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Elke Schwab
Kullmann stolpert über eine Leiche
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
Impressum neobooks
1. Kapitel
Titel
Kullmann
stolpert über eine Leiche
Elke Schwab
Originaltitel: Angstfalle
Es war schon dunkel, als Trixi mit ihrem Fahrrad nach Hause radelte. Im Friseursalon war viel los gewesen. Vom Tageslicht hatte sie nichts gesehen. In der Dunkelheit trat sie ihren Dienst an, in der Dunkelheit beendete sie ihn wieder. Es war Weihnachtszeit, eine Zeit, in der die Tage immer kürzer und die Nächte länger wurden, eine Zeit, in der Lichterketten und leuchtende Sterne die Fenster der Häuser zierten, sodass die Finsternis ein wenig erträglicher schien.
Die kalte Luft tat ihr gut. Während ihr Blick auf die hell erleuchteten Häuser fiel, nahm sie sich vor, an diesem Abend ebenfalls die festliche Dekoration herauszusuchen und ihr Haus weihnachtlich zu schmücken. Seit sie allein in dem großen Elternhaus lebte, fiel es ihr von Jahr zu Jahr schwerer, diesen Ritualen treu zu bleiben. Aber sie wollte sich dazu aufraffen. Es half nichts, alles schleifen zu lassen.
Den restlichen Weg zu dem großen Haus musste sie ihr Fahrrad schieben. Die Strecke war bergig und die Kondition, diesen Anstieg im Sattel zu bezwingen, hatte sie nicht.
Sie überquerte eine kleine Holzbrücke, die über den Grumbach führte. Zu dieser Jahreszeit rauschte der kleine Bach wie ein Wasserfall. Durch die starken Regenfälle der letzten Wochen hatte sich viel Wasser angesammelt. Ob das vorsintflutliche Gebilde ihr Gewicht noch lange aushalten konnte? Sie erinnerte sich nicht, dass die Brücke einmal gewartet worden wäre.
Die letzten Meter machten es ihr auch nicht leichter. Dort standen schon seit Jahren alte Autowracks und rosteten vor sich hin. Manchmal sah Trixi, dass sich jemand dorthin verirrte, als wolle er noch etwas Verwertbares finden.
Als sie sich der Haustür näherte, sah sie auf dem Boden ein rotes Päckchen liegen.
Sie stöhnte. Sollte das wieder ein Liebesbeweis ihres Lieferanten sein? Seit Monaten erhielt sie kleine Geschenke und Liebesbriefe. Kaum hatte Roland Berkes begonnen, für den Internationalen Paketdienst zu arbeiten, verfolgte er sie mit seinen Aufmerksamkeiten. Das musste ein Ende haben. Sie wollte nichts von diesem Mann und fühlte sich belästigt.
Sie nahm das Päckchen und warf es ungeöffnet in den Mülleimer. Wütend stapfte sie ins Haus. Der lange, schmale Flur lag im Halbdunkeln, obwohl sie die Deckenlampe eingeschaltet hatte. Sie sollte eine stärkere Glühbirne benutzen, was sie immer wieder zu besorgen vergaß. Als sie in die Küche gehen wollte, sah sie, dass die Tür zur Abstellkammer einen kleinen Spalt offenstand. Wie war das möglich, fragte sie sich erschrocken. Sie hatte doch einen Riegel anbringen lassen, weil das Türschloss alt und abgenutzt war. Damit wollte sie verhindern, dass die Tür von selbst aufging, denn sie erschrak jedes Mal, wenn sie sich mit einem leisen Quietschen öffnete. Hatte sie den Riegel vorgeschoben, als sie das Haus verlassen hatte? Sie wusste es nicht mehr.
Kaum hatte sie ihre Schuhe ausgezogen und neben der Garderobe abgestellt, klingelte das Telefon. Als sie abhob, erkannte sie Roland an seiner heiseren Stimme: »Hat es dir gefallen?«
Es war das erste Mal, dass er anrief. Also wurde er dreister.
»Ich will keine Geschenke von dir«, gab Trixi unfreundlich zurück. »Lass mich in Ruhe.«
»Aber, ich wollte dir nur eine Freude machen. Es ist doch bald Weihnachten, das Fest der Liebe. Du kannst mir nicht verbieten, dir etwas zu schenken!«
An diesen Worten erkannte Trixi, dass es schwierig würde, gegen seine Verliebtheit anzukämpfen. Er sah die Dinge einfach so, wie er sie sehen wollte.
»Ich will nichts von dir und du bekommst nichts von mir, basta.« Wütend knallte sie den Hörer auf die Gabel.
Auf dem Weg durch den Korridor ins Badezimmer, ließ sie nach und nach alle Kleidungsstücke auf den Boden fallen. Sie liebte es, chaotisch zu sein, ohne dass jemand sie zur Ordnung rief.
Ein heißes Bad täte ihr gut. Sie fror immer noch.
Als sie mit einem Buch in der Wanne lag und die Anspannung des Tages von ihr abfiel, hörte sie ein Poltern an der Haustür.
Erschrocken horchte sie auf. Sie wusste, dass die Sicherheitsvorkehrungen in diesem Haus nicht die besten waren. Seit dem Tod ihrer Eltern hatte sie nichts mehr instandsetzen lassen. Ihr fehlte das Geld dazu. Wieder polterte es im Flur. Nervös stieg sie aus der Wanne, trocknete sich ab und zog einen Morgenmantel an.
Im Flur lag zwischen Glasscherben das kleine Päckchen, das sie vor kurzer Zeit noch in den Mülleimer geworfen hatte. Das war doch die Höhe, fluchte Trixi vor sich hin. Wie kam der Schuft dazu, ihr nachzuspionieren?
Die Glasscherben stammten von einem der kleinen Fenster direkt neben der Haustür. Zum Glück war es so klein, dass niemand durchklettern konnte. Es war außerdem mit Gitterstäben gesichert. Diese Maßnahme hatte ihr Vater schon vor Jahren getroffen, wofür sie ihm jetzt dankbar war. Trotz allem musste sie es mit einem Brett zunageln, damit die Kälte nicht ins Haus dringen konnte.
Es ärgerte sie, sich am späten Abend noch mit solchen Unannehmlichkeiten herumärgern zu müssen. Seit dem Tod ihrer Eltern hatte sie sich komplett im Erdgeschoss eingerichtet. Jedes der Zimmer im Obergeschoss steckte voller Erinnerungen an eine Zeit, die sie gerne vergessen würde. Ihr Entschluss sich unten einzurichten, war eine Flucht. Dessen war sie sich bewusst. Aber ein passendes Stück Holz würde sie hier nirgends finden. Also blieb ihr keine andere Wahl, sie musste nach oben gehen.
Im ehemaligen Elternschlafzimmer sah sie einen Schatten – da stand jemand.
Sie erschrak heftig, ihr Herz schlug wie wild, sie atmete stoßweise. Die Person gab keinen Mucks von sich. Sie wartete, bis ihr Puls sich wieder beruhigt hatte. Da erkannte sie, dass es sich um die alte, graue Schaufensterpuppe handelte, die ihre Mutter zum Lüften von Kleidern genutzt hatte. Schon als Kind war ihr das Monstrum unheimlich gewesen. Warum hatte sie es nicht schon längst weggeworfen?
Wütend stieß sie die gesichtslose Puppe um und schob sie unter das Bett.
Sie war heilfroh, als sie schon nach wenigen Minuten Teile eines alten Schrankes fand, die für ihr Vorhaben ausreichten. Fluchtartig eilte sie nach unten und machte sich daran, die Fensteröffnung zu vernageln. Hinterher betrachtete sie ihr Werk. Sie stellte fest, dass sie handwerkliches Geschick besaß.
Nun widmete sie sich ihren Pflanzen, eine Beschäftigung, die sie liebte und immer ablenkte. Sie füllte ihre Gießkanne mit Wasser und betrat das benachbarte Zimmer, das zur Vorderseite des Hauses zeigte. Früher wurde es als Esszimmer genutzt, was immer noch am Mobiliar zu erkennen war. Mit Intarsien verzierte Schränke, ein langer Tisch mit geschwungenen Beinen und gepolsterte Stühle schmückten einst dieses Zimmer, was ganz der persönlichen Note ihrer Mutter entsprach. Nichts in diesem Haus hatte jemals einen Hinweis darauf gegeben, dass eine Tochter existierte. Alles, der Stil der Möbel, die Art, wie es arrangiert wurde, die Gardinen, sogar die elektrischen Geräte, wie Musikanlage und Fernseher, musste nach den Vorstellungen ihrer Mutter platziert werden. Da war kein Platz für eigene Wünsche – ›Anpassen‹ lautete Trixis Lebensmotto, um nicht dem Zorn dieser Frau ausgesetzt zu sein. Sogar die Pflanzen hatten einen höheren Stellenwert als die Tochter. Die Mutter nahm sie nur bei ihren zahlreichen Vorträgen über Pflanzen wahr. Sie beherrschte ihre Umgebung und alles unterlag ihrer Kontrolle. Sie duldete keinen Widerspruch, war immer der Meinung, dass der Mensch sich nicht grundlos evolutionsgeschichtlich zum ›homo sapiens‹ entwickelt habe und dieses Privileg deshalb auch nutzen sollte. Während ihrer Pflanzenexkursionen durch das ganze Haus hatte Trixi die Pflicht, ihr aufmerksam zuzuhören und zu lernen. Ihre Mutter behauptete schon immer, dass der Mensch Einfluss auf die Natur nehmen sollte. Dabei meinte sie die Zucht der Pflanzen unabhängig von Jahreszeit und Umweltbedingungen. Trixi hatte diese Lehrstunden gehasst. Die Sprüche klangen ihr heute noch in den Ohren.
Obwohl ihre Mutter fest an die Unfehlbarkeit des Menschen geglaubt hatte, war es doch eine Überraschung, dass gerade sie so früh gestorben war.
Außerdem erstaunte es Trixi jedes Mal, wenn sie ihr botanisches Refugium betrat, wie sehr sie sich heute an dem Anblick erfreuen konnte – was ihr nie gelungen war, als ihre Mutter noch lebte. War es das umfangreiche Fachwissen, das zu immer gewagteren Experimenten antrieb? Oder war es die Genugtuung, jetzt genau die Dinge tun und lassen zu können, die ihr immer verboten worden waren?
Den großen Tisch, Mutters Augapfel benutzte sie heute als Blumenbeet. Auf den Kommoden standen nur Pflanzen, die sie selbst ausgewählt und arrangiert hatte. Sie waren nicht nur ihr Stolz, sondern auch immer wieder eine Herausforderung. Ein Ficus-Benjamini war zwischenzeitlich hochgewachsen und musste auf dem Boden stehen, damit seine Zweige nicht an die Decke stießen. Drachenbäume in verschiedenen Größen tummelten sich auf den Kommoden, auf Sideboards und auf alten Holzschemeln. Verschiedene Kakteen bildeten eine angenehme Abwechslung im Raum, eine Klivie, die nur einmal im Jahr leuchtend rot blühte, Orchideen, deren Farbenpracht eine Augenweide war. Außerdem experimentierte sie mit Samen und es gelang ihr nicht selten aus verschiedenen Arten Kreuzungen zu züchten. Sie brachte selbst exotische Pflanzen zu jeder Jahreszeit zum Blühen. Während sie jedes Gewächs begutachtete, strich sie liebevoll über einzelne Blätter. Ihre Laune hatte sich gebessert. Sie würde sich von Roland Berkes das Leben nicht schwer machen lassen, nahm sie sich vor, während ihr Blick fest an dem blühenden Maiglöckchen haftete, eine Pflanze, die schön aber auch giftig war. Sie verkörperte Eigenschaften, die Trixis Fantasie anregten.
Sie sammelte vertrocknete Blätter ein und löschte das Licht.
Nach diesem täglichen Ritual betrat sie ihr Schlafzimmer. Es war vollgestellt mit Schränken aus Kindertagen. Kommoden, Vitrinen, einem alten, breiten Bett, mehreren Nachttischschränkchen, Stehlampen und einem Ohrensessel, der einst ihrer Großmutter gehört hatte. Normalerweise empfand sie die Enge als gemütlich, aber heute spürte sie Beklemmung. Durch das Fenster ihres Schlafzimmers sah sie direkt auf den Berg, an den das Haus angebaut worden war. Von dort drang nur wenig Licht herein, weil der bewaldete Hügel das Sonnenlicht schluckte.
