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Elke Schwab
Kullmann in Kroatien
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Impressum neobooks
Kapitel 1
Elke Schwab
Kullmann in Kroatien
ein Urlaubskrimi
Kullmann-Reihe 6
Neue überarbeitete Auflage
Ursprünglicher Titel:
„Urlaub mit Kullmann“
Kullmann
in
Kroatien
ein Urlaubskrimi
Kullmann-Reihe 6
Elke Schwab
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
Elke Schwab, 2018
Alle Rechte, einschließlich des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Kaum hatten sie das Flugzeug der Fluglinie Hvarsky-Air verlassen, schlug ihnen eine gnadenlose Hitze entgegen.
Norbert Kullmann wischte sich den Schweiß von der Stirn, bevor er ihm in die Augen tropfte und die Sicht versperrte. Konzentriert schaute er auf die Stufen, die ihn auf den sicheren Boden führten. Das war im Augenblick sein vorrangiges Ziel. Er war zum ersten Mal in seinem Leben geflogen. Dabei musste er feststellen, dass er bis dahin nichts verpasst hatte. Die ständige Angst, abzustürzen, das quälende Rumoren in seinem Magen, der Druck auf seinen Ohren, diese Nebenwirkungen hatte ihm sein Freund Stipo mit keinem Wort erwähnt. Er hatte ihm diese Reise nicht nur ermöglicht, sondern regelrecht aufgeschwatzt. Dabei wollte Stipo ihm einen Gefallen tun. Davon war Kullmann überzeugt. Deshalb hoffte er darauf, dass ihn sein Aufenthalt in Kroatien für die Strapazen während des Fluges entschädigte.
Er schaute auf die Uhr und geriet ins Staunen. Es war gerade mal neun Uhr. Um sechs Uhr in der Frühe waren sie am Flughafen in Saarbrücken-Ensheim eingetroffen. Also hatte ihre Reise mit Einschecken, Wartezeit, Starten und Landen nicht mehr als drei Stunden gedauert. Eigentlich war das kein Grund, sich zu beschweren. Er setzte seinen Hut auf, der ihn vor einem Sonnenstich bewahren sollte und betrat den Boden am Flughafen von Pula. Dann erst drehte er sich um und sah nach seiner Frau Martha, die mit einem kunterbunten Sonnenhut die steile Treppe hinabstieg.
„Was trägst du da auf deinem Kopf?“, fragte Kullmann, während er ihr half, heil über die letzten Stufen auf den Boden zu gelangen.
„Einen Sonnenhut. Was glaubst du denn?“, antwortete Martha, fuhr mit der Hand über die Krempe und fügte an: „Gefällt er dir nicht? Habe ich extra für diesen Urlaub gekauft.“
„Du siehst wie die perfekte Touristin aus.“ Kullmann lächelte seine Frau liebevoll an.
Anke Deister folgte ihnen mit einer sportlichen Schirmmütze. Sie hielt ihre Tochter Lisa auf dem Arm, die die gleiche Kopfbedeckung trug. In ihrem Armen hielt Lisa ihren großen Teddybären fest umklammert. Ihre Augen waren ganz groß vor Aufregung und Neugierde. Sie war drei Jahre alt und hatte von der Welt bisher nur ihr Zuhause, Kullmanns Garten und die Kindertagesstätte gesehen. Große Ereignisse standen ihr bevor. Kullmann war gespannt darauf, wie sie das alles verkraften würde. Er kannte sich mit Kindern viel zu wenig aus, was er schon oft bedauert hatte. Aber seit Lisas Geburt hatte sein Leben sich von Grund auf geändert. Von Berufs wegen waren ihm als Kriminalhauptkommissar der Tod, dessen Ursachen und Verursacher sein Lebensinhalt gewesen. Seit seinem Ruhestand bestand seine Hauptaufgabe darin, auf Ankes Tochter aufzupassen, während sie weiterhin ihrer Arbeit als Kriminalkommissarin weiterging. Niemals hätte er es für möglich gehalten, in seinem Alter noch so viel Freude an einem kleinen Kind zu entdecken. Er empfand es als positive Entwicklung, dass er für Anke und ihr Kind eine so große Rolle in deren Leben spielen durfte. Die beiden entschädigten ihn für alles bisher Versäumte.
Als Anke direkt vor Kullmann stehen blieb, wirkte ihr Gesichtsausdruck eher griesgrämig als hocherfreut.
„Was ist mit dir?“, fragte Kullmann.
Nachdem sein Freund Stipo ihn von dieser Reise überzeugt hatte, war ihm viel daran gelegen, dass Anke ihn und Martha begleitete. Er wollte Anke eine Freude machen. Aber ihre Miene verriet genau das Gegenteil. „Du hast deinen Entschluss, mit Martha und mir zu verreisen, hoffentlich nicht schon bereut?“
Auf diese Frage antwortete Anke mit einem Lachen, was Kullmanns Bedenken sogleich zerstreute.
„Im Flugzeug hatte ich leider das Vergnügen, vor einem Ehepaar aus Berlin zu sitzen. Die Gespräche der beiden waren laut und verdorben. Ich kann nur hoffen, dass die Berliner nicht im gleichen Hotel untergebracht sind wie wir.“
Kullmann schaute sich nach den Transfer-Bussen um, die sie vom Flughafen Pula aus nach Rovinj weitertransportieren sollten, ihr Urlaubsziel. Schon bald hatte er den Richtigen entdeckt.
Es gab nur vier Busse. Einer fuhr Pula an, einer Poreć, der andere Umag. Blieb nur der Letzte in der Reihe, auf dem Rovinj stand.
Als Anke, Martha und Lisa das Fahrzeug ansteuerten, schaute Kullmann sich fragend in der Gegend um, bis er endlich aussprach, was ihn beschäftigte: „Wie kommen wir an unser Gepäck?“
Der Busfahrer hatte ihn gehört und wie es schien, auch verstanden. Er erklärte in gebrochenem Deutsch, dass die Koffer vom Reiseunternehmen zum Hotel gebracht würden.
„Das ist ja ein Luxus.“ Kullmann grinste zufrieden. „Wir brauchen uns nur in den Bus zu setzen, der Rest erledigt sich von allein.“
Anke konnte nicht in seine Schwärmerei einstimmen. Kaum hatten sie sich durch den engen Gang auf einen freien Platz durchgekämpft, da sah sie durch die Fensterscheiben das Berliner Ehepaar auf sie zukommen. Unförmig und dick schob der Mann sich behäbig über den großen Platz. Seine schwarzen Haare glänzten fettig in der Sonne. Die Frau an seiner Seite war klein, zierlich und blond. Mit breitbeinigem Gang, ihre Arme weit vom Körper weggestreckt trippelte sie neben ihrem Mann her. Suchend schauten sie sich um, bis sich Ankes Befürchtungen bewahrheiteten. Als ihr Blick auf den Bus fiel, in dem sie gerade mit Kullmann und Martha Platz genommen hatte, nickten sie mit ihren Köpfen und eilten darauf zu. Nun konnte Anke nur noch hoffen, dass sie in einem anderen Hotel wohnten.
Der Bus fuhr an. Er rüttelte die Fahrgäste durch. Die Fahrgeräusche dröhnten unerträglich laut. Die Klimaanlage funktionierte nicht. Die Sitzplätze waren eng und unbequem.
Anke vertrieb sich die Zeit damit, durch das Fenster zu schauen. Nachdem sie den Flugplatz verlassen hatten, sah sie nur Baustellen. Sie fühlte sich wie zu Hause. Erst nach langer Fahrstrecke kamen grüne Wiesen, Felder und vereinzelte kleine Häuschen, was ein Gefühl von Idylle vermittelte. Vom Meer nicht die geringste Spur. Nach einer halben Stunde passierten sie das Schild „Rovinj 10 Kilometer“.
Erleichtert atmeten die Fahrgäste auf.
Dann ging es rasend schnell. Der Bus fuhr mit großer Geschwindigkeit durch enge Kurven. Wie von Zauberhand offenbarte sich vor ihnen plötzlich das Meer.
Ein lautes „Oh.“ zollte ihm den nötigen Respekt.
Schon bald blieb der Bus vor dem ersten Hotel stehen. Einige Familien stiegen aus. Die Fahrt ging weiter. Anke, Kullmann, Martha und Lisa hatten das Pech, dass sie bis zum Schluss in dem ungemütlichen Bus ausharren mussten, zusammen mit den Berlinern, zwei jungen Frauen, die sich an den Händen hielten, und zwei ältere Herren, deren Frauen häufig verstohlene Blicke auf Lisa warfen.
Der Bus hielt an einer einsamen Stelle an, die außer einem Sandplatz und einigen Sitzbänken nichts zu bieten hatte. Dort wurden sie gebeten, auszusteigen.
Verwundert schaute sich Anke um und entdeckte zwei Kleinbusse mit der Aufschrift „Hotel Villa Angelo D’oro“. So hieß ihr Hotel.
Der Rest der Fahrt ging schneller und komfortabler. Die Kleinbusse fuhren ins Zentrum der Stadt Rovinj, schlängelten sich durch enge Gassen, dass Anke schon befürchtete, darin steckenzubleiben, hupten die Touristen auf die Seite, die stur ihren Weg fortsetzen wollten, bis sie am Ziel ankamen.
Zwischen grauen, farblosen und verwahrlosten Häuserfronten, deren Klappläden entweder verschlossen waren oder schief an den Angeln hingen, stach ein Barock-Gebäude aus dem 17. Jahrhundert mit seiner weinroten Front, den grünen Fensterläden und den in goldener Farbe aufgemalten Löwenköpfen, die mit Lorbeerzweigen und auslaufenden geschwungenen Linien miteinander verbunden waren, als besonderes Schmuckstück hervor. Der Anblick inmitten der engen Gassen brachte die Gäste ins Staunen. Der erste, der etwas anmerkte, war die Berlinerin: „Hoffentlich iss dett nischt alles nur Fassade.“
Der Fahrer des Kleinbusses verstand sie nicht, konnte also nichts darauf erwidern.
Sie stiegen aus.
Sengende Hitze schlug ihnen entgegen.
Neugierig traten sie durch den Eingang, über dem fünf Sterne prangten. Das erste, was sie spürten, war eine gut funktionierende Klimaanlage. Der Temperaturunterschied war beachtlich.
