Читать книгу: «Tingeln durch das Land Danach – Band 1»
Inhalt
Impressum 2
Gliederung 3
Prolog 4
Teil I - In der Baracke 12
1 - Die Umsetzung 13
2 - Neue Spiele, neue Freunde 27
3 - Der Alte und sein Sohn 58
4 - Vater, Mutter, ich 115
5 - Wandertag in Kinderland 157
6 - Mein Ort: das Fenster am Fluss 202
7 - An der Laternengrenze 222
8 - Die Feuerschaukel 230
9 - Naturgewalten 237
10 - Sommersonnentage 248
11 - Die Krähe 285
Teil II - Zwischen Ruinen 293
1 - Abschied und Ankunft 294
2 - Ausschulung und Einschulung 310
3 - Prügelerotik 339
4 - … sondern für das Leben lernen wir 350
5 - Knabenführer und Kriegserzähler 366
6 - Einer wird vom Band genommen 399
7 - Der letzte Tango 424
8 - Der Pauker 446
9 - Das Varanasi-Sonett 484
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-742-8
ISBN e-book: 978-3-99107-743-5
Lektorat: Mag. Eva Zahnt
Umschlagfoto: Olgers1, Anna Artamonova, Marsia16, Rostislav Glinsky | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Gliederung
Band 1
Teil I - In der Baracke
Teil II - Zwischen Ruinen
Band 2
Teil III - Auf dem Bau und in Fabriken
Teil IV - Spuren und Erbschaften
Prolog
8. Mai 1945: Nazi-Deutschland – das war das Land Davor – kapitulierte bedingungslos. Gut zwölf Jahre hatten gereicht, um den Super-GAU der westlichen Zivilisation herbeizuführen. Jetzt war er gestoppt und unter Kontrolle gebracht. Aus dem Land Davor wurde an jenem Tag mit einem Schlag das Land Danach. In diesem Land wuchs ich auf.
Am 8. Mai 1945 war zwar Nazi-Deutschland zusammengebrochen, aber die Menschen, die Nazi-Deutschland geschaffen, getragen und erlitten hatten, waren noch da. Sie lebten neben mir, waren um mich herum, sie erzogen mich, sie verpassten mir meine Bildung und gestalteten insgesamt mein Leben. Das waren die „Erwachsenen“, mit denen ich als Kind zu tun hatte, die „Alten“ im Land meiner Kindheit.
Einführung
(1) Anmerkungen zum Text
„Tingeln“, ein Wort aus meiner Kindersprache, hieß für mich Umherstreifen in Landschaft und Natur oder auch Stromern durch Gassen und Straßen, über Plätze und Märkte. „Tingeln“ empfand ich immer als leichte und beschwingte und doch auch sehr wache und aufmerksame Form der Weltwahrnehmung. Einstmals war es das Fahrend Volk, das durch die Lande tingelte.
Die „verstörte Zeit“: Millionen deutscher Männer waren im Krieg umgekommen, Millionen kamen körperlich und psychisch verkrüppelt zurück. Hunderttausende waren in den Bombennächten getötet oder beschädigt worden. Es gab kaum eine Familie im Land Danach ohne Verlust, Leid und Trauer. Dass all das um mich war, war mir früh bewusst.
Beim Aufschreiben meiner Erinnerungen stellte ich mir Deutschland in der Gewalt der Nazis als einen monströsen Monolithen vor: alle Menschen in Nazi-Deutschland waren in ihn eingeschmolzen, waren Gefangene ihrer Zeit – als Täter wie als Opfer. Alle waren umschlossen von der harten, kalten Masse aus Terror, Mord und Krieg.
Der Hammer der Alliierten zertrümmerte die Monstrosität und legte alle Figuren aus dem Land Davor frei. In den Nazi-Scherben und -Splittern der Vierziger, Fünfziger und Sechziger Jahre waren sie alle noch da – die Mörder und Zerstörer, die Opportunisten und „Märzgefallenen“, die vielen, die litten, die Apathischen … aber auch die, die sich innerlich widersetzt oder gar aktiv Widerstand geleistet hatten. Dass sie unerkannt neben mir lebten, auch das war mir früh bewusst.
***
Als ich die Muße fand zu schreiben, saß ich erst einmal vor dem leeren Blatt, das des ersten Satzes harrte. Ich wollte möglichst spontan und ungeplant in meine Erinnerungen eintauchen und „wartete“ auf die erste Eingebung, denn genau damit wollte ich beginnen.
Die erste Erinnerung, die mir kam, war meine Fahrt als fünfzehnjähriger Schüler zum Arbeitsamt Dortmund. Damit war zugleich der gesamte erste Erzählstrang vorgegeben: meine lange „Malocherzeit“ in den Bierfabriken und auf dem Bau in der ramponierten Kohlenpottstadt. („Auf dem Bau und in Fabriken“)
Auf die „Malocherzeit“ folgte der Erzählstrang mit den Erinnerungen an meine Schülerzeit im zertrümmerten Dortmund. („Zwischen Ruinen“)
Die Kernzeit meiner Kindheit ist ohne Zweifel die „Barackenzeit“. Hier stoße ich durch zu meinen Anfängen. Das war einerseits eine dunkle und schwere Zeit – und andererseits eine besonnte, lichte Epoche meiner Kindheit, die bis heute in mir nachglüht. („In der Baracke“)
In meiner Studienzeit im ramponierten West-Berlin folge ich den Spuren meiner Mutter und entschlüssele die leidvolle Geschichte meiner mütterlichen Familie („Spuren und Erbschaften“).
Durch alle Erzählstränge zieht sich ein Thema, das mich in der Zeit meines Aufwachsens immer begleitete: das Lebensrätsel meines Vaters, seine Geschichte, die er vor seinen Kindern geheim hielt. Ich entschlüsselte das Rätsel erst spät, in meinen Zwanzigern. Danach lag seine Geschichte eingekapselt in einer unterirdischen Kammer meines Bewusstseins, ich mochte sie über sehr lange Zeit nicht nach „oben“ holen.
Allerdings: ohne Kenntnis dieser zentralen Geschichte wären viele meiner Erzählungen unvollständig und unverständlich geblieben. Ganz am Ende meines langen Erinnerungsprotokolls traue ich mich dann doch noch, die Geschichte, die uns Kindern nie erzählt werden durfte, aus der Tabuzone meines Gedächtnisses zu befreien und dem Sauerstoff meines vollen Wachbewusstseins auszusetzen. Das aktivierte allerdings noch einmal das Entsetzen, den Schmerz und die Trauer, die ich empfand, als sie mir zum ersten Mal erzählt wurde. („Spuren und Erbschaften“).
Berlin, Sommer 2020
(2) Über Erinnerungen
Irgendwann, wenn sich das Wagenrad des Lebens schon ziemlich weit abgerollt hat und wieder seinem Ausgangspunkt zustrebt, von der anderen Seite gewissermaßen, beginnt für viele die Lust an der Erinnerung.
Die Geschichten unserer Kindheit mit ihren goldenen Sonnen und unverstandenen Schatten fangen an, sich selbst zu erzählen und drängen sich in unsere Träume und Tagträume. Was da alles in dem großen Topf der Erinnerungen gelandet ist, was wir immer mal wieder erzählt oder uns heimlich selbst zugewispert haben – manchmal gerne, manchmal auch mit einem untergründigen Schrecken – gewinnt an Bedeutung und Gewicht.
Unser Leben lang sind wir getrimmt worden, kausal zu denken, und so geschieht es uns im Alter, auch unser eigenes Leben als eine plausible, logische Kette von Ereignissen zu sehen. In unseren Erinnerungen und den daraus folgenden Deutungen der Gegenwart sind wir nur zu gerne – wie es scheint – Anhänger der alten indischen Karmalehre und sehen das Leben als Gewebe aus Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion, Tat und Vergeltung.
Den Geschichten der frühen Jahre messen wir dabei – so haben wir es gelernt – ganz besondere Bedeutung für das Spätere, für die Gegenwart bei, den Rang von Prägungen und Tätowierungen, von Schicksal, das unsere Muster webte und wirkte und uns schließlich so bewirkt hat, wie wir nun einmal geworden sind. Das Brot der frühen Jahre, die Nahrung, die man uns damals gab, gut oder schlecht, ärmlich oder reichlich, baute uns auf – so oder so –, ließ uns wachsen und werden, gab uns Gestalt und Geist. So haben wir es gelernt.
***
„Aufwachsen“ ist eine Zeit des schnellen Wandels und der großen Umbrüche. Das Leben bebt und schwankt immer wieder. Die Erwachsenenwelt schiebt sich über die Kindheit, die Zivilisation über die Wildnis, die Pflicht über den Traum. In solchen Wendezeiten entsteht Druck. Heikle, unsichere Lebenspassagen folgen aufeinander mit einer Fülle von Initiationen und Irritationen. Triumphe und Niederlagen, Freude und Scham folgen in stetem Wechsel.
Diese Umbruchphasen sind es, die ich jetzt klarer sehen möchte. Denn das waren Zeiten, in denen ich anfing, selber Entscheidungen für mein Leben zu treffen, grobe, unklare Ziele abzustecken und Wege zu gehen, die zu diesen Zielen führen sollten. Heute kann ich sagen: es waren Zeiten wichtiger „Alleingänge“, denn da war in den entscheidenden Momenten niemand, bei dem ich Rat einholte oder Hilfe suchte, mit dem ich über das, was ich tat und vorhatte, redete. Oft wollte ich das auch gar nicht. Zwar waren immer Menschen um mich herum, mit denen ich lebte und lachte, die ich liebte. Doch viele Entscheidungen traf ich allein, und auch die Wege, die ich dann einschlug, ging ich allein. Die Zeit meines Aufwachsens war wirr und kaputt und voller Widersprüche und ich wusste immer, dass ich mich letztlich allein durch all die Widrigkeiten auf meinen Wegen hindurchwursteln musste.
***
Wenn geotektonische Platten gegeneinander drücken, entsteht meist ein tiefer Bruchgraben. Auch psychotektonische Verschiebungen hinterlassen Spuren:
Irgendwo da unten, ganz tief unten, na sagen wir vielleicht vierhundertachtunddreißig Meter unter dem Meeresspiegel meines alltäglichen Bewusstseinszustandes, gibt es so einen Graben. Er führt in mein „Totes Meer“, das Meer, das keinen Abfluss hat.
Ich habe viele Schiffchen ausgesetzt auf die Wellen meines Jordans. Sie trugen all das, womit ich mich nicht beschäftigen konnte oder wollte damals – und was ich daher über eine lange Zeit liegen ließ, unberührt und „unbegrübelt“. Sie trugen Rätsel, die ich nicht gelöst hatte, sie trugen Bilder und Gefühle, die ich erst einmal loswerden wollte. Die Schiffchen sind abgedriftet, haben Fahrt aufgenommen und sind schließlich dort gelandet, wo sie nicht mehr weiter konnten – in meinem „Toten Meer“. Da dümpeln sie nun: mit Bildern, die ich „eigentlich“ nicht aufbewahren wollte, mit Geschichten, die ich „eigentlich“ hinter mir lassen wollte und auf die Reise ins Vergessen schickte. Damals, in der Ursituation, ließ ich die Schiffchen fahren und fühlte mich freier.
Sie waren aber nicht weg.
Sie kamen zurück und mit ihnen die Bilder von Menschen und ihren Geschichten. Manchmal kamen sie in meinen Träumen und oft in Tagträumereien. Sie kamen in Filmen, die in bestimmten Situationen des Lebens plötzlich nebenher liefen. Da gab es „Déjà-vus“, die sich wie ein feiner Firnis über Erlebnisse der Gegenwart legten. Schließlich entstand der Wunsch, hinunter zu steigen und die ganze Flottille genauer zu betrachten.
***
Allerdings: die Beschäftigung mit den eigenen Erinnerungen, den abgedrängten, ins „Tote Meer“ verschobenen, das Niederschreiben des „eigenen Lebens“ oder eines Teils davon, steht unter einem großen, unauslöschlichen Vorbehalt.