Sie zog die Rollläden herunter und legte sich ins Bett. Leider war sie so aufgewühlt, dass sie Stunden brauchte, bis sie endlich einschlafen konnte. Deshalb wirkte sie am nächsten Morgen übernächtigt und gereizt. Ihre Kollegin und Freundin Käthe meinte ironisch: »Die Nacht ist zum Schlafen da. Auch für dich.«
»Ich konnte nicht schlafen, weil ich Schreckliches erlebt habe!«
»Machst du Witze?«
»Seit Monaten werde ich von einem heimlichen Verehrer belästigt. Findest du das witzig?«
Käthe starrte ihre Freundin nachdenklich an, schaute in den Spiegel und meinte resigniert: »Ich würde es witzig finden, überhaupt mal einen Verehrer zu haben.«
Trixi stellte sich neben sie. Ihr blondes Haar legte sich in sanften Wellen um ihr ebenmäßiges Gesicht mit den hohen Wangenknochen und den leicht schräg stehenden Augen. Ihre Figur war schlank, die Beine lang, ihre Taille schmal. Käthe dagegen wirkte blass mit vielen Pickeln. Ihre Haare waren trotz intensiver Pflege strähnig, die Figur durch die vielen Medikamente, die sie einnehmen musste, aufgeschwemmt. Den Kittel trug sie offen, weil sie ihn nicht mehr zuknöpfen konnte. Ihre Arme waren mit roten Pusteln bedeckt, eine Allergie gegen die Medikamente, auf die sie nicht verzichten konnte. Sie litt an Epilepsie, also hatte sie die Wahl zwischen Krämpfen oder äußerlichen Beeinträchtigungen.
Schlagartig tat es Trixi leid, dass sie so heftig reagiert hatte. Ihr war es noch nie schwergefallen, Männerbekanntschaften zu machen. Deshalb nahm sie sich auch das Recht heraus, einen Mann selbst auszusuchen und sich nicht aussuchen zu lassen. Aber dass es auch anders sein könnte, darüber hatte sie nicht nachgedacht.
Entschuldigend nahm sie die junge Frau in den Arm, drückte sie an sich und schlug vor: »Ich färbe deine Haare blond und frisiere dich. Du wirst sehen, dass das viel ausmacht und du sofort besser aussiehst.«
»Das muss ich mir noch überlegen.«
»Überlege nicht zu lang. Wir sind schon dreißig, unsere biologische Uhr tickt.«
Am Nachmittag traf Roland Berkes mit einer neuen Lieferung ein. Trixi fauchte ihn im Hinterzimmer böse an: »Ist es notwendig, mir mit deinen doofen Geschenken die Scheiben einzuwerfen?«
Verständnislos stammelte er: »Nein! Was soll diese Frage?«
»Dann hör auf mir nachzuspionieren! Ich lasse mich nicht unter Druck setzen.«
»Das verstehst du völlig falsch«, wehrte sich Roland. Sein rundes Gesicht war vor Aufregung gerötet. »Ich will dir doch nur eine Freude machen. Wenn dir mein Geschenk nicht gefällt, tut es mir leid. Sag mir, was ich dir schenken kann.«
»Gar nichts! Nichts, nichts und wieder nichts.«
»Aber, wie soll ich dir denn zeigen, was ich für dich empfinde?«
»Ich will nicht, dass du überhaupt etwas für mich empfindest. Such dir eine andere Frau.«
Geknickt und sichtlich ratlos verließ Roland das Hinterzimmer und den Salon. Trixi schaute ihm nach. Wie ein begossener Pudel wirkte er. War sie zu gemein zu ihm gewesen? Nein, schüttelte sie energisch den Kopf. Sie hatte sich richtig verhalten.
Am Abend regnete es. Dazu wehte ein kalter Wind. Die Heimfahrt war eine Qual, weil der Regen ihr in die Augen geriet, sodass sie alles verschwommen sah. Außerdem fror sie entsetzlich. Durch das Zittern ihrer Beine fiel ihr das Strampeln noch schwerer.
Endlich erreichte sie die Brücke.
Plötzlich drang ein lautes Scheppern an ihr Ohr, das sogar das Rauschen des Regens und des Windes übertönte. Es hörte sich an, als seien mehrere Metallteile aufeinandergeschlagen. Sie zuckte zusammen.
Zitternd vor Angst und Kälte sperrte sie daheim angekommen hastig die Tür auf und schob ihr Fahrrad in den Flur, was sie sonst nie tat. Aber das Geräusch hatte sie so erschreckt, dass sie nicht den Mut aufbrachte, das Vehikel im dunklen Keller zu verstauen. Das Untergeschoss bestand aus Gewölben, in denen Trixi hinter jedem Pfeiler das Schlimmste vermutete. Schon als Kind hatte sie sich davor gefürchtet, was ihre Mutter allerdings nicht interessierte. Beharrlich hatte sie das verängstigte Kind in den Keller geschickt, um Vorräte zu holen. Schlotternd vor Angst hatte sich Trixi gefügt, eine lästige Pflichterfüllung, die ihre Horrorfantasien beflügelt hatte. Heute lebte sie mit einer tief verwurzelten Angst. Das neu installierte elektrische Licht machte es nicht besser, im Gegenteil: Die dicken Pfeiler warfen lange Schatten, hinter denen sich leicht jemand verstecken konnte. Zum Glück konnte sie heute selbst entscheiden, ob und wann sie dieses finstere Gewölbe betrat.
Im Flur tropfte das Regenwasser vom Fahrrad und hinterließ eine hässliche, braune Pfütze. Trixi wollte die schmutzige Lache wegwischen, aber es tropfte immer wieder nach. Das Wasser hatte sich in den Schutzblechen über den Reifen gesammelt.
Enttäuscht machte sie sich auf den Weg ins Badezimmer, als sie meinte ein Klopfen am Wohnzimmerfenster zu hören. Aber wie konnte jemand an ein Fenster klopfen, das sich in drei Metern Höhe befand?
Ängstlich betrat sie das große Zimmer, dessen Mobiliar zum größten Teil aus Antiquitäten bestand, ein Überbleibsel ihrer Eltern, die eine große Leidenschaft für alte Möbel hatten. Dazwischen standen ein elegant gestylter Sessel in gebrochenem Weiß und ein tiefes, bequemes Sofa mit Schonbezug, eine Errungenschaft, auf die sie sehr stolz war. Darunter lag ein teurer Perserteppich in einem kräftigen Blau, der ihre Schritte dämpfte. Ein Klappsekretär füllte die Ecke links vom Fenster aus, eine Vitrine, vollgestopft mit Porzellan und Kristallvasen die andere Ecke. Stehlampen in verschiedenen Stilrichtungen waren im ganzen Zimmer verteilt. Sie traute sich nicht eine dieser Lampen anzuschalten. Vorsichtig näherte sie sich dem Fenster, um das Rollo herunterzulassen.
Als sie sich ins Bett legte, hörte sie ein Geräusch am Schlafzimmerfenster. Der Rollladen war verschlossen, aber sie fühlte sich trotzdem nicht sicher. Nachts schreckte sie immer wieder hoch.
Unausgeschlafen verließ sie am nächsten Morgen das Haus. Vor der Tür wäre sie beinahe über einen bunten Blumenstrauß gestolpert. Sie konnte gerade noch rechtzeitig ausweichen und betrachtete widerwillig das wunderschöne Arrangement leuchtend bunter Blumen. Eine Karte hing daran, es war eine Standardkarte aus dem Blumenladen. Die Grüße lauteten einfach nur: »In Liebe.«
Das reicht, dachte Trixi.
Auch wenn es ihr um die schönen Blumen leidtat; es war der Hintergedanke, der damit verbunden war, weshalb sie den Strauß entnervt zwischen die verrosteten Autowracks schleuderte. Durch dieses Ereignis war sie so aufgewühlt, dass sie nicht auf direktem Weg zu ihrer Arbeit im Saarbasar am Fuße des Eschbergs fuhr, sondern einen Umweg über die Polizeiinspektion in der Saarbrücker Straße machte.
Sie betrat ein kleines Büro und sah einen Polizeibeamten hinter einem Monitor sitzen.
»Ich möchte eine Anzeige erstatten«, begann sie.
»Gegen wen?«, fragte der Polizist und schaute sie prüfend an.
Trixis blondes Haar war zerzaust, ihr Gesicht fleckig, die Augen umschattet. Normalerweise schminkte sie sich erst im Friseursalon. Dieser Polizist musste einen tollen Eindruck von ihr haben.
»Gegen Roland Berkes.«
»Was tut er denn?«
»Er belästigt mich.«
»Wie?«
»Er schenkt mir Blumen, versucht immer wieder, mich zu einem Rendezvous zu überreden, legt mir Geschenke vor die Haustür, traktiert mich mit Anrufen.«
»Und darüber beschweren Sie sich?«
Trixi starrte den Beamten mit offenem Mund an. Hatte sie richtig gehört? Sie konnte es nicht glauben.
»Ich möchte den Kerl anzeigen«, wiederholte sie ihre Bitte.
»Was soll ich notieren?«, fragte der Polizist. »Anzeige wegen unerlaubten Schenkens von Blumensträußen?«
Wütend verließ Trixi das Polizeigebäude. Diese Abfuhr musste sie erst einmal verdauen. Während sie durch die Straßen zum Friseursalon radelte, überlegte sie, was sie falsch gemacht haben könnte. Die Reaktion des Bullen war ihr suspekt. Aber genau genommen hatte sie ihm auch nicht die ganze Wahrheit gesagt. Den Psychoterror, den Roland Berkes mit seinen Belästigungen anrichtete, hatte sie nicht erwähnt. Bestimmt hatte der Bulle sie falsch verstanden. Aber jetzt zurückkehren und alles nochmal versuchen, wollte sie auch nicht. Bei dem Mann war sie unten durch. Jetzt musste sie zuerst einmal abwarten, wie es weiterging, bevor sie einen neuen Versuch machte, sich Schutz bei der Polizei zu suchen.
Sie erreichten den Salon. Schon von weitem sah sie ich. Roland stand vor der Tür und erwartete sie. Das hatte gerade noch gefehlt. Am liebsten würde sie jetzt doch sofort umdrehen und zur Polizei zurückfahren. Aber damit könnte sie ihren Job riskieren, denn es warteten schon einige Kundinnen auf sie.
»Ich habe mich mit deiner Bestellung beeilt.« Roland begrüßte Trixi mit einem strahlenden Lächeln, als sei die Welt in Ordnung.
Im Tageslicht sah Trixi, dass er graue Augen hatte; die langweiligste Farbe, die sie kannte.
»Schön«, murrte sie. »Leg es auf den Tisch und verschwinde! Ich habe viel Arbeit.«
»Warum so unfreundlich? Ich möchte dich zum Essen einladen. Morgen kommt der Nikolaus und da wollte ich dir eine Freude machen.«
»Ich will nicht mit dir essen gehen, egal wer gerade an der Reihe ist, der Weihnachtsmann oder der Osterhase.«
»Aber warum denn nicht? Wir könnten uns aussprechen.«
»Das wäre reine Zeitverschwendung.«
»Schade! Vielleicht überlegst du es dir noch mal.« Roland zuckte mit den Schultern. »Ich kenne ein Restaurant, da kann man wirklich gut essen. Es würde dir gefallen.«
Trixi stemmte energisch ihre Hände in die Hüften und wartete, bis er in seinen Kleinlaster eingestiegen und davongefahren war. Erst dann konnte sie sich auf ihre Arbeit konzentrieren.
Käthe traf kurze Zeit später ein. Als sie Trixis Gesicht sah, zuckte sie zusammen.
»Wie siehst du denn aus?«
»Ich habe schlecht geschlafen, weil ich wieder einmal von dem geisteskranken Roland Berkes wachgehalten wurde.«
Käthe schüttelte den Kopf, zögerte eine Weile und erwiderte: »Lade ihn ein und rede mit ihm. Nur so kannst du Missverständnisse aus dem Weg räumen.«
»Ich dachte, du wärst meine Freundin.«
»Bin ich doch auch. Ich wollte dir nur einen Vorschlag machen, wie du diese unerträgliche Situation erträglich machen kannst.«
»Indem ich jemanden in mein Haus lasse, der mir gefährlich werden kann?«
»Roland Berkes ist gefährlich? Du verrennst dich in etwas.«
»Du glaubst mir nicht«, schlussfolgerte Trixi.
