Читать книгу: «Mord im Gewächshaus»
Titel der Originalausgabe: Premeditated Myrtle
Erschienen bei Algonquin Young Readers, einem Imprint von
Algonquin Books of Chapel Hill, Post Office Box 2225, Chapel Hill,
North Carolina 27515-2225
A division of Workman Publishing, New York, New York 10014
Copyright © 2020 Stephanie Elizabeth Bunce
Published by arrangement with Erin Murphy Literary Agency
through Rights People, London
Deutsche Erstausgabe
Copyright © 2021 von dem Knesebeck GmbH & Co. Verlag KG,
München
Ein Unternehmen der Média-Participations
Projektleitung und Lektorat: Theresa Scholz, Knesebeck Verlag
Übersetzung: Nadine Mannchen, Helmbrechts
Umschlaggestaltung: Felicitas Horstschäfer, Berlin
Satz und Herstellung: Arnold & Domnick, Leipzig
eISBN 978-3-95728-605-5
Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise.
www.knesebeck-verlag.de
Elizabeth C. Bunce

Aus dem Amerikanischen
von Nadine Mannchen

Für Sophie: Sieh nur, was du in Gang gesetzt hast.
Inhalt
1 Corpus Delicti
2 Die Gräber von Redgraves
3 Geschworenengericht
4 Post Mortem
5 Actus reus
6 Hoher Giftgehalt und längere Exposition
7 Zeugenaussagen
8 Strafverstärkender Tatbestand
9 Verständigung im Strafverfahren
10 Erwerbstätigkeit
11 Res ipsa loquitur
12 Belastende Beweise
13 Begründete Zweifel
14 Lilium Febricula
15 Helfer nach der strafbaren Handlung
16 Unzulässige Beeinflussung
17 Interessenkonflikt
18 Motiv, Mittel und Gelegenheit
19 Der Anschein von ungebührlichem Verhalten
20 Ein Zeugnis von schlechtem Charakter
21 Aussage verweigert
22 Unmittelbarkeitsprinzip
23 Selektive Strafverfolgung
24 Urteil im Schnellverfahren
25 Forensische Schriftuntersuchung
26 Ausstehender Streit an anderer Stelle
27 In absentia
28 Selbstbezichtigung
29 Periculum in mora
30 Respondeat superior
31 Zusammenfassung und Schlussplädoyer
DANKSAGUNG
1
Corpus Delicti
Ein wahrer Ermittler ist ein Meister in der Kunst des Beobachtens und schenkt seiner Umgebung höchste Aufmerksamkeit. Selbst das unscheinbarste Indiz könnte sich als Schlüssel zum Aufdecken der Wahrheit erweisen. H. M. Hardcastle: Die Grundlagen der Detektion — Ein Handbuch für Amateur- und Berufsermittler, 1893.
»Korrigiere mich, falls ich mich irre.« Die Stiefelabsätze meiner Gouvernanten, Miss Judson, klackerten laut wie ein Telegraf, als sie in den Unterrichtsraum lief. »Als ich deinen Vater dazu überredete, dieses Teleskop zu bestellen, hatten wir ihm ausdrücklich erklärt, du würdest damit den Nachthimmel beobachten.« Viel zu fröhlich zog sie an den Vorhängen und flutete das Zimmer mit Sonnenlicht.
Sobald ich das Teleskop einstellte, sah ich mein Ziel deutlicher vor mir. Früher Morgen: ausgezeichnet, schrieb ich neben meine vorigen Notizen. Leichter Regen über Nacht. »Ich beobachte Dinge aus der Ferne«, sagte ich. »Gemäß dem Zweck dieses Geräts.« Zielobjekt: Die Residenz (und deren Bewohner) im Gravesend Close 16, Swinburne. Gemeinhin bekannt als Redgraves-Anwesen.
Miss Judson lehnte sich neben mir auf den Fenstersims und stützte das Kinn in ihre hellbraune Hand. »Oh. Wie töricht von mir. Kam ich doch glatt auf die Idee, du würdest die Nachbarn ausspionieren.«
»Das auch. Sehen Sie!« Ich zeigte (mit meiner eigenen eher blässlichen Hand) über die Straße, wo sich ein zierlicher blauer Schmetterling auf einer Hecke niedergelassen hatte. »Celastrina argiolus.«
»Versuch nicht, das Thema zu wechseln. Moment …« Sie stellte sich aufrecht und auf ihrer Stirn erschien eine Falte. »Ist das der Polizeiwagen?« Die Falte wurde zu einem richtigen Runzeln. »Myrtle?«
Ich deckte das Teleskop mit dem eigens dafür vorgesehenen Tuch ab. »Warum sehen Sie mich so an? Ich habe nichts getan!« Ich biss mir auf die Lippe. »Nun ja, womöglich habe ich die Polizei gerufen.«
»Und zu Miss Wodehouse geschickt? Warum in Gottes Namen?« Miss Judson griff nach ihrem Umhang und eilte zur Tür.
»Gehen wir rüber?« Ich rutschte von der Fensterbank und holte rasch meine eigenen Sachen: Notizbuch, Tasche, meine Lupe, meine Handschuhe und das kleine Set zum Entnehmen von Proben mit der Pinzette, den Nadeln und den winzigen Probengläschen darin.
»Das halte ich für das Beste. Schnapp dir deinen Mantel. Unterwegs kannst du mir erklären – damit ich es deinem Vater begreiflich machen kann –, was in aller Welt dich dazu veranlasst hat, die Polizei zu der Lady von nebenan zu schicken!« Auf der Schwelle hielt sie inne und warf mir einen misstrauischen Blick zu. »Es ging doch nicht schon wieder um ihre Katze?«
»Natürlich nicht!« Ich beeilte mich, zu ihr aufzuschließen. Miss Judson in Eile glich einer Naturgewalt. »Also, zumindest nicht direkt. Mit ihr hat nur alles angefangen.«
Eine Hand auf das polierte Geländer gelegt, drehte sie sich auf der Treppe zu mir herum. »Ich höre.«
Im Erklären hatte ich ungeheuer viel Übung. »Ich habe sie heute Morgen nicht gesehen«, fing ich an.
»Miss Wodehouse?«
»Nein, Peony – nun, Miss Wodehouse ebenso wenig. Und dann ist auch Mr Hamm nicht wie üblich erschienen.« Mr Hamm war der Gärtner von Redgraves, dessen tägliche Routine für gewöhnlich damit begann, dass er um 6 Uhr 15 mit Katze Peony im Schlepptau die Brunnen und Vogelbäder überprüfte. Um spätestens 6 Uhr 40 kümmerte er sich um den südlichen Rasen. Oft wurde er dabei von Miss Wodehouse beaufsichtigt, erntete von der spröden alten Dame allerdings nichts als Geringschätzung und Kritik. Räumen Sie das Laub da weg. Ich will nicht, dass der Rittersporn die Margeriten berührt. Und halten Sie mir diese verwünschte Katze vom Leib!
Eventuell habe ich sie ein- oder zweimal observiert.
»Und dann ist mir etwas Merkwürdiges aufgefallen.«
Miss Judson sah mich mit verschränkten Armen erwartungsvoll an, während ihre Finger auf dem Ellbogen ihres ordentlichen Tweedgewands herumtrommelten. Dieser Teil war etwas kniffelig zu erklären. Ich hatte mit dem Teleskop an diesem Morgen nämlich etwas anvisiert, das streng verboten war, und das war mir durchaus bewusst. Dabei war nur die Katze schuld. Als von Mr Hamm nichts zu sehen war, tat ich, was jede gute Ermittlerin tun würde. Ich hielt nach Hinweisen Ausschau – und fand welche.
»Der Blumentopf auf Miss Wodehouses Balkon war umgekippt – dieser große, schwere Pflanzkübel – und Peony hat darin gebuddelt. Sie wissen ja, wie sehr Miss Wodehouse es hasst, wenn die Katze etwas durcheinanderbringt, vor allem ihre Blumen, also habe ich versucht, sie zu verscheuchen.«
»Bitte sag mir, dass dieser Versuch Rauchsignale oder vielleicht Telepathie beinhaltete.«
»Jetzt werden Sie aber lächerlich. Ich habe meine Schleuder genommen.«
Miss Judson schloss die Augen. »Diese Geschichte wird besser und besser.«
»Ich habe die Balkontür getroffen und eine Scheibe ist zerbrochen – nur eine kleine! Ich werde sie von meinem Taschengeld bezahlen – Mr Hamm hat immer welche als Ersatz auf Vorrat. Aber niemand kam heraus.«
Sie lehnte sich ans Treppengeländer und wirkte ein klein wenig erleichtert. Und fasziniert. »Das ist merkwürdig. Nicht einmal das Hausmädchen?«
»Erst nach einer Ewigkeit. Und dann hat sie nur den Kopf zur Tür herausgestreckt, überprüft, ob sie verschlossen ist, und die Vorhänge zugezogen. Sie wirkte nervös.« In meinen Notizen hatte ich den Begriff verstohlen verwendet, doch Miss Judson warf mir hin und wieder vor, zu Übertreibungen zu neigen.
»Und da hast du dann die Polizei verständigt?«
Ich scharrte verlegen mit dem Fuß im Teppich. »Nicht direkt. Ich dachte, es könnten alle krank sein – Sie erinnern sich an die Arsenvergiftung von Holyrood im letzten Jahr –, daher ging ich hinüber, um nach dem Rechten zu sehen.«
»Oh, großer Gott!«
»Das Hausmädchen hatte damals sechs Menschen ermordet.«
Miss Judson hockte sich neben mich auf die Stufe. »Myrtle. Das geht nun wirklich zu weit. Du kannst doch nicht ernsthaft glauben, die kleine Trudy – oder sonst jemand auf Redgraves – könnte etwas so …«, sie suchte nach dem richtigen Wort, »… Unglaubliches getan haben.«
»Nein.« Obwohl Giftmord durch Arsen in letzter Zeit in Mode gekommen war. »Doch irgendetwas stimmte dort drüben nicht. Ich klopfte und klopfte, erhielt aber keine Antwort. Mr Hamm war auch nicht zu Hause.«
Miss Judson schürzte die Lippen und blickte an meinem Kopf vorbei ins Leere. Ich merkte ihr an, dass sie mögliche Reaktionen abwog. »Und dir kam nicht in den Sinn, es einfach jemandem zu sagen?«, fragte sie schließlich etwas schwach.
Sie wusste noch genauso gut wie ich, was die letzten Male geschehen war, wenn ich Erwachsenen von meinen Bedenken berichtet hatte, daher machte ich mir nicht einmal die Mühe, ihr zu antworten.
»Na schön.« Entschlossen stand sie auf. »Gehen wir. Sicher ist dein Vater bald auf den Beinen und es wäre wohl besser, wenn wir rechtzeitig zum Frühstück wieder im Haus sind, damit er mich auf direktem Weg zurück nach Französisch- Guayana schicken kann.«
Das Redgraves-Anwesen lag direkt nebenan, trotzdem mussten wir unseren Rasen und den kleinen Weg überqueren, um dahinter die Straße entlang bis zum Vordereingang des gewaltigen Hauses zu laufen, wo die Polizeikutsche parkte. Der Wachtmeister am Wagen, den ich nicht kannte, nahm zum Gruß den Helm vom Kopf, während er sein Pferd am Hals tätschelte. Davon abgesehen war es auf Redgraves gespenstisch still.
»Wo ist die Katze?«, zischte ich, doch Miss Judson brachte mich mit einem Psst zum Schweigen. Während sie sich den schicken kleinen Hut geraderückte, marschierte sie die gewaltige Vordertreppe aus Stein hinauf und läutete an der Haustür, was die Stille des ruhigen Morgens zerriss und im Säulenvorbau eine Gruppe Tauben aufschreckte. Als niemand reagierte, spazierte ich los, um nach Peony oder irgendeinem anderen Hinweis auf das, was letzte Nacht geschehen war, zu suchen. Ein geziegelter Weg, flankiert von nackter Erde, schlängelte sich durch die Blumen. Im Boden führten tiefe Fußabdrücke bis hinter das Haus.
»Wo willst du hin? Myrtle!«
Der Pfad endete an einem sorgfältig gepflegten Rasen und mit ihm die Spur, dafür entdeckte ich Matschflecken auf der Backsteinterrasse, welche die Orangerie1 umgab. Das Dach dieses Wintergartens war gleichzeitig Miss Wodehouses Balkon, den ich von den Fenstern des Unterrichtsraums aus sehen konnte. Ich musterte die verschmierten Abdrücke und versuchte, festzustellen, was hier passiert sein mochte.
»Myrtle! Warte auf mich!« Miss Judson hastete zu mir, wobei sie achtgab, die Matschspuren nicht zu verwischen. Oder sie wollte sich lediglich die Stiefel nicht besudeln. »Oh, gut gemacht. Fußspuren!«
»Diese gehören Mr Hamm.« Ich zeigte auf die größeren Abdrücke mit der Hufeisenform, die von den Metallabsätzen des Gärtners stammten. Doch das andere Paar …
»Und die hier sind von Peony!«, sagte sie triumphierend.
»Die gehören zu einem Eichhörnchen.« Ich sah sie schräg von der Seite an. »Sie sollen mir doch Biologie beibringen.«
»Ich habe mich hinreißen lassen. Tja, Miss Wodehouse oder Trudy gehören diese anderen Abdrücke jedenfalls nicht. Sie sind zu groß.« Zu Demonstrationszwecken raffte sie ihre Röcke in die Höhe und hielt ihren eigenen Fuß darüber. »Außerdem scheinen sie von Männerschuhen zu stammen.«
»Haben Sie ihr Skizzenbuch dabei?«
Sie blinzelte mich an. »Mir kam nicht in den Sinn, dass wir Beweise sammeln würden – ach, egal. Nein.«
Ich ging auf die Knie und holte mein Detektivset heraus. Mit einer winzigen Kelle nahm ich eine Bodenprobe von der Stelle direkt neben einem der Fußabdrücke. Miss Judson zauberte in der Zwischenzeit etwas Beeindruckendes hervor: Sie reichte mir ein ausrollbares Maßband, damit ich die Spur vermessen konnte. »Ich weiß, du hast auch so eines«, sagte sie mit einem Anflug von Selbstgefälligkeit in der Stimme. »Wenn diese Abdrücke von Mr Hamm stammen, dann war er hier. Irgendwann.«
»Letzte Nacht hat es geregnet«, sagte ich. »Doch inzwischen ist der Boden zu hart, um darin Spuren zu hinterlassen.« Ich stampfte fest in die Erde, verursachte aber nur eine undeutliche, kaum wahrnehmbare Delle. »Diese hier müssen vor etlichen Stunden entstanden sein. Ungefähr um Mitternacht, würde ich meinen.«
»Ist dem so, kleine Lady?«, donnerte hinter mir eine herzliche Stimme. Miss Judson und ich richteten uns auf und wirbelten herum. »Na, da schau einer an, wenn das nicht die junge Myrtle ist, das Töchterchen des Staatsanwalts!«
»Guten Morgen, Inspektor Hardy«, sagte ich. Inspektor Hardy war mein Lieblingspolizist aus der Polizeidirektion von Swinburne und arbeitete für die brandneue Ermittlungsabteilung, der ich hoffte, einmal beizutreten, wenn ich erst alt genug wäre. Zumindest solange ich nicht nach London ziehen und für Scotland Yard arbeiten würde. Ich machte einen kleinen Knicks. »Danke, dass Sie so schnell gekommen sind.« Ich hatte zur Fernsprechzelle rennen müssen, um die Polizei zu verständigen, da Vater es nicht für notwendig hielt, im Haus ein Telefon installieren zu lassen. Es gab eine ganze Liste von modernen Dingen, die Vater für unnötig hielt, und Miss Judson ermahnte mich immer wieder dazu, dankbar zu sein, dass die »Ausbildung junger Damen aus gutem Hause« nicht dazu gehörte.
