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Fußball-Taktik

MATTHIAS GREULICH • ELMAR NEVELING

Fußball-Taktik

Die Anatomie des modernen Spiels


Über die Autoren


Matthias Greulich (Foto links) war geschäftsführender Redakteur des Fußballmagazins Rund. Der Jurist verantwortet seither den Online-Auftritt von Rund (www.rund-magazin.de), ist freier Autor und Redakteur beim Elbe Wochenblatt.

Elmar Neveling (rechts) ist freier Fußball- und Wirtschaftsautor. Der Diplom-Kaufmann schreibt unter anderem für die Ruhr Nachrichten und das Fußballportal Rund. Seine Jürgen-Klopp-Biografie wurde bisher in zehn Sprachen übersetzt.

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Copress Verlag

erschienenen Printausgabe (ISBN 978-3-7679-1262-5).

Umschlaggestaltung: Stiebner Verlag

unter Verwendung einer Illustration von Anneli Nau, München

Illustrationen im Innenteil: Frank Wormuth (unter Verwendung der Software

von sports-graphics.com), Stiebner Verlag nach Vorlagen der Autoren.

Fotos Innenteil: Sven Simon, imago images (www.imago-images.de), Henkel, privat

2., überarbeitete und erweiterte Neuauflage 2020

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2015, 2020 Copress Verlag

in der Stiebner Verlag GmbH, Grünwald

Alle Rechte vorbehalten.

Wiedergabe, auch auszugsweise,

nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.

Gesamtherstellung: Stiebner, Grünwald

ISBN 978-3-7679-2091-0

www.copress.de

»Auf eine Veränderung im Fußball gab es immer eine taktische Antwort. Und das wird auch bei jeder neuen Entwicklung so weitergehen.«

– Manuel Baum

»Und trotzdem spielen sie weiter nach vorne. Diese Wahnsinnigen!«

– Erik Meijer

»Wir können die Wahrscheinlichkeit erhöhen, ein Spiel zu gewinnen. Aber das Spielglück lässt sich nicht beeinflussen.«

– Frank Wormuth

Inhalt

Zu diesem Buch

Taktik-Lehrstunde beim Perfektionisten Frank Wormuth

Grundordnung: Sinn und Unsinn der Systemdebatte

Das große Ganze

Spieleröffnung und Spielgestaltung

Passqualität

Taktische Flexibilität

Eigeninitiative und taktisches Verständnis der Spieler

Trockenübungen

Das kleine Ganze

Leverkusen widerlegt die Lehre

Richtiges Timing beim Zweikampf

Zuordnung bei Standards

Vier-Felder-Spiel

Das Risiko des kompakten Stehens

Druck für Jugendtrainer führt zu Mangel an Außenverteidigern

Der Ärger über die »falsche Neun«

Der geplante Fehlpass

Sieben zu eins – das historische Spiel

Themen gibt’s noch reichlich

Die sanfte Revolution: Daniel Niedzkowski und die neue Fußballlehrer-Ausbildung

Der Modernisierer

»Einfacher werden«

Unentdeckte Potenziale: Manuel Baum über die neue Unberechenbarkeit des Spiels

Von Landshut nach Frankfurt-Niederrad

Leitplanken – oder das richtige Gefühl für die Flexibilität

Spielphasen: »Gar keine so blöde Idee vom Alfred«

Taktisch zurück in den Neunzigern?

Torwart: Jens Lehmann – auf der Linie oder ganz weit vorne

Der Verbesserer englischer Schule

Der Lehrgang in Wales

»High up« in London

Kampfzone Fünfmeterraum

Abwehr: Die Spielverderber – oder die hohe Kunst des Verteidigens à la Thomas Helmer

Immer mit der Ruhe

»Kleine Situazione«, die Spiele entscheiden

Die Aufwertung des Innenverteidigers

Komplexes Spiel

Der Polster Toni

Schmutzige Taktik

Wo sind sie nur geblieben, die starken Linksfüße?

Ballbesitz-Fußball und die Grenzen der Statistik

Psychologie: Von der Antizipation zur schnellen Lösung

Interview mit dem Sportpsychologen Werner Mickler

Probleme werden zu Herausforderungen

Trainer auf dem »heißen Stuhl«

Lernprozesse in Brasilien

Mittelfeld: Thomas Hitzlsperger über Strategien in der Zentrale

Im Hier und Jetzt

Die Doppelsechs: Einer geht, einer bleibt

Weite Wege vors spanische Tor

Im Entengang zur WM 2006

Geübt: das Volley-Tor zur Meisterschaft

Im Labor – was der Fußball vom Hockey lernen kann und was nicht

Interview mit Hockey-Bundestrainer Markus Weise: »Es hat klick gemacht«

Geschwafel durch den »Bullshit-Filter«

Im olympischen Halbfinale mit ungewohntem Fünfer-Aufbau

Coaching-Schleife läuft im Zick-Zack

Mehr Demokratie wagen im Hochleistungs-Team

Die verhinderte Revolution mit Bernhard Peters

Das Vorbild Costa Rica – Arno Michels über die Entwicklung eines Matchplans

Interview mit Arno Michels und Paul Linz

Ganz ohne Fußball geht es nicht

Gleichgewicht der Trainingsinhalte

Außenverteidiger ist nicht gleich Außenverteidiger

Wie die Bayern zu knacken sind – vielleicht

Stürmer mit Sonderauftrag

Von Pressing und Gegenpressing

Wie im Fluss

Die Natur des Spiels: Dem Zufall Tür und Tor geöffnet

Interview mit dem Sportwissenschaftler Martin Lames

Fußball als komplexes dynamisches System

Worin sich der Fußball von anderen Sportarten unterscheidet

Wider der Oberflächlichkeit

Von der Bedeutung des Schwerpunkts

Angriff: Bruno Labbadia über Phantasie und Kreativität im Kopf

Die Rückkehr des Gefühls

Elf gegen Null

Laufwege üben, freie Entscheidungen treffen

Realismus statt Powerfußball

»Revoluzzer« Erik Meijer: die Lehren von Ajax und die Kultur des Hinterfragens

Der Einhundertprozentige

Beeindruckt von ten Hags Mut

Die schwierige Suche nach der richtigen Balance

»Das konnte er fantastisch, der Christoph Daum.«

Champions wie PSV und Liverpool lebten von ihren Einzelkönnern

Zeiten des Sturmduos passé?

Zu viel Tiki-Taka ist auch nicht gut

Die veränderte Rolle des Stürmers

Das offene Geheimnis

Eine Spielerei

Der Verteidiger ist zum Verteidigen da

Der dienende Spieler

Erik Meijer, der Revoluzzer

Bedeutung von Taktik überhöht?

Danksagung

Zu diesem Buch

Jürgen Klopp war der Türöffner. Seine anschaulichen Analysen im Fernsehstudio während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, dem deutschen »Sommermärchen«, eröffneten den Zuschauern einen völlig neuen Blick auf das Spiel: hintergründig und auch für den Taktik-Laien verständlich. Plötzlich wurden zuvor verborgene Zusammenhänge deutlich, weil Klopp nicht beschrieb, sondern erklärte, was auf dem Spielfeld passierte – unterstützt durch Analysetools, mit deren Hilfe die Spieler auf dem Studio-Bildschirm hinund hergeschoben wurden.

Heute ist diese Form der medialen Spielaufbereitung gang und gäbe, die Zeit der klassischen Ergebnis-Berichterstattung längst passé. Mit der Spieltaganalyse auf Sport1 etablierte sich eine wöchentliche taktische Aufbereitung der Bundesligaspiele für mehr als ein Jahrzehnt fest in der deutschen Fernsehlandschaft. Im Land der »80 Millionen Bundestrainer« möchte der Fußballfan nicht nur die Torschützen wissen, er will das Spiel verstehen. Weshalb hat die Mannschaft mit den besseren Einzelspielern verloren? Warum wirkt es trotz numerischer Gleichzahl so, als habe ein Team mehr Spieler auf dem Feld als sein Gegner? Was meint der Trainer, wenn er von »abkippenden Stürmern«, »dynamischer Dreierkette«, »Schnittstellen« und »flacher Vier« spricht? Und hätte er nicht ohnehin eine ganz andere Taktik wählen müssen? Das vorliegende Buch will auf Fragen dieser Art Antworten geben, ohne dabei ein Lehrbuch zu sein. Es richtet sich an jeden Fußballinteressierten, den die Strategien von Trainern interessieren und der ein Spiel besser »lesen« können möchte. »Fußball-Taktik – Die Anatomie des modernen Spiels« muss nicht stur in vorgegebener Reihenfolge von vorne nach hinten gelesen werden. Je nach Interessenschwerpunkt des Lesers ist jedes Kapitel für sich verständlich. Gegliedert ist das Buch nach Mannschaftsteilen: beginnend beim Torwart, über Abwehr und Mittelfeld, bis hin zum Angriff – mit unterbrochenen »Spielpausen« zu gesonderten Schwerpunktthemenund einer Einführung in taktische Überlegungen zu Beginn.

Das moderne Spiel, dessen Beginn hier mit der Jahrtausendwende definiert ist, ist nicht nur immer athletischer geworden, sondern auch raffinierter, analytischer und ausgeglichener. Die Trainer überbieten sich gegenseitig in ihrem eigenen Wettkampf: dem Austüfteln des besten Matchplans. Ähnlich wie nach der für Deutschland deprimierenden Europameisterschaft 2000 das Nachwuchskonzept grundlegend reformiert wurde, ist auch die Ausbildung der Trainer auf ein neues Level angehoben worden. Anreize aus anderen Ligen wurden dankbar aufgenommen, sei es durch Hospitanzen der Trainer oder den Austausch in Ausbildungsfragen. In den letzten Jahren bereicherten international angesehene Coaches die Bundesliga, Könner ihres Fachs wie Pep Guardiola, Lucien Favre, Thomas Tuchel oder eben Jürgen Klopp. Jeder von ihnen hat dem deutschen Fußball während der letzten Jahre neue Impulse verliehen.

Auf den folgenden Seiten geht es nicht um einen historischen Abriss der Entwicklung von Fußball-Taktik; diese Arbeit haben andere Werke bereits in hervorragender Form geleistet. Vielmehr wird ein Blick geworfen auf den taktischen Status quo, der sich im stetigen Wandel befindet. Herausgekommen ist ein Gesprächsbuch, das seine Entstehung der Mitwirkung vieler bekannter Experten verdankt. So hat Frank Wormuth, früherer Leiter der Fußballlehrer-Ausbildung beim DFB, den Autoren mit leidenschaftlichem Vortrag an der Taktiktafel ein erweitertes Verständnis von Fußball vermittelt. Thomas Helmer gewährte Einblick in Trockenübungen à la Giovanni Trapattoni ohne Ball und Gegner, bei denen die Bayern zunächst selbst nicht wussten, wie ihnen geschah.

Der frühere Nationaltorwart Jens Lehmann berichtete von intensiven Erfahrungen sowohl aus seiner Profizeit in England als auch von seiner Trainerausbildung in Wales. Hockey-Bundestrainer Markus Weise, dem das Kunststück gelang, zwei Olympische Goldmedaillen mit dem Herren-sowie eine mit dem Damenteam zu gewinnen, lieferte einen wertvollen Ausblick über den Tellerrand des Fußballs hinaus. Arno Michels verriet anschaulich und detailliert, wie er zu seiner Mainzer Co-Trainerzeit zusammen mit Thomas Tuchel die übermächtigen Bayern zu »knacken« versuchte. Und Erik Meijer bewies, dass seine Leidenschaft für den Fußball nicht nur bei seinen Analysen im TV-Studio lodert. Um nur einige der Gesprächspartner zu nennen. Zum Teil wurden sie bewusst mit denselben Fragen konfrontiert, da sich aus ihren unterschiedlichen Antworten interessante Erkenntnisse gewinnen ließen – und die verdeutlichen: Die eine Wahrheit im Fußball gibt es nicht.

Sicher entscheiden neben der Taktik und dem gewählten Spielsystem auch Faktoren wie Tagesform, Technik- und Zweikampfstärke, Raffinesse, Kondition oder Mentalität über Sieg und Niederlage – und nicht zuletzt auch der pure Zufall, wie Sportwissenschaftler Professor Lames methodisch belegen kann. Doch gerade zwischen zwei ähnlich starken Teams kann die richtige Taktik den fehlenden Baustein zum Erfolg liefern. Wie wichtig ein ausgeklügelter Plan und seine konsequente Umsetzung sein können, zeigte der schon jetzt legendäre 7:1-Erfolg des DFB-Teams im Weltmeisterschafts-Halbfinale 2014 gegen Brasilien, als sich taktische Entschlossenheit gegen überschwängliches Pathos unerwartet deutlich durchsetzte.

Wie also funktioniert das »moderne Spiel«, wie »ticken« seine Trainer und Spieler? Der Leser ist eingeladen zu einer spannenden Entdeckungsreise ins moderne Fußball-Taktik-Land, ermöglicht durch offene und zuweilen auch überraschende Einblicke ihrer Protagonisten.

Die Autoren im Frühjahr 2020

Taktik-Lehrstunde beim Perfektionisten Frank Wormuth

Nun sitzen wir hier in seinem Büro, lauschen gebannt den Worten unseres heutigen Privatdozenten und saugen alle Neuigkeiten wie wissbegierige Schüler in uns auf. Vor uns die Taktiktafel, auf der Frank Wormuth die Magnetpunkte in Windeseile hin- und herschiebt. Fragezeichen im Gesicht erkennt er bereits im Ansatz. »Können Sie mir noch folgen?« »Nun, vielleicht könnten Sie uns das mit der gependelten Viererkette noch einmal kurz erklären …«

Sportschule Hennef, Hennes-Weisweiler-Akademie. Hier werden die angehenden Fußballlehrer ausgebildet, Wormuth war bis 2018 der Ausbildungsleiter. Wormuth spricht so temperamentvoll, als stünde er gerade am Spielfeldrand. Das Fenster ist trotz der Kühle weit geöffnet. Seine Dynamik braucht reichlich frische Luft. Keine Frage, dieser Mann hat Freude an seinem Beruf. Hätte er sich sonst über sechs Jahre die Doppelbelastung mit dem Zweitjob als Trainer der U20-Nationalmannschaft angetan? Wobei, »Belastung« ist das falsche Wort. »Herausforderung« würde Wormuth sagen. Von Vorträgen außerhalb der Trainerausbildung und Medienauftritten als Taktikexperte mal ganz abgesehen. Schon nach wenigen Minuten wissen wir, dass wir hier richtig sind. Dieser Mann kann uns den modernen Fußball näher bringen und in die Grundlagen der Taktik einführen. Er erzählt uns, was ihn an Bayer Leverkusen unter Trainer Roger Schmidt so faszinierte und wie es bei der WM 2014 zwischen Brasilien und Deutschland zu diesem historischen Spiel kommen konnte. Nur auf zwei Themen sollte man ihn besser nicht ansprechen. Doch dazu später.

