Читать книгу: «Fußball-Taktik»

Inhalt
Zu diesem Buch
Taktik-Lehrstunde beim Perfektionisten
Grundordnung: Sinn und Unsinn der Systemdebatte
Das große Ganze
Spieleröffnung und Spielgestaltung
Passqualität
Taktische Flexibilität
Eigeninitiative und taktisches Verständnis der Spieler
Trockenübungen
Das kleine Ganze
Leverkusen widerlegt die Lehre
Richtiges Timing beim Zweikampf
Zuordnung bei Standards
Vier-Felder-Spiel
Das Risiko des kompakten Stehens
Druck für Jugendtrainer führt zu Mangel an Außenverteidigern
Der Ärger über die »falsche Neun«
Der geplante Fehlpass
Sieben zu eins – das historische Spiel
Themen gibt’s noch reichlich
Torwart: Auf der Linie – oder ganz weit vorne
Der Verbesserer englischer Schule
Der Lehrgang in Wales
»High up« in London
Kampfzone Fünfmeterraum
Abwehr: Die Spielverderber – oder die hohe Kunst des Verteidigens
Immer mit der Ruhe
»Kleine Situazione«, die Spiele entscheiden
Die Aufwertung des Innenverteidigers
Komplexes Spiel
Der Polster Toni
Schmutzige Taktik
Wo sind sie nur geblieben, die starken Linksfüße?
Ballbesitz-Fußball und die Grenzen der Statistik
Psychologie: Von der Antizipation zur schnellen Lösung
Interview mit dem Sportpsychologen Werner Mickler
Probleme werden zu Herausforderungen
Trainer auf dem »heißen Stuhl«
Lernprozesse in Brasilien
Mittelfeld: Strategien in der Zentrale
Im Hier und Jetzt
Die Doppelsechs: Einer geht, einer bleibt
Weite Wege vors spanische Tor
Im Entengang zur WM 2006
Geübt: das Volley-Tor zur Meisterschaft
Im Labor – was der Fußball vom Hockey lernen kann und was nicht
Interview mit Hockey-Bundestrainer Markus Weise: »Es hat klick gemacht«
Geschwafel durch den »Bullshit-Filter«
Im olympischen Halbfinale mit ungewohntem Fünfer-Aufbau
Coaching-Schleife läuft im Zick-Zack
Mehr Demokratie wagen im Hochleistungs-Team
Die verhinderte Revolution mit Bernhard Peters
Das Vorbild Costa Rica – die Entwicklung eines Matchplans
Ganz ohne Fußball geht es nicht
Gleichgewicht der Trainingsinhalte
Außenverteidiger ist nicht gleich Außenverteidiger
Wie die Bayern zu knacken sind – vielleicht
Stürmer mit Sonderauftrag
Von Pressing und Gegenpressing
Wie im Fluss
Die Natur des Spiels: Dem Zufall Tür und Tor geöffnet
Interview mit dem Sportwissenschaftler Martin Lames
Fußball als komplexes dynamisches System
Worin sich der Fußball von anderen Sportarten unterscheidet
Wider der Oberflächlichkeit
Von der Bedeutung des Schwerpunkts
Angriff: Phantasie und Flexibilität im Kopf
Elf gegen Null
Laufwege üben, freie Entscheidungen treffen
Realismus statt Powerfußball
Danksagung
Zu diesem Buch
Jürgen Klopp war der Türöffner. Seine anschaulichen Analysen im Fernsehstudio während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, dem deutschen »Sommermärchen«, eröffneten den Zuschauern einen völlig neuen Blick auf das Spiel: hintergründig und auch für den Taktik-Laien verständlich. Plötzlich wurden zuvor verborgene Zusammenhänge deutlich, weil Klopp nicht beschrieb, sondern erklärte, was auf dem Spielfeld passierte – unterstützt durch Analysetools, mit deren Hilfe die Spieler auf dem Studio-Bildschirm hin- und hergeschoben wurden.
Heute ist diese Form der medialen Spielaufbereitung gang und gäbe, die Zeit der klassischen »1:0-Berichterstattung« längst passé. Mit der Spieltaganalyse auf Sport1 hat sich eine wöchentliche taktische Aufbereitung der Bundesliga-Spiele fest in der deutschen Fernsehlandschaft etabliert. Im Land der »80 Millionen Bundestrainer« möchte der Fußballfan nicht nur die Torschützen wissen, er will das Spiel verstehen. Warum hat der Trainer auf eine statt auf zwei Spitzen gesetzt? Wieso wurde das Spiel der Mannschaft nach einer Stunde plötzlich komplett umgestellt? Was meint der Trainer, wenn er von »abkippenden Stürmern«, »dynamischer Dreierkette«, »Schnittstellen« und »flacher Vier« spricht? Und hätte er nicht ohnehin eine ganz andere Taktik wählen müssen? Das vorliegende Buch will auf Fragen dieser Art Antworten geben, ohne dabei ein komplexes Lehrbuch zu sein. Es richtet sich an jeden Fußballinteressierten, den die Strategien von Trainern interessieren und der ein Spiel besser »lesen« können möchte. »Fußball-Taktik – Die Anatomie des modernen Spiels« muss nicht stur in vorgegebener Reihenfolge von vorne nach hinten gelesen werden. Je nach Interessenschwerpunkt des Lesers ist jedes Kapitel für sich verständlich.
Das moderne Spiel, für dieses Buch definiert mit Beginn der Jahrtausendwende, ist nicht nur immer athletischer geworden, sondern auch raffinierter, analytischer und ausgeglichener. Die Trainer überbieten sich gegenseitig in ihrem eigenen Wettkampf: dem Austüfteln des besten Matchplans. Ähnlich wie nach der für Deutschland deprimierenden Europameisterschaft 2000 das Nachwuchskonzept grundlegend reformiert wurde, ist auch die Ausbildung der Trainer auf ein neues Level angehoben worden. Anreize aus anderen Ligen wurden dankbar aufgenommen, sei es durch Hospitieren der Trainer, internationale Spieler von höchstem Format oder durch Videostudium. Da zudem internationale Coaches die Bundesliga bereichern, ist sie heute ein Sammelsurium von anerkannten Könnern ihres Fachs wie Pep Guardiola, Lucien Favre, Thomas Tuchel oder eben Jürgen Klopp. Jeder von ihnen hat dem deutschen Fußball während der letzten Jahre neue Impulse verliehen.
Auf den folgenden Seiten geht es nicht um einen historischen Abriss der Entwicklung von Fußballtaktik; diese Arbeit haben andere Werke bereits in hervorragender Form geleistet. Vielmehr wird ein Blick geworfen auf den taktischen Status quo, der sich im stetigen Wandel befindet. Herausgekommen ist ein Gesprächsbuch, das seine Entstehung der Mitwirkung vieler bekannter Experten verdankt. So hat Frank Wormuth, Leiter der Fußball-Lehrer-Ausbildung beim DFB, den Autoren mit leidenschaftlichem Vortrag an der Taktiktafel ein erweitertes Verständnis von Fußball vermittelt. Thomas Helmer gewährte Einblick in Trockenübungen à la Giovanni Trapattoni ohne Ball und Gegner, bei denen die Bayern zunächst selbst nicht wussten, wie ihnen geschah.
Der frühere Nationaltorwart Jens Lehmann berichtete von intensiven Erfahrungen sowohl aus seiner Profizeit in England als auch von seiner Trainerausbildung in Wales. Hockey-Bundestrainer Markus Weise, dem das Kunststück gelang, zwei Olympische Goldmedaillen mit dem Herren- sowie eine mit dem Damenteam zu gewinnen, lieferte einen wertvollen Ausblick über den Tellerrand des Fußballs hinaus. Arno Michels verriet anschaulich und detailliert, wie er zu seiner Mainzer Co-Trainerzeit zusammen mit Thomas Tuchel die übermächtigen Bayern zu »knacken« versuchte. Um nur einige der Gesprächspartner zu nennen. Zum Teil wurden sie bewusst mit denselben Fragen konfrontiert, da sich aus ihren unterschiedlichen Antworten interessante Erkenntnisse gewinnen ließen – und die somit verdeutlichten: Die eine Wahrheit im Fußball gibt es nicht.
Sicher entscheiden neben der Taktik und dem gewählten Spielsystem zu gleichen Teilen auch Tagesform, Zweikampfstärke, Kondition oder Mentalität über Sieg und Niederlage. Doch gerade zwischen zwei ähnlich starken Teams kann die richtige Taktik den fehlenden Baustein zum Erfolg liefern. Wie wichtig ein ausgeklügelter Plan und seine konsequente Umsetzung sein können, zeigte der schon jetzt legendäre 7:1-Erfolg des DFB-Teams im WM-Halbfinale 2014 gegen Brasilien, als sich taktische Entschlossenheit gegen überschwängliches Pathos überraschend deutlich durchsetzte.
Wie also funktioniert das »moderne Spiel«, wie »ticken« seine Trainer und Spieler? Der Leser ist eingeladen zu einer spannenden Entdeckungsreise ins moderne Fußballtaktik-Land, ermöglicht durch offene und zuweilen auch überraschende Einblicke ihrer Protagonisten.
Die Autoren im Frühjahr 2015
Taktik-Lehrstunde beim Perfektionisten
Nun sitzen wir hier in seinem Büro, lauschen gebannt den Worten unseres heutigen Privatdozenten und saugen alle Neuigkeiten wie wissbegierige Schüler in uns auf. Vor uns die Taktiktafel, auf der Frank Wormuth die Magnetpunkte in Windeseile hin- und herschiebt. Fragezeichen im Gesicht erkennt er bereits im Ansatz. »Können Sie mir noch folgen?« »Nun, vielleicht könnten Sie uns das mit der gependelten Viererkette noch einmal kurz erklären …«
Herbst 2014, Sportschule Hennef, Hennes-Weisweiler-Akademie. Hier werden die angehenden Fußball-Lehrer ausgebildet, Frank Wormuth ist der Ausbildungsleiter. Wormuth spricht so temperamentvoll, so plakativ und mit wirbelnden Armen, als stünde er gerade am Spielfeldrand. Das Fenster ist weit geöffnet, auch wenn es draußen kühl ist. Seine Dynamik braucht reichlich frische Luft. Keine Frage, dieser Mann hat Freude an seinem Beruf. Würde er sich auch sonst die Doppelbelastung als Trainer der U20-Nationalmannschaft noch antun? Wobei, »Belastung« ist das falsche Wort. »Herausforderung« würde Wormuth sagen. Von Vorträgen außerhalb der Trainerausbildung und Medienauftritten als Taktikexperte mal ganz abgesehen. Schon nach wenigen Minuten wissen wir, dass wir hier richtig sind. Dieser Mann kann uns den modernen Fußball näher bringen und in die Grundlagen der Taktik einführen. Er erzählt uns, was ihn an Bayer Leverkusen unter Trainer Roger Schmidt so fasziniert und wie es bei der Weltmeisterschaft 2014 zwischen Brasilien und Deutschland zu diesem historischen Spiel kommen konnte. Nur auf zwei Themen sollte man ihn besser nicht ansprechen. Doch dazu später.