Die Innenausstattung hielt, was die Fassade versprach. Alles war im Barockstil gehalten. Sessel mit geblümtem Chintzstoff mit geschwungenen Lehnen aus dunklem Holz, runde Tische auf kunstvoll gewundenen Streben, bunt gewebte Teppiche auf dem Boden und Ölgemälde an den Wänden. Im gegenüberliegenden Treppenaufgang waren die Decken mit Fresken verziert.
Anke, Kullmann und Martha gerieten so sehr ins Staunen, dass sie vom Hotelangestellten an der Rezeption an ihre Anmeldung erinnert werden mussten. Während ihre Namen bei der Anmeldung überprüft wurden, trafen die Koffer ein. Darunter befand sich ein Schrankkoffer, der so groß war, dass alle ins Staunen gerieten. Noch größer wurde die Überraschung, als sie sahen, zu wem er gehörte: zu der kleinsten erwachsenen Frau unter ihnen, der Berlinerin, deren Körpergröße dieses überdimensionale Gepäckstück kaum überragte.
„Wad glotzt ihr so dämlich?“, fauchte sie mit dunkler, kratziger Stimme. „Ded Ding haben mein Manni und ikke für all unser Gelumps. Ikke gloob, ik spinne.“
Nachdem die Formalitäten erledigt waren, verteilte der Hotelangestellte die Zimmerschlüssel, ging den Touristen voraus, um ihnen den Weg zu zeigen.
„Wenn die Zimmer auch so schön sind, kann der Urlaub nur noch gelingen“, schwärmte Kullmann.
„Ikke wees nich“, ergriff nun der männliche Part des Berliner Ehepaars das Wort. „Wad hab ik von dem Schnörkel an den Decken. Ikke will hier Spaß haben und wad ordentliches zu fressen. Nisch war, Adele?“
„Für dad, wad wir für den Schuppen hier berappt ham, muss es schon wad zu fressen jeben. Sonst werden die mir mal kennen lernen“, fügte besagte Adele an.
„Sie wissen noch gar nicht, ob das Essen hier gut ist. Aber beschweren können Sie sich schon mal im Voraus“, stellte Kullmann fest.
„Wad jeht dir det an?“, entgegnete sie.
„Für Sie immer noch SIE.“
„Ach nee. Wad sind wir heute wieder etepetete.“
„Nur korrekt“, korrigierte Kullmann. „Das Hotel war nicht billig. Da kann man schon ein Publikum mit Manieren erwarten.“
Die anderen deutschen Gäste stimmten Kullmann lautstark zu.
„Ikke hab alles bezahlt. Also kann ikke hier machen, wad ikke will. Iss det klar?“
„Nicht so hastig, Frau ?“ Damit wollte Kullmann erfahren, mit wem er das unfruchtbare Gespräch führte.
„Adele Deubler, un det iss mei Kleener, der Manni.“
„Manfred Deubler“, stellte sich der kräftige Mann vor.
„Frau Deubler. Wir gehen davon aus, dass hier alle bezahlt haben“, beendete Kullmann seinen Satz.
Adele Deubler verstummte endlich. Stattdessen zündete sich die kleine Frau eine Zigarette an und paffte eine dicke Rauchschwade in die Luft.
Die kleine Gruppe von zwölf Touristen steuerte die Treppe mit schmiedeeisernem Geländer an. Zwei ältere Ehepaare bildeten den Abschluss. Sie waren so sehr in ihre Bewunderung für das Ambiente vertieft, dass sie den Anschluss verpasst hatten.
Kullmann schloss sich ihnen an, gemeinsam besprachen sie die mit Kunstmalereien gestalteten Wände und Decken, als seien sie vom Fach, was Anke ein Lächeln entlockte.
„Ist das Ihr Enkelkind?“, fragte eine der beiden Damen nachdem sie im zweiten Stock angekommen waren, wo ihnen ihre Zimmer gezeigt wurden. Dabei schaute sie auf Lisa.
Zunächst überlegte Kullmann, was er darauf antworten sollte, da kam ihm Anke zu Hilfe. „Ja. Wir machen einfach einmal einen Drei-Generationen-Urlaub. Mal sehen, wie das funktioniert.“
„Wie schön“, jubelten die beiden Damen gleichzeitig los und steuerten zielstrebig auf das kleine Mädchen zu.
Lisa reagierte gereizt auf die fremden Frauen. Sie war müde. Lustlos hing sie in Ankes Arm und begann lautstark zu quengeln.
„Wad een Jetue um so eene Jöre“, schimpfte Adele Deubler lautstark. „So wad kann nur den Urlaub verderben.“
„Sie lieben Kinder wohl nicht?“, stellte eine der alten Damen entrüstet fest.
„Nee, det tu ikke mir nischt an.“
„Aber Sie waren doch auch mal ein Kind. Haben Sie das schon vergessen?“
„Det iss wohl det dümmste, wad ikke jehört habe, nisch war mei Kleener“, richtete Adele Deubler sich an ihren Mann. Der nickte zustimmend.
„Was für ein ungehobeltes Volk.“
„Bild dir bloß nischt ein, Alte. Wer hier dumm ist, det iss wohl klar. Schau dir nur im Spiegel an.“
Kullmann schob sich zwischen die beiden streitenden Damen, um das unangenehme Gespräch zu beenden.
„Genug der Freundlichkeiten. Schauen wir uns die Zimmer an.“
„Nach dem ersten Eindruck bin ich sicher, dass unsere Zimmer wundervoll sein werden“, schwärmte die alte Dame dankbar dafür, dass Kullmann das Streitgespräch beenden konnte.
„Und nachdem Lisa geschlafen hat, wird sie sich von ihrer besten Seite zeigen“, versprach Anke.
„Entschuldigen Sie unser aufdringliches Benehmen, aber wir hatten leider nicht das Vergnügen, eigene Kinder zu bekommen. Umso mehr freue ich mich, dass wir so ein reizendes Kind in unserer Mitte haben. Ich heiße Gertrud Ossom, das ist mein Mann Arthur.“
Arthur begrüßte Anke mit einem festen Händedruck, dass Anke befürchtete, er würde ihre Hand zerquetschen.
Die Freundin Agnes Gebauer trat schnell hervor, um sich und ihren Mann Hugo ebenfalls vorzustellen. Nach dem ausgiebigen Händeschütteln fühlte sich Anke erleichtert, als sie endlich Kullmann und Martha ins Zimmer folgen konnte. Es war groß, hell und – wie das Foyer auch - mit antiken Möbeln ausgestattet. Durch eine Seitentür ging es weiter. Dort befand sich Ankes Refugium für die kommenden sieben Tage. Was Anke am besten gefiel war die Verbindungstür. So konnten sie immer miteinander kommunizieren und gleichzeitig jeder seinen eigenen Raum für sich genießen.
Kapitel 2
Ankes Arm schmerzte. Sie öffnete die Augen, wollte ihn anheben, doch der Arm bewegte sich nicht. Verwundert schaute sie auf und erkannte, dass Lisa darauf lag. Im gleichen Augenblick öffnete Lisa die Augen und schaute Anke an. Vergessen war der Schmerz.
Anke streckte sich und gähnte herzhaft.
Lisa tat es ihr nach, streckte sich mit genau den gleichen Bewegungen wie ihre Mutter und gähnte ebenfalls mit weit aufgerissenem Mund.
„Jetzt geht’s uns besser“, stellte Anke fest.
Lisa nickte.
Bevor Anke begann, ihre Koffer auszupacken, stellte sie sich ans offene Fenster. Ihr Blick fiel auf ein altes, graues Haus.
Zum Glück war es niedrig. Über das Dach hinweg konnte sie bis zum Meer hinausblicken. Das Geräusch von kreischenden Möwen erfüllte die Luft. Überall schwirrten die großen, weißen Vögel herum - über dem Wasser, den Bäumen, den Häusern.
Sie hob Lisa hoch, damit sie es auch beobachten konnte.
Lisa war vom Anblick des Meeres begeistert, für die Möwen hatte sie keinen Blick übrig. Anke hatte Mühe, sie noch länger auf dem Arm zu halten. Die Kleine wollte nur noch ans Wasser. Anke verschloss das Fenster, begab sich ins Badezimmer, wo sie sich frisch machte. Als sie zurückkehrte, saß Martha bei Lisa und spielte mit ihr.
„Wir haben das Hotel erkundet“, berichtete sie. „Auf dem Dach gibt es eine schattige Terrasse. Dort könnten wir etwas essen, bevor wir uns die Stadt ansehen.“
„Lisa will zum Strand.“
„Bis zum Strand ist es weit. Die Stadt Rovinj ist von Hafengelände umgeben“, erklärte Martha.
„Aber von meinem Fenster aus kann ich ihn doch sehen“, widersprach Anke.
Martha ließ sich die Aussicht zeigen.
„Das sieht wirklich verlockend aus, liebe Anke. Aber es täuscht. Ich schlage vor, wir gehen hinauf auf die Dachterrasse. Von dort können wir alles viel besser überblicken.“
Die Terrasse wurde zum größten Teil von einem massiven Dach abgedeckt und bot genügend Schatten für alle. Auf der Seite, die zum Hafen zeigte, standen Liegestühle unter freiem Himmel. Ein Lüftchen zog hindurch. Die Temperaturen waren angenehm.
Die beiden älteren Ehepaare hatten sich schon ein schattiges Plätzchen gesichert. Vor ihnen standen kühle Getränke.
Das Berliner Ehepaar Manfred und Adele Deubler ging alle Ecken ab, um die Aussicht zu überprüfen. Als der Mann sich umdrehte, rülpste er laut.
Anke erschrak. Lisa bekam ganz große Augen. So etwas hatte sie noch nicht gehört.
Agnes Gebauer schimpfte: „Sie haben wohl nicht gelernt, wie man sich benimmt.“
„Ach je, Ach je“, äffte er die alte Dame nach. „Sind wir hier in der Benimmschule oder im Urlaub?“
„Benehmen sollte man sich überall, egal, wo man sich befindet.“
„Ikke hör mir nischt det Jetue einer ollen Schachtel an“; brummte er. „Wenn ikke rülpsen muss, weil der Fraß mir in der Wampe liegt, denn tu ik det.“
Damit war für ihn das Thema erledigt.
