Читать книгу: «Tod in Jerusalem»
Inhalt
IMPRESSUM 2
VORWORT 3
WIDMUNG 5
VORWORT DES AUTORS 6
KAPITEL EINS DER KAMPF UM DAS LAND 16
KAPITEL ZWEI DAS JÜDISCHE SCHICKSAL 87
KAPITEL DREI FRIEDENSSTIFTUNG ODER VERRAT 155
BIOGRAPHIE 231
IMPRESSUM
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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© 2021 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99064-825-4
ISBN e-book: 978-3-99064-826-1
Lektorat: Volker Wieckhorst
Umschlagfoto: Emil Vlajki
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Deutsche Übersetzung: Jelena Gazarek, Gorana Koch, Grozdana Bulov
www.novumverlag.com
VORWORT
Nun ziehe ich umher, ohne Ziel und Sinn,
wie mit dem Stempel des Urfluches versehen,
von allen verlassen, vom Schicksal bestraft mit Qualen.
Nur manch Kind hält inne und sieht mich wunderlich an,
wenn Tränen mir im Gesicht erstrahlen.
Roman, eine tragische Person im palästinischen Umfeld und die Hauptfigur dieses Romans, ließ die Ereignisse, die sein Leben völlig aus der Bahn geworfen hatten, immer wieder Revue passieren. Er konnte nichts mehr ausrichten, denn es war alles bereits unwiederbringlich verloren. Trotzdem hatte er das Gefühl, dass er durch das fortwährende Nachdenken über die Ereignisse ein Wunder herbeisehnen und alles wieder wie vorher sein könnte.
„Die meisten Menschen, die ich hier in Palästina gekannt habe“, dachte er bei sich, „und die mir besonders viel bedeutet haben – sind tot. Meine Mutter Bea ist tot, ebenso meine Verlobte Olivia, die unser gemeinsames Kind trug. Mein Adoptivbruder Assim und seine Eltern sind auch tot. Aaron, ein Mann, für den ich eine tiefe Hochachtung empfunden hatte, hat Bea und Assim getötet und wartet nun auf die Vollstreckung der Todesstrafe. Die Erkenntnis, dass ich, mittelbar und ohne es zu wollen, am Tod meiner Mutter und meines Adoptivbruders schuld bin, ist unerträglich.
Was würde Freud wohl daraus schließen? Er würde sicher sagen, dass ich unbewusst den Wunsch gehegt haben muss, dass meine Mutter und Assim aus meinem Leben verschwinden. Außerdem würde er ergänzen, dass ich meiner Mutter die Schuld an dem Tod meiner Verlobten Olivia gegeben und sie dafür innerlich gehasst habe. Und meinen Adoptivbruder Assim habe ich nur deswegen akzeptiert, weil meine Mutter ihn so sehr geschätzt hat. Im Umkehrschluss würde das aber bedeuten, dass ich Aarons Verbrechen in meinem Unterbewusstsein billige.
Diese Gedanken sind einem Menschen nicht zumutbar, sie zermürben meine Seele. Wie kann ich mir den Tod meiner eigenen Mutter gewünscht haben? Wie kann ich bloß zu ihrem Mörder halten? Sind mir ideologische Kämpfe etwa wichtiger als die Liebe zu meiner Mutter? Meine Mutter und mein Adoptivbruder haben sich für den Frieden in Palästina eingesetzt. Auf einer humanistisch-abstrakten Ebene hatten sie Verständnis für die palästinensischen Terroristen, die meine Verlobte getötet haben. Es kann nicht richtig sein, Terroristen zu rechtfertigen, doch meine Mutter und Assim wollten mit ihrer Haltung sicherlich niemandem schaden. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet meine Mutter und Assim, eine Jüdin und ein Palästinenser, deren einziges, aufrichtiges Ziel der Frieden in Palästina war, ums Leben gekommen sind.
Ich habe den beiden ihre Haltung sehr übel genommen. Das war aber wegen des unerträglichen Schmerzes, der mich seit dem Tod von Olivia und unserem ungeborenen Kind plagte. Bin ich deswegen vielleicht auch ein Verbrecher?
Auf die Frage, wie das alles eigentlich begann, finde ich keine klare Antwort. Den Hintergrund aller Ereignisse, so scheint es mir heute, bildet diese schicksalhafte Vorbestimmung der Juden und der Araber zu einer fortwährenden gegenseitigen Feindschaft. Wer aus irgendeinem Grund in dieses Jahrhunderte dauernde Todesspiel auf der einen oder anderen Seite hineingezogen wird, dem blüht sicherlich nichts Gutes.
Als ob das nicht genug wäre, endet dieses Todesspiel keinesfalls an den Grenzen von Israel und Palästina. Außerhalb lauern nach wie vor die Antisemiten, die Islamophoben und sonstige kleinkarierte Schwachköpfe, die ihren Lebenssinn darin finden, andere Menschen, allen voran die Juden, zu schikanieren, zu unterdrücken und zu hassen, weil sie sie für moralisch und auch sonst in jeder Hinsicht für unterlegen halten.
Unglücklicherweise gehöre ich durch Gottes Willen zu diesen ‚Nichtariern‘, was mich zu einem unfreiwilligen Mitspieler in dieser furchtbaren Tragödie macht.“
WIDMUNG
Meiner Mutter Belina Aschkenazi
VORWORT DES AUTORS
(Über humanere Alternativen und die Realität)
Es ist nie zu spät, vernünftig und weise zu handeln,
es ist nur schwieriger, wenn man erst spät
zu dieser Erkenntnis gelangt.
Der Ihnen vorliegende Text ist eine romanähnliche historische Chronik, die durch das Schicksal dreier Friedensaktivisten im israelisch-palästinensischen Konflikt erzählt wird. Es liegt wohl nahe, dass psychische und physische Gewalt im Mittelpunkt der Erzählung stehen. Darüber hinaus werden Begriffe wie Identität und Verrat thematisiert und moralische Dilemmata aufgezeigt, vor allem bei der Hauptfigur Bea. So fragt sich Bea immer wieder, ob sie das Recht habe, sich im „gelobten Land“ niederzulassen und dort zu leben. Dabei beginnt die Geschichte im Jahr 1947 in Palästina unter der britischen Mandatsverwaltung und setzt sich im selben Raum fort, der von ständigen Kriegen und Waffenruhen zwischen Juden und Palästinensern geprägt ist, in welchen kleine, mittelgroße und große Mächte immer wieder assistieren. Die Geschichte endet tragisch für alle, die sich aufrichtig für den Frieden in dieser Region einsetzen.
Bevor wir mit der eigentlichen Erzählung beginnen, möchte ich zunächst einige Begriffe erläutern. „Palästina“ bezeichnet in der neueren Geschichte das britische Mandatsgebiet Palästina von 1922 bis 1948. Das Mandatsgebiet Palästina umfasste ursprünglich das heutige Israel, das palästinensische Autonomiegebiet und Teile des heutigen Jordanien. Transjordanien, das Gebiet östlich des Flusses Jordan, wurde bereits im Jahre 1923 abgetrennt, und seitdem ist der heutige politische Begriff Palästina etabliert, mit dem das Gebiet westlich des Jordans, das rund 20 % des ursprünglichen Völkerbundmandats Palästina ausmacht, bezeichnet wird.
Gebildete jüdische Einwanderer als Chance für den Fortschritt
In den Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts war Palästina eine unterentwickelte Region mit feudalem Charakter. Die durch den Aufstieg des Nationalsozialismus bedingte Einwanderung der Juden aus Mittel- und Osteuropa, die meist überdurchschnittlich gebildet waren, hätte im Grunde nur einen Fortschritt bewirken können. Um Haaresbreite wäre die Geschichte auch so verlaufen. Die Vereinten Nationen legten für das verbliebene britische Mandatsgebiet Palästina im Jahr 1947 einen Teilungsplan vor, nach dem ein jüdischer und ein arabischer Staat hätten entstehen sollen. Der jüdische Staat Israel erhielt durch den Teilungsplan rund 15.000 Quadratkilometer Land, das zur Hälfte aus der Wüste Negev bestand. In diesem Staat war der Anteil der jüdischen und der arabischen Bevölkerung ungefähr gleich groß.
Angesichts der demografischen Expansion der arabischen Bevölkerung wäre eine mehrheitlich jüdische Bevölkerung in diesem Land wohl kaum möglich, es ist sogar fraglich, ob ein solches Israel überhaupt überlebensfähig gewesen wäre. In direkter Nachbarschaft hätten sich der Staat der palästinensischen Araber sowie andere arabische Länder befunden. Es liegt auf der Hand, dass die Juden aufgrund einer solchen Sachlage zwar einen zivilisatorischen Einfluss hätten ausüben können, jedoch keinesfalls in der Lage gewesen wären, eine expansionistische Politik zu betreiben.
Doch es geht immer auch anders. Man hätte etwa sagen können: „Was gehen uns die gebildeten Juden oder der Holocaust und die Nazis an? Die Juden haben einfach kein Recht, sich hier auf fremdem Land niederzulassen.“ Genau dies geschah, und die Geschichte nahm in der Folge ihren Lauf.
Palästina war seit jeher ein Verwaltungs- und kein Nationalgebiet
Die Frage von Recht und Unrecht kann jedenfalls auch aus diesen Gesichtspunkten betrachtet werden:
Auf dem Gebiet von Palästina existierte damals kein Staat oder staatsähnliches politisches Gebilde.
In Palästina stellten die Juden seit jeher rund 10 % der Bevölkerung dar.
Die Besiedelung solcher Gebiete ist in der neueren Geschichte keine Seltenheit (Australien, Amerika).
Die damalige mehrheitliche Bevölkerung Palästinas definierte ihre Identität als arabisch und nicht als palästinensisch.
Selbst die politischen Vertreter einiger arabischer Staaten, wie z. B. Saudi-Arabien, Jordanien und Syrien, leugneten die Existenz von Palästina.
In der Welt wurde jahrzehntelang über palästinensische Flüchtlinge berichtet, während palästinensisches Volk noch kein Begriff war.
Die Juden fanden, dass sie ein historisches Anrecht hatten, sich auf diesem Gebiet niederzulassen, denn das war ursprünglich ihr Land, bevor sie vor rund 2.000 Jahren von den Römern vertrieben wurden – dies allerdings unter der Voraussetzung, dass den palästinensischen Arabern kein Nachteil daraus erwuchs.
Daraus ergibt sich die Kernfrage, nämlich: Wie viel Zeit darf vergehen, damit ein vertriebenes Volk das Recht behält, in das eigene Land zurückzukehren bzw. wie viel Zeit muss vergehen, damit das betreffende Volk das Recht auf die Rückkehr in die Heimat verliert?
Militärische Interventionen der arabischen Länder – ein wiederholtes Eigentor
Es gibt in der Geschichte Palästinas vielschichtige Themen, die es zu beleuchten gilt. Doch ich will hier insbesondere auf einen wesentlichen Faktor eingehen, nämlich auf die Reaktion der arabischen Welt auf den UN-Teilungsplan. Wären die arabischen Staaten damals vernünftiger (geschweige denn humaner) gewesen, so hätten sie das durch den Plan vorgesehene Israel ohne Säbelrasseln und Drohgebärden akzeptiert. Schließlich war das Land aufgrund seiner Größe und Bevölkerungsstruktur für sein Umfeld völlig unbedenklich. Eine solche Entscheidung wäre zum Vorteil aller gewesen, sowohl der jüdischen als auch der arabischen Bevölkerung.
