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Elena Brandenburg
Karl der Große im Norden
Rezeption französischer Heldenepik in den altostnordischen Handschriften
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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ISBN 978-3-7720-8680-9 (Print)
ISBN 978-3-7720-0468-1 (ePub)
Inhalt
Dank
1. Einleitung1.1. Textkorpus1.2. Begriffe: chansons de geste, riddarasögur1.2.1. Chansons de geste1.2.2. Höfische Texte: Rittersagas, riddarasögur1.3. Forschungshistorische Kontextualisierung1.3.1. Ältere Forschung: Übersetzte riddarasögur1.3.2. Jüngere Forschung: „Kontexte statt nur Texte“1.3.3. Altostnordistik: Tendenzen älterer und jüngerer Forschung1.3.4. Karls- und Dietrichdichtung
2. Theoretische Prämissen2.1. New Philology2.2. Translation Studies – Übersetzen im Mittelalter2.3. Polysystemtheorie2.3.1. Polysystem, Zentrum, Peripherie2.3.2. Übersetzungen2.3.3. Gideon Toury: a target-oriented approach2.3.4. Kritik, Applizierbarkeit und Fazit2.4. Kulturtransfer2.4.1. Kulturtransfer: Übertragung von Wissen2.4.2. Kulturbegriff2.4.3. Kulturtransferanalyse2.4.4. Kulturtransferkonzeption für mediävistische Räume2.4.5. Memory Studies – Transfer von kulturellen Texten2.5. Zusammenfassung der Vorgehensweise
3. Historischer Kontext 3.1. Norwegen und norwegischer Hof 3.2. Karl Magnus und Schweden im 15. Jahrhundert 3.3. Universitas nobilium, regimen regale und regimen politicum 3.4. Die schwedische Elite und ihre Codices 3.5. Karl Magnus Krønike und das Børglum-Kloster 3.6. Historia de profectione Danorum in Hierosolymam
4. Kontextstudien – Kontextualisierungen im Codex4.1. Cod. Holm. D44.1.1. Datierung4.1.2. Inhalt4.1.3. Nota Somnia Danielis und Karl Magnus4.1.4. Herrschervita – Alexander, Albrekt, Karl4.1.5. Fazit4.2. Cod. Holm. D4a (Fru Märtas bok, Codex Verelianus)4.2.1. Inhalt4.2.2. Historiographische Literatur: krönikor4.2.3. Namnlös och Valentin4.2.4. Herr abboten4.2.5. Julens und fastans träta4.2.6. Tungulus4.3. Cod. Holm. D3 (Fru Elins bok)4.3.1. Inhalt4.3.2. Von Fru Märta zu Fru Elin?4.3.3. Vergleich mit Cod. Holm. D4a4.3.4. Fazit4.4. AM 191 fol. (Codex Askabyensis)4.4.1. Inhalt4.4.2. Karl Magnus im Codex AM 191 fol.4.5. Fazit: Schwedische Sammelhandschriften4.6. Altdänische Karlsdichtung: Cod. Holm. Vu 824.6.1. Inhalt4.6.2. Interner Aufbau4.6.3. Mögliche Besitzer: Niels Stygge Rosenkrantz oder Jakob Friis4.7. Zusammenfassung
5. Text- und Funktionsanalysen5.1. Struktur der Karlsdichtung: Kompilation und Zyklisierung5.2. Struktur der Karl Magnus Krønike5.3. Auf der Suche nach Aude und Bramimonde – Gendering Genre5.3.1. Kurze Einführung in die genderorientierte Mediävistik5.3.2. Monologische Maskulinität als Genre-Konvention5.3.3. Aude und Bramimonde5.3.4. Ostnordische Männlichkeiten – immer noch monologisch?
6. Narrative Konstruktionen der Alterität6.1. Alterität in der Chanson de Roland6.2. Der Orient-Diskurs in Voyage de Charlemagne à Jerusalem et à Constantinople6.3. Alterität in der altschwedischen Roncesvalles-Episode6.4. Alterität in Karl Magnus Krønike6.4.1. Alterität im altdänischen Rolandslied: „flyn wndhen i hedhen hwnde …“6.4.2. Alternierende Alteritätsdiskurse in der Karl Magnus Krønike?6.5. Raum- und Orient-Diskurse in der altschwedischen Übertragung des Voyage6.5.1. Struktur und weitere Motive6.5.2. Fazit: Transfer der Alteritätsbilder: Strategien und Funktionen6.6. Exkurs: Weitere Aspekte der Alteritätsdarstellungen in den altschwedischen Handschriften6.6.1. Flores och Blanzeflor6.6.2. Konung Alexander
7. Narrative Heldenkonstruktionen7.1. Der (un-)dänische Held Holger Danske: literarische Quellen7.1.2. Ogier Le Danois in der schwedischen Karlsdichtung7.1.3. Wdger Danske in Dänemark7.1.4. Andere Quellen: mediäval und postmediäval7.1.5. Holger Danske in Södermanland7.1.6. „Paa Dannemarks gamle Dage …“7.2. Karl der Große – rex iustus oder heiliger Sündiger?7.2.1. Karl der Große in Schweden7.2.2. Karl der Große in Dänemark: „kamp og drab og afhuggede lemmer …“Die dänische Bearbeitung der ...7.3. Zusammenfassung: epische Helden, heroische Epen
8. Karlsdichtung in den altostnordischen Handschriften8.1. Genre- und Diskurstransfer8.2. Karlsdichtung im altostnordischen Polysystem8.3. Ausblick
Abstract
Literaturverzeichnis
Register
Dank
Das vorliegende Buch ist die leicht überarbeitete Version meiner Dissertation, die im März 2018 an der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln eingereicht wurde. An dieser Stelle möchte ich mich bei meinem Doktorvater Prof. Dr. Stephan Michael Schröder (Institut für Skandinavistik/ Fennistik, Universität zu Köln), mit dessen engagierter Betreuung dieses Promotionsprojekt vollendet werden konnte, ganz herzlich bedanken. In jeder Phase des Projektes konnte ich mir seiner Unterstützung sowie konstruktiver Kritik sicher sein. Für die jahrelange Förderung, seine verständnisvolle und zuversichtliche Art im Umgang mit den Widrigkeiten des Promovierens und nicht zuletzt die vielen Gespräche, auch über das Dissertationsthema hinaus, bin ich zutiefst dankbar.
Auch meinem Zweitbetreuer Prof. Dr. Massimiliano Bampi (Università Ca’Foscari, Venezia), der die Betreuung der Arbeit über die europäischen Grenzen hinweg enthusiastisch übernahm, bin ich zu Dank verpflichtet. Dass eine in Köln verfasste Arbeit über die französische Heldendichtung in den altostnordischen Handschriften von Venedig aus mitbetreut wird, offenbart die produktivste Form der in dieser Arbeit häufig thematisierten Ent-grenzung.
Mein Interesse am Altostnordischen verdanke ich in erster Linie Dr. Regina Jucknies. Für die jahrelange Unterstützung, die rege Anteilnahme am Projekt und die akribische Lektüre der Dissertation möchte ich ihr an dieser Stelle meinen herzlichsten Dank aussprechen. Daran anschließend gilt mein Dank Anja Blode für die Hilfe bei der Übersetzung der zuweilen opaken altostnordischen Texte. Auch bei Prof. Dr. Marja Järventausta sowie allen MitarbeiterInnen des Instituts für Skandinavistik/ Fennistik möchte ich mich für den Rückhalt, stets offene Türen und die herzliche Atmosphäre am Institut bedanken.
Bei der Redaktion der Schriftenreihe Beiträge zur Nordischen Philologie, insbesondere Prof. em. Dr. Jürg Glauser, Prof. Dr. Lena Rohrbach und Dr. Anna Katharina Richter, möchte ich mich für die Aufnahme der Dissertation in ihre Reihe sowie die Hilfe bei der Überarbeitung bedanken. Für die professionelle und äußerst konstruktive Betreuung bei allen Fragen rund um die Publikation danke ich Herrn Tillmann Bub vom Narr Francke Attempto Verlag.
Ohne die finanzielle Förderung im Rahmen eines Promotionsstipendiums wäre diese Arbeit nicht zustande gekommen. Dafür spreche ich dem evangelischen Studienwerk Villigst e.V. meinen größten Dank aus. Die inspirierenden Begegnungen mit Menschen in Villigst, allen voran mit Dr. Julia Schmeer und Dr. Ingo Rekatzky, waren und sind von unschätzbarem Wert für mich.
Der Geschwister Ingelheim Boehringer-Stiftung für Geisteswissenschafen danke ich für die finanzielle Unterstützung bei der Pubikation der Dissertation.
Nicht zuletzt gilt mein Dank jenen Menschen, die mich jahrelang freundschaftlich unterstützt haben: Katharina Müller, Karolin Pohle, Dörthe Horstschäfer und Alina Wehrmeister haben mir in so manchen Stunden Aufmunterung, Trost, gute Ratschläge und Kaffee gespendet. Tusen takk!
Der größte Dank gebührt aber meiner Familie: Meiner Mutter und meinen Schwiegereltern für die liebevolle Betreuung unserer Kinder. Schließlich möchte ich Frédéric danken, ohne dessen unerschütterlichen Glauben die Dissertation in dieser Form nie zustande gekommen wäre. Ihm und unseren Söhnen Emil und Nikita ist diese Arbeit gewidmet – merci für alles, wofür es keine Worte gibt.
1. Einleitung
„Før skall ieg hugge swa store hug […] ath thet skall spøryes i meden werden stor“1 – solange die Welt steht, soll die Kunde von den großen Kämpfen Rolands und anderer Kämpen unter der Anführung des fränkischen Kaisers Karl des Großen bekannt sein, so das Diktum der französischen Heldenepik auch in der dänischen Überlieferung. Als historische Gestalt ist Karl der Große wie kein anderer Herrscher bis heute im kulturellen Gedächtnis Europas präsent. Diese Tatsache ist nicht nur auf die kulturellen und religiösen Impulse während seiner Regierungszeit sowie auf seine politischen und militärischen Erfolge zurückzuführen. Es sind vor allem die schriftlichen Quellen in verschiedenen europäischen Volkssprachen, die das Bild von Karl dem Großen und seinen Taten prägten.2 Dass die literarischen Helden wie RolandRoland, Oliver, Ogier und Erzbischof Turpin die nördliche Hemisphäre betraten, ist ebenfalls in der volkssprachigen Vermittlung der Stoffe und Motive der französischen Heldenepik, der sog. chansons de gestechansons de geste, begründet. Nicht nur im frankophonen Kulturraum und den benachbarten Regionen wie den deutschen Staaten und den Niederlanden wurden die chansons rezipiert: Auch die europäischen Peripherien, das heutige Wales und der gesamte skandinavische Raum, weisen mittelalterliche Adaptionen der chansons de geste vor.Karlamagnús saga ok kappa hans3
Die vorliegende Abhandlung konzentriert sich auf die ostnordischen, d.h. schwedischen und dänischen mittelalterlichen Adaptionen der Karlsdichtung, den schwedischen Text Karl Magnus sowie die dänische Karl Magnus Krønike, und untersucht das vielschichtige Phänomen des Gattungstransfers der chansons de gestechansons de geste in den zeitlich und geographisch entfernten ostnordischen Sprach- und Literaturraum. Als Übersetzungen und Bearbeitungen kontinentaleuropäischer, vor allem französischer und anglonormannischer Quellen sind die ostnordischen Texte Zeugen eines interkulturellen Kulturtransfers, der das Wissen von den Taten Karls und seiner Helden nach Skandinavien transportiert, wenngleich vermutlich nicht i meden werden stor, so doch bis ins späte 15. Jahrhundert hinein.
Im Prozess der Übertragung entfernte sich dabei nicht nur der historische Kontext, in dem die altfranzösischen und anglonormannischen Handschriften entstanden, auch das unmittelbare intertextuelle Bezugsfeld innerhalb der Handschriftenverbünde, das bestimmte Lesarten und somit ein neues Textverständnis produziert, wurde im Transmissions- und Übersetzungsprozess nicht mitüberliefert. Die Texte wurden somit ent-kontextualisiert. Ihre Re-Kontextualisierungen in neuen intertextuellen Umgebungen, die neue aktualisierende Lesarten begünstigen, sind der Gegenstand dieser Studie.
Als Basis der Untersuchung der altostnordischen Karlsdichtung wird zunächst in aller nötigen Kürze der literaturhistorische Kontext der Gattung chansons de gestechansons de geste ermittelt: Die von der Forschung kontrovers diskutierten Fragen nach der mündlichen und schriftlichen Vermittlung der Geschichten, ihre Funktionen im altfranzösischen literarischen Umfeld sowie gattungsspezifische Merkmale werden kursorisch herausgearbeitet und im Verlaufe der Arbeit im Hinblick auf die diskursive Verortung der chansons im neuen kulturellen Milieu hinterfragt. Dabei ist von einer wandelnden Funktionalisierung der Texte auszugehen. Um dies nachzeichnen zu können, ist der theoretische und methodische Rahmen zugunsten eines Theoriepluralismus erweitert worden: Neben dem für diese Arbeit zentralen, kulturwissenschaftlich ausgerichteten, methodologisch offenen Konzept des Kulturtransfers werden weitere theoretische Ansätze zur Beantwortung einzelner Fragen herangezogen werden. Mithilfe literaturwissenschaftlicher Konzepte der Translation Studies sowie der semiotisch orientierten PolysystemtheoriePolysystemtheorie können die wandelnden Funktionen der übersetzten Texte im heimischen literarischen Milieu bzw. System bestimmt werden. Ansätze aus den Cultural Studies dienen der Annäherung an die Texte im Sinne von Inhalten und Medien der kollektiven Erinnerung,Kulturelles Gedächtnis4 die zur Konstruktion einer kollektiven Vergangenheit beitragen. Forschungen der Gender- und Masculinity Studies sind bei der Analyse der Geschlechtskonstruktionen in den übersetzten Texten, vor allem im Hinblick auf den Transfer der sog. hegemonialen Männlichkeit, gewinnbringend, während Edward Saids Konzept des Orientalismus einen Rahmen für die Analyse der Alteritätsdiskurse in den Texten der ostnordischen Karlsdichtung bildet.
Die oben genannten Konzepte und Theorien sollen hinsichtlich der Besonderheiten der mittelalterlichen Handschriften- und Textgenese kritisch geprüft werden. In den Textstudien der beiden vorliegenden Texte, der altdänischen Karl Magnus Krønike sowie des altschwedischen Karl Magnus, wird den Fragen nach den Übersetzungstendenzen und somit auch nach dem Übersetzungsinteresse der skandinavischen Übersetzer/ Bearbeiter, den narrativen Identitätskonstruktionen Karls des Großen, dem Verhältnis zwischen Christentum und Islam sowie der besonderen Rolle von HolgerHolger Danske Danske nachgegangen.
Diese kulturwissenschaftlich ausgerichtete Herangehensweise soll zur Klärung der Frage nach den Formen des Transfers französischer Heldenepik in den ostnordischen Kulturraum des 15. Jahrhunderts beitragen.
1.1. Textkorpus
Geste de France, devenue geste européenne.Karlamagnús saga ok kappa hans1
Im Gegensatz zu der weitaus reicher überlieferten altwestnordischen, d.h. altnorwegischen und altisländischen Literatur mit ihren drei Hauptgattungen Skaldik, Edda-Dichtung und Saga gehören die altostnordischen Literaturen zu einem eher marginalisierten Bereich der skandinavistischen Literaturwissenschaft. Es sind jedoch nicht nur die territorialen oder sprachlichen Aspekte, die eine Marginalisierung der altostnordischen Texte bewirken, gattungsspezifische Momente tragen gleichermaßen dazu bei: Die als weniger indigen angesehene Übersetzungsliteratur mit ihrer Vielfalt an kontinentalen Stoffen, Figuren und narrativen Formen trat erst in jüngster Vergangenheit in den Fokus der Forschung.2 Dass eine der zentralen Figuren des europäischen Mittelalters, der fränkische Kaiser Karl der Große, auf literarischem Wege auch skandinavische Gebiete betreten konnte, ist auf die folgenden übersetzten Texte, die altnorwegische Karlamagnús saga ok kappa hansKarlamagnús saga ok kappa hans, die altdänische Chronik Karl Magnus Krønike sowie den altschwedischen Karl Magnus zurückzuführen.
Die Textauswahl für diese Untersuchung ist dabei durch mehrere Kriterien begründet: Zum einen sollten die zu untersuchenden Texte als Rezeptionszeugnisse der chansons de gestechansons de geste direkte oder indirekte Bearbeitungen der Stoffe und Motive der altfranzösischen Heldendichtung darstellen. Weiterhin sollen sie in den beiden altostnordischen Sprachen, dem Altschwedischen und dem Altdänischen, vertreten sein. Auf diese Weise lässt sich ermitteln, inwiefern man von gemeinsamen ostnordischen Übersetzungsinteressen und -idealen ausgehen kann. Ein weiteres Kriterium ist die Integration der Texte in SammelhandschriftenSammelhandschrift: Durch eine Annäherung an die historischen, politischen und sozialen Kontexte, in deren zeitlichen Rahmen die Entstehung der Handschriften zu datiert ist, lassen sich mögliche Intentionen der Kompilatoren und Übersetzer erkennen.
Diese Kriterien treffen auf die einzigen Zeugnisse der Karlsdichtung im altostnordischen Raum zu: Der altschwedische Text Karl Magnus sowie die altdänische Adaption Karl Magnus Krønike sind beide in den SammelhandschriftenSammelhandschrift des 15. Jahrhunderts enthalten. Diese repräsentieren ein breites Spektrum an heterogenen Inhalten in teilweise unterschiedlichen Sprachen und ermöglichen so die Verortung der Karlsdichtung in einem breiteren intertextuellen Umfeld der jeweiligen Handschrift. Darüber hinaus können die Texte in Beziehung zu anderen Genres gesetzt werden, was für ein holistisches Verständnis der synchronen wie der diachronen Überlieferung der Karlsepik im östlichen Skandinavien hilfreich ist. Die Ausgangslage bilden fünf Sammelhandschriften, dabei liegt der altschwedische Text Karl Magnus in vier Sammelhandschriften vor:
Cod. Holm. D4,Cod. Holm. D4 erste Hälfte des 15. Jahrhunderts
Cod. D4a (Fru Märtas Bok), 1449–1463
Cod. Holm. D3Cod. Holm. D3 (Fru Elins Bok), 1448
AM 191 fol.AM 191 fol. (Codex Askabyensis), das Jahr 1492 kommt als terminus ante quem in Frage.3
Der dänische Text der sog. Karl Magnus Krønike ist in der SammelhandschriftSammelhandschrift Cod. Holm. Vu 82Cod. Holm. Vu 82 enthalten, auch BørglumBørglum-Handschrift genannt, nach dem Entstehungsort Kloster Børglum in Dänemark. Der ältere Teil der Handschrift, welcher die Krønike enthält, wird auf 1480 datiert.
Als Vorlage der ostnordischen Texte gilt die aus dem benachbarten altwestnordischen Literaturumfeld stammende Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans og kappa hans, der eine Reihe französischer heldenepischer Gedichte zu Grunde liegt. Obgleich ein umfassender Vergleich der Karlamagnús saga mit den ostnordischen Versionen im Rahmen dieser Arbeit nicht intendiert ist, so wird sie doch als Referenz punktuell herangezogen, wann immer es für die Fragestellung konstruktiv ist.
Die Studie konzentriert sich vor allem auf zwei chansons de gestechansons de geste: Chanson de RolandRoland sowie Voyage de Charlemagne à Jerusalem et à Constantinople, in der romanistischen Forschung auch als Pèlerinage de Charlemagne bekannt, sind in allen drei skandinavischen Adaptionen überliefert. Weitere chansons, u.a. Chanson d’Aspremont sowie Chevalerie Ogier le Danemarche sind vor allem hinsichtlich der dänischen Überlieferung relevant und werden im Kapitel 6 und 7 herangezogen. Aufgrund der umfangreichen, zum Teil nicht mehr rekonstruierbaren Handschriftenlage altfranzösischer und anglonormannischer Vorlagen der ostnordischen Texte, wird im Rahmen dieser Arbeit auf bereits erarbeitete Ergebnisse der romanistischen chansons de geste-Forschung zurückgegriffen, welche sich als relevant und konstruktiv für die Analyse skandinavischer, speziell ostskandinavischer Rezeption altfranzösischer Heldenepik erweisen.
Für die Verortung der übersetzten chansons de gestechansons de geste im ostnordischen Literatursystem werden die im gleichen Entstehungszusammenhang zu betrachtenden Texte berücksichtigt: Für das schwedische höfische Literaturmilieu werden vor allem die im Knittelvers verfassten Übertragungen kontinentaleuropäischer höfischer Dichtung, die sog. EufemiavisorEufemiavisor, als Pioniere einer literarischen Übersetzungsaktivität herangezogen. Dieses auf den ersten Blick überschaubare Quellenkorpus soll verdeutlichen, wie aus der „geste de France“ – laut Paul Aebischer – „geste européenne“Karlamagnús saga ok kappa hans4 wurde. Sowohl in sprachlicher als auch in territorialer und literaturgeschichtlicher Hinsicht handelt es sich bei den ausgewählten Texten um ‚Grenzgänger‘.
1.2. Begriffe: chansons de geste, riddarasögur
chansons de gesteriddarasögurDie oben genannten Texte lassen sich in ihrer Überlieferungsgeschichte nicht nur verschiedenen historischen und sozialen Kontexten zuordnen, sondern vertreten unterschiedliche Genres, die an dieser Stelle einer näheren Erläuterung bedürfen. Neben zentralen Charakteristika wird im Folgenden in erster Linie auf die von der Forschung als relevant angesehenen Funktionen der jeweiligen Gattung eingegangen.
1.2.1. Chansons de geste
Die weiter oben aufgelisteten altfranzösischen Vorlagen der ostnordischen Bearbeitungen Chanson de RolandRoland, Voyage de Charlemagne à Jerusalem et à Constantinople, Chanson d’Aspremont und Chevalerie Ogier le Danemarche gehören zur Gattung der französischen Heldenepik, den sog. chansons de gestechansons de geste. Die frühen chansons, vor allem das Rolandslied, stellen in der älteren Forschungsgeschichte laut Bernd Bastert die Höhepunkte der Gattung dar, während die neueren Texte als „depravierte, nicht mehr authentische Heroik“1 angesehen werden. Chansons de geste berichten von Heldentaten großer Persönlichkeiten, die Karolingerzeit mit der Figur Karls des Großen ist hierbei besonders zentral. Klassischerweise wurden die Gesten in drei Zyklen eingeteilt, den Cycle du Roi, den Cycle de Doon de Mayence und den Cycle de Monglane, deren strukturierendes Merkmal die Genealogie ist.2 Im Laufe der Forschungsgeschichte wurde diese Einteilung zugunsten einer thematischen Differenzierung modifiziert, so dass man die altfranzösischen Epen nun in den Cycle du Roi (Königsgeste), die Geste de Guillaume d’Orange (Wilhelmsgeste) und den Cycle des Vassaux révoltés (Empörergeste) unterteilt. Freilich werden auch mit dieser Klassifikation nicht alle chansons de geste erfasst, allerdings führe eine weitere Differenzierung der französischen Heldenepik in genealogisch organisierte Stoff- oder Erzählkreise zu einer „Flut von Zyklen, deren Spezifik oder auch deren Konnex kaum mehr überschaubar sind“.3 Bastert schlägt daher eine von François Suard entwickelte Differenzierung der französischen Heldenepik nach der jeweils dominierenden Thematik vor. Dabei unterscheidet Suard drei Typen: Typ A vereint Texte, die eine kriegerische und religiöse Auseinandersetzung zwischen Christen und Heiden zum Gegenstand haben. Dazu zählen die meisten Epen des Cycle du Roi, u.a. Chanson de Roland, Chanson d’Aspremont und der kurze Voyage de Charlemagne à Jérusalem et à Constantinople. Im Mittelpunkt steht der Kampf Karls des Großen gegen die Heiden. Zum Typ B, den Empörer- und Geschlechtergesten, chansons de révolte et de lignage, gehören Texte mit feudaler Thematik, also Vasallität oder dynastische Konflikte und deren Bewältigung.4 Dazu zählen die klassischen Empörerepen wie Renaut de Montauban sowie die Chevalerie Ogier, Raoul de Cambrai oder auch Elie de Saint-Gilles. Den dritten Typ C, chanson d’aventures, bilden Texte mit einer großen Anzahl fantastischer Motive bei gleichzeitiger Ansiedlung im karolingischen Chronotopos. Wie Bastert feststellt, weist der Typ C mit seinen „Kombinationen von Verwechslungen, Trennungen und Wiedervereinigungen“5 starke Strukturanalogien zum antiken Reise- und Abenteuerroman auf, so dass sich eine wissenschaftliche Debatte, ob diese Texte überhaupt zum Genre der chansons de geste gehören können, nicht vermeiden lasse. Dabei wurden die chansons d’aventures als Depravation der ursprünglichen, archaischen Epen betrachtet, als „dekadente Spätblüten“6 – ein ähnliches (Vor-)Urteil galt lange Zeit auch den übersetzten höfischen Romanen in der skandinavischen Literaturgeschichte, ausgehend von den Idealen einer archetypzentrierten Philologie. Das narrative Potenzial dieser Texte, die Möglichkeit einer „fortgesetzten Horizontstiftung und Horizonterweiterung“Alteritätchansons de geste7 wurden nicht erkannt.
Nach dieser kurzen Skizzierung der Debatte um die Klassifizierung der chanson de geste ist es wichtig, die Strukturmerkmale dieser Dichtung festzuhalten, um zu prüfen, wie eben diese im Prozess der stilistischen und inhaltlichen Transformation aus dem Altfranzösischen ins Altnorwegische und später ins Ostnordische vor dem Hintergrund der veränderten Rezeptionsformen eliminiert, modifiziert oder womöglich übernommen werden.
Die chansons de gestechansons de geste sind anonym überliefert und präsentieren sich als Historienerzählungen, also als Berichte über abgeschlossene Begebenheiten in der Vergangenheit, welche jedoch für die Gegenwart und Zukunft des Rezipienten von Bedeutung sind.8 Im Gegensatz zu zeitgenössischen hagiographischen Schriften verwenden chansons de geste die Volkssprache und enthalten keine Hinweise auf Datierungen, sondern nur systemimmanente Markierungen, wie etwa Jahreszeiten und kirchliche Feiertage wie Pfingsten oder Ostern, so dass eine Verortung in einem außerliterarischen System nicht möglich ist. Der gegenseitige Bezug der chansons de geste aufeinander lässt die Erzählungen der altfranzösischen Epik wie ein großes Kontinuum erscheinen. Bernd Bastert spricht in diesem Zusammenhang von einem ausgefeilten „System der Verknüpfungen der einzelnen Texte zu teilweise sehr voluminösen Zyklen“.9 Als zentraler Bezugspunkt gilt dabei die in der Chanson de RolandRoland beschriebene Katastrophe von RoncesvallesRoncesvalles, deren Erwähnung in anderen Texten eine chronologische Beziehung dazu ermöglicht, während andere Gesten dezidiert die Vorgeschichte der Chanson de Roland darstellen, so z.B. auch der Voyage de Charlemagne. Bastert interpretiert all diese Vor- und Rückverweise als Strategie zur Herstellung einer geschlossenen Erzählwelt, eines jederzeit bezugsfähigen „virtuellen epischen Universums“,10 das eine Art Sagengedächtnis, also einen Teil des kulturellen Gedächtnisses darstellt, das für die zeitgenössischen Rezipienten selbstverständlich war. Für moderne Rezipienten ist jenes epische Universum allerdings nur schwer rekonstruierbar. In diesem Zusammenhang spricht Bastert daher von einem „epischen Substrat“, welches die verschriftlichte chanson de geste an den Fundus der gesamten zeitgenössischen französischen Sagentradition bindet und das Fundament der verschriftlichten chanson de geste bildet, durch das sie mit Authentizität aufgeladen wird.11 Die fehlende Rückbindung an das speziell romanische Sagengedächtnis beeinflusst allerdings die Rezeptionsmöglichkeiten der chansons in neuen literarischen Milieus. Die Frage nach der Transformation der Texte, welche, ihres epischen Substrates beraubt, in einen anderen kulturellen und sozialen Raum übertragen werden, ist für die vorliegende Untersuchung von zentraler Bedeutung.
1.2.2. Höfische Texte: Rittersagas, riddarasögur
riddarasögurDer Begriff der übersetzten riddarasögurriddarasögur, auch als Rittersagas, chivalric sagas oder sagas of knights bekannt, lässt sich schwer präzise definieren, obgleich er fest innerhalb der Forschung etabliert ist.riddarasögur1 Das Adjektiv ‚übersetzt‘ ist hierbei von besonderer Bedeutung und ist als Gegenpart zu den originalen, nicht übersetzten riddarasögur, den sogenannten lygisögur und fornaldarsögur zu sehen. Die Gattung der übersetzten riddarasögur subsumiert übersetzte Texte mit Vorlagen in der französischen, anglonormannischen oder deutschen Dichtung, welche während der Herrschaft des norwegischen Königs Hákon IV. Hákonarson (1217–1263) ins Altnorwegische übertragen wurden.
Neben den im 13. Jahrhundert ins Norwegische übertragenen höfischen Romanen gehören jedoch auch die altschwedischen und mitteldänischen EufemiavisorEufemiavisor sowie eine Reihe von norwegischen, schwedischen, färöischen und isländischen Balladen sowie isländische rímur, welche die durch die riddarasögurriddarasögur vermittelten ritterlichen Motive aufgreifen, ins selbe thematische Umfeld. Dessen Heterogenität und Vielfalt wird deutlich, wenn man sich die Stoffkreise der dafür verwendeten Vorlagen verdeutlicht. Zu nennen wären die französischen Heldengedichte chansons de gestechansons de geste aus dem breiten Fundus der matière de France, zu denen beispielsweise die Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans, Elis saga ok Rósamundu oder Bevers saga zählen. Weiterhin gehören dazu auch die höfischen Romane der matière de Bretagne mit ihrem prominenten Vertreter Tristrams saga ok Ísöndar, die übersetzten Werke Chrétiens de Troyes, Ívens saga und Parcevals saga, sowie die lais von Marie de France, im Altnordischen unter dem Namen strengleikar bekannt. Zuletzt sind auch die auf den verlorenen lateinischen Vorlagen basierenden Flóres saga ok Blankiflúr, Partalopa saga und Clári saga zu nennen, welche der sogenannten matière d’aventure entstammen. Eine Gruppe der jüngeren riddarasögur bilden Texte wie Bærings saga, Mírmanns saga, Rémundar saga keisarasonar und Konráðs saga keisarasonar, für die keine fremdsprachigen Vorlagen bekannt sind. Auch die Antikensagas wie Alexanders saga, Breta sögur oder Trójumanna saga werden als Teil der riddarasögur angesehen, während die Þiðreks sagaÞiðreks saga af Bern, welche die Stoffe der germanischen Heldensage um Dietrich von Bern bearbeitet, und die Barlaams saga ok Josaphats, eine Übersetzung der lateinischen Legende, zwei „borderline cases“2 darstellen.
Diese keineswegs vollzählige Auflistung der übersetzten Stoffe offenbart die Heterogenität des Genres, das erst in den letzten Dekaden eine Aufwertung in der Literaturgeschichtsschreibung erfuhr, welche zuvor in der bipolaren, d.h. sich an der Genuinität bzw. Depravation durch Übersetzung orientierten Betrachtungsweise des Sagafundus verhaftet war. Gerade für die isländische Literatur fand die Bewertung literarischer Phänomene unter dem Gesichtspunkt der Konzeption isländischer Geschichte und Identität statt. Vor diesem Hintergrund waren Texte wie riddarasögurriddarasögur von einer „kanonisierenden Ausgrenzung seitens der Altnordistik“riddarasögur3 betroffen. Vor allem die kulturwissenschaftlich ausgerichteten Arbeiten Jürg Glausers, Stefanie Groppers und Susanne Kramarz-Beins räumen den übersetzten riddarasögur ihren Platz in der skandinavischen Literaturgeschichte ein als „ein herausragendes Beispiel für die Aneignung kulturellen Wissens durch die Adaption von Textmodellen aus einem anderen literarischen Zusammenhang“.riddarasögurÞiðreks saga af Bern4 Im gleichen Zusammenhang wie die übersetzten riddarasögur sind auch die zentralen Texte dieser Abhandlung zu verorten: die Bearbeitungen der altnorwegischen Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans ins Schwedische und Dänische.
Die Übertragung höfischer europäischer Stoffe in die Volkssprachen des ostnordischen Kulturraums nimmt ihren Anfang mit den sog. EufemiavisorEufemiavisor, drei im Knittelvers verfassten Versromanen, Herr IvanHerr Ivan (1303), Hertig Fredrik af NormandieHertig Fredrik af Normandie (1308) und Flores och BlanzeflorFlores och Blanzeflor (1311/1312), laut Stefanie Würth „die ältesten in altschwedischer Sprache enthaltenen Beispiele des mittelalterlichen höfischen Romans“.5 Hier erfolgte die literarische Produktion über dynastische Verbindungen zwischen Norwegen und Schweden auf Initiative der deutschstämmigen norwegischen Königin Eufemia, so dass der soziokulturelle Hintergrund, nämlich das höfische Milieu, für die Transmission von größter Bedeutung ist.Eufemiavisor6 Die Adaptionen kontinentaler Stoffe brachten neben den zentralen Figuren der europäischen Literatur auch neue Gattungen und innovative Impulse im Umgang mit der Fiktionalität mit sich, was wiederum zur Herausbildung einer neuen Gattung beitrug, der sog. originalen riddarasögurriddarasögur oder Märchensagas, „a strange mix of the translated sagas and domestic genre the fornaldarsögur“.riddarasögur7
1.3. Forschungshistorische Kontextualisierung
Die literaturhistorische Nähe der ostnordischen Textzeugnisse der Karlsdichtung zu den übersetzten riddarasögurriddarasögur ist sowohl auf der stoffgeschichtlichen Ebene als auch in Bezug auf die handschriftliche Transmission greifbar, so dass ein kurzer forschungsgeschichtlicher Überblick die Problematik einer Marginalisierung seitens der traditionellen altnordischen Literaturgeschichtsschreibung beleuchten wird.
1.3.1. Ältere Forschung: Übersetzte riddarasögur
In das heterogene Korpus der übersetzten riddarasögurriddarasögur, d.h. zunächst altnorwegischer Adaptionen kontinentaler höfischer Stoffe, wurde bereits im vorangegangenen Kapitel eingeführt. Die kanonisierende Ausgrenzung, von der Glauser in Bezug auf übersetzte Texte spricht, ist in der Dichotomie übersetzt vs. originär verankert: Übersetzungen werden als „voraussagbar triviale Verfallsprodukte“1 betrachtet. Diese rezeptionsästhetische Wertung ist implizit auf den originalzentrierten Text- und Gattungsbegriff zurückzuführen. Gerade hinsichtlich der Bedeutung der Hauptgattungen der westnordischen Literatur, der Skaldik, der Edda und der Saga als Medien zur Konstruktion des norwegisch-isländischen kulturellen Gedächtnisses lässt sich die Präferenz der älteren Forschung erklären, die Adaptionen epigonaler Gattungen, fremder narrativer Modi und unbekannter Protagonisten als „ästhetisch anspruchslose Texte“2 aufzufassen.
Das Interesse der älteren Forschung richtete sich demnach zunächst auf die texteditorischen sowie quellenhistorischen Aspekte der übersetzten riddarasögurriddarasögur. Zu nennen sind hier die immer noch grundlegenden Arbeiten der Forscher Carl Richard Unger und Gustaf Cederschiöld,Karlamagnús saga ok kappa hansriddarasögur3 auf deren Texteditionen der riddarasögur auch heute noch zurückgegriffen wird. Einen wichtigen Beitrag zu den quellenhistorischen Fragen der einzelnen Sagas stellen die zahlreichen Publikationen Eugen Kölbings dar.riddarasögur4 Im Folgenden wird zunächst die Entwicklung der riddarasögur-Forschung kurz skizziert, um anschließend auf die neuesten Tendenzen einzugehen.
Mit dem Ausgangspunkt in den intertextuellen Verschränkungen der übersetzten riddarasögurriddarasögur mit dem kulturellen Rahmen der mittelalterlichen europäischen Literatur befassen sich Forscherinnen wie Marianne E. Kalinke und Geraldine Barnes, deren Arbeiten sich schon frühzeitig als wegweisend in der riddarasögur-Forschung erwiesen. So stellt Barnes die Gattung riddarasögur nicht nur in die Nähe der íslendingasögur und des französischen höfischen Romans, sondern sieht in ihnen Parallelen zum Fürstenspiegel, dem englischen und französischen Prosaroman des 15. Jahrhunderts und dem mittelenglischen Versroman.riddarasögur5 Auch Marianne E. Kalinke untersucht in zahlreichen Abhandlungen detailliert die Rezeption arturischer Versromane in Skandinavien.6
In seiner 1982 erschienen Dissertation kritisiert Bernd Kretschmer den Mangel an konkreten Untersuchungen der einzelnen Texte mittels moderner literaturwissenschaftlicher Methoden.7 Auch Jürg Glauser postuliert noch im Jahre 1998 in seiner Publikation zu Textüberlieferung und Textbegriff im spätmittelalterlichen Norden, es sei für den Stand der Altnordistik symptomatisch, dass
die zwei bisher deutlichsten Reaktionen auf die Herausforderung des mediävistischen Textverständnisses, die spätestens durch die internationale Diskussion über Bernard Cerquiglinis Buch Éloge de la variante hervorgerufen wurde, hauptsächlich auf die editionstechnischen Aspekte des Komplexes eingingen […], während die mehr texttheoretischen Implikationen der New PhilologyNew Philology bisher ausgeklammert wurden.8
1.3.2. Jüngere Forschung: „Kontexte statt nur Texte“
Erfreulicherweise zeigt eine Reihe von Publikationen jüngeren Datums, dass die Auseinandersetzung mit den übersetzten riddarasögurriddarasögur durch den Theorienpluralismus und einen erweiterten Textbegriff einen Zugewinn an Erkenntnissen ermöglichen kann. Die Verlagerung des Interesses vom Prozess der Entstehung auf den der Rezeption sowie auf die Transmission stellen Neuerungen innerhalb der altwestnordistischen Forschungscommunity dar. Den Ansatz, diese Texte in ihren vielschichtigen Transmissionsprozessen zu erfassen, sie als Intertexte in einem literarischen Feld samt ihren Überlieferungszusammenhängen, ihrem intertextuellen und häufig auch interkulturellen Bezugsrahmen unter Einbeziehung rezeptionsästhetischer sowie literatursoziologischer Fragestellungen zu begreifen, verfolgt unter anderem Jürg Glauser in seinen Publikationen.1 Susanne Kramarz-Bein befasst sich in ihren Arbeiten mit den kontextuellen Bezügen der Karls- und Dietrichepik im Rahmen der hansischen und höfischen Kultur- und Literaturbeziehungen in Norwegen des 13. Jahrhunderts. Die Applikation der literarischen Netzwerktheorie am Beispiel der vernetzten literarischen Milieus in der höfischen Literatur stellt einen zentralen Aspekt der jüngsten Forschung Kramarz-Beins dar.Þiðreks saga af BernKarlamagnús saga ok kappa hans2
Die hochmittelalterliche Transmission von Texten an den norwegischen Hof war der Schwerpunkt des von 2007–2010 an der Universität Oslo angesiedelten Projektes Translation, Transmission and Transformation. Old Norse Romantic Fiction and Scandinavian Vernacular Literacy 1200–1500 unter der Leitung von Karl G. Johansson, welches neben den Themen um fornaldarsögur norðlanda und fornsögur suðrlanda vor allem die Einführung der europäischen Kultur durch Übersetzungen altfranzösischer Dichtung ins Altwestnordische zum Thema hatte.3 Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang Stefka Georgieva Eriksens Abhandlung Writing and Reading in Medieval Manuscript Culture: the Translation and Transmission of the Story of Elye in Old French and Old Norse Literary Context4 sowie Sif Rikhardsdottirs Medieval Translations and Cultural Discourse. The Movement of Texts in England, France and Scandinavia.5 Beide Publikationen widmen sich der Transmission und Übersetzung kontinentaler Texte ins Altwestnordische und beleuchten dabei deren Rezeption und Akkulturation in verschiedenen Stadien der handschriftlichen Überlieferung.
Dieser einführende Überblick verdeutlicht, dass theoriegestützte kontextanalytische und transmissionszentriete Studien zu den einzelnen Texten aus dem Korpus der übersetzten riddarasögurriddarasögur sich zu einem der Schwerpunkte jüngerer Forschungen entwickelt haben.
1.3.3. Altostnordistik: Tendenzen älterer und jüngerer Forschung
Zu einer Marginalisierung der mittelalterlichen Literaturen Dänemarks und Schwedens innerhalb der älteren skandinavischen Literaturgeschichten trugen weniger sprachliche als vielmehr gattungsspezifische und überlieferungshistorische Aspekte bei: Die bereits oben erwähnten genuinen Hauptgattungen der westnordischen Literatur sind zwar – was ihre materielle Überlieferung betrifft – Zeugnisse einer hochmittelalterlichen, vom Christentum geprägten Kultur, ihr Ursprung liegt jedoch in der vorchristlichen, heidnischen Kultur des Nordens.1 Im Gegensatz dazu sind die altostnordischen Literaturen im Wesentlichen kontinental geprägt und beinhalten neben den religiösen Gattungen wie Legenden, Mirakel, Viten, Bibelübersetzungen und Psalmen auch weltliche, wie etwa Gesetze, Hagiographie, Chroniken, höfische Versromane und Balladen, die sich ebenfalls an christlich-ästhetischen Werten orientieren. In der Dichotomie originär – epigonal erhielten die vermeintlich ursprünglichen, da heidnischen Literaturen Norwegens und Islands einen höheren Stellenwert innerhalb der altnordistischen Forschung. Diese Ansicht wird von Vertretern der Ostnordistik kritisiert:
Det kan godt være, at de gamle østnordiske sprogområder ikke kan prale af en overleveret litteratur på niveau med digtningen og sagaerne fra Island og Norge, men den østnordiske litteratur omfatter ikke desto mindre en bred vifte af teksttyper – fra krøniker til lovtekster, fra videnskabelige skrifter til religiøs poesi. […]. På trods af denne rigdom er østnordisk filologi længe blevet anset som den norrøne filologis «fattige slægtning».2
Oder, um es mit Per-Axel Wiktorssons Worten auf den Punkt zu bringen: „Den östnordiska filologins ställning är svag“.3 Kernpunkte der altostnordistischen Forschungen waren bisher Einzelstudien mit philologischen, textkritischen und quellenhistorischen Aspekten.EufemiavisorNamnlös och Valentin4 Auch stand in erster Linie die altschwedische religiöse Literatur um die Offenbarungen der Heiligen Birgitta sowie die Überlieferungstätigkeit im schwedischen Kloster VadstenaVadstena lange Zeit im Fokus der Forschungscommunity,Vadstena5 während man die ostnordischen höfischen Texte stiefmütterlich behandelte. Wenn die höfische Übersetzungsliteratur des 13. Jahrhunderts einem exklusiven, auf dem Originalitätswert beruhenden Kanon unterworfen war – mit dem Verdikt der älteren Forschung, in den Übersetzungen ästhetisch anspruchslose Texte zu sehen –, so ist in Bezug auf die altostnordischen Texte von einer doppelten kanonisierenden Ausgrenzung seitens der Altnordistik zu sprechen, stellen sie gewissermaßen doch Bearbeitungen von „triviale[n] Verfallsprodukte[n]“6 dar, als welche übersetzte höfische Texte lange Zeit galten. In seinem Aufsatz zur höfisch-ritterlichen Epik in Dänemark macht Glauser schon 1986 den von der älteren, philologisch fixierten Forschung immer wieder diagnostizierten Mangel an thematischer wie ästhetischer Originalität verantwortlich für die Ausgrenzung, ja Diskriminierung einer ganzen literatur- und kulturgeschichtlichen Periode und kritisiert „den verdammenden Kanon“.7
Die ostnordischen Bearbeitungen kontinentaler Stoffe sind weiterhin Gegenstand isolierter literaturwissenschaftlich ausgerichteter Untersuchungen. Eine breit angelegte Studie, die sich mit den Fragen der mittelalterlichen Transmission der Stoffe gen Schweden und Dänemark befasst, bleibt bisher ein Desiderat.8
Ein verstärktes Interesse seitens der Forschung richtete sich in den letzten Jahren auf die EufemiavisorEufemiavisor, drei im Knittelvers verfassten altschwedischen höfischen Romane Herr IvanHerr Ivan, Hertig Fredrik af NormandieHertig Fredrik af Normandie und Flores och BlanzeflorFlores och Blanzeflor. Diese gelten als die ältesten in schwedischer Sprache erhaltenen Romane und „out of the almost complete silence of Swedish thirteenth-century vernacular literary culture, the three narratives step forward as remarkably advanced and voluminous pieces of work“.Eufemiavisor9 Die Bedeutung dieser ersten altschwedischen Romane für die einheimische Textproduktion ist immens:
The international background of the EufemiavisorEufemiavisor provided a rich and fertile soil of texts, models, genres and literary practices which the target culture could benefit from to nurture a vernacular literature of its own.10
Der internationale Hintergrund sowie die dynastischen Verflechtungen zwischen dem deutschen, schwedischen und norwegischen Hof im 13. und 14. Jahrhundert bilden die Ausgangslage jüngerer Publikationen rund um die EufemiavisorEufemiavisorEufemiavisorHerr IvanFlores och BlanzeflorHertig Fredrik af Normandie11 und andere volkssprachige Texte des schwedischen Mittelalters. Rezeptionsästhetische und literaturwissenschaftliche Aspekte stehen dabei im Fokus der Forschungen.Sammelhandschrift12 Eine 2013 gegründete Selskab for Østnordisk Filologi hat zum Ziel, zu einer besseren Vernetzung innerhalb der internationalen ostnordisch ausgerichteten Wissenschaft beizutragen.13
1.3.4. Karls- und Dietrichdichtung
Wie beschrieben richtete sich das Interesse der älteren Forschung vor allem auf die textkritische Analyse einzelner ostnordischer Textzeugnisse der Karlsdichtung: Philologische Studien und texthistorische Arbeiten dominieren die romanistischen und skandinavistischen Publikationen vor dem Hintergrund der mächtigen altwestnordischen Vorlage Karlamagnús saga, die als wichtige Zeugin bei der Rekonstruktion der zum Teil verlorenen altfranzösischen chansons de gestechansons de geste fungiert und darum einen besonderen Stellenwert im Rahmen der romanisch-skandinavischen Literaturbeziehungen einnimmt.1
Während sich ältere Forschungen auf die Frage nach der hypothetischen gemeinsamen schwedischen Vorlage der Karl Magnus Krønike und des Karl Magnus sowie dem Alter der Texte konzentrierten,BørglumRoland2 dürfen zwei philologische Studien nicht unerwähnt bleiben, die auch für die aktuelle Forschung von unschätzbarem Wert sind. Zum einen ist es die 1959 erschienene Abhandlung David Kornhalls Den fornsvenska sagan om Karl Magnus. Handskrifter och texthistoria,3 die eine insgesamt sorgfältige und umfangreiche philologische Studie liefert. Ebenfalls eine umfassende philologische Analyse des dänischen Textes bietet Poul Lindegård Hjorths Filologiske Studier over Karl Magnusʼ Krønike,4 in derem ersten Teil das Verhältnis zur altwestnordischen Vorlage im Hinblick auf Abweichungen thematisiert wird. In ihrem zweiten Teil werden die altdänischen Zeugnisse der Karlsdichtung zueinander in Beziehung gesetzt, nämlich der Text aus der Børglumer Handschrift von 1480 sowie die beiden Drucke von 1509 und 1534, während sich ihr dritter Teil der Wortschatzstudie widmet. Diese Studie komplementiert die von Lindegård Hjorth herausgegebene kritische Edition der Karl Magnusʼ Krønike (1960).5 Das Augenmerk der älteren Forschung liegt jedoch – sicherlich auch ihrem Zeitgeist entspringend – hauptsächlich auf der Erforschung einzelner literarischer Textdenkmäler sowie auf deren textkritisch-philologischen Interpretationen und deren Sprachgeschichte.
Im Folgenden werden nun Arbeiten vorgestellt, die sich primär mit den altschwedischen und altdänischen Textzeugnissen samt ihren Überlieferungszusammenhängen befassen. Zu nennen sind hier in erster Linie die Arbeiten Susanne Kramarz-Beins, die sich in ihrer Forschung auf den Bereich der Literatur- und Kulturbeziehungen im Mittelalter auf die altnordische, vor allem altwestnordische und vereinzelt altostnordische Karls- und Dietrichdichtung und der literarischen Milieu-Studien konzentriert.6 Hier ist primär ihr Aufsatz „Zur altostnordischen Karls- und Dietrichdichtung“7 zu nennen, in dem eine Übersicht einerseits über die Textzeugnisse (Karl Magnus Krønike, Karl Magnus und Didriks Krönika) geboten, und andererseits die ostnordische Balladenüberlieferung wie ostnordische Bilddokumente aus dem Karls- und Dietrich-Stoffkreis thematisiert werden. Als Fazit betont Kramarz-Bein die Zusammengehörigkeit der Karls- und Dietrichdichtung nicht nur im altwestnordischen, sondern auch im altostnordischen Literaturkontext, obgleich beide Kulturräume auf „verschiedenen Einfluss-Schienen des Kulturtransfers“8 zu verorten sind. Dies wird an ähnlichen Übersetzungs- und Kompositionsprinzipien und einem ostnordischen Stilideal festgemacht. Weiterhin wird die Frage nach dem Aufzeichnungsinteresse mit memorialkulturellen und protonationalen ― hier vor allem in Bezug auf die Didriks Krönika ― Aspekten beantwortet. Diese Annahmen werden in einer Reihe weiterer Publikationen mit unterschiedlichen thematischen Fokussierungen betont, u.a. ist die Applikation der literaturwissenschaftlichen Netzwerktheorie am Beispiel der vernetzten literarischen Milieus in der höfischen Literatur ein Schwerpunkt von Kramarz-Beins aktueller Forschung.9
Einige für die vorliegende Studie relevante Positionen thematisiert Massimiliano Bampis Publikation „In Praise of the Copy. Karl Magnus in 15th-Century Sweden“.10 Obwohl „far from being an exhaustive investigation“,11 bietet der Aufsatz mögliche Interpretationsansätze vor dem Hintergrund des kodikologischen Kontextes Karl Magnusʼ, in den der jeweilige Text eingebettet ist. Geleitet von der Auffassung, „the reception of courtly literature in late-medieval Sweden led to a significant change in the conception of the world“,12 postuliert Bampi das hermeneutische Potenzial der Texte durch den intertextuellen Dialog in den einzelnen Handschriften.
Die in dieser Forschungsübersicht kurz vorgestellten Tendenzen der älteren und jüngeren Forschung lassen erfreulicherweise ein gestiegenes Interesse an den ostnordischen Werken des Spätmittelalters erkennen. Dennoch fehlt bis heute eine umfassende systematische und theoretisch fundierte Studie, welche die ostnordischen Rezeptionszeugnisse der altfranzösischen chansons de gestechansons de geste sowohl in ihrem intertextuellen und kodikologischen Kontext als auch vor dem Hintergrund gesellschaftsgeschichtlich relevanter Entwicklungen in Schweden und Dänemark des 15. Jahrhunderts einordnet und interpretiert, um auf diese Weise mehr Erkenntnisse bei der Frage nach dem möglichen Rezeptionsmilieu sowie nach den Rekontextualisierungspotenzialen dieser Texte zu gewinnen. Die vorliegende Studie leistet unter Heranziehung einiger literatur- und kulturwissenschaftlicher Ansätze einen Beitrag dazu, diese Forschungslücke zu schließen.
2. Theoretische Prämissen
Die altostnordischen Zeugen der Karlsdichtung, die in den SammelhandschriftenSammelhandschrift des 15. Jahrhunderts überliefert sind und Übersetzungen von teilweise verlorenen altfranzösischen chansons de gestechansons de geste darstellen, werden unter dem Aspekt der Transmission und Reakkulturation der übersetzten Texte in neue literarische, soziokulturelle und politische Kontexte betrachtet. Den theoretischen Rahmen dieser Abhandlung bildet daher eine Vielzahl von theoretischen Ansätzen: Basis der Untersuchung ist der philologische Ansatz der New PhilologyNew Philology, welche die mouvance zum Spezifikum mittelalterlicher Texte erklärt. Die aus dem Feld der Translations Studies stammende PolysystemtheoriePolysystemtheorie komplementiert den Ansatz der New Philology im Hinblick auf die Abkehr von der älteren Praxis, Texte bzw. Übersetzungen einzig in Bezug auf Originale zu betrachten. Die Übersetzung stellt für die Polysystemtheoretiker den Vorgang der Translation eines Textes aus einem kulturellen System in ein anderes dar, mit dem Ziel der Funktionsbestimmung in diesem. Auch für die kulturanthropologisch ausgerichteten Kulturtransfer-Studien ist der Prozess der Vermittlung, des Transfers sowie die diskursiven Vorgänge im Aufnahmesystem zentral. Dass literarische Texte „niemals einfach von einer Sprache in die andere, sondern aus dem spezifischen Diskurs der einen in einen entsprechenden Diskurs der anderen Sprache“1 übersetzt werden, lässt die Frage nach der Ent- und Rekontextualisierung der übersetzten heldenepischen Texte im Schweden und Dänemark des 15. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der Memory Studies bzw. dem Konzept des kulturellen Gedächtnisses aufkommen.2 Hier ist sicherlich von einer Gattungstransformation bzw. einer sich wandelnden Funktionalisierung der Texte auszugehen. Im Folgenden werden die oben angeführten theoretischen Ansätze näher erläutert und auf ihre Applizierbarkeit auf mediävistische Literatur- und Kulturräume überprüft.
2.1. New Philology
New PhilologyDer gegen die traditionelle Textkritik ausgerichtete Ansatz der New PhilologyNew PhilologyNew Philology1 oder Material Philology ist in der skandinavistischen Mediävistik mittlerweile etabliert und hat sich in der Forschung als fruchtbar erwiesen.New Philology2 Die Textkritik, deren Begründung traditionellerweise Karl Lachmann zugeschrieben wird, hat den Erhalt bzw. die Herstellung des dem Original am nächsten kommenden Textes, des sogenannten Archetyps, zum Ziel. Die Überlieferungsvarianten, d.h. alle erhaltenen Handschriften eines Textes, werden hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Herstellung des ‚Originals‘ gesammelt (recensio) und gewertet (examinatio). Diesen Originalzentrismus lehnt die New Philology entschieden ab und betrachtet die mouvance3 bzw. variance4 oder, wie Joachim Bumke dies formuliert, die gleichwertigen Parallelfassungen5 des Ausgangsobjekts als entscheidend für die mittelalterliche Schriftkultur als freie Reproduktionskultur. Die Besonderheit der mittelalterlichen Textualität besteht demnach darin, dass die Texte prinzipiell unfest, strukturell offen waren und so zu einer ganz spezifischen Kommunikation und Sinnvermittlung innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft beitrugen. Diese Eigentümlichkeit erfordert somit eine Dezentrierung des Textbegriffs und – in Übereinstimmung mit den Prinzipien der New Philology und in Anlehnung an den von RolandRoland Barthes diagnostizierten Tod des Autors – sogar „den Tod des Archetyps“.6 Auch Jan-Dirk Müller fordert eine Revision des Textbegriffs, denn philologisch betrachtet erweist sich der feste Autortext für die Mediävistik als „Fiktion, die nicht nur unmöglich reflektiert werden kann, sondern den Blick verstellt auf das Transitorische, […] den Blick auf seine ‚mouvance‘“.7 Die Idee eines festen Textes, einer ursprünglichen und darum besten Vorlage sei somit nicht geeignet, um die mediävistischen Texte und ihre Polyvalenz angemessen in ihrer synchronen wie diachronen Entwicklung zu untersuchen. Der Blickwinkel verlagere sich vom Prozess der Entstehung auf die Rezeption und die häufig mit dem Prädikat mangelhaft behaftete, weil fragmentarische Überlieferung. Verschiedene Fassungen eines Textes sind nach den Prinzipien der New Philology jedoch gleichberechtigt und stellen demnach Lesarten dar, die in einem bestimmten historischen Kontext entstanden sind. Eine ähnliche Position markiert der sog. New Historicism, wenn er eine strikte Trennung zwischen dem schriftlichen Dokument, der Handschrift, und dem Text, der sich aus allen Handschriften ergibt, vornimmt und so von einem dezentrierten, intertextuell vernetzten Text ausgeht.8
Weiterhin postuliert die New PhilologyNew Philology, literarische Werke existierten nicht „independently of their material embodiments“.9 Für das Verständnis und die Interpretation eines Textes, der in einer mittelalterlichen Handschrift immer ein Rezeptionszeugnis darstellt, ist auch seine Materialität und Medialität ausschlaggebend: Die Form und die Gestaltung der Codices, deren Material, Schrift, Illustrationen, Rubriken, Initialen sowie Paratexte sind Produkte einer Rezeptionsleistung und ermöglichen in der Spannung zwischen einem diachron-textgeschichtlichen und einem synchron-überlieferungsgeschichtlichen Bezugsfeld einen anderen Blick auf den Text. 10
Diese Perspektive eignet sich besonders gut im Hinblick auf die Texte der vorliegenden Untersuchung, stellen sie doch Abschriften von verlorenen Übersetzungen dar, welche wiederum auf die nicht erhaltenen altfranzösischen Vorlagen zurückgehen. Die Suche nach einem vermeintlichen Original, ob nun altfranzösisch oder altnorwegisch, oder einer hypothetischen altschwedischen oder altdänischen Zwischenstufe, ist so aussichtslos wie obsolet.
2.2. Translation Studies – Übersetzen im Mittelalter
Die Übersetzung als „Medium des Transfers und geistiger Ort der Begegnung über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg“1 gehört nicht erst seit dem Zeitalter der Globalisierung zu einem wichtigen Faktor der Interkulturalität. Beinahe jede Kultur übertrug Texte aus anderen Kulturen in das eigene soziale Umfeld, transformierte, adaptierte und tradierte sie weiter. Die Übersetzung literarischer Texte „als spezifischer Formen des individuellen und kollektiven Wahrnehmens von Welt“2 führte zur Herausbildung eines Forschungsgebietes, das in seiner Komplexität und Divergenz ein einheitliches systematisches Vorgehen unmöglich macht. So wird zu Recht betont, dass in Anbetracht der relativen „Unbestimmtheit des Übersetzungsbegriffs sowie der Vielfalt theoretischer Grundannahmen, Untersuchungmethoden und Zielsetzungen“3 die Übersetzungsforschung interdisziplinär sein muss.