»Das stimmt nicht. Ich habe einfach nur das Gefühl, dass du die Situation nicht richtig beurteilst.«
Wieso sollte Käthe ihr glauben, dachte Trixi grimmig, wenn ihr sogar die Polizei nicht glaubte.
Aber Käthe war noch nicht fertig: »Trotzdem bin ich der Meinung, dass ihr miteinander reden müsst. Wie willst du ihm sonst klar machen, dass er sein Liebeswerben einstellen soll?«
»Das kann ich nicht, weil er das gar nicht hören will. Er hört nur das, was ihm in den Kram passt. Also würde ein Gespräch nichts bringen. Glaubst du, ich hätte das noch nicht versucht?«
»Erstaunlich, wie unbeholfen du dich anstellst. Ich erinnere mich, dass du schon geschickter warst.« Käthe schüttelte den Kopf.
»Sprichst du von Bruno Dold?«
Käthe nickte.
Mit Schrecken erinnerte sie sich an den aufdringlichen Mann. Er war als Kunde in den Salon gekommen und hatte damit geprahlt, dass er alle handwerklichen Arbeiten verrichten könne. Daraufhin hatte Trixi ihn gebeten, eine Wasserleitung in ihrem Haus zu reparieren, was sich schnell als Fehler herausgestellt hatte. Immerzu hatte er versucht, sie anzufassen, dabei einen Blick aufgesetzt, der Liebe ausdrücken sollte, der Trixi aber nur noch mehr abschreckte. Seine kräftige Gestalt hatte ihr Angst eingejagt. Neben ihm hatte Trixi sich wie die weiße Frau in den Fängen des Riesenaffen King-Kong gefühlt.
Immer wieder hatte er ihr aufgelauert, obwohl sie kratzbürstig ohne Ende gewesen war. Aber Bruno hatte sich davon nicht beeindrucken lassen.
»Wie kannst du behaupten, dass ich bei Bruno Dold erfolgreicher war?«
Käthe schaute ihre Freundin eine Weile an, bevor sie mit einem Schulterzucken antwortete: »Fiel mir nur so ein.«
Sie mussten ihr Gespräch beenden, weil die ersten Kunden den Salon betraten.
Es wurde ein langer Arbeitstag, der Betrieb wollte nicht abreißen. In der Vorweihnachtszeit setzten die Kunden alles daran, nicht nur das Haus schön zu gestalten, sondern auch selbst vorteilhaft auszusehen. Alle sprachen von ihren Dekorationen, viele konnten von neuen Errungenschaften berichten, die ihre Häuserfronten zierten. Das hätte Trixi ablenken können, wäre da nicht dieser Artikel der Saarbrücker Zeitung gewesen, der auf der Titelseite stand – mit so großen Lettern, dass sie immer wieder darauf schauen musste: »Frau wurde Opfer ihres Verehrers«
In der Mittagspause nahm sie das Blatt und las den ganzen Artikel durch.
»Am Mittwoch wurde eine fünfundzwanzigjährige Tote in ihrer Wohnung in Saarbrücken, Preußenstraße, gefunden. Die Nachbarn wurden durch den bestialischen Geruch aufmerksam.
Im Verdacht steht ein junger Mann, der der jungen Frau ständig nachstellte – aber auf Ablehnung stieß. Nach Aussagen der Nachbarn ließ das Opfer den Besucher nicht in ihre Wohnung, sondern stritt sich mit ihm lautstark im Treppenhaus. Die Polizei schließt auf eine Tötung im Affekt.«
Der Bericht erschütterte Trixi. Das war ihre Geschichte. Das sollte doch für die Polizei eine Warnung sein, aufdringliche Besucher genauer unter die Lupe zu nehmen. Den Rest des Tages verbrachte sie wie in Trance. Sollte sie froh darüber sein, dass dieser Bericht in der Zeitung stand, weil sie dadurch vielleicht glaubwürdiger werden könnte? Oder sollte sie vorsichtiger sein, weil sie darin lesen konnte, wie weit die Verfolger gingen?
Den Kopf voller zermürbender Gedanken radelte sie in der Dunkelheit nach Hause. Sie musste sich unbedingt ablenken. Das würde ihr am besten gelingen, wenn sie Haus und Zimmer weihnachtlich schmückte.
In ihrem Haus brannte Licht.
Vergessen war der gute Vorsatz.
Erschrocken blieb sie vor der alten Brücke stehen und schaute auf das hell erleuchtete Fenster. Sie war ganz sicher, am Morgen alle Lichter ausgeschaltet zu haben. Was sollte sie tun? Wenn sie das Haus betrat, und Roland dort schon auf sie wartete, wäre sie ihm hilflos ausgeliefert.
Voller Angst drehte sie sich um und hetzte zielstrebig zur Polizeidienststelle in der Saarbrücker Straße.
Ein junger Polizeibeamter hatte Dienst. Als sie ihm außer Atem berichtete, in welchem Zustand sie ihr Haus vorgefunden hatte, zögerte er. Trixi schaute ihn eindringlich an, doch er erwiderte den Blick, ohne einen Kommentar abzugeben.
»Haben Sie heute schon die Saarbrücker Zeitung gelesen?«
»Nein. Warum?«
»Da gibt es einen Artikel über eine Frau, die von ihrem Verfolger getötet wurde. Das könnte mir auch passieren, wenn Sie nichts unternehmen.«
Daraufhin las er aufmerksam den besagten Bericht auf der Titelseite. Währenddessen schaute er sie immer wieder an.
»Sie glauben also, dass Sie ein Stalking-Opfer sind?«
»Genau das«, antwortete Trixi aufgeregt. Der Polizeibeamte sprach genau das aus, was sie empfand.
Sie fuhren mit einem Dienstfahrzeug in den Grumbachtalweg. An der alten Brücke musste er das Auto abstellen. Zu Fuß legten sie das letzte Stück zurück.
Das Haus lag in völliger Dunkelheit.
»Eben hat noch Licht gebrannt.« Trixi war verzweifelt.
Der Polizist ging mit ihr hinein. Alles war dunkel und still. Er durchsuchte jedes Zimmer, um sich davon zu überzeugen, dass dort niemand lauerte. Vor der Tür, die zum Treppenhaus führte, blieb er erstaunt stehen und schaute Trixi fragend an.
»Wo führt diese Tür hin?«
»Zur Treppe nach oben.«
»Haben Sie dort immer abgeschlossen?«
»Ja!«
»Warum?«
»Ich benutze die oberen Etagen nicht mehr, seit meine Eltern tot sind.«
»Ich möchte mir gern die oberen Zimmer ansehen. Wenn sich wirklich jemand unbemerkt im Haus aufhält, hätte er ein leichtes Spiel.«
Sie eilte in die Küche, zog mehrere Schubladen auf, bis sie den passenden Schlüssel fand. Als sie sich umdrehte, stand der Polizist dicht hinter ihr. Aber ihr erster Eindruck, dass er sich ihr nähern wollte, wurde mit seiner nächsten Frage zunichte gemacht: »War der Schlüssel schon immer in dieser Schublade?«
Trixi war unsicher. Sie hatte den Schlüssel in einer der oberen Schubladen vermutet, könnte sich aber auch irren. Sie las den Namen auf der Uniform des Polizisten:
H. Hollmann, Polizeihauptmeister.
»Ich weiß es nicht«, meinte sie dann.
»Dann kommen wir nicht umhin, die obere Etage zu überprüfen.«
Er sperrte die Tür auf und schaltete das Licht an. Langsam stieg er nach oben, gefolgt von Trixi, die sich immer unbehaglicher fühlte. Der Polizist durchsuchte jedes Zimmer – ohne Ergebnis. Wieder im Erdgeschoss wollte er auch den Keller sehen. Trixi nickte mutlos, weil sie inzwischen die Hoffnung aufgegeben hatte, dass es irgendwo im Haus eine Spur des Eindringlings geben würde. Dieser Kerl war einfach zu geschickt.
Die Kellerräume waren feucht und dunkel. Die Glühbirne an der Decke spendete nur wenig Licht. Hollmann schaltete zusätzlich seine Taschenlampe an, um etwas erkennen zu können. Die Rückseite des Hauses war direkt an den Berg angebaut. Dadurch zog Feuchtigkeit in die Wände. Hässliche Ränder zeichneten sich vom grauen Putz ab.
Spuren eines Einbrechers fand er nicht.
Wieder im Hausflur standen sie sich schweigend gegenüber, bis sein Blick auf die Tür zur Abstellkammer fiel.
»Was befindet sich dort?«
»Meine Abstellkammer. Ziemlich überfüllt.«
Trotzdem warf er einen Blick hinein, wobei er das bestätigt fand, was Trixi geschildert hatte.
Für den Polizisten gab es nichts mehr zu tun. Es fiel Trixi schwer, ihn gehen zu lassen. Seine Anwesenheit gab ihr das Gefühl von Sicherheit, genau das, was sie brauchte. Aber sein Blick verriet Zweifel an ihrer Geschichte.
Wie ein Hüne stand er vor ihr, seine grünen Augen schauten auf sie hinab, sein rötlichblondes Haar war zu einem Bürstenschnitt gestutzt. Er war ein attraktiver Mann.
»Haben Sie einen Computer?« Mit dieser Frage holte er sie in die Gegenwart zurück.
»Ja, im Wohnzimmer.«
»Dann haben Sie sicherlich auch eine E-Mail-Adresse?«
»Ja, aber ich benutze den Rechner selten.«
»Sollte es sich wirklich um einen Verfolger handeln, der es auf Sie abgesehen hat – so wie Sie die Sachlage schildern – besteht die Möglichkeit, dass er auch diese Technologie nutzt, um mit Ihnen in Kontakt zu treten. Oftmals geschieht das durch beleidigende E-Mails. Schauen Sie bitte nach, ob in letzter Zeit eine Nachricht bei Ihnen eingegangen ist?«
Trixi war erleichtert. Damit bewies er ihr einerseits, dass er ihre Situation trotz der fehlenden Spuren ernst nahm. Andererseits legte er es nicht darauf an, so schnell wie möglich zu verschwinden. Hoffnung keimte in ihr auf.
Sie sagte ihm, wo der Computer stand. Während er vor ihr herging, ließ sie ihren Blick über seine Statur wandern. Seine enganliegende Uniform betonte seine breiten Schultern und seine sportliche Figur. Er hielt sich gerade, seine Bewegungen waren zackig, fast militärisch.
Wie konnte sie ihn dazu bringen zu bleiben?
Sie fuhr den Rechner hoch und checkte den Posteingang durch. Nichts.
»Ein seltsamer Verehrer«, meinte Hollmann. »Solange er nichts hinterlässt, womit sich seine Aktivitäten nachweisen lassen, können wir nichts tun. Ein eigener Straftatbestand zum Schutz gegen Stalking besteht in Deutschland noch nicht. Zwar erfüllen viele Handlungen von Stalkern Kriterien wie Hausfriedensbruch, Körperverletzung oder sexuelle Nötigung, ein eigenständiger Tatbestand ist hingegen nicht Gegenstand des deutschen Strafrechts.«
»Was heißt das?«
»Es wird uns nicht gelingen, die Staatsanwaltschaft von strafbaren Handlungen zu überzeugen, wenn wir keine Fakten liefern.«
»Also sind Sie hier fertig?«
»Ich werde Ihre Anzeige auf jeden Fall weiterleiten.«
»Wie wär’s mit Personenschutz?«
»Wie bitte?«
Erstaunt drehte Hollmann sich zu ihr um.
»Sie beschützen mich, bis der Stalker gefasst ist.«
»Ideen haben Sie! Vermutlich sind Sie übernächtigt. Da ist es nicht auszuschließen, dass die Fantasie mit Ihnen durchgeht. Schlafen Sie sich mal aus, dann sieht die Welt wieder anders aus.«
Vorbei die Vorstellung von einem aufregenden Stelldichein mit ihrem Beschützer.
Wortlos ließ sie ihn gehen.