Grundordnung: Sinn und Unsinn der Systemdebatte

Seit der Europameisterschaft 2008 in der Schweiz und Österreich analysiert der Deutsche Fußball-Bund jedes Großturnier und die dabei gewählten Spielsysteme auf sehr detaillierte Weise. Erstaunlich war der Wandel seit der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika bis zur WM 2014 in Brasilien: Die Vielfalt der Grundordnungen ist beinahe explodiert. »2010 wurde fast ausschließlich das 4-2-3-1 praktiziert, von nahezu allen Teams«, erinnert sich Wormuth. »Ganz anders war es vier Jahre später: Das 4-2-3-1 war zwar immer noch eine Art Standard, doch in Brasilien haben wir eine große Bandbreite der Systeme gesehen – ob Dreierkette, Viererkette oder die Raute, es war alles wieder vorhanden. Wobei es die Raute lediglich ein einziges Mal gab. Auch die zwischenzeitlich fast ausgestorbene Dreierkette, die defensiv zur Fünferkette wird, war wieder zu beobachten. Taktische Flexibilität war die allgegenwärtige Maxime der Weltmeisterschaft 2014.«

Gerade setzen wir an zu einer ausführlichen Frage, die zeigen soll, dass wir nicht gänzlich ahnungslos sind in taktischen Fragen, schwadronieren von Grundordnungen und Spielsystemen, als sich Wormuths eben noch heller Gesichtsausdruck leicht verdunkelt. Uns gegenüber sitzt ein Perfektionist, wie jeder Spielzug muss auch jedes Wort stimmen. Und wir haben uns soeben als begriffliche Laien verraten. »Meine Herren, an der Hennes-Weisweiler-Akademie behandeln wir die Begriffe Grundordnung und Spielsystem nicht synonym. Die Positionen ohne Bewegungen, also die starre Anfangsformation sowohl in der Offensive nach Ballgewinn als auch in der Defensive nach Ballverlust, das sind Grundordnungen. Doch dabei bleibt es ja nicht, die Spieler bewegen sich – so ist zumindest zu hoffen …« Ein Lächeln in Wormuths Gesicht sorgt wieder für entspannte Gesichtszüge. »Und sobald sich die Spieler bewegen, …« – Wormuth zeichnet Pfeile an die Tafel, die Laufrichtungen symbolisieren – »… verlassen sie die starre Ordnung und befolgen ein Spielsystem. Teams mit gleichen Grundordnungen können unterschiedliche Systeme spielen, weil sie die einzelnen Spielpositionen unterschiedlich interpretieren.« Erst das Spielsystem macht die Grundordnung also lebendig, indem es den Spielern konkrete Aufgaben zuordnet? Ein zufriedenes Nicken. Für den Moment sind wir aus dem Schneider.

Die ständige Zahlenspielerei und öffentliche Systemdiskussion hält der Chefausbilder allerdings für übertrieben. Seinen Auszubildenden veranschaulichte er einst, weshalb: »Während einer Videoanalyse habe ich sie mal gebeten, die Augen zu schließen. Dann habe ich die Aufnahme gestoppt und gesagt: ›Jetzt öffnet die Augen wieder und schaut, was dort für ein System gespielt wird.‹ Ihre einstimmige Antwort: 4-2-3-1. Keine zehn Sekunden später habe ich wieder gestoppt. Jetzt war die Antwort: 4-1-4-1. Das wechselt ständig hin und her. Allein diese beiden Systeme vermischen sich während eines Spiels binnen Sekunden.«

Nicht alle Übergänge sind so fließend, zwischen Dreier- und Vierkette lassen sich klare Unterschiede ausmachen. Die Dreierkette ergibt immer dann Sinn, wenn, was inzwischen nur noch selten vorkommt (dazu mehr im Schlusskapitel und den Erläuterungen von Erik Meijer), der Gegner mit zwei Spitzen agiert – vor 25 Jahren noch war dies die bevorzugte Angriffsformation. Nützlich bei der Dreierkette ist, dass sich Überzahl nicht nur defensiv schaffen lässt, sondern auch bei der Spieleröffnung. Eine Sonderform ist die dynamische Dreierkette. Sie meint das »Fallenlassen« des Sechsers, des zentral-defensiven Mittelfeldspielers, zwischen die beiden Innenverteidiger einer Viererkette – und zwar optimal in der Form, dass die beiden Innenverteidiger auf einer Höhe mit den beiden Angreifern agieren und mit dem Sechser ein Dreieck bilden. Ein Pass vom Sechser auf einen der beiden Innenverteidiger würde dann die erste Abwehrreihe* sofort überspielen. Die beiden Außenverteidiger sollten an den Linien hoch stehen und für potentielle Überzahl im Mittelfeld sorgen.


Abb. 1: Dynamische Dreierkette: Der defensive Mittelfeldspieler lässt sich zwischen die beiden Innenverteidiger fallen.

Die Dreierkette verändert auch etwas in der Ausrichtung nach vorne und zieht bei einem 3-5-2 ein System mit zwei Spitzen nach sich. Wenn auch seltener praktiziert, wird es mit drei Angreifern zu einem 3-4-3, wobei hier die Abgrenzung bereits wieder schwammiger wird. Denn das 3-4-3 wird zur »gependelten Viererkette«, wenn sich einer der Mittelfeldspieler nach hinten fallen lässt. »Verstehen Sie jetzt, warum ich sage, dass man sich nicht zu sehr auf eine bestimmte Ordnung oder auf ein bestimmtes System versteifen sollte?« Wir nicken. Fließende Übergänge eben.

Bevor der falsche Eindruck entsteht, jegliche Systemdiskussion sei beliebig, folgt schnell etwas Handfestes, Eindeutiges. Das Rautenspiel im 4-4-2. Vier Mann im Mittelfeld, je einer auf den Seiten, einer hinter den Spitzen und einer vor der Abwehr (im Gegensatz zum 4-4-2 als »flacher Vier«, in dem der offensive Mittelfeldspieler neben den anderen defensiven als zweiter Sechser zurückgezogen wird). Bei der WM 2010 agierte Argentinien unter Trainer Diego Armando Maradona im Viertelfinale gegen Deutschland mit einer Raute. Herausragend war damals Ángel Di Maria als Linksaußen, der sich nicht zu schade war, in der Defensive mitzuarbeiten. Doch warum gingen die Südamerikaner mit 0:4 gegen das DFB-Team unter? Als sie chancenlos waren und bei Weitem noch nicht der ebenbürtige Gegner wie im WM-Finale vier Jahre später. »Die Deutschen haben damals hervorragend gekontert, was ihnen auch dadurch ermöglicht wurde, dass die Argentinier so breit standen, weshalb es fast schon keine Raute mehr war«, erinnert sich Wormuth. »Von der Grundformation war es eine Raute, in der allerdings die Abstände zwischen den Spielern zu groß waren und somit den schnellen Deutschen zu viele Löcher zum Durchstoßen bot.«

Unter Trainer Thomas Schaaf setzte der SV Werder Bremen jahrelang erfolgreich auf die Raute. Zwar war Werder immer mehr für Offensivspektakel denn für Abwehrkunst bekannt, doch die Mittelfeldspieler standen meist eng zusammen, sodass dem Gegner ein Durchkommen zumindest durch die Mitte erschwert wurde. Die Taktik ging so weit, dass Werder den Gegner nach innen lockte, weil eben dort die Überzahl vorhanden und eine Balleroberung sehr wahrscheinlich war. Notwendigerweise erlahmte auf diese Weise das Bremer Spiel über die Außenbahnen, denn das Eine bedingt das Andere.

Maßgeblich bei der Suche nach dem richtigen System sind zwei Punkte: Raum und Überzahl. Die Gedanken des Trainers gehen in Richtungen wie: Wo ist der freie Raum zu finden, den ich besetzen muss, offensiv wie defensiv, und den ich bespielen kann? Wie gelingt es mir, Überzahl zu schaffen? Spielt mein Team im 3-5-2, verfüge ich auf der Außenbahn jeweils über einen Spieler, der Gegner im 4-4-2 besitzt dort zwei Spieler. Wenn ich defensiv gut verschiebe, entsteht kein Problem. Falls doch, muss mir klar sein, dass der Gegner auf den Außenpositionen Überzahl besitzt. Wormuth: »Sie können aufhören, nach dem einen, dem idealen System zu suchen. Jedes von ihnen kann in einem bestimmten Spiel, in einer bestimmten Situation, Sinn ergeben. Ich muss mir allerdings über die jeweiligen Vor- und Nachteile im Klaren sein, auch unter Berücksichtigung des gegnerischen Spielsystems.«

Hat sich der Trainer für ein System entschieden, so zieht dies weitere Überlegungen nach sich. Wird mit zwei Spitzen ohne Zehner agiert, also im 4-4-2 mit Linie statt Raute, dann befindet sich im Rücken der Stürmer immer ein Loch, in das der gegnerische Sechser hereinkommen, den Ball annehmen und sich drehen kann. Um das zu verhindern, hilft der Einsatz von abkippenden Stürmern. »Abkippend« deshalb, weil sie sich bei gegnerischem Ballbesitz ins Mittelfeld zurückfallen lassen und so die systembedingte Lücke schließen. Der Nachteil: Abkippende Stürmer haben mit fortschreitender Spieldauer nicht mehr ausreichend Kraft, um sich auch noch wirkungsvoll nach vorne zu entfalten. »Deshalb muss man sich entscheiden, worauf der Fokus liegt«, rät Wormuth. »Ganz eng zu stehen, darin könnte ein Ansatz liegen. Aber die Abstände und Lücken werden umso größer, wenn die Mannschaft im Laufe des Spiels konditionell abbaut und die notwendigen Laufwege nicht mehr macht. Dann muss ich als Trainer erkennen: ›Wir bekommen im Mittelfeld keinen Zugriff mehr, der Gegner kann den Ball unbedrängt annehmen.‹ Spätestens dann muss es bei mir klingeln: ›Achtung, der Gegner spielt mit einer Sechs und wir ohne Zehn, diese Position könnte irgendwann für ihn Vorteile haben.‹ Allerdings passiert das recht selten, weil die konditionellen Voraussetzungen der Profimannschaften durchweg klasse sind. Aber wenn es doch so ist, muss mir klar sein, dass dort die Ursache des Problems liegt.«

Wichtiger noch als die defensive Grundordnung ist das ballorientierte Verschieben, durch das die Mannschaft eine kompakte Einheit bildet, die defensiv die Räume für den Gegner verdichtet. Dem ballorientierten Verschieben ist die gewählte Grundordnung gänzlich egal, müssen sich doch ohnehin alle Feldspieler daran beteiligen – so zumindest verlangte es Trainer Wormuth von seiner U20. Zum Verschieben erfahren wir noch reichlich beim »Großen Ganzen«.

Das große Ganze
Spieleröffnung und Spielgestaltung

Die Spielgestaltungszentrale wandert nach hinten. In den 1970er und 1980er Jahren, zu Zeiten eines Diego Maradona, Michel Platini, Wolfgang Overath oder Johan Cruyff, war es der geniale, oft charismatische Zehner, ein Einzelkünstler, der den Ball verteilte, der seinem Team Esprit verlieh. Eine Quelle schier unbegrenzten Einfallsreichtums. Doch der klassische Zehner gehört zu einer aussterbenden Spezies. Böse Jäger in Form von Innenverteidigern, Sechsern und anderen Defensivstrategen haben den Spielertypus zunehmend unter Druck gesetzt, ihm durch teils mehrfache Manndeckung die Lust am Spielen genommen, bis er entnervt als zweite Spitze eingesetzt wurde und seiner Stärken beraubt war.

Somit übernahmen die zwei oder der eine Sechser selbst die Aufgabe des Zehners (welch Ironie – oder ein bewusster Putsch zur eigenen Machtübernahme?) und gestalten seither das Spiel, so wie einst Bastian Schweinsteiger oder Xabi Alonso beim FC Bayern. Bei Borussia Dortmund wird bereits Innenverteidiger Mats Hummels eine gestalterische Aufgabe zuteil – wobei Wormuth die Entwicklung noch längst nicht als abgeschlossen ansieht: »Hummels spielt die Eröffnung von hinten heraus. Ich sehe es noch einen Schritt weiter, dass sich der Innenverteidiger den Ball nimmt, ins Mittelfeld reingeht und dann dort kombiniert, während ein Sechser in die Innenverteidigung zurückgeht. So entsteht ein Wechselspiel, bei dem immer wieder ein Verteidiger von hinten vBei der Spielerorrückt und ein zentral-defensiver Mittelfeldspieler sich zur Absicherung fallen lässt.« Geht die Entwicklung so weiter, werden die zentralen Abwehrspieler in naher Zukunft die ersten Spielgestalter sein.

Bei der Spieleröffnung wird oft von »unzähligen Möglichkeiten« gesprochen, in der medialen Berichterstattung, aber auch von dem einen oder anderen Coach. »Nur die Trainer, die hier in der Ausbildung sind, dürfen das nicht mehr sagen«, sagt Wormuth. Denn in der Spieleröffnung eines Innenverteidigers bestehen laut Wormuth genau vierzehn Möglichkeiten, mehr seien zumindest nicht bekannt. Diesen möglichen Varianten werden Namen zugeteilt wie zum Beispiel: »Zwei Drittel«, »Bayern«, »Schweini-Position«, »Schneck« oder »Diametrale Doppelsechs«. »Das ist schon eine ganze Menge. Das können schon mal zu viele Möglichkeiten sein, sodass der Spieler den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Für eine erfolgreiche Umsetzung benötigt er auf jeden Fall Mitspieler, die mitarbeiten, sich freilaufen und anbieten.«

Ideen zur Spieleröffnung sammelte der Fußballlehrer vor allem während der EURO 2012 in Polen und der Ukraine, »wo ich es grandios fand, wie die Außenbahnspieler dort plötzlich nach innen gegangen sind«. Wormuth wollte sich jedoch nicht nur begeistern lassen, sondern die Ideen auch festhalten, planen und bei der U20 umsetzen. Er ermittelte, wie viele Möglichkeiten zur Spieleröffnung bestehen und kam auf ebenjene vierzehn. Seine DFB-Junioren schauten zunächst sparsam, als Wormuth begann, Übungen zur Spieleröffnung mit ins Training einfließen zu lassen: »Spielen wir denn jetzt Schach?« Wormuth nickte und lächelte zufrieden, als seine Spieler bemerkten, wie sie plötzlich mit einfachen Passfolgen von hinten heraus durch das Mittelfeld nach vorne kamen.

Passqualität

Ein wesentlicher Punkt im Angriffsverhalten ist die Passqualität, ebenso wie »Spielen und Gehen« oder »Freilaufen und Anbieten«. Elemente, die schon in der frühen Jugend vermittelt werden. Doch Perfektionist Wormuth sieht bei Passqualität und Ballkontrolle noch Steigerungspotenzial. Nach dem Motto: Was nützt ein schneller, scharf gespielter Pass, wenn dem Annehmenden der Ball verspringt?

Kurz vor unserem Gespräch hatten die angehenden Fußballlehrer gerade den neunten Spieltag der ersten Bundesliga analysiert und etwa 200 Video-Schnitte gemacht. Über 50 von ihnen enthielten eindeutige »unforced errors«, wie sie im Tennis genannt werden, also unerzwungene Fehler, Fehler ohne Druck. Bei größerer Auslegung konnten noch 50 weitere hinzugezählt werden. »Wir entdeckten Pässe, die in den Rücken gespielt wurden, obwohl die Passwege völlig frei waren, bei denen noch nicht einmal die Bodenverhältnisse schuld waren. Ballkontrollfehler, die trotz Ballsicherheit der Bundesligaspieler zu unnötigen Ballverlusten führten, und eigene gute Torgelegenheiten im Keim erstickten. Das sollte eigentlich nicht passieren. Natürlich sind wir alle Menschen und es passiert, doch unsere Aufgabe als Trainer ist es, auf diese Fehler hinzuweisen. Immer wieder das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass ein einziger Fehlpass bereits zum Gegentor führen kann oder eine Chance vernichtet.«

Oder ein anderer klassischer Fall: Eine Mannschaft fährt einen Konter, der Stürmer läuft frei auf den Torwart zu, plötzlich kommt noch ein Verteidiger angesprintet, der Stürmer braucht nur noch nach rechts zu seinem Teamkollegen herüber zu spielen, er spielt zwar, doch er spielt zu weit, bis zur Eckfahne. Die Chance ist vertan. Und wie viele Chancen werden bereits im Ansatz, durch einen Pass im Mittelfeld, der nicht ankommt, zunichte gemacht. Oder durch eine Ballannahme, die nach hinten und nicht nach vorne mitgenommen wird. »Das bemerkt vielleicht kaum jemand von draußen, aber wir Trainer sehen es. Wenn der Spieler den Ball nach vorne mitnimmt, ›dreh auf‹ als Signalwort, dann wäre er vielleicht schon in einer glänzenden Situation gewesen, um eine Torchance zu kreieren. Doch da er den Ball nach hinten mitnimmt, ist die Gelegenheit dahin. Und an solchen Spielszenen arbeiten wir, Tag und Nacht. Die beste Taktik hilft nicht, wenn Passqualität und Ballkontrolle nicht stimmen. Sauberes Passen und die entsprechende Ballkontrolle sind ganz wesentliche Grundlagen im Fußball«, betont Wormuth. Die Anforderung: Ein guter Pass kommt präzise und schnell, lässt dem Gegner somit wenig Zeit zum Reagieren.

