Читать книгу: «Wir plus drei»
Ell Wendt
Wir plus drei
Saga
Wir plus dreiCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1947, 2020 Ell Wendt und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726629262
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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DIE KUCKUCKSUHR
Wenn die Kuckucksuhr zum Schlage ausholte, hörte man es im ganzen Hause. Es gab ein heiser rasselndes Geräusch, bevor der hölzerne Vogel aus der kleinen Tür über dem Zifferblatt hervorschnellte, um mit schrillem Eifer die Stunde zu künden.
Stefan haßte Kuckucksuhren, ich nicht minder. Es war nur dem kleinen Michael zu verdanken, wenn die Uhr an ihrem Platz in der Wohnstube gelassen worden war. Als wir hinausfuhren, um das Haus zu mieten, waren die Kinder dabei gewesen, und nichts, weder das Haus selber, noch der Garten, noch die ganze Ortschaft Riedling, hatte Michael so bezaubert wie die Kukkucksuhr. Mit runden Augen und offenem Munde stand er davor, nicht einmal das verächtlich hervorgeschnaubte Wort »Kitsch«, mit dem seine Schwester Corinna die Uhr abtat, hatte seine Begeisterung zu trüben vermocht. Aber schließlich war Corinna neunzehn Jahre alt und Michael erst acht. Ihre Ansichten über Kitsch gingen naturgemäß stark auseinander, vorausgesetzt, daß Michael überhaupt welche hatte. Vielleicht hätte Stefan trotzdem auf Entfernung der Uhr bestanden, denn seiner Behauptung, sie werde ihn bei der Arbeit stören, konnte auch Michael sich nicht verschließen, wenn nicht die Dame, die uns das Haus vermietete, sie mit bewegten Worten unserer Fürsorge anempfohlen hätte.
»Ich habe leider keinen Platz für die Uhr«, sagte sie und schneuzte sich in ein schwarz gerändertes Taschentuch, bevor sie mit umflorter Stimme hinzufügte: »Mein verewigter Gatte hing so sehr an ihr.« Wir standen umher und schwiegen verlegen und achtungsvoll. Obwohl Herr Oberpostrat Kleinschroth schon vor drei Jahren von dieser Welt Abschied genommen hatte, schien seine Witwe ihn mit unverminderter Heftigkeit zu betrauern, und zwar tat sie es mit einem beträchtlichen Aufwand an schwarzem Stoff und Schleiern. Von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt, bot sie einen zugleich pompösen und ergreifenden Anblick, der auch dann kaum an Wirkung verlor, als wir erfuhren, daß sie mit dem »Verewigten« wie Katz und Hund gelebt hatte.
Nachdem wir das Haus bezogen hatten, siedelte die Oberposträtin ins Dachgeschoß über, das sie, uneingedenk der Tatsache, daß es aus drei Zimmern bestand, schmerzlich lächelnd ihr »Witwenstübchen« nannte. Über dem Sofa hing eine achtfach vergrößerte Fotografie des »Verewigten«, von Trauerflor und Immortellen umrahmt.
Sie ist der leibhaftige Pompe funèbre, stellte Stefan eines Tages mißbilligend fest.
Natürlich wollte Michael wissen, was Pompe funèbre sei, und da wir keine Lust zeigten, es ihm zu erklären, wandte er sich an seine Schwestern: »Juli, was heißt Pomp-Pomp fü – –?«
»Keine Ahnung.«
»Aber du hast doch schon Englisch in der Schule«, sagte Michael vorwurfsvoll.
»Es ist kein Englisch«, verteidigte sich Julia. »Frag Co. Sie weiß es sicher.«
»Co, was heißt Pomp fü-füneber?« forschte Michael unerbittlich.
»Es heißt Trauerpomp«, sagte Corinna und sah Stefan, der sich ein Lachen verbiß, unsicher an, »nicht wahr, Vater?«
Aber Michael war noch nicht befriedigt. Er war ein hartnäckiges Kind und ging den Dingen gern auf den Grund. Wir hörten ihn mit Julia über das Wesen eines Trauerpomps beraten.
»Es gehören Kränze dazu«, erläuterte Julia, »und Lichter und Pferde mit schwarzen Büschen auf dem Kopf.«
»Schöön!« sagte Michael im Brustton der Überzeugung.
Wir gewöhnten uns an die Kuckucksuhr. Unversehens kam es dahin, daß sie den Lauf unserer Tage bestimmte. Wehn sie in der Frühe behauptete, es sei sechs Uhr, so wußte ich, daß ich noch ein paar friedliche Atemzüge tun durfte, bis die Kirchturmuhr von Riedling die unangenehme Tatsache bestätigte. Aber dann gab es kein Zaudern mehr. Unser Tag begann.
Resi kam die knarrende Treppe vom Dachgeschoß herunter, wo sie neben Pompe funèbres »Witwenstübchen« eine Kammer bewohnte, und weckte die Kinder. Ich erhob mich leise, um Stefan nicht zu stören, und ging hinüber. Seitdem Corinna, ihres Studiums wegen, die Woche über in der Stadt blieb, mußte ich mich selber der Sache annehmen. Sonst hatte sie, pünktlich und gewissenhaft, es auf sich genommen, die jüngeren Geschwister aus den Betten zu treiben. Namentlich bei der dreizehnjährigen Julia war das keine Kleinigkeit. Ihre Verträumtheit verhinderte erfolgreich, daß sie jemals zur rechten Zeit am rechten Ort war. Ich fand sie, auf dem Bettrand sitzend, wie sie nachdenklich ein Loch in ihrem Strumpf betrachtete.
»Aber Juli, warum hast du mir nicht gesagt, daß der Strumpf zerrissen ist?«
Julia hob mir ihr rosiges, verschlafenes Gesicht entgegen; es trug einen Ausdruck lieblicher Ratlosigkeit, der es einem schwer machte, ihr böse zu sein: »Ich hab’s nicht gemerkt.«
»So hole dir schnell ein Paar neue Strümpfe!«
Juli erhob sich und schlich zur Kommode. Ich öffnete seufzend die Tür zum Nebenzimmer. Dort stand Michael und ließ mit eifrig vorgeschobener Unterlippe die Seifenschale in der Waschschüssel schwimmen. Ich tauchte den Schwamm ins Wasser und drückte ihn über seinem Kopfe aus. Michael hüpfte wie ein Gummiball unter dem kalten Wasserstrahl, dabei redete er unaufhörlich. Der Schustertoni habe gesagt, es werde heuer viel Schnee geben. »Weil die Bäume so lange grün bleiben, weißt«, erläuterte Michael und erwog nachdenklich, ob das Christkind ihm ein Paar Schlittschuhe bringen werde.
»Wenn du dich nicht beeilst, wird es dir überhaupt nichts bringen«, sagte ich streng, während ich sein flachsblondes Haar striegelte. Zugleich bedachte ich Julia durch die offene Tür mit warnenden Zurufen. Hatte man jemals einen Menschen mit so aufreizender Langsamkeit sich anziehen sehen?
»Soll ich das rote Haarband nehmen oder das blaue?« erwog Julia.
Ich fühlte Verzweiflung in mir aufsteigen. Julia mußte den 7.15-Zug erreichen, um rechtzeitig in ihre Schule zu kommen. Soeben hatte der Kuckuck zwei Rufe ausgestoßen – halb sieben –.
»Nimm, welches du willst«, rief ich, »nur, um Himmels willen, beeile dich!«
Julia entschloß sich für das rote Band. Vor dem Spiegel stehend, lächelte sie sich selber verloren zu. Sie wußte, daß sie hübsch war, vielleicht ahnte sie sogar, daß hübschen Menschen manches nachgesehen wird im Leben.
Endlich war es soweit. Die Kinder saßen in der Wohnstube beim Frühstück. Die Wohnstube war der behaglichste Raum im Hause mit zirbelholzgetäfelten Wänden und bunt bemalten Bauernmöbeln. Es gab einen herrlichen grünen Kachelofen und einen großen Ohrensessel, dessen schwarze Wachstuchpolsterung kühl durch alle Kleider drang. Die von blauweiß karierten Vorhängen umrahmten Fenster öffneten sich auf ein winziges Gärtchen. Im Sommer blühten Stockrosen zwischen bunten Glaskugeln darin; jetzt scharrten Pompe funèbres Hühner, mißtönend gackernd, unter den welken Sträuchern herum. Jenseits des Gartenzaunes senkte sich der Hang sanft zur Ortschaft Riedling hin, mit saftigen Wiesen, darin, wie aus der Spielzeugschachtel verstreut, schmucke, kleine Häuser standen, von Menschen bewohnt, die der Stadt entflohen waren, sei es, um einen geruhsamen Lebensabend zu verbringen, sei es, um unbehelligt einem künstlerischen Beruf nachzugehen.
Wir gehörten der zweiten Gattung an. Bisher hätten wir mit Rücksicht auf die Schulzeit der Kinder den größten Teil des Jahres in der Stadt verbracht. Aber Stefans Nerven waren durch eine Grippe im Frühjahr in einen erbärmlichen Zustand geraten. Eines Tages hatte er behauptet, wahnsinnig zu werden, wenn er noch länger dem Hupen von Autos, dem Klingeln von Straßenbahnen und dem Läuten des Telefons ausgesetzt sei. Auch der Arzt hatte einen Ortswechsel empfohlen. So hatten wir die Stadtwohnung kurzerhand abgesperrt und waren mit Kind und Kegel herausgezogen. In Riedling machte Stefans Erholung schnelle Fortschritte, er steckte in einer neuen Arbeit und dachte nicht daran, in die Stadt zurückzukehren. Auch ich war vollkommen glücklich. Das einzige, was mich bedrückte, war, daß wir Miete zahlen mußten, hier wie dort, ein Problem, dessen Lösung Stefan mit bewundernswertem. Geschick aus dem Wege ging.
Es gibt Menschen, die die Ehe mit einem Dichter für ein Dasein in höheren Sphären halten. Sie schwärmen von gemeinsamem Gedankenflug und halten die Frau des Dichters für eine Art Muse, der er die Schleusen seines reichen Innenlebens hemmungslos öffnet.
Ich fürchte, ich muß sie, was Stefan betrifft, ein wenig enttäuschen, Wenn er arbeitete, war er unzugänglicher als eine Auster. Er glich einem Nachtwandler, der blind und taub für das, was um ihn her vorging, unter uns weilte. Wochen großer Schaffensseligkeit wechselten mit solchen ab, in denen er an sich selbst und seinem Werk verzweifelte. Wir nannten diesen Zustand den »toten Punkt« und fürchteten ihn sehr. Wieviel Mühe wir uns auch geben mochten, es war fast unmöglich, Stefan im Stadium des »toten Punktes« nicht auf die Nerven zu fallen. Am liebsten hätte er sich wie ein Mönch in eine Zelle eingesperrt, aber diese Zelle sollte behaglich sein wie Abrahams Schoß und Stefans Leben mehr denn je von einer Fürsorge erfüllt, die ihm jeden Stein aus dem Wege räumte. In solchen Zeiten war es keine Kleinigkeit, Stefan und die Kinder unter einen Hut zu bringen. Er hatte mich mit der Aufgabe betraut, ihnen Respekt vor der väterlichen Arbeit einzuimpfen. Ich tat, was ich konnte, aber es war nicht immer möglich zu verhindern, daß Michaels durchdringende Stimme in die heilige Ruhe seines Arbeitszimmers drang oder daß seine kleinen Füße ein heftiges Getrappel auf der Holzveranda vollführten. Dann konnte es geschehen, daß Stefan wie ein zürnender Gott unter uns fuhr und mit Donnerworten für eine kurze Weile einen Zustand verängstigter Stille schuf.
