Читать книгу: «Starke Kinder»

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Das Buch

Konsumdenken, Konkurrenzverhalten, Gewalt, Drogen, Pier-cing, Sex-Kommerz... Kinder sind heute einer Vielzahl von Zeitgeist-Einflüssen wie gewaltverherrlichenden Filmen, sexuell orientierten Fernsehshows, Rap-Texten und Gruppenzwängen ausgesetzt. Und sie lassen sich davon beeinflussen, wenn sie „fremdgesteuert und zu schwach sind, statt auf ihre eignen Stärken zu vertrauen.

"Starke Kinder" zeigt, wie Eltern ihren Kindern helfen können, tiefes Selbstvertrauen zu entwickeln - das sie gegen schädliche Einflüsse immun und fähig macht, verantwortungs-und selbstbewusst den Weg durchs Leben zu gehen.

Dr. Elisa Medhus lässt Kinder, Eltern und Lehrer zu Wort kommen und gibt eine Fülle praktischer Tipps: - Wie Kinder Selbstachtung, Mitgefühl, Zivilcourage und Selbstverantwortung entwickeln, statt im Außen nach falscher Anerkennung zu suchen - Wie Eltern und Alleinerziehende Konflikte gewaltfrei lösen und ihre Kinder unterstützen, statt sie zu bevormunden - Wie Problemsituationen konkret zu lösen sind - mit 90 Fallbeispielen!

Die Autorin

Dr. Elisa Medhus ist praktische Ärztin und arbeitete 13 Jahre in eigener Praxis.

Sie ist Mutter von fünf Kindern und lebt heute mit ihrer Familie in Houston, Texas.

Elisa Medhus

Starke Kinder

Wie Sie Kinder vor schädlichen Einflüssen schützen

Übersetzt von Ilse Fath-Engelhardt


Inhaltsverzeichnis

Umschlag

Das Buch / Die Autorin

Titel

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Danksagung

Die Grundlagen Einführung

Worum es in diesem Buch geht

Die fünf Wesensmerkmale selbstbewusster Kinder

Außengesteuertheit versus Eigenverantwortung

Die Praxis 1 Die richtige familiäre Atmosphäre schaffen

Angepasstes Verhalten reduzieren

Bedeutung von Geschwistern

Der Familienzusammenhalt ist wichtig

2 Kinder zum Nachdenken bringen

Acht Hilfestellungen zur Selbstbeobachtung

3 Auf das eigene Gefühl hören lernen

4 Kinder Einfühlung lehren

5 Strafen sinnvoll gestalten

Was unter sinnvollem Strafen zu verstehen ist

Zwölf Grundvoraussetzungen der Selbstdisziplin

Acht sinnvolle Erziehungsmethoden

6 Kinder aus Fehlern lernen lassen

7 Einflüssen der Außenwelt begegnen lernen

Drogen und Alkohol

Gewalttätigkeit bei Kindern

Moderne Technik

Stress im Alltag

Konsumdenken versus Bescheidenheit

Sexualität

Schönheitsideale und individuelle Schönheit

Gewinner-Verlierer-Einstellung und Konkurrenzdenken

Weitere Ratschläge Besondere erzieherische Herausforderungen

Wie sich im einzelnen Eigenverantwortung fördern lässt

Missgeschicke

Handgreiflichkeiten

Alkohol-, Drogen- und Zigarettenkonsum

Tierquälerei

Schlechte Angewohnheiten (in der Nase bohren, Nägelkauen etc.)

Freches Reden gegenüber den Eltern

Schlechte Noten

Wasserscheu bei Kleinkindern

Theater beim Zubettbringen

Bettnässen

Betteln

Theater mit Geburtstagspartys

Anderen die Schuld geben (Mangel an Verantwortung)

Body Piercing, Tatoos und andere Schönheitsmaßnahmen

Langeweile

Wenn ausgeliehene Dinge nicht zurückgegeben werden

Angeberei

Zähneputzen und Körperpflege, im Allgemeinen

Rüpelei

Theater im Auto

Spicken in der Schule

Übergroße Anhänglichkeit

Cliquen

Jugendkriminalität

Lamentieren

Zuviel Geschrei

Sektenkontakt

Nichteingehaltene zeitliche Vereinbarungen

Flüche und andere Kraftausdrücke

Trödeln und Trägheit

Trotz

Forderndes Verhalten

Anstöße geben in Richtung Eigenverantwortung

Beschädigung fremden Eigentums

Respektlosigkeit

Theater mit dem Anziehen

Theater rund ums Essen

Zappeligkeit

Vergesslichkeit

Theater mit Freunden

Kontakt mit einer Gang

Wenn die Sachen anderer ungefragt benützt werden

Wenn woanders hingegangen wird, als abgemacht

Frühreifes Verhalten (Make-up, Kleidung, Rendevous, Sex etc.)

Wenn sie sich dumm anstellen

Theater mit den Hausaufgaben

Wenn die Kinder krank spielen

Wenn Kinder ins Wort fallen

Eifersucht

Bequemlichkeit

Das Verlieren von Sachen

Lügen

Manipulatives Verhalten

Manieren (Schlechte)

Materialismus und Konsumdenken

Theater mit den Essenszeiten

Unordentlichkeit

Theater beim Aufstehen

Negativität

Alpträume

Lärm

Stänkerei und Stichelei

Pornografie und sexuelle Verantwortungslosigkeit

Falsche Versprechungen

Theater in der Öffentlichkeit

Wenn sie von zu Hause weglaufen

Wenn Sicherheitsregeln gebrochen werden

Stören im Unterricht

Schulangst

Verfrühter Sex

Borgen und Besitzgier

Schüchternheit

Rivalität unter Geschwistern

Spucken

Fairness (mangelnde)

Ladendiebstahl und Stehlen überhaupt

Schmollen und Beleidigtsein

Wutanfälle (körperliche und verbale)

Petzen

Schimpfwörter

Telefonier-, Fernseh- und Computersucht

Daumen- und Fingerlutschen

Probleme mit dem Sauberwerden

Wenn alles angefasst wird

Schuleschwänzen

Unzuverlässigkeit und Verantwortungslosigkeit

Eitelkeit

Verschwendungssucht

Jammern

Rückzug ins Zimmer

Die Einschränkungsstufen

Bibliographie

Impressum

Widmung

In jedem von uns wohnt die Wahrheit,

und jeder von uns sollte sie in sich suchen

und sich von ihr leiten lassen.

Aber niemand hat das Recht,

anderen seine Wahrheit

aufzuwingen.


– Mahatma Gandhi


Dieses Buch möchte ich meinen wichtigsten Lehrern widmen: meinem Ehemann, Rune, und meinen fünf wunderbaren Kindern: Kristina, Michelle, Erik, Lukas und Annika. Mit großer Zuversicht widme ich es außerdem allen Eltern, die heute mit viel Enthusiasmus und großer Opferbereitschaft versuchen, ihren Kindern Orientierungsmaßstäbe zu vermitteln, die ihnen selbst heilig sind. Ihre Hingabe, ihr Weitblick und ihre Ausdauer geben Grund zur Hoffnung, dass die Menschheit noch eine Zukunft hat.

Danksagung

Dankbarkeit ist das Gedächtnis des Herzens.

– Französisches Sprichwort


Die Arbeit an diesem Buch hat mein Leben unglaublich bereichert. Es war wunderbar, so viel dazulernen zu dürfen. Ich bin in dieser Zeit vielen interessanten Menschen begegnet, die mir alle auf ihre Art weiterhalfen und ihren Teil zu diesem Buch beitrugen.

In Hochachtung danke ich meiner Mutter und meinem Vater, die mir niemals zu verstehen gaben, ich sei „unfähig“, „beschränkt“ oder „unmöglich“.

Auch möchte ich meiner lieben Freundin Sarah danken, durch die ich erfahren darf, wie gut wahre Freundschaft tut.

Ebenso möchte ich den vielen Autoren danken, aus deren Büchern über Erziehung und Spiritualität ich zahlreiche wertvolle Anregungen bekam.

Ganz großer Dank auch an meine älteste Schwester Teri, meiner steten Vertrauten, Ratgeberin und besten Freundin.

Meiner jüngsten Schwester Denise, deren Spiritualität ich immer wieder zutiefst wertschätze und deren Leben mich so viel über Liebe und Mitgefühl gelehrt hat, meinen allerherzlichsten Dank und meine Bewunderung.

Dank auch an alle meine Bekannten und Nachbarn, die sich für das Thema Erziehung interessierten, und mir bei meinen Unternehmen stets mit Rat und Tat zur Seite standen.

Weiterer Dank ergeht an meine PR-Agentin und zweite Stimme Tammy Richards, für die professionelle Unterstützung bei der Verbreitung dieser wichtigen Botschaft.

Und danken möchte ich schließlich auch Cindy Black, Laura Carlsmith und allen anderen wunderbaren Mitarbeiterinnen bei Beyond Words Publishing, deren Begeisterung für dieses Thema auf jeder Seite spürbar ist und durch deren Sachkenntnis ich vielleicht noch zu der Autorin werde, die ich sein möchte.

Die Grundlagen

Eltern wundern sich über das ungenießbare Gewässer,

wo sie doch selbst die Quelle verderben.

- John Locke

Einführung

Das Bergeversetzen beginnt mit

dem Abtragen kleiner Steine.

– Anonym

Worum es in diesem Buch geht

Gleicht Elternschaft nicht oft einer gefährlichen Gratwanderung? Ich finde schon. Denn als Eltern versuchen wir unseren Kindern beizubringen, sich sowohl vor äußeren Gefahren in Acht zu nehmen, wie Drogen- und Alkoholkonsum, Bandentum, Gewalttätigkeit und Selbstmord, als auch innere Fallen zu vermeiden, wie Zynismus, Essstörungen, Verantwortungslosigkeit und Unbeherrschtheit. Probleme zuhauf! Da erscheint die Zukunft unserer Kinder manchmal geradezu trostlos. Wie dem auch sein mag, unsere Aufgabe ist es, sie zu erfolgreichen, kompetenten, selbstbewussten und selbständigen Mitgliedern der Gesellschaft zu erziehen.

Als Ärztin habe ich oft Gelegenheit, Einblicke in Lebensverhältnisse zu bekommen, die einem normalerweise verwehrt bleiben. Patienten vertrauen mir ihre geheimen Sorgen und familiären Probleme an, und es ist schon erstaunlich, was ich im Lauf der Jahre zu hören bekam. Auf der einen Seite gab es Patienten, die offenbar „alles“ hatten, zumindest, was ihren Sozialstatus betraf. Und doch waren sie nicht selten unzufrieden, frustriert und depressiv; klagten über die Inhaltslosigkeit ihres Lebens. Ich erinnere mich besonders an einen Familienvater, der mehrere Autos, eine große Yacht, wertvolle Grundstücke und in einer exklusiven Wohngegend ein Haus mit 700 m2 Wohnfläche besaß. Er konnte die teuerste Designerkleidung für seine Familie bezahlen und seine Kinder in die besten Eliteschulen schicken. Trotz all dieser Annehmlichkeiten war er völlig am Ende. Zwei seiner Kinder hatten nichts Besseres zu tun, als sich mit Drogen die Langeweile zu vertreiben, und sein drittes war bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen. Unterstützung in der Ehe fand der Ärmste so gut wie keine, weil ihn mit seiner Frau wenig bis gar nichts verband, denn oft stritten die beiden miteinander. Kurz, dieser Mann hatte einen materiellen Status erreicht, der in unserer Gesellschaft mit persönlichem Glück gleichgesetzt wird. Aber dieses Glücksversprechen hatte sich als hohl erwiesen. Im Gegenteil, dass dieser Mann sich an äußere Wertmaßstäbe gehalten hatte, statt sich ernsthaft zu fragen, was gut für ihn wäre, hatte zu seinem Unglück geführt.

Andererseits erinnere ich mich an einen Patienten mit einer wunderbaren Frau und sechs Kindern, die in einem alten Wohnwagen von der Hand in den Mund lebten. Er war ungelernter Arbeiter in einer Firma, die Bohrtürme herstellte. Alles drehte sich bei ihm um das Wohl der Familie und nicht um sein Image oder darum, es nur möglichst bald besser zu haben. Was für einen Schwung die Familie mitbrachte, wenn sie in meine Praxis kam, und wie aufrichtig sie sich freuen konnten! Unter ihnen herrschte ein Zusammenhalt und eine Liebe, die sich von keinen Äußerlichkeiten blenden ließ. Ihnen waren Guess Jeans, Sketchers Boots oder andere Markenkulte egal. Den Eltern war es recht, dass die Kinder die öffentliche Schule besuchten, da sie ihre erzieherische Verantwortung ernst nahmen, sich auch in der Schule engagierten und darauf achteten, dass die Hausaufgaben gemacht wurden. Und der Weiher hinter dem Wohnwagen hatte den Kindern mehr an Spaß zu bieten als es eine Yacht mit einem Motor von eineinhalb Meter Durchmesser auf dem Lake Travis gekonnt hätte. Dieser Mann war glücklich, weil er nach vernünftigen Grundsätzen handelte. Er orientierte sich an Werten, die er selbst eingesehen hatte, statt blind den Anforderungen einer Außenwelt zu genügen, die keinerlei Rücksicht auf seine innere Befindlichkeit nahm.

Obwohl ich diese Beobachtungen interessant fand, dauerte es noch eine ganze Weile, bis ich sie im Zusammenhang mit den Problemen unserer Zeit sah. Ich konnte nur fassungslos den Kopf schütteln, wenn mir bei meiner morgendlichen Zeitungslektüre Horrornachrichten begegneten, dass Kinder ihre Eltern oder Geschwister umbrachten, Gangmitglieder Mordlisten führten, Mütter ihre Kinder im Keller anketteten und in ihren eigenen Exkrementen wälzen ließen. Mir war die Verrohung und Depersonalisierung hinter diesen Taten ein Rätsel, dass man so leichtfertig das Leben anderer aufs Spiel setzen konnte, an dem mir als Ärztin so sehr gelegen war.

Eines Tages las ich dann eine Nachricht, die entschieden zu viel war. Eine junge Mutter hatte ihren zweijährigen Sohn wegen eines trivialen Ärgernisses umgebracht, in Stücke geschnitten, in einer Kasserolle gebraten und an ihre Hunde verfüttert. In diesem Augenblick stand für mich fest, dass ich etwas gegen diesen Wahnsinn unternehmen würde. Ich wollte für eine Welt aktiv werden, der ich so viel verdankte und in der meine Kinder leben müssten.

Ich begann mich mit Pädagogik auseinander zu setzen und betrieb Feldstudien. Ich interviewte Hunderte von Lehrern, Eltern und Kindern in Texas und Kalifornien, und selbst im fernen Norwegen. Die meisten Kinder wurden während der Mittagszeit oder während der Pause befragt, mit Erlaubnis der Eltern und Schulleiter. Andere wurden telefonisch interviewt. Und in diesem Buch wird auf dieses Material immer wieder zurückgegriffen werden.

Ich begann, mich für die großen Zusammenhänge der gesellschaftlichen Missstände zu interessieren. Denn mir war bei den Gesprächen aufgefallen, dass man die sozialen Probleme gewöhnlich oberflächlich zu lösen versuchte, statt sie bei der Wurzel zu packen. Es wurden bestenfalls Symptome gelindert, aber keine Krankheiten geheilt. Zum Beispiel stecken wir in die Gangbekämpfung, in Sozialreformen und in Aufklärungskampagnen gegen Drogen- und Alkholkonsum jede Menge Geld. Wir ziehen gegen Drogenhändler und Kriminelle zu Felde. Und all das geschieht, ohne dass wir uns jemals die eine entscheidende Frage stellen – Warum haben wir überhaupt all diese Probleme?

