Читать книгу: «Der tote Knabe: Skandinavien-Krimi»

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Elsebeth Egholm

Elsebeth Egholm: Der tote Knabe. Aus dem Dänischen übertragen von Hanne Hammer. Titel der dänischen Originalausgabe: Skjulte fejl og mangler © 2002 Elsebeth Egholm og Gyldendal, Kopenhagen. Deutsche Erstausgabe: © 2005 by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random house GmbH. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2020 SAGA Egmont. All rights reserved.

ISBN: 978-87-26-56962-9

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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1.

Die Sonne schien auf das Wasser des Århus-Flusses und die Luft roch nach Spätsommer. Die Blumenhändlerin an der Ecke des großen Kaufhauses Magasin hatte reichlich zu tun, und Eltern von Kleinkindern und Teenager bevölkerten langsam die Fußgängerzone Immervad und schleckten das erste Eis des Tages. Alles wirkte so gesehen ziemlich normal. Unnormal normal, im Grunde genommen. Eigentlich hätte es ein schöner Tag sein können, wäre er nicht so verdammt schlecht gewesen.

Irgendetwas in der Richtung dachte sie, als sie das Kind erblickte. Oder besser gesagt den Laut hörte, denn er fing als Erstes ihre Aufmerksamkeit ein. Der raue Laut von Plastik, das gegen Steine schabt. Warum er gerade ihr Ohr erreichte, wusste sie nicht. Vielleicht litten die Gäste in den Straßencafés unter den Heizstrahlern nach den Open-Air-Konzerten des Sommers unter einer verminderten Hörfähigkeit. Oder das Gehör verfeinerte sich, wenn man vierzig wurde.

Aber vorher, bevor sie das Kind entdeckte, waren da die Freundinnen Ida Marie und Anne. Und ihr verdammtes Geburtstagsgeschenk, das sie, mit hochrotem Kopf und verlegen, ganz entspannt entgegenzunehmen versuchte. Was ein wenig schwierig war, vor allem weil Ida Marie sich mit ihrem großen, dicken Bauch erhoben und für das ganze Café und alle Passanten, die zuhören mochten, ein schwedisches Geburtstagslied angestimmt hatte. Dazu winkte sie mit einer schwedischen Fahne. Die Leute klatschten, als sie fertig war.

Aller Augen waren deshalb auf ihren Tisch gerichtet, hatte Dicte das Gefühl. Und das wäre vielleicht gar nicht so schlimm gewesen, wäre da nicht noch dieses Geschenk gewesen, das Ida Marie und Anne ihr feierlich überreichten.

»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, zum Haus und zur Scheidung«, leierte Anne herunter, als läse sie von einem unsichtbaren Merkzettel ab. Anne war nie die Spontanste gewesen und hatte die kleine Rede bestimmt auswendig gelernt. »Wir haben nach bestem Wissen und Gewissen versucht, ein Geschenk zu finden, das zu jedem der drei Anlässe passt.«

Ida Marie holte ihre Kamera aus der Tasche. Ida Maries Kamera war berüchtigt.

Anne ignorierte sie.

»Glaub nur nicht, dass das leicht war. Und billig auch nicht. Wir haben die verschiedensten Leute um Rat gefragt. Psychologen, Moderatoren, Teilnehmer der Robinson-Show und Kummerkastentanten. Alle haben ihre Meinung beigesteuert, und das Resultat ist, wenn ich das so sagen darf, ergreifend.«

»Man muss einfach zugreifen«, fügte Ida Marie ernsthaft hinzu, während Anne in bester Stimmung und mit Showmaster-Stimme an Dicte gewandt fortfuhr:

»Es fällt in die Kategorie eins.«

Während sie das Päckchen, eine längliche, in schwarzes Seidenpapier gehüllte Schachtel mit einer flaschengrünen Schleife, hervorholte, hatte Dicte das Gefühl, die ganzen letzten Geburtstage wie auf einer gezippten Diskette Revue passieren zu sehen. Vielleicht wäre es korrekter zu sagen, dass sie sie auf einen reduziert sah und das kleine, irritierende Wort Gemütlichkeit darüber zu schweben und ihr vor der Nase herumzubaumeln schien. Irritierend, dass sie das vermisste. Ebenso wie die Familie. Wie Torsten, der Teufel sollte ihn holen. Torsten war unübertroffen im Ausrichten von Geburtstagen, das musste sie ihm lassen. Kaffee und Brötchen im Bett; Kerzen auf dem Nachttisch; Liebe mit speziellen Dicte-Effekten, wie er das nannte. Und abends ein Essen mit den engsten Freunden, die nach der Scheidung die Seite gewechselt und sich für ihn entschieden hatten. Nicht, weil die Moral auf seiner Seite war; alle wussten, dass dem nicht so war. Sondern weil er bei Abendgesellschaften ein guter Unterhalter und hin und wieder im Fernsehen zu sehen war. Jedenfalls war sie zu diesem Schluss gekommen.

Sie selbst war zurück nach Århus gegangen, wo sie, wie die Hälfte der Einwohner Kopenhagens, ihre Studienzeit verbracht hatte. Die Idee war, neu anzufangen. Den Kontakt zu alten Freunden wieder aufzunehmen und neue zu finden, sodass sie außer Rose noch andere Bezugspersonen hätte. Töchter im Teenie-Alter waren und blieben unbeständige Zeitgenossen.

Während die Gedanken durch ihren Kopf schwirrten, kabbelten die Freundinnen sich, inwieweit sich die Kategorie auf Werkzeug, Gerät, Hilfsmittel oder ein Viertes eingrenzen ließ. Anne schlug Toilettenartikel vor. Auf der gleichen Ebene wie Zahnbürste und Wattepads.

»Und jetzt pack endlich aus«, verlangte Ida Marie ungeduldig und richtete die Kamera auf sie. »Wir sind gespannt.«

Den Blicken der übrigen Cafégäste nach zu schließen, waren sie nicht die Einzigen, die warteten.

Sie starrte das Geschenk an, und es schien zurückzustarren. Schelmisch. Sie stellte sich eine schwarze Schachtel vor, aus der in dem Moment, in dem sie sie öffnete, ein Clown auf einer Feder heraussprang und sie mit einem Boxhandschuh k.o. schlug. Trotzdem zog sie die Schleife auf. Packte langsam aus.

Hatte das Dings plötzlich in der Hand und versuchte ohne viel Glück zu erraten, was für eine Funktion es hatte, während Ida Marie professionell fotografierte.

Es war schreiend pink mit kleinen roten Noppen, woraus sie schloss, dass Ida Marie die Farbe ausgesucht hatte. Und es war aus Plastik. Seine Form war länglich und erinnerte an eine Rakete.

»Jedenfalls ist es handlich«, sagte sie nervös. »Was immer es ist.«

Anne und Ida Marie kicherten und lachten. Auch an den meisten anderen Tischen wurde gekichert und gelacht.

Sie begann, das Ding zu untersuchen. Drehte es auf den Kopf und stellte fest, dass der eine Teil, der untere, sich drehen ließ. Ohne Vorwarnung begann das Dings so kräftig zu vibrieren, dass sie es vor Schreck auf den Tisch fallen ließ.

Ihr erster Gedanke, als es ihr langsam dämmerte, war: »Das könnt ihr doch nicht ernst meinen.« Schnell gefolgt von: »Wie sich das wohl anfühlt?«

Sie begrub das Gesicht in den Händen und spürte, wie das Blut sich verräterisch in Gehirn und Gesicht ausbreitete und alles rot färbte, innerlich und äußerlich.

»Ein Dildo!«

Sie starrte Ida Marie und Anne an. Starrte auf den Vibrator, der auf dem Tisch lag und sie aus Ärger, so unsanft fortgeworfen worden zu sein, anknurrte.

»Du musst zugeben, das war genial«, sagte Anne und sah sie mit ihren schrägen Asiatenaugen an. Anne, die sonst immer so ernst war. Anne, die Salman Rushdie las und die im Alter von sechs Monaten mit einem Flugzeug aus Korea gekommen und auf einem ostjütländischen Pfarrhof gelandet war. Und die jetzt davon lebte, kleine rosige Dänen auf die Welt zu bringen.

Ida Marie streckte mitfühlend die Hand aus und schaltete den Dildo gekonnt aus.

»Sonst ist die Batterie gleich leer«, erklärte sie und sah Dicte aus Augen von der Farbe der schwedischen Papierflagge, die jetzt nutzlos auf dem Tisch lag, unschuldig an. »In der Zeitung stand, dass jede siebte dänische Frau einen hat«, informierte sie bereitwillig.

Diese Gelegenheit konnte Dicte sich nicht entgehen lassen.

»Und was ist mit den Schwedinnen? Oder sind die Dinger in Schweden verboten? Du könntest doch in Erwägung ziehen, sie einzuschmuggeln«, schlug sie vor.

»Aber die Batterien solltest du vorher rausnehmen«, fügte Anne hinzu.

Das Bild von Ida Marie mit Hunderten von vibrierenden Dildos und einem wütenden schwedischen Zöllner zauberte auf wundersame Weise das erste Lächeln dieses Tages auf Dictes Gesicht. Sie spürte, wie sich ihre Mundwinkel plötzlich nach oben verzogen; wie die Lachmuskeln sich spannten. Sie lachte erleichtert auf und ließ etwas von dem Geburtstagsstress ab.

Ida Marie nahm eine neutrale Stimme an.

»In Schweden kennt man so etwas natürlich nicht. Dort haben wir die schwedischen Männer.«

Der Kommentar löste Gelächter an den Nachbartischen aus.

»Manche Frauen behaupten, so ein Ding einem Mann vorzuziehen«, sagte Anne freundlich. »Es soll weniger Mühe machen. Wie man so sagt.«

»Wie man so sagt«, wiederholte Dicte und merkte, wie sie ihre Fassung zurückgewann. »Soll das heißen, ihr habt ihn nicht einmal ausprobiert?«

Anne machte erst ein dummes Gesicht, dann gewann ihre praktische Natur die Oberhand.

»Du kannst ihn umtauschen«, sagte sie ernst. »Wenn du mit dem hier nicht zufrieden bist, kannst du dir auch einen holen, der wie ein Handy aussieht.«

Dicte steckte den Dildo schnell zurück in die Schachtel.

»Nun gut, danke für das Geschenk«, murmelte sie und vermied es, den beiden in die Augen zu sehen. Stattdessen wanderte ihr Blick zu der Blumenhändlerin an der Ecke hinüber, und sie ärgerte sich, dass sie ihr nicht einfach einen Blumenstrauß gekauft hatten. Sie sah sich die Leute an, die an diesem Septembertag unterwegs waren. Ein Inlineskater schlängelte sich zwischen den Eltern von Kleinkindern und den Eis essenden Teenagern durch. Alles sah ganz normal aus, aber der Schein trog. War sie nicht gerade vierzig geworden? Und war der unerwünschte Geburtstag nicht auf denselben Tag wie die letzte Unterschrift in ihrer Scheidungssache gefallen? Und als Krönung und Betonung ihres neuen – und unerwünschten – Singledaseins bekam sie einen Dildo als Geburtstagsgeschenk!

Genau in diesem Moment hörte sie den Laut vom Fluss, direkt unterhalb der Stelle, wo sie saßen. Mit Annes und Ida Maries Stimmen im Hintergrund erreichte er sie plötzlich und erinnerte sie an den Tag vor vielen, vielen Jahren, als sie als Kind einen Plastikeimer in den Hofbrunnen hinuntergelassen hatte, der nahezu bodenlos und verbotenes Terrain war. Nur um hinterher ihre erste Ohrfeige zu kassieren.

Vielleicht vergaß sie deshalb alles über Dildos und Scheidungen und Freundinnen, für die man sich schämen musste.

Sie stand auf. Ging die paar Schritte zum Ufer und sah in das morastig grüne Wasser hinunter. Horchte wieder. Kniff im Sonnenlicht die Augen zusammen und spürte mit dem Schaukeln des Wassers den Abstand zu damals.

Dann fiel ihr Blick auf die blaue Plastikwanne, die auf dem Wasser schaukelte. Ganz nahe am Ufer, vielleicht von der Strömung dorthin getrieben. Und dann sah sie das Gesicht, teilweise unter einem Handtuch versteckt. Klein und bleich und mit geschlossenen Augen.

Lange Zeit starrte sie nur, während der Schürflaut zu einem unwirklichen Geräuschteppich wurde. Dann schien ihr Körper aufzutauen, und sie spürte den unmöglichen Drang, das Bündel in die Arme zu schließen. Es zu beschützen. Seine weiche Haut an ihrer Wange zu spüren und ihm Leben einzuhauchen, es warm, satt und zufrieden zu machen. Instinkt, das wusste sie, und wunderte sich. Nach so vielen Jahren.

»Ein Kind«, hörte sie ihre eigene Stimme, fern und zitternd wie der Ton eines schlechten Tonbandgeräts.

Sie merkte, dass sie den Atem angehalten und die Luft erst mit den Worten herausgelassen hatte.

»Da unten liegt ein Kind.«

Sie zeigte auf das trübe Wasser.

2.

»Svendsen?«

»Kaiser«, murmelte Dicte in den Hörer und griff automatisch nach dem Kugelschreiber. Stütze. Unsicherheit. Ihre Analyse erfolgte automatisch. Hin und wieder verwünschte sie ihr Psychologiestudium, auch wenn sie es nur zur Hälfte absolviert hatte.

Der Nachrichtenredakteur schien über das Telefon hören zu können, dass man besser nicht an ihr herummäkelte. Und genau deshalb tat er es, denn so war er nun mal. Wie die meisten Redakteure überall auf der Welt, dachte sie. Diese Art Menschen wurde mit einem besonderen Redakteursgen geboren, das sie dazu befähigte, Journalisten nervös zusammenzucken zu lassen und Fragen zu stellen, die vorzugsweise mit höchstens drei präzisen Worten beantwortet werden sollten. Mit Kaiser sprach man in der Regel in Zeitungsüberschriften.

»Wie ich gehört habe, warst du schwimmen.«

Die Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf. Der Kugelschreiber begann nahezu von selbst, Kringel auf den Block zu malen.

»Was hast du gehört?«

»Etwas über einen Moses auf dem Århus.«

Sie hatte nicht die geringste Ahnung, woher er es wusste. Aber es überraschte sie auch nicht. Otto Kaiser war, wollte man den Gerüchten Glauben schenken, mit einem sechsten und siebten Sinn ausgestattet, was Sensationen und die Kunst anging, den wunden Punkt eines Menschen zu treffen.

Sie selbst hatte das erst einige wenige Male zu spüren bekommen. Aber das reichte ihr, und seitdem hatte sie, wann immer es möglich war, einen großen Bogen um den Nachrichtenjournalismus gemacht. Um Kaisers Domäne. Der Umzug nach Århus hatte zu ihrer großen Zufriedenheit den Abstand noch vergrößert, ein kleiner Nebengewinn ihres Entschlusses. Der Hauptgewinn war natürlich, dass Torsten nicht länger einfach so vorbeischauen konnte.

»Ich hatte nicht viel damit zu tun«, sagte sie zögernd.

Der Kugelschreiber malte ein Gesicht, während sie nachdachte. Dreieckige Form, dunkle Augen, Schnauzbart. Kaiser.

»Ich habe etwas anderes gehört«, insistierte die Stimme honigsüß. »Ein Vögelchen hat mir erzählt, dass du den kleinen Moses entdeckt und dich wie ein Labrador in den Fluss gestürzt hast. Du hättest eine Heldin werden können, Svendsen. Ein Jammer, dass es zu spät war«, fügte er boshaft hinzu.

»Wenn du das so sehen willst«, sagte sie und fügte der Zeichnung etwas Körperähnliches hinzu. Lang und gewandt und dynamisch. Unvorhersehbar. »Ich weiß nicht mehr. Das Kind war tot. Der Krankenwagen kam schnell, und die Polizei hat sich um alles Weitere gekümmert. Das war’s.«

Indem sie es sagte, war sie sich sehr wohl bewusst, wie grob sie das Gesetz der Journalistenwelt verletzte, an die sie sich wohl nie gewöhnen würde. Eine gute Story musste von hinten und von vorne erzählt werden. Und natürlich war hier mehr zu holen. Sehr viel mehr. Diese Geschichte bot Stoff für einen ganzen Fortsetzungsroman.

»Also dann, ich muss mich beeilen«, versuchte sie es. »In einer halben Stunde muss ich einen Artikel in der Wirtschaftsredaktion abliefern.«

Letzteres fügte sie in dem Versuch hinzu, Kaiser auf seine eigenen Nachrichtenreporter zu verweisen und nicht Leute in der Wirtschaftsredaktion zu klauen, wo sie arbeitete. Es war der übliche Kleinkrieg.

»Ich habe mit Mikkelsen gesprochen«, sagte Kaiser listig. »Und er hat dich freundlicherweise für eine Woche ausgeliehen, weil Seifert in Urlaub ist und Davidsen mit der Rockersache in Randers zu tun hat.«

Dicte spürte, wie die Welt sich gegen sie verschwor. Allein bei dem Gedanken, zu Kaisers Regiment von Nachrichtensoldaten zu gehören, brach ihr der Schweiß aus. Für viele war das ein Traumjob, das wusste sie. Aber nicht für sie. Sie blieb am liebsten für sich, schrieb ihre kleinen Artikel über Wirtschaftspsychologie und machte hin und wieder ein langes und langweiliges Interview mit einem Manager.

»Ich bin keine Nachrichtenjournalistin«, wandte sie ein, aber das beeindruckte ihn nicht.

»Wir brauchen einen Anreißer für die Titelseite. Die Leser wollen wissen, was, wie und wann.«

Sie konnte ihn nahezu vor sich sehen, wie er hinter seinem Schreibtisch saß, die Rückenlehne des Stuhls in fast waagerechter Position, den Telefonhörer unter dem Kinn und die Tastatur des PCs auf dem Schoß, während die Agenturmeldungen von Ritzau liefen. Vielleicht hatte er die Schublade aufgezogen. Kaiser war immer auf Diät, versteckte jedoch oft einen Teller mit einem Stück Kuchen in der Schublade. Am liebsten Schokoladenkuchen.

»Und eine Reportage auf Seite drei«, fügte er hinzu. »Wie hast du das Kind entdeckt? Was hast du gefühlt? Wie waren Stimmung und Reaktionen und so weiter. Du bist genau die, die wir brauchen, Svendsen. Deadline ist um sechs.«

Das waren noch drei Stunden. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Um sich zu wehren. Um ihm zu erzählen, dass die Toilette in dem neuen Haus verstopft war, dass der Schlammsaugwagen um vier kam; dass dem Dunstabzug in der Küche ein Rohr fehlte, sodass der Essensdunst ins Schlafzimmer statt aus dem Haus geblasen wurde. Dass das verdammte Haus sich im Lauf der ersten sechs Wochen als ein Fass ohne Boden erwiesen hatte. Und dass sie darüber hinaus nicht an das Kind denken wollte, geschweige denn darüber schreiben.

»Und denk daran, einen Fotografen mitzunehmen«, sagte Kaiser, bevor er auflegte. »Wir brauchen Bilder. Von dem Ort, von dir, von der Wanne.«

»Auch von der Leiche?«, fragte sie säuerlich.

Er brummte irgendetwas Unverständliches.

Sie legte auf und merkte erst jetzt, dass ihre Hände zitterten. Vor allem aus Wut. Aber da war noch etwas anderes. Wie eine Art Hunger, der sich nicht stillen ließ. Ein leerer, dumpfer Raum in ihrem Magen, an der Grenze zur Übelkeit.

