an seinem Segelboot herumbastelte. Sie schrie und fluchte, weil etwas nicht geklappt hatte.

Svala ging auf sie zu, war aber plötzlich unsicher. Nach ihrer Begegnung im letzten Jahr hatte sie geglaubt, dass sie weiter mit Katja Kontakt haben würde. Aber Katja war anscheinend auf Tournee gewesen, Svala hatte sie ein paarmal vergeblich anzurufen versucht. Und jetzt war Katja hier. Würde sie Svala wiedererkennen? Svala war kurz davor, auf der Stelle kehrtzumachen, da hörte sie, wie Katja ihren Namen rief.

»Svala! Das ist ja schön!«

Katja kam auf sie zu. Unter ihrer Oberlippe steckte wie üblich eine Portion Kautabak.

»Was machst du denn hier?«, fragte sie fröhlich.

»Ich wohn doch hier«, sagte Svala verwirrt, doch dann fiel ihr ein, dass Katja davon ja gar keine Ahnung hatte. Bei ihrer ersten Begegnung hatte sie mit Pétur in der Wohnung ihres Vaters Jan im Stadtteil Södermalm gewohnt. Aisa lebte damals auf Island und Jan war mit seinem ersten Hilfstransport nach Bosnien unterwegs.

Katja zog Svala mit sich zu einem schäbigen alten Gartenstuhl, der vor einem Zirkuswagen stand. Svala setzte sich auf die Wagentreppe und sah sich um.

»Ich würd gern mitmachen«, sagte sie, als ihr Blick auf einen süßen Jungen fiel. Er war dunkelhäutig, nicht größer als sie selbst, und hatte dicke, glänzende schwarze Haare. Er sah aus wie ein Indianer.

»Super Einfall von eurer Rektorin, in der Schule Theater zu spielen. Sie sieht total trutschig aus, aber sie hat’s echt drauf. Leider scheinen nicht alle Lehrer vom Theaterprojekt angetan zu sein. Sie haben was dagegen, dass sich jemand in ihren Unterricht einmischt.«

»In der Turnhalle, wo ihr arbeiten sollt, hat es ein Feuer gegeben.«

»Ich hab’s gehört, aber es ist wohl nicht so schlimm gewesen. Jetzt müssen wir alle mit einbeziehen, damit niemand auf die Idee kommt, uns zu sabotieren«, erklärte Katja.

»Weiß man, wer es war? Ich hab gehört, dass ein paar Lehrer den Kids aus Dalen die Sache in die Schuhe schieben.«

»Das ist mal wieder typisch! Aber gerade die müssen wir mit ins Boot holen, damit es keine Kämpfe zwischen rivalisierenden Gangs gibt wie im Stück. Im Moment sind hier, wie es aussieht, eher Jugendliche aus Alt-Enskede.«

Katja zeigte auf die Interessierten, die über das Gelände spazierten und zuschauten, wie das Zelt aufgebaut wurde. Der vertraute Margaretapark verwandelte sich mit dem blau-weiß-rotgestreiften Zelt, den bunten Wimpeln und den fünf Zirkuswagen in einen Zirkusplatz. In einem der Wagen wohnte Katja. Drei andere waren als Garderoben für die Schauspieler vorgesehen und im fünften wurde gekocht.

»Französisch!«, schrie Svala plötzlich auf. Die Zeit war wie im Flug vergangen. »Ich komm nach der Schule wieder«, rief sie und rannte zum Unterricht, den sie mit fünf Minuten Verspätung erreichte.

Magnus Smedjegård musterte sie von oben bis unten.

»Wenn ihr glaubt, ihr könnt wegen des Theaters fehlen, dann habt ihr euch gewaltig geirrt«, sagte er und startete die Stunde mit einem unangekündigten Test. Fatimah war als Erste fertig. Sie sprach fließend Französisch, weil sie aus Algerien stammte, aber Smedjegård meckerte ständig an ihrem arabischen Akzent herum. Ihre schriftlichen Arbeiten dagegen waren tadellos.

Partir, partant, parti ... Svala schrieb die Verben hin, aber mit den Gedanken war sie wieder im Park. Sie fühlte sich zwar noch zu schüchtern, um selbst im Rampenlicht zu stehen, aber sie wollte unbedingt beim Theater mitmachen und Katja helfen.

Und wie von selbst wanderten ihre Gedanken weiter zu dem Jungen mit den schwarzen Haaren. Wie er wohl heißen mag, überlegte sie und nagte dabei an ihrem Stift.

Nach Unterrichtsschluss ging sie auf ihrem Heimweg an der Turnhalle vorbei. Es roch immer noch nach Rauch und die Absperrungen waren noch da, auch wenn die Feuerwehr abgezogen war. Was waren das für Idioten, die in der Turnhalle Feuer gelegt hatten?

Graffiti auf dem Zirkuswagen

Am nächsten Tag ging Svala direkt nach der Schule in den Park. Es war kühl, aber sonnig. Katja hatte sich in ihren alten Gartenstuhl zurückgelehnt und faulenzte. Doch nur auf den ersten Blick. Zwischen ihren Augenbrauen hatte sich eine steile Falte gebildet, während sie verärgert im Textbuch blätterte.

Nach dem Inferno am Vorabend, als fünfzig Personen zur Probe erschienen waren, war es im Park ruhig. Von der Schule waren allerdings nur wenige Leute gekommen. Svala hatte bei dieser Gelegenheit eine ganz neue Katja kennengelernt. Ruhig und bestimmt hatte sie das Kommando übernommen, und sobald sie ihre Stimme nur ein klein wenig erhob, hatten alle zugehört. An diesem Abend sollten sie zu verschiedenen Themen improvisieren.