Auch bei der U20 setzte Wormuth auf eine offensive Ballmitnahme seiner Spieler. »Doch bei Widerständen wie unter Stress oder Druck fallen sie oft in alte Muster zurück, die sie in früherer Jugend gelernt haben. Da vom DFB auch die Trainer der Nachwuchsleistungszentren ausgebildet werden, bin ich aber zuversichtlich, dass sich neue Automatismen entwickeln werden.«

Die Passqualität auf höchstem Niveau ist inzwischen so groß geworden, dass es bereits auffällt, wenn ein Spieler mal nur 80 Prozent seines Leistungsvermögens abruft. Die Bayern unter Pep Guardiola waren Meister der Ballzirkulation. Wie sie mit der Kugel umgingen, sie auf engstem Raum behaupteten, ständig in Bewegung waren, um sich anzubieten, hat Maßstäbe gesetzt. »Es ist ja nicht nur das Ball annehmen und mitnehmen, sondern auch die Kombination aus: Wo steht mein Mitspieler, wie läuft er sich frei und wie verhält sich der Gegenspieler? Oft fragt man sich als Zuschauer, was mit der Abwehr los ist, weil der Angreifer so frei steht. Aber der hat sich gerade mit einem kurzen Antritt geschickt freigelaufen. Deshalb rede ich gerne vom elementaren Angriffsverhalten und zu dem gehört die Bewegung unbedingt dazu – denn es heißt ja nicht ›spielen und stehen‹.«

Je mehr Fußballer zusammenkommen, die ein hohes technisches Niveau haben, desto besser wird auch die Mannschaft insgesamt. Das ist keine überraschende Erkenntnis, ist aber ein Aspekt für die Dominanz der spanischen Nationalmannschaft sowie von Bayern München während der vergangenen Jahre. Die iberischen Ballvirtuosen haben ihre enormen Fertigkeiten durch ständig wiederholte Übungen auf sehr kleinem Feld erlangt: »Fünf gegen Zwei« oder »Fünf gegen Drei«, bei denen der Ball ständig in Bewegung ist. Diese »rondos«, bei denen derjenige in die Mitte muss, der den Ball verliert, werden in Spanien schon seit der frühesten Jugend gespielt – permanent auf engstem Raum, immer nur mit einem oder zwei Kontakten. Eine intensive Schulung technischer Fertigkeiten, die sich mit der Zeit auszahlt.

Wormuth berichtet von einem Gespräch mit seinem Trainerkollegen Christian Wück, damals zuständig für die deutsche U17-Juniorenauswahl: »Er erzählte von einem Spiel gegen Spaniens Junioren und meinte, es sei ein Klassenunterschied gewesen. Seine Mannschaft habe zwar mit bekannter deutscher Mentalität gespielt, mit Einsatz und Wille, aber bei den Spaniern sei jede Position auch technisch hervorragend besetzt gewesen. ›Sensationell‹ sei das gewesen, sagte Wück, ›wie die Fußball spielen konnten – und zwar alle auf gleichem Niveau.‹ Aber bei uns kommt das jetzt auch immer mehr, denn die Technik wird in der Ausbildung immer wichtiger.«

Noch dominiert in der deutschen Ausbildung die niederländische Schule, die auf Passformen unter sowohl taktischen als auch nichttaktischen Gesichtspunkten abstellt, vorzugsweise zur Spieleröffnung. »Doch stelle ich bei diesen Passübungen nur einen Gegner hinzu, gibt es schon Schwierigkeiten. Und das ist eine Frage der Ballfertigkeit«, gibt Wormuth zu bedenken. Manch ein Trainer fühlt sich ob dieser Anregungen auf den Schlips getreten, doch Wormuth geht es nicht darum, zu kritisieren, sondern zu analysieren und optimieren: »Natürlich jammern wir auf hohem Niveau. Wir reden hier von den letzten zehn Prozent. Doch gut zu sein, heißt ja nicht, dass wir aufhören müssen, uns weiter zu verbessern.«

Das Erfolgsrezept der Spanier, direktes Spielen auf kleinem Feld, setzte der DFB bereits nach dem deutschen Debakel bei der EM 2000 um – noch lange bevor Xavi, Iniesta und Co. die Fußballwelt mit ihrem Ballzauber berauschten. Seit damals wurden verschiedene Maßnahmen zur Förderung des Fußballnachwuchses ergriffen. Eine davon war, deutschlandweit mehr als tausend Minispielfelder zu errichten, kleine und wetterunabhängig bespielbare Kunstrasenplätze. Um die Freude am Fußball zu wecken, aber auch, um auf kleinem Feld an der Technik zu feilen. Kinder und Jugendliche, die regelmäßig auf diesen Plätzen spielen, entwickeln ihr Können am Ball.


Nicht nur die Bayern können mit der Kugel umgehen, viele ihrer Bundesligakonkurrenten ebenfalls. Zu selten aber gelingt es, die Passqualität in ähnlicher Form und konstant auf den Platz zu bringen – obwohl die Spieler im Training erstaunliche Ballkünste offenbaren. Wormuths Ansatz: »Dann muss ich am Selbstvertrauen arbeiten und zum Spieler sagen: ›Mach’ dir keine Gedanken, du darfst auch im Spiel Fehler machen, denn die gehören dazu.‹ Vielleicht liegt es auch an der Passqualität, dass die Pässe nicht so scharf sind wie die der Bayern. Oder die Bayern spielen den Mitspieler auf dem Fuß an, der vom Gegner entfernt ist. Allein das reicht bereits aus, um mehr Zeit zu haben. Und bei einer anderen Mannschaft wird der Ball einfach bloß hingespielt. Oder vielleicht werden die Bayern auch nicht so unter Druck gesetzt, weil der Respekt sehr hoch ist.«

Wie wichtig die Passgenauigkeit ist, beweist auch eine Anekdote, von der Wormuth berichtet: »Ich habe einen Bekannten, der mit Xavi vom FC Barcelona mal aus Spaß an der Freude Fußball gespielt hat. Vier gegen Vier. Das Erste, was Xavi ihn fragte, war: ›Welcher ist dein starker Fuß?‹ Er antwortete: ›Ich bin Linksfuß.‹ Daraufhin hat er ihn nur auf dem linken Fuß angespielt, die ganze Spieldauer über immer nur auf dem linken Fuß. Diese Präzision zu besitzen, ist eine sehr hohe Qualität. Das sind die letzten Prozentpunkte, die den Unterschied zwischen guten und sehr guten Spielern ausmachen. Einem Amateurspieler, der gerade anfängt, würde ich natürlich nicht raten, ›spiel’ deinen Mitspieler immer auf dem Fuß an, der gerade gegnerentfernt ist‹. Aber im Spitzenfußball ist das eine mögliche Steigerung.«

Uli Stielike ließ als Co-Trainer der Nationalmannschaft die Spieler mit dem Ball am Fuß jonglieren. Das war Ende der 1990er-Jahre, in einer Phase, in der der deutsche Fußball nicht gerade als Nabel der Welt galt. Die Spieler reagierten naserümpfend bis lustlos. Darüber kann Wormuth sich noch heute echauffieren: »Aber Entschuldigung, das ist die Basis! Wenn ich mit dem Ball jonglieren kann, mit ihm umgehen kann, dann ist das eine der wesentlichsten Fähigkeiten in unserem Sport. Und wenn ich im hohen Tempo den Ball annehme, dann bekomme ich ein Gefühl für ihn, weil ich sein Verhalten kennenlerne. Ich bin aber überzeugt, dass der weit überwiegende Teil der Spieler lernen will. Sicher wird es immer einige geben, die lamentieren, ›warum machen wir das?‹. Aber die bilden die Ausnahme. Fußball ist eben auch eine Sache des permanenten Übens.«

Taktische Flexibilität

Bis vor etwa fünfzehn, zwanzig Jahren orientierten sich Trainer bei der taktischen Ausrichtung ihrer Spieler fast nur an der eigenen Mannschaft. Überspitzt gesagt, interessierte der Gegner zunächst einmal nicht. Inzwischen ist eine Entwicklung zu beobachten, die dazu führt, dass Trainer ihre Vorgaben nicht nur vor einer Partie nach den Stärken und Schwächen des Gegners ausrichten, sondern auch während des Spiels ihre Formation verändern, wenn sie auf Umstellungen ihres Gegenübers reagieren. Thomas Tuchel machte bei Mainz 05 aus einer Mittelfeldlinie plötzlich eine Raute, weil er merkte, dass die Mitte geschlossen werden muss, da der Gegner dort eine Lücke gefunden hatte. Dies wiederum provozierte eine Gegenantwort, denn auch sein Trainer-Pendant musste nun reagieren, sofern er seine Mannschaft taktisch flexibel geschult hatte. Denn durch die gegnerische Umstellung auf eine Raute wurden nun die Außenbahnen freier. Es empfahl sich also, den Angriffsschwerpunkt von der Mitte nach Außen zu verschieben. Das müssen Trainer und das können auch erfahrene Spieler erkennen. Das ist der Anspruch. Es darf also nicht zu Verwunderung führen, wenn das Spiel durch die Mitte nach einer Rautenumstellung des Gegners nicht mehr funktioniert. Eine mögliche Antwort liegt darin, die eigene Mannschaft breiter zu stellen und in 4-4-2-Linien spielen zu lassen.

Die Linien. Oder aus Sicht des Gegners gesprochen, um dort Lücken zu finden: Das Spiel zwischen den Linien. Ein Thema für sich. Bei einer Linie ordnet ein Trainer seine Verteidiger wie in einer Kette an. Der Kerngedanke dieser defensiven Anordnung ist, einen Raum bestmöglich abzudecken und die Laufarbeit der Spieler zu verringern. Wird in Abwehr und Mittelfeld jeweils mit Viererkette gespielt, in einer 4-4-2-Linie, liegt es in der Natur dieser Linien, dass zwischen ihnen Freiräume entstehen, in die der Gegner hineinzustoßen versucht. Schnittstellen lassen sich nie ganz vermeiden, gerade durch ruckartige Bewegungen des Stürmers, denen ein Verteidiger folgen muss. So öffnet sich kurzfristig eine Schnittstelle und dort ist das berühmte Fenster zu finden, in das sich der vielzitierte öffnende Pass hineinspielen lässt. Diese Schnittstelle ist grundsätzlich zwar auch dann zu finden, wenn sich die Verteidiger alle gleichzeitig bewegen und nicht ein einzelner ausschert. Borussia Mönchengladbach gelang dies in der Bundesliga-Hinrunde 2014/15 hervorragend. Aber es fällt dann deutlich schwerer, dort hineinzuspielen, als wenn sich das Fenster kurz öffnet und dieser Moment genutzt wird.


Abb. 2: 4-4-2-Raute mit geschlossener Mitte


Abb. 3: 4-4-2-Linie mit Stärkung der Außen

Wormuth ist ganz in seinem Element, gestikuliert, verschiebt die Magnetpunkte an der Tafel, unsere Köpfe rauchen. »Ist doch ganz einfach, oder?« Wir nicken halbherzig. Doch Wormuth ist geduldig, muss er wohl auch sein in diesem Job, erklärt noch mal anders, wenn er merkt, dass der Stoff noch nicht sitzt. Und er wird noch sitzen, daran lässt er keinen Zweifel. »Solche taktischen Spielereien passieren heute öfter. Pep Guardiola ist dafür prädestiniert. Er verändert die Formation seiner Mannschaft während des Spiels binnen kürzester Zeit, immer wieder. Auf diese Weise war der FC Bayern kaum auszurechnen. Guardiola brauchte zwar eine Weile, den Spielern diese vollkommene Flexibilität, bei der sie ständig neue Positionen einnehmen, klarzumachen, aber letztlich funktionierte es. Von außen nimmt man die Veränderungen nicht immer wahr, denn manchmal sind sie nur sehr klein – können aber entscheidend sein, wenn durch die Umstellung von Dreier- auf Viererkette plötzlich in der Spieleröffnung ein Mann mehr als Anspielstation im Mittelfeld zur Verfügung steht und die Mannschaft besser in ihren Spielfluss kommt. Denn wenn beide Außenverteidiger hoch stehen, hat die Dreierkette sieben Spieler vor sich und die Viererkette acht.«


Pep Guardiola erwartet nicht nur von sich das Maximum, er verlangt auch seinen Spielern alles ab. Das Fachmagazin kicker stellte nach 21 Bayern-Pflichtspielen der Saison 2014/15, in denen Guardiola elf verschiedene Systeme spielen ließ, die Frage: »Wirrwarr oder Wunderwerk?« Es ist müßig zu diskutieren, ob der FC Bayern weniger erfolgreich gewesen wäre, hätte er nahezu konstant auf ein System gesetzt – wie zum Beispiel dem 4-2-3-1 unter Louis van Gaal oder später auch unter Jupp Heynckes. Immerhin eine Variante, mit der Heynckes die Bayern 2013 zum historischen Triple aus Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League führte. Guardiola will Nachhaltigkeit, kontinuierlichen Erfolg. Und dafür darf seine Mannschaft nicht ausrechenbar, nicht greifbar sein. Doch jedes System wird mit der Zeit entschlüsselt. Da ist es in der Tat nützlich, variabel zu sein, nach Belieben auf verschiedene Konzepte zurückgreifen zu können. Und genau daran arbeitete Guardiola auch in München tagtäglich. Vorbei waren die Zeiten, als der Gegner »nur« Franck Ribéry und Arjen Robben aus dem Spiel nehmen musste und der FC Bayern entzaubert war. Guardiola wusste sicher einen Plan B. Oder C. Oder D. Oder …

Wormuth verneint, dass taktische Flexibilität nur auf allerhöchstem Niveau erreichbar ist. »Sie müssen nur die Möglichkeit haben, sie mit ihrer Mannschaft konsequent zu erarbeiten. Ich habe das schon vor 25 Jahren in der Verbandsliga von meiner Mannschaft praktizieren lassen und gesagt: Wir brauchen ein Grundsystem, ein Grundverhalten, und davon gibt es eine offensive und eine defensive Version, je nach Spielstand. Wenn wir führen und der Gegner Druck macht, wir also tiefer stehen, spielen wir einen sogenannten ›Tannenbaum‹ in der Grundordnung 4-3-2-1 (Anmerkung: läuft nach oben hin immer spitzer zu, daher der Name, vgl. Abb. 4), dann haben wir die Mitte zu und der Gegner muss über außen kommen, was für ihn schwieriger wird. Wenn wir hingegen in den letzten zehn Minuten ein Tor erzielen müssen, dann spielen wir »Harakiri«, mit drei Spitzen im Zentrum und zwei dahinter. Dann bilden wir im defensiven Mittelfeld keine Doppel-Sechs, sondern spielen mit einer Sechs und zwei Zehnern, damit bei den ›zweiten Bällen‹ die zwei Zehner die Kugel aufnehmen können. Das sind alles Spitzfindigkeiten, die aber wichtig werden können.«


Abb. 4: Tannenbaum-System


Abb. 5: »Harakiri-System«, um die Chance auf den zweiten Ball zu erhöhen

Die Spitzfindigkeiten werden einstudiert und den Spielern immer wieder bewusst gemacht. Damit eine Umstellung während der Hektik des Spiels reibungslos klappt, sucht sich der Trainer drei, vier Spieler als Adressaten seiner Anweisungen aus, die zentral agieren und die die taktische Flexibilität verinnerlicht haben. Eine Umstellung wird von der Bank mit Signalworten eingeleitet. Ralf Rangnick, unter anderem Trainer beim SSV Ulm, VfB Stuttgart, Hannover 96, Schalke 04 und 1899 Hoffenheim, gab mit den Fingern Zeichen wie »Du spielst die Sechs«. Wormuth macht anschaulich deutlich, warum es wichtig ist, leicht verständliche Anweisungen zu erarbeiten: »Andernfalls müssten Sie einem eingewechselten Spieler sagen: ›Pass auf, du spielst jetzt auf der linken Seite, nicht ganz weit draußen, nein, komm’ ein bisschen mehr nach innen, stopp, ja, so könnte es gehen …‹ Das geht eben nicht. Vielmehr müssen Sie ihm sagen können, ›Du spielst die Elf‹ und er weiß sofort, wo genau auf dem Platz die Position Elf wie zu spielen hat. Das müssen Sie im Training üben und es sollten auch alle Spieler mal auf der Elf gespielt haben. Und diese Zeit zum Üben steht innerhalb einer Trainingswoche auch genügend zur Verfügung.« Ein geradezu fließender Übergang zu einem weiteren Thema, das Wormuth sehr am Herzen liegt:

»Manchmal höre ich bei taktischen Übungen ein Aufstöhnen: ›Och, wir haben doch Englische Woche, muss das jetzt sein?‹ Ja, muss es. Ich kann doch Montag und Dienstag zweimal trainieren, dann habe ich bereits vier Einheiten absolviert. Dann kann ich auf dem Platz noch Gehübungen für ein besseres taktisches Verständnis machen, oder an der Taktiktafel arbeiten, Videoszenen zeigen. Ich kann mit den Spielern doch acht Stunden am Tag arbeiten! Da besteht auch keine Gefahr, dass Spieler übertrainiert werden. Die Profiklubs arbeiten mit professionellen Fitnesscoaches, die berücksichtigen, dass der eine etwas mehr und ein anderer etwas weniger Belastung benötigt. Das ist alles eine Frage der Steuerung. Diese Scheu vor dem Acht-Stunden-Tag finde ich kurios.« So wird es Wormuth nachträglich mit Genugtuung erfüllt haben, als die abstiegsgefährdeten Klubs Hamburger SV und VfB Stuttgart ankündigten, ebenjenen Acht-Stunden-Tag zur Rückrunde der Saison 2014/15 einzuführen.