Draußen kämpfte die Sonne sich durch den milchigen Dunst des späten Oktobermorgens, der Himmel hing voll perlmutterfarbener Wölkchen. Im Gärtchen gackerten die Hühner, Orpheus’ schmetterndes Kikeriki grüßte sieghaft den Tag.
»Eurydike verliert ihre schönsten Federn«, berichtete Julia. »Resi sagt, sie sei in der Mauser.«
»Warum heißt das bunte Huhn Eu-Eury-?« Michael stolperte; mit Fremdwörtern stand er auf schlechtem Fuße.
»Eu-ry-di-ke«, buchstabierte Julia, während sie träumerisch Honig in goldenen Fäden auf ihr Brot rieseln ließ.
»Mumi – warum?« wandte sich Michael an mich.
»Frag nicht so viel«, verwies ich ihn, »zumal, wenn du etwas ganz genau weißt.«
Wir hatten ihm oft genug von Orpheus, dem begnadeten Sänger der griechischen Sage erzählt. Pompe funèbres Hahn verdankte seinen Namen einem besonders wohllautenden Organ, und da er in der Schar seiner Hennen einem bunten Minorkahuhn besondere Aufmerksamkeiten zu bezeigen pflegte, hatten wir es Eurydike getauft.
Rrrr – Chchchch – – Michaels Augen hefteten sich selbstvergessen auf die Kuckucksuhr.
Ich trieb Julia zur Eile an. »Glaubst du etwa, der ›Expreß‹ wartet auf dich?«
Man brauchte zehn Minuten, um zum Bahnhof zu gelangen; von Julia war nicht zu erwarten, daß sie es in weniger als einer Viertelstunde schaffen würde. Endlich stopfte sie den Rest ihrer Semmel in den Mund, stülpte den runden grünen Hut mit der Spieihahnfeder auf den Kopf und setzte sich, die Schulmappe unter dem Arm, in einen gelinden Trab. Michael, der in die Dorfschule ging, hüpfte wie ein junger Hund nebenher.
Ich stand am Zaun und sah ihnen nach, wie sie den Hang hinunterliefen. Julias Locken tanzten auf den kindlichen Schulfern, an der Wegbiegung drehte sie sich noch einmal um und winkte mir zu. Drunten fauchte der »Expreß« heran. Mit seinen hochräderigen Wagen und der stämmigen, kleinen Lokomotive, die bösartige schwarze Rauchwolken entsandte, schien er der Zeit der ersten Eisenbahn zu entstammen und hätte jedem technischen Museum zur Zierde gereicht. Eine Weile begleitete er das graue Band der Landstraße, um dann hinter den Häusern des Dorfes zu verschwinden. Das Rattern wurde schwächer und verstummte vor dem schmucken, weißen Bahnhofsgebäude mit der Aufschrift Riedling/Obb., daraus in diesem Augenblick der Stationsvorsteher Wurzbichler hervortrat, die Signalstange wie ein Zepter in der Hand. Ein gellender Pfiff. Das Rattern klang wieder auf und verklang. Hoffentlich hatte Juli den Zug erwischt!
Ich stand noch eine Weile und genoß den Morgenfrieden, die Wiesen, funkelnd von Tau, den herbstlich gefärbten Wald, der diesseits und jenseits des Tals die Höhen krönte, den barocken Kirchturm von Riedling inmitten der breit hingelagerten Bauernhöfe, und am Horizont, sanft von Dunst umhüllt, die Kette der Berge vom Wendelstein bis zur Zugspitze. Jenseits des Dorfes führte ein Serpentinenpfad zum Fluß hinab. Wir waren ihn im Sommer oft, gegangen, eingehüllt in den harzigen Duft des Waldes. Die Kinder hatten Beeren gesucht, und Michael hatte seine Papierschiffchen dem schäumenden Gebirgswasser anvertraut, das keine Schiffe auf seinen tanzenden Wellen duldete, außer den Flößen aus frischgehauenen Baumstämmen, die im Herbst von kräftigen Bauernfäusten talwärts gesteuert wurden.
Im Dachgeschoß knarrte eine Tür. Pompe funèbre betrat ihren Balkon und schmückte die Brüstung mit einem gewaltigen Federbett. Wir wechselten ein paar Worte, dahingehend, daß dem Wetter nicht zu trauen sei. Sie spüre es in ihrer linken großen Zehe, erklärte Pompe funèbre, und ihre linke große Zehe sei verläßlicher als ein Barometer. Dann teilte sie mir mit, bei Major Quantes sei gestern ein Gast eingezogen. Es handle sich um eine entfernte Verwandte, die, so munkle man, von den Aufregungen eines Scheidungsprozesses in ländlicher Einsamkeit Erholung suche.
»Hoffentlich zahlt sie für das Zimmer«, sagte Pompe funèbre, »Quantes könnten es gebrauchen, sie haben viel zu großzügig gebaut; Ich bitte Sie, sechs Zimmer für zwei Personen!« »Frau Major«, sagte ich, »warum vermieten Sie nicht?« Sie sah mich von oben herab an, als sei Vermieten für Majors eine Schande. »Mein Gott, mir ist es auch nicht an der Wiege gesungen worden, daß ich eines Tages gezwungen sein würde, zu vermieten, aber als wir seinerzeit bauten, sagte mein verewigter Mann –«
An den Zaun gelehnt, ließ ich zum hundertsten Male die Entstehungsgeschichte des Hauses, ausgeschmückt mit den goldenen Worten des »Verewigten«, über mich ergehen. Pompe funèbre tat sich viel darauf zugute, daß ihr Haus das erste am Hang gewesen war. Ein Jahr später hatte Professor Ambrosius Riedling entdeckt; ihm folgten Quantes und Frau Willbrandt-Schrödl. Im Laufe von wenigen Jahren war eine kleine Kolonie entstanden, deren Bewohner einander kannten wie Geschwister. Namentlich Pompe funèbre wußte in allen Häusern Bescheid. War es nicht erstaunlich? Gestern hatten Quantes einen Gast bekommen, und heute in der Frühe war Pompe funèbre bereits über alles Wissenswerte im Bilde!
Während ich ins Haus zurückging, fiel mir wieder einmal die Vorliebe des »Verewigten« für das Pittoreske auf. Nicht allein die Kuckucksuhr legte Zeugnis dafür ab, das ganze Haus war ein getreues Abbild jener Schweizerhäuschen, die man in Basaren zum Andenken an froh verlebte Ferien kauft und deren Inneres aus unerfindlichen Gründen ein Tintenfaß oder ein Nähkästchen beherbergt. Allenthalben fand sich Geschnitztes, an Giebeln und Balkonen, am Dachfirst und an den Fensterladen, die Haustür nicht zu vergessen, die ein von Heckenrosen umrahmtes SALVE zierte. Das Innere des Hauses wurde von der Malkunst beherrscht. Jede Tür trug ein alpines Emblem, ein Edelweiß etwa oder eine Enzianblüte, einen Gamsbock oder einen Steinadler. Wahrscheinlich hatte der Schöpfer der Embleme auch die Ölbilder in den Zimmern auf dem Gewissen. Sie wiesen eine gewisse Eintönigkeit sowohl in der Wahl der Motive als auch in den Farben auf. Bei allen handelte es sich um Berghäupter, grau und drohend vor einem Himmel von durchdringendem Blau. In der Wohnstube grüßten uns Zugspitze und Venediger, Stefan wurde an seinem Schreibtisch von der finsteren Größe des Matterhorns beeindruckt, über unseren Betten prangte der Großglockner, während Watzmann, Wendelstein und Benediktenwand sich auf die Zimmer der Kinder verteilten.
Wir hatten uns ehrfurchtsvoll gefragt, ob der »Verewigte« alle diese Gipfel bezwungen habe, aber eine Nachfrage bei Pompe funèbre hatte ergeben, daß sein Herzleiden ihm das Bergsteigen vor der Zeit verboten habe. So hatte er wenigstens seine Lieblinge im Bilde um sich haben wollen. Mit der Zeit war er von Sammelleidenschaft ergriffen worden; er hatte Gipfel gesammelt, so wie andere Freimarken oder Tabaksdosen oder Uhren sammeln.
»Wenn wenigstens nicht auf allen Bildern die Sonne schiene«, hatte Stefan eines Tages in einem Anfall von schlechter Laune ausgerufen, »ausgerechnet im Gebirge, wo es den halben Sommer regnet!«
»Aber dann sieht man die Berge nicht«, hatte Michael geantwortet. Vor dieser schlichten Logik mußten wir verstummen. Vielleicht war sie es gewesen, die dem Schöpfer der Bilder die Tube mit Kobaltblau in die Hand gedrückt hatte!
STEFAN
Um neun Uhr trat Stefan in Erscheinung. Er pflegte bis in die Nacht hinein zu arbeiten; die Folge davon war, daß er dem Leben, wie es sich in der Frühe darbot, mißtrauisch und ablehnend gegenüberstand. Man tat am besten, seine Gesellschaft am Morgen zu meiden. Die Beschaffenheit des Kaffees und der Semmeln, die Frische der Eier, die verlegte Morgenzeitung, alles konnte zum Stein des Anstoßes und zum Gegenstand gereizter Debatten werden. Ich beschränkte mich darauf, ihm das Nötigste in gefälliger Form mitzuteilen und allen Zündstoff, so weit als möglich, von ihm fernzuhalten.
Niemand wäre verwunderter gewesen als Stefan, wenn man ihn einen Tyrannen genannt hätte. Er war weder hochfahrend noch herrisch oder anmaßend; er kommandierte nicht und ließ sich nur selten zu Zornesausbrüchen hinreißen. Aber es gibt eine passive Form der Tyrannei, die darin besteht, von einem anderen stillschweigend zu erwarten, daß er alle jene Dinge tut, die man selber nicht gern tut. Stefan hatte eine Art, sich den unangenehmen Forderungen des täglichen Lebens zu entziehen, die mich manchmal zur Verzweiflung brachte. Er wollte durchaus nichts mit Steuerbehörden und Finanzämtern zu tun haben; Fragen, die Kinder und ihre Schulen betreffend, mußten von mir entschieden werden; ich erledigte seine Korrespondenz mit Verlegern und Schriftleitern. Nur wenn es um die Fabrik ging, streikte ich. Die Fabrik, seit Jahrzehnten im Besitz von Stefans Familie, stellte die Grundlage unseres Daseins dar, denn Stefans literarische Erfolge lagen mehr auf ideellem als auf materiellem Gebiet. Meine Meinung ging infolgedessen dahin, daß wir allen Grund hatten, uns über das Vorhandensein der Fabrik zu freuen. Stefan jedoch brachte der Herstellung von Marmelade eine aufreizende Interesselosigkeit entgegen. Erinnerungen an die Zeit, da er gezwungen gewesen war, gemeinsam mit seinem Vetter Kurt Lorentz in der Fabrik zu arbeiten, mochten schuld daran sein. Er behauptete erbittert, es sei die schlimmste Zeit seines Lebens gewesen, und der Geruch von Marmelade genüge seither, ihn krank zu machen.