Als sie wieder allein war, ließ sich Trixi resigniert aufs Sofa fallen. Die Stille wirkte beunruhigend auf sie. Was war nur aus ihrem Leben geworden? Als ihre Eltern noch lebten, war sie von dem Wunsch getrieben, alles zu tun, wonach ihr der Sinn stand. Nun hatte sie die idealen Voraussetzungen, jetzt liefen ihr die Männer davon oder spielten Poltergeist mit ihr. Zuerst Bruno Dold und jetzt Roland Berkes. Lastete ein Fluch auf ihr? Über diesen entmutigenden Gedanken schlief sie nach einer Weile ein. Sie wälzte sich hin und her, Träume vermischten sich mit schrecklichen Fantasien.
Plötzlich schreckte sie durch Klappern und Quietschen auf. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Der Lärm kam nicht von der Tür, sondern vom Wohnzimmerfenster. Sie löschte die kleine Stehlampe, die neben dem Sofa stand und schaute zum Fenster. Tatsächlich sah sie dort die Silhouette eines Mannes. Wie konnte das sein?
Sie ließ den Fensterschutz mit Schwung heruntersausen. Diese Prozedur wiederholte sie an jedem anderen Fenster. Hatte sie schlecht geträumt? Wie sollte ein Mann bis zu dieser Höhe gelangen. Das musste ein Hirngespinst gewesen sein.
Müde legte sie sich ins Bett, lag aber den Rest der Nacht wach.
*
Täglich freute sich Trixi mehr auf die Mittagspausen. In der angrenzenden Kammer konnte sie bei einer Tasse Kaffee mit ihrer Freundin Käthe plaudern und die Welt um sich herum vergessen. Sie genoss es, mit Käthe zu lachen und Pläne zu schmieden, von denen beide wussten, dass sie sie niemals umsetzen würden. In dieser Zeit herrschte angenehme Stille im Salon, die sie sich nicht gerne nehmen ließen.
Und ausgerechnet zur Mittagszeit klopfte an diesem Tag ein Kunde an die Tür. Trixi erhob sich nur unter Protest und schwor sich, es demjenigen zu sagen. Doch der junge Mann, den sie zu sehen bekam kaum, dass sie die Tür geöffnet hatte, ließ sie ihren Ärger vergessen.
»Was darf es sein?«, fragte sie honigsüß.
Er lachte mit perfekten, weißen Zähnen und antwortete: »Meine Haare sind zu lang. Können Sie etwas dagegen tun.«
»Klar«, antwortete Trixi. Sie bot ihm einen Stuhl an und begann mit flinken Händen zu schneiden. Der junge Mann ließ sie dabei nicht aus den Augen.
»Haben Sie kein Vertrauen?«, fragte Trixi deshalb neckend.
»Oh doch«, versicherte er. »Ich schaue Sie einfach nur gern an.«
Diese Antwort brachte sie ein wenig aus dem Konzept, aber sie riss sich zusammen.
»Das ging aber schnell«, bemerkte er hinterher.
Leider, dachte Trixi und machte die Rechnung fertig.
»Ich werde mir Ihren Salon merken.«
»Wie soll ich das verstehen? Positiv oder negativ?«
»Positiv natürlich.«
»Dann möchte ich gern Ihren Namen notieren«, reagierte Trixi prompt. »Ich lege eine Kundenkarteikarte für Sie an.«
»Ob das eine gute Idee ist? Mein Name klingt nicht gut.«
»Meiner auch nicht. Ich heiße Trixi, hört sich albern an.«
»Nein, das klingt schön. Ich heiße Fritz.«
»Ist doch ein interessanter Name. Da kann sich alles Mögliche dahinter verbergen.«
»Sie haben viel Fantasie, wenn Ihnen dazu etwas einfällt.«
»Wie heißen Sie noch?«
»Lörsch«, gab er an und ging grüßend davon.
Käthe kam aus dem Kämmerchen und lachte: »Mann oh Mann, du kennst wirklich alle Tricks. Welche Kundenkartei soll das denn sein?«
*
Der Tag verflog. Die Menschen unterbrachen ihre Einkäufe im Salon, wärmten sich unter den Trockenhauben auf, bevor sie sich wieder hinaus in die Kälte und die Hektik begaben. Trixi sah in diesen Tagen zum ersten Mal einen Vorteil darin, an Weihnachten allein zu sein. Sie musste sich nicht in das Gewühl der Einkaufshäuser stürzen, denn sie hatte niemanden zu beschenken.
Nach Feierabend sperrte sie den Salon ab und merkte erst jetzt, dass Roland Berkes an diesem Tag nicht gekommen war. Aber leider sollte ihre gute Laune ein schnelles Ende finden. Neben ihrer Haustür hing ein großer Nikolaus, eine Dekoration, wie sie sie an vielen Häusern in der Stadt gesehen hatte. Normalerweise gefiel ihr dieses weihnachtliche Beiwerk. Allerdings nicht, wenn es ohne ihre Zustimmung angebracht wurde. Es gab keinen Zweifel, wem sie das zu verdanken hatte.
Es war ein schöner Nikolaus, der von einer Lichterkette angeleuchtet wurde. Eine Weile überlegte Trixi, was sie tun sollte. Die Figur machte sich gut an ihrem Haus, was ihre Wut über die Unverfrorenheit dämpfte. Gegen jede Vernunft beschloss sie, alles so zu lassen wie es war, und ging hinein. Als das Telefon klingelte, hob sie nicht ab. Sie ahnte, was Roland Berkes wissen wollte. Da sie nicht die geringste Lust verspürte, ihm das Gefühl zu geben, er hätte ihr einen Gefallen getan, ließ sie es einfach klingeln.
So begann der nächste Arbeitstag mit Roland Berkes als erstem Besucher.
»Ich habe mehrmals versucht, dich anzurufen. Ich dachte schon, es sei etwas passiert.«
»Was soll schon passieren?« Trixi versuchte, ihn mit Unfreundlichkeit abzuwimmeln, was ihr jedoch nicht gelingen wollte.
»Wie gefällt dir der Weihnachtsschmuck an deiner Tür?«, fragte er mit einem strahlenden Lachen, als sei er der Weihnachtsmann höchstpersönlich.
Trixi überlegte sich die Antwort gut. Ein Lob könnte ihn ermuntern weiterzumachen – das Allerletzte, was sie wollte. Deshalb war ihr Ton schärfer als beabsichtigt. »Hast du nichts Besseres zu tun, als fremde Häuser zu schmücken?«
Wie ein begossener Pudel stand Roland vor Trixi, schaute sie eine Weile an, bis er sich umdrehte und wortlos verschwand.
So betroffen hatte sie ihn noch nicht gesehen. Wie ein begossener Pudel wirkte er plötzlich auf sie. Aber Zeit, darüber nachzudenken, blieb ihr nicht, denn die Arbeit wartete. Fast alle Stühle im Salon waren besetzt.
Bei ihrer Rückkehr am Abend war der Nikolaus verschwunden. Ihre Reaktion war wohl doch zu heftig ausgefallen. Obwohl Trixi Rolands Liebeswerben nicht nur verabscheute, sondern sogar fürchtete, war sie enttäuscht. Obwohl … welche Gedanken hegte sie da? Die Dekoration war eine Grenzverletzung von einem Mann, den sie nicht mochte und der das nicht einsehen wollte. Also musste sie sich selbst am Riemen reißen und diese Tatsache als Triumpf betrachten.
Vielleicht hatte sie endlich erreicht, was sie wollte: Roland Berkes gab auf.
Doch leider war der Wunsch der Vater des Gedankens. Nur wenige Tage später ging der Spuk weiter. Trixi kam von der Arbeit nach Hause, müde, erschöpft, keine Spur von Weihnachtsstimmung. Kaum hatte sie das Haus betreten, spürte sie, dass dort etwas anders war. Gänsehaut kroch in ihr hoch, sie bekam Angst. Leise schlich sie durch den schmalen Flur bis zur Wohnzimmertür. Alles war still. Erst als sie im Zimmer stand, erkannte sie, was anders war: Tannenduft stieg ihr in die Nase. Neugierig geworden schaltete sie das Licht ein. Anstelle der Deckenlampe leuchtete im Erker ein Tannenbaum in den schönsten Farben auf. Gleichzeitig ertönte das Lied: Ich find dich scheiße von Tic Tac Toe.
Trixi wich erschrocken zurück.
Bestürzt beäugte sie die vielen, kleinen Figuren, in den Zweigen. Nichts daran war anstößig, nichts, was nicht an einen Weihnachtsbaum gehörte. Auch kein Hinweis, kein Brief, keine Botschaft.
Sie nahm die CD aus der Musikanlage und warf sie weg. Dabei fiel ihr nur eine Erklärung ein: Roland Berkes war ein Psychopath – eine gespaltene Persönlichkeit. Die eine Hälfte wusste nicht, was die andere tat. Während seine gute Seite den Baum schmückte, legte die schlechte Seite dieses scheußliche Lied auf.
Eine Weile betrachtete sie den Tannenbaum, der mit einer Präzision geschmückt worden war, die große Geduld erforderte. Ihm war nichts zu viel gewesen.
Was tun?
Wenn sie alles so ließ, kam auch das einem Einverständnis gleich. Das Gespräch mit dem Polizisten fiel ihr wieder ein. Das war so ergebnislos verlaufen, als gäbe es keinen Grund, ihre Situation als gefährlich einzustufen. Und wenn sie ehrlich zu selbst war, riskierte sie ihre Glaubwürdigkeit endgültig, wenn sie den Baum einfach stehen ließ? Aber sollte sie jetzt, nach einem arbeitsreichen Tag einen großen, mit bunten Kugeln, elektrischen Lichtern und glitzernden Sternen überhäuften Baum entsorgen? Und wo und wie? Dazu hatte sie nicht die geringste Lust. Weihnachten war nicht mehr weit. Auch wenn die Herkunft des Baumes zweifelhaft war; seine Wirkung verfehlte er nicht.
sollte er stehen bleiben.
In der Nacht regnete es. Die Temperaturen sanken bis unter null Grad, der Regen fror zu Glatteis. An Schlafen war nicht zu denken. Die Selbstzweifel, dass sie gerade einen entscheidenden Fehler machte, hielten Trixi wach. Sie fühlte sich mit dieser Situation überfordert. War es das Alleinsein, das ihre Motivation lähmte? Oder waren es die Gesten, die Roland Berkes zeigte, die sie verwirrten. Unter Belästigung verstand sie unangenehme Dinge. Doch der Tannenbaum stellte diese Theorie total auf den Kopf.
*
Mit dem Fahrrad konnte Trixi an diesem Morgen nicht zur Arbeit fahren. Es war spiegelglatt. Also machte sie sich zu Fuß auf den Weg. Die sonst stark befahrene Kaiserstraße war fast leer. Nur ein Auto näherte sich und hielt direkt neben ihr. Verunsichert schaute sie sich um. Es war der Lieferwagen von Roland Berkes.
Sie stöhnte innerlich.
»Steig ein. Ich fahre dich zur Arbeit.« Er öffnete die Beifahrertür, als erwartete er keinen Widerspruch von Trixi.
Trixi schüttelte den Kopf und schlitterte weiter.
»Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich dich vom Eis kratzen muss.«
Stur rutschte sie weiter.
Roland folgte ihr im Schritttempo.
Trotz aller Vorsicht rutschte sie aus und landete unsanft auf dem Boden. Roland hielt an, stieg aus und half ihr aufzustehen.
»Wirst du jetzt einsteigen? Oder willst du dir alle Knochen brechen?«
Gegen ihren Willen musste Trixi einsehen, dass er recht hatte.
Während der Fahrt sprachen beide kein Wort. Einerseits verwunderlich, andererseits gut so. Am Salon angekommen, stieg Trixi aus und warf ihm einen fragenden Blick zu.
»Heute habe ich keine Lieferung für euch. Leider muss ich sofort weiter.«
Sie konnte sein Verhalten nicht einordnen. Bisher hatte er jedes Mal nachgefragt, wie seine Einfälle bei ihr angekommen waren. Nur dieses Mal nicht. Wäre es nicht sinnlos, sich diese Arbeit zu machen, ohne eine Reaktion darauf zu erwarten?