Svala hatte die meiste Zeit über am Rand gesessen und zugeschaut. Sie wäre zwar gern dabei gewesen, aber sie wusste auch, dass sie sich komisch vorgekommen wäre. Die eine Svala wollte auf der Tribüne sitzen bleiben und kritische Beobachterin sein, während die andere Svala liebend gern auf der Bühne improvisiert und eine lebende Statue oder was auch immer verkörpert hätte.

Svala fühlte sich oft wie zwei verschiedene Personen. Eine, die beobachtete und registrierte, und eine andere, die eine Sache in Angriff nahm und dabei sein wollte. Allzu oft siegte die Zuschauerin. So wie gestern Abend. Svala hatte für die anderen immer eine Ausrede parat, warum sie lieber am Rand saß – aber sich selber konnte sie nur schwer anlügen.

Svala setzte sich auf die Treppe zum Zirkuswagen und wartete darauf, dass Katja das Gespräch eröffnete.

»Diese verdammten Kids«, sagte Katja unvermittelt und seufzte.

»Was ist denn los?«, fragte Svala vorsichtig.

»Komm mal mit.«

Katja sprang auf und zog Svala hinter sich her zu dem Zirkuswagen, der am äußersten Ende der Reihe stand und allmählich zum Schminkwagen umfunktioniert werden sollte. Über seine gesamte Rückseite stand mit großen schwarzen Buchstaben: Hier fögln Nutten und Schwuhle. Das Ganze war mit einem Tag signiert, den Svala noch nie gesehen hatte.

Der Wagen hatte gerade erst einen frischen Anstrich in einer fröhlichen roten Farbe bekommen. Und jetzt leuchteten ihnen die Worte in der schwarzen Schrift entgegen.

»Soll ich probieren, ob es abgeht?«, fragte Svala.

»Lass es uns zusammen versuchen.«

Schweigend schrubbten sie mit diversen Chemikalien, ohne dass die Farbe verschwand. Stattdessen sah nun alles noch schlimmer aus.

»Immerhin haben sie den Wagen nicht abgefackelt, wie sie es mit der Turnhalle versucht haben«, sagte Svala.

Katja verwuschelte ihr liebevoll das Haar.

»Das nenn ich positives Denken.« Dann wurde sie ernst. »Wir müssen es wegschleifen. Ich hab letzte Nacht keinen Ton gehört, der Täter muss verdammt still gewesen sein.«

»So was rufen uns die Typen aus Dalen nach«, sagte Svala schließlich. »Schwule Sau, Schwedennutte und solche Sachen.«

»Und das lasst ihr euch gefallen?« Katja rümpfte die Nase und Svala zuckte mit den Schultern.

»Was können wir denn machen?«

»Ich muss mehr Kids aus Dalen einbeziehen und nicht nur diejenigen aus dem Schulprojekt. Ist doch klar, dass sie sich ausgegrenzt fühlen. Eigentlich hätte ich das Zelt mitten in Dalen aufbauen sollen. Ich hab eine Gruppe von dort gesehen, die supergut tanzen kann. Wenn ich die bloß mit ins Boot holen könnte.« Katja sah Svala nachdenklich an.

»Zwischen den Leuten aus Dalen und uns aus Enskede hat es immer gekracht. Mein Bruder Pétur hat ständig was auf die Fresse gekriegt, als er hier gewohnt hat. Er ist andauernd verprügelt nach Hause gekommen. Ich pass immer auf, wenn ich spät noch unterwegs bin.«

»Rivalität und Angst, genau wie in ›Romeo und Julia‹. Dass dieses Drama sich ständig wiederholt, auch nach Hunderten von Jahren noch.« Katja lächelte traurig, bevor sie deklamierte:

»Zwei Häuser in Verona, würdevoll,

Wohin als Szene unser Spiel euch bannt,

Erwecken neuen Streit aus altem Groll,

Und Bürgerblut befleckt die Bürgerhand.

Das ist aus dem Prolog zu ›Romeo und Julia‹«, erklärte sie.

»Ich weiß, es hört sich schrecklich an, wenn ich so rede«, sagte Svala schnell. »Wo ich auf antirassistische Demos gehe und meine Mama selber eingewandert ist. Aber das Sexgerede von diesen Typen nervt total. Sie sind überhaupt nicht so wie Ervin aus Kroatien, der Freund von meinem Bruder.«

»Glaubst du nicht, dass sie sich in deiner Schule außen vor fühlen? Du findest ja selbst die Stimmung da nicht so toll«, sagte Katja. »Was denkst du, wie es für sie ist?«

Mit einer Schleifmaschine schafften sie es schließlich, die Graffitischrift zu entfernen, allerdings ging dabei der Anstrich vom Wagen gleich mit runter.

»Bewachst du abends den Platz?«, fragte Svala.

»Ich wohne doch sowieso in einem der Wagen. Aber bevor noch öfter solche ärgerlichen Sachen passieren, sollten wir nachts wohl wirklich Wachen einteilen, wenn jetzt die Proben anfangen. Wir machen einen Plan, wer wann zuständig ist. Bist du dabei?«

Die Frage munterte Svala auf. Ihr erster Reflex war allerdings der sonderbare Gedanke: Ich frag mal meine Mutter. Doch sie schluckte die Worte hinunter und sagte stattdessen: »Ja, klar. Wann du willst.«

Katja hob die Hand und winkte jemandem zu. Der süße langhaarige Junge, den Svala am Vortag gesehen hatte, kam über den schmalen Weg vom Handelsvägen auf sie zu.