Meine Antwort: wir haben diese Probleme, weil wir unsere Kinder mehr zur Anpassung erziehen als zur Eigenverantwortung. In anderen Worten, wir bringen ihnen bei, sich im Leben mehr um das Lob und die Anerkennung anderer zu bemühen, statt um das eigene Nachdenken. Das ist die große Gefahrenquelle, dass wir den eigenen Verstand verraten, der uns vor allen anderen Lebewesen auszeichnet.

Selbstbewusste Kinder hingegen entwickeln einen scharfen Verstand, mit dem sie sich einen Weg durch den Dschungel äußerer Einflüsse bahnen: sie durchdenken alle möglichen Konsequenzen ihres Tuns, verlassen sich auf ihre innere Kontrollinstanz. Selbstbewusste Kinder tun das, was sie für richtig halten, und nicht das, was ihnen größeres Ansehen brächte. Es ist dieses selbständige Nachdenken, dieser innere Dialog, der verantwortliches Handeln auszeichnet. Und wir sollten unsere Kinder so früh wie möglich zu dieser Eigenverantwortung erziehen.

Die fünf Wesensmerkmale selbstbewusster Kinder

Wenn Kinder in den inneren Dialog treten und eigenständig zu handeln anfangen, bilden sich zwei Charakterzüge heraus: ein starkes Selbstbewusstsein und ein großes Bedürfnis, sich innerhalb der Gemeinschaft nützlich zu machen. Aus diesen beiden Wesenszügen entspringen fünf Eigenschaften, die sie als selbstbestimmte Wesen auszeichnen.

1. Selbstachtung/gesundes Selbstvertrauen

Selbstbewusste Kinder haben ein Selbstvertrauen entwickelt, das sie dazulernen und persönlich wachsen lässt. Der Verstand ist in der Tat ein unvoreingenommener und nicht nachtragender Richter. Er versetzt die Kinder in die Lage, Niederlagen zu verkraften, aus Fehlern zu lernen und zu eigenen Schwächen zu stehen, ohne dadurch an Selbstwertgefühl einzubüßen. Weil solche Kinder nicht bloß auf äußere Einflüsse reagieren, verhalten sie sich weniger defensiv. Sie nehmen die Dinge nicht gleich persönlich. Kinder finden nur in einer Atmosphäre bedingungsloser Liebe und Anerkennung zu dieser Einstellung.

2. Tüchtigkeit

Selbstbewusste Kinder können ihre Umwelt begreifen und sie beeinflussen. Da sie Fehler nicht als etwas erleben, das ihnen ihr Selbstwertgefühl raubt, sind sie unternehmungslustig und erkunden ihre intellektuellen und körperlichen Grenzen. Sie sind kompetent. Auch wenn ihnen manches misslingt, haben diese Kinder im Lauf der Jahre einiges vorzuweisen, was Erfolge und Fertigkeiten betrifft. Sie werden immer selbstsicherer. Ihr Selbstwertgefühl und Kompetenzempfinden wächst. Selbstbewusste Kinder werden in Umgebungen groß, in der sie zur Entwicklung ihrer Fähigkeiten und zu neuen Unternehmungen ermutigt werden, ohne eine Versagensangst eingeimpft zu bekommen. Sie erfahren, dass sie sich weder lächerlich machen, noch sich schämen müssen, noch Kritik zu fürchten brauchen, wenn einmal etwas daneben geht. Doch ihnen werden nicht die Konsequenzen ihrer Fehler erspart.

3. Selbständigkeit

Selbstbewusste Kinder entfalten durch ihre Tüchtigkeit ein Gefühl der Selbständigkeit – das heißt die Fähigkeit, zu eigenen Entscheidungen zu stehen. Ihr Nachdenken macht sie zu unabhängigen Problemlösern. Sie lassen sich bei ihren Entscheidungen nicht so leicht von äußeren Einflüssen leiten. Unverständige und abhängige Menschen zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie sich kaum äußeren Einflüssen widersetzen können.

4. Zivilcourage

Da selbstbewusste Kinder sachlich denken können – und sich nicht nur an den Erwartungen anderer orientieren – tendieren sie mehr dazu, mehr im Eigeninteresse zu handeln, statt rücksichtslos Interessen zu verfolgen. Moralisch ausgedrückt, selbstbestimmte Menschen bemühen sich darum, das grundsätzlich Richtige zu tun. Wenn zum Beispiel Timmy auf dem Pausenhof einen Briefumschlag findet, in dem sich das Mittagessensgeld eines Mitschülers befindet, wird ihm seine innere Stimme sagen, dass er sich schlecht fühlen wird, wenn er es behält, weil der den rechtmäßigen Besitzer damit in Schwierigkeiten bringt. Oder nehmen wir an, Kristina sieht, wie ihre beste Freundin von einigen modebewussten Mitschülerinnen wegen ihrer altmodischen Kleidung gemobbt wird. Wird sie ihr beistehen und dabei riskieren, dass auch sie von der Gruppe ausgelacht und „ausgestoßen“ wird? Oder wird sie sich davonschleichen und hoffen, dass sie niemand dabei sieht? Oder noch schlimmer, wird sie sich dem Mobbing anschließen? Wenn sie selbstbewusst ist, wird sie ihren moralischen Grundsätzen entsprechend handeln: sie wird ihrer Freundin beistehen. Ihre innere Stimme sagt ihr, dass sie sich sonst wie eine Verräterin vorkommen wird. Sie sähe auch, dass sie mit ihrer Untreue die Freundschaft aufs Spiel setzt – eine Folge, die sie sicher vermeiden will. Da sie ein starkes Selbstbewusstsein und eine gesunde Selbstachtung hat, braucht sie die Anerkennung der beliebten Mädchen überhaupt nicht. So wird die Entscheidung leicht sein. Die Logik moralischer Grundsätze und Werte erklärt die große Selbstbeherrschung, Selbstdisziplin und Rechtschaffenheit selbstbewusster Kinder.

5. Sie tun sich in der Gruppe hervor

Der Mensch ist ein Herdentier, das heißt, wir alle haben das Bedürfnis nach einem sinnvollen Platz in der Gruppe und richten unser Denken und Tun danach aus. Manche Kinder tun und glauben alles, was die Gruppe vorschreibt, nur um dazu zu gehören. Sie stellen damit ihre Anpassung über das Bedürfnis, etwas Eigenes zur Gruppe beizutragen. Wenn Kinder vor allem auf Anerkennung aus sind, sind sie außengesteuert. Weil sie von ihrer Umgebung dazu veranlasst wurden, haben sie ihre eigene Identität mehr oder weniger aufgegeben und durch ein von außen bestimmtes Selbstbild ersetzt. Die bedingende Erziehungsform scheint den Vorteil zu haben und wird deswegen wohl auch angewendet, dass sich so mit Kindern offensichtlich leichter fertig werden lässt, - solange wir diejenigen sind, deren Wünschen sie sich anpassen. Es ist so bequem, wenn sie sich wunschgemäß verhalten. Leider gilt es dann für andere äußere Einflüsse ebenso, denen sie unvermeidlich ausgesetzt sein werden – Altersgenossen und Medien zum Beispiel – und schon ist die Pandorabüchse der Erziehungsalpträume geöffnet.

Dann gibt es Kinder, die durch eigenständige Beiträge ihren Platz in einer Gruppe finden wollen – und zwar mehr, weil sie die Gruppe gut finden, und weniger, weil die Gruppe sie ausgewählt hat. Sie sind eher geneigt, sich Anerkennung in der Gruppe zu verdienen als zu erzwingen. Solche Kinder sind selbstbewusst. Und da sie die Gruppe nicht unbedingt als Ideengeber brauchen und ihre Umgebung als weniger bedrohlich erleben, können sie sich innerhalb der Gruppe sinnvoll hervortun. Sie müssen nicht blind gehorchen, und jedes hüh und hott mitmachen. Durch ihre vielen Fertigkeiten können sie sich geschickt einbringen und Wertvolles für die Gruppe leisten. Und durch dieses Beitragen werden sie wieder in ihrem Selbstvertrauen, und ihrem Selbstwertgefühl bestärkt. Sie werden noch selbständiger. Man sieht, wie sich dieser Prozess selbst verstärkt.

Selbstbewusste Kinder finden durch ihr entschlossenes Auftreten sehr leicht Anschluss. Sie brauchen keinen Verbündeten, um sich sicher zu fühlen. Da sie sich ihre grundsätzliche Selbstachtung über keine Gruppe holen müssen, können sie sich die Gruppen, zu denen sie gehören möchten, selbst auswählen sowie über den optimalen Einsatz ihrer Stärken und Fähigkeiten entscheiden. Sarah könnte zum Beispiel mit ihrem Organisationstalent eine Nachhilfegruppe für lernschwächere MitschülerInnen gründen, aber auch vermittelnd eingreifen, wenn es Streit zwischen Mitschülern oder unter den Geschwistern gibt.

Der Nachteil ist, dass selbstbewusste Kinder oft schwer lenkbar sind. Schließlich haben sie ihren eigenen Kopf, und da kann es schon manchmal vorkommen, dass ihre Vorstellungen mit unseren kollidieren. Aber unsere Erziehungsaufgabe ist ja, sie anzuleiten, auf ihre Art mit dem Leben zurecht zukommen, und nicht, mit ihnen fertig zu werden. Und was dürfte der Menschheitsentwicklung noch zuträglicher sein? Kämen die Houston Astros sehr weit, wenn alle Zwischenspieler wären? Natürlich nicht. Eine Gruppe benötigt Anführer, Vermittler, Sympathisanten, Jäger, Sammler, Heiler, Erfinder, Lehrer und so weiter.

Indem wir unsere Kinder zur Selbständigkeit anleiten, können wir als Eltern aus diesem Herdentrieb Kapital schlagen. Schließlich wollen sie uns, den Alphawölfen, instinktiv gefallen. Sie wollen das Gefühl haben dazuzugehören und etwas Besonderes leisten. Unsere Aufgabe ist es, ihnen zu zeigen, wie das geht, und dabei soll dieses Buch helfen. Ermutigen wir sie also zur Eigenständigkeit statt zur Anpassung. Ermutigen wir sie dazu, sich lieber verdient zu machen, als Anerkennung zu erbetteln, lieber auf eigene Beiträge zu setzen als auf Konformität.

Vielleicht fragen Sie sich, „Was bringt es, diese Eigenschaften zu fördern und Kinder zur Eigenverantwortlichkeit zu erziehen?“ Ich behaupte, dass, wenn Kinder diese fünf Eigenschaften haben, sie nicht mehr nach äußeren Quellen der Anerkennung suchen müssen. Je weniger sie auf äußere Einflüsse bauen, desto stärker werden diese fünf Eigenschaften in ihnen und desto weniger brauchen sie die äußere Welt zur Ausbildung oder Stärkung ihrer Identität. Es ist eine unendliche Aufwärtsspirale Richtung Selbstverwirklichung. Schließlich haben sie, was sie zu ihrem Glück in der Welt brauchen. Und Hand aufs Herz: Was können wir mehr verlangen?

Außengesteuertheit versus Eigenverantwortung

Wir wollen nun etwas genauer betrachten, was Außengesteuertheit gegenüber Eigenverantwortung bedeutet. Dazu müssen wir bei der frühkindlichen Ich-Entwicklung beginnen. Wir werden sehen, wie in den verschiedenen Phasen, in denen sich der Verstand ausbildet, verschiedene Entscheidungen fallen. Sie bewirken ab einem bestimmten (Ich-Findungs-) Punkt, dass entweder die Urteilskraft nachlässt und die Anpassung an die äußeren Faktoren überwiegt, oder dass das eigene Tun und Lassen dem individuellen Richtigkeitsempfinden entspringt. Ersteres ist der Weg der Außengesteuertheit bzw. Fremdbestimmtheit, letzteres derjenige der Eigenverantwortung.

Neugeborenenstatus

Bei der Geburt haben Kinder kein konkretes Selbstbild. Wie sollten sie auch, da sie sich ihrer Möglichkeiten und Grenzen noch völlig unbewusst sind? Schließlich entwickelt sich kein Selbstbild aus dem Nichts. Kinder brauchen zwischenmenschliche Begegnungen, damit sie durch diese individuellen Auseinander-Setzungen einen Begriff davon bekommen, wer sie sind. Es ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg ihrer Selbstfindung. In diesem Stadium sollten die Eltern sich auf die Gewahrwerdung ihrer innigen Verbundenheit mit dem Kind konzentrieren (natürlich neben der Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse). Kinder brauchen das Gefühl bedingungsloser Liebe und Fürsorge, damit sie später auf dem harten Weg der Selbsterkenntnis auch einen Rat von uns annehmen können. Bedingungslose Liebe gibt dem Kind zu verstehen, dass es so von uns angenommen wird, wie es ist, ganz gleich „was“ einmal aus ihm wird.

Kleinkindstadium

In diesem Stadium beginnen die Kinder, sich gezielt mit der Umgebung auseinander zu setzen und Gesetzmäßigkeiten ausfindig zu machen. Sie merken rasch, dass Aktionen Reaktionen bedingen, und verfolgen ganz genau, was womit zusammenhängt. Wenn Johnny schwarze Bohnensuppe vertropft, macht es „platsch“ und Mutti eilt herbei und jammert unbegreiflicherweise, während sie den schönen Klecks aufwischt. Oder wenn Rachel zum ersten Mal aus einer Tasse nippt, erlebt sie, wie man in ihrer Familie vor Freude jauchzt, auf und ab springt und sich überhaupt wie ein Haufen Verrückter aufführt. Die Beispiele zeigen uns, wie sich das kindliche Selbstverständnis in diesem Stadium anhand zunehmender Körperbeherrschung entfaltet und zwar in engem Zusammenhang mit äußeren Reaktionen darauf.

Vorschulkinder und jüngere Grundschüler

In dieser Phase sind Kinder erstmals massiv auf Beurteilungen anderer angewiesen. Nicht nur sind sie jetzt mehr Menschen ausgesetzt (wie LehrerInnen, MitschülerInnen, FreundInnen und NachbarInnen), sondern sie erkennen auch langsam, dass sie nicht von allen bedingungslos geliebt und anerkannt werden. Weiter sind die Kinder nun in dem Alter, wo sie verschiedene Fähigkeiten entwickeln, die kontrollierbar und kritisierbar sind, – wie schnell sie ihre Schuhe binden, wie gut sie lesen, ob sie den Ball weiter als einen Meter schießen können, und ob sie zugeben, Barney Videos geguckt zu haben. Dieses laufende Geprüft- und Gelobt- und Getadeltwerden spielt bei der Ausformung eines abstrakteren, äußerlichen Selbstverständnisses eine wichtige Rolle.

Ältere Grundschüler und weitere

Bereits ab der dritten Klasse vergleichen Kinder das eigene Selbstverständnis laufend mit den Bewertungen anderer. Sie sind sich schmerzlich bewusst, dass alles an ihnen von ihrer Umgebung beurteilt wird, Grundeinstellung, soziale Fähigkeiten, Persönlichkeit, intellektuelle Kompetenz, körperliche Erscheinung, Sportlichkeit und so weiter. In dieser Phase entscheidet sich gewöhnlich, ob sie ihr Selbstwertgefühl auf Fels oder auf Sand bauen – da die Kinder dazu übergehen, sich entweder hauptsächlich an äußeren Vorgaben zu orientieren, um in der Welt zurecht zu kommen, oder an eigenen Überlegungen. Wir werden später noch genauer auf die ausschlaggebenden Faktoren eingehen.

Selbstbestimmte Kinder lassen sich von ihrem Verstand leiten, indem sie äußere Einflüsse beobachten und einordnen. Durch dieses Nachdenken gelangen sie zu einer objektiven Selbsteinschätzung – statt sich Selbstbeschönigungen hinzugeben. Sie bedenken die Folgen ihres Tuns im voraus und handeln entsprechend. Ihr Tun ist eher ein Antworten als ein Reagieren. Diese Kinder sind aus sich selbst motiviert – voll eigener Gedanken und Ideen.