2. Kapitel
Feierabend! Trixi wusste gerade nicht, ob sie sich freuen sollte. Zumindest die Straßen waren nicht mehr glatt. Saukalt war es aber immer noch. Trixi beschloss, aus der Not eine Tugend zu machen. Sie stellte sich auf dem Heimweg vor, wie sie sich einen lauschigen Abend vor dem geschmückten Tannenbaum machte. Über seine zweifelhafte Herkunft wollte sie einfach nicht nachdenken. Einfach nur ungestört die weihnachtliche Atmosphäre genießen. Die Vorstellung klang verlockend.
Sie betrat das Haus, schaltete sie die Beleuchtung ein und ließ sich aufs Sofa plumpsen. Das klappte ja schon prima. Der Baum war eine Wucht. Niemals wäre ihr selbst ein derartiges Kunstwerk gelungen. Sie versank in ihren Betrachtungen dieser glitzernden Lichter.
Es klopfte an der Tür.
Erstaunt darüber, warum ihr Besucher nicht klingelte, erhob sie sich und ging das kurze Stück durch den Flur auf die Tür zu. Kurz davor blieb sie stehen. Es wäre sicher nicht klug zu öffnen. Sie kehrte ins Wohnzimmer zurück, schob sich am Tannenbaum vorbei ans Erkerfenster, das genau auf die Haustür zeigte.
Kein Mensch war zu sehen. Aber etwas lag auf dem Boden. In der Dunkelheit konnte Trixi nicht erkennen, was es war.
Scheiße! Da war sie wieder – ihre Angst. Sie hatte doch abschalten wollen, Abstand gewinnen und sich durch nichts mehr erschüttern lassen. Doch mit diesem kleinen Paket vor ihrer Tür waren alle ihre Vorsätze zunichte gemacht. Allein die Vorstellung, jetzt nach draußen zu gehen und das Paket anzunehmen ließ sie zittern.
Morgen früh, wenn sie das Haus verließ, konnte sie sich darum kümmern.
Aber den Entschluss umzusetzen kostete sie mehr Nerven, als sie geahnt hatte. Unentwegt ging sie von Zimmer zu Zimmer, fühlte sich in ihren eigenen vier Wänden nicht mehr wohl. Wie lange sollte das so weitergehen? Jeglicher Anfall von Normalität wurde durch eine neue Attacke zerstört. Oder war Normalität für sie nur eine Ausflucht, nicht wieder zur Polizei gehen zu müssen. Die Abfuhr dieses Bullen in dem Büro – und der Korb von Polizeihauptmeister Hollmann – hatten sie an sich selbst zweifeln lassen. Doch das war falsch. Sie spürte, dass sie nicht weiter tatenlos abwarten konnte, sie musste etwas tun. Ihr Blick fiel auf den Computer. Dabei kamen ihr wieder die Worte des Polizeihauptmeisters in den Sinn: »So wie Sie die Sachlage schildern, besteht die Möglichkeit, dass er auch diese Technologie nutzt, um mit Ihnen in Kontakt zu treten. Oftmals geschieht das durch beleidigende E-Mails.«
Also schaute sie nach. Immer noch nichts.
Es war wie verhext. Entweder besaß Roland Berkes gar keinen Computer oder aber er wusste genau, dass eine E-Mail ihn verraten könnte. Hollmann hatte auch gesagt: »Solange er nichts hinterlässt, womit sich seine Aktivitäten nachweisen lassen, können wir nichts tun … Es wird uns nicht gelingen, die Staatsanwaltschaft von strafbaren Handlungen zu überzeugen, wenn wir keine Fakten liefern.« Roland wollte keine Fakten liefern – er verfolgte sein Ziel mit aller Vorsicht und machte Trixi damit wehrlos.
Das brachte sie auf eine neue Idee. Bevor sie den Rechner wieder ausschaltete, startete sie eine Recherche bei Google über Stalking. Es gab erstaunlich viele Treffer. Sie las fasziniert einiges über dieses unerwünschte Nachstellen und die psychischen und physischen Auswirkungen. Darin fand sie auch bestätigt, was Hollmann ihr gesagt hatte. In Deutschland war es schwierig, mit dem Problem Stalking bei Polizei, Staatsanwaltschaft oder Gericht Gehör zu finden, weil es erst allmählich ins Bewusstsein drang.
Eine Weile starrte sie auf die vielen Informationen auf ihrem Bildschirm, bis die Buchstaben vor ihren Augen flimmerten. Besser wäre ein Buch. Aber woher nehmen und nicht stehlen? Kurzerhand klickte sie den Internetkatalog der Stadtbibliothek an, der ihr unvermittelt anzeigte, dass einige Titel verfügbar waren. Aufgeregt suchte sie die Spalte mit den Öffnungszeiten. Erleichtert las sie, dass die Bibliothek von Dienstag bis Samstag durchgehend geöffnet hatte. Also würde sie gleich morgen in der Mittagspause dorthin gehen, sich Fachlektüre über das Phänomen Stalker heraussuchen und im Lese-Café, das eigens dafür eingerichtet worden war, darin schmökern.
Dieser Entschluss gab ihr das beruhigende Gefühl, nicht tatenlos zuzusehen. So gelang es ihr, mit der Tatsache, dass jemand etwas vor ihre Haustür gelegt hatte, besser fertig zu werden.
*
Am nächsten Morgen stolperte sie über einen Käfig. Ihr Herzschlag setzte aus, ihr wurde ganz schlecht. Vor ihr stand ein Katzenkäfig, in dem ein kleines Kätzchen lag – erfroren!
Nach mehrmaligem Würgen machte sie sich auf den Weg zur Arbeit. Den Katzenkäfig stellte sie zur Seite, weil sie das arme Geschöpf jetzt nicht anfassen konnte. Sie schob ihr Fahrrad an den Autowracks vorbei, als sie eine Stimme hörte: »Mörderin! Mörderin! Du bist schuld an ihrem Tod.«
Diese körperlose Stimme, die vom Autofriedhof herüberklang, ging ihr durch Mark und Bein. Diese hässlichen Worte klangen in ihren Ohren, bis sie am Friseursalon ankam. Sie war zu spät dran. Käthe bedachte sie mit einem besorgten Blick und fragte: »Ist wieder etwas passiert?«
Trixi schämte sich maßlos, dass sie das arme Kätzchen hatte erfrieren lassen. Deshalb wollte sie den Vorfall lieber für sich behalten.
»Du hast doch was.«
»Ich werde von dir immer nur belehrt, wie ich es besser machen könnte. Darauf kann ich verzichten.«
»Entschuldige, dass ich es gut mit dir meine.«
»Mit diesem Kerl ist einfach nicht zu reden, er ist ein Psychopath. Er tut Dinge, die mir Angst machen.«
»Ich glaube nicht, dass er gefährlich ist. Du hast zu viel Fantasie. Zurzeit schadet sie dir. Denn so viel, wie du in der kurzen Zeit erlebt haben willst, schafft einer allein gar nicht anzustellen.«
»Egal«, murrte Trixi. »Ich möchte heute kurz weggehen. In der Mittagspause. Ist das okay für dich?«
Käthe nickte, fragte aber nicht nach dem Grund.
Trixi bemühte sich, auf die Gespräche der Kundinnen einzugehen, um sich abzulenken. Es war ein Samstag, also viel zu tun. Zum Glück ließ der Betrieb in der Mittagszeit etwas nach. So konnte Trixi ruhigen Gewissens gehen. Sie eilte zur Bushaltestelle. Als sie in den Bus einstieg, glaubte sie, einen weißen Lieferwagen der Firma Internationaler Paketdienst zu sehen. Lauerte ihr Roland Berkes auf?
An der Bushaltestelle vor der Stadtbibliothek stieg sie aus. Sie schaute sich um. Von Roland keine Spur. Sie hatte sich wohl getäuscht. Sie näherte sich dem Gebäude aus grauem Stahl, Beton und Glas mit raschen Schritten, trat ein und passierte den schmalen Durchgang, der ins Reich der Bücher führte. Auf einem Zettel hatte sie sich den Standort der verfügbaren Titel zum Thema Stalking notiert. Sie fand das Regal auch sofort, nahm sich 3 Bücher heraus und ließ sich im Lese-Café im Erdgeschoss an einem freien Tisch nieder.
Sie schaute aus dem Fenster. Die Aussicht reichte bis zum großen Gustav-Regler-Platz, über dem das Bürgeramt wie eine gläserne Brücke schwebte. Seinen Ursprung hatte das futuristische Gebäude auf der kurzen Seite der Bibliothek und mündete in das neugotische Bauwerk des Rathauses von Saarbrücken.
Sie blätterte im ersten Buch und begann fasziniert zu lesen: »Am 1.1.2002 ist das so genannte Gewaltschutzgesetz in Kraft getreten. Danach erlässt das zuständige Gericht gem. § 1 Abs. 2 GewSchG auf Antrag des Opfers eine Eilschutzanordnung, wenn das Opfer glaubhaft macht, dass eine Person einer anderen mit einer Verletzung des Lebens, des Körpers, der Gesundheit oder der Freiheit widerrechtlich gedroht hat oder eine Person widerrechtlich oder vorsätzlich in die Wohnung einer anderen Person oder deren befriedetes Besitztum eindringt oder eine andere Person dadurch unzumutbar belästigt, dass sie ihr gegen den ausdrücklich erklärten Willen wiederholt nachstellt oder sie unter Verwendung von Fernkommunikationsmitteln verfolgt.
Das Opfer sollte eine möglichst detaillierte Aufstellung der Belästigungen mit Orts- und Zeitangaben fertigen und die Angaben an Eides statt versichern. Es muss also nicht erst etwas passieren, bevor die Gerichte tätig werden. Es reicht schon die ernsthafte Drohung.«
Das war ja interessant. Wie oft hatte Trixi die Polizei schon informiert? Außer ausführlichen Erklärungen hatte Hollmann nichts getan und einfach behauptet, in ihrem Falle gäbe es nichts zu tun. Hier stand, dass eine ernsthafte Drohung ausreiche. Aber nein, ihr musste wohl doch erst etwas passieren. Gebannt las sie die Ausführungen. Doch leider schlug die Aufregung schnell in Ärger um, als sie auf das Kapitel stieß, dass prominenten Opfern, wie Oskar Lafontaine oder Monika Seles besondere Aufmerksamkeit zuteilwurde. In diesen beiden Fällen wurden Stalking-Forschungsgruppen hinzugerufen, um die Motivation der Täter besser nachvollziehen zu können.
Trixi sah aus dem Fenster und traute ihren Augen nicht: Dort stand Roland Berkes. Ihre Blicke trafen sich. Wartete er etwa auf sie?
Hastig konzentrierte sie sich auf ihr Buch, aber das wollte ihr nicht mehr gelingen. Wieder schaute sie hinaus.
Er war weg.
Sie stand auf und stellte sich direkt ans Fenster, um den großen Platz besser überblicken zu können. So sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte ihn nicht mehr entdecken.
War er wirklich verschwunden oder versteckte er sich vor ihr?
Sie kehrte an ihren Platz zurück.
Ein Zettel lag auf dem aufgeschlagenen Buch.
»Glaub bloß nicht, dass du ein Opfer bist. Du bist an allem selbst schuld.«
Erschrocken wich sie zurück. Also war Roland Berkes noch hier. Hastig eilte sie zum Ausgang, aber vergebens. Sie konnte ihn nirgends sehen. Es begann zu regnen und sie hatte keine Lust, ohne Schirm hinauszulaufen. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Also kehrte sie zurück. Enttäuscht beschloss Trixi wenigstens den Zettel als Beweismittel zu nutzen.
Das Buch lag noch an derselben Stelle. Aber der Zettel war weg.
»Haben Sie Probleme?«, fragte ein Mann.
»Ja«, antwortete Trixi hastig. »Jemand hat mir eine Drohung ins Buch gelegt.«
»Sind Sie sicher? Geben Sie mir den Zettel und wir werden uns darum kümmern.«
»Der Zettel ist weg«, gestand Trixi zerknirscht.
Der Mitarbeiter der Stadtbibliothek schaute die junge Frau mit einem seltsamen Blick an. Dass er ihr nicht glaubte, erkannte sie sofort. Also konnte sie sich auch den Gang zur Polizei sparen.
Sie ließ sich eines der Bücher einpacken, passierte die Abhol- und Rückgabekontrolle und verließ das Bibliotheksgebäude.