»Hallo, Petter. Gut, dass du kommst. Da können wir gleich über die Beleuchtung sprechen. Kennt ihr euch?«, fragte Katja.

»Svala.« Svala streckte ihre Hand aus. Er warf ihr einen kurzen Blick zu und lächelte. Aber er schien sie nicht wirklich wahrzunehmen, er war einfach nur freundlich.

»Hallo. Gehörst du zum Ensemble?«

»Sie hilft mir«, sagte Katja. »Aber vielleicht willst du ja auch auf der Bühne stehen?« Sie sah Svala aufmerksam an.

»Vielleicht. Gestern hatte ich das Gefühl, es könnte Spaß machen, aber nur als eine in der Menge.«

»Klar«, sagte Katja und prustete los. »Ich wollte dir auch nicht gleich die Rolle der Julia geben.«

»Linn ist bestimmt total super als Julia«, sagte Petter mit einem träumerischen Tonfall. »Sie sieht echt toll aus.«

Katja versetzte ihm mit der Spitze ihres Stiefels einen Tritt.

»Keine Chance. Sie ist seit Monaten fest mit Felix zusammen«, sagte sie und zwinkerte Svala zu. Dann schnappte sie ihren Ordner und ging zum Zelt.

»Wir proben heute Abend um sieben. Komm auf alle Fälle vorbei!«, rief sie Svala über ihre Schulter zu, bevor sie mit Petter verschwand.

Wieso eigentlich nicht? Warum sollte sie nicht einmal ausprobieren, Theater zu spielen? Lust dazu hatte sie schon lange. Es brauchte ja nicht gleich eine Sprechrolle zu sein.

Svala schlenderte langsam nach Hause, wo sie sich mit ihren Schulbüchern in die Sofaecke sinken ließ. Ihre Mutter benutzte diesen Raum als Schlafzimmer, Wohnzimmer und Atelier, daher hing ein schwacher Geruch von Terpentin in der Luft. Auch wenn Svala nicht kapierte, wie Aisa in den Farbdünsten schlafen konnte, schien ihre Mutter glücklich zu sein, dass sie bis in die Nacht hinein malen konnte. Manchmal, wenn Svala den Fernseher abgeschaltet hatte und ins Bett gegangen war, legte Aisa eine CD mit gregorianischem Chorgesang auf und stellte sich an die Staffelei. Es war schon vorgekommen, dass sie immer noch malte, wenn Svala morgens aufstand. Dann guckte Aisa nur geistesabwesend hoch und murmelte etwas von Frühstück.

Gelangweilt nahm Svala das Erdkundebuch und fing an, sich die afrikanischen Staaten mit ihren Hauptstädten einzuprägen. Algerien, Togo, Elfenbeinküste, Angola, Südafrika. Das Auswendiglernen fiel ihr leicht, weshalb die Namen schnell saßen, jedenfalls für den Test, den sie morgen ablegen musste.

»Idioten!«, brüllte Aisa und warf sich ins Sofa. Svala war so ins Lernen vertieft gewesen, dass sie nicht einmal bemerkt hatte, wie Aisa nach Hause gekommen war.

»Pass auf meine Papiere auf.« Svala versuchte ihre Sofaecke gegen ihre empörte Mutter zu verteidigen.

»Abgelehnt! Kannst du dir vorstellen, dass sie meine drei Bilder ›Unrasiert aus dem Dunkel der Fußmatte‹ nicht nehmen wollen?« Aisa zeigte auf den Brief, den sie in der Hand hielt.

Svala wartete darauf, dass Aisa den Brief vor Wut in Fetzen riss. Stattdessen las ihre Mutter vor, welche Bilder in die Sommerausstellung des Kunstsalons aufgenommen würden – an die hundert Stück hatte man ausgewählt.

»Das war ein Riesenfehler von ihnen«, sagte Aisa.

Dann lachte sie, als wäre ihr ein genialer Einfall gekommen, und streichelte zärtlich den Brief.

»Mein Triptychon soll in einer eigenen Ausstellung strahlen. Und diesen Brief werde ich dann auf die Rückseite kleben. Was lernst du da übrigens?«

»Erdkunde. Es geht um Afrika.«

»Lass mal sehen.« Aisa nahm ihr die Zettel mit den Übungsaufgaben aus der Hand.

»Spinnt der, euer Lehrer? Sollt ihr das alles völlig ohne Zusammenhang lernen? Und warum bitte schön sehen die Länder so aus?« Sie deutete aufgebracht auf die schnurgeraden Staatsgrenzen.

»Hat der Lehrer kein Wort zum Kolonialismus gesagt? Wie die reichen Länder Afrika ausgesaugt haben? Die EU-Länder, die heute eine Festung um ihre zusammengeraubten Reichtümer angelegt haben? Ihr könnt doch nicht einfach nur Fakten nachbrabbeln, ohne den Zusammenhang zu verstehen.«

Aisa kochte vor Wut und wollte den Erdkundelehrer sofort anrufen.