Wieder erinnerte sie sich an das Gefühl des Wassers vor nur wenigen Stunden. An das unruhige Murmeln der Leute oben im Café. An ihre eigene Sprachlosigkeit über das, was sie tat. Denn Kaiser hatte ja Recht, woher auch immer er es gehört hatte. Sie war hineingesprungen. Nicht kopfüber, natürlich, aber sie war die Treppen zum Fluss hinuntergelaufen und hatte sich ins Wasser gleiten lassen, das von nahem betrachtet sehr viel trüber war als aus der Ferne. Sie erinnerte sich vage, dass Dinge an der Oberfläche geschwommen waren. Dass ihr auf dem Weg zu der blauen Plastikwanne ein Stück Eispapier zwischen die Finger geraten war und dass sie eine Plastikflasche hatte zur Seite schieben müssen, die an der Oberfläche schaukelte. Brauselimonade, erinnerte sie sich und wunderte sich über die Erinnerung. An das Gesicht des Kindes erinnerte sie sich nicht. Wollte sich nicht daran erinnern. Sie hatte sich mit der Wanne abgemüht; sie vor sich hergeschoben, während sie am Ufer des Flusses entlanggeschwommen war. Hatte sie zur Treppe gezogen, wo Anne sie sofort in Empfang genommen hatte, nach außen hin geschützt durch den Professionalismus der Hebamme, während Ida Marie ganz automatisch und völlig grotesk wie ein Roboter weiterfotografiert hatte. Das hatte sie gedacht. Wie ein Roboter. Aber das war, bevor sie die Tränen gesehen hatte, die ihre Wangen hinunterliefen. Den schwangeren Bauch, der schutzlos vorstand, wie ein verletzlicher Panzer. Die Kamera, die sie gegen die Wirklichkeit zu beschützen schien.

Zu dem Zeitpunkt hatte schon irgendjemand einen Krankenwagen gerufen, aber bis der kam, nahm Anne die Sache in die Hand. Sie sah vorsichtig in das Bündel aus alten Handtüchern, suchte sich mit zitternden Händen einen Weg und stellte fest, was Dicte bereits wusste. Was sie gespürt hatte, weil die Stille in der Wanne so laut war.

»Ein kleiner Junge«, murmelte Anne ohne ihre übliche Hebammenstimme, die sie sonst ganz automatisch annahm, wenn Neugeborene in der Nähe waren.

»Neugeboren«, stellte sie fest. »Höchstens zwei Tage alt, denke ich.«

Sie blickte auf. Dicte sah kurz etwas Feuchtes in ihren Augen, bevor Anne es wegblinzelte.

»Er ist tot.«

3.

Der Fotograf glich einem herrenlosen Hund. Mager und wachsam, mit mottenzerfressenem Fell. Letzteres traf nicht nur auf die wilden Haarzotteln, sondern auch auf seinen Bart, der spärlich war wie der eines Teenagers, und auf seine Kleidung zu, die an Sachen aus einer Kleiderspende für Albanien erinnerte. Alles in allem wirkte er sehr modern.

»Ich bin Bo«, sagte er, trat eine Zigarette mit dem Stiefel aus und machte ganz den Eindruck, als würde er Afghanistan dem Eingang der Entbindungsstation des Krankenhauses von Skejby vorziehen.

Sie gab ihm die Hand.

»Dicte.«

Sie hatte von ihm gehört. Sogar von ihm gelesen, als er irgendeinen ausländischen Fotowettbewerb mit Bildern aus Sierra Leone gewonnen hatte – oder war es Bolivien? Irgendein Kriegsgebiet jedenfalls, sie erinnerte sich nicht genau. Aber selbst preisgekrönte Fotografen mussten von etwas leben, und so arbeitete er als ständiger freier Mitarbeiter für die Redaktion in Århus.

»Wir werden mit der Hebamme sprechen, die mit am Fluss war«, informierte sie ihn, während sie durch die langen Gänge liefen und das Personal auf Rollerblades an sich vorbeilaufen sahen. Eine gehbehinderte Großmutter kämpfte sich tapfer auf ihren Stock gestützt vorwärts. Sie hatte keine Rollerblades. Dicte sah verstohlen zu dem Fotografen hin. Hatte wieder das sichere Gefühl, dass er lieber woanders wäre.

Er schniefte und trocknete sich die Nase mit seinem Ärmel, während er mit der Fototasche über der Schulter neben ihr hertrottete. Und sie sah seine Augen, die auf der Suche nach der Wirklichkeit die Wände entlangschwirrten und ihren Weg in all die Zimmer und Büros suchten, an denen sie vorbeikamen. Spürte die Wachsamkeit, als erwarte er aus einem der Kreißsäle, aus denen hin und wieder herzzerreißende Schreie zu hören waren, einen Angriff aus dem Hinterhalt mit einer AK 47.

»Das klingt nach Folterkammer«, sagte er.

»Das ist es auch«, antwortete sie.

Nach dem Gespräch mit Kaiser hatte sie schnell einen Termin mit Anne gemacht. Außer Atem, zwischen einer Steißgeburt und einer Erstgeburt, war sie darauf eingegangen. Ein Hoch auf Anne und ihre Hilfsbereitschaft. Und das, obwohl sie schon eine Stunde auf der Polizeiwache vergeudet und irgendeinem Schreibtischbeamten eine Erklärung gegeben hatte. Sie musste übrigens daran denken, die Polizei anzurufen und herauszufinden, wer den Fall bearbeitete. Wenn sie Glück hatte, war die Geschichte schnell erledigt, und sie hatte Ruhe vor Kaiser. Konnte das Ganze hinter sich lassen, obwohl sie damit wohl zu viel erwartete. Während sie mit den langen Schritten des Fotografen Schritt zu halten versuchte, kam der Gedanke. Dass etwas aufgebrochen worden war. Aufgebrochen wie mit einem Brecheisen. Brutal.

Anne ließ sie warten. Sie sei noch immer mitten in der Steißgeburt, wurde ihnen freundlich mitgeteilt. Also ließen sie sich zwischen den Schreien und den beschäftigten, weiß gekleideten Frauen nieder. Auf der Station herrschte eine intensive und gleichzeitig gelöste Stimmung. Schmerzensschreie gemischt mit glücklichem Lachen und lächelnde, müde Gesichter am Rande des Weinens.

»Hast du Kinder?«, fragte der Fotograf plötzlich.

Sie nickte.

»Eine Tochter, schon ein Teenager. Ein hartes Stück Arbeit«, fügte sie hinzu und kam sich alt vor. Er konnte nicht viel älter als Ende zwanzig sein.

»Ich habe zwei«, sagte er zu ihrer Überraschung. »Einen Jungen und ein Mädchen. Fünf und sieben.«

Sie hatte wohl ziemlich verblüfft dreingesehen, denn er fügte hinzu:

»Ich habe früh angefangen.«

Anne kam, und sie kriegte ihr Interview, in der Ecke eines Büros, in das beschäftigte Menschen ab und zu hereinplatzten, eine Entschuldigung murmelten und wieder gingen. Bo fotografierte, und sie dachte flüchtig an Ida Marie. Wie sie zusammengebrochen war und Anne Angst gehabt hatte, dass das Kind kommen würde, mitten in dem ganzen Durcheinander. Sie hatten Ida Marie auf einen Stuhl gesetzt, vornübergebeugt, so gut es ging, während sie weinte. Schluchzte wie ein Wasserfall und die Worte hervorstieß: »Ich will es nicht haben. Ich will es nicht haben.« Und sie wussten nicht genau, ob sie von dem Kind in ihrem Bauch sprach, das sie plötzlich nicht haben wollte; oder ob sie den Tod, der so nahe war, auf Abstand zu halten versuchte.

Anne wiederholte still die Fakten. Eine Hausgeburt, meinte sie. Die Nabelschnur war ungeschickt durchtrennt und verknotet worden. Der Körper des Kindes mit getrocknetem Blut verschmiert.

»So wie ich das sehe, ist er 24 Stunden nach der Geburt auf dem Fluss ausgesetzt worden. Aber ihr müsst euch im rechtsmedizinischen Institut schlau machen«, sagte sie und seufzte deutlich hörbar, während ihre Finger an der Tasche des Kittels herumfingerten, als hätte sie dort etwas, an das sie sich klammern konnte. »Ich kann nur sagen, wie es unmittelbar aussah.«

»Wie im Mittelalter«, hatte Anne unten am Fluss fast weinend gesagt.

»Und das im modernen Dänemark. Wer setzt sein Kind auf diese Weise in einem Land aus, wo es so viele Hilfsmöglichkeiten gibt?«

Dicte hätte nie gedacht, dass Anne bleich aussehen könnte. Aber plötzlich schien jemand auf einen Fernseherknopf gedrückt zu haben, und alles wurde schwarzweiß. Als könnte man in diesem Moment durch sie hindurch in das dunkle Wasser des Flusses sehen.

»Was machen wir mit den Bildern von der Wanne?«, fragte Bo. »Wo ist die jetzt?«

»Bei der Polizei. Zur technischen Untersuchung«, sagte Anne, die wusste, wie so etwas vor sich ging. »Aber Ida Marie hat doch Bilder gemacht. Sowohl von dem Geburtstag als auch später. Warum holt ihr euch nicht den Film?«

»Geburtstag?«, fragte Bo, als sie zusammen das Krankenhaus verließen, um sich zu Ida Maries Reisebüro zu begeben.

»Never mind«, seufzte Dicte und dachte an Annes kleines Königreich im Krankenhaus. Für sie würde es nie mehr so sein wie vorher, das fühlte sie. Und Ida Marie. Schwanger. Erstgebärende mit neununddreißig. Von ihnen dreien war sie diejenige, die auf keinen Fall hätte dort sein sollen. Nie das tote Kind hätte sehen dürfen. Die, der es vergönnt sein sollte, am nächsten Morgen mit einem totalen Blackout aufzuwachen. Das wünschte sie Ida Marie, auch wenn es unmöglich war. Dass sie sich an nichts anderes als an das Kind in ihrem Bauch erinnerte.

Ida Marie war zu dem Reisebüro am Store Torv gegangen, das ihr zusammen mit drei anderen Frauen gehörte. Wo hätte sie auch sonst hingehen sollen, dachte Dicte, denn Theis war auf Dienstreise in Kopenhagen. Und wer war besser dazu geeignet, zu trösten und die Wogen zu glätten als gute Kolleginnen? Am besten wäre natürlich eine Psychologin gewesen, aber so etwas durfte man Ida Marie nicht vorschlagen. Sie hatte die Nase voll von Psychologen, würde sie sicher antworten und hinzufügen, dass das nicht persönlich gemeint sei.

Sie saß mit einer Tasse Tee zusammen mit einer Kollegin in dem kleinen Gemeinschaftsraum. Grüßte bleich.

»Hej.«

Dicte konnte es nicht lassen. Sie setzte sich neben Ida Marie und streichelte ihren Arm, dessen Muskeln angespannt waren.

»Wie geht es dir?«

»Grauenhaft«, murmelte Ida Marie in die Teetasse.

Dicte nickte zu dem Fotografen hinüber, der sich ein wenig abseits hielt.

»Das ist Bo. Ich soll einen Artikel schreiben, verdammt. Über das, was passiert ist.«

Ida Marie befeuchtete vorsichtig die Lippen mit der Zunge. Als wollte sie nachspüren, ob sie noch da waren. Nickte Bo kurz zu und glitt wieder in ihre Tee-Welt.

Dicte räusperte sich.

»Vielleicht sollte sich jemand um dich kümmern«, schlug sie vorsichtig vor. »Du kannst mit mir kommen. Bis Theis wieder da ist.«

Ida Marie schüttelte den Kopf.

»Mir geht es gut. Ausgezeichnet. Ist mir nie besser gegangen.«

Dicte ließ die Lüge einen Augenblick im Raum stehen. Wusste nicht richtig, wie sie zu Ida Marie durchdringen sollte.

»Hast du die Kamera dabei? Den Film?«, fragte sie leise, als könnte etwas kaputtgehen, wenn sie laut spräche. »Vielleicht können wir einige der Aufnahmen für den Artikel brauchen«, sagte sie. Sie kam sich wie der reinste Aasgeier vor.

Ida Marie sah sie voller Abscheu an. Setzte die Teetasse mit einem Scheppern ab.

»Von dem Kind?«

Dicte schüttelte den Kopf. Streichelte wieder den Arm, der jetzt unruhig über den Tisch fuhr.

»Wir zeigen das Kind nicht«, versprach sie. »Nur die Situation. Uns. Die Wanne, falls sich ein brauchbares Bild findet.«

Ida Marie saß eine Weile da und sah ihren Arm an, als wäre er ein selbstständiger Teil von ihr. Dann schüttelte sie Dictes Hand ab, griff in die Tasche und holte die Kamera heraus. Gab sie ihr.

»Du kannst alles haben«, sagte sie mit belegter Stimme.

Die Redaktion war zu klein für die sechs Journalisten, und vom ersten Tag an hatten die anderen davon geredet, in ein größeres Haus umzuziehen. Aber mit der Zeit hatte Dicte begriffen, dass sie das seit Jahren taten. Träumen. Von Büros an dem neuen Jachthafen und einem eigenen Firmenboot mit Logo. Es blieb beim Reden, weil die Zeitung in Kopenhagen immer sparen musste. Deshalb mussten sie sich in drei kleinen Räumen und einem etwas größeren zusammendrängen, in dem sie gemeinsam mit zwei anderen und einer stimmungsvollen Aussicht auf den Telefontorget und die Straßenverkäufer saß, die in regelmäßigen Abständen von der Polizei aufgefordert wurden zu verschwinden.

Bo war mit Ida Maries Film in der altmodischen Dunkelkammer verschwunden. Sie setzte sich an den Schreibtisch, der sich noch immer nicht ganz vertraut anfühlte. Holte ihren Block heraus und landete mit einem einzigen Anruf bei Kriminalkommissar John Wagner, der sich nicht zu dem Todesfall äußern wollte.

Sie bekam ein paar vorhersehbare Antworten der Sorte »Das kann ich nicht kommentieren« oder »Es ist zu früh, Vermutungen anzustellen«. Bevor sie auflegte, war sie nahe daran, ihm eine Karriere als Politiker vorzuschlagen.

Sie sah aus dem Fenster. Konnte fast bis zum Fluss hinuntersehen, wenn sie wollte. Hätte zumindest aufstehen und ihn erahnen können, aber sie ließ es. Sie musste das loswerden. Es wegarbeiten. Genau das musste sie. Selbst wenn sie Sensationen hasste. Und noch mehr, darüber zu schreiben.

Während ihres Praktikums bei der Zeitung, das Ewigkeiten zurücklag, hatte Kaiser sie ausgeguckt und ihr einen persönlichen Kurs verpasst, der sie beide frustriert zurückgelassen hatte. Ihn, weil er aus unerfindlichen Gründen davon überzeugt war, dass sie ein verborgenes Talent in sich trug. Sie, weil sie wusste, dass er sich irrte. Sie konnte alles Mögliche andere. Lange psychologische Analysen über Führungsstile schreiben, Wirtschaftsbilanzen lesen und ungewöhnliche Wirtschaftsgeschichten aufspüren. Aber die Sensationsberichterstattung war und blieb ihr ein Rätsel. Sie verstand einfach nicht, wie etwas so Einfaches und Direktes so verdammt schwer sein konnte. Vielleicht, weil sie das Sensationelle in den meisten Sensationen in der Regel nicht sah und das Prestige nicht verstand, das damit verbunden war, den eigenen Namen auf der Titelseite zu sehen.

»Raus mit den Sprachblüten«, pflegte Kaiser zu sagen, wenn er ihre Artikel entstaubte. »Wir brauchen Fakten. Die Geschichte muss in den ersten drei Zeilen erzählt werden. Und in der Überschrift.«

Das versuchte sie jetzt nach bestem Wissen und Gewissen und fühlte sich in ihre Praktikumszeit zurückversetzt. Hier saß sie mit ihren vierzig Jahren, gerädert nach den Ereignissen des Tages. Mit einer Teenagertochter, die unbeschützt durch die Stadt streifte; glückliche Besitzerin einer baufälligen Behausung auf dem Lande. Und sie wusste, dass sie bald Kaiser am Apparat haben würde mit seinen üblichen Einwänden, was Schreibstil, Prioritätensetzung und Perspektive anging.

Sie sah auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde bis zur Deadline und sie mühte sich noch immer mit dem Vorspann ab. Vor der Überschrift hatte sie bereits kapituliert. Darum musste sich der Redakteur kümmern. Das war zu schwer. Zu unmöglich, dachte sie. Sie wollte gerade mit dem Text anfangen, als hinter ihr eine Stimme in übertriebenem Nachrichtensprechertonfall las:

»Ein neugeborenes Baby wurde gestern in einer Plastikwanne auf dem Århus gefunden.«

Bo lächelte zuckersüß und winkte mit den Fotos.

»Sollen die Leser nicht gleich erfahren, dass das Kind tot war?«, schlug er vor.

Sie seufzte.

»Das kommt weiter unten. Es muss doch ein Spannungsmoment geben, das die Leute motiviert weiterzulesen«, erfand sie.

Er setzte sich auf die Schreibtischkante. Sah sie herausfordernd an.

»Gib es zu. Du hast nicht daran gedacht.«

»Und wenn es so wäre?«, sagte sie müde. »Was geht das dich an? Du bist doch nur der Fotograf.«

Die Worte waren ihr entschlüpft, bevor die Selbstzensur hatte einsetzen können. Ein rotes Licht leuchtete vor ihrem inneren Auge auf. So etwas sagte man nicht zu einem Fotografen. Man konnte es notfalls denken, aber auch das war fast schon strafbar.

Er schüttelte langsam den Kopf.

»Ich glaube, du hast heute einen schlechten Tag«, sagte er leise.

»Einen sehr schlechten«, gab sie zu.

»Und er wird noch schlechter«, sagte er ernst, aber mit einem kleinen Lächeln hinter dem Bart und Heiterkeit in den tiefsten Winkeln seines Blickes.

»Wie meinst du das?«

»Ich meine, dass sie sich in Kopenhagen bestimmt über die Fotos wundern werden, die ich gerade mit einem Taxi zum Flughafen expediert habe. Genau wie ich mich gewundert habe, nur dass ich in der glücklichen Situation bin, dass du mich in das Rätsel einweihen kannst, wenn du magst.«

»In welches Rätsel?«

Langsam legte er die Abzüge auf den Tisch. Da waren Aufnahmen von der Wanne und von ihr und Anne, die vorsichtig auf das Kind hinuntersah.

Aber da waren auch noch andere Fotos, aufgenommen in schrägen Perspektiven mit Ida Maries charakteristischer Kameraführung. Von dem Geschenk und ihrem gespannten Gesichtsausdruck, als sie die Schleife aufzog. Von dem genoppten Dildo, der wie eine Rakete auf der Abschussrampe dastand. Von ihr, wie sie das Teil mit einem verwirrten Lächeln um die Mundwinkel festhielt. Sie konnte schon die Sprechblase darüber sehen, die witzige Köpfe am schwarzen Brett der Zeitung darüber malten: »Ich kann es kaum erwarten!«

»Oh, shit«, murmelte sie und sah Kaisers Gesichtsausdruck vor sich, wenn er später am Abend den Stapel mit Fotos durchging.

»Shit, shit, shit! Die hast du nicht mitgeschickt. Nicht alle.«

Bos Blick zog sie neugierig aus. Vollkommen ohne Scham tastete er unter dem Sommerkleid ihre Brüste ab; ihre Schenkel, ihren Hals und ihre Taille. Das Lächeln war immer noch irgendwo da.

»Natürlich habe ich das. Das ist mir schließlich gesagt worden«, sagte er, rutschte vom Schreibtisch und schlenderte zur Tür. »Du kannst nicht erwarten, dass ich selbst denke.«

Er öffnete die Tür, warf sich die Jeansjacke über die Schulter und ihr einen unbestimmbaren Blick zu.