Grundordnung: Sinn und Unsinn der Systemdebatte
Seit der Europameisterschaft 2008 in der Schweiz und Österreich analysiert der Deutsche Fußball-Bund jedes Großturnier und die dabei gewählten Spielsysteme auf sehr detaillierte Weise. Erstaunlich war der Wandel seit der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika bis zur letzten WM 2014 in Brasilien: Die Vielfalt der Grundordnungen ist beinahe explodiert. »2010 wurde fast ausschließlich das 4-2-3-1 praktiziert, von nahezu allen Teams«, erinnert sich Wormuth. »Ganz anders war es vier Jahre später: Das 4-2-3-1 war zwar immer noch eine Art Standard, doch in Brasilien haben wir eine große Bandbreite der Systeme gesehen – ob Dreierkette, Viererkette oder die Raute, es war alles wieder vorhanden. Wobei es die Raute lediglich ein einziges Mal gab. Auch die zwischenzeitlich fast ausgestorbene Dreierkette, die defensiv zur Fünferkette wird, war wieder zu beobachten. Taktische Flexibilität war die Maxime dieser WM.«
Gerade setzen wir an zu einer ausführlichen Frage, die zeigen soll, dass wir nicht gänzlich ahnungslos sind in taktischen Fragen, schwadronieren von Grundordnungen und Spielsystemen, als sich Wormuths eben noch heller Gesichtsausdruck leicht verdunkelt. Uns gegenüber sitzt ein Perfektionist, wie jeder Spielzug muss auch jedes Wort stimmen. Und wir haben uns soeben als begriffliche Laien verraten. »Meine Herren, an der Hennes-Weisweiler-Akademie behandeln wir die Begriffe Grundordnung und Spielsystem nicht synonym. Die Positionen ohne Bewegungen, also die starre Anfangsformation sowohl in der Offensive nach Ballgewinn als auch in der Defensive nach Ballverlust, das sind Grundordnungen. Doch dabei bleibt es ja nicht, die Spieler bewegen sich – so ist zumindest zu hoffen …« Ein Lächeln in Wormuths Gesicht sorgt wieder für entspannte Gesichtszüge. »Und sobald sich die Spieler bewegen, …« – Wormuth zeichnet Pfeile an die Tafel, die Laufrichtungen symbolisieren – »… verlassen sie die starre Ordnung und befolgen ein Spielsystem. Teams mit gleichen Grundordnungen können unterschiedliche Systeme spielen, weil sie die einzelnen Spielpositionen unterschiedlich interpretieren.« Erst das Spielsystem macht die Grundordnung also lebendig, indem es den Spielern konkrete Aufgaben zuordnet? Ein zufriedenes Nicken. Für den Moment sind wir aus dem Schneider.
Die ständige Zahlenspielerei und öffentliche Systemdiskussion hält der Chefausbilder allerdings für übertrieben. Seinen Auszubildenden veranschaulichte er einst, weshalb: »Während einer Video-Analyse habe ich sie mal gebeten, die Augen zu schließen. Dann habe ich die Aufnahme gestoppt und gesagt: ›Jetzt öffnet die Augen wieder und schaut, was dort für ein System gespielt wird.‹ Ihre Antwort: 4-2-3-1. Keine zehn Sekunden später habe ich wieder gestoppt. Jetzt war die Antwort: 4-1-4-1. Das wechselt ständig hin und her. Allein diese beiden Systeme vermischen sich während eines Spiels binnen Sekunden.«
Nicht alle Übergänge sind so fließend, zwischen Dreier- und Vierkette lassen sich klare Unterschiede ausmachen. Die Dreierkette ergibt immer dann Sinn, wenn, was inzwischen nicht mehr so häufig vorkommt, der Gegner mit zwei Spitzen agiert (vor zwanzig Jahren noch war dies die bevorzugte Angriffsformation). Nützlich bei der Dreierkette ist, dass sich Überzahl nicht nur defensiv schaffen lässt, sondern auch bei der Spieleröffnung. Eine Sonderform ist die dynamische Dreierkette. Sie meint das »Fallenlassen« des Sechsers, des zentraldefensiven Mittelfeldspielers, zwischen die beiden Innenverteidiger einer Viererkette – und zwar optimal in der Form, dass die beiden Innenverteidiger auf einer Höhe mit den beiden Angreifern agieren und mit dem Sechser somit ein Dreieck bilden. Ein Pass vom Sechser auf einen der beiden Innenverteidiger würde dann die erste Abwehrreihe* sofort überspielen. Die beiden Außenverteidiger sollten an den Linien hoch stehen und für potentielle Überzahl im Mittelfeld sorgen.
Die Dreierkette verändert auch etwas in der Ausrichtung nach vorne und zieht bei einem 3-5-2 ein System mit zwei Spitzen nach sich. Wenn auch seltener praktiziert, wird es mit drei Angreifern zu einem 3-4-3, wobei hier die Abgrenzung bereits wieder schwammiger wird. Denn das 3-4-3 wird zur »gependelten Viererkette«, wenn sich einer der Mittelfeldspieler nach hinten fallen lässt. »Verstehen Sie jetzt, warum ich sage, dass man sich nicht zu sehr auf eine bestimmte Ordnung oder auf ein bestimmtes System versteifen sollte?« Wir nicken. Fließende Übergänge eben.

Abb. 1: Dynamische Dreierkette: Der defensive Mittelfeldspieler lässt sich zwischen die beiden Innenverteidiger fallen.
Bevor der falsche Eindruck entsteht, jegliche Systemdiskussion sei beliebig, folgt schnell etwas Handfestes, Eindeutiges. Das Rautenspiel im 4-4-2. Vier Mann im Mittelfeld, je einer auf den Seiten, einer hinter den Spitzen und einer vor der Abwehr (im Gegensatz zum 4-4-2 als »flacher Vier«, in dem der offensive Mittelfeldspieler neben den anderen defensiven als zweiter Sechser zurückgezogen wird). Die Mannschaft, die die Raute bei der WM 2010 einmalig praktizierte, gegen Deutschland, war Argentinien unter Diego Armando Maradona. Herausragend war damals Ángel Di Maria als Linksaußen, der sich auch nicht zu schade war, in der Defensive mitzuarbeiten. Doch warum gingen die Südamerikaner im Viertelfinale mit 0:4 gegen das DFB-Team unter? Als sie chancenlos waren und bei Weitem noch nicht der ebenbürtige Gegner wie im WM-Finale vier Jahre später. »Die Deutschen haben damals hervorragend gekontert, was ihnen auch dadurch ermöglicht wurde, dass die Argentinier so breit standen, weshalb es fast schon keine Raute mehr war«, erinnert sich Wormuth. »Von der Grundformation war es eine Raute, in der allerdings die Abstände zwischen den Spielern zu groß waren und somit den schnellen Deutschen zu viele Löcher zum Durchstoßen bot.«
Unter Trainer Thomas Schaaf setzte der SV Werder Bremen jahrelang erfolgreich auf die Raute. Zwar war Werder immer mehr für Offensivspektakel denn für Abwehrkunst bekannt, doch die Mittelfeldspieler standen meist eng zusammen, sodass dem Gegner ein Durchkommen zumindest durch die Mitte erschwert wurde. Die Taktik ging so weit, dass Werder den Gegner nach innen lockte, weil eben dort die Überzahl vorhanden und eine Balleroberung sehr wahrscheinlich war. Notwendigerweise erlahmte auf diese Weise das Bremer Spiel über die Außenbahnen, denn das Eine bedingt das Andere.
Maßgeblich bei der Suche nach dem richtigen System sind zwei Punkte: Raum und Überzahl. Die Gedanken des Trainers gehen in Richtungen wie: Wo ist der freie Raum zu finden, den ich besetzen muss, offensiv wie defensiv, und den ich bespielen kann? Wie gelingt es mir, Überzahl zu schaffen? Spielt mein Team im 3-5-2, verfüge ich auf der Außenbahn jeweils über einen Spieler, der Gegner im 4-4-2 besitzt dort zwei Spieler. Wenn ich defensiv gut verschiebe, entsteht kein Problem. Falls doch, muss mir klar sein, dass der Gegner auf den Außenpositionen Überzahl besitzt. Wormuth: »Sie können aufhören, nach dem einen, dem idealen System zu suchen. Jedes von ihnen kann in einem bestimmten Spiel, in einer bestimmten Situation, Sinn ergeben. Ich muss mir allerdings über die jeweiligen Vorund Nachteile im Klaren sein, auch unter Berücksichtigung des gegnerischen Spielsystems.«
Hat sich der Trainer für ein System entschieden, so zieht dies weitere Überlegungen nach sich. Wird mit zwei Spitzen ohne Zehner agiert, also im 4-4-2 mit Linie statt Raute, dann befindet sich im Rücken der Stürmer immer ein Loch, in das der gegnerische Sechser hereinkommen, den Ball annehmen und sich drehen kann. Um das zu verhindern, hilft der Einsatz von abkippenden Stürmern. »Abkippend« deshalb, weil sie sich bei gegnerischem Ballbesitz ins Mittelfeld zurückfallen lassen und so die systembedingte Lücke schließen. Der Nachteil: Abkippende Stürmer haben mit fortschreitender Spieldauer nicht mehr ausreichend Kraft, um sich auch noch wirkungsvoll nach vorne zu entfalten. »Deshalb muss man sich entscheiden, worauf der Fokus liegt«, rät Wormuth. »Ganz eng zu stehen, darin könnte ein Ansatz liegen. Aber die Abstände und Lücken werden umso größer, wenn die Mannschaft im Laufe des Spiels konditionell abbaut und die notwendigen Laufwege nicht mehr macht. Dann muss ich als Trainer erkennen: ›Wir bekommen im Mittelfeld keinen Zugriff mehr, der Gegner kann den Ball unbedrängt annehmen.‹ Spätestens dann muss es bei mir klingeln: ›Achtung, der Gegner spielt mit einer Sechs und wir ohne Zehn, diese Position könnte irgendwann für ihn Vorteile haben.‹ Allerdings passiert das recht selten, weil die konditionellen Voraussetzungen der Profimannschaften durchweg klasse sind. Aber wenn es doch so ist, muss mir klar sein, dass dort die Ursache des Problems liegt.«
Wichtiger noch als die defensive Grundordnung ist das ballorientierte Verschieben, durch das die Mannschaft eine kompakte Einheit bildet, die defensiv die Räume für den Gegner verdichtet. Dem ballorientierten Verschieben ist die gewählte Grundordnung gänzlich egal, müssen sich doch ohnehin alle Feldspieler daran beteiligen – so zumindest verlangt es der Trainer Frank Wormuth von seiner U20. Zum Verschieben erfahren wir noch reichlich beim »Großen Ganzen«.
Das große Ganze
Spieleröffnung und Spielgestaltung
Die Spielgestaltungszentrale wandert nach hinten. In den 1970er und 1980er Jahren, zu Zeiten eines Diego Maradona, Michel Platini, Wolfgang Overath oder Johan Cruyff, war es der geniale, oft charismatische Zehner, ein Einzelkünstler, der den Ball verteilte, der seinem Team Esprit verlieh. Eine Quelle schier unbegrenzten Einfallsreichtums. Doch der klassische Zehner gehört zu einer aussterbenden Spezies. Böse Jäger in Form von Innenverteidigern, Sechsern und anderen Defensivstrategen haben den Spielertypus zunehmend unter Druck gesetzt, ihm durch teils mehrfache Manndeckung die Lust am Spielen genommen, bis er entnervt als zweite Spitze eingesetzt wurde und seiner Stärken beraubt war.
Somit übernahmen die zwei oder der eine Sechser selbst die Aufgabe des Zehners (welch Ironie – oder ein bewusster Putsch zur eigenen Machtübernahme?) und gestalten seither das Spiel, so wie Bastian Schweinsteiger oder Xabi Alonso beim FC Bayern. Bei Borussia Dortmund wird sogar bereits Innenverteidiger Mats Hummels eine gestalterische Aufgabe zuteil – wobei Wormuth die Entwicklung noch längst nicht als abgeschlossen ansieht: »Hummels spielt die Eröffnung derzeit noch von hinten heraus. Ich sehe es noch einen Schritt weiter, dass sich der Innenverteidiger den Ball nimmt, ins Mittelfeld reingeht und dann dort kombiniert, während ein Sechser in die Innenverteidigung zurückgeht. So entsteht ein Wechselspiel, bei dem immer wieder ein Verteidiger von hinten vorrückt und ein zentral-defensiver Mittelfeldspieler sich zur Absicherung fallen lässt.« Geht die Entwicklung so weiter, werden die zentralen Abwehrspieler in naher Zukunft die ersten Spielgestalter sein.