»Dann haben Sie uns also gerufen? Die vom Notruf meinten, es handele sich um einen Dumme-Jungen-Streich.«
Ich zupfte am Saum meines Kleids, das sich beharrlich weigerte, zu klein für mich zu werden. Bevor ich antworten konnte, ergriff Miss Judson das Wort.
»Ja, verzeihen Sie, Inspektor. Ich glaube, Myrtle hat etwas gesehen, was sie beunruhigte, und sich dann hinreißen lassen. Wir wollten keine Unannehmlichkeiten machen.«
»Oh, das haben Sie nicht, keine Sorge.« Inspektor Hardy nahm den Hut ab und kratzte sich am kahler werdenden Kopf. »Allerdings haben wir gewisse Scherereien mit den Angehörigen, wenn Sie verstehen.«
Ein junger Mann, etwa in Miss Judsons Alter, lungerte vor der Tür zur Orangerie herum und rauchte einen Zigarillo2.
Ich sah mich nach hingeworfenen Stummeln um. Die Füße des Mannes konnte ich nicht sehen, allerdings war es gut möglich, dass er die zweite Spur von Abdrücken hinterlassen hatte.
»Sie da! Sind Sie bald fertig?« Sein Tonfall war ordinär und ungeduldig. »Ich will die Sache über die Bühne gebracht haben, bevor die Gaffer aus der Nachbarschaft in Scharen anrücken. Ah, wie ich sehe, rotten sie sich schon zusammen.« Er machte auf seinem nicht sichtbaren Absatz kehrt und knallte die Tür hinter sich zu.
»Wer war das?«, fragte ich.
»Ach, irgendein Neffe oder so was in der Art …« Inspektor Hardy zögerte. »Warum haben Sie denn nun angerufen, Miss Myrtle?«
Neffe? Ich hatte gar nicht gewusst, dass Miss Wodehouse Verwandte hatte. Andererseits, hätte ich eine Tante wie Minerva Wodehouse, würde ich mich auch so selten wie möglich blicken lassen. Nachdem ich meine Aufmerksamkeit wieder Inspektor Hardy zugewandt hatte, erstattete ich meinen ersten offiziellen Bericht. »Heute Morgen gegen 6 Uhr 45 vermutete ich, dass auf Redgraves etwas nicht stimmt. Miss Wodehouse und ihr Gärtner, Mr Llewellyn Hamm, arbeiten sonst jeden Morgen im Garten, doch heute ließ sich keiner von beiden blicken.«
»Genauso wenig wie die Katze«, murmelte Miss Judson. Sie schaute unter ihrer Hutkrempe hervor Richtung Himmel, daher war es vollkommen unmöglich zu erraten, was ihr durch den Kopf ging.
»Hm? Katze?«, hakte Inspektor Hardy nach.
Miss Judson schüttelte knapp den Kopf und gab mir zu verstehen, dass ich fortfahren sollte. Ich wiederholte, was ich schon Miss Judson erzählt hatte (abgesehen von den Holyrood-Giftmorden, dafür betonte ich das ungewöhnliche Abweichen von der Routine auf Redgraves an diesem Morgen). »Und da beschloss ich dann, es wäre angebracht, Hilfe zu holen.«
»Ich möchte mich noch einmal für die Unannehmlichkeiten entschuldigen«, warf Miss Judson ein. »Würden Sie Miss Wodehouse ausrichten, dass es nie wieder vorkommt?«
Ich nickte bekräftigend. Ich gebe zu, bisher war es mir nicht in den Sinn gekommen, dass es Folgen haben könnte, Miss Wodehouse zu verärgern. »Es sei denn, es geht um Leben oder Tod«, schwor ich.
Inspektor Hardy sah mich ernst an. »Nun«, sagte er, »es war gut, dass Sie uns gerufen haben.« In diesem Moment öffneten sich die Türen der Orangerie erneut. Diesmal traten zwei Polizisten mit einer Trage heraus. Als wir sahen, was sich darauf befand, drückte Miss Judson meine Hand, und zwar fest. Es hatte verdächtige Ähnlichkeit mit einer Leiche, vollständig bedeckt von einem schwarzen Tuch.
»Aye«, sagte Inspektor Hardy. »Es ist die alte Lady, ruhe sie in Frieden. Sie ist in der Nacht verstorben.«
1eine modische Bezeichnung für eine Art verglaste Sonnenterrasse
2eine widerliche Sorte einer kleinen braunen Zigarette, von der die Autorin nichts Genaues zu berichten weiß
2
Die Gräber von Redgraves
Verdächtige Todesfälle erfordern zwingend eine gründliche Untersuchung des Tatorts, Befragung der Zeugen und schnellstmögliches Sicherstellen von Beweisstücken. Zeit ist von absoluter Bedeutung. H. M. Hardcastle: Die Grundlagen der Detektion — Ein Handbuch für Amateur- und Berufsermittler, 1893.
Wir sollten zu spät zum Frühstück erscheinen, denn Inspektor Hardy hatte noch einige Fragen an uns, während er meinen gekonnt auswich. Jedoch informierte er uns darüber, dass Miss Gertrude Guildford, Hausmädchen auf Redgraves, die Leiche ihrer Herrin in der Badewanne aufgefunden hatte, als sie diese am Morgen wecken wollte. Ich antwortete ihm in aller Ausführlichkeit (Inspektor Hardy schien bereits einen langen Tag hinter sich zu haben – als ich mit meinem Bericht fertig war, wirkte er regelrecht erschöpft), während sich in meinem Kopf die Gedanken überschlugen. Wo steckte Mr Hamm? Was war aus Peony geworden? Wer hatte sich mitten in der Nacht auf Redgraves herumgetrieben? Woher war dieser »Neffe« aufgetaucht? Warum hatte Miss Wodehouse spätabends ein Bad genommen, wo doch alle Welt wusste, dass Trudy ihr jeden Vormittag um halb elf nach dem Gärtnern eines einließ?
Ich wäre ja geblieben, um die Ermittlungen zu unterstützen, doch Miss Judson warf immer wieder vielsagende Blicke auf ihre Armbanduhr. Vater war nicht so streng wie manch andere Eltern, doch gewiss würde auch er erwarten, dass seine Tochter und ihre Gouvernante zum Frühstück zu Hause waren und nicht unterwegs, um die Polizei zu beraten. Abgesehen davon wollte ich selbst dringend nach Hause, und zwar nicht nur um Vater die Neuigkeit von Miss Wodehouses mysteriösem und plötzlichem Ableben zu überbringen, sondern auch weil das Frühstück für mich eine ganz entscheidende Bedeutung hatte. Genau einmal am Tag konnte ich mich darauf verlassen, dass Vater, Miss Judson und ich gemeinsame Zeit mit ganz gewöhnlichen, häuslichen Dingen verbrachten. Damit war es meine einzige Gelegenheit, Vater uns drei als das zu präsentieren, was ich längst in uns sah: eine Familie.
Doch – wie üblich – war Vater abgelenkt und bemerkte nicht einmal, dass Miss Judson und ich uns verspätet hatten, erst recht nicht, dass wir bereits außer Haus gewesen waren. Mit einem halb vergessenen Stück Toast in den Fingern kauerte er am Tisch über einem Teller, der von einem Meer an Papieren umgeben war.
»Heute fängt der neue Prozess an, nicht wahr, Vater?« Es handelte sich um meine Lieblingssorte von Fällen, einen Mord, obwohl dieser gar nicht so interessant war – nur einige Straßenschläger, die in eine Kneipenprügelei verwickelt waren.
»Und endet auch, wenn alles gut läuft«, antwortete er und fing im letzten Moment seinen Toast auf, kurz bevor die Marmelade auf sein Affidavit3 tropfen konnte. »Warum stattet ihr mir keinen Besuch ab? Danach gehen wir gemeinsam Mittagessen. Macht doch einen Tagesausflug daraus.« Er schenkte mir ein warmes Lächeln.
»Darf ich von der Galerie aus zuschauen?« Vater erlaubte mir äußerst selten, ihn im Gericht zu besuchen, weil die meisten Richter und anderen Anwälte der Meinung waren, dass Kinder nur störten. Dafür hatte ich bisher jedes Wort über seine Fälle gelesen, das je im Swinburne Boten erschienen war, und mir natürlich im Selbststudium seine Rechtsbücher vorgenommen, damit ich die Feinheiten der Rechtslehre mit ihm diskutieren konnte. Zwar hatte sich die Gelegenheit dazu noch nicht ergeben, doch ich war bereit.
»Myrtle hätte gewiss ihre Freude daran«, warf Miss Judson ein. Mit geübter und effizienter Hand trug sie gerade Butter auf ihren Toast auf, sodass auch nicht der kleinste Klecks Gefahr lief, zu entkommen.
»Hmm?« Während er Miss Judson zusah, schien Vater das Gespräch von eben bereits vergessen zu haben. »Dann ist es also abgemacht.« Er stand auf, sammelte seine Papiere zusammen und drückte mir einen schnellen Kuss auf den Kopf. »Deine Haare sind nass. Warst du etwa im Regen?«
Ich warf Miss Judson einen Blick zu, doch Vater war schon verschwunden, bevor eine von uns antworten konnte. Sollte Miss Judson erleichtert aufgeatmet haben, dann kaum wahrnehmbar.
Lieber Leser, wenn ich es mir erlauben darf, möchte ich an dieser Stelle gern eine der Hauptfiguren dieser Geschichte vorstellen, meine Gouvernante und Vertraute Miss Ada Eugénie Judson. Gewiss haben Sie bereits feststellen können, verehrter Leser, dass Miss Judson eine bemerkenswert beherrschte Person war, die in Krisen4 einen kühlen Kopf bewahrte – Qualitäten, die für die Gouvernante einer angehenden Ermittlerin äußerst nützlich sind. Als Tochter einer französisch-guayanischen Krankenschwester und eines schottischen Pastors war sie überdurchschnittlich groß, kleidete sich ordentlich und praktisch und hatte die dunkle Haarfarbe ihrer karibischen Herkunft. Aus Angst, ihre Tochter könnte einer schrecklichen tropischen Krankheit zum Opfer fallen, hatten ihre Eltern die junge Ada auf ein Internat in England geschickt. (Vermutlich hatte niemand Mr und Mrs Judson je von Typhus, Pocken, Tuberkulose oder Cholera erzählt, die hier um sich griffen. Ganz abgesehen von gelegentlichen Ausbrüchen der Pest und nicht zu sprechen von gewissen, ebenso unaussprechlichen Gebrechen, von denen ich eigentlich nichts wissen sollte. Als »junge Dame aus gutem Hause«.)
Sobald Vater in seine Kanzlei aufgebrochen war, blieben uns fast zwei Stunden, um uns an die Arbeit zu machen, bevor wir im Gericht erscheinen mussten. Während Miss Judson noch immer mit ihrem extrem präzise bestrichenen Toast beschäftigt war, sprang ich bereits von meinem Platz auf und räumte meinen Teller ab. Obwohl ich schon jahrelang versuchte, Miss Judson nachzuahmen, schlug ich leider ganz nach Vater. Auf meinem Platz herrschte ein Chaos aus Krümeln und irgendwie war es mir sogar gelungen, Spiegelei in meine Socken zu befördern.
»Wohin so eilig?«, fragte Miss Judson. »So viel Begeisterung für Geografie hast du ja noch nie an den Tag gelegt.«
»Wir müssen Peony finden«, sagte ich. »Sie hat gesehen, was letzte Nacht passiert ist.«
»Aha.« Miss Judson stand auf, obwohl ihre Hand nahe ihrer Teetasse verweilte, als würde sie in Erwägung ziehen, sich noch einmal nachzuschenken. Ich sah sie ungeduldig an. »Ich kann es nicht erwarten zu erfahren, welche Methode du erfunden hast, um an die Zeugenaussage einer Katze zu gelangen.«
»Machen Sie sich nicht über mich lustig.«
»Würde mir im Traum nicht einfallen«, sagte sie. »Trotzdem musst du zugeben, Myrtle, dass eine Katze als Zeugin heranzuziehen, selbst für dich etwas unrealistisch ist.«
Ich zögerte. Erwachsene nannten mich vieles, als Nettestes »frühreif«, »neugierig« und »unbändig« (wobei ich ja den Verdacht hegte, dass nichts davon wirklich als Kompliment gemeint war, auch wenn sie so taten als ob), doch im Vergleich zu anderen Kindern in meinem Alter galt ich im Allgemeinen nicht als »unrealistisch«. Miss Judson verfügte jedoch über exzellente Menschenkenntnis, wenn sie also der Meinung war, ich wäre etwas anderes als durch und durch vernünftig, dann machte es mich stutzig.
»Nun gut«, sagte ich vorsichtig. »Vielleicht sollten wir zuerst mit Mr Hamm reden. Wir müssen ohnehin fragen, wie es nun mit meinem Botanikunterricht weitergeht.« Der Gärtner von Redgraves hatte mir seit zwei Jahren Stunden gegeben. Er kannte sich extrem gut aus und Vater hatte es abgesegnet, da er fand, es »täte mir gut, hin und wieder an der frischen Luft zu spielen«.
»Das wiederum«, sagte Miss Judson, »ist eine hervorragende Idee.«
Fünfzehn Minuten später waren wir wieder auf Redgraves, diesmal passend gekleidet für einen Spaziergang im Garten. Redgraves’ Außenanlagen einen »Garten« zu nennen, tut ihnen allerdings großes Unrecht. Sie waren größer als das Gravesend-Grün, der öffentliche Park im Herzen unserer Nachbarschaft. Bevor man all die Wohnhäuser errichtet hatte, war er ein Friedhof gewesen5 und hatte mitsamt dem anderen Land einmal zum Privatbesitz der Familie Wodehouse gehört. Redgraves, der Familiensitz der Wodehouses, war ein düsterer roter Backsteinbau, dessen Schieferdach mit Giebeln, Türmen und Schornsteinen versehen war und vor dessen Haupteingang eine Treppe stand, die einem mürrischen Mund ähnelte und zum Eingang führte. Verglichen mit berühmten Schlössern wie Windsor oder Highclere, war Redgraves nur ein Landhaus – lächerliche vier Stockwerke hoch, mit nur dreiundzwanzig Zimmern, einschließlich einer landesweit berühmten Bibliothek und einem regional berühmten Badezimmer. Doch nach Swinburne-Maßstäben war es ein Palast.
Diesmal näherten wir uns Redgraves auf die übliche Art, nämlich durch die Hecke, die zwischen unseren Grundstücken verlief. Doch schon konnten wir sehen, oder vielmehr riechen, dass etwas nicht stimmte.
»Brennt da etwas?«, fragte Miss Judson. »Hoffentlich ist es nicht das Haus!«
Diese Vorstellung warf ein noch dramatischeres und düstereres Licht auf die Ereignisse des Morgens, allerdings stellte sich heraus, dass es nur Mr Hamm war, der sich endlich an die Arbeit gemacht hatte. Obwohl Redgraves’ Garten so enorm groß und so angesehen war, war er der einzige Gärtner. Mit ihrer exzentrischen Art hatte Miss Wodehouse im Laufe der Jahre die Anzahl ihrer Bediensteten reduziert, bis außer ihm und Trudy keiner mehr übrig geblieben war. Gerade schürte Mr Hamm außerhalb der Gartenmauern ein Feuer. Was genau dabei verbrannt wurde, ließ sich nicht sagen, da die Flammen ihr Futter bereits zu Asche verkohlt hatten.