»Hör auf, Pétur hatte ihn auch in der Neunten und da hat er dieselben Tests geschrieben. Glaubst du, du kannst mit deinem Anruf irgendwas ändern?«

Svala zog wütend die Augenbrauen zusammen. Wenn Aisa ihn anrief, würde ihr Erdkundelehrer sauer werden. Inzwischen konnte sie immerhin die Namen aller Länder und die meisten Hauptstädte, auch wenn sie keine Ahnung über ihre Regierungsformen, ihre Traditionen oder Kulturen hatte.

»Diese Schule!«, sagte Aisa mit einem resignierten Seufzer. »Hoffentlich finden wir nach diesem sinnlosen Unterricht ein Gymnasium, das Wert auf Bildung legt und auf die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen.«

Aisa erhob sich ungeduldig vom Sofa.

»Ich ruf in der Buchhandlung an. Jetzt soll Ulla die Chance bekommen, den Bewohnern von Enskede außer ihren Büchern auch noch echten Kunstgenuss zu bieten.«

Svala malte sich aus, wie die drei Kunstwerke im Schaufenster von Ullas Laden hingen und allen Passanten ins Auge fielen. Sie wusste nicht recht, ob sie es peinlich finden sollte oder witzig. Sie wusste nur, dass ihre Mutter es garantiert schaffen würde, Ulla zu überreden, dass sie ihre neueste Werkfolge in der Buchhandlung würde ausstellen können – eine alte, abgewetzte Fußmatte, die Aisa zerschnitten und auf drei Bilder mit behaarten Frauen verteilt hatte. Das Ganze war unbeschreiblich und nicht gerade Aisas schönstes Kunstwerk. Trotzdem war Svala stolz, dass sie eine Mutter hatte, die sich etwas traute.

Allerdings machte Aisa, seit sie von ihrer Auszeit auf Island zurückgekehrt war, ein total übertriebenes Theater um ihre Projekte. Svala ging das auf die Nerven, und manchmal dachte sie, dass sie und Pétur es eigentlich richtig gut gehabt hatten, als sie noch alleine wohnten.

Katjas erster Auftritt

»Ihr wisst ja, dass ihr heute einen Test schreibt«, sagte Krister, der Erdkundelehrer, der mit seinen hängenden Wangen Ähnlichkeit mit einem müden Hamster hatte.

Svala sah sich um. Sie beobachtete, wie sich Mickan von Jasmin helfen ließ, die ihr die Lösungen zuflüsterte. Krister nahm keine Notiz davon. Sofia und Emelie kupferten alles aus dem Erdkundebuch ab, das sie auf dem Schoß liegen hatten. Selbst wenn der Test total sinnlos war, konnte Svala es nicht ausstehen, wenn geschummelt wurde. Außerdem fand sie es nervig, dass sie Stunden damit zugebracht hatte, Ortsnamen einzupauken, die die anderen einfach nur abschrieben. Warum war Krister das alles egal? Wollte er einfach nur die Stunde rumkriegen?

Svala musterte ihren Lehrer. Womit beschäftigte er sich außerhalb der Schule? Was für ein Leben führte er? Im Klassenzimmer machte er immer nur einen schlappen Eindruck. Svala biss die Zähne zusammen. Sie wollte in ihrem Abschlusszeugnis eine Eins in Erdkunde haben, egal wie dämlich die Klassenarbeit war.

Als sie die Ortsnamen in die Karte eintrug, fiel ihr plötzlich die Hauptstadt von Tansania nicht mehr ein. War es Dodoma oder Daressalam? Als sie nach der Stunde das Klassenzimmer verließ, beobachtete sie, wie sich Mickan mit Jasmins Lipgloss affektiert die Lippen färbte, und hörte sie sagen: »Das war ja kein Problem. With a little help from my friend.«

Svala hatte die meisten ihrer Mitschülerinnen satt. Bei ihnen drehte sich alles nur um Jungen, Klamotten und Schminke. Sie hatte beschlossen, solchen Leuten aus dem Weg zu gehen, aber dann blieben nicht mehr viele in der Klasse übrig. Matilda wurde völlig von ihrem neuen Freund vereinnahmt. Und die pflichtbewussten, ordentlichen Streber konnte Svala nicht ausstehen.

Dann waren da noch die Mädchen aus Dalen. Gleich an ihren ersten Tagen in der Schule hatte es schon Ärger mit ihnen gegeben. Svala warf Nesima einen Blick von der Seite zu. Mit ihren dunklen Haaren sah sie echt süß aus, aber als sie Svalas Blick bemerkte, starrte sie wütend zurück. Svala hatte ihr nie etwas getan, aber Nesimas aggressive Art provozierte sie. Sie hatte Lust, es ihr mit gleicher Münze heimzuzahlen.

»Warum bist du überhaupt hier, wenn du alles so öde findest und du es nicht aushalten kannst?«, hatte Mia Nesima während einer Pause einmal in herablassendem Ton gefragt.

Nesima hatte zuerst nicht geantwortet.

»Mein Bruder hat mich gezwungen«, sagte sie schließlich. »Er hat gemeint, hier gibt es gute Leute. Aber da hat er sich schwer getäuscht«, sagte sie trotzig und Svala hatte das Gefühl, dass Nesima dabei ausgerechnet sie mit ihrem Blick durchbohrte.