Eigeninitiative und taktisches Verständnis der Spieler

Fußballer der Neuzeit sind taktisch so gut geschult, dass sie Fehlentwicklungen auf dem Platz selbst erkennen und eigenmächtig gegensteuern, sofern ihnen der Trainer diesen Entscheidungsspielraum zugebilligt hat. »Schon in der Oberliga gibt es Spieler, die sagen, ›jetzt ziehen wir mal das Tempo an‹, um nur ein Beispiel zu nennen. Das liegt an der Persönlichkeit eines Spielers. Die Zeiten von Turnvater Jahn, als Trainer sagten, »so und nicht anders macht ihr es«, sind vorbei. Das ist eine nur logische Entwicklung, auch weil die Lehrmethodik der Trainer sich verändert hat, sie ist heute immer mehr induktiv (Anmerkung: vom Einzelnen zum Allgemeinen führend). Man geht viel mehr auf den Spieler ein und fragt: ›Was meinst du in dieser Situation?‹ Denn wenn die Erkenntnis von ihm selbst kommt, geht es eher in seinen Kopf, als wenn ich ihn nur mit meinen Vorgaben fülle, fülle und nochmals fülle, er den Inhalt aber vielleicht gar nicht richtig verstanden hat. In Deutschland wird zwar in der Ausbildung immer noch Frontalunterricht praktiziert, aber nicht mehr in dem Maße wie früher, im Fußball nur noch selten. »Heute Nachmittag werde ich eine halbe Stunde lang einen Vortrag über das Spiel im letzten Drittel halten, aber dann wird es die ganze Woche über praktisch angewendet auf dem Platz. Das machen zunächst noch die Trainer, aber eines Tages werden auch die Spieler selbst mal eine Einheit halten, um ihre Perspektive zu verändern.«

Zu seiner Trainerzeit beim SC Freiburg gab Robin Dutt einigen seiner Spieler den Auftrag, das zuletzt absolvierte Spiel zu analysieren und dem Rest der Mannschaft vorzutragen. Nach einer Trainingseinheit gingen sie zum Videoanalysten, schnitten mit ihm einige Spielszenen zusammen und präsentierten sie anschließend den Mitspielern. Mit Szenen, die gelungen waren, aber auch mit Szenen, die noch ausbaufähig waren. »Einmalig ist das sicher in Ordnung, ein gelungenes Experiment. Man darf es aber nicht übertreiben. Nicht dass die Spieler eines Tages den Trainingsplan vorgeben. Der Spieler macht sich vielleicht für die neunzig Minuten Training seine Gedanken, doch der Trainer besitzt den großen Überblick und macht sich auch noch für den Rest des Tages und der Woche Gedanken über Trainingsinhalte. Aber grundsätzlich finde ich den induktiven Ansatz förderlich und gut.«

Wormuth gibt dafür ein weiteres Beispiel: »Als wir mit der Hennes-Weisweiler-Akademie noch in der Sporthochschule Köln ansässig waren, hatten wir dienstags immer eine U14 des 1. FC Köln als Demonstrationsmannschaft zu Gast und wenn wir mit ihr induktiv gearbeitet haben, dann haben sie Spielsituationen auf den Punkt genau analysiert. Wir waren beeindruckt und haben gesagt, ›diesen 14-Jährigen müssten wir eigentlich die C-Trainerlizenz geben‹. Aber im Spiel, beim praktischen Übertrag, hat man dann den Mangel an Erfahrung gemerkt. Sie wussten es nur theoretisch. Aber der Trainer hatte gut mit ihnen gearbeitet, und das ist die Voraussetzung. Doch sie brauchen natürlich ihre Zeit, um das Gelernte auch zu verinnerlichen, bis die Automatismen sitzen. Und die Automatismen funktionieren auch nur dann, wenn der Gegner genau so agiert, wie wir es wollen. Das ist ja die Krux, dass auch der beste Automatismus nichts nutzt, wenn der Gegner mit seinem Verhalten von meiner Erwartung abweicht. Dann benötige ich taktische Flexibilität, und an ihr arbeiten die Trainer, sodass die Spieler Entscheidungen freier treffen können. Natürlich gibt es trotzdem ein paar Grundsätze, die einzuhalten sind. Was mich sehr freut, ist, dass wir in der heutigen Generation viele junge Trainer haben, die ihre Teams taktisch sehr variabel agieren lassen und auf Veränderungen in einer Partie zeitnah mit geeigneten Umstellungen reagieren können.«

Trockenübungen

Unter Arrigo Sacchi als Trainer des AC Mailand wurden sie Ende der 1980er Jahre populär: Trockenübungen ohne Ball und Gegner, die in diesem Buch noch einige Male Erwähnung finden werden. Weil sie, richtig ausgeführt und ohne die Spieler durch Eintönigkeit zu ermüden, Mannschaften auf ein taktisch höheres Level führen, indem sie das Bewusstsein für ein mannschaftlich geschlossenes Verhalten schärfen. Als der bis dahin vergleichsweise unbekannte Sacchi 1987 von Milan-Eigner Silvio Berlusconi zu den Lombarden geholt wurde, hatte er noch kein Erstliga-Team trainiert, wohl aber mit Zweitliga-Aufsteiger AC Parma den AC Milan aus dem italienischen Pokal geworfen. Fortan prägte er bis 1991 eine Ära der Rossoneri, die zu einer der erfolgreichsten ihrer Klubgeschichte wurde – ohne Zweifel auch dank überragender Einzelkönner wie Franco Baresi, Paolo Maldini, Frank Rijkaard, Ruud Gullit oder Marco van Basten.

Sacchis Kunst bestand darin, aus diesem Sammelsurium an Individualisten eine Einheit zu formen, die sowohl ein für die italienische Serie A ungewohntes Offensivspektakel bot, als auch, dass er die Abwehr derart stabilisierte und verdichtete, dass sie fast unüberwindbar wurde. So dominierte der AC Mailand vor allem in Europa und fügte seinem Trophäenschrank Pokal um Pokal hinzu. Ein wesentlicher Baustein zur Überlegenheit war Sacchis intensives Taktiktraining, bei dem er die Spieler auf dem Feld »trocken« hin und her verschob: Er selbst stand vor ihnen, die Position des Balles simulierend, die Spieler folgten seinen Bewegungen, bis alle Abläufe verinnerlicht waren. So entstanden abgestimmte Bewegungen sowie penibel eingehaltene Abstände zwischen den Spielern, ähnlich den Reihen eines Tischfußballspiels.

Wie Pep Guardiola heute, verlangte schon Sacchi von seinen Spielern die schnelle Balleroberung, um selbst die Spielkontrolle übernehmen zu können. In Italien damals ein revolutionärer Ansatz. Im Interview mit dem Fußballmagazin 11 Freunde erklärte Sacchi 2013 seine Philosophie: »Wir trainierten, um die Bewegungen aller elf Spieler zu synchronisieren. Der Grundgedanke war, ein Bewusstsein für die Zusammenhänge dieses Spiels zu schaffen. Alle elf Spieler sollten immer in einer aktiven Position sein, mit oder ohne Ball. Dieser Gedanke hat den Fußball verändert.«

Sacchis Arbeit wirkte auch nach seinem Wechsel auf den Posten des italienischen Nationaltrainers 1991 nach. In der Folgesaison unter Fabio Capello gelang Milan der Gewinn der Meisterschaft ohne eine einzige Niederlage. Erst 1993, nach 58 ungeschlagenen Spielen, fand mit dem AC Parma ein Gegner wieder ein Mittel gegen die schier Übermächtigen. Der junge Thomas Tuchel, dessen Trainerstern viele Jahre später in Mainz aufging, war derart fasziniert von der Spielweise des AC Mailand und Innovator Sacchi, dass er sich stundenlang Videos anschaute und sich fragte, wie die Spieler es schafften, überall auf dem Feld immer wieder Überzahlsituationen herzustellen – als wären sie mit einem oder zwei Mann in der Überzahl.

Als Sacchis Landsmann Giovanni Trapattoni 1994 erstmals auf die Trainerbank von Bayern München wechselte, versuchte er Trockenübungen auch deutschen Spielern schmackhaft zu machen. Wie groß deren anfängliche Begeisterung ausfiel, hat Thomas Helmer den Autoren in einem späteren Kapitel dieses Buches verraten.

Trockenübungen sind nicht aus der Mode gekommen und werden zumindest in der Vorbereitungszeit vielfach noch praktiziert, wie Wormuth erzählt: »Bruno Labbadia hat sie bei seinen Klubs Bayer Leverkusen, Hamburger SV und VfB Stuttgart akribisch durchgeführt, bis zu zwei Stunden am Stück auf dem Platz. Das verlangt eine große Konzentrationsleistung. Das finde ich gut und das soll auch so sein. Sicher ist manch ein Spieler nicht begeistert von der Übungsform, weil der Ball fehlt. Aber die meisten sehen ein, dass ihnen die Trockenübungen weiterhelfen.« Gerade in der Nationalmannschaft, wenn die Akteure von verschiedenen Vereinen kommen und ihre Laufwege innerhalb kürzester Zeit aufeinander abgestimmt werden müssen, sind Trockenübungen eine gute Hilfestellung.

Sicher, mit der Akribie die sie verlangen, hätten Trockenübungen auch zum »kleinen Ganzen« gezählt werden können. Doch sie haben stets einen übergeordneten Zusammenhang im Blick: Die Harmonie der gesamten Mannschaft. Und damit Großes entstehen kann, muss zunächst immer am Kleinen gefeilt werden:

Das kleine Ganze
Leverkusen widerlegt die Lehre

Es gibt elementare Dinge im Fußball, die befolgt werden müssen, um den Gegner unter Druck zu setzen. Das richtige Anlaufverhalten oder eine konsequente Zweikampfführung gehören dazu. In der Hennes-Weisweiler-Akademie spricht die Lehre vom Akronym ASTLB, bestehend aus Anlaufen, Stellen, Tempo aufnehmen, Lenken und Balleroberung. Das sind die fünf Phasen, die sich herausarbeiten lassen, wenn ein Spieler verteidigt. Doch es gibt auch Teams, die von der reinen Lehre abweichen, wie Bayer Leverkusen in der Hinrunde der Saison 2014/15. Die Leverkusener scherten sich nicht um die fünf Phasen, stattdessen gingen sie bei Ballbesitz des Gegners gleich »voll drauf«. Das sorgt beim Gegner für ein Bewusstsein, »Oh, die riskieren heute alles«. Denn die Sicherheit ist für denjenigen, der derart offensiv attackiert, zunächst hinten angestellt. Es ist gut möglich, dass die Balleroberung scheitert und dem Gegner Räume geboten werden. Aber die Leverkusener hatten mit ihrer überfallartigen Methode meist Erfolg und eroberten den Ball, weil sie einen geschulten Blick für die Situation entwickelt hatten.

Doch Achtung, Wormuth fährt per Grätsche dazwischen: »Da sage ich als Ausbilder dann natürlich: ›Halt, stopp, Ball zurückgeben, das ist falsch! Das entspricht nicht der Lehre!‹« Pause. Der Satz wirkt nach. Dann ein schallendes Lachen. »Ach, Quatsch! Gelingt es damit, den Ball zu erobern, habe ich natürlich gar keine Einwände. Es gibt zwar Grundsätze im Fußball, aber die werden eben auch mal widerlegt.« Okay, reingefallen. Aber wann ist er, der richtige Zeitpunkt, um »voll drauf« zu gehen?

Richtiges Timing beim Zweikampf

»Ich gebe Ihnen ein typisches Beispiel: Wenn der Stürmer mit einem Tempodribbling auf Sie zuläuft, und Sie nehmen das Tempo auf und laufen mit, wann sollten Sie als Verteidiger zustechen, wie wir sagen, und wann besser nicht?« Gegenfrage: »Können wir nicht versuchen, den Stürmer abzudrängen, auf die Unterstützung durch einen Mitspieler warten und ihn dann doppeln?« »Falls Sie schnell genug sind und die Spielsituation es zulässt, schon möglich. Aber vielleicht sind Sie gezwungen zu handeln, weil sonst ein Gegentor droht und keine Zeit zum Doppeln bleibt. In diesem Fall ist der beste Moment für die Attacke dann, wenn der ballführende Spieler den Ball mit seinem Führbein antippt und es dann absetzt. Sticht man in dieser Zehntelsekunde zu, dann kann der Stürmer nicht mehr reagieren, weil sein Führbein auf dem Boden steht. Wenn man den Dreh raus hat, das zu erkennen, dazu den Rhythmus des Spielers, der auf einen zuläuft, lesen kann, und man nicht vorher schon den eigenen Schritt gemacht hat, dann besteht jetzt eine gute Chance, den Ball zu erobern.«

Es gibt allerdings Spieler, gegen die nutzt selbst dieses Wissen kaum. Barcelonas Lionel Messi ist so einer. Messi hat den Ball fast ständig am Fuß, mit einer ganz engen Ballführung. So findet sich kaum eine Zeitspanne, bei der sich ein geeigneter Moment zur Balleroberung identifizieren ließe. »Bei Messi dauern diese Phasen nur Millisekunden. Außerdem liegt sein Körperschwerpunkt ganz tief, das macht es zusätzlich schwierig. Ein großgewachsener Spieler wie Per Mertesacker mit seinen langen Schritten bekäme sicher seine Probleme, denn logischerweise fallen seine Übersetzung und die Bodenkontaktzeit länger aus. Wenn Messi erkennt, dass sein Gegner attackieren will, dann tritt er in diesem Moment selbst an. Das sind Kleinigkeiten, die zwar nicht immer über Sieg oder Niederlage entscheiden. Aber sie sind ein Mosaikstein dazu.«

Hat der Verteidiger seinen Gegenspieler mit dessen Rücken zu sich, so verlangt dies ein gänzlich anderes Abwehrverhalten, als wenn der Stürmer mit Tempo auf ihn zuläuft. Üblicherweise wird der aus dem Basketball bekannte Abstand von einer Armlänge eingehalten. Solange der Verteidiger verhindert, dass der Angreifer sich dreht, hält er ihn in Schach. Doch sobald er sich dank einer Körpertäuschung oder einer anderen Finte dreht, muss der Abwehrspieler mit Tempo aufnehmen und sich in die Defensive zurückfallen lassen – oder mit vollem Risiko »anstechen«. Die Gefahr: Schlägt der Angreifer dann einen Haken, ist er sofort durch. Die letzte Reihe darf also nicht derart riskant agieren, andernfalls läuft der Stürmer frei auf den Torwart zu. Es ist eine Frage der Abstimmung, die von den Spielern verlangt, dass sie die Situation in Sekundenbruchteilen richtig erkennen. Bei der Fußballlehrer-Ausbildung wird in solchen Fällen immer von »Mustern« und nicht von »Situationen« gesprochen. Wem an der Zustimmung des Chefausbilders gelegen ist, sollte diese Unterscheidung beherzigen.