Kullmann, Martha und Anke setzten sich zu den älteren Ehepaaren. Lisa tapste mit ihren kurzen Beinen auf die alten Damen zu. Die Begrüßung fiel herzlich aus, aber Lisa blieb skeptisch. Immer wieder warf sie einen fragenden Blick auf ihre Mutter, die ihr aufmunternde Gesten zeigte. Nach einer Weile wurde es Lisa zu langweilig. Sie begann, die Terrasse zu erforschen, wobei sie der Berlinerin sehr nahekam. Adele Deubler war gerade im Begriff, sich eine Zigarette anzuzünden.
„He, ihr da“, rief die Berlinerin. „Holt den Balg da wech. Ikke kann sonst für nischt garantieren.“
Kullmann war derjenige, der blitzschnell aufstand, Lisa auf den Arm nahm und murrte: „Was Ihre Sicherheit angeht, kann ich auch bald für nichts mehr garantieren.“
Aber die kleine Frau ließ sich durch so etwas nicht aus der Ruhe bringen. Sofort kam eine Erwiderung: „Eh Alter. Mit so was wie dir muss ikke mich nischt herumzuschlagen. Behalt deine Moralpredigten einfach bei dir.“
Kullmanns Kopf wurde hochrot. „Im Osten hatten Sie vierzig Jahre nichts zu fressen und jetzt spielen Sie hier den Großkotz auf unsere Kosten.“
Anke staunte. So aufgebracht hatte sie ihn noch nicht erlebt.
„Det lass‘ ikke mir von dir nisch sagen…“
„Für Sie immer noch SIE“, parierte Kullmann.
Damit gelang es ihm, dass Adele Deubler vor Staunen den Mund nicht mehr schließen konnte.
„Ich denke, wir schauen uns ein bisschen im Hafen um“, schlug Kullmann vor. Seine Gesichtsfarbe verriet, dass er sich aufregte.
Rasch verließen sie die Terrasse und das Hotel.
Schmale Gassen mit Kopfsteinpflaster - Zeitzeugen aus einer früheren Epoche boten sich vor ihren Augen. Die Hauswände bestanden aus massivem Stein, die Fenster waren klein und mit Klappläden geschmückt. Manche Fassaden stachen mit auffallenden Farben hervor. Dazwischen lagen immer wieder verwitterte und vernachlässigte Gebäude, deren Eingänge nur dürftig verschlossen waren. Kullmann und Anke warfen hin und wieder einen neugieren Blick hinein, konnten jedoch nur Chaos und Schmutz dahinter sehen.
Sie verließen die Gassen und gelangten zum Hafen.
Leicht bekleidete Touristen belagerten die Promenade, die Cafés, die Restaurants. Die Stimmung war ausgelassen. Das Gemurmel erfüllte den großen Platz.
Der Tag neigte sich dem Ende zu, die Sonne verlor an Kraft, die Temperaturen sanken, das Klima wurde angenehm. Das Tageslicht begann zu schwinden. Erstaunt schaute Anke auf die Uhr.
„Im Süden sind die Tage kürzer als bei uns“, erklärte Kullmann daraufhin.
„Du kennst dich gut aus, dafür, dass du noch nie im Süden warst“, stellte Anke anerkennend fest.
„Wer lesen kann, ist klar im Vorteil“, gab Kullmann zurück. Er schaute auf die Uhr und stellte fest: „Wir haben gerade mal eine halbe Stunde Zeit, uns umzusehen, dann müssen wir ins Hotel zurückkehren. Das Einführungsbüffet, das der Hotelier uns bei der Ankunft angekündigt hatte, dürfen wir nicht verpassen.“
Plötzlich sah Anke ihre Tochter Lisa auf das Ufer zusteuern – wie sie dem Wasser mit erstaunlicher Geschwindigkeit immer näherkam.
Blitzschnell setzte sie sich in Bewegung.
Ein fremder Mann kam ihr zuvor. Mit Leichtigkeit fing er Lisa ab, hielt sie in die Höhe und machte einige Umdrehungen mit ihr. Anke dachte, dass Lisa sofort anfangen würde zu schreien, weil sie den Mann nicht kannte. Aber nichts dergleichen geschah. Lisa lachte.
Was hatte das zu bedeuten?
Anke beobachtete den Fremden mit ansteigender Wut. Er setzte ihre Tochter nicht sofort wieder auf den Boden, wie man das annehmen sollte. Stattdessen wirbelte er sie solange, bis Anke neben ihm stand und sagte: „Ich glaube, Sie hatten jetzt lange genug das Vergnügen mit meiner Tochter.“
Verdutzt setzte der Mann Lisa ab.
„Entschuldigung.“ Er sprach also deutsch. „Ich liebe Kinder. Da habe ich wohl übertrieben – ohne es zu wollen.“
Anke schaute in ein interessantes Gesicht. Dunkle Haare, dunkle Augen, gebräunte Haut. Seine Offenheit imponierte ihr. Er erwiderte ihren Blick. Nicht das geringste Anzeichen von Falschheit konnte Anke darin erkennen.
Ohne ein Wort zu entgegnen, schaute sie ihn sich genauer an. Er trug eine enge Jeanshose und ein sommerliches Hemd. Seine Figur wirkte sportlich. Seine Füße steckten in Badeschuhen, wie sie hier jeder trug.
„Ich heiße Alexander“, stellte er sich vor.
„Anke“, fand sie ihre Sprache wieder.
„Ihr Dialekt klingt interessant. Wo kommen Sie her?“
„Aus dem Saarland.“
„Dafür sprechen Sie aber gut deutsch.“
Damit gelang es ihm, Ankes Misstrauen zu zerstreuen. Mit einem herzhaften Lachanfall honorierte sie seine Feststellung. Auf sein verdutztes Gesicht erklärte sie: „Das Saarland ist seit fünfzig Jahren deutsch. Deshalb.“
Alexander nickte zerknirscht und meinte: „In der Gegend kenne ich mich nicht so gut aus.“
„Klar. Wir sind der äußerste Zipfel Deutschlands.“
„Sind Sie gerade erst angekommen?“
„Sieht man das?“
„Ja. Sie sind so blass.“
Er hatte Recht, wie Anke schnell feststellen konnte. Alle Menschen, die sich hier auf dem großen Platz tummelten, waren braun gebrannt. Unter ihnen waren Neuankömmlinge schnell auszumachen.
Er ließ seinen Blick durch die Menschenmenge wandern, bevor er wieder an Anke hängen blieb. „Wissen Sie schon, wo Sie heute Abend essen wollen?“
Mit seinen dunklen Augen schaute er sie erwartungsvoll an. Als keine Reaktion von ihr kam, fügte er schnell an: „Ich kenne mich hier aus – weiß wo es gute Lokale gibt.“
Plötzlich tauchte Kullmann neben Anke auf. Er erinnerte sie an etwas, was sie im Laufe ihres angeregten Gesprächs fast vergessen hätte: „Wir haben uns für das Büffet im Hotel angemeldet. Denk bitte daran.“
Sofort war Anke wieder klar im Kopf.
Lisa, die unentwegt zwischen Kullmann, Martha und Anke hin und her hüpfte, schaffte es, dass Anke sich besann, ihre ursprünglichen Gedanken verbannte und zu Alexander sagte: „Sie haben es ja gerade gehört. Wir essen im Hotel.“
„Schade. Sehen wir uns wieder?“
Anke hatte sich gerade von ihm weggedreht, ihre Tochter an der Hand genommen, als sie zu ihm zurücksah und meinte: „Bestimmt. Wir bleiben noch länger hier.“
„Was haltet ihr davon, wenn ich euch morgen einen schönen Strand zeige? Dort ist Sonne und Schatten, das Meer ist nicht tief und man hat eine schöne Sicht auf die Stadt Rovinj.“
Kullmann schüttelte den Kopf und erklärte Anke: „Martha und ich werden sicherlich nicht an den Strand gehen. Aber für dich und Lisa ist das genau das Richtige. Die Kleine braucht Abwechslung.“
Das fasste Anke als Aufmunterung auf. Sie verabredete sich mit Alexander für den nächsten Tag am Hafen.
Kapitel 3
Die „Villa Angelo D’oro“ bewies, dass die fünf Sterne verdient waren, die die Bronzeplakette an der Außenfassade des Hotels anpries. Das Speisezimmer bewahrte ein Ambiente von gelassenem, würdevollem Luxus. Die Einrichtung bestand aus einer Mischung zwischen modern und klassisch. Der Boden war mit bunt gewebten Teppichen ausgelegt, die Stühle mit grauem Samt überzogen, die Tische mit bestickten Tischdecken gedeckt. Die Wände stachen als nacktes Mauerwerk hervor, was dem Ganzen noch zusätzlich einen rustikalen Anstrich verlieh. Das hintere Ende begrenzte eine Glastür, die auf den Hinterhof zeigte, eingerahmt von üppigen Grünpflanzen und mit Sonnenschirmen überdacht. Auf Kullmanns sehnsüchtigen Blick meinte der junge Kellner: „Büffet servieren wir nur im Saal. Das Essen à la Carte können Sie jeden Abend auf der Terrasse genießen.“
„Das sind gute Aussichten.“ Kullmann schaute sich die Tischordnung im Speisesaal genauer an. Die beiden älteren Ehepaare hatten sich schon einen Platz in der Nähe der langen Tischreihe ausgesucht, wo die Kellner damit beschäftigt waren, das Buffet aufzubauen. Sie wollten sich damit unnötige Wege ersparen. Direkt dahinter saß das Berliner Ehepaar. Eine dicke Rauchwolke zog über deren Tisch.
Kullmann ließ sich mit seiner kleinen Wahl-Familie in der Nähe der Ehepaare Gebauer und Ossom nieder, die ihre Aufmerksamkeit Lisa widmeten. Die Kleine genoss es, im Mittelpunkt zu stehen. Das Essen wurde für Lisa zur Nebensache. Anke begab sich mehrere Male an das reichliche Büffet, und besorgte gleichzeitig für Lisa einige Sorten mit, deren Interesse an Agnes Gebauer und Gertrud Ossom damit nicht zu erschüttern war. Immer wieder sprang sie auf, stieß Juchzlaute aus, womit sie die Gäste zum Lachen brachte.
