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Emerson Marie Parker

Kater sucht Kätzchen

Romea & Julio

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kater sucht Kätzchen - Romea & Julio

Prolog

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Impressum neobooks

Kater sucht Kätzchen - Romea & Julio

Prolog

Es war einer dieser Abende, an denen er so gar keine Lust zu arbeiten hatte. Aber was blieb ihm anderes übrig? Seine Miete zahlte sich nicht durch Faulheit. Und eine reiche Frau, die ihn aushielt, war weit und breit nicht in Sicht. Nicht das er darauf aus gewesen wäre. Obwohl sich ihm täglich zig Gelegenheiten boten. Doch er wollte sich nicht verkaufen. Weder seinen Körper, noch seine Seele. Sein Stolz verbot es ihm einfach. Wie gerne wäre er der Verlockung des Geldes erlegen? Doch er blieb standhaft und arbeitete hart für seinen Lebensunterhalt. Er war es gewohnt, anders zu leben. Dekadenz und Reichtum waren keine Fremdwörter für ihn.

Er hatte sich bewusst gegen Reichtum und Luxus entschieden. Seine Freunde, besser gesagt seine ehemaligen Freunde hielten ihn für verrückt und wendeten sich einer nach dem anderen ab.

Was nutzten ihm „falschen Freunde“, die einem nur beistanden, solange das Leben auf der Sonnenseite stattfand? Sein Vater war erst wütend, dann resigniert, dann warf er ihn aus dem Haus.

Sein letzter Kommentar: „Komm erst wieder, wenn du vernünftig geworden bist!“, hatte sich in sein Gehirn gebrannt. Wie bei einem Horrorfilm, den man nicht mehr schauen wollte, aber trotzdem nicht ausmachen konnte.

Wer er ist? Taylor. John Taylor.

1

John Taylor traf diese geheimnisvolle Frau am Silvesterabend kurz vor 22 Uhr. Mit einem Tablett voll Champagnergläser versuchte er sich durch die Menschenmasse zu quetschen, ohne dabei die Kontrolle zu verlieren. Es war schwer, die teuren Gläser auf dem Tablett zu jonglieren. Eines war wahrscheinlich teurer als seine heutige Gage. John sah sich um. An Dekadenz war nicht gespart worden. Prunk und Protz wohin man schaute.

Das wichtigste und bedeutendste Plattenlabel gab sich die jährliche Ehre. Jeder Partyservice wetteiferte schon Monate vorher, um den lukrativen Auftrag zu erhaschen. Mittlerweile war es schon fast zu einem Kleinkrieg ausgeartet. Die Konkurrenten überboten sich mit den originellsten Ideen. Dabei wurden die Preise ständig gegenseitig unterboten.

Die Prominenz der Geschäftswelt gab sich an diesem Abend die Klinke in die Hand. Die meisten der anwesenden Gäste waren Männer.

Umso mehr verblüffte John die Anwesenheit dieses scheuen Rehs.

Sie stand etwas abseits. Ihre Füße wippten zum Takt der Musik mit. Es schien, als beobachte sie die Menschen um sich herum nur. Sie machte selbst keine Anstalten zu tanzen. John gefiel die Frau sehr gut.

Er versuchte sich ihr zu nähern. Unauffällig. Wie ein Tiger, der sich an seine Beute heran pirschte.

Doch John wurde jäh unterbrochen. Er von seinem Boss zurück gepfiffen. John sollte den Service übernehmen, während die Getränke aufgefüllt wurden. Was soll´s?, dachte sich John, als er mit dem Tablett in der Hand nach vorne lief. Diese Frau wird mit einem einfachen Kellner nichts zu tun haben wollen. Trotzdem wollte er die Hoffnung auf ein Wiedersehen nicht aufgeben.

Kurz vor Mitternacht konnte John sich auf die Suche nach der Brünetten machen. Ob sie überhaupt noch da war? Ihr Gesichtsausdruck war eher angewidert gewesen. Für sie war es nur eine lästige Pflichterfüllung. Genauso erging es ihm auf solchen Partys oft. Er verdiente sich bloß seinen Lebensunterhalt und sie war wahrscheinlich die genervte Ehefrau eines dieser überbezahlten, überflüssigen Managertypen, die sich für den Nabel der Welt hielten. Wahrscheinlich fühlte sie sich genauso fehl am Platz wie er. Ob er ihr Gesellschaft leisten sollte? Sich wie zufällig neben sie stellen? Ihr ein Glas Champagner der besten Marke anbieten? Obwohl sie den bestimmt nicht mochte, wenn man sich ihren angewiderten Ausdruck ins Gedächtnis rief.

Wie sollte er ein Gespräch in Gang halten, ohne das es langweilig wurde? Er wollte improvisieren. Zur Not konnte er ihr einen Quickie in der Garderobe anbieten, dachte John amüsiert. Er stellte sich in Gedanken vor, wie sie ihm volle Granate eine donnerte, um dann anschließend über ihn herzufallen. So waren die Weiber doch immer! Zumindest die meisten! Zierten sich erst wie ein schüchternes Blümchen, um dann wie ein Vulkan zu explodieren. Nicht dass er diese Nummer oft abzog, aber die ein oder andere Gelegenheit nutze er gerne. Vor allem, wenn die Figur und der Charakter stimmte. Für manche mag das ja bei einem One-Night-Stand nicht so wichtig sein. Er legte Wert auf solche Dinge. Zickige Frauen gingen ihm nicht ab. Im Gegenteil! Er hasste sie wie die Pest. Man konnte ihnen nichts recht machen. Egal wie sehr man sich auch anstrengte. Dieser ständig unzufriedene Zustand konnte doch auf die Dauer nicht gut gehen.

Er sah sich suchend um. Ihn überfiel Panik. Nicht wegen des entgangenen Abenteuers. Er wollte dieses zarte Geschöpf einfach kennenlernen. Irgendwie fühlte er sich zu ihr hingezogen. Er hatte sie für den Bruchteil einer Sekunde gesehen. Doch ging sie ihm nicht aus dem Kopf. Ihre Gesichtszüge waren in seine Gedanken eingebrannt, wunderbar und unauslöschlich. Es verging noch eine Viertelstunde, bevor er sie auf der Tanzfläche entdeckte.

Ihre braunen, langen Haare wippten auf und ab. Ihre Laune schien sich gebessert zu haben, denn sie lächelte den Typen an, mit dem sie tanzte. Scheiße! Die Frau ist vergeben. John blieb wie angewurzelt stehen und beobachtete die beiden. Sein Magen rebellierte, ihm wurde schlecht. Doch er zwang sich hinzuschauen. Schließlich konnte man von einer Momentaufnahme nicht alles abhängig machen. Er konnte ihr Bruder sein oder der Chef. Aber der Typ schien noch ziemlich jung zu sein für einen Firmenboss. Anfang 30.

John beobachtete sie. Ihr Tanzabstand war größtmöglich, obwohl man auf diesen Song durchaus enger tanzen konnte. Schließlich war es eine dieser Schnulzen, die John so hasste.

Er stellte sich an den Rand und sah dem ungleiche Paar zu. Er war schlank und ein gutes Stück größer als sie. Ihre Figur war durchtrainiert, aber nicht zu sehr. Ihre Haare trug sie offen.

Sie lachte laut. Anscheinend hatte der Idiot etwas total Witziges gesagt. Arschloch, dachte John nur. Ihr Lachen war warm und herzlich. John beneidete den Mann. Diese Frau war so ziemlich das Schönste, was er jemals gesehen hatte. Und der Arsch schien keine Augen dafür zu haben. Wahrscheinlich sah er in ihr nur eine gute Freundin. Und warum bist du dann so sauer?

Er wusste gar nicht, was mit ihm los war. Warum war er so böse? Er wusste weshalb. Er würde alles dafür geben, diesen Engel in den Armen halten zu können. Sich an sie zu schmiegen und sie im Takt der Musik zu wiegen. Seine Fantasie ging mit ihm durch. Er sah sich als alten Mann mit ihr im Schaukelstuhl sitzen, natürlich eng aneinander gekuschelt. Ihre Enkel liefen fröhlich um sie herum, sangen, tanzten und verlangten ständig Süßigkeiten.

„Würdest du vielleicht mal arbeiten? Der Chef hat dich schon auf dem Kicker!“, rief Timo sauer.

„Was interessiert mich der scheiß Job?“, stieß John gequält aus.

„Davon zahlst du deine Miete. Und heute Abend geht es ums Ganze!“

„Wieso?“, fragte John gelangweilt.

„Wir können einen Auftrag für eine Riesenparty an Ostern ergattern. Eine Anwaltsfirma hat Firmenjubiläum. Da tauchen alle wichtigen Leute auf. Und es gibt richtig viel Schotter!“

„Wie viel?“

„Das Doppelte von heute Abend“, zischte Timo.

John überschlug die Summe im Kopf. Das lohnte sich wirklich. Er ließ die schöne Unbekannte einen Moment unbeobachtet und drehte sich zu seinem Freund um. Die beiden waren seit dem Kindergarten miteinander befreundet. Doch Timo lebte noch in der alten Welt. John dagegen in der neuen, ohne jegliche Perspektiven für seine Zukunft. Auch wenn sie so gut wie niemals über früher sprachen, man merkte trotzdem diese unsichtbare Barriere. Timo lächelte ihn gequält an. Sein Blick sagte alles: Johns derzeitiger Lebenswandel gefiel ihm ganz und gar nicht. Warum etwas ändern?

Ihm gefiel es genauso, wie es gerade war. Sein alter Herr, der ihn die ganze Zeit gegängelt hatte, war machtlos geworden. Sein einziger Sohn, den er jahrelang unterdrückt und in ein Leben gedrängt hatte, dass er niemals führen wollte, war frei. Frei alles zu tun, nach dem ihm der Kopf stand. Frei von den langweiligen und stupiden Gewohnheiten der Reichen und Schönen, die ihr Leben nur noch im Drogen- und Alkoholrausch erträglich fanden, weil sie den Sinn des Lebens nicht mehr verstanden. Genervt von den scheinheiligen Veranstaltungen, wo Gelder für arme, benachteiligte Menschen gesammelt wurden. Geld, mit dem man das kurz aufkeimende, schlechte Gewissen beruhigen konnte. Das war der Ausgleich für viel zu teure Handtaschen und Autos. Die Reichen waren von ihrem Leben gelangweilt.

„Hör auf zu reden. Ich krieche niemals vor meinem Vater zu Kreuze!“, rief John sauer.

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Aber gedacht. Du kannst mir nichts vormachen! Wir kennen uns ein ganzes Leben lang.“

„Schuldig“, grinste Timo.

„Lass es sein. Mein alter Herr ist ein verbohrter Sack ohne die geringste Einsicht. Der würde auch behaupten, dass die Welt eine Scheibe ist, wenn es ihm in den Kram passt.“

„Ich mag deine Eltern und sie vermissen dich.“

„Ich vermisse sie auch. Aber ich möchte keinen Kontakt mehr. Mama versucht mich zu behüten und Papa versucht mir seinen höchst eigenen Stempel aufzudrücken.“

„Den Dickschädel hast du eindeutig von ihm“, lachte Timo.

„Sag ich doch! Keine Chance.“

„Lass uns weiter machen. Wir reden später.“

„Lass es gut sein.“

John ging durch die Reihen der feiernden Menschen. Bald würde ein neues Jahr beginnen. Neues Jahr! Neues Glück! Er ließ dabei nie die Augen von der tanzenden Schönheit. Es war schwer, sie zu beobachten. Ständig sprang ihm so ein Möchtergern-Fred Astaire vor die Optik. Fehlte nur noch Ginger Rogers, dachte John entnervt. Ständig musste er das Tablett mit Gläsern krampfhaft festhalten. Es war nur seiner Erfahrung als Kellner zu verdanken, dass nichts daneben ging.

„Wen hast du denn auf dem Kicker?“, fragte Timo von hinten.

John erschrak und das Tablett wackelte bedrohlich.

„Hast du sie nicht mehr alle?“, flüsterte John zornig.

Sein bester Freund war für hinterhältige Attacken bekannt. Als würde es ihm Spaß machen, alle aus dem Konzept zu bringen.

„Du musst ja hier keine sauteuren Gläser durch die Gegend schaukeln.“

„Hat was Anmutiges!“, platzte es aus Timo heraus. „Du starrst permanent auf die Tanzfläche. Bist du unter die Stalker gegangen?“

„Hä?“, antwortete John, als hätte er die Frage nicht verstanden.

„Du hast mich genau verstanden. Also welche ist es?“

Er versuchte Johns Blick zu folgen, scheiterte jedoch kläglich.

„Ist es die alte Frau mit der Gehhilfe, die gerade versucht, den Ober abzuknutschen? Da bist du leider zu spät dran“, lachte Timo laut.

„Armer Miguel. Auf den fliegen immer die Verrückten.“

„Besser er als ich! Aber jetzt mal ernsthaft. Wer ist sie?“

„Woher soll ich das wissen? Siehst du mich mit ihr reden?“

John biss sich auf die Lippen. Timo hatte ihn dran gekriegt.

„Hab ich dich. Also welche ist es?“

„Braune, lange Haare. Hosenanzug. Tanzt mit ihrer besten Freundin.“

Timo sah sich suchend um.

„Wo denn?“

„3 Uhr.“

Timo sah die hübsche Brünette.

„Das ist doch ein Kerl. Hast du Tomaten auf den Augen?“, lachte er hysterisch los.

„Sollen die dich auf dem Klo auch noch hören?“, zischte John.

„Du hast einen fantastischen Geschmack. Die Kleine ist echt heiß. Aber ich glaube, der Rambo für Arme war zuerst an ihr dran.“

„Die tanzen nur. Keine Austausch von Zärtlichkeit in den letzten 10 Minuten.“

„Führst du etwa Buch?“, fragte Timo amüsiert.

„So ähnlich.“

„Sie muss dir ja gut gefallen, wenn du die Buchhaltung angeworfen hast. Zu schade, dass du hier zum Arbeiten bist.“

„Sehr witzig!“

„Soll ich sie für dich ansprechen?“

„Danke, lass mal. Das schaffe ich selbst!“

„Dann beeile dich, bevor sie mit dieser Tranfunsel in die Kiste springt. Der tanzt ja, als hätte er eine große Eiche im Arsch stecken. Sie muss ihn wohl sehr mögen. Ich wäre längst weg. Garantiert!“

„Dann geht sie auch nicht mit ihm ins Bett!“, rief John sauer.

„Du glaubst gar nicht, was Frauen alles aus Mitleid tun!“

„Sprichst du da etwa aus Erfahrung?“, kicherte John.