Außengeleitete Kinder passen sich hingegen jeder äußeren Anforderung an, ohne das eigene Urteilsvermögen zu bemühen. Ihr ungestilltes Anerkennungsbedürfnis verhindert eigenständige Entscheidungen. Es kommt lediglich zu einer „indirekten Selbstbestimmung“ und damit zu einer sozialen Maske – jener „So wie es sich gehört“-Fassade, die sich für die Selbstverwirklichung so hinderlich erweist. Und das Schlimme daran ist, dass das Selbstvertrauen um so mehr nachlässt, je besser die Fassade funktioniert.

Ein weiterer Nachteil mangelnder Eigenständigkeit ist, dass außengesteuerte Kinder nicht lernen, sich in der Kunst des Selbstgesprächs und der Selbstbeobachtung zu üben. Ohne diese Fertigkeiten ist keine Selbstbeherrschung möglich und deshalb sind diese Kinder so unberechenbar. Sie reagieren stets nur. Sie sind getrieben. Wir werden im Folgenden immer wieder fragen, warum Kinder den einen oder anderen Weg gehen. Dabei werden vor allem praktische Tipps gegeben, die die Entwicklung in Richtung Eigenverantwortung fördern.

Sollten Sie bei der Lektüre dieses Buches erschrocken feststellen, dass Sie Ihre Kinder bisher eher außengesteuert erzogen haben, im festen Glauben, alles richtig zu machen, geraten Sie nicht in Panik. Schließlich gehören Sie zu den wenigen Müttern oder Vätern, die sich um eine möglichst gute Erziehung ihrer Kinder bemühen. Ich versichere Ihnen, dass Ihre Kinder, sofern Sie die Ratschläge in diesem Buch beherzigen, bald eigenverantwortlich werden. Und es wäre kein Wunder, wenn auch Sie auf diesem Weg Fortschritte machen! Ich jedenfalls hatte vierzehn Jahre einen ziemlich außengerichteten Erziehungsstil gepflegt, bevor ich schließlich Erziehungsmethoden entdeckte, die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung fördern. Und es zeigten sich bald dramatische Effekte bei meinen Kindern (und mir). Man lernt außengesteuertes und selbstbestimmtes Verhalten grundsätzlich besser auseinander zu halten, sei dies nun an sich selbst, an seinen Kindern oder an anderen Menschen. Und je mehr Sicherheit man dabei gewinnt, desto leichter fällt der neue Erziehungsstil.

Stellen Sie sich vor, es gäbe nur selbstbestimmte Kinder auf der Welt! Wir wären dann eine Gesellschaft, in der wir in Kenntnis unserer wahren Stärken sinnvolle Rollen spielten und einander weiterbrächten. Wir würden unser Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten statt denjenigen anderer. Vergleichen wir das mit einer außengesteuerten Welt, in der die Menschen versuchen, einander den Rang abzulaufen, und auf der Jagd nach Spitzenpositionen sich selbst und andere verraten. Gehen wir noch einen Schritt weiter, und vergegenwärtigen wir uns, dass wir als Eltern es in der Hand haben, welchen dieser Wege die Menschheit gehen wird! Wir können mit unseren Erziehungsgrundsätzen an einer selbstbestimmten Welt mitwirken. Ich sage nicht, dass dies ein leichtes Unterfangen ist, ganz und gar nicht, denn die Menschheit hat Jahrhunderte außengesteuertes Verhalten auf dem Buckel, das sich über Meinungsbildung und gesellschaftliche Normen in den Einzelnen fortpflanzt. Und da diese Fremdbestimmung die Erziehung so allgemein betrifft, lauert überall der böse Wolf. Aber er kann in jedem von uns gezähmt werden. Wenden wir uns nun den sieben Erziehungsgrundsätzen zu, durch die dieser erstrebenswerte Wandel herbeigeführt werden kann.

Die Praxis

1
Die richtige familiäre
Atmosphäre schaffen

Die Sonne scheint von allein.

– Anonym

VON DEN SIEBEN ERZIEHUNGSGRUNDSÄTZEN ist dieser wohl der entscheidendste. Denn ohne eine Atmosphäre, in der Selbstbestimmtheit gedeihen kann, werden die anderen sechs Grundsätze nichts fruchten, so sehr wir uns auch anstrengen mögen! Genau so gut könnte man versuchen, die Golden Gate Brücke auf einem Seerosenblatt zu errichten. Legen wir also zunächst ein solides Fundament. Und dazu müssen wir uns als erstes genauer ansehen, wo wir der Anpassung in Kleinigkeiten übermäßigen Raum geben. Dann werden wir überlegen, wie sich solche schädlichen Angewohnheiten überwinden lassen.

Angepasstes Verhalten reduzieren

Drei elterliche Verhaltensweisen fördern übermäßige Anpassung beim Kind: Wenn man selbst Außengesteuertheit vorlebt, wenn man sein Kind unter Druck setzt und wenn man seinem Kind nichts zutraut.

Wenn man selbst Außengesteuertheit vorlebt

Wir sollten nicht vergessen, dass unsere Art, auf äußere Einflüsse zu reagieren, für unsere Kinder in mehrfacher Hinsicht ein Beispiel ist. Die Art unseres Handelns, Fühlens und Denkens entscheidet über das Selbstgefühl unserer Kinder, da sie durch uns lernen, wie man in der Außenwelt zurechtkommt: Mit uns verknüpfen sie ihre Zukunftsvorstellungen. Das kann einem ziemlich Angst machen. Und da die meisten von uns bis zu einem gewissen Grad außengesteuert sind, suchen auch wir Bestätigung bei anderen. Wenn wir also nicht aufpassen, geben wir mit unserem Verhalten ein Beispiel übermäßiger Anpassung ab.

Zuviel Anpassung dem „richtigen Image“ zuliebe

Unsere Kinder erfassen mit Leichtigkeit die leisesten Anzeichen von Außengesteuertheit. Wenn wir uns zum Beispiel ständig abkämpfen, um uns sozial besser zu stellen und nach oben zu kommen, werden unsere Kinder das bemerken. Wir schuften täglich rund um die Uhr, damit wir durch ständige Neuanschaffungen unseren Erfolg beweisen können. Wir versuchen, die richtigen Dinge zu sagen, die richtige Kleidung zu tragen, die richtige Ausstattung zu besitzen, den richtigen Job zu ergattern, den richtigen Status zu haben, im richtigen Augenblick die Ellenbogen zu benützen, alles nur, um im Konkurrenzkampf ums soziale Ansehen der Sieger zu sein. Unsere Kinder durchschauen unser Verhalten ganz genau. Und da sie oft nur unser erweitertes Ich darstellen, lassen wir sie entsprechend mitmarschieren.

Wie können wir also diese ungesunden Verhaltensweisen stoppen und uns aus dieser Tretmühle befreien? Wir könnten versuchen, unser Tun zu hinterfragen, und so oft wie möglich nach unseren Motiven forschen: Tun wir dies, weil wir es für richtig halten, oder nur deswegen, weil wir gesellschaftliches Ansehen gewinnen wollen? Wir sollten diesen inneren Dialog auch hin und wieder laut führen und vor unseren Kindern unsere Pläne und Motive erwägen. Indem wir sie an unseren Entscheidungsfindungen teilhaben lassen, beflügelt das ihren eigenen inneren Dialog. Sie lernen eigenständig Betrachtungen und Abwägungen durchzuführen.

Überbewertung bedingter Anerkennung

Vielleicht ist es unser größtes Anpassungsmotiv, dass wir uns zu sehr von bedingter Liebe und Anerkennung abhängig machen. Diese Abhängigkeit wird zum Beispiel deutlich, wenn wir uns nach Strich und Faden fertig machen, nur weil wir in der Arbeit in einer Kleinigkeit versagt haben. Wir glauben dann, überhaupt keine Liebe verdient zu haben, weil wir bestimmte Erwartungen, die wir selbst oder andere an uns stellen, nicht erfüllt haben. Wenn unsere Kinder mitbekommen, wie wir uns selbst herabsetzen, vermitteln wir ihnen den Eindruck, wir seien Ausgestoßene oder Verlierer, die keine Liebe verdienen. Wie sollten sie dann nicht zu dem Schluss kommen, dass die äußeren Einflüsse mächtiger sind, als ihr inneres Wesen?

Um keine solchen unterschwelligen Botschaften mehr zu vermitteln, sollten wir Selbstherabsetzungen möglichst vermeiden. Statt etwa zu sagen: „Warum habe ich Idiotin dem Chef nicht bloß ein teureres Geburtstagsgeschenk gemacht. Jetzt ist Cindy befördert worden und nicht ich!“ wäre es wesentlich günstiger, wenn wir sagen: „Mensch, ich habe wirklich mit der Beförderung gerechnet. Aber immerhin habe ich mein Bestes gegeben, und das war gut so. Sicher ergibt sich bald etwas anderes. Ich werde weiter mein Möglichstes tun.“ Auf diese Weise werden unsere Kinder merken, dass wir uns an das halten, was wir gut gemacht haben, statt uns an dem zu orientieren, was andere von uns halten. In anderen Worten, sie werden lernen, über das nachzudenken, was in ihrer Macht steht, statt sich über Dinge zu ärgern, die nicht in ihrer Macht stehen.

Zu hohes Anspruchsdenken

Wenn wir ein zu hohes Anspruchsdenken haben, lehrt das unsere Kinder ebenfalls, sich an Äußerlichkeiten zu orientieren. Und das betrifft auch ihre Einschätzung anderer Menschen und die Frage, wie sie sich ihnen gegenüber verhalten sollen. Haben wir zum Beispiel für einen älteren Nachbarn das Mittagessen mitgekocht, solange dessen Frau im Krankenhaus war, und schimpfen wir dann vor unseren Kindern, der alte Opa hätte nicht einmal danke gesagt, schließen sie aus dieser Bemerkung, dass gute Taten vergolten werden müssen. Sie fangen dann an, ihre Liebe und ihre Freundlichkeitsbezeugungen mit der Anerkennung abzurechnen, die sie erhalten.

Und aus diesem Anspruchsdenken wird langsam eine Anspruchshaltung. Die wirtschaftliche Schieflage in unseren Land beruht größtenteils auf einer überzogenen Anspruchshaltung ihrer Bürger. Es werden massenhaft ungerechtfertigte Privilegien abgeleitet. Und obwohl manche Forderungen gerechtfertigt sind und verteidigt werden müssen, sind es viele nicht, wie kostenloses Parken, Arbeitsplatzgarantie, billige Krankenversicherung, etc. Wenn unsere Kinder immer wieder diese Beschwerden hören, eignen auch sie sich eine Anspruchshaltung an. Sie entwickeln einen fordernden Lebensstil. Wir brauchen uns dann nicht zu wundern, wenn sie etwa verlangen, dass wir ihnen das Benzin und die Versicherung ihres Auto bezahlen. Und das mit der größten Selbstverständlichkeit.

Das überzogene Anspruchsdenken ist für den Geiz und die Korruption, die sich in der Gesellschaft mehr und mehr bemerkbar machen, wesentlich mitverantwortlich. Wir müssen unseren Kindern klarmachen, dass wir allein Anspruch auf unser Leben und unsere schöpferische Kraft haben, woraus sich alles andere ableitet. So können wir zum Beispiel Robert fragen, warum er für die Beaufsichtigung seiner jüngeren Geschwister bezahlt werden möchte, da wir zum Elternabend müssen. Gehen wir dann mit ihm die Gründe durch, wird er bald einsehen, dass er eine Verpflichtung mit einer Verdienstgelegenheit verwechselt hat.

Und was hat das mit Außengesteuertheit und Selbstbestimmung zu tun? Eine Menge! Das Anspruchsdenken nährt in unseren Kindern den Glauben, ihr Selbstwert hänge von anderen ab und sei an Äußerlichkeiten messbar. Damit keine solche Haltung in ihnen entstehen kann, sollten wir möglichst keine Erwartungen an unsere Freundlichkeit und Liebe knüpfen. Bemühen wir uns also um grundsätzliche Freundlichkeit und Zuvorkommenheit! Auf diese Weise werden unsere Kinder langsam begreifen, dass ehrliche Arbeit und gute Taten an sich lohnend sind und alles, was sie für ein gesundes Selbstwertgefühl brauchen, in ihnen selbst liegt.

Falscher Umgang mit Gefühlen

Wir alle gehen hin und wieder vor unseren Kindern falsch mit unseren Gefühlen um und geben dadurch ein schlechtes Beispiel ab. Zum einen leugnen wir bisweilen Traurigkeit, Enttäuschung, Schuldgefühle, Verlegenheit und Wut. Wenn Mutti partout keine Träne über Onkel Jacks Tod vergießen will, interpretiert ihr Kind Trauer als „ein schlechtes, verbotenes Gefühl.“ Zum anderen geben wir unseren Kindern ein schlechtes Beispiel im Umgang mit Gefühlen, wenn wir sie falsch adressieren. Wenn Vati in einer schrecklichen Laune heimkommt, weil er Stress in der Arbeit hatte, und dann diesen Ärger an seinem Kind auslässt, erhält dieses die Botschaft, dass es für die Gefühle anderer verantwortlich ist, ja vielleicht sogar Schuld an ihnen ist. Und wenn wir an negativen Gefühlen wie Ärger oder Kummer lange Zeit festhalten, ohne sie zu verarbeiten, ist das ebenfalls kein gutes Beispiel. Werden negative Gefühle gehegt, lernen unsere Kindern daraus, dass es für unangenehme Gefühle keine Lösung gibt und man sich damit eben abfinden muss.

Unser fehlerhafter Umgang mit Gefühlen fördert im doppelten Sinn die kindliche Außengesteuertheit. Erstens hilft es unseren Kindern, eine dickhäutigere Fassade aufzubauen, hinter der sie ihr wahres Selbst verbergen. Zweitens gibt es ihnen zu verstehen, dass Gefühle, jene wichtigen Kommunikationsmittel, zugunsten äußerer Einflüsse verändert, verdrängt oder geleugnet gehören. Dadurch werden unsere Kinder zur Unterwürfigkeit erzogen. Es lenkt ihre Aufmerksamkeit nach außen und lässt innere Kommunikationsformen verkümmern.

Wir sollten also versuchen, unsere Gefühle in einer gesunden Weise auszudrücken. Wir sollten versuchen, sie möglichst nicht zu unterdrücken, um Kritik und Lächerlichkeit zu vermeiden. Und wir sollten versuchen, sie dadurch zu entschärfen, dass wir nicht ewig an ihnen festhalten. Stellen Sie sich Emotionen wie eine Kiste frischen Fisch vor. Es ist o.k., die Fische zu kochen und zu essen, dazu sind sie schließlich da. (Sicher werden Sie irgendeinen Fisch finden, der mit dieser Aussage nicht einverstanden ist.) Aber die Reste sollten nicht zulange aufbewahrt werden, sonst fangen sie bald zu stinken an! Nehmen Sie sich ihrer an und lassen sie los. Wenn sie zu stinken anfangen, müssen wir sie dem armen Onkel Harry nicht vorwurfsvoll vor die Nase halten und behaupten, es sei sein Fisch! Wir sollten mit unseren Gefühlen (unserem Fisch) verantwortlich umgehen.

Wenn Kinder zu sehr unter Druck gesetzt werden

Ein zweite Erziehungsfehler ist, dass wir unsere Kinder oft zu sehr unter Druck setzen. Nichts trägt mehr zur Außengesteuertheit und Schwächung ihres Selbstvertrauens bei, als wenn wir Bedingungen an unsere Liebe knüpfen.

Liebe in Antwort auf wunschgemäßes Verhalten ist bedingte Liebe. Wir äußern unsere Liebe oft nur, wenn wir von unseren Kindern angetan sind, statt dies auch in Zeiten zu tun, wenn sie es am meisten brauchen. Sehen wir uns einige Formen bedingter Liebe an, bevor wir uns fragen, wie wir diese schlechten Angewohnheiten einstellen können.