Bei der Entwicklung der altnordischen Literatur waren Übersetzungen und Adaptionen ebenfalls „an integral and ongoing part […] from its earliest beginning“.riddarasögur4 An dieser Stelle ist es unabdingbar, Begriffe wie Übertragung und Übersetzung zu präzisieren, die für diese Arbeit zentral sind: Unter Übertragungen, unter die auch der Begriff Übersetzung fällt, versteht man Reproduktionsprozesse, bei denen von einer Vorlage ein Reprodukt hergestellt wird; hierbei werden sowohl die Inhalte als auch Formen der Vorlage in einem anderen Medium oder in einem anderen gesellschaftlichen und sprachlichen Kontext verfügbar gemacht.5 Von einer Übersetzung spricht man, wenn dabei ein Sprachwechsel stattfindet.6 Demnach ist eine Übersetzung ein Vorgang, durch den „die Äquivalenz zwischen zwei Sprachen“7 hergestellt wird. Aber auch der in dieser Definition verwendete Begriff Äquivalenz bedarf selbst einer Klärung, ist doch die Äquivalenzfrage auf dem Gebiet der Übersetzungswissenschaft eine nicht unumstrittene.8 Die linguistisch-normativ orientierte Äquivalenzforderung der Translationslinguistik in Bezug auf textsemantische und -pragmatische Aspekte wird von den übersetzungstheoretischen Entwicklungen der Descriptive Translation Studies als verengend kritisiert, wohingegen die zielkulturellen Faktoren an Bedeutung gewinnen. Die Entwicklung hin zu einem kulturwissenschaftlichen Übersetzungsverständnis kulminierte im sog. translational turn, der über die traditionellen Übersetzungskategorien, wie etwa Äquivalenz oder Originaltreue, hinausgreift.9 Die seit den 1980er Jahren einsetzenden cultural turns10 haben in der Übersetzungsforschung einen weiten, kulturanthropologisch orientierten Übersetzungsbegriff für sich beansprucht, der auf die Problemfelder der Auseinandersetzung zwischen den Kulturen verweist,11 obgleich sie auch keinen revolutionären Paradigmenwechsel bewirkten. Der die einzelnen turns umfassende cultural turn ist hier nicht als ein obligatorisches holistisches theoretisches System zu verstehen, sondern als ein interpretatorisches Angebot, sich durch Perspektivenverschiebungen literarischen Werken anzunähern.12 Das kulturanthropologisch ausgerichtete Konzept der Übersetzung wird so zum Medium des interkulturellen Dialogs, welches auf der Analyse der kulturellen Differenzen und Übertragungsmethoden basiert, und somit zum interaktiven Prozess der wechselseitigen Beeinflussung.Holger Danske13
2.3. Polysystemtheorie
PolysystemtheorieEin von den Translation Studies aufgegriffenes Modell zur Funktionsbestimmung der übersetzten Literatur bietet die seit den 1970er Jahren sich stets entwickelnde PolysystemtheoriePolysystemtheorie des israelischen Kulturwissenschaftlers Itamar Even-Zohar. Dieser semiotisch orientierte systemische Ansatz knüpft an den Russischen Formalismus und Tschechischen Strukturalismus an, vor allem an die Werke Jurij Tynjanovs, Roman Jakobsons und Boris Ejchenbaums, übernimmt dessen Konzepte wie System und literarische Evolution1 und entwickelt sie weiter. Der Ansatz Even-Zohars ist als funktionalistisch zu bezeichnen, da er alle semiotischen Phänomene als Teile eines oder mehrerer Systeme begreift und diese auf ihre Funktionen und ihre wechselseitigen Beziehungen hin analysiert. Funktionalismus, oft mit dem Vorwurf des auf Saussure zurückgehenden statischen, in sich geschlossenen Systems ohne Einbeziehung außersystemischer Determinanten konfrontiert,2 kann hier jedoch eine dynamische Komponente sowie eine Erweiterung durch Einbeziehung außersystemischer Elemente erfahren, welche schon bei Tynjanovs Konzept der literarischen Evolution zu erkennen ist. So unterscheidet Even-Zohar u.a. zwischen der Theorie der statischen und der dynamischen Systeme.3
2.3.1. Polysystem, Zentrum, Peripherie
Zentral in seiner Theoriebildung ist das Konzept des Polysystems, definiert als „a multiple system, a system of various systems which intersect with each other and partly overlap“.1 Unter Übersetzung versteht der Polysystemiker den Vorgang der Translation eines Textes von einem kulturellen System in ein anderes2 und in Bezug auf die übersetzten Texte ist das Ziel der PolysystemtheoriePolysystemtheorie die Funktionsbestimmung des übersetzten Textes innerhalb des Polysystems der Aufnahmekultur. Hierbei sind übersetzte Texte lediglich ein System in dem größeren literarischen Polysystem, das seinerseits als ein (Sub-)System der sie umfassenden Polysysteme, wie etwa Kultur, fungiert. Die Polysysteme sind nach Even-Zohar offene, dynamische und stratifikatorische Systeme, gekennzeichnet durch die Anordnung von Zentren und Peripherien, die sich in einer steten zentripetalen bzw. zentrifugalen Interaktion befinden. Sein Ansatz, die Analyse der internen Wechselbeziehungen und Strukturen innerhalb soziosemiotischer Systeme, geht auf Tynjanovs Konzept der literarischen Evolution zurück, erweitert um eine synchrone Perspektive.3 Die Verschiebung der Hierarchien geschieht durch ein Gelangen von nicht-kanonisierten Texten oder Textgattungen aus der Peripherie des Polysystems in dessen Zentrum.4
2.3.2. Übersetzungen
In den literaturwissenschaftlichen Kanonbildungsprozessen sind die Übersetzungen, historisch gesehen, am ehesten an der Peripherie anzusiedeln,1 während einheimische, autochthone Texte und Gattungen zentral sind. Even-Zohar betrachtet die Übersetzungen hingegen nicht nur als „integral system within any literary polysystem“, sondern als „most active system within it“.2 Übersetzungen können von der Peripherie des Polysystems aus wandern und aktiv an der Gestaltung dessen Zentrums sein:
Through the foreign works, features (both principles and elements) are introduced into the home literature which did not exist there before. These include possibly not only new models of reality to replace the old and established ones that are no longer effective, but a whole range of other features as well, such as a new (poetic) language, or compositional patterns and techniques.3
Even-Zohar kristallisiert drei Faktoren heraus, welche die Bewegung von übersetzten Texten ins Zentrum ermöglichen. Zum einen sei dies möglich, wenn es sich um junge Literatur handele oder diese sich im Prozess der Etablierung befinde: Hier komme der übersetzten Literatur eine zentrale Rolle bei der Vermittlung literarischer Modelle zu. Zum anderen gelangen Übersetzungen ins Zentrum, wenn Literatur schwach (weak) oder peripher (peripher) oder beides sei. Aufgrund der Unfähigkeit, selbst Innovationen zu produzieren, bedarf es Übersetzungen nicht nur „as a medium through which new ideas can be imported, but also as the form of writing most frequently imitated by ‚creative‘ writers in the native language“.4 Der dritte Fall tritt ein, wenn es zu einer Krise (crisis), einem Wendepunkt (turning point) oder einem literarischen Vakuum (literary vacuum) in der Literatur kommt.5 Die Annahme, dass übersetzte Literatur sich entweder am Zentrum oder an der Peripherie eines literarischen Polysystems befindet, schließt hingegen nicht aus, dass es in verschiedenen Systemen zu verschiedenen Positionierungen kommen kann: Übersetzte Literatur als System ist an sich stratifikatorisch; während also bestimmte Bereiche peripher bleiben, können andere eine zentrale Position einnehmen. Die Beziehungen zwischen der Position der übersetzten Literatur und dem literarischen Polysystem beschreibt Even-Zohar anhand zweier Annahmen. Erstens, die Wahl der zu übersetzenden Texte ist von den Bedingungen des sie aufnehmenden Polysystems abhängig: „Texts to be translated are chosen because of their compatibility with the new forms needed by a polysystem to achieve a complete, dynamic, homogeneous identity“.6 In einem vakuösen Polysystem, dem es an literarischen Techniken, Formen oder Genres fehlt, werden diese durch übersetzte Texte transportiert, da das Polysystem sonst „defective“,7 mangelhaft bleibt.
Zweitens unterscheidet Even-Zohar zwischen den Übersetzungsstrategien, determiniert von den sozioliterarischen Bedingungen der Aufnahmekultur: Soll übersetzte Literatur innovatorisch wirken, bleibt sie näher am Originaltext der Ausgangssprache. Sind die Innovationen aber zu radikal für die neue Kultur, besteht die Gefahr, dass übersetzte Texte nicht ins neue Polysystem integriert werden können. Ist der neue Text hingegen erfolgreich, übernimmt er die Funktion der primären, d.h. einheimischen, nicht übersetzten Literatur. Die zweite Übersetzungstendenz internalisiert bereits etablierte Normen der Aufnahmekultur und bestätigt die dominanten ästhetischen Normen zulasten der Innovationen.
2.3.3. Gideon Toury: a target-oriented approach
Eine erhebliche Erweiterung erfährt der polysystemische Ansatz durch die Arbeiten des israelischen Kulturwissenschaftlers Gideon Toury. Die PolysystemtheoriePolysystemtheorie Even-Zohars bildet die Basis seiner theoretischen Konzeptionen, erweitert durch Tourys Feldforschungen zum Versuch einer umfassenden Übersetzungstheorie, welche als Publikation In Search of a Theory of Translation im Jahre 1980 erschien.1 Wie Even-Zohar verfolgt Toury den zielsprachlich orientierten Ansatz in seiner Übersetzungsforschung, vermeidet jedoch das häufig kritisierte abstrakte ideale Modell „Autor – Originaltext/ Übersetzung – Leser“. Für ihn stellt Übersetzung eine „norm-governed activity“2 dar, in welche mindestens zwei Sprachen und zwei kulturelle Traditionen involviert sind, und bei der sich der Übersetzer zwischen zwei Strategien entscheiden muss: Entweder werden die Normen der Ausgangskultur angewandt, was zu „translationʼs adequacy as compared to the source text“3 führt, oder die dominierenden Normen der Zielkultur sind entscheidend, was wiederum zu „its acceptability“4 beiträgt. Die totale Adäquatheit des übersetzten Textes in Bezug auf den Ausgangstext am einen, die totale Akzeptanz in der Aufnahmekultur am anderen Extrempol platzierend, lokalisiert Toury Übersetzung stets in der Mitte: Keine Übersetzung kann gänzlich akzeptabel oder adäquat sein, der übersetzte Text „can never meet the ideal standards of the two abstract poles“.5 Um den Prozess der Übersetzung zu verstehen, muss der übersetzte Text innerhalb seines kulturell-linguistischen Kontextes begriffen und analysiert werden. In seinem Artikel „The Nature and Role of Norms in Literary Translation“6 stellt er eine Reihe von Normen (preliminary, initial, operational, matricial und textual norms) auf, die den Prozess der Übersetzung von der Wahl des konkreten Textes über die individuelle Entscheidung des Übersetzers bezüglich der Übersetzungsstrategie bis hin zu den einzelnen linguistischen und stilistischen Präferenzen determinieren.7 Toury plädiert dafür, nicht einzelne Texte zu analysieren, sondern „rather multiple translations of the same original text as they occur in one receiving culture at different times in history“.8
2.3.4. Kritik, Applizierbarkeit und Fazit
Das im Gegensatz zu Luhmanns Systemtheorie kaum in Deutschland rezipierte systemische, semiotisch orientierte Konzept der PolysystemtheoriePolysystemtheorie, wie sie von Even-Zohar seit den 1970er Jahren stets entwickelt und revidiert wurde, kann gewinnbringend in der Auseinandersetzung mit den übersetzten Texten des nordischen Mittelalters angewandt werden. Dazu bedarf es freilich einiger Modifikationen, ist doch bereits auf den ersten Blick der polysystemische Hang zum Universalismus erkennbar. Even-Zohars Ansatz, dass literarische Systeme selbst stratifiziert sind und aus vielen verschiedenen Systemen bestehen, die stets von dynamischen Wechselbeziehungen geprägt sind, ist dennoch ein holistischer. Even-Zohar übernimmt das historische Konzept des Russischen Formalismus bezüglich der Literarizität der literarischen Werke, wie auch Ejchenbaum und Tynjanov es vertreten, Literatur entwickle sich autonom ohne Beeinflussung durch externe Faktoren. Gentzler merkt an, Even-Zohar beziehe Texte selten auf reale Bedingungen ihrer Produktion, sondern auf hypothetische strukturelle Modelle und Abstraktionen: „The extraliterary continues to be significantly absent from his analysis“.1 Auch das Konzept des literarischen Systems indiziert, es sei autonom, selbstregulierend, dynamisch, homogen – kommt es zu Vakua, Krisen oder Wendepunkten, strebt das System danach, diese durch Verschiebungen der Hierarchien von Peripherie und Zentrum zu eliminieren, da es sonst defective bleibt. Unmittelbar stellt sich die Frage, in welcher Gestalt das ideale homogene Polysystem als Folie zum Vergleich mit den anderen, defektiven Systemen existiert – oder ob es lediglich ein abstraktes Postulat bleibt.
Verlässt man den universalistischen Anspruch der PolysystemtheoriePolysystemtheorie, so ist sicherlich die zielsprachliche oder sogar zielkulturelle Orientierung dieses Ansatzes konstruktiv in der Auseinandersetzung mit den übersetzten Texten sowie das Bestreben, den übersetzten Text primär als Phänomen der Zielsprache im Gesamtkontext innerhalb ihres literarischen Systems aufzufassen.2 Die Abkehr von der überkommenen Praxis, den übersetzten Text einzig in Bezug auf den Originaltext der Ausgangssprache zu betrachten, lässt sich hierbei unschwer mit den Forderungen der New PhilologyNew Philology nach der Ablehnung des traditionell philologischen Originalzentrismus vergleichen und für die vorliegende Studie produktiv verbinden. Die Funktionsbestimmung der übersetzten Texte innerhalb des Polysystems der sie aufnehmenden Kultur hilft, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, was „die Texte uns zeigen können über die Vorgänge ihrer Entstehung, die den Übersetzern dabei zu Verfügung stehenden Möglichkeiten, die von ihnen jeweils getroffene Wahl“.3 Der Ansatz fand bereits Anwendung in einer Reihe von Publikationen, die sich mit den Werken skandinavischen Mittelalters befassen, und führte zu neuen Erkenntnissen im Bereich der übersetzten Literatur sowohl im altwest- als auch altostnordischen literarischen System.Flores och Blanzeflorriddarasögur4
2.4. Kulturtransfer
Wirft man einen Blick auf die aktuelle Forschungslandschaft, so hat der Begriff Kulturtransfer eine seit Jahren andauernde Konjunktur. Dieses von der Forschergruppe um Michael Werner und Michel Espagne entwickelte Konzept wurde zunächst zur Erforschung deutscher Einflüsse in französischen Kontexten anhand interdisziplinärer Studien angewandt.1 Seitdem hat sich die Kulturtransferforschung in einer produktiven Art und Weise in diversen Disziplinen der Kultur-, Sprach- und Sozialwissenschaften etabliert, dabei eine schier unüberschaubare Menge an Begriffen wie Akkulturation, Transkulturation, Hybridisation, Domestizierung produzierend, um die Transfervorgänge zwischen verschiedensten Kulturen zu analysieren. Auch nach dreißig Jahren scheint dieses Konzept eher gewinnbringend für die Erkenntnisse von Einzelstudien zu sein als ein abgeschlossenes theoretisches Fundament für diese zu bieten. Diese konzeptuelle Offenheit erklärt auch die hochgradige Applizierbarkeit des Konzeptes auf Analysen verschiedener Zeiträume, womit es von seiner ursprünglich in der Neuzeit angesiedelten Untersuchungen fortrückt. Im Folgenden wird dieses Konzept vorgestellt und im Anschluss daran auf sein methodologisches Potenzial für den in dieser Arbeit relevanten Zeitraum des späten Mittelalters überprüft.
2.4.1. Kulturtransfer: Übertragung von Wissen
Wie bereits oben erwähnt wurde das Konzept der Kulturtransferforschung erstmals von der Forschergruppe um Michel Espagne und Michael Werner für die interdisziplinären Studien zu deutschen Einwirkungen in französischen Kontexten entwickelt. Hierbei analysierten sie Transferprozesse unterschiedlichster Art: Neben Dokumenten wie literarischen Texten, Übersetzungen oder privaten Korrespondenzen rückten auch gewisse (Berufs-)Gruppen wie Immigranten, Seeleute, Diplomaten, Kaufleute, Künstler oder Verleger als kulturelle Transmitter ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht die Ausgangskultur oder die zu vergleichenden Entitäten wie Nation, Staat oder Land, sondern der Prozess der Vermittlung und die diskursiven Vorgänge im Aufnahmesystem. Kulturtransfer wird als aktiver Aneignungsprozess begriffen, im Laufe dessen etwas aus einer Kultur in die andere übertragen wird, als „Übertragung von Menschen, Gütern und Wissen“1 zwischen Kulturen, bei der vor allem zirkulierende immaterielle Güter von großer Bedeutung sind.
Das Konzept der internationalen Zirkulation des Immateriellen steht in Korrelation mit Pierre Bourdieus Auffassung vom Import und Export der Ideen, dargelegt in seinem Aufsatz „Les conditions sociales de la circulation internationale des idées“.2 Für Bourdieu ist die internationale Ideenzirkulation durch strukturelle Faktoren im Aufnahmefeld bestimmt. Da fremde Texte kontextunabhängig transferiert werden, transportieren sie das Produktionsumfeld, in dem sie entstanden, nicht mit sich. Wie auch die von Espagne und Werner initiierte Kulturtransferforschung orientiert sich Bourdieu dabei nicht am Primat des Ausgangsfeldes,3 sondern unterstreicht die Bedeutung des Aufnahmefeldes oder der Aufnahmekultur für die Funktionsbestimmung eines fremden Werkes, das nach einer Reihe sozialer Operationen schließlich gemäß der internen Logik des Aufnahmesystems re-interpretiert wird.4 Dabei sind es unbewusste nationale Felder, die hier „l’effet de prisme déformant“,5 den Effekt eines entstellenden Prismas, einnehmen, die zum „générateur de formidables malentendus“6 werden. So ist es auch Bourdieus Intention, diese Kategorien des nationalen kulturellen Unbewussten, derer sich die sozialen Akteure in ihrer kulturellen Produktion und Rezeption unbewusst bedienen,7 explizit zu machen. Dies könne laut Bourdieu durch eine Reflexion über die Entstehung der nationalen Bewertungskategorien aus der Entwicklung der je länderspezifischen wissenschaftlichen Disziplinen geschehen.8 Nur so könne der intellektuelle Nationalismus überwunden werden. Auch die Kulturtranserforscher bemühen sich mit der Offenlegung des re-formulierten Fremden im vermeintlich Eigenen um die Dekonstruktion des Konzeptes eines Nationalstaates, die jedoch weniger pessimistisch auf die Missverständnisse und Instrumentalisierungen durch das Aufnahmefeld konzentriert sind als Bourdieu in seiner Auffassung zur Zirkulation transnationaler Ideen.
2.4.2. Kulturbegriff
Die Kulturtransferforschung als eine Strömung innerhalb der Kulturwissenschaften ist weder Einflussforschung noch Rezeptionsforschung im Sinne der vergleichenden Literaturwissenschaft, welche die Aufnahme eines Werks im neuen Kontext und dessen Einfluss darauf analysiert, oder der Rezeptionsgeschichte, die das Interesse auf literaturhistorische Kontexte und Faktoren im Aufnahmesystem lenkt, jedoch immer noch von einem impliziten Hierarchiedenken in Bezug auf das Original bestimmt ist..1 Davon versucht sich die Transferforschung, wenn auch nicht immer konsequent, zu lösen. Sich auf das kulturanthropologische Konzept der Akkulturation beziehend, übernimmt die Transferforschung auch den kulturanthropologisch ausgerichteten Kulturbegriff, der ein neues Kulturverständnis generiert: Kulturen existieren nicht vorgängig, sondern nehmen durch kulturelle Kontakte erst Gestalt an, sind also als Prozesse der Überlagerung und Vermischung verschiedener Kulturen aufzufassen..2 Von Clifford Geertz wurde die Metapher Kultur als Text im Anschluss an Paul Ricoers Texthermeneutik entwickelt.3 Hierbei werden die kulturellen Praktiken in Analogie zu Texten als lesbar und übersetzbar betrachtet. Kultur selbst lässt, ähnlich wie ein Text, verschiedene Lesarten zu, indem sie Handlungen in interpretative Zeichen und Symbole übersetzt, welche wiederum dekodiert werden können.4 Fremde Kulturen sind nach Doris Bachmann-Medick erst durch ihre Repräsentation in Mythen, Ritualen und Texten zugänglich.5 Im Gegensatz zu diesem interpretativen Ansatz der Kulturanthropologie ist die Auffassung der Kultur als Performanz ungleich dynamischer: Nach Victor Turner wird Kultur als Prozess symbolischer Handlungen aufgefasst, an welche die Bedeutungskonstitution dicht gebunden wird.6
Unter den Stichworten Kreolisierung, Hybridisierung und cultural flows werden in der Kulturtransferforschung seit den 1980er Jahren Austauschprozesse diskutiert, die interkulturelle „Übertragung und Vermittlung von Texten, Diskursen, Medien und kulturellen Praktiken“7 umfassen. Hier wird der Übergang „von einem lokalen zu einem mobilen Paradigma des Kulturbegriffs“8 indiziert. Lutz Musner warnt aber gleichzeitig davor, sich bei Transferforschung nicht zu sehr auf das Imaginäre zu konzentrieren, sondern auch die materiellen Rahmungen der Transfers zu berücksichtigen.9
2.4.3. Kulturtransferanalyse
Kultur wird definiert als ein veränderliches Kommunikationssystem,1 bei dem geschlossene Kulturräume und Identität abgeschafft werden und Kultur als Ergebnis von interkulturellen Differenzierungsprozessen erscheint, die „kulturelle Kontexte dem Fremden öffnen und sie zugleich durch und gegen fremde ‚Identität‘ befestigen“.2 Mit dieser kommunikationstheoretischen Ausrichtung des Kulturbegriffs operiert nun die Transferforschung und rekonstruiert anhand von drei, zunächst etwas schematisch zusammengefassten, Prozessen die Dynamik der Transfervorgänge: Durch eine sorgfältige Analyse der Selektions-, Vermittlungs- und Rezeptionsprozesse lassen sich so die Fragen nach den Intentionen, den Wegen und den Re-Integrationsmöglichkeiten kultureller Artefakte beantworten. Die Selektionsprozesse beschreiben die Formen der Auswahl von Objekten, Texten und Diskursen in der Ausgangskultur, die nach Lothar Jordan und Bernd Kortländer durch technisches, praktisches oder ideologisches Interesse bestimmt werden.3 Die Vermittlungsinstanzen – personal (z.B. Reisende, Händler, Übersetzer, etc.), institutionell (Klöster, Universitäten, Verlage) oder medial (Hörfunk, audio-visuelle Medien) agierend – transferieren kulturelle Artefakte in die neue Kultur. Letztlich sind die Rezeptionsprozesse zu untersuchen, welche beleuchten, wie die transferierten Objekte, Texte, Diskurse oder Praktiken im neuen sozialen und kulturellen Horizont adaptiert werden.4 Lüsebrink unterscheidet fünf Formen der Rezeption: Während die Übertragung eine möglichst originalgetreue Form in Bezug auf die Ausgangskultur nachzuahmen sucht, wie es bei einer Übersetzung oder einem Nachbau der Fall sein kann, sind bei der Nachahmung, einer Form „epigonaler Neuschöpfungen“,5 fremdkulturelle Muster noch erkennbar. Mit kultureller Adaption werden Formen kultureller Veränderungen im Hinblick auf die Spezifika der Zielkultur bezeichnet. Daneben beschreibt Lüsebrink Kommentarformen und produktive Rezeption, zu der sowohl die Prozesse der kulturellen Umdeutung als auch die des negativen Transfers gehören, als die letzten beiden Rezeptionsformen.6 Sicherlich lassen sich die Transfervorgänge für die Neuzeit, die Moderne und das Zeitalter der Globalisierung expliziter und präziser beschreiben als für das Mittelalter.
2.4.4. Kulturtransferkonzeption für mediävistische Räume
Die Applizierbarkeit des vorgestellten kulturwissenschaftlichen Konzeptes auf die mediävistischen Zeit- und Kulturräume scheint ob der Überlieferungslage der kulturellen Artefakte nicht immer einfach. Auch die dem Mittelalter als Epoche zugeschriebene Anonymität der Überlieferung erschwert zunächst die Vorgehensweise, wie sie für die Neuzeit und Moderne konzipiert wurde. Dennoch gibt es eine Reihe von mediävistischen Arbeiten, die sich dieses Konzeptes produktiv bedienen.Roland1 Doch es ist gerade die stets kritisierte konzeptuelle Offenheit der Transferforschung,2 die diesen Ansatz multiapplikabel macht, ihm den „Charakter eines Korrektivs gegenüber vorangegangenen und noch bestehenden Forschungskonzepten“3 verleiht. Freilich muss den Spezifika mediävistischer Kulturräume Rechnung getragen werden: Die Transferforschung müsse sich von nationalgeschichtlich geprägten Räumen der Neuzeit und Moderne lösen, was jedoch aus mediävistischer Perspektive ohnehin selbstverständlich erscheint, so RolandRoland Scheel.4 Das europäische Mittelalter sei von nationes, verwandtschaftlich, religiös, kulturell-sprachlich und ökonomisch ausgerichteten Kulturarealen geprägt gewesen.Roland5 Die Ausgangs- und Zielkulturen für den Untersuchungsraum zu definieren, macht eine feinfühlige Selektion von Kriterien erforderlich, da es sich nicht um Länder, Nationen oder Staaten handelt, denen die Textzeugnisse entstammen, auch Kirchen- und Konfessionszugehörigkeiten oder die sprachliche Verwandtschaft sind als alleinstehende Merkmale irreführend. Für eine Differenzierung von mediävalen Kulturräumen ist eine Kumulation von Kriterien nötig, wie etwa Religion, Sprache, Schrift, Recht, Wirtschaft, Verfassung etc.6
Weiterhin ist bei Transfers im Mittelalter also nicht von linearen, hierarchischen Prozessen auszugehen, sondern von asymmetrischen Transferprozessen, die zwischen zwei, lokal wie zeitlich, voneinander entfernten Kulturarealen stattfinden.7 Dabei ist die zeitliche Verschiebung, der ein Rezeptionsprozess stets unterliegt – in der vorliegenden Untersuchung sind es immerhin etwa drei Jahrhunderte – der einfachste Typ von Asymmetrie. Analog dazu ist von einer räumlich-geographischen Asymmetrie bei Transferprozessen auszugehen. Hier möchte Kugler eine Binnendifferenzierung vornehmen und mit den Begrifflichkeiten Nahdistanz und Ferndistanz operieren, um so die Transferprozesse zum einen zwischen verschiedenen volkssprachigen Kulturen innerhalb Lateineuropas, zum anderen zwischen Lateineuropa und dem Islam oder dem Fernen Osten zu untersuchen.8 Bihrer plädiert allerdings in diesem Zusammenhang für eine kommunikationsgeschichtliche Ausweitung des Kulturtransferbegriffs sowie für das Konzept der mittleren Distanz, das kein abgeschlossener dritter Bereich, sondern als „Kontinuum zwischen den beiden Polen Nähe und Ferne zu denken“9 sei. Als Ausgangspunkte der Untersuchung sind Akteure, Begegnungen, Transfers und Erinnerungsakte zu wählen, statt von „scheinbaren Entitäten wie vormodernen Nationen, Herrschaftsräumen oder der Christenheit“10 auszugehen. Hiermit korreliert auch Kuglers Konzept der mediävistischen Kulturtransferforschung: Er entwirft eine Reihe an Fragen, die zwar nicht die Verbindlichkeit einer Methode beanspruchen, aber einer pragmatischen Herangehensweise durchaus behilflich sein können.11 Eine allgemeine und „ubiquitär anwendbare Theorie des Kulturtransfers“12 wird wohl vorerst ein Desiderat bleiben.
2.4.5. Memory Studies – Transfer von kulturellen Texten
Der Begriff des kulturellen Gedächtnisses wurde von Jan und Aleida Assmann unter Rückgriff auf Maurice Halbwachsʼ Konzept des kollektiven Gedächtnisses entwickelt.1 Im Gegensatz zum kommunikativen Gedächtnis, das durch den Geschichtshorizont der Zeitgenossen abgedeckt ist, sind „mythische, als die Gemeinschaft fundierend interpretierte Ereignisse einer fernen Vergangenheit“2 Gegenstand des kulturellen Gedächtnisses. Eine entscheidende Rolle kommt dabei dem Medium Literatur zu, sie stellt eine Weise der Gedächtniserzeugung unter anderen dar.3 Nach Aleida Assmann wird zwischen kulturellen und literarischen Texten unterschieden, deren Lesarten nicht aus den ihnen inhärenten Merkmalen entstehen, sondern durch den Rezeptionsrahmen, d.h. durch den „dezisionistischen Akt“4 des Rezipienten, bestimmt werden. Zusammengefasst zeichnen sich kulturelle Texte – um die es im Folgenden gehen soll – in Abgrenzung zu literarischen Texten durch einen besonderen kanonischen, für Aleida Assmann kulturellen, Status aus. Sie erhalten dadurch eine zusätzliche Sinndimension, die durch Vermittlung von Konzepten kultureller, nationaler oder religiöser Identität sowie kollektiv geteilter Werte und Normen zu einer – aus rezeptionsästhetischer Sicht – sich von den literarischen Texten unterscheidenden Textexegese auffordert. Eine Identifikation des Rezipienten mit dem Text, das Verlangen nach Aneignung von Wissen, Verehrung, ein wiederholtes Studium, Ergriffenheit – all das zeichnet kulturelle Texte aus.
Während literarische Texte mit ihren Leerstellen prinzipiell einer Sinnstiftung durch den Horizont des Rezipienten offen, polyvalent und unverbindlich sind, verlieren kulturelle Texte einerseits ihre Standortgebundenheit und Mehrdeutigkeit, gewinnen dadurch hingegen andererseits an kultureller Tiefendimension.5 Die Teilhabe am kulturellen Text indiziert Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe als Ersatz für genetisch gesteuerte Identität.6
Die Gattung der französischen chansons de gestechansons de geste, welche die Ereignisse des fränkischen heroic ageheroic age beschreibt, fungiert als Medium des kulturellen Gedächtnisses, ähnlich wie die Gattung der isländischen fornaldar- und íslendingasögur. Die fiktional aufgearbeitete Geschichtsauffassung bildet in einem logisch dargestellten Narrativ einen Vergangenheitsbezug, verweist auf den ‚Fernhorizont‘ der jeweiligen Kultur und schafft so die Vision einer geteilten Vergangenheit als Identifikationsangebot. Die französische Nationalgeschichte wird anhand der Heldenlieder um Karl den Großen aus dem Stoffkreis der matière de France in mythischer Überhöhung konstruiert: Im Gegensatz zu den Heldenepen mit der keltisch-bretonischen Thematik der matière de Bretagne und aus dem antiken Themenbereich matière de Rome beanspruchen sie Historizität und Authentizität trotz der unübersehbaren Fiktionalisierung der Geschichte des Frankenreiches.chansons de geste7 Dabei sind die Heldenlieder größtenteils in den SammelhandschriftenSammelhandschrift des 13. und 14. Jahrhunderts überliefert und stellen Bearbeitungen der zeitgenössischen Schreiber und Kompilatoren dar.
Im Folgenden werden die für diese Arbeit relevanten chansons de gestechansons de geste, welche in ihrem jeweiligen Literatursystem einen zentralen, kanonisierten Status hatten, mit den von Aleida Assmann vorgeschlagenen distinktiven Merkmalen als kulturelle Texte verortet. Als massive Reduktion erscheint bei diesem Vorhaben das postulierte Aufgeben der, den literarischen Texten inhärenten, Polyvalenz hier behandelter chansons de geste.8 Doch wie Aleida Assmann betont, handelt es sich hierbei nicht um unterschiedliche Textgruppen, sondern um unterschiedliche Zugangsweisen und Rezeptionsrahmen, welche die womöglich identischen Texte als literarisch oder kulturell determinieren.
Unter dem Stichpunkt ‚Identitätsbezug‘ richten sich kulturelle Texte nicht an individuelle Rezipienten, sondern an Repräsentanten eines Kollektivs, das durch die Teilhabe an kulturellen Texten eine übersubjektive Identität erhält. Die Chanson de RolandRoland, schon früh zu einer identitätsstiftenden Narration der Franken, später zum Nationalepos der Franzosen stilisiert,Roland9 schafft durch die narrativen Verfahren mythischen Erzählens mit hagiographischen Bezügen ein konkretes Identifikationsangebot auf der Grundlage einer allumfassenden Liebe zu dulce France, dem lieblichen Frankenreich. Der historische Kern um die Schlacht von RoncesvallesRoncesvalles im Jahre 778 wird narrativ mit der Akzentuierung auf dem religiösen Aspekt des Kampfes gegen die Sarazenen sowie einer Idealisierung der Helden der dulce France überhöht.
Auch das Rezeptionsverhalten kultureller Texte unterscheidet sich von dem der literarischen: Im Gegensatz zur unverbindlichen Wahrheit und zur ästhetischen Distanz literarischer Texte verkörpern chansons de gestechansons de geste eine verbindliche, unhintergehbare und zeitlose Wahrheit. Wie bereits erwähnt, erfordern sie Verehrung, Ergriffenheit und eine vorbehaltlose Identifikation; die Wiederherstellung der kosmischen, heilsgeschichtlich orientierten Ordnung wird erst durch den epischen Tod Rolands, Karls allumfassende Trauer um diesen und seine Gefährten und seine fürchterliche Rache an den Heiden erreicht. Führt man sich die von der Forschung für die chansons de geste etablierte Position bezüglich der Vortragssituation vor Augen, nämlich eine kollektive Rezeptionsweise mit dem jongleur (Spielmann) und dem Publikum, forderten die rezeptionsästhetischen Qualitäten dieser ältesten chanson de geste zweifellos Verehrung und Ergriffenheit bei den zeitgenössischen Rezipienten. Auch der Aspekt der Überzeitlichkeit mit dem damit verbundenen Anspruch auf „unerschöpfliche, nie veraltende Aktualität“10 sowie die „transhistorische Qualität der Unüberholbarkeit“11 spielen eine entscheidende Rolle bei der Kanonisierung von Texten, die auf diese Weise erst kulturell werden. Hier sind der heilsgeschichtliche Bezug der chansons de geste, die Verteidigung der christlichen Kirche gegen die Heiden sowie die in den Texten propagierte Überlegenheit Karls als gotterwählter Universalherrscher zu nennen.
Als Ausgangspunkt dieser Untersuchung werden nun unter Rückgriff auf die oben genannten distinktiven Merkmale die hier behandelten chansons de gestechansons de geste nicht als literarische, sondern als kulturelle Texte behandelt, wohl darauf verweisend, dass es sich nicht um die intrinsische Qualitätsgarantie von Texten per se handelt, sondern um den Rezeptionsrahmen, in dem sie sich entfalten. Mit diesem Postulat wird die Frage nach dem Transfer kultureller Texte eröffnet, somit auch die Frage nach dem differierenden Rezeptionsrahmen der zu analysierenden Texte in einem räumlich-geographisch und soziokulturell divergenten Kulturareal. Welche der distinktiven Merkmale verschwinden nach dem Transfer, welche Funktionen übernehmen diese Texte und welcher Status kommt ihnen zu? Sicherlich ist davon auszugehen, dass durch changierende Rezeptionsmodi sowohl ein übersubjektiver Identitätsbezug als auch eine verbindliche Wahrheits- und Geschichtsauffassung an Bedeutung verlieren.
2.5. Zusammenfassung der Vorgehensweise
Wie schon aus der erfolgten Darstellung verschiedener theoretischer Zugänge deutlich wurde, wird in dieser Arbeit auf den Einsatz einer großen Theorie verzichtet. Im Umgang mit den übersetzten Texten des europäischen Mittelalters, den geistigen Erzeugnissen ihrer jeweils spezifischen literarischen, soziokulturellen und politischen Dimension, erweist sich ein Theorienpluralismus als gewinnbringend, um den Fragen nach den einzelnen Aspekten des Transfers, der Ent-Kontextualisierung und schließlich der Domestizierung tradierter Konzepte, Ideen, Werte und Weltbilder nachzugehen. Die vorgestellten Konzepte der New PhilologyNew Philology, des Kulturtransfers, der Translation Studies und der PolysystemtheoriePolysystemtheorie sowie des kulturellen Gedächtnisses stellen keine abgeschlossenen, ubiquitär applizierbaren Theorien dar. Kritisch reflektiert, auf die Spezifika der jeweils zu untersuchenden Zeiträume und Kontexte hin modifiziert, bieten sie einen neuen, produktiven Zugang zu den Textzeugnissen, die uns – abseits der kryptischen philologischen Textkritik – Auskunft über die Bedingungen und Modi ihres Transfers und ihrer Rezeption geben können, wie über mögliche Auswirkungen des Transfers und ihre Rolle bei der Gestaltung neuer literarischer Formen.
Die für die vorliegende Studie relevanten Konzepte bzw. deren Anwendung sind stark rezeptionistisch angelegt. Der philologische Ansatz der New PhilologyNew Philology korreliert mit der kulturwissenschaftlichen Ausrichtung des Kulturtransfers sowie der PolysystemtheoriePolysystemtheorie. Gemeinsam ist den theoretischen Konzepten der Fokus auf die erhaltenen Texte als Produkte von komplexen dynamischen Prozessen. Die Abkehr von der Idee eines Archetyps, eines Originals oder einer Ausgangskultur, deren Reproduktionen in einem anderen Kulturraum aufgrund der vielfachen Modifikationen als defizitär beschrieben würden, vereint die theoretischen Annäherungen an die altostnordischen Texte. Dabei handelt es sich nicht um eine bloße Akkumulation verschiedenster Ansätze. Während die New Philology eine Dezentrierung des Textbegriffs fordert und die Unfestigkeit mittelalterlicher Texte betont, fokussiert sich die Polysystemtheorie dezidiert auf die Übersetzungen und deren Funktionen im neuen literarischen System. Den großen Bogen vom Frankreich des 11. Jahrhunderts bis nach Schweden und Dänemark im späten Mittelalters bildet das methodologisch offene Konzept des Kulturtransfers. Dieser ergänzt die eben genannten Theorien hinsichtlich der Identifizierung diskursiver Vorgänge in der Aufnahmekultur, welche den Transfer, d.h. die Übertragungen von altfranzösischen Heldengedichten begünstigt haben. Das ursprünglich auf die Dekonstruktion der Idee eines Nationalstaates hin entwickelte Konzept wird mit einigen grundsätzlichen Modifikationen auf den Transfer von chansons de geste übertragen. Diese Geschichten, deren Ursprünge im Verborgenen liegen, wurden zunächst mündlich überliefert, so die Epenentstehungstheorie, bevor sie seit dem 11. Jahrhundert schriftlich fixiert wurden,1 und sind größtenteils in französischen und anglonormannischen SammelhandschriftenSammelhandschrift des 13. und 14. Jahrhunderts überliefert – sie sind also bereits Bearbeitungen der verlorenen Originaltexte. Die für diese Untersuchung primär interessante, da in altnorwegischen, altschwedischen und altdänischen Bearbeitungen erhaltene Chanson de RolandRoland ist in ihrer ältesten und berühmtesten Form in der um die Mitte des 12. Jahrhunderts entstandenen sog. Oxforder Handschrift2 überliefert, die auf den Text vom Ende des 11. Jahrhunderts zurückgeht. Ähnlich ist die Situation der altostnordischen Überlieferung dieses und einer Reihe weiterer Texte: Sie sind allesamt in Sammelhandschriften des 15. Jahrhunderts enthalten. Hier greift der Ansatz der New PhilologyNew Philology mit der radikalen Abkehr von einer Fokussierung auf das verlorene Original, das es wiederherzustellen gilt. Mit der erklärten prinzipiellen Unfestigkeit, der mouvance mittelalterlicher Texte sind alle Textzeugen gleichberechtigt und stellen unterschiedliche Lesarten dar. In Übereinstimmung mit der Forderung Glausers nach der Revision des Textbegriffs werden die übersetzten Texte als „Intertexte in einem literarischen Feld“3 verstanden – dies gilt auch für die altfranzösischen chansons de gestechansons de geste, die als Vorlagen für die ostnordischen Bearbeitungen fungieren. Gemäß dem kanonisierten Status der chansons de geste für das kollektive Gedächtnis Frankreichs, allen voran der Chanson de Roland, werden diese Texte im Rahmen der vorliegenden Untersuchung nach den von Aleida Assmann aufgestellten Kriterien Identitätsbezug, Rezeptionsverhalten, Kanonisierung sowie Überzeitlichkeit als kulturelle Texte behandelt.
Welche Konsequenzen ergeben sich jedoch beim Transfer kultureller heldenepischer Texte in einen fremden Literatur- und Kulturraum, der über ein anderes kollektives Gedächtnis und ein differierendes Sagengedächtnis verfügt? Freilich kommt man nicht umhin, auch die Ausgangstexte in ihrer synchronen Überlieferung miteinzubeziehen. Hier wird zunächst ein prüfender Blick in die romanistische Forschung zu zentralen Fragenkomplexen, gattungsrelevanten Merkmalen und der Position der ausgewählten chansons de gestechansons de geste im Hinblick auf ihre Funktion im franko-romanischen Literatursystem nötig: Kann man hier von einer zentralen Position der schon früh kanonisierten Chanson de RolandRoland ausgehen, während andere, jüngere Texte, wie der für diese Untersuchung ebenfalls relevante Voyage de Charlemagne à Jerusalem et à Constantinople, der parodistische Züge abseits der typisch heldenepischen Karlsverehrung trägt, womöglich in der Peripherie anzusiedeln sind? Die Funktionsbestimmung der chansons de geste, ihre Position im eigenen literarischen System in chronologisch differierenden Phasen lässt sich mit Hilfe des funktionalistischen Ansatzes der PolysystemtheoriePolysystemtheorie im ersten Teil der Untersuchung feststellen. Mit der zielsprachigen Orientierung der Polsystemtheorie korrelieren auch der Ansatz des Kulturtransfers sowie Bourdieus Reflexionen im Hinblick auf die transnationale Ideenzirkulation – sie sind allesamt nicht dem „Primat des Ausgangsfeldes“4 verpflichtet, sondern werden kontextunabhängig transferiert. Es sind die strukturellen Faktoren im Aufnahmefeld bzw. -system, welche die Domestizierung der transferierten Texte gemäß einer internen Logik bestimmen. Diese strukturellen Faktoren in den neuen Aufnahmesystemen, dem schwedischen und dem dänischen, gilt es zu identifizieren. Hierfür werden synchron-überlieferungsgeschichtliche Kontextualisierungen vorgenommen: Die erhaltenen Texte werden als Intertexte in ihrer unmittelbaren kodikologischen Nachbarschaft auf die interne Logik der SammelhandschriftenSammelhandschrift Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4, Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a (Fru Märtas Bok), Cod. Holm. D3Cod. Holm. D3 (Fru Elins Bok), AM 191 fol.AM 191 fol. (Codex Askabyensis) sowie der Børglumer Handschrift Vu 82Cod. Holm. Vu 82 hin analysiert. Die Tatsache, dass die hier behandelten Texte in Sammelhandschriften erhalten sind, ist in vielerlei Hinsicht wichtig, ist doch davon auszugehen, dass die Kompilatoren dieser mittelalterlichen Anthologien mit Bedacht unterschiedliche Genres und Textformen zusammenstellten, profane wie religiöse. Die Dynamik einer solchen Sammelhandschrift kann laut Ad Putter auf dreifache Weise ausgelegt werden: kodikologisch („as an aspect of the history of manuscript production“5), strukturell („as an effect of the miscellany’s internal organization“) und diachron („as belonging to a crucial transitional phase in the history of a book“). Sowohl die Wahl der Texte als auch ihre Gruppierung erfolgten vor dem Hintergrund einer anzunehmenden internen Logik, einer Art „fil rouge“,6 die man hinter den kompilatorischen Intentionen vermutet. Jeder Text einer Sammelhandschrift sollte daher „both in its own right and as an actor of an inter-textual dialogue within the anthology“7 gelesen und interpretiert werden. So wird anhand der fünf Handschriften eine polysystemische Funktionsbestimmung innerhalb des kodikologischen Subsystems erreicht.
Um der Frage nach der Position der Texte um Karl den Großen im altschwedischen und altdänischen Literatursystem nachzugehen, wird eine weitere Kontextualisierungsebene beschritten. Hierfür werden die politischen und kulturellen Entwicklungen im schwedischen bzw. dänischen Kulturraum zum Zeitpunkt der angenommenen Entstehungszeiträume der konkreten Handschriften präsentiert. Ausgehend von der These, Übersetzen sei eine politisch motivierte Aktivität und bedrohe die dominanten ideologischen und kulturellen Werte einer Gesellschaft durch „introducing a new semiotics of cultural signification, bringing into a receptor culture elements of an ideological framework which has been developed in an alien context“,8 können die übersetzten Texte als Reaktion auf die zeitgenössische historische und politische Entwicklung hin gelesen und interpretiert werden: Dienen die dominanten Modelle und Diskurse der altfranzösischen Texte zur Stärkung der eigenen Herrschaftsideologie? Stellen sie idealisierte Verhaltensnormen für die schwedische und dänische Aristokratie dar, ist das Interesse an diesen Stoffen der allgemeinen Entwicklung geschuldet, so etwa der Ritterrestauration in Dänemark des 15. Jahrhunderts? Die Bearbeitung der Fragen muss Objekt von Interpretationen bleiben, handelt es sich doch hierbei um fiktive, artifizielle Texte, für deren Einfluss auf die Gesellschaft und Politik dank der fragmentarischen Überlieferungslage nur wenige Evidenzen ausgemacht werden können. Dennoch erscheint auch dieser extrakodikologische Blick auf die Texte lohnend, da dieser eine weitere Lesart initiieren kann.
Anschließende Analysen der erhaltenen Texte der altostnordischen Karlsdichtung soll im Hinblick auf die zuvor erarbeiteten, in den altfranzösischen chansonschansons de geste vorherrschenden Motive, Diskurse und Bilder die Frage nach der Übersetzbarkeit kultureller Texte beantworten. Ohne das korrelierende franko-romanische Sagengedächtnis verlieren die chansons ihren kanonisierten Status als Subjekt und zugleich machtvolles Speichermedium des kulturellen Gedächtnisses; ihre gattungsdistinktiven Elemente werden entsprechend den Bedingungen des ostnordischen literarischen Systems transformiert, um durch Adaption neuer Formen ein möglichst dynamisches, homogenes System zu erreichen. Auch die Techniken der Domestizierung der übertragenen Werte, Normen und Diskurse aus den altfranzösischen Epen werden in Übereinstimmung mit ihrer Kompatibilität mit dem sie aufnehmenden literarischen System zu bestimmen sein: Sollen die chansons innovatorisch wirken, indem sie näher an der Originalsprache bleiben, oder sind die Innovationen zu radikal, so dass eine Integration ins einheimische Literatursystem misslingt? Durch die sorgfältige Textanalyse wird man die Frage beantworten können, wie die transferierten Texte an den neuen kulturellen Horizont adaptiert werden, ob es sich hierbei um Übertragung, Nachahmung oder eine Form der produktiven Rezeption handelt, um mit dem Vokabular des Kulturtransferforschers Lüsebrink zu sprechen.
Die Analyse der zu untersuchenden Texte aus den fünf oben genannten Handschriften wird sich schrittweise der Beantwortung der eher allgemein formulierten Fragestellung nach dem Transfer heldenepischer Texte in den ostnordischen Kulturraum annähern, indem die zentralen Motivkomplexe der chansons de gestechansons de geste in den ostnordischen Bearbeitungen vor dem Hintergrund der intra- und extrakodikologischen Wirklichkeiten beleuchtet werden. Hierfür wurden folgende Themenkomplexe gewählt: Die universelle Bedrohung der christlichen Welt durch die Heiden wird an vielen einschlägigen Stellen in den chansons de geste, natürlich insbesondere in der Chanson de RolandRoland, aber auch in der Chanson d’Aspremont, in einer propagandistischen Weise narrativ umgesetzt – implizit durch die Darstellungen der ‚Andersgläubigen‘ und ihrer Idole und explizit durch gelehrte Dialoge als Verfahren christlicher Sinnstiftung. Wie gingen die ostnordischen Bearbeiter mit diesen Bildern um, musste doch die ostnordische Literatur im späten Mittelalter kein Legitimationsangebot der Kreuzzugsideologie darstellen? Finden sich in den einschlägigen Textstellen weitere Ausführungen, relativierende Aussagen, Innovationen und unabhängige Entwicklungen oder fügen sich auch die ostnordischen Übertragungen in die westeuropäische Tradition der überwiegend abwertenden Haltung dem Anderen gegenüber? Welche Funktionen übernehmen die Sarazenen in der volkssprachigen Literatur Schwedens und Dänemarks?
Ein weiterer Themenkomplex widmet sich dem Thema nach der Dependenz von Gender und Genre. Heldenepik exemplifiziert eine literarische Tradition, geboren aus der Krise einer bedrohten Feudalgesellschaft und ist als ein weitgehend exklusives maskulines Universum aufzufassen, in dem die Frauen aus dem genrebezogenen Wertesystem ausgeschlossen werden – Gaunt spricht hier von einer „monologic masculinity“.9 Geht man jedoch davon aus, dass die heldenepischen Texte auf dem Weg ins ostnordische literarische System ihre Genre-Grenzen öffnen, ihre Adaptation also nicht an Genre-Konventionen gebunden ist und man durchaus höfisierende Tendenzen voraussetzen kann, wie es schon in der altwestnordischen Kompilation Karlamagnús saga ok kappa hansKarlamagnús saga ok kappa hans der Fall war: Öffnen sich hier zugleich auch Räume für andere Umgangsformen in der Gestaltung der weiblichen Protagonisten der chansonschansons de geste? An dieser Stelle werden einschlägige Textpassagen auf ihr Potential hin überprüft, durch Aufhebung der traditionellen Genrebeschränkungen andere, innovative Konstruktionen der monologischen MaskulinitätMonologische Männlichkeit und Feminität in Interdependenz mit den Genretransformationen zu kreieren.
Im Hinblick auf die Frage nach dem Identitätsbezug kultureller Texte spielt die Gestalt des Ogier le DanoisHolger Danske (dän.: Holger Danske), aus dem Zwölferbund Karls des Großen, eine wichtige Rolle für die Funktionsbestimmung der übersetzten Texte im neuen literarischen System. Dieser literarische Einwanderer, von dem die ältesten historiographischen Werke wie Svend Aggesens Brevis Historia Regum Daniae oder Saxos Gesta Danorum schweigen,Holger Danske10 kann namentlich bis auf die Chanson de RolandRoland zurückverfolgt werden. Seine Genese als dänischer Nationalheld nimmt ihren Anfang in der altwestnordischen Bearbeitung der chanson und wird in den altostnordischen Übersetzungen fortgesetzt. Schließlich erlangt die Figur des Holger Danske eine eigenständige Existenz, auch über seine Zugehörigkeit zum Zwölferbund Karl des Großen hinaus, über die dänischen Balladen und Volkslieder parallel mit Dänemarks Verlust an historischer Bedeutsamkeit.11 Liegen die Wurzeln der Konstruktion eines Nationalhelden bereits in Karl Magnus und Karl Magnus Krønike? War dem Übersetzer/ Redaktor bei der Übersetzung eines Dänen zurück in seine Heimat die historische Dimension seiner Adaptation bewusst und inwiefern unterscheidet sich das entworfene Bild von Holger Danske in der altdänischen Krønike von dem im Karl Magnus? Wurde dem Helden Ogier le Danois in den Übersetzungen mehr Handlungsraum eingeräumt als in den altfranzösischen Texten? Wurde nicht nur die Übersetzung selbst, sondern die Wahl der zu übersetzenden Texte entsprechend der polysystemischen Prämisse politisch und gesellschaftlich determiniert? Auch hier wird die Analyse zentraler Textpassagen die weiter oben aufgeworfenen Fragen nach der Funktion und Rolle eines eingewanderten (National-)Helden beantworten.
Steht die literarische Gestalt Ogier le DanoisHolger Danske noch im Lichte der Funktionalisierung im Dienste eines lokalen, einheimischen Identitätsbezugs, so stellt die Figur Karl des Großen als eine der Schlüsselfiguren im europäischen kulturellen Gedächtnis ein ungleich mächtigeres Identifikationsangebot dar, gilt er doch als der universale, von Gott auserwählte Krieger im Dienste des Christentums. An dieser Stelle sei vor einer Pauschalisierung gewarnt: Die chansons de gestechansons de geste haben in ihrer Entwicklung als Genre vielfältige, nicht nur positive Karlsbilder produziert. Die narrative Identitätskonstruktion eines Herrschers kann im Hinblick auf die zeitgenössische politische Situation erfolgt sein. Vermittelt höfische Literatur Normen und Werte, an denen sich die Aristokratie orientieren soll, kann der große Herrscher mittels narrativer Verfahren idealisiert oder auch kritisiert werden. Welche Transformationen erlebt Karl der Große auf seinem literarischen Weg in den Norden? Kann man hier von einer Hagiographisierung Karls des Großen sprechen, wie es in der deutschen chanson de geste-Rezeption der Fall war? Spielt das benachbarte autochthone Sagengedächtnis der altwestnordischen Heldenepik eine Rolle bei der Umsetzung der chansons de geste, hatte man doch mit Olav dem Heiligen eine aus dem benachbarten Kulturraum stammende Identifikationsfigur? Oder lassen sich die vielen schablonenhaften Kampfszenen auf eine Profanisierung der Geschichten zugunsten einer stereotypen Massakerästhetik zurückführen? Wie ist die Figur Karls des Großen vor dem Hintergrund der Regentschaft Eriks von PommernErik von Pommern, dem alleinigen Herrscher der Kalmarer UnionKalmarer Union von 1412–1439, Karls VIII. Bonde sowie Christians I. zu interpretieren?
Die Auswertung der zuvor erläuterten Themenkomplexe wird vor dem theoretischen Hintergrund schließlich zur Beantwortung der Frage nach dem Transfer kultureller Texte – denn, wie einleitend erklärt, werden die chansons de gestechansons de geste in der vorliegenden Studie als solche aufgefasst – in den ostnordischen Kultur-und Literaturraum beitragen. Die als vom Übersetzer intentional angenommenen Transformationen lassen sich mit den Erkenntnissen verknüpfen, die aus den Studien der kodikologischen sowie historischen und gesellschaftlichen Kontextualisierungen gewonnen werden. Auf diese Weise wird die Frage nach der Position der übersetzten chansons de geste im literarischen System Schwedens und Dänemarks des 15. Jahrhunderts beantwortet. Mit dieser Fragestellung korreliert auch die Frage nach der Gattungstransformation, wie aus den ursprünglichen geste de France mit Hilfe der europäisch-peripheren altwest- und vor allem altostnordischen Bearbeitungen geste d’Europe entstehen konnten.
3. Historischer Kontext
Translation is a cultural phenomenon produced by individuals with a certain personality as well as an agenda and it is closely linked to the political and often economic or personal situation of the translator.1
Der Transfer der Gattung chanson de geste in den altnordischen Raum unterlag, wie alle anderen Gattungen auch, stets wandelnden sozialen, politischen und religiösen Faktoren der aufnehmenden Kulturen. Den theoretischen Prämissen der PolysystemtheoriePolysystemtheorie folgend, müssen bei der Analyse der Funktionen der übersetzten Werke, ihrer Positionierung in den neuen literarischen Systemen ebenso außersystemische Determinanten berücksichtigt werden. Zum einen sind dies die linguistischen und ästhetischen Normen, die für die Übersetzungen, im mediävistischen Kontext somit auch stets Reinterpretationen, ausschlaggebend sind. Zum anderen sind es vor allem die politisch-historischen und soziokulturellen Kontexte, deren Einbeziehung sowohl die Positionierung als auch das Gesamtverständnis der Texte ermöglicht. Im Folgenden wird daher die historische Situation der jeweiligen Kulturräume skizziert, die die Übersetzungen der altfranzösischen Stoffe ermöglicht und beeinflusst hat.
3.1. Norwegen und norwegischer Hof
Die übersetzten riddarasögurriddarasögur, zu denen auch die Karlamagnús saga ok kappa hansKarlamagnús saga ok kappa hans gehört, die als Hauptvorlage der altostnordischen Karlsdichtung gilt, sind ein wichtiges Zeugnis für die Interaktion zwischen Herrschaft, Kultur und Literatur im Norwegen des 13. Jahrhunderts.1 Als Initiator für Übertragungen der höfischen Literatur ins Norwegische gilt Hákon IV. Hákonarson (1204–1263, Regierungszeit 1217–1263), der mit 13 Jahren von den Birkenbeinar, den Gegnern der sogenannten Bagler im norwegischen Bürgerkrieg, zum König gewählt wurde.2 Zwar musste er sich am Anfang seiner Herrschaft gegen andere Thronanwärter und auch seinen Vormund Skúli Bárðarson behaupten sowie seine königliche Abstammung nachweisen, in seiner Regierungszeit galt er jedoch bis zu seinem Tod als ein kluger und zurückhaltender Herrscher. Von Matthäus Paris, einem bedeutenden Geschichtsschreiber im Benediktinerkloster St. Albans in England, der sich in den Jahren 1248–1249 in Norwegen am Hof Hákons in Bergen und im Kloster Niðarhólmr aufhielt, wird er zudem als bene litteratus bezeichnet.3 Zu seinen innen- und außenpolitischen Errungenschaften zählen u.a. die Etablierung eines dauerhaften Friedens, Regelung der Thronfolge nach festen Regeln auf Grundlage des Erstgeburtsrechts und Erweiterung seines Herrschaftsbereiches auf Island und Grönland.4 Desweiteren ließ er viele Kirchen und Klöster bauen.
Das überlieferte Urkundenmaterial aus Hákon Hákonarsons Regierungszeit zeigt deutlich, dass wirtschaftliche und diplomatische Allianzen mit vielen europäischen Monarchien dieser Zeit, unter anderem mit Dänemark, Frankreich, Deutschland und England, von norwegischer Seite initiiert wurden. Hákons Bestreben war es, sein Reich nach dem Vorbild der führenden europäischen Reiche zu formen, und so pflegte er intensiven Kontakt zu Herrschern wie beispielsweise dem deutschen Kaiser Friedrich II.Þiðreks saga af Bern5 Das gute Verhältnis zwischen den beiden wird in der Hákonar saga Hákonarsonar betont, die als wichtige Quelle zu Hákons Leben und Wirken angesehen wird.6 Einen weit intensiveren Kontakt hatte Hákon jedoch zum englischen König Heinrich III., mit dem er Briefe und Geschenke austauschte. In seiner prosopographischen Untersuchung der reisenden Skandinavier in Europa zwischen 1000 und 1250 stellt Dominik Waßenhoven fest, dass die Hälfte aller Reisen, die die Norweger in dieser Zeit unternahmen, nach England führten.7 Dies ist zum einen durch die Intensivierung der Handelsbeziehungen, zum anderen durch das freundschaftliche Verhältnis zwischen Hákon und Heinrich III. zu erklären. Bis nach Tunesien sollen Hákons Gesandte gekommen sein, um dem Sultan preisgekrönte Falken zu überreichen. Der Höhepunkt seiner Allianzen mit den kontinentaleuropäischen Königshöfen wurde mit der Heirat seiner Tochter Kristín und des Bruders des spanischen Königs, Don Felipe, erreicht.riddarasögur8
Durch Kontakte zu anderen europäischen Höfen, vor allem aber zum anglonormannischen Königshof, kam Hákon auch mit der höfischen Literatur in Berührung. Von ihm stammt der Impuls für deren Übersetzungen ins Norröne: Als 22-Jähriger ließ er im Rahmen seiner Kulturpolitik den altfranzösischen Stoff um Tristan und Isolde von Bruder Robert übersetzen. Auskunft darüber gibt die Saga selbst.9
Die überaus produktive Übersetzungstätigkeit in Hákons Zeit umfasste literarische Stoffe aus den Bereichen der chansons de gestechansons de geste, matière de France, matière de Bretagne sowie der romans dʼaventure. Diese stellten im Kontext der Sagaliteratur erhebliche Innovationen dar: Sie machten das norwegische Publikum mit den „avanciertesten Formen und den neuen narrativen und rhetorischen Mitteln des höfischen Versromans“10 vertraut. Diese Initiation des norwegischen Publikums in die europäische feudal-höfische Kultur wird als eine der zentralen Übersetzungsintentionen angesehen. Eine weitere liegt in der didaktischen Funktion dieser Texte: Das neu eingeführte Hofzeremoniell und die feudalen Titel, die Hákon seinen Gefolgsmännern verlieh, bedurften einer Orientierungsgrundlage. Während das didaktische Moment bei den übersetzten Werken höfischer Literatur in der Forschung noch kontrovers diskutiert wird, etwa bei Ingvil Brügger Budal, wenn sie schreibt: „om det didaktiske aspektet i verka er spegla i dei norrøne omsetjingane er eit ope spørsmål“,riddarasögur11 so gelten didaktische Absichten eines anderen wichtigen literarischen Werkes aus Hákons Umfeld, nämlich der Konungs skuggsjá, in der Forschung als bestätigt.12 Hier sind die Parallelen zwischen den Bestrebungen des norwegischen Königs beim Aufbau einer höfischen Gesellschaft nach europäischem Vorbild und deren Verankerung in seiner literarischen Tätigkeit erkennbar, so dass man auch in den übersetzen riddarasögurriddarasögur durchaus erzieherische Elemente erkennen kann. Obgleich es Hákon nur zum Teil gelingen konnte, Norwegen zu einer feudalen Gesellschaft zu formieren, so lieferten die importierten Rittergeschichten eine ideologische Grundlage für die neue aristokratische Gesellschaft, die sich an bestimmten Idealen der Tugend, Ehre, Liebe und Ritterlichkeit orientieren sollte.
Hákon IV. Hákonarson repräsentiert einen neuen Herrschertypus des 13. Jahrhunderts: Als gebildeter und weitblickender Mann schaffte er es, neben den positiven innenpolitischen Ereignissen wie Konsolidierung Norwegens und Etablierung dauerhaften Friedens, Norwegen gegenüber kontinentaleuropäischen Einflüssen zu öffnen, um so das norwegische Publikum mit den zentralen literarischen Figuren und Thematiken Kontinentaleuropas vertraut zu machen. Obwohl seine Kulturagenda auch harschen Urteilen ausgesetzt war – als Beispiel dient Hans E. Kincks Essay Storhetstid, in dem Hákons Übersetzungspolitik als „oppløysningsfenomen“13 bezeichnet wird, stellen die literarischen Adaptionen dieser Zeit ein herausragendes Beispiel für den kulturellen Austausch zwischen unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen dar. Dass die literarischen Übertragungen der altfranzösischen und anglonormannischen höfischen Dichtung in Norwegen und später in Schweden und Dänemark nicht nur passiv rezipiert wurden, sondern im neuen Umfeld auch weitergeführt und so zur Entstehung einer neuen Gattung der Märchensagas beigetragen haben, entspricht dem, was zuvor als Kulturtransfer definiert wurde: eine produktive Adaption und Reproduktion des Importierten im neuen sozialen und kulturellen System. Als Initiator dieses Kulturtransfers in Norwegen des 13. Jahrhunderts steht eben jener norwegische Herrscher Hákon Hákonarson mit seiner Kulturpolitik.
Auch wenn die Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans aufgrund ihrer Herkunft aus der heldenepischen Tradition als solche keinen genuinen ritterlich-höfischen Roman darstellt, so ist nach Susanne Kramarz-Bein im Hinblick auf das Rezeptionsmilieu die Zugehörigkeit zum Umfeld des norwegischen Hofes und kulturellen Milieu Hákons Hákonarson evident. Hierfür spricht zum einen die Datierung der nicht vollständig erhaltenen, aber ursprünglicheren α-Redaktion auf das Jahr vor bzw. um 1250Þiðreks saga af Bern14 als auch der intensive Gebrauch von literarischen Modewörtern der übersetzten riddarasögurriddarasögur, so dass die Saga zumindest auf lexikalischer Ebene Züge der übersetzten höfischen Literatur trägt.Þiðreks saga af Bern15 Unter dieser Prämisse ist es daher nachvollziehbar, dass die Frage nach dem Übersetzungs- und Aufzeichnungsinteresse der Karlsepik im altwestnordischen bzw. altnorwegischen Literatursystem mit dem Potenzial dieser Texte, ein „literarisches Identifikationsangebot“16 für Hákon Hákonarson zu liefern, beantwortet werden kann.
3.2. Karl Magnus und Schweden im 15. Jahrhundert
Die altwestnordische Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans gilt als die Hauptvorlage bei der altschwedischen Bearbeitung des Stoffes um Karl den Großen. Ob sie auch die einzige war, kann nicht mehr zweifelsfrei beurteilt werden: Von den insgesamt zehn Episoden (þættir) der Saga sind in der altschwedischen Version gerade einmal zwei erhalten. Die in der Forschung geäußerte Hypothese, dass es eine umfangreichere, vollständige schwedische Version gegeben haben muss, lässt sich nicht weiter verifizieren. Die Inklusion des Textes Karl Magnus in die vier der wichtigsten schwedischen SammelhandschriftenSammelhandschrift des 15. Jahrhunderts zeugt jedoch vom Interesse und der Aktualität der Karlsdichtung für den schwedischen Literaturbetrieb dieser Zeit. Anhand eines historischen Abrisses wird im Folgenden der historisch-politische Kontext, in dem die Sammelhandschriften angefertigt wurden, beleuchtet werden, um so das politische, geistige und ästhetische Umfeld der schwedischen Übersetzer/ Redaktor und Kompilatoren der Handschriften zu konturieren.
Die Entstehungszeit der vier schwedischen SammelhandschriftenSammelhandschrift, Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4, Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a, Cod. Holm. D3Cod. Holm. D3, AM 191 fol.AM 191 fol., fällt in die Periode der Kalmarer UnionKalmarer Union (1397–1523), obwohl man davon ausgehen kann, dass die Texte, die in den Handschriften überliefert sind, teilweise schon früher übersetzt wurden. Die Tatsache, dass diese Texte auch 100–150 Jahre nach ihrer Übersetzung – das gilt vor allem für die EufemiavisorEufemiavisor, deren Übersetzung ins Schwedische Anfang des 14. Jahrhunderts in Auftrag gegeben wurde – in den Handschriften enthalten sind, zeugt von ihren ästhetischen Qualitäten wie von einer Aktualität, welche vor dem Hintergrund der politischen und soziokulturellen Entwicklungen in Schweden zu Zeiten der Kalmarer Union verstanden werden kann. Auch die Wahl der Texte, ihre Platzierung innerhalb der Handschriften und die gemeinsame Tradierung können im Hinblick auf das Rezeptionsmilieu als intendiert betrachtet werden. In diesem Zusammenhang wird der Frage nachgegangen, inwiefern Sammelhandschriften als Zeugnis „for cultural exchange and identity formation by concentrating on the contextualisation and re-contextualisation“1 betrachtet werden können.