Doch der Teufel bzw. Scheitan, wie auch immer, ließ den Arabern keine Ruhe. Als im Jahr 1948 der Staat Israel ausgerufen wurde, fielen noch am selben Tag fünf arabische Länder mit ihrem jeweiligen Heer in das Land ein, in der Absicht, dieses UN-Gebilde zu vernichten. Fast wäre ihnen dieses Vorhaben auch gelungen, doch gleichzeitig war es von vornherein zum Scheitern verurteilt. Dies vor allem deswegen, weil es für die Juden, die vor der Verfolgung durch die Nazis geflohen oder nach dem Krieg als Holocaustüberlebende nach Palästina gekommen waren, keinen anderen Ausweg gab, als für ihr Überleben zu kämpfen. Sie führten einen verbitterten und scheinbar aussichtslosen Kampf gegen einen zahlenmäßig weit überlegenen Feind und gewannen dadurch die Sympathien der ganzen Welt.
Auf der anderen Seite kämpften die nicht vereinten arabischen Kräfte für ein Land, das nicht das ihre war, sie waren unmotiviert für diesen Kampf, und das Schicksal der arabischen Bevölkerung Palästinas war ihnen ebenfalls egal. Die palästinensischen Araber waren die Einzigen, die eigentlich hätten kämpfen sollen, doch sie hatten keine ausgeprägte nationale Identität, und es mangelte ihnen an Organisation. Fast ohne Widerstand zu leisten, wurden sie zu Flüchtlingen, und die ganze Welt behandelte sie jahrzehntelang als solche.
Die Folge dieser unüberlegten arabischen Intervention war, dass Israel sein Territorium im Vergleich zum UN-Teilungsplan um 40 % vergrößerte und auch Westjerusalem einnahm.
Im Jahr 1967 wiederholte sich die Geschichte, ohne dass man daraus gelernt hatte. In der Überzeugung, militärisch deutlich stärker als Israel zu sein, provozierten die arabischen Länder einen Krieg, der durch die rundum propagierte Absicht „die Juden ins Meer zu werfen“ (sic!) angeheizt wurde. Die Folge: Israel eroberte auch Ostjerusalem, das Westjordanland und die strategisch wichtigen Golanhöhen in Syrien – Gebiete, die sich bis heute unter israelischer Kontrolle befinden.
Die politisch-militärischen Schritte der arabischen Länder waren sowohl 1948 als auch 1967 gelinde gesagt höchst seltsam. Deren Folgen waren nicht zugunsten der Palästinenser, sondern eigentlich zu ihrem Schaden, fast so, als hätten die arabischen Länder im Auftrag der CIA und nicht in eigenem Sinne gehandelt. Die palästinensische Nakba (zu Deutsch: Katastrophe) besteht nicht nur in der Flucht und Vertreibung der arabischen Bevölkerung Palästinas infolge des Krieges 1948, sondern vielmehr in der schändlichen Rolle, die die arabischen Staaten in dieser Tragödie gespielt haben und immer noch spielen.
Allen voran ist dabei der damalige Emir von Transjordanien, Abdallah ibn Husein, zu nennen, der die palästinensischen Araber verriet, indem er während des Krieges 1948 mit Unterstützung der Briten mit der israelischen Politikerin Golda Meir Verhandlungen über eine Teilung Palästinas führte und einen Großteil des britischen Mandatsgebiets Palästina seinem Königreich Jordanien einverleibte. Aus diesen Gründen fiel er bereits im Juli 1951 einem Attentat zum Opfer.
Möglicherweise ist es aber auch so, dass jemand es so wollte und immer noch will, dass Palästina ein Dauerkriegsherd bleibt und dort niemals Frieden einkehrt, unabhängig davon, was die Juden oder die Araber auch tun.
Die Palästinenser als Zukunftsträger in der arabischen Welt
Die fürchterlichen Folgen der Kriege für die arabische Bevölkerung Palästinas haben auch einige positive Entwicklungen begünstigt:
Bei den damaligen Flüchtlingen bildete sich eine eigene Identität heraus, und sie wurden zum palästinensischen Volk, was zum Teil dadurch bedingt war, dass die Gegenseite, vor allem Israel, ihre Existenz leugnete.
Nachdem sie vor rund 2.000 Jahren von den Römern aus ihrem Land vertrieben worden waren, mussten die Juden, in der ganzen Welt zerstreut, für ihr nacktes Überleben kämpfen und wurden notgedrungen zu richtigen Lebenskünstlern. So ähnlich wurden die Palästinenser in der größten Not zu jenem Volk, das die höchste Bildung unter den arabischen Völkern aufweist. 97 % der Palästinenser können gut lesen und schreiben. Aus dem palästinensischen Volk sind Intellektuelle wie Edward Said (Literaturtheoretiker und Aktivist), Ghada Karmi (Medizinwissenschaftlerin, Gelehrte und Schriftstellerin), Emil Habibi (Schriftsteller und Politiker), Ibrahim Nasrallah (Dichter, Schriftsteller, Politiker), Areen Omari (Schauspielerin und Produzentin) u. v. a. m. hervorgegangen.
Das weitere Schicksal der Palästinenser wird in großem Maße davon abhängen, ob sie wahrhaftig selbstständig werden, d. h. ob sie die Fäden in die eigene Hand nehmen und aufhören, als Marionetten der arabischen Länder zu fungieren. Doch selbst wenn sie das tun und eigenständig entscheiden, was sie für das Beste halten, wird die Zukunft der Palästinenser ungewiss bleiben, denn alle Bemühungen und Errungenschaften dieses Volkes werden zunichte sein, wenn ihm Israel und die globalen Großmächte die Gründung eines eigenen Staates Palästina nicht ermöglichen.
Die vorliegende Erzählung – ein blutiges Märchen
Doch kehren wir zu der eigentlichen Geschichte zurück, die ohne Übertreibung als ein „blutiges Märchen“ bezeichnet werden könnte.
Im vorliegenden Roman wird das Schicksal dreier Hauptfiguren verfolgt, der Jüdin Bea sowie ihrer Söhne Roman und Assim. Bea ist die Schlüsselfigur der Erzählung, Beas leiblicher Sohn Roman ist väterlicherseits kein Jude, was er oft und gerne betont, jedoch handelt er oft ganz anders. Assim ist Beas Adoptivsohn, ein Palästinenser, den sie vor dem sicheren Tod im Krieg rettet.
Im ersten und zweiten Teil der Erzählung wird das Heranwachsen von Roman und Assim behandelt, das voller Gewalt und großer Traumen ist. Im dritten Teil kommen die beiden rund zwanzig Jahre später mit Bea in Jerusalem zusammen, wo sie gemeinsam zu Protagonisten eines tödlichen Dramas werden.
Die Hauptfiguren dieses Romans stellen ihre nationale und religiöse Identität zugunsten der Humanität in den Hintergrund. Es handelt sich um drei unverbesserliche Idealisten, die sich und andere in erster Linie als ebenbürtige Menschen sehen. Sie streben nach Frieden und Liebe und sind bereit, gegen Ungerechtigkeiten jeder Art entschlossen vorzugehen. Schließlich gehen sie an diesem nicht enden wollenden, gewaltsamen Konflikt körperlich und geistig zugrunde.
Denn die Zeit und die Umstände tun ihren Teil …
In diesem Roman wird, vor allem im dritten Kapitel, ein wahrhaftig biblisches, alttestamentarisches, brutales Bilderbuch des Todes gemalt. Bea rechtfertigt unvorsichtigerweise die Verbrechen der arabischen Fanatiker und macht sich auf diese Weise am Tod von Olivia, Romans Verlobte, die in einem Terrorangriff getötet wird, moralisch mitschuldig. Roman ist psychisch labil und trägt mittelbar einen Teil der Verantwortung für den gewaltsamen Tod von Bea und Assim. Beas bester Freund Aaron tötet Bea und Assim und wird selbst deswegen zum Tode verurteilt.
Durch die Handlung zieht sich eine Reihe von Terroranschlägen, deren Opfer sowohl Juden als auch palästinensische Araber sind.
Dadurch kommen wir nun zum vielleicht zentralen Problem dieses Dramas, nämlich der Frage des Verrats.
Hat Bea durch ihre persönlichen Dilemmas und ihre politischen Bestrebungen, die von Israel 1967 eroberten Gebiete im Austausch für Frieden abzutreten, ihr Land verraten? Israel wäre ohne diese Gebiete tatsächlich sehr verwundbar und von physischer Zerstörung bedroht.
Hat Beas Sohn Roman seine Mutter und die universale Vorstellung von Frieden und Toleranz verraten, als er sich gegen die Abtretung der eroberten Gebiete aussprach?
Hat Bea ihren Sohn verraten, weil sie für den Terrorismus der palästinensischen Araber Verständnis zeigte, obwohl die Verlobte ihres Sohnes in einem Terrorangriff getötet wurde?
Auch wenn wir Verrat und Loyalität und die beschriebenen Tragödien beiseitelassen, so stellt sich weiter die Frage, was die Hauptfiguren dieses Romans eigentlich antreibt. Gewiss hätten sie wissen müssen, dass eine Liebe zwischen einer Jüdin und einem Araber (und umgekehrt) in Palästina kaum eine Chance gehabt hätte. Es muss ihnen klar gewesen sein, dass die Wahrscheinlichkeit viel größer war, dass die Konflikte, der Hass und die Gewalt immer größere Ausmaße annehmen würden. Oder etwa nicht?
Wozu dann dieser Roman?
Weil diese Geschichte, genauso wie unzählige andere, sich in den seit Menschengedenken stattfindenden Kampf zwischen Gut und Böse fügt. Es gibt Menschen, die erkennen und verstehen alles, was um sie herum geschieht, sie haben ihre Zweifel, und trotzdem zögern sie kein bisschen, wenn es hart auf hart kommt. Selbst wenn alles aussichtslos scheint, geben sie ihren Wunschtraum nicht auf, sie kämpfen für ihre Ideale, ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen. Es gibt Menschen, die sind aus solchem Holz geschnitzt. Daher ist es so, dass, unabhängig davon, wie mächtig das Böse ist und wie lange es herrscht, das Gute früher oder später obsiegt.
Hinweise zum Roman:
Die historischen Ereignisse, die in diesem Roman Erwähnung finden, wurden aufgrund umfangreicher Studien der Fachliteratur, Dokumente und Schriften beschrieben. Insbesondere wurden Werke folgender Autoren herangezogen: M. Baletić, Theodor Herzl, Hajrudin Somun, Simon Dubnow, Simon Montefiore, David K. Shipler. Des Weiteren wurden biblische Texte, Memoiren von Heerführern sowie geprüfte mehrsprachige Internetquellen zu historischen Themen herangezogen. Aus den Quellen stammende Texte sind in Kursivschrift dargestellt, sofern sie nicht in die Romanhandlung mit einbezogen wurden. Einige Seiten wurden aus dem Roman des Autors mit dem Titel „Genozid“ übernommen.
Ebenfalls erwähnt werden sollte, dass bei manchen historischen Ereignissen im Roman der Ort und die Zeit bewusst geändert wurden. Einige im Roman beschriebene Ereignisse sind rein fiktiv und dienen dem Aufbau der Spannung, auch wenn sie durchaus in das Gesamtbild der Lage passen.
Insgesamt handelt es sich beim vorliegenden Buch klarerweise um einen Roman, also um eine Fiktion, die ihren Schwerpunkt in der Symbolik und nicht in einer wahrheitsgetreuen Wiedergabe der Ereignisse und Tatsachen hat.
Denn nichts muss notwendigerweise richtig sein, um wahr zu sein, und alles kann richtig sein, ohne dabei wahr zu sein.