Ich hörte die schmale Holztreppe unter seinen Füßen knarren, nun trat er ins Zimmer. Stefan gehörte zu den Menschen, die ihr eigenes Äußeres Lügen strafen. Seine herkulische Gestalt, der Kopf mit dem blonden, schon ein wenig schütteren Haar und den klaren, festen Zügen sagten nichts über die mimosenhafte Empfindsamkeit seiner Seele. Man war eher geneigt, ihn für einen Draufgänger zu halten, der Hindernisse im Sturm nahm. In Wirklichkeit jedoch wünschte er nichts sehnlicher, als ihnen aus dem Wege zu gehen. War er dennoch gezwungen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, so geschah es auf eine lapidare Weise, die aus dem Hindernis ein Bollwerk machte. Zu guter Letzt sah ich mich vor die undankbare Aufgabe gestellt zu retten, was zu retten war.
Stefan war nahe an fünfzig. Seine hohe Stirn trug die Spuren geistiger Arbeit, zwei schärfe Falten zogen sich von der Nase zu den Mundwinkeln herab, seine hellen Augen hatten den wachsamen Blick des Menschen, der gewohnt ist, hinter die Dinge zu schauen; am liebenswertesten war ein Zug von Humor um den Mund, der den Ernst seiner Züge auflockerte.
Während des Frühstücks erzählte ich, daß Quantes einen Gast bekommen hätten. »Pompe funèbre wußte schon eine ganze Menge darüber«, sagte ich und lächelte, weil in unserem kleinen Kreise jedes Vorkommnis übertriebene Bedeutung gewann.
Stefan nahm die Nachricht kaltblütig auf. Er empfand nicht allzuviel für Quantes, ihre Interessen gingen zu sehr auseinander. Der Major hielt nichts von Dichtkunst, in seinen Augen waren Schriftsteller, Bildhauer und Maler Müßiggänger, die »etwas Besseres hätten tun können«.
»Hätten Sie nichts Besseres tun können«, hatte er eines Tages zu Kunstmaler Sörensen gesagt, »als den ganzen Tag dazustehen und Leinwände vollzuschmieren? Wer kauft Ihnen das Zeugs ab? Ich für mein Teil sehe mir die Natur lieber in Wirklichkeit an, als sie in Öl an der Wand hängen zu haben.«
Sörensen hatte es uns lachend erzählt. Er bewohnte mit seiner jungen Frau und einem zwei Monate alten Buben ein winziges Häuschen, das oberste am Hang. Eigentlich war es nur ein Atelier mit einer Puppenküche als Anhängsel. »Es ist die reinste Hundehütte«, sagte Pompe funèbre schaudernd. »Ich glaube, sie schlafen am Boden. Nirgends habe ich ein Bett gesehen!«
Weder Stefan noch Sörensen nahmen dem Major seine negative Einstellung zur Kunst übel. Major Quante war stachlig wie eine Roßkastanie, aber hinter seiner barschen Außenseite barg sich ein warmes Herz. Außerdem mußte man ihm manches zugute halten, denn er litt still und heldenhaft unter der erzwungenen Untätigkeit, zu der eine schwere Kriegsverletzung ihn verdammte.
Stefan trank geistesabwesend seinen Kaffee, seine Gedanken waren schon bei der Arbeit. Wir schwiegen beide. Ohne das gleichmäßige Tick-tack der Kuckucksuhr und das sanfte Gegacker der Hühner im Garten wäre die Stille vollkommen gewesen. Der Himmel hatte sich bezogen. Sollte Pompe funèbres linke große Zehe recht behalten?
Auf dem sandbestreuten Pfad vor dem Hause erklang ein fester Schritt, einen Augenblick später tauchte der bärtige Kopf des Briefträgers Waggerl im offenen Fenster auf. »An Brief hätt i für Eahna«, sagte er und legte einen blauen Umschlag auf das Fensterbrett, »und a Drucksachn aa.«
Die Drucksache stellte sich als der Katalog einer Sämereienhandlung heraus, von der wir vor Jahren einmal Blumenzwiebeln bezogen hatten. Der Brief – blauer Umschlag, Maschinenschrift – verkündete neben der Warnung, Aufschrift und Marke nicht zu vergessen, in Fettdruck: Lorentz-Marmeladen sind die besten! »Von der Fabrik«, sagte ich und legte den Brief vor Stefan hin.
Er runzelte unwillig die Stirn. »Bitte, lies du ihn.«
Ich öffnete den Brief. Vetter Kurt berichtete über den Geschäftsgang. Ihm zufolge hatte die Obsternte unter dem verregneten Sommer gelitten. Ohne Obst keine Marmelade. Die Firma Lorentz & Co. ließ sich nicht zu unlauteren Methoden herbei wie beispielsweise das Konkurrenzunternehmen Pomona, das Marmelade aus gefärbtem Leim und Zucker herstellte. »Die Leute machen eine wahnsinnige Reklame für ihren Kleister«, schrieb Kurt. »Wir müssen uns auch zu einer verstärkten Propaganda entschließen. Propaganda ist alles. Wie wäre es, wenn du uns ein paar hübsche Verschen dichten würdest?«
»Er ist wahnsinnig«, sagte Stefan.
Zu jeder anderen Tageszeit hätte das Ansinnen, er solle seine Muse in den Dienst von Marmelade stellen, seinen Sinn für Humor geweckt. Zu so früher Stunde aber weckte es nichts als einen empörten Monolog über Menschen, die keine Achtung vor geistiger Arbeit hätten.
»Was kann man von einem Menschen erwarten, dem Marmelade das A und O des Lebens ist?« rief er erbittert aus.
»Du bist ungerecht«, sagte ich. »Wenn Kurt und die Fabrik nicht wären –«
Stefan sah mich vorwurfsvoll an. »Ich finde es nicht sehr taktvoll von dir, mich darauf aufmerksam zu machen, daß ich mit meiner Arbeit nicht genug verdiene, um meine Familie zu ernähren.«
Ich schwieg. Es hätte keinen Sinn gehabt, ihn wieder einmal daran zu erinnern, daß für die Mehrzahl der Menschen Marmelade mehr bedeutet als ein gutes Buch. Ein Buch zumal, wie Stefan es schrieb, still, unter Verzicht auf grobe Spannung und Sensationen jeder Art. Seine Bücher waren keine »Reißer« und würden es niemals werden. Viele liebten sie um der liebevollen Behutsamkeit willen, mit der er sich zu den Gründen und Hintergründen der menschlichen Seele vortastete, sie liebten seinen Humor und die Wahrhaftigkeit seiner Darstellung. Aber es war nicht anzunehmen, daß seine Bücher jemals jene Auflagenziffern erreichen würden, die aus einem Dichter einen reichen Mann machen.
Nach dem Frühstück steckte Stefan seine kurze Pfeife an und ging in sein Arbeitszimmer hinüber. Ein großer Tisch, vor das Fenster geschoben, bildete außer ein paar Stühlen die ganze Einrichtung. Dieses Zimmer war die Zuflucht des »Verewigten« gewesen. Wir hatten es vorgefunden, vollgestopft mit Möbeln aus der Plüsch- und Quastenzeit.
Es handle sich um alte Familienstücke, hatte Pompe funèbre wehmütig erklärt und zu unserer Erleichterung hinzugefügt, sie könne sich nicht von ihnen trennen.
Stefan haßte es, viel Möbel um sich zu haben. Er pflegte während der Arbeit im Zimmer umherzulaufen und brauchte volle Bewegungsfreiheit sowohl für seine Glieder als für seine Gedanken. Ein großer Tonkrug, mit Wiesenblumen oder buntem Laub gefüllt, war der einzige Luxus, den er sich gestattete.
Im Oberstock hörten wir Pompe funèbre mit Eimer und Besen hantieren. Sie war eine Fanatikerin der Sauberkeit und ließ es sich nicht nehmen, ihr »Witwenstübchen« täglich auszuräumen, um wie sie sagte, »gründliche Ordnung zu schaffen«.
Stefan seufzte. »Nicht einmal auf dem Lande hat man Ruhe.«
Ich trat hinter seinen Stuhl und streichelte sein Haar. »Wenn wir es erst zu einem eigenen Häuschen gebracht haben –« Dieses eigene Haus war das Ziel, dem alle unsere Wünsche zustrebten. Wir hatten schon einen Platz ausgesucht, wo es stehen sollte, ganz oben am Waldrand neben Sörensens »Hundehütte«. An stillen Abenden überboten wir uns im Pläneschmieden. Keiner von uns konnte zeichnen. Trotzdem fertigten wir einen Grundriß an, in dem niemand sich auskannte, nicht einmal wir selber. Aber wir zeichneten immer mehr hinein, so daß er allmählich einem Schnittmusterbogen glich mit seinem Gewirr rätselhafter Linien. Wir führten stundenlange Gespräche über die Zahl der Räume, über die Größe der Fenster und die Farbe des Holzes; wir ereiferten uns und vergaßen manchmal vollkommen, daß wir ein Luftschloß bauten, zu dessen Verwirklichung vorläufig alle Voraussetzungen fehlten. Zuweilen behauptete Stefan mit einem vorwurfsvollen Blick auf mich, die Kinder verschlängen Unsummen. Aber ich glaube nicht, daß unsere Kinder mehr kosteten als die anderer Leute. Außerdem war es Stefan, der ihnen, seinen Theorien von spartanischer Erziehung zum Trotz, keinen Wunsch abschlagen konnte.
Stefan befreite die »große Erika« von ihrer Wachstuchhülle. Seine Schreibmaschine hieß die »große Erika« im Gegensatz zur kleinen, die ihn auf Reisen begleitete und obendrein mir zur Erledigung seiner beruflichen Korrespondenz diente. Er spitzte umständlich mehrere Bleistifte, legte Papier zurecht und fluchte, weil er seinen Radiergummi nicht finden konnte. Seine Vorbereitungen erinnerten mich an die eines Menschen im Schwimmbad, der mit allerlei Listen und Ränken den Augenblick hinauszögert, in dem er sich dem nassen Element ausliefern muß. Endlich lagen und standen alle Dinge an ihrem Platz; der Augenblick, in dem nichts mehr den Schwimmer hindert, sich ins Wasser zu stürzen, war gekommen.