»Ich bin schließlich nur der Fotograf.«

4.

Ida Marie klammerte sich an den Alltag.

Allmählich schien irgendetwas in ihr aufzutauen. Als könnte sie sich nach Kannen von Tee und dem ewigen Starren aus dem Fenster endlich aufraffen, etwas zu tun. Die Betten zu beziehen, zum Beispiel. Oder die Spülmaschine zu füllen oder nur ein paar Kerzen anzuzünden und etwas Tomatensuppe aufzuwärmen, bis Theis nach Hause kam.

Aber sie sah immer wieder das Kind vor sich, auch wenn sie Teller stapelte oder den Tisch deckte oder Zeitungen aussortierte. Mit seinen geschlossenen Augen und den kleinen Händchen; vor allem die waren ihr aufgefallen, über der Brust gefaltet wie zu einem stummen Gebet. Und sie spürte die ganze Zeit nach, ob sich in ihrem Bauch noch Leben regte. War aufmerksam für die kleinste Bewegung. Für das kleinste Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte. Sagte sich, dass sie verrückt war. Konnte es aber nicht lassen.

Theis sagte sie nichts. Warum, wusste sie nicht genau. Vielleicht, weil er immer so beschäftigt war. Vielleicht, weil sie ihn nicht beunruhigen wollte. Natürlich hätte sie es erzählen sollen. Aber am ersten Abend war er müde und erschöpft und schlief auf dem Sofa ein. Und am nächsten nahm sie sich zusammen und ging mit den Kolleginnen aus. Sie hatte immerhin selbst geholfen, den Polterabend auszurichten und den Besuch bei der Wahrsagerin zu planen.

Das dachte sie noch immer und redete sich gut zu, als die Gesellschaft nach einem kleinen Bummel durch die Stadt ein Taxi zu den grauen Betonklötzen in Gjellerup nahm. Trotzdem spürte sie die Angst, die sie beschlich. Die eiskalte, rettungslose Angst vor etwas, das in der Zukunft lag und von dem sie nicht so genau wusste, was es war. Vielleicht vor der Geburt. Vielleicht davor, das Kind zu verlieren. Oder Theis. Oder sich selbst, es gab viele Möglichkeiten.

Sie fanden die Wohnung schnell, und bei den ersten fünf gab es keine Probleme. Sie kamen mit roten Wangen und glänzenden, fiebrigen Augen wieder heraus, als hätte sie ein Prinz geküsst.

Doch als sie an der Reihe war, merkte sie, dass etwas sie in die andere Richtung zog. Dass sie am liebsten nach Hause wollte. Dass es bestimmt ein Fehler war, aber sie brachte es nicht über sich, das auszusprechen.

Es gab keine Kristallkugel und keine Tarotkarten. Und auch keine exotische, dunkel gekleidete Frau mit goldenen Ohrringen, einem groß geblümten Fransenschal um die Schultern und einer schwarzen Katze auf dem Schoß.

Das hier war kein Zigeunerwagen, sondern eine Wohnung im größten Ausländerghetto der Stadt. Und die Wahrsagerin hieß Hanne Guldberg und hatte mittelblondes, kurzes Haar, eine Strickjacke von Jackpot über den alten Jeans und eine schlimme Erkältung, die sie mit Hilfe von einer Box mit Kleenex, die auf dem Sofa lag, in den Griff zu bekommen versuchte.

»Das letzte lebende Bild«, sagte sie fröhlich vor einem durchdringenden Nieser, und Ida Marie spürte wieder die Nervosität und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Griff nach der Türklinke.

»Das war bildlich gesprochen«, sagte die Frau und lächelte freundlich. »Sie sind doch die Letzte, nicht? Ich muss mein Kind im Hort abholen«, fügte sie entschuldigend hinzu und machte Ida Marie ein Zeichen, sich zu setzen.

Sie nickte und ließ sich auf den Stuhl ihr gegenüber sinken. So tief und weich, dass sie das Gefühl hatte, später nicht wieder hochzukommen. Es war der letzte Stopp auf der Polterabendrunde vor dem Abendessen im Globen Flakket. Solidarisch hatten sie sich alle bereit erklärt, sich die Zukunft vorhersagen zu lassen, und einen Termin gemacht. Aber das war inzwischen lange her, in einer ganz anderen Welt. Vor dem 11. September, der den Erdball erschüttert und Schockwellen bis nach Århus geschickt hatte. Vor dem Kind auf dem Fluss.

Sie merkte den kalten Schweiß im Nacken.

»Wir können es ja kurz machen«, schlug sie vorsichtig vor und hielt hoffnungsvoll die Luft an.

»Nein, nein, das ist nicht nötig«, nieste die Wahrsagerin. »Wir schaffen das noch. Die anderen haben erzählt, dass Sie das Kind auf dem Fluss gefunden haben«, fügte sie hinzu.

Ida Marie starrte sie an. Dann blinzelte sie.

»Ja. Wir waren zu dritt.«

»Und das in Ihrem Zustand«, sagte die Wahrsagerin mütterlich. »Geht es Ihnen wieder besser?«

Als wüsste sie, dass sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch gestanden hatte. Als könnte sie in der Vergangenheit lesen.

Ida Marie nickte.

»Ja.«

»Aber schlimm ist es noch immer?«

Wieder ein Nicken.

»Wenn Sie ein wenig früher gekommen wären, hätte ich es vielleicht vorhersagen können«, sagte Hanne Guldberg, und Ida Marie hatte das Gefühl, als spräche sie zu sich selbst, während sie ein weiteres Papiertaschentuch aus der Schachtel zog. »Vielleicht nicht so detailliert, denn so funktioniert das nicht. Aber trotzdem. Ich hätte Sie bestimmt ein bisschen vorbereiten können«, sagte die Wahrsagerin, nicht ohne einen gewissen fachlichen Stolz in der Stimme, und wurde dann von einem gewaltigen Hustenanfall geschüttelt.

Ida Marie wollte sie, halb im Spaß, fragen, ob sie auch den 11. September hätte vorhersagen können, ließ es jedoch. Man sollte nicht mit dem Schicksal spaßen. Außerdem wusste sie nicht, warum sie diese beiden Ereignisse in Gedanken plötzlich miteinander verband.

Wieder war das Bild da. Einen kurzen Moment. Wie klein er war, war ihr allererster Gedanke, als der Verstand wieder zu funktionieren begonnen hatte. Ein ganz kleiner Mensch, der keine Chance bekommen hatte. Sie fror und schlug die Arme um sich, während sie dort vor der Wahrsagerin saß, die sich wieder die Nase putzte. Eine Unsicherheit schien sich in die frühere Sicherheit geschlichen zu haben. Als hätte das ganze Leben eine Kehrtwendung gemacht und sähe plötzlich völlig anders aus. Was war passiert? Was veranlasste einen Menschen im modernen Dänemark, sein Kind auf diese Weise zurückzulassen?

Sie spürte, wie sich das Kind in ihr bewegte und schob die Gedanken weg, während die Wahrsagerin ihren Husten unter Kontrolle bekam. Wahrscheinlich war das der Grund. Dass es jetzt nicht mehr lange dauerte. Dass ihre eigene Welt sich für immer verändern würde und sie sich von jetzt an um so vieles mehr kümmern musste. Und dass sie in Wirklichkeit nicht überblicken konnte, wie sie und Theis mit ihren beiden Jobs und seinem dauernden Pendeln zwischen Århus und Kopenhagen so eine kleine Familie am Funktionieren halten konnten. Sie begegnete dem Blick der Wahrsagerin und fragte sich sekundenlang, ob sie auch Gedanken lesen konnte.

»Sie brauchen nicht nervös zu sein«, lächelte Hanne Guldberg mit Tränen in den Augen von dem Hustenanfall. »Ich sage nichts Schlimmes. Nur Generelles.«

Ida Marie seufzte. Eigentlich glaubte sie nicht an so etwas. Warum war sie dann nervös? Warum betrachtete sie es nicht als den Spaß, der es war?

»Lesen Sie auch aus der Hand?«, fragte sie.

Die Frau, die vielleicht Anfang dreißig war, schüttelte fast nachsichtig den Kopf.

»Es reicht, dass Sie hier sind. Möchten Sie Kaffee oder Tee?«

»Nur Wasser, danke.«

Hanne Guldberg holte zwei Gläser aus der Küche, die eine offene Verbindung zum Wohnzimmer hatte.

»Es ist gemütlich hier«, sagte Ida Marie und hörte, dass sie verblüfft klang. Die Wohnung war hell und freundlich und in typisch dänischem Stil eingerichtet. Mit dem obligatorischen Elipsentisch oder etwas Ähnlichem und sechs pastellgrünen Arne-Jacobsen-Stühlen. Die Spätsommersonne tanzte über Per Arnoldis Kunst, die in Glasrahmen an den weißen Wänden hing.

»Es ist ganz schön hier«, sagte Hanne Guldberg und reichte ihr das Glas. »Natürlich gibt es viel Krawall, aber man spricht miteinander. Das ist wichtig.«

Ida Marie lächelte.

»Das kann ich mir vorstellen.«

Hanne Guldberg sah sie mit einem seltsam direkten Blick an. »Ich sehe, dass Sie an einem Wendepunkt stehen«, sagte sie. »Um das zu sehen, bedarf es keiner Wahrsagerin. Aber wenn Sie wollen, kann ich Ihnen vielleicht ein bisschen mehr zu diesem Wendepunkt sagen.«

Ida Marie nickte vorsichtig. Das klang Vertrauen erweckend. Ein Wendepunkt. Herrgott nochmal, sie würde es schon überleben. Außerdem hatten sie im Vorhinein ausgemacht, dass sie sich nicht auf das Negative konzentrieren wollten. Es ging nicht an, eine zukünftige Braut zu einer Wahrsagerin zu schleppen und mit einem nervlichen Wrack nach Hause zu kommen. Aus diesem Grund gab es wirklich nichts, wovor sie Angst haben musste. Überhaupt nichts.

»Ich möchte Sie bitten, mir irgendetwas Persönliches zu reichen, das ich anfassen kann, damit ich ein Gefühl für Sie bekomme«, sagte diese moderne Wahrsagerin, als ginge es um einen Besuch beim HNO-Arzt: »Gähnen Sie, und sagen Sie aaa.«

Zuerst kam ihr der Ehering in den Sinn, doch dann war ihr das zu simpel. Außerdem war sie sauer auf Theis, weil er das ganze Wochenende arbeiten musste. Wieder einmal.

Sie gab der Wahrsagerin das Medaillon ihrer Großmutter. Ihre Mutter hatte es ihr gegeben, als sie von der Schwangerschaft erfahren hatte.

Hanne Guldberg hielt das Medaillon in der Hand und ließ die Goldkette wie ein umgedrehtes Pendel pendeln.

»Ein Erbstück«, sagte sie. »Von der mütterlichen Seite?«

Ida Marie nickte. Spürte erneut die Nervosität.

»Von einem Ort oben im Norden. An einem großen See, stimmt das?«

»Aus Vänern«, flüsterte Ida Marie. »In Schweden.«

»Natürlich. In Schweden.«

Jetzt schloss sie die Augen. Die Stimme veränderte sich und wurde fast zu einem Flüstern.

»Sie sind ein fremder Vogel hier. Das hat Ihnen Probleme gemacht. Wenn auch nicht mehr so sehr. Sie haben sich verändert; versucht, sich anzupassen, aber etwas plagt Sie. Etwas, das Sie aus Ihrer Kindheit mit sich herumschleppen. Was die Zukunft betrifft, kommt bald etwas Großes auf Sie zu. Etwas, das eine Zeit lang Ihr ganzes Leben bestimmen wird. Ich weiß nicht, ob es negativ oder positiv ist, aber es ist nicht die Geburt, von der ich spreche. Es geht um etwas anderes.«

Ida Marie saß, das Wasserglas in der Hand, ganz steif da. Wollte den Mund aufmachen, um zu fragen, um weitere Einzelheiten zu erfahren, wagte es aber nicht. Stattdessen sagte sie:

»Können Sie etwas über die Geburt sagen?«

Jetzt lächelte Hanne Guldberg und öffnete die Augen.

»Die Geburt ist nicht das Problem, falls es ein Problem geben wird. Davor brauchen Sie keine Angst zu haben.«

»Und das Kind?«

»Wunderschön. Alles, was Sie sich wünschen können.«

Sie merkte, wie eine Last von ihren Schultern fiel, und stand mit einem Lächeln auf, das sich nicht zurückhalten ließ.

Doch als sie nach einem Abendessen im Globen und als Zuschauerin beim Salsatanz der anderen im Gyngen an diesem Abend nach Hause ging, spürte sie den Puls der Stadt wie ein langes, ungleichmäßiges Trommelsolo in ihren Ohren. Mit der Dunkelheit war Århus plötzlich zu New York geworden. Die hohen Stimmen betrunkener Männer bekamen einen bedrohlichen Unterton, ein Schatten in einer Toreinfahrt wurde zu einem mordlustigen Verrückten. Keiner wusste, wann die Katastrophe passieren, wann alles auseinander brechen würde. Wann es mit der Sicherheit ein für alle Mal vorbei wäre.

Aber noch war sie da, das durfte sie nicht vergessen. Noch gab es sie, in ihrer Wohnung in der Samsøgade, wo Theis eine Kerze ins Fenster gestellt hatte, sodass es von draußen heimelig und warm aussah. Sie hatte sie sich so gewünscht, die Sicherheit. Gewünscht wie das Kostbarste auf der Welt. Aber warum hatte sie dann das Gefühl, nicht die ganz reine Ware bekommen zu haben? Dass irgendwo, vielleicht direkt um die Ecke, etwas anderes auf sie wartete. Vielleicht war es das, was die Wahrsagerin aus Gjellerup gesehen hatte. Ihren eigenen inneren Zweifel, umgesetzt in Handlung.

Theis. Sie hatten ihre guten und ihre schlechten Zeiten gehabt. Ihre Krisen, wie alle anderen. Etwas anderes wäre nach neun Jahren wohl verwunderlich. Und jetzt war da plötzlich das Kind, das sie erwartete und für das sie gekämpft hatten. Einen Kampf, der sie in gewisser Weise zusammengehalten hatte. Das Kind, das ihr Leben leuchtend rot und beunruhigend dunkel zugleich zeichnete. Es war seltsam, sich etwas so lange gewünscht zu haben und zu wissen, dass jetzt die Zeit gekommen war. Dass dieses riesige Geschenk, diese gigantische Verantwortung bald die ihre sein würde. Sie musste bei dem Gedanken beinahe lächeln, während sie die Treppen in die zweite Etage hochstieg. Allein die Erwartung war fast schon mehr als ihr Verhältnis aushielt.

Theis saß mit einem letzten Schluck Rotwein auf dem Sofa und sah CNN. Sie hörte etwas von Anthrax und Osama bin Laden, den zurzeit üblichen Themen. Hin und wieder vermisste man etwas ganz anderes.

»Ich denke, sie sollten eine Sendung über Schweden bringen«, schlug sie bei einem Kuss vor, der sie als die Sünderin entlarven würde, die sie war.

»Du hast geraucht«, murmelte er, wie vorherzusehen gewesen war, und sie hatte das Gefühl, dass er sie vorwurfsvoll ansah.

»Nur eine.«

»Und nur ein Glas?«

Sie seufzte.

»Anderthalb. Vielleicht auch zwei. Ich habe das gebraucht.«

»Das kann ich mir denken«, sagte er und zeigte auf die Zeitung, die unter einer Schüssel mit Pistazien lag. Schalen waren über die Seiten verteilt. »Was für ein Fund für eine Schwangere. Warum hast du mir nichts erzählt? Denn du warst doch dort, nicht?«

Hörte sie da eine gewisse Sorge oder nur einen Vorwurf in seiner Stimme? War er enttäuscht über ihr Schweigen oder besorgt um ihren Seelenfrieden? Sie hoffte Letzteres. Wollte sich hinsetzen und erklären, dass sie nicht zu denjenigen gehörte, die einfach drauflosredeten, ohne das Gefühl zu haben, dass es ihn interessierte. Dass sie in der letzten Zeit gemerkt hatte, dass er mehr als genug mit seiner Arbeit beschäftigt war und ihre vertraulichen Mitteilungen der einen oder anderen Art ihm nur lästig waren. Wie damals, als das Wasser sich in ihrem Körper zu sammeln begann und sie ihre Schuhe nicht anbekam oder als der Leistenbruch sich ankündigte, bedingt durch die Schwangerschaft. Noch ein Problem, zu dem man Stellung nehmen musste. Und Probleme hatte er schließlich genug, wie er immer sagte.

»Ich habe es wohl vergessen«, log sie.

»Vergessen«, wunderte er sich. »So etwas vergisst man doch nicht. Ich weiß zwar, dass du an anderes zu denken hast, aber trotzdem.«

Sie nahm sich eine Hand voll Pistazienkerne, schüttelte die Schalen von der Zeitung und setzte sich in den Lehnstuhl. Starrte auf das Bild von den Freundinnen mit der Plastikwanne in Dictes Schoß. Ihre leeren Blicke. Die Stille zwischen ihnen. Sie hatte das Bild selbst gemacht. Fast automatisch drauflosfotografiert, während ihr Verstand stillstand und sich weigerte zu begreifen. Jetzt war es auf der Titelseite der Avisen gelandet. In Begleitung von Dictes Text mit der Überschrift »Moses auf dem Århus«. Darunter stand in Fettdruck: »Freundinnen finden neugeborenen Jungen tot auf dem Fluss. Keine Spur von der Mutter des Kindes.«

Sie versuchte zu lesen, schaffte es aber nicht. Begann zu frieren und kroch zu Theis hinüber und zog die Wolldecke um sich, die auf dem Sofa lag. Er musste ihr die Zigarette verziehen haben, denn jetzt legte er gutmütig den Arm um sie und rieb leicht ihren Bauch. Sie beschloss, nichts mehr zu seiner Wochenendarbeit zu sagen, auch wenn sie geplant hatten, in die Stadt zu gehen und nach einem Kinderwagen zu sehen. Rieb ihre Nase an seiner rauen Wange. Spürte die Lust und den Hunger nach Sicherheit wie einen fein gesponnenen, zusammengedrehten Faden, der langsam stärker wurde.

»So, so, das willst du«, murmelte er, während sie sein Ohr streichelte und küsste und wollte, dass sein Körper ihren umschloss. Sie an einen schönen Ort entführte. Sie rettete.

An der Stimme hörte sie sein etwas widerstrebendes Lächeln, hörte aber nicht auf. Schob alle Gedanken, dass sie sich wie eine tonnenschwere Kuh vorkam, zur Seite. Er sollte sie begehren. Sie beschützen.

»Was bist du weich und rund geworden«, sagte er. Seine Hand wanderte zu ihrer Lende und tiefer, und sie entschloss sich, es als Kompliment zu betrachten. Ja, sie war runder geworden; üppiger; mit Beinen, die anschwollen, gar nicht erst zu reden von der verdammten Hämorrhoide, die sie gerade jetzt zum Teufel wünschte. Aber das musste er nun mal in Kauf nehmen.

Sie stand auf. Zog leicht an ihm.

»Komm.«

Sie sah, dass er zögerte. Vielleicht dachte er das Gleiche wie sie. Vorsichtig begegnete sein Blick dem ihren.

»Vielleicht sollten wir besser warten.«

»Worauf?«

»Ja, weißt du...« Sein Blick wanderte nach unten zu ihrem Bauch, und sie hörte ihren Ärger.