Eingeschränkte Wertschätzung

Wir teilen unsere Liebe oft eingeschränkt mit, indem wir etwa sagen „Sei ein Schatz und hilf mir“, oder „Du bist ein Schatz, aber vorhin warst du wirklich ein wenig frech“. Diese „Wertungen“ legen unsere Liebe quasi an die Leine, an der sie herbeigezogen werden kann. Unsere Kinder müssen daher annehmen, sie müssten sich unseren Wünschen entsprechend verhalten, damit sie von uns geliebt und anerkannt werden. Ist dies einmal verankert, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie dies anderen gegenüber genauso machen. Damit unsere bedingungslose Liebe deutlich wird, sollten wir daher möglichst auf Zusätze verzichten, die unseren Kindern sagen, wir hätten sie mehr geliebt, wenn ...

Wenn nur Sonnenseiten verlangt werden

Oft scheinen wir unseren Kindern nur für Höchstleistungen ausdrücklich unsere Anerkennung zu zollen. Zum Beispiel klopfen wir ihnen anerkennend auf die Schulter, wenn sie ins Tennisteam kommen oder lauter Einsen im Zeugnis haben. Wir hängen ihre besten Arbeiten an die Kühlschranktür und schmeißen alles andere nicht ganz so Perfekte in den Müll. Kurz, wir loben unsere Kinder in den höchsten Tönen oder gar nicht. Damit geben wir ihnen zu verstehen, dass sie unsere Liebe nur verdienen, wenn sie unsere Ideale erfüllen!

Doch wir sollten unsere uneingeschränkte Liebe deutlich machen. Unsere Kinder brauchen herzliche Zuwendung unabhängig von ihren Noten, Meinungen oder momentanen Kleidungsvorlieben. Wir könnten Tommy sagen, wie gern wir ihn haben, wenn er nach einem langen schwierigen Schultag ganz missmutig heimkommt. Wir könnten Alice herzlich umarmen, weil sie im Alleingang ihr Volleyballteam angefeuert hatte, das haushoch verlor. Wir könnten auch das 2+ Diktat an die Kühlschranktür hängen, wenn Peter besonders viel dafür geübt hat.

Vielleicht sollten wir auch weniger auf Worte und mehr auf Taten setzen. Wenn wir unseren Kindern durch Taten „Ich liebe dich“ sagen, ist das so, als sprächen wir durch ein Megaphon. Es ist einfach ein Knüller. So könnten wir mit ihnen gemeinsam in einem Malbuch Bilder ausmalen. Wir könnten ihrer Pausenbrottüte einen kleinen Grußzettel beilegen. Auch eine wortlose kurze Umarmung ohne besonderen Grund vermag Kindern deutlich zu machen, wie sehr wir sie lieben.

Wir machen sehr schnell den Fehler, uns nur auf die Rollen zu konzentrieren, die unsere Kinder einmal spielen sollen, statt sie als die Personen zu akzeptieren, die sie gerade sind. Es ist o.k., sie in ihrem Fleiß und Ehrgeiz zu bestätigen. Aber sie nur dafür zu loben, weil sie Neurochirurg werden, eine gute Note in der nächsten Physikschulaufgabe bekommen, oder Klassensprecher oder Klassensprecherin werden wollen, und sich dafür kräftig ins Zeug legen, ist nicht o.k. Wir sollten ihnen auch zu verstehen geben, dass sie an sich schon außergewöhnlich sind. Bethany, 13, sagt: „Ich weiß, dass mich meine Mutti so liebt, wie ich bin, und nicht nur ein Wunschbild von mir. Dadurch traue ich mir viel mehr zu.“

Manchmal sitze ich gerne mit meinen Kindern zusammen und sage ihnen jeweils, wie wunderbar sie sind und wie gern ich ihre Mutter bin. Voller Freude zähle ich dann auf, warum ich sie für so besonders halte, welche bemerkenswerten Talente sie haben, welche Hürden sie bereits genommen haben und so weiter. Bedenken Sie also stets: Vorbehaltlos lieben wir unsere Kinder dann, wenn wir sie so lieben, wie sie sind, und nicht, wie wir sie gerne hätten.

Wenn Kindern nichts zugetraut wird

Ein anderer weit verbreiteter Erziehungsfehler ist, dass wir unseren Kindern zu wenig oder gar nichts zutrauen. Dieser Mangel an Vertrauen bringt unsere Kinder dazu, mehr auf äußere Signale zu achten als auf innere. Sehen wir uns zu dieser Problematik einige Beispiele an und wie sich solche Fehler beheben lassen.

Repression

Oft wird Kindern von Geburt an unterschwellig Untauglichkeit signalisiert. Sie werden für unterlegen und hilflos gehalten, so dass sie zu dem Schluss kommen, Eltern und andere Autoritätspersonen seien dazu da, ihre Mängel auszugleichen. Schreit ein Baby, nehmen wir es etwa in den Arm, wiegen es und sagen: „Pst! nicht weinen“. Obwohl das gut gemeint ist, beschneiden wir damit seinen Ausdruckswillen, in einer Entwicklungsphase, in der Schreien das einzige ihm zur Verfügung stehende Mittel ist, sich auszudrücken, es sei denn, man will vollgeschissene Windeln mit zählen.

Und der subtile Unterdrückungsmechanismus setzt sich fort. Trotz aller Missbilligung und Versagensunterstellung bleiben unsere Kinder erstaunlich selbstbewusst, bis sie sieben oder acht Jahre alt sind. Noch gibt es für sie nichts außerhalb ihrer Reichweite und nichts, was sie nicht verdienten. Ein großes Feuer ist schließlich nicht so schnell gelöscht!

Manchmal halten wir diese kindliche Wesensart für Egoismus. Wobei schon einige die Vorstellung abschreckt, so sehr wird in unserer Gesellschaft der Egoismus als Untugend angesehen. Oft befürchten wir, unsere Kinder könnten durch ihre Ichbezogenheit scheitern. Wir haben Angst, dass ihre Selbstbestimmung sie weniger umgänglich macht und sie dadurch keine nützlichen Mitglieder der Gesellschaft werden. Mir macht allein die Vorstellung, meine Kinder könnten in der Öffentlichkeit einmal völlig aus dem Rahmen fallen, eine Gänsehaut. Gott behüte, dass andere von mir denken könnten, ich würde meine Kinder „verderben“ oder ich wäre eine schlechte Zuchtmeisterin, weil dann alle Welt sähe, was für eine schlechte Mutter ich bin. Und wie beschwichtigen wir solche Ängste? Leider vermitteln wir unseren Kindern gewöhnlich den Eindruck, dass ihre Direktheit und ihr Erkundungsdrang falsch – ja sogar egoistisch und verwegen seien. So klopfen wir beispielsweise unseren Kindern rasch auf die Finger, wenn sie staunend nach einer Kerzenflamme greifen, statt sie unter Aufsicht selbst herausfinden zu lassen, dass die Flamme heiß ist und sie sich daran verbrennen können. Kinder sollten eigene Erfahrungen sammeln dürfen und nicht nur auf den Erfahrungen anderer aufbauen müssen.

Hierzu fällt mir ein Artikel ein, über einen afrikanischen Stamm, bei dem Kinder sehr frei erzogen werden. Wenn die Frauen Wäsche waschen, dürfen die Kleinsten mit am Ufer plantschen. Die Kinder dürfen ohne weiteres mit so gefährlichen Gegenständen wie Macheten hantieren, die wir unsere Kinder kaum anschauen und geschweige denn anfassen ließen! Interessanterweise kommt es dabei zu erstaunlich wenig Unfällen, etwa dass ein Kind ertrinkt. Wahrscheinlich liegt es an unserer Schwarzseherei. Wenn wir überall nur Gefahren sehen, statt unsere Kindern praktisch aufzuklären, wird auch oft etwas passieren. Durch das Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiungen werden oft die schlimmsten Alpträume wahr.

Mit unseren Befürchtungen halten wir also nicht selten unsere Kinder schon von klein auf vom eigenen Denken und Tun ab. Sie werden von elterlicher oder anderweitiger Autorität abhängig, da sie irgendwann aufhören, selbst nach Antworten zu suchen. Andererseits können sie schon bald die leisesten Anzeichen der Zustimmung und Ablehnung lesen, um möglichst gefällig zu reagieren.

Elterliche Gewalt und Vorherrschaft

Man hat Eltern Jahrhunderte lang weisgemacht, die mit Abstand beste Form der Erziehung sei die autoritäre. Doch wir machen einen Fehler, wenn wir aus unseren Kindern partout, und sei es mit Gewalt, gute Erwachsene machen wollen, statt sie zu eigenen Entscheidungen zu ermutigen. Wir setzen mit unseren autoritären Vorschriften fort, worunter auch wir zu leiden hatten: die Fremdbestimmung.

Kindern wird gesellschaftskonformes Denken und Verhalten aus zweierlei Gründen anerzogen. Erstens will man sie vor Spott, Kritik und Außenseitertum bewahren. Man möchte seine Kinder glücklich und erfolgreich in der Gesellschaft integriert sehen. Zweitens benützen manche Eltern ihre Kinder dazu, eigene Defizite auszugleichen. Sie wollen mit ihren Kindern vor allem angeben. So kommt es, dass Eltern ihre Kinder unbewusst zur Entwicklung eines falschen Selbst ermutigen. Auch wenn ein solches äußeres Selbst den gesellschaftlichen Erwartungen gerecht wird, die Kinder selbst macht es unglücklich. Und es verwirrt sie. Fragen wir uns also, wie sich solche erzieherischen Angewohnheiten überwinden lassen. Es gibt drei Seiten elterlicher Gängelung:

 „Sei nicht so garstig!“

 „Überlass das Denken mir“ [auch bekannt als „Vater (Mutter) weiß es am besten“].

 „Ich weiß, was am besten für dich ist.“

„Sei nicht so garstig!“

Wahrscheinlich die raffinierteste Art der Bevormundung, weil Kinder oft keine Gängelung darin sehen. Sie arbeitet mit versteckten Formen der Schuld, der Aufopferung und der Schande. Und sie lockt mit bedingter Anerkennung und Zuneigung. Heidi, 15, sagt: „Mein Vater möchte, dass ich lauter Einsen schreibe. Bei einer Zwei fühle ich mich schon unglaublich schlecht. In der sechsten Klasse hatte ich einmal eine Fünf und er behandelte mich wie die letzte Idiotin.“ Die folgenden Bemerkungen illustrieren das sehr gut:

„Wenn du mich wirklich gern hättest, mein Schatz, würdest du dich in der Schule mehr anstrengen.“ (Schuld)

„Also gut. Ich werde dir dein Pausenbrot für morgen machen. Ich bin ja überhaupt diejenige, die ständig alles macht. Zu Diensten, der Herr.“ (Aufopferung)

„Was heißt, du hast deine Chemieschulaufgabe versaut? Verdammt noch mal, deine Eltern sind Chemiker! Was für eine Schande für die Familie!“ (Schande)

Das mögen drastische Beispiele sein, doch wenn wir einmal genauer hinhören, was wir zu unseren Kindern sagen, werden wir durchaus ähnliche Strukturen erkennen:

„Kannst du wirklich nicht ein bisschen früher aufstehen? Jedes Mal habe ich den Stress mit dem Berufsverkehr, wenn du den Bus versäumst. Das verdirbt mir den ganzen Tag.“ (Schuld)

„Möglicherweise kündigen sie mir jetzt, aber das ist mir egal. Bevor ich eine schlechte Mutter bin und alle deine Softballturniere versäume, lasse ich es lieber darauf ankommen.“ (Aufopferung)

„Du hast eine Drei im Diktat? Mensch, das ist bisher deine schlechteste Note. Waren die anderen alle besser als du?“ (Schande)

Selbst in diesen relativ milden Fällen wird das Selbstbewusstsein des Kindes unterhöhlt. Eine der gebräuchlichsten Bemerkungen, die ein Gefühl der Schuld oder der Scham hervorrufen, ist: „Ich bin so enttäuscht von dir“. Sie scheint so harmlos zu sein. Wir alle machen sie. Doch sie motiviert unsere Kinder mehr zur Anpassung als zur Selbständigkeit. Wir sollten daher sehr darauf achten, was wir sagen, und uns jedes Mal fragen: „Motiviere ich zur Anpassung oder zur Selbständigkeit, wenn ich das jetzt sage?“

„Überlass das Denken mir“ (oder „Vater [bzw. Mutter] weiß es am besten“)

Es ist ein alter Fehler, wenn Eltern für ihre Kinder denken und ihnen auf diese Art vorschreiben, wie sie zu fühlen und sich zu verhalten haben. Dazu einige Kommentare von Kindern:

„Meine Eltern weisen immer auf meine Schwächen hin.“

„Sie mischen sich ständig in alles ein. Das macht mich wahnsinnig. Wenn sie mich nur mehr selber machen ließen. Mensch, ich kann das auf meine Weise, ohne alles durcheinander zu bringen, so wie sie das befürchten.“

„O Gott, manchmal fühle ich mich wie unter einem Mikroskop. Ich gehe dann in mein Zimmer hoch und mache die Tür hinter mir zu, um meine Ruhe zu haben.“

„Meine Mutter und mein Vater behandeln mich manchmal so, als hätte ich keinen Verstand. Vielleicht denken sie, ich könne ihn noch nicht benützen. Überhaupt, manchmal sind eher sie selbst schwer von Kapee.“

„Ich wünschte, meine Eltern würden sich nicht dauernd in mein Leben einmischen.“

Hier sind sechs Arten, auf die Eltern Kindern vorschreiben, wie sie zu denken, fühlen und handeln haben. Obwohl wir diese Angewohnheiten nicht über Nacht ablegen können, sollten wir doch versuchen, sie so weit wie möglich zu vermeiden.

 Kritik

 Vorschnelle Bewertungen

 Tadel und irrationale Strafen

 Indoktrinierung

 Übermäßige Kontrolle

 Überfürsorglichkeit

1. Kritik

Kritik bedeutet, dass man Fehler an jemand aufdeckt. Sie ist o.k., wenn sie Positives bewirkt. Tut sie das nicht, sollte man besser darauf verzichten. Auch Meckerei (leicht versteckte Kritik) ist keineswegs harmlos. Sie bringt jedes einigermaßen intelligente Kind auf die Palme. Beides sind Bewertungsformen, die dem Kind signalisieren, dass es sich gerade in einer unerwünschten Richtung entwickelt. Wir leiten mit unserer Kritik und Meckerei unsere Kinder dazu an, sich eher über ihre Schwächen als über ihre Stärken zu definieren.

Kinder werden durch die „destruktive“ Kritik ihrer Eltern oder einer anderen Autorität zu Selbsteinschätzungen gebracht, durch die sie sich selbst entfremden. Wir sollten uns deshalb vor jeder Kritik fragen, ob sie mehr schadet als nützt. Es gibt soviel, das wir besser nicht sagen sollten.

2. Vorschnelle Bewertungen

Vorschnelle Bewertungen können die kindliche Selbstbestimmung sehr behindern. Oft versuchen wir mit dieser Kritik unsere Kinder von unserer Überlegenheit zu überzeugen, aus Angst sie würden sonst später die gesellschaftlichen Erwartungen nicht erfüllen können. In anderen Worten, wir zwingen Kindern durch Urteile und Bewertungen unsere eigenen Beobachtungen und Schlüsse auf. Auch dieser Trick schmeckt nach bedingter Liebe. Wir alle machen solche Bemerkungen. Sicher können Sie sich an Ähnliches erinnern.