Die Zeit der Kalmarer UnionKalmarer Union wurde in der norwegischen, schwedischen und dänischen Forschung unter verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und kontrovers diskutiert. Im Folgenden werden die relevanten historischen Persönlichkeiten und Begebenheiten dieser Zeit präsentiert, die zur Einordnung und Interpretation der Texte der vier SammelhandschriftenSammelhandschrift beitragen können.
Als Wegbereiterin der Kalmarer UnionKalmarer Union gilt Margarete I., die als Tochter des dänischen Königs Waldemar Atterdag und Ehefrau des norwegischen Königs Hákon VI. Magnússon ohnehin die innernordischen dynastischen Verbindungen verkörperte. Nach dem Tod ihres Vaters 1375 wurden Margaretes „unionistische Bestrebungen“Kalmarer Union2 deutlich, als sie sich auch als schwedische Königin titulierte. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahre 1380 wurde ihr Sohn Olaf als letzter männlicher Vertreter der Dynastie der folkungar König von Norwegen, starb aber sieben Jahre später. Daraufhin gelang es Margarete, sich durch die Adoption ihres Großneffen Bogislaw von Pommern-Stolp, der später den nordischen Königsnamen Erich bzw. Erik annahm, gegen die zurecht bestehenden Ansprüche der Mecklenburger auf die schwedische Krone durchzusetzen.3 Die politisch-dynastische Stabilisierung durch Margarete ermöglichte auch den Sturz des schwedischen Königs Albrecht III. von Mecklenburg (Regierungszeit 1368–1383), der in Schweden ohnehin keine starke Stellung hatte.Kalmarer Union4 Albrechts schwache Position resultierte aus seinen Bestrebungen, sich eine zuverlässige Anhängerschaft aus den heimischen Adligen zu schaffen, mit deren Hilfe er sich in Schweden behaupten wollte. Für diese adligen Einwanderer standen finanzielle Vorteile ebenso wie herausragende politische Stellungen in Aussicht, was für Unmut seitens der schwedischen Aristokraten als auch Bauern sorgte, die über hohe Abgaben klagten.
In dieser politisch angespannten Atmosphäre gegenüber dem deutschstämmigen König war es, als der siebzehnjährige König Olaf von Norwegen und Dänemark, Sohn von Margarete und Hákon Magnusson 1387 starb, für Albrecht nahezu unmöglich, seine faktisch bestehenden Ansprüche auf die beiden Reiche durchzusetzen; denn Margarete ließ sich in die verfassungsrechtlich nicht vorgesehene Stellung eines weiblichen Königs erheben.5 Bald darauf verhandelte sie schon mit den Vertretern der schwedischen Aristokratie darüber, auch zur Königin des schwedischen Reiches zu werden. Durch eine gemeinnordische Regentin versprach sich der schwedische Adel eine stärkere Position und die Rückgewinnung des schwedischen Besitzes, welche durch die Regentschaft Albrechts III. und seine Bevorzugung der heimischen Adligen verloren gegangen waren. Im Februar 1389 erlitt Albrecht III. mit seinem Heer die entscheidende Niederlage bei Falköping, woraufhin er und sein Sohn Erich gefangen genommen wurden und sich bis 1395 in Margaretes Gewahrsam befanden.6 Auch nach seiner Freilassung und Rückkehr nach Mecklenburg wollte Albrecht seine Ansprüche auf den schwedischen Thron nicht aufgeben, und erst im November 1405 schloss er Frieden mit Margarete und Erik. Diese Ansprüche, so Detlef Kattinger, veranlassten Margarete dazu, eine Union zwischen Dänemark, Schweden und Norwegen zu initiieren, um so die dynastisch legitimierten Forderungen der Mecklenburger zu unterbinden.
Albrechts „labiles Herrschaftsgefüge“,7 das unter anderem auf der Präsenz der mecklenburgischen Aristokraten, Ritter und Knappen beruhte, wurde auf literarischem Wege aufgearbeitet: Das allegorische Gedicht Dikten om Kung AlbrektDikten om Kung Albrekt, das in der Handschrift Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4 enthalten ist, wird in der Forschung als propagandistisch bewertet. Als Entstehungsmilieu wird hier das aristokratische Umfeld um den Reichsdrosten Bo Jonsson Grip angenommen, der „das Fatum König Albrechts in Schweden nicht nur als Ratgeber“8 bestimmte, sondern auch bei den politischen Regierungsaktivitäten Albrechts mitbestimmt zu haben scheint. Die Beteiligung von Bo Jonsson Grip, der gleichzeitig der Auftraggeber von Konung AlexanderKonung Alexander, einem weiteren Text der Handschrift Cod. Holm. D4 war, am politischen Geschehen um König Albrecht offenbart die Verflechtungen zwischen Politik und Literaturproduktion in Schweden während der Kalmarer UnionKalmarer Union.
1396 wurde Erik, Margaretes Adoptivsohn, der zuvor schon zum norwegischen Erbkönig erhoben und zum dänischen König gewählt worden war, auch zum schwedischen König ernannt. „Symbolträchtig“9 fand die Krönung Eriks für alle drei Reiche am Dreifaltigkeitstag, dem 17. Juni 1397, in Kalmar in Anwesenheit der Adelsvertreter aller drei Reiche statt.10 Zwei Dokumente aus dieser Zeit bezeugen die verfassungsrechtlichen Aspekte der Union: Der Krönungsbrief und der Unionsbrief vom 13., möglicherweise 20. Juli 1397.11 Die Alleinherrschaft Eriks von PommernErik von Pommern begann jedoch erst 1412, nach dem Tod Margaretes. Wie Jens E. Olesen anmerkt, galt Erik von Pommern in der älteren, national orientierten Geschichtsschreibung Schwedens als ein deutscher König, der weder dänische noch norwegische und schon gar nicht schwedische Interessen wahrgenommen habe.12 Dabei war seine Außenpolitik, wie auch schon Margaretes, antihansisch ausgerichtet, was vor allem zur Verbesserung der Außenhandelsposition der Städte und zum Schutz der einheimischen Kaufleute beitragen sollte.13 Weiterhin war Erik außenpolitisch an den gestärkten Verbindungen mit Polen und den pommerschen und baltischen Gebieten interessiert und plante außerdem, die ehemals dänische Herrschaft über Estland zurückzuerlangen – dies war seine Vision eines dominium maris Baltici.Erik von Pommern14 Durch die Heirat Eriks mit Philippa von England im Jahre 1406 waren die vereinten nordischen Staaten gleichzeitig auch westeuropäisch ausgerichtet, was durch die Privilegien, die Erik den englischen Kaufleuten im Ostseeraum gewährte, nur verstärkt wurde.
Zwischen 1416 und 1432 prägte die zunächst juristische, später militärische Auseinandersetzung um Schleswig Eriks Handels- und Außenpolitik, in die alle drei Unionsreiche involviert waren. Bis zum Beginn der 1430er Jahre gab es vorerst keinen Widerstand gegen die Politik Eriks von PommernErik von Pommern: Als gelungen bezeichnet Olesen die Bestrebungen des Königs, die dänischen Reichsräte, die aus erfahrenen, ausgebildeten, gut situierten und dank des Besitzes von Schloßlehen ebenso militärisch bedeutsamen Personen bestanden, auf seine Seite zu ziehen und den Adel an seine Politik zu binden.15 In Schweden hingegen gab es schon zu Margaretes Zeiten Kritik seitens der Kirche an der königlichen Politik. In den Zeiten des Krieges um Holstein mussten auch die Kirchen für die Kriegssteuern aufkommen. Die Lehnspolitik Eriks war ein weiterer Grund für die Unzufriedenheit unter der schwedischen Aristokratie, denn die Rechenschaftslehen waren vor allem an Deutsche und Dänen vergeben worden.16
Neben der Kirche und Aristokratie wuchs die Ablehnung auch unter den Bauern gegen den Steuerdruck des Königs. 1434 mündete dieser Unmut im sogenannten Engelbrekt Engelbrektssons Aufstand, der sich vom Bergbaugebiet Dalarna auf große Teile Schwedens ausdehnte. Die wirtschaftliche Notlage der Bergbauern, die unter den ökonomischen und handelspolitischen Konflikten während der Regierungszeit Eriks litten, zählt zu einem der wichtigsten Faktoren des Aufstandes.Kalmarer Union17 Dem ‚gemeinen Mann‘ vom Lande (almoghe) schloss sich im August 1434 auch die Reichsaristokratie an. Zernack bezeichnet dies als „Konföderation der Stände“18 gegen die Krone im Namen ständischer Freiheit. Der landesweite Aufstand richtete sich vor allem gegen Eriks „absolutistische Politik, nicht gegen die Union als solche“.19 Die folgenden stattfindenden Verhandlungen mit dem schwedischen Reichsrat beim Unionstreffen in Kalmar im Sommer 1436 bestärkten die ratskonstitutionelle Programmatik gegenüber der autokratischen Unionsmonarchie. In Dänemark gestaltete sich die Situation ebenfalls kompliziert, es folgten Konflikte mit den dänischen Reichsräten 1436 und 1438. Schließlich wurde 1439 sowohl vom dänischen Reichsrat als auch von der schwedischen Adelsversammlung jeweils ein Absagebrief an Erik von PommernErik von Pommern ausgestellt.20 1440 folgte der norwegische Reichsrat den beiden anderen Reichen. Eriks Absetzung in allen drei Reichen kann als das Ende der unionistischen Politik eines regimen regale betrachtet werden: Eine zentralisierende Integrationspolitik des Unionkönigtums war nun kaum mehr möglich und zu einer 1439 in Jönköping vereinbarten gemeinsamen Königswahl kam es nie.21
Der Unmut über Eriks Außenpolitik, der zum Aufstand von Engelbrekt Engelbrektsson führte, wurde auch in literarischer Form deutlich: In der 1439 verfassten Engelbrektskrönikan, die den ersten Teil der KarlskrönikanKarlskrönikan bildet, deren Abschrift im Cod. Holm. B42 enthalten ist, wird das Bild eines rex iniustus als Gegenmodel zu Eriks Herrschaft entworfen. In diesem kunstvoll aufgebauten Gedicht wird eindrucksvoll das Elend schwedischer Bevölkerung unter der Regierung Eriks geschildert, bis der Held Engelbrekt mit seinen militärischen Aktionen für den Umsturz sorgt.
Nach der Absetzung Eriks von PommernErik von Pommern wurde sein Neffe Christoph im April 1440 zum dänischen König gewählt. Die Entscheidung wurde von der schwierigen Situation im Lande begleitet: Die dänischen Bauern befanden sich im Winter 1439/1440 erneut im Aufstand und der abgesetzte König Erik von Pommern plante mit holländischen Verbündeten einen militärischen Schlag gegen Christoph.22 Die Schweden verfügten indessen mit dem Reichsverweser Karl KnutssonKarl Knutsson (Bonde), der seit dem Aufstand von Engelbrekt politisch und militärisch in Erscheinung getreten war, selbst über einen geeigneten Thronkandidaten, waren jedoch an der Aufrechterhaltung der Union interessiert, die zudem vor den Übergriffen von Eriks Armee auf die dänische und schwedische Küste gesichert werden musste. Am 13. September 1441 wurde Christoph zum schwedischen König gewählt und am nächsten Tag im Dom von Uppsala gekrönt, nachdem er zuvor eine Handfeste ausgestellt hatte. Diese umfasste 14 Punkte und schränkte insgesamt die königliche Macht schwerwiegend ein, die dominante Stellung des Reichsrates wurde indessen hervorgehoben.23 1442 wurde er zum König in Norwegen, das im Gegensatz zu den beiden anderen Reichen immer noch eine Erbmonarchie darstellte. Hier wurde Christoph von Bayern als Nachkomme Eriks von Pommern zu seinem Nachfolger erklärt. Am ersten Januar 1443 wurde er schließlich auch in Dänemark, im Dom von Ribe, zum dänischen König gekrönt.24 Seine Regierungsperiode währte jedoch nicht lange: 1448 verstarb er kinderlos. Seine Herrschaft wurde außenpolitisch vom Konflikt mit dem abgesetzten König Erik von Pommern geprägt. Innenpolitisch musste er die Bauernaufstände in Dänemark, vor allem in Jütland bekämpfen. In Schweden war die Entmachtung seines Gegenspielers Karl Knutsson das primäre Ziel von Christophs Politik. Er nutzte die Konflikte unter dem einheimischen Adel, um seine Machtposition zu stärken. Nach Auge sind jedoch auch in seiner Innenpolitik integrative Ansätze erkennbar: Trotz der recht kurzen Regierungszeit bemühte sich Christoph um einen allgemeinen Landfrieden in Schweden und Dänemark.25
Die Beurteilung Christophs durch die zeitgenössische Geschichtsschreibung fällt eher negativ aus: Die Reimchronik KarlskrönikanKarlskrönikan, die generell als „propagandaverk“26 (Propagandawerk) oder gar als „det stora propagandistiska mästerverket“,Karl Knutsson27 das große propagandistische Meisterwerk, gilt, das Karl KnutssonKarl Knutsson zur Legitimierung seiner Position durch seine Anbindung an die historischen Ereignisse um den Aufstand von Engelbrekt in Auftrag gegeben hatte,Karlskrönikan28 entwirft ein negatives Bild der kurzen Regierungszeit Christophs.29
Durch den frühen Tod Christophs sowie die fehlende testamentarische Regelung bezüglich der Thronfolge kam es nun im Norden zu einer doppelten Wahl: In Dänemark wurde Christian I. von Oldenburg vom dänischen Adel zum König gewählt, in Schweden erlangte der ehemalige Reichsverweser Karl KnutssonKarl Knutsson Bonde die Königswürde.30 Die Wahl Karls Knutsson, die eine eindeutige Verletzung der vereinbarten Unionsverträge darstellt, ist ein deutliches Indiz dafür, dass die nationalen Tendenzen in Schweden nun dominanter geworden sind.31 Die Bestrebungen der beiden Könige galten fortan der Sicherung der Insel Gotland sowie des noch freien norwegischen Throns. Die darauffolgenden Verhandlungen in Halmstad im Mai 1450 legten eine unionistische Thronfolgeregelung unter Einbezug der Söhne der beiden Könige fest, was durch den dänisch-norwegischen Unionsvertrag von Bergen 1450 wieder revidiert wurde, indem die dänisch-norwegische Thronfolge nur den Söhnen Christians vorbehalten blieb.32
Die Regierungszeit Karl KnutssonKarl Knutsson Bonde war außenpolitisch von der Konfrontation Schwedens mit Dänemark, innenpolitisch durch die Konflikte des Adelskönigs in Fragen des kirchlichen Eigentums, Lehenvergabe und „Steuerplünderung des gemeinen Mannes“33 geprägt. 1457 wurde unter der Führung des Erzbischofs Jöns Bengtsson (Oxenstierna) mit der Unterstützung seiner Verwandten Oxenstierna/ Vasa ein landesinterner Aufruhr gegen Karl Knutsson initiiert. Der Opposition der schwedischen Aristokratie schloss sich auch das Volk vom Lande an: Karl Knutsson wurde daraufhin abgesetzt und durch Christian I. abgelöst, der im Zeitraum 1457–1464 nun zum alleinigen Unionskönig wurde. Bis zu seinem Tod 1470 wurde Karl Knutsson noch zweimal 1464/65 sowie 1467 zum König berufen, hatte politisch jedoch kaum noch Einfluss. Nach seinem Tod wurde der Schritt zu einem erneuten Adelskönigtum nicht wieder gewagt.
Nach dem Tod Karls Knutsson konnte sein Neffe Sten Sture der Ältere das Amt des schwedischen Reichsverwesers übernehmen und nach dem Sieg über Christian I. bei Brunkenberg bis 1497 seine Macht in Schweden ausüben, bevor er von Christians Sohn Hans verdrängt wurde. 1501 konnte Sten Sture nach einem erfolgreichen Aufstand seine Stellung zurückerlangen. Seine Regierungszeit wurde von der betont schwedischen Reichspolitik gekennzeichnet, die unter anderem in der Gründung der Universität Uppsala im Jahre 1477 ihren Ausdruck fand.34 Das Ende der Kalmarer UnionKalmarer Union wurde mit dem sogenannten Stockholmer Blutbad besonders gewaltsam herbeigeführt, als der letzte Unionskönig Christian II. seine Unionsbestrebungen durch die Beseitigung der schwedischen Opposition im Anschluss an die Krönungsfeierlichkeit am 8. November 1520 durchsetzen wollte. Damit verlor er nicht nur den schwedischen, sondern 1523 auch den dänischen und norwegischen Thron und die Kalmarer Union wurde damit Geschichte.35
Diese knappe Darstellung der Ereignisse des 15. Jahrhunderts in Schweden soll als historische Orientierungsgrundlage für die folgenden Kapitel bei der Interpretation der Texte in den für diese Arbeit relevanten schwedischen SammelhandschriftenSammelhandschrift dienen. Wirft man einen Blick auf deren Datierungen, so lässt sich festhalten, dass die älteste der vier schwedischen Handschriften, Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4 auf die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts, vermutlich um 1420 datiert werden kann, Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a ist zwischen 1449 und 1463, Cod. Holm. D3Cod. Holm. D3 um 1488 und AM 191 fol.AM 191 fol. um 1492 entstanden, während die dänische Handschrift Vu 82Cod. Holm. Vu 82 auf 1480 datiert wird.36 Alle Handschriften wurden zur Zeit der Kalmarer UnionKalmarer Union in Auftrag gegeben und verfasst, obgleich sie Texte enthalten, die schon deutlich früher ihren Weg in den Norden gefunden haben oder sonst nicht überliefert sind. Wie bereits erwähnt, bediente sich Karl KnutssonKarl Knutsson Bonde der literarischen Gattung der Historiographie, um sein betont nationales konstitutionales Königtum zu legitimieren, weshalb er die Reimchronik KarlskrönikanKarlskrönikan in Auftrag gab. Die Historiographie war nach Zernack sein wichtigstes Herrschaftsmittel: „Die Schwachheit seiner Stellung zwang ihn, literarisch, historisch und propagandistisch sein schwankendes Königtum“37 zu begründen – damit erhielt die Historiographie Schwedens einen großen Auftrieb.38 An dieser Stelle ist die Interdependenz der literarischen und politischen Faktoren im Schweden des 15. Jahrhunderts offensichtlich. Auch Ingvar Andersson schreibt 1928: „Karl Knutsson hade skarp blick för den litterära verksamheten som faktor i det politiska spelet“.39 Die volkssprachigen Reimchroniken, unter anderem die von ihm in Auftrag gegebene Reimchronik Karlskrönikan, erhielten eine dominante Stellung, als die Historiographie im 15. Jahrhundert in Schweden als Waffe im politischen Machtkampf eingesetzt wurde.40 Im Hinblick auf die anderen Chroniken dieser Zeit, die Prosaiska KrönikanProsaiska Krönikan sowie Den lilla RimkrönikanDen lilla rimkrönikan, welche in den Handschriften Cod. Holm. D3 und Cod Holm. D4 enthalten sind, merkt Bengt R. Jonsson an: „Men givetvis kan också politiska synpunkter ha bestämt själva urvalet av texter“.41
Die historiographische Literatur besitzt das Potenzial, mentalitätsbildend zu wirken, sie „bemüht sich um den Sinn, und Sinn ist, was Kulturen konstruiert, nicht was der Geschichte immanent ist“.42 Die Geschichtsschreibung konnte, politisch oder heilsgeschichtlich konzentriert, Vergangenheit an die Gegenwart anknüpfen und als Propaganda-Werkzeug dienen.43 Sicherlich war es nicht nur der historiographischen Literatur vorbehalten, als Werkzeug didaktischer, ideeller und politischer Ideen und Orientierungsnormen zu fungieren. Die für die vorliegende Untersuchung relevanten Gattungen – chansons de gestechansons de geste, riddarasasögur, höfischer Roman – beinhalten neben der unterhaltenden Funktion auch die belehrende, vermittelnde Komponente. Wenn Karl KnutssonKarl Knutsson also einen scharfen Blick für die literarische Aktivität als Faktor im politischen Spiel hatte, kann man davon ausgehen, dass der schwedische Hochadel aus dem Umfeld Karls, dessen Angehörige als Auftraggeber dreier von insgesamt vier schwedischen Handschriften fungierten, an zeitgenössischen politischen oder gesellschaftlichen Ereignissen auf der Ebene der Literaturproduktion teilnahm. Es ist daher sinnvoll, einen genauen Blick auf die Auftraggeber und die Besitzer der Handschriften zu werfen, um sie dann in den historischen Hintergrund der turbulenten Ereignisse des 15. Jahrhunderts einzuordnen.
3.3. Universitas nobilium, regimen regale und regimen politicum
Die schwedische und dänische Aristokratie spielte eine entscheidende Rolle in der Gestaltung der Unionspolitik des 15. Jahrhunderts. Bereits das Zustandekommen der Kalmarer UnionKalmarer Union 1397 wird in der Forschung auf den aristokratischen Konsens zurückgeführt.1 Olesen charakterisiert daher die Kalmarer Union als universitas nobilium.Kalmarer Union2
Sicherlich stellte der schwedische wie auch der dänische Hochadel keine homogene Gruppierung dar, einige gemeinsame Tendenzen können jedoch festgehalten werden: Offensichtlich wurde von der Aristokratie das regimen politicum angestrebt, eine Herrschaftsform, die den königlichen Einfluss mindert und die Machtaufteilung zwischen der Krone, der Kirche und der Aristokratie auf der Basis eines Wahlkönigtums vorsieht, während das regimen regale die monarchische Auffassung repräsentiert, die vom Erbkönigtum und einem zentralen Staat ausgeht.3 Das Unionskönigtum gewährte der Aristokratie adelige Freiräume und Machtzuwachs. Doch sobald wirtschaftliche und politische Chancen für den indigenen Adel gefährdet schienen – etwa durch die Vergabe der wichtigen politischen Ämter und Schlosslehen an dänische oder deutsche Adlige – , kam es zu Widerständen. So erscheint die Entwicklung der separatistisch-nationalen und antidänischen Tendenzen innerhalb des schwedischen Adels nachvollziehbar. Demgegenüber waren die Dänen aufgrund der offensichtlichen Vorteile, welche die Union ihnen bieten konnte, an deren Weiterexistenz interessiert, unter anderem wegen der Vergabe der bereits erwähnten politischen Ämter, Schlosslehen oder Kirchenpfründen.4
Generell lassen sich nach Zernack drei Perioden der Kalmarer UnionKalmarer Union ausmachen: Erstens, eine Reformperiode der Herrschaft Eriks von PommernErik von Pommern, ein Sieg des regimen regale, gekennzeichnet durch die Stärkung der königlichen Macht, deren Ende durch den gewaltsamen Aufstand von Engelbrekt Engelbrektsson herbeigeführt wird. Zweitens, eine Restabilisierung des ratsaristokratischen Übergewichts unter der Regierung Christophs von Bayern (1442–1448) und Karls KnutssonKarl Knutsson Bonde (1448–1470, mit drei Unterbrechungen). Die dritte und letzte Phase ist geprägt durch den Ausgleich der drei treibenden Faktoren, der Zentralmacht, der Aristokratie und der popularen Kräfte.5 Abschließend hierzu sei noch angemerkt, dass die höchsten Kirchenämter häufig mit den Angehörigen der mächtigen Adelsfamilien besetzt waren, welche als Mitglieder der Reichsräte auch aktiv am politischen Geschehen teilnahmen.6
3.4. Die schwedische Elite und ihre Codices
Nachdem die Integration des schwedischen Hochadels in die Geschicke der Kalmarer UnionKalmarer Union umrissen wurde, ist es sinnvoll, die adligen Auftraggeber und Eigentümerinnen der schwedischen Codices Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4, Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a, Cod. Holm. D3Cod. Holm. D3 sowie AM 191 fol.AM 191 fol. zu identifizieren, um so ihre möglichen Interessen und Intentionen bei der Kompilation der Handschriften zu interpretieren.
Drei der hier insgesamt vier behandelten Handschriften können dem Umfeld einer aristokratischen Familie zugeordnet werden, nämlich Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4, Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a sowie Cod. Holm. D3Cod. Holm. D3. Die älteste der Handschriften, Cod. Holm. D4, wurde von Gustav Algotsson (Sture) in Auftrag gegeben und im Skriptorium des Klosters VadstenaVadstena in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts angefertigt, vermutlich um 1420.1 Der eben erwähnte Gustav Algotsson war in der zweiten Ehe mit Märta Ulfsdotter (Sparre von Hjulsta und Ängsö) verheiratet, die wiederum die nach ihr benannte Handschrift Cod. Holm. D4a, Fru Märtas bok oder Codex Verelianus, besaß. Der Schreiber der besagten Handschrift gehörte ebenfalls in den Familienkreis der Ulfssons: Märtas Bruder, Sigge Ulfsson. Bengt R. Jonsson äußerte die Hypothese, dass Frau Märta Ulfsdotter auch schon den Cod. Holm. D4 besaß, nach dem Tod ihres Mannes Gustav Algotsson im Jahre 1448 aber keinen Zugang mehr zu der Handschrift hatte, so dass sie nach dem Vorbild der Handschrift D4 sich eine neue Handschrift anfertigen ließ, den Cod. Holm D4a.2 Die genealogische Linie führt in die nächste Generation: Gustav Algotsson und Märta Ulfsdotter hatten zwei Töchter, Birgitta und Elin Gustavsdotter (Sture). Nach dem Tod der Mutter wird Birgitta die Handschrift D4a geerbt haben, während Elin sich eine eigene Handschrift, die D3, anfertigen ließ. Elin war in ihrer ersten Ehe mit Knut Stensson (Bielke), dem jüngeren Halbbruder des schwedischen Königs Karl KnutssonKarl Knutsson, verheiratet. Dieser starb 1451 und wurde in Vadstena beerdigt. Ihre zweite Ehe führte Elin mit Erik Axelsson (Tott). Nur ergänzend sei hier angemerkt, dass die Brüder Oluf, Erik und Ivar Axelsson (Tott) zwischen 1450–1490 einen entscheidenden und dominierenden Machtfaktor in der dänischen und schwedischen Politik und in der gesamten Unionspolitik darstellten.3 Ein Teil der Texte der Handschrift D3 sind direkte Abschriften aus D4a, während für andere Texte keine direkte Beziehung identifiziert werden konnte. Was die Tradierung der drei Handschriften anbelangt, so kann man konstatieren, „att dessa handskrifter traderats huvudsakligen genom kvinnliga släktled“.4
Die Rekonstruktion der genealogischen Verhältnisse der Eigentümer und Eigentümerinnen der Handschriften dient der Einordnung in den politischen und sozialen Kontext ihrer Entstehungszeit der Kalmarer UnionKalmarer Union. In Bezug auf D3 und dessen Eigentümerin Elin Gustavsdotter merkt Bengt R. Jonsson an: „Eljest var Elin säkerligen i högsta grad politiskt medveten och engagerad; hon kunde följa skeendet från bästa parkettplats“.5 Es ist daher als wahrscheinlich anzunehmen, dass neben den persönlichen Interessen der Auftraggeber und Kopisten an verschiedenen, historischen, höfischen und profanen Inhalten auch die politischen Begebenheiten für die Zusammenstellung der Texte innerhalb der vier schwedischen Handschriften ausschlaggebend waren. Inwiefern Karl Magnus, sowohl als einzelne Geschichte vom fränkischen Kaiser als auch in Interaktion mit anderen ihn umgebenden Texten der vier SammelhandschriftenSammelhandschrift, eine politische oder soziale Botschaft für die schwedische Aristokratie des 15. Jahrhunderts vermittelte, soll durch dessen Kontextualisierung deutlich gemacht werden.
3.5. Karl Magnus Krønike und das Børglum-Kloster
BørglumAuch die dänische Überlieferung der kompilierten chansons de gestechansons de geste um Karl den Großen ist in einer SammelhandschriftSammelhandschrift aus dem 15. Jahrhundert enthalten. Die Datierung der Handschrift Vu 82Cod. Holm. Vu 82 (Kungliga Biblioteket, Stockholm) auf das Jahr 1480 mit der Ortsangabe ‚BørglumBørglum‘ lässt für dieses Kapitel einen historischen und soziokulturellen Hintergrund einer anderen Art rekonstruieren, als dies bei den schwedischen Handschriften der Fall war. Obwohl die Entstehungszeit dieser Handschrift ebenfalls in die Zeit der Kalmarer UnionKalmarer Union fällt, kann der Zusammenhang mit der zeitgenössischen politischen Situation kaum durch die Textauswahl belegt werden: Zu heterogen sind die Inhalte der Handschrift, die im folgenden Kapitel näher vorgestellt werden. Neben den historischen Begebenheiten, die im vorangehenden Kapitel erläutert wurden, kann die Handschrift Vu 82 durch die Ortsangabe, zumindest was den mittelalterlichen Teil der Handschrift betrifft, dem geistlichen Hintergrund des monastischen Milieus der PrämonstratenserPrämonstratenser auf Jütland zugeordnet werden.
Der Ort der Fertigstellung der Handschrift, nämlich das nordjütische Kloster BørglumBørglum, war ursprünglich ein königliches Gut. Auch wenn das Quellenmaterial zur Geschichte der weißen Chorherren, i.e. der PrämonstratenserPrämonstratenser, in Skandinavien recht fragmentarisch ist, lässt sich nachweisen, dass der Anfang der weißen Chorherren von Prémontré in Skandinavien in die Zeit Eskils als Erzbischof von Lund (1138–1177) fällt.1 Wann das erste eigentliche Kloster gestiftet wurde, ist nicht bekannt. In der Forschung geht man davon aus, dass der Ort Børglum im Jahre 1086 noch königlicher Besitz war.Børglum2 Spätestens 1139 wurde beim Provinzialkonzil in Lund der Bischofssitz endgültig nach Børglum verlegt, wo Bischof Sylvester ein neues religiös-administratives Zentrum für sein Bistum errichten wollte. Eine Klosterstiftung vom Mutterkloster Steinfeld in der Eifel wird für die Zeit um 1150 angenommen, die erste Kontaktaufnahme mit Steinfeld in der Eifel muss aber bereits in den Jahren 1139–1142 stattgefunden haben.Børglum3 Neben den Hoheitsrechten, die das Verhältnis zwischen dem Mutter- und Tochterkloster im Ordenswesen auszeichnen, sind es vor allem reisende Ordensmitglieder, die einen direkten Austausch zwischen den Klöstern herstellten: Nyberg geht davon aus, dass man Kanoniker aus Steinfeld nach Dänemark entsandte, während die Studenten aus Dänemark, die dem Orden beitraten, zu Ausbildungszwecken in die Eifel reisten.4 Wie das Mutterkloster Steinfeld verpflichtete sich seit 1177 auch Børglum, Prémontré als Hauptkloster und Norm der klösterlichen Lebensweise anzuerkennen und das dortige Generalkapitel zu besuchen, wo der Prämonstratenserorden von Norbert von Xanten im Jahre 1120 gegründet wurde.5
Das einsame dänische Kloster wurde Domkapitel für den Bischof der Insel Vendsyssel, dem heute nördlichsten Teil Jütlands, welcher im Mittelalter ohne Landverbindung durch den Limfjord vom Festland getrennt war. Es gilt als Mutterkloster der beiden norwegischen Abteien des Ordens, des Olavsklosters in Tønsberg und Marieskog in Dragsmark. Die Stiftung des letzteren um 1230 geht auf den norwegischen König Hákon Hákonarson (1217–1263) zurück. Die Entstehung einer Schwestern- oder Kanonissengemeinschaft in BørglumBørglum um 1160 kann ebenfalls nicht ausgeschlossen werden. Durch die geographische Lage der Klöster, nämlich ihre Nähe zur Nordsee, wurde die Kommunikation unter den Klöstern erleichtert sowie die Entwicklung ähnlicher ökonomischer Strukturen begünstigt, was den Handel und Export von Überhangware anging.Børglum6 Auch waren diese drei Abteien Ausgangspunkt des westlich gewandten Schiffsverkehrs, während diejenigen in Schonen (Tommarp, Öved, Lund und Vä, später nach Bäckaskog verlegt) an der dänischen Expansion über die Ostsee Anteil hatten.7
Bis 1536, also bis zur Reformation, als alle Bischofsgüter des Königs Christian III. beschlagnahmt wurden, war das Kloster BørglumBørglum im Besitz des Prämonstratenserordens. Man kann davon ausgehen, dass die Klosterbibliothek sowie die vorhandenen Inventarverzeichnisse der Enteignung und Säkularisierung zum Opfer fielen. Die Handschrift Vu 82Cod. Holm. Vu 82 ist als einziges Zeugnis der literarischen Produktion in Børglum erhalten geblieben.
3.6. Historia de profectione Danorum in Hierosolymam
Doch auch wenn die materielle Überlieferungslage sich auf eine einzige erhaltene Handschrift beschränkt, so existiert neben der Karl Magnus Krønike ein weiteres literarisches Zeugnis der literarischen Produktionstätigkeit in BørglumBørglum: Die Historia de profectione Danorum in Hierosolymam handelt von einem dänisch-norwegischen Kreuzzug nach Jerusalem im Jahre 1191, aufgezeichnet einige Jahre später, offensichtlich noch vor 1202.Børglum1 Die Handschrift norwegischer Provenienz ist nicht erhalten, es existiert jedoch eine Abschrift des Altphilologen Johann Kirchmann aus dem Jahre 1625, als er diese in einer Lübecker Bibliothek entdeckt hatte.2 Über die genaue Herkunft der verlorenen Handschrift können keine Angaben gemacht werden. Inhaltlich bestand sie aus vier Teilen:
1 Josephus: De bello Judaico
2 Theodoricus Monachus: Commentarius de vetustis regibus norwagicis
3 Abt Wilhelm von Aebelholt: Vita B. Genofevæ virg.
4 Historia de profectione Danorum in Terram Sanctam.
Ein Frater X., canonicus hat die Handschrift einem hochgestellten Geistlichen Dominus K. gewidmet. Die Verbindung von frater mit canonicus kann nur auf einen regulierten Chorherrn zutreffen, also auf einen PrämonstratenserPrämonstratenser oder Augustinerchorherrn. Dem Werk geht ein Widmungsbrief voraus mit der Überschrift: Reverendo et diligendo Domino K., Frater X. canonicus debitam in omnibus obedientiam. Die Auswertung des Widmungsbriefes führte zur Annahme, der Bericht sei eine Auftragsarbeit von Dominus K. an Frater X. Beim Adressaten Dominus K. handelt es sich vermutlich um einen Ordensobern, am ehesten noch den Dompropst von BørglumBørglum.3 Da der Text norröne Schreibformen sowie Sprichwörter enthält, besteht Grund zur Annahme, der Schreiber des Berichts sei ein norwegischer Ordensbruder gewesen, der sich aufgrund der Beziehungen zwischen dem Mutterkloster Børglum und dessen Tochterkloster Tønsberg gerade in Børglum aufgehalten habe.4
Inhaltlich handelt sich hierbei um den Bericht eines missglückten dänisch-norwegischen Kreuzzuges ins Heilige Land im Jahre 1191. Dabei sind die detaillierten Beschreibungen der Vorbereitung und der Durchführung der ProfectioDe profectione danorum in Hierosalymam eher apologetischen als narrativen Charakters, obwohl die Intention die Bewahrung der Erinnerung dieses Kreuzzuges für die Nachwelt explizit erwähnt wird. Vier Jahre nach dem Fall Jerusalems im Jahre 1187 wird eine gemeinsame dänisch-norwegische Expedition mit vier Schiffen entsandt. Doch sowohl die ungünstigen Wetterbedingungen als auch der späte Zeitpunkt der Abreise verhindern eine erfolgreiche Durchführung des Vorhabens. Noch ehe die Skandinavier das Heilige Land erreichen, wird ein dauerhafter Waffenstillstand zwischen Richard Löwenherz und Saladin vereinbart, so dass die Mission, nämlich die Befreiung Jerusalems, als vollends gescheitert betrachtet werden kann. Der anonyme Chronist hatte angesichts dessen, „dass Angehörige der vornehmsten Familien des Landes weder in Bezug auf das eigentliche Ziel irgendetwas erreicht noch mit navigatorischen Glanzleistungen aufgewartet hatten“,5 die undankbare Aufgabe, den betriebenen finanziellen und personellen Aufwand in narrativer Form zu legitimieren.
Die drängende Pflicht zum Kreuzzug wird dabei rhetorisch durch die religiöse Begründung wie durch die Erinnerung an die heidnischen Vorfahren, welche für den Ruhm mannigfaltige Gefahren auf sich nahmen, ausformuliert. Durch diesen Vergleich werden heidnische Seeräuber nicht nur zum moralischen Vorbild für die Kreuzzugsfahrer, sondern dienen zur Abgrenzung der Kreuzfahrertruppe als spezifisch ‚dänisch‘ im Kontext anderer ethnischer Gruppen.Roland6 Dass die Teilnehmer der ProfectioDe profectione danorum in Hierosalymam darüber hinaus als eine von Gott auserwählte Gruppe dargestellt werden, ist dabei charakteristisch für die Kreuzzugsliteratur.7
Daneben folgt die Chronik auch in weiteren Zügen dem Kreuzzugsdiskurs, der neben päpstlichem Aufruf mühsame Vorbereitungsschilderungen sowie religiös geprägte Darstellungen der Ereignisse während der Reise enthält. Hier, so Scheel, weist die ProfectioDe profectione danorum in Hierosalymam Parallelen zu den gleichzeitig entstandenen Chroniken über Friedrich Barbarossas Kreuzzug auf, der Historia de expeditione Friderici imperatoris und der Historia peregrinorum, so dass man von einem gemeinsamen kulturellen Hintergrund der Autoren ausgehen kann.8
Diese Kreuzzugschronik bleibt der einzige erhaltene Beitrag der skandinavischen PrämonstratenserPrämonstratenser zur mittelalterlichen Geschichtsschreibung. Es ist anzunehmen, dass im Gegensatz zu anderen Orden, beispielsweise den Dominikanern, die Prämonstratenser kein bildungsorientiertes Programm verfolgten. In seiner Studie zum intellektuellen Profil des Ordens kommt Wolfgang Grassl zur Konklusion: „Premonstratensians overall did not consider themselves as a ‚learned order‘“.9 Sicherlich haben die Ordensbrüder durch die klösterlichen Netzwerke, die einen Austausch zwischen den Mutter- und Tochterstiften ermöglichten, Studienaufenthalte an der Universität in Paris und anderen Städten absolviert und auf diese Weise durchaus kulturelle Impulse erhalten, diese manifestierten sich jedoch nicht in einer spezifischen Textproduktion.
Die Überlieferungslage speziell im Kloster BørglumBørglum lässt keinerlei Rückschlüsse auf lokale Textproduktionsumstände und Interessen dahinter zu, wie es beispielsweise für die Sammlung der erhaltenen Texte aus dem Kloster VadstenaVadstena möglich ist. Umso bedeutender erscheinen in diesem Kontext die beiden mit Børglum verknüpften Texte De profectione danorum in HierosalymamDe profectione danorum in Hierosalymam sowie die Karl Magnus Krønike, die unter anderem auch die Kreuzzugsthematik sowie die Reise Karls des Großen nach Jerusalem behandeln. Die Profectio legitimiert dabei das „imperiale Ausgreifen jenseits der Ostsee“10 im Zuge der von der Forschung als Kreuzzüge aufgefassten Wendenzüge und anderer kriegerischer Auseinandersetzungen Dänemarks11 ab der Mitte des 12. Jahrhunderts bis hin zum postreformatorischen Zeitalter. Ob die Kreuzzugsthematik dabei die literarische Produktion in Børglum bis ins Jahr 1480 bestimmt hat, kann aufgrund der Überlieferungslage nicht mehr beantwortet werden. Ebenfalls offen bleibt die Frage nach den Transmissionswegen der Karl-Materie vom norwegischen Hof bis nach Jütland. Doch wenn Hákon Hákonarson um 1230 das Kloster Marieskog in Dragsmark gestiftet hat, welches wiederum das Tochterkloster von Børglum war, ist der Weg der am norwegischen Hof entstandenen Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans bis nach Børglum über Marieskog nicht ausgeschlossen. In diesem Fall wäre der Kulturtransfer der matière de France sowohl über das royale Bildungsprogramm Hákons auch über den Prämonstratenserorden realisiert worden.
4. Kontextstudien – Kontextualisierungen im Codex
Die Tatsache, dass die altostnordischen Zeugnisse der Karlsdichtung ausschließlich in SammelhandschriftenSammelhandschrift erhalten sind, ist in vielerlei Hinsicht beachtenswert. Es lohnt sich daher nicht nur der philologische Blick auf die einzelnen Texte, sondern auch auf deren Kontextualisierungen innerhalb einer Sammelhandschrift. Einzelne Texte wurden im Mittelalter stets kopiert, umgeschrieben und verändert; auf diese Weise wurden sie in verschiedenen Sammelhandschriften wechselnden gattungsbezogenen und sprachlichen Kontexten zugeordnet. Keith Busby bezeichnet diese Eigenart der mittelalterlichen Kompilationen als „dynamic of the codex“.1 Nimmt man an, dass die Schreiber/ Kompilatoren der Handschriften mit Bedacht die in Frage kommenden Texte auswählten und diese in eine bestimmte Reihenfolge setzten, erfuhren letztere durch den variierenden Bezugsrahmen stets neue Kontextualisierungen. Dies bietet gleichfalls die Möglichkeit zu weiterreichenenden Neuinterpretationen. Eine intrinsische Logik der mittelalterlichen Sammelhandschriften offenbart sich nicht unmittelbar. Die Codices sind durch eine Genre- und Sprachendiversität geprägt: Häufig finden sich volkssprachige neben lateinischen Texten, oder – wie im Falle der Børglumer Handschrift – Texte auf Dänisch und Niederdeutsch. Eine sorgfältige Analyse der Texte und deren Interaktionen untereinander kann jedoch behilflich sein, das dynamische Potenzial dieser Sammelhandschriften zu erfassen. Im Folgenden wird dieser Dynamik Rechnung getragen, indem Karl Magnus in Verbindung mit anderen Texten der jeweiligen Handschrift gesetzt wird. Angesichts der Heterogenität der Handschriften sind solch intertextuelle Verbindungen selten offensichtlich. In diesem Fall wird versucht, durch die Verortung der Texte in ihrer kontinentaleuropäischen, lateinischen oder volkssprachigen Tradition eine gemeinsame Linie in der Transmission, Rezeption oder Re-Intrepretation zu entziffern. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass nicht alle Texte sich durch narrative oder rezeptionsästhetische Aspekte mit einem roten Faden zu Karl Magnus zurückverfolgen lassen. Es wird gewiss pragmatische und praktische Gründe bei der Zusammenstellung einzelner Handschriften gegeben haben, oder aber persönliche Interessen der Auftraggeber, die sich aus der heutigen Sicht nicht mehr gänzlich nachverfolgen lassen.
Die vier schwedischen Handschriften, welche die Texte um Karl den Großen enthalten, nämlich Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4, Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a, Cod. Holm. D3Cod. Holm. D3 und AM 191 fol.AM 191 fol., können der Kategorie der Laienhandschriften, lekmannahandskrifter, zugeordnet werden. Sie enthalten neben historischen, politischen, religiösen und unterhaltenden Werken auch Fachtexte.2 Im Gegensatz zu Klosterhandschriften beinhalten diese in der Regel öfter Verstexte; eine Tatsache, welche die Forschung zur Annahme verleitet, diese seien mündlich gedichtet und erst später niedergeschrieben worden.3 Sowohl inhaltlich als auch hinsichtlich des Layouts sind die profanen Handschriften aus dem laikalen Umfeld homogener gestaltet: Größtenteils sind sie in der Kursivschrift mit einigen Rubriken in Blau und Rot verfasst, Illuminationen fehlen weitestgehend. Hier, so Jonas Carlquist, komme es mehr auf den Inhalt als auf die Gestaltung an.4
4.1. Cod. Holm. D4
Datiert auf die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts, stellt Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4 eine der ältesten schwedischen Handschriften aus dem laikalen Milieu dar. Aufgrund der charakteristischen Heterogenität wird sie als „one of the most intruiguing and fascinating manuscripsts from the Swedish Middle Ages“1 betrachtet. Sowohl profane als auch religiöse und historiographische Textsorten sind in ihr vertreten. Bengt R. Jonsson kommt in seiner Abhandlung zur ErikskrönikanErikskrönikan zum Ergebnis, dass die Handschrift im Auftrag von Gustav Algotsson (Sture) im Skriptorium des Klosters VadstenaVadstena angefertigt wurde.Cod. Holm. D4VadstenaKonung Alexander2
4.1.1. Datierung
Zur Frage ihrer Datierung gibt es in der Forschung kontroverse Meinungen. Klemming nimmt den Zeitpunkt um 1430 an und begründet dies sowohl mit sprachlichen als auch mit stilistischen Argumenten, wohingegen Stephens und Liffman die Entstehungszeit der Handschrift auf um 1430 bis 1450 erweitern.Flores och Blanzeflor1 Noreen unterscheidet zwei differierende Teile in der Handschrift, welche verschiedenen, zumindest zwei Schreibern zugeordnet und so unterschiedlich datiert werden können.Cod. Holm. D42 Prosaiska KrönikanProsaiska Krönikan, deren Text zwar verloren ist, die aber im Inhaltsverzeichnis der Handschrift aufgelistet wird, gilt in der Forschung als die frühe Version der ErikskrönikanErikskrönikan und berichtet von den historischen Begebenheiten des Jahres 1449. Demnach müsste sie mit dem terminus post quem auf die Jahreswende 1449–1450 datiert werden. Eine weitere Datierungsmöglichkeit ermöglicht die Analyse der Wasserzeichentypen nach der Briquet-Methode.3 Hans Ronge hat die Wasserzeichen des Cod. Holm. D4 sowie der Schwesterhandschrift MB I A, welche die altschwedische Paraphrase des Pentateuch enthält,4 untersucht, und diese mit den Wasserzeichentypen von Briquet verglichen.5 Die Analyse ergab, dass während MB I A sich auf das Jahr um 1420 datieren lässt, Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4 etwa 20 bis 30 Jahre älter sein muss. Letztendlich bleiben die möglichen Datierungen „starkt hypotetiska“ ‒ stark hypothetisch.6 In der neueren Forschung herrscht inzwischen Konsens über die Entstehung der Handschrift in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts.
4.1.2. Inhalt
Det kan vara svårt att se uppenbara samband mellan texterna, om det nu överhuvudtaget finns något. Handskrifter som verkar utgöra heterogena antologier är snarare regel än undantag för den medeltida bokproduktionen […].1
Ob die SammelhandschriftSammelhandschrift Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4 in dieser Hinsicht eine Ausnahme bildet, kann nur mit einem prüfenden Blick auf deren Inhalt beurteilt werden. Es soll zudem nicht unerwähnt bleiben, dass sie über ein Inhaltsverzeichnis verfügt, welches bemerkenswerterweise nur die wichtigsten Werke aufzählt und somit nicht vollständig ist. Gleichwohl wäre die Möglichkeit einer späteren Hinzufügung der nicht im Inhaltsverzeichnis aufgeführten Texte denkbar.2 Die anfangs beschriebene Heterogenität der Handschrift schlägt sich sowohl in den vertretenen Gattungen als auch in den Sprachen nieder: Neben Altschwedisch und Latein wird das Mittelniederdeutsche ebenfalls verwendet. Hinsichtlich der Gattungen lässt sich feststellen, dass neben höfischen Texten wie den EufemiavisorEufemiavisor, auch religiöse, im weitesten Sinne wissenschaftliche, didaktische sowie profane Texte vertreten sind. Ein tabellarischer Überblick soll die thematische Heterogenität dieser Handschrift verdeutlichen, die als „minibibliotek“3 für einen dem aristokratischen Milieu entstammenden Auftraggeber konzipiert war. Das erste Blatt der Handschrift ist aus Pergament und stellt das Inhaltsverzeichnis dar, der Rest ist aus Papier und wie folgt zusammengesetzt:
| Blatt | Titel | Sprache | Anmerkungen |
| 2–57r | Herr Ivan Herr Ivan | SWE | Erste Eufemiavisa |
| 57v–85r | Hertig Fredrik aff Normandie | SWE | Zweite Eufemiavisa |
| 85v–86 r | Aff Danmarkis konongom | SWE | |
| 3/4 86, 87–89 | Leer | ||
| 90r–108v | Flores oc Blanzafloor | SWE | Dritte Eufemiavisa |
| 108v | Drei alte Beschwörungen | 1+3 ND 2 LAT | |
| 108v–109r | Beschwörung | LAT | Auskunft über einen dreifarbigen Stein, der den Besitzer unsichtbar macht |
| 109v–110r | a) Sonntags- und Ostervorausberechnung b) Weihnachtswetter und dessen Bedeutung für das kommende Jahr c) Bedeutung des Donners für jeden Monat | LAT LAT LAT | viele der Inhalte erscheinen später in der sog. Bondapraktikan (1662) |
| 110r–110v | b) übersetzt Aff aaranne skipilsom | SWE | |
| 111r–200v | Konung Alexander Konung Alexander | SWE | Lateinische Quelle: Historia Alexandri Magni regis Macedonis de preliis, zusammengestellt vom Erzpriester Leo von Neapel um das Jahr 900.4 |
| 201r–203r | Chronologische Anmerkungen von ca. 826–1430 | LAT | |
| 203v | Jahreszahl 1757 | Später hinzugefügt | |
| 204r–205v | Historische Anmerkungen betr. Danaholmsmötet, Västergötlands grenser, Vestergötlands allmänningar5 | SWE | Der Haupthandschrift des Äldre Västagötalagen Cod. Holm. B 59 entnommen |
| 206r | Biblische interrogationes | LAT | Rubrik: Interrogationes magistri ad discipulum6 |
| 206r | Medicinam contra morbus pecorum | LAT | |
| 206r | Drei kurze Messen zu Ehren von St. Nikolaus | LAT | |
| 206v–207v | Geographische Erklärungen zu Ländern Asiens, Afrikas und Europas | LAT | |
| 207v–211r | Traumbuch Nota Somnia Danielis | LAT | 364 verschiedene, alphabetisch sortierte Träume |
| 211r | Anfänge einiger Psalmen | LAT | |
| 211v–212r | Messe zur Befreiung der Seele | LAT | |
| 212v–215r | Traktat über Chiromantie | LAT | |
| 215r–216r | Traktat über Physiognomie | LAT | |
| 216r | Traktat über Verdauung | LAT | |
| 216v–217v | Traktat über Urin | LAT | |
| 217v–219v | Prognostica über das Schicksal der Kinder abhängig vom Geburtsmonat | LAT | Das Jahr beginnt mit dem Monat März |
| Lakune | Aff Swerikis Kroneka the Ny Aff Ioan Prest af Indialand | Dem Register entnommen | |
| 220r–230v | Aff Karlmagnus Konung | SWE | Einleitung fehlt; enthält die Kapitel „Schlacht von Roncesvalles“Roncesvalles sowie „Karls Reise nach Jerusalem“ |
| 230v–231v | Dikten om Kung Albrekt | SWE | allegorisches Gedicht über den schwedischen König Albrecht von Mecklenburg |
| 232r–233v | Aff gudz tilkwæmpd och hans fodhilse | SWE | |
| 233v–235v | De obitu beate Marie virginis gloriose | SWE | |
| 235v–236r | De transitu beate Marie virginis gloriose | SWE | |
| 236r | De quindecim signis ante diem iudicij | SWE | |
| 236v–237r | Speculum missæ | SWE | |
| 237v–239v | De ligno domini | SWE | |
| 240–245v | De lucidario -Lucidarius | SWE | Bearbeitung der theologisch-didaktischen Abhandlung von Honorius Augustodunensis aus dem späten 11. Jh.7 |
| 246r–264r | Sju vise mästare Sju vise mästare | SWE | Anfang fehlt, Redaktion a |
| 264r–268r | Själens ock kroppens tvist | SWE | |
| 268r–272r | Legenden om St. Göran | SWE | |
| 272v–295v | De sju sakramenter - Aff allom manzins adhrorn - Aff hästaläkedom - Aff marghanda yrtom oc thera dygdhom | SWE |
Tab. 1:
Inhalt der Handschrift Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4
Im Hinblick auf die Gattungen lassen sich die Texte folgenden Gruppen zuordnen: Zum einen sind hier Texte höfischer Prägung enthalten: Dazu gehören die drei Eufemisvisor, Konung AlexanderKonung Alexander, Dikten om Kung AlbrektDikten om Kung Albrekt und im weitesten Sinne auch Karl Magnus. Allesamt sind sie auf Schwedisch verfasst und stellen zum Teil Übersetzungen der niederdeutschen, französischen und lateinischen Werke dar. Zum anderen finden sich Texte mit historischen und historiographischen Inhalten: Dazu gehören Aff Danmarkis konongom/ Nota gesta danorum mit historischen Anmerkungen über Danaholmstraktat, Västergötlands gränsorter, Västergötlands allmänningar etc. Weiterhin gibt es eine Reihe von Texten mit religiöser und geistlicher Prägung: drei kurze Messen und weitere Texte wie Aff gudz tilkwæmpd och hans fodhilse, De obitu beate Marie virginis gloriose, De transitu beate Marie virginis gloriose, De quindecim signis ante diem iudicij, Speculum missæ, De ligno domini, De sju sakramenter, Legenden om St. Göran und Själens och kroppens tvist. Hier wäre zu erwarten, dass ein Großteil der Dichtung in lateinischer Sprache verfasst wäre, zumal die Rubriken lateinisch sind, was die Gattung in ihrer sprachlichen Verortung mit der lateinischen Tradition verknüpft, doch auch in dieser Gruppe ist der umfassendste Teil der Texte auf Altschwedisch.
Weiterhin kommen verschiedene fachdidaktische Texte vor, nämlich die auf Latein verfassten Traktate über die Chiromantie, Physiognomie und die Urinschau. Zur Gattung der Fachliteratur gehören nicht-fiktionale Texte, „gegliedert in Sachgebiete, die Erfahrungen jeglicher Art, Wissen aus verschiedenen Sparten, wissenschaftliche Erkenntnisse“8 dokumentieren und vermitteln. Die Texte der Fachliteratur liegen in gebundener Rede oder in Prosa vor, orientieren sich demnach mehr an Intention und Inhalt als an der äußeren Form.9 Die weiter oben aufgezählten Prognostica sowie die oneiromantische Schrift Nota Somnia Danielis zählen zu den sog. artes magicae, welche die magischen und mantischen Künste erfassen, unter anderem die Chiromantie, Physiognomie und die Geburtsprognostik. Da Editionen dieser Texte nach wie vor Desiderat bleiben, ist es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, näher darauf einzugehen. Allgemein kann jedoch konstatiert werden, dass die mantischen wie die magischen Künste im europäischen Kulturkreis auf literarischer Ebene von gnostischen und neuplatonischen Vorstellungen einer Hierarchie von Geisteswesen hinter der erfahrbaren Wirklichkeit geprägt sind.10 Diese im weitesten Sinne gelehrte Fachprosa zeigt Verwandtschaft mit der antiken Tradition der Mantik, welche schon im 12. Jahrhundert Gegenstand lateinischsprachiger Abhandlungen war. Analog zu den septem artes liberales gehörte die Chiromantie, eine Wahrsagetechnik auf Basis der Handlinienverläufe, sowie die Schicksalsvorhersage durch die Physiognomie, zu den sogenannten artes magicae, den magischen und mantischen Künsten.11 Die Traktate über den Urin wie auch die Verdauung sind Teil der mittelalterlichen Diagnostik der ars mediale, welche in der antiken Tradition wurzelt, wie die gesamte Medizin des Mittelalters.12 Vor dem Hintergrund der vorliegenden Kompilation kann man sie als Teil spätmittelalterlicher gelehrter Fachprosa einordnen. Eine moderne Edition dieser Traktate wäre wünschenswert, um in diesem Zusammenhang Fragen nach der Transmission bzw. nach möglichen Vorlagen beantworten zu können.
Eng verwandt mit den oben genannten Texten der gelehrten Fachprosa steht auch das auf Lateinisch verfasste Traumdeutungsbuch Nota Somnia Danielis. Hier wird ebenfalls die Teilhabe des schwedischen Codex an der griechisch-römischen und mittelalterlichen Tradition der Oneiromantie, der Traumdeutung, offenbar. Die alphabetische Aufzählung der 364 Träume und ihrer Bedeutungen stellt eine Version eines der am meisten verbreiteten mittelalterlichen Traumdeutungsbücher dar, des Somniale DanielisSomniale Danielis, dessen Überlieferung in einer Reihe lateinischer Handschriften sowie Übersetzungen in diverse Volkssprachen für die verbreitete abendländische Rezeption bürgt.Somniale Danielis13 Im Hinblick auf die Zusammensetzung der Handschrift verdient das Buch, das in der altschwedischen Übertragung den Titel Nota Somnia Danielis trägt, in der Forschung auch als Somnia Danielis bekannt, ein besonderes Augenmerk, reicht doch die Tradition der Oneiromantie, der Traumdeutung, über die griechisch-römische Antike bis in die frühen Hochkulturen Ägyptens und Mesopotamiens zurück.14 Unter der Nota Somnia Danielis werden 364 Träume alphabetisch erfasst und ausgelegt.15 Einer großen Beliebtheit erfreute sich das soeben erwähnte Traumbuch Somnia Danielis, das in 73 lateinischen Handschriften vorliegt, wovon die älteste auf das 9. Jahrhundert datiert werden kann.16 Die volkssprachige Überlieferung umfasst neben den alt- und mittelenglischen, italienischen und irischen auch mittelhochdeutsche und altwestnordische Versionen. Die Authentizität und Glaubwürdigkeit der Traumauslegung sollte durch die Attestierung zu einem der bekanntesten alttestamentarischen Propheten, Daniel, bezeugt werden. Hinsichtlich der handschriftlichen Tradition war das Traumbuch Daniels „generally integrated in miscellanies with medical, astrological, astronomical character“,Somniale Danielis17 erschien also neben anderen Texten der Fachprosa. Interessanterweise trifft dies auf eine weitere SammelhandschriftSammelhandschrift zu, nämlich Cod. Ups. C 664 (Uppsala Universitetsbibliotek, 9. Jh.), die neben einer der ältesten lateinischen Versionen der Somniale Danielis sonst medizinische Fachtexte enthält.Somniale Danielis18 Auch in den literarischen Texten selbst wird die Existenz der Traumbücher bescheinigt, so wird im Text der altfranzösischen Chanson de RolandRoland einer der Träume von einem weisen Mann mit Hilfe eines Traumbuches ausgelegt.AudeRoland19
Die Bedeutung der Fachprosa liegt neben ihrem Eigenwert als Teil des literarischen Milieus der Zeit, in der sie entstanden ist oder aber modifiziert und weiter rezipiert wurde, vor allem im Potenzial der Texte, soziokulturelle Hintergründe von Entstehungs- und Rezeptionsmilieus zu beleuchten. Kodikologisch kontextualisiert können die gelehrten Fachprosa-Texte so neue Möglichkeiten zur Interpretation anderer Texte innerhalb der Handschrift liefern und zu einem besseren Verständnis poetischer Werke beitragen.
Der Glaube an die prognostische Kraft der Träume – und somit auch der Gebrauch der Traumbücher – war offensichtlich nicht an einen bestimmten Rezipientenkreis geknüpft. Valerio Cappozzo stellt fest, Somniale DanielisXE "Somniale Danielis „thus gathers some traditional beliefs, previously transmitted orally, that surpass social classes and specific moments in time“20 und Steven Kruger merkt an:
While oral traditions and folk beliefs probably contributed to the alteration and growth of the dreambooks, and while a lively folk interest in dreams and dream divination would certainly have helped fuel the dreambooks’ proliferation, the number of manuscripts testifies to popularity among a literate population.21
Die Inklusion des Traumbuchs Somnia Danielis in die heterogene Handschrift Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4, die im Auftrag von Gustav Algotsson (Sture) in VadstenaVadstena angefertigt wurde, zeugt vom Interesse der schwedischen Aristokratie an der Fachprosa, deren schriftliche Transmission bis ins 9. Jahrhundert nachgewiesen werden kann.
Neben den zuvor beschriebenen Fachprosa-Texten fanden komputistische und laienastrologisch-prognostische Inhalte Eingang in den Codex: Tellurische und meteorologische Phänomene ermöglichen eine Zukunftsdeutung. Zu dieser Gruppe zählen die ebenfalls prognostische Wetterregel, die Vorausberechnung des Ostertermins, meteorologische Phänomene wie Donner und eine Wetterprognostik nach der Art der Bauernregeln, die später in der sog. Bondepraktikan (1664)22 erscheinen.
Wie aus der erfolgten Aufzählung zu erkennen ist, stellt sich der Inhalt der Handschrift als äußerst heterogen heraus, so dass anhand der einzelnen Texte das Rezipientenmilieu nicht mit Sicherheit bestimmt werden kann. Allerdings stellt Bampi fest, Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4 „was not used in ecclesiastic contexts or within male monastic foundations“,23 denn hier erfolgte die Wissensvermittlung fast ausschließlich mit Hilfe auf Latein verfasster Werke theologischen und religiösen Inhalts. Die generische Heterogenität der Handschrift lässt sich am ehesten mit den privaten Interessen des Besitzers oder Auftraggebers erklären, der sich neben religiösen und erbaulichen Texten auch mit historischen, magischen und profanen Motiven befasste.
Zusätzlich zur eigentlichen Textanalyse im Kapitel 5 kann die Einordnung der Position des altschwedischen Karl Magnus innerhalb dieses Codex zum Gesamtverständnis hinsichtlich seiner Funktion und Interpretation beitragen. Eine mögliche Verbindung zu den weiter oben beschriebenen Textgruppen ist für die Einordnung der Karlsdichtung in einen potenziellen Wissenshintergrund der Rezipienten hilfreich und kann auf diese Weise neue Lesarten generieren.