Der Roman besteht aus drei Kapiteln:
Der Kampf um das Land
Das jüdische Schicksal
Friedensstiftung oder Verrat
Alle im Roman enthaltenen Verse, die von alttestamentarischen Motiven und Shakespeare inspiriert sind, stammen aus dem Gedichtband des Autors mit dem Titel „Lutajući Žid“ (Der umherirrende Jude), Belgrad 2014.
KAPITEL EINS
DER KAMPF UM DAS LAND
***
Der seit einem Jahrhundert andauernde, erbarmungslose Konflikt zwischen den Juden und den Arabern birgt auch einige Widersprüchlichkeiten und völlig naive Situationen, die die berechtigte Frage nach dem Sinn und der Bedeutung dieser Feindseligkeiten nahelegen.
Zu einer solchen Situation kam es eines Tages auf der syrischen Front, während sich die Soldaten beider Kriegsparteien ausruhten. Die Syrer waren auf einer Anhöhe und hatten einen guten Überblick über das, was unten vor sich ging. Die jüdischen Soldaten ruhten sich aus und zogen ihre Schutzwesten und Helme aus, was gegen die Regeln verstieß. Als die Syrer bemerkten, dass sich die Offiziere des Hauptquartiers mit dem Jeep dem jüdischen Posten näherten, warnten sie die jüdischen Soldaten mit lauten Rufen. Einige jüdische Soldaten, die Arabisch sprachen, verstanden die Warnung. Rasch zogen alle ihre kugelsicheren Westen an und setzten die Helme wieder auf, sodass sie ihre Vorgesetzten in vorschriftsmäßiger Montur erwarteten.
1.
Die israelische Regierungschefin Golda Meir wurde bei einer Gelegenheit gefragt, welches Ereignis in ihrem Leben sie entscheidend beeinflusst hatte, Amerika zu verlassen und nach Palästina zu emigrieren. Darauf gab sie eine etwas vage, eher philosophische Antwort: „In meinem inneren Wesen war ich schon immer in Palästina. Ein konkretes Ereignis, das mich dazu bewogen hätte, in mein Vaterland zu reisen, hätte jedes beliebige sein können, denn ich wäre ohnehin früher oder später nach Palästina gekommen. Ich gehöre zu einem Volk, dessen Schicksal vorbestimmt ist. Was immer ich auch tue, wo immer ich mich bewege, bleibe ich immer im Rahmen meines biblischen Erbes.“
Es ist, so scheint es, eine jede Sache bzw. Person einfacher, als das Wesen des jüdischen Volkes zu begreifen, denn alles verkompliziert sich, wenn es sich um die Juden handelt. Selbst harmloseste Ereignisse nehmen alttestamentarische Ausmaße an. Was wären denn die Juden ohne Gott und das Bündnis mit ihm, ohne Adam und Eva, ohne Abraham, die Sintflut, Moses und die zehn Gebote, ohne David und Goliath, Salomo, Simson und Delila, ohne den ersten und den zweiten Tempel, ohne Pogrome, den Holocaust und die fürchterlichen Vorurteile über dieses Volk?
Gänzlich unbegreiflich für Außenstehende ist obendrein der unerschöpfliche Trieb der Juden zur Rückkehr in das von Gott „verheißene Land“.
Im Laufe der Geschichte hatten nämlich Hunderttausende Juden, die in der Welt zerstreut gelebt hatten, manchmal auch völlig ohne Grund und Anlass, ihre Heime, die sie über Jahrhunderte bewohnt hatten, verlassen, um sich an einem einzigen Ort auf der Erde, nämlich im Eretz Israel, niederzulassen.
Der unnachgiebige Wunsch zur Rückkehr ist bei diesem Volk ein Jahrtausendtraum, für dessen Verwirklichung kein Opfer, auch nicht das eigene Leben, zu groß ist. Dieser Traum ist ein Teil der Hoffnung, die mit dem traditionellen Abschiedsgruß „Nächstes Jahr in Jerusalem“ als kollektives Gebet ausgedrückt wird.
Die jüdische Besiedelung dieses Erdteils löste naturgemäß großen Widerstand der lokalen arabischen Bevölkerung aus.
Bea hatte den gleichen Traum wie Golda Meir, und sie verfolgte ihn in ihrem Leben, das sie zum Teil in Palästina verbrachte. Daher scheint es zweckmäßig, hier einen kurzen Rückblick in die Geschichte zu machen, um zu erfahren, wie die biblische Region des alten Israel den Namen Palästina, der über Jahrhunderte erhalten blieb, bekommen hatte.
***
Vor rund zweitausend Jahren versuchte Rabbi Akiba, der größte jüdische Gelehrte seiner Zeit, seinen Freund Simon bar Kochba, Sohn des Sterns, mit all seiner Leidenschaft davon zu überzeugen, dass die Zeit für einen Aufstand gegen die Römer reif war.
„Wir schreiben das Jahr 132. Es sind bereits 70 Jahre seit dem Aufstand von Schimon bar Giora (dem Starken) vergangen, der gegen den römischen Kaiser Titus Jerusalem verteidigt hat und später in Rom hingerichtet wurde. Die Römer unterdrücken und demütigen uns auf jede nur erdenkliche Art. Die meisten Juden leben weltweit zerstreut, und wir sind nicht mehr viele. Die Römer wollen uns mit ihren Steuern aushungern, sie verspotten unseren Glauben und zerstören unsere Tempel. Du bist ein Zelote, ein Kämpfer, das Volk liebt dich und vertraut dir. Wenn du dich nur dazu entschließt, werden sie zu dir stehen und die Römer und ihren Kaiser Hadrian vertreiben. Wir haben nichts mehr zu verlieren, außer Ketten, welche uns die Römer angelegt haben.“
„In Ordnung, mein Freund, wir werden uns erheben, aber auch du musst dich klar zum Aufstand bekennen.“
„Das ist wohl selbstverständlich.“
Zwei Jahre später, im Jahr 134, spricht Bar Kochba zu Rabbi Akibi: „Wir haben es geschafft. Wir haben die Römer vertrieben. Das Volk ist uns zugeneigt. Wir haben Judäa, Samaria und Galiläa vereint. Israel ist wieder ganz.“
Ein Jahr später, im Jahr 135, spricht der römische General Sextus Iulius Severus zu seinem Kaiser Aelius Hadrianus: „Es hat uns drei Jahre gekostet, doch wir haben den Aufstand der Juden niedergeschlagen. Ich habe Bar Kochba mit meinen Legionen in die Festung Beth-Ter bei Jerusalem getrieben und ihn eingekesselt. Einer seiner Hauptmänner hat ihn verraten und uns einen geheimen Eingang gezeigt. So konnte ich sie mit meinen Männern überraschen, wir sind eingefallen, haben die Bewohner niedergestreckt, die Festung dem Erdboden gleichgemacht und Bar Kochba getötet. Was soll ich als Nächstes tun?“
„Töte alle Juden, die du in der ganzen Provinz finden kannst! Zerstöre all ihre Städte und Dörfer.“
„Das sind doch mehr als eine halbe Million Menschen, fünfzig Städte und an die tausend Dörfer!“
„Lösche sie aus, verwüste ihre Siedlungen! Am Heiligen Berg in Jerusalem reiße ihren Tempel nieder und lasse einen Tempel zu Ehren unserer Götter errichten. Falls welche überleben, verbiete ihnen, die Tora zu studieren und Jerusalem zu betreten. Diese Provinz, die sie Israel nennen, soll von nun an Palästina heißen und ein Teil von Syrien sein. Ich will dafür sorgen, dass das für ewige Zeiten so bleibt!“
Rabbi Akiba, der wie durch ein Wunder vom Massaker verschont geblieben war, studierte trotz des römischen Verbots weiterhin die Tora mit seinen Schützlingen. Als er gefragt wurde, ob er denn keine Angst vor den Römern habe, antwortete Rabbi Akiba: „Ohne die Tora sind wir Juden wie ein Fisch ohne Wasser. Wenn wir also die Tora studieren und dabei riskieren, den Zorn des römischen Kaisers zu erregen, so sind wir immer noch viel besser dran als ohne die Tora, denn das würde unseren sicheren Tod bedeuten.” Rabbi Akiba wurde schließlich verhaftet und auf bestialische Weise getötet – die Römer ließen seinen Körper mit Metallzangen auseinanderreißen. Rabbi Akiba ertrug stoisch die Folter und rief kurz vor dem Tod aus: „Schema Jisrael!“ (Höre Israel). Bis heute gedenken die Juden dieses Martyriums in ihren Gebeten zu den Festen Jom Kippur (Tag der Versöhnung mit Gott) und Tischa beAv (Fasten- und Trauertag in Erinnerung an die Zerstörung des Tempels von Jerusalem).
Nach der blutigen Niederschlagung des jüdischen Aufstandes ging Kaiser Hadrian an seinen persönlichen Plan für den Wiederaufbau Jerusalems heran. Die neuen Stadtbewohner waren Nicht-Juden, und Juden war der Zutritt in die Stadt verwehrt. Am Heiligen Berg, wo ursprünglich der Heilige Tempel Beit Hamikdasch gestanden hatte, wurde ein Tempel mit Statuen Jupiters und Hadrians erbaut. Die Stadt wurde zu Ehren von Aelius Hadrianus und in Anlehnung an das Kapitol in Rom, an dem sich die größte Jupiterstatue befand, in Aelia Capitolina umbenannt. Das alles trug sich im Zeitraum vom Jahr 132 bis zum Jahr 138 unserer Zeitrechnung zu.
2.
Nun werden wir, liebe/r Leser/in, 18 Jahrhunderte überspringen und uns mit der Hauptfigur dieses Romans bekanntmachen, für die die Ankunft in Palästina den Beginn ihres wahren Lebens bedeutete. Jedoch ist, wie es so schön heißt, nichts gratis im Leben. Entscheidet man sich für einen Weg, muss man alle anderen verlassen, auch wenn das eigene Herz dranhängt. Man wechselt in ein unbekanntes Umfeld, trennt sich von seinen Liebsten und Freunden und weiß nicht, wie man in der Fremde aufgenommen wird. Nichtsdestotrotz muss man den Weg, für den man sich entschieden hat, auch weitergehen und die Seelennot und Widrigkeiten auf diesem Weg akzeptieren.
Auch unsere Romanheldin Bea fühlte sich nach ihrer Ankunft in Palästina einsam und brach immer wieder in Tränen aus. Der Krieg, der dort tobte, ließ die Traumata, die sie im besetzten Europa im Zweiten Weltkrieg erlebt hatte, wieder hochkommen. Gleichzeitig versuchte sie den Schmerz über die Trennung von ihrem Kind, das sie irgendwo auf dem Balkan zurücklassen musste, zu unterdrücken. Schließlich wurde sie Herr ihrer selbst und begann die Bibel wieder zu studieren, um den Kern des israelisch-arabischen Konflikts zu verstehen, der sich im Jahre 1947 vor ihren Augen abspielte.
Eine der ersten Erkenntnisse, zu denen Bea gelang, war, dass sowohl die Juden als auch die Araber semitische Völker waren, die beide seit jeher auf gleichem Boden gelebt hatten, was durch das Alte Testament bezeugt wird. Einigen Interpretationen des ersten Buches „Genesis“ zufolge sind Juden und Araber nämlich Geschwistervölker nach Abraham.
In der Heiligen Schrift heißt es, dass Abrahams Frau Sara neunzig Jahre alt war und keine Kinder mehr gebären konnte.