„Bei deiner Lernschwäche wirst du es einmal sehr schwer im Leben haben.“

„Dein Schulrektor wird es nicht fassen können!“

„Organische Chemie ist ein schlimmes Fach.“

„Du kannst nichts dafür, du bist einfach ungelenk.“

Bestätigungen können ebenfalls versteckte Kritik enthalten. Hier einige Beispiele.

„Ist o.k., ich war in der Mittelstufe auch nur mit meiner Frisur beschäftigt.“

„Keine Sorge, als Kind hatte ich dieselben Rechtschreibprobleme.“

Durch solche Bemerkung geben wir unseren Kindern zu verstehen, sie seien o.k., weil sie genauso sind wie wir. Wir fordern von ihnen sozusagen ein Komplettremake ihres Selbst. Stattdessen sollten wir ihnen klar machen, dass unsere Bewertungen Meinungen darstellen und keine ehernen Gesetze. Wir müssen auf der Hut sein und hinhören, was wir sagen. Wir sollten unsere Kinder grundsätzlich zum Selberdenken anregen.

3. Tadel und irrationale Strafen

Auch Tadelei ist ein hervorragendes Mittel, aus selbstbewussten Kindern außengesteuerte Waschlappen zu machen. Sie ist gesteigerte Kritik. Während wir Kinder durch einfache Kritik über Fehler aufklären, werfen wir ihnen diese beim Tadel vor. Tadelei spiegelt oft unsere negativen Gefühle wider, besonders Zorn und Enttäuschung. Hier zwei Beispiele solcher negativen Bemerkungen:

„Sprich ja nicht mehr in diesem Ton zu mir, Bürschchen!“

„Es ist unfasslich, wie faul du bist. Nicht einmal den Müll hast du raus gebracht.“

Irrationale Strafen setzen der destruktiven Tadelei dann noch die Krone auf. Etwa wenn Kindern eine Tracht Prügel verpasst wird, weil sie nicht die Wahrheit gesagt haben, oder sie zur Strafe hundert Mal schreiben müssen „Ich will meinen Eltern gehorchen“ oder sie ohne Abendessen ins Bett geschickt werden, weil sie beim Hausaufgaben machen herumgetrödelt haben. Solche Strafen stärken nur die Rachegelüste der Kinder und tragen wenig zu einer Verhaltensänderung bei. Auf Strafen in Form logischer Konsequenzen, die nicht entwürdigend sind, wird später in diesem Buch eingegangen. Hier sei nur soviel gesagt, dass irrationale Strafen nutzlos sind und ihre willkürliche autoritäre Durchsetzung der Selbstständigkeit des Kindes schadet. Zwar fügen sich Kinder normalerweise rasch und tun das Befohlene, aber nicht, weil sie es einsehen, sondern aus Angst vor noch schlimmeren Strafen. Der „Respekt“, den sie diesermaßen den Eltern erweisen ist dann gewissermaßen pure Schau.

4. Indoktrinierung

Sie ist weit verbreitet. Während die anderen Formen der Bevormundung das Denken indirekt beeinflussen, tut dies die Indoktrinierung direkt. Hier einige typische Beispiele:

„Auf diese gute Referatsnote musst du einfach stolz sein.“

„Schäm dich! Dein Bruder hat den Fußballkurs problemlos geschafft!“

„Wie peinlich, dass du so etwas vor der Klasse gesagt hast.“

Wir schreiben mit solchen Äußerungen unseren Kindern vor, was sie denken sollen. Nach einiger Zeit fragen sie sich dann gar nicht mehr erst, was sie selbst denken und fühlen. Es wäre schon viel gewonnen, wenn man sich folgendermaßen ausdrückte:

„Toll, eine Supereins. Du hast dich ja auch gut auf dein Referat vorbereitet. Wie fühlst du dich jetzt?“

„Oh, du hast den Fußballkurs nicht geschafft? Dabei hast du dir doch so viel Mühe gegeben. Wie kommst du damit zurecht? Wirst du den Kurs wiederholen?“

„Wie deinen Klassenkameraden wohl zumute war, als du das gesagt hast? Wie könntest du die Sache wieder in Ordnung bringen?“

Auf diese Weise werden Kinder zum Nachdenken angeregt. Sie dürfen selbst eine Lösung finden und werden nicht durch die Formulierung zur Übernahme einer fremden Meinung gezwungen.

5. Übermäßige Kontrolle

Damit unsere Kinder gut funktionieren, greifen wir oft auf Zwangsmaßnahmen zurück. Wir festigen ihr äußeres Selbst, indem wir sie zum Beispiel herum dirigieren, körperlich züchtigen, Drohungen äußern und ihnen Ultimaten stellen.

Wenn wir Herum dirigieren, mischen wir uns übermäßig in das Leben unserer Kinder ein, ganz so wie bei Gepetto und Pinocchio. Hier einige Beispiele mit Alternativen:

„Vergiss deinen Rucksack nicht“ statt „Der Bus kommt gleich. Hast du irgendetwas vergessen?“

„Setz deinen Helm auf, wenn du rausgehen und Fahrrad fahren willst!“ statt “Fahrradfahren ohne Helm ist gefährlich.“

„Zieh deine Jacke an. Es ist eiskalt draußen!“ statt „Die Temperatur soll heute Nachmittag auf minus Zwanzig Grad fallen.“

„Mach dich gleich nach dem Essen an die Hausaufgaben“ statt die Kinder selbst darauf kommen zu lassen. Wenn sie ständig daran erinnert werden müssen, ihre Hausaufgaben zu machen, liegt das Hauptproblem sicher ganz wo anders!

„Denk daran, Jerry anzurufen, und bitte ihn, dir die Diktatliste zuzufaxen“ statt sie am andern Morgen beim Diktat die Folgen spüren zu lassen.

Man sieht, oft fallen einem Anweisungen leichter. Doch ist es wesentlich besser, Kindern informative Anstöße zum eigenen Denken zu geben und auch einmal zuzulassen, dass sie die Folgen schlechter Entscheidungen zu spüren bekommen.

Körperstrafen sind alarmierend weit verbreitet, vielleicht deswegen, weil unsere Terminkalender meist übervoll sind und Zeitdruck herrscht. Viele Eltern finden, dass zu einer guten Erziehung auch hin und wieder eine Tracht Prügel gehört. Anderen rutscht einfach die Hand aus, weil sie in manchen Stresssituationen keine andere Möglichkeit sehen. Beides wirkt sich negativ aus. Erstens führt es den Kindern Gewalt als praktikable Lösung vor Augen. Zweitens gibt es ihnen zu verstehen, dass sie minderwertige Personen sind, die unterdrückt und beherrscht werden dürfen. Das nährt in ihnen einen Minderwertigkeitskomplex. Wenn wir ausrasten und es doch einmal eine Ohrfeige setzt, sollten wir uns bei den Kindern sofort entschuldigen und zwar ohne dies durch irgendwelche Zusätze herunterzuspielen, wie „Es tut mir leid, dass ich dich geschlagen habe, aber du hast so einen Lärm gemacht, dass ich nicht anders konnte.“

In unserer Gesellschaft sind die verheerenden Auswirkungen körperlicher Züchtigung nicht zu übersehen. Körperverletzung, Vandalismus, Raub oder Totschlag - die Jugendkriminalität hat in beängstigendem Ausmaß zugenommen. Außerdem sind die Motive hinter den Gewaltverbrechen immer trivialer geworden. Man erinnere sich nur, dass kürzlich ein älterer Rollstuhlfahrer von einem Achtjährigen wegen fünfzehn Cent erschossen wurde. Viele fragen sich vielleicht: „Was hat sich der Junge dabei gedacht?“ Er hat sich gar nichts dabei gedacht. Das ist es ja gerade. Er hat einfach abgedrückt, ohne groß über andere mögliche Lösungen nachzudenken. Er war in allgemeinen Auffassungen befangen, weil er keine Eigenverantwortung mehr kannte. Ihm war weder bewusst, dass er ungerechtfertigte Ansprüche durchzusetzen versuchte, noch, dass er Gewaltverherrlichung betrieb. In anderen Worten, er handelte außengesteuert statt eigenverantwortlich.

Eltern können auch mit Drohungen und Ultimaten viel Macht ausüben. Hier einige Beispiele:

„Wenn du nicht sofort die Zigarette ausmachst, bekommst du einen Monat Ausgehverbot!“

„Ich warne dich zum letzten Mal. Wenn deine Noten im nächsten Halbjahr nicht besser werden, ist das Auto weg. Du kannst dann meinetwegen mit dem Skateboard in die Schule fahren!“

„Noch eine solche freche Antwort und es setzt was.“

Auch hier handelt es sich, wie schon bei den Körperstrafen, um Einschüchterungsmethoden. Die Kinder fügen sich aus Angst und nicht aus Einsicht. Wir müssen bei der Erziehung unserer Kinder stets darauf achten, dass wir ihnen genug Raum zum Nachdenken lassen. Sie entwickeln erst Eigenverantwortung, wenn sie aus eigener Einsicht handeln und Entscheidungen fällen. Eigenverantwortung will gelernt sein, sie fällt einem nicht in den Schoß.

6. Überfürsorglichkeit

In unserer Gesellschaft scheint es nur mit Vollgas vorwärts zu gehen. Ist man im Stress, findet man es oft einfacher, die Angelegenheiten der Kinder selbst zu erledigen. Wie oft kommt es vor, dass ich das Frühstücksgeschirr der Kinder abspüle, abends die Schulkleider zurecht lege, oder mit Müttern telefoniere, nur um herauszufinden, wo es etwa einen ganz bestimmten Schlüsselanhänger zu kaufen gibt, den einer von ihnen am Rucksack eines Mitschülers so toll fand. Wie oft wische ich die Milch auf, die sie verschüttet haben, oder rufe in der Schule an, um zu fragen, ob beim Eignungstest Taschenrechner erlaubt sind. Es ist nicht so, dass dies meine Kinder nicht selbst erledigen könnten. Sicher würde es sie selbstbewusster machen und ihre Geschicklichkeit im Problemlösen fördern. Aber oft erscheint es so viel einfacher, die Angelegenheiten der Kinder selbst zu erledigen, weil das schneller geht, und die Aussicht lockt, dass ich mich nicht mehr weiter darum kümmern muss. Außerdem war mir ihr Gemeckere und Geschmolle oft ein Gräuel. Das zog an meinen extravertierten Strippen. Der Gedanke, ich könnte vor mir selbst und anderen als unfähige unaufmerksame Mutter dastehen, war mir unerträglich.

Viele Eltern gehen so weit, dass sie für ihre Kinder neben Kleidung, Hobbies und Sportarten sogar die Freunde aussuchen. Einige sind ängstlich darauf bedacht, ihren Kleinen Entscheidungen zu ersparen, unter deren Folgen sie leiden könnten. Anderen macht allein schon der Gedanke Bauchschmerzen, dass die Entscheidungen ihrer Kinder sie als schlechte Eltern dastehen lassen. Also denken, fühlen und handeln sie für sie. Wenn Kinder keine eigenen Entscheidungen treffen dürfen, entwickeln sie kaum ein Urteilsvermögen, was ihnen später sehr schadet. Denn je älter sie werden, um so teurer müssen sie ihre Fehlentscheidungen bezahlen.

Hier zwei Beispiele eklatanter Überfürsorglichkeit, und wie sich geeigneter reagieren ließe:

Wenn ein Kind ankommt und sagt: „Mutti, ich brauche dich. Ich muss wegen meiner Verspätung genau an dem Tag nachsitzen, wo wir unser wichtigstes Fußballspiel haben! Sprich doch bitte mit dem Lehrer!“ Dann würde ich nur antworten: „So nicht, mein Junge. Du bist klug genug, um für dich selbst zu sprechen. Fußballspiel hin oder her.“

Und wenn dieser Hilferuf kommt: „Vati, sei doch ein echter Kumpel und tippe mir mein Referat! Hier sind die Aufzeichnungen. Ich würde es ja selbst machen, aber ich habe heute Abend eine Verabredung mit Cindy. Ich möchte sie nicht versetzen, weißt du!“ Dann käme zurück: „Ich bin wirklich hilfsbereit mein Lieber, aber ich habe dich tippen gesehen. Das flutscht nur so. Soll ich Cindy anrufen und ihr sagen, dass du später kommst, damit du schon einmal loslegen kannst?“

Kurz, manche Eltern sind überfürsorglich, weil sie es nicht sehen können, wenn ihre Kinder leiden. Andere sind es, um nicht schlecht angesehen zu werden. Wieder andere sind es, weil sie den Unmut fürchten, wenn ihre Kinder Fehler machen. Wie auch immer, Überfürsorglichkeit ist in der Erziehung allgemein üblich. Und da den Kindern durch solche Bemutterung sehr viel Denkarbeit abgenommen wird, können sie sich viel leichter in einem falschen Selbst verheddern bzw. sich in Äußerlichkeiten verfangen. Diese Kinder werden in der Überzeugung groß, dass es keine verlässlichen inneren Antworten gibt, weil sie niemals die Chance bekommen, überhaupt in sich hineinzuschauen.

„Ich weiß, was am besten für dich ist!“

Hier sind vor allem drei Unarten zu nennen, die bei der Erziehung Tabu sein sollten. Erstens, wir sollten Kinder nicht zur Anpassung auffordern. Zweitens, wir sollten sie nicht mit anderen vergleichen. Drittens, wir sollten ihre Eigenschaften nicht verallgemeinern. Schauen wir uns dies genauer an.

1. Wenn zur Anpassung gedrängt wird

Eine Fünfzehnjährige sagte im Interview: „Ich habe eine Klassenkameradin, deren Mutter vorschreibt, was sie anziehen soll, mit wem sie sich treffen soll und so weiter. Sie hat Angst, dass ihre Tochter sonst nicht gemocht wird und sie dadurch als schlechte Mutter dastehen würde.“ Klar wollen wir Eltern nicht schief angesehen werden, und warum sollten wir das dann nicht auch für unsere Kinder zu verhindern suchen? Aber das ist nicht der einzige Grund. Manchmal wissen wir einfach nicht wohin mit der Überschwenglichkeit und Kreativität unangepasster, selbstbewusster Kinder, und das ist uns unheimlich. Wenn sie den gesellschaftlichen Erwartungen nicht entsprechen, könnten wir als unfähige Eltern angesehen werden, die nicht erziehen können. Und wir fürchten, dass unsere kleinen Nonkonformisten später nicht zurechtkommen draußen in der weiten Welt. Diese Enttäuschung wollen wir uns und ihnen ersparen.

Ich finde jedoch, es sollte Eltern egal sein, ob ihre Kinder gelbe Socken, rote Shorts und ein lila T-Shirt in der Schule tragen wollen. Und wenn Kinder ein Pferd mit einer blauen Mähne malen wollen, sollte es ihnen nicht nur erlaubt werden, sondern sie sollten sogar dazu ermutigt werden. Sicher, ich finde es oft schauderhaft, in welcher Kleiderkombination meine Kinder in die Schule düsen. Doch dürften meine Bedenken eher von der Angst herrühren, als nachlässige Mutter zu gelten, als vom Zweifel an der Fähigkeit meiner Kinder.

Hier einige Beispiele, wie wir unsere Kinder zur Anpassung drängen:

„Bist du verrückt? Keiner trägt Armeestiefel zu Shorts.“

„So kannst du nicht ausgehen; du siehst aus wie eine Witzfigur.“

„Meine Güte, du hörst ja gar keine Backstreet Boys Musik mehr. Sind sie jetzt total out?“

„Das Paisleymuster passt überhaupt nicht zum Karo. Zieh doch ein einfarbiges Shirt an.“

Wir müssen uns vor Äußerungen, die unsere Kinder zur Anpassung drängen, sehr in Acht nehmen. Wir sollten ihre Kreativität und individuelle Ausdrucksweise akzeptieren, statt ständig zu versuchen, sie in ein Muster zu pressen. Wenn wir sie in ihrem individuellen Geschmack zu sehr beschneiden, gewöhnen wir sie bloß daran, sich nur an Äußerlichkeiten zu orientieren. Vielleicht befindet sich ja ein wirkliches Juwel in Ihrer Obhut. Einige der faszinierendsten Persönlichkeiten, die Großes für die Menschheit geleistet haben, waren echte Exzentriker. Denken Sie nur an Albert Einstein und Georgia O’Keeffe. Diese „Spinner“ sind doch gute Vorbilder, oder?