Bei der Spieleröffnung wird oft von »unzähligen Möglichkeiten« gesprochen, in der medialen Berichterstattung, aber auch von dem einen oder anderen Coach. »Nur die Trainer, die hier in der Ausbildung sind, dürfen das nicht mehr sagen«, sagt Wormuth. Denn in der Spieleröffnung eines Innenverteidigers bestehen laut Wormuth vierzehn Möglichkeiten, mehr gebe es Stand heute nicht. Diesen Möglichkeiten werden Namen zugeteilt wie zum Beispiel: »Zwei Drittel«, »Bayern«, »Schweini-Position«, »Schneck« oder »Diametrale Doppelsechs«. »Das ist schon eine ganze Menge. Das können schon mal zu viele Möglichkeiten sein, sodass der Spieler den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Er braucht auf jeden Fall Kollegen, die mitarbeiten, sich freilaufen und anbieten.«
Ideen zur Spieleröffnung sammelte der Fußball-Lehrer vor allem während der EURO 2012 in Polen und der Ukraine, »wo ich es grandios fand, wie die Außenbahnspieler dort plötzlich nach innen gegangen sind«. Wormuth wollte sich jedoch nicht nur begeistern lassen, sondern die Ideen auch festhalten, planen und bei der U20 umsetzen. Er ermittelte, wie viele Möglichkeiten zur Spieleröffnung bestehen und kam auf ebenjene vierzehn. Seine DFB-Junioren schauten zunächst sparsam, als Wormuth begann, Übungen zur Spieleröffnung mit ins Training einfließen zu lassen: »Spielen wir denn jetzt Schach?« Wormuth nickte und lächelte zufrieden, als seine Spieler bemerkten, wie sie plötzlich mit einfachen Passfolgen von hinten heraus durch das Mittelfeld nach vorne kamen.
Passqualität
Ein wesentlicher Punkt im Angriffsverhalten ist die Passqualität, ebenso wie »Spielen und Gehen« oder »Freilaufen und Anbieten«. Elemente, die schon in der frühen Jugend vermittelt werden. Im Land des Weltmeisters nach Schwächen zu suchen, mag seltsam klingen. Doch eine selbstzufriedene Einstellung sorgte schon nach dem Europameistertitel 1996 für einen mächtigen sportlichen Abschwung. So verwundert es nicht, wenn Perfektionist Wormuth bei Passqualität und Ballkontrolle noch Steigerungspotenzial sieht. Nach dem Motto: Was nützt ein schneller, scharf gespielter Pass, wenn dem Annehmenden der Ball verspringt?
Kurz vor unserem Gespräch hatten die angehenden Fußball-Lehrer gerade den neunten Spieltag der ersten Bundesliga analysiert und etwa 200 Video-Schnitte gemacht. Über 50 von ihnen enthielten eindeutige »unforced errors«, wie sie im Tennis genannt werden, also unerzwungene Fehler, Fehler ohne Druck. Bei größerer Auslegung konnten noch 50 weitere hinzugezählt werden. »Wir entdeckten Pässe, die in den Rücken gespielt wurden, obwohl die Passwege völlig frei waren, bei denen noch nicht einmal die Bodenverhältnisse schuld waren. Ballkontrollfehler, die trotz Ballsicherheit der Bundesligaspieler zu unnötigen Ballverlusten führten, und eigene gute Torgelegenheiten im Keim erstickten. Das sollte eigentlich nicht passieren. Natürlich sind wir alle Menschen und es passiert, doch unsere Aufgabe als Trainer ist es, auf diese Fehler hinzuweisen. Immer wieder das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass ein einziger Fehlpass bereits zum Gegentor führen kann oder eine Chance vernichtet.«
Oder ein anderer klassischer Fall: Eine Mannschaft fährt einen Konter, der Stürmer läuft frei auf den Torwart zu, plötzlich kommt noch ein Verteidiger angesprintet, der Stürmer braucht nur noch nach rechts zu seinem Teamkollegen herüber zu spielen, er spielt zwar, doch er spielt zu weit, bis zur Eckfahne. Die Chance ist vertan. Und wie viele Chancen werden bereits im Ansatz, durch einen Pass im Mittelfeld, der nicht ankommt, zunichte gemacht. Oder durch eine Ballannahme, die nach hinten und nicht nach vorne mitgenommen wird. »Das bemerkt vielleicht kaum jemand von draußen, aber wir Trainer sehen es. Wenn der Spieler den Ball nach vorne mitnimmt, ›dreh auf‹ als Signalwort, dann wäre er vielleicht schon in einer glänzenden Situation gewesen, um eine Torchance zu kreieren. Doch da er den Ball nach hinten mitnimmt, ist die Gelegenheit dahin. Und an solchen Spielszenen arbeiten wir, Tag und Nacht. Die beste Taktik hilft nicht, wenn Passqualität und Ballkontrolle nicht stimmen. Sauberes Passen und die entsprechende Ballkontrolle sind ganz wesentliche Grundlagen im Fußball«, betont Wormuth. Die Anforderung: Ein guter Pass kommt präzise und schnell, lässt dem Gegner somit wenig Zeit zum Reagieren.
Auch bei den DFB-Junioren der U20 setzt Wormuth auf eine offensive Ballmitnahme seiner Spieler. »Doch bei Widerständen wie unter Stress oder Druck fallen sie oft in alte Muster zurück, die sie in früherer Jugend gelernt haben. Da wir auch die Trainer der Nachwuchsleistungszentren ausbilden, bin ich aber zuversichtlich, dass wir neue Automatismen entwickeln werden.«
Die Passqualität auf höchstem Niveau ist inzwischen so groß geworden, dass es bereits auffällt, wenn ein Spieler mal nur 80 Prozent seines Leistungsvermögens abruft. Die Bayern unter Pep Guardiola sind Meister der Ballzirkulation. Wie sie mit der Kugel umgehen, sie auf engstem Raum behaupten, ständig in Bewegung sind, um sich zum Anspiel anzubieten, das setzt Maßstäbe. »Es ist ja nicht nur das Ball annehmen und mitnehmen, sondern auch die Kombination aus: Wo steht mein Mitspieler, wie läuft er sich frei und wie verhält sich der Gegenspieler? Oft fragt man sich als Zuschauer, was mit der Abwehr los ist, weil der Angreifer so frei steht. Aber der hat sich gerade mit einem kurzen Antritt geschickt freigelaufen. Deshalb rede ich gerne vom elementaren Angriffsverhalten und zu dem gehört die Bewegung unbedingt dazu – denn es heißt ja nicht ›spielen und stehen‹.«
Je mehr Fußballer zusammenkommen, die ein hohes technisches Niveau haben, desto besser wird auch die Mannschaft insgesamt. Das ist keine überraschende Erkenntnis, ist aber ein Aspekt für die Dominanz der spanischen Nationalmannschaft sowie von Bayern München während der vergangenen Jahre. Die iberischen Ballvirtuosen haben ihre enormen Fertigkeiten durch ständig wiederholte Übungen auf sehr kleinem Feld erlangt: »Fünf gegen Zwei« oder »Fünf gegen Drei«, bei denen der Ball ständig in Bewegung ist. Diese »rondos«, bei denen derjenige in die Mitte muss, der den Ball verliert, werden in Spanien schon seit der frühesten Jugend gespielt – permanent auf engstem Raum, immer nur mit einem oder zwei Kontakten. Eine intensive Schulung technischer Fertigkeiten, die sich mit der Zeit auszahlt.
Wormuth berichtet von einem Gespräch mit seinem U17-Trainerkollegen Christian Wück: »Er erzählte von einem Spiel gegen Spaniens Junioren und meinte, es sei ein Klassenunterschied gewesen. Seine Mannschaft habe zwar mit bekannter deutscher Mentalität gespielt, mit Einsatz und Wille, aber bei den Spaniern sei jede Position auch technisch hervorragend besetzt gewesen. ›Sensationell‹ sei das gewesen, sagte Wück, ›wie die Fußball spielen konnten – und zwar alle auf gleichem Niveau.‹ Aber bei uns kommt das jetzt auch immer mehr, denn die Technik wird in der Ausbildung immer wichtiger.«
Noch dominiert in der deutschen Ausbildung die niederländische Schule, die auf Passformen unter sowohl taktischen als auch nichttaktischen Gesichtspunkten abstellt, vorzugsweise zur Spieleröffnung. »Doch stelle ich bei diesen Passübungen nur einen Gegner hinzu, gibt es schon Schwierigkeiten. Und das ist eine Frage der Ballfertigkeit«, gibt Wormuth zu bedenken. Manch ein Trainer fühlt sich ob dieser Anregungen auf den Schlips getreten, doch Wormuth geht es nicht darum, zu kritisieren, sondern zu analysieren und optimieren: »Natürlich jammern wir auf hohem Niveau. Wir reden hier von den letzten zehn Prozent. Doch gut zu sein, heißt ja nicht, dass wir aufhören müssen, uns weiter zu verbessern.«
Das Erfolgsrezept der Spanier, direktes Spielen auf kleinem Feld, setzte der DFB bereits nach dem deutschen Debakel bei der EM 2000 um – noch lange bevor Xavi, Iniesta und Co. die Fußballwelt mit ihrem Ballzauber berauschten. Seit damals wurden verschiedene Maßnahmen zur Förderung des Fußballnachwuchses ergriffen. Eine davon war, deutschlandweit 1.019 Minispielfelder zu errichten, kleine und wetterunabhängig bespielbare Kunstrasenplätze. Um die Freude am Fußball zu wecken, aber auch, um auf kleinem Feld an der Technik zu feilen. Kinder und Jugendliche, die regelmäßig auf diesen Plätzen spielen, entwickeln ihr Können am Ball.
![]() | Die Kunst liegt im Detail |
Nicht nur die Bayern können mit der Kugel umgehen, viele ihrer Bundesligakonkurrenten ebenfalls. Zu selten aber gelingt es, die Passqualität in ähnlicher Form und konstant auf den Platz zu bringen – obwohl die Spieler im Training erstaunliche Ballkünste offenbaren. Wormuths Ansatz: »Dann muss ich am Selbstvertrauen arbeiten und zum Spieler sagen: ›Mach’ dir keine Gedanken, du darfst auch im Spiel Fehler machen, denn die gehören dazu.‹ Vielleicht liegt es auch an der Passqualität, dass die Pässe nicht so scharf sind wie die der Bayern. Oder die Bayern spielen den Mitspieler auf dem Fuß an, der vom Gegner entfernt ist. Allein das reicht bereits aus, um mehr Zeit zu haben. Und bei einer anderen Mannschaft wird der Ball einfach bloß hingespielt. Oder vielleicht werden die Bayern auch nicht so unter Druck gesetzt, weil der Respekt sehr hoch ist.«
Wie wichtig die Passgenauigkeit ist, beweist auch eine Anekdote, von der Wormuth berichtet: »Ich habe einen Bekannten, der mit Xavi vom FC Barcelona mal aus Spaß an der Freude Fußball gespielt hat. Vier gegen Vier. Das Erste, was Xavi ihn fragte, war: Welches ist dein starkes Bein? Mit welchem Fuß kannst du besser spielen?‹ Er antwortete: ›Ich bin Linksfuß.‹ Daraufhin hat er ihn nur auf dem linken Fuß angespielt, die ganze Spieldauer über immer nur auf dem linken Fuß. Diese Präzision zu besitzen, ist eine sehr hohe Qualität. Das sind die letzten Prozentpunkte, die den Unterschied zwischen guten und sehr guten Spielern ausmachen. Einem Amateurspieler, der gerade anfängt, würde ich natürlich nicht raten, ›spiel’ deinen Mitspieler immer auf dem Fuß an, der gerade gegnerentfernt ist‹. Aber im Spitzenfußball ist das eine mögliche Steigerung.«
Uli Stielike ließ als Co-Trainer der Nationalmannschaft die Spieler mit dem Ball am Fuß jonglieren. Das war Ende der 1990er-Jahre, in einer Phase, in der der deutsche Fußball nicht gerade als Nabel der Welt galt. Die Spieler reagierten naserümpfend bis lustlos. Darüber kann Wormuth sich noch heute echauffieren: »Aber Entschuldigung, das ist die Basis! Wenn ich mit dem Ball jonglieren kann, mit ihm umgehen kann, dann ist das eine der wesentlichsten Fähigkeiten in unserem Sport. Und wenn ich im hohen Tempo den Ball annehme, dann bekomme ich ein Gefühl für ihn, weil ich sein Verhalten kennenlerne. Ich bin aber überzeugt, dass der weit überwiegende Teil der Spieler lernen will. Sicher wird es immer einige geben, die lamentieren, ›warum machen wir das?‹. Aber die bilden die Ausnahme. Fußball ist eben auch eine Sache des permanenten Übens.«
Taktische Flexibilität
Noch vor etwa zehn Jahren orientierten sich Trainer bei der taktischen Ausrichtung ihrer Spieler fast nur an der eigenen Mannschaft. Überspitzt gesagt, interessierte der Gegner zunächst einmal nicht. Inzwischen ist eine Entwicklung zu beobachten, die dazu führt, dass Trainer ihre Vorgaben nicht nur vor einer Partie nach den Stärken und Schwächen des Gegners ausrichten, sondern sogar während des Spiels ihre Formation verändern, wenn sie auf Umstellungen ihres Gegenübers reagieren. Thomas Tuchel machte bei Mainz 05 aus einer Mittelfeldlinie plötzlich eine Raute, weil er merkte, dass die Mitte geschlossen werden muss, weil der Gegner dort eine Lücke gefunden hat. Dies wiederum provoziert eine Gegenantwort, denn auch sein Trainer-Pendant wird nun reagieren, wenn er seine Mannschaft taktisch flexibel trainiert hat. Denn durch die gegnerische Umstellung auf eine Raute werden nun die Außenbahnen freier. Der Angriffsschwerpunkt sollte daher von der Mitte nach Außen verschoben werden. Das müssen Trainer und das können auch erfahrene Spieler erkennen. Es darf also nicht zu Verwunderung führen, wenn das Spiel durch die Mitte nach einer Rautenumstellung des Gegners nicht mehr funktioniert. Eine mögliche Antwort liegt darin, die eigene Mannschaft breiter zu stellen und in 4-4-2-Linien spielen zu lassen.