Er ließ sich doch nicht diesen Abend vermiesen! Weder durch seinen Vater, noch durch Timos halbherzige Versuche, ihm eine Frau anzubaggern.

Timo gab ihm einen schmerzhaften Rand in die Seite.

„Den hast du dir verdient, alter Miesepeter.“

2

Der Countdown für das alte Jahr lief. Noch 10 Sekunden. John sah auf die Tanzfläche. Die Menschen standen da und zählten die letzten Sekunden des Jahres mit. Um Punkt Mitternacht fielen sich alle um den Hals, als gäbe es kein Morgen. Idioten!

Er behielt die schöne Unbekannte im Auge. Sie gab dem Typen, mit dem sie die ganze Zeit getanzt hatte, einen zaghaften Kuss auf die Wange. Jetzt habe ich den Beweis, triumphierte John innerlich. Am liebsten hätte er einen Freudentanz aufgeführt. Er sollte sich beherrschen, wenn er nicht alle Blicke auf sich ziehen wollte. Obwohl er dann endlich die volle Aufmerksamkeit der Frau für sich hatte.

„Untersteh dich!“, zischte Timo, der anscheinend Johns Gedanken lesen konnte.

„Den Typen jage ich über Bord“, lachte John und drückte Timo das Tablett in die Hand, bevor dieser sich wehren konnte und sprang auf die Tanzfläche, als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her.

Wenn das der Chef sieht! Der reißt dir den Allerwertesten auf, dachte Timo panisch. Stocksteif stand er mit dem Tablett da, als wäre er zur Salzsäule erstarrt. Eine Frau nahm sich lächelnd ein Glas vom Tablett, wodurch Timos Gesicht noch mehr zu Eis gefror. Er rang sich ein gequältes Lächeln ab.

John tanzte neben der Brünetten. Sie schenkte ihm keine Beachtung. Sie unterhielt sich gerade angeregt mit dem Hampelmann, der anscheinend keine Lust hatte, die Fliege zu machen. Warum denn auch? Wenn er an seiner Stelle wäre, würde er genauso wenig die Fliege machen wollen. Er sah sich die Frau genau an. Er schätzte sie auf Mitte, Ende 20. Ihre Haut war makellos und leicht gebräunt. Beim Lächeln konnte er gepflegte Zähne erkennen. Ihre braunen Haare sahen aus der Nähe noch schöner aus. Und ihre vollen Lippen glänzten in dem künstlichen Licht. Am liebsten hätte er sie geküsst. Doch wie küsste man eine Frau, die einen ignorierte? Würde sich schwierig gestalten. John konnte seine Augen nicht mehr von dieser Schönheit lassen.

Und irgendwann, er wusste nicht mehr wie viel Zeit vergangen war, starrte er in ihre dunklen Augen. Auf einen Schlag war seine Kehle wie ausgetrocknet. Und anstatt eines coolen Spruchs kam nur ein gequältes Röcheln aus seinem Mund. Zu allem Übel verschluckte er sich jetzt noch an seiner Spucke, so dass er unkontrolliert husten musste und knallrot anlief. Schlimm genug, dass er wie ein doofer Pavian neben all den ganzen Pärchen getanzt hatte. Nein, wegen seiner bescheuerten Hustenattacke glotzten ihn nun alle an. Er versuchte eine halbwegs normale Position einzunehmen, doch der Husten wollte und wollte nicht nachlassen. Fast flüchtend verließ er die Tanzfläche. Timo versuchte einen Lachanfall zu unterdrücken, weil er die Panik in den Augen seines Freundes sah. Doch es fiel ihm sichtlich schwer.

Kein Wunder bei der lächerlichen Vorstellung, die ich gerade eben abgeliefert habe, dachte John und ärgerte sich über sich selbst. So etwas Dummes war ihm noch nie zuvor passiert.

„Da hast du ja gerade eben alles gegeben!“, lachte Timo nun laut heraus.

Sein bester Freund sah zu komisch aus.

„Mach es doch besser!“, versuchte John Antwort zu geben, doch seine Worte kamen nur bruchstückhaft aus seinem sonst so schlagfertigem Mund.

„Da hat es dir doch glatt die Sprache verschlagen, was?“, lachte Timo noch immer.

„So würde ich das nicht gerade nennen!“

John hustete nun schon etwas weniger.

„Übrigens, die Schöne tanzt immer noch. Anscheinend hat ihr dein verzweifelter Erstickungsversuch nicht die Laune verdorben. Lernt man das bei euch in der „Ich-benehme-mich-mal-wie-ein-kompletter-Volltrottel-Schule?“

„Witzbold!“, keuchte John.

„Da musst du mich wohl mit jemandem verwechseln. Ich nenne keinen Namen, aber ich zeige mal drauf.“

Timos Finger war genau auf ihn gerichtet.

„Nimm ihn runter, oder du hast nur noch neun davon!“, lachte John hustend.

„Kein Problem. Und wie soll es jetzt weitergehen?“

„Wie? Was soll sein? Die Kleine macht mir gleich einen Heiratsantrag! Gleich nachdem sie mich gefragt hat, ob ich vermögend bin und wie lange ich noch lebe!“

„Ist das deine neue Anmache?“

„Endlich raffst du es mal, Alter!“, lachte John ausgelassen.

„Ich darf doch sehr bitten!“, flachste Timo und strich sich durch das volle Haar.

„Du bist ja eitel, Mann.“

„Ich kann es mir durchaus leisten!“, kicherte Timo.

Ihr Chef beobachtete sie mit grimmigem Blick. Sein entsetzter Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes. Privat war er ein sehr netter Mann, doch wenn es um sein Geschäft ging, verstand er keinen Spaß. Der Servicemarkt war hart umkämpft. Ein Fehler und du warst raus. Und sie beide waren gerade dabei, den ersten Sargnagel zur Firmenpleite einzuschlagen. John nahm das Tablett und ging mit einem künstlich aufgesetzten Lächeln seiner Arbeit nach. Ärger mit dem Chef war das Letzte, was er gerade gebrauchen konnte. Die Leute griffen gerne zu den Gläsern. Schließlich konnte man in einer lockeren Runde viel offener miteinander umgehen, als in der verkrampften Büroatmosphäre. Was bei dem ein oder anderen für jede Menge Gesprächsstoff und peinliche Lacher sorgen konnte. Wer wollte schon gerne damit konfrontiert werden, dass man sich an den Boss herangemacht hatte, wenn man den sonst keines Blickes würdigte. Und schon war sie wieder da, die peinliche Stille und das hämische Grinsen hinter vorgehaltener Hand. Doch John kümmerte das alles nicht. Er ging zur Bar, um sein Tablett aufzufüllen, als er von der Seite angesprochen wurde.

„Wieder alles gut?“, fragte ihn eine männliche Stimme.

John drehte sich um und sah in die Augen seines Nebenbuhlers.

„Was sollte nicht in Ordnung sein?“

„Sie sind doch auf der Tanzfläche fast krepiert!“

„Bin halt erkältet. Kein Problem. Mir geht es bestens!“, erwiderte John gereizt.

Wo war seine Begleiterin? Hatte er sie mit seinen schwachsinnigen Fragen vertrieben?

„Hab mir ein Glas Champagner geholt!“, rief der Typ und hielt ihm das Glas unter die Nase. Der Kommentar war ja wohl echt überflüssig!

„Sie hätten bloß warten sollen, bis ich vorbei gekommen wäre.“

„Dann wäre ich ja verdurstet. Ich wollte sie nicht bei ihrer Unterhaltung mit ihrem Kollegen stören!“, rief der Typ süffisant.

John wäre ihm am liebsten jetzt schon an die Gurgel gegangen.

„Wir haben nur die nächsten Stunden besprochen!“, rief John ihm zu.

Was spielte der sich eigentlich so auf?

„Da haben sie ja heftig viel zu tun. So wie sie sich unterhalten haben.“

„Es ist viel los!“, rief John.

Auf was war der Kerl aus? Eine harmlose Unterhaltung hörte sich anders an. Das Gespräch glich eher einem Verhör.

„Oh ja, die Silvesterpartys sind immer heftig. Das ist jedes Jahr so. Stimmt, sie sind ja das erste Mal dabei. Wie gefällt es Ihnen hier?“, fragte er John.

Sein lauernder Unterton missfiel ihm.

„Sehr gut. Die Leute sind nett und zuvorkommend.“

„Und die Frauen? Wie finden Sie die?“

Aha, dachte John. Jetzt kommen wir der Sache schon näher. Er will wissen, was da mit der hübschen Brünetten läuft.

„Frau ist Frau! Ich bin zum Arbeiten hier.“

„Dann haben Sie vorhin nicht meine hübsche Begleitung angegafft?“, rief der Kerl.

So langsam ging ihm der Typ echt auf den Sack. Erstens hinderte er ihn am arbeiten, zweitens ging ihn das einen feuchten Furz an. Die Frau war offensichtlich nur eine gute Freundin. Da konnte es ihm doch egal sein, ob er sie anschaute und wie lange.

„Wen meinen Sie genau?“

John versuchte die Beherrschung zu wahren.

„Die Frau mit der ich getanzt habe. Halten Sie mich für dumm?“

„Warum sollte ich?“

Er musste den Idioten irgendwie loswerden.

„Behaupten Sie dann, ich würde nicht richtig hinsehen?“

Der Mann sah ihn zornig an. Langsam verlor John den Respekt vor diesem Arschloch. Was hatte der für ein Problem? Schließlich war er nicht knutschend auf der Toilette überrascht worden.

„Ich beobachte die Leute, falls sie etwas zu trinken wünschen. Dafür bin ich schließlich hier.“

„Genau deshalb habe ich ja mein Getränk selbst geholt.“

Der hielt sich wohl für besonders klug, was?

„Ich wollte gerade nachfüllen!“, rief John wahrheitsgemäß. „Außerdem haben Sie Beine bis auf den Boden oder können sich sonst wie bemerkbar machen.“

„Wohl einen Clown gefrühstückt, oder? Das habe ich gar nicht nötig. Aber anscheinend hat so ein kleiner Dienstleister wie Sie davon keine Ahnung.“

Der arrogante Schnösel strich sich einen nicht vorhandenen Fussel von seinem Anzug und rauschte davon.

Fehlt nur noch, dass der Arsch mit selbigem davon dackelt wie eine Tunte. Wo hat der die rosa Handtasche gelassen?

Er lud sich die vollen Gläser auf das Tablett, wobei einige davon überschwappten. So eine scheiß Sauerei, fluchte John innerlich. Dabei hatte der Abend so gut angefangen. Er stellte die Champagnergläser zurück, trocknete das eingesaute Tablett ab und belud es erneut. Dann waren sie eben nicht ganz so voll wie die Übrigen. Die Leute würden es ihm schon danken. Schließlich ging es ja um deren Führerschein. Obwohl hier garantiert niemand ohne Chauffeur nach Hause fuhr. John schmunzelte. Die armen Kerle warteten jetzt wahrscheinlich in der Tiefgarage und langweilten sich zu Tode. Oder sie zischten einen und fuhren die Herrschaften in volltrunkenem Zustand zu ihren teuren Häusern.

3

John machte sich an die Arbeit. Obwohl er innerlich kochte, versuchte er nach außen ruhig und gelassen zu wirken. Wo war der Kerl bloß? So sehr sich John anstrengte, er konnte ihn nicht finden. Dafür fand er die schöne Unbekannte. Sie stand am Buffet und belud sich gerade einen Teller mit Fingerfood. Was sie unter Beladen verstand. Die beiden Teilchen auf dem goldenen Teller kamen sich wohl ziemlich fehl am Platz vor. Kein Wunder, dass sie so eine gute Figur hatte. Sie aß den ganzen Tag nicht viel. Normale Leute schlugen sich bei einem so großen Buffet den Bauch voll, bis sie fast platzten.

Anschließend knabberte sie lustlos daran herum. John fand sie immer niedlicher. Er ging näher. Er behielt die Umgebung im Auge. Der Typ war anscheinend gegangen. John stellte sich neben die Frau und hielt ihr das Tablett hin. Sie schüttelte den Kopf und verneinte.

„Ich habe schon genug getrunken“, sagte sie lächelnd.

„Das ist vernünftig“, erwiderte John.

Die Brünette sah ihn an. Anscheinend verstand sie erst jetzt.

„Sie waren doch vorhin auf der Tanzfläche?“, lachte sie verschwörerisch.

„Schuldig!“

„Geht es Ihnen besser?“

„Jetzt ja. Das muss wohl an Ihnen liegen.“

„Schmeichler!“

„Möchten Sie tanzen?“, fragte John mit einem umwerfenden Lächeln.

„Ich tanze ungern!“, lachte sie.

„Was haben Sie dann vorhin auf der Tanzfläche gemacht? Kuchen gebacken?“

„Das war geschäftlich. Privat tanze ich nie.“

„Dann sehen Sie es doch als berufliche Verpflichtung. Schließlich arbeite ich hier“, grinste John und hielt ihr die rechte Hand hin.

„Tut mir leid!“, rief sie und verschwand in der Menge.

John wollte ihr nachlaufen, doch der fiese Typ von vorhin hielt ihn am Arm fest.

„Ich rate Ihnen, sich aus fremden Angelegenheiten rauszuhalten. Die Kleine gehört zu mir. Also Finger weg!“, zischte der Unbekannte.

„Mit wem die Dame reden will, sollten wir ihr überlassen.“

„Ich denke ihre Antwort war eindeutig. Schließlich ist sie geflüchtet.“

John ließ den Typen einfach stehen. Das Tablett, das er eben auf den Tisch abgestellt hatte, vergaß er ebenfalls. Er musste sie finden, kostete es was es wolle. Sein Herz klopfte wie verrückt, sein Hals war belegt. Er konnte noch immer das schallende Lachen seines Konkurrenten hören.

„Wo willst du hin?“, fragte ihn Timo, der gerade von der Toilette kam.

„Sie ist weg!“, rief John außer Atem.

„Wer?“, fragte Timo mit dem dämlichsten Gesichtsausdruck der Welt.

John musste lachen.

„Na die Brünette. Wer sonst?“

„Hast du sie jetzt endgültig verscheucht?“

„Der Intelligenzallergiker von vorhin. Als er auftauchte, verschwand sie einfach.“

„Dann ist da vielleicht doch mehr, als du auf den ersten Blick siehst. Lass die Finger von ihr, bevor du sie dir verbrennst.“

„Vielleicht hat die Frau einfach nur höllische Angst vor ihm. Hast du daran mal gedacht?“, fragte John aufgeregt.