2. Das Anstellen von Vergleichen

Einige Eltern halten es für eine gute Methode, Kinder mit anderen zu vergleichen. Auch dies ist wieder eine Zuckerbrotmethode. Folgende Beispiele stammen aus Gesprächen mit Eltern:

„Warum willst du nicht den Fußballkurs machen, so wie die anderen auch?“

„Ich habe erfahren, dass Billy von nebenan lauter Einsen im Zeugnis hat. Wenn er das schafft, kannst du das auch. Du brauchst dir nur ein wenig Mühe zu geben!“

Da gibt es kein Wenn und Aber: Solche Vergleiche untergraben das Selbstwertgefühl der Kinder massiv. Im Grunde geben Eltern ihren Kindern damit zu verstehen, dass sie enttäuscht über sie sind. Die Kinder trauen es sich dann schließlich nicht mehr, zu sich selbst zu stehen. Sie lernen, sich auf Äußerlichkeiten zu verlassen und beurteilen sich hauptsächlich nach den Maßstäben anderer. In anderen Worten, sie sind dann fremdbestimmt.

Besser ist es, wenn wir unsere Kinder an ihren eigenen Leistungen messen, statt sie mit anderen Leuten zu vergleichen. Das stellt ihnen frei, inwiefern sie sich weiter verändern wollen. Sie nehmen sich dann selbst zum Maßstab und finden zu einer realistischen Selbsteinschätzung – ein wesentliches Merkmal eigenverantwortlicher Menschen.

3. Generalisierungen

Nichts haftet mehr als Generalisierungen und Etikettierungen, von Fliegenfängern einmal abgesehen. Sie bringen Kinder dazu, Vorurteile über sich zu entwickeln. Dabei ist unwichtig, ob es sich um richtige oder unrichtige Beobachtungen handelt. Sie müssen ja darauf reinfallen. Schließlich sind wir die Größeren und Klügeren! Hier einige Beispiele.

„Schatz, du bist einfach ein Langsamleser, da kann man nichts machen.“

„Du bist der Schlauste in der Familie.“

„Also, wenn du etwas anfasst, geht es in die Brüche. Mister Destruktiv!“

Solche Etikettierungen geben zukünftigen Ausflüchten und Rechtfertigungen Nahrung. Ein Kind hat zugegeben: „Meine Eltern nennen mich manchmal fett und faul, und das nütze ich als Entschuldigung aus, wenn ich mich vor etwas drücken will. Ich geb‘ ihnen dann zu verstehen: he, so bin ich eben, was kann ich dafür!“ Etikettierungen verwirren Kinder. Sie machen es ihnen schwer, zu sich selbst zu finden.

Und dann gibt es Verallgemeinerungen:

„Immer verlierst du alles! Sei froh, dass dein Kopf festsitzt, sonst würdest du den auch noch verlieren!“

„Los, komm schon! Trödle doch nicht immer so herum!“

„Du kannst aber auch gar nichts richtig machen.“

Verallgemeinerungen enthalten meistens Wörter wie „immer“ und „nie“. Sie nehmen den Kindern jeden Schwung, sich anders zu verhalten. Sie haben dann das Gefühl, es handle sich um Eigenschaften, gegen die sie nichts ausrichten können und deshalb bräuchten sie sich gar nicht weiter bemühen. Im Grunde nimmt es ihnen die Mühe ab, sich zu fragen, wer sie sind. Selbstbestimmte Kinder gehen von sich selbst aus. Ihr Selbstwertgefühl nährt sich aus keiner fixen Idee, sondern leitet sich aus tatsächlichen Leistungen, Sinnerfahrungen, Begabungen, Wünschen und Interessen ab. Sie tragen individuell zur Gemeinschaft bei.

Bedeutung von Geschwistern

Geschwister können die besten Freunde oder die größten Feinde sein (je nach Tageszeit). Und auf jeden Fall haben Geschwisterbeziehungen große Bedeutung. Sie sind sehr vielschichtig. Daher sollte man sich ihre Dynamik klarmachen und bewusst damit umgehen. Sie wird zum Großteil dadurch bestimmt, dass die Geschwister um die Zuneigung und Anerkennung der Eltern wetteifern. Je mehr Konkurrenz unter ihnen herrscht, desto außengeleiteter wird ihr Umgang miteinander. Sie reagieren dann mehr aufeinander als dass sie voneinander lernen.

Kinder versuchen im Konkurrenzkampf um die meiste Aufmerksamkeit in der Familie, ihre Geschwister und uns zu manipulieren. Damit dieses Machtspiel zwischen Geschwistern und Eltern nicht ausufert, sollten wir uns möglichst aus den Streitigkeiten unserer Kinder heraushalten. Wir sollten keine Partei ergreifen und nicht intervenieren (außer im Notfall), weil uns die Kinder sonst als äußeren Einfluss definieren und mit ihm rechnen. Wir verhindern dann, dass sie ihr Verhältnis unabhängig von uns regeln. So entwickelt sich nur schwer eine innige Beziehung zwischen ihnen.

Ich finde, Geschwister haben die wunderbare Möglichkeit, sich gegenseitig in ihrer Entwicklung zu fördern. Sie können voneinander lernen. Doch müssen die Kinder das selbst wollen. Es funktioniert nur, wenn sie selbstbewusst mit ihren Eigenarten umgehen können und jeweils ihren inneren Dialog pflegen. Wir sollten diesen inneren Dialog fördern, indem wir uns nicht in ihre Zwistigkeiten einmischen, sie nicht miteinander vergleichen und nicht voreinander in Schutz nehmen. So werden sie weniger geneigt sein, sich gegenseitig nachzuahmen, nur um uns besser zu gefallen.

Hier sind einige Vorschläge, wie sich der Konkurrenzkampf zwischen Geschwistern in gesunde Bahnen lenken lässt, so dass sie negative Reaktionen überwinden und zu mehr Eigenverantwortlichkeit finden.

 Wir sollten ihnen nicht sagen, dass wir sie gleich gern haben, denn so müssen sie annehmen, wir hätten keine besondere, persönliche Beziehung zu ihnen. Ich sage meinen Kindern, dass ich sie jeweils auf ganz einmalige Weise liebe.

 Wir sollten uns darum bemühen, die Kinder nicht miteinander zu vergleichen. Selbst versteckte Andeutungen können gravierende Auswirkungen haben.

 Wir sollten versuchen, niemanden zu bevorzugen! Das ist manchmal schwierig. Denn machen wir uns doch nichts vor, fast immer fühlen wir uns zu einem von ihnen besonders hingezogen.

 Noch einmal, wir sollten uns nicht in die Streitereien unserer Kinder einmischen, es sei denn Knochenbrüche oder andere schwere Körperverletzungen drohen. Und das kommt eigentlich ganz selten vor. Dieses Gewährenlassen bedeutet, dass wir keine Partei ergreifen. Wenn Johnny ankommt und sich beschwert, Bobby sei ganz gemein zu ihm gewesen und hätte ihn ins Schienbein gekickt und an den Haaren gezogen, dann wäre es ein Fehler etwa so zu antworten: „Ich weiß Johnny. Ich hasse es, wenn Bobby dir so weh tut, aber er tut sich momentan in der Schule sehr schwer. Vielleicht hat er einfach nur schlechte Laune. Ich an deiner Stelle ginge ihm lieber aus dem Weg.“ Man sollte es eher mit folgender Antwort versuchen: „Es tut mir leid, dass dir weh getan wurde, aber ich weiß, dass du das mit deinem Bruder selbst auf die Reihe kriegst. Es ist deine Angelegenheit, nicht meine.“

 Wir sollten unsere Kinder zu einem positiven Miteinander anregen. Zum Beispiel könnten wir das ältere Kind dem jüngeren eine Gutenachtgeschichte vorlesen lassen. Oder wir könnten anregen, dass das jüngere Kind beim Ausmalen einer Karte für ein Schulprojekt hilft, wenn es dies schon kann.

 Wir sollten unsere Kinder darauf hinweisen, dass Auseinandersetzungen auch ihre positiven Seiten haben, und für die Meinungsbildung und Identitätsfindung gut sind, solange sie sich im Rahmen halten.

 Wenn Kinder ihre gegenseitigen Antipathien vortragen, sollten wir diese nicht entschuldigen oder verurteilen, weil das als Parteinahme wahrgenommen wird. Wir sollten uns neutral verhalten und ihren Gefühlen Verständnis entgegenbringen. Hier ein Beispiel: Rachel: „Mutti, Jimmy hat meiner Lieblingsbarbypuppe den Kopf abgerissen und wollte Rover damit füttern!“ Mutti: „Es tut mir leid, dass du und Jimmy euch nicht vertragt. Ich kann deine Bestürzung verstehen.“

 Es ist gut, die Kinder etwas gemeinsam erledigen zu lassen, damit sie Zusammenarbeit lernen. „Wie wär’s, wenn ihr beide zusammen die Spülmaschine ausräumen würdet?“ „Rohin, beschäftigst du dich bitte mit Sarah, während ich telefoniere?“

 Liegen die Geschwister altersmäßig sehr weit auseinander, könnten wir den älteren Aufsichtsfunktionen übertragen. Sie könnten manchmal auf die Rasselbande aufpassen oder den jüngeren Geschwistern hin und wieder beim Lernen helfen. „Tommy, du hast dein Einmalseins schon auswendig gelernt. Kannst du mit Adam die Leselernkarten durchgehen?“

 Verletzt sich eines der Kinder, könnten wir die anderen die Wunde mit versorgen lassen, und so ihr Mitgefühl fördern. „Sarah, dein Bruder ist vom Fahrrad gestürzt. Kannst du bitte die Wunde zudrücken, bis ich den Verband geholt habe?“ Wenn unsere Kinder merken, dass sie von ihren Geschwistern gebraucht werden, trägt das zur Vertiefung ihrer Beziehung bei.

 Wir sollten versuchen, unsere Kinder nicht zu etikettieren. („Josh ist unser kleiner Gelehrter!“ oder „Joe ist ein solcher Störenfried!“) Etikettierungen liefern nur die Munition zum nächsten Geschwisterstreit.

 Es gibt viele Gelegenheiten, bei denen wir unsere Kinder ermuntern können, sich als Freunde zu betrachten. Wenn sie die unvermeidbare Erfahrung machen und einen Freund verlieren, können wir sie daran erinnern, dass sie sich glücklich schätzen können, Geschwister haben. Mag es auch zu Raufereien kommen, ihre Freundschaft würde doch über Jahre und Jahrzehnte Bestand haben.

 Müssen sie ein Bett teilen, kann das ihre Verbundenheit fördern. Ihre Streitlust lässt dann nach, sobald es dunkel wird. Schließlich kann man auf so engem Raum keinen Schlaf finden, wenn man sich nicht irgendwie verträgt.

Eltern sind Schiedsrichter und weder Richter noch Geschworene. Daran sollten wir immer denken, wenn sich die Kinder in den Haaren liegen. Das heißt, wir müssen ihnen die Möglichkeit geben, mit ihrem Streit allein fertig zu werden, vorzugsweise ohne uns damit auf den Wecker zu fallen. Und natürlich haben Auseinandersetzungen zwischen Geschwistern auch ihr Gutes. Sie stärken das Durchsetzungsvermögen und sind eine gute Vorbereitung für die harte Realität draußen außerhalb des Schoßes der Familie. Wir müssen unseren Kindern nur beibringen, wo dabei die Grenzen liegen.

Der Familienzusammenhalt ist wichtig

Neben dem Bemühen, die Erziehung möglichst von den Faktoren der Außengesteuertheit zu befreien, sollten wir auch auf die Stärkung des Familienzusammenhalts achten. Der Familienzusammenhalt ist eine wichtige Voraussetzung, damit Kinder selbständig werden. Je größer der Familienzusammenhalt, desto wohler werden sich unsere Kinder in ihrer Haut fühlen. Kinder, denen das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Familie abgeht, suchen dieses oft durch übersteigerte Anpassung draußen zu finden.

Kinder brauchen, um selbständig zu werden, einen soliden, verlässlichen Rückhalt in der Familie. Und dies beginnt mit Kleinigkeiten. Familiäre Traditionen und Rituale, ob an Feiertage gebunden oder nicht, sind etwas, worauf sich unsere Kinder freuen. In den Gesprächen, die ich mit Familien führte, wurden feste Ferienziele genannt, das aberwitzige Singen von „Happy Birthday“, besondere Redewendungen, das Festessen zum Erntedankfest, feste „Einzel-Ausgehtage“ mit den Kindern, Vater-Tochter-Abendessenstage, Mutter-Sohn-Aussprechtage und so weiter. Auch das gemeinsame Anschauen von Familienvideos und Fotoalben sorgt für manch herzliches Gelächter und stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl. Viele interviewte Familien fanden, dass gemeinsame Mahlzeiten viel zum Familienzusammenhalt beitragen. Man sah in ihnen eine wunderbare Gelegenheit für die Kinder, sich frei zu äußern und als Familienmitglied zu begreifen. Wir sollten allerdings sehr aufpassen, dass wir die Kinder nicht durch vorschnelle Belehrung und Kritik in ihrer Offenheit verletzen. Wir sollten sie nie lächerlich machen und auch nicht ständig alles besser wissen.

Ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl hilft, in der Familie Werte zu verankern. So könnten wir zum Beispiel sagen „In unserer Familie wird nicht gelogen“, oder „Die Vasquez Familie achtet ihre Freunde“ oder „In unserer Familie wird mit Worten und nicht mit Fäusten gestritten“, um zu verdeutlichen, auf welche Werte wir achten. Um Freude am Geben zu wecken, gehe ich zum Beispiel mit meinen Kindern am Heiligen Abend hinaus, und wir verteilen Decken, Socken, Fausthandschuhe und Jacken an Obdachlose. Und um ihren Gemeinschaftssinn zu fördern, helfen wir bei Spendenaktionen für die Schule an den Verkaufsständen mit. Eigenverantwortung und Selbstbestimmung könnten ebenfalls zum Familienmotto erhoben werden. Es könnte beispielsweise lauten: „Wir sind eine Familie, in der sich die Eltern nicht in den Streit von Geschwistern einmischen“, oder „Wir gehen in unserer Familie davon aus, dass jeder für sich selbst denken kann“, oder „In unserer Familie entscheidet jeder selbst, welche Musik er hört/welche Kleidung er trägt/welche Freunde er aussucht/was er tut.“

Da wir nun wissen, wie wir in der Familie ein Klima der Selbstbestimmung und Eigenverantwortung schaffen können, wollen wir uns sechs weiteren Erziehungsgrundsätzen zuwenden, die unseren Kindern Hilfestellung geben.

2
Kinder zum Nachdenken bringen

Sobald du sagen kannst, was du denkst,

und nicht, was ein anderer für dich gedacht hat,

bist du auf dem Weg, ein bemerkenswerter Mensch zu werden.

– J. M. Barrie

Acht Hilfestellungen zur Selbstbeobachtung

Selbstbestimmte Menschen haben eine entscheidende Fähigkeit. Sie können Selbstgespräche führen und daraus Schlüsse ziehen. Sie schöpfen dazu Erinnerungen aus, die ihre eigenen Erfahrungen und Beobachtungen widerspiegeln. So können sie, bevor sie sich für etwas entscheiden, das Für und Wider möglicher Konsequenzen abwägen. Aufgrund ihres inneren Dialogs brauchen sie daher nicht zwanghaft zu handeln. Statt nur auf äußere Einflüsse zu reagieren, können sie eigenverantwortlich handeln. Das heißt, sie tun das, was sie für richtig halten. Solange wir bei unseren Kindern nicht die Entwicklung ihrer inneren Stimme fördern, werden sie überwiegend auf die Stimmen anderer hören. Wir brauchen uns nur umzuschauen und die Nachrichten anzusehen, um festzustellen, wie rasant es durch blindes Vertrauen abwärts geht.