Die Linien. Oder aus Sicht des Gegners gesprochen, um dort Lücken zu finden: Das Spiel zwischen den Linien. Ein Thema für sich. Bei einer Linie ordnet ein Trainer seine Verteidiger wie in einer Kette an. Der Kerngedanke dieser defensiven Anordnung ist, einen Raum bestmöglich abzudecken und die Laufarbeit der Spieler zu verringern. Wird in Abwehr und Mittelfeld jeweils mit Viererkette gespielt, in einer 4-4-2-Linie, liegt es in der Natur dieser Linien, dass zwischen ihnen Freiräume entstehen, in die der Gegner hineinzustoßen versucht. Schnittstellen lassen sich nie ganz vermeiden, gerade durch ruckartige Bewegungen des Stürmers, denen ein Verteidiger folgen muss. So öffnet sich kurzfristig eine Schnittstelle und dort ist das berühmte Fenster zu finden, in das sich der vielzitierte öffnende Pass hineinspielen lässt. Diese Schnittstelle ist grundsätzlich zwar auch dann zu finden, wenn sich die Verteidiger alle gleichzeitig bewegen und nicht ein einzelner ausschert. Borussia Mönchengladbach gelang dies in der Bundesliga-Hinrunde 2014/15 hervorragend. Aber es fällt dann deutlich schwerer, dort hineinzuspielen, als wenn sich das Fenster kurz öffnet und dieser Moment genutzt wird.

Abb. 2: 4-4-2-Raute mit geschlossener Mitte

Abb. 3: 4-4-2-Linie mit Stärkung der Außen
Wormuth ist ganz in seinem Element, gestikuliert, verschiebt die Magnetpunkte an der Tafel, unsere Köpfe rauchen. »Ist doch ganz einfach, oder?« Wir nicken halbherzig. Doch Wormuth ist geduldig, muss er wohl auch sein in diesem Job, erklärt noch mal anders, wenn er merkt, dass der Stoff noch nicht sitzt. Und er wird noch sitzen, daran lässt er keinen Zweifel. »Solche taktischen Spielereien passieren heute öfter. Pep Guardiola ist dafür prädestiniert. Er verändert die Formation seiner Mannschaft während des Spiels binnen kürzester Zeit, immer wieder. Auf diese Weise ist der FC Bayern kaum auszurechnen. Guardiola hat zwar eine Weile gebraucht, den Spielern diese vollkommene Flexibilität, bei der sie ständig neue Positionen einnehmen, klarzumachen, aber letztlich funktioniert es. Von außen nimmt man die Veränderungen nicht immer wahr, denn manchmal sind sie nur sehr klein – können aber entscheidend sein, wenn durch die Umstellung von Dreier- auf Viererkette plötzlich in der Spieleröffnung ein Mann mehr als Anspielstation im Mittelfeld zur Verfügung steht und die Mannschaft besser in ihren Spielfluss kommt. Denn wenn beide Außenverteidiger hoch stehen, hat die Dreierkette sieben Spieler vor sich und die Viererkette acht.«
![]() | Flexibilität à la Pep Guardiola |
Pep Guardiola erwartet nicht nur von sich das Maximum, er verlangt auch seinen Spielern alles ab. Das Fachmagazin kicker Sportmagazin stellte nach 21 Bayern-Pflichtspielen der Saison 2014/15, in denen Guardiola elf verschiedene Systeme spielen ließ, die Frage: »Wirrwarr oder Wunderwerk?« Es ist müßig zu diskutieren, ob der FC Bayern weniger erfolgreich wäre, setzte er nahezu konstant auf ein System – wie zum Beispiel dem 4-2-3-1 unter Louis van Gaal oder später auch unter Jupp Heynckes. Immerhin eine Variante, mit der Heynckes die Bayern 2013 zum historischen Triple aus Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League führte. Guardiola will Nachhaltigkeit, kontinuierlichen Erfolg. Und dafür darf seine Mannschaft nicht ausrechenbar, nicht greifbar sein. Doch jedes System wird mit der Zeit entschlüsselt. Da ist es in der Tat nützlich, variabel zu sein, nach Belieben auf verschiedene Konzepte zurückgreifen zu können. Und genau daran arbeitet Guardiola tagtäglich. Vorbei die Zeiten, als der Gegner »nur« Franck Ribéry und Arjen Robben aus dem Spiel nehmen musste und der FC Bayern entzaubert war. Guardiola weiß sicher einen Plan B. Oder C. Oder D. Oder …
Wormuth verneint, dass eine taktische Flexibilität nur auf allerhöchstem Niveau möglich sei. »Sie müssen nur die Möglichkeit haben, sie mit ihrer Mannschaft konsequent zu erarbeiten. Ich habe das schon vor 20 Jahren in der Verbandsliga von meiner Mannschaft praktizieren lassen und gesagt: Wir brauchen ein Grundsystem, ein Grundverhalten, und davon gibt es eine offensive und eine defensive Version, je nach Spielstand. Wenn wir führen und der Gegner Druck macht, wir also tiefer stehen, spielen wir einen sogenannten ›Tannenbaum‹ in der Grundordnung 4-3-2-1 (Anmerkung: läuft nach oben hin immer spitzer zu, daher der Name, vgl. Abb. 4), dann haben wir die Mitte zu und der Gegner muss über außen kommen, was für ihn schwieriger wird. Wenn wir hingegen in den letzten zehn Minuten ein Tor erzielen müssen, dann spielen wir »Harakiri«, mit drei Spitzen im Zentrum und zwei dahinter. Dann bilden wir im defensiven Mittelfeld keine Doppel-Sechs, sondern spielen mit einer Sechs und zwei Zehnern, damit bei den ›zweiten Bällen‹ die zwei Zehner die Kugel aufnehmen können. Das sind alles Spitzfindigkeiten, die aber wichtig werden können.«

Abb. 4: Tannenbaum-System

Abb. 5: »Harakiri-System«, um die Chance auf den zweiten Ball zu erhöhen
Die Spitzfindigkeiten werden einstudiert und den Spielern immer wieder bewusst gemacht. Damit eine Umstellung während der Hektik des Spiels reibungslos klappt, sucht sich der Trainer drei, vier Spieler als Adressaten seiner Anweisungen aus, die zentral agieren und die die taktische Flexibilität verinnerlicht haben. Eine Umstellung wird von der Bank mit Signalworten eingeleitet. Ralf Rangnick, unter anderem Trainer beim SSV Ulm, VfB Stuttgart, Hannover 96, Schalke 04 und 1899 Hoffenheim, gab mit den Fingern Zeichen wie »du spielst die Sechs«. Wormuth macht anschaulich deutlich, warum es wichtig ist, leicht verständliche Anweisungen zu erarbeiten: »Andernfalls müssten Sie einem eingewechselten Spieler sagen: ›Pass auf, du spielst jetzt auf der linken Seite, nicht ganz weit draußen, nein, komm’ ein bisschen mehr nach innen, stopp, ja, so könnte es gehen …‹ Das geht eben nicht. Vielmehr müssen Sie ihm sagen können, ›du spielst die Elf‹ und er weiß sofort, wo genau auf dem Platz die Position Elf wie zu spielen hat. Das müssen Sie im Training üben und es sollten auch alle Spieler mal auf der Elf gespielt haben. Und diese Zeit zum Üben steht innerhalb einer Trainingswoche auch genügend zur Verfügung.« Ein geradezu fließender Übergang zu einem weiteren Thema, das Wormuth sehr am Herzen liegt:
»Manchmal höre ich bei taktischen Übungen ein Aufstöhnen: ›Och, wir haben doch Englische Woche, muss das jetzt sein?‹ Ja, muss es. Ich kann doch Montag und Dienstag zweimal trainieren, dann habe ich bereits vier Einheiten absolviert. Dann kann ich auf dem Platz noch Gehübungen für ein besseres taktisches Verständnis machen, oder an der Taktiktafel arbeiten, Videoszenen zeigen. Ich kann mit den Spielern doch acht Stunden am Tag arbeiten! Da besteht auch keine Gefahr, dass Spieler übertrainiert werden. Die Profiklubs arbeiten mit professionellen Fitnesscoaches, die berücksichtigen, dass der eine etwas mehr und ein anderer etwas weniger Belastung benötigt. Das ist alles eine Frage der Steuerung. Diese Scheu vor dem Acht-Stunden-Tag finde ich kurios.« So wird es Wormuth nachträglich mit Genugtuung erfüllt haben, als die abstiegsgefährdeten Klubs Hamburger SV und VfB Stuttgart ankündigten, ebenjenen Acht-Stunden-Tag zur Rückrunde der Saison 2014/15 einzuführen.