»Es wird doch nur noch schwieriger, wenn das Baby erst da ist. Zeit zu finden, meine ich.«

Einen Moment sah er richtiggehend panisch aus. Dann schien er einen schweren Entschluss zu treffen, stand auf und ließ sich mit ins Schlafzimmer ziehen, aber an der Steifheit seines Nackens sah sie, dass er es ausschließlich ihr zuliebe tat. Weil er nicht wusste, wie er sonst mit der Situation fertig werden, mit ihr und ihrer Unberechenbarkeit umgehen sollte.

Erst als sie sich geliebt hatten, gemütlich und unbeholfen. Erst als er sich von ihr zurückgezogen und mit einem leichten Schnarchen auf seine Seite gerollt hatte, erinnerte sie sich an die Worte von Hanne Guldberg, als sie sich im Treppenhaus verabschiedet hatten.

»Ich weiß nicht genau, was das zu bedeuten hat. Aber ich spüre, dass wir uns nicht das letzte Mal gesehen haben, Sie und ich.«

Die Angst traf sie wie ein Schlag in die Magengrube, während sie dalag. Beschwerlich drehte sie sich im Bett um und kroch näher an Theis heran. Tat etwas, das sie seit vielen Jahren nicht mehr getan hatte. Nicht seit ihrer Kindheit, dachte sie, als sie die Hände faltete und betete.

5.

»Denk an die Kalorien, Mama. Du weißt genau, was man sagt.«

Dictes Hand blieb mit dem samstäglichen Brunch mitten in der Luft stehen. Die verbotene Majonäse auf dem letzten Bissen Roggenbrot mit Makrelensalat begann ganz von selbst zu vibrieren.

»Was sagt man denn?«

Rose sah sie gut gelaunt mit einem prüfenden Blick an, als sie verschlafen in einem löchrigen Shirt vor ihr stand. Jede Delle und Kurve wurden genau unter die Lupe genommen, während sie den Kopf schräg legte, dass der Nasenring glänzte. Der, um den sie so gebettelt hatte, dass Torsten ihn ihr schließlich ohne die Einwilligung ihrer Mutter bezahlt hatte. Was tat man nicht alles, um sich bei seinem Kind beliebt zu machen, wenn man die Familie durch eine Scheidung zerstört hatte.

»Also, was sagt man?«

»Vierzig, fett und geschieden.«

»Lausegöre.«

Sie hob ihre Hand wie zum Schlag, und Rose zog sich blitzschnell zurück und tänzelte mit einem schelmischen Blick davon. Dicte folgte ihr und bekam sie zu fassen. Kitzelte die mageren Rippen ihrer Tochter, die empfindlichste Stelle, sodass sie vor Lachen zusammenbrach.

»Ach, du hast doch nicht etwa Angst, was?«

Rose krümmte sich vor Lachen. »Das kommt von all den Malen, die ihr mich verhauen habt«, lachte sie. »Gib es zu!«

Dicte ließ sie gutmütig los.

»So, so, du Knochengestell. Wart nur ab.«

Demonstrativ öffnete die Tochter des Hauses den Kühlschrank und räumte ihn aus. Roggenbrot, Butter, vollfetten Käse. Die ganzen Empfehlungen der Ernährungsexperten waren zumindest in ihrer Familie bislang vergebens gewesen, stellte Dicte fest. Sie hatte das starke Gefühl, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis sie selbst auf Entzug gehen musste, was fette Sachen anging.

Neidisch beobachtete sie ihre schlanke Tochter, die täglich zehn Festmenüs in sich hineinschaufeln konnte. Am liebsten begnügte sie sich aber mit Käsebroten und literweise Milch. Keine Spur von Magersucht.

»Du wirst auch einmal vierzig«, drohte sie.

Das Kind, das sie letztendlich noch war, kicherte, als hätte sie etwas Unanständiges gesagt, und konzentrierte sich auf ihr Käsebrot.

»Ich werde nie so alt wie du«, mümmelte sie. »Ich werde jung als Revolutionärin sterben.«

Dicte setzte sich auf die Wachstischdecke des Küchentisches und spülte die Makrele mit einem Schluck lauwarmen Kaffees hinunter.

»Im Kampf für was?«

Rose war um eine Antwort nicht verlegen.

»Für die Freiheit«, sagte sie selbstsicher. »Und für die Gerechtigkeit. Für eine Zukunft für alle Kinder.«

»Natürlich«, sagte Dicte und hörte sehr wohl, dass sie nachsichtig klang.

Sie dachte an das Kind auf dem Fluss und wusste, dass sie deshalb Kopfschmerzen hatte. Dass sie deshalb in der Nacht von Albträumen mit toten Babys heimgesucht worden war. Erloschene Augen in trübem Wasser mit Hunderten von leeren Limonadenflaschen, die an der Oberfläche dümpelten. Sie war für ihren Artikel gelobt worden und hätte eigentlich gut drauf sein müssen, aber dieser Fall war etwas anderes als die Artikel im Wirtschaftsteil über sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz oder Vergünstigungen. Man konnte ihn nach der Arbeit nicht weglegen und sich am nächsten Tag wieder damit beschäftigen, falls es nötig war.

Sie griff nach der Kaffeekanne und goss die Tasse halb voll. Trank die teerige Brühe in einem Schluck. Wünschte Kaiser und seine Sensationsnarkomanie weit weg und dass sie nie vierzig geworden wäre und vor zwei Tagen am Ufer des Århus gesessen hätte. Dass eine andere das Kind gefunden hätte. Eine andere für den Job ausersehen worden wäre, über den Fall zu berichten.

Sie hörte Autoreifen in ihrer Einfahrt. Auf dem feinen Kies, von dem sie selbst einen Berg bestellt und den sie so sorgfältig verteilt hatte, dass ihr der Rücken wehtat. Um alles ein wenig freundlicher zu gestalten, was auch nötig war, denn das sogenannte neue Haus von 1930 oder früher hatte in der Gemeinde eine herausragende Rolle als Rockerhauptquartier gespielt. Das war einer der Gründe, warum sie es so billig bekommen hatte. Die Pfähle von der Festungsanlage rund um das Haus waren noch immer tief in Zementklötzen unter ihrem Rasen verankert.

»Das ist bestimmt die Post. Holst du sie?«

Rose krauste die Nase, dass der Ring hüpfte. Plötzlich sah sie nur noch jung und verletzlich aus, fand Dicte.

»Und wenn Milzbrand drinnen ist?«

Dicte gab ihr einen gutmütigen Klaps auf das Hinterteil.

»Wenn du jung sterben willst, warum nicht daran? Betrachte es als Verteidigung der Gerechtigkeit.«

Rose machte ganz den Eindruck, als würde sie sich die Sache ernsthaft überlegen. Dann legte sie den Käsehobel beiseite und ging hinaus. Dicte hörte sie am Briefkasten klappern und spürte die Energie zurückkommen. Die Kopfschmerzen verzogen sich auch langsam. Es war eine schlechte Angewohnheit, das wusste sie sehr wohl. Ein Glas Wein nach dem anderen zu trinken, wenn man abends alleine zu Hause saß und an Weltschmerz litt. Aber hin und wieder brauchte sie das. Eigentlich relativ häufig, wenn sie ehrlich war. Aber sie hatte auch Grund genug, dachte sie und begann, den Tisch abzuräumen. Der beste war sicherlich, dass sie es einfach mochte. Sie liebte den Geschmack eines guten Rotweins und das warme, entspannte Gefühl, plötzlich alles unter Kontrolle zu haben. Alle Probleme, die Scheidung von Torsten, die Gespenster der Vergangenheit und ihr neuer Status als allein erziehende Mutter schienen auf Abstand zu gehen, wenn sie mit einem Glas Rotwein in Reichweite dasaß.

Rose kam mit einem Stapel Post herein. Behielt aber die Zeitung, in der sie eifrig blätterte.

»Her damit.«

Rose gab sie ihr nicht. Drehte ihr den Rücken zu.

»Du bekommst sie erst, wenn du hältst, was du versprochen hast. Für heute, Mama.«

»Für heute, was?«

Rose drehte sich um. Ließ die Zeitung sinken.

»H-U-N-D.«

Shit. Das hatte sie total vergessen. Sie hatte gedacht, dass sie den Samstag zum Auspacken und Saubermachen und Maßnehmen für die Gardinen und was sonst noch auf der Liste stand nutzen könnte. Aber das mit dem Hund gehörte zu ihrer Abmachung. Rose war nicht freiwillig von Kopenhagen nach Århus gezogen, um hier in die elfte Klasse zu gehen. Es hatte intensive Verhandlungen gegeben, Kompromisse waren geschlossen worden. Der mit dem Hund war einer davon.

»Kann das nicht warten?«, versuchte sie es, während ein beharrlicher Zug warnend um Roses Mund spielte. So süß und kindlich er in einem unbeobachteten Moment noch sein mochte, so spöttisch konnte er sich verziehen und zu Ohrfeigen einladen. Aber nicht sonderlich oft, wie sie einräumen musste. Und meistens, wenn es einen guten Grund dafür gab. Wie jetzt.

»Du hast es versprochen. Gestern hast du gesagt, dass wir heute ins Tierheim fahren. Aber vielleicht hast du das ja hier drin ertränkt«, sagte sie frech und griff nach einer leeren Rotweinflasche, die neben dem Kühlschrank stand.

Dicte merkte, wie ihre Verteidigung unerklärlicherweise zerbröckelte.

»Okay. Okay. Wir fahren. Ruf an, und frag, ob sie offen haben.«

Während Rose anrief, räumte Dicte hinter ihnen auf. Es war die übliche Rollenverteilung. Man sollte nicht glauben, dass sich etwas ändert, nur weil man nach Jütland zieht. Und doch. Das war nicht ganz fair, dachte sie, als sie das Essen in den Kühlschrank schob und ihn schnell zumachte, damit das Ganze nicht wieder herauskam. Rose war in der letzten Zeit erwachsener geworden. Vielleicht ein bisschen zu erwachsen. Wie letztens, als sie Lasagne gemacht hatte, als Dicte spät nach Hause gekommen war. Und Blumen gekauft und in eine Vase gestellt hatte, als würden sich dadurch alle Probleme auflösen. Was sie beinahe auch getan hatten. Das durfte sie nicht vergessen, dachte Dicte und wischte die Wachsdecke ab. Ihre Tochter war noch immer ein Kind. Und gerade was man Kindern versprochen hatte, musste man halten.

Es sollte ein Welpe sein, und er sollte heimatlos und elternlos sein. Einer von denen, die kein anderer wollte.

Das waren Dictes Bedingungen. Es gab keinen Grund, sich einen überspannten Rassehund mit prämierten Eltern im Stammbaum bis wer weiß wohin zurück anzuschaffen. Bastarde waren in der Regel klüger und amüsanter und nicht so zart besaitet.

Ausgemacht war natürlich, dass es Roses Hund sein würde und dass sie selbst für ihn sorgen, mit ihm spazieren gehen musste und so weiter. Doch als sie Richtung Tranbjerg zum Tierheim Tingskoven fuhren, musste Dicte sich eingestehen, dass dieser Teil der Abmachung mit Sicherheit in kürzester Zeit wieder neu auszuhandeln sein würde. Rose hatte bereits viele Freunde und Freundinnen in der neuen Klasse und bedauerte die Veränderung bei weitem nicht mehr so sehr, wie sie erwartet hatte. Inzwischen war sie öfter mit ins Kino oder in die Stadt gegangen, und der Freitagabend allein vor dem Fernseher war nur der Anfang, das wusste sie. Tatsache war, dachte sie, als sie am Viby Torv abbog und Richtung Skanderborgvej weiterfuhr, dass sie unterwegs waren, um einen Hund für sie zu finden. Einen Hund, der sein Futter wollte, der spielen und ein Freund sein wollte und sie immer öfter dazu verlocken würde, von zu Hause aus zu arbeiten, wogegen sie im Grunde ihres Herzens nichts einzuwenden hatte. Denn natürlich musste sie nicht in die Redaktion. Die Redaktion war für ihre Arbeit nicht wichtig, war nur ein Versammlungsort der Kollegen. Wenn sie nicht Überstunden abfeierten, in Ferien oder zur Fortbildung waren, im Umland einem Auftrag nachgingen oder über die Handballweltmeisterschaft in Polen berichteten. Nach zwei Monaten in der Stadt hatte sie längst herausgefunden, dass in einer Redaktion mit nicht mehr als sechs Personen immer nur ein paar physisch anwesend waren.

Der Geruch nach Tier hing ihnen in den Nasenlöchern, als sie zwanzig Minuten später von einer freundlichen Frau herumgeführt wurden. Einige der Hunde wedelten freundlich mit dem Schwanz, andere sahen sie aus leeren Augen an; wieder andere bellten aus vollem Hals, weil endlich etwas passierte.

Es gab Mischlinge, aber auch Rassehunde. Ein großer, schöner Neufundländer sah ihnen mit heraushängender Zunge aufmerksam hinterher. Ein mittelgroßer Pudel stand auf den Hinterbeinen, die Vorderbeine ruhten auf dem Gitter, während er einladend mit dem Schwanz wedelte.

Es war Rose, die ihn schließlich entdeckte. Einen kleinen, kurzhaarigen, schwarzen Welpen mit weißen Pfoten und weißer Brust.

»Der da, Mama.«

Er war ein scheuer Welpe, und sie erfuhren, dass er von einem jungen Mädchen im Hafen gefunden worden war. Man wusste nichts über seine Herkunft. Sie liehen sich einen Hundekorb mit dem Versprechen, ihn zurückzubringen. Als sie mit dem Korb zum Auto kamen, klingelte ihr Handy. Kaiser klang verärgert.

»Warum muss ich bei Ritzau lesen, dass man in der Wanne mit dem Baby ein Blatt mit arabischer Schrift gefunden hat?«

Die Konsequenzen begannen sich in ihrem Hirn abzuzeichnen, noch bevor der Auftrag kam. Die Zeit war Ausländern nicht wohl gesinnt. Die Katastrophe in den USA und die Kriminalität im Land machten den Dänen nicht gerade Laune, großes Verständnis für fremde Kulturen und Religionen aufzubringen. Diese Neuigkeit konnte dem bereits vorhandenen schwelenden Fremdenhass neue Nahrung geben.

»Wir müssen der Geschichte natürlich nachgehen. Und setz dich mit einem Experten für arabische Sprache und Kultur in Verbindung«, verlangte Kaiser, während der Welpe fiepte und sie daran erinnerte, dass sie noch eine Verantwortung übernommen hatte.

6.

Der glückliche Krüppel der Woche wohnte auf einem Hof in True.

Als der Auftrag kam, hätte er fast Nein gesagt. Hätte ihnen erzählt, dass er eigentlich schon nicht mehr da war, auf dem Weg nach Pakistan, um eine Fotoserie über islamische Extremisten für Magnum zu machen und im Übrigen müsse er heute Vormittag zur Anprobe einer schusssicheren Weste. Aber das wäre natürlich gelogen. Es gab keinen Auftraggeber, der irgendetwas bestellt hatte. Und er hatte auch nicht die Mittel für eine schusssichere Weste, sondern musste sich mit der alten begnügen, die viel zu klein war und die er gebraucht von Hans Larsen gekauft hatte, der eine lukrative Vereinbarung mit der Avisen getroffen hatte und in einen vergoldeten Ruhestand gegangen war. Außerdem war er mit den Zahlungen für das Auto im Rückstand und hatte zurzeit ganz allgemein ein etwas angespanntes Verhältnis zu dem Dispo-Kredit, sodass der Auftrag von dem Wochenblatt auf einen Boden fiel, der so trocken war wie die Wüste in Afghanistan. Die Freiberuflichkeit war nicht immer so frei, wie das Wort vermuten ließ.

Bo legte einen Film in die Kamera ein und warf sie auf den Beifahrersitz, wo sie zwischen Verpackungen von gebrauchten Filmen, ein paar Legosteinen aus der Spielzeugsammlung der Kinder und einem Führer über Ostjütland landete, der so abgenutzt war, dass der Rücken sich auflöste, und von dem mehrere Seiten mit Cola mariniert waren. Gar nicht erst zu reden von den Krümeln der vielen Brötchen und Kekse, die er seit dem letzten Reinemachen im Auto gegessen hatte. Was ungefähr ein Jahr her war.

Während er fuhr, spürte er, wie der innere Bär sich rührte. Die Bezeichnung war nicht gut, aber er wusste nicht, wie er ihn sonst nennen sollte. Natürlich würde nie jemand davon erfahren, denn es war lächerlich, das wusste er sehr gut, und dass er sie sich von Brad Pitt aus den »Legenden der Leidenschaft« geklaut hatte, machte die Sache nicht weniger peinlich.

Aber trotzdem wusste er, dass er es nicht einfach ignorieren konnte, wenn der innere Bär in seiner Höhle erwachte. Dann wollte er gefüttert werden. Mit Spannung. Mit Herausforderungen. Mit einem Auslandstrip nach Turkmenistan oder Bolivien, um die Kinder auf den Müllplätzen zu fotografieren, oder nach Sierra Leone, um Bilder von Menschen zu machen, denen von den Aufständischen Arme und Beine abgehackt worden waren. Irgendwohin weit weg. In eine Welt ohne Fensterkuverts, langweilige Routineaufgaben und anstrengende Journalisten, die glaubten, sie könnten schreiben wie Hemingway und auch noch Anweisungen geben, wie der Fotograf sein Bild zu machen hatte.

Sein Handy klingelte, während er bei Rot an einer Kreuzung in Skejby hielt. Der Laut brachte ihn zurück nach True und zu der Geschichte von dem Mann im Rollstuhl, der eine Million im Lotto gewonnen hatte. Sein Nachbar, ein Schweinebauer, hatte angerufen und die Geschichte erzählt, und der Lottogewinner war leicht zu einem Interview zu überreden gewesen, stand in der Notiz, die zusammengeknüllt in seiner Tasche lag. Eine richtig gute Geschichte für das Familienblatt, dessen Leser Berichte über Krankheiten in der Version »trotz allem glücklich« liebten.

»Wo bleibst du?«, fragte die Journalistin in seinem Ohr. Er hatte ihren Namen vergessen; Marie irgendwas. Natürlich hatte er schon früher mit ihr gearbeitet, aber sie gehörte nicht zu denen, an die man sich so einfach erinnerte. Nicht wie die andere. Die mit dem Dildo. Sie war in einer Blase durch seinen Kopf geschwebt, seit er ihr begegnet war.

»Ich bin unterwegs. Bin in zwei Minuten da«, versprach er und unterbrach die Verbindung.

Der Bär machte einen Moment dem Bild von Dicte Svendsen Platz, wie er sie auf dem Foto der Freundin gesehen hatte. An einem Tisch in einem Straßencafé mit einem genoppten Dildo in der Hand. Es war ein gutes Bild, das musste man der Freundin lassen. Sie hatte das eingefangen, was man nicht unmittelbar sah. Das Mädchenhafte und doch Erwachsene. Im Sommerkleid, das dicke Haar in der leichten Brise flatternd, sodass die Konturen einer eventuellen Frisur aufgelöst und zu einer asymmetrischen Wolke mit einem Streifen Sonne wurden. Mit dunklen, ungezupften Augenbrauen als Kontrast zu dem blonden Haar. Und Augen, in denen sich die Sorge niedergeschlagen hatte, die jedoch gerade in diesem Moment von einem neugierigen Lachen vertrieben wurde.

Bo seufzte. Früher hatte er die mageren Kleiderständer bevorzugt. Aber das war, bevor er das Geniale an Formen entdeckt hatte. Bevor er jemals seine Hände über runde Hüften und Brüste hatte gleiten lassen, die man mit einer sehr hohlen Hand umfassen konnte. Es hatte eine Zeit gegeben, da war er für das Perfekte gewesen. Aber das war, bevor er eine Überdosis davon bekommen und bevor der Charme des leicht Unperfekten sich ihm erschlossen hatte. Perfekt war einfach langweilig, fand er. Er war kühler, schöner Fassaden mehr als überdrüssig und zog Schönheit mit kleinen Makeln vor. Wie die kleine Narbe auf der Lippe der Journalistin. Und die kleinen Schweißtropfen, als hätte sie gerade einen ganzen Tag in einem goldenen Kornfeld verbracht.