Anke glaubte ihre Tochter in guter Gesellschaft, wandte ihre Aufmerksamkeit ihrem Peka - unter einer Tonglocke gedünstetes Lammfleisch - zu. Gerade führte sie sich ein großes Stück von dem zarten Fleisch in den Mund, als sie die Berlinerin hörte: „He, du da hinten: Statt zu fressen kannst dich mal um die Jöre da kümmern.“
Anke fiel das Fleisch vor Schreck aus dem Mund.
„Keene Erziehung, dieses Weib. Keen Wunder, bei der Alten.“
„Ich glaube, Sie sind besser ruhig mit Ihren Anschuldigungen“, rief Anke stinksauer, stand auf und eilte zu ihrer Tochter.
Lisa war ganz erschüttert von so viel Unfreundlichkeit. Mit großen Augen starrte sie die blonde Frau an, die so hässlich über sie gesprochen hatte.
„Wad iss dad denn sonst, wad diese Butze hier veranstaltet?“, blaffte die unfreundliche Frau weiter.
„Sind Sie immer so ungehobelt?“; mischte sich Agnes Gebauer ein. Anke sah deutlich, dass sie sich dafür sogar bösen Blick von ihrem Mann Hugo einhandelte. Aber das störte Agnes Gebauer nicht. „Lisa ist doch so ein liebes Kind Es stört doch niemanden, wenn sie zu einem an den Tisch kommt.“
„Mir stört es aber“, stellte die Berlinerin klar. „Wenn die Olle kein Kind erziehen kann, soll sie sich keins anschaffen.“
„Sie halten jetzt Ihren vorlauten Mund.“, mischte sich Kullmann in das Gespräch ein.
„Ikke?“
„Ja, Sie.“
„Da jeht mir de Hutschnur hoch“; wurde die kleine Frau plötzlich so laut, dass die Kellner in den Speisesaal stürzten. Aber das störte die kleine Frau nicht im Geringsten. Sie sprach weiter, als seien die Männer gar nicht da: „Von eenem wie ….“
Weiter kam sie nicht. Die Kellner stellten sich an ihren Tisch und drohten, sie aus dem Speisesaal zu entfernen, wenn sie so weitermachen wollte.
Das zeigte Wirkung. Wutschnaubend erhob sich das Berliner Ehepaar und stampfte hinaus.
Nach dem Essen betraten Kullmann, Martha, Anke und Lisa die Dachterrasse. Sie suchten sich Plätze, um in der kühlen Abendluft die Aussicht zu genießen, das von der Dämmerung langsam eingehüllt wurde. Am gegenüberliegenden Ende der Bucht zog der schwarze Himmel langsam über das Meer und senkte sich wie ein dunkles Tuch herab. Der Mond schimmerte in voller Pracht, dazu ein Sternenhimmel, der übersät war mit kleinen, funkelnden Punkten. Die vielen Lichter spiegelten sich im flachen Wasser. Stille breitete sich aus. Das Kreischen der Möwen und das Rufen der Tauben waren verstummt. Das Zirpen der Grillen hielt Einzug.
Kapitel 4
Der nächste Morgen begann zeitig. Für Anke zu früh. Laut knatternd fuhr ein Mofa durch die enge Gasse. Stimmen von Menschen, die die frühe Stunde nutzten, um bei angenehmen Temperaturen durch die Gassen zu schlendern. Kindergeschrei. Musik. Glockengeläut. Geräusche, die zu einem Urlaub am Mittelmeer passten.
Lisa auf einem Stuhl am Fenster.
Ein Anblick, der nicht zu Ankes Vorstellung von Urlaub passte.
In Sekundenschnelle sprang sie aus dem Bett und zerrte ihre Tochter dort weg. Lisa wollte sich wehren, indem sie murrte: „Mama, guck: Das Meer.“
„Ja, mein Schatz. Und wenn du nicht aus dem Fenster fällst, wirst du sogar noch im Meer schwimmen gehen.“
„Au ja.“ jubelte Lisa los. „Wimmen. Wimmen.“
„Das heißt schwimmen.“
„Sag ich doch: wimmen.“
Das Wort wollte ihr nicht richtig über die Lippen kommen, aber das störte Lisa nicht. Die Aussicht, im Meer zu baden, stimmte sie überglücklich. So wurde es für Anke ein Kinderspiel, ihrer Tochter die Jeanslatzhose anzuziehen, die ihr bis zu den Waden reichte. Darin sah sie so hübsch aus, dass Anke sich gar nicht an ihr satt sehen konnte. Lisa streckte ihre Händchen in die großen Hosentaschen, eine Geste, die sie ihrer Mutter nachahmte.
Anke klopfte leise an der Zwischentür an, um nachzusehen, ob Kullmann und Martha schon wach waren. Die Vorsicht erwies sich als unnötig, denn Kullmann öffnete fertig angezogen. Martha stand hinter ihm. Die beiden wirkten, als hätten sie nur auf Ankes Lebenszeichen gewartet.
Wie bei einer Prozession schritten sie hintereinander die enge, gewundene Treppe hinunter. Lisa hüpfte munter immer mehrere Stufen auf einmal nehmend, bis sie plötzlich verschwunden war.
„Lisa?“, rief Anke, die ihren Augen nicht traute. Eben war sie noch da, und eine Sekunde später nicht mehr.
„Was ist?“, fragte Kullmann hinter ihr.
Doch Anke hörte ihn nicht mehr. Panik hatte sie ergriffen. Sie rannte die Stufen hinunter, als sie plötzlich den breiten Rücken des Berliners sah.
Das fehlte gerade noch. Das Berliner Ehepaar hatte ihr Kind entführt.
„Halt! Bleiben Sie stehen“, rief Anke in gewohnter Polizeimanier.
Doch der Berliner dachte nicht daran. Blitzschnell verschwand er um die nächste Treppenwindung.
Anke beschleunigte. Manfred Deubler auch. Er eilte durch das Foyer. Anke rannte hinterher.
„Anke. Wo willst du denn hin?“, hörte sie Kullmanns Stimme hinter sich.
Sie hatte keine Zeit zu antworten. Sie sah, in welche Richtung Deubler rannte und steuerte die gleiche an. Wieder verschwand er, dieses Mal hinter einer der vielen Mauern. Ankes Panik wuchs ins Unermessliche. Sie hatte nicht gesehen, wohin er mit ihrer Tochter verschwunden war.
Wie von Furien gehetzt jagte sie blind drauf los, bis sie plötzlich mit einem fremden Mann zusammenstieß, der entsetzlich nach Fisch stank. Dieser stieß einige unfreundliche Laute aus, sprach in einer Sprache, die Anke nicht verstand. Dafür kapierte sie seinen Tonfall umso besser. Mit dunklen, fast schwarzen Augen funkelte der Fremde Anke böse an. Doch Anke wollte sich nicht einfach abwimmeln lassen. Immerhin war sie Lisas Mutter. Der würde sie mal kennenlernen.
„Anke. Bist du noch von Sinnen?“
Kullmanns Frage machte sie stutzig. Sie drehte sich um und schaute in ein fragendes Gesicht.
„Er hat Lisa“, stammelte sie und unterdrückte mit Mühe einen Weinkrampf. Dabei zeigte sie auf den Fremden. Doch als sie wieder nach vorn schaute, stand dort niemand mehr.
„Lisa sitzt an der Rezeption und lässt sich von den Mitarbeitern des Hotels amüsieren.“
Anke verstand nur Bahnhof. „Aber… Der Berliner hat sie doch entführt.“
„Ich glaube, das Berliner Ehepaar hat eine Paranoia bei dir ausgelöst“, bemerkte Kullmann dazu. „Komm rein und überzeuge dich selbst davon, dass es Lisa gut geht.“
Tatsächlich! Lisa saß auf der hohen Theke der Rezeption und ließ sich von einem Hotelangestellten Kunststücke zeigen. Neugierig geworden näherte sich Anke dem Treiben. Sofort hielt der Hotelangestellte inne, verbeugte sich vor Anke und stellte sich vor: „Drago Jurić, ich arbeite hier im Hotel als Kellner, vertrete zurzeit den Portier Josip Pedrović.“
Anke gab ihm die Hand. Sie musste sich mehrfach räuspern, bis endlich eine Stimme herauskam: „Ich heiße Anke Deister, die kleine Dame hier ist Lisa, meine Tochter.“
„Ein tolles Kind haben Sie“, lobte Drago sofort.
„Onkel Drago kann zaubern“, erklärte Lisa stolz.
„Und du auch“, murrte Anke ihr Kind an. „In welches Versteck hast du dich vorhin auf der Treppe weggezaubert.“
„Verrate ich nicht.“ Verschmitzt lachte die Kleine.
Drago zog einige Karten heraus, ließ Lisa eine aussuchen, die Anke sich ebenfalls ansehen durfte. Dann machte er einige verwirrende Handbewegungen. Als er fertig war, zog er die gleiche Karte aus Lisas Hosentasche. Lisa schrie auf vor Freude.
Anke spürte, wie ihre innere Anspannung nachließ.
Viel zu schnell beendete Drago seine Vorführung. Sie hätte ihm gerne noch ewig zuschaut, so gut tat ihr die Heiterkeit, die er mit seinen Kunststücken verbreitete.
„Drago muss noch arbeiten, sonst wird Dragos Chef böse“, erklärte er mit einem bedauernden Lächeln.
„Du kannst ihn doch wegzaubern“, schlug Lisa vor.
Anke fühlte sich peinlich berührt. Doch als sie sah, wie herzhaft Drago über Lisas Spitzfindigkeit lachte, fühlte sie sich erleichtert.
„Bist du jetzt beruhigt?“ Mit dieser Frage erinnerte Kullmann sie wieder an ihre wilde Verfolgungsjagd. Sie spürte, dass sie rot anlief und brachte nur ein kurzes Nicken zustande.
Kapitel 5
Anke und Lisa bogen in die schmale Gasse ein, die zum Hafen führte. Das geschäftige Treiben der vielen Touristen vermittelte der Stadt Lebhaftigkeit. Winzig kleine Geschäfte hatten geöffnet, die nur zu erkennen waren, weil die Klappenläden geöffnet waren, damit die Passanten ihr Warenangebot sehen konnten. Darunter gab es hauptsächlich Wurst, Käse und Wein, Drucke von Bildern, die Rovinj zeigten, Muscheln, Vasen und sonstige Souvenirs. Verträumt schlenderte Anke daran vorbei und erhaschte hier und da einen Blick auf die Verkäufer, die sich meist im dunklen Hintergrund aufhielten.