Die Situation, die einstmals war, existiert nicht mehr: sie ist nicht identisch mit der Situation, die erinnert wird. Ich kann sie nur unvollkommen rekonstruieren. Denn was ich heute tue, ist, eine Geschichte erzählen: fiction – faction. Das heißt aber: ich schaffe etwas Neues, etwas anderes.
Ich kann die Lebewesen, denen ich in vergangenen Bewusstseinsaugenblicken begegnete, nicht wieder lebendig machen. So wie sie damals waren, haben sie gelebt, so leben sie nicht mehr und so werden sie nie wieder leben.
Das Ich, das damals handelte, existiert nicht mehr: es ist nicht identisch mit dem Ich, das sich jetzt erinnert. Es ist nicht rekonstruierbar. Manch einer glaubt ja, er sei immer „derselbe“ geblieben, sich selbst immer gleich, sich selbst immer treu, immer das gleiche Ich. Das ist eine Illusion. Wenn ich heute von meinem fünfzehnjährigen „Ich“ erzähle, so ist das ein ferner Bursche, eine historische Gestalt. Nie kann ich ihn „ganz“ sehen, so wie er damals war. Ich erzähle von einem anderen.
Die Leiden und Schmerzen, die Freuden, Triumphe und Glücksgefühle, die in den Erinnerungen hochgespült werden, waren einmal wirklich, waren echt, sind es aber nicht mehr. Sie sind heute Phantomgefühle: Phantomschmerzen und Phantomfreuden. Sie hatten ihre Zeit und ihre Berechtigung und es besteht kein Grund, dass ich sie noch einmal so fühle wie einst. Das ist unmöglich und das ist auch gut so.
Alle Erinnerung reduziert das Gewesene. Die Lichter und Schatten, das Vogelgezwitscher und Hundegebell jenes Sommertages in meiner Kindheit, an dessen Morgen das furchtbare Ereignis geschah, sind „dahin“. Was bleibt, sind Worte. Das Ereignis selbst ist „dahin“. Was geblieben ist, sind Gefühle, die nicht zu löschen sind.
Was ich erinnere, kleide ich neu ein – und zwar immer und immer wieder neu und noch einmal neu. Meine heutigen Gedanken ummanteln die Erinnerungen – aber auch meine heutigen Gedanken haben keinen Bestand, sind flüchtig und wandelbar. Was ich erinnere – das ist mir klar –, unterfüttere ich mit dem, was ich später dazu hörte, las und lernte – aber ich höre, lese und lerne weiter. Neues kommt hinzu.
Ich vergleiche mit den Erlebnissen anderer, ich relativiere, verschlucke dies und gebe jenem einen edlen Glanz. Was ist „Schreiben“? Urteilen, bügeln und glätten, schleifen, schmirgeln und polieren …
***
So viele Fallstricke.
Was war denn nun wirklich? Was ist die Wahrheit? Die „historische“ Wahrheit? Ich weiß es nicht. Doch was soll’s? Die Erinnerungsschatten sind da, die Erinnerungen kommen hoch. Sie sind ein Bedürfnis, oft eine Sucht der gnadenlos alternden Alten. Sie sind Lust und Last zugleich. Sie werden zu Erzählungen, sie füllen Bücher, sie sind nie vollständig, sie sind nicht wahr und nicht falsch. Erzählungen von einem gelebten Leben: „Autobiografie“, ein literarisches Genre.
***
So sollten wir sie sehen und so können wir sie lieben, unsere Erinnerungen:
Als Romane und Traumgeschichten unseres „Selbst“, das immer in Bewegung ist, als Traumgeschichten der vielen, vielen Egos, die einander gebaren und wieder starben, bis hin zu dem Ich, das jetzt und hier an dieser Tastatur sitzt, an diesem Schreibgerät, und das nachher schon nicht mehr sein wird – und schon längst nicht mehr dann, wenn du das liest …
Alle Egos schwinden dahin – und was von ihnen bleibt, sind Döntjes von einer einstmals agierenden Gestalt … und noch einer und noch einer. Vertraute Geschöpfe und doch Phantasiegestalten aus bunter Knete, die ich aus dem Heute heraus knödle und forme.
Machte es nicht immer einen Heidenspaß mit bunter Knete zu spielen, damals, als wir Kinder waren – und wenn wir mal welche hatten in jenen knappen Zeiten? Formen und modellieren: eine hübsche oder hässliche Gestalt, eine komische Figur – groß oder klein, dick oder dünn, Mann oder Frau … Hatten sie nicht „Charakter“, unsere bunten Kneteknubbel?
Da liegen viele Knollen bunter Knete in meinem Topf. Ich kenne sie alle, sie sind mir vertraut und fremd. Vage Gestalten, verschwommene Physiognomien und doch alte Bekannte. Auf eines werde ich achten, wenn ich jetzt zugreife, sie modelliere und ziseliere mit der Wärme meines Intellekts und dem Bewusstsein des Heute: dass ich sie nicht verbiege und verforme und ihren ursprünglichen Ausdruck vernichte. Das nehme ich mir vor.
Ich grapsche hinein in den Topf. Ich nehme sie in die Hand, die alten Klumpen. Ich lüpfe sie Schicht um Schicht und stelle fest, dass es immer mehr werden, dass immer noch weitere auftauchen. Also muss ich wählen. Wie ich auswähle und was ich weglasse, ist selbst wieder eine Geschichte, die erzählt werden könnte …
So viele Wirren, so viele Fallstricke, so viele Vorbehalte. Sei’s drum. Schluss mit der Vorrede, Schluss mit den Skrupeln. Vorhang auf! Her mit euren Döntjes, ihr vielen Iche.
Berlin, Sommer 2013
Teil I
In der Baracke
1 Die Umsetzung
2 Neue Spiele, neue Freunde
3 Der Alte und sein Sohn
4 Vater, Mutter, ich
5 Wandertag in Kinderland
6 Mein Ort: das Fenster am Fluss
7 An der Laternengrenze
8 Die Feuerschaukel
9 Naturgewalten
10 Sommersonnentage
11 Die Krähe
1 Die Umsetzung
Kindheit hat zwei Dimensionen.
Dass man das Kind seiner Eltern ist und dass man Vater und Mutter und alles, was daran hängt, sein Lebtag mit sich trägt, ist die eine Seite des Kindseins. Jedes Kind trappelt allerdings auf zwei Beinen in die Welt hinaus, es ist auch Kind für sich. Das ist die andere Seite. Die zweite Dimension der Kindheit hat ihren eigenen Raum und ihre eigene Zeit, eine Phase des Lebens, die unweigerlich an ein Ende kommt.
Die vier „Barackenjahre“, die Zeitspanne zwischen meinem siebten und elften Lebensjahr, habe ich immer als die intensivste und wachste Zeit meiner Kindheit empfunden. Ich war bereits in einem Alter, in dem ich anfing, die Welt um mich herum auf eine neue Art wahrzunehmen – und zu deuten. Ich ging bereits in die Schule, neuartige Lernprozesse hatten begonnen und damit auch das Nachdenken über die Zustände und Ereignisse in der Welt um mich herum – das Grübeln über das, was geschah und was ich sah. Ich war aus dem Kleinkindalter heraus, ich war „reifer“ geworden. Das sind allerdings zivilisatorische Prozesse, die jedes normale Kind durchläuft.
Ich sah das Drama meiner Eltern, das Drama meiner Großeltern, ich erlebte ihre Katastrophen. Ich war hineingeboren in ihre Geschichte und die färbte meine Kindheit. Das war die Schattenseite jener Jahre.
Andererseits gab es die eigene Qualität meines ganz persönlichen Kinderlebens an jenem Ort und in jener Zeit: meine kindliche Eigenzeit. In ihr brannte ein Feuer, das mein Leben lang nicht erlöschte: Neugier und Abenteuer, das Gefühl von Autonomie jenseits der Erwachsenenwelt, das Erleben von Wildnis und Freiheit: das war die Sonnenseite.
Das Nest
All ihre Kinder brachte meine Mutter in einem warmen und freundlichen Milieu zur Welt: in der Kinder- und Säuglingsstation des Stadtkrankenhauses in Hameln, in der sie bis zu ihrer Hochzeit als „Stationsschwester“, also als Leiterin und Organisatorin des Pflegedienstes, gearbeitet hatte. „Schwester Nelly“, wie sie dort genannt wurde, gebar uns vier also in vertrauter, angenehmer Atmosphäre, unter Freundinnen und Freunden, denn sie war bei ihren Kolleginnen und Kollegen, den Schwestern, Pflegern und Ärzten des Krankenhauses, geschätzt und beliebt.
Drei ihrer Kinder waren „Kriegskinder“, 1941, 1943, 1944, ihr Jüngster wurde 1947 geboren. Vier Schwangerschaften in gut sechs Jahren – dazu ihr Adoptivsohn, Jahrgang 1939, den mein Vater aus seiner ersten Ehe, die nur sehr kurz gehalten hatte, in die Familie einbrachte. An all der vielen Haus- und Kinderarbeit, die auf meine Mutter zukam und mit jedem Kind anschwoll, beteiligte sich mein Vater nur sehr wenig. Dass der Vater sich als Vater „einbrachte“, das lag einerseits nicht im Geist der Zeit – Kinderkram war Frauenkram – und andererseits auch nicht in seinem Naturell. Wahrscheinlich erwartete meine Mutter das auch gar nicht von ihm. Sie war Arbeit gewöhnt und es gehörte zu ihren Maximen, dass man „sich nicht gehen lassen dürfe“ und dass man das, was einem aufgegeben war, zu bewältigen habe ohne zu schwanken. Und zur Not auch allein.
Sie war auf ihre Aufgabe als Mutter einer wachsenden Kinderschar allerdings auch bestens vorbereitet, sie war ja mehrere Jahre Säuglings- und Kinderschwester gewesen. Sie war auch ihrer Rolle als Hausfrau gewachsen: bevor sie ihre Ausbildung als Krankenschwester begann, absolvierte sie eine Hauswirtschaftslehre beim Gräfin-Rittberg-Verein in Berlin, wovon sie uns manchmal erzählte. Heilerin und Köchin, das war sie immer für mich, nachdem ich angefangen hatte, die Welt um mich herum zu erkunden und wahrzunehmen. Wenn ich als Kind krank wurde und mit Mumps, Scharlach oder Masern im Bett lag, wenn ich meine Kopfschmerzanfälle bekam oder wenn ich mich beim Spielen verletzt hatte, vertraute ich voll ihren Künsten und ihrer Pflege – und was sie uns kochte, aß ich mit Lust und Appetit.
Genau an jenem Ort, an dem sie ihre Kinder ins Leben brachte, in „ihrer“ Station im Stadtkrankenhaus, hatte sie sich in den hilflosen Mann verliebt, den sie aus seiner Paralyse zurück ins Leben geholt hat. Gelähmt, bewegungs- und sprachlos war er aus einem Wehrmachtslazarett ausgelagert und in ihre Station abgeschoben worden, nur noch ein Pflegefall, aussichtslos, nicht weiter therapierbar. Unter ihrer Obhut, ihrer resoluten und fordernden Pflege, fand er zurück aus seiner Dunkelheit. Sie verliebten sich ineinander und heirateten.
Als ihr erstes Kind geboren wurde – im Oktober 1941 – hatten die beiden vermutlich schon längst ihr Nest fertig eingerichtet. Meine Mutter hatte sich zu ihrer Hochzeit ihren Erbteil auszahlen lassen. Da gab es noch ein größeres Restvermögen aus dem Verkauf des Gutshofes ihrer Vorfahren, das an sie und ihre Geschwister ausgezahlt wurde, sobald sie heirateten. Meine Eltern fanden eine behagliche und komfortable Wohnung in der friedlichen Zentralstraße in der Hamelner Innenstadt und meine Mutter hinterlegte aus ihrem Erbe die happige Kaution, die damals vom Vermieter gefordert werden konnte. Wohnraum war knapp im Krieg und wurde knapper, als auch in Hameln die Bomben fielen. Die Hausbesitzer profitierten von der Situation und verlangten viel Geld als zinslose Darlehen, die erst beim Auszug aus der Wohnung zurückgezahlt werden mussten.