Die reinste Rosamunde Pilcher.

Okay, es konnte schon sein, dass er ein bisschen übertrieb, dachte er und bog im dritten Gang nach rechts ab. Aber er war auch hungrig. Weil alles, sein ganzes Leben, sich zurzeit auf Kinder und Arbeit und Verantwortung konzentrierte.

In der Kurve waren ein paar lose Filme auf den Boden gerollt. Die Kamera auf dem Beifahrersitz war auf die Seite gefallen. Er griff danach und legte sie sicherer hin, während er seinen Gedanken freien Lauf ließ.

Die andere, das Adoptivkind, war auch nicht uninteressant, aber nicht sein Typ. Sie war freundlich, das ja, aber sie gehörte bestimmt zu denen, die keinen Deut nachgaben, folgerte er und glitt nahezu wie von selbst in die Rolle des Sherlock Holmes, die er Frauen gegenüber, die er nicht kannte, immer annahm. Anne Skov Larsen war ein verschlossener Typ, vermutete er. Sie war nicht direkt hart, umgab sich aber mit einer Schale aus etwas Unnahbarem, die bestimmt nur sehr wenige Männer zu knacken vermochten. Er konnte sie sich gut als Hebamme vorstellen; so eine, die bestimmte, was zu tun war. Aus dem gleichen Grund dachte er, dass ihr Mann aus einem starken Stoff gemacht sein musste. Entweder das, oder er würde total den Überblick verlieren und alle Entscheidungen einfach ihr überlassen.

Er bog ab und musste anhalten, um auf die Karte zu sehen. Fuhr an dem alten Skejby vorbei zu der Kreuzung Herredsvej/Mariendalsvej. Vorbei an einem Feld mit vom Wind zerzausten Pferden auf der einen und Vorstadtvillen auf der anderen Seite des Weges, im Grenzgebiet zwischen Stadt und Land. Er dachte kurz an die Dritte. Die Schwangere mit dem Film.

Unruhige blaue Augen und Hände, die auf Wanderschaft gingen. Ein lebhafter Mund mit Lippen, die bestimmt leicht lächelten, an diesem Tag aber nur gezittert hatten.

Er schüttelte über sich selbst den Kopf. Konnte nicht ganz erklären, warum ihm die drei Frauen nicht aus dem Kopf gingen. Als hätte er nicht genug Frauen, an die er denken musste. Eva, um nur ein zufälliges Beispiel zu nennen. Eva, die nach sieben Jahren und zwei Kindern langsam zu einer ganz anderen geworden war. Und Cecilie, oh Gott, die neue Sportjournalistin der Zeitung. Jung und stark, mit kurzem, blondem Haar, einem klasse Arsch und einem natürlichen Verhältnis zu Sex. Ohne jegliche Hemmungen. Aber auch ohne Geheimnisse, soweit er das beurteilen konnte.

Der Gedanke an das andere Geschlecht im Allgemeinen und an bestimmte genannte Personen im Besonderen brachte ihn nicht ins Schwitzen. Vielleicht sollte er es ganz lassen. Mönch werden. Nach Thailand reisen und in ein buddhistischen Kloster eintreten. Ganz ehrlich, war er Sex und so etwas nicht bald entwachsen?

Er war eine Viertelstunde zu spät, als er vor dem Wohnhaus mit der Rollstuhlrampe aus dem Auto stieg. Das gesamte Anwesen erinnerte an eine Wohnanlage. Vier gut in Stand gehaltene Flügel. Ein Hof mit Pflastersteinen und Fachwerk. Der gegenüberliegende Flügel schien auch bewohnt zu sein; vielleicht ein alter Stall, den man in Stand gesetzt hatte. Ein ganzer Stapel neuer Fenster lehnte an der Mauer.

Im Wohnzimmer war der Kaffeetisch gedeckt, mit einer weißen Decke und Blumen in einer Vase und säuberlich auf einer Platte angerichtetem Kuchen. Selbst gebacken, dem Duft im Haus nach zu schließen. Gegen seinen Willen spürte er, wie die Gemütlichkeit Besitz von ihm ergriff. Wie er zurückversetzt wurde zu Familienabenden vor dem Fernseher mit der Kaffeemaschine, die in der Küche gurgelte, und seiner Mutter, die mit den Tassen klapperte und Brötchen schmierte. An einem ihrer guten Tage, wohl gemerkt.

Glaser Ole K. Sørensen, fünfzig, war vor fünfzehn Jahren von einer Leiter gefallen und vom Nabel abwärts gelähmt, hieß es in der Auftragsbeschreibung, aus der auch hervorging, dass der erwachsene Sohn jetzt die Firma weiterführte. Seine Frau, Esther, arbeitete noch immer als Lehrerin.

Ole Sørensen begrüsste Bo freundlich.

»Jetzt kommt das Schlimmste«, sagte er mit einem Blick auf die Kamera. »Wir sind es nicht gewohnt, fotografiert zu werden.«

Bo setzte sein entspanntes Gesicht auf, das er auch machte, wenn er Kinder fotografierte. Bei Leuten, die mit der Presse vertraut waren, war es etwas anderes. Politiker und Meinungsmafia, immer der gleiche enge Zirkel. An sie konnte man ganz anders herangehen.

»Ich bekomme doch bestimmt erst eine Tasse Kaffe«, sagte er und tat, als hätten sie alle Zeit der Welt. »Außerdem duftet es hier nach selbst gebackenem Kuchen.«

Ole Sørensen hatte etwas Militärisches an sich. Er saß aufrecht und breit im Rollstuhl, eine Decke über den Beinen, und strahlte trotz seines Handicaps eine gewisse Autorität aus. Dennoch dürfte so ein Leben nicht leicht sein, dachte Bo. Selbst wenn man eine Million gewann.

»Machst du das, Esther?«

Sie war eine kräftige Frau in den besten Jahren, ungefähr so alt wie ihr Mann. Ein wenig altmodisch gekleidet in ihrem matronenhaften, geblümten Kleid; aber sie hatte ein schönes, rundes Gesicht und traurige braune Augen.

Sie schenkte ihm Kaffee ein, dass die Tasse gegen die Untertasse klirrte. Ole Sørensen nickte zu einem jungen Mädchen hinüber, das kräftig war wie die Mutter.

»Meine Tochter Rikke. Sie geht aufs Gymnasium«, sagte er stolz.

»Hej«, sagte Bo und blinzelte dem Mädchen zu in der Hoffnung, die Stimmung ein wenig zu lockern.

Rikke Sørensen nahm Anlauf zu einem Lächeln, aber er sah, dass sie nervös war. Rote Flecken breiteten sich auf ihren Wangen aus, und unwillkürlich führte sie die Hand zum Mund und kaute kurz an einem Nagel. Das war normal, das wusste er, aber er hatte nie eine Erklärung dafür gefunden, warum der Anblick einer Kamera hin und wieder die gleiche Wirkung haben konnte wie die Mündung eines 45er Colts.

Während sich die Journalistin mit Ole Sørensen unterhielt, versorgte Esther Sørensen ihn mit Kaffee und Kuchen. Sie tat das mit flatternden Bewegungen und einer Kurzatmigkeit, als wäre sie einem Bus hinterhergelaufen.

»Was sollen wir mit dem ganzen Geld bloß anfangen«, murmelte sie und klang richtiggehend unglücklich.

Sie lächelte Bo vorsichtig an und legte ihm ein großes Stück Kuchen auf den Teller. Als er hineinbiss, dachte er, dass er ihnen bei der Lösung dieses Problems nur zu gerne helfen würde.

Ole K. Sørensen griff nach einem Foto, das auf einem kleinen Tisch neben dem Sofa stand. Ein Familienfoto mit fröhlichen Menschen. Mutter und Vater und drei erwachsene Kinder.

»Natürlich bekommen die Kinder etwas«, sagte er. »Das ist letztes Weihnachten aufgenommen worden.«

Bo nickte und spürte kurz, wie seine Kehle eng wurde, während alte Bilder von Eltern und Geschwistern vor seinem inneren Auge vorbeizogen. Rosarot durch den Zeitabstand, das war ihm klar. Und mit seiner eigenen Familie war es auch nicht viel besser gegangen. Mit seinen eigenen Kindern. Er wagte kaum, daran zu denken.

Er trank den letzten Schluck Kaffee und sah zu der Journalistin hinüber, an deren Namen er sich jetzt erinnerte, Mona Hansen.

»Vielleicht sollten wir jetzt die Bilder machen.«

Die Depression bekam ihn langsam zu fassen, als er zurück ins Zentrum fuhr. Er spürte sie als unbändigen Drang, riskant und mit etwas schleifender Kupplung zu fahren. Als einen Hunger nach etwas Neuem in seinem Leben. Den Wunsch, aus der täglichen Routine auszubrechen, von der er nie geglaubt hätte, dass sie ihn einmal derart vereinnahmen könnte. Aber es war leichter gewesen, als er gedacht, schmerzfreier gegangen, als er sich je erträumt hatte. Während Ehe und Verliebtheit noch intakt waren. Jetzt war das natürlich anders. Jetzt waren es nur die Kinder, die sie zusammenhielten, aber das dafür umso effektiver. Let’s face it, er konnte nicht einfach ein Jahr nach Südamerika gehen. Wie sehr der Bär sich auch beklagte, es wäre nicht fair. Außerdem würde er sie furchtbar vermissen, das wusste er. Aber drei Wochen. Vielleicht einen Monat. Mit ausreichend Aufträgen für Fotos von Findelkindern und glücklichen kranken Menschen würde es vielleicht bald für einen Auslandstrip reichen. Um der klammernden Alltäglichkeit zu entfliehen, den Aufträgen, die ihn in die Häuser der Menschen zu Kaffee und selbst gebackenem Kuchen einluden und, warum auch immer, in Depressionen stürzten. Scheiß auf den Dispo-Kredit.

Das Handy klingelte, als er auf den Parkplatz der Redaktion der Avisen in der Frederiksgade bog, um die Fotoaufträge zu checken.

»Wo bist du?«, fragte Dicte Svendsen, wie alle Journalisten immer fragten, garantiert auch im Schlaf.

»Auf dem Parkplatz der Redaktion. Wo bist du?«

»In der Universität, um einen Arabischexperten zu interviewen. Ich brauche ein paar Bilder von ihm.«

»Um was für eine Story geht es?«

Sie erzählte es ihm.

»Kommst du?«

»Wohin in der Uni?«

Sie gab ihm die Adresse, und er wendete. Fuhr wie der Teufel, ihr Bild auf der Netzhaut, als könnte sie, diese eine Frau, seine Dämonen vertreiben.

Sie saß mit ihrem Interviewopfer, den Block auf dem Schoß, im Büro und sah professionell aus. Stellte die richtigen Fragen und schrieb, als wollte sie einen Geschwindigkeitsrekord aufstellen. An ihren Fingern war Tinte, sah er. Der Kugelschreiber musste geleckt haben, aber sie hatte es nicht bemerkt.

Nach dem Interview gelang es ihm, den Arabischexperten aus seinem Büro in den Park zu locken. Sie folgte ihnen. Stand ein wenig abseits, ihr Kleid flatterte vor einem Hintergrund aus Gras und den ersten, fallenden Blättern im Wind, und er verspürte den unbändigen Drang, die Kamera auf sie zu richten. Sie einzufangen. Den Ausdruck der Konzentration. Das bekümmerte, senkrechte Stirnrunzeln. Den milden Schwung zwischen Taille und Hüfte. Warm und lebendig.

Aber er war Profi und fotografierte den Mann in der abgetragenen Jacke, der hier in der Natur ganz falsch wirkte.

Anschließend begleitete er sie zu ihrem Auto. Sie ging neben ihm her. Die gleiche Schrittlänge, dachte er. Der gleiche Rhythmus. Vielleicht sollte er sie zum Tanz auffordern. Einen Arm um ihre Taille. Ihr Kopf an seiner Schulter.

Sie öffnete die Autotür, und die Wirklichkeit verscheuchte das Bild und verdrängte die Wärme in seinem Bauch. Verdammt noch mal, was war nur mit ihm los? Vielleicht sollte er ein paar Minuten mit Cecilie in die Dunkelkammer gehen, um etwas von dem Druck abzulassen.

Sie setzte sich ins Auto. Drehte den Zündschlüssel.

»Nun denn, man sieht sich.«

Es klang zu nonchalant, hatte er das Gefühl. Er wollte gehen, doch dann hörte er den Motor ihres Fiat Uno, der hilflos hustete.

»Shit!«, kam es durch das offene Fenster. »Nicht schon wieder.«

Er machte kehrt. Sie versuchte es noch einmal. Und noch einmal. Und er dachte, dass das vielleicht ein Zeichen war. Vielleicht entschied das Schicksal für ihn.

»Brauchst du Hilfe«, fragte er durch das Fenster und setzte einen bekümmerten Gesichtsausdruck auf.

Sie schlug mit den Händen auf das Lenkrad.

»Er will nicht. Ich kenne das. Wenn er erst mal streikt, bleibt nur noch Falck.«

»Bist du Mitglied?«

Sie sah ihn böse an, und er hätte sie am liebsten geküsst.

»Was glaubst du?«

Er öffnete die Tür und hielt sie ihr auf. »Komm. Ich fahre dich nach Hause.«

7.

»Die Heizung braucht Wasser.«

»Wasser?«

Bo sah sie an, als wäre sie gerade durch ein wichtiges Examen gerasselt.

»Hast du noch nie in einem Haus gewohnt?«

Sollte das jetzt auch eine Kunst sein, dachte Dicte und kam sich plötzlich unfähig vor. Falls man einen Führerschein für ein Haus brauchte, wäre sie bestimmt durch die Prüfung gefallen.

»Kann man nicht einfach jemanden anrufen? Einen Klempner oder einen Heizungsinstallateur?«, fragte sie und wusste, dass sie verwöhnt klang.

Er drehte sich zu der Heizung um und schraubte an dem Ventil, bis es pfiff. Grinste, das konnte sie an seinem Rücken sehen, während er in der Hocke saß, den Kopf halb unter ihrem Esstisch. Sie hoffte, dass er nicht plötzlich aufstand und mit dem Schädel gegen die Tischplatte knallte und feststellte, dass sie nur mit einem einzigen Nagel befestigt war.

»Rufst du auch einen Elektriker, wenn du eine Birne auswechseln musst?«

Die Heizung hatte sie mit ihrem Stöhnen und Knirschen geweckt, als sie nach dem Wetterumschwung angesprungen war.

»Wo ich früher gewohnt habe, hatten wir einen Hausmeister.«

Einen Moment dachte sie sehnsuchtsvoll an die Wohnung in Christianshavn. Drei Schlafzimmer mit Blick auf den Kanal. Was hatte sie nicht alles aufgegeben, um Abstand zu ihrem alten Leben zu gewinnen.

Bo stand auf. Trocknete sich die Hände an den Schenkeln der abgetragenen Jeans. Ihr Blick ruhte ein wenig zu lange auf ihm, auf den Schenkeln. Sie schrieb es der Tatsache zu, dass sie seit Ewigkeiten keinen Umgang mit Männern mehr gehabt hatte, so kam es ihr zumindest vor. Aber es gab Wichtigeres. Jedenfalls würde sie sich nicht mit einem Kollegen einlassen. Zudem noch mit einem, der beträchtlich jünger war als sie und aller Wahrscheinlichkeit nach zu Hause im Schlafzimmer ein Modell Größe 36 hatte. Plus der erwähnten Kinder.

»Hast du einen Trichter?«

Die Frage verwirrte sie einen kurzen Moment.

»Natürlich, ich hole ihn schnell«, sagte sie nach einer kurzen Pause und wusste, dass sie allzu interessiert an diesem blöden Trichter klang. An was auch immer, wenn sie das von dem anderen ablenkte, denn sonst würde sie nur rot werden und peinlich verwirrt aussehen. Wie auf dem verdammten Foto.

Fieberhaft begann sie zu suchen. Öffnete in Windeseile Schubladen und Schränke. Natürlich hatte sie einen Trichter. Die Frage war nur, wo. Irgendwo in dem ganzen Umzugsdurcheinander oder vielleicht in der Garage, wo sie damit Öl ins Auto gefüllt hatte.

Als sie kurz darauf in der Garage suchten, fragte sie sich, wie es um alles in der Welt so weit hatte kommen können, dass ein Fotograf, den sie nur flüchtig kannte, wie selbstverständlich hier herumlief und in ihrem neuen Heim nach einem Trichter suchte. Logisch betrachtet natürlich deshalb, weil sie die Einladung, sich von ihm nach Hause bringen zu lassen, als ihre Blechbüchse von einem Auto streikte, angenommen hatte. Aber warum hatte sie sie angenommen? Diese Frage stellte sie sich, während sie Bo beobachtete, der eifrig wie ein Jagdhund in ihren Umzugskisten wühlte. Wo es so viel einfacher gewesen wäre, ein Taxi zu nehmen.

Aber sie kannte die Antwort nur allzu gut. Das Interview hatte einen Schatten auf ihre Montagsstimmung geworfen, die schon vorher nicht die beste gewesen war. Hatte sie innerlich seltsam leer zurückgelassen. Und mit dem Drang, diese Leere zu füllen, als wäre sie eine Art Hunger, etwas ganz Normales zu tun. Sich mit einem ganz normalen Menschen über etwas ganz Alltägliches zu unterhalten und nicht über etwas so Deprimierendes wie die Frage, warum eine Frau ihr neugeborenes Kind auf dem Århus aussetzte.

Sie erschauderte, wie sie so ohne Jacke in der kalten Garage stand. Erkannte die Einsamkeit wieder; hatte sie gründlich erforscht. Nicht notwendigerweise eine Einsamkeit im wortwörtlichen Sinne, sondern eine Einsamkeit unter den Menschen, die sie umgaben und die sie liebte. Denn so musste es dieser verzweifelten Mutter doch ergangen sein, die sie zu verstehen meinte. Sie musste sich unendlich einsam gefühlt haben.

»Bingo!«

Nachdem er das Gesuchte gefunden hatte, tauchte Bo aus der Tiefe der Garage auf, in die nur spärlich Licht drang. In der Hand hielt er einen orangefarbenen Plastiktrichter.

»Er lag auf einem alten Plattenspieler.«

Während er die Worte aussprach, begann es unter ihm gefährlich zu knacken. Er sprang zur Seite, unmittelbar bevor das Fußbodenbrett in der Mitte durchbrach. Die Bretter lagen über einigen Quadratmetern des Bodens, der ansonsten aus hartem Zement bestand.

»Holla! Du hast ja sogar ein Grab.«

Und es würde sie nicht wundern, wenn auch noch eine Leiche darin läge, dachte sie. Frühere Rockerfestung und so. Es wäre nur logisch. Eine Leiche im Keller. Wer hatte das nicht?

Während sie Kaffee kochte, machte sich Bo mit Wasser, Ventilen und Trichter zu schaffen. Der Welpe fiepte leise aus seinem Korb unter dem Küchentisch, und das Haus wirkte eigentlich wie ein Heim, sodass sie einen Moment lang vergaß, dass in Wirklichkeit nichts war, wie es sein sollte. Aber nur einen Augenblick. Dann drängte der Besuch in der Universität sich in ihr Bewusstsein. Den Arabischexperten Bjørn Gedsted hatte die Geschichte sichtlich aufgewühlt. Denn er hatte ziemlich schnell festgestellt, dass die Seite mit den arabischen Schriftzeichen, die man in den Handtüchern des Kindes gefunden hatte, aus dem Koran herausgerissen worden war. Er nahm an, dass ein junges muslimisches Mädchen das Kind in aller Heimlichkeit zur Welt gebracht und es verzweifelt mit dieser Art Identifikationsmerkmal ausgestattet hatte. Vielleicht in der Hoffnung, dass jemand das Kind mit einem muslimischen Ritual begraben würde. Oder finden und in ihrem Glauben erziehen würde.