Ein schwacher Brandgeruch erfüllte die Turnhalle, in der an manchen Stellen rußige Flecken zu sehen waren. Katja stand regungslos in der Mitte. Um sie herum sammelten sich die Neuntklässler. Emilie ließ Kaugummiblasen zerplatzen. Hasim, Ali und Sozan hatten sich oben auf die Sprossenwand gesetzt. Svala suchte den Raum nach Matilda ab. Sie hockte gelangweilt auf einer Bank an der Wand. Magnus Smedjegård und Britt Magnell standen mit verschränkten Armen im Eingang und warfen einander missbilligende Blicke zu. Katja machte nicht die geringsten Anstalten, das Wort zu ergreifen oder für Ordnung zu sorgen. Nesima und Fatimah hatten einen Kasten geholt, auf dem sie saßen und tuschelten. Britt Magnell klatschte ungeduldig in die Hände, damit es ruhiger wurde, aber Katja machte eine abwartende Handbewegung, stand weiter ganz still in der Halle und beobachtete den Trubel.

Erstaunt bemerkte Svala, wie sich der Lärm beruhigte und sich Stille über den Saal legte. Alle Augen waren auf Katja gerichtet, die immer noch schweigend dastand. Nachdem fast eine Ewigkeit vergangen war, hob sie ein wenig den Kopf und ließ ihren Blick einmal in die Runde durch die Turnhalle wandern.

»Willkommen! Wir werden zusammen Theater spielen. Ich verlange von euch völlige Konzentration. Hier drinnen herrschen für jeden von euch dieselben Bedingungen, auch für die Lehrer. Die Ansagen mache ich«, verkündete Katja und ließ ihren Blick auf der stocksteifen Gruppe in der Tür ruhen. Mit einem Lächeln wandte sie sich dann an die Jugendlichen.

»Die Lehrer sind keine Lehrer mehr und ihr seid keine Schüler mehr. Gemeinsam sind wir eine Theatergruppe. Wir arbeiten mit Szenen aus einem Stück, das ich auch im Margaretapark aufführe. Ihr habt bestimmt alle das Zelt gesehen. Wer auch seine Abende und Wochenenden fürs Theater einsetzen will, kann gern in den Park kommen.«

»Müssen wir da denn auch mitmachen?«, rief ein Junge aus Svalas Parallelklasse.

»Hast du einen guten Grund, warum du nicht dabei sein willst?« Katja sah ihn aufmerksam an.

»Wir wollen aufs Gymnasium wechseln und können unser Abschlusszeugnis nicht riskieren.«

Alles rief »Buh«, und auf dem Gesicht des Jungen erschienen zwei rote Flecken, woraufhin er seinen Kopf hängen ließ. Katja mahnte alle zur Ruhe.

»Das Theater ist gewissermaßen Teil des Unterrichts. ›Romeo und Julia‹ ist ein klassisches Drama, das für verschiedene Fächer nützlich ist. Und für das wahre Leben. Ich glaube nicht, dass du dir Sorgen machen musst.«

Svala beobachtete, wie die Lehrer vielsagende Blicke wechselten. Ali drückte einem Mitschüler, der unter ihm in der Sprossenwand saß, seine schmutzigen Turnschuhe ins Haar. Nesima und Fatimah steckten schon wieder die Köpfe zusammen und tuschelten.

Katja forderte alle auf, sich hinzustellen.

»Erst einmal wärmen wir uns auf.«

»Ey, ist das Theater oder Sport?«, rief jemand und alle kicherten.

Svala stellte sich mitten in die Halle. Immer mehr Leute schlossen sich an. Katja winkte die Lehrer heran, die sich unsicher aus dem Eingangsbereich näherten.

Hasim, Ali und Sozan hingen immer noch in der Kletterwand. Katja startete eine wilde und lustige Polonaise, der sich mal verlegen, mal mit lautem Lachen immer weitere Teilnehmer anschlossen. Svala stellte fest, dass es ihr großen Spaß machte. Als sie einen Blick zur Sprossenwand warf, sah sie, wie die drei da oben nur mit Mühe ihre coole Haltung bewahren konnten. Man sah ihnen an, dass sie gern mitmachen würden, doch ihr Stolz ließ es nicht zu.

In der darauffolgenden Stunde hatten sie Mathematik bei Göran Svanberg. Svala hasste seinen Unterricht. Er hatte Mundgeruch und ließ seinen Frust immer an den Schülern aus, die sich nicht wehren konnten. Außerdem kam er den Mädchen immer viel zu nahe, wenn er die Rechenaufgaben kontrollierte. An Svala traute er sich nicht heran, auch nicht an Matilda. Einmal hatte Matilda ihm geradewegs ihren Ellbogen in den Bauch gerammt, und ein andermal hatte Svala ihm direkt ins Gesicht gesagt, er solle gefälligst mehr Abstand halten. Deshalb hatten beide keine gute Note in Mathe.

Zu Nesima und Fatimah war er richtig gemein. Er machte gehässige Kommentare und verspottete die beiden wegen ihrer alten Grundschule.

»Na, kleine Nesima«, sagte Svanberg jetzt gerade höhnisch. »Hast du endlich ein bisschen Algebra verstanden? Darf ich mal deine Aufgabe sehen?«

Dann stellte er sich unangenehm dicht neben Nesima und Svala sah, wie Nesima sich so weit zur Seite lehnte, dass sie fast von ihrem Stuhl fiel. Svala stand auf, ging lässig nach vorn, um ihren Bleistift anzuspitzen, und stieß dabei Svanberg an, der total gekrümmt an Nesimas Tisch stand. Er verlor die Balance und landete unter dem schadenfrohen Gelächter der Schüler mitten im Klassenzimmer auf dem Hintern.