Zuordnung bei Standards

Immer wieder taucht sie auf, die Frage nach Mann- oder Raumdeckung bei Standards. Ebenso wie diejenige, ob bei gegnerischen Ecken einer, beide oder keiner der Torpfosten mit Verteidigern besetzt werden sollte. Doch wie so oft gibt es im Fußball nicht die eine Wahrheit. Fangen wir bei der Pfostenbesetzung an. Manche Trainer stellen ihre kleinen Spieler an den Pfosten, die großgewachsenen sind ohnehin für die Kopfballduelle im Strafraum vorgesehen. Doch dann geht der Ball in den oberen Torwinkel und die Maßnahme verpufft. Was grundsätzlich dagegen spricht, Spieler bei Eckbällen an den Pfosten zu stellen? Dass dann ein Mann weniger zur Verfügung steht, der Mann oder Raum deckt. Auch die Meinung der Torhüter spielt eine entscheidende Rolle: Die einen wollen den langen Pfosten (den vom Ball weiter entfernten Pfosten) abgedeckt haben, während andere den kurzen Pfosten bevorzugen, weil sie sich selbst auf den langen konzentrieren.

»Oder was machen Sie, wenn Sie sechs kleine Spieler haben und der Gegner fünf große?«, fragt Wormuth und liefert gleich eine Option mit: »Dann stellen sie vielleicht vier kleine Spieler an die Mittellinie und schauen, ob einige große Spieler des Gegners mitgehen.« Die Entscheidung, ob und welche Pfosten besetzt werden, muss also zur Mannschaft passen, in Kombination mit den Vorlieben des Torhüters. »Mit dem tauschen Sie sich natürlich aus. Beim SSV Reutlingen hatte ich Goran Ćurko im Kasten, der war eine solche Granate, da habe ich die Pfosten frei gelassen, denn ich wusste, der geht da hin und holt die Bälle raus. Beim VfR Ahlen hatte ich zwar einen auf der Linie starken, aber sehr schmächtigen Torwart. Daher habe ich bei Ecken noch zwei Spieler hingestellt, weil ich wusste, dass er diesen oder jenen Ball nicht bekommen würde.«

Bei gegnerischen Standardsituationen auf Raumdeckung zu setzen, ist seit Jahren üblich, die ausschließliche und klassische Mann-zu-Mann-Zuordnung nach dem Motto, »unsere Nummer vier deckt deren Nummer neun«, ist überholt. Die Gefahr bei der Raumdeckung ist, dass die Spieler das »Stehen im Raum« zu wörtlich nehmen, also auf ihrer Position stehen bleiben und sich dann wundern, dass ein Gegentor fällt. So wie bei Spaniens 1:0-Sieg gegen Deutschland im Halbfinale der WM 2010, als Verteidiger Carles Puyol nach einer Ecke wuchtig dem Ball entgegenging und das entscheidende Tor köpfte. Nicht zuletzt deshalb, weil die deutschen Verteidiger es versäumten, mitzugehen. »Auch als Raumdecker müssen Sie aus der Bewegung heraus agieren, sonst ist der andere im Vorteil.« So entstehen Tore, wie auch bei der WM 2014 durch Mats Hummels bei seinem Kopfballtreffer gegen Portugal. Portugals Spieler standen im Raum, Hummels stieg hoch und traf. »Wenn Sie die Raumdeckung bei Standards richtig spielen, ist das interessant, aber wenn die Spieler dabei nur stehen, haben sie keine Abwehrchance.« Deswegen bevorzugt Wormuth bei Eckstößen eine Kombination aus Mannund Raumdeckung, in der einige Spieler im Raum und andere direkt gegen die stärksten Kopfballspieler des Gegners verteidigen.


Abb. 6: Blocken bei der Ecke: Vier Spieler laufen von hinten zum ersten Pfosten – der Fünfte lässt sich »fallen« und geht hinten herum zum freien Raum, wohin der Ball kommen soll. Sein Gegenspieler kann nicht folgen, wird von der Masse an Spielern blockiert. Die Folge: Tor durch Thomas Müller, das 1:0 für Deutschland gegen Brasilien im WM-Halbfinale 2014. Hinweis: Gegenspieler sind in der Abbildung aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht dargestellt.

Der frühere Nationalspieler Christian Ziege, einst U19- bzw. U18-Trainer beim DFB, vertrat anlässlich einer U-Trainer-Tagung eine ähnliche Meinung zum Thema: »Wenn ich überragende Kopfballspieler habe, lasse ich sie im Raum stehen. Falls nicht, sollen sie Mann gegen Mann spielen, damit wenigstens der gegnerische Anlauf behindert wird.« Das geeignete Mittel hängt immer auch von den Spielertypen ab, die zur Verfügung stehen.

In puncto Ausführung von Ecken bot die Weltmeisterschaft 2014 nicht allzu viele Variationen. Ein beliebtes Szenario: Kurz ausgeführt, ein Mitspieler lässt die Kugel zurückprallen, ehe sie aus dem Halbraum vor das Tor geflankt wird. Für Wormuth wird der effektivste Eckball immer noch direkt zum Tor getreten, scharf hereingebracht. »So fälscht der Gegner schnell mal den Ball ab, oder ein eigener Stürmer bekommt den Fuß dazwischengespitzt, und die Kugel landet im Netz. Wenn Sie merken, dass der Gegner im Raum deckt und der Rückraum frei ist, dann können Sie bei der Ecke auch mit dem anderen Fuß weiter zurück auf den Sechzehner spielen. Der Mitspieler nimmt die Kugel volley und schießt sie direkt aufs Tor. Das ist allerdings einer der schwierigsten Bälle überhaupt.« Bayern Münchens Flügelspieler Arjen Robben hat mit seinem Kunstschuss im Old Trafford von Manchester United im Frühjahr 2010 bereits bewiesen, dass dies möglich ist.

Wormuth ist überzeugt, dass Standardsituationen zukünftig einen noch größeren Wert im Fußball erfahren, die Trainer verstärkt ihre Kreativität spielen lassen werden. Schließlich lässt sich auch zu einer Standardsituation ein Plan erstellen. Der Ball liegt, der Gegner muss sich nach der ausführenden Mannschaft richten. So lassen sich Laufwege einstudieren, bei denen der Gegner mitgezogen wird, um eigene Räume zu schaffen – und genau dort muss der Ball dann reingespielt werden. »Bei der U20 trainieren wir das ganz konkret. Torsten Frings, Lehrgangsteilnehmer bei uns und später Co-Trainer bei Werder Bremen, war mal mit dabei. Genau diesen einen Trick, den er bei uns aufgeschnappt hatte, ließ er dann bei Werders U23 üben, und die haben dann im nächsten Spiel ein Tor daraus gemacht. Das war eine lustige Geschichte, weil wir in der U20 noch keinen Erfolg mit diesem Trick hatten.«

Vier-Felder-Spiel


Abb. 7: Vier-Felder-Spiel

Nicht nur Juristen, Wissenschaftler und Mediziner haben ihre eigene Sprache. Auch bei Fußballern stößt man immer wieder auf neue Begrifflichkeiten. So lernen wir, dass Bayer Leverkusen ein »Vier-Felder-Spiel« praktizierte (immer wieder Leverkusen: Die Jungs von Trainer Roger Schmidt hatten die Fachwelt im zweiten Halbjahr 2014 wirklich fasziniert). Was hat es mit den vier Feldern auf sich? »Das Prinzip ist recht simpel«, beginnt Wormuth. »Vier-Felder-Spiel ist ein Begriff, den wir zur Verdeutlichung eines extremen Pressings in der Ausbildung eingeführt haben. Er bedeutet, dass das Spielfeld in vier Felder aufgeteilt wird: defensiv rechts und links sowie offensiv rechts und links. Nun versuchen alle, in das Feld hineinzukommen, in dem sich gerade der Ball befindet.« Das Ziel dabei: Auf engem Raum Druck auf den Gegner auszuüben (zu »pressen«) und möglichst rasch den Ball zu erobern – das ist der Ansatz ohne Ballbesitz. Bei Ballbesitz entstehen in Ballnähe viele Anspielstationen, die Möglichkeiten zum Kombinieren bieten, auch in der gegnerischen Hälfte. Man kann sich den Gegner »zurechtlegen«, bis sich eine Lücke zum Tor findet.

Das Risiko beim Vier-Felder-Spiel: Spieler verlassen ihre Positionen und bieten dem Gegner bei Kontern Freiräume an, durch die er Torgefahr entwickeln kann. »Da kann ich Ihnen Beispiele zeigen, die ich rausgeschnitten habe, die das ganz deutlich veranschaulichen.« Wormuth erinnert sich an ein Bundesliga-Spiel, in dem sich Leverkusens Außenverteidiger Sebastian Boenisch nicht auf seiner linken, sondern auf der rechten Abwehrseite befindet und »sein« Gegenspieler, der völlig frei steht, das Tor erzielt. »Aber das ist das Risiko, das Roger Schmidt bewusst einging, und er hatte eine Zeit lang Erfolg damit. Das lässt sich nicht mit jeder Mannschaft umsetzen. Aber die Leverkusener verfügten über Spieler, die extrem spielstark waren. Manchmal benötigt man dann gar nicht allzu viele Taktikvorgaben, da sie so viele Fähigkeiten am Ball haben und so gut aufeinander abgestimmt sind. Aber auf hohem Niveau, mit einer Mannschaft, die diese Lücken erkennt, kann man gegen diese offensive Ausrichtung schon etwas machen.«

Eine Spielklasse tiefer betrachtet Wormuth das Vier-Felder-SpieI beinahe als Patentrezept: »In der zweiten Liga würde ich nur so spielen lassen, denn, das soll nicht despektierlich klingen, dort ist die Technik nicht immer auf allerhöchstem Niveau. Ein Kollege hat einmal gesagt: ›Zweite Liga? Ausschließlich mit Pressing spielen!‹ Die Wahrscheinlichkeit der Balleroberung ist dann recht hoch.« Fazit: Die taktische Ausrichtung richtet sich immer auch nach der technischen Klasse der Spieler.

Das Risiko des kompakten Stehens

Eng beieinander zu stehen und die Abstände zwischen den Spielern nicht zu groß werden zu lassen, das ist der Kerngedanke des kompakten Auftretens einer Mannschaft. Viel wurde darüber berichtet, wie beeindruckend kompakt Deutschland bei der WM in Brasilien agierte und damit defensiv wie offensiv ein Vorreiter war. Die DFB-Elf hatte in Ballnähe immer sehr viele Spieler, auch in der Offensive. Nur so konnte sie ihren Ballbesitzfußball ausüben, weil dafür immer ausreichend Spieler als Anspielstationen verfügbar sein müssen. Viele andere WM-Mannschaften hatten bis zu acht Mann hinter dem Ball, doch zwei blieben oft vorne. Bei Argentinien waren es Gonzalo Higuaín und Lionel Messi, bei den Niederlanden Arjen Robben und Robin van Persie. Ob das ein Grund war, warum diese Mannschaften die WM nicht gewannen, sei dahingestellt. Doch es zeigt, wie geschlossen die Deutschen auftraten, da bei ihnen jede Offensivkraft auch in Defensivarbeit eingebunden war.


Abb. 8: Anfälligkeit für Konter: Kompaktheit nach vorne bietet Räume dahinter.

Angesichts dieser Lobhudelei verwundert es zunächst, wie viele Chancen die deutsche Abwehr in der Vorrunde gegen Ghana (2:2) oder im Achtelfinale gegen Algerien (2:1 nach Verlängerung) zuließ. Gerade die Partie gegen Algerien ist noch präsent, bot sie doch das spektakulärste Torhüterspiel des Turniers: Manuel Neuer interpretierte seine Position völlig neu und wurde zum Libero, zum elften Feldspieler, der seinen Strafraum immer wieder im Vollsprint verließ, um einen algerischen Pass abzufangen und vor dem heranstürmenden Angreifer zu retten.

Dass Neuer so oft eingreifen musste, hatte auch etwas mit dem kompakten Stehen seiner Teamkollegen zu tun. Das ist kein Widerspruch. Denn wenn die Deutschen in der Offensive kompakt nachrückten, hieß das auch, dass hinter der Viererkette viel Platz entstand. So war Neuer gezwungen, mitzuspielen – eine Anforderung, die ihm angesichts seiner fußballerischen Fähigkeiten nicht zu viel abverlangte. »Die Algerier haben sich hinten reingestellt und auf Konter gesetzt. Um solche Gegenangriffe zu vermeiden, muss gut zugeordnet werden, aber dennoch ist der Raum vorhanden. Das müssen Sie in Kauf nehmen, anders geht es nicht, wenn Sie Ihr Team kompakt nach vorne rücken lassen wollen, um dort mehr Anspielstationen zu haben und den Gegner unter Druck zu setzen«, klärt uns Wormuth auf.

Der Spielverlauf dieser Partie war also kein Zufall. Die Art, wie Neuer die Szenen auflöste, war für die Zuschauer berauschend. Mit einem weniger großzügigen Schiedsrichter allerdings hätte der Keeper in einer brenzligen Situation auch die Rote Karte bekommen können und der schöne Plan wäre hinfällig gewesen – so wie beinahe auch im WM-Endspiel gegen Argentiniens Higuaín, als Neuer allzu rustikal in den Zweikampf ging. Diese Art der Spielinterpretation ist daher riskant angelegt.

In der Diskussion um die Vielzahl der Chancen, die Deutschland in diesem Spiel zuließ, rät Wormuth ohnehin zu einer anderen Sichtweise, nämlich zu einer größeren Wertschätzung für die Qualität Algeriens: »Sie haben ihre Konter mit One-Touch-Fußball glänzend herausgespielt, das darf man nicht vergessen. Das ging ruckzuck, dann waren sie schon heraus aus ihrer eigenen Hälfte. Da können Sie auch als beste Mannschaft der Welt nichts machen, sondern nur feststellen: ›Wir bekommen keinen Zugriff, also fallen lassen, defensiv sicher stehen.‹ Andererseits haben wir ja ganz bewusst kompakt gespielt und haben schon in ihrer Hälfte attackiert, um Druck auszuüben. Und dann mussten wir plötzlich feststellen, dass die Algerier einen richtig feinen, guten Fußball spielen. Sie sind alle hervorragend ausgebildet. Schauen Sie sich an, bei welch guten Klubs sie spielen. Heutzutage darf man keinen Gegner mehr unterschätzen. Algerien, Tunesien, Marokko, die können alle sehr gut kicken.«

Druck für Jugendtrainer führt zu Mangel an Außenverteidigern

Bis zum Sommer 2014 hieß es, »den Philipp Lahm müsste man klonen«, wenn es um die Besetzung der zweiten Außenverteidigerposition im Nationalteam. Nach dem WM-Triumph folgte die Ernüchterung: Nun stand auch das Original nicht mehr zur Verfügung, da der Kapitän nach dem Turnier aus der Nationalmannschaft zurückgetreten war. Guter Rat war gefragt. Viele Namen wurden gehandelt, doch Bundestrainer Löw tut sich noch immer schwer bei der Suche nach einem adäquaten Nachfolger. Woher auch nehmen? Selbst während der WM in Brasilien vertraute Löw mit Jérôme Boateng (rechts) und Benedikt Höwedes (links) zunächst auf gelernte Innenverteidiger auf den Außenpositionen, da Lahm im zentral-defensiven Mittelfeld noch dringender benötigt wurde, Löw zudem auf Kopfballstärke im Abwehrverbund setzte. Auch der vielversprechendste Nachfolge-Kandidat Joshua Kimmich wurde aufgrund seiner strategischen Fähigkeiten mit der Zeit ins Mittelfeld versetzt. Doch woher kommt der Mangel an qualifiziertem Außenverteidiger-Nachwuchs, warum rücken so wenige potenzielle Lahm-Nachfolger nach?

