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Else Ury
Die beliebtesten Jungmädelgeschichten von Else Ury
Nesthäkchen-Reihe, Die beste Freundin, Die Leseratte, Die kleine Samariterin, Fräulein Professor…
Books
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musaicumbooks@okpublishing.info 2017 OK Publishing ISBN 978-80-272-3857-6
Inhaltsverzeichnis
Nesthäkchen und ihre Puppen
Nesthäkchens erstes Schuljahr
Nesthäkchen im Kinderheim
Nesthäkchen und der Weltkrieg
Nesthäkchens Backfischzeit
Nesthäkchen fliegt aus dem Nest
Nesthäkchen und ihre Küken
Nesthäkchens Jüngste
Nesthäkchen und ihre Enkel
Nesthäkchen im weißen Haar
Huschelchen
Lotte Naseweis
Die beiden Ilsen
Frau Hitt
Kinderhirtin
Der Hertasee
Studierte Mädel von heute
Goldblondchen
Baumeisters Rangen
Vierzehn Jahr' und sieben Wochen
Kommerzienrats Olly
Das graue Haus
Dornröschen
Lillis Weg
Das Rosenhäusel
Wie einst im Mai
Was das Sonntagskind erlauscht
Babys erstes Geschichtenbuch
Wir Mädels aus Nord und Süd
Nesthäkchen und ihre Puppen
Inhaltsverzeichnis
1. Kapitel Puppenmütterchen
2. Kapitel Was der Osterhase bringt
3. Kapitel Wie es Puppe Gerda bei Nesthäkchen gefiel
4. Kapitel Wir reisen nach Amerika – hurra!
5. Kapitel Nesthäkchen macht schlechtes Wetter
6. Kapitel Maikäfer, fliege
7. Kapitel »Herr Doktor, mein Kind ist so krank!«
8. Kapitel Dudel-Dudel-Leierkasten
9. Kapitel »Morgen wird gefegt!«
10. Kapitel Der Mohrenkopf
11. Kapitel Knabber – knabber – Mäuschen
12. Kapitel Schiffer-Lenchen
13. Kapitel Nesthäkchen geht auf Reisen
14. Kapitel Kikeriki – der Hahn ist schon wach
15. Kapitel »Kommt ein Vogel geflogen«
16. Kapitel Im Kindergarten
17. Kapitel Tap – tap – Knecht Ruprecht kommt
18. Kapitel Puppenweihnachten
19. Kapitel Die neue Schulmappe
1. Kapitel
Puppenmütterchen
Inhaltsverzeichnis
Habt ihr schon mal unser Nesthäkchen gesehen?
Es heißt Annemarie, Vater und Mutti aber rufen es meistens »Lotte«. Ein lustiges Stubsnäschen hat unser Nesthäkchen und zwei winzige Blondzöpfchen mit großen, hellblauen Schleifen. »Rattenschwänzchen« nennt Bruder Hans Annemaries Zöpfe, aber die Kleine ist ungeheuer stolz auf sie. Manchmal trägt Nesthäkchen auch rosa Haarschleifen, und die Rattenschwänzchen als niedliche, kleine Schnecken über jedes Ohr gesteckt. Doch das kann es nicht leiden, denn die alten Haarnadeln pieken. Sechs Jahre ist Annemarie vor kurzem geworden, ihre beiden Beinchen stecken in Wadenstrümpfen und hopsen meistens. Keinen Augenblick stehen sie still, geradeso wie ihr kirschrotes Mäulchen. Das schwatzt und fragt den ganzen lieben Tag, das lacht und singt, und nur ganz selten mal verzieht es sich zum Weinen.
So sieht unser Nesthäkchen aus, und wenn ihr in Berlin lebt, könnt ihr es jeden Tag mit Fräulein in den Tiergarten gehen sehen.
In einem schönen, großen Hause wohnt Klein-Annemarie, in einer langen Straße, durch die elektrische Bahnen bimmeln. Ein Gärtchen ist vor dem Hause, aber keiner darf hinein, das erlaubt der Portier nicht. Er selbst aber kann sooft darin herumspazieren, wie er nur Lust hat, das Gras schneiden, die Beete begießen und sogar das Gitter mit schöner neuer Ölfarbe anstreichen. Darum glaubt Annemarie, daß der Portier beinahe so viel ist wie der Kaiser. Und wenn sie nicht Muttis Nesthäkchen wäre, dann würde sie am allerliebsten Portier sein. Manchmal aber auch Konditor.
Zwei größere Brüder hat Annemarie, den wilden Klaus, der nur zwei Jahre älter ist als sie, und den großen Quartaner Hans, der sogar schon Latein kann. Ihr Hänschen liebt die Kleine über alles, wenn er sie auch öfters mal neckt, während es mit Kläuschen nur allzuoft Krieg gibt.
Ach, was ist das für ein schönes, warmes Nest, in dem das Nesthäkchen daheim ist. Wenn der Vater abgespannt von der Praxis nach Hause kommt, denn Annemaries Papa ist ein viel beschäftigter Arzt, und sein kleines Mädchen springt ihm jubelnd an den Hals, dann hat er alle Müdigkeit vergessen. Er lacht und scherzt mit ihr, ja, er setzt sie sogar auf seine Schultern und reitet mit dem jauchzenden Ding durch sämtliche Zimmer. Sagt Mutti dann: »Du verwöhnst unsere Lotte zu sehr, Vater, sie ist schon viel zu groß dazu«, dann drückt er seinen Liebling nur um so fester ans Herz und meint lächelnd: »Es ist doch unser Kleinstes!«
Wenn aber der Vater mal davon anfängt, daß es nun auch für Annemarie bald Zeit sei, in die Schule zu gehen, dann breitet Mutti ihre Arme um das Töchterchen und bittet: »Laß sie mir doch noch ein Weilchen zu Hause, sie ist ja so zart und doch unser Nesthäkchen!«
Ja, Nesthäkchen wird von allen Seiten ein wenig verwöhnt. Wenn Fräulein auch noch so viel zu tun hat, sie wird nicht müde, Annemies tausend Fragen zu beantworten. Dafür hat die Kleine aber auch ihr Fräulein ganz schrecklich lieb.
Hanne, die Köchin, schmunzelt über das breite, rote Gesicht, wenn Annemie ein bißchen zu ihr in die Küche herauskommt, weil sich die Hanne so ganz allein am Ende langweilen könnte. Ob das kleine Fräulein ihr auch noch so zwischen ihren Töpfen, Löffeln und Quirlen kramt, Hanne wirft Annemarie nicht raus. Dabei macht sie doch mit den beiden Jungen nicht viel Umstände und bringt sie öfters mal auf den Trab.
Auch Frida, das Stubenmädchen, läßt sich die Gesellschaft der Kleinen beim Plätten, Maschinenähen und Stubenbohnern gern gefallen.
Der gute Bruder Hans findet trotz seiner vielen Schularbeiten noch Zeit, dem Schwesterchen Schiffchen zu machen und Kreiselstöcke zu fabrizieren.
Nur Klaus meint, daß Annemie zu sehr verwöhnt wird und ist für strengere Erziehung. Aber meistens endigt diese mit einer Balgerei.
Puck, das niedliche Zwerghündchen, und Mätzchen, das zitronengelbe Vögelchen, zeigen ebenfalls eine besondere Vorliebe fürs Nesthäkchen. Puck läßt sich geduldig von ihm Ohren und Schwänzchen zausen und ist stets zu allen Spielen bereit. Mätzchen aber singt jubelnd mit der Kleinen um die Wette.
Wer aber, glaubt ihr wohl, hat Klein-Annemarie am liebsten im ganzen Hause? Vater und Mutti natürlich, und dann – alle ihre Puppen.
Die ziehen den Mund vor Freude von einem Ohr zum andern, sobald das kleine Mädchen in die Kinderstube tritt. Was ist Annemie aber auch für ein gutes Puppenmütterchen! Jedes Kind ihrer zahlreichen Puppenfamilie hat sie in ihr zärtliches Herz geschlossen.
Da ist zuerst Irenchen, das ist ihre Älteste, denn sie besitzt schon eine Schulmappe mit Schiefertafel und Heften. Irenchen macht ihrer kleinen Mama jetzt viel Sorge. Sie hat ihre schönen roten Backen verloren, seitdem Nesthäkchen ihr neulich das Gesicht mit Bimsstein abgescheuert hat. Das Puppenkind sollte zum erstenmal mit Tinte schreiben, und hatte dabei die Nase zu tief in das Schulheft gesteckt, über und über hatte sie sich mit Tinte eingeschmiert, das unbedachtsame Irenchen, und die weiße Schürze ihrer kleinen Mama dazu. Annemarie schalt auf Irenchen, und Fräulein schalt auf Annemie. Fräulein begann Annemies Tintenschürze mit Zitrone zu bearbeiten, und Annemie das Tintengesicht ihres Irenchens mit Bimsstein. Au – tat das weh! Irenchen schrie wie am Spieß. Aber energisch rubbelte Nesthäkchen weiter, denn »wer nicht hören will, muß fühlen«. Ganz blaß ist das arme Puppenkind noch davon, und Annemie meint bekümmert zu Fräulein: »Ich glaube, die Schulluft bekommt dem Kinde nicht!«
Auch um Mariannchen, das zweite Töchterchen, sorgt sich Nesthäkchen. Die Kleine hat seit einigen Tagen eine schwere Augenkrankheit und muß sicher nächstens in eine Puppenklinik. Die Schlafaugen sind fest zugeklebt und gehen nicht mehr auf. Und das schlimmste ist, daß die kleine Mama selbst die Schuld an der Krankheit trägt. Oder vielmehr Klaus, denn der hat ihr geraten, dem Kinde richtige Wimpern mit flüssigem Gummi anzukleben. Und nun sind Mariannchens Augen ganz verkleistert, oder vielmehr »vereitert«, wie der vierbeinige Doktor Puck mit bedenklichem Schwanzwedeln feststellte.
Ja, solch kleines Puppenmütterchen hat schon seine Sorgen mit soviel Jören! Der Puppenjunge Kurt ist ein furchtbar wilder Strick, kein Tisch ist ihm zu hoch, um davon herunterzuspringen. Bald zerschlägt er sich die Nase, bald hat er ein tiefes Loch im Kopf, und einen halben Fuß hat er sich auch schon abgeschlagen, der Schlingel.
Die schwarze Lolo, das Negerkind, muß wohl die Unsauberkeit und Unordentlichkeit aus ihrer Heimat Afrika mitgebracht haben. Wenn Annemarie sie eben erst sauber angezogen hat, im nächsten Augenblick hat sie sich schon wieder schmutzig gemacht. Bald verliert sie einen Schuh, bald einen Strumpf. Neulich sogar die Höschen! Mitten im Tiergarten war’s, Klein-Annemarie hat sich schrecklich geschämt, denn sehr weiß waren sie auch nicht mehr.
Am bravsten ist noch Baby. Das läßt seine Mama die ganze Nacht ruhig schlafen, höchstens am Tage schreit es mal, aber auch nur, wenn es allzusehr auf den Bauch gedrückt wird. Annemie verzieht Baby ein bißchen, na, dafür ist es ja auch ihr Nesthäkchen.
Aber trotz aller ihrer Fehler liebt Annemarie ihre Kinder wie eine richtige kleine Mama. Den ganzen Tag plagt sie sich für sie. Kaum hat sie morgens früh Irenchen in die Schule gebracht und die anderen angezogen, verlangt Baby auch schon nach seinem Fläschchen. Dann sind die Betten der Kinder zu machen, die beiden Großen schlafen in dem weißen Himmelbett, die beiden Kleinen, Lolo und Baby, im Wagen, und Kurt in der umgekippten Fußbank. Die ist wenigstens nicht so hoch, wenn er rausfällt.
Beim Aufräumen der Kinderstube hilft Nesthäkchen Fräulein fleißig; es hat einen kleinen Besen mit Schaufel und einen Schrubber nebst Eimer und Scheuertuch. Auswischen tut Annemie für ihr Leben gern. Aber Fräulein erlaubt es nicht oft, denn sie setzt die ganze Stube dabei unter Wasser, es gibt jedesmal eine Überschwemmung. Beinahe wäre neulich ihr Kurt, der sich unterm Spielschrank versteckt hatte, dabei ertrunken.
Eine reizende Puppenküche hat Klein-Annemarie, mit Kohlenkasten, Wasserleitung und Spiritusherd, aber Mittagbrot kochen kann sie ihren Kindern nur, wenn’s regnet. Die Puppen sind auch so vernünftig, bei schönem Wetter keinen Hunger zu haben. Sie wissen, daß ihre kleine Mama, wenn die Sonne scheint, in den Tiergarten spazierengehen muß. Oft nimmt Nesthäkchen eins oder zwei ihrer Kinder mit und fährt sie in dem feinen weißen Puppenwagen mit der rosa Seidendecke aus. Dann setzt sie ihnen Spinat vor, frisch gepflückt vom Rasen. Auch Kieselsteinbraten vertragen sie merkwürdig gut, wenn er auch noch so zäh ist.
Die armen Zuhausegelassenen aber werden in ihr Gärtchen, aufs Blumenbrett, gesetzt, damit sie auch ein bißchen Luft schnappen. Nur Kurt nicht, der Bengel ist zu wild und würde sicher in den Hof herunter Purzelbaum schießen.
Auch waschen und plätten muß Annemie für ihre Kleinen, ja, sie verbrennt sich sogar die Händchen dabei vor lauter Eifer. Denn das kleine Plätteisen wird auf dem Herd heiß gestellt, anders tut das Hausmütterchen es nicht.
Nächstens soll auch große Puppenschneiderei stattfanden, Annemarie hat zu ihrem Geburtstag eine allerliebste kleine Nähmaschine bekommen. Fräulein will ihr zeigen, wie man darauf näht. Dabei hat sie auch noch den Kaufmannsladen und die Mehlhandlung zu bedienen, wenn Klaus gerade keine Lust dazu hat, oder wenn sie sich beide gezankt haben.
Und Mutti will ihr Nesthäkchen doch auch ein bißchen um sich haben, wirklich, Annemarie weiß oft gar nicht, was sie von all ihren vielen Arbeiten zuerst machen soll.
Sie kann sich gar nicht denken, daß es kleine Mädchen gibt, die sich manchmal langweilen.
2. Kapitel
Was der Osterhase bringt
Inhaltsverzeichnis
Es war am Ostersonntag, ganz früh am Morgen. Golden schien die liebe Sonne vom Himmel, gerade in Nesthäkchens Kinderstube hinein.
Die Puppen lagen alle noch in festem Schlaf. Kurt schnarchte wie ein Murmeltier, und auch Lottis Fräulein schlief noch.
Nanu – die Sonne begann erstaunt zu blinzeln – was sollte denn das bedeuten?
Aus dem weißen Kinderbett in der Ecke sprang, vorsichtig nach dem schlafenden Fräulein herüberschauend, ein kleiner Hemdenmatz mit zwei blonden Rattenschwänzchen. Eins, zwei, drei, huschte er leise durch das Zimmer, geradeswegs zum Fenster, und kletterte dort behutsam auf den Kinderstuhl.
Was hatte denn Nesthäkchen bloß in aller Herrgottsfrühe schon auf den Hof hinunterzugucken? Die Portierkinder, mit denen sie gut Freund war, schliefen doch noch alle.
Die Sonne machte ein mißbilligendes Gesicht. Den Tod konnte sich das barfüßige kleine Ding ja bei seiner Frühpartie holen oder doch wenigstens einen tüchtigen Schnupfen.
Nein, das gab die liebe Sonne nicht zu, daß Klein-Annemarie an den Osterfeiertagen krank im Bette liegen mußte.
Schnell nahm sie ein paar ihrer spitzen Goldstrahlen und begann Fräulein damit unter die Nase zu krabbeln, einmal und noch einmal.
»Hatschi!« nieste Fräulein und schlug die Augen auf. Da sah sie zu ihrer Verwunderung am Fenster auf dem Kinderstuhl ein ausgekniffenes Hemdenmätzchen thronen, das Stubsnäschen gegen die Scheiben gepreßt.
»Kind – Annemie – willst du wohl gleich wieder ins Bett, es ist ja noch nicht mal sechs!« rief sie ärgerlich.
»Ach, Fräulein,« Annemarie fuhr erschreckt zusammen, »warum bist du bloß aufgewacht! Ich wollte doch so schrecklich gern mal den Osterhasen sehen, ob er auch recht viel Eier für mich hat.«
»Wenn du so unartig bist und heimlich aus dem Bett kletterst, bringt dir der Osterhase überhaupt keine Eier. Der kommt nur zu artigen Kindern. Flink zurück ins Bettchen, Annemie, daß du nicht etwa krank wirst«, mahnte Fräulein.
»Woher weiß der Osterhase denn, ob ich artig bin?« erkundigte sich das Barfüßchen.
»Er läßt es sich von allen Muttis und Fräuleins erzählen«, gähnte Fräulein.
»Hat er dich auch schon danach gefragt?«
»Ja–a–a–u–uh«, Fräulein gähnte herzbrechend.
»Wann denn?« Nesthäkchen spitzte die Ohren.
»Hör’ jetzt endlich mit dem ewigen Gefrage auf und gehe in dein Bett, Annemie, oder soll ich erst böse werden?«
»Nein, nein, aber mein liebstes, bestes, allersüßestes Zuckerfräulein, sag’ mir doch bloß noch, wann der Osterhase dagewesen ist, dann gehe ich auch gleich wieder artig ins Bett«, schmeichelte die Kleine.
»Heute nacht.« Fräulein konnte den Bitten der kleinen Schmeichelkatze nicht widerstehen.
»Heute nacht, da hast du wohl mit ihm aus dem Schlaf gesprochen, Fräulein?« verwunderte sich die Kleine.
Aber als Annemie jetzt endlich den Rückzug in ihr Bettchen antreten wollte, da jauchzte sie plötzlich laut auf, daß sämtliche Puppen entsetzt aus dem Schlaf hochfuhren, und Kurt vor Schreck fast aus seiner Fußbank gekegelt wäre.
»Fräulein, der Osterhase, da ist er, ganz deutlich habe ich ihn gesehen.« Die Kleine wies aufgeregt aus dem Fenster. Schwarz war er, und einen langen Schwanz hat er gehabt, und mit einem Satz ist er drüben über das Dach gesprungen.«
»Du Schäfchen, das war sicher der schwarze Kater von unserm Portier.« Jetzt mußte Fräulein doch lachen.
»Der Kater – bewahre – das war der Osterhase!« Annemie ließ sich so leicht nicht etwas ausreden. Auch als sie wieder im Bett lag und ihre Blauaugen gerade müde zuklappen wollten, murmelte sie noch im Einschlafen: »Und es war doch der Osterhase!«
Ein Weilchen darauf spähte die liebe Sonne aufs neue in die Kinderstube hinein, ob dort nun endlich Ruhe herrschte. Da schlief die ganze Gesellschaft wieder, und der richtige Osterhase konnte, unbeobachtet von neugierigen Kinderaugen, all seine Schokoladen-und Marzipaneier verstecken.
Das war eine schwierige Sache für Fräulein, heute Nesthäkchen anzukleiden. Sehr still hielt der kleine Wildfang ja niemals, aber heute war die Annemarie in allen vier Ecken der Kinderstube zu gleicher Zeit. Am Ende hatte Fräulein bloß nicht aufgepaßt, und der Osterhase hatte doch ein paar Eier ins Kinderzimmer gelegt.
Während Fräulein ihr die blonden Kraushärchen entwirrte, was niemals eine sehr angenehme Aufgabe war, entwischte sie ihr dreimal.
Wutsch – war sie in dem Schuhschrank drin, wo sie sämtliche Schuhe und Stiefel nach Ostereiern durchstöberte. Fräulein mit Kamm und Bürste hinterdrein.
Dann, als das erste Zöpfchen halb geflochten war, fiel es Annemie plötzlich ein, sicher würde sich etwas in der Puppenküche finden. Heidi – kramte sie auch schon dort das Unterste zu oberst, Fräulein mit Kamm und Bürste hinterdrein.
Aber als die Kleine plötzlich, gerade da die große, hellblaue Schleife das zweite Zöpfchen schmücken sollte, hast du nicht gesehen, auf den großen Tisch kletterte, um auf den Ofen nach Ostereiern zu spähen, da konnte Fräulein mit Kamm und Bürste nicht hinterdrein. Auf den Tisch konnte sie unmöglich klettern. Sie machte ein unzufriedenes Gesicht, bis Annemie sich ihrem Fräulein mit Küssen und Streicheln an den Hals hängte und versprach, sich nun aber wirklich ganz artig anziehen zu lassen. Das tat sie auch, denn so klein sie auch war, das wußte die Annemarie: Was man verspricht, muß man halten!
»Na, endlich ausgeschlafen, Lotte?« begrüßte sie der Vater, als Nesthäkchen am Kaffeetisch erschien.
»Ach, Vatchen, ich habe heute morgen schon den Osterhasen übers Dach springen sehen«, erzählte Annemarie eifrig.
»So?« fragte der Vater ernsthaft.
Der vorlaute Klaus aber rief: »Es gibt ja gar keinen Osterhasen, bist du noch ein dämliches Ding, nur ganz gewöhnliche Hasen gibt es.«
»Das ist nicht wahr, du lügst!« begehrte das Schwesterchen auf.
So etwas wollte sich der Klaus nun wieder nicht sagen lassen, er griff nach Annemies frisch geflochtenen Zöpfchen, und es wäre an dem schönen Ostersonntag wohl zu einer regelrechten Schlacht gekommen, wenn Mutti nicht gerade das Zimmer betreten hätte.
»Ei, Kinder, ist das unser Feiertagsfrieden?« fragte sie vorwurfsvoll.
Da ließen die kleinen Kampfhähne beschämt voneinander ab, und Nesthäkchen sprang zu Mutti, um sich ihren Gutenmorgenkuß zu holen.
Gibt es wohl noch etwas Schwereres im Leben, als zwei große Tassen Kakao austrinken zu müssen, während man ganz genau weiß, daß im Nebenzimmer die schönsten Ostereier auf einen warten?
Endlich – endlich war die Tasse leer, und nun war Klein-Annemarie auch nicht mehr zu halten.
»Mutti, dürfen wir jetzt – bitte, bitte, laß uns gleich Ostereier suchen!«
Und kaum hatte Mutti der kleinen Ungeduld nur ein ganz klein wenig zugenickt, bautz – da lag Nesthäkchen auch schon der Länge nach drin im Wohnzimmer unterm Sofa und strampelte vor Aufregung mit beiden Beinen.
»Hurra – hurra, drei Stück, halt, dort unterm Notenschrank ein ganz großes, da – unter der Blumentreppe wieder eins!« Annemarie blieb in einem Jubel. »Nein, Klaus, das hier habe ich zuerst gesehen, das gehört mir!« Diesmal ging es ohne Kampf zwischen den beiden ab, aber nur, weil der große Hans inzwischen eifrig weitersuchte, und dem wollten die zwei doch nicht alle andern Eier überlassen.
Gerade als Annemie ein wunderhübsches grünes Nest mit kleinen Marzipanküken bewunderte, bei dessen Auffinden der gute Vater ein wenig geholfen hatte, und als er ihr vorlas, daß auf dem angehefteten Zettelchen stand: »Für unser Nesthäkchen«, hörte man nebenan einen lauten Krach.
Klirr – da lag Muttis schöne Vase in Scherben. Der ungestüme Klaus war mit dem Kopf dagegengestoßen. Zur Strafe wurde er vom Ostereiersuchen ausgeschlossen und in sein Zimmer geschickt.
Nesthäkchen aber dachte heimlich: »Sicher hat der Osterhase das so eingerichtet, weil Klaus gesagt hat, daß es gar keinen gibt.«
Doch Annemie hatte jetzt lange nicht mehr die Freude an dem lustigen Suchen wie vorher, obgleich sie noch so viele schöne Eier fand, sogar eins mit Murmeln und eins mit Puppentäßchen gefüllt. Sie mußte immerfort daran denken, wie traurig der arme Klaus jetzt wohl im Jungenzimmer sitzen mochte. Er tat ihr ganz schrecklich leid, trotzdem er doch stets mit ihr Streit anfing.
Als kein Winkelchen mehr undurchstöbert war, und Annemarie in ihrem Körbchen fünfzehn Ostereier zählte, eine ganze Mandel, wie Fräulein sagte, schlich sie sich heimlich in das Jungenzimmer.
Klaus saß an seinem Arbeitspult und hatte die Fäuste in beide Augen gebohrt.
»Kläuschen,« die Kleine kam schüchtern näher, »sieh mal, wieviel Ostereier ich habe, da, suche dir welche davon aus, weil ich doch solche Menge gefunden habe.«
Der Junge sah erstaunt auf. Zuerst glaubte er, Annemie mache nur Spaß, aber als das gute Schwesterchen ihm wirklich ihr Körbchen hinhielt, nahm er sich das Ei mit den Murmeln heraus und streichelte Annemies rundes Gesichtchen.
»Du bist ein guter Kerl!« sagte er dabei.
Nun erst hatte Nesthäkchen volle Freude an den Gaben des Osterhasen, weil auch Klaus sich freuen konnte. Jubelnd tanzte das kleine Mädchen durch die ganze Wohnung.
»Hanne, ich habe eine ganze Mandel Ostereier gefunden!« so klang es zur Küchentür hinein, und im nächsten Augenblick sprang Annemie der mit dem Besen vorüberfegenden Frida huckepack auf den Rücken: »Fridachen, wenn Sie mich ein bißchen mit der Teppichmaschine auskehren lassen, schenke ich Ihnen eins von meinen fünfzehn Ostereiern.«
Aber sie hatte keine Zeit mehr, Fridas Antwort abzuwarten, denn Puck mußte doch erfahren, daß sie zehn Schokoladeneier, vier aus Marzipan, eins mit Puppentäßchen, und dazu noch das süße Kükennest gefunden hatte. War der arme Wicht doch schon den ganzen Morgen aus dem Zimmer gesperrt worden, damit er nicht auf eigene Faust Ostereier suchen sollte und sie am Ende gar belecken.
»Puckchen, sieh mal, was ich hier habe.« Lachend kauerte Annemarie sich zur Erde und wies dem Hündchen ihre süßen Schätze. Aber Nesthäkchens Lachen wandelte sich plötzlich in Weinen, denn der undankbare Puck begnügte sich nicht mit Anschauen – schnapp – hatte er das größte Schokoladenei im Maul und verkroch sich damit unters Sofa.
»Du abscheulicher Puck!« Annemie raste weinend hinter ihm her, um ihm seinen Raub wieder abzujagen.
Aber Bruder Hans, der den kühnen Diebstahl mitangesehen und sich die Seiten vor Lachen hielt, zog sie an einem Wadenstrümpfchen wieder unter dem Sofa hervor.
»Laß der Hundetöle das Osterei, Annemie, du kannst es ja jetzt doch nicht mehr essen«, tröstete er.
Doch als Nesthäkchens Tränen weiterflossen, holte der gute Hans eins von seinen eigenen Ostereiern und legte es in Schwesterchens Korb.
Nun war endlich wieder Sonnenschein bei Klein-Annemarie. Spornstreichs ging es in die Kinderstube, um den Puppen ihre Ostereier zu zeigen. Die fraßen ihr sicher nichts weg.
Da klingelte es.
Mutti hatte streng verboten, daß Annemie selbständig die Eingangstür öffnete, weil viele Patienten zum Vater kamen. Aber da das kleine Fräulein recht neugierig war, spähte es durch den Türschlitz, durch den die Briefe geworfen wurden. Da sah es denn einen dunkelgrünen Damenmantel und eine Hand mit einem silbergrauen Täschchen, das ihr merkwürdig bekannt vorkam. Und da die Hand überdies ein verheißungsvolles Paket hielt, fragte Nesthäkchen ganz leise durch die Tür:
»Wer ist da?«
»Der Osterhase«, klang es ebenso leise mit verstellter Stimme zurück.
»Frida – schnell – Frida, der Osterhase ist draußen!« Die Kleine konnte es nicht erwarten, bis die Tür geöffnet wurde.
Da stand zwar nicht der Osterhase, aber eine, die Annemie ebenso lieb war – Großmama.
»Guten Tag, mein Herzchen, warum läßt du denn den Osterhasen nicht rein?« Zärtlich hob Großmama das federleichte Dingelchen zu sich empor.
»Weil Mutti es nicht erlaubt, und du ja auch gar keiner bist«, lachte das Enkelchen.
»So – wenn ich kein Osterhase bin, dann kann ich dir wohl auch kein Osterei bringen?« Großmama versteckte scherzend das Paket auf dem Rücken.
»Ach, du bist meine liebste, beste Osterhasen-Großmama, aber nun zeige mir auch, bitte, bitte, was in dem Paket drin ist.« Annemie unterstützte ihre Bitten mit Streicheln und Küssen auf Großmamas grünem Mantel.
Aber dessen hätte es gar nicht einmal bedurft, denn wer in Nesthäkchens bettelnde Blauaugen sah, konnte nicht widerstehen, wenn er auch keine Großmama war.
Dauerte das lange, bis das dumme Papier endlich ab war. Ein großer Karton kam zum Vorschein. Halb ängstlich, halb erwartungsvoll hob Nesthäkchen den Deckel.
»Eine Puppe – eine Osterhasenpuppe, ach, ist die süß!« Annemie nahm die große Puppe, die ein weißes Osterhasenkäppchen mit rosaseidenen Ohren trug, glückstrahlend aus der Schachtel und gab ihr einen zärtlichen Willkommenskuß.
»Ich glaube, du freust dich gar nicht mit deinem neuen Töchterchen, du hast am Ende schon zuviel Kinder!« neckte Großmama, als sie Annemies Mutterglück sah.
»Ach, Großmuttchen, ich danke dir tausendmal,« jetzt endlich fand Nesthäkchen auch Zeit, an Großmama zum Dank emporzuangeln, »das ist mein aller-, allerschönstes Osterei!« Glückselig streichelte sie die roten Bäckchen, die blonden Löckchen und das weiße Stickereikleid mit der rosa Schärpe.
»Mutti, du hast ein neues Enkelchen bekommen.« Mit der einen Hand zog Annemarie Großmama ins Zimmer, mit der anderen streckte sie der Mutter das neugeborene Kind entgegen. Mutti wußte nicht, wen von beiden sie zuerst begrüßen sollte.
»Wie wird denn mein neues Urenkelchen heißen?« fragte Großmama.
»Nenne es doch Gertrud, nach Großmama«, schlug Mutti vor.
»Ach nee, Gertrud heißen doch nur alte Damen!« wandte Nesthäkchen ein.
»So nenne es Gerda!« Mutti wußte doch immer einen Ausweg.
Und dabei blieb es. Gerda wanderte auf Annemaries Arm in die Kinderstube und wurde Fräulein und sämtlichen Schwestern und Brüdern vorgestellt. In der Nacht aber durfte sie bei ihrer neuen Mama im weißen Kinderbett schlafen, da diese sich keine Minute von der Kleinen trennen wollte.
Baby war abgesetzt – und Gerda war von nun an Annemies Nesthäkchen.
3. Kapitel
Wie es Puppe Gerda bei Nesthäkchen gefiel
Inhaltsverzeichnis
Als Gerda, das Puppenkind, am nächsten Morgen ihre Schlafaugen aufschlug, schlief ihre neue kleine Mama noch. Neugierig sah Gerda sich ihr Mütterchen näher an. Mit roten Bäckchen lag es auf dem stickereibesetzten Kissen und lachte im Schlaf. Gewiß träumte es von dem neuen Kinde. Die hübsche kleine Mama gefiel dem Puppenkinde sehr, sicher würde sie es gut bei ihr haben. Gerda nahm sich vor, immer brav zu sein und Annemie nie zu ärgern. Dann aber faltete sie ihre Zelluloidhände und flüsterte: »Lieber Gott, ich danke dir, daß du mich zu einem so guten Mütterchen gebracht hast!«
Klein-Annemarie schlief noch immer, und Puppe Gerda begann sich allmählich zu langweilen.
Surr – surr – da summte eine Fliege über dem Kinderbett und setzte sich der Puppe gerade auf die Nase.
»Surr – surr – wie kommen Sie denn hierher, Fräulein?« begann die Fliege die Unterhaltung. »Ich wohne doch schon schrecklich lange, zwei ganze Tage, in der Kinderstube, aber Sie habe ich hier noch nicht erblickt.«
»Ich bin erst gestern hier eingezogen«, antwortete die Puppe schüchtern und schielte herzklopfend auf ihre Nase. Denn sie hatte in ihrem Leben noch niemals eine Fliege gesehen.
»Surr – surr – wo haben Sie denn früher gewohnt?« erkundigte sich die Fliege.
»In einer großen Pappschachtel, aber da war es lange nicht so hübsch wie hier. Stockdunkel war es darin, und die Luft war auch nicht besonders«, erzählte Puppe Gerda ein wenig zutraulicher. Und da sie sah, daß die Fliege es gut mit ihr meinte, setzte sie noch hinzu: »Ich habe es doch fein getroffen, daß ich hierher gekommen bin, nicht?«
»Sum – sum«, sagte die Fliege mal zur Abwechslung, legte eins der dünnen Vorderbeinchen an die Stirn und dachte nach. »Ja, es sind recht anständige Leute, sie geizen nicht mit Zuckerkrümelchen und hängen an die Kronen keine heimtückischen Leimbänder, an denen wir armen Fliegen zappelnd unser Leben lassen müssen. Sum – sum.«
»Nicht wahr, die kleine Annemarie ist gut?« fragte die Puppe, denn das lag ihr mehr am Herzen als Zuckerkrümel und Leimbänder.
»Freilich,« surrte es zurück, »die Annemie tut keiner Fliege etwas zuleide. Aber der Klaus, ihr älterer Bruder, vor dem nehmen Sie sich in acht, Fräulein. Das ist der gefährlichste Mensch, den ich kenne. Wenn der Sie mal fängt, quetscht er Sie zu Apfelmus, oder er reißt Ihnen mindestens ein Bein aus. Mit meiner guten, alten Tante hat er’s gerade so gemacht, der Tunichtgut!«
»Ich werde ihm möglichst aus dem Wege gehen«, nahm sich die Puppe furchtsam vor. »Doch ich sah gestern abend noch einen jungen Herrn, treibt der’s auch so schlimm?«
»Sum – sum – wie man’s nimmt! Ganz so arg ist der Hans wohl nicht. Aber er hat manchmal eine große, bauchige Glasflasche in der Hand, damit rückt er uns armen Fliegen zu Leibe. Spiritus ist darin, der steigt uns so zu Kopf, daß wir geradeswegs in die große Flasche hineinfliegen müssen. Und wer erst einmal drin ist, der kommt nicht wieder heraus, elendiglich muß er in dem Spiritus ersaufen! Hüten Sie sich vor der Fliegenflasche, Fräulein, surr – surr!« Die Fliege summte so laut vor Empörung, daß Nesthäkchen sich zu bewegen begann.
Husch – war das Fliegchen auf und davon und Puppe Gerdas Nase leer.
Annemarie aber streckte sich und reckte sich, und dann schlug sie endlich die Augen auf.
Gerade als Puppe Gerda überlegte, ob es nicht das gescheiteste wäre, vor den bösen großen Brüdern Reißaus zu nehmen und davonzulaufen, ehe Annemie noch erwachte, fühlte sie sich von zwei weichen Kinderarmen innig umschlungen. Ein rotes Mündchen preßte sich auf den ihren, und ein warmes Herzchen pochte gegen ihren kalten Zelluloidkörper. So lieb und zärtlich, daß alle Angst vor dem fürchterlichen Klaus und vor der großen Fliegenflasche bei Gerda verflog. Wohl behütet und geborgen fühlte sich Puppe Gerda bei ihrem Mütterchen.
»Guten Morgen, mein einziges Gerdachen – hat mein Nesthäkchen denn auch schön geschlafen?« klang es ihr liebevoll entgegen.
Die Puppe nickte, denn ihr Kopf war mit Gummischnur befestigt.
»Wollen wir uns denn nun anziehen und süße Zuckermilch trinken?« fragte das sorgsame Mütterchen weiter.
Puppe Gerda lächelte erfreut. Sie hatte schon großen Durst, und Zuckermilch war ihr Leibgericht. Aber vorläufig mußte sie sich noch etwas gedulden. Denn Fräulein trat ins Zimmer, um erst mal Annemarie aufzunehmen.
Die schnitt ein Gesicht. Das dumme Anziehen – sie hatte sich so darauf gefreut, noch ein bißchen mit ihrer Gerda im Bett zu spielen.
Da neigte sich Fräulein zu ihr herab und flüsterte ihr etwas ins Ohr.
Das kleine Mädchen wurde rot und sah verlegen auf ihr Puppenkind.
Hatte es Gerda auch bloß nicht gehört, was Fräulein soeben gesagt hatte? Ob sie sich denn gar nicht vor ihrem neuen Kinde schäme, und daß sie jetzt immer sehr artig und gehorsam sein müsse, um ihrer Gerda ein gutes Beispiel zu geben.
Nein, die Puppe machte ein ganz harmloses Gesicht und sah respektvoll zu ihrer kleinen Mama auf.
Eins – zwei – drei – war die aus den Federn, Fräulein sollte sie nicht umsonst gemahnt haben. Gerda wurde in die Bettecke gegen das Stickereikissen gesetzt und durfte bei Annemies Toilette zugucken.
Und das war gut, denn Annemie nahm sich vor ihrem neuen Kinde zusammen. Das sollte doch nicht wissen, daß seine Mama noch ab und an beim Waschen schrie, wenn das Wasser mal besonders naß war. Fest biß die Kleine die Zähnchen zusammen, daß ihnen kein Laut entschlüpfte, während Fräulein den großen Schwamm in Bewegung setzte und eklig rubbelte. Aber als Nesthäkchen selbst beim Kämmen nur ein einziges kleines »Au!« hören ließ, trotzdem der alte Kamm gerade heute tüchtig ziepte, schloß auch Fräulein Puppe Gerda in ihr Herz. Denn die ganz allein hatte das Wunder zuwege gebracht.
Gerda mochte sich von ihrer kleinen Mama nun auch nicht beschämen lassen. Als Annemarie endlich Zeit fand, sie anzukleiden, biß auch sie ihre niedlichen Porzellanzähnchen fest zusammen. Denn Annemie rubbelte noch viel ekliger als Fräulein und riß noch viel toller an den goldblonden Flachshärchen. Aber nein – nur nicht schreien, was hätten denn auch die anderen Puppen bloß von ihr gedacht!
Die waren dem neuen Ankömmling sowieso nicht sehr freundlich gesinnt.
»Ich will angezogen werden, ich muß in die Schule, sonst kriege ich einen Tadel!« rief Irenchen schon zum drittenmal hinter der weißen Mullgardine ihres Himmelbettes hervor. Aber die Kleine hatte heute nur Auge und Ohr für ihre Gerda.
»Annemie hat mir heute noch gar keinen Umschlag auf meine schlimmen Augen gemacht, trotzdem Doktor Puck es verordnet hat«, jammerte auch Mariannchen.
»Ja, sie hat sich heute überhaupt noch nicht um uns gekümmert, aber den Zieraff mit dem blonden Flachskopf, der erst gestern gekommen ist, küßt sie in einemfort«, berichtete Irenchen, durch die weiße Mullgardine lugend, eifersüchtig. »Dabei habe ich doch viel schönere und vor allem ganz echte Zöpfe.«
»Wie sieht denn die Neue aus, ist sie denn wenigstens hübsch?« erkundigte sich Mariannchen angelegentlich. Gar zu gern hätte sie ihre verklebten Augen aufgemacht, um Puppe Gerda zu betrachten.
»Ich finde, sie sieht recht gewöhnlich aus«, meinte Irenchen geringschätzig.« Rote Backen hat sie wie ein Bauermädel; wenn man vornehm sein will, muß man so blaß sein wie ich!«
Auch in dem weißen Puppenwagen murrte es.
Lolo, das Negerkind, hatte mit der steifen Porzellanhand die Wagengardine ein wenig zur Seite geschoben, um besser sehen zu können.
Unerhört war das doch, da wusch und kämmte die kleine Puppenmama das Neugeborene, und sie selbst, die doch tausendmal schmutziger aussah und einen Struwwelkopf aus schwarzer Wolle hatte, sie mußte so liegen.
Aber plötzlich schrie Lolo, die ein kleines Wutteufelchen war, erbost los und trampelte sogar mit den Füßen gegen die Wagenwand.
»Meine Spitzenschürze – mein hübsches Sonntagsschürzchen bindet sie dem fremden Balg um – wirst du mir wohl meine Schürze nicht mausen!« rief sie so laut, daß auch Baby neben ihr im Steckkissen die Äuglein aufmachte und das Mündchen weinerlich verzog.
»Mama – Mama,« rief Baby, »ich will mein Fläschchen mit süßer Zuckermilch.«
Aber Klein-Annemarie hörte nicht das Weinen und Rufen ihrer Kinder. Die fütterte gerade Puppe Gerda mit der süßen Zuckermilch, die eigentlich Baby sonst bekam.
»Schmeckt es dir, mein Gerdachen?« fragte sie liebevoll und tat noch einen Löffel Zucker aus der Puppenküche zu.
Die Puppe schüttelte den Kopf.
Nein, es schmeckte ihr gar nicht, trotzdem sie Zuckermilch so gern trank, und trotzdem Annemie ihr schönstes rosa Täßchen mit Goldrand dazu genommen hatte. Wie sollte es der Gerda auch munden, da Baby unausgesetzt nach ihrer Zuckermilch schrie? Da Lolo immer noch über ihre gemauste Sonntagsschürze schimpfte, die Annemie noch dazu mit Milch bekleckert hatte. Auch Irenchen gab keine Ruhe und rief in einemfort, daß sie heute bestimmt in der Schule nachbleiben müsse. Am liebsten hätte sich Gerda die Ohren zugehalten, um all die häßlichen Worte, die ihr galten, nicht zu hören. Aber das konnte sie nicht, obgleich sie eine Gelenkpuppe war.
Sie machte sich steif und wollte nicht mehr trinken, um dem armen, durstigen Baby noch ein bißchen übrigzulassen. Aber Annemarie war eine ebenso gute wie strenge Mutter.
»Wenn du nicht austrinkst, wirst du nicht groß und stark, mein Liebling«, sagte sie in demselben bestimmten Ton, mit dem Mutti sprach, wenn sie selbst mal nicht ihren Kakao trinken wollte.
Da trank Puppe Gerda gehorsam ihr rosa Täßchen aus, aber es schmeckte ihr kein bißchen.
Und als sie jetzt in den Puppenstuhl gesetzt wurde, da ward sie auch dort ihres Lebens nicht froh. Aus der umgekippten Fußbank zu ihren Füßen hob sich ein kurzlockiger Puppenjungenkopf mit einem großen Loch, und Kurt, der Nichtsnutz, bläkte ihr die Zunge heraus, soweit er nur konnte. Aber nur, weil Annemie gerade aus dem Zimmer gegangen war, um selbst ihren Kakao zu trinken.
Da kam das kleine Mädchen zum Glück zurück, und auch Fräulein mit Annemaries blauem Matrosenmantel und weißem Hütchen. Fräulein machte Annemie zum Spazierengehen fertig, und das Puppenmütterchen setzte ihrer Gerda die Osterhasenkappe mit den rosa Ohren auf.
»Nun bist du fein, mein Liebling, nun wollen wir in den Tiergarten fahren.« Damit warf Nesthäkchen Lolo aus ihrem Puppenwagen heraus, und Baby wanderte hinterdrein auf die harte Puppenkommode. Nicht einmal, daß Babys gestrickte Windelhöschen naß waren, sah die Annemarie!
In den weißen Wagen wurde Gerda gesetzt. Sie wurde sorgsam mit der rosa Seidendecke zugedeckt und bekam Irenchens schönen roten Sonnenschirm in die Hand. Noch auf der Treppe hörte Gerda das empörte Irenchen hinter sich her schimpfen.
Da war ihr auch die Freude am Spazierengehen gestört.
Ihre kleine Mama aber schwatzte und lachte in einemfort. Die dachte mit keinem Gedanken an die armen, vernachlässigten Puppenkinder zu Hause. Sie zeigte ihrer neuen Gerda die Sehenswürdigkeiten von Berlin: Den Portier vor der Haustür, der beinah soviel war wie der Kaiser, die tutenden Autos, die Schokoladenautomaten und die goldene Puppe hoch oben auf der Siegessäule.
»Nicht wahr, es ist fein auf der Welt?« fragte sie ihre Puppe mit strahlendem Gesicht.
Die lächelte gezwungen.
O ja, es konnte einem schon gefallen, wenn nur die übrigen Puppen nicht so häßlich zu ihr gewesen wären!
»Ei, Annemie, hast du denn ganz vergessen, deine anderen Kinder heute in ihren Garten aus das Blumenbrett zu schicken?« fragte Fräulein, als sie wieder nach Haus gekommen waren.
»Ach, die alten,« lautete die gleichgültige Antwort, »ich habe ja jetzt ein neues, süßes Nesthäkchen!«
Das hörte Mutti, die gerade ins Kinderzimmer trat.
»Denk’ mal, Lotte,« sagte sie ernst, »wenn ich mich nicht mehr um Hans und Klaus kümmern würde, weil ich ja dich, mein Nesthäkchen, habe! Das wäre doch traurig für die beiden, nicht?«
Die Kleine nickte und wurde rot. Dann griff sie stillschweigend nach ihren alten Puppen und spedierte eine nach der anderen in den Garten auf das Blumenbrett hinaus, sogar Kurt, den Schlingel. Aber die rechte Liebe fehlte dabei.
Auch als nachmittags, während Annemie mit ihrer Gerda Großmama besuchte, ein Platzregen herniederprasselte, blieben die Ärmsten da draußen in dem Hundewetter, und noch dazu ohne Schirm. Erst Frida, welche die Fenster schloß, brachte die Puppen ganz durchweicht wieder in das Kinderzimmer zurück. Irenchen nieste, sie hatte sich einen tüchtigen Schnupfen geholt, Mariannchen zitterte vor Kälte, Lolo bekam Schüttelfrost, Kurt klagte über Gliederreißen, und Baby hustete.
Aber Annemie, die sonst solche gute kleine Puppenmutter gewesen, sah sich nicht einmal nach ihren kranken Kindern um. Sie mußte ja ihrem Nesthäkchen das Abendbrot bereiten. Muttis Mahnung war wieder vergessen.
Gerda allein vernahm das Niesen und Husten, das Weinen, Jammern und Schimpfen der armen Puppen.
»Die Neue muß wieder aus dem Hause – hatschi – hatschi! So’n Kiekindiewelt – so’n Dreikäsehoch!« räsonierte Irenchen. »Kaum hat sie ihre Nase hier in die Kinderstube gesteckt, da hat sie uns auch schon Annemaries Liebe gestohlen. Wir wollen sie so lange ärgern, bis sie Reißaus nimmt, die fremde Krabbe – hatschi – hatschi.«
»Ich geh’ ja ganz von selbst«, wollte Puppe Gerda traurig antworten, aber da schob ihr Annemie gerade einen Bissen Apfel in den schon geöffneten Mund.
Am Abend, als die zwei, Nesthäkchen und ihre Gerda, wieder zusammen in dem weißen Gitterbettchen lagen, wälzte sich die Puppe ruhelos hin und her. Annemie schlief längst, aber die arme Gerda fand keinen Schlummer.
Sollte sie heimlich davonlaufen, damit Klein-Annemarie sich wieder um ihre andern Kinder kümmern konnte? Ach, sie hatte ja ihr Mütterchen selbst schon so lieb, so lieb – die Trennung brach ihr fast das Herz.
Laut auf schluchzte die Puppe. Annemie regte sich.
»Warum weinst du, mein Liebling?« fragte sie im Traum.
»Ich muß wieder fort von dir«, jammerte Gerda.
»Weshalb denn bloß?« Ganz erschreckt fragte es Klein-Annemarie. »War ich schlecht zu dir, war ich liederlich mit deinen Sachen, oder habe ich dich am Ende zu sehr geziept?«
»O nein,« flüsterte die Puppe ihr ins Ohr, »du warst sehr gut gegen mich, viel zu gut! Aber du hast deine andern Kinder, die dich doch auch liebhaben, ganz über mich vergessen. Die sind traurig und schimpfen auf mich, darum ist es das beste, ich gehe wieder.« Eine Träne kullerte Gerda über das Porzellangesicht.
»Nein, nein – ich lasse dich nicht weg«, rief Annemie im Traum und preßte ihr Nesthäkchen fest ans Herz. »Ich will ja wieder gut gegen meine andern Puppen sein, Mutti hat ja auch all ihre Kinder lieb. Nur bleibe du bei mir!«
Da nickte Puppe Gerda und lächelte unter Tränen.
Und dann schliefen sie alle beide.
4. Kapitel
Wir reisen nach Amerika – hurra!
Inhaltsverzeichnis
Zwei Wochen war Puppe Gerda nun schon bei ihrer kleinen Mama, und von Tag zu Tag gefiel es ihr besser.
Annemarie hatte gehalten, was sie ihrer Puppe im Traume versprochen: sie war auch für ihre andern Kinder wieder ein gutes, treusorgendes Mütterchen geworden. Die Puppen waren voll Dankbarkeit gegen sie, und sie übertrugen diese auch auf Gerda. Ob sie das nächtliche Gespräch der beiden belauscht hatten, oder ob Puppe Gerdas Bescheidenheit und Freundlichkeit ihr das Herz der andern fünf gewonnen, darüber äußerten sie sich nicht.
So war wieder Frieden in die Kinderstube eingekehrt, alle hatten sie die gute Gerda liebgewonnen, und diese hätte ganz glücklich in ihrer neuen Heimat sein können, wenn – ja wenn es nicht einen im Hause gegeben hätte, vor dem sie ganz schreckliche Angst gehabt hätte. Das war nicht etwa Puck, trotzdem sie den kleinen Vierfüßler auch stets mißtrauisch von der Seite anblickte. Sogar, wenn er ihr die Hand leckte, um seine freundschaftliche Gesinnung kundzutun, sah sie ängstlich nach, ob er ihr auch keinen Finger abgebissen.
Das war auch nicht Bruder Hans mit der großen Fliegenflasche. Die konnte Gerda nicht bange machen, sie war ja viel, viel größer als die! Und Hans hatte sie und ihre kleine Mama neulich freundlich gestreichelt und hatte ihnen allen beiden Helme aus Zeitungspapier gemacht.
O nein, vor denen hatte Gerda keine Angst. Ihre Furcht galt einzig und allein demjenigen, vor dem die Fliege sie gleich am ersten Morgen gewarnt hatte: dem achtjährigen Klaus, dem gefährlichsten Menschen auf Erden.
Sobald der die Kinderstube betrat, hätte sich die Puppe am liebsten in den äußersten Winkel verkrochen, denn es gab jedesmal Streit und Geschrei.
Gleich der Empfang war wenig verheißungsvoll. Als Klaus die neue Puppe erblickte, verabfolgte er ihr erst als Willkommensgruß einen Nasenstüber. Darauf setzte er sie auf sein großes Schaukelpferd und ließ es in solch rasendem Galopp laufen, daß der armen Gerda Hören und Sehen verging. Sie wäre unfehlbar herabgestürzt und hätte sich das Genick gebrochen, wenn nicht ihr Mütterchen Annemarie sie mit lautem Geschrei errettet hätte.
Ein andermal war es ihr noch viel schlimmer ergangen. All seine Soldaten mit Pferden und Kanonen hatte der Bösewicht gegen das Puppenkind aufmarschieren lassen.
»Feuer!« kommandierte er mit Feldherrnstimme, die Puppe Gerda durch Mark und Bein drang. Da donnerten die Kanonen, und die Papierkugeln pfiffen dem verängstigten Puppenkind nur so um den Kopf.
»Ich bin tot – mausetot geschossen!« rief sie und verlor die Besinnung.
So fand Annemarie ihr Nesthäkchen, und ihre Küsse und Tränen brachten die Lockenpuppe wieder zu sich. Die Soldaten mit ihren fürchterlichen Kanonen waren abmarschiert, aber der Krieg war deshalb noch nicht aus. Nein, der tobte nur um so toller, und zwar zwischen Klaus und Annemarie. Mit geballten Fäusten verteidigte die Kleine ihr Puppenkind, bis Fräulein dazukam und den Störenfried Klaus aus der Kinderstube beförderte.
Nun zitterte Gerda, sobald sie nur die Stimme des wilden Jungen von ferne hörte. –
Frida machte das Wohnzimmer rein, und Annemarie half. Natürlich mußte Puppe Gerda auch dabei sein. Die saß auf dem Sofa wie eine Dame und sah zu, ob die beiden auch ihre Sache gutmachten.
Frida rieb die Fenster blank, und das kleine Mädchen klopfte mit ihrem Puppenklopfer die Sessel. Lustig tanzte der Klopfer auf den Polstern herum – bum – bum – bumbumbum – das machte Spaß! Besonders weil Gerda so bewundernd zuschaute.
Aber nach einem Weilchen fand Annemarie es noch lustiger, Fenster zu putzen wie Frida. Das nasse Leder quietschte so wunderschön auf den Scheiben.
»Bitte, Fridachen, wir wollen tauschen. Ich putze die Fenster und Sie klopfen die Möbel«, schlug die Kleine vor.
»Bewahre, Annemiechen, du fällst aus dem Fenster – denke mal, zwei Treppen hoch, da kommst du nicht lebendig unten an«, sagte das Mädchen erschrocken.
»Der Portier würde mich schon auffangen, wenn er gerade unten im Garten ist«, meinte die Kleine.
»Er ist aber nicht da«, damit ließ Frida ihr Leder weiter quietschen.
»Und der liebe Gott würde schon auf mich aufpassen, daß ich nicht rausfalle«, überlegte Annemarie weiter.
»Der liebe Gott hat soviel zu tun, der kann nicht auch noch auf jedes unvorsichtige kleine Mädchen acht haben«, sagte Frida und rieb die Scheibe blank.
»Der liebe Gott kann alles zu gleicher Zeit sehen, der hat vorn und hinten Augen, nicht wahr, Gerda?« rief die Kleine eifrig. Die Puppe nickte mit dem Kopf – ja, das war auch ihre Ansicht.
Aber daß Annemarie nicht auf das Fensterbrett klettern sollte, darin stimmte Puppe Gerda wieder mit Frida überein. Es fiel ihr ordentlich ein Zentnergewicht vom Herzen, als Frida vorschlug: »Weißt du, Annemiechen, kehre lieber den Teppich mit der Teppichmaschine ab.«
Das leuchtete auch Annemie ein. Die Teppichmaschine quiekte noch viel schöner als das Fensterleder, denn sie war lange nicht geölt.
Rrrrrr – ging es über den blauen Teppich, die Maschine rumpelte, quietschte und pfiff, und Annemie jubelte.
Rrrrrrr – zehnmal im Kreis herum, da machte die Kleine endlich halt.
»Willst du mitfahren, Gerda?« fragte sie das erwartungsvoll dasitzende Puppenkind.
Das streckte ihr beide Arme entgegen.
Eine Sekunde später saß Gerda auf dem braunen Rumpelkasten.
»Jetzt fährst du Karresell, halt’ dich fest, mein Liebling!« rief Annemie, und da ging es auch schon los.
Gerda hätte ihrer kleinen Mama gern gesagt, daß es Karussell hieß, aber sie hatte genug damit zu tun, sich festzuhalten und nicht herunterzupurzeln.
Rrrrrr – zehnmal im Kreis herum, da stand das Karussell endlich still.
»Das war fein!« Annemarie und Gerda sahen sich beide mit glänzenden Augen an.
»Wollen wir nun mal nach Amerika fahren, Gerdachen?«
Die Puppe machte ein erschrockenes Gesicht. Sie hatte Angst, seekrank zu werden.
»Ach, du fürchtest dich wohl so ganz allein auf dem großen Schiff, du Dummchen?« lachte ihr Mütterchen. »Na warte, ich hole dir Gesellschaft.« Damit war Annemarie auch schon zur Tür hinaus. Aber es dauerte nicht lange, da erschien sie wieder, in dem einen Arm Irenchen und Mariannchen, in dem andern Lolo und Kurt, und in der zusammengerafften Schürze noch das strampelnde Baby.
»So,« sagte sie, »die Herrschaften wollen alle auch mit nach Amerika fahren, bitte, nehmen Sie Platz, meine Damen. Fräulein Gerda und Fräulein Irenchen erster Klasse.« Damit setzte sie die beiden auf die eine Seite der Teppichmaschine und Lolo nebst Mariannchen auf die andere, in die zweite Klasse. Irenchen, als Älteste, bekam das Baby auf den Schoß.
»Ich bin der Herr Kapitän und du, Kurt, kannst Steuermann sein, stelle dich hier an den Mastbaum des Schiffes«, damit band Annemie den Puppenjungen mit ihrem blauen Haarband an den braunen Holzstiel der Teppichmaschine.
»Haben Sie alle Fahrkarten, meine Herrschaften? Na, denn kann die Reise ja losgehen. Der blaue Teppich ist das Meer oder vielmehr der große Ozehahn – ich habe erst gestern gehört, wie Hans das für die Geographiestunde gelernt hat«, sagte der Herr Kapitän würdevoll zu seinen Passagieren.
»Es heißt Ozean und nicht ›hahn‹, wollte Irenchen, die schon in die Schule ging und schrecklich klug war, den Herrn Kapitän belehren.
Aber da tutete das Schiff bereits – »tu–u–u–t«, die Maschine rumpelte, quiekte und pfiff, und der Herr Kapitän schrie: »Wir fahren nach Amerika – hurra!«
Mitten durch das blaue Meer ging die Reise. Das stolze Schiff schaukelte und schwankte so sehr, daß die Reisenden einer auf den andern purzelten.
»Wir reisen nach Amerika – hurra!« Der Kapitän kämpfte wacker gegen Sturm und Wogen. Frida aber stand auf der Trittleiter am Ufer, wie auf einem hohen Leuchtturm, und hielt sich die Seiten vor Lachen.
Den Passagieren drehte sich das Herz im Leibe herum bei der gefährlichen Fahrt. Gerda ward es schwarz vor den Augen, Mariannchen wurde kreuzelend, und Irenchen sah noch blasser aus als sonst, denn es war ihr schrecklich übel. Aber immer weiter ging’s – »wir reisen nach Amerika – hurra!«
»Mann über Bord!« schrie Frida plötzlich vom Leuchtturm herab, während Irenchen entsetzt die Hände hinter ihrem ins Meer gefallenen Baby herstreckte. Kurt, der mutige Steuermann, sprang, da das blaue Haarband, mit dem er festgebunden, inzwischen gerutscht war, beherzt hinterdrein. Aber der Herr Kapitän ließ sie alle beide ertrinken. Denn das gehört zu einer richtigen Reise nach Amerika.
In der Tür erschien, angelockt von dem Lachen und Jubel, neugierig Puck.
»Willst du mit nach Amerika reisen, Puckchen? Dann darfst du mein neuer Steuermann sein!« Ehe das Zwerghündchen noch »Ja« oder »Nein« hätte bellen können, hatte der Herr Kapitän es auch schon beim Wickel und auf seinen neuen Posten, an den Mastbaum, gestellt.
»Wir reisen nach Amerika – hurra!«
»Wau – wau!« blaffte der neue Steuermann wütend dazwischen, denn es dünkte ihn höchst ungemütlich auf dem schwankenden Schiff.
Puppe Gerda, die sich schon seit geraumer Zeit seekrank fühlte und die Augen, weil ihr so elend war, geschlossen hielt, blinzelte ängstlich zu dem kläffenden Steuermann hin.
»Lieber Gott, daß er mich nur nicht beißt!« flüsterte sie.
Bums – da war das Schiff gegen ein Felsenriff, den Eimer, gefahren und wäre bei einem Haar gescheitert.
Der gewissenlose Steuermann ließ seinen Posten im Stich und rettete sich mit einem erschreckten »Wau – wau« ans Ufer. Die Passagiere aber, Fräulein Gerda, Fräulein Irenchen und Mariannchen, stürzten sich kopfüber in die blauen Fluten. Nur Lolo, das Negerkind, reiste jetzt noch einsam auf dem großen Schiffe weiter nach Amerika.
Da kamen Hans und Klaus aus der Schule. Als die das Schwesterchen bei ihrem lustigen Spiel sahen, schlug Hans vor: »Komm, Annemie, ich mache dir noch ein Schiff aus Papier, das bindest du dann als Rettungsboot hinten an!«
»Ach ja, Hänschen«, jubelte Annemarie und lief hinter dem großen Bruder her.
Klaus ließ seine Augen inzwischen über die verunglückte Besatzung des Schiffes schweifen. Puppe Gerda bibberte schon an allen Gliedern, weil sie den gefährlichen Klaus nur im Zimmer wußte. Wie aber wurde ihr erst zumute, als sie sich von tintenbeschmierten Jungenhänden plötzlich roh am Arm emporgezerrt fühlte!
»Himmel, jetzt murkst er mich ab!« dachte sie herzklopfend.
Die Leiter, die Frida soeben verlassen hatte, um frisches Wasser zu holen, kletterte der Nichtsnutz mit der armen Puppe empor. Immer höher und höher ging es – »will er mich etwa gleich selbst in den Himmel befördern?« kaum vermochte die Puppe vor Aufregung noch diesen Gedanken zu fassen.
Aber jetzt wurde haltgemacht. Wupp – da saß die vor Angst halbtote Gerda hoch oben auf dem Ofen, der noch dazu an dem kalten Apriltage geheizt war.
»Au – ich hab’ mich verbrannt!« schrie Puppe Gerda, aber hohnlachend rutschte der wilde Klaus die Leiter herunter.
Weinend thronte die Puppe auf ihrer einsamen Höhe.
»Ach Gott – ach Gott, wie soll mich mein Mütterchen bloß je im Leben hier wiederfinden?«
Da kam Annemarie glückstrahlend mit ihrem Rettungsboot zurück. Sie band es an die Teppichmaschine und fischte die Ertrunkenen wieder aus dem Ozean heraus.
»Nanu, wo ist denn mein Gerdachen hingekommen?« verwunderte sie sich. »Habt ihr Gerda nicht gesehen?« wandte sie sich an die übrigen Fahrgäste.
Irenchen wies mit dem ausgestreckten Arm in die Richtung des Ofens, aber die Kleine achtete nicht darauf. Auch nicht auf das feine, weinende Puppenstimmchen, das sie von oben rief. Sie stürzte in die Jungenstube, denn sie ahnte sogleich den Täter.
Dort saß Klaus mit dem harmlosesten Gesicht der Welt und machte seine Rechenaufgaben.
»Klaus, hast du meine Gerda genommen?« fragte sie kampfbereit.
»Laß mich mit deiner dummen Puppe in Frieden«, brummte der und steckte die Nase noch tiefer ins Buch.
Die Kleine hielt es für geraten, andere Saiten aufzuziehen.
»Kläuschen, liebes, gutes Kläuschen, ach, gib mir doch meine kleine Gerda wieder!« bettelte sie.
»Such’ sie dir«, brummte der Puppenräuber.
»Also du hast sie genommen, du abscheulicher Junge, na warte!« Annemaries schon zum Boxen erhobene Ärmchen sanken aber wieder herab. Sie jagte aus dem Zimmer, die Mutterliebe war stärker als die Rauflust.
»Sie ist nach Amerika geschwommen, wenn sie nicht unterwegs ein Haifisch verschluckt hat«, rief der ungezogene Klaus noch hinter dem Schwesterchen her.
Im Wohnzimmer durchsuchte Annemarie in Gemeinschaft mit Frida jeden Winkel. Gerda blieb verschwunden. Bitterlich weinend stand die kleine Puppenmutter unten, während oben auf dem Ofen ihr Kind ebenso bitterlich weinte.
Da rief Frida, welche die Kronenglocken säuberte, plötzlich von der Leiter herab: »Ich sehe sie – da guckt ein Bein über den Ofenrand – na, hoffentlich ist sie nicht aus Wachs, sonst ist die da oben bestimmt geschmolzen.«
Sie rückte die Leiter an den Ofen und rettete das arme Puppenkind vor dem Verbrennungstod. Das Herz klopfte der kleinen Annemarie inzwischen bis in den Hals hinein.
Lieber Gott – würde ihre Gerda, ihr süßes Nesthäkchen, auch nicht geschmolzen sein – oder am Ende gar so braungebrannt wie die Negerpuppe?
Da hielt sie ihr Kind endlich wieder im Arm, fest, ganz fest. Nein, es war noch genau so schön, wie vorher, nur ein bißchen erhitzt fühlte es sich an. Selig küßten sich die beiden, als ob Gerda wirklich aus Amerika angereist gekommen wäre.
Von nun an aber hatte Puppe Gerda noch viel, viel größere Angst vor dem bösen Klaus.
5. Kapitel
Nesthäkchen macht schlechtes Wetter
Inhaltsverzeichnis
Die Bäume im Tiergarten hatten ihr neues, hellgrünes Maikleid angelegt, die Vögelchen pfiffen und flöteten ihre Frühlingslieder, herrlich blühte der Flieder. Auf den Bäumen krabbelte es von Maikäfern, und auf den Spielplätzen von kleinen Buben und Mädeln.
Aber so lustig es auch im Tiergarten war, es kostete Annemarie jedesmal einen Kampf, von Hause fortzugehen, denn dort war es jetzt noch tausendmal lustiger. Da wurde der alte, häßliche Winterstaub aus allen Ecken und Winkeln gejagt, mit großen Besen und Scheuerbürsten und wahren Fluten von Seifenwasser. Hanne und Frida, die hatten es gut. Die brauchten nicht mit Fräulein in den ollen Tiergarten spazierenzugehen, die durften den ganzen Tag nach Herzenslust klopfen, bürsten und fegen, seifen und panschen. Ach, wie Annemie die beiden beneidete! Besonders da Mutti auch meistens dabei half.
»Bist du sehr traurig, Fräulein, daß du nicht mit reinmachen darfst?« fragte sie mitleidig, als es wieder mal in den Tiergarten ging.
»Nein, ganz und gar nicht«, lachte Fräulein. »Ich gehe viel lieber spazieren, du doch auch, Annemiechen?«
»Ach wo«, rief die Kleine und lachte ebenfalls, denn sie glaubte, ihr Fräulein mache nur Spaß. Sie konnte sich nicht denken, daß jemand noch etwas anderes schöner finden könnte als Reinmachen.
»Ich wollte, es regnete alle Tage, daß ich zu Hause bleiben müßte«, sagte sie mit Inbrunst.
»Das kann schneller kommen, als du denkst, Liebling, denn das Barometer scheint zu fallen.«
»Regnet es dann, wenn das Barmeter fällt?« erkundigte sich die Kleine angelegentlich.
»Ja, dann gibt es jedesmal schlechtes Wetter«, belehrte sie Fräulein.
Heute war Annemarie mit ihren Gedanken gar nicht so recht beim Spiel. Gerda bekam keinen Spinat zu essen, der Ball blieb in seinem roten Wollnetz, und selbst der große Reifen lief nicht wie sonst den Vorübergehenden gegen die Knie. Annemie hatte anderes zu tun. Die mußte in den blauen Himmel hinaufgucken, und die kleinen Flatterwölkchen, die wie weiße Wollschäfchen dort oben vorbeizogen, zählen. Ob die wohl Regen brachten?
Als die Kleine heute vom Spaziergange nach Hause kam, war ihr erster Weg nicht wie sonst in die Kinderstube zu den Puppen. Mit Hut und Mäntelchen lief sie in Vaters Sprechzimmer zum Barometer.
Nein – es war noch nicht gefallen, es hing noch ganz fest an der Wand, da hatte sie sich umsonst gefreut.
»Morgen wird deine Kinderstube reingemacht, meine Lotte«, sagte Mutti nach Tisch zu dem Töchterchen.
»Au fein – da kann ich nicht spazierengehen!« Annemarie vollführte vor Freude einen Luftsprung, und Gerda, die sie gerade auf dem Arm hatte, mit.
Mutti hatte eine andere Ansicht.
»Du bist durchaus dazu nicht nötig, mein Herzchen. Wir werden gut ohne dich fertig. Im Gegenteil noch schneller, wenn du uns nicht im Wege stehst.«
»Aber meine Puppenküche muß ich doch reinmachen, da darf die Hanne nicht ran. Die zerschlägt mir bloß meine Teller, du hast erst gestern gesagt, Muttichen, die Hanne zerschlägt alles.«
»Ich werde die Puppenküche selbst übernehmen, bist du nun zufrieden, Lotte?« fragte Mutti lächelnd.
»Nein, gar nicht –« Nesthäkchen machte ein langes Gesicht. »Wenn meine Kinderstube reingemacht wird, muß ich dabei sein. Im Kaufmannsladen weißt selbst du nicht so gut Bescheid, Muttichen, und meine Puppenbetten muß ich mir auch selbst klopfen und frisch beziehen. Ach, wenn’s doch morgen bloß regnen wollte!«
Alle paar Minuten lief Klein-Annemie an das Fenster, um zu sehen, ob denn noch immer keine schwarzen Regenwolken kämen. Aber der Himmel war und blieb blau, und die Sonne lachte die Kleine noch obendrein aus.
»Du sollst mich nicht auslachen, du dumme Sonne!« rief Annemarie und ließ dabei ein ganz klein wenig ihr rotes Züngelchen sehen. Aber schnell verschwand es wieder, denn Puppe Gerda hatte ihre kleine Mama ganz erschrocken angeguckt.
Doch als auch am Nachmittag noch immer keine Wolken heraufziehen wollten, da faßte das kleine Mädchen einen kühnen Entschluß: Annemie wollte selbst schlechtes Wetter machen.
Herzklopfend schlich sie sich mit ihrer Gerda in Vaters leeres Sprechzimmer.
Hatte Fräulein nicht gesagt, wenn das Barometer fiel, regnete es? Dann war es sicher so, denn Fräulein wußte alles.
Da hing das Barometer – auf den Zehenspitzen näherte sich die Kleine. Gerda machte ein ängstliches Gesicht.
Leise rührte das Kinderhändchen an dem Barometer. Das begann ärgerlich hin und her zu schaukeln.
»Tu’s nicht – laß sein!« wollte Puppe Gerda gerade noch warnend rufen – zu spät!
Schon hatte Annemie dem Barometer einen starken Stoß gegeben. Es schwankte – es hopste – und da sprang es erschreckt von seinem Napel herab und fiel zur Erde.
Dort lag es nun, das Glas war entzwei, die Zeiger verbogen – und davor stand das kleine Mädchen und weinte bitterlich. Ja, jetzt gab es mit einem Male Regenwetter, freilich nur bei Annemie – draußen aber schien noch immer die Sonne.
Scheu schlich sich die kleine Wettermacherin davon.
Nach einer Weile hörte sie die Stimme des inzwischen heimgekehrten Vaters. Sie klang aufgebracht.
»Nun möchte ich bloß wissen, wer mir das teure Barometer wieder kaput gemacht hat, das ist doch sicher beim Reinmachen passiert«, so rief er, denn er war dem Scheuerfest lange nicht so gewogen wie sein Töchterchen.
Mutti und Fräulein eilten herbei und sahen erschreckt auf das verdorbene Barometer. Sie hatten keine Ahnung, wer das wohl verbrochen haben könnte. Hanne und Frida wurden gerufen, aber auch die beteuerten ihre Unschuld.
»Schicken Sie mir die Jungen in mein Zimmer, wenn sie aus der Turnstunde kommen, Fräulein«, gebot der Vater noch immer ärgerlich. Das kleine Mädchen konnte es deutlich hören, denn die Türen standen offen. »Sicher ist es einer von den Schlingeln gewesen – na, die können sich freuen!«
Zweimal hatte Puppe Gerda Annemie bereits am Ärmel ihres roten Musselinkleidchens gezupft. Die tat, als merke sie nichts. Aber als die Puppe jetzt zum drittenmal noch stärker zupfte und sie dabei auch noch vorwurfsvoll ansah, stieß Annemie hervor: »Ja doch – ja doch – ich geh’ ja gleich!«
Und da stand sie auch schon mit niedergeschlagenen Augen in Vaters Sprechzimmer, ihr Puppenkind krampfhaft an das Herz gepreßt.
»Na, Lotte, was willst du?« Vaters Zorn verflog im Umsehen, als er sein Nesthäkchen erblickte.
»Ich – ich –« druckste die Kleine und wäre am liebsten wieder davongelaufen, wenn sie sich nicht vor ihrem Kinde geschämt hätte.
»Na, was hast du denn auf dem Herzen, meine kleine Lotte?« Liebevoll zog Vater sie zu sich heran.
Da schlang Annemarie ihre Ärmchen um Vaters Hals, und Puppe Gerda tat dasselbe. Beide verbargen sie das Gesicht an Vaters Schulter.
»Ich habe das Barmeter fallen lassen«, flüsterte es leise – ganz leise.
»Du –« Des Vaters Gesicht wurde ernst. Er schob die kleine Sünderin ein Endchen von sich ab. »Was hast du denn an meinem Barometer zu suchen, Annemarie?«
»Annemarie« sagte Vater, und nicht »Lotte«, wie sonst immer, nun hatte er sie ganz sicher nicht mehr lieb!
»Ich wollte doch so schrecklich gern, daß es morgen regnet, weil doch meine Kinderstube reingemacht wird. Und Fräulein hat gesagt, wenn das Barmeter fällt, gibt es schlechtes Wetter!« schluchzte es in tiefstem Schmerz.
»Und darum hat meine dumme, kleine Lotte es fallen lassen?« Vater biß sich auf die Lippen, um das Lachen zu verbergen.
Auch Mutti und Fräulein mußten sich umwenden, weil es in ihren Gesichtern vor verhaltenem Lachen zuckte.
Annemie aber sah das alles nicht, die hörte nur, daß Vater wieder »Lotte« zu ihr gesagt hatte. Gott sei Dank, dann war er nicht mehr so schrecklich böse!
Da nahm Doktor Braun sein Nesthäkchen an die Hand und wies auf die Zahlen, welche auf dem Barometer verzeichnet waren.
»Siehst du, Lotte, der blaue und der goldene Zeiger hier, die jetzt verbogen sind, die zwei sind schrecklich klug. Sie wissen ganz genau schon im voraus, was es für Wetter gibt. Wenn die Witterung schön wird, steigen sie aus eine höhere Zahl. Wird das Wetter schlecht, so rücken sie auf eine niedrigere Zahl, und dann sagt man: Das Barometer fällt. Aber das bleibt trotzdem ruhig an der Wand hängen«, so belehrte sie der Vater.
»Bist du auch nicht mehr böse, Vatchen, ich will es auch nie mehr wieder tun«, bat Annemie noch ganz schüchtern.
Da drohte Vater lächelnd: »Daß du mir nicht wieder an meine Sachen gehst!« und dann gab er ihr endlich den Verzeihungskuß.
»Aber das Wettermachen überlasse künftig nur lieber unserm Herrgott, Lotte«, rief er dem erleichtert davonspringenden Töchterchen noch nach.