»Oh, Entschuldigung«, sagte Svala mit Unschuldsmiene. »Ich hab Sie gar nicht gesehen. Ich war so in die Aufgabe vertieft.«

Svanberg sah sie wütend an, als er sich aufrappelte. Svalas Blick traf sich mit Nesimas. Sie sah, wie ein zaghaftes Lächeln über deren Gesicht huschte, bevor sie sich wieder über ihr Mathebuch beugte.

Svala setzte sich zurück auf ihren Platz. Sie war heute nur zur Hälfte anwesend. Gestern im Zelt hatte es Spaß gemacht. In der Gruppe war das Improvisieren gar nicht schwierig. Wenn man dagegen wie Linn allein auf der Bühne stand, war es bestimmt viel schwerer. Svala hatte gestern ihren Freund gesehen. Er hatte eher dunkle Haut und sah etwas indisch aus. Linn hatte ihn während der Probe die ganze Zeit über verliebt angeguckt und in der Pause hatten sie bei den Wagen zusammengesessen und sich geküsst.

Heute Abend würde Svala wieder in den Park gehen.

Die Hip-Hop-Tänzerin

Aisa hatte Pfannkuchen gebacken, so wie früher, als Svala noch klein war. Damals konnte Svala sich nichts Besseres vorstellen, aber heute Abend schlang sie das Essen herunter, gab Aisa rasch einen Kuss und zog sich die Jacke an.

»Du willst doch nicht schon wieder zum Theater?«, fragte Aisa. »Was ist mit deinen Hausaufgaben? Denk dran, dies ist dein letztes Schuljahr vor dem Gymnasium und du hast nur noch einen Monat.«

Svala lächelte sie an.

»Keine Sorge. Die Erdkundearbeit ist gut gelaufen, ich hab bestimmt fast alles richtig.«

»Und Mathe?«, fragte Aisa, die wusste, dass dieses Fach Svalas wunder Punkt war.

»Du weißt doch, dass ich Svanberg nicht ausstehen kann«, antwortete Svala. »Seit ich ihn in der Siebten angeschrien habe, weil er mich betatscht hat, hat er mich auf dem Kieker.«

»Hast du damals nicht etwas übertrieben?« Svala spürte Aisas fragenden Blick und merkte, wie die Wut in ihr hochkochte.

»Glaubst du ihm etwa mehr als mir? Nur weil das Ekelpaket sich bei den Eltern einschleimt. Du kapierst gar nicht, wie ekelhaft der Typ ist! Heute hat er ein Mädchen aus der Dalen-Siedlung angegrabscht. Und so was verteidigst du auch noch?«

Svala knallte die Tür hinter sich zu und marschierte zornig zum Park. Göran Svanberg hatte das eigenartige Talent, die Eltern hinters Licht zu führen. Wahrscheinlich hatte es deshalb bislang keine Klasse geschafft, ihn loszuwerden. Die Erwachsenen begriffen gar nicht, wie verletzend und gemein er im Klassenzimmer war, denn auf den Elternabenden mimte er immer den freundlichen, lustigen Lehrer.

Svala war völlig in Gedanken versunken, als sie das Zelt betrat. Es wurde gerade geprobt. Schon von draußen hatte sie Hip-Hop-Klänge gehört. Sie sah nur die Rücken von einer Gruppe Mädchen, die unglaublich gut tanzten.

Wenn man die Musik hörte und den Tänzerinnen zuschaute, konnte man einfach nicht sitzen bleiben. Als sie sich plötzlich umdrehten, musste Svala allerdings nach Luft schnappen.

Denn eine der Tänzerinnen, zu allem Überfluss auch noch die, die sich am tollsten bewegte, war Nesima. Sie trug eine schlabberige schwarze Hose, ein enges schwarzes Top und strahlte, anscheinend war sie allerbester Laune. Svala ärgerte sich. Hatte sie nicht einmal hier ihre Ruhe vor der Dalen-Clique? Konnte sie Katja und das Theater nicht für sich allein haben?

Katja unterbrach die Tänzerinnen, indem sie begeistert in die Hände klatschte.

»Super! Ihr müsst unbedingt beim Stück mitmachen!«, rief sie. »Oder?« Katja warf einen Blick in die Runde und alle Zuschauer außer Svala lächelten ihr zustimmend zu. Anscheinend fanden sie Hip-Hop bei ›Romeo und Julia‹ ausgesprochen originell. Die Tänzerinnen sprangen von der Bühne und redeten angeregt mit Katja.

Svala dagegen verdrückte sich aus dem Zelt und ging nach Hause, bevor Nesima sie entdecken konnte.

Auf ihrem kurzen Schulweg am nächsten Morgen hatte Svala schlechte Laune. Sie fand es furchtbar, dass Nesima bei ›Romeo und Julia‹ dabei sein würde. Außerdem hatte ihr Aisa den Wutausbruch vom Vorabend noch nicht verziehen.

Seit ihrer Rückkehr aus Island schien Aisa zu glauben, dass alles genauso war wie vor der Scheidung. In ihren Augen war Svala noch so wie damals, bevor die Familie auseinandergebrochen war. Aber Svala lebte inzwischen ihr eigenes Leben.

Aisa hatte ihr über die Jahre wiederholt eingeschärft, dass sie immer die Konsequenzen ihrer Handlungen bedenken sollte. Das brachte Svala jedes Mal in Rage, wenn sie daran dachte. Hatten ihre Eltern denn an die Konsequenzen für ihre eigenen Kinder gedacht, als sie einfach wie Teenager allein durch die Welt gegondelt waren?