Wormuth legt die Stirn in Falten, ein sensibles Thema. Er hat aber einen sehr interessanten Erklärungsansatz, der in der öffentlichen Diskussion bisher kaum Berücksichtigung fand: »Es ist schon bemerkenswert, wenn ein Rechtsfuß in der Nationalmannschaft links spielen muss. Wie Benedikt Höwedes oder Erik Durm. Dann kann etwas nicht stimmen. Natürlich machen wir uns in der Ausbildung Gedanken darüber und reden mit den Trainern. Wir glauben, dass ein Grund darin zu finden ist, dass die Vereine ihre Trainer durch unsere leistungsorientierte Struktur schon im U15-Bereich zu stark unter Erfolgsdruck setzen – durch die C-Jugend-Regionalliga, die fast schon eine Junioren-Bundesliga ist. Denn was passiert? Die Trainer stellen ihre besten Spieler in die Mitte, weil sich dort das Spiel entscheidet. Da geht es dann nicht mehr um den ursprünglichen Gedanken der Ausbildung, sondern rein ums Gewinnen.

Wenn schon in der B-Jugend U17-Trainer beurlaubt werden, da sie nach zehn Spieltagen nicht ausreichend Siege eingefahren haben, dann werden diese Trainer natürlich erfolgsorientiert aufstellen. Und nicht so verfahren, wie es Robin Dutt mal beschrieben hat: ›Wenn wir einen Linksfuß haben, der nicht überragend kickt, aber ein potenzieller Kandidat für die deutschen Auswahlteams ist, dann muss der linker Verteidiger spielen.‹ Dann entgegnet der U15-Trainer: ›Hört sich ja prima an. Aber dann verliere ich über diese Seite und bin anschließend meinen Posten los.‹ Plakativ gesagt: Der Jugendtrainer stellt nicht mehr aus Ausbildungs- oder Nationalmannschaftssicht auf, sondern für sich selbst. Das ist ein Grund für den Mangel an sehr guten Außenverteidigern.«

Vor der Strukturreform war der Druck geringer, denn die einstigen Spielklassen waren regionaler geprägt, die Gegner schwächer. Da gewann man mal mit 8:2 und mal mit 10:0. Das ist inzwischen Vergangenheit und soll auch nicht mehr so sein, denn Partien mit Klassenunterschied zwischen den Teams sind nicht leistungsfördernd.

Die Bestandsanalyse klingt überzeugend, doch wie kann die Lösung aussehen? Zum einen, die Erwartungshaltung zu reduzieren. Klingt simpel, doch eine neue Denkweise in den Köpfen zu verankern, nimmt reichlich Zeit in Anspruch. Variante zwei klingt da schon vielversprechender: »Je mehr gute Spieler wir finden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die auch außen eingesetzt werden«, sagt Wormuth. Dass das Thema »Außenverteidiger« kein ganz einfaches ist, weiß er aus eigener familiärer Erfahrung: »Mein Sohn spielt derzeit bei den D1-Junioren linker Verteidiger in der Viererkette und ist sauer, weil er nicht im Mittelfeld spielen darf, da er sich dort wohler fühlt. Klar, da ist er mehr am Ball. Wenn er im Mittelfeld spielt, mit mehr Ballbesitz als auf den Außen, dann entwickelt er sich auch besser, logisch.«

Bis eben lief das Gespräch so gut, in so angenehmer Atmosphäre. Bis, ja bis wir zwei falsche Themen ansprachen, und die auch noch kurz hintereinander. Das erste: »Herr Wormuth, das mit der falschen Neun, ist das …« Weiter kamen wir nicht.

Der Ärger über die »falsche Neun«

»Ach, immer dieser Unfug mit der falschen Neun. Sie war nur eine kurze Phase, die sich mit der WM in Brasilien praktisch schon wieder erledigt hat. Im Übrigen war die Phase auch nie richtig da. Spaniens Nationaltrainer Vicente del Bosque hatte während der EM 2012 davon gesprochen und schon da habe ich gefragt, was genau das eigentlich heißt, falsche Neun? Dann habe ich in diversen Gazetten versucht, die sogenannte »falsche Neun« von der »variablen Neun« zu unterscheiden. Nándor Hidegkuti, legendärer Spieler aus Ungarns WM-Finalmannschaft 1954, oder Johan Cruyff waren vielleicht beide falsche Neuner, selbst der als klassischer Mittelstürmer wahrgenommene Klaus Fischer gehörte dazu, weil er sich immer wieder ins Mittelfeld zurückzog und dann wieder in den Sturm vorrückte. Inzwischen ist es aber so, dass die Neunerposition von unterschiedlichen Spielern besetzt wurde. Es spielten ein Thomas Müller, ein Mario Götze, ein Mario Gomez oder ein Marco Reus im Angriff der Nationalmannschaft, alle völlig unterschiedliche Spielertypen. Und durch diese variable Besetzung der Neun handelt es sich nicht um eine falsche Neun, sondern um eine variable Neun. Freiburgs Trainer Christian Streich sagt dazu ›schwimmende Neun‹.«

Was Wormuth moniert, ist die missverständliche Deutung des Begriffs, die alleinige Vorstellung von einem Spielertypen á la Mario Götze, der klein, quirlig, technisch sehr stark und viel in Bewegung ist. Mario Gomez als hochgewachsener, körperlich robuster Stürmer ist auf dem Spielfeld ebenfalls viel unterwegs – wie ist er dann einzuordnen? Richtige Neun? Falsche Neun? Gar keine Neun? Bayerns Stoßstürmer Robert Lewandowski ist zwar ein klassischer Neuner, taucht aber plötzlich links auf, dann wieder rechts. Er wäre demnach eigentlich auch eine falsche Neun.

Vor zwanzig, dreißig Jahren standen die Mittelstürmer im Sturmzentrum, sie standen fast wortwörtlich und warteten auf verwertbare Vorlagen. Diese Spielweise ist heute überholt, denn aufgrund der Ketten in Abwehr und Mittelfeld müssen sich auch die Angreifer bewegen, sonst finden sie keine Bindung zum Spiel, gelangen nicht in die Lücken. Also müssen sie sich mehr zwischen den Ketten bewegen und in die freien Räume stoßen.

Die öffentliche Reduzierung der falschen Neun auf die oben genannten Eigenschaften ist zu kurz gedacht – zumindest dann, wenn groß, kräftig, weniger technisch stark, aber ebenfalls viel in Bewegung, keine falsche Neun sein soll. Wormuth erinnert sich an seinen vergeblichen Kampf um die korrekte Bezeichnung in den Medien: »Anfangs habe ich noch gesagt, ›Hört doch mit diesem Begriff auf, der ist schlicht falsch‹. Dann habe ich versucht zu klassifizieren in ›falsch‹ und ›variabel‹, doch dann war es eh schon durch und der Begriff öffentlich bereits fest verankert.«

Bei der WM 2014 besaß Argentinien mit Gonzalo Higuaín eine echte Spitze, bei den Niederlanden spielte Robin van Persie die Neun, auch mal Arjen Robben, Karim Benzema spielte sie bei Frankreich – viele Teams traten mit großem, kräftigem Neuner an. Deutschland hatte mit dem WM-Rekordtorschützen Miroslav Klose ebenfalls seine Neun, aber auch der war nahezu überall auf dem Platz zu finden. Die sogenannte falsche Neun, sie wird in der taktischen Entwicklung des Fußballs wohl nur eine kurze Episode bleiben.

In einem verbalen Fehlpass lag dann das sensible Thema Nummer zwei versteckt. »Herr Wormuth, als taktisches Mittel gegen eine tief stehende Verteidigung, gegen die es kein Durchkommen gibt, haben Sie den bewussten Fehlpass …« »Stopp. Nicht ganz. Den geplanten Fehlpass habe ich empfohlen, den geplanten. Auch wenn ich dafür hin und wieder kritisiert werde, so stehe ich doch zu der Idee, die dahinter steckt.«

Der geplante Fehlpass

»Den geplanten Fehlpass erwähnte ich schon 2010 in der Ausbildung. Dann hat Stefan Effenberg mal im Fernsehen gesagt: ›Ja, den haben wir in der Ausbildung auch gemacht. So ein Schmarrn, ich gebe doch den Ball nicht her!‹ Da habe ich gemerkt, dass die Idee zu Missverständnissen führt, oder Stefan den Sinn dahinter nicht verstanden hat. Worum geht es also? Der geplante Fehlpass ist ein Ball, der zum Angriff führt. Wenn wir nicht durch die gegnerische Abwehr durchkommen und keine Möglichkeit zum Torabschluss finden, dann spiele ich den Ball bewusst, also geplant, in den Rücken der Abwehr hinein, und zwar in den Halbraum, damit der Torwart nicht rankommt. Denn was passiert? Der Gegner dreht sich um und holt sich die Kugel. Und in dem Moment, in dem das geschieht – Gegner mit Rücken und Ball zu uns an der Außenlinie – ist das ein Auslöser für uns: pressen!

Ich habe gehört, dass man in Dortmund sogar mal trainiert hat, den Ball in den Rücken der Abwehr zu spielen und dann hinterherzugehen. Auch Pep Guardiola hat in einem Interview mal gesagt: ›Eigentlich müssten wir dem Gegner den Ball in dessen Hälfte geben und dann Gegenpressing (Anmerkung: Pressing nach Ballverlust) machen.‹ So ganz falsch kann die Idee also nicht sein. Ziel dieses geplanten Fehlpasses ist es, den Gegner in dessen Hälfte an den Ball zu lassen, um ihn ihm dann durch Gegenpressing wieder abzunehmen – dann in einer Zone, die dem gegnerischen Tor näher ist und in einer Situation, in der der Gegner sich öffnet, weil er zum Spielaufbau ansetzt.«

Ob der geplante Fehlpass in der Bundesliga bereits praktiziert wird? Eine Aussage von Arno Michels in Mainz, Dortmund und bei Paris St. Germain Co-Trainer von Thomas Tuchel, liefert zumindest einen Beleg. Lange Bälle werden häufiger geschlagen, doch wie viele davon sind ein geplanter Fehlpass? Beim VfL Wolfsburg unter Felix Magath gehörten lange Bälle zum guten Ton, wie Verteidiger Robin Knoche seinem Trainer Wormuth bei der U20-Nationalmannschaft berichtete: »Magath meint, wir seien in der Abwehr spielerisch nicht so stark und könnten daher beim Spielaufbau den Ball verlieren. Um nicht unnötig Fehler zu produzieren, hauen wir die Kugel nach vorne.«

Eine auch heute noch gängige Praxis in der Bundesliga: Der Ball wird hoch auf den Mittelstürmer gespielt, der kann ihn zwar von dort kaum herunternehmen, verlängert ihn aber stattdessen. Es wird also auf den zweiten Ball spekuliert – einen zunächst von der Verteidigung abgewehrten Ball, der die Möglichkeit zum Nachsetzen oder zur neuen Torchance lässt. Den Ball durch lange Pässe schnell in des Gegners Hälfte zu bringen, ist ein probates taktisches Mittel, um Fehler im Spielaufbau zu vermeiden. Das eigene Tor ist zunächst ungefährdet und bei einem Ballverlust in weiterer Entfernung vom eigenen Tor bleibt Zeit, sich defensiv zu sortieren.

Der FC Bayern mit seiner Spielkultur der letzten Jahre würde nur notfalls mit langen Bällen agieren, vielleicht in der Schlussphase eines Spiels, wenn angesichts eines Rückstands die »Brechstange« notwendig wird. Doch die Münchener wollen im wörtlichen Sinne Fußball spielen. Lange Bälle widersprächen ihrer Spielphilosophie, die Ballkontrolle vorsieht. Bei weiten Bällen ist die Gefahr größer, den Ball zu verlieren, weil sich der Gegner in seiner Hälfte meist in Überzahl befindet. Womöglich könnten die Bayern den Ball auch gar nicht in die Lücken hineinspielen, weil der Gegner zu tief steht. Mit ihrer Sicherheit am Ball sind sie auf ein Stilmittel wie den geplanten Fehlpass nicht angewiesen: Sie finden in aller Regel auch gegen eng stehende Abwehrreihen eine spielerische Lösung. Gedacht ist er für Mannschaften, die mit ihren Kombinationsversuchen an Grenzen stoßen und die das Mittelfeldpressing ihres Gegners nicht durchstoßen können. Diese Teams spielen der gegnerischen Abwehr den Ball in den Rücken, setzen nach und schauen, ob der Gegner die Situation lösen kann. Wormuth: »Der geplante Fehlpass muss grundsätzlich so kommen, dass der Gegner ihn annimmt, aber so, dass er mit dem Rücken zu uns steht – also flach in den Rücken der Abwehr.«

Und das Gegenmittel? Wie lässt sich auf den geplanten Fehlpass reagieren? Spielerisch starke Mannschaften sagen schlicht »danke für den Ball« und spielen von hinten heraus ihren Angriff. Sie geben den Ball so schnell nicht her und der Plan des Gegners geht nicht auf. Es sei denn, dass das Gegenpressing so gut ist, dass eine Balleroberung auch gegen diese spielstarken Mannschaften funktioniert. »Falls aber auch sie selbst in der Spieleröffnung Schwächen haben, werden sie den Ball einfach zurückschlagen«, beschreibt Wormuth ein Szenario zur Rückkehr des guten alten ›Kick and Rush‹ (den Ball nach vorne schießen und hinterrennen). »Oder, wie ich es gerne sage, des ›Hit and Hope‹, also ›nach vorne schlagen und hoffen‹. Das kennen wir von der zweiten Liga schon seit jeher, nichts Ungewöhnliches also.«

Nach zwei Themen, die bei Frank Wormuth aufgrund der Art der öffentlichen Diskussion keine rechte Freude mehr wecken, wird es Zeit für etwas Schönes, Harmonisches, ein fußballerisches Meisterwerk. Drei Worte genügen: Sieben zu eins.

Sieben zu eins – das historische Spiel

Es gab viele Erklärungsversuche, was an jenem sportlich denkwürdigen Abend des 8. Juli 2014 im WM-Halbfinale zwischen Brasilien und Deutschland passierte. So richtig verstanden hat es aber wohl kaum jemand, wie das 1:7 in Belo Horizonte zustande kommen konnte – das höchste Ergebnis in einem Fußball-WM-Halbfinale überhaupt. Zumindest ein Erklärungsansatz ließ sich jedoch schon vor Spielbeginn im Estádio Governador Magalhães Pinto, kurz Mineirão, finden – ausgerechnet auf der Homepage des Deutschen Fußball-Bundes. Dort erklärte Ralf Peter, in Brasilien Mitglied der WM-Beobachtungsgruppe des DFB, wie die Seleção zu packen sein könnte. »Wir müssen uns zwischen den Ketten gut anbieten«, sah Peter als ein Erfolgsrezept, »denn dort habe ich viele Räume gesehen. Dann werden wir zu unseren Chancen kommen.« Und so kam es. So manches weitere Tor schien eine Wiederholung des vorherigen zu sein, so sehr ähnelten sich ihre Entstehungen: herausgespielt in Form schneller Kombinationen durch die Mitte, bei denen Brasilien der Zugriff fehlte.