Plötzlich hörte sie laute Stimmen zwischen den Wänden, die nichts mit dem frohgelaunten Touristentreiben zu hatten.
„Det kannste mit mir nicht maachen. Da kannste wad erleben.“
Berliner Dialekt.
Das durfte nicht wahr sein, dachte Anke, der ihr Anfall von Raserei vor dem Frühstück immer noch peinlich war.
Doch je mehr sie hörte, umso deutlicher erkannte sie, dass sie tatsächlich die Stimme des Berliners Manfred Deubler hörte.
Dieser Mann verfolgte sie.
Oder sie ihn?
Suchend schaute sie sich um und fand ihn hinter einer baufälligen Mauer. Er diskutierte mit einem Fremden. Anke riss ihre Augen weit auf vor Erstaunen. Das war der nach Fisch stinkende Mann, mit dem sie den Zusammenstoß erlebt hatte. Beide Männer waren gleich groß und massig, beide Köpfe hochrot und beide hatten schwarze, fettige Haare. Das einzige, was sie unterschied, war die Tatsache, dass der Fremde ein Einheimischer war. „Du nix fertig bringen, du nix …“ dann folgte eine Salve auf Kroatisch, die aggressiv klang.
Manfred Deublers Gesicht war durchzogen von roten Äderchen, die für zu viel Alkohol sprachen. Und sein Berliner Dialekt klang unverwechselbar. „Ikke jacher mir net umsonst ab, du Fatzke. Det Heemeken wirst de doch noch jebacken kriegen. Ikke loss mir net inwickeln.“
Wieder eine kroatische Salve, die der Berliner mit einem: „Jewieft. Jewieft“ honorierte. „De Klafte wird kieken. Meent se doch, sie könnt sich katzbaljen.“ Die Stimmung schlug schlagartig wieder um. „Willste wohl mausen, wa? Du Kanalje.“
Plötzlich sah Anke etwas aufblitzen. Erschrocken schaute sie genauer hin. Es war ein Messer, das der Kroate blitzschnell gezogen hatte. Zu ihrer Überraschung gelang es Manfred Deubler, seinem Gegenüber das Messer aus der Hand zu schlagen. Als Gegenzug dafür erntete er einen Fausthieb. Die beiden großen Männer griffen sich gegenseitig an, verkeilten sich, rollten über den Boden und stießen dabei unflätige Schimpfworte aus.
Lisa zeigte mit dem Finger darauf und wollte etwas rufen.
Zum Glück gelang es Anke, ihre Tochter rechtzeitig in eine andere Richtung zu lenken. Auf alle Fälle wollte sie verhindern, dass Lisa jetzt schon von Ankes zwanghafter Spürnase angesteckt wurde.
Mit hastigen Schritten, denen Lisa kaum folgen konnte, steuerte Anke die Gasse an, die zum Hafen führte.
Als sie auf den offenen Platz trat, fiel eine innere Beklemmung von ihr ab. Sofort fühlte sie sich wieder im Urlaub. Alles lag friedlich und still vor ihr. Eine wunderbare Ablenkung.
Je weniger sie daran denken wollte, desto mehr hing sie allerdings mit ihren Gedanken weiterhin an dieser merkwürdigen Beobachtung. Sollte das Berliner Ehepaar in krimineller Absicht nach Kroatien gekommen sein? Leider verstand sie den Berliner Dialekt zu schlecht, weshalb sie nicht wusste, worüber Manfred Deubler gesprochen hatte.
Vielleicht war das auch gut so. Denn warum sollte sie sich damit beschäftigen? Sie war hier, um Urlaub zu machen und von den Kriminellen Abstand zu nehmen. Das Leben von der schönsten Seite zu genießen. Und das würde ihr nur gelingen, wenn sie ihre Nase nicht in fremde Angelegenheiten steckte.
Das nahm sie sich fest vor, als ihr Blick auf Alexander fiel.
Sein Anblick, wie er mit einem Bein auf der niedrigen Kaimauer, beide Arme auf das Bein gelehnt und den Kopf in die Hände gestützt, hinaus auf das Meer schaute, ließ Anke ihre Beobachtung schlagartig vergessen. Er trug eine kurze Hose, braun gebrannte Beine kamen darunter zum Vorschein. Sein Hemd war nur zur Hälfte zugeknöpft, eine behaarte Brust lugte unter dem dünnen Stoff hervor. Die Sonnenbrille steckte locker in seinem dunklen Haarschopf.
Mit Alexander würde Anke genau die Zerstreuung erleben, die sie nach Kroatien geführt hatte.
Er drehte sich um und erblickte sie.
Sofort verzog sich sein nachdenkliches Gesicht zu einem Lachen.
Lisa lief auf ihn zu und rief: „Gehen wir jetzt wimmen?“
„Ja, das habe ich doch versprochen“, antwortete er.
Er nahm Lisa auf den Arm, was Anke sofort mit höchster Aufmerksamkeit beobachtete. Lisas Lachen schallte über das Hafengelände. Die akrobatischen Kunststücke, die Alexander mit ihr vollführte, brachten Ankes Herz zum Stillstand. Sofort stand sie neben ihm und bedeutete ihm, Lisa auf den Boden abzusetzen.
Lisas Gesicht war gerötet vor Aufregung.
„Dann wollen wir mal“, bestimmte Alexander.
„Wo gehst du hin?“, fragte Anke. Er schlug eine Richtung ein, die auf einen Parkplatz führte – jedoch nicht zum Strand.
„Ich habe einen Wagen gemietet“, antwortete Alexander. „Damit fahren wir zu dem Strand, der zu meinem Hotel gehört. Dort herrscht nicht so viel Betrieb, weil nur die Hotelgäste an dieser Stelle baden dürfen. Euch beide habe ich an der Rezeption bereits angemeldet.“
„Ist es so weit bis dorthin, dass wir fahren müssen?“
„Für Lisa wäre es zu weit zum Laufen.“
„Ich habe einen Buggy dabei.“ Anke blieb skeptisch. „Dann muss Lisa nicht das ganze Stück zu Fuß gehen.“
„Warum willst du es dir so schwer machen?“
Das fragte sich Anke selbst. Entweder, es gelang ihr, ihr berufliches Misstrauen beiseite zu schieben, oder der Urlaub würde ein Flop.
Sie stiegen in einen großen, dunkelblauen Ford ein.
Die Fahrt ging los.
Alexander steuerte geschickt durch das Verkehrschaos, das die Einheimischen auf den Straßen verursachten. Er fuhr landeinwärts. Zu ihrer Linken konnten Anke und Lisa das Meer sehen. Sie hefteten ihre Blicke daran, sahen viele Boote, Segelschiffe und Surfer auf dem Wasser. Dazwischen Motorboote mit Wasserskisportlern, die mit schnellem Tempo durch das Wasser gezogen wurden und das Meer aufwühlten.
Nach nur wenigen Minuten kamen sie ans Ziel.
Ein schöner heller Strand vor türkisblauem Wasser offenbarte sich ihnen. Anke vergaß ihre anfänglichen Bedenken. Das Meer wog in sanften Wellen, die sich am steinigen Ufer brachen. Leises Rauschen umgab sie. Die Sonne spiegelte sich darin, ihre Lichtreflexe funkelten wie kleine Blitze. Bojen wippten munter mit jeder Bewegung des Meeres. Das Wasser schimmerte fast durchsichtig. Die Kieselsteine, die den Boden bedeckten, waren in aller Deutlichkeit zu erkennen.
Gegenüber lag eine Insel mit üppiger Vegetation. Inmitten dieser vielen Grünpflanzen prangte ein Hotel. Auf ihren staunenden Blick erklärte Alexander: „Das ist die Insel St. Katharina. Wir können mal mit einem Taxiboot rüberfahren. Dort gibt es wunderschöne kleine Buchten.“
„Das klingt alles so verträumt.“ Anke schwärmte und schaute sich weiter um.
Auf der rechten Seite bot sich die Stadt Rovinj wie eine Festung, die sich aus dem Meer erhob. Den höchsten Punkt bildete der Kirchturm der Kirche Euphemia. Hoch und majestätisch thronte er über den Häusern.
„Mit Rovinj haben wir uns wirklich ein schönes Urlaubsziel ausgesucht“, stellte Anke fest. „Diese Stadt sieht aus, als wäre sie aus dem Wasser gewachsen.“
„Rovinj entstand auf einer steinigen Insel. Erst im 18. Jahrhundert wurde die Inselstadt durch Aufschütten der Meerenge mit dem Festland verbunden. Durch den venezianischen Vorstoß in den istrischen Mittelmeerraum hat sich Rovinj Venedig angeschlossen und gehörte eine lange Regierungszeit der venezianischen Republik an. Das hat das venezianische Stadtbild geprägt. Der Glockenturm wurde nach dem Vorbild des Campanile auf dem Markusplatz in Venedig vom gleichen Baumeister erbaut. Aus dieser Zeit stammt das Wahrzeichen der Stadt Venedig, das gleichzeitig das Wappen von Rovinj ist - der geflügelte Löwe“, erklärte Alexander.
„Bist du Geschichtslehrer?“ Anke staunte.
„Nein. Aber ich war schon oft hier, weil es mir hier gut gefällt.“
„Das kann ich verstehen.“
„Man nennt Rovinj nicht umsonst die Perle Istriens“, fügte Alexander an.
Lisa sorgte dafür, dass sie nicht in Vergessenheit geriet. Schnurstracks steuerte sie das Meer an. Anke eilte hinter ihrer Tochter her. Sie stellte fest, dass der Boden in Strandnähe nicht tief war, eine beruhigende Tatsache. Trotzdem fing sie den kleinen Wirbelwind ein.
Sie schaute sich nach einer geeigneten Stelle um, an der sie sich niederlassen wollten und entschied sich für einen Platz unter den Pinienbäumen, die Schatten spendeten. Dort war Lisa nicht den ganzen Tag der Sonne ausgesetzt. Als sie unter den Bäumen ihr Badetuch ausbreitete, hörte sie das Rufen einer Türkentaube. Es war ein schöner Ruf, dem Anke gern zugehört hätte, aber Lisa verstand es, sie abzulenken. Die Kleine wurde immer ungeduldiger – sie wollte ins Wasser. Jetzt musste es schnell gehen. Sie half Lisa aus ihrer Latzhose. Die Badehose trug sie schon darunter. Dieses Mal lief die Kleine noch schneller auf das Wasser zu, damit ihre Mutter sie nicht schon wieder daran hindern konnte. Anke gelang es in der kurzen Zeit nicht, selbst aus Jeans und T-Shirt zu schlüpfen. Erschrocken rannte sie voll angezogen hinter Lisa her.