Ich zog leise die Tür hinter mir zu. Für die nächsten Stunden war Stefan der Welt und ihrem Treiben so entrückt, als lebe er auf einem anderen Stern.
PROFESSOR AMBROSIUS
Als ich aus dem Hause trat, war der Himmel grau in grau. Ein rauher Wind wirbelte ein paar bunte Blätter durch die Luft, die Berge waren hinter einer Wolkenwand verschwunden. Ich schlug den Kragen meines Mantels hoch und ging schnell den Pfad zum Dorf hinab, den ein windschiefes Schild als Benediktenwandstraße bezeichnete. Eine kühne Bezeichnung übrigens, denn wenn man es recht besah, konnte von einer Straße nicht die Rede sein. Aber der Gemeinderat war offenbar der Ansicht gewesen, daß das Vorhandensein von Häusern das Vorhandensein von Straßen bedinge. So waren die schmalen Pfade, die sich durch die Wiesen zogen, vermittels Beschriftung in den Straßenstand erhoben worden. In der Benediktenwandstraße wohnte außer Pompe funèbre und uns Professor Ambrosius; Quantes Haus stand an der Zugspitzstraße und das von Frau Willbrandt-Schrödl an der Ludwig-Thoma-Straße. Den Vogel aber hatten Sörensens abgeschossen, denn der liebliche Wiesenpfad, der sich an der »Hundehütte« vorbei zum Waldrand hinaufschlängelte, hieß Immanuel-Kant-Straße. Wir schrieben diesen genialen Einfall der Anwesenheit des Bäckermeisters Senftl im Gemeinderat zu. Herr Senftl war ein Mann, dessen Neigungen über das Bäckcereigewerbe hinaus den Bezirken des Geistigen zustrebten. Sein von paradiesischen Düften erfüllter Laden gegenüber dem Schulhaus war ein Magnet, der die Kinder unwiderstehlich anzog. Den Mittelpunkt des Dorfes aber bildete der Gasthof »Zum grünen Baum«, »ausgeübt« von Herrn Emanuel Holzeder. Hier hatten sowohl die Einheimischen als auch die Bewohner der »Kolonie« ihren Stammtisch; Höhepunkte des menschlichen Daseins als da sind Hochzeits-, Taufund Begräbnisschmaus, spielten sich im »Grünen Baum« ab; an stillen Abenden hörte man das Rollen der hölzernen Kugeln auf der Kegelbahn bis zum Walde herauf.
Neben dem Gasthof »Zum grünen Baum« betrieb Herr Holzeder einen Laden, von uns »Holzeders Bazar« genannt, denn es gab dort alles zu kaufen, angefangen bei Geräten für die Landwirtschaft bis zu kolonialen Erzeugnissen, wollener Unterwäsche, buntgeblumten Dirndlstoffen, Geschirr, Spielzeug, Nähnadeln und Ansichtskarten. Herr Holzeder durfte sich mit Recht rühmen, der reichste Mann des Dorfes zu sein, aber auch er hatte sein Kreuz zu tragen in Gestalt seiner einzigen Tochter, die eine schwere Erkrankung in früher Kindheit zum Krüppel gemacht hatte.
»Unser Herrgott sorgt schon dafür, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen«, pflegte Pompe funèbre im Hinblick auf Herrn Holzeders Tochter zu sagen, mit einer Miene triumphierender Gerechtigkeit, die ich aus Herzensgrund verabscheute.
Elf Uhr! Aus dem Schulhause strömten, schreiend und lachend, die Kinder. Meine Augen entdeckten Michael inmitten einer Schar raufender Buben, und mein Herz schlug höher beim Anblick seiner kleinen, festen Gestalt in der ausgewachsenen Lederhose. Ich liebte meine drei Kinder mit der gleichen Zärtlichkeit, in einem verborgenen Winkel meines Herzens jedoch war der kleine Michael unumschränkter Herrscher. Vielleicht weil er der Jüngste war, vielleicht aber auch aus dem unterbewußten Gefühl einer besonderen Verbundenheit zwisehen Mutter und Sohn heraus, deren Ursprung zu den Rätseln der Natur gehört.
»Mick hat niemals aufgehört, Mumis Schoßkind zu sein«, hatte Corinna einmal gesagt. Natürlich war es übertrieben, aber ein Körnchen Wahrheit steckte doch darin.
Nachdem ich meine Einkäufe bei Herrn Holzeder, beim Bäckermeister Senftl und in der Metzgerei des Herrn Alois Brunnhuber erledigt hatte, machte ich mich auf den Heimweg. Der Wind warf sich mir entgegen, er zerrte an meinen Kleidern und zwang mich, den »Unverwüstlichen«, einen altersgrünen Filz, den ich unter hemmungslosem Verzicht auf jede Eitelkeit hier draußen trug, tiefer in die Stirn zu ziehen. In der Benediktenwandstraße kam mir der Professor entgegen. Er wehte vor dem Winde daher, wie eine Fledermaus anzusehen in seinem flatternden Lodencape und mit den dünnen, grauen Haarsträhnen, die wirr seinen Kopf umstanden. Es gab schwerlich einen häßlicheren Menschen als ihn, und schwerlich einen, der ein gütigeres Herz besessen hätte. Unsere Freundschaft hatte ihren Ursprung in der Zeit, als ich sein Buch über ostasiatische Kultur las. Nie zuvor, so schien mir, war ein wissenschaftliches Thema bei vollkommener Durchdringung des Stoffes so kurzweilig und lebensnah angepackt worden. Hingerissen forschte ich von Stund an in Buchhandlungen und Zeitschriften nach Arbeiten von Professor Gregor Ambrosius. Nach einem Vortrag in der »Gesellschaft für Völkerkunde« faßte ich mir ein Herz und suchte ihn auf. Ich fand mich dem sonderbarsten kleinen Manne gegenüber, der mir jemals begegnet war. Graue Augen von durchdringender Klugheit beherrschten ein kleines, vogelähnliches Gesicht, dessen Häßlichkeit man, gefesselt von einer ungeheuren Beweglichkeit des Ausdrucks, alsbald vergaß. Die Kleidung des Professors war nicht dazu angetan, den ungewöhnlichen Eindruck seiner Erscheinung herabzumindern. Damals trug er zu einem Cut von vorsintflutlichem Schnitt einen gebatikten Flatterschlips. Er gestand mir später, daß es sich um den »Anzug für besondere Gelegenheiten« handle, während er auf dem Lande im »Wind- und Wetteranzug« einherging, einem zeitlosen Gebilde aus graugrünem Lodenstoff. Aus der Bekanntschaft wurde bald eine Freundschaft. Wenn der Professor nicht in seiner Eigenschaft als Ethnologe in fernen Ländern weilte, ging er fast täglich bei uns ein und aus. Stefan und er schätzten einander, obwohl oder vielleicht gerade weil sie so verschieden geartet waren. Die Kinder hingen ihm mit großer Liebe an, und mir wurde seine immer bereite Freundschaft zu einem nicht mehr fortzudenkenden Bestandteil meines Lebens. Vor etwa drei Jahren hatte er sich das kleine Heim in Riedling geschaffen, für den »Lebensabend«, wie er mit einem spöttischen Zwinkern sagte, aber wir waren überzeugt, daß es ihn noch mit siebzig wieder in die Welt hinaustreiben würde, unverwüstlich jung und springlebendig, wie er war.
»Hallo, Frau Elisabeth«, rief er mir zu, während er eine der zahllosen Unebenheiten der »Benediktenwandstraße« mit einem Sprung überwand, »woher des Weges? Nein, sagen Sie nichts. Lassen Sie meiner Phantasie freien Lauf! Wetten, daß Sie aus ›Holzeders Bazar‹ kommen?«
»Erraten!« sagte ich lachend. »Wetten, daß Sie sich auf dem Wege zu ›Holzeders Bazar‹ befinden?«
»Unser Scharfsinn ist bewundernswert. Stellen Sie sich einen Haushalt ohne Schraubenzieher vor! Gestern hatten wir noch einen, heute ist er wie vom Erdboden verschwunden. Ich faßte mir ein Herz und fragte Veronika, ob sie ihn vielleicht verlegt habe. Seitdem würdigt sie mich keines Wortes mehr.«
Wir lachten beide. Gekränktheit war ein chronischer Zustand bei des Professors betagter Haushälterin. Gott sei Dank machte er sich nichts daraus. Er nannte sie eine Prinzessin auf der Erbse, ein wahrhaft grotesker Name für die fünfzigjährige Veronika, die aussah wie ein braver Ackergaul.
»Übrigens traf ich vorhin den Major«, plauderte der Professor angeregt weiter, »er barst vor Neuigkeiten. Seit gestern ist die Gattin eines Walfischfängers bei ihm zu Gast.«
»Wer ist bei ihm zu Gast?«
»Eine Dame, deren Gatte als Funkoffizier bei einer Walfangflotte den Winter in der Arktis verbringt. Bevor er in See stach hat er seine Frau den Verwandten in die Arme gelegt, damit sie nicht so lange allein sei. Dem Major zufolge soll sie eine ›charmante Person‹ sein.«
Der Professor ahmte vortrefflich Herrn Quantes militärisch knappen Tonfall nach.
Also so verhielt sich das! »Und Pompe funèbre wußte schon von einer geschiedenen Frau zu berichten!«
Nein, von Scheidung war nicht die Rede gewesen. Im Gegenteil! Der Walfischfänger schien eher zu befürchten, daß die »charmante Person« während der langen Strohwitwenzeit auf Abwege geraten könnte. Im übrigen war der Major entzückt von seinem Gast. Er hatte dem Professor einen aufschlußreichen Vortrag über Walfische, Fangboote und Harpunen gehalten.
»Und was sagt Frau Quante?«
»Sie wird einen Tee veranstalten, um uns die Walfischfängersgattin vorzuführen.«
Ich mußte lachen. Es war Frau Quantes Leidenschaft, etwas zu veranstalten: Tees, Bridgepartien oder zwanglose Zusammenkünfte nach dem Abendessen, bei denen sie, jeder Zoll Regimentsdame, auf dem Sofa thronte.
Vom Kirchturm in Riedling kamen verwehte Glockenklänge.
»Um Himmels willen, zwölf Uhr!« Der Professor förderte von irgendwoher einen zerbeulten Hut zutage und drückte ihn auf seinen Vogelkopf. »Ich muß mich beeilen. Die Prinzessin auf der Erbse würde es nicht überleben, wenn ich zu spät zum Essen käme! Auf Wiedersehen, teure Freundin!«
»Auf Wiedersehen, Professor! Besuchen Sie uns bald!«
»Grüßen Sie Stefan und die Kinder.« Seinen grotesken Hut schwingend, verschwand er flatternd um die Wegbiegung, während ich, durch Löcher und Spurrinnen stapfend, die Benediktenwandstraße erklomm. Als ich das Gatter zum Vorgarten öffnete, begann es zu regnen. Die Hühner kauerten aufgeplustert und unansehnlich im Schutze der Hauswand. Orpheus hatte stark an Wohlgestalt verloren; sein Kamm hing wie eine Jakobinermütze herab. Grämlich hockte er inmitten seines Harems und gönnte nicht einmal der bunten Eurydike die kleinste Aufmerksamkeit.