Eigeninitiative und taktisches Verständnis der Spieler
Fußballer der Neuzeit sind taktisch so gut geschult, dass sie Fehlentwicklungen auf dem Platz selbst erkennen und eigenmächtig gegensteuern, sofern ihnen der Trainer diesen Entscheidungsspielraum zugebilligt hat. »Schon in der Oberliga gibt es Spieler, die sagen, ›jetzt ziehen wir mal das Tempo an‹, um nur ein Beispiel zu nennen. Das liegt an der Persönlichkeit eines Spielers. Die Zeiten von Turnvater Jahn, als Trainer sagten, »so und nicht anders macht ihr es«, sind vorbei. Das ist eine nur logische Entwicklung, auch weil die Lehrmethodik der Trainer sich verändert hat, sie ist heute immer mehr induktiv (Anmerkung: vom Einzelnen zum Allgemeinen führend). Man geht viel mehr auf den Spieler ein und fragt: ›Was meinst du in dieser Situation?‹ Denn wenn die Erkenntnis von ihm selbst kommt, geht es eher in seinen Kopf, als wenn ich ihn nur mit meinen Vorgaben fülle, fülle und nochmals fülle, er den Inhalt aber vielleicht gar nicht richtig verstanden hat. In Deutschland wird zwar in der Ausbildung immer noch Frontalunterricht praktiziert, aber nicht mehr in dem Maße wie früher, im Fußball nur noch selten. »Heute Nachmittag werde ich eine halbe Stunde lang einen Vortrag über das Spiel im letzten Drittel halten, aber dann wird es die ganze Woche über praktisch angewendet auf dem Platz. Das machen zunächst noch die Trainer, aber eines Tages werden auch die Spieler selbst mal eine Einheit halten, um ihre Perspektive zu verändern.«
Zu seiner Trainerzeit beim SC Freiburg gab Robin Dutt (seit Januar 2015 Vorstand Sport beim VfB Stuttgart) einigen seiner Spieler den Auftrag, das zuletzt absolvierte Spiel zu analysieren und dem Rest der Mannschaft vorzutragen. Nach einer Trainingseinheit gingen sie zum Videoanalysten, schnitten mit ihm einige Spielszenen zusammen und präsentierten sie anschließend den Mitspielern. Mit Szenen, die gelungen waren, aber auch mit Szenen, die noch ausbaufähig waren. »Einmalig ist das sicher in Ordnung, ein gelungenes Experiment. Man darf es aber nicht übertreiben. Nicht dass die Spieler eines Tages den Trainingsplan vorgeben. Der Spieler macht sich vielleicht für die neunzig Minuten Training seine Gedanken, doch der Trainer besitzt den großen Überblick und macht sich auch noch für den Rest des Tages und der Woche Gedanken über Trainingsinhalte. Aber grundsätzlich finde ich den induktiven Ansatz förderlich und gut.«
Wormuth gibt dafür ein weiteres Beispiel: »Als wir mit der Hennes-Weisweiler-Akademie noch in der Sporthochschule Köln ansässig waren, hatten wir dienstags immer eine U14 des 1. FC Köln als Demonstrationsmannschaft zu Gast und wenn wir mit ihr induktiv gearbeitet haben, dann haben sie Spielsituationen auf den Punkt genau analysiert. Wir waren beeindruckt und haben gesagt, ›diesen 14-Jährigen müssten wir eigentlich die C-Trainerlizenz geben‹. Aber im Spiel, beim praktischen Übertrag, hat man dann den Mangel an Erfahrung gemerkt. Sie wussten es nur theoretisch. Aber der Trainer hatte gut mit ihnen gearbeitet, und das ist die Voraussetzung. Doch sie brauchen natürlich ihre Zeit, um das Gelernte auch zu verinnerlichen, bis die Automatismen sitzen. Und die Automatismen funktionieren auch nur dann, wenn der Gegner genau so agiert, wie wir es wollen. Das ist ja die Krux, dass auch der beste Automatismus nichts nutzt, wenn der Gegner mit seinem Verhalten von meiner Erwartung abweicht. Dann benötige ich taktische Flexibilität, und an ihr arbeiten die Trainer, sodass die Spieler Entscheidungen freier treffen können. Natürlich gibt es trotzdem ein paar Grundsätze, die einzuhalten sind. Was mich sehr freut, ist, dass wir in der heutigen Generation viele junge Trainer haben, die ihre Teams taktisch sehr variabel agieren lassen und auf Veränderungen in einer Partie zeitnah mit geeigneten Umstellungen reagieren können.«
Trockenübungen
Unter Arrigo Sacchi als Trainer des AC Mailand wurden sie Ende der 1980er Jahre populär: Trockenübungen ohne Ball und Gegner, die in diesem Buch noch einige Male Erwähnung finden werden. Weil sie, richtig ausgeführt und ohne die Spieler durch Eintönigkeit zu ermüden, Mannschaften auf ein taktisch höheres Level führen, indem sie das Bewusstsein für ein mannschaftlich geschlossenes Verhalten schärfen. Als der bis dahin vergleichsweise unbekannte Sacchi 1987 von Milan-Eigner Silvio Berlusconi zu den Lombarden geholt wurde, hatte er noch kein Erstliga-Team trainiert, wohl aber mit Zweitliga-Aufsteiger AC Parma den AC Milan aus dem italienischen Pokal geworfen. Fortan prägte er bis 1991 eine Ära der Rossoneri, die zu einer der erfolgreichsten ihrer Klubgeschichte wurde – ohne Zweifel auch dank überragender Einzelkönner wie Franco Baresi, Paolo Maldini, Frank Rijkaard, Ruud Gullit oder Marco van Basten.
Sacchis Kunst bestand darin, aus diesem Sammelsurium an Individualisten eine Einheit zu formen, die sowohl ein für die italienische Serie A ungewohntes Offensivspektakel bot, als auch die Abwehr derart stabilisierte und verdichtete, dass sie fast unüberwindbar wurde. So dominierte der AC Mailand vor allem in Europa und fügte seinem Trophäenschrank Pokal um Pokal hinzu. Ein wesentlicher Baustein zur Überlegenheit war Sacchis intensives Taktiktraining, bei dem er die Spieler auf dem Feld »trocken« hin und her verschob: Er selbst stand vor ihnen, die Position des Balles simulierend, die Spieler folgten seinen Bewegungen, bis alle Abläufe verinnerlicht waren. So entstanden abgestimmte Bewegungen sowie penibel eingehaltene Abstände zwischen den Spielern, ähnlich den Reihen eines Tischfußballspiels.
Ähnlich wie Pep Guardiola heute, verlangte schon Sacchi von seinen Spielern die schnelle Balleroberung, um selbst die Spielkontrolle übernehmen zu können. In Italien damals ein revolutionärer Ansatz. Im Interview mit dem Fußballmagazin »11Freunde« erklärte Sacchi 2013 seine Philosophie: »Wir trainierten, um die Bewegungen aller elf Spieler zu synchronisieren. Der Grundgedanke war, ein Bewusstsein für die Zusammenhänge dieses Spiels zu schaffen. Alle elf Spieler sollten immer in einer aktiven Position sein, mit oder ohne Ball. Dieser Gedanke hat den Fußball verändert.«
Sacchis Arbeit wirkte auch nach seinem Wechsel auf den Posten des italienischen Nationaltrainers 1991 nach. In der Folgesaison unter Fabio Capello gelang Milan der Gewinn der Meisterschaft ohne eine einzige Niederlage. Erst 1993, nach 58 ungeschlagenen Spielen, fand mit dem AC Parma ein Gegner wieder ein Mittel gegen die schier Übermächtigen. Der junge Thomas Tuchel, dessen Trainerstern viele Jahre später in Mainz aufging, war derart fasziniert von der Spielweise des AC Mailand und Innovator Sacchi, dass er sich stundenlang Videos anschaute und sich fragte, wie die Spieler es schafften, überall auf dem Feld immer wieder Überzahlsituationen herzustellen – als stünden sie mit ein oder zwei Mann mehr auf dem Feld.
Als Giovanni Trapattoni 1994 erstmals auf die Trainerbank von Bayern München wechselte, versuchte er Trockenübungen auch deutschen Spielern schmackhaft zu machen. Wie groß deren anfängliche Begeisterung ausfiel, hat Thomas Helmer den Autoren in einem späteren Kapitel dieses Buches verraten (siehe).
Trockenübungen sind nicht aus der Mode gekommen und werden zumindest in der Vorbereitungszeit vielfach noch praktiziert, wie Wormuth erzählt: »Bruno Labbadia hat sie bei seinen Klubs Bayer Leverkusen, Hamburger SV und VfB Stuttgart akribisch durchgeführt, bis zu zwei Stunden am Stück auf dem Platz. Das verlangt eine große Konzentrationsleistung. Das finde ich gut und das soll auch so sein. Sicher ist manch ein Spieler nicht begeistert von der Übungsform, weil der Ball fehlt. Aber die meisten sehen ein, dass ihnen die Trockenübungen weiterhelfen.« (Siehe) Gerade in der Nationalmannschaft, wenn die Akteure von verschiedenen Vereinen kommen und ihre Laufwege innerhalb kürzester Zeit aufeinander abgestimmt werden müssen, sind Trockenübungen eine gute Hilfestellung.
Sicher, mit der Akribie die sie verlangen, hätten Trockenübungen auch zum »kleinen Ganzen« gezählt werden können. Doch sie haben stets einen übergeordneten Zusammenhang im Blick: Die Harmonie der gesamten Mannschaft. Und damit Großes entstehen kann, muss zunächst immer am Kleinen gefeilt werden:
Das kleine Ganze
Leverkusen widerlegt die Lehre
Es gibt elementare Dinge im Fußball, die befolgt werden müssen, um den Gegner unter Druck zu setzen. Das richtige Anlaufverhalten oder eine konsequente Zweikampfführung gehören dazu. In der Hennes-Weisweiler-Akademie spricht die Lehre vom Akronym ASTLB, bestehend aus Anlaufen, Stellen, Tempo aufnehmen, Lenken und Balleroberung. Das sind die fünf Phasen, die sich herausarbeiten lassen, wenn ein Spieler verteidigt. Doch es gibt auch Teams, die von der reinen Lehre abweichen, wie Bayer Leverkusen in der Hinrunde der Saison 2014/15. Die Leverkusener scherten sich nicht um die fünf Phasen, stattdessen gingen sie bei Ballbesitz des Gegners gleich »voll drauf«. Das sorgt beim Gegner für ein Bewusstsein, »oh, die riskieren heute alles«. Denn die Sicherheit ist für denjenigen, der derart offensiv attackiert, zunächst hinten angestellt. Es ist gut möglich, dass die Balleroberung scheitert und dem Gegner Räume geboten werden. Aber die Leverkusener hatten mit ihrer überfallartigen Methode meist Erfolg und eroberten den Ball, weil sie einen geschulten Blick für die Situation haben.
Doch Achtung, Wormuth fährt per Grätsche dazwischen: »Da sage ich als Ausbilder dann natürlich: ›Halt, stopp, Ball zurückgeben, das ist falsch! Das entspricht nicht der Lehre!‹« Pause. Der Satz wirkt nach. Dann ein schallendes Lachen. »Ach, Quatsch! Gelingt es damit, den Ball zu erobern, habe ich natürlich gar keine Einwände. Es gibt zwar Grundsätze im Fußball, aber die werden eben auch mal widerlegt.« Okay, reingefallen. Aber wann ist er, der richtige Zeitpunkt, um »voll drauf« zu gehen?
Richtiges Timing beim Zweikampf
»Ich gebe Ihnen ein typisches Beispiel: Wenn der Stürmer mit einem Tempodribbling auf Sie zuläuft, und Sie nehmen das Tempo auf und laufen mit, wann sollten Sie als Verteidiger zustechen, wie wir sagen, und wann besser nicht?« Gegenfrage: »Können wir nicht versuchen, den Stürmer abzudrängen, auf die Unterstützung durch einen Mitspieler warten und ihn dann doppeln?« »Falls Sie schnell genug sind und die Spielsituation es zulässt, schon möglich. Aber vielleicht sind Sie gezwungen zu handeln, weil sonst ein Gegentor droht und keine Zeit zum Doppeln bleibt. In diesem Fall ist der beste Moment für die Attacke dann, wenn der ballführende Spieler den Ball mit seinem Führbein antippt und es dann absetzt. Sticht man in dieser Zehntelsekunde zu, dann kann der Stürmer nicht mehr reagieren, weil sein Führbein auf dem Boden steht. Wenn man den Dreh raus hat, das zu erkennen, dazu den Rhythmus des Spielers, der auf einen zuläuft, lesen kann, und man nicht vorher schon den eigenen Schritt gemacht hat, dann besteht jetzt eine gute Chance, den Ball zu erobern.«
Es gibt allerdings Spieler, gegen die nutzt selbst dieses Wissen kaum. Barcelonas Lionel Messi ist so einer. Messi hat den Ball fast ständig am Fuß, mit einer ganz engen Ballführung. So findet sich kaum eine Zeitspanne, bei der sich ein geeigneter Moment zur Balleroberung identifizieren ließe. »Bei Messi dauern diese Phasen nur Millisekunden. Außerdem liegt sein Körperschwerpunkt ganz tief, das macht es zusätzlich schwierig. Ein großgewachsener Spieler wie Per Mertesacker mit seinen langen Schritten bekäme sicher seine Probleme, denn logischerweise fallen seine Übersetzung und die Bodenkontaktzeit länger aus. Wenn Messi erkennt, dass sein Gegner attackieren will, dann tritt er in diesem Moment selbst an. Das sind Kleinigkeiten, die zwar nicht immer über Sieg oder Niederlage entscheiden. Aber sie sind ein Mosaikstein dazu.«
Hat der Verteidiger seinen Gegenspieler mit dessen Rücken zu sich, so verlangt dies ein gänzlich anderes Abwehrverhalten, als wenn der Stürmer mit Tempo auf ihn zuläuft. Üblicherweise wird der aus dem Basketball bekannte Abstand von einer Armlänge eingehalten. Solange der Verteidiger verhindert, dass der Angreifer sich dreht, hält er ihn in Schach. Doch sobald er sich dank einer Körpertäuschung oder einer anderen Finte dreht, muss der Abwehrspieler mit Tempo aufnehmen und sich in die Defensive zurückfallen lassen – oder mit vollem Risiko »anstechen«. Die Gefahr: Schlägt der Angreifer dann einen Haken, ist er sofort durch. Die letzte Reihe darf also nicht derart riskant agieren, andernfalls läuft der Stürmer frei auf den Torwart zu. Es ist eine Frage der Abstimmung, die von den Spielern verlangt, dass sie die Situation in Sekundenbruchteilen richtig erkennen. Bei der Fußball-Lehrer-Ausbildung wird in solchen Fällen immer von »Mustern« und nicht von »Situationen« gesprochen. Wem an der Zustimmung des Chefausbilders gelegen ist, sollte diese Unterscheidung beherzigen.