Svala kickte einen Stein über den Bürgersteig. Fortzugehen, die Familie zu verlassen und sich zu befreien, das stand ja wohl eher ihr und Pétur zu und nicht ihren Eltern!

Beim Gedanken an ihren Vater wurde sie noch trauriger. Seit Aisa wieder zurück war, meldete sich Jan nicht mehr so oft wie sonst. Svala hatte Sehnsucht nach ihm.

Vor dem großen gelben Schulgebäude hielt sie inne. Ihre Schulzeit war ihr wie eine Ewigkeit vorgekommen und jetzt waren nur noch ein paar Wochen übrig. Zerstreut nickte sie einigen Mitschülern aus ihrer Parallelklasse zu und ging schnell zu ihrem Schrank, um die Schulbücher einzuschließen, die sie über Nacht mit nach Hause genommen hatte.

Mia, Jasmin und Emelie tuschelten in einer Ecke miteinander und verstummten demonstrativ, als Svala an ihnen vorbeiging.

Während sie ihnen einen gut einstudierten verächtlichen Blick zuwarf, machte sich Unbehagen in ihr breit. Bisher waren sie sich nach Möglichkeit aus dem Weg gegangen, aber jetzt sah es aus, als ob der schwelende Konflikt in ihrer Klasse doch noch zum Ausbruch kommen würde.

»Mit den Klamotten sieht sie aus wie ein Penner.« Svala war klar, dass Mia absichtlich so laut sprach, dass sie es hören konnte.

Svala wickelte sich noch enger in die alte Lederjacke, die sie von Pétur ausgeliehen hatte.

»Lieber ein Penner als ein Möchtegern-Snob aus der Hochhaussiedlung«, rief sie als Antwort und donnerte wütend die Schranktür zu. Der Tag fing ja gut an!

Vor dem Klassenzimmer drückten sich Nesima und Fatimah herum, die Svala abschätzig musterten. Keine von ihnen sprach ein Wort. Vom hinteren Ende des Flurs kamen Ali und Hasim angeschlendert.

Svala fühlte sich in die Ecke gedrängt.

Nesima grinste. »Na, hast du Angst?«

Svala wappnete sich. Sie hatte gehört, was mit Mädchen passierte, die der Clique in die Quere kamen, aber es war schwer zu sagen, ob diese Gerüchte stimmten.

»Wovor denn?« Svala versuchte, gleichgültig zu klingen.

»Vor Kanaken vielleicht?«

Svala zuckte die Schultern.

»Wo wir eure feine Schule beschmutzen.« Außerhalb des Klassenzimmers sprach Nesima immer mit einem schweren Akzent, obwohl sie ihr ganzes Leben in Schweden verbracht hatte.

»Verdammte Hure.« Ali spuckte die Worte aus.

»Svala!« Matilda kam durch den Flur geeilt.

Svala musste unwillkürlich lächeln. Matilda hatte das Talent, immer im rechten Moment aufzutauchen. Sie war trotz allem eine echte Freundin, von der sie jederzeit Hilfe erwarten konnte.

»Was ist los?« Matildas Blick wanderte von Svala zu Nesima und zurück.

»Wir sprechen gerade über die Spießeridylle in diesem schönen Stadtteil.« Nesima grinste.

»Ausgerechnet mit Svala, wo ihre Mutter genauso Ausländerin ist wie eure!«, rief Matilda.

In Nesimas Augen funkelte es. Plötzlich bauten sie, Hasim, Ali und Fatimah sich vor ihnen auf, still und bedrohlich. Svala und Matilda versuchten, sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen, aber Svalas Herz pochte wie das eines kleinen Vogels. Der Korridor füllte sich wieder mit Schülern. Schnell nahm Svala Matildas Hand und lief mit ihr weg.

Svala fühlte sich erbärmlich. Feige und unehrlich. Was sie im Grunde ja auch war. Sie wollte die aus Dalen wirklich hier nicht haben. Weder in der Schule noch im Theaterzelt. Nicht weil sie Ausländer waren, nicht weil sie in Dalen wohnten, sondern weil sie so nervten. Für sie war es selbstverständlich, Antirassistin zu sein. Sie wollte ebenso wenig »Scheißschwedin« genannt werden wie die anderen »Kanaken«. Sie wusste auch, dass ihre Angst nur ein Bruchteil dessen war, was Nesima und ihre Freunde täglich spürten.

Aber Svala fühlte sich genauso fremd auf dieser Schule, wie Nesima und Fatimah es vermutlich taten. Sie war hier genauso unglücklich und isoliert wie die beiden.

Ein dunkler Schatten

Nach diesem Zwischenfall hielt es Svala nicht mehr aus in der Schule. Ziellos lief sie hin und her, bis sie sich plötzlich im Margaretapark wiederfand. Ausnahmsweise war es bei den Zirkuswagen völlig leer und im Zelt herrschte Ruhe. Im Wagen mit der Ticketkasse sah Svala nur Lea, die Katjas Regieassistentin war. Sie hatte gehofft, Katja selbst zu treffen oder vielleicht Petter, aber ansonsten wollte sie in Frieden gelassen werden.

Im Zirkuszelt war es kalt und ungemütlich. Überall stapelte sich das Baumaterial für die Kulissen. Svala kletterte auf die Tribüne, setzte sich dicht unter das Zeltdach und ließ sich von der bleichen Frühlingssonne wärmen, die außen auf die Zeltplane schien. Ein leeres Zirkuszelt war beinahe gruselig. Und voller Melancholie. Als ob die Manege sich nach dem Gelächter, dem Spiel und dem Gesang sehnte.