Deshalb erlaubte sie ihrem Mann, mit der Magd Hagar ein Kind zu zeugen. Abraham tat, wie Sara ihm gesagt, und Hagar brachte ein Kind auf die Welt, das den Namen Ismael erhielt.
Doch der jüdische Gott Jahve versprach Sara danach, dass sie einen eigenen Nachkommen haben würde. Eines Tages nahm er sich Saras an, wie er gesagt hatte, und tat Sara so, wie er versprochen hatte. Sara wurde schwanger und gebar dem Abraham einen Sohn zu der Zeit, die Gott angegeben hatte. Abraham nannte seinen Sohn, den ihm Sara gebar, Isaak.
Eines Tages beobachtete Sara, wie der Sohn, den die Ägypterin Hagar Abraham geboren hatte, mit ihrem Sohn Isaak spielte. Da sagte sie zu Abraham: „Vertreibe diese Magd und ihren Sohn! Denn der Sohn dieser Magd soll nicht zusammen mit meinem Sohn Isaak Erbe sein.“
Abraham war darüber sehr unglücklich, denn auch Isaak war sein Sohn.
Gott sprach aber zu Abraham: „Die Sache wegen des Knaben und wegen deiner Magd sei nicht böse in deinen Augen. Hör auf alles, was dir Sara sagt! Denn nach Isaak sollen deine Nachkommen benannt werden. Aber auch den Sohn der Magd will ich zu einem großen Volk machen, weil auch er dein Nachkomme ist.“
Diese Bibelgeschichte hatte entscheidenden Einfluss auf Beas weiteren Lebensweg. Von da an war Bea zu einer eifrigen Verfechterin des friedlichen Zusammenlebens zwischen Juden und Arabern auf demselben biblischen Boden geworden. Jedoch stand sie mit dieser Ansicht klarerweise ziemlich allein da. Die Muslime behaupteten nämlich, dass das semitische Volk Israel bzw. das jüdische Volk von Abrahams Sohn Isaak und das arabische Volk von seinem anderen Sohn Ismael abstamme. Die Juden hingegen waren damit nicht einverstanden. Sie behaupteten wiederum, dass das Judentum einige Jahrtausende älter als der Islam sei und dass solche Verweise auf die Bibel nur dazu dienten, den im Vergleich sehr jungen Koran zu bestätigen.
***
Für Bea war jedoch eins offensichtlich, nämlich dass – abseits jeglicher theoretischer Diskussionen über die Herkunft dieser beiden Völker – die Juden und die Araber im Moment einen blutigen Kampf um Land führten. Beide Völker beanspruchten dasselbe Land, und der Krieg kostete viele Menschenleben. Aus den Kriegswirren, die sie umgaben, versetzte sich Bea in Gedanken in die biblische Geschichte über einen Gott, der, über jeden Zweifel erhaben, seinem auserwählten jüdischen Volk erlaubt, dieses Gebiet zu erobern und zu besiedeln.
… !!! aus einer Vorfassung wieder kopiert:
Das Land Kanaan (Palästina), das sich zwischen dem Mittelmeer und dem Fluss Jordan erstreckte, war zu jener Zeit von kleinen Stämmen bewohnt, denen der jeweilige Anführer oder König vorstand. Als die Söhne Israels, angeführt von Josua und gesteuert durch den Willen Gottes, am Jordan ankamen, waren die Bewohner Kanaans für einen Kampf nicht gerüstet.
Unweit des Jordan lag die befestigte Stadt Jericho, die Stämme Israels unter Belagerung stellten. Nach sieben Tagen brachen die Stadtmauern zusammen, und die Angreifer stürmten die Stadt. Überall in Kanaan verbreitete sich die Nachricht von einer großen Armee, die in das Land vordrang, um es zu besetzen und seine Einwohner zu verbannen. Die kleineren Stämme gerieten in Panik und ließen die Israelis in ihre Städte und Dörfer. Einige Stämme, die Widerstand leisteten, wurden von den Eroberern teilweise verbannt und teilweise unterworfen.
Nach einer Reihe von Kriegen siedelten sich die jüdischen Stämme im Land Kanaan an, welches sodann zum Land Israel („Eretz Israel“) wurde.
Nach Josuas Tod griffen die zahlenmäßig weit überlegenen Nachbarvölker Israel an, damit die ursprünglichen Bewohner Kanaans ihr Land wieder zurückbekommen würden. In diesen Augenblicken der Gefahr vereinten sich die jüdischen Stämme zu einer einheitlichen Armee, die gegen die weitaus stärkeren Angreifer kämpfte und sie vollständig besiegte. Eretz Israel war gerettet.
Und dann tauchten die Kindheitserinnerungen auf.
Die Familie Aschkenazi lebte in einem ebenerdigen Einfamilienhaus, das von einem weitläufigen Garten umgeben war. Es war ein sonniger Tag. Bea und ihre beiden jüngeren Schwestern, Sarah und Esther, spielten draußen vor dem Haus. Sie wollten das Märchen von der jüdischen Besiedelung des Landes Kanaan, aus welchem Israel entstehen sollte, nachspielen, denn das pflegte ihnen ihre Mutter oft vorzulesen.
„Ich bin Josua!“, rief Bea begeistert. „Er wird sein Volk anführen und das gelobte Land erobern. Du, Sarah, bist der Gott, und sagst dann zu mir: ‚Du hast meine Erlaubnis, das Land Kanaan zu erobern‘. Und du, Esther, bist die Königin der Völker, die wir unterwerfen werden. So, lasst uns beginnen!“
„Warum musst du immer die Wichtigste sein?“, fragte Esther.
„Weil ich die Älteste bin! Außerdem sagen immer alle, dass ich die Klügste bin. Ich werde eines Tages nach Palästina gehen, dort die Juden anführen und einen jüdischen Staat gründen.“
Sarah, die den Spielbeginn nicht erwarten konnte, unterbrach die beiden: „Josua, ich bin dein Gott! Geh in das gelobte Land, erobere es und nimm den Anführer gefangen!“, sagte sie stolz.
„Ich bin eine Königin, und ich werde mich nicht ergeben!“, erwiderte Esther trotzig.
„Ich bin Josua“, sagte Bea, „du musst dich ergeben! So steht es in der Bibel. Du bist in Jericho. Ich werde siebenmal in das Horn blasen, und die Mauern werden einstürzen, und du wirst dich ergeben!“
Dann legte sie ihre Hände an den Mund und tat so, als würde sie in ein Horn blasen. Esther zeigte sich von diesem Auftritt jedoch wenig beeindruckt. Im Gegenteil, sie ging völlig in ihrer Rolle als Königin auf. Ihre Wangen erröteten, ihre Stimme bebte vor Aufregung, als sie erwiderte: „Du kannst blasen, so viel du willst! Meine Mauern sind fest, und du wirst Jericho nicht einnehmen. Und wenn, dann werde ich dich so lange angreifen, bis du aus Kanaan verschwindest.“
Bea wusste, dass sie selbst keinesfalls nachgeben würde. „Deine Mauern sind eingestürzt, und die Bibel ist Gesetz!“, rief sie und ging auf Esther zu, schnappte sie an den Haaren und begann, daran zu ziehen. „Eretz Israel ist geboren, und du bist keine Königin mehr!“, schrie sie.
Esther fing zu weinen an. Ihre Mutter, die den Streit gehört hatte, kam aus dem Haus gelaufen und glättete die Wogen.
Bea musste schmunzeln, während sie in Erinnerungen an den Streit im Garten schwelgte. Ein Gefühl der Beklemmung erfasste sie gleichzeitig, denn Sarah und Esther waren in einem KZ in Europa ums Leben gekommen. Als sie wieder in der Realität ankam, fiel ihr sofort eine Ähnlichkeit zwischen dem biblischen Mythos von der Eroberung des gelobten Landes und der Gewalt, die sich gerade vor ihren Augen abspielte, auf:
Nach einer langen Zeit der Wanderung und Verfolgung kommt das jüdische Volk, damals wie heute, in Palästina an.
Die biblischen jüdischen Stämme sind die heutigen aschkenasischen und sephardischen Juden sowie Juden, die aus einigen arabischen Ländern vertrieben wurden.
Der moderne Gott – Großbritannien – verleiht dem jüdischen Volk das Recht, sich im „gelobten Land“ anzusiedeln.
Es kommt zu Auseinandersetzungen mit der lokalen Bevölkerung. Die Nachbarländer greifen ein. Die jüdische Seite gewinnt schließlich – wenn auch unter größter Anstrengung – und kann auf diese Weise Eretz Israel verteidigen, erweitern und noch stärker machen.
Doch egal wie sehr Bea sich auch auf die biblischen Themen konzentrierte, ihre Gedanken waren woanders. „Was macht mein Kleiner gerade?“, fragte sie sich immer wieder. „Leidet er sehr ohne mich? Kann sein Vater mich ersetzen?“
Letztendlich sagte sie sich, dass es keinen Sinn machte, darüber nachzudenken. Roman würde früher oder später zu ihr kommen, das spürte sie tief in ihrem Herzen. Sie sollte nur lernen zu warten, und er würde sicher kommen.
Und was die Bibel betrifft, die für einen großen Teil der Menschheit ein Hoffnungsträger ist, so erzählt diese nicht nur über das Gute, sondern auch über das Böse, wie Hass, Verrat, Gewalt und andauernde Kriege. Sie zeigt, dass es keine „ehrenhaften“ Kriege gibt und dass Krieg und Verbrechen untrennbar miteinander verbunden sind, weil im Krieg die Erreichung des eigenen Ziels oberste Priorität hat. Die Geschichte im Nachhinein zu ändern, ist ein Leichtes, denn sie wird ohnehin von den Siegern geschrieben.
Für Bea, die die Schrecken des Zweiten Weltkrieges auf ihrer eigenen Haut erlebt hatte, war klar, dass in jedem Krieg, seien es kleinere oder größere Konflikte, die Kriegseliten ihre „tollwütigen Hunde“ von der Leine lassen, damit diese unschuldige Menschen ohne jeglichen Grund töten, verbannen und terrorisieren. Denn sie wusste, dass solche Gräueltaten entweder von verurteilten Verbrechern, paramilitärischen Einheiten oder Fanatikern, die im Namen der Nation oder des Glaubens vor allem Zivilisten rücksichtslos töten, verübt werden. Nachdem diese Verbrecher ihre „Arbeit“ erledigen, distanzieren sich die Kriegseliten von ihnen. Meistens beseitigen sie diese selbst, damit sie keine unangenehmen Dinge bezeugen können, oder sie behaupten, dass die Handlungen dieser Fanatiker mit der Religion oder der Nation, in deren Namen sie begangen wurden, nichts zu tun hätten.
Beas Schützling Assim, ein palästinensischer Araber, wird Opfer eines Verbrechens der jüdischen paramilitärischen Einheiten. Die offiziellen militärischen und politischen Eliten distanzieren sich allerdings von diesem Verbrechen und verurteilen es sogar.
Bea weiß, dass die Wahrheit über die mögliche Beteiligung der offiziellen Stellen an dem genannten Verbrechen und ihre Verbindungen zu den paramilitärischen Formationen niemals ans Tageslicht kommen werden. Nichtsdestotrotz trägt dieses Verbrechen – zwar nicht signifikant, aber dennoch – zum Sieg Israels bei, was bei Bea ein moralisches Dilemma auslöst.
3.