Zuordnung bei Standards
Immer wieder taucht sie auf, die Frage nach Mann- oder Raumdeckung bei Standards. Ebenso wie diejenige, ob Trainer bei Ecken einen, zwei oder keinen Pfosten mit Spielern besetzen sollten. Doch wie so oft gibt es im Fußball nicht die eine Wahrheit. Fangen wir bei der Pfostenbesetzung an. Manche Trainer stellen ihre kleinen Spieler an den Pfosten, die großgewachsenen sind ohnehin für die Kopfballduelle im Strafraum vorgesehen. Doch dann geht der Ball in den oberen Torwinkel und die Maßnahme verpufft. Was grundsätzlich dagegen spricht, Spieler bei Eckbällen an den Pfosten zu stellen? Dass dann ein Mann weniger zur Verfügung steht, der Mann oder Raum deckt. Auch die Meinung der Torhüter spielt eine entscheidende Rolle: Die einen wollen den langen Pfosten (den vom Ball weiter entfernten Pfosten) abgedeckt haben, während andere den kurzen Pfosten bevorzugen, weil sie sich selbst auf den langen konzentrieren.
»Oder was machen Sie, wenn Sie sechs kleine Spieler haben und der Gegner fünf große?«, fragt Wormuth und liefert gleich eine Option mit: »Dann stellen sie vielleicht vier kleine Spieler an die Mittellinie und schauen, ob einige große Spieler des Gegners mitgehen.« Die Entscheidung, ob und welche Pfosten besetzt werden, muss also zur Mannschaft passen, in Kombination mit den Vorlieben des Torhüters. »Mit dem tauschen Sie sich natürlich aus. Beim SSV Reutlingen hatte ich den Goran Ćurko im Kasten, der war eine solche Granate, da habe ich die Pfosten frei gelassen, denn ich wusste, der geht da hin und holt die Bälle raus. Beim VfR Ahlen hatte ich zwar einen auf der Linie starken, aber sehr schmächtigen Torwart. Daher habe ich bei Ecken noch zwei Spieler hingestellt, weil ich wusste, dass er diesen oder jenen Ball nicht bekommen würde.«
Bei gegnerischen Standardsituationen auf Raumdeckung zu setzen, ist seit Jahren üblich, die ausschließliche und klassische Mann-zu-Mann-Zuordnung nach dem Motto, »unsere Nummer vier deckt deren Nummer neun«, ist überholt. Die Gefahr bei der Raumdeckung ist, dass die Spieler das »Stehen im Raum« zu wörtlich nehmen, also auf ihrer Position stehen bleiben und sich dann wundern, dass ein Tor fällt. So wie bei Spaniens 1:0-Sieg gegen Deutschland im Halbfinale der WM 2010, als Verteidiger Carles Puyol nach einer Ecke wuchtig dem Ball entgegenging und das entscheidende Tor köpfte. Nicht zuletzt deshalb, weil die deutschen Verteidiger es versäumten, mitzugehen. »Auch als Raumdecker müssen Sie aus der Bewegung heraus agieren, sonst ist der andere im Vorteil.« So entstehen Tore, wie auch bei der WM 2014 durch Mats Hummels bei seinem Kopfballtreffer gegen Portugal. Portugals Spieler standen im Raum, Hummels stieg hoch und traf. »Wenn Sie die Raumdeckung bei Standards richtig spielen, ist das interessant, aber wenn die Spieler dabei nur stehen, haben sie keine Abwehrchance.« Deswegen bevorzugt Wormuth bei Eckstößen eine Kombination aus Mann- und Raumdeckung, in der einige Spieler im Raum und andere direkt gegen die stärksten Kopfballspieler des Gegners verteidigen.

Abb. 6: Blocken bei der Ecke: Vier Spieler laufen von hinten zum ersten Pfosten – der Fünfte lässt sich »fallen« und geht hinten herum zum freien Raum, wohin der Ball kommen soll. Sein Gegenspieler kann nicht folgen, wird von der Masse an Spielern blockiert. Die Folge: Tor durch Thomas Müller, das 1:0 für Deutschland gegen Brasilien im WM-Halbfinale 2014. Hinweis: Gegenspieler sind in der Abbildung aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht dargestellt.
Der frühere Nationalspieler Christian Ziege, einst U19- bzw. U18-Trainer beim DFB, vertrat anlässlich einer U-Trainer-Tagung eine ähnliche Meinung zum Thema: »Wenn ich überragende Kopfballspieler habe, lasse ich sie im Raum stehen. Falls nicht, sollen sie Mann gegen Mann spielen, damit wenigstens der gegnerische Anlauf behindert wird.« Das geeignete Mittel hängt immer auch von den Spielertypen ab, die zur Verfügung stehen.
In puncto Ausführung von Ecken bot die vergangene Weltmeisterschaft nicht allzu viele Variationen. Ein beliebtes Szenario: Kurz ausgeführt, ein Mitspieler ließ die Kugel zurückprallen, ehe sie aus dem Halbraum vor das Tor geflankt wurde. Für Wormuth wird der effektivste Eckball immer noch direkt zum Tor getreten, scharf hereingebracht. »So fälscht der Gegner schnell mal den Ball ab, oder ein eigener Stürmer bekommt den Fuß dazwischengespitzt, und die Kugel landet im Netz. Wenn Sie merken, dass der Gegner im Raum deckt und der Rückraum frei ist, dann können Sie bei der Ecke auch mit dem anderen Fuß weiter zurück auf den Sechzehner spielen. Der Mitspieler nimmt die Kugel volley und schießt sie direkt aufs Tor. Das ist allerdings einer der schwierigsten Bälle überhaupt.« Bayern Münchens Flügelspieler Arjen Robben hat mit seinem Kunstschuss im Old Trafford von Manchester United im Frühjahr 2010 bereits bewiesen, dass dies möglich ist.
Wormuth ist überzeugt, dass Standardsituationen zukünftig einen noch größeren Wert im Fußball erfahren, die Trainer verstärkt ihre Kreativität spielen lassen werden. Schließlich lässt sich auch zu einer Standardsituation ein Plan erstellen. Der Ball liegt, der Gegner muss sich nach der ausführenden Mannschaft richten. So lassen sich Laufwege einstudieren, bei denen der Gegner mitgezogen wird, um eigene Räume zu schaffen – und genau dort muss der Ball dann reingespielt werden. »Bei der U20 trainieren wir das ganz konkret. Torsten Frings, Lehrgangsteilnehmer bei uns und Co-Trainer bei Werder Bremen, war mal mit dabei. Genau diesen einen Trick, den er bei uns aufgeschnappt hatte, ließ er dann bei Werders U23 üben, und die haben dann im nächsten Spiel ein Tor daraus gemacht. Das war eine lustige Geschichte, weil wir in der U20 noch keinen Erfolg mit diesem Trick hatten.«
Vier-Felder-Spiel

Abb. 7: Vier-Felder-Spiel
Nicht nur Juristen, Wissenschaftler und Mediziner haben ihre eigene Sprache. Auch bei Fußballern stößt man immer wieder auf neue Begrifflichkeiten. So lernen wir, dass Bayer Leverkusen ein »Vier-Felder-Spiel« praktiziert (immer wieder Leverkusen: Die Jungs von Roger Schmidt scheinen die Fachwelt im zweiten Halbjahr 2014 wirklich fasziniert zu haben). Was hat es mit den vier Feldern auf sich? »Das Prinzip ist recht simpel«, beginnt Wormuth. »Vier-Felder-Spiel ist ein Begriff, den wir zur Verdeutlichung eines extremen Pressings in der Ausbildung eingeführt haben. Er bedeutet, dass das Spielfeld in vier Felder aufgeteilt wird: defensiv rechts und links sowie offensiv rechts und links. Nun versuchen alle, in das Feld hineinzukommen, in dem sich gerade der Ball befindet.« Das Ziel dabei: Auf engem Raum Druck auf den Gegner auszuüben (zu »pressen«) und möglichst rasch den Ball zu erobern – das ist der Ansatz ohne Ballbesitz. Bei Ballbesitz entstehen in Ballnähe viele Anspielstationen, die Möglichkeiten zum Kombinieren bieten, auch in der gegnerischen Hälfte. Man kann sich den Gegner »zurechtlegen«, bis sich eine Lücke zum Tor findet.
Das Risiko beim Vier-Felder-Spiel: Spieler verlassen ihre Positionen und bieten dem Gegner bei Kontern Freiräume an, durch die er Torgefahr entwickeln kann. »Da kann ich Ihnen Beispiele zeigen, die ich rausgeschnitten habe, die das ganz deutlich veranschaulichen.« Wormuth erinnert sich an ein Bundesliga-Spiel, in dem sich Leverkusens Außenverteidiger Sebastian Boenisch nicht auf seiner linken, sondern auf der rechten Abwehrseite befindet und »sein« Gegenspieler, der völlig frei steht, das Tor erzielt. »Aber das ist das Risiko, das Roger Schmidt bewusst eingeht, und er hat bislang Erfolg damit. Das lässt sich nicht mit jeder Mannschaft umsetzen. Aber die Leverkusener verfügen über Spieler, die extrem stark sind. Manchmal benötigt man dann gar nicht allzu viele Taktikvorgaben, da sie so viele Fähigkeiten am Ball haben und so gut aufeinander abgestimmt sind. Aber auf hohem Niveau, mit einer Mannschaft, die diese Lücken erkennt, kann man gegen diese offensive Ausrichtung schon etwas machen.«
Eine Spielklasse tiefer betrachtet Wormuth das Vier-Felder-SpieI beinahe als Patentrezept: »In der zweiten Liga würde ich nur so spielen lassen, denn, das soll nicht despektierlich klingen, dort ist die Technik nicht immer auf allerhöchstem Niveau. Ein Kollege hat einmal gesagt: ›Zweite Liga? Ausschließlich mit Pressing spielen!‹ Die Wahrscheinlichkeit der Balleroberung ist dann recht hoch.« Fazit: Die taktische Ausrichtung richtet sich immer auch nach der technischen Klasse der Spieler.
Das Risiko des kompakten Stehens
Eng beieinander zu stehen und die Abstände zwischen den Spielern nicht zu groß werden zu lassen, das ist der Kerngedanke des kompakten Auftretens einer Mannschaft. Viel wurde darüber berichtet, wie beeindruckend kompakt Deutschland bei der WM in Brasilien agierte und damit defensiv wie offensiv ein Vorreiter war. Die DFB-Elf hatte in Ballnähe immer sehr viele Spieler, auch in der Offensive. Nur so konnte sie ihren Ballbesitzfußball ausüben, weil dafür immer ausreichend Spieler als Anspielstationen verfügbar sein müssen. Viele andere WM-Mannschaften hatten bis zu acht Mann hinter dem Ball, doch zwei blieben oft vorne. Bei Argentinien waren es Gonzalo Higuaín und Lionel Messi, bei den Niederlanden Arjen Robben und Robin van Persie. Ob das ein Grund war, warum diese Mannschaften die WM nicht gewannen, sei dahingestellt. Doch es zeigt, wie geschlossen die Deutschen auftraten, da bei ihnen jede Offensivkraft auch in Defensivarbeit eingebunden war.

Abb. 8: Anfälligkeit für Konter: Kompaktheit nach vorne bietet Räume dahinter.
Angesichts dieser Lobhudelei verwundert es zunächst, wie viele Chancen die deutsche Abwehr in der Vorrunde gegen Ghana (2:2) oder im Achtelfinale gegen Algerien (2:1 nach Verlängerung) zuließ. Gerade die Partie gegen Algerien ist noch sehr präsent, bot sie doch das spektakulärste Torhüterspiel des Turniers: Manuel Neuer interpretierte seine Position völlig neu und wurde zum Libero, zum elften Feldspieler, der seinen Strafraum immer wieder im Vollsprint verließ, um einen algerischen Pass abzufangen und vor dem heranstürmenden Angreifer zu retten.