Ich stelle mir vor, wie die beiden – mit dem Geld aus meiner Mutters Erbe gut gepolstert – loszogen, um sich für ihr gemeinsames Leben einzurichten. Sie bezahlte alles: die Kücheneinrichtung mit dem großen elfenbeinfarbenen Küchenschrank, einem Klassiker der Zeit, der mich durch meine ganze Kindheit begleitet hat; Küchentisch und Küchenstühle; die Schlafzimmereinrichtung aus heller Eiche in einem angenehm schnörkellosen Stil; die Einrichtung des Kinderzimmers: Kinderbetten, Schrank, Kommode. Das Wohnzimmer wurde aus Erbstücken meines Vaters eingerichtet: schwarz gebeizte, von Hamelner Tischlermeistern hergestellte Eichenmöbel, ergänzt durch ein Ensemble aus zwei Sesseln und einem niedrigen „Rauchtisch“, das meine Mutter beisteuerte. Sie kaufte Vorhänge und Gardinen, Matratzen, Bettzeug, Überdecken, Geschirr und Besteck, Töpfe und Pfannen – alles, was ihr Nest, in das sie ihr neues Leben hinein träumte und das sie mit ihren Kindern füllte, behaglich und gemütlich machen sollte.
Meine Mutter gönnte sich gar einen kleinen Luxus, eine Reminiszenz – so vermute ich – an ihre frühe Kindheit auf dem Gutshof, an die prächtigen Feste, bei denen ihr geliebter Vater jene eindrucksvollen Tischreden hielt, an die sie sich ihr Leben lang erinnerte. Meine Mutter stattete einen kleinen Raum, der der Küche direkt gegenüber lag, als besonderes „Esszimmer“ aus. Ich erinnere mich an eine lange schwarze Anrichte, hochglänzender Schleiflack, in dem ich mich als Kind spiegeln konnte. Die Anrichte hatte abgerundete Ecken und wirkte sehr elegant. In ihr war das „feine“ Geschirr untergebracht: Erbstücke vom Gutshof ihrer frühen Kindheit. Da gab es einen großen Esstisch und sechs Stühle im gleichen Stil: schwarzer Glanzlack, einfach und schön im Design. Meine Mutter liebte das Klare: alles, was sie angeschafft hatte, war einfach, glatt und schnörkellos.
Ich liebte diese Wohnung meiner ersten Jahre. Ich fühlte mich sicher und geborgen, wenn unsere Mutter abends, wenn es dunkel wurde, in unserem Kinderzimmer saß, inmitten der vielen Kinderbetten, und uns unser Schlaflied vorsang. Sobald ich es vermochte, sang ich es mit ihr mit, jenes weltberühmte Lullaby, und als wir größer wurden und alleine einschlafen mussten, sang ich es mir und meinen Geschwistern selber laut vor. „Guten Abend, gute Nacht …“ Diese herrliche Melodie war mit Sicherheit die erste Musik, die mein Gehirn in seinen Musikspeicher aufnahm, der heute überquillt mit Musik aus der ganzen Welt …
Der Zauber der ersten Jahre, der Zauber des ersten Ortes, die Magie des Erwachens in die Welt: das war das von ihr geschaffene kleine Nest mitten in Hameln, ihr Traum vom gemeinsamen Glück.
Kleine, eigentlich banale Dinge sind es oft, die uns Urgeschichten erzählen. Da hing ein Vorhang vor dem großen Glasfenster zwischen Küche und Wintergarten, rohweiß, bedruckt mit tiefblauen Blättern, Farnen, Blüten und Schmetterlingen. Oft saß ich lange davor und träumte mich in ihn hinein. Ich sah schließlich nicht mehr nur die Ornamente, sondern auch die Zwischenräume zwischen den Ornamenten, auf die vermutlich kein Erwachsener achtete. Auch die weißen Zwischenräume erzählten mir ihre Geschichten: da gab es Drachen und Schlangen, Lemuren und Chimären, seltsame Wesen, die nur für mich über den Vorhang huschten und ihre phantastischen Spiele spielten …
Mein vierter Geburtstag
In dieser warmen, behaglichen Welt erlebte ich das eindrucksvollste Fest meiner frühen Jahre. Es wurde an meinem vierten Geburtstag gefeiert, im Januar 1947.
Den ganzen Nachmittag klingelte es an der Wohnungstür und da ich Geburtstag hatte, durfte ich hinrennen und die Tür aufmachen. Fast immer stand dort ein unbekannter Mann, etwa im Alter meines Vaters, der mich hochhob, hin und her schwenkte, mir zum Geburtstag gratulierte und mich herzte. Danach holte er irgendein kleines Geschenk aus den Taschen seines Wintermantels, das ich anfangs noch hocherfreut, später dann fast routinemäßig in Empfang nahm. Am Ende des langen Korridors stand mein Gabentisch. Ich rannte mit meiner Beute den Korridor entlang und lagerte alles ab, was ich bekommen hatte. Glücklich und stolz sah ich, wie der Gabenberg immer mehr anschwoll.
Die Erwachsenen waren fröhlich. Sie erzählten sich ihre Döntjes, sie lachten, schwelgten in Erinnerungen und manchmal gab es auch ernsthafte und traurige Momente, in denen lange geschwiegen wurde.
An jenem Tag erstrahlte auch unser schwarzes Esszimmer, das nur selten genutzt wurde, in festlichem Glanz. Auf der auf Hochglanz polierten Anrichte standen zur Feier des Tages die beiden silberbeschichteten dreiarmigen Porzellanleuchter, die mich durch mein ganzes Leben begleitet haben. Auch sie stammten von dem Gutshof, in den meine Mutter einst hineingeboren worden war. Die Kerzen brannten. Der große schwarze Esstisch war zur Kaffeetafel geworden. Hier hatte meine Mutter ihre Erbstücke aufgestellt: die große silberbeschichtete Porzellankaffeekanne, dazu die passenden silbernen Milchkännchen und Zuckerdosen, das alte Kaffeegeschirr, eine glänzend-weiße Damasttischdecke, dazu die passenden Damastservietten aus der noblen Zeit ihrer Kindheit.
Es gab den berühmten Hamelner „Zuckerkuchen“, einen Blechkuchen aus Hefeteig, beschichtet mit einer krossen Schicht aus Zucker und Butter. Ich liebte ihn, weil er so intensiv nach Hefe roch und weil die krosse Zuckerschicht so herrlich knirschte, wenn man hinein biss. Meine Oma hatte ihn hergestellt und zum Ausbacken ins Backhaus von Bäcker Habermann getragen, der die Zuckerkuchenbleche in seinen Ofen schob und den Backvorgang überwachte. So machten das damals die meisten Hamelner Hausfrauen: sie belegten ihre Kuchenbleche zuhause, Backofenwärme und Erfahrung im Ausbacken lieferte der Bäcker in seiner Backstube …
Jahre später erst habe ich herausgefunden, was da an meinem vierten Geburtstag im Januar 1947, knapp zwanzig Monate nach dem Kriegsende, eigentlich gefeiert worden war:
Mein vierter Geburtstag war ein Fest des Friedens und des Aufatmens nach den Schrecknissen des Nazi-Terrors und des Krieges, ein Fest des Wiedersehens, der Freude und Erleichterung, davongekommen zu sein. Aber auch ein Tag der Trauer um die Freunde meines Vaters, die „gefallen“ waren, wie man sagte – getötet im „Blitzkrieg“ gegen Frankreich …
Meinen vierten Geburtstag hatte mein Vater zum Anlass genommen, seine alten „Sportsfreunde“ (so nannte er sie meist) einzuladen. Anfang 1940, kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag, wurde sein „Jahrgang“ eingezogen. Er und viele seiner Schul- und Sportkameraden wurden in die Hamelner Kaserne an der Süntelstraße beordert, wo sie für das Schlachten und Abgeschlachtetwerden auf den Schlachtfeldern des Frankreich-Feldzugs abgerichtet wurden. Vier seiner Freunde sind nicht wieder zurückgekommen, erzählte er mir später einmal, andere kamen verletzt und verkrüppelt zurück. Mein Vater war davongekommen.
Denn er selbst musste nie an die Front, er musste nie einen Schuss abgeben, er geriet nie in die Gefahr im Kampf getötet zu werden. Und er mochte nie erzählen, warum und wie er davongekommen war. Ich erinnere mich allerdings, dass er, als er einmal von seinen gefallenen Freunden erzählte, die Formulierung gebrauchte, er selbst habe nie „an die Front“ gemusst, er habe „Glück im Unglück“ gehabt. Darüber hinaus war nichts aus ihm herauszubekommen. Um ihn war ein Geheimnis, an dem wir Kinder nicht rühren durften. Was das für ein „Unglück“ war, das in jener Wehrmachtskaserne geschah, in der er nur ein paar Wochen zugebracht hatte, hat er nie erzählt.
***
Das also war mein erstes Nest: eine gemütliche und für die damalige Zeit recht komfortable Mietwohnung in einem braven, bürgerlichen Viertel in der Innenstadt von Hameln.
Hier wuchs ich heran und sechseinhalb Jahre fühlte ich mich wohl und geborgen in der warmen Welt, die unsere Mutter so schön und so praktisch für uns geschaffen hatte. Hier lernte ich laufen, sprechen und singen, von hier aus wurde ich flügge. Von hier aus purzelte ich in die Welt hinaus und die Eroberung und Erforschung der Straßen und Plätze um unser Nest wurden zum großen Abenteuer meiner frühen Kindheit. Kaum dass ich auf eigenen Beinen stehen und laufen gelernt hatte, wurde ich zum „Draußen-Kind“, zum typischen Straßenkind der Vierziger Jahre.
Denn schon sehr früh durften wir „runter“ auf die Straße und wurden zu selbstständigen kleinen Stromern. Bereits im Alter von drei Jahren spielten wir frei und ohne Aufsicht in den Straßen unseres Viertels – wie auch die Nachbarskinder um uns herum, ja, wie die meisten Kinder in den Vierziger Jahren. Natürlich gab es durchaus einigen Straßenverkehr – Autos und Pferdewagen, Motorräder (oft mit Beiwagen), Fahrräder natürlich –, aber der Verkehr galt nicht als gefährlich: wir sollten halt aufpassen – und die Größeren hatten die Kleinen zu beaufsichtigen. So streunten wir schon im zarten Alter souverän durch die Straßen der Stadt, meist in kleinen Horden, kleinen „Kinderbanden“. Manchmal allerdings machte ich mich auch allein auf die Pirsch durch die alte Stadt. Ich begann schon früh zu „tingeln“.
Wenn ich mir heute auf einer Karte anschaue, welch abenteuerliche Eroberungszüge wir im Alter von drei, vier, fünf Jahren durch die Straßen der Stadt veranstaltet haben, stelle ich fest: eine längst vergangene Epoche. Eine solche Kindheit gibt es nicht mehr: der Autoverkehr hat sie abgeschafft.
Natürlich waren immer auch Erwachsene um uns herum in den Straßen und auf den Plätzen, die uns auch irgendwie wahrnahmen – aber es gab keine „Aufsichtspersonen“, die uns sagten, was wir zu tun und was wir zu lassen hatten oder die sich in unsere Händel einmischten. Meist spielten wir ja durchaus harmonisch und lustvoll stundenlang miteinander, aber natürlich gab es auch Konflikte, Streitereien, Zank und Krieg zwischen den Kinderbanden meines Viertels. Wir waren keine „kleinen Engel“, wir übten auch Macht aus, wir stänkerten uns an, wir kämpften miteinander und schlugen zu. Dann allerdings war da niemand, der eingriff und uns auseinander zerrte.