„Dann solltest du dich erst recht raushalten. Sie ist alt genug. Sie kann zur Polizei gehen.“

„Du weißt genau, wie das endet. Nicht gut!“

John sah sich panisch um. Timo konnte die Angst spüren, die sein Freund empfand. Anscheinend war ihm die Frau wirklich wichtig. Für einen One-Night-Stand brauchte er sich sonst nicht so sehr ins Zeug legen. Die Frauen rannten ihm in Scharen nach.

„Ich helfe dir suchen. Wir müssen es allerdings als Arbeitseinsatz tarnen, sonst fliegen wir im hohen Bogen raus.“

„Danke! Du bist der Beste.“

„Ich wollte schon immer mal Geheimagent spielen. Bilde dir bloß nicht soviel ein“, lachte Timo.

John schnappte sich das Tablett vom Tisch. Timo organisierte sich an der Theke Stift und Block. So getarnt ging es auf die Mission „Such das Küken“. Timo kam sich albern vor. Doch John schien die Sache wichtig zu sein. Also gab er sein Bestes.

Eine Viertelstunde später trafen sie sich im Eingangsbereich wieder.

„Keine Spur von ihr“, rief Timo atemlos.

Sein Block hatte sich dagegen mit den witzigsten Bestellungen gefüllt. John konnte sogar einige Telefonnummern sehen.

„Scheint sich gelohnt zu haben!“, lachte John atemlos und zeigte auf den Block.

„Wie soll ich bloß die ganzen Bestellungen zuordnen?“

„Aber die Nummern hast du trotzdem.“

„Und was soll ich damit?“, stöhnte Timo.

„Anrufen und verabreden.“

„Dafür bin ich mir zu schade“, rief Timo laut.

Einige Leute drehten sich zu ihnen um. Leises Kichern war zu hören. Auch ein lautes „Leider“ war zu hören.

„Da hast du es. Du hast mehr als genug Chancen.“

„Du wolltest die schöne Unbekannte suchen.“

Timo wollte eindeutig vom Thema ablenken.

„Es scheint aussichtslos zu sein. Von den beiden keine Spur.“

„Vielleicht haben sie sich vertragen und haben jetzt tollen Versöhnungssex im Auto!“

„Und ich heiße Karl August!“, stieß John hervor.

„Vergiss sie. Die war eh einige Nummern zu groß für den neuen John. Ich kenne diese Sorte Frauen. Die wollen schlecht behandelt werden.“

„Was weißt du schon über Frauen? Du bist eine verkappte Jungfrau.“

John biss sich auf die Lippen. Sein letzter Satz tat ihm schrecklich leid.

„Sorry! Ich weiß, ich bin ein Arschloch. Kannst du mir noch einmal verzeihen?“

„Das wäre dann das 4956. Mal.“

„Führst du etwa eine Statistik über meine Vergehen?“

„So ähnlich.“

John pustete theatralisch die Luft aus den Wangen.

„Übrigens, da hinten ist dein Herzensbrecher!“, rief Timo und zeigte Richtung Ausgang.

„Und wo ist sie?“

„Nicht da.“

„Das bedeutet, sie ist in Schwierigkeiten“, zischte John, der gerade das letzte Glas verteilt hatte.

„Du glaubst, dass er ihr etwas getan hat?“

„Ihm nach. Davon will ich mich selbst überzeugen.“

„Bei dir sind ein Latten am Zaun locker. Und das alles wegen einer Frau, mit der du gerade mal 2 Sätze gewechselt hast.“

Doch John hörte ihn nicht mehr, er war schon auf seiner hirnverbrannten Trip direkt in die Hölle.

John packte den Mann am Hemd und drängte ihn in eine Ecke. Seine Augen funkelten vor Zorn.

„Was hast du mit ihr gemacht, du Schwein?“

Der Typ versuchte sich aus Johns Griff zu befreien. Johns jahrelanges Kampftraining konnte ihn innerhalb weniger Sekunden in eine Kampfmaschine ohne Gnade verwandeln.

„Hast du Sie nicht mehr alle?“, knurrte der Kerl sauer.

„Wenn du sie angerührt hast, bringe ich dich um!“, drohte John in blinder Wut.

Timo stand hilflos daneben. Sein Freund schien zu allem entschlossen. Er zweifelte nur daran, dass die Frau es wert war. Sobald ihr Chef davon Wind bekam, wären sie beide ihren Job los. John kannte doch nicht einmal ihren Namen, geschweige denn wusste er, ob diese Frau überhaupt etwas für ihn empfand. Sie hatte ihn bisher links liegen gelassen, von dem leichten Wortgeplänkel abgesehen. Timo ging zu John hin und zog ihn weg. John wehrte sich heftig, doch Timo ließ sich davon nicht beeindrucken. Schließlich war er in all den Jahren Johns Partner in der Kampfschule gewesen. Er wusste genau, wie er John anpacken musste, damit er sich geschlagen gab.

„Ich werde dich fertig machen, mein Lieber!“, konnten sie den Typen rufen hören.

„Ich wollte den Kerl umbringen!“, zischte John aufgebracht. „Warum hast du das getan?“

„Ich habe deinen Arsch gerettet.“

„Du meinst wohl seinen Arsch. Der hatte doch nichts drauf.“

„Das ist egal. Kannst du dich noch erinnern, warum wir eigentlich hier sind?“

„Ich bin aber keine Saftschubse!“

„Wenn schon ein Saftschubserich!“, grinste Tim.

Er hoffte, dass John seine Gefühle gleich wieder in den Griff bekam.

„Das ist nicht witzig!“, fauchte John wütend.

„So kenne ich dich überhaupt nicht! Du hast noch nie deine Kräfte gegen einen Unschuldigen eingesetzt.“

„Pah! Der und unschuldig. Das ich nicht lache.“

„Du behauptest Sachen, die du gar nicht wissen kannst. Vielleicht ist sie Zuhause und schläft schon. Krieg dich endlich ein!“

Timo war mittlerweile auf 180 wegen seines Freundes.

„Das werde ich noch herauskriegen!“, drohte John und ging.

4

Timo sah seinem Freund ungläubig nach. So langsam schien ihm der Umgang, den er in letzter Zeit pflegte, schlecht zu bekommen. Timo kannte Johns neue Freunde nicht. Er legte auch keinen besonderen Wert darauf. Das wenige, was er ihm über sie erzählte hatte, reichte ihm schon zur Genüge. Anscheinend nahmen sie es weder mit der Wahrheit noch mit dem Gesetz so genau. Timo bekam es ernsthaft mit der Angst zu tun. Bisher hielt er Johns Verhalten für eine Rebellion gegen seinen fordernden Vater und seine strenge Erziehung. Mittlerweile konnte man die Entwicklung eher als Abrutschen ins kriminelle Milieu bezeichnen. John war noch nie gegen einen Menschen gegangen, obwohl schon mehr als einmal der Grund bestand auszurasten. Er verlor die Kontrolle über seine Handlungen.

Timo ging zurück zur Theke und widmete sich seinen eigentlichen Aufgaben, denn Servieren gehörte garantiert nicht dazu. Timo koordinierte die Partys für seinen Chef. Dafür war er durch die sprichwörtliche Hölle gegangen, denn keiner der Kollegen gönnte ihm diesen Job wirklich. Er war als Letzter zu der Truppe gestoßen, war aber durch Fließ und vollen Arbeitseinsatz schnell an seinen Kollegen vorbeigezogen und war jetzt stellvertretender Geschäftsführer.

Er hatte John den Job beschafft, als der sich von seinem Vater abgewendet und nicht wusste, wo er wohnen sollte. Ein eigenes Einkommen war nicht vorhanden. John bekam alles von seinen wohlhabenden Eltern zugesteckt. Jetzt, wo diese Quelle von heute auf morgen versiegt war, fiel John erst auf, wie gut er es bis dahin hatte. Doch ein so harter Kerl wie er konnte das natürlich nicht zugeben. Niemals Schwäche zeigen, das war auch das Lebensmotto seines Vaters. So ganz unähnlich waren sich die beiden nicht. Doch John hasste diese Eigenschaften an seinem Vater, obwohl er in seinem tiefsten Inneren nicht anders war. Mittlerweile sprach John nur noch von seinem Vater als Erzeuger. Seine Mutter vermisste er unendlich. Wenn er sich mal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann blieb er auch dabei. Also schloss er auch seine Mutter aus seinem Leben aus, weil er wusste, dass sie doch nur versuchen würde, zwischen Vater und Sohn zu vermitteln. Und wo das hinführte, konnte man gerade in diesem Augenblick erleben. Timo suchte vergeblich nach seinem Freund. Das Tablett mit den Gläsern stand noch an der gleichen Stelle. Unauffällig lief er hin und räumte es weg. Johns Probleme waren schon groß genug. Stress mit dem Boss war fehl am Platz.

John lief ziellos durch den großen Saal. Noch immer gab es keine Spur von der schönen Frau, für die er mehr fühlte als jemals zuvor. Jede Faser seines Körpers sehnte sich nach ihr. Der Schmerz fraß sich durch seinen ganzen Körper. Die Sehnsucht nach ihr ließ ihn fast verrückt werden. Als er an den Garderoben vorbei kam, fiel ihm etwas ein.

„Hallo Helen!“, rief er zuckersüß.

„Hi John. Wie läuft die Party?“

„Wie immer. Jede Menge Snobs und solche, die es werden möchten.“

Helen lächelte. John sah heute Abend gut aus, aber in seinen Augen war Panik zu sehen.

„Ist irgendetwas?“

„Was soll denn sein?“, fragte John gespielt ahnungslos.

„Und warum bist du dann nicht im Service?“

„Pause!“

„Ach so nennt man das heute!“, lachte sie.

„Genau. War gerade nötig.“

„Sind noch viele Leute da? Werde nämlich langsam müde.“

Sie gähnte herzhaft und sah auf die Uhr. Es war schon nach 3 Uhr in der Nacht.

„Die Hälfte ist schon gegangen“, erzählte John.

Und wahrscheinlich auch meine Angebetete, von der ich nicht einmal den Namen weiß.

„Kannst du den Rest nach Hause schicken?“, kicherte sie.

„Würde ich ja gerne, aber dann…“

John stoppte mitten im Satz, stattdessen biss er sich auf die Lippen. Sein loses Mundwerk brachte ihn ständig in Schwierigkeiten.

„Was dann?“, bohrte Helen.

„Kannst du ein Geheimnis für dich behalten? Obwohl ich gar nicht weiß, ob es wirklich eines ist.“

„Ich kann schweigen wie ein Grab. Das scheint ja ganz schön ernst zu sein, wenn man sich deinen Gesichtsausdruck anschaut.“

„Es geht um einen Gast.“

„Habe ich gehört. Warst du das etwa?“

„Was?“, fragte John ängstlich.

Wenn der Vorfall schon bei Helen angekommen war, dann würde es früher oder später sein Chef erfahren. Und was das für ihn bedeutete, war klar.

Helen nahm ihre Hände und legte sie um ihren Hals. John sah schuldbewusst nach unten.

„Hat Antoine schon Wind davon bekommen?“

„Er ist schon nach Hause gefahren. Kopfschmerzen.“

„Die werden bestimmt noch größer!“

„Was hast du dir dabei gedacht?“, platzte es aus Helen heraus.

„Gar nichts. Der Kerl hat seine Freundin verprügelt.“

„Hast du das etwa gesehen?“

John schüttelte mit dem Kopf. Eigentlich hatte er gar nichts gesehen, doch dieser Arsch brachte ihn nur durch seine bloße Anwesenheit auf die Palme.

„Dann verstehe ich deinen Ausraster nicht.“

„Er war in Begleitung einer Frau und nachdem ich mich mit ihr unterhalten habe, war sie wie vom Erdboden verschwunden.“

„Und da hast du gleich den Unbekannten in Verdacht?“

John konnte schon ein komischer Vogel sein.

„Wen denn sonst?“

„Schon mal auf die Idee gekommen, dass sie deinetwegen getürmt ist? Ich habe von der Nummer auf der Tanzfläche gehört.“

John lief knallrot an.

„Timo?“, fragte er atemlos.

„Klar! Wer sonst? Er macht sich ernsthafte Sorgen um dich. Was ist mit dir los?“

„Das Mädchen geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich glaube, ich habe mich das erste Mal so richtig verliebt.“

„Du arme Sau!“, rief Helen und schlug sich die Hände vor den Mund.

„Warum das? Es ist ein schönes Gefühl. Wer ist sie?“

„Den willst du gar nicht wissen.“

„Was weißt du? Los rücke mit der Wahrheit raus.“

„Du stürzt dich in dein eigenes Unglück. Vergiss die Frau schnell wieder.“

„Warum sollte ich das?“

„Weil es für deine Gesundheit besser ist!“

„Und du meinst, damit gebe ich mich zufrieden?“

„Wirst du müssen!“

„Was ist mit ihr?“, bohrte John weiter.

„Die Frau ist fünf Nummern zu groß für dich! Ganz einfach.“

„Du weißt doch was. Und ich will es wissen! Sonst schaue ich dich mit meinem Arsch nicht mehr an.“

„Du wirst als Leiche enden!“

„Deine Sprüche machen mich nur neugieriger. Deine Taktik geht nicht wirklich auf.“

Helen schwieg. John hatte Recht. Statt ihn von seiner fixen Idee abzubringen, setzte sie ihm nur noch mehr Flöhe ins Ohr.

„Ich warte!“, rief John ungeduldig.

„Die Frau heißt Isabella Gomez, 27, Tochter aus reichem Haus. Und der Typ ist ihr zukünftiger Ehemann Marcel Baumann. Von Beruf Sohn.“

„Na und? Wo ist das Problem?“

„Er ist der Sohn des Veranstalters. Er kann sehr unangenehm werden, wenn er möchte.“

„Autsch!“, lachte John und legte den Kopf schief. „Da hab ich mich ja ganz schön in die Scheiße geritten, was?“

„Das wäre noch milde ausgedrückt. Wenn der Typ will, nimmt er dich vollkommen auseinander.“

„Der wird schon den Mund halten. Schließlich weiß er, was ich ihm angedroht habe.“

„Und ich wette mit dir, das hat ihn keinen Millimeter beeindruckt!“

„Mir egal. Der Typ ist ein Arschloch. Und er hat die Abreibung verdient. Aus, Ende, Basta.“

„Das mag sein. Aber er kann dir von heute auf morgen alles nehmen. Und unser Chef verliert seine Firma. Und in diesem Beruf kann ein schlechter Ruf das Ende bedeuten.“

John sah ziemlich zerknirscht aus. Er war zu weit gegangen. Aber die Zeit konnte man nun mal nicht zurückdrehen. Jetzt konnte er nur noch hoffen, dass der Kerl seine Schnauze hielt und das Ganze auf sich beruhen ließ.