4.1.3. Nota Somnia Danielis und Karl Magnus
Somniale DanielisZwischen dem Traumdeutungsbuch Somnia Danielis und Karl Magnus existiert eine inhaltliche Verknüpfung. Neben den Visionen, die zur Genese einer eigenen Gattung, der sog. Visionsliteratur beigetragen haben, stellen Träume einen gängigen Topos in der epischen Literatur des Mittelalters dar. Sie haben strukturbildende Funktionen inne und besitzen das Potenzial, psychologische Einsichten und schicksalhafte Wendungen allegorisch zu vermitteln.1 Die allegorische Bedeutung der Träume in der Chanson de RolandRoland wurde schon früh von der Forschung hervorgehobenRoland2 – hier liegt eine mögliche Verbindung zwischen Karl Magnus und dem beliebten mittelalterlichen Traumbuch. Die mantischen Träume Karls des Großen nutzen die Allegorie als Mittel zur Ankündigung zukünftiger Ereignisse und bedürfen einer Auslegung durch den Träumenden selbst oder durch einen Traumdeuter. Wie Karl-Josef Steinmeyer feststellt, sind die Träume Karls ein charakteristisches Beispiel für die Denkweise des mittelalterlichen Rezipienten, die aus dem typologischen Denken hinsichtlich der ihn umgebenden Dinge resultiert und ihren Ursprung in der Bibelexegese hat.3 Hier ist die Geschichte von Karl Magnus und Somniale DanielisSomniale Danielis durch ihre Co-Existenz in der Handschrift Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4 einerseits auf inhaltlicher und andererseits auf rezeptionsästhetischer Ebene verknüpft: Karls mantische Träume und die gegebene Möglichkeit zu deren Exegese durch das Traumbuch bezeugen die mittelalterliche Traumgläubigkeit. Diese erachtet Steinmeyer aufgrund der Vielzahl an Träumen in den chansons de gestechansons de geste und in der frühen epischen Dichtung des europäischen Mittelalters wie auch der handschriftlichen Verbreitung oneiromantischer Schriften als gegeben.4 Diese Traumgläubigkeit und das Weltbild der zeitgenössischen Rezipienten ermöglichen ein anderes Gesamtverständnis des literarischen Werks, einen anderen Zugang, der dem heutigen Leser gänzlich verwehrt bliebe, zöge man das Potenzial der Fachprosa, in diesem Fall der oneiromantischen Schrift, nicht als Folie für die Einordnung der literarischen Texte in den Sinnhorizont ihrer Zeit heran.
Charakteristisch für die altnordischen, d.h. für die altnorwegische, aber ebenso für altschwedische und altdänische Version der Chanson de RolandRoland, erscheint im ersten Traum Karls der Großen vor der Schlacht von RoncesvallesRoncesvalles nicht Ganelon persönlich, Rolands Stiefvater und Verräter, der die Lanze zerbricht, sondern der Engel Gottes. Das Erscheinen Ganelons in propria persona statt in einer allegorischen Form, z.B. als wildes Tier, ist sowohl für die Chanson de Roland als auch im Rahmen der übrigen Traumsequenzen beinhaltenden chansons de gestechansons de geste ungewöhnlich, so Steinmeyer.5 Die unmittelbare Deutung des Traumes durch Karl selbst ist jedoch nicht weniger prophetisch: Rolands Tod und die bevorstehende Schlacht kündigen sich schon früh in der Erzählung an.
Die Bedeutung der Fachliteratur liegt neben ihrem Eigenwert als Teil des literarischen Milieus der Zeit in ihrem Potenzial, die soziokulturelle Hintergründe der poetischen Werke zu beleuchten. Die Fachliteratur ermöglicht so das Verständnis zur Gesamtinterpretation einzelner Texte.6 Kodikologisch kontextualisiert können die gelehrten Fachprosa-Texte neue Möglichkeiten zur Interpretation anderer Texte innerhalb der Handschrift liefern, um so die literarischen und kulturellen Horizonte der zeitgenössischen Rezipienten besser einordnen zu können.
In Bezug auf den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit, die altschwedische Überlieferung der chanson de geste, lässt sich unter anderem ein interpretatorischer roter Faden vom Traumbuch Somniale DanielisSomniale Danielis bis hin zur schwedischen Bearbeitung der Chanson de RolandRoland ziehen. Während die allegorischen Träume Karls des Großen im Text selbst keine Exegese erfahren, ließen sie sich mit dem praktischerweise ebenso in der Handschrift Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4 enthaltenen Traumbuch gewiss deuten. Ob dies der tatsächlichen Praxis entsprach, lässt sich nicht mit Sicherheit belegen. Dass die Träume Karls des Großen für die Entwicklung der Handlung sowie die sich früh ankündigende fatalistische Aura des Werkes zentral sind, ist hingegen unumstritten.
Zwischen Karl Magnus und der Gruppe der religiösen Texte liegt eine weitere kontextuelle Verbindung vor. Das bereits in der altfranzösischen Epik dominante Moment des Kampfes zwischen Christentum und Heidentum kommt in der schwedischen Überarbeitung noch stärker zur Geltung. Die vom religiösen Kolorit geprägten Geschichten um Karl den Großen fügen sich in den theologisch-erbaulichen Teil der Handschrift.
4.1.4. Herrschervita – Alexander, Albrekt, Karl
Zur zweiten Textgruppe des Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4, in denen das Kompositionsprinzip nach der Vita eines Herrschers ausgerichtet ist, gehören neben Karl Magnus auch Konung AlexanderKonung Alexander sowie Dikten om Kung Albrekt, ergänzt durch den kurzen historischen Abriss Aff Danmarkis konongom. Die literarischen Texte, teils Bearbeitungen europäischer Stoffe, teils in Schweden verfasste Werke, erzählen von Ereignissen während der königlichen Herrschaftszeiten; hierbei lässt sich eine Distanzverschiebung und eine Art Domestizierung der Geschichte beobachten: Vom antiken König Alexander, dem gotterwählten Universalherrscher des frühen Mittelalters Karl bis hin zum schwedischen König Albrecht des 14. Jahrhunderts.
4.1.4.1. Konung Alexander
Konung AlexanderKonung Alexander stellt die schwedische Bearbeitung der I2 Rezension der Historia de preliis des Archepresbyters Leo dar, die die Zeit um 900 datiert wird und vom Leben Alexanders und seiner Weltherrschaft handelt. Forschungsgeschichtlich lassen sich vier große Analysekomplexe in Bezug auf das Werk ausmachen:Konung AlexanderCod. Holm. D41 zum einen die Frage nach der Relation des Textes zu seiner kontinentaleuropäischen literarischen Tradition vor dem Hintergrund der Entwicklung der schwedischen volkssprachigen Literatur, zum anderen die Untersuchungen seiner sprachlichen und stilistischen Gestalt sowie die Einflüsse der zeitgenössischen schwedischen höfischen Werke wie der EufemiavisorEufemiavisor und der ErikskrönikanErikskrönikan. Darüberhinaus wird auf thematischer und interpretativer Ebene das in Konung Alexander vermittelte Weltbild thematisiert sowie die Konstruktion eines Weltherrschers, die durchaus ambivalent ausfällt. Letztlich stellt sich ebenfalls die Frage nach der Einordnung des Textes in den zeitgenössischen soziokulturellen Hintergrund sowie nach seinem Entstehungs-und Rezeptionsmilieu. Der Auftraggeber für die schwedische Bearbeitung des Textes wird im Epilog erwähnt:
Thæsse book hon hafwer nw ænda
hona loot til swenske wænda
aff latine oc swa til rima
[…]
en ærlik drotzet innan swerik
bo ionsson swa næmpner han sik.2
Es handelt sich um Bo Jonsson Grip, einen schwedischen Reichsdrost und Großgrundbesitzer, „recognized leader of the Swedish aristocracy up till his death in 1386“.Dikten om Kung Albrekt3 Aus diesem Grund ist das Entstehungs- und Rezeptionsmilieu im schwedischen Adel und in den Kreisen um Bo Jonsson anzusiedeln.Konung Alexander4 Hier findet sich der rote Faden zu anderen Texten der Handschrift. Obwohl Konung AlexanderKonung Alexander selbst kein dezidiert höfischer Roman ist,Erikskrönikan5 so bleibt er dennoch in einen höfischen Rahmen eingebettet. Argumente hierfür sind der adelige Auftraggeber und damit das anzunehmende aristokratische Rezeptionsmilieu sowie die Tatsache, dass die EufemiavisorEufemiavisor und die ErikskrönikanErikskrönikan offensichtlich als Inspirationsquelle auf der stilistischen und formalen Ebene fungierten. Bampi stellt fest, „the translator judged it appropriate to furnish the narration of Alexander’s deeds with traits that were familiar to the aristocratic audience the text was meant to address“.6 Weiterhin sei es plausibel, dass die Re-Integration des Textes im aristokratischen Milieu die Repräsentation von Alexanders Taten in vielerlei Hinsicht beeinflusste.7
Die ältere Forschung bewertete Konung AlexanderKonung Alexander als eine ernste politische Tendenzschrift.8 Gisela Vilhelmsdotter hingegen spricht von einem „exemplum“.9 Sowohl zum Zeitpunkt seiner Übersetzung ins Schwedische um 1380, d.h. während der Regierungszeit Albrechts von Mecklenburg, als auch im Zeitraum von 1425 bis 1430 zu Zeiten Eriks von PommernErik von Pommern, als der Hauptteil des Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4 angefertigt wurde, lässt sich der Text auf die jeweils aktuelle zeitgenössische politische Situation beziehen. Die negativen Eigenschaften, die die Figur Alexanders in der schwedischen Adaption kennzeichnen, lassen sich gleichfalls auf die Könige Albrecht und Erik übertragen und bieten somit ein negatives exemplum.
Thematisch lässt sich der Text mit der zweiten Episode des Karl Magnus, welche die Schlacht von RoncesvallesRoncesvalles und den Tod Rolands und Oliviers zum Thema hat, durchaus vergleichen – in beiden Texten wird die Singularität der Helden und die daraus resultierende problematische Integration ins Kollektiv thematisiert. Ist es im ersteren noch die maßlose Neugierde Alexanders, die seinen Untergang bewirkt, so ist es in Karl Magnus Rolands Hochmut und seine Maßlosigkeit, die neben dem Verrat Ganelons die Niederlage der fränkischen Armee, seinen eigenen Tod wie auch den seines besten Freundes Olivier zur Folge haben. Auch in der ersten Episode, während der Pilgerfahrt nach Jerusalem und Konstantinopel, werden Karl und seine Gefährten durch ihren Übermut und ihre, im betrunkenen Zustand ausgesprochenen Prahlereien, gabs, in große Gefahr gebracht. Nur durch intensives Beten kommt Karl als Sieger dieser Episode davon – allerdings nicht ohne die mahnenden Worte eines ihm erschienenen Engels. Die Aufrechterhaltung einer göttlichen Weltordnung wird somit durch Maßlosigkeit und Hochmut gefährdet, wovon große Krieger wie RolandRoland oder herausragende Könige wie Karl und Alexander nicht ausgenommen sind. Ihr tiefer Fall ist umso exemplarischer, werden die Texte der Handschrift doch gewiss gleichermaßen vor dem Hintergrund der religiösen und didaktisch-moralischen Texte rezipiert.
Weiterhin zeigen beide Texte großes Interesse an detaillierten Beschreibungen der orientalischen Welt und den damit assoziierten Schönheiten und Wundern. Die hier konstruierten positiven Alteritätsbilder stehen in einem scharfen Kontrast zu denen der adaptierten Chanson de RolandRoland. Der Alteritäts- bzw. Orient-Diskurs findet sich ebenfalls in einem anderen Text der Handschrift, nämlich in einer der EufemiavisorEufemiavisor, Flores och BlanzeflorFlores och Blanzeflor, in dem der Held der Geschichte, der junge Flores, seiner nach Byzanz verkauften Geliebten folgt und die Wunder im Garten des Emirs von Babylon erlebt. Diese diskursiven Parallelen, die thematisch die Texte der Handschrift miteinander verknüpfen, werden im Kapitel 5 der vorliegenden Arbeit im Detail untersucht.
4.1.4.2. Dikten om Kung Albrekt
Dikten om Kung AlbrektDas dritte Werk aus der ‚Herrscher‘-Gruppe der Handschriften ist das allegorische, im Knittelvers verfasste Gedicht Dikten om Kung AlbrektDikten om Kung Albrekt, das vor dem Hintergrund der 25 Jahre andauernden Regierungszeit des mecklenburgischen Herzogs und später schwedischen Königs Albrecht III. von Mecklenburg entstanden ist.1 Albrechts Herrschaft war geprägt von politischen Repressionen, der Ausbeutung schwedischer Bauer und Grundbesitzer und der Etablierung einer Klasse deutscher, in erster Linie mecklenburgischer Adliger, die im Dienste Albrechts III. sowohl herausragende politische Positionen als auch finanzielle Vorteile erwerben konnten.2 Das vermutlich während der letzten Jahre seiner Herrschaft verfasste Gedicht Dikten om Kung Albrekt wurde schon früh in der Forschung als propagandistisch eingestuft,3 die Kritik an der politischen Situation zu Zeiten Albrechts III. in allegorischer Form ist dabei recht offensichtlich.4 Die aktuellen Forschungspositionen zu Dikten om Kung Albrekt stimmen in Bezug auf das Entstehungs- und Rezeptionsmilieu dahingehend überein, dass es im aristokratischen Milieu um Bo Jonsson Grip – in dessen Auftrag auch Konung AlexanderKonung Alexander niedergeschrieben wurde – entstanden sein soll. 5 Bo Jonsson, durch eine Urkunde als officialis generalis, d.h. höchster Amtsträger von König und Reich betitelt, war gleichzeitig der Vertreter des Adels und wurde so zur Schlüsselfigur des politischen Systems während der Herrschaft Albrechts III.6 Der Zusammenhang mit anderen Texten der Handschrift wird auf diese Weise nachvollziehbar:
If Dikten om kung Albrekt was written and performed in the entourage of Bo Jonsson’s executors or, more generally, in aristocratic circles connected to him, it is more than likely that it was transmitted together with Konung AlexanderKonung Alexander and other courtly works such as Eufemiavisorna and ErikskrönikanErikskrönikan: family relationships, class identity and shared ideology contributed to ensure the preservation and the transmission of this group of texts.7
Obgleich alle drei Texte im Hinblick sowohl auf ihre Transmission als auch auf die generischen Merkmale deutliche Unterschiede aufweisen, kann man ihnen neben einer sicherlich unterhaltsamen auch eine belehrende Funktion attestieren: Durch das Porträtieren verschiedener Verhaltensmodelle der Herrscher konnten kritische und didaktische Aspekte der Geschichten zur Geltung kommen und anhand der drei royalen Viten der schwedischen Aristokratie Werte und Normen vermittelt werden – exemplarisch an den Darstellungen des verhassten Königs Albrecht III., des maßlosen Alexanders und schließlich des gotterwählten rex iustusrex iustus Karls des Großen.
4.1.5. Fazit
Die Verbindung zwischen Karl Magnus und den höfischen Texten des Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4 wird durch den Rezeptionsrahmen sowie das Entstehungsmilieu der Handschrift gebildet, obgleich Konung AlexanderKonung Alexander ebenso wie Karl Magnus keine offensichtlichen Spuren höfischer Ethik beinhalten. Im Falle von Karl Magnus ist dies nachvollziehbar, führt man sich die Transmission der Texte aus der Gattung der chansons de gestechansons de geste vor Augen, die als Quellen beim Zusammenstellen der zunächst altwestnordischen Kompilation Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans dienten, die wiederum als Vorlage bei der schwedischen und dänischen Bearbeitung des Karls-Stoffes vorlag.
Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4 ist von den in der vorliegenden Analyse behandelten Handschriften die wohl heterogenste und damit auch herausforderndste, wenn es um die interne Logik der Textauswahl geht. Die Geschichte des fränkischen Kaisers ist hier in eine Vielzahl anderer Genres und Texte eingebettet – historiographische, religiöse, moralisch-didaktische, höfische und profane Inhalte bilden den Rezeptionsrahmen, in dem Karl Magnus aufgezeichnet und gelesen wurde. Obgleich nicht auf den ersten Blick erkennbar, entfaltet Karl Magnus neben textintrinsischen Möglichkeiten zu Interpretation und Lesarten eine weitere Verständnisebene vor dem Hintergrund der kodikologischen Kontextualisierung mit anderen Texten. In einer Gruppe mit Konung AlexanderKonung Alexander und Dikten om Kung Albrekt präsentiert der Text verschiedene Herrschaftsformen und royale Verhaltensnormen, die sich deutlich von den höfischen Lebensmodellen der EufemiavisorEufemiavisor unterscheiden, obwohl deren Übersetzungs- und Rezeptionsmilieu von ähnlichen Normen und Werten, nämlich denen der schwedischen Aristokratie, geprägt war. Mit dem religiösen und moralisch-didaktischen Teil der Handschrift korreliert das insgesamt stark betonte christliche Moment der schwedischen Bearbeitung, der universelle Kampf der Christenheit gegen das Heidentum und die Wiederherstellung der göttlichen Weltordnung durch den Sieg des Christentums. Die hier im weitesten Sinne als Sachliteratur definierten Textgruppen vervollständigen das durch diese Handschrift entworfene heterogene Bild, haben jedoch ihren Eigenwert als Zeugen des soziokulturellen Milieus, in dem auch Karl Magnus rezipiert wurde. Exemplarisch sei hier das Traumbuch Somniale DanielisSomniale Danielis genannt, als Nachweis für die Relevanz der Träume für mittelalterliche Rezipienten, die mithilfe des Traumbuches die allegorischen Träume Karls besser dechiffrieren konnten.
4.2. Cod. Holm. D4a (Fru Märtas bok, Codex Verelianus)
Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4aEine weitere SammelhandschriftSammelhandschrift, die die schwedische Bearbeitung der Taten Karls des Großen enthält, ist die Handschrift Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a, auch als Fru Märtas bok1 oder Codex Verelianus bekannt. Aus kodikologischer Perspektive bilden die Texte der Handschrift eine Einheit, sie folgen nacheinander ohne Unterbrechung, was darauf schließen lässt, dass die vorliegende Reihenfolge der Texte seit der Fertigstellung der Handschrift nicht verändert wurde. Wie schon von David Kornhall postuliert und von Patrik Åström in der neueren Forschung bestätigt, besteht die Handschrift aus zwei Teilen, die von unterschiedlichen Schreiberhänden geschrieben wurden.2 Der erste Teil der Handschrift umfasst die Seiten 1–490. Per-Axel Wiktorsson ist es gelungen, den Schreiber dieses ersten Teiles zu identifizieren: Es handelt sich hierbei um Sigge Ulfsson, den Bruder Märtas Ulfsdotter, die als Eigentümerin der Handschrift gilt.3 Sie ist wiederum Mutter von Elin Gustavsdotter, welche die für diese Studie ebenfalls relevante Handschrift Cod. Holm. D3 besaß, auch als Fru Elins bok bekannt. Der zweite Teil der Handschrift enthält die restlichen Seiten 490–513 und stammt aus der Hand eines anderen Schreibers. Nach der Auswertung paläographischer, kodikologischer sowie textinterner Datierungsmöglichkeiten kommt Patrik Åström zum Ergebnis, dass der erste Teil der Handschrift um 1448 verfasst sein muss, während der zweite Teil angesichts der historischen Ereignisse, von denen die beiden Chroniken, Lilla krönikan sowie Prosaiska krönikan berichten, zwischen 1449 und 1463 zu datieren ist.
4.2.1. Inhalt
| Blatt | Inhalt | Anmerkungen |
| 1r–55v | ErikskrönikanErikskrönikan (Gamla Krönikan) | Reimchronik, erstes Blatt mit den Versen 1–82 fehlt |
| 55r–75v | Karl Magnus | |
| 75v–102r | Flores och Blanzeflor Flores och Blanzeflor | Dritte Eufemiavisa |
| 102r–103r | Herr abboten Herr abboten | Klerikersatire |
| 103r–103v | Julens och Fastans träta | Streitgedicht, gehört zur Tradition der fabliaux, débats, batailles und Fastnachtspiele |
| 104r–175r | Ivan Lejonriddaren | Erste Eufemiavisa |
| 175r–202r | Namnlös och Valentin Namnlös och Valentin | Prosaroman, basierend auf niederländischen und niederdeutschen Vorlagen |
| 202r–237v | Hertig Fredrik af Normandie Hertig Fredrik af Normandie | Zweite Eufemiavisa |
| 237v–245v | Tungulus | auch Tundalus, Visionsbericht des irischen Ritters Tungulus, a-Redaktion |
| 245v–250r | Lilla Rimkrönikan:Den lilla rimkrönikan äldre redaktion | Historiographische Literatur |
| 250r–258v | Prosaiska krönikan | Prosa-Version von Lilla Rimkrönikan |
Tab. 2:
Inhalt der Handschrift Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a
4.2.2. Historiographische Literatur: krönikor
Inhaltlich und sprachlich ist diese Papierhandschrift deutlich homogener gestaltet als die zuvor beschriebene Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4: Die verwendete Sprache ist ausschließlich Schwedisch und die Inhalte lassen sich als höfisch bzw. religiös und moralisch-didaktisch gruppieren. Zwischen den schon im vorangehenden Teilkapitel erwähnten EufemiavisorEufemiavisor und der ErikskrönikanErikskrönikan, der ältesten schwedischen Reimchronik,Erikskrönikan1 verfasst zwischen 1320–1335, existiert eine von der altostnordistischen Forschung als bestätigt geltende Verbindung. Es wird davon ausgegangen, dass der Autor der Erikskrönikan stark durch die Eufemiavisor beeinflusst war.EufemiavisorErikskrönikan2 Die Funktion der Chronik wird in der Forschung zum einen als Propaganda-Schrift zur Etablierung des Wahlkönigtums in Schweden eingeschätzt: Zu diesem Zwecke ist die narrative Gestaltung der gewählten Könige um einiges positiver als die Beschreibung derer, die durch die Erbfolge an die Regierung kamen.3 Zum anderen legitimiere die Chronik die privilegierte Position der jungen schwedischen Aristokratie, die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts sich auszubilden begann, mittels Glorifizierung ihrer Vorfahren, die in einer Reihe mit Helden wie Dietrich von Bern oder Parzival genannt werden.4 Aber auch um 1448, zu Zeiten der Anfertigung des ersten Teils der Handschrift Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a, ist der Legitimierungsdruck der schwedischen Aristokratie vor der Folie der Doppelwahl in Schweden und Dänemark weiterhin aktuell: Die Wahl Karls Knutsson Bonde zum schwedischen König stellte, wie bereits im Kapitel zum historischen Hintergrund detailliert erläutert, einen Bruch mit den Unionsverträgen dar und bezeugte verstärkte frühnationalistische Strömungen in den schwedischen aristokratischen Kreisen. In diesem Zusammenhang wusste Karl KnutssonKarl Knutsson um die Wirksamkeit der Historiographie und deren Potenzial – das beweist die von ihm in Auftrag gegebene KarlskrönikanKarlskrönikan. Vor diesem zeitgenössischen historischen Hintergrund ist die Aktualität eines solchen Textes evident: Dass die Erikskrönikan in einer Handschrift enthalten ist, die etwa 130 Jahre später entstanden ist, zeugt vom ungebrochenen Interesse an der Thematik und von deren Unterhaltungswert in den aristokratischen Kreisen Schwedens. Das Genre ist in der Handschrift mit zwei weiteren Chroniken vertreten, nämlich Den lilla RimkrönikanDen lilla rimkrönikan, der Reim-Version der im Anschluss folgenden Prosaiska Krönikan.
Versucht man nun, Karl Magnus mit der oben beschriebenen Gattung der Reimchroniken exemplarisch zu verbinden, so ist auch hier auf der Ebene der Narration die Darstellung der verschiedenen Herrschaftsmodelle als der rote Faden zwischen den Texten der Handschrift zu werten. Als Leitbild für den schwedischen Adel taucht in Gestalt des tapferen Joar Blå in der ErikskrönikanXE "Erikskrönikan „en historiemytisk idealfigur“ 5 auf. Da Karl der Große in der narrativen Gestaltung als Idealherrscher ebenfalls eine solche Funktion zu erfüllen hatte, lassen sich die Texte mit verschiedenen Herrschaftsformen als eine Art narratives Kontinuum ansehen. Die in der Erikskrönikan propagierten Ritterideale korrelieren zudem mit dem Konzept der miles Christi, der Soldaten Gottes, so dass hier eine Verbindung zur kontinentalen epischen Tradition, so auch den chansons de gestechansons de geste, besteht.6
4.2.3. Namnlös och Valentin
Namnlös och ValentinAuf einer mittelniederdeutschen und wohl mittelniederländischen Vorlage basiert Namnlös och ValentinNamnlös och Valentin, ein weiterer höfischer Text der Handschrift D4a. Aus einer verbreiteten mittelniederländischen Versfassung des 13. Jahrhunderts – nur noch in drei Fragmenten aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts überliefert und selbst auf eine verlorene französische Vorlage zurückgehend – ist die mittelniederdeutsche Dichtung hervorgegangen.1 Die Transmission von Namnlös och Valentin ist mutmaßlich vor dem Hintergrund der Handelsverbindungen zwischen den Hansestädten und Hansekontoren des 13. und 14. Jahrhunderts erfolgt. In der Forschung wird davon ausgegangen, dass ein aus Niederdeutschland stammender und in Brügge tätiger Kaufmann für die Übersetzung aus dem Mittelniederländischen verantwortlich ist, während die Verbreitung des Stoffes bis nach Schweden nicht weiter nachverfolgt werden kann. Die Geschichte der Zwillingsbrüder Namnlös und Valentin, die aufgrund einer Intrige ausgesetzt werden und nach einer Reihe von Abenteuern schließlich zu ihrer Familie zurückkehren können, vereint Motive höfischer abenteuerlicher Epik mit den Sagenkreisen der chansons de gestechansons de geste, speziell der Karlsepik. Die Mutter der Zwillinge, Phila, ist Schwester des Königs Pippin von Frankreich und somit eine Tante Karls des Großen. Hier ist die Verbindung zu Karl Magnus durch die motivische Verwandtschaft sowie die genealogische Ausgangslage gegeben: Es werden die familiären Verhältnisse des fränkischen Königs Pippin des Jüngeren aufgeführt. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass in Namnlös och Valentin und in der dänischen Karl Magnus Krønike die Geschichte einen ähnlichen Anfang nimmt:
Thz war en ærligh konung j frankarike; han het pipping. Han haffde enæ ærligæ jomfrv til dotter; hon heth clarina, och hennes fader syster hon het jomfrv phila. J then timæn æth hon war xx ara gamull, tha war en konung j vngernæ och han het crissosmos (NoV, S. 3, 5–10).2
I franke ryghe war en koningh som heth pippingus hans husfrv heth bertha, the hadde en søøn heth karll Ok ij døtther then eldræ hetth gylem och then ynger hetth besilet, Tha karll war xxxij aar gammell, tha bleff hans fadher pipping dødh (KMK, S. 2, 1–4).3
Die schwedische Bearbeitung der Karlsdichtung liegt im Gegensatz zu den zehn þættir oder Branchen der altwestnordischen Version und der ebenfalls deutlich umfangreicheren dänischen Prosaversion in nur zwei Episoden vor, so dass ein direkter Vergleich an dieser Stelle nicht möglich ist. Geht man jedoch davon aus, dass womöglich eine vollständigere schwedische Fassung zur Zeit der Entstehung der Handschrift im Umlauf war, so war der Name des fränkischen Königs Pippin dem Rezipientenkreis bekannt, ebenso gab die Erwähnung seines Namens wie auch des Herkunftslandes frankarike bzw. franke ryghe dem Rezipienten mögliche Anhaltspunkte zur historischen und literarischen Einordnung der Inhalte. Hinsichtlich der interkodikologischen Verbindung zwischen Namnlös och ValentinNamnlös och Valentin und Karl Magnus ist deren Zugehörigkeit zur Tradition der chansons de gestechansons de geste wie auch deren Einbettung in den Sagenkreis um Karl den Großen offensichtlich.
4.2.4. Herr abboten
Herr abbotenEin weiterer Text, der den Anthologie-Charakter des Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a unterstreicht, ist Herr abbotenHerr abboten [Hær sigx aff abotum allum skemptan myklæ], eine Klerikersatire aus der Tradition der Schwankdichtung. Obwohl hier keine direkte Vorlage bekannt ist, geht man in der Forschung davon aus, Herr abboten sei eine freie Übertragung des auf Latein verfassten Magister Golyas de quodam abbate, eines Textes aus dem 12. Jahrhundert, der Walter Map (Mapes) zugeschrieben wird.1 In satirischer Art und Weise wird dort das Leben eines nicht näher benannten genusssüchtigen Abtes beschrieben. Wie auch andere anti-klerikale Dichtungen enthält die Schwankdichtung (goliardic literature) gerade in ihrer parodistischen Ausprägung moralisierende Züge, auch wenn sie generell zur Gattung der profanen Prosa gehört. Diesbezüglich merkt Bridget Morris an: „By using parody and the burlesque, Goliardic poets are able to expose the weakness of clerical life and thereby express their own spiritual ideal“.2
Sucht man in dieser Handschrift nach dem fil rouge, welcher die Texte der Handschrift miteinander in Bezug setzt, so liegt das Augenmerk zunächst auf den EufemiavisorEufemiavisor und der ErikskrönikanErikskrönikan. Gleichermaßen sind es hier die familiären Verzweigungen, die eine Hypothese darüber erlauben, wo und für wen diese Texte in Auftrag gegeben wurden. Geht man von der in der Forschung als weitestgehend akzeptierten Annahme aus, Peter Algotsson sei der Übersetzer der Eufemiavisor gewesen, ist es möglich, dass dieser sich im Zeitraum zwischen 1289 und 1293, als er im Dienste des Königs in Schottland, England und Frankreich unterwegs war, auch eine Kopie des Golyas beschaffte, „which, being a clever and worldly-wise court cleric, he revised and gentrified, in order that it would suit better the literary tastes of the aristocratic circles in which the Eufemiavisorna were read“.3
Die Verbindung zwischen Karl Magnus und Herr abbotenHerr abboten auf inhaltlicher oder stilistischer Ebene ist zunächst nicht offenkundig. Ein verbindendes Element könnte der parodistische Charakter der ersten Episode, Karls Reise nach Jerusalem und Konstantinopel sein. In der Forschung schon früh als Parodie der archaischen chanson de geste-Tradition aufgefasst, wird diese Reise Karls in einer burlesquen Art und Weise dargestellt. Der Grund für sein Aufbrechen nach Jerusalem entspringt einem banalen Ehestreit: Karl, gekränkt in seinem Stolz, zieht aus, um sich mit dem byzantinischen Kaiser HugoHugo von Konstantinopel zu messen. Das Potential satirischer bzw. parodistischer Literatur besteht darin, als defizitär empfundene soziale, politische und gesellschaftliche Zustände indirekt durch sprachliche und literarische Methoden der Verfremdung anzugreifen, um auf diese Weise eine „ästhetisch sozialisierte Aggression“4 zu erzeugen. Dennoch muss sich die Satire im Rahmen der soziokulturellen Codes der Rezipienten bewegen, damit die Norm hinter der Satire erkennbar bleibt.5 In diesem Zusammenhang stellt sich unmittelbar die Frage nach der Übertragbarkeit parodistischer Literatur und ihrer Funktionen in einen fremden kulturellen und historischen Kontext. In Bezug auf Karl Magnus wird dieser Frage im weiteren Verlauf dieser Arbeit nachgegangen. Das Aufblühen der Schwankdichtung und der anti-klerikalen Satire allgemein lässt sich als Reaktion auf die monastischen Entwicklungen des 12. Jahrhunderts betrachten, allen voran auf die öffentlich ausgetragene Kontroverse zwischen Zisterziensern und Cluniazensern um die Befolgung der Benediktusregel.6 In Bezug auf die Intention des Übersetzers des Stoffes Magister Golyas de quodam abate kommt es in der Forschung zu wenig schmeichelhaften Urteilen, so z.B. Morris: „the author […] appears to have been moved less by indignation and a desire to reform monastic excess than by a wish to tell a humorous and inoffensive tale“.7 Die schwedische Übertragung sei folglich „a trivial story, intended simply to entertain and delight“.8 Nichtsdestotrotz demonstriert auch dieser Text Interesse und damit eine Teilhabe der schwedischen Rezipienten an einer weiteren kontinentaleuropäischen Tradition, nämlich der der Schwankdichtung des 12. Jahrhunderts.
4.2.5. Julens und fastans träta
Julens och fastans träta gehört zu der Gattung des dialogischen Streitgedichts, einer literarischen Form, deren Wurzeln bis in die Antike reichen. Es ist in einer einzigen Version, nämlich in der Handschrift Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a, überliefert und ist „på flere måder enestående i europæisk kulturel sammenhæng“.1 In die lange mittelalterliche Tradition der fabliaux, débats, batailles und Fastnachtspiele eingebettet, stellt dieses Gedicht ein weiteres Zeugnis für die Transmission kontinentaleuropäischer literarischer Formen ins altostnordische Literatursystem dar. Vor allem das Verhältnis des schwedischen Fastnachtspiels zur deutschen Tradition der Fastnachtspiele ist hier besonders hervorzuheben: Sowohl durch die Reimform, nämlich den Knittelvers, der auch schon die EufemiavisorEufemiavisor sowie die ErikskrönikanXE "Erikskrönikan kennzeichnet, als auch durch thematische Aspekte kann Julens och fastans träta als solches charakterisiert werden. Die deutsche Tradition der Fastnachtspiele erfuhr besonders in Lübeck und Nürnberg ihre spezielle literarische Ausprägung, darüber hinaus sind als Aufführungsgebiete Tirol, der Niederrhein und der alemannisch-schweizerische Raum durch Quellen belegt. Daneben dürfte es weitere regional ausgeprägte Traditionen gegeben haben, die jedoch nur durch Sekundärbelege zu erschließen sind.2 Auch inhaltlich unterscheiden sich die Nürnberger von den Lübecker Fastnachtspielen: Während das hansische Patriziat und dessen Anschauungen die literarischen Aspekte bestimmten, waren es in den süddeutschen Gebieten, vor allem in Nürnberg, die Zunfthandwerker.3 Dies hatte sicherlich Auswirkungen auf das Rezeptions- bzw. Performanzmilieu der Fastnachtspiele. In Bezug auf Julens och fastans träta kommt Søndergaard zum Fazit, „Julens och Fastans träta giver ingen tydelige fingerpeg om, i hvilken social sammenhæng, det har været spillet“4 bzw.:
På baggrund af de få og usikre kilder må vi holde muligheden åben for, at Julens och Fastans träta kan have været opført enten ved håndværkerlavenes fastelavnsstævner eller i forbindelse med lavkirkelige kredses fastelavns-udfoldelser.5
Auch wenn die Frage nach der genauen Herkunft und dem Rezeptionsmilieu des Gedichts aufgrund einer geringen Anzahl an Quellen und der einzigen Überlieferung in Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a nicht geklärt werden kann, so dokumentiert es doch die mögliche Existenz einer säkularen Fastnachttradition in Schweden des 15. Jahrhunderts, oder zumindest ein antiquarisches Interesse an deren Aufzeichnung. Die Funktion des Textes, durch die Aufführung anhand der Allegorisierung von Julen und Fastan dem christlich-stadtbürgerlichen Verhaltenskodex zu entrinnen, stellt eine Art ‚negativer Didaktik‘ dar. Erst mit der Personifizierung der Laster gegenüber der Askese können jene anschaulich dargestellt und auf diese Weise überwunden werden: Die inszenierte Normverkehrung setzt Handlungen, die als moralisch verwerflich empfunden werden, performativ um und macht sie so „erfahrbar und beherrschbar“,6 anstatt sie nur auszugrenzen. Hier findet sich auch der rote Faden zu moralisch-didaktischen Inhalten der Texte des Codex. Wie Bengt Jonsson anmerkt, gibt es „ett ovedersägligt samband“7 zwischen Herr abbotenHerr abboten und Julens och fastans träta: Durch die Personifizierung werden Julen die gleichen Eigenschaften zugeschrieben, die auch den genusssüchtigen Abt auszeichnen. Der Dialog zwischen Julen und Fastan kann als eine Art moralisch-didaktische Antwort auf das ausschweifende Leben des Abtes gelesen werden, obwohl beide Dichtungen verschiedenen Gattungen, nämlich Klerikersatire und Fastnachtspiel angehören. Die Zusammengehörigkeit der beiden Texte lässt sich auch durch ihre Platzierung in der Handschrift belegen: Nach der humorvollen Schilderung des Herrn Abtes folgt unverzüglich das moralisierende Moment.
Gleichzeitig offenbart auch dieses Gedicht eine Einbettung in die kontinentaleuropäische, hier vor allem deutsche literarische Tradition der Fastnachtspiele und macht die Handschrift zu einer Anthologie, die durch ihre verschiedenen Inhalte und Gattungen die schwedische Rezeption und Adaptation und somit Teilhabe am kontinentaleuropäischen Literaturerbe demonstriert.
4.2.6. Tungulus
Eine andere bedeutende Gattung des europäischen Mittelalters, nämlich die der Visionsliteratur, wird in diesem Codex mit dem Visionsbericht Tungulus1 vertreten. Dieser basiert auf der lateinischen Visio Tundali/ Tnugdali, aufgeschrieben vom irischen Mönch frater Marcus in Regensburg im Jahre 1149, und stellt einen der am weitesten verbreiteten Visionsberichte des Mittelalters dar:2 Seine geographisch weit gestreute Rezeption wird durch Übersetzungen in mindestens 13 Volkssprachen belegt.3
Die Voraussetzung für die Klassifizierung als Visionsliteratur ist ein verschriftlichtes visionäres Erlebnis, das entweder zu erbaulichen, didaktischen oder zu politischen Zwecken funktionalisiert werden kann: Die Visionsberichte mit ihren Schilderungen der Hölle und der Qualen, welche die Seele eines Sünders nach seinem Ableben zu erleiden hat, können so zum didaktischen Leitfaden werden oder als Propagandamittel bei der Durchsetzung verschiedener Interessen dienen, z.B. in der Auseinandersetzung geistlicher Motive gegen weltliche, oder der Mönche gegen Bischöfe etc.4 Visionen als Medium religiöser, transzendenter Erfahrungen und göttlicher Kommunikation sind in der schwedischen Literatur mit Revelationes celestes der Heiligen Birgitta von Schweden, einem der Hauptwerke der schwedischen Literatur des Mittelalters,5 vertreten. Lars Wollin hat in seinen Forschungen dargestellt, dass die altschwedischen Übersetzungen der auf Latein verfassten Offenbarungen im Skriptorium des Klosters VadstenaVadstena entstanden sind.
Im kodikologischen Verbund steht Tungulus stellvertretend für die Gruppe religiöser Texte und bringt auf diese Weise die lange und geographisch weit verbreitete Tradition der Tundalus-Vision in den altschwedischen Kontext. Auf der inhaltlichen Ebene korreliert der Text kaum mit Karl Magnus, abgesehen von den Visionen Karls des Großen und den daraus resultierenden moralisch-didaktischen Einsichten, die aber zu wenig Indizien geben, um hier einen konkreten Bezug herzustellen. Generell lässt sich jedoch auch hier das moralische Moment erkennen, das die Texte der Handschrift vereint.
4.3. Cod. Holm. D3 (Fru Elins bok)
Cod. Holm. D3Fru Elins bok, wie Cod. Holm. D3Cod. Holm. D3 auch genannt wird, ist eine Papierhandschrift, welche eine Datierung auf das Jahr 1476 enthält. Diese ist am Ende des Karl Magnus-Textes zu finden und gilt infolge Kornhall als wahrscheinlich, da Schriftdiktus, Tinte sowie Schreiberhand identisch sind, so dass man davon ausgehen kann, die Datierung erfolgte unmittelbar nach dem Karl Magnus-Text.1 Åström hingegen datiert die Handschrift auf das Jahr 1488, dem sich die neuere Forschung anschließt.2 Über die Herkunft der Handschrift kann indes nichts Gewisses ermittelt werden. Zwar hat Noreens Analyse des Ivan Lejonriddaren südskandinavische, d.h. dänische Züge in der Sprachform offenbart, diese seien aber für eine Handschrift aus der Zeit der Kalmarer UnionKalmarer Union nichts Ungewöhnliches, so Kornhall.3 Als Eigentümerin der Handschrift wurde die bereits erwähnte Frau Elin Gustavsdotter identifiziert – nach ihr ist der Codex benannt. Es handelt sich dabei um Märta Ulfsdotters Tochter, welche die zuvor aufgeführte Handschrift Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a besaß.
4.3.1. Inhalt
| Blatt | Inhalt | Anmerkungen |
| 2–84v | Ivan Lejonriddaren | Erste Eufemiavisa |
| 85r–106v | Karl Magnus | Jahresangabe 1476 |
| 107r–173r | Erikskrönikan Erikskrönikan | Reimchronik |
| 173r–204r | Flores och Blanzeflor Flores och Blanzeflor | Dritte Eufemiavisa |
| 204r–231r | Namnlös och Valentin Namnlös och Valentin | Basiert auf niederländischen und deutschen Vorlagen |
| 232–271v | Hertig Fredrik af Normandie Hertig Fredrik af Normandie | Zweite Eufemiavisa |
| 271v–279v | Tungulus | Visionsbericht |
| 280r–286v | Lilla Rimkrönikan Den lilla rimkrönikan | Historiographie |
| 288r–296r | Prosaiska Krönikan Prosaiska Krönikan | Prosa-Version von Lilla RimkrönikanDen lilla rimkrönikan |
| 296r–297r | Herr abboten Herr abboten | Klerikersatire |
| 297r–313v | Schacktavelslek | Jacobus de Cessolis Liber de moribus hominum et officiis nobilium ac popularium super ludo schacorum |
| 314r–318r | Zwei Legenden von Sankt Anna, nämlich Rådmanens son i Ungern sowie Procopius af Ungern | |
| 318v–321r | Wunder der Jungfrau Maria (Den omvände juden och djävulen) |
Tab. 3:
Inhalt der Handschrift Cod. Holm. D3Cod. Holm. D3
4.3.2. Von Fru Märta zu Fru Elin?
Der Inhalt dieser Handschrift ist bis auf die vier letzten Texte Schacktavelslek, die Legenden von der Heiligen Anna sowie die Texte über die Wunder der Jungfrau Maria, identisch mit dem des Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a. Dies zeigt, dass die Texte zur Zeit ihrer Abschrift zum Kanon im höfischen Rezeptionsmilieu gehörten, sowohl individuell als auch im Textverbund. Auf ihre detaillierte Beschreibung wird an dieser Stelle daher verzichtet. Im Hinblick auf die schwedische Überlieferung der Karlsdichtug nimmt die Handschrift Cod. Holm. D3Cod. Holm. D3 jedoch insofern eine Sonderstellung ein, als sie die einzige abweichende Lesart von Karl Magnus enthält: Während die Texte der anderen drei Handschriften überlieferungshistorisch eine Einheit bilden, repräsentiert Karl Magnus eine eigene Redaktion. Diese sei der altwestnordischen Vorlage am nächsten und beinhalte einige Norwagismen. Allerdings stellt auch diese Redaktion nicht die direkte Übersetzung der Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans dar. Wie Agnieszka Backman in ihrer aktuellen Studie zur Materialität der Handschrift anmerkt, kann man von einem nun verlorenen Zwischenglied ausgehen.1
Die Tatsache, dass alle Texte des Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a, mit einer Ausnahme, nämlich Julens och fastans träta, auch hier enthalten sind, wirft die Frage auf, ob D3 als eine Kopie von D4a betrachtet werden kann. Wenn die Handschriften tatsächlich Märta Ulfsdotter sowie ihrer Tochter Elin Gustavsdotter gehörten, wäre diese Annahme naheliegend. Dagegen spräche allerdings die veränderte Reihenfolge sowie die Existenz von drei weiteren Texten in D3, nämlich Schacktavelslek sowie drei kürzeren Texten. Wie Åström nach seiner Untersuchung der Handschriften feststellt, sind Namnlös och ValentinNamnlös och Valentin, Hertig Fredrik af NormandieHertig Fredrik af Normandie, Tungulus und Prosaiska KrönikanProsaiska Krönikan direkte Abschriften aus der Handschrift D4a.2 Die Beziehungen der anderen Texte beider Handschriften untereinander sind aber nicht näher identifizierbar. Dass Schacktavelslek nicht in Cod. Holm. D4a enthalten ist, erklärt Jonsson mit dem jüngeren Alter der Bearbeitung des lateinischen Textes Liber de moribus hominum et officiis nobilium ac popularium super ludo scaccorum des Dominikaners Jacobus de Cessolis.3 Zusammen mit einem mittelniederdeutschen Zwischenglied, nämlich dem Meister Stephans Schachbuch, diente Cessolis’ Text dem schwedischen Übersetzer um 1460 als Vorlage. In Cod. Holm. D3Cod. Holm. D3 folgt also Schacktavelslek der Klerikersatire Herr abbotenHerr abboten anstelle des bereits zuvor beschriebenen Fastnachtspiels Julens och fastans träta, obwohl man den beiden letzteren Texten für einen recht langen Zeitraum eine gemeinsame Tradierung bescheinigt hat.4 Wie schon Julens och fastans träta, ist auch Schacktavelslek von einem didaktisch-moralischen Moment geprägt: Schachfiguren repräsentieren dort allegorisch verschiedene soziale Stände, um die Pflichten einzelner sozialer Schichten zu demonstrieren. Die politische Ausrichtung des Textes wie auch die deutliche Kritik an den Herrschern sind infolge Blomqvist an den schwedischen König Karl KnutssonKarl Knutsson Bonde adressiertSju vise mästareHugo von KonstantinopelCod. Holm. D3AM 191 fol.5 – dies ist auch der mögliche Grund für die Aufnahme des Textes in die Handschrift.
4.3.3. Vergleich mit Cod. Holm. D4a
Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4aDie abweichende Reihenfolge der Texte bzw. deren Substitution durch andere, womöglich passendere oder aktuellere im Vergleich zu D4a, kann auf das Phänomen der Dynamik eines mittelalterlichen Codex zurückgeführt werden: Bereits durch den Akt dieser Modifikation offenbart der Kopist seine eigene Interpretation der Geschichten, eine seiner Ansicht nach sinnvollere Platzierung. Doch wie lassen sich die Texte der Handschrift durch ihre veränderte Positionierung charakterisieren? Die ersten drei aufeinanderfolgenden Texte sind Ivan Lejonriddaren, Karl Magnus sowie die ErikskrönikanErikskrönikan, welche gleichermaßen durch das Interesse an heroischen Taten gekennzeichnet sind. Im Prolog des Ivan Lejonriddaren werden der König Artus sowie Karl der Große als die größten Helden ihrer Zeit beschrieben. Wie Patrik Åström anmerkt, „placing the three texts together as in D3 gives them a chronological and thematic order. All three texts are about great heroes, even if Hertig Erik fares worse than the other two“.1 Nach diesen im weitesten Sinne historisch orientierten Inhalten folgt eine Gruppe von höfisch geprägten Romanen, Flores och BlanzeflorFlores och Blanzeflor, Namnlös och ValentinNamnlös och Valentin sowie Hertig Fredrik af NormandieHertig Fredrik af Normandie, wohingegen die Handschrift mit Texten endet, welche als unterhaltende Lektüre klerikaler und religiöser Prägung klassifiziert werden können.2
4.3.4. Fazit
Anhand der hier vorgestellten Texte lassen sich die Handschriften Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a wie auch Cod. Holm. D3Cod. Holm. D3 im Vergleich zum Cod. Holm. D4 als deutlich homogener bezeichnen. Die Inhalte sind durch höfische, religiöse bzw. didaktisch-moralische Tendenzen gekennzeichnet. Der Rezeptionsrahmen ist durch die Eigentümerinnen Fru Märta bzw. deren Tochter Fru Elin als aristokratisch-höfisch definiert, was sich ebenfalls in den Inhalten widerspiegelt. Im Vergleich zu Cod. Holm. D4a, welcher vermutlich dem Kopisten als eine der Vorlagen zur Verfügung stand, zeigt die Variation in der Reihenfolge der gemeinsamen Texte ein editorisches Bewusstsein für die Interpretation der Inhalte und deren Neugruppierung entsprechend den generischen Merkmalen.
4.4. AM 191 fol. (Codex Askabyensis)
AM 191 fol.Nach dem vermutlichen Entstehungsort der Handschrift benannt, dem Zisterzienserinnen-Kloster Askeby in Östergötland, ist AM 191 fol.AM 191 fol. oder Codex Askabyensis, die jüngste der vier Sammelhandschriften: Der Codex selbst enthält die Datierung auf das Jahr 1492. Inhaltlich ist diese Handschrift deutlich heterogener als Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a und Cod. Holm. D3Cod. Holm. D3. Auf insgesamt 137 Seiten finden sich 14 verschiedene Wasserzeichen.1 Dies führte in der Forschung zur Annahme, die Handschrift bestünde aus verschiedenen Teilen, die ursprünglich getrennt waren.2 Eine Anmerkung gibt Auskunft über den Besitzer der Handschrift, den Kaplan in Askeby Johannes Gerardi, der laut Kornhall auch der Schreiber der Handschrift ist.3
4.4.1. Inhalt
| Blatt | Inhalt | Sprache | Anmerkungen |
| 1r–35r 35r: 28–41 | Schacktavelslek Nachwort | Swe Lat | Freie Übersetzung der mnd Version, die wiederum auf das lat. De ludo scaccorum von Jacobus de Cessolis zurückgeht. V. 643–732 stellt eine visa dar, Hand I: 1r–2v, 11r–12v; Hand II: 3r–10v, 13r–35v1 |
| 35v–36r | Leer | ||
| 36v | Carolus filius Philippi | Lat | Hand III |
| 37r–49r | Karl Magnus | Swe | Hand IV: 37r–93r |
| 49r–58r | Konung Alexander Konung Alexander | Swe | Rubrik „De alexandro rege“ bildet mit dem Schluss von Karl Magnus eine Einheit Schreiber 4 |
| 58v–66v | Amicus och Amelius | Swe | Findet sich auch in Siælinna thrøst |
| 67r–89r | Flores och Blanzeflor Flores och Blanzeflor | Swe | Dritte Eufemiavisa |
| 89r–93r | De vno peccatore qui promeruit gratiam – En syndares omvändelse | Swe | |
| 93v | Vier annalistische Notizen aus dem Jahr 1487 | Swe und Lat | Anm. 3+4 von einem sonst unbekannten Schreiber, später hinzugefügt |
| 94r–107r | Prosaiska Krönikan Prosaiska Krönikan | Swe | Hand V |
| 107r–112r | Lilla Rimkrönikan | Swe | Hand II |
| 112v–113r | Eine visa „I mitt hjärthä der yppäs änh sorgh …“ | Swe | Hand VI 112v–113v |
| 113v | „Till minnes …“ | Swe | Später hinzugefügt |
| 114r | Leer | ||
| 114v | Mariengebet | Lat | Hand VI, später hinzugefügt |
| 115r–123v | Margareta Clausdotters Birgittakrönikan | Swe | Hand VII. Margareta Clausdotter war Äbtissin in VadstenaVadstena 1473–1486 |
| 124r–125v | Leer | ||
| 126r–137v | Sju vise mästare Sju vise mästare | Swe | Fragment, Hand I |
Tab. 4:
Inhalt der Handschrift AM 191 fol.AM 191 fol.
4.4.2. Karl Magnus im Codex AM 191 fol.
Die Heterogenität der Handschrift, die sowohl profane als auch religiöse Textgattungen vereint, wird verdeutlicht durch die Tatsache, dass insgesamt sieben Schreiberhände sowie zwei nicht identifizierte Hände an der Erstellung beteiligt waren. Wie Kornhall anmerkt, bildeten Karl Magnus, Konung AlexanderKonung Alexander und Amicus och Amelius eine Einheit, da sie von einer Hand fortwährend auf dem gleichen Papier geschrieben sind.1 Durch die inhaltliche Varianz wird eine eindeutige Zuordnung des Rezeptionsmilieus erschwert, wobei Wiktorsson den Auftraggeber der Handschrift im adligen Milieu von Östergötland2 lokalisiert und Massimiliano Bampi zumindest für einen Teil der Texte, nämlich Flores och BlanzeflorFlores och Blanzeflor, Karl Magnus, Schacktavelslek und Sju vise mästareSju vise mästare das Publikum als aristokratisch bestimmen kann, mit dem relevanten Hinweis, die Mehrheit der Nonnen im Kloster Askeby entstammten sehr wahrscheinlich aristokratischen Familien.3
Zweifellos ist es nicht immer eindeutig, eine Art intertextuellen Dialog zwischen den einzelnen Texten ausfindig zu machen. Im Falle von AM 191 fol.AM 191 fol. lässt sich jedoch konstatieren, dass Schacktavelslek sowie Konung AlexanderKonung Alexander und Sju vise mästareSju vise mästare eine thematisch ähnlich ausgerichtete Gruppe bilden: Sie stellen „exemplariska berättelser som har til syfte att fostra publiken“ dar.4
Ein weiterer Text dieser Handschrift ist in Bezug auf Karl Magnus von Bedeutung, nämlich die Geschichte von Amicus och Amelius, eine von der Freundschaft zweier einander zum Verwechseln ähnlicher Helden berichtende Geschichte. Die Klassifizierung des Amicus-Amelius-Textkorpus wird in der Forschung unter zwei Aspekten vorgenommen: Einige Texte sind innerhalb einer adlig-feudalen Ordnung angesiedelt, während andere das religiöse Modell verkörpern.5 Texte mit christlich-religiösem Deutungsschema fanden Eingang in die mittelniederdeutsche Exempelsammlung Seelentrost des 14. Jahrhunderts: Hier dient das Amicus und Amelius-Exemplum zur Veranschaulichung des achten Gebotes. Auch in der altschwedischen Übertragung ist Amicus och Amelius Teil des Siælinna thrøst. Es ist also nicht verwunderlich, dass dieser Text in einer Handschrift enthalten ist, die dem Kaplan von Askeby gehörte und deren Rezeptionsmilieu als klerikal einzuordnen ist. Eine mögliche Verbindung zu Karl Magnus besteht hier zum einen im historischen Setting: Beide Narrationen sind am Hof Karls des Großen situiert und wie auch die bekannten Helden der Karlsdichtung RolandRoland und Oliver kämpfen Amicus und Amelius an der Seite Karls des Großen und fallen in der Schlacht im Dienste des Kaisers. Eine weitere gemeinsame Ebene verbindet diese Texte hinsichtlich der Konstruktion der sogenannten „Kriegerfreundschaft“.6 Sowohl Amelius und Amicus als auch Roland und Oliver sind durchgehend als Waffengefährten, im Altschwedischen stalbrødherne, charakterisiert. Der Tod der Helden beider Erzählungen zieht Wunder und Engelerscheinungen nach sich, es werden Kirchen gebaut und Klöster gestiftet. Auch auf der narrativen Ebene christlich-religiöser Deutungsmuster lassen sich auf diese Weise Parallelen zwischen Karl Magnus und Amicus och Amelius feststellen.
Deutlich ist vor diesem Hintergrund die Verbindung zu den dezidiert religiösen Inhalten des Codex AM 191 fol.AM 191 fol.: Sowohl De vno peccatore qui promeruit gratiam (En syndares omvändelse) als auch das Mariengebet wie die sog. Birgittakrönikan fügen sich in den christlich-erbaulichen Teil der Handschrift.
4.5. Fazit: Schwedische Sammelhandschriften
Die vier SammelhandschriftenSammelhandschrift, welche die altschwedischen Zeugnisse der Karldichtung enthalten, sind wichtige Zeugnisse für die Transmission und Adaptation einzelner Werke kontinentaleuropäischer Literaturtradition im nordischen Mittelalter. Sie umfassen volkssprachige und lateinische Überlieferungen, Übersetzungen und Übertragungen von Texten, deren Traditionen von der Antike bis in die geographische und historische Gegenwart der Überlieferung reichen, so z.B. oneiromantische Schriften. Aufgrund der Tatsache, dass drei der vier Handschriften einer adligen Familie zugeordnet werden können,1 kann das Rezipientenmilieu als aristokratisch bestimmt werden. Während Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4 wohl für den schwedischen „riddare, riksråd och häradshövding“2 Gustav Algotsson angefertigt wurde, gehörte Cod. Holm. D4, auch als Fru Märtas bokCod. Holm. D4a bekannt, seiner Frau Märta Ulfsdotter. Ihrer Tochter Elin ist die dritte Handschrift Cod. Holm. D3Cod. Holm. D3, Fru Elins bok, zugeeignet. Auch wenn die in diesen Handschriften enthaltenen Texte schon viel früher ihren Weg vom Kontinent in den Norden gefunden haben, so zeigen sie dennoch, dass ihre Aktualität im 15. Jahrhundert, als diese Handschriften kompiliert wurden, nicht verloren gegangen ist. Die Gründe hierfür sind sowohl unterhaltender als auch politischer Natur – hier erfüllten die Texte während der instabilen Zeiten der Kalmarer UnionKalmarer Union kritische und satirische Funktionen gegenüber den verschiedenen Herrschaftsmodellen. Auch lässt sich das Rezeptionsmilieu anhand dieser genealogischen Verbindungen als aristokratisch charakterisieren. Selbst wenn die einzelnen Texte nicht immer deutliche Spuren höfischer Ethik enthalten und keine Genre-Transformationen bis hin zu einem höfischen Roman durchleben, wie es auch im Fall von Karl Magnus zutrifft, so lassen sich doch bestimmte sinnstiftende, didaktisch-moralisierende Tendenzen sowohl in den einzelnen Texten als auch in deren kodikologischen Zusammensetzungen erkennen. Bei den innerhalb der schwedischen Aristokratie situierten Rezipienten trugen diese sicherlich zur Unterhaltung, aber auch zur Belehrung bei.
4.6. Altdänische Karlsdichtung: Cod. Holm. Vu 82
Als einzige erhaltene spätmittelalterliche Handschrift überliefert Cod. Holm. Vu 82Cod. Holm. Vu 82 die altdänische Karl Magnus Krønike. Auch sie zählt zu den SammelhandschriftenSammelhandschrift im Hinblick auf die erwähnten Kriterien von Carlquist, nämlich das Nebeneinander mehrerer Genres und Sprachen. Die Chronik ist neben dieser spätmittelalterlichen Handschrift noch in zwei frühen nachmittelalterlichen Drucken überliefert. Der Text der BørglumBørglum-Handschrift enthält eine Datierung auf das Jahr 1480; als Fragment ist die Chronik darüberhinaus in einem Druck von Gotfred von Ghemen von 1509 und einem von Christiern Pedersen von 1534 überliefert – letzterer als eine revidierte Version des Ghemen-Textes.
Cod. Holm. Vu 82Cod. Holm. Vu 82, vormals Nr. 12b, wird in der Königlichen Bibliothek in Stockholm aufbewahrt. Es handelt sich um eine 162 Blatt umfassende Papierhandschrift, im Format 21x15 cm. Ihre älteren Partien sind 1480 in BørglumBørglum – zwar nicht notwendigerweise, aber doch wahrscheinlich – im Kloster entstanden.1 Eine weitere Datierung weist das Jahr 1541 auf. Die Handschrift ist paginiert von Seite 1 bis 324, Schriftraum und Zeilenzahl sind dabei wechselnd. Geschrieben von mehreren, mindestens zwei Händen, ist die Schriftart eine Bastarda. Von Hand I sind Seiten 1 bis 64 und 139 bis 318 (von 1480) verfasst. Bis zur Seite 30 wurde rubriziert, bis zur Seite 64 finden sich vergrößerte Anfangsmajuskeln mit Drolerien am Seitenbeginn.
Als Schriftsprachen sind Niederdeutsch und Dänisch auszumachen. Neben der Chronik finden sich vor allem niederdeutsche Texte, deren Reihenfolge dem Reisebericht Conrad Borchlings2 zu entnehmen ist. So schreibt Borchling auch, die BørglumBørglum-HandschriftCod. Holm. Vu 82 sei nach dem Handschriften-Katalog von 1734 wohl 1693 aus dem Antikvitets-Arkiv in die Königliche Bibliothek in Stockholm gelangt, wo sie als En Rymbok på gamall tyska om åtskilligt, et Caroli Magni Historia, MS, på papper in 4°3 verzeichnet ist. Die jüngeren Partien sind auf den Seiten 67 und 76 auf das Jahr 1541 datiert.
4.6.1. Inhalt
| Seiten (paginiert) | Inhalt | Anmerkungen |
| 1–7 | Des Kranichhalses neun Grade | Hand I bis S. 65 |
| 8–48 | Farbentracht | beginnt ohne Überschrift, Farbenlehre in ndt. Versen |
| 48, Zeile 7– S. 64 | Liebesgespräch III | Liebesgespräch in siebenzeiligen Strophen |
| 65–67 | Niederdeutsche Sprüche | Hand II bis S. 138, kann dem Jahr 1541 zugeordnet werden dank Notiz „Søndag for medfaste aar 1541“ |
| 69–76 | Lehren für eine gute Jungfrau | „Schreffwert onstdag eptther exaudi anno domini 1541“ |
| 77–96 | Rat der Vögel | Eine ndt. Vogelsprache |
| 97–105 | De vos unde hane | Die ndt. Fabel von dem Fuchs und dem Hahn |
| 106–116 | Der Trinker | |
| 117–130 | Chronikalische Aufzeichnungen über dänische, schleswig-holsteinische und hansische Ereignisse 251–1520 n. Chr. | Schließen mit dem Satz: „In deme Jaer godes bort M.D.xx do wort de grotmechtiighe könik Cristiern ingefoert tho stockholm mitt myt groter tryomphe und ere“, d.h. 1520 |
| 130–138 | Gottfried von Franken Pelzbuch (in Auszügen) | Die letzten vier Anweisungen sind in dänischer Sprache verfasst, aber von derselben Hand |
| 139–317 | Karl Magnus Krønike | wieder Hand I, Jahresangabe 1480 |
| 318–321 | Alphabet in gothischen Zierbuchstaben | |
| 322–324 | Leer |
Tab. 5:
Inhalt der Handschrift Cod. Holm. Vu 82Cod. Holm. Vu 82
Die aufgelisteten Texte können zwei Gruppen zugeordnet werden: einer spätmittelalterlichen und einer nachmittelalterlichen. Zur spätmittelalterlichen Gruppe gehören die Texte der Seiten 1 bis 64 und 139 bis 317. Die Karl Magnus Krønike schließt mit einer Orts- und Jahresangabe: „Ar æfter gudz byrd M cd lxxx sancte marie magadalene afften i børlum“ (KMK, S. 342, 17–18), i. e. 21. Juli 1480. Die nachmittelalterliche Gruppe kann auf das Jahr 1541 datiert werden, einer Jahresangabe, die zweifach in der Handschrift vorkommt (S. 67 sowie S. 76). Hier wird von zwei Schreibern ausgegangen.1
Signifikant ist die Tatsache, dass sowohl die niederdeutschen als auch die dänischen Texte der spätmittelalterlichen Gruppe von einem Schreiber stammen. Laut Poul Lindegård Hjorth zeigen Untersuchungen der Buchstabenformen, der Stiftführung und des Schreibduktus einheitliche paläographische Prägungen, so dass es sich um denselben Schreiber handeln muss, obgleich auch sporadisch Buchstabenvarianten auftauchen, die in der anderen Gruppe nicht belegt sind.2 Ein weiteres Indiz für die Zusammengehörigkeit der spätmittelalterlichen Texte sind die heraldischen Initialkompositionen auf den Seiten 1 und 139, welche dasselbe Wappen zeigen, dessen charakteristisches Schachbrettmuster außerdem die Innenseite des Vorblattes schmückt und mehrfach im spätmittelalterlichen Teil der Handschrift erscheint.