Unergründlich – und oft ungerecht – sind die Wege des Herrn. Seine Lehren erklären nie wirklich, warum vollkommen Unschuldige leiden, insbesondere Kinder und ältere Menschen, die niemandem etwas zuleide tun und zu schwach sind, um sich selbst zu wehren. Warum kommen diejenigen zu Schaden, deren Herzen rein sind und die bewusst gegen alle Formen des Bösen kämpfen? Weil sie eine bessere Welt schaffen wollen? Es ist nun mal so, dass diese Menschen viel mehr leiden als jene, die böse und derb sind.
Sowohl Christen als auch Muslime zucken bei diesen Fragen mit den Schultern und meinen: „Das ist sein Wille.“ Alles in allem ist das Leiden der Unschuldigen, das er aus irgendwelchen mysteriösen Gründen zulässt oder duldet, äußerst deprimierend, sinnlos und unmenschlich.
Bilder des Grauens spielten sich vor Assims Augen ab. Ganze Familien, Frauen, unter welchen eine Schwangere war, Kinder, ältere Menschen sowie erwachsene Männer wurden durch das feindliche Feuer niedergestreckt. Assims gesamte Familie wurde in einem einzigen Angriff niedergemetzelt. Als sein Vater ihm kurz vor seinem Tod zurief, er solle in die Scheune laufen und sich dort verstecken, sammelte Assim all seine Kraft und folgte den Worten seines Vaters. In der Scheune angelangt, suchte er sich schnell ein Versteck und bewegte sich nicht mehr. Sein Freund Mohammed versteckte sich unter dem Bett im Haus, von wo er die Todesschreie seiner Mutter so lange mithören musste, bis sie schließlich, mit ihrem dreijährigen Kind in den Armen, starb. Ein junges Ehepaar wurde aus dem Haus geschleppt und zusammen mit etwa dreißig Nachbarn erschossen. Überall hallten die Schreie der Opfer. Gleichzeitig wurden Hühner, Gold, Zucker und praktisch alles, was einen Wert hatte, geplündert. Irgendwann öffnete einer der Mörder das Scheunentor und näherte sich Assims Versteck mit einem Messer in der Hand. Assim glaubte sich schon tot, als sein Schutzengel vor dem Angreifer erschien, und alles löste sich in Luft auf.
Assim wachte schweißgebadet auf. Er hatte immer denselben Albtraum, der einmal blutige Realität gewesen war. Er wurde 1938 in Deir Yasin geboren, einem kleinen arabischen Dorf in Palästina, dessen Bewohner hauptsächlich in einem Steinbruch zum Tagewerk gingen, Marmor verkauften und als Steinmetze arbeiteten. Sie pflegten freundschaftliche Beziehungen und hatten einen Nichtangriffspakt mit den jüdischen Bauern aus dem nahegelegenen, kaum einen Kilometer entfernten Kibbuz Giw’at Scha’ul, der an Westjerusalem angrenzte.
Während des Massakers in Deir Yasin am 8. April 1948 eilten die Bewohner von Giw’at Scha’ul ihren Nachbarn zu Hilfe. Sie stellten sich vor die Schergen der jüdischen Terrororganisationen Irgun und Lechi, die nicht unter der Kontrolle der regulären – jedoch von den Briten nicht anerkannten – Armee Haganah standen, und beendeten so das Massaker. In der Terroraktion wurden 120 arabische Dorfbewohner getötet. Die Haganah verurteilte diesen Akt und sorgte später in einer physischen Auseinandersetzung für die Auflösung der beiden Terrorgruppen, deren Kämpfer schließlich unter die Kontrolle der Haganah gestellt wurden.
Es geschah, als das Schiff „Altalena“ mit einer Gruppe neuer Einwanderer und einer Ladung leichter Waffen an Bord sich dem Hafen von Tel Aviv näherte. Mitglieder der Miliz Irgun brachen ihr zuvor gegebenes Versprechen, dem Befehl der regulären Armee Folge zu leisten, und lehnten es ab, die Waffen abzugeben. In dem darauffolgenden Konflikt zwischen den Irgun-Terroristen unter dem Kommando von Menachem Begin, der später Premierminister Israels werden und den Nobelpreis für Frieden erhalten sollte, und den Mitgliedern der Haganah wurden vierzig Irgun-Soldaten getötet. Infolge dieser Ereignisse wurde die Irgun-Miliz aufgelöst.
In unserer Geschichte wird Assim von seinem „Schutzengel“, Bea Aschkenazi, gerettet und zu ihr nach Hause gebracht.
***
Palästina wurde zur Zeit des Verbrechens in Deir Yasin von einer Welle bewaffneter Konflikte erfasst. Bea hielt folgende Ereignisse in ihrem Tagebuch, das sie bis zur Gründung des Staates Israel täglich führte, fest:
Einen Tag nach der Verabschiedung der UN-Resolution zur Teilung Palästinas vom 29. November 1947 ist es zu drei Terrorangriffen gekommen, bei denen sieben jüdische Zivilisten von arabischen Terroristen ermordet wurden: in einem Bus von Netanya nach Jerusalem wurden fünf jüdische Passagiere getötet. Nur eine halbe Stunde später wurde ein weiterer Bus angegriffen, ein Passagier wurde getötet. Noch am selben Tag wurde ein junger Mann in Jaffa erschossen.
Das Arabische Höhere Komitee hat zu einem dreitägigen Streik in Jerusalem aufgerufen, Massendemonstrationen angekündigt und Großbritannien aufgefordert, Palästina an die arabische Verwaltung zu übergeben. Die „Times“ berichtet, dass in den Unruhen bis zum 11. Dezember 1947 etwa 130 Menschen getötet wurden, darunter 70 jüdische und 50 arabische Bewohner sowie drei britische Soldaten. Gleichzeitig haben die jüdischen Terrororganisationen Irgun und Lechi ihre Angriffe auf britische Soldaten verstärkt. Die gerade angekommenen arabischen Einheiten haben ihrerseits damit begonnen, die palästinensischen Araber für größere Guerilla-Angriffe auf jüdische Ziele zu organisieren.
Am 22. Februar 1948 ließ der Großmufti Haji Amin al-Husseini, ein Nazi-Kollaborateur, von seinen Anhängern drei Autobomben legen, die in den Straßen von Jerusalem detoniert sind. Bei dem Anschlag wurden mehrere Dutzend Menschen getötet und viele verwundet.
Obwohl sie aufgrund ihrer Zahl als Invasionstruppen kaum von Bedeutung sind, schließen sich allmählich immer mehr arabische Soldaten gegen die Juden zusammen. Die größte Fraktion ist die freiwillige arabische Befreiungsarmee. Die Araber haben die Straße zwischen Tel Aviv und Jerusalem komplett abgeschnitten und Jerusalem belagert, in dem rund 100.000 Juden ohne Lebensmittel und Wasser eingekesselt waren. Im ganzen Land wurden weitere isolierte Kibbuze und jüdische Siedlungen belagert.
Die jüdische Armee Haganah hat nicht aufgegeben und die Zufahrtsstraße zur Stadt mehrmals vorübergehend geöffnet.
Am 8. April hat in Deir Yasin ein fürchterliches Massaker stattgefunden.
Am 13. April 1948 haben die arabischen Truppen einen Versorgungskonvoi auf dem Weg zum Hadassah-Krankenhaus angegriffen und 77 Ärzte, Krankenschwestern und jüdische Zivilisten getötet.
Alles in allem gab es von Anfang Dezember 1947 bis Ende März 1948 rund 2000 Tote und 4000 Verletzte.
In den Verhandlungen zwischen der jüdischen Seite und dem jordanischen König Abdullah am 10. Mai wollten beide Parteien die Gründung eines palästinensischen Staates verhindern. Nach Jordaniens Plänen sollten die arabischen Teile des Territoriums an Jordanien angeschlossen werden und die Juden nur eine Autonomie erhalten, was die jüdische Seite abgelehnt hat. Dennoch haben die jordanischen Streitkräfte während des Krieges die jüdischen Gebiete in Palästina, bis auf eine einzige Ausnahme, nicht angegriffen. Am 13. Mai hat die Arabische Liga zugestimmt, ihre Truppen nach Palästina zu schicken, sobald das britische Mandat zu Ende geht.
Die arabischen Länder entsandten zwar tatsächlich ihre Truppen nach Israel, aber ihre Armeen waren unmotiviert und verloren den Krieg, obwohl sie den jüdischen Kräften zahlenmäßig weit überlegen waren.
***
Die Legende besagt, dass Jahve über den Konflikt in Palästina besorgt war. Er wandte sich an den weisen König Salomo, der – vereinfacht gesagt – eine Art Justizminister im Himmel war.
„Was soll ich tun?“, fragte Jahve. „Das jüdische Volk hat zwar einen Vorrang für mich, aber das arabische Volk ist auch mein, semitisches, Volk. Die beiden Völker kämpfen um das gleiche Land. Dabei gibt es nur einige Hunderttausend Juden, die von einigen Dutzend Millionen Arabern umgeben sind. Auch wenn ich der weitaus schwächeren Seite und meinem auserwählten Volk helfen sollte, möchte ich der anderen Seite gegenüber nicht ungerecht sein.“
„Erinnerst du dich“, fragte Salomo daraufhin, „wie ich den Streit zwischen den beiden Frauen entschieden habe, die um ein und dasselbe Kind gestritten hatten? Jede von ihnen behauptete, das Kind sei ihres.“
„Nein, daran kann ich mich nicht erinnern.“
„In Ordnung, ich werde dir die Geschichte erzählen. Die beiden Frauen kamen also zu mir mit einem neugeborenen Kind in den Armen, und jede von ihnen behauptete, dass es ihr eigenes Kind sei.“
„Und, was hast du getan?“
„Die Lösung lag auf der Hand. Ich befahl meinem Diener, er solle das Kind mit seinem Schwert in zwei Hälften schneiden. Auf diese Weise würde jede Frau eine Hälfte des Kindes bekommen.“
„Das ist doch unmenschlich!“, fiel Jahve Salomo ins Wort. „Wie konntest du dir nur so etwas Ungeheuerliches ausdenken?“
„Lass mich zuerst ausreden, bevor du urteilst“, entgegnete Salomo.
„Der Diener zog, wie befohlen, sein Schwert und beugte sich über das Kind. Ich habe ihm vorher ein Zeichen gegeben, dass er das Kind nicht einmal berühren sollte, und das hatte er verstanden. Als das Schwert über dem Kind hing, warf sich eine der beiden Frauen auf das Kind, um es mit ihrem eigenen Körper zu beschützen. Auf diese Weise zeigte sie, dass sie die wahre Mutter des Kindes war.“
„Was für eine großartige Idee! Ich wäre nie auf eine solche Lösung gekommen. Aber was hat das mit dem jüdisch-palästinensischen Konflikt zu tun?“, fragte Jahve.
„Siehst du denn nicht, was dort wirklich passiert? Die Soldaten aus den arabischen Ländern sind angeblich gekommen, um ihren arabischen Brüdern zu helfen, aber stattdessen nutzen sie jede Gelegenheit, um zu stehlen und zu plündern. Sie sind nicht vereint, sie ziehen sich vor dem weitaus schwächeren Feind zurück. Die einheimische arabische Bevölkerung kämpft im Grunde gar nicht, sondern flieht oder wird vertrieben. Die wahre Mutter dieses Kindes – des Staates Israel – ist eindeutig die jüdische Bevölkerung, die bereit ist, für ihr Land zu sterben.“
„Das ist eine sehr spannende ethno-psychologische Sicht dieses Konflikts. Aber wie kann ich dem jüdischen Volk in dieser Situation helfen?“
„Ich würde dir raten, zuerst einen Waffenstillstand, wenigstens für zwei Wochen, mit Hilfe der Vereinten Nationen zu erwirken. Bis dahin werden die jüdischen Kämpfer eine ganze Menge Waffen aus dem Ausland erhalten haben. Sie werden eine Straße nach Jerusalem bauen, um ihre Kämpfer in der Stadt mit Nahrung zu versorgen. Dadurch gewinnen sie auch eine kurze Kampfruhe, um sich zu erholen. Danach werden sie zumindest eine geringe Chance haben, als Sieger aus diesem Krieg hervorzugehen.“
Und Jahve tat, wie Salomo ihm geraten, und rettete einmal mehr sein Volk vor dem Untergang.