»Das soll bitte nicht arrogant klingen, aber man hat schon im Vorfeld der Partie gewusst, was sich ereignen würde – natürlich nicht vom Ergebnis her. Dass es solche Ausmaße annimmt, das konnte keiner ahnen. Aber der Spielverlauf kam angesichts der vorherigen Spiele nicht gänzlich unerwartet. Dass wir dieses Spiel gewinnen würden, davon war ich fest überzeugt«, sagt Wormuth und schiebt die Begründung gleich hinterher: »Die Brasilianer ließen in der Verteidigung viel zu große Räume und gingen nicht richtig in die Zweikämpfe. Sie hatten defensiv große Probleme im Eins gegen Eins, arbeiteten auch nicht gleichzeitig. Ihr Fokus lag auf der Offensive. Als dann eine Mannschaft kam, die Fußball im besten Wortsinn spielte, die den Ball laufen ließ, dann offenbarten sich die Lücken, durch die Brasilien ganz schnell auszuspielen war. Und genau das ist gegen Deutschland passiert.« Der Unterschied zu einem konsequenten Abwehrverhalten wurde im Vergleich mit dem Finalgegner deutlich: Argentinien stand kompakt, spielte stark ballorientiert und schaltete schnell um.

»Ich kann Ihnen Spielszenen der deutschen Nationalmannschaft aus dem Trainingslager vor der WM in Südtirol zeigen, wie immer wieder das Anlaufen aus dem Mittelfeld geübt wurde. Und die gleiche Spielszene zeige ich bei meinen Vorträgen aus der Partie gegen Brasilien: Die Entstehung des vierten Tores, bei dem Toni Kroos seinem Gegenspieler den Ball wegnimmt, dann zu Sami Khedira quer herüberspielt, die beiden noch mal hin- und herpassen und Kroos den Ball dann reinschiebt – das haben sie vorher immer wieder geübt.« Mit diesem Druck, den Ball nicht in Ruhe annehmen und verwerten zu können, konnten die Brasilianer nicht umgehen. Es stand ihnen immer schon ein Gegenspieler auf den Füßen. Und wenn die Deutschen den Ball erobert hatten, waren sie vom Tor nicht mehr weit entfernt, so früh, wie sie attackierten. Und dann schalteten sie blitzschnell um, erwischten Brasilien ungeordnet, kombinierten in einstudierten Spielzügen und schlugen zu.

Dabei lag die Kunst auch im Detail, so beim ersten Tor von Thomas Müller. Bei der vorangegangenen Ecke wurde Müllers Gegenspieler von Miroslav Klose geblockt, denn die Deutschen hatten vor der Partie festgestellt, dass die Brasilianer dem Ball bei Ecken entgegengingen und demzufolge der Rückraum frei blieb. In diese Lücke musste ein deutscher Spieler stoßen. Doch da der vermutlich gedeckt werden würde, musste sein Gegenspieler wie beim Basketball blockiert werden. So passierte es und deshalb war Müller völlig frei, als ihm der Ball vor dem 1:0 förmlich vor die Füße fiel.

Wir fragen uns, ob der brasilianische Trainer Luiz Felipe Scolari nicht frühzeitig hätte reagieren können, ja müssen? Hätte er nach dem zweiten Gegentor nicht umstellen können, seine Mannschaft mit einer Umstellung auf Defensive in die Halbzeit retten und neu sortieren können? »Ja, sofern dieser Fall vorher durchgespielt worden ist: ›Was machen wir, wenn wir keinen Zugriff bekommen und der Gegner plötzlich 2:0 führt? Wie sollen wir uns dann konsolidieren? Lasst uns erst einmal kompakt und tief stehen, damit wir wieder ins Spiel reinkommen.‹ Aber was passiert häufig, wenn eine Mannschaft in Rückstand gerät? Die meisten Teams öffnen dann noch mehr, wollen möglichst schnell den Ausgleich erzielen. So hat auch Brasilien nach dem Rückstand genauso weitergespielt wie zuvor, ist nicht von der ursprünglichen Überlegung abgewichen. Denn Scolari war von seinem Stil überzeugt, was im Prinzip völlig in Ordnung ist. Zumindest dann, wenn man so stark spielt, dass man keinen Plan B braucht.

Diese Einstellung erinnert mich an Volker Finke*, der bei meinem Praktikum 1997 in Freiburg voller Überzeugung sagte: ›Wir werden unser Kurzpassspiel bis zum Spielende durchziehen, auch wenn wir zurückliegen. Wir werden nicht anfangen, lange Bälle zu schlagen. Das entspricht nicht unserer Philosophie.‹ Da fragte ich ihn, ob nicht wenigstens in Ausnahmefällen? ›Nein, wir ziehen das durch, auch wenn wir dadurch mal ein Spiel verlieren.‹«

Der FC Barcelona sammelte allein mit Plan A, dem Ballbesitz- und Kurzpassspiel Tiki-Taka, jeden Titel, den es zu gewinnen gab. Doch irgendwann, bei den Katalanen ohnehin nach bemerkenswert langer Zeit, ging der Plan nicht mehr auf wie zuvor. Dann würde ein Plan B, eine Alternative, helfen. Aber Veränderungen fallen schwer, wenn der alte Plan jahrelang überaus erfolgreich war. Brasilien sah sich spätestens nach dem gewonnenen Confederations Cup 2013 auch für die WM im eigenen Land in der eindeutigen Favoritenrolle. »Sie waren so überzeugt von sich. Ähnlich dem Bild, wenn eine Katze ins Bild guckt und einen Löwen sieht. Das können Sie kaum mehr beeinflussen. Und falls sich die Brasilianer nur auf ihre Spielweise fokussiert haben sollten, vielleicht versäumten, auf andere Spielverläufe als die erwarteten zu reagieren, dann kann es bei der Qualität der WM-Gegner schwierig werden. Schon im WM-Achtelfinale gegen das sehr starke Chile hätte Brasilien aus dem Turnier ausscheiden können.«

Themen gibt’s noch reichlich

Kann sich ein Trainer Fußballspiele überhaupt noch entspannt anschauen, sie einfach nur genießen? Oder bedeutet jedes Tor gleich auch wieder ein Ärgernis über die Fehler im Abwehrverhalten? »Im Fernsehen kann ich mir ein Spiel durchaus vollkommen entspannt angucken, denn dort habe ich nicht den Gesamtblick. Bei diesen Ausschnitten gucke ich mir nur das Elementare an, wie sich ein Spieler verhält, beispielsweise ob er offen annimmt oder nicht. Gerade heute Morgen habe ich mir Matti Steinmann vom Hamburger SV angeschaut. Ihn möchte ich zur U20 einladen, daher habe ich seine Spielweise beobachtet. Man sieht den Schulterblick, den macht er sofort, er schlägt die Bälle beidfüßig aus dem Stand heraus, und er nimmt den Ball nach vorne an und guckt zuvor, wo er steht. Das sind Zeichen, an denen ich erkennen kann: Ja, der ist gut geschult. Sobald aber das Spiel groß wird wie im Stadion oder beim Betrachten über Scouting-Feed (Anmerkung: Die Videodaten der Liga-Partien werden in Form eines online verfügbaren Archivs zum Download für Vereine und Verbände bereitgestellt, dem sogenannten Scouting-Feed.), bei dem ich über eine Großaufnahme verfüge, dann schaue ich auf das gesamte Mannschaftsverhalten: Rücken die Spieler schnell nach, schieben sie gut herüber auf die Seite, wie eröffnen sie das Spiel von hinten heraus, wie verhält sich der Siebener? Dann wird es eher analytisch als entspannend.«

Wobei wir wirklich ganz entspannt, nur aus reiner Lust am Fußballspiel, meinten, ohne jeden analytischen oder taktischen Hintergedanken … Wormuth legt die Stirn in Falten. »Nein, das können Sie vergessen. Wobei ich das ja trotzdem genieße. Es ist ja nicht so, dass mir das Analysieren und Beobachten keinen großen Spaß machte. Aber ich erzähle Ihnen mal eine Geschichte …« Und so erfuhren wir zum Abschluss unserer höchst unterhaltsamen Lehrstunde in Sachen Fußball-Taktik von einem Erkenntnisgewinn unseres Dozenten, zu dem ihn ein befreundeter Laie führte. Mehr dazu im folgenden Schlussabschnitt, in dem wir Wormuth (teils unvollendete) Thesen und Fragen an die Hand gaben, zu denen er uns mit unvermindertem Elan seine spontanen Einschätzungen gab:

Der offene Schlagabtausch ist für Trainer …

»Manchmal gibt es Phasen im Spiel, in denen es wild hin und her geht. Durch das ständige Gegenpressing, das heutzutage stattfindet, sehen wir nur noch selten schönen Ballbesitzfußball mit langen Ballstafetten, wie ihn die Bayern oder die Spanier praktizieren. Es fehlt dafür schlicht die Zeit, wenn der Gegner nach eigenem Ballverlust sofort wieder attackiert. Ein offener Schlagabtausch ist auch eine Form von Taktik. Bayer Leverkusen zum Beispiel ging in der Saison 2014/15 ständig drauf, setzte nach. Bei ihnen ging es ständig hin und her, sie waren prädestiniert für den Schlagabtausch. Ich kann Ihnen Szenen zeigen, bei denen die Zuschauer begeistert waren, weil es ein Spektakel gab, aber die meisten Trainer aufstöhnen, weil die Ordnung fehlte. Aber der Trainer in Leverkusen kannte ja die Nachteile des Systems, das er bewusst und aus gutem Grund spielen ließ: zur schnellen Balleroberung. Und so lange seine Mannschaft erfolgreich ist, hat der Trainer Recht.

Auch im WM-Gruppenspiel 2014 zwischen Deutschland und Ghana ging es in der Schlussphase rauf und runter. Ein typisches Beispiel, beide Teams spielten auf Sieg. Aber es stimmt schon, den offenen Schlagabtausch wollen wir Trainer eigentlich nicht haben, weil er unkalkulierbar ist. Doch er ergibt sich aus der Situation heraus, manchmal läuft das Spiel eben aus dem Ruder.«

Und da kommt sie schon, die Geschichte: »Einen Spielverlauf, bei dem es rauf und runter geht, bewerten Zuschauer und Trainer ganz anders. Ein Bekannter von mir ist Zahnarzt und mit ihm habe ich mal ein Spiel des SC Freiburg angeschaut. Für mich als Trainer war das ein grausames Spiel, immer dieses Hin und Her. Doch er als Zuschauer ohne taktische Hintergedanken fand das toll. Ein paar Tage später waren wir dann in Frankreich, in Sochaux, und haben uns ein Spiel gegen AS Monaco angeschaut. Ich war begeistert, während mein Bekannter gelangweilt gähnte angesichts von nur einer Torchance in gesamten Spiel. ›Hast du gesehen, wie die sich bewegt haben, wie die sich verschoben haben, wie sie den Ball erobert haben, lange Kombinationen hatten …‹, habe ich ihm vorgeschwärmt. Und er meinte bloß: ›So ein langsames Spiel kann mir gar nicht gefallen.‹ In diesem Moment ist mir klar geworden, dass der Zuschauer im Stadion Spektakel haben möchte, während der Trainer Spektakel nur auf einer Seite sehen will, nämlich auf der des Gegners.«

Erkenntnisse und taktische Neuerungen der WM 2014

»Die Mittel- und Südamerikaner haben bei der WM in Brasilien ein unheimliches Tempo gehabt. Auch bei diesen heißen Temperaturen sind sie ständig abgegangen, sofort nach vorne, mit hohem Risiko, haben nicht lange gefackelt, nicht kombiniert, sondern sofort den Abschluss gesucht. Das hat man vor allem in der Vorrunde beobachten können: Jeder Ball wurde sofort in den Sechzehner hineingespielt, sofort.

Wirkliche Neuerungen gibt es im Fußball wahrscheinlich kaum noch, wohl aber kleine Verschiebungen. Und wenn etwas neu ist, dann ist es vermutlich etwas Altes im neuen Gewand. Der Engländer Herbert Chapman, einer der revolutionärsten und renommiertesten Trainer des Fußballs, hat schon 1920 den Konterfußball eingeführt

– und der wird auch heute noch praktiziert, wenn auch intensiver und aus einer anderen Formation heraus, zum Teil bereits vorne mit schnellem Umschalten und nicht erst hinten, wartend auf den Ball. Das Rad wird im Fußball nicht neu erfunden. Es gibt aber immer wieder unterschiedliche Gedankengänge und meistens einen Trend sowie einen Gegentrend.«

Die deutschen Weltmeister waren nach der WM 2014 überbelastet.

»Im Gegensatz zur Scheu vor dem Acht-Stunden-Tag im Vereinsalltag konnte ich die Diskussion um eine Überbelastung nach dem WM-Gewinn gut nachvollziehen, denn hier ging es vorwiegend um eine mentale Geschichte. Wenn Sie inklusive Vorbereitung acht Wochen lang so fokussiert sind auf ein bestimmtes Ziel, immer angespannt sind, dann ist ein Konzentrationsabfall danach völlig nachvollziehbar. Denn je näher die Spieler dem Finale kamen, desto angespannter wurden sie, das hat man im Finale auch gesehen. Da waren die Deutschen nicht mehr ganz so befreit, nachvollziehbar, so kurz vor der Haustür: ›Da ist die Tür, kriege ich sie auf?‹ Und dann schaffen sie es und erreichen wirklich das ganz große Ziel. Dann fallen die Spieler automatisch in ein Loch, zumindest in ein Konzentrationsloch.

Im Grunde hätte man den deutschen Spielern nach der Weltmeisterschaft sagen müssen: ›Jetzt macht ihr erst einmal vier Wochen Pause. Wir sehen uns erst am dritten Bundesliga-Spieltag und dann bauen wir euch bis zum zehnten Spieltag langsam wieder auf.‹ Ich übertreibe, um es zu verdeutlichen. Aber dann wären die Spieler zumindest im Oktober wieder topfit gewesen. So quälen sich die WM-Spieler bis Weihnachten durch, haben dann nur zwei Wochen Pause, und quälen sich dann in der Rückrunde weiter. Dabei müsste man sie eigentlich für eine Zeit lang aus dem Wettkampf rausnehmen. Aber da gibt es natürlich Mannschaften, die von der Qualität ihrer Nationalspieler leben und der Trainer sagt: ›Was passiert denn, wenn die zwei Nationalspieler nicht auflaufen? Wie sehe ich dann aus, wenn die Mannschaft verliert?‹ Da haben wir das Thema ›Druck‹ wieder, wie schon vorhin im Jugendbereich. Dann gehören vielleicht auch noch internationale WM-Teilnehmer zum Kader, die ähnliche Belastungen hatten. Das ist nicht einfach zu handhaben. Zu lange sollte eine Spielpause aber möglichst nicht dauern, es braucht schließlich auch Zeit, wieder in den alten Rhythmus zurückzufinden.«

Deutschland ist eine Turniermannschaft, weil …

»Bei Turnieren besitzt Deutschland die notwendige Mentalität, um erfolgreich zu sein. Dieser Turniercharakter entwickelt sich im Laufe des Wettbewerbs. 2014 hätten wir schon im Achtelfinale gegen Algerien rausfliegen können, und trotzdem wurden wir Weltmeister. Die deutschen Nationalteams haben fast immer den Glauben an den Erfolg, bleiben diszipliniert in ihrer Verhaltensweise, können bei Bedarf noch etwas drauflegen und halten sich meist auch bei Rückstand an den Plan, um einen offenen und unkalkulierbaren Schlagabtausch zu vermeiden. Ausnahmen wie 2014 gegen Ghana bestätigen die Regel.«

Wie gelang es Borussia Mönchengladbach in der Hinrunde der Saison 2014/15 als einer der ganz wenigen Mannschaften, dem FC Bayern ernsthaft Paroli zu bieten?