Dass Neuer so oft eingreifen musste, hatte auch etwas mit dem kompakten Stehen seiner Teamkollegen zu tun. Das ist kein Widerspruch. Denn wenn die Deutschen in der Offensive kompakt nachrückten, hieß das auch, dass hinter der Viererkette viel Platz entstand. So war Neuer gezwungen, mitzuspielen – eine Anforderung, die ihm angesichts seiner fußballerischen Fähigkeiten nicht zu viel abverlangte. »Die Algerier haben sich hinten reingestellt und auf Konter gesetzt. Um solche Gegenangriffe zu vermeiden, muss gut zugeordnet werden, aber dennoch ist der Raum vorhanden. Das müssen Sie in Kauf nehmen, anders geht es nicht, wenn Sie ihr Team kompakt nach vorne rücken lassen wollen, um dort mehr Anspielstationen zu haben und den Gegner unter Druck zu setzen«, klärt uns Wormuth auf.
Der Spielverlauf dieser Partie war also kein Zufall. Die Art, wie Neuer die Szenen auflöste, war für die Zuschauer berauschend. Mit einem weniger großzügigen Schiedsrichter allerdings hätte der Keeper in einer brenzligen Situation auch die Rote Karte bekommen können und der schöne Plan wäre hinfällig gewesen – so wie beinahe auch im WM-Endspiel gegen Argentiniens Higuaín, als Neuer allzu rustikal in den Zweikampf ging. Diese Art der Spielinterpretation ist daher riskant angelegt.
In der Diskussion um die Vielzahl der Chancen, die Deutschland in diesem Spiel zuließ, rät Wormuth ohnehin zu einer anderen Sichtweise, nämlich zu einer größeren Wertschätzung für die Qualität Algeriens: »Sie haben ihre Konter mit One-Touch-Fußball glänzend herausgespielt, das darf man nicht vergessen. Das ging ruckzuck, dann waren sie schon heraus aus ihrer eigenen Hälfte. Da können Sie auch als beste Mannschaft der Welt nichts machen, sondern nur feststellen: ›Wir bekommen keinen Zugriff, also fallen lassen, defensiv sicher stehen.‹ Andererseits haben wir ja ganz bewusst kompakt gespielt und haben schon in ihrer Hälfte attackiert, um Druck auszuüben. Und dann mussten wir plötzlich feststellen, dass die Algerier einen richtig feinen, guten Fußball spielen. Sie sind alle hervorragend ausgebildet. Schauen Sie sich an, bei welch guten Klubs sie alle spielen. Heutzutage darf man keinen Gegner mehr unterschätzen. Algerien, Tunesien, Marokko, die können alle sehr gut kicken.«
Druck für Jugendtrainer führt zu Mangel an Außenverteidigern
Bis zum Sommer 2014 hieß es, »den Philipp Lahm müsste man klonen«, wenn es um die Besetzung der zweiten Außenverteidiger-position ging. Nach dem WM-Triumph folgte die Ernüchterung: Jetzt steht auch das Original nicht mehr zur Verfügung, da der Kapitän nach dem Turnier aus der Nationalmannschaft zurücktrat. Guter Rat ist nun gefragt. Viele Namen werden gehandelt, doch noch hat Bundestrainer Joachim Löw keinen adäquaten Nachfolger gefunden. Woher auch nehmen? Selbst während der WM in Brasilien setzte er mit Jérôme Boateng (rechts) und Benedikt Höwedes (links) zunächst auf gelernte Innenverteidiger auf den Außenpositionen, da Lahm im zentral-defensiven Mittelfeld noch dringender benötigt wurde, Löw zudem auf Kopfballstärke im Abwehrverbund setzte. Doch woher kommt der Mangel an qualifiziertem Außenverteidiger-Nachwuchs, warum rücken so wenige potenzielle Lahm-Nachfolger nach?
Wormuth legt die Stirn in Falten, ein sensibles Thema. Er hat aber einen sehr interessanten Erklärungsansatz, der in der öffentlichen Diskussion bisher kaum Berücksichtigung fand: »Es ist schon bemerkenswert, wenn Dortmunds Erik Durm als Rechtsfuß in der Nationalmannschaft links spielen muss. Dann kann etwas nicht stimmen. Natürlich machen wir uns in der Ausbildung Gedanken darüber und reden mit den Trainern. Wir glauben, dass ein Grund darin zu finden ist, dass die Vereine ihre Trainer durch unsere leistungsorientierte Struktur schon im U15-Bereich zu stark unter Erfolgsdruck setzen – durch die C-Jugend-Regionalliga, die fast schon eine Junioren-Bundesliga ist. Denn was passiert? Die Trainer stellen ihre besten Spieler in die Mitte, weil sich dort das Spiel entscheidet. Da geht es dann nicht mehr um den ursprünglichen Gedanken der Ausbildung, sondern rein ums Gewinnen. Und wenn schon in der B-Jugend U17-Trainer beurlaubt werden, da sie nach zehn Spieltagen nicht ausreichend Siege eingefahren haben, dann werden diese Trainer natürlich erfolgsorientiert aufstellen. Und nicht so verfahren, wie es Robin Dutt mal beschrieben hat: ›Wenn wir einen Linksfuß haben, der nicht überragend kickt, aber ein potenzieller Kandidat für die deutschen Auswahlteams ist, dann muss der linker Verteidiger spielen.‹ Dann entgegnet der U15-Trainer: ›Hört sich ja prima an. Aber dann verliere ich über diese Seite und bin anschließend meinen Posten los.‹ Plakativ gesagt: Der Jugendtrainer stellt nicht mehr aus Ausbildungs- oder Nationalmannschaftssicht auf, sondern für sich selbst. Das ist ein Grund für den Mangel an sehr guten Außenverteidigern.«
Vor der Strukturreform war der Druck geringer, denn die einstigen Spielklassen waren regionaler geprägt, die Gegner schwächer. Da gewann man mal mit 8:2 und mal mit 10:0. Das ist inzwischen nicht mehr so und das soll auch nicht so sein, denn Partien mit Klassenunterschied zwischen den Teams sind nicht leistungsfördernd.
Die Bestandsanalyse klingt überzeugend, doch wie kann die Lösung aussehen? Zum einen, die Erwartungshaltung zu reduzieren. Klingt simpel, doch eine neue Denkweise in den Köpfen zu verankern, nimmt reichlich Zeit in Anspruch. Variante zwei klingt da schon vielversprechender: »Je mehr gute Spieler wir finden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die auch außen eingesetzt werden«, sagt Wormuth. Dass das Thema »Außenverteidiger« kein ganz einfaches ist, weiß er aus eigener familiärer Erfahrung: »Mein Sohn spielt derzeit bei den D1-Junioren linker Verteidiger in der Viererkette und ist sauer, weil er nicht im Mittelfeld spielen darf, da er sich dort wohler fühlt. Klar, da ist er mehr am Ball. Wenn er im Mittelfeld spielt, mit mehr Ballbesitz als auf den Außen, dann entwickelt er sich auch besser, logisch.«
Bis eben lief das Gespräch so gut, in so angenehmer Atmosphäre. Bis, ja bis wir zwei falsche Themen ansprachen, und die auch noch kurz hintereinander. Das erste: »Herr Wormuth, das mit der falschen Neun, ist das …« Weiter kamen wir nicht.
Der Ärger über die »falsche Neun«
»Ach, immer dieser Unfug mit der falschen Neun. Sie war nur eine kurze Phase, die sich mit der WM in Brasilien praktisch schon wieder erledigt hat. Im Übrigen war die Phase auch nie richtig da. Spaniens Nationaltrainer Vicente del Bosque hatte während der EM 2012 davon gesprochen und schon da habe ich gefragt, was genau das eigentlich heißt, falsche Neun? Dann habe ich in diversen Gazetten versucht, die sogenannte »falsche Neun« von der »variablen Neun« zu unterscheiden. Nándor Hidegkuti, legendärer Spieler aus Ungarns WM-Finalmannschaft 1954, oder Johan Cruyff waren vielleicht beide falsche Neuner, selbst der als klassischer Mittelstürmer wahrgenommene Klaus Fischer, weil er sich immer wieder ins Mittelfeld zurückzog und dann wieder in den Sturm vorrückte. Inzwischen ist es aber so, dass die Neunerposition von unterschiedlichen Spielern besetzt wird. Jetzt spielen ein Thomas Müller, ein Mario Götze, ein Mario Gomez oder ein Marco Reus im Angriff der Nationalmannschaft, alle völlig unterschiedliche Spielertypen. Und durch diese variable Besetzung der Neun handelt es sich nicht um eine falsche Neun, sondern um eine variable Neun. Freiburgs Trainer Christian Streich sagt dazu ›schwimmende Neun‹.«
Was Wormuth moniert, ist die missverständliche Deutung des Begriffs, die alleinige Vorstellung von einem Spielertypen á la Mario Götze, der klein, quirlig, technisch sehr stark und viel in Bewegung ist. Mario Gomez als hochgewachsener, körperlich robuster Stürmer ist auf dem Spielfeld ebenfalls viel unterwegs – wie ist er dann einzuordnen? Richtige Neun? Falsche Neun? Gar keine Neun? Bayerns Stoßstürmer Robert Lewandowski ist zwar ein klassischer Neuner, taucht aber plötzlich links auf, dann wieder rechts, er wäre demnach eigentlich auch eine falsche Neun.
Vor zwanzig, dreißig Jahren standen die Mittelstürmer im Sturmzentrum, sie standen fast wortwörtlich und warteten auf verwertbare Vorlagen. Diese Spielweise ist heute überholt, denn aufgrund der Ketten in Abwehr und Mittelfeld müssen sich auch die Angreifer bewegen, sonst finden sie keine Bindung zum Spiel, gelangen nicht in die Lücken. Also müssen sie sich mehr zwischen den Ketten bewegen und in die freien Räume stoßen.
Die öffentliche Reduzierung der falschen Neun auf die oben genannten Eigenschaften ist zu kurz gedacht – zumindest dann, wenn groß, kräftig, weniger technisch stark, aber ebenfalls viel in Bewegung, keine falsche Neun sein soll. Wormuth erinnert sich an seine vergebene Liebesmühe gegenüber den Medien: »Anfangs habe ich noch gesagt, ›hört doch mit diesem Begriff auf, der ist schlicht falsch‹. Dann habe ich versucht zu klassifizieren in ›falsch‹ und ›variabel‹, doch dann war es eh schon durch und der Begriff öffentlich bereits fest verankert.«
Bei der WM 2014 besaß Argentinien mit Gonzalo Higuaín eine echte Spitze, bei den Niederlanden spielte Robin van Persie die Neun, auch mal Arjen Robben, Karim Benzema spielte sie bei Frankreich – viele Teams traten mit großem, kräftigem Neuner an. Deutschland hatte mit dem WM-Rekordtorschützen Miroslav Klose ebenfalls seine Neun, aber auch der war nahezu überall auf dem Platz zu finden. Die falsche Neun, sie wird in der taktischen Entwicklung des Fußballs wohl nur eine kurze Episode bleiben.