So durchlebte ich die Traumzeit meiner „ersten Welt“. Der Schutz und die Geborgenheit im Nest meiner Mutter gehörten so selbstverständlich zu meinem Leben wie die Freiheit und das Abenteuer in den Straßen und Gassen der alten Stadt, in denen ich flügge wurde.
In der neuen Welt
Ich habe kaum eine Erinnerung an den Tag, an dem wir unser Nest gegen die Baracke austauschten. Die Umsetzung in unser neues Habitat erfolgte abrupt und kam für uns Kinder völlig überraschend.
Man hatte uns zur Oma gebracht, die ganz in der Nähe unserer Zentralstraße wohnte und die uns immer dann betreute, wenn es nötig war. Sie nahm ihre fünf Enkelkinder alle auf einmal für einen ganzen Tag in ihre Obhut, während die anderen Erwachsenen, unsere Eltern und der „Alte“, unser Großvater, verschwunden waren.
Am Abend dieses sonnigen Herbsttages geschah es. Sie nahm die Kleine bei der Hand, sie schob den Kinderwagen mit dem Jüngsten, der noch keine zwei Jahre alt war, und führte uns die Wittekindstraße entlang, unter der Eisenbahnunterführung hindurch, über die Schafbrücke, die die Hamel überquert, immer weiter in Richtung der Werkstatt unseres Großvaters, den wir „Oppa“ nannten. Wir gingen schließlich die lange Kuhbrückenstraße entlang und hinter der Weide mit den weißen Ponys schwenkten wir nach rechts, kurz danach nach links auf den großen Hof vor der Werkstatt unseres Oppas. Plötzlich waren sie alle wieder da: unsere Eltern, der Großvater, aber auch Theo, der Geselle, Hubert, der Lehrling, und auch noch einige andere Männer, die ich nicht kannte. Unsere Oma führte uns durch einen kleinen weißen Vorbau, der in die Räume im nördlichen Endstück der Baracke führte, wo bisher das Büro der Firma meines Oppas und die Pausenräume für die Mitarbeiter untergebracht waren.
„Hier werdet ihr von nun an wohnen“, sagte meine Oma. Es klang nicht sehr fröhlich, nein, im Gegenteil, es klang ziemlich bedrückt.
Ich schaute mich um und war baff. Alles, was ich sah, war mir völlig vertraut und doch völlig fremd. Es war mir, als sähe ich die Welt meiner Kindheit durch einen Zerrspiegel, und als ich den ersten Rundlauf durch die fünf Räume unserer neuen Wohnung machte, hatte ich das Gefühl, als bewegte ich mich in einer völlig verrutschten Wirklichkeit.
***
Wenn man den kleinen weißen Vorbau durchquerte, landete man zuerst in dem Raum, der unsere Küche sein würde. Die Küche wurde in den folgenden Jahren unser Empfangszimmer, hier spielte sich fast unser ganzes Leben ab.
Hinten links stand der klassische Kohleherd, wie er noch in den meisten Küchen der Vierziger Jahre zu finden war. Er hatte einen Backofen und drei Kochplatten, deren Hitze man dadurch regulierte, dass man die Anzahl der Ringe veränderte. Man musste den kleinen Deckel in der Mitte und die heißen inneren Ringe mit einem Schürhaken herausfischen, wenn man die Hitze erhöhen wollte. Einen solchen Herd hatten wir auch in der alten Wohnung gehabt. Der wurde allerdings nur im Winter zum Kochen benutzt, wenn man gleichzeitig die Küche heizen wollte. Ansonsten kochte meine Mutter auf dem Gasherd. Hier, in dieser seltsamen „Küche“, gab es keinen Gasherd. Vier Jahre lang kochte meine Mutter nur auf diesem Herd mit Holz und Kohle, sommers wie winters. Ihr oft geäußerter Wunsch nach einer Elektrokochplatte ging nie in Erfüllung. Die beiden „Puttker“, der Oppa und sein Sohn, mein Vater, stellten sich jahrelang taub und schafften es nicht, ihr so ein Ding zu beschaffen. Einen Gasherd mit Propangasflasche aufzustellen, wie ich das später bei Nachbarn sah, die ebenfalls in einer Baracke wohnten, lag wohl auch außerhalb ihres Horizontes.
Es gab keine Anrichte, keine Spüle mit einem Wasserhahn darüber, wie es bisher für uns selbstverständlich war, sondern rechts in der Ecke stand eine rote altmodisch geformte eiserne Pumpe mit einem geschwungenen Schwengel. Daneben sah ich einen gemauerten rechteckigen Bottich, der mit breiten passenden Holzbrettern abgedeckt war. Wie ich alsbald lernte, war dieser Bottich unser „Badezimmer“. Unsere Mutter stellte einmal in der Woche eine Zinkwanne hinein, erhitzte Wasser in großen Töpfen auf dem Herd, mischte es mit dem kalten Wasser aus der Pumpe und schrubbte ihre Kinder sauber. Und wenn sie allein war, war dieser Ort, der mit einem kleinen Spiegel an der Wand ausgestattet war, ihr „Bad“, in dem sie sich wusch, frisierte und schön machte. Duschen und wohlig in der Wanne liegen wie bisher – das gab es nicht mehr. Der gemauerte Bottich verwandelte sich zu bestimmten Zeiten dann auch in unsere „Waschküche“: hier wurde die „kleine“ und die „große“ Wäsche gewaschen.
In der Mitte des Raumes stand ein neuer Küchentisch. Den alten, an dem ich oft gesessen und gegessen und in den magischen Vorhang geträumt hatte, gab es nicht mehr. Bei unserem neuen Küchentisch konnte man seitlich ein Gestell herausfahren, in dem zwei Waschschüsseln hingen. Eine Spüle gab es ja nun nicht mehr. Bei jedem Abwasch musste erst ein Kessel mit Wasser auf dem Herd erhitzt werden, das wir dann in die eine der Schüsseln kippten, kaltes Wasser zum Mischen holten wir aus der Pumpe. Die zweite Waschschüssel wurde mit klarem, kaltem Wasser gefüllt – zum Nachspülen des Geschirrs und der Bestecke. So wuschen wir vier Jahre lang ab.
Unser großer elfenbeinfarbener Küchenschrank stand hinten rechts an der Wand, der einzige Gegenstand, der unverändert aus der alten in die neue Welt ausgewandert war – das Einzige in dieser verzerrten Küche, was mir noch vertraut war.
Neben dem Küchenschrank gab es eine Tür, die in einen kleinen schmalen Raum führte. Als ich neugierig eindrang, stellte ich fest, dass hier das edle Schleiflack-Esszimmer untergebracht war, auf das meine Mutter in unserer alten Wohnung so stolz war. In dem Barackenambiente kam es mir allerdings deplatziert vor, denn ich wusste schon vom ersten Tag an: an diesen Ort würde unsere Mutter keine ihrer alten Freundinnen mehr einladen, hier würde es überhaupt keine Feste mit Freunden mehr geben. Das sahen wohl auch die beiden „Puttker“, Vater und Oppa, so, denn schon wenige Monate später, als mal wieder Ebbe in der Firmenkasse herrschte, verhökerten sie das Esszimmer. Von dem Erlös landete nur wenig in der Haushaltskasse meiner Mutter.
Jedes der Zimmer meines Rundlaufs hatte zwei Türen, denn jeder Raum war mit zwei Nachbarräumen verbunden. Es gab keinen Korridor. Das nächste Zimmer in meinem Rundlauf war das Wohnzimmer. Es wirkte ziemlich voll geprumpst. Es enthielt die alten schönen Eichenmöbel, den schwarz gebeizten Schreibtisch mit dem schwarz gebeiztem Arbeitsstuhl und den schwarz gebeizten Bücherschrank, einen runden, schwarz gebeizten Esstisch mit vier Stühlen und die beiden „Clubsessel“ mit ihrem „Rauchtisch“. Das Wohnzimmer war der einzige Raum – abgesehen von der Küche –, der einen eigenen Zugang zum Kamin hatte und den man daher auch beheizen konnte. Vor dem Schornstein stand in der Tat ein schlanker, hoher Kohleofen. Das Wohnzimmer wurde allerdings nur sehr selten beheizt und bewohnt. Nur zu Weihnachten und zu Silvester/Neujahr wurde es zum Festzimmer. Es war sehr behaglich, denn es hatte eine Besonderheit. Während alle sonstigen Räume schräge Zimmerdecken hatten, Barackendecken, hatte man hier eine neue Decke eingezogen, so dass die Schräge des Barackendaches nicht sichtbar war. Die Decke bestand aus Holzfachen, getäfelt mit glänzenden Pressspanplatten. Sie sah sehr schön aus, so empfand ich, als ich meinen ersten Rundlauf veranstaltete.
Das nächste Zimmer war das Elternschlafzimmer mit den vertrauten Möbeln, die allerdings anders arrangiert waren. Da hatte sich wenig geändert. Ich rannte durch zur zweiten Tür und landete schließlich im Kinderzimmer. Es war so groß, dass alle fünf Betten gut hineinpassten, dazu noch unser Kleiderschrank, aber kein Stuhl und kein Tisch: dazu war der Raum dann doch zu klein. Ich rannte durch die zweite Tür unseres Kinderzimmers und landete wieder in der Küche. Das war’s. Das war der Rundlauf durch die „zweite“ Welt meiner Kindheit.
Die Waschkaue
Eine Besonderheit unseres Kinderzimmers möchte ich nicht unerwähnt lassen. An der westlichen Außenwand, die auf die Zwischenwand zur Küche hinlief, befand sich ein gemauerter „Schweinetrog“ – so nannten wir Kinder das seltsame Gebilde, das wir da vorfanden. Tatsächlich – so ließ ich mir irgendwann erklären – handelte es sich um eine „Waschkaue“, die ursprünglich einmal an unserer Wasserstelle, der Pumpe, begann und durch einen einzigen langen Raum an der Wand entlang lief, den es nun nicht mehr gab, weil dieser Raum durch eine Zwischenwand in zwei Teile geteilt worden war, um Küche und Kinderzimmer abzuteilen. In der neu entstandenen „Küche“ hatte man die Waschkaue weggekloppt. Ursprünglich war die Waschkaue also um die acht oder neun Meter lang. Wenn man sie mit dem Wasser aus der Pumpe füllte, konnten sich – so stellte ich mir vor – ungefähr zehn bis fünfzehn Menschen gleichzeitig in der Brühe waschen.
In unserem Kinderzimmer war die übrig gebliebene „Waschkaue“ mit Holzdeckeln versehen, die man aufklappen konnte. So wurde sie zu einem Möbelstück für uns: hier brachten wir unsere vielen Schuhe unter und außerdem das Schuhputzzeug: Bürsten, Lappen und Schuhcreme.
Dieser eigenartige Fremdkörper – die „Waschkaue“ – irritierte mich als Kind immer dann, wenn ich ihn bewusst wahrnahm, z. B. wenn ich Schuhe herausangelte oder hineinwarf. Die Kaue war mir rätselhaft und ich bin lange Zeit nicht darauf gekommen, warum sie da war und was es damit auf sich hatte.
Erst Jahre später, als ich mir klarmachte, welchem Zweck „unsere“ Baracke einstmals gedient hatte, löste sich auch das Rätsel der „Waschkaue“.
***
Das also war unser neues Zuhause.
Die Zivilisation, so wie ich sie bisher kannte, hatte sich mit einem Tag verändert: sie war verrutscht, sie wurde „verrückt“. Mein Leben veränderte sich gründlich, denn die zweite Phase der Kindheit, die Zeit der Bewusstwerdung und des Nachdenkens über das, was rundum geschieht, durchlebte ich außerhalb der bürgerlichen Normalität.