»Hallo, Mr Hamm«, begrüßte ich ihn, da mir »Guten Morgen« wenig angemessen erschien, hatte er doch gerade seine Arbeitgeberin und damit womöglich seinen Lebensunterhalt verloren.
Er lupfte vor uns seinen Schlapphut, wobei ein rot verschwitztes Gesicht und feuchte schwarze Haare zum Vorschein kamen. »Aye, meine Kleine, Miss Ada. Se haben’s schon gehört?«
»Ja, schreckliche Sache.« Ich merkte Miss Judson an, dass sie meine Antwort guthieß, weil ich den Mann nicht einfach so ausfragte, sondern höfliche Etikette wahrte.
»Nich’ mehr lang bis zur Blumenschau«, sagte er mit knarrender Stimme. »Wir wollten ihre Schwarzer-Tiger-Kreuzung zeigen, ’ne wahre Schönheit. Hat sie vier Jahre gekostet, die zu züchten.«
Ich nickte mitfühlend, obwohl ich die Blume nie mit eigenen Augen gesehen hatte. Miss Wodehouse hatte verboten, dass unsere Unterrichtsstunden in ihrem Liliengarten stattfanden, und ich hatte lediglich einmal im Vorbeihasten einen kurzen Blick darauf erhascht. Doch Mr Hamm redete oft davon und diese Lilien waren vielleicht das Einzige auf ganz Redgraves gewesen, das Miss Wodehouse tatsächlich liebevoll behandelt hatte. Etwas anderes hat sie bestimmt nicht geliebt.
»Aber sicherlich können Sie das doch noch immer, oder?«, schlug Miss Judson vor. »Posthum, gewissermaßen ihr zu Ehren?« Bei jeder Blumenschau gab es ein Preisgeld zu gewinnen, und sollten Miss Wodehouses Lilien als Sieger hervorgehen, könnte es Mr Hamm zustehen.
Mr Hamm zuckte nur mit den Schultern. Er trug eine weite braune Jacke und einen gewachsten Arbeitsoverall. Ich erkannte seine Stiefel – die mit den hufeisenförmigen Beschlägen auf dem Absatz, womit man gut über rutschige, schlammige Erde laufen konnte. »Kommt mir irgendwie nich’ richtig vor, ohne sie.« Trübsinnig stocherte er im Feuer und schürte die abkühlende Asche an.
»Was verbrennen Sie da eigentlich?«, fragte ich und versuchte, durch den Rauch zu spähen. Im August Laub zu verbrennen, war eher unüblich.
Mr Hamm war daran gewöhnt, dass ich ihn über seine Arbeit ausfragte, doch an diesem Morgen war er nicht so auskunftsfreudig wie sonst. »Abfall«, war alles, was er sagte.
»Hat das Gewitter letzte Nacht viel abgebrochen?«, hakte ich nach, obwohl es nur ganz leicht geregnet hatte.
Noch einmal zuckte er mit den Schultern und wedelte die Schwaden mit dem Hut beiseite.
Ich verdeckte meine Augen mit der Hand, um mein Stirnrunzeln zu verbergen, und spähte zu Miss Judson. »Wissen Sie, was mit Miss Wodehouse geschehen ist?«, fragte ich schließlich, nach einer Pause, die mir respektvoll erschien.
»Irgendwas mit der Wanne, heißt es. Hab die Neuigkeit erfahren, als ich heut Morgen zur Arbeit gekommen bin.«
»Heute Morgen? Aber ich habe Sie gar nicht gesehen.«
»Hab an den Beeten auf der Nordseite gearbeitet.«
Diese Beete hatte ich vom Unterrichtsraum aus bestens im Blick – Mr Hamm war nicht dort gewesen. Nicht an diesem Morgen. »Und letzte Nacht?«
»Myrtle«, mischte Miss Judson sich mit strengem Tonfall ein. »Mr Hamm, Myrtle macht sich Sorgen um die Katze.«
Sein Gesichtsausdruck wurde augenblicklich sanfter. »Heut hab ich sie noch nich’ gesehen«, sagte er. »Armes kleines Ding. Wird die Herrin sicher vermissen, aye?«
Ich kaute auf meinem Finger herum, um nichts Unverschämtes zu sagen. »Darf ich nach ihr suchen?«
Sein Gesicht verknitterte zu so etwas wie einem Lächeln. »Versuchen Se’s beim Goldregen – Sie wissen ja, wie sehr sie die Schmetterlinge da mag. Aber passen Se auf den jungen Burschen auf, den Neffen der Herrin. Falls der Ihnen dumm kommt, dann sagen Se ihm, wer Sie sind und wer Ihr Pa is. Und dass ich Ihnen erlaubt hab, im Garten zu sein. Und basta.« Energisch stach er mit dem Rechen in den Haufen, sodass Funken in die Luft stoben.
»Das werden wir gewiss tun. Danke für die Warnung, Mr Hamm.« Bevor ich weitere Fragen stellen konnte, schubste Miss Judson mich Richtung Garten, vorbei an dem Feuer und durch die Hecke.
»Au! Wozu die Eile?«, beschwerte ich mich.
»Der Rauch roch übel«, erklärte sie. »Irgendwie toxisch.«
»Rauch ist toxisch.« Stirnrunzelnd schaute ich noch einmal zurück. »Glauben Sie, er verbrennt etwas Giftiges?«
Miss Judson scheuchte mich weiter. »Oh nein, Myrtle Hardcastle! Ich lasse nicht zu, dass du gegen diesen armen Mann irgendwelche Verdächtigungen zusammenfantasierst.«
»Er hat gelogen, als er uns erzählt hat, wo er heute Morgen war«, sagte ich.
Sie zog ein düsteres Gesicht. »Das ist mir aufgefallen.«
»Aber«, räumte ich ein, »natürlich macht ihn das nicht automatisch verdächtig. Er könnte schon lange vorgehabt haben, diesen Abfall zu verbrennen.«
»Jedenfalls waren es keine abgeknickten Äste. Was das angeht, hat er ebenfalls gelogen.«
Ich rümpfte die Nase. »Das stimmt so nicht. Ich war diejenige, die ein Gewitter und abgebrochene Pflanzen ins Spiel gebracht hat. Er hat mich nur nicht korrigiert.« Erwachsene machten sich oft nicht die Mühe, mich zu verbessern, wegen der hohen Wahrscheinlichkeit, dass ich eine Diskussion anfangen würde. Was allerdings nur passierte, wenn ich wusste, dass sie sich irrten! Nicht etwa weil ich Spaß am Streiten hatte.
Miss Judson glättete ihre Röcke und richtete den Sitz ihrer Handschuhe. Sie sah immer gefasst, ordentlich und klug aus – und bereit, als ginge sie jederzeit davon aus, gleich in Aktion treten zu müssen, etwa Rad zu fahren, Tennis zu spielen oder einen davonrollenden Kinderwagen zu retten.
Oder Katzen zu bändigen!
»Da ist sie!«, rief ich, als ich den verräterischen Fleck schwarz-weißes Fell entdeckte, der sich durch das hohe Gras an der Westhecke schob.
»Bist du sicher?« Miss Judson war dicht hinter mir, wobei ihre Stiefel über den Rasen huschten, als wären sie zum Rennen gemacht, nicht nur, um im Unterrichtsraum Autorität zu verströmen. Meine Stiefel quatschten lustig, als ich über eine Stelle lief, die vom Regen noch nass war. Als wir um die Hecke wirbelten, landeten wir geradewegs auf verbotenem Terrain. Miss Judson packte mich am Arm, obwohl ich längst selbst abbremste, wenn auch wenig elegant. Es gab kein Tor, keinen prächtigen Durchgang oder irgendeinen Hinweis darauf, dass man heiligen Boden betrat, dennoch spürte ich Miss Judsons Fingernägel, die sich in meine Ärmel gruben und mich zurückhielten. Diesen Ort hatte ich immer nur aus respektvoller Entfernung gesehen, selbst mein Teleskop wagte ich kaum darauf auszurichten, so sehr hatte man uns eingeschärft, ihn mit Ehrfurcht zu behandeln.
Dies war Miss Wodehouses Liliengarten.
Zumindest war er es gewesen. Etwas stimmte hier ganz und gar nicht. Obwohl mir wohl bewusst war, dass ich in diesem Teil des Gartens nichts zu suchen hatte, schüttelte ich Miss Judsons Hand ab und machte einen Schritt hinein, und noch einen, dorthin wo die weltberühmten Lilien wachsen sollten. Doch die Beete rings um mich herum waren leer, so karg wie im Winter.
Die Lilien waren fort.
3ein wichtiges gerichtliches Dokument, das man keinesfalls mit Frühstück bekleckern sollte
4Die alarmierende Schneckenaffäre von 1890 war ein hervorragendes Beispiel und würde eines Tages den Stoff für ein faszinierendes Einzelwerk hergeben, da es eine Reihe von bislang verkannten wissenschaftlichen Prinzipien demonstrierte. Jedoch hat es keinerlei direkten Zusammenhang mit diesem Fall, weshalb an dieser Stelle kein weiteres Wort darüber fallen soll.
5Ich war sicher, dass man zuerst sämtliche Gräber entfernt hatte. Vater meinte, es gab damals eine gerichtliche Anweisung und ungeheuer viel Papierkram. In einem kleinen Museum, das man in einem umgebauten Mausoleum untergebracht hatte, waren Fotografien der Exhumierungen ausgestellt. Doch Caroline Munjal, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, beharrte darauf, dass einige der Leichen noch immer dort vergraben lagen und ihre Geister nun in den neuen Häusern spukten. So viel zu »unrealistisch« (s. o.).
3
Geschworenengericht
Das Leben eines Detektivs ist kein leichtes. Man muss sich auf hinderliche Ermittlerkollegen, widerwillige Zeugen, alle Arten von kriminellen Individuen und fantasielose Familienmitglieder gefasst machen. H. M. Hardcastle: Die Grundlagen der Detektion — Ein Handbuch für Amateur- und Berufsermittler, 1893.
»Was ist denn hier geschehen?« Miss Judson klang atemlos, als sie zu mir aufholte. »Moment, ich glaube, wir dürfen gar nicht hier sein.«
»Was spielt das jetzt noch für eine Rolle?« Miss Wodehouse war tot und ihre geliebten Lilien ebenso. Dennoch hatte Miss Judson nicht unrecht. Dies hier konnte ein Tatort sein und wir sollten darauf achtgeben, nichts zu verändern. Ich legte meine Werkzeuge (Lupe, Notizbuch, Detektivset) bereit und ging auf Zehenspitzen behutsam durch den Liliengarten – ehemaligen Liliengarten, meine ich. Es sah aus, als wäre Napoleons Armee hindurchgefegt, hätte die Beete bis an die Erde abrasiert, alles niedergebrannt, was nicht abgemäht war, und den Rest verscharrt.
Ich näherte mich einem der schlichten, mit Holz eingefassten Beete. Anders als die verschiedenen Teile des Hauptgartens mit ihren Schmuckurnen und hübschen Zäunen aus gedrehten Weidenzweigen, war der Liliengarten einfach und praktisch angelegt – ein Raum zum Experimentieren, nicht zum Dekorieren. Mir fiel eine aufgewühlte Rinne im Kies auf. »Sehen Sie!«, rief ich Miss Judson zu, die wie vom Blitz getroffen am Rand verharrte. »Hier sind Spuren, als hätte jemand einen Karren hindurchgeschoben.«
»Vielleicht eine Schubkarre?« Sie schüttelte ihre Starre ab und durchquerte den Garten, wobei sie einen Weg über die andere Seite wählte.
»Und Fußabdrücke.« Eine aufgescharrte Stelle auf dem Weg offenbarte mehrere schmutzige Spuren, unter denen ich undeutlich das vertraute Muster von Mr Hamms Stiefeln ausmachen konnte. Und auf der Holzeinfassung des Blumenbeets prangte, deutlich wie ein Blutfleck, ein einzelner schlammiger Abdruck vom Schuh einer zweiten Person. »Da ist schon wieder diese andere Fußspur«, sagte ich. »Genau wie die in der Nähe der Terrasse.«
»Zigarillos?«, erkundigte sich Miss Judson und schlug ihr Skizzenbuch auf, um das Beweisstück zu dokumentieren.
»Leider nein.« Ich ging tief in die Hocke und begutachtete die Spuren von Mr Hamms Stiefeln sowie den fremden Abdruck auf dem Holzbrett. »Was ist mit den Blumen passiert? Wer könnte das getan haben – und warum?«
»Käme nicht Miss Wodehouse selbst infrage?«, überlegte sie. »Um die Beete für einen anderen Zweck freizumachen?«
Ich spähte zu den verwüsteten Parzellen und versuchte, mir das auszumalen. Diese Blumen waren mehrere Hundert Pfund wert gewesen. »Finden Sie, dass sähe der geizigen alten Miss Wodehouse ähnlich?« Die jahrelangen Forschungen, all ihre Experimente und Züchtungen, ganz abgesehen von den Zwiebeln …
»Sehen Sie sich um«, sagte ich mit neuem Eifer. »Haben die Täter alles ausgegraben oder nur die Triebe vernichtet?«
Miss Judson hatte sofort begriffen. Sie zog ihre Handschuhe aus (warum trug sie die dann überhaupt? Mode war mir nun wirklich ein Rätsel …) und griff mit den nackten Händen in die frisch umgegrabene Erde. »Nichts zu spüren«, sagte sie, »aber es würde den ganzen Tag dauern, den kompletten Garten abzusuchen.«
Ich stocherte im lockeren Boden meiner eigenen Ecke, wobei ich mir Mühe gab, keine der Fußspuren zu verwischen. Meine Finger stießen nicht auf die fleischige, knollige Zwiebel einer Lilie, sondern auf kaltes Metall. Ich zog es heraus und schüttelte die Erde ab. »Was ist das?« Mein Fund bestand aus geprägtem Silber, ungefähr so lang wie mein Daumen, mit einem runden Ende wie von einem Löffelstiel und einer Art eingebautem Federhebel. Als ich ihn hochhielt, bemerkte ich auf einer Seite einen schwachen roten Fleck.
»Oh, gut für dich«, sagte Miss Judson »Weil du es nicht kennst, meine ich. Das ist ein Zigarrenschneider. Ist das darauf etwa Blut?«
Ich betrachtete den Fleck nachdenklich. »Lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Doch es sieht ganz danach aus.« Ich verlagerte mein Gewicht auf die Fersen und inspizierte den Tatort. Die Katze war wieder verschwunden. »Mr Hamm raucht keine Zigarren, und ich bezweifle, dass Miss Wodehouse es getan hat.«
»Und falls doch, dann bestimmt nicht bei der Arbeit. Und dieser Wodehouse-Neffe braucht für seine Zigarillos keinen Zigarrenschneider.«
»Würde man beides rauchen?«
Einen Augenblick schien sie hin- und hergerissen. Diesen Gesichtsausdruck kannte ich – sie wog die Vorteile davon ab, mir etwas zu meinem eigenen Wohl zu verschweigen, gegenüber denen, die es mit sich brachte, meinen Wissensdurst zu stillen. »Nein«, sagte sie schließlich. »Wohl eher nicht.«
»Also war letzte Nacht noch ein zweiter Mann hier.« Ich stand auf und zog ein Taschentuch aus der Tasche meines Schürzenkleids, denn für meine Probengläschen war der Zigarrenschneider zu groß. Ich war einigermaßen sicher, dass der »Blutfleck« nicht verwischen würde, solange ich ihn nur vorsichtig genug einwickelte.