CORINNA
Zum Wochenende kam Corinna heraus. Wenn man sie des Weges daherkommen sah in ihrem ewigen Kamelhaarmantel, die unvermeidliche Baskenmütze auf dem linken Ohr, mit weit ausgreifenden Schritten, selbstbewußt und energiegeladen, war es unmöglich, sich vorzustellen, daß sie in ihrer ersten Lebenszeit ein Flämmchen nahe am Erlöschen gewesen war. Unsere Freunde hatten uns seinerzeit gestanden, daß sie keinen roten Heller für das Leben der kleinen Corinna gegeben hätten. Wir selber waren von angstvollen Zweifeln ergriffen worden beim Anblick des erbärmlichen kleinen Dings, das die Nahrung verweigerte und niemals schrie, und manchmal hatte ich mich gefragt, ob dies vielleicht die gerechte Strafe für unsere Überheblichkeit sei, die ein so winziges Geschöpf mit einem so gewichtigen Namen belastet hatte.
Damals hatten wir gemeinsam nach dem Ungewöhnlichen getrachtet. Es bestand für uns kein Zweifel darüber, daß unser erstes Kind, gleichviel ob Bub oder Mädchen, ein Wunder seiner Art werden würde; natürlich mußte ein Name gefunden werden, der des Wunders würdig war. Wir legten Listen an. Auf der Bubenliste stand, einmütig genehmigt, der Name Michael. Auf der Mädchenliste stritten Bettina, Agathe und Cordelia um den Vorrang, mit der Zeit kamen Julia und Violetta hinzu. Wer die Wahl hat, hat bekanntlich die Qual. Der Reichtum unserer Phantasie wirkte sich lähmend auf unsere Entschlußkraft aus. Bis eines Abends – es war ein Monat, bevor das Kind zur Welt kommen sollte – Stefan sich im Bett aufrichtete und feierlich verkündete, jetzt habe er es. Wenn unser Kind eine Tochter werde, müsse sie Corinna heißen.
Corinna! Ich war entzückt. Es klang nach römischer Kaiserzeit. Wie um alles in der Welt war Stefan darauf gekommen?
Stefan legte sich befriedigt zurück. Ich erfuhr, daß Corinna die geniale und leidenschaftliche Heldin eines Romans gewesen war, der ihn als Siebzehnjährigen begeistert hatte. Genial und leidenschaftlich! Konnte man sich eine bessere Mischung vorstellen? Aber als ich das Neugeborene zum erstenmal im Arm hielt, wurde ich von heftigen Zweifeln beschlichen, ob dieses krebsrote, zappelnde Wesen jemals der romantischen Idealgestalt gleichen würde, deren Bild Stefan im Busen trug. Er beruhigte mich mit dem Hinweis darauf, daß auch Julius Cäsar und Napoleon einmal krebsrote Babys gewesen waren. Das leuchtete mir ein, obwohl es mich einige Mühe kostete, mir die Helden der Weltgeschichte in Windeln vorzustellen.
Dem allgemeinen Pessimismus in bezug auf ihre Lebensfähigkeit zum Trotz wuchs Corinna heran. Schon mit zwei Jahren war sie eine kleine Persönlichkeit. Ihr erstes Wort war »allein.« Ein Grundzug ihres Charakters tat sich darin kund: ihr unbändiger Drang nach Selbständigkeit. Sie wußte haargenau, was sie wollte, sie war zielstrebig und mit Energie geladen, ihre kleinen Füße wurzelten fest in der Wirklichkeit. Sie war leicht zu erziehen und schwer zu fassen, denn sie hatte ein stolzes Herz, das sich ungern erschloß. Hinter ihrer runden Stirn wohnten nur klare Gedanken, sie besaß nicht den geringsten Sinn für Romantik und hatte ein verächtliches Zucken der Mundwinkel für das, was sie als Kitsch bezeichnete. Und das war das meiste von dem, was junge Mädchen ihres Alters lieben. Corinna empfand nichts beim Anblick einer vollmondüberglänzten Landschaft, sie schwärmte weder für Filmstars noch für sonst irgend etwas. Wenn sie einen Menschen oder eine Sache lobte, geschah es mit objektiver Sachlichkeit. Sie war herb, äußerlich und innerlich, und doch war ihr eigenwilliger Kopf so liebenswert mit dem kurz geschnittenen Haar, mit den stahlgrauen Augen und der kleinen geraden Nase über dem trotzigen Mund. Manchmal hatte ich Lust, sie in die Arme zu nehmen und ihr zu sagen, daß sie doch noch ein dummes kleines Mädchen sei. Aber ich hütete mich wohl, es zu tun; sie hätte es mir schwerlich verziehen!
Corinna war Stefans Stolz. Er bewunderte alles an ihr, angefangen bei ihrem selbstbewußten Draufgängertum, das seinem Wesen im Grunde so fremd war, bis zu dem mit großer Festigkeit geäußerten Entschluß, Medizin zu studieren. Sie ihrerseits nannte ihn einen »verdammt feinen Kerl«. Es war das höchste Lob, das sie zu vergeben hatte. Wenn sie sich unbeobachtet glaubte, konnte es geschehen, daß sie in einer jähen Aufwallung von Zärtlichkeit den Kopf an seiner Schulter rieb. Sie durfte ihn beim Vornamen nennen, vielmehr, sie sagte »Steff«, mit jener Vorliebe für burschikose Abkürzungen, die ein Merkmal der Jugend von heute ist, während sie für ihre Person darauf bestand, »Co« genannt zu werden.
»Niemals werde ich begreifen, warum ihr mir einen Namen gegeben habt, der einen bunten Hund aus mir macht!« hatte sie eines Tages empört ausgerufen.
Wir hatten einander betreten angesehen. Corinna, geniale und leidenschaftliche Romanheldin des neunzehnten Jahrhunderts! Vielleicht hätten wir daran denken sollen, daß wir uns im zwanzigsten befanden!
Wenn Co samstags herauskam, wehte eine andere Luft im Hause. Die Tatsache, daß sie sechs Jahre älter war als Julia und elf als Michael, schien ihr das Recht zu geben, sich an der Erziehung der jüngeren Geschwister zu beteiligen. Ihre knappen, klaren Feststellungen hatten etwas Beunruhigendes.
»Julis Zerfahrenheit grenzt ans Sagenhafte«, sagte sie beispielsweise, »ich an deiner Stelle würde mir Sorgen machen.«
»Würdest du?« fragte ich freundlich.
»Man darf doch nicht einfach die Hände in den Schoß legen und zusehen, wie ein Mensch sein Leben verschläft«, ereiferte sich Co.
»Sie wird schon aufwachen«, sagte ich. »Schließlich kann es nicht nur vollkommene Menschen geben, nicht wahr?«
Co warf mir einen mißtrauischen Blick zu. Ich sah sie an und lachte. Ihre grauen Augen waren dunkel vor Empörung.
»Es ist nicht schön von dir, mich auszulachen«, rief sie heftig. »Ich meine es doch nur gut. Du bist zu nachsichtig, das ist es!«
Ich griff in ihr kurzes dunkelblondes Haar und schüttelte sie ein wenig. »Was würdest du sagen, wenn ich nicht nachsichtig wäre? Wenn ich zum Beispiel sagte: Co, ich finde es scheußlich, daß du ewig diesen alten Kamelhaarmantel trägst und Schuhe ohne Absätze. Ich finde es scheußlich, dich immer mit einer Zigarette im Munde herumlaufen zu sehen und bei jeder Gelegenheit dein ›phänomenal‹ und ›sagenhaft‹ zu hören?«
»Aber –«, begann Co. Doch dann sagte sie nichts mehr und ging nachdenklich fort.
Zum Abendessen trug sie Schuhe mit Absätzen und vermied sorgfältig die Worte »phänomenal« und »sagenhaft.« Natürlich tat ich, als bemerkte ich nichts, und Corinnas Gutenachtkuß, wärmer als sonst, dankte mir dafür.
JULIA
Übrigens hatte Corinna recht. Julia war wirklich beunruhigend. Was fängt man mit einem Kinde an, das in den Wolken lebt? Juli träumte, wo sie ging und stand. Hieraus ergaben sich zahlreiche Zusammenstöße mit der rauhen Wirklichkeit, aus denen sie schmerzlich erstaunt, jedoch ohne irgendwelchen Nutzen daraus gezogen zu haben, hervorging. Oftmals ertappten wir sie, wie sie mit offenen Augen ins Leere staunte, ein verlorenes Lächeln um den hübschen Mund. Angerufen, fuhr sie zusammen, wie auf frischer Tat ertappt. »Juli, woran hast du eben gedacht?« »Ich – ich –«, Julia stammelte hilflos, »ich weiß wirklich nicht –«
»Ich wette, du hast an gar nichts gedacht«, rief Corinna erbittert.
Juli lächelte ihr entwaffnendes Lächeln. Ihre Gutmütigkeit erstickte jeden Angriff im Keim; es war fast unmöglich, sie in Harnisch zu bringen. Stefan behauptete, sie habe eine wattierte Seele.
Als Baby war sie entzückend gewesen, dick, rosig und blondgelockt. Ein Angelino, sagte begeistert meine Tante Alwine, die gerade von einem Ferienaufenthalt in Italien zurückkam und sich viel darauf zugute tat, der Landessprache mächtig zu sein. Wie dem auch sein mochte, Juli war das faulste »Angelino«, das man sich vorstellen konnte. Ich muß gestehen, daß wir damals, wahrscheinlich aus Gründen des Eigennutzes, jene Faulheit bezaubernd fanden. Man denke, ein Kind, das man stundenlang mit einem Spielzeug sich selbst überlassen konnte, ohne befürchten zu müssen, daß es irgend etwas anstellte!
Die Schwierigkeiten begannen mit der Schule und steigerten sich von Jahr zu Jahr. Es erwies sich, daß Julia keine Spur von Ehrgeiz besaß.
»Sie beteiligt sich nicht am Unterricht«, klagten ihre Lehrer und fügten vorwurfsvoll hinzu, ein derart undiszipliniertes Kind sei ihnen noch nicht vorgekommen.
Wir nahmen uns Julia vor. »Warum hast du wieder nicht aufgepaßt?«
Aber sie habe doch aufepaßt, verteidigte sich Juli freundlich. Ihre Sanftmut war schrecklich, sie machte es uns immer wieder schwer, unseren gerechten Zorn aufrechtzuerhalten. Um uns ihre Aufmerkamkeit zu beweisen, berichtete sie, es sei in der deutschen Stunde von Leander die Rede gewesen, der allnächtlich den Hellespont durchschwommen hatte, um zu seiner Angebeteten zu gelangen.