»Die Mädchen sind die Verlierer dieser Kultur«, sagte er mit Nachdruck, als sie in seinem Büro saßen und auf Bo warteten.

»Das ist so typisch. Die Angst, was das Familienoberhaupt, der Vater, sagt«, sagte Bjørn Gedsted, der eine Cordhose und einen Cardigan trug und einer Karikatur von Professor Tournesol aus Tim und Struppie glich. Er beugte sich, die Fingerspitzen gegeneinander gelegt, auf seinem Bürostuhl vor.

»Die Mutter dieses Kindes wusste, dass sie in den Augen der Familie nichts mehr wert ist. Dass sie Scham und Schande über ihre Nächsten gebracht hat, indem sie ein uneheliches Kind bekommen hat.«

Während Dicte ihm gegenübersaß und durch das Fenster beobachtete, wie der erste Herbststurm die Blätter im Universitätspark durch die Luft wirbelte, hatte sie einen kurzen Moment lang das Gefühl, dass sich im Tanz der Blätter die Mutter des Kindes vor ihren Augen materialisierte. Nicht konkret mit Alter, Augen und Haaren. Aber als verzweifelte Gestalt in einer unmöglichen Welt. Ein unglückliches Gespenst, das niemals mehr Ruhe finden und immer zweigeteilt sein, die Sehnsucht nach ihrem Kind und die Scham, es im Stich gelassen zu haben, mit sich herumtragen würde.

»Wie findet man so ein Mädchen?«, fragte sie.

Gedsted zuckte mit den Schultern.

»Vielleicht ist es tatsächlich besser, sie nicht zu finden.«

»Aber diese Mutter muss sich etwas gewünscht haben. Eine Absicht verfolgt haben, als sie die Seite in das Handtuch genäht hat. Vielleicht möchte sie in Wirklichkeit gefunden werden, möchte, dass man ihr hilft«, sagte sie, während draußen die Blätter tanzten und ihr näher und näher kamen, ohne dass sie das wollte.

Jetzt faltete Bjørn Gedsted die Hände über dem Bauch und sah einen Moment wie ein Priester aus.

»Wenn sie gefunden wird und ihre Familie alles erfährt, wird sie nicht nur von der Justiz des Mordes angeklagt, sondern höchstwahrscheinlich auch von ihrer eigenen Familie verstoßen. Von ihrem gesamten Umfeld.«

Verstoßen. Das Echo des Wortes schien von der Innenseite ihres Gehirns widerzuhallen, und plötzlich und unerklärlich hatte sie das Gefühl, wieder ein Teenager zu sein. Den Mut zu haben, die Konventionen herauszufordern und die Konsequenzen zu tragen. Denn dazu gehört Mut, dachte sie. Kein Kriegsmut oder eine sichtbare Form von Heldenmut. Sondern der Mut, alleine dazustehen. Sie hatte ihn vielleicht selbst einmal gehabt, dachte sie zerstreut. Aber wo war er geblieben? Wo war er jetzt, wo plötzlich alles, was sie in den vergangenen zwanzig Jahren so sorgsam aufgebaut hatte, nicht mehr da war?

Sie begann zu schwitzen, ihre Handflächen wurden klamm. Du meine Güte, wie wünschte sie sich, diese Geschichte abgeben zu können. Dann wollte sie schon lieber über einen ganz gewöhnlichen Mord berichten. Da wusste man wenigstens, woran man war.

In dem Moment klopfte es an der Tür. Bo mühte sich mit seinen Kameras ins Zimmer, und sie merkte voller Dankbarkeit, wie das Praktische die Oberhand gewann; wie sein professioneller Umgang mit Bjørn Gedsted, als sie in den Herbststurm hinaus in den Park gingen, etwas in ihr löste und ihr gut tat. Ihr etwas gab, woran sie sich festhalten konnte.

»Und? Wieso bist du plötzlich nach Århus gezogen?«

Bo griff nach einem Schokoladenkeks und biss ihn in der Mitte durch. Sah sie mit der Linse des Fotografen im Blick an.

»Ich bin gerade geschieden worden«, sagte sie und spürte ihren Unwillen zu antworten. »Ich war mir sicher, dass es viel Gerede in der Redaktion geben würde«, fügte sie hinzu und schenkte sich selbst Kaffee ein.

Er führte seine Tasse zum Mund und trank vorsichtig einen Schluck.

»Ich habe von der Scheidung gehört. Aber ist es nicht ein bisschen extrem, so weit wegzuziehen? Ich schätze, das war kein Serienmörder, mit dem du verheiratet warst?«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Ich wollte einfach nur weg.«

Er sah sie einen langen Augenblick an. Grüne Augen, stellte sie fest. Scheinbar neutral, aber mit einer gewissen neugierigen Sanftheit tief im Inneren.

»War es wirklich so demütigend?«

Sie spürte die Röte. Konnte sie nicht kontrollieren. Wollte ihm sagen, dass es ihn nichts anginge, wie sie es empfunden hatte, dass ihr Leben kenterte. Wie sie es noch immer empfand.

»Ich bin eben ziemlich dünnhäutig«, sagte sie und hörte, wie bitter sie klang. Sie hatte es sich doch geschworen. Niemals bitter zu klingen. Niemals bitter zu werden.

Sie spürte die Tränen. Und Wut auf Torsten, weil er ihr das angetan hatte. Weil er sie verraten, ihre Gefühle mit Füßen getreten und sie zu etwas gemacht hatte, das sie hasste. Sagte sich, als die halbe Psychologin, die sie war, dass zu einer Ehe und einer Scheidung immer zwei gehörten. Dass sie einen Teil der Verantwortung selbst trug, auch wenn sie nicht wirklich wusste, was sie falsch gemacht hatte. Sie konnte Torstens Stimme hören, der Erklärungen müde. »Du bist eine andere geworden. Du warst mal so süß und fröhlich. Du nimmst alles zu ernst.« Und sie wollte ihm sagen, dass Untreue etwas Ernstes war, das wenig zur Heiterkeit beitrug.

Bo schwenkte eine Hand vor ihren Augen, als wollte er sie aus einer Trance reißen.

»Hej«, sagte er bemüht munter, und sie wusste, dass er ihr zuliebe einen unbeschwerten Eindruck zu erwecken versuchte. »Der Entschluss war bestimmt richtig. Århus ist eine schöne Stadt.«

Sie riskierte ein Lächeln.

»Es sollte ein neuer Anfang werden. Ein neues Leben. Und was ist mit dir?«

»Ja, was ist mit mir?«

Er nahm sich noch einen Keks, und plötzlich war er wieder da, der Blick, als er ihr das Foto mit dem Dildo gezeigt hatte. Der Blick, der die Bluse von ihrer Schulter zog und eine Brust streifte und wie zufällig tiefer wanderte.

»Verheiratet?«, fragte sie und versuchte sich in der Rolle der älteren Schwester oder der wohlmeinenden Tante. Aber das Wort tat sich schwer, ihren Mund zu verlassen, der plötzlich trocken war wie ein Keks.

Er wartete mit der Antwort eine Sekunde zu lange. Dann nickte er.

»Mit der Mutter der Kinder.«

Mit der Mutter der Kinder. So einfach war das. Diese Worte setzten vor alle weiteren, nicht sonderlich schwesterlichen Gedanken einen Stopper. Man ließ sich mit keinem Mann ein, der mit der Mutter seiner Kinder verheiratet war. Außerdem hätte sie selbst seine Mutter sein können oder zumindest seine zehn Jahre ältere Schwester, ein oder zwei Jahre hin oder her.

»Das klingt doch wunderbar«, brachte sie heraus und wusste, wie albern sie klang.

Er machte eine Kopfbewegung, die sowohl ein Nicken wie auch ein Schütteln sein konnte.

»Wir haben unsere Probleme«, räumte er ein, und am liebsten hätte sie ihn geohrfeigt. Sie konnte nahezu hören, wie Torsten genau das zu Sandra gesagt hatte, als sie sich in der Kantine von Radio Danmark zum ersten Mal begegnet waren. Wie er, ihrer Aussage zufolge, mit diesen vier Worten von Anfang an grünes Licht gegeben hatte. Wir haben unsere Probleme.

Sie schob sich vom Tisch weg. Spürte die Verwirrung. Als wollte ein Teufel sie mit dem gleichen Köder locken, der Torstens viele Seitensprünge legalisiert hatte. Vor allem den letzten, den unwiderruflichen. Bo stand auch auf.

»Okay, ich muss los. Danke für den Kaffee.«

»Gern geschehen«, murmelte sie, ihm den Rücken zugewandt, während sie die Tassen in die Küche trug. Er folgte ihr mit der Kaffeekanne. Sie spürte ihn hinter sich, als sie die Spülmaschine einräumte. Spürte den Drang, sich umzudrehen und die Hand nach ihm auszustrecken und ihn an sich zu ziehen und zu rütteln und zu weinen und zu lieben und wieder einen Sinn zu finden. Aber die Angst war größer, und ihre Hände hielten das kalte Porzellan fest, und ihre Finger krümmten sich um die Henkel der Tassen, sodass sie sie nur schwer wieder lösen konnte.

»Diese Handtücher«, sagte er plötzlich.

Sie drehte sich um. Zwang sich, ihn anzusehen, seine struppige Gestalt und die abgetragenen Jeans und das zerzauste Haar, während sie seinem Blick auswich. Herrgott noch mal. Er war doch nur ein Junge. Niemand, den man wirklich ernst nehmen musste.

»Welche Handtücher?«

»Die bei dem Kind. In der Wanne. In die die Koranseite genäht war.«

»Ja?«

»Wir haben doch die Fotos«, fuhr er fort. »Vielleicht findet sich da eine Spur. Zu der Mutter, meine ich.«

Sie lehnte sich an den Küchentisch und fühlte sich in die Enge getrieben. Dachte, dass er es merken musste. Dass er ihren Schweiß riechen musste. Die Nervenspitzen spüren, die bei dem Gedanken an Nähe zitterten.

»Wo sind sie?«

»Ich habe Abzüge im Auto«, sagte er und sah sie arglos an. Und sie wusste genau, warum. Da war wieder der Dildo. Offenbar sollte er sie für den Rest ihres Lebens verfolgen.

»Wir können sie uns ja mal ansehen«, sagte sie.

Er holte den Stapel herein, und nach längerem Suchen fand sie auch eine Lupe. Versuchte, sich in Erinnerung zu rufen, wie die Handtücher sich angefühlt hatten. Ihre Dicke, ihre Qualität. Konnte sich aber nicht erinnern.

»Hier. Hier ist etwas. Irgendein Label«, sagte Bo.

Aber sie konnten es nicht erkennen. Nicht einmal mit der Lupe.

»Ich kann es auf einem neuen Abzug vergrößern«, bot er an. »Vielleicht ist es einen Versuch wert.«

Sie nickte. Sah ihn an und fragte sich, warum gerade dieser vernachlässigt aussehende Mann in ihrem Leben aufgetaucht war. Ob ein Sinn dahinter steckte. Ob sich jetzt herausstellen sollte, dass sie in Wirklichkeit genauso schwach war wie Torsten. Genauso in Panik geriet angesichts ihres Alters und ihres Lebens mit all seinen losen Enden.

Dann schob sie den Gedanken weg.

»Es ist immer einen Versuch wert«, sagte sie.

8.

»Schläfst du?«

Anders bewegte sich und murmelte irgendetwas. Anne beobachtete seinen Rücken. Den scharfen Winkel der Schulterblätter. Das kleine Muttermal an der äußersten Spitze, das so viel Ähnlichkeit mit Langeland hatte. Sie sah seinen tiefen Seufzer mehr als sie ihn hörte, und er schnitt ihr ins Herz. Er war müde. Ihrer müde. Müde zuzuhören. Aber gerade jetzt brauchte sie ihn, brauchte, dass er zuhörte. Sie spürte es so sicher wie damals, als sie gewusst hatte, dass sie mit Jacob schwanger war. Es hatte nicht anders sein können.

»Er war so klein«, sagte sie, wie sie es an diesem Tag und den vorhergehenden schon so oft gesagt hatte. »Er sah aus, als würde er schlafen. Er hatte dunkles Haar. Ganz schwarz. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, warum? Während ich ihn auf dem Arm hielt, habe ich mich das gefragt. Warum? Das haben wir alle getan.«

Die Bilder fuhren in ihrem Kopf Karussell. Taten es seit dem Fund. Wie ein Film in einer Endlosschleife.

Anders gab nicht länger vor zu schlafen. Er drehte sich auf den Rücken. Er hätte sie zumindest in den Arm nehmen können, dachte sie. Ihr zeigen können, dass er sie verstand. Aber genau das tat er nicht. Jedenfalls verdächtigte sie ihn, es nicht zu tun.

»Jetzt musst du endlich aufhören, daran zu denken«, stöhnte er, und sie merkte, wie er sie im Halbdunkel musterte. Konnte seinen schläfrigen Blick aus den zufallenden Augen nahezu sehen. Die langen Wimpern auf der zarten Haut.

»Du hast doch nicht zum ersten Mal ein totes Kind gesehen.«

Die Worte kannte sie gut. Er fuhr mit seiner Logik und einem Gähner fort.

»Du kannst unmöglich alle unerwünschten Kinder dieser Welt retten.«

Nicht, dass er hart war. Da war sie sich sicher. Ganz im Gegenteil. Er hielt es nur nicht aus, darüber zu reden. Bekam richtiggehend Bauchschmerzen davon, sagte er, und jetzt musste sie aufhören. Sie konnte sowieso nichts ändern.

Aber sie konnte jetzt nicht aufhören. Irgendetwas in ihr schien ihn zwingen zu wollen. Wollte ihn umdrehen und ihm in die Augen sehen und zeigen, dass die Welt grausam und hässlich und widerwärtig war. Dass sie nicht aus der reinen Ästhetik bestand, mit der er im Symphonieorchester Mozart aus seiner Oboe herauszauberte. Aber Anders hatte sich mit den dunklen Seiten dieses Lebens immer schwer getan. Sie wusste, dass das damit zusammenhing, dass er seinen Vater gefunden hatte, als er sich erhängt hatte. Sie sollte aufhören. Verständnisvoll sein. Aber es wollte heraus.

»Er war noch warm«, erinnerte sie sich, und wieder spürte sie die Schwere des toten Kindes auf ihrem Arm. »Er war bestimmt erst wenige Minuten tot.«

»Anne!«

Er sagte es in einem Ton, als hätte sie etwas Ekliges beim Essen gesagt. Drehte ihr den Rücken zu und zog die Decke mit sich.

»Entschuldigung«, stieß sie hervor. »Ich kann es nicht lassen.«

In der Regel sagte sie nichts, wenn bei der Arbeit etwas Trauriges passierte. Wenn etwas schief lief. Wohl wissend, dass seine Welt eine andere war. Eine, die aus Schönheit bestand.

Sie wusste auch, dass er am liebsten an seiner romantischen Vorstellung von ihr als Hebamme festhalten wollte. Als wäre sie eine Art Engel, der kleine Kinder ebenso leicht und schmerzfrei in die Welt brachte wie der Storch. War er etwa nicht umgekippt, als Jacob geboren wurde? Hatte er etwa nicht anschließend erklärt, dass er nie mehr in seinem Leben einen Fuß in einen Kreißsaal setzen würde, weil das alle Mystik kaputtmache und alles so blutig und barsch erscheinen ließ. So unappetitlich, hätte er auch sagen können, aber das tat er dann doch nicht.

Sie hatte ihm erklärt, dass es nun einmal so war. Dass zu einer Geburt auch Blut und Schleim gehörten und alles, was aus menschlichen Öffnungen kommen konnte. Aber mitten in dem Schmerz war auch eine Schönheit und gerade deshalb etwas fast Heiliges. Trotzdem war ihm die Lust auf Sex drei Monate lang vergangen, weil er ihren Körper plötzlich mit einem Albtraum aus Schreien und Blut und Schmerz verbunden hatte.

Sie musste fast lächeln, wie sie da auf ihrer Seite lag und daran zurückdachte.

Anders, der Kriegsdienstverweigerer aus Hobro, der nicht einmal eine Spinne totschlagen und kein Blut sehen konnte. Nicht einmal sein eigenes. In den sie sich verliebt hatte, als sie zusammen mit einer Freundin irrtümlich auf einem Fest des Musikinstituts gelandet war. Der schöne Anders mit den schlanken Fingern und der zarten Haut. Seine Augen waren weich wie geschmolzene Schokolade und vielleicht, hatte sie manchmal gedacht, hatte der liebe Gott sich vorgestellt, dass ein Mädchen aus ihm hätte werden sollen. Durch ein Spiel des Schicksals war er als Junge aus dem Schoß seiner Mutter gekommen, und es schien, als würde er viel Zeit darauf verwenden, seine Maskulinität zu unterstreichen, indem er Lederhosen und Cowboystiefel trug und sich wie ein Cowboy bewegte, der gerade aus dem Sattel gestiegen war. Aber die Empfindsamkeit konnten auch die gröbsten Nieten auf der Jeansjacke ihm nicht nehmen. Von ihr lebte er auch, und er pflegte seine Halsentzündungen und seine Erkältungen wie andere ihren Ziergarten.

Sie seufzte gegen die Seidenhaut seines Rückens. Atmete seinen Duft ein. In der Regel hatte sie Nachsicht mit ihm, denn er konnte zaubern. Wenn sie sich liebten, glich er einem Blinden. Als konzentrierten sich alle Sinne in den empfindsamen Fingerspitzen, die über ihren Körper wanderten. Und mit der Oboe an den Lippen konnte er einem Märchen Leben einhauchen und sie in eine Welt der Schönheit entführen.

Aber diese Welt war eine Illusion, dachte sie jetzt, als sie neben ihm lag. Sie hatte nichts mit der Wirklichkeit gemein. Nichts mit dem Kind auf dem Fluss.

»Sie haben ihn ins Gemeindekrankenhaus gebracht«, sagte sie leise, obwohl sie wusste, dass er dabei war einzuschlafen. »Ins pathologische Institut.«

Sie wollte noch hinzufügen, dass sie ihn sicher gleich obduziert hatten, aber das würde Anders nicht verkraften. Eigentlich konnte sie jeden Gedanken an Verständnis auch gleich aufgeben. An eine tröstende Schulter.

»Können wir jetzt nicht endlich schlafen?«, gähnte er. »Ich habe morgen einen langen Probentag.«

Und abends ein Konzert, hätte sie hinzufügen können. Denn das war die Realität, in der es unmöglich war, genügend Zeit zu finden, um zwei verschiedene Jobs miteinander in Einklang zu bringen. Jacob war jetzt sechs und ging glücklicherweise nach der Schule in den Hort, wenn weder sie noch Anders zu Hause waren. Aber es war und blieb ein Puzzlespiel. Vor allem wenn sie Abendschicht hatte und Anders in einem Konzert spielte. Dann blieb als Lösung nur die Schwiegermutter, die sich gut dafür bezahlen ließ. Nicht in Geld natürlich, sondern in Worten. Es gab keine Grenzen für das, was Anne sich über die Krankheiten der Schwiegermutter anhören musste. Aber so war es nun einmal, wenn die Leute glaubten, dass man fast eine Ärztin war.

»Gute Nacht, mein Schatz«, kam es bestimmt von Anders’ Rücken.