Zum Glück lief die Kleine nicht weit. Als sie ihre Füße ins Wasser streckte, flüchtete sie schnell wieder hinaus.
„Kalt“, schrie sie so laut, dass Anke lachen musste.
„Gott sei Dank. So kann ich erst mal die Schwimmärmel und den Schwimmreif aufblasen.“
Als sie mit Lisa an der Hand zu ihrem Platz zurückkehrte, sah sie, dass Alexander ihr die Arbeit schon abgenommen hatte.
Sie schälte sich aus ihren Kleidern. Zum Vorschein kam ein roter, knapper Bikini, der von ihrer blassen Haut abstach. Anke schaute zweifelnd an sich herunter, ließ einen vergleichenden Blick über Alexanders braungebrannten Körper wandern und kam zu dem Schluss, dass sie noch viel Zeit in der Sonne verbringen musste.
Den Anfang machten sie mit einem Sprint ins Wasser.
Die Sonne wurde immer wärmer, sogar im Schatten bekam Anke ihre Not mit diesen Temperaturen. Ihr Vorhaben, sich zu bräunen, geriet ins Wanken.
Während Lisa in ihrem Schwimmreif planschte, ließ Anke ihren Blick über den Strand und die Touristen schweifen. Es war einerseits ein schönes Bild, Familien mit ihren Kindern zu sehen. Andererseits erkannte sie darin wie so oft, dass sie ihrer Tochter keine Familie bieten konnte – ein ewiger Wermutstropfen.
Sie beobachtete, wie Alexander Lisa mit beiden Händen hochhob, durch die Luft wirbelte, ins Wasser tauchte und wieder durch die Luft fliegen ließ. Aus Lisas Juchzen wurde Schreien bis zu einem ohrenbetäubenden Quietschen vor Wonne. Lisa hatte in Ankes Augen viel zu schnell Vertrauen zu diesem Mann gefasst, der ja eigentlich ein Fremder für sie war. Sollte das der unterschwellige Wunsch der Kleinen nach einem Vater sein?
Alexander kehrte mit Lisa an den Strand zurück.
Lisas kurze blonde Haare standen zottelig von ihrem Kopf ab. Sie schüttelte sich, wobei einige Wassertropfen herausflogen und Anke trafen. Anke schrie laut auf, weil ihr Körper sich in der warmen Sonne erhitzt hatte. Diese kleine Dusche war für sie wie ein Kälteschock. Mit einem Handtuch rieb sie Lisa trocken, wobei sie ihr immer wieder über die blonden Locken rieb, bis die Haare ganz zerzaust waren. Lisa griff mit ihren beiden Händen in Ankes kurzes Haar und machte es ihrer Mutter nach. Als die beiden fertig waren, sahen sie gleichermaßen struppig aus und lachten bei ihrem Anblick.
Alexander stimmte in das Lachen ein. Der Anblick von Mutter und Tochter gefiel ihm. Mit ihren kurzen Haaren wirkten sie wie zwei Lausbuben, die gerade einen Streich ausgeheckt haben.
Nachdem er eine Weile in seine Betrachtungen versunken war, fragte er: „Wie kommt es, dass du eine Tochter mit blonden Haaren und blauen Augen hast, wo deine Haare dunkelbraun und deine Augen ebenfalls braun sind?“
Eine Weile zögerte Anke. Alexander hatte damit in ihre unbeschwerte Stimmung hinein ein Thema angesprochen, das ihr Gemüt belastete. Lisas Vater war ein Kapitel, das sie gerne vergessen würde. Aber allein schon Lisas Anblick machte ihr das unmöglich, denn die Ähnlichkeit zu ihrem Vater war frappierend.
Alexander schaute ihr tief in die Augen, ein Blick, der sie dazu verleitete, ihr Geheimnis preiszugeben, ohne das Gefühl zu verspüren, die Information wäre bei ihm in schlechten Händen.
„Diese Attribute hat Lisa von ihrem Vater geerbt.“
„Und wo ist er jetzt?“
„Er existiert in Lisas Leben nur in Form von Alimenten.“
Alexander wich erschrocken zurück.
„Deine Art zu sagen, dass der Vater sich aus dem Staub gemacht hat, ist mir neu“, erwiderte er darauf. Aber schon schnell hatte er sich gefasst und seine Chance erkannt. „Ich lade dich heute Abend zum Essen ein. Auf der Terrasse unseres Hotels ist es wunderschön, und es schmeckt gut.“
Anke lachte über sein Reaktionsvermögen. Doch nach genauen Überlegungen musste sie ihm absagen: „Das geht nicht. Ich habe mit Martha und Norbert noch nichts für heute Abend vereinbart. Übergehen möchte ich die beiden auf keinen Fall. Immerhin ist es unser erster gemeinsamer Urlaub.“
„Euer erster?“ Alexander staunte. „Dann habt ihr aber spät damit angefangen.“
In diesen Worten erkannte Anke deutlich, dass er Kullmann und Martha für ihre Eltern hielt. Sie schaute ihn nachdenklich an und kam zu dem Schluss, dass sie ihn gerade mal wenige Stunden kannte. Warum also sollte sie ihn korrigieren? Wer wusste schon, ob sie sich wiedersehen würden, nach diesem Korb?
„Meine Einladung gilt auch noch für morgen“, fügte Alexander an. Soviel zu ihren Gedanken, weil sie ihm gerade einen Korb gegeben hatte. Frech grinste er sie an.
Anke konnte nicht anders, sie musste zustimmen.
„Und vorher gehen wir wieder zusammen baden.“
„Du kannst gar nicht genug bekommen“, stellte Anke fest.
„Gut erkannt. Die gemeinsame Zeit mit euch beiden ist schön.“
Kapitel 6
Im Hotel konnte Anke ihre beiden Begleiter nirgends finden. Auf der Dachterrasse waren sie nicht, ebenso wenig im Gartenrestaurant. Blieb ihr nichts anderes übrig, als sich zusammen mit ihrer Tochter auf die Suche zu machen. Sie nahm den Buggy, setzte die vom Schwimmen müde gewordene Lisa hinein und schob den Kinderwagen über die holprigen Kopfsteinpflasterwege zwischen den dicht beieinanderstehenden Häuserfassaden hindurch. Dort war es schattig. Deshalb vermutete sie Kullmann und Martha genau dort.
Sie sollte Recht behalten, denn lange musste sie nicht suchen. Sie fand die beiden in einem kleinen Straßencafé. Sie saßen an eine antike Hauswand gelehnt, Kullmann rauchte Pfeife und las Zeitung. Martha häkelte. Vor ihnen standen Tassen mit dampfendem Kaffee.
Sie setzte sich dazu. „So lässt es sich leben.“
„Anke, Lisa, wie schön euch zu sehen“, grüßte Kullmann.
Lisa schlief tief und fest. Sie bekam nichts mit.
„Du hast schon Farbe bekommen“, stellte Martha fest. „Das steht dir gut, wo du sonst immer so blass bist.“
Anke erzählte ihnen von ihrem schönen Tag am Strand, worauf Kullmann bemerkte: „Du wirkst so fröhlich, wie ich dich schon lange nicht mehr erlebt habe. Das gibt mir das Gefühl, dass dieser Urlaub eine gute Wahl für dich war.“
„Natürlich war es das“, stellte Anke sofort klar. „Oder hattest du Zweifel daran?“
„Nach dem Zusammenstoß mit dem Berliner Ehepaar hatte ich die in der Tat.“
Schlagartig erinnerte sich Anke an ihre Beobachtung.
„Denkst du wieder an deine Verfolgungsjagd?“, fragte Kullmann schmunzelnd. Doch Ankes Reaktion auf seine Frage gab ihm zu denken. „Was ist los?“
„Ach nichts. Ist nicht wichtig.“
„So wie du dreinschaust, ist es dir aber wichtig.“
Anke schaute Kullmann nachdenklich an und kam zu der Überzeugung, ihm alles zu berichten. Nachdem sie geendet hatte, kehrte das Schmunzeln in Kullmanns Gesicht zurück, womit Anke nicht gerechnet hatte.
„Du siehst Gespenster. Hoffentlich reicht diese eine Woche, um dich von der Verbrechensbekämpfung abzulenken.“
Anke fügte nachdrücklich an: „Der Kroate hat ein Messer gezückt.“
„Das passiert schon mal in südlichen Ländern. Hier herrscht ein anderes Temperament.“ Damit war für Kullmann das Thema erledigt.
Lange beobachteten sie die Menschen, die an ihnen vorüberzogen. Möwen flogen über die Dächer. Ihr lautes Kreischen schallte zwischen den Hauswänden.
„Wollen wir uns noch ein wenig ausruhen, bevor wir essen gehen?“, fragte Kullmann, während er einen Blick auf die schlafende Lisa warf.
„Essen wir nicht im Hotel?“ Anke staunte.
„Dort gibt es heute Abend nur Pizza.“
„Wo ist das Problem?“
„Ich esse dieses Zeug nicht“, gab Kullmann zu verstehen. „Martha und ich haben uns am Hafen umgesehen. Dort gibt es schöne Lokale mit Blick auf das Meer und die Schiffe. Ich habe die Karten studiert und mir ein Restaurant herausgesucht, wo neben Fisch auch Fleischgerichte angeboten werden. Ich hoffe, du bist mit meiner Wahl einverstanden.“
„Ich verlasse mich auf deinen guten Geschmack“, stimmte Anke zu. „Bisher hast du mich nicht enttäuscht.“
Das Lob nahm Kullmann stolz zur Kenntnis.
Sie schlenderten durch die engen Gässchen zurück zum Hotel. Lisa wachte in ihrem Buggy nicht auf, obwohl der durch das Kopfsteinpflaster durchgeschüttelt wurde. So müde war sie. Kaum im Hotelzimmer angekommen, fühlte sich auch Anke wie erschlagen. Sie legte sich auf das Bett und schlief augenblicklich ein.