»Wie kannst du sicher sein, dass es ausgerechnet letzte Nacht war?«
Nachdem der Zigarrenschneider sicher in meiner Tasche verstaut war, ging ich die Hinweise durch. »Die Fußspur des Fremden wurde hinterlassen, nachdem es aufgehört hatte zu regnen, sonst hätte es sie weggespült. Am Morgen wiederum war es zu trocken für deutliche Abdrücke.«
»Du weißt aber nicht, ob der Zigarrenschneider zum selben Zeitpunkt fallen gelassen wurde oder ob er überhaupt diesem ›Fremden‹ gehörte«, forderte sie mich heraus.
»Hier ist eindeutig etwas vorgefallen.« Ich deutete auf die zerstörten Beete und den aufgewühlten Pfad. »Es kann nur vergangene Nacht gewesen sein, weil die Pflanzen gestern während meines Unterrichts bei Mr Hamm noch unversehrt waren.« Soviel hatte ich durch das Tor erkennen können, um nun sicher zu sein. »Wir wissen, dass der Zigarrenschneider nicht ihm gehört, weil er keine Zigarren raucht, und er war der Einzige, den Miss Wodehouse überhaupt hier hineingelassen hat.«
»Vielleicht handelt es sich um ein Familienerbstück«, konterte sie. »Hat eventuell seinem Vater gehört.«
Ich schüttelte den Kopf. »Er ist neu – Sie haben selbst gesehen, wie sehr er noch glänzt, und die Klinge war kaum abgenutzt.«
Deshalb verstanden wir uns und deshalb mochte ich Miss Judson als Lehrerin so sehr. Sie ließ mich die Dinge selbst herausfinden und stellte mir herausfordernde Fragen, um mich auf den richtigen Weg zu bringen.6
»Nun gut«, sagte sie. »Letzte Nacht hat also jemand diesen Zigarrenschneider in Miss Wodehouses Liliengarten fallen lassen. Was sagt uns das?«
Auf diese Frage hatte ich keine Antwort. Noch nicht.
Ich wollte weiter nach Spuren suchen, doch Miss Judson wischte sich die Hände an ihrer Schürze sauber. »Ich glaube, für einen Morgen haben wir durchaus genug getan. Wir wollen ja nicht zu spät im Gericht erscheinen.«
»Wenn wir jetzt gehen, haben sie Zeit, alle anderen Beweise verschwinden zu lassen.« Wer immer »sie« auch sein mochten.
Miss Judson wirkte deswegen bei Weitem nicht so betrübt, wie man hätte annehmen können. »Dieses Risiko müssen wir wohl eingehen. Ab nach Hause.«
Wir fuhren mit dem Rad zum Gericht. Dabei handelte es sich um absolut herrliche, moderne Beförderungsmittel, unfassbar effizient, genau wie die passende Bekleidung, die man dazu tragen durfte. Miss Judson hatte einen Anzug mit weiten Pluderhosen, sogenannte Bloomers7, an, ich leider nur einen schlichten schwarzen Hosenrock. Durch den Verkehr von Swinburne zu radeln (zumindest, was es dort an Verkehr gab), fühlte sich herrlich dringlich und wagemutig an.
Wir sausten über die Pflasterstraßen der Stadt, hinaus aus Gravesend mit seinen neuen Ziegelhäusern und winzigen Gemüsegärtchen, vorbei am Schulhaus, das ich nie besucht hatte, über die Schienen der Pferdetram bis in die Innenstadt. Beim Fahren stellte ich mir vor, wir wären die Helden meiner Lieblingsgroschenromane, Billy Garrett, ein Junge und Detektiv, und sein »Sidekick« Franz, die im Wilden Westen Verdächtige jagten. Mir war klar, dass diese Geschichten absurd waren (Billy löste seine Fälle dank glücklicher Zufälle und Geistesblitzen, die absolut nichts mit Logik zu tun hatten), trotzdem fand ich sie mächtig inspirierend. Ein- oder zweimal hatte ich sogar Vater dabei erwischt, wie er sie las, als er sich eigentlich mit seinen Mandaten hätte beschäftigen sollen.
Miss Judson hielt neben dem Gerichtsgebäude, einem tristen Steinbau mit hohen Fenstern, eisernen Geländern und Statuen davor. Man konnte die Räder nirgends abstellen, daher gab sie einem Mann am Kutschenstand ein Sixpencestück, damit er für uns darauf aufpasste.
»Halten Sie das für klug?«, fragte ich, als wir die Straße überquerten. »Diese Räder kosten zwölf Guinee das Stück.«
»Wer würde schon direkt vor dem Gericht ein Rad stehlen?«
»Hier wimmelt es von Kriminellen«, gab ich zu bedenken.
Auf der Herfahrt hatten wir keine Gelegenheit für eine Unterhaltung gehabt, daher bombardierte ich Miss Judson nun mit Fragen, während wir die monströse Haupttreppe hinaufhasteten. »Was meinen Sie, wie Miss Wodehouse ums Leben kam?«
Fast schon rechnete ich damit, sie würde mir zu verstehen geben, dass uns das nichts angehe. Stattdessen lief Miss Judson etwas langsamer und drehte sich zu mir um. »Nun, sie war alt«, antwortete sie. »Denkbar, dass ihre Zeit einfach gekommen war.«
»An irgendetwas muss sie gestorben sein«, ließ ich nicht locker. »Es gibt immer einen Grund.«
»Hmm«, machte sie. »Nur muss es kein unnatürlicher Grund sein.«
»Finden Sie es nicht merkwürdig, dass sie mitten in der Nacht gebadet hat?«
»Vielleicht war ihr kalt«, schlug Miss Judson vor. »Vergangene Nacht hat es geregnet. Womöglich haben ihre Knochen geschmerzt.«
Das war logisch, vor allem wenn sie zuvor ihre eigenen Lilien ausgerissen hätte. »Dann ist sie ertrunken? In der Wanne eingeschlafen und untergegangen?« Wäre sie nicht aufgewacht, sobald ihr Gesicht im Wasser war und sie versucht hätte, zu atmen? Husten, Prusten und lautes Planschen hätte jemanden alarmieren müssen, vor allem Trudy, das Hausmädchen, das vermutlich direkt im Zimmer neben ihrer Herrin untergebracht war – damit sie rund um die Uhr die seltsamsten Aufträge erfüllen konnte, wie etwa um Mitternacht ein Bad einzulassen. »Denken Sie, der Leichenbeschauer hatte schon Gelegenheit, die Tote zu untersuchen?«
»Myrtle!«
»Im Falle eines verdächtigen Todes hat jeder Bürger das Recht darauf, zu verlangen, dass der Leichenbeschauer eine erste Einschätzung vornimmt.«
Aus Miss Judsons Gesicht verschwand alle Heiterkeit. »Das wirst du schön bleiben lassen!«, sagte sie streng. »Ich kann verstehen, dass du neugierig bist und wissen willst, was passiert ist, und ich weiß auch, es steckt mehr dahinter als eine makabre Faszination für den Tod. Aber haben wir diese arme Familie nicht schon genug belästigt? Sie ist gerade erst gestorben. Warum kannst du nicht auf die Todesanzeige warten wie jeder andere auch?«
Ich war unsicher, wie ich es ihr erklären sollte, wenn sie es noch nicht verstanden hatte. Dabei sollte sie – immerhin war sie Miss Judson. Niemand auf der Welt kannte mich besser als sie. »Ich muss einfach wissen, was passiert ist«, murmelte ich. »Wir kommen zu spät.« Damit schob ich mich an ihr vorbei ins Gericht und versuchte, mich mit einem netten Mordprozess zu begnügen.
Die Verhandlung hatte bereits begonnen, doch der Gerichtsdiener erkannte uns und ließ uns leise auf die öffentliche Galerie schlüpfen, von der aus man auf den Gerichtssaal blicken konnte. Vater sah in seiner schwarzen Robe und der weißen Perücke famos aus, wie er so forsch vor der Richterbank auf- und abschritt. Ich linste zu Miss Judson, um zu sehen, ob es ihr ebenfalls aufgefallen war, doch sie hatte bereits Platz genommen und sich über ihr Skizzenbuch gebeugt. Was sie zeichnete, konnte ich allerdings nicht erkennen.
Die Beschuldigten saßen auf der Anklagebank, einem kleinen abgeschlossenen Kasten, dessen einzige Tür direkt zu den Gefängniszellen führte. Sie war so positioniert, dass jeder im Saal einen guten Blick auf die Insassen hatte. Der erste Mann, dessen Name Cobb lautete, machte einen mürrischen, wütenden Eindruck, hatte dichte Augenbrauen und eine schiefe Nase, die vermutlich bereits mindestens einmal gebrochen worden war.8 Der Zweite, mit Namen Smythe, war jünger. Er war blass, schwitzte und zog sich immer wieder am Kragen. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie sie einen anderen Mann zu Tode prügelten, doch ohne Erfolg.
Wir waren rechtzeitig zum besten Teil angekommen: Gerade begann der Leichenbeschauer mit seiner Aussage. Als der Beamte, der für jeden zuständig war, der in Swinburne sein Leben ließ, wurde er regelmäßig als Zeuge zu Vaters Fällen hinzugerufen. Die Obduktion von Mordopfern führte er allerdings nicht durch – diese Aufgabe kam dem Gerichtsmediziner zu –, doch davon abgesehen kannte er sich mit den wissenschaftlichen Aspekten des Todes extrem gut aus.
»Ich betrat die Gaststätte Bells Taverne am Abend des achten Juli«, sagte der Leichenbeschauer gerade. »Dort fand ich die Leiche des Opfers vor. Todesursache waren offensichtlich mehrere Hiebe auf Kopf und Gesicht. Neben dem Toten lag eine zerbrochene Whiskyflasche.«
»Und wie lautet Ihre Einschätzung, Sir, hinsichtlich der Umstände dieses Todes?«
»Vorsätzlicher Mord.«
Mit dem Notizbuch in der Hand hörte ich den restlichen Vormittag über selig zu und vergaß vorübergehend sogar die Meinungsverschiedenheit mit Miss Judson. Ich hatte gar nicht wirklich vorgehabt, eine Untersuchung von Miss Wodehouses Tod zu verlangen, ich dachte nur, es würde den Leichenbeschauer interessieren, was an den Ereignissen der vergangenen Nacht alles nicht zusammenpasste. Davon, dass Inspektor Hardy meine Bedenken in seinem Bericht erwähnen würde, war ich nämlich nicht überzeugt – noch dazu hatte er vom Liliengarten noch gar nichts erfahren. Sollte Miss Wodehouse Opfer eines Verbrechens geworden sein, sollte es doch gewiss jemand aufdecken, oder nicht?
Endlich veränderte Miss Judson ihre Position ein wenig, sodass ich einen Blick in ihr Skizzenbuch werfen konnte. Sie hatte ein kleines Porträt von Vater mit seiner Perücke in ihre Darstellung des Prozesses gezwängt. Er sah hinreißend aus, zudem hatte sie fabelhaft sein ausgeprägtes Kinn und die Entschlossenheit in seinem Blick eingefangen, mit dem er feurig in den Saal schaute. Mir ging das Herz auf.9
Wir lauschten, wie der gegnerische Anwalt seine Verteidigung aufbaute, doch Vater widerlegte jedes Argument, das dieser vorbrachte, bis man am Ende nur noch einen einzigen Schluss ziehen konnte, nämlich dass die beiden Angeklagten einen unschuldigen Mann mit voller Absicht ermordet hatten. Ich fand Vaters Arbeit faszinierend, wie er einzelne Beweisstücke zusammensetzte, um ein klares, unwiderlegbares Bild zu erhalten. Es war wie das Zusammenspiel der Planeten am Himmel oder die Elemente des Periodensystems. Die natürliche Ordnung des Universums von Leben und Tod, Gut und Böse, Gesetz und Ordnung.
Ich schlug in meinem Notizbuch eine neue Seite auf. Die Aufgabe eines Staatsanwalts ist es, bei einem Prozess ein Übergewicht an Beweisen aufzuzeigen, also den überwältigenden Eindruck zu erwecken, dass alle Indizien für die Schuld des Angeklagten sprechen. Im Fall von Miss Wodehouses Tod hatte ich noch keine Verdächtigen und beweisen ließ sich erst recht nichts, dennoch wurde ich allmählich auf solch ein Übergewicht aufmerksam. Das Vernichten ihrer Lilien, mysteriöse Männer, die mitten in der Nacht in ihrem Garten herumschlichen und einen blutigen Zigarrenschneider fallen ließen, der mehr als ungewöhnliche Zeitpunkt für ein Bad, Mr Hamms Verbrennen von »Abfall« und seine Lügen … Alte Damen mit guter Gesundheit fielen nachts nicht einfach so tot um, nachdem ihr Lebenswerk dem Erdboden gleichgemacht wurde. Eine Untersuchung konnte ich vielleicht nicht einfordern, trotzdem kam mir der Tod von Miss Wodehouse hochgradig verdächtig vor. Sogar mehr als das.
»Es war Mord!«
6Eine pädagogische Technik, bekannt als sokratische Methode, benannt nach dem griechischen Philosophen der Antike, die sich meines Wissens nach auch in rechtswissenschaftlichen Fakultäten großer Beliebtheit erfreute. Und bei gereizten Eltern.
7dank Amelia Bloomer und Lucy Stone, zwei berühmten amerikanischen Frauenrechtlerinnen, die diese praktische Neuerung vorangetrieben hatten
8Da ihm zu Last gelegt wurde, einen Mann bei einer Schlägerei getötet zu haben, lag es nahe, dass er erfahren im Boxen war – da meine eigenen Bestrebungen auf dem Gebiet des Faustkampfes an gewissen Schwierigkeiten gescheitert waren, konnte ich jedoch nicht sicher sein.
9Natürlich nur im bildlichen Sinne. Eine spontane Koronardissektion wäre eine extrem ernst zu nehmende Krankheit.
4
Post Mortem
Die Post-Mortem-Untersuchung, auch Autopsie oder Obduktion genannt, erfordert die nötige Begabung und Erfahrung, sowohl die medizinischen als auch die kriminalistischen Hinweise zu interpretieren, zu kombinieren und die entsprechenden Schlussfolgerungen zu ziehen. Manchmal liegt zwischen einem Mord und einem natürlichen Tod lediglich der Füllerstrich des Leichenbeschauers. H. M. Hardcastle: Die Grundlagen der Detektion — Ein Handbuch für Amateur- und Berufsermittler, 1893.
Das war mir mit deutlich mehr Begeisterung herausgerutscht, als ich beabsichtigt hatte, ganz zu schweigen von der Lautstärke – mitten in der dramatischen Pause des Verteidigers, als im gesamten Gerichtssaal angespannte, drückende Stille herrschte.
»Was? Welcher Mord? Wer war das?«, schnappte Richter Fox, der schon recht alt und etwas schwerhörig war. »Das ist Aufgabe der Staatsanwaltschaft, guter Mann!«
»Ich habe das nicht gesagt«, protestierte der Verteidiger. »Es kam von der Galerie.«
In meinem Eifer war ich aufgesprungen. Nun wollte Miss Judson mich dringend wieder zum Hinsetzen bewegen, weil sich alle Köpfe im Saal – einschließlich des von Cobbs pummeligem Verteidiger – sich zu mir umdrehten. Alle, außer einem: Der Kopf von Vater ruhte nach vorn gesunken in seiner Hand.