„Ist diese Isabella eigentlich noch da?“

„Ja, warum?“

„Weil sie verschwunden ist.“

„Sie ist in der VIP Lounge. Und da haben solche wie wir keinen Zutritt!“

Könnte ich haben, wenn ich wollte, dachte John frustriert. Aber außer Timo wusste niemand in der Firma von seinem Familienhintergrund oder deren Finanzen. Und das war auch gut so.

„Wie schade!“

„Das Leben ist hart“, lächelte Helen.

„Aber ohne Harten kein Leben“, vervollständigte John den angefangenen Satz.

„Du solltest zurück an die Arbeit, bevor jemand Verdacht schöpft.“

„Ist wohl besser so.“

John lächelte Helen an.

„Was ist jetzt noch?“

Wenn John sie so anlachte, wollte er etwas von ihr. Aber nicht das Gleiche, was sie sich wünschte. Zu einer emotionalen Annäherung war es leider nie gekommen. Leider!

„Du könntest mir einen Gefallen tun!“

„Und welchen? Ist das illegal?“

„Nicht unbedingt!“, lachte John.

Er riss einen Zettel vom Notizblock, der auf dem Garderobentisch lag und schrieb etwas darauf.

„Kannst du den unauffällig in eine gewisse Jacke schmuggeln?“

„Hast du sie nicht mehr alle? Dafür fliege ich achtkantig raus.“

„Dann können wir gemeinsam beim Arbeitsamt sitzen.“

„Du glaubst mit deiner umwerfenden Art alles erreichen zu können! Was?“

Funktioniert doch!“, lachte John und gab Helen einen Kuss auf die Wange. Danach war er verschwunden.

Wieso kannst du mir nicht mal einen Zettel in die Jacke stecken?, dachte Helen sauer. War sie etwa Luft für ihn? Er behandelte sie wie seine kleine Schwester. Küsschen hier, Küsschen da. Das Einzige was sie jemals zusammen unternahmen, war ein Kinobesuch. Als sie dort ankamen wäre Sie am liebsten im nächsten Schlagloch versunken, denn die ganze Belegschaft war dabei. Das zum Thema Romantik unter Kollegen. Die nächste Einladung hatte sie mit einem fadenscheinigen Grund abgesagt.

Ständig verliebte er sich in die falschen Weiber. Keines der Mädels wollte mit einem armen Schlucker ausgehen, der Abendessen in einem Fast - Food - Restaurant für das Maß aller Dinge hielt. Welches Date schlürfte gerne Cola aus dem Pappbecher? Sie überlegte kurz, ob sie den Zettel nicht einfach in den Papiereimer werfen sollte, als sie es sich anders überlegte. John war doch eh nicht ihr Typ. Isabella Gomez war eine junge selbstbewusste Frau. Sie spielte in einer anderen Liga. John würde sie allenfalls amüsieren. Mehr nicht. Danach ließ sie ihn wie eine heiße Kartoffel fallen. Und dann konnte er mit dem Thema Isabella abschließen. Das sollte höchstens eine Sache von zwei oder drei Wochen sein, dann konnte die Trauerarbeit beginnen.

Aber wie sollte sie Isabella dazu bringen, ihn zurückzurufen? Sie war mit dem reichsten Junggesellen der Stadt verlobt. Dazu sah er noch unverschämt gut aus, auch wenn John anderer Meinung war. Man konnte in dieser Situation nicht von neutraler Objektivität ausgehen. Und wenn sich Isabella bei seinem Chef beschweren würde, könnte sie die Ausrede von vertauschten Jacken benutzen.

Helen steckte den Zettel mit der Telefonnummer in Isabellas Mantel. Jetzt hieß es abwarten und Tee trinken.

Timo sah John entgeistert an. Dieser stand neben ihm, hielt das Tablett und grinste zufrieden.

„Wo warst du?“

„Hatte ein paar Dinge zu erledigen!“

„Und die wären?“, fragte Timo sauer.

„Der Chef hat nach dir gefragt. Ich hab ihm erzählt, dass ich dich zum Servieren nach nebenan geschickt habe.“

„Und das hat er dir abgekauft?“

„Muss er ja wohl. Außerdem weiß ich mittlerweile, mit wem du dich angelegt hast.“

„Er ist der reichste Junggeselle. Kein Thema. Habe alles im Griff!“

„Dann hoffe ich das Beste für dich. Keiner bezahlt so gut wie Antoine. Und ich brauche dich nicht daran zu erinnern, dass deine Goldgrube versiegt ist. Oder?“

„Das brauchst du mir nicht ständig unter die Nase zu reiben.“

„Anscheinend schon. Ich hab zwar einen guten Draht zum Chef. Aber ob ich dir nach der Sache von vorhin helfen kann steht noch in den Sternen.“

„Warten wir es doch erst einmal ab.“

„Du solltest den Service übernehmen. Deine Angebetete ist in der VIP Lounge. Und der wird von den Oberkellnern betreut. Du kannst jetzt mal ans Arbeiten denken, ohne dir den Hals zu verrenken.“

„Habe schon verstanden. Wann ist denn Schluss hier?“

„In einer Stunde. So steht es im Vertrag“, rief Timo nach einem Blick auf die Uhr.

„Das ist gut. Meine motorischen Fähigkeiten lassen langsam nach.“

„Meine auch! Ich wollte vorhin schon in den Martini Zitronenscheiben legen“, lachte Timo.

„Ich gehe jetzt mal an die Arbeit!“

John und verschwand in der Menge.

Timo schüttelte den Kopf und ging zurück an die Bar. Sein Freund brachte ihn noch um den Verstand. Er konnte es selbst nicht verstehen, warum er die Freundschaft nicht schon längst im Sand verlaufen ließ. John hing ständig mit zwielichtigen Typen ab, die schon am Tag zum Fürchten waren.

Timo sah John nach. Ob das ein gutes Ende nehmen würde?

5

John lief mit seinem Tablett quer über die Tanzfläche. Mittlerweile war es schon bedeutend ruhiger geworden. Nur noch vereinzelt waren Paare auf der Tanzfläche. John konnte ungehindert an den Tanzenden passieren. John war irgendwie lustlos. Es lief alles schief. Isabella war mit diesem Proleten verlobt. Anscheinend war ihr Geschmack in Sachen Männer zum Kotzen. Nichts desto trotz war sie noch unverheiratet. Er konnte sich dazwischen drängen. Das Spiel lief und er musste seinen Einsatz machen. Und erst wenn die Kugel in einer Zahl landete, war das Spiel zu Ende. Rien ne vas plus. Von wegen!

Er setzte sein bestes Lächeln auf und straffte die Schultern. Das wäre doch gelacht. Er würde als Gewinner aus diesem Match gehen. Der Typ hatte vielleicht die erste Schlacht gewonnen, aber der Krieg würde zu seinen Gunsten ausgehen. Isabella. Diese Frau ging ihm unter die Haut. Der bloße Gedanke an dieses zarte Wesen trieb ihm eine Gänsehaut über den ganzen Körper. Nicht nur Schmetterlinge flogen durch seinen Bauch. Nein! Es waren Flugzeuge.

Wenn Isabella seine Verlobte wäre, würde er sie garantiert nicht wie einen Besen über die Tanzfläche schieben. Das war echt unterste Schublade. Wie konnte sich so eine hübsche und anscheinend auch wohlhabende Frau mit so einem Schnösel abgeben? Er konnte es ja verstehen, wenn sich eine hübsche, nicht ganz so vermögende Frau mit einem reichen Mann einließ. Schließlich war das Leben nicht einfach und wenn man arm war, noch viel schwerer. Nicht dass er viel Geld zum Leben brauchte. Schließlich kam er jetzt auch mit weniger aus. Aber damals war er nicht gerade der sparsamste Mensch auf diesem Planeten gewesen.

Im Moment lebte er nicht auf der Sonnenseite. Er musste hart arbeiten. Doch es war sein Schweiß und seine Arbeit, die ihm das Geld einbrachte. Niemand konnte ihm am Ende des Monats die Kreditkartenabrechnung unter die Nase halten. Seine Eltern versicherten ihm zwar immer, dass es kein Problem für sie sei, wenn er soviel Geld ausgab. Aber der abfällige Blick seines Vaters sprach eine andere Sprache. Und nach einer gewissen Zeit wurde es ihm so unangenehm, dass er seinen Konsumrausch auf ein Minimum reduzierte.

„Darf ich Ihnen noch ein Glas anbieten?“, fragte er nacheinander die Leute. Aber anscheinend verging einem nach gewisser Zeit die Lust auf gratis Champagner, denn die meisten lehnten dankend ab. Hurra, gleich Feierabend, dachte John erleichtert. Seine Füße wollten sich unbedingt in der horizontalen Lage ausruhen und es war ihnen völlig egal, ob sie heute Nacht alleine blieben.

John brachte das halbvolle Tablett zurück an die Bar.

„Die Leute haben wohl genug?, frotzelte Timo.

„Kannst du mal die Möglichkeiten einer Co-Partnerschaft mit der Polizei ausloten? Vielleicht könnten wir halbe/halbe mit den Strafzetteln wegen Trunkenheit am Steuer machen?“, platzte es aus John heraus. „Wäre doch bestimmt ein einträgliches Geschäft!“

„Du hast Ideen! Ich denke, die meisten der Herrschaften sind per „du“ mit denen. Keiner belangt einen Baumann wegen Trunkenheit am Steuer. Das ist der Vorteil, den man sich erkaufen kann.“

„Vielleicht sollte ich zurück nach Hause gehen!“, rief John nachdenklich.

„Ist das dein Ernst?“, fragte Timo hoffnungsvoll.

Ihm würde es gefallen, wenn sein Freund aus dieser heruntergekommenen Absteige auszog.

„Nicht wirklich. Ich will meine Freiheit genießen. Mein Vater kann mich mal.“

„Und was ist mit deiner Mutter?“

Timo wusste genau, dass hier Johns wunder Punkt verborgen lag.

„Die vermisse ich schrecklich. Mein Vater und ich? Das gibt nur Krieg.“

„Du könntest ja aufhören, ein so dickschädeliger Esel zu sein und einen Schritt auf deinen Vater zugehen.“

„Und wofür? Damit er mich in seine Firma steckt?“

„Du hast nun mal leider keine anderen Eltern. Du musst dich mit ihnen arrangieren.“

„Warum sollte ich? Nenne mir nur einen Grund dafür?“

„Deine Mom.“

„War ja klar!“, stöhnte John.

„Dir ging es doch immer gut! Oder?“

„Das behaupte ich doch gar nicht. Klar bin ich lieber in unserem Bentley durch die Gegend gekurvt als mit dieser Blechschleuder.“

„Warne doch deinen Vater vor. Wenn er das rostige Geknatter deiner alten Karre hört, soll er sich im Gartenhäuschen verkriechen.“

„Das wäre eine Idee. Aber ich glaube, er schießt mich mit seiner Schrotflinte über den Haufen und tarnt es als Jagdunfall.“

„Du übertreibst komplett“, lachte Timo. „So schlimm ist dein Vater nun auch nicht.“

„Du hast Recht. Er muss erst jemanden schmieren, damit es als Unfall durchgeht.“

„Ich gebe es auf.“

„Das versuche ich dir schon die ganze Zeit zu verklickern. Aber du bist ja beratungsresistent.“

„Aber du! Ich hab gehört, wem du da an die Gurgel gegangen bist.“

„Weiß Antoine davon?“

„Nein! Sonst wärst du schon einen Kopf kürzer!“

„Wenn du dich in die Scheiße reitest, dann aber richtig. Und Isabella Gomez ist eine lebende Legende. Sie ist der berufliche Pit Bull Terrier. Wer sich der in den Weg stellt, kann sich schon mal einen Grabstein bestellen.“

„Dann verstehe ich nicht, warum sie dem Armleuchter nicht in die Fresse gehauen hat?“

„Steht vielleicht drauf“, kicherte Timo. „Isabella Gomez? Du bist der Hammer.“

„Du hast sie doch auch nicht erkannt.“

„Es war viel zu viel los. Ich kann froh sein, dass wir den Ansturm bewältigen konnten. Antoine muss dringend Leute einstellen, wenn wir den Osterdeal bekommen. Das ist eine gute Chance für dich, die Karriereleiter zu erklimmen.“

„Dann brauchen wir uns doch keine Sorgen zu machen.“

„Da bin ich mir unsicher. Marcel Baumann wird dich fertig machen, bevor du bis 10 gezählt hast.

„Bin ich schon einen Kopf kürzer? Nein, also?“

6

John versuchte optimistisch zu bleiben. Wenn der Kerl ihm hätte ans Bein pissen wollen, wäre es bestimmt schon passiert. Timo sollte die Kirche im Dorf lassen. Schließlich war der Vorfall nicht so schlimm gewesen. John freute sich schon auf Isabellas Anruf. Die Nachricht war geheimnisvoll genug gewesen, dass sie zurückrufen musste. Sie war eine Frau und Frauen waren von Natur aus neugierig. Er konnte nur das Beste hoffen. Ob Helen wohl den Zettel in Isabellas Jacke gesteckt hatte? Schließlich war es nicht ganz ungefährlich für sie, falls Isabella sich über den Zettel beschwerte. Denn nur sie konnte die Nummer in ihre Jacke gesteckt haben.

Er könnte es verstehen, wenn Helen Skrupel hatte. Er kannte Helens Gefühle. Doch er konnte nicht mit ihr zusammen sein. Sie war wie eine kleine Schwester für ihn. Helen war so nett, ihm keine Szene zu machen oder gar eifersüchtig zu sein. Er mochte Helen gerne und er würde bestimmt noch mehr mit ihr unternehmen, doch er wollte keine unnötigen Gefühle in ihr hochkochen lassen. Er konnte gerade am eigenen Leib spüren, wie schlimm unerwiderte Gefühle sein konnten. Auch wenn er Isabella erst seit ein paar Stunden kannte, fühlte er sich innerlich wie zerrissen und alleine gelassen.

Und Timo verstand ihn auch nicht. Wie denn auch? Er verstand es ja selbst nicht.

„Was soll nun passieren?“, unterbrach Timo Johns Gedanken.

„Woher soll ich das wissen?“

„Sie ruft an oder nicht!“

„Wer ruft an?“

„Na Isabella.“

„Hä? Hab ich da was nicht mit gekriegt?“

„Eine ganze Menge, wie mir scheint!“, lachte John.

„Woher hat Isabella Gomez deine Nummer?“

„Von Helen.“

„Wieso Helen?“

„Sie hat ihr einen Zettel mit meiner Nummer in die Jacke gesteckt.“

„Sie hat was?“, fragte Timo ungläubig.

„Du hast schon richtig gehört!“, bestätigte John stolz.