Vom Schrei der Möwen wurde sie geweckt. Es war ein Geräusch, das sie seit ihrer Ankunft in Rovinj begleitete. Ihr Kreischen, das nach einem lang gezogenen Seufzer in ein abgehacktes Lachen überging, gehörte zum Meer, wie die Fische, die darin schwammen. Anke konnte sich daran erfreuen, es bestätigte ihr das Gefühl der Fremdartigkeit. Zu Hause hörte sie nur die Geräusche von Autos und gelegentlich das unschöne Gurren von Tauben.
Sie stellte sich ans Fenster. Schon spürte sie, wie sich jemand neben sie schob. Lisa. Auch sie war aufgewacht und sah munter aus. Ihre beiden Ärmchen streckte sie nach oben, ein deutliches Zeichen, dass sie hochgehoben werden wollte.
Anke kam ihrer Aufforderung nach.
Kullmann und Martha traten hinzu.
Zu viert schauten sie hinaus, bewunderten das Meerwasser, auf dem die Sonnenstrahlen tanzten. Kleine Fischerboote fuhren hinaus, große Yachten liefen den Hafen an. Möwen flogen dicht über der Wasseroberfläche auf der Jagd nach Fischen. Einige Segelboote versuchten noch, die letzten Windböen zu erwischen. Sie versanken in dem Anblick von Regsamkeit auf dem Meer.
„Wollen wir auf der Dachterrasse noch einen Aperitif trinken?“, schlug Kullmann vor.
„Gute Idee.
Sie verließen das Zimmer und stiegen die Treppe nach oben. Agnes Gebauer und ihre Freundin Gertrud Ossom saßen bereits dort mit ihren Ehegatten und nippten an bunten Cocktails. Die anderen Tische gähnten leer. Anke ging voraus, ihr folgte Kullmann. Sie hatten beide den gleichen Tisch im Visier, nämlich den, der ihnen die schönste Aussicht bot. Plötzlich bemerkte Anke, dass Lisa verschwunden war. Gleichzeitig sah sich Kullmann nach Martha um. Erschrocken drehten sich beide um und sahen gerade noch, wie Martha mit Lisa auf dem Arm die Treppe, die sie eben erst hinaufgestiegen waren, wieder hinuntereilte. Anke wollte fragen, was das zu bedeuten hatte. Da erkannte sie den Grund für Marthas übereilte Flucht.
Aus der kleinen Sonnenecke, die für Sonnenanbeter extra auf der Terrasse eingerichtet worden war, trat der Berliner hervor.
Splitternackt.
Genüsslich streckte er seinen Bauch hervor, reckte beide Arme in die Höhe und gähnte mit weit aufgerissenem Mund. Ein Aufschrei ertönte vom Tisch der beiden älteren Ehepaare, was den Berliner keineswegs aus der Ruhe brachte.
Anke war fassungslos.
„Natürlich ist jetzt niemand vom Hotelpersonal da“, rief Agnes Gebauer empört. „Dieses Schwein sollte man aus dem Hotel rausschmeißen.“
„Recht hast du“, stimmte Gertrud Ossom ihrer Freundin bei. „Hier ist für Exhibitionisten kein Platz.“
„Ikke glaub, ik hör nicht richtig“, lachte Manfred Deubler. „Exi… wad noch mal? Du hast zu viel Krimis in der Glotze jesehen, wa?“
Kullmann richtete sich an den Berliner: „Was soll dieses hemmungslose Auftreten? Können Sie sich nicht benehmen, wie ein normaler Mensch und Ihre Scham bedecken?“
„Wad soll ded Gekeife? Wir warn schon hier, da hat nach euch Angebern noch keener wad jefraacht“, rieb er sich demonstrativ über seinen Bauch. „Hier jehört Nacktbaden zum guten Ton. Also lasse ikke mir ded von euch nischt vermiesen.“
„Richtig, mei Kleener“, trat nun die kleine Berlinerin hinzu. „Wir können hier machen, wad uns passt. Ded war schon immer so, dazu haben wir die von drüben noch nie jebrocht.“
„Hier sind kleine Kinder“, versuchte es Kullmann anders. „Ist Ihnen überhaupt klar, was Sie mit dem Verhalten anrichten?“
„Lass den doch jnatzen“, mischte sich die Berlinerin ein. „Der kann mir net vollsabbern, der Fatzke. Wir ham keene Jören – also kann es uns ja egal sein.“
Das Paar verließ die Terrasse.
„Unfassbar.“, schrie Gertrud Ossom aufgebracht.
„Die sollte man ins Meer werfen und ertränken“; fügte Arthur Ossom an.
Erschrocken schaute Anke ihn an. Er war kein alter Mann, wie sie es zunächst als selbstverständlich angenommen hatte. Er war wesentlich jünger als seine Frau, seine Statur groß und kräftig – also ein Mann, der es mit dem Berliner durchaus aufnehmen könnte. Wenn das so weiterging, könnte es durchaus passieren, dass sie einen der Hotelgäste aus dem Meer fischen mussten.
„Ich werde das Verhalten an der Rezeption melden“, beschloss Kullmann.
„Tun Sie das.“, pflichtete ihm Arthur Ossom bei. „Sonst vergesse ich mich.“
Nachdem Kullmann dieser Pflicht nachgekommen war, stieg er mit schweren Schritten die Treppenstufen wieder hinauf. Das war sein erster Urlaub am Mittelmeer. Außerdem war es ein Geschenk an seine Frau, an Anke und an die kleine Lisa. Er hatte sich davon versprochen, seiner kleinen Familie eine Freude zu machen. Und diesen Urlaub verbrachte er damit, sich an der Rezeption über andere Hotelgäste zu beschweren.
Er rieb sich über seine Augen.
Am oberen Treppenabsatz hielt Anke ihn am Arm fest, schaute in sein betrübtes Gesicht und erklärte im Brustton der Überzeugung: „Wir werden diesen Urlaub genießen – glaub mir. Es ist unser erster gemeinsamer Urlaub, soll nicht unser letzter sein und vor allen Dingen ein schöner und unvergesslicher.“
„Unvergesslich wird er bestimmt“, grunzte Kullmann. „Dafür haben wir schon genügend Unannehmlichkeiten erlebt.“
„Du bist und bleibst ein Pessimist“, schimpfte Anke. „Die schönen Dinge übersiehst du dabei einfach. Lass die beiden doch. Keiner will sie in ihrer Nähe haben, sie sind ganz allein. Sogar die Einheimischen prügeln auf sie ein. Irgendwann geben sie auf.“
„Wie gut, dass du nie den Mut verlierst.“ Kullmann lachte. „Damit schaffst du es jedes Mal, meine trübsinnigen Gedanken zu vertreiben.“
Kapitel 7
„Jetzt haben wir uns alle ein gutes Abendessen verdient“, stellte Kullmann fest und rieb sich tatenfreudig die Hände.
Anke trat durch die Verbindungstür in ihr eigenes Zimmer, öffnete den Schrank und suchte sich für den Abend einen kurzen Jeansrock und ein eng anliegendes Top aus. Als sie zurückkehrte, erntete sie bewundernde Blicke von Kullmann.
„So hübsch habe ich dich noch nie gesehen“, stellte Kullmann anerkennend fest. „Du hast eine Figur wie ein junges Mädchen.“
„Norbert“, schimpfte Martha. „Anke ist ein junges Mädchen.“
„Ich weiß nicht“, wehrte Anke lachend ab. „Mit sechsunddreißig Jahren und Mutter einer dreijährigen Tochter bin ich wohl kein junges Mädchen mehr.“
„Stimmt. Dann einigen wir uns eben auf eine junge Frau“, gab Martha zu.
Der Tag neigte sich dem Ende zu, die Sonne spiegelte sich rot im Wasser zwischen großen und kleinen Booten. Zahlreiche Touristen tummelten sich auf dem großen Hafengelände. Mofafahrer fuhren mit laut knatternden Maschinen die Promenade entlang, Hunde bellten. An den Wohnhäusern standen Bänke angelehnt. Darauf saßen alte Männer nebeneinander, rauchten Pfeife und diskutierten in einer Heftigkeit, dass es nach Streit aussah. Aber ihr Lachen und ihr Schulterklopfen bewiesen, dass sie einfach nur viel Temperament in ihre Argumentation legten. Kinder spielten direkt vor ihnen auf dem Kopfsteinpflaster, fuhren mit ihren Fahrrädern in die Touristenmenge hinein, bolzten einen Fußball einem Passanten an den Kopf, fingen eine kleine Katze ein, die sie dann ausgiebig an ihren Ohren zogen, bis das arme Tier zu schreien begann. All das beobachteten die alten Männer mit Wohlwollen, strichen ihren Enkeln über die Köpfe, als seien sie die reinsten Engel, was die Kinder dazu antrieb, ihren Unfug zu forcieren.
Die Restaurants waren überfüllt. Ein Gitarrenspieler unterhielt die Menschen mit seiner Musik, andere junge Männer versuchten den Touristen ihr Geld abzuluchsen, indem sie ihnen Scherenschnitte von deren Profil aufschwatzten oder Tattoos, die sich nach der ersten Berührung mit Wasser wieder in Nichts auflösten. Andere priesen ihre Waren auf Booten an, die dicht am Ufer fest verankert waren.
Ein großes Schiff lief in den Hafen ein.
Alle kleineren Boote, die vor Anker lagen, gerieten in Bewegung. Das Wasser schlug Wellen, die Boote schaukelten heftig hin und her.
Das alles ließen sie hinter sich.
Am Ende des Hafens erreichten sie das Lokal „Amfora“.
Vor dem Eingang stand ein Kellner und sprach sie an: „Kommen Sie, meine Damen und mein Herr. Essen Sie bei uns. Es schmeckt gut und ist nicht teuer.“
Sie folgten seiner Aufforderung, ließen sich einen schönen Platz zeigen, mit Blick über die Uferpromenade und das Meer. Blitzschnell wurde ihnen die Karte gereicht und Getränke gebracht.
„Wenn es in dem Tempo weitergeht, bin ich zufrieden.“ Kullmann grinste. Er setzte sich seine Lesebrille auf, um die Karte zu studieren.