Die Jahre zwischen sechs und zehn sind ja einerseits die Zeit, in der man mit der Zuckertüte im Arm in die Zivilisation eingeführt wird und lesen, schreiben, rechnen und nachdenken lernt. Andererseits war das die Zeit, in der ich meine vertraute Kinderwelt verließ. Was ich stattdessen bekam, war eine „geschrumpfte“ Zivilisation, eine andere Welt, eine neue Zeit: neue Spiele, neue Freunde, neue Arbeiten und Mühen, neue Abenteuer und Katastrophen. Eine Fülle von Bildern und Geschichten lagerte sich in meinem Kopf ab und schwoll im Laufe der Zeit immer mehr an.
Denn so ist das mit unseren Erinnerungen: mit dem Älterwerden, mit dem Zuwachs an Erkenntnissen, mit dem wachsenden Durchblick fangen wir an zu verstehen. Unsere Geschichten werden voll und präzise, sie erzählen sich zu Ende. Die frühen Bilder und Erlebnisse jener Jahre meiner Kindheit verloren mit der Zeit ihre unerklärlichen Schatten, ihre zuweilen bedrückende Rätselhaftigkeit, und wurden deutbar.
2 Neue Spiele, neue Freunde
Vier Jahre Barackenzeit: ein langer Tag und eine lange Nacht, zusammen gebacken aus fast eintausendfünfhundert Tagen und Nächten. Vier Jahre, die später, in meiner Erinnerung, zu einer Einheit zusammenschmolzen, angefüllt mit den Urgeschichten meiner bewussten Kindheit, die mir für immer blieben.
Herd und Holz
Schon in den ersten Tagen und Wochen sahen wir beiden „Großen“, meine um fünfzehn Monate ältere Schwester und ich, dass sich das Leben unserer Mutter böse verschlimmert hatte, denn ihre Arbeitslast und Mühsal hatten sich vervielfacht gegenüber dem, was in unserer gutbürgerlichen, komfortablen Wohnung in der Innenstadt zu tun war.
Ihre fünf Kinder hatte sie jetzt unter Barackenbedingungen zu versorgen und großzuziehen – und der Jüngste war nicht einmal zwei Jahre alt. Der brauchte ja noch täglich seine Fläschchen und seine Breichen, wir anderen mussten täglich bekocht werden, es musste warmes Wasser bereitstehen zum Waschen und zum Abwaschen, der große Zinktopf musste erhitzt werden, in dem unsere Wäsche und die vielen Windeln des Kleinen gekocht wurden – all diese viele Wäsche über all die vielen Jahre, die dann hinterher auch noch in dem primitiv gemauerten Trog neben und unter der Pumpe gespült werden musste …
Die einzige Kochstelle, über die sie vier Jahre lang verfügte, war der Küchenherd. Der musste also täglich beheizt werden, das hieß: es musste täglich Anmachholz da sein, Holzscheite mussten gehackt, Kohlen herangeschafft werden, Papier und Streichhölzer mussten bereit liegen – und zwar immer, vier Jahre lang, sommers wie winters, Tag für Tag. Der kalte Ofen musste morgens ausgeleert, die Asche weggeschafft werden. Aus Papier und Anmachholz musste man ein Feuernest basteln, Scheite in die Flammen werfen, vorsichtig Stein- oder Eierkohlen in die Glut schütten und ständig auf der Hut sein, dass das Feuer nicht ausging, denn dann ging alles wieder von vorne los.
In der „normalen“ alten Wohnung hatte unsere Mutter auf einem Gasherd gekocht, das Wasser holte sie mit einer kleinen Handbewegung aus dem Wasserhahn – hier musste sie erst einmal kräftig pumpen, um den ersten Wasserschwall aus der Erde zu holen.
Ich spürte schon in den ersten Tagen und Wochen die raueren Bedingungen unseres neuen Lebens und nahm mir vor, meiner Mutter beizustehen, so gut ich es vermochte, und ihr in ihrer Not zu helfen. Ich war nicht allein: meine ältere Schwester verspürte von Anfang an den gleichen Wunsch. Wir beiden „Großen“ schlüpften in unsere Rollen als Mitorganisatoren unseres neuen Lebens und hielten diese Rollen vier Jahre lang durch. Wir waren die Einzigen, die halfen.
Meine jüngere Schwester war gerade mal fünf Jahre alt, als wir „umgesetzt“ wurden. Sie steckte noch in einer früheren – „kindlicheren“ – Phase des Lebens und nahm einfach hin, vermutlich ohne groß darüber nachzudenken, was das Schicksal ihr da bereitet hatte: eine merkwürdige Veränderung der Lebensumstände, von Papa und Mama nun einmal so angerichtet. Jedenfalls: sie hatte keinerlei Verpflichtung zur Mitarbeit – und das war in Ordnung so, denn dazu war sie einfach noch zu klein.
Der Älteste, unser Halbbruder, war meiner Mutter keine Hilfe. Er war schon zehn Jahre alt, als wir an den Rand zogen und er zog alsbald wieder zurück in die Innenstadt. Seine – leibliche – Mutter war wieder in Hameln aufgetaucht, vermutlich alarmiert durch die Nachricht, dass ihr Ex-Ehemann seine Frau und seine vielen Kinder in einer Barackenbehausung untergebracht hatte und zwar in einem „Nachtjackenviertel“, denn so nannten die Hamelner Gerechten Gegenden wie die unsere. Diese Frau, unseres Bruders Mutter, eröffnete eine Kneipe in der Alten Marktstraße, wo sie auch wohnte, und dort hielt sich mein Bruder von nun an am liebsten auf. Dort lernten sich Mutter und Sohn überhaupt erst kennen, denke ich heute, denn ihr Kind war ihr nach der Scheidung weggenommen worden. Nun hatten sie sich also wieder.
Auf jeden Fall: bei uns dort draußen ließ er sich immer seltener blicken und er beteiligte sich nicht an der gemeinsamen Arbeit. Er kam mir vor wie ein Gast, der sich immer mal wieder von unserer Mutter bedienen ließ, denn er mochte die Frau, die ihn großgezogen hatte.
Die Einzigen, die sie in ihrer Mühsal unterstützten, waren also wir: die beiden Anführer der Viererbande, die sie in die Welt gesetzt hatte, die „Großen“ in der Geschwisterreihe.
***
Axt und Beil waren die ersten Werkzeuge, mit denen ich in meinem Leben hantierte und die ich schon nach sehr kurzer Praxis perfekt handhabte, denn auf das Holzhacken verfiel ich bereits in den ersten Tagen nach unserer Umsetzung, also im Alter von sechseinhalb Jahren.
In der Nische zwischen dem kleinen weiß gekalkten Küchenvorbau und dem großen Garagentor lag ein großer Haufen Holz, als wir einzogen: runde, vom Stamm gesägte etwa fünfzehn Zentimeter dicke Baumscheiben, die unser Vater mit seinem Auto herangeschafft und dorthin abgeladen hatte. Er hatte sich vorgenommen, das Holz alsbald zu hacken, aber dazu kam es erst einmal nicht – er hatte immer etwas anderes zu tun, er verschwand Tag für Tag mit seinem Auto irgendwo in Niedersachsen und kam meistens erst sehr spät zurück – oder auch gar nicht. Ein paar Tage nach unserem Einzug in die Barackenwohnung beobachtete ich, wie unsere Mutter eine der Baumscheiben auf den Hackklotz legte und mit einem kurzstieligen Beil an ihm herumhackte. Sie brauchte dringend Holz für den Herd und versuchte, vom Rand der Baumscheibe Anmachholz abzuspelzen. Das sah sehr hilflos aus – und sie hatte auch kaum Erfolg damit. Das Bild rührte mich sehr und ich empfand zum ersten Mal den Drang, ihr zu helfen. Nachdem sie mit einer winzigen Menge Brennholz wieder in ihrer Küche verschwunden war, wurde ich aktiv.
Als Erstes ging ich durch das große Garagentor in die Werkstatt des Alten und fand schnell, was ich suchte. An der Wand, gleich hinter dem Tor, lehnte eine langstielige Axt, ein ziemlich schweres Ding, als ich sie mir zum ersten Mal griff. Man muss bedenken, dass ich noch keine sieben Jahre alt war, körperlich also noch ein ziemlich schmächtiges Hämelken. Ich legte eine der vielen Baumscheiben auf den Boden, stellte mich breitbeinig davor, schwang die Axt über meinen Kopf und ließ sie mit voller Wucht auf den Holzklotz niedersausen. Voller Erfolg auf den ersten Hieb! In der Mitte durchgeschlagen! Ich war glücklich. Ich legte mir eine der Hälften zurecht und als ich wieder zuschlagen wollte, öffnete sich das Küchenfenster. Ich sah das entsetzte Gesicht meiner Mutter.
„Du hörst sofort auf damit. Das ist viel zu gefährlich. Du kannst dich böse verletzen.“
„Nein“, sagte ich, „ich höre nicht auf!“ Ich guckte sie trotzig an. „Und das ist auch überhaupt nicht gefährlich. Ich mache doch die Beine breit – siehst du doch – wie soll ich mich denn so verletzen? – Geht gar nicht!“
„Ich möchte, dass du aufhörst! Die Arbeit ist viel zu schwer für dich.“
„Nein.“
Ich machte weiter und zerhackte eine gute Menge Baumscheiben zu Scheiten. Danach fing ich an, Anmachholz herzustellen – auch das war neu für mich. Ich stellte einen Scheit oben auf den Hackklotz, nahm jetzt das kurzstielige Beil zur Hand und teilte ihn mit einem einzigen Hieb. Danach wurde meine neue Arbeit komplizierter und auch gefährlicher. Die kleinen Holzscheite, die übrig blieben, waren noch zu grob und zu dick zum Anfeuern und daher als Anmachholz ungeeignet. Sie fielen allerdings meist um, wenn ich sie auf dem Hackklotz aufstellte, um sie zu zerspalten. Ich musste sie also mit der linken Hand festhalten, wenn ich mit dem Beil zuschlug. Kurz bevor das Beil in das Holz einschlug, zuckte meine linke Hand zurück – aus der Gefahrenzone. Ich gebe zu: hierbei hätte ich mir durchaus in die Finger hacken können, ich war ja Anfänger in dieser Technik, aber das ist nie passiert. Am Ende schaffte ich die Scheite und das Anmachholz in den winzigen Lagerschuppen in unserem Küchenvorbau und stapelte alles an der Wand auf. Ich war überrascht und ein wenig enttäuscht darüber, wie mickrig das aussah und war mir bewusst, dass ich von nun an immer wieder zuschlagen würde – mit der Axt fürs Grobe und dem Beil fürs Feine …
Holzhacken wurde eines meiner neuen Spiele, und ich muss sagen, dass ich es mit Lust und Spaß spielte. Immer wieder lagen dort die Baumscheiben, die mein Vater mit seinem Auto herangekarrt hatte. Nur selten hackte er selbst das Holz, meist am Wochenende, wenn er nicht unterwegs war und wir dann mal einen fröhlichen Vater um uns herum hatten. Wir brauchten aber nicht nur dann und wann einmal gehacktes Holz, wir brauchten jeden Tag unser Holz – kontinuierlich. Eine gute Tat irgendwann einmal an einem sonnigen Wochenende reichte da nicht aus. Ich hatte also reichlich Gelegenheit, in all den Jahren das Holzhackerspiel zu spielen. Einerseits machte es Spaß, körperlich aktiv zu sein und immer perfekter und routinierter zu werden. Andererseits wusste ich, dass ich etwas Nützliches tat: ich half meiner Mutter.
***
Auf die Dauer erkannte ich, dass man das Werkzeug, mit dem man ständig umgeht, in Schuss halten muss. Wenn sich der Stiel in seiner Fassung lockerte, nahm ich das Beil (oder die Axt) und spannte es fachmännisch in eine der schweren Schraubzwingen ein, die an der Werkbank in der Werkstatt des Alten befestigt waren. Ich suchte mir aus seinem Abfallschrott eiserne Keile, die ich in das Stielende, das in seiner eisernen Fassung steckte, mit einem geeigneten Hammer einschlug und damit den eingefassten Stiel auseinanderquetschte. Danach saß alles wieder bombenfest.