»Glaubst du, daß das heute noch jemand täte?« fragte sie.
»Nein«, sagte ich, »heute werden Meerengen allenfalls aus sportlichen Gründen durchschwommen. Aber darum handelt es sich jetzt nicht. Es scheint, daß du nicht weißt, was los ist, wenn du aufgerufen wirst. Wo, um alles in der Welt, hast du deine Gedanken?«
Julia beantwortete meine Frage nicht.
»Wenn ich einmal heirate«, sagte sie verloren, »dann muß es ein Mann wie Leander sein.«
Ich schwieg geschlagen. Dieses Kind dachte an nichts als ans Heiraten. Mit fünf Jahren hatte sie den Briefträger heiraten wollen, mit sieben einen Trambahnschaffner, der sie »kleines Fräulein« nannte. Zehnjährig, warf sie ein Auge auf ihren Zeichenlehrer, und seit einiger Zeit hing ihr Herz einem Filmschauspieler an, mit einem Lächeln, süß wie Kunsthonig. Sein Bild hing über ihrem Bett, neben Willy Fritsch und Robert Taylor und einigen anderen Größen vom Film, die sie der Reihe nach geliebt hatte.
Eine Stunde später fand ich sie in der Wohnstube, mit glühenden Wangen über ein Heft gebeugt.
»Du machst Schularbeiten«, fragte ich hoffnungsvoll und versuchte, einen Blick in das Heft zu tun.
Aber Juli klappte es hastig zu. »Nein. Es ist – eine Überraschung für Weihnachten, weißt du.«
Ein Argwohn stieg in mir auf. Am Abend vertraute ich ihn Stefan an: »Ich fürchte, Juli schreibt!«
»Um Himmels willen!« rief Stefan.
Michael, der in der Ofenecke spielte, sah interessiert auf.
»Juli macht schöne Geschichten«, verriet er mit wichtiger Miene. »Sie will auch eine Schriftstellerin werden, wenn sie groß ist.«
»Ach, du lieber Gott!« sagte Stefan.
»Bist du nicht gern Schriftsteller, Vater?« erkundigte sich Michael gespannt.
»Doch – natürlich.«
»Warum sagst du dann, ›ach, du lieber Gott‹?«
Stefan geriet in Verlegenheit. Unmöglich, dem achtjährigen Mick auseinanderzusetzen, was es mit dem Beruf eines Schriftstellers auf sich hatte. Unmöglich, ihm von den »toten Punkten« zu erzählen, von den Stunden des Zweifelns und Verzweifelns. Vom Rausch des Schaffens auf der einen Seite und der Unzulänglichkeit zwischen Wollen und Vollbringen auf der anderen. Vom Kampf um Anerkennung und Erfolg, die nicht allein vom Wert des Geschaffenen abhängen, sondern sehr oft vom Glück, manchmal sogar vom Zufall.
So zog er sich ziemlich lahm aus der Affäre, indem er sagte, daß Juli besser daran tue, ihre Schularbeiten zu machen, damit sie Ostern versetzt werde.
»Schularbeiten sind fad«, erklärte Mick kategorisch und wandte sich wieder seinem Spielzeug zu.
Später im Schlafzimmer kamen wir auf das Thema zurück. Das heißt, ich beschwor Stefan, darauf zurückzukommen. Er lag schon im Bett, und der gläserne Blick seiner Augen, verbunden mit herzhaftem Gähnen, tat mir kund, daß er auf der Stelle bereit war, in das selige Reich der Träume hinüberzuwechseln.
»Wir müssen über Juli sprechen. Sie hat nichts als Unsinn im Kopf. Wohin soll das führen?«
Stefan knurrte, er wisse es auch nicht.
»Vielleicht denkst du einmal darüber nach«, sagte ich gereizt. »Schließlich ist Juli deine Tochter so gut wie meine. Wenn sie Ostern sitzenbleibt –«
»Und wenn schon –«, brummte Stefan.
Ich traute meinen Ohren nicht. »Hast du vergessen, daß sie schon einmal sitzengeblieben ist?«
Stefan entschloß sich seufzend zu einer Zusammenhängenden Rede. Seine Ausführungen gipfelten in der Behauptung, daß ein Mädchen von Julias vielversprechendem Äußeren auf glänzende Schulzeugnisse verzichten könne.
»Deine Ansichten sind vorsintflutlich«, rief ich aufgebracht. »Heute ist es nicht mehr so, daß Schönheit alle fehlenden Eigenschaften ersetzt!«
»Nicht alle«, gab Stefan zu, »aber eine ganze Menge. Das war gestern so, es ist, heute so und wird voraussichtlich immer so bleiben.«
»Nur ein Mann kann so sprechen« – ich warf Stefan einen vorwurfsvollen Blick zu –, »aber selbst angenommen, du hättest recht, so würde ich, was Juli betrifft, eher eine Gefahr als ein Glück darin sehen.«
Stefan äußerte, er sei im Augenblick außerstande, etwas anderes als eine Tatsache darin zu sehen. »Juli ist dreizehn. Wir – haben – noch – eine – Menge – –«
Ich nahm an, daß er »Zeit« hatte sagen wollen und hätte gern zu bedenken gegeben, daß wir uns bei Julis amouröser Veranlagung keinem übertriebenen Optimismus in diesem Punkt hingeben dürften. Statt dessen sah ich mich genötigt, ihn mit erhobener Stimme beim Namen zu nennen. Denn Stefan schnarchte. Er schnarchte wie ein Holzknecht, und kein Zug seines Gesichts erinnerte in diesem Augenblick daran, daß er ein Dichter war.
UND MICHAEL
Wir waren immer der Ansicht gewesen, daß Kinder in einem Abstand von zwei bis drei Jahren zur Welt kommen sollten, nicht nur, damit es sozusagen in einem Aufwaschen vor sich gehe, sondern um ihnen das Glück einer gemeinsamen Kindheit zu schenken. Aber die Natur hatte es anders gewollt. Sie hatte große Zeitspannen zwischen Corinna, Julia und Michael gelegt. Als Mick geboren wurde, war Corinna elf Jahre alt und Julia fünf. Der kleine Michael wuchs heran, verwöhnt von einem unsäglich stolzen Ehepaar und zwei zärtlichen Schwestern. Namentlich ich war geneigt, ihn für den vollkommensten kleinen Buben zu halten, der jemals das Licht der Welt erblickt hatte. Alles, was bei Co und Juli Gegebenheiten der Natur gewesen waren, wurde bei Michael zum Wunder: das erste Lächeln, der erste Zahn, die ersten tastenden Schrittchen. Selbst seine Zornausbrüche bestaunte ich als Kundgebungen eines überschäumenden Temperaments. Stefan lachte mich aus, weil ich aus Micks kindlichen Spielen kühne Schlußfolgerungen auf die in ihm schlummernden Talente zog.
»Vielleicht wird einmal ein großer Baumeister aus ihm«, vermutete ich, während wir zusahen, wie der kleine Michael mit dicken, ungelenken Fingerchen Bauklötze aufeinandertürmte.
»Oder ein Marmeladefabrikant«, sagte Stefan lachend. »Findest du nicht, daß er Kurt ähnlich sieht?«
Ich war empört. Mick, der aussah wie ein Raffaelscher Engel! »Kurt war auch ein hübsches Kind«, entsann sich Stefan. »Ich weiß noch, daß ich ihn deshalb verabscheute. Immer hieß es, der süße Kurti, immer wurde er mir als Beispiel vorgehalten: ›Schau dir Kurti an, wie nett und sauber er aussieht! Kurti ist ein Junge, der etwas auf sich hält!‹ Einmal verprügelte ich ihn, als er seinen besten Matrosenanzug anhatte, nur damit er nicht immer wie ein geleckter Affe herumlaufen sollte.«
»So warst du also«, sagte ich. »Und ich habe dich für einen verträumten Einzelgänger gehalten.«
»Ich war ein stilles Kind«, sagte Stefan, »aber es ist falsch zu denken, daß stille Kinder temperamentlos sein müssen.«
Michael war kein stilles Kind. Es war das letzte, was man von ihm behaupten konnte. Der erste Konflikt zwischen Vater und Sohn entstand durch Micks Gewohnheit, seine Plüschtiere laut singend durch die Wohnung zu ziehen.
»Kannst du dem Buben nicht beibringen, daß man auch leise spielen kann!« beschwor mich Stefan.
Aber für Mick war ein Spiel ohne Gesang überhaupt kein Spiel. Nicht etwa, als habe sich darin eine frühe musikalische Begabung kundgetan! Micks Gesang entbehrte jedes Wohlklanges, er war nur ungewöhnlich laut. Manchmal geriet sogar ich, die bereit war, meinen Sohn hemmungslos zu vergöttern, außer Fassung. »Mick, um Himmels willen, hör auf zu singen!«
Stille! Mick lag bäuchlings am Boden und baute einen Tierpark auf. Ich hörte ihn zu den Tieren sagen: »Wir dürfen nicht singen – – wir dür–fen nicht sin–gen, la la lala.« Das letzte la erklomm sieghaft den höchsten Diskant. Es war hoffnungslos!
Michael war jedermanns Freund. Schwer zu sagen, ob sein Herz mehr am Briefträger Waggerl hing, den er auf seinen postalischen Gängen zu begleiten pflegte, oder an Herrn Holzeder, dessen »Bazar« ein immer neues Wunderland war. In der Werkstatt des Schusters Enzensberger war er ebenso zu Hause wie beim Schreinermeister Reitlhuber, und auch der Schullehrer, Herr Promoli, war Mick wohlgesinnt. Er konnte eine stattliche Anzahl von »Fleißkärtchen« aufweisen, Bilder von grausamer Buntheit, die Herr Promoli zum Lohn für gute Leistungen verteilte.
In der »Kolonie« bevorzugte Michael Kunstmaler Sörensen. Dieser trotz seiner trübseligen Wirtschaftslage immer wohlgelaunte junge Mann und seine kleine Frau waren Kindernarren. Sie wurden nicht müde, Fragen zu beantworten und zerbrochenes Spielzeug zu flicken. Sie schienen vollkommen unempfindlich gegen Lärm zu sein, und obwohl sie sich schlecht und recht durchbrachten und Pompe funèbre zufolge nur einmal in der Woche Fleisch aßen, bewirteten sie Michael und seine Spielgefährten mit Milch und Honigbroten.
Was schließlich und endlich Pompe funèbre betraf, so erstrahlte ihr kummervolles Gesicht in einem wohlwollenden Lächeln, sobald sie Micks ansichtig wurde. Ihre Beziehungen wurzelten in der gemeinsamen Liebe zu Orpheus und den Hühnern. Sie führten lange Gespräche über Hühnerzucht, und Mick setzte Pompe funèbre durch seine wißbegierigen Fragen in Verlegenheit.
Warum Orpheus keine Eier lege, wollte er eines Tages wissen.
»Weil er ein Hahn ist«, antwortete Pompe funèbre.
»Warum legt ein Hahn keine Eier?« beharrte Michael.