4.
Ein nobler Mensch zieht andere noble Menschen an
und versteht es, sie an sich zu binden.
Bea, eine dunkelhaarige Schönheit in ihren Dreißigern, hatte ein Orientalistik-Studium absolviert und sprach fließend fünf Sprachen. Sie war einige Monate zuvor – im Jahre 1947 – aus Europa nach Palästina gekommen. Sie lebte in Giw’at Scha’ul und arbeitete in einem Waisenhaus. Dies war jedoch nicht ihre einzige Aufgabe, da sie oft als Übersetzerin für verschiedene ausländische Organisationen, sowohl militärischer als auch politischer Art, die nach Jerusalem kamen, herangezogen wurde.
Giw’at Scha’ul wurde 1906 auf einem Stück Land, das die jüdischen Siedler vom Dorf Deir Yasin abgekauft hatten, gegründet. Die Entwicklung des Ortes begann erst 1912. Bald darauf wurden eine Keksfabrik sowie eine Waffenfabrik für die britische Armee gebaut. Im Jahre 1927 wurde ein Waisenhaus für 500 verlassene Kinder eröffnet. Im Jahre 1940 zählte die Siedlung 1200 Einwohner.
Bea stellte ihre Menschlichkeit, ihren Mut und ihre praktischen Fähigkeiten schnell unter Beweis, indem sie noch unter Kriegsbedingungen alles in ihrer Macht stehende tat, um die Kommunikation zwischen der arabischen und der jüdischen Bevölkerung aufrechtzuerhalten.
Im Januar des darauffolgenden Jahres stellte Bea eine freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Bewohnern von Giw’at Scha’ul und Deir Yasin her. Mit dem Mukhtar, dem Dorfvorsteher von Deir Yasin, wurde eine Vereinbarung über gegenseitigen Nichtangriff und gegenseitige Hilfeleistung im Falle eines Angriffs auf einen der beiden Orte, egal von welcher Kriegspartei dieser kam, geschlossen. Dadurch konnte das Massaker an den Bewohnern von Deir Yasin zwar nicht verhindert, aber wenigstens zum Teil aufgehalten werden.
Bea nahm Assim als ihr eigenes Kind an. Er war jedoch so traumatisiert, dass er die Schrecken jenes Tages immer wieder durchlebte, und auch Bea litt darunter. Sie versuchte immer wieder, den politischen und spezifischen Kontext des Massakers innerhalb des noch andauernden Krieges zwischen der arabischen und jüdischen Seite zu erklären. Sie erzählte ihm auch vom jüdischen Staat, der vor vielen tausend Jahren auf dortigem Gebiet existiert hatte. Sie erklärte ihm, dass zur selben Zeit wie das Massaker auch ein Kampf um Jerusalem – die Hauptstadt des alten Israel – stattfand und die jüdische Seite in Deir Yasin eine arabische Hochburg vermutet hatte, die die Haganah hätten daran hindern können, die in der Heiligen Stadt eingekesselten Juden mit Lebensmitteln zu versorgen.
Tief in ihrem Inneren wusste Bea jedoch, dass das Massaker und die Brutalität der beiden Terrorgruppen – selbst wenn die Vermutungen über Deir Yasin gestimmt hätten – durch nichts zu rechtfertigen waren. Dies vor allem deshalb, weil die Irgun ein Jahr zuvor, unter dem Vorwand, gegen die Briten zu kämpfen, einen Terroranschlag auf ein Hotel verübt und dabei auch viele Juden getötet hatte. Weltweit hatten damals zahlreiche Intellektuelle, darunter auch Albert Einstein, dieses Verbrechen verurteilt und die Rechtfertigungen dafür als völlig inakzeptabel abgelehnt.
Im Morgengrauen des 22. Juli 1946 stürmten rund zwei Dutzend Terroristen der Irgun-Gruppe, die in arabischer Tracht gekleidet waren, das King David Hotel in Jerusalem und luden 225 Kilogramm Sprengstoff, der in Milchbehältern versteckt war, ab. In dem Hotel befand sich zu dem Zeitpunkt, neben einer großen Anzahl von Touristen, auch der Generalstab der britischen Streitkräfte. Als einer der britischen Offiziere bemerkte, was vor sich ging, kam es zu einem Schusswechsel, doch die Terroristen konnten die Zünder aktivierten und anschließend flüchten. Bei der Explosion wurde ein Teil des Hotels zerstört, und 90 Menschen wurden getötet. Die meisten Opfer waren Briten, aber auch 17 Juden waren darunter.
„Du weißt doch, dass ich ehrlich mit dir bin. Nicht alle Juden sind gleich“, versuchte Bea zu erklären. „Wir, die in dein Dorf gerannt sind, um die Bewohner vor diesen Verbrechern zu retten, wir sind doch auch Juden, und diese Verbrecher haben das Judentum beschmutzt. Meine Nachbarn und ich haben dabei unser Leben riskiert. Als ich mich vor die Waffen der entfesselten Terroristen geworfen habe, um dich zu beschützen, hätte ich selbst getötet werden können. Andererseits sind auch nicht alle Araber hilflose Opfer. Ein paar Tage nach Deir Yasin, nicht weit davon entfernt, haben arabische Soldaten einen jüdischen Krankenhauskonvoi mit Ärzten und Patienten überfallen und insgesamt 79 Zivilisten, davon 20 Frauen, buchstäblich in diesen Bussen verbrannt. Das ist genauso abscheulich und unmenschlich wie die Tragödie, die du erlebt hast.“
Der zehnjährige Assim war jedoch für keine Erklärungen empfänglich. Erst nach langer Zeit überwog schließlich bei ihm die Neugier, und er fragte Bea, warum in Palästina gerade Krieg war.
„Du musst verstehen, dass sich die arabische Bevölkerung seit Jahrzehnten gegen die Einwanderung von Juden stellt“, sagte sie. „Deswegen haben Saudi-Arabien, Syrien, der Libanon, der Irak, Transjordanien, Jemen und Ägypten vor zwei Jahren die Arabische Liga gegründet und gemeinsam Druck auf Großbritannien ausgeübt, um die Situation in Palästina zu lösen. Weil Großbritannien unter starkem Druck ist und keine Lösung für die Probleme in Palästina hat, während sich die Konflikte verschärfen, übergibt es jetzt die Zuständigkeit an die Vereinten Nationen, um diese Frage zu lösen.“
„Siehst du, du gibst doch selbst zu, dass das hier nicht dein Land ist. Deine Leute sind Besatzer und Ausländer, so wie du, und ihr alle sollt gemeinsam nach Europa zurückkehren.“
„Die meisten Juden, auch ich selbst, haben kein Zuhause mehr und haben niemanden, zu dem wir zurückkehren können, weil die Nazis unter Hitler mehrere Millionen Menschen in den Konzentrationslagern getötet haben.“
„Warum sollen wir aber für Hitlers Verbrechen büßen und dafür mit unserem Land bezahlen?“, rebellierte Assim.
Bea war von Assims Reife und Intelligenz erstaunt und erfreut zugleich. Allerdings wurde ihr bitter klar, dass eine Herzlosigkeit eine weitere hervorbringt und eine Tragödie eine Reihe von weiteren Tragödien auslöst. Diese Logik, die Assim durch die Verbrechen an seiner Familie und seinem Volk aufgezwängt worden war, ließ in seinem Herzen für die kindliche Unschuld und die Menschlichkeit keinen Platz mehr.
„Ich weiß nicht, was ich dir antworten soll. Dir ist persönlich ein schweres Unrecht angetan worden, das dir erlaubt, so zu denken. Aber eines Tages wirst du erwachsen sein, dein Schmerz wird verblassen, und vielleicht wirst du die Dinge aus einer anderen Perspektive betrachten. Vielleicht wirst du auch uns Juden als Menschen sehen können, mit denen du in Frieden und Harmonie zusammenleben kannst. Du bist jung. Die Zeit heilt viele Wunden“, sagte Bea.
„Sieh zum Beispiel“, fügte sie hinzu, „mein Sohn Roman ist in Europa geblieben. Er ist etwas jünger als du und lebt bei seinem Vater. Mein Mann und ich haben uns nicht mehr geliebt und haben uns deshalb getrennt. Ich hatte niemanden mehr, und deshalb bin ich hierher nach Palästina gekommen, wo mein Vater bereits gelebt hatte und gestorben war. Es ist für mich auch nicht einfach, aber die Hoffnung auf einen möglichen Frieden in Palästina gibt mir die Kraft weiterzumachen. Wenn ich diesen Krieg überlebe, werde ich Roman wiedersehen, davon bin ich fest überzeugt. Er liebt mich und wird alles tun, um mich zu finden. Ihr beiden wäret wie Brüder“, schloss sie hoffnungsvoll.
***
Bea hielt inne und blickte gedankenverloren in die Ferne, ohne Assim zu beachten. Sie erinnerte sich an das alte Frachtschiff Liberty, das damals im Hafen von Split ankerte. Es war völlig überfüllt mit Juden, die aus verschiedenen Teilen des Balkans angereist waren, um weiter nach Palästina zu fahren. Roman und sein Vater standen am Kai und winkten so lange, bis das Schiff von der Küste abgelegt hatte. Bea wollte nicht weinen, aber die Tränen rollten ihr trotzdem über die Wangen. Vielen anderen Reisenden um sie herum erging es genauso.
Ein britisches Militärschiff fing sie auf dem Weg nach Palästina ab und zwang sie, Kurs auf Zypern zu nehmen. Dort mussten sie ein paar Tage bleiben und die Genehmigung zur Fortsetzung ihrer Reise abwarten. Die Vorräte auf dem Schiff gingen zu Ende, und es gab kein Wasser für die Hygiene. Ständig ankerte ein ziemlich großes britisches Patrouillenboot vor der Liberty und versperrte ihr die Ausfahrt.
Der eigentliche Grund für ihre Anhaltung wurde am Ende jedoch klargestellt. Eines Tages versammelte der Kapitän die Passagiere und teilte ihnen mit, dass sie 2.000 Pfund oder den entsprechenden Betrag in US-Dollar zahlten mussten, wenn sie ihre Reise fortsetzen wollten. Nachdem sie das Geld gesammelt und übergeben hatten, war das britische Patrouillenboot eines Nachts einfach verschwunden, und sie fuhren weiter. In der Nähe von Tel Aviv gingen sie schließlich an Land.
In Palästina wurden die Passagiere von den Vertretern der Jewish Agency empfangen und in jene palästinensischen Dörfer verteilt, die sich unter jüdischer Kontrolle befanden. Bea erhielt aufgrund dessen, dass ihr Vater bis zu seinem Tod in Israel gelebt hatte und sie mehrere Sprachen beherrschte, eine beneidenswerte Stelle als Lehrerin in einem Waisenhaus in Giw’at Scha’ul in der Nähe von Jerusalem. In Jerusalem waren viele internationale Organisationen und Missionen anwesend, sodass Bea bei diversen Sitzungen oft als Übersetzerin herangezogen wurde.