Das tat Klein-Annemarie auch. Abends im Bettchen faltete sie erst Puppe Gerda die Hände und dann ihre eigenen und betete: »Lieber Gott, mach’ du doch, daß es morgen regnet, hagelt und schneit, weil doch das Barmeter nun kaput ist und nicht mehr dafür sorgen kann – amen!«
6. Kapitel
Maikäfer, fliege
Inhaltsverzeichnis
Der liebe Gott mußte wohl Annemaries Gebet erhört haben. Zwar hagelte und schneite es nicht am nächsten Tage, aber es goß in Strömen vom Himmel herab. Und immer neue Regenwolken zogen auf.
Keiner war glücklicher als Annemie.
»Hurra« – schrie sie und drückte ihre Gerda fast tot vor Seligkeit.
Mutti war weniger erfreut. Denn ihr Nesthäkchen war nicht aus der Kinderstube herauszubekommen und war jedem im Wege. Dabei fand das kleine Fräulein, daß es alle Hände voll zu tun hätte.
In ihrem kleinen Eimer holte Annemarie Sodawasser und scheuerte ihre Küche, bis auch kein bißchen mehr von dem hübschen braunen Papier, mit dem der Fußboden beklebt war, darauf zu sehen war. Dann ergoß sich eine Sintflut über die Puppenstube und verdarb den hübschen roten Plüschteppich, den Annemarie vorher wegzunehmen vergessen hatte. Aber als in das soeben sauber aufgefegte Kinderzimmer plötzlich ein Regen von Grieß, Reis, Kaffee, Rosinen und Mandeln herniederprasselte, weil die kleine Scheuerfrau die Schubfächer ihres Kaufmannsladens zum Ausseifen leer haben wollte, zog Mutti ihr Töchterchen energisch aus dem Zimmer.
In die Jungenstube nebenan ging es, wohin auch die Puppen bereits gewandert waren.
Puppe Gerda strahlte über das ganze Gesicht, als sie ihres Mütterchens ansichtig wurde, denn sie graulte sich sehr in dem Zimmer des gefährlichen Klaus. Trotzdem der jetzt in der Schule war.
Aber Annemie sah ihre Kinder nicht an, die rief jammernd: »Hanne wird überhaupt gar nicht fertig ohne mich, sie hat es selbst gesagt, und Fridachen möchte mich doch auch so schrecklich gern drin behalten.«
Aber da Mutti das Zimmer bereits wieder verlassen hatte, schlich sich die kleine Ausgewiesene schließlich doch zu ihren Puppenkindern und ließ sich von ihnen in ihrem Schmerz trösten.
Nicht lange dauerte es, da öffnete sich behutsam wieder die Tür, die von dem Jungenzimmer in die Kinderstube führte. Durch die Spalte schob sich ein winziges Stubsnäschen, zwei blonde Rattenschwänzchen folgten, und gleich darauf stand Nesthäkchen wieder dreist und gottesfürchtig auf der Schwelle.
Da drin war es jetzt über alle Begriffe schön. Hanne watete auf Holzpantinen in einem See von Seifenwasser und scheuerte den Fußboden, wie Annemie vorher ihre Puppenküche. Nur daß die Farbe nicht gleich mit dem Schmutz abging.
Vorsichtig setzte Klein-Annemarie die äußerste Spitze ihres Füßchens in die Nässe. Ach, wer doch auch da so herumpatschen dürfte und noch dazu auf Holzpantinen!
»Du bekommst nasse Füße, und dann wirst du krank, geh’ zurück, Annemiechen«, rief Frida.
Die gute Hanne aber, welche die sehnsüchtigen Blicke der Kleinen sah, trocknete sich die Seifenhände an der Schürze ab und – schwupp – da saß Nesthäkchen auf dem großen, weißen Kinderstubentisch, mitten in dem See wie auf einer Insel.
Sie klatschte in die Hände und rutschte vor Freude hin und her, daß Hanne Angst hatte, sie könnte jeden Augenblick in den Scheuereimer fliegen.
Mutti aber, die gerade vorbeiging, drohte dem kleinen Eindringling: »Na warte, wenn du nicht ganz brav bist, wirst du wieder an die Luft gesetzt, Lotte!«
Nebenan in der Jungenstube herrschte weniger Freude. Vergeblich hatte Puppe Gerda die Arme hinter ihrem Mütterchen hergestreckt, denn ihr ahnte nichts Gutes.
Und richtig, da kam auch schon polternd und pfeifend der Klaus aus der Schule. Er schleuderte seine Schulmappe auf das Arbeitspult und stellte sorglich eine Zigarrenkiste auf den Tisch. Darin kribbelte und krabbelte es von gefangenen Maikäfern, denn sein Schulweg führte durch den Tiergarten.
Jetzt hatte er die Puppeneinquartierung erblickt, und zugleich durchzuckte den Schlingel ein Gedanke. Er nahm behutsam eines der kribbelnden Wesen aus der Schachtel, holte sich einen langen Faden und band denselben dem Maikäfer an das Bein. Das Ende des Fadens aber behielt er in der Hand.
Der Maikäfer spazierte erst ganz gemächlich über die Wachstuchdecke des Tisches. Mit ängstlichen Augen sahen sämtliche Puppen seinem Spaziergange zu. Besonders Gerda klopfte das Herz, denn sie war ja noch nicht ein Jahr alt und hatte daher noch nie einen Maikäfer zu sehen bekommen.
Plötzlich schien sich der braune Spaziergänger seiner Freiheit bewußt zu werden. Er breitete prüfend seine Flügel aus, zählte bis hundert und – burr – da brummte er durch das Zimmer gegen das Fenster.
Die Puppen fielen vor Schreck beinahe auf den Rücken. Gerda zitterte wie Espenlaub, solche Angst hatte sie vor dem großen, braunen Käfer. Aber es sollte noch schlimmer kommen.
Klaus zog den gegen die Fensterscheiben surrenden Maikäfer an seiner Leine zurück. Dann ließ er ihn wieder fliegen.
Burr – diesmal burrte der schlanke Maikäferjüngling geradeswegs auf die sich ängstlich zusammenscharenden Puppen los, denn er mochte junge Damen gern. Die kreischten vor Entsetzen, aber nur der Maikäfer vernahm es. Der dumme Klaus verstand die Puppensprache nicht. Doch der unternehmungslustige Maikäfer ließ sich durch die abwehrend erhobenen Hände der jungen Damen nicht stören. Erst flog er zu dem blassen Irenchen, die vor Schreck blutrot wurde, und kitzelte sie an der Nase. Dann burrte er vor Mariannchens noch immer verklebten Augen, und schließlich setzte er sich auf Gerdas blonden Lockenkopf und begann ihr zärtlich das Gesicht zu krabbeln. Denn sie war die Allerschönste.
Aber Gerda wußte die Liebkosungen nicht zu schätzen.
»Hilfe« – rief sie – »Hilfe« – und dann fiel sie in tiefe Ohnmacht.
Ihren braunen Kavalier aber zog Klaus an dem um sein Bein geschlungenen Faden wieder in den Kerker zurück.
Auch Puck machte heute einen großen Bogen um den gefährlichen Klaus. Denn sobald er die Zigarrenkiste sah, wußte er, was die Glocke geschlagen hatte.
Es war Puck unerklärlich, daß die Menschen, die sonst doch so klug sein wollten, den Mai den Wonnemonat nannten und ihn so gern hatten. Er selbst verabscheute ihn geradezu. Kein anderer Monat scheuchte ihn so aus seiner Ruhe auf wie der Monat der Maikäfer. Bald hatte ihm Klaus solch kribbelndes Ding aus die kalte, schwarze Hundeschnauze gesetzt, bald in das lange, weiße Seidenfell. Und so viel das Zwerghündchen auch schnappte und kläffte, die frechen Maikäfer und der noch frechere Klaus ließen sich nicht stören, ihn zu peinigen. Selbst Hans, der sonst harmlos seiner Wege ging, bekam jetzt manchmal den Maikäferkoller und foppte ihn. Nein, Puck schwärmte ganz und gar nicht für den Wonnemonat!
Die größte Angst aber vor den braunen Viechern, mehr noch als sämtliche Puppen und Puck, hatte Nesthäkchen. Das schrie, wenn Klaus ihr seine nichts Gutes verheißende Zigarrenkiste nur von weitem zeigte. Dann bestürmte sie Fräulein, ihr lange Strümpfe anzuziehen, denn sie wußte ganz genau, daß Klaus und die Maikäfer es vor allem auf ihre in Wadenstrümpfen steckenden Beinchen abgesehen hatten.
Annemie wagte sich heute nicht mehr in die Jungenstube hinein, sie blieb den ganzen Tag in Muttis und Fräuleins Schutz. Die arme Gerda mußte sich ganz allein von ihrer Ohnmacht erholen.
Am Abend, als die Kinderstube fix und fertig war, und es nur so blitzte vor Sauberkeit, als die neuen, weißen Mullgardinen an den Fenstern leuchteten, und alle Betten, sogar die der Puppen, blütenweiß bezogen waren, schlich sich der arge Klaus mit seiner Maikäferschachtel heimlich zur Kinderstube.
Gerade unter das Bett des Schwesterchens stellte er die Kiste. Vorsorglich aber ließ er den Deckel ein ganz klein wenig offen, damit die Gefangenen nicht erstickten.
Mitten in der Nacht war’s. Alles schlief im Kinderzimmer, da begann es, sich in der Zigarrenkiste zu regen. Einer nach dem andern der braunen Gesellen marschierte durch die Luftspalte in die Freiheit, und – burr – da burrte der ganze Schwärm gegen die neuen, weißen Mullgardinen.
Burr – jetzt ging es lustig in der Kinderstube umher. Vier flogen zu Annemies Bettchen, drei zu Fräulein und ein halbes Dutzend burrte um den Puppenwagen. Das kribbelte und krabbelte.
Annemie juckte sich im Schlaf das Näschen, denn dort hatte gerade ein Maikäfer-Großpapa Platz genommen. Fräulein fuhr mit den Händen in der Luft umher – da hatte sie einen Maikäfer zwischen den Fingern. Puppe Gerda aber riß erschreckt die Augen auf, als sie das fürchterliche Burren und Surren vernahm, und weckte weinend ihre kleine Mama. Die stimmte denn auch sogleich in das Geplärr ihrer Puppe ein.
»Fräulein – Fräulein – das Luftschiff muß hier im Zimmer sein, hör’ nur, wie es surrt«, so schrie sie.
Fräulein hatte schon Licht gemacht. Da sah sie entsetzt den gefangenen Maikäfer in ihrer Hand – und Maikäfer, wohin sie auch blickte.
Im Gitterbettchen aber, umgeben von lustig burrenden Maikäfern, stand Nesthäkchen nebst Gerda und schrie wie am Spieß.
Fräulein beruhigte erst liebevoll ihre kleine, brüllende Annemie. Dann machte sie beide Fenster auf und – burr – da war die ganze braune Gesellschaft auf und davon – auf Nimmerwiedersehen.
In der soeben erst reingemachten Kinderstube jedoch sah es am nächsten Morgen lustig aus. Schwarz die schönen weißen Mullgardinen, schwarz getupft die frischbezogenen Betten. Alles hatten die Maikäfer wieder schmutzig gemacht.
Klaus aber bekam seine wohlverdiente Keile.
7. Kapitel
»Herr Doktor, mein Kind ist so krank!«
Inhaltsverzeichnis
Auf dem Spielplatz waren eines Tages drei niedliche Kinder, ein Knabe und zwei Mädchen, erschienen. Annemie sah sie erst von weitem an und schob sich und ihren Puppenwagen dann näher und näher. Aber als sie eins der fremden Kinder gerade fragen wollte: »Kleine, willst du mit mir spielen?« da begann dasselbe zu husten. So sehr hustete das kleine Mädchen, daß es krebsrot im Gesicht wurde, es konnte gar nicht wieder aufhören. Nun begannen auch die andern beiden zu husten. Annemie blickte mitleidig auf die drei, sie hatte noch nie jemand so arg husten gehört.
Gewiß waren sie barfuß herumgelaufen, trotzdem ihre Mutti es verboten hatte, und der liebe Gott hatte ihnen nun zur Strafe den bösen Husten geschickt.
Aber ehe Annemarie sich noch danach erkundigen konnte, stand plötzlich Fräulein hinter ihr und zog sie mit erschrockenem Gesicht zurück.
An der Bank packte Fräulein ihre Handarbeit zusammen, band der Kleinen das graue Spielschürzchen ab und setzte ihr den roten Südwester auf.
Mit ungeheurem Erstaunen verfolgte Klein-Annemarie Fräuleins Gebaren. Aber als diese sie jetzt an die Hand nahm und Miene machte, den Spielplatz zu verlassen, kam wieder Leben in die vor Verwunderung ganz erstarrte Kleine.
»Mein Puppenwagen – meine Gerda!« rief sie und wollte sich von Fräuleins Hand losreißen, um den bei den fremden Kindern vergessenen Puppenwagen zu holen.
Aber Fräulein ließ sie nicht fort.
»Du wartest hier auf mich, Annemie, ich fahre den Puppenwagen selbst.«
Annemies Staunen stieg noch. Auch Gerda machte so große Augen wie noch nie. Fräulein fuhr eigenhändig den Puppenwagen!
Aber als die Kleine über den komischen Anblick hell auflachte, sah Fräulein so ernst drein, daß Annemie erschrocken schwieg.
War sie denn unartig gewesen?
Annemie zog nachdenklich die Stirn kraus und überlegte angestrengt. Sie konnte sich beim besten Willen nicht darauf besinnen.
»Fräulein,« begann die Kleine schüchtern, nachdem sie eine ganze Weile stumm neben ihr hergetrabt war, »sei doch wieder gut mit mir, Fräulein, ich will es auch nie wieder tun!«
»Was denn, Annemiechen?« Jetzt war die Reihe, ein erstauntes Gesicht zu machen, an Fräulein.
»War ich denn nicht unartig?« fragte Annemarie zweifelnd. »Warum bist du denn da so böse und gehst mit mir nach Hause?«
»Ich bin nicht böse, Herzchen, nur ängstlich bin ich, daß du dich angesteckt haben könntest. Wir gehen noch nicht nach Hause, sondern nur in einen andern Teil des Tiergartens. An dem Spielplatz waren Kinder mit Keuchhusten!« Fräulein sagte das letzte Wort mit sorgenvollem Gesicht.
Keuchhustenkinder – vor denen hatte Mutti sie immer gewarnt, und Annemie hatte sich heimlich schon längst gewünscht, mal welche zu sehen.
»Ich habe mich bestimmt nicht angesteckt, Fräulein, ich war ja so warm angezogen und huste ja auch kein bißchen. Aber warum soll ich denn meinen Puppenwagen nicht selbst fahren?«
»Du darfst heute den ganzen Tag weder an den Wagen noch an deine Gerda heran. Wir müssen ihn erst gründlich reinigen, damit du dich nicht etwa daran ansteckst.«
»An meiner Gerda? Ist die denn auch ein Keuchhustenkind?« Nesthäkchen sah ihre Puppen prüfend an. Aber die machte einen ganz munteren Eindruck und hatte kein einziges Mal bisher gehustet. Sie schien sich über Fräuleins Vorsichtsmaßregeln auch sehr zu wundern.
Zu Hause angelangt, mußte sich Puppe Gerda aber noch viel mehr wundern. Ihre kleine Mama zog sie nicht aus, sondern sie wurde, wie sie war, mitten auf den Balkon in die Sonne gesetzt. Da saß sie nun den ganzen lieben Tag und hatte keine andere Gesellschaft als den langweiligen Puppenwagen. Aber als es dunkel wurde, und Annemarie noch immer nicht kam, um ihre Gerda auszuziehen und mit ins Bettchen zu nehmen, da war die Puppe sehr ärgerlich auf ihr Puppenmütterchen.
Sie war doch ganz gesund, aber hier draußen in der Nachtluft mußte sie sich ja erkälten!
Ach, Puppe Gerda wußte ja nicht, daß ihre kleine Mama sich ganz genau so nach ihr bangte und Fräulein bestürmte, das arme Kind doch endlich wieder hereinholen zu dürfen.
Aber Mutti und Fräulein bestanden darauf, daß Gerda heute im Freien schlafen sollte. Und Vater, der seinem Nesthäkchen doch selten eine Bitte abschlug, meinte auch: »Für alle Fälle ist es besser.«
Am nächsten Tage durfte Annemie sich endlich wieder ihr Kind holen, nachdem Fräulein demselben andere Sachen angezogen und sie mit einem abscheulichen Parfüm besprengt hatte.
»Pfui, Gerda, du riechst ja wie Vaters Sprechzimmer!« Annemie, die ihren ausgesetzten Liebling noch eben freudestrahlend in die Arme schließen wollte, wandte naserümpfend den Kopf fort.
Das nahm Puppe Gerda übel. Sie konnte doch wahrlich nichts dafür, daß man sie mit dem abscheulichen Zeug, Lysol hatte Fräulein es genannt, einparfümiert hatte. Sie drehte den Lockenkopf ebenfalls zur Seite und sah ihre kleine Mama nicht an.
Zum erstenmal in ihrem Leben waren die beiden miteinander böse. Annemarie nahm Irenchen nach Tiergarten mit, und Puppe Gerda saß heute steif und stumm auf ihrem kleinen Stuhl und tat, als ob Annemarie Luft für sie wäre.
Aber als Annemie abends ausgezogen wurde und traurig zu Fräulein sagte: »Ich würde Gerda ja gern mit ins Bett nehmen, wenn sie nur nicht so gräßlich riechen würde!« da dachte die Puppe trotzig: »Ich schlafe überhaupt nie wieder bei dir, ich will gar nichts mehr von dir wissen, du alte Annemarie!«
Und dann weinten sie sich alle beide, das kleine Mädchen in ihrem Bettchen und die Puppe auf ihrem Stühlchen, in den Schlaf.
Auch den nächsten ganzen Tag waren die zwei noch miteinander böse. Aber am dritten Morgen, als Gerda immer noch kein freundliches Gesicht machen wollte, nahm die kleine Mama sie auf den Schoß.
»Hast du mir nichts zu sagen, Gerda?« fragte sie ihr Nesthäkchen ganz wie Mutti, wenn sie selbst unartig gewesen.
Gerda schwieg verstockt. Sie wollte nicht abbitten.
Aber da die Kleine selbst kein ganz reines Gewissen ihrem Puppenkinde gegenüber hatte, gab sie ihm trotzdem einen Versöhnungskuß, denn der Lysolgeruch war inzwischen verflogen.
Gerda aber war eigensinnig, sie machte sich steif und wollte sich nicht küssen lassen.
»Fräulein, ich weiß gar nicht, was ich mit dem ungezogenen Kinde anfangen soll, es ist so schrecklich bockig!« sagte die Puppenmutter ratlos und stellte Gerda in die Ecke.
»Vielleicht ist sie krank«, begütigte Fräulein.
»Krank – ja, das ist möglich, am Ende hat sie den Keuchhusten!« Gerda wurde wieder aus ihrer Sofaecke hervorgeholt, die kleine Doktortochter fühlte ihr den Puls und legte ihr Babys Puppenbadethermometer unter den linken Arm, um zu sehen, ob sie Fieber habe.
»Fräulein, sie hat sechsundsiebzig Grad, das Kind hat schrecklich hohes Fieber, es muß sofort ins Bett!« Ehe Gerda wußte, wie ihr geschah, war sie ausgezogen und lag im Bett von Irenchen und Mariannchen, trotzdem sie sich ganz gesund fühlte. Das Unangenehmste aber war, daß Annemie ihr den triefenden Waschlappen als kalte Kompresse auf die Stirn legte.
Ach, wäre sie doch bloß artig gewesen und hätte abgebeten!
Annemie aber fand, daß Gerdas Fieber noch immer stieg, und als das Badethermometer neunundneunzig Grad anzeigte, da schickte das besorgte Mütterchen ihren Puppenjungen Kurt zu Doktor Puck.
Der lag auf dem Sofa, auf dem er eigentlich gar nicht liegen durfte, und hielt sein Mittagsschläfchen. Aber er wollte nachher mit herankommen und nach der Kleinen sehen.
Nein, was bekam Gerda für einen Heidenschreck, als sich plötzlich die Mullgardine des Himmelbettes zurückschob, und das weißbärtige Gesicht des Doktor Puck erschien.
»Ich bin ja gar nicht krank, ich bin ja ganz gesund«, rief sie, aber keiner hörte auf sie.
Doktor Puck legte ihr seine kalte Pfote auf die Stirn, sah sie aufmerksam an und sagte dann achselzuckend: »Wauwau.« Das hieß auf deutsch: »Ja, ich weiß auch nicht, was Ihrer Kleinen fehlt.«
Da beschloß Annemie, einen ganz berühmten Doktor zu Rate zu ziehen, damit Gerdachen nur nicht sterben mußte.
Es war nach der Sprechstunde, und die Patienten schon alle wieder gegangen. Da klopfte es bescheiden an die Tür von Doktor Brauns Sprechzimmer.
Der Arzt erhob sich und öffnete die Tür zum Warteraum. Hatte er etwa einen Patienten vergessen?
Vor ihm stand eine kleine Dame mit einem Mantel, der eine lange Schleppe hatte. Auf dem Kopf hatte sie einen schönen Federhut, der Doktor Braun sehr bekannt vorkam, und unter welchem zwei winzige Rattenschwänzchen hervorlugten. Im Arm aber hielt sie etwas Längliches, in ein großes Tuch geschlagen.
»Guten Tag, Herr Doktor, mein Kind ist so krank!« sagte die kleine Dame mit verstellter Stimme und machte ein bekümmertes Gesicht.
»Oh, das tut mir aber leid, treten Sie näher, gnädige Frau, bitte, setzen Sie sich«, damit wies Doktor Braun auf den Patientenstuhl.
Selig nahm Annemie, denn sie war die kleine Dame mit Muttis schönem Federhut, Platz.
»Zeigen Sie die Kleine mal her, gnädige Frau«, gebot der Arzt.
Das große Tuch wurde auseinandergeschlagen, und Gerda kam zum Vorschein.
»Na, mein Herzchen, was fehlt dir denn?« fragte der Herr Doktor sie freundlich, daß Gerda sich lange nicht so vor ihm fürchtete wie vor dem Doktor Puck.
»Ich glaube, das Kind hat den Keuchhusten«, sagte die kleine Mama an ihrer Stelle.
»Hustet sie denn sehr?«
»Nein, gar nicht, aber sie hat neunundneunzig Grad Fieber.«
»Na, dann werde ich Ihr Töchterchen mal schnell wieder gesund machen, gnädige Frau«, sagte der berühmte Arzt.
Er zog sein schwarzes Hörrohr vor, setzte es Puppe Gerda auf die Brust und legte sein Ohr an die andere Seite des Hörrohrs. Dann beklopfte er sie noch, während Annemie stolz dachte: »Vater untersucht viel feiner als Puck!« Darauf sagte der Herr Doktor beruhigend: »Die Kleine scheint sich nur erkältet zu haben.«
»Nicht mal Keuchhusten?« Die Mutter schien damit nicht recht zufrieden.
»Nein, sie hat nur etwas Drüsen, ich werde ihr einen Verband machen, dann ist sie morgen wieder ganz gesund.« Doktor Braun holte Verbandzeug und machte Puppe Gerda einen so schönen Verband, daß sie den Kopf nicht mehr bewegen konnte.
Mit andächtigen Augen sah ihre kleine Mama zu. Sie beneidete ihr Kind sogar ein bißchen um den feinen, richtigen Verband.
»So, gnädige Frau, nun ist die Kleine fertig.«
Aber die »gnädige Frau« erhob sich noch nicht, sie sah den Arzt mit bettelnden Augen an.
»Wünschen Sie noch etwas, gnädige Frau?«
»Ich möchte so schrecklich gern auch solch seinen Verband haben«, kam es mit einem sehnsüchtigen Seufzer von den Lippen der kleinen Dame.
»Sie – gnädige Frau,« der berühmte Arzt sah mit einem Male merkwürdig lustig drein, »aber Sie sind doch ganz gesund. Oder fehlt Ihnen irgend etwas?«
»Ich – meine beiden Däume tun mir so weh, das kann am Ende Lungenentzündung werden«, meinte die kleine Dame besorgt. Dabei wies sie dem Herrn Doktor ihre Däumchen, die zwar etwas schwärzlich, aber durchaus heil waren.
»Ich werde Ihnen ein Rezept verschreiben, gnädige Frau, nehmen Sie tüchtig Waschungen mit Seife vor«, verordnete der Arzt.
Aber damit war Annemie nicht einverstanden. Sie wollte ihren Verband haben, was war sie denn schlechter als Gerda!
Die »gnädige Frau« sagte sehr wenig freundlich »adieu, Herr Doktor«, und vergaß sogar zu danken.
Aber die Tür hatte sich noch nicht lange hinter der Patientin geschlossen, da vernahm Doktor Braun ein durchdringendes Geschrei.
Erschreckt eilte er hinterdrein.
Da stand im Wohnzimmer die kleine Dame mit dem schönen Federhut, in der rechten Hand hielt sie eine Schere, während sie die linke mit jämmerlichem Geschrei ihm entgegenstreckte. »Au – au – es blutet!« und gleich darauf, unter Schmerzen lächelnd: »Nun muß ich doch einen Verband haben!«
»Du dumme, kleine Lotte!« sagte Doktor Braun und vergaß allen Respekt. »Wie kommst du denn zu der Schere, du sollst doch keine anfassen!«
»Ach, ich wollte doch so furchtbar gern einen richtigen Verband haben, und weil meine Däume doch so schrecklich heil waren, wollte ich mich nur so ’n ganz klein bißchen schneiden. Aber die olle Schere hat gleich so toll geschnitten – au – au – es tut ja so weh!«
»Siehst du, Lotte, das ist die Strafe dafür, daß du die Schere angefaßt und dich mit Willen geschnitten hast; nun mußt du die Schmerzen ertragen«, sagte Vater ernst. Aber er nahm sein weinendes Nesthäkchen doch mit in das Sprechzimmer und machte ihr einen Verband, der war noch viel schöner als Gerdas.
Ach, wie stolz war Annemie darauf, nun tat es lange nicht mehr so weh.
Am nächsten Tage durfte Puppe Gerda ihren Verband abnehmen und war wieder ganz gesund, während ihre kleine Mama noch mehrere Tage mit verbundenem Händchen gehen mußte.
Den Keuchhusten aber bekamen sie alle beide nicht.
8. Kapitel
Dudel-Dudel-Leierkasten
Inhaltsverzeichnis
Klein-Annemarie saß mit ihren sämtlichen Kindern in ihrem Gärtchen draußen auf dem Blumenbrett. Davor waren Eisenstäbe angebracht, daß sie nicht herausfallen konnte.
Wunderschöne Blumen hatte Annemie in ihrem Gärtchen gesät: Winde, Bohnen und Kresse. Leider merkte man aber vorläufig noch gar nichts davon. Nicht das kleinste grüne Spitzchen wollte sich in den Zigarrenkisten mit brauner Erde zeigen. Das kam daher, weil Annemie jeden Tag die gesäten Bohnen wieder ausgrub, um nachzusehen, ob sie denn noch immer nicht anfangen wollten, grüne Blättchen zu treiben.
Den Puppen gefiel es aber trotzdem in ihrem Gärtchen. Die Sonne schien so hell und warm, daß Irenchens blasse Wangen sich leise zu röten begannen. Und Mätzchen, der ebenfalls seine Sommerwohnung auf dem Blumenbrett bezogen hatte, schmetterte und jubilierte so lustig, daß selbst die schwarzgrauen Spatzen, die sich auf dem Dach herumzankten, andächtig lauschten.
Ach, was gab es hier draußen nicht alles zu sehen, Puppe Gerda reckte sich fast den Hals aus. Und ihre kleine neugierige Mama tat dasselbe.
Drüben bei Müllers plättete die Auguste am offenen Fenster, und eine Treppe tiefer, bei Geheimrats, rührte die dicke Köchin eine Speise ein und sang dazu – beinahe so schön wie Mätzchen. Gegenüber aber, im Kinderzimmer, preßte Annemies Freund, der kleine Rolf, der erst kürzlich krank gewesen und noch blasser ausschaute, als Irenchen, sehnsüchtig das Näschen gegen die Fensterscheibe. Der arme kleine Kerl durfte noch immer nicht ausgehen. Wie gern hätte er wenigstens bei Annemie und ihren Puppen auf dem Blumenbrett gesessen!
Annemie nickte ihrem kleinen Freunde einen Gruß zu, und sämtliche Puppen nickten ebenfalls. Dann aber hatten sie alle noch etwas viel Schöneres zu sehen.
Der Portier drunten im Hof drehte heute zum erstenmal in diesem Sommer den kleinen Springbrunnen wieder auf, der mitten in dem runden Rasenplatz, mit dem der Hof geschmückt war, stand. Ein kleiner, steinerner Nackedei spritzte aus seinem Munde lustig das Wasser heraus. Annemie glaubte, er spüle den Mund, und sämtliche Puppen dachten dasselbe. Ja, Gerda wunderte sich, warum der Steinjunge sich denn mitten auf dem Hof die Zähne putzte! Und ein Hemdchen oder Nachtröckchen hatte er auch nicht mal an, das war doch nicht anständig!
Um den Springbrunnen hatten sich sämtliche Portierkinder versammelt, auch noch ein paar kleine Freunde aus der Nachbarschaft hatten sich dazu gesellt. Denn das war ein Ereignis, wenn der Springbrunnen zum erstenmal wieder ging. Annemie sah von ihrem luftigen Sitz voll Andacht auf den Portier, der dieses Wunder vollbracht. Jetzt stand es bei ihr bombenfest, wenn sie mal groß war, wollte sie aber ganz bestimmt Portier werden.
Es war gut, daß das Blumenbrett Gitterstäbe hatte, sonst wäre Annemie schon längst auf den Hof geplumpst. Die kleine Neugierige kniete auf dem Blumenbrett, um besser sehen zu können, und streckte das Stubsnäschen durch die Eisenstäbe. Auch alle Puppen hatte sie an dem Gitter aufgestellt, denn da unten war es jetzt einfach herrlich.
Karle, der krummbeinige Portierjunge, ließ ein Papierschiff in dem Springbrunnensee schwimmen. Paule, sein Bruder, peitschte den Kreisel, daß er von einer Ecke des Hofes in die andere hopste. Amanda lief auf Rollschuhen einher, daß es sich wie ein Schnellzug anhörte. Und die übrigen Kinder umstanden die schwarze Grete, die geschwätzige Elster, die in einem Käfig an der Portierloge wohnte und so stolz tat, als ob sie selbst der Pförtner sei. Sobald einer das Haus betrat, rief sie mit krächzender Stimme höflich: »Wohin wünschen Sie, mein Herr?«, und gleich darauf weniger höflich: »Halt’ den Dieb – halt’ den Dieb!«
Ach, wer doch auch da unten sein dürfte! Mutti erlaubte es nicht, daß ihr Nesthäkchen auf dem Hof spielte, und das fand es dort doch tausendmal lustiger als im Tiergarten.
Plötzlich wurde die kleine Gesellschaft drunten noch lebhafter als zuvor. Das Interesse für die schwarze Grete war mit einemmal verflogen, all die blauen, grauen und braunen Kinderaugen wandten sich mit seligem Aufleuchten einem ziemlich zerlumpten, alten Manne zu, der den Hof betrat. Auf dem Rücken trug er einen großen Kasten, und in der Hand ein hölzernes Gestell.
»Der Leiermann – der Leiermann ist da!« klang es jubelnd vom Hof herauf.
Auch Annemie klatschte vor Freude in die Hände, und sämtliche Köchinnen machten ihre Küchenfenster auf und guckten heraus.
Der Leiermann stellte sein Gestell auf, setzte den Kasten darauf, drehte die Kurbel »Dudel-Dudel-Leierkasten« – und da begann das Konzert auch schon.
Erst ein lustiger Walzer, die Kinder drunten im Hof umschlangen sich paarweise und begannen zu tanzen. Geheimrats dicke Köchin wiegte sich bei ihrer Speise in den Hüften, die Auguste ließ ihr Plätteisen über die Wäsche tanzen, der blasse Rolf trommelte dazu an die Fensterscheibe, und selbst die schwarze Grete schlug zierlich mit den Flügeln den Takt. Annemie aber drehte ihre Puppen nach der schönen Musik und dachte voll Inbrunst: »Ach, wenn ich doch nicht die Annemie Braun, sondern ein Portierkind wäre, und da unten mittanzen könnte!«
Als der Leiermann geendet, flogen aus vielen Fenstern in Papier gewickelte Geldstücke herunter, die er dankend aufsammelte, wobei ihm die Kinder halfen.
Auch Annemie lief zu Mutti, die mit Fräulein die Wintersachen gegen Motten verwahrte. Da roch es ganz abscheulich nach Kampfer und Pfeffer und krabbelte in dem Näschen.
»Hatschi – hatschi,« nieste die Kleine, »Mutti, ach, bitte, schenke mir doch einen Sechser für den Leiermann unten – hatschi – hatschi.«
Mutti lachte über ihr niesendes Töchterchen und gab Nesthäkchen das gewünschte Geldstück.
Eifrig lief die Kleine damit zu ihrem Gärtchen zurück. Sie wickelte das Geld in Zeitungspapier und – hast du nicht gesehen – da sauste es durch die Luft, dem kleinen steinernen Nackedei im Springbrunnen gerade an den Kopf. Hops, ging die Reise weiter in den Springbrunnen hinein, daß das Wasser aufspritzte.
»Mein Geld, mein Geld ist ertrunken!« schrie Annemie herab zu den dudelnden Polkaklängen.
Der krummbeinige Portierkarle hörte mit tanzen auf, fischte das Geld aus dem flachen See und legte es auf den Leierkasten.
»Schönen Dank auch, kleines Fräulein!« rief der Leiermann herauf und nahm sogar seinen verbeulten Hut ab. Dann spielte er einen feinen Galopp.
Hoppla – wie die Böcklein sprangen die Jören unten auf dem Hof durcheinander – hoppla – noch viel ausgelassener hopsten oben die Puppenjören.
Gerda galoppierte mit dem wilden Kurt das Blumenbrett entlang, da rief sie plötzlich: »Mein Schuhchen – mein Goldkäferschuhchen!«
Sie sowohl wie ihr Mütterchen spähten erschreckt durch das Eisengitter herab. Da sahen sie gerade noch ein kleines, goldbraunes Ding unten auf dem Rasen landen.
Ratlos sahen die beiden sich an.
Annemie fand zuerst die Sprache wieder.
»Das kommt davon, Gerda, wenn man so wild ist! Nun kannst du sehen, wie du dein hübsches Schuhchen wiederbekommst. Am Ende denkt der Leiermann noch, es ist Geld und wirft es in seine Büchse«, so schalt die kleine Puppenmama.
Die Puppe machte ein ganz zerknirschtes Gesicht, es zuckte weinerlich um ihre Mundwinkel.
Da tat Annemie ihr Nesthäkchen leid. Sie nahm es auf den Arm und sagte: »Komm, wir wollen Hanne bitten, daß sie dir das Schuhchen wieder holt.«
Aber die Küche war leer, Hanne mußte einholen gegangen sein. Auch Frida war nirgends zu erblicken.
Noch einen Augenblick überlegte Annemie zaudernd, dann stand sie an der Küchentür und – husch – husch – da war sie auch schon mit ihrer Gerda die Hintertreppe hinab.
Ihr Herz klopfte so laut, daß Gerda es hören konnte, denn die Kleine wußte sehr wohl, daß sie etwas Verbotenes tat. Aber sie beschwichtigte die Stimme ihres Gewissens, die sie warnte und ihr riet, umzukehren: »Ach was, ich bin ja gleich wieder oben – Fräulein merkt es überhaupt gar nicht bei ihren Motten!«
Als Annemie jedoch erstmal auf dem Hofe unter den ausgelassenen Kindern war, da hörte sie überhaupt nicht mehr auf die mahnende Stimme in ihrer kleinen Brust.
Nein, war das fidel hier unten, noch tausendmal lustiger, als es sich vom Blumenbrett aus angesehen hatte.
Längst hatte Gerda ihr Goldkäferschühchen wieder an und wäre am liebsten schnell wieder hinaufgelaufen, aber ihre kleine Mama dachte nicht daran. Die ließ sich laut jauchzend von dem kleinen steinernen Nackedei im Springbrunnen bespritzen, und auch Gerda bekam eine Dusche ab. Dann drehte sie sich mit dem krummbeinigen Karle im Polka. Drauf tanzte sie mit Paule sogar einen Two-step, und schließlich hopsten die nackten Beinchen von Doktors Nesthäkchen am übermütigsten unter all den anderen Kinderbeinen umher.
Amanda hatte Gerda auf den Arm genommen und strich bewundernd über ihr feines Kleid, und all die anderen kleinen Mädchen standen herum und blickten voll Neid auf die schöne Lockenpuppe. Aber Gerda konnte sich über die Bewunderung der fremden Kinder nicht freuen, sie hatte ein zu schlechtes Gewissen, weil Annemie gar nicht mehr daran dachte, umzukehren. Denn schließlich trug das entsprungene Goldkäferschuhchen doch die Schuld an ihrem Fortlaufen. Himmel, wenn man sie beide oben vermißte.
Der Leiermann hatte inzwischen seinen Kasten wieder aufgeschnallt und machte Miene, ein Haus weiterzugehen. Die Kinder liefen alle hinterdrein.
Annemie, die sich gerade mit der schwarzen Grete unterhielt und sich darüber totlachen wollte, daß diese »mein Herr« zu ihr sagte, überlegte keinen Augenblick. Sie faßte ihre Gerda an die Hand, trotzdem dieselbe durchaus nicht mit wollte, und lief hinter den fremden Kindern her.
Nicht an Muttis Verbot dachte das unartige Kind, nicht an ihre Angst und Sorge. Annemie dachte einzig und allein an den Leierkasten.
Währenddessen trat Fräulein oben in die Kinderstube und sagte: »So, Annemiechen, jetzt bin ich fertig, nun wollen wir uns anziehen und spazierengehen.«
Aber keine Annemie saß auf dem Blumenbrett.
Gewiß hatte sich der Kobold wieder irgendwo versteckt, und Fräulein sollte sie suchen. Aber weder unter dem Bett, noch hinter dem Spielschrank, ja, nicht einmal hinter dem Garderobenvorhang, der doch den beliebtesten Versteck bildete, war Annemie zu finden. Ob Fräulein auch noch so viel rief: »Annemiechen, Kind, es wird zu spät!« keine Annemie kam zum Vorschein.
Fräulein begann das Herz vor Angst zu schlagen. Vom Blumenbrett konnte das Kind nicht heruntergefallen sein, es war ja bis obenhin vergittert. Der Hof war leer, nur die schwarze Grete saß dort im Sonnenschein.
Hätte Fräulein bloß die Puppen nach Annemarie gefragt, die hätten schon gewußt, wo ihr Mütterchen geblieben war, aber daran dachte Fräulein nicht.
Die lief in höchster Aufregung zur Mutter und rief: »Gnädige Frau, unsere Annemie ist fort!«
Mutti wurde ganz blaß vor Schreck, dann aber sagte sie, sich selbst beruhigend: »Ach was, Fräulein, das Kind wird bei den Mädchen sein.«
»Die Mädchen sind beide mit der Wäsche zur Rolle gegangen.« Trotzdem jagte Fräulein in die Küche, und Frau Doktor voll Sorge hinterher. Da fanden sie die offengebliebene Küchentür.
Nun war es ja klar – Annemie war fortgelaufen!
»Ich gehe gleich zur Polizei – mein Nesthäkchen – meine Lotte – wo mag sie bloß sein?« jammerte die Mutter und hatte bereits den Hut auf.
»Vielleicht hat der Portier sie gesehen, wenn sie die Hintertreppe hinuntergelaufen ist, wir wollen ihn doch jedenfalls fragen«, riet Fräulein. Damit eilten beide Damen die Hintertreppe hinab.
Der Portier hatte viele Kinder auf dem Hofe gesehen, aber ob Doktors Kleine dabei gewesen, das wußte er nicht genau.
Da erschienen, gerade als Mutti in ihrer Angst zur Polizei laufen wollte, Hanne und Frida mit ihrem Wäschekorb auf dem Hofe. Und wer lief nebenher, mit heißen Wangen und glänzenden Augen? Das ausgekniffene Nesthäkchen mit ihrer Gerda, das die Mädchen auf der Straße aufgelesen und mit heimgebracht hatten.
»Mutti – Muttichen – war das fein – wir haben nach dem Leierkasten getanzt, ich kann schon Two-step!« rief die Kleine selig, ohne auf Muttis und Fräuleins besorgte Mienen zu achten.
Mutti aber nahm ihr Töchterchen fest an die Hand, als ob sie Furcht hätte, daß sie ihr aufs neue entwischen könnte, und sagte mit einem Gesicht, das nichts Gutes verhieß: »Wir sprechen uns oben!«
Ach, das wurde eine ernste Unterhaltung zwischen Mutti und ihrem Nesthäkchen, und die Rute hinter dem Spiegel sprach auch ein Wörtchen mit. Die zeigte, daß sie genau so schön tanzen konnte wie Annemie. Und das schlimmste war, daß ihr Kind, ihre Gerda, die Schmach mit ansah.
Die kleine Ausreißerin durfte mittags nicht zu Tisch kommen, sie mußte in ihrem Kinderzimmer allein mit Gerda essen. Wie schämten sich die beiden vor Vater und vor den Jungen.
Am meisten aber schämte Annemie sich vor der schwarzen Grete. Denn sobald der Vogel sie jetzt erblickte, rief er, daß es durch das ganze Haus schallte: »Halt’ den Dieb – halt’ den Dieb!«
9. Kapitel
»Morgen wird gefegt!«
Inhaltsverzeichnis
Es war schon spät, Annemie hatte bereits ihre sämtlichen Kinder zu Bett gebracht, und nun war es auch für sie die höchste Zeit, schlafenzugehen. Denn der Mond stand schon am Himmel. Aber das kleine Mädchen mochte davon nichts wissen. Erst wollte sie noch ganz schnell mit Irenchen beten, dann mußten Mariannchens Augen noch mit Salbe eingeschmiert werden, und schließlich hatte sie vergessen, ihrer Gerda den Gutenachtkuß zu geben.
»Annemie, wenn du jetzt nicht ganz brav bist und dich schnell ins Bett bringen läßt, gehen wir morgen nicht auf den Platz, wo die Kinder so schön Kreis spielen«, drohte das Fräulein. Das half. Denn Annemies sehnlichster Wunsch, mit dem sie Fräulein schon tagelang quälte, war, sich an den Spielen der lustig singenden Kinder beteiligen zu dürfen.
»Ich muß nur noch Mutti schnell Gutenacht sagen, Fräulein, dann bin ich gleich wieder da!«
Dies ließ sich hören. Aber an der Schwelle zum Wohnzimmer, das sie durchschreiten mußte, um ins Eßzimmer zu kommen, blieb die Kleine unschlüssig stehen.
Es war schon so dunkel darin, so schrecklich dunkel, das dumme kleine Mädchen fürchtete sich.
»Fräulein,« rief sie, zurücklaufend, »liebes, gutes einziges Fräulein, komme doch, bitte, mit mir mit.«
»Warum denn?« sagte diese. »Mußt du von hier bis ins Eßzimmer Reisegesellschaft haben?«
»Nein, aber –« die Kleine schämte sich jetzt doch ihrer dummen Furcht.
»Dann gehe nur so ins Bett«, sagte Fräulein, welche die schwache Seite der Kleinen kannte und löste ihr bereits die Haarbänder aus den Rattenschwänzchen.
»Nein, das geht doch nicht,« ereiferte sich Nesthäkchen, »wenn man seiner Mutti keinen Gutenachtkuß gegeben hat, kann man überhaupt nicht einschlafen – nicht wahr, Gerda?« Annemie trat an ihr Gitterbett. Aber Gerda hatte die Augen bereits fest geschlossen und antwortete nicht mehr.
»Bitte, liebes, allerbestes Fräulein, geh doch mit mir mit«, bat die kleine Schmeichelkatze aufs neue, kletterte auf den Stuhl, schlang die Arme um Fräuleins Hals und schmiegte ihr süßes Gesichtchen an Fräuleins Wange.
Da war es schwer, Klein-Annemarie etwas abzuschlagen.
»So sag’ wenigstens, warum du nicht allein gehen willst«, verlangte Fräulein.
»Es ist so gräßlich dunkel im Wohnzimmer und – ich graule mich so toll!« gestand das Angsthäschen.
»Du graulst dich – ja, aber vor wem denn bloß?«
»Vor – vor – Klaus könnte am Ende wieder als Rotkäppchen-Wolf hinter einem Sessel sitzen und mir Angst machen.«
Fräulein öffnete die Tür zum Jungenzimmer.
»Klaus sitzt hier ganz artig bei seinem Abendbrot, siehst du, der denkt gar nicht daran, dir einen Schreck einzujagen. Du kannst ruhig gehen, Annemie, zeige, daß du ein großes, verständiges Mädel bist.«
Aber Annemie wollte nicht groß und verständig sein. Fräulein sollte lieber mitkommen.
»Denn am Ende – am Ende ist der schwarze Mann drin im Wohnzimmer!« flüsterte die Kleine scheu und verbarg das Gesicht hinter den Händchen.
»Aber Annemie« – jetzt wurde Fräulein wirklich böse – »wie kommst du denn auf solchen Unsinn! Es gibt keinen schwarzen Mann!«
»Nein, bloß einen braunen!« gab Nesthäkchen bereitwilligst zu.
»Auch keinen braunen, du Dummchen; woher hast du denn nur diesen Unfug?«
»Frida hat es doch gesagt – neulich, als du abends im Theater warst, Fräulein, und ich gar nicht einschlafen wollte, sondern immerzu im Bett mit Gerda umhertobte, da drohte sie mir: ›Der schwarze Mann kommt!‹ Er wäre schon im Wohnzimmer, sagte sie.«
»Das ist sehr unrecht von Frida, dir sowas vorzureden, aber von meiner kleinen Annemie ist es ebenso unrecht, solch dummes Zeug zu glauben. Du weißt doch, daß der liebe Gott überall bei dir ist und dich beschützt.«
»Ja, aber vielleicht hat er an dem Abend schon geschlafen.«
»Der liebe Gott schläft nie, der beschirmt die Menschen auch in der Nacht, Herzchen.«
»Kommt denn der Sandmann gar nicht zum lieben Gott?«
»Nein, Kind.« Fräulein mußte lächeln.
»Na, da möchte ich auch lieber Gott sein und niemals abends in das olle Bett gehen müssen!« sagte Nesthäkchen mit einem tiefen Seufzer.
Aber sie hatte es doch durchgesetzt, daß Fräulein ein Licht anzündete, um dem dummen, kleinen Mädchen zu beweisen, daß es im Wohnzimmer nichts, aber auch rein gar nichts gab, wovor man sich fürchten konnte. Und nachdem Annemie nun endlich ihren Gutenachtkuß von Mutti erhalten hatte, und in ihrem Bettchen lag, da war sie doch eigentlich schrecklich froh, daß sie nicht der liebe Gott war und die ganze Nacht auf die vielen, vielen Menschen aufpassen mußte. Denn die Augen fielen ihr fast zu, so müde war sie.
Am nächsten Tage ging Fräulein mit der Kleinen auf den Spielplatz, wo die Kinder Kreis zu spielen pflegten, wie sie es versprochen. Nachdem sie sich noch überzeugt hatte, daß keins von den singenden Kleinen irgendwie verdächtig hustete, bekam Annemie endlich die Erlaubnis, teilzunehmen.
»Frag’ du, ob sie mich mitspielen lassen wollen, Fräulein«, bat sie schüchtern.
»Nein, Kind, du hast ja selbst einen Mund, wenn du Lust hast, mitzuspielen, mußt du auch allein darum bitten.«
»Ich schoniere mich so«, flüsterte Annemie und senkte den Blondkopf fast bis zur Erde.
»Du brauchst dich nicht zu genieren,« verbesserte Fräulein, »geh nur, Herzchen.«
Aber dazu konnte sich Annemie nicht entschließen. Sie stand mit ihrer Gerda dicht neben dem herumhopsenden Kreis, und alle beide machten sie sehnsüchtige Augen. Man sang gerade »Es ging ein Bauer ins Holz«. Ach, wie gern wären die zwei auch das »Kürbisweib« gewesen, oder wenigstens Knecht oder Peitsche.
Doch, als jetzt gespielt wurde »Wollt ihr wissen, wie der Bauer«, da fand Annemie das so wunderschön, daß sie ihre Schüchternheit überwand.
»Du, darf ich vielleicht mitspielen?« fragte sie, rot werdend ein Kind, das ihr zunächst stand.
Das aber sang, statt zu antworten, mit plärrender Stimme: »Sehet so – so fährt der Bauer, sehet so – so fährt der Bauer, sehet so – so – fährt der Bauer seine Garben vom Feld.« Und dann fuhren sie alle als Erntewagen im Kreise umher, und fuhren die sehnsüchtig danebenstehende Annemarie sogar über.
»Au!« schrie diese, rieb sich ihr getretenes Füßchen und fing an zu weinen. Aber sie weinte nicht vor Schmerz, sondern weil man sie nicht mitspielen ließ.
Da wurde ein größeres Mädchen auf das weinende kleine Ding aufmerksam.
»Komm, weine nicht, Kleine,« sagte sie tröstend, »spiele lieber mit uns«, und sie nahm Annemie an die Hand.
Die strahlte, trotzdem ihr noch immer die Tränen über die Bäckchen kullerten, sofort vor Glückseligkeit. Mit der rechten Hand faßte sie das nette Mädchen an, mit der linken Puppe Gerda, die ihre Hand wiederum einem kleinen Jungen reichte, der ebenso dick wie lang war.
So ging es ausgelassen im Kreise umher, während sie sangen: »Wenn wir fahren auf der See, wo die Fischchen schwimmen …«
Annemarie war Goldfisch, und Gerda war Tintenfisch. Aber als der Tintenfisch jetzt den anderen Fischlein folgen und die Vorihrgehende hinten am Kleid anfassen sollte, da zeigte es sich, daß Gerda noch zu dumm dazu war. Annemie nahm sie auf den Arm und sagte entschuldigend: »Die Kleine ist noch nicht mal ein Jahr alt, es ist nämlich mein Nesthäkchen!«
Und als man darauf die traurige Geschichte von »Mariechen saß auf einem Stein« spielte, hatte die dumme Gerda Angst, daß sie mit Mariechen zusammen totgeschossen wurde. Sie war froh, daß ihre kleine Mama sie bei dem gefährlichen Spiel »Katze und Maus«, was dann vorgenommen wurde, zu Fräulein in Sicherheit brachte.
Freilich, als sie sah, wie vergnügt die Kinder später »Lange, lange Leinewand« und »Vogelverkauf« spielten, wie sie »Ziehe durch, ziehe durch – durch die goldene Brücke« sangen, da wäre Puppe Gerda für ihr Leben gern mit durch die goldene Brücke gezogen. Aber ihr Puppenmütterchen schien sie ganz vergessen zu haben. Das war jetzt nicht mehr schüchtern, sondern jubelte und juchzte mit am seligsten von allen.
Aber mit einemmal erschien Annemie wieder bei Fräulein und Gerda an der Bank. Sie machte ein ängstliches Gesicht und wollte nicht mehr mitspielen.
»Hast du dich mit jemand gezankt?« erkundigte sich Fräulein, der die Sache nicht ganz geheuer vorkam.
»Ach wo,« beteuerte Annemie, »mir ist bloß so heiß«. Sie zog ihr kleines Taschentuch vor und fächelte sich Kühlung zu.
Da schallte es jauchzend von dem Kinderchor herüber: »Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?« – »Nicht für ’n roten Heller!« Nun wußte Fräulein gleich, was die Glocke geschlagen hatte.
»Ei, Annemie,« sagte sie bedeutungsvoll, »du fürchtest dich doch nicht etwa noch immer vorm schwarzen Mann, daß du nicht mitspielen magst?«
Die Kleine schwieg verlegen. Puppe Gerda aber dachte höchst respektlos: »Meine kleine Mama ist noch zehnmal dämlicher als ich!«
»Du weißt doch jetzt, daß es gar keinen schwarzen Mann gibt, Annemie?« fragte Fräulein wieder.
»Na – warum spielen denn die dummen Jören es denn, wenn es keinen gibt?« stieß das kleine Mädchen unbehaglich heraus.
»Es ist eben nur ein Spiel, Herzchen, eine goldene Brücke gibt es ja auch nicht, und Leinewand, die Beine hat und von allein wegläuft, noch viel weniger. Spiele nur ruhig mit, dann wirst du sehen, wie hübsch das Spiel ist, und daß mein kleines Dummchen davor nicht bange zu sein braucht.«
Annemie zögerte noch ein wenig. Als der Jubel der Kinder aber noch immer mehr stieg, da stellte sie sich wieder ein. Doch als Schutz nahm sie sich jedenfalls Puppe Gerda mit.
Bald klang die Stimme von Doktor Brauns Nesthäkchen am allerkecksten aus dem Kinderchor: »Nicht für ’n roten Heller!« Nein, Annemie fürchtete sich jetzt »nicht für ’n roten Heller« mehr vor dem schwarzen Mann – und Gerda schon lange nicht.
So fein war es noch nie im Tiergarten gewesen wie heute. Aber alles hat mal ein Ende, und schließlich auch ein Vormittag. Ein Kind nach dem anderen nahm Abschied, und auch Annemie gab jedem die Hand und versprach, morgen wiederzukommen.
»Nicht wahr, Fräulein, wir gehen doch morgen wieder her?« bat sie auf dem Heimweg.
»Freilich, wenn du heute brav bist«, versprach Fräulein.
Da gab sich Annemie Mühe, ganz musterhaft artig zu sein, denn sie wollte zu gern wieder mit den Kindern spielen.
Als Fräulein am Nachmittag einen Geburtstagsbrief an ihre Mutter schrieb, ging Annemie in ihrer musterhaften Artigkeit lieber aus der Kinderstube, um Fräulein nur ja nicht zu stören. Bei Hanne in der Küche war es auch sehr hübsch. Sämtliche Puppen nahm die Kleine mit sich, daß nur keine bei Fräulein drin Lärm machte, vor allem der wilde Kurt.
»Freuen Sie sich, Hanne, daß wir Sie ein bißchen besuchen?« fragte Nesthäkchen und hielt ihren Einzug in der Küche mit Kind und Kegel.
»Na ob!« Hanne lachte über das ganze rote Gesicht und scheuerte weiter ihre Töpfe.
Aber als sie sich nach einem Weilchen wieder umschaute, weil Annemie sich geradezu beängstigend artig und ruhig verhielt, da lachte sie nicht mehr.
Herrjeh – wie sah ihre schöne saubere Küche aus!
Den ganzen Sandkasten hatte der kleine Besuch auf die Fliesen geschüttet und sämtliche Kinder hineingesetzt. Mit einem Löffel und einem kleinen Topf backten sie dort nach Herzenslust Kuchen.
»Wir sind nämlich hier im Tiergarten, Hanne, auf dem Sandspielplatz!« erklärte die Kleine schnell, als sie das entsetzte Gesicht der Köchin sah. Schimpfte sie auch nicht?
Nein, die gute Hanne hatte Nesthäkchen viel zu lieb, um böse zu sein. Sie fegte nur den verstreuten Sand zusammen und meinte: »Weißt du was, Annemiechen, spiele lieber was anderes.«
Damit war das kleine Mädchen auch einverstanden, denn es wollte ja heute musterhaft artig sein. Nun wurden Hanne zum Dank, daß sie nicht geschimpft hatte, in Gemeinschaft mit den Puppen all die schönen Spiele vorgeführt, die Annemie heute im Tiergarten gespielt hatte.
Leider stellten die Puppen sich recht dumm dabei an. Auch zankten sie sich miteinander. Kurt mochte Irenchen nicht anfassen, und Lolo wollte durchaus »Mariechen auf dem Stein« sein und sich ihr goldenes Haar kämmen, trotzdem sie doch schwarze Negerhaare hatte. Mariannchen stolperte über ihre eigenen Füße und schlug sich eine Beule an der Stirn. Da machte Annemie kurzen Prozeß und setzte die Puppen als Zuschauer auf den Küchenschrank. Nur Gerda durfte mit ihr Vorstellung geben.
»Hanne, haben Sie etwa Angst vorm schwarzen Mann?« fragte Nesthäkchen vorsorglich, ehe sie an das schönste Spiel ging.
»I bewahre«, schmunzelte Hanne.
»Na, wir auch nicht, nicht wahr, Gerdachen?«
»Und mit schallender Stimme, daß alle Töpfe wackelten, ertönte es: »Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?« – »Nicht für ’n roten Heller!«
Es klingelte an der Hintertür.
Aber bei ihrem begeisterten Sang hatte die Kleine es überhört. Erst als Hanne öffnen ging, kam Nesthäkchen neugierig näher.
»Hu – der schwarze Mann!« Laut aufkreischend vor Schreck fuhr die Kleine zurück und verkroch sich in die entfernteste Ecke.
Ja, da stand er, der schwarze Mann, eine Leiter auf der Schulter und einen Besen in der Hand.
»Morgen wird gefegt!« rief er mit lauter Stimme. Aber als er die Furcht des dummen kleinen Mädchens sah, da lachte er, daß die weißen Zähne in dem schwarzen Gesicht blitzten.
»Du hast doch nicht etwa Angst vor mir, Kleine?« fragte er gutmütig.
Und Annemie, die eben noch so keck »nicht für ’n roten Heller!« gesungen hatte, verbarg zitternd das Gesicht hinter der Schürze.
»Du Dummerchen, das ist doch bloß der Schornsteinfeger!« beruhigte die gute Hanne sie.
Da nahm Annemie endlich die Schürze vom Gesicht, doch sie schielte noch immer mißtrauisch zu dem schwarzen Mann hin.
Die Puppen aber saßen auf dem Küchenschrank und lachten ihre dumme kleine Mama tüchtig aus.
10. Kapitel
Der Mohrenkopf
Inhaltsverzeichnis
»Wir kriegen Besuch – Tante Albertinchen kommt heute!« Jubelnd tanzte Annemie durchs Zimmer.
Tante Albertinchen war eine alte Dame, die nur selten den weiten Weg machen konnte. Aber Annemie freute sich jedesmal, wenn sie zu Besuch kam.
Erstens hatte sie in ihrem umfangreichen Perlpompadour immer irgend etwas Süßes für das Nesthäkchen. Zweitens durfte die Kleine ins Speisezimmer kommen, »Guten Tag« sagen, und auch ein Weilchen drin bleiben, weil sie Tante Albertinchens Liebling war. Und drittens, und das war die Hauptsache, gab es jedesmal Kuchen und Schlagsahne.
Auch heute hatte Nesthäkchen, bevor die Tante noch eintraf, prüfend den Kaffeetisch in Augenschein genommen.
Mmmm – der große Mohrenkopf und daneben die prächtige Marzipankartoffel, die beiden stachen der Kleinen am meisten von allen Kuchen in die Augen. Annemie klopfte sich im Vorgeschmack der verlockenden Dinge den kleinen Bauch. Wenn sie doch auch eine alte Tante wäre und sich nach Herzenslust etwas von der Kuchenschüssel aussuchen dürfte!
»Mutti, kriegen wir heute auch Kuchen?« erkundigte sie sich erwartungsvoll.
»Wenn Tante Albertinchen noch etwas übrig läßt!« lächelte Mutti.
»Och, das kann sie doch gar nicht alles allein aufessen, alte Damen haben überhaupt immer einen schwachen Magen. Da ist sie morgen bestimmt krank!« prophezeite Nesthäkchen menschenfreundlich.
Allerdings der Weg, den Tante Albertinchen bis hierher zu machen hatte, war weit – da konnte man schon ordentlichen Hunger kriegen!
»Weißt du, Muttichen« – jetzt hatte das angestrengt nachdenkende kleine Mädchen endlich einen Ausweg gefunden – »du könntest ja vielleicht an den Mohrenkopf oder an die Marzipankartoffel, oder vielleicht auch an beides, ein Zettelchen mit meinem Namen ankleben, damit Tante Albertinchen gleich Bescheid weiß, daß sie für mich bestimmt sind.«
»Sie sind aber gar nicht für dich bestimmt, Lotte, sondern für die Tante!« lachte Mutti.
Damit mußte sich Annemie bescheiden. Sie lief ins Kinderzimmer, stellte sich ans Fenster, blickte fromm zu dem blauen Himmel empor und faltete ihre Händchen: »Lieber Gott,« so betete sie, »du siehst doch alles und kannst alles machen. Sorge doch, bitte, dafür, daß Tante Albertinchen nur Streußelkuchen und Brezel nimmt, und den Mohrenkopf und die schöne Marzipankartoffel für mich übrigläßt – amen!«
Etwas beruhigter ging Annemie darauf zu ihren Puppen. Gerda mußte fein gemacht werden, denn sie sollte mit hereinkommen und die Tante begrüßen. Tante Albertinchen hatte ihr Nesthäkchen Gerda noch gar nicht gesehen. Sie würde sich gewiß freuen, Gerdas Bekanntschaft zu machen.
»Sei nur nicht vorlaut, Gerda, antworte nur, wenn die Tante dich etwas fragt. Aber schüchtern und verlegen brauchst du auch nicht zu sein, und dich auch nicht zu schonieren. Und nimm dein hübsches Schürzchen in acht, ich habe es selbst mit meinem kleinen Plätteisen geplättet. Und denn schiele bloß nicht immer nach der Kuchenschüssel hin, das sieht so schrecklich verfressen aus, hörst du, Gerda?« So gab Annemie ihrem Kind Ermahnungen für sein erstes gesellschaftliches Auftreten.
Gerda nickte zu allem mit dem Kopf. Sie würde sich schon höchst damenhaft benehmen!
Die kleine Mama wurde nun selbst fein gemacht. Ihr Gesicht sah ewig verschmiert aus, und wo sie die schmutzigen Händchen bloß immer her bekam, war Fräulein vollends ein Rätsel. Die blonden Löckchen sprangen stets widerspenstig aus den festgeflochtenen Rattenschwänzchen heraus, wenn sie auch eben erst frisiert worden war.
Heute steckte Fräulein ihr, Tante Albertinchen zu Ehren, Schnecken über den Ohren auf und band eine rosa Seidenschleife hinein. Annemie war das gar nicht recht, weil sie dabei so lange stillstehen mußte. Aber in dem verheißungsvollen Gedanken an den Mohrenkopf auf der Küchenschüssel drin, ließ sie alles ruhig über sich ergehen.
»So, nun mache dich ja nicht schmutzig, Annemiechen, ich muß den Damen jetzt den Kaffee auftragen«, sagte Fräulein, nachdem sie der Kleinen noch ein weißes Stickereischürzchen vorgebunden hatte, ermahnend.
Annemarie fühlte sich fast in ihrer Ehre gekränkt; das wußte sie doch schon längst, sie hatte es Gerda doch sogar schon beigebracht.
»Was spielen wir nun, bis Fräulein wiederkommt?« wandte sich Annemie an ihre Puppen und sah sich unschlüssig in der Kinderstube um. »Radau dürfen wir nicht machen, weil Tante Albertinchen schon so alt ist und das gewiß nicht mehr aushalten kann!«
Da flog ihr Blick über ein kleines Büchelchen, das zwischen den Baukästen hervorlugte.
»Au ja – Abziehbilder!«
Großmama hatte ihr neulich das Büchlein mitgebracht. Aber da die Kleine bei dem schönen Wetter jetzt stets spazieren ging, war sie noch gar nicht dazu gekommen, die Bilder abzuziehen. Dabei tat sie das doch so schrecklich gern. Erst das feine Panschen und dann die Aufregung, in was für ein Bild sich das weiße Papier wohl verwandeln würde.
Annemie schleppte geschäftig ihren Seifnapf mit Wasser zum Kindertisch und rückte Gerda mit ihrem Stühlchen heran, damit die zugucken konnte, wie schön ihre kleine Mama das verstand. Ein Läppchen zum Befeuchten hatte sie gerade nicht zur Hand. Ach was – sie nahm einfach Babys Windelhöschen, die zum Trocknen auf dem Blumenbrett hingen.
Schwieriger war schon die Frage, wo sie einen Bogen Papier zum Abziehen der Bilder hernehmen sollte.
Bruder Hans, der sonst bei solchen Verlegenheiten seines Schwesterchens stets gutmütig aushalf, hatte Nachmittagsschule, und Klaus, mit dem mochte sie lieber erst gar nicht anfangen.
Aber wozu war denn ihr kleiner Tisch so wunderschön weiß? Der ging doch geradesogut wie der schönste Bogen Papier!
Schwapp – da klebte bereits das erste Bild auf dem Tischchen. Annemie panschte unbekümmert um Puppe Gerdas durchweichte Locken den ganzen Inhalt des Seifnäpfchens über das Bild. Das ließ sich ja wieder füllen. Dann drückte sie mit Babys Windelhöschen auf das nasse Papier. Aber da die Höschen winzig klein waren und nicht genügend deckten, nahm Annemie unbekümmert ihr reines Stickereischürzchen zu Hilfe und drückte nun mit ihrer ganzen gewichtigen kleinen Person, so sehr sie nur konnte.
So, jetzt vorsichtig – ganz behutsam – ein Eckchen des nassen Papiers heben – »siehst du, Gerda, so muß man das machen!«
Mit heißen Bäckchen zog Annemie das Papier herunter – »Hurra, der Struwwelpeter!«
Er war zwar nicht ganz vollständig geworden, die langen Nägel fehlten, und auch die Wuscheltolle war nur halb mit heraufgekommen. Aber er prangte doch immerhin unverkennbar auf dem Kindertischchen.
Annemie wies der bewundernden Gerda stolz ihr Kunstwerk und ging ans zweite Bild.
Der böse Friederich mit Schwester Gretchen erschien über dem Struwwelpeter. Es war nur schade, daß sich das Papier verschoben hatte, und daß der Hund und die schöne Leberwurst dadurch statt auf den Tisch auf Annemies weißes Schürzchen gerutscht waren. Auch der Zappelphilipp zappelte vom Tischchen herunter und auf Annemies rosa Batistärmelchen. Die nassen, leeren Papiere aber klebte das Doktortöchterchen sich und Gerda auf die Bäckchen und auf die Stirn, die gaben herrliche Pflaster.
Gerade als die kleine Künstlerin in ihrem Eifer das ganze Seifnäpfchen mit Wasser über sich und Gerda statt über das Bild ausgegossen hatte, erklang Fräuleins Stimme aus dem Eßzimmer: »Annemiechen, du sollst reinkommen und der Tante ›Guten Tag‹ sagen.«
Die Kleine ergriff ihre triefende Gerda und eilte spornstreichs ins Eßzimmer.
Der Mohrenkopf und die Marzipankartoffel – Himmel, die hatte sie ja über ihre Abziehbilder ganz vergessen!
Ein schneller Blick zum Kuchenkorb – die Marzipankartoffel war fort, aber der Mohrenkopf thronte noch in seiner ganzen braunen Herrlichkeit auf dem schon etwas zusammengeschmolzenen Kuchenvorrat.
»Annemie – Lotte – wie siehst du denn aus!« Mutti und Fräulein riefen es entsetzt wie aus einem Munde, noch ehe die Kleine vor Tante Albertinchen ihren Knicks machen konnte.
»Ich – ach Gott, ich hab’ mich wohl etwas naß geplanscht, aber das trocknet wieder!« beruhigte Nesthäkchen die beiden und reichte Tante Albertinchen mit einem Knicks das Händchen.
»Guten Tag, mein Herzchen« – da aber zog die Tante ihre feine, geäderte Hand schnell zurück, denn das Kinderhändchen, das sich ihr bot, war naß und klebrig.
»Aber Annemie, was hast du denn bloß inzwischen angestellt?« rief Fräulein wieder, die sich erst allmählich von ihrem Schreck erholte.
»Ich habe feine Abziehbilder gemacht, den Struwwelpeter und den Zappelphilipp, du wirst dich freuen, Fräulein«, sagte die Kleine stolz.
»Den Zappelphilipp genießen wir ja hier bereits«, Mutti hielt Annemies rosa Batistärmelchen vorwurfsvoll in die Höhe. »Nun laß dich bloß erst menschlich machen, und nimm das schmutzige Papier vom Gesicht, du siehst ja aus wie ein verwundeter Krieger. Schämst du dich denn gar nicht, dich so vor der Tante zu zeigen?«
Annemie wurde rot bis zu den blonden Löckchen. Ja, sie schämte sich vor der Tante, doch nicht wegen ihres wenig besuchsmäßigen Aufzuges, sondern weil Mutti sie vor der Tante tadelte. Aber als sie jetzt einen scheuen Blick zu Tante Albertinchens lieben, alten Gesicht hinwandern ließ, sah sie, daß die Tante ihr belustigt zulächelte. Da war sie wieder getröstet. Ach, Tante Albertinchen war ja so gut, die aß ihr auch sicher nicht den Mohrenkopf fort! Sie hatte ja schon die Marzipankartoffel!
Fräulein führte Nesthäkchen ins Kinderzimmer zurück und machte ihr unterwegs ebenfalls noch Vorwürfe. Annemie sah betrübt drein, daß ihr Fräulein so böse auf sie war. Ja, wirklich, Fräulein hatte recht, sie war ein ganz unachtsames, kleines Mädchen! Da hatte sie erst Gerda Vorhaltungen gemacht, und sie dann selber nicht befolgt. Aber Fräulein würde schon wieder gut werden, wenn sie erst ihre schönen Abziehbilder drin sah.
Doch zu Annemies größtem Staunen äußerte sich Fräulein durchaus nicht freudig beim Anblick ihrer schönen Bilder.
»Um Himmels willen – du bist ja heute ein ganz schreckliches Kind – nicht nur, daß du dein hübsches Kleid und deine Schürze beschmutzt, jetzt hast du auch dein Kindertischchen total verdorben. Zur Strafe dürftest du jetzt eigentlich gar nicht wieder zur Tante rein«, schalt Fräulein aufgebracht.
»Ach, liebes Fräulein, ich kann doch nichts dafür, wenn gerade kein Bogen Papier da war, und das Tischchen seift Frida wieder ab, und die Tante, die wäre schrecklich traurig, wenn ich nicht wieder rein käme. Am Ende stirbt sie sogar davon, weil sie schon so alt ist!« weinte Annemarie.
Der letzte Grund schien Fräulein zu rühren, sie begann Annemie wieder besuchsfähig zu machen. Aber das war ein schwieriges Stück Arbeit. Die aufgeklebten Pflaster lösten sich nur schmerzhaft ab, doch Annemie schrie bloß ganz leise, damit Tante Albertinchen nicht etwa in Ohnmacht fiel.
Nun noch Gesicht und Hände sauber gewaschen, das Blümchenkleid übergezogen, und Annemie war wieder fertig.
Aber sie ging noch nicht. Erst mußte Fräulein wieder gut sein. Das hielt die Kleine nicht aus, daß ihr Fräulein böse auf sie war. Die Versöhnung fiel denn auch von Annemies Seite so stürmisch aus, daß die Haarschnecken ins Rutschen kamen. Nachdem sie wieder befestigt, konnte Annemie endlich wieder mit ihrer Gerda antreten.
»Was meinst du, Gerdachen, ob der Mohrenkopf wohl noch da sein wird?« flüsterte sie ihrer Puppe aufgeregt auf dem Wege ins Ohr.
Die machte ein zweifelhaftes Gesicht.
Aber nein – da lag er noch, Annemie wußte es ja: Tante Albertinchen war gut!
Jetzt ergriff auch die Tante ohne Zögern die kleine Hand und küßte ihren Liebling herzlich.
»So gefällst du mir, Annemiechen, also das ist deine neue Gerda? Guten Tag, mein Kind.«
Gerda machte einen wohlerzogenen Knicks.
»Wie alt bist du denn, Kleine?«
Gerda schwieg verlegen.
»Sie schoniert sich«, erklärte ihr Mütterchen.
Nachdem die Tante sich ein Weilchen mit Annemie und Gerda unterhalten hatte, wandte sie sich wieder Mutti zu. Nesthäkchen stand daneben und tat das, was sie vorhin ihrem Kinde streng verboten hatte: Sie ließ ihre Blauaugen zwischen dem Mohrenkopf und Tante Albertinchens umfangreichen Perlpompadour hin und her wandern.
Die Tante schien ihre Gegenwart augenscheinlich ganz vergessen zu haben. Annemie fand es für angemessen, sich wieder in Erinnerung zu bringen.
»Es dauerte lange, Tante Albertinchen!« sagte sie mit schelmischem Lächeln.
»Was denn, Herzchen, mein Besuch?«
»Nein – aber – – –« ein sprechender Blick auf den Perlpompadour vollendete den Satz.
»Aber Lotte,« rief Mutti ungehalten, »wer wird denn betteln!«
Doch das gute Tante Albertinchen lachte. »Das ist recht, Herzchen, daß du mich daran erinnerst. Wenn man erst so alt ist wie ich, da vergißt man manches!« Sie zog zu Annemies Begeisterung eine große Tüte Schokoladenplätzchen aus dem Pompadour.
Die Kleine dankte mit einem seligen Knicks. Es war doch besser, daß sie Tante Albertinchen erinnert hatte!
Nun hätte Annemie eigentlich wieder in ihr Kinderzimmer gehen können, aber da war ja noch etwas, was sie fesselte – der Mohrenkopf!
Warum Mutti auch die Tante soviel aufforderte, zuzulangen – jetzt bot sie ihr gerade wieder die Kuchenschüssel.
Annemies Herz zitterte – nein, Tante Albertinchen war gut, die nahm eine Brezel. Aber morgen würde sie ganz sicher an verdorbenem Magen im Bett liegen!
»Hast du gar keine Angst, daß du sterben mußt, Tante?« fragte die Kleine teilnehmend.
»Meinst du, weil ich schon so alt bin, Herzchen?« erkundigte sich die Tante verwundert.
»Nein – wegen des vielen – – – aber Muttchens verweisender Blick ließ Annemie ihre gastfreundliche Rede nicht zu Ende bringen.
»Es ist Zeit für dich, wieder in das Kinderzimmer zu gehen«, sagte Mutti nachdrücklich.
Tante bat für ihren Liebling.
»Laß sie mir doch noch ein bißchen, ich habe sie ja so selten«, sagte sie und zog Nesthäkchen an sich.
So mußte Annemie aus nächster Nähe mit ansehen, wie sich Tante die Brezel schmecken ließ. Was das bloß für eine dumme Mode war, daß Kinder immer nur den übriggebliebenen Kuchen erhielten!
Wieder reichte Mutti der Tante den Kuchenkorb, wieder zitterte Klein-Annemaries Herzchen. Tante wollte durchaus nicht mehr nehmen, aber Mutti quälte: »Nur noch ein kleines Stückchen!«
Tante Albertinchen griff, während sie sich mit Mutti weiter unterhielt, ohne hinzusehen, nach dem Kuchen.
Nesthäkchens Augen wurden schreckensweit, und auch Gerda schaute entgeistert drein.
Da lag er, der schöne Mohrenkopf – auf Tante Albertinchens Teller!
Grenzenlose Enttäuschung quoll in Klein-Annemie empor, mit tränenerstickter Stimme rief sie: »Mein Mohrenkopf – das ist meiner!«
Gerda war erstarrt über die Ungezogenheit ihrer kleinen Mama. Noch viel erstarrter aber war Mutti. Die kannte ihr sonst so artiges Nesthäkchen heute gar nicht wieder.
Tante Albertinchen jedoch wandte sich freundlich um.
»Ach, den wolltest du wohl haben?« Und mit gütigem Lächeln reichte sie der Kleinen ihren Teller mit dem ersehnten Mohrenkopf.
Da aber legte sich Mutti ins Mittel.
»Annemie hat heute keinen Kuchen verdient, sie war zu unartig! Ich hatte ihr die Marzipankartoffel verwahrt, aber das ist nur was für artige Kinder!«
Soviel auch das gute Tante Albertinchen für Nesthäkchen bat, Mutti blieb fest.
Die Marzipankartoffel bekam Hans, und der Mohrenkopf, den Tante Albertinchen nun auch nicht mehr essen mochte, wanderte in den Magen von Klaus.
Annemarie aber hatte das Zusehen – etsch – das kam davon!
11. Kapitel
Knabber – knabber – Mäuschen
Inhaltsverzeichnis
Selten hatte auf Annemie eine Strafe solchen nachhaltigen Eindruck gemacht wie der Verlust des erträumten Mohrenkopfes. Tagelang dachte Naschmäulchen noch mit tiefem Bedauern an sein schönes, braunes Schokoladenkleid. Ihr liebstes Spiel war seitdem: Konditor.
Die Mehl-und Vorkostbude wurde in einen Konditorladen umgewandelt. Annemie machte einen Knoten in jede Ecke ihres Taschentuches, da, hatte sie die feinste Konditormütze. Auch ihr Kurt bekam eine Taschentuchmütze. Er war der Konditorjunge und wurde »Fritze mit der Zippelmütze« genannt.
Auf dem Ladentisch der Mehlbude aber baute der Herr Konditor gar verlockende Sachen auf. Da gab es Sandtorten in allen Größen, jeden Tag im Tiergarten frisch gebacken und dick mit Zucker bestreut. Aus einem von Mutti erbettelten Apfel fabrizierte Annemie Apfelkuchen, Apfelstrudel und Apfeltorte in ihrer kleinen, runden Blechform. Aus Pappe wurden kleine Torteletts ausgeschnitten und mit Kirschkernen belegt. Schokoladenplätzchen ergaben tadellose Schokoladentorten, statt Marzipankartoffel wurde eine richtige Schalkartoffel auf durchbrochenem Tortenpapier ausgestellt. Aber der Mohrenkopf – wo sollte sie den bloß hernehmen? Denn ohne Mohrenkopf war ein Konditorladen doch undenkbar!
Annemie kam auf die seltsamsten Ideen. Es hätte nicht viel gefehlt, dann hätte sie ihrem Kinde, ihrer Lolo, den Kopf abgedreht, denn die Negerpuppe hatte doch einen Mohrenkopf. Aber zum Glück für die arme Lolo fiel Nesthäkchens Blick auf Fräuleins Strumpfkorb.
Das braune Wollknäuel dort, das gab ja einen prächtigen Mohrenkopf, da würden sich die Puppen alle Finger nach lecken.
Nun konnte das Spiel beginnen. Der Herr Konditor setzte seine Mütze auf, stellte Puppentischchen und Puppenstühle zurecht, falls jemand in der Konditorei Kaffee oder Schokolade zu trinken wünschte, und ließ »Fritze mit der Zippelmütze« als Kellner antreten.
Klinglingling – da ging ja schon die Türschelle. Die erste Kundin kam hereingetrippelt. Es war Irenchen, aber sie stellte eine alte Dame vor und sprach mit zitternder Stimme.
»Was wünscht die gnädige Frau?« Der Herr Konditor dienerte höflich bis zur Erde.
»Ich möchte ein Kirschtortelett mit Schlagsahne«, bestellte die alte Dame und zitterte so sehr mit der Stimme, daß Annemie, die Konditor und Gäste in einer Person spielen mußte, ganz heiser wurde.
»Jawohl – gnädige Frau – bitte einen Augenblick, Schlagsahne wird sogleich frisch geschlagen!«
Die alte Dame nahm an dem kleinen Tischchen Platz und der Konditor nebst Fritze mit der Zippelmütze rasten zur Waschtoilette. Dort schlug der Herr Konditor mit seinem kleinen Schneeschläger aus der Puppenküche im Seifnapf herrlichen Seifenschaum. Der wurde über das Kirschtortelett aus Pappe gekleckst und von Fritze serviert. Leider tauchte ein Zipfel seiner etwas zu großen Zipfelmütze dabei in die Schlagsahne. Aber das störte die alte Dame durchaus nicht, sie ließ es sich trotzdem schmecken.
Der Herr Konditor aber hatte schon wieder neue Kunden zu bedienen.
Diesmal war es ein niedliches, kleines Schulmädchen. Gerda hieß es, und hatte Irenchens Schulmappe aufgeschnallt. Aber da gleich hinterher noch ein schönes Fräulein die Ladenglocke in Bewegung setzte, die sogar einen roten Sonnenschirm hatte, bediente der Herr Konditor erst das Fräulein. Denn Kinder können warten.
»Was bekommt die Dame?« wandte er sich höflich an die Zuletztgekommene.
»Für zwanzig Pfennig Streußelkuchen«, verlangte das Fräulein und zeigte mit der Porzellanhand auf den Apfelkuchen.
»Das ist Apfelkuchen, meine Dame, darf es der vielleicht sein?« fragte der Konditor diensteifrig.
»Ja, bitte, ich bin nämlich so kurzsichtig«, entschuldigte sich Mariannchen mit den verklebten Augen, denn sie war das schöne Fräulein.
»Sonst noch etwas gefällig, meine Dame?«
»Schicken Sie mir zu morgen noch eine Schokoladentorte, mein Name ist Fräulein Magenweh, gleich um die Ecke – adieu«, damit verschwand das Fräulein.
»Empfehle mich – empfehle mich, meine Dame«, Annemie machte ganz genau die Stimme des dicken Konditors, der nebenan wohnte, nach. Aber da sie die Ähnlichkeit noch nicht treffend genug fand, stopfte sie sich noch ein Puppenbett unter die Schürze, um ebenso wohlbeleibt auszusehen.
»Na, spielt meine Lotte schön – siehst du, heute bist du artig, da kann man dich liebhaben«, lobte die durchs Zimmer kommende Mutter. Sie unterzog mit Fräulein die Sommergarderobe ihrer drei Sprößlinge einer gründlichen Musterung. Darum mußte die Kleine sich allein beschäftigen.
Nesthäkchen strahlte über das ganze Gesicht bei Muttis Lob. Es hatte ihr doch schwer auf der Seele gelegen, daß Mutti neulich, als Tante Albertinchen zu Besuch war, so unzufrieden mit ihrem Töchterchen gewesen war.
Gleich aber erinnerte sich Annemie wieder ihrer Würde und sagte mit einem tiefen Diener: »Entschuldigen Sie, gnädige Frau, Sie irren sich, ich bin nämlich der Herr Konditor und nicht Ihre Lotte! Wünscht die Dame vielleicht einen Mohrenkopf?«
Mutti drohte mit vielsagendem Lächeln, in Erinnerung an die Mohrenkopfgeschichte, und der Herr Konditor wandte sein erglühendes Gesicht schnell einer anderen Kundin zu. Hätte er doch bloß nicht von dem dummen Mohrenkopf angefangen!
Aber als Mutti jetzt das Zimmer verließ, klang es so täuschend mit der Stimme des dicken Konditors hinter ihr her: »Empfehle mich – beehren Sie mich wieder!« daß Mutti ein Lachen nicht unterdrücken konnte.
Der Herr Konditor hatte sich inzwischen zu dem kleinen Schulmädel gewandt.
»Nanu, Kleine, warum weinst du denn?« fragte er erstaunt.
»Weil ich gar nicht herankomme, ich war viel eher da als das kurzsichtige Fräulein Magenweh und die gnädige Frau Mutti – und wenn Sie alle Ihre Kunden so schlecht bedienen wie mich, dann gehen wir einfach zu dem neuen Konditor in der andern Straße.«
»I, du bist ja eine ganz freche Jöre,« sagte der Herr Konditor, mit Recht empört, »geh doch – geh – aber soviel Kuchenkrümel gibt’s da nicht für’n Sechser wie hier bei mir.«
Das schien auch Puppe Gerda einzusehen, denn sie kaufte, obgleich sie so geschimpft hatte, ihre Kuchenkrümel doch lieber in diesem Laden.
Nachdem das dreiste Ding die Konditorei verlassen hatte, kam eine ganze Weile gar keiner. Der Herr Konditor ließ sich müde von all der Anstrengung auf einem Stuhl nieder und verzehrte zur Erfrischung selbst eine ganze Schokoladentorte. Fritze mit der Zippelmütze sah neidisch zu.
Klinglingling – da klingelte es wieder. Ein Herr war es, ein Ausländer. Er mußte wohl geradeswegs aus Afrika kommen, so schwarz war er, und hieß Herr Lolo. Merkwürdigerweise schienen die Herren in Afrika weiße, kurze Kniehöschen mit Stickereiansatz zu tragen.
Sein Töchterchen, ein allerliebstes Baby, hatte er auch mitgebracht. Die Mutter des Kindes mußte wohl eine Deutsche sein. Denn das Kleine war zwar etwas schmutzig, aber doch lange nicht so schwarz wie der Mohrenpapa.
»Was willst du essen, mein Herzchen?« fragte der Afrikaner liebevoll sein Töchterchen.
»Mohrenkopf mit Schlagsahne« verlangte das kluge Baby, obwohl es erst ein halbes Jahr alt war.
»Und der Herr? Vielleicht eine Tasse Schokolade gefällig?« fragte der dicke, kleine Konditor und machte drei Bücklinge auf einmal.
Der Herr überlegte einen Augenblick.
»Nein, bringen Sie mir eine Portion Vanilleeis.« Sicher war es in Afrika so heiß, daß man dort nichts weiter als Eis aß.
Der Herr Konditor lief mit einem kleinen Puppenteller in seinen Eiskeller, das war die Küche.
»Hanne, ich muß ganz flink eine Portion Eis haben, der Herr aus Afrika hat es bestellt«, bat er.
Hanne sah die Notwendigkeit ein. Sie schlug von dem Eis im Eisschrank ein kleines Stückchen ab und legte es auf den Puppenteller.
»Danke schön, liebe Hanne.« Zärtlich schlang der dicke Konditor seine Arme um die dicke Köchin und hopste dann in seinen Laden zurück, daß auch das Eis dreimal vom Teller hopste. Aber der Konditor wischte es mit seiner Schürze wieder sauber ab, und servierte es dem Afrikaner mit einer Verbeugung.
»Einmal Vanilleeis!«
Fritze mit der Zippelmütze, der inzwischen die Schlagsahne zu dem Mohrenkopf für das Baby hatte schlagen sollen, war wieder mal faul gewesen und hatte nichts getan. Er bekam von seinem Herrn eine Backpfeife und wurde sofort aus dem Dienst entlassen.
Der Herr Konditor brachte eigenhändig die Schlagsahne herbei, irrte sich aber und tat sie statt über den Mohrenkopf auf den Teller über Herrn Lolos Mohrenkopf.
Der schrie und schimpfte und lief aus der Konditorei fort, ohne das Vanilleeis zu bezahlen. Sogar sein Baby vergaß er im Ärger.
Fritze aber hatte mit der Stellung auch seine Zippelmütze abgelegt. Er erschien jetzt als niedlicher, kleiner Junge, mit einem Körbchen am Arm.
»Ein Brot mit Kümmel, aber kein altes«, forderte er und legte auch zugleich das Geld auf den Tisch.
Der Herr Konditor sah sich ratlos in seinem Laden um – Herrgott, das Brot war ja alle geworden!
»Ein Augenblick, mein Söhnchen, ich hole ganz frisches aus meiner Backstube«, und wieder ging es in die Küche.
»Hanne, liebe Hanne –« aber die Küche war leer. Die liebe Hanne schien mit dem Mülleimer hinuntergegangen zu sein.
Solange konnte man einen Kunden unmöglich warten lassen. Der kleine Konditor lief selbst an den Brotkasten in der Speisekammer, und weil er kein Messer anfassen durfte, bohrte er mit seinen Fingerchen ein großes Stück Krume aus dem zum Glück schon durchgeschnittenen Brot.
Dann legte er es sorgfältig wieder fort.
Kurt hatte das sauber in Papier geschlagene Brot gerade in seinem Körbchen untergebracht, da erschien ein vierfüßiger Kunde in der offengebliebenen Ladentür. Er lief sofort an den Ladentisch, auf dem die schönen Sachen alle so verlockend aufgebaut standen, und legte die Hände, die in weißen Pelzhandschuhen steckten, auf die Apfeltorte.
»Die Waren dürfen nicht berührt werden!« sagte der Konditor aufgebracht.
Aber der Herr ließ sich nicht stören. Ja, er hatte sogar die Unverschämtheit, ein Stück Kuchen nach dem andern zu beriechen.
»Was wünschen Sie denn, mein Herr?« fragte der Konditor nun schon zum drittenmal.
Die Wahl schien dem Herrn schwer zu werden. Schließlich war er mit sich im reinen. Aber anstatt sich die Torte an dem kleinen Tischchen servieren oder in Papier packen zu lassen, machte er kurzen Prozeß.
Schwapp – da hatte Herr Puck die größte Schokoladentorte mit dem Mund vom Ladentisch wegstiebitzt und lief damit eilig aus der Konditorei.
»Mutti – Mutti – meine Schokolade – meine schönste Schokoladentorte!« Der Herr Konditor eilte schreiend hinter dem Dieb her.
Aber Mutti, welche die Polizei vorstellen sollte, war nicht in ihrem Zimmer, die hatte Hanne soeben in die Speisekammer geholt, um ihr zu zeigen, daß unbedingt eine Maus dort sein müsse. Sie habe ein großes Loch ins Brot gefressen.
»Ja, wirklich, Hanne, das beste ist, Sie stellen eine Mausefalle auf«, meinte Frau Doktor Braun.
»Ne, erst mache ich selber Jagd auf die Maus, die ist sicher noch hier in der Speisekammer, denn heute mittag war das Brot noch ganz heil.« Damit begann Hanne voll Jagdeifer die Vorratstonnen und Gläser mit eingemachten Früchten auszuräumen.
Da erschien Nesthäkchen mit der Konditormütze. Aber vor lauter Staunen vergaß sie den Dieb Puck bei der Polizei anzuzeigen.
»Nanu, was ist denn hier los, ziehen wir aus?« fragte sie neugierig.
»Ne, aber wir haben ’ne Maus hier in der Speisekammer.« Hanne schleppte Wein-und Bierflaschen heraus, kein Stück ließ sie an seinem Platz.
»Eine Maus – eine Maus!« jubelte Nesthäkchen und sprang selig zwischen sämtlichen Flaschen und Vorratstüten herum.
Vergessen war der Dieb, vergessen die ganze Konditorei – »eine Maus – eine Maus!« das war ja wundervoll!
Annemie half geschäftig beim Auskramen der Speisekammer, zerschlug dabei den Deckel von der Reistonne, ließ die Zwiebeln alle aus dem Zwiebelnetz rollen und unter Küchenschrank und Tisch trudeln, tauchte heimlich das Fingerchen in die Zuckertonne – und zeigte sich auf diese Weise äußerst nützlich.
»Wenn ich die Maus aber kriege, der soll’s schlecht gehen – mir solche Arbeit zu machen!« schimpfte Hanne.
»Was tun Sie denn da mit ihr, Hanne?« fragte Annemie neugierig.
»Die wird bei lebendigem Leibe ersäuft!« sagte Hanne ingrimmig.
Das arme Mäuschen – eigentlich tat es Annemie sehr leid. Heimlich wünschte sie, daß Hanne es nicht erwischen sollte.
»Na, Hanne, haben Sie Ihre Maus schon gefunden?« Mutti trat wieder in die Küche.
»Ne, aber ich krieg’ sie schon noch, am hellichten Tage so’n Loch ins Brot zu knabbern – solche Frechheit!« Sie hielt das Brot mit dem großen Loch in die Höhe.
Klein-Annemie wurde blaß, und dann purpurrot.
Unschlüssig sah sie von dem Brot auf Hanne, und von dieser zu Mutti.
Sie schwankte – sie zauderte – und dann schlang sie plötzlich beide Ärmchen um Hannes breite Hüften und brach in bitterliches Weinen aus.
»Sie sollen das arme Mäuschen nicht ersäufen, Hanne, es kann ja nichts dafür, es hat das Brot doch gar nicht gefressen. Ich hab’s genommen, weil ich doch Konditor war, und mein Puppenjunge Brot kaufen wollte«, so jammerte Nesthäkchen.
»Du warst die Maus, na warte, wenn du mir nochmal solche Arbeit machen wirst, Mäuschen –« die Köchin drohte gutmütig und räumte ihre Speisekammer wieder ein.
Aber als Annemie jetzt ängstlich fragte: »Werde ich nun auch nicht bei lebendigem Leibe ersäuft?« da griff Hanne mit lustigem Lachen nach einem großen Eimer, und schreiend nahm Nesthäkchen Reißaus.
12. Kapitel
Schiffer-Lenchen
Inhaltsverzeichnis
Annemies liebster Spaziergang im Tiergarten war die Uferpromenade am Kanal entlang. Da kamen die Entchen, sobald die Kleine ihr Frühstücksbrot herauszog, herangeschwommen und luden sich zu Gaste.
Besonders eine Ente war Annemies Liebling. Die war viel schöner als alle die anderen. Sie hatte ein Federkleid, das war rot, grün und gelb und sah aus, als ob es aus lauter Puppenlappen zusammengesetzt sei. Zuerst hatte Annemie geglaubt, die Ente sei gar nicht lebendig, sondern nur ein Spielzeug. Aber als sie den anderen Entchen die meisten Brocken fortgeschnappt, hatte sie Proben von ihrer Lebendigkeit gegeben. Hanne mußte jetzt immer ein Brötchen mehr zum Frühstück schneiden, damit die Entchen auch satt wurden.
Auch viele Schiffe konnte Annemie auf dem Kanal bewundern, kleine und größere. Die hatten schrecklich viele Bausteine oder Kohlen in ihren großen Holzleib eingeladen.
Als Nesthäkchen eines Tages an Fräuleins Hand wieder die Uferpromenade entlangspazierte, sah sie ihre Entchen schon von weitem. Sie bildeten ein großes Federknäuel im Wasser, dicht neben einem Schiff mit Ziegelsteinen.
Annemie zog ein Brötchen heraus. Aber kein Entchen kam herzugeschwommen, nicht einmal ihre besondere Freundin, die bunte.
»Quack, quack, quack, quack, quack« – machte Annemie und schnalzte dabei mit der Zunge. Aber auch auf diese Einladung hin kamen die Entlein nicht näher.
»Entchen, kennt ihr mich denn nicht mehr – ich bin ja die Annemie!« rief das kleine Mädchen ganz betrübt zur Belustigung der Vorübergehenden.
»Wirf ihnen nur ruhig ein Stückchen Brot ins Wasser, du sollst mal sehen, wie schnell sie da herbeikommen werden«, riet Fräulein.
Annemie tat, wie ihr geheißen. Aber kein Entchen schwamm herzu. Ob die Kleine auch mit schallender Stimme rief: »Entchen, es ist ja Leberwurst drauf« – nicht einmal die Leberwurst konnte sie locken.
Inzwischen war Fräulein mit Annemie dem Ziegelsteinschiffe nahe gekommen.
»Ei, jetzt weiß ich auch, weshalb deine Entchen heute das Frühstück verschmähen,« lachte Fräulein, »ihr Tischlein ist schon wo anders gedeckt. Sieh nur, Annemiechen, drüben auf dem Schiff steht ein kleines Mädchen mit einem großen Musbrot in der Hand, das füttert sie.«
»Es sind aber meine Enten!« Annemie fing beinahe an zu weinen.
Das kleine Mädchen auf dem Schiff mußte wohl Annemaries lauten Ausruf vernommen haben. Es hielt plötzlich damit inne, Brotkrümchen ins Wasser zu werfen, und staunte das feine kleine Mädchen am Ufer bewundernd an. Vor lauter Staunen vergaß es sogar, sein Musbrot selbst weiter zu essen.
Als die Entchen merkten, daß es nichts mehr gab, machte die undankbare Gesellschaft kehrt und schwamm ans Ufer zu Annemie.
Die hopste vor Freude.
»Na, da seid ihr ja alle, schämt ihr euch denn gar nicht, mir erst jetzt ›guten Tag‹ zu sagen? Wenn ich nun schon mein Frühstück allein aufgegessen hätte?« So plauderte die Kleine, unbekümmert um die Vorübergehenden.
Die Entchen antworteten: »Quack – quack – quack« und schnappten sich gegenseitig die besten Bissen fort.
»Sieh nur, Annemie, wie niedlich das Schiff ist, auf dem das kleine Mädchen dort drüben steht. Wie ein grünes Häuschen sieht die Wohnung aus, und was für saubere Gardinen an den kleinen Fensterchen hängen«, machte Fräulein Nesthäkchen aufmerksam.
»Ja, und die hübschen Blumen, die in dem großen, grünen Kasten blühen, das ist sicherlich ihr Gärtchen«, meinte die Kleine. »Ach, bitte, liebes Fräulein, wenn wir über die Brücke auf die andere Seite des Wassers gehen, kann ich mir das Schiff ganz in der Nähe angucken.«
Fräulein tat Annemie den Gefallen.
Unterwegs, während ihnen die Entchen das Geleit gaben, mußte Fräulein eine Flut von Fragen über sich ergehen lassen.
»Wieso wohnt das kleine Mädchen auf einem Schiff und nicht in einem richtigen Haus, Fräulein?«
»Weil sein Vater Schiffer ist«, war die Antwort.
»Ich wollte, mein Vater wäre auch Schiffer!« sagte Nesthäkchen mit einem tiefen Seufzer.
»Aber Kind, warum denn bloß?«
»Dann dürfte ich auf dem Schiff rumklettern, ohne daß du gleich Angst hättest, daß ich ins Wasser falle, und die Entchen würden dann den ganzen Tag um mich herumschwimmen und – und das Allerschönste wäre, daß ich in dem niedlichen kleinen Häuschen wohnen könnte«, zählte Nesthäkchen sehnsüchtig sämtliche Vorzüge des Schiffslebens auf.
»In deiner Kinderstube ist es sicher viel schöner«, beruhigte sie Fräulein.
»Hat das kleine Mädchen auch eine Puppenküche?«
»Ich glaube nicht«, meinte Fräulein.
»Aber eine Mutti hat sie doch?«
»Ich denke, ganz sicher«, fiel zu Annemies Erleichterung Fräuleins Antwort aus.
»Auch eine Großmama?«
Dies schien Fräulein zweifelhafter.
»Ob sie wohl so viele Puppen hat wie ich?« fragte das Plappermäulchen schon wieder, bevor Fräulein sich noch von der vorhergehenden Frage verschnaufen konnte.
»Annemie, du bist ja heute ein lebendiges Fragezeichen auf zwei Beinen! Frage das kleine Mädchen doch selbst danach, wir sind ja jetzt dicht am Schiff angelangt.«
Aber das brachte das schüchterne, kleine Ding nicht fertig. Trotzdem Fräulein sich in der Nähe auf eine Bank setzte, um Annemie Gelegenheit zur eingehenden Betrachtung des Schiffes und seiner kleinen Bewohnerin zu geben.
Diese mochte wohl in Annemies Alter sein. Sie hatte ebenfalls zwei festgeflochtene Rattenschwänzchen, aber die waren noch viel flachsblonder als Annemaries Goldhärchen. Ein kurzes, rotes Röckchen trug sie und darüber eine kleine, blaue Küchenschürze.
»Ganz wie Hanne!« dachte Annemie voll Bewunderung. Aber als sie jetzt ihre Augen von dem sonnenverbrannten, musbeschmierten Gesichtchen der Kleinen weiter wandern ließ bis zu deren Füßen, da hatte Annemies Bewunderung ihren Höhepunkt erreicht.
Holzpantinen – niedliche kleine Holzpantinen, gerade solche, wie sie Hanne beim Scheuern und bei der Wäsche trug, die stets Nesthäkchens höchstes Entzücken hervorgerufen, hatte das kleine Mädchen über ihren rot und blau geringelten Strümpfchen. Nie hätte Annemie gedacht, daß ein Kind so glücklich sein könnte, Holzpantinen wie Hanne zu besitzen!
Und während Annemie das kleine Schiffermädel so glühend beneidete, wie ihr das nur bei ihrem guten Herzchen möglich war, hegte dieses ganz ähnliche Gefühle.
Ach, das feine weiße Stickereikleid, welches die kleine Fremde trug, und der weiße Hut mit den rosa Gänseblümchen! Am schönsten aber fand Lenchen – so hieß das kleine Schiffermädchen – die weißen Stiefelchen und die weißen Wadenstrümpfchen. Sie schämte sich ordentlich ihrer häßlichen Holzpantinen.
So schauten sich die zwei gegenseitig in stummer Bewunderung an.
Aber als ihre Augen sich bei dieser Beschäftigung begegneten, mußte Annemie lachen.
Da nickte ihr Lenchen freundlich zu.
Nun traute sich Annemie endlich, eine Unterhaltung zu beginnen.
»Wie heißt du?« fragte sie, legte die Händchen an den Mund und schrie dabei, als ob Lenchen Gott weiß wie weit von ihr fort gewesen wäre. Dabei lag das Schiff dicht am Ufer, und die Kleine war bis an die Schiffsbrüstung herangekommen.
»Lenchen,« klang es vom Schiff zurück, »und du?«
»Ich heiße Annemarie, aber Fräulein nennt mich Annemie, und Vater und Mutti sagen Lotte zu mir, wenn ich artig bin!« rief Annemie, etwas weniger brüllend, da sie sah, daß man sich auch leiser verständigen konnte.
Natürlich, das feine kleine Mädchen hatte drei Namen, das erschien Lenchen nur selbstverständlich. Wenn man so schöne weiße Stiefelchen besaß, konnte man auch drei Namen haben.
»Warum wohnst du denn auf einem Schiff?« setzte Annemie das Examen weiter fort.
»Wo soll ich denn sonst wohnen?« Lenchen riß ihre blauen Augen erstaunt auf.
»Na, in einem richtigen Hause mit Treppen«, belehrte sie das Landkind.
»Unser Schiff hat auch eine Treppe!« Stolz wies das Flachsköpfchen auf die kleine Stiege, die zum Wohnraum hinabführte.
Ach richtig – nein, war das niedlich – wie eine Puppenwohnung kam Annemie alles vor. »Habt ihr denn auch einen Portier?« erkundigte sie sich.
»Einen Port – tjeh?« Lenchen stotterte etwas bei dem Wort, sie hatte es noch niemals gehört. »Meinst du vielleicht ein Portemonnaie?«
»Aber nein,« lachte Annemie, »weißt du nicht mal, was ein Portier ist? Denn weißt du wohl auch gar nicht, was ein Kaiser ist?«
»Doch«, Lenchen nickte, daß die abstehenden Zöpfchen zum Himmel flogen. Den Kaiser kannte sie.
»Na ja, also ein Portier ist sowas Ähnliches, der bewacht das Haus, daß kein Dieb rein kommt«, belehrte sie Annemie.
»Ach, nun weiß ich« – das Schiffer-Lenchen sprang vor Freude in die Höhe, und die kleinen Holzpantinen klappten dazu ganz wundervoll – »solchen Portier, der das Schiff vor Dieben bewacht, haben wir auch, aber bei uns heißt er ›Karo‹.« Als ob sie ihn gerufen hätte, erschien plötzlich ein gelbes Hündchen neben Lenchen.
Annemie wollte sich ausschütten vor Lachen.
»Ein Hund ist doch im Leben kein Portier!« stieß sie, immer von neuem lachend, hervor. »Wir haben auch einen Hund, Puck heißt er, und sechs Puppen habe ich, hast du auch welche?«
Natürlich hatte Lenchen auch eine Puppe. Sie lief gleich mit klappernden Pantinen hinab, um sie Annemie zu holen. Aber bis sie ihre Puppe vorgekramt hatte, kam Fräulein und nahm Nesthäkchen an die Hand, um weiterzugehen. Nur aus der Ferne konnte Annemie dem kleinen Rotröckchen noch einen Gruß zuwinken.
»Ich habe eine neue Freundin, Lenchen heißt sie und wohnt auf einem richtigen Schiff!« Es gab keinen in der ganzen Wohnung, dem Annemie diese wichtige Neuigkeit nicht mitteilte. Sogar Puck und Mätzchen mußten davon Kenntnis nehmen.
Klaus interessierte sich sehr für die Sache, er hatte viele Schulfreunde, aber leider wohnte kein einziger auf einem Schiff.
»Vater, wenn du ein Schiffer wärst, hätte ich dich noch mal so lieb!« sagte Nesthäkchen beim Gutenachtkuß.
»Aber Lotte, was soll denn das heißen?«
»Ja, dann brauchte ich jetzt nicht in die olle Kinderstube und könnte wie Lenchen in der niedlichen Stube auf dem Wasser schlafen.«
»Na, wir können ja tauschen, Lenchens Vater und ich, er macht meine Kranken gesund, und ich rudere sein Schiff; das würde dir so gefallen, was, Lotte?« lachte Doktor Braun.
Am nächsten Tage kam Puppe Gerda mit in den Tiergarten, um dem Schiffer-Lenchen vorgestellt zu werden. Denn Annemie hatte am frühen Morgen noch kaum die Augen geöffnet, da quälte sie ihr Fräulein auch schon: »Nicht wahr, wir gehen doch heute wieder zu Lenchen?«
Als sie in die Uferpromenade einbogen, leuchtete Lenchens rotes Röckchen ihnen schon entgegen. Sie schien auf ihre neue kleine Freundin bereits gewartet zu haben.
»Fräulein, liebstes, bestes Fräulein, setze dich doch, bitte, auf die Bank,« bat Annemie, »daß ich mich mit Lenchen wieder unterhalten kann.«
»Auf der Bank ist’s zu sonnig, da kriegt man einen Sonnenstich«, meinte Fräulein unschlüssig.
»Ach, das schadet doch gar nichts, wenn du auch einen Sonnenstich kriegst, Fräulein«; treuherzig sah die Kleine sie an. »Ich hatte doch auch neulich so viele Mückenstiche, Sonnenstiche werden auch nicht mehr jucken«, sie wies ihre nackten Ärmchen.
Fräulein lachte.
»Wenn du mir versprichst, Annemie, ganz brav zu sein und nicht etwa über das Gitter zu klettern, dann will ich mich hier in den schattigen Seitenweg setzen.«
»Aber wie werde ich denn über das Gitter klettern, Fräulein, dann kommt doch der Wächter und bringt mich zur Polizei«, flüsterte Annemie in scheuer Ehrfurcht.
Da wußte Fräulein, daß sie ganz beruhigt sein konnte, denn vor dem Tiergartenwächter hatte die Kleine eine Heidenangst.
Annemie durfte ihre Freundschaft mit dem Schiffer-Lenchen fortsetzen.
Diesmal kam auch die Mutter der Kleinen zum Vorschein. Sie hatte ebenso schöne Holzpantinen wie Lenchen, und hing Wäsche auf dem Schiffe auf; das sah drollig aus. Dann ging sie wieder in die kleine Küche, die neben dem Wohnraum lag. Der Rauch, der bald darauf aus dem dünnen Schornstein lustig zum Himmel aufwirbelte, verriet, daß sie für Lenchen Mittag kochte.
Inzwischen hatten sich die kleinen Mädchen gegenseitig ihre Puppen gezeigt. Lenchen sah voll Bewunderung auf die feine Gerda, die heute ein rosenrotes Kleidchen trug. Diese aber blickte sehr stolz und von oben herab auf das armselige Püppchen des Schifferkindes.
So ’ne olle Rike – die hatte ja nicht mal Haare, sondern eine schwarze, angemalte Porzellantolle, und ein anständiges Kleid schien sie auch nicht zu besitzen – bloß so ’n olles, zerlumptes Kattunkleid, da war sie doch viel feiner!
Ihre kleine Mama Annemie aber war viel netter und viel weniger stolz als die hoffärtige Gerda. Die fragte freundlich: »Wie heißt denn deine Kleine, Lenchen?«
Und als sie hörte, daß Lenchens Puppe Gustel hieß und vom Jahrmarkt in Oderberg stammte, sagte sie: »Siehst du, die ist schon mehr in der Welt herumgekommen als du, Gerda.«
Da schämte sich Puppe Gerda ihres dummen Stolzes und blickte neugierig auf die weitgereiste Gustel mit der schwarzen Porzellantolle.
Dann fütterten Annemie und Lenchen gemeinsam die Entchen, und die Ente aus bunten Puppenlappen fraß den anderen wieder das meiste fort.
Annemie hatte heute Kirschen mit zum Frühstück. Lenchen machte begehrliche Augen, als sie sich zwei wunderschöne, dunkelrote Zwillingskirschen als Ohrringe über jedes Ohr hing.
»Möchtest du auch welche?« fragte Annemie gutherzig.
Lenchen nickte.
Da warf Annemie eine Kirsche vom Ufer aus das Schiff zu.
Bautz – die flog in die Grasböschung. Ein frecher Spatz holte sie sich.
Aber die zweite Kirsche, die Annemie mit aller Kraft schleuderte, traf schon besser ihr Ziel. Lenchen fing sie jubelnd in ihrer kleinen, blauen Küchenschürze auf.
Das gab ein lustiges Spiel. Eine Kirsche Annemie, eine Lenchen, bis die Tüte zu Ende war. Dazwischen aber lief Klein-Annemie alle paar Minuten zu dem Seitenweg, um Fräulein zu zeigen, daß sie auch noch da war.
So sahen sich Annemie und das Schiffer-Lenchen fast jeden Tag, und immer mehr freuten sie sich aufeinander. Auch die Puppen hatten inzwischen Freundschaft geschlossen.
Da sagte eines Tages Lenchen, als Annemie wieder an dem Ufer erschien, während Fräulein im Seitenweg Platz nahm, ganz traurig: »Heute geht es retour.«
»Retour – wo liegt denn das?« fragte Annemie und dachte nach.
Diesmal lachte Lenchen ihre kleine Freundin aus. »Retour, das ist doch nach Oderberg bei Großmuttern.«
»Wann fahrt ihr denn?« Annemie machte ein erschrockenes Gesichtchen.
»Bald, vielleicht schon gleich, Vater macht ja schon los.«
Richtig, auf dem Schiff ließ sich ein lebhaftes Hin und Her bemerken.
»Kommst du bald wieder, Lenchen?« Annemie fühlte zum erstenmal in ihrem jungen Leben, wie traurig Abschied nehmen ist.
»Ich weiß nicht«; Lenchen sah ebenfalls betrübt auf die kleine Freundin.
»Ich möchte dir so gern was schenken, wenigstens einen Kuß, aber wir können ja nicht zueinander.« Annemie warf zärtlich Lenchen eine Kußhand zu.
»Ich hätte ja auch gar nichts, was ich dir schenken könnte, du hast ja alles viel feiner als ich«, sagte Lenchen, welche die kleine Freundin in dem hübschen Mullkleidchen immer noch heimlich anstaunte.
»Etwas hast du, was viel, viel schöner ist, als alles, was mir gehört,« Annemie warf dabei einen Blick auf Lenchens Füße, »deine süßen, kleinen Holzpantinen!«
»Die ollen Dinger? Die will ich dir gern schenken, Annemarie, in Oderberg bei Großmuttern gibt’s andere.« Und da flog auch schon ein kleiner Holzschuh auf das Ufer vor Annemies Füße.
Die traute ihren Augen nicht.
»Soll ich den denn wirklich haben?« fragte sie und streichelte den Schuh voller Seligkeit.
»Natürlich«, und da machte auch sein Bruder die Reise durch die Luft ans Ufer.
»Dann schenke ich dir dafür meine weißen Stiefelchen!« Im Umsehen hatte Klein-Annemarie ihre schönen Leinenstiefelchen ausgezogen und – heidi – da flogen sie wie zwei weiße Täubchen zu Lenchen hinüber.
Das machte ein ebenso glückseliges Gesichtchen wie Annemie. Ganz versunken standen die beiden Kinder in den Anblick ihrer neuen Schuhe, sie merkten es gar nicht, daß das Schiff sich langsam in Bewegung setzte.
Erst als sie schon mehrere Meter vom Ufer entfernt waren, rief Lenchen plötzlich: »Wir fahren ja schon – adieu, adieu, Annemarie!«
»Adieu, Lenchen, leb’ wohl – komm bald wieder!« schrie Annemie hinter dem abfahrenden Schiff her, und dann winkte sie mit ihren kleinen Pantinen, und Lenchen winkte mit den schönen weißen Stiefelchen zurück.
Plötzlich fiel es Annemie ein, daß sie ja ihrer Freundin Lenchen noch ein Stück das Geleit geben könnte. Sie fuhr in die ersehnten kleinen Holzpantinen – klapp – klapp – da lag sie auf dem Näschen. Ja, Annemie, alles will gelernt sein im Leben, selbst das Laufen in Holzpantoffeln.
Als Annemie wieder in die Höhe gekrabbelt war und ihr Kleidchen abgeklopft hatte, war Lenchen schon ein ganzes Ende fort. Da begann die Kleine Gehübungen zu machen. Sie mußte richtig wie Hanne und Lenchen in den Schuhen laufen können, sonst ging es Fräulein am Ende nachher auf dem Nachhauseweg zu langsam.
Klapp – klapp – hin und her – erstaunt sahen die Vorübergehenden auf das allerliebste kleine Mädchen im weißen Mullkleide mit der rosa Seidenschärpe und dem merkwürdigen Schuhwerk. Da blieb mancher kopfschüttelnd stehen und sah den Gehversuchen zu.
Nachdem Annemie noch mindestens ein halbes Dutzend Mal auf das Näschen gepurzelt war, konnte sie sich mit ihrer neuen Kunst sehen lassen. Jetzt ging es spornstreichs zu Fräulein.
Klapp – klapp – klapp – was kam denn da an – Fräulein sah erstaunt auf.
»Nanu, Annemie, wie kannst du nur so einherlaufen, gleich gibst du Lenchen ihre Schuhe zurück, der Spaß geht doch zu weit!« schalt Fräulein beim Anblick der Kleinen.
»Aber Fräulein, die süßen Holzpantinchen, bitte, bitte, laß sie mir doch, da kann ich beim Reinmachen nochmal so schön helfen«, bettelte die Kleine.
»Wo hast du denn deine weißen Stiefelchen, hast du die etwa am Ufer stehengelassen, du unachtsames Mädchen?«
»Bewahre, Fräulein,« beteuerte Annemie, »die habe ich doch Lenchen für die seinen Holzpantinen geschenkt, sie hat sich auch sehr darüber gefreut.«
»Sofort bringst du die Holzpantinen zurück und läßt dir dafür deine guten Stiefelchen wiedergeben, bist du denn ganz und gar nicht gescheit, du dummes Kind?« Damit lief Fräulein auch schon dem Ufer zu.
Klapp – klapp – Annemie hinterdrein.
»Aber Fräulein – Fräulein – Lenchen ist doch gar nicht mehr da, die ist ja schon längst in Oderberg bei Großmuttern!« rief die Kleine, stehenbleibend, denn sie hatte beim eiligen Lauf ein Holzpantinchen verloren.
»Was – und deine schönen Stiefelchen hat sie mitgenommen?« Fräulein machte ein entsetztes Gesicht.
»Ja, natürlich, aber ich habe doch dafür die feinen Pantinchen, die sind ja tausendmal schöner!« Liebevoll fing Annemie den Flüchtling wieder ein.
Fräulein raste, ohne Antwort zu geben, weiter. Vielleicht konnte sie das Schiff noch einholen. Aber das war, wenn auch noch nicht in Oderberg, gar nicht mehr zu sehen.
Klapp – klapp – klapp – da kam Annemie endlich hinterher.
»Was fange ich denn nun bloß mit dir an, ich kann doch so nicht mit dir nach Hause gehen!« Fräulein warf einen ratlosen Blick auf Nesthäkchens allerdings etwas seltsam aussehende Füßchen.
»Ach, ich kann jetzt schon ganz schön darin laufen«, beruhigte sie Annemie. Die Kleine konnte sich gar nicht denken, daß jemand von ihren Holzpantinen weniger begeistert sein sollte, als sie selbst.
Aber Fräulein schämte sich halbtot vor den Leuten, nein, so ging sie nicht mit Annemarie! Sie winkte eine Droschke herbei und fuhr mit ihr nach Haus.
Nesthäkchen war selig. Erstens die süßen Holzpantinchen, und dann noch Droschke fahren obendrein – das tröstete sie sogar über den Abschiedsschmerz vom Schiffer-Lenchen.
13. Kapitel
Nesthäkchen geht auf Reisen
Inhaltsverzeichnis
»Was – meine Lotte will mich morgen also wirklich allein lassen und in die weite Welt hinausfliegen?« fragte Vater und nahm sein Nesthäkchen zärtlich auf den Schoß.
»Mutti bleibt ja bei dir,« tröstete Annemie, »und du fährst doch dann auch selbst mit ihr fort in die Schweiz. Aber wenn du so schrecklich gern willst, lasse ich Fräulein und Klaus allein zu Onkel und Tante aufs Gut fahren und komme lieber mit euch mit.«
»Möchtest du das denn so gern?«
»Ja, schrecklich gern!« Annemie schlang beide Ärmchen um Vaters Hals.
Doktor Braun war ganz gerührt.
»So schwer wird dir die Trennung von uns, Lotte?«
»Ach, bewahre,« Annemies lachendes Gesichtchen zeigte nichts von Abschiedsweh, »aber weißt du, Vatchen, in der Schweiz, da kann ich doch den ganzen Tag Schweizerkäse essen, soviel ich nur will! Den esse ich so schrecklich gern, und die Löcher esse ich am liebsten!« Damit sprang Nesthäkchen davon, weil sie noch so furchtbar viel bis morgen zu tun hatte.
Fräulein packte mit Mutti im Kinderzimmer den Koffer. Annemie holte ihren kleinen Puppenkorb herbei und begann die Kleider ihrer Kinder hineinzustopfen. Aber der war im Umsehen voll.
»Fräulein, hast du noch viel Platz? Ich kriege Irenchens Schulmappe gar nicht mehr hinein, und Babys Soxlet klemmt sich auch schon«, jammerte das Puppenmütterchen voll Eifer.
»Aber Annemiechen, was willst du denn bloß mit all dem Zeug, Tante Kätchen hat schon an euch beiden Krabben genug!« lachte Mutti.
»Ja, aber meine Kinder wollen doch auch aufs Land. Irenchen muß sich rote Backen holen, Mariannchen soll mit ihren schlimmen Augen viel ins Grüne gucken, und Lolo will ich auf die Bleiche legen, damit sie weiß wird und kein Negerkind mehr ist. Baby soll tüchtig im Regen wachsen, und Kurt, der Strick, kann sich dort mal wenigstens ordentlich austoben. Gerdachen aber, von der trenne ich mich überhaupt nicht!«
»Was – und das halbe Dutzend Puppenjören willst du Tante Kätchen mit ins Haus schleppen?« fragte Mutti und versuchte vergeblich, ernst zu bleiben.
»Ja, natürlich, sie wird sich sehr freuen, und Kusine Elli auch, wenn sie auch schon zwölf Jahre alt ist.«
»Nein, Lotte, das geht nicht. Eine Puppe magst du mitnehmen, die anderen bleiben hier. Nun suche dir eine aus!« sagte Mutti in bestimmtem Ton.
Nesthäkchen machte ein enttäuschtes Gesicht, und die Puppen saßen ebenfalls mit enttäuschten Mienen da. Sie hatten sich schon so auf die Reise gefreut.
Das ist eine schwere Aufgabe für eine Mutter, die Wahl unter ihren Kindern, die sie doch alle lieb hat, zu treffen. Am notwendigsten war sicher dem blassen Irenchen die Reise aufs Land. Aber Annemie wollte doch die schwarze Lolo auf die Bleiche legen, denn, wenn Wäsche dort weiß wurde, wie Frida ihr erzählte, warum sollte Lolo nicht auch weiß werden! Da aber fiel ihr Blick auf Gerda. Die saß ganz still auf ihrem Stühlchen und schaute ihre kleine Mama ängstlich an.
»Nein, Gerdachen, hab’ keine Furcht, du kommst mit, wie werde ich mich denn von meinem süßen Nesthäkchen trennen!« rief die Kleine und zog die Lieblingspuppe an ihr Herz.
Aber da fühlte sich Annemie selbst ans Herz gezogen, und zwar an Muttis. Die flüsterte: »Und ich muß mein Nesthäkchen hergeben!« Dabei hatte sie sogar Tränen in den Augen.
»Dafür kriegst du ja soviel Schweizerkäse!« Ob nun Annemies Trost ihr einleuchtete, oder ob Mutti daran dachte, daß Vater, der so angestrengt in seinem Beruf war, eine Erholung ohne seine lebhaften Sprößlinge durchaus nötig hatte, sie wischte die Tränen schnell wieder fort. Wußte sie doch auch die Kinder bei ihrer Schwester und unter Fräuleins Aufsicht vorzüglich aufgehoben. Hans, der Große, machte inzwischen eine Wandertour mit seinem Turnlehrer und mehreren anderen Jungen.
»Fräulein, da hättest du bald was Schönes gemacht, den hättest du doch ganz sicher vergessen, nicht?« Keuchend brachte Nesthäkchen, als der Koffer fast schon voll war, ihren großen Puppenwagen angeschleppt.
»Aber Annemie, das Riesending können wir doch nicht mitnehmen – und was bringst du denn jetzt noch herbei, bist du denn ganz und gar nicht gescheit?« Halb belustigt, halb ärgerlich griff Fräulein nach dem Vogelbauer mit Mätzchen, den Annemie bereits in den Koffer mitten auf ihre schön geplätteten Sommerkleidchen befördert hatte.
»Ja, aber meine Gerda muß doch spazierenfahren, und Mätzchen verhungert sicherlich, wenn ich ihm nicht Futter und Wasser gebe«, behauptete die Kleine und warf ihre kleinen Holzpantinen noch hinterdrein in den Koffer.
Fräulein hatte alle Mühe, sie davon zu überzeugen, daß Frida Mätzchen gerade so gut versehen würde wie sie, und daß Gerda noch lieber in dem kleinen Leiterwagen der Vettern ausfahren würde. Vielleicht fand sich auch noch in Arnsdorf ein alter Puppenwagen von Kusine Elli in der Rumpelkammer. Auch die Holzpantinen konnte sie entbehren, da sie doch wohl da nicht scheuern würde.
Als aber Klaus, der zweite junge Reisende, nun ebenfalls erschien, unter dem einen Arm seine Schmetterlingssammlung und unter dem anderen die Festung mit sämtlichen Regimentern, die er mit in den Koffer zu verpacken wünschte, da wurde es dem Fräulein denn doch zu bunt. Schmetterlinge, Festung und sämtliche Regimenter wanderten ins Jungenzimmer zurück, und Klaus dazu. Annemie aber wurde auf Besuch zu Hanne geschickt, weil die sie doch nun so lange entbehren mußte. Jetzt hatte Fräulein endlich Ruhe zum Packen, nur die Puppen durften zugucken.
Eigentlich war es schon am Tage vor der Reise so schön, daß man gar nicht erst zu verreisen brauchte. Vater und Mutter waren noch zärtlicher als sonst, Hanne ließ die Kleine über alle ihre Kästen gehen, weil sie doch morgen nicht mehr da war, und Hans schenkte ihr sogar einen großen Radiergummi. Das Schwesterchen war so begeistert von dieser Freigebigkeit, daß es sich liebevoll an seinen Rücken hängte und ausrief: »Ich wollte, daß du lieber mit nach Arnsdorf kämest, Hänschen, und Klaus mit seinem Lehrer reiste!«
Im Nebenzimmer aber saß eine, auf die all die anderen Puppen neidisch blickten, die wünschte das noch tausendmal mehr. Puppe Gerda sah bereits im voraus ihre Sommererholung durch den wilden Klaus arg beeinträchtigt.
Als gegen Abend auch noch Großmama erschien, um den Enkelchen Lebewohl zu sagen, und ihnen eine große Tüte Keks für die Reise mitbrachte, da war die Seligkeit voll. Klein-Annemarie war gar nicht zu bändigen, so aufgeregt war sie. Sie setzte mit Klaus über Hutkarton, Koffer und Stühle, und Fräulein drohte, sie nicht mitzunehmen. Und als sie dann endlich in ihrem Bettchen lag, da betete sie voll Inbrunst: »Lieber Gott, mache doch bloß, bitte, daß ganz schnell morgen ist.«
Das mußte der liebe Gott denn wohl auch getan haben, denn als Fräulein Annemie eine Stunde früher als sonst weckte, war die Kleine so müde, als ob sie eben erst eingeschlafen wäre.
»Annemie, der Zug geht ab!« rief Fräulein.
Hei – wie war Nesthäkchen da im Augenblick aus dem Neste – wie blitzten die eben noch so verschlafenen Augen. Auch Gerda sprang mit beiden Füßen zu gleicher Zeit heraus.
Heute ging das Anziehen noch mal so schnell. Wenn man reisen will, ist das Wasser nicht so naß wie sonst, der Kamm ziept nicht die Spur, und selbst die zwei Tassen Kakao sind im Umsehen leer, wenn man auch gar keinen rechten Appetit hat.
»Fräulein, der Zug geht ab!« Jetzt war es Annemie, die Fräulein drängte, und der es nicht rasch genug gehen konnte. Lange, bevor das Auto geholt wurde, stand sie bereits reisefertig da. Auf dem rechten Arm die ebenfalls reisefertige Gerda, in dem linken ihren Teddybären, dem sie Kurts Mütze aufgesetzt und Irenchens blaues Cape umgebunden hatte.
»Soll dieser junge Herr etwa auch mit?« fragte Vater amüsiert, sich den merkwürdigen Reisenden anschauend.
Annemie bejahte eifrig, weil sie doch bloß eine Puppe mitnehmen dürfe, und Tiere auf einem Gut, wo es doch soviel Ochsen und Kühe gibt, sicher sehr willkommen sein würden.
»Ja, aber Bären gehören doch nicht auf ein Gut«, überredete sie Mutti, da Nesthäkchen durchaus den Teddybären als Reisegefährten mitnehmen wollte.
Auch Vaters Einwurf: »Der kriegt doch keine roten Backen von der Landluft!« half nichts, nur Fräuleins energisches Verfahren: »Dann bleibst du auch zu Hause!«
Der Bär wanderte zu den zurückgelassenen Puppen, und nachdem Hanne und Frida Nesthäkchen nochmals versprachen, für ihre armen, mutterlosen Kinder zu sorgen, konnte sie endlich mit ihrer Gerda die Reise antreten.
Klaus, die grüne Botanisiertrommel umgehängt, und das Schmetterlingsnetz wie eine Fahne in der Hand schwenkend, thronte bereits auf dem Bock neben dem Chauffeur. Auch die Eltern fuhren mit zur Bahn.
Ach, wie herrlich ist verreisen, wenn Hanne und Frida vom Balkon herunterwinken, wenn der Herr Portier in höchst eigener Person die Koffer aufladen hilft, und das Auto so wundervoll tutet!
Mit glänzenden Augen fuhr Nesthäkchen zum Bahnhof. Dort gab es wieder eine Freude. Großmama hatte sich eingefunden, um ihrem Herzblatt Annemie noch einen Abschiedskuß zu geben. Der kleine Reisekorb mit Bonbons aber, den Großmama Puppe Gerda überreichte, weil sie doch ihr Patchen wäre, war doch sicher für ihre kleine Mama bestimmt.
Vater und Mutter wollten ihr Nesthäkchen gar nicht aus dem Arm lassen.
»Sei folgsam und artig, Lotte – Klaus, Fräulein schreibt mir alle Tage über dein Betragen einen Brief, daran denke, wenn du etwas Ungezogenes tun willst! Und grüßt Onkel Heinrich und Tante Kätchen schön –« Da gab der Stationsvorsteher das Zeichen.
»Tü–ü–üh – abfahren!« schrie Annemie, während Mutti mit tränendem Blick auf ihr Kleinchen blickte. Und seelensvergnügt fuhr Nesthäkchen in die weite Welt hinaus.
Die Reise wurde den Kindern nicht lang. Auch Gerda sperrte Mund und Nase auf. Nein, was gab’s da draußen alles zu sehen. Zuerst einen großen, dunklen Wald, in dem sicherlich Rotkäppchen dem Wolf begegnet war. Dann ein Dorf mit vielen niedlichen Häuschen und einem roten Kirchlein, gerade solches, wie Annemie es daheim in ihrem Baukasten hatte. Nun kam eine Wiese mit wunderschönen roten, blauen, weißen und gelben Blümchen – ei, wer da doch pflücken könnte! Aber die Eisenbahn ratterte unbekümmert um Klein-Annemies Wunsch weiter – ratteratta – ratteratta – puff – puff – puff – ratteratta – immer weiter.
»Ach, die vielen, vielen Schäfe dort drüben!« Die Kleine klatschte vor Freude in die Hände.
»Das ist eine Hammelherde,« belehrte sie Fräulein, »und der alte Mann mit dem langen Stab ist der Hirt.«
»Annemie, du bist ja selbst ein Schaf, es heißt doch nicht Schäfe, sondern Schafe!« hielt auch Klaus für nötig, das Schwesterchen zu belehren. Abgesehen von dieser Liebenswürdigkeit aber verhielt er sich recht brav, da er fast die ganze Zeit über mit Futtern beschäftigt war.
Gerda, die zuerst ihres Lebens nicht recht froh wurde, weil Klaus ihr gegenübersaß, und sie aus seinen braunen Augen spitzbübisch anblinzelte, verlor allmählich ihr Mißtrauen. Der Junge war ja heute gar nicht zum Wiedererkennen artig.
Aber die Puppe hatte sich zu früh gefreut.
Als sie jetzt alle drei einträchtig miteinander aus dem Fenster schauten, fragte Klaus, dem die Äcker und Wälder allmählich langweilig wurden, das Schwesterchen mit treuherzigem Gesicht: »Du, Annemie, wollen wir mal ›Wind‹ spielen?«
»Au ja, Kläuschen!« Auch Annemie hatte nun genug von den Wiesen und Feldern, die alle ziemlich gleich aussahen.
»Hui« – machte Klaus pfeifend, und noch einmal »hui« – da flog Puppe Gerdas Strohhütchen aus dem Fenster mitten in den roten Mohn hinein.
»Mein Hütchen – mein schöner Hut!« schrie Gerda, oder war es Annemie gewesen? »Der Zug soll halten, du sollst nicht weiterfahren, du oller Zug!« Bitterlich weinte die Kleine.
Die Eisenbahn aber ratterte weiter, unbekümmert um Annemies und Gerdas Jammer – ratteratta – ratteratta – puff – puff – puff – ratteratta – immer weiter. Und es hörte sich sogar an, als ob sie Klein-Annemie noch obendrein auslachte. Oder war das etwa der ungezogene Klaus, der sich ins Fäustchen lachte?
Als Fräulein ihn ausschalt, hatte er noch einen großen Mund: »Was plärrt denn das dumme Ding, sie hat doch selbst gewollt, daß wir Wind spielen!«
Aber da Fräulein mit ernstem Gesicht sagte: »Du, es geht heute noch ein Brief an Mutti ab, Klaus«, da wurde er recht kleinlaut und mit einemmal wieder ein wahrer Musterknabe.
Gerda bekam eine Zipfelmütze aus Nesthäkchens Taschentuch, weil sie doch unmöglich ohne Hut nach Arnsdorf kommen konnte. Was hätten wohl die Kühe dazu gesagt!
Annemie aber beschäftigte sich jetzt damit, eine in der Ecke sitzende Dame angelegentlich zu betrachten, welche die Augen geschlossen hatte.
»Die Tante schläft!« teilte sie Fräulein mit lauter Stimme mit.
»Stst« – machte Fräulein und legte mahnend den Finger auf den Mund.
Die Dame bewegte sich unruhig, machte aber die Augen nicht auf.
»Die Tante schläft noch immer«, erklang es nach einem Weilchen zwar etwas gedämpfter, aber doch noch so laut, daß Fräulein aufs neue den Finger auf den Mund legen mußte.
Die Schlafende hatte jetzt ihre Lippen geöffnet, sanfte Schnarchtöne entquollen ihnen.
»Chch – chchch – chchchch – pfff – pfff –« das klang beinahe so schön wie die Eisenbahnmusik.
»Die Tante schnarcht!« flüsterte Nesthäkchen in heller Begeisterung.
Aber als jetzt ein ganz besonderes grunzendes chchch – chchchch – pff – pfff – einsetzte und der Zug auch gerade dazu »ratteratta – puff – puff« – machte, da sahen sich Klaus und Annemie zuerst erschrocken an, und dann lachten sie plötzlich beide laut los.
Die Dame fuhr zusammen und riß die Augen auf.
»Seht ihr, nun habt ihr die Dame gestört,« sagte Fräulein ärgerlich, »verzeihen Sie, gnädige Frau.«
»Das macht ja nichts«, lächelte die Dame freundlich und schloß aufs neue die Augen.
»Weißt du was, Annemiechen, schlafe du auch ein bißchen«, schlug Fräulein vor und nahm Nesthäkchen, das sich die Augen rieb, auf den Schoß.
»Nein, ich kann nicht schlafen, sonst kommt der alte Wind wieder und weht am Ende meine Gerda aus dem Fenster.« Die Kleine warf einen vielsagenden Blick auf den gerade mit Großmamas Bonbonkorb liebäugelnden Klaus.
»Ich passe schon auf«, beruhigte Fräulein das von der Reise ermüdete Kind. Da klappten Annemies Augenlider zu, und nach einem Weilchen auch die von Fräulein. Nur Puppe Gerda schlief nicht, die saß aufrecht in ihrer Ecke und hielt Wache.
Da sah sie denn, wie der unnütze Klaus vorsichtig die Goldschnur von dem Bonbonkörbchen, das Großmama doch ihr geschenkt hatte, löste, und einen Bonbon nach dem andern in seinen Mund spazieren ließ.
»Du, der maust mir meine Bonbons!« Weinerlich zupfte die Puppe ihre schlafende kleine Mama an dem einen Rattenschwänzchen.
Annemie fuhr erschreckt hoch, wie vorhin die Dame, und weckte weinend Fräulein.
Klaus bekam einen Klaps auf die Hände und Annemie ein Stück Schokolade von der Dame, die inzwischen ausgeschlafen hatte.
Und nun war man auch gleich da. Endlich! Fräulein setzte Annemie das Hütchen auf, und Annemie zog Gerda ihre Zipfelmütze kleidsamer.
Der Zug hielt. Onkel Heinrich stand aus dem Bahnsteig und hob Annemie und Gerda mit lachendem »Na, du Dreikäsehoch, bist du da?!« aus dem Abteil. Dann gab er Klaus einen zärtlichen Nasenstüber: »Immer noch solch Bandit wie früher, Junge?« und nahm Fräulein die Reisetasche ab.
Nun ging es zu dem Wagen. Denn man hatte noch über eine Stunde bis zum Gut Arnsdorf zu fahren. Auf dem Bock saß stramm in seinem blauen Rock mit blanken Knöpfen August, der Kutscher, und legte die Hand an die Mütze.
Nesthäkchen knickste in tiefer Ehrfurcht vor ihm. Der sah ja noch viel vornehmer aus als ihr Portier in Berlin. Klaus aber klopfte die beiden Braunen, an die Klein-Annemie sich nicht recht herantraute, freundschaftlich auf den Rücken, schwang sich zu dem feinen August auf den Bock und bettelte ihm seine Peitsche ab. Damit knallte er lustig, während der Wagen den Landweg entlang holperte.
»Siehst du, Kleinchen, das ist eine Windmühle, da mahlt der Müller sein Korn, und von dem Grasberg dort kann man fein heruntertrudeln. Dies hier sind schon unsere Wiesen, da fahren wir nächstens ins Heu«, unterhielt Onkel Heinrich sein kleines Nichtchen, das er liebevoll auf den Schoß genommen.
Aber als das Plappermäulchen zu all den verlockenden Aussichten schwieg, und Fräulein ihm lächelnd zuwinkte, da sah sich Onkel die Annemie näher an.
Holla – das Fräuleinchen schlief ja. Den Blondkopf hatte es fest an Onkels Ärmel eingekuschelt, die Bäckchen waren gerötet und das Mündchen leis geöffnet. Die lange Reise hatte die Kleine allzusehr ermüdet. Auch Puppe Gerda hatte die Augen zugeklappt. Fest schlafend, so hielten die beiden kleinen Reisenden ihren Einzug in Arnsdorf.
14. Kapitel
Kikeriki – der Hahn ist schon wach
Inhaltsverzeichnis
Über die taufrischen Wiesen von Arnsdorf kam der Morgenwind daher. Er schaute in den Gutshof hinein, dort lag noch alles in tiefstem Schlaf. Nur der goldrote Hahn, der auf dem Misthaufen schlief, machte ein halbes Auge auf und blinzelte den Morgenwind verschlafen an. Da pustete ihn dieser übermütig ins Gesicht, daß er sogleich beide Augen aufriß und mit den goldroten Flügeln schlug.
Dann aber erklang es plötzlich in den höchsten Tönen »Kikeriki – kikeriki« – dabei kniff der Hahn die Augen wieder zu, denn er konnte sein Lied schon auswendig.
»So, den Langschläfer hätten wir geweckt«, dachte der Morgenwind und klirrte gegen die Fensterscheibe des Fremdenzimmers, das nach dem Hofe zu lag.
Da drinnen bewegte es sich. Ein Kinderbeinchen streckte sich zum Himmel empor und verschwand dann wieder unter der Decke.
Der Morgenwind machte ein erstauntes Gesicht. Nanu, wer lag denn heute da drin im Kinderbettchen?
Ein fremdes, kleines Mädchen und eine fremde Puppe, die er noch niemals hier auf dem Gute gesehen hatte. Das Gesicht hatte die Kleine noch tief in den Kissen vergraben.
Aber das Wecken verstand der Morgenwind, das war ja sein Amt hier aus dem Gut. Er nahm eine Weidenranke, die da gerade an der Mauer hing und schlug damit lustig gegen die Fensterscheibe.
Das fremde, kleine Mädchen steckte das zweite Beinchen heraus und die Ärmchen dazu, aber es schlief weiter.
Da gab der Morgenwind seinem Freund, dem Hahn, ein Zeichen, und der ließ sich nicht lange bitten. Aufs neue erklang es »Kikeriki – kikeriki.«
Das kleine Mädchen droben im Fremdenzimmer aber träumte, der Hahn aus seiner Spielzeugschachtel sei lebendig geworden und habe laut gekräht.
Doch als der Hahn auf dem Misthaufen zum drittenmal »Kikeriki – kikeriki« sang, da setzte sich die Kleine plötzlich im Bette hoch.
Ei – das war ja ein süßes, kleines Ding, wie erstaunt sie sich in der neuen Umgebung umguckte! Die gefiel dem Morgenwind ganz ausnehmend gut.
Jetzt endlich wußte Klein-Annemarie, denn sie und kein anderer war das fremde, kleine Mädchen, wo sie war. Richtig – in Arnsdorf. Aber wie sie hierher ins Bett gekommen, darauf konnte sie sich gar nicht mehr besinnen. Auch Tante Kätchen, Kusine Elli und die Vettern hatte sie gestern abend in ihrer Müdigkeit kaum noch begrüßen können.
»Kikeriki«, rief der Hahn unten wieder, und »Kikeriki – kikeriki« – erschallte es auch oben aus dem Kinderbett in hellen Tönen, daß Puppe Gerda und Fräulein entsetzt hoch fuhren.
»Aber Annemie, Kind, was fällt dir denn ein, gleich legst du dich hin und schläfst weiter«, rief Fräulein.
»Kikeriki – der Hahn ist schon wach, dann müssen wir auch aufstehen, auf einem Gut schläft man überhaupt nicht so lange, sagt Frida.« Annemie, die gestern besonders früh ins Bett gekommen, war bereits ganz ausgeschlafen.
Leider – denn Fräulein war noch sehr müde.
»Sei ruhig, Herzchen, und störe mich nicht«, bat sie.
Das versprach Annemie, denn sie hatte doch ihr Fräulein sehr lieb.
Sie begann eine halblaute Unterhaltung mit Gerda
»Gefällt es dir hier, Gerdachen?«
Die Puppe zuckte die Schultern, sie konnte in der kurzen Zeit noch nicht recht urteilen.
Inzwischen hatte der Morgenwind die Täubchen im Taubenhaus geweckt.
»Rrruck – ruck – ruck – ruck – girrr« – machten die und hoben die Köpfchen.
Und »rrruck – ruck – ruck – ruck, die Täubchen sind auch schon auf!« girrte es ebenfalls aus dem Kinderbettchen.
»Aber Annemie, du hast mir doch versprochen, still zu sein«, stöhnte Fräulein.
Ja richtig – das hatte sie wirklich bloß vergessen.
»Hast du Angst vor den Muhkühen, Gerda, die beißen nicht!« setzte Annemie inzwischen im Flüsterton ihre Unterhaltung mit der Puppe fort.
Gerda schüttelte den Lockenkopf. Aber als es jetzt aus dem Stall dumpf »Muh – mu – uh –« brüllte, denn der Morgenwind hatte gerade die Kühe geweckt, da verkroch sich die Puppe furchtsam unter den Kissen.
Ihre kleine Mama aber lachte und machte noch viel schöner »muh – mu – uh«, nicht gerade zur Freude ihres müden Fräuleins.
Eine Weile blieb es jetzt ruhig. Fräulein glaubte, der kleine Störenfried sei endlich wieder eingeschlafen und legte sich ebenfalls auf die andere Seite.
»Mäh – mäh – mäh« – klang es da zum Fremdenzimmer hinauf. Diesmal dachte Annemie daran, daß sie Fräulein nicht wieder wecken durfte. So gern sie auch mitgeblökt hätte, sie machte fest ihren kleinen Mund zu. Aber als das »Mäh« da unten gar kein Ende nehmen wollte, hielt es Annemie nicht länger im Bett aus.
Eins – zwei – drei – war sie mit ihrer Gerda am Fenster.
»Ach – sind das aber viele Schäfe!«
Und wie lustig sie durcheinandersprangen – hops – hops – denn sie wurden gerade auf die Weide betrieben. Auch die Knechte waren schon auf, sie spannten bereits die Leiterwagen ein, um aufs Feld zu fahren. Mitten auf dem Hof aber stand Onkel Heinrich und sah nach dem Rechten.
Was – alle waren sie schon auf, der Hahn, die Tauben, die Muhkühe, die Schäfchen, die Knechte und sogar Onkel Heinrich – nein, da blieb Annemie auch nicht länger oben.
Ein schneller Blick zu Fräuleins Bett – keine Sorge, Fräulein schlief fest. Wie der Wind war die Kleine aus der Tür, ihr Puppenkind im Arm, sprang sie seelensvergnügt die Treppe hinab.
»Guten Morgen, Onkel Heinrich, bitte, schenke mir doch eins von den süßen, kleinen Schafen, du hast ja so viele«, erklang es plötzlich hinter dem Gutsherrn.
Der wandte sich erstaunt um.
Da standen zwei allerliebste kleine Hemdenmätze vor ihm, denn auch Gerda hatte noch keine Toilette gemacht.
»Krabbe, bist du etwa Fräulein ausgekniffen, du wirst dich erkälten.« Onkel zog seine Lodenjoppe aus und wickelte Klein-Annemie und Gerda hinein. Dann nahm er sie beide auf den Arm.
Die Knechte ringsum lachten, und auch das »Mäh« der immer noch vorübergehenden Schafe hörte sich an, als ob sie die beiden Hemdenmätzchen auslachten.
Onkel trug die zwei ins Haus zurück.
»Nicht wieder in die Fremdenstube,« bettelte Annemie, »bitte, bitte, lieber Onkel! Fräulein ist noch so schrecklich müde, und ich störe sie bloß«, setzte der kleine Schlaukopf hinzu.
»Ja, wo laß ich dich denn da bloß, Krabbe? Ich muß jetzt aufs Feld reiten.«
»Da kannst du mich ganz ruhig mitnehmen, Onkel Heinrich, auf dem großen Schaukelpferd von Klaus bin ich schon oft geritten und auf Vaters Schultern auch, du sollst mal sehen, ich falle nicht runter.«
Aber der Onkel schien doch mit dem Vorschlag nicht so recht einverstanden zu sein.
»Wollen mal sehen, ob Tante Kätchen schon so weit ist.«
Ja, Tante Kätchen war schon fertig, sie lachte über das ganze Gesicht, als der Onkel ihr das lebendige Paket in den Arm legte.
»Na, ausgeschlafen, Herzchen?«
Aber Annemie gab keine Antwort, die mußte erst Tante Kätchens Gesicht studieren.
»Ach, so siehste aus, Tante Kätchen? Genau wie Mutti, bloß schimpfen mußt du noch, daß ich Fräulein fortgelaufen bin.«
Das tat aber Tante Kätchen nicht, sondern sie lachte noch viel mehr.
»Was ziehe ich dir denn nun an, Herzchen, so kannst du doch nicht herumlaufen, und Fräulein wollen wir nicht stören – halt, ich hab’s. Da ist noch ein ausgewachsener Waschanzug vom Peter, der wird dir gerade passen.«
»Au ja – fein!« Jauchzend ließ sich Annemie in Tante Kätchens Schlafzimmer tragen und ganz artig waschen und kämmen. Sie wollte doch so schnell wie möglich in Vetter Peters Höschen schlüpfen.
Als Fräulein mit ängstlichem Gesicht unten erschien, denn sie hatte ihren Pflegling oben überall vergeblich gesucht, stand ein niedlicher, kleiner Junge mit zwei blonden Rattenschwänzchen vor ihr und lachte sie schelmisch an.
Da konnte Fräulein nicht böse sein, Annemie sah zu süß aus. Und sie bat so zärtlich, Fräulein möchte sie doch noch ein bißchen als kleiner Junge rumlaufen lassen, daß Fräulein es ihr nicht abschlagen konnte.
Die zwölfjährige Elli kam nun auch zum Vorschein. Sie gab Annemie einen Klaps auf die Höschen und sagte: »Na, Peter?« Da hing sich statt des Bruders Klein-Annemie lachend an ihren Hals.
Auch die Jungen, die zusammen schliefen, erkannten die Kleine nicht, das gab einen lauten Hallo.
»Wo gehen wir nachher zuerst hin?« fragte der zehnjährige Herbert beim Frühstück.
»Natürlich in die Ställe, wir müssen doch Klaus und Annemie erst die Pferde, Kühe und Schweine vorstellen«, rief sein jüngerer Bruder Peter.
»Nein, ich muß erst in die Rumpelkammer«, erklärte Klein-Annemarie wichtig.
»Was – wo willst du hin – was willst du denn in der Rumpelkammer?« so fragte man.
»Ja, ich muß doch erst Ellis alten Puppenwagen für meine Gerda vorkramen«, meinte das Puppenmütterchen.
Aber die gute Elli hatte bereits ihren Puppenwagen für das kleine Kusinchen zurechtgestellt, und ihre große Kochmaschine dazu. Von diesem Augenblick an liebte Annemie die große Kusine über alle Maßen.
Nachdem auch Gerda sich aus einem Hemdenmatz wieder in eine anständig gekleidete Puppe verwandelt hatte, zog die ganze Gesellschaft in die Stallungen.
Fräulein konnte inzwischen in Ruhe auspacken.
Zuerst ging’s zu den Pferden. Der kecke Klaus ließ sich von einem Knecht gleich auf einen der Braunen setzen und schrie dazu »Hü« und »Hott«.
Annemie aber stand ängstlich von weitem. Sie traute sich nicht mal an das niedliche Füllen, das Babypferdchen, heran, das Elli mit Zucker fütterte. Und als sie sich schließlich überreden ließ, dem Tierchen selbst ein Stückchen Zucker zu reichen, da zog sie laut schreiend das Händchen zurück, welches das Füllen beschnuppert hatte. Ganz genau zählte sie nach, ob auch kein Fingerchen fehlte, der Zucker aber lag auf der Erde.
Bei den Kühen erging es Klein-Annemie nicht viel besser. Trotzdem sie ihrer Gerda so mutig versichert hatte: »Die beißen nicht!« wagte sie sich nicht näher. Warum schlugen sie denn auch so ärgerlich mit der Schwanzquaste? Und vier Beine zum Stoßen hatten sie auch, an jeder Ecke eins.
Plötzlich aber rief die Kleine erfreut, auf eine wunderhübsche, weißbraune Kuh zeigend: »Das ist ja die Kuh aus meinem Bilderbuch!«
»Quatsch,« lachte Vetter Peter, »das ist doch eins lebendige.«
»Na, denn ist es eben ihre Schwester, sie sieht ihr genau so ähnlich wie Tante Kätchen meiner Mutti«, erklärte Annemie mit Bestimmtheit.
Onkel Heinrich, der von seinem Morgenritt zurückgekehrt war, und den schmeichelhaften Vergleich gerade mit angehört hatte, lachte dröhnend.
»Weißt du denn auch, was uns die Kuh gibt?« fragte er.
»Aber das weiß doch sogar schon meine Gerda, daß man die Milch von der Kuh kriegt«, rief Annemie stolz.
»Na, und der Kaffee, wo kommt der her?« neckte der Onkel.
Die Kleine besann sich keinen Augenblick.
»Natürlich vom Pferd, denn er ist ebenso braun!«
Schallendes Gelächter folgte auf Klein-Annemies Ausspruch. Selbst die Kühe lachten, daß ihr langer Schwanz hin und her wackelte.
Annemie aber lief aus dem Kuhstall und teilte Elli heimlich mit, daß sie sich »ganz schrecklich schoniere«.
Die Schweinchen fanden auch nicht den Beifall der kleinen Kusine. Sie meinte geringschätzig: »Die sind ja gar nicht richtig! Die Ferkelchen in meinem Bilderbuch sehen rosenrot aus und riechen auch gar nicht so abscheulich!«
Aber von der Geflügel-Kinderstube war Annemie nicht fortzubringen.
Ach Gott, wie niedlich! Die kleinen Entchen, die noch ganz gelbe Flaumfedern hatten, die winzigen Gänschen, und die süßen, kleinen Kücken, die so unbeholfen hinter ihrer Hennenmutter hertappelten.
Auch der Kaninchenstall mit seinen übermütigen Bewohnern, die sich gar lustig überpurzelten, machte den Stadtkindern große Freude.
»Nun wollen wir in den Garten gehen«, meinte Elli.
Ach, war es da schön! Lauter Stiefmütterchen und Vergißmeinnicht, und die vielen Gänseblümchen, die da alle auf dem Rasen wuchsen.
»Pflücke dir doch welche, wir wollen für deine Gerda einen Kranz machen, Annemiechen«, schlug Elli vor.
Die Kleine zögerte.
»Ja, darf ich denn auf den Rasen treten?« fragte sie erstaunt.
»Aber natürlich«, lachte Elli.
»Gibt’s denn hier keinen Tiergartenwächter?« Scheu sah sich die kleine Berlinerin um.
»Nein, Annemie, hier darfst du laufen, wohin du willst, hier tut dir keiner was«, beruhigte sie die Kusine.
»Ach, ist das schön bei euch – ich will niemals wieder in den ollen Tiergarten!« Das klang wie der Jubellaut eines Vögelchens, das zum erstenmal aus dem engen Bauer in die weite Luft hineinfliegt.
Klaus aber hatte seine ländliche Freiheit schneller begriffen. Der war bereits mit einem Satz in die Hängematte und mit dem nächsten wieder heraus und in die Schaukel. Jetzt strampelte er am Reck, und dann ging es mit den Vettern in die Johannisbeeren und Stachelbeersträucher.
Und am nächsten Tage hatte er bereits einen verdorbenen Magen.
15. Kapitel
»Kommt ein Vogel geflogen«
Inhaltsverzeichnis
Herrliche Wochen verlebten die Berliner Kinder auf dem Gute. Viel schneller als zu Haus gingen die Tage dahin, mit beiden Händen hätten Klaus und Annemie sie festhalten mögen, denn jeder Tag brachte etwas neues Schönes.
Klaus sah aus wie ein richtiger Bandit, sonnverbrannt und meistens zerfetzt. Kein Baum war ihm zu hoch und kein Graben zu tief. Fräuleins Sommererholung bestand in täglichem Höschenflicken.
Auch Annemie war ein tüchtiger Wildfang geworden. Allenthalben trieb sie sich mit den drei Jungen herum. Ihre Angst vor Pferden, Kühen und Schweinen hatte sich längst gegeben. Selbst der große Truthahn konnte sich nur bei ihr in Respekt setzen, wenn er seinen Koller bekam. Aber wie hatte Nesthäkchen sich auch erholt. Ihre Bäckchen waren so rot wie ihr Musselinkleidchen und ihre Beinchen so braun wie ihre braunen Strümpfe.
Auch die sanfte Gerda war hier ganz außer Rand und Band. Sie blieb mit ihren hübschen Kleidern an allen Zäunen und Sträuchern hängen, schlug sich Beulen in den Kopf, tauchte mit zerkratztem Gesicht aus den Dornenhecken auf und kam meistens barfuß nach Hause.
Wenn sie sich trotzdem nicht so gut erholt hatte wie ihre kleine Mama, so lag das nicht an der Arnsdorfer Luft, sondern einzig und allein an Klaus. Der brachte die Puppe um ihre ganze Erholung, ewig mußte sie vor dem Schlingel zittern.
Durften die Kinder mit dem Leiterwagen mit aufs Feld hinausfahren, drängelte und schubste Klaus so lange, bis Puppe Gerda durch eine Leitersprosse durchkugelte und am Wege liegen blieb. Nicht einmal ihr Mütterchen hatte es gemerkt, erst bei der Rückfahrt konnte die ganz verstaubte Puppe wieder aufgelesen werden.
Spielte man im Heu, so war Gerda sicher dem Erstickungstode nahe. Der böse Klaus begrub sie unter einem Riesenheuberg bei lebendigem Leibe.
Wo der Bengel sie erblickte, bombardierte er die arme Gerda mit unreifen, vom Wind abgeschlagenen Äpfelchen, so daß ihre Nase schon ganz plattgedrückt war.
Ließen die Kinder am Entenpfuhl Schiffchen schwimmen, schwamm auch sicherlich Gerda plötzlich auf dem grünlichen Wasser. Und wenn Herbert auf Annemies Gebrüll die Puppe nicht errettete, der schlechte Klaus hätte sie elendiglich versaufen oder von einem Frosch verspeisen lassen. Ach, was Gerda für eine Angst vor diesen quakenden grünen Scheusalen hatte!
Wieder mal war Puppe Gerda plötzlich verschwunden. Eben noch hatte sie mit Annemie und allen andern Kindern im Wäldchen »Räuber und Prinzessin« gespielt, da war sie mit einem Male auf und davon. Klein-Annemarie durchsuchte voll Sorge jedes Brombeergestrüpp, jeden Maulwurfshügel – Gerda kam nicht zum Vorschein.
»Es ist schrecklich mit dem Kinde, sie ist hier in Arnsdorf total verwildert«, klagte sie Elli, Gerdas Tante. »Wer weiß, wo sie sich jetzt wieder herumtreiben mag!«
Aber als die Jungen, Herbert und Peter, welche die Räuber waren, ihre Taschentücher als Friedensfahne wehen ließen und herankamen, um zu fragen, ob die Mädels nicht ihren Räuberhauptmann Klaus gesehen hätten, da wußte Annemie gleich, wo sie Gerda zu suchen hatte.
»Mein Kind ist geraubt worden, der Räuberhauptmann hat meine kleine Gerda gestohlen!« Jammernd machte sich Annemarie mit den andern an die Verfolgung.
Nirgends eine Spur, weder von Klaus noch von Gerda. Man durchstöberte die Rosenhecken, die Lauben, Hof und Haus. Nirgends war der Puppenräuber zu entdecken. Der saß oben auf dem obersten Kornboden und spähte durch eine Dachluke hohnlachend auf seine Verfolger herab.
Wo aber hatte er Puppe Gerda gelassen? Denn die befand sich nicht mehr in seiner Gesellschaft.
Als der Räuberhauptmann das arme Puppenkind plötzlich beim Wickel hatte, glaubte Gerda, ihr letztes Stündchen habe geschlagen.
»Lieber Gott,« betete sie, »laß mich wenigstens eines sanften Todes sterben. Sorge dafür, daß der schlimme Klaus mich nicht in den Entenpfuhl bei den grünen Froschscheusalen ersäuft!«
Klaus raste mit dem entführten Kinde über Stock und Stein. Der Puppe schwanden die Sinne, sie schloß die Augen. Sie wollte gar nicht sehen, was der Bösewicht mit ihr vorhatte.
Als sie die Augenlider endlich wieder zu öffnen wagte, kniff sie sich mit der Zelluloidhand in die Nase, um zu sehen, ob sie überhaupt noch am Leben sei. Wo war sie denn bloß – etwa gar schon im Himmel?
Nein, so sah es im Himmel ganz sicher nicht aus. Ein mattes Dämmerlicht herrschte im Raum und eine merkwürdig warme Luft umwehte sie. Auch ließ sich ab und zu ein seltsames Brummen vernehmen. Dann pochte der Puppe das Herz vor Schreck bis in den Hals hinein.
Mit ihrem Lager konnte Puppe Gerda eigentlich ganz zufrieden sein. Sie ruhte in einer bequemen Holzwiege auf weichem, grünem Gras. Aber sie hätte gern gewußt, wo sie sich denn eigentlich befand.
Da wurde das Brummen neben ihr stärker – Gerda hielt den Atem an.
Barmherziger Himmel – über ihr tauchte ein fürchterliches Ungeheuer auf, mit glotzenden Augen und weitaufgerissenem Maul – eine Kuh!
Du guter Gott, die würde sie im nächsten Augenblick mit Haut und Haar verschlingen! Jetzt wußte die arme Gerda mit einem Male, wohin der arge Klaus sie geschleppt hatte, in die Futterkrippe des Kuhstalls hatte er sie gelegt.
Warum wartete denn das Ungetüm bloß noch, warum fraß die Kuh sie nicht lieber gleich auf, dann hatte wenigstens das Elend ein Ende!
Aber die Kuh dachte gar nicht daran, Gerda zu fressen, die hatte genau so große Furcht vor der Puppe, wie die vor ihr. Mit angstvoll glotzenden Augen starrte sie auf das merkwürdige Futter in ihrer Krippe.
Plötzlich fühlte Puppe Gerda sich ergriffen. Sie traute sich nicht, die Augen aufzuklappen, sicher hatte das Ungetüm sie bereits zwischen den Zähnen.
»Leb’ wohl, Annemiechen, ich danke dir auch schön, daß du mich so lieb gehabt und stets so gut für mich gesorgt hast!« dachte die Puppe noch.
Da vernahm sie eine menschliche Stimme: »Potzwetter nicht noch mal, was haben die Knechte denn hier zwischen das Futter geschüttet –« und dann dröhnendes Lachen. »Ei, ist das nicht Klein-Annemaries Püppchen, das hätte sich die Bleß bald zum Abendbrot schmecken lassen!« Es war der Gutsherr, der das Futter des Viehs in Augenschein nahm.
Gerda blinzelte durch die Wimpern. Nein, sie befand sich nicht, wie sie gefürchtet, zwischen den Zähnen der Kuh, Onkel Heinrich hatte sie in seinen Fingern. Und jetzt steckte er sie in die Innentasche seiner Joppe – ach, wie geborgen fühlte sich die halbtot geängstigte Puppe an Onkels Brust.
Hinter den beiden brüllte es laut her vor Freude, die Kuh ließ sich jetzt endlich ihr Abendbrot schmecken.
Als auch die Familie auf der rosenumrankten Veranda beim Abendessen zusammensaß, fand sich endlich auch der Räuberhauptmann Klaus ein.
Annemie ließ ihre Erdbeermilch in Stich und packte ihn am Jackenzipfel.
»Klaus, wo hast du meine Gerda gelassen?«
Der Junge machte ein verschmitztes Gesicht.
»Die Prinzessin sitzt in einer Höhle gefangen«, antwortete er.
»Du sollst sie aber wiedergeben, du alter Räuber, meine süße Gerda grault sich so allein«, jammerte das Puppenmütterchen.
»Was zahlst du Lösegeld?« leitete der Räuberhauptmann die Verhandlungen ein.
»Meinen neuen Kreisel – und – und ein Marienkäferchen – und denn noch meine ganze Erdbeermilch«, rief Annemie weinend, da Klaus immer noch den Kopf schüttelte.
Puppe Gerda, die alles in Onkel Heinrichs Tasche mitanhörte, war ordentlich gerührt von der opferfreudigen Liebe ihrer kleinen Mama.
Onkel aber legte sich ins Mittel.
»Nichts da, Bandit, du schaffst die Puppe sofort ohne jedes Lösegeld her, sonst bekommst du überhaupt keine Erdbeermilch.«
Klaus gehorchte. Er hatte großen Respekt vor Onkel Heinrich und außerdem – Erdbeermilch aß er für sein Leben gern. Aber mit entsetztem Gesicht erschien er einige Minuten später wieder.
»Es ist was Schreckliches passiert!« stieß er hervor.
»Was – was denn?« Alles rief durcheinander.
»Die Kuh hat die Puppe aufgefressen! Ich hatte sie in der Futterkrippe versteckt, und jetzt ist die leer!«
»Meine arme Gerda!« Annemies Tränen flossen in Strömen, und auch Klaus fing an zu heulen. Und daran war nicht die Erdbeermilch, die er nun sicher nicht bekam, schuld, sondern Gerda und das Schwesterchen taten ihm ganz schrecklich leid. Er hatte ja kein schlechtes Herz, er war ja nur ein ausgelassener Strick.
Und während Annemie und Klaus die aufgefressene Gerda beweinten, hätte man deutlich ein feines, feines Lachen aus Onkels Rocktasche vernehmen können. Aber keiner hörte darauf.
Da, als Klein-Annemie wieder besonders schmerzlich aufschluchzte, fühlte sie plötzlich einen weichen Lockenkopf an ihrer nassen Wange. Zärtlich schmiegte sich ein kleines, kaltes Gesicht an ihr heißes.
»Gerda – du lebst!« Die hell aufjubelnde Annemie hielt ihr totgeglaubtes Kind unversehrt in den Armen.
Onkel Heinrich aber hatte den weinenden Räuberhauptmann am Schlafittchen.
»Diesmal habe ich die Puppe noch errettet, aber wehe dir, du Bengel, wenn du ihr noch mal auch nur ein Härchen krümmst!«
Klaus versprach hoch und heilig, Puppe Gerda von nun an in Frieden zu lassen und machte sich erleichtert an seine Erdbeermilch.
Wirklich, der Schreck hatte was genützt, Klaus ließ die Puppe jetzt ungeschoren. Aber seine wilden Streiche unterblieben trotz alledem nicht. Sogar das Schwesterchen verführte er dazu.
Es war am Tage vor der Heimreise. Da hatte Tante Kätchen ihr Damenkränzchen bei sich. Das war eine Kaffeegesellschaft von zwölf Damen, die jede Woche wo anders stattfand. Mehrere Damen von benachbarten Gütern und verschiedene aus dem nahen Städtchen gehörten dazu.
Da das Wetter so wunderschön war, hatte Tante Kätchen die Kaffeetafel im Freien unter dem großen Nußbaum gedeckt. Elli hatte fleißig dabei geholfen, und auch Annemie eifrig Teelöffel und Servietten herumgelegt.
»Ihr Kinder könnt heute nachmittag im Wäldchen spielen, da hören wir euer Toben wenigstens nicht«, sagte Tante Kätchen zu den drei Jungen. »Aber paßt mir auf Annemie auf, Elli geht in die Stadt zur Klavierstunde, und Fräulein will packen.«
»Schade, daß wir nicht beim Kaffeekränzchen sein dürfen«, sagte Herbert mit einem bedauernden Blick auf die rosengeschmückte Tafel.
»Ja, Mamsell hat Kuchen gebacken und Schlagsahne geschlagen«, fiel auch Peter betrübt ein.
»Ne, das meine ich nicht«, ließ sich der ältere Herbert wieder vernehmen. »Aber sie lachen immer so toll beim Kaffeekränzchen, man hört es Gott weiß wie weit. Wenn ich bloß mal dabei sein könnte!«
»Das kannst du ja«, fiel Klaus mit Gemütsruhe ein.
»Ne, Mutter hat gesagt, wir sollen im Wäldchen spielen.«
»Du mußt dich eben nicht sehen lasten«, meinte Klaus, der kleinste, aber durchtriebenste von den dreien.
»Wir könnten uns vielleicht unterm Tisch verstecken«, überlegte Herbert.
»Ne, da erwischt man uns, das Tischtuch reicht nicht soweit runter.« Peter schüttelte den Kopf.
»Aber hier oben im Nußbaum sieht uns kein Mensch, der ist ja so dicht«, flüsterte Klaus.
Der Nußbaum – famos – ja, das ging!
»Aber was machen wir mit Annemie?« Herbert zog nachdenklich die Stirn in Falten.
»Die nehmen wir mit, die hat ja hier wunderschön auf Bäume klettern gelernt.« Klaus wußte Rat.
Annemie war natürlich sofort für den Vorschlag zu haben. Und kurz vor vier sah man eine Range nach der anderen erst auf die Bank und von da aus in das niedrige Geäst des großen, dichten Nußbaumes klettern. Selbst Annemie brachte das Kunststück mit Herberts Hilfe zuwege.
»Nun noch meine Gerda«, auch die mußte die Reise auf den Baum antreten.
Die Kleine klatschte vor Freude in die Hände.
»Fein ist’s hier oben, ich sitze wie in einer grünen Laube!« rief Annemie.
Aber »pst« machte Herbert über ihr, denn da kamen schon die ersten Damen.
Klein-Annemie hielt Gerda vorsorglich den Mund zu.
Es dauerte den Vöglein in den grünen Zweigen recht lange, bis alle vollzählig waren, und Mamsell mit der großen Kaffeekanne erschien. Die Riesenschale Schlagsahne stellte sie in die Mitte des Tisches gerade unter den Nußbaum. Peter, das Schleckmäulchen, leckte sich die Lippen, und auch Herbert, Klaus und Annemie, die anderen Vögel, machten lange Hälse und sperrten begehrlich die Schnäbel auf.
Eigentlich war es schrecklich mopsig bei solchem Damenkränzchen. Die taten ja nichts weiter als essen, trinken und reden. Hin und wieder lachten sie auch, aber gar nicht so toll, wie Herbert gesagt hatte.
Ach, wieviel schöner wäre es jetzt, im Wäldchen zu spielen und zu toben, als hier oben so mäuschenstill zu sitzen und sich halbtot zu langweilen.
Jeder einzelne von den fünf Vögeln – Puppe Gerda mit einbegriffen – wünschte, daß Klaus niemals auf den Gedanken gekommen wäre. Und er selbst am meisten. Ja, er überlegte allen Ernstes, ob man nicht heimlich hinter dem Baum herunterrutschen könnte.
»Nun reisen Ihre kleinen Gäste auch schon wieder ab, es wird Ihnen wohl ordentlich schwer, sich von ihnen zu trennen?« wandte sich die dicke Frau Bürgermeister an Tante Kätchen.
»O ja,« antwortete die, »Klein-Annemarie wird mir sehr fehlen. Klaus, der Unband, allerdings weniger. Ich bin jeden Tag froh, wenn er mit heilen Gliedern heimkommt.«
»Siehst du, Klaus, da hast du’s – der Horcher an der Wand hört seine eigene Schand’.«
Annemie konnte nicht mehr still sitzen. Der Ast, auf dem sie saß, begann bedenklich zu knacken. Auch Puppe Gerda hatte es nun über, sich ruhig zu verhalten. Sie baumelte zum Zeitvertreib ein bißchen mit ihren Beinen.
»Holla – was ist denn das?« Auf Frau Apothekers Nase war plötzlich etwas vom Baum herabgesprungen und zur Erde gefallen, etwas kleines Braunes.
»Es wird eine Nuß gewesen sein«, beruhigte Tante Kätchen die erschreckte Dame.
Gerda aber reckte den Hals hinter ihrem ausgerückten Goldkäferschuhchen her.
Bautz – da verlor sie selbst das Gleichgewicht, kopfüber stürzte sie vom Baum herab, mitten hinein in die Schlagsahne.
Laut auf kreischte das Damenkränzchen vor Schreck.
Nur die dicke Frau Bürgermeister behielt ihren Humor.
»Was kommt denn da für ’n Vogel angeflogen?« lachte sie und fischte Gerda aus der Schlagsahne.
»Das ist ja Annemies Puppe, na, da wird ihr Mütterchen wohl auch nicht weit sein!« rief Tante Kätchen und spähte in den Nußbaum.
Richtig, da wuchsen ein paar braune Kinderbeinchen.
Und ein jämmerliches Stimmchen rief herunter: »Bitte, Tante Kätchen, hole mich doch!«
Unter allgemeinem Lachen kam auch das zweite Vögelchen zum Vorschein.
»Aber Annemie, was wolltest du denn da oben?« fragte Tante Kätchen, als die Kleine endlich wieder glücklich auf ihren Füßchen stand.
»Wir wollten doch so schrecklich gern bei deinem Damenkränzchen bei sein, aber es war mächtig langweilig!«
Da lachten die Damen wieder über die schmeichelhafte Kritik, Tante Kätchen aber fragte erstaunt: »Wir – wen meinst du denn noch?«
»Na, die drei Jungs, Gerda und ich.« Aufs neue lugte Tante Kätchen in den Nußbaum, aber kein Vogel ließ sich weiter sehen.
Die drei waren längst in dem allgemeinen Tumult ausgeflogen, das Nest war leer.
Das war Klaus und Annemies letzter Streich in Arnsdorf, und am nächsten Tage ging’s nach Hause.
16. Kapitel
Im Kindergarten
Inhaltsverzeichnis
Eigentlich hatte Nesthäkchen zu Oktober in die Schule kommen sollen. Sie war auch bereits angemeldet worden. Aber die städtische Mädchenschule in der Nähe war überfüllt, und in eine Privatschule wollten die Eltern die Kleine nicht schicken. So wurde Annemie denn für Ostern vorgemerkt, und Mutti war froh, ihr Nesthäkchen noch den Winter über zu Hause behalten zu können.
Aber es kamen Tage, an denen Mutti doch wünschte, Annemie wäre zu Oktober in der Schule angenommen worden. So erfreut die Eltern auch waren, ihre Kinder sonnenverbrannt und rotbäckig wiederzusehen, so wenig erfreut waren sie über die Verwilderung, die mit ihnen bei dem ungebundenen Landleben vor sich gegangen.
Für Klaus war ja die Schule die beste Medizin, da mußte er wieder still sitzen lernen, aber Nesthäkchen war schwer daheim zu bändigen. Sie konnte sich gar nicht wieder an das Stadtleben gewöhnen.
Die Korridortür mußte fest verschlossen bleiben, damit es Annemie nicht einfiel, plötzlich, ohne Hut und Mantel, auf und davon zu gehen – sie hatte es ja in Arnsdorf auch so gemacht. Auf dem Balkon konnte man sie schon gar nicht mehr allein lassen, denn sie kletterte dort an dem Gitter ebensogut hoch, wie in Arnsdorf an den Bäumen. Selbst während der Sprechstunde mußte Vater seine Zimmer fest verschlossen halten, seitdem sein Fräulein Tochter plötzlich bei ihm erschienen war und ohne Scheu vor den Patienten erklärt hatte, sie wolle ihm ein bißchen kurieren helfen.
Auch im Tiergarten war der Wächter keine gefürchtete Persönlichkeit mehr. Annemie sprang übers Gitter und lief auf den Rasen hinter ihrem Ball her, ob Fräulein auch noch soviel warnte. Fräulein hatte es jetzt recht schwer mit dem Wildfang.
Sehr erstaunt und recht wenig erfreut waren die Puppen über die Verwandlung, die mit ihrer kleinen Mama vor sich gegangen war. Nur ganz selten mochte sich Annemie noch mit ihnen abgeben, viel lieber tollte und tobte sie. Kurt mußte jetzt eine ganze Woche mit einem Loch im Strumpf gehen, Irenchen bekam nur höchstens alle acht Tage noch ihre echten Haare ausgekämmt, Mariannchens Augen blieben verklebt, Lolo war noch schmutziger als früher, und Baby wollte gar nicht mehr recht gedeihen. Es fehlte allen die Mutterliebe. Annemie zog die Puppen nicht mehr an und aus, sie ließ sie nicht mehr in ihrem Gärtchen spazierengehen, ja, nicht einmal ins Bett kamen die armen Würmer. Meistens lagen sie verstreut auf der harten Erde herum. Das arme Irenchen hatte neulich sogar die ganze Nacht unter dem Kleiderschrank zubringen müssen. Auch hungern ließ das schlechte Puppenmütterchen ihre Kinder, sie hatte ja keine Zeit mehr, für sie zu kochen. Sie mußte ja auf den Tisch klettern, von den Stühlen springen und Radau machen. Nur Gerda, die Lieblingspuppe, wurde nicht vernachlässigt, die war bei allen Dummheiten ihre treue Genossin.
Noch schlimmer wurde es, als das schöne Sommerwetter ein Ende hatte, und häßliches, graues Regenwetter kam. Annemarie konnte nicht mehr in den Tiergarten gehen und mußte nun zu Hause bleiben.
Aber das kleine Mädchen, das früher niemals Langeweile gekannt, das sich stundenlang allein beschäftigte, hatte das Stillsitzen verlernt.
»Fräulein, was soll ich denn bloß machen?« – »Mutti, ich langweile mich ja so schrecklich« – so ging das den ganzen Tag.
»Du müßtest mal wieder Puppenwäsche halten, Annemiechen,« schlug Fräulein vor, »sieh nur, wie unsauber deine Kinder aussehen.«
»Ach, die ollen Puppen!« murrte Annemie unlustig und quälte weiter.
»Spiele doch mit deinem hübschen Kaufmannsladen, du hast dich doch sonst so gern damit beschäftigt«, sagte Mutti kopfschüttelnd.
Dann lief Annemie wohl zu Hanne und bettelte ihr allerlei für ihren Laden ab, aber wenn es endlich soweit war, daß das Spiel beginnen sollte, hatte sie es auch schon wieder über.
»Fräulein, ich langweile mich so«, klang es aufs neue.
Vorwurfsvoll sahen die Puppen auf den kleinen Quälgeist. Sie hätten Annemie nur zu gern die Zeit vertreiben helfen, aber die mochte ja nichts mehr von ihnen wissen.
»Ich wollte, du wärst in der Schule angenommen worden, Lotte«, sagte Mutti mit einem tiefen Seufzer.
Nesthäkchen war derselben Meinung, dann brauchte sie sich wenigstens hier zu Hause nicht so zu langweilen.
Aber eines Tages, als es mit Annemie mal wieder gar nicht auszuhalten war, als sie mit keinem Spielzeug spielen wollte, hatte Mutti die Sache satt.
»Du kommst in einen Kindergarten, mein Kind, da bist du wenigstens vormittags beschäftigt«, sagte sie mit Bestimmtheit.
Ein Kindergarten – was war denn das? Das Wort »Garten« erweckte in Nesthäkchen Vorstellungen von dem schönen Arnsdorfer Gutsgarten, wo man nach Herzenslust auf dem Rasen herumtollen durfte, wo man auf Bäume klettern konnte und sich Obst pflückte, soviel man nur wollte. Und daß noch mehr Kinder in diesem Garten waren, erschien Annemie nur um so verlockender. Sie war mit einemmal wieder wie ausgetauscht. Das weinerliche Mauzen war verstummt, jubelnd klang es bei Doktors durchs Haus: »Morgen komme ich in den Kindergarten!«
Mutti brachte ihr Nesthäkchen selbst hin. Es war ein Privatkindergarten von zehn Kindern in der Nähe, der ihr empfohlen worden war.
»Wo ist denn der Garten?« fragte Annemie, sich vergeblich umschauend, als sie zwei Treppen in einem Hause heraufgestiegen waren.
Aber Mutti konnte nicht mehr antworten, denn es wurde bereits auf ihr Klingeln geöffnet.
Eine liebenswürdige junge Dame kam ihnen entgegen.
»Ich möchte meine Kleine für Ihren Kindergarten anmelden, Fräulein Gebhardt«, sagte Mutti. »Sie ist in der Schule wegen Überfüllung nicht angekommen und kann sich nicht mehr zu Hause beschäftigen.«
Annemie wurde rot. Nun wußte das fremde Fräulein gleich, wie unartig sie zu Hause gewesen.
Aber die junge Dame beugte sich freundlich zu der Kleinen herab, streichelte ihr die Wangen und meinte: »Wir werden sicherlich gute Freunde werden, ich bin Tante Martha, und wir werden schön zusammen spielen.« Dann öffnete sie die Tür zum Nebenzimmer. »Siehst du, hier ist unser Kindergarten, da sind noch mehr kleine Mädchen und Jungen, willst du ihnen mal ›Guten Tag‹ sagen?«
Aber das wollte Annemie ganz und gar nicht. Scheu stand sie auf der Türschwelle, den Zeigefinger im Munde, und warf einen schüchternen Blick in das Nebenzimmer.
Sollte das vielleicht ein Garten sein? Da drin in der Stube spielten zwei kleine Mädchen mit Puppen, mehrere kleine Knaben hatten sich aus Stühlen eine Eisenbahn zusammengekoppelt und riefen: »Abfahrt!«, während zwei andere Jungen einen großen Turm aus Bausteinen bauten. Am Tisch aber saßen ebenfalls einige Kinder, die Köpfchen eifrig über bunte Flechtarbeiten gebeugt.
»Das Beste ist, Sie lassen mir Ihre Kleine gleich da, gnädige Frau, sie gewöhnt sich dann am schnellsten«, sagte das Fräulein.
Mutti war durchaus damit einverstanden.
Sie beugte sich zu Annemie herab, küßte sie und sagte in mahnendem Ton: »Nun sei brav, meine Lotte, heute mittag holt dich Fräulein wieder ab.«
Aber Frau Doktor Braun war noch nicht aus dem Zimmer heraus, als ein ohrenbetäubendes Geheul hinter ihr her klang.
»Mutti – Mutti – du sollst nicht weggehen!« Da hatte Annemie auch schon die Ärmchen um Mutti geschlungen und sich an sie gehängt.
»Aber Lotte, sei doch nicht so dumm, die anderen Kinder sind doch alle ohne ihre Mutti hier und weinen nicht«, beruhigte Frau Doktor ihr Nesthäkchen.
»Komm, ich zeige dir was ganz Wunderschönes«, tröstete Tante Martha und schob Annemie ein Stückchen Schokolade in den zum Weinen geöffneten Mund. Die tröstete noch besser als die Aussicht auf das Wunderschöne.
Da holte die junge Dame eine Glaskugel herbei, in der ein niedliches Puppenhäuschen stand. Annemie sah neugierig zu, wie sie nun die Kugel umkehrte.
Ach, war das fein – es schneite – große, dicke Flocken flogen in der Glaskugel umher und machten im Umsehen das niedliche Häuschen schlohweiß.
Annemie klatschte in die Hände vor Freude und ihr ganzer Jammer war vergessen.
Inzwischen hatte Fräulein Gebhardt Mutti ein Zeichen gegeben, das Zimmer zu verlassen. Als Annemarie sich umdrehte, um Mutti das reizende Schneehäuschen zu zeigen, war keine Mutti mehr da.
Schreiend wollte Nesthäkchen spornstreichs hinter ihr her. Aber Tante Martha hatte den Arm um sie geschlungen.
»Bist du denn nicht gern zu uns in den Kindergarten gekommen?« fragte sie.
»Ja, aber hier ist ja gar kein Garten, hier ist ja bloß eine olle Stube!« rief Annemie ungezogen.
Da sah sie Tante Martha traurig an, und die Kinder ringsum machten erschrockene Gesichter. Ach, wie schämte sich Klein-Annemarie da!
»Nun wollen wir mal alle zusammen Kreis spielen«, sagte Tante Martha, als ob sie die Verlegenheit des kleinen Mädchens gar nicht sähe. »Kannst du etwas vorschlagen, Lotte?«
»Ich heiße nicht Lotte«, sagte die noch immer weinerlich.
»Wie denn sonst, deine Mutti hat doch vorhin Lotte zu dir gesagt?« verwunderte sich Tante Martha.
»Ja, Vater und Mutti nennen mich Lotte, aber auch nur, wenn ich artig bin, sonst heiße ich Annemie«, erklärte die Kleine.
»Dann sei nur recht brav, daß ich dich auch bald Lotte nennen kann. Und nun wollen wir ›Schwesterchen, komm mit‹ spielen. Faß den kleinen Jungen an, Annemie.«
Fünf Minuten später hätte keiner mehr gedacht, daß Annemie überhaupt je geweint hätte. Ihr ganzes Gesichtchen lachte vor Vergnügen. Selig sprang sie mit den anderen Kindern im Kreise herum und sah gar nicht mehr, daß es ein Zimmer war und kein Garten, in dem man spielte.
Tante Martha war aber auch zu nett. Was wußte die für hübsche Spiele: »Faules Ei« und »Stummes Winken« und das ulkige Spiel vom »Mi – ma – mausemann.«
»Sind das alles deine Kinder, Tante Martha?« fragte Annemie mitten beim Spiel.
»Nein, das wäre ein bißchen viel,« lachte Tante Martha, »die habe ich mir nur geborgt.«
»Ach, ich habe auch zu Hause sechs Kinder,« erzählte die Kleine eifrig, »aber Gerda ist mein liebstes, mein Nesthäkchen. Die ist so groß –« Annemie stellte sich auf die Zehen, reckte ihre Ärmchen und zeigte ungefähr die Größe von Tante Martha.
»Na, bring’ uns doch deine Gerda morgen mit, daß wir sie auch kennen lernen«, sagte Tante Martha lächelnd.
»Was – Gerda darf mit in den Kindergarten kommen?« Helle Glückseligkeit leuchtete aus Klein-Annemies Blauaugen.
»Freilich,« nickte Tante Martha, »siehst du, hier die kleine Erna hat auch ihren Bubi mitgebracht und Milly ihre Toni mit den schwarzen Zöpfen. Heute kannst du ihr Kinderfräulein sein, und morgen bist du dann auch eine Mutti und stellst uns dein Kind vor.«
Das wurde ein lustiges Spiel. Nesthäkchen, das zu Hause gar nicht mehr mit den Puppen hatte spielen mögen, ging stolz als »Fräulein« mit Millys Toni und Ernas Bubi in den Tiergarten. Und alle paar Minuten sagte sie zu Toni: »Aber du bist ja wirklich ein schrecklicher Quälgeist, Mädchen, spiele doch wie die anderen Kinder und sage nicht immer: ›Ich langweile mich‹«
Als das richtige Fräulein erschien, um Annemie abzuholen, machte die Kleine ein betroffenes Gesicht.
»Was – schon – wir spielen doch gerade so schön!«
»Morgen spielt ihr weiter, jetzt muß ich doch auch Mittagbrot essen, nicht wahr?« Tante Martha strich der Kleinen zärtlich über den Blondkopf.
Da schlang Annemie – eins – zwei – drei – die Ärmchen um den Hals der jungen Dame und flüsterte: »Ich hab’ dich lieb, Tante Martha!«
»Ich dich auch, mein Herzchen, weil du so artig gewesen bist – adieu, Lotte!« sagte Tante Martha.
Selig hopste Annemarie an Fräuleins Hand durch die Straßen. »Tante Martha hat mich lieb, und sie nennt mich »Lotte«, weil ich so schrecklich artig bin, und morgen darf ich meine Gerda mitbringen.« Eins war immer schöner als das andere.
»Na, Annemie, wie war’s im Kindergarten?« fragte Bruder Hans zu Hause.
»Wunder–wunderschön!« rief die Kleine begeistert.
»Hat’s Wichse gegeben?« fragte Klaus interessiert.
»Wichse – ja woll – Schokolade hat’s gegeben!« frohlockte das Schwesterchen.
Mutti war glücklich, daß es ihrem Nesthäkchen, das sie schweren Herzens dort oben jammernd zurückgelassen hatte, so gut im Kindergarten gefiel.
Auch Fräulein war erfreut, denn Annemie hatte heute den ganzen Nachmittag keine Langeweile.
Nicht ein einziges Mal quälte sie. Sie hatte ja auch viel zu viel zu tun. Galt es doch, ihre Gerda zu morgen für den Kindergarten sein zu machen. Da mußten noch ganz flink Höschen in dem kleinen Waschfaß ausgewaschen und mit dem niedlichen Plätteisen geplättet werden. Was hätten wohl Ernas Bubi und Millys Toni dazu gesagt, wenn Gerda mit unsauberen Höschen in dem Kindergarten erschienen wäre! Auch die kleine Schulschürze von Irenchen wurde für Gerda hervorgesucht. Und dann mußten dem Kinde vor allem die wirren Locken gebürstet werden, denn als Struwwelpeter konnte sie sich unmöglich Tanta Martha vorstellen.
»Freust du dich auf morgen, Gerdachen?« fragte Annemie beim Gutenachtkuß ihr Kind.
Das machte ein strahlendes Gesicht, aber Nesthäkchen strahlte noch viel mehr.
»Du brauchst nicht etwa so dämlich zu sein und zu heulen, wenn Fräulein nachher fortgeht«, wandte sich Annemie am nächsten Morgen auf dem Hinweg zu der erwartungsvollen Puppe.
Nein, Gerda war lange nicht so dämlich wie ihre kleine Mama gestern. Die weinte kein bißchen. Als Annemie sie Tante Martha mit den Worten hinhielt: »Ich möchte meine Kleine gern in dem Kindergarten anmelden, weil sie sich zu Hause gar nicht mehr beschäftigen kann«, da machte Gerda einen artigen Knicks und reichte jedem Kinde ihre Zelluloidhand zum guten Tag.
Heute, wo Gerda dabei war, wurde es noch schöner als gestern. Annemie baute ein Haus für Gerda, und die Krabbe warf es mit dem Fuß wieder um. Auch ein Lesezeichen aus rotem und goldenem Glanzpapier lernte Klein-Annemie bei Tante Martha flechten. Das sollte Großmama haben. Und das zweite aus hellblauem und silbernem Papier war für Tante Albertinchen bestimmt.
Vorläufig aber kam das erste noch gar nicht zustande. Das Papier hatte die unartige Eigenschaft, immer aus der Flechtnadel herauszuspringen und sogar zu reißen.
Ungeduldig warf es Nesthäkchen hin. Aber als sie sah, daß all die kleinen Mädchen, ja sogar die kleinen Jungen, die viel jünger waren, als sie, die Flechtarbeit so geschickt zuwege brachten, griff sie wieder beschämt danach. Tante Martha sollte doch auch heute wieder »Lotte« zu ihr sagen können.
Und allmählich sprang der bunte Streifen nicht mehr aus der Nadel, und das Papier ärgerte Nesthäkchen auch nicht mehr und riß. Ach, wie stolz war die Kleine, als das erste Lesezeichen für Großmama fertig war! Und Gerda war fast ebenso stolz auf ihre geschickte kleine Mama.
Dann kam die Belohnung für den Fleiß. Tante Martha setzte sich ans Klavier und sang mit den Kleinen lustige Kinderlieder: vom »spannenlangen Hansel« und der »nudeldicken Dirn«, und vom »Esel und dem Kuckuck«. Viel zu früh kam Fräulein wieder, Annemie und Gerda abzuholen.
Am dritten Tage erschien mit Nesthäkchen und Puppe Gerda noch einer im Kindergarten, der angemeldet werden sollte – Puck. Aber statt höflich mit dem Schwanze zu wedeln, blaffte er Tante Martha feindselig an. An dem kleinen Mäxchen sprang er hoch, daß es laut zu schreien begann, und der kleinen Herta schnappte er frech ein Stück Schinken von dem Frühstücksbrot. Nein, solch einen unmanierlichen Gesellen konnte Tante Martha nicht in ihrem Kindergarten brauchen, Fräulein mußte ihn gleich wieder mit nach Hause nehmen.
Nesthäkchen aber lernte bei Tante Martha wieder sich selbst zu beschäftigen. Niemals klagte sie mehr über Langeweile, auch daheim nicht. Denn noch eins hatte Annemie gelernt: Wieder als rechtes, echtes Puppenmütterchen für ihre Kinder zu sorgen. Die brauchten sich jetzt nicht mehr über ihr Mütterchen zu beklagen, Annemie hätte sich ja vor Erna und Milly halbtot geschämt, wenn sie ihre Kinder noch länger so verwahrlost einhergehen hätte lassen.
Am schönsten von der ganzen Woche – das fand sowohl Nesthäkchen wie Puppe Gerda – waren stets die drei Vormittage im Kindergarten – wenn es auch eigentlich gar kein richtiger Garten war!
17. Kapitel
Tap – tap – Knecht Ruprecht kommt
Inhaltsverzeichnis
Es war die Zeit, da Knecht Ruprecht abends an den Türen der Kinderstuben herumhorcht, ob die Kleinen am Tage auch brav gewesen sind und schöne Weihnachtsgaben verdienen, oder ob er ihnen nur eine Rute bringen soll.
Da wurde manch kleiner Wildfang zahm, denn Knecht Ruprecht notierte alles in seinem Büchlein, jede Unart wurde da gebucht, und die Weihnachtsgaben danach bemessen.
Nesthäkchen war in diesen Wochen vor Weihnachten ganz besonders artig. Selbst mit Klaus vertrug sie sich einigermaßen, damit bloß alle Weihnachtswünsche in Erfüllung gehen sollten.
Fräulein saß mit einem großen Bogen Papier und einem langen Bleistift am Kinderstubentisch und schrieb alle die Wünsche auf, die Annemie ihr diktierte, damit Knecht Ruprecht nur ja keinen vergaß.
»Also erst mal eine kleine Sprechstunde, wie Vater hat«, begann Nesthäkchen ihren Wunschzettel.
»Aber Annemiechen, das kann dir der Knecht Ruprecht doch nicht bringen, sowas gibt es doch gar nicht für Kinder«, lachte Fräulein.
»Doch – eine kleine Puppensprechstunde, und ich bin der Herr Doktor, bitte, bitte, schreibe es doch auf, Fräulein. Knecht Ruprecht, der ist doch so klug, der wird schon wissen, was ich meine«, bat die Kleine voller Zärtlichkeit.
Also oben auf dem Zettel prangte: Eine kleine Sprechstunde.
»Dann möchte ich so schrecklich gern ein kleines Warenhaus Wertheim haben, aber mit einem richtigen Fahrstuhl und mit einem Erfrischungsraum für meine Puppen. Und ein Spielzeuglager muß auch drin sein«, wünschte Annemie sich weiter.
»Nein, Kind, wenn du keine anderen Wünsche hast, da lacht uns ja Knecht Ruprecht aus«, wandte Fräulein kopfschüttelnd ein.
»Na, die anderen kommen auch gleich«, tröstete Annemarie. »Einen niedlichen kleinen Puppenportier brauche ich furchtbar notwendig, und einen kleinen Springbrunnen zum Aufziehen dazu. Und dann möchte Knecht Ruprecht mir doch, bitte, einen Puppenkindergarten schenken wie Tante Marthas.«
Nesthäkchen zog die Stirn kraus und überlegte angestrengt weiter.
»Und für deine Kinder wünschst du gar nichts? Du bist ja eine recht selbstsüchtige kleine Mutter«, half Fräulein weiter.
»Ach, für meine Puppenjören brauche ich noch ganz schrecklich viel. Für Irenchen bestelle ich mir rote Backen und ein Korsett, für Mariannchen ein Paar neue Augen, braun sollen sie sein, und einen kleinen Regenschirm. Lolo könnte vielleicht zwei neue Däume gebrauchen, denn ihre sind abgeschlagen, und einen weißen Federhut dazu; meinst du nicht auch, Fräulein, daß der ihr gut zu ihrem schwarzen Gesicht stehen wird? Und mein Kurt braucht zwei neue Beine, einen rechten Arm und Schlafaugen, er ist doch kein Hase, daß er immer mit offenen Augen schlafen muß. Mit einer kleinen Botanisiertrommel, so wie Hans und Klaus sie haben, würde sich der Junge auch freuen. Babychen soll kurze Kleider kriegen und Beißerchen. Diesen Weihnachten wird es doch schon drei Jahr, und immer noch liegt es im Steckkissen, und hat noch keinen einzigen Zahn. Und nun noch mein Nesthäkchen. Komm, Gerdachen, was wünschst du dir denn? Sag’ mir’s mal ins Ohr.«
Annemie griff nach ihrer Gerda, die sie vor kurzem gebadet und mit einem Bademantel in den Puppenwagen gesteckt hatte, damit sie sich nur ja nicht erkälten sollte.
Aber entsetzt ließ die Kleine ihren Liebling in die Kissen zurückgleiten.
»Fräulein – Fräulein,« ganz blaß war Annemie vor Schreck, »komm doch bloß mal her – Gerdachen ist ja ein Kahlkopf geworden!« Unaufhaltsam flossen jetzt die Tränen über Klein-Annemaries Bäckchen.
Fräulein schlug die weiße Wagengardine zurück – wirklich, Gerda lag total verändert da drin und sah ihre entsetzte Mama mit verständnislosen Augen an. Ganz klein und elend war ihr Gesicht geworden, weil die Lockenperücke fehlte. Die lag neben ihr auf dem Kopfkissen, Gerda aber hatte ein großes Loch auf dem Kopf.
»Es ist ja nicht so schlimm, Annemiechen, die Perücke ist durch das Badewasser bloß abgeweicht«, beruhigte Fräulein das aufgeregte Kind.
»Ach, meine arme, arme Gerda, wie weh muß ihr das tun, man sieht ja das ganze Gehirn und alle Gedanken in ihrem Kopf«, jammerte Nesthäkchen.
»Vater macht ihr einen Verband,« tröstete Fräulein liebevoll weiter, »und Knecht Ruprecht bringt ihr neue Haare; ob sie sich vielleicht mit Zöpfen freuen würde?«
»Nein, lieber Schnecken, weil sie doch jetzt schon groß ist und mit in den Kindergarten geht«, schluchzte Annemie, noch immer betrübt.
»Also schön, dann schreibe ich auf: Haarschnecken für Puppe Gerda. Was meinst du denn zu einer roten Sportjacke, solche, wie Großmama dir gestrickt hat, Annemie?« fragte Fräulein, um die Kleine von ihrem Kummer abzulenken.
»Nein, lieber eine grüne«, überlegte die bekümmerte Puppenmama und weinte weiter. »Aber – aber wenn Knecht Ruprecht nun die Haarschnecken vergißt, dann muß meine arme Gerda ihr Lebenlang als Kahlkopf durch die Welt laufen!« jammerte Annemie aufs neue.
»Das wird er schon nicht vergessen, Herzchen, ich hab’s ihm ja aufgeschrieben, und zum Überfluß kann ich ihn ja noch mal daran erinnern«, beruhigte sie Fräulein.
»Sprichst du ihn denn, Fräulein?« Annemie horchte auf, und ihre Tränen begannen langsamer zu fließen.
»Freilich«, nickte Fräulein. »Vier Wochen vor Weihnachten, da fragt er jeden Abend bei mir an, ob du artig oder unartig am Tage gewesen bist.«
»Erzählst du ihm immer alles ganz genau, Fräulein, jedesmal, wenn ich geheult habe?« erkundigte sich Nesthäkchen etwas kleinlaut.
»Natürlich, ich muß ihm doch die Wahrheit sagen«, meinte Fräulein.
»Auch daß ich heute über Gerdas Kahlkopf geweint habe, sagst du ihm?«
»Ja, aber darüber wird er nicht böse sein, du hast ja nicht aus Ungezogenheit, sondern nur aus Mitleid mit deinem Kinde geweint«, war die beruhigende Antwort.
»Laß dich bloß nicht mal aus Versehen von ihm in den Sack stecken, Fräulein!« Nesthäkchen machte ein halb ängstliches, halb schelmisches Gesicht bei dieser Vorstellung.
»Ich werde mich schon vorsehen«, lachte Fräulein. »Aber wolltest du denn nicht deine Schuhe abends für Knecht Ruprecht vor die Tür setzen, wie Elli, Herbert und Peter in Arnsdorf das vor Weihnachten stets zu machen pflegen, Annemie?«
»Ja, weißt du, Fräulein, ich wollte es ja so schrecklich gern. Denn wenn die Kinder am Tage artig gewesen sind, legt ihnen Knecht Ruprecht immer einen goldenen Faden und Pfeffernüsse in die Schuhe, und wenn sie unartig waren, einen Silberfaden und weiter gar nichts. Aber Klaus sagt, das macht Knecht Ruprecht nur in Schlesien, unser Berliner Knecht Ruprecht tut das nicht, weil es bei uns nicht Sitte ist.«
»Aber Herzchen, es gibt doch nur einen Knecht Ruprecht für die ganze Welt, das ist doch ein und derselbe in Schlesien und in Berlin«, belehrte sie Fräulein.
»Auch für Amerika?« Nesthäkchen schüttelte ungläubig den Kopf.
»Aber natürlich, sogar für Afrika.«
»Na, denn möchte ich aber wissen, wie der an einem Abend, in Berlin und in Amerika, in Schlesien und in Afrika nach all den vielen Kindern herumfragen kann«, ereiferte sich Annemie. »Dann hat er sicher Siebenmeilenstiefel oder wenigstens ein Luftschiff.«
»Es wird wohl ein Luftschiff sein,« entschied Fräulein die schwierige Frage, »ich habe es schon manchmal abends surren hören. Aber ich würde es doch jedenfalls mal probieren, Annemiechen, und die Schuhe vor die Tür setzen. Dann siehst du gleich, ob Knecht Ruprecht die Sitte kennt oder nicht.«
Das war einleuchtend. Und mit Hinsicht darauf nahm Nesthäkchen sich heute noch viel mehr zusammen als sonst. Ja, als Klaus die verwandelte Gerda entdeckte und jubelnd mit dem kleinen Kahlkopf im Zimmer herumtanzte und dazu sang: »Die Gerda hat den Zopf verloren, sie sieht jetzt aus wie abgeschoren!« gab ihm Annemie nicht in ihrer Empörung zwei Püffe, wie sie erst gewollt, sondern nur einen. Das war doch entschieden sehr artig.
Vater machte dem Puppenkinde einen kunstgerechten Verband, daß es aussah wie der Araber aus Tausend und eine Nacht. Mutti aber legte Gerda ein großes Stück Schokolade als Pflaster auf, das heilte den Schmerz ihrer kleinen Mama gleich mit.
Am Abend stellte Annemie sorgsam ihre roten Hausschuhchen für Knecht Ruprecht vor die Kinderstubentür, und daneben baute sie sämtliche Puppenschuhchen auf. Denn ihre Kinder wollten doch auch einen Goldfaden und Pfeffernüsse haben. Da standen Gerdas Goldkäferschuhchen, Irenchens Lackschuhe, Mariannchens braune Schnürstiefel, Lolos weiße Lederschuhe, Babys gestrickte Wollschuhchen und von dem wilden Kurt nur ein zerlöcherter Stiefel. Der andere trieb sich Gott weiß wo herum.
Klein-Annemarie aber lag mit verhaltenem Atem im Bett neben Gerda.
Beide horchten.
Kam denn Knecht Ruprecht noch immer nicht? Annemie wollte ihn doch so schrecklich gern mal belauschen!
Surrrr – rrrrrr – deutlich vernahmen die zwei ein lautes Surren draußen im Hof.
»Du, Gerda, hörst du, das ist Knecht Ruprechts Luftschiff!« flüsterte Annemie aufgeregt.
Aber Gerda schüttelte den verbundenen Kopf: Ach Unsinn, das war doch bloß der Fahrstuhl!
Nein, sicher war es das Luftschiff gewesen, denn jetzt kam es tap – tap mit schweren Stiefeln den Korridor entlang, bis zur Kinderstubentür.
»Hörst du ihn?« fragte Klein-Annemie und wagte kaum zu atmen.
Aber Gerda war wieder anderer Meinung als ihre kleine Mama: Das konnte doch ebenso gut die Frida sein, die sich alle Puppenschuhchen zum Putzen holte.
Vergeblich sperrte Annemie ihre kleinen Ohren auf. Nichts ließ sich mehr vernehmen, weder Knecht Ruprecht noch Fräuleins Stimme, die ihm doch Bescheid sagen wollte.
Ach Gott, wenn Fräulein nun vergaß, Knecht Ruprecht zu bestellen, daß Gerda neue Haare brauchte, wenn das arme Ding Zeit ihres Lebens so entstellt einhergehen mußte! Diese Vorstellung brach Annemie fast das weiche Herz.
»Nein, mein Gerdakind,« flüsterte sie zärtlich, während ihr schon wieder die Tränen in die Augen stiegen, »so sollst du nicht rumlaufen! Als Kahlkopf mit ohne Frisur kannst du dich doch gar nicht im Kindergarten sehen lassen. Sonst lachen dich die anderen Puppen ja aus. Nein, ich gebe dir einen von meinen Zöpfen ab, ich habe ja zwei!«
Und ehe Puppe Gerda sie zurückhalten konnte, war Annemie – hast du nicht gesehen – aus dem Bettchen und tappte zum Kinderstubentisch. Dort hatte Fräulein ihren Nähkasten mit der großen Schere stehen lassen.
Ritsch – ratsch – schnipp – schnapp – machte die Schere – da war das eine Rattenschwänzchen ab. Selig sprang die Kleine damit ins Bett zurück.
»So, Gerdachen, nun brauchst du nicht mehr traurig zu sein, nun hast du ebensolch schönes Zöpfchen wie ich!« Damit band Nesthäkchen ihr abgeschnittenes Rattenschwänzchen mit einem Haarband an Puppe Gerdas Verband fest.
Gerda schmiegte sich dankbar an ihre gute kleine Mama, und dann schlief jeder von ihnen mit seinem einen Rattenschwänzchen glückselig ein.
Am anderen Morgen aber verwandelte sich das Glück in Tränen. Als Fräulein an Annemies Bett trat, um sie anzuziehen, war sie nicht weniger entsetzt, als die Kleine gestern beim Anblick ihrer Puppe.
»Annemie – um Himmels willen – was hast du denn bloß gemacht?«
Nesthäkchen sah Fräulein mit ihrer halben Jungs-und ihrer halben Mädchentolle groß an, sie dachte im Augenblick gar nicht an das abgeschnittene Rattenschwänzchen.
»Wo hast du denn bloß dein Zöpfchen gelassen?« Fräulein traute ihren Augen nicht.
»Das ist meiner Gerda über Nacht angewachsen.« Mit strahlendem Gesicht hielt Annemie die Puppe in die Höhe. Aber da war nichts von einem Zöpfchen zu sehen, nur der Verband saß auf dem Kopf.
Ja, wo war das Rattenschwänzchen denn bloß geblieben? Annemie begann in Hast zu suchen, während Fräulein noch immer ganz erstarrt dastand.
»Da ist es ja!« Unter dem Kopfkissen zog die Kleine ihr abgeschnittenes Zöpfchen, das Gerda im Schlafe verloren, hervor und hopste damit seelensvergnügt im Bett herum.
Bei diesem Anblick kam wieder Leben in Fräulein.
»Schämst du dich denn gar nicht, du Unart, dir deine Haare abzuschneiden, ach, was wird Mutti bloß sagen?« Damit war Fräulein aus dem Zimmer, um Frau Doktor Braun von der merkwürdigen Verwandlung ihres Nesthäkchens in Kenntnis zu setzen.
»Ich wollte doch man bloß meiner Gerda ein Zöpfchen abschenken, weil sie doch nicht als häßlicher Kahlkopf rumlaufen kann.« Weinerlich verzog Annemie das noch eben lachende Gesicht, als Mutti in höchster Aufregung die Kinderstube betrat.
»Lotte – Lotte – wie siehst du aus!« Mutti war noch entsetzter als Fräulein. »Weißt du nicht, daß du keine Schere anfassen darfst, du ungezogenes Kind?! Nun muß ich dir doch das andere Zöpfchen auch noch abschneiden lassen, so kann es nicht bleiben!«
Aber da ging Annemies leises Weinen in lautes Jammergeheul über.
»Nein – nein – ein Zöpfchen muß ich behalten, ich will nicht als häßlicher Kahlkopf in den Kindergarten gehen!« Sie schrie so laut, daß auch Vater erschien, um zu sehen, was denn seiner Lotte fehle.
Als Vater die schreckliche Geschichte von dem abgeschnittenen Rattenschwänzchen vernommen hatte, lachte er laut.
Ganz erstaunt richtete Nesthäkchen die tränennassen Augen auf ihn – war Vater denn nicht böse wie die andern?
Nein, Vater nahm sein Kleines auf den Arm, trocknete ihm die Tränen und sagte begütigend zu Mutti: »Unsere Lotte hat es nicht böse gemeint, sie wollte ihrem Kinde doch nur helfen. Mutterliebe denkt eben niemals an sich selbst, und – die Haare wachsen ja wieder!«
Aber vor dem Friseur mit der großen Schere vermochte auch Vater seinen Liebling nicht zu retten. Denn so konnte ihr Köpfchen wirklich nicht bleiben.
Ritsch – ratsch – schnipp – schnapp – da mußte auch das andere Rattenschwänzchen herunter, so bitterlich die Kleine auch im Friseurladen weinte.
Fräulein packte das Zöpfchen sorgsam ein, und Klein-Annemie warf einen Blick in den großen Spiegel.
»Wie Klaus sehe ich aus – abscheulich –« schluchzte sie, »wenn Knecht Ruprecht jetzt bloß nicht denkt, daß ich ein Junge bin und mir lauter olle Soldaten zu Weihnachten bringt.«
»Eine Rute wird er dir bringen und nichts weiter – denn was anderes hast du doch wohl nicht verdient«, sagte Fräulein sehr bestimmt.
»Hat er mir denn was in meine Schuhe reingelegt?« Jetzt erst dachte Annemie an dieselben, über all der Aufregung waren sie in Vergessenheit geraten.
O weh – in Annemies roten Schuhchen lag kein Goldfaden und keine Pfeffernuß, nicht einmal ein silberner Faden. Und die Puppen hatten doch alle ein goldenes Fädchen und eine Pfeffernuß in ihrem Schuhchen gefunden, sogar der wilde Kurt. Aber von Annemie schien Knecht Ruprecht überhaupt nichts wissen zu wollen.
»Nein, Lotte, ich kann dich nicht mehr liebhaben.« Mutti hielt sich die Augen zu, als ihr Nesthäkchen mit dem kurzgeschorenen Jungskopf wieder bei ihr erschien.
»Und ich habe meine Gerda doch lieb gehabt, wenn sie auch ein Kahlkopf war!« sagte die Kleine halb weinerlich, halb vorwurfsvoll.
Da siegte auch bei Frau Doktor Braun die Mutterliebe. Sie nahm ihre Lotte auf den Schoß und gab ihr einen Kuß zur Verzeihung.
Das kleine Mädchen aber versprach hoch und heilig, es niemals wieder zu tun.
Ja, Annemie, das soll dir wohl auch schwer werden, denn so schnell, wie sie abgeschnitten sind, wachsen die Zöpfchen nicht wieder!
Fräulein brachte Hut und Mäntelchen herbei, denn es war Zeit für den Kindergarten.
Aber Annemie, die sonst doch so gern zu Tante Martha ging, wollte heute durchaus nicht hin.
»Ich schoniere mich so toll, nachher denkt Tante Martha noch, ich bin ein fremder, kleiner Junge!« flüsterte sie Fräulein ins Ohr.
Die aber sagte: »Das schadet gar nichts, daß du dich schämst, das ist deine Strafe!«
»Denn soll mir Vater wenigstens einen Verband um den Kopf machen wie Gerda«, bat Annemarie flehentlich.
Aber Vater war fort auf Praxis. Und so traten zwei kleine Kahlköpfe, Annemie und Gerda, zu Tante Marthas und aller Kinder größtem Erstaunen heute im Kindergarten an.
Ach, Annemie mußte sich wirklich schämen, denn jeder fragte sie doch, wo sie denn ihre hübschen Zöpfchen gelassen habe. Trotzdem die Kinder jetzt so nette Weihnachtsarbeiten bei Tante Martha anfertigten und dazu mit hellen Stimmen Weihnachtslieder sangen, war Klein-Annemie lange nicht so vergnügt wie sonst. Das Lied »Morgen kommt der Weihnachtsmann« traute sie sich gar nicht mitzusingen, weil doch Knecht Ruprecht nichts von ihr wissen wollte.
Ein paar Tage später war der eine kleine Kahlkopf verschwunden – und zwar Puppe Gerda. Trotz Annemies ängstlichem Forschen kam sie nicht wieder zum Vorschein. Ob Klaus sie fortgenommen hatte oder am Ende gar Knecht Ruprecht – das blieb Nesthäkchen vorläufig ein Rätsel.
18. Kapitel
Puppenweihnachten
Inhaltsverzeichnis
Schneller als gedacht, war Heiligabend, der wichtigste Tag im ganzen Jahre, da. Knecht Ruprecht wußte nicht, wo ihm der Kopf stand. War das eine Hetze, um nur rechtzeitig mit all den Puppen und Soldaten, den Baukästen und Geschichtenbüchern auf der Erde einzutreffen. Sein Schlitten raste durch den verschneiten Winterwald. Denn Knecht Ruprecht ist ein altmodischer Mann, wenn Schnee liegt, kommt er am Heiligabend nicht im Luftschiff, sondern wie er es von jeher gewohnt, in dem Riesenwolkenschlitten zur Erde herab.
Hinten auf dem Schlittensitz waren die Säcke voll Spielzeug verladen. Zwei kleine Engelchen mit silberweißen Schwanpelzen und rotgefrorenen Näschen hielten daneben Wache, daß bei der eiligen Fahrt keine Puppe zu schaden kam und kein Soldat die Flucht ergriff.
Da hörten denn die beiden Engelchen ganz deutlich, wie das in dem Sack flüsterte und wisperte. Natürlich die Puppen waren’s, Damen haben ja immer etwas zu schwatzen.
»Ich komme gewiß in ein Schloß zu einer kleinen Prinzessin«, sagte die eine Puppe, die fast so groß war wie ein Kind und ein rosa Seidenkleid trug, stolz. »Die kocht mir jeden Tag meine Leibgerichte: Schokoladensuppe und Rosinenbraten mit Marzipankartoffeln!«
»Ich möchte nicht in ein Schloß kommen«, meinte eine andere Puppe, die nur ein einfaches Kattunkleidchen besaß. »Eine kleine Prinzessin, die hat ja so viele Puppen, die freut sich gar nicht so sehr mit einer neuen! Nein, ich möchte zu einem armen, kleinen Mädchen, deren einzige ich bin, die hat mich dann wirklich lieb.«
So sprach jede der Puppen ihre Hoffnungen aus, wohin Knecht Ruprecht sie wohl bringen würde. Die einen wollten aufs Land, weil es dort gesünder war, die andern fanden es in der Stadt interessanter. Die wünschten, in eine Kinderstube zu vielen Kindern zu kommen, und jene nur zu einem einzigen. Das waren die nervösen jungen Damen, die keinen Kinderlärm vertragen konnten.
Nur eine Puppe schwieg und sagte keinen Ton.
»Na, und Sie, Fräulein Gerda, wohin gedenken Sie Ihre Schritte zu richten?« fragte man sie von allen Seiten.
»Ich möchte nur wieder zu meiner früheren Puppenmama zurück, von der Knecht Ruprecht mich geholt hat, um mir neue Haare wachsen zu lassen. Ich habe solche Sehnsucht nach Klein-Annemie, und die auch ganz sicherlich nach mir. Ich war ja ihr Nesthäkchen, und wir haben uns so lieb gehabt, so lieb!« flüsterte die Puppe innig.
»Aber wenn Knecht Ruprecht Sie nun wo anders abgibt?« fragte die stolze Puppe in dem rosa Seidenkleid.
»Dann sterbe ich sicherlich vor Sehnsucht nach Annemie«, seufzte die Puppe bang.
Die Engelchen draußen auf dem Schlittensitz hatten das Gespräch der Puppen deutlich gehört, und es wurde ihnen trotz der schneidenden Winterkälte warm ums Herz bei den liebevollen Worten der letzten Puppe.
»Wir werden schon dafür sorgen, daß Knecht Ruprecht dich richtig wieder zu deiner kleinen Mama Annemie bringt, du braves Puppenkind«, sagte das eine.
Knecht Ruprecht aber ließ jetzt halten, zog sein großes Fernglas aus dem Pelz und lugte durch dasselbe.
»Potzelement – wir müssen uns eilen, in allen Kinderstuben hockt schon die kleine Gesellschaft an den Fenstern und schaut nach mir aus. Himmel – da schlägt’s ja auch schon dreiviertel auf Weihnachten! Nun aber vorwärts!« Aufs neue brauste der Wolkenschlitten durch das Schneeland.
Ja, in allen Kinderstuben preßten sich kleine Näschen erwartungsvoll gegen die Fensterscheiben.
Nur Doktor Brauns Nesthäkchen hatte keine Zeit dazu. Das kleine Puppenmütterchen hatte selbst noch alle Hände voll zu tun, um die Bescherung für ihre Kinder herzurichten. Die waren heute sämtlich aus der Kinderstube ausgesperrt. Bei Hanne draußen auf dem Fensterküchenschrank hockten sie. Kurt und Lolo hauchten Gucklöcher in das vereiste Blumenmuster des Fensterglases, Irenchen und Mariannchen tauschten ihre Meinungen darüber aus, was wohl aus Schwester Gerda geworden war, und Klein-Babychen überlegte aufgeregt, ob es wohl zu Weihnachten kurze Kleider erhalten würde.
Drinnen in der Kinderstube aber tappelte ihr Mütterchen mit heißen Wangen geschäftig hin und her. Mitten auf den weißen, kleinen Tisch stellte Annemie das niedliche Puppenweihnachtsbäumchen. Daran hing sie bunte Zuckerkringel. Die Weißen Wachsstreichhölzer, die prächtige Weihnachtslichte abgaben, hatte Fräulein schon auf den grünen Zweigen befestigt. Dann holte Annemie sechs Teller aus ihrer Küche herbei. Auf jeden legte sie eine winzig kleine Puppenstolle. Die gute Hanne hatte sie auf Nesthäkchens Bitten für ihre Kinder mitgebacken. Dazu kamen ganz kleine Scheibchen Pfefferkuchen, eine Haselnuß, ein Stückchen Marzipan – und die bunten Schüsseln für die Puppen waren fertig.
Rings auf den Tisch baute Klein-Annemarie die Teller auf – eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs – ja, für wen sollte denn der sechste sein? Draußen an dem Küchenfenster saßen doch nur fünf Puppenkinder und warteten auf die Bescherung.
Mit besonderer Liebe stellte Nesthäkchen den sechsten Teller bereit, mütterlich strich sie über die kleine Marzipanbrezel.
»So, mein Gerdachen, der ist für dich, du sollst nicht leer ausgehen, wenn du doch vielleicht heute zu mir zurückkommst. Ich habe den lieben Gott ja jeden Abend gebeten, dich mir wiederzuschicken. Und Fräulein sagt, Weihnachten kehren alle Puppen zurück, wenn ihre kleinen Mamas gut zu ihnen gewesen sind. Und ich war doch nicht schlecht zu dir, mein Gerdachen? Ich habe mir ja sogar für dich mein Zöpfchen abgeschnitten!« Die Kleine fuhr sich über den kurzgelockten Blondkopf.
Dann aber lief Annemie eilig zu ihrem kleinen Schränkchen und kramte allerliebste Sächelchen daraus hervor, die sie im Kindergarten bei Tante Martha für ihre Puppen gearbeitet hatte. Ach, wie fleißig war Nesthäkchen gewesen!
Da gab es einen geschmackvollen Teppich für die Puppenstube, aus bunten Bändern geflochten, den sollte Irenchen haben. Mariannchen bekam ein kleines Perltäschchen zum Anhängen für ihr Taschentuch. Kurt einen kleinen, silbernen Papierpantoffel, nur einen, weil er den zweiten ja doch bloß verlor. Für Lolo hatte das Puppenmütterchen eine blaue Perlhalskette aufgezogen und für Baby eine aus roten Korallen. Auf Gerdas Platz aber legte Annemarie eine Kette aus goldenen Perlen und ein silbernes Armband.
So – nun war der Puppenaufbau fertig, doch Nesthäkchen war noch nicht zu Ende mit ihren Liebesgaben. Für alle hatte sie ihre emsigen Fingerchen geregt, aber auch für alle.
Auf den großen Kinderstubentisch kamen die Geschenke für die Großen. Das rot-und goldgestreifte Lesezeichen für Großmama obenan, und das blausilbern karierte für Tante Albertinchen daneben, denn auch die fehlte am Weihnachtsabend nicht. Für Mutti hatte Nesthäkchen ein niedliches Fuselkörbchen geflochten und für Fräulein einen Serviettenring. Vater bekam einen Kalender in Leder, den Annemie mit roter Seide ausgestickt hatte. Bruder Hans einen Tintenwischer mit schwarzer Seide, damit man die Kleckse nicht sah. Selbst für Klaus hatte das gute Schwesterchen gearbeitet, trotzdem der sie doch immer ärgerte. Eine prächtige Pferdeleine aus bunter Wolle hatte sie bei Tante Martha für ihn durch einen ausgehöhlten Korken knüpfen gelernt. Auch Hanne und Frida, die immer so nett zu der Kleinen waren, durften nicht leer ausgehen. Sie bekamen Pappbilder für ihr Zimmer in Durchstecharbeit. Frida den Zappelphilipp aus dem Struwwelpeter, und Hanne den Suppenkaspar, weil der doch gerade so kugelrund war wie sie selbst. Dann aber brachte Annemie ihr letztes Geschenk herbei: Ein Halsband war es aus bunten Perlen, das sollte doch sicherlich Puck bekommen.
Nun wurde das Schränkchen endlich leer, und das war gut. Denn jetzt schien es auch die höchste Zeit. Draußen vor dem Haus an dem beschneiten Vorgarten hielt bereits Knecht Ruprechts Schlitten. Geschäftig luden die kleinen Engel allerlei ab und trugen es ins Haus. Das bis über die Nase vermummte Engelchen, das als Kutscher auf dem Bock thronte, knallte ungeduldig mit der Silberpeitsche. Herrgott, war man denn noch nicht fertig, sie mußten doch weiter!
»Habt ihr mir auch die Puppe für Klein-Annemarie richtig bei Doktors abgegeben, ihr Engelbengelchen?« brummte Knecht Ruprecht, als die kleinen Auflader jetzt endlich pustend und schnaufend zurückkehrten.
»Die haben wir zu allererst abgebracht, weil sie solche Sehnsucht nach ihrer kleinen Mama hatte«, sagte das eine Engelchen eifrig.
Und klinglingling – sauste Knecht Ruprechts Schlitten davon.
Klinglingling – da sprangen droben bei Doktors die Türen, die den ganzen Tag verschlossen gewesen, auf – klinglingling – da sprangen Hans, Klaus und Nesthäkchen ins Weihnachtszimmer.
Der große Tannenbaum flammte, blitzte und glitzerte mit vielen, vielen Lichtern. Klein-Annemie war so geblendet und benommen, daß sie vorläufig überhaupt noch nichts unterscheiden konnte.
Aber als jetzt Klaus, der seit kurzem Klavierstunde hatte, sich ans Klavier setzte und Hans zur Geige griff, als die beiden Jungen nun als Weihnachtsüberraschung »Stille Nacht, heilige Nacht« zu spielen begannen, da sang auch Annemie hell mit den andern mit.
Plötzlich jedoch stockte sie – durch die Zweige des Weihnachtsbaumes winkte ein Puppenarm – ein bekanntes Gesichtchen lugte schelmisch herüber – »Gerda, mein süßes Gerdachen!« Mitten in das Weihnachtslied hinein erschallte es jubelnd, und jetzt war kein Halten mehr.
Das Puppenmütterchen hatte bereits ihr so lang entbehrtes Kind an das Herz gepreßt und bedeckte sein ebenfalls freudiges Gesicht mit heißen Küssen, während der Weihnachtssang ohne Annemie zu Ende ging.
»Bist du denn wieder da, mein Kleines, wo hast du denn bloß solange gesteckt, hast du dich denn gar nicht nach deinem Mütterchen gebangt?« flüsterte Nesthäkchen.
Puppe Gerda machte ein geheimnisvolles Gesicht. Wo sie solange gewesen war, ei, das erzählte sie ihrer kleinen Mama erst abends im Traum.
»Stille Nacht, heilige Nacht« war verklungen, und Fräulein stieß Annemie an, ihr Gedicht, das sie im Kindergarten für die Eltern gelernt, nun herzusagen.
Aber Nesthäkchen hatte ihr Weihnachtsgedicht und alles um sich herum vergessen. Gerda war wieder da – weiter wußte sie nichts.
»Na, Lotte, gefällt dir dein Kind denn jetzt – hast du auch schon gesehen, daß ihr deine Rattenschwänzchen an den Kopf gewachsen sind?« fragte Mutti lächelnd über das Wiedersehensglück der beiden.
Nein, das hatte Annemie noch nicht bemerkt. Richtig – Gerda war kein Kahlkopf mehr, zwei stattliche Blondzöpfchen hingen ihr den Rücken entlang, dieselben, die sich ihre kleine Mama für sie abgeschnitten hatte. So war das Opfer doch nicht umsonst gewesen! Und ein neues Kleid aus rosa Batist trug sie, dazu eine grüne Sportjacke und Mütze – »ach, die hat mir sicherlich Großmuttchen gestrickt!« Voll ungestümer Dankbarkeit hingen sich Annemie und Gerda an Großmamas Hals, daß der alten Dame fast die Luft ausging.
»Ich habe aber noch etwas, was mir Knecht Ruprecht für dich gegeben hat, Herzchen«, sagte Großmama, als sie wieder zu Atem gekommen war, und wies auf Nesthäkchens Geschenktisch. Da stand er – der Herr Leutnant, ein großer Puppensoldat. Eine feine Uniform trug er, und das Gewehr präsentierte er stramm vor Annemie.
»Ei, fein – da hat Knecht Ruprecht doch gedacht, daß ich jetzt ein Junge bin, weil ich keine Zöpfe mehr habe«, jauchzte die Kleine, nahm den Herrn Leutnant auf den linken Arm, da auf dem rechten bereits Gerda Platz genommen hatte, und gab ihm einen zärtlichen Kuß.
»Na, ein halber Junge bist du doch auch, Lotte«, neckte Vater.
Nun endlich fand Annemie Zeit, auch ihre andern Geschenke zu bewundern und den Eltern von Herzen zu danken. Wenn auch keine kleine Sprechstunde und kein kleines Warenhaus dabei war, sie konnte mit den wunderschönen Geschenken zufrieden sein. Sogar eine neue Ausstattung von kurzen Kleidern für Babychen hatte Fräulein ihr geschneidert.
Aber das Schönste war und blieb doch Gerda und der Herr Leutnant.
»Der soll meine Puppen verteidigen, wenn Klaus mal wieder Krieg gegen sie führt«, sagte Annemie eifrig.
Puppe Gerda nickte erfreut, nun hatte sie doch einen Ritter, der sie gegen ihren Feind Klaus beschützte, noch dazu einen mit einem Gewehr. Freilich, Hanne machte ihr den Kavalier streitig, denn die wollte durchaus nächsten Sonntag mit dem schmucken Soldaten ausgehen.
Aber als die gute Hanne jetzt eine niedliche blaue Küchenschürze für Nesthäkchen herbeibrachte, die sie selbst für sie genäht, da eine Küchenschürze doch unbedingt zu den kleinen Holzpantinen gehörte, sagte Annemie dankbar: »Ich borge Ihnen meinen Herrn Leutnant sehr gern zum Ausgehen, Hanne. Sie müssen sich nur vorsehen, daß Sie ihn nicht zerschlagen, weil Sie doch soviel Tassen kaput machen.«
Auch Tante Albertinchen holte jetzt aus ihrem großen Perlpompadour ein Geschenk für Annemie heraus. Etwas enttäuscht blickte die Kleine darauf. Es war ein weißes Garnknäuel mit kleinen Stricknadeln.
»Soll das vielleicht für Großmama sein?« fragte Nesthäkchen, denn Großmama war die einzige, die Annemie bisher mit einem Strickstrumpf gesehen hatte. Am Ende hatte sich Tante Albertinchen geirrt und ihr aus Versehen das für Großmama bestimmte Geschenk gegeben, weil sie doch schon so alt war.
Aber Tante Albertinchen schüttelte den Kopf mit den grauen Löckchen.
»Nein, mein Kind, das ist für dich. Ein Wunderknäuel ist es, an dem sollst du stricken lernen. Ist das Knäuel abgestrickt, kommt zur Belohnung etwas ganz Wunderschönes zum Vorschein«, erzählte die Tante der aufhorchenden Kleinen.
»Ei, da will ich gleich morgen damit anfangen, ich stricke dir ein paar schöne Strümpfe, Tante Albertinchen«, versprach Annemie.
»Warte nur, bis du in die Schule kommst, da lernst du stricken, Annemiechen«, meinte Fräulein.
»Oder Nesthäkchen lernt es bei der Großmama, was, Herzchen?« fiel diese ein.
»Ich kann es ja auch im Kindergarten lernen, Tante Martha hat mir doch auch das Flechten beigebracht – ach, meine Bescherung!« Wie ein Wirbelwind war die Kleine zur Tür hinaus.
Sie hatte ja über die eigenen Weihnachtsgaben ganz ihre Kinder vergessen. Die armen Puppen saßen noch immer im Dunkeln in der Küche und warteten, daß Knecht Ruprecht nun endlich kommen sollte.
Fräulein zündete die Wachskerzen auf dem kleinen Weihnachtsbaum an, und das Puppenmütterchen klingelte so laut, daß Irenchen vor Schreck auf den Rücken fiel. Dann holte sie all ihre Kinder herein, und auch die Großen kamen mit zur Puppenbescherung.
Nein, war das eine Freude! Kurt schmiß sofort seinen silbernen Papierpantoffel in die Luft, daß er nicht wiederzufinden war; Irenchen bewunderte ihren Teppich so begeistert, daß sie ganz rote Backen davon bekam. Mariannchen riß plötzlich ihre so lang verklebten Augen wieder auf, denn sie wollte doch wenigstens sehen, was Annemie für sie gearbeitet hatte. Babychen probierte die neue Korallenkette gleich um, und Gerda schmiegte sich voll Dankbarkeit an ihr fleißiges Mütterchen. Nur Lolo blickte neidisch auf Gerda, weil die eine goldene Kette bekommen hatte. Aber zur Strafe kam sie zu dicht an den Weihnachtsbaum heran und versengte sich ihren schwarzen Krauskopf.
Nun waren die Großen an der Reihe. Alle bewunderten Nesthäkchens Fleiß, und am meisten Großmama, denn das tun Großmütter immer. Nur Puck und Klaus hatten leider ihre Geschenke verwechselt. Klaus band sich das Perlhalsband um den linken Arm, weil er geimpft aussehen wollte wie Hans, und Puck zerbiß vergnügt Annemies so schön gearbeitete Pferdeleine.
Jetzt wußte auch Nesthäkchen wieder ihr Weihnachtsgedicht. Sie sagte es mit lauter Stimme klar und deutlich auf und bekam von Vater dafür einen Kuß und von Mutti auch einen, von Großmama aber zwei.
Die Weihnachtslichter brannten herunter, sie wurden kleiner und kleiner, und Nesthäkchens Augen wurden ebenfalls klein und kleiner. Da brachte Fräulein das müde Kind ins Bett. Vorher gab’s jedoch noch eine Überraschung. Das gute Fräulein hatte ihr aus einem Körbchen ein reizendes Bettchen für Gerda gearbeitet. Heute aber trennte sich Annemie nicht von ihrem heimgekehrten Kinde. Gerda wanderte mit ihr ins Bett und erzählte ihrer kleinen Mama im Traum von Knecht Ruprechts schönem Puppenland, in dem sie so lange gewesen.
Der Herr Leutnant aber stand die ganze Nacht Posten und hielt Wache.
19. Kapitel
Die neue Schulmappe
Inhaltsverzeichnis
Die liebe Sonne hatte den Schnee geschmolzen. Der steinerne Springbrunnenjunge drunten im Hof hatte sich aus seinem weißen Schneepelz, den er im Winter getragen, herausgestrampelt und stand wieder als kleiner Nackedei da. Aus der Erde lugten schon die ersten grünen Grasspitzen heraus. Bald konnte Annemie wieder im Tiergarten spielen.
Aber vorläufig gefiel es ihr jetzt zu Hause besonders gut. Drüben waren neue Mieter eingezogen. Annemie konnte gerade in die Kinderstube sehen. Da hielten drei niedliche Kinder mit Puppen und Pferdchen ihren Einzug. Das größte Mädelchen mochte ungefähr in Annemies Alter sein.
Zugenickt hatten sich die kleinen Mädchen schon oft, auch sich gegenseitig bereits ihre Puppen am Fenster gezeigt. Aber gesprochen hatten sie noch nie miteinander. Zwar hatte Nesthäkchen öfters Mutti gebeten, ob sie sich die Kleine nicht zu Besuch herüberholen dürfte. Aber Mutti wollte vorläufig nichts davon wissen, da sie die Eltern des kleinen Mädchens noch nicht kannte.
»Laß dich von Fräulein fertigmachen, Lotte, ich will dich mitnehmen«, sagte Mutti eines Tages.
»Gehe ich denn heute nicht zu Tante Martha in den Kindergarten?« wunderte sich Annemie.
»Nein, Lotte, wir haben heute etwas viel Wichtigeres vor.« Mutti machte ein geheimnisvolles Gesicht.
»Ach, bitte, bitte, liebe, einzige Mutti, sage mir doch, was das ist«, quälte das neugierige, kleine Fräulein.
Aber Mutti lächelte nur und verriet nichts, so viel Nesthäkchen sie auf dem Wege auch mit Fragen bestürmte.
Durch den Tiergarten ging’s ein Stück, dann eine lange Straße entlang, und nun standen sie vor einem großen, roten Haus mit einer hohen Mauer.
»Ist hier das Gefängnis?« Nesthäkchen griff ängstlich nach Muttis Hand und versuchte, sie zurückzuziehen.
»Nein, ganz so schlimm ist es nicht«, lachte Mutti. »Das ist deine neue Schule, ich will dich beim Direktor anmelden, Lotte.«
Immer noch mißtrauischen Blickes betrat Nesthäkchen zum erstenmal die Schule. Es war gerade Zwischenpause. Auf dem großen Hof spazierten viele kleine und große Mädchen herum, lustig schwatzend und lachend, und dabei ihr Frühstücksbrot verzehrend. Die kleinsten aber hatten sich zu einem Kreis zusammengetan und spielten »Katze und Maus.«
Das bange Gefühl, das Klein-Annemarie beim Anblick der hoben Mauer beschlichen, verschwand. Ach, wie hübsch war es hier, fast so schön wie bei Tante Martha im Kindergarten.
»Ich will mitspielen!« Nesthäkchen machte sich plötzlich von Muttis Hand los und lief auf den Kinderkreis zu.
Aber Mutti fing die kleine Ausreißerin wieder ein.
»Später, wenn du erst ein richtiges Schulmädchen bist, darfst du mitspielen, jetzt müssen wir zum Herrn Direktor. Sei nur nicht schüchtern, Lotte, und gib Antwort, wenn er dich etwas fragt.«
»Ich werde doch nicht so dumm sein und mich schonieren!« meinte das Töchterchen eifrig.
Der Herr Direktor war ein freundlicher Herr mit einem grauschwarzen Vollbart. Er sah eigentlich ein bißchen wie Vater aus und gefiel der Kleinen deshalb sofort.
Freundlich sagte er: »Also das ist die neue, kleine Schülerin – wie heißt du denn, mein Kind?«
»Annemie,« antwortete Nesthäkchen laut und machte dabei ihren schönsten Knicks, »aber wenn ich artig bin, heiße ich Lotte.«
»Hm – für uns genügt Annemarie«, lächelte der Herr Direktor. »Und wie ist der Vatersname?« Er wandte sich jetzt an die Mutter.
»Annemarie Braun«, antwortete diese.
»Geburtsdatum?«
Aber ehe Mutti noch antworten konnte, hatte Nesthäkchen schon mit strahlendem Gesicht ausgerufen: »Am 9. April habe ich Geburtstag, und da wünsche ich mir von Großmama eine Schulmappe und ein Rasierzeug für meinen Herrn Leutnant, weil Klaus ihm einen Bart angemalt hat, und nachmittags gibt es Schokolade mit Schlagsahne!«
»Das ist ja wunderschön«, jetzt lachte der nette Herr Direktor richtig. Dann notierte er das Geburtsjahr, den Stand des Vaters und die Wohnung.
Inzwischen hatte Annemie Mutti etwas bittend zugeflüstert, aber die schüttelte abwehrend den Kopf.
»Möchtest du noch etwas, mein Kind?« fragte der Herr Direktor.
Da schlug Nesthäkchen die großen, blauen Augen treuherzig zu ihm auf.
»Ich möchte so schrecklich gern auch gleich meine Gerda mit in der Schule anmelden, sie hat schon zwei lange Zöpfe und eine Schulschürze.«
»Na, dein Schwesterchen ist wohl noch zu klein zum Schulbesuch, laß sie nur erst so groß werden, wie du bist«, der Herr Direktor klopfte ihr freundlich die Wange.
»Aber Gerda ist doch nicht mein Schwesterchen«, lachte Annemie laut auf, trotz Muttis Versuche, das kleine Plappermäulchen zum Schweigen zu bringen. »Gerda ist doch mein Jüngstes, mein Nesthäkchen, aber im Kindergarten war sie auch aufgenommen.«
»Ja, für Puppen haben wir hier aber keinen Platz, dazu ist die Klasse zu sehr überfüllt«, meinte der Herr Direktor gut gelaunt. »Nun finde dich pünktlich am 10. April um zehn Uhr in der zehnten Klasse ein und sei recht fleißig. Adieu, gnädige Frau, adieu, mein Kind.«
Wieder knickste Annemie, und dann standen sie draußen in dem langen Korridor mit den vielen Türen.
»Du warst gar nicht artig«, begann Mutti, als sie wieder auf der Straße waren, unzufrieden. »Wie konntest du bloß so vorlaut sein!«
»Aber der Herr Direktor hat mich doch gefragt.« Nesthäkchen verzog weinerlich den Mund. »Und wenn er meine Gerda nicht will, dann gehe ich überhaupt auch nicht in die olle Schule! Ohne Gerda macht mir’s gar keinen Spaß!«
»Spaß soll dir die Schule auch nicht machen, Lotte, da wirst du eifrig lernen, damit du kein kleines Dummchen bleibst!« sagte Mutti ernsthaft.
Aber als der 9. April nun erschienen war, als auf Nesthäkchens Geburtstagstisch sieben Lichte und ein großes Lebenslicht flammten, als in der Mitte die neue, braune Schulmappe von Großmama prangte, da freute sich Annemie doch wieder auf die Schule. Ach, die hübsche Fibel mit den Bildern, der feine Federkasten, der so lustig zuknipste! Und eine Federbüchse war drin, genau wie Klaus sie hatte; ein kleiner, schwarzer Kater als Tintenwischer und dazu noch Federhalter und lange, rote Bleistifte. Annemie ruhte nicht eher, als bis sie das neue, grünschottische Schulkleidchen anprobieren durfte, dazu band sie die schwarze Schulschürze um, die noch viel feiner war als Gerdas. Auch die lederne Frühstücksbüchse oder wie Klaus sie nannte, die »Futtertrommel« wurde umgehangen, und zuguterletzt noch die neue Schulmappe aufgeschnallt. So – nun war das kleine Schulmädel fertig.
Zuerst ging es zu Vater ins Sprechzimmer, das zum Glück leer von Patienten war.
»Vater, ich bin jetzt ein richtiges Schulmädchen!« und da saß das richtige Schulmädchen mit ihrer Mappe auch schon auf Vaters Knie.
»Ach, da kann ich dich ja nicht mehr auf meinen Schultern reiten lassen, Lotte, das tut mir aber leid, ein Schulmädchen ist schon zu groß dazu«, meinte Vater lächelnd.
Das Geburtstagskind machte ein nachdenkliches Gesicht.
»Ach, weißt du was, Vatchen, heute kannst du mich noch ruhig reiten lassen, denn ein ganz richtiges Schulmädchen bin ich doch erst morgen.« Annemie, die für ihr Leben gern auf Vaters Schultern ritt, war froh, einen Ausweg gefunden zu haben.
Einige Sekunden später konnte man etwas Merkwürdiges sehen. Doktor Braun sprang im Trab und Galopp durch die ganze Wohnung, und auf seinen Schultern ritt ein kleines Schulmädel mit der aufgeschnallten Mappe und schrie jauchzend: »Hü« – »Hott« – und »brrr«.
»So, das war die Abschiedsvorstellung.« Vater blieb schweratmend stehen und ließ die kleine Reiterin absteigen. »Von heute ab ist es aus mit dem Vergnügen!«
»Aber meine Gerda kannst du doch noch reiten lassen, die ist doch in der Schule nicht angenommen worden«, bat die Kleine.
Das versprach Vater denn auch.
»Mutti, wer wird denn die Krümelchen vom Kaffeetisch abfegen und sie für die Vögelchen aufs Blumenbrett streuen, wenn ich nun jeden Tag in die Schule muß?« erkundigte sich Annemie, stolz mit ihrer Schulmappe auf und ab marschierend.
»Ja, du wirst mir sehr fehlen, meine Lotte.« Mutti zog Annemies Blondkopf zu sich heran, ganz dicht, damit Nesthäkchen nicht sehen sollte, wie schwer es Mutti wurde, ihr Kleinstes nun auch in die Schule zu geben.
Aber das jagte schon zur Küche hinaus.
»Frida – Hanne – haben Sie schon meine neue Schulmappe gesehen?«
»Ih der Tausend«, machte Hanne und vergaß vor lauter Bewunderung den Mund wieder zuzumachen. »Da muß ich wohl die Brezel auf deiner Geburtstagstorte heute noch mal so groß backen wie sonst, was, Annemiechen?«
»Ja, Schulmädel haben doppelten Hunger«, stimmte die Kleine ernsthaft zu.
»Aber Annemie, du kannst doch gar nicht in die Schule gehen,« neckte Frida, »wer soll mir denn morgens beim Aufräumen helfen? Die Teppichmaschine läuft überhaupt nicht ohne dich.«
»Und zum Einholen brauche ich dich auch,« fiel Hanne ein, »wenn du nicht mehr mitkommst, wem sollte der Kaufmann dann wohl den Bonbon schenken?«
Ganz betroffen stand Klein-Annemie da. Ja, wirklich, sie konnte nicht in die Schule gehen, sie hatte zu Hause zu viel zu tun, sie wurde zu notwendig gebraucht.
Und als sie nun in ihre Kinderstube trat und die Puppen alle dasaßen, mit Blumensträußchen in den Händen, die Fräulein für sie besorgt hatte, um ihrer kleinen Mama zu gratulieren, da fühlte Nesthäkchen noch viel mehr, wie unentbehrlich sie war. Was sollte denn bloß aus ihren Kindern werden, wenn sie in die Schule ging?
»Es ist ja schade um die schöne, neue Schulmappe,« sagte sie nach reiflicher Überlegung, »aber ich kann dem Herrn Direktor nicht den Gefallen tun und morgen zur Schule kommen. Mutti, Hanne und Frida brauchen mich zu nötig, und meine Kinderchen wären ja dann ganz verlassen. Puck, und du, Fräulein, ihr beide wißt auch sicher nicht, was ihr ohne mich anfangen sollt.«
»Na, für deine Kinderchen könnte ich ja sorgen, Annemie, da habe ich gleich was zu tun«, lachte Fräulein. »Und Mutti, Hanne und Frida müssen eben sehen, daß sie ohne dich fertig werden. Jeder Mensch muß in die Schule gehen und was lernen, sonst bleibt er dumm, und alle Leute lachen ihn aus.«
Nein – ausgelacht wollte Nesthäkchen nicht werden!
»Ja, denn hilft es nicht, mein Gerdachen, ich muß nun morgen in die Schule«, seufzte sie, ihren Liebling auf den Arm nehmend.
Mit unverhohlener Bewunderung schaute Puppe Gerda auf die neue Schulmappe, und auch die andern Puppen staunten ihre kleine Mama als Schulmädel an.
»Was wirst du denn nun ohne mich anfangen, Gerdachen?« flüsterte Annemie weiter der Puppe ins Ohr.
Die machte ein trauriges Gesicht.
»Du könntest ja vielleicht mit Hanne einholen gehen und statt meiner den Bonbon vom Kaufmann kriegen«, überlegte Nesthäkchen weiter.
Puppe Gerdas Gesicht heiterte sich auf.
»Oder aber du gehst allein zu Tante Martha in den Kindergarten, die war doch immer nett zu dir, und ich habe ihr auch versprochen, sie oft zu besuchen«, überlegte die Kleine weiter.
Da fiel ihr Blick auf den Herrn Leutnant mit dem stattlichen Schnurrbart, der angelegentlich zu den beiden herüberblickte.
»Halt – ich hab’s, du machst noch heute mit dem Herrn Leutnant Hochzeit, Gerda, dein Bräutigam ist er ja schon lange. Dann hast du einen Mann und bist nicht mehr allein, wenn ich in die Schule muß!« rief Nesthäkchen plötzlich erfreut.
Gerda lachte über das ganze Gesicht. Einen schöneren Mann konnte sie sich nicht wünschen. Aber auch der Herr Leutnant strahlte und stand noch strammer da als sonst, denn Gerda war ein allerliebstes Puppenmädchen.
Irenchen aber blickte neidisch auf die beiden, sie hätte auch zu gern den schmucken Herrn Leutnant zum Mann gehabt.
»Ja, Irenchen, du sollst auch Hochzeit machen, weil du doch meine Älteste bist«, sagte da die vorsorgliche kleine Puppenmutter, der Irenchens weinerliche Miene nicht entging. »Einen Herrn Leutnant habe ich ja nicht mehr für dich, bloß meinen Kurt, aber dann hast du doch wenigstens auch einen Mann, wenn er auch kaputige Beine hat.«
Irenchen nickte getröstet, weil sie sah, daß Mariannchen jetzt auf ihren Kurt neidisch war. Aber für Mariannchen konnte Nesthäkchen beim besten Willen keinen Mann mehr beschaffen. Höchstens Puck kam noch in Frage, aber den wollte Mariannchen nicht, weil er solch Krakeeler war und immer blaffte und seiner Frau auch sicherlich die besten Happen fortschnappen würde.
So wurde am Nachmittag, als die Geburtstagsschokolade mit Schlagsahne getrunken war, in Nesthäkchens Kinderstube Puppenhochzeit gefeiert.
Die beiden Bräute bekamen ihre weißen Kleider an, Gerda das mit der rosa Schärpe, und Irenchen das mit der blauen. Als Schleppe aber steckte Annemie jeder ein Taschentuch an das Kleid, denn eine Braut muß eine Schleppe haben. Von Mutter hatte sich Nesthäkchen einen alten, weißen Schleier erbettelt, der wurde getreulich zwischen Gerda und Irenchen als Brautschleier geteilt. Frida hatte ihr zwei kleine Kränzchen geflochten, und da gerade keine Myrte da war, hatte sie grüne Petersilie dazu genommen. Aber es sah genau ebenso schön aus. Auch der Herr Leutnant und Kurt trugen ein Petersiliensträußchen in ihrem Knopfloch. Kurt sah zwar für einen Bräutigam etwas zerfetzt aus, aber dafür hatte ihm Annemie einen tadellosen Helm aus Zeitungspapier gemacht, da der Herr Leutnant doch auch eine Soldatenmütze trug.
Nun fuhr die Brautkutsche vor. Das war der weiße Puppenwagen, vor den Annemie das Schaukelpferd von Klaus gespannt hatte. Feierlich ging es so zur Kirche. Auf dem Vordersitz saß der Herr Leutnant mit seiner Gerda, auf dem Rücksitz das zweite Brautpaar, Irenchen und Kurt. Letzterer sah recht betrübt drein, es schien ihm schwer zu werden, sein lustiges Leben aufzugeben und ein gesetzter Ehemann zu werden.
Mariannchen und Lolo trugen den Bräuten die Schleppe, und Baby streute Blumen. Nesthäkchen aber hielt die Traurede.
»Wollt ihr euch alle vier heiraten?« fragte sie die Brautpaare.
Und da keiner von ihnen »Nein« sagte, fuhr sie fort: »Na, denn man los!« Drauf zog sie ihnen Gardinenringe als Eheringe über die Hände, und damit war die Trauung zu Ende.
Nun kam die Hochzeitstafel. Die kleine Brautmutter deckte sie selbst mit ihrem schönsten Puppenservice. Alle zur Hochzeit geladenen Puppen nahmen daran Platz, und ließen sich die übriggebliebene Schlagsahne schmecken.
Kurt, der wilde Bräutigam, sprang zwar mit dem einen abgeschlagenen Bein in die Schlagsahne hinein, aber Irenchen, die jetzt seine Frau war, trocknete ihn sorglich mit ihrer Taschentuchschleppe ab.
Dann brachte Annemie mit Gänsewein das Wohl der Brautpaare aus, und alle stießen mit Kaffeetassen an, da keine Gläser vorhanden waren.
Klaus aber schleppte jetzt seinen Leierkasten herbei und begann lustig darauf los zu dudeln. Da fingen sie alle an zu tanzen. Jeder Bräutigam hopste mit seiner Braut herum, und Annemie tanzte mit Puck.
Und dann war die Hochzeit aus, und das jetzt siebenjährige Nesthäkchen lag, müde von dem schönen Tage, im Bettchen.
»Morgen geht’s in die Schule!« dachte sie und »ach, wie freue ich mich, daß ich meine Kinder so gut versorgt habe!« Dann schlief Nesthäkchen.
Aber im Traum hörte Klein-Annemarie ganz deutlich, wie der Leierkasten plötzlich von selbst zu dudeln anfing. Und jetzt – nanu, was war denn das?
Der Herr Leutnant legte die Hand an die Mütze und salutierte vor seiner Frau Gerda, und dann hüpften sie beide zusammen im Galopp davon. Auch Kurt machte vor Irenchen einen Diener und begann sich mit ihr zu drehen, er tanzte trotz seiner abgeschlagenen Beine mit ihr Tango. Und nun erwachten auch die andern Puppen und nahmen am Hochzeitstanz teil. Mariannchen und die schwarze Lolo, sogar Baby, alle hopsten sie durch die Kinderstube.
Und mit einemmal wurde auch Nesthäkchens neue Schulmappe, die schon zu morgen bereit lag, und die den ganzen Tag über ein so ernstes Gesicht gemacht hatte, von der allgemeinen Lustigkeit angesteckt.
Sie sprang vom Tisch herunter, mitten unter die tanzenden Puppen – ganz deutlich sah die Kleine es im Traum – sie begann sich zu drehen, sie tänzelte, und schließlich hopste sie am höchsten von allen, daß auch der Federkasten hin und her sprang, ja selbst die neue Federbüchse tanzte mit dem kleinen schwarzen Tintenwischkater.
So drehte sich die ganze übermütige Gesellschaft im Mondenschein, während Klein-Annemie ihrem ersten Schultage entgegenschlummerte.
*
Ja, noch schläft unser Nesthäkchen, und wenn es aufwacht, dann hat es nicht mehr viel Zeit für die Puppen, dann ist es ein kleines Schulmädel geworden. Doch davon erzähle ich euch erst im nächsten Band.
Nesthäkchens erstes Schuljahr
Inhaltsverzeichnis
1. Kapitel Hurra – fünfzig Kinder!
2. Kapitel Die große Schultüte
3. Kapitel Nesthäkchens erste Freundin
4. Kapitel Puppe Gerda hilft Schularbeiten machen
5. Kapitel Verlaufen
6. Kapitel Kinder, die sich nicht vertragen
7. Kapitel Ein fortgejagter Schüler
8. Kapitel Wer kommt Erste?
9. Kapitel Mit dem Zippel-Zappel-Zeppelin
10. Kapitel Im Zoologischen Garten
11. Kapitel Am grünen Strand der Spree
12. Kapitel Klinglingling – der Milchjunge kommt
13. Kapitel Die Himbeermizi
14. Kapitel Nesthäkchen lernt Stricken
15. Kapitel Die erste Zensur
16. Kapitel Kindergesellschaft
1. Kapitel
Hurra – fünfzig Kinder!
Inhaltsverzeichnis
An das Fenster schlug der Aprilregen. Klitsch – klatsch – tromtromtrom – klitsch – klatsch – tromtromtrom.
Hüit – hüi – it – heulte der Sturm im Ofen, er rüttelte an den Fensterscheiben, daß sie laut zu klirren begannen.
Nesthäkchen, das den Blondkopf noch tief in den Kissen vergraben hatte, warf sich bei dem wilden Konzert unruhig hin und her. Es rieb sich die Blauaugen und sah sich verschlafen in der Kinderstube um.
Da lag sie – die neue Schulmappe! Mitten auf dem weißen Tisch; ernst mahnend blickte sie zu der kleinen Langschläferin herüber.
Richtig, der erste Schultag war ja heute! Aber Klein-Annemarie war noch ganz schrecklich müde, die mochte noch nicht an Aufstehen und Schule denken. Es war ja ihr Geburtstag gestern gewesen, da war sie später als gewöhnlich ins Bett gekommen. Und dann war es doch auch solch häßlicher, grauer Regenmorgen.
Warm und fest kuschelte sich die Kleine wieder in ihre Kissen ein, während draußen Regen und Wind weiter pladderten und heulten. Klitsch – klatsch – tromtromtrom – hüi – it – ach, wie schön war es im molligen Bettchen!
Da trat Fräulein an Nesthäkchens Lager.
»Annemie – Liebling – es ist Zeit, du mußt aufstehen.« Zärtlich streichelte ihre Hand die wirren Blondlöckchen der Kleinen.
Aber Annemarie, die erst vor kurzem wieder eingeschlafen war, atmete sanft und gleichmäßig weiter. Sie rührte sich nicht.
»Liebling, du gehst ja heute das erstemal in die Schule, wach auf, sonst kommst du zu spät«, so versuchte Fräulein das müde Kind zu ermuntern.
Unverständliches Grunzen war Annemaries Antwort auf Fräuleins Mitteilung, daß sie heute das erstemal in die Schule ginge. Dabei hatte die Kleine doch den wichtigen Tag gar nicht erwarten können.
Fräulein stand ratlos. Alles Streicheln, Liebkosen und Zureden wollte nichts nützen. Nesthäkchen rührte sich nicht.
Da griff Fräulein schließlich zu dem großen Schwamm. Klitsch – klatsch – spritzte sie der kleinen Schlafenden ein paar Tropfen ins Gesicht.
»Fräulein – Fräulein – es regnet – es regnet in mein Bett rein!« Entsetzt fuhr Annemarie jetzt endlich hoch.
Vor ihr stand Fräulein und lachte die mit dem Ärmel des Nachthemdchens im Gesicht herumwischende Kleine aus.
»Na, bist du jetzt endlich munter, Annemie, willst du nun aufstehen und in die Schule gehen?«
»Nee«, gähnte Nesthäkchen mit aller Gemütsruhe und machte Miene, sich auf die andere Seite zu legen.
»Aber Liebling, du hast dich doch so auf heute gefreut?«
»Es ist mir zu schlechtes Wetter, ich will lieber zu Hause bleiben«, erklärte die Kleine, in das Regengrau hinausblinzelnd.
»Denk’ nur, Annemiechen, wenn alle Kinder so sprechen würden, dann blieben sie alle dumm, und die Lehrerin säße allein in der Klasse und könnte die leeren Bänke und Tische unterrichten«, stellte Fräulein vor.
Annemie mußte bei dieser Vorstellung hell auflachen, und das machte sie noch munterer als der Schwamm. Hops – da sprang sie mit beiden Beinen aus dem Bett heraus, denn dumm wollte die Annemarie doch nicht bleiben!
Wie schön die neue Schulmappe aussah, die Großmama ihr gestern zu ihrem siebenten Geburtstag geschenkt hatte!
Die Kleine war so in die braunlederne Schönheit der Mappe versunken, daß sie nicht einmal merkte, wie kalt und naß der Schwamm war, mit dem Fräulein sie gerade bearbeitete. Und als ihr das grünschottische Schulkleidchen nun übergezogen wurde, als die schwarze Schulschürze mit roter Stickerei darüber prangte, da klopfte Nesthäkchens kleines Herz wieder in freudigem Stolz. Vergessen war alle Müdigkeit, vergessen das häßliche Regenwetter – klitsch – klatsch – tromtromtrom – wie lustig die Musik da draußen jetzt dem kleinen Schulmädel klang.
Noch einen Abschiedsblick auf ihre Puppen, die bis zum heutigen Tage Klein-Annemaries einzige Sorge gewesen. Da saßen sie alle und staunten ihre kleine Mama mit der Schulmappe voll unverhohlener Bewunderung an. Puppe Gerda, ihr Nesthäkchen, streckte ihr sogar beide Arme entgegen. Einen zärtlichen Kuß gab Annemarie noch schnell ihrem Liebling. Sie schwankte – sollte sie Gerda mit in die Schule nehmen? Aber nein, die Puppe war zu groß, sie ging nicht in die neue Schulmappe hinein.
»Seid brav, Kinder, bis ich wiederkomme, denn ich habe heute keine Zeit für euch, ich muß in die Schule«, sagte die Kleine wichtig. Dann ging es, die Mappe auf dem Rücken, eiligst ins Speisezimmer.
Dort saßen Vater und Mutter beim Kaffee, während Annemaries ältere Brüder, Hans und Klaus, bereits eine Stunde früher zur Schule gegangen waren.
»Na, Lotte, schon gestiefelt und gespornt, soll es nun wirklich Ernst werden?« Zärtlich klopfte Vater dem Töchterchen die rosige Wange. Vater und Mutter riefen ihr Nesthäkchen fast immer mit dem Kosenamen »Lotte«.
Mutti aber schaute mit nassen Augen in den nassen Aprilmorgen hinaus. Es wurde ihr unsagbar schwer, nun auch ihr Kleinstes, ihr Nesthäkchen, zur Schule zu geben.
»Erkälte dich nur nicht, meine Lotte, bei dem gräßlichen Wetter; zieh Gummischuhe an, daß du mir keinen Schnupfen kriegst!« sagte sie besorgt.
»Ach was, dann macht Vater mich wieder gesund; er ist ja ein Doktor«, lachte Nesthäkchen.
Aber als Mutti ihr jetzt Kakao in die Tasse goß und ein Brötchen mit Butter strich, schüttelte die Kleine, die sonst immer bei bestem Appetit war, das Köpfchen.
»Ich kann heut’ wirklich nichts essen, ich bin ganz satt, und es ist auch schon viel zu spät – da klingelt die Schulglocke ja schon – ach Gott, ich komme sicher nicht mehr zur rechten Zeit!« Damit wollte Annemarie ohne Hut und Mantel zur Tür hinaus, denn von der Straße herauf klang es deutlich »klinglinglingling«.
Vater aber holte das kleine Fräulein wieder zurück. »Das war ja bloß die elektrische Bahn, die gerade vorbeifuhr«, beruhigte er sie. »Du hast noch vollauf Zeit, Lotte, nun setze dich mal her, und trink und iß. Ein Kind, das nicht gefrühstückt hat, wird nicht in die Schule hineingelassen.«
Wenn Vater in diesem bestimmten Tone sprach, wagte selbst sein Nesthäkchen kein »Aber« mehr. Gehorsam setzte sich Annemarie hin, trank den Kakao und würgte das Brötchen hinunter, denn die Schulaufregung machte sich jetzt doch geltend. Von ihrer Mappe aber trennte sie sich selbst beim Frühstück nicht, die blieb aufgeschnallt.
Draußen auf dem Treppenflur war die ganze Familie versammelt, als Nesthäkchen nun an Fräuleins Hand zum erstenmal in die Schule zog. Vater winkte mit der Hand, Mutti mit dem Taschentuch, während sie sich heimlich eine Träne von den Wimpern wischte. Hanne, die Köchin, erschien mit der Markttasche, um sich das Wunder – Nesthäkchen als Schulmädel – anzuschauen. Das Stubenmädchen Frieda wedelte mit dem Staubtuch hinter Annemarie her, und Puck, das weiße Zwerghündchen, mit dem Schwanz.
Nesthäkchen aber hatte keine Zeit mehr, sich umzugucken. Das hopste, die Kapuze des blauen Regencapes über das kurzlockige Blondhaar gezogen, selig neben Fräulein durch die Straßen Berlins. Ihr kleiner Regenschirm und die neue Schulmappe hopsten bei jedem Schritt mit.
Klitsch – klatsch – pitsch – patsch – in alle Pfützen ging es achtlos hinein, daß Fräulein von oben bis unten bespritzt wurde.
Plötzlich blieb Annemarie erschreckt stehen.
»Fräulein, ich muß noch mal umkehren, ich habe ja mein neues Frühstückskörbchen vergessen! Ach Gott, sonst bin ich sicherlich, wenn du mich mittags von der Schule abholen kommst, verhungert und mausetot.«
»Ei, Annemie, so schlimm wird es nicht werden. Ihr habt heute noch keinen richtigen Unterricht, nur Schulaufnahme und Stundenplanverteilung, das dauert nicht lange«, beruhigte sie Fräulein.
»Glaubst du, daß viele Kinder da sein werden, Fräulein?« fragte Annemarie rasch getröstet.
»Sicherlich«, meinte Fräulein.
»Das ist fein,« Nesthäkchen vollführte einen Luftsprung mitten in eine Pfütze hinein, daß die Kapuze ihr von den Locken rutschte, »da können wir schön spielen.«
»In der Schule lernt und arbeitet man, Annemie, nur in der Pause darf gespielt werden«, dämpfte Fräulein ihre Freude.
»Dann will ich überhaupt immer nur Pause haben!« Mit dieser Vornahme betrat Nesthäkchen die neue Schule.
Klein-Annemarie kannte das große, rote Gebäude mit der hohen Mauer bereits von der Anmeldung her. Aber als sie jetzt zum erstenmal als richtiges Schulmädel die breiten Steintreppen hinaufstieg, faßte sie doch eingeschüchtert nach Fräuleins Hand. Einen tiefen Knicks machte sie vor dem Schuldiener; ließ der sie auch rein? Sie hatte ja ihren Kakao ausgetrunken.
Fräulein nahm ihr draußen auf dem langen Korridor die nassen Sachen ab und hängte sie an einen Garderobenhaken. Dann strich sie ihr die verwehten Locken aus der Stirn, zupfte ihr das Schulschürzchen zurecht und schob sie zur Klassentür.
»So, Liebling, nun geh hinein und passe hübsch auf, was die Lehrerin euch sagt. Ich warte unten im Hausflur auf dich.«
Aber Nesthäkchen hielt Fräuleins Hand fest umklammert.
»Nein – nein, Fräulein – du sollst mit reinkommen, allein habe ich so dolle Angst.« Es zuckte weinerlich um den frischen Kindermund.
»Aber du Dummchen, ich kann doch nicht mit in die Klasse kommen; sieh nur, wie verständig die anderen kleinen Mädchen sind, die gehen ganz allein.« Fräulein wies auf mehrere kleine Mädelchen, die höchst unternehmungslustig die zehnte Klasse betraten.
Da schämte sich Annemarie ihrer Furcht und ging herzklopfend hinter ihren neuen Mitschülerinnen her.
»Guten Morgen«, sagte sie leise, blieb an der Tür stehen und steckte vor Verlegenheit den Finger in den Mund.
Aber erschreckt zog sie ihn wieder heraus, denn hell klang es von einem vorlauten, kleinen Ding durch die Klasse: »Haach – die lutscht ja noch!«
Alle Kinder blickten neugierig zu Annemarie hin.
Die griff nach der Türklinke und wollte sofort wieder davon. Nein – hier blieb sie nicht – Iwo – sie ließ sich doch nicht auslachen!
Da aber kam eine freundliche Stimme vom Katheder her: »Na, tritt nur näher, mein Kind, gib mir die Hand und sage mir, wie du heißt.«
Die Stimme war so sanft und lieb, fast wie die von Mutti. Und die junge Lehrerin, die Annemarie nicht gleich unter all den vielen Kindern entdeckt hatte, schaute so vertrauenerweckend aus, daß die Kleine ihren Plan, fortzulaufen, aufgab. Zögernd trat sie an das Katheder heran.
»Wie heißt du denn, mein Kind?« klang es wieder aufmunternd an ihr Ohr.
»Annemie«, flüsterte das kleine Mädchen so leise, daß die Lehrerin Ohren wie ein Luchs hätte haben müssen, um es zu verstehen. Dazu hielt es den Kopf fast bis zur Erde gesenkt.
Sanft hob das Fräulein den allerliebsten Blondkopf des schüchternen kleinen Dingelchens zu sich empor.
»Ei, du schämst dich doch nicht etwa, daß du mich nicht ansehen magst?« fragte sie lächelnd.
»Nein, gar nicht, bloß weil die Kinder mich ausgelacht haben, schoniere ich mich«, stieß Klein-Annemarie etwas hörbarer hervor. Denn sie hatte inzwischen Vertrauen zu der netten, jungen Dame gefaßt.
Da lächelte das Fräulein noch mehr.
»Na, dann sage uns doch mal ganz laut, wie du heißt, du kannst doch gewiß schreien!«
»Annemie, und wenn ich artig bin, ›Lotte‹«, brüllte Nesthäkchen jetzt, daß die Lehrerin und alle Kinder vor Schreck zusammenfuhren. Das mußte sogar Fräulein unten im Treppenflur vernommen haben.
»So ist’s recht, nun möchte ich aber auch gern noch wissen, wie dein Papa heißt, Annemie?« sagte die Lehrerin, wieder schnell gefaßt.
»Der heißt Vater.« Die Kleine sah das Fräulein treuherzig an.
»Ja, aber er muß doch noch einen anderen Namen haben?« Nesthäkchen dachte nach.
»Freilich, Mutti nennt ihn ›Edchen‹, und manchmal auch ›mein Einziges‹, aber Hanne und Frieda sagen ›Herr Doktor‹«, rief sie voll Stolz über ihre Schlauheit.
Da lachte Fräulein ganz laut, und alle Kinder lachten mit, ohne eigentlich zu wissen warum.
Klein-Annemarie wandte den Kopf verlegen nach der Tür. Wurde sie nicht schon wieder ausgelacht? Diesmal blieb sie aber nicht hier. Spornstreichs machte sie kehrt, und fort war sie, ehe die erstaunte Lehrerin sie noch zurückhalten konnte.
Drunten im Treppenflur stand Fräulein mit mehreren Müttern und Kindermädchen und wartete auf Annemarie. Da erschien Resthäkchen plötzlich vor ihr mit heißem Gesicht, ohne Hut und Mantel.
»Kind – Annemie – warum kommst du denn jetzt schon wieder, ist denn die Schule schon aus?« fragte sie erschreckt.
»Nein, aber ich gehe nicht mehr in die olle Schule,« erklärte die Kleine weinerlich, »ich will nach Haus zu Vater und Mutti, und zu Hanne und Frieda!«
»Aber Annemiechen, warst du denn unartig, daß man dich fortgeschickt hat?« forschte Fräulein, aufs höchste betroffen.
»I wo« – unter Tränen begann es in Nesthäkchens Blauaugen schon wieder schelmisch zu blitzen – »ich bin ganz von allein ausgerückt. Sie haben mich ausgelacht, und – und – das brauche ich mir nicht gefallen zu lassen!«
Mit großer Mühe gelang es Fräulein endlich, der Kleinen den richtigen Sachverhalt zu entlocken, und mit noch größerer Mühe, Nesthäkchen zu überreden, es noch einmal mit der Schule zu versuchen. Sie führte die kleine Ausreißerin selbst in die Klasse zurück, wo die Lehrerin schon in Sorge um sie gewesen.
Von Fräulein erfuhr die Klassenlehrerin auch, daß die kleine Schülerin Annemarie Braun heiße. Es wurde ihr ein Platz auf der vordersten Bank zwischen zwei anderen Kindern angewiesen, und ihr Fräulein konnte die Klasse wieder verlassen.
»So, Annemarie,« wandte sich die junge Lehrerin jetzt nochmals der Kleinen zu und fuhr ihr freundlich über die weichen Locken, »nun verrate mir mal, warum du nicht bei uns bleiben wolltest. Gefällt es dir denn nicht hier in der Schule?«
»Nee, gar nicht!« war Annemaries Antwort, die nichts an Ehrlichkeit zu wünschen übrigließ. »Zu Haus, da haben sie mich alle lieb, da lacht mich keiner aus!« setzte sie leise hinzu.
»Hier werden wir dich auch alle lieb haben, Annemie, wenn du brav und fleißig bist«, tröstete das Fräulein.
Die gütigen Worte erfüllten das liebegewohnte Herzchen von Klein-Annemarie mit einer großen Zärtlichkeit für die junge Lehrerin.
Eins – zwei – drei – kletterte sie auf die Schulbank, und von dort – da sie noch immer nicht heranreichen konnte – auf den langen, schmalen Tisch. Ehe die Lehrerin es sich versah, schlangen sich ihr zwei Ärmchen um den Hals und ein roter Kindermund küßte sie voll Ungestüm.
»Ich werde dich sehr, sehr lieb haben, Tante«, versprach Annemarie, ihr frisches Gesichtchen zärtlich an die Wange der Lehrerin schmiegend.
Sanft machte sich diese von den sie umstrickenden Ärmchen frei.
»Das ist nett von dir, Annemie,« sagte sie belustigt, »aber wir sagen hier nicht Tante, dazu ist ein Schulmädel schon zu groß. Ihr sagt Fräulein Hering zu mir.«
»Hahaha«, lachte es da aus einer Ecke, und »hahaha« fiel der ganze Chor von fünfzig Kindern ein.
»Ei, über was freut ihr euch denn so?« fragte Fräulein Hering.
»Hahaha – Hering – den ißt man doch mit Pellkartoffeln, so kann man doch nicht zu einer Lehrerin sagen!« Es war dasselbe vorlaute, kleine Ding, das vorhin »haach – die lutscht ja noch!« gerufen.
»Aber warum kannst du mich denn nicht Fräulein Hering nennen, Hilde?« Das Fräulein amüsierte sich gottvoll.
»Nee, Hering ist doch ein Tier, und alle Tiere, Ochse, Esel, Schaf, das sind Schimpfnamen. Und seine Lehrerin darf man doch nicht schimpfen!« rief Hilde eifrig.
»Ihr könnt mich ruhig Fräulein Hering nennen, das ist nicht geschimpft, denn ich heiße doch so«, sagte die Lehrerin, noch immer mit dem Lachen kämpfend. Dann wandte sie sich nach der anderen Seite. »Aber Margot, weinst du denn noch immer?« Sie neigte sich zu einem kleinen Mädchen hinab, das die ganze Zeit über ihr Gesicht hinter dem rotgeränderten Taschentuch vergraben hatte.
Annemarie drehte neugierig den Kopf nach der Heulsuse hin, und alle anderen Kinder wandten sich ebenfalls nach der weinenden kleinen Margot um.
»Sieh nur, wie vergnügt die vielen kleinen Mädchen hier sind, nur du weinst und hast noch immer Angst; wir tun dir doch nichts, Margot«, redete Fräulein ihr weiter zu.
Da ließ die furchtsame Kleine endlich ihr feuchtes Taschentuch sinken, und ein verweintes, schmales Kindergesicht mit großen, braunen Augen kam zum Vorschein.
Annemarie reckte sich fast den Hals aus. Herrgott – kannte sie das kleine Mädchen denn nicht? Natürlich – das war doch die Kleine, die seit dem ersten April in die Kinderstube ihr gegenüber eingezogen war. Sie hatten sich doch schon öfters zugenickt, alle beide.
Mit einem Satz war Annemarie über den Tisch hinüber. Springen und klettern konnte sie, das hatte sie von ihrem Bruder, dem wilden Klaus, gelernt. Sie rannte durch die Klasse und rief, der kleinen Margot beide Hände hinstreckend, freudestrahlend: »Du, heul’ bloß nicht mehr, ich bin ja auch hier!«
Wirklich verklärte ein Glückesschimmer plötzlich Margots Jammermiene, als sie ihre kleine Nachbarin ebenfalls erkannte.
»Rück’ mal ’n bißchen, dann setze ich mich zu dir«, kommandierte Klein-Annemarie, die jetzt jede Scheu verloren hatte.
»Nein, das geht nicht, Annemie, hier in der Schule läuft man nicht von einem Platze weg, da mußt du sitzenbleiben, wo ich dich hingesetzt habe«, mischte sich Fräulein Hering hinein.
»Aber dann weint Margot doch wieder, wenn ich sie allein lasse«, gab Annemarie zu bedenken.
Wirklich verzog sich Margots Mund bereits viereckig, ein neues Geheul verheißend.
»So tausche meinetwegen mit Erna Rust und setze dich neben Margot Thielen«, gestand Fräulein Hering, eine zweite Tränenauflage fürchtend, zu.
Und nun saßen die beiden kleinen Hausgenossinnen, die sich eigentlich kaum kannten, mit glücklichen Gesichtern nebeneinander.
»Ich habe einen kleinen Pudeltintenwischer, süß ist der!« Annemarie zog den süßen Tintenwischer aus dem Federkasten und hielt ihn hoch, damit ihn auch die anderen Kinder bewundern konnten.
»Ich habe einen Mohrentintenwischer – ich einen Glückspilz – meiner ist noch viel, viel feiner, der ist mit Perlen – und meiner ist aus Muttchens ollem Handschuh« – so zwitscherte das mit einemmal in der zehnten Klasse lustig durcheinander.
Fräulein Hering klatschte in die Hände und gebot Ruhe.
»Nun seid mal still, Kinder, ihr dürft nur sprechen, wenn ich euch was frage. Aber jetzt will ich euch was erzählen.«
»Au ja – au ja, – fein – bitte, von Aschenbrödel, nein lieber von Hänsel und Gretel«, so gingen die Schnäbelchen wieder.
Fräulein Hering wurde nicht böse. Sie wußte ja, daß es immer einige Tage dauerte, bis sich die ganz Kleinen an die Schulordnung gewöhnt hatten.
»Also die Klasse ist jetzt vollzählig, fünfzig Kinder«, begann Fräulein Hering aufs neue. Aber sie kam nicht weiter.
»Hurra – fünfzig Kinder!« trompete es jubelnd dazwischen. Dabei wußte Klein-Annemarie nicht mal, daß sie es gewesen, die diesen Freudenausruf getan.
Fräulein Hering drohte nur lächelnd, weil Annemarie ihre Mahnung, nicht ungefragt zu sprechen, so rasch vergessen hatte.
»Wir werden nun fleißig zusammen rechnen, schreiben und lesen lernen, damit ihr die schönen Geschichten in euren Märchenbüchern alle selbst lesen könnt, nicht wahr?«
»Ja – ja!« rief es hier und da. Annemarie aber meinte weniger begeistert: »Ach, wenn Fräulein mir vorliest, das ist auch sehr hübsch.«
»Aber wenn du es allein lesen kannst, dann macht es dir noch viel mehr Spaß«, versicherte die Klassenlehrerin und griff zu einem Pack loser Blätter. »Jetzt gebe ich jeder von euch zwei Zettel. Auf dem einen stehen die Bücher und Hefte verzeichnet, die ihr für die Schule mitbringen müßt, der andere ist euer Stundenplan. Verwahrt sie gut auf.« Sie verteilte die Blätter unter den vielen, begierig danach greifenden Kinderhändchen. »So, und nun sind wir für heute fertig. Morgen früh findet ihr euch wieder um neun Uhr hier in der Klasse ein. Jetzt wollen wir beten – wer kann ein Gebet hersagen?«
»Ich – ich – nein, ich – ach, ich weiß ein viel schöneres – bitte, ich!« so tobte das wieder durcheinander.
»Ei, Margot, weißt du keins?« Fräulein wandte sich der schweigenden keinen Furchtsamen zu, die aus ihren verweinten Augen noch immer ängstlich in den Tumult bückte.
Die nickte blutübergossen. Dann aber faltete sie ihre Händchen und begann mit leiser Stimme:
»Müde bin ich, geh zur Ruh,
Tue beide Äuglein zu.«
»Das war sehr schön, Margot,« lobte die Lehrerin, als sie geendet, »wenn es auch eigentlich noch ein bißchen früh zum Schlafengehen ist. Jetzt gebt mir die Hand und sagt mir lebewohl.«
Wie eine Welle von blonden und dunkelhaarigen Kindern stürmte es gegen Fräulein Hering an, daß diese sich kaum aufrechterhalten konnte. Lauter kleine Händchen, lauter knicksende Beinchen.
»Leb’ wohl, Lotte – auf Wiedersehen, Hilde – na, Margot, morgen hast du doch keine Angst mehr – auf Wiedersehen, Annemarie.«
»Auf Wiedersehen, Tante« – und sich besinnend, daß sie ja den Namen nennen sollte, verbesserte sich Annemarie: »Auf Wiedersehen, Tante Fräulein Hering.«
Diesmal langte Nesthäkchen mit strahlendem Gesicht unten bei Fräulein an. Allerdings nur mit einem Gummischuh und ohne den kleinen Regenschirm. Von dem hatte ein anderes Kind Besitz ergriffen und wollte ihn durchaus nicht wieder herausgeben, weil er ihm so gut gefiel.
Nachdem Fräulein mit vieler Mühe beides wieder herbeigeschafft hatte, ging es wieder in das Regenwetter hinaus.
»Klitsch – klatsch – tromtromtrom« machte der Regen.
»Hüit – hüi – it« heulte der Wind.
Alle beide aber übertönte das Jauchzen von Nesthäkchen: ›Hurra – fünfzig Kinder!«
2. Kapitel
Die große Schultüte
Inhaltsverzeichnis
Als Nesthäkchen von ihrem ersten Schulbesuch heimkehrte, hing draußen am Garderobenhaken ein dunkelgrüner Mantel und ein schwarzes Kapotthütchen.
»Großmama ist da – Großmuttchen ist da!« Jubelnd schallte es von Klein-Annemaries Lippen beim Anblick der bekannten Sachen.
Ja, wirklich, drin im Wohnzimmer bei Mutti saß die liebe Großmama. Ihr Gesicht leuchtete vor Freude, als ihr Herzblatt Annemarie mit aufgeschnallter Schulmappe hereinstürzte.
»Großmuttchen, jetzt bin ich ein richtiges Schulmädchen!« Mit einem Satz sprang Annemie, ungeachtet ihrer neuen Würde, Großmama auf den Schoß. Die herzte und küßte ihren kleinen Liebling und streichelte sogar vor lauter Liebe die neue Schulmappe mit.
»Also so sieht unser Nesthäkchen als Schulmädel aus«, sagte sie, das reizende, kleine Mädchen voll Großmutterstolz betrachtend. »Ja, aber hast du denn auch schon alles, Herzchen, was ein richtiges kleines Schulmädel haben muß?«
»Natürlich,« nickte Nesthäkchen wichtig, »bloß ein paar Hefte und ein Rechenbuch sollen wir uns noch kaufen.«
»Und sonst fehlt gar nichts mehr?« forschte Großmama mit heimlichem Lächeln.
»Nee«, war das Ergebnis von Klein-Annemaries sekundenlangem Nachdenken.
»O weh, da hast du am Ende auch schon eine Schultüte, wie sie jedes artige Kind am ersten Schultage zu bekommen pflegt?« scherzte Großmama und zog eine feuerrote Riesentüte hervor. »Da kann ich die wohl wieder mitnehmen?«
Nesthäkchen wurde röter als die Schultüte, mit beiden Händen griff sie danach.
»Nee, ach nee, die hat mir gerade noch gefehlt; au, ist die fein, die ist ja noch größer als meine Gerda, und soviel Schokolade ist drin – ach, ich danke dir tausendmal, Großmuttchen!« Annemaries Dankesbezeigung fiel so stürmisch aus, daß sich ein süßer Schokoladenregen aus der offen gebliebenen Tüte auf Großmama ergoß.
Nachdem die braunen Flüchtlinge wieder alle eingefangen waren, fand Annemarie endlich Zeit, auch Mutti zu begrüßen.
»Na, wie ist’s dir in der Schule ergangen, meine Lotte?« fragte Mutti.
»Famos – fünfzig Kinder sind in der Klasse, und Margot Thielen aus unserem Hause ist auch da. Aber das ist eine Heulsuse, ich habe mich zu ihr gesetzt, damit sie jemand aus ihrer Heimat bei sich hat und sich nicht so sehr grault. Und ich habe gar nicht geheult, man bloß ein ganz klein bißchen schoniert habe ich mich zuerst. Und ein einziges Mal bin ich bloß weggelaufen –«
»Was – du bist fortgelaufen, Lotte?« fiel Mutti ihrem eifrig berichtenden Nesthäkchen erschreckt ins Wort.
»Ja, aber bloß ein einziges Mal, und ich bin auch gleich wiedergekommen. Fräulein hat mich zurückgebracht«, beruhigte Annemarie Mutti.
»Aber du darfst doch aus der Schule nicht fortlaufen, Lotte, versprich mir, daß du das nie wieder tun wirst!« verlangte Frau Doktor Braun eindringlich.
»Nee – bloß wenn sie mich wieder mal auslachen«, gab Nesthäkchen bereitwilligst zu.
»Nein, auch dann darfst du nicht fortlaufen«, sagte Mutti so ernst und bestimmt, wie sie selten zu ihrer Kleinsten sprach.
Großmama aber fragte aufgebracht: »Wer hat mein Herzblatt ausgelacht?«
»Alle haben sie gelacht, bloß weil ich gesagt habe, Vater heißt ›Edchen‹ und ›mein Einziges‹ und ›Herr Doktor‹ – und er heißt doch so!« setzte Klein-Annemarie, das Köpfchen zurückwerfend, hinzu und gab ihrer Behauptung durch Auftreten mit dem Füßchen noch stärkeren Nachdruck.
Da lachten auch Großmama und Mutti herzlich. Letztere aber sagte dann: »Wenn du wieder einmal danach gefragt wirst, Lotte, dann sagst du, dein Vater heißt Doktor Braun. Und nun gehe und lege die Mappe ab, Kind, oder willst du gleich bis morgen früh so bleiben?«
Jetzt mußte auch Nesthäkchen lachen, das eben noch ganz bestürzt in die belustigten Gesichter geblickt hatte. Und dann sprang Annemarie, ihre große, rote Schultüte in der Hand, ins Kinderzimmer, wo die Puppen schon sehnsüchtig auf sie warteten.
Da ging ein Leuchten über all die starren Porzellan-und Zelluloidgesichter, als sie ihres kleinen Mütterchens endlich wieder ansichtig wurden.
»Seht mal, Kinder, was ich habe«! Strahlend hielt die Kleine ihren Puppen die große, rote Tüte hin. Die Schulmappe flog – pardauz – in irgendeine Ecke und gerade auf den Puppenjungen Kurt, der sich meistens in allen Ecken herumtrieb.
»Au, meine Hühneraugen!« schrie dieser, trotzdem seine beiden Beine abgeschlagen waren.
Aber Annemarie kümmerte sich nicht um Kurts Schimpfen, wohl aber um das Fräulein.
»Pfui, Annemie, so gehst du mit deiner neuen Mappe um – ein ordentliches kleines Mädchen hängt seine Schulmappe an den dafür bestimmten Haken. Und dann laß dich gleich umziehen. Sachen, die man in der Schule trägt, darf man nicht zu Hause anbehalten, sonst kommen Flecke und Risse hinein.«
Gehorsam befolgte die Kleine Fräuleins Worte. Vorher aber mußte sie noch ganz schnell Gerdachen das Porzellangesicht streicheln.
»Ist dir sehr bange nach mir gewesen, mein Liebling?« flüsterte sie der Puppe ins Ohr.
Die schien mit dem Kopf zu schütteln.
»Na ja, du hast ja jetzt auch einen Mann! Ich habe dich ja gestern noch ganz schnell mit meinem Herrn Leutnant verheiratet, damit du nicht so allein bist, wenn ich in die Schule muß. Der ist noch kein bißchen kaputt, bloß die Nase und der Helm sind etwas eingedrückt. Da habe ich dir doch nicht so doll gefehlt, nicht wahr?« Annemie sah nicht, daß die Puppe nickte, denn Fräulein zog ihr gerade das Hauskleidchen über.
Aber als sich die Kleine jetzt nach dem jungen Ehemann umsah, war der nirgends zu finden. Nach langem Suchen kam der Herr Leutnant endlich aus der Puppenküche hervorgekrochen, dort mußte er wohl gestern abend beim Hochzeitsschmaus vergessen worden sein. Oder war der Herr Leutnant ein Topfgucker und wollte sehen, was ihm seine liebe Frau Gerda zum Mittag gekocht habe?
Noch ein junges Ehepaar, das gestern Hochzeit gefeiert, hatte Annemie unter ihren Kindern. Das war das blasse Irenchen und der Puppenjunge Kurt mit den abgeschlagenen Beinen. Irenchen saß sogar noch mit dem weißen Brautschleier und dem grünen Petersilienkranz im Haar da.
Die übrigen Puppen schienen von dem Hochzeitstanz sehr müde zu sein. Mariannchen machte ihre Augen, die auch sonst nur aufgingen, nachdem sie ein paar tüchtige Katzenköpfe bekommen hatte, heute überhaupt nicht auf. Lolo, das schwarze Mohrenkind, blinzelte Annemarie verschlafen an, und Baby schlief sogar mit offenen Augen.
Annemarie hatte nicht recht Zeit für ihre Kinder. Schularbeiten gab’s zwar noch nicht, aber dafür mußte die Schultüte einer eingehenden Musterung unterzogen werden. Jedes fünfte Stück wanderte dabei in das rote Mäulchen der Kleinen.
Auch am Fenster mußte Nesthäkchen Aufstellung nehmen, ob sich kein braunhaariges Köpfchen drüben am anderen Kinderstubenfenster zeigen wollte. Aber soviel Annemarie auch lugte, nickte und winkte, ja sogar auch hinüberrief, die kleine Margot ließ sich nicht blicken.
Nesthäkchen aber hatte noch mehr zu tun, als am Fenster zu stehen. Das mußte vor allen Dingen Mätzchen frisches Wasser und Futter geben. Denn morgens war dazu keine Zeit mehr gewesen. Annemarie sorgte stets selbst für ihr Kanarienvögelchen, sogar von ihrem Apfel steckte sie meist ein Schnittchen zwischen die Messingstäbe seines Bauers. Dafür sang Annemaries Mätzchen aber auch so schön wie kein anderer Kanarienvogel.
Als Mätzchen versorgt war, ging es zu Hanne in die Küche hinaus.
»Hanne,« begann die Kleine nachdenklich, »was haben Sie denn heute bloß mit dem Bonbon gemacht, den der Kaufmann mir immer zugeschenkt hat, wenn ich mit einholen gegangen bin?«
»Den habe ich mir natürlich nun allein gut schmecken lassen«, lachte die Köchin.
»Wirklich?« zweifelte Klein-Annemarie und setzte dann gutherzig hinzu: »Na, ich habe ja auch dafür die große Schultüte von Großmama!«
Inzwischen waren auch die Brüder aus der Schule gekommen.
»Na, hast du schon einen Tadel bekommen, Annemie?« fragte Bruder Hans, der Untertertianer, neckend das Schwesterchen beim Mittagessen.
»Nee, aber eine seine Schultüte von Großmama; ich gebe dir auch etwas ab, Hänschen – und dir auch, Kläuschen«, setzte das gute, kleine Ding schnell hinzu, als es die begehrlichen Braunaugen des frischgebackenen Sextaners Klaus sah.
»Hast du denn schon eine Schulfreundin?« forschte der.
Nesthäkchen überlegte keinen Augenblick.
»Ja, alle fünfzig Kinder sind meine Schulfreundinnen; so viel Freunde hast du sicher nicht, Kläuschen«, übertrumpfte sie den Bruder.
»Nee,« machte der Sextaner verächtlich, »ein ordentlicher Junge hat überhaupt nur einen Schulfreund. Und höchstens noch einen zweiten für den Notfall, wenn er mal . mit dem ersten ›schuß‹ ist. Und mit all den anderen keilt man sich bloß.«
»Dann kann ja Margot Thielen von drüben meine Schulfreundin sein, aber heulen darf sie nicht immerzu. Und wenn ich mit ihr ›schuß‹ bin, dann kommt die Hilde dran, aber nur als zweite Freundin, denn die kann ich nicht recht leiden. Und mit den anderen Kindern werde ich mich gleich morgen keilen!« rief Nesthäkchen eifrig, das sich in allem ein Vorbild an den großen Brüdern nahm. Dazu reckte die Kleine bereits unternehmungslustig die Arme.
»Pfui, Lotte, kleine Mädchen hauen sich doch nicht«, unterbrach Mutti die kriegerische Vornahme ihres Töchterchens mißbilligend.
Vater aber, der es nicht sehen konnte, wenn sein sonniges Nesthäkchen traurig war, fragte schnell, da es bei Muttis Verweis feucht in den Blauaugen seines Lieblings flimmerte: »Wie gefällt dir denn dein Lehrer, Lotte? Hat er denn auch einen Rohrstock?«
Da lachte Annemarie wieder.
»Wir haben doch gar keinen Lehrer, nur ein Fräulein. Und einen ulkigen Namen hat die – wie war er denn bloß noch?« Die Kleine dachte angestrengt nach. »Fräulein Bückling oder Fräulein Flunder, so ähnlich war’s. Ach nee, Fräulein Hering; aber süß ist sie!«
»Ich kenne nur sauren Hering,« lachte Hans, »süßen habe ich noch nie gegessen.«
»Mein Fräulein Hering ist aber gar nicht sauer, die ist wirklich süß«, versicherte das Schwesterchen. Dann holte sie die große Schultüte und bot jedem davon etwas an. Sogar auch Hanne und Frieda. Nur für Klaus und Puck suchte sie selbst ein Stück heraus, denn bei beiden war zu befürchten, daß sie sich mehr nahmen, als ihnen zugedacht war.
Als Annemarie nach Tisch mit ihrer roten Tüte wieder mal zum Fenster lief und zu Thielens hinüberspähte, da lugten dort hinter der weißen Mullgardine zwei große, braune Kinderaugen hervor. Die sahen gar nicht mehr verheult aus, sondern lachten und grüßten strahlend herüber.
Annemarie hielt ihre große, rote Schultüte hoch und zeigte sie stolz der kleinen Nachbarin. Sofort wurde drüben als Antwort eine grüne Schultüte in der Luft herumgeschwenkt – ei, da hatte die Margot auch eine geschenkt bekommen. Darum war sie auch sicher jetzt so vergnügt. Das wurde nun ein Winken hinüber und herüber. Auch Puppe Gerda mußte sich an die Fensterscheibe stellen und vor der neuen Freundin ihrer kleinen Mama einen Knicks machen.
Dann spielte Nesthäkchen mit allen ihren Puppen Schule.
Sie selbst war Fräulein Hering. Mariannchen, welche die Augen trotz aller Katzenköpfe, mit denen die Lehrerin sie reichlich bedachte, nicht öffnen wollte, bekam Babys Windel als Taschentuch vors Gesicht und stellte die heulende Margot vor. Gerda aber hieß natürlich Annemarie Braun.
»So, Kinder, nun sagt mir mal alle, wie euer Vater heißt«, verlangte das kleine Fräulein Hering, das sich die Tischdecke als langen Rock umgebunden hatte, damit die Schulkinder auch Respekt vor ihr hatten.
»Meiner heißt Papa – meiner August – meiner ist schon längst totgestorben, Tante – meiner heißt Vatichen«, so ließ Annemarie ihre Puppenschülerinnen durcheinanderrufen.
Dann aber schüttelte sie mitleidig lächelnd den Blondkopf, ganz wie die Lehrerin.
»Quatsch – euer Vater heißt Doktor Braun, merkt euch das, Kinder, groß genug seid ihr doch dazu. Und zu mir wird nicht Tante gesagt, nee, da müßtet ihr euch ja als Schulmädel schonieren. Ich heiße Tante Fräulein Hering. Na, was gibt’s denn darüber zu lachen, Hilde? Wenn es noch Rollmops wäre, aber Hering ist ein sehr schöner Name, und der beißt auch gar nicht.«
Doch da die schwarze Lolo noch über das ganze Mohrengesicht grinste und sogar ihre Nachbarin Gerda vor Vergnügen in die Seite puffte, wurde sie zur Strafe von Tante Fräulein Hering in die Ecke gestellt. Dort tauchte auch Kurt auf. –
»Na, du möchtest wohl auch gern mitspielen?« fragte Annemarie ihren Puppenjungen. »Du kannst der Herr Schuldiener sein und läuten.« Kurt wurde mit der Kuhglocke aus der Schweiz ausgerüstet. »Und mein Herr Leutnant ist der Herr Direktor. Aber deinen Helm kannst du dann nicht aufbehalten, ich mache dir einen Papierhut.« Die Kleine griff nach einem Zettel, den Fräulein auf den Kinderstubentisch gelegt hatte, und fabrizierte daraus einen feinen Dreimaster für den Herrn Direktor.
»So, Kinder, nun will ich auch noch jedem eine Schultüte schenken, die braucht man als Schulmädel. Weil ihr doch keine Großmama habt, die euch eine mitbringt.« Klein-Annemarie drehte fünf niedliche, kleine Papierdüten, sie nahm dazu, was ihr gerade in die Hand kam. In jeder Tüte aber legte sie ein Stück Schokolade aus ihrer eigenen großen.
Gerade als Mariannchen mit geschlossenen Augen »Müde bin ich, geh zur Ruh« betete, und Kurt, der Schuldiener, dazu aus Leibeskräften mit seiner Kuhglocke bimmelte, erschien Fräulein. Sie trug die Schulsachen von Nesthäkchen im Arm, in die sie die Namen der Kleinen eingenäht hatte. Sogar in das Regenschirmchen und in die winzigen Gummischuhe, denn das war Vorschrift.
»So, Annemiechen, nun wollen wir die noch fehlenden Hefte und Bücher für die Schule besorgen. Du kannst mitkommen; es hat aufgehört zu regnen«, sagte sie und begann auf dem Kinderstubentisch zu suchen.
»Ich weiß doch ganz genau, daß ich deinen Stundenplan und den Zettel für die anzuschaffenden Bücher vorhin hierhergelegt habe. Hast du sie fortgenommen, Annemie?«
Die Kleine schüttelte den Kopf. Sie konnte sich gar nicht darauf besinnen, die Zettel gesehen zu haben.
»Was machen wir denn jetzt bloß?« Fräulein suchte in größerer Hast. Die Mappe wurde ausgekramt, die Fibel durchblättert, aber weder Nesthäkchens Stundenplan noch Bücherzettel wollten sich finden.
Fräulein war ganz ratlos.
»Weißt du was, Fräulein, wir lassen uns von Margot ihre Zettel borgen«, schlug Annemarie vor, und ihr Herz jubelte bei der Vorstellung, die kleine Nachbarin besuchen zu dürfen.
Aber Fräulein schüttelte den Kopf.
»Nein, Annemie, ich schäme mich vor Thielens, daß wir so liederlich sind und solche wichtigen Zettel verlieren. Sie müssen ja auch hier sein!« Wieder begann das Suchen.
Auch Annemarie beteiligte sich, aber die beiden Zettel blieben verschwunden.
Es half nichts, Fräulein mußte zu Thielens hinübergehen und um Margots Stundenplan und Bücherzettel bitten, um sie für Annemarie abzuschreiben.
»Darf ich mit, bitte, bitte, liebes Fräulein!« flehte Annemarie und hing sich zärtlich an ihren Arm. Die Locken wurden noch mal gebürstet, die Hände einer Musterung unterzogen, und dann klingelten Fräulein und Nesthäkchen an der auf demselben Treppenflur gelegenen Thielenschen Wohnung.
Als das Mädchen öffnete, brachte Fräulein ihr Anliegen vor, während Nesthäkchen ihre Blicke in alle Ecken des Korridors schweifen ließ. Doch soviel sie auch guckte, Margot kam nicht zum Vorschein.
Aber als das Mädchen jetzt mit den gewünschten Zetteln zurückkehrte, da schob sich ein braunes Köpfchen mit braunem Zöpfchen hinter ihr neugierig durch die Türspalte.
»Guten Tag, Margot!« rief Annemarie selig.
Nicht weniger erfreut streckte Margot ihrem kleinen Besuch die Hand hin und knickste errötend vor Fräulein. Als Fräulein sich mit Nesthäkchen wieder verabschieden wollte, Überwand Margot jedoch ihre Schüchternheit.
»Darf – darf die Kleine nicht noch ein bißchen bei mir bleiben und mit mir spielen?« fragte sie stotternd vor Verlegenheit.
»Au ja – au fein!« jubelte Annemarie los und wußte gar nicht, daß es ein fremder Korridor war, in dem sie vor Freude herumhopste.
»Erlaubt denn das deine Mama, Margot?« fragte Fräulein zögernd.
»Ja, Muttchen hat eben noch gesagt, mit der Kleinen von Doktors darf ich spielen«, beteuerte die kleine Braunhaarige.
»Nicht wahr, du erlaubst es auch, Fräulein?« Nesthäkchens Blauaugen vereinigten sich mit Margots braunen zur flehentlichen Bitte.
Da konnte das gute Fräulein nicht widerstehen.
Sie ging allein Annemaries Schulbücher besorgen, und diese folgte Margot herzklopfend vor Freude in das Kinderzimmer, zu dem sie schon so oft ihre Blicke sehnsüchtig auf Besuch geschickt hatte.
Dort gab es zwei kleine Blondköpfe, die Annemarie bereits vom Fenster her kannte: Bubi und Baby. Der vierjährige Bubi thronte auf dem Schaukelpferd und ließ sich in seinen Reitkünsten durch den Besuch in keiner Weise stören. Baby aber, ein süßes, kleines Mädelchen von zwei Jahren, kam Annemarie sofort mit zärtlich ausgebreiteten Ärmchen entgegengetappelt.
Ach, das war ja ein noch viel schöneres Spielzeug als Puppe Gerda. Annemarie war von dem lebendigen Püppchen ganz begeistert, sie vergaß sogar Margot, zu der sie doch zu Besuch gekommen, über das possierliche kleine Ding.
»Was wollen wir denn spielen?« brachte sich diese schließlich schüchtern wieder in Erinnerung.
»Gnädige Frau«, schlug Annemarie vor; »Baby ist mein Kind, und wir bauen uns unsere Wohnung hier am Fenster. Und du kannst unser Fräulein sein oder auch die Hanne, dann kochst du uns Mittagbrot.«
Margot fand es lustiger, »Hanne« vorzustellen, und sogar Bubi kam von seinem Gaul herab, um sich zu beteiligen. Er durfte Puck sein und mußte auf allen vieren im Zimmer herumkriechen und dazu bellen. Das tat er mit solchem Geschick und so viel Kraftanstrengung, daß alsbald Frau Thielen auf der Schwelle erschien, weil der Lärm nicht auszuhalten war.
Sie machte dem kunstgerechten Hundegebell schnell ein Ende und begrüßte den kleinen Gast freundlich.
»Also du bist Doktor Brauns Nesthäkchen; na, halte nur gute Freundschaft mit unserer Margot. Und nun spielt lieber Bilderlotto, Kinder, das ist weniger geräuschvoll; Margot setzt etwas aus ihrer Schultüte als Gewinn aus.«
Jubelnd wurde dieser Vorschlag angenommen. Auch Bubi kannte schon die Bilder und konnte mitspielen. Als Fräulein um halb sieben Uhr erschien, um Nesthäkchen abzuholen, glaubte dieses, sie hätten eben erst angefangen zu spielen. So schnell war die Zeit vergangen.
»Auf Wiedersehen morgen in der Schule, Margot; wirst du wieder heulen?« erkundigte sich Annemarie noch draußen im Korridor.
Aber Margot schüttelte das Köpfchen. Nein, jetzt mit Annemarie zusammen hatte sie gar keine Angst mehr.
Fräulein hatte inzwischen Annemaries neue Schulbücher mit seinem, dunkelblauem Papierkleide versehen und weiße Etikette mit dem Namen draufgeklebt.
»Wie die Soldaten sehen sie in ihrer blauen Uniform aus!« begeisterte sich Nesthäkchen.
»Nun sorge aber dafür, Annemie, daß alle Bücher und Hefte so schön sauber und ordentlich bleiben«, mahnte Fräulein.
Das versprach die Kleine auch, aber ihre Gedanken waren nicht recht dabei. Die wanderten bereits zu der roten Schultüte hin, die sie vorsorglich im Puppenwagen versteckt hatte. Sicherlich – sie hatte noch viel mehr drin als Margot in ihrer grünen!
Doch als Annemarie jetzt ihre rote Tüte hervorzog und liebevoll hineinäugte, wurde ihr Gesichtchen lang und länger.
»Fräulein, es ist alles raus, kein Stück ist mehr drin; ach, wer mag das bloß gewesen sein?« Bitterlich flössen die Tränen.
Auch die kleinen Schultüten der Puppen, die Annemarie sofort einer Untersuchung unterzog, waren sämtlich geräubert.
Nur die Puppen wußten, daß der Dieb ein krausköpfiger Sextaner mit braunen Augen war, der sich dafür rächen wollte, daß Annemarie ihn nicht selbst etwas aus ihrer Tüte hatte aussuchen lassen. Die wußten auch, wo Nesthäkchens vermißter Stundenplan und der Bücherzettel hingekommen waren. Der Stundenplan prangte als Dreimaster auf dem Kopfe des Herrn Leutnants, und den Bücherzettel hielt Puppe Gerda zierlich zusammengedreht als Schultüte in der Hand.
Aber die Puppen schwiegen alle, keine verriet ein Sterbenswörtchen.
3. Kapitel
Nesthäkchens erste Freundin
Inhaltsverzeichnis
»Guten Morgen, Kinder.« Fräulein Hering betrat die zehnte Klasse, in der es gar lustig wie in einem Bienenhause durcheinanderschwirrte.
Kein Kind saß auf seinem Platz, alles lief umher, teilweise sogar noch in Hut und Mäntelchen. Denn die Fräulein und Kindermädchen durften ihren Schützlingen nur am ersten Tage bis zur Klasse das Geleit geben. Heute sollten sich die Kleinen schon allein ausziehen, und das schwere Kunststück hatte nicht jede fertig bekommen.
Hier zeigten sich zwei ihre bunten, gestern erhaltenen Schultüten, dort versuchten ein paar Wildfänge, ob der Schultisch wohl zu hoch wäre, um davon herunterzuspringen. Ein Kind malte voll Feuereifer Häuser und Püppchen an die große, schwarze Schultafel. Hilde spielte mit Erna »Haschen« durch alle Bänke und schmalen Gänge hindurch. Und Annemarie thronte sogar hoch oben auf dem Katheder. Auch Margot hatte sie dazu veranlaßt, weil man von dort alles viel schöner sehen konnte.
Der jubelnde Lärm verstummte auch nicht beim Eintritt der Lehrerin. Keins der Kleinen ließ sich in seinem Vergnügen stören.
Fräulein Hering hielt sich die Ohren zu.
»Ruhe!« rief sie dann und klatschte in die Hände. Aber der Erfolg davon war, daß ein Teil der Kinder ebenfalls in die Hände zu klatschen begann, denn sie hielten das für einen wunderschönen Spaß; dadurch wurde der Radau noch größer.
»Aber Kinder, schämt ihr euch denn gar nicht, solchen Lärm zu machen!« rief Fräulein Hering mißbilligend und hielt die an ihr vorüberrasende Hilde am Zöpfchen fest. Die riß sich mit übermütigem Lachen wieder los. in der Annahme, daß Fräulein mitspielen wollte.
Etwas leiser war es jetzt doch geworden, die Lehrerin konnte sich wenigstens verständlich machen.
»Wer mich lieb hat, setzt sich artig auf seinen Platz und spricht kein Wort mehr!« rief sie. Da jagte und tappelte es wieder von vielen kleinen Beinchen in braunen, bunten und schwarzen Wadenstrümpfen durch die Klasse. Dann herrschte endlich wohltuende Ruhe.
»So, nun hängt mal erst eure Hütchen und Mäntel draußen an die Garderobenhaken, Kinder, aber ganz leise, auf den Zehenspitzen gehen, daß ihr die anderen Klassen nicht stört«, sagte Fräulein jetzt wieder freundlich.
Artig wurden ihre Worte befolgt. Ein winziges Ding konnte nicht allein mit dem Abschnallen der Mappe fertig werden, da half Fräulein Hering scherzend. Ein anderes hatte die Bänder ihres Samtkäppchens so kunstvoll verknotet, daß die junge Lehrerin zehn ganze Minuten und eine Engelsgeduld dazu gebrauchte, um den zusammengezogenen Knoten zu entwirren. Das dicke Ännchen aber purzelte bei dem Versuch, möglichst leise auf den Zehenspitzen zu gehen, über ihre eigenen kurzen Beinchen, schlug sich das Knie auf und brach in ein jämmerliches Wehgeheul aus. Jetzt mußte Fräulein Hering streicheln, trösten und mit kaltem Wasser kühlen.
»Wie heißt du denn, mein Herzchen?« fragte sie den heulenden kleinen Pausback, denn sie hatte natürlich nicht gleich die fünfzig Namen von dem einen Tage her behalten können.
»Pummelchen«, weinte es weiter, denn so wurde Ännchen wegen ihres kugligen Aussehens daheim gerufen.
Nachdem das laute Schluchzen von Pummelchen endlich gedämpfter geworden, konnte sich das vielgeplagte Fräulein wieder mit den anderen Schülerinnen befassen.
»Du, Kleine, lege die Kreide aus der Hand und setze dich auf deinen Platz«, wandte sie sich nun an die kleine Malkünstlerin, die noch immer neben der Tafel stand. Die aber schob die Unterlippe vor und schien recht wenig von diesem Vorschlag erbaut.
»Ich male doch gerade solchen feinen Garten mit einer Laube drin«, sagte sie weinerlich.
»Wir malen nachher alle, aber im Heft, richtig mit Tinte«, vertröstete sie Fräulein Hering. Dieses Versprechen erschien so überwältigend schön, daß die kleine Malerin mit strahlenden Augen gehorchte. Denn Tinte hatten die meisten Kinder bisher niemals anfassen dürfen.
Jetzt entdeckte Fräulein Hering auch endlich, daß ihr Platz auf dem Katheder bereits besetzt war.
»Nanu, Annemie,« verwunderte sie sich, der Name war ihr noch in Erinnerung geblieben, »was hast du denn da oben zu suchen, willst du etwa statt meiner Unterricht geben?«
»Nee,« lachte die Kleine unbefangen, denn seit gestern hatte sie ein großes Zutrauen zu der jungen Lehrerin, »aber die Aussicht ist hier oben viel feiner!«
Die schüchterne Margot hatte sich sofort mit blutrotem Gesicht vom Katheder heruntergeschlichen, während Doktor Brauns Nesthäkchen ganz vergnüglich weiter dort oben thronte und sogar mit den Beinchen baumelte.
»Ja, Annemie, aber dann habe ich doch keinen Platz«, sagte Fräulein Hering belustigt.
»Och, wir stellen einfach noch einen Stuhl rauf, wir können hier alle beide sitzen.« Klein-Annemarie war selten um einen Ausweg verlegen.
»Nein, Annemie, hier oben haben Kinder nichts zu suchen, der Kathederplatz ist nur für die Lehrerin da«, sagte Fräulein Hering jetzt in so bestimmtem Tone, daß die Kleine sie ganz erschrocken anschaute.
»Bin ich unartig gewesen, Tante Fräulein Hering?« Annemarie fragte es mit herabgezogenen Mundwinkeln.
»Nein, du bist ja jetzt gewiß brav und setzt dich auf deinen Platz; du wolltest doch auch so gern neben deiner kleinen Freundin sitzen«, beruhigte sie Fräulein Hering.
Richtig – sie mußte ja neben Margot sitzen, sonst heulte die am Ende wieder. Ohne Widerrede räumte jetzt Klein-Annemarie der Lehrerin das Katheder.
Nun sollte endlich der Schulunterricht beginnen. Aber ehe Fräulein noch »Lesefibeln herausnehmen« kommandieren konnte, kommandierte die Schulglocke »klinglinglinglingling« – und die erste Stunde war vorüber.
»Nehmt euer Frühstück und geht zu zweien auf den Hof hinunter, jetzt ist Pause«, gebot Fräulein Hering und ließ die Kinder paarweise antreten.
Da stand Hilde Rabe, die kecke, kleine Hilde, neben Annemarie und legte ihr den Arm um die Schulter.
»Komm, ich geh’ mit dir«, sagte sie und wollte sie mit fortziehen.
»Nee, das geht nicht,« meinte Klein-Annemarie unschlüssig, »ich muß mit Margot gehen, weil die doch aus meiner Heimat ist. Und Fräulein hat auch eben gesagt, Margot sei meine kleine Freundin, und die muß doch das wissen.«
»Wir können ja alle drei zusammen spielen«, fiel Margot bescheiden ein, der es leid tat, daß Hilde abgewiesen wurde.
Da ärmelte Hilde Annemarie links unter, und diese schlang ihren rechten Arm um die kleine Nachbarin. So zogen sie höchst vergnüglich los, an Fräulein Hering vorüber. Die hob den Zeigefinger: »Ei, da können welche noch nicht bis zwei zählen«, aber sie ließ die drei Kleinen durchschlüpfen.
Unten im Hof war’s wundervoll. Soviel Kinder – Kinder, wohin man auch blickte. Da merkte man gar nicht, daß die Bäume noch kahl waren, daß die Büsche kaum ihre Knospenaugen aufgeschlagen hatten, daß die Vöglein noch keine Lieder sangen. Das knospete und blühte ja von vielen hundert kleinen Mädchenblümchen, das zwitscherte und jubilierte aus kirschroten Schnäbelchen noch viel lustiger als die Böglein im Lenz.
Die Großen spazierten, in langer Reihe eingehakt, kichernd und schwatzend auf dem Hofe herum. Die Kleinen tollten und spielten Kreisspiele. Auch die ganz Kleinen, die eben erst eingeschult waren, schienen hier nicht blöde. Die meisten beteiligten sich am Spiel, das eine Lehrerin leitete. Nur Ilschen fand es schöner, den Papierkasten mit dem fettigen Butterbrotpapier zu durchstöbern, und Marlenchen war nicht vom Brunnen fortzubekommen. Der quietschte so herrlich, wenn man ihn in Bewegung setzte, und bespritzte einen noch überdies von oben bis unten.
Annemarie war selig unter den vielen fröhlichen Kindern; vor lauter Freude vergaß sie es ganz, ihr Frühstück zu verzehren.
Da aber mitten in das schöne Spiel »Faules Ei« klang unerbittlich die Schulglocke »klinglinglinglingling«, die wieder zur Pflicht und Arbeit rief. Der Hof leerte sich, auch die zehnte Klasse tappelte die Treppe hinauf.
Annemarie fand es im Hof bei weitem hübscher als oben in der Klasse.
»Du, Margot, wir bleiben lieber unten,« sagte sie zu ihrer neuen Freundin, »wir können ja allein auch ganz schön spielen.«
»Aber wenn Fräulein Hering böse ist?« gab die verständigere Margot zu bedenken.
»Wenn wir hier artig spielen und keinen Radau machen, ist sie ganz sicher nicht böse«, entgegnete Nesthäkchen mit Überzeugung.
Margot zögerte noch, aber als Annemarie jetzt ihre Ärmchen um sie schlang und bat: »Bitte, bitte, spiele doch mit mir, du sollst doch meine beste Freundin sein!« waren ihre Bedenken besiegt. Sie war ja so glücklich, eine kleine Freundin zu haben.
Noch zwei hatten dem Rufe der Schulglocke nicht Folge geleistet, das waren Ilschen und Marlenchen. Die eine war immer noch nicht mit der Durchsicht des Papierkastens zu Ende gekommen, und die andere konnte sich von dem quietschenden Brunnen nicht trennen.
Fräulein Hering sah natürlich sogleich, daß noch einige Plätze leer waren. Sie trat zum Fenster und schaute in den Hof hinab. Da erblickte sie die vier Kleinen, die ganz gemütlich die Schulstunde schwänzten.
Sie öffnete das Fenster.
»Kinder,« rief sie hinunter, »kommt herauf, jetzt ist Stunde!«
Margot ließ ihre beste Freundin im Stich und lief, was sie nur konnte; auch Ilschen und Marlenchen nahmen schweren Herzens von Papierkorb und Brunnen Abschied. Nur Klein-Annemarie hopste weiter auf einem Bein.
»Ach, Tante Fräulein Hering, ich spiele gerade so schön ›Himmelhops‹«, klang es fröhlich zurück.
»Jetzt ist aber Schulstunde, nachher in der Pause kannst du weiterspielen,« rief Fräulein wieder.
»Och, das dauert mir zu lange.« Klein-Annemarie hopste unbekümmert weiter auf einem Bein.
»Komm jetzt herauf, Annemie«, ertönte es vom Fenster noch einmal ernster hinab.
»Mutti sagt, in der frischen Luft sein, ist tausendmal gesünder, als im Zimmer hocken«, teilte Annemarie darauf Fräulein mit wichtigem Gesichtchen mit.
Aber als sie zu bemerken glaubte, daß die Mienen der jungen Lehrerin traurig aussahen, nahm die Kleine auch noch das andere Bein zu Hilfe und hopste die Treppen hinauf, in die Schulstube zurück. Denn Annemarie hatte ja Fräulein Hering lieb und wollte sie nicht betrüben.
»So ist’s recht, Annemie,« lobte die Lehrerin, »nun nimm deine Fibel heraus wie die anderen Kinder.«
Die Fibel war fast ebenso schön wie »Himmelhops«, denn sie hatte herrliche, bunte Bilder.
»Seht ihr, auf dem ersten Bild hängt die kleine Ida ihre Puppenwäsche zum Trocknen auf«, erklärte Fräulein den Kleinen. »Und nun wollen wir den Buchstaben i lernen. Also paßt mal auf, ich schreibe ihn an die Tafel. Fein herauf, stark herunter –«
»Das ist ja eine Eins«, jubelte Annemarie, die bereits bei Bruder Hans es bis zu dieser Wissenschaft gebracht hatte.
»Nein, das wird ein i,« lächelte die Lehrerin, »also noch einmal, fein herauf, stark herunter –«
»Tante Fräulein Hering, das ist aber bestimmt eine Eins; mein Bruder Hänschen hat es mir gesagt, und der muß das wissen, denn der ist schon in der Untertertia und kann auch schon Latein«, rief Annemarie wieder dazwischen.
»Es kommt ja noch ein Aufstrich und ein Pünktchen dazu; siehst du, nun ist es doch keine Eins mehr, Annemie.« Fräulein Hering blieb immer gleich freundlich und geduldig.
Jetzt hatte auch Klein-Annemarie nichts mehr gegen das i einzuwenden.
»Nun tritt mal hier vor, Annemie, da du ja so schön Bescheid zu wissen scheinst, und male das i nach an die Tafel«, winkte die Lehrerin.
»Einen Augenblick, Tante Fräulein Hering, jetzt kann ich nicht!« Eifrig kramte das kleine Mädchen in ihren Sachen.
»Was hast du denn so Wichtiges zu tun, Annemie?« Die Lehrerin amüsierte sich heimlich über das allerliebste kleine Ding, das noch so gar keine Ahnung von dem Ernst der Schule hatte.
»Jetzt muß ich erst mal meine Stulle essen.« Damit bissen Annemaries kleine, weiße Mausezähnchen unternehmungslustig in das Frühstücksbrot.
»Aber Annemie, zum Frühstücken ist doch die Pause gewesen; warum hast du denn da nicht gegessen?« fragte die Lehrerin vorwurfsvoll.
»Na, da hatte ich doch keine Zeit.« Annemaries rundes Gesichtchen sah genau so vorwurfsvoll drein wie das von dem Fräulein.
»Ja, was hattest du denn da in aller Welt zu tun?« Fräulein Hering schüttelte den Kopf.
»Da mußte ich doch spielen.« Jetzt schüttelte Klein-Annemarie das Köpfchen über ihre Lehrerin, die das doch eigentlich wissen mußte.
»Siehst du, Annemie, die anderen Kinder haben alle in der Pause ihr Frühstück verzehrt und dann erst gespielt. Morgen wirst du daran denken, nicht wahr?«
»Ach, es schmeckt mir jetzt auch ganz gut«, beruhigte die Kleine Fräulein Hering.
Diese mußte wieder lächeln.
»Aber es ist nicht erlaubt, Annemie, während der Stunde zu essen; tu dein Brot jetzt fort.«
»Nee.« Klein-Annemarie legte das Blondköpfchen auf die Seite und blinzelte Fräulein Hering pfiffig zu, als ob sie sagen wollte: »Ich weiß ja ganz genau, daß du bloß Spaß machst.« Dann aber, als sie sah, daß Margot sie mit großen Augen anstaunte, hielt sie ihrer neuen kleinen Freundin ihr Brot freigebig hin: »Willst du mal abbeißen, Margot, es schmeckt fein; Hanne hat Braten raufgelegt.«
Margot schüttelte verlegen das Köpfchen. Fräulein Hering aber wußte nicht, ob sie lachen sollte oder ärgerlich sein.
Sie trat zu der kleinen Hungrigen, half ihr das Brot wieder in das Papier packen und sagte: »Wenn du mich lieb hast, Annemie, dann ißt du nie wieder in der Stunde, wirst du dir das merken?«
»Ja, natürlich,« Annemarie nickte einverstanden, »bloß wenn ich mal ganz schrecklich großen Hunger habe!« Dann sprang sie endlich zur Wandtafel und malte dort ein i nach, das sah aus wie der Siebenmeilenstiefel des Menschenfressers, und das Pünktchen sprang, statt darüber, irgendwo daneben als kleiner Däumeling. Dazu gab sie sich bei Fräuleins Kommando »stark herunter« so große Mühe, daß die Kreide von der Anstrengung mittendurch brach.
Nachdem noch einige andere Kinder die Tafel mit fürchterlichen Schlangenlinien, niedlichen spitzen Zuckerhütchen und hohen Bergen, die sämtlich ein i vorstellen sollten, beschmiert hatten, gebot Fräulein: »Schreibhefte und Federhalter herausnehmen!«
Wie strahlten da die blauen, grauen und braunen Kinderaugen, als der schöne, neue Federhalter mit der blanken Stahlfeder, der zu Haus immer nur von weitem bewundert worden war, zum erstenmal von den kleinen Händchen selbst geführt werden durfte. Als die niedlichen Tintenwischer alle neben den Tintenfässern aufmarschierten und die bunten Löschblätter im Schreibheft so lustig leuchteten.
»Vorsichtig, nur ein ganz klein wenig die Feder in die Tinte tauchen«, mahnte die Lehrerin, »und dann schreibt ihr zwischen den ersten beiden Linien ein schönes i.«
Hei – badeten da die Federn in dem schwarzen Tintensee, und die Fingerchen natürlich trotz aller Vorsicht mit.
»Fein herauf, stark herunter, fein herauf – Pünktchen!« kommandierte Fräulein Hering dazu.
Annemarie hatte in ihrem Eifer überhört, daß der Buchstabe nur in den ersten beiden Linien stehen sollte; sie malte ihr i in Riesengröße über die ganze Heftseite. Und da ihr das »stark herunter« nicht kraftvoll genug gelungen war, nahm sie kurz entschlossen den Federhalter verkehrt, tauchte ihn tief in die Tinte und schmierte nun mit dem Holzstiel lustig drauf los, denn tuschen tat sie für ihr Leben gern.
»Au, fein ist es geworden!« Mit heißen Bäckchen und einem stattlichen Tintenschnurrbart, denn Klein-Annemarie war in ihrer Aufregung mit dem tintigen Federhalter unter dem Näschen herumgefahren, hielt sie inne. »Zeig mal deines, Margot; och, ist das klein und mieserig!« Wer da Margots Gesichtchen betrübt über das abfällige Urteil dreinblickte, schlang Annemarie zärtlich ihre Tintenfinger um die Freundin.
»Sei nicht traurig, Margot,« rief sie dabei, ohne sich um Fräulein Hering zu kümmern, »du bist doch meine beste Freundin, wenn du auch solch häßliches i gemalt hast!«
»In der Stunde darf man nur sprechen, wenn man gefragt wird, Annemie.« Fräulein Hering, welche die verschiedenen Kunstwerke begutachtete, wandte sich jetzt zu den beiden. »Sieh mal an, mir gefällt Margots kleines i besser als dein Riesending, Annemie. – Aber wie siehst du denn bloß aus, Kind!« unterbrach sie sich entsetzt. »Gesicht und Hände alles voll Tinte, und deine kleine Freundin hast du ja auch ganz eingeschmiert. Das schöne, rote Musselinkleidchen von Margot zeigt den Abdruck von all deinen Tintenfingern, Annemie. Ihr schaut aus wie die Tintenbuben aus dem großen Tintenfaß des Nikolas.«
Annemarie lachte hell auf. Margot aber fing an zu weinen. Da schlang Annemarie bestürzt aufs neue den Arm um sie, dabei bekam Margots weißes Schürzchen auch noch ein paar schwarze Flecke ab; dann küßte Klein-Annemarie zärtlich die weinende Freundin mit ihrem Tintenschnurrbart auf die Wange.
In der darauffolgenden Pause versuchte Fräulein Hering vergebens, die beiden Tintenmädel zu säubern, aber die Tinte war echt und ging nicht ab.
»Ihr müßt zu Hause Zitrone und Bimsstein nehmen«, tröstete die Lehrerin.
Dann war Rechenstunde.
Annemarie lernte darin allerlei. Erstens, daß man sich nur mit dem Zeigefinger meldet und nicht mit allen zehn Fingerchen. Zweitens, daß man dabei nicht auf die Bank klettert. Und drittens, daß man auch seine beste Freundin während der Stunde nicht küssen darf.
»Ach Gott,« dachte Klein-Annemarie beklommen, »wie soll ich das bloß alles behalten! Na, Fräulein sagt ja, man muß zehn Jahre in die Schule gehen, bis dahin werde ich es am Ende doch gelernt haben.«
»Wieviel Geschwister hast du, Annemie?« unterbrach da Fräulein Hering Annemaries nachdenkliche Betrachtungen, denn es war ihr nicht entgangen, daß die Kleine mit ihren Gedanken wo anders war.
»Gar keine Geschwester, bloß zwei Brüder, Hänschen und Kläuschen«, war die Antwort.
»Nun passe mal auf, Annemie. Denk’ mal, deine Mama gibt einem deiner Brüder drei Äpfel und sagt, er soll jedem von euch beiden einen abgeben, wieviel behält er da übrig?«
»Wenn sie die Äpfel Klaus gibt, alle drei, der ißt sie bestimmt allein auf und gibt uns nichts ab!« rief Doktors Nesthäkchen ohne Besinnen.
Fräulein lachte.
»Aber wenn sie nun die drei Äpfel deinem anderen Bruder gibt?«
»Hänschen – na, der wird vielleicht einen halben übrigbehalten«, überlegte Annemarie.
»Einen halben – nein, er muß doch einen ganzen übrigbehalten, wenn er euch jedem einen abgibt«, versuchte die Lehrerin ihr klarzumachen.
Aber Nesthäkchen rief: »Nee – i bewahre, Tante Fräulein Hering, da kennen Sie den Klaus schlecht. Der stibitzt Hänschen bestimmt noch einen halben Apfel weg!«
Da zog es die junge Lehrerin vor, ihre Rechenaufgabe lieber an einem anderen Kinde, das weniger unberechenbare Brüder hatte, zu beweisen.
Als die Glocke wieder »klinglinglinglingling« machte, war die Schule für die zehnte Klasse zu Ende.
Mit offenem Mäntelchen, mit falscher Matrosenmütze und dem prächtigen Tintenschnurrbart erschien Nesthäkchen unten im Schulhof, wo ihr Fräulein sie erwartete. Die war nicht sehr erbaut von dem Anblick ihres Pfleglings. Die Matrosenmütze wurde nach mehreren mißlungenen Versuchen endlich wieder richtig eingetauscht, und der Schnurrbart nach noch mißlungeneren, ihn am Brunnen fortzurasieren, schließlich geduldet.
Nesthäkchens Mund stand dabei keinen Augenblick still. Es erzählte begeistert von der Schule und von all dem Neuen, was es gelernt.
Auch Emilie, Margots Kindermädchen, war über das Aussehen der Kleinen entsetzt. »Das schöne, neue Kleid ganz voll Tinte; na, komm du nur nach Haus, Margot, dort setzt es sicher was!«
Da aber lehnte Annemarie zärtlich die Wange an das mit den Tränen kämpfende Kind.
»Weine nicht, Margotchen,« flüsterte sie, »wenn du Wichse kriegst, brauchst du bloß ganz laut zu schreien, dann komm’ ich rüber und laß mir für dich die Haue geben, denn ich bin doch schuld an den Flecken!«
Und Arm in Arm zogen die beiden kleinen, tintenbeschmierten Freundinnen nach Haus.
4. Kapitel
Puppe Gerda hilft Schularbeiten machen
Inhaltsverzeichnis
Die winzigen Knospen drunten an den Büschen im Schulhof hatten sich in niedliche, kleine Blättchen verwandelt, und die winzigen Abc-Schützen der zehnten Klasse waren inzwischen mit ihren Kenntnissen bis zu dem u vorgedrungen. Die kleinen, zappeligen Dingerchen hatten allmählich stillsitzen und die Plappermäulchen im Zaum halten gelernt.
Doktor Brauns Nesthäkchen allerdings fiel es noch immer recht schwer, sich an den Ernst und den Zwang der Schule zu gewöhnen. Annemarie bereitete Fräulein Hering noch manche Überraschung. Aber km ganzen war auch sie während der Schulstunden weniger beweglich geworden. Daran hatte wohl die Freundschaft mit der artigen Margot den größten Anteil, denn ein gutes Beispiel wirkt meistens besser als zehn Ermahnungen.
Nesthäkchens Hefte, die im Anfang Landschaften, über die sich Tintenströme ergossen, geglichen hatten, wurden mit der Zeit weniger schwärzlich. Ja, es kam sogar jetzt vor, daß man schon einen Buchstaben richtig erkennen konnte. Nur die Doppellinien bereiteten dem kleinen Fräulein großen Kummer. Manchen schweren Seufzer preßten sie Klein-Annemarie aus, hin und wieder selbst Tränchen. Denn die Buchstaben, die Nesthäkchen voll Eifer malte, wollten durchaus nicht zwischen den beiden Schienen bleiben; bald reckten sie oben das Köpfchen neugierig über die Linie, bald streckten sie unten ein Beinchen heraus.
Klein-Annemarie saß in ihrer Kinderstube am Arbeitspult und machte Schularbeiten. Die Puppen verhielten sich mäuschenstill, sie wußten, daß sie ihre kleine Mama jetzt nicht stören durften. Sogar Kurt, der Rüpel, gab sich Mühe, keinen Radau zu machen.
Nesthäkchen hatte aber auch eine sehr schwere Aufgabe. Es mußte drei Zeilen im Rechenheft mit Achten bemalen. In jedes kleine Viereck eine Acht. Ja, darin lag eben die Schwierigkeit. Das Rechenheft war so tückisch, nicht nur Doppellinien, nein, auch noch Seitenwände für die Zahlen zu besitzen. Wie in einen Käfig mußte jede Zahl in eins der viereckigen Kästchen eingesperrt werden. Annemaries Achten ließen sich aber nicht ihre Freiheit rauben. O nein, die fügten sich ebensowenig einem Zwang wie das kleine Mädchen selbst. Lustig sprangen sie über die blaue Linienmauer hinweg, in eine der Nachbarkammern hinein. Ob die Kleine auch noch so viel predigte: »Ihr sollt doch in eurem Käfig drin bleiben – ach Gott, ihr seid aber eine ganz schreckliche Bande!«
Dabei nahmen Annemaries Achten von Mal zu Mal an Umfang zu, die letzte war so kugelrund geworden wie das Pummelchen aus ihrer Klasse.
Die nächste aber – hilf Himmel – die sah gar nicht mehr wie eine Acht, sondern vielmehr wie eine Zuckerbrezel aus. Und noch war die erste Zelle nicht einmal voll.
Mit einem tiefen Seufzer ließ Nesthäkchen die Feder sinken!
»Ihr habt’s gut, Kinder,« wandte sie sich zu ihren Puppen, die aufmerksam zu ihr hinüberblickten, »ihr braucht euch nicht mit den dämlichen Achten abzuquälen, und überhaupt nicht in die olle Schule zu gehen!«
Die schwarze Lolo grinste über das ganze Gesicht vor Freude, daß sie sich nicht so anzustrengen brauchte, denn sie war faul und gefräßig. Mariannchen hatte wieder mal ihre Augen fest geschlossen und besah sich inwendig. Irenchen aber machte ein überlegenes Gesicht – lieber Gott, so ’n paar Zahlen, mit denen würde sie bei ihrer Klugheit schnell genug fertig werden. Nur Gerda, Annemaries Liebling, schaute sie voll Mitleid aus ihren schönen, blauen Glasaugen an, als ob sie sagen wollte: »Wenn ich dir helfen könnte, Annemie, ich tät’s ganz gewiß!«
»Das weiß ich, Gerdachen,« rief die Kleine, die ihrem Puppenkinde, ohne daß es sprach, die Gedanken von der Stirn las, »du würdest mir gern helfen. Komm, Liebling, sieh mal, wie findest du meine Achten?« Sie nahm die Puppe auf den Arm, und nun saßen sie alle beide oben auf dem Arbeitspult und prüften, das Köpfchen auf die Seite gelegt, die Rechenarbeit.
Gerda zog die Stirn kraus. Sie konnte bei aller Liebe für ihr Mütterchen diese unförmigen Geschöpfe wirklich nicht schön finden.
»Ob die von Margot wohl besser sind?« Annemarie lugte durch das Kinderstubenfenster zu ihrer kleinen Freundin hinüber. Die hatte ihr Arbeitspult ebenfalls am Fenster stehen, Annemarie konnte gerade das emsig über das Heft geneigte braune Köpfchen Margots erkennen. Das hob sich nicht, schaute nicht rechts und nicht links, ließ sich weder durch die Puppen noch durch die kleinen Geschwister von der Pflicht ablenken.
Wieder seufzte Annemarie. Wieder griff ihr tintenbeflecktes Händchen zum Federhalter. Es half nichts, wenn ihre Freundin Margot so fleißig war, durfte sie nicht faulenzen.
»Bleib’ bei mir, Gerdachen, vielleicht geht es dann besser«, flüsterte sie. Die Puppe auf dem Schoß, so begann die Kleine aufs neue ihre Kunst.
Mißbilligend schüttelte Gerda ihren mit einer Gummischnur befestigten Kopf. Die letzte Acht war wieder wie ein kleines Faß ausgefallen, nein, das würde selbst sie besser machen.
»Na, versuche es doch gefälligst erst mal, wie schwer das ist!« rief Nesthäkchen ärgerlich, denn ihr war das abfällige Kopfschütteln ihrer Puppe nicht entgangen.
Sie drückte Gerda den Federhalter zwischen die steifen Zelluloidfinger und begann ihr die Hand zu führen. Beide, Nesthäkchen sowohl wie Puppe Gerda, gaben sich grenzenlose Mühe. Und wirklich – die Acht, welche die zwei gemeinsam fabrizierten, war ja noch immer keine Schönheit, aber doch entschieden zierlicher und schlanker als ihre Vorgängerinnen.
»Famos, Gerda,« rief Annemarie jubelnd, »du kannst mir fein helfen, mit dir zusammen ist es auch lange nicht so mopsig wie allein!« Und wieder malten das Kinderhändchen und die Puppenzelluloidhand eifrig Zahl auf Zahl.
Schon war die zweite Reihe voll. Bewundernd blickten die anderen Puppen auf ihre fleißige Schwester. Da geschah’s! Gerda tauchte in ihrem freudigen Eifer die Feder zu tief in das Tintenfaß – klacks – ein kohlpechrabenschwarzer Klecks prangte mitten auf der mit soviel Mühe beschriebenen Rechenseite.
Entsetzt sahen die beiden kleinen Schreibkünstlerinnen auf den düstern See.
»Hu – der schwarze Klecks!« Puppe Gerda sprang vor Schreck von Annemaries Schoß herunter und schlug sich eine Beule an dem Holzpult.
Sie begann zu weinen. Bitterlicher aber noch weinte ihr Mütterchen.
»Pfui, Gerda, wie kannst du nur so ungeschickt sein, mir meine schöne Arbeit so zu verderben – ach, was wird Tante Fräulein Hering bloß dazu sagen!«
Dann aber sprang die Kleine auf, vielleicht ließ sich noch Abhilfe schaffen. Ihr Fräulein zu rufen, traute sich Annemarie nicht, die würde gewiß böse sein, daß sie sich von Puppe Gerda bei ihren Schularbeiten hatte helfen lassen. Ging Fräulein doch regelmäßig aus dem Zimmer, wenn Nesthäkchen arbeitete, weil die Kleine selbständig ihre Aufgaben anfertigen sollte.
Kurz entschlossen jagte Klein-Annemarie zum Waschtisch. Dort tauchte sie ein Zipfelchen ihres Seiflappens ins Wasser und – heidi – ging es wieder zu dem schwarzen Klecks zurück. Sicher ließ er sich fortwaschen – Fräulein wusch ihr ja die Tinte von den Fingerchen auch stets ab.
Behutsam begann Nesthäkchen den Klecks mit dem nassen Seiflappen zu bearbeiten. Hurra – das düstere Schwarz wurde heller; freilich, der Tintenfleck um so umfangreicher.
»Nee – ohne Bimsstein geht Tinte überhaupt nicht ab!« Wieder jagte Klein-Annemarie zum Waschtisch. Diesmal kehrte sie, mit dem Bimsstein bewaffnet, zum Arbeitspult zurück.
Ribbel – rubbel – ribbel – da war der Tintenklecks weg. Aber ein großes Loch klaffte statt seiner mitten in der Seite.
Schreckensweit wurden Nesthäkchens Augen, und dann begann es aus Leibeskräften zu brüllen. »Hu – u – uh – meine Arbeit hat ein Loch – hu – u – uh!«
Von allen Seiten kamen sie hereingestürzt. Aus der Jungenstube nebenan Hans und Klaus. Erschreckt eilten aus dem Wohnzimmer Mutti und Fräulein herzu. Hanne rannte mit aufgekrempelten Ärmeln vom Aufscheuern fort, und Frieda ließ ihr Plätteisen im Stich. Vater kam sogar aus der Sprechstunde heraus, um zu hören, was seinem kleinen Liebling fehle. Selbst Puck erschien, feindselig blaffend, auf der Schwelle. Alle glaubten, es sei Nesthäkchen ein Unglück zugestoßen, denn es brüllte noch immer wie am Spieß.
»Lotte – Annemie – Herzchen, was ist denn bloß geschehen, tut dir was weh?« Ängstlich forschten Vater und Mutti.
»Hu – u – uh – so ein dolles Loch – hu – u – uh«, klang es in noch schmerzlicherem Geheul statt jeder anderen Antwort.
»Ein Loch – hast du dir ein Loch geschlagen, Kind, wo denn bloß, Lotte?« rief der Arzt besorgt und untersuchte auch schon den Lockenkopf der Kleinen.
»Nee, ach nee – wenn es das bloß wäre – aber meine Arbeit, meine schöne Rechenarbeit hat so ein dolles Loch – hu – u – uh!«
»Na, wenn du nur heil bist, Lotte!« lachte Vater und ging wieder zu seinen Patienten.
»Was, deshalb haste dich so«, meinte auch Bruder Klaus geringschätzig, während Hans ihr den guten Rat gab: »Reiß doch die Seite einfach aus, Annemie!«
Auch Hanne und Frieda hielten das Unglück nicht für so groß, sie gingen wieder mit Seelenruhe an ihre Arbeit.
Nur Mutti und Fräulein faßten die Sache ernster auf.
»Wie hast du denn das bloß zuwege gebracht, du unachtsames Kind!« schalt Mutti.
»Hu – u – uh – ich kann nichts dafür, – Gerda hat ganz allein die Schuld, warum ist sie auch so ungeschickt«, klagte Nesthäkchen das Puppenkind an. Das machte ein ganz zerknirschtes Gesicht. Ach, das Herz schmerzte der Puppe Gerda mehr noch als die große Beule am Kopf vor Gram, daß sie ihrem Mütterchen solchen Kummer bereitet hatte.
»Gerda – wie kommt denn deine Puppe an das Rechenheft?« mischte sich jetzt Fräulein in die Verhandlung. »Hast du etwa gespielt, statt zu arbeiten, Annemie?«
»Nee – i bewahre – im Gegenteil, wir haben alle beide ganz fleißig gearbeitet. Aber dann hat Gerda mit einemmal einen großen Klecks gemacht, und als ich ihn mit Bimsstein ausreiben wollte, ist ein so dolles Loch gekommen – hu – u – uh«, wieder öffneten sich Nesthäkchens Tränenschleusen.
»Siehst du, das kommt davon, Annemie, bei Schulaufgaben haben die Puppen nichts zu suchen«, tadelte Mutti.
»Sie sollte mir ja bloß helfen, weil meine Achten so schlecht wurden«, schluchzte Klein-Annemarie. »Ach, Fräulein, was machen wir denn jetzt bloß?«
»Ja, jetzt kann Fräulein Rat schaffen, hättest du doch vorher gerufen«, sagte die ärgerlich. Aber als sie Annemaries bettelndem Blick begegnete, tat ihr weinender Liebling ihr doch leid. »Na, wollen mal sehen, ob wir die Seite herausnehmen können, dann mußt du die drei Zeilen noch mal schreiben.«
»Nee, ach nee, das tu’ ich ganz bestimmt nicht, ich habe mich schon gerade genug damit gequält! Oder aber Gerda kann die Achten noch mal schreiben, denn die hat den Klecks gemacht.«
»Du bist ja ein ganz dummes Kind.« Fräulein mußte jetzt lachen. »Aber mit dem Ausreißen der Seite ist es nichts, da geht die vorige Arbeit mit heraus. Wir müssen die Seiten zusammenkleben.«
»Brauche ich dann nicht noch mal zu schreiben?« fragte Nesthäkchen erwartungsvoll.
»Freilich, die schon beschriebene Lochseite wird doch verklebt«, zerstörte Fräulein Klein-Annemaries Hoffnungen.
Es half nichts, Nesthäkchen mußte wieder auf ihr Pult klettern und von vorn mit ihren Achten beginnen.
Diesmal ohne Puppe Gerdas Hilfe. Die hockte immer noch voll Schuldbewußtsein unten auf der Erde. Dafür aber blieb Fräulein im Zimmer, und ihre bloße Gegenwart genügte, daß die Zahlen mit dem ihnen zugewiesenen Kämmerchen zufrieden waren und sich gegenseitig nicht in die Wohnung eindrangen. Denn vor Fräulein hatten selbst die Achten Respekt.
Gar nicht lange dauerte es, da hatte die Kleine ihre drei Zellen vollendet, und diesmal sahen die Achten ganz manierlich aus. Ja, Annemarie, wenn man von der Arbeit nicht aufblickt, wenn man sich nicht von dem und diesem ablenken läßt, dann geht es noch einmal so schnell.
Fräulein verklebte die Seite, aber dadurch wurde sie steif und hart wie Holz. Nesthäkchens Herz klopfte jetzt in großer Aufregung. Wenn Fräulein Hering nun etwas merkte.
»Was meinen Sie, Hanne,« fragte sie die Köchin, die ihr das Zuckerei zum Abendbrot schlug, »ob man das sieht, wenn etwas geklebt ist?« Hanne überlegte.
»Na, wenn ich was zertöppert habe und klebe oder leime es hinterher, die gnädige Frau hat’s noch immer gemerkt!« Mit dieser wenig tröstlichen Antwort mußte sich Nesthäkchen zufriedengeben.
5. Kapitel
Verlaufen
Inhaltsverzeichnis
Es war am anderen Tage in der großen Pause vor der Rechenstunde. Annemarie hatte ihrer Freundin Margot vorher ihr Heft gezeigt, um die Wirkung der verklebten Seite zu sehen. Dieselbe war geradezu niederschmetternd.
»Au weih,« rief Margot, »du hast ja gekleistert – au weih, wenn das Fräulein Hering sieht!«
Nun schlug Annemaries Herzchen in noch bangerer Furcht der Rechenstunde entgegen.
Als die Schulglocke »klinglinglingling« zur Stunde rief, überlegte Nesthäkchen allen Ernstes, ob sie nicht lieber unten auf dem Hof bleiben sollte. Aber was half das? Fräulein Hering würde sie doch heraufrufen. Auch mit dem Sichverstecken, wie das Bruder Klaus zu machen pflegte, wenn er etwas ausgefressen hatte, haperte es. In den Schulschrank ging sie nicht hinein, und unter der Bank würde die Lehrerin sie bald entdeckt haben.
Unter solchem Sinnen und Überlegen war Klein-Annemarie die Treppen hinaufgestiegen und wie stets in die erste Klassentür eingetreten. Sie hob den Blick nicht von der Erde, das böse Gewissen ließ sie nicht aufschauen.
Schuldbewußt setzte sie sich auf ihren Platz.
»Gott, wie niedlich – nein, wie süß – ist das ein allerliebstes Püppchen!« klang es da neben ihr.
Das war doch nicht Margots Stimme?
Und die Hände, die sie jetzt streichelten, waren so groß wie die von Bruder Hans!
Verblüfft hob die Kleine den gesenkten Lockenkopf.
Da blickte sie in lauter lachende Mädchengesichter – große Mädel, welche die Haare schon wie richtige Damen aufgesteckt trugen und die über das hereingeschneite lebendige Spielzeug begeistert waren.
Aber noch ehe Klein-Annemarie fragen konnte, wo sie denn eigentlich hingeraten sei, klang es vom Katheder her: »Na, was gibt’s denn da in der Ecke?«
»Ach, Herr Professor – Herr Professor, hier ist solch süßes, kleines Ding, es wird sich wohl verlaufen haben«, riefen die großen Mädel zurück. Im Triumph führten sie den reizenden kleinen Blondkopf zum Katheder.
Dort saß kein Fräulein Hering, sondern ein alter Herr mit einer Brille auf der Nase. Jetzt äugte er über die Brille hinweg auf den kleinen Findling.
»Nanu, was hat sich denn da angefunden?« fragte er verdutzt.
Klein-Annemarie steckte den Finger in den Mund und verkroch sich hinter das nette Mädel, das sie vorhin gestreichelt hatte.
»Ich schoniere mich so doll«, flüsterte sie dabei, während es um ihre Mundwinkel zuckte.
Da lachten die großen Mädel noch viel mehr, die nettste aber von ihnen schlang schützend den Arm um das kleine Ding.
»Na, du hast dich wohl verlaufen«, sagte der Herr Professor belustigt. »In welcher Klasse bist du denn, Kleine?«
Annemarie schwieg, sie schämte sich.
»Ach, die Kleine kann wohl noch nicht einmal antworten,« neckte der Herr Professor, »kannst du denn überhaupt schon sprechen, mein Kind?«
»Na ob,« jetzt hob Klein-Annemarie beleidigt das Köpfchen, »ich habe mich doch bloß so doll schoniert.«
Wieder jubelten die großen Mädel, und der Herr Professor lachte mit.
»Wenn du schon so schlau bist, weißt du am Ende auch, in welcher Klasse du bist?« setzte der Lehrer die Untersuchung fort.
»Natürlich, in der mit fünfzig Kindern, Margot und Hilde sind auch drin, und drei Fenster sind in der Klasse und eine große schwarze Tafel«, erklärte Annemarie stolz.
Gerade, als der Herr Professor im Examen fortfahren wollte, denn er konnte aus dieser Beschreibung beim besten Willen nicht die Klasse erkennen, lugte die liebe Sonne zum Fenster herein, um zu sehen, wo denn das Nesthäkchen hingeraten sei. Respektlos warf sie ihre Strahlen dem alten Herrn in das faltige Gesicht.
»Hatschi!« nieste der.
»Gott schütz’ dich!« erklang ein süßes Kinderstimmchen.
»Wie?« fragte der Herr Professor erstaunt. Da mußte er wieder niesen – »hatschi, hatschi«.
»Gott schütz’ dich!« ertönte es wiederum von den Lippen der Kleinen.
Die Klasse brach in ein tumultartiges Lachen aus.
Der Herr Professor konnte nicht Ruhe gebieten, denn auch die Sonne gab keine Ruhe. Immer wieder kitzelte sie den alten Herrn mit ihren krabbelnden Goldstrahlen.
Noch mehrere Male nieste es »hatschi – hatschi« vom Katheder herab, und jedesmal folgte prompt ein liebevolles »Gott schütz’ dich« von Klein-Annemarie.
Endlich ließ die übermütige Sonne den Herrn Professor in Frieden, und auch die ebenso übermütigen Mädel gaben Ruhe.
»Warum sagst du denn immer ›Gott schütz’ dich‹, Kleine?« fragte der Herr Professor belustigt.
»Das gehört sich doch so, wenn einer niest«, antwortete das wohlerzogene kleine Mädchen.
»Na, da kann ich ja sogar noch was von dir lernen, mein Kind, ich habe bisher nur gewußt, daß man ›Prosit‹ sagt«, scherzte der Herr Professor zum Entzücken seiner Klasse.
»›Prost‹ sagte bloß unsere Hanne, und Vati ruft ›Prösterchen‹, Großmama aber sagt jedesmal ›Gott schütz’ dich, mein Herzchen‹. Und die ist doch die Älteste und muß daher am besten wissen, wie es heißt«, setzte das Plappermäulchen altklug hinzu.
Nachdem sich die Heiterkeitswogen ein wenig gelegt hatten, nahm der Herr Professor seine Forschung nach der Klasse der Kleinen wieder auf.
»Hast du eine blonde Lehrerin?« fragte er.
»Nee – Tante Fräulein Hering hat schwarze Haare.«
Wieder brachen die Mädel in tolles Jubeln aus, auch der alte Herr schmunzelte.
»Fräulein Hering – also aus der Zehn O, unter den frisch eingerückten Rekruten. Hildegard, führen Sie die Kleine in ihre Klasse zurück, und sagen Sie Fräulein Hering, sie hätte sich um eine Treppe geirrt«, gebot der Herr Professor.
Aber Nesthäkchen gefiel es unter den lustigen Mädchen, die so nett zu ihr waren, besser als in der zehnten Klasse. Und außerdem das verklebte Rechenheft – wenn sie nicht da war, würde Fräulein Hering das doch nicht sehen. Dies gab den Ausschlag.
»Ich danke schön,« sagte sie mit einem höflichen Knicks zu dem netten Mädchen, das sie bei der Hand nehmen wollte, »aber ich bleibe lieber hier.«
Jetzt war die Reihe, ein verblüfftes Gesicht zu machen, an den anderen.
»Nein, mein Herzchen,« lachte der alte Herr, »für die erste Klasse bist du doch noch nicht weit genug, wenn du auch ein sehr schlaues, kleines Mädchen bist. Da mußt du dich noch neun Jahre gedulden.«
Trotzdem es Klein-Annemarie in der ersten Klasse so gut gefiel, mußte sie sich von ihr trennen. Zögernd folgte sie der großen Hildegard in den unteren Stock zur zehnten Klasse.
Dort war sie bereits vermißt worden. Fräulein Hering hatte schon allenthalben nach ihr geforscht und sich große Sorge um das verschwundene Kind gemacht.
Aber auch das glücklich abgelieferte Nesthäkchen hatte seine schweren Sorgen – ob die Rechenhefte wohl schon durchgesehen waren?
Nein – man hielt vorläufig noch beim Kopfrechnen. Ach Gott, wäre sie doch lieber in der ersten Klasse geblieben!
Wenn doch die Schulglocke ein Einsehen haben und läuten würde, bevor Fräulein Hering daran dachte, sich die Rechenarbeiten zeigen zu lassen. Aber die Schulglocke ahnte nichts von Klein-Annemaries Wünschen.
»Na, habt ihr auch schöne Achten zu heute geschrieben, Kinder?« hörte Annemarie plötzlich Fräulein Hering in ihrer netten Weise fragen.
Jetzt kam es – das Schlimme.
Während die anderen kleinen Mädchen ihre Hefte vorkramten, legte Annemarie ihre Arme auf den Tisch und das Köpfchen darauf, um nur nichts zu hören und zu sehen. Sogar die Augen machte sie zu, in der Hoffnung, daß Fräulein Hering sie dann vielleicht auch nicht sehen würde.
Die Lehrerin schritt von Bank zu Bank, lobte hier, ermunterte dort und schüttelte wohl auch mal den Kopf, wenn die Zahlen gar zu merkwürdig ausgefallen waren. Jetzt sah sie Margots Heft an.
»Brav, Margot, sehr nett und sauber geschrieben – nanu, Annemie, was soll denn das heißen, schläfst du etwa?«
Klein-Annemarie kniff ihre Augen noch fester ein. Ja, sie schlief, ganz fest schlief sie! Sie ließ sich bestimmt nicht ermuntern.
»Ei, Annemie, wach’ auf, in der Stunde schläft man nicht.« Fräulein Hering zog sie am Ohrläppchen.
Aber statt aller Antwort erklang es von dem roten Kindermund: »Chchch – chchchchch – chchchchchchch –.« Annemarie schnarchte.
Ob die kleinen Mädchen auch lachten und jauchzten, ob die brave Margot sie auch freundschaftlich beim Arm schüttelte, Annemarie ließ sich nicht aufwecken.
Da beugte sich Fräulein Hering ganz tief zu der blinzelnden Kleinen herab und sagte ihr leise ins Ohr: »Ich denke, Annemie, du hast mich lieb?«
Sofort öffneten sich Annemaries Blauaugen und füllten sich mit Tränen.
»Darum schlafe ich ja eben«, flüsterte sie, mit dem Weinen kämpfend, zurück.
»Du schläfst, weil du mich lieb hast?« fragte Fräulein Hering erstaunt.
»Ja, weil ich doch eine verklebte Rechenseite habe und Sie nicht traurig darüber sein sollen, Tante Fräulein Hering«, schluchzte es jetzt.
Annemarie vergaß ganz, daß ja die Lehrerin nichts von dem Klecks merken sollte, sie hatte nur noch den Wunsch, ihr Gewissen zu entlasten. Ordentlich leicht wurde es ihr ums Herzchen, als es nun glücklich heraus war.
»Na, zeig’ mal her, Annemarie«, sagte Fräulein Hering so freundlich wie immer. »Was ist denn da bloß passiert?« Sie hielt die verklebte Seite gegen das Licht.
»Gerda hat mir einen Klecks gemacht, und da ist ein Loch gekommen, als ich mit Bimsstein radieren wollte«, beichtete Annemarie leise.
»Ei, du mußt die Kleine nicht an dein Schulheft heranlassen«, mahnte Fräulein Hering.
»Sie sollte mir doch helfen – aber nun erlaube ich es nie wieder, Puppen sind viel zu dämlich zu Schularbeiten.«
»Was – Gerda ist eine Puppe?« jetzt lachte Fräulein Hering laut auf und dachte gar nicht mehr daran, über die verklebte Seite böse zu sein.
Ach, wieviel besser war es doch, offen die Wahrheit einzugestehen, als etwas zu verheimlichen. Annemarie nahm sich vor, es von nun an stets so zu machen, da ersparte sie sich manch böse Stunde. Und noch eins nahm sich Nesthäkchen vor: Von Puppe Gerda ließ sie sich nie wieder bei ihren Schularbeiten helfen.
6. Kapitel
Kinder, die sich nicht vertragen
Inhaltsverzeichnis
Nun ging Nesthäkchen schon vier Wochen in die Schule. Von Tag zu Tag gefiel es ihr dort besser, denn nur aller Anfang ist schwer.
Mit Margot Thielen verband sie eine innige Kinderfreundschaft. Bloß, wenn es mal galt, irgendeine Dummheit zu machen, fühlte sich Annemarie mehr zu Hilde Rabe hingezogen, denn Margot war für Unarten schwer zu haben.
Auch die Eltern der Kinder hatten sich inzwischen kennengelernt und die beiden Damen miteinander verabredet, daß abwechselnd Fräulein und das Kindermädchen Emilie die kleinen Mädchen zur Schule bringen und von dort abholen sollten. Da sie genau denselben Weg hatten, war die doppelte Begleitung unnötig.
So machten Annemarie und Margot täglich morgens und mittags, zärtlich untergeärmelt, gemeinsam den Schulweg. Das befestigte ihre Freundschaft noch mehr.
Einige besonders selbständige Kinder gingen sogar schon allein zur Schule. Aber als Nesthäkchen meinte, daß sie das geradesogut fertigkriegen würde, wollte sich Mutti durchaus nicht damit einverstanden erklären. Es gab zuviele Autos in Berlin, und ihr Nesthäkchen hatte meist seine Gedanken woanders, als wo es sich selbst gerade befand.
»Du brauchst nicht etwa zu denken, daß Fräulein meinethalben zur Schule kommt – i wo, die kommt bloß, um ein bißchen spazierenzugehen, weil das doch so gesund ist«, tat sich Annemarie eines Tages vor Hilde groß, die schon allein ging, denn sie wohnte bloß um die Ecke.
»Aber Annemarie,« fiel Margot, die das hörte, ein, »ist ja gar nicht wahr! Du darfst doch überhaupt nicht allein gehen.«
»Und doch ist’s wahr,« rief Annemarie ärgerlich, weil sie beim Flunkern ertappt wurde, »ich bin ja schon sieben Jahre alt – etsch, und du bist erst sechs!«
Margot, die etwas empfindlich war, wurde rot. Das war immer ein Zeichen dafür, daß die Tränenschleusen bald aufgezogen wurden.
»Dafür hab’ ich aber zwei Zöpfchen, wenn ich auch erst sechs Jahre alt bin, und du hast noch so kurze Haare wie unser Baby – etsch!« wehrte sie sich.
»Och – du hast ja man Rattenschwänzchen, ich hab’ schon viel längere Zöpfe gehabt – ja, hab’ ich auch – aber die habe ich mir bloß für meine Puppe Gerda abgeschnitten – etsch – siehste!« reizte Nesthäkchen Margot wieder.
»Au weih – ist ja gar nicht wahr – au weih, die schwindelt, ich gehe überhaupt nicht mehr mit solcher Schwindelliese!« rief Margot, kirschrot im Gesicht, und fing an zu weinen.
»Und ich nicht mit solcher ollen Heulsuse!« rief Klein-Annemarie aufgebracht zurück. Sie packte Hilde, die Freundin in der Not, innig um die Schulter und war mit Margot »schuß«.
So saßen denn die beiden verfeindeten Herzensfreundinnen während der Handarbeitsstunde nebeneinander und sahen sich nicht an, kannten sich überhaupt nicht mehr.
Aber das ist gar nicht so einfach, wie man denkt, neben seiner besten Freundin zu sitzen und mit ihr »schuß« zu sein.
In der Handarbeitsstunde wurden aus buntem Ton allerlei niedliche Sächelchen geknetet, ähnlich wie im Kindergarten, in dem Annemarie voriges Jahr gewesen. Da wurden kleine Teller fabriziert und Kaffeekannen und Tassen. Eine Gießkanne, Kirschen und Äpfel, ja sogar allerlei Tiere.
»Heute wollen wir mal ein Schweinchen kneten«, sagte Fräulein Hering an dem Tage, an dem Annemarie und Margot nichts voneinander wissen wollten. »Wer hat schon mal ein richtiges Schweinchen gesehen?«
»Ich – ich«, rief Annemarie und meldete sich in ihrer Aufregung, trotzdem sie längst wußte, daß man dies nur mit dem Zeigefinger der rechten Hand tun sollte, auch gleichzeitig mit dem des linken Händchens. »Ich – ein richtiges, lebendiges, als ich bei meinem Onkel Heinrich auf dem Gut in Arnsdorf war.« Stolz warf sie einen heimlichen Blick zu Margot hin. Was die wohl dazu sagte, daß sie schon mal ein richtiges, lebendiges Schweinchen gesehen hatte?
»Na, dann wirst du uns ja auch sagen können, wie solch Schweinchen aussieht?« fragte Fräulein weiter.
»Süß sind sie und mächtig dreckig. Augen haben sie, die man gar nicht sieht, und blond sind sie alle und haben ein zu ulkiges Ringelschwänzchen. Und riechen tun sie ganz abscheulich!« erklärte Klein-Annemarie lebhaft.
Fräulein lachte. »Also blond sind sie, da müssen wir gelblichen Ton dazu nehmen. Was haben sie denn für einen Kopf, einen runden oder einen spitzen?«
»Einen spitzen«, rief Annemarie in ihrer Begeisterung wieder, trotzdem sie jetzt eigentlich gar nicht gefragt war.
»Und dann machen sie immer so ’ne komische Schnute!« Die Kleine formte das niedliche Mündchen treffend zu einem Schweinerüssel.
Jetzt lachte die ganze zehnte Klasse über Annemaries drolliges Aussehen. Sogar Margot Thielen mußte mitlachen, trotzdem sie doch mit Annemarie böse war.
»Wieviel Beine hat ein Schwein, Ilse?« wandte sich Fräulein Hering an die blondzöpfige kleine Ilse Hermann.
»Vier Stück«, antwortete die richtig.
»Alle Tiere haben doch vier Beine«, schrie es lachend dazwischen. Es war Marlenchen mit den schwarzen Haarschnecken.
»So, Marlenchen, ei, sieh mal, wieviel Beine haben denn die Gänse und Enten?«
»Natürlich vier«, rief die Kleine im Ton felsenfester Überzeugung.
Die zehnte Klasse schien über diesen kühnen Ausspruch durchaus nicht verwundert. Die meisten der kleinen Stadtkinder waren genau derselben Ansicht wie Marlenchen.
Annemarie aber lachte: »Enten und Gänse haben doch nur zwei Beine, sonst könnten sie doch gar nicht so schön watscheln!«
»Welche Tiere haben ebenfalls nur zwei Beine?« fragte die junge Lehrerin lächelnd weiter.
»Piepmätzchen, Papagei, Hühner, Tauben, Fliegen, Spatzen«, so piepte es wie in einem Vogelhaus durcheinander.
»Fliegen auch, Mariannchen? Hast du denn noch nie eine Fliege richtig angesehen?« unterbrach Fräulein Hering das Gepiepse.
Mariannchen machte ein betroffenes Gesicht. Nein, die Fliegenbeinchen waren ja so dünn und krabbelten so durcheinander, daß man gar nicht aus ihnen klug werden konnte.
»Wer kann mir sagen, wieviel Beinchen eine Fliege hat?« tönte es aufs neue vom Katheder her.
Da kamen die merkwürdigsten Ansichten zutage. Die meisten neigten der Ansicht zu, daß sie vier Beine hätte. Margot Thielen meinte: »Gar keine, nur zwei Flügel!« was ihr ein schmeichelhaftes »Haach – ist die dumm!« von ihrer verfeindeten kleinen Freundin Annemarie eintrug. Hilde Rabe aber schrie: »Hundert!« Der kam es auf ein paar mehr gar nicht an.
»Na, ich will es euch sagen: Eine Fliege hat sechs Beine. Wieviel Beine hat denn ein Fisch? Na, Marlenchen?«
»Das kann man doch nicht sehen, weil die Fische sie ja immer ins Wasser stecken«, antwortete der kleine Schlaukopf.
»Habt ihr denn noch niemals einen Fisch in der Küche gesehen?«
»»Ja – natürlich – heute mittag gibt es bei uns Fisch«, ging es wieder lustig durcheinander.
»Na, da erzähle uns mal morgen, wieviel Beine der Fisch gehabt hat, Elli«, scherzte die Lehrerin. »Ei, Ruth, willst du es uns sagen?«
»Ein Fisch hat gar keine Beine, bloß einen Schwanz«, deklamierte Ruth und nickte dazu mit dem Köpfchen, als ob sie ein Gedicht aufsagte.
Jetzt lachte aber die ganze Klasse hellauf.
»Keine Beine – hahaha – womit sollten die Fische dann wohl schwimmen?« machte sich Annemarie lustig.
»Ruth hat ganz recht, sie ist die einzige in der Klasse, die schlau ist. Eigentlich müßte sie euch nun auslachen und nicht ihr sie. Ein Fisch hat keine Beine, sondern nur Flossen und einen Schwanz. So – und nun wollen wir mal die Naturkundestunde für heute beendigen und unser Schweinchen kneten«, sagte Fräulein Hering.
Da wurden die merkwürdigsten Schweinchen geschaffen.
Das von Ilschen glich einem Igel, das von Marlenchen einer Eidechse. Hilde hatte einen Tisch mit vier Beinen und einem Schwanz geformt, der sollte ein Schwein vorstellen. Annemaries Schwein sah aus wie eine vierfüßige Wurst und das angeklebte Schwänzchen dazu wie der Wurstzipfel. Aber als sie jetzt auf Margots Kunstwerk schielte, vergaß Annemarie wieder mal, daß sie doch mit ihrer Freundin böse war.
»Das ist ja ein Elefant und kein Schwein!« rief sie laut.
Margot sah gekränkt auf ihr mißratenes Schweinchen, dessen Rüssel, allerdings etwas zu lang geworden war. Nein, wenn die Annemarie so war, dann wurde sie überhaupt nicht wieder mit ihr gut!
Das Bösesein wurde noch schwieriger, als mittags Annemaries Fräulein die beiden kleinen Feindinnen von der Schule abholte. Sonst kamen sie immer umschlungen die Treppen heruntergehopst. Heute erschien Nesthäkchen allein, und zwar ziemlich langsam, denn sie fürchtete Fräuleins Fragen.
Die blieben auch nicht aus.
»Wo ist denn Margot?« erkundigte sich Fräulein.
Klein-Annemarie zuckte die Schultern und wandte das erglühende Gesicht zur Seite. Zum Glück tauchte Margots roter Hut da gerade auf, daß Fräulein nicht weiter forschte.
Aber als dann eine kleine Freundin links von Fräulein spazierte und die andere rechts, als Annemarie in einem Redestrom blieb, um nur ihr Fräulein nicht zu Wort kommen zu lassen, während Margot befangen schwieg, merkte Fräulein doch den Sachverhalt.
»Nanu, Kinder, ihr habt euch doch nicht etwa gar gezankt?« erklang die peinliche Frage.
Margot drehte den Kopf nach links und Annemarie den ihren nach rechts. Beide wurden sie puterrot, beide gaben sie keine Antwort.
»Na, das ist ja recht nett,« sagte Fräulein, »kleine Mädchen dürfen doch nicht miteinander böse sein. Wenn ihr Freundinnen sein wollt, müßt ihr euch vertragen. Gebt euch mal die Hand und seid wieder gut!«
Aber Annemarie wandte den Kopf rechts und Margot links. Eigentlich hätten sie sich alle beide wieder sehr gern vertragen, aber sie waren so dumm, sich vor Fräulein zu schämen.
So machte Margot, zu Hause angelangt, nur einen eiligen Knicks vor Annemaries Fräulein, und ohne sich anzusehen, gingen die beiden kleinen Mädchen heute auseinander.
Annemarie wurde den ganzen Tag nicht recht froh. Sie wußte gar nicht, was so schwer auf ihrer kleinen Seele lastete. Nesthäkchen war ein zärtliches Kind mit einem liebebedürftigen Herzchen. Es war Annemarie ein bedrückender Gedanke, wenn irgend jemand in der weiten Welt sie nicht mehr lieb hatte.
Und daß dieser jemand ihre beste Freundin war und gar nicht irgendwo in der weiten Welt wohnte, sondern drüben am Kinderstubenfenster, halb verborgen von der Gardine, stand und ebenso verstohlen herüberspähte wie sie selbst, war um so trauriger. Aber keins von den beiden Trotzköpfchen nickte heute einen Gruß hinüber.
7. Kapitel
Ein fortgejagter Schüler
Inhaltsverzeichnis
Am anderen Morgen war dasselbe Schauspiel wie am Mittag zuvor. Eins ging hüben, eins drüben, nur daß zwischen den beiden kleinen Feindinnen heute nicht Fräulein, sondern das Kindermädchen Emilie wanderte.
Aber noch einer wanderte mit den dreien mit, und zwar heimlich, ohne daß jemand eine Ahnung davon hatte. Das war ein kleiner Vierfüßler mit seidenweichem, weißem Fell. Puck war mit durch die geöffnete Korridortür entwischt und folgte jetzt seiner kleinen Herrin getreulich in die Schule.
Als das Kindermädchen sich unten verabschiedete, dachte Puck gar nicht daran, dasselbe zu tun. Anstatt kehrtzumachen, lief er in plötzlichem Bildungsdrang dreist hinter dem nichtsahnenden Nesthäkchen her in die zehnte Klasse.
Dort entstand durch das Erscheinen des vierfüßigen Schülers ein wilder Aufruhr.
»Ein Hund – ein Hund!« so schrien sie erschreckt durcheinander. »Ein Hund ist in der Klasse – der beißt – ach, ich habe ja solche Angst!«
Auf die Bänke und Tische kletterten die kleinen Hasenfüßchen in ihrer Furcht, denn zur Schande der zehnten Klasse muß es gesagt sein, daß da so manches kleine Fräulein darunter war, das sich nicht an einen Hund heranwagte.
Puck aber sprang lustig blaffend in der Klasse umher, als ob der ganze Tumult nur zu seinem Vergnügen stattfände. Je höher die Beinchen der kleinen Mädchen in ihrer Hundescheu hopsten, um so höher hopsten auch vor Freude die Hundebeine.
Annemarie war, trotzdem sie gar keine Angst vor Hunden hatte, ebenfalls an dem lauten Schreien beteiligt. Da die Kinder ein dichtes Knäuel um das Hündchen bildeten, ahnte sie nicht, wie nah der gefürchtete Eindringling ihr stand.
Da erschien Fräulein Hering in der Klassentür.
»Nanu, was ist denn hier los?« fragte sie ärgerlich über den ungehörigen Lärm.
»Ein Hund – ein großer Hund – er beißt!« kreischte es wieder durcheinander.
Puck hatte sich respektvoll beim Erscheinen der Lehrerin unter einer Bank verkrochen.
»Wo – wo ist er denn?« Fräulein Hering glaubte, ein Riesenköter habe die Kinder so in Schrecken gesetzt.
»Da – da!« aufgeregt wiesen die kleinen Mädchen unter die Schulbank.
Dort hockte das winzige weiße Zwerghündchen und wedelte mit dem Puschelschwänzchen, um seine harmlose, freundschaftliche Gesinnung zu bekunden.
»Aber Kinder, habt euch doch nicht!« lachte jetzt Fräulein Hering beim Anblicke des gefürchteten Feindes. »Vor dem süßen Hündchen habt ihr Angst?« sie griff unter die Bank und hielt den kleinen Eindringling in die Höhe. »Hier ist unser neuer Schüler!«
»Puck!« schrie Annemarie los, die den Hund jetzt zum erstenmal richtig zu sehen bekam, »das ist ja unser Puck!«
Kaum war der Name ihr entschlüpft, da entschlüpfte auch der neue Schüler der Lehrerin. Mit einem Satz war er bei seiner rechtmäßigen kleinen Herrin, unbekümmert darum, daß sein weißes Pfötchen in das offene Tintenfaß eintauchte.
Nesthäkchen preßte ihren kleinen Freund zärtlich ans Herz.
Aber Fräulein Hering machte jetzt ein ernstes Gesicht.
»Wieso hast du den Hund mitgebracht, weißt du nicht, daß Hunde nicht in die Schule gehören, Annemarie?« fragte sie mißbilligend.
»Ich kann nichts dafür, er muß heimlich hinter mir hergelaufen sein«, verteidigte sich die Kleine. Aber Puck blaffte Fräulein Hering so laut an, daß diese kein Wort verstand. Das Hündchen merkte wohl, daß man seiner kleinen Freundin einen Vorwurf machte.
»Ja, hier kann der Hund nicht bleiben«, versuchte Fräulein Hering sich bei dem wütenden Gekläff verständlich zu machen, während eins der kleinen Hasenfüßchen sogar aus Angst zu weinen anfing.
»Laß ihn in den Hof hinunter, Annemie, er wird schon nach Hause finden.«
Aber nur um so fester hielten die Kinderarme den ausgewiesenen Schüler.
»Nein – nein – der Schinder fängt meinen süßen Puck, er hat keine Hundemarke um!« jammerte Nesthäkchen. »Er wird sich ja auch sicher ganz artig verhalten«, so bettelte die Kleine für den vierfüßigen Freund.
Als ob Puck verstanden hätte, daß es jetzt galt, sich wie ein wohlgesitteter Hund zu benehmen, stellte er mit einemmal sein Blaffen ein, sprang auf den Schultisch und machte schön.
Das war wirklich niedlich. Die Kinder freuten sich über das possierliche Tierchen, und auch Fräulein Hering war von seiner Liebenswürdigkeit besiegt.
Puck wurde in der zehnten Klasse geduldet und nahm auf das »Kusch dich!« von Nesthäkchen seinen Platz zwischen Annemarie und Margot, den verfeindeten kleinen Freundinnen, ein.
Margot aber hatte Furcht vor Hunden. Die Nähe des kleinen Vierfüßlers war ihr sichtbar unbehaglich. Sie rückte möglichst ab und sah von der Seite mißtrauisch zu ihm hin. Daß ihr Interesse daher ein geteiltes zwischen dem Einmaleins von Fräulein Hering und dem Puck von Annemarie war, kann man sich denken.
Überhaupt die Aufmerksamkeit ließ heute in der zehnten Klasse recht viel zu wünschen übrig. Aller Augen waren, statt auf die Lehrerin, auf die Bank gerichtet, wo der neue Schüler mit der rosa Seidenschleife thronte.
Puck war entschieden am meisten bei der Sache. Mit erhobenem Schwänzchen saß er andächtig da und sah Fräulein Hering unverwandt an.
Nur ab und zu rieb er den Kopf an Annemaries Arm, aus Dankbarkeit, daß er bei ihr bleiben durfte. Aber um Margot, die er bereits kannte, und von deren Bösesein mit Annemarie er keine Ahnung hatte, nicht zurückzusetzen, kroch er plötzlich zu ihr hinüber, um ihr ebenfalls seine Freundschaft zu beweisen.
Jedoch Margot war dafür ganz und gar nicht empfänglich. Laut schreiend sprang sie von der Bank auf.
»Er beißt – er will mich beißen!« Sie brach in ein jämmerliches Angstgeheul aus.
Fräulein Hering mußte das dumme, kleine Mädel beruhigen und es von den gutmütigen Absichten des Hündchens überzeugen. Aber Margot wollte durchaus nicht mehr neben dem neuen Schüler sitzen. Die Lehrerin wies ihr einen weniger gefährlichen Platz an, und Margot wanderte auf eine andere Bank.
Das nahm Annemarie ihrer ehemaligen Freundin schrecklich übel. Wer zu ihrem süßen Puck schlecht war, für den hatte sie auch nichts mehr übrig. Mit ungeheurer Verachtung blickte sie auf das dumme Angsthäschen.
Trotzdem wäre die Stunde ganz gut verlaufen, wenn Puck nicht einen zu großen Ehrgeiz in seiner kleinen Hundeseele gehegt hätte.
Als die Lehrerin die Rechenaufgaben abfragte, beteiligte sich auch Puck am Unterricht. Er antwortete unbefangen, ohne aufgerufen zu sein, denn er wußte nicht, daß das in der Schule nicht Brauch ist.
»Wieviel ist zweimal zwei?« fragte Fräulein Hering.
»Wau – wau – wau – wau«, erwiderte Puck ganz richtig viermal.
Seine Schuld war es wirklich nicht, daß die junge Lehrerin die Hundesprache nicht verstand.
Er blaffte lauter, weil er sich besser verständlich zu machen glaubte. Und als auch dies noch nichts nützte, sprang er plötzlich tollkühn mit einem Satz auf das Katheder, um sich Gehör zu verschaffen.
Laut auf kreischten die Kinder, und Fräulein Herings Geduld war nun erschöpft.
»Bringe den Hund zum Schuldiener, daß der ihn inzwischen in Gewahrsam nimmt«, befahl die Lehrerin.
Traurig zog Klein-Annemarie mit dem laut räsonierenden Zwerghündchen ab.
Puck war aus der Klasse gejagt worden – die Schande!
Das Hündchen schien dieselbe weniger tief zu empfinden als seine kleine Herrin. Die Freiheitsberaubung bereitete ihm anscheinend viel größeren Schmerz. Und als Nesthäkchen jetzt mit ihm in die Kellerräume zur Schuldienerwohnung hinabstieg, faßte Puck plötzlich einen verzweifelten Entschluß. Der Gefangene kniff aus.
Hops – da war er herunter von Klein-Annemaries Ärmchen, hoppla – da jagte er, was er nur konnte, die Treppen wieder hinauf. Mit lautem Gebell freudigster Genugtuung ging es durch die stillen Flure und Korridore der Schule.
In größter Aufregung stürmte Nesthäkchen hinter dem Flüchtling drein. Soviel die Kleine auch rief und befahl: »Puck – Puckchen, hierher!« – alles umsonst.
Puck hatte sämtliche Bande der Wohlerzogenheit und des Gehorsams abgestreift.
Die Klassentüren öffneten sich. Lehrer und Lehrerinnen erschienen mit entrüsteter Miene auf der Türschwelle, um der Ruhestörung auf den Grund zu kommen.
Da sahen sie ein winziges, weißes Etwas durch die Gänge rasen, bald treppauf, bald treppab, und hinterher einen reizenden, kleinen Blondkopf, der hilflos die Arme nach ihm reckte.
Als ein großes, weißes Wollknäuel erschien das wie besessen springende weiße Etwas den meisten, aber da ein Wollknäuel für gewöhnlich nicht zu bellen pflegt, neigte man schließlich doch der Ansicht zu, daß man es mit einem Hunde zu tun habe.
Aber wie kam ein Hund in die Mädchenschule?
Puck hatte indessen außer den Klassen jedem Winkel der Schule seinen Besuch abgestattet. Jetzt ging die wilde Jagd geradeswegs ins Direktorzimmer, das bei dem tollen Tumult natürlich nicht geschlossen blieb. Während jede Schülerin nur herzklopfend, in scheuer Ehrfurcht das Zimmer des Herrn Direktors zu betreten wagte, sprang der unverschämte Puck dem Gestrengen der Schule ohne jeglichen Respekt gegen die Beine.
»Nanu?!« machte dieser verdutzt. Aber sein Gesicht wurde noch betroffener, als der kleine Köter – hast du nicht gesehen – mit geradezu unglaublicher Dreistigkeit auf seinem Schreibsessel Platz nahm. Von dort aus blaffte er den würdigen Herrn an, als ob ihm dieser Platz von Rechts wegen zukäme und nicht er der Eindringling wäre, sondern der Herr Direktor.
Da aber ereilte Puck das Verderben.
Ein jüngerer Lehrer, der sich an der Verfolgung beteiligt hatte, faßte das weiße, blaffende Wollknäuel im Genick und schüttelte es tüchtig.
»So, du Bürschchen, wirst du wohl Ruhe geben!«
Aber das fiel dem Gefesselten nicht im Traume ein. Er bellte noch viel wütender und schnappte sogar nach den Fingern des Lehrers.
Kaum konnte der Herr Direktor dabei den Sachverhalt von der atemlosen Annemarie erfahren.
Der Lehrer brachte das Hündchen jetzt selbst in den Keller hinunter, damit es nicht wieder Fluchtversuche machte.
Annemarie kam mit einem Verweis und der ernsten Mahnung davon, künftig besser acht auf ihren Hund zu geben, daß er ihr nicht wieder zur Schule folgte.
Die Schülerinnen aber von der zehnten bis zur ersten Klasse hatten sich alle ganz köstlich bei dem außergewöhnlichen Konzert amüsiert.
Der Schuldiener versprach, den fortgejagten Schüler bei sich aufzunehmen, und die kleinen Blondköpfe in der Schuldienerwohnung waren selig über den Spielgefährten. Der aber hätte lieber der Rechenstunde in der zehnten Klasse beigewohnt. Er winselte, jaulte und blaffte, daß man’s durch die ganze Schule hörte.
In der Zwischenpause lief Annemarie sofort in die Kellerwohnung des Schuldieners. Dadurch entging sie gleichzeitig der peinlichen Schwierigkeit, mit einer anderen als Margot in der Zwischenpause zu gehen. Sie teilte ihr Frühstücksbrot getreulich mit dem armen vierfüßigen Gefangenen. Dankbar leckte Puck ihr die Händchen.
Plötzlich erschien Margot, die Annemarie gerade meiden wollte, schüchtern in dem dämmerigen Gang.
»Ich habe eine Flasche Milch mit«, sagte die verfeindete Freundin verlegen, »wenn du vielleicht für Puck etwas davon haben willst.« Das kleine Mädchen hatte augenscheinlich den Wunsch, ihre ängstliche Abneigung gegen das Hündchen wieder gutzumachen.
Da quoll die mühsam zurückgehaltene Liebe auch in Klein-Annemaries Herzchen empor. Sie schlang die Arme um die Freundin, küßte sie ungestüm und bat dabei: »Habe mich wieder lieb!«
Ach, wie gern tat das Margot. Auch ihr hatte ja die vierundzwanzigstündige Feindschaft mit Annemarie das Herz abgedrückt. Neben Puck standen die Wiederversöhnten, liebevoll umschlungen, während das Hündchen sich seine Milch schmecken ließ.
Diesen Mittag zogen Annemarie und Margot nicht hüben und drüben heimwärts. Arm in Arm sprangen sie mit seligen Gesichtern dahin. Ihnen voran der wieder glücklich der Gefangenschaft entronnene Puck. Freudig klang sein Bellen durch die Straßen Berlins.
»Weißt du, Margot«, flüsterte Annemarie der Freundin beim Abschied ins Ohr, »es war doch fein, daß der liebe Gott heute Puck mit in die Schule geschickt hat. Sonst wären wir beide am Ende nie mehr gut geworden!«
8. Kapitel
Wer kommt Erste?
Inhaltsverzeichnis
Es war gar nicht so leicht für die kleinen Abcschützen, ruhig und emsig in der Klasse über den Büchern zu sitzen, während goldene Frühlingssonne vom Himmel lachte. Viel lieber hätten die munteren Beinchen mit den zum Klassenfenster übermütig hereinflimmernden Sonnenstrahlen um die Wette getanzt. Aber jetzt hieß es fein still gesessen, so schwer es auch manchem kleinen Wildfang wurde.
Fräulein Hering sorgte dafür, daß die Stunden den Kindern keine Last, sondern eine Freude waren. Da wurde trotz allen ernsthaften Lernens so fröhlich gescherzt, da wurden nette Gedichte gelernt und lustige Liedchen gesungen, daß keines von den Kleinen bei der Arbeit allzusehr ermüdete.
Bis zu den großen Buchstaben waren die Schlauköpfchen inzwischen schon vorgedrungen. Annemarie stand und buchstabierte, wo sie nur einen beschriebenen Fetzen Papier fand. Ja, sie sprach auch zu Hause meist lautierend und buchstabierend und wurde von den größeren Brüdern deshalb oft ausgelacht.
Seit sie nun noch gar die Bekanntschaft der gedruckten Buchstaben gemacht hatte, war es Fräulein beinahe unmöglich, mit Klein-Annemarie auf der Straße zu gehen. Vor jedem Ladenschild blieb sie stehen und übte ihre Lesekunst, es war jedesmal ein Wunder, daß sie noch zurzeit in der Schule anlangte.
Eines Tages wollte das kleine Mädchen durchaus nicht in die Hardenbergstraße einbiegen, durch die ihr Schulweg führte.
»Nein, Fräulein, ach bitte nein, ich graule mich so, wir wollen doch lieber die andere Straße lang gehen«, bettelte sie flehentlich und zog Fräulein an der Hand zurück.
»Aber Annemie, bist du denn nicht gescheit?« lachte diese. »Wir gehen doch jetzt seit Wochen täglich durch die Hardenbergstraße, wovor fürchtest du dich denn plötzlich am hellen Tage?«
»Ich will’s nicht sagen«, flüsterte Annemarie verlegen mit einem Blick auf die neugierig lauschende Freundin. »Margot grault sich sonst auch so doll. Bitte, liebes Fräulein, geh’ doch hier lang mit uns.« Die Kleine zog mit allen Kräften in eine seitwärts abzweigende Straße hinein.
»Nein, Annemie,« Fräulein schüttelte den Kopf, »wenn du so dumm bist und nicht sagen willst, was du in der Hardenbergstraße fürchtest, gehen wir ruhig dort lang. Es ist auch ein Umweg durch die andere Straße, wir kommen nicht mehr zur Zeit.«
Es half nichts, Annemarie mußte mit in die gefürchtete Hardenbergstraße einbiegen. Die schaute mit ihren schönen Häusern, den blühenden Vorgärten und den lustig entlang bimmelnden elektrischen Bahnen so frühlingsmäßig freudig drein, daß weder Fräulein noch Margot hier irgend etwas Schreckhaftes wahrnehmen konnten.
Und doch umklammerte Nesthäkchen angstvoll Fräuleins Rechte, ja, sie kroch fast in die Falten ihres Kleides, um sich möglichst unsichtbar zu machen.
»Da – da –«, flüsterte sie aufgeregt und wies scheu auf einen höchst appetitlich aussehenden Schlächterladen an der Ecke.
»Ja, was denn, siehst du Gespenster, Annemiechen, was ist denn da so Fürchterliches? Frische Blut-und Leberwurst gibt’s heute, aber davor kannst du doch unmöglich Angst haben.«
»Das Schild«, stieß das kleine Mädchen zitternd hervor und hielt sich die Augen zu.
»Rind-und Schweineschlächterei von Karl Piependeckel«, las Fräulein. Sie konnte beim besten Willen daran nichts Schauriges entdecken.
»Schnell, komm schnell vorbei, Fräulein«, bestürmte sie Annemarie in höchster Aufregung.
Aber Fräulein blieb ruhig stehen. Sie mußte der Sache aus den Grund gehen und hören, was das törichte Kind in Furcht setzte. Auch Margot sah ganz erstaunt auf die sonst so kecke Freundin.
»Jetzt sagst du mir, was dich an dem Schild ängstigt«, verlangte Fräulein in so bestimmtem Ton, daß Klein-Annemarie die Händchen von den Augen zog.
»Da –«, sagte sie noch einmal, und buchstabierend las Nesthäkchen voll Grausen: »Kind-und Schweineschlächterei.«
Hellauf lachte Fräulein, und auch Margot stimmte in ihr Lachen ein. Ganz betroffen sah das verängstigte Kind die heiteren Mienen der beiden.
»Aber Annemie, du bist doch dümmer als dumm, der erste Buchstabe ist doch ein großes R und kein K«. Fräulein lachte immer noch. »Rind-und Schweineschlächterei und nicht Kind-und Schweineschlächterei heißt das; du hast wohl Angst gehabt, hier werden kleine Kinder geschlachtet und als Sonntagsbraten verkauft, du kleines Dummerchen?«
»Ja«, gab Nesthäkchen zu und atmete erleichtert auf.
Aber als Margot sie jetzt neckte: »Die Annemie hat geglaubt, der Schlächter macht eine Wurst aus ihr!« da war es ihr doch recht peinlich, daß sie ausgelacht wurde.
Besonders, weil auch daheim etwas von Nesthäkchens merkwürdiger Lesekunst verlautete. Wo sich die Kleine blicken ließ, wurde sie damit aufgezogen.
Sogar Vater, der sein Nesthäkchen doch sonst ein wenig verzog, gab ihr belustigt das Rätsel auf, wodurch sich ein Kind von einem Rind unterscheide.
Und als die Kleine alle möglichen Unterschiede herausfand, hieß die Auflösung: Durch den Anfangsbuchstaben.
Mit den Brüdern mochte Klein-Annemarie gar nicht mehr auf die Straße gehen. Hans machte sie auf jeden Schlächterladen aufmerksam, und Klaus, der Strick, nahm aus Ulk schreiend Reißaus, sobald sie sich einem Fleischgeschäft näherten.
Sogar die gute Hanne hatte mit der Kleinen ihren Spaß. Annemarie pflegte ihr stets, wenn sie aus der Schule kam, einen Besuch in der Küche abzustatten und dabei gleichzeitig nachzuforschen, was es wohl zu Mittag Gutes gab. Als Nesthäkchen wieder einmal Fräulein Topfgucker war und wissen wollte, was Hanne gekocht habe, antwortete diese ernsthaft: »Heut’ gibt’s Kinderbrust mit Bouillonkartoffeln.« Und dabei kam doch nachher Rinderbrust aus den Tisch.
Das Gute an Annemaries lustigem Irrtum war, daß sich die Kleine in der Lesestunde jetzt noch viel mehr Mühe gab als vorher. Sie hatte sich zu sehr geschämt, so was durfte ihr nicht wieder passieren.
Auch in den anderen Stunden konnte Fräulein Hering mit Annemarie Braun zufrieden sein. Keine rechnete so flott wie sie. Längst hätte Annemarie wohl ihre Freundin Margot Thielen überflügelt, denn sie wurden beim Rechnen herauf-und heruntergesetzt, wenn nicht leider auch beim Schreiben die Plätze nach den Nummern eingenommen wurden.
Doktor Brauns Nesthäkchen blieb das, als was es sich gleich in der ersten Schreibstunde eingeführt hatte: Ein kleiner Schmierfink.
Annemaries Hefte sahen niemals tadellos sauber aus. Irgendwo gab es immer ein niedliches Kleckschen, ein ausgewischtes Schwänzchen, und die Seiten zeigten meist lustige Eselsohren. Die schönen, blauen Papierumschläge, die Fräulein zu Beginn der Schule über die Bücher gezogen, hingen zerfetzt herum, trotzdem sie schon erneuert worden waren. Dem kleinen Mädel konnte es nie schnell genug gehen, sie schleuderte stets ihre Schulsachen unachtsam in die Mappe. Alles Schelten und Predigen von Fräulein wollte nichts nützen.
Margot aber war ein sehr ordentliches kleines Mädchen, das sorgsam mit seinen Heften und Büchern umging. Die Schreibseiten von Margot waren stets so sauber und nett, daß fast immer ein »Sehr gut« mit roter Tinte darunter stand.
Ach, wie schauten Annemaries Abschriften dagegen aus! So unsauber, als ob die Hühner darübergelaufen wären. Darum saß Margot noch immer über Annemarie, wenn letztere eigentlich auch aufgeweckter war und im Lesen und Rechnen entschieden besser.
Heute wurde zum erstenmal Diktat in der zehnten Klasse geschrieben. Das war ein Ereignis. Besonders, da Fräulein Hering die Kinder nach der Fehlerzahl setzen wollte. Mit heißen Wangen schrieben die kleinen Mädchen »Beil – Maus – Igel«, und wie die schönen Worte aus der Fibel alle heißen.
»Pfui, Hilde, wer guckt denn ab! Auf das Heft der Nachbarin darf man nicht schielen, denn das ist unehrlich«, unterbrach die Lehrerin plötzlich ernsthaft ihr Diktat.
Hilde Rabe senkte den Kopf mit den stets wie Feuerrädchen allenthalben umherkreisenden Augen. Aber es dauerte nicht lange, da ließ sie dieselben wieder zum Heft des neben ihr sitzenden Mariannchens spazieren, trotzdem dieses schon aus Vorsicht ihr Löschblatt vorhielt.
Diesmal gab es keinen Verweis, sondern Fräulein Hering holte das Schielböckchen nach vorn aufs Katheder. Dort konnte die Hilde beim besten Willen nicht abschreiben, wenn sie auch ihren Hals noch so sehr reckte.
O die Schmach!
Alle Kinder sahen auf sie, Margot Thielen wurde sogar für Hilde rot. Deren Augen aber gingen ebenso lustig im Kreise herum wie sonst, sie schien die Schande nicht übermäßig zu empfinden. Ja, als Fräulein Hering ihr den Rücken wandte, schnitt sie sogar Annemarie eine Grimasse zu.
Die mußte über das ulkige Gesicht lachen.
Fräulein Hering wunderte sich über die beim Diktat nicht recht angebrachte Lustigkeit, besonders, da sie gerade das Wort »weinen« diktierte.
»Ei, Annemie, weshalb freust du dich denn so über dieses Wort?«
Die Kleine sprang, rot wie eine Mohnblume, von ihrem Sitz auf. Denn das hatte die Annemarie auch inzwischen gelernt, daß man aufstehen muß, wenn man in der Schule gefragt wird.
Aber sie antwortete nicht. Nesthäkchen wußte von den größeren Brüdern, daß Klatschen gemein ist, und Klaus hatte erst gestern einen Jungen aus seiner Sexta einen »Petzerich« genannt. Nein – Klein-Annemarie verriet Hilde Rabe nicht.
Da aber meldete sich Ruth, und als Fräulein Hering sie fragte, was sie wolle, antwortete sie mit lauter Stimme: »Hilde Rabe hat ein Gesicht geschnitten!« Das klang wieder, als ob sie ein Gedicht aufsagte.
»Pfui, so ’ne olle Petze!« entfuhr es Annemarie verächtlich.
Fräulein Hering wandte sich zu Ruth und sagte halblaut: »Die Angeberin muß man nie spielen, das ist nicht nett, Kind!«
Ruth, die geglaubt hatte, noch obendrein belobt zu werden, wurde jetzt ebenso rot wie Annemarie vorhin. Das Diktat aber konnte nun seinen Fortgang nehmen.
Die Erste einer jeden Bank sammelte die Hefte ein und brachte sie der Lehrerin auf das Katheder. Da lag nun das ganze Pack, die himmelblauen, rosa und roten Seidenbändchen, mit denen die Löschblätter angeheftet waren, grüßten lustig zu den Kindern herüber.
Schon in der letzten Stunde gab Fräulein Hering die Diktate korrigiert zurück.
»Also null Fehler hat nur eine einzige geschrieben«, begann die Lehrerin.
Hundert Kinderohren spitzten sich begierig, denn jede der Kleinen glaubte sicher, selbst diese »Einzige« zu sein.
»Das beste Diktat hat Annemarie Braun, setze dich die Erste«, fuhr Fräulein Hering fort.
»Juchhe!« – schrie Nesthäkchen voll Seligkeit, trotzdem es längst wußte, daß man solche Freudenäußerungen in der Schule zu unterlassen hat.
»Freu’ dich leise, Annemarie,« mahnte denn auch die junge Lehrerin in ihrer gewinnenden Art, »und ein andermal streiche beim Diktat nichts aus. Heute habe ich nur nach den Fehlern gesetzt, künftig wird auch nach Sauberkeit und Schrift die Rangordnung gemacht.«
Mit glückstrahlenden Augen nahm die Kleine den Ehrenplatz in der Klasse ein.
Ach, was ist das für ein wunderbares, stolzes Gefühl, Erste zu sein! Nesthäkchen hätte in diesem Augenblick nicht mit der Kaiserin von Deutschland getauscht.
Die Zweite wurde Mariannchen, Margot erst die Fünfte. Sie hatte Hund mit t statt mit d geschrieben und lieb mit einem p am Schluß. Da wurden wieder die Tränenschleusen aufgezogen. Margot heulte, weil sie herunterkam und weil sie nun nicht mehr neben ihrer Freundin Annemarie saß. Dadurch fiel auch auf Klein-Annemaries helles Glück ein leichter Schatten, denn welches gutherzige Kind vermag sich uneingeschränkt zu freuen, während die beste Freundin weint?!
Hilde Rabe hatte trotz Abguckens das schlechteste Diktat geschrieben und kam Letzte. Neunzehn Fehler, in jedem Wort einer, manchmal sogar zwei. Jetzt weinte sie und schnitt dabei ebenfalls Gesichter, aber keine lustigen.
»Du wirst schon wieder raufkommen, Margotchen«, tröstete Annemarie die Freundin auf dem Heimweg. »Das nächstemal geht es auch nach Sauberkeit, da kommst du sicher über mich«, stellte sie in uneigennütziger Weise in Aussicht.
Margots betrübtes Gesichtchen wurde hoffnungsvoller. Und als im Tiergarten plötzlich rrrrrrr – rrrrrrr – ein Luftschiff über den Bäumen dahinsegelte, ganz tief, daß die Kinder die winkenden Passagiere erkennen konnten, war sie vollends getröstet und brüllte mit Annemarie um die Wette: »Hurra!«
»Au – fein – so dicht habe ich den Zippel-Zappel-Zeppelin noch nie gesehen, man kann ja den Namen erkennen«, rief Nesthäkchen in das Surren der Propeller hinein und begann zu buchstabieren.
Aber sie kam nur bis zum s, dann war das Luftschiff ihren Blicken entschwunden.
»Hans!« – rief sie hinterher, »es heißt Hans!«
»Ach wo,« lachte Fräulein, »das ist die ›Hansa‹, du bist mit dem Lesen nicht fertig geworden.«
»Wenn ich doch bloß mal mit dem Zippel-Zappel-Zeppelin mitfahren dürfte!« Nesthäkchen sah sehnsüchtig hinter dem stolz seine Bahn ziehenden Luftschiff her. »Das müßte lustig sein, auf all die Menschen und Häuser hinabzublicken.«
»Ich würde mich halbtot ängstigen«, sagte die schüchterne Margot und schüttelte furchtsam das Köpfchen.
»Ich gar nicht,« lachte Nesthäkchen unternehmungslustig, »ich möchte am liebsten eine Reise bis in alle Ewigkeit mit dem Zippel-Zappel-Zeppelin machen!«
Als Annemarie daheim anlangte, wußte sie nicht, welche Neuigkeit sie Mutti zuerst entgegenschmettern sollte. So kam es, daß sie in ihrer Aufregung alles durcheinanderwirbelte.
»Mutti, ich hab’ eben das Luftschiff gesehen – und ich bin Erste gekommen – ich möchte so gern mal mitfahren! Null Fehler habe ich im Diktat, das allerbeste – und Margot hat Angst – die Letzte ist Hilde Rabe!« Nesthäkchens kleines Mundwerk surrte beinah so schnell wie vorhin die Propeller.
»Langsam, langsam, Lotte,« lächelte Mutti. »Null Fehler hast du im Diktat geschrieben, das ist ja schön! Zeig’ dein Heft mal her.«
Annemarie kramte in der nicht sehr ordentlichen Mappe. Endlich hatte sie das Heft gefunden. Stolz schlug sie es auf.
Aber entsetzt starrte Nesthäkchen auf die Seite. Hatte ein böser Märchenkobold ihr unterwegs das Diktat verwandelt?
Da wimmelte es von Fehlern, jedes Wort war rot angestrichen – »19 Fehler« stand unter der Arbeit.
»Ja, Lotte, was soll denn das heißen – willst du mich etwa zum besten haben?« fragte Frau Doktor Braun ärgerlich.
»Nein, Mutti, in der Schule hatte ich bestimmt noch null Fehler, ich weiß wirklich nicht, wie die alle unterwegs in mein Diktat reingekommen sind!« beteuerte Klein-Annemarie.
»Hast du denn auch das richtige Heft eingesteckt, Annemie?« fragte Fräulein, welche die Huschligkeit des kleinen Mädchens nur zu gut kannte.
Nesthäkchen schlug den Deckel um und las die Aufschrift des Etiketts.
»Hil – de Ra – be«, buchstabierte die Kleine zu ihrem grenzenlosen Erstaunen.
»Ich habe Hildes Heft, wir müssen unser Diktat verwechselt haben, aber wie ist das nur möglich? Ich saß doch Erste und sie Letzte«, verwunderte sich Nesthäkchen.
Mutti aber war ärgerlich.
»Jeden Tag verwechselst du was, Lotte! Bald kommst du mit einem falschen Hut nach Hause, bald mit einem fremden Schirm. Nimm doch deine Gedanken zusammen!«
Das gescholtene Nesthäkchen schlich sich traurig in die Kinderstube. Denn wenn man besonders stolz gewesen ist und ein Lob erwartet hat, trifft Tadel um so empfindlicher.
Als Annemarie nachmittags ihre Schularbeiten machen wollte, stellte es sich heraus, wie das Heft von Hilde Rabe in die Mappe gekommen war.
Annemarie langte nach der Fibel – »Hilde Rabe« prangte auf dem Etikett. Sie suchte das Schreibheft hervor – »Hilde Rabe« war darauf zu lesen. Welches Buch oder Heft Klein-Annemarie auch vorkramte, überall stand »Hilde Rabe« darauf. Die Sache wurde der Kleinen immer rätselhafter.
»Fräulein, ich muß in Gedanken sämtliche Bücher und Hefte von Hilde eingepackt haben und ihren Federkasten dazu«, rief sie erstaunt.
Dies kam Fräulein denn doch nicht recht glaubhaft vor. Sie untersuchte selbst die Mappe, und da kam es heraus, daß unser kleines, liederliches Fräulein gar nicht ihre eigene Mappe hatte, denn auf dem Schild war ebenfalls »Hilde Rabe« eingraviert. Die Mappen sahen sich sehr ähnlich, und da die beiden Kinder ihre Garderobenhaken nebeneinander hatten, war Annemarie in ihrer freudigen Aufregung die Verwechselung passiert.
Nun mußte sie mit Fräulein zu der kleinen Schulkameradin gehen und die Mappen austauschen, sonst konnte sie ihre Schularbeiten nicht anfertigen.
Das war recht peinlich für die Erste der Klasse, sich als ein so huschliges kleines Mädchen zu zeigen. Und Fräulein hielt auf dem Wege auch nicht mit Vorwürfen zurück.
»Ich will mich aber ganz bestimmt bessern, Mutti soll nie mehr böse auf mich sein«, nahm sich Klein-Annemarie vor als sie abends in ihrem weißen Gitterbettchen lag. »Ich bin wirklich zu unachtsam« – aber als Annemarie so weit in ihrer Selbsterkenntnis gekommen war, da schlief sie auch schon.
9. Kapitel
Mit dem Zippel-Zappel-Zeppelin
Inhaltsverzeichnis
Nesthäkchen lag im Bett und träumte.
Ein merkwürdiges Surren hörte sie in der Luft – rrrr – rrr – du gerechter Strohsack – durch das Fenster kam, trotzdem dasselbe fest verschlossen war, das Luftschiff, das Annemarie im Tiergarten bewundert hatte.
Himmel, der Zippel-Zappel-Zeppelin kreuzte in der Kinderstube hin und her! Und schließlich hielt er gerade über Annemaries Bettchen. Deutlich konnte die Kleine die sich wie Windmühlenflügel drehenden Propeller sehen.
»Du wolltest ja so gern mal mit dem Zippel-Zappel-Zeppelin eine Reise durch die Luft machen,« erklang es aus dem Luftschiff heraus, »nun komm nur mit!«
Aber Nesthäkchen war es jetzt, wo es wirklich Ernst mit der Erfüllung ihres Wunsches werden sollte, doch nicht recht geheuer zumute.
»Nee, ach nee,« rief es angstvoll, »Fräulein würde sich sorgen, wo ich denn geblieben bin, und ich schoniere mich auch so im Nachthemdchen!«
»So nimm die Bettdecke um,« klang es wieder aus dem Luftschiff herab, »komm nur mit.«
Und ehe Klein-Annemarie wußte, wie ihr geschah, saß sie, warm in die Bettdecke gehüllt, auch schon drin in dem Passagierraum, aus dem im Tiergarten die Menschen heruntergewinkt hatten.
Rrrrrr – rrrrrr – ging es mit ihr wieder durch die geschlossene Fensterscheibe hinaus in die Nacht.
Nesthäkchen sah sich neugierig auf dem Luftschiff um. In dem Glasraum saßen drei Herren, das waren Herr Zippel, Herr Zappel und Herr Zeppelin. Letzteren kannte Annemarie vom Bilde her.
»Ei, Annemarie, wie gefällt es dir denn bei uns?« fragte Herr Zippel.
»Fein!« sagte die kleine Reisende, deren Angst sich allmählich legte, und hopste ein bißchen vor Vergnügen.
»Nicht so wild,« mahnte Herr Zappel und sah dabei genau wie Fräulein Hering aus, »sonst geht unser Luftschiff entzwei.«
»Sieh nur, wie hoch wir schon sind«, machte Herr Zeppelin die Kleine aufmerksam.
Wirklich – sie flogen über den Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche hinweg, dem Riesen, den Annemarie stets auf ihrem Schulweg bewunderte.
»Meine Schule, da – da unten!« die Kleine wies erfreut auf ein winziges, kleines, rotes Ding. Das stattliche Ziegelgebäude sah von dieser Höhe nicht viel größer aus als ein purpurner Fliegenpilz.
Und immer höher ging’s und höher.
»Halt« – schrie Nesthäkchen plötzlich – »einen Augenblick, Herr Zippel-Zappel-Zeppelin, ich muß noch mal umkehren, ich habe was vergessen.«
»Wenn es vielleicht bloß ein Taschentuch ist, das könnten wir dir borgen«, sagte Herr Zippel freundlich.
Herr Zappel aber runzelte die Stirn: »Immer was vergessen, wo hast du denn bloß deine Gedanken, ein kleines Mädchen muß achtsam sein!« Seine Stimme klang ganz genau so wie die von Mutti – es war wirklich merkwürdig.
»Ein Taschentuch brauche ich nicht – danke schön – ich habe keinen Schnupfen«, erwiderte Annemarie ziemlich kleinlaut, weil sogar Herr Zappel über ihre Vergeßlichkeit böse war. »Ich wollte bloß meine Puppe Gerda holen, die würde gewiß für ihr Leben gern mal mit dem Luftschiff fahren.«
»Na, das wäre ja noch schöner«, ließ sich da Herr Zeppelin vernehmen. »Wir haben mehr zu tun, als wegen einer dummen Puppe umzukehren.«
Weiter ging’s – rrrrrr – rrrrrr – immer höher. Die Häuser drunten auf der Erde sahen jetzt so winzig aus wie Stecknadelköpfe und die höchsten Berge wie niedliche Fingerhüte.
Klein-Annemarie wurde es wieder bang zumute.
»Au – wenn wir von hier oben runterkegeln«, sagte sie herzklopfend und spähte in die schwarze Tiefe hinab.
Dort waren die hellen elektrischen Bogenlampen, welche die Straßen Berlins beleuchteten, und die wie kleine milchweiße Monde in der Finsternis gehangen hatten, längst erloschen. Schwarz gähnte die Nacht da unten.
»Du darfst dich nicht zu sehr aus dem Fenster hinauslegen, Kind«, warnte der eine der Herren.
Und immer noch stieg der Zippel-Zappel-Zeppelin – rrrrr – rrrrr – mit dem Nesthäkchen.
»Jetzt sind wir im Lande des Windes«, erzählte Herr Zippel der kleinen Mitreisenden.
»Ssssssss – sssssss –« so sang und tönte es rings in der Luft, als ob tausend Telegraphendrähte zu surren begönnen.
Holla – da war er auch schon selbst, der Wind. Ein pausbackiger Bub mit aufgeblasenen Backen und braunen, lustigen Spitzbubenaugen, wie Bruder Klaus sie hatte.
»Sssssss – ssssss –« so sang er Nesthäkchen ins Ohr, daß ihr fast das Trommelfell platzte. »Pfffffff – Pfffff –« da pustete er sie an, daß die Kleine in ihrem dünnen Nachtröckchen erschauerte. Holla – jetzt griff er mit seiner derben Faust gar in ihre goldblonden Locken und zauste sie, der nichtsnutzige Schlingel. Gerade so, wie das Bruder Kläuschen bei ihren ziemlich häufigen Fehden zu tun pflegte.
»Au!« schrie Annemarie.
Herr Zippel gab dem übermütigen Pausback eins auf die Finger. Da machte der Wind, daß er weiterkam.
»Sssssss – ssssss –« immer leiser klang seine Stimme aus der Ferne.
Herr Zappel hüllte das vor Kälte zitternde Kind fest in die Bettdecke, und Herr Zeppelin ließ es von seinem Glas Wein nippen. Das machte Vater mit seinem Nesthäkchen mittags genau ebenso. Jetzt wurde es der Kleinen mollig und gemütlich zumute. Aber es kam wieder schlimmer.
»Hui – iiii – hui – iiii« – pfiff es plötzlich in den Lüften.
Annemarie zog schnell ihren Kopf zurück, denn eiskalter Atem schlug ihr ins Gesicht.
»Jetzt sind wir im Reich des Sturmes«, belehrte sie Herr Zippel. »Halte dich fest, Kind, daß er dich nicht hinausweht.«
»Hui – iiii – huii – iiii« – wilder pfiff und heulte es. Mit fliegenden Gewändern und flatternden Haaren kam der Sturm dahergebraust. Er rüttelte an dem Luftschiff, daß die Glasscheiben klirrten und die Propeller sich in rasender Geschwindigkeit drehten.
»Der stellt sich schlimmer, als er ist«, beruhigte Herr Zeppelin das furchtsame Kind. »Hab’ nur keine Angst!«
Aber Klein-Annemarie verstand die wohlgemeinten Worte nicht bei dem Pfeifen und Heulen des Sturmes.
Immer lauter und toller wurde das Geheul ringsum.
»Jetzt kommen wir zu dem Orkan«, schrie Herr Zippel der sich furchtsam an ihn schmiegenden Kleinen ins Ohr.
Hu – der brüllte und tobte – hu – der schleuderte das Luftschiff in die Höhe, als ob er mit ihm Fangball spielen wollte.
Vor Grausen schloß Nesthäkchen seine Augen. Es glaubte, jeden Augenblick in die Tiefe geschmettert zu werden.
Da legte sich der Höllenlärm plötzlich, die nadelscharfe Eisluft wurde milder.
»Nun ist’s überstanden,« sagte Herr Zeppelin lächelnd zu der Kleinen, »gleich sind wir im Wolkenland.«
Annemarie wagte es wieder, die Augen zu öffnen. Die schwarze Finsternis war geschwunden, matte Helligkeit breitete sich rings aus.
War das schon der Morgen?
Nein, das matte, milde Licht kam von großen, weißen Wolkenbergen, durch die das Luftschiff jetzt geschickt segelte.
Auf jedem dieser flaumweichen, weißen Berge hockte ein niedliches Engelchen im rosenroten Badeanzug. In der Hand hielt es ein aufgespanntes, silbernes Regenschirmchen, denn hier oben regnete es immerzu.
»Das sind die Kinder, die sich früher auf Erden nicht ordentlich haben waschen lassen, nun müssen sie hier oben immerzu im Regen sitzen«, erzählte Herr Zippel der Kleinen.
Die bekam einen Schreck. Na, künftig wollte sie aber nicht mehr beim Waschen schreien.
»Du hast ja schon wieder deinen Regenschirm mit Hilde Rabe verwechselt, kannst du denn nicht aufpassen und achtsamer sein!« tadelte Herr Zeppelin jetzt im Vorbeisausen einen kleinen Engeljungen.
Traurig ließ das Engelchen seine Flügel hängen, und Nesthäkchen dachte: »Der ist genau so liederlich wie ich!« Aber wie der Engel gerade zu dem Schirm von Hilde Rabe gekommen war, das wurde Annemarie nicht klar.
Da – ein greller Zickzack leuchtete schwefelgelb zwischen den Wolken auf, daß die Kleine ihre Augen geblendet schließen mußte. Und jetzt dröhnendes Rollen, so laut und grollend, daß Annemarie zu weinen anfing.
»Du dummes, kleines Mädel, du hast doch nicht etwa Angst vor dem Gewitter?« fragte Herr Zippel belustigt.
»Doch, ganz schreckliche!« flüsterte die kleine Reisende.
»Aber du bist doch schon sieben Jahre alt und gehst bereits in die Schule, da darf man doch nicht mehr so töricht sein.« Unzufrieden schüttelte Herr Zippel den Kopf.
»Mutti oder Vater nehmen mich immer auf den Schoß, sobald es gewittert«, weinte Nesthäkchen. »Und wenn es nachts kommt, krieche ich unter die Decke.« Das kleine Mädchen hielt sich noch immer krampfhaft die Augen zu.
»Ei, wer hat denn seine Freundin Margot neulich ausgelacht, weil dieselbe Furcht vor Puck hatte? Vor dem Gewitter Angst zu haben, ist noch tausendmal dümmer. Ein Gewitter reinigt die Luft und bringt Menschen, Tieren und Pflanzen Erquickung«, sprach Herr Zeppelin.
»Das sagt Vater auch immer«, bestätigte Annemarie. »Aber mir bringt es niemals Erquickung, sondern bloß mächtige Angst.«
Das Gewitter war vorüber.
Durch die Milchstraße flog das Luftschiff. Da standen lauter Brunnen, aus denen floß Milch statt Wasser. Kleine Engel mit blauen Leinenkitteln, aus denen die Flügelchen heraussahen, liefen geschäftig mit silbernen, blitzblanken Milchkannen hin und her.
»Das sind alles Kinder gewesen, die ihre Milch auf Erden immer stehengelassen haben. Nun müssen sie im Himmel zur Strafe Milch austragen«, berichtete Herr Zappel.
»Wenn man seinen Kakao stehenläßt, das ist wohl nicht so schlimm?« erkundigte sich Nesthäkchen interessiert.
»Das ist eins wie das andere, ich rate dir, trinke ihn von nun an lieber hübsch aus«, meinte Herr Zeppelin.
Na ob – das hatte sich Annemarie schon allein vorgenommen.
»Kommen wir nicht bald zur lieben Sonne?« erkundigte sie sich, um dem etwas peinlichen Gespräch eine andere Wendung zu geben.
»Nein, die ist augenblicklich nicht zu Haus. Die macht jede Nacht eine kleine Reise nach Amerika und scheint dort. Denn wenn bei uns in Europa Nacht ist, haben die Leute in Amerika Tag.«
»Das ist ulkig«, lachte Nesthäkchen. »Aber mein Bruder Hans hat mir das schon mal erzählt. Der ist nämlich schrecklich klug, weil er doch schon in der Untertertia ist.«
Nun ging es geradeswegs ins Mondland. Da webte ein silbernbläuliches Licht, das war so mild und sanft, als wenn Mutti ihr Nesthäkchen streichelte.
An eine große, große Wiese kamen sie, da blühten lauter goldene Sterne. Viele kleine Mondkälber weideten auf der Wiese. In der Mitte aber saß der gute Mond mit seinem breiten, freundlichen Gesicht, wie er immer abends in Nesthäkchens Kinderstube zu blicken pflegte, der war der Hirt. Da hielt das Luftschiff.
»Also du bist Doktor Brauns Nesthäkchen?« sagte der Mond und winkte ihr mit seinem silbernen Hirtenstab, näherzutreten.
»Ja, das bin ich, Onkel Mond«, antwortete Annemarie und machte einen artigen Knicks. »Und außerdem bin ich auch noch die Erste der zehnten Klasse!« fügte sie zutraulich hinzu, denn der gute Mond war ihr ein lieber Bekannter.
»So – so«, schmunzelte der Mond und verzog seinen Mund von einem Ohr zum andern. »Na, wenn du solch ein schlaues kleines Mädchen bist, dann zähle mir doch mal meine Mondkälber hier.«
»Gern, Onkel Mond«, sagte Nesthäkchen mit einem höflichen Knicks und begann zu zählen. Dazu blies der Mond auf einer Silberschalmei »Weißt du, wieviel Sternlein stehen.«
Aber die vielen tausend Mondkälber sprangen unaufhörlich durcheinander, daß Annemarie nicht wußte, welche sie schon gezählt hatte und welche nicht.
»Ich kann das nicht rechnen, das haben wir noch nicht in der Schule gehabt«, kam es weinerlich von ihren Lippen.
»Ei, so dumm bist du«, sagte der Mond und schüttelte seinen großen Kopf. »Und dabei willst du Erste sitzen?« Er sah gar nicht mehr freundlich aus, sondern ganz böse.
»Ich will nach Haus – ich will zu meiner Mutti!« rief Klein-Annemarie beleidigt, während ihr die Tränen in die Augen traten.
Herr Zeppelin aber meinte verwundert: »Du wolltest doch bis in alle Ewigkeit mit dem Luftschiff reisen, Annemie. Man muß nie etwas Unüberlegtes sagen!«
»Jetzt habe ich aber genug, jetzt will ich nach Haus«, rief Nesthäkchen weinend und lief zu dem Luftschiff zurück. »Wo ist denn die Erde überhaupt?« Die Kleine spähte aus dem Fenster in die schwarze Tiefe hinab.
»Die ist so weit, daß sie gar nicht mehr zu sehen ist«, antwortete Herr Zippel.
»Aber ich muß doch in die Schule! Ich muß aufpassen, wer noch nach dem Läuten spricht, weil ich doch die Erste bin!« schluchzte Nesthäkchen und lehnte sich noch weiter aus dem Fenster.
»Zurück – du fällst!« rief Herr Zappel erregt.
Zu spät – pardauz – da plumpste Nesthäkchen bereits aus dem Luftschiff heraus.
Sie fiel – immer tiefer und tiefer fiel sie. Nirgends ein Vorsprung, nirgends eine Spitze, an der sie sich hätte festhalten können.
»Ich falle!« schrie sie, und da war sie endlich auf der Erde angelangt.
Sie schlug die Augen, die sie angstvoll bei dem jähen Sturz geschlossen hatte, auf – wie merkwürdig, gerade in ihr Bettchen war Klein-Annemarie hineingefallen. Vor demselben aber stand Fräulein und lachte.
»Du hast wohl geträumt, Annemiechen, es ist Zeit zum Aufstehen.«
»Ich bin doch eben noch mit dem Zippel-Zappel-Zeppelin im Mondland gewesen«, meinte die Kleine noch ganz verschlafen. »Hörst du denn das Luftschiff nicht surren, Fräulein?«
»Rrrrrr – rrrrrr«, klang es wirklich vom Fenster her.
Eine große schwarze Brummfliege surrte dort gegen die Fensterscheibe.
10. Kapitel
Im Zoologischen Garten
Inhaltsverzeichnis
Tante Käthchen und Onkel Heinrich aus Arnsdorf, dem Gut, auf dem Nesthäkchen und ihre Brüder im vorigen Jahre herrliche Sommerferien verlebt hatten, waren zu Besuch nach Berlin gekommen. Das gab eine Freude, jeder Tag war jetzt ein Festtag.
Tante Käthchen war Muttis Schwester und hatte Nesthäkchen ganz besonders in ihr Herz geschlossen. Nur schade war’s, daß Cousine Elli hatte zu Hause bleiben müssen. Trotzdem Elli sechs Jahre älter war als Klein-Annemarie, waren die Cousinen gut Freund miteinander.
Aber die Spazierfahrten, die vielen Besorgungen, die meistens in einer Konditorei endigten, zu denen Tante Käthchen Nesthäkchen öfters mitnahm, trösteten über Ellis Fernbleiben.
»Wenn Sonntag schönes Wetter ist, gehen wir mit euch drei Banditen nach dem Zoologischen Garten«, verkündete Onkel Heinrich eines Tages den mit leuchtenden Augen lauschenden Braunschen Kindern.
»Au – fein – famos!« Mit dreistimmigem Jubel wurde Onkels Vorschlag aufgenommen.
»Darf meine Gerda auch mit, lieber Onkel Heinrich? Sie ist noch nie in ihrem Leben im Zoologischen Garten gewesen.« Nesthäkchen schmiegte den Blondkopf zärtlich bettelnd an Onkels Bart.
»Aber natürlich – erst recht, die junge Dame ist feierlichst eingeladen«, lachte der nette Onkel.
»Gerda – Gerdachen – du darfst mit in den Zoologischen Garten!« jauchzend schallte es durch die Kinderstube. Puppe Gerda strahlte über das ganze Porzellangesicht, denn es gab jetzt manchmal Tage, wo Annemarie sich gar nicht mehr um sie kümmern konnte. Das kleine Schulmädel hatte zuviel andere Pflichten. Darum freute Gerda sich doppelt auf das bevorstehende Vergnügen.
»Nun sorgt nur dafür, daß Sonntag schönes Wetter ist, Kinder«, mahnte Tante Käthchen scherzend. Das taten sie denn auch alle drei, jedes auf seine Weise.
Hans setzte seinen Laubfrosch, den grünen Wetterpropheten, auf die oberste Sprosse der kleinen Leiter, die aus dem Glas herausführte. Da mußte das Wetter doch gut werden.
Klaus, der zu seinem letzten Geburtstage ein kleines Wetterhäuschen bekommen hatte, sah am Sonnabend abend mit Schrecken, daß der kleine Mann mit dem Regenschirm, der schlechtes Wetter prophezeite, im Begriff war, aus dem Häuschen herauszutreten. Da zogen und zerrten die unnützen Jungenfinger so lange an dem kleinen, sich im Haus verkriechenden Frauchen, welches nur bei schönem Wetter vor dem Häuschen erscheint, bis es ärgerlich heraussprang. Freilich war das Wetterhäuschen entzwei – aber was tat das – wenn es nur morgen nicht regnete!
Nesthäkchen aber faltete abends im Bett seine Händchen und bat den lieben Gott so recht innig, doch morgen bloß die Sonne scheinen zu lassen.
Was nun die Veranlassung war, daß am Sonntag wolkenlos blauer Himmel über Berlin erstrahlte, ob der Laubfrosch von Hans, ob das kaputte Wetterhäuschen von Klaus oder Nesthäkchens Abendgebet, das weiß man nicht genau. Die Hauptsache war, daß aus dem Besuch im Zoologischen Garten etwas wurde.
Die Jungen in hellen Waschanzügen, Annemarie im weißen Stickereikleid mit mattrosa Seidenschärpe, so setzte sich die Karawane in Bewegung. Puppe Gerda, welche genau so aufgeregt war wie Nesthäkchen, trug dasselbe Kleid wie ihre kleine Mama.
»Sehen Gerda und ich nicht wie Zwillinge aus?« fragte Annemarie Tante Käthchen.
»Ja, wir müssen uns vorsehen, daß wir euch nicht verwechseln«, pflichtete diese ihr lächelnd bei.
»Daß ihr mir dort aber keine Dummheiten macht, ihr Krabben«, drohte Onkel Heinrich, der die Streiche der jungen Herren bei ihrem Sommeraufenthalt in Arnsdorf genugsam kennengelernt hatte. »Verstanden, Musjöh?« Er zog Klaus bei den Ohren.
»I bewahre« – die »drei Krabben« sahen so treuherzig drein, als ob sie kein Wässerchen trüben könnten.
Am Eingang zum Zoologischen Garten stand die liebe Großmama. Jubelnd eilte Annemarie auf sie zu. Daß Großmuttchen mitkam, war eine feine Überraschung.
Nun war man endlich drin, erwartungsvoll sahen sich die Kinder in dem großen, parkartigen Garten um.
»Zuerst zum Elefanten – ja, bitte, Onkel«, bestürmte ihn Nesthäkchen.
»Nee – zu den Raubtieren«, kommandierte Klaus.
»Ich möchte lieber das Nilpferd sehen«, ließ sich Hans vernehmen.
»Selber eins!« erklang es brüderlich-zärtlich von den Lippen des jüngeren Frechdachses Klaus.
Ohne Onkel Heinrichs Dazwischentreten hätten Hans und Klaus höchstwahrscheinlich den Besuch im Zoologischen Garten durch eine kleine, kunstgerechte Keilerei eingeweiht.
Einen Schlingel hüben, einen drüben, so ging es zuerst zu den Elefanten.
Nesthäkchen faßte Großmama ängstlich an die Hand und blieb in respektvoller Entfernung von den grauen Ungetümen stehen.
»Du brauchst dich nicht zu fürchten, Gerdachen, Elefanten beißen nicht, höchstens können sie einen mit ihren dicken Beinen tottreten, aber es ist ja ein Gitter vor«, sprach Klein-Annemarie ihrer Puppe, mehr aber noch sich selbst Mut zu.
»Sieh’ nur, die langen Stoßzähne, Herzchen«, machte Tante Käthchen die Kleine aufmerksam.
»Haach, muß der Elefant aber eine große Zahnbürste haben! Der nimmt am Ende ’ne Teppichbürste zum Zähneputzen, was, Tante Käthchen?« überlegte Annemarie.
»Wißt ihr denn auch, was wir aus den Zähnen der Elefanten gewinnen?« mischte sich Onkel Heinrich, der belustigt zugehört hatte, jetzt ins Gespräch.
Der Untertertianer Hans konnte Auskunft geben.
»Das Elfenbein«, sagte er stolz.
»Jawohl, Elfenbein«, lachte Nesthäkchen los. »Die plumpen Beine von dem Elefanten sehen gerade wie Elfenbeine aus!«
»Die Zähne geben das Elfenbein, nicht die Beine«, belehrte sie Onkel Heinrich unter dem Lachen der übrigen.
Weiter ging’s, zum Nashorn.
Dasselbe erfreute sich nicht Annemaries Wohlgefallen. Gräßlich fand die Kleine das täppische Tier mit dem Riesenpickel auf der Nase.
Aber das Känguruh daneben, das war allerliebst.
»Sieh’ nur, wie ulkig es auf seinen Hinterbeinen hopst.« Nesthäkchen hielt Puppe Gerda hoch, damit sie die possierlichen Sprünge besser sehen konnte.
»Das Känguruh ist ein Beuteltier«, erklärte der Onkel seinen jungen Begleitern. »Das Fell bildet vorn einen Beutel, darin tragen die Mütter ihre Kleinen, die noch zu unbeholfen sind, mit sich herum.«
Wirklich – ein winziges Köpfchen lugte aus dem Fellbeutel der einen Känguruhmutter hervor, und plötzlich sprang das Kleine zum Entzücken sämtlicher umstehenden Kinder heraus, und die Alte leckte das Junge zärtlich.
»Nein, ist das niedlich – hat das Känguruh auch sein Taschentuch und sein Portemonnaie in dem angewachsenen Pompadour?« erkundigte sich Klein-Annemarie lebhaft. »Schade, daß Muttis Pompadour nicht auch angewachsen ist, sie weiß nie, wo sie ihn hingelegt hat«, schwatzte das Plappermäulchen lustig darauf los.
»Nicht so laut, Herzchen.« Großmama legte dem Schwatzlieschen lächelnd den Finger auf den Mund, denn die Umstehenden hörten amüsiert zu.
Jetzt kam man zu den Kamelen.
»Das muß einen Geradehalter kriegen, die Rückenknochen stehen ihm zu sehr raus«, entschied Klaus, Vaters zukünftiger Nachfolger.
»In Afrika reitet man auf den Kamelen«, erzählte Tante Käthchen ihrem kleinen Nichtchen.
»Na, da muß es aber erst gepolstert werden, sonst piekt man sich ja an den spitzen Knochen, ich möchte nicht auf Kamelien reiten, du, Gerda?« Annemarie schüttelte das Köpfchen.
Auch Puppe Gerda schien von dieser Aussicht nicht gerade begeistert, sie hatte überhaupt vor all den großen Tieren heimlich Angst.
»Auf Kamelien kannst du auch nicht reiten, Herzchen«, lachte Großmama. »Kamelien sind Blumen, die Mehrzahl von Kamel heißt die Kamele.«
An dem chinesischen Pudel vorbei, der gar keine Schlitzaugen, ja nicht mal einen chinesischen Zopf hatte, wie Annemarie zu ihrer Verwunderung bemerkte, kam man jetzt zum Zebra.
»Das hat ja seinen Badeanzug an, aber ganz genau wie Hänschens Badeanzug!« rief die Kleine überrascht, auf das schwarz-weiß gestreifte Tier weisend.
Großmama, Onkel Heinrich und Tante Käthchen amüsierten sich besser als im Theater bei Nesthäkchens drolligen Ausrufen.
»Nun ins Raubtierhaus« – »nein, bitte, zu den Seehunden« – »bei den niedlichen Äffchen sind wir noch gar nicht gewesen« – gingen die Wünsche von Jung-Deutschland wieder auseinander.
»Eins nach dem andern,« beschwichtigte Onkel Heinrich, »zu den Straußen und ins Vogelhaus müssen wir doch auch noch.«
»Au ja, bei den Sträußen, da pflücke ich einen feinen Strauß für Mutti, weil sie hat zu Hause bleiben müssen«, rief Nesthäkchen erfreut.
»Der wird sich nur nicht pflücken lassen, Liebling.« Tante Käthchen konnte sich vor Lachen gar nicht beruhigen. »Der Strauß hier im Zoologischen Garten ist ein großer Vogel, von dem wir die Straußenfedern auf den Hüten tragen.«
Klein-Annemarie machte ein verdutztes Gesichtchen. Sie wurde nicht klug aus dem Zoologischen Garten. Wenn sie Tiere meinte, waren es Blumen, und wenn sie einen Strauß pflücken wollte, war der wieder ein Tier. Ihr einziger Trost bestand darin, daß Puppe Gerda nicht schlauer war als sie selbst.
Aber jetzt hatte Nesthäkchen keine Zeit, ihren Gedanken weiter nachzuhängen, denn Onkel Heinrich hatte soeben etwas verkündet, was sowohl Annemaries wie Gerdas Herzchen schneller pochen ließ: »Wir kommen jetzt gleich zum Wolf.«
Der Wolf – der böse Wolf – vom Rotkäppchenmärchen her ist er schon der Schrecken aller Kleinen, als scheußlichstes Ungeheuer pflegt die kindliche Phantasie ihn sich auszumalen.
»Was – das soll ein Wolf sein – das ist ja man bloß eine gutmütige Hundetöle«, machte Nesthäkchen verächtlich, als man vor dem Käfig stand.
»Ich rate dir, stecke deinen Finger nicht hinein, er schnappt zu!« warnte Hans.
Aber gerade das reizte Annemarie.
»Ja, Kuchen« – lachte sie ihn aus, »das ist ja bloß ein Schäferhund!« und sie kam mit dem Händchen in beängstigende Nähe des Gitters.
»Barmherziger!« Großmama zog kreidebleich das fürwitzige Kind zurück, die alte Dame zitterte am ganzen Körper vor Aufregung.
»Wenn du noch einmal solche Dummheiten machst, heißt es »marsch, nach Hause – verstanden, Mamsellchen?« Onkel Heinrichs Gesicht war so ernst, wie Nesthäkchen es noch nie gesehen hatte. Tante Käthchen aber nahm das kleine Mädchen, um dessen Mund es weinerlich zu zucken begann, erschrocken an die Hand.
»Die Tränen stehen in den Augen – die Tränen stehen in den Augen!« sang Klaus, der Strick, dem Schwesterchen neckend ins Ohr. Das pflegte meist das Kriegslied zu sein.
Auch heute wollte Annemarie in ihrem Ärger auf den Schlingel losgehen. Da aber brüllte es plötzlich neben ihr, daß die Kleine, die noch eben versucht hatte, von Tante Käthchens Hand loszukommen, sich krampfhaft an dieselbe klammerte. Die Tränen stürzten jetzt wirklich vor Schreck und Angst aus ihren Augen.
»Nanu, Herzchen, du wirst doch keine Furcht vor dem Löwen haben, der sitzt ja hinter festen Eisenstäben«, beruhigte sie die gute Großmama.
Aber Klein-Annemarie zog aus Leibeskräften vom Löwenzwinger fort in entgegengesetzte Richtung. Puppe Gerda half ihr dabei, denn die hatte noch mehr Angst vor dem brüllenden Löwen wie ihre dumme, kleine Mama.
»Komm, Krabbe, jetzt gehen wir beide mal zusammen ins Raubtierhaus.« Onkel Heinrich packte das feige kleine Fräulein. »Ein Schulmädel darf keine Angst mehr haben!«
Trotzdem es den beiden, Nesthäkchen sowohl wie Puppe Gerda, recht schwül zumute wurde, mußten sie mit Onkel Heinrich mit.
Aber Annemarie hatte kaum das Näschen ins Raubtierhaus hineingesteckt, da zog sie es auch schon wieder zurück.
»Pfui, riecht das hier!« Die warme, strenge Raubtierluft benahm ihr fast den Atem.
Aber Onkel Heinrich ließ nicht locker, Nesthäkchen sollte sich die lächerliche Furcht abgewöhnen. Zuerst zeigte er ihr die Löwenkinderstube. Da wagte sich Annemarie schon näher. Die gelben, kleinen Dinger, die so drollig wie Kätzchen miteinander spielten, machten ihr Spaß. Vor dem Vater der Löwenkinderchen hatte sie aber bei weitem mehr Respekt. Unermüdlich lief der in dem Käfig auf und ab – hin – her – hin – her – immer dieselbe kurze Strecke.
»Wird er denn gar nicht schwindlig?« erkundigte sich Annemarie, da der Löwe sie augenblicklich nicht durch sein Gebrüll einschüchterte, teilnahmsvoll. Und als Onkel dies durchaus verneinte, setzte sie hinzu: »Gut, daß Hilles nicht unter ihm wohnen wie bei uns, die würden sich sein Getrampel bald verbitten.« Klein-Annemarie hatte darin nämlich trübe Erfahrungen gemacht. Die unter Doktor Braun wohnenden Mieter hatten schon manchmal heraufgeschickt und um Ruhe gebeten, wenn die Schlacht zwischen ihr und Klaus gar zu wild tobte.
Aber Annemarie sowohl wie Gerda atmeten doch beide erleichtert auf, als das Raubtierhaus mit seinen Gefahren hinter ihnen lag.
Das Affenhaus, ei, das war ein ganz anderes Ding, da konnte das gepreßte Herzchen wieder beruhigt schlagen. Ja, das Affenhaus war das Schönste vom ganzen Zoologischen Garten!
Wie sie sprangen und kletterten, die kleinen Äffchen. Hier schaukelte sich eins, dort spielten zwei wie Kinder Haschen, und drüben prügelten sich gar ein paar kleine Feinde. Annemie hätte ihr ganzes Leben lang hier stehen und zuschauen mögen. Gerda freilich war so dumm, sogar bei den harmlosen Äffchen furchtsame Augen zu machen.
Aber als Annemarie hell und lustig auflachte über die possierlichen Tierchen, da verzog Puppe Gerda das Gesicht auch zu einem Lachen, aber sie sah dabei aus, als ob sie Zahnschmerzen habe.
»Ach, Onkel Heinrich, sieh nur das süße Äffchen hier, das betet gerade.« Nesthäkchen wies andächtig auf einen Affen, der die Hände bettelnd erhoben hatte.
»Wer so schön bittet, soll auch etwas kriegen!« Onkel Heinrich ließ sein Nichtchen los, da ja hier keine Gefahr war, und zog eine vielversprechende Tüte aus der Rocktasche. Daraus holte er eine Knackmandel und reichte sie dem kleinen Vierhänder durch die Gitterstäbe.
Geschickt knackte der braune Gesell die Mandel auf, die Schalen aber warf er voll Unverschämtheit Onkel Heinrich an den Kopf.
»Du, sei nicht so frech zu meinem Onkel, ist das etwa der Dank!« machte Annemarie ihm Vorwürfe, während die andern sich gottvoll amüsierten.
Das Äffchen ließ sich in seiner Mahlzeit nicht stören. Die Jungen hatten Onkel die Tüte abgebettelt, das Füttern machte ihnen den größten Spaß. Klaus ließ es allerdings dabei nicht bewenden. Er begann die Affen zu necken. Erst hielt er ihnen eine Knackmandel verlockend hin, und wenn sie danach faßten, zog er sie schnell wieder zurück. Da besann sich der eine Affe nicht lange, er holte aus und – schwapp – hatte Kläuschen seine Ohrfeige weg.
Laut aufschrie er vor Schreck. Onkel Heinrich aber schmunzelte: »Das ist dir gesund, mein Junge, sogar der Affe weiß, was dir, Bandit, zuträglich ist.«
Auch Nesthäkchen beteiligte sich am Füttern. Die Äffchen waren ja so zahm, die taten ihr nichts.
Wieder hielt Annemarie ihrem besten Freunde, einem Äffchen mit fabelhaft ähnlichem Menschengesicht, ihre Gabe hin. Der aber griff, statt nach der Mandel, plötzlich nach Puppe Gerda. Ehe Annemarie wußte, wie ihr geschah, hatte nicht mehr sie, sondern der Affe das entsetzte Puppenkind im Arm.
»Meine Puppe, meine Gerda!« laut aufkreischte Nesthäkchen, es brach in ein bitterliches Geheul aus. Das Äffchen aber sprang mit Puppe Gerda seelenvergnügt auf den Kletterbaum und begann ihre schönen Haare zu frisieren.
Die umstehenden Besucher lachten aus vollem Halse, während Klein-Annemarie aus vollem Halse schrie!
Mit hilflosen Augen, voll Todesangst, blickte die arme Gerda, die der Affe jetzt liebevoll in seinen langen Armen wiegte, zu ihrer schreienden, kleinen Mama herab.
Onkel Heinrich lachte ebenfalls dröhnend, und auch Tante Käthchen und die Brüder stimmten mit ein. Der Anblick war überwältigend komisch. Nur Großmama, die allerbeste, neigte sich zärtlich zu dem jammernden Enkelchen herab und tröstete: »Er wird sie schon wiedergeben, weine nur nicht, Liebling.«
Aber der Affe war weniger liebenswürdig, als Großmama annahm. Er dachte gar nicht daran, sich von Puppe Gerda zu trennen. Im Gegenteil, sie gefiel ihm von Minute zu Minute besser. Zärtlich streichelte er sie mit seinen behaarten Pfoten. Als der Wärter, den Onkel Heinrich herbeirief, ihn zu sich lockte, um ihm seinen Raub wieder abzunehmen, sprang er mit der Puppe in die äußerste Ecke des Käfigs. Dort saß er, die vor Angst halbtote Puppe fest an sein zottiges Fell gepreßt, und fletschte die Zähne.
Eine wilde Jagd begann durch den Affenkäfig um Puppe Gerda. Auch die anderen Affen beteiligten sich daran, denn sie gönnten ihrem Kollegen die schöne Puppe nicht. Vor dem Affenhaus sammelte sich eine dichte Menschenmenge. Alles schrie, lachte und johlte, und nur ein kleines Mädchen weinte bitterlich. Ganz vorn stand es am Gitter und rief vergebens in den zärtlichsten Mutterlauten: »Gerda, meine süße, kleine Gerda!«
Endlich hatte der Wärter den kecken Dieb erwischt. Er befreite die ohnmächtige Gerda aus den langen, zottigen Affenarmen, zog dem braunen Mosjö eins mit seinem Stock über und legte das unverletzte, wenn auch etwas zerdrückte Puppenkind seinem jammernden Mütterchen in die Arme. Die glückselige Freude des reizenden kleinen Blondkopfes mit anzusehen, war geradezu rührend.
»Na, ich denke, wir stärken uns jetzt erst mal auf den Schreck«, meinte Onkel Heinrich, nachdem er dem Wärter ein Trinkgeld gegeben.
Klein-Annemaries Blauaugen, an denen noch blanke Tränen zitterten, strahlten. Wenn Onkel Heinrich von »stärken« sprach, dann pflegte der Apfelkuchen mit Schlagsahne nicht mehr lange auf sich warten zu lassen.
Puppe Gerda schlug mit Hinsicht auf die bevorstehenden Herrlichkeiten schnell wieder ihre Klappaugen auf. Ach, wie glücklich war sie, Klein-Annemaries rosiges Gesichtchen über sich zu sehen und nicht mehr das des braunen, fletschenden Unholds.
Auf dem Wege zu der im Zoologischen Garten gelegenen Konditorei traf Tante Käthchen Bekannte. Auch Onkel Heinrich und Großmama beteiligten sich an der Unterhaltung. Dieselbe währte ziemlich lange. Die Kinder, die nach ihrem Apfelkuchen verlangten, wurden ungeduldig.
Hans und Klaus unterhielten sich damit, den Seehund, bei dem man gerade Posto gefaßt hatte, durch Steinwürfe aus dem Wasser herauszulocken. Dabei wurden die reinen Waschanzüge von oben bis unten bespritzt.
Nesthäkchen und Puppe Gerda aber blieben bei der kaum zehn Schritt entfernten Musikkapelle stehen. Dort ließ die Kleine ihr Puppenkind zur Entschädigung für die ausgestandene Angst nach der Musik tanzen.
Als Annemarie, nachdem die Trompeten und Pauken schwiegen, sich umwandte, ob denn Tante Käthchen noch immer nicht mit ihrer Unterhaltung fertig war, wurden ihre Augen noch einmal so groß. Der Platz, auf dem Großmama, Onkel und Tante gestanden hatten, war leer. Nirgends eine Spur von ihnen, auch Hans und Klaus waren nicht zu erblicken.
Daß sie selbst um die Musikhalle herumgegangen war, um die große Pauke besser sehen zu können, und sich nun auf der anderen Seite der Halle befand, daran dachte Klein-Annemarie in ihrem Schreck nicht.
Sie tat das Törichtste, was sie nur tun konnte. Die kaum versiegten Tränen stürzten ihr wieder aus den Augen, weinend lief sie in irgendeiner Richtung davon. So entfernte sie sich immer mehr von den auf der anderen Seite der Musikhalle angstvoll nach ihr Suchenden. Wäre sie dagegen ruhig stehengeblieben, so hätte man sie sicher bald gefunden. Denn Onkel Heinrich umkreiste die Musikhalle, die dicht von Zuhörern umlagert war, beim Suchen soundso oft.
Großmama war halbtot vor Angst. Ihr Liebling – ihr Herzblatt – Gott weiß, was ihm geschehen war. Die erregte, alte Dame sah bereits die Kleine von den wilden Tieren zerrissen, sie hatte ja Nesthäkchens Fürwitz genügend kennengelernt. Und das Abenteuer von Puppe Gerda trug noch dazu bei, daß Großmama sich die schrecklichsten Bilder ausmalte. Was konnte der Kleinen nicht alles passieren!
»Wir wollen uns trennen und jeder nach ihr suchen«, schlug Bruder Hans vor.
Aber »hiergeblieben!« donnerte Onkel Heinrich, denn er sorgte sich, trotzdem er die andern wegen ihrer Aufregung auslachte, heimlich gerade wie sie um das anvertraute Kind. »Das fehlte noch, daß ihr auch noch durchbrennt!« Er packte jeden der Jungen der Sicherheit halber beim Kragen.
Tante Käthchen war leichenblaß. Wie sollte sie ihrer Schwester jemals wieder vor die Augen kommen, wenn Nesthäkchen etwas zugestoßen war.
Alle möglichen Leute hielt Onkel Heinrich an und fragte sie, ob sie nicht ein kleines, siebenjähriges Mädchen im weißen Stickereikleid mit blondem Lockenkopf und einer Puppe auf dem Arm gesehen hätten.
Der eine schickte sie dahin, der andere dorthin, aber stets war es ein ganz anderes Kind als Annemarie.
»In meiner Kindheit wurden im Zoologischen Garten verlorengegangene Kinder von der Musikkapelle austrompetet«, erinnerte sich Tante Käthchen in ihrer Angst schließlich.
Onkel Heinrich trat zu dem Musikdirigenten und fragte ihn, ob das noch immer so gehalten würde. Aber der schüttelte den Kopf.
»Nee, da müssen Sie ins Fundbureau, da werden abhandengekommene Gegenstände, Kinder und Hunde zurückgegeben. Es hängen ja überall Anzeigen an den Bäumen.«
Richtig, das hatten alle in ihrer Aufregung übersehen. Hier und da klebten Zettel an den Bäumen, daß verlorengegangene Kinder in der Garderobe am Tiergarteneingang wieder in Empfang zu nehmen seien. Also schien dieser Fall doch öfters vorzukommen. Das war immerhin eine kleine Beruhigung.
Inzwischen war Nesthäkchen laut weinend mit Puppe Gerda durch die Wege des Zoologischen Gartens geirrt. Vom Löwenkäfig zum Bären, und vom Vogelhaus zu den Antilopen.
»Onkel Heinrich – Großmama – Tante Käthchen!« so schallte es jämmerlich von den Lippen der kleinen Verirrten durch die Gänge.
Lieber Gott, wenn es dunkel wurde, wenn sie die Nacht in Gesellschaft von Löwen, Tigern und Bären zubringen mußte – bei dieser Vorstellung begann Nesthäkchen noch lauter zu brüllen als der Löwe selbst.
Ein Wärter des Gartens trat an die Kleine heran, und als er ihren Kummer vernommen, sagte er tröstend: »Na, weine man nicht mehr, kleines Fräulein, ich werde dich in der Garderobe abgeben, da wird dich dein Onkel schon finden.«
Er brachte das verängstigte Kind und die ebenso verängstigte Puppe in die Garderobe, die gleichzeitig das Fundbureau bildete.
Dort saßen nun Klein-Annemarie und Puppe Gerda unter stehengebliebenen Regenschirmen, entlaufenen Kötern, verlorenen Gummischuhen und gefundenen Armbändern und weinten jämmerlich, trotz der gutmütigen Versicherung des Bureaudieners, daß der Onkel sicher bald kommen würde.
Da tat sich auch schon die Tür aus – »Onkel Heinrich – Großmama!« erklang es jauchzend. Fest hing Nesthäkchen an Großmamas Hals, so fest, als ob sie nie wieder aus den sie schützenden Armen der guten Großmama heraus wollte. Puppe Gerda jedoch lag Tante Käthchen im Arm.
»Aber nun nach Haus, daß ich euch Krabben erst mal wieder glücklich abgeliefert habe«, unterbrach Onkel Heinrich die allgemeine Freude und Rührung.
»Och, wollen wir uns denn nicht erst noch stärken?« fragte das wiedergefundene Nesthäkchen enttäuscht.
»Jawohl, auch noch Kuchen mit Schlagsahne zur Belohnung fürs Durchbrennen – Prosit Mahlzeit, da wischt euch nur heute den Mund!« klang es barsch von Onkel Heinrichs Lippen, dabei zwinkerte er jedoch lustig mit den Augen.
Als man aus dem Zoologischen Garten heraustrat, trocknete sich Onkel Heinrich den Angstschweiß von der Stirn und sagte mit einem Seufzer der Erleichterung: »So – einmal und nicht wieder!«
Zu Hause angelangt aber, lag plötzlich vor jedem Kinde ein herrlicher Apfelkuchen mit Schlagsahne.
11. Kapitel
Am grünen Strand der Spree
Inhaltsverzeichnis
»Mutti – Vater – Mutti – Fräulein!« In hellem Jubel stürmte Nesthäkchen in die Wohnung.
Die Mappe flog in eine Ecke, der Federkasten nebst Bleistiften und Pudeltintenwischer sprang in die andere.
»Mutti – Fräulein – Hanne – ach, hört doch bloß mal!« Vor lauter Aufregung brachte die Kleine die wichtige Nachricht gar nicht heraus.
»Aber Lotte, ein kleines Mädchen darf doch nicht so ungestüm sein.« Kopfschüttelnd blickte Frau Doktor Braun auf ihr Töchterchen.
»Sieh’ nur, wie du mit deinen Schulsachen umgehst«, begann nun auch Fräulein ihre Strafpredigt.
Aber sie kam damit nicht weit. Das vor Ungeduld zappelnde Nesthäkchen rief dazwischen: »Ach, liebe, einzige Mutti, bitte, bitte, laß mich doch bloß heute mal ungestüm sein, wir machen ja morgen einen Schulausflug!«
Da war sie heraus, die große Neuigkeit.
Und nun ging es unaufhaltsam weiter. »Mit dem Dampfer fahren wir – einer ganz für uns allein – und eine Mark sollen wir mitbringen! Und unsere allerbesten Kleider brauchen wir nicht anzuziehen, Fräulein Hering möchte, daß wir uns schmutzig machen. Um neun Uhr an der Spreehaltestelle, und Stullen soll sich jedes Kind nach seinem Hunger mitnehmen, ich muß mindestens zwölf haben, Puppen sollen zu Hause bleiben und – ach, ich freu’ mich ja so mächtig!«
Von Mutti lief der kleine Unband zu Fräulein, das ebenfalls vor Glückseligkeit halbtot gedrückt wurde.
»Ja, weißt du denn überhaupt schon, ob wir es erlauben, daß du mitfährst, Lotte?« unterbrach Mutti die Freudenausbrüche bedenklich.
Im Augenblick war das noch eben strahlende Kindergesicht verwandelt. Mit ungläubigen Augen, mit herabgezogenen Mundwinkeln stand Nesthäkchen da.
»Aber – aber – wenn unsere Lehrerin es sagt, dann muß man doch gehorchen!« Die Kinderstimme zitterte, und die großen, blauen Augen flimmerten von aufsteigenden Tränen.
»Nein wirklich, Lotte, du bist mir noch zu klein zu solchem Schulausflug und vor allem zu unachtsam und zu wild.«
Lautes Geplärr übertönte Muttis Rede.
»Ich krieg einen Tadel, wenn ich fehle – hu – a – uh – und wenn die anderen Kinder dürfen, dann muß ich auch dürfen – hu – a – uh –«. Es schrillte durch das ganze Haus.
»Still, Annemie, Hilles schicken wieder rauf und beschweren sich über den Radau«, beschwichtigte Fräulein das schreiende Kind.
»Ist mir ganz gleich, wenn ich nicht mit darf«, das Füßchen in den braunen Wadenstrümpfchen begann vor Empörung sogar zu trampeln.
»Hör’ mal, mein Kind, wenn du so ungezogen bist, ist es bereits erledigt, daß du zu Hause bleibst«, warnte die Mutter.
»Aber wenn ich artig bin – ach, liebe, süße Mutti –.« Klein-Annemarie brach plötzlich in ihrem Quälen ab und stürmte zur Korridortür.
Dort hatte es soeben geschlossen. Vater kam nach Haus. Nesthäkchen wußte schon, an wen es sich mit seinen Bitten wenden mußte.
»Vati – liebes, einziges Vatchen!« Da hing die Kleine an seinem Hals und preßte das tränenfeuchte Gesicht an Vaters reinen Kragen.
»Na, Lotte, mal wieder Überschwemmung, warst du unartig?«
»Nee, schrecklich artig! Bloß weil wir morgen ’ne Landpartie machen, die ganze Klasse, und Mutti mich nicht mitlassen will, heule ich. Ach, Vatchen, erlaube es doch, ja – sieh mal, ich bin doch gar nicht mehr zu klein. Margot ist viel jünger und Pummelchen einen ganzen Kopf kleiner, und die dürfen doch auch.« Dabei drehten die Kinderhändchen bittend an Vaters Jackenknopf, bis derselbe ab war.
»Hm – na, wollen mal sehen.« Doktor Braun hatte nicht Lust, sich noch mehr Knöpfe von den bettelnden Kinderhändchen abreißen zu lassen.
»Du erlaubst es – au fein!« In Annemaries Gesichtchen ging plötzlich wieder die Sonne auf.
»Mutti – Mutti – Vater erlaubt es, weil ich schon so groß bin.« Wie der Wind ging es zum Wohnzimmer zurück.
»Könnte nicht Fräulein unsere Lotte begleiten, daß der Wildfang beaufsichtigt ist?« stellte Doktor Braun, der seinem Kleinchen schwer einen Wunsch abschlug, vor.
»Nee, ach nee, dann ist es gar nicht richtig, Margot bringt auch ihre Emilie nicht mit, und ich bin doch schon sieben Jahre«. Der Sonnenschein auf Nesthäkchens Antlitz wurde wieder von einer Wolke verdunkelt. »Und wenn wir unsere Puppen nicht mitbringen sollen, dann dürfen lebendige Fräuleins doch erst recht nicht mit. Bitte, bitte, Vatchen!« Wieder kamen Doktor Brauns Jackenknöpfe in Gefahr.
Fräulein aber sagte vorwurfsvoll: »Ich habe immer geglaubt, meine kleine Annemie hätte mich lieb, und nun will sie mich zu Hause lassen?«
»Ach, Fräulein, bloß morgen, sonst nehme ich dich auch immer mit. Aber du bist doch nicht in der zehnten Klasse, Fräulein Hering hat noch extra gesagt ›bloß die Schülerinnen der zehnten Klasse‹. Und Fräulein Hering wird schon auf mich aufpassen und der liebe Gott auch!«
Nachdem Frau Doktor Braun sich noch bei Frau Thielen erkundigt hatte, ob dieselbe ihrer kleinen Margot die Teilnahme gestatte, gab auch sie schließlich, wenn auch schweren Herzens, ihre Einwilligung.
Nun war wieder eitel Sonnenschein bei Klein-Annemarie.
»Hänschen, Kläuschen – wir machen morgen einen Schulausflug mit dem Dampfer!« Wie ein Gummiball sprang das kleine Schwesterchen in das Zimmer der Brüder.
»Pah« – machte Klaus geringschätzig, »wir machen nächstens auch einen, aber mit Kremsern, und da bammeln bunte Lampions dran«, so versuchte er sie zu übertrumpfen.
»Aber Dampferfahren ist viel feiner, da kann man richtig bei ersaufen – etsch, siehste!« prahlte Klein-Annemarie wieder.
»Du, lass’ das nicht Mutti hören, sonst mußt du noch zu Hause bleiben, wenn du solche Absichten hast«, warnte der große Bruder Hans.
»Ach wo, ich will doch gar nicht ersaufen«, beteuerte die Kleine eifrig. »Aber Kläuschen, ich habe eine Riesen-Riesenbitte an dich, tu es doch, ja?«
»Nee«, lehnte dieser kurz ab. Er erfüllte überhaupt nicht gern Bitten. Riesenbitten noch weniger, und nun noch gar Riesen-Riesenbitten. Nee, dafür war Kläuschen ganz und gar nicht zu haben.
»Dann du, Hänschen, nicht wahr, du tust mir den Gefallen?« Die kleine Schmeichelkatze begann zärtlich mit ihren Tintenfingerchen das Gesicht des Tertianers zu streicheln.
»Erst muß ich wissen, was es ist.«
»Deine Botanisiertrommel – nicht wahr, du leihst sie mir morgen. Glaubst du wohl, daß zehn Stullen hineingehen, Hänschen?«
»Du sogar noch dazu, Kleines«, lachte der gute Bruder, langte die große, grüne Trommel vom Nagel und hängte sie Klein-Annemarie um die Schulter. Tatsächlich, sie war nicht viel kleiner als Nesthäkchen selbst.
»Du bist mein aller – allerbestes Hänschen.« Annemarie war ganz und gar von Dankbarkeit erfüllt.
Aber Klaus schämte sich jetzt seiner unfreundlichen Abweisung, als er das gute Beispiel seines Bruders sah.
»Wenn du mein Schmetterlingsnetz zu der Landpartie haben willst, meinetwegen«, sagte er zögernd, indem er seinem Herzen einen Stoß gab.
Nun hatte Annemarie eigentlich bisher gar nicht daran gedacht, das Schmetterlingsnetz von Klaus mitzunehmen. Aber was einem geboten wird, muß man ergreifen. Allzu oft kamen solche Liebenswürdigkeiten bei Kläuschen nicht vor.
»Wenn es nun aber morgen regnet?« fragte Klaus plötzlich.
»Dann hört es wieder auf!« schrie Nesthäkchen wütend. Der dumme Klaus hatte immer so abscheuliche Ideen.
»Was meinen Sie, Hanne,« fragte Annemarie zweifelnd ihre gute Freundin Hanne, »ob es morgen wohl regnen wird?«
»Is schon möglich,« war die nicht sehr verheißungsvolle Antwort, »in meiner großen Zehe muckert es wieder.«
Aber trotzdem es in Hannes großer Zehe muckerte, schaute am nächsten Morgen die goldene Sonne auf das schlafende Nesthäkchen herab. Denn artige Kinder sieht die liebe Sonne gern, da versteckt sie sich nicht hinter Wolken. Und wenn Annemarie schlief, war sie immer artig.
Hurra – jubelnd ließ sich die Kleine fertigmachen. Mit hellblauem Waschkleidchen und blauem Leinenhut angetan, stolzierte Annemarie, in der einen Hand das Regenschirmchen, in der andern das Schmetterlingsnetz von Klaus, durch alle Zimmer.
»Lotte, versprichst du mir auch, artig und nicht zu wild zu sein und keine Dummheiten zu machen?« Wohl schon zum dritten Male fragte es die Mutter.
Nesthäkchen versprach alles. Es war ja so unmenschlich glücklich, daß es mitdurfte.
Hanne brachte die Botanisiertrommel mit Butterbroten. Aber trotzdem dieselben reichlich bemessen waren, blieb noch viel Platz darin.
»Ob ich« – überlegte Annemarie, und kaum war dieser Gedanke in ihrem Köpfchen aufgetaucht, da hatte sie ihn auch schon ausgeführt.
Gerda, ihr Liebling, die ihr den ganzen Morgen schon leid getan hatte, weil ihre blauen Glasaugen gar so sehnsüchtig die Vorbereitungen zur Landpartie verfolgten, Gerda saß plötzlich in der grünen Botanisiertrommel. Neben sämtlichen Stullen, sie ging gerade noch rein. Dagegen konnte Fräulein Hering nichts haben, Puppe Gerda nahm doch keinem einen Platz weg.
Nachdem Klein-Annemarie von Vater noch zehn Pfennige und von Mutti ebenfalls einen Groschen geschenkt bekommen hatte, mit der Weisung, das Geld aber nicht zu vernaschen, sondern einen guten Gebrauch davon zu machen, konnte es endlich losgehen. Die Mark wollte Fräulein, die Annemarie zum Dampferanlegeplatz brachte, lieber selbst der Lehrerin übergeben, sonst verlor Annemarie sie unterwegs noch.
»Viel Vergnügen – sei artig – trinke nicht, wenn du erhitzt bist!« so klang es noch hinter dem selig mit Botanisiertrommel und Schmetterlingsnetz abziehenden Nesthäkchen her. Aus der Nebentür wurde Freundin Margot mit ähnlichen Mahnungen entlassen.
Es war ein hübsches Bild an dem Dampferplatz der Spree. Lauter kleine Mädelchen mit rosigen Gesichtern und erwartungsvoll glänzenden Augen. Zuerst wurde der Lehrerin die Mark Zehrgeld abgeliefert. Nun zählte Fräulein Hering die ihr anvertrauten Schützlinge, ob alle beisammen wären, dann endlich durften die ungeduldigen Kleinen auf den Dampfer hinauf.
Mit der Wasserfahrt, die den Kleinen am verlockendsten an dem ganzen Ausflug erschienen war, erging es ihnen, wie es einem oft im Leben ergeht. Als sie anfing, als die Wellen so lustig um den Dampfer tanzten und der weiße Schaum so übermütig sprudelte, war es herrlich. Und als sie zu Ende war, da war es noch viel herrlicher. Den quecksilberigen Kleinen wurde das Stillsitzen zu lang, denn Fräulein Hering erlaubte nicht, daß auf dem Dampfer herumgelaufen wurde.
Annemarie und Margot, die beiden kleinen Freundinnen, saßen natürlich zusammen. Sie schauten beide einträchtig in die schwarze Wassertiefe, in der es so lustig von kleinen Dampferwellen sprudelte.
»Annemarie, lege dich nicht so weit über das Geländer hinüber!« rief Fräulein Hering warnend.
Aber Annemarie hörte nicht. Sie mußte sehen, wo die niedliche, kleine Welle hinsprang.
Da griff der Wind aus Ärger über das ungehorsame Kind plötzlich nach Annemaries Leinenhütchen.
Hui – riß er es ihr von den Locken, hui – wirbelte er es mittenhinein in die tanzenden Wellen.
»Mein Hut – halt – mein Hut!« schrie die Kleine erschreckt, »ach, lieber Herr Kapitän, halten Sie doch bloß einen Augenblick an, daß ich mir mein Hütchen wiederangeln kann.« Sie versuchte mit dem Schmetterlingsnetz vergebens, den Ausreißer zu erwischen. Da – o Pech – entglitt der Stock den kleinen Händen – Kläuschens Schmetterlingsnetz segelte hinter dem blauen Leinenhütchen her, nach Berlin zurück.
Die Kinder waren sämtlich in begreiflicher Aufregung, während Annemarie den Ausflug, auf den sie sich so unbändig gefreut, gleich mit Tränen einweihte.
»Mutti wird schimpfen und Fräulein auch, daß ich so unachtsam gewesen bin«, jammerte sie. »Ach, und was wird Kläuschen zu seinem Schmetterlingsnetz sagen?«
Fräulein Hering hatte einen Schiffsjungen veranlaßt, mit einer langen Stange Jagd auf Annemaries Hut zu machen. Aber die Strömung war zu stark, pfeilschnell schwammen Hut und Netz davon, auf Nimmerwiedersehen.
»Wo reist mein Hütchen jetzt hin?« erkundigte Klein-Annemarie sich bei der sie freundlich tröstenden Lehrerin.
»Erst die Spree entlang und dann in die Havel, denn dort hinein mündet die Spree«, belehrte sie Fräulein Hering.
»Und dann?«
»Dann geht’s in die Elbe und von dort in das Meer.«
»Ach« – Nesthäkchen riß die Blauaugen kugelrund vor Verwunderung auf. Solch eine große Reise machte ihr Hut, am Ende gar bis nach Afrika! Fast tat es der Kleinen leid, daß sie nicht selbst ins Wasser gefallen war und die weite Seereise mitmachen konnte.
»Ich habe von meinem Papa einen Groschen geschenkt bekommen, vielleicht kannst du dir dafür einen neuen Hut kaufen.« Die gute kleine Margot wischte mit ihrem Tüchlein Annemaries nasses Gesichtchen ab.
»Danke schön, Margotchen, aber ich habe auch Geld bekommen, zwei Groschen sogar.« Ganz gerührt war Nesthäkchen von der Uneigennützigkeit ihrer Freundin.
Zum Dank öffnete sie ihre Botanisiertrommel, freilich nur einen Spalt breit, und ließ Margot hineinschauen.
»Haach!« machte die, als sie die eingeschmuggelte Puppe erblickte, aber Annemarie hielt ihr schnell den Mund zu.
»Nicht verraten!« flüsterte sie dabei.
Nun hatten die beiden kleinen Freundinnen ihr erstes Geheimnis miteinander.
Endlich war man am Ziel. Am grünen Strand der Spree. Paarweise ging es durch den rauschenden Wald in das Forsthaus, in dem das Frühstück eingenommen werden sollte. Hell erschallte es von fünfzig Kinderkehlen: »Das Wandern ist des Müllers Lust.«
Auf weichem Moosteppich standen lange Holztische. Die nette Frau Försterin schleppte mit ihrer Anna große Gläser Milch herbei für all die durstigen Mäulchen.
Hei – wie das schmeckte! Wie schnell die Butterbrote vertilgt waren!
Dann wurde im Walde gespielt »Schwesterchen, komm mit« und »Verwechsle das Bäumchen«. Der sonst so stille Wald hallte von Jubel, Rufen und Jauchzen wider.
Nur eine blieb abseits von all den fröhlichen Kleinen und hätte doch so gern unter ihnen geweilt und mitgespielt. Das war Puppe Gerda in ihrer Botanisiertrommel. Ach, dann wäre sie schon lieber daheim geblieben in der luftigen Kinderstube, als sich hier in dem dunklen Blechgefängnis zu langweilen.
Annemarie tat ihr eingesperrtes Nesthäkchen leid. Sie gab Margot heimlich einen Wink, und beide verschwanden aus dem lustigen Kreis hinter hohen Wacholderbüschen.
»Meine kleine Gerda mopst sich so ganz allein, wollen wir mit ihr ›Mutter und Kind‹ spielen, Margot?« bat Annemarie.
»Ich möchte lieber erst Fräulein Hering um Erlaubnis fragen«, meinte die artige Margot schwankend.
»Ach was, dann ist Fräulein erst böse, daß ich meine Gerda mitgebracht habe, komm nur«, wehrte Annemarie ab.
Margot ließ sich überreden. Die beiden Kinder richteten sich in einer Moosgrube, die ringsum mit Heidelbeergestrüpp bestanden war, eine Wohnung ein. Gerda wurde aus ihrer Gefangenschaft befreit, und alle drei spielten wunderschön miteinander.
Sie hörten es nicht, daß Fräulein Hering zum Aufbruch sammelte, denn das Mittagbrot sollte in einem am Wasser gelegenen Gartenlokal eingenommen werden.
»Na, sind wir alle beisammen?« fragte die junge Lehrerin, ehe man von dem freundlichen Forsthause Abschied nahm.
»Ja – ja«, erschallte es ringsum.
Aber das vorsichtige Fräulein Hering gab sich mit dieser Versicherung noch nicht zufrieden. Sie begann die an ihr vorüberziehenden Kinderpaare zu zählen. Da stellte es sich heraus, daß zwei fehlten.
Aber welche waren es von den Kleinen?
Fräulein Hering begann mit lautem »Holdrio – Kinder, wo seid ihr?« die nächste Umgebung zu durchstreifen. So kam sie auch an jene Mooswohnung hinter hohen Wacholdermauern. Sie lugte durch ein grünes Zweigfensterlein. Da sah sie eine wunderhübsche Puppe wie ein Elfchen mitten im Grünen sitzen. Auf dem Sofa aus Heidelbeerkraut lag die gnädige Frau Annemarie und hielt ihr Mittagsschläfchen. Margot aber kniete auf der anderen Seite der Wohnung und kochte eifrig Grünkohl für die Puppe.
»Aber Kinder, wo steckt ihr denn? Was soll denn das heißen, von den anderen fortzulaufen und hier für euch zu spielen? Und Puppen sollten doch überhaupt nicht mitgebracht werden. Bei einem Haar hätten wir euch hier im Walde vergessen und wären ohne euch weitergegangen.« Nie war Fräulein Hering jemals zu den Kindern so ärgerlich gewesen.
Margot fing denn auch sofort an zu heulen. Annemarie steckte aus Verlegenheit den Finger in den Mund. Auch ihr Mündchen zitterte vor verhaltenem Weinen. Die einzige, die ihre Ruhe behielt, war Puppe Gerda.
»Na, weinen nützt nichts, jetzt kommt und seid künftig nicht mehr so unartig!« sagte die Lehrerin schon wieder ein klein wenig freundlicher.
Aber Klein-Annemarie war das Bewußtsein zu schmerzlich, daß Fräulein Hering böse auf sie war. Sie hängte sich an ihren Arm und bettelte: »Bitte, liebes Fräulein Hering, seien Sie doch wieder gut mit uns. Meine kleine Gerda hat doch so traurige Augen gemacht, weil sie zu Hause bleiben sollte.«
Da nickte Fräulein Hering den beiden kleinen Sünderinnen verzeihend zu. Doch als Annemarie sich jetzt zurückwandte, um ihr Puppenkind wieder in die Botanisiertrommel zu stopfen, rief die Lehrerin entsetzt: »Aber Annemie, wie siehst du denn aus, du hast ja dein hübsches Waschkleidchen voller Blaubeerflecke.«
Auch Margots Kehrseite zeigte eine ähnliche bläuliche Färbung wie die ihrer kleinen Freundin – ach, das gab zu Hause sicher Schelte.
Ganz kleinlaut zogen die beiden in ihren verdorbenen Kleidern hinter den anderen her. Aber wenn die Sonne einem so lustig zublinzelt, wenn die Vöglein so jubelnd zwitschern und die Käfer einen so übermütig umsummen, dann hält solch Kinderschmerz nicht lange vor. Annemarie und Margot stimmten bald in den munteren Sang der anderen Kleinen mit ein. Und als das Spreerestaurant erreicht war, hatten die beiden nur noch eine Sorge: Wie man wohl am besten die erhaltenen Groschen verwenden könnte.
»Will einer Himbeerlimonade trinken?« fragte der Kellner, mit großen Gläsern des verlockenden roten Getränkes die Runde machend.
»Ich – ich«, rief es hier und da.
»Ja, ich!« bat auch Klein-Annemarie mit begehrlichen Augen.
Der Kellner hielt ihr ein Glas Limonade hin. »Kostet zehn Pfennig«, sagte er.
»Ach nee, ach nee, lieber nicht!« rief die Kleine erschrocken, denn ans Bezahlen hatte sie nicht gedacht. Was hatte sie denn davon, wenn sie die Himbeerlimonade ausgetrunken hatte? Gar nichts.
»Du wolltest dir ja einen neuen Hut kaufen, Annemie«, erinnerte sie Margot. »Vielleicht gibt es dort drüben an der Würfelbude einen.«
Die Würfelbude war dicht von den Kindern umlagert. Annemarie und Margot drängelten sich bis nach vorn. Dort gab es allerlei herrliche Sachen, aber vergebens schaute Annemarie nach einem Hut aus.
Da hatte ihr die Budenbesitzerin auch schon den Würfelbecher in das Händchen gedrückt.
»So, kleines Fräuleinchen, nur Mut, jeder Wurf über zwölf gewinnt.«
Annemarie schüttelte erfreut den Becher. Wie nett von der Frau, sie würfeln zu lassen.
»Eins – zwei – drei – vier – fünf Augen, nee, Fräuleinchen, det is zu wenig – einen Jroschen, bitte.«
Annemarie erschrak bis in ihr kleines Herz hinein. Was, einen ganzen Groschen sollte sie für das dumme Würfeln opfern? Nein, der war ihr viel zu schade, sie gab ihn nicht her.
Aber die Frau hielt sie an der Schulter fest, als sie Miene machte, fortzulaufen.
»Erst meinen Jroschen!« verlangte sie empört.
Da wagte das kleine Mädchen keinen Widerspruch.
Traurig holte es das kleine, rote Portemonnaie hervor, und noch trauriger nahm es von seinem Groschen Abschied.
»Was kriege ich denn nun dafür?« fragte sie schließlich, als jetzt andere Kinder würfelten und sich etwas von den hübschen Sachen aussuchen durften.
»Du – jar nischt, du hast ja verloren! Mach’, daß du wegkommst, und nimm den anderen nicht den Platz weg.«
Die barsche Art der Frau bewirkte es mehr noch als der Schmerz um den verlorenen Groschen, daß Annemaries Tränen wieder zu fließen begannen.
Selbst Margots Trostworte wollten nichts nützen. Erst als Hilde Rabe ihr ein allerliebstes Armband zeigte, das sie dort drüben aus einem Automaten gezogen, kehrte bei Nesthäkchen die Freude am Leben zurück.
Sie besaß ja noch einen ganzen Groschen, dafür konnte sie sich noch viel kaufen.
Wunderbare Sachen waren in dem Automaten drüben. Kleine Uhren, Broschen, Armbänder, Puppenhalsketten, Kamm und Bürstchen, Spiegel und noch allerlei Schönes. Annemarie stand geblendet. Sie wußte nicht, was sie für ihren Groschen wählen sollte. Mutti hatte doch extra gesagt, sie solle einen guten Gebrauch davon machen.
»Was meinst du, Margot, was ist besser, soll ich die schöne Puppenkette nehmen oder die niedliche Uhr?« überlegte sie eifrig.
Margot war für die Kette. Aber Annemarie fand eine Uhr praktischer. Sie sollte ihren Groschen ja verständig anwenden.
»Also ich nehme die Uhr!« sagte sie laut zu dem Automaten und warf ihm ihren Groschen in den Schlund.
Sie zog am Griff und – hielt eine Zigarettenspitze in der Hand.
»Nee – nee – der hat sich geirrt, ich wollte ja die niedliche, kleine Uhr! Das olle Ding hier mag ich nicht, das tausche ich um!« Auf Nesthäkchens Geschrei eilten die Lehrerin und der Kellner herbei.
»Ja, das geht immer der Reihe nach, aussuchen ist beim Automaten nicht«, sagte der Kellner, als er das Unglück vernommen.
Fräulein Hering aber konnte sich nicht helfen, sie mußte laut lachen.
»Nicht wahr, der liebe Gott tauscht mir das olle Zigarrending doch um oder gibt mir wenigstens meinen Groschen wieder?« fragte Klein-Annemarie schluchzend mit rührendem Vertrauen.
»Der liebe Gott?« verwunderte sich die Lehrerin.
»Na ja, der liebe Gott kriegt doch das Geld vom Automaten«, belehrte sie ihre kleine, weinende Schülerin.
»Aber Kind, wie kommst du denn auf solchen Unsinn?«
»Na, wo bleibt’s denn sonst, man sieht doch niemand, der’s kriegt, und immer, wenn man was nicht sieht, dann ist’s der liebe Gott«, behauptete Klein-Annemarie.
»Nein, Kind, das Geld bekommen die Menschen, denen der Automat gehört«, mußte Fräulein Hering, so leid es ihr auch tat, die kindlichen Hoffnungen zunichte machen.
»Ist ja nicht wahr, der liebe Gott hat mir meinen Groschen ja schon wiedergeschenkt!« Unter Tränen hielt Annemarie mit glücklichem Lächeln einen neuen Groschen in der Hand.
Aber als sie sich umwandte, da standen Vater und Mutter hinter ihr, die hierhergefahren waren, um sich nach ihrem Nesthäkchen umzusehen. Vater hatte seinem Liebling den Groschen ersetzt.
»Vater – Mutti!« jauchzte die Kleine, und aller Schmerz, alle Enttäuschung waren vergessen. Um so enttäuschter aber war Frau Doktor Braun beim Anblick ihres Töchterchens.
»Um Himmels willen, das schöne Kleid – und wo hast du denn deinen Hut, Lotte?«
»Der schwimmt nach Afrika und das Schmetterlingsnetz von Kläuschen dazu«, gab Nesthäkchen etwas zögernd Auskunft. »Aber für meinen neuen Groschen kaufe ich mir in Berlin einen anderen«, setzte sie gleich beruhigend hinzu.
Doch als man abends singend wieder in Berlin einzog, da war Nesthäkchens letzter Groschen dem Leinenhütchen und dem Schmetterlingsnetz gefolgt. Annemarie hatte ihn auf dem Dampfer verloren.
Margot dagegen hatte ihren Groschen einem armen Mann mit einem Stelzfuß geschenkt, und der hatte ihr dafür »Gottes Segen« gewünscht.
Wer von den beiden kleinen Mädchen hatte wohl einen besseren Gebrauch von seinem Gelde gemacht?
12. Kapitel
Klinglingling – der Milchjunge kommt
Inhaltsverzeichnis
Die Schule war geschlossen. Die großen Sommerferien hatten begonnen. All die fleißigen kleinen Mädchen der zehnten Klasse durften jetzt von morgens bis abends ihre Freiheit in vollen Zügen genießen.
Die meisten Kinder waren mit ihren Eltern aus dem heißen, staubigen Berlin fortgefahren zu rauschenden Wäldern, an die blaue See oder ins kühle Gebirge.
Auch Annemarie und Margot, die beiden kleinen Freundinnen, hatten sich Lebewohl sagen müssen.
Margot Thielen saß am Strand in Ahlbeck und buddelte dort im weißen Sand, während Klein-Annemarie lustig in den Bergen des Herrn Rübezahl herumkletterte.
Nesthäkchen hatte sich in ein allerliebstes, kleines Bauernmädel verwandelt. Mutti und Fräulein hatten für Annemarie ein niedliches, rotgeblümtes Bauernkleid gearbeitet mit einem grasgrünen Schürzchen dazu. Die Kleine konnte gar nicht erwarten, es anzuziehen, am liebsten wäre sie damit noch in die Schule gegangen und hätte es allen Kindern gezeigt.
Das Schönste aber war, daß ihr Liebling, Puppe Gerda, sie eines Morgens in demselben Gewand begrüßte. Dasselbe rote Blümchenkleid, dieselbe grüne Schürze. Bis in die Nacht hinein hatte das gute Fräulein genäht und gestichelt, um Annemarie diese Überraschung zu bereiten. Aber die jubelnde Freude der Kleinen beim Anblick ihrer Gerda war für Fräulein der beste Lohn. Nein, doch nicht, der allerbeste war, daß Nesthäkchen sich jetzt in rührender Weise bemühte, auch ihrem Fräulein nur Freude zu machen.
Den einzigen Wunsch, den Annemarie noch auf dem Herzen hatte, erfüllte die liebe Großmama ihr. Das war ein kleiner Rucksack. Nesthäkchen wollte ja mit Hans und Klaus auf die Schneekoppe, den höchsten Berg des Riesengebirges, steigen. Natürlich bekam Gerda von Großmama ebenfalls einen Rucksack, einen kleinen Puppenrucksack. Süß war der, und etwas Süßes war auch für das kleine Naschmäulchen Annemarie darin.
Ins böhmische Riesengebirge ging’s, nach Johannisbad. Hans wunderte sich kolossal, daß die Schaffner auf der Bahn, nachdem man die Grenze hinter sich hatte, plötzlich ganz anders aussahen als in Deutschland. Klaus konnte sich gar nicht über die Uniform der dortigen Soldaten beruhigen, die alle hohe Mützen trugen. Auf Nesthäkchen aber machten die zitronengelben Briefkästen den größten Eindruck, da sie daheim doch blitzblau waren.
In einer wunderhübschen Villa wohnten sie in Johannisbad. Der Garten ging gleich in den Wald hinauf. Dichter Bergwald mit dunklen Blaubeeren, purpurnen Erdbeeren und verlockenden Himbeersträuchern.
In dem Zimmer mit der großen Glasveranda wohnten Vater und Mutti, in dem danebenliegenden Fräulein, Annemarie und Puppe Gerda. Hans und Klaus aber wurden eine Treppe höher einquartiert. Das war den Eltern eigentlich gar nicht recht, sie fürchteten, daß Klaus ohne Aufsicht Dummheiten machen könnte.
Als Annemarie den Namen ihrer Wirtin zum ersten Male hörte, mußte sie laut auflachen. Die freundliche Frau, die sie so treuherzig bewillkommnete, hieß Frau Meergans. Dann gab’s noch eine alte Frau Meergans im Hause, das war die Großmutter. Außerdem aber noch fünf niedliche, kleine Meergänschen. Drei Mädel und zwei Buben mit strohgelben Haaren. Die Kleinen wurden von allen Hausbewohnern nie anders als »Meergänschen« gerufen, keiner nannte sie bei ihrem Vornamen.
Annemarie war bald mit allen fünf Meergänschen aufs innigste befreundet. Sie spielten zusammen auf der großen grünen Wiese, die zum Garten gehörte. Klein-Annemarie zog wie die Meergänschen Schuh und Strümpfchen aus und sprang mit ihnen barfuß über die großen, nassen Wäschestücke, die dort auf der Bleiche lagen. Bis Mutter Meergans die ausgelassenen Krabben von ihrer blütenweißen Wäsche verjagte.
Lag Nesthäkchen im Walde mit Gerda in der Hängematte, so standen sicher alle kleinen Meergänschen um sie herum und schaukelten sie. Dabei warfen sie sich die Annemarie gegenseitig wie einen Fangeball zu. Juchhe – war das ein Jauchzen und Kreischen.
Aber Annemarie wollte nicht mehr in die Hängematte hinein und Gerda auch nicht. Und das kam so:
Klaus, der in Johannisbad seine rüpelhaften Streiche durchaus nicht verlernte, hatte sich eines Tages heimlich hinter den Baum, an dem Annemaries Hängematte gebunden war, geschlichen. Ehe Nesthäkchen wußte, was mit ihr geschah, lag sie nicht mehr in ihrem maschigen Netz, sondern unten im weichen Moos.
Der Bengel hatte die Schlinge gelöst, zum Glück am Fußende, daß Annemarie mit dem bloßen Schreck und Gerda mit einem blauen Fleck am Knie davonkam. Vater hielt dem Bengel eine tüchtige Standpauke und machte ihm klar, was für ein Unglück hätte passieren können, wenn das Schwesterchen eine Verletzung am Kopf davongetragen hätte. Das sah Klaus auch ein und versprach, keine feindlichen Absichten mehr gegen die Hängematte zu hegen. Aber Annemarie sowohl wie Puppe Gerda kannten ihr Kläuschen und trauten dem Frieden nicht. Zehn Pferde brachten sie nicht mehr in die Hängematte hinein.
Eines Morgens, beim ersten Frühstück, das oben am Waldesrand eingenommen wurde, fehlte Klaus. Keiner hatte den Jungen gesehen, weder die alte Meergans, die immer in der Sonne auf dem Hausbänkchen saß, noch die kleinen Meergänschen.
Nachdem die beiden anderen, Hans und Annemarie, ihre Tassen leer hatten, ging es auf die Suche. Die Meergänschen rufend, johlend und quiekend hinterdrein.
Zuerst durch den Garten. Jedes Versteck wurde aufgestöbert. Die Geißblattlaube, die wilden Rosenhecken und vor allem die Kirschbäume. Aber soviel sie auch spähten, kein braungebranntes, zerschundenes Jungenbein wollte sich da oben zeigen.
Die Mutter begann, trotzdem dem Jungen eigentlich hier nichts passieren konnte, sich Sorgen zu machen. Vater schüttelte verheißungsvoll seine Rechte. Hans aber meinte, nachdem man auch den Wald hinter der Villa nach allen Richtungen hin durchstreift hatte: »Er wird am Ende auf den Kurplatz zur Musik gegangen sein.«
»Oder Rübezahl hat ihn mitgenommen, weil er gestern abend beim Schlafengehen solchen Radau gemacht hat, daß die alte Frau Oberst heraufschicken und um Ruhe bitten mußte!« rief Nesthäkchen. »Rübezahl nimmt alle Schreihälse mit, hat Fräulein mir erzählt.«
Puppe Gerda neigte ebenfalls der Ansicht zu, daß der Berggeist den Schlingel geholt habe. Aber sie fand das Unglück gar nicht so groß. Im Gegenteil, eigentlich fühlte sie ihr kleines Puppenherz ungeheuer erleichtert bei diesem Gedanken.
»Er wagt es vielleicht nicht, zum Vorschein zu kommen, nach dem Mordskrakeel, den er gestern abend gemacht.« Das schien auch Doktor Braun einzuleuchten.
Aber während man noch hin und her überlegte, steckte der Vermißte plötzlich behutsam sein lachendes, durchtriebenes Jungengesicht durch das Tannengezweig.
Puppe Gerda hatte ihn zuerst entdeckt. Eine böse Ahnung sagte ihr stets, daß ihr Feind nahte. Sie zeigte mit der steifen Hand in das Tannengebüsch, bis Klein-Annemarie aufmerksam wurde.
»Da ist ja das Kläuschen!« rief Nesthäkchen plötzlich.
Klaus hielt es auf diese Anmeldung hin für geraten, auch seinen übrigen Körper dem schon sichtbaren, krausköpfigen Schädel folgen zu lassen.
Mit einem kühnen Sprung setzte er über das Gebüsch herüber und wünschte höflich: »Guten Morgen.« Dann begann er harmlos zu pfeifen, als ob er nicht seit einer Stunde wie eine Stecknadel gesucht worden wäre. Während Mutti froh war, daß der Junge sich wieder angefunden, begann Vater sofort stirnrunzelnd das Examen:
»Wo bist du gewesen, Klaus?«
»Och, nur ’n bißchen so herum.« Klaus machte eine Bewegung, die das ganze Riesengebirge umfaßte.
»Ich möchte genau wissen, wo du gesteckt hast!«
»Da unten bei den Verkaufsbuden und am Kurplatz.« Klaus verbarg sein sich feuerrot färbendes Gesicht in der Kakaotasse. Na ja, er war doch auch dort gewesen, aber daß er von dort aus noch einen kleinen Ausflug unternommen, das verschwieg er wohlweislich.
»Künftighin wird der Garten vor dem Frühstück nicht mehr verlassen, verstanden? Und wegen des Radaus gestern abend sprechen wir uns noch, mein Sohn.« Vater erhob sich, um sein tägliches Bad zu nehmen.
Auf diese Ankündigung hin hielt Klaus es für geraten, den ganzen Tag über, trotz glühender Hitze, seinen dicken Lodenmantel zu tragen. Da kamen die verheißenen Prügel wenigstens nicht durch.
Aber Doktor Braun hatte seine Drohung vergessen. So schwitzte Kläuschen umsonst.
Es war nach Tisch. Die kleinen Meergänschen wurden um diese Zeit stets von ihrer Mutter in die Stube gesperrt, damit sie die Gäste nicht durch ihr Toben im Garten bei der Mittagsruhe störten.
Trotz Annemaries Bitte: »Ach, liebe, gute Frau Meergans, lassen Sie mir doch bloß ein einziges, kleines Meergänschen zum Spielen raus!« wanderten die Meergänschen jeden Nachmittag in ihren »Stall«. So drückte der unnütze Klaus sich aus.
Hans schrieb im Gartenpavillon einen Brief an seinen Freund. Klaus und Annemarie jagten oben im Walde Schmetterlinge. Nesthäkchen hatte dem Bruder vom eigenen Spargeld ein neues Schmetterlingsnetz kaufen müssen, da sie das alte auf dem Schulausflug verloren hatte.
Annemarie benutzte Kläuschens Mütze als Schmetterlingsnetz. Sie hatte soeben ein prächtiges Pfauenauge gefangen.
»Weißt du, Annemarie, wo ich heute morgen gewesen bin?« begann der Junge halblaut voll Dankbarkeit. Denn er hatte sich zu seiner Schmetterlingssammlung schon längst ein Pfauenauge gewünscht.
»Bei den Verkaufsbuden, das weiß ich schon längst.«
»Nee, aber noch ganz woanders.« Klaus machte sein verschmitztestes Gesicht.
»Etwa in dem Bergpalast bei Rübezahl?« Scheu flüsterte es Nesthäkchen und spähte dabei ängstlich zwischen die dunklen Baumstämme.
»Quatsch«, sagte Klaus verächtlich, denn in der Sexta glaubte man nicht mehr an Märchenwesen. »Aber ich werde es dir lieber doch nicht erzählen, sonst verklatschst du mich am Ende!«
»Pfui, Kläuschen, ich bin doch keine Petze!« Klein-Annemarie reckte ihre winzige Person ehrfurchtgebietend. »Sag’ es mir doch, ja, Kläuschen?«
»Na, meinetwegen. Aber gib mir die rechte Hand und dein Ehrenwort, daß du es nicht ausplauderst.«
Nesthäkchen streckte dem Bruder das kleine Patschhändchen hin. »Rechte Ehrenhand!« sagte sie dabei mit ebenso wichtigem als neugierigem Gesichtchen.
»Also, ich habe einen neuen Freund hier in Johannisbad,« begann Klaus geheimnisvoll, »das ist der Milchmann.« Er machte eine Pause, welche die Erwartung des Schwesterchens noch steigern sollte.
Aber Annemarie schien enttäuscht.
»Na – und – – –?« fragte sie gleichgültig. Sie hatte insgeheim doch immer noch geglaubt, daß Rübezahl seine Hand im Spiele gehabt hätte.
»Der fährt jeden Tag mit seinem weißen Milchwagen durch ganz Johannisbad und bimmelt dazu mit einer großen Klingel. Und heute – nu kommt’s, Annemie – da hat er mich mitfahren lassen auf seinem Bock, und ich durfte für ihn bimmeln. Au, war das fein!«
»Au – fein!« rief auch Klein-Annemarie lebhaft, und ihre Blauaugen blitzten dabei nicht weniger als die Braunaugen von Klaus.
»Und morgen nimmt er mich wieder mit, und da darf ich die Milch austragen in die Häuser wie ein richtiger Milchjunge. Meinen blauen Leinenanzug ziehe ich mir dazu an, der sieht so ähnlich aus wie sein blauer Kittel. Ist das nicht wundervoll?«
Ja, es war wundervoll. Annemarie fand gar keine Worte, um ihrer Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Brennend gern wäre sie auch dabei gewesen und hätte mit der großen Klingel gebimmelt.
»Kläuschen,« sagte sie und schlang ihre kleinen Ärmchen in plötzlicher Zärtlichkeit um den Hals des Bruders, »nimm mich doch mit, Kläuschen!«
Aber Kläuschen schüttelte den braunen Krauskopf.
»Nee, dann kommt’s raus!«
»Ach wo, ich bin jeden Morgen vor Fräulein und Mutti unten. Bis zum Frühstück sind wir längst wieder da. Und wenn du die Milch austrägst, könnte ich so schön inzwischen bimmeln; bitte, bitte, liebes, süßes Kläuschen!«
Der Junge schien schwankend zu werden.
»Ich schenke dir auch meine Streichholzschachtel mit Marienkäferchen!«
Einem solchen Angebot konnte Klaus nicht widerstehen. Die Streichholzschachtel mit den durcheinanderkribbelnden roten Käfern wanderte aus der Tasche des geblümten Bauernkleidchens in seine Hosentasche.
»Also morgen früh um halb sieben – und nichts verraten, sonst verwichse ich dich doll«, so wurde das Geheimnis noch von Klaus besiegelt.
Keins von den beiden ungehorsamen Kindern dachte an Vaters heute erst ergangenes Verbot, den Garten nicht vor dem ersten Frühstück zu verlassen. Oder vielmehr, sie wollten nicht an dasselbe denken. Die Fahrt auf dem Milchwagen war zu verlockend.
Nur Puppe Gerda, die alles mitangehört hatte, dachte an das, was Vater gesagt hatte. Sie war sehr ärgerlich auf Klaus, daß der auch jetzt noch ihre Annemarie zu seinen Streichen verleitete. Bittend sah sie ihr kleines Mütterchen an, doch von dem ungezogenen Vorhaben abzulassen.
Aber Annemarie achtete nicht auf ihre Gerda. Auch die kleinen, endlich wieder herausgelassenen Meergänschen lockten sie heute nicht zum Spiel. Ihre Gedanken weilten den ganzen Nachmittag bei dem Milchwagen und der großen Klingel, die sie morgen selbst in Bewegung setzen wollte.
Als Puppe Gerda sich beim Gutenachtkuß besonders zärtlich an Klein-Annemarie schmiegte, um sie durch ihre Liebkosungen anderen Sinnes zu machen, da verstand Nesthäkchen wohl, was ihre Puppe von ihr wollte. Aber sie deckte sie schnell bis über die kleine Porzellannase mit ihrer Bettdecke zu, um Gerdas vorwurfsvolle Miene nicht sehen zu müssen.
Als die Glocken von dem Waldkirchlein drüben bim – bam – bim – bam den neuen Morgen einläuteten, glaubte Annemarie, die Klingel des Milchwagens riefe sie schon. Mit beiden Beinchen sprang sie aus dem Bett.
Waschen durfte sie sich des Morgens schon selbst, da Fräulein sie jeden Abend gründlich abscheuerte. Flink in das Bauernkleidchen geschlüpft und die Locken gebürstet. Mund zu spülen traute sich Annemarie nicht, weil das Gurgeln solchen Radau machte und sicherlich das sanft schlummernde Fräulein erweckt hätte. Aber sie nahm sich als reinliches Kind ihr Glas und ihre Zahnbürste mit hinunter und holte es unten am Brunnen nach.
Die kleinen Meergänschen schienen noch alle zu schlafen. Nur Mutter Meergans schaffte in der Küche. Annemarie machte einen großen Bogen um sie herum, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte.
Nicht lange dauerte es, da erschien auch Klaus, der Anstifter, im blauen Leinenanzug auf der Bildfläche.
»Pst – schleiche mir nach«, flüsterte er. Wie bei dem beliebten Spiel »Weißer und Indianer«, so huschten die beiden ungezogenen Kinder am Waldsaum entlang, hinaus auf die Straße.
Herzklopfend blieb Nesthäkchen stehen, als das Gartentor sich hinter ihr schloß.
»Du, Klaus, wenn Vater nun böse ist und Mutti am Ende gar haut?« begann sie zögernd.
»Haach – du olle Memme, bleib doch zu Haus, wenn du bange bist, dann bimmele ich eben allein. Aber wehe dir, wenn du klatschst!«
Nein, Klaus sollte nicht ohne sie bimmeln! Die artige Anwandlung verflog im Nu wieder bei Nesthäkchen. Hand in Hand rannten die beiden Geschwister die Straße hinab.
Dort unten stand bereits der weiße Milchwagen.
Der Milchmann, ein freundliches Männlein, knallte lustig mit der Peitsche, als er seines kleinen Freundes ansichtig wurde.
»Na, hast du dir noch Gesellschaft mitgebracht?« fragte er schmunzelnd.
»Ja, meine kleine Schwester«, stellte Klaus großartig vor. Annemarie machte einen tiefen Knicks.
»Also denn hoppla!« Damit hob der Milchmann die Kleine auf den Bocksitz. Klaus, stolz seine Hilfe verschmähend, kletterte selbständig hinterdrein. Der Junge bekam die Peitsche zum Knallen, Annemarie – o Glück – die große Klingel.
Klinglingling – lustig bimmelte Annemarie vor jedem Hause. Klinglingling – der Milchjunge kommt! Wie der Wind war Klaus mit den blanken Blechkannen in der Küche und wieder zurück.
Klinglingling – durch ganz Johannisbad ging’s in fröhlicher Fahrt. Kein Gedanke flog mehr zurück zu Vater und Mutti, die sie durch ihren Ungehorsam so betrübten. Nesthäkchen jauchzte und strahlte vor Glück.
Manch erstaunter Blick der zu dieser frühen Stunde zum Bad oder zum Brunnen gehenden Kurgäste streifte den Milchwagen mit dem reizenden kleinen Bauernmädel, das aus Leibeskräften bimmelte.
Jetzt hielt der weiße Wagen vor einer Villa, in der ein Berliner Kollege von Vater wohnte.
Nichts Böses ahnend, trug Klaus seine Milch ins Haus.
Da begegnete ihm gerade der Bekannte von Vater.
»Hör’ mal, Junge, das geht aber nicht, daß du so spät die Milch bringst, man muß ja ewig auf den Kaffee warten! Morgen komm mal gefälligst ein bißchen früher«, sagte er ärgerlich, denn er hatte nach dem Baden Kaffeedurst.
Klaus starrte den bekannten Herrn, der sonst immer so freundlich mit ihm zu scherzen pflegte, verdutzt an.
Da wurde dieser auf den vermeintlichen Milchjungen aufmerksam.
»Nanu, Klaus Braun, bist du jetzt Milchjunge in Johannisbad? Hahaha – der Witz ist gut!«
Aber Klaus hatte bereits Fersengeld gegeben, er schämte sich halbtot vor Vaters Kollegen und außerdem – o je, nun kam die Geschichte bestimmt heraus!
Eilig brachte er seine leeren Blechkannen zurück und zog das Schwesterchen von seinem hohen Sitz herab.
»Komm, wir müssen nach Haus, und – und ich habe auch keine Lust mehr!«
Annemarie war durchaus einverstanden. Das Wort »nach Hause« hatte plötzlich ihr Gewissen wieder geweckt. Sie empfand es mit einemmal, wie ungezogen es von ihnen war, ohne daß die Eltern es wußten, mit dem Milchwagen davonzufahren. Und dann war auch der Annemarie, während Klaus die Milch austrug, ein erschreckender Gedanke gekommen.
Wenn nun Rübezahl sich in einen Milchmann verwandelt hätte, um sie zu prüfen, ob sie gehorsame oder ungehorsame Kinder seien? In dem Märchenbuch tat er doch oft dergleichen. Scheu blickte die Kleine auf den harmlosen Milchmann, der so freundlich mit ihr sprach. Nein, nein, am Ende fuhr er sie zum Schluß gar in die Erde, hinein in sein Bergreich – lieber flink nach Haus!
Im tollen Galopp ging es heim.
Vater und Mutter traten eben erst an den Kaffeetisch, als die beiden mit erhitzten Gesichtern anlangten.
»Na, Lotte, schon so früh herumgetobt?« Mutti strich ihrem Nesthäkchen liebevoll die Locken aus der heißen Stirn.
Ach, wie wenig hatte sie doch Muttis Zärtlichkeit verdient! Annemarie empfand ihr Unrecht jetzt doppelt und dreifach.
Die Kleine, die sonst solchen guten Appetit hatte, würgte heute an ihrem Kipfel, so heißen die Hörnchen in Johannisbad.
»Nanu, Lotte, bist du auch gesund?« forschte der Arzt, sein erglühendes Töchterchen prüfend anschauend. Hatte das Kind am Ende Fieber?
»Ja, ganz gesund, nur – nur, es preßt mich so im Halse«, stieß Nesthäkchen heraus.
»Im Halse – du hast Halsschmerzen, Liebling?« fiel Mutti jetzt besorgt ein.
»Nee – nee, es tut nicht weh, es preßt nur so, weil – weil ich so schrecklich ungezogen gewesen bin!« So, nun war es heraus, die schwere Last herunter von dem kleinen Herzen – gottlob!
Mutti fragte nicht. Sie sah ihr Töchterchen nur betrübt an. Ach, wie gern hätte Klein-Annemarie jetzt ihr ganzes Unrecht eingestanden, aber sie hatte doch Klaus versprochen, ihn nicht zu verklatschen.
Bei dem jedoch regte sich nun auch das Gewissen. Außerdem würde Vaters Kollege es ja doch erzählen. Da war es schon besser, er gestand es lieber selbst ein.
»Wir sind mit dem Milchwagen mitgefahren, ich habe Milch ausgetragen, und Annemarie hat dazu gebimmelt«, erzählte er ein wenig unsicher.
»Was habt ihr?« Die Eltern glaubten, nicht recht gehört zu haben.
»Wir wollen es ja nicht wieder tun – nie mehr!« jammerte Nesthäkchen los.
»Na, das sind ja recht nette Sachen!« sagte Vater und sah seine Sprößlinge streng an.
»Nicht böse sein, Vatchen, nicht böse sein, wir wollen es ja auch bestimmt nie mehr wieder tun«, heulte die Kleine jetzt noch um einen Ton höher.
Klaus dagegen erwartete männlich gefaßt das väterliche Strafgericht.
Das blieb auch nicht aus.
»Heute nach Tisch, wenn wir auf die Schwarzschlagbaude steigen, bleibt ihr zu Haus. Da werdet ihr wie die kleinen Meergänschen in das Zimmer gesperrt, und Fräulein wird euch Schulaufgaben geben. Ich denke, dabei wird euch das Davonlaufen gegen mein Verbot wohl vergehen!« sagte der Vater so ärgerlich, wie er noch nie zu seinem Nesthäkchen gesprochen.
Mutti aber blickte mit traurigen Augen auf ihre unartigen Kinder. Das war noch viel schmerzlicher für die zwei als Vaters Strafe.
Leuchtend blauer Himmel schaute am Nachmittag zum Fenster hinein, wo ein brauner Krauskopf und ein blonder Lockenkopf sich nur widerwillig über die Schularbeit neigten. Draußen rauschte verlockend der Wald. Bruder Hans war mit Vater und Mutter auf dem Ausflug ins Gebirge, aber die zwei kleinen Durchgänger hatten Stubenarrest.
Noch eine war mit ins Zimmer gesperrt, trotzdem sie doch gar nichts verbrochen hatte. Das war Puppe Gerda. Die sah Nesthäkchen vorwurfsvoll an: »Siehst du – das kommt davon!«
13. Kapitel
Die Himbeermizi
Inhaltsverzeichnis
Lange konnten Vater und Mutter ihrem Nesthäkchen nicht zürnen. Als Klein-Annemarie beim Gutenachtsagen gar zärtlich bat, sie doch wieder liebzuhaben, als sie ihren Ungehorsam so tief bereute, verziehen die guten Eltern ihr. Vater war es schwer genug angekommen, seinen Liebling zu strafen, aber – ein Kind muß gehorsam sein!
Auch Klaus wurde wieder in Gnaden angenommen. Er versprach, künftig keine dummen Streiche mehr zu machen. Doch dieses Versprechen pflegte er am Tage mindestens einmal abzulegen und es genau ebenso schnell wieder zu vergessen.
Als aber Mutti mit Bestimmtheit verkündete: »Wenn wir bis nächsten Sonnabend noch einmal über dich zu klagen haben, Klaus, kommst du auch am Sonntag nicht mit auf die Schneekoppe!« da nahm sich der Strick doch zusammen. Die Wanderung zur Koppe hinauf, das war für die Kinder die Hauptsache an der ganzen Reise.
Auch für Nesthäkchen kam die Koppenpartie noch zum Schwanken, beinahe hätte es zu Hause bleiben müssen.
Es war am Vormittag an einem der nächsten Tage, da suchten Fräulein und Annemarie Himbeeren im Walde. Sie hatten sich jede einen großen Topf dazu mitgenommen, denn die Beeren sollte es zum Abendbrot geben.
Bei Fräulein schaffte es besser als bei Annemarie. Das kam aber nicht daher, daß Fräulein sich schneller bückte, sondern vielmehr davon, daß die Kleine sich öfters mal irrte und eine besonders schöne Himbeere statt in den Topf in das Mündchen spazieren ließ.
Plötzlich jubelte Klein-Annemarie hell auf.
»Ach, Fräulein, die vielen, vielen Himbeeren hier oben, alles rot, au fein, da werde ich bald mehr haben als du! Bitte, bleibe unten und laß mir allein diese Stelle!« bat sie ihr tiefer unten suchendes Fräulein.
Fräulein tat der Kleinen den Gefallen und ließ ihr die reiche Ausbeute der oberen Himbeersträucher. Nur einmal, als sie zu bemerken glaubte, daß sich Annemaries geblümtes Bauernkleidchen immer mehr entfernte, rief sie ihr warnend zu: »Kind – Annemiechen, gehst du auch nicht zu weit?«
»Nein – nein«, klang es beruhigend zurück.
Trotzdem ließ sich Nesthäkchen von jeder neuen, ganz besonders schönen Beere verlocken, immer noch ein Stückchen höher zu klettern. Emsig sammelte sie die purpurroten Beeren in ihr Gefäß. Das war schon halb voll.
Endlich hielt die kleine Beerensammlerin mit einem tiefen Atemzug inne, um sich ein wenig zu verschnaufen. Als sie das vor Eifer glühende Gesichtchen hob, sah sie plötzlich zu ihrem größten Erstaunen eine zweite kleine Beerensammlerin vor sich. Ein kleines Bauernmädel war’s, nicht größer als Annemarie selbst. Aber das Röckchen, das es trug, war lange nicht so schön wie Annemaries Blümchenkleid. Es war vielfach geflickt. Die sonnenverbrannten Beinchen steckten weder in Schuhen noch in Strümpfchen, barfuß liefen sie über den rauhen, steinigen Boden des Gebirges.
Neugierig starrten sich die beiden Kinder, die sich plötzlich im tiefen Walde gegenüberstanden, an.
»Suchst du auch Himbeeren?« fragte Annemarie schließlich als die keckere von beiden.
Die Kleine nickte und wies auf eine Emaillekanne, die fast gefüllt war.
»Ach, hast du aber eine Menge, wollt ihr die alle heute abend essen?« setzte das Großstadtkind die Unterhaltung fort.
Das kleine Mädel schüttelte den Kopf.
»Ich verkaufe meine Beeren, du nicht auch?« Verwundert sah das Barfüßchen auf Annemarie, die laut auflachte.
»Warum lachst du denn?« fragte es etwas betreten. »Von dem Geld kaufe ich Milch fürs Brüderle und für meine lieben Katzel.«
Klein-Annemarie lachte nicht mehr. Mit heimlicher Bewunderung schaute sie auf das arme Kind, das nicht größer war als sie und schon Geld verdiente. Wieviel besser hatte sie es doch, daß sie die gesammelten Beeren sich selbst gut schmecken lassen durfte.
»Wie alt ist dein kleiner Bruder?« erkundigte sie sich schnell, um ihre Verlegenheit zu verbergen.
»Auf den Herbst hat er’s Jahr. Aber meine Katzel, die sind erst ein paar Wochen alt. Süß sind die kleinen Tierle, fünf Stück, die solltest du mal anschauen. Vater wollte sie ersäufen, aber ich leid’s nicht, ich hab’ sie halt gar so lieb. Ja, verschenken, zu recht guten Menschen geben, tät’ ich schon eins.« Die kleine Fremde war ganz gesprächig geworden.
»Ach, schenke mir eins, ja, willst du? Bitte, bitte! Ein richtiges, lebendiges Kätzchen habe ich mir schon längst gewünscht. Bloß Mutti sagt immer, für die Stadt ist solch Tierchen nichts. Aber nun bin ich doch hier auf dem Land, da wird sie’s schon erlauben. Und bei meiner Puppe Gerda kann es schlafen!« Nesthäkchen war ganz aufgeregt. »Ja, schenk’ mir eins, du – wie heißt du denn eigentlich?«
»Mizi, die Himbeermizi bin ich halt, das ist ein schöner Name, gelt? Und wer bist du?« Die Kleine bückte sich während der Unterhaltung eifrig weiter und füllte ihre Kanne mit Beeren.
»Ich bin die Annemarie Braun aus Berlin. Sag’, wann schenkst du mir das Kätzchen, Mizi?« Das lag der Kleinen im Augenblick am allermeisten am Herzen.
»Kannst ja gleich mitkommen und dir eins aussuchen. Wenn mein Töpfel voll ist, geh’ ich heim.«
»Au ja, au fein! Weißt du was, Mizi, nimm meine Himbeeren noch dazu, da esse ich heut’ abend weniger.« Eifrig tat die Kleine von ihrer Ernte in Mizis Kanne. Die füllte sich schnell.
»So, schau, jetzt können wir gehen.« Erfreut faßte die Himbeermizi nach Annemaries Hand.
»Ja – aber – wohnst du auch nicht zu weit?« In Nesthäkchens Seele kämpfte der Wunsch nach dem kleinen, lebendigen Kätzchen mit dem deutlichen Empfinden, wieder etwas Unerlaubtes zu begehen. Hatte sie ihren Eltern nicht erst vor zwei Tagen fest versprochen, nie wieder ungehorsam zu sein und niemals wieder fortzulaufen? Fräulein würde sie gewiß suchen – ja, wo war denn Fräulein überhaupt geblieben?
Annemarie spähte durch die moosbewachsenen Stämme der alten Bergföhren vergebens in den Waldgrund hinab. Kein Fräulein ließ sich blicken. Die Kleine hatte es in ihrer lebhaften Unterhaltung nicht beachtet, daß sie sich ein ganzes Stück entfernt hatte.
»Wohnst du auch wirklich nicht weit, Mizi?« fragte sie noch einmal ängstlich.
»Nein, gleich das erste Hüttl am Berg.«
Das klang ganz nah. Da konnte sie es schon wagen, sich flink eins der süßen Kätzchen zu holen.
Annemaries guter Engel hielt sich traurig beide Augen zu, um es nicht mit anzusehen, daß die Kleine schon wieder etwas Unrechtes tun wollte. Denn wenn ein Kind unartig ist, weint sein Schutzengel.
Da erklang es ganz aus der Ferne gedämpft empor: »Annemie – Annemie!« Das war Fräuleins Stimme.
»Ja – hier!« schrie Nesthäkchen zurück, und eine Bergeslast fiel ihm vom Herzen. Das war das Unrecht, das es im Begriff gewesen war, zu begehen und das ihm schon im voraus schwer auf der Seele lag.
»Hier – ich komme schon – du mußt auch mitkommen, Mizi.« Wie die wilde Jagd ging es über ächzendes Moos und knackendes Geäst talwärts. Annemarie sah jetzt erst im Herabsausen, wie hoch sie bei ihrem Beerensuchen in die Berge hinaufgeklettert war.
»Aber Annemie, wie leichtsinnig, dich so weit fort zu wagen.« – Fräulein, die das Kind schon geraume Zeit gesucht hatte, hielt plötzlich mitten in ihrer Strafpredigt inne. Zu ihrem grenzenlosen Erstaunen tauchte nicht nur ein kleines Bauernmädel vor ihr auf, sondern zwei.
»Das ist die Himbeermizi«, stellte Annemarie die neue Bekannte vor. »Sie hat fünf süße, lebendige Kätzchen und will mir eins davon schenken. Bitte, liebes, gutes Fräulein, wir wollen doch gleich mitgehen, sie wohnt ganz in der Nähe.«
»Aber Annemie, was sollen wir denn in Berlin mit einer Katze anfangen? Die kannst du doch nicht in einen Vogelbauer setzen wie dein Mätzchen! Und wenn sie frei herumläuft, würde Puck sie sicher beißen«, stellte Fräulein dem enttäuschten Kinde vor.
»Ach, aber Mizi könnte sie mir doch, solange ich hier bin, ein bißchen borgen, und die kleinen Meergänschen würden sich sicher auch sehr freuen, wenn wir ihnen das Kätzchen nachher zum Abschied schenken. Ansehen können wir es uns doch wenigstens, die Mizi wohnt ja gar nicht weit«, so bettelte Klein-Annemarie.
»Wir wollen erst unsere Himbeeren ins Haus tragen. Nanu, Annemie, sind das alle, die du gepflückt hast? Da scheinen ja die meisten in deinen Magen gewandert zu sein.« Fräulein sah verwundert den fast leeren Topf von Nesthäkchen.
»Ich habe meine Himbeeren der Mizi geschenkt, weil die sie doch verkauft und für das Geld Milch kaufen muß«, berichtete Annemarie.
»Das ist recht, Kind«, lobte Fräulein. »Nun wollen wir auch der Mizi ihre Beeren abkaufen, und dann mag sie uns meinetwegen ihre Kätzchen zeigen.« Erfreut folgte das kleine Beerenmädel der Voranschreitenden ins Haus. Das zweite kleine Bauernmädel aber blieb mit einem eigentümlichen Gefühl zurück.
Fräulein hatte sie für etwas gelobt, das sie doch eigentlich viel mehr um ihrer selbst willen getan hatte, als um Mizi eine Freude zu machen. Hauptsächlich hatte sie der Mizi doch ihre Himbeeren geschenkt, um möglichst schnell die kleinen Katzen zu sehen.
So nah, wie Annemarie sich das vorgestellt hatte, war das Hüttlein von der Himbeermizi nun nicht. Es war doch gut, daß sie nicht allein dorthin mitgelaufen war, daß Fräulein sie gerade noch im letzten Augenblick gerufen hatte. Erst mußten sie wieder tüchtig im Walde hinaufklettern, dann ging es hinaus auf die leuchtendgrünen Matten, die wie weiche Samtteppiche über die Berge gebreitet waren. Verstreut lagen darin die Häuslein und Hütten.
»Ach, hier wohnst du? – ist das aber ein olles Haus!« Klein-Annemarie sah geringschätzig auf das elende Hüttlein mit dem Strohdach.
Mizi stieg das Blut bis an die glattgebürsteten, semmelblonden Haare. Fräulein aber sagte verweisend: »Pfui, Annemie! Weißt du noch nicht, daß in dem schönsten Palast schlechte Menschen wohnen können und in dem armseligsten Hüttlein brave Leute? Ich hätte meine Annemie für weniger stolz gehalten!« Da schämte sich Annemarie ihres häßlichen Ausspruchs noch mehr als die Mizi ihres baufälligen Hüttleins.
Als Mizi ihre Gäste nun zaghaft in das kleine Stübchen führte, das so sauber und nett aussah mit den buntblühenden Blumenstöcken am Fenster, da gefiel es jedoch auch Annemarie hier. Während sie die Holzwiege mit dem sanft schlummernden Brüderle bewunderte – denn eine Wiege hatte das Stadtkind noch nie gesehen –, fragte Fräulein die Mizi nach ihren Eltern.
»Der Vatel und die Muttel arbeiten in der großen Papierfabrik im Nachbardorf. Da gehen sie schon in aller Früh’ hin und kommen erst des Abends heim.«
»Ja, aber wer sorgt denn da für euch Kinder?« forschte Fräulein.
»Nu, halt ich, ich richte die Betten und kehre die Stube und versorge das Brüderle«, klang es ganz selbstverständlich aus dem Munde des achtjährigen Kindes.
Jetzt wurde Annemarie so rot wie vorhin die Mizi. Auch ohne Fräuleins sprechenden Blick empfand sie es, wieviel mehr das arme Kind, das in einem Hüttlein lebte, leistete als sie selbst, die in einem schönen Hause wohnte.
»Gehst du denn gar nicht in die Schule?« erkundigte sich Annemarie schüchterner, als das sonst ihre Art war.
»Freilich, dann paßt die Nachbarin auf den Bub auf, und auch, wenn ich Beeren suche. Aber jetzt haben wir zwei Monate lang Kartoffelferien.«
»Was für Ferien?« lachte Annemarie, und ihre Befangenheit verflog.
»So nennt man die Sommerferien hier auf dem Lande, weil die Eltern ihre Kinder für die Erntearbeit brauchen«, erklärte ihr Fräulein. »Aber an der fleißigen Mizi kann sich jedes Kind ein Beispiel nehmen, was?«
Zum Glück überhob Mizi die Kleine einer Antwort. Sie brachte in ihrem geflickten Schürzchen fünf junge Kätzchen aus dem Kaninchenstall herzugetragen. Zwei schneeweiße, eine graue, eine weiß-schwarz gefleckte und einen kleinen, schwarzen Kater. Die alte Katze aber kam argwöhnisch hinterhergelaufen, um zu sehen, ob ihren Kleinen auch kein Leids geschah.
Wirklich, Mizi hatte nicht zuviel versprochen. Süß waren die kleinen, spielerischen Dinger! Wie drollig sie durcheinandertollten, nach ihrem eigenen Schwänzchen haschten und sich gegenseitig ohrfeigten!
Nesthäkchen jubelte so laut, daß das Brüderle aufwachte und ein jämmerliches Geheul hören ließ. Da ging Mizi in die kleine Küche zum Herd, auf den sie kaum hinaufsehen konnte, langte Milch herunter, füllte ein Fläschchen und flößte sie dem Kinde geschickt ein.
Annemarie teilte ihre Bewunderung währenddessen getreulich zwischen den putzigen Kätzchen und der tüchtigen Mizi. Machte sie selbst nicht oft ein verdrossenes Gesicht, wenn sie nur abends ihre Spielsachen aufräumen sollte? Nein, das wollte sie aber von nun an nicht mehr tun, sie wollte immer an die fleißige Himbeermizi denken. Da unterbrach diese Nesthäkchens gute Vornahmen.
»Welches Katzerl magst? Ein weißes oder halt das schwarze Katerle?«
Ach, wer die Wahl hat, hat die Qual! Die Wahrheit dieses Sprichwortes empfand Klein-Annemarie zum erstenmal in ihrem siebenjährigen Leben. Am süßesten erschienen ihr eigentlich die schneeweißen Kätzchen, pflaumenweich waren die. Als Annemarie zaghaft eins auf den Arm nahm, ließ es ein ängstliches »Mi« ertönen. Das hörte sich gerade so an, als ob ein kleines Kind weinte. Die graue hatte so schöne, grüne Augen, wie aus Glas sahen die aus, und die gefleckte war die munterste von allen. Die spielte am niedlichsten und ohrfeigte die anderen am drolligsten. Aber den süßen, kleinen, schwarzen Kater hätte sie auch zu gern gehabt, der sah so entzückend frech aus.
»Ich möchte am liebsten alle fünf!« entschied Klein-Annemarie schließlich mit einem tiefen Seufzer.
»Alle geb’ ich sie aber nicht her, meine Tierle.« Schützend breitete Mizi ihre kleinen Ärmchen über die Katzenfamilie.
Fräulein lachte: »Ei, Annemie, denke einmal, was Mutti wohl für ein Gesicht machen möchte, wenn du ihr die Einquartierung bringst. Und Frau Meergans würde uns am Ende die Wohnung kündigen. Ich denke, du wählst eins von den weißen Kätzchen. Davon hat die Mizi zwei und wird es daher leichter entbehren.«
Annemarie war einverstanden. Denn das kleine Kätzchen, das sich immer noch so warm in ihren Arm einkuschelte, hatte bereits ihr ganzes zärtliches Herzchen gewonnen.
»Vielleicht borgt uns die Mizi ein Körbchen, daß wir das Kätzchen besser heimtransportieren können«, schlug Fräulein noch vor.
»Freilich, ich hol’ meine Schultasch’.« Bereitwilligst sprang Mizi in den Nebenraum.
Nesthäkchen machte ein verdutztes Gesicht. Was – in die Schulmappe wollte Mizi die Katze packen? Das war ja ulkig.
Da kam die Kleine auch schon zurück. In der Hand trug sie eine alte, ausgefranste Hanftasche, die arg mitgenommen aussah. Daraus nahm sie eine Schiefertafel, eine Fibel, ein Rechenbuch und einen Katechismus.
»Nanu – ist die olle Kartoffeltasche etwa deine Schulmappe? Erlaubt denn das deine Lehrerin, daß du mit solch einem schmutzigen Ding in die Schule kommst?« Annemarie blieb das rote Mündchen fast offen vor Staunen.
»Zu einem Schulranzen hat’s halt noch immer nicht langen wollen«, entschuldigte sich Mizi errötend.
Wieder drängte sich Annemarie der Vergleich ihres eigenen Lebens mit dem des armen Kindes auf. War sie dankbar für ihre schöne Schulmappe? Hatte sie dieselbe nicht als etwas ganz Selbstverständliches hingenommen? Ja, wie oft mußte Fräulein sie tadeln, weil sie unachtsam mit ihr umging.
»Na, vielleicht bringt dir der Herr Rübezahl mal eine Schulmappe, Mizi, weil du so brav bist. Jetzt müssen wir aber schleunigst nach Haus, Annemie«, sagte Fräulein. »Leb’ wohl, Mizi, und wenn du wieder Himbeeren hast, da bring’ sie uns nur. Bei uns gibt’s immer freudige Abnehmer dafür!«
»Küss’ die Hand.« Mizi machte einen höflichen Knicks und reichte Annemarie ihre mißachtete Schultasche mit dem mauzenden Kätzchen. Dann hielt sie die alte Katze fest, die vor Wut fauchte, weil man ihr ein Junges nahm.
»Vielen, vielen Dank, Mizi, und besuche mich auch recht bald«, rief Annemarie, noch immer zurückwinkend, als sie schon ein ganzes Stück von dem Hüttlein der Himbeermizi fort war.
Nachdenklicher, als das sonst die Art des übermütigen kleinen Dinges war, ging heute Nesthäkchen neben Fräulein her.
»Es ist schrecklich traurig!« stieß die Kleine schließlich mit einem schweren Seufzer hervor.
»Was denn, Annemiechen?«
»Daß die arme Mizi ihre Eltern den ganzen Tag nicht sieht und kein Fräulein hat, nicht einmal eine Hanne, die ihr Mittagbrot kocht. Ja, gar keine richtige Schulmappe!« Jetzt brachen sich die krampfhaft zurückgehaltenen Tränen des weichherzigen kleinen Mädchens Bahn.
»Kind, Mizi ist trotz aller Armut ein glückliches Kind, weil sie, so klein sie auch ist, sich nützlich macht und ihre Pflicht tut. Und wenn die Eltern abends von der Arbeit heimkehren, denke nur, Annemiechen, wie sie sich da wohl über ihr fleißiges Töchterchen freuen werden.«
»Geben sie ihr auch einen Kuß?« fragte Annemarie ein wenig getrösteter.
»Freilich«, nickte Fräulein zur Erleichterung der Kleinen. Da schmiegte Nesthäkchen in einer plötzlichen, liebevollen Aufwallung das feuchte Gesichtchen an Fräuleins Arm und flüsterte: »Ich danke dir schön, Fräulein, daß du mich vorhin im Walde gerufen hast, sonst wäre ich sicher unartig gewesen und ohne Erlaubnis mit der Mizi mitgegangen.«
»Na, das ist ja diesmal noch gut abgelaufen. Aber meine kleine Annemie soll auch ohne mich stets daran denken, das Rechte zu tun. Wenn du Sonntag nicht mit auf die Schneekoppe gedurft hättest zur Strafe, das wäre doch traurig gewesen, was?«
»Au, fein – Sonntag geht’s auf die Koppe!« Nesthäkchen machte vor Freude einen hohen Luftsprung. Aber noch jemand machte einen Luftsprung, und zwar einen noch viel höheren als Annemarie. Das war das schneeweiße Kätzchen in Mizis Schultasche.
Hops – da war es aus dem dunklen Gefängnis heraus – heidi – da jagte es davon über Stock und Stein. Spornstreichs lief es zu Mizis Hüttlein zurück.
»Meine Katze, mein süßes, kleines Kätzchen!« stieß Nesthäkchen, das vor Schreck zuerst förmlich erstarrt war, hervor. Laut schreiend wollte es hinter der davonspringenden kleinen Katze her.
Aber Fräulein hielt Annemarie fest.
»Laß das Kätzchen, Kind, es läuft zurück zu seiner Mutter und zu seinen Geschwistern. Wie wär’ dir wohl zumute, wenn plötzlich ein Fremder dich deiner Mutti nehmen möchte? Und Klaus, der Nichtsnutz, würde am Ende das kleine Tierchen quälen. Laß es lieber bei der Mizi. Da ist es besser aufgehoben. Du kannst es ja oft besuchen«, setzte Fräulein hinzu, als Annemarie ein grenzenlos enttäuschtes Gesicht machte.
So mußte Nesthäkchen, das am liebsten alle fünf Kätzchen gehabt hätte, mit der leeren Tasche heimziehen. Jedoch, als sie einige Tage später Mizi ihr Eigentum zurückbrachte und gleichzeitig den Kätzchen einen Besuch abstattete, da fand die jubelnde Mizi eine wunderschöne Schulmappe in der alten, zerrissenen Tasche. Auf dem Zettel, der dabei lag, aber stand: »Von dem guten Berggeist Rübezahl.«
14. Kapitel
Nesthäkchen lernt Stricken
Inhaltsverzeichnis
Die kleinen Reisenden waren alle wieder, rotbäckig und sonnengebräunt, in die zehnte Klasse eingerückt.
Annemarie hatte mit ihrer Freundin Margot ein jubelndes Wiedersehen gefeiert. Außer einer schwer zu entziffernden Ansichtskarte hatten die kleinen Freundinnen nichts voneinander gehört.
Um so eifriger gingen die kleinen Mündchen jetzt. Sie schienen alles in den fünf Wochen Versäumte auf einmal nachholen zu wollen. Als Fräulein Hering ihre Klasse zur ersten Stunde nach den großen Ferien betrat, herrschte dort ein Mordsspektakel.
»Ich hatte einen rotweißen Badeanzug – ich einen blauen – und wir sind jeden Tag barfuß gewatet – wir hatten eine süße, kleine Ziege – haach, bloß eine Ziege, bei uns in Mecklenburg gab’s hunderttausend Kühe und Gänse – etsch, wir haben doch aber eine Wagenfahrt gemacht – und ich war doch sogar auf der Schneekoppe, die reicht bis an die Wolken heran«, überschrie Annemarie gerade die anderen, als Fräulein auf den Klassentisch klopfte.
»Ruhe!« rief Fräulein Hering, aber der Radau war lauter als ihre Stimme. Die kleinen Mädchen hatten während der langen Ferien vollständig die erste Schulregel: »Nur die Gefragte hat zu sprechen!« vergessen.
Einen Augenblick sah die junge Lehrerin fast ratlos in diesen Tumult. Dann ergriff sie kurz entschlossen Annemarie Braun, die Lebhafteste von der ganzen kleinen Gesellschaft, bei dem mit einem roten Seidenband abgebundenen Lockenschopf.
»So, Annemie, nun tritt mal vor und erzähle uns vom Katheder herab, wo du gewesen bist. Wir wollen doch gern alle etwas hören, aber dann müßt ihr anderen mäuschenstill sein.«
Im Augenblick herrschte Ruhe in der Klasse. Fräulein Hering hatte ohne ein tadelndes Wort die kleinen Münder zum Schweigen gebracht. Alles spitzte neugierig die Ohren. Annemarie aber stand stolz auf dem Katheder und erzählte:
»In Johannisbad war ich, bei den Meergänschen haben wir gewohnt. Und als wir abreisten, habe ich jedem Meergänschen was zum Andenken geschenkt. Und eine Freundin hatte ich auch da, die Himbeermizi. Fräulein sagt, die ist tausendmal fleißiger als ich. Aber die kleine Katze, die sie mir mitgegeben hat, ist wieder ausgerückt. Und dann waren wir mal auf der Schneekoppe, das war am allerfeinsten. Durch den Riesengrund sind wir raufgestiegen, aber Riesen gab’s da nicht. Bloß den Brunnenberg, in dem Rübezahl wohnt. Und gegrault habe ich mich mächtig, auch ein bißchen geheult, denn es kam gerade ein tolles Gewitter. Da hab’ ich geglaubt, Rübezahl poltert so in den Bergen, weil er böse ist. Von der Koppe konnte man beinah bis nach Amerika sehen. Und eine Ansichtskarte habe ich an Sie geschrieben, Fräulein Hering. Aber mein Fräulein hat sie nicht abgeschickt, weil ich zu viele Fehler gemacht habe«, schloß Klein-Annemarie ihren Reisebericht.
»Ei, da hast du ja wunderschöne Ferien genossen, Annemarie. Nun mußt du aber auch deinen Eltern dafür recht dankbar sein. Zu Hause stets brav gehorchen und in der Schule fleißig deine Schuldigkeit tun, nicht wahr?«
»Ja.« Nesthäkchen nickte eifrig, das hatte es sich selbst schon vorgenommen.
»Wer will uns jetzt noch etwas erzählen?« fragte Fräulein Hering weiter.
Verschiedene Zeigefinger fuhren in die Luft.
»Marlenchen, tritt vor.«
Das kleine Dingelchen mit den schwarzen Haarschnecken und den großen, dunkelblauen Augen, machte einen Knicks und begann:
»Ich war in Ilmenau, und da habe ich immer Blumen gepflückt und in der Hängematte gelegen.«
»Ich auch – ich auch«, erklang es hier und da.
»Jetzt hat nur Marlene uns etwas zu erzählen, ihr anderen kommt nachher dran«, so schaffte Fräulein Hering wieder Ruhe.
»Und dann durfte ich mir immer mittags eine Speise selber aussuchen.« Die Kleine schwieg in seliger Erinnerung. Damit schien ihre Reise den Höhepunkt erreicht zu haben.
»So, jetzt Hilde Rabe.«
»In Warnemünde war ich,« rief die mit Trompeterstimme, »und da hat mich meine große Schwester immer beim Baden getaucht, aber ich habe nicht geschrien. Bloß einmal, weil ich beinah ersoffen wäre …«
»Ertrunken«, verbesserte Fräulein Hering.
»Und Muscheln habe ich am Strand gefunden, so ’ne Menge –«
»Ich hab’ drei Kästen voll – ich eine ganze Tasche –«, fiel wieder der Chor ein.
»Aber das schönste war, wie wir immer den tauben August, der die Stiefel putzt, ausgelacht haben, weil er alles falsch verstand.«
»Das finde ich gar nicht schön, sondern im Gegenteil recht häßlich und ungezogen, einen tauben Menschen zu verspotten«, tadelte Fräulein Hering mit sehr ernstem Gesicht. »Von dir mag ich jetzt nichts mehr hören. Margot Thielen kann weitererzählen.«
Hilde wurde puterrot vor Beschämung. Aber Margot errötete ebenfalls, weil jetzt aller Augen auf sie gerichtet waren.
»Es war sehr schön«, begann sie leise.
»Wo warst du denn, Margot?«
»In Ahlbeck.«
»Na, und was willst du uns davon erzählen?«
Margot schwieg verlegen, hilfesuchend blickte sie zu ihrer Freundin Annemarie hin.
Die nickte ihr aufmunternd zu. Sie hätte der schüchternen Margot gern ihr Plappermäulchen geliehen.
»Ei, Margot, weißt du uns gar nichts von deinem Sommeraufenthalt zu berichten?«
»Doch,« – Margot nahm allen Mut zusammen – »die Ahlbecker Flundern schmecken fein!«
Die Klasse brach in helles Lachen aus, und die arme Margot hätte sich am liebsten in ein Mauseloch verkrochen. Aber Fräulein Hering stand ihr bei.
»Da gibt’s gar nichts zu lachen,« sagte sie, »wer solche feinen Flundern bekommen hat, kann höchstens lachen. Nun weiter, Ilse Hermann.«
»In Berlin war’s auch wunderschön«, begann das blondzöpfige Ilschen seine Erzählung.
»Och, die war nicht mal verreist«, machte eins der Kinder verächtlich.
»Also endlich mal eine, die uns erzählen wird, wie man sich auch in der Heimat seiner Ferien freuen kann, das ist mir lieb. Nun berichte uns mal, wie es hier gewesen ist, Ilse«, ermunterte die Lehrerin.
Da fuhr die Kleine, die bei dem geringschätzigen Ausruf erschreckt abgebrochen hatte, fort: »Vater und Mutter haben eine Nordlandreise gemacht. Dabei kann man Kinder nicht gebrauchen, sagt Muttchen. Meine große Schwester und ich, wir sind zu Großmama gezogen, und da war’s wunder–wunderschön!«
Die kleinen Mädchen ringsum, die noch eben mitleidige Gesichter gemacht hatten, weil Ilse Hermann hatte in Berlin bleiben müssen, hörten jetzt voll Interesse zu. Ja, wenn die Ilse bei ihrer Großmama gewohnt hatte, da mußte es wunderschön gewesen sein. Manch eine hätte das auch lieber getan und auf ihre Reise verzichtet.
»Also, wie habt ihr denn nun bei der Großmama die Ferien verlebt?« erkundigte sich Fräulein Hering.
»Morgens früh durften wir Großmama im Haushalt helfen, das hat uns sehr viel Spaß gemacht. Denn Großmamas Anna sollte doch nicht zuviel Arbeit durch uns haben. Jedes Kind hatte seine bestimmten Pflichten. Ich mußte den Kaffeetisch abräumen, die Krümelchen abkehren und sie den Vögeln auf das Fenstersims schütten. Und die Blumen hatte ich ganz allein zu pflegen. Auch beim Gemüseputzen und Obstverlesen durften wir helfen, bis Großmama gar nichts mehr zu tun hatte. Dann sagte sie: ›So, nun spielen wir Fremde in Berlin. Was wollen wir heute vormittag besichtigen?‹ Einen Tag durfte meine Schwester Lisbeth einen Vorschlag machen und am anderen ich. Großmama ging mit uns ins Museum und in die Kunstausstellung. Im Aquarium waren wir und auch im Panoptikum. Aber das allerfeinste war, wie Großmama mit uns nach Potsdam fuhr und uns dort die Schlösser zeigte. Ach, war das herrlich! Und am Nachmittag haben wir immer einen Spaziergang oder eine Landpartie unternommen.«
Als das kleine Mädchen schwieg, fanden alle Kinder, daß Ilse Hermann die hübschesten Ferien verlebt hatte, trotzdem sie gar nicht verreist war. Man weiß manchmal nicht, wieviel Schönes die Heimat bietet und sucht es weit in der Fremde.
Die Schulglocke machte der hübschen Stunde leider ein Ende.
»So, nun werden wir, nachdem wir uns frische Kräfte in den Ferien geholt haben, wieder mit Lust und Eifer unsere Pflicht tun und lernen, ja, wollt ihr das?« fragte Fräulein Hering ihre kleine Schar.
»Ja, ja!« rief es allenthalben. Da war nicht eine darunter, die nicht den allerbesten Willen hatte, der jungen Lehrerin Freude zu machen.
Es wurde jetzt fleißig in der zehnten Klasse gearbeitet. Die kleinen und die großen Buchstaben waren den Kindern bereits sämtlich vorgestellt. Und wenn sich auch mal eins der Kleinen in der Benennung dieser Herrschaften irrte, im großen ganzen konnte Fräulein Hering mit den Leistungen ihrer Klasse zufrieden sein.
Die Fibel war fast durchgearbeitet, denn jedes Kind wollte doch gern das Ziel erreichen, das die Lehrerin den Kleinen als Ansporn gesetzt: die Weihnachtsbücher sollten sie schon dieses Jahr allein lesen können!
Mit dem richtigen Schreiben haperte es allerdings noch ziemlich. Bei den Diktatheften konnte Fräulein Hering nicht mit roter Tinte sparen. Da gab es reichlich Fehler anzustreichen, denn so leicht wie im Anfang war jetzt das Diktat nicht mehr. Es war gut, daß die Himbeermizi in Johannisbad nicht viel weiter in der Rechtschreibung war als Annemarie. Sonst hätte sich Nesthäkchen vor ihr schämen müssen. Der Brief, den sie ihr bald nach der Trennung schrieb, war ja herzensgut gemeint, aber er wimmelte von Fehlern.
Trotzdem war die kleine Mizi glückselig, als sie folgendes Schreiben erhielt, denn es war ja das erstemal in ihrem Leben, daß sie überhaupt einen Brief bekam.
»Libe Mizi,« buchstabierte sie mühsam, »Ich Sente dir vile grieße. hir ist es nicht so hibsch wie in johahnisbat. Besuche Mich balt und Bringe deine kazen mitt. meine Gerta lest dich grießen. Grieße auch biete alle mehrgänzchen.
deine freundin
Annemie.«
Nesthäkchen war ungeheuer stolz, als sie ihren ersten Brief auf dem kleinen rosa Bogen, der das Bild eines niedlichen Kätzchens trug, mit großer Mühe niedergeschrieben hatte.
Aber als Fräulein das Schreiben zu sehen bekam, war sie lange nicht so begeistert davon wie Annemarie selbst. Ja, sie wollte gar nicht leiden, daß Nesthäkchen es abschickte, weil sie sich vor Mizi schämte, daß so viele Fehler darin waren. Erst Mutti, zu der das Töchterchen seine Zuflucht nahm, bewirkte mit ihrer Fürsprache die Absendung des wichtigen Schriftstückes. Freilich meinte sie, der Brief würde wohl doppeltes Porto kosten, weil all die Fehler gar zu schwer ins Gewicht fielen.
Aber in der Rechenstunde war Annemarie Braun die Allerbeste. Keine rechnete so flott wie sie. Das Einmaleins bis zur Zehn saß fest in dem kleinen Lockenkopf. Dies hatte sie Bruder Hans zu verdanken, der sie täglich examinierte und ihr zur Belohnung für zehn richtige Antworten stets etwas aussetzte. Ein buntes Löschblatt, eine neue Stahlfeder oder gar ein altes Notizbuch. Ihren ersten Platz hatte Annemarie daher noch inne. Denn die anderen waren in der Rechtschreibung auch nicht weiter als sie. Freilich, Nesthäkchens Schreibseiten sahen noch immer nicht sauber aus. Da gab es noch manch Krakelfüßchen, manch Schmierfähnchen.
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