Die Gedanken schwirrten ihr noch eine Weile durch den Kopf, dann lösten sie sich allmählich in traumhafte Gebilde auf.

Sie wälzte sich im Bett. Spürte den Drang, sich an ihn zu kuscheln und an ihm festzusaugen und zu versichern, dass sie noch immer einander hatten und dass sie sich immer wieder zusammenrauften. Dass sie einander eine Stütze waren. Aber vielleicht war das eine Illusion, ebenso, wie seine Welt der Schönheit eine war. Vielleicht suchte sie nach Kräften, die er nicht hatte und nie gehabt hatte.

»Was haben wir heute? Wer holt Kaffee?«

Die Chefhebamme Vibeke Termansen eröffnete die Morgenbesprechung. Maria, die jüngste Hebamme auf der Entbindungsstation, studierte den Plan und referierte:

»Von den Routinearbeiten einmal abgesehen, haben wir zwei Erstgebärende, die eine mit Zwillingen. Fünf hoffentlich normale Geburten, eine Steißlage und eine Totgeburt.«

Um den Tisch wurde es still. Wie immer bei Totgeburten.

»Inge Jespersen. Wie geht es ihr?«, fragte Anne.

Aber die Frage erübrigte sich eigentlich. Sie hatte schon mit der Frau gesprochen. Wusste, dass sie um diese Schwangerschaft gekämpft und drei spontane Aborte hinter sich hatte. Im Alter von sechsunddreißig Jahren war es ihr endlich gelungen, das Kind so lange zu behalten, dass die Geburt in Reichweite rückte. Der Termin hätte in einem Monat sein sollen. Aber vor einer Woche hatte Inge Jespersen geklagt, dass das Kind sich vierundzwanzig Stunden lang nicht bewegt hätte. Plötzlich waren keine Herztöne mehr zu hören gewesen. Eine Untersuchung hatte ergeben, dass das kleine Mädchen tot war. Die Ursache war nicht bekannt.

»Wie zu erwarten«, murmelte Vibeke, die mehr Totgeburten erlebt hatte als sie alle zusammen. »Wer kümmert sich um sie?«

»Das mache ich«, sagte Hanne, die aus Ringkøbing kam und immer einen gewissen Überschuss an Kraft hatte.

Sie blieben noch eine Weile sitzen, um es zu verdauen.

»Die Polizei hat angerufen«, sagte Vibeke schließlich leise.

»Wegen dem Kind auf dem Fluss?«, fragte Anne.

Vibeke nickte.

»Sie wollten wissen, ob wir ein paar ganz junge Mädchen zur Untersuchung hierhatten. Von anderer ethnischer Herkunft, wie man das heute nennt. Mädchen, die nicht zur Geburt erschienen sind.«

»Suchen sie nur nach Ausländerinnen?«, fragte Maria, die es mit der Etikette nicht so genau nahm. Entweder man war Däne oder man war es nicht, und die meisten Menschen fremder Abstammung fielen in die letzte Kategorie. Sie biss in ein Brötchen. »Haben sie nur nach ganz jungen gefragt?«

Die Chefhebamme zuckte mit den Schultern.

»Ja. Ich habe ihnen gesagt, dass wir niemanden hierhatten, der in dieses Schema passt. Und dass eine Schwangerschaftsdepression sowohl ältere als auch jüngere Frauen treffen kann. Falls das der Grund war.«

Anne nickte. Auf der Station hatten sie schon alles erlebt. Frauen, die den Kopf abwandten und keine Freude zeigten. Frauen, die ganz offensichtlich in einer schweren Krise steckten und keine zusätzliche Kraft hatten, sich um ein Kind zu kümmern. Aber wenn sie ihre Kinder im Krankenhaus zur Welt brachten, standen sie zumindest unter Beobachtung und bekamen Hilfe angeboten.

Die Mutter des kleinen Moses hatte ihn offensichtlich alleine zur Welt gebracht oder so gut wie. Ohne professionelle Hilfe und Stütze. Sie war irgendwo da draußen. Verzweifelt. Unglücklich. Vielleicht konnte sie sich nicht einmal erinnern, was sie getan hatte, falls sie es selbst getan hatte. Jemand musste etwas wissen. Jemand musste sie kennen. Nachbarn, Familie, Bekannte. Es war schwer, schwanger zu sein, ohne dass jemand etwas merkte. Die meisten Menschen hatten ein Umfeld, auch wenn es nur aus der engsten Familie bestand. Gab es mehrere Leute, die etwas wussten? Hatte überhaupt die Mutter selbst das Kind auf dem Fluss ausgesetzt?

»Anne? Bist du okay?«

Vibeke Termansen beobachtete sie aufmerksam.

Sie nickte.

»Absolut.«

Sie trank den letzten Schluck Kaffee und stand auf.

Gegen Nachmittag, als sie hatte aufgeben und den Arzt zu einem Kaiserschnitt rufen müssen, spürte sie plötzlich die Müdigkeit. Sie traf sie wie ein Hammer von einem Moment auf den anderen. Die Beine begannen, unter ihr nachzugeben, als ginge sie auf einem Kissen aus Watte. Der Schweiß brach ihr unter dem weißen Kittel aus und lief ihr in kleinen Bächen den Rücken hinunter. Ihr, die sonst nie sichtbar schwitzte.

Sie dachte, dass das die Reaktion sein musste. Spürte, dass sie sich kurz hinsetzen, sich in einem stillen Moment über eines der Neugeborenen freuen und das Gefühl von Tod und Unglück vertreiben musste, das sie seit dem Fund des Babys auf dem Fluss in seinen Klauen hielt.

In der vergangenen Nacht hatte sie eine junge Frau entbunden, die sie von einer Geburt vor zwei Jahren oberflächlich kannte. Die Frau hatte eine kleine Tochter mit langem, dunklem Haar und den größten, schönsten Augen zur Welt gebracht.

Obwohl es ihr zweites Kind war, war sie sehr nervös gewesen, fast panisch. Beinahe hätten sie das Kind mit der Saugglocke holen müssen. Schließlich hatte es doch ohne eine Schramme oder Beule die Geburt überstanden, was man von der Mutter nicht sagen konnte, sie musste genäht werden.

Anne ging den Gang zu dem Zweibettzimmer hinunter, in dem die Frau mit ihrem Kind lag. Dachte, dass sie sich zwei Minuten Zeit nehmen und mit ihr reden wollte, das Kind auf den Arm nehmen, die Wärme und den Atem zwischen ihren Händen spüren, die kleinen, fechtenden Arme und die Saugbewegungen des Mundes, den süßen Duft neuen Lebens einatmen.

Doch als sie die Tür des Zimmers einen Spaltbreit öffnete, sah sie, dass die Mutter schlief, das kleine Kinderbett neben sich. Sie wollte gerade wieder gehen, als eine innere Unruhe sie in das Zimmer zog, das hell und sonnig war und von dem aus man den Herbst mit seinen fallenden Blättern sehen konnte.

Vielleicht war es die jahrelange Erfahrung mit Kindern, die sie ganz in das Zimmer treten ließ. Vielleicht nur der Drang, das Kind atmen zu sehen. Zu sehen, dass es lebte. Als Gegengewicht zu all dem Schrecklichen.

Als sie in das hohe Kinderbett sah, spürte sie, wie ihr Herz vor Schreck einen Schlag auszusetzen drohte. Das Kind lebte, das stand fest, atmete regelmäßig, wie sie sich ganz instinktiv versicherte, indem sie eine Hand dicht vor den kleinen Mund hielt, sodass sie den Wärmestrom spürte.

Aber etwas anderes war nicht, wie es sein sollte. Etwas war absolut falsch, und in dem Moment, in dem sie es entdeckte, hatte sie nicht die Fantasie, sich die daraus ergebenden Konsequenzen vorzustellen. Jemand war im Zimmer gewesen. Hatte so dagestanden wie sie jetzt. Hatte sich über das Kind gebeugt, während die Mutter schlief. Und hatte mit schwarzer, dicker Tusche fünf Buchstaben auf die Stirn des Kindes geschrieben.

Stirb, stand da.

Die Buchstaben waren mit einem fetten, wütenden Strich unterstrichen.

9.

Sie musste sich mit etwas Alltäglichem beschäftigen. Mit etwas ganz Alltäglichem und Logischem, um nicht an die blaue Wanne auf dem Århus zu denken. Was das anging, war ein Haus, das einen als frisch gebackene Besitzerin im Laufe der ersten Wochen vor immer neue Aufgaben stellte, die einer liebevollen Hand bedurften, genau das Richtige. Das musste sie zugeben.

Wie liebevoll ihre Hände heute waren, konnte sie nicht sagen, als sie die Birnen der Lampen draußen auswechselte. Oder es zumindest versuchte, denn es zeigte sich, dass es natürlich so einfach nicht war. Weil der vorige Besitzer des Hauses überall um das Gemäuer Lampen in zwei verschiedenen Ausführungen mit zwei verschiedenen Fassungen aufgestellt hatte. Und weil sie keine Leiter hatte, sondern nur einen blödsinnigen, wackeligen Hocker. Und weil die Katzen der Nachbarn, vier Stück insgesamt, entschlossen waren, sich um ihre Beine zu winden, sodass sie kaum hinuntersteigen konnte, ohne auf weiches Fell und lange Schwänze zu treten. »Shit! Aua, verdammt...«

Als es ihr endlich gelang, die rostige Schraube zu lösen und das Glas vorsichtig zu lockern, fielen Glasscherben auf den Boden. Auf die Katzen, die schnell zur Seite sprangen. Und auf sie. Die Birne war zersprungen, und einen Moment stand sie stumm da, den Klang des Klirrens in den Ohren, Glasscherben in den Händen und in den Falten der Jacke. Sie schauderte. Fühlte die Unruhe sich heranschleichen. Wahnsinn schien sich ausgebreitet zu haben. Bis hier nach draußen. Bis zu dem kleinen Haus auf dem Land.

»Stirb.« Anne war völlig aufgelöst gewesen, am Telefon und auch später, als sie sich zu einer Tasse Trostkaffee im Café Kindrødt getroffen hatten.

Ein einziges Wort. Fünf Buchstaben. Und plötzlich war nichts mehr wie vorher, falls es das jemals gewesen war.

Das Telefon schellte, während sie auf dem Hocker stand, und erinnerte sie daran, dass sie faktisch Dienst hatte. Es war ihr erster Arbeitstag zu Hause. Der erste einer geplanten Reihe, an denen sie gleichzeitig ihrer Arbeit nachgehen, dem Hund Gesellschaft leisten und die Pausen zu kleinen, notwendigen Arbeiten im Haus nutzen wollte. Während sie auf verschiedene Anrufe gewartet hatte, hatte sie bereits den Küchenboden geputzt und zwei Umzugskartons ausgepackt, was sie nur in der alten Theorie bestätigte, dass die Arbeit eines Journalisten größtenteils darin bestand, auf die Reaktionen der Quellen auf die Bescheide zu warten, die man hinterlegt hatte. Oder anders ausgedrückt: Journalisten waren in der Regel mit Warten beschäftigt. Und in der Wartezeit spukten die Ereignisse in ihrem Kopf herum. Das Kind auf dem Fluss; das Wort auf der Stirn des Neugeborenen. Plötzlich, völlig unerwartet, hatte sich das Gefühl eingestellt, dass die Wände um sie zusammenrückten, und sie hatte sich entschlossen, draußen zu arbeiten. Hatte nach einem Schraubenzieher gesucht, um die Birnen auszuwechseln, und wollte eventuell noch herabgefallene, verrottete Blätter zu Haufen zusammenharken.

Das Telefon verlangte sein Recht.

Unelegant sprang sie vom Hocker herunter und bahnte sich einen Weg zwischen vier Tigerschwänzen. Sie schaffte es beim vierten Klingelton und hoffte, dass es der Psychologe war, den sie gerade über Mobbing am Arbeitsplatz interviewt hatte. Sie wollte den Artikel heute fertig bekommen.

»Dicte.«

»Svendsen!«

Kaiser klang beunruhigend munter.

»Was ist los mit euch in Århus? Zuerst ein Kind auf dem Fluss und jetzt ein Grafittimaler auf der Entbindungsstation?«

Natürlich hatte er es gehört. Sie war schließlich nicht die Einzige, die über Kontakte verfügte. Wie hatte sie etwas anderes annehmen können.

»Ich glaube nicht, dass die beiden Geschichten etwas miteinander zu tun haben«, sagte sie.

»Aber du musst zugeben, dass das auffällig ist. Man muss unwillkürlich an diese Limericks denken, du weißt schon »Alle Kinder...«

Er ließ die Fortsetzung in der Luft hängen. Als wüsste er, dass sie es nicht lassen konnte weiterzudenken. Rose hatte letztes Jahr eines dieser Bücher zu Weihnachten bekommen und sich einen Spaß daraus gemacht, an den Weihnachtstagen laut daraus vorzulesen. Sie erschauderte, als sie sich an einen erinnerte. »Alle Kinder sahen in den Sarg... mit Ausnahme von Bitten, die lag drinnen.«

»Nun gut, Spaß beiseite«, sagte Kaiser, und sie konnte den Ernst hinter seinen Worten hören. Vielleicht war er doch ein Mensch.

»Natürlich bringen wir die Story. Da du ohnehin an der anderen dran bist, kannst du auch in diesem Fall recherchieren.«

Sicher konnte sie das. Rein theoretisch betrachtet. Einmal abgesehen davon, dass sie keine Lust dazu hatte, was schließlich nur ein Detail war, das er in seine Überlegungen nicht mit einbeziehen konnte. Er hatte selbst zwei kleine Enkel, wie sie wusste. Ob das da mit hineinspielte? Ob er sich die Angst vorgestellt hatte, genau wie sie? Wie vielleicht alle. Die verzweifelte, eiskalte Angst, dass jemand, irgendein Fremder, den eigenen Kindern etwas Böses wollte. Sie töten wollte.

Natürlich hatte er das. Natürlich hatte er die Angst gespürt, dachte sie. Und gerade deshalb wusste er, dass diese Story gelesen, begierig von allen verängstigten Eltern und Müttern verschlungen werden würde. Von allen Schwangeren. Allen Eltern kleiner Kinder, die ihre kleinen Geschöpfe jeden Tag Pädagogen in Horten und Kindergärten anvertrauten. Wo war man noch sicher?

»Wir sollten kein Öl ins Feuer gießen und alle Eltern verängstigen«, sagte sie und wusste, dass sie wie der Redakteur klang, der sie nicht war.

»Natürlich nicht«, sagte er kühl. »Aber wir haben auch eine Verpflichtung, die Wahrheit ans Licht zu bringen.«

Die Wahrheit. Das übliche Alibi, um Zeitungen zu verkaufen.

»Ich dachte übrigens, Holger sei aus dem Urlaub zurück«, wandte sie ein.

Es entstand eine Pause, in der sie ihn auf irgendetwas kauen hörte. Schokoladenkuchen?

»Holger Davidsen ist mit anderem beschäftigt«, sagte er dann.

Interessant. Holger Davidsen war der für Kriminalfälle zuständige Reporter in der Redaktion und, soweit sie wusste, der, in dessen Zuständigkeitsbereich diese Story normalerweise fallen würde. Derjenige, der all die guten Kontakte zur Polizei hatte und mit Rechtsanwälten und Staatsanwälten per du war und im Übrigen ausgezeichnet darüber Bescheid wusste, was die Mühlen der Justiz am Laufen hielt.

»Was willst du haben?«

»Die neuesten Neuigkeiten, natürlich. Was sagt die Krankenhausleitung, die Polizei. Und ein Porträt.«

»Von wem?«

Sie sah es vor sich. Das Porträt irgendeines Polizisten, der zufälligerweise den Fall übernommen hatte. Genauso zufällig wie sie selbst. Anrufe bei der Familie und den Kollegen, um etwas über das Hobby des Mannes zu erfahren und wie er so lebte und ob er tierlieb war. Und kinderlieb.

»Von der Stadt der Angst«, sagte Kaiser theatralisch, und plötzlich wusste sie, warum er sie ausgewählt hatte, die Artikel zu schreiben. Sie würde sich nicht damit begnügen, Fakten wiederzugeben. Und er wollte Gefühle. Wollte das Unterste zuoberst kehren, auch von ihren Gefühlen, wollte, dass sie durch die Worte hindurch in die Spalten der Zeitung flossen. Er wollte ihre Seele, aber er würde sie nicht ganz bekommen. Würde sie nicht zerstören, sodass alles, was sie so mühsam in sich eingesperrt hatte, herausgeströmt kam.

In der Redaktion hatte Holger Davidsen den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt, während er auf die Tastatur einhämmerte und hin und wieder eine informative Frage stellte. Neben dem Telefon brummte ein kleines Tonbandgerät.

»Soll das heißen, dass es überhaupt keine Sicherheitsmaßnahmen gibt? Dass da jeder einfach hereinspazieren kann?«

Es folgte eine Pause, während der er schrieb. Sie konnte an seinem Hals sehen, dass er ärgerlich war. Er schien sich im Hemdkragen zu krümmen, wie eine Katze, die einen Buckel macht, und das kurze Nackenhaar schien sich wütend zu sträuben.

Er war in ihrem Alter. Der Komet der Redaktion in Sachen Verbrechen und derjenige, der eine Story fast immer so aufmachen konnte, dass sie auf der Titelseite landete.

Hurenmord in Randers; Jungenbanden überfallen unschuldige Konfirmanden; Einschmuggeln osteuropäischer Mädchen in jütländische Bordelle. Holger war immer zur rechten Zeit am rechten Ort, wie auch immer er das machte.

»Das heißt demnach, dass, rein theoretisch betrachtet, jemand einfach mit einem Kind abhauen kann.«

Es war eher eine Feststellung als eine Frage. Bevor er den Mann abwürgte und den Hörer auflegte, konnte sie gerade noch denken, dass am anderen Ende der Direktor des Krankenhauses sein musste.

Ihre Geschichte, Herrgott nochmal.

Kaiser war der Meinung, dass sie die Story schreiben sollte; vielleicht, weil sie eine Frau war, vielleicht, weil sie Anne kannte. Oder vielleicht auch nur, weil er es aus irgendeinem Grund für amüsant hielt, zwei Kollegen gegeneinander auszuspielen. Denn ganz offensichtlich hatte er vergessen, Holger Davidsen von seinem Entschluss zu informieren.

»Was ist los? Habe ich mir Ei aufs Hemd gekleckert? Vergessen, den Reißverschluss zuzumachen?«

Ihr wurde klar, dass sie ihn anglotzte. Diese Situation nicht gewollt hatte. Am liebsten ihn und Kaiser zum Teufel schicken würde.

Sie räusperte sich.

»War das das Krankenhaus?«

Er kratzte sich am Kopf. Schob sich mit langen Beinen vom Schreibtisch weg.

»Klar. Was für eine Story. Man kann, verdammt nochmal, einfach hineingehen, ist das nicht unglaublich?«

Sie hatte Lust, ihn zu fragen, was daran unglaublich war. Aber sie wusste, dass eine Retourkutsche kommen würde. Mit einem Hinweis auf den 11. September und dass man jetzt überall die Sicherheitsvorkehrungen verschärfen musste. Man konnte schließlich nicht wissen, ob nicht auch auf der Entbindungsstation Selbstmordattentäter herumliefen.

»Das kommt morgen auf die Titelseite«, fuhr er fort. »Das ist sonnenklar.«

»Hast du mit Kaiser gesprochen?« Sie fragte vorsichtig und wünschte, sie wäre eine Katze mit Samtpfoten.

Er sah sie verständnislos an.

»Der sitzt doch in Kopenhagen.«

Sie wollte gerade antworten, dass das Telefon bereits erfunden sei, als der Apparat auf seinem Schreibtisch schellte. Sie starrten ihn beide kurz an, dann griff er nach dem Hörer.