»Gladbachs damaliger Trainer Lucien Favre arbeitet gerade im Abwehrbereich sehr gut mit seinen Mannschaften, macht Extra-Stunden mit den Spielern: wie sie gut stehen, die Passwege zustellen. Das sind zwar alte Weisheiten, aber wie ernsthaft und konsequent Favre das betreibt, ist schon enorm. Die Gladbacher standen nicht nur sehr gut, sie reagierten auch sehr schnell. Das ist die hohe Kunst des Abwehrverhaltens: Wenn man in der Kette steht, also im Raum und nicht gegen den Mann spielt, dass man dann, wenn ein Gegenspieler in den Raum hineinkommt, Zugriff hat. Favre gelingt es, dass die Abwehrkette oder sogar alle Feldspieler parallel wandern, gleichzeitig reagieren. Dadurch sind die Schnittstellen, die der Gegner durch sein Passspiel öffnen möchte, immer noch eng.«

Wie schwierig ist das Coachen während einer Begegnung schon aus akustischen Gründen?

»Wenn es aufgrund einer hohen Geräuschkulisse schwierig ist, Anweisungen an die Spieler mündlich weiterzugeben, können Sie auch nonverbal arbeiten. Bei der Kommunikation zwischen Trainer und Spielern während der Partie geht es darum, was vorab besprochen wurde. Anweisungen im Spiel sind immer nur ein zusätzlicher Hinweis. Ein klassisches Beispiel: Wenn ein Spieler den Ball direkt spielt, obwohl ich ihm gesagt habe: ›Wenn du mit dem Rücken zum Gegner stehst, nimm ihn an, damit die Mitspieler nachrücken können‹, dann zeige ich ihm zwei Finger, die bedeuten: zwei Kontakte. Er versteht mich akustisch nicht, aber er sieht zwei Kontakte. Dann kommt oft ein ›Ja, ich weiß‹ zurück. Der eine oder andere Spieler denkt dann vermutlich: ›Trainer, warum zeigst du mir das, ich weiß es doch!‹ Doch ich werde immer wieder darauf hinweisen, bis der Spieler es beherzigt. Wenn er es nicht macht und dadurch unser Spiel kaputtgeht, setze ich einen anderen Spieler ein. Mit den Zeichen helfe ich und gebe Tipps. So ist der Spieler auch nicht überrascht, wenn er ausgewechselt wird, weil er es nach dem dritten Hinweis immer noch nicht umgesetzt hat. Diese Kommunikation ist wichtig.«

Die Grenzen für Trainer liegen …

»Trotz aller taktischer Überlegungen: Das Ergebnis können wir Trainer letztlich alle nicht wirklich beeinflussen. Wir planen, machen, tun, aber es sind eben diese ›blöden Kleinigkeiten‹ (Wormuth lacht), die entscheiden, ob der Ball verspringt oder ins Tor geht. Oder der Gegner hat nur eine Standardsituation und die verwandelt er, weil einer von uns geschlafen hat – oder weil die Qualität des Stürmers so hoch war, dass er schlicht besser war beim Kopfball. Dann haben Sie zwar wunderbar gearbeitet, alle waren zufrieden, haben ›richtig tollen Fußball‹ gezeigt, verlieren jedoch mit 0:1. Das sind dann die Grenzen der Taktik. Andererseits ist das auch das Schöne am Fußball, sonst wäre er nicht interessant. Wenn im Basketball vier der fünf gegnerischen Teamspieler richtig gut sind, kann man das Spiel eigentlich gar nicht gewinnen. Im Fußball ist der Ausgang offener. Ich sage immer: ›Wir können nur die Wahrscheinlichkeit erhöhen, ein Spiel zu gewinnen.‹ Das ist positiv formuliert und gefällt mir besser als ›Wir versuchen, den Zufall zu minimieren‹. Dennoch: Ich kann Ihnen spontan fünfzehn oder sechzehn Faktoren nennen, die ein Spielergebnis beeinflussen; das Spielglück aber lässt sich nicht beeinflussen. Doch das gehört eben auch mit dazu. Trainer können die Leistung einer Mannschaft beeinflussen, nicht aber den Erfolg. Den können sie nur wahrscheinlicher machen.«



Frank Wormuth, Jahrgang 1960, spielte während seiner aktiven Profilaufbahn für den SC Freiburg und Hertha BSC Berlin in der zweiten Bundesliga. Die Trainerkarriere begann der einstige Verteidiger in der Tiefe des Amateurfußballs beim FC Nimburg und FC Teningen. Seine Karriere im Leistungsbereich startete er als Co-Trainer bei Fenerbahce Istanbul in der Türkei, wo er gemeinsam mit seinem früheren Freiburger Mitspieler und heutigem Bundestrainer Joachim Löw für eine Saison tätig war. Als Cheftrainer folgten Stationen beim SC Pfullendorf, SSV Reutlingen 05, Union Berlin und VfR Aalen. 2008 übernahm Wormuth den Posten des Leiters und Hauptdozenten der DFB-Fußballlehrer-Ausbildung an der Hennes-Weisweiler-Akademie, zunächst mit Sitz in Köln und seit 2011 in der Sportschule Hennef. Von 2010 bis 2016 trainierte er in Personalunion auch noch die deutsche U20-Nationalmannschaft. Dazu analysiert der gebürtige Berliner bei verschiedenen Medien das aktuelle Fußballgeschehen. Wormuth wird als kritischer Taktikexperte geschätzt, der klare Ansichten zu Entwicklungen im Fußball vertritt, die zuweilen auch der herrschenden Meinung widersprechen. Nach zehn Jahren beim DFB nahm Wormuth 2018 eine neue Herausforderung an und wurde Cheftrainer beim niederländischen Ehrendivisionär Heracles Almelo.

Ein spezielles Vorbild als Trainer hatte Wormuth nie, auch nicht aus seiner Spielerzeit. »Ich habe von allen Trainern das mitgenommen, was ich für mich als richtig empfand. Heute lerne ich am meisten von meinen Schülern, weil sie mich permanent fordern und ich mich dadurch immer hinterfragen muss.« Für Wormuth ist es ein Rätsel, weshalb er nie einem Vorbild nacheiferte: »Bis heute habe ich darauf keine Antwort gefunden. Ich sauge eher Impulse von anderen auf und übertrage sie auf meine Arbeit. Ich habe mich immer schon als Projektarbeiter gesehen, sodass ich jedes Projekt – und in der Trainerbranche hat man hauptsächlich kurzfristige Projekte – mit voller Begeisterung angegangen bin. So war es auch, als ich für einen Amateurverein das Marketing entwickelte oder abseits des Fußballs als Diplom-Betriebswirt für Speditionen tätig war. Meine Maxime ist: ›Wenn du etwas machst, dann mache es zu einhundert Prozent.‹ Das hat das Projekt verdient und du kannst morgens in den Spiegel schauen.«

* Der Begriff »erste Abwehrreihe« (statt »erste Angriffsreihe«) mag an dieser Stelle zunächst verwundern, bezieht er sich doch auf Stürmer. Er macht aber aufgrund folgender Überlegung Sinn: Innerhalb des Spiels gibt es zwei Phasen, bei eigenem Ballbesitz spricht man von Angriffsverhalten, bei Ballbesitz des Gegners von Abwehrverhalten. Demnach ist die erste Reihe, die den Ball zurückerobern kann, die erste Abwehrreihe – auch wenn es sich dabei um Stürmer handelt. Voraussetzung ist, dass die abwehrende Mannschaft komplett hinter dem Ball steht, auf die Aktion des Gegners wartet oder aktiv versucht, den Ball zu erobern.

* Volker Finke war von 1991 bis 2007 Trainer des SC Freiburg und von 2013 bis 2015 Nationalcoach von Kamerun. Mit knapp 16 Trainerjahren hintereinander bei einem Verein hält er den Rekord für die längste Amtsperiode im deutschen Profifußball.

Die sanfte Revolution: Daniel Niedzkowski und die neue Fußballlehrer-Ausbildung
Der Modernisierer

Im Loft in Berlin trägt Frank Wormuths Nachfolger einen dunklen Pullover und helle Turnschuhe. Der Deutsche Fußball-Bund veranstaltet im November 2019 in der Hauptstadt einen Medienworkshop am Salzufer, wo sich einige Start-up-Unternehmen angesiedelt haben. Das Thema: »Der neue DFB & seine Akademie«. Daniel Niedzkowski hat alles an einem Laptop vorbereitet, bevor er Journalisten erklärt, wie sich die Fußballlehrer-Ausbildung seit dem Frühjahr 2018 verändert hat. Es war der Zeitpunkt, als sich Wormuth nach zehn Jahren als DFB-Chefausbilder entschloss, ein Angebot des niederländischen Erstligisten Heracles Almelo anzunehmen, um wieder täglich mit einer Profimannschaft arbeiten zu können. Niedzkowski und Wormuth hatten lange zusammengearbeitet, sodass die von der Frankfurter Rundschau 2019 als »sanfte Revolution« betitelte Reform der Fußballlehrer-Ausbildung keinen kompletten Bruch mit bislang gültigen Prinzipien an der Hennes-Weisweiler-Akademie bedeutet.

Die Schüler der Klasse von 2020 können Teile ihrer Ausbildung nun bei der Mannschaft absolvieren, die sie trainieren. Zu aufwändig war das Pendeln von Hennef für viele Trainer aus dem Profibereich im Lehrgang geworden, die Doppelbelastung aus anspruchsvollem Unterricht und Beruf kaum noch miteinander zu vereinbaren. Die Präsenzzeiten in der Akademie wurden deshalb zurückgefahren, stattdessen gibt es einen Online-Campus, der durchaus revolutionäre Elemente enthält. Denn das bislang als Sakrileg empfundene Filmen des Cheftrainers bei der Kabinenansprache wird künftig dazugehören. »Da haben wir jetzt unsere ersten Erfahrungen gemacht und es wird sicherlich zukünftig ein entscheidender Bestandteil werden«, sagt Niedzkowski. Verdeutlicht aber auch: »Was in der Kabine passiert, können nur wir sehen. Es ist also nicht öffentlich.« Bislang gingen die Lehrgangsteilnehmer mit dem Wissen aus der Ausbildung, wie man die Ansprache theoretisch machen müsste. »Aber wir hätten nie gesehen, wie sie es in der Praxis umsetzen. Aber Spielcoaching ist die Königsdisziplin. Deshalb ist uns schon wichtig, sie auch mal in der Situation konkret zu sehen.«

»Einfacher werden«

Niedzkowski will technische Hilfsmittel im Fußball nicht überbewerten. Dass Spiele am Laptop vorbereitet werden, ist für jüngere Trainer alltäglicher Bestandteil ihres Jobs. »Ich glaube, dass sie alle jetzt schon ein sehr gutes Wissen haben, was Spielanalyse, Spielstrategie und Matchplan betrifft. Diese Themen werden in Deutschland stark betont. Oft hakt es ein bisschen daran, dem Menschen das Wissen näher zu bringen. Wie kann ich das über die Woche mit der Mannschaft vorbereiten? Und wie kann ich den Plan mit individueller Freiheit verbinden? Gerade wenn man mit Topspielern arbeitet. Ich bin mir sicher, dass die Wissensvermittlung in der Praxis durch die Reform verbessert wird. Dadurch, dass wir sehen, wie die Trainer ihr Wissen tatsächlich an ihre Mannschaft bringen.« Es stehe also oft gar nicht im Mittelpunkt, noch komplexere Möglichkeiten kennen zu lernen, sondern gehe manchmal eher darum, einfacher zu werden. Einfacher in der Kommunikation und effektiver, wie man es dem Spieler entgegenbringt.


Über den Jahrgangsbesten des Fußballlehrer-Jahrgangs von 2009 gibt es eine schöne Anekdote. Wie Holger Stanislawski in der Ausbildung Jugendliche mit einer Breakdance-Einlage verblüffte, hat seinerzeit den anderen Lehrgangsteilnehmern Lachtränen in die Augen getrieben. »Das ist lange her. Ich habe mein Praktikum selber bei Stani gemacht. Wenn er vor der Mannschaft stand, hat der die unglaublich gepackt gekriegt. Er hat aus dem Stehgreif eine Ansprache gehalten, wo ich dachte, die Spieler hängen an seinen Lippen. Das war auch emotional immer so passend.« Stanislawski habe aus seinem Gefühl heraus den richtigen Winkel gefunden, wie er die Spieler jetzt ansprechen muss. »Das fand ich sehr beeindruckend«, erinnert sich Daniel Niedzkowski, der den legendären Breakdance von Hennef allerdings nicht bestätigen kann. »Aber ausschließen kann ich es auch nicht.« Der Leiter der Hennes-Weisweiler-Akademie glaubt, dass es ein absolutes Unterschiedsmerkmal ist, »eine Mannschaft gepackt zu kriegen«. Stanislawski wendet ungewöhnliche Formen der Mitarbeitermotivation inzwischen als Leiter mehrerer Supermärkte in Hamburg an. Stani war Trainer beim FC St. Pauli, 1899 Hoffenheim und beim 1. FC Köln. Sein Talent zum lockeren Spruch zur rechten Zeit kennen die Fernsehzuschauer aus seinen Taktikanalysen im ZDF.

Nicht nur das Filmen in der Kabine ist neu, den angehenden Fußballlehrern wird von den Ausbildern auch nahegelegt, ein Praktikum im Ausland zu absolvieren. Die taktisch innovativen Klubs in den Niederlanden sind besonders beliebt, nicht zuletzt weil sie von Hennef aus gut erreichbar sind. »Es gab drei Trainer, die bei Ajax Amsterdam waren. Es gibt auch Heracles Almelo, wo mein Vorgänger Frank Wormuth erfolgreich arbeitet. Oder den AZ Alkmaar, einen sehr innovativen Klub.« Der gesamte Fußballlehrer-Lehrgang ist zu einer Maßnahme nach Holland gereist, in der es darum ging, sich mit Trainern aus dem belgischen und niederländischen Verband auszutauschen. Die Niederländer hatten bei den Trainingseinheiten sechs Trainer auf dem Platz, die Belgier vier. »Und es hat funktioniert.«

Die taktische Entwicklung bei Ajax Amsterdam hat Niedzkowski beeindruckt. »Sie sind mit ihrer Profimannschaft komplett von dem weggegangen, was sie früher gemacht haben. Früher war es so, dass Ajax versucht hat, das Spielfeld so groß wie möglich zu machen. Sie hatten eine Tradition von Eins-gegen-Eins-Spielern auf der Außenbahn. Sie haben versucht, ihre Flügelspieler durch diesen großen Platz in Eins-gegen-Eins-Situationen zu kriegen. Die Außenbahnen waren doppelt besetzt. Sie spielen jetzt komplett anders. Es war spannend zu sehen, wie das trainiert wird. Immer in ganz kurzen Sequenzen. Sie versuchen ganz viele Spieler in Ballnähe zu kriegen, und durch schnelle Kombinationen gefährlich zu werden. Sich mit Kurzpassspiel durchzukombinieren.« Für die deutschen Trainer, die dort hospitiert haben, sei es ebenso spannend gewesen, den Umbruch aus nächster Nähe zu verfolgen. »Die ›alte‹ Philosophie war über Jahrzehnte gewachsen. Irgendwann dachten sie, ›wir bleiben in unserer Entwicklung stehen‹. Gerade Erik ten Hag hat dabei jetzt einen wichtigen Impuls gesetzt.«



Daniel Niedzkowski, Jahrgang 1976, startete seine Trainerkarriere mit der Erfahrung von 47 Regionalligaeinsätzen für den Wuppertaler SV und den FC Remscheid. Der ausgebildete Fußballlehrer wurde 2013 Co-Trainer bei Bayer Leverkusen, wo er zwei Jahre mit Roger Schmidt zusammenarbeitete. 2016 wechselte der gebürtige Solinger zum DFB, wo er seitdem Co-Trainer der U21-Nationalmannschaft unter Stefan Kuntz ist. 2018 übernahm Niedzkowski außerdem die Leitung der DFB-Trainerausbildung in Hennef als Nachfolger von Frank Wormuth. Für Niedzkowski schließt sich damit ein Kreis, war er doch vor seiner Zeit in Leverkusen ein enger Mitarbeiter Wormuths an der Hennes-Weisweiler-Akademie gewesen.

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Дата выхода на Литрес:
29 апреля 2025
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297 стр. 46 иллюстраций
ISBN:
9783767920910
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