Nachdem sie ihre Auswahl getroffen hatten, richteten sie ihren Blick auf die Promenade. Sie beobachteten den Kellner, der sie auf der Straße angesprochen hatte. Seine Aufgabe bestand darin, das Geschäft anzukurbeln. Ein weiterer Beschäftigter des Etablissements stand auf der gegenüberliegenden Seite und behielt alles genau im Auge. Gelegentlich trat er auf den Kellner zu und gab ihm Anweisungen. Seine Gestalt war massig, seine Haare schwarz, seine Bewegungen fahrig. Ständig fuchtelte er mit seinem Handy herum, telefonierte zwischendurch, was seine Nervosität forcierte. Dabei bewegte er sich sehr schnell, was im Gegensatz zu seiner Leibesfülle stand. Sein Gebaren deutete darauf hin, dass er der Chef des Restaurants war.
Als Vorspeise wurde ihnen Istarska Supa serviert, eine traditionelle Spezialität aus Istrien, die aus Rotweinsuppe mit Olivenöl und gerösteten Brotstücken bestand.
Kullmann und seine Angehörigen wurden vorübergehend von dem Treiben vor dem Lokal abgelenkt. Während sie aßen, wurde es plötzlich laut in der letzten Tischreihe. Sie schauten auf und sahen einen weiteren dicken Mann mit schwarzen Haaren, der zusammen mit drei blonden Frauen an einem großen Tisch Platz nahm und alle Kellner für sich beanspruchte.
Kullmann knurrte: „Ich bekomme den Eindruck, dass hier Mafiamethoden praktiziert werden.“
„Glaubst du, dass der Chef und dieser Mann gemeinsame Sache machen?“, hakte Anke nach, die ebenfalls dieser Eindruck überkam.
„Schlimmer“, antwortete Kullmann. „Ich habe mir den Namen des Besitzers angesehen, er heißt Ivan Kusić. Dieser Name ist nicht kroatisch. Das Restaurant ist in den Händen von Kosovo-Albanern.“
„Was ist daran so schlimm?“
„Kosovo-Albanien war schon immer ein kleines unbedeutendes Land in dem Vielvölkerstaat unter der Herrschaft von Tito. Nach dem jüngsten Balkan-Krieg wurde das Land gegen seinen Willen dem Staat Serbien angeschlossen. Als Reaktion darauf machten sie sich auf eigene Faust selbstständig, entwickelten sich illegal zu einer Splittergruppe, die sich mit dem Geld, das sie durch Schutzgelderpressung, Drogenhandel und Prostitution eintreibt, in Bosnien, Serbien, Kroatien und Slowenien große Macht erkauft.“
Kaum hatte er ausgesprochen, trat der Dicke, der soeben noch vor der Tür gestanden und alles überwacht hatte, mit einem großen Tablett an den Tisch in der hinteren Reihe. Auf dem Präsentierbrett befand sich ein Hummer.
Anke war sich sicher, dass er nun den Gästen zum Essen serviert würde, doch sie täuschte sich. Der Dicke stellte das Tablett ab und begann, mit den Fühlern des großen Schalentiers zu spielen. Plötzlich begann sich der Hummer zu bewegen. Mit ruckartigen Bewegungen schwenkte er seine Scheren aus. Die drei Frauen und ihr Gönner lachten herzhaft. Der Restaurantbesitzer stimmte in das Lachen ein, bis es zu einem Grölen ausartete. Dann verschwand er mit dem Hummer wieder. Anke konnte sich denken, wohin das arme Tier nun landen würde.
Kullmann schüttelte den Kopf und murrte: „Es war nicht meine Absicht, euch in eine solche Spelunke auszuführen.“
„Von außen sieht man ja nicht, was sich hinter den Kulissen abspielt.“
„Stimmt. Die Mafia weiß sich zu tarnen. Können wir nur hoffen, dass es nicht gerade jetzt zu einem Bandenkrieg kommt.“
Anke schaute Kullmann verdutzt an und fragte: „Warum sollte das passieren?“
„Weil sich die Kroaten nicht gern das Zepter von den Kosovo-Albanern aus der Hand nehmen lassen. Sie werden sich irgendwann wehren.“
Eine Weile schwiegen sie und schauten sich um. Alles sah friedlich aus.
„Die Menschen in dieser Gegend haben eine andere Mentalität als wir in Deutschland. Hier liegt der Krieg noch nicht so lange zurück. Die Feindschaften schwelen noch unter der Oberfläche“, sinnierte Kullmann
„Und deshalb müssen diese Typen dahinten“, Anke zeigte mit dem Finger auf den Tisch, an dem der Hummer vorgeführt worden war. „dieses Tier quälen? Warum tun diese Menschen dem armen Tier so etwas an? Nur zur Unterhaltung?“
Kullmann schaute Anke erstaunt an.
„Deine Frage sollte lauten: Warum tun Menschen anderen Menschen Schlimmes an“, korrigierte Kullmann. „Vergiss nicht, in welchem Beruf du arbeitest.“
„Du hast recht. In meinem Beruf ist für Sentimentalitäten kein Platz.“
„Trotzdem verstehe ich dich. Ich denke nicht anders. Nur der Unterschied zwischen uns ist der, dass ich pensioniert bin und du noch einige Jahre in deinem Beruf arbeiten musst.“
Die Hauptspeise wurde genau im richtigen Augenblick serviert. Es gab Pasticada, mariniertes Rindfleisch mit Zwiebeln und Knoblauch in Rotwein gekocht. Dazu wurden Kartoffeln mit Rosmarin gereicht. Allein der Anblick ließ ihnen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Es schmeckte so gut, wie es aussah. Alle verfielen in genüssliches Schweigen. Der Rest des Abends verlief angenehm. Leise Musik lief im Radio und der Kellner richtete stets seine Aufmerksamkeit auf Kullmanns Tisch. Kein Wunsch lieb lange offen. Zum Abschluss des Abends bestellte Kullmann für alle noch einen hochprozentigen Pflaumenschnaps namens „Sljivovica“, der ihnen so heftig im Hals brannte, dass niemand mehr Lust auf einen zweiten hatte.
Im Abendrot spazierten sie über die Promenade wieder zurück in Richtung Hotel. Der Gitarrenspieler spielte inzwischen verträumte Klänge, Grillen zirpten, leise schwappte das Wasser ans Ufer.
Lisa war aufgewacht, blieb aber ruhig in ihrem Buggy sitzen, ein deutliches Zeichen für ihre Müdigkeit. Mit großen Augen schaute sie sich um. Gemächlich überquerten sie den großen Platz, dessen Mitte ein Brunnen zierte. Das östliche Stadttor zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Es war ein Barockes Tor aus dem 17. Jahrhundert, an dessen Rundbogen – dem Balbie-Bogen - je rechts und links ein Wappen und in der Mitte der Markuslöwe, das venezianische Wahrzeichen, prangten. Durch diese Pforte schritten sie hindurch und gelangten in die Altstadt von Rovinj. In alle Himmelsrichtungen lagen vor ihnen schmale Gassen mit Kopfsteinpflaster.
„Wie sagte Wilhem Tell schon einst?“, fragte Kullmann grinsend.
Anke antwortete: „Durch diese hohle Gasse muss er kommen.“
„Doch leider sind hier viele hohle Gassen“, merkte Kullmann an. „Was würde Wilhelm Tell in dem Fall sagen?“
„Folget mir, ich komme nach.“
Kullmann lachte. Zusammen mit seiner Frau Martha folgte er Anke, die mit ihrem Kinderwagen den Weg einschlug, auf dem die meisten Touristen flanierten. Schon bald stellten sie fest, dass sie sich verlaufen hatten. Eingerahmt von Künstlerateliers voller Maler, die ihre Werke zum Verkauf anboten, führte die Via Grisia immer steiler bergauf, bis sie vor der großen Kirche der Heiligen Euphemia am höchsten Punkt der Stadt standen.
Im gleichen Augenblick begannen die Glocken des angrenzenden Glockenturms zu läuten.
Die Uhr schlug zweiundzwanzig Mal.
„Diesen Ort möchte ich mir ja gerne ansehen – aber am Tag, wenn die Kirche geöffnet ist“, bekannte Kullmann. „Wir werden wohl das ganze Stück zurückgehen müssen.“
„Mein Spürsinn hat uns wohl in die Irre geführt“, gestand Anke.
„Warum?“, fragte Kullmann. „Das ist ein sehr schöner Platz, den wir sonst nicht gesehen hätten.“
Anke wurde warm ums Herz. Dieser Mann, ihr ehemaliger Chef und Mentor gab ihr ein Gefühl der Geborgenheit, wie sie es niemals in ihrem Leben erfahren hatte. Umso schöner war es für sie, diesen Urlaub mit solchen wunderbaren Menschen zusammen verbringen zu dürfen.
Von neuer Neugier angetrieben schaute sie sich auf dem großen Platz um. Dicht am Abgrund entdeckte sie einen hässlichen, steinernen Bunker mit einer Stahlkuppel. Sie überlegte, ob sie vor einem Relikt aus dem II. Weltkrieg oder aus dem Balkankrieg stand. Kullmann trat auf sie zu und beantwortete ihr die Frage, ohne dass sie sie gestellt hätte: „Das ist ein sogenanntes MG-Nest aus dem II. Weltkrieg. In der Feldbefestigung wurden die Kampfanlagen ‘Nester’ bezeichnet. Sie sollten Schutz gegen Gewehrbeschuss und Splitter bieten."
Anke wollte darauf zugehen und sich das Bauwerk näher betrachten. Doch Kullmann schlug die entgegengesetzte Richtung ein. Er und seine Frau hatten andere Pläne. Sie umrundeten den großen Platz und stießen auf der anderen Seite auf eine Gasse, die steil bergab führte.
Dort bogen sie ein.
Das Kopfsteinpflaster stellte sich als gefährlich heraus. Die Pflastersteine waren glatt und rutschig. Immer wieder gerieten sie ins Schlittern, mussten sich hüten, nicht zu stürzen. Unten angekommen, war Kullmann außer Atem. Er hatte nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf seine Frau achten müssen. Anke hatte dagegen leichter gehabt. Der Kinderwagen hatte ihr Halt gegeben. Dieser Tag war der erste, an dem sie dankbar dafür war, ein solches Gefährt mit sich herumzufahren.
Kaum standen sie sicher auf ihren Beinen, trauten sie ihren Augen nicht. Direkt vor ihnen offenbarte sich das Hotel „Villa Angelo D’oro“.
„Wir sind den richtigen Weg gegangen, ohne es zu merken.“ Kullmann lachte.
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