Abb. 1:
Cod. Holm Vu 82Cod. Holm. Vu 82, S. 1 (Kungliga Biblioteket Stockholm)
Abb. 2:
Cod. Holm. Vu 82Cod. Holm. Vu 82, S. 139 (Kungliga Biblioteket Stockholm)
4.6.2. Interner Aufbau
Eine Art fil rouge sucht man in der Handschrift vergebens, zumal davon auszugehen ist, dass hier verschiedene Lagen erst später zu einer Anthologie zusammengebunden wurden. Offensichtlich ist die inhaltliche Zusammengehörigkeit der spät- und nachmittelalterlichen mittelniederdeutschen allegorischen Dichtungen: Während die ersten drei Texte, die zur spätmittelalterlichen Gruppe gehören, Des Kranichhalses neun Grade, Farbentracht sowie Liebesgespräch III allegorische und didaktische Minnereden sowie Werbungsdialoge zwischen dem Dichter und seiner Dame darstellen, repräsentieren die späteren Handschriftentexte verbreitete Gattungen niederdeutscher Dichtung des Spätmittelalters. Eyne gude lere van einer junckvrouwen enthält Ratschläge einer Mutter an ihre Tochter in Fragen des Lebensstils, der Haushaltsführung und Ehe, stets auf êre und Bescheidenheit bedacht. Hier ist die moralisch-didaktische Botschaft des Gedichts recht prägnant. Ein weiterer bemerkenswerter Text dieser Anthologie ist der darauffolgende Rat der Vögel, welcher mit seinen 84 Strophen und der 30-zeiligen Einleitung als die längste Vogelsprache in der deutschen Literatur des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit bekannt ist.1 Auch hier ist ein gattungsinhärenter moralisch-didaktischer Inhalt zu konstatieren. In ihrer Untersuchung geht Petra Busch von einem skandinavischen Schreiber aus, da der Text zahlreiche Skandinavismen aufweist, obwohl er auf eine gemeinsame Vorlage mit der um 1500 in Köln gedruckten Münchner Inkunabel zurückgeht.2
Obgleich eine nähere Beschäftigung mit diesem Text im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht intendiert ist, soll dennoch darauf hingewiesen werden, dass Vogelsprachen und Vogelparlamente als Dichtungsart in unterschiedlichen Kontexten auftreten, sei es als Anhang geistlicher Codices oder im Kontext höfisch geprägter Liederhandschriften und Minnebücher,3 wie auch im Falle der Børglumer Handschrift.
Die auf Rat der Vögel folgenden Gedichte De vos unde hane, Van deme drenker sowie das in Auszügen enthaltene Pelzbuch Gottfrieds von Franken fügen sich hervorragend in diese Anthologie niederdeutscher Literatur. Fabeldichtung und satirisches Tierepos waren im Mittelalter beliebte literarische Formen; so hat sich der niederdeutsche Reinke de Vos über ganz Deutschland bis hin in die nordischen Länder verbreitet, während Der Trinker zwar nur in einer Abschrift, nämlich in der Handschrift Vu 82Cod. Holm. Vu 82 enthalten ist, sicher jedoch aus einer älteren Vorlage abgeschrieben worden sein muss. Das Gedicht als Dialog zwischen einem Trinker und seinem Meister, welcher ersteren auf die Nachteile der lustigen Lebensweise hinweist, ist ein „originelles, urwüchsiges und doch nicht abstossendes Denkmal“,4 das vom groben „altholsteinischen Witz beseelt“5 ist.
Gottfrieds von Franken Pelzbuch ist ein vor 1300 auf Latein verfasstes Lehrbuch über den Obst- und Weinanbau im Mittelalter; als Kompendium für die Praxis ist es in über 240 Handschriften mit geographisch weiter Streuung erhalten. Die frühe Übertragung der lateinischen Originalfassung wird Gottfried selbst zugeschrieben.6
Die zuvor genannten Texte der spätmittelalterlichen Gruppe der Børglumer Handschrift sind nur indirekt mit der Karl Magnus Krønike verbunden, wohl aber mit den ersten drei Gedichten, die aus der gleichen Feder wie die Chronik stammt. Ein interner roter Faden zwischen den niederdeutschen Gedichten und Sprüchen der spät- und nachmittelalterlichen Textgruppen der Handschrift ist vorhanden, mögen die Texte noch so heterogen sein, so stellen sie doch eine repräsentative Auswahl verbreiteter volkstümlicher Gattungen des Mittelniederdeutschen dar, wenn auch von verschiedenen Schreibern zu unterschiedlichen Zeiten angefertigt. Ihre moralisch-didaktische Färbung jenseits der geistlichen Inhalte verleiht der Anthologie einen weltlichen und profanen Charakter.
Inwiefern fügt sich die Chronik um Karl den Großen in diese Sammlung? Um diese Frage zu beantworten, ist eine kritische Analyse des Textes nötig. Geht man der These nach, dass die Chronik – deren Ereignisse im französischen heroic ageheroic age angesiedelt sind – ihren heldenhaften, gattungsspezifischen Charakter zugunsten einer Profanisierung verloren hat, so ist womöglich eine Verbindung zu den anderen Texten der Handschrift hergestellt. Das Herrscherbild sowie die Darstellung Rolands sollen einer kritischen Textanalyse unterzogen werden: Lassen sich in der dänischen Chronik wertende, moralisch-didaktische Tendenzen erkennen, so wäre es ein möglicher, wenn auch blasser roter Faden durch die Inhalte dieser Handschrift.
4.6.3. Mögliche Besitzer: Niels Stygge Rosenkrantz oder Jakob Friis
Obwohl die Handschrift, wie schon zuvor angemerkt, nicht notwendigerweise im nordjütischen Prämonstratenserkloster BørglumBørglum entstanden sein muss, erlaubt diese Ortsangabe doch einige gewinnbringende Hypothesen zur Kontextualisierung der Texte und möglichen Auftraggebern der Handschrift. Die heraldischen Initialkompositionen auf den Seiten 1 und 139 sowie in modifizierter Form auch auf den Seiten 146 und 162 enthalten ein Wappen mit markantem Schachbrettmuster. Dieses lässt sich zwei Personen aus dem näheren Umfeld des Klosters Børglum zuordnen. Zum einen liegt die Vermutung nahe, es könne sich hierbei um das Wappen von Jakob (Jep) Friis handeln, der von 1453 bis 1486 Bischof von Børglum war. Der in der Handschrift abgebildete Schild stimmt mit dem in seinem Siegel übereinBørglum1 und das Wappen selbst, wie es in der Initiale abgebildet ist, findet sich in Danmarks Adels Aarbog III von 1886.2 Die Datierung unter dem Text der Chronik fügt sich ebenso in seine Zeit als Bischof ein (1453–1481). Jakob Friisʼ Geschlecht wurde nach dem Wappen als die „skaktavl-Friiser“3 bezeichnet.
Abb. 3:
Cod. Holm. Vu 82Cod. Holm. Vu 82, S. 146 (Kungliga Biblioteket Stockholm)
Abb. 4:
Cod. Holm. Vu 82Cod. Holm. Vu 82, S. 162 (Kungliga Biblioteket Stockholm)
Zum anderen könnte es sich hierbei aber auch um das Wappen von Niels Stygge Rosenkrantz handeln.4 Als Probst des Klosters BørglumBørglum wird dieser in der „Series prapositorum“ des Monasticon Praemonstratense für das Jahr 1478 aufgelistet, bevor er 1486 von Simon Laesö abgelöst und 1487 zum Bischof geweiht wurde.Børglum5 Dies würde sich in die Entstehungszeit der Handschrift fügen. Die Vermutung, dass die Niederschrift der Texte im spätmittelalterlichen Teil der Handschrift in seinem Auftrag erfolgt sein könnte, wird ferner dadurch bestätigt, dass Niels Stygge Rosenkrantz einen Studienaufenthalt in Greifswald absolvierte. Sein Name wird im Verzeichnis der Älteren Universitäts-Matrikeln II Universität Greifswald an folgenden zwei Stellen aufgeführt: Zum einen bei den Immatrikulationen im Jahr 1473 mit dem Vermerk „Item dns. Nicolaus Stigonius de genologia militari natus, clericus Arrusiensis d., intit fuit die mens Junii“,6 zum anderen bei den Nomina baccalariandorum 1474 als „Nicolaus Stygge, militaris“.7 Sieht man von dieser uneinheitlichen, wohl latinisierten Namensschreibweise ab, kann es sich durchaus um Niels Stygge Rosenkrantz handeln. Dass sich gerade die 1456 gegründete Universität Greifswald einer großen Beliebtheit bei den nordeuropäischen, v.a. dänischen Studenten erfreute, zeigen mehrere Studien.8 So betont Achim Link, dass die Dänen zu dieser Zeit die größte Gruppe der aus dem Ausland stammenden Immatrikulierten darstellen, obgleich die genaue Ortsnennung fehlt und viele Eingeschriebene mit dem bloßen Vermerk de dacia versehen sind.9 Dies würde erklären, warum bei Niels Stygge Rosenkrantz die genaue Herkunftsangabe fehlt.
Sicherlich reichen solche knappen Indizien nicht, um Niels Stygge Rosenkrantz als den einzig möglichen Auftraggeber der Handschrift zu identifizieren. Die Reihe an übereinstimmenden Details erlaubt jedoch die Hypothese, er könne der Auftraggeber und gleichzeitig der Besitzer der Handschrift Vu 82Cod. Holm. Vu 82 gewesen sein. Hierzu gehört das Auftreten seines Wappens in den heraldischen Initialkompositionen der spätmittelalterlichen Texte, die mit seiner Tätigkeit als Probst übereinstimmende Orts- und Jahresangabe in der Handschrift sowie sein Aufenthalt in Greifswald, wo er die Möglichkeit gehabt hätte, mit der mittelniederdeutschen Literatur in Kontakt zu kommen. Das Rezeptionsmilieu der Handschrift Vu 82 wurde bereits im Kapitel 3.5. bestimmt. Die Zugehörigkeit des Klosters zum Prämonstratenserorden sowie die Probst-Tätigkeit von Niels Stygge Rosenkrantz lassen auf ein klerikales Entstehungs- und Rezeptionsmilieu der altdänischen Karl Magnus Krønike schließen.
4.7. Zusammenfassung
Ausgehend vom Phänomen der „dynamic of the codex“1 wurden in den vorangehenden Kapiteln fünf altostnordische SammelhandschriftenSammelhandschrift präsentiert, deren Charakteristika in der Sprachen- und Genre-Pluralität bestehen. Dem bereits eingeführten offenen Textbegriff folgend, stellt ein Text innerhalb eines mittelalterlichen Codex gleichzeitig ein Rezeptionszeugnis dar und soll daher in sein unmittelbares synchron-überlieferungsgeschichtliches Bezugsfeld eingeordnet werden. In Hinsicht auf Karl Magnus sowie die Karl Magnus Krønike wurden einzelne Texte der jeweiligen Handschrift bezüglich möglicher Berührungspunkte auf der thematischen oder überlieferungshistorischen Ebene sowie hinsichtlich eines gemeinsamen Entstehungs- und Rezeptionsmilieus hin überprüft und eingeordnet. Im Falle der schwedischen Sammelhandschriften Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4, Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a, Cod. Holm. D3Cod. Holm. D3 sowie AM 191 fol.AM 191 fol. konnten bis auf Amicus och Amelius keine weiteren Texte aus der Gattung der chanson de geste im unmittelbaren Überlieferungszusammenhang ausgemacht werden. Der Rezeptionsrahmen konnte unter Berücksichtigung der möglichen Auftraggeber und Besitzer der Handschrift sowie höfischer und/ oder religiöser und moralisch-didaktischer Texte in unmittelbarer kodikologischer Umgebung von Karl Magnus als höfisch-aristokratisch bestimmt werden. Einzelne Texte wie beispielsweise Amicus och Amelius zeigen Parallelen auf der Ebene der Narration. Die Koexistenz einiger Texte und Gattungen in diesem Bezugsfeld lässt sich hingegen wohl nur mit individuellen Interessen der Auftraggeber erklären.
5. Text- und Funktionsanalysen
5.1. Struktur der Karlsdichtung: Kompilation und Zyklisierung
Die zyklisch ausgerichtete Struktur der nordischen Karlsdichtung lässt sich am ehesten an der altwestnordischen Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans sowie deren Bearbeitung, der dänischen Karl Magnus Krønike, erkennen. Die schwedische Übertragung des Karlsstoffes wird lediglich durch zwei Episoden aus dem Leben Karls und seiner Gefolgsmänner repräsentiert und daher in diesem Kapitel nur als Vergleich herangezogen.
In der Forschung wird die Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans mit dem häufig pejorativ konnotierten erzähltechnischen Terminus Kompilation oder Großkompilation klassifiziert.1 Unter Kompilation wird hierbei zum einen eine strukturierte Textsammlung verstanden, zum anderen die „Methode der Texterstellung, bei der es durch eine Zusammenstellung von literarischem Material um das Gestalten eines neuen Textes geht“.2 Diese Technik des kreativen Umgangs mit fremden Texten war bereits im 13. Jahrhundert etabliert, was die Menge an enzyklopädischen Werken aus dieser Zeit sowie die detaillierten Reflexionen u.a. bei Vincenz von Beauvais zur Methode und Funktion einer Kompilation belegen.3 Vor dem Hintergrund des un-festen Textbegriffs im Mittelalter sowie aufgrund der Anonymität der Autoren schafft ein Kompilator durch seine Tätigkeit beim Re-Arrangement eines Werkes neuen Zugang zu Texten, die durch die Zusammenstellung einen neuen Sinnhorizont erhalten: Sowohl durch die thematische Selektion als auch durch die vorgenommene Strukturierung der Quellen erzeugt der Kompilator eine Linearität historischer Begebenheiten und erzeugt auf diese Weise die Integration einzelner Texte in ein geschlossenes konstruiertes Textuniversum.
Orientiert sich eine derartige Kompilation an der Biographie einer bedeutenden Persönlichkeit, eines Herrschers oder eines Heiligen, so ist sie häufig in einer zyklisierten Form komponiert. Innerhalb der altnordischen Literatur sind Zyklisierungstendenzen sowohl in den historiographischen Werken sichtbar, so z.B. in den konungasögur, als auch in den íslendingasögur, der Eddischen Dichtung oder den EufemiavisorEufemiavisor sowie an den zyklisch angelegten SammelhandschriftenSammelhandschrift, etwa der Flateyjarbók.4 In der romanistischen Forschung ist die Frage der narrativen Zyklisierung am Beispiel der chansons de gestechansons de geste und der Artusepik untersucht worden.5
Welche (handschriftlichen) Vorlagen dem alstwestnordischen Kompilator zur Verfügung standen, kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden, da auch die Quellen der Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans nur teilweise bekannt oder lediglich hypothetisch zu erschließen sind.6 Die in der Forschung etablierte Einteilung der Synopse der α- und β-Redaktion in zehn Branchen/ þættir lässt sich folgenden Quellen zuordnen:Karlamagnús saga ok kappa hans7 Roman dʼaventure Doon de la Roche, Chevalerie Ogier de Danemarche, Pseudo-Turpin, Chanson dʼAspremont, eine verlorene Chanson des Saxons, Chanson dʼOtinel, Voyage de Charlemagne, Chanson de RolandRoland, Moniage Gillaume, Vinzenz von Beauvaisʼ Speculum Historiale und Tveggja Postola saga Jóns ok Jacobs. Weiterhin gibt es eine Reihe von chansonschansons de geste, die nicht identifiziert wurden. Dies trifft beispielsweise auf die erste Branche der Saga zu, welche in der Forschung besonders kontrovers diskutiert worden ist. Hierbei widmet sich das Forschungsinteresse vor allem der Frage nach einer unabhängigen Existenz dieser Branche oder aber nach deren Genese vor dem Hintergrund der Gesamtkompilation. Im Hinblick auf die Zyklisierung als narrative Technik scheint ein hypothetisch angenommener Text, nämlich die von Povl Skårup und Paul Aebischer postulierte Vie romancée de Charlemagne*, eine Biographie Karls des Großen unter Verwendung lokaler Legenden, sich in die Struktur der Karlamagnús saga zu fügen: Der erste Teil einer Vie romancée* leitet mit dem Tod Pippins, Karls Vater, die Saga ein, während die Branche IX den letzten Teil der Vie romancée de Charlemagne* enthält und vom Tod Karls berichtet. Durch die Demontage einer chanson und deren partielle Verwendung an dafür geeigneten Stellen hätte der Kompilator der α-Version auf diese Weise einen Rahmen um die eigentliche Narration mit dem zentralen Ereignis der Schlacht von RoncesvallesRoncesvalles geschaffen. Doch obwohl die Hypothese einer verlorenen Vie romancée de Charlemagne* von namhaften Forschern wie Aebischer, Skårup, Halvorsen und zwischenzeitlich auch von Lönnroth vertreten wurde, nimmt u.a. Togeby eine Gegenposition ein, während die neuere Forschung sich ebenfalls davon distanziert bzw. auch andere Vorlagen für die erste Branche der Karlamagnús saga für möglich erachtet.Karlamagnús saga ok kappa hans8
5.2. Struktur der Karl Magnus Krønike
Die dänische Karl Magnus Krönike stellt eine Bearbeitung der α-Redaktion der Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans dar. Diese gilt als die ursprünglichere Version der altnordischen Karlsdichtung, während in der β-Redaktion mehrere Kapitel hinzugefügt wurden, so etwa die Branche II Af frú Ólíf ok Landrés, eine Übersetzung einer verlorenen mittelenglischen Vorlage, von Bjarni Erlingsson im Jahr 1286/87 in Auftrag gegeben,1 die Branche IX Af Vilhjálmi korneis sowie die Branche X Um kraptaverk ok jartegnir, als deren Quellen Tveggja Postola saga Jóns ok Jacobs und Vinzenz von Beauvaisʼ Speculum Historiale gelten. Diese fehlen in der dänischen Überlieferung, die folgendermaßen strukturiert ist:2
1 Karl Magnus og hans Kæmper
2 Udger Danske og BurnemandBurnamanth
3 Kampen i Spanien med Kong Agulando
4 Kampen i Saksen med Kong Vittelin
5 Kæmpen Otvel
6 Rejsen til det hellige Land og Konstantinopel
7 Slaget i Ronceval
8 Boldevin, Udger Danske og Villum Cornitz
Auch in dieser Redaktion folgt die Narration dem Zyklisierungsschema: Das erste Kapitel setzt unmittelbar mit dem Tod des Königs Pippin ein, das letzte Kapitel berichtet von Karls Tod und dem Kampf der Dämonen um seine Seele. Im Gegensatz zur später entstandenen β-Redaktion ist die dänische Bearbeitung eine lose Aneinanderreihung der Episoden aus Karls Leben. Hier fehlen die überleitenden Sätze zwischen den Kapiteln wie auch zahlreiche Revisionen der jüngeren Bearbeitung. Die Texte der β-Gruppe sind als das Werk eines oder mehrerer Revisoren zu begreifen, der darum bemüht war, die in sich inkonsistenten Episoden zu einem logischen Handlungsschema zu verbinden und dabei die zentrale Thematik der Saga, das glorifizierende Moment der Karlsfigur bzw. das Christentum im Vergleich zum Heidentum hervorzuheben.
Die disparate Quellenlage,3 die ein Nebeneinander unterschiedlicher chansonschansons de geste mit den jeweiligen verschiedenen historischen Ausformungen zu einer zyklisch orientierten Großkompilation generiert, kann als Erklärung für die Widersprüche gelten, die sowohl in der α-Gruppe als auch in der revidierten β-Gruppe erscheinen, so etwa widersprüchliche Heldenbilder oder chronologische Brüche. Kramarz-Bein erachtet diese in Bezug auf die Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans sowie die Þiðreks sagaÞiðreks saga af Bern als „Kennzeichen mittelalterlicher literarischer Großformen“,4 die mit der Haltung des Verfassers/ Redaktors zur Treue gegenüber der Vorlage zusammenhängen. Im Hinblick auf den Rezeptionsmodus ließen sich die Brüche und Widersprüche damit erklären, dass einzelne Episoden unabhängig voneinander vorgetragen wurden – auch hier muss der oralen Tradition Rechnung getragen werden.
An dieser Stelle erscheint es sinnvoll, daran zu erinnern, dass die Karl Magnus Krønike, der als Repräsentantin der α-Gruppe ein geringerer literarischer Anspruch als den Texten der β-Gruppe zugesprochen wird,5 ein Werk darstellt, das verschiedene Stadien der Bearbeitung durch den Übersetzer/ Kompilator/ Redaktor in sich birgt. Die Krønike als literarisches Produkt ist das Endergebnis einer langen Transmissionskette. Diese begann mit der Selektion einzelner chansonschansons de geste zu einer sich nach der Vita Karls richtenden zyklischen Kompilation, die zu Zeit Hákon Hákonarsons um 1250 (α-Gruppe) bzw. zwischen 1290–1320 oder 1330–1340 (β-Gruppe) ins Altnorwegische übertragen wurde. Die Transmission der Handschrift(en) nach Dänemark erfolgte womöglich über die Kontakte der Prämonstratenserklöster Tønsberg und BørglumBørglum, wo die Transmissionskette schließlich in der um 1480 angefertigten Handschrift Vu 82Cod. Holm. Vu 82 endet.
In allen Stadien der Kompilierung, Zyklisierung, Übersetzung und Übertragung war der Text stets neuen ästhetischen, literarischen und politischen Einflüssen gegenüber offen. Doch hielten sich die Übersetzer bei ihren Bearbeitungen an das ästhetische Ideal der Äquivalenz oder lassen sich zeitgenössische Strömungen, einheimische Traditionen und politisch motivierte Pointierungen erkennen? Diesen Aspekten widmen sich nachfolgende Textstudien, wobei die Fragen nach den Übersetzungstendenzen und somit auch nach dem Übersetzungsinteresse der skandinavischen Übersetzer/ Redaktor stets den Hintergrund der Textstudien bilden. Die Darstellungen der Anderen, die narrative Identitätskonstruktionen Karls des Großen, das Verhältnis zwischen Christentum und Islam sowie nicht zuletzt die besondere Rolle von HolgerHolger Danske Danske, dem Einwanderer in der dänischen Literatur, sind hierbei zentral. Zunächst soll aber im Hinblick auf die Gender-Konstruktionen der altostnordischen Texte das Konzept der für die französische Heldenepik gattungsspezifischen monologischen MaskulinitätMonologische Männlichkeit6 nach dem Aufbrechen der heldenepischen Grenzen im Prozess einer Gattungsmodifikation kritisch überprüft werden.
5.3. Auf der Suche nach Aude und Bramimonde – Gendering Genre
AudeBramimondeDas folgende Kapitel widmet sich der Reflexion über narrativ vermittelte Weiblichkeits- und Männlichkeitskonzepte in den altostnordischen Karlstexten. Die Ausgangsposition dafür ist zugleich die Annahme einer Interdependenz von genrespezifischen Geschlechter- und Machtdiskursen bzw. deren kritische Überprüfung nach dem Prozess der Übersetzung und Transmission der Texte in ein neues System. Die zu untersuchende kulturelle Kategorie Gender wird zur Analyse der Konstitution der Geschlechterdifferenz in den übersetzten Texten der Karlsdichtung herangezogen, basierend auf den etablierten, wenn auch nicht unumstrittenen Theorien von Judith Butler und Thomas Laqueur. Ihnen gemeinsam und zentral ist die Annahme, das biologische Geschlecht (sex) wie das konstruierte soziale Geschlecht (gender) seien durch historische und kulturelle Darstellungsmodalitäten konzipiert – dies ist heute wie im Mittelalter abhängig von den entsprechenden Wissenssystemen und Diskurszusammenhängen.1
5.3.1. Kurze Einführung in die genderorientierte Mediävistik
Feministisch und genderorientierte mediävistische Forschung beleuchtet aus verschiedenen Perspektiven eine explizite oder implizite Geschlechterthematik, die geschlechterfixierte Symbolisierung von Erfahrung sowie die literarische Umcodierung von Geschlechterhierarchien in den Texten des Mittelalters.1 Im Hinblick auf die hier relevante Gattung der chansons de gestechansons de geste mit dem kanonischen Text Chanson de RolandRoland und deren Geschlechter- und Männlichkeitskonstruktionen scheint eine weitere – je nach Betrachtungsweise eigene oder als Teil der Gender Studies aufgefasste – Disziplin jedoch gewinnbringend zu sein: Menʼs Studies oder Kritische Männerforschung, die sich der Erforschung von Männlichkeitsbildern als kulturell produzierten und historisch variablen Konstrukten sowie der Demontage stereotyper heroischer Mythen verschrieben hat.2 Das von der australischen Soziologin Raewynn Connell entwickelte Konzept der Koexistenz verschiedener Männlichkeiten mit dem Postulat hegemonialer vs. marginalisierter Männlichkeit als Produkt einer patriarchal strukturierten Gesellschaft3 dient im Folgenden der Reflexion über Männlichkeitskonzepte in den übersetzten Karlstexten. Wohl sind Karl und seine Gefährten nicht die einzigen tapferen Helden auf dem Schlachtfeld. Die Sarazenen, unter dem Sammelbegriff ‚Heiden‘ zusammengefasst, kämpfen ebenso entschlossen, durch Treue zu ihrem König bzw. ihrer religiösen Kontrollinstanz bestimmt. Hier kann hegemoniale Männlichkeit aufgrund der Zugehörigkeit der Helden zu einer anderen ethnischen Gruppe bzw. einem anderen Wertesystem nicht realisiert werden. Rasse, Stand, Religion und Sexualität sind Aspekte, die andere, von einem dominanten Männlichkeitskonzept abweichende Bilder generieren.4
Gerade in Bezug auf die Gattung der französischen Heldenepik hat sich in der Forschung die von Simon Gaunt diskutierte Annahme einer Abhängigkeit der Gender-Konstruktion von literarischen Gattungskonventionen etabliert. Gaunt erachtet Geschlechterkonstruktionen als „crucial element“5 einer jeden Gattung, der bestimmte Ideologien, Machtstrukturen und Hierarchien inhärent sind.6 Geschlechterfixierte Symbolisierungen von Handlungen und deren Relation zueinander offenbaren ideologische Funktionen, die jeder Gattung innewohnen. Die chansons de gestechansons de geste sind gekennzeichnet durch das Konstrukt einer exklusiven Männlichkeit, einer monologic masculinity, wie Gaunt sie bezeichnet. Im Gegensatz zu weiblichen Figuren der französischen Heldenepik seien nur männliche Protagonisten als Individuen angelegt, und zwar in Relationen zu anderen männlichen Figuren. Frauen hingegen seien „excluded from the genreʼs value system even, arguably, in poems where the influence of other genres is tangible“.7 Laut Sarah Kay ist diese Exklusion intentional und grenzte Frauen aus dem Wertesystem der chansons de geste aus,8 das vor allem auf den Werten wie Loyalität, Tapferkeit und Kampfbereitschaft basiert. Dies trifft insbesondere auf die kanonisierte Chanson de RolandRoland zu. Doch auch den zahlreichen anderen chansons, in denen die Präsenz weiblicher Akteure zentral für die Handlungsentwicklung ist, wurde in der Forschung eine generische Kontamination durch die Einflüsse der parallel aufkommenden oder koexistenten Gattungen, wie etwa des höfischen Romans, bescheinigt.Roland9 Dieser Aspekt ist für die folgende Analyse der Geschlechterkonstruktionen in den altostnordischen Karlsdichtungen insofern spannend, als die Übertragungen der chansons de geste in die altostnordischen Literatursysteme für viele verschiedene kulturelle Einflüsse offen waren – wenngleich die damit einhergehende Wertung der generischen Kontamination gänzlich obsolet ist. Gerade die Tatsache, dass die Texte in Handschriften des 15. Jahrhunderts vorliegen, ermöglicht die Hypothese, die gattungstypologischen Vorgaben zwischen Gender und Genre müssten nicht eingelöst werden. Schließlich existierten zum Zeitpunkt der Abschriften bereits andere literarische Modelle, die einen Einfluss auf die Modellierung der den Gattungen inhärenten Konzepte ausgeübt haben können. Die Koexistenz der höfischen Romane EufemiavisorEufemiavisor in den vier altschwedischen Handschriften belegt die Kenntnis von alternativen literarischen Modellen aufseiten der Bearbeiter.
Die Analyse der Geschlechterkonstruktionen in den spätmittelalterlichen altostnordischen Bearbeitungen der chansons de gestechansons de geste knüpft an die von Simon Gaunt entwickelte These von der Interdependenz zwischen Gender und Genre an. Die Konstruktion der Geschlechterbilder hängt demnach von gattungstypologischen Aspekten ab, was zunächst am Beispiel der Chanson de RolandRoland vorgeführt wird. Diese Interdependenz wird bei der Analyse der altostnordischen Karlsdichtung kritisch hinterfragt: Durch eine jahrhundertelange Tradierung der Texte sowie deren Übertragung in ein neues kulturelles und literarisches Umfeld wurden sie strukturell den Einflüssen anderer literarischer Modelle und Gattungen geöffnet, so dass das Konzept der monologischen Männlichkeit nicht notwendigerweise dominant sein muss. Da Geschlechterbeziehungen nicht nur gattungsbedingt konstruiert werden, sondern auch immer Machtbeziehungen repräsentieren, richtet sich der Blick hierbei auf die Herrschaftsverhältnisse in den übersetzten Texten. Hier ist davon auszugehen, dass die Marginalisierungsprozesse nicht bloß genderbedingt im Hinblick auf die Dichotomie männlich/ weiblich stattfinden, sondern die Machtausübung bzw. -legitimation an das von Connell entwickelte Konzept der hegemonialen Männlichkeit geknüpft ist. Die Anderen, d.h. Heiden, Sarazenen und Schwarze, wenn auch Männer, sind von der Marginalisierung und Exklusion aus dem christlich-männlichen Wertekanon ebenso betroffen wie die Frauen der Ritter. Eine Analyse der Geschlechterkonstruktionen soll zur Klärung der Frage beitragen, inwiefern sich durch den Prozess des Kulturtransfers gattungstypologische Grenzen öffnen bis hin zur Konstruktion einer womöglich dialogischen Männlichkeit respektive Weiblichkeit. Eng an die Ergebnisse dieses Kapitels ist die Frage nach der Repräsentation des Anderen und deren spezifischen Funktionen in den Texten geknüpft. Analog zur Konstruktion der Geschlechterbeziehungen im Hinblick auf die Macht- und Herrschaftsverhältnisse dient das häufig stereotyp-dämonisierte Andere der Legitimierung eigener postulierter Machtpositionen. Beleuchtet werden diese Problemfelder in den folgenden Kapiteln auf der Ebene der Figurenkonzeptionen.
5.3.2. Monologische Maskulinität als Genre-Konvention
Monologische MännlichkeitDer vielzitierte Satz des Romanisten Bernard Cerquiglini „Être médiéviste cʼest, au plus vrai, prendre position sur la C. R.“Roland1 trifft auf die vorliegende Untersuchung wohl ebenfalls zu. Dies ist jedoch weniger aus den von Cerquiglini angeführten ästhetischen und forschungshistorischen Gründen seiner Disziplin der Fall, sondern aufgrund der Tatsache, dass der Bericht von der Schlacht von RoncesvallesRoncesvalles neben der Reise Karls des Großen nach Jerusalem und Konstantinopel eines der beiden Kapitel ist, das in der altschwedischen, altdänischen und darüber hinaus in der altwestnordischen Überlieferung erhalten ist. Dies bietet eine Vergleichsgrundlage, auf der sich zum einen die Besonderheiten altostnordischer Übersetzungsideale und -funktionen untereinander herausarbeiten lassen und zum anderen im Hinblick auf die gemeinsame Vorlage der Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans. Dass die folgenden Analysen sich nun hauptsächlich am Rolandslied orientieren, ist also weniger als Positionierung dem literarischen Kanon gegenüber anzusehen als eine pragmatische Lösung im Sinne einer textuellen Basis-Schaffung.
Im gattungsspezifischen Rahmen der chansons de gestechansons de geste ist die Figurenkonzeption in der Chanson de RolandRoland, die nach Simon Gaunt das Konzept der monologischen MaskulinitätMonologische Männlichkeit repräsentiert, auf eine Männlichkeitskonstruktion angelegt. Diese wird gender-intern, also als das Verhältnis von Männern zu Männern, und nicht, wie etwa im höfischen Roman, im Verhältnis von Männern zu Frauen, generiert. Zweifellos sind es männliche Helden und Antihelden, welche die Narration bestimmen: Karl der Große, die Hauptfiguren Roland und Oliver sowie Rolands Stiefvater, der Verräter Ganelon. Auch der Hauptort der Handlung, das Schlachtfeld von RoncesvallesRoncesvalles, ist männlich besetzt: Die christliche Armee wie auch das feindliche Heer bestehen ausschließlich aus männlichen Repräsentanten der martialischen Gesellschaft. Die Exklusion weiblicher Figuren unterstreicht, dass nicht nur der tatsächliche Kampf von Roland und seinen Gefährten gegen die Heiden gendered ist, sondern hiermit auch der gesamte heilsgeschichtliche Rahmen vorbehaltlos männlich-heroisch determiniert ist.
Die Ausgrenzung der Frauenfiguren auf dem Schlachtfeld lässt eine Konstruktion von Männlichkeit entstehen, die sich relational zu anderen Männlichkeitsmodellen definiert. Rolands monologische Männlichkeit lässt sich in Bezug auf drei andere Modelle konstruieren, die dabei in einem keineswegs ideologisch eindeutigen oder glorifizierenden Bild Rolands münden: Zum einen ist sie in Bezug auf die Anderen, d.h. die männlichen Heiden determiniert, zum anderen ist sie es im Verhältnis zum Stiefvater und Verräter Ganelon. Schließlich ist die Relation der Figur RolandRoland zu seinem Waffenbruder und Freund Oliver das spannendste Moment, da es zur Ambiguität bei der Einordnung der Figur Rolands als idealer Ritter und Vasall führt.
Die Genese einer monologischen, christlichen Männlichkeit, wie sie in Abgrenzung zu den heidnischen Kämpfern passiert, ist vor dem Hintergrund ideologischer Funktionen, die der Chanson de RolandRoland in der Forschung bescheinigt werden, nachvollziehbar. Obgleich tüchtig im Kampf und ihren Gottheiten sowie dem König treu, sind die Heiden dem Untergang geweiht; sie sind von der Erlösung ausgeschlossen und stellen zwar eine Gefahr für Rolands Körper, nicht aber für seine Seele oder seinen Status als Held dar.2 Diese Konfrontation, sowohl körperlich-materiell auf dem Schlachtfeld als auch symbolisch zwischen zwei religiösen Systemen, definiert Roland als Helden in einer zwar martialisch-brutalen, doch auf der Ebene der Männlichkeitsgenese zunächst unproblematischen Weise. Dies kommt in dem berühmten Spruch zum Ausdruck „Paien unt tort e chrestïens unt dreit“ (S. 80, 1015).3
Die Katastrophe von RoncesvallesRoncesvalles wurde jedoch in erster Linie durch den Verrat Ganelons an Karl dem Großen und seinen Gefährten verursacht. Als Repräsentant der ‚richtigen‘ Weltordnung sowie im männlich-heroischen Wertesystem der patriarchalischen Feudalgesellschaft positioniert, symbolisiert gerade sein Verrat einen Riss in der vermeintlich idealen christlichen Wertegemeinschaft. Die Konfrontation zwischen RolandRoland und Ganelon wird bereits in den einleitenden Strophen der chanson angedeutet, wobei die Positionierung Ganelons am negativen Pol der Opposition prädeterminiert scheint. Gaunt weist darauf hin, dass die Ambiguität der Narration in der Oxforder Überlieferung der Chanson de Roland aus den Versuchen Rolands besteht, seinen Stiefvater zu verteidigen, während sie zugunsten der immer negativer ausfallenden Haltungen Rolands Ganelon gegenüber in den späteren Fassungen abnimmt.4 Im Gegensatz zu der als klar definierten binären Opposition christlich/ heidnisch ist die Konstruktion Rolands monologischer Männlichkeit in Relation zu Ganelon durchaus problematisiert: Immerhin muss er sich als Heros nicht nur gegenüber dem Repräsentanten der eigenen zu verteidigenden Werteordnung behaupten, sondern gleichzeitig gegenüber einem Familienmitglied. Der Konflikt ist dadurch auf der individualisierten und nicht mehr ausschließlich symbolischen Ebene angesiedelt. Hier präsentiert sich Roland – wie auch später in Relation zu Oliver – bereits als übermütiger Held, dessen Mut Hand in Hand mit seiner Hybris einhergeht. Rolands Männlichkeit ist herausgefordert, wenn Ganelon ihm unterstellt, er habe Angst, die Nachhut der Armee Karls des Großen anzuführen. Entsprechend der gattungstypologischen Vorgaben in Bezug auf Gender und Genre kann Roland an dieser Stelle nicht anders agieren, als diese Herausforderung anzunehmen. Sein Tod scheint damit unausweichlich und bereits zu einem frühen Stadium der Erzählung voraussehbar. Die Relation zwischen Ganelon und Roland generiert das Bild eines exzellenten Helden, dessen Mut zwar beispiellos, gleichzeitig aber auch über-mütig ist und ihn für die Gefahren um sich selbst und seine Begleiter blind werden lässt.
Am ehesten wird dieser Aspekt von Rolands Hybris und seinem Übermut in der Konfrontation mit seinem Freund Oliver deutlich. Hiermit ist die dritte und widersprüchlichste Ebene der Männlichkeitskonstruktion erreicht. Während die ersten beiden Ebenen das Bild einer relativ ungetrübten heldenepischen Maskulinität erzeugen, zerbricht ebendieses Bild durch die Opposition zu einer anderen zentralen Männlichkeit des Epos, Oliver, Rolands bestem Freund, Waffenbruder und Schwager in spe. Die Weigerung Rolands, frühzeitig in sein Horn zu blasen, und damit die Rettung der christlichen Armee zu sichern, wird nicht erst durch den Rezipienten oder die auktoriale Instanz kritisiert. Oliver selbst findet die richtigen Worte und stellt damit die einzige Instanz dar, deren Wertung Rolands Status als Held gefährden kann.
E il respont: „Cumpainz, vos le feïstes,
Kar vasselage par sens nen est folie;
Mielz valt mesure que ne fait estultie.
Franceis sunt morz par vostre legerie“ (CdR, S. 134, 1723–1726).5
Beachtenswert ist die Distanzverschiebung in der Konstruktion von Rolands Männlichkeit: Durch das Verhältnis zu den Anderen, den Sarazenen, wird sein Heldenstatus generiert. Diese stellen zwar eine unmittelbare Bedrohung für Rolands Leben dar, nicht aber für seinen Status. Durch seinen Mut und seine erprobte Kampfesstärke kann RolandRoland ihn problemlos erhalten. Problematischer erscheint die Opposition zu Ganelon, dem Vertreter des eigenen Wertesystems: „The apparently seamless community has cracks“.6 Die moralischen cracks der christlichen Wertegemeinde kennzeichnen jedoch nicht nur die Figur des Ganelon, sondern auch die des Roland. Seine démesure (Maßlosigkeit), estultie (Tollkühnheit) sowie legerie (Leichtfertigkeit) werden von der ihm am nächsten stehenden Instanz diagnostiziert. Umso symbolischer ist Rolands Tod auf dem Schlachtfeld von RoncesvallesRoncesvalles: Oliver, der durch den Kampf geschwächt ist und dessen Augen durch das viele Blut getrübt sind, trifft auf seinen Gefährten Roland und spaltet seinen Helm. Mit dieser Handlung – von Roland mit den Worten „Sire cumpain, faites le vos de gred? […] Par nule guise ne mʼaviez desfiet!“ (CdR, S. 156, 2000, 2002)7 kommentiert, ist es schließlich Olivier, der zur größten Bedrohung für Rolands Leben und dessen Heldenstatus wird.
In dieser Hinsicht kann für die Chanson de RolandRoland eine exklusive monologische Männlichkeit konstatiert werden, die sich in der Figur Rolands manifestiert. Die Konstruktion von Männlichkeit geschieht hier nicht in Opposition zu einem anderen Geschlecht, auch nicht zu den Anderen, sondern ausschließlich durch die Relationen zu anderen Repräsentanten des eigenen, um an dieser Stelle Judith Butlers Formulierung zu bemühen, phallogozentrischen Systems. Wenn Judith Butler, auf Luce Irigaray rekurrierend, schreibt, „that both the subject and the Other are masculine mainstays of a closed phallogocentric signifying economy that achieves its totalizing goal through the exclusion of the feminine altogether“,8 so ist dies für die Männlichkeitskonstruktion durch die Figur Rolands evident. Interessant ist an dieser Stelle die Ambivalenz dieser monologischen MaskulinitätMonologische Männlichkeit: Während der heroische Status in Bezug auf Vertreter der heidnischen Armee durch Rolands Tapferkeit und den Tod unzähliger Feinde durch sein Schwert stabilisiert wird, wird er gerade durch die Relation zu den Vertretern des eigenen Systems, Ganelon und Oliver, erschüttert. Das signifikante Charakteristikum Rolands, nämlich die Ambiguität seines Heldentums, wird durch die Figur seines Gefährten Olivers erzeugt.
5.3.3. Aude und Bramimonde
Die zentralen Figuren der Chanson de RolandRoland, die das Andere im phallogozentristischen System darstellen, sind die beiden Protagonistinnen: AudeAude, Olivers Schwester und Rolands Verlobte sowie BramimondeBramimonde, die heidnische Königin, die am Ende des Epos ihren heidnischen Wurzeln entsagt und sich von Karl dem Großen zum christlichen Glauben bekehren lässt. Zunächst scheinen die Funktionen dieser beiden Frauengestalten im Epos konträr zu sein. Dies verdeutlicht sich durch die Charakterisierung der Figuren: Der lauten, ungestümen und temperamentvollen heidnischen Königin ist die schöne, stille Christin Aude gegenübergestellt.
Im Hinblick auf die Werte- und Normensysteme repräsentieren sie die beiden sich bekriegenden Weltordnungen, sind verwandt oder verschwägert mit den für das Epos zentralen männlichen Repräsentanten RolandRoland und Oliver bzw. König Marsilius. Für die von hegemonialer Männlichkeit geprägte Weltordnung sind sie jedoch nur von marginaler Bedeutung, wobei BramimondeBramimonde sogar in doppelter Hinsicht marginalisiert ist: „as a subset (‚woman‘) in the larger category of pagan, or as a subset (‚Saracen‘) of that already-marginalized category ‚women‘“.1 Doch sie ist es, der am Ende des Epos ein vermeintliches glückliches Ende gelingt: Von Karl dem Großen nach dem endgültigen Sieg über die Heiden nach Aachen mitgenommen, konvertiert sie dort zum Christentum – par amure, aus Liebe darf sie ihr Leben in der neuen ‚richtigen‘ Weltordnung weiterleben, während die schöne AudeAude unmittelbar nach dem Erhalt der Nachricht vom Tod Rolands und Olivers stirbt. Die ihr zuvor von Karl in Aussicht gestellte Alternative der Ehe mit seinem Sohn Louis, Erben des gesamten fränkischen Reiches, wird von ihr abgelehnt. Angesichts der Positionierung dieser weiblichen Gestalt im Nexus der männlich-hegemonialen Strukturen einer Feudalgesellschaft verwundert es zunächst nicht, dass Aude in der Chanson de Roland nur an zwei Stellen erwähnt wird. Zuerst fällt ihr Name bezeichnenderweise auf dem Schlachtfeld, als Oliver nach all den Ratschlägen, ins Horn zu blasen, die jedoch bei Roland kein Gehör fanden, ihn aufgrund der Hoffnungslosigkeit der Situation davon abhalten will und androht:
Dist Oliver: „Par ceste meie [b]arbe,
Se puis veeir ma gente sorur Alde,
Ne jerreiez ja mais entre sa brace!“ (CdR, S. 134, 1719–1721).Aude2
Die Einführung Audes in die Narration an dieser Stelle ist bezeichnend. Sie geschieht in einem höchst emotionalen Moment, als eine Umkehrung der zuvor mehrmals artikulierten Positionen von RolandRoland und Oliver stattfindet: Nun ist es Roland, der die Härte der Schlacht anerkennt und nach Hilfe rufen will, während Oliver, der sich der Aussichtslosigkeit bewusst wird, diesen nun daran hindert. Beachtenswert ist, wie nur wenige Zeilen hier ausreichen, um Audes Position innerhalb der Familie und Gesellschaft zu fixieren. Aus dem oben aufgeführten Zitat werden sowohl Audes Zugehörigkeit zu einer adligen Familie durch ihre Verwandtschaft mit Oliver ausgedrückt als auch ihr passiver Status und ihre Rolle als sexuelles Objekt – denn ob Roland jemals in ihren Armen liegen wird, entscheidet nun Oliver. Seine edle Schwester wird damit zu einer Kriegsbeute, einer Gabe3 von Oliver an Roland, die jederzeit zurückverlangt werden kann: „But when the two men argue, it is clear that she is a gift that can be revoked should the homosexual relationship sour“.AudeBramimondeRoland4 An dieser Stelle wird das Konzept der monologischen Männlichkeit deutlich: Es ist die wechselhafte Reziprozität zwischen Roland und Oliver, die Audes Schicksal bestimmt, ob sie als Gabe oder Kriegstrophäe Roland zusteht oder ihm entzogen wird.
Die zweite Episode, die ihre Position verdeutlicht, ist die Szene in Karls Residenz in Aachen, in der ihr die Nachricht von Olivers und Rolands Tod übermittelt wird. Karl bietet ihr zugleich eine Alternative angesichts ihrer Trauer an: Sie könne seinen Sohn heiraten. Dieser Vorschlag erscheint ihr jedoch befremdlich, estrange (S. 284, 3717), sie erbleicht und stirbt augenblicklich. Ihr Tod repräsentiert hier ihre Kompromisslosigkeit und die Verweigerung einer alternativen Lebensweise, in der sie – einer ökonomischen Ware gleich – innerhalb eines umfassenden Tauschsystems weiter zirkulieren würde. In der Forschung nicht zuletzt als Suizid aufgefasst,5 scheint Audes Ende der erste selbstbestimmte Akt in diesem männlich dominierten Strukturgefüge zu sein, dem sie durch ihren Tod entkommt.
Legitim ist eine weitere, nämlich die romantisch-verklärende Lesart: Die schöne und loyale AudeAude folgt ihrem Geliebten in den Tod, damit sich ihre Seelen im Himmel vereinen können. Hier kann Loyalität als Charakteristikum der christlichen Weltordnung aufgefasst werden, welche leitmotivisch sowohl RolandRoland und Oliver als auch Aude den Tod bringt, während die heidnische Königin nach ihrer Bekehrung am Leben bleiben darf. In dieser Hinsicht erscheint die Bekehrung als der letzte Akt einer Akkulturation, durch den die Gefahr der Otherness – mit dem Namenswechsel von BramimondeBramimonde zu Juliana besiegelt – endgültig gebannt wird.
Nach der kursorischen Verortung der weiblichen Figuren der altfranzösischen Chanson de RolandRoland im heldenepischen Universum wird nun die Konstruktion einer monologischen Männlichkeit nach dem Transfer in das altostnordische Literatursystem einer kritischen Analyse unterzogen. Ausschlaggebend dafür ist das von Simon Gaunt geäußerte Argument des Zusammenhangs von Gender und Genre und damit für die vorliegende Arbeit umfassende Frage, nach den Möglichkeiten und Grenzen des Genre-Transfers von kulturellen oder kanonisieren Texten.
5.3.4. Ostnordische Männlichkeiten – immer noch monologisch?
Die jedem Genre eingeschriebenen spezifischen Ideologien und Machtstrukturen spielen eine entscheidende Rolle bei der Konstruktion kultureller Geschlechterbilder und Relationen – so die Ausgangsthese der folgenden Analyse. Die ins Altschwedische und Altdänische übertragenen chansons de gesteXE "chansons de geste lassen sich streng genommen nicht mehr als solche klassifizieren, fehlt doch bereits das formale Charakteristikum der chansons, die Laisse, eine Strophenform, deren Verse – Zehnsilbler oder Alexandriner – durch Assonanz, in der späteren Dichtung durch Reim verbunden sind. Eine Zäsur zwischen den beiden Halbversen, die in der Regel nach der vierten Silbe liegt, ist ein weiteres Kennzeichen der Laisse, die eine inhaltlich abgeschlossene Einheit bildet.1 Durch die Prosifizierung entfallen jegliche formale Kriterien der gebundenen Dichtung; gewiss bleibt die thematische Komponente, nämlich die Heldentaten bedeutender Persönlichkeit aus dem fränkischen/ französischen heroic ageheroic age, der Karolingerzeit. Während in der Altwestnordistik die Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans zum weiteren Kreis der übersetzten riddarasögurriddarasögur gehört, gibt es für die beiden altostnordischen Adaptionen keine eindeutigen Genre-Bezeichnungen – übersetzte Karlsdichtung oder adaptierte chansons de geste als Subgattung treffen hier am besten zu, signalisieren doch Adjektive ‚übersetzt‘ und ‚adaptiert‘ eine weite Bandbreite an den damit verbundenen kulturellen Prozessen, während die ursprüngliche Gattungsbezeichnung sie historisch zu verorten hilft.
Dass bestimmten Genres Ideologien eingeschrieben sind, scheint hinsichtlich ihrer Funktionen in ihrem jeweiligen kulturellen und literarischen System, wie die PolysystemtheoriePolysystemtheorie sie erfasst, nachvollziehbar. Dienten die chansons de gestechansons de geste der Identitätsstiftung und -vergewisserung der milites in einem feudalen, patriarchalischen Machtgefüge, so wurden dementsprechend Bilder einer hegemonialen Männlichkeit literarisch produziert. Im narrativen Setting weitestgehend marginalisiert, bestätigten Frauengestalten die strategisch-ideologische Konstruktion der dominanten Männlichkeit. Die zentrale These zur Textanalyse der in den ostnordischen Adaptationen produzierten Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder beruht auf der Möglichkeit einer Auflösung der sich gegenseitig bedingenden Kausalitätskette Genre – Ideologie – Gender durch bereits transformierte und damit unscharfe Genre-Grenzen im Prozess der Übertragung. Eine Variation wäre, in den Termini der Polysystemtheorie ausgedrückt, ebenso möglich: Genre – Polysystem/ Funktion – Gender. Demnach würden die den Genres eingeschriebene Funktionen die Adaptionen auf vielen Ebenen beeinflussen, auch auf der Ebene der Personenrelationen und Gender-Konstrukte, die sich zweifellos als historisch variabel beschreiben lassen. Aus dem Korsett der Kanonisierung und den Verpflichtungen des kollektiven Gedächtnisses losgelöst, öffnen sich die Texte den gewandelten kulturellen Anforderungen und werden, bedingt durch das neue soziokulturelle System, neu gestaltet – so ist die textuell-optimistische Vision für die vorliegende Untersuchung.
Die schwedischen Bearbeitungen der Karlsdichtung, in den vier bereits dargestellten SammelhandschriftenSammelhandschrift enthalten, lassen sich durch Intertextualität2 innerhalb der Handschriften in ihrer ideologischen Funktion zur Darstellung eines rex iustusrex iustus anhand des entworfenen Karlsbildes erfassen. Die Koexistenz weiterer Texte aus dem höfischen Kontext, die unterschiedliche Herrschaftsmodelle repräsentieren, lässt darauf schließen, dass auch Karl Magnus eine Vorbildfunktion hatte und den zeitgenössischen Monarchen in den Wirren der Kalmarer UnionKalmarer Union als Spiegel vorgehalten wurde. Die Erkennnisse hinsichtlich der Besitzerverhältnisse – drei der vier Handschriften waren in Besitz adliger Frauen, mindestens eine, nämlich Fru Elins Bok, wurde als Auftragsarbeit für ebenjene Fru Elin angefertigt – lassen zumindest ein Interesse an anderen als nur heroischen Inhalten erkennen. Die EufemiavisorEufemiavisor und die darin verkörperten Modelle der höfischen Liebe, welche traditionsgemäß als diametral entgegensetzt zur männlichen Kriegsrealität der chansons de gestechansons de geste aufgefasst werden, erlauben die Prämisse, dass die Übersetzer/ Redaktoren der Karlstexte jene Frauengestalten kannten, die nicht nur marginalisiert wurden. Zentral für die Handlung ist beispielsweise Blanchefleur/ Blanzaflor in der Eufemiavisa Flores och Blanzaflor, der schwedischen Übersetzung des altfranzösischen Versgedichts Floire et Blanchefleur, die in allen vier Handschriften zusammen mit Karl Magnus überliefert ist.
Den späteren chansons de gestechansons de geste wurde bereits von der älteren romanistischen Forschung die Diagnose einer Kontamination durch den höfischen Roman gestellt – läge es daher nicht nahe zu vermuten, dass die viele Jahrhunderte später entstandenen Übersetzungen ganz anderen Einflüssen offen gegenüberstanden? Gänzlich unkommentiert darf jene ‚Kontamination‘ natürlich nicht stehen bleiben. Sarah Kay schreibt diesbezüglich: „Dire que la femme est plus important dans la littérature courtoise que dans les chansons de geste, cʼest lire des deux genres du point de vue de leurs protagonistes masculins“.chansons de geste3
Wie sind nun die Positionen der beiden Protagonistinnen innerhalb der altostnordischen Überlieferungen einzuordnen? Lässt sich anhand dieser Positionierung eine kohärente Haltung gegenüber den Frauengestalten in den übersetzten Texten erkennen?
Wirft man einen Blick auf die stark gekürzte Handlung der altschwedischen sowie altdänischen Bearbeitung der Chanson de RolandRoland, so wird recht schnell deutlich, dass die weiblichen Figuren der altfranzösischen Epik keinesfalls mehr narrativen Raum für sich beanspruchen können – die Stringenz-Ästhetik, welche die gesamte altdänische Chronik auszeichnet, betrifft auch die beiden AudeAude-Episoden. So lautet die erste Erwähnung der schönen Verlobten Rolands, der altfranzösischen Stelle stark ähnelnd:
Dist Oliver: „Par ceste meie [b]arbe,
Se puis veeir ma gente sorur Alde,
Ne jerreiez ja mais entre sa brace!“ (CdR, S. 134, 1719–1721)4
Oliuer sade thet ær icke myth rad och aldrygh skalltu fonge myn søster i sænge om tw giør thet (KMK, S. 304, 18–20)5
In der Bearbeitung büßt la belle AudeAude gar ihren Namen ein, sie wird in ihrer Persönlichkeit auf die familiäre Beziehung zu Oliver beschränkt. Dies, und die recht eindeutig konnotierte Übersetzung des euphemistischen Ausdrucks entre sa brace (‚in ihren Armen‘), mit fonge i sænge (‚ins Bett bekommen‘), verdeutlichen die Funktion der jungen Dame als sexuelles Objekt und gleichzeitig eine Art Gabe an RolandRoland durch Oliver, der sich in der Position sieht, diese Gabe zurückzuverlangen, falls die Vertragsbedingungen nicht erfüllt werden. Rolands Hochmut und seine Weigerung, rechtzeitig ins Horn zu blasen und um Hilfe zu rufen, führen zum Bruch in seiner Beziehung zu Oliver, die auf dem Loyalitätsprinzip, der Vasallentreue gegenüber ihrem gemeinsamen Herrn Karl und der gegenseitigen Hilfestellung beruht. Die Konsequenzen sind schwerwiegend: Zum einen ist es der Entzug der Gabe, der Siegestrophäe durch Oliver, zum anderen die womöglich gravierendere Konsequenz des Untergangs der Armee Karls und des Todes der beiden Protagonisten Oliver und Roland. So erkennt auch Roland den ernsten Tonfall von Olivers Drohung und stellt folgerichtig fest: „Nw æstu vredher“. (KMK, S. 304, 20, Nun bist du zornig.) Diese Floskel eröffnet Oliver eine Antwortmöglichkeit, die Lob und Tadel zugleich artikuliert und die gesamte Problematik des Rolandsliedes auf den Punkt bringt: „tw hauer eth manneligt hiertae och engen wishet cristne mæn ære dræpnæ for tith homodh skill“.6 Eine Todesahnung schwebt in diesen Zeilen mit, in der altfranzösischen Version noch deutlicher als in der Chronik:
hade tw blæst tha ieg batth teg tha hade k. kommet oss snarth till wntsætningh ok ware nw k marsilius och alth hans folk dræbæt.7
„Vos i murrez e France en ert huníe.
Oi nus defalt la leial cumpaignie:
Einz le vesp(e)re mult ert gref la departie“ (CdR, S. 136, 1734–1736).8
Dabei wird die eigentliche Todeserkenntnis in der altdänischen Bearbeitung von Erzbischof Turpin kommuniziert: „then dagh ær nw kommen ath wij skulle døø for gudz skyll“.9 Das unmittelbar bevorstehende Ende macht eine andere Lesart bezüglich der AudeAude-Aussage möglich: Es ist der Tod, der das ja mais und aldrygh in Olivers Worten markiert, doch dieser Tod ist, – und das wird explizit kommuniziert – die Folge von Rolands homodh, seiner démesure, Rolands Mangel an rechtem Maß und vernunftgemäßem Rittertum, der ihm den Zugang zu seiner Verlobten gleich zwei Mal verwehrt. Zum einen endgültig durch den bevorstehenden Tod, zum anderen ganz praktisch durch den Entzug der Gabe durch seinen Waffenbruder Oliver. So ist die an dieser Stelle noch namenlose Aude, zum sexuellen Objekt der Begierde degradiert, gleich doppelt um ihre Ehe gebracht, durch den tragischen Tod ihres Verlobten sowie ihres Bruders, der über ihr Schicksal entscheidet.
Für die Analyse ihrer Position in der altdänischen Chronik ist daher die zweite Episode von Bedeutung, in der AudeAude, befreit von familiären Bestimmungsinstanzen wie ihrem Bruder Oliver, nun zum aktiven Subjekt werden könnte, um selbst über ihre Zukunft zu entscheiden. Doch auch in der zweiten Episode bleibt Aude namenlos. Vorgestellt wird sie als „oliuers søster som war rolandz fæstæ møø“.10 An dieser Stelle wird ihre Position nicht etwa durch einen Namen und den Beinamen une bele damisele symbolisiert, sondern allein durch ihre Beziehung zu Oliver bzw. RolandRoland. Ihrer Individualität beraubt, oder erst gar nicht damit ausgestattet, verkörpert die namenlose Schwester bzw. Verlobte hier eine soziale Einheit, die durch die Heirat mit dem Repräsentanten des eigenen sozio-kulturellen Systems die wahre Endogamie11 vollziehen würde, um hier den Begriff von Claude Lévi-Strauss zu bemühen. Durch ihre Verlobung ist sie nicht mehr als eine Gabe, die zu verschiedenen Formen der Solidarität und reziproken Verpflichtungen führt. Da Roland aufgrund seines Hochmutes an den Verpflichtungen scheitert, wird ihm diese Gabe entzogen. Nach der Mitteilung von Olivers und Rolands Tod stürzt sie nieder vor Kaiser Karls Füße und „aff sorgh brast hennes hierthæ sønder“.12 Der plötzliche Tod aus Kummer, dem in der romanistischen Forschung bereits Aufmerksamkeit geschenkt wurde,AudeRoland13 ist ein durchaus verbreitetes Motiv der mittelalterlichen Literatur und erhält gerade in dieser altdänischen Bearbeitung eine besondere Bedeutung. Die Alternativlosigkeit dieses Todes macht ihn so einzigartig in der Überlieferung der Chanson de Roland, denn im Gegensatz zum lakonisch gehaltenen Tod der altdänischen Version bietet ihr Karl der Große in der altfranzösischen Überlieferung einen möglichen Ausweg aus ihrer Trauer: Die Heirat mit seinem Sohn Ludwig/ Louis, der sein Reich erben sollte. Audes Meinung darüber wird von ihr klar artikuliert:
Ne place Deu ne ses seinz ne ses angles
Aprés Rollant que jo vive remaigne! (CdR, S. 284, 3718–3719)14
Diese neu arrangierte Ehe entspräche wieder dem Prinzip der wahren Endogamie, von der bereits weiter oben die Rede war, AudeAude bliebe nichts weiter als eine zirkulierende Gabe, die nun von einem zum nächsten Repräsentanten ihres sozio-kulturellen Umfeldes gereicht würde – symbolisiert mit den Worten Karls „Jo tʼen durai mult esforcet eschange“ (CdR, ebd., 3714).15 In der altdänischen Version kommt es erst gar nicht zu diesem Angebot: Aude stirbt ohne Aussicht auf eine bessere Zukunft. Auch die symbolträchtige Szene der altfranzösischen Version, in der Karl der Große das tote Mädchen aufrichtet – mit ihrem Haupt an seiner Schulter –, evoziert das Bild der Muttergottes, die den toten Christus in ihren Armen hält. All dies entfällt bei der knapp gehaltenen altdänischen Beschreibung von Audes Tod.
Die Koexistenz der literarischen Genres, etwa des höfischen Romans, beeinflusste den altdänischen Übersetzer/ Redaktor offensichtlich nicht in geringstem Maße. Statt der weiblichen Individualität einen narrativ breiteren Raum zu ermöglichen, entsprechen die beiden Episoden um den Tod Audes ihrer Position in der chanson. Ihrer Individualität wird AudeAude gar beraubt, indem sie keinen Namen erhält, sondern in beiden Episoden durch ihre familiäre und soziale Funktion charakterisiert wird: Schwester des Einen, Verlobte des Anderen, eine zirkulierende Gabe zwischen den beiden. Obgleich ihr Tod als ihre erste autonome Entscheidung aufgefasst werden kann, muss man doch konstatieren, dass ihre Funktion im feudalen System der übersetzten chanson de geste darin besteht, die überlieferte monologische Maskulinität zu stabilisieren. Während Rolands Individualität, sein Charakter und seine Handlungen stets in Opposition zu anderen Männern konstruiert werden, ist es Olivers Schwester, die die Beziehung mit Oliver markiert. Sie ist hier nichts als Tauschgabe, mit deren Annahme RolandRoland und Oliver reziproke Verpflichtungen eingehen – sei es die Loyalität zueinander, zum gemeinsamen Vaterland dulce France oder ihrem Herrn Karl dem Großen gegenüber. In seiner jugendlichen démesure verletzt Roland diese Verpflichtung und verliert Aude, die ihm als Reaktion auf seine törichten und folgeschweren Entscheidungen wieder entzogen wird. In dieser Hinsicht bleibt die altdänische Maskulinität weiterhin monologisch.