In einem verbalen Fehlpass lag dann das sensible Thema Nummer zwei versteckt. »Herr Wormuth, als taktisches Mittel gegen eine tief stehende Verteidigung, gegen die es kein Durchkommen gibt, haben Sie den bewussten Fehlpass …« »Stopp. Nicht ganz. Den geplanten Fehlpass habe ich empfohlen, den geplanten. Auch wenn ich dafür hin und wieder kritisiert werde, so stehe ich doch zu der Idee, die dahinter steckt.«
Der geplante Fehlpass
»Den geplanten Fehlpass erwähnte ich schon 2010 in der Ausbildung. Dann hat Stefan Effenberg mal im Fernsehen gesagt: ›Ja, den haben wir in der Ausbildung auch gemacht. So ein Schmarrn, ich gebe doch den Ball nicht her!‹ Da habe ich gemerkt, dass die Idee zu Missverständnissen führt, oder Stefan den Sinn dahinter nicht verstanden hat. Worum geht es also? Der geplante Fehlpass ist ein Ball, der zum Angriff führt. Wenn wir nicht durch die gegnerische Abwehr durchkommen und keine Möglichkeit zum Torabschluss finden, dann spiele ich den Ball bewusst, also geplant, in den Rücken der Abwehr hinein, und zwar in den Halbraum, damit der Torwart nicht rankommt. Denn was passiert? Der Gegner dreht sich um und holt sich die Kugel. Und in dem Moment, in dem das geschieht – Gegner mit Rücken und Ball zu uns an der Außenlinie – ist das ein Auslöser für uns: pressen! Ich habe gehört, dass man in Dortmund sogar mal trainiert hat, den Ball in den Rücken der Abwehr zu spielen und dann hinterher zu gehen. Auch Pep Guardiola hat vor kurzem in einem Interview mal gesagt: ›Eigentlich müssten wir dem Gegner den Ball in dessen Hälfte geben und dann Gegenpressing (Anmerkung: Pressing nach Ballverlust) machen.‹ So ganz falsch kann die Idee also nicht sein. Ziel dieses geplanten Fehlpasses ist es, den Gegner in seiner Hälfte an den Ball heranzulassen, um ihn ihm dann durch Gegenpressing wieder abzunehmen – dann in einer Zone, die dem gegnerischen Tor näher ist und in einer Situation, in der der Gegner sich öffnet, weil er zum Spielaufbau ansetzt.«
Ob der geplante Fehlpass in der Bundesliga bereits praktiziert wird? Eine Aussage von Arno Michels (siehe), bis 2014 Co-Trainer von Thomas Tuchel bei Mainz 05, lässt darauf schließen. Lange Bälle werden häufiger geschlagen, doch wie viele davon sind ein geplanter Fehlpass? Beim VfL Wolfsburg unter Felix Magath gehörten lange Bälle zum guten Ton, wie Verteidiger Robin Knoche Wormuth bei der U20-Nationalmannschaft berichtete: »Magath meint, wir seien in der Abwehr spielerisch nicht so stark und könnten daher beim Spielaufbau den Ball verlieren. Um nicht unnötig Fehler zu produzieren, hauen wir die Kugel nach vorne.«
Eine auch heute noch gängige Praxis in der Bundesliga: Der Ball wird hoch auf den Mittelstürmer gespielt, der kann ihn zwar von dort kaum herunternehmen, verlängert ihn aber stattdessen. Es wird also auf den zweiten Ball spekuliert – einen zunächst von der Verteidigung abgewehrten Ball, der die Möglichkeit zum Nachsetzen oder zur neuen Torchance lässt. Den Ball durch lange Pässe schnell in des Gegners Hälfte zu bringen, ist ein probates taktisches Mittel, um Fehler im Spielaufbau zu vermeiden. Das eigene Tor ist zunächst ungefährdet und bei einem Ballverlust in weiterer Entfernung vom eigenen Tor bleibt Zeit, sich defensiv zu sortieren.
Der FC Bayern der Gegenwart würde nur notfalls mit langen Bällen agieren, vielleicht in der Schlussphase eines Spiels, wenn angesichts eines Rückstands die »Brechstange« notwendig wird. Doch die Münchener wollen im wörtlichen Sinne Fußball spielen. Lange Bälle widersprächen ihrer Spielphilosophie, die Ballkontrolle vorsieht. Bei weiten Bällen ist die Gefahr größer, den Ball zu verlieren, weil sich der Gegner in seiner Hälfte meist in Überzahl befindet. Womöglich könnten die Bayern den Ball auch gar nicht in die Lücken hineinspielen, weil der Gegner zu tief steht. Mit ihrer Sicherheit am Ball sind die Bayern auf ein Stilmittel wie den geplanten Fehlpass nicht angewiesen: Sie finden in aller Regel auch gegen eng stehende Abwehrreihen eine spielerische Lösung. Gedacht ist er für Mannschaften, die mit ihren Kombinationsversuchen an Grenzen stoßen, die das Mittelfeldpressing ihres Gegners nicht durchstoßen können. Dann spielen sie der Abwehr den Ball in den Rücken, setzen nach und schauen, ob der Gegner die Situation lösen kann. Wormuth: »Der geplante Fehlpass muss grundsätzlich so kommen, dass der Gegner ihn annimmt, aber so, dass er mit dem Rücken zu uns steht – also flach in den Rücken der Abwehr.«
Und das Gegenmittel? Wie lässt sich auf den geplanten Fehlpass reagieren? Spielerisch starke Mannschaften sagen schlicht »danke für den Ball« und spielen von hinten heraus ihren Angriff. Sie geben den Ball so schnell nicht her und der Plan des Gegners geht nicht auf. Es sei denn, dass das Gegenpressing so gut ist, dass eine Balleroberung auch gegen diese spielstarken Mannschaften funktioniert. »Falls aber auch sie selbst in der Spieleröffnung Schwächen haben, werden sie den Ball einfach zurückschlagen«, beschreibt Wormuth ein Szenario zur Rückkehr des guten alten ›Kick and Rush‹ (den Ball nach vorne schießen und hinterrennen). »Oder, wie ich es gerne sage, des ›Hit and Hope‹, also ›nach vorne schlagen und hoffen‹. Das kennen wir von der zweiten Liga schon seit jeher, nichts Ungewöhnliches also.«
Nach zwei Themen, die bei Frank Wormuth aufgrund der Art der öffentlichen Diskussion keine rechte Freude mehr wecken, wird es Zeit für etwas Schönes, Harmonisches, ein fußballerisches Meisterwerk. Drei Worte genügen: Sieben zu eins.
Sieben zu eins – das historische Spiel
Es gab viele Erklärungsversuche, was an jenem sportlich denkwürdigen Abend des 8. Juli 2014 im WM-Halbfinale zwischen Brasilien und Deutschland passierte. So richtig verstanden hat es aber wohl kaum jemand, wie das 1:7 in Belo Horizonte zustande kommen konnte – das höchste Ergebnis in einem Fußball-WM-Halbfinale überhaupt. Zumindest ein Erklärungsansatz ließ sich jedoch schon vor Spielbeginn im Estádio Governador Magalhães Pinto, kurz Mineirão, finden – ausgerechnet auf der Homepage des Deutschen Fußball-Bundes. Dort erklärte Ralf Peter, in Brasilien Mitglied der WM-Beobachtungsgruppe des DFB, wie die Seleção zu packen sein könnte. »Wir müssen uns zwischen den Ketten gut anbieten«, sah Peter als ein Erfolgsrezept, »denn dort habe ich viele Räume gesehen. Dann werden wir zu unseren Chancen kommen.« Und so kam es. So manches weitere Tor schien eine Wiederholung des vorherigen zu sein, so sehr ähnelten sich ihre Entstehungen: herausgespielt in Form schneller Kombinationen durch die Mitte, bei denen Brasilien der Zugriff fehlte.
»Das soll bitte nicht arrogant klingen, aber man hat schon im Vorfeld der Partie gewusst, was sich ereignen würde – natürlich nicht vom Ergebnis her. Dass es solche Ausmaße annimmt, das konnte keiner ahnen. Aber der Spielverlauf kam angesichts der vorherigen Spiele nicht gänzlich unerwartet. Dass wir dieses Spiel gewinnen würden, davon war ich fest überzeugt«, sagt Wormuth und schiebt die Begründung gleich hinterher: »Die Brasilianer ließen in der Verteidigung viel zu große Räume und gingen nicht richtig in die Zweikämpfe. Sie hatten defensiv große Probleme im Eins gegen Eins, arbeiteten auch nicht gleichzeitig. Ihr Fokus lag auf der Offensive. Als dann eine Mannschaft kam, die Fußball im besten Wortsinn spielte, die den Ball laufen ließ, dann offenbarten sich die Lücken, durch die Brasilien ganz schnell auszuspielen war. Und genau das ist gegen Deutschland passiert.« Der Unterschied zu einem konsequenten Abwehrverhalten wurde im Vergleich mit Argentinien deutlich: Argentinien stand kompakt, spielte stark ballorientiert und schaltete schnell um.
»Ich kann Ihnen Spielszenen der deutschen Nationalmannschaft aus dem Trainingslager vor der WM in Südtirol zeigen, wie immer wieder das Anlaufen aus dem Mittelfeld geübt wurde. Und die gleiche Spielszene zeige ich bei meinen Vorträgen aus der Partie gegen Brasilien: Die Entstehung des vierten Tores, bei dem Toni Kroos seinem Gegenspieler den Ball wegnimmt, dann zu Sami Khedira quer herüberspielt, die beiden noch mal hin- und herpassen und Kroos den Ball dann reinschiebt – das haben sie vorher immer wieder geübt.« Mit diesem Druck, den Ball nicht in Ruhe annehmen und verwerten zu können, konnten die Brasilianer nicht umgehen. Es stand ihnen immer schon ein Gegenspieler auf den Füßen. Und wenn die Deutschen den Ball erobert hatten, waren sie vom Tor nicht mehr weit entfernt, so früh, wie sie attackierten. Und dann schalteten sie blitzschnell um, erwischten Brasilien ungeordnet, kombinierten in einstudierten Spielzügen und schlugen zu.
Dabei lag die Kunst auch im Detail, so beim ersten Tor von Thomas Müller (vgl. Abbildung 6). Bei der vorangegangenen Ecke wurde Müllers Gegenspieler von Miroslav Klose geblockt, denn die Deutschen hatten vor der Partie festgestellt, dass die Brasilianer dem Ball bei Ecken entgegengehen und demzufolge der Rückraum frei bleibt. In diese Lücke musste ein deutscher Spieler stoßen. Doch da der vermutlich gedeckt werden würde, musste sein Gegenspieler wie beim Basketball blockiert werden. So passierte es und deshalb war Müller völlig frei, als ihm der Ball vor dem 1:0 förmlich vor die Füße fiel.
Wir fragen uns, ob der brasilianische Trainer Luiz Felipe Scolari nicht frühzeitig hätte reagieren können, ja müssen? Hätte er nach dem zweiten Gegentor nicht umstellen können, seine Mannschaft mit einer Umstellung auf Defensive in die Halbzeit retten und neu sortieren können? »Ja, falls dieser Fall vorher durchgespielt worden ist: ›Was machen wir, wenn wir keinen Zugriff bekommen und der Gegner plötzlich 2:0 führt? Wie sollen wir uns dann konsolidieren? Lasst uns erst einmal kompakt und tief stehen, damit wir wieder ins Spiel reinkommen.‹ Aber was passiert häufig, wenn eine Mannschaft in Rückstand gerät? Die meisten Teams öffnen dann noch mehr, wollen möglichst schnell den Ausgleich erzielen. So hat auch Brasilien nach dem Rückstand genauso weitergespielt wie zuvor, ist nicht von der ursprünglichen Überlegung abgewichen. Denn Scolari war von seinem Stil überzeugt, was im Prinzip völlig in Ordnung ist. Zumindest dann, wenn man so stark spielt, dass man keinen Plan B braucht. Diese Einstellung erinnert mich an Volker Finke*, der bei meinem Praktikum 1997 in Freiburg voller Überzeugung sagte: ›Wir werden unser Kurzpassspiel bis zum Spielende durchziehen, auch wenn wir zurückliegen. Wir werden nicht anfangen, lange Bälle zu schlagen. Das entspricht nicht unserer Philosophie.‹ Da fragte ich ihn, ob nicht wenigstens in Ausnahmefällen? ›Nein, wir ziehen das durch, auch wenn wir dadurch mal ein Spiel verlieren.‹«
Der FC Barcelona sammelte in der jüngeren Vergangenheit allein mit Plan A, dem Ballbesitz- und Kurzpassspiel Tiki-Taka, jeden Titel, den es zu gewinnen gab. Doch irgendwann, bei den Katalanen ohnehin nach bemerkenswert langer Zeit, ging der Plan nicht mehr auf wie zuvor. Dann würde ein Plan B, eine Alternative, helfen. Aber Veränderungen fallen schwer, wenn der alte Plan jahrelang überaus erfolgreich war. Brasilien sah sich spätestens nach dem gewonnenen Confederations Cup 2013 auch für die WM im eigenen Land in der eindeutigen Favoritenrolle. »Sie waren so überzeugt von sich. Sie kennen doch das Bild, wenn eine Katze ins Bild guckt und einen Löwen sieht. Das können Sie kaum mehr beeinflussen. Und falls sich die Brasilianer nur auf ihre Spielweise fokussiert haben sollten, vielleicht versäumten, auf andere Spielverläufe als die erwarteten zu reagieren, dann kann es bei der Qualität der WM-Gegner schwierig werden. Schon im WM-Achtelfinale gegen das sehr starke Chile hätte Brasilien aus dem Turnier ausscheiden können.«
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