Waren die Schneiden von Axt und Beil stumpf geworden, ging ich in die Werkstatt und startete die Maschinen. Wenn die Schleifscheibe auf ihrem Bock in höchster Geschwindigkeit rotierte, ging ich ans Werk und schliff so lange, bis alles wieder messerscharf war – was ich mit dem Daumenballen überprüfte. Ich liebte das Kreischen, wenn ich ansetzte und loslegte. Ich stand dann in einem Funkenregen – und um meine Augen zu schützen, tat ich etwas, was ich dem Alten abgeguckt hatte. Auf seinem kleinen Schreibtisch, der in einer Ecke vor einem der Fenster stand, lag immer eine Nickelbrille mit runden Gläsern, die er aufsetzte, wenn er schliff. Diese Brille hat mich ziemlich amüsiert, als ich sie mir das erste Mal aus Jux auf die Nase setzte, denn ich sah fast nichts mehr. In die Gläser hatten sich mit der Zeit die winzigen glühenden Metallfunken eingeschossen und eine Oberfläche aus Eisenpickeln hergestellt. Wenn ich die Nickelbrille des Meisters dann allerdings selber beim Schleifen aufsetzte, konnte ich genau sehen, was ich tat: der grelle Funkenregen, der mich übersprühte, gab mir das Licht.
In der Werkstatt
Überhaupt: einer der interessantesten Spielorte in unserer neuen Welt war diese Werkstatt gleich nebenan, von unserer Wohnung nur durch eine massive Mauer getrennt. Eigentlich war sie ein verbotener Ort für uns, wir durften dort nicht spielen: der Alte hatte ein absolutes Tabu gesetzt. Dieses Tabu brachen wir allerdings ohne Umschweife und mit einem subversiven Lachen, wenn er nicht da war. Am Sonnabendnachmittag, wenn er heimgegangen war oder am Sonntag, wenn er gar nicht erst auftauchte, brachen wir dann und wann in sein Heiligtum ein, wenn uns die Lust überkam – vorausgesetzt, auch unser Vater war nicht da, der es uns natürlich ebenfalls verboten hätte.
Wir drangen zuerst in die große Garage ein, die sich direkt an unsere Küche anschloss. Das war leicht, denn der Schlüssel für das Garagentor hing immer in unserer Küche an einem besonderen Haken. In der hinteren Wand der Garage – das war zugleich die Mittelwand, die sich durch die ganze Länge der Baracke zog – befand sich eine Türöffnung, die in die Werkstatt führte.
Das seltsame „Langhaus“, in dem wir wohnten – unsere Baracke – war ungefähr sechzig Meter lang, etwa acht bis zehn Meter breit und ca. dreieinhalb Meter hoch. Ein überlanges Rechteck mit Seitenmauern aus rötlichen Ziegelsteinen und einer stabilen durchgehenden Mittelwand, die höher war als die Außenwände. Diese Mittelwand war wichtig für die primitive Dachkonstruktion: von der Mittelwand zu den Seitenmauern hatte man massive Bretter verlegt. So entstand ein einfaches Holzdach, das mit Teerpappe beklebt war. Uns Kindern war es verboten, auf dem Dach herum zu toben, denn wir hätten Löcher in die Pappe treten können, was zur Folge gehabt hätte, dass es bei Regen durchtröpfelte. Wir ließen uns durch das Verbot allerdings nicht davon abhalten, auch das Barackendach als Spielort zu erobern, achteten aber sorgfältig darauf, dass wir nicht über unserer Wohnung herum trampelten.
In das nördliche Ende des langen Rechtecks war unsere Wohnung hineingebaut worden, die vielleicht zehn Meter der Gesamtlänge in Anspruch nahm, dann folgte die Werkstatt des Alten, die gut zwanzig Meter lang war, daran schloss sich eine weitere Werkstatt an von ca. zwanzig Metern Länge und am südlichen Ende war noch einmal eine kleine Wohnung eingebaut worden.
Der Alte, unser „Oppa“ – das wusste ich schon früh – war Werkzeugmacher, der in den Neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts in einer der damals hochmodernen Drehbankfabriken sein Handwerk gelernt hatte. Später in seinem Leben legte er die Meisterprüfung als Klempner und Schmied ab, machte sich selbstständig und bildete selbst Lehrlinge aus. Seine Werkstatt war für seinen Job gut ausgestattet und gerade deswegen ein ausgefallener Spielort für Kinder wie uns, die außerhalb der bürgerlichen Zivilisation lebten und es für ihr selbstverständliches Privileg hielten, Tabus zu brechen und Gesetze zu übertreten.
Wenn man in das Heiligtum des Alten eindrang, fand man zur Linken, an der Trennwand zu unserer Wohnung, den Sicherungskasten, ein hängendes schwarzes Bakelit-Telefon und eine primitive Schalttafel, die nur zwei gummiummantelte Knöpfe enthielt: einen schwarzen und einen roten. Drückte man auf den schwarzen Knopf, so startete man einen großen Elektromotor, der in der Ecke stand – und der setzte nun seinerseits eine ganze Maschinenbatterie in Bewegung. Was dann ablief, hat mich als Kind ungemein fasziniert. Ich war nicht einmal sieben Jahre alt, als ich anfing in der Werkstatt des Alten zu „arbeiten“ und zu verstehen, was sich dort abspielte. Alles war neu für mich.
Wenn der Elektromotor auf vollen Touren lief, rotierte in rasender Geschwindigkeit ein breites Rad, das auf einer Achse steckte, die aus dem Motorgehäuse herausragte, und das setzte nun über einen festen ledernen Treibriemen eine etwa fünfzehn Meter lange Stahlwelle in Bewegung, die unterhalb der Barackendecke an der stabilen Mittelwand montiert war. Auf diese Welle waren in Abständen insgesamt vier breite, stabile Räder mit einer Eisenummantelung montiert. Über diese Räder hatte der Alte wiederum lederne Treibriemen gelegt, die mit den Schwungrädern an seinen Werkzeugmaschinen verbunden waren. So konnte er über sein Treibriemensystem mit einem einzigen Elektromotor vier Maschinen gleichzeitig in Bewegung setzen.
Gleich am Anfang seines Maschinenparks stand ein Schleifbock, in den der Alte runde Schleifsteine unterschiedlicher Größe und Körnigkeit einspannte. Es folgte ein Sägebock, in den unterschiedlich große Kreissägen eingespannt werden konnten – sogar Sägen, mit denen man Eisenbleche durchsägen konnte. Die nächste Station war die Bohrmaschine. Wenn ein Bohrer eingespannt war und der dann wie wahnsinnig rotierte, konnte man ihn mit einem Hebel absenken und zielgenau das durchbohren, was man auf dem Arbeitsfeld über der Aussparung bereitgelegt hatte. Die vierte Maschine, am Ende der Reihe, war eine „Stanze“. Wenn sie eingerichtet war, also über ihren Treibriemen mit der Antriebsmaschine, dem Elektromotor, verbunden war, konnte man mit ihr etwas „ausstanzen“. Wenn ein „Eisenstempel“ eingespannt war – und solche Eisenstempel schmiedete der Alte selber – setzte man die dicke Stanze in Bewegung, indem man auf einen Fußschalter trat. Dann senkte sich langsam ein kompakter Maschinenarm nach unten ab, an dem der Stempel aufmontiert war, und dieser Stempel stanzte nun ein besonders geformtes Loch in die Unterlage, die man bereitlegen musste. Ich benutzte meist Pappe, dünne Holzbrettchen oder ein dünnes Stück Blech. Auf diese Weise konnte man alles Mögliche durchlöchern – eben „ausstanzen“.
Mit all diesen Maschinen zu „spielen“ erzeugte in mir stets eine kribbelige Spannung, zumal ich wusste, dass ich etwas Verbotenes tat. Wenn wir an den Maschinen werkelten, stand daher immer einer von uns Schmiere. Der hatte die Kuhbrückenstraße zu überwachen, denn hier hätte der Alte auftauchen können, wenn ihn irgendein Anliegen am Wochenende in seine Werkstatt getrieben hätte. Wir hätten reichlich Zeit gehabt, den roten Knopf zu drücken und unsere Spuren zu beseitigen. Hätte er uns je erwischt, hätte er uns verkloppt – das war sicher.
Gegenüber der Maschinenreihe, an der Fensterfront der Werkstatt, befand sich ein langer Arbeitstisch aus massiver Eiche, eine Werkbank, die durch langen Gebrauch schwarz-grau und ölig geworden war. Dort stand auch ein kerniger Amboss, ein massiver Eisenklotz, und um ihn herum lag auf der Werksplatte etwa ein Dutzend verschieden geformter schwerer und auch leichterer Hämmer, mit denen der Alte seine Werkstücke auf dem Amboss – meist waren das große Kreissägen – manchmal mit Wucht, manchmal auch sehr fein und vorsichtig bearbeitete.
An der Stirnseite der Werkstatt befand sich die Esse. Wenn ich wusste, dass er schmiedete, guckte ich ihm gerne zu, denn Schmieden war für mich das Interessanteste von allem, was er in seiner Werkstatt trieb.
In den ersten Wochen nach unserer Umsetzung besuchte ich ihn fast täglich in seiner Werkstatt und schaute ihm bei seiner Arbeit zu. Ich musste mich ganz hinten an die Wand stellen und einen gehörigen Abstand zu ihm einhalten – besonders dann, wenn er schmiedete. Er arbeitete stumm, er erklärte mir nichts – und wenn ich ihn allein lassen und abhauen sollte, machte er eine unwirsche Armbewegung, um mich raus zu scheuchen. „Geh jetzt raus! Spielen!“, sagte er dann kurz angebunden.
Ich wusste immer, wenn ich mit ihm zusammen war, dass er mich nicht mochte. Ich war nicht der Typus Junge, den er für einen „richtigen Kerl“ hielt. Ich selber mochte ihn allerdings auch nicht. Ich habe nie vergessen und ihm niemals verziehen, dass er mich brutal verprügelt hat, als ich gerade mal vier Jahre alt war. Das war zu der Zeit, als wir seine Werkstatt eroberten und unsere Spiele mit seinen Maschinen spielten, gerade erst zwei Jahre her. Im Übrigen: ich mochte auch die Art von Jungs nicht, die er für „richtige Kerle“ hielt.
***
Als ich in jenen Zeiten – als Sechs-, Sieben-, Achtjähriger – den alten Mann in seinem Reich beäugte und belauerte, war er bereits in seinen Siebzigern. Ein kleiner, kompakter, gedrungener Mann, der immer noch stark und vital wirkte, eine Power-Persönlichkeit. Meist trug er eine Schürze aus einem robusten Persenningstoff mit Lederbesatz vor dem Bauch – vor allem dann, wenn er schmiedete und mit rotglühenden Werkstücken hantierte.
In solchen Momenten musste ich mich ganz weit hinten in der Werkstatt – möglichst weit entfernt von ihm – aufhalten und durfte mich nicht „mucksen“. Zuerst arbeitete er am Amboss. Er kloppte mit verschiedenen Hämmern auf irgendeinem eisernen Werkstück herum, hielt es vor seine Augen, prüfte es, maß mit einer Schublehre nach und warf es schließlich in die Glut der Esse, die durch eine Gasflamme in ihrer Hitze gesteigert wurde. Danach kam der Akt, der mich besonders beeindruckte. Mit einer Spezialzange griff er sich das rotglühende Teil, legte es vor sich auf den Amboss, wobei er es mit der Zange festhielt, und bearbeitete es mit diversen Hämmern. Schließlich beäugte er alles sehr genau – und warf das Teil, wenn er mit dem Ergebnis zufrieden war, in einen mit Wasser gefüllten Zinkeimer. Es zischte und brodelte und weiße Dampfwolken waberten durch die Werkstatt. Wenn er es wieder herausholte und mit seinem Werk zufrieden war, bearbeitete er es weiter: am Schleifbock, an der Bohrmaschine, mit feinen Handfeilen an seiner Werkbank …
In den ersten drei Jahren unserer vier Barackenjahre arbeiteten noch Theo, der Geselle, und Hubert, der Lehrling, mit ihm zusammen. Im letzten Jahr war er allein: Theo hatte eine andere Stelle angenommen und Hubert verschwand, nachdem er seine Gesellenprüfung abgelegt hatte. In jenem letzten Jahr gab mir der Alte einen kleinen Job, eine einfache Arbeit an der Stanze. Zum ersten Mal in meinem Leben verdiente ich Geld durch eigene Arbeit.