Wahrlich ist AudeAude nicht die einzige weibliche Figur der Chanson de RolandRoland. Als Konterpart zu den von Aude verkörperten Eigenschaften der schönen, stillen Christin kann das Epos die zweite, deutlich markantere weibliche Figur vorweisen: die heidnische Königin BramimondeBramimonde. Ihr Name, onomatopoetisch aus braire: crier en se lamentant, also ‚klagend schreien‘ und munt: germ. ‚Mund‘ zusammengesetzt, bedeutet etwa Schreihälserin oder Krakeelerin.Roland16 Durch ihre Absage an die heidnische Religion und ihre Götter konvertiert Bramimonde zum Christentum par veire conoisance (S. 304, 3987), durch wahre Erkenntnis, und erhält einen neuen christlichen Namen Juliana. Wie auch schon ihr Wesen während der Geschichte konträr zu Aude angelegt war, so erscheint ihr Ende ebenfalls als der direkte Kontrast zu Audes Tod aus Trauer. Ihr ist ein glückliches Ende in der christlichen Gemeinschaft beschert – dies zunächst in der altfranzösischen Überlieferung. Welche Rolle kommt der heidnischen Königin in der altdänischen Chronik zu? Man kann es an dieser Stelle durchaus kurz halten: Gar keine. Die sarazenische Königin, die in der Chanson de Roland eine prominente Position hat, existiert in der altdänischen Bearbeitung nicht.
Die Bekehrung, als der symbolträchtigste Akt des Sieges der christlichen Ordnung über die heidnische, ist jedoch auch für die dänische Bearbeitung zentral, und so taucht unvermittelt am Schluss der Geschichte eine andere heidnische Königin auf – mit dem Namen Sybilia. Mit einer starken Armee überfällt diese zusammen mit ihrem Sohn Justiam Sachsen und wird von WdgerHolger Danske Danske und Baldewin bezwungen. Daraufhin lässt Karl der Große Sybilia taufen und verheiratet sie mit Baldewin. Diese erscheint in der abschließenden Episode ohne erkennbaren Zusammenhang mit der Chanson de RolandRoland; dem Rezipienten der Karl Magnus Krønike dürfte sie jedoch sicher nicht gänzlich unbekannt sein: Bereits in der vierten Branche, dem Kapitel „Kampen i Saksen med Kong Vittelin“ spielt die Königin Sybilia eine wichtige Rolle. Die verlorene Vorlage für diese Branche diente wohl als Quelle für die um das Jahr 1180 von Jean Bodel niedergeschriebene und überarbeitete Chanson de Saisnes, das Sachsenlied, das in seiner Ausarbeitung eine hybride späte Heldendichtung darstellt – hiermit erklärt sich die stark akzentuierte Liebesthematik und damit der recht große narrative Raum, den die Königin Sibylle für sich beanspruchen kann. Während Jean Bodel die Handlung der Chanson de Saisnes in das post-roncesvallische Zeitalter verlegt, in dem Roland bereits tot ist und Karls zweiter Neffe, Balduin/ Baldewin die Hauptperson darstellt, ist die Handlung des altdänischen Episode noch zu Lebzeiten Rolands angesiedelt. Der Kriegszug nach Spanien wird jedoch bereits in der ersten Zeile thematisiert: „SJden will k. drage i hispania ather ok hadde met segh the bæstæ rydder ok swenne i hans land ware roland ok neymus hertogh ok flere gode men“.17 Roland und Oliver bleiben zunächst in Spanien zurück, während Karl mit seinen Gefährten über den Rhein fährt und in den Besitztümern des Königs Wittelin jagen möchte. Als Unterstützung für den darauffolgenden Krieg zwischen Karl dem Großen und dem Sachsenkönig nahe Köln am Rhein kehren Roland und Oliver zurück und kämpfen tapfer gegen die Heiden. Bereits in dieser Episode ist das Kernmotiv der legeri Rolands angedeutet: Während er zunächst mit dem Erzbischof Turpin nur eine geeignete Wattstelle über den Rhein suchen soll, entscheidet sich Roland, zu König Wittelin zu reiten und mit ihm zu kämpfen. Durch diese Entscheidung, von der Karl nicht in Kenntnis gesetzt wird, erleidet die christliche Armee große personelle Verluste. Karls Urteil in dieser Situation könnte nicht deutlicher sein, wenn er sagt: „thitt homodh hauer giorth oss stor skade“.18 Dieses Urteil wird auch später in der Hornszene und dem bereits zitierten Dialog zwischen Roland und Oliver nahezu identisch artikuliert: „cristne mæn ære dræpnæ for tith homodh skill“.19
Die Episode, welche die Liebesbeziehung zwischen der Königin Sybilia, Wittelins Frau, und dem Neffen Karls, Baldewin thematisiert, hat an dieser Stelle ein offenes Ende: König Wittelin muss sich geschlagen geben, während es der Königin Sybilia mit ihren Söhnen gelingt, aus dem Land zu fliehen, um an einer anderen Stelle in der Krønike noch einmal sichtbar zu werden, nämlich am Schluss des Kapitels „Slaget i Ronceval“. In dieser Hinsicht bildet die altdänische Adaption eine auffällige Ausnahme, was eine Restrukturierung des gesamten Materials anbelangt: Weder in der altwestnordischen noch in der ohnehin nur zwei Episoden umfassenden altschwedischen Version taucht die Königin Sybilia auf. Obwohl die Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans als eine der Quellen für die altdänische Bearbeitung gilt, wird am Ende der RoncesvallesRoncesvalles-Episode die Souveränität des altdänischen Übersetzers/ Redaktors deutlich. Das offene Ende der Sachsen-Episode wird sinnhaft mit dem Ende der Schlacht von Roncesvalles verbunden. Obgleich die Bekehrung der heidnischen Königin BramimondeBramimonde entfallen muss, greift der Redaktor auf eine in der Chronologie der Chronik zuvor erschienene Episode zurück. Er führt die entflohene Sybilia – welche in Bodels Chanson de Saisnes im Übrigen nach dem Fall des Königs Widukind mit Karls Neffen Vittelin vereint wird – mit ihrem ebenfalls entflohenen Sohn Justiam zurück ins Geschehen, indem Sachsen erneut überfallen wird. Hier geht die altdänische Version dʼaccord mit der Version von Jean Bodel, denn RolandRoland ist nun tatsächlich bereits gefallen, was in Justiams Ausruf: „Jeg rædhæas engen ryddere medhen roland ær dødh“20 artikuliert wird. Nach dem Sieg über Justiam lässt Karl der Große die Königin taufen und verheiratet sie mit Baldewin. Hier findet die bereits in der Sachsen-Episode betonte Liebesbeziehung zwischen Karls Neffen und der heidnischen Königin ein versöhnliches Ende. Die Bekehrung Sybilias übernimmt hiermit die narrativen Funktionen der von Bramimonde, nämlich die Demonstration der überlegenen christlichen Ordnung der heidnischen gegenüber, was als der finale Schritt einer Akkulturation zu betrachten ist.Bramimonde21 Obwohl das Wiederkehren der heidnischen Königin aus der Sachsen-Episode an dieser Stelle als ein äußerst bedachter Zug des Kompilators gewertet werden kann, bedeutet das Verschwinden Bramimondes aus dem Geschehen um die Schlacht von Roncesvalles vor allem auch die Stabilisierung der Männlichkeitskonstruktion in der Chronik.
Auch die altschwedische Version der Chanson de RolandRoland realisiert nicht das Potenzial einer ‚Kontamination‘ durch die Pluralität koexistenter Genres im zeitgenössischen Literatursystem generell sowie in den vier SammelhandschriftenSammelhandschrift speziell. Die nicht mehr zu klärende Frage nach den Vorlagen des Karl Magnus sowie die Überlieferungslage – es sei daran erinnert, dass nur zwei Episoden/ Branchen in allen vier Handschriften vorzufinden sind – machen hier zunächst noch einmal deutlich, dass das unerwartete Auftauchen Sybilias am Schluss der RoncesvallesRoncesvalles-Episode eine exklusiv dänische Restrukturierung des umfangreicheren Materials darstellt. Der Platz, den das Epos Olivers Schwester und Rolands Verlobten zuweist, ist stabil. In Karl Magnus demonstriert der Dialog zwischen Roland und Oliver in der letzten Hornszene Audes Funktion als symbolische Gabe, die Roland entzogen wird:
Ey warder thz mz mino radhe och thz wet iach at finder iach syster mina at thu skal aldre leggias mellan arm leggiæ hennæ.Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4aCod. Holm. D3Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4a22
Eygh skall thz annat mz mino rade om iach hitter aldreg systher mina tha skall thw ey læggias sængh mz hænne.Cod. Holm. D323
Die zweite Schlüsselszene ist der Dialog der namenlosen Verlobten Rolands mit Karl dem Großen. Ihre Vorstellung: „Æn siden kom thit rolandz fæstæ mø / Hon war olofernessæ syster“24 thematisiert vor allem die soziale Determinierung durch die Verlobung mit dem einen Helden und Familienzugehörigkeit zum anderen, welche in ihrer Frage nach RolandRoland und Oliver doppelt bestätigt wird: „Hon sporde k m k: aat hwar ær Roland fæsteman min eller olo : broder min“.25 Nach der traurigen Nachricht vom Tod der beiden stirbt sie plötzlich: „Æn tha hon hørde thz tha sprak henne hiærtæ sunder och fioll nider och do aff harm“.26 Wie auch in der bereits besprochenen altdänischen Todesszene bleibt ihr Tod alternativlos: Karl der Große bietet ihr keine neue Ehe mit seinem Sohn Ludwig an. Das Ausbleiben der Möglichkeit einer neuen arrangierten Ehe bedeutet zugleich aber auch den Entzug der Kontrolle Karls über sie. Vor Kummer stirbt sie vor Karls Füßen, der es zunächst für eine Ohnmacht hält, bevor er sie in einem Frauenkloster begraben lässt. Audes lakonisch beschriebener Tod ist aber das Ende nicht nur der RoncesvallesRoncesvalles-Episode, sondern zugleich des gesamten Karl Magnus-Textes in vier SammelhandschriftenSammelhandschrift. Im Frauenkloster wird sie links vom Altar begraben, während ihre Seele Gottes Macht übergeben wird:
Siden lot han bæræ hona til eth / frva kloster och iordadhe hona ærlikæ /winstræ wægh widh altarit och gaffuo/ siæll hennæ j wald gudhi alzwaldugan / han miskunne os och giffui os æwinnelikæ gledhi j himmerike ee for wtan / Ændhæ AMEN27
Der synoptische Blick auf die altdänische und altschwedische Version lässt die Frage aufkommen, warum die altschwedische Erzählung auf diese Weise ihr Ende nimmt, wenn doch die altwestnordische Überlieferung, die als Vorlage für die ostnordischen Bearbeitungen gilt, sowie die altdänische Überlieferung in verschiedenen Ausformungen umfangreicher sind: Hat es mit einer Lakune in der nicht mehr zu ermittelnden Vorlage zu tun? Waren nur die beiden überlieferten Episoden von Interesse? Oder mangelte es schlichtweg an Papier? Die abschließende Floskel der Schreiber des uns erhaltenen Textes von Karl Magnus setzt jedenfalls eine Zäsur. Damit ist die Schlacht von RoncesvallesRoncesvalles beendet. Nicht nur sterben RolandRoland und sein Waffenbruder und Schwager in spe Oliver sowie die anderen Gefährten aus dem Zwölfer-Bund Karls des Großen einen epischen Tod auf dem Schlachtfeld, es stirbt auch AudeAude. Ihr Tod ist zugleich das Ende der Schlacht von Roncesvalles und das Ende des altschwedischen Rolandsliedes. Durch welche pragmatischen oder symbolischen Umstände auch immer das Ende der Geschichte mit dem Tod Audes markiert wird, verschiebt sich hiermit dramatisch die Position der jungen Frau im Epos. Während es in den anderen Überlieferungen lediglich eine Zwischenepisode ist, ein pathetischer, aber schnell verstummender Nachhall der Klagen über Rolands Tod, dem gegenüber der konträr skizzierte Weg in Form einer kulturellen Assimilation einer bekehrten heidnischen Königin steht, kann Aude in der altschwedischen Überlieferung als das tatsächliche letzte Opfer der Katastrophe von Roncesvalles betrachtet werden. Der plötzliche Tod durch ein gebrochenes Herz („tha sprak henne hiærthæ sunder“, KM, S. 108, 24–25), welcher als Broken-Heart-Syndrom, auch bekannt als transiente linksventrikuläre apikale Ballonisierung,28 klassifiziert werden kann, ist das alternativlose Ende einer Geschichte von Loyalität, Hochmut und Schmerz.
Die Möglichkeit einer erweiterten, einer dialogischen Maskulinität wird nicht realisiert. Bis auf die zwei kurzen Szenen, die AudeAude zunächst in absentia, später aktiv thematisieren, sowie Bramimondes Nicht-Existenz, bleibt die Konstruktion der Männlichkeit in dieser Bearbeitung ausschließlich monologisch. Inwiefern dies die Entscheidung des Übersetzers war oder den dem Übersetzer/ Redaktor zur Verfügung stehenden Vorlage geschuldet ist, bleibt offen. In Dänemark ist es vor allem das monologisch maskuline Konzept der chansons de gestechansons de geste, das den langen Transmissionsprozess un-kontaminiert überlebt hat.
6. Narrative Konstruktionen der Alterität
AlteritätNeben den gattungsspezifischen monologischen Männlichkeitsdiskursen, die den Karlsstoff auch über seine Transmission hinweg aus einem fremden Literatursystem in den kulturell divergenten skandinavischen Kulturraum weitestgehend bestimmen, ist der narrative Umgang mit dem Thema AlteritätAlterität eines des zentralen Themen der chansons de gestechansons de geste-Forschung.1 Die volkssprachige Überlieferung der europäisch-kontinentalen Stoffe, wie auch im Falle der nordischen Karlsdichtung, vermittelt Repräsentationen der Alterität beruhend auf den Quellen und Vorlagen dieser Adaptionen. Die Darstellungen fremder Welten orientieren sich nicht an den primären Kontakten der Skandinavier mit anderen Kulturen, auch wenn diese Kontakte, z.B. in Form von Pilgerreisen, durchaus existierten.2 Die Quellen über diese Ereignisse sind jedoch spärlich und umfassende Studien bleiben bis heute ein Forschungsdesiderat.3 Stattdessen übernimmt die übersetzte Literatur eine Vermittlerfunktion, indem sie die in jahrhundertelanger Tradition entwickelten und modifizierten Motive der anderen Welten, so etwa orientalische Topoi, in das neue kulturelle Milieu transportiert. Zurecht merken Jonathan Adams und Cordelia Heß in Bezug auf übersetzte Texte an: „These documents do not reflect actual contact between the North and the Islamic world but rather the absorption of European anti-Muslim polemics into Scandinavian literary culture“.4 Dass Alteritätskonstrukte jedoch auch einem Wandel unterliegen und orientalische Topoi sich in Abhängigkeit von den diskursiven Prozessen der Selbst- und Fremdkonstruktion, von den zeitgenössischen religiösen, historischen und philosophischen Kontexten weiterentwickeln, wird in der Orientalismus-Forschung anhand exemplarischer Analysen immer wieder bestätigt.5
Grundlegend in diesem Zusammenhang ist das von Edward W. Said in Anlehnung an die französische Diskurstheorie entwickelte Konzept des Orientalismus, das den ‚Orient‘ als eine kulturelle Konstruktion betrachtet, eine europäische Erfindung, die eher in einer „imaginative geography“6 mündet denn geographisch konkret zuzuordnen ist.7 Als Gegenstand wissenschaftlicher Analysen wird der Orient-Begriff zumeist ob seiner Unschärfe oder gar Beliebigkeit kritisiert.8 Auch Edward W. Said, dessen Studie so kontrovers wie wirkungsvoll war, bietet keine eindeutige Definition, sondern subsumiert darunter verschiedene Bedeutungsvarianten. Orientalismus ist laut Said ein vom westlichen Europa entwickelter akademischer, literarischer und künstlerischer Diskurs, der den sog. Orient zur eigenen Projektionsfläche erhebt und diese auf der Basis der Dichotomie Okzident/ Orient stilisiert und mythisiert. Das konstruierte, als irrational, gefährlich, erotisch und brutal kodierte Fremde dient dem Zwecke, Europa – oder den Westen – „as its contrasting image, idea, personality, experience“9 zu definieren. Aber auch die positiv besetzte Dimension des Orient-Bildes, nämlich eine romantisierende oder exotisierende Lesart, ändert nichts an der Tatsache, dass der Orient in den literarischen Texten nicht mimetisch repräsentiert, sondern erst diskursiv ‚exotisiert‘ wird. Für die Verwendung des Terminus in dieser Arbeit ist dessen bereits angesprochene Bestimmung als historische Konstruktion relevant: Der Orient ist als ein „diskursiv stabilisiertes rhetorisches Produkt der europäischen Einbildungs- und Imaginationskraft“10 zu begreifen, also als eine in erster Linie europäische literarische und künstlerische Erfindung.
‚Okzident‘ und ‚Orient‘ fungieren in Saids Werk in Anlehnung an Michel Foucaults Bestimmung der kulturellen Identität durch ein geschärftes Bewusstsein von AlteritätAlterität11 als zwei asymmetrische Gegenbegriffe. Dabei wird der letztere zu einem Ort der Brutalität, Irrationalität und Dekadenz exotisiert, der Okzident hingegen durch die abwertende Darstellung des Anderen privilegiert. In diesem diskursiven Nexus zwischen Alterität und Identität manifestiert sich die westliche Identitätssuche, stets in einer Abgrenzung zu dem Anderen bzw. Fremden. Dabei ist die Alterität des Anderen und des Fremden weder stabil noch inhärent, sondern entsteht erst durch „a re-presence, or a representation“,12 die häufig durch stereotypisierte Topoi gekennzeichnet ist. In der kulturwissenschaftlichen Alteritätsdebatte habe sich die Opposition vom Eigenen und Fremden etabliert, die nach Andrea Polaschegg terminologische Schwierigkeiten aufweist.13 Gerade im Hinblick auf die zu untersuchenden Episoden und die unterschiedlichen Alteritätskonstruktionen ist es an dieser Stelle unabdingbar, das semantische Feld der Alterität, das Begriffe wie das Fremde, das Andere, das Eigene umfasst, näher zu bestimmen.
Nach Andrea Polaschegg entstammen die Begriffe das Eigene und das Fremde zwei verschiedenen Operationen und bilden daher keine Opposition zueinander: Während das Andere zu einer Identitätskonstruktion durch die Kategorie der Differenz beiträgt, ist das Fremde nicht in der Sphäre der Identität, sondern des Verstehens angesiedelt.14 Auf systematischer Ebene stehen daher das Eigene und das Andere sowie das Vertraute und das Fremde in Opposition zueinander. Für Polaschegg ist es die identitätserhaltende Differenzierung zwischen dem Eigenen und dem Anderen, die über Operationen wie Grenzziehung und Zuordnung letztlich zur Identitätskonstruktion durch Differenz beiträgt. Das Vertraute und das Fremde hingegen entwickeln ihre Relation zueinander durch eine Distanznahme und Annäherung, die in einem finalen Akt des Verstehens mündet.15 Die nicht-monolineare, d.h. reziproke Beziehung zueinander ist beiden Begriffsoppositionen gemeinsam.
Dass Alteritätsdiskurse bereits in der mittelalterlichen europäischen Literatur einer narrativen Repräsentation unterliegen, erscheint vor dem Hintergrund der sich erst zu etablierenden Konstruktion einer europäischen Identität sowie dem schwierigen Verhältnis zwischen der christlichen und islamischen Welt im Lichte der Kreuzzüge nachvollziehbar. Besonders signifikant war dieser Aspekt in den chansons de gestechansons de geste, einer literarischen Gattung, die vor allem von ideologisierender Kreuzzugsthematik und -propaganda sowie den martialischen Begegnungen mit den Sarazenen geprägt war.
Die wichtigsten Repräsentationsmuster des Anderen bzw. des Fremden erscheinen dabei auf unterschiedliche Weise in der Chanson de RolandRoland sowie im Voyage de Charlemagne à Jerusalem et à Constantinople. Sie werden nun in der nötigen Kürze dargestellt, um den Transfer und die Funktionalisierung der Alteritätsdiskurse im altostnordischen Raum zu verorten und zu analysieren.
6.1. Alterität in der Chanson de Roland
AlteritätDie beiden in der Chanson de RolandRoland dargestellten oppositionellen Weltordnungen werden durch das Christentum und den Islam repräsentiert. Wie Richard Southern in seiner Studie zum Islambild des Mittelalters anführt, handelte es sich dabei nicht nur um zwei verschiedene Religionssysteme, sondern auch um zwei außerordentlich unähnliche Gesellschaftsordnungen, so dass die Existenz des Islams, sowohl in militärischer als auch kultureller Hinsicht, nach Southern das folgenschwerste Problem für die Christenheit des Mittelalters darstellte.1 Eine durch das Medium Literatur verfestigte Konstruktion des dämonisierten Anderen erscheint in diesem Zusammenhang einleuchtend, doch vollzieht ein komplexes poetisches Werk wie die Chanson de Roland tatsächlich diesen Dämonisierungsdiskurs? Sind die narrativen Konstrukte der paien, der Heiden, tatsächlich nur in dieser binären Opposition vorzufinden oder lässt das altfranzösische Rolandslied Leerstellen zu, die anders besetzt werden könnten?
Eine Lesart, die das Orientalismus-Modell der Analyse des kolonialen Diskurses bietet, lässt die vermeintliche Stabilität in der Besetzung der Rollen in Frage stellen. Die antithetische Komposition der christlichen Kämpfer, die mit der fränkischen Armee und den Gefährten aus der Gefolgschaft Karls repräsentiert werden, bzw. der SarazenenRoncesvalles2 ist keineswegs so stabil, wie die romanistische Forschung des 19. und 20. Jahrhunderts es nahezulegen versucht. Auf den ersten Blick ist es die biologische Differenz, wie die dunkle Hautfarbe und die monströsen körperlichen Attribute der gent paienur sowie die sprechenden Namen der heidnischen Figuren wie etwa Malquiant oder Malcud,3 die zu einer Dämonisierung der Anderen beitragen und unübersehbare Aspekte des modernen Rassismus-Diskurses enthalten. Die einzige Kategorie der Differenzierung zwischen den beiden Weltordnungen stellt jedoch Religionszugehörigkeit dar – doch auch diese kann durch die Bekehrung zum Christentum überwunden werden. Die als „mirror images of the Christians“4 porträtierten paien befinden sich in einer parallel zum karolingischen sozialen Modell gezeichneten hierarchisch-feudalen Gesellschaftsordnung, welche auf der reziproken Beziehung zwischen Vasallen und ihrem Feudalherrn beruht und Komponenten wie Treue und Loyalität, Kriegsdienste und im Gegenzug dazu die entsprechende Entlohnung, Fürsorge und Anerkennung miteinschließt. Wie Sharon Kinoshita darlegt, ist das Epos durch ebenjene Instabilität der scheinbar fixen Konstruktionen der Identität und AlteritätAlterität gekennzeichnet. Für sie ist die Chanson de RolandRoland „haunted by a crisis of nondifferentiation strongly at odds with the monological fixity usually ascribed to it“.5 Dass die Bezeichnung paien nicht nur die muslimischen Ungläubigen, sondern auch Sachsen und Slawen umfasst, legt ein offensichtlich instabiles Konzept der Alterität offen. Kinoshita schlägt daher vor, die Sarazenen nicht aufgrund ihrer biologischen Merkmale zu definieren, sondern als einen Kulturkreis:
The Saracens, then, should be understood not as a race but as a culture, in Appaduraiʼs sense of situated difference: group identities are constituted by the conscious mobilization of certain attributes „to articulate the boundary of difference“ – attributes then naturalized as „essential“ to group identity.6
Wie bereits erwähnt, sind die Sarazenen als mirror images der Franken konzipiert und sind „virtually indistinguishable from them“.7 Die potenziell stets vorhandene und in der Chanson de Roland verhandelte, aber nie realisierte Chance der Bekehrung zum Christentum würde daher zum Kollaps der Differenz führen. Die Konstruktion dieser Differenz ist jedoch essenziell für die Bildung einer kollektiven Identität der fränkisch-christlichen Gemeinschaft.Roncesvalles8 Dies ist der Grund für das fehlende Interesse Karls des Großen an der Bekehrung der Heiden zum Christentum im Epos. So scheitern alle Bekehrungsversuche, mit der Ausnahme der heidnischen Königin BramimondeBramimonde. Sie ist diejenige Figur, in der sowohl die kulturell kodierten Differenzen als auch die genderspezifische Exklusion durch die Akkulturation in ein neues System ihr versöhnliches Ende finden.
Zusammenfassend für die Darstellung der Anderen in der Chanson de RolandRoland kann man nun zwei Aspekte hervorheben: Der erste betrifft die unübersehbare narrative Dämonisierung der dunklen Haut und die monströsen Attribute sowie sprechende, pejorativ konnotierte Namen der Sarazenen. Dabei sind einige sicher als Ergebnis der Fantasie, der Vorurteile oder des Aberglaubens der mittelalterlichen autores einzustufen, wohingegen andere durchaus auch in den modernen Diskursen des europäischen Rassismus wiederzufinden sind.
Der zweite Aspekt betrifft die in dieser Untersuchung angerissenen Konzepte des kulturellen Gedächtnisses und der identitätsstiftenden Funktion kultureller Texte. Durch die romanistische Forschungstradition des 19. und frühen 20. Jahrhunderts kanonisiert, wurde das Epos und die Schlacht von RoncesvallesRoncesvalles als lieu de mémoire, als Erinnerungsort der fränkischen und später französischen kollektiven Identität kultiviert, an dem das Fundament des frühen nationalen Bewusstseins gelegt ist.Roland9 Doch gerade diese Identität und das in Abgrenzung zu dieser konstruierte Andere sind instabil und von der Krise der Nicht-Differenzierung stets bedroht, wie es hier an einigen Beispielen, u.a. an den Darstellungen der Sarazenen als „mirror images“10 der Franken skizziert wurde. Diese mirror function konstruiert den prämodernen Orientalismus-Diskurs des westlichen Europas: „It is Europe that articulates the Orient“.11
6.2. Der Orient-Diskurs in Voyage de Charlemagne à Jerusalem et à Constantinople
Die zweite, allen nordischen Überlieferungen gemeinsame Episode ist die Jerusalemreise Karls des Großen, in der der Orient-Diskurs sich zunächst scheinbar grundlegend von den oben geschilderten Alteritätskonstruktionen der Chanson de RolandRoland unterscheidet. In der chansons de gestechansons de geste-Forschung wird die Episode aus verschiedenen Blickwinkeln in Bezug auf ihre Gattungszugehörigkeit diskutiert: Als „eigenartigste Chanson de Geste, […] die uns das Mittelalter hinterlassen habe“1 wird sie bezeichnet, als eine „chanson heroï-comique“,2 oder als eine genuine chanson de geste, die älter als die Chanson de Roland eingestuft wird. Oder handelt es sich dabei um systematische politische Satire, verfasst in einer Zeit, in der nicht nur die Verehrung Karls des Großen und seine Politik bereits kritisch rezipiert und reproduziert wurde, sondern auch der Kreuzzugsgedanke mehr zum Spott als zur Befolgung der Kreuzzüge motivierte?Le Voyage de Charlemagne à Jerusalem et à Constantinople3 Diese Gattungsfrage, die von Generationen von Forschern stets neu verhandelt wird, ist im Kontext der Alteritätsdiskurse insofern von Bedeutung, als die Funktionen der chansons de geste, nämlich Identitätsstiftung, Konstruktion einer christlichen Gemeinschaft, Legitimierung des Heiligen Krieges gegen die Ungläubigen aufgrund der satirischen Valenzen in den Hintergrund treten. Die Episode mit der Reise nach Jerusalem und Konstantinopel dient auch oder vor allem der Unterhaltung, der in ihr geschilderte Orient-Diskurs ist durchaus von Bedeutung als Zeugnis der mimetischen Aneignung des Fremden im Mittelalter. Darüber hinaus ermöglicht die Situierung der Episode im virtuellen Universum der altfranzösischen Heldenepik die Erkenntnis, wie sehr die Alteritätsdiskurse innerhalb einer literarischen Gattung variieren, sich graduell weiterentwickeln und in Abhängigkeit von den Funktionen der Texte – werkimmanent wie auch durch die Rezipienten – modifiziert werden können.
Im Folgenden wird nun das im Voyage entworfene Orient-Bild vorgestellt und anschließend seine Transmission ins altnordische Literatursystem beleuchtet. Eine Analyse des Orient-Bildes in der ostnordischen Karlsdichtung wird auch die Frage klären, inwiefern das transportierte, vermeintlich historisch variable Konzept der kulturellen Differenz durch literarische und kulturelle Praktiken der Übersetzung zu dessen Kontinuität oder aber einem Bruch beiträgt und wie dieses Konzept im altschwedischen und altdänischen Polysystem funktional angewendet wird. Ferner soll exkursartig der Frage nachgegangen werden, ob die literarische Handhabung der kulturellen Andersartigkeit auch in den anderen ostnordischen Texten der SammelhandschriftenSammelhandschrift als intentional oder programmatisch betrachtet werden kann.
Das im Voyage de Charlemagne à Jerusalem et à Constantinople entworfene Orient-Bild wird durch eine (Pilger-)Reise Karls und seiner Gefährten zunächst nach Jerusalem, später nach Konstantinopel und somit in einer scheinbar friedlichen Aktion vermittelt.4 Freilich dient der Alteritätsdiskurs auch hier der Selbstvergewisserung durch Vergleich und Abgrenzung. Narrativ wird dies bereits in der Einführungsszene belegt: In Saint-Denis, der im Mittelalter historisch relevanten Pilgerstätte, umgeben von seinen Gefährten, stellt Karl der Große eine wohl rhetorisch gemeinte Frage, ob es sonst auf der Welt einen Herrscher gäbe, der seinesgleichen sei, woraufhin seine Frau ihn unvorsichtig auf den Kaiser von Konstantinopel HugoHugo von Konstantinopel hinweist. An dieser Stelle werden zwei verschiedene Herrschaftsformen einander gegenübergestellt, deren Rivalität auch einen der thematischen Motivkomplexe der Erzählung ausmacht. Karls Ehefrau artikuliert sie folgendermaßen: Karl solle sich nicht erzürnen, Kaiser Hugo von Konstantinopel sei reicher an Wohlstand, in Gold und Münzen gemessen: „plus est riche de aver, d’or e de deners“ (PdC, S. 4, 27),Le Voyage de Charlemagne à Jerusalem et à Constantinople5 Karl hingegen sei ihm überlegen, wenn es um die Kämpfe auf dem Schlachtfeld und das Besiegen der Feinde geht, er sei heldenhafter als Hugo und ein besserer Ritter: „mais n’est mie si pruz ne si bon chevalers/ pur ferir en betaile ne pur encaucer“ (ebd., 28–29).6 Die Macht des byzantinischen Kaisers wird demnach über den Wohlstand des blühenden Orients definiert, wohingegen Karls Autorität auf seinen martialischen Fertigkeiten, seinem Mut und dem idealen Rittertum beruht. Wie auch Rima Devereaux anmerkt, ist hier nicht die absolute Autorität ausschlaggebend, sondern ihre Manifestationen, „in the contrast between Frankish military strength and Byzantine wealth“.7
In der nächsten Szene bricht Karl mit seinen Männern auf, um unterwegs auf seiner Reise nach Konstantinopel – wie es ihm schon in zahlreichen Träumen nahegelegt wurde – das Heilige Grab in Jerusalem zu besuchen. Die Pilgerfahrt in den Orient, mit hängenden Pilgertaschen und Eschenholzstäben statt Schwertern und Lanzen, umfasste in der anglonormannischen, jetzt verlorenen Handschrift, zwei Stationen. Zunächst befinden sich Karl und sein Gefolge in Jerusalem, im Text durch zwei Kirchen repräsentiert: Die sich auf dem Ölberg befindende Paternosterkirche (PdC, S. 10, 114) sowie die Kirche der Heiligen Maria Latina (PdC, S. 14, 207–208), die von Karl errichtet wurde.8 Die Jerusalem-Episode enthält eine Abendmahl-Parodie, in der sich Karl mit seinen zwölf Gefährten in der Paternosterkirche auf dem Ölberg an einen großen Tisch mit 13 Stühlen setzt, was einen herbeikommenden Juden, im Glauben an die Ankunft Jesu und der zwölf Apostel, zu einer sofortigen Taufe durch den Patriarchen motiviert und Karl eine Reihe an Reliquien beschert. Der mittelalterliche Jerusalem-Diskurs schreibt dem Ort zwei Identitäten zu: Zunächst als das christliche Jerusalem, „the geographical target of crusading aspirations and the eschatological goal of the individual soul“,9 sowie als jüdisches Jerusalem, einer verschmutzten („polluted“) Stadt. Der Voyage thematisiert hauptsächlich den ersten Aspekt, indem die Stadt durch Nennung der beiden Kirchen als das christliche Jerusalem gemappt wird. Ob humoristisch oder bereits parodierend, ist Jerusalem als eine Station auf der Pilgerfahrt dargestellt, in der Karl neben wichtigen Reliquien, die er später nach Saint-Denis überführt, auch den Auftrag des Patriarchen erhält, Spanien von den Heiden zu befreien. Diese Referenz ist in einem geschlossenen epischen Universum auch immer als Präfiguration der entscheidenden Schlacht von RoncesvallesRoncesvalles einzuordnen. Die Tatsache, dass Karl der Große die Reliquien aus Jerusalem nach Saint-Denis transportiert, kann als Anlehnung an die Gattung der Translationsberichte betrachtet werden, welche, eingebettet in hagiographische oder religiöse Texte, die Herkunft und die translatio einzelner Reliquien beleuchten.
Der Orient-Diskurs erschöpft sich nicht mit der Jerusalem-Episode, sondern wird mit Karls Aufenthalt in Konstantinopel fortgeführt. Im Gegensatz zur Alteritätskonstruktion der Chanson de RolandRoland ist es hier das exotisierende Moment, welches die Erfahrung Karls in Konstantinopel auszeichnet. Dieses besteht vor allem in den Beschreibungen von allerlei Wundersamem, das die Reisenden bei der Ankunft in Konstantinopel bewundern. Diese Beschreibungen stellen in der romanistischen Forschung eine wertvolle Quelle zur Analyse der zeitgenössischen Momentaufnahmen in den Ost-West-Beziehungen und deren Repräsentation in verschiedenen Gattungen dar. Im Voyage findet man Repräsentanten dieser Beziehungen in den Figuren des byzantinischen Kaisers HugoHugo von Konstantinopel von Konstantinopel, dessen höfisches Zeremoniell und höflicher, gastfreundschaftlicher Habitus im Kontrast zum Auftreten Karls und seiner Gefährten stehen, die das feudale, karolingische Herrschaftssystem verkörpern.
Der Konstruktion eines exotischen Orient-Diskurses dient zunächst die Beschreibung des Palastes des Kaisers HugoHugo von Konstantinopel, welche die Überlegenheit der byzantinischen Macht gegenüber dem karolingischen Feudalismus illustriertLe Voyage de Charlemagne à Jerusalem et à Constantinople10 und gleichzeitig die Rolle Karls in dieser Episode im Einklang mit dem Kommentar seiner Frau bestimmt. Zunächst bietet der Voyage allgemeine Informationen bezüglich des Palastes: Er ist gewölbt und komplett überdacht, mit Können gebaut und sehr solide.11 Danach wird die Perspektive auf einzelne Bestandteile des Gebäudes verlagert, dabei ist vor allem der mit weißem Gold überzogene Mittelpfeiler12 zu erwähnen, umgeben von hundert Marmorsäulen mit purem Gold.13 In der Palastbeschreibung fällt also zunächst eine Tendenz zu einer Außen-Innen-Charakterisierung auf, wohingegen auf Beschreibungen der einzelnen Zimmer verzichtet wird, da die Paläste den Besuchern bereits als Ganzes in ihrer vollen Pracht präsentiert werden.14
Einen Teil der Palastbeschreibung, die im Gedicht Verse 330–418 umfasst, ist Automaten gewidmet, die sich oft als Topos in den Darstellungen orientalischer Kunstwerke wiederfinden, wie etwa auch im Orient-Diskurs der Alexanderromane.15 Hervorzuheben ist in dieser deskriptiven Passage die Existenz von zwei Automaten: die aus Kupfer und Metall hergestellten Kinderfiguren, jede mit einem Horn aus weißem Elfenbein. Bei jedem Windstoß dreht sich der Palast um seine eigene Achse und die Elfenbeinhörner erzeugen Laute, die nicht nur mit dem Donner, sondern auch mit den Lauten von Trommeln oder großen Glocken verglichen werden.16 Dabei schauen die Kinder einander lächelnd an, so dass man schwören könnte, sie wären lebendig.17
Die Kinderstatuen fügen sich in die Definition von Automaten ein, wenn sie als Nachbildungen von Lebewesen definiert werden, als Objekte, „die ihren Antriebsmechanismus ausdrücklich verdecken, so daß sie bevorzugt der Illusionsproduktion dienen“,18 und die durch technisch-mechanische oder magische Kunst etwas tun, „zu dem sie aufgrund ihrer Künstlichkeit eigentlich nicht in der Lage wären“.chansons de geste19 Meist handelt es sich bei Automaten um Nachbildungen von Vögeln oder Menschen, oft Kindern, wie auch in der Passage des Voyage de Charlemagne. Dabei ist die Inklusion der Automaten als Ausdruck vom Technisch-Wunderbaren eher untypisch für die Gattung der chansons de gestechansons de geste.chansons de geste20 Patricia Trannoy konstatiert, dass die Welt des technischen Wunderbaren als Ausdruck des Wissens und der Fähigkeiten, die vor allem dem Orient, d.h. „monde oriental, islamique ou byzantin“21 zugeschrieben wurden, den Übersetzern/ Kopisten der Texte in die Volkssprachen auch auf der lexikalischen Ebene Schwierigkeiten bereiteten.22 Diese lexikalische Ebene spielt bei der Analyse der Automatenbeschreibungen in den ostnordischen Texten zunächst keine Rolle. Wichtiger als die Lexik erscheint hier die narrative Funktion der deskriptiven Passage für den vorliegenden Text – erst nach deren Bestimmung kann man anhand der Texte Karl Magnus sowie Karl Magnus Krønike prüfen, ob ein Funktionswandel solcher Passagen durch den Transferprozess eintritt und welche Modifikationen im Zuge dessen vorgenommen werden.
Doch zunächst zu den narrativen Funktionen der deskriptiven Palastbeschreibungen und der Automaten: Die detaillierten Beschreibungen von Gebäuden, sei es ein Palast oder aber das Zeltlager eines Herrschers, evozieren ein Bild von Macht und Luxus. Die Besucher der Stadt, in diesem Fall Karl und seine Gefährten, beobachten staunend das Wunderwerk, das den Erfahrungshorizont ihrer europäisch-christlichen Welt überschreitet, in welcher der technische, mit dem Orient assoziierte Fortschritt unbekannt ist: „La pensée théologique occidentale ne peut concevoir l’idée que l’homme peut rendre animé l’inanimé, Dieu seul ayant le pouvoir de donner la vie“.23 Erst recht durch den Einsatz der Automaten kommt ein magisch-technisches Wissen hinzu, das der Besucher, Karl der Große, nicht einordnen kann. In dem Moment, wo sich der Palast durch die Windeinwirkung dreht, wird das evozierte Bild von Macht und Prestige in der Rezeption durch die Figur selbst reflektiert – häufig durch direkte Rede ohne Eingreifen des Erzählers.24 So staunt Karl und denkt an die Worte seiner Ehefrau, die ihn zu dieser Reise herausgefordert hat:
Karles vit le paleis e la richesce grant;
La sue manantise ne priset mie un guant.
De sa mullier li memberet que manacé out tant (PdC, S. 22, 362–364).25
Diese Passage illustriert bereits die in der Eingangsszene angelegte Rivalität zwischen den beiden Herrschaftsformen, der christlich-feudalen und der höfisch-byzantinischen Welt. Wurde Karl der Große von seiner Frau anfangs aufgrund seiner Tapferkeit und seiner Führungskraft als der bessere Herrscher gepriesen, so ist es die Pracht und der Wohlstand des Kaisers HugoHugo von Konstantinopel, derer er gewahr wird, so dass er an seine eigenen Besitztümer erst gar nicht denkt (ebd., 363). Die Funktion der Palastbeschreibung besteht also zunächst in der Demonstration der Macht des byzantinischen Kaisers, die ein respektvolles, ängstliches Staunen seitens Karls des Großen hervorruft. Diese Szene dient nicht nur textimmanent, auf der histoire-Ebene, zur Konstruktion eines Orient-Bildes, dessen exotisierende Ästhetik zentral ist. Der Orient ist prächtig, luxuriös und voller Wunder; irrational und gefährlich zugleich entzieht er sich dem Verständnis des als rational kodierten Okzidents. Diese beiden Funktionen, eine textimmanente und eine zweite auf der discours-Ebene, erschöpfen sich nicht mit der Palastbeschreibung,chansons de geste26 sondern werden auf der narrativen Ebene fortgesetzt.
Neben dem Rivalenmotiv ergänzt der Männervergleich, auch als gabs oder „Reckenspäße“27 bekannt, die Motivreihe der Karlsreise. Dieses Motiv, weit verbreitet in der altnordischen Literatur,28 ist hier insofern von Bedeutung, als es konträr zur höfischen Gastfreundschaft des Kaisers HugoHugo von Konstantinopel entwickelt wird. Die Franken, untergebracht in den prächtigen Zimmern mit kostbaren Betten samt Decken, Kissen und Bettpfosten, vertreiben nach einem üppigen Abendmahl mit reichlich Wein ihre Zeit damit, voreinander zu prahlen und gabs austauschen. Dabei zielen fünf gabs darauf, den Kaiser Hugo zu erniedrigen, die Stadt Konstantinopel zu zerstören und die Bewohner in Angst und Schrecken zu versetzen, während eine Wette, nämlich die von Oliver, sexuell konnotiert auf die Vergewaltigung von Hugos Tochter abzielt. Wie Devereaux schreibt: „As parodies of the epic tradition of military boasts before a battle, the jests constitute a transgression of the trust placed in the Franks as guests“.29 Als Hugo, der heimlich einen Spion in eine hohle Säule in Karls Gemach platziert, von den respektlosen und obszönen Wetten erfährt, fällt er, wie auch schon sein Spion zuvor, das moralische Urteil: „folie“ (PdC, S. 38, 629) und besteht darauf, dass die Franken ihre gabs realisieren. Mit dieser Tat wird eine Parallele zu der Eröffnungsszene gezogen: War es zu Beginn Karl der Große, der die Worte seiner Frau bestätigt sehen wollte, so ist es hier der mächtige Kaiser Hugo, der sich herausgefordert fühlt und prüfen will, ob das Gesagte der Wahrheit entspricht. Wichtig für die Orient-Konstruktion der Episode ist die Tatsache, dass Karl der Große als Sieger davonkommt, trotz der expliziten moralischen Verurteilung seiner Taten sowohl durch die Kommentare des Spions als auch Hugos und in letzter Instanz der Engel, die Karl mithilfe seiner Reliquien aus Jerusalem um Hilfe bittet. Durch intensive Gebete können er und seine Gefährten die versprochenen Prahlereien in die Tat umsetzen, so dass Hugo vor dieser großen, ihm unbekannten Macht zurückschreckt, um Verzeihung bittet und sich Karl letztendlich unterwirft. Karls Macht und Autorität sind göttlicher Herkunft und nur mit göttlicher Hilfe kommt er erhobenen Hauptes aus dem Machtkampf mit Hugo, dessen Macht zwar auf Reichtum und Wohlstand sowie beeindruckenden Gebäuden beruht, die ihm aber keinen Zutritt in die Sphären der spirituell-religiösen Überlegenheit ermöglicht.
Anhand dieser einführenden Analysen der Alteritätsdiskurse innerhalb der französischen Heldenepik wird bereits deutlich, dass die Konstruktion von religiöser (in der Chanson de RolandRoland) oder sozialer (im Voyage de Charlemagne) Differenz die Formung und Vergewisserung der eigenen, d.h. lateinisch-christlichen, fränkischen Identität und Selbstwahrnehmung konstituiert. Obwohl diese Texte nach den Transmissions- und Übersetzungsprozessen ihre Funktion als Medien der Konstruktion einer kollektiven Identität verlieren, dienen sie als Folie für eine gewinnbringende Analyse jener Alteritätsdiskurse in den übertragenen ostnordischen Karlstexten, die sowohl intertextuell innerhalb der Codices als auch extratextuell im Kontext der soziokulturellen Hintergründe in Schweden und Dänemark des 15. Jahrhunderts re-interpretiert werden können.
6.3. Alterität in der altschwedischen Roncesvalles-Episode
AlteritätRoncesvallesDie Präsenz von Muslimen und Juden im mittelalterlichen Skandinavien und in der baltischen Region kann durch keine Quellen belegt werden. Jonathan Adams und Cordelia Heß definieren deren Existenz im Norden daher als absent presence.1 In der Tat kam die Begegnung mit den Muslimen im ostnordischen Raum vor allem auf literarischem Wege zustande: durch Übersetzungen und Adaptionen der kontinental-europäischen Stoffe, zu denen auch die übersetzte Karlsdichtung gehört. Dabei wurden Alteritätskonstruktionen transportiert, die in der zentraleuropäischen Literaturtradition bereits die Grenzen zwischen den historiographischen, religiösen und fiktionalen Diskursen in der Darstellung des Fremden sowie des Anderen verschwimmen ließen und als Medien der Identitätsschaffung narrativ stabilisiert wurden. Darauf ist wohl zurückzuführen, dass das Islambild der altostnordischen Literatur pejorativ konnotierte Stereotypen enthielt, wie Adams in seiner Studie zum Islambild in Fornsvenska legendariet, Själens tröst sowie Mandevilles Rejse feststellt:
These texts do not reflect actual contact between the North and the Islamic world, but rather the incorporation of anti-Muslim polemics and the standard stereotypes of Western Christendom into East Norse literary culture.2
Dass der narrative Entwurf der Begegnung mit dem Anderen nicht auf tatsächlichen Kontakten mit den Sarazenen bzw. Heiden beruhte, sondern aus einem bereits etablierten Islambild resultierte, dürfte auch im Falle der adaptierten Chanson de RolandRoland Tatsache sein. Dass aber dieses Islambild in der binären Opposition gut/ böse bzw. christlich/ heidnisch keineswegs stabil war, hat bereits die vorangehende Analyse gezeigt. Ob die altschwedische Adaption ebenfalls im Dienste einer literarischen Kreuzzugslegitimation ein geschlossenes Konzept der westlich-christlichen Identität propagiert oder ob an dem transportierten Islambild bereits Verschiebungen und Hybridisierungen des heidnischen Anderen erkennbar sind und welche Funktionen die möglichen Modifikationen im altschwedischen literarischen System haben, wird im Folgenden anhand des close reading ausgewählter Passagen beantwortet.
Die Adaption der Schlacht von RoncesvallesRoncesvalles ins Altschwedische ist vor allem durch eine rigorose Kürzungstendenz gekennzeichnet, die alle deskriptiven Details zu diesem historischen Ereignis betrifft. Die altschwedische Episode konzentriert sich vor allem auf die Schlachtbeschreibungen und Rolands Tod, ohne dass die Vorgeschichte des Verrats Ganelons eingangs thematisiert wird.3 Diese Omission schafft zwar zum einen gewisse Leerstellen, die vom Rezipienten selbst gefüllt werden können, verhindert aber zum anderen nuancierte Lesarten, die eben die Fragilität und Brüchigkeit der christlichen Gemeinschaft offenbaren. Die Schlacht von Roncesvalles ist daher in erster Linie der martialischen Ästhetik des Kampfes verpflichtet, des Kampfes zwischen den Christen und den Heiden oder, um es so plakativ, wie die Episode es nahe legt, zu formulieren: zwischen Gut und Böse. Dennoch liefert sie auch bestimmte Bilder der Anderen, der Sarazenen. Diese werden hier durch wenige erklärende Sätze allerdings recht einseitig dargestellt. Eine Art Epilog bietet die Eröffnungsszene mit dem Satz:
Hær sigx aff hærfærdh the som
k: m k: foor til spania landh
a hender marsilio konunge Om
han satte effter sik j landwærn4
Mit dieser einleitenden Floskel ist die Episode im Grunde als hærfærdh mit der Begründung landwærn in all seiner Gesamtheit charakterisiert.
Anschließend wird Karls Nachhut thematisiert, dabei wird RolandRoland nicht namentlich, sondern lediglich als „systerson sin“ (KM, D4a, S. 44, 3) – sein Neffe – aufgeführt. Augenscheinlich wurde die Tatsache als bekannt vorausgesetzt, sodass die Rezipienten dieses Verwandtschaftsverhältnis selbst dekodieren konnten. Interessanterweise listet die Handschrift Cod. Holm. D3Cod. Holm. D3 (Fru Elins bok), die etwa auf dreißig bis vierzig Jahre später datiert wird,5 Roland namentlich auf: „roland syster som sin“ (KM, D3, S. 45, 3) – Roland, sein Neffe. Vermutlich hat der Redaktor der späteren Textfassung den Namen hinzugefügt, um sein Publikum frühzeitig über das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Roland und Karl zu informieren. Weitere Beteiligte sind Olo, ærchibiscop Torpen, Serin, Geres, Hatun starke, Beming, Sampson hertuge, Jwan, Jwore, Engeler und Geradh hin gambla. Die Reihenfolge weicht in Cod. Holm. D3 unwesentlich ab; auffällig ist hierbei die Tatsache, dass Erzbischof Turpin hier offensichtlich nicht dem Zwölferbund angehört, obwohl seine Rolle im Kampfgeschehen von großer Relevanz ist. Auch der in anderen heldenepischen Gedichten dem Kreis der Zwölf assoziierte Ogier/ HolgerHolger Danske findet in den skandinavischen Übertragungen keinen Raum. Den zwölf Gefährten stehen Tausende Christen zur Seite, als Karl sie verlässt.6 Der Abschied wird von einer Vorahnung begleitet, die aus Karls Träumen resultiert und den Verrat Ganelons auf diese Weise thematisiert:
Swa myklæ sorgh haffuer iach / at
iach giter ey a hestæ sitit for gwenel
iærll skuld / for thy nw warder franz
æruingiæ løst j nat / fore mik bars
som gudz engil kom til min / och brøt
sunder spiuthskapt mith mellan mina
handa / och thy wet iach at swiken ær
roland systerson min.
Gwenels (Ganelons) Verrat wird auf diese Weise als Katalysator des Untergangs eingeführt, allerdings ohne jegliche Vorgeschichte, die sowohl das Verwandtschaftsverhältnis (Rolands Stiefvater) als auch die Nähe zu Karl erklären würde. In Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a heißt es irrtümlicherweise:
Mag-
nus k: hin hedne / och gwenel iærl haffuer
radhit swik wider rolandh och them tolff
jæmpnunga Och haffuer gwenel thigat
ther til godha gaffuor / badhe j gull
och silffuer j hæstum och andhrom haffwom.7
Hier wird der König Marsilius als „magnus k: hin hedne“ – König Magnus der Heide – tituliert, wohingegen Cod. Holm. D3Cod. Holm. D3 an dieser Stelle unmissverständlicher „Marsilius konungh then hædin“ (KM, D3, S. 47, 2–3) – König Marsilius der Heide – namentlich nennt. Die Bezeichnung „magnus“ ist insofern irreführend, als in der vorgehenden Episode der Reise nach Jerusalem und Konstantinopel erklärt wird, wie Karl zu diesem Beinamen kommt. Die konsequenterweise sich durch den gesamten Text ziehende Bezeichnung „k magnus“ für Marsilius eröffnet damit aber eine virtuelle Ununterscheidbarkeit zwischen den beiden Königen, deren einziges Differenzierungsmerkmal zunächst in ihrer Zugehörigkeit zu Christentum bzw. der polytheistischen Idolatrie besteht.
Auch die Passage, die mit „nw sampnar magnus k: hær sinom. k: iærlla hertuga och allom rikis mannom“8 eingeleitet wird, liest sich zunächst wie ein von Karl Magnus initiierter Kampfruf, bis die Richtigstellung mit der geographischen Angabe „j lande thy som saragus heter“9 hergestellt ist. Hier werden zudem die heidnischen Götter „magment och terogant, guda waron“10 eingeführt, auch wenn nicht in der sonst prominenten Dreieinigkeit des heidnischen Pantheons, bestehend aus Apollo, Tervagant und Muhammad.11 Parallel zum Zwölferbund um RolandRoland weist die heidnische Armee ebenfalls zwölf Gefährten auf: „Nw æro talde tolff iempnungar hedne mæn mote them tolff cristnom mannom“12. Die Organisation der heidnischen Armee um den Zwölferbund der Gefährten ist parallel zu der christlichen konzipiert, so dass man an dieser Stelle von einem mirror image hinsichtlich der Armee-Struktur sprechen kann. Ihre Unterschiede werden nun lokal („saragus“) und religiös („magment och terogant“) narrativ begründet. Doch welche Attribute werden den heidnischen Kämpfern attestiert und welches Bild wird damit auf der narrativen Ebene vermittelt?
Die Bezeichnungen für Marsiliusʼ Kämpfer sind nicht besonders vielfältig: Die häufigste Umschreibung ist hedhæn bzw. blaman. Dies sind auch die üblichen Bezeichnungen für Muslime in den altostnordischen Texten.13 Darüber hinaus werden die einzelnen Kämpfer deskriptiv vorgestellt. Folgende Beispiele belegen, dass es sich hierbei um eine als eindeutig zu bewertende Dämonisierung handelt, welche oppositionär zum christlichen Wertekanon konzipiert ist. So heißt es in Bezug auf Margaris, aus dem Lande Katamar: „heden man ær engin swa goder riddare“14. Hinsichtlich der Geographie kann man ebenso von einem Dämonisierungsdiskurs ausgehen, so wird das Herkunftsland des Heiden Gernwbulus z.B. als toter Ort beschrieben:
thy lande som han ær ma ey sooll skina
och korn bæræ eller wæxæ / ey regn
komma/ ey blomster springa.15
Der Bruder des Königs Marsilius Falzaron stammt aus einem Land, wo
waro swa onde mæn at jordhin yp-
nadis fore them och swnko swa nider
til helffuitis16
Neben diesen geographischen Dämonisierungsdiskursen finden sich auch Wertungen, die auf das amoralische Verhalten der Heiden hinweisen, so im Falle Waldabrisʼ, der nur durch Betrug die Stadt Jerusalem erobert und dort weitere Gräueltaten verübt habe:17
han wan iherusalems
borgh mz swikom / han smittadhe templum dominj
och drap patriarchan.18
Vereinzelt finden sich relativierende Aussagen, die gar als positiv bewertet werden können: So werden die schon eben genannten Heiden Gernwbulus und Margaris als „badhe godhe riddarea starke och hardæ“ (KM, D4a, S. 64, 30–31) – beide gute und starke Ritter – beschrieben. Darüber hinaus heißt es über Margaris: „och godher drenger ware han om han ware cristin“ (KM, D4a, S. 70, 16–18) – ein guter Knabe wäre er, wenn er ein Christ wäre –, Clibanus sei „raskare æn swala flygande“ (KM, D4a, S. 72, 8) – schneller als eine fliegende Schwalbe – und Grondomes „war skiutare æn fogill flygande“ (KM, D4a, S. 74, 29–30) – schneller als ein fliegender Vogel. Diese Eigenschaften definieren die Heiden zumindest auf dem Schlachtfeld als würdige Gegner der christlichen Armee, deren Makel allein in der muslimischen Religionszugehörigkeit besteht. Diese Differenz wird im Text nur an wenigen Stellen thematisiert, so z.B. in Form einer direkten Anrede durch RolandRoland, wenn er im harten Kampf die Heiden adressiert:
Nw skulen j wita och fres-
ta huru mykit idher trægud mogho mo-
te gudhi warom alzwaldugom och petro apostolo,19
oder wenn Marsilius „kallar a trægud sin Magment och therogant och bider them hielpæ sik“.20
Die aufgeführten Beispiele zeigen, dass durch den Prozess der Übertragung und die damit einhergehende Kürzung mancher deskriptiver Passagen im Hinblick auf die Verhandlungen mit der AlteritätAlterität eine Komplexitätsreduktion festzustellen ist. Der altschwedische Text hält sich an die stereotype Handlungsdarstellung der Vorlage(n), tilgt jedoch u.a. theologische Diskurse, die in Form von Dialogen die virtuelle Indifferenz der beiden Glaubensgemeinschaften erst erzeugen würden. Was bleibt, ist die zuweilen relativierte Negativattribuierung der feindlichen Armee, die einerseits durch ihre geographische Herkunft, andererseits durch ihre Zugehörigkeit zum Islam ein per se zu bekämpfendes Kollektiv darstellt. Die Vorgeschichte des Verrats von Ganelon, der die Zerbrechlichkeit und Brüchigkeit innerhalb der christlichen Gemeinschaft entweder generiert oder sie bereits bezeugt, spielt in der altschwedischen Adaption kaum eine Rolle – auch wenn Ganelon am Ende mit einer brutalen Todesstrafe dafür belangt wird. Der Hauptakzent liegt hier ganz klar auf den Kampfdarstellungen, die mitunter redundant und stereotyp ausfallen, so durch die formelhaften Wendungen „och hug til hans mz swærde sino och felte han døden a jordh“21 oder „och fælto han dødhan aff hæstæ sinom“22. Die Kampfszenen sind einer expliziten heldenepischen Gewaltästhetik verpflichtet, wie beispielsweise im Kampf Rolands mit Grondomes, der unmittelbar davor als „godher riddaræ, starker och rasker“ (KM, D4a, S. 76, 13–15) – ein guter Ritter, stark und schnell – beschrieben wird:
thy hiog
roland effter honom / och kløff hoffwd hans swa
at j tannom staddis / och annat j axl hans swa
at baken nider j gik han och hæst hans j
tridhiæ spiutskapt lankt j iordhena23
oder in Olivers Zweikampf:
nw
rider olo och slo en hedhin man j sit
howdh mz then endhæ som ater bleff
j handh hans aff spiutskapte hans
swa fast at sprungo badhon hans øgon
aff hans hoffde.24
Derart drastische Gewaltdarstellungen, wie sie auch die íslendingasögur kennen, sind dabei keineswegs eine Folge des Kulturtransfers und damit Merkmal der speziell altostnordischen bzw. altschwedischen Adaption des Stoffes, sondern finden sich in dieser Form in der altfranzösischen Version wie in den altwestnordischen bzw. altdänischen Übertragungen. Die Kodierung wie die sprachliche Repräsentation der Gewalttaten in den mittelalterlichen Texten ist also eher von gattungsspezifischen Aspekten geprägt,25 die in die Genese einer bestimmten Sinnproduktion miteinfließen. In der Heldenepik ist die Legitimation der Gewalt gattungsspezifisch, so Payens, wenn er schreibt: „L’épopée est par définition apologie de la violence“.Roland26 Der Gegner der epischen Gewalt ist „lʼautre, lʼétranger, lʼethnie ou la culture concurrentes, dont on accuse les différences jusquʼà la monstruosité“.27 Doch gerade in Bezug auf die Auseinandersetzung mit der islamischen Welt bekämpfen sich zwei ähnlich strukturierte Feudalsysteme, deren Krieger durch ähnliche Werte miteinander verbunden sind, allein aufgrund religiöser Differenz.28
Die bereits angesprochene Komplexitätsreduktion der altschwedischen Adaption betrifft allerdings nicht nur deskriptive oder diskursive Abschnitte, die ein differenziertes, nuanciertes Bild der Gegner erlauben würden, sondern auch jene, in denen Ironisierungs- und Herabwürdigungstendenzen in Bezug auf die kämpferischen Tugenden der heidnischen Armee und den Umgang mit ihren Idolen zu finden wären. Diese sind in der Chanson de RolandRoland unübersehbar, ebenso wie in anderen volkssprachigen Überlieferungen, beispielsweise im Rolandslied des Pfaffen Konrad (um 1170).29 Jene Textpassagen, in denen die Zerstörung der Götzenbilder durch die Sarazenen selbst einen Zusammenbruch der heidnischen Weltordnung und damit den Sieg des Christentums markiert, sind in der altschwedischen Episode ebenso wenig enthalten wie die bereits im vorangehenden Kapitel thematisierte heidnische Königin BramimondeBramimonde, deren Bekehrung zum Christentum als finaler Akt der Akkulturation interpretiert wurde.
Wie die Analyse der relevanten Textpassagen gezeigt hat, ist die altschwedische Adaption der Chanson de RolandRoland vor allem durch Kürzungs- und Auslassungstendenzen gekennzeichnet. Diese betreffen auch jene Stellen, die ein differenziertes Bild der heidnischen Gegner, der Sarazenen, im Text als blamæn gekennzeichnet, generieren. In der binär konstruierten Konfrontation zwischen zwei sich bekriegenden Weltordnungen, der christlichen und der islamischen, überwiegt die Dämonisierungstendenz in der narrativen Repräsentation des Anderen, vor allem wenn es um deren geographische Zuordnung geht. Überraschend relativierend ist hingegen das tadellose Verhalten einiger namentlich aufgelisteter heidnischer Krieger, die man als gute Ritter bezeichnen würde, wären sie Christen – doch da sie es nicht sind, erwartet sie ein drastischer Tod durch Roland und seine zwölf Paladine.Konung Alexander30 Die Kampfhandlungen und Gewaltdarstellungen, die in Karl Magnus akzentuiert werden, dienen hier u.a. der Genese eines „singulären Helden“,31 der im Sinne des Kollektivs agiert und dessen unvergleichlich brachiale Gewaltakte ihn für ebenjenes Kollektiv unsterblich und unentbehrlich machen. Ebenso kann man davon ausgehen, dass diese durchaus gattungsspezifische Ästhetik des episch-heroischen Genozids das Publikum sicherlich auch zu faszinieren vermochte.