„Du hast nicht mehr alle Latten am Zaun!“

„Danke für das Kompliment. Ich finde das eine tolle Idee!“

„Jeder schaufelt sich sein Grab selbst. Die ruft doch eh nicht zurück. Der Kerl ist steinreich. Warum sollte sie sich für dich interessieren?“

„Meine Eltern sind mindestens genau so reich. Aber warum reden wir hier von ein paar Milliönchen mehr oder weniger. Ich will Isabella haben.“

„Noch eine Trophäe mehr im Schrank?“

„Bei ihr ist es anders. Mein Bauch rebelliert, wenn sie mich ansieht.“

„Dann iss was!“, rief Timo.

„Brauch ich nicht! Ich brauch Isabella.“

„Du brauchst eher eine Zwangsjacke und Medikamente, die dich ruhig stellen.“

„Ich fühle mich großartig. Vom Liebeskummer mal abgesehen.“

„Du bist fast vor ihren Augen verreckt und sie hat weiter getanzt. Und das soll Liebe sein?“

„Sie war geschockt. Zudem saß ihr der Pavian im Genick.“

„Wie du meinst. Einen verbohrten Esel kann man schlecht vom Gegenteil überzeugen.“

„Da hast du es“, lachte John laut.

„An deiner Stelle würde ich nicht so laut lachen!“, rief eine Stimme neben Johns Ohr.

„Hast du das gehört?“, fragte John irritiert.

„Was?“, fragte Timo.

„Hast du gerade etwas zu mir gesagt, dass sich anhörte wie: an deiner Stelle würde ich nicht mehr so laut lachen?“

„Warum sollte ich so etwas sagen?“

„Dann war es Isabellas Macker! Wenn ich den in die Finger kriege!“

Johns Augen funkelten zornig.

„Vielleicht hast du dich auch geirrt und du hast Gesprächsfetzen von irgendwelchen Gästen aufgeschnappt.“

„Direkt an meinem Ohr?“, fragte John ungläubig.

„Dann wirst du wohl Recht haben! Du solltest den Kerl nicht zu sehr reizen. Anscheinend ist er nachtragender als ich dachte.“

„Dem werde ich eine reinhauen, sobald sich die Gelegenheit ergibt.“

„Ach wie schön so eine friedliche Konversation sein kann!“, lachte Timo.

„Vor allem friedlich. Ich sollte dem zeigen, dass er sich in das Loch verkriechen soll, aus dem er herausgekrochen ist.“

„Ich wette, er mag dich genauso gern.“

„Das wollen wir doch hoffen!“

7

Helen übergab gerade die letzte Jacke heraus. Und es war kein geringerer als Marcel Baumann. Sohn des legendären Veranstalters und seine entzückende Verlobte Isabella Gomez. Mit gemischten Gefühlen übergab Helen der hübschen Frau ihren Mantel. Am liebsten hätte sie den Zettel schnell entfernt, doch es war zu spät.

Marcel stand daneben und sah ihr zu. Der vollendete Gentleman, dachte Helen genervt. John hat Recht. Der Typ ist ein Arsch und was für einer. Hat es nicht mal nötig, seiner Verlobten in den Mantel zu helfen. Hat dir deine Nanny keine Manieren beigebracht?

Helen konnte sich das traurige Spektakel nicht länger anschauen und fing an, die Holzbügel fein säuberlich zurück an die Kleiderstangen zu hängen. Warum ließ sich eine Frau nur so behandeln? Klar konnten sich Frauen auch selbst die Tür aufmachen. Darum ging es ja nicht. Sie fand ein Mann sollte ab und zu höflich zu seiner Frau sein. Er brauchte ja nicht ständig eine Schleimspur hinter sich herzuziehen, aber das hier ging genauso wenig. Ihr tat Isabella leid.

Vielleicht war John ja doch der bessere Mann für Isabella. Jedenfalls besaß er Anstand. Auch wenn er sonst nicht so für Gefühlsduseleien bekannt war. Mit Isabella konnte sie zum ersten Mal auch Johns weiche Seite kennenlernen. Warum kann er sich nicht einfach in mich verlieben?

Den beiden stand doch überhaupt keine Zukunft bevor. John war ein armer Angestellter. Kleine Wohnung. Null Chancen auf eine große Karriere. Isabella war eine erfolgreiche Frau, unabhängig, verdiente sehr gut. Sie verkehrte in den besten Kreisen. Schon bevor sie Marcel kannte. Isabellas Eltern waren erfolgreich in ihrem Job. Ihr Vater war Polizeichef gewesen, der mittlerweile in Rente war. Ihre Mutter erfolgreiche Anwältin für Familienrecht. Jeder angehende Anwalt schaute zu ihr auf. Isabellas jüngerem Bruder Rick stand ebenfalls eine steile Karriere als Anwalt bevor.

„Wenn du die Lottozahlen von nächster Woche weißt, dann her damit!“

Helen wurde unsanft aus ihren Gedanken gerissen.

„Ach du bist es!“, rief sie.

John stand ihr gegenüber und lächelte breit.

„Wen hast du denn erwartet? Den Kaiser von Timbuktu? Den hast du gerade verpasst. Ist mit King Kong durchgebrannt.“

„Schade!“, lächelte sie.

John sah an ihr vorbei und lachte zufrieden.

„Auftrag ausgefüllt?“

„Gerade eben!“, flüsterte Helen mit gemischten Gefühlen.

„Du bist ein Schatz!“, rief John und küsste Helen auf die Stirn.

John wandte sich an Timo und hob den Daumen.

„Na wenn das mal gut geht!“, rief Timo, der anscheinend auch nicht so ganz von Johns Plan überzeugt war.

„Sei nicht immer so pessimistisch.“

„Bin ich nicht! Ich halte es lediglich für eine schlechte Idee, in den Gewässern eines anderen zu fischen.“

„Der Fisch ist nur verlobt!“

„Die beiden wollen schon bald heiraten“, erwiderte Timo.

Sein Freund kapierte aber auch gar nichts.

„Die Betonung liegt auf wollen.“

„Du legst dich mit einer der mächtigsten Familien in der Stadt an“, rief Helen dazwischen.

„Das ist mir egal.“

„Der macht dich fertig. Aber es ist ja dein Leben!“, rief Timo leidenschaftlich.

Er versuchte seine Angst zu unterdrücken und cool zu bleiben. Doch wie konnte man das aufgrund solcher Dummheit bleiben?“

„Ich werde aufpassen. Außerdem bist du doch bei mir! Warum sollte ich da Angst haben?“

Timo schluckte schwer. Er wollte sich aus der Angelegenheit raus halten. Doch John sah es als Selbstverständlichkeit an, dass auch er seine Karriere aufs Spiel setzte. Und für was? Wegen einer Frau, die kein Interesse zeigte.

8

Einige Tage nach Silvester brachte Isabella Gomez ihren Mantel in die Reinigung. Es war sehr viel los. Also musste sie etwas warten. Marcel wäre garantiert ausgerastet. Einen Baumann lässt man nicht warten!

Überhaupt war ihr Verlobter unausstehlich geworden. Ständig flippte er wegen jeder Kleinigkeit aus. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er sich so verändert hatte. Früher war er ein lieber, zuvorkommender Mann gewesen.

Doch heute fehlte ihm die Geduld für alles. Der Silvesterabend war so ein typisches Beispiel dafür. Erst fuhr ihm der Chauffeur zu langsam. Dann waren zu viele rote Ampeln auf der Strecke. Und dann der Zwist mit dem Kellner, der in ihren Augen völlig harmlos gewesen war. Wieso konnte sie nicht mit anderen Männern reden? Schließlich war sie nicht sein Eigentum. Doch genau so behandelte er sie mittlerweile. In ihrem Job, der eigentlich vom männlichen Geschlecht dominiert wurde, traf sie ständig auf Männer. Und trotzdem blieb sie Marcel treu. Doch in letzter Zeit zweifelte er zunehmend an ihrer Integrität ihm gegenüber. Dabei gab es gar keinen Grund dazu. Sie liebte Marcel seit sie ihn das erste Mal gesehen hatte. Doch seine übertriebene Eifersucht und seine haltlosen Verdächtigungen zermürbten sie langsam.

Seit ein paar Wochen wartete er mit regelmäßiger Sicherheit nach der Arbeit an ihrem Wagen auf sie. Ihr missfiel es, dass ihr Auto in der Tiefgarage stehen blieb. Als sie ihn darauf ansprach antwortete er lapidar, dass er es nicht abwarten konnte, bis sie endlich Feierabend hatte. Doch Isabella kam es eher wie Stalking vor. Fehlten nur noch die Privatdetektive, die sich an ihre Fersen hefteten, um über jeden ihrer Schritte brav Report zu geben.

„Hallo Isabella.“

Die Besitzerin des Ladens lachte sie an.

„Hallo Maria. Mein Mantel riecht unangenehm.“

„Mach dir keine Sorgen, Kind. Mein Mann bekommt das hin.“

Sie lächelte Isabella abermals an.

„Wie geht es deinen Eltern?“, fragte Maria.

„Sehr gut. Sie laden euch Sonntag zu Tee und Gebäck ein.“

„Das ist schön. Wir kommen gerne.“

Das wäre Marcel garantiert wieder ein Dorn im Auge gewesen. Wie konnte man sich bloß mit Arbeitervolk abgeben?, würde er in einem abfälligen Satz fallen lassen. Doch ihre Familie war schon seit Jahren mit Maria und ihrem Mann befreundet und traf sich regelmäßig. Der gesellschaftliche Unterschied spielte in diesem Fall keine Rolle. Warum auch? Marcel war da anderer Meinung. Angestellte waren zum Arbeiten da und bekamen ihren Lohn. Isabella hasste Marcels Einstellung, versuchte aber seine „Macken“ zu ignorieren. Aber irgendwann war ihm seine abschätzende Rederei auf die Nerven gegangen.

„Wann ist sie denn fertig?“, fragte Isabella.

„Heute Abend.“

„Da kann ich nicht.“

„Soll ich sie mit zu deinen Eltern nehmen?“

„Klar. Dann habe ich auch einen Grund zu kommen.“

„Und was ist mit Marcel?“

„Hängt doch sonntags auf dem Golfplatz herum!“

„Langweilig! Oder?“

„Das ist untertrieben. Golf langweilt mich total.“

„Du Arme!“

„Dann hab ich mal Zeit für mich und meine Familie.“

„Alles in Ordnung zwischen euch beiden?“, bohrte Maria.

Isabella lief rot an. Maria kannte sie einfach schon zu lange.

„Die Hochzeitsvorbereitungen sind einfach sehr stressig“, antwortete sie.

Sie musste Maria die Wahrheit verschweigen. Sie wäre zu Marcel gelaufen, um ihm den Kopf zu waschen.

„Und sonst alles gut?“

Isabella schüttelte den Kopf und lächelte.

Doch sie konnte auf Marias Stirn lesen, dass sie ihr kein Wort glaubte. Hoffentlich hielt sich Maria mit ihrem italienischen Temperament zurück.

„Hast du die Taschen durchsucht?“

„Nein. Wie immer. Aber eigentlich dürfte nichts Wichtiges drin sein.“

„Das behauptest du immer.“

Maria hielt einen zusammengefalteten Zettel hoch.

„Das ist nicht meiner!“

„War aber in deinem Mantel.“

Maria drückte ihr einen Zettel in die Hand.

„Seltsam. Ich weiß nicht, wann ich den Zettel bekommen habe.“

„Du wirst langsam alt!“, lachte Maria.

„Kann schon sein. Bis Sonntag.“

Isabella winkte zum Abschied.

Maria ging lächelnd an die Arbeit. Isabella stand auf der Straße und betrachtete nachdenklich den Zettel. Sie konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. Sie öffnete das Papier und las. Was für eine komische Nachricht.

Du bist das bezauberndste Reh auf der Welt,

ruf mich doch mal an, dann können wir zusammen

durch den Wald laufen.

Darunter stand eine ihr unbekannte Telefonnummer. Was habe ich mit einem Reh gemeinsam? Isabella lachte laut. Die Nachricht musste ihr irgendein Spinner zugesteckt haben. Sie lief auf den Mülleimer zu, der an einem Laternenpfahl hing und wollte die Nachricht wegwerfen. Doch sie zögerte einen kurzen Moment. Dann nahm sie ihr Handy aus der Handtasche und wählte die Nummer. Sie war einfach neugierig und wollte wissen, wer sich am anderen Ende der Leitung meldete. Das Freizeichen ertönte. Was mache ich da bloß?, fragte sich Isabella, als sich eine männliche Stimme meldete.

Isabella lauschte der wunderschönen Stimme.

9

„Hallo, wer ist da?“

Er bekam keine Antwort. Auch nach mehrmaligem Rufen. John verlor langsam die Geduld. Er war schlecht gelaunt und jetzt von ein paar dummen Kindern verarscht zu werden, ging ihm gar nicht ab.

Noch immer keine Antwort.

„Verarscht einen anderen!“, schrie John ins Telefon und legte auf.

Isabella war entsetzt über diesen komischen Anruf. Wer war der Mann eigentlich und warum brüllte er sie aus heiterem Himmel an? Die feine englische Art sah anders aus. Der Typ war ein unhöflicher Flegel. Für wen hielt er sich bloß? Sie warf das Handy in die Tasche zurück und ärgerte sich über sich selbst. Man rief niemals eine fremde Nummer an. Auch nicht aus Neugierde. Das hatte sie jetzt davon. Sie war einfach zu naiv für diese Welt. Ob sie Marcel von diesem Telefonat erzählen sollte? Auf keinen Fall! Sonst würde er nur wieder grundlos ausrasten. Und sie wollte einfach nur ihre Ruhe haben vor seiner aufbrausenden Art oder wie er es nannte: schlechte Laune.

Isabella schloss ihr Auto auf und startete den Motor. Marcel war natürlich sauer, dass er auf sie warten musste. Doch es war ihr egal. Schließlich war sie ein eigenständiger Mensch! Wenn es nach Marcel ginge, könnte sie mit einer Leine neben ihm liegen und Sitz und Platz auf Kommando machen. Denn gegen ihren Job hatte er natürlich auch etwas. Er fand, seine zukünftige Frau brauche nicht zu arbeiten. Als wenn es darum ginge. Sie liebte ihre Arbeit und Unabhängigkeit.

Sie wollte auf keinen Fall eine Hausfrau werden, die den ganzen Tag hinter den Kindern aufräumte. Klar wollte sie Kinder. Aber sie wollte bestimmen wann und wo. Ihr Studium und die Jahre in der Firma würden wie Rauch verblassen, wenn sie jetzt alles hinwarf. Sie hatte sich nicht gegen die männlichen Kollegen durchgesetzt, um jetzt als Putzfrau und Köchin zu enden. Nur über ihre Leiche.