»Verzeihen Sie, Euer Ehren«, sagte ich. »Ich meinte nicht diesen Mord. Ich meinte einen anderen.«
Richter Fox kniff die Augen zusammen und sah mich finster an. Andererseits war es auch denkbar, dass er nur Mühe hatte, mich von der Richterbank aus deutlich zu sehen, also winkte ich. Ich bemerkte, wie ein Ruck durch Vater ging. »Was reden Sie da von Mord, mein Kind? Wer sind Sie?«
»Myrtle Hardcastle, Euer Ehren«, antwortete ich prompt, mit einem sehr professionellen Knicks.
»Hardcastle? Das soll doch wohl nicht –«
»Doch, Sir«, sagte ich stolz. »Der Staatsanwalt ist mein Vater.« Aus irgendeinem Grund brachte das alle zum Lachen.
»Myrtle.« Rein technisch betrachtet, war es nicht möglich, meinen Namen zu zischen, doch Miss Judson hatte wütendes Flüstern zu einer Kunst erhoben.
Der Richter rutschte unruhig auf seiner Bank hin und her. »Miss Hardcastle, was hat dieser Ausbruch zu bedeuten? Erklären Sie sich.«
»Es tut mir sehr leid, Sir. Ich habe mich von dem Prozess mitreißen lassen. Es wird nicht wieder vorkommen.«
»Schon recht, schon recht«, sagte der Richter. »Trotzdem haben Sie deutlich gesagt: nicht dieser Mord, sondern ein anderer. Von welchem Mord ist die Rede, wenn nicht von demjenigen, der uns heute beschäftigt?«
Ich errötete, blieb aber standhaft. »Der an meiner Nachbarin, Sir.«
Diesmal verließ Vater seinen Tisch. »Ich bitte vielmals um Verzeihung, Euer Ehren. Meine Tochter und ihre Gouvernante wollten gerade gehen. Ich versichere Euch, dass –«
»Ja, ja.« Ungeduldig winkte der Richter ab. »Doch wovon in aller Herrgotts Namen redet sie? Arbeiten Sie im Augenblick noch an einem anderen Fall? Ihre Nachbarin?«
»Wenn ich hinunterkommen darf, kann ich alles erklären«, schlug ich hilfsbereit vor. Ein Richter könnte sicherlich eine Untersuchung anordnen.
Die Lippen des Richters zuckten und es dauerte lange, bis er antwortete. »Nein, Miss Hardcastle, das wird nicht nötig sein. Herr Staatsanwalt, wir reden nach der Verhandlung darüber.«
»Danke, Euer Ehren. Bitte vielmals um Entschuldigung.«
»Miss Hardcastle, wenn es Ihnen nichts ausmacht, können wir uns dann weiter mit diesem Mord beschäftigen?«
»Einspruch!«, rief der Verteidiger, bevor ich antworten konnte.
»Abgewiesen«, entgegnete Richter Fox müde. »Miss Hardcastle, was sagen Sie?«
»Oh, natürlich, Euer Ehren. Fahren Sie fort.«
»Danke«, sagte der Richter. »Verteidiger, rufen Sie Ihren nächsten Zeugen auf.« Der Richter schlug mit seinem Hammer aufs Pult und Miss Judson räumte hastig alles zusammen, bevor sie mich praktisch aus der Galerie schubste.
Ich war in Ungnade gefallen. Das war mir klar, sobald Miss Judson mich ohne ein einziges Wort aus dem Gerichtssaal und die Treppe hinab zum Kutschstand brachte, um dort unsere Räder abzuholen. Ich fürchtete mich ein wenig davor, sie anzusehen, doch als sie auf ihr Rad stieg, warf ich ihr schließlich doch einen Blick zu. Unter ihrem Strohhut war ihr Gesicht feuerrot. War sie in Verlegenheit? Oder wütend?
»Aber der Richter –«, setzte ich an.
»Nach Hause.« Drohend zeigte sie in die entsprechende Richtung. Schweigend radelte ich also nach Gravesend und überlegte, warum sie so verärgert war. Ich hatte die Verhandlung nicht absichtlich stören wollen und der Richter hatte ja auch nicht sie aufgerufen. Außerdem, was hätte ich schon anderes tun sollen, wenn er mir doch eine Frage gestellt hatte?
Vater würde erst spät nach Hause kommen. Er hatte uns eine Nachricht geschickt, dass er im Club mit einem anderen Anwalt zu Abend essen würde. Es war schon seit Tagen geplant, dennoch fühlte es sich wie ein unverdienter Tadel an. Mein kaltes Abendessen nahm ich schmollend in der Küche ein, inmitten eines verstreuten Sammelsuriums an Messingarmaturen und losen Teilen des gusseisernen Herds, den die Köchin in ihrem andauernden Kampf darum, seine Leistung zu optimieren, einmal mehr auseinandergenommen hatte. Der Herd schien jedoch auch dieses Mal zu gewinnen.
»Ich habe Vaters Prozess ruiniert«, sagte ich.
Schnaufend wie eine Dampflok kroch die Köchin aus der Ofenröhre und brachte zuletzt ihr fettverschmiertes und gerötetes Gesicht zum Vorschein. Sie sah aus wie ein Kaminkehrer. »Ruiniert? Pah. Übertreiben Sie mal nicht.« Sie griff nach ihrem Schraubschlüssel und versetzte dem Gehäuse einige besorgniserregende Schläge, die unmöglich etwas verbessern konnten.
Der Taufname unserer Köchin lautete Harriet Stansberry, obwohl ich noch nie erlebt hatte, dass jemand sie anders als mit »Köchin« angesprochen hätte. Ich war schon sechs, als mir bewusst wurde, dass sie überhaupt noch einen anderen Namen hatte. Vaters Lieblingssüßspeise war ein Gericht, das wir Stansberry-Pastete nannten, und ich hatte eine ganze Woche botanischer Verwirrung ertragen müssen, weil ich diese mir unbekannte Stansberry-Beere (denn was konnte es anderes sein, steckten doch eindeutig Beeren in diesem Kuchen) zu klassifizieren. Jedoch fand ich sie in keinem Bestimmungsbuch, keinem Lexikon und auch keinem Rezept, das ich aufstöbern konnte.10 Trotz ihres Kleinkriegs mit dem Herd waren die Süßspeisen von Köchin ein Gedicht, dafür fiel ihr Zuspruch bisweilen so kalt wie ihre Abendessen aus.
»Er arbeitet doch häufig spät«, sagte sie nun. »Das heut muss nicht Ihre Schuld sein.«
»Sie waren nicht dabei«, sagte ich und stocherte bedrückt in dem kalten Stück Schinken herum. »Sie haben den Richter nicht erlebt.«
Als Vater endlich nach Hause kam, lange nachdem ich eigentlich schon im Bett hätte sein sollen, rief er sofort Miss Judson zu sich ins Arbeitszimmer. Das war in der Tat sehr schlimm. Wenn ich wirklich in Schwierigkeiten steckte, war es immer Miss Judson, die sich dafür einen Vortrag anhören musste. Einmal hatte ich den Fehler gemacht, mich zu ihrer Verteidigung einzumischen, daher wusste ich es nun besser und platzte nicht hinein, um mich für sie starkzumachen. Also lauschte ich stattdessen vom Wasserklosett hinter Vaters Arbeitszimmer aus. Die Wand war praktischerweise (oder ungünstigerweise, je nachdem wie man es betrachtete) dünn und da er die Stimme auf Gerichtssaallautstärke erhoben hatte, war es kinderleicht, jedes seiner Worte zu verstehen.
»Für den heutigen Vorfall gibt es keine Entschuldigung«, fing er an. Ging er auf und ab, wie er es auch manchmal vor Gericht tat? Oder stand er fest wie ein Fels am Schreibtisch? »Ich werde Ihnen ersparen zu beschreiben, wie unwürdig es ist, vom königlichen Hofrichter für das Benehmen meiner Tochter im Gerichtssaal gerügt zu werden.«
»Oje«, sagte Miss Judson. Ich zog in meinem Versteck den Kopf ein, dankbar dafür, dass keiner von beiden mich sehen konnte. »Mr Hardcastle, ich bin sicher, es war nicht Myrtles Absicht, das Verfahren zu stören, erst recht nicht, Sie zu blamieren.«
»Es ist nie ihre Absicht!«, rief Vater. »Trotzdem hat sie ein wahres Talent dafür. Allmählich scheint es mir kein Einzelfall mehr zu sein, sondern ein Symptom für ein weit größeres Problem.«
»Ach ja, Sir?« Einen hoffnungsvollen Moment lang dachte ich, sie würde vielleicht die sokratische Methode bei Vater anwenden, doch diese Hoffnung wurde schnell zunichte gemacht.
»Im Morgengrauen in der Nachbarschaft herumzuschnüffeln?« Sein scharfer Tonfall ließ mich auf dem Waschschrank sogar noch kleiner zusammenschrumpfen. »Einen ganzen Haushalt aus dem Schlaf zu reißen wegen nichts anderem als dem Verhalten einer Katze? Und dann auch noch diese Verhandlung zu stören! Andere Mädchen tun so etwas nicht! Wie erklären Sie dieses Verhalten, Miss Judson?«
Miss Judson sprach so deutlich und mit so viel Autorität wie ein Anwalt. »Zunächst einmal ist Myrtle nicht wie andere Mädchen. Sie ist ein einzigartiges Individuum und Ihre Tochter. Ich bezweifle, dass Sie irgendein anderes Kind von zwölf Jahren mit einem solch scharfen und begierigen Verstand finden.« Als ich diese aufbauende Charaktereinschätzung hörte, setzte ich mich gleich ein wenig aufrechter.
»Doch dieses Interesse für Tod und Mord – das kann nicht normal sein.«
»Sir, ich möchte Sie dringend bitten, das von einer anderen Warte zu sehen.« Miss Judsons Tonfall war etwas milder geworden und ich musste das Ohr gegen die Wandvertäfelung drücken, um weiter zuhören zu können. »Sie ist ein sensibles Mädchen, das schon in sehr jungen Jahren mit dem Tod konfrontiert wurde. Sie selbst haben sich kurz nach dem Verlust von Mrs Hardcastle für das Gebiet der Strafverfolgung entschieden. Überrascht es Sie, dass Myrtle Ihnen nacheifert?«
»Geben Sie mir die Schuld für ihr makabres Verhalten?«
»Es ist nicht makaber! Sie interessiert sich für Ihre Arbeit und, wenn ich das sagen darf, Sir, für die Medizinstudien ihrer Mutter. Beides hat sie zu einer einzigartigen Leidenschaft vereint, was man von den meisten jungen Menschen nicht behaupten kann. Wussten Sie mit zwölf, dass Sie einmal Anwalt werden wollen?«
Ich hörte einen dumpfen Knall, als Vater sich schwer in seinen Bürostuhl fallen ließ. »Ich wusste nicht einmal mit dreißig genau, ob ich wirklich Anwalt werden möchte«, gab er zu. »Doch Mädchen in Myrtles Alter sollten sticken, auf Ponys reiten und sich den Kopf über Kleider zerbrechen – nicht über tote Nachbarinnen. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie dem umgehend einen Riegel vorschieben.«
Ich stellte mir vor, wie Miss Judson ihn mit ihrem stahlharten, unnachgiebigen Blick bedachte, und hielt den Atem an, während ich ihre Reaktion abwartete. Doch die Stille in Vaters Arbeitszimmer war so kalt und greifbar geworden, dass sie in den Ohren schmerzte. Warum ließ sie sich so viel Zeit?
»Nun, Sir, was immer Sie für das Beste halten. Selbstverständlich«, sagte Miss Judson schließlich. Was hatte das zu bedeuten? Ich hörte, wie Vaters Stuhl zurückgeschoben wurde.
»Miss Judson, morgen früh möchte ich einen überarbeiteten Stundenplan für Myrtle auf meinem Schreibtisch haben, ebenso wie Maßnahmen, damit sie mehr Zeit mit Mädchen ihres Alters verbringt. Herrje, das Leben besteht aus mehr als Kriminologie! Höchste Zeit, dass sie das lernt.«
Der nächste Morgen war fahl und verregnet, ein düsteres Nieseln vernichtete alle Beweise, die im Liliengarten noch übrig waren. Redgraves war regelrecht abgeriegelt und die Hausgemeinschaft, die verblieben war, regte sich nicht. Selbst von Peony, die sicherlich fror und hungerte, gab es keine Spur. Unruhig und unzufrieden tigerte ich vor dem Fenster auf und ab.
Da schwang die Tür zum Unterrichtsraum auf und offenbarte Miss Judson mit einem Frühstückstablett. »Bitte«, verkündete sie, als sie mein Tablet ohne Umschweife auf dem Tisch abstellte. »Die Zeitung von heute Morgen. Möge sie diesem Mord-Trara ein Ende machen.«
Eilig schnappte ich mir den Swinburne Boten.
»Eigentlich sollte ich darauf bestehen, dass du zuerst etwas isst«, sagte sie. Frühstück im Unterrichtsraum konnte nur bedeuten, dass ich noch immer in Schwierigkeiten steckte. Da mir die Standpauke, die Vater Miss Judson gehalten hatte, noch allzu deutlich in den Ohren nachhallte, nahm ich gehorsam ein Stück Toast und setzte mich an mein Pult.
Gestärkt von Toast und Tee, lasen wir gemeinsam die Zeitung. Auf der ersten Seite gab es gar nichts Interessantes (zum Glück auch nicht Störung bei hiesigem Mordprozess: Staatsanwalt blamiert), daher blätterten wir zu den Nachrufen. Und dort stießen wir auf einige wenige Zeilen über Minerva Faye Wodehouse, 79, Swinburne, die:
… Mittwochmorgen in ihrem Heim eines natürlichen Todes starb und eine Nichte, Miss Priscilla Wodehouse, Boston, sowie einen Neffen, Mr Giles Northcutt, Swinburne, hinterlässt. Die Beisetzung findet im engsten Kreis am Samstag, 5. August, in der Kapelle St. Agnes statt. Beileidsbekundungen können an den Familiensitz, Gravesend Close 16, geschickt werden. Von Blumengrüßen wird gebeten, Abstand zu nehmen.
»Das ist alles?« Miss Judson klang traurig. »Keine Blumen?«
»Natürlicher Tod? So ein Blödsinn!«
»Hier steht nicht einmal etwas über ihren Garten oder ihr Leben. Genauso gut hätten sie schreiben können: ›Weitere Junggesellin einsam verstorben. Gähn.‹«
»Miss! Bitte konzentrieren Sie sich aufs Wesentliche! Sie werden sie beerdigen«, sagte ich. »Wir müssen etwas unternehmen, bevor es zu spät ist.«
»Was genau schwebt dir denn vor?«
»Beweisen, dass es Mord war, natürlich!« Frustriert wedelte ich mit meinem Toast in der Luft herum und verteilte in hohem Bogen Krümel.
Miss Judson studierte noch immer mit schmalen Lippen die Todesanzeige. »Ich fürchte, wir brauchen etwas Überzeugenderes als die Verdächtigungen einer Zwölfjährigen und ihrer Gouvernante«, sagte sie endlich.