Als Fazit lässt sich feststellen, dass der altschwedische Karl Magnus durch die konsequente Tendenz zur brevitas den thematischen Schwerpunkt auf den ideologisch motivierten Kampf zwischen den Christen und den Heiden legt. Die zentrale Figur des Geschehens ist, vergleichbar mit anderen volkssprachigen Überlieferungen der Chanson de RolandRoland, hauptsächlich Roland und sein bester Freund und Schwager Olo (Oliver). Durch den martialischen Fokus überwiegt der Dämonisierungsdiskurs, wenn es um die narrativen Darstellungen der Anderen geht – ein nuanciertes Bild wird hier durch eine marginale Positivattribuierung der Sarazenen im Hinblick auf ihren Kampfesmut, der im Wertekanon der beiden Weltordnungen vertreten sein dürfte, zumindest angestrebt, aber nicht ganz realisiert. Zweifelsohne bedarf die Genese eines singulären Helden auch würdiger Gegner, deren Herkunft zwar dämonisch und obskur ist, deren Kampffertigkeiten aber tadellos sein müssen. Die Exklusion der narrativ in doppelter Hinsicht anders kodierten Figur der heidnischen Königin BramimondeBramimonde – zum einen als weiblich in einem monologisch-maskulinen epischen Universum, zum anderen als heidnisch in einer xenophob-ideologischen christlichen Welt – trägt zu der reduktionistischen Weise des Umgangs mit dem Anderen im altschwedischen Karl Magnus bei.
6.4. Alterität in Karl Magnus Krønike
AlteritätDie altdänische Krønike umfasst in ihrer zirkulären Struktur, beginnend mit der Kindheit und endend mit dem Tod Karls des Großen, insgesamt acht Kapitel, die ohne überleitende Sätze und das Bemühen um die logische Stringenz aneinandergeknüpft sind und sich auf der thematischen Ebene vor allem auf den Kampf Karls des Großen gegen die Heiden konzentrieren. Aufgrund der unterschiedlichen Überlieferungssituation bieten sich nicht nur die beiden (im Altschwedischen erhaltenen) Episoden, die Schlacht von RoncesvallesRoncesvalles und Karls Reise, als Grundlage für Analysen an. Auch weitere Episoden ermöglichen gewinnbringende Kontextualisierungsmöglichkeiten hinsichtlich der Alteritätsdiskurse. Zentral soll dennoch die Roncesvalles-Episode sein, da erst der Vergleich zwischen den beiden altostnordischen Bearbeitungen Aussagen darüber erlauben wird, inwiefern man hier von gemeinsamen altostnordischen Entwicklungen in Bezug auf die Adaption der Alteritäts-Diskurse sprechen und ihre Funktion im altostnordischen Literatursystem bestimmen kann.
6.4.1. Alterität im altdänischen Rolandslied: „flyn wndhen i hedhen hwnde …“1
AlteritätDie einleitenden Sätze der Krønike sind einem kurzen historischen Abriss über Karls Niederlage in Saragossa gewidmet: Dem Rezipienten werden in knapper Form sowohl die geographische Lage („pa eth høgt bergh“ – auf einem hohen Berg – KMK, S. 282, 15) als auch Informationen über deren Herrscher König Marsilius präsentiert. Kriegerische Auseinandersetzungen werden ebenfalls sofort thematisiert, wenn es etwa in Marsiliusʼ Ansprache an seine Männer heißt: „her kommer k m keysære ok will forhære worth land“2 oder wenn RolandRoland Karl den Großen auffordert, noch die letzte Station Saragossa zu erobern und Marsilius entweder zu töten oder zu christianisieren: „worder anthen dræben eller cristeneder“ (KMK, S. 284, 20). Das „worde cristen“ – Christ-Werden, die Bekehrung als Hauptintention zieht sich zunächst programmatisch durch das gesamte Epos. Im Vergleich zu der altschwedischen Bearbeitung legt die Krønike noch weniger Wert auf ein hybrides oder gar relativierend-positives Bild der Sarazenen; die Attribuierung der Sarazenen ist vor allem abwertend und dämonisierend, wie die folgenden exemplarischen Textpassagen belegen.
Im Kampf mit Adelrot, dem Neffen Marsiliusʼ, bezeichnet ihn RolandRoland, der Neffe Karls des Großen – um an dieser Stelle nur noch auf die Parallelstruktur der beiden Parteien hinzuweisen – als „tin ondhæ hwnd, icke skall frankerige tabæ syt godhæ priis for mynæ skill“3 (m. H.). Er tituliert die gesamte Armee so, wenn er sie zum Fliehen auffordert: „flyn wndhen i hedhen hwnde i wynnen aldrigh seger aff megh“4 (m. H.). Das Dämonische der Sarazenen wird durch ihren vermeintlichen Ursprung weiterhin thematisiert, wenn es darum geht, sie zurück in die Hölle zu schicken: „nw wisser jeg teg till heluedis“5 (m. H.) oder wenn Oliver im Dialog mit Roland seine Handlungen begründet: „Jeg feck icke draget myth swærd swa snard so harmt war megh pa thenne dieffuel“6 (m. H.). Wallebrus, der auch schon in der altschwedischen Episode aufgrund seines amoralischen Verhaltens Erwähnung findet, wird folgendermaßen beschrieben: „En hedhen heth wallebrus han hadde wunnet iherusalem met for rædelsæ oc gick i salamonis tempel oc drab patriarghen jnne for høge alter“.7 Diesen überwindet Roland und übt zugleich Rache für die durch Verrat eroberte Stadt Jerusalem, einen symbolisch aufgeladenen Ort, der bestimmte eschatologische Vorstellungen evozierte,8 um Wallebrus gleichzeitig auf seinen richtigen Weg zu schicken, nämlich „wegen till helffuedis“ (KMK, S. 300, 11, m. H.), – in die Hölle.
Jenseits der Bezeichnung ‚Heide‘ wird der heidnische Diskurs jedoch in keiner Weise thematisiert. Die üblichen Vertreter des heidnischen Pantheons, Tervagant, Apollo und Muhammad finden hier keine namentliche Erwähnung, lediglich eine ebenso dämonisierende Bezeichnung in der Gegenüberstellung der Religionen durch RolandRoland: „nw skulle i rønæ Om ether drawels gude ære meghtugere en gudz søn aff hymmerige och sancte pedher apostell“.9
Obgleich der Text im Vergleich zur altschwedischen Bearbeitung auf der inhaltlichen Ebene die Katastrophe von RoncesvallesRoncesvalles zwar stringenter, aber immer noch vollständig behandelt, so ist hier ebenfalls eine Tendenz zur Komplexitätsreduktion in Bezug auf polyvalente Alteritätsbilder festzuhalten. Dies äußert sich durch eine Simplifizierung bei der Beschreibung der Heiden, die sich zwischen Dämonisierung und Herabwürdigung verorten lässt. Auch wenn die anfangs noch kommunizierte Möglichkeit einer Bekehrung, worder anthen dræben eller cristeneder, die sich eindeutig am Gebot des Kreuzzugspredigers Bernhard von Clairvaux orientiert,10 eine Alternative zum Massaker von Roncesvalles sein könnte, wird ihr Potenzial im Verlauf des Textes nicht realisiert, bis auf die abschließende Passage, in der die heidnische, allerdings sächsische Königin Sybilia zum Christentum konvertiert. Diese bereits im Zusammenhang mit den gattungsspezifischen Gender-Diskursen diskutierte Bekehrung ist an dieser Stelle insofern relevant, als Sybilia zwar das heidnische Andere repräsentiert, jedoch nicht zum Kollektiv der Sarazenen gehört, deren einziger Ausweg aus Roncesvalles wegen till helffuedis ist.
So überrascht es nicht, dass den dämonisch skizzierten Heiden die christlichen, als Märtyrer dargestellten Helden, RolandRoland, Oliver und ihre Gefährten gegenübergestellt werden. Bereits bei der Abreise Karls aus RoncesvallesRoncesvalles wird der Märtyrertod und der Untergang der fränkischen Armee durch den prophetischen Traum Karls präfiguriert. Rolands Bewertung der Schlacht, die angesichts des nahenden Todes seines Freundes und Waffenbruders Oliver emotional-episch gefärbt ist, fällt eindeutig aus, wenn es heißt: „ther till wastu skapt i werdhen ath styrkæ och op retthæ rettwishet och nedræ høgffærd och wretth enghen ryddere war bædræ i werden en tw“.11 Dass rettwishet und wretth hier auf der christlichen bzw. heidnischen Seite zu verorten sind, daran lässt die Episode keine Zweifel aufkommen. Auch Rolands Würdigung als Ritter und Kämpfer durch Karl bezeugt seine Singularität als Held, dessengleichen die Welt nie wieder erblicken werde, wie Karl angesichts des getöteten Roland ausruft: „welsignet wore tw roland So wæl død som løffuendis tin lyghæ worth aldrigh fødder tu wast bode gudz wen oc danne manne“.12
Der ideologisch-christliche Fokus der Erzählung wird narrativ zusätzlich durch viele Träume und Mirakel – „stor jertegnæ“ (KMK, S. 298, 18) – verstärkt, die zum einen den Tod Rolands vorausdeuten und zum anderen aber auch gleichzeitig den göttlichen Beistand illustrieren. Neben Karls prophetischen Träumen sind es vor allem Naturerscheinungen vor Ort in RoncesvallesRoncesvalles, welche die Katastrophe prognostizieren: So verdunkelt sich der Himmel am Tag der Tragödie, weil die Sonne an einem solchen Tag kein Licht mehr spenden kann. Die Interpretation des Ereignisses wird dem Rezipienten unmittelbar angeboten, wenn es heißt: „sanctus egedius syger ath thet iertegne skede for rolandz skilld thi han skullæ dø then dag“.13 Nach der Schlacht betet Karl zu Gott und bittet um Hilfe bei der Trennung der heidnischen und christlichen Leichname. Am nächsten Morgen „stod en tornæ bosk wit hwor hedningis howet ok the cristne loge som thee ware falnæ“.14
Die aufgeführten Beispiele belegen, dass die Übersetzung und Adaption der Chanson de RolandRoland rhetorisch immer noch im Dienste einer Kreuzzugsideologie stehen. Dabei verlagert sich der Fokus im Zuge des Transfers von dulce France auf die gesamte Christenheit. Die epische Apokalypse von RoncesvallesRoncesvalles steht dabei im reduktionistischen Duktus eines dämonisch kodierten Anderen – die Strafe für das Anderssein führt sie direkt in die Hölle.
6.4.2. Alternierende Alteritätsdiskurse in der Karl Magnus Krønike?
Das altdänische Rolandslied ist jedoch nicht die einzige Episode in der Krønike aus dem breiten Fundus der chansons de gestechansons de geste, die Alteritätskonstruktionen entwirft und vermittelt. Ob sie dabei als repräsentativ im Umgang mit dem Anderen in der altdänischen Literatur erachtet werden, können Analysen weiterer Szenen bestätigen oder widerlegen: Die zirkulär aufgebaute Kompilation behandelt neben den orientalischen und orientalisierten Anderen auch andere als heidnisch definierte Völkergruppen, so etwa die Sachsen in der Episode IV. „Kampen i Saksen med Kong Vittelin“.1
Im Mittelpunkt des Kapitels „Kampen i Spanien med Kong AngulandoAngulando“, einer kompilierten Adaption der Chanson d’Aspremont mit einigen Szenen der Pseudo-Turpin ChronikPseudo-Turpin Chronik,2 steht der Kampf Karls des Großen mit dem heidnischen König Angulando, der bei seinem Feldzug in Spanien viele Christen zur Flucht zwang. Das in dieser Episode konstruierte Bild des „rechten“ Glaubens wird mit Karls Antwort auf Angulandos Frage, warum Karl das Land, das weder ihm noch seinem Vater gehöre, nehmen wolle, unmissverständlich artikuliert: „Vor herre skabede christne mend offuer hedninge oc bød at hade eder“.Cod. Holm. Vu 823 Karls Argumentationsweise basiert auch hier auf dem eigenen Religionsmodell, das eine klar distinkte Opposition zwischen Heiden und (Über-) Christen offeriert und so den Krieg legitimiert. Der Versuch Angulandos, seinen Glauben zu verteidigen, scheitert, wenn Karl diesen mit dem Satz kommentiert:
wij tro pa gud fadher ok søn ok then helge and tha wij døø kommer war syel tyl hymmerige ok ether till heluede, tw skalt nw haffue koretth hwath helder tw willt.4
Nach der harten Schlacht, in der alle Heiden geschlagen wurden, gelangt AngulandoAngulando zu der Einsicht „ath ether tro ær helger en wor“5 und will sich am nächsten Morgen taufen lassen. Als er jedoch Karl am prächtig gedeckten Tisch sitzen sieht, revidiert er seine Entscheidung angesichts der zwölf Bedürftigen, die in zerrissenen Kleidern auf dem Boden mit wenig Nahrung neben dem Tisch kauern. Karls Erklärung, „thet ær gudz folk wij fødhæ xij aff them hwer dag, for the xij ware gudz apostel“6 relativiert Angulandos Auffassung des Christentums als einer besseren, „heiligeren“ Religion. Von der Taufe nimmt er Abstand mit der Begründung:
thet ær wnderleght ath tyne tiener syde wyd bord ok haffue nok madh ok win ok tynæ gudz tienere sætther tw langht fra tegh ok giffuer them lydhet ath ædhæ ok dricke, ther pa mærker jeg ath thin gud ær wærre æn myn, thy will ieg enghe lwnde worde cristen i thenne tid.7
Trotz des kritischen Potenzials der Aussage wird diese im Verlauf der Episode nicht weiter kommentiert. In der darauffolgenden Schlacht flieht AngulandoAngulando unehrenhaft, nachdem seine Armee geschlagen worden ist.
Ein etwas anderes Bild hinsichtlich heidnischer Ritter wird in einer weiteren Episode des Kapitels konstruiert, die den Zweikampf zwischen Angulandos Sohn Jamund und Karl thematisiert. Dass Karl auch hier der triumphierende Sieger ist, verdankt er allein „gud som all tidh hiellper“ (KMK, S. 122, 20) – dem Gott, der allzeit hilft. Jamund wird erschlagen, als RolandRoland ihm den Helm samt Kopf spaltet, so dass „hiærnen flødh wd aff mwnnen ok størthæ dødh nædher“.8 Als seine verunstaltete Leiche („oc war høgre arm sønder slagen oc bodhæ øgen laa wdhæ pa kynbeneth“9) weggetragen wird, würdigt Karl Jamunds Tapferkeit mit einem Konditionalsatz: „hade thenne man wareth cristen tha hadde engen raskere ryddere warett i all werden“.10 Aber auch die schnellsten Ritter der Welt taugen nichts, wenn sie heidnisch sind, so dass Jamund unmittelbar nach Karls Äußerung „worde […] giffuen all diæfflæ i helwidhæ“.11
Jamunds Tod verursacht auch in eigenen Reihen Zweifel an der heidnischen Religion und so erklingt die Frage nach der Macht der Götter mehrfach beim Anblick des toten Jamund, etwa von Galinger: „hwor ær tin krafft wor gud magun hwij lather tw so dræbæ tynæ men“12 oder von AngulandoAngulando: „hwor ære nw wore gude bleffne hwi gade […] told ath tw blest slagen“.13 Die Antwort fällt eindeutig aus: „wore gude dwge inthet them haue drauels quinær sønder brodhet we worde hannum them sørger“.14
Ein theologisch fundierter Diskurs findet sich hingegen weiter im Verlauf des Kapitels im Dialog zwischen RolandRoland und Ferakunde, diesem „troløssæ diafel“ (KMK, S. 142, 149) – ungläubigen Teufel –, in der frankophonen Tradition aus dem Geschlecht Goliaths stammend, der Jamunds Tod rächen soll. Der Kampf Rolands gegen Ferakunde ist in der altdänischen Bearbeitung insofern eine Reminiszenz an die biblische Szene zwischen David und Goliath, als Roland ebenfalls Steine gegen seinen Gegner einsetzt („syden slog roland hannum met stenæ“15). In der Kampfsituation gestehen sich die Gegner gegenseitig Schlaf- und Erholungsphasen zu. Dabei kommt es zu einem Gespräch, das strukturell an die in der antiken Tradition wurzelnden Lehrdialoge und die im Mittelalter etablierte disputatio anknüpft. Diese rhetorische Form organisiert den didaktischen Zweck, nämlich die Wissensvermittlung, dialogisch durch eine Frage-Antwort-Struktur und stellt gleichzeitig ein Identifikationsangebot an das Publikum dar, das sich das Wissen folglich schrittweise erarbeiten kann.16 Im Dialog übernimmt Roland die Funktion des magister, während die Rolle des fragenden discipulus dem Riesen Ferakunde zukommt. Inhaltlich thematisieren die Protagonisten Aspekte der christlichen Religion, eingeleitet mit der Frage Ferakundes: „po hwem tro frankes men?“,17 was zu einer Erklärung Rolands über das Wesen des Christentums, die Erschaffung der Welt und die Dreifaltigkeit führt, rhetorisch orientiert am Glaubensbekenntnis. Dabei stellt Ferakunde immer wieder Fragen, die sein intellektuelles Potenzial offenbaren und Roland zu weiteren theologischen Ausführungen motivieren: 18
Ferrakunde: „pa hwem tro frankes men“
RolandRoland: „pa iesum christum“
Ferakunde: „hwat christus ær“
RolandRoland: „thet ær gudz søn aff hemmerige, ok ær føddher aff jomffrv maria som dhødæ pa corsset ok trydie dag stod vp aff dødæ ok for till heluetis ok togh ther wth adam ok eua ok xlde dagis stegh han wp tiil hemmel ok sydher nw pa syn fadhers høgræ hand“
Ferakunde: „om jeg kaller gud fader Ok gud søn ok then helgæ andh thet ær jo iij gude“
RolandRoland: „thet ær en gud ok icke iij tog iij personer ok en i gudommen mærk hwre abraham saa iij engell ok dyrket en“.19
Zur Illustration seiner didaktischen Vermittlung bemüht sich RolandRoland immer wieder um anschauliche weltliche exempla, die auch Ferakunde zu verstehen vermag:
Ferakunde: „bewiis hwore iij ting kan worde eth“
RolandRoland: „thet will ieg bewijsæ tegh i werælss tingh mærk pa en harpe ther ær træth strenge ok handen the ære iij tingh ok eth lydh so ær ok mandell nøtthen først ær skalen ok swa fnaset ok so kærnin the ære iij tingh ok eth i teg sielff ære iij tingh lymmer kroppen ok sielæn togh æstu en man“
Ferakunde: „hwore motthæ en jomffrv barn føde“
RolandRoland: „Madkæ fyskæ fwglæ by worde ok leffue aff sølæn ok ander tingh wdhen mandz samlende“.20
Ferakundes wachsende Kenntnis vom Wesen des Christentums, die schlussendlich zur Akzeptanz der Glaubensgrundsätze führt, entwickelt sich parallel zu Rolands Erklärungen, ist aber stets eine Relativierung des Credo: „iegh tror nw wel ath gud ær en ok trænnæ æn thet weth iek ecke hure han scullæ søn afflæ“21 oder „thet tror jeg alth well jcke tror jeg ath gud motthæ worde man“,22 ebenso wie „icke tror jegh pa hans vpstandelssæ“.23 Der friedlich entfaltete theologische Disput endet mit einer Kampfansage, die in einer Bekehrung des Besiegten zur jeweils anderen Religion resultieren soll. Der zentralen Thematik der Krønike verpflichtet, ist der letale Ausgang Ferakundes nicht weiter überraschend. Auch angesichts des Todes durch den Stoß in den Bauchnabel, seine einzige verwundbare Stelle, die er RolandRoland zuvor mitgeteilt hat, ist er nicht bereit, sich dem fremden Glauben zu unterwerfen, und ruft seinen Gott an: „Færakude ropede i døden ok sade mament gud tak myn siell nw dør jeg“.24
Diese kursorische Analyse des Kapitels offenbart an dieser Stelle eine starre Konstruktion, welche die gottlosen Götzendiener als Feindbild manifestiert, deren Götter nichts taugen und deren Seelen unmittelbar in die Hölle wandern, obwohl die Sarazenen durchaus als Kämpfer gewürdigt werden. Beachtenswert ist jene Passage, in der AngulandoAngulando seinen Entschluss zur Taufe angesichts der ihm kritisch erscheinenden Ungerechtigkeit, die dem christlichen Glauben innewohnt, revidiert. Dieser Religionskritik nachzugehen oder sie zu kommentieren, entsprach wohl nicht der Mission des dänischen Bearbeiters/ Übersetzers, die hauptsächlich darin bestand, auch hier theologische Diskurse im Rahmen der binären Opposition Christentum/ Heidentum zu instrumentalisieren, um so die bestialische Kampfästhetik zu legitimieren.
6.5. Raum- und Orient-Diskurse in der altschwedischen Übertragung des Voyage
Folgende Textanalyse soll anhand des close reading der relevanten Passagen der altschwedischen Übertragungen von Voyage de Charlemagne à Jerusalem et à Constantinople zur Klärung der Frage beitragen, ob der Umgang mit dem Anderen bzw. dem Fremden in Folge des Kulturtransfers changiert und wie die AlteritätAlterität des Orients in den ostnordischen Texten konstruiert wird, so dass man anhand dessen eine Kontinuität oder aber den Wandel der literarischen Orientalismen durch Transmission nachverfolgen kann. Anschließend werden die Funktionen dieser übersetzten Alteritätsdiskurse im einheimischen literarischen Polysystem untersucht.
6.5.1. Struktur und weitere Motive
Die recht kurze Episode lässt sich in vier Teile gliedern: Den ersten Teil bildet die Eröffnungsszene in Paris bzw. Saint-Denis, in der die Motivation der Reise sowie bereits einige wichtige Konzepte der Rivalität und der Macht angelegt sind, die mit einem Prolog eingeleitet werden:
Hær byriæs fagher ærende och iær[teknæ]
aff karlla magnus konungh och tolff [hans]
iempnungha.1
Der Aufenthalt in Jerusalem findet im zweiten Teil statt, während im dritten Teil die etwas längere Passage dem Treffen mit Kaiser HugoHugo von Konstantinopel in Konstantinopel sowie der Durchführung der gabs gewidmet ist. Die Rückkehr nach Paris bzw. Saint-Denis stellt den vierten Teil dar, der mit einer Art Epilog abschließt:
Tha redde han sik til spania
landh som honom war teeth i iherusalem
och loth ther effter sik rolandh och
them tolff jempnunga och swa
lyktom wi waar æuentyr.2
Der Beginn und das Ende der Reise in Saint-Denis bilden eine zirkuläre Struktur des Kapitels, welche auch alle skandinavischen Bearbeiter unverändert übernehmen. Die schwedische Version ist zudem mit dem Pro- und Epilog des Dichters/ Übersetzers versehen.
Zunächst sollen hier einige relevante Raumkonzepte näher beleuchtet werden, um sie besser in das Gesamtbild der Alteritätskonstruktion im Text zu integrieren. Bereits die lokalen Konstellationen der Eröffnungsszene enthalten einige Modifikationen, die als intentional im Prozess der Übertragung interpretiert werden können:
Swa ær sakt at h[an]
War j paris och haffde ther stempno [mz]
Allæ iærlla och hertuga j rikeno [sino]
En konunger sættis vnder eth høgt tr[æ]
och drøtningen hans næst honom / och [alla]
høffdingæ kringom han.3
Die lokale Angabe vnder eth høgt træ ist nicht nur im Hinblick auf die altfranzösische Vorlage modifiziert, in der bereits zu Beginn der Ort Saint-Denis „al Seint Denis muster“Le Voyage de Charlemagne à Jerusalem et à Constantinople4 Erwähnung findet, sondern auch hinsichtlich der altwestnordischen Quelle Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans, in der Karl der Große „settist á því móti undir olifatré eitt“.5 Diese zunächst unwesentliche Variation offenbart einige Hinweise zur Umfunktionalisierung der Lesererwartung. Die zeitgenössischen Rezipienten des Voyage konnten durch die unmittelbare Nennung der Abtei von Saint-Denis die Geschichte bereits in einen historischen und religiösen Kontext einordnen, immerhin handelt es sich um einen relevanten Erinnerungsort, der seit 564 den fränkischen Königen als Grablege diente und auf Grund der dort aufbewahrten Reliquien ein beliebter Pilgerort war. Dass der Dichter oder jongleur die Pilgerreise von Saint-Denis ausgehen lässt und nicht von Paris, etwa von Notre Dame aus, die bereits 1108 eine berühmte Reliquie besaß, nämlich ein Stück vom Heiligen Kreuz, wird in der Forschung mit der historischen Tatsache erklärt, dass der Zweite Kreuzzug unter Ludwig VII. von Saint-Denis aus begann6 – worauf der burleske Voyage de Charlemagne als Satire gelesen werden kann.
Für die Rezipienten des altschwedischen Karl Magnus war die kulturhistorische Dimension solcher Orte weniger relevant als für das zeitgenössische Publikum des Voyage; der religiöse Bezug zu Saint-Denis als Aufbewahrungsort wichtiger Reliquien musste daher nicht sofort im Eingangsvers hergestellt werden. Stattdessen werden Ortsangaben deskriptiv neutral angegeben – an dieser Stelle lohnt sich ein Blick in die altwestnordische Saga: Der weiter oben angeführte Olivenbaum der Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans wird in der schwedischen Bearbeitung als hoher Baum beschrieben. Hier zeigt sich die Nähe des altwestnordischen Textes zu seiner altfranzösischen Vorlage, in der auch der besagte Olivenbaum – „desuz un olivier“ (PdC, S. 4, 7) – vorkommt, was die Forschung dazu veranlasst hat, orientalische Ursprünge der Geschichte zu konstatieren, sind doch Olivenbäume in Nordfrankreich ebenso wenig heimisch wie in Skandinavien.7 Ergänzend sei noch hinzugefügt, dass die dänische Bearbeitung, welche eine andere Redaktion der Pilgerreise repräsentiert, den Baum schlichtweg durch eine Szene am Tisch ersetzt und Karl „ouer bord“ (KMK, S. 264, 27) – am Tisch – positioniert, ohne jegliche Angaben über Saint-Denis oder dort vorhandene (Oliven-)Bäume. Für die Entwicklung der Geschichte haben diese Angaben zunächst keine Relevanz. Modifikationen solcher Art öffnen jedoch neue Räume zur Interpretation über die möglichen Intentionen der skandinavischen Übersetzer/ Redaktoren. Durch die Tilgung von Saint-Denis als Ort des Geschehens entfernen sich die skandinavischen Bearbeitungen zunächst vom religiös-historischen Kontext der Geschichte, welche durch ihr recht pragmatisches Setting unter einem (Oliven-)Baum bzw. am Tisch klar im säkularisierten Bereich situiert wird. Ob diese Profanisierungstendenz weitere in der Episode narrativ angelegte Konzepte betrifft, wird nun im Verlauf dieser Arbeit geprüft.
Dass Saint-Denis in den nordischen Bearbeitungen nicht fehlen darf, belegen weitere Szenen, in denen der Ort erwähnt wird:
At sancta dyonisij ær
j frans tok : k : k: kors och allæ hans
riddara.8
Es existieren keine Belege darüber, ob die schwedischen Rezipienten diese prominente Pilgerstätte kannten, jedoch kann eine besondere Verbindung zu diesem Ort einer anderen wichtigen Stimme der altschwedischen Literatur zugesprochen werden. Die Heilige Birgitta unternahm im Jahre 1340 zusammen mit ihrem Mann eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela und machte auf dem Rückweg einen Halt in der Abtei von Saint-Denis, nicht zuletzt aufgrund ihrer Verehrung für den Heiligen Dyonisius, von dem sie mehrere Visionen hatte, welche in ihren Revelationes festgehalten wurden.9 Allerdings sind keine birgittinischen Schriften in den vier altschwedischen SammelhandschriftenSammelhandschrift enthalten, so dass man deren Rezeption bei der Leserschaft der vier altschwedischen Sammelhandschriften nicht mit Sicherheit voraussetzen kann, wohl aber bei den Verfassern, ist doch die Anknüpfung an das Kloster VadstenaVadstena im Falle der Handschrift Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4 gegeben.
Auch wenn die schwedischen Rezipienten des 15. Jahrhunderts Saint-Denis als ein relevantes geistliches Zentrum einordnen konnten, dürfte der zeitgenössische Bezug zum historischen Kontext des Zweiten Kreuzzuges zumindest nicht dieselbe Relevanz gehabt haben wie für das französische Publikum zum Zeitpunkt des Verfassens des Gedichts. Hier kann man von einem Funktionswandel ausgehen. Entkontextualisiert ließ sich der durchaus unterhaltsame Text nun in ein neues soziokulturelles Milieu integrieren. Das Fehlen der historischen Verbindung führte eine gewisse Ent-Politisierung mit sich, das satirische Potenzial der Episode blieb jedoch durchaus erhalten und entfaltete sich im Kontext der politischen Situation in Schweden zu Zeiten der Kalmarer UnionKalmarer Union in einer Reihe weiterer satirischer Texte der Handschriften, u.a. Herr abbotenHerr abboten als Beispiel für die Kleriker-Satire.
Im Folgenden werden nun die Alteritätsdiskurse und das narrativ konstruierte Orient-Bild in der altschwedischen Übertragung analysiert: Wie schon zuvor in der französischen Vorlage resultiert Karls Wunsch, das Heilige Grab in Jerusalem sowie Konstantinopel aufzusuchen, aus den unvorsichtigen Worten seiner Gemahlin. Karls Frage,
west thu nokon t[hen konung]
j werldine som jemwæl [høwe krono]
at bæræ som mik / e[ller jæm wæn ær]
j hær waknom som iach,10
provoziert neben dem ethischen Urteil „ey skal man [sik lowa siælwan] mykit“11 auch die unangenehme Wahrheit: „jach wet [en som høgre bær] krono sinæ och [høwizskare ær].12 Hier werden bereits zwei Herrschaftsmodelle gegenübergestellt, das auf Reichtum und Wohlstand beruhende Königreich des – hier noch nicht namentlich erwähnten – Kaisers von Konstantinopel HwginHugo von Konstantinopel und die auf Tapferkeit und Kampftüchtigkeit ausgerichtete Herrschaft Karls des Großen:
Rikare ær han til fææ æn thu æst
Thok ær ey han swa goder konunger som thu
æst riddare / och ey swa rasker j bardaga.13
Auf die dringliche Bitte Karls hin, den Namen preiszugeben, beschreibt Karls Gemahlin den Herrschaftsbereich Hugos, der von Persien bis nach Kappadozien14 reicht:
[ha]n ær keysare j mycla gardhe han
[radhe]r j persyam alt til capadociam Ey
Ær jæmfrom riddare / och ey swa
Mangkloker som thu.15
Daraufhin brechen Karl und seine Gefährten von dem bereits erwähnten Ort Saint-Denis „j frans“ zunächst nach Jerusalem auf. Auch wenn der Vergleich mit Kaiser HugoHugo von Konstantinopel die primäre Motivation der Reise ist, so deklariert Karl sie als Pilgerreise zum Heiligen Grab, wie ihm in mehreren Träumen und Visionen ans Herz gelegt wurde:
[…Jak] haffuer huxat fræmdh
[mina a oku]nnog landh och søkiæ iher-
[usalems borg] thz ær komit fore mik j
[sømpne trim s]innom och will iach søkiæ
[konung som het]er hwgin16
Die typischen Pilgerattribute, „pikstaffua sina och pilægrim klæden“ (KM, S. 6, 5–6) – ihre Pilgerstäbe und Pilgergewände – unterstreichen den Pilgercharakter. Sie werden vor der Reise vom Erzbischof Turpin gesegnet. Mit diesen Zeichen der Pilgerschaft, die zum Teil eine Schutzfunktion inne hatten, indem sie zum einen die Reisenden generell als Pilger kennzeichneten, zum anderen der Unterstützung des Körpers dienten (z.B. der Pilgerstab),17 wird der friedliche Charakter der Mission deutlich, der im martialisch orientierten Rahmen einer chanson de geste durchaus ein Novum darstellt und die Frage nach der Genre-Zugehörigkeit aufwirft. Der symbolische friedliche Charakter wird im Verlaufe der Geschichte, vor allem nach der Ankunft in Konstantinopel, jedoch durch Karls Verhalten und den destruktiven Habitus einiger der gabs konterkariert, so dass man den symbolisch-friedlichen Diskurs hinterfragen kann.
Hervorzuheben ist in der schwedischen Episode der genaue Verlauf der Reise bis zur Ankunft in Jerusalem. Während die Beschreibungen der Pilgerroute im Altfranzösischen recht viele Ortsangaben enthalten, wie etwa „de France et Burgoine“, „Loheregne“, „Baivere e Hungerie“, „les Turcs e les Persaunz“, „a Lalice“, „en Grece“, „en Romanie“ (PdC, S. 8, 100–106), die der Marschroute der französischen Teilnehmer des Zweiten Kreuzzugs entsprechen, werden diese topographischen Markierungen im altschwedischen Text getilgt, so dass man hier erneut den fehlenden Bezug zum politischen und religiösen Hintergrund feststellen kann. Wenn aber der Voyage als Satire auf dieses historische Ereignis und dessen jämmerlichen Ausgang interpretiert werden kann, so wäre diese politische Intention in der schwedischen Übersetzung ohnehin nicht mehr aktuell, was zur bereits erwähnten Ent-Politisierung des Stoffes als Übersetzungstendenz oder -konsequenz beiträgt.
Als erste Station seiner Pilgerfahrt besucht Karl der Große die Heilige Stadt Jerusalem. Diese Stadt wird topographisch durch zwei Kirchen markiert; namentlich erwähnt – und im Gegensatz zur französischen Vorlage eindeutig identifizierbar – wird die Paternosterkirche auf dem Ölberg „kirkio / the som pater noster heter“ (KM, S. 6, 21–22) sowie die Kirche der Heiligen Maria Latina, die Karl nach seinem Aufenthalt dort errichten ließ: „och loth gøræ enæ kirkio tha som heter marie latine“.18 In der Paternosterkirche geschieht nun Folgendes:
j the kirkio standa
tolff stola och trættænde war then
som gudh siælffuer sath pa och hwar
apostolus a sinom
Tha sattis han a then
stoll som war herra sath pa och tolff
iærlla om han / the honom følgdo Tha
kom ther løpande en jwdhe / och saa
hwar konungen saat och wart swa redder /
At han monde næstan galin wardha.19
Indem sich Karl in den Stuhl setzt, in dem Jesus beim letzten Abendmahl gesessen hatte, erhält die Szene deutliche Züge einer imitatio, einer Gleichsetzung Karls mit dem Herrn, während seine Gefährten die zwölf Apostel nachahmen. Obwohl die Episode vor allem durch die Schilderung der sofortigen Bekehrung eines Juden zum Christentum satirische Züge trägt, kann sie einiges über das konstruierte Bild von Karl dem Großen vermitteln, auch in seiner Rolle als gottauserwählter und gottbeschützter Herrscher. Hierdurch erhält Karl erst den Beinamen „der Große“ durch den Patriarchen, wenn er ihn als den größten aller Herrscher anerkennt:
Och skalt thu hetæ hæden fran kar-
lla magnus konung øwer allæ jorderikis
konunga.20
Bereits an dieser Stelle ist auch die anfängliche Problematik leitmotivisch thematisiert, nämlich die Frage, welcher Herrscher seine Krone höher trägt – in der altfranzösischen Version noch deutlicher mit der Wendung „sur tuz reis curunez“21 – die in der Konstantinopel-Episode noch wesentlich deutlicher in Erscheinung tritt.
Ein weiterer zentraler Motivkomplex wird mit der Übergabe der Reliquien durch den Patriarchen an Karl behandelt. Die Funktion der Reliquien kann dabei aus einer doppelten Perspektive bestimmt werden: Auf der Textebene tragen die Reliquien entscheidend zum Verlauf der narrativen Handlung bei. Auf der Kontext-Ebene ist hier sicherlich der historische Aspekt von Bedeutung, nämlich eine literarisch aufgearbeitete Legitimation für die Aufbewahrung ebenjener Reliquien in der Abtei von Saint-Denis, die für den schwedischen Bearbeiter von keiner Relevanz war. Eine bemerkenswerte Vorlagentreue zeichnet jedoch die schwedische Bearbeitung aus, denn die Zahl der Reliquien wie die Reliquien selbst stimmen mit der Aufzählung aus dem Voyage überein, wobei die Reihenfolge ebenso unverändert bleibt. Auf diese Weise erhielten die Rezipienten des Karl Magnus einen Zugang zum religiös-historischen Erbe eines anderen Kulturkreises – in einer literarisch leicht konsumierbaren Form der satirisch gefärbten Geschichte.
Die textimmanente Funktion der Reliquien kommt im dritten Teil der Episode zu Tage, besonders in der sog. gab-Szene. Die Franken, vom Kaiser HugoHugo von Konstantinopel freundlich empfangen und vom Wohlstand und Reichtum Konstantinopels beeindruckt, erzählen sich abends zur Unterhaltung gegenseitig æuentyr oder gabs, die ihre fantastische Stärke demonstrieren sollen. Während einige dieser Prahlereien übermütige, jugendliche Scherze sind, offenbaren andere durchaus martialische Züge, die auf die Zerstörung der Stadt abzielen. Hier wird der durch die Pilgerattribute – Stäbe statt Schwerter sowie die Pilgertaschen und Pilgergewänder – friedliche Charakter der Reise zunächst auf der metafiktionalen Ebene der gabs und später bei ihrer Realisierung konterkariert. Die Stadt Konstantinopel mutiert damit zum Austragungsort der Rivalität zwischen den beiden Konzepten der Macht, die in der Anfangspassage durch Karls Ehefrau thematisiert wurden: Wohlstand und Reichtum auf der einen, Tapferkeit und Kampfbereitschaft auf der anderen Seite.
Der in einer hohlen Säule platzierte Spion des Kaisers HugoHugo von Konstantinopel, der die Prahlereien der Franken belauscht, übernimmt in seiner Funktion als Kommentator zusätzlich die Wertung des Gehörten: Mal erstaunt und bewundernd, z.B. bei Karls æuentyr „mykit æst thu och starker“,22 gleichzeitig aber auch verurteilend, z.B. „och illa giorde keysaren at han lante idher herbærghe“23 oder „thz wet min tro wæl at j æren galne och owitre“.24 Ergänzend sei hier angemerkt, dass nicht alle wertenden Kommentare des Spions aus der französischen Vorlage im schwedischen Text erscheinen. Eliminiert wurde u.a. die Äußerung des Spions zum æuentyr vom Erzbischof Turpin, das als „bel e bon!“ (PdC, S. 30, 505) – schön und gut – etwas, das dem Kaiser keine Schande bereite, bezeichnet wird. Doch während Turpins gab im Voyage tatsächliche akrobatische Fähigkeiten und Präzision erfordert, soll nach seinem æuentyr im altschwedischen Text die Stadt Konstantinopel überflutet werden, so dass der Kaiser Hugo vor Angst auf den höchsten Turm klettern und nicht eher herunterkommen werde, bis Erzbischof Turpin es verlangt. Dass dieser gab keine positive Wertung als „bel e bon“ vom Spion erhält, liegt auf der Hand. Generell ermöglicht die Auslassung wertender Kommentare seitens des Spions dem Rezipienten eine größere Freiheit in seiner Urteilsfindung und kann also zu mehr Reflexion und eigenem Urteil beitragen.
Zwischen all den gabs, die zur Überflutung und Zerstörung der Stadt, zur Flucht der Einwohner, zur Versetzung des Kaisers HugoHugo von Konstantinopel in Angst und Schrecken führen sollen, findet sich aber einer, dessen Natur derart ambivalent ist, dass es in der Forschung bis heute keine eindeutige Position zu dessen Funktion gibt. Dabei handelt es sich um das æuentyr Olivers, des Waffenbruders von RolandRoland, der seine Stärke demonstrieren möchte, indem er die Tochter des Kaisers Hugo gleich hundert Mal in einer Nacht „beglückt“:
Take keysaren dotter sinæ the wænæ
och loffui mik liggiæ enæ nat nær
henne och om iach gør ey williæ min
mz henne hundradhæ sinnom / til wit-
nis henne / tha æghe keysaren wald
om mit hoffwd.25
In der schwedischen Bearbeitung fehlt die eindeutige Wertung dieses Abenteuers, während die Reaktion des altfranzösischen Spions zunächst Skepsis gegenüber Olivers Physis offenbart: „vu recrerez anceis!“ (PdC, S. 30, 490) – Ihr würdet vorher aufgeben – bevor ein eindeutig moralisches Urteil fällt: „Grant huntage avez dit, mais quel sacet li reis, En trestute sa vie ne vus amereit“ (ebd., 491–492).26
Die Frage nach dem Sinn und der Funktion des amoralischen æuentyr wurde von der Forschung kontrovers diskutiert. Nach Aebischer spielt Oliver „le rôle d’un don Juan monstrueux par son inhumanité“,27 ebenso wie die anderen in das gab involvierten Personen: „ses partenaires, lʼempereur Charles, le roi Hugon, la fille de ce dernier, ne sont pas moins méprisables – au contraire“.28 Denn als Kaiser HugoHugo von Konstantinopel, erzürnt über das Verhalten der Franken, sie zur Realisierung ihrer Geschichten zwingen will, ist Olivers Wette das Erste, was vollführt werden muss, auch in der schwedischen Bearbeitung des Stoffes:
Aat qwældeno lot hwgin : k: redhæ
herbærghe eth som bæst matte / och lot
j gøræ enæ seng / Sidhen dotter hans
war j seng leedh Tha badh hugin k:
at then osniælle olifernes skulde j sengh
fara til henna.29
Der Prostitution der jungen Frau stimmt neben Oliver und Karl der eigene Vater und – in gewisser Weise – Gott höchstpersönlich zu, wenn er die Franken bei ihren übermütigen Vorhaben beschützt. Das macht sie nach Aebischer „pas moins méprisables“ und stellt die zumindest ältere Forschung vor Fragen wie:
Quʼest ce que cette fille lubrique qui ne se révolte pas sous les coupables baisers dʼun aventurier inconnu? Quʼest-ce que ce père qui prostitue sa fille pour avoir le plaisir de couper le cou à ses hôtes? Quʼest-ce que ce Charlemagne qui assiste à ce spectacle infâme avec un air penaud et en tremblant uniquement pour sa peau? Quʼest-ce que enfin que ce Dieu, descendant du ciel pour consacrer une telle obscénité et sanctionner de tels crimes?30
Doch während die moralische Wertung und eine empörte Haltung solch fiktionalen Motiven gegenüber die Domäne der Forschung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist, soll hier gerade der vermeintlich amoralische Charakter der Szene in einen größeren Zusammenhang eingeordnet werden. Was wird mit dem adoleszenten Verhalten Olivers, eines Helden, dessen Tugenden und Fertigkeiten denen eines Rolands, der zentralen Heldengestalt im epischen Universum der chansons de gestechansons de geste, in Nichts nachstehen, demonstriert? Wie fügt sich seine Handlung in den Orient-Diskurs, der in dieser Episode in der Dualität zwischen dem latein-europäischen und dem peripheren und damit fremden orthodoxen Christentum konstruiert wird?
Vor der Folie eines weißen, heterosexuellen, männlichen Subjekts darf Olivers æuentyr als hegemoniale Machtausübung interpretiert werden. Während in der dänischen Version Oliver die Tochter des byzantinischen Kaisers heiratet – was sich in die religiöse Bearbeitungstendenz der Karl Magnus Krønike fügt –, zieht Oliver in der schwedischen Fassung ohne die junge Frau zurück ins Frankenreich, während sie sich in einer höfischen Manier von ihm verabschiedet:
Thu
goder høffdinge thu skalt thz wita
at iach skal aldre wider tik osemiæ
och thin goduili skal aldre aff minom
hwg ganga.31
Wie schon eingangs beschrieben, ist Karls Reise nach Konstantinopel zunächst durch das Rivalenmotiv, den Vergleich der beiden Kaiser Karl und HugoHugo von Konstantinopel, eingerahmt; auch die beiden zentralen Machtkonzepte werden in der Geschichte bereits am Anfang thematisiert: Die militärische Autorität Karls wird der auf Wohlstand basierten Herrschaft des byzantinischen Kaisers entgegengestellt. Dieser von Karls Ehefrau knapp formulierte Wohlstand „Rikare ær han til fææ æn thu est“ (KM, S. 2, 30) – er ist reicher als du – findet in der Palast-Szene eine deskriptive Ausführung, die gemeinsam mit der Alexanderdichtung sowie dem höfischen Roman Flores och BlanzeflorFlores och Blanzeflor als eine der wichtigsten Quellen zur Konstruktion des Orient-Bildes in der altschwedischen volkssprachigen Literatur gelten kann. Bereits die Ankunft in Konstantinopel und das Treffen mit dem Kaiser sind durch den Luxus-Topos markiert, der sich durch die gesamte Episode zieht:
Nw kom k:m k
Til mykla gardh / och hitte k. sithia
j yrtegard sinom Gardhen han war
alder aff gulle och sat k: a gull stole
enom och vnder gulfueno pelle.32
Diese Eröffnungsszene fügt sich zudem mit dem höfischen Verhalten Hugos („thy at han saa at han war høffuitzker man“33) und seiner Freigebigkeit („Ok taka tolkit aff gull och silff hans som han wilde“34) sowie der prächtig ausgestatteten Gefolgschaft („tolff hundrad riddara allæ bona mz gull och mz gullbonom pellum“35) zunächst in den Positivierungsdiskurs des Orients. Die leitmotivische Verwendung des Goldes ist nicht nur durch seinen Materialwert als das wertvollste aller Edelmetalle zu erklären, sondern auch durch dessen Symbolwert für die byzantinische Ästhetik der Kunst- und Sakralräume.36
Seine Kulmination findet der Orient-Diskurs in der bereits erwähnten Szene der Palastbeschreibung, deren Wurzeln zurück zu den antiken und keltischen Mythen reichen.37 Durch die Übertragung der Passage ins Altschwedische wurde den Rezipienten eine Teilhabe an diesem mythischen Wissen ermöglicht, denn sie behält, obgleich deutlich gekürzt, alle zentralen Elemente der altfranzösischen Darstellung bei:
Hallen som k: atte war innan gør vnder
likæ thakit war skriffuat mz alzskona
fægrind hon war sihwalff Och en stolpe
stod vnder hallene.38
Weiterhin wird über weitere einhundert Säulen aus Gold – „alle aff gull“ (KM, S. 14, 2) – berichtet, an deren Seiten „war barns liknilsse støpt aff ere / och hwar thera haffde eth horn j sinom munne“.39 Auch „alzskona liudh som fager waro“,40 welche durch die Windeinwirkung auf die hohlen Säulen und die Hörner in den Statuenhänden entstehen, werden hier beschrieben. Eine erste Reflexion Karls angesichts der wundersamen Gestaltung der Räumlichkeiten wird hier formuliert: „Och k: m: k:: vndradhæ ther pa och sannadhe tha hwa kona hans haffde sakt“41 In Angst und Schrecken werden die Franken versetzt, als starker Wind vom Meer aufkommt und den Palast zum Rotieren bringt:
Nw kom
wæder hwast aff haffueno och wende
hallenæ swa som myllno hws tha toko
hornnen at blæsæ / och loo hwart
aat andhro / thz thøkte them swa fagert
wara / som ther glædis sanger ware
All windøghon waro aff cristallo
k: m: k: vndradhæ och frankis
mæn matto ey a fotom standa Och
huxado for wist / at them ware for-
gerninga gør.42
Die Reaktion der Franken fällt hier lakonischer aus als in der altfranzösischen Überlieferung, in der die Demütigung der Franken stärker akzentuiert wird. Aber auch in der schwedischen Version muss erst HugoHugo von Konstantinopel hinzukommen, um die Franken zu beruhigen so dass zunächst die Überlegenheit des höfischen Macht- und Weltkonzepts an dieser Stelle sichtbar wird: „Sidhen kom keysaren in til thera och badh them ey rædhas“.43 Die Szene endet mit einem Festmahl, bei dem Karl und seine Recken an der Seite des Kaisers und seiner Tochter Platz nehmen.
Eine weitere kürzere Beschreibung des Schlafgemaches, in dem die Franken untergebracht sind, korrespondiert mit der Palastszene insofern, als sie die Pracht der Räume zusätzlich durch Einbindung der Edelsteine, u.a. Karfunkelsteine, unterstreicht:
Herbær-
ghit war alt skriffuat och sæt mz dyræ
stenæ och karbonkoli lysto ther / ther
waro tolff senger giordo alla aff ere
och thrættendhæ j midhio och allæ
forgyltæ. 44
Diese beiden Textstellen konstruieren nun einen Raum, welcher die Vision einer anderen, utopischen Welt bietet, konträr entgegengesetzt zum martialischen Universum der chansons de gestechansons de geste, das seine Existenzberechtigung aus der genozidalen Ästhetik des Schlachtfeldes schöpft. Als Gegenentwurf fungiert hier Konstantinopel, symbolisiert durch den rotierenden Palast, der gleichzeitig als liminoider Ort der Aushandlungen von ambivalenten Beziehungen zwischen dem östlichen und dem christlichen Christentum sowie der eigenen destabilisierten Identität wird. Doch auf welche Weise kommt diese Identitätssuche zum Ausdruck?
Anders als in der RoncesvallesRoncesvalles-Episode ist hier nicht die christliche Religion das entscheidende Differenzmerkmal zwischen dem Selbst und dem Anderen, sondern die Gesellschaftsform. Die Konfrontation zwischen der epischen und der höfischen Welt muss auf der narrativen Ebene anders ausgehandelt werden als die Auseinandersetzung der Religionen unter dem ideologischen Kreuzzugsdiktum. Diese Konfrontation ist zunächst als friedliche Begegnung zweier Kulturen, der fränkischen und der byzantinischen, maskiert. Dabei betreten die Helden des epischen Universums der chansons de gestechansons de geste die Welt des höfischen Romans, wie sie durch den Kaiser HugoHugo von Konstantinopel repräsentiert wird.45 In welcher Form werden aber diese Verhandlungen mit der eigenen destabilisierten Identität auf der narrativen Ebene ausgeführt? Die æuentyr der fränkischen Kämpen, die im Weinrausch erzählt werden, sind auf den ersten Blick bloßes Amüsement, Prahlereien einer angetrunkenen Männergemeinschaft. Sie beinhalten aber auch eine andere Ebene, auf der die Auseinandersetzung mit der fremden Kultur und mit der höfischen Welt von Konstantinopel auf ihre eigene Weise stattfindet. Während einige æuentyr der Demonstration des eigenen Geschicks oder außergewöhnlicher Kräfte dienen, zielen die anderen auf die Zerstörung des Palastes und der Stadt, Demütigung des Kaisers und somit auf den Untergang der Utopie durch die Franken ab. Die æuentyr, die Karl mit seinen Äußerungen „wi warom j aptons alle drukne“46 sowie „Och thz ær frankis manna sider at tala mangt tha the fara soffua badhæ wise och owise“47 rechtfertigen will, offenbaren eine Reflexion über die eigenen Sitten und Bräuche, somit auch über die eigene Identität. Entscheidend für die Konfrontation ist die destruktive Seite der æuentyr sowie die Tatsache, dass Kaiser Hugo diese richtig bewertet und zunächst als tiefe Undankbarkeit seiner Gastfreundschaft gegenüber empfindet, was im Text auf einer humoristischen Ebene verhandelt wird. Doch dass der byzantinische Kaiser Hugo, dessen Ruf als mächtigster Herrscher auf Erden den von Karl übersteigen könnte, offensichtlich nicht in der Lage sein soll, diese Situation richtig einzuschätzen, mutet vor der Folie der genannten Eigenschaften doch recht ungewöhnlich an. Viel eher suggeriert seine Reaktion tatsächlich, dass er die – humoristisch eingebettete – Bedrohung für seine Stadt und seine Welt durchaus erkennt und ernst nimmt. Das bereits thematisierte æuentyr Olivers ergänzt mit der klar artikulierten sexuellen Eroberung den Motivkomplex Erotik: Gewalt und Sexualität, die als Aneignung des Orients durch den männlichen, weißen, heterogenen Westeuropäer gelesen werden können.48 Obwohl diese narrative Entwicklung letztendlich die Gewaltkomponente zugunsten einer höfischen Konversation relativiert, so ist die sexuell konnotierte Dominanz Olivers über die Tochter des Kaisers offensichtlich – sie fügt sich in den prämodernen exotisierenden Orient-Diskurs und korreliert mit dem Konzept hegemonialer Männlichkeit.
6.5.2. Fazit: Transfer der Alteritätsbilder: Strategien und Funktionen
Welche Funktionen hat diese Passage im Hinblick auf das gesamte Kapitel, und kann man hier von einer Modifikation im Prozess der Übersetzung und Adaption sprechen? Die Antwort auf die letztere Frage muss hier negativ ausfallen. Auch in der altschwedischen Bearbeitung, die sich stark am Text der Ausgangskultur orientiert, fungiert der Palast als ein liminoider Ort, in dem die Aushandlungen zwischen zwei Identitäten stattfinden. Dass die Rezipienten des 15. Jahrhunderts in dieser Geschichte nicht die Konstruktion einer eigenen Identität wiederfinden, die in der Auseinandersetzung mit einem orientalisierten Anderen konstituiert wird, ist zunächst als Funktionsverlust infolge des Kulturtransfers durch Übertragung des Stoffes ins Altschwedische zu konstatieren. Gleichzeitig ermöglichte ebendiese Übertragung einem neuen Rezipientenkreis den Zugang zu einem europäischen kulturellen Gedächtnis, an dessen Gestaltung sie nicht aktiv partizipierten. Die Übersetzung des Karlsstoffes schaffte die Voraussetzung zur Teilhabe an diesem kulturellen Gedächtnis, da die eigene einheimische Literatur diese Funktion nicht erfüllen konnte. In diesem Sinne besitzt die Übersetzung innovatorisches Potenzial, um es mit der Terminologie der PolysystemtheoriePolysystemtheorie zu beschreiben, und ist daher stark am Text der Ausgangskultur orientiert.
Eine weitere wichtige Funktion dieser Jerusalem- und Konstantinopel-Episode liegt im Transfer von Diskursen, hier speziell im Transfer des Orient-Bildes ins altnordische Literatursystem, das nicht auf eigenen Erfahrungen basierte, sondern durch Vermittlung und Übersetzung in den Norden gelangte. Hiermit fungiert die Übersetzung als eine wichtige Quelle des Wissenstransfers. Dabei ist die narrativ aufgearbeitete, übersetzte und adaptierte Darstellung des orientalischen Anderen bzw. Fremden nicht das einzige Novum in der altostnordischen Literatur, genauso dürfte den altostnordischen Rezipienten die Begegnung mit der heldenepischen Welt der Franken des 11. Jahrhunderts unbekannt gewesen sein. Die Funktionen der Übersetzungen dieser Texte dienten also nicht nur der Vermittlung von Darstellungsmustern des Anderen bzw. Fremden, sondern vor allem des vermeintlich Eigenen bzw. Vertrauten. Hier wird Hybridisierung des Wissens als Folge des Kulturtransfers sichtbar.
Dass gerade die schwedischen Handschriften lediglich die beiden Episoden, die Schlacht von RoncesvallesRoncesvalles und Karls Pilgerreise, überliefern, mag quellenhistorische Gründe haben, die im Dunkeln liegen. Bemerkenswert ist dabei, dass es sich um zwei generisch völlig unterschiedliche Ausformungen der Gattung chansons de gestechansons de geste handelt, repräsentiert doch die Chanson de RolandRoland das am stärksten kanonisierte Gedicht der frankophonen Heldendichtung, während der Voyage de Charlemagne geradezu eine Parodie deren darstellt – oder als solche gelesen werden kann. Gemein ist den beiden Episoden nicht nur die zentrale Figur Karl der Große und seine zwölf Gefährten, sondern auch das thematische Motiv der fränkischen, westlich-christlichen Identitätskonstruktion durch Konfrontation mit dem Anderen und dem Fremden. Während im Rolandslied die Anderen, d.h. die Sarazenen, Heiden und Muslime, dämonisiert werden, was unter dem Diktum der Kreuzzugsideologie zunächst nichts Ungewöhnliches darstellt und im berühmten Ausruf Rolands „Paien unt tort e chrestiens unt dreit“1 kulminiert, erweist sich die Binarität zwischen Gut und Böse, Christen und Heiden hingegen als äußerst fragil, sind doch die Sarazenen hinsichtlich ihrer feudalen Gesellschaftsordnung einerseits und ihres Verhaltens auf dem Schlachtfeld andererseits als mirror images der fränkischen Krieger konstituiert. Die einzige Differenz, deren Aufrechterhaltung erst eine eigene Identität konstruieren kann, liegt in der Religion – die Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft wird hier zum entscheidenden Momentum. Durch Bekehrung wäre die Möglichkeit einer Differenz nicht mehr gegeben, so dass die Vernichtung die einzige Alternative bei der Suche nach der eigenen Identität zu sein scheint.
Konträr dazu kann die Begegnung ebenjener fränkischen Christen mit dem fremden ‚Orient‘ gelesen werden. In friedlicher Mission, als Pilger mit Stab statt Schwert, begegnet Karl dem Wohlstand und den Wundern von Byzanz, symbolisiert durch den Palast des Kaisers HugoHugo von Konstantinopel. Diese Welt ist als utopischer Gegenentwurf zum heldenepischen Kosmos konzipiert, obgleich die Religion an dieser Stelle keine Differenz, sondern eine Distanz markiert. Hier handelt es sich um die Erfahrung sozialer und kultureller Fremdheit, die das Unbekannte determinierte und vor Augen führte, dass AlteritätAlterität eine „fundamental relationale Kategorie“Alterität2 ist. „In der kulturellen Dimension steht das Fremde für das kognitiv wenig Bekannte“3 und dieses kognitiv Unbekannte, in diesem Falle die wundersame Welt des byzantinischen Kaisers, bewirkt eine Destabilisierung des Vertrauten. Während die heidnischen Anderen durch die Kategorie der Differenz zur kollektiven Identitätsfindung der Franken beitragen, um so das fränkische Eigene als Ergebnis kultureller Differenzierungsprozesse zu konstituieren,4 ist es in der Jerusalem- und Konstantinopel-Episode die Kategorie der Distanz, die zwar das christliche, aber kognitiv unbekannte Fremde kennzeichnet.
6.6. Exkurs: Weitere Aspekte der Alteritätsdarstellungen in den altschwedischen Handschriften
Die schwedischen SammelhandschriftenSammelhandschrift, deren Zusammenstellungen im Kapitel „Kontextualisierungen im Codex“ bereits näher erläutert wurden, enthalten neben Karl Magnus noch weitere Texte, die ein Interesse des Kompilators an orientalischen Themen erkennen lassen, so dass man hier von einem narrativen Kontinuum ausgehen kann. Dazu gehören u.a. Flores och Blanzaflor (Cod Holm. D4, Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4aCod. Holm. D4a, Cod. Holm. D3Cod. Holm. D3, AM 191 fol.AM 191 fol.) sowie Konung AlexanderKonung Alexander (Cod. Holm. D4, als Prosatext mit einer anderen Vorlage in AM 191 fol.), aber auch die Geschichtensammlung Sju vise mästareSju vise mästare (Cod. Holm. D4), der ein orientalischer Ursprung bescheinigt wird.1 Dabei repräsentieren diese Texte unterschiedliche literarische Traditionen, die nicht dem Kreuzzugsethos verpflichtet sind: Flores och BlanzeflorFlores och Blanzeflor, eine der drei EufemiavisorEufemiavisor, steht in der Tradition des roman courtois, des höfischen Romans, Konung Alexander gehört zu der Gattung der Antikenromane, während Sju vise mästare Übertragungen von Septem sapientes, einer Erzählungssammlung orientalischen Ursprungs, darstellen. Wie Massimiliano Bampi feststellt, sind drei der vier Texte, Konung Alexander, Flores och Blanzeflor sowie Sju vise mästare im Hinblick auf ihre Funktion, nämlich „the edifying purpose“,AM 191 fol.2 miteinander verknüpft. Thematisch werden die Texte durch ein gemeinsames Interesse an den Bildern und Darstellungen der Fremden verbunden. Anhand einer kursorischen Analyse der relevanten Passagen soll nun dargestellt werden, wie die Begegnung mit dem Fremden im Prozess der Übertragung gestaltet wird und ob man von einer Programmatik und Funktionalisierung orientalischer Topoi in den schwedischen Handschriften ausgehen kann.
6.6.1. Flores och Blanzeflor
Flores och BlanzeflorFlores och Blanzeflor,Flores och Blanzeflor1 die jüngste der drei EufemiavisorEufemiavisor, die im Auftrag der Königin Eufemia ins Altschwedische übertragen wurden, ist thematisch dem binären Schema Christentum/ Heidentum verpflichtet, was bereits zu Anfang thematisiert wird: „een hedhin konung foor mz brand, hæria oc ödha sancti jacobs land“.2 Auch die Bekehrung zum Christentum spielt im Versroman eine zentrale Rolle. Im Gegensatz zur RoncesvallesRoncesvalles-Episode wird die binäre Opposition christlich/ heidnisch narrativ in einem anderen Raum als dem Schlachtfeld präsentiert, nämlich in Form einer Liebesgeschichte zwischen den beiden Protagonisten Flores und Blanzeflor. Dabei ist die Geschichte der beiden jungen Liebenden von externen sozialen Barrieren geprägt: Um eine Mesalliance zwischen den beiden zu verhindern, verkaufen die Eltern des heidnischen Flores das christliche Mädchen Blanzeflor heimlich nach Babylon. Doch Flores folgt seiner Geliebten, um sie zu befreien und letztendlich sein Land zu bekehren.
Bedeutend für die Identitätskonstruktion der Hauptfiguren ist die bereits bei der Geburt bestehende virtuelle Ununterscheidbarkeit zwischen Flores und Blanzeflor: Sie kommen am gleichen Tag auf die Welt, erhalten verwandte Namen und wachsen unzertrennlich auf; auf ihre physische Ähnlichkeit wird im Text ebenfalls mehrfach hingewiesen:
iak thykkis ther a vara viis
blanzaflor hans syster ær
the æru swa liik tho the æru sær.3
Wie schon in der Schlacht von RoncesvallesRoncesvalles werden die christlichen und die heidnischen Figuren des Romans als mirror images präsentiert.Flores och Blanzeflor4 Dabei wird das ausschlaggebende Differenzierungsmerkmal von Flores, nämlich das Geschlecht, narrativ getilgt, wenn es in der Szene, in der ein Diener Emirs die beiden Liebenden in einem Bett schlafend vorfindet, heißt:
tha han them sofuande liggja sa
han thænkte, thz vare iomfrur twa
thy at han hafdhe ey skæg a sik
the vænasta iomfru tha var han lik.5
Als androgyner Heide ist Flores „a symbol of flawed order without differentiation“.6 Für seine Integration in die christliche, männlich-dominierte Weltordnung gilt es, sowohl das Feminine/ Androgyne als auch das Heidnische zu eliminieren. Auf der histoire-Ebene geschieht dies zum einen durch den Beischlaf mit Blanzeflor, zum anderen durch Floresʼ Bekehrung zum Christentum, die in der Christianisierung des gesamten Landes nach dem Tod seines Vaters Felix mündet:
han læt sik sidhan kristna ther
ok alt thz folk my honum ær7
bzw.