Die Kupplung quietschte laut. Verflucht! Dieser Mann kostet mich noch meine ganze Selbstbeherrschung. Sie versuchte den Gang erneut einzulegen. Sie fuhr aus der Parklücke und fädelte sich in den Nachmittagsverkehr ein. Ihr Handy klingelte. Mist, dachte Isabella. Bitte nicht Marcel! Sie kramte in ihrer Handtasche und es dauerte eine Ewigkeit, bis sie es endlich fand.

„Endlich!“, stöhnte Pia Neudörffer.

„Du hast das Talent, mich immer im Auto zu erwischen!“

„Dann fahr halt weniger!“, erwiderte Pia.

„Sitzt dein Aufpasser neben dir?“

„Nein! Wieso sollte er?“

„Weil er dich neuerdings besser bewacht als die Queen ihre Kronjuwelen.“

„Das meinst du nur.“

„Der klebt näher an dir als dein eigener Schatten!“, rief Pia. „Wie hast du ihn abgehängt?“

„Reinigung!“, kicherte Isabella.

„Wie kannst du dich auch dazu herablassen, mit dem Fußvolk zu reden?“, platzte es aus Pia heraus.

„So bin ich halt!“

„Die haben dich einer Gehirnwäsche unterzogen. Gib es zu!“

„100 Prozent!“

Sie musste scharf bremsen, weil sie beinahe ihrem Vordermann an der Ampel auf die Stoßstange geknallt wäre.

„Auch noch Verkehrsrüpel?“, lachte Pia, nachdem sie von Isabella erfahren hatte, was beinahe passiert wäre.

„Dann leg doch auf!“, rief Isabella.

„Hast du noch ein Stündchen Zeit?“

„Für dich immer!“, säuselte Isabella.

„Dann komm zu mir rüber. Andrea ist auch schon auf dem Weg.“

„Hast du sie auch im Auto überrascht?“

„Klar. Sie kann aber besser fahren als du!“, lachte Pia und legte auf.

„Ich kann meinen besten Freundinnen keinen Wunsch abschlagen. Bin gleich bei euch!“

Isabella warf ihr Handy auf den Beifahrersitz und fuhr an den Stadtrat, wo Pia in einer wunderschön renovierten Villa lebte. Ihr Mann war gerade auf Geschäftsreise im Ausland. Kinder waren noch keine unterwegs, da Pias Job als Kinderärztin ihr keine Zeit dazu ließ. Aber sie war unglücklich. Hatte sie doch den ganzen Tag Babys und Kleinkinder um sich, die ständig laufende Nasen und Husten anschleppten. Was brauchte man mehr? Isabella parkte ihr Auto neben Andreas und ging die breite Auffahrt hoch.

Pia riss lächelnd die Haustür auf und fiel Isabella um den Hals.

„Hast du ein Ortungsgerät eingebaut?“, fragte Isabella und umarmte ihre Freundin ebenfalls.

„Ich weiß einfach, wenn du kommst!“

„Das ist unheimlich. Weißt du das?“

„Das sagt mein Mann auch immer.“

„Wo ist denn dein Schnippler?“

„Ärztekongress in den Staaten“, lachte Pia. „Und er ist kein Schnippler!“

„Er schneidet Menschen das Gehirn auf. Wie würdest du das nennen?“

„Er ist Gehirnchirurg“, verbesserte sie Isabella.

„Hat er sich Arbeit mit nach Hause gebracht?“, kicherte Isabella.

„Klar! Wie immer. Liegt neben dem Schweinefilet und dem Nachtisch. Also nicht verwechseln.“

„Ich werde einen großen Umweg um deinen Kühlschrank machen!“, lachte Isabella, während sie Andrea begrüßte.

Isabella sah Andrea lachend an. Eine Träne lief ihr die Wangen herunter.

„Macht doch mal so dumme Scherze, wenn mein Mann zu Hause ist!“, lachte Pia gehässig.

„Bin ich wahnsinnig?“, lachte Andrea herzhaft.

„Dann essen wir lieber in Zukunft auswärts“, prustete Andrea.

„Wer weiß, was die euch auf die Teller packen!“, kicherte Pia.

Andrea und Isabella schweigen betreten. Pia hatte Recht. Man konnte nie wissen, was man alles in einem Restaurant aufgetischt bekam.

„Das ist eklig!“, rief Isabella. „Wir bestellen nachher Pizza und zwar ohne Fleisch.“

„Du meinst ohne Gehirn?“, gackerte Pia los.

Ihre Freundinnen fielen in das alberne Gelächter ein. Nach ein paar Minuten wurde Isabella ernst.

„Ich muss Marcel noch Bescheid sagen.“

„Dann mach mal, bevor die Nationalgarde hier aufschlägt und ich anschließend renovieren muss. Bin froh, dass der alte Kasten endlich fertig ist. Noch einmal möchte ich mir diesen Dreck nicht antun.“

Isabella hob den rechten Zeigefinger. Augenblicklich verstummte das laute Gelächter. Pia rollte die Augen. Isabella wusste genau, dass ihre Freundin von Marcels Art mehr als genervt war. Irgendwo war es auch gerechtfertigt.

„Hallo Schatz. Ich bin noch bei Pia zuhause. Ich komme etwas später.“

Isabella nickte.

„So gegen 21 Uhr. Essen steht im Kühlschrank. Du brauchst es nur noch warm zu machen.“

„Wir bringen sie dir wohlbehalten zurück!“, rief Pia dazwischen. Sie war wie ein Rüde. Hier war ihr Revier und da duldete sie keinen anderen neben sich.

Isabella legte schnell auf.

„War das nötig?“, stöhnte sie.

„Mehr als das!“, grinste diese frech. „Ja Schatz, ich hab dir Fresschen gekocht, damit du deinen faulen Arsch nicht bewegen musst. Ja du mich auch.“

Pia äffte gerade das Telefonat nach.

„Du bist doof!“, lachte Isabella.

„Und was bist du?“, fragte diese lauernd. „Der Typ ist ein Arschloch und würde dich am liebsten einsperren.“

„Du übertreibst!“

„Es ist schlimmer! Der hat sich zu einem Tyrannen entwickelt.“

„Er kann auch lieb sein!“, versuchte Isabella ihren Verlobten zu verteidigen.

„Ja. Zum letzten Mal vor 2 Jahren.“

„Das stimmt nicht!“

„Dann war es vor 3 Jahren!“

„Wir sind schon so lange zusammen. Da kann nicht nur Eitel Sonnenschein herrschen.“

„Ich hätte den Typ schon längst in die Wüste geschickt?“

Pia war genervt von Marcel.

„Ich werde ihn heiraten!“

„Dann bist du eine komplette Idiotin!“

Pia sah sie nachdenklich an.

„Du bist schwanger! Denn das würde dein irrationales Denken erklären.“

„Nein!“

Pia atmete erleichtert aus.

„Das würde die Sache nämlich erschweren.“

„Was erschweren?“

„Den Typen vor die Tür zu setzen!“

„Er hat eine eigene Wohnung. Wird schwierig.“

„Es hat einen Grund, warum ihr nicht zusammen wohnt!“, rief Pia, der die Argumente anscheinend nie auszugehen schienen.

„Es ist näher zu meiner Arbeit!“, rief Isabella wenig überzeugend.

„Ja und mein rosa Pudel hat Zahnpelz!“, lachte Pia.

„Was meinst du, Andrea?“

Isabella versuchte Deckung von ihrer Freundin zu bekommen.

„Die hat meine Meinung!“, fiel Pia dazwischen.

„Können wir das Thema wechseln?“, meckerte Isabella.

Sie zog einen Schmollmund.

„Das darfst du nicht falsch verstehen. Marcel ist uns egal. Wir sind Freundinnen und der Typ ist eine Nummer zu „strange“ für dich geworden.

„Er ist in letzter Zeit etwas planlos!“

Isabella wusste nicht, ob sie die richtige Beschreibung für Marcels seltsames Verhalten gefunden hatte.

„Der hat so richtig schön einen an der Waffel!“, rief Pia sauer.

„Irgendetwas belastet ihn. Auch wenn ich keine Ahnung habe, was es ist. Er schweigt sich aus. Aber ich bin sicher, es gibt eine harmlose Erklärung.“

„Von Beruf Sohn zu sein ist ja auch eine schwere Bürde“, rief Andrea.

„Der arme Kerl. In Geld zu schwimmen muss ganz furchtbar sein.“, meckerte Pia.

Andrea lachte lauthals los.

„Das war jetzt ein Scherz! Oder?“, fragte Pia, schnappte sich ein Kissen und warf es nach ihrer Freundin.

Das Kissen warf Isabellas Handtasche vom Sessel. Polternd fiel ihr Handy auf den Marmorboden.

Pia hob das erleuchtete Handy hoch. Die Nummer des Unbekannten war zu sehen.

„Was ist denn das für eine Nummer?“, fragte sie neugierig.

„Irgendeine Nummer!“, lachte Isabella.

Sie ärgerte sich über ihre Nachlässigkeit. Marcel wäre ausgeflippt.

„Unsere Freundin hat Geheimnisse vor uns. Das ist echt übel. Wie war denn das mit „wie in guten und in schlechten Zeiten?“, fragte Pia süffisant.

„Das ist ein Eheglübde!“, lachte Isabella und griff sich ihr Handy.

„Das ist mir doch egal! Freundinnen sollten keine Geheimnisse voreinander haben.“

„Dann wollt ihr auch wissen, wann ich aufs Klo gehe?“

„Wenn es dein Wusch ist!“, lachte Pia laut.

„Du übertreibst gewaltig!“, kicherte Isabella.

„Und mit wem hast du telefoniert? Normalerweise stehen Namen in deinem Display. Also ist die Nummer neu“, fragte nun auch Andrea neugierig.

„Keine Ahnung!“, rief Isabella unsicher.

„Und wieso?“, fragte Pia ungläubig.

Isabella zuckte nur mit den Schultern.

„Hat keinen Namen genannt!“

„Und warum?“, lachte Andrea gehässig.

„Keine Ahnung“, gab Isabella Antwort.

„Du hast eine Vollmeise. Und wieso telefonierst du mit Leuten, die dir fremd sind?“, schrie Pia fast panisch.

„Maria hat die Nummer in meinem Mantel gefunden. Ich habe nicht den blassesten Schimmer, wem sie gehört.“

„Und dann hat Madame nichts besseres zu tun, als gleich dort anzurufen?“

Pias Wangen glühten vor Aufregung.

„Und jetzt?“, fragte Andrea etwas sachlicher. „Wer ist der Typ?“

„Und ich habe nicht gesagt, dass ich mit einem Mann gesprochen habe!“, lachte Isabella zweideutig.

„Das sieht man an deiner Nasenspitze an. Marcel wird dir den Arsch aufreißen, meine Liebe!“

Pia war nun nicht mehr ganz so erfreut über das Telefonat.

„Ich habe doch aufgelegt.“

„Du bist echt mutig“, sagte Andrea und zog eine Augenbraue nach oben.

„Ich war einfach nur neugierig.“

Isabellas Augen strahlten.

„Hast du dich mit ihm getroffen?“, fragte Pia mit einem lauernden Unterton in der Stimme.

„Sag mal, geht´s noch? Der Typ könnte doch ein Massenmörder sein!“

„Die hinterlassen für gewöhnlich keine Telefonnummern in irgendwelchen Mänteln.“

„Der Kerl hat sich mir nicht vorgestellt. Er hat einfach aufgelegt. Vorher hat er mich wüst beschimpft.“

„Hast du mit ihm geredet?“, fragte Pia, die genau wusste, warum der Anrufer so reagiert hatte.

Isabella schüttelte energisch den Kopf.

„Warum sollte ich?“, grinste Isabella.

„Da hast du es!“, rief Pia laut.

„Du bist ein verrücktes Huhn!“, lachte Andrea.

„War seine Stimme so ätzend?“, fragte Pia.

„Überhaupt nicht! Sie war warm und weich. Er hat mir unterstellt, dass ich ihn verarsche!“

Isabellas Augen strahlten geheimnisvoll.

„Und das wundert dich!“

Pia schüttelte den Kopf.

„Und wie sah er aus?“

Andrea schien den Ernst der Sache nicht kapiert zu haben.

„Woher soll ich das wissen? Wir haben telefoniert.“

Andrea schüttelte den Kopf. Endlich schien sie zu verstehen. Anscheinend gingen ihre Fantasien mit ihr durch und sie malte sich aus, wie er mit Isabella auf einem weißen Pferd in den Sonnenuntergang ritt.

„Das ist so süß!“, lachte sie mit verklärtem Blick.

„Das ist doch ganz einfach!“, rief Pia dazwischen. „Du rufst ihn noch einmal an.“

„Du spinnst total?“, schrie Isabella mit schriller Stimme.

„Warum? Vorhin hattest du weniger Skrupel!“, lachte Pia.

„Da wusste ich ja auch noch nicht, dass es die Nummer eines anderen Mannes ist.“

„Ach und was dachtest du dann? Ein Pizzaservice verteilt Werbung in Mänteln? Dafür gibt es Briefkästen.“

„Ich war einfach neugierig.“

„Dann war es vielleicht die Nummer eines Callboys? Wann hast du den Mantel das letzte Mal angehabt?“

Isabella überlegte kurz.

„An Silvester!“

„Da muss er ihn dir zugesteckt haben. Hattest du den Mantel die ganze Zeit an?“

„Warum sollte ich? Mein Mantel hing an der Garderobe.“

„Es war der Typ an der Garderobe. Wie romantisch!“, säuselte Andrea.

„Und der heiße Kerl mit dem Tablett? War er es?“

Isabella bereute, ihren Freundinnen von dem Kellner erzählt zu haben.

Pia kicherte.

„Ich weiß auch nicht mehr wie ihr.“

Pia und Isabella sahen sie an, als wäre sie gerade vollkommen am überschnappen. Dann machten sie eine typische Handbewegung.

„Der Mann an der Garderobe war eine Frau.“

„Das ist ja noch romantischer. Eine Lesbe!“

„Ist das dein Ernst Andrea?“, rief Isabella zweifelnd. „Die Stimme war eindeutig ein Mann!“

10

Sie grinste ihre Freundinnen unsicher an. Pia schnappte sich Isabellas Handy und betrachtete das Display. Die Nummer war deutlich zu lesen. Isabella sah den schelmischen Blick in den Augen ihrer Freundin. Dann wählte sie die Nummer. Isabella schlug die Hände vor die Augen und ließ sich auf den Sessel fallen. Pia hielt ihr das Handy hin. Das Freizeichen brannte sich in ihren Kopf ein. Ein paar Sekunden später meldete sich die ihr bekannte Stimme am anderen Ende der Leitung.