Die Temperaturen waren angestiegen, der Regen wurde stärker. Mit dem Schirm kämpfte sich Trixi nach einem anstrengenden Arbeitstag mühsam nach Hause. Schon von weitem konnte sie die Umrisse ihres Hauses sehen. Es hatte mal eine Zeit gegeben, da war sie froh, Eigentümerin eines solchen Domizils zu sein. Heute hatte sie nur noch Angst davor.
Vom Abstellplatz der Autowracks hörte sie das Plätschern des Regens auf die verrosteten Bleche. Alles schien in Ordnung zu sein. Vor der Haustür warf sie einen Blick zur Seite, wo sie den Katzenkäfig abgestellt hatte. Er war weg.
Sollte sie erleichtert sein? Nun brauchte sie den Tierkadaver nicht zu entsorgen.
Mit gemischten Gefühlen betrat sie das Haus. Der Duft der Tanne stieg ihr sofort in die Nase und ließ sie den Frust vergessen. Im Wohnzimmer richtete sie sich gemütlich ein, schaltete die Weihnachtsbeleuchtung ein und genoss die Stille. Nach einer Weile schlief sie auf dem Sofa ein.
Ein heftiges Pochen an der Haustür weckte sie auf.
Erschrocken eilte sie zum Fenster. Wieder stand ein Kasten vor der Tür. Sie war entsetzt. Wenn das wieder ein junges Kätzchen war, das in dieser Kälte auf keinen Fall im Freien bleiben durfte, musste sie es ins Haus holen. Hastig rannte sie durch den Flur auf die Haustür zu, öffnete sie mit Schwung, trat eilig hinaus. Sie sah, wie ihr etwas entgegenkam, konnte aber nicht mehr reagieren. Ein heftiger Schmerz traf sie unvermittelt am Kopf, dann wurde alles schwarz um sie herum.
Als sie wieder zu sich kam, zitterte sie vor Kälte. Sie setzte sich auf und versuchte sich zu orientieren. Sie war vor ihrer Haustür und hatte fürchterliche Kopfschmerzen. Ihr Blick fiel auf einen dunklen Fleck. Von Ekel geschüttelt sprang sie auf, aber ihr wurde schwindelig, sodass sie sich wieder setzen musste. Nun sah sie die große Blutlache. Daneben stand der Katzenkäfig mit dem toten Kätzchen. Ein Zettel hing daran.
Zitternd näherte sie sich dem Papier und las: »Schau dir die Sauerei gut an! Das nächste Mal liegst du in deinem eigenen Blut.«
Mit einem Aufschrei prallte Trixi zurück, knallte die Tür zu und raste ins Badezimmer. Dort riss sie sich sämtliche Kleider vom Leib, stopfte sie in die Waschmaschine, duschte und versuchte sich zu beruhigen. Sie beschloss, nochmals zur Polizei zu gehen. Die neuen Ereignisse und die Spuren vor ihrer Haustür mussten doch überzeugen.
Als sie das Haus verließ, war alles verschwunden. Die tote Katze, das Blut, der Zettel – alles. War das ein Grund erleichtert zu sein? Es hatte den Vorteil, dass sie die Sauerei nicht selbst beseitigen musste. Andererseits konnte sie der Polizei nun nicht zeigen, was ihr widerfahren war.
Aber ihr Entschluss stand fest.
Sie lief über die Brücke auf den Grumbachtalweg zu, der in die Kaiserstraße mündete. Von dort war es nicht mehr weit bis zur Polizei.
»Sie schon wieder«, begrüßte Hollmann die verstörte Frau. »Sie sehen mitgenommen aus.«
Stirnrunzelnd hörte er sich ihre Geschichte an, bevor er sagte: »Es ist Samstagabend, eine Zeit, in der überall in der Stadt etwas los ist.«
»Was hat das mit mir zu tun?«
»Wenn ich einem blinden Alarm folge und woanders etwas passiert, hat das schon mit Ihnen zu tun. Ich hoffe, Sie fantasieren nicht.«
»Sie erinnern sich bestimmt noch an den Artikel über die Frau, die von ihrem Verfolger getötet wurde.«
»Ich leide noch nicht an Alzheimer. Ich erinnere mich aber auch daran, dass es Zeugen gab, die den aufdringlichen Besucher bestätigen konnten. In Ihrem Fall sehe ich das nicht und habe auch nichts in der Hand, was ihre Aussage bekräftigt. Haben Sie die tote Katze noch? Ist der Blutfleck vor Ihrer Haustür noch zu sehen?«
»Ich kann nur sagen, dass die Spuren beseitigt worden sind, während ich unter der Dusche war«, gestand Trixi und plötzlich wurde ihr klar, was hier geschah.
»Haben Sie den Zettel noch?«
Niedergeschlagen schüttelte sie den Kopf.
»Verstehen Sie jetzt, warum ich nichts unternehmen kann?« Hollmann schaute Trixi eindringlich an. »Habe ich Ihnen nicht ausführlich erklärt, wie schwierig es ist, die Staatsanwaltschaft von einem Stalking-Fall zu überzeugen?«
Unter seinem Blick fühlte Trixi sich wie ertappt, weil ihr genau in dem Augenblick der geschmückte Tannenbaum einfiel. Womöglich wäre das ein Beweis gewesen. Aber durch ihre Inkonsequenz hatte sie die Chance verspielt, diesen noch vorzubringen, obwohl Hollmann auf etwas Entscheidendes wartete. Jetzt würde sie sich damit nur noch lächerlich machen, weil sie zugeben müsste, dass sie diese Aktivität ihres hartnäckigen Verfolgers einfach akzeptiert hatte.
»Soll ich mich in Ihr Haus setzen und warten, bis der imaginäre Bösewicht sich etwas Neues einfallen lässt?« Mit diesen Worten unterbrach der Polizeibeamte Trixis Gedanken. Da saß sie vor dem Mann, der sie vor ihrem Verfolger beschützen könnte, wenn es ihr nur gelingen würde, ihn zu überzeugen.
Sie spürte, dass sie dieser Situation nicht gewachsen war. Ihre Fehler erkannte sie erst, wenn es zu spät war. Aber das nützte nichts. Mit dem Nikolaus hatte es angefangen. Ihn einfach zu dulden war ihr erster entscheidender Fehler, denn diese Puppe wäre auch ein unwiederbringlicher Beweis gewesen. Dann der Tannenbaum. Auch da hatte sie sich einfach von Gefühlen hinreißen lassen, hatte sich prinzipienlos verhalten, was ihrer Situation nur schaden konnte. Die Quittung dafür kassierte sie jetzt.
Die schmerzliche Einsicht zermürbte sie. Wie gerne hätte sie Hollmann gebeten ihr künftig beizustehen. Aber das konnte sie vergessen – so wie er sie anschaute. Stumm erwiderte sie seinen Blick, in der Hoffnung, dass er es sein würde, der das Schweigen brach.
Aber den Gefallen tat er ihr nicht.
»Ich habe Angst, wieder allein durch die Dunkelheit in mein Haus zurückzugehen«, gab sie zerknirscht zu.
»Kann es sein, dass Sie sich in psychischem Stress befinden?«
Trixi schaute den Beamten erschrocken an. Sein kantiges Gesicht drückte Misstrauen aus; seine grünen Augen wirkten wachsam. Diese Frage fehlte noch.
»Ich glaube, dass der Stress, in dem ich mich befinde, für die Situation ganz normal ist«, murrte sie. Dabei bemühte sie sich, mit fester Stimme zu sprechen. Er durfte auf keinen Fall merken, wie sehr er sie damit getroffen hatte.
Hollmann runzelte die Stirn, rieb sich über die Schläfen, bevor er fragte: »Können Sie nicht bei einer Freundin schlafen? Oder eine Freundin bei Ihnen?«
Eine Weile überlegte Trixi, bis ihr Käthe einfiel.
»Rufen Sie sie am besten gleich von hier aus an. Ich fahre Sie dann«, schlug Hollmann vor und reichte Trixi den Telefonhörer.
Nach einem kurzen Gespräch einigten sich die beiden Frauen, dass Käthe bei Trixi schlafen würde. Hollmann hielt sein Versprechen und übernahm den Fahrdienst.
*
Die Anwesenheit der Freundin ließ Trixi ihre Sorgen tatsächlich vergessen. Sie führte Käthe durch sämtliche Zimmer des Erdgeschosses, sperrte sogar die Tür zum Treppenhaus auf, um ihr die obere Etage zu zeigen. Zum Abschluss präsentierte sie ihrer Freundin voller Stolz ihr kleines Pflanzenparadies. Mit staunenden Blicken schlenderte Käthe zwischen dem großen Tisch, den Stühlen, den Sideboards und den Holzschemeln hindurch. Vor den ausgefallenen Sorten blieb sie stehen und ließ sich von Trixi die Namen und besonderen Eigenschaften erklären. Als Käthe eine der exotischen Pflanzen anfassen wollte, hielt Trixi ihre Hand fest.
»Vorsicht! Die ist giftig! Oder du musst dir hinterher gründlich die Hände waschen.«
»Oh! Du hegst hier nicht nur Pflanzen, sondern ein gut getarntes Waffenarsenal.« Käthe lachte.
»Nur die eine ist giftig, da kann man noch nicht von einem Arsenal sprechen.«
Anschließend machten sie es sich im Wohnzimmer gemütlich. Trixi schaltete die Beleuchtung des Weihnachtsbaums ein. Vor Begeisterung stieß Käthe einen Freudenschrei aus. Sie tranken Wein und plauderten bis tief in die Nacht hinein.
Trixi erwachte am nächsten Morgen als erste. Ihr Blick fiel auf das Gesicht ihrer schlafenden Freundin. Der Anblick stimmte sie so froh wie schon lange nicht mehr. Obwohl sie noch müde war, machte sie sich auf den Weg durch die Kälte zu dem Bäckerauto, das am Sonntagmorgen durch den Grumbachtalweg fuhr. Dort kaufte sie Brötchen. Es tat ihr gut, jemanden zu haben, für den sie sorgen konnte.
Am Auto stand bereits ein älterer Herr, den sie fast jedes Mal an dieser Stelle traf. Er trug einen dicken Mantel, Hut und Schal. Trotzdem war seine Nase rot von der Kälte. Als er Trixi erblickte, meinte er mit sorgenvoller Stimme: »Sie sehen angeschlagen aus. Sind Sie krank?«
Trixi schüttelte den Kopf, was sie besser nicht getan hätte. Vor Schmerz zuckte sie zusammen.
»Kann ich Ihnen helfen?«
»Es geht schon«, wehrte Trixi schnell ab. »Ich bin gestern auf den Hinterkopf gefallen. Das tut noch ein bisschen weh.«
»Gehen Sie lieber zum Arzt und lassen Sie sich untersuchen. Sollte es eine Gehirnerschütterung sein, ist nicht damit zu spaßen.«
Trixi war gerührt von der Fürsorge. Aus seinen Augen sprach Mitgefühl. Ihr wurde warm ums Herz. Er hielt Brötchen und Kuchen in den Händen. Zufällig wusste sie, dass er erst vor einem Jahr geheiratet hatte – sehr spät für einen so netten Mann. Aber diese Ehe schien ihm gut zu bekommen, denn seitdem war er rundlicher geworden, wodurch er noch mehr Gemütlichkeit ausstrahlte, um die Trixi ihn beneidete.
»Ich werde Ihren Rat befolgen.«
»Ich weiß, dass Sie allein leben, seit Ihre Eltern tot sind. Wenn Sie Hilfe brauchen, klingeln Sie einfach bei uns. Meine Frau und ich helfen gern. Wir wohnen in der Kaiserstraße – links um die Ecke, das erste Haus.«
»Vielen Dank. Zurzeit wohnt eine Freundin bei mir. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag!« Mit diesen Worten verabschiedete sie sich und eilte nach Hause. Es war schön, einfühlsame Mitmenschen in der Nachbarschaft zu wissen. Die letzten Tage hatten Trixi entmutigt, weil es ihr nicht gelungen war, die Polizei von ihrem Verfolger zu überzeugen. Diese Begegnung hob ihre Laune beträchtlich.