Sidhan loot han wt stæmpna
alt thz folk han hafdhe ouer æmpnæ;
bödh them vnder kristno ga,
hwa a moot sigher han skal dödhin fa.8
Das religiöse Kolorit der altschwedischen Adaption des Flores-Stoffes wird darüber hinaus durch den alternierenden Schluss des Romans hervorgehoben: In der französischen Version leben Floris und Blanchefleur nach der Christianisierung Spaniens glücklich bis an ihr Lebensende zusammen, während in der schwedischen Eufemiavisa der nun christliche König Flores „kirkior ok kloster“ (ebd., 2081‒ Kirchen und Klöster) bauen lässt, bevor er und Blanzaflor sich für den Lebensabend in klösterlichen Wänden entscheiden:
blanzaflor foor til fruor in
lifdhe sidhan ther gudhlika badha
gudh gaff them tha stora nadhæ.
the lifua mz digher ödhmiuwkt ther,
gudh siælfuer hafuer them swa kær;
han ænde væl thera iordherike
ok gaff them sidhan himerike.9
Die schwedische Bearbeitung lässt aus, dass Flores und Blanzeflor in der frankophonen Überlieferung als Eltern von Berta mit dem großen Fuß und demnach als Großeltern Karls des Großen ausgewiesen werden, was eine literarische Verknüpfung mit der Tradition der chansons de gestechansons de geste darstellt. Dass für den schwedischen Redaktor dieser genealogische Hinweis von keiner Relevanz war, lässt sich vermutlich auf die zum Zeitpunkt der Übersetzung von EufemiavisorEufemiavisor fehlende Rezeption der Karlsepik zurückführen.
Die Feststellung McCaffreys, „nowhere is the romance seriously intersted in pagan culture or the problems of inter-cultural romance“,10 hat zweifelsohne im Hinblick auf die schwedische Bearbeitung ihre Berechtigung: Floresʼ Glaube dient vor allem als „differentiating marker“,11 der durch die Integration in eine neue Ordnung annulliert wird. Dennoch enthält der Roman einige Beschreibungen babylonischer Wunder aus dem Repertoire der orientalischen/ orientalisierenden Topoi der mittelalterlichen kontinentaleuropäischen Narrativik, wie sie unter anderem in der Pilgerreise Karls nach Jerusalem und Konstantinopel sowie in den märchenhaften Orient-Utopien aus dem fiktiven Brief des Presbyters Johannes Epistola presbiteri Johannis12 zu finden sind. Die Wahrnehmung der imaginierten Welten ist dabei nicht von einem a priori dämonisierenden Diskurs gekennzeichnet, lässt zudem auch im erotischen und exotischen Überfluss Despotismus, sukzessive Polygamie und Bedrohung für die christlichen Protagonistinnen in der Manier der Märchensammlung 1001 Nacht erkennen.13 Folgende Schilderung der königlichen Praxis, die im Text bereits als vnderlik sidh bewertet wird, findet sich in Flores och BlanzeflorFlores och Blanzeflor:
konungin hafuer ok een vnderlik sidh,
som her hafuer varith langan riidh:
ena iomfru tagher han huart et aar,
hon ij sæng mz honum gaar.
tha thz aar ær komith om kring,
tha later han stæmpna almænt thing,
konunga ok hertugha som ther bo næra
skulu genast koma thære,
ok læter hona drepa swa,
at the skulu alle ther se a
thy at ther skall aldre ængin then man
the sama quinno fanga æpter han.14
Die Ausführungen über den Garten des Emirs lassen sich hingegen mit der Palastbeschreibung des Kaisers HugoHugo von Konstantinopel von Konstantinopel vergleichen, wenn durch die Windwirkung wundersame Klänge ertönen:
the vædher komber stötelik,
tha hafuer huart thera liwdh om sik.15
Weitere märchenhafte sowie enzyklopädische Attribute vervollständigen die ausführliche Darstellung des wundersamen Gartens. Im Fluss eufrates, einem der vier Flüsse, die dem Paradies entstammen, findet man u.a. Edelsteine:
ij thz vatnith rena
man finder dyra stena:
saphira ok robina,
ther skære æru ok finæ,
smaragda ok granata,
ther idher ær nw væl til mata,
sardinis ok iacinctus,
iaspis ok topacius,
adamas ok amatist,
borillus mz föghe list;
margha andra ma man ther fa,
ther thænne bok hon sigher ey fra.16
Zudem wachsen die Blumen dort „vinter, somar, höst ok vaar“ (ebd., 1103) – im Winter, Sommer, Herbst und Frühling –, was die Konklusion erlaubt, es sei der Garten Eden: „som man ware ij paradiis“ (FoB, S. 38, 1111 – als wäre man im, Paradies). Diese Vorstellung vom Paradies wird sofort durch Emirs sadistische Methode konterkariert, selektiert doch der Emir jährlich eine neue Frau:
tha konungin kona omskipta vil,
han kallar ther iomfrur alla til.
een bækkir rinder the kællo fra,
hans ström mz smaragda ga.
han kallar them huar andre fra
ok læter them ouer vatnith ga;
bidher thz ful innirlik,
vakta æn vatnith vnfærghar sik.
ær hon mö ouer vatnith gar
vatnith ij same færgho star,
ær hon ey mö ouer vatnith vodh
vatnith vardher som eet blodh.
the pröfuath vardher ij tholkith maal
hon vardher genast brænd ij baal.
vnder et træ tha skulu the sta;
the iomfru blomster faller a
hon skal drötning vara thz aar.17
Der exotische Orient wird hier zum Sinnbild eines gefährdeten irdischen Paradieses, das gefangenen Jungfrauen nichts als Unterwerfung, Leid und Tod bringt. Das wahre Paradies erreichen die beiden Liebenden nach Floresʼ Bewährung als liebender Held und Bekehrung zum Christentum, wenn Gott selbst „gaff them sidhan himerike“ (KM, S. 136, 2176) – ihnen das Himmelreich schenkte. Der Orient-Diskurs, der vor der Folie der einzig wahren, nämlich christlichen Weltordnung konstruiert wird, ist auch in der altschwedischen Adaption von solchen Topoi wie Erotik, Luxus und Exotik gekennzeichnet. Dabei wird auch der anfangs heidnische androgyne Protagonist Flores an die bestehende Ordnung assimiliert, im Zuge dessen seine Differenzierungsmerkmale, Glauben und Androgynität, eliminiert werden.
6.6.2. Konung Alexander
Konung AlexanderDie einzige Handschrift, welche die altschwedische Bearbeitung der lateinischen Historia de preliis Alexandri Magni enthält, ist Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4. Als „europäisches Modell der Auseinandersetzung mit dem Fremden“Alterität1 nimmt Alexander auch den altschwedischen Rezipienten in den mythischen Orient mit und lässt ihn an seiner textuell vermittelten Fremdheitserfahrung teilhaben. Sven-Bertil Jansson betrachtet in seiner Abhandlung zu Konung AlexanderKonung Alexander den Roman als „ett tidigt inhemskt utslag av en orientalistisk tanketradition“.Konung Alexander2 Obwohl die Gestalt Alexanders in der schwedischen Bearbeitung als den orientalischen Herrschern intellektuell und militärisch überlegen gezeichnet wird, ist seine Auseinandersetzung mit den fremden, wundersamen Welten nicht ausschließlich von militärischem Interesse geprägt – vor allem Alexanders Neugierde und sein Wissensdurst machen den Kontakt mit dem Fremden aus. Zugleich markieren jene fremden Welten für ihn die Grenzen der Menschheit und der Menschlichkeit. Demnach steht die Genese der Alteritätsdiskurse in Konung Alexander im Zeichen einer exotischen Raumerfahrung. Kursorisch soll hier die relevante Episode rekapituliert werden, um anschließend beurteilen zu können, ob der Bearbeiter während der Kompilation der Handschriften einem bestimmten kulturellen Muster bei der Wiedergabe orientalischer Topoi folgte.
Für die spezifisch altschwedische Konstruktion des Orients scheint die Episode um die Eroberung der Stadt und speziell der Burg des besiegten und geflohenen indischen Königs Porus (KoA, S. 150–153, 4555–4654) relevant.3 Wie auch schon Karl in der Konstantinopel-Episode in Karl Magnus ist Alexander der Große der bewundernde Zuschauer, wenn es um die Pracht des leuchtenden Palastes des indischen Königs Porus geht. Hier korrelieren die Beschreibungen der Paläste Porusʼ und Hugos des Starken in Bezug auf Säulen aus Gold.4
Die Palastwände sind besetzt „mz karbuncula ok amatist, smaragda mædher store list adamas ok margarite berilla godhe the skina hwite ok marghe andre stena flere“.5 Neben vielen Wundern, die Alexander dort zu sehen bekommt, erscheint hier auch wieder das Motiv der Automaten, in diesem Fall handelt es sich um einen goldenen Baum mit künstlichen Vögeln: „a hwario green ok hwariom qwist sat en foghil mz konstelik list“,6 die allesamt liebliche Töne von sich geben. Doch vor allem, wenn Porus sich an ihnen erfreuen oder seine Gäste beeindrucken will, lässt er sie durch die Windeinwirkung erklingen:
Tha Porus lyste wara gladh
æller han sina gæste til sik badh
tha lot han blæsa et mykit wædher
at all træn fyltos ther mædher.
[…]
ther mz fa the fughla thera röst
siwnga mz ful godhe tröst
hwar æpter sino eghno kön
mz sötom sang ok blidhom dön
swa som thera natura sigher
the siwnga alle ok ängin thigher. 7
Wie Brummack in Bezug auf das Motiv des Baumes mit singenden Vögeln anmerkt, hat es ähnliche Kunstwerke im frühen Mittelalter in Konstantinopel gegeben.8 Das Automaten-Motiv stellt darüber hinaus einen verbreiteten Topos der Beschreibungen orientalischer Kunstwerke dar,9 gerade für das Genre des Antikenromans. Vergleicht man jedoch die Schilderungen jenes Sonnenpalastes des byzantinischen Kaisers HugoHugo von Konstantinopel mit demjenigen des Porus, so sieht man hier leitmotivische Parallelen: In Karl Magnus werden hundert Säulen „alle aff gull“ (KM, S. 14, 2) sowie durch die Windeinwirkung erzeugten „alzskona liudh som fager waro“ (ebd., 8–9, allerlei schöne Laute) beschrieben, in Konung AlexanderKonung Alexander „thry hundrath stolpa all aff gull“ (KoA, S. 151, 4571 – drei Hundert Säulen aus Gold) sowie in Bezug auf artifizielle Vögel: „ther siwnga kunno söta thona“ (KoA, S. 152, 4610 – die süße Töne singen konnten) bzw. „mz sötom sang ok blidhom dön“ (ebd., 4626 – mit süßem Gesang und lieblichem Duft). Darüber hinaus korrelieren die beiden Episoden mit der Beschreibung des Gartens des Emirs in Flores och BlanzeflorFlores och Blanzeflor. Auch hier werden künstliche Vögel erwähnt, die durch Windeinwirkung Laute von sich geben: Die „foghla liknilse“ (FoB, S. 72, 1110) beginnen zu singen, wenn „the vædher komber støtelik, tha hafuer huart thera liwdh om sik“ (FoB, ebd., 72–73) – wenn der Wind plötzlich kommt, da bekommt jeder von ihnen eine Stimme. Diese artifiziellen Bauten dienen sowohl in Alexander als auch in Flores zur Unterhaltung und Erbauung der jeweiligen Herrscher:
Flores:
tha the then røstena høra fa
the lata thera grymhet falla
ok vordha genast blidhe allæ.10
Alexander:
the fylto thez hws mez sötan toon
sik frygdhadhe porus ij sin troon.11
Wie bereits erwähnt, gehören diese Texte verschiedenen literarischen Gattungen an, die Funktionen der Automaten, ob es sich nun um tönende Bäume mit artifiziellen Vögeln oder Kinderfiguren handelt, können als höfisch-repräsentativ bestimmt werden. Sie sind konstitutiv für die höfischen Zentren der Herrscher, die in den jeweiligen Texten als Feinde oder zumindest Rivalen dargestellt werden: HugoHugo von Konstantinopel der Starke in Karl, Emir von Babylonien in Flores, Porus in Alexander. Dabei unterstützen die Automatenbeschreibungen die deskriptiven Ausführungen der Pracht und des Wohlstandes, mit denen die Protagonisten Karl, Flores und Alexander konfrontiert werden, sie dokumentieren „als repräsentative Konstruktionen […] in erster Linie das sozialgesellschaftliche Renomee ihrer Besitzer“.12 Sie repräsentieren damit auch das Fremde, zuweilen das Dämonische oder das Exotische, das sich über die natürliche, das bedeutet, etwa in Karl Magnus, auch dezidiert christliche Schöpfung stellt. Die Automatendarstellungen als externe Markierungen des Fremden sind leitmotivisch in den hier beschriebenen Texten zu finden und begründen damit Orient-Diskurse in den Handschriften. Konung AlexanderKonung Alexander ist dabei eine der frühesten und umfangreichen Quellen in Bezug auf die literarische Vermittlung des Orient-Diskurses in der schwedischen Literatur.
7. Narrative Heldenkonstruktionen
Basierend auf der „strukturellen Amnesie“1 formatiert das heldenepische Universum die historischen Ereignisse, mythisiert und institutionalisiert das Erinnerungswürdige aus dem Fundus der Historie und produziert Helden als Repräsentanten eines Kollektivs, sich stets im Wertekonflikt zwischen Exemplarität und Individualität bewegend.2 Zweifellos ist die narrative Genese eines der größten Heroen des europäischen Mittelalters, Rolands, der Chanson de RolandRoland zu verdanken. Die inkonsistente Besetzung des auserwählten Zwölfer-Bundes rund um Karl, die auf verschiedene Überlieferungstraditionen zurückgeht, ermöglicht die narrative Verwurzelung einer für die skandinavische Literaturgeschichte besonders prominenten Heldenfigur, des späteren dänischen Nationalhelden HolgerHolger Danske Danske. Dabei geht seine Entwicklung zu ebenjenem dänischen nationalen Archetyp ausschließlich auf die literarischen Quellen, nämlich die übersetzte Karlsdichtung zurück, in denen er als ein assoziierter Held aus dem Kreise der Helden um Karl den Großen erscheint, denn in den historischen Werken, etwa Svend Aggesens Brevis Historia Regum Daniae oder Saxos Gesta Danorum, sucht man ihn vergebens.Holger Danske3
Auch Karl der Große erreichte die nördliche Hemisphäre auf literarischem Wege in Form der übersetzten Karlsdichtung. Losgelöst vom epischen Sagengedächtnis der Romania4 und nicht an das zyklische Potenzial der französischen Heldendichtung gebunden, erhielten die ostnordischen Übersetzer und Bearbeiter die Möglichkeit, das Bild Karls des Großen neu zu entwerfen, die diskursiv erzeugten Attribuierungen Karls als Krieger, als Christ oder Heiligen zu akzeptieren oder neu zu besetzen. Die Analyse der narrativen Identitätskonstruktionen des (vermeintlich) eigenen Helden HolgerHolger Danske Danske sowie des wirkungsmächtigen Frankenkaisers in den ostnordischen Bearbeitungen soll die Transmission der singulären Helden in den ostnordischen Raum beleuchten und deren Position und Funktion im literarischen System bestimmen.
7.1. Der (un-)dänische Held Holger Danske: literarische Quellen
Holger DanskeDie Figur des dänischen Nationalhelden1 gilt nach dem aktuellen Forschungsstand als ausschließlich literarisch generiert, die „réalité vivante“,2 die ihm von der dänischen Literatur- und Kulturgeschichte zugeschrieben wird, gehe auf jene anonymen Dichter des Mittelalters zurück, die Ogier Le Danois einen Platz in ihren Epen einräumten, aber auch jene, die die literarische Tradition fortgeführt haben, unter anderem B.S. Ingemann und H.C. Andersen. Die Versuche der älteren Forschung, die Figur Ogier le DanoisHolger Danske mit historisch verbürgten Personen zu identifizieren, so etwa mit dem Anführer der karolingischen Armee in Bayern, Audacar, der am historisch belegten Kriegszug gegen die Awaren im Jahre 788 an der vordersten Front kämpfte, vermögen nicht den Beinamen Le Danois und die somit zugeschriebene Zugehörigkeit zu Dänemark zu erklären.Holger Danske3
Eine der frühesten schriftlich belegten Erwähnungen des Names Ogier Le Danois (afr. Oger li Daneis) erfolgt in der Chanson de RolandRoland. Hier gehört Ogier nicht zum Kreis der Zwölf Verbündeten Karls des Großen, die ihr Leben bei der Schlacht von RoncesvallesRoncesvalles lassen, im Gegenteil: Als Anführer der Vorhut der karolingischen Armee entgeht Ogier der Katastrophe, was ihm eine literarische Karriere im post-roncesvallischen Zeitalter ermöglicht. Zwischen der Chanson de Roland und der um 1200–1220 von Raimbert de Paris verfassten Chevalerie d’Ogier, die den dänischen Helden in den Mittelpunkt stellt, gibt es eine Reihe von anderen Schriften, in denen Ogier in abgewandelter Form erscheint. Als Othgerius, allerdings ohne Beinamen, wird er in der lateinischen Schrift Conversio Othgerii militis (um 1080) erwähnt, in der er als einer der besten Ritter der karolingischen Armee sich ins Kloster Saint-Feron in Meaux zurückzieht. Im Voyage de Charlemagne (um 1150) begleitet Ogier Karl den Großen auf seiner vermeintlichen Pilgerfahrt nach Jerusalem und Konstantinopel. In der gab-Szene wird er als „li duc de Danemarche“ (PdC, S. 32, 519) eingeführt, spielt jedoch nur eine periphere Rolle, da sein Vorhaben nicht realisiert werden muss. Auch in den heldenepischen Gedichten Chanson d’Agolant (um 1150), in denen Ogier eine ganze Truppe Dänen im Krieg gegen Agolant anführt; in der Pseudo-Turpin ChronikPseudo-Turpin Chronik Historia Karoli Magni et Rotholandi (um 1150), deren Popularität durch etwa 139 Handschriften bezeugt wird, in Le Moniage Guillaume (um 1160) oder in der Chanson d’Aspremont (um 1188) wird der Däne erwähnt.
Diese periphere Rolle ändert sich mit der bereits erwähnten Chevalerie d’Ogier de Danemarche, deren erstes Kapitel, Les Enfances, in einer anderen Form schon vor der Entstehung der kompletten Chevalerie existiert haben kann und vermutlich erst später von Raimbert de Paris aufgegriffen wurde.4 Les Enfances berichtet über Ogiers Vater, den dänischen Herzog Gaufroit und seine Stiefmutter Belissent, womit das Rätsel um den Beinamen Le Danois literarisch aufgearbeitet wird, sowie über die Geiselhaft Ogiers am Hof Karls des Großen, während der zweite Teil der zyklisch angelegten Chevalerie bis zum Tod des Protagonisten reicht. Relevant ist im Hinblick auf die narrativen Funktionen der Heldenfigur Ogier seine Entwicklung innerhalb der Gattung von einem eher marginal auftretenden Helden aus dem Cycle du Roi, also einem an der Kreuzzugsthematik orientierten Typus der chansons de gestechansons de geste, zu einem atypischen Helden der Empörerepen, in denen Vasallitätskonflikte und deren kriegerische Bewältigung verhandelt werden.chansons de geste5
Ogiers Rolle in der Chevalerie wird von der Forschung kontrovers eingeschätzt. Die romanistische Forschung des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts scheut sich nicht vor Urteilen wie „Ogier est plus barbare, il est plus profondément Germain que la plupart de nos autres héros. Il n’a pas la raison d’Olivier, ni la grandeur de RolandRoland, ni la douceur de Renaud“,6 während Ernst Curtius im Epos nicht die Anzeichen von Primitivismus, sondern „von einer gesunkenen“ Kunst erkennt, die an die niederen Instinkte des Publikums appellieren, vor allem an „die Freude am Gräßlichen und Widerwärtigen“.7 Interessanterweise stellt Chevalerie d’Ogier die einzige chanson dar, in der Ogier Le Danois als ein Kontrahent Karls des Großen erscheint – denn auch in den später entstandenen heldenepischen Gedichten des 13. Jahrhunderts scheint sich die Tradition fortzusetzen, in der Ogier als treuer Vasall Karls fungiert.
Vor diesem Hintergrund der ambivalenten Positionierung des dänischen Helden ist Ogiers literarischer Weg zu seinem geographischen Ursprungsort umso signifikanter: In welcher Tradition lassen sich die ostnordischen, speziell dänischen Übersetzer verorten? Ob ein barbarischer, wenn auch heimischer Held im Kontext der Handschriften aus dem aristokratisch-höfischen (Schweden) bzw. klösterlichen Milieu (Dänemark) den ostnordischen Rezipienten nicht ebenso fremd erschien wie den romanistischen Forschern des 19. Jahrhunderts? Über die literarische Integration Ogiers Le Danois in die ostnordische Literatur und narrative Identitätskonstruktion eines Heros werden im Folgenden die relevanten Textstellen Auskunft geben.
7.1.2. Ogier Le Danois in der schwedischen Karlsdichtung
Die schwedische Überlieferung, bestehend aus den zwei Episoden, Karls Reise nach Jerusalem sowie der Schlacht von RoncesvallesRoncesvalles, lässt all jene Kapitel aus, die gerade Ogiers Rolle als Karls Vasall thematisieren. Die kurze Erwähnung Ogiers, in der schwedischen Bearbeitung Ødgers, offenbart aber seine Zugehörigkeit zum engsten Kreis der Gefährten Karls: In der Schlafgemach-Szene der Pilgerreise darf er sein æuentyr aussprechen, nämlich die Säule zu umfassen, auf der das Schloss steht, und diese zu zerstören. In der schwedischen Bearbeitung fehlt der Kommentar des Spions, der unter anderem die Wertung der Handlung als „Cist home est enragez!“Le Voyage de Charlemagne à Jerusalem et à Constantinople1 bzw. in der Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans als „þu ert örviti“Karlamagnús saga ok kappa hans2 kommuniziert. Diese Beurteilung, die zumindest die französische Tradition, in der Ogier als Barbar einen anderen Heldentypus als RolandRoland oder Olivier verkörpert, unterstützen würde, fehlt in Karl Magnus. Seine nordische Herkunft wird aber auch an dieser Stelle nicht weiter konkretisiert, während er in der französischen Version explizit als „li dux de Denemarche“ (PdC, S. 32, 519) betitelt wird. Die beiden erhaltenen Kapitel illustrieren die Inkonsistenz der Zugehörigkeit Ogiers zum Kreis der Zwölf Gefährten: Während die ersten Episoden ihn zumindest als einen der Karl am nächsten stehenden Ritter positionieren, verschweigt das Kapitel um die Schlacht von Roncesvalles eine solche Zugehörigkeit.
Wie kann die Abwesenheit eines nordischen Helden in der schwedischen Bearbeitung interpretiert werden? Dass die schwedische Karlsdichtung aus ebenjenen zwei Kapiteln besteht, in denen Ogier/ Ødger am wenigsten thematisiert wird, hat sicherlich vor allem überlieferungshistorische Gründe. Die Frage, warum alle vier schwedischen Handschriften lediglich zwei Branchen der umfangreichen Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans beinhalten, wird von der Forschung kaum mehr beantwortet werden können: Eine angenommene vollständige, jedoch verloren gegangene schwedische Übersetzung der Karlamagnús saga bleibt ein hypothetisches Konstrukt. Im Hinblick auf die Heldenfigur Ogier könnte seine Abwesenheit aber durchaus pragmatische Züge tragen: Zu Zeiten der Kalmarer UnionKalmarer Union, die von Konkurrenzverhältnissen in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht geprägt war, war es vermutlich nicht die Priorität der schwedischen Übersetzer/ Bearbeiter, einen dänischen Helden literarisch zu vermitteln und ihm einen größeren Raum als in der Vorlage einzuräumen – bedenkt man doch, dass in der einzigen Erwähnung Ogiers seine Herkunft nicht einmal thematisiert wird. Dass drei der vier schwedischen SammelhandschriftenSammelhandschrift im Auftrag der lokalen Aristokratenkreise angefertigt und von ebenjenen auch rezipiert wurden, unterstützt die Hypothese, dass eine dominantere Position Ogiers von Seiten des schwedischen Adels nicht erwünscht bzw. von keiner Relevanz war.
7.1.3. Wdger Danske in Dänemark
Holger DanskeDie stringente, aber doch umfangreiche Überlieferung der Karlsdichtung in Dänemark ermöglicht ein etwas differenzierteres Bild vom späteren Nationalhelden HolgerHolger Danske Danske, als es im benachbarten Land und damaligen Unionspartner Schweden der Fall ist. Wenn ein dänischer Held nun aus politischer oder ideologisch fundierter Motivation heraus keine zentrale Rolle in der schwedischen Bearbeitung zu spielen hatte, wäre es nicht nahe liegend, dass gerade die vergleichsweise späte dänische Übersetzung ihm diese einräumen würde? Welche Traditionslinien – die des treuen Vasallen oder die des barbarischen Empörers – vereinen sich in der dänischen Chronik und wie geht der mittelalterliche Bearbeiter/ Übersetzer mit dem Wissen um die literarische Herkunft Wdgers um? Die abschließende Frage ist die nach der Genese und Entwicklung des Nationalhelden in der dänischen Literaturgeschichte ausgehend von dem ersten literarischen Zeugnis – der Karl Magnus Krønike.
Die Episoden, die WdgerHolger Danske Danske als Helden erscheinen lassen, sind nicht konsistent zyklisch angelegt. Dennoch erfährt man im Verlaufe der Chronik von seiner Herkunft, der Geiselhaft an Karls Hof und seinen Taten, im letzten Kapitel der Chronik auch von seinem Tod. Welches Bild vermittelt die Chronik in Bezug auf einen vermeintlich einheimischen Helden, und welche Episoden erwiesen sich als besonders langlebig in literaturhistorischer Sicht?
Das zweite Kapitel der Chronik „Udger Danske og BurnemandBurnamanth“1 entspricht dem III. Þáttr der Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans „Aff Oddgeiri danski“, welcher wiederum nicht auf der ursprünglich komponierten chanson Les Enfances Ogier, sondern auf dem ersten Teil der später verfassten Chevalerie dʼOgier basiert. Bereits der erste Satz des Kapitels thematisiert Wdgers Herkunft: Sein Vater Jofrør, „fødder i danmark“ (KMK, S. 30, 13–14 – in Dänemark geboren ), gab Karl dem Großen seinen Sohn WdgerHolger Danske als Geisel, zu dem er „lydhen kærlegh“ (ebd., 16 – wenig Liebe) empfand. Nachdem Jofrør zudem eine Geisel vom Hofe Karls erhängen ließ, drohte Wdger zunächst dasselbe Schicksal, dem er sich mit folgender Erklärung ergeben wollte: „Wdger swaret ieg kann thet ickæ bætræ myn fader hauer lyden kærlighet tyll megh thet wolder myn steffmoder“.2 Nach dem Überfall des babylonischen Königs Amyrall auf Rom übergibt Karl Wdger drei Rittern, welche ihn am Galgen erhängen sollten. Diesmal entkommt Wdger dem Tod, indem er mit Herzog Neymis in den Kampf gegen die Heiden ziehen darf, und bedankt sich für die Ehre folgendermaßen: „Gud haue thes loff ath jeg mo met komme engen skall fræmærmere ware met syth swærd æn jeg mæn eth hoor, ær po myth howedh“.3 Wdgers Dankbarkeit gegenüber Karl dem Großen resultiert aus dessen Entscheidung, ihn trotz der Gräueltat seines Vaters am Leben zu lassen. Damit wird das hingebungsvolle Verhältnis Wdgers als Gefolgsmann begründet, der wenig Zuneigung von Seiten seines Vaters erfahren hat und zudem offensichtlich Opfer einer Intrige seiner Stiefmutter geworden ist.
In der darauffolgenden Schlacht kann sich WdgerHolger Danske behaupten: Er erschlägt Heiden, befreit christliche Kämpfer und rettet so Karls Armee vor dem Untergang. Entlohnt wird ihm seine Tapferkeit durch pathetische Worte vom Kaiser selbst: „Gud sy loffuet sade keyseren wdger haffuer holpet oss wel“4 sowie „Nw will jeg giffue tegh till alth thet tin fadher brødhet haffuer ok tag her en god hest och eth goth harnisk tw skallt føre myt banner i hwor wij ære i stryd“.5
Als Karls rechtmäßiger Gefolgsmann verkörpert WdgerHolger Danske den idealen Rittertypus: Er ist tapfer, loyal und schlagfertig. Sein tadelloses Verhalten wird gewürdigt, sowohl von Seiten Karls, etwa wenn er über Wdger sagt: „tølken rydder war icke i frankeryge“,6 als auch von Seiten der Heiden, die ihn gefangen halten: „thet ær skade ath han wyll ey bøge syn hals till then megtwgh mamenth so degelig man som han ær“.7 Neben seinen Fertigkeiten wird auch Dänemark als Herkunftsland und Wdgers isolierte Position in Karls Heer thematisiert, wenn Gloriant, die Verlobte des heidnischen Königs Caruel, zu ihrem Vater sagt:
wdger er en fwldage man giøren wel mod hannum han haffuer hwerken wenner eller frender ok ey medh keyseren han ær fød for norden (..) werden i danmark ok ær engen bædræ ryddere pa thenne sydene indieland.8
Leitmotivisch zieht sich die Thematik der Haft und des Todes durch Erhängen durch Wdgers Abenteuer: Wieder ist er Gefangener, diesmal am Hofe des heidnischen Königs Amyrall, dessen Männer für WdgerHolger Danske „ressæ en høgen galyæ“ (KMK, S. 54, 9 – einen hohen Galgen errichten). Auch diesmal entkommt Wdger dem Tod am Galgen durch eine günstige Gelegenheit, sich im Kampf zu bewähren – diese Episode des Kampfes gegen den König BurnamanthBurnamanth ist für die literarische Entwicklung Wdgers/ Holgers von besonderer Bedeutung und soll hier daher auf mögliche Komponenten, die für die Konstruktion der postchronikalischen Heldenfigur Holger Danske relevant gewesen sein werden, untersucht werden.
7.1.3.1. Wdger Danske und Burnamanth
Holger DanskeBurnamanthDie Stringenz, die die gesamte Chronik auszeichnet, betrifft auch dieses Kapitel des Kampfes Wdgers gegen den heidnischen König BurnamanthBurnamanth. Aufschlussreich ist indessen die motivische Vielfalt, die diese Episode gekennzeichnet. Die Ausgangssituation des Kampfes wurde bereits angerissen: WdgerHolger Danske Danske ist am Hofe des heidnischen Königs Amyrall gefangen. Sowohl dessen Tochter Gloriant als auch ihr Verlobter, der ebenfalls heidnische König Caruel, erkennen an, dass Wdger nur durch List in Gefangenschaft geraten ist, und bitten Amyrall, Wdger frei zu lassen. Als Reaktion auf dessen Ablehnung begibt sich Caruel freiwillig als Geisel an den Hof Karls des Großen, während Gloriant den tapferen Wdger unterstützt. Währenddessen wird der Riese Burnamanth für einen erfolgreichen Zug gegen Karls Armee Gloriant als Preis in Aussicht gestellt. Die Rettung der heidnischen Königstochter durch Wdgers Kampf gegen den Riesen ist der Ausgangspunkt für die spätere dänische Rezeption der Chronik in der Volkstradition.
Von Caruel mit der besten Rüstung versorgt, soll WdgerHolger Danske auf einer Insel gegen BurnamanthBurnamanth antreten. Hier erscheint das in der altwestnordischen Literatur verbreitete Motiv der hólmganga, des Holmgangs, einem auf einer Insel ausgetragenen Zweikampfes.1 Auch wenn der Begriff nur in altwestnordischen Quellen vorkommt, dürfte das Konzept eines geregelten Zweikampfes auch den altostnordischen Rezipienten bekannt gewesen sein, thematisiert doch das als Hednalagen bekannte altschwedische Gesetzesfragment aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts diese Praktik.2
Während Wdgers Tapferkeit und Vollkommenheit im Text bereits mehrfach ausgewiesen wurden, wird BurnamanthBurnamanth im Gegenzug dämonisiert: Sein Leben lang „hadde han waretth i krygh ok orloff“,3 sein Essen „skulle blandhes met blodh“,4 er hatte „øghen som en katth ok sogh bæther om natthen en vm dagen“.5 Eine Parallele zieht der Übersetzer zu Burnamanths Wesen, wenn es heißt: „wore han her i landhet tha wore han lyger en troll“.6 Diese Anmerkung ist eine der wenigen Stellen, an denen der Übersetzer in seiner erklärenden Funktion in Erscheinung tritt und die Zielkultur, target culture, als „her i landhet“ definiert, um durch das assoziative Bild eines Trolls die unheimliche Figur Burnamanths dem Rezipienten näher zu bringen.
7.1.3.2. Edelstein-Allegorese
Ein überaus aufschlussreicher Fachdiskurs entfaltet sich bei der Übergabe der Rüstung durch Caruel an WdgerHolger Danske: Er bekommt von Gloriants Verlobten die beste Brünne, die es im gesamten Heer gab, sowie den besten Helm der gesamten „hedhen skabæth“ (KMK, S. 66, 7 – Heidenschaft). Die kurzgefassten deskriptiven Ausführungen dazu bilden einen Fachdiskurs zur klassischen Edelstein-Allegorese, die bereits seit der Antike in den literarischen Texten Anwendung findet. Dabei werden den Edelsteinen und anderen Naturalien besondere symbolische Kräfte und apotropäische Wirkungen, die sich vor allem auf die Abwehr von unmittelbaren Gefährdungen aus dem Bereich des Dämonischen und Magischen richten, zugeschrieben.1 In der Chronik finden sich insgesamt fünf Edelstein-Allegoresen, die dem dänischen Rezipienten durch andere literarische Texte bekannt gewesen sein dürften, werden doch alle fünf Steine in Henrik Harpestrengs Steinbuch klassifiziert und detailliert beschrieben.2 Die dort behandelten Steine und die ihnen zugeschriebenen Kräfte entsprechen dabei in etwa den Beschreibungen der Chronik:
| Karl Magnus Krønike 3 | Harpestrengs Stenbog 4 |
| Adamas: Schutz vor Armut, Härte j hielmen sath en dyr steen som adamas hether Ok hadde so dan nattur ath hwylken hannum bar war aldrig fattigh han war swa hord ath enthet sward bedh pa hannum wthen han worder smordh met bockæ blodh.5 | ADamas hedhær en steen thær hittess a yderstæ indiæ landh. Thæn sten ær framerst i tall dygtælige stene Han ær at siwn fagher sosom cristalle / oc lygh at lyt sligdh iern Æn maan funne hannum ickæ støræ æn een heslæ nyth han ær toch mectugh / at iern moa hannum icke skadhæ / ock ey synderhugge wten han wordær lagt innen heth buckeblodh.6 |
| Karfunkel: Lichtquelle i hielmen satth ok en steen som carbunculus hett han liwsdæ om natten som etth liws.7 | Carbunculus ær fagher ywer alle naturlige stene liouest at haue / oc dyresth at verthæ Han hauer naffn af gull forti at han hauer lyt ligh loghendæ gløth oc lictær j hannum brennende gisle […] Han ær soa fager at dagens lyuss mo hannum ey fagher gøræ / oc myrc moa hannum ey hyndre mæn han siwnes noget soa fægræ om myrc nath æn om lyus dag.8 |
| Kristall: Lichtquelle, Schein i hielmen sath en sten som heth crisstallus ok gaff meget skyn aff segh om han wordher i guld satther.9 | MAnge actende mææn hygge at cristallus vorter aff thæn iis thær man ge wintere ligger vsmelth Æn somme mælæ thær igeen och sighæ ath han hittess innen manninge the stadhæ thær iis kommer ey j thæn thær lenge ligger Thoch hwarm at thæt ær twiuelict huar aff han wordær tha ær thæt vten twiuell At han hauer fagher nature Fforti. ath dyppær man hannum j vatn / oc holdær hannum vp vti solgisle tha dryper brennendiss eldh af hannum jnnen tunder eller annet thær men taghe eld mæt Thochwarm thæt han ær selff caldære æn iis thær han ær ey nær solgislæ / Vordær han ok malen oc tempræt mæt hunugh oc giuen barn foster ath ædhe tha fange the me gel melck /10 |
| Galicia (haglsten): Hitzebeständigkeit ther sat ok en sten som galicia heder han hetnær aldrigh ær tho athan loge i en brennende eld.11 | Gelacia / ær sligh same ænse hagell Han hauer soa koldhe nature thæt engen eld gytær hannum hetgiort / Han ær / ok soa hord thæt engen man gydær hannum søndærbrodet.12 |
| Aboster: Kältebeständigkeit ther sath ok en steen i som aboster hedher han kolnær aldrig.13 | Af arabia kommer abeston Han hauer thæn naturæ thæt han brenner iafnlic Soa thæt man foor hannum icke slot vorter han et sin j eld lagth.14 |
Tab. 6:
Edelsteinbeschreibungen in der Karl Magnus Krønike und in Harpestrengs Stenbog
Diese detaillierte Gegenüberstellung der Edelstein-Allegoresen verdeutlicht das Ineinandergreifen der Diskurse in verschiedenen Gattungen der mittelalterlichen Literatur, die Autoren/ Bearbeiter der fiktionalen Texte konnten ihre Vorlagen aus dem Fundus der Fachprosa ergänzen, während die Fachprosa-Autoren sicherlich auch auf literarische, d.h. fiktionale Gattungen zurückgriffen. Eine Parallele zur Edelstein-Allegorese der Karl Magnus Krønike bildet das oneiromantische Werk Somniale Danielis,Somniale Danielis das in der schwedischen SammelhandschriftSammelhandschrift Cod. Holm. D4Cod. Holm. D4 überliefert ist und zur Deutung der Traumerscheinungen Karls in den heldenepischen Texten herangezogen werden kann.
Die Funktion der Edelsteine in der Kampfszene zwischen WdgerHolger Danske und BurnamanthBurnamanth ist eindeutig: Während die Kräfte des heidnischen Königs, der sein Essen mit Blut vermischt, dämonischen Ursprungs sind, besitzen die Edelsteine apotropäische Wirkungen. Dabei sind sie nicht religiöse, magische oder kultische Gegenstände, sondern erfahren nach ihren Beschaffungen eine rational nachvollziehbare, an Regeln orientierte Exegese.15
Dem düsteren, irrationalen Potenzial Burnamanths werden Naturgegenstände mit Unheil abwehrenden Kräften gegenübergestellt. Hier sei ein kurzer Blick auf die altwestnordische Karlamagnús sagaKarlamagnús saga ok kappa hans erlaubt: Obwohl die altdänische Überlieferung an vielen Stellen von Auslassungen und Omissionen gekennzeichnet ist, erscheint die Aufzählung der Edelsteine und ihrer Eigenschaften ausschließlich in der dänischen Bearbeitung, während die Saga zwar von einem Helm berichtet, der von Edelsteinen besetzt ist, ihre Eigenschaften jedoch nicht exemplifiziert: „en síðan setti hann hjálm á höfuð honum allan [settan gimsteinum]“ bzw. „gyldan ok viða gimsteinum settan“.16
7.1.3.3. Curtana – im Drachenblut gehärtet
Die symbolischen Sinnträger im Kampf gegen das Böse sind mit der Benennung der fünf Edelsteine und deren Eigenschaften nicht erschöpft: WdgerHolger Danske erhält von Caruel ein Schwert namens Curthen – in der Forschung unter dem Namen Curtana bekannt. Mit diesem Schwert habe er, Caruel, dreißig Könige besiegt, gehärtet wurde es im Blut eines Lindwurms, der „basyliskus“ (KMK, S. 66, 120) heißt, und drei Jahre lang lag es unter einem Flugdrachen auf dem Gold, darum leuchtet das Schwert nun wie Gold. Das Schwert, dessen Provenienz in der Episode beiläufig erklärt wird,Karlamagnús saga ok kappa hans1 reiht sich jedoch in die lange literarische, romanische wie germanische, Tradition der mythologischen Schwerter, deren Identität, durch Namen personifiziert, mit dem Schicksal ihrer Besitzer verwoben zu sein scheint. Aus der französischen Heldenepik kennt man das Schwert Durendal, Rolands Wegbegleiter bis in den Tod, an das er seine letzten Worte richtet. Karl der Große hat ebenfalls ein legendäres Schwert namens Joyeuse – die Freudvolle, dessen Name mit dem Schlachtruf Karls „Munjoie!“ onomatopoetisch übereinstimmt.Þiðreks saga af Bern2 Dabei besitzt jedes literarisch prominente Schwert eine eigene Biographie, die häufig an einen mythischen Ursprung sowie an den Lebenszyklus seines Besitzers gekoppelt ist. Der aus der Ethnologie entlehnte biographische Ansatz in Bezug auf materielle Objekte, entwickelt von Igor Kopytoff, hilft dabei, die Gegenstände als Schnittstellen zwischen Traditionen zu begreifen. Kopytoff spricht von der kulturellen Biographie der Dinge: Die Artefakte werden in ihrer Biographie als kulturell konstituierte Einheiten betrachtet, die klassifiziert und re-klassifiziert werden und deren Relevanz dementsprechend variiert.3 Wichtig ist in diesem Zusammenhang die aus dem biographischen Ansatz heraus entwickelte These, „that [n]ot only do objects change through their existence, but they often have the capability of accumulating histories, so that the present significance of an object derives from the persons and events to which it is connected“.4 Überträgt man den biographischen Ansatz der Artefakte auf materielle Objekte, deren historische Provenienz nicht belegt oder umstritten ist, deren literarische Biographie aber umso greifbarer ist, so wird hier die Fähigkeit des Gegenstandes zur Akkumulation von Geschichten, Wissen und Mythen offensichtlich. Sagenumwobene Gegenstände der Artusepik wie der Heilige Gral oder das Schwert Excalibur eignen sich als literarische Zeugen materieller Objekte, deren kulturelle Signifikanz an die Personen und Ereignisse, die sie verbinden, geknüpft ist.
Wie ist jedoch die kulturelle Biographie des Schwertes von WdgerHolger Danske Danske konstituiert? Wie auch in den zyklisch, d.h. von der Geburt bis zum Tod eines Helden orientierten Epen wird zunächst der nebulöse, mythische Ursprung des Schwertes (Blut des Lindwurms Basilisk), sein Einsatz in erfolgreichen Schlachten und zuletzt seine Übergabe an den christlichen Ritter Wdger dargestellt. Hiermit wird die Funktion des Schwertes als eines prestigeträchtigen Objektes, das sich als Gabe an auserwählte Personen in besonderen symbolischen Situationen bestens eignete, vollkommen erfüllt. Die Krønike repräsentiert dabei eine Phase – sozusagen einen Zyklus – in der Biographie des Schwertes Curtana durch die Anbindung an den dänischen Ritter. Obwohl das Schicksal des Schwertes in der Krønike nicht weiterverfolgt wird, erscheint es in einem weiteren Sagenkreis, nämlich in der Artusepik: Im altfranzösischen Prosa-Tristan, einer um 1230 entstandenen Prosa-Bearbeitung des Tristanstoffes, ist es Tristan selbst, der als Vorbesitzers des Schwertes fungiert.5 Dabei informiert die Inschrift auf dem Schwert, es sei aus dem gleichen Eisen geschmiedet worden wie die bereits erwähnten Schwerter der Chanson de RolandRoland, Karls Joyeuse und Rolands Durendal. Damit illustriert das Schwert von Ogier/ Wdger als literarisches Artefakt die „capability of accumulating histories“6 – oder sogar accumulating heroes.
Sicherlich ist der Besitz eines dem Durendal und der Joyeuse ebenbürtigen Schwertes ein Statusmarker für den Besitzer – nicht nur verbal wird WdgerHolger Danske als einer der besten aus Karls Gefolgschaft gepriesen, auch seine Waffe als Statussymbol bezeugt seine heroische Signifikanz, die ihn in die Nähe Rolands und gar Karls selbst rückt. Diese Signifikanz wird in der Krønike jedoch an keiner Stelle sichtbar: Nirgendwo finden sich Verweise auf Tristan als Vorbesitzer des Schwertes. Der Grund dafür ist vermutlich die ausgebliebene Artustradition in der altostnordischen Literatur. Während das westnordische Literatursystem einige Bearbeitungen/ Übersetzungen der Artusepik vorweisen kann, beschränkt sich deren Rezeption im Osten auf Herr IvanHerr Ivan, eine Eufemiavisa mit der französischen Vorlage Chevalier au lion. Dass der Prosa-Tristan Ostskandinavien erreicht und literarisch beeinflusst hat, lässt sich hingegen nirgendwo konstatieren.
Das Schwert Curtana besitzt eine eigene kulturelle Biographie in der altdänischen Chronik; dort erhält es einen eigenen Ursprungmythos, der in dieser Form in keiner literarischen Tradition vorzufinden ist. Als festes heroisches Attribut begleitet Curtana den dänischen Helden jedoch durchgehend durch die europäische Überlieferung der chansons de gestechansons de geste wie des Tristan-Stoffes.Holger Danske7
7.1.3.4. Wdger und Burnamanth – Kommunikation und Kampf
Ausgestattet mit dem mythischen Schwert Curtana und dem edelsteinbesetzten Helm bestreitet WdgerHolger Danske den Kampf gegen den Riesen BurnamanthBurnamanth. Dabei handelt es sich um eine Episode, deren Rezeption sich sowohl durch die später entstandenen dänischen Balladen als auch durch Kirchenmalereien in der Floda-Kirche in Södermanland bezeugen lässt.
Wie schon andere Zweikampf-Episoden folgt die Szene stereotypen Kampfschilderungen: Der im wörtlichen Sinne strahlende Held begibt sich auf die Insel in den Kampf gegen den dämonischen Riesen, einem Stern am Himmel gleichend: „som en stiernæ flyger pa hymmelen So liwstæ the dyræ stene som i hans hielm sadhæ“.1 Die Kampfhandlung wird immer wieder durch kurze Dialoge strukturiert, deren Funktionen unter anderem in der Möglichkeit der unmittelbaren Charakterisierung der Figuren besteht: Durch den Einsatz der direkten Rede erhalten die Figuren, hier WdgerHolger Danske und BurnamanthBurnamanth, die Gelegenheit zur Selbstdarstellung und Bekanntgabe ihrer Gesinnung. In einem für die Gattung der chansonschansons de geste üblichen Kampf zwischen Christen und Heiden verwundert es nicht, dass die Figurenreden der christlichen Kontrahenten, wie im Falle von Wdger, häufig dem religiösen Duktus verpflichtet sind. Neben der Charakterisierung der Figuren kann die Strukturierung des Kampfes als eine weitere Funktion von Dialogsequenzen aufgeführt werden. Der Kampf zwischen Wdger und Burnamanth kann in drei Handlungsakte eingeteilt werden, wobei jeder Kampfakt mit einer Redesequenz eingeführt wird: Das einleitende Gespräch wird von Burnamanth initiiert und eröffnet ihm die symbolische Möglichkeit, vom Kampf zurückzutreten, worum die Königstochter Gloriant den Riesen gebeten hatte. Dass diese Möglichkeit nicht realisiert wird, liegt im der narrativen Szene eingeschriebenen Muster. Es widerspräche der Logik der heldenepischen Sinnbildung, wenn Wdger als christlicher Held und Karls Vasall den Kampf nicht ausföchte:
BurnamanthBurnamanth: „legh aff tyth harnisk ok giff tegh fongen jeg loffuede k datter ath jegh skulle icke dræbæ teg“
WdgerHolger Danske: „gud lønæ hennetth ath hwn bad for meg tw mott well giøre for hennes skyld hwat tw willth tog wille wij noget fræstæ aff worth howerk“.2
Während die Kampfszenen formelhaft geschildert werden („glawenen broste bode sønder“ – der Speer brach auseinander, „høggis suarlege“ – sie kämpften hart etc.), fungiert die direkte Rede Burnamanths als Mittel zur Charakterisierung Wdgers als vollkommener Kämpfer. Seine Wertschätzung artikuliert BurnamanthBurnamanth nach dem ersten Kampfakt folgendermaßen: „Jeg will nw syge thet santh ær jeg haffuer engen fwnnet tin lyghae“,3 während er in der zweiten Kampfhandlung vom Schwert Curtana verwundet wird und es verflucht – gleichzeitig die Singularität Wdgers bzw. seines Schwertes konstatierend: „forbannet wordhæ titth swærd jegh wordh aldrigh sor aff noger rydder før“.4
Eine für die Heldendichtung klassische Form nimmt der Wortwechsel zwischen den beiden während der nächsten Ruhepause ein, nämlich in der Frage nach der Herkunft Wdgers. Diese Frage entspricht einem rituellen dialogischen Handlungsplan des sog. ritterlichen Kampfgesprächs,5 das nach Marcel Bax in einem Dialogertrag, v.a. in der Herausforderung zum physischen Kampf endet. Auch wenn der physische Kampf zwischen den Kontrahenten schon im Gange ist, so verleitet Wdgers provokante Antwort, die eher als Beleidigung denn als Information interpretiert werden kann, unmittelbar zur Fortsetzung des Kampfes. Damit folgen die Frage nach der Herkunft und der daraus resultierende Dialogertrag, nämlich die Aufforderung zum Kampf, dem idealtypischen Muster des zweckbestimmten Dialogs, in diesem Falle des ritterlichen Streit- oder Kampfgesprächs.6 Die Antwort Wdgers entspricht dem rituellen dialogischen Schema und fällt folgendermaßen aus:
BurnamanthBurnamanth: „aff hwath slæght estu kommen eller hwor æstu fødder“
WdgerHolger Danske: „ther som jegh ær fødh kunne the engen troldom ok icke ædhe the rooth kødh ok dricke blodh ther stridde met rydderskab ok ey met trolldom som tw giør, willtw wijde myth slægh hwerken ær jek k. eller hertugh søn, en om tw wordher ath spwrdh tha tw kommer till heluede who teg tyth sendhæ tha sygh ath wdger danske giørde thet“.7
Diese Antwort, die in direkter Rede Wdgers erscheint, darf sicherlich als provocatio gewertet werden. Sie liefert kein faktisches Wissen auf die Frage Burnamanths über sein Herkunftsland Dänemark, obwohl der Børglumer Schreiber hier durchaus die Möglichkeit gehabt hätte, geographische und kulturelle Besonderheiten Dänemarks niederzuschreiben oder auf politische und historische Details hinzuweisen. Wdgers Geschlecht, beispielsweise sein Vater Jofrør, wird ebenfalls nicht erwähnt. Was man hingegen erfährt, ist, dass man in Dänemark keine Zauberei („troldom“) kennt, kein rohes Fleisch isst und kein Blut trinkt, man kämpft nicht mit troldom – wie BurnamanthBurnamanth es tue. Dafür schicke er, WdgerHolger Danske, Burnamanth direkt in die Hölle. Dass die Konsequenz einer derartigen Äußerung, der Dialogertrag, eine erneute Kampfhandlung nach sich zieht, fügt sich in das oben beschriebene Schema des ritterlichen Streitgesprächs. Im Rahmen des Zweikampfes ist es nicht verwunderlich, dass Burnamanth ob der Beleidigung zornig wird und Wdger um Gloriants willen nicht weiter schonen will: „Jeg will teg icke lenger skone for k dotter skyld thy tw haffuer tegh sielffuer for brøth tw haffuer fortalet myn gud“.8
Im Verlauf der letzten Kampfsequenz wird ebenfalls ersichtlich, dass BurnamanthBurnamanth diese Antwort als äußerst kränkend auffasst, denn er nimmt anschließend Bezug darauf: Als er Wdgers edelsteinbesetzten Helm spaltet und ihn am Kopf verletzt, richtet er folgende Worte an den Dänen: „thet skalltw haffue for thin store ordh Jech seer tw kanth so well dricke blodh som iegh“.9 Da es sich vermutlich um Wdgers eigenes Blut, das ihm über das Gesicht läuft, handelt, erscheint Burnamanths Ansage als eine düster-karikatureske Bestätigung seiner eigenen, ihm zunächst nur von WdgerHolger Danske zugeschriebenen Identität: Er trinke tatsächlich Blut, aber Wdger ebenso – wenn auch sein eigenes. Der darauffolgende Schlag Wdgers führt zum letalen Ende Burnamanths, die kampfästhetischen Details werden dem Rezipienten an dieser Stelle nicht verschwiegen:
Sydhen hiøgh han till burnemant ok ragede hannum pa axælæn ok i gømmen brystet ok kloff sydhen næddher att ok alt kødhet aff wdhen pa lareth ok swaerdhet stodh i iorden.10
Anschließend wird Burnamanths Kopf am Sattel befestigt, womit WdgerHolger Danske seines Weges reitet. Für seinen Einsatz wird ihm von Gloriant und Caruel gedankt und der König Amyrall, der Wdger zuvor in Gefangenschaft gehalten hatte, entschließt sich beim Anblick des abgeschlagenen Kopfes von BurnamanthBurnamanth, seine Zelte abzubrechen und wieder nach Babylonien zurückzukehren. Wdger wird für seinen Mut mit vielen Gaben und Kostbarkeiten entlohnt und darf zusammen mit Caruel an den Hof Karls des Großen zurückkehren. Hier wird das Bild des Helden vollkommen, denn der Papst und Kardinäle empfangen Wdger bei seiner Rückkehr. Das Kapitel schließt mit einem gescheiterten Versuch der Bekehrung Caruels zum Christentum, was dieser dankbar ablehnt, trotz der Einsicht, das Christentum sei heiliger als seine Religion.
Der siegreiche Kampf gegen BurnamanthBurnamanth mit dem darauffolgenden glanzvollen Empfang durch den Kaiser Karl, den Papst und die Kardinäle ist nicht das Ende der WdgerHolger Danske-Geschichte in der Krønike. Eine kurze, auf den ersten Blick lose an das vorhergehende Kapitel angereihte Episode berichtet von der Entführung Gloriants, die zu befreien und zu rächen Caruel, Wdger und Karlot sich vornehmen. In dem recht lakonisch geschilderten Kampf wird Wdger in der klassischen Szenerie geschildert: Auf seinem Pferd Bursanth sitzend, mit bis zu den Achseln mit Blut beschmierten Armen, besiegt er seinen heidnischen Gegner, nicht ohne zuvor sein Schwert zu adressieren: „thw æst icke so god som meg ær sagd, eller jeg hiøg icke fast till“.11 Nach dieser Ansprache spaltet er erfolgreich den Gegner, die Dame wird befreit und mit Caruel verheiratet. Von den beiden stammt ein mächtiges Geschlecht ab.
In einer Reihe weiterer Episoden kommt WdgerHolger Danske im Dienste des fränkischen Kaisers Karl sowie der gesamten Christenheit zum Einsatz. Stets ist sein Handeln mutig und besonnen. Gerade in der Episode „Kampen i Spania med Kong AngulandoAngulando“, der die Handlung der Chanson d’Aspremont zugrunde liegt, wird Rolands Jugend und seine Initiation in den christlichen und kaiserlichen Dienst porträtiert, Wdger hingegen fungiert als Rolands Beschützer. Karl der Große persönlich bittet ihn, ein wachsames Auge auf den jungen Helden RolandRoland zu werfen: „ok keysæræn hade bedhet hannum ware po roland“.12
Obwohl die häufig stereotyp formulierte Tapferkeit in den heldenepischen Narrativen schwer zu bemessen ist, steht WdgerHolger Danske RolandRoland hier in Nichts nach: Beim Einzug in den Kampf wird nicht gezögert, Brünnen, Oberschenkel und Pferde werden gespalten, blutig bis zu den Achseln sind beide Helden nach solchen Schlachten. Im Gegensatz zu Roland fehlt dem Dänen jedoch jegliche Exorbitanz. Rolands démesure, die Hand in Hand mit seiner Tapferkeit einhergeht und seinen Status als ambivalenter Heldg gleichermaßen begründet wie hinterfragt, ist Wdger völlig fremd. Wdgers Äußerungen sind stets klug und besonnen, mitnichten aber feige. Dass Wdger der Kampferprobtere von den beiden ist, wird durch direkte Personenrede unterstrichen, so heißt es im Kampf „Jeg ser hor roland ok wdger danske the ære wdger ær mannelegh ok ouerda[d]igh Ok roland ær eth barn i so daen legh“.13 Auch Wdger Danske ist sich seiner Pflicht bewusst und kommuniziert sie ebenfalls in direkter Rede: Er kämpft nicht nur für Karl, sondern trägt auch Verantwortung für den jungen, mutigen und unbesonnenen Ritter Roland. Als Roland ungefragt von dannen reitet, will Wdger ihn suchen oder sterben – die darauffolgende Rüge offenbart sein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein und die Konsequenzen, wäre er seiner Rolle als Rolands Wächter nicht gerecht geworden:
Illæ hauer tw giorth motth megh atw rydher so langt fra megh hade iegh icke fwnnet tegh løffuendis tha syger ieg thet gud at iegh skulle aldrigh taget harnsk pa myt liff.14
Parallel zu Wdgers tadellosem Verhalten als Kämpfer und Vasall zieht sich der Topos des Gefangenseins leitmotivisch durch die Chronik: Die entscheidenden Stationen seiner Biographie an Karls Seite werden von einer Gefangenschaft aus gemeistert. Als Geisel kommt er in Karls Gefolgschaft, in der er sich behaupten kann. Als Gefangener am Hofe des heidnischen Königs Amiral darf er den Kampf gegen BurnamanthBurnamanth ausfechten – so ist die letzte Episode, in der WdgerHolger Danske innerhalb der Chronik wieder eine prominentere Rolle spielt, ebenfalls mit einer Gefangenschaft verbunden. In der achten Branche „Boldevin, Udger Danske og Villum Cornitz“ kämpft Wdger an der Seite Karlotts, Karls Sohn, gegen den heidnischen König Amarus. Während Karlott auf die Provokation des Gegners ungestüm reagiert, tritt Wdgers besonnene Art wieder zu Tage, als er Karlott davon abzuhalten versucht. Seine Loyalität Karl und dem Frankenreich gegenüber wird kommuniziert, indem Wdger lieber seinen eigenen Tod in Kauf nehmen würde, als das Frankenreich ohne einen rechtmäßigen Erben zu sehen: „myn kære herre giør icke thet […] lath meg ryde motth hannum slar han meg tha ær thet myndræ skade mister k teg ta ær frankerighæ arffuæløst“.15 Das Verhältnis zwischen Wdger und Karlott ist narrativ jedoch so gestaltet, dass der Konflikt verbal nicht gelöst werden kann. Wdgers Loyalität, seine Bestrebungen, Karlott zu beschützen, werden missverstanden und so wird der Däne von Karlott angegriffen. Wdger, in dieser Situation ein feines Gespür für die Konfliktsituation und deren mögliche Konsequenzen beweisend, zeigt sich bereit, seinen Besitz an Karlott zu übergeben und sich für immer nach Dänemark zu begeben – doch im letzten Kampf muss sich Wdger gegen Karlott wehren und ihn letztendlich erschlagen: „gud forlade teg thet karlotth ieg wordher meg anthen wæriæ nw ællær bliffuer her slaghen“.16 Die Verurteilung hierfür ist eine erneute Gefangenschaft, die drei Jahre lang andauert, bis der alt und schwach gewordene Kaiser erneut angegriffen wird und Herzog Neymis Wdgers gedenkt: „gud gaffue ath wdger danske wore løffuendis“.17 Hier erhält der zu Unrecht verurteilte Wdger die letzte Chance, sich im Kampf zu bewähren, bevor er „for hiem til danmark ok war ther lengy koningh syden“.18 Ein letztes Mal wird er in der Chronik noch erwähnt, als Karl von seinem Tod spricht: „oc hauer ieg spord ath wdger danske ær dødh“.19 Hiermit ist auch Wdgers Biographie an der zyklischen Struktur der Karl Magnus Krønike orientiert – von den Anfängen Wdgers als Geisel am Hofe bis zu seinem Tod als König in Dänemark.
Die Genese des Nationalhelden HolgerHolger Danske Danske und seine postchronikalische Biographie in der dänischen Literatur- und Kulturgeschichte wird mit dem positiven Heldenbild bereits in der Karl Magnus Krønike initiiert. Dabei ist Ogier/ Wdger/ Holger im Rahmen seiner altfranzösischen Biographie in gänzlich andere narrative Muster eingebunden, nämlich in den großen Sinnzusammenhang der romanischen Heldenepik.20 Obgleich der mythische Sinnhorizont durch die Übertragung der Karlsdichtung verloren gegangen ist, sind gleichwohl die Einheiten wie der Zweikampf oder Vasallitäts- und Konfliktnarrative geblieben,21 die sicherlich nicht nur für die romanische Heldendichtung konstitutiv waren, sondern auch vom germanisch-ostnordischen Rezipienten eingeordnet werden konnten. Es sind also diese narrativen Kerne, die jenes Heldenbild konstruieren, das sich bis ins 20. Jahrhundert in der dänischen Literatur und Kultur manifestieren wird.
Trotz der Tatsache, dass der Beiname Le Danois einer historisch verifizierbaren Grundlage entbehrt, hat sich Dänemark als literarische Heimat Ogiers in der chanson-Tradition etabliert und war sicherlich der ausschlaggebende Grund für die Entwicklung der Heldenfigur HolgerHolger Danske Danske in Dänemark. Die narrative Konstruktion einer heroischen Singularität, die Wdger den Status eines Rolands oder eines Olivers einbringt, trug ebenfalls dazu bei. Wdgers Geschichte ist freilich weniger pathetisch als die von RolandRoland – ihm fehlt die Exorbitanz, die Maßlosigkeit und mitunter die Einsamkeit des größten romanischen Helden; er provoziert nicht den Untergang, der die Referenz eines ganzen epischen Universums bildet; nichts erfährt man über seinen Tod, die damit einhergehenden Naturerscheinungen, die Klagen, den Schmerz. In seiner Biographie agiert Wdger dennoch im Spannungsfeld zwischen Verrat, Treue und Solidarität, die seine Handlungen maßgeblich bestimmen und im Rahmen derer er sich bewähren kann – die Zweikampf-Szene gegen BurnamanthBurnamanth ist hier programmatisch. Dabei verfügt er über heldentypische Requisite: den edelsteinbesetzten Helm, der ihn wie einen Stern leuchten lässt, sowie über das literarisch auch außerhalb der Chronik prominente Schwert Curtana. Die Burnamanth-Episode, die für die ostnordische, hier v.a. dänische, Wdger-Rezeption ausschlaggebend ist, thematisiert an mehreren Stellen Dänemark, so spricht die heidnische Königstochter Gloriant vom Norden der Welt, auch Wdgers polemische Antwort auf Burnamaths Frage liefert Informationen über sein Heimatland.