»Dann glauben Sie mir?«
Sie schaute mir fest in die Augen. Ich kam zu dem Schluss, dass sie sich in diesem Moment noch einmal das Gespräch mit Vater vom Abend zuvor durch den Kopf gehen ließ, von dem ich offiziell ja nichts wusste. »Immer.«
Ich atmete auf. »Wir haben nicht viel Zeit«, sagte ich. »Als Erstes müssen wir den Bericht des Gerichtsmediziners in die Finger bekommen. Ohne kann der Leichenbeschauer keinen Totenschein ausgestellt haben.«
»Das wird nicht leicht.«
Ich tippte mit den Fingern auf die Zeitung. »Oh, aber ich habe einen Plan. Selbst Vater wird ihn mögen.«
10Es stellte sich als eine Pastete, gefüllt mit Äpfeln, Erdbeeren und Rhabarber, heraus, und die schmeckte ziemlich gut.
5
Actus reus
Ein Verbrechen besteht aus zwei Elementen: mens rea (Lateinisch für »schuldiger Geist«) und actus reus, »die schuldige Handlung« H. M. Hardcastle: Die Grundlagen der Detektion — Ein Handbuch für Amateur- und Berufsermittler, 1893.
Später an diesem Tag observierte ich durchs Fenster Trudy, die im Nebenhof Wäsche aufhängte. Es war nicht Redgraves’ üblicher Wäschetag, daher ging ich hinunter, um nach dem Rechten zu sehen.
»Die Herrin braucht Kleidung für ihr Begräbnis«, erklärte Trudy mit einem tränenreichen Schniefen. Schlagartig durchzuckte mich Mitleid mit dem Hausmädchen, das diese Aufgabe ganz allein erledigte, daher packte ich zu und zog ein feuchtes Nachthemd aus dem Korb. Das Hemd war mit zierlicher weißer Spitze eingefasst, hatte winzige Perlenknöpfe und ein weißes Monogramm: M.
»Oh, Trudy, das hier hat aber Flecken.« Außerdem prangte am Handgelenk ein kleiner Schlitz, weil etwas von der Spitze abgerissen war.
Während sie eine Ladung nasser Bettwäsche ausschüttelte, schaute sie zu mir. »Ich kriege die einfach nicht raus. Zweimal habe ich es mit heißem Wasser und Olivenölseife ausgewaschen, aber es hat rein gar nichts gebracht.«
Eine unheilvolle Sache gab es durchaus, die heißes Wasser nicht gut aus einem Nachthemd waschen würde – allerdings kamen mir diese Flecken eigentlich nicht wie Blut vor. Zum einen waren sie dafür zu blass und zum anderen hatten sie einen eindeutigen Gelbstich. »Es ist Blütenstaub«, schlussfolgerte ich.
»Hmm«, stimmte Trudy zu. »Der ist auf allen ihren Kleidern.«
»Selbst auf dem Nachthemd?« Ich betrachtete es eingehender. Die Beschmutzungen waren überall, am Saum, an den Bündchen, verschmiert am Rücken. Nur waren mir die anderen inmitten all der Falten und der Spitze zunächst nicht aufgefallen. Es sah ganz danach aus, als hätte Miss Wodehouse in den Blumen gekniet.
Oder als hätte man sie gestoßen – sodass sie auf Händen und Knien auf die Erde gefallen war. Im Liliengarten, mitten in der Nacht, in ihrem Schlafgewand.
»Hatte sie das in der Nacht an, als sie gestorben ist?«
Trudy nickte. »Es war auch ganz voller Schlamm, doch der war nicht so hartnäckig. Anders als im Badezimmer.«
Sie war mir zuvorgekommen. »Im Badezimmer war Schlamm – als du die Herrin gefunden hast?«
Trudy schniefte noch einmal mitleidig. »Hat Ewigkeiten gedauert, alles aufzuwischen.«
Gerne hätte ich sie noch auf die Fußspuren angesprochen, doch ihre Miene war so schmerzerfüllt, ich hatte Angst, sie würde die Fassung ganz verlieren. Ich hielt das Nachthemd fest. »Darf ich das behalten?« Das klang makaber. »Es eine Weile ausleihen, meine ich? Ich will mir diese Flecken genauer ansehen, sie vielleicht der Polizei zeigen.«
Sie wirkte entsetzt. »Oh nein, Miss Hardcastle! Das würde sie auf keinen Fall wollen. Dass diese ordinären Männer ihre … persönlichen Dinge anfassen!«
»Dann vielleicht mein Vater? Wäre das in Ordnung? Er ist sehr diskret.«
Ihr fassungsloser Gesichtsausdruck wurde etwas ruhiger. »Na gut«, sagte sie. »Mr Hardcastle wird wissen, was zu tun ist.«
Behutsam faltete ich das Nachthemd, um die Flecken und das eingestickte Monogramm zu schützen. Dass ich absolut nicht vorhatte, dieses Beweisstück meinem Vater zu zeigen, behielt ich für mich – er würde es nur als lächerlich abtun und darauf bestehen, dass ich es sofort nach Redgraves zurückbringe.
»Danke, Trudy. Du weißt gar nicht, wie viel das bedeutet.«
Ich dagegen schon. Es bewies, dass in der Nacht von Miss Wodehouses Tod nicht nur zwei Männer im Liliengarten gewesen waren – sondern auch Miss Wodehouse.
Während ich meine nächsten Schritte plante, grübelte ich über das nach, was Vater zu Miss Judson gesagt hatte. Es war Freitag, die letzte Gelegenheit, noch vor Miss Wodehouses Beerdigung ihren Obduktionsbericht in die Finger zu bekommen. Daher verbrachte ich ihn – selbstverständlich – damit, mich in meinem Zimmer vor dem Spiegel herauszuputzen.
Was hatte Vater gemeint, als er sagte, ich hätte ein »wahres Talent« dafür, zu stören? Es hatte entschieden anders geklungen, als wenn er zum Beispiel feststellte, Köchin habe ein besonderes Talent für knusprige Pasteten. Wollte er nicht, dass ich schlau und forschend war? Mir war bereits aufgefallen, dass Intelligenz bei den weiblichen Vertretern meiner Gattung nicht allzu hoch angesehen war. Aber, meine Güte, man hörte doch trotzdem niemanden sagen: »Was England wirklich braucht, sind mehr dumme Mädchen«.
Miss Judson erschien mit einem Stoffbeutel über dem Arm. »Dein Vater fand, diese Angelegenheit wäre Anlass genug für ein neues Kleid«, sagte sie.
»Also das ist ja nun wirklich lächerlich«, begann ich, »was ich anhabe, ist doch völlig eg–« bis sie das Gewand herausholte: marineblaue gerippte Seide mit einem knöchellangen Rock und einem Oberteil voller Zierfalten und mit schwarzen Posamenten11. Es war praktisch ein Kleid für Erwachsene, gar nicht so viel anders als das von Miss Judson. Ich griff danach, hielt dann aber inne. »Bekomme ich ein Korsett?«
»Sobald du eins brauchst.«
»Also vermutlich niemals«, grummelte ich. Ich trug noch immer ein babyhaftes, vorne zuknöpfbares »Leibchen«, das nur betonte, wie jung und klein geraten ich war.
»Stimmt, zumindest wenn deine Neugier uns beide vorher ins Grab bringt«, stimmte sie gut gelaunt zu, während sie mir dabei zur Hand ging, die zusätzlichen neuen Lagen anzulegen, die man für diese Garderobe benötigte (einschließlich eines Überflusses an Unterröcken). »Magst du mir nun vielleicht irgendwelche Details deines ominösen Plans verraten?«
Ich steckte die Arme in die Ärmel, die fast schon absurd eng saßen. »Wie soll ich darin denn irgendetwas machen?«
»Was musst du denn machen?«
»Weiß ich nicht, Mädchensachen eben. Pianoforte spielen?«
»Du spielst kein Pianoforte«, sagte sie. »Du hast dich über zu viele Klavierlehrer lustig gemacht. Zurück zu deinem Plan.«
Ich drehte mich zu ihr um, während sie den Rock richtete. Das Beste daran waren die Taschen: Unmengen davon, innen wie außen. Vater war ein Vertreter der Kleidungsreform, wodurch er auch von besonderen Pluderhosen zum Radfahren erfahren hatte. Während ich die Röcke probehalber schwingen ließ, beantwortete ich Miss Judsons Frage, mehr oder weniger zumindest: »Erinnern Sie sich noch daran, als wir die Spione mittelalterlicher Mogule durchgenommen haben? Und dass keiner der Beteiligten einer Mission je alle Details kannte, damit er selbst unter Folter keine wichtigen Informationen preisgeben konnte?«
»Danke, dass du mich vor den Daumenschrauben bewahrst«, sagte Miss Judson und ich konnte nicht genau sagen, ob sie versuchte, witzig zu sein. »Dir ist bewusst«, fuhr sie fort, »dass dein Vater dafür auch glauben muss, dass ich keine Ahnung von deinem Plan habe. Soll ich vielleicht am besten gleich zu ihm ins Arbeitszimmer marschieren und sagen: Mr Hardcastle, ich bringe Myrtle zu ihrem nächsten Fiasko, allerdings habe ich keine Ahnung, was sie vorhat, daher denken Sie daran, dass mich keine Schuld trifft, wenn etwas schiefläuft?«
»Hervorragend«, sagte ich. »Sie haben Ihren Part im Ablauf begriffen.«
Andere Mädchen waren langweilig. In meiner Nachbarschaft gab es einige wie mich, Mädchen der Mittelschicht, doch wenn es sich vermeiden ließ, gaben wir uns nicht miteinander ab. Sie sahen mich an, als hätte ich eine ansteckende Krankheit, und gaben mir gerne »freundliche Ratschläge« für meine Haare oder Kleider, was mir ganz und gar nicht freundlich gemeint erschien. Ich bemängelte meinerseits ihr fehlendes Interesse an Eingeweiden. Vater lag mir ständig in den Ohren, ich solle mehr Zeit mit ihnen verbringen, doch sie hatten sämtliche meiner Einladungen zu Tee und Sezierübungen abgelehnt. Heute jedoch hatte ich mich freiwillig in ihre Fänge begeben und erduldete Stunden voller langweiliger Kartenspiele (da sie nichts von Wahrscheinlichkeitsrechnung verstanden, gewann ich jedes Mal) und Diskussionen über reißerische Romane, die ich nicht gelesen hatte.
Miss LaRue Spence-Hastings, blond, vierzehn und die Art von Mädchen, die niemals einen Mordprozess stören würde, betrachtete mich von Kopf bis Fuß und seufzte mitleidig. »Caroline, findest du nicht, Miss Hardcastle würde absolut hinreißend in dieser lachsfarbenen Pelerine aussehen?« Eine Pelerine, lieber Leser, war eine Art kurzer Umhang aus Spitze mit dem einzigen Zweck, ein Mädchen davon abzuhalten, seine Hände oder Arme zu gebrauchen. Die von LaRue hatte einen besonders hässlichen Rosaton mit passend gefärbten großen Fellquasten.
Unsere Gastgeberin, Miss Caroline Munjal, schälte sich von der Chaiselounge und warf sich dabei den schwarzen geflochtenen Zopf über die Schulter. »Ach nein. Ich habe genau das Richtige«, sagte sie. Caroline lebte auf der anderen Seite des Parks in einem vierstöckigen Stadthaus mit einem hervorragenden Gefälle von der Haupttreppe hinab in die marmorne Empfangshalle – gewiss tödlich – und einem Kutschenhaus, groß genug für eine eigene Leichenhalle. LaRue war Carolines Nachbarin, und die Mütter der beiden Mädchen waren an diesem Nachmittag gemeinsam ausgegangen, um ihren eigenen sozialen Verpflichtungen nachzukommen. Ich befand mich also allein in feindlichem Gebiet – und das war mir wohl bewusst.
Caroline huschte davon, um wenig später beladen mit schwarzer Spitze und Krepp zurückzukommen. Sie schüttelte ein langes schwarzes Kleid und eine Haube aus, die vor schwarzen Schleiern und noch mehr schwarzen Blumen nur so überquoll, bevor sie mir beides überwarf. »Damit kommen Sie auf die allerbesten Begräbnisse!«, rief sie, während LaRue sang: »Myrtle Makaber, Myrtle Makaber.«
Es war nun aber so, dass ich einen mehr als guten Grund dafür hatte, Carolines und LaRues Grausamkeiten über mich ergehen zu lassen, und zwar: Dr. Vikram Munjal, Carolines Vater, war der Swinburner Gerichtsmediziner. Also schluckte ich sowohl meinen Stolz als auch meine fieseste Entgegnung hinunter, hielt mir das Kleid an den Körper und nahm eine möglichst modische Pose ein. LaRue war unbeeindruckt.
»Das ist langweilig«, sagte sie. »Machen wir was Lustiges.« LaRue war die Anführerin – egal, was sie vorschlug, Caroline machte mit.
Ich stopfte meinen Groschenroman in die Tasche. »Nun«, sagte ich und gab mir Mühe, zurückhaltend zu klingen, »also ich habe mich ja schon immer gefragt, wie es wohl in Dr. Munjals Büro aussieht.«
Caroline schien beunruhigt. »Wenn er nicht zu Hause ist, darf ich da nicht rein.«
»Umso besser.« LaRue setzte sich die schwarze Haube auf den Kopf und warf Caroline das Spitzenkleid zu. »Gehen wir.«
Sowohl im Gang mit der schweren Tapete und dem Regal mit den Sammeltassen vom Goldenen Jubiläum Ihrer Majestät12 als auch den gesamten Weg bis zum gemauerten Kutschenhaus im Garten hinter dem Haus protestierte Caroline. »Können wir nicht einfach durchs Fenster sehen?«, flehte sie.
LaRue schnaubte verächtlich. »Was denn, hast du etwa Angst?« Für junge Damen aus gutem Hause, viel zu sensibel für etwas so Vulgäres wie eine Leichenhalle, gilt die Regel, auf solche Sticheleien nicht zu reagieren. Allerdings haben die Experten für Etikette nicht mit den LaRue Spence-Hastings dieser Welt gerechnet. »Angst vor Leichen?«
»Na ja, eigentlich gibt es gar keine«, setzte Caroline an, womit ich hätte rechnen sollen. Man musste die Toten inzwischen bereits abgeholt und zum Bestatter gebracht haben. Swinburne war zu klein für eine richtige Leichenhalle, weshalb Dr. Munjal sein Labor auch bei sich zu Hause hatte – gewiss zur großen Begeisterung der Nachbarn.
»Ich will wetten, dass es dort spukt«, sagte LaRue. »All die Männer, die dein Dad aufgeschlitzt hat.«
»LaRue! Das ist widerlich!« Caroline war wirklich bestürzt. Ich wollte erklären, dass ein toter Körper sich nicht von einem lebenden unterscheidet, abgesehen davon, dass er nicht sprechen und einem sagen kann, wo das Problem lag. Das muss man sich von anderen Hinweisen herleiten. All die Organe, Knochen, das Blut und das Muskelgewebe – es waren exakt die gleichen Knochen, das Blut und die Organe, die auch Caroline und LaRue gerade in sich trugen. Zudem waren die meisten Menschen, die Dr. Munjal untersuchte, nicht ermordet worden, daher gab es eigentlich gar keinen Grund, sich so aufzuregen.
LaRue rüttelte am Türknauf. Offensichtlich ging sie davon aus, dass abgesperrt sein müsste, doch die Tür öffnete sich knarrend, woraufhin sie kreischend einen Satz zurückmachte und gleich darauf kicherte.
»Na los, geh schon«, fuhr Caroline sie an. »Du wolltest doch unbedingt rein, also mach.«
»Myrtle zuerst«, sagte LaRue.