Das war insgesamt eine ziemlich kuriose Aktion.
In der Werkstatt gleich nebenan wurschtelte ebenfalls ein älterer Mann herum, Otto Gierke. Der hatte ständig Produktideen und tüftelte an neuen Produkten herum, die er vermarkten wollte, was ihm wohl meistens nicht so recht gelang. Einmal kam er auf die Idee, Gummifußmatten aus Abfall herzustellen – nämlich aus ausrangierten Auto- und Fahrradreifen. Mein „Oppa“ schmiedete dafür einen Stempel, mit dem man eine besondere Schablone aus dem Reifengummi ausstanzen konnte. Sie sah aus wie die obere Reihe der olympischen Ringe. In den Mittelpunkt der beiden äußeren Ringe stanzte der Stempel feine Löcher und Otto Straten konnte nun mit einem feinen biegsamen Draht aus zahlreichen solcher Gummischablonen Fußmatten zusammenflechten.
Neben der Stanze lag ein Berg aus Gummistreifen, die der Alte aus Auto- und Fahrradreifen herausgeschnitten hatte. Offenbar hatte er sich verpflichtet, dem Otto Gierke die Gummischablonen für die Matten zu liefern, hatte aber selbst keine große Lust, sich an die Maschine zu stellen und die Dinger auszustanzen, denn das war eine ziemlich stupide Arbeit. Immer mal wieder überredete er mich dazu.
Die Stanzerei war einfach, aber langweilig. Ich legte den Gummistreifen unter den Stempel, trat mit dem rechten Fuß auf den Fußschalter, der Stempel senkte sich gemächlich herab und schnitt die Schablone aus. Ich verschob den Gummistreifen ein wenig: dasselbe Spiel noch einmal und so weiter und so fort – eine öde, sich lang hinziehende Tätigkeit.
Der Alte gab mir pro ausgestanzte Schablone 1 Pfennig. Meist stanzte ich fünfzig Stück hintereinander aus: dann konnte ich mir und meinen Geschwistern zwei Flaschen Sinalco-Cola spendieren. Wenn ich meiner Mutter ihr kleines Nachtgeschenk machen wollte, musste ich neunzig Stück ausstanzen. Ich zeigte dann dem Alten den Haufen, den ich hergestellt hatte, und sagte: „Hundert.“ Er zählte nicht nach, wühlte in seinem Portemonnaie und warf mir ein silbernes Markstück zu: „Da! Hau es auf den Kopp! Kino?“
Um ihn zu ärgern, sagte ich meist: „Nein! Ein Geschenk für meine Mutter!“ Er guckte mich verdrießlich an. Ich war eben kein richtiger Junge. Ich war ein Muttersöhnchen.
***
Er muss sehr einsam gewesen sein in seinem letzten Jahrzehnt in seinem dämmrigen Maschinengehäuse. Seine Frau war tot und wir, die lebhafte Familie gleich nebenan, hatten die Baracke für immer verlassen. Die Werkstatt wurde ihm zur Heimstatt. Noch in seinen Achtzigern taperte er jeden Morgen in sein kleines Reich, hatte immer noch Aufträge, die ihm ein wenig Geld einbrachten, und abends taperte er zurück in seine Kneipe. Die Leute aus dem Gewerbegebiet, die ihn kannten und mit ihm zu tun hatten, nannten ihn den „alten Fritz“. Einstmals, in seiner geschäftlich und politisch aktivsten Zeit – seiner Blütezeit in den Zwanziger Jahren – wurde er in Hameln „der rote Fritz“ genannt, denn er war immer ein überzeugter, politisch aktiver Sozi gewesen.
Ich kehrte in den ersten Jahren nach unserem Auszug aus der Baracke und unserem Weggang aus Hameln noch zweimal zu ihm zurück. Ich war sein Gast. Ich wohnte dann in seiner Wohnung in der Kaiserstraße, die er sich mit seiner Tochter und deren Familie teilte. Ab und zu saß ich mit ihm in seinem dunkel gebeizten kleinen Arbeitszimmer und unterhielt mich mit ihm. Er erzählte nicht viel über sein Leben. Männer wie er taten das nicht. Auf seinem Schreibtisch lag stets ein aufgeschlagener, meist ledergebundener schwerer Foliant, zum Lesen schräg gestellt auf einem Ständer. Damals stellte ich fest, dass er Marx, Engels und Nietzsche las, konnte aber mit diesen Namen noch nichts anfangen. Er war der klassische „lesende Arbeiter“. Während seines ganzen Arbeitslebens nutzte er die stillen Stunden des Sonntagvormittags zum Studieren, während seine Frau in der Küche hantierte und ihm sein Essen kochte.
Ich besuchte ihn natürlich auch draußen in seiner Werkstatt.
In der Erinnerung bleibt mir das Bild eines alten, oftmals missmutigen Mannes, der auf seinen Tod zugeht. Ein gedrungener, harter Hephaistos, eingeschlossen in seinen nach Schmieröl und Eisenstaub riechenden Schmiede- und Maschinenhimmel. Später, als ich ein vollständigeres Bild von ihm hatte, sollte ich lernen, dass seine Vorstellung von Frauen und sein Verhältnis zu ihnen ähnlich verkorkst war wie die Haltung des „göttlichen Schmiedes“ Frauen gegenüber.
Holzhacken und Schule schwänzen
Einige Male kam es vor, dass ich sogar die Schule schwänzte, um Holz zu hacken und das morgendliche Feuer zu entfachen. Das tat ich immer dann, wenn ich frühmorgens sah, dass meine Mutter sehr erschöpft wirkte oder gar krank war und ich ihr in den Tag helfen wollte. An einem dieser Schwänz- und Holzhackertage hatte ich ein Erlebnis, das mich sehr aufwühlte und noch wochenlang beschäftigte.
Mein Schulalltag begann meist damit, dass meine Mutter intensiv an mir herumwienerte. Die Straßen um uns herum waren allesamt unbefestigt und bei Regen reine Lehm- und Matschstraßen mit großen gelben Wasserpfützen. Meine Kleidung war oft voller hellbrauner Lehmflecken und die entfernte sie gründlich mit Lappen und Bürste vor unserer Wasserstelle, der eisernen Pumpe. Sie wollte nicht, dass man schon an der äußeren Erscheinung ihrer Kinder sah, dass wir in einem „Nachtjackenviertel“ jenseits der Zivilisation wohnten und in einer Baracke „hausten“.
„Na schön“, sagte ich an jenem Morgen, „jetzt komme ich wieder eine Viertelstunde zu spät. Der Hesse hat wieder was zu meckern. Mist.“
„Ich kann dich nicht so schmutzig gehen lassen. Das will ich nicht.“
Ich hatte keinen Bock mehr auf Schule und ging missmutig nach draußen, auf den Hof. Neben dem Hackklotz lag ein riesiger Haufen Holz, die üblichen Baumscheiben. Ich ging zurück. Meine Mutter saß klein und grau am Küchentisch in dem dämmrigen kalten Raum. Der Ofen war kalt und voller Asche. Sie hatte noch nicht einmal ihren Kaffee gehabt, denn den konnte sie erst brühen, wenn da ein Feuer flackerte. Der Tauchsieder war kaputt gegangen.
„Ich schwänze. Ich mache Feuer an und hacke Holz. Ich koche dir einen Kaffee.“
Sie blieb stumm. Sie war in ihren Gedanken weit weg, das sah ich an ihrem Gesicht. Ich zog mich um und reinigte als Erstes den Herd. Den vollen Aschenkasten trug ich nach draußen und schüttete die Asche wie immer in die Landschaft – in den „Dschungel“, der gleich hinter unserem Hofzaun begann. Mülltonnen gab es hier draußen nicht. Es war noch ein kleiner Vorrat an Holz da und als das Feuer schließlich brannte, füllte ich den Wasserkessel unter der Pumpe und stellte ihn auf das offene Feuerloch. Ich brühte ihr einen Becher Kaffee und brachte ihn ihr. Sie trank den ersten Schluck und sah mich mit großen gedankenverhangenen Augen an. Sie blieb stumm.
„Ich geh’ jetzt nach draußen und hacke Holz.“ Sie nickte abwesend.
***
Es war ein kühler, nebliger Junitag. Über der großen Wiese, auf der die beiden weißen Ponys grasten, waberten weiße Dampfwolken. Es wehte ein leichter, ziemlich kühler Wind. Ein ungemütlicher Morgen. Ich legte los und hackte mich warm.
Weit und breit war kein Mensch zu sehen, wir lebten wahrlich sehr einsam, in einer richtigen Einöde. Irgendwann kamen der Alte und seine beiden Helfer, Theo und Hubert. Sie wechselten ein paar Worte mit mir und verschwanden in der Werkstatt. Gegen zehn tauchte der Briefträger auf seinem Fahrrad aus dem Nebel auf. Kurz nach zwölf wusste ich: jetzt ist die Schule „aus“ – bald würden meine Schwestern auftauchen. Ich war aber noch lange nicht fertig. Ich hackte weiter. Ich war tief in Gedanken.
Ich war neun Jahre alt, Frühsommer 1952. Das war die Zeit, als ich anfing, über unsere seltsame Lebensweise hier draußen nachzudenken, über unseren Bruch mit dem früheren Leben, über unsere Armut und die Primitivität unseres Daseins. Das war auch die Zeit, da ich anfing wahrzunehmen, dass in der Beziehung meiner Eltern etwas nicht stimmte und dass die Ursache für unsere Misere und das Unglück meiner geliebten Mutter das seltsam gedankenlose und leichtfertige Verhalten unseres Vaters war. Es war die Zeit, als ich anfing, ihn kritisch zu sehen und ihn in bestimmten Szenen und Situationen sogar zu verachten.
Insgesamt eine Zeit der Wandlungen und neuer Einsichten. Ich dachte über unser Leben nach. Wie würde es weitergehen mit uns allen? Würden wir hier je noch einmal herausfinden? Das waren schwere Gedanken, die mich in eine trübe, grüblerische Stimmung versetzten.
Ich sah mich um. Die Landschaft war still und menschenleer. Über Vogeleys Wiese lichtete sich gerade der Nebel und die beiden weißen Ponys wurden wieder sichtbar. Ich schaute hinüber zu Andersens Baracke, die vielleicht fünfhundert Meter entfernt lag, jenseits des „Dschungels“, der direkt hinter unserem Hofzaun begann, jenseits des Streifens wilder Squatter-Gärten, der auf den Dschungel folgte und jenseits des Kartoffelfeldes, das fast bis an Andersens Baracke heranreichte.
Ich schaute hinüber und sah jetzt durch den feinen Schleier, der noch über dem Kartoffelfeld hing, undeutlich und klein eine Gestalt aus Andersens Wohnung heraustreten. Sie marschierte zügigen Schrittes an den roten flachen Backsteingebäuden vorbei und bog in den Weg ein, der neben der Ponyweide direkt auf uns zu führte. Ich sah, wie die Gestalt die Pfützen umkurvte oder geschickt übersprang und erkannte sie schließlich. Es war Helmut, der Älteste der vier Andersen-Kinder. Für mich zählte er schon zu den „Großen“, den Erwachsenen, denn er hatte bereits die Schule beendet, er war Lehrling und steckte in einer Tischlerlehre. Er mochte sechzehn oder siebzehn Jahre alt sein. Als er unseren Hof erreichte, kam er direkt auf mich zu und ich sah an seinem Gesicht, dass er wütend und aggressiv war.