Aber irgendwie passte das alles gut zu Svalas Gemütsverfassung. Am liebsten hätte sie sich in Aisas Armen verkrochen und ihren Kopf an Aisas Hals geschmiegt, wo die Haut ganz weich war, und wäre noch einmal eingetaucht in die Geborgenheit der Kindertage.

Wenn sie aber diesem Impuls nachgab, würde das Aisa in ihrer Annahme bestätigen, alles sei noch genauso wie vor ihrer Abreise nach Island und Svala wäre immer noch ein Kind. Das wäre ein schlimmer Rückschritt. Svala wollte erwachsen sein, wollte, dass man ihr zuhörte und vertraute. Sie wollte jemand sein, der Nein sagen kann. Jemand, der sich nicht mehr fiesen Lehrern beugen muss.

In der Ferne rauschte der Verkehrslärm. Doch Svala lauschte dem Wind, der in den Bäumen spielte. Sie wurde ruhiger. Um sie herum war es friedlich.

Plötzlich hörte sie direkt vor dem Zelt einen dumpfen Aufprall. Svala versuchte, durch die Zeltplane Umrisse zu erkennen, konnte aber nichts sehen. Von bösen Ahnungen gepackt sauste sie die Tribüne herunter. Einen kurzen Augenblick überlegte sie, ob sie sich anschleichen sollte, aber sie wollte lieber Krach machen und die Gefahr vertreiben.

Schnell schlüpfte sie durch die Zeltöffnung und lief um das Zelt herum, während sie aufpasste, nicht über die aufgespannten Seile zu stolpern. Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, wie jemand schnell zwischen den Bäumen in Richtung Schule verschwand. Der dunkle Schatten war unmöglich zu identifizieren. Svala verlangsamte ihr Schritttempo und versuchte, durch die dünne Bepflanzung zu spähen.

Als sie kehrtmachte, fiel ihr Blick auf eine Plastiktüte im Gras. Sie enthielt Spraydosen. Jemand hatte versucht, mit schwarzer Farbe etwas auf die Zeltplane zu sprayen.

Svala nahm die Tüte und klopfte an Katjas Wagen. Niemand öffnete. Zögernd ging sie zum Kassenwagen. Als Svala den Wagen betrat, guckte Lea, die Regieassistentin, hoch.

»Jemand wollte hier wieder sprayen.« Svala zeigte ihr die Dosen.

»Oh! Wo hast du sie gefunden?«

»Hinter dem Zelt. Ich hätte den Sprayer fast erwischt.«

»Tja, ich fürchte, die Sache muss warten, bis Katja wieder da ist. Ich rede mit ihr. Das kommt schon wieder in Ordnung. Jetzt, wo wir die Hip-Hopper dabeihaben, kommen bestimmt noch mehr Leute aus Dalen, und dann heißt es endlich nicht mehr wir gegen die. Vielleicht können wir die Sprayer sogar mit in unsere Bühnenbaugruppe aufnehmen?«

Svala ärgerte sich, dass Lea die Sache so herunterspielte. Warum glaubte nur jeder, dass sich alles von allein lösen würde? Nach Hause konnte sie nicht, weil Aisa sie geradewegs zurück in die Schule schicken würde. Wenn ihr keiner zuhören wollte, musste sie den Dingen eben selbst auf den Grund gehen. Kurz entschlossen machte sie sich auf den Weg nach Dalen. Dort waren die meisten Wände mit Graffiti bemalt. Vielleicht entdeckte sie ein Tag vom selben Sprayer.

Der Marktplatz im Zentrum von Dalen war beinahe menschenleer. Vor der Post unterhielten sich ein paar Rentner. Svala kam sich dämlich vor. Was nützte es ihr, wenn sie das Tag fand, das auf die Wagen gesprayt war? Wenn sie sich nicht erkundigte, würde sie trotzdem nicht wissen, wer dahintersteckte.

Als sie im letzten Frühjahr zur Nerzfarm auf der Insel Tynningö herausgefahren war, hatte sie Oskar, einen von Péturs besten Freunden, gebeten, sie zu begleiten. Vielleicht war diesmal Ervin an der Reihe? Auch Ervin war sehr gut mit Pétur befreundet, aber es kam ihr nicht so selbstverständlich vor, ihn aufzusuchen. Sie hatte früher fast nie mit ihm geredet, weil er meistens nur schweigend dasaß, und seit sie nicht mehr mit ihrem Bruder zusammenwohnte, hatte sie Ervin gar nicht mehr gesehen. Aber er wohnte in Dalen und war bestimmt gut informiert. Anders als Pétur war er nicht vom Gymnasium abgegangen. Doch plötzlich kam Svala ein Gedanke, der sie einen Rückzieher machen ließ. War es wirklich so klar, dass der Graffitisprayer aus Dalen kam? War es nicht einfach nur peinlich, Ervin mit dieser Unterstellung zu kommen?

Svala drehte sich um und spazierte langsam zurück. An der U-Bahn-Station begegnete sie Hasim. Sie wusste nicht, in welche Richtung sie gucken sollte. Wenn er etwas Gemeines sagte, würde sie anfangen zu heulen. Heute war so ein Tag. Aber er lächelte und grüßte sie mit einem Nicken, bevor er schnell weiterging.

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