Käthe stand am Wohnzimmerfenster, als Trixi das Haus betrat. Sie schaute auf den Autofriedhof und meinte verdrossen: »Die Aussicht ist nicht berauschend. Wie hältst du das aus?«
»Früher stand dort das Haus meiner Freundin Chantal. Wenn ich hinausschaue, sehe ich nicht die hässlichen Autowracks, sondern erinnere mich daran, wie schön es war, als sie noch hier war.«
»Warum steht das Haus nicht mehr?«
»Es musste abgerissen werden, weil es mit Asbest verseucht war. Meine Freundin ist mit ihrer Familie weggezogen.«
Trixis Stimme klang traurig.
Eine Weile schaute sie zusammen mit Käthe auf die verrosteten Autowracks, bis sie hinzufügte: »Chantal war einfach super. Zusammen waren wir unschlagbar. Wir heckten immer Streiche aus, nahmen nichts und niemanden ernst, machten aus allem ein Spiel. Die Lehrer hatten ihre helle Freude an uns. Aber den meisten Spaß hatten wir, wenn wir die kleinen Quälgeister ärgern konnten.«
»Welche Quälgeister?«, horchte Käthe auf.
»Friedhelm Lord, der Sohn unseres Gärtners und Frank Lüderitz, der Sohn der Haushälterin von Chantals Familie.«
»Nobel geht die Welt zugrunde. So etwas konnten sich meine Eltern noch nie leisten.«
»Ich glaube, meine Mutter brauchte einen Gärtner, an dem sie ihre Überlegenheit in Sachen Pflanzenkunde demonstrieren konnte. Der arme Mann hatte bei ihr nicht viel zu melden«, meinte Trixi dazu schulterzuckend.
»Und sein Sohn?«
»Der auch nicht – ebenso der Sohn der Haushälterin. Die beiden hatten Chantal und ich im Griff.«
»Erzähl schon«, drängte Käthe.
»Die Quälgeister wollten uns demonstrieren, dass sie die Krone der Schöpfung sind. Immer versuchten sie uns reinzulegen, aber ihre Tricks waren damals schon uralt. Chantal und ich waren für die Knirpse viel zu raffiniert.«
»Was habt ihr denn mit den beiden angestellt?«
»Zuerst einmal gaben wir ihnen Spitznamen. Den Sohn unseres Gärtners nannten wir Lord Helmchen. Chantal taufte ihr Opfer auf den Namen Bugs Bunny.«
»Warum diese Namen?«
»Zum Familiennamen Lord kam hinzu, dass Friedhelms Haare eng am Kopf lagen. Das sah aus wie ein Helm. Der Name hat sich uns regelrecht aufgedrängt«, erklärte Trixi schmunzelnd. »Frank, der Sohn der Haushälterin, hatte vorstehende Zähne, die über die Unterlippe reichten, sodass wir nicht umhinkonnten, ihm den Namen Bugs Bunny zu geben. Zusammen haben Chantal und ich die Buben damit immer geärgert, haben sie gejagt und verprügelt. Das fiel uns leicht, weil beide kleiner waren als wir.«
»Ihr wart aber ganz schön biestig.« Käthe schüttelte den Kopf.
»Sie waren so leicht zum Weinen zu bringen. Wir brauchten sie nur bei ihren Kosenamen zu nennen, schon flennten sie los. Das konnten wir uns nicht entgehen lassen.«
»Was ist aus den beiden geworden?«
»Keine Ahnung. Als Chantals Familie das Haus verlassen musste, nahmen sie Bugs Bunny und seine Mutter mit. Unser Gärtner wurde fast gleichzeitig entlassen, weil wir einen guten Preis für unseren Garten bekamen. Die Familie ist ebenfalls fortgezogen. Ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen.«
»Wie lange ist das her?«
»Bestimmt schon fünfzehn Jahre.«
Sie holten den Weihnachtsschmuck von der oberen Etage und dekorierten das Erdgeschoss. Käthe übernahm das Wohnzimmerfenster, wollte dort elektrische Sterne befestigen, als ihr Blick auf ein Buch fiel. Der Titel lenkte sie von ihrem Vorhaben ab. Er lautete einfach nur Stalking und bezeichnete diesen Fachbegriff als gleichbedeutend für obsessive Verfolgung oder obsessive Belästigung. Methoden wie Briefe, Telefonate, E-Mails, Auflauern und Verfolgen, Drohungen und Liebesbekundungen wurden aufgezählt. 18% aller Frauen und 5% aller Männer in Deutschland werden nach diesem Bericht mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von Stalkern. Das heißt, sie werden längerfristig von einer Person – meist im Liebeswahn – verfolgt, belästigt und teilweise auch bedroht.
»Was willst du damit?«, fragte sie erstaunt. »Hältst du Roland Berkes für einen Stalker?«
Trixi nahm ihr das Buch wortlos ab und legte es in den Schrank.
»Ich habe den ganzen Tag über kein Geräusch gehört, weder am Fenster noch an der Tür. Das Telefon steht still, es gibt keine unerwünschten Geschenke oder Kästen vor deiner Haustür. Heißt das, dass auch ein Stalker mal Urlaub macht?« Käthe ließ sich nicht so einfach abschütteln.
»Glaubst du, ich habe das noch nicht bemerkt. Ich hoffe die ganze Zeit, dass er endlich irgendetwas tut. Denn nur dann könnte ich dich davon überzeugen, welchem Terror ich ausgesetzt bin. Aber wie es aussieht, weiß er das auch. Ich vermute, dass er abwartet, bis ich wieder allein bin. Dabei hatte ich gehofft, ich könnte dich endlich davon überzeugen, mit mir gemeinsam den Kampf gegen ihn aufzunehmen.«
»Tut mir leid«, bedauerte Käthe. »Aber manchmal glaube ich wirklich, mit dir geht die Fantasie durch. Kein Mensch kann sich über einen anderen so genau informieren, dass er über jedes Detail in dessen Leben Bescheid weiß.«
*
Am Montagmorgen wachte Trixi wieder zuerst auf. Sie bereitete das Frühstück. Dabei fiel ihr Blick aus dem Fenster. Was sie dort sah, überraschte sie so sehr, dass sie mit einem lauten Jubelruf ihre Freundin weckte: »Käthe, es schneit!«
Sofort war die Freundin wach und sprang aus dem Bett.
In ihren Schlafanzügen, nur mit Pantoffeln an den Füßen rannten sie hinaus und jubelten »Schnee! Schnee!« Dabei streckten sie ihre Zungen heraus und versuchten einzelne Schneeflocken einzufangen.
»Schmeckt nach nichts«, stellte Käthe fest.
»Ich finde, es schmeckt köstlich.«
Die Schneeflocken fielen ganz dicht; die Luft war erfüllt von kaltem Weiß.
»Was tun wir, wenn wir eingeschneit werden?«, fragte Käthe, immer noch wie ein verrücktes Kind herumspringend.
»Meine Güte, wir werden uns gegenseitig aufessen müssen.«
»Der Kampf ums nackte Überleben«, fantasierte Käthe weiter.
»Von der Welt abgeschnitten!«
»Völlig auf uns allein gestellt!«
»Kein Strom!«
»Kein Radio!«
»Kein Fernsehen!«
»Wir werden wieder die alten Kartenspiele heraussuchen müssen, um uns die Zeit zu vertreiben«, hielt Trixi begeistert die Hände hoch.
»Wir werden unseren Vorrat an Kerzen aufbrauchen«, spann Käthe den Faden weiter.
»Kartenspiele im Kerzenschein. Das klingt traumhaft schön.«
»Weiße Weihnacht im Saarland«, rief Käthe. »Ich glaube, das habe ich noch nie erlebt.«
»Du musst eben Weihnachten bei mir verbringen.«
»Geht nicht«, hielt Käthe dagegen. »Ich muss zu meiner Familie, sonst werde ich enterbt.«
»Wenn du eingeschneit bist, kommst du gar nicht hin.«
»Stimmt. Leider bekomme ich kalte Füße.«
»Wenn der Schnee die Scheiben zudeckt, müssen wir ins Obergeschoss ausweichen, um das Treiben weiter zu beobachten.«
»Aber was tun wir, wenn er bis dorthin reicht?«
»Dann klettern wir aufs Dach.«, schlug Trixi weise vor.
Schnatternd vor Kälte aber glücklich gingen beide wieder ins Haus zurück. In der Küche wärmten sie sich bei einem heißen Kaffee auf.
Auch der Montag verlief ohne Zwischenfälle.
Am Nachmittag fielen nur noch vereinzelte Flocken. Trixi stand am Fenster und meinte: »Keine Schneekatastrophe in Sicht.«
»Also müssen wir nicht ins Obergeschoss flüchten?« Käthe stellte sich neben ihre Freundin und schaute auf den verschneiten Autofriedhof.
»Nein. Und wie es jetzt aussieht, wirst du Weihnachten bei deiner Familie verbringen können.«
»Wenn du willst, kann ich bis dahin bei dir bleiben.«
Gedanke war verlockend. Aber war das Angebot auch ernst gemeint?
»Nur, wenn du das wirklich willst«, antwortete sie und blickte ihre Freundin fragend an.
»Sicher! Bis Weihnachten sind es immerhin noch zwei Wochen. Bis dahin könnte ich bei dir einziehen. Hier zu wohnen ist nicht schlecht, weil es nicht weit bis zur Arbeit ist.«
Die Vorstellung, noch zwei Wochen Käthes Gesellschaft zu haben, gefiel Trixi. Wenn sie richtig vermutete, würde sie in dieser Zeit nicht nur die Zweisamkeit mit ihrer Freundin genießen, sondern auch Ruhe vor ihrem Verfolger haben. Diese Aussichten stimmten sie zuversichtlich.
Am Dienstagmorgen machten sie sich zusammen auf den Weg zur Arbeit. Sie hatten ihren letzten freien Montag in diesem Jahr verbracht. Von nun an mussten sie bis zum Jahresende sechs Tage in der Woche arbeiten, weil ein großer Kundenandrang erwartet wurde. Aber das konnte Trixi nicht erschüttern. Sie war einfach nur glücklich.
*
Weihnachten stand vor der Tür.
Einen Tag vor Heiligabend packte Käthe ihren Koffer.
»Du weißt, dass ich nicht länger bleiben kann.« Käthe schaute ihre Freundin mit traurigem Gesicht an. »Meine Eltern sind schon alt. Ich weiß nicht, wie oft ich Weihnachten noch mit ihnen verbringen kann.«
»Das verstehe ich. Wie schnell man seine Eltern verlieren kann, habe ich erfahren müssen«, stimmte Trixi zu. Ihre Mutter war überraschend an einem Herzinfarkt gestorben. Ihr Vater war seiner Frau kurze Zeit später gefolgt – er starb vor Gram und Trauer, war niemals über den Tod seiner Frau hinweggekommen.
»Es war eine schöne Zeit mit dir zusammen. Vielleicht kommst du mich ja mal wieder besuchen.«
»Bestimmt!«
Mit ihrem Koffer verließ Käthe das Haus. Auf dem Gehweg lag eine dünne Schneeschicht. Darunter befand sich Eis, sodass es spiegelglatt war.
»Melde dich bitte bei mir, wenn du angekommen bist«, rief Trixi ihrer Freundin hinterher. »Bei den Straßenverhältnissen mache ich mir Sorgen um dich.«
»Ich schicke dir eine SMS«, kam es zurück. Käthe musste sich darauf konzentrieren, ihren Koffer über das Eis zum Wagen zu schaffen, ohne zu stürzen. zum Abschied winkte sie ihr einmal zu und fuhr davon.
Zurück blieb ein einsames Haus.
Niemals hätte Trixi es für möglich gehalten, dass ihr Käthe einmal so wichtig werden könnte. Allein stand sie in dem erleuchteten Wohnzimmer und spürte eine lähmende Traurigkeit aufkommen. Rasch besann sie sich, begann aufzuräumen und zu putzen. Arbeit lenkte sie ab.
Das Klingeln des Telefons unterbrach ihre Tätigkeit.
Wollte Käthe ihr nicht eine SMS schicken?
Sie hob ab und erlebte eine unangenehme Überraschung. Es war Roland Berkes.