„Wenn du den noch einmal schlägst“, brüllte er mich an, „wenn du den auch nur noch einmal anrührst, schlage ich dich zu Brei, du Giftzwerg!“
Ich war fassungslos.
„Was ist los? Was soll ich getan haben?“
„Stell dich nicht doof. Du hast den Dieter gepiesackt und geschlagen.“
Ich hatte deutlich das Gefühl, dass er nicht ganz bei Trost war.
„Wann soll ich das gemacht haben?“
„Na, heute natürlich. Auf dem Schulweg.“
Ich lachte ihn laut und höhnisch aus.
„Heute?“ Ich tippte an die Stirn und zeigte ihm einen Vogel. „Weißt du was? Ich war heute gar nicht in der Schule. Ich habe geschwänzt. Ich habe den ganzen Morgen Holz gehackt. Ich habe mich nicht ein einziges Mal von hier wegbewegt. Und den Dieter habe ich schon seit Tagen nicht mehr gesehen. Außerdem: ich habe den noch nie geschlagen.“
Ich war verärgert: „Er hat mal wieder gelogen. Er lügt immer. Er ist ein Stänker!“
Ich zeigte mit der rechten Hand, in der ich das Beil hielt, auf den großen Haufen Holzscheite neben dem Hackklotz und dachte darüber nach, wie ich mich verteidigen würde, falls er mich angriff. Ich zeigte mit dem Beil auf ihn.
„Falls du mir nicht glaubst, geh rein und frag meine Mutter.“
Er schaute mich irritiert an, kochte aber immer noch vor Wut. Er ging rein und blieb eine ziemlich lange Zeit verschwunden. Offensichtlich führten sie ein ernsthaftes Gespräch da drinnen.
Ich fing an zu grübeln. Da gab es ein Rätsel, das mich seit geraumer Zeit beschäftigte.
Zuerst dachte ich darüber nach, was an diesem Morgen auf dem Heimweg von der Schule wohl passiert sein mochte. Dieter hatte – so nahm ich an – wie üblich „gestänkert“. Es war seine Art, anderen Kindern ihr Spiel und die Lebensfreude zu vermiesen, und meine beiden Schwestern hatten sich vermutlich gegen seine Angriffe zur Wehr gesetzt. Wahrscheinlich hatte er ohne seine „Schutzgarde“ angegriffen, ohne seine beiden „großen“ Schwestern Elke und Christa, denn die verteidigten und beschützten ihn, egal, was er anstellte und wie boshaft er angriff. Als meine Schwestern ihn losgeworden waren, war er wohl nach Hause gerannt, hatte seine Lügengeschichten erzählt und behauptet, ich hätte ihn gepiesackt und geschlagen …
Ich geriet in eine nachdenkliche, ziemlich missmutige Stimmung. Ich dachte über diesen Jungen nach, den Jüngsten der Andersen-Kinder, ungefähr drei Jahre jünger als ich selbst. Nachdem wir gleich am ersten Tag mit den Andersen-Geschwistern Freundschaft geschlossen hatten und täglich miteinander spielten, fiel mir das seltsame Verhalten des Jüngsten in der Andersen-Reihe auf. Ich konnte mir nie einen Reim darauf machen, warum er stets so dumm und so boshaft war, unsere Spiele zu stören statt mitzuspielen. Mir kamen Erinnerungen an unangenehme Szenen in den Sinn, in denen er voller Bosheit andere Kinder angriff. Einmal griff er mich an. Eine rätselhafte, fast ein wenig schaurige Geschichte:
Ich stehe gelangweilt vor der Tür der Andersen-Wohnung. Ich warte auf die Andersen-Bande, damit endlich irgendetwas geschieht: ein Spiel, ein Streich, ein kleines Abenteuer …
Plötzlich öffnet sich die Tür und der Kleine schießt auf mich zu. Er streckt mir seine rechte Hand entgegen, auf der drei Apfelsinenstückchen liegen und hält sie mir unter die Nase: „Hier! Ich habe Apfelsinenstücke. Du nicht. Ätsch bätsch …“ So ähnlich klang das wohl. Er wollte mich neidisch machen.
Er hört nicht auf mit seinem Unfug. Ich drehe mich um und gehe weg, aber er verfolgt mich mit seinem gehässigen Geschrei. Er hört nicht auf. Er ist zäh, er macht immer weiter. Ich entferne mich, aber er verfolgt mich mit seinem Gekreische. „Hau ab“, schreie ich ihn schließlich an: „Hau ab“ – aber er lässt nicht nach. Jetzt macht er erst recht weiter. Er nervt wie immer. Er kann nicht anders. Er muss stänkern.
Schließlich bleibe ich stehen. Ich schaue auf die schwabbeligen, unappetitlich suppenden Apfelsinenschnetzel in seiner schmutzigen Hand. Er hält sie mir unter die Nase und zeigt mir seine kleine, boshafte Hassfratze. Ich muss lachen: „Na warte!“ Mein rechter Arm schießt nach vorne, der Raubvogelschnabel aus Daumen und Fingern schnappt sich die Stücke, schiebt sie mir in den Mund und ich würge sie hinunter. Eklig.
Ich sage: „Weg!“
Ich grinse ihn an: „Sie sind weg!“
Die Reaktion, die folgte, überraschte mich nicht nur, sie schockierte mich. Sein Hassgesicht verwandelte sich schlagartig in pures Entsetzen, ja, mehr: in helle Panik. Ich höre einen grellen Schrei – wie von einem Tier, das tödlich verletzt ist. Als er sich umdreht und davonrennt, geht der Schrei in ein lautes Wimmern und Jaulen über, das nicht mehr aufhört. Er verschwindet in der Wohnung und ich denke nur eines: Jetzt haue ich wohl besser ab!
Nach diesem Ereignis wusste ich, dass mit ihm etwas nicht stimmte, dass in ihm irgendetwas kaputt war. Die völlig unangemessene Reaktion war mir unbegreiflich. Da gab es ein Rätsel.
***
Ich hackte nur noch lustlos auf ein paar Holzscheiten herum, als Helmut schließlich sein langes Gespräch mit meiner Mutter beendet hatte und wieder zu mir auf den Hof heraus trat. Er wandte sich zu mir und sagte kurz:
„Tut mir leid.“ Er sah traurig aus.
Ich tauchte aus meinen Gedanken auf, schaute ihm ins Gesicht und sagte ganz nachdenklich – ohne jede Häme oder Spott – das, was gewissermaßen das Resümee meiner Grübeleien war:
„Mit dem stimmt was nicht!“
Eigentlich ein ziemlich naheliegender, banaler Kommentar, den er gar nicht hätte beachten müssen. Seine Reaktion auf meine Worte überraschte mich allerdings. Ich sah plötzlich einen schmerzlichen Zug in seinem Gesicht, ja, mehr, einen tiefen Schmerz, der nicht allein das Ergebnis des vorangegangenen läppischen Vorfalls sein konnte. Jetzt tat er mir sogar leid. Und mehr noch: sein trauriges Gesicht bestärkte mich in der Annahme, dass ich in meinen Grübeleien einem Geheimnis auf der Spur war.
Ich verfiel wieder in diese merkwürdige, nachdenkliche Stimmung, die mich schon den ganzen Morgen gepackt hielt. Ich grübelte und grübelte und grub immer tiefer. Ich dachte über unsere Situation hier draußen nach – so intensiv, wie ich es vorher noch nie getan hatte.
***
Meine Mutter hatte mehr verloren als die ganz normale Bequemlichkeit einer komfortablen Wohnung in einem gutbürgerlichen Milieu. Was ich als Kind noch nicht voll begreifen und in seinen Auswirkungen einschätzen konnte, was ich aber fühlte, wenn ich sie beobachtete: sie hatte ihr gesamtes soziales Umfeld verloren, ihre Nachbarinnen, ihre Freundinnen und Freunde, die Kolleginnen und Kollegen aus dem Stadtkrankenhaus. Sie vereinsamte. Sie schämte sich. Sie schämte sich, irgendjemanden aus ihrem Freundeskreis einzuladen in ihre armselige Behausung und sie schämte sich auch, irgendjemanden in der Stadt zu besuchen, da sie ja annehmen musste, dass sich ihre neue desolate Lebenssituation unter ihren Freundinnen und Nachbarinnen herumgesprochen hatte. Sie schämte sich und wurde krank.
Was mir noch weniger bewusst wurde, war, dass auch wir Kinder unser soziales Umfeld verloren hatten: all die vielen Kinder, mit denen wir in den Straßen der Stadt gespielt hatten – Verstecken, Schlagballtreiben, Hopse, Murmelspiel …
Wenn wir das damals in Hameln sehr beliebte Ecker-Gucker-Karo-Spiel spielten und ich der Jäger war, standen mir hundert Meter entfernt, an der Kreuzung, bis zu zehn Kinder gegenüber, die davonflitzten und sich versteckten, wenn ich los rannte. All diese Kinder verschwanden aus meiner Welt, als wir aus ihrer Welt verschwanden.
Nach meiner Einschulung (ein halbes Jahr vor der Umsetzung in die Baracke) knüpfte ich natürlich neue Bande unter den Jungs meiner Klasse. Auch diese neuen Freundschaften entwickelten sich nicht mehr weiter und verdorrten, als wir die Innenstadt verließen.
So waren wir glücklich, dass wir sofort die Andersen-Kinder aufstöberten, als wir auf die Pirsch gingen und die Umgebung erkundeten. Das war Zuneigung auf den ersten Blick. Sie wohnten zwar ein paar hundert Meter von uns entfernt, aber immerhin in Sichtweite und wir konnten uns durch Winken und Rufen bemerkbar machen. Die Entfernung war kein Hindernis, uns täglich zu sehen und gemeinsam unsere täglichen Spiele und Abenteuer zu organisieren.
In all den vier Jahren blieben sie unsere einzigen Freunde. Wir verschmolzen zu einer echten Kinderbande. Drei Mädchen und ein Junge – das war ich selbst – bildeten den Kern. Immer, wenn wir etwas unternahmen, mussten wir allerdings die „Kleinen“ mitschleppen und auf sie aufpassen, den kleinen Dieter, die kleine Gerhild und unser Brüderchen Wolf. Wir „Großen“ hatten eben auf die „Kleinen“ aufzupassen, was manchmal sehr lästig war. Wir zottelten mit ihnen durch die Landschaft und führten sie beiläufig in so wichtige Kulturtechniken ein wie Laufen-, Sprechen- und Singenlernen.
***
Und wer wohnte noch hier draußen um uns herum? Das waren nicht eben viele. Ich ziehe einen weiten Kreis um meinen Hackklotz und nenne sie alle – im Uhrzeigersinn:
Am südlichen Ende der Andersen-Baracke, direkt am Damm der Fluthamel, weit entfernt also, lebten die Gottwitze, ein kinderloses älteres Ehepaar. Sie schimpften und meckerten viel, wenn wir am Damm in der Nähe ihres kleinen Gärtchens spielten. Sie waren die unmittelbaren Nachbarn der Andersens.
Jenseits der Ponyweide, an der unbefestigten Wallbaumstraße, ziemlich weit entfernt von meinem Hackklotz, lebte der Schrotthändler Homann mit seiner Frau in einer kleinen Holzhütte, die mitten auf seinem Schrottplatz stand. Die beiden hatten keine Kinder.
Auf dem hinteren Werksgelände von Kaminski, der Waggonfabrik an der Kuhbrückenstraße, stand ein kleines weißes Häuschen, in dem ein altes Ehepaar wohnte, etwa im Alter unserer Großeltern. Eines Tages bemerkte ich auf ihrem Grundstück einen Jungen – etwa zwei Jahre jünger als ich selbst. Ich sprach ihn an und lud ihn zum Spielen ein. Er antwortete in einem lustigen, seltsam gefärbten Deutsch, von dem man mir später sagte, dass es „Schwäbisch“ sei. Er lebte jetzt bei seinen Großeltern, weil irgendetwas im Schwabenland schief gelaufen war. Wir nahmen ihn auf in unsere Bande.
In der kurzