Читать книгу: «Jürgen Klopp»
JÜRGEN
KLOPP
DIE BIOGRAFIE
ELMAR NEVELING
JÜRGEN
KLOPP
DIE BIOGRAFIE

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Copress Verlag
erschienenen Printausgabe (ISBN 978-3-7679-1264-9).
Abbildung Cover: imago images (www.imago-images.de; Ein jubelnder Jürgen Klopp in der Premier-League-Meistersaison 2019/2020)
Bilder Innenteil (Seitenangaben der Printausgabe):
Alle von imago images (www.imago-images.de), außer: S. 104 (Thomas Bauer/ Designers in Motion/hiroki digital); 129 (oben und Mitte rechts: Walter Baur); 204–205, 206–207 (Gruppe Nymphenburg Consult AG/Deutschen Markenarbeit GmbH); 210 (Frank Dopheide); 229 (Cristián Gálvez); 266 (3), 267 (2, oben), 268 (unten), 269 (unten rechts) alle Sven Simon.
Umschlaggestaltung, DTP-Produktion und Layout: Stiebner Verlag,
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in
der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
6., erweiterte und vollständig überarbeitete Neuauflage 2020
© 2020, 2017, 2015, 2013, 2012, 2011 Copress Verlag
in der Stiebner Verlag GmbH, Grünwald Alle Rechte vorbehalten.
Wiedergabe, auch auszugsweise,
nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.
www.copress.de
ISBN 978-3-7679-2092-7
Inhalt
Editorial
Meisterfeier in Dortmund: Triumphator Jürgen Klopp
Der Jugendspieler Jürgen Klopp: »Bub, net auf die Gläser, aufs Tor«
von Roger Repplinger
In der »Linde«
Der Latschariplatz
Gerhard Trik bricht sich den Fuß
Astrid Wissingers Klassenfoto
Da bleiben, weg gehen
Das Kloppsche Haus
Klopp und der rote Brustring
F-Jugend
»s’Klopple« hat Talent
Kapitän Klopp
Vespa, orange
Die Meisterfeier
Sportplatz Riedwiesen
Wembley – von weitem
Der Waldplatz
Der Maulwurf
Heimweh
von Saban Uzun
Keiner nannte ihn Norbert
Auto oder Talent?
Kein Seehund
Berthold wird gescheucht
»Walter, rate mal«
Was wichtig ist
Vorbereitung auf die Trainerkarriere und Beginn der Berufung: Ein ordentlicher Spieler wird zum außergewöhnlichen Trainer 39
von Matthias Greulich
Der Profi Jürgen Klopp: Für britischen Fußball besser geeignet
»Da geht wirklich was!«
Der letzte hat einen Plan
»Lange Bälle und dann einen Kopfball, dass es kracht«
Frank folgt auf Hock
von Roger Repplinger
Als Spieler ganz ordentlich – als Trainer außergewöhnlich
Schillerplatz
Heidels Büro
Frank I
Dennis Weiland im »Café Raab«
Reinhard Saftig
Schattenkabinett
Frank II
Ufz Krautzun
»Mach ich«
»Gib mir ein Spiel«
Klopps erste Ansprache
Authentisch
Das System
Vertrauen
Der Scout des HSV
Ende
von Roger Repplinger
Knapp
Knapper
Es reicht
Abstieg
Abschied
Die zweite Trainerliebe: Klopp gibt Borussia Dortmund neue Identität
»Hätte weitaus schlimmere Angebote als das vom BVB geben können«
Wenn nur noch imaginärer Torjubel bleibt
Dortmunder Stimmungslage im Sommer 2008: Ein Trainingstag in Brackel
Klopp bringt »die Süd« wieder hinter ihr Team
Rasenschach verpönt
Die irre Aufholjagd im Revierschlager
Derbyheld Alexander Frei
Inventur in der Winterpause
Siegesserie nach Vertragsverlängerung
Die Entwicklung setzt sich fort
Meistersaison, die erste
Erster Sieg beim FC Bayern seit zwanzig Jahren
Jugend statt Routine
Trainer des Jahres
So stürmte die Borussia zum Titel: Die Taktik des BVB in der Saison 2010/11
Meistersaison, die zweite – doch zunächst stockt’s
Viel Aufwand, wenig Ertrag gegen defensive Gegner
Der Knipser fehlt – bis Lewandowski explodiert
Anderes Spiel ohne Taktgeber Sahin
BVB-Express nimmt wieder Fahrt auf – und wie!
»Wir sind alle ein bisschen verknallt in diesen Verein«
Borussen-Durchmarsch lässt schäumende Bayern zurück
Lehrgeld in der Champions League
Von Pokalpleiten bis zum »Finale furioso« gegen die Bayern
Halbfinale mit brisantem Schlussakkord
Klopp sieht »eiskalte« Dortmunder
Herausforderungen bleiben
Entwicklung noch nicht abgeschlossen
Souveräne Auftritte in der Champions League
»Aggressives Potenzial«: Klopp gegen die Schiedsrichter, Teil eins
Vorwurf der »Industrie-Spionage« in Richtung München
Enttäuschungen nach der magischen Nacht gegen Málaga
Robben versetzt Borussia den späten Knockout
Nach dem Gipfel folgt der Abstieg
Götze-Nachfolger wartet auf den Durchbruch
Vizemeister – aber die Bayern nicht mehr in Sichtweite
»Da wird die Luft dünner«
Außer Rand und Band oder: Klopp gegen die Schiedsrichter, nächster Akt
Dr. Jekyll und Mr. Hyde
In ungewohnter Zuschauerrolle
Raus mit Applaus: Hinspiel-Hypothek wiegt zu schwer
Katastrophale Hinrunde trotz hoher Laufleistung
»Urlaub« in der Champions League
Trost im DFB-Pokal
Letzter – danach geht es aufwärts
Denkwürdige Pressekonferenz
Noch einmal mit dem Lastwagen um den Borsigplatz
Die Schwierigkeit, loszulassen
Spieltaktik, Trainingsarbeit und Entwicklung einer Mannschaft – die Spielphilosophie von Jürgen Klopp
»Eine bessere Mannschaft muss nicht zwingend gewinnen«
Traumeinstand: Sechs Siege in sieben Spielen
Zunächst die »Schotten dicht«
Schrittweise Entwicklung des BVB-Spiels
Gefühl für den richtigen Zeitpunkt
»Entscheidend ist nicht die Trainingsform, sondern das Coachen«
Der Autodidakt und die moderne Trainingslehre: Inspirieren lassen ja, kopieren nein
»Ein großer Verfechter davon, sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen«
»Wahnsinn, in welchen Tempi wir laufen mussten«
Gerannt für den Urlaub
Fakten, nichts als Fakten
Stetige Entwicklung nicht nur des Spiels, sondern auch der Spieler
Schmelzer zeigte die größte Entwicklung
»La Masia« in Dortmund
Barcelona als Nonplusultra
Erfahrung sammeln in Sevilla
»Wahnsinn« Life Kinetik
Die Männer neben Klopp: »Gehirn« und »Auge« als Unterstützung für den Chefcoach
Eine Wellenlänge von Beginn an
»Fleisch gewordener Fußballsachverstand«
Video-Analyse in der Halbzeit
»Wir haben Schmelzer?«
Ein weiterer Nachmittag in Brackel: Trainingstag im Herbst 2011
Konzentration – aber ein bisschen Spaß muss sein
Kicken auf drei Tore
Klopp im Blick des BVB-Fans: Tacheles statt Larifari
»Für mich kommt Klopp direkt hinter Hitzfeld«
Mensch Klopp!
»Das lässt mich total locker bleiben«
Das zweite Gesicht
»Klopp lässt Dampf ab, ist aber nicht nachtragend«
Markenzeichen Jürgen Klopp
Marke ist nicht gleich Marke
Interview mit Frank Dopheide über Markenbildung – »Klopp ist eine treue Seele«
Regelmäßige Einzahlung auf das »Markenkonto«
»Klopp ist eine absolute Identifikationsfigur«
Individuell ja, extravagant nein
»Klopp hat ein verbindendes Element«
von Matthias Greulich
Marc Kosicke – der Mann, dem die Trainer vertrauen
Unaufgeregt und mit festem Händedruck
Schutz des Mandanten im Blick
Jürgen Klopp als »TV-Bundestrainer«
Zweifache Auszeichnung, aber …
… in erster Linie ein Fußballlehrer
Interview mit Cristián Gálvez zu Persönlichkeit und Außenwirkung von Jürgen Klopp
Klopp als Führungspersönlichkeit
»Klopp hat es früh aufgesogen«
»Menschen mit klarer Richtung wirken anziehend«
Klopp und die »aufgeklärte Patriarchie«
Klopps Maxime: Leistung bringen!
Klopp beim »Unternehmen des Aufbaus«
Komfortzone ade!
»Klopp for the Kop«: Auf zu neuen Ufern
Vertrauen auch in Schwächephase
Es wurde Skat »gekloppt«
Paukenschlag im April
Eine respektvolle Geste zeigt die Richtung an
»The normal one«
Der Reiz des »schlafenden Riesen«
Zum Erfolg verdammt
Sprachliche Herausforderung
Erstes Highlight ausgerechnet gegen Mourinhos Chelsea
Schwierigkeiten gegen Defensivteams
Gegenwind für den »Vulkan«
»It’s not a wish concert!«
Wunden lecken nach turbulenten Tagen
Rückkehr nach Wembley
Epische Aufholjagd gegen den BVB
Ein Spiel wie ein Orkan
»Schwingungen mit Händen greifbar«
Durchwachsene Ligabilanz
Das »Gelbe U-Boot« versenkt
Spalier fürs Team: »We are Liverpool!«
Wieder ein Finale, wieder verloren
Klopps Hadern mit strittigen Entscheidungen
Gekommen, um zu bleiben
Keine Scheu vor konsequenten Entscheidungen
Premiere im »neuen« Anfield wird zum Befreiungsschlag
Vereinsrekord, aber …
Ernüchterung im neuen Jahr: Im trüben Januar (fast) alles verspielt
Im Endspurt noch Rang vier gesichert
Eine hypothetische Frage
Wunschspieler für Angriff bekommen – Abwehr bleibt Achillesferse
Manchester City als Nonplusultra
Wechseltheater um Coutinho
Ein Fall von Doppelmoral?
Mit Glück und Geschick ins Halbfinale
Unerwartetes Ende eines »telepathischen Duos«
Ein Drama in drei Akten
Salahs Verletzung und Karius‘ Blackouts schocken Liverpool
Das »Feierbiest« zeigt sich trotzig
Wunden lecken nach Finalkater – Kader wird optimiert
Historische Bilanz in der Liga, doch die Meisterkrönung bleibt wieder aus
Loblied auf Abwehrbollwerk um van Dijk
Wechsel an der Spitze nach Merseyside-Derby
Pokal? To be continued …
Alisson Becker rettet das Weiterkommen
Englische Party in München – Liverpool »on fire«
Couragierter Auftritt nicht belohnt
Geistesblitz von Alexander-Arnold
Die »Mentalitätsgiganten« haben zugeschlagen
Benfica B wird zu Tottenham
Die Abwehr eine Wand
Größe auch im Erfolg – Entwicklung wichtiger als Titel
Ein Lied als Prophezeiung
Dreiteiliges Versprechen
Eine Saison im Rausch – bis zum Frühjahr 2020
Nachspielzeit ist »Kloppage Time«
Fanpost der anderen Art
Höchste sportliche Ehren – für Klopp und Klub
Harsche Kritik wegen Boykott im FA-Cup
»Die Unbesiegbaren« sind doch verwundbar
»… wie der schlechteste Verlierer der Welt«
Coronavirus legt öffentliches Leben lahm – was nun?
Eigentor besonderer Güte
Der Ball rollt wieder – und Liverpool wird Meister »auf der Couch«
»Es ist einfach groß«
Liebe ist teilbar
Als Mittfünfziger in Rente?
Nachspielzeit: Zitate von und über »Kloppo«
Jürgen Klopp über …
Meinungen zu Jürgen Klopp von …
Anhang
Steckbrief Jürgen Klopp
Der Herausgeber und die weiteren Autoren
Editorial
Welch ein Kontrast: Noch 2005 stand Borussia Dortmund am Rande der Insolvenz. Der Verein konnte nur deshalb im Profifußball gehalten werden, weil die Anleger des Stadionfonds dem Sanierungskonzept zustimmten. Die Borussia verschwand somit zwar nicht in der Versenkung, dümpelte jedoch in den Folgejahren aufgrund des notwendigen rigiden Sparkurses im sportlichen Mittelmaß umher. Inzwischen ist der BVB wieder eine der ersten Adressen im deutschen Fußball. Die Erinnerungen an die enthusiastisch bejubelten Titelgewinne von 2011 und 2012, die ersten nach dem Beinahe-Crash, sind in Dortmund noch sehr präsent.
Schwarz-Gelb hat sich inzwischen auch auf finanzieller Ebene konsolidiert – dank einer jungen und erfolgreichen Mannschaft, die sportliche wie wirtschaftliche Rendite abwirft. »Nie zuvor war eine Meisterschaft verdienter«, lautete das einhellige Expertenurteil nach dem unerwarteten Titelgewinn 2011. Selten zuvor hatte der Fußball für mehr Begeisterung gesorgt. Ein spielerischer Rausch, der Fußball-Feinschmecker vor Freude Sinnessprünge machen ließ. Ein Rausch ohne Kater im Jahr darauf – ganz im Gegenteil: 2012 wurde nicht nur die Meisterschaft verteidigt, sondern mit dem furiosen 5:2-Pokalsieg über den FC Bayern erstmals in der Vereinsgeschichte auch das Double gewonnen.
Als sportlicher Architekt dieser Erfolgsstory gilt bis heute Trainer Jürgen Klopp, der binnen drei Jahren aus einer mittelmäßigen Bundesliga-Mannschaft ein Meisterteam formte. Ein charismatisch-akribischer Coach, über den Borussias Sportdirektor Michael Zorc sagt, dass »er mein bester Transfer war«. Faszinierend ist vor allem die Art und Weise, wie der Erfolg zustande kam: War die Dortmunder Meisterschaft 2002 noch das Ergebnis von Routine und internationalen Topstars (Tomáš Rosický, Jan Koller, Marcio Amoroso), so war es diesmal eine dynamische Jugendtruppe mit Eigengewächsen wie Mario Götze oder Kevin Großkreutz. Gelebte Identifikation, die den Enthusiasmus um den BVB noch weiter steigerte. Klopp hatte bei Amtsantritt in Dortmund »Vollgas-Veranstaltungen« versprochen – und Wort gehalten.
Es ist an der Zeit, den Menschen und Trainer Jürgen Klopp näher vorzustellen. Was zeichnet diesen Mann aus, der nicht nur von den Fans in Mainz, Dortmund und Liverpool geliebt wird, sondern dem über Grenzen hinweg die Sympathien zufliegen? Der als »TV-Bundestrainer« Millionen von Deutschen das Spiel erklärte, in einer auch für Laien verständlichen Sprache. Was treibt ihn an, was ist sein Erfolgsgeheimnis und wie wurde er zum Meistertrainer?
Auf diese Fragen will das vorliegende Buch Antworten geben und vermittelt daher einen ausführlichen Eindruck von der Persönlichkeit, dem Werdegang, der Arbeitsweise sowie der taktischen Philosophie des Trainers Jürgen Klopp. Zusätzliche Einblicke geben Gespräche mit Experten, die eine wertvolle Perspektive von außerhalb des Fußballs mitbringen. Dabei behandelt diese in Zeitabschnitten erzählte Biographie nicht die Privatsphäre, sondern die sportlichen wie menschlichen Überzeugungen des früheren Spielers und heutigen Fußballlehrers Jürgen Klopp.
Klopp selbst hat bei diesem Buch nicht mitgewirkt. Dafür kommen einige seiner früheren Weggefährten zu Wort, die eine objektive Sicht auf sein Wesen und Wirken geben können. Dabei zeigt sich, dass das oberflächliche Klischee des »Lautsprechers Klopp« nicht greift und hier nicht allein ein Motivator im legeren Outfit am Werk ist.
Das Buch skizziert die bisherigen Stationen Klopps und dokumentiert seine große Liebe zum Spiel. Angefangen von seiner Jugend in Glatten, über die Zeit als Zweitliga-Spieler, bis hin zu seiner inzwischen knapp zwei Jahrzehnte währenden Trainerkarriere, in der sich Klopp eine eigene, unverwechselbare Identität geschaffen hat.
Eine Laufbahn, die er 2015 nach sieben intensiven Jahren bei Borussia Dortmund freiwillig unterbrach. Um sich eine Auszeit zu nehmen und Kräfte zu sammeln – ehe schon bald mit dem FC Liverpool eine neue große Herausforderung auf ihn wartete: Den »schlafenden Riesen« von der Anfield Red zurück zu alten Erfolgen zu führen und somit als erster deutscher Trainer erfolgreich in der englischen Premier League zu arbeiten. Und wie ihm dies gelingen sollte: Als Klopp das Kommando übernahm, lebte der Verein vom Glanz vergangener Tage. Fünf Jahre später hatte er die »Reds« nicht nur auf Europas Fußball-Thron geführt, sondern auch zu unvergleichlicher Dominanz in der Premier League. Nach Mainz und Dortmund lagen ihm nun auch die Fans in Liverpool zu Füßen. Keine Zweifel, dieser Mann kann Mannschaften entwickeln!
Jürgen Klopp ist zu einer international bewunderten und markanten Trainergröße gereift, die bei all ihren bisherigen Vereinen bereits Legendenstatus erreicht hat. Die deutsche Meisterschaft 2011, so sagte er selbst nach seinem ersten offiziellen Titel als Trainer, war erst »wie ein Etappensieg bei der Tour de France«. Inzwischen hat Klopp den Triumphbogen in Paris erreicht. Doch die wilde Fahrt ist noch nicht zu Ende.
Meisterfeier in Dortmund:
Triumphator Jürgen Klopp
Dortmund, 15. Mai 2011. Eine Stadt im Ausnahmezustand, die gesperrte B1 ist von Menschenmassen gesäumt. Geschätzte 400.000 Fans feiern glückselig die siebte Deutsche Meisterschaft ihres BVB. Mannschaft und Verantwortliche fahren im offenen, schwarz-gelben Meisterbus durch die Stadt. Der Zug startet um 12 Uhr am Borsigplatz, der Wiege des BVB im Norden der Stadt. Hier wurde der Verein 1909 im Restaurant »Zum Wildschütz« gegründet. Diesem Ursprung zu Ehren entwickelt sich ein Lied zu dem Hit dieser fulminanten Feier, die schier eine ganze Stadt in Bewegung bringt und sich auch vom einsetzenden Regen nicht beeinträchtigen lässt:
»Rubbeldikatz, rubbeldikatz, rubbeldikatz am Borsigplatz!«, intoniert ein freudetrunkener Jürgen Klopp auf dem Bus – und die Menge stimmt mit ein. Ein Ohrwurm von Borussias Spielerlegende Alfred »Aki« Schmidt, einst selbst mit dem BVB Deutscher Meister, und der Band Casino Express. Nach zwei Stunden Schlaf versteckt »Kloppo« die übermüdeten Augen hinter einer verspiegelten Pilotenbrille. Der krächzende Tonfall seiner Stimme verrät die Feierspuren der vorangegangenen Meisternacht. Meister. Er, der die Bundesliga während seiner Spielerkarriere nur aus dem Fernsehen kannte.
Dortmunds Stadionsprecher Norbert Dickel, der vielbesungene »Held von Berlin« des BVB-Pokalsiegs von 1989, hält ihm das Mikrofon vor den Mund. Ein kurzer Gruß an die Fans, die bereits vor den Westfalenhallen auf ihre Lieblinge warten? Klopp verspricht: »Jetzt ist erst das Warmmachprogramm. Wir kommen gleich vorbei und dann geht richtig die Post ab. Bis dahin: Elfmeterschießen üben!« Dabei hält er ein handbeschriftetes Plakat hoch, das ihm zugesteckt wurde und genau das empfiehlt. Denn während der abgelaufenen Saison hatte der BVB alle fünf seiner Elfmeter vergeigt. Doch wen interessierte das jetzt schon?
Das Feierprogramm kennt keine Pause, stundenlang braucht der BVB-Bus, um an seinem Ziel vor den Westfalenhallen anzukommen. Spieler und Trainer, einer nach dem anderen läuft über die improvisierte Bühne und wird von den Massen gefeiert. Als Klopp die Bühne betritt, erklingt der Song, der ihm von Sänger Baron Von Borsig eigens gewidmet wurde: »Kloppo, du Popstar.« Seine Stimmbänder mobilisieren ihre verbliebenen Kräfte: »Vielen Dank. Ihr müsst ein bisschen leiser sein, denn meine Stimme ist nicht mehr ganz so gut. Dafür gibt es gute Gründe. Unglaublich, unglaublicher Tag, unglaubliche zwei Wochen« (Anm.: seitdem die Meisterschaft feststand), um dann wieder in die Fangesänge einzustimmen: »Deutscher Meister ist nur der BVB, nur der BVB!« Wenn sich Louis van Gaal bei der Meisterschaft des FC Bayern 2010 zum »Feierbiest« ernannte, dann hat er mit Jürgen Klopp einen würdigen Nachfolger gefunden.
Noch ein »zweiter Jürgen Klopp« zieht die Blicke auf sich: Der, den der Dortmunder Martin Hüschen auf dem Rücken trägt. Der glühende BVB-Fan ließ sich im Frühjahr 2011 erst ein Portrait-Tattoo des rufenden Klopp auf den Rücken stechen, ehe direkt neben dem Trainer ein Tattoo der Meisterschale folgte – und das noch bevor sie die Borussia definitiv gewonnen hatte! Begleitet von Fernsehteams, die festhielten, wie das gesamte Kunstwerk nun die komplette obere Hälfte seines Rückens bedeckt. Klopp sei nun mal ein »toller Typ«, der »menschlich zu uns passt«, begründete Hüschen seine Motivwahl.1 Kommentar des so Geadelten: »Er ist alt genug. Er weiß, was er tut.« 2011 ist Hüschen Anfang 40 ...
Fans, Mannschaft, Verein und Stadt zelebrieren eine überschwängliche Meisterschaftsfeier, die nicht geplant, nicht erwartet war, auf die nicht einmal zu hoffen gewagt wurde. Denn die Jahre zuvor waren von einer sportlichen wie wirtschaftlichen Durststrecke des Vereins geprägt: Im Streben nach maximalem sportlichen Erfolg waren die Ausgaben aus dem Ruder gelaufen, der BVB stand dicht vor der Insolvenz und befand sich gar im vielzitierten »Vorraum der Pathologie«. Der Super-GAU konnte zwar vermieden werden, doch die sportliche Entwicklung der Mannschaft darbte.
Sicher, auch die zuvor letzte Dortmunder Meisterschaft von 2002 war groß gefeiert worden. Doch nicht mit dieser Hingabe, nicht mit dieser allumfassenden Sympathiewelle, die sich längst nicht nur auf Dortmund erstreckte. Dieses junge, Spiel für Spiel aufopferungsvoll kämpfende Team machte Identifikation auch über die Stadtgrenzen hinaus leicht. So feierte Dortmund seine Helden von 2011 so enthusiastisch wie wohl nie zuvor. 2002 waren die Erfolge der Vorjahre noch frisch gewesen, der Geschmack des Erfolges lag noch auf der Zunge: Champions-League- und Weltpokalsieger 1997, Deutscher Meister 1995 und 1996, UEFA-Cup-Finale 1993 und 2002. Dass die Borussia ihren Briefkopf regelmäßig um neue Auszeichnungen erweiterte, schien ein Gesetz der Serie zu werden.
Klopp und sein Team schenkten der Stadt mit ihrem Erfolg Stolz und Selbstvertrauen. Eine Stadt, deren Menschen sich in einer Weise über ihren Fußballklub definieren, wie dies deutschlandweit wohl nur im Ruhrgebiet passiert. Eine Stadt, die mit einer Arbeitslosenquote von 13 Prozent2 Erfolge des BVB umso mehr als Ersatzbefriedigung wahrnimmt. Eine Stadt, in der Dortmund nur ein Vorort von Borussia zu sein scheint.
Klopp ist sich der Verantwortung, die daraus folgt, bewusst: »Was wir tun können, ist, ihnen eine Ablenkung zu verschaffen, ihnen Freude zu geben. (...) Ich kann die politischen Umstände nicht verbessern, ich kann an der sozialen Wirklichkeit nichts ändern – aber wir können diese Menschen einen Moment lang glücklich machen«, offenbarte er seine Motivation schon knapp zwei Jahre vor der Meisterfeier.3 Für diese Einstellung lieben ihn die Menschen. Und Jürgen Klopp hatte nach Mainz 05 mit Borussia Dortmund seine zweite sportliche Liebe entdeckt.
Doch wie wurde aus Jürgen Klopp der gefeierte Meistertrainer? Es begann einst in einem idyllisch gelegenen Luftkurort, einer kleinen Gemeinde im Schwarzwald …
Der Jugendspieler Jürgen Klopp:
»Bub, net auf die Gläser, aufs Tor«
Fußball spielen lernte Klopp in Glatten, im Nordschwarzwald. Auf der Auslinie des Waldplatzes steht eine Tanne, die nicht stört. Manchmal fliegt der Ball in den Fluss, der vorbeirauscht. Von hier nahm Klopp was mit, kommt er heim, bringt er was zurück.
von Roger Repplinger
In der »Linde«
Die Sonne leuchtet durch die offene Tür der »Linde«, im Licht schwimmen Insekten, die von der Glatt, die nicht weit von hier durch den Ort fließt, dem sie den Namen gegeben hat, herüber kommen, weil es hier Bier gibt und Rotwein und nicht nur Wasser. Das Licht bringt das Salz und den Pfeffer in den Streuern auf dem Tisch zum Leuchten und man sieht die Muster auf den Platten des Fußbodens. Die Gewürze nehmen die Gäste der »Linde« für ihren Rostbraten und das Wiener Schnitzel mit Pommes und Salat, bei denen sie sich anstrengen müssen, »um sie zu zwingen« – wie man hier sagt. Ich bekomme Hunger.
Draußen stehen ein paar Plastiktische. Da sitzt eine Hand voll Männer aus Glatten, Neuneck und Böffingen, rauchen, und schweigen sich in den Feierabend hinein. Die zwei Linden vor der »Linde« sind keine Linden, sondern Eichen. Mir wäre das nicht aufgefallen.
Wenn ich nach Hause komme, sind zwei Lieder in meinem Kopf. Akustikgitarre und die zerknitterten Stimmen von Neil Young, der »Sugar Mountain« singt, und Bruce Springsteen, der von einem »Mansion On The Hill« erzählt. Es gehen so viele Gefühle in mir herum, dass ich sie nicht alle aufschreiben kann. Ich hab genug damit zu tun, sie auszuhalten. Ich kriege die Risse in meine Leben nicht zu, indem ich drauf zeige, was aus mir geworden ist. Wenn der eine Bücher schreibt, die keiner liest, schiebt ihn das weiter von dem weg, was mal sein zu Hause war, und wenn der andere Deutscher Meister im Fußball wird, auch. Der Deutsche Meister wird auch Heimweh haben.
Das Hotel Schwanen steht in der Ortsmitte von Glatten. Von da bin ich den Berg hochgegangen. Es geht immer den Berg hoch, denn Glatten liegt für ein Dorf im Nord-Schwarzwald mit 530 Metern nicht hoch. Deshalb brauchen die Kinder, die in die weiterführende Schule nach Dornstetten oder gar Freudenstadt gehen, ein Rad, mindestens, oder besser ein Mofa, oder den Bus. Auch wenn sie ins Kino wollen, das geht nur in Freudenstadt, oder in die Disko, etwa das »Barbarina« in Freudenstadt, oder den »Scotch Club«, oder das »Juz«, das Jugendzentrum in Dornstetten, oder die »Ranch« in Neuneck. Bis auf einen versichern alle einheimischen männlichen Anwesenden am Tisch in der »Linde« sofort hoch und heilig, nie dort gewesen zu sein. Gerhard Triks Beschreibung dessen, was auf der »Ranch« abging, beschränkt sich auf einen entzückten Gesichtsausdruck, »ooh, ooh« und das Heben und Senken der Hände, begleitet von weiteren »ooh, oohs«.
Glatten, der Ursprung
Das Wasser ist der Grund, aus dem es Glatten gibt, und sicherte sein Überleben. »Glatt« stammt vom Althochdeutschen »glat« beziehungsweise »glad« ab, und heißt so viel wie »klar, glänzend, rein«. Die Glatt entsteht in Aach, einem Stadtteil von Dornstetten, aus Ettenbach, Stockerbach und Kübelbach, und fließt erst nach Süden, dann nach Osten, und mündet nach 37 Kilometern bei Neckarhausen in den Neckar. An der Glatt siedelten sich Getreide- und Sägemühlen an, Gerbereien und Brauereien, Flößereien, Waldbau, der ohne Wasser die geschlagenen Bäume nicht hätte transportieren können, und alles, was sonst irgendwie mit Wasser zu tun hat. Das rot-silberne Wappen der Gemeinde zeigt ein vierspeichiges Mühlrad mit zwölf Schaufeln.
Der Latschariplatz
Die Einwohner von Glatten, die sich selbst »Glattemer« nennen, sagen zur Ortsmitte »Latschariplatz«. Latschari ist alemannisch und bezeichnet das, was in Norddeutschland »Puschen« sind. Hier stand, gegenüber dem »Schwanen«, die Brauerei Reich. Die gehörte der Familie von Jürgen Klopps Mutter Liesbeth, die den Kürschner Norbert Klopp heiratete, der aus Dornhan nach Glatten gekommen war. »Z’Glatten«, wie man hier sagt. Er arbeitete dann für die Firma »Fischer-Dübel« in Tumlingen. Artur Fischer, Jahrgang 1919, der 1958 den Dübel aus Polyamid erfand, ist in Tumlingen geboren. Über Norbert Klopp sagen die, die ihn kannten, dass er ein eleganter Mann war, gewandt, ein guter Verkäufer, selbstbewusst, der auch Kindern mit Respekt begegnete, was dem kleinen Jens Haas schwer imponierte, weil das in den siebziger Jahren nicht üblich war.
Da steht ein Brunnen am Latschariplatz, über dem Bürgenbach. Hier treffen sich die Jugendlichen, kauen Kaugummi, die Jungens spucken Lachen auf den Boden, rauchen, und schmeißen ihre Kippen in den Bach, in dem Forellen stehen. Auch ihr Plastikbesteck, das eventuell aus dem Döner-Imbiss kommt, den es nun auch in Glatten gibt, und wenn sie ganz übermütig sind, die Jugendlichen, ihre Bierflaschen. Das ist dann Punk. Hier am Brunnen, treffen sich die Kreisliga-A-Fußballer des SV Glatten, wenn sie auswärts spielen. Auch die Spieler der Nachwuchsmannschaften halten das so. Der Brunnen, das ist der Platz in Glatten!
Da ist die Bäckerei Trik, die immer hier war, und in der Gerhard Trik 25 Jahre lang aushalf. Immer samstags. Gerhards Bruder, der inzwischen auch schon 62 ist und seinen Bruder mit einem kurzen, freundlichen Brummen grüßt, hat die Bäckerei übernommen. Die letzte eigenständige, in der noch gebacken wird – alle anderen Bäcker im Ort: Kette. Mechanikermeister Gerhard Trik wurde Platzwart des SV Glatten und betreibt das Vereinsheim. Er will in diesem Text nicht vorkommen, also entschuldige ich mich hier bei ihm: Lieber Gerhard Trik – es geht ums Verrecken nicht anders.
Gerhard Trik bricht sich den Fuß
Es muss ein Samstag im Jahr 1974 gewesen sein, »legen Sie mich nicht fest«, bittet Trik, als die vom SV Glatten Samstag morgens um Acht in der Backstube beim »Aushilfsbäcker« Gerhard Trik vorsprechen, weil sie wissen, dass der am Samstag um diese Zeit schafft, und ihn bitten, als Aushilfsfahrer für eine Fahrt nach Kirn einzuspringen. Der vorgesehene Fahrer war ausgefallen. Die A-Jugend soll dort spielen. In Kirn, in der Pfalz. Der Trik, der lässt sich breitschlagen, und setzt sich hinters Steuer. Die Leute helfen sich gegenseitig, so ist das auf dem Dorf. Der Norbert Klopp und sein etwa siebenjähriger Sohn Jürgen sind auch dabei, weil der Vater doch aus Kirn stammt. Der Vater spielt gut Tennis, ist auch kein schlechter Fußballer, Torwart, bei den Turn- und Sportfreunden Dornhan in der zweiten Amateurliga, Probetraining beim 1. FC Kaiserslautern, beim SV Glatten, wenn es eng wurde, Mittelfeldspieler – und ehrgeizig. Auch was seinen Bub anbelangt. Gerade bei dem.
Wir sind nun in Kirn. Die A-Jugend kickt und der kleine Klopp, der schiebt dem Trik einen Ball zu, und der Trik, nicht faul, schiebt ihn zurück. Das geht so hin und her. Vater Klopp guckt bei der A-Jugend zu. Und dann rutscht der Trik aus, wahrscheinlich war der Rasen nass, sagt er, und – bautz, haut es ihn längs hin. Und auch der Knöchel ist hin. In Kirn, in der Pfalz. »Hol’ Hilfe«, sagt der Trik, der am Boden liegt und nicht mehr aufstehen kann, zum kleinen Klopp, und der wetzt los. Und schon kommt der Sani mit der Trage und der Trik in Kirn ins Krankenhaus. Heute humpelt er, hat Arthrose im Knöchel, und deshalb tut ihm die Hüfte weh. Fehlbelastung. Jetzt überlegt er, was er machen soll. Operation? »Au«, sagt Gerhard Trik, und zieht die Luft zwischen den Zähnen in seinen Mund. Schon das Wort: furchtbar. Er war bislang nur ein Mal in seinem Leben im Krankenhaus. In Kirn, in der Pfalz. Er findet, das reicht.
Habe ich gesagt, dass er nicht in diesem Text vorkommen will? Der Gerhard Trik? Habe ich? Er will sich nämlich nicht in den Vordergrund schieben. Er sagt nicht, dass sich andere in Glatten mit Jürgen Klopp in den Vordergrund schieben. Das würde er nie sagen, weil er sich damit ja doch in den Vordergrund schieben und über andere richten würde. Das will er auf keinen Fall. Und nicht vorkommen. Nun kommt es anders.
Astrid Wissingers Klassenfoto
Gerhard Trik ist nicht aus Glatten weggegangen. Jeder, der geblieben ist, hat darüber nachgedacht, was für Glatten spricht, und was dagegen. Die, die gegangen sind, haben sich das Gleiche gefragt, und anders entschieden getroffen. Der Haas sagt: »Für mich ist das der richtige Ort.«
Astrid Wissinger hat ein Foto, gerahmt, mit in die »Linde« gebracht. Die vierte Grundschulklasse, Jahrgang 1966/67, alle sind so zehn, elf Jahre alt. Das Foto bedeutet ihr was. Man erkennt nicht, wer die Lehrerin ist, wie hieß die nochmal, die immer schön »Jim Knopf und die Wilde 13« vorgelesen hat, so jung sieht die Lehrerin aus, und wer Astrid ist, erkennt man auch nicht. Alle haben schöne Pullover an und machen einen sehr braven Eindruck. Wie sie so unbeweglich auf dem Foto stehen. Den Klopp, den damals jeder »Klopple« ruft, kennt man sofort. Astrid Wissinger hat alle Namen parat und weiß, was aus ihnen geworden ist. Zwei haben geheiratet, also, nicht direkt in der Klasse, aber Parallelklasse.
In der ersten Grundschulklasse waren sie 45 Kinder. »Das ging nur, weil wir alle gerne in die Schule gegangen sind und weil der Druck nicht so groß war wie heute«, sagt Astrid Wissinger, die es wissen muss, weil sie ein Kind im schulpflichtigen Alter hat. In der Grundschule Glatten gab es Lehrer, die geschlagen haben, »so mit der Handkante«, sagt Wissinger, und als sie es demonstriert, macht ihre Handkante in der Luft ein unangenehmes Geräusch.
Da bleiben, weg gehen
Auf dem Foto sind 23 Kinder. Mehr Mädle als Buben. »Der isch no do, der au«, sagt Astrid und zählt durch. Zwölf von den 23 sind noch in Glatten oder der Nähe. Einige von denen, die geblieben sind, kommen ihr Leben nicht über Dornstetten und Freudenstadt hinaus. Sie schon. Es gibt eine Firma Wissinger, am Ortsausgang Richtung Lombach, Fahrzeugbeschriftungen, auch im Motorsport, und Herstellung von Folien, die Autos gegen Steinschlag schützen, unter anderem für Maserati.
Astrid war mit Jürgens Mutter Liesbeth und seiner Schwester Stefanie mal zu Besuch bei den Klopps. »Wir hatten uns 20 Jahre nicht gesehen, dann saßen wir die halbe Nacht in der Küche und haben geschwätzt«, sagt sie, »alles war warm und herzlich«. Die Mutter hat ihr die Geschichte erzählt, wie der Vater das Wohnzimmer ausräumt und eine Torwand aufstellt, und der Jürgen, drei Jahre alt, soll schießen. »Bub, gell, net auf die Gläser«, ermahnt ihn der Vater, »aufs Tor«.
Der Vater war ein leidenschaftlicher Tennisspieler, hat die Tennisabteilung des SV Glatten mit gegründet. Fast wäre aus Jürgen Klopp ein Tennisspieler geworden, Talent ist vorhanden, Ballgefühl, der Fußball war stärker, vielleicht auch, weil er häufig gegen den eigenen Vater Tennis spielen musste. Das hat wahrscheinlich nicht viel Spaß gebracht.
Das Kloppsche Haus
Es gibt ein Haus in Glatten, aus dem hängt eine gelb-schwarze Fahne. Es ist das Haus, in dem Jürgen Klopp geboren wurde. Gleich beim schicken, neuen Rathaus und der Grundschule, zu der das »Klopple« nur über die Straße musste. Die Fahne hat nichts mit Mutter und Schwester zu tun, die hier leben, sondern mit einem Mieter des Hauses. Der einzige BVB-Fan im Ort. In Glatten ist man traditionell für den FC Bayern München oder den FC Schalke 04. Es ist wie bei jahrzehntelangen Streitigkeiten mit Nachbargemeinden: Keiner weiß mehr, was in grauer Vorzeit der Grund für den Hader war, aber es hört nicht auf.
Das mit den Bayern führt dazu, dass heute im Nebenzimmer der »Linde« der Wirt Wolfgang Herbstreuth, die Wirtin und einige Gäste hocken, und Champions League gucken: Villareal gegen Bayern. Und Gerhard Trik ist pünktlich nach Hause gefahren, weil er das Spiel sehen muss. Ein Schnitzel würde er aber jederzeit in die Pfanne hauen, sagt der Wirt, oder einen Rostbraten, mit extra viel Zwiebeln, wenn der hungrige Gast es wünscht.
Klopp und der rote Brustring
Das Herz von Jürgen Klopp, in Stuttgart geboren, schlug für den VfB Stuttgart. Ist nicht das Schlechteste, was einem im Leben widerfahren kann. In Glatten hatte er ein kleines Zimmer unterm Dach des elterlichen Hauses: VfB-Wimpel, Bett unter der Dachschräge. Erinnert sich Jens Haas, der neben den Klopps gewohnt, und zusammen mit Jürgen bis zur B-Jugend beim SV Glatten gekickt hat. Das heißt, Jens hat Fußball gekickt, Jürgen gespielt. Jens Haas erinnert sich, wie Jürgen schon als Elfjähriger, wenn sie im Radio die Bundesligakonferenz gehört haben, die Entscheidungen des VfB-Trainers kommentiert hat: »Jetzt muss er den Klotz rausnehmen.« Das waren die Zeiten von Hansi Müller, den Förster-Brüdern, Karl Allgöwer, Walter Kelsch, Helmut Roleder im Tor, wahrscheinlich war es Jürgen Sundermann, der Mittelstürmer Bernd Klotz ausgewechselt hat, oder der, wenn er nicht auf Klopp hörte, scharf kritisiert wurde. Aber vielleicht auch Lothar Buchmann.
F-Jugend
Haas kommt etwas verspätet in die »Linde«, weil er mittwochs die FJugend des SV Glatten trainiert. Heute hat er zwei Mannschaften mit je acht Buben gebildet und, halbes Feld, auf die kleinen Tore spielen lassen. Der eine Bursche hat gemault: »Ich will mit dem ...«, und der andere gequengelt: »Oah, Trainer, aber bloß net mit dem ...«. Und alle waren der Meinung, die guten Spieler seien nicht gerecht auf die beiden Teams verteilt. Der Haas blieb hart, es ging 2:2 aus. »Bin doch nicht ganz blind«, sagt er und zwinkert mit dem Auge.
Eine F-Jugend gab es zu der Zeit, als Jens und Jürgen mit Fußball anfingen, noch nicht. Die E-Jugend, nicht zuletzt für seine Söhne Ingo und Hartmut, gründete Ulrich Rath 1972. Heute bildet der Nachwuchs des SV Glatten in den höheren Altersstufen Spielgemeinschaften mit anderen Vereinen, weil sie alleine keine Mannschaft auf die Beine bekommen. Auf dem Bolzplatz in Glatten, in der Nähe wohnt die Familie Schweizer, wird nicht mehr gebolzt, der Trik guckt immer, ob da einer für den SV dabei ist. Und? Kopfschütteln.
Die Kinder haben einfach zu viel Schulunterricht, auch am Nachmittag, und nach der Schule andere Termine. Stress halt. Haas erinnert sich, dass »wir entweder gebolzt haben, oder trainiert«. Jeden Tag war Fußball. Hausaufgaben? »Wenn es ging, gar nicht«, lacht Haas. Und wenn es doch sein musste, dann hopplahopp. Nach dem Bolzen sind Klopp und seine Spezis einfach bei den Schweizers in den Keller gestiegen, und haben sich bedient. Sprudel. Bei der Meisterfeier in Glatten hat er sich nochmal bei den Schweizers bedankt. Wer weiß, was ohne den Sprudel wäre ...
»s’Klopple« hat Talent
Dass das »Klopple« Talent hat, zeigt sich rasch. In der D-Jugend ist es jedem klar. Beim Bolzen läuft es so wie überall, die Spieler werden gewählt, und wer am Anfang gewählt wird, ist einer von den Guten. Jürgen ist Anfang, Jens nicht. Man trifft sich am Brunnen, Ball auf dem Gepäckträger, Lederbälle sind kein Problem, anders als zu Gerhard Triks Zeiten, eine Generation vorher. Da waren Lederbälle und Fahrräder noch nicht jedermanns Sache.
Wenn da einer ist, der es kann, merkt man ja erst, wie schlecht man selbst ist. Haas nickt, aber entscheidend ist, »dass er das einen nie hat merken lassen. Er hat zwar beim Spiel geschimpft, aber das macht jeder in diesem Alter, und er wurde nie persönlich«. Bis heute ist der Klopp nicht der Typ, der Stress sucht, er kommt mit jedem klar, er gibt niemandem das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Er kann sich durchsetzen, macht das aber auf seine Art. Deutlich und nett. Den Trainer des VfB hat er kritisiert, den des SV Glatten nicht. »Der Vater war meistens dabei, mit dem hat er strittige Fragen diskutiert«, sagt Haas. Auch als der Sohn für den FSV Mainz in der Zweiten Liga spielt, fährt der Vater regelmäßig hin und brüllt Kommandos auf den Platz. »Markante Stimme«, sagt Haas.
Kapitän Klopp
Als Mannschaftskapitän der C-Jugend »strahlte Klopp Sicherheit aus«, sagt Haas. Er war eine »zentrale Figur«, auf ihn konnte man sich »in jeder Situation auf dem Platz verlassen«. Er war »immer anspielbar« und »weder als Fußballer, noch durch die Art seines Auftretens als Mensch, irgendwie angreifbar«. Wenn ein Spieler wie Haas das Gefühl hatte, dass es heute schief geht, dann guckte er zu Klopp hinüber, und der vermittelte genau dieses Gefühl nicht. So was kann hilfreich sein. Und was konnte der Klopp nicht gut? »Verlieren«, antwortet Haas prompt. Da flogen schon mal Böller in die Ecke, das erinnert an den Trainer Klopp, der seine Emotionen raushaut.
Vespa, orange
Das »Klopple« hatte ein Mofa, orange, eine Vespa. »Meines war schneller«, sagt Haas, »das hat ihn geärgert, aber das hat er sportlich genommen.« Natürlich wurden »Rennerles« gefahren, die Mofas waren frisiert. Und Astrid Wissinger erinnert sich an einen aus ihrer Altersgruppe, der bei einem Unfall einen Arm verlor. »Da hatte der noch ein Mordsglück«, sagt sie.
Auf den Gedanken, dass der Mittelfeldspieler Jürgen Klopp, der in der C-Jugend eine Menge Tore schoss, in der Bezirks- und Verbandsauswahl spielte, mal Fußballprofi werden könnte, ist Haas nicht gekommen. Auch nicht, als der Klopp zum TuS Ergenzingen wechselte, in die A-Jugend, die einen guten Ruf hatte, weil sie mit Wolfgang Baur einen guten Trainer hatte. Zum TuS Ergenzingen ging noch einer mit, der Jürgen Haug, Norbert Klopp chauffierte die beiden zum Training. Im Auto: immer Einzelkritik. Zu dieser Zeit Vereins- und Schulwechsel: Der kleine Klopp war einer von drei Glattemern, die aufs Wirtschafts-Gymnasium in Dornstetten gingen. Die ersten ein, zwei Jahre, hielten die Beziehungen zu den Gleichaltrigen in Glatten, dann spürte Haas »einen Bruch«. Nicht der letzte. Das hat nichts damit zu tun, wie man miteinander umgeht, und welche Gefühle man füreinander hegt.
Haas hat seinen Sohn beobachtet, wie der auf Jürgen Klopp als TVoder Baumarkt-Werbefigur reagiert. Wir nehmen einen Schluck Weizenbier und überlegen, wie die Firmen heißen, für die Klopp wirbt. Wir kommen nicht drauf. »Er reagiert wie auf jede andere Werbefigur«, sagt Haas. Für seinen Sohn gibt es nur diesen Klopp. Den Unerreichbaren auf der Trainerbank und im Fernsehen. Für Vater Haas ist das anders. Da gibt es zwei. »Wenn er im Fernsehen Werbung macht, ist er eine Werbefigur, wenn er hier zur Feier kommt, dann ist er mein Schulkamerad und Mitspieler, und er fragt mich, wie es mir geht, und ich frage ihn«, sagt Haas.
Die Meisterfeier
Als Klopp zur großen BVB-Meisterfeier auf den Riedwiesen am 10. Juni 2011 in Glatten ist, braucht er eine Dreiviertelstunde, um eine Rote Wurst zu essen, und es tut ihm Leid, dass er nicht genügend Zeit für seinen Schulkameraden hat. Es ist alles schön, manchmal vielleicht ein bisschen peinlich, weil so gelobhudelt wird, aber das muss sein. Klopp sagt, »dass das hier Heimat ist und das ist cool«. Dann und wann spricht er Schwäbisch, das findet Astrid Wissinger »cool«, und dann wird der Applaus noch lauter. Zu vorgerückter Stunde muss er sich im Bierzelt der Besoffenen erwehren, die nicht nach Hause wollen, »und macht das sehr geschickt«, nickt Astrid Wissinger. Er sagt ganz deutlich, wenn es ihm zu viel und zu eng wird, und er Zeit für sich braucht. Und er verschwindet auch mal, wenn ihm danach ist.
Glatten hat, nach den Eingemeindungen von Böffingen und Neuneck, 2300 Einwohner. Alemannische Reihengräber hat man hier gefunden. Im Jahr 1817 schickte die Gemeinde auf ihre Kosten 49 verarmte Glattemer in die USA; ein Kind stirbt auf der Reise nach New Orleans. Seit dem Jahr 1904 gibt es elektrische Straßenbeleuchtung. Heute haben die Straßen keine Schlaglöcher, und auf den Gehwegen vor den Häusern der ganzen Gegend stehen Fernseher, Staubsauger und Monitore, weil Elektromüll abgeholt wird. Glatten ist nicht mehr arm und leistet sich drei Fußballplätze. Die machen dem Platzwart Sorgen.
Sportplatz Riedwiesen
Der Platz in den Riedwiesen, auf dem die erste Mannschaft spielt, wurde 1983 eingeweiht, da spielte die Erste des SV zum letzten Mal in der Bezirksliga. In der Saison 2010/11 hatte es lange so ausgesehen, als würde der Aufstieg gelingen. Dann war es doch nur der dritte Platz. In der Saison 2011/12 der nächste Anlauf, mit den Spielertrainern Tomislav Gelo aus Kroatien, 35 Jahre alt, und dem Bosnier Senad Sencho Kacar, 39 Jahre alt. Die beiden haben einen Job und bekommen ein bisschen Geld für die Trainingsarbeit, der Rest der Mannschaft ist »vom Ort«, wie Trik sagt.
Die Eingeweihten in der »Linde« diskutieren, ob das »Klopple« auf dem »neuen« Platz, der mittlerweile auch schon 30 Jahre alt ist, gespielt hat. Es kommt nicht zu einer Entscheidung, Tendenz: eher nicht. Fest steht: »Der Platz muss saniert werden – dringend«, weiß Gerhard Trik, der mit feinem Ohr dem Gras beim Wachsen zuhört.
Wembley – von weitem
Wir sitzen auf der Terrasse des Vereinsheims, in dem ein paar Pokale in der Vitrine stehen, die »s’Klopple« zu gewinnen half, und sehen sattes Grün. »Isch wie Wembley«, sagt Trik, und wir sehen mal davon ab, dass es Wembley nicht mehr gibt, »aber nur von weitem«. Im Winter ein Sumpf, im Sommer hart wie Beton. »Wir haben hier«, erklärt Trik, »einen Zeltsystem-Platz«.
Wir machen ein paar Schritte übers Grün. Der Rasen ist butterweich, gestern war die B-Jugend drauf, ganze Rasenfetzen haben die Burschen herausgerissen. Nicht mutwillig, sondern bei völlig normalem Training. »Es kommt der Tag«, prophezeit Trik, »an dem wir nicht mehr spielen dürfen, weil die Verletzungsgefahr zu groß wird.« Die Gemeinde will nicht zahlen, der Verein hat kein Geld. Eine Sanierung würde 130.000 Euro kosten, davon zahlt der Württembergische Landessportbund 30 Prozent, die Gemeinde müsste einen Teil übernehmen, 30.000 Euro würden am Verein hängen bleiben. Auf das Vereinsheim wurde 2002 eine Solaranlage gesetzt, finanziert von 20 Gesellschaftern. Der Strom wird ins Netz eingespeist.
Sieben Tage in der Woche wird in den Riedwiesen trainiert. Zu den Spielen kommen im Schnitt 100 bis 150 Zuschauer. Die Glattemer stehen auf dem steil zur Neunecker Straße ansteigenden Rasenstück, die Anhänger der Auswärtsmannschaft gegenüber. Vor drei Jahren, beim Landesliga-Relegationsspiel Spvgg Freudenstadt gegen die TSG Tübingen, waren über 3000 Zuschauer auf der Anlage. Freudenstadt führte 2:0, Tübingen gewann 3:2 und durfte in der Landesliga bleiben.
Fortuna Köln und 1860 München waren zu Trainingsspielen hier; bei einem Freundschaftsspiel des FSV Mainz gegen den SV Linx kamen 800 Zuschauer – Kloppo war da noch Spieler. »Nur 800«, sagt Trik. Ob mal Borussia Dortmund nach Glatten kommt, wird der Trainer auf der Meisterfeier gefragt: »Das kann durchaus noch dauern«, antwortet Klopp, zu wenig spielstarke Gegner in der Gegend, da kann er ziemlich unsentimental sein.
Der Waldplatz
Wir fahren auf den Waldplatz, auf dem der junge Klopp gespielt hat. Sattes Grün, mit dem Stumpf einer Tanne auf der Auslinie. Auch als der Stumpf noch ein stattlicher Baum war, kein Hindernis. Vor nicht allzu langer Zeit wurde ein Fangnetz errichtet, damit die Bälle nicht in die Lauter fliegen, die keine fünf Meter hinterm Platz durchs Tal plätschert. »Ständig«, sagt Trik, sind Bälle in die Lauter geflogen, es gab eine Stange, um sie rauszuholen. Bei Niedrigwasser kein Problem, bei Normalwasser war der Ball »beim Teufel«. Und so, wie Trik das Wort »Teufel« ausspricht, sieht man Satan in der Fußball-Hölle, wie er mit den verdammten Seelen kickt – mit Bällen aus dem seit der Reformation protestantischen Glatten.
Die Schranke, von Trik schick in gelb-schwarz – den Vereinsfarben des SV Glatten – gestrichen, soll verhindern, dass »Junge, Mittelalte und Alte nachts hierher kommen, und Unsinn machen«. Der Platz, lauschig und abgeschieden, schreit nach Unsinn. Die Tore hat Trik auch selbst gebaut, bis auf die beiden neuen. Er war auch schon im hölzernen Vereinsheim, das hier steht, tätig. Das wurde 1970 gebaut, ist 1986 abgebrannt, und wurde dann wieder neu aufgebaut. Jetzt ein Geräteschuppen.
Alle Mannschaften, auch die drei der Frauen, die zwei Mal pro Woche trainieren, wechseln zwischen dem »neuen« Platz und dem »alten«. Vor allem im Sommer wird gerne im Wald trainiert, weil hier Schatten ist, den gibt es drüben nicht.
Der Maulwurf
Vor dem Tannenstumpf auf dem Waldplatz ist der schöne, ebene Rasen ein wenig hügelig und bröselig. Da sind kleine braune Erhebungen aus Erde – die schiebt der Höhlen grabende Maulwurf an die Oberfläche. Der Maulwurf schafft es, dem mit der Tugend der Gelassenheit reichlich versehenen Gerhard Trik die Fassung zu rauben. »Gegen die Maulwürfe kämpf ich mit allen Mitteln«, knurrt er, und zählt auf: Gift und Fallen. Dem einen oder anderen Maulwurf hat er den Garaus gemacht, aber diese Hügel, die sind ganz frisch. »Gestern«, sagt er, »waren die noch nicht da.«
Muss er wieder mit Fallen arbeiten. »Das mache ich nicht gerne während des Trainingsbetriebs«, sagt der Platzwart. Er markiert die Stelle, an der er eine Falle aufstellt, mit einem Stecken, aber die Kinder ziehen den Stecken raus, und dann ist die Falle weg, weil er sie nicht wiederfindet. Verdammte Maulwürfe. Dabei weiß man als oberirdisch operierender Zweibeiner nicht mal sicher, mit wie vielen Gegnern man es aufnehmen muss. »Kann sei, des isch bloß oiner, aber der gräbt mir den ganzen Platz um«, schimpft Trik. Der durchaus Sympathie für die Talpidae hat: »Auf em Acker isch des in Ordnung, aber auf em Sportplatz hen die nix verloren.«
Wir sitzen immer noch in der »Linde«, es ist dunkel, das Weizenbier macht durstig. Rafinha erzielt für die Bayern das 2:0 gegen Villareal, beifälliges Gemurmel der Zuschauer im Nebenraum. Jens Haas, der Ingenieur, nimmt noch ein Bier. Ich auch. Wir reden über die schwierigen Fragen. Warum gelingt einer Mannschaft an dem einem Tag nichts, und an einem anderen alles? Und wie sich die Spieler gegenseitig anstecken, im Guten wie im Schlechten. Der Haas würde das Spiel gerne berechnen, so wie Ingenieure das machen, aber er ahnt, dass das nicht geht. Dann verabschieden wir uns, und ich bin froh, dass es seit 1904 Straßenbeleuchtung in Glatten gibt.
Heimweh
Die Arbeit schiebt die Menschen durch die Welt. Und der Fußball ist ein großer Schieber. Manche wechseln den Kontinent, andere die Kultur, vielleicht muss man ja von Glück reden, wenn man im Land bleiben kann, auch wenn die Strecke von Dortmund nach Glatten »ab Pforzheim auf der Bundesstraße echt lästig wird, wenn man den Falschen vor sich hat«, sagt Klopp.
In Stuttgart, auf dem lädierten Hauptbahnhof, gibt es einen elektronischen Gimmick. Da ist zu sehen, wie das Wetter in Deutschland ist. Die wissen, warum sie das hier aufstellen. Über Baden-Württemberg scheint an dem Tag, an dem ich zurückfahre, die Sonne. Über dem Norden – Wolken. Wie an dem Tag, an dem ich gekommen bin. Ich frage mich, warum ich zurückfahre, obwohl ich weiß, dass ich es auch nicht aushielte, hierzubleiben.
Im ICE liegen diese Magazine der Deutschen Bahn auf den Tischen. Von denen guckt Joachim Löw. Auch ein Schwarzwälder, auch weggegangen. Am besten, ich schreibe einen Text über Heimweh. Heimweh muss man, wenn man weggegangen ist, haben. Um von der Heimat wenigstens das Weh zu behalten, darf man nicht zurückkommen.
Im Jahr 1983 schloss sich Jürgen Klopp dem TuS Ergenzingen an, der Ort liegt zwischen Horb und Rottenburg im »Gäu« – wie der Schwabe sagt. Die Jugendarbeit der TuS galt als vorbildlich. Klopp überzeugte und wies sogar einen späteren Weltmeister in die Schranken. Sein früherer Jugendtrainer Walter Baur, im Frühjahr 2012 im Alter von erst 62 Jahren verstorben, berichtete im Jahr zuvor von einigen Anekdoten über den jungen Fußballer Jürgen Klopp.
von Saban Uzun
Keiner nannte ihn Norbert
Hier wohnt ein Fußballverrückter. Vom Balkon wehen die brasilianische und die deutsche Flagge. Die brasilianischen Farben sind für einen Nachwuchsspieler, der unter dem Dach wohnt. Im Garten liegen Fußbälle, im Büro brennt Licht. An der Tür steht »Baur«. Die Tür geht auf, es riecht nach Fußball. Auf dem Boden liegt eine Taktiktafel, im Regal Bücher, alle über Fußball: WM ’74, modernes Verteidigen und Konditionstraining. Trikots hängen an der Wand, auf dem Schreibtisch stehen Pokale. Hinter der Türe ein Mannschaftsfoto der A-Junioren des TuS Ergenzingen aus dem Jahr 1986. Es ist nicht irgendeines.
Rechts unten in der ersten Reihe kniet einer: Blaue Hose, gelbes Trikot, Schnauzbart, Kapitänsbinde, Haare über der Stirn. Sehr brav, der Junge ist 17 und heißt – Jürgen Norbert Klopp. Keiner nennt ihn Norbert. Dreieinhalb Jahre spielt Klopp für den TuS Ergenzingen. In seinem ersten Jahr bei den A-Junioren nicht so häufig. Da sitzt er meist in der Trainingsjacke auf der Bank. Jürgen ist fußballerisch kein Überflieger. »Der konnte keine drei Mal den Ball hochhalten«, erzählt Walter Baur, 61 Jahre alt, lächelt und kramt einen Ordner heraus. Kurz geblättert, da ist die Stelle: TuS Ergenzingen gegen den SSV Reutlingen. Einzelkritiken. Jürgens Note, eine Sechs. »Ganzer Ausfall, kein Zweikampf gewonnen«, hat Baur damals notiert. Zum TuS kam er eher zufällig.
Auto oder Talent?
Klopp, in Stuttgart geboren, spielt für den SV Glatten, nur ein paar Kilometer von Ergenzingen entfernt. Walter Baurs damaliger Jugendtrainer Hermann Baur – in Ergenzingen gibt’s viele Baurs – sichtet bei einem Auswahlspiel Stürmer Jürgen Haug vom SV Glatten. Den anderen Jürgen hat Hermann Baur nicht auf dem Zettel. Beide kommen zum TuS und müssen drei Mal pro Woche die 40 Kilometer zum Training zurücklegen. Jürgen Klopps Vater Norbert fährt sie. Noch heute hat Jürgen Klopp das Gefühl, dass beim Wechsel nach Ergenzingen des Vaters Autodienste wichtiger waren als sein Talent.
Die Fahrten zum neuen Fußballverein sind kein Zuckerschlecken für Jürgen Klopp. Auf den Fahrten bleibt viel Zeit für Analysen. Vater Norbert ist sein größter Kritiker und erwartet viel von seinem Jungen. Das treibt Jürgen noch mehr an. »Jürgen war sehr dankbar fürs Fahren und wollte dies seinem Vater zurückgeben. Er war unheimlich ehrgeizig«, erinnert sich Baur.
Jürgen Klopp hört sowohl seinem Vater, als auch Trainer Baur aufmerksam zu, während die Mitspieler bei des Trainers Kabinenansprache schon mal plaudern. Noch heute erinnert sich Klopp an Sätze Baurs. Nach der Kabinenansprache geht Klopp raus und jongliert mit dem Ball. »Nach einem halben Jahr hatten wir bei der Weihnachtsfeier Spieler, die wurden zum Seehund. Die haben sich mit dem Ball auf der Stirn hingesetzt und sind damit wieder aufgestanden«, erzählt Baur.
Kein Seehund
Klopp wurde nie ein Seehund, trotzdem hat er was gelernt. Im zweiten A-Juniorenjahr ist er Kapitän, nicht nur auf dem Platz: Er organisiert die Weihnachtsfeier und Kabinenpartys. Er kommt auch bei den Mädels im Dorf gut an. Viele schwärmen für den »Schlacks«, wie Baur ihn nennt. Jürgen lernt seine Freundin auf einer Party in Ergenzingen kennen.
Beim traditionellen A-Jugendturnier an Pfingsten kämpfen sich Klopp und seine Jungens bis ins Finale und treffen dort auf den tschechischen Vertreter Vítkovice Ostrau. Nach der regulären Spielzeit steht es 0:0 – das Elfmeterschießen muss entscheiden. Baur will »die armen Jungs aus Tschechien« gewinnen lassen, Klopp nicht: »Ich glaub du spinnst. Wir hauen alle rein.« Bei der Siegerehrung reckt Klopp den Wanderpokal in die Höhe.
Das ist seine letzte Aktion als Jugendspieler. Die erste als Spieler der Senioren folgt prompt. Lokalkonkurrent VfL Nagold ist hinter Klopp her. Der damals 18-Jährige geht schnurstracks zum Vorstand des TuS Ergenzingen und setzt durch, dass sein A-Jugendtrainer Walter Baur die erste Mannschaft übernimmt. Nur deshalb bleibt er beim TuS.
Berthold wird gescheucht
Im Juli 1986 kommt die Bundesligamannschaft von Eintracht Frankfurt zu einem Testspiel auf die Ergenzinger Breitwiese. Mit dabei Nationalverteidiger Thomas Berthold, gerade zurück von der WM in Mexiko. Vor und nach dem Spiel wird Berthold, der vier Jahre später mit Deutschland Weltmeister wird, von Autogrammjägern gescheucht, während des Spiels vom rechten Mittelfeldspieler Klopp. »Der Jürgen machte das Spiel seines Lebens und lief dem Berthold mehrmals davon«, so Baur. Außerdem erzielt er den Treffer zum 1:9.
Frankfurts Trainer Dietrich Weise ist verblüfft: »Wer ist dieser Junge?«, fragt er seinen Freund Baur und erkundigt sich auch später immer wieder was »dieser Junge« so macht. Der wechselt im Winter zum Oberligisten 1. FC Pforzheim und von dort im Sommer 1987 zu den Amateuren von Eintracht Frankfurt. Von Pforzheim sollen die Ergenzinger die unglaubliche Summe von 12.000 Mark bekommen haben.
»Walter, rate mal«
Klopp studiert in Frankfurt Sportwissenschaften, spielt bei den Amateuren und trainiert die D-Jugend von Eintracht Frankfurt. Über die Stationen Viktoria Sindlingen und Rot-Weiss Frankfurt kommt Klopp 1990 zum 1. FSV Mainz 05. Elf Jahre später, in seinem letzten Spiel für die Mainzer und als Profi überhaupt, am Faschingssonntag 2001, wird er bei Greuther Fürth in der zweiten Halbzeit von Trainer Eckhard Krautzun ausgewechselt. Mainz verliert das Spiel, Aschermittwochs-Stimmung in der Fastnachthochburg – Krautzun fliegt.
Faschingsmontag in Ergenzingen, 11:50 Uhr ist es, das weiß Baur noch genau. Das Telefon klingelt, erzählt Baur, sein früherer Jugendspieler ist dran: »Walter, rate mal, wer der neue Trainer in Mainz ist?«, fragt Klopp. Baur rät ein mal falsch, noch mal. Klopp verrät es ihm: »Seit zehn Minuten – ich.« Baur ist baff.
Der Beginn einer Trainerkarriere. Vater Norbert wäre stolz auf ihn. Kurz bevor Jürgen die Profimannschaft der Mainzer übernimmt, stirbt der Vater an Krebs. Baur war auf der Beerdigung.
Im Jahr 2008 geht Klopp von Mainz zu Borussia Dortmund, Walter Baur trainiert inzwischen die A-Jugend des VfL Nagold. Baur, der schon zu Mainzer Zeiten für Klopp Gegner des FSV beobachtet und Talente gescoutet hatte, schaut auch für Dortmunds Trainer in Süddeutschland nach guten, jungen Fußballern. Er entdeckte unter anderem Lars und Sven Bender (1860 München) und Mats Hummels (FC Bayern München).
Im Jahr 2011 reckt Klopp nicht den Wanderpokal des Ergenzinger Pfingstturniers in die Höhe, sondern die Meisterschale. Unter anderem mit Sven Bender und Hummels wird Borussia Dortmund Deutscher Meister.
Was wichtig ist
Klopp und Baur telefonieren regelmäßig miteinander. Nach der Meisterschaft will Baur gratulieren. Doch bevor er bei seinem Ex-Spieler anruft, meldet sich Baur bei Klopps Co-Trainer Zeljko Buvac, »weil an den im Jubel keiner denkt«. Viele Ergenzinger hätten gerne, dass Klopp zu ihrem Pfingstturnier kommt, und dieses macht und jenes. Baur soll das richten. Der atmet tief durch und überlegt sich genau, mit was er »den Jürgen« belästigen kann. Und mit was nicht.
»Dass man die Orte, an denen man war, ein bisschen schöner gemacht hat. Dass man vollen Einsatz gezeigt hat. Dass man geliebt hat, geliebt wurde und dass man sich selbst nicht so wichtig genommen hat,« antwortete Klopp im Dezember 2008 dem Stern auf die Frage, was im Leben zählt.
Baur hat sich nie wichtig genommen. Die Einladung zur Meisterschaftsfeier der Borussia nimmt er nicht an. Mit seinen A-Junioren steckt er in der Oberliga im Abstiegskampf und muss zum Spiel beim VfR Aalen. Die A-Junioren steigen ab, Baur will als Trainer aufhören, macht aber doch weiter. Was Baur macht, macht er mit vollem Einsatz. Klopp auch – das hat er von ihm.
Vorbereitung auf die Trainerkarriere und Beginn der Berufung:
Ein ordentlicher Spieler wird zum außergewöhnlichen Trainer
Nach seiner Zeit in Ergenzingen entwickelte sich Klopp zum »Wandervogel«; die nächsten Vereine waren nur kurze Zwischenstationen: Über den 1. FC Pforzheim (1987) zog es ihn schnell zu den Amateuren von Eintracht Frankfurt, dem einstigen Gala-Auftritt gegen Thomas Berthold sei Dank. Von dort ging es nach nur einem Jahr weiter zu Viktoria Sindlingen, ehe zur anschließenden Saison 1989/90 erneut ein Wechsel anstand: diesmal zu Rot-Weiss Frankfurt unter dessen Trainer Dragoslav Stepanovic, der später in der Bundesliga bei Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen zu einer Kultfigur wurde.
von Matthias Greulich
Als Hessenmeister 1990 qualifizierten sich Rot-Weiss und Klopp für die Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga, konnten dort jedoch in sechs Spielen nur einen Zähler ergattern – und verpassten den Aufstieg somit deutlich. Zwei Niederlagen setzte es dabei gegen ein gewisses Mainz 05, das sich als Spitzenreiter der Aufstiegsrunde Süd einen Platz in der zweiten Liga erkämpfte. Kurz darauf schloss sich Klopp eben jenen Mainzern an, angelockt durch ihren Trainer Robert Jung, dem die Spielweise des damaligen Außenstürmers imponierte. »Er ist mir aufgefallen, weil er ein sehr kopfballstarker Spieler war und genau so ein Typ in unserer Mannschaft fehlte«, blickt Jung zurück.4
Bei den 05ern fand Klopp endlich sein Spielerglück und blieb dem Klub (nicht nur) bis zum Ende seiner Spielerlaufbahn treu. Sein damaliger Mitspieler Christian Hock erinnert sich an die gemeinsame Mainzer Zeit.
Der Profi Jürgen Klopp: Für britischen Fußball besser geeignet
Die Kuhfelle nimmt Christian Hock schon lange nicht mehr wahr. Mit den Fellen sind die Stühle an der Bar des Hotels in Kassel bezogen, in dem der Gast seit einigen Monaten unter der Woche lebt. Christian Hock, leichter hessischer Dialekt, die Figur erinnert auch mit 41 noch an den wendigen Mittelfeldspieler, der 234 Mal für den FSV Mainz 05 in der Zweiten Liga gespielt hat. Dass er nun als Trainer des Regionalligisten KSV Hessen Kassel in diesem Hotel in Nordhessen ist, hat viel mit Wolfgang Frank zu tun.
Den alten Jahreskalender hat er noch, alle Trainingseinheiten von Frank stehen drin. Tag für Tag. »Da konnte ich für mich nachvollziehen, was wir genau gemacht hatten«, sagt Christian Hock. So ausdauernd wie er war vermutlich kein anderer von Klopps Mitspielern in Mainz. Aber auch Jürgen Klopp speicherte die Trainingsinhalte, die ihn beeindruckt hatten, für sich ab – wenn auch eher geistig denn schriftlich. Ihr damaliger Trainer brachte sie dazu, intensiver über Fußball nachzudenken und sich ihrem Beruf zu hundert Prozent zu widmen.
»Da geht wirklich was!«
Es war am 25. September 1995, als sie in Mainz den Nachfolger von Horst Franz präsentierten, der nach nur einem Punkt und 0:13 Toren aus sieben Spielen entlassen worden war.5 Wolfgang Frank zeigte seinen Spielern schon in den ersten Trainingseinheiten auf, wie die Lösung aussehen könnte. Als es einigermaßen zu klappen schien, machte er Ernst. In einem Testspiel gegen den 1. FC Saarbrücken ließ er seine Profis zum ersten Mal in der Raumdeckung und mit Vierer-Abwehrkette im 4-4-2 agieren. Die Mainzer, die zuvor wochenlang das Verschieben geübt hatten, führten nach einer halben Stunde mit 4:0, beim Stand von 5:0 pfiff der Schiedsrichter ab. »Wir sahen: Da geht wirklich was. Wir haben vielleicht die Spieler dafür, die Viererkette zu spielen!«, erinnert sich Christian Hock. Mit dieser Erkenntnis standen die Mainzer zu dieser Zeit noch fast allein. Der Versuch von Jupp Heynckes in Frankfurt, ballorientiert zu verteidigen, war ein Jahr zuvor am Widerstand von Spielern, Fans und Medien gescheitert.
Der neue Cheftrainer in Mainz hatte andere Erfahrungen im schweizerischen Aarau sowie in Wettingen und Winterthur gesammelt, wo man taktisch weiter war. Neben einem Lehrvideo von AC Mailands Meistertrainer Arrigo Sacchi brachte der Mann, der in den Siebzigern beim VfB Stuttgart, Eintracht Braunschweig, Borussia Dortmund und dem 1. FC Nürnberg ein erfolgreicher Angreifer gewesen war, auch Aufnahmen einer Schweizer Jugendauswahl mit an den Bruchweg. »Das Video lief dauerhaft«, sagt Christian Hock. Mit Stangen markierte Wolfgang Frank, wo jeder im neuen System hinzulaufen hatte. Auch mit Seilen wurde gearbeitet. Im Abstand von zehn Metern standen sie im Verbund zusammen. So lässt sich mit vier Spielern eine Fläche von 50 Metern abdecken. Fast die komplette Breite des Fußballplatzes, der zwischen den Seitenlinien 70 Meter misst.
Einen neuen Mannschaftsführer bestimmte der Trainer bei dieser Gelegenheit ebenfalls. Wolfgang Frank machte Lars Schmidt zum Kapitän, der nun zentral in der Viererkette spielte und offenbar durch das neue Amt gestärkt werden sollte. Rechtsverteidiger Jürgen Klopp war die Kapitänsbinde los. Die Mannschaft hatte damit kein Problem. Binde hin oder her. »Kloppo war doch auch so einer unserer Führungsspieler und ein Sprachrohr des Trainers«, so Christian Hock. »Kloppo« – so riefen sie ihn in Mainz fast alle.
Der Letzte hat einen Plan
Die Spieler des Tabellenletzten hatten zwar immer noch wenig Punkte, aber jetzt schon mal einen Plan, die meisten zum ersten Mal in ihrer Karriere. »Jeder wusste, was auf seiner Position zu tun war. Wenn du einen Fehler gemacht hattest, konntest du sicher sein, dass ein Mitspieler auf seiner vorgegebenen Position zur Absicherung stand, und dass eigentlich nichts passieren konnte. Das war das Allerwichtigste«, so Hock. Um diese Sicherheit zu erreichen, mussten sie allerdings deutlich mehr laufen als zuvor. Die intelligenten Mainzer Profis sahen die Situation nicht als Belastung. Es gab doch die einmalige Chance, als Schlusslicht einfach nur noch zu gewinnen, erklärt Hock. Diese Chance nutzten sie auf eindrucksvolle Weise. Nach der Winterpause kamen sie rasch aus der Abstiegszone weg. In der Rückrundentabelle wurde Mainz Erster, in der Gesamtrechnung landeten sie auf Platz elf.
In knapp einem halben Jahr hatte Wolfgang Frank den Klub verändert. Er redete nun offen vom Aufstieg in die Erste Liga und forderte von Präsident Harald Strutz, das Bruchwegstadion auszubauen, obwohl die Kapazität von 13.000 Zuschauern bis dahin so gut wie nie ausgeschöpft worden war. Sein Ehrgeiz machte auch vor der Persönlichkeitsentwicklung seiner Spieler nicht Halt. In den Teamsitzungen nahm das Mentaltraining immer breiteren Raum ein. Einige, die daraus ihren Nutzen ziehen konnten, hörten ihrem Trainer weiterhin aufmerksam zu. Andere, die darin für sich keinen Wert sahen, fühlten sich gegängelt. »Im Nachhinein muss man sagen: Dieses Gezwungene hat nicht funktioniert. Du kannst niemanden zum Mentaltraining bringen, wenn er nicht will. Damit bewirkst du eher das Gegenteil«, sagt Christian Hock.
Die ausufernden Mentalsitzungen änderten nichts daran, dass die Mainzer Profis immer noch von der Wirksamkeit des intensiven Trainings überzeugt waren. Doch Wolfgang Frank machte es ihnen immer schwerer, nach der Belastung auch mal abzuschalten. Zu Jahresbeginn 1997 waren zehn Tage Trainingslager auf Zypern angesetzt, die der Trainer voller Begeisterung über die guten Trainingsbedingungen und angesichts vereister Plätze in Mainz auf dreieinhalb Wochen ausdehnte. »Er war verbissen und hat nicht die Balance gefunden, um uns zu sagen, dass wir zwischendurch mal ruhiger machen konnten. Man war praktisch drei Wochen unter Hochspannung. Das hat an uns gezehrt«, so Hock.
Zweimal verloren die mental ausgebrannten Mainzer nach ihrer Rückkehr aus Zypern, als Wolfgang Frank aus heiterem Himmel seinen Rücktritt erklärte. Seine Spieler, allen voran Jürgen Klopp, versuchten, ihn umzustimmen. Der Trainer aber blieb seiner konsequenten Linie auch beim Abschied treu. Er war durch niemanden mehr zum Bleiben zu überreden.
2013, im Alter von erst 62 Jahren, starb Wolfgang Frank in Mainz an den Folgen eines Gehirntumors. Nicht nur Klopp verlor damit einen seiner größten Förderer und inspirierenden Impulsgeber für seine eigene Trainerkarriere.
Die Generation Frank
So viel Fußball wie unter Wolfgang Frank war selten. Viele Spieler, die in Mainz bei den langen Teamsitzungen des Verfechters der Viererkette dabei waren, sind nach ihrer Profikarriere Trainer geworden. »Das ist ganz sicher kein Zufall«, sagt Christian Hock. »Wir haben uns so intensiv mit Taktik beschäftigt, dass der Schritt dahin, eine Mannschaft zu trainieren, nicht mehr weit war.« Neben ihm und Jürgen Klopp gehören Torsten Lieberknecht (Cheftrainer von zunächst Eintracht Braunschweig, später MSV Duisburg), Jürgen Kramny (in Verantwortung unter anderem beim VfB Stuttgart und Arminia Bielefeld), Sven Demandt (Nachwuchstrainer bei Borussia Mönchengladbach, danach Chefcoach von Wehen Wiesbaden, Rot-Weiss Essen und SpVg Frechen), Peter Neustädter (trainierte die U23-Mannschaft von Mainz 05 in der Regionalliga, danach bei TuS Koblenz und der U17 von Wehen Wiesbaden) sowie Uwe Stöver (erst Nachwuchs- und Amateurtrainer beim FSV Mainz 05, dann beim 1. FC Kaiserslautern, später Sportdirektor bei verschiedenen Klubs) zur Generation der Mainzer Wolfgang-Frank-Schüler.
Dass Franks Nachfolger Reinhard Saftig und Dietmar Constantini die Viererkette nach einer Schamfrist Viererkette sein ließen, kam bei den Profis gar nicht gut an. Der Kern der Mannschaft war sich sicher, dass es mit dem System von Wolfgang Frank besser gelaufen wäre. Auch Jürgen Klopp und Christian Hock. »Wir hatten und haben da ähnliche Vorstellungen«, sagt Letzterer.
Davon war allerdings wenig zu sehen, wenn der rechte Verteidiger und linke Offensivspieler im Trainingsspiel aufeinander trafen. Die Zweikämpfe zwischen Christian Hock, 1,74 Meter, gegen den 17 Zentimeter größeren Jürgen Klopp, boten den wenigen Trainingskiebitzen in Mainz beste Unterhaltung. Der eine klein und wendig mit einem starken linken Fuß, der andere eher wegen seiner Kopfballstärke und Laufbereitschaft zum Profi geworden, als wegen seiner Technik. »Wir haben uns häufiger quer über den Platz angepöbelt«, erinnert sich Hock. »Der Kloppo konnte sehr impulsiv sein.«
Im Sommer 2005 erklärte sich Jürgen Klopp dazu bereit, von den Redakteuren des Fußballmagazins RUND an einen Lügendetektor angeschlossen zu werden, um persönliche Fragen zu beantworten.6 Auf Nachfrage räumte er dabei auch seinen heftigsten Ausraster ein. »Ich habe, kurz bevor ich Trainer wurde, Sandro Schwarz, einem sehr guten Freund von mir, eine Kopfnuss verpasst. Der hat mich im Training zweimal umgehauen. Ich stehe auf, sehe nur sein Gesicht vor mir, und dann liegt er auf dem Boden. Ich wollte sterben, nur noch sterben, so furchtbar unangenehm war mir das.«
»Lange Bälle und dann einen Kopfball, dass es kracht«
Wolfgang Frank sah als Hauptgrund für die schon damals emotionalen Ausbrüche seines Rechtsverteidigers dessen Wut über die eigene Limitiertheit mit dem Spielgerät an. »Er ist auch manchmal auf dem Feld ausgerastet, weil er so viele gute Ideen im Kopf hatte, die er mit seinen fußballerischen Fähigkeiten nicht umsetzen konnte. Das hat ihn manchmal so geärgert, dass ich ihn zur Seite nehmen musste«, erinnerte sich Frank7. Im Rückblick wähnte sich der Spieler Jürgen Klopp im früheren britischen Fußball besser aufgehoben. »Da hätte ich vielleicht Karriere gemacht. Lange Bälle und dann einen Kopfball, dass es kracht«, vermutete er bereits 2002.8
Von Rot-Weiss Frankfurt war er noch als Stürmer zum Bruchweg gekommen. Um den Sprung aus der dritten Liga in den Profibereich zu schaffen, half ihm seine Schnelligkeit. Im Steigerwaldstadion in Erfurt lief er im August 1991 immer richtig. Als erster Mainzer schoss er vier Tore in einem Zweitligaspiel. Wie so viele Angreifer rückte er weiter nach hinten, je länger die Karriere dauerte. Josip Kuze setzte Jürgen Klopp bereits im rechten Mittelfeld ein, unter Wolfgang Frank kam »Kloppo« dann endgültig auf der rechten Abwehrseite an. Zwischen 1990 und 2001 stehen 325 Spiele und 52 Tore in seiner Statistik. Mehr Zweitligaspiele hat beim FSV Mainz 05 keiner gemacht. Jürgen Klopp war in dieser Spielklasse, die es rustikaleren Spielertypen traditionell leichter macht, die Idealbesetzung.
Gegen Ende der Karriere kam auch der schnelle Klopp nicht umhin, den ruppigen Routinier zu geben. Ein Profi, der gelegentlich austeilen konnte, aber auch schmerzhaft einstecken musste, wie eine Anekdote mit Bernd Hollerbach in der Hauptrolle belegt. Der Mittelfeldspieler, seinerzeit Profi beim FC St. Pauli, geriet mit Jürgen Klopp am Hamburger Millerntor aneinander. Der erinnerte sich 2002 lebhaft: »Wir fuhren einen astreinen Konter und Hollerbach hat mir an der Mittellinie einen Pferdekuss im Oberschenkel verpasst, dass ich fast gestorben wäre. Eine Ungerechtigkeit, die niemand gesehen hat, und alle haben mich als Simulanten ausgepfiffen.«9 Am Lügendetektor von RUND verkabelt, spinnt er die Anekdote nach Zweitligaart weiter. »Nur Holler und ich kannten die Wahrheit. Das hat dazu geführt, dass ich Hollerbach im nächsten Spiel auf dem Platz auch ein paar Dinge gezeigt habe.«
Christian Hock gelingt es ebenso wenig wie seinem ehemaligen Mitspieler, diese Zeit mit dem mildernden Abstand von knapp zwanzig Jahren fußballerisch zu verklären. »Du hattest zwar viel Platz auf dem Feld, aber von hinten liefen dir die Manndecker hinterher, um dir in die Hacken zu hauen.«
Aus dem Kuhfellstuhl schaut Hock immer mal wieder auf den Tisch zu seinem iPhone. Er darf einen Anruf nicht verpassen. Seine sechsjährigen Zwillinge wollen ihm erzählen, wie es heute in der neuen Schule und nachmittags im Reitstall gewesen ist. Die Familie lebt in der Nähe von Wiesbaden, doch jeden Tag die 460 Kilometer hin- und zurück nach Kassel zu fahren, will Hock nicht. »Wenn ich etwas mache, dann richtig.«
Frank folgt auf Hock
In Kassel wird zwar Profifußball gespielt, aber die Regionalliga hat Mühe, diesen Anspruch mit der Wirklichkeit zu vereinbaren. Die Klubs bekommen einen Bruchteil der Fernseheinnahmen eines Bundesligisten, dennoch trainieren die Fußballer zweimal am Tag. Nach dem Spiel bei Wormatia Worms ist einer von Hocks Spielern auf dem Platz zusammengebrochen. Zum Glück war der Mannschaftsarzt der Wormser in der Nähe und konnte helfen. Um Geld zu sparen, müssen sie bei Hessen Kassel ihren Arzt bei den Auswärtsspielen zu Hause lassen.
Der Unterschied, ob man eine Mannschaft in der Champions League oder in der vierten Liga trainiert, ist groß. Das Meiste aber ändert sich nicht. Der Erfolg oder Misserfolg wird am Trainer festgemacht, der hilflos an der Seitenlinie steht, wenn darüber bisweilen Kleinigkeiten entscheiden. Wie der Job einen auffrisst, aber wie man sich nach diesem Job sehnen kann, wenn man entlassen wurde. Auch das ist vergleichbar. Einige Wochen nach unserem Gespräch wurde Christian Hock in Kassel beurlaubt. Die Mannschaft und er waren von Kasseler Fans angefeindet worden. Hock hatte sogar eine Morddrohung bekommen.
Mit Wehen Wiesbaden war er 2007 fünf Spieltage vor Saisonende in die Zweite Liga aufgestiegen. Er brauchte zwingend die Fußballlehrer-Lizenz, um weiterarbeiten zu können. Montags bis donnerstags war er beim Lehrgang in Köln. Es kam vor, dass er seine Mannschaft am Freitag zum ersten Mal in der Woche sah und sie am selben Tag schon um 18 Uhr zum Spiel antrat. Fast alle, die mit dieser Doppelbelastung klarkommen mussten, haben sich aufgerieben. Ihm ging es nicht besser. Er wurde entlassen. Den Fußballlehrer machte er zu Ende, die meisten seiner ehemaligen Lehrgangskollegen sind derzeit arbeitslos. Sein Nachfolger in Wehen wurde: Wolfgang Frank. »Ein komisches Gefühl« sei das gewesen, erinnert sich Hock.
Der Trainer Jürgen Klopp war eine Notlösung. Christian Heidel, damals Manager des Zweitligisten FSV Mainz 05, fand an Fastnacht 2001 keinen Nachfolger für Eckhard Krautzun, nur den Klopp, der als Spieler seine beste Zeit hinter sich hatte. Klopp sollte Mainz ein Spiel coachen, dann zwei, und dann noch ein paar – Jahre. Mit Aufs und Abs, die Aufs überwiegen. Ein Besuch im Büro von Christian Heidel, der Klopp ein guter Freund wurde.
von Roger Repplinger
Als Spieler ganz ordentlich – als Trainer außergewöhnlich
Mit hoch gekrempelten Hosen stehen Kinder im Fastnachtsbrunnen. In dem Becken des Brunnens liegt kein Münzgeld, sondern die Alufelge eines VW. Eine Mutter hält ihren Kleinen so ins Wasser, dass dies seine Zehen kitzelt. Das gefällt ihm. Vor dem Eiscafé »de Covre« sitzen Pärchen, essen Erdbeer-Becher mit Sahne, und haben diesen Gesichtsausdruck: »Den Tag heute hat uns der liebe Gott geschenkt, und es ist der letzte in diesem Jahr. Dann wird es dunkel.« Im mittleren Teil des etwas schlauchartigen Platzes stehen rote Steinbänke, auf einigen sitzen Männer in einem undefinierbaren Alter und zeigen den festen Willen, die Schönheit der Welt, die heute ihr Maximum erreicht, durch das Saufen aus Tetra Paks zu steigern.
Ein Herr Friedl verspricht auf Zetteln, die an Laternenpfählen hängen, geistige Fitness bis ins hohe Alter durch Bridge, »das faszinierende Kartenspiel zu viert«. Das Wehrbereichskommando sitzt in einem der vorbildlich restaurierten alten Häuser, die im Zweiten Weltkrieg stehen geblieben sind, das Landesamt für Denkmalpflege, die Industrie- und Handelskammer Rheinhessen und das »Unterhaus«, ein renommierter Veranstaltungsort für Kleinkunst, auch.
Schillerplatz
Der Chef, der dem Platz den Namen gegeben hat, ist auch da: der junge Friedrich Schiller, mit den Augen des späten 19. Jahrhunderts gesehen und in Bronze gegossen, in der Pose des Dichterfürsten. Aber im Grunde gehört der Platz den Narren, denn er befindet sich in Mainz. In einem schlauen Buch steht geschrieben, dass sich an der Stelle, wo früher das »Café Neuf« stand, in dem im März 1905 acht junge Männer den FSV Mainz 1905 gründeten, eine Wetterstation befinden soll. Von der Wetterstation ist nichts zu sehen, an das Café erinnert nichts mehr.
Erinnerung ist keine objektive Abbildung der Vergangenheit, das bekommen ja nicht mal die Historiker hin. Bei der Erinnerung spielt eine Rolle, wie derjenige, der sich erinnert, die Ereignisse, um die es geht, damals bewertet hat, und wie er sie heute bewertet, und wie er seine damalige Bewertung heute einschätzt. Hat er seinen Frieden gemacht? War das überhaupt notwendig?
Wenn alle in Mainz, die sich erinnern, den Trainer loben, kann der vom 28. Februar 2001 bis 30. Juni 2008 nicht alles falsch gemacht haben.
Heidels Büro
Im Büro von Christian Heidel in der Geschäftsstelle des FSV Mainz im Dr.-Martin-Luther-King-Weg erinnert manches an Jürgen Klopp. Fotos an der Wand, aber vor allem Heidels Enthusiasmus, die Freude, die es ihm macht, über seinen Freund Klopp zu sprechen, mit dem er »vor zwei Tagen zuletzt telefoniert« hat. Heidel redet schnell, die Worte perlen aus ihm wie das Wasser aus dem Fastnachtsbrunnen, so viel hat er zu sagen. Der Spaß, den er mit seinen Erinnerungen hat, hat was mit dem Spaß zu tun, den ihm die Arbeit mit Klopp gemacht hat.
Heidel lacht viel, lächelt, grinst, wenn er nur dran denkt. Es macht ihm mindestens so viel Spaß, sich heute dran zu erinnern, wie es damals Spaß gemacht hat, es zu erleben. Entscheidend für die Entwicklung des FSV Mainz 05 von einem stets vom Abstieg bedrohten Zweitligisten zu einer respektablen Bundesligamannschaft, war Wolfgang Frank. Wichtig für die Entwicklung des als Fußballer nicht eben reich beschenkten, rauen rechten Verteidigers Jürgen Klopp zu einem Meistertrainer, war Wolfgang Frank. Der Fußballlehrer kommt mitten in der Saison 1995/96 zum scheinbar sicheren Zweitliga-Absteiger FSV Mainz. Die Mainzer haben eine desolate Vorrunde gespielt, sie sind die schlechteste Mannschaft der Zweiten Liga. So schlecht zu sein, ist nicht gut, aber es ist so schlecht, dass man da was probieren kann, probieren darf oder gar muss.
Frank I
Wolfgang Frank, Jahrgang 1951, war einst Mittelstürmer unter anderem beim VfB Stuttgart und Borussia Dortmund und trotz 172 Zentimeter Größe ein guter Kopfballspieler. Vor seiner Mainzer Zeit war er als Trainer in der Schweiz und bei Rot-Weiss Essen tätig, damals in der Zweiten Liga. Mit RWE stand Frank 1994 im Pokalfinale, das allerdings mit 1:3 gegen Werder Bremen verloren ging.
Frank will beim FSV was Neues machen. »Wenn du Letzter bist, musst du was anders machen«, sagt Heidel. In der Winterpause kündigt Frank an: »Wir spielen jetzt 4-4-2, ohne Libero.« Heidel denkt: »Oh Gott, oh Gott, ohne Libero, auch das noch«, und: »Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an.« Die Spieler lassen sich auf Franks Ideen ein. Der lässt statt Manndeckung das Verschieben im Raum üben. Revolution machen immer diejenigen, die nichts zu verlieren und manches zu gewinnen haben. Das ist nicht nur im Fußball so. Frank betritt Neuland in Deutschland. Im Württembergischen Fußballverband gibt es einen Trainer, Helmut Groß, der seinen jungen Kollegen die Raumdeckung nahebringt, aber im Profifußball traut sich das bis dahin kaum jemand. Deutschland ist Libero-Land10.
Frank fängt ganz von vorne an: Pressing sollen seine Jungs spielen, den Gegner beim Spielaufbau stören, die gegnerischen Verteidiger angreifen, den Ball erobern, dann ist der Weg zum Tor nicht so weit. Franks erster Sieg: Er gewinnt die Mannschaft.
In Deutschland wird bei der Fußball-Berichterstattung häufig der Fehler in den Vordergrund gestellt, wenn, wie im Februar 2011, ein Mittelfeldspieler wie Bastian Schweinsteiger den Ball an Kevin Großkreutz verliert, der Lucas Barrios ins Spiel bringt, der ein Tor macht. Für das Umzingeln, das Pressing, die Leistung der Mannschaft, die gegen den Ball11 spielt und Schweinsteiger zum Fehler zwingt, fehlt der Blick. Solche Ballgewinne zeichnen modernen Fußball aus. Frank weiß das, Klopp weiß es von ihm.
Dennis Weiland im »Café Raab«
Ein solches Spielsystem funktioniert nur, wenn alle mitmachen, auch die Stürmer. »Einen kannst du vielleicht raus lassen«, schränkt der frühere Mainzer Mittelfeldspieler Dennis Weiland, 37, ein, der im »Café Raab« sitzt. Es ist Klopps Mainzer Lieblingscafé. Wir nehmen ein paar Tassen aufgeschäumte Milch, in denen ein Espresso schwimmt. Nicht weit davon entfernt steht Klopps Haus im angenehmen Mainzer Stadtteil Gonsenheim. Die Straße runter ist der Wald, in dem die Mainzer Spieler Kondition trainiert haben.
Unter Wolfgang Frank machen bei Mainz alle mit, wenn gegen den Ball gearbeitet wird. In Ulm auch. In Ulm, in der Dritten Liga, gibt es seit 1997 noch so einen Verrückten. Der heißt Ralf Rangnick. Im DFBPokal 1997/98 müssen die Mainzer mit ihrem Trainer Dietmar Constantini zum Drittligisten SSV Ulm 1846 und werden mit 4:1 verhauen. Bei Mainz ist Klopp nicht im Aufgebot. Klopp kommt mit Constantini nicht klar. Heidel denkt: »Die Ulmer, die spielen so, wie wir gerne spielen würden.« Und dann fällt ihm der Name dieses »Ungarn« nicht ein, »so ein Kleiner«, bei Ulm vorne im Sturm. War kein Ungar, der Ungar bei Ulm war der athletische Innenverteidiger Tamás Bódog, der das 1:0 macht und später bei Mainz spielt, der Kleine im Sturm war Dragan Trkulja, ein säbelbeiniger Serbe, der gegen Mainz zwei Tore vorbereitet und eines macht. Spielte Pressing, der Trkulja.
Wolfgang Frank übt mit den Mainzern Anfang 1996 die Raumdeckung, das Verschieben, das Pressing. Dann spielen die Mainzer eine grandiose Rückrunde, nicht weil die Spieler plötzlich so gut sind, oder wenigstens nicht nur, sondern auch, weil der Trainer eine Idee hat, und keiner in der Liga hat eine Antwort. Heute spielen alle mit der Viererkette, das damals war der Anfang, holprig, und vom Rand des Fußballs aus. Das Establishment wartet ab und zieht später nach. Frank krempelt alles um, ist enorm ehrgeizig.
In der Winterpause der nächsten Saison überzieht er. In dieser Phase kommt ihm das Gespür für die Bedürfnisse der Mannschaft abhanden, er lässt zu viel trainieren. Mainz verliert die ersten beiden Rückrundenspiele. Frank, mit einer Konsequenz, die etwas Schmerzhaftes hat, schmeißt hin. Klopp lernt bei Frank, wie es geht, und lernt, wie es nicht geht.
Reinhard Saftig
Nun hat Heidel ein Problem, das er in den nächsten Jahren immer haben wird, wenn er einen Trainer entlässt. Wo ist ein Coach, der ballorientiert spielen lässt: Viererkette, 4-4-2, offensiv, Pressing – denn das wollen er und die Spieler nie mehr hergeben. Wo ist dieser Coach? »Deutschland hatte damals kein Nachwuchsproblem, kein Problem mit jungen Spielern, wie alle behauptet haben, sondern ein Trainerproblem«, sagt Heidel. Er hat ein Trainerproblem.
Er braucht für die Mannschaft, die Frank hinterhertrauert und sein System weiterspielen will, den richtigen Trainer – und fürs Umfeld einen großen Namen. Auch, um den bösen Satz des ambitionierten Frank zu entkräften: »Die Mainzer wollen ja gar nicht aufsteigen.« Er holt Reinhard Saftig, damals 45 Jahre alt, der für ein paar Monate die Münchener Bayern, dann unter anderem Borussia Dortmund, auch Bayer Leverkusen, und zuletzt Galatasaray Istanbul gecoacht hat.
Heidel macht eine irritierende Erfahrung. Er sagt den Trainerkandidaten, die nicht so Schlange stehen wie das heute der Fall wäre, ganz deutlich, was er von ihnen will. Und die Trainer sagen, dass sie das auch wollen: Ballorientiert spielen, verschieben, im Raum verteidigen, 4-4-2, offensiv spielen, pressen – aber dann machen sie etwas anderes. Nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil sie es nicht können, und das nicht zugeben, weil sie den Job bei Mainz wollen. »Heute«, sagt Heidel, »hat Mainz als Verein eine Idee, eine Spielidee, wir geben dem Trainer ein Konzept vor, das er erfüllen muss.« Im Rahmen des Konzepts hat der Trainer alle Freiheiten, einen Trainer, der mit Libero spielen will, wird es in Mainz, solange das Wasser von Main und Rhein nicht den Berg hochfließt, nicht geben.
Schattenkabinett
Mannschaftssitzung vor einem Spiel gegen Rot-Weiss Essen, Reinhard Saftig erklärt die Taktik, Grundordnung: Dreierkette. Nichts mehr von Franks System, altbackener Fußball. Nach der Sitzung kommt der Spieler Klopp zu Heidel ins Büro, er ist ein wenig aufgebracht, der Spieler Klopp. Und nun wird es konspirativ: »Sollen wir spielen wie immer, oder wie der Saftig es will?«, fragt Klopp den Manager. Heidel überlegt nicht lange, die Konsequenzen ahnend: »Spielt so wie immer.« Also die Frank-Taktik, Viererkette, das, worauf er Saftig in den Gesprächen, bevor der neue Mann einen Vertrag bekam, verpflichtet hatte. Mainz gewinnt, Saftig wird gefeiert, es entsteht, was Heidel »das Schattenkabinett« nennt. Auf Dauer geht das nicht, Heidel wird das immer klarer.
»An dem Tisch«, sagt Heidel in seinem Büro und klopft vehement auf den Tisch, auf dem unsere Kaffeetassen hüpfen, habe er mit Klopp, dem Spieler, gesessen und über die Taktik gesprochen, mit der Mainz spielen muss, trotz Trainer. »Wir machen das so, und wir machen das so«, erklärt ihm der Klopp. Und der Saftig ist nur die Außendarstellung. Doch irgendwann setzt sich Saftig gegen den in Klopp personifizierten Widerstand der Mannschaft durch und macht ein paar Fehler, die von den Spielern nicht korrigiert werden können. Mainz wird Vierter, der VfL Wolfsburg, noch ohne VW im Kreuz – manchmal auch im Nacken – steigt auf. Es ist der erste der ominösen vierten Mainzer Plätze.
In der nächsten Saison muss Saftig gehen, der Österreicher Dietmar Constantini kommt. Er war unter seinem Mentor Ernst Happel Co-Trainer der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft. Mit Constantini spielt Mainz häufig unentschieden und mit Libero. Nach einer 1:3-Niederlage zu Hause gegen die SG Wattenscheid, der Abstand zu den Stuttgarter Kickers, die 15. sind, beträgt nur noch einen Punkt, tritt Constantini zurück: »Euch kann in dieser verdammt schwierigen Situation nur noch einer helfen, und das ist Wolfgang Frank«, sagt Constantini, und man sieht diesem Satz Franks Schatten an.
Frank II
Wolfgang Frank, wenige Tage zuvor noch bei Austria Wien unter Vertrag, kommt nach Mainz zurück. Zum Auswärtsspiel bei den Stuttgarter Kickers, dem ersten unter Rückkehrer Frank, fahren 1.200 Mainzer Fans mit, sie rufen: »Messias, Messias.« Manche Spieler empfinden ähnlich, da schwingt etwas von dem mit, was in den Mainzer Dom gehört, aber nicht ins Fußballstadion. Gegen die Kickers gewinnt Mainz mit 2:1, ohne Libero, Jürgen Kramny spielt wieder im Mittelfeld, die Tore machen Steffen Herzberger und Sven Demandt. Mit Frank wird Mainz in der Saison 1997/98 Zehnter, im Jahr darauf Siebter.
Im April 2000, nach einer 0:1-Niederlage gegen den 1.FC Köln, als Frank, mit Vertrag bis 2001 bei Mainz, offen über einen vorzeitigen Wechsel zum MSV Duisburg verhandelt, muss er in Mainz gehen. Daraufhin spricht Frank zwei Jahre kein Wort mit Heidel. Unter seinem Assistenten Dirk Karkuth schaffen die in Abstiegsgefahr schwebenden Mainzer den Klassenerhalt. Karkuth ist keine Dauerlösung, die soll René Vandereycken sein, doch der bringt einen Libero mit.
»Unsere Mannschaft war von Frank taktisch hervorragend ausgebildet, die Trainer, die sie nach ihm hatte, waren es nicht«, sagt Heidel, »die Mannschaft war taktisch besser als ihre Trainer.« Und mit den neuen Spielern gab es Probleme, weil die alten das System drauf hatten, die neuen es aber nicht lernten, weil es die Trainer ihnen nicht beibringen konnten.
Vandereycken legt sich mit den erfahrenen Spielern an, Klopp ist nicht mehr im Kader. Am 11. November, zwölfter Spieltag, eine 0:2-Heimniederlage gegen Hannover 96 mit Roter Karte für Torwart Dimo Wache, hat Mainz zwölf Punkte. Vandereycken, von 2006 bis 2009 Nationaltrainer seiner belgischen Heimat, wird entlassen. Mainz liegt auf dem 15. Tabellenplatz. Das waren keine Pfeifen, die Trainer in Mainz, aber die Ansprüche der 05er waren hoch. Mit der Mannschaft war nur durch ein Spielsystem, mit dem die individuellen Schwächen aufgefangen wurden, etwas zu gewinnen.
Ufz Krautzun
Vandereyckens Nachfolger heißt Eckhard Krautzun. Er hat das geschickt eingefädelt, indem er bei Klopp anruft. Einfach nur so, wie er Klopp versichert. Dass er Trainer in Mainz werden will, verschweigt er. Krautzun fragt und Klopp erklärt ihm, was in der Mannschaft nicht läuft und warum es nicht läuft und was man tun muss, damit sich das ändert. Beim Gespräch mit den Verantwortlichen des FSV Mainz glänzt Krautzun mit Insiderwissen, er kann erklären, wie es mit der Viererkette geht, von der er nur das weiß, was Klopp ihm am Telefon erklärt hat. Er bekommt den Job. »Wir wussten nichts von diesem Gespräch zwischen Krautzun und Kloppo«, sagt Heidel.
Der in der Welt herumgekommene Trainer hat einen unglücklichen Start, indem er sich auf der Pressekonferenz mit dem Satz: »Ich freue mich, in der Pfalz und am Bruchsee zu arbeiten« gleich ins rheinhessische Abseits stellt.
Dem FSV droht derweil der Abstieg. Unter Krautzun, Jahrgang 1941, dessen Vokabular von den Erfahrungen der Kriegsgeneration geprägt ist, wird gegen den FC St. Pauli ein Punkt geholt, und gegen Nürnberg gewonnen, dann folgen sieben Spiele mit nur zwei Punkten. »Kein Schlachtenglück«, schnarrt Krautzun.
Ende Januar 2001 folgt ein 0:0 bei den Stuttgarter Kickers, Mainz ist 16., die Kickers sind 15. Dann ist Winterpause. »Wir mussten was tun«, sagt Heidel und macht sich auf die Suche nach einem neuen Trainer. Es ist Rosenmontag, er sitzt zu Hause und liest die Jahrbücher des Kicker. Vorwärts, rückwärts. »Ich konnte mich mit keiner Vita anfreunden«, sagt Heidel. Neuer Trainer, neuer Trainer, wer wird neuer Trainer »beim Absteiger Nummer eins«, als der Mainz bezeichnet wird?
Die Mannschaft ist mit Krautzun im Trainingslager in Bad Kreuznach, auf der Flucht vor der alles verschlingenden »Määnzer Fassenacht«. Die Vereinsspitze ist beim Rosenmontagsumzug in der Innenstadt. Heidel sitzt auf dem Sofa und denkt nach: »Wie geht es weiter?« Irgendwann sagt er sich: »Die sollen das selbst regeln, wir nehmen die Mannschaft in die Verantwortung. Die Spieler, die sollen das selbst machen, wir haben doch vier, fünf Führungsspieler, wir trainieren uns selbst.« So wie die Jugendlichen in den selbst verwalteten Jugendzentren sich gegenseitig erziehen. Das hat nichts mit Trotz zu tun, oder damit, dass die Mannschaft untrainierbar ist, sondern damit, dass die Spieler etwas vom Fußball wissen, was in Deutschland damals nur wenige Trainer wissen. Und zu denen gehört Krautzun nicht.
»Mach ich«
Heidel ruft Harald Strutz an, ehemaliger Dreispringer, Rechtsanwalt, und seit 1988 Präsident von Mainz 05. Im Hintergrund »dädä dädä dädäää«, Heidel sagt: »Wir trennen uns vom Trainer.« Strutz gelassen: »Jo.« Und im Hintergrund »dädä dädä dädäää«. Heidel sagt: »Der Klopp wird Trainer.« Strutz, die Ruhe selbst: »Aha.« Und im Hintergrund hört Heidel ein dreifach kräftiges »Helau«.
An Aschermittwoch ist das nächste Spiel, gegen Duisburg, die aufsteigen wollen, dann, am Samstag, gegen Chemnitz, den Letzten. »Ich wollte erst mal diese beiden Spiele überstehen«, sagt Heidel. Er ruft Dimo Wache, den Mannschaftskapitän, im Trainingslager an und spricht mit ihm. Er ruft Klopp im Trainingslager an, der verletzt ist und nicht spielen kann: »Ich wusste ja, er will mal Trainer werden.« Heidel stellt sich vor, dass Klopp als Spielertrainer fungiert und fürchtet, dass der sagt: »Du hast sie ja nicht alle.« Heidel fragt, Klopp antwortet prompt: »Mach ich«, aber er will nur Trainer sein. Rasch hatte er abgewogen: Eine Zweitligakarriere als Spieler, die ihrem Ende entgegen ging oder eine neue Karriere, die er sich zutraute. Heidel ist überrascht und froh, denkt: »Hut ab«, und stimmt zu. Den Spieler Jürgen Klopp gab es nach diesem Telefonat in Bad Kreuznach nicht mehr.
»Gib mir ein Spiel«
Heidel fährt anschließend nach Bad Kreuznach, denn alle entscheidenden Akteure wissen nun Bescheid, nur der Krautzun weiß nichts. »Gib mir noch ein Spiel«, bittet Krautzun, als ihn Heidel über seine Entlassung informiert. Heidel sagt »nein«. Krautzun fragt ihn: »Was machste denn jetzt?« Und Heidel sagt: »Wir nehmen den Klopp.« Krautzun sagt: »Nein, denk an den Verein, du hast Verantwortung gegenüber dem Verein, gib mir noch ein Spiel.« Heidel sagt »nein«.
Nun kommt die Pressekonferenz, auf der Heidel den neuen Trainer präsentiert. Die Mainzer Journalisten, die schon was geahnt haben und für die Trainerentlassungen nichts Neues sind, flachsen: »Was will denn der Kloppo hier?« Und als sie erfahren, dass er Trainer sein will, machen sie sich lustig, auch in ihren Zeitungen, über die Mainzer, die nun offensichtlich völlig den Verstand verloren haben, die Zweite Liga aufgegeben haben, über Klopp, der offensichtlich größenwahnsinnig geworden ist. »Wir wurden verarscht«, sagt Heidel.
Klopps erste Ansprache
Dann hält Klopp eine Ansprache an die Mannschaft. Seine erste, Heidel hört zu. »Wenn man mir Schuhe gegeben hätte, ich wäre auf den Platz gelaufen, und ich hätte es gut gemacht«, sagt er. So überzeugt war Klopp, dass die Mannschaft gegen Duisburg gewinnt. »Die Spieler wollten sofort raus und die Duisburger fressen«, erinnert sich Heidel. Der denkt sich: »Okay, Fußball kann er«, das wusste er seit den Zeiten des Schattenkabinetts, »reden kann er auch«. Das ist ja schon mal was.
Gegen Duisburg kommen 3.500 Zuschauer. Vertrauen sieht anders, Skepsis so aus. Mainz gewinnt mit 1:0, Torschütze Christof Babatz. »Gut«, denkt Heidel, »soll Kloppo auch das Spiel gegen Chemnitz machen.« Babatz macht das 1:0 gegen Chemnitz, am Ende steht es 3:1. Klopps Pressekonferenzen sind super, die Interviews nach dem Spiel genauso. »Das kann er auch«, denkt Heidel, »gut, dann bis Saisonende.« Vertrag per Handschlag. Klopp steckt wieder Stangen in den Rasen und die Mannschaft trainiert verschieben, sie presst, spielt offensiv, 4-4-2 und verteidigt im Raum. Mainz bleibt in der Liga, Klopp bleibt Trainer, nun mit Vertrag.
Da ist endlich ein Bogen, ein Zusammenhang, eine Verbindung, endlich passt das eine Teil zum anderen. Frank hat einen Nachfolger. Doch während bei Frank nur das gespielt werden durfte, was auf dem Plan stand, keiner davon auch nur einen Jota abweichen, vor allem nicht Dribbeln durfte, fördert Klopp, bei allen taktischen Vorgaben, die Individualität. Was auch damit zu tun hat, dass er individuell stärkere Spieler als Frank hat.
Authentisch
Den Wechsel vom Spieler zum Trainer schafft Klopp, weil er auch als Trainer »authentisch ist«, sagt Heidel und nennt das »seine größte Gabe«. Man hat Vertrauen zu ihm, ein, wie man weiß, höchst prekäres Gut. »Man hat das Gefühl, dass das, was er sagt, gilt«, sagt Heidel. Dass er das ist, was er sagt, dass er sich nicht verstellt. Es gibt Trainer, die markieren den harten Hund, und sind es nicht. Das macht Klopp nicht.
Klopp ist ein Mensch, der als Trainer auf den Schiedsrichter losgeht, über Werbebanden stolpert, auf die Tribüne muss, auf und abspringt, eine furchterregende Fratze zieht, brüllt, heult, die Zähne fletscht, auf den Platz rennt, und immer ist er hundert Prozent Klopp. »Wie das wirkt, darüber macht er sich keine Gedanken«, sagt Heidel, »Thomas Tuchel ist auch so«. »Authentisch«, sagt auch Weiland, der inzwischen in Mainz im vierten Semester Sport studiert. Trotz Kniebeschwerden war die Sporteingangsprüfung kein Problem. Weiland wird die Riege der Trainer, die aus Klopps (und zum Teil auch Wolfgang Franks) Mannschaften hervorgegangen sind, verstärken: Otto Addo, Sandro Schwarz, Christian Hock, Jürgen Kramny, Sven Demandt, Petr Ruman, Tamás Bódog, Marco Rose, Sven Christ, Peter Neustädter, Ermin Melunovic, Marco Walker. Das sagt etwas aus über
»Ich muss ja nicht alleine glücklich bleiben auf der Welt.«
Klopp weiß genau, dass eine Menge Glück im Spiel war, um Trainer beim FSV Mainz zu werden und in der Bundesliga arbeiten zu dürfen: »Das kann ich jeden Tag fühlen.« Da er auch weiß, wie schwer sich Vereine bei der Suche nach dem richtigen Trainer tun, hält er sich nicht zurück, wenn er gefragt wird. Kann auch vorkommen, dass er sich ungefragt äußert:
»Mittlerweile kenne ich sehr viele Kollegen. Entweder habe ich mit ihnen den Trainerschein gemacht oder habe sie im Laufe der Zeit kennengelernt. Wenn mich ein Präsident am Telefon hat, dann sage ich ihm schon mal: ›Ich kenne da einen, der für dich interessant sein könnte.‹ Ich glaube, dass Entscheider gerade bei der Trainerauswahl extrem viel Hilfe gebrauchen können. Entweder weil sie zu wenig Informationen besitzen oder keine Ruhe haben, die richtige Entscheidung zu treffen. Oder nicht mutig genug sind. In Mainz waren sie mutig, in Dortmund waren sie mutig – davon habe ich profitiert. Und deswegen muss ich ja auch nicht alleine glücklich bleiben auf der Welt.« einen Fußballlehrer, wenn die Spieler, die er trainiert hat, nicht abgeschreckt werden, sondern auch als Trainer arbeiten wollen.
Weiland kommt im Sommer 2001 vom VfL Osnabrück zu den 05ern. Die Mainzer spielen am 22. Oktober 2001 in Osnabrück, beide Mannschaften kämpfen gegen den Abstieg. Bei Mainz muss Mittelfeldspieler Jürgen Kramny nach 15 Minuten mit Muskelfaserriss raus, Klopp wird eingewechselt und spielt gegen Weiland, der die Tore von Daniel Thioune zum 2:1-Sieg des Vfl vorbereitet. Osnabrück steigt trotzdem ab, Mainz bleibt in der zweiten Liga.
»Das hat dich für Mainz qualifiziert«, sagt Klopp zu Weiland, als der sein »Dosenöffner« im Mittelfeld geworden war. Heidel erzählt, dass er zu Spielerverpflichtungen nie Trainer mitgenommen hat, weil er die Befürchtung hatte, dass die den Neuen abschrecken. Anders bei Klopp, der war sein stärkstes Argument: »Mit ihm ist mir fast nie ein Spieler abgesprungen.«
Weiland erkundigt sich, als die Mainzer Anfrage vorliegt, bei Kumpel Babatz, mit dem er für Germania Grasdorf gespielt hat, und immer zusammen auf dem Zimmer war, wie das so ist, in Mainz. Babatz findet Mainz gut. »Man wusste, dass die mit Viererkette spielen, die hatten mit Michael Thurk und Blaise Nkufo gute Stürmer, und suchten einen Linksfuß«, sagt Weiland. Einen wie ihn.
In Osnabrück warnen sie ihn: »Was willste denn da? Spielst vor 3.000 Zuschauern und nächste Saison steigst du auch ab.« Weiland, ein kluger Bursche, schaut sich den Mainzer Kader an und findet ihn unbedingt zweitligatauglich. »Wir hatten dann das Potenzial, um 4-3-3 zu spielen«, sagt Weiland, das war gut für ihn.
Das System
Klopp baut die Neuen langsam ein, ein Neuer muss das System adaptieren. »Das System stand im Vordergrund«, sagt Weiland. Es gab immer auch mal neue Spieler, »die das System nicht spielen konnten, die kriegten das nicht rein, die hatten Probleme bei uns«. Es geht darum, zu antizipieren, zu ahnen, was der Gegner macht, im Kopf wach zu sein. Das war etwas anderes als stumpfe Manndeckung. Auch Pressing muss man wollen.
Weiland erinnert sich an eine Situation, als er seinem Bruder Niclas, dem Stürmer, einen Ball vorlegt, in den freien Raum hebt, über den Verteidiger drüber. Aber der Bruder bleibt stehen, klassisches Missverständnis. Dennis regt sich auf und schimpft: »Hey Mann, du weißt doch, was ich mache!« Daraufhin regt sich Klopp darüber auf, dass sich Dennis Weiland aufregt, statt weiterzuspielen. »Und wenn er sich aufregt, dann ist das erst mal so«, sagt Weiland. Und bleibt auch erst mal so. »Dann musste man was für ihn reißen, um wieder eine Chance zu bekommen«, sagt Weiland.
Weiland bemisst Klopps Anteil daran, dass die Mannschaft an den beiden verpassten Aufstiegen nicht zerschellt ist, als »sehr groß«. Der Trainer macht den Spielern keine Vorwürfe, die Spieler machen sich untereinander keine. »Aus einer anderen Stadt wird man gejagt, wenn das passiert, in Mainz gefeiert«, sagt Weiland, »die Erfahrung macht nicht jeder«.
Auch nach dem zweiten verpassten Aufstieg kein Gedanke an einen Fluch, an psychologische Barrieren, fehlenden Killerinstinkt, »das haben wir uns nicht einreden lassen«, sagt Weiland. Klopp ist ein »emotionaler Mensch, der die Emotionen auslebt, auch als wir nicht aufgestiegen sind, aber dann fängt er sich, schaltet den Kopf ein. Er hat uns klar gemacht, dass dies nicht das Ende der Fahnenstange ist, dass die Möglichkeit wiederkommen wird«, sagt Weiland. Die Spieler glauben ihrem Trainer auch das.
Vertrauen
»Ich habe daran geglaubt, dass der Trainer für die Mannschaft gut ist, und das Richtige macht, auch wenn ich nicht gespielt habe«, sagt Weiland. Es gab Entscheidungen, vor allem am Ende seiner Mainzer Zeit 2006, die er nicht nachvollziehen konnte, als er nach Verletzungspausen auf eine Chance gehofft hatte, aber keine mehr bekam. »Man denkt auch dann, der denkt sich was dabei«, sagt Weiland.
Deshalb ist Klopp jemand, den man auch nach neun Spielen ohne Sieg nicht in Frage stellt, deshalb ist er jemand, der bereits als Jung-Trainer das Interesse von Bayer Leverkusen, des Hamburger SV, von Bayern München und Borussia Dortmund erregt.
Mit Hans-Joachim Watzke, dem Geschäftsführer von Borussia Dortmund, spricht Heidel zwei Jahre, bevor Klopp zum BVB geht, das erste Mal über seinen Trainer. »Ich habe ihm gesagt: Das ist der größte Trainer in Deutschland«, sagt Heidel, auch wenn das schlecht für den FSV ist. Es wird angezweifelt, ob Klopp mit Stars umgehen kann, weil es die ja in Mainz nicht gibt. Klopp wird als reiner Motivationskünstler gesehen, der Mannschaften heißmachen kann, ein wilder Hund, ein bisschen zu wild vielleicht. Bei den Bayern fragen sie sich, ob einer, der wie Klopp rumläuft, unrasiert, Jeans, Löcher drin, in der Champions League geht? Das fuchst Klopp. Die Bayern sagen ihm: »Wir entscheiden uns zwischen Ihnen und einem international renommierten Trainer.« Ihre Wahl fällt auf Jürgen Klinsmann, der noch vor Ablauf der folgenden Saison seinen Trainerstuhl wird räumen müssen.
Der Scout des HSV
Die Hamburger schicken einen Scout, dem auffällt, dass Klopp zu spät zum Training kommt und raucht. Er weiß nicht, dass es ein Ritual in Mainz ist, dass Klopp als Letzter auf den Trainingsplatz läuft. Und zum Rauchen sagt Klopp: »Na ja.« Der HSV hält ihn so lange hin, bis Klopp dem von sich aus ein Ende macht. Bleiben Leverkusen und der BVB. Die Leverkusener machen ihm klar, dass er nur die Nummer zwei hinter Mirko Slomka ist, der es dann auch nicht wird, sondern Bruno Labbadia. Also geht Klopp, weil Mainz nicht aufsteigt, zum BVB.
Ein guter Scout hätte gesehen, dass Klopp, wenn er früher mittrainierte, mit ganzem Herzen dabei ist, »und es immer mal schafft, einen Ball reinzustochern, der alte Stürmer«, sagt Weiland. Mit Willen. Willenskraft, von der er eine Menge hat, schätzt Klopp auch bei anderen. »Wenn das einer nicht hatte, Willen, dann bekam Kloppo eine dicke Halsschlagader«, sagt Weiland. Ein guter Scout hätte die Begeisterung gesehen, mit der in Mainz gearbeitet wurde, den Enthusiasmus, den Spaß des Trainers an der Arbeit, den Spaß der Spieler, und die Präzision, die Akribie.
Im Rahmen des Internationalen Trainerkongresses 2011 in Bochum im Juli 2011 äußerte sich Jürgen Klopp im Interview mit Moderator Max Jung zu den Anfängen seiner Trainerzeit – im Einzelnen über ...12
... die ersten Trainertage 2001:
»Ich kenne noch den Montag, den Tag vorher, den Tag nachher. Die kann ich alle eins zu eins wiedergeben, klar. Das war ein entscheidender Einschnitt in meinem Leben. Man darf nicht vergessen: Ich war damals als Zweitliga-Spieler bei Mainz 05 ein alternder Spieler. (...) Vom alternden Kicker zum blutjungen Trainer war eine eher angenehme Metamorphose. Ich hatte auch direkt das Gefühl, das Leben ist wieder schöner. Und dann durfte ich die Mannschaft übernehmen. Ich habe für wenige Dinge ein Talent, aber dafür scheine ich ein bisschen zu haben. Das hat damals dazu ausgereicht, gemeinsam mit der Mannschaft aus einer schier aussichtslosen Situation heraus noch die Liga zu halten.«
... das Risiko, einen Abstiegskandidaten zu übernehmen:
»Ich habe das damals nicht bewusst wahrgenommen, aber heute ist mir klar: Wäre ich mit 33 Jahren zwei, drei Spieltage vor Saisonende mit Mainz abgestiegen, dann wäre das Trainergeschäft relativ hart gewesen. Dann hätte ich auf meiner Agenda stehen gehabt: erster Versuch, gleich abgestiegen. Da hätte keiner mehr nachgefragt, (...) und einem solchen Trainer noch eine zweite Chance gegeben. Und daher musste ich schon extrem viel Glück in Anspruch nehmen und eben auch auf die Mannschaft vertrauen, das zu schaffen.«
... über die Erfüllung einer Passion:
»Zeitnah war mir klar, dass ich den Trainerjob gerne den Rest meines Lebens machen würde, aber du kannst dich ja nicht bewerben. Ich kann ja nicht sagen: ›Freunde, passt auf, ich kann zwar nicht so gut kicken, aber ich habe einigermaßen durchstiegen, wie das Spiel funktioniert. Also lasst mich mal eure Mannschaft übernehmen.‹ Das geht ja nicht. Mit meiner Legende, die ich als Spieler habe, musst du eigentlich in der vierten oder fünften Liga anfangen (...). Und ich hatte das Glück, als durchschnittlicher Spieler gleich in der zweiten Liga anzufangen.«
... über den famosen Start in die Trainerkarriere mit sechs Siegen in sieben Spielen:
»Das mussten wir auch. Wir hätten keinen Punkt weniger holen dürfen. Es war schon dramatisch, wobei ich das damals nicht so empfand. Wir waren einigermaßen entspannt, denn wir wussten eigentlich, dass das Ding schon verloren war. Jetzt konnten wir nur noch versuchen, an der Sensation zu schrauben und das hat wirklich sehr, sehr gut funktioniert. Wir hatten eine charakterlich außergewöhnlich gute Mannschaft, die alles angenommen hat, was ich mit ihnen veranstaltet habe. Das hat wirklich großen Spaß gemacht.«
Stellvertretend für diesen Spaß berichtete Klopp von der Rückreise nach einem gewonnenen Auswärtsspiel in Ulm: »Wir haben dem Busfahrer gesagt: ›Fahr’ rechts raus‹ und haben an einer Tankstelle angehalten. Dann sind alle mit Sonnenbrillen raus und haben Bier geholt. Wenn sie den Mannschaftsbus von Mainz 05 gesehen haben, haben damals noch alle gedacht: ›Wer sind denn die Ochsen, die da rauskommen?‹ Heute wäre das so nicht mehr möglich. Aber mit dieser Mannschaft, von der etwa alle so alt waren wie ich, war das durchaus nicht die falsche Maßnahme. Das ist mehr als zehn Jahre her, es war eine andere Zeit.«
Weiland erinnert sich lachend an die internationalen Spiele, als Mainz dank der Fairplay-Regelung im UEFA-Pokal spielt, etwa gegen MIKA Aschtarak in Armenien, gegen Keflavik ÍF auf Island und gegen den FC Sevilla. Als Klopp ein Keflavik-Video vorführt, bittet er um Ernsthaftigkeit, weil er selbst darüber lachen muss, wie die Isländer Ecken und Freistöße hoch vor das Tor treten, in der Hoffnung, der Wind schiebt den Ball Richtung Kasten, oder am besten gleich rein. Was er auch tut.
Ende
Im Jahr 2006 läuft Weilands Vertrag aus und wird nicht verlängert. Es gibt kein großes Gespräch. Weiland braucht das nicht, er ist nicht böse darüber. Es »tat weh, ein bisschen«, weil Weiland ahnt, dass er was verliert, was er nicht mehr bekommen wird: Das Gefühl, dass es passt, menschlich und spielerisch. Toni da Silva kommt zu Mainz, ein guter Spieler, bei Weiland reißt das Syndesmoseband, er kommt nicht mehr ran. Der Bruder geht auch, kurze Zeit später Babatz. Dennis Weiland landet bei Eintracht Braunschweig, der Unterschied ist riesig.
Klopps Mischung aus Kumpelhaftigkeit, Humor und sehr detaillierter, ernsthafter Feinarbeit ist einmalig. Üben, bis was sitzt, auf Winzigkeiten achten, und bei Weiland Shampoo schnorren: »Wo issn dein Shampoo?«, fragt Klopp. »Das weißt du doch«, sagt Weiland. Das ist Klopp in Mainz. Im Dortmunder Spiel erkennt Weiland bald das Mainzer Spiel wieder, weiterentwickelt. Immer Klopps Handschrift, und immer was dazu.
Heidel muss jetzt zur Nationalmannschaft, er hat einen Termin mit Joachim Löw und Oliver Bierhoff. Aber er will das Gespräch über Klopp nicht abwürgen, er will, dass was rüber kommt von dem, was Klopp in Mainz war und noch immer ist. »Gut?«, fragt er am Ende, »ja, Herr Heidel, gut«, sage ich.
Mit Weiland verquatsche ich mich so, dass ich fast den Bus verpasse, der mich zum Zug bringt, der dann nicht fährt. Wir landen bei Iniesta und Xavi, da kann man nicht so einfach aufhören, außerdem ist der Latte macchiato im Café Raab gut. Weiland überlegt, wie er die A-Lizenz, eventuell die Fußballlehrer-Lizenz, und das Studium unter einen Hut bekommt. Da ist etwas in ihm, das will Trainer werden, hoffentlich lässt er es raus.
Wie gut es damals war, ist Weiland heute klar. Erst wenn man nicht mehr drinsteckt, bis zum Hals, fängt der Kopf zu überlegen an. Wenn Weiland herausfindet, was gut war bei Klopp, wird das auch denen etwas bringen, die er mal trainiert. Und so geht das dann immer weiter.
Der Aufstieg des FSV Mainz 05 im Jahr 2004 war hart erkämpft. Ziemlich langer Weg bis dahin. Zweimal hintereinander waren die Mainzer gescheitert, dünn und hauchdünn. Zweimal rappelten sich die Stadt und ihr Klub wieder auf. Hätte die Stadt, hätten die Fans, nicht jeden neuen Anlauf mitgemacht, wäre es nicht gegangen. Die Mainzer »Stehaufmännchen«. Klopp gelang es, Motivation aus dem Scheitern zu ziehen, die Spieler glaubten daran, dass es irgendwann klappt. Und als die Chancen am schlechtesten waren, kam der Aufstieg. Drei Spielzeiten später stieg Mainz aus der Bundesliga ab und ohne Klopp wieder auf.
von Roger Repplinger
Knapp
Am 5. Mai 2002 spielt in Berlin, in der Alten Försterei, der FSV Mainz 05 gegen Union Berlin. Es ist das letzte Spiel der Saison. Mainz braucht einen Punkt, um in die Erste Liga aufzusteigen. Zwei Chancen, diesen Punkt zu holen, hatte Mainz unter Trainer Jürgen Klopp schon vergeben. In Duisburg und zu Hause gegen die SpVgg Greuther Fürth. »Fürth!«, sagt der Mainzer Trainer, »Fürth!!« Gegen die klappt nie was. In beiden Spielen hatte es Spielstände gegeben, da war Mainz durch, am Ende reichte es nicht. Auch nicht gegen Berlin. Ein Journalist des Berliner Kurier hatte mit erfundenen Zitaten die Stimmung gegen Klopp und Mainz angeheizt.
Mainz verliert mit 1:3 gegen Union, der VfL Bochum steigt nach einem Sieg gegen Alemannia Aachen auf. Klopp bricht vor dem Interview mit dem ZDF zusammen und heult. Bei der offiziellen Pressekonferenz sagt er: »Ich will nicht weiter lamentieren. Wir hätten es hier regeln können, wir haben es nicht getan. Wir haben unseren Anhängern den größten Wunsch nicht erfüllt. Aber wir werden es wieder versuchen.« Und später: »Ich habe in Berlin geheult wie noch nie in meinem Leben. Doch so, wie ich leiden kann, kann ich mich auch freuen. Von mir aus kann es morgen wieder losgehen. Wir werden die begonnene Entwicklung vorantreiben.«
Knapper
Wieder Mai, diesmal ist es der 25., ein Sonntag, im Jahr 2003. Das letzte Spiel der Saison, diesmal in Braunschweig. In der vergangenen Saison fehlte ein Punkt, diesmal ein Tor. Knapper geht es nicht. Mainz gewinnt gegen Eintracht Braunschweig mit 4:1. Als das Gegentor fällt, denkt sich keiner was dabei. Mainz lässt zahlreiche Chancen liegen. Eintracht Frankfurt erzielt in der Nachspielzeit das entscheidende 6:3 gegen Reutlingen. Mainz und Frankfurt haben 62 Punkte, die um ein Tor bessere Tordifferenz entscheidet für die Eintracht. Torschütze des entscheidenden Frankfurter Tores ist Alexander Schur, ein Freund Klopps, mit dem er bei Rot-Weiss Frankfurt unter Dragoslav Stepanovic gespielt hat.
Das Spiel in Braunschweig ist schon aus, Mannschaft und Trainer stehen auf dem Rasen, die Arme um die Schultern gelegt, als die Nachricht von Schurs Tor eintrifft. Andrey Voronin tröstet seinen Trainer, der tröstet ihn, Klopp rennt in die Kabine, Christof Babatz bekommt einen Weinkrampf. Klopp, 36 Jahre alt, bricht erst in Tränen aus, als ihn sein Sohn im Kabinengang fragt, ob er am nächsten Tag in die Schule gehen muss. »Da habe ich losgeheult«, sagt er.
In der Pressekonferenz erklärt Klopp: »Ich glaube nicht an den Fußballgott, nur an den richtigen. Ich glaube daran, dass alles im Leben für etwas gut ist. Irgendwann werde ich erfahren, für was das hier heute gut war.« Auf der Rückfahrt feiern die Spieler trotzig mit Bier, Polonaise und Liedgut: »Nie mehr Zweite Liga.« Am nächsten Tag, vor dem Staatstheater, Tausende beklatschen die Mannschaft, sagt Klopp: »Gestern hab ich mir ja noch überlegt, für was das alles gut ist, und mir ist eingefallen, für was: Irgendjemand hat entschieden, dass irgendwann mal gezeigt werden muss, dass man tatsächlich einmal, zweimal, dreimal, vielleicht sogar viermal hinfallen kann und immer wieder aufstehen kann, und er hat gedacht, es gibt keine bessere Stadt dafür.«
Es reicht
Erneut Mai, wieder der 25., diesmal das Jahr 2004. Die Mainzer, die bei einigen Journalisten als »unaufsteigbar« gelten, spielen eine durchwachsene Saison. Vor der letzten Partie ist die Ausgangssituation schlechter als in den Spielzeiten davor, in denen es nicht gereicht hat. Alemannia Aachen ist Dritter, hat 53 Punkte, aber die gegenüber Mainz schlechtere Tordifferenz, und muss beim Karlsruher SC, der gegen den Abstieg kämpft, antreten. Mainz ist Vierter mit 51 Punkten und hat es mit Eintracht Trier zu tun.
Ebenfalls 51 Punkte, aber das schlechtere Torverhältnis, hat Energie Cottbus, die ein paar Wochen vorher wie der sichere Aufsteiger ausgesehen hatten, und bei denen der Mainzer Stürmer Michael Thurk bereits einen Vertrag zur neuen Saison unterschrieben hat. Ein paar haben auch noch Rot-Weiß Oberhausen, 50 Punkte, auf der Rechnung. An diesem 25. Mai hat Christian Heidels Tochter Kommunion, da kann der zu diesem Zeitpunkt noch ehrenamtlich arbeitende Manager im katholischen Mainz nicht kneifen, und geht in die Kirche. Am Ende des Gottesdienstes stimmen Pfarrer und Organist der Albanskirche »Steht auf, wenn ihr Mainzer seid«, an. Alle stehen auf und singen mit. Der Pfarrer lächelt.
Heidel, der ein Autohaus führt, glaubt an den Aufstieg: »Mit Beistand von oben, was soll da noch schiefgehen?« Thurk macht das 1:0 (23.), Oberhausen und Cottbus gehen ebenfalls in Führung. In der 43. Minute brechen die Leute, die vor der Leinwand sitzen, die hinter dem Stadion aufgebaut ist, in Jubel aus. Der KSC ist durch Stürmer Conor Casey, der später für Mainz spielt, in Führung gegangen. In der 66. Minute Freistoß für Mainz, Babatz, der Präzision im Fuß hat, flankt, Manuel Friedrich erst mit dem Kopf, dann mit dem Fuß: 2:0. Die Fans jubeln noch, als Babatz den flinken Thurk schickt, der den Ball über Triers Torwart Axel Keller hebt. Das Spiel des FSV ist zu Ende, während in Karlsruhe der Ball noch rollt. Der KSC ist nur noch zu zehnt, Marco Engelhardt ist vom Platz geflogen, hält aber Ergebnis und Klasse. Klopp, der noch immer keine Trainerlizenz hat, untertreibt noch wenn er sagt: »Das ist kein normaler Aufstieg.«
Abstieg
Die guten Auftritte der Saison 2005/06, als die Mainzer dank Fairplay-Wertung zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte international spielen, sind auch ein Fluch. Die Spieler haben nun ein Niveau erreicht, das sie für andere Vereine interessant macht. Innenverteidiger Mathias Abel wechselt zu Schalke 04, Mittelfeldspieler Toni da Silva zum VfB Stuttgart. Auch drei Stürmer schließen sich anderen Klubs an: Benjamin Auer dem VfL Bochum, der aus Cottbus zurückgekehrte Michael Thurk geht zu Eintracht Frankfurt und Mohamed Zidan zum SV Werder Bremen. Die Spieler, die kommen, füllen die Lücken nicht. In der ersten Bundesliga-Saison hatte der FSV sieben Niederlagen hintereinander kassiert, war neun Spiele ohne Sieg geblieben. Klopp weiß: »Da bist du als Trainer ganz alleine, du kannst keinen anderen Trainer fragen: Was macht man nach fünf, sechs, sieben Niederlagen hintereinander? Das kann dir keiner sagen, weil andere Trainer dann längst entlassen sind.«
2006/07 holt der FSV in der ersten Saisonhälfte nur elf Punkte. Klopp grübelt in der Nacht, kann nicht mehr schlafen. Er fragt sich: »Was soll ich machen?« Er erhöht den Druck aufs Team, erlässt ein Schunkelverbot im Stadion und fordert die Fans auf, gewonnene Zweikämpfe zu bejubeln. Klopp probiert alle möglichen Varianten aus, erst als er wieder 4-4-2 spielen lässt, fängt sich die Mannschaft – auch dank des Psychologen Hans-Dieter Hermann und Neuverpflichtungen in der Winterpause. Zwischenzeitlich sieht es gut aus, am Ende reicht es nicht. Mainz verliert gegen die Bayern und muss nach zweimal Rang elf in den Vorjahren zurück in die Zweite Liga.
Abschied
In der Saison 2007/08 ist die Zweite Liga nicht normal: Borussia Mönchengladbach, der 1. FC Köln, der SC Freiburg und der 1. FC Kaiserslautern sorgen für außergewöhnlich hohes Niveau. Dazu noch der FSV Mainz. Diesmal fällt der letzte Spieltag auf den 18. Mai. Mainz gegen den FC St. Pauli, ein Sieg reicht nur, wenn der Dritte TSG Hoffenheim zuhause gegen die SpVgg Greuther Fürth nicht gewinnt. »Fürth!«, sagt Klopp, »Fürth!!« Wenn die im Spiel sind, kann es nicht gut gehen. Mainz gewinnt mit 5:1 gegen die Hamburger, Hoffenheim mit 5:0 gegen die Fürther. Wieder weint Klopp, denn er hatte mit Christian Heidel vereinbart: Er bleibt nur, wenn Mainz aufsteigt. Für diesen Fall hatte Heidel, seit 2006 hauptamtlicher Manager, ein gut dotiertes Angebot im Schreibtisch.
Also bedeutet der verpasste Aufstieg Klopps Abschied. Petr Ruman nimmt seinen Trainer in den Arm. Der macht einen Diener vor der Südtribüne, von der Ehrenrunde schafft er nur zwei Drittel, dann rettet er sich vor seinen Emotionen und den Fans in die Kabine.
Verabschiedung von Mainz
Etwa 20.000 Menschen kommen am 23. Mai 2008 zum Gutenbergplatz in der Mainzer Innenstadt, um Klopp gebührend zu verabschieden. »Alles, was ich bin, alles, was ich kann, habt ihr mich werden lassen«, stammelt ein ergriffener Jürgen Klopp, der diesen Satz nur mühsam zu Ende bringt, dabei von den Mainzer Fans mit »Jürgen, Jürgen«-Sprechchören gefeiert wird. »Ich habe hier von Christian Heidel und Harald Strutz die Chance bekommen, meinen Traumberuf zu ergreifen. Ich habe Unterstützung (...) erhalten, das kann man sich gar nicht vorstellen. Ich habe mit Harald Strutz einen Präsidenten gehabt, der mein Freund war, bevor ich es wusste. (...) Dass ich euch nie vergessen werde, könnt ihr euch vorstellen.«
Die zweite Trainerliebe:
Klopp gibt Borussia Dortmund neue Identität
Nach achtzehn Jahren in Mainz, davon gute sieben als Trainer, war für Jürgen Klopp die Zeit einer neuen Herausforderung gekommen. Es trieb ihn dauerhaft in die Bundesliga, mit Mainz war er 2007 wieder in die Zweite Liga abgestiegen. Allerdings hielt sich Klopp dabei eine Hintertür offen: Nach monatelangen Spekulationen um des Trainers berufliche Zukunft präsentierten Klopp und Mainz im August 2008 eine überraschende Lösung: Sollte ihm mit dem FSV der direkte Wiederaufstieg in die Bundesliga gelingen, würde sich sein auslaufender Vertrag automatisch um ein Jahr verlängern. Doch dazu kam es nicht: Als mal wieder Vierter mit lediglich zwei Punkten Rückstand auf einen Aufstiegsrang verpassten die Rheinhessen nur knapp die sofortige Rückkehr in die Beletage des deutschen Fußballs. Klopp und Mainz – diese gewachsene, emotionale Verbindung war nun also tatsächlich Geschichte.
»Hätte weitaus schlimmere Angebote als das vom BVB geben können«
In Dortmund trennten sich im Sommer 2008 die Borussia und ihr Trainer Thomas Doll, der vor allem auf die Erfahrung älterer Spieler vertraut hatte. Doch der BVB strebte, auch der Finanznot geschuldet, nach einer neuen Philosophie und wollte verstärkt auf junge Spieler setzen; dazu den Fans im Signal Iduna Park wieder einen attraktiven Spielstil präsentieren. Dafür schien der Mainzer Trainer Jürgen Klopp genau richtig, der in einem Team ohne Stars ansehnlichen wie taktisch reifen Fußball spielen ließ.
Mit diesen Argumenten ausgestattet, mussten die Dortmunder für ein Engagement kaum Überzeugungsarbeit bei Klopp leisten. Auch die Atmosphäre stimmte sofort, die BVB-Verantwortlichen Michael Zorc und Hans-Joachim Watzke vermittelten Klopp das Gefühl, ausschließlich ihn zu wollen: »Ehrlich gesagt, wussten wir (Anm.: Klopp und seine Co-Trainer) sofort, dass wir das machen. Wir haben dann nur so getan, als würden wir noch ein bisschen zocken«, verriet Klopp Jahre später.13 »Es hätte weitaus schlimmere Angebote als das von Borussia Dortmund geben können«, stellte sich Klopp gleich gut gelaunt beim BVB vor – gepaart mit seinem typischen Grinsen und einer betont ironischen Formulierungskunst, ein von Klopp gern gebrauchtes rhetorisches Stilmittel. Mit solchen Sprüchen verbreitete der Medienprofi gleich zu Beginn Spaß. Spaß, den sie beim BVB in den letzten Jahren schmerzlich vermisst hatten.
Auch das Stadion war für Klopp ein gewichtiges Argument pro Dortmund: »Wenn du die ersten Male in unser Stadion kommst und da 80.000 Leute sind, dann denkst du: ›Boah!‹ Aber man gewöhnt sich nicht daran. Es ist jedes Mal derselbe Kick, wenn du in dieses Stadion reinkommst. Du kriegst immer wieder Gänsehaut«, begeisterte er sich.14
Wenn nur noch imaginärer Torjubel bleibt
Der BVB war für den damals 41-Jährigen ein dankbares neues Betätigungsfeld. Der einst stolze Klub von internationaler Bedeutung war ins sportliche Mittelmaß abgerutscht und hatte die Vorsaison 2007/08 auf einem mageren Platz dreizehn beendet. Der Einzug ins DFB-Pokalfinale, in dem gegen Bayern München mit 1:2 nach Verlängerung – fast schon überraschend knapp – verloren wurde, hatte zumindest für die Qualifikation zum UEFA-Cup gesorgt. Noch knapp eine Woche zuvor hatte der BVB in der Bundesliga beim selben Gegner mit 0:5 eine herbe Klatsche erlitten und sich dabei als hoffnungslos unterlegen erwiesen. In München hatte sich bei den mitgereisten BVB-Fans der Sarkasmus gegen die Enttäuschung durchgesetzt: Kurz vor der Pause, es stand bereits 0:4, vollführen sie mehrfach einen imaginären Torjubel – so lange, bis ihr Team mit 5:4 »führte«. Auf dem Rasen allerdings war die Realität eine andere.
Die Tristesse der Dortmunder Spielzeit 2007/08 beschreibt der Auszug aus einem Kommentar von Philipp Köster im April 2008:15 »(...) Und in der Zeit, in der ein in der Defensive eroberter Ball den Weg in die Dortmunder Spitze gefunden hat, gehen manche Zuschauer auf der Südtribüne zweimal Bier holen. (...) Nun können die Dortmunder so weitermachen. (...) Oder es stellt tatsächlich mal jemand die Frage nach einem stimmigen sportlichen Konzept. Das wäre etwas ganz Neues.«
In dieser Situation kam Klopp nach Dortmund. Um Aufbauarbeit zu leisten. Um ein stimmiges sportliches Konzept mitzubringen. Die Erwartung war hoch, aber nicht unermesslich. Den schwarz-gelben Fans dürstete es nach schön anzuschauendem, aber viel mehr noch nach leidenschaftlich geführtem Fußball. Titel schienen vermessen, doch wieder eine Mannschaft, die es leicht machte, sich mit ihr zu identifizieren – das wünschten sie sich in Dortmund. Klopp gab dem BVB-Volk, wonach es gierte, versprach ab sofort »Vollgas-Veranstaltungen«. Würde die Mannschaft halten können, was der neue Trainer ankündigte?
Dortmunder Stimmungslage im Sommer 2008: Ein Trainingstag in Brackel
Juli 2008.16 Mit dem Sparzwang der Vorjahre hat sich das Mannschaftsbild des BVB gewandelt und ist nicht mehr geprägt von den großen Stars wie noch um die Jahrtausendwende. Ein Stefan Reuter, ein Jürgen Kohler, ein Jan Koller – sie alle sind Dortmunder Geschichte. Der neue Star ist der Coach. Überlebensgroß mahnt der neue Trainer auf Plakaten an der Bundesstraße 1, die mitten durch die Stadt führt: »Lass’ Dir Deinen Stammplatz nicht wegnehmen!« So sollen die Dauerkarteninhaber gehalten werden, die inzwischen entwöhnt sind von ansehnlichen Kombinationen, Tempodribblings und allem, was Fußball so schön macht. Und das Wochenende für Wochenende. Sie gehen noch immer zu den Heimspielen, weil man das halt so macht in Dortmund. Nicht so sehr den aktuellen Spielern zuliebe, sondern wegen der bedingungslosen Liebe zum Verein.
Brackel, ein Vorort im Dortmunder Osten. Gesprochen mit langem Vokal, also »Braakel« statt »Brakkel«. Auf dem Trainingsgelände des BVB ist der zupackende »Kloppo« ganz in seinem Element: Er müht sich, »Chancentod« Nelson Valdez mehr Treffsicherheit zu vermitteln und in Schöngeist Giovanni Federico das, wie er sagt, »Kampfschwein zu wecken«. In Brackel können es die Trainingskiebitze tagein, tagaus überprüfen: Klopp ist im Hauptberuf nicht Medienprofi, sondern Fußballlehrer, der unermüdlich an der Umsetzung seiner Spielidee arbeitet. Intensiv lässt er das Spiel gegen den Ball üben, das gemeinschaftliche Verteidigen im Teamverbund. Alle müssen mitmachen, auch die offensiven Mittelfeldspieler und Stürmer. Denn die Borussia kassierte in der Vorsaison 62 Gegentore. Zu viele. Und mehr als alle anderen Bundesligisten.
Als der BVB im inoffiziellen »T-Home-Supercup«17 2008 den »Fehler« begeht, die Bayern mit 2:1 zu schlagen, träumen sie in Dortmund wieder von höheren Zielen, die User »Ikpeba« auf transfermarkt.de auf den Punkt bringt: »Kloppo, bring’ uns die Freude am Fußball wieder!« Darunter machen sie es nicht. Klopp weiß, dass schon alles passen muss, um auch »Ikpeba« zufriedenzustellen. Er ist bemüht, die Ansprüche zu senken und lobt nach dem mühsamen Pokalsieg bei Drittligist Rot-Weiss Essen: »Die Mannschaft hat das neue Gesicht angedeutet, von dem wir alle seit Wochen reden.«
Klopp unterbricht die Trainingseinheiten immer wieder, lässt wiederholen, bis sie seinen Vorstellungen entsprechen, bis sie automatisiert sind. Denn die »flache Vier« im Mittelfeld, sie sitzt noch nicht. Doch eingespielte Vorgänge sind wichtig. Wer auf dem Feld erst nachdenken muss, hat schon verloren: »Wenn ich auf die Grundlinie durchkomme und im Strafraum ist einer glockenfrei, sollte man den idealerweise dann auch sehen. Da muss ich schon ein bestimmtes Blickfeld haben, wo der Mitspieler auftauchen könnte«, fordert Klopp.
Den klassischen Spielmacher gibt es im BVB-System nicht; die beiden »Sechser« Tinga und Sebastian Kehl sollen mit den Außen Jakub »Kuba« Blaszczykowski (bei seiner Verpflichtung 2007 bereits als »polnischer Luis Figo« gerühmt) und Tamas Hajnal die Räume eng machen. Es bleibt noch viel zu tun. Klopp weiß das.
Klopp bringt »die Süd« wieder hinter ihr Team
Trotz Platz dreizehn, der schlechtesten Platzierung des BVB seit genau 20 Jahren, lockten die Schwarz-Gelben auch 2007/08 die meisten Zuschauer an: 72.510 waren es im Schnitt. Dennoch ist sie zu dieser Zeit nur noch ein Anachronismus, die einst grandiose Stimmung im Signal Iduna Park. Ebenso wie das sportliche Spektakel, das dort herrschte, als der Park noch Westfalenstadion hieß. Doch mit den teuer erkauften Titeln der Ära um Ex-Präsident Dr. Gerd Niebaum und Ex-Manager Michael Meier stieg auch die Erwartungshaltung der Fans. Das Stadion wuchs zwar auf fast doppelte Größe an, aber die Anzahl »echter« Fans, die nicht nur deshalb kamen, weil sie am Erfolg teilhaben wollten, weil es »en vogue« war, zur Borussia zu gehen, sie konnte damit nicht Schritt halten. Der Heimvorteil kehrte sich um, zuweilen schienen die eigenen Spieler den Unmut der gigantischen Südtribüne zu fürchten, wenn der eigene Pass beim Gegenspieler ankam. Es kann verdammt laut sein, wenn 25.000 Anhänger plötzlich gemeinsam schweigen.
Ganz anders hingegen zeigte sich die Stimmung bei Auswärtsspielen: Unter jenen BVB-Fans, die für ihre Fahrten quer durch Deutschland regelmäßig ihr Wochenende opfern. Fans, die selbst bei einem 0:5-Rückstand in München noch feiern. Mit Sarkasmus zwar, aber sie pfiffen ihr Team zumindest nicht aus.
»Eine Wand des Sounds«
Klopp sollte es gelingen, den alten Südtribünen-Geist zu wecken, die Fans wieder bedingungslos hinter die Borussia zu bekommen. Sicher, beim Eilen von Sieg zu Sieg wie in der Meistersaison mag das keine Kunst sein. Doch charakteristisch fiel ein englischer Zeitungskommentar aus, geschrieben nach dem 1:1 in der Champions League im September 2011 gegen den FC Arsenal:
»(Arsenal-Trainer Arsène) Wenger hatte das Westfalenstadion18 als Tempel des deutschen Fußballs beschrieben und es war schwer, ihm zu widersprechen. (…) Die riesige Gelbe Wand ist wie das Holte End im Villa Park19, nur größer. (…) Nach dem Anstoß war sie auch eine Wand des Sounds«, schrieb die von der Atmosphäre beeindruckte Independent.
Erst in der 89. Minute gelang dank eines fulminanten Schusses von Ivan Perišic der späte aber vollkommen verdiente Ausgleich, nachdem der BVB seit der ersten Halbzeit einem unglücklichen Rückstand hinterhergelaufen war. Der Partie vorausgegangen war eine ernüchternde 1:2-Heimniederlage gegen Aufsteiger Hertha BSC Berlin in der Bundesliga. Nun, gegen Arsenal, hatte vor allem die »Gelbe Wand« der Südtribüne ihr Team mit unermüdlicher Anfeuerung förmlich zum Ausgleich getrieben – unterstützt auch von den übrigen, sonst eher zurückhaltenden Tribünen.
Rasenschach verpönt
Ähnliche Ziele wie der enthusiastische Neue hatten in Dortmund zuvor auch schon andere Trainer formuliert, um dann von der Realität widerlegt zu werden. Klopps Vor-Vorgänger Jürgen Röber hielt bei seiner Präsentation eine flammende Rede über Leidenschaft und Einsatzwillen. Nach nicht einmal drei Monaten war er seinen Posten wieder los. Während der Saisonvorbereitung 2007 war die Euphorie nach einem 4:0-Testspielsieg über den AS Rom riesengroß. Vergessen wurde, dass die Stars der Roma gerade erst aus dem Urlaub zurückgekehrt waren und gedanklich noch am Strand lagen. Die folgende 1:3-Auftaktpleite gegen den MSV Duisburg war der Beginn einer trostlosen Bundesligasaison, an deren Ende auch für Röbers Nachfolger Thomas Doll das Kapitel Borussia Dortmund beendet war.
»Rasenschach hat noch keine meiner Mannschaften gespielt«, gibt Klopp gleich bei seiner Vorstellung im Mai die Richtung vor – und will seinem Team eine neue Philosophie vermitteln. »Wiedererkennungswert« müssten die Spiele des BVB haben, fordert er. Dabei besitzt der Trainer den Mut, die von den Mittdreißigern Christian Wörns und Robert Kovac verkörperte alte Manndeckerschule in Rente zu schicken. Stattdessen setzt er auf die Youngster Mats Hummels und Neven Subotic, beide 19 Jahre alt und somit das jüngste Innenverteidiger-Paar der Bundesligageschichte – medial gerne auch als »Kinderriegel« bezeichnet. Subotic war direkt mit Klopp aus Mainz gekommen, nachdem er sich dort im Vorjahr als Stammspieler etabliert hatte. Vertrauen in die Jugend, das belohnt werden sollte, kassierte der BVB in der Saison 2008/09 doch die zweitwenigsten Gegentreffer aller Bundesligaklubs.
In Brackel wird in diesem Sommer 2008 jeder noch so kleine Hinweis, dass es mit der Borussia wieder aufwärts gehen könnte, mit Dankbarkeit registriert. Stellvertretend für die BVB-Anhänger blickt ein Trainingskiebitz optimistisch in die Zukunft: »Eigentlich wollte ich in der neuen Saison meinen Enkel ins Stadion schicken, der hat vielleicht noch die Geduld für so ein Gegurke wie in den letzten Jahren.« Nun will er selber hingehen und den Stammplatz behalten. »Wegen Kloppo«, wie er sagt.
Die irre Aufholjagd im Revierschlager
Wie von Klopp gefordert, behielten reichlich BVB-Fans ihren »Stammplatz«. Nach dem Rekordverkauf im Vorjahr von 50.549 Dauerkarten, pendelte er sich 2008 bei einer immer noch bemerkenswerten Anzahl von 49.500 ein. Dank überzeugender Auftritte wurde bald darauf die 50.000-Marke wieder geknackt, ehe nach dem Meisterjahr mit 53.000 abgesetzten Dauertickets ein neuer Bundesliga-Rekord aufgestellt wurde. Nicht nur die Mannschaft hörte auf ihren neuen Trainer.
Klopps Arbeit trägt auch sportlich sofort erste Früchte: Der Auftakt in die neue Spielzeit 2008/09 fällt mit einem 3:2 bei Bayer Leverkusen nach Maß aus. Ein großer Wermutstropfen ist die Verletzung von Dede, seit 1998 beim BVB eine »Bank« als linker Außenverteidiger. Der Brasilianer zieht sich einen Kreuzbandriss zu und fällt monatelang aus. Klopps Heimspieldebüt am 2. Spieltag wird mit einem 1:1 gegen den amtierenden Deutschen Meister Bayern München zumindest zu einem Achtungserfolg. Der 1:0-Sieg bei Energie Cottbus gerät dann zur gelungenen Einstimmung auf das anstehende Revierderby gegen den ewigen Erzrivalen Schalke 04. Klopps erstes Derby sollte gleich zu einem Meilenstein seiner Premieren-Saison in Dortmund werden.
Jeder Neuankömmling in Dortmund oder Schalke bekommt es unverzüglich eingeimpft: Es gibt in der Bundesliga 34 Spieltage, aber nur zwei Begegnungen, in denen es um mehr als drei Punkte geht. In diesen Spielen geht es um die sportliche Vorherrschaft im Revier, um die Harmonie am Arbeitsplatz jedes Fußballfans in schwarz-gelb oder blau-weiß: die beiden Derbys gegen den großen Rivalen.
Ausgerechnet dieses bereits traditionell hochbrisante Revierderby geriet zu einem der wichtigsten Spiele in Klopps erster Dortmunder Saison: Vor eigenem Publikum lag der BVB am 13. September 2008 nach knapp einer Stunde mit 0:3 desillusionierend zurück. Schalkes Angreifer Kevin Kuranyi hätte bei einer Großchance für die endgültige Entscheidung zugunsten von Königsblau sorgen können, doch er vergab. Besser machte es kurz darauf BVB-Verteidiger Neven Subotic, der in der 67. Minute auf 1:3 verkürzte. Ein Treffer, der nicht nur seiner Mannschaft, sondern auch den 25.000 auf der Südtribüne neues Leben einhauchte. Und die ihr Team immer leidenschaftlicher nach vorne trieben, als der zur Pause eingewechselte Alexander Frei nur drei Minuten später mit einem Traumschuss in den Winkel für den Anschluss zum 2:3 sorgte – allerdings aus nicht geahndeter Abseitsposition.
Derbyheld Alexander Frei
Schalke verlor nun die Nerven und musste die letzte knappe Viertelstunde zu neunt agieren, nachdem sowohl Christian Pander als auch Fabian Ernst vom Platz gestellt worden waren. Trotz wütender Angriffe wollte dem BVB der Ausgleich zunächst nicht gelingen, ehe Gäste-Verteidiger Mladen Krstajic der Ball im Strafraum an den Arm geschossen wurde. Die Folge: ein zweifelhafter Strafstoß. Ob berechtigt oder nicht, Alex Frei war es schnuppe: Er versenkte die Kugel in der vorletzten Spielminute zum nicht mehr erwarteten 3:3 – der Signal Iduna Park geriet zum Tollhaus! Was für ein Comeback: Denn für den Schweizer Ausgleichsschützen war dies sein erster Saisoneinsatz nach zuvor monatelanger Verletzung. Vermutlich rettete die Gäste nur der erstaunlich pünktliche Schlusspfiff des Schiedsrichters – ohne jede Nachspielzeit – vor einem weiteren Gegentreffer und somit einer schmachvollen Niederlage.
Mit Blick zu seinem Schalker Trainerkollegen Fred Rutten, der ebenfalls erst vor dieser Saison bei seinem neuen Klub angeheuert hatte, staunte Klopp nach dem Spiel: »Das war für uns beide ein Crash-Kurs, was in einem Derby alles abgehen kann.«
Ein Derby, für das Klopp und sein Trainerteam ihre Kicker besonders motiviert hatten: Vor Spielbeginn hatten sie den BVB-Profis ein Video gezeigt, auf dem eine Zusammenfassung vergangener siegreicher Derbys zu sehen war – verbunden mit dem Hinweis, nun selbst Geschichte zu schreiben. Auch wenn Klopp dabei vermutlich an einen anderen Spielverlauf gedacht hatte, seine Spieler hatten zweifellos auf ihn gehört.
Keine klassische Rollenverteilung
Nach drei Jahren in Dortmund verließ Derbyheld Alexander Frei den BVB 2009 und ging zurück in seine Schweizer Heimat zum FC Basel. Dass die Borussia ihren Torjäger ziehen ließ, lag auch an der veränderten Spielphilosophie unter Jürgen Klopp, in der die klassische Rollenverteilung passé war, wie Thomas Hennecke als Reporter und ehemaliger Leiter der Redaktion West des Kicker Sportmagazins erklärt:
»Bei Klopp verschwinden die Grenzen zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen. Verteidiger eröffnen das Spiel und schieben es an; Stürmer leiten die ersten defensiven Störmanöver ein. Entsprechend systemkompatibel müssen Klopps Spieler sein. Angreifer wie Mladen Petric oder Alexander Frei gab er ab, weil sie sein laufintensives Anforderungsprofil nicht erfüllten. So kritisch diese Personalien 2008 (Petric) und 2009 (Frei) auch von mir hinterfragt wurden, Klopps Entscheidungen machten Sinn. Und die Nachfolgefrage regelte er mit Lucas Barrios goldrichtig: In ihm fand Klopp einen Angreifer nach Maß. Einen »Knipser«, der auch Bälle behaupten und ablegen konnte und die taktischen Vorgaben seines Chefs punktgenau erfüllte.«
Mit dem Remis gegen Schalke blieb der BVB auf Augenhöhe mit dem punktgleichen Reviernachbarn aus Gelsenkirchen. Das zarte Pflänzchen Aufbruchstimmung, das Klopp in den ersten Wochen seit seiner Amtsübernahme erweckt hatte, es durfte sich weiterentwickeln. Daran konnte auch die deutliche 1:4-Niederlage bei 1899 Hoffenheim eine Woche später nichts ändern. Letztlich beendete der BVB die Saison auf einem achtbaren sechsten Rang – und verpasste damit nur um zwei Zähler den Einzug in die Europa League, dem Nachfolger des bisherigen UEFA-Cups.
Bitter dabei: Aufgrund eines eigentlich irregulären Treffers in der Nachspielzeit zog der Hamburger SV »last minute« noch am BVB vorbei auf Platz fünf. Dem Siegtor zum 3:2 bei Eintracht Frankfurt war eine Abseitsposition vorausgegangen. Dennoch: Im Vergleich zu Rang dreizehn im Vorjahr hatte die Mannschaft einen enormen Schritt nach vorne gemacht. Der Anfang einer Entwicklung war gemacht.
Welch enorme Bedeutung ein Sieg im Revierderby besitzt, merkte Klopp spätestens zwei Jahre später, als die Borussia – wieder am 4. Spieltag – in beeindruckend souveräner Manier in der »Höhle des Löwen«, der Schalker Veltins-Arena, mit 3:1 triumphierte. Bei ihrer Rückkehr nach Dortmund per Bus wurden die siegreichen Helden von hunderten BVB-Fans stürmisch gefeiert, Doppeltorschütze Shinji Kagawa sogar auf Schultern getragen. »Das war pure Ekstase. Gänsehaut pur, so was habe ich noch nie erlebt. Jetzt hat auch der Letzte gesehen, was so ein Derby-Sieg bedeutet«, staunte Klopp.20
Inventur in der Winterpause
Mit weniger Glück als bei der Derby-Aufholjagd gegen Schalke verlief Klopps erster Auftritt mit dem BVB auf internationalem Terrain. In der ersten Runde des UEFA-Cups 2008/09, für den sich die Borussia als Vize-Pokalsieger qualifiziert hatte, traf sie auf den italienischen Vertreter Udinese Calcio. Ernüchternd fiel das 0:2 auf eigenem Platz aus, als sich die Gastgeber etwas naiv auskontern ließen. Begeisternd dagegen war die Aufholjagd im Rückspiel in Udine, das nach 120 Minuten eine 2:0-Führung der Borussen sah. Nur aufgrund des verlorenen Elfmeterschießens verpassten die Westfalen den Einzug in die Gruppenphase.
Noch während seiner ersten Saison in Dortmund krempelte Klopp sein Team kräftig um: Zum Wintertransfermarkt 2008/09 verließen Antonio Rukavina, Diego Klimovicz, Giovanni Federico, Delron Buckley, Marc-André Kruska und Robert Kovac den Verein, die beim BVB nur noch eine Nebenrolle gespielt hatten. Bereits vor Saisonbeginn hatte Abwehrhaudegen Christian Wörns, mehrjähriger Kapitän und seit neun Jahren bei der Borussia, kein neues Vertragsangebot mehr erhalten und seine Karriere beendet.
Ein glückliches Händchen besaßen die Dortmunder bei den Neuverpflichtungen, die sich fast durchweg als wertvolle Verstärkungen erweisen sollten: Im Sommer war neben Klopps Weggefährten aus Mainz, Neven Subotic, mit Angreifer Mohamed Zidan (im Tausch mit Mladen Petric) ein weiterer Ex-Mainzer dazugekommen, der bei den 05ern unter Klopp seine bisher stärksten Leistungen gezeigt hatte. Nuri Sahin, der bereits als 16-Jähriger für den BVB debütiert hatte und nach seiner Ausleihe von Feyenoord Rotterdam zurückgekehrt war, entwickelte sich nach seiner Rückkehr zum großen Mittelfeldlenker.
Auch weitere Neuzugänge saßen: Ob der brasilianische Innenverteidiger Felipe Santana, der ungarische Mittelfeldspieler Tamas Hajnal, DFB-Nationalspieler Patrick Owomoyela oder der südkoreanische Außenverteidiger Young-Pyo Lee, der als Vertreter des verletzten Dede zum BVB stieß – sie alle wurden während Klopps Dortmunder Anfangszeit zu Stützen des umgekrempelten BVB-Kaders. Auch der im Winter für ein halbes Jahr von Tottenham Hotspur ausgeliehene Kevin-Prince Boateng deutete schon damals sein Talent an, das er bei späteren Stationen wie AC Mailand oder Eintracht Frankfurt zur vollen Entfaltung brachte. Die Radikalkur wirkte, Klopps neues Team nahm immer mehr Konturen an.
Siegesserie nach Vertragsverlängerung
Das Jahr 2009 begann für den BVB mau: Von den ersten sieben Rückrundenspielen wurde nicht eines gewonnen. Doch die Vereinsführung dokumentierte ihr unverändertes Vertrauen in die Arbeit von Jürgen Klopp und verlängerte den Vertrag vorzeitig bis 2012. Der Lohn: Direkt das nächste Spiel gegen Werder Bremen wurde mit 1:0 gewonnen und in den letzten zehn Bundesliga-Partien folgten acht Siege, die Schwarz-Gelb noch auf Rang sechs hievten.
Klopps Farbenlehre
Für Kicker-Reporter und Dortmund-Experte Thomas Hennecke bewies Jürgen Klopp 2009 in der Phase siegloser Spiele seine Beharrlichkeit, als der Trainer seinem Stil unbeeindruckt treu blieb: »Damals gab es Schlagzeilen wie ›Ist Klopps Zauber verflogen?‹ Davon hat er sich überhaupt nicht beirren lassen. Und da habe ich gelernt, dass er nicht im Wochenrhythmus schwarz oder weiß sieht, sondern seine Grautöne mitnimmt und – um in der Farbenlehre zu bleiben – unglaublich konsequent an einem roten Faden arbeitet. Ganz gleich, was geschrieben oder gesagt wurde und an taktischen Änderungen gefordert wurde.«
In dieser Charaktereigenschaft liegt für Hennecke ein wesentlicher Schlüssel zu Klopps erfolgreicher Arbeit: »Auch in sportlichen Schwächephasen weicht er nicht einen Millimeter von seinem Kurs ab. Weil er von dem, was er tut, total überzeugt ist. Die sportliche Entwicklung der folgenden Monate hat ihm dann auch hundertprozentig Recht gegeben. Das ist für mich ein ganz wesentlicher Bestandteil seiner Persönlichkeit, dass er nicht ständig sein Koordinatensystem wechselt. Egal, von wo der Wind bläst – Klopp knickt nicht ein. Diese Standfestigkeit zahlt sich aus.«
Die Entwicklung setzt sich fort
Die Saison 2009/10 wurde für Borussia Dortmund zu einem weiteren Jahr der Stabilisierung; mit dem abschließenden Tabellenplatz fünf zeichnete sich Konstanz ab – wonach es zu Saisonbeginn erst überhaupt nicht ausgesehen hatte. Der BVB startete holprig und musste einige Rückschläge verdauen: Ein saftiges 1:4 gleich am zweiten Spieltag beim Hamburger SV lieferte erste Anzeichen dafür, dass Klopps geliebtes Spiel gegen den Ball von seiner Mannschaft nur unzureichend umgesetzt wurde. So kam die Borussia am fünften Spieltag auch vor eigenem Publikum gegen Bayern München mit 1:5 böse unter die Räder. Nach vorne ging kaum etwas, und die Defensive zeigte sich plötzlich vogelwild.
Zu allem Überfluss ging das nächste Heimspiel ebenfalls verloren, mit 0:1 ausgerechnet gegen den Erzrivalen Schalke 04. Die Zwischenbilanz nach sieben Ligaspielen: erst ein Sieg, Platz 15, nur ein Zähler von der Abstiegszone entfernt. Es war nur etwa ein Fünftel der neuen Saison gespielt, doch sie schien schon jetzt verkorkst – und dies ausgerechnet in dem Jahr, in dem der BVB 09 sein 100-jähriges Vereinsbestehen zu feiern gedachte. Eigens dafür war auch Real Madrid angereist, das sich jedoch als »Partycrasher« erwies, indem es dem überforderten Gastgeber seinen Jubeltag mit einer 0:5-Packung gründlich verhagelte.
Doch ähnlich wie zu Beginn des Kalenderjahres startete der BVB auch jetzt wieder eine furiose Aufholjagd – diesmal auch ohne eine erneute Vertragsverlängerung von Jürgen Klopp. Bis zur Winterpause rollten seine »Jungs«, wie Klopp seine Spieler bevorzugt nennt, das Feld von hinten auf, verloren kein weiteres Spiel mehr und rückten bis auf Rang fünf vor. Diese Position sollte der BVB bis Saisonende verteidigen und damit direkt in die Europa League einziehen. Wäre da nur nicht die erneute Niederlage gegen Schalke 04 (1:2) in der Rückrunde gewesen ...
Und auch das Wiedersehen mit seinen alten Weggefährten in Mainz, die nach seinem Abschied nicht eingebrochen, sondern 2009 direkt wieder in die Bundesliga aufgestiegen waren, hatte sich Klopp sicher anders vorgestellt: Das 0:1 am 30. Spieltag sorgte für gemischte Gefühle bei Klopps Rückkehr an den Bruchweg.
Der fünfte Platz 2010 und damit die Qualifikation für das internationale Geschäft wurde von den BVB-Fans bereits begeistert gefeiert. Doch da ahnten sie noch nicht, welch herausragenden Feieranlass ihnen ihr Team ein Jahr später bescheren sollte ...
Meistersaison, die erste
Die Saison 2010/11 sollte pünktlich zu Klopps zehnjährigem Trainerjubiläum zum bis dahin größten Erfolg seiner Laufbahn werden. Dabei war es nicht allein der Gewinn der Meisterschaft an sich, der begeisterte, sondern vor allem die Art und Weise, mit der sie errungen wurde. Um es mit Klopps eigenen Worten zusammenzufassen: »Dieser Kindergarten nagelt hier durch die Liga, als gäb’s kein Morgen. Das ist außergewöhnlich.«21 Mit dem 2:0-Sieg über den 1. FC Nürnberg, zwei Wochen vor Saisonende, hatte seine Mannschaft gerade den vorzeitigen Titelgewinn perfekt gemacht.
Nach dem letzten Spieltag feierte das Team erst in einem italienischen Restaurant, ehe sie es in einer Diskothek bis in die Morgenstunden so richtig krachen ließ. »Und dabei hat die Mannschaft gefeiert, wie sie gespielt hat: sehr leidenschaftlich«, verriet Klopp später. Und das zurecht, getreu des Trainers Motto: »Wer hart arbeitet, der darf auch feiern!«
Dabei hatte es zunächst alles andere als nach einer glanzvollen Spielzeit ausgesehen: Gleich der Saisonauftakt gegen Bayer Leverkusen ging vor eigener Kulisse mit 0:2 in die Hose. Was niemand ahnte: Es sollte bis zum Hinrundenausklang, dem 0:1 bei Eintracht Frankfurt, die vorerst letzte Niederlage bleiben. Dazwischen lag eine fantastische Serie von vierzehn Siegen und einem Remis. 43 Punkte bedeuteten die zweitbeste Hinrunde, die je ein Bundesligist gespielt hatte. Und nie zuvor hatte ein Herbstmeister einen größeren Vorsprung als der BVB mit zehn Punkten.
Während der Winterpause wurde in der Öffentlichkeit intensiv darüber diskutiert, ob diese junge Truppe bereits reif sei für den Titel. Ob sie während der Pause nachzudenken beginne und ihre Unbekümmertheit verlieren werde. Ob sie ihren satten Vorsprung noch verspielen werde. Ob, ob, ob. Doch gleich zum Rückrundenauftakt strafte der Spitzenreiter alle Zweifler Lügen, als er mit Bayer Leverkusen bei einem der ärgsten Verfolger einen beachtlichen 3:1-Erfog landete.
Erster Sieg beim FC Bayern seit zwanzig Jahren
Als ein weiterer Meilenstein zur Meisterschaft erwies sich die Partie am 24. Spieltag bei Bayern München im Februar 2011. Die Bayern waren nach dem 1:0-Auswärtssieg in der Champions League bei Titelverteidiger Inter Mailand mit frischem Selbstvertrauen gestärkt und suchten nun ihre letzte Chance, noch in den Titelkampf eingreifen zu können. Ihr Präsident Uli Hoeneß erwartete gegen Dortmund »einen ganz klaren Sieg mit zwei Toren Unterschied«, wie er in der Bild-Zeitung optimistisch ankündigte. Gesagt, getan – nur dass beim 3:1 die zwei Tore Unterschied zugunsten der Gäste ausfielen.
Klopp hatte sein Team exzellent eingestellt und die gefürchtete Münchener Flügelzange um die Superstars Franck Ribéry und Arjen Robben matt gesetzt: Auf der linken Dortmunder Außenbahn doppelten Marcel Schmelzer und Kevin Großkreutz gegen Robben, auf der anderen Seite fand Ribéry kein Mittel gegen Lukas Piszczek, der defensiv auch von Mario Götze unterstützt wurde. Entstanden dann einmal freie Räume im zentralen Mittelfeld, wurden diese von den beiden »Sechsern« Nuri Sahin und Sven Bender gestopft. Im Ergebnis gelang es den Bayern nicht, ihr Spiel wie gewünscht aufzuziehen – auch, weil der Aktionsradius des Münchener Organisators Bastian Schweinsteiger aufgrund des engmaschigen und weit vorne beginnenden Dortmunder Abwehrverhaltens eingeschränkt war. Bemerkenswert: Ausgerechnet bei diesem Triumph stand mit einem Durchschnittsalter von 22,3 Jahren die jüngste Dortmunder Startelf der Bundesliga-Geschichte auf dem Spielfeld.
Nach diesem Erfolg, zugleich der erste des BVB bei den Bayern seit 1991, bekannten sich Spieler und Verantwortliche erstmals öffentlich dazu, Meister werden zu wollen. Zuvor schien auf Nennung des »bösen M-Wortes« eine vereinsinterne Strafe ausgesprochen worden zu sein, so, wie sich jeder Borusse darum gewunden hatte. Doch angesichts von nun zwölf Punkten Vorsprung auf den Zweiten Bayer Leverkusen – und sogar deren sechzehn auf den Titelverteidiger aus München – wären jede andere Zielsetzung nicht mehr glaubhaft gewesen.
Und tatsächlich gab der BVB seine Spitzenposition bis zum Saisonende nicht mehr her. Mit einem Durchschnittsalter von 24,2 Jahren wurde der »Kindergarten« zur jüngsten Meistertruppe der Bundesliga aller Zeiten.
Jugend statt Routine
Nach der Beinahe-Insolvenz des BVB hatte die schwarz-gelbe Fangemeinde von der nächsten Meisterschaft nicht einmal mehr zu träumen gewagt – und die folgenden Jahre in sportlicher Mittelmäßigkeit, Tendenz fallend, schien sie zu bestätigen: 2004 Sechster, 2005 Siebter, 2006 wieder Siebter, 2007 Neunter und 2008 Dreizehnter – ehe dann Jürgen Klopp das Ruder übernahm und die Trendwende einleitete.
Der zuvor letzte Dortmunder Trainer, dem dieses Kunststück gelungen war, war 2002 Matthias Sammer. Seine damalige Meistermannschaft lässt sich mit der von 2011 allerdings kaum vergleichen: Ihr Gerüst bestand in erster Line aus erfahrenen und oft kostspielig erworbenen Akteuren wie Jens Lehmann, Jürgen Kohler, Stefan Reuter, Christian Wörns, Dede, Miroslav Stevic, Jan Koller, Marcio Amoroso, Ewerthon oder Tomáš Rosický. Eigengewächse oder Nachwuchskräfte wie Lars Ricken und Christoph Metzelder waren eher die Ausnahme, ganz im Gegensatz zu 2011.
Der BVB machte aus der Not eine Jugend und setzte auf unverbrauchte, hungrige Spieler. Auf dem Feld agierte keine abgeklärt-reife Startruppe mehr, sondern »junge Wilde« wie der gebürtige Dortmunder Kevin Großkreutz, der das »Wir-sind-alles-Dortmunder-Jungs-Gefühl« vorlebte wie kein Zweiter. Ihm zur Seite standen ebenso hungrige Jungprofis wie Marcel Schmelzer, Mats Hummels, Mario Götze, Nuri Sahin oder Sven Bender. Das unbekümmerte, frische Auftreten dieser sportlichen Draufgänger machte es leicht, sich mit diesem Team verbunden zu fühlen.
Den BVB-Fans drängte sich der angenehme Eindruck auf: Hier wird Fußball ehrlich gelebt, die Nähe zu Region, Fans und Verein ist keine Worthülse, sondern wird mit Leben gefüllt. Dies ist ein wesentlicher Grund, warum dem Team von 2011 die Sympathien derart zuflogen. Ein Team, dessen Leistung ihr Torhüter Roman Weidenfeller treffend zusammenfasste – wenn auch nicht in reinstem Oxford-Englisch: »I think we have a grandios Saison gespielt!«, gab er beim spontanen Interview mit einem arabischen TV-Sender zu Protokoll. Ein Bonmot, das zum geflügelten Wort der folgenden Festivitäten wurde.
Festivitäten, die über zwei Wochen gingen und nach dem Sieg über Nürnberg ihren Anfang nahmen. »Wir hatten das Glück, schon vorzeitig Meister zu werden und so haben wir bei wunderschönem Wetter direkt eine große Party gestartet, sehr spontan, sehr ursprünglich. Das hat einen Riesenspaß gemacht«, erinnert sich Klopp gerne zurück.
Wie sehr Jürgen Klopp die Intensität berührte, mit der Dortmund seine Meisterhelden feierte, machte er im Mai 2011 in einem Interview deutlich:22
»Ich habe an diesem Wochenende, im Stadion, auf der Feier abends, am Sonntag beim Umzug durch die Stadt an mehreren Punkten gedacht: So was Schönes werde ich nicht mehr erleben! Das war jetzt der Höhepunkt! Und dann kamst du um die nächste Straßenecke, und es hat dich wieder überwältigt (...) Man hat zum ersten Mal wirklich verstanden, wie groß dieser Verein ist. Borussia Dortmund, das ist eine unglaublich große Energie (...) Wir haben fast alle mal Tränen in den Augen gehabt, manche haben richtiggehend geheult vor Freude. So etwas willst du wieder erleben. Dir wird an so einem Tag klar: In Dortmund ist Fußball nicht diese schönste Nebensache der Welt. Es ist eine Hauptsache (...) Die Leute hier, das habe ich spätestens am Sonntag verstanden, sind in weniger fantastischen Phasen mit dem gleichen Gefühl für den BVB da wie jetzt. Dieser Zusammenhalt verkürzt die schlechten Phasen.«
Als 23. Meistertrainer seit Gründung der Bundesliga verspürte Klopp weniger persönlichen Stolz über das Erreichte, sondern eine tiefe Freude darüber, den Menschen in der Region einen auf Dauer unerreichbar erscheinenden Traum erfüllt zu haben. Viel wichtiger war es, dass die Existenz des Vereins gesichert werden konnte, dass er überlebte. Der Titelgewinn als Geschenk und Dank für den immensen Kredit, den der BVB unter seinen treuen Fans noch besessen hatte, als die Banken ihn zu verweigern drohten.
Trainer des Jahres
Als Lohn für seine Leistung – und stellvertretend auch die seiner Mannschaft – wurde Klopp im Juli 2011 von den deutschen Sportjournalisten zum »Trainer des Jahres« und somit zum Nachfolger des früheren Bayern-Trainers Louis van Gaal gewählt. Dabei fiel sein Vorsprung bei der Wahl gewaltig aus: Mit 743 von 972 Stimmen vereinnahmte Klopp schlappe 76 Prozent der Stimmen auf sich, die nächstplatzierten Trainerkollegen Mirko Slomka (Hannover 96) und Lucien Favre (Borussia Mönchengladbach) kamen auf 52 beziehungsweise 38 Stimmen. Wie der BVB die Meisterschaft, so verteidigte 2012 auch Klopp seine persönliche Auszeichnung als Trainer des Jahres: Mit 496 Stimmen verwies er Favre (138) und Christian Streich (101 / SC Freiburg) deutlich auf die Plätze zwei und drei.
Der Ausgezeichnete selbst sah seine erste Meisterschaft bereits kurze Zeit später ganz pragmatisch und nüchtern: »Schon im Urlaub war sie Vergangenheit. Das ist schwer zu erklären. Es klingt jetzt so, als wäre es eine Formalität, das ist es gar nicht. Es ist ein wunderschönes Gefühl, aber das breitet man nicht aus.« Schon unmittelbar nachdem der Titel feststand, hatte Klopp betont, dass er eher Erleichterung denn überbordende Euphorie verspürte – die dann allerdings umso stärker bei der Meisterfeier aus ihm herausbrach.
Diese Einschätzung gut nachvollziehen kann Matthias Sammer, der Klopp beim Internationalen Trainerkongress 2011 in Bochum aus eigener Meister-Erfahrung ansprach: »Jürgen, als ihr Deutscher Meister wurdet, hast du gesagt: ›Ich habe gedacht, das fühlt sich ein bisschen anders an.‹ Aber ich kann dir sagen: Das wirst du immer in dir tragen. In dem Moment war es für dich einfach nur Erleichterung – und die spüren die Großen.«
»Eine vollkommene Szene«
Die Saison 2010/11 bot für den BVB viele Höhepunkte. Für Jürgen Klopp ist dabei auch eine Szene in bester Erinnerung, wie sie in dieser Form wohl nur einem Trainer auffällt, der akribisch an der Raumaufteilung seiner Mannschaft feilt. Dieses Idealbild kam am sechsten Spieltag zustande, in der Entstehung des Treffers durch Shinji Kagawa zum 2:1 beim FC St. Pauli (Endstand 3:1). Klopp gerät förmlich ins Schwärmen, denkt er daran zurück23:
»Die Strafraumbesetzung geht nicht besser als in dieser Szene. Wir wollen bei einem geordneten Angriff immer mindestens mit drei, besser vier Spielern im gegnerischen Strafraum sein, mindestens zwei weitere rund um den Strafraum. Götze geht mit dem Ball bis zur Torauslinie, passt von der rechten Seite zurück, Richtung Elfmeterpunkt, wo Großkreutz steht. Kevin könnte schießen, schießt aber nicht, sondern täuscht nur an, weiß aber, ohne zu gucken, dass Kagawa hinter ihm ganz frei stehen muss, weil das unser Spielzug so vorgibt. Kevin lässt also für Shinji durch, der den Ball flach in die Torecke schießt. Wäre der Ball an den Pfosten gegangen, dann steht dort verabredungsgemäß auch noch Bender, der den Abpraller hätte reinschieben können. Eine vollkommene Szene. Ich habe das Bild abgespielt und war glücklich.«
Klopp wertet Spiele umfangreich aus und gönnt sich dabei auch mal bis zu 30 DVDs pro Woche, um der Mannschaft positive wie negative Szenen vorzuführen – und zwar aufgesplittet nach Mannschaftsteilen, die so gezielt angesprochen werden. Ein Trainer, der seinen Spielern für den Urlaub ein Trainingsprogramm mitgibt und sich per SMS über das Gelingen informieren lässt. Ein Perfektionist.
Die Erleichterung, ein bevorstehendes Ziel nicht aus den Augen verloren und es letztlich erreicht zu haben. Denn ein zweiter Platz hätte ein Jahr zuvor noch als großer Erfolg gegolten, nicht aber nach diesem Saisonverlauf, in dem der BVB alles in Grund und Boden spielte.
»Wir sind guter Fußball« steht in großen Lettern an der Tunneleinfahrt der B1 in Dortmund-Mitte geschrieben. Klopps BVB füllte diesen Anspruch mit Leben.
So stürmte die Borussia zum Titel: Die Taktik des BVB in der Saison 2010/11
Die Spiele von Borussia Dortmund erstaunten im Meisterjahr die Massen. Dank seiner begeisternden Auftritte gewann der BVB viele Sympathisanten hinzu, innerhalb Deutschlands und noch weit darüber hinaus. Doch wie genau lief das Dortmunder Spiel ab? Mit welcher taktischen Ausrichtung legte Klopp den Grundstein für die grandiosen Vorstellungen seiner Elf? Eine Analyse.
Dortmund spielte 2010/11 im 4-2-3-1-System, in dem Nuri Sahin und Sven Bender als »Doppel-Sechs«24 im defensiven Mittelfeld agierten. Während sich Bender fast vollständig auf seine Aufgabe als zweikampfstarker »Staubsauger« vor der Abwehr konzentrierte, schaltete sich Sahin als Bereichsleiter in puncto Taktvorgabe und Organisation immer wieder mit ins Offensivspiel ein. Daher ist Bender in der Grafik weiter unten etwas zurückgezogen postiert. Um das Spiel vor sich zu haben, rückte auch Sahin immer mal wieder weiter zurück, um sich die Bälle direkt von den Abwehrspielern zu holen und einen neuen Angriff einzuleiten. So gehörte er häufig zu den Spielern mit den meisten Ballkontakten seiner Elf.
Für den kreativen Part in der Offensive zeichneten vor allem die »Zauberfüßchen« Mario Götze und Shinji Kagawa verantwortlich, die nicht nur selbst Torgefahr verkörperten, sondern auch Stoßstürmer Lucas Barrios in Szene setzten. Kevin Großkreutz bereicherte das offensive Dreier-Mittelfeld mit enormem Einsatz und Läufen bis zur Grundlinie. Mit spielerischer Dominanz, also schnellem Kurzpassspiel, ohne lange den Ball zu halten, zog das Mittelfeld die gegnerische Abwehr auseinander, bis sich dort Löcher auftaten. Flexible Spielverlagerungen von einer Seite zur anderen sorgten für zusätzliche Unordnung.
Großkreutz und Götze verschoben sich bei gegnerischem Ballbesitz weit nach vorne, um durch dieses Pressing auf den Außenbahnen eine Spielverlagerung ins dicht gestaffelte Mittelfeld zu provozieren – wo Sven Bender & Co. oft die Bälle eroberten. Dabei handelte die gesamte Elf gemeinschaftlich und schob sich weit nach vorne in die gegnerische Hälfte, um früh zu attackieren – eine effektive, aber auch kraftraubende Spielweise. Dieses konsequente und frühe Arbeiten gegen den Ball war einer der Schlüsselfaktoren für den Dortmunder Siegeszug durch die Liga.
Barrios interpretierte seine Rolle nicht als passiver Stürmer, der auf Vorlagen wartet, sondern ließ den Ball häufig auf die nachrückenden Mittelfeldspieler prallen, um sie mit in die Angriffe einzubinden. Im Strafraum angekommen, erhielt Barrios den Ball dann zurück, um seine hervorragenden Vollstreckerqualitäten in Torerfolge umzumünzen. Sein Vorteil: ob per Kopf oder per Fuß, der gebürtige Argentinier, der für Paraguay stürmte, konnte unterschiedlich angespielt werden, ohne an Torgefahr einzubüßen. Damit Barrios als einzige nominelle Spitze nicht allein auf weiter Flur agierte, war er auf das regelmäßige Aufrücken der offensiven Mittelfeldspieler angewiesen – was auch erfolgte.
Borussias Außenverteidiger Marcel Schmelzer und Lukas Piszczek rückten immer wieder gezielt und weit vor, um Überzahl im Mittelfeld zu schaffen und über ihre Flanken nach innen für zusätzliche Torgefahr zu sorgen. In diesen Fällen wichen Großkreutz oder Götze in die Mitte aus, um ihnen freien Raum zu geben. Bei Ballbesitz des Gegners verschoben sich Schmelzer und Piszczek auf eine Linie mit den Innenverteidigern Mats Hummels und Neven Subotic. Als technisch starke Abwehrspieler leiteten diese beiden bei Balleroberung als erste Akteure den eigenen Angriff ein. Insbesondere Hummels setzte dabei auch auf längere Bälle in die Spitze, um somit schnell das Mittelfeld zu überbrücken und die Unorganisiertheit des Gegners im Moment des Ballverlustes auszunutzen. Von den Innenverteidigern gehen in der Grafik keine Pfeile aus, da sie sich positionstreu verhielten.

Dortmunds taktische Aufstellung in der Saison 2010/11 (Die Grafik wurde erstellt von Thomas Bauer, Geschäftsführer der österreichischen Werbeagentur Designers in Motion, 2019 umbenannt in hiroki digital, deren Leistungsspektrum Kreation, Media, Web und Mobile beinhaltet. Seit seiner Firmengründung 2006 wurde das Team mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.)
Nur bei eigenen Ecken oder Freistößen rückten Hummels und Subotic vor, um ihre Kopfballstärke auch offensiv zur Geltung zu bringen. In diesem Fall wurden sie von den Außenverteidigern und vom defensiven Mittelfeld abgesichert. Hinter der Abwehr stand mit Roman Weidenfeller ein mitspielender Torwart, der nicht nur stur auf seiner Torlinie »klebte«.
Der BVB präsentierte sich als eine derart kompakte Einheit, da alle Spieler sowohl Defensiv- als auch Offensivaufgaben übernahmen. Eine strikte Aufgabentrennung existierte nicht. Durch paralleles Verschieben in Ballrichtung blieben die Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen gering, die Räume auf dem Spielfeld ausgewogen besetzt. Dank dieses Spielverständnisses kassierte Dortmund in 34 Spielen lediglich 22 Gegentore und spielte 14 Mal »zu null« – auch dank der guten Reflexe Weidenfellers auf der Linie.
Um Spielern eine Erholungspause zu gönnen, setzte Klopp hin und wieder auf eine Variation seiner Startelf. Doch Verletzungen wie von Kagawa oder Sahin ließen eine größere Rotation nicht zu, sodass die erste Elf nur selten freiwillig verändert wurde. Während Dribbelkönig Kagawa aufgrund eines bei der Asienmeisterschaft erlittenen Mittelfußbruches fast die gesamte Rückrunde ausfiel, verpasste Sahin wegen eines Innenbandteilrisses im rechten Knie den Saisonendspurt.
Für den in der Vorrunde so großartig aufspielenden Neuzugang Kagawa rückte Götze nach innen, dafür übernahm Blaszczykowski dessen vakanten Posten auf rechts. Alternativ rückte Robert Lewandowski auf die »10« ins zentral-offensive Mittelfeld und Götze blieb dann auf halbrechter Position – so wie beim 3:1-Erfolg in München. »Edeljoker« Lewandowski war immer dann erste Wahl, wenn Barrios ausfiel – und traf nach seinen Einwechslungen in der Liga vier Mal ins Tor.
Im defensiven Mittelfeld stand Antonio da Silva als erster Stellvertreter für Bender oder Sahin bereit. Kapitän Sebastian Kehl, ebenfalls auf der »Sechs« zuhause, verpasste verletzungsbedingt den überwiegenden Teil der Saison. In der Innenverteidigung bewies Felipe Santana bei seinen Einsätzen, ein gleichwertiger Stellvertreter für die gesetzten Hummels und Subotic zu sein. Ersatzkeeper Mitchell Langerak kam nur in einem Spiel zum Einsatz – das ausgerechnet beim furiosen Sieg in München, bei dem er fehlerlos agierte.
In der Saison 2011/12 blieb die Spielphilosophie des BVB im Wesentlichen bestehen, dafür erfolgten in der Stammelf zwei personelle Wechsel: Für den zu Real Madrid gewechselten Sahin ackerten entweder der wieder fitte Kehl oder Neuzugang Ilkay Gündogan an der Seite von Bender. Im Sturmzentrum verdrängte Lewandowski den zuvor gesetzten Barrios.
Meistersaison, die zweite – doch zunächst stockt’s
Der Beginn der neuen Spielzeit 2011/12 schien zunächst alle Skeptiker zu bestätigen, die es gleich gewusst hatten: Die Meisterschaft der Borussia war eine Eintagsfliege, die Titelverteidigung reine Utopie. Ohnehin war sie von den unverändert zurückhaltenden Klubverantwortlichen nicht als Ziel ausgegeben worden, das bewährte Understatement wurde weiterhin gepflegt. »Qualifikation für den internationalen Wettbewerb«, so lautete das ausgegebene Saisonziel.
Bereits während der Sommerpause 2011 hatte Klopp gemutmaßt, dass die bevorstehende Spielzeit eine schwierige für sein Team werden würde: »Wir werden viele Probleme bekommen in dieser Saison, das ist doch ganz normal. Wenn wir mal wieder ein Spiel verlieren, dann werden wir sehen, was es auslöst.« Ganz wichtig für Klopp war, die außergewöhnliche Meistersaison nicht ständig als Maßstab heranzuziehen – vor allem, um den Druck von seiner Mannschaft zu nehmen: »Wir dürfen nicht vergleichen. Wir dürfen nicht dieses Jahr gegen Hamburg spielen und denken: ›Letztes Jahr haben wir sie weggeräumt.‹ Wir müssen weiter in jedes Spiel eintauchen, uns komplett auf die Aufgabe einlassen. Dann haben wir eine relativ gute Chance, auch in dieser Saison ziemlich stark zu sein.«
Schneller als es Klopp lieb sein konnte, sollte der BVB tatsächlich mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Wurde der Meister nach dem glanzvoll herausgespielten 3:1-Auftaktsieg über den Hamburger SV noch medial abgefeiert, folgte bereits eine Woche später beim 0:1 bei 1899 Hoffenheim die – dort fast schon traditionelle – Ernüchterung. Nach weiteren Niederlagen zuhause gegen Aufsteiger Hertha BSC Berlin und bei Hannover 96 (jeweils 1:2) fand sich Dortmund nach dem sechsten Spieltag und bereits drei Niederlagen lediglich auf Rang elf wieder. Zum Vergleich: Drei Niederlagen hatte der BVB während der gesamten Hinrunde des Vorjahres nicht kassiert. Magere sieben Punkte nach sechs Partien – so schlecht war seit 27 Jahren kein Meister mehr in die nächste Saison gestartet.
Bei der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Hertha zeigte sich Klopp noch recht entspannt: »Das war ein Ausschlag nach unten, den man auch mal erleben muss und durch den man wieder merkt, wie geil es ist, ein Spiel zu gewinnen.« Bitter war jedoch die Niederlage in Hannover, die nach eigener 1:0-Führung durch zwei Gegentore in den letzten fünf Minuten zustande gekommen war. »Wir haben das Spiel aus der Hand gegeben. Das war ein aktiver Vorgang, der zu Passivität führte«, formulierte Klopp anschließend etwas paradox. Im Gefühl des sicheren Sieges hatte der BVB in der Schlussphase zu wenig Initiative gezeigt und damit Hannover gestärkt.
Auf die Palme brachte Klopp, dass die Borussia vier der ersten sechs Saisongegentore nach Standardsituationen kassierte: »Das geht gar nicht. Damit sich bei den Spielern nicht der Eindruck festsetzt, die Niederlage in Hannover wäre zufällig passiert«, werde er nun »deutliche Worte« sprechen. Vielmehr habe die Gier gefehlt.
Offensichtlich lastete die Bürde des Titelverteidigers schwer auf den jungen BVB-Schultern. Jeder Gegner ging mit noch ein paar Prozentpunkten mehr Motivation ins Duell mit der Borussia, schließlich galt es, den Meister herauszufordern. Klopp sprach später von einem »Rucksack« für sein Team, an den es sich zunächst gewöhnen musste.
Der BVB werde nun »anders wahrgenommen«. Dortmund war nicht länger der Herausforderer, auch wenn der Klub sich weiterhin gerne als solcher darstellte, sondern der Titelverteidiger. Klubchef Hans-Joachim Watzke betonte immer wieder, die Borussia sei »kein normaler Titelverteidiger« – ebenfalls in dem Bemühen, die Mannschaft zu entlasten.
Dass nach einem großen Erfolg das letzte Fünkchen Konzentration und Entschlossenheit zumindest zeitweilig nachlässt, ist menschlich. Gepaart mit Gegnern, die sich Woche für Woche wild entschlossen zeigten, wurde dies jedoch zu einer ungünstigen Kombination, auf die der BVB erst eine Antwort finden musste.
Бесплатный фрагмент закончился.