***
Es war eigentlich ein Zufall gewesen, dass Bea damals ausgerechnet mit der Liberty gereist war. Der Kapitän der Liberty war nämlich ein gewisser Yitzhak Aronovicz, der, nur wenige Monate später, wegen der unmenschlichen Vorgehensweise der Briten gegen die jüdischen Einwanderer auf einem von ihm gesteuerten Schiff in der ganzen Welt bekannt werden sollte.
Yitzhak Aronovicz wurde 1923 im polnischen Danzig geboren und kam mit zehn Jahren mit seiner Familie nach Palästina, wo er die Ausbildung zum Seemann absolvierte. Anschließend wurde er Kapitän mehrerer Schiffe, mit denen Juden aus ganz Europa nach Palästina übersetzten.
Eines dieser Schiffe war die Exodus, die am 11. Juli 1947 mit 4515 Holocaust-Überlebenden an Bord im französischen Hafen Sète abgelegt hatte.
Das Schiff wurde jedoch bald vom britischen Kriegsschiff Ajax, das einige Zerstörer im Schlepptau hatte, abgefangen. Die Briten wollten an Bord der Exodus gehen, die Passagiere stellten sich jedoch dagegen und warfen Rauchbomben in Richtung der Zerstörer. Die Briten eröffneten das Feuer, in welchem sie zwei jüdische Passagiere töteten und mehrere schwer verletzten. Auch ein Besatzungsmitglied der Exodus wurde getötet. Die Passagiere, die sich nun ihrem Schicksal ergeben hatten, wurden daraufhin auf die britischen Schiffe verladen und über Frankreich nach Lübeck zurückgeführt. Die leere Exodus wurde gezwungen, in Haifa in Palästina an Land zu gehen. Yitzhak Aronovicz steuerte danach viele weitere Schiffe, mit denen die europäischen Juden nach Palästina reisten.
5.
Wer für den Kampf gegen einen Feind lebt,
der hat einen Grund weiterzuleben.
Assim sah, dass Bea in Gedanken versunken war. Er wollte sie nicht stören und ging hinaus. Das Letzte, was sie gesagt hatte, war ihm völlig unverständlich. Wie konnte eine Mutter ihr Kind verlassen und so weit weg von ihm gehen? Allerdings spürte er eine gewisse Erleichterung, ohne wirklich zu wissen, weswegen. Zu Bea sagte er jedoch kein Wort.
Die Begegnungen mit den jüdischen Kindern im Waisenhaus fielen Assim schwer. Er sprach zwar ein wenig Hebräisch, aber sein arabischer Akzent war offensichtlich. Hinzu kam, dass gerade ein Krieg geführt wurde und im Waisenhaus ständig neue Kinder ankamen, deren Eltern im Krieg getötet oder schwer verletzt wurden. Deswegen verbrachte Assim den größten Teil seines Tages zu Hause und kommunizierte nur das Nötigste. Er vermied es, andere Kinder zu treffen und ging allein durch die Siedlung spazieren, damit er eine mögliche feindliche Haltung der anderen ihm gegenüber gar nicht erst bemerken konnte.
Ein mildernder Umstand war, dass auch viele Kinder der sephardischen Juden, die gerade in großer Zahl aus den arabischen Ländern verbannt wurden, nämlich mehr als 850.000, zu dem Zeitpunkt ins Waisenhaus kamen. Mit seinem dunklen, lockigen Haar und dunkleren Teint ähnelte Assim diesen Kindern und konnte unter ihnen unbemerkt bleiben. Ein einziges Mal war Assim unachtsam und wurde von einem aschkenasischen Kind namens Theodor Polanski angesprochen und beleidigt.
Die meisten jüdischen Einwanderer in Palästina kamen nämlich aus Mitteleuropa, Russland und Polen. Sie wurden aschkenasische Juden genannt und waren die Gründer Israels. Gegenüber den sephardischen Juden, die aus Spanien und Nordafrika stammten, waren die aschkenasischen Juden herablassend und verächtlich, genauso wie gegenüber der arabischen Bevölkerung. Ehen zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden waren damals unvorstellbar.
Polanski hielt Assim, der gerade auf einer Bank saß und Hebräisch lernte, für einen sephardischen Juden und warf ihm daher einige Beleidigungen an den Kopf. Assim schwieg, bis ihm sein Stolz nicht mehr erlaubte, die Beschimpfungen auf sich sitzen zu lassen. Er verstand nicht genau, was Polanski wollte, aber er begriff, dass er ihn für einen „minderwertigen“ Juden hielt. „Ich bin Araber!“, entgegnete er schroff. Polanski war sichtlich erstaunt und wusste nicht, was er sagen sollte. Ausgerechnet in dem Augenblick, als der Konflikt zwischen ihnen beiden unvermeidlich schien, tauchte Bea auf. Sie schickte Assim nach Hause, ermahnte Polanski und sagte ihm, dass Assim tatsächlich ein sephardischer Jude war und nur deshalb so reagiert hatte, weil er sich provoziert gefühlt hatte. Außerdem, so sagte sie, kämpften aschkenasische und sephardische Juden gerade Schulter an Schulter, um zu überleben und schließlich den Staat Israel zu bilden, und es sei völlig verrückt, eigene jüdische Brüder zu beleidigen.
Assim war über diesen Vorfall bald hinweg. Er war ein fleißiger Schüler und verbrachte viel Zeit damit, Hebräisch zu lernen. Dennoch bedrückte ihn die bestehende Situation mit den anderen Kindern. Er hätte sich besser gefühlt, wenn er mit ihnen in ständigem Konflikt gestanden hätte. In seiner Vorstellung versuchte er, sich die jüdischen Kinder als die zukünftigen Mörder seiner arabischen Brüder auszumalen. Das funktionierte aber nicht, und Assim hasste sich dafür, dass er nicht hassen konnte. Durch diese ganze Situation stauten sich Aggressionen in ihm auf, sodass er gegenüber den „jüdischen Besatzern“, wie er sie nannte, eine steigende Intoleranz in sich aufkommen spürte, die keine anderen Emotionen zuließ.
Dennoch konnte Assim sich Beas mütterlicher Zärtlichkeit nicht ganz verschließen und seine Gefühle für sie nicht ganz leugnen. Um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, stellte er ihr ständig viele Fragen. Er bestand darauf, mit Bea im selben Zimmer zu schlafen, und jedes Mal, wenn er von einem Albtraum angsterfüllt hochschreckte, beruhigte er sich sofort, als er ihre Hand an seiner Wange spürte. Sobald er wieder wach war, wollte er auf gar keinen Fall zugeben, wie sehr er auf Bea angewiesen war, und so sagte er manchmal: „Wenn wir euch von hier vertreiben, sorge ich persönlich dafür, dass du bleiben darfst.“
Assim verbrachte bei Bea einige Monate, bis der Waffenstillstand im ersten israelisch-palästinensischen Krieg vereinbart wurde, aber er behauptete ständig, dass er sich seinen Leuten anschließen wollte. Je klarer sich abzeichnete, dass der jüdische Staat aus diesem Krieg als Sieger hervorgehen würde, desto bitterer und rachsüchtiger wurde Assim gegenüber Bea.
Letzten Endes brachte der 1948 der jüdischen Seite auferlegte Krieg die Gründung des hebräischen Staates Israel hervor, während er für die palästinensischen Araber den Beginn der Nakba, der großen Katastrophe, markierte. Diese wird die Vertreibung Hunderttausender arabischer Bewohner Palästinas aus ihren Häusern bezeichnen und dafür sorgen, dass der Wunsch nach der Gründung eines eigenen palästinensischen Staates für eine lange Zeit unerfüllt bleibt.
6.
Die Beobachter einer Katastrophe erwarten zu Unrecht von den Betroffenen, dass diese eine Lehre daraus ziehen. Solange die breiten Massen ein Objekt der Politik bleiben, können sie die Ereignisse nur als Schicksal werten. Die Massen können daher aus einer Katastrophe genauso viel lernen wie eine Laborratte aus einem Versuch.
Assim war sich damals nicht bewusst, dass das wahre Leiden der arabischen Palästinenser gerade erst begonnen hatte.
Mahmoud Abbas, einer der prominentesten palästinensischen Führer, erklärte die damalige Lage mit den folgenden Worten: „Die arabischen Armeen Syriens, Ägyptens, Libanons und Iraks fielen nach der Ausrufung des Staates Israel im Jahr 1948 in Palästina ein, angeblich, um die arabische Bevölkerung vor der zionistischen Tyrannei zu schützen. Doch stattdessen haben sie diese Bevölkerung sich selbst überlassen und zum Teil gezwungen, ihre Häuser zu verlassen und auszuwandern, sie haben ihnen eine politische und ideologische Blockade auferlegt und sie in einigen arabischen Ländern in Ghettos eingesperrt, die den einstigen jüdischen Ghettos in Europa sehr ähnlich sind.“
Das Massaker in Deir Yasin und seine Botschaft der Einschüchterung trugen sicherlich zur Massenflucht der palästinensischen Araber bei, dieser barbarische Akt war jedoch nicht der entscheidende Faktor in der palästinensischen Tragödie.
Die Nakba nahm nämlich wahrhaftig epische Ausmaße an. Im neu geschaffenen Staat Israel blieb nur ein kleiner Teil, rund 25 %, der palästinensischen Araber. Die restliche Bevölkerung wurde zu palästinensischen Flüchtlingen, die in provisorischen Zeltsiedlungen in den benachbarten arabischen Staaten landeten, wo sie, im übertragenen Sinne, an Obdachlosigkeit starben. Sie wurden nirgendwo gut aufgenommen, und ihr nacktes Überleben wurde von den Vereinten Nationen gesichert. Die konservativen arabischen Regimes manipulierten das Schicksal der palästinensischen Flüchtlinge, die sie für ihre tagespolitischen Zwecke missbrauchten, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von ihrer eigenen Tyrannei abzulenken.
Im Folgenden erzählen drei Muslime, die auf unterschiedliche Weise – durch Herkunft, Schicksal oder Beruf – mit Palästina verbunden sind. Sie sprechen über die Manipulation der palästinensischen Araber und ihre Verfolgung.
Erste Erzählung: Zlatko Dizdarević, Journalist und Politiker, Bosnien und Herzegowina: Es interessiert niemanden
Das von den jeweiligen Interessen getriebene und betrügerische Spiel, das die wahrhaftig skrupellosen Weltpolitiker mit Palästina und Israel treiben, ist beispiellos. Es begann mit den falschen Versprechen, die die Briten den Arabern über die Gründung eines palästinensischen Staates gemacht hatten, falls sich diese im Ersten Weltkrieg auf die Seite der Briten gegen die türkischen Truppen schlagen. Das taten die palästinensischen Araber auch, aber Palästina wurde dennoch nicht geschaffen. Durch die Aufteilung des gesamten Nahen Ostens, die sie gemeinsam mit den Franzosen abgesprochen hatten, erhielten die Briten nach dem Ersten Weltkrieg das Protektorat über Palästina. Dann kam der Zweite Weltkrieg und der Holocaust, der schlimmste Genozid an einem Volk in der Weltgeschichte. Dann hieß es: „Wir wussten nichts davon.“ Natürlich wussten sie es. Das ist aber eine lange Geschichte. Aus heutiger Sicht scheint es, dass man dem Faschismus viele Dinge sogar nachsehen könnte, wenn es diesen beispiellosen und an Unmenschlichkeit nicht zu übertreffenden Genozid nicht gegeben hätte.