„Hallo?“, rief der Unbekannte.

Isabella räusperte sich laut. Ihr Hals fühlte sich an, als hätte sie gerade eine ganze Rolle Stacheldraht verschluckt. Sie bekam keinen Ton heraus.

„Wer ist denn da?“

Isabella wurde schwindelig. Das Handy drohte ihr aus der Hand zu fallen. Pia fing es auf und hielt es an Isabellas Ohren. Diese lächelte gequält und lauschte der ungeduldigen Stimme.

„Sind Sie das wieder? Ich meine den Spaßvogel von heute Mittag?“

Isabella lief knallrot an. Pia grinste dämlich. Am liebsten hätte sie das Telefon ihrer Freundin gegeben. Sollte sie doch mit diesem Typen reden.

„Das ist nicht lustig! Du Perverser!“

Seid wann sind wir per „du“?, fragte sich Isabella verärgert, da riss ihr Pia das Handy aus der Hand.

Absolute Stille. Außer einem leisen Atmen. Er wurde ungeduldig. Kinder wären jetzt schon in albernes Kichern verfallen und hätten aufgelegt. John dagegen wurde nun richtig wütend und schrie ins Telefon.

„Bist du eine perverse Sau, die sich aufgeilen will? Dann bist du bei mir an der falschen Adresse. Ich bin nämlich normalerweise der, der andere belästigt. Ha, da staunst du, was? Außerdem habe ich deine Nummer auf meinem Display. Ich kann dich also anzeigen, wenn ich will.“

Isabella biss sich auf die Lippen. Verdammt! Pia schien sich eindeutig wohler in ihrer Haut zu fühlen, denn sie musste sich mit Mühe und Not einen Lachanfall verkneifen.

„Haha, sehr witzig!“, lachte John. „Hast wohl einen Clown gefrühstückt.“

Isabella kicherte. Pia gab ihr einen unsanften Rand. Isabella lachte nun hinter vorgehaltener Hand.

„Na Hallo!“, lachte John.

Eigentlich war er noch sauer. Doch seine Wut schmolz schnell dahin. Kein Wort mehr.

„Warum reden Sie nicht mit mir?“, fragte John in die Stille hinein. „Sie haben so ein bezauberndes Lachen.“

Ob es ihm damit ernst war?

„Warum sollte ich?“, fragte Isabella leise.

Sie war über ihren Mut erstaunt.

„Sie können ja doch reden!“

„Ja“, kam es leise zurück.

„Woher haben Sie meine Nummer?“, fragte John, der die Stimme nicht erkannte.

„Das müssen Sie doch am besten wissen!“

„Keinen blassen Schimmer.“

„Sie haben sie mir doch gegeben“, rief Isabella amüsiert. Das Katz und Maus Spiel war klasse.

„Ich verstehe nicht!“, rief John.

„Das ist ihr Problem!“ schnauzte ihn Isabella an.

Der Typ schien das anscheinend ständig zu machen. Erst der halben Stadt seine Telefonnummer zustecken und dann einen auf prüde Primel machen. Aber nicht mit ihr!

John verstand endlich.

„Isabella?“

Anscheinend schien er sich zu freuen. Sie schwieg betreten. Er hatte sie ertappt. Doch wer war er?

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Nur so eine Vermutung!“

„Und wenn ich jemand anderes bin?“

„Dann verraten Sie mir doch ihren Namen!“, lachte John, der die Stimme längst erkannt hatte. Er musste sie nur lange genug in der Leitung haben, denn ihre Nummer war leider nicht auf dem Display zu sehen gewesen. Er hatte geblufft.

„Ich heiße Rumpelstilzchen!“, lachte Isabella.

Pia hatte ihr längst das Handy zurückgegeben. Isabella brauchte ihre Hilfe nicht.

„Aber der seinen Namen nicht verraten!“, meinte John.

Aha. Er kannte sich mit Märchen aus. Isabella lächelte wie ein Honigkuchenpferd.

„Dann werde ich den meinigen auch für mich behalten.“

„Das ist wirklich schade. Dann weiß ich ja nicht, von wem ich heute Nacht träumen werde.“

„Sie sind ein Spinner!“, platzte es aus Isabella heraus.

„Und Sie sind lieblicher als ein Gänseblümchen!“

„Was ist denn an einem Gänseblümchen lieblich?“, kicherte Isabella.

„Alles. Die Blüten, der Stängel und das Wunder, dass sie jedes Jahr von neuem erblühen.“

„Das tut Löwenzahn auch!“

Isabella konnte nur mit Mühe weitersprechen. Der Kerl war sensationell.

„Au. Das tat weh.“

John griff sich theatralisch an die Brust und stöhnte leise.

„Kann ich endlich ihren Namen erfahren?“

„Mein Name ist John Taylor.“

„Und woher kennen Sie mich?“

„Raten Sie doch!“

Isabella überlegte, wo sie vor ein paar Tagen gewesen war. Ach ja, Silvester. Es war so viel passiert in der kurzen Zeit. Ihr Job forderte ihre ganze Aufmerksamkeit und Marcel wurde immer unausstehlicher. Je weiter sie die Karriereleiter nach oben stieg, desto böser wurde er.

„Denken Sie mal scharf nach!“

„Silvester!“

„Bingo. Der Kandidat hat 1000 Punkte. Als Hauptgewinn gibt es eine aufblasbare Waschmaschine.“

Isabella lachte albern. Pia und Andrea platzten fast vor Neugier. Isabella schaltete den Lautsprecher ein.

„Habe ich schon eine!“

„Dann muss ich Ihnen den anderen Hauptgewinn andrehen. Der ist aber wesentlich unangenehmer. Zumindest für die Ohren.“

„Und was ist das?“

„Ein Ständchen vor Ihrem Balkon!“, säuselte John dramatisch.

Isabella musste laut lachen.

„Das ist ja wie bei Romea und Julio!“, kicherte Andrea.

„Das heißt Romeo und Julia! Und die sterben am Ende“, fauchte Pia.

„Romea und Chuuuliooo!“, hauchte Andrea. „Wie schön!“

Pia gab ihr einen Rand. Wie sollte sie dem Gespräch lauschen, wenn Andrea plapperte?

„Was denken Sie, wie sehr sie erst lachen, wenn ich gesungen habe? Herzinfarkt inklusive! Und wenn Sie es wünschen eine Mund zu Mund Beatmung!“

„Sie singen so schlimm?“

„Ich würde an Ihrer Stelle die Waschmaschine nehmen. Obwohl ich mich sehr auf die Wiederbelebungsversuche freuen würde!“

Isabella war echt niedlich, wenn ihr Rotweiler nicht dabei war.

„Ich lasse mich nur von hübschen Typen küssen!“

„Dann bin ich dein Mann!“

Er versuchte seine Qualitäten ins rechte Licht zu rücken.

„Dann bekämen Sie vielleicht eine Chance!“

Pia sah Isabella zu. Flirtete sie etwa mit dem Unbekannten? Ihre Wangen glühten.

„Ich werde mir redlich Mühe geben!“

„Davon bin ich überzeugt!“

11

Isabella wunderte sich über sich selbst. Sie war doch sonst nicht so frech. Sie flirtete ja schon fast mit dem Kerl. Sie zwang sich auf die sachliche Ebene zurückzukehren, obwohl ihr das Wortgeplänkel gefiel. Der Mann war äußerst charmant und nett.

„Warum so förmlich?“, fragte John, der den Stimmungswechsel bemerkte. Er schien sehr feine Antennen zu haben.

„Ich kenne Sie doch gar nicht.“

„Dafür telefonieren wir aber schon ziemlich lange.“

Isabella sah auf dem Display nach. Schon mehr als 10 Minuten waren vergangen.

„Wie sehen Sie aus?“, fragte Isabella.

„Hübsch, blond und wohlhabend!“

„Dann sind Sie brünett, haben einen Bierbauch und sind Postbote!“, lachte Isabella.

„Touché!“

„Wo genau haben wir uns kennengelernt?“

„Auf der Silvesterparty. Sie haben mit dem Halbaffen getanzt.“

Isabella überlegte fieberhaft, doch es fiel ihr nicht ein.

„Helfen Sie mir auf die Sprünge!“

„Ich war auf der Tanzfläche.“

„Das ist keine Hilfe. Da waren so viele Leute!“

„Ich wollte Ihnen einen Champagner anbieten.“

Isabella lachte laut. Jetzt wusste sie, wer er war.

„Sie sind der Typ, der beinahe neben mir gestorben wäre?“

„Dann wären Sie wohl mit der Mund zu Mund Beatmung dran gewesen“, kicherte John.

„Da wäre mein Verlobter anderer Meinung.“

Wieso hatte sie ihm das verraten? Diese Information wollte sie verschweigen. Aber warum? Sie war verlobt. Das konnte er ruhig wissen. So würde er sich keine unnötigen Hoffnungen machen. Seine Flirtversuche war ihr nicht entgangen.

„Ich wäre fast gestorben. Da kann man ja eine Ausnahme machen!“

„Aber es geht Ihnen ja wieder gut. Ich hab ein Auge auf Sie gehabt!“

Isabella biss sich auf die Lippen. Sie redete einfach zu viel.

„Ein Glück!“, konterte John frech.

John war entgangen, dass Isabella um seine Gesundheit besorgt gewesen war. Er war viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, seine Gesichtsfarbe auf ein normales Level zu bekommen.

„Wie komme ich eigentlich an Ihre Nummer?“

„Sie war doch in ihrem Mantel, oder?“

„War sie. Aber wie kam sie dahin?“

„Ein nettes Vögelchen hat geholfen.“

„Sie meinen wohl die nette Frau an der Garderobe?“

„Wenn ich Ihnen das verrate, müsste ich Sie umlegen.“

„Wie ein Mörder sahen sie nicht aus.“

John freute sich sichtlich. Isabella hatte anscheinend etwas länger nach ihm geschaut, als ihm aufgefallen war. Ob sie ihn mochte? Mehr als oberflächlich? Aber für diese Frage würde es wohl noch zu früh sein. Er musste irgendwie an ihre Nummer kommen. Hatte er doch vorhin geprahlt, er hätte sie schon längst.

„Danke für das Kompliment“, rief John.

„Das war nur die Wahrheit.“

Isabella stockte kurz, dann verabschiedete sie sich von John. Bevor er etwas erwidern konnte, hatte sie aufgelegt.

Marcel rief an. Erschrocken über ihre freizügige Art überkam sie ein unendlich schlechtes Gewissen gegenüber ihrem Verlobten. Sie kam sich vor, als hätte sie ihn betrogen. Obwohl es nur ein Telefonat war, kam sie sich schrecklich vor.

„Warum hast du so schnell aufgelegt?“, rief Pia enttäuscht.

„Marcel hat angerufen!“

„Nu und? Soll er doch noch mal anrufen!“

Andrea schüttelte genervt den Kopf.

„Er wird mich fragen, mit wem ich so lange geredet habe.“

„Dann sag doch mit deiner Mutter!“

„Er weiß genau, dass ich nie so lange mit ihr telefoniere.“

„Dann habe ich mit ihr geplaudert“, kicherte Pia.

„Sehr witzig. Da brauche ich schon eine bessere Ausrede.“

„Seit wann bist du dem überhaupt etwas schuldig?“, empörte sich Pia.

„Ich habe schließlich mit einem fremden Mann geredet!“

„Ich rede ständig mit fremden Männern. Was soll ich da sagen? Mein Mann ist im Ausland. Da gibt es auch Frauen. Und jetzt? Sollen wir uns gegenseitig die Hölle heiß machen? Gegenseitiges Vertrauen ist wichtig.“

„Das macht er ja!“, erwiderte Isabella lahm.

„Das hört sich an, als würde er dich auf Schritt und Tritt verfolgen.“

„Niemals!“, rief Isabella erbost.

„Aber die Möglichkeit besteht.“

„Das wäre mir aufgefallen.“

„Was ist jetzt mit diesem Mann?“, lenkte Andrea ihre Freundinnen ab.

Isabella schilderte ihnen kurz, wer er war und was sie gesprochen hatten.

„Chuulioooo!“, hauchte Andrea verzückt.

„Das heißt Romeo!“, verbesserte Pia sie.

„Rufst du ihn wieder an?“, fragte Andrea neugierig.

„Warum sollte ich?“

Isabella sah etwas verstört aus.

„Weil du mit ihm geflirtet hast!“, grinste Pia.

„Habe ich nicht!“

Isabella fühlte sich ertappt.

„Hast du doch!“, riefen Pia und Andrea gleichzeitig.

Isabella schwieg. Was konnte sie jetzt sagen?

„Was hat mich verraten?“, fragte Isabella.

„Du hast knallrote Ohren wenn du flirtest!“, lachte Pia.

„Ihr seid gemein!“

Isabella lächelte schüchtern.

„Wir sind deine Freundinnen. Marcel, ich hoffe du entschuldigst unsere Ehrlichkeit, ist gelinde gesagt eine riesige menschliche Katastrophe.“

„Ich weiß. Er ist im Moment schwierig!“, versuchte Isabella Marcel in Schutz zu nehmen.

Sie konnte sich nicht eingestehen, dass ihre Freundinnen Recht hatten.

„Das ist die Untertreibung des Jahres!“, erwiderte Pia gehässig.

„Er hat Stress im Job.“

„Das ist so eine lahme Ausrede. Mein Job ist auch anstrengend. Trotzdem bin ich nett und höflich zu meinem Mann.“

„Können wir vielleicht das Thema wechseln? Ich habe Hunger!“

„Wir bestellen bei Toni´s! Der neue Fahrer ist echt heiß!“, lachte Andrea.

„Du bist unverbesserlich!“

„Ihr habt gut lachen. Ich bin frustrierter Single.“

„Wenigstens hast du keinen Typen wie Marcel. Das ist doch auch ein Trost, oder?“, rief Pia und lachte laut.

Isabella strafte ihren letzten Satz mit einem verächtlichen Augenrollen.

„Sorry. Es ging wohl mit mir durch!“

Pia hielt den Mund.

12

Marcel Baumann lief in seinem Haus auf und ab. Warum ging diese dumme Kuh nicht an ihr Handy? Das war sonst gar nicht Isabellas Art, ihn so abzuweisen. Ihre bescheuerten Freundinnen waren ihm schon lange ein Dorn im Auge. Ständig hingen sie kichernd und albern lachend bei ihm zu Hause herum und stahlen ihm kostbare Zeit mit seiner zukünftigen Frau. Und wenn sie nicht bei ihnen abhingen, war Isabella bei Pia oder Andrea daheim.