Ich habe im vorigen Kapitel gezeigt, wodurch wir den inneren Dialog unserer Kinder behindern. Drohungen, Ultimaten, vorgefasste Meinungen, Pauschalurteile, Kritik, Indoktrination, Tadelei, Bevormundung, Überfürsorglichkeit, Geschwätzigkeit, Bestechung, Anflehen, Abmachungen und so weiter geben den Kindern wenig Gelegenheit, eigenständige Entscheidungen zu treffen. Sie werden durch diese Zwangsmethoden wohl fügsam, aber nicht eigenständig. Betrachten wir nun acht Methoden, durch die wir unseren Kindern Hilfestellung zur Selbstbeobachtung geben können.

1. Fragen stellen

Das Fragenstellen eignet sich zur Anregung des inneren Dialogs sehr. Wenn wir unseren Kindern Fragen stellen, signalisieren wir ihnen damit, dass sie an der Reihe sind. Kinder aus einer um Selbstbestimmung bemühten Familie sind meist zu längeren Überlegungen geneigt. Eine Hilfestellung mag hin und wieder nötig sein, aber nur, wenn sie gar nicht mehr weiter wissen. Natürlich ist auf hässliches Fragen zu verzichten. Sie werden aus der Bahn geworfen, wenn wir ihnen in Fragen unseren Ärger oder unsere Frustration vorwerfen. Wir müssen daher sehr auf einen freundlichen respektvollen Ton achten. Hier ein Beispiel für richtiges Fragenstellen:

Mutter: „Billy, Du sitzt hier allein und spielst nicht mit den anderen. Warum?“

Billy: „Keiner will mit mir spielen!“

Mutter: „Ist irgendetwas vorgefallen?“

Billy: „Ja, Tommy hat gesagt, ich sei ein Spielverderber.“

Mutter: „Warum?“

Billy: „Weil ich beim Verstecken spielen gespitzt habe, als ich mit dem Zählen dran war.“

Mutter: „Wüsstest du, wie ihr euch wieder vertragen könntet?“

Billy: „Keine Ahnung. Er ist sowie ein Idiot. Ich kann ihn überhaupt nicht ausstehen.“

Mutter: „Aber gestern wart ihr noch Freunde. Was ist heute anders?“

Billy: „Er hat mich wie den letzten Trottel behandelt.“

Mutter: „Bist du irgendwie Schuld daran?“

Billy: „Ein bisschen schon. Ich hätte nicht spitzen sollen.“

Mutter: „Was könntest du jetzt tun?“

Billy: „Mich entschuldigen.“

Mutter: „Klingt gut. Probier’s einfach mal.“

Und noch eins.

Vater: „Rachel, du siehst sauer aus. Was ist los?“

Rachel: „Ich hasse meine Lehrerin. Sie hat mich grundlos zum Nachsitzen verdonnert.“

Vater: „Was hat sie gesagt?“

Rachel: „Es war eine Kleinigkeit. Ich hatte wieder mein Mathematikbuch vergessen.“

Vater: „Wozu soll das Nachsitzen sein?“

Rachel: „Es soll die Schüler klüger machen.“

Vater: „Wie sieht es momentan mit deinen Mathenoten aus?“

Rachel: „Ich glaube, sie sind ein bisschen schlechter geworden.“

Vater: „Und sagt dir das etwas?“

Rachel: „Vielleicht sollte ich mir einen Zettel in den Spind kleben, damit ich das nächste Mal nicht schon wieder meine Mathesachen vergesse.“

Vater: „He, das ist eine gute Idee! Das wird bestimmt nützen!“

Beide Male wurden die Kinder zum Nachdenken gebracht. Vergleichen Sie dazu die falsche Art von Fragestellung:

Mutter: „Billy, zieh keinen Flunsch und spiel lieber mit den anderen.“

Billy: „Aber der Tommy hat mich einen Spielverderber genannt.“

Mutter: „Was? Du hast gemogelt? Wie kannst du nur so etwas Dummes tun?“

Billy: „Ich wollte auch einmal gewinnen.“

Mutter: „Den Nachmittag hast du dir wieder einmal gründlich verdorben, nicht wahr?“

Billy: „Hmm.“

Mutter: „Pack deine Sachen, wir fahren sofort heim.“

Hier das zweite Gegenbeispiel:

Vater: „Warum machst du so ein böses Gesicht, mein kleines Fräulein?“

Rachel: „Du wärst auch sauer, wenn du nachsitzen müsstest!“

Vater: „Was! Wie oft glaubst du nachsitzen zu können, bevor sie dich von der Schule werfen?“

Rachel: „Ist doch egal. Ich hasse die Schule sowieso.“

Vater: „Und wie willst du dann deinen Lebensunterhalt verdienen, wenn du keinen Schulabschluss hast?“

Rachel: „Ach, lass mich in Ruhe!“

Was ist hier anders? Der Unterschied besteht zwischen guter Laune und schlechter Laune. Zwischen guter Beziehung und schlechter Beziehung. Und es stehen Kinder, die über ihr Handeln nachdenken, Kindern gegenüber, die auf die Vorwürfe der Eltern reagieren und deren Fehler übernehmen.

2. Kurze Bemerkungen zur Erinnerung

Mit einfachen Anmerkungen können Kinder ebenfalls zum Nachdenken gebracht werden. Zu meinen Lieblingsbemerkungen gehören zum Beispiel Informationen, Beobachtungen und Stichworte.

Hier ein Beispiel für das Informieren:

Mutter: „David, das um den Pool Rennen ist gefährlich.“

David, zu sich: „Hmm. Voriges Jahr ist ein Kind in den leeren Pool gestürzt und hat sich dabei ein Loch im Kopf geholt. Ich habe keine Lust, dass mir das passiert!“

Zum Vergleich:

Mutter: „David, hör auf, um den Pool herum zu rennen!“

David, im Gedanken: „Blöde Meckerliese! Sie soll mich nicht immer wie ein Baby behandeln!“

Ein Beispiel für das Mitteilen einer Beobachtung:

Vater: „Wie ich sehe, bist du noch nicht fertig, und auf der Einladungskarte steht, die Party beginnt um 9 Uhr.

Lizzy, zu sich: „Ach ja! Mann, gut dass er mich erinnert hat. Was, wenn er es auch vergessen hätte? Das nächste Mal trage ich es lieber in meinen Terminkalender ein!“

Zum Vergleich:

Vater: „Weißt du eigentlich, wie viel Uhr es ist? Du kommst zu der Super-Party zu spät! Wenn du nicht in fünf Minuten abfahrbereit bist, kannst du dir einen anderen Chauffeur suchen!“

Lizzy, im Gedanken: „Mann, geht der mir auf die Nerven, wenn er so ist. Außerdem bin ich locker in fünf Minuten fertig. Ich werde Jenny anrufen und fragen, ob sie mich fährt. Zu diesem Monster setze ich mich jedenfalls nicht ins Auto!“

Und ein Beispiel für das Stichwortgeben:

Mutter: „Eliza, der Bus.“

Eliza, zu sich: „Au weh, ich bin viel zu spät dran. Ich frühstücke lieber im Bus, sonst erwische ich ihn nicht mehr. Gott sei Dank hat sie mich erinnert. Wir schreiben doch heute das Diktat. Nächstes Mal stehe ich lieber 15 Minuten früher auf.“

Zum Vergleich:

Mutter: „Eliza, ich höre den Bus um die Ecke kommen. Solltest du ihn verpassen, habe ich absolut keine Lust, dich in die Schule zu fahren!“

Eliza, im Gedanken: „Mein Gott, wie ich sie hasse! Als hätte ich nicht schon genug Stress heute früh. Ist doch ihre Schuld. Hätte sie mich geweckt, als mein Wecker nicht ging.“

Noch einmal, kurze Mitteilungen helfen den Kindern, über ihre Probleme und deren Vermeidbarkeit nachzudenken. Vorwürfe führen dagegen nur zu ebenso vorwurfsvollen unvernünftigen Reaktionen.

3. Kindern auf angemessene Weise die Wahl lassen

Kinder freunden sich mit ihrem inneren Dialog an, wenn wir ihnen Entscheidungsfreiheit geben. Man kann Sally zum Beispiel den Platz im Restaurant aussuchen lassen, oder Tommy die Sets für das Erntedank-Essen. Es gibt natürlich einen kleinen Haken dabei. Wir müssen die Entscheidungen dann auch wirklich akzeptieren! Wenn wir sie rückgängig machen, werden unsere Kinder ihren Entscheidungen im Laufe der Zeit misstrauen. Sie werden sich bei ihren Entschlüssen immer weniger auf sich selbst verlassen und immer mehr darauf, was andere von ihnen erwarten

4. Laut Nachdenken

Unsere Kinder lernen auch durch Beobachten das Nachdenken. Haben Sie jemals laut nachgedacht? Mehr ist hier nicht gemeint. Schauen wir uns ein Beispiel an.

Sie: „Herr Rask ist ziemlich sauer, dass ich nicht pünktlich zur Besprechung kam. Ich weiß, was für einen großen Wert er auf Pünktlichkeit legt. Und ich habe stattdessen mein Kreuzworträtsel zu Ende gelöst! Ich hätte mir denken können, dass es ihn verletzt. Ich glaube, ich werde mich lieber bei ihm entschuldigen. Vielleicht hat er ja zu einem gemeinsamen Lunch Zeit. Wir könnten dann die Punkte seiner Präsentation durchgehen, die ich versäumt habe. Vielleicht kann ich ihm ja bei seinem Projekt weiterhelfen.“

Sicher werden Ihre Kinder sich zunächst wundern, weil sie vor einer unsichtbaren Zuhörerschaft sprechen, aber es ist eine gute Methode, um ihr Gewissen zu wecken und sie Ehrlichkeit sich selbst gegenüber zu lehren. Es regt die Kinder dazu an, über das Geäußerte selbst noch weiter nachzudenken.

5. Probleme durchgehen

Auch indem wir mit unseren Kindern ihre Probleme im Rollenspiel durchgehen, können wir sie zum Nachdenken anregen. Angenommen Johnny wird von einem Klassentyrann gemobbt. Das Rollenspiel könnte dann so verlaufen:

Sie: „Nicht wahr, Chris hat dir in der Schule die letzte Zeit über ganz schön zugesetzt.“

Johnny: „Ja, er schubst mich oft und sagt, ich sähe mit meinen Locken wie ein Mädchen aus.“

Sie: „Spielen wir es doch einmal mit vertauschten Rollen nach. Ich bin du und du spielst Chris. Vielleicht finden wir zusammen eine Lösung.“

Johnny: „Ok. Gewöhnlich sagt er Sachen wie: „He, Lockenkopf, wohin des Wegs? Wohl nach Hause, Puppen spielen, wie?“

Sie als Johnny: „Ich lass mich nicht von dir hänseln. Dich könnte man gut brauchen, wenn du nicht immer so auf den anderen herumhacken würdest.“

Johnny als Chris: „Wer sagt das, Kumpel?“

Sie als Johnny: „Ich. Du kannst super scharfe Bälle werfen. Ich fände dich Klasse in unserem Team. Aber bloße Angeber können wir nicht brauchen.“

Johnny als Chris: „Tut mir leid, Kumpel. Ich hab’s nicht so gemeint. Hand drauf?“

Sie als Johnny: „Okay, aber merk dir eins, keine Hänselei mehr.“

Dieses Rollenspiel hätte natürlich in allen möglichen Richtungen verlaufen und auch ohne Versöhnung enden können. Durch einen gelegentlichen Rollentausch lernt ihr Kind Problemsituationen aus verschiedenen Perspektiven betrachten, was für die Entwicklung eines gesunden Selbstgesprächs sehr wichtig ist.

6. Pro und Kontra abwägen

Wir können unsere Kinder auch dadurch zum Nachdenken und selbständigen Problemlösen anspornen, wenn wir mit ihnen bei anstehenden schwierigen Entscheidungen das Pro und Kontra der jeweiligen Möglichkeiten durchgehen. Schauen wir uns folgende Szene an:

Tim: „Mutti, soll ich nächstes Jahr Fußball oder Baseball spielen?“

Mutter: „Hmm. Das ist schwer zu sagen. Was würde jeweils dafür und was dagegen sprechen?“

Tim: „Wie?“

Mutter: „Na, wo würden die Vorteile und Nachteile jeder Entscheidung liegen.“

Tim: „Ach so. Also im Baseballspielen bin ich wesentlich besser!“

Mutter: „Dann könntest du ja andererseits deine Fußballtechnik verbessern wollen.“

Tim: „Genau. Jimmy spielt auch Fußball. Er ist momentan mein bester Freund.“

Mutter: „Dein Vater wird das Baseballteam trainieren. Ist das ein Pro oder ein Kontra?

Tim: „Auf jeden Fall ein Kontra. Es macht mich nervös, wenn er dauernd um den Weg ist.“

Mutter: „Verstehe. Wann finden die Kurse statt?“

Tim: „Fußball ist gleich nach der Schule, so habe ich eine Pause vor den Hausaufgaben und spar mir eine ganze Fahrt.“

Mutter: „Dafür ist das Training abends angenehmer, weil es nicht mehr so heiß ist.“

Tim: „Stimmt. Aber mir macht die Hitze nichts aus. Ich glaube, ich werde mich für den Fußballkurs entscheiden. Baseball kann warten.“

Ein solches Abwägen kann in mündlicher oder schriftlicher Form geschehen. Für diejenigen, die schon gut schreiben können, hat eine schriftliche Liste den Vorteil, dass sie öfter durchgesehen werden kann, bis man zu einer Entscheidung oder auf eine Lösung gekommen ist.

7. Konsequenzen auflisten

Eine Konsequenzenliste ist einfach eine abgewandelte Pro-und-Kontra-Liste. Die Kinder schreiben die Folgen möglicher Entscheidungen auf, ohne sie nach Vorteilen und Nachteilen zu sortieren. Wenn sich Sarah zum Beispiel den Kopf darüber zermartert, ob sie sich als Schülerlotsin anmelden soll oder nicht, könnte ihre Konsequenzenliste schließlich so aussehen:

Ich müsste eine halbe Stunde früher aufstehen.

Ich bekäme von Freunden und Lehrern Anerkennung.

Ich dürfte kleinere Kinder über die Straße führen.

Ich würde neun Wochen lang nach der Schule nicht mehr in die Schachgruppe können.

Ich dürfte das coole Abzeichen tragen.

Ich würde dann nächstes Jahr vielleicht zur Schülersprecherin gewählt werden.

Ich könnte mich im Zeiteinteilen üben.

Ich könnte nicht mehr mit Jenny früh im Bus fahren.

Ich könnte meine Umgangsformen üben.

Nach der Diskussion oder dem Durchlesen der Liste dürfte Sandra die Entscheidung wahrscheinlich leichter fallen. Und mit der Zeit würde sie in der Lage sein, diesen Vorgang in ein automatisch und blitzschnelles Selbstgespräch zu verwandeln.

8. Lob und Belohnungen so einsetzen, dass sie mehr die Eigenverantwortung fördern als die Anpassung

Lob und Anerkennung sind als Erziehungsmethode sehr umstritten, weil damit nicht nur Gutes bewirkt, sondern auch sehr viel Schaden angerichtet werden kann.