Bereits die Aufteilung Palästinas, das laut Grundbuch ohne jeden Zweifel mehrheitlich in arabischem Eigentum war, in zwei neue Staaten lieferte der Welt einen ziemlich offensichtlichen Grund für schlechtes Gewissen. Israel wurde nämlich eine größere Fläche und fruchtbarer Boden zugesprochen, während die Palästinenser weniger Fläche und ein unfruchtbares Land bekommen sollten. Daraufhin schlossen sich die arabischen Staaten zusammen, um „das Unrecht wiedergutzumachen“. Sie verloren. Das wiederholte sich mehrmals. Schlussendlich haben die arabischen Staaten ihr jeweiliges Gebiet behalten, während Palästina immer kleiner wurde. Heute stehen viele palästinensische Araber Israel näher als dem nicht existierenden palästinensischen Staat. Amos Gilad, Leiter der Abteilung für politische und militärische Beziehungen des israelischen Verteidigungsministeriums und der ehemalige Verbindungsoffizier der israelischen Armee mit dem ägyptischen Präsidenten Mubarak, behauptet öffentlich: „Wir erleben gerade die beste Zeit in den Sicherheits- und diplomatischen Beziehungen mit den arabischen Staaten.“ Kein Wunder, wenn die ranghohen Politiker und Diplomaten dieser arabischen Nationen buchstäblich ein Nickerchen machen, während vorne auf dem Podium irgendeine langweilige Erklärung über den „gerechten palästinensischen Kampf“ vorgelesen wird – wie die Kameras beim hochrangigen Forum der Islamischen Konferenz kürzlich deutlich gezeigt haben.
Zweite Erzählung: Die Vertreibung aus Tiberias
Jedes Mal, wenn sie auf dieser Erhebung standen, erzählte ihnen Amin El Tabari, Omars Vater, von der Verfolgung seiner Familie und aller anderen Palästinenser aus Tiberias im Jahre 1948. Mit seinem alten Finger zog er die Konturen der Stadt in der Luft nach und versuchte dabei, ihnen ihre Straßen, Obstgärten und Olivenhaine malerisch zu beschreiben.
Die Familie El Tabari war bis zu ihrer Vertreibung eine der angesehensten in Tiberias.
„Mein Vater erzählte mir, dass wir zwischen 6.000 und 8.000 Dunam Land hatten. Vom Ende des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts stellte die El Tabari-Familie den Hauptmufti und den Hauptrichter. Meine Familie hat die erste Handelskammer in Tiberias gegründet, und mein Großvater Naif El Tabari war der Scheich von Tiberias“, erklärte Omar.
Die Häuser der Familie El Tabari waren nie verschlossen. Die Türen standen für alle offen, und die Menschen, sowohl Araber als auch Juden, kamen gern vorbei, meist, um sich einen Rat zu holen.
Es war eine Jüdin, die Scheich El Tabari besonders in sein Herz schloss.
„Mein Großvater hatte neun Töchter und wünschte sich sehnlichst einen Sohn. Als er schließlich einen bekam, brachte ihm eine Jüdin diese frohe Botschaft. Er sprach sehr oft von ihr“, sagte Omar.
Doch bald sollte sich alles ändern.
„Palästina wurde nach und nach von den jüdischen Siedlern beansprucht, die britische Unterstützung genossen. Bevor sie ganz Tiberias eingenommen haben, hatten sie bereits viele Massaker in den umliegenden Dörfern, darunter auch das Massaker von Deir Yasin, verübt. Die Bewohner der Stadt waren verängstigt, insbesondere, da sie wussten, dass die Briten die jüdischen Kämpfer mit Waffen versorgten und die Haganah, die Irgun und andere Gruppen, aus welchen später die Streitkräfte Israels hervorgegangen sind, ausbildeten“, sagte Omar.
Dritte Erzählung: Der palästinensische „Shylock“
„Was mir am wichtigsten ist, ist zu leben“ – oder wie Federico Garcia Lorca bemerkenswerterweise sagte: „Lo que mas me importa es vivir.“ Das ist die Hauptbotschaft der vielfach von Lorca inspirierten poetischen Sammlung „Dichter in Andalusien“ der französisch-amerikanischen Dichterin Nathalie Handal, die sowohl nach ihren Wurzeln als auch in ihrem Herzen eine Palästinenserin ist.
„Ich denke ständig an diesen Satz, er ist wie ein Echo in mir. Das Wichtigste ist zu leben, das spürt man ganz besonders in Palästina und in jedem Land, in dem Konflikte ausgetragen werden, Menschen leiden und verfolgt werden. Wenn man darüber etwas hört, sieht man die Menschen in der Regel nicht als Individuen, man schaut nicht in ihre Gesichter, man kennt ihre Geschichten nicht, Politik ist alles, was man sieht und hört. Wenn man sich nur eine Minute Zeit nimmt, um den Menschen ins Gesicht zu sehen und mit ihnen zu sprechen, merkt man bald, dass jede Mutter das Gleiche für ihr Kind will: einen sicheren Lebensunterhalt, eine Ausbildung und die Chance auf ein besseres Leben. In einer Konfliktregion gibt es kein gutes Leben, das Leben ist dort auf Eis gelegt. Die Menschen kämpfen um die bloße Möglichkeit zu atmen, zu leben, zu lachen“, so Handal. Anschließend zitierte Nathalie Handal eine abgeänderte Version des berühmten Monologs des jüdischen Pfandleihers Shylock aus Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“, um ihre Ansicht zu verdeutlichen, dass die Palästinenser heute genauso stark diskriminiert werden wie einst die Juden:
Wie unterscheiden wir uns in Aussehen
und Substanz?
Hat ein Palästinenser keine Augen, Ohren, Nase,
hat ein Palästinenser keine Hände, Beine, Körper,
essen wir nicht die gleichen Speisen,
werden wir nicht durch dieselben Waffen verwundet?
Sind wir nicht von denselben Krankheiten betroffen?
Werden wir nicht durch dieselben Mittel geheilt?
Werden wir nicht von denselben Wünschen,
Gedanken, Leidenschaften geleitet?
Sündigen wir nicht gegen diejenigen, die uns nahe stehen?
Rächen wir uns nicht manchmal ohne Grund?
Auch wenn wir einander nicht lieben,
wenn wir nur zusammen leben müssen,
wenn wir uns als Menschen betrachten,
sollten wir einander nicht respektieren?
Sollten wir einander denn nicht vergeben?
***
Bea wusste, dass die Geschichte auf der jüdischen Seite auch keine glücklichere war. Die jüdische Nakba hatte bereits viel länger gedauert, sodass Bea das Gefühl hatte, dass das Leiden auch viel größer war.
Seit der Antike war Palästina ein Gebiet religiöser und ethnischer Konflikte. Die ersten Bewohner kamen im dritten Jahrtausend v. Chr. Historiker gehen davon aus, dass die Juden ein Jahrtausend später aus dem Gebiet östlich des Euphrats nach Palästina kamen. Nach ihnen folgten die anderen Eroberer – Assyrer, Babylonier, Makedonier und Römer, die als Besatzer die Juden verfolgten. Im Jahr 70 n. Chr. befahl der römische Kaiser Titus die Zerstörung des zweiten Tempels, des höchsten jüdischen Heiligtums, nachdem der erste Tempel des Königs Salomo von den Babyloniern im Jahr 586 v. Chr. zerstört worden war. Die jüdischen Einwohner wurden grausam verfolgt, deportiert und gezwungen, Palästina zu verlassen. Dennoch machten die Juden stets rund zehn Prozent der Bevölkerung in diesem Gebiet aus.
Die Stadt Jerusalem wurde von 920 v. Chr. bis zum Ende des ersten arabisch-israelischen Krieges im Jahr 1948 fünfzehn Mal belagert. Sie blieb, mit Ausnahme einer kurzen Zeit während der Kreuzzüge, vom siebten Jahrhundert unserer Zeitrechnung bis zur Einführung des britischen Mandats im Jahr 1922 in muslimischer Hand. Nach der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 wurde Westjerusalem von den jüdischen Truppen besetzt und im Jahr 1950 zur Hauptstadt Israels erklärt. Auch der östliche Teil der Stadt wurde 1967 von den jüdischen Truppen erobert.
Während der langen arabischen und osmanischen Herrschaft lebten die beiden Gemeinschaften – die palästinensischen Araber und die Juden – in unauffälliger Harmonie zusammen. Diese Tatsache verlieh Bea die Kraft, in ihrer Überzeugung, dass ein gemeinsamer Staat beider Völker möglich war, auszuharren. Die jüdischen Gemeinschaften hatten nämlich in allen islamischen Staaten bis hin zum 20. Jahrhundert im Grunde ohne größere Schwierigkeiten gelebt. Der Antisemitismus war eine Eigenart des christlichen Abendlandes, in deren Folge der Zionismus entstand. Daraufhin begannen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa unterschiedliche zionistische Schriften mehrerer Autoren zu kursieren, wobei das im Jahr 1896 von Theodor Herzl veröffentlichte Buch „Der Judenstaat“ von besonderer Bedeutung war.
Bea hielt den Zionismus für eine humane Idee, in der es darum ging, einem semitischen Volk die Rückkehr in seine Urheimat zu ermöglichen. Sie übernahm Herzls Grundgedanken, dass der Zionismus als eine nationale und nicht als eine religiöse Bewegung zu definieren sei, dieser Gedanke war letztendlich entscheidend für die erneute Gründung des Staates Israel. Interessanterweise schrieb Herzl, dass er die Anregung für den Kampf zur Gründung eines jüdischen Staates in Palästina ausgerechnet von den Serben erhielt, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als erstes Volk am Balkan einen Teil des Osmanischen Reiches abtrennten und ihren eigenen Staat wiederherstellten.
Die Umsetzung der zionistischen Vorstellung wurde durch die geschichtlichen Ereignisse vorangetrieben. Im Zarentum Russland begann 1881 eine neue Welle der Judenpogrome in der Ukraine. Flucht war die einzige Rettung für die Juden. Eine Gruppe jüdischer Flüchtlinge zog in Richtung der Balkanhalbinsel, eine andere entschloss sich, in die biblische Heimat zu ziehen, wo es bereits eine sporadische, altansässige jüdische Gemeinschaft gab. Diese Flüchtlingswelle markierte den Beginn der Aliyah, der jüdischen Einwanderung nach Palästina.
Beas Vater, David Aschkenazi, war einer dieser jüdischen Einwanderer. Er flüchtete zunächst nach Rumänien, wo er in Bukarest seine Liebe Rachele Cohen heiratete. Sein Bruder Isaak wanderte mit seiner Familie direkt nach Palästina aus und ließ sich in der Nähe von Jaffa nieder, wo er entfernte Verwandte fand. Kurz darauf wurde er als Mitglied einer illegalen jüdischen Organisation in einer Auseinandersetzung mit der osmanischen Polizei getötet.
Auf die erste Aliyah folgten zahlreiche weitere Einwanderungswellen, die durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vorübergehend unterbrochen wurden. Bea ging im Rahmen der dritten Aliyah nach Palästina.
Obwohl die jüdische Einwanderung nach Palästina bis dahin mäßig gewesen war, löste die erste Aliyah eine heftige Reaktion der lokalen arabischen Bevölkerung aus. Die osmanische Regierung versuchte, die jüdische Einwanderung durch Dekrete zu begrenzen. Palästinensische Araber ließen sich von der Idee mitreißen, dass die jüdische Einwanderung mit Waffen und Boykott gestoppt werden könnte. Auseinandersetzungen und Massendemonstrationen begannen.
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