Marcel warf entnervt sein Handy auf die Couch, das kurze Zeit später auf den Marmorfußboden fiel. Er hob es auf und knallte es auf den Wohnzimmertisch. Er sah auf die Uhr. Es war schon fast 21 Uhr. Damit war der heutige Tag fast vorbei und auf eine gemütliche Kuschelstunde würde er wohl vergebens hoffen. Isabella würde totmüde nach Hause kommen, kurz unter die Dusche springen und sich schlafen legen. Seine Anmachversuche würde sie im Keim ersticken.

Als wenn lästern so anstrengend wäre. Er kannte das ja von den unzähligen Besuchen ihrer Freundinnen. Über jeden Star wurde getratscht und gelästert. Figuren bewertet und Frisuren schlecht geredet. Und wenn sie damit fertig waren, tratschten sie über die Arbeitskollegen. Marcel wurde allein schon bei dem Gedanken an den dicken Kalle aus der Buchhaltung, der sich ständig unzählige Donuts in seinen eh schon fülligen Bauchumfang stopfte, schlecht. Er hielt sich lieber durch unzählige sportliche Betätigungen fit. Speckröllchen waren ihm ein Grauen und genau dieselben Ansprüche stellte er auch an seine zukünftige Ehefrau. Er schleppte Isabella ins Fitnessstudio, damit sie ja keine Gramm Fett ansetzte.

In seiner gesellschaftlichen Position musste alles makellos und perfekt sein. Faulheit war ihm ein Fremdwort. Wenn er sich nicht im Job verausgabte, jagte er seine Gegner über den Tennisplatz. Freunde waren ihm ein Gräuel, pure Zeitverschwendung. In der Zeit, wo andere sinnlos den zwischenmenschlichen Beziehungen frönten, konnte er wieder den ein- oder anderen Euro verdienen. Obwohl es da schon lange nicht mehr darauf ankam. Sein eigenes Vermögen war schon längst in den dreistelligen Millionenbetrag angewachsen. Wenn man sein Erbe mitrechnete, würde er wahrscheinlich Milliardär sein. Eigentlich hätte er sich längst auf seinem Geld ausruhen können, doch eine innere Unruhe trieb ihn an. Er wollte noch erfolgreicher sein als sein Vater, der sich bereits zu Lebzeiten ein eigenes Denkmal gesetzt hatte. Bereits als Kind war er einer Vision gefolgt, die ihn mit Mitte 20 zu einem der reichsten Unternehmer des Landes machte.

Marcel konnte jedes Mädchen dieses Planeten besitzen, doch er wollte Isabella vom ersten Moment an. Zuerst kannte er ihren Bruder Rick. Die beiden waren Schulkameraden gewesen, bis sich ihre schulischen Wege trennten. Marcel stieg in die Firma seines Vaters ein und Rick begann ein Studium. Trotzdem hielten sie Kontakt miteinander. Isabella hatte ihn stets ignoriert, tat, als gäbe es ihn gar nicht. Das war sehr ärgerlich für ihn gewesen. Er war es gewohnt, alles zu bekommen, was er sich in den Kopf setzte. Bei Isabella kam ihm dann irgendwann der Zufall zu Hilfe. Oder wie er es nennen würde: zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Marcel grinste schief. Irgendwann war Isabella dann in seinen Armen gelandet. Seine Beharrlichkeit hatte sich ausgezahlt.

13

John freute sich ein zweites Loch in den Allerwertesten. Isabella hatte ihn angerufen. Er schwebte im siebten Himmel. Er rief gleich seinen besten Freund Timo an, um ihm die guten Nachrichten mitzuteilen. Dieser setzte sich gleich in seinen Wagen und fuhr zu John, auch wenn ihm diese Wohngegend so gar nicht behagte. Ständig schob er Panik um seinen Wagen. Man wusste ja nie, wer sich zu so später Stunde hier herumtrieb.

Aber komischerweise traute sich niemand seinen Wagen auch nur anzufassen. Wahrscheinlich war es Johns Verdienst. Aber ihm sollte es egal sein.

Er parkte sein Auto in einer freien Parklücke und sperrte ab. Aber wahrscheinlich könnte er auch die Tür sperrangelweit offen stehen lassen. Er hatte Johns Einfluss auf die Menschen in dem Wohnviertel unterschätzt. Womöglich war er sogar der Anführer dieser heruntergekommenen Gegend? Ihm lief eine Gänsehaut über den Rücken. Johns Leben außerhalb der Arbeit schien gehörig schief zu laufen. Doch er konnte ihn nicht im Stich lassen, egal was passierte. Er musste seinen besten Freund zurück auf den richtigen Weg bringen. Ob er dies schaffen konnte, ohne selbst ins kriminelle Milieu abzurutschen? Schließlich war der Grad zwischen Gut und Böse sehr schmal.

Timo lief in den dritten Stock und klopfte an Johns Tür. Er sah sich im Hausflur um. Überall lag Müll in den Ecken. Die Stufen waren schon seit Wochen nicht mehr geputzt worden. Das Geländer wies mehr Spinnweben als Stehlen auf.

John riss die Tür auf und umarmte Timo freudig.

„Womit hab ich das denn verdient?“

„Isabella hat mich angerufen. Sogar zwei Mal.“

„Und du bist dir sicher, dass sie es war?“

„Klar! Wer denn sonst?“

John blies die Luft aus.

„Wer weiß, wem du noch alles deine Nummer gibst?“

„Nur Isabella. Ich bin doch kein Callboy!“

„Könntest du aber sein. Du bist ein hübscher Junge!“

„Dann würde ich bestimmt nicht in dieser Absteige leben. Willst du etwa ans andere Ufer wechseln?“

John sah ihn von oben bis unten an.

Timo stellte sich in Position und spreizte seine Finger in Richtung seines Freundes. Danach warf er seinem Freund eine Kusshand zu. John lachte laut los.

„Du bist bekloppt!“

„Danke für das Kompliment.“

„Aber du kannst nicht erwarten, dass ich das Ufer wechsle.“

John sah ihn an.

„Das verlange ich doch auch gar nicht. Aber so eine gelegentliche Nummer zwischendurch wäre nett“, lachte Timo.

John hielt sich den Bauch vor Lachen. Timo fiel in das Gelächter ein.

„Und wie soll es jetzt weiter gehen? Trefft ihr euch etwa?“, fragte Timo.

„Sie hat einfach aufgelegt.“

„Warum denn das?“

„Da war noch jemand bei ihr. Keine Ahnung, wie es jetzt weitergehen soll.“

„War Marcel bei ihr?“

„Sie hat mit mir geflirtet.“

„Sie hat was?“

„Geflirtet hat sie mit mir. Und zwar heftig.“

„Erzähl keinen Scheiß!“, platzte es aus Timo heraus. „Sie ist doch verlobt!“

„Anscheinend kein Hindernis für die gepflegte Frau von heute! Ich glaube, jemand hat uns beide Romea und Julio genannt.“

„Was? Wer sind denn Romea und dieser Chulio? Freunde von dir?“

„Das sind Romeo und Julia!“, klärte John seinen Freund auf.

„Warum denn Romea und Julio? Außerdem endet die Geschichte tragisch.“

„Aber sie war romantisch!“, erwiderte John.

„Wenn man auf Tragödien steht! Rufst du sie wieder an?“, fragte Timo neugierig.

„Ich habe keine Telefonnummer!“

„Da hilft danach fragen.“

„Beim ersten Mal hat sie angerufen und sich nicht gemeldet. Und da ich sie für einen Perversen gehalten habe, sagte ich, dass ich ihre Nummer auf meinem Display habe. Das war gelogen. Und beim zweiten Telefonat hat sie einfach aufgelegt.“

„Da hast du ja voll die Arschlochkarte gezogen!“

„Ist sonst gar nicht meine Art. Ich weiß!“

John zog seufzend die Augenbrauen nach oben.

„Dann kannst du nur hoffen, dass sie noch einmal anruft!“

„Und wenn nicht?“

„Dann schlag sie dir aus deinem heterosexuellen Köpfchen heraus.“

„Keine Chance!“, sagte John frustriert.

„Wo arbeitet sie denn?“, fragte Timo.

John zog die Schultern nach oben.

„Was weißt du überhaupt? Und du willst ernsthaft verliebt sein?“

„Das eine schließt das andere keinesfalls aus. Mir ist egal, wo sie wohnt oder wo sie arbeitet.“

„Du hast einen Dachschaden, mein Lieber!“

„Kann sein!“

Timo zog sein Handy aus der Hosentasche und machte einen kurzen Anruf. Dann grinste er zufrieden.

„Sie arbeitet bei Spencer und Partner. Große Hausnummer! Steckt viel Macht und Kohle dahinter.“

„Die kenne ich doch.“

„Wer nicht?“, lachte Timo.

„Und nun?“, fragte John etwas unsicher.

„Dich hat es ja voll erwischt!“

John sah ihn mit seinen braunen Rehaugen verwirrt an. Timo schüttelte lachend den Kopf.

„Du arme Sau! Was machen wir bloß mit dir?“

„Woher soll ich das wissen?“

John schien auf der Leitung zu stehen.

„Du könntest bei ihr im Büro anrufen und dich verbinden lassen.“

„Das ist zu einfach!“, lachte John.

„Du kannst aber auch deine Nummer in jedes erdenkliche Klo schreiben und hoffen, dass sie dich zurück ruft! Dann kannst du auch gleich einen Liebesbrief hinterlassen!“

„Sehr witzig!“

„Dann ruf einfach in ihrer Firma an.“

„Sie hat aufgelegt. Ich habe es versaut.“

„Dann wird sie dir das sagen. Dann weißt du Bescheid! Diese ewige Spekulieren bringt doch alles nichts!“

„Und wie werde ich diesen Marcel los?“

„Das ist ganz allein Isabellas Problem. Sie ist mit ihm zusammen und sie muss ihn abschießen, wenn sie dich liebt.“

„Aber ich kann ihr doch nichts bieten. Mein Job ist langweilig. Sie ist eine Karrierefrau und ich kellnere auf dummes Partys.“

„Was du gar nicht nötig hättest. Du brauchst dich nur mit deinem Alten zu vertragen und dir liegt die ganze Welt zu Füßen.“

„Geht es auch anders?“

Timo lächelte entwaffnend und schüttelte den Kopf.

„Es sei denn, du kellnerst auf jeder VIP - Party. Dann kannst du deine Auserwählte gleich mit bedienen, während dieser Marcel sie abknutscht.“

„Das ist eine dämliche Vorstellung!“

„Dann vertrag dich mit deinem Vater.“

„Marcel wird um Isabella kämpfen.“

„Darauf verwette ich meinen Allerwertesten. Der Typ reißt dir die Eier raus und grillt sie zum Abendessen, wenn du ihm seine Schnecke ausspannst!“

„Ich kenne schon die richtigen Typen“

„Und genau das macht mir Angst!“ rief Timo laut, obwohl er das lieber für sich behalten hätte.

„Meine Kumpels sind in Ordnung. Die werden diesem Würstchen den Hals bis zum Arsch aufreißen.“

„Gewalt ist nie eine Lösung!“, platzte Timo heraus.

„In meiner Welt schon!“

Timo konnte sich bildlich vorstellen, wie sein bester Freund und seine dubiosen Freunde sich an Marcel vergriffen. John lebte in einer anderen Welt, eine die er nie verstehen würde. Gewalt war für ihn niemals die Lösung.

„Du wirst ihn umbringen!“, flüsterte Timo ängstlich.

„Ich bin doch kein Mörder!“, empörte sich John lauthals. „Wir werden ihm nur unmissverständlich klar machen, dass er die Finger von Isabella zu lassen hat.“

„Ob er Isabella freiwillig aufgibt?“

„Ich hoffe es.“

„Deine Eltern sterben, wenn du ins Gefängnis gehst!“

„Wer will denn in den Knast?“

„Na du, wenn du dem Typen ein Haar krümmst. Vergiss nicht, wen du vor dir hast. Es handelt sich um die Baumanns und deren Einfluss endet nicht an deiner Haustür.“

„Jetzt hab ich aber wirklich Angst!“, lachte John.

„Das solltest du auch haben. Herr Baumann ist kein angenehmer Zeitgenosse.“

„Jetzt wissen wir auch, warum sein Sohn so eine charmante Art hat. Ganz der Herr Papa.“

„ Isabella wird Marcel nicht verlassen. Das lässt er nicht zu.“

„Und da komme ich ins Spiel!“

„Und wie soll das aussehen?“

„Ich werde sie beschützen! Sie kann sich bei mir verstecken, bis die Luft rein ist.“

„Das ist auf keinen Fall die Lösung. Sie wird sich doch nicht in einer so heruntergekommenen Bruchbude verstecken. Ihre Eltern leben in der besten Wohngegend der Stadt. Und außerdem weißt du doch gar nicht, ob sie dich mag. Das sollte vorher geklärt sein, bevor du sie in dein Schloss entführst und für sie den Drachen tötest.

„Warum sollte sie mich sonst angerufen haben?“

„Jetzt solltest du aber auf dem Boden bleiben! Du hast ihr bloß deine Nummer gegeben. Sie war einfach neugierig.“

„Das erklärt den ersten Anruf. Und warum hat sie dann ein zweites Mal angerufen?“

„Woher soll ich das wissen?“

„Sie mag mich. Vielleicht hat sie sich in mich verliebt.“

„Sie wird Mitleid mit dir haben. Deine Nummer als sterbender Schwan war nicht gerade grazil.“

„Darüber haben wir nur kurz gesprochen!“, rief John noch immer von seiner Meinung überzeugt.

John grinste schief.

„Hat sie sich mit dir verabredet?“, fragte Timo.

„Nein. Wie gesagt, sie hat einfach aufgelegt.“

„Ich will ja nicht unken. Aber das könnte durchaus etwas bedeuten.“

„Vielleicht wurde sie unterbrochen.“

„Hat sie dich wieder angerufen?“

„Nein.“

„Da hast du die Antwort. Wahrscheinlich liegt sie gerade im Bett mit Marcel und lässt sich so richtig durchbügeln, während du den Trauerklos spielst. Irgendwie unwirklich. Du weinst einer Torte nach. Das ist eine absolute Premiere. Sonst war es immer umgekehrt.“

„Menschen ändern sich!“

„Wohnungen leider nicht. Wann willst du eigentlich hier ausziehen? Oder gefällt dir der morbide Wohnstil wirklich so gut?“

Timo sah sich um.

„Zahlen deine Untermieter wenigstens etwas dazu?“

„Welche Untermieter?“

„Na die Kakerlaken und Ratten, die sich vor dem Haus die Köpfe um die besten Plätze einschlagen.“

„Meine Bude ist sauber!“

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260 стр. 1 иллюстрация
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9783754184028
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