»Er hat statt dessen schöne Federn«, erkärte Pompe funèbre unter hemmungslosem Verzicht auf Logik.
Mick versank in Schweigen. Offenbar fand er eine Ungerechtigkeit darin, daß Nutzlosigkeit mit Schönheit belohnt wurde.
»Was tut er denn, wenn er keine Eier legt?« hub er nach einer Weile von neuem an.
»Das verstehst du noch nicht«, sagte Pompe funèbre schamhaft.
Ich war der Unterhaltung durch das offene Fenster gefolgt und kam Pompe funèbre zu Hilfe, indem ich Michael ins Haus rief und ihm verbot, so viel zu fragen. Mick trollte sich; sein rundes Gesicht drückte Vorwurf und Zweifel aus.
Am nächsten Tage kam er aus der Schule, den Triumph des Wissenden im Blick.
»Jetzt woaß i, was mit die Hähne is«, verkündete er bei Tisch im reinsten Oberbayrisch.
Wir horchten mißtrauisch auf.
»Der Schustertoni hot gsagt, der Gockel ist der Pappa zu die kloanen Hüahnerl«, erklärte Michael. »Damit ihr’s wißt!«
Wir nahmen es dankbar zur Kenntnis.
TEE BEI QUANTES
Es kam, wie der Professor vorausgesagt hatte: Frau Major Quante veranstaltete einen Tee. Sie lud die ganze »Kolonie« ein, mit Ausnahme eines neu zugezogenen Ehepaares aus Augsburg.
»Die Leutchen haben noch nicht Besuch gemacht«, teilte sie uns leutselig mit. »Selbstverständlich hätte ich sie sonst auch gebeten.«
Man hätte annehmen sollen, daß das Landleben dazu angetan sei, die Fesseln der Konvention zu lockern. Weit gefehlt, zumindest was Quantes anbetraf. Es mußte mit ihrem ehemaligen Beruf Zusammenhängen. Wer Frau Quante auf dem Sofa thronen sah, silberhaarig und pompös, suchte sich ängstlich an alles zu erinnern, was er jemals über gutes Benehmen gehört hatte, und der Major ging sogar so weit zu behaupten, Formlosigkeit sei der Beginn der Anarchie.
Wir saßen um den runden Tisch im Eßzimmer. Vor den Fenstern verdämmerte der Novembertag, die Hängelampe goß grün verhülltes Licht über den Tisch, in dessen Mitte Frau Quantes berühmter Napfkuchen prangte. Vom raumkünstlerischen Standpunkt aus betrachtet war Quantes Eßzimmer nicht schön zu nennen mit seiner dunkel gestreiften Tapete und den schweren, geschnitzten Möbeln, aber es lag eine verschollene Behaglichkeit über dem Ganzen, die auf eine anheimelnde Weise an Kindheit und Elternhaus erinnerte.
Zwischen Major Quante und dem Professor war ein Stuhl frei geblieben.
»Vielleicht kommt unser Gast nachher ein wenig herunter«, erklärte Frau Quante, während sie Tee in die goldgeränderten Tassen goß. »Ihr Mann bat uns vor seiner Abreise, wir rnöchten ein wenig für Zerstreuung sorgen, aber sie ist am liebsten allein in ihrem Zimmer. Diese jungen Frauen von heute sind so – so –«
Frau Major Quante suchte vergeblich nach einem Wort, geeignet; uns über das Wesen der jungen Frauen von heute aufzuklären. Wir sahen einander an. Die Äuglein des Professors funkelten vor Spottlust, Kunstmaler Sörensens Jungengesicht erstrahlte in einem unverhohlenen Grinsen, Frau Willbrandt-Schrödls Doppelkinn schob sich erwartungsvoll vor, und Pompe funèbre hob witternd die Nase in der freudigen Hoffnung auf irgendwelche Enthüllungen. Wir wußten alle, daß wir nur eingeladen worden waren, um die neue Hausgenossin vorgeführt zu bekommen.
Der Major schlürfte genießerisch seinen Tee. Sein rotes Gesicht unter dem eisengrauen Haar hatte einen grimmigen Ausdruck, so, als sei er jeden Augenblick darauf gefaßt, einen Feind auftauchen zu sehen. Man mochte über sein polterndes Wesen denken, wie man wollte – niemand konnte sich der Würde entziehen, mit der der Major sein Schicksal trug. Er hatte sich jahrelang als Versicherungsagent herumschlagen müssen, bis eine kleine Erbschaft ihm erlaubte, sich von der verhaßten Tätigkeit zurückzuziehen. Aber nun langweilte er sich auf dem Lande zu Tode. Das einzige, was ihn aufrecht erhielt, war eine bewundernswerte Sammlung von Zinnsoldaten aller Waffengattungen, mit denen er die Schlachten des ersten Weltkrieges wieder aufbaute, um sie nach eigenen strategischen Gesichtspunkten zu lösen. Man gewann dabei den Eindruck, daß Deutschland auf der ganzen Linie siegreich geblieben wäre, wenn man seinerzeit auf Major Quante gehört hätte. In Wahrheit stand es so um den Major, daß sein Leben mit dem Weltkrieg aufgehört hatte. Gewiß, er ging umher, er sprach, er lachte sogar zuweilen, aber der wesentliche Teil seines Selbst gehörte unlösbar einer Zeit an, in der es ihm möglich gewesen war, seinen Mann zu stehen und sich auszuzeichnen, Das Leben war über ihn hinweggegangen, und er grollte dem Leben darum.
»Ist es nicht gefährlich«, setzte Pompe funèbre das Gespräch fort, »eine junge Frau so lange allein zu lassen?«
Der Major sah sie unter seinen buschigen Augenbrauen hervor mißbilligend an. »Pflicht ist Pflicht«, knurrte er. »Da wird nicht lange gefackelt, verehrte Frau Oberpostrat. Was, glauben Sie, wäre geschehen, wenn im Kriege die Frauen gejammert hätten!«
»Aber Nina jammert ja gär nicht.« Frau Quante lenkte ab. Wenn der Major auf den Weltkrieg zu sprechen kam, war kein Ende abzusehen. »Unser Neffe – das heißt, eigentlich ist er kein richtiger Neffe, der Sohn einer Base, verstehen Sie. – Er und Nina heirateten vor fünf Jahren. Damals fuhr er mit der Hamburg-Amerika-Linie. Eines Tages, als ihm das zu langweilig wurde – er hat ein bißchen den Hang zum Abenteuerlichen, müssen Sie wissen – ließ er sich zu dieser Walfangexpedition an-an–«
»Anheuern«, vollendete Sörensen, »Das wollten Sie sagen, nicht wahr, gnädige Frau? Nun, ich könnte mir vorstellen, daß er gut daran tat. Zweifellos ist es interessanter, Walfische zu harpunieren, als Vergnügungsreisende über den Ozean zu schaukeln.«
Frau Quante lächelte säuerlich. Sörensen hatte eine burschikose Art, sich auszudrücken, die ihr mißfiel.
»Ich denke es mir recht angenehm, einen Seefahrer zum Mann zu haben«, sagte Frau Willbrandt-Schrödl. »Jede Ehe gewinnt durch Trennungen. Mein zweiter Mann war als Syndikus eines großen Industrieunternehmens fast immer auf Reisen. Wir führten eine prachtvolle Ehe. Wenn er nicht gestorben wäre, lebten wir heute noch zusammen, und der dritte wäre mir erspart geblieben.«
Schallendes Gelächter. Sogar Quantes schmunzelten. Nur Pompe funèbre wahrte eine Miene sittlicher Entrüstung.
Frau Willbrandt-Schrödl machte aus ihrem bunten Lebenslauf kein Geheimnis, und die humorvolle Art, in der sie davon sprach, überrannte alle etwa vorhandenen moralischen Bedenken im Sturm. Zweifellos war sie im Anfang ihrer Laufbahn als Frau und Sängerin bezaubernd gewesen. Noch heute vergaß man über ihrem unwiderstehlichen Lächeln, daß man eine Frau von fünfzig vor sich hatte, mit reichlich barocken Formen und einem Doppelkinn. Man vergaß das künstliche Goldblond der Haare und die Schlaffheit der Haut vor dem Charme einer Dame, die sich dem Leben niemals versagt hatte und mit der heiteren Überlegenheit des Wissenden daraus hervorgegangen war. Frau Willbrandt-Schrödls erster Mann war ein junger Kollege gewesen – »Tenor und Windhund von Gottes Gnaden«, sagte sie, »nach einem Jahr liefen wir wie ungezogene Kinder auseinander.« – Der zweite war eben jener Syndikus, dessen Namen sie pietätvoll dem ihren beigesellt und auch nicht abgelegt hatte, als der dritte in Erscheinung trat, ein Kaufmann, der wegen Bigamie ins Gefängnis wanderte. Nachdem Frau Willbrandt-Schrödl ihm die Hand zum Bunde gereicht hatte, stellte sich heraus, daß irgendwo in der Provinz eine Frau und zwei Kinder lebten, die seinen Namen trugen.
»Man hat mir vorgeworfen, daß ich keine Erkundigungen eingezogen habe«, erzählte Frau Willbrandt-Schrödl, »aber ich war verliebt wie ein Backfisch. Er war schwarzhaarig und dämonisch, und dem Dämonischen habe ich zeitlebens nicht widerstehen können. Der gute Willbrandt hatte gar nichts davon, Gott hab ihn selig!«
Das Häuschen in der Ludwig-Thoma-Straße und eine kleine Rente aus dem Nachlaß des seligen Herrn Willbrandt waren alles, was Frau Willbrandt-Schrödl aus einem glanzvollen, an künstlerischen. Erfolgen reichen Leben gerettet hatte; es war ihr nicht gegeben, zu sparen.
»Der eine kann’s, der andere nicht«, sagte sie gleichmütig. »Ich habe es nie gekonnt. Aber ich habe mein Leben gelebt.«
Ihr Wohnzimmer sprach davon mit dem großen Konzertflügel, mit raschelnden Lorbeerkränzen an den Wänden, mit vergilbten Schleifen und zahllosen Fotografien berühmter Kollegen und Dirigenten. Der »Erste« war darunter, blondgelockt im Kostüm des Schwanenritters, neben Herrn Willbrandt, der vertrauenerweckend aussah, einen dunklen Anzug trug und eine Perle in der diskret gestreiften Krawatte. Der Dritte aber fehlte, und wir begriffen durchaus, daß es für Frau Willbrandt-Schrödl peinlich sein müsse, das Bild eines Bigamisten vor Augen zu haben, obwohl er, sie betonte es seufzend immer wieder, glänzend ausgesehen habe.