Als ich eintrat, fiel mir sofort der Geruch nach Desinfektionsmittel auf und der unverkennbare … nun, das einzig Treffende ist: Gestank der Verwesung. Im Kutschenhaus brannten keine Lampen, doch die großen Fenster ließen ausreichend Tageslicht ein, selbst an einem wolkenverhangenen Tag. Caroline hatte behauptet, es gäbe hier keine Leiche, doch auf dem Untersuchungstisch lag etwas unter einem weißen Tuch, von dem ein unheilvolles Sirren ausging. Mit enger Brust trat ich vorsichtig näher. Es war nichts anderes als die Frösche in meinem Biologiebuch. Genau wie ein Hühnchen auf dem Esstisch unserer Köchin, sagte ich mir.
Lieber Leser, an dieser Stelle muss ich eine Anmerkung darüber machen, wie wichtig es ist, die eigene Beobachtungsgabe nicht nur für die Welt der Natur zu schärfen, sondern auch für die wesentlich kryptischere menschliche Natur. Soll heißen: Ich hätte wissen sollen, was gleich geschah. Allerdings freute ich mich so darüber, dass mein Plan, in Dr. Munjals Büro zu gelangen, aufgegangen war, ich bemerkte nicht einmal, dass die beiden anderen draußen geblieben waren. Dann hörte ich hinter mir Stoff rascheln, gefolgt von einem gackernden Lachen. Als ich mich erschrocken umdrehte, sah ich, dass man das Trauerkostüm über die Schwelle geworfen hatte.
»Bitte, Myrtle Makaber«, rief LaRue von der Tür aus. »Viel Spaß mit den anderen Leichenfledderern.« Sie knallte die Tür zu, die sich mit einem beunruhigenden Klicken schloss.
Ich rannte hin und zog am Knauf, doch die Tür wollte sich nicht rühren. Sie hatten mich eingeschlossen.
Der Ehrlichkeit halber muss ich meine Leser daran erinnern, dass ich mir diese Suppe selbst eingebrockt hatte. Dennoch will ich meine Behauptung von vorhin wiederholen, nämlich dass es keinen Grund gab, sich zu fürchten. Jenseits meiner wildesten Hoffnungen für meine Mission, hatte ich nun die Gelegenheit, die Halle gründlich zu untersuchen. Daher machte ich mich, alles andere als beunruhigt, sofort an die Arbeit. Ich blätterte in den Papieren auf Dr. Munjals Schreibpult, dem Untersuchungstisch eisern den Rücken zugekehrt, und gab mein Bestes, meine Nase aus allem herauszuhalten, was nichts mit Miss Wodehouses Tod zu tun hatte. Doch ich wage zu behaupten, dass es selbst Caroline schwergefallen wäre, einer Akte zu widerstehen, auf der in fetten roten Buchstaben ARSEN oder ENTHAUPTET? (mit Fragezeichen) stand.
Natürlich wurde ich die Vorstellung einer Enthauptung nicht so leicht wieder los, sobald sie mir erst im Kopf herumspukte (das soll kein Wortspiel sein!). Wegen der Laborgerüche atmete ich flach durch den Mund und schon bald war mein eigener Atem das Einzige, was ich noch hören konnte. Das und das seltsame Sirren, das lauter zu werden schien. Sicher war dieser Gestank schlimmer, als er hätte sein sollen – in einem leeren Raum. Unwillkürlich warf ich einen verstohlenen Blick über die Schulter. Wären das dort auf dem Untersuchungstisch nur Handtücher, warum sollten sie abgedeckt sein? Und war dieser Haufen nicht verdächtig kurz? Kurz wie ein kopfloser Körper vielleicht?
»Konzentriere dich, Myrtle.« Ich war wegen Miss Wodehouses Bericht hier. Also griff ich über den Schreibtisch nach noch mehr Mappen und gab acht, den wundervollen Briefbeschwerer in Form eines Totenschädels (ich ging davon aus, dass es lediglich eine Nachbildung war) nicht zu verrutschen, doch auch hier fand sich keine Akte über Miss Wodehouse. Dr. Munjal hatte die Schreibtischschubladen unverschlossen gelassen – also wirklich, hielt denn jeder Verbrechen in Swinburne für undenkbar? –, doch darin befanden sich hauptsächlich blanke Seiten und Füllerfedern.
An den Schreibtisch gelehnt, tippte ich mit dem Finger gegen meine Lippen. Ich musste diesen Befund finden. Du meine Güte, dieser Gestank wurde immer intensiver. Mein Hals brannte vom Antiseptikum, das hier in der Luft hing, und allmählich wurde es dunkler, weil düstere Wolken aufzogen. Ich blickte auf meine Uhr. Es war nach drei Uhr nachmittags. Die Langweilerinnen wussten, dass Miss Judson mich um vier abholen würde – gewiss würden sie mich vorher herauslassen.
Ich drehte noch eine Runde durch die Leichenhalle. Unter den großen Fenstern an der Rückseite befand sich eine Werkbank voller Apparate und Proben, einschließlich eines prächtigen Mikroskops, schicker noch als das von Mum, mit einem schweren Messinggehäuse und einem Koffer voll austauschbarer Linsen. Es war das Labor meiner Träume und ich hatte noch fast eine Stunde, um es zu erforschen. Hätte nur dieser Untersuchungstisch meine Blicke nicht immer wieder wie magisch angezogen. Er schien mir in den Nacken zu hauchen und mich zu necken.
Vielleicht würde sich ENTHAUPTET? als weniger große Ablenkung erweisen. Ich legte die Akte neben die Fenster auf die Werkbank und schlug sie auf. Enttäuschenderweise handelte es sich lediglich um eine Reihe banaler Protokolle, wie etwa einen alten Brief vom Schofield College und eine Bestellung von Objektträgern für das Mikroskop. Kein Kopfloser, nicht mal jemand, der annähernd den Kopf verloren hatte. Während ich alles Langweilige überblätterte, fiel mir das Wort Ambrose auf, hingekritzelt auf die Ecke einer Seite. Konnte damit Mr Ambrose, der Jurist, gemeint sein? Er war ein Freund von Vater – und Miss Wodehouses Anwalt. Ich zog das Blatt aus der Akte. Es stellte sich als der Obduktionsbefund für jemanden heraus, der 1887 gestorben war (nicht durch Enthauptung), im selben Jahr wie Mum. Vielleicht einer von Mr Ambroses Klienten? Ich las weiter.
Harold Cartwright, 67, tot aufgefunden in seinem Bett infolge von aufgetretenen Komplikationen in Zusammenhang mit Wassersucht – eine Krankheit, bei der sich Flüssigkeiten im Körpergewebe ansammeln. Allerdings muss es eine Autopsie gegeben haben, denn unter »Offizielle Todesursache« stand: »Vergiftung durch extrem hohe Dosis Digitalis«. Gift. Von Digitalis hatte ich schon gehört – es war ein Medikament gegen Wassersucht, daher war es nicht verwunderlich, dass der Doktor es gefunden hatte. Doch offenbar hatte er eine tödliche Überdosis festgestellt. So interessant das auch war, half es mir bei Miss Wodehouse nicht weiter. Seufzend legte ich alles zurück in die Mappe.
Auf dem Ordner landete eine Fliege, grün, dick und haarig. Ich schlug nach ihr.
Wo blieb Miss Judson?
Wo waren die Langweilerinnen?
Wo, um Himmels willen, steckte Dr. Munjal? Ein entferntes Donnergrollen untermalte meine Überlegungen.
Dann kam mir ein grässlicher Gedanke.
Was wenn Miss Judson schon dagewesen war, um mich abzuholen, und LaRue und Caroline ihr aufgetischt hatten, dass ich mich gelangweilt und bereits verabschiedet hätte? Hätte sie ihnen geglaubt? Obwohl ich mir allergrößte Mühe gab, die Regeln zu umgehen, die Vater für mich aufstellte, kam es äußerst selten vor, dass ich Miss Judson nicht gehorchte. Allein die Vorstellung, sie könnte annehmen, ich wäre ohne ihre Erlaubnis einfach früher gegangen, brannte mir schlimmer im Hals als der entsetzliche Gestank. Ich sank zu Boden und versuchte, eine Entscheidung zu treffen. Neben mir landete noch eine Fliege, als wäre sie genauso unentschlossen wie ich. Vermutlich waren diese Insekten eine Art Berufsrisiko.
Nachdem ich einige angespannte Augenblicke lang geschmollt hatte, hielt ich es nicht länger aus. Ich gab meiner – ja, ich nenne es beim Namen – makabren Neugier nach. Ich stand auf und schlich zum Untersuchungstisch. Noch mehr Wolken hatten sich aufgetürmt und Schatten bedeckten die Arbeitsflächen und medizinischen Instrumente. Die Probengläser im Fenster sahen aus wie schreckliche Marionetten, die sich für ihren Auftritt bereithielten.
Der Tisch reichte mir bis an die Brust, bestand aus weißer Emaille mit einer runden, erhöhten Kante, die mich an Miss Wodehouses berüchtigte Badewanne denken ließ. Ich wollte wissen, was unter diesem Laken war, und gleichzeitig auch nicht. Ich atmete tief durch den Mund ein. Was ich bemerkte: die Länge des Umrisses auf dem Tisch (etwa 1,50 Meter), der Zustand des Lakens (sauber), die erhöhte Intensität des Geruchs aus dieser Nähe (Sie machen sich keine Vorstellung!), das schlimme Sirren der Fliegen, die überall zu sein schienen. Ich trat ans hintere Ende des Tischs – das Fußende, wie ich hoffte – und hob das Laken vorsichtig an der Ecke an.
Darunter war Fleisch. Nicht im metaphorischen Sinne. Im Sinne von »viel zu viel Geld beim Metzger ausgegeben«, nämlich eine große hässliche Hammelseite, noch nicht in Keulen und Koteletts geschnitten. Wie Nebel stieg der Gestank nun auf. Überall sirrten und krabbelten und nisteten Fliegen im Fleisch. Ich schluckte schwer, begriff aber sofort. Nach dem Tod können verschiedene Insekten eine Leiche befallen, und offenbar studierte Dr. Munjal dieses Verhalten.
Noch immer hielt ich die Ecke des Lakens in der Hand, als ich hörte, wie jemand die Tür aufsperrte, und im Raum das gelbe Flackerlicht der elektrischen Lampen zu Leben erwachte.
»Was tun Sie hier?«, verlangte eine Stimme zu wissen.
Als ich herumwirbelte, sah ich mich dem finster dreinblickenden (und mit einem prächtigen Schnurrbart geschmückten) Dr. Vikram Munjal gegenüber.
11Lieber Leser, hierbei handelte es sich weder um Musikinstrumente noch irgendetwas Exotisches, sondern einfach um geknotete Verschlüsse aus Seidenkord.
12Kaiserin von Indien
6
Hoher Giftgehalt und längere Exposition
Das Studium der Toxine sollte bei der Ausbildung eines Ermittlers eine übergeordnete Rolle spielen. Viele Gifte können gewöhnliche Krankheiten nachahmen, sodass ein Ermittler in der Lage sein muss, verdächtige Symptome von denen zu unterscheiden, die lediglich bedauerlich sind. H. M. Hardcastle: Die Grundlagen der Detektion — Ein Handbuch für Amateur- und Berufsermittler, 1893.
»Dr. Munjal!« Ich wich einen Schritt zurück – zumindest versuchte ich es, knallte jedoch prompt gegen sein Fleisch-und-Fliegen-Experiment. Die Fliegen stoben in den Raum wie ein schimmernder grüner Nebel. »Schnell, lassen Sie sie nicht hinaus!«
Offenbar war dies nicht die Reaktion, mit der er gerechnet hatte. Einen Augenblick starrte er mich an, dann griff er hinter sich und schloss die Tür. »Sie bleiben immer in der Nähe des Fleisches«, sagte er. Er war älter als Vater, hatte dunkelolivefarbene Haut und sehr dunkle Augen hinter einer von Regen besprenkelten Brille. »Sie sind die Tochter von Arthur Hardcastle, nicht? Sie waren mit Caroline zum Lunch verabredet.«
Ich nickte schuldbewusst.
»Dann erklären Sie mir bitte, was das hier zu bedeuten hat.«
Ich zögerte, doch entschied dann, dass Lügen keinen Sinn hätte. »Es war nicht Carolines Schuld«, fing ich an.
»Ah. LaRue. Dieses Mädchen …« Er schüttelte verständnislos den Kopf. »Doch meine Tochter sollte es besser wissen, als ausgerechnet hier Späße zu treiben. Es tut mir außerordentlich leid, dass sie Ihnen Angst einjagen wollten.« Seine Miene war voller Mitgefühl. »Geht es Ihnen gut?«
»Selbstverständlich«, sagte ich beherzt, teils um meine eigenen Gewissensbisse zu verbergen, teils um zu überspielen, wie erleichtert ich über sein Erscheinen war. »Die Fliegen – was für eine Art ist das?«
»Calliphora«, antwortete er und sah mich seltsam an. »Schmeißfliegen. Ich versuche, eine präzisere Methode zu entwickeln, anhand derer man den Todeszeitpunkt feststellen kann.« Ich nickte. Und schnitt womöglich auch eine Grimasse. Gewiss wäre es faszinierend gewesen, eines Tages darüber zu lesen. »Nun, Miss Hardcastle, wollen wir Sie nach draußen bringen?«
Oh ja, bitte. Doch mein Werk war noch nicht getan, ich konnte unmöglich mit leeren Händen abziehen! Ich ergriff meine letzte Chance. »Warten Sie, Doktor …« Er war bereits halb zur Tür hinaus, also platzte ich heraus: »Warum behaupten Sie, Minerva Wodehouse sei eines natürlichen Todes gestorben?«
Stirnrunzelnd drehte er sich zu mir um. »Wie bitte?«
»Meine Nachbarin, die gestorben ist – warum haben Sie keine ordentlich Autopsie gemacht?« Als er nicht sofort antwortete, frischte ich das Gedächtnis meines Zeugen auf. »Eine ältere Dame, sie wurde am Mittwoch in ihrer Badewanne aufgefunden.« Ich stand sehr aufrecht, wie ein ebenbürtiger Experte, kein bisschen wie ein törichtes Kind, das sich in eine Leichenhalle hatte einschließen lassen.
»Nein, nein, ich weiß. Junge Dame, ich glaube durchaus nicht, dass wir darüber sprechen sollten.« Er wollte das Licht ausschalten, als ihm all die Papiere auffielen, die ich hatte herumliegen lassen. Wenn das keine Lektion war, die Miss Judson gefallen hätte: Vergiss nie, hinter dir aufzuräumen! Langsam nahm er die Hand vom Lichtschalter und ließ sie sinken. »Was haben Sie hier gemacht?«
»Ihren Befund gesucht.«
Er rückte die ENTHAUPTET?-Mappe gerade und setzte sich auf die Kante seines Schreibtischs. Lange sagte er gar nichts, und als er es doch tat, überraschte er mich. »Ich kannte Ihre Mutter, wussten Sie das?«
Ich schüttelte den Kopf. Meine Augen brannten etwas. »Woher?«
»Aus dem Lehrkrankenhaus, vom Medizinstudium. Wir waren beide Außenseiter in unserer Klasse.« Dr. Munjal deutete auf sich und ich verstand, was er meinte: die weibliche Studentin und der aus Indien. »Sie war verflixt schlau. Sie hätte eine feine Ärztin abgegeben.«
»Zu schade, dass sie es aufgeben musste, um zu heiraten und mich zu haben.«
Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. »So hätte sie das sicherlich nicht gesehen«, sagte er. »Na schön, Ihrer Mutter zuliebe und weil jeder, der – wie lange? – hier drin eingesperrt war, es verdient hat, wenigstens nicht mit leeren Händen von dannen zu ziehen. Was wollen Sie wissen?« Er hob seine Aktentasche neben sich auf den Schreibtisch und klappte sie auf. »Da haben wir es: Minerva Wodehouse. Herzversagen.« Er reichte mir ein Blatt, bestückt mit lauter herrlichen, offiziellen Stempeln und Sigeln, und am unteren Ende prangte seine straffe, saubere Unterschrift. Darüber stand: GERICHTSMEDIZIN.