»Davidsen hier«, sagte er mit einem Konzentrat aus dem gesammelten Selbstvertrauen aller Männer in der Stimme.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und schaltete den PC ein, während sie mit halbem Ohr zuhörte. Die Luft schien schon bald aus seiner Stimme zu entweichen, sodass sie trocken und knapp wurde.

»Okay... okay. Aber... Aber...«

Das ganze Gespräch dauerte nicht länger als drei Minuten, und Davidsens Stimme erinnerte an einen brodelnden Vulkan kurz vor dem Ausbruch.

»Wie du meinst. Dann machen wir das so... Tschüss.«

Sie wollte sich klein machen. In den Computer kriechen oder zu der Maus werden, die geschützt unter ihrer Hand lag.

»Das war Kaiser«, sagte er mit derselben trockenen Stimme, aus der jeglicher Enthusiasmus verschwunden war. »Sieht ganz so aus, als ob du über die Sache berichtest. Eine Reporterin. Mit Sinn für Kinderfragen. Für Kinder und geistig Minderbemittelte. Und Frauen.«

Und Redakteure, dachte sie. Er glotzte sie an.

»Du hättest es mir zumindest gleich sagen können«, sagte er dann.

Am liebsten wäre sie ehrlich gewesen und hätte ihm gesagt, dass er, wenn es nach ihr ging, gern den ganzen Mist übernehmen und zurechtbiegen konnte, wie er wollte, und eine super Story daraus machen. Aber das wäre unprofessionell, dachte sie. Sie war Journalistin und in diesem Fall Nachrichtenreporterin, ob sie das wollte oder nicht. Außerdem ließ etwas an seinem Auftreten sie innerlich kochen.

»Dazu war keine Zeit«, sagte sie kurz und versuchte es mit kühler Freundlichkeit.

»Keine Zeit«, sagte er spöttisch. »Stimmt. Du hast wirklich keine Zeit, wenn du die Story für die Morgenausgabe fertig bekommen willst.«

Er griff nach dem Tonbandgerät, und sie ahnte mehr als sie wusste, dass er das Interview mit dem Krankenhaus löschte.

»Hör mal zu, Holger«, begann sie. »Ich habe nicht um den Job gebeten, verstehst du? Ich brauche deine Hilfe.«

Aber von ihm, der jetzt ihr Konkurrent war, war keine Hilfe zu erwarten, ob ihr das recht war oder nicht.

Mit zitternden Händen suchte sie im Telefonbuch nach der Nummer des Krankenhauses. Ruhig und gefasst. Ruhig und gefasst, wiederholte sie, während sie die Seiten umblätterte. Sie hatten die Auflage, die Auskunft nicht mehr als nötig in Anspruch zu nehmen. Sie hatte gerade die Nummer gewählt, als Bo flötend hereinkam, seine Tasche auf das Sofa warf und ihr ein vergrößertes Foto unter die Nase hielt.

»Je t’aime.«

»Was?«

Bo zeigte auf das Foto.

»Sie sind von Je t’aime. Kennst du die Marke?«

Sie drückte auf die Gabel. Starrte das Foto an. Verwirrt, weil ihre Gedanken noch beim Krankenhaus waren.

»Das Handtuch«, sagte er freundlich. »Gute Qualität. Französisch.«

»Wo gibt es die?«

»Im Magasin«, lächelte er triumphierend. »Nur im Magasin. Meine Kusine arbeitet dort.«

10.

Die Stimmen wanden sich in- und umeinander bis hoch in die Wölbung des Kirchenschiffs. Die Domkirche von Århus war für Brahms’ Requiem wie geschaffen.

Er sang. Spürte, wie sich die innere Uniform auflöste und er er selbst wurde. Nicht der Kriminalkommissar John Wagner, sondern der Bass John Wagner. Der singende Polizist, wie er im Polizeipräsidium genannt wurde, das wusste er. Aber es war ihm egal. Nein, vielleicht nicht ganz. Nicht, wenn er den Mangel an Respekt seitens der jungen Beamten spürte, aber das gab sich schnell. Anfangs begriffen sie nicht, dass man trotzdem tatkräftig und hart sein konnte, auch wenn man einem Hobby wie dem Singen in einem Chor nachging, sodass er hin und wieder ein Exempel statuieren musste. Sie verstanden nicht, dass es eine Stärke und keine Schwäche war, einen Ort zu haben, eine Insel für die Gefühle. Dass es ihn zu dem machte, der er war. Zu dem, der die Verantwortung trug und der sich nicht drückte. Der all das in einem Kasten verschließen konnte, dessen Existenz sie oft leugneten. So gewaltsam leugneten, dass sie die Abgestumpftheit an den Tag legten, die die Leute nur allzu oft mit der Polizei in Verbindung brachten.

»Selig sind, die da Leid tragen«, sang der Chor, und die Soprane waren hell und rein und versprachen himmlische Seligkeit mit Posaunen und Engeln. Die Mittelstimmen waren die tragenden und gaben Fülle, und die Bässe bildeten den Grund, während der Dirigent Blumen in der Luft zeichnete.

Er formte die Worte; mischte seine Stimme mit den Sopranen, Altstimmen und Tenören, sodass der Klang voll und schwebend wurde, sich des Raums bemächtigte und ihn forttrug.

Selig sind, die da Leid tragen.

Er ließ die Worte aus seinem Mund strömen und dachte an Nina. Spürte, wie seine Brust sich zusammenschnürte, dass es zugleich weh und gut tat. Es war jetzt ein halbes Jahr her, und er trauerte noch immer, das wusste er. Nicht nach außen hin. Aber in seinem Inneren. Ganz tief drinnen, wo nur die Musik hingelangte. Dieses zähe, dichte Requiem, das sie zu Weihnachten aufführen wollten und das ihn vom ersten Probentag an begleitete. Dessen Worte in diesen Tagen in ihm lebten. Tag und Nacht.

Nicht dass er Zeit hatte, zu allen Proben zu erscheinen, natürlich nicht. Hin und wieder hatte die Arbeit ihn auch an den Abenden gefordert, und außerdem war da Alexander. Was das anging, war es ein Geschenk, eine Schwester zu haben, die ein wenig weiter die Straße hinunter wohnte und einen Sohn im gleichen Alter hatte. Er wusste wirklich nicht, was er in den letzten Jahren ohne Hanne gemacht hätte.

Der Dirigent ließ die Arme sinken. Wandte sich an die Soprane.

»Hier brauchen wir einen fast überirdischen Klang. Piano pianissimo, steht da. Wie von einem Engelschor«, sagte er bildhaft. »Wir fangen bei E an.«

Die hellen Stimmen sangen. Sie hatten acht Soprane, ganz unterschiedlich im Charakter, aber jeder mit seiner ihm eigenen Stärke. Besonders ein Sopran war ihm aufgefallen. Nicht dass er die Frau kannte. Er hatte erst vor ein paar Monaten wieder im Chor zu singen begonnen, nach der Pause nach Ninas Krankheit. Aber sie und ihre Stimme hatten etwas so Reines, Zartes, dass es ihn mitten ins Herz traf.

»Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.

Selig sind, die da Sorge tragen, denn sie sollen Trost finden.«

Er hoffte, dass das stimmte. Wusste in seinem tiefsten Inneren, dass eines Tages der Punkt kommen würde, wo die Trauer nachließ. Sie würde immer da sein, in gleichem Umfang, aber vielleicht mit ein wenig mehr Freude durchsetzt. Ein wenig mehr Leichtigkeit, wie wenn die Soprane sangen und das Dunkel sich lichtete.

Zumindest hatte er die Musik, die ein Trost in sich war. Eine Stärke. Und die konnte vonnöten sein, auch wenn er an all das andere dachte. Das, was in den letzten Tagen auf seinem Schreibtisch gelandet war, und das ausreichte, um jeden verantwortungsbewussten Polizisten zu stressen. Das Rätsel um das Kind auf dem Fluss und jetzt das Problem auf der Entbindungsstation des Krankenhauses.

Er seufzte. Hin und wieder war es gar nicht so einfach, den Glauben an das Gute nicht zu verlieren.

Nach der Arbeit mit den Sopranen, die jetzt wie ein Engelschor klangen, unterbrach der Dirigent die Probe.

»Eine Viertelstunde Pause«, verkündete er. »Es gibt Thermoskannen mit Tee und Kaffee. Und Iben hat Kuchen gebacken, soll ich sagen und grüßen.«

Die Leute stellten sich an. Unterhielten sich. Vielleicht sprachen sie so leise, weil sie sich in einer Kirche befanden.

»Hallo, John«, sagte jemand neben ihm, der auch zu den Tenören gehörte. »Ich hätte nicht gedacht, dass du heute Zeit hast. Nach allem, was in der Stadt passiert ist.«

Wagner sah ihn von der Seite an.

»Es war auch nicht leicht, mich frei zu machen. Aber es gibt andere gute Hände, die sich in der Zwischenzeit der Sache annehmen können.«

Er sagte das in der Gewissheit, den größten Teil der Nacht mit dem Lesen von Protokollen und dem Zermartern seines Gehirns zu verbringen. So war es in der Regel, wenn ein neuer Fall brannte. Man konnte ihn nie ganz loslassen.

Der Sangesbruder nickte verständnisvoll.

»Hässliche Geschichte, das mit dem Krankenhaus.«

Wagner nickte zurück. Äußerte sich nicht weiter dazu. Es entsprach nicht seiner Natur, mehr als notwendig zu sagen, und außerhalb der Arbeitszeit sprach er in der Regel nicht über die Fälle. Das wusste der Tenor gut, aber er fuhr trotzdem fort.

»Meine Frau hat vor einem halben Jahr ein Kind zur Welt gebracht. Ich kann dir sagen, dass ihr ganz komisch wurde, als sie das gehört hat. Da läuft es einem wirklich kalt den Rücken herunter. Und dann hier. In unserer Stadt. Das muss man sich einmal vorstellen.«

Sie waren bei den Thermoskannen angelangt, und Wagner goss Kaffee in seine und die Tasse des Sangesbruders. Er nahm sich ein Stück Kuchen und setzte sich auf eine Kirchenbank, ein wenig von der restlichen Versammlung entfernt, die leise summte. Normalerweise war er ziemlich sozial, aber heute brauchte er Zeit zum Nachdenken. Vielleicht hätte er gar nicht kommen sollen. Plötzlich schien ernsthaft eine Scheidelinie zwischen Bürgern und Polizei entstanden zu sein. In der Luft schien eine Erwartung zu liegen, die er sonst nur selten spürte.

Das Interesse der Leute war neu, denn so oft interessierte sich sonst niemand für seine Arbeit. Aber die Ereignisse der letzten Tage hatten etwas in Gang gesetzt, und vor Probenbeginn hatten ihn viele nach dem Stand der Ermittlungen gefragt.

Er brach ein Stück von dem Kuchen ab und schnupperte. Er duftete nach Rosinen und Sukkade und erinnerte ihn an Weihnachten, obwohl der Oktober gerade erst begonnen hatte.

Seltsam, wie der Charakter eines Verbrechens Auswirkungen auf die Reaktionen der Menschen hatte, dachte er, während er kaute. Natürlich waren die Reaktionen auf einen Mord von dessen Motiv oder dem Fehlen desselben abhängig. Aber das war nichts gegen das hier; gegen das Kind auf dem Fluss und den Grafittimaler im Krankenhaus, wie die Presse ihn getauft hatte. Oder sie natürlich, denn es konnte genauso gut eine Frau sein. Die beiden Ereignisse schienen die ganze Stadt zu bewegen. Leute hielten ihn auf der Straße an und kamen mit Kommentaren, die mehr oder minder gut durchdacht waren und manchmal einen Ansatz von Fremdenhass in sich trugen, obwohl niemand irgendetwas wusste. Seine erwachsene Tochter, die gerade schwanger war, hatte ihm anvertraut, dass sie es nicht wagte, in dem Krankenhaus zu entbinden, und sich für eine Hausgeburt entschieden hatte. Und eine erfahrene Kollegin auf dem Präsidium hatte plötzlich zu weinen begonnen und mit brüchiger Stimme gefragt, ob die Welt denn total verrückt geworden sei. Ob das Böse langsam die Oberhand gewinne. Ihr Sohn war am 11. September in New York gewesen und hatte gesehen, wie das World Trade Center in sich zusammenfiel, und zwei Tage lang hatte sie nicht gewusst, ob er noch lebte, weil das Telefonnetz von New York zusammengebrochen war. Und jetzt setzten Frauen ihre Kinder auf dem Århus aus, und jemand schrieb Neugeborenen stirb auf die Stirn. Was würde als Nächstes kommen?

Im Präsidium waren sie mit Reaktionen und Hinweisen überschwemmt worden. Nicht dass sie irgendetwas davon brauchen konnten. So war es immer. Die meisten Hinweise dazu, was die Leute gehört oder gesehen hatten, erwiesen sich bei näherer Überprüfung als unbrauchbar. Faktisch hatten sie den ganzen Tag über nur einen Hinweis bekommen, der vielleicht zu irgendetwas führen konnte. Er war von einer Journalistin gekommen, und genau besehen, hätten sie im Präsidium selbst darauf kommen müssen.

Er spülte mit Kaffee nach, während die anderen sich im Raum verteilten. In einer Ecke saßen drei Altstimmen und diskutierten etwas in den Noten. Hin und wieder schlug jemand vor, wie die Phrasierung sein sollte, und die Stimme erklang im Raum. In einer anderen Ecke standen drei Tenöre und sprachen mit gedämpften Stimmen, während sie die Kalkmalereien studierten, die vor kurzem freigelegt worden waren.

Er dachte an die Journalistin. Sie war neu. Mit den Jahren hatte er viele Journalisten kennen gelernt; einige besser als andere. Jede Zeitung und jeder Fernsehsender hatten feste Kriminalreporter, in der Regel Männer. Entweder waren sie alte Hasen und wussten genau, wonach sie fragen mussten und was sie nicht fragen durften, und das Resultat ihrer Arbeit war in der Regel ordentlich, aber vorhersehbar. Oder es waren junge Männer; vor allem frisch ausgebildete Journalisten, die alles taten, um Platz auf der Titelseite zu bekommen. Eifrig und draufgängerisch, aber auch ein bisschen blutrünstig. Solche, die eine Geschichte lieber etwas grausamer und blutiger darstellten, anstatt das Menschliche in den Mittelpunkt zu rücken.

Und dann war da die Neue. Die etwas unsichere und unorthodoxe Dicte Svendsen mit dem wuscheligen Haar und der kleinen Narbe auf der Lippe, die sie ein wenig vernachlässigt aussehen ließ. Als hätte irgendjemand, sicher sie selbst, vergessen, dass sie eigentlich recht hübsch war. Nicht im konventionellen Sinn, aber trotzdem. Als wäre sie lange Zeit zu beschäftigt gewesen, um in den Spiegel zu sehen und ihren graublauen Augen zu begegnen, die an die eines wachsamen Tieres erinnerten. Gar nicht zu reden von der konstanten Bewegung, mit der sie sich sanft die Haare aus den Augen strich, nur damit sie schnell wieder zurückfielen.

Sie war an diesem Nachmittag, wie verabredet, im Präsidium erschienen. Ohne Tonbandgerät, was ungewöhnlich war.

»Ich rufe Sie lieber an und lese es Ihnen vor«, hatte sie gesagt.

Er hätte sich beinahe vor Überraschung auf seinen Stuhl fallen lassen. Es war selten, dass Journalisten von sich aus vorschlugen, ihm den Artikel zu zeigen, bevor er gedruckt wurde.

»So vermeiden wir Missverständnisse«, hatte sie ihr Vorhaben bekräftigt und sich mit dem Block auf dem Schoß ein wenig nach vorn gebeugt.

Sie wirkte sehr offen, dachte er. Gerade heraus. Oder sie wollte so wirken, verbarg möglicherweise etwas. Er war sich nicht sicher.

»Wie gesagt. Ich soll für die Morgenausgabe einen Artikel über die Ereignisse im Krankenhaus schreiben. Meine Freundin hat das Kind mit dem Graffito auf der Stirn gefunden. Das sage ich Ihnen gleich vorab.«

Auch das überraschte ihn. Viele andere Journalisten hätten diese Information für sich behalten, um sie bei dem folgenden Interview als Überraschungsmoment aus dem Ärmel zu ziehen.

»Und dann habe ich etwas, das Sie vielleicht brauchen können. Wenn Sie es nicht bereits wissen.«

Er spitzte die Ohren. Hatte aus irgendeinem Grund Vertrauen, dass sie ihm keinen Unsinn erzählen würde. Dass es wichtig sein könnte, wenn sie es für wichtig hielt.

Sie saßen in seinem Büro. Sie hatte ein Mineralwasser bekommen, nach dem sie jetzt vorsichtig die Hand ausstreckte, um etwas in ihr Glas einzuschenken, das nicht ganz klar war. Er machte sich im Kopf eine Notiz, dass die Spülmaschine Salz brauchte. Er musste daran denken, in der Küche Bescheid zu sagen. Man musste sich aber auch um alles selbst kümmern.

»Das Handtuch, in das das Kind gewickelt war«, sagte sie. »Jedenfalls eines davon. Es ist wahrscheinlich im Magasin gekauft worden.«

Er wusste, dass er sie anglotzte. Dass sie deutlich sehen konnte, wie die Information ihn überraschte.

»Woher wissen Sie das?«

Sie erzählte es ihm. Und innerlich verfluchte er seine Leute, dass sie diesem Aspekt des Falles nicht nachgegangen waren. Oder zumindest hatte man ihm nichts davon gesagt.

Anschließend hatte sie ihn zu den Vorkommnissen im Krankenhaus interviewt, und er musste zugeben, dass er ihr vielleicht mehr Informationen gegeben hatte, als er es normalerweise tat. War das dumm? In der Regel sagte er Journalisten nie mehr als nötig. Eher ein bisschen weniger. Niemandem, genau genommen, denn fünfundzwanzig Dienstjahre hatten ihn gelehrt, seine natürliche Wortkargheit zu pflegen. Aber es war ein wenig wie mit der Musik. Als entlockte sie ihm etwas, das sonst unter Verschluss blieb.

Er trank den letzten Schluck Kaffee und stand von der harten Kirchenbank auf. Versprach sich, das nächste Mal vorsichtiger zu sein.

Sein Blick fiel zufällig auf die blonde Sopranistin, die ein wenig abseits allein auf einer Treppe saß und leise übte. Halbschwedin, wie er gehört hatte. Jetzt blickte sie auf, und ein Paar verwunderte blaue Augen begegneten seinen. Als würde sie erst jetzt seiner gewahr, obwohl sie zusammen im Chor sangen und natürlich ein paar Worte über dies und das miteinander gewechselt hatten. Als würde sie begreifen, dass er etwas anderes war als ein Mann mit einer Singstimme.

Sie lächelte vorsichtig, und er nickte ihr zu und versuchte sich an einem Lächeln, das ein wenig streng ausfiel. Das hatte mit seiner Arbeit zu tun, das wusste er. Er sollte sich daran gewöhnen, hin und wieder ein wenig er selbst zu sein.

»Wann ist es so weit?«, fragte er, als er in ihrer Hörweite war.

Unwillkürlich griff sie nach ihrem schwangeren Bauch. Sie war schön, fand er. Mit dem langen, bis zur Taille reichenden blonden Haar und den reinen Zügen glich sie einem der Engel, von denen der Dirigent so gerne sprach.

»In ungefähr drei Wochen«, sagte sie. »Noch eine Ewigkeit.«

Irgendwo im Bauch spürte er etwas Warmes und wusste, dass die Worte wahr waren. »Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.«

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9788726569629
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