»Ich fürchte, ich muß nach Hause«, sagte zaghaft die kleine Frau Sörensen, nachdem die allgemeine Heiterkeit sich gelegt hatte. »Wenn Markele aufwacht –«
»Er wird nicht so bald aufwachen«, beschwichtigte Sörensen, »nachdem ich ihn in Schlaf gesungen habe. Ein verdammt lebhafter Bursche ist er übrigens« – Sörensens Augen leuchteten vor Vaterstolz –, »der Waschkorb wird bald zu eng für ihn sein.«
»Der Waschkorb!« rief Pompe funèbre mit einem anklagenden Blick gen Himmel. Nicht genug damit, sagte dieser Blick, daß Sörensens eine »Hundehütte« bewohnen, in der nirgends ein ordentliches Bett zu finden ist, sie scheuen sich nicht, ihren Erstgeborenen in einen Waschkorb zu legen!«
»Wo schlafen Sie eigentlich, wenn man fragen darf?« erkundigte sie sich, froh über die Gelegenheit, etwas zu erfahren, das zu wissen sie schon lange gelüstete.
»Wir schlafen auf der Couch«, sagte Frau Sörensen errötend. »Sie ist sehr breit, und ich brauche nicht viel Platz.«
Nein, das tat sie bestimmt nicht. Eva Sörensen wirkte wie eine Vierzehnjährige, kleiner und schmächtiger als Julia in ihrem dunklen Kleidchen mit dem weißen Bubikragen. Sie sah schmal und ein bißchen unterernährt aus. Kein Wunder, wenn man bedachte, daß Sörensen kaum jemals eines seiner bemerkenswert eigenwilligen Bilder an den Mann brachte. Niemand wußte, wovon sie lebten, aber es schien, als sorgten sie sich selher am wenigsten darum. Sie waren jung und voller Idealismus, namentlich Sörensen, der die »Hundehütte« einem Kollegen abgemietet hatte, der in Italien malte, nur damit das Kind in einer schönen Umgebung zur Welt kommen solle.
Die allerersten Eindrücke seien entscheidend, hatte er uns eifrig erklärt. Das menschliche Auge könne nicht früh genug an Schönheit gewöhnt werden, und er pfeife auf den sogenannten Komfort, wenn er nur vor die Türe zu treten brauche, um die lieblichste Landschaft, die Gott erschaffen habe, zu seinen Füßen liegen zu sehen.
Auf der Treppe erklangen leichte Schritte. Ein, befreites Lächeln flog über Frau Quantes Gesicht. »Achtung!« flüsterte der Professor mir zu, »die große Sensation!«
Die Tür tat sich auf und ließ die Gattin des Walfischfängers ein.
NINA GROLL
Wir sahen eine zierliche Frau von etwa dreißig Jahren, die eine grüne Tweedjacke auf eine lässige Art über die Schultern gehängt trug, wir sahen ein schmales Gesicht von sanft gewelltem Haar umrahmt und hörten eine angenehme Stimme entschuldigend sagen: »Ich habe wahrhaftig verschlafen. Die Zeit steht still auf dem Lande.«
Der Major übernahm die Vorstellung. Unsere Namen klangen nacheinander im Ton einer dienstlichen Meldung auf. Nachdem das vorüber war, sank Frau Nina Groll sichtlich erleichtert auf den Stuhl zwischen Major Quante und dem Professor. Frau Quante versorgte sie geschäftig mit Tee; Kuchen lehnte sie ab.
»Darf ich rauchen?« fragte sie statt dessen. Der Professor, Stefan und Sörensen überboten sich in dem Bestreben, ihr Feuer zu geben. Stefan machte das Rennen und wurde mit einem schüchternen Lächeln belohnt.
»Sie sind Herr Lorentz, nicht wahr?« Ihre Stimme war wirklich ungewöhnlich angenehm. »Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Ihre Bücher sind wundervoll!«
Stefan gab einen grunzenden Laut von sich, und ich wunderte mich wieder einmal darüber, wie wenig einem Mann des Wortes einfällt gerade in Augenblicken, in denen ihm etwas einzufallen hätte.
Gott sei Dank warf sich Sörensen in die Bresche, indem er fragte, wie es Frau Groll in Riedling gefalle.
Nina Groll wandte ein Paar kummervolle Augen zum Fenster, dahinter die Dunkelheit wie eine schwarze Kulisse stand.
»Ich hoffe, es wird bald schneien«, sagte sie mit einem Seufzer.
Auch der Professor erwies sich heute als nicht sehr einfallsreich. Er wollte wissen, ob die Walfischfängersgattin Schnee liebe. Während die allgemeine Unterhaltung sich des Schneethemas bemächtigte, suchte ich mir über den Reiz klarzuwerden, der unleugbar von der Gattin des Walfischfängers ausging, so stark, daß sich die Atmosphäre seit ihrem Erscheinen verändert hatte. Ihr blasses Gesicht war hübsch auf jene stille Art, die sich dem Auge nicht sofort erschließt; das wellige, blonde Haar trug sie, der Mode entgegen, in einem kleinen Knoten im Nacken. Sie hatte offenbar die Gewohnheit, den Menschen, mit dem sie gerade sprach, von unten herauf anzusehen, mit einem Blick, der ein hilfloses kleines Mädchen aus ihr machte. Im übrigen schien sie zu frieren, denn sie saß mit zusammengezogenen Schultern in ihrer Tweedjacke da. Befragt, ob sie den Skisport liebe, gab sie mit sanfter Stimme zur Antwort, sie habe in ihrer norddeutschen Heimat wenig Gelegenheit dazu gehabt, aber sie hoffe –
»Wir haben von Ihrem schweren Schicksal gehört«, unterbrach Pompe funèbre mit Grabesstimme.
Die Gattin des Walfischfängers sah verwundert auf.
»Oder ist es etwa eine Kleinigkeit für eine junge Frau«, fuhr Pompe funèbre herausfordernd fort, »monatelang von ihrem Gatten getrennt zu sein?«
Ein Schatten flog über Nina Grolls Gesicht. Frau Major Quante sandte einen warnenden Blick über den Tisch, der jedoch seine Wirkung verfehlte, denn zarte Hinweise dieser Art prallten an Pompe funèbre ab wie Nadelstiche an einem Krokodil.
»Mein verewigter Gatte«, begann sie aufs neue, aber nun griff Frau Sörensen als rettender Engel ein. Die Sorge um den kleinen Markus in seinem Waschkorb ließ ihr keine Ruhe mehr.
Wir brachen alle auf.
»Hoffen wir, daß wir bald Skifahren können, gnädige Frau«, sagte Sörensen und schüttelte der Gattin des Walfischfängersherzhaft die Hand.
Das schüchterne Lächeln erblühte in ihrem Gesicht.
»Ja«, sagte sie und sah zuerst Sörensen und dann Stefan an. »Ich freue mich schon darauf.«
Draußen war die Nacht unwirtlich und ohne das kleinste Sternlein. Es hatte den ganzen Tag geregnet, der Morast der Zugspitzstraße heftete sich zäh an unsere Sohlen. Stefan zog eine Taschenlampe hervor – zu irgendeiner Art von Beleuchttung hatten die »Straßen« der Kolonie es noch nicht gebracht – und übernahm mit Pompe funèbre die Führung. Der Professor und ich stolperten im irrlichternden Schein des kleinen Lichtkegeis hinterdrein.
»Unerhört weibliche Frau, diese Walfischfängersgattin«, sagte der Professor nachdenklich.
Ich blieb mitten in einer Pfütze stehen. »Vielleicht ist es das«, rief ich.
Der Professor, um einen halben Kopf kleiner als ich, schielte unter seinem vergilbten Filz fragend zu mir auf.
»Sie hat irgend etwas, und ich konnte nicht darauf kommen, was es ist«, erklärte ich. »Vielleicht ist es das, was Sie das unerhört Weibliche nennen.«
»Ja. Es wirkt erstaunlich im Zeitalter der sportgestählten und zielbewußten Frau. Natürlich ist sie ganz unsportlich, obwohl sie vom Skifahren redet. Ich könnte sie mir in einem spitzenbesetzten Morgengewand auf einem Diwan vorstellen, Süßigkeiten knabbernd und schmökernd, wie die Heldin eines verschollenen Romans. Wie gefällt sie Ihnen übrigens?«
»Ich weiß nicht. Warum fragen Sie?«
»Weil eine Frau, die alle Männer sofort auf ihrer Seite hat, Frauen im allgemeinen nicht zu gefallen pflegt.«
»Hat sie das?«
»Ich glaube, ja. Sie gehört zu der Art von Frauen, die den Beschützerinstinkt im Manne wachrufen. Es ist das beste, was eine Frau tun kann, denn jeder Mann möchte beschützen. Die Frauen von heute machen viel zu wenig Gebrauch von dieser schätzenswerten Eigenschaft.«
»Was wissen Sie davon?« fragte ich und wurde aus unbekannten Gründen ärgerlich. »Mir scheint, Sie reden wie der Blinde von der Farbe.«
Der Professor lachte. »Es ist nicht hübsch von Ihnen, mich daran zu erinnern, daß ich keine Chancen bei Frauen habe.«
»Aber so habe ich es doch nicht gemeint!« Ich war verwirrt und erschrocken. »Nur, wenn man verheiratet ist –«
»O Sie kluge Frau! Was haben diese Dinge mit Ehe zu tun? Was mich betrifft, so schätze ich übrigens Frauen, die das Leben wie einen Stier bei den Hörnern packen, so wie Sie zum Beispiel.«
Nun muße auch ich lachen. »Wenn Sie wüßten, wie ich mich manchmal vor dem Stier fürchte! Aber was bleibt einem übrig, wenn man mit einem Mann verheiratet ist, der die Unbilden des Alltags als persönlichen Tort empfindet!«
Wir waren in der Benediktenwandstraße angekommen. Pompe funèbre und Stefan warteten vor dem Hause.
»Ich sage gerade zu Ihrem Gatten«, rief Pompe funèbre mir entgegen, »eine reizende Frau, sage ich, diese junge Frau Groll.«
»Sehen Sie«, raunte ich dem Professor zu. »Sie haben unrecht. Sogar Pompe funèbre ist entzückt.«
Der Professor grinste. »Wenn der ›Verewigte‹ noch unter uns weilte«, raunte er zurück, »würde sie es weniger sein!«
»Hallo, Professor«, rief Stefan, »kommen Sie noch ein wenig mit herein!«
Aber der Professor verabschiedete sich; er habe noch zu arbeiten.
»Nun, und wie gefällt dir die Gattin des Walfischfängers?« fragte ich, als wir in die Wohnstube gekommen waren.
Stefan lief im Zimmer umher. Er war nicht zu Mitteilungen aufgelegt, und ich konnte mir denken, warum. Seine Gedanken weilten bei einem Beitrag, um den die Zeitschrift »Trautes Heim« ihn gebeten hatte. Er war in den nächsten Tagen fällig, und soviel ich wußte, stand noch kein Buchstabe auf dem Papier.
»Unsere Mitarbeiter plaudern über den Herbst!« Stefan schnitt eine Grimasse. »Wie ich diese Pamperlschreiberei hasse!«
»Immerhin wird das Herbstgeplauder dir fünfzig Mark einbringen«, gab ich zu bedenken.
Stefans Antwort bestand in einem Knurren.
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