Damit Kinder Selbstbestimmung lernen, dürfen wir ihnen nicht zu viele Anreize geben, ihr Verhalten nur an Lob und Anerkennung auszurichten, was bedeutet, dass sie sich äußeren Vorgaben anpassen. Eine Fünfzehnjährige brachte es auf den Punkt: „Manchmal tue ich etwas nur wegen einer Belohnung, für ein Geschenk oder so. Ich wüsste überhaupt nicht, weshalb ich es sonst tun sollte.“ Wir müssen also Formen des Lobens wählen, die das Selbstwertgefühl in unseren Kindern nähren. Sehen wir uns also einige Formen des Lobens an und fragen, warum sie entweder gut oder schlecht sind.

Loben Sie Kinder nicht wegen ihrer Pokale, Medaillien, Urkunden, gewonnenen Spiele oder guten Noten. Dies sind Äußerlichkeiten. Bewundernde Äußerungen wie „Du bist große Klasse. Lauter Einser im Zeugnis!“ lenken ihre Aufmerksamkeit mehr auf ihr Gewinner/Verlierer Muster (Außenorientierung) als auf ihre erbrachte Leistung (Innenorientierung).

Loben Sie Kinder wegen ihrer Leistungen, die zu solchen Pokalen, Medaillien, gewonnenen Spielen oder guten Noten geführt haben. Anerkennende Worte wie „Diese Einser zeigen, dass du sehr fleißig warst. Du kannst stolz auf deine Leistung sein“ veranlassen das Kind, über seine Leistung nachzudenken, so dass es zwischen seiner Anstrengung und dem Ergebnis einen Zusammenhang erkennen lernt.

Loben Sie ein Kind nicht als Person: „Du bist so ein gutes Mädchen.“ Dies ist eine Beurteilung des Selbstwerts. Der Selbstwert sollte niemals von außen beurteilt werden, auch nicht von den Eltern. Das haben unsere Kinder ganz allein zu entscheiden, für welche Art Menschen sie sich halten.

Loben Sie stattdessen das Verhalten, indem sie sagen: „Du spielst sehr nett mit deinen Freundinnen.“ Das motiviert Kinder über etwas nachzudenken, das ganz bei ihnen liegt – ihre Handlungen.

Loben Sie nicht pauschal. Pauschale Anerkennungen haben etwas sehr Einseitiges an sich, weil sie, offen gestanden, nur Meinungen wiedergeben. Und wir wollen sicherlich nicht, dass unsere Kinder ihr Verhalten an Meinungen ausrichten, die von Autoritätspersonen stammen. Die folgenden Beispiele illustrieren diese Art von leerem Lob.

„Super, dass die Blätter zusammen geharkt sind.“

„He, das ist ein tolles Bild, das du da malst.“

„Was für eine schöne Karte du da gezeichnet hast!“

Sie sehen, dass diese Art zu loben den Kindern keine andere Möglichkeit lässt, als richtig und falsch in Beziehung zu äußerer Anerkennung zu bestimmen. So werden sie schließlich von den Meinungen anderer abhängig. Selbst die Bemerkung „Ich bin so stolz auf dich“ kann einem Kind dieselbe Botschaft vermitteln, deshalb sage ich stattdessen lieber „Ich wette, du bist stolz auf dich.“

Außerdem sind Kinder oft geneigt, sofort das Gegenteil zu denken, wenn sie ein Pauschallob erhalten. Nehmen wir an, ein Elternteil sagt: „Billy, du bist so ordentlich!“ Ich möchte wetten, dass Billy sich als erstes an Zeiten rückerinnert, in denen er schlampig und nachlässig war. Wenn ein Elternteil sagt: „Jane, du bist so ein gutes Mädchen“, wird sie wahrscheinlich als erstes denken, wie schlimm sie sich letzte Woche verhalten hat. Sie könnte sogar denken: „Nein, das bin ich nicht! Ich bin ein böses Kind. Entweder willst du bloß nett zu mir sein, oder ich habe dich glatt beim Schwindeln erwischt!“ Kurz, diese Art von Lob lässt Kinder oft an vergangene Fehler denken.

Loben Sie Kinder auf individuelle Weise. So kann man zum Beispiel unparteiische Beobachtungen mitteilen, wie die folgenden:

„Hui, schau wie viele Blätter du im Garten zusammen geharkt hast! Zehn Säcke! Das ist viel Arbeit gewesen!“

„Wie ich sehe hast du deine Hausaufgaben bereits gemacht und es ist erst sechs Uhr! Du hast deine Mathematikaufgaben alle ganz allein gelöst!“

„Sicher hast du für diese Landkarte viele Farben gebraucht und schau nur, an wie viele Bezeichnungen du gedacht hast – Flüsse, Berge, Städte. Toll!“

Gut ist auch, wenn man den Nutzen guter Entscheidungen beschreibt:

„Du hast deine Hausaufgaben so schnell erledigt, dass du jetzt zwei Stunden länger spielen kannst.“

Lobt man in Form von genauen Beschreibungen, werden die Kinder darin unterstützt, auf ihr eigenes Urteil zu vertrauen, statt auf sich auf die Meinungen und Urteile anderer zu verlassen. Die Kinder lernen folglich zu entscheiden, ob ihre Handlungen ihre eigene Anerkennung wert sind. Um Selbstbestimmt zu sein, müssen Kinder schließlich ihre Größe selbst erkennen.

Regen Sie mit Ihrem Lob Kinder zur Introspektion und zum Eigenlob an, indem sie etwa sagen „Sicher bist du stolz auf dich.“ Auch diese Methode unterstützt Kinder darin, sich durch Nachdenken über ihre Handlungen selbst einzuschätzen. So bekommen sie ein Gefühl für ihre Fähigkeiten und Leistungen, was ihnen wiederum dabei hilft, ihre Identität zu bestimmen.

Loben Sie Kinder so, dass sie es mithören. Während sie so tun, als wüssten sie nicht, dass ihr Kind zuhört, sagen sie etwa: „Erik ist geschickt im Zusammenbauen, ich frage ihn einmal“ oder „Hast du gemerkt, wie freundlich Michelle die letzte Zeit war?“ Diese Art von Lob ist äußerst wirksam, weil das Kind davon ausgeht, dass wir es ernst meinen und nichts damit bezwecken wollen. Ich zähle das mitzuhörende Lob zu den beiden wichtigsten Methoden in der Erziehung selbstbestimmter Kinder. Die andere Methode ist, echte Hilfe zu erbitten.

Loben sie auf stille Weise durch Nicken, Winken, „Daumen hoch“ Halten, Lächeln und Schulterklopfen. Wenn Eltern Gesten statt Worte gebrauchen, zieht das Lob oft mehr, weil es echter und deshalb glaubhafter wirkt. Es ermutigt Kinder zudem, über ihr lobenswertes Verhalten nachzudenken.

Loben Sie nicht auf übermäßige und unkritische Weise. Kinder, die jahrelang solcher Lobhudelei ausgesetzt sind, lernen nicht, sich realistisch einzuschätzen. Sie erfahren Hilflosigkeit, weil sie über die Fähigkeiten und Talente, die ihnen zugeschrieben werden, in Wirklichkeit oft gar nicht oder nur in sehr geringem Ausmaß verfügen. Wenn diese Kinder sich dann in der Welt bewähren müssen, wird ihnen schmerzhaft bewusst, dass sie in vieler Hinsicht gar nicht so außergewöhnlich sind, wie ihnen weisgemacht wurde. Der eingeredete Größenwahn hat ihnen vielmehr geschadet, weil er sie daran hinderte, sich effektiv auf diesen Gebieten zu verbessern.

Diese Erkenntnis ruft ein Minderwertigkeitsgefühl hervor, das Gegenteil dessen, was mit dem Lob beabsichtigt war. Ich begegne dieser Lobhudelei oft in Grundschulen. Dort wird so viel Wert auf äußere Bewunderung gelegt. Die Kinder werden in ihrem Selbstwertgefühl gehätschelt und mit Pauschallob überhäuft in Form von Stickern, Lehrerkommentaren und so weiter. In der Mittelschule folgt dann das bittere Erwachen, wenn es plötzlich nicht mehr nur um eitel Sonnenschein, sondern um echte Leistungen geht. Für Elfjährige ein Schock.

Loben Sie nicht aus künstlicher Begeisterung heraus. Kinder übernehmen dieses Getue, das sie vom sinnvollen Nachdenken abhält. Eine Interviewte sagte: „Ich finde es schrecklich, wie manche Erwachsene mit Kindern reden, sie wie Babys behandeln und sie mit überzogenem Lob überschütten. Sie tun gerade so, als wären sie geistig völlig zurückgeblieben.“

Fassen wir zusammen. Lob sollte die Aufmerksamkeit der Kinder auf ihr eigenes Verhalten lenken, so dass sie zu einer eigenen Einschätzung ihrer Leistung kommen, statt sich von Urteilen anderer abhängig zu machen. Kinder, die durch Lob auf sich selbst verwiesen werden, beginnen darüber nachzudenken, was sie in der Vergangenheit getan haben, welche Konsequenzen sich daraus ergaben und was sie zukünftig tun wollen. Es ist diese Selbstbesinnung, die einen selbstbestimmten Menschen auszeichnet – und nach der nicht nur unsere Kinder, sonder wir alle streben sollten.

Sollen Kinder für Folgsamkeit belohnt werden? Ich bin gegen jede Art von Belohnungssystem, das Kinder zu einem gewünschten Verhalten bringen soll. Belohnungen stellen einen äußeren Einfluss dar, der unsere Kinder davon abhält, aus vernünftigen Gründen zu handeln. Zum Beispiel sollten Kinder ohne Belohnung im Haushalt mithelfen, weil sich das für Familienmitglieder gehört. Und schließlich gehören sie zur Familie. Bekommen Kinder für Hausarbeit Geld, fördert das die Käuflichkeit. Andererseits bin ich dafür, dass Kinder ein angemessenes Taschengeld erhalten, und zwar aus dem Grund, weil sie sich als Familienmitglieder am finanziellen Erfolg mit erfreuen sollen. Werden Kinder für ihre guten Noten belohnt, bestärkt sie das in dem Glauben, dass es auf die Noten ankommt und nicht auf das für das Leben Gelernte. Noten sind etwas Äußerliches. Kinder sollten sich in der Schule anstrengen, weil das Lernen für ihre Entwicklung und ihr Wohlergehen wichtig ist und persönlich lohnt.

Ich bin auch nicht dafür, dass Kinder für gutes Betragen belohnt werden, aber darauf gehen wir weiter hinten im Kapitel über Strafen noch genauer ein. Sie sollten stattdessen negative Konsequenzen für ihr schlechtes und positive Konsequenzen für ihr gutes Benehmen zu spüren bekommen. Wenn Sie die Zeit und Geduld haben, für ihre Kinder eine Benimmliste mit bestimmten Zielen zu erstellen, ist das in Ordnung. Aber sie sollte den Kindern nur dabei helfen, ihre Fortschritte zu überprüfen. Ihnen sollte keine andere Belohnung winken, als ihre Befriedigung, sich gemäß dem eigenem moralischen Kode verhalten zu haben. Wir können Kinder auf zwei akzeptable Arten belohnen. Einmal durch ermutigende Worte, wenn sie das Richtige tun. Wenn Tommy zum Beispiel unaufgefordert den Mülleimer hinausträgt, könnten wir etwa sagen: „Nanu, du wirst ja groß! Ist dir klar, dass ich dich nicht daran erinnern musste, dass du den Müll raus bringen sollst? Das ist eine echte Hilfe gewesen!“ Bemerkungen wie diese motivieren Kinder, ihre Handlungen selbst zu bewerten. Die zweite Möglichkeit besteht im Gewähren positiver, logischer Folgen. Wenn Brianna zum Beispiel schnell mit ihren Hausaufgaben fertig ist, kann sie länger draußen mit ihren Freundinnen spielen. Das lässt sie ebenfalls über ihre Handlungen nachdenken. Sie sagt sich dann vielleicht: „Toll! Weil ich mit meinen Hausaufgaben so schnell fertig wurde, habe ich jetzt mehr Zeit zum Spielen! Das werde ich jetzt jeden Tag versuchen!“ Andere Arten des Belohnens sind nur Bestechungen. Es sind Verlockungszwänge, die unsere Kinder zu gedankenlosen Marionetten machen.

Aus Gedankenlosigkeit herausführen

Es gibt nur eine Sache, die schlimmer ist, als sich nur nach den äußeren Umständen zu richten, und das ist, wenn man sich dem Selbstbetrug ergibt und jener schlechten Triade der Entschuldigungen, Rechtfertigungen und Rationalisierungen folgt. Warum geben sich die Menschen diesen selbstzerstörerischen Verhaltensweisen hin? Manchmal halten sie die Wahrheit für zu schmerzhaft. Manchmal haben sie Angst vor Tadel oder Schande. Immer geht es um den gefürchteten Verlust des Ansehens. Sie glauben, dass sie nicht mehr geliebt werden, wenn sie etwas zugeben würden, auf das sie nicht hundertprozentig stolz sind. Sie haben Angst, sie könnten sich nicht mehr lieben, wenn sie etwas Unsympathisches an sich entdecken. Und wenn sie sich selbst nicht lieben, warum sollte es dann jemand anderes tun?

Es gibt Möglichkeiten, unseren Kindern den vernünftigen Weg der Aufrichtigkeit zu ebnen.

Aus Gedankenlosigkeit heraushelfen

Wenn unsere Kinder mit Entschuldigungen kommen oder unaufrichtig sind, übergehen wir das oft. Wir wollen ihre Schwächen nicht wahr haben, sie nicht verletzen, nicht an unsere eigenen Fehler erinnert werden oder uns das Trara ersparen, das auf die Bloßstellung folgt. Aber es ist im Interesse der Kinder, sie wissen zu lassen, dass wir ihnen auf die Schliche kommen. Hier ein Beispiel:

Danny: „Frau Müller ist richtig gemein. Sie hat uns Unmengen Hausaufgaben aufgegeben. Ich werde sie auf keinen Fall machen!“ (Selbsttäuschung)

Mutter: „Frau Huber sagt, Hal muss für eine Sozialkundeex morgen lernen. Ihr seid doch in derselben Klasse. Und wenn ich mich recht erinnere, kannst du dieses Fach nicht besonders leiden. Hat es vielleicht damit zu tun?“

Danny: „Hmm, vielleicht. Mir ist jetzt noch peinlich, dass ich die vorige Ex verhaut habe. Könntest du mich nicht für Morgen krank schreiben? Nur dieses eine Mal, bitte, damit ich mich besser auf die Arbeit vorbereiten kann.“

Mutter: „Moment mal, soweit ich meine Sozialkundelektion verstanden habe, ist jeder für sein Tun selbst verantwortlich. Du bist klug genug, zu wissen, was Lernen oder Nichtlernen bedeutet. Ich für meinen Teil habe nicht die Absicht, für dich zu lügen. Auf diese Tour falle ich nicht herein, und ich möchte auch nicht, dass du dir etwas vormachst, lass dir das gesagt sein. Wie wär’s, wenn ich mit dir die Schwerpunkte durchgehe?“

Danny: „Du könntest mich ja die Aufgaben abfragen, die am Ende jedes Kapitels stehen!“

Und noch ein zweites:

Debbie: „Jessica ist die längste Zeit meine Freundin gewesen. Sie ist so eine Oberlangweilerin.“ (Selbsttäuschung)

Vater: „Ihr Mädchen wart letztes Wochenende praktisch unzertrennlich. Sag, was ist zwischen euch beiden vorgefallen?“

Debbie: „Ich bin wirklich sauer auf sie. Sie hat Jannika erzählt, dass ich sie nicht zu meiner Geburtstagsparty einladen werde!“

Vater: „Ist das wahr?“

Debbie: „Ja, schon, aber sie hätte nicht hingehen und es ausplaudern müssen. Jedenfalls werden wir uns nicht mehr sehen, weil sie völlig andere Schulkurse belegt hat als ich.“ (Rechtfertigung)

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
Объем:
281 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783946433200
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