Ich verschlang den Bericht, las alles ganz genau, wollte nichts übersehen oder falsch verstehen, kein noch so kleines Detail. Es gab eine kurze Beschreibung darüber, wo man Miss Wodehouse gefunden hatte (Badewanne), und es war der Zeitpunkt vermerkt, als die Polizei benachrichtigt worden war (7 Uhr 20, dank eines »Anrufs durch besorgte Nachbarin« [hüstel]). »Woher wissen Sie, dass sie nicht ertrunken ist?«
»Dann hätte es in ihrer Lunge Wasser gegeben sowie in Nase und Mund Schaum«, antwortete Dr. Munjal. »Herzversagen war wahrscheinlicher, angesichts ihres Alters und anderer Faktoren.«
Auf diese »anderen Faktoren« würde ich später zu sprechen kommen. »Das könnte aber doch bedeuten, dass sie schon tot war, bevor sie im Wasser landete. Nicht wahr?«, ergänzte ich und gab mir Mühe, nicht zu streitlustig zu klingen.
»Nun«, sagte er und betonte das Wort besonders lang, »normalerweise, ja. Hätte man sie in einem Teich gefunden oder etwas Ähnlichem, hätten wir uns gefragt, ob sie sich nicht den Kopf gestoßen oder vielleicht einen Hirnschlag erlitten haben und deswegen hineingefallen sein könnte. Doch für gewöhnlich stürzen die Leute nicht in ihre Badewannen.«
»Ich glaube, man hat sie irgendwo anders getötet und dann in ihre Wanne geworfen, damit es nach einem natürlichen Tod aussieht.«
Er wich zurück. »Aber, Miss Hardcastle, nun übertreiben Sie aber.«
»Ich übertreibe nie.« Meiner Ansicht nach war dies ein Frevel, ähnlich wie unrealistisch zu sein, daher war ich recht sicher, dass er sich täuschte. »Ich ziehe Schlussfolgerungen, basierend auf logischer Betrachtung der Beweise.«
»Schlussfolgerungen«, wiederholte er entnervt, während er sich die Schläfen rieb. »Ich werde diese Frage ganz sicher bereuen, aber gibt es sonst noch etwas, das Sie geschlussfolgert haben?«
Bis zu diesem Moment fand ich, dass unsere Unterhaltung recht gut verlief – zwei Personen von Verstand kamen in den Genuss einer Diskussion auf Augenhöhe über die faszinierende Arbeit der einen. Doch die verärgerte Verzweiflung in Dr. Munjals Miene war mir allzu vertraut (ich erinnere an »das wahre Talent« für Störungen!) und ich meinte, mich verteidigen zu müssen. »Dass sie ermordet wurde, können Sie nicht mit Sicherheit ausschließen. Nicht ohne ordentliche Autopsie.«
»Miss Hardcastle, dazu gab es keinerlei Veranlassung. Wenn eine Achtzigjährige in der Badewanne stirbt, mit allen Symptomen für einen Herzinfarkt, dann ist es mit höchster Wahrscheinlichkeit genau das: ein Herzinfarkt.«
»Neunundsiebzig«, korrigierte ich. »Und ähneln manche Vergiftungen nicht einem Herzinfarkt? Digitalis zum Beispiel«, improvisierte ich, dank seiner Akte.
»Ja, aber wissen Sie, was noch aussieht wie ein Herzinfarkt?« Er warf mir einen vielsagenden Blick zu. »Ein Herzinfarkt.«
»Hatte sie denn Herzprobleme?«
»Nicht, dass wir wüssten, doch in ihrem Alter –«
»In ihrem Nacken fanden sich Blutergüsse?« Ich zeigte auf die eingezeichneten Flecken, die auf dem Umriss eines Körpers in der Akte notiert waren und die mit den Stellen der Blütenstaubschmieren auf ihrem Nachthemd übereinstimmten. »Kam Ihnen das nicht verdächtig vor?«
Dr. Munjal schüttelte den Kopf. »Sie wurden post mortem, also nach ihrem Tod verursacht.«
Ich wollte nicht innehalten, aber das machte mich nun doch stutzig. »Wirklich? Das können Sie feststellen? Wie?«
»Es ist die vernünftigste Erklärung. Sie muss sich entweder während des Herzinfarkts verletzt haben – höchstwahrscheinlich hatte sie einen Krampfanfall – oder als die Polizisten sie aus der Wanne hoben. Wobei dann auch«, ergänzte er, »alles vollständig durchnässt wurde.«
Ich nickte. »Was ist mit den Flecken auf dem Nachthemd?«
Dr. Munjal seufzte und nahm mir den Befund wieder ab. »Ich glaube, wir haben alles abgedeckt, finden Sie nicht? Ich muss mich noch einmal entschuldigen für die Tortur, die Sie heute Nachmittag durchstehen mussten, und ich werde dafür sorgen, dass auch meine Tochter sich noch entschuldigt.«
»Das wird nicht nötig sein«, sagte ich ungeduldig. »Ich wollte noch etwas fragen, und zw–«
»Miss Hardcastle.« Seine sanfte Stimme war nun schwer. »Es ist fünf Uhr. Mein Tee wartet auf mich. Sie hatten einen langen, verstörenden Nachmittag …«
»Ich bin nicht verstört«, sagte ich. »Es war interessant.«
»… und es ist an der Zeit, dass Sie nach Hause gehen. Soll ich Sie fahren?«
Beinahe hätte ich Ja gesagt. Doch dann hätte Dr. Munjal meinem Vater erklären müssen, warum ich zu spät kam – und Vater hatte sich von dieser Verabredung so viel erhofft, allerdings gewiss nicht, dass ich in die Leichenhalle eindringen und mich mit dem Gerichtsmediziner streiten würde. Man brauchte keinen scharfen Verstand, um zu schlussfolgern, was er davon halten würde. Mit so viel Würde, wie ich aufbringen konnte, reichte ich Dr. Munjal daher meine Hand.
»Nein, danke, Doktor. Ich komme sehr gut zurecht. Danke für eine erhellende Unterhaltung.«
Ernst erwiderte er meinen Handschlag. »Miss Hardcastle, ich würde es Ihnen hoch anrechnen, wenn Sie das, was Sie hier gesehen haben, für sich behielten«, sagte er und spielte auf das Fliegen-Experiment an. »Viele Menschen hätten für derlei Dinge kein Verständnis.«
Ich mochte enttäuscht sein, weil meine Zeugenbefragung so dürftig ausgefallen war, doch nicht genug, um einem Ermittlungskollegen solch eine Bitte abzuschlagen. »Selbstverständlich, Doktor.«
Und so spazierte ich in den Regen hinaus, in meinem eintönigen neuen Rippseidenkleid, die herrlichen Taschen absolut unbeschwert von jeglichen nützlichen Funden.
Vater war noch nicht zu Hause, dem Himmel sei Dank, und Köchin war zu beschäftigt damit, mit dem Herd zu ringen, um zu bemerken, dass ich mich verspätet und nass bis auf die Knochen ins Haus schlich. Auf Zehenspitzen ging ich die Hintertreppe zum Unterrichtsraum hinauf, wo Miss Judson aus dem verregneten Fenster blickte, während sie unruhig auf und ab lief.
»Myrtle!« Miss Judson schlug sich die Hand auf die Brust. »Wo um alles in der Welt warst du?«
Erschöpft ging ich zum Kamin und entfachte die glühende Asche mit dem Schüreisen. »LaRue und Caroline haben mich im Kutschenhaus eingesperrt.«
Sie wurde rot vor Zorn. »Diese Gören!«, rief sie. »Moment. Wie bist du denn ins Kutschenhaus gekommen?«
Nun da ich zu Hause, in Sicherheit und zunehmend trockener war, konnte ich nicht aufhören zu zittern. Meine Zähne klapperten – was mir eine Antwort ersparte.
»Zieh deine Sachen aus«, befahl Miss Judson. »Ich hole uns heißen Kakao. Und dann kannst du mir in aller Ruhe erzählen, was du im Haus des Gerichtsarztes herausgefunden hast.«
So, wie sie das betonte, klang es schlimm.
Als Miss Judson und der Kakao eintrafen, war ich in meinen gesteppten Morgenmantel gemummelt und das leicht verknitterte, doch nahezu vollkommen intakte neue Kleid hing (einigermaßen) ordentlich in meinem Schrank. Ich hatte mein Notizbuch sowie Band VIII, DEA-ELE meiner Enzyklopädie geholt und hatte mich damit vor dem Feuer ausgebreitet.
Miss Judson kniete mit dem Tablett neben mir auf dem Boden, Beine und Röcke elegant neben sich drapiert. »Wonach suchst du?«
»Digitalis«, antwortete ich, den Mund voller Toast. »Warum haben Sie mich nicht abgeholt?« So unverschämt und mürrisch hatte ich das gar nicht sagen wollen.
»Was denn, hast du vor, mir Gift in den Kakao zu mischen?«, sagte sie nachsichtig. »Ich war da. LaRue meinte, du wärst bereits nach Hause gelaufen. Darf ich dich vielleicht darauf hinweisen, dass ich dir eine Hilfe hätte sein können, hättest du die Güte besessen, mich in deine Pläne einzuweihen? Diese Mädchen sind furchtbar. Dort gehen wir nie wieder hin. Aber lassen wir das. Erzähl mir von deinem Abenteuer des Grauens.« Genau so klang es bei ihr, in kursiver Schrift, wie der Titel einer Geschichte aus meinen Groschenromanen.
Indem ich einige Details ausließ, berichtete ich ihr von meiner Suche in den Akten, den Schmeißfliegen im Fleisch und ENTHAUPTET?, um mit Dr. Munjals Verteidigung seines Befunds abzurunden. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich drei Stück Toast und zwei Tassen Kakao intus und war bester Laune. Miss Judson hatte enorm viel Vergnügen an meiner Geschichte, lachte und schrie an genau den richtigen Stellen.
»Was hat es nun mit Digitalis auf sich?« Sie beugte sich über das Lexikon, während ich ihr von Mr Ambroses Klienten erzählte, dem eine Überdosis das Leben gekostet hatte.
»Vielleicht hat Dr. Munjal recht und sie ist wirklich an einem Herzinfarkt gestorben«, räumte ich ein. »Trotzdem könnten wir genauso richtig liegen. Was, wenn man ihr ein Gift verabreicht hat, das einen Herzinfarkt auslöste?«
Miss Judson ließ es sich durch den Kopf gehen. »Digitalis stammt von Fingerhut«, sagte sie nachdenklich.
»Das sind Blumen, richtig?« Ich setzte mich auf. »Hatte Miss Wodehouse welche? Wie sehen sie aus?« Band VIII versäumte es, eine Illustration der Pflanze abzubilden, und ich fand es gerade viel zu gemütlich, um für Band X aufzustehen.
Miss Judson griff nach ihrem Skizzenbuch. »Ich glaube, ich habe ein Bild … hier. Von der Einpflanzung nahe der Eingangstür.« Sie hielt mir eine Zeichnung von einer hochgeschossenen Blume mit mehreren Reihen an glockenförmigen Blüten hin, die an einem zentralen Stängel wuchsen. Digitalis bedeutete »fingerförmig«, war gemeinhin auch bekannt als Fuchskraut oder Fuchshandschuh, und es fehlte nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie Füchse die Blüten wie Handschuhe über die Pfötchen streiften (wenngleich das wissenschaftlich nahezu unmöglich ist).
Ich sah mir den Lexikoneintrag noch einmal an. »Eine Arznei für Herzkrankheiten, Hydrops – das ist Wassersucht – und Nierenleiden«, las ich vor. »Hatte Miss Wodehouse etwas in der Art?«
»Hätte sie Wassersucht gehabt, wäre uns das nicht entgangen«, sagte Miss Judson. »Sie war ja so ein dürres kleines Ding.«
»Schwellungen scheiden also aus. Doch Herzkrankheiten machen sich nicht unbedingt äußerlich bemerkbar. Genauso wenig wie Nierenleiden.« Ich nahm einen Schluck Kakao, der inzwischen kalt geworden war. »Hier steht, dass es gefährlich ist, einem Patienten ohne Herz- oder Nierenproblemen Digitalis zu verabreichen. Selbst kleine Dosen können tödlich sein.«
In einer fließenden Bewegung setzte Miss Judson sich wieder auf. Sie fischte sich ein Stück Toast vom Tablett, aß es jedoch nicht. »Sollte sie an Digitalisvergiftung gestorben sein«, sagte sie, »was bei Weitem nicht feststeht, dann hat sie entweder die Pflanze gegessen oder das Medikament eingenommen.«
»Oder jemand hat es ihr gegeben.« Bevor oder nachdem er sie in den Matsch gestoßen hatte.
Nun schwieg Miss Judson eine ganze Weile, bevor sie darauf etwas sagte. »Ich glaube, versehentliche Einnahme wäre mir lieber.«
»Also absichtlich hätte sie das sicher nicht gegessen.« Ich stand auf und lief auf und ab. »Wir vergessen Peony«, sagte ich. Die Katze war noch immer verschwunden. »Allmählich kommt ganz schön viel zusammen.«
»Wir brauchen ein Schaubild.« Miss Judson war eine große Vertreterin von Schaubildern. Der Unterrichtsraum war reich geschmückt mit verschiedensten Exemplaren: Mendelejews Periodensystem, eine Kopie von Kopernikus’ Sonnensystem, sogar ein gerahmtes Anatomie-Schaubild, das früher Mum gehört hatte. Die einzige Wand, die nicht von Diagrammen oder Fenstern bedeckt war, verfügte über die volle Breite und Länge über eine Kreidetafel mit einem zusätzlichen Aufsatz, den man hin und her schieben konnte. Ich schob ihn zur Seite, löschte die Lektion über Abessinien von letzter Woche und begann, in Stichpunkten alles aufzuschreiben, woran ich mich von Dr. Munjals Befund und dem Gespräch mit Trudy noch erinnern konnte. Das augenscheinliche Herzversagen, die Blutergüsse, das Fehlen von Wasser in der Lunge. Das besudelte Bad und der Blütenstaub auf dem Nachthemd.
»Vergiss nicht die Fußabdrücke. Und den Zigarrenschneider.«
»Und dass Mr Hamm gelogen hat«, ergänzte ich. Die Kreide mitten in der Luft, hielt ich inne. Es waren seine Fußspuren gewesen, die ich gefunden hatte, außerdem wohnte er auf dem Grundstück und hatte Zugang zu den Pflanzen. Zudem war er die eine Person, der Miss Wodehouse mitten in der Nacht noch am ehesten begegnen würde. »Ist es leicht, Digitalis aus Fingerhut zu gewinnen?«
»Woher sollte ich das wissen?«, antwortete Miss Judson. »Doch in diesem Eintrag heißt es, dass alle Teile der Pflanze giftig sind. Viel gehört nicht dazu, um aus Blättern einen Tee zu kochen.«
Ich wandte mich zu ihr um. »Ein berufsmäßiger Gärtner würde wissen, dass Fingerhut giftig ist. Oder?«
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