»Ich möchte dich an einem der Weihnachtsfeiertage zum Essen einladen.«
Trixi war fassungslos. Woher wusste er, dass sie wieder allein war? Als sie nicht reagierte, sprach er seine Einladung noch mal aus. Trixi glaubte zu träumen. Kaum hatte Käthe das Haus verlassen, ging alles von vorn los. Wie oft hatte sie versucht, ihm klarzumachen, dass sie nicht mit ihm ausgehen wollte? Wie viele Beleidigungen hatte sie ihm an den Kopf geworfen? Wie oft hatte sie ihm ihren Standpunkt klargemacht? Das alles hatte nichts genützt.
»Was ist mit dir, Trixi?«, fragte er. »Warum sagst du nichts?«
»Weil ich dir nichts zu sagen habe.«
»Aber ich lade dich doch nur zum Essen ein.« Rolands Tonfall und seine Stimme klangen so niedergeschmettert, dass Trixi plötzlich Zweifel bekam, ob er wirklich hinter diesen grausamen Taten steckte.
Was war nur los mit ihrnm? Beeinflusste das bevorstehende Fest der Sentimentalitäten ihre Entschlossenheit?
»Warum lässt du mich nicht einfach in Ruhe?«, gab sie zurück. »Du richtest mir Weihnachtsschmuck ein, ohne mich vorher zu fragen, du …« weiter kam sie nicht mehr, da warf Roland ein: »Ich wollte dir nur eine Freude machen.«
»Eine Freude, indem du mir einen geschmückten …«
»Was ist daran so verwerflich, einen Menschen, den man von Herzen gern hat, einzuladen? Ich weiß, dass du allein bist über die Feiertage. Ich habe nur eine kranke Mutter als Gesellschaft. Da könnten wir uns die Zeit gemeinsam schöner machen.«
Sie konnte seine Nachstellungen nicht mehr ertragen. Einerseits hielt er ihr vor, dass er bestens über ihr Leben Bescheid wusste, andererseits mimte er den Verliebten. Also beschloss sie, ihn anzulügen, damit er endlich Ruhe gab: »Nein. Pflege du deine Mutter – ich habe einen Gast.«
Aber anstatt Roland Berkes zu überraschen, überraschte er sie: »Du hast keinen Gast. Wen denn? Es gibt niemanden in deinem Leben.«
Erschrocken legte Trixi auf. Weggewischt waren die Zweifel, ob er wirklich hinter den grausamen Ereignissen steckte, die in und um ihr Haus herum geschahen. Nun hatte sie Gewissheit.
Wieder klingelte das Telefon. In der Annahme, dass es dieses Mal nur Käthe sein konnte, hob sie ab. Stattdessen hörte sie schon wieder die verhasste Stimme: »Nimmst du meine Einladung zum Essen an?«
»Du bist krank im Kopf! Habe ich mich nicht klar ausgedrückt?«
»Du hast geschwindelt. Das ist keine Antwort, sondern nur ein Ausweichmanöver.«
Da hatte Trixi wieder die Bestätigung dafür, dass sein Verhalten abnormal war. Aber sie war allein, Käthe war nicht da, um es bezeugen zu können. Roland wusste genau, was er tat.
»Dann sage ich es deutlicher: Nein und nochmals nein.«
Mit enttäuschter Stimme wünschte Roland ihr ein frohes Weihnachtsfest und legte auf.
Fast im gleichen Augenblick meldete sich ihr Handy. Sie SMS von Käthe. Wäre sie nur eine Minute früher eingetroffen, hätte sich Trixi diese unerwünschten Telefonate sparen können.
Nun erst konnte Tixi abschalten. Sie zündete die Kerzen ihres Adventskranzes an, ließ leise Weihnachtsmusik laufen und streckte sich auf dem Sofa aus.
Die Stille, die in dem leeren Haus herrschte, seit Käthe fort war, empfand sie mit einem Mal als ungewohnt. Um ihre Einsamkeit besser ertragen zu können, flüchtete sie in die Erinnerungen der letzten Wochen.
Plötzlich hörte sie ein scharrendes Geräusch. Ihr blieb das Herz stehen. War jemand im Haus? Eine Weile lauschte sie, hörte aber nichts mehr. Vielleicht hatte sie sich auch nur getäuscht. Sie wollte sich gerade wieder entspannen, als es von oben krachte. Nun war sie sich ganz sicher, dass ein Einbrecher im Haus war.
Ihr Handy lag direkt neben ihr. Sofort griff sie danach und rief bei der Polizei an. Polizeihauptmeister Hollmann hob ab. Als sie seine Stimme hörte, war sie erleichtert.
»Bitte kommen Sie schnell, es ist jemand im Haus!«
»Wir sind in wenigen Minuten da.«
Es dauerte wirklich nicht lange, da hielt ein Polizeiauto vor der hölzernen Brücke. Zwei Polizeibeamte stiegen aus und kamen auf das Haus zu.
Hollmann war nicht dabei.
›So ein Mist‹, dachte Trixi. ›Wich er ihr aus? Warum kam er nicht selbst?‹
Enttäuscht führte sie die beiden Beamten die Treppe hinauf in den ersten Stock.
Prüfend gingen sie durch jedes Zimmer.
Einer der Beamten blieb stehen und grinste. Trixi folgte seinem Blick. Sie traute ihren Augen nicht. Vor ihnen stand die Schaufensterpuppe ihrer Mutter – in veränderter Form. Auf die Vorderseite des Holzkopfes war ein Gesicht aufgemalt worden, ein Frauengesicht mit knallrotem Kussmund, langen Wimpern über großen Augen mit Schlafzimmerblick. Auf den Brüsten, die nur aus zwei Rundungen bestanden, waren Brustwarzen aufgemalt und zwischen den Beinen ein schwarzes Gekräusel, was wohl die Schamhaare darstellen sollte.
»Die Puppe ist angemalt worden. Es war also wirklich jemand hier.«
»Oh ja! Und zwar einer von der ganz heimtückischen Sorte«, erkannte einer der Polizeibeamten schmunzelnd. »Wir werden eine Fahndung nach einem Erotikkünstler herausgeben.«
Während er seine Kamera hervorzog und Fotos von der bemalten Puppe schoss, bemühte er sich ernst zu bleiben. Doch als der andere laut loslachte, konnte er sich nicht mehr beherrschen.
»Wir haben es hier mit einem gefährlichen Gegner zu tun.«
»Oh ja! Die Kunstmafia. Sie zwingt Puppen ihre Reize zu zeigen.«
Immer neue Scherze fielen den beiden ein.
»Heißt das, dass Sie nichts tun werden?« Trixis Stimme klang verzweifelt.
»Natürlich nehmen wir Ihre Anzeige auf. Ich habe die Fotos nicht für mein Sammelalbum gemacht, sondern für die Beweisaufnahme.«
Dann verabschiedeten sie sich, nicht ohne ihr seltsame Blicke zuzuwerfen.
Das hatte sie nun davon. Sie wurde ausgelacht.
Je länger sie über alles nachdachte, umso mehr begann Trixi, an sich selbst zu zweifeln. Was geschah mit ihr? In der Zeit, als Käthe bei ihr gewohnt hatte, war nichts passiert, nicht das leiseste Geräusch, nicht die geringste Andeutung, dass dieser Kerl ein makabres Spiel mit ihr trieb. Er beobachtete jeden ihrer Schritte, ein Gedanke, der sie frösteln ließ. Nur so erfuhr er, wann sie allein war und wann er zuschlagen konnte. Damit gelang es ihm, sie wie eine Idiotin dastehen zu lassen. Nun hatten die Polizisten der Polizeidienststelle Saarbrücken-Land auch noch einen Grund, sie auszulachen. Der Plan ihres Verfolgers war genial – sein Erfolg eindeutig.
Entmutigt betrat sie ihr Schlafzimmer. Sie eilte zum Fenster, um den Rollladen herunterzulassen. Im gleichen Augenblick leuchtete ein kleines Licht auf, als zünde sich dort jemand eine Zigarette an. Durch das kurze Aufleuchten sah sie die Silhouette eines Menschen, der am Berghang saß – auf der Höhe des Schlafzimmerfensters. Sie konnte kein Gesicht erkennen, nur, dass die Gestalt sich nicht bewegte.
Mit einem Ruck ließ sie den Fensterschutz herunter und rannte hinaus in den Flur. Dort griff sie nach ihrer Daunenjacke und verließ im Laufschritt das Haus. Zu ihrem großen Glück fiel ihr wieder der nette, alte Herr ein, der ihr seine Hilfe angeboten hatte. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Sie brauchte seine Hilfe.
Sie wollte über den Parkplatz mit den verrosteten Autos laufen, aber der Boden war spiegelglatt. Ein gebrochenes Bein käme in ihrer Situation äußerst ungelegen. Also verlangsamte sie ihr Tempo. Laut krachte es zwischen den Autos. Trixis Herz schlug ihr bis zum Hals. Verfolgte er sie? War er sogar auf gleicher Höhe mit ihr? Dann hatte sie keine Chance mehr. Er würde sie mit Leichtigkeit einholen. Ihre Angst trieb sie vorwärts.
Plötzlich war da ein schleifendes Geräusch. Dann folgte ein Kichern, das ihr die Haare zu Berge stehen ließ.
»Du bist so dumm wie das Kätzchen, das sterben musste« hörte sie ein Flüstern. »Für euch niedere Kreaturen gibt es den Friedhof der Kuscheltiere. Der ist hier!«
Trixi legte einen Zahn zu. Trotzdem verfolgte sie das Flüstern auf Schritt und Tritt.
»Aber bevor du dort landest, hätte ich gern meinen Spaß mit dir. Nur leider wird es dir keinen Spaß machen.«
Endlich hatte sie die Brücke überquert, bog in den Grumbachtalweg ein und rannte weiter bis zur Kaiserstraße. Das Haus des alten Mannes lag gleich auf der linken Seite, wie er es ihr beschrieben hatte. Es war hell erleuchtet.
Ein Krankenwagen stand davor. Erschrocken wich Trixi zurück. Sie kam wohl im falschen Augenblick. Von ihrem Versteck aus versuchte sie zu erkennen, wer abgeholt wurde. Es würde ihr von Herzen leidtun, wenn ihr väterlicher Freund Weihnachten im Krankenhaus erleben müsste. Aber nein. Eine junge Frau wurde ins Haus hineingetragen. Was ging dort vor, fragte sich Trixi. Hatte das Ehepaar Kinder aus früheren Ehen?
Sie sollte es wohl nie erfahren, weil sie ihr Vorhaben nicht mehr in die Tat umsetzte. Der nette Herr hatte andere Sorgen, als sich mit einer hysterischen Friseuse die Feiertage zu verderben, die Dinge hört und sieht, die sonst niemand wahrnimmt. Die Kälte kroch ihr durch die Kleider. Was blieb ihr anderes übrig, als wieder nach Hause zu gehen.
Sie schaute sich ängstlich um, als sie auf die alte Brücke zulief. Eine Weile verharrte sie in einer dunklen Ecke und versuchte, etwas zu erkennen. Die Schneereste auf dem Boden ermöglichten ihr eine gute Sicht. Nach einiger Wartezeit war sie sich sicher, dass ihr niemand auflauerte. So schnell sie konnte, eilte sie am Autofriedhof vorbei.
Obwohl sie die Haustür fest hinter sich verschloss, fühlte sie sich nicht sicher. Die Worte, die er ihr zugerufen hatte, klangen noch in ihren Ohren. Was hatte er damit gemeint: »Nur leider bist du zu blind, um es zu sehen!« Von Angst getrieben eilte sie durch jedes Zimmer ihres Hauses. Sie fand nichts, was seine Worte bestätigte. Sie wollte schon aufgeben, als ihr der Computer einfiel. Natürlich. Wies der Polizist nicht darauf hin, dass sich Stalker gerne solcher Hilfsmittel wie beleidigender E-Mails bedienten? Sie startete den Computer und prüfte den Posteingang. Aber da war nichts. Hatte sie sich alles nur eingebildet? War sie dabei verrückt zu werden?
Entmutigt ließ sie sich aufs Sofa sinken und hing ihren Gedanken nach. Nach dem Tod ihrer Eltern hatte sie geglaubt, die Ruhe, die dann einkehren würde, täte ihr gut. Aber so war es nicht.
Sie fühlte sich einsam und ihrem aufdringlichen Verehrer schutzlos ausgeliefert, der nur ein Ziel hatte, ihr das Leben zur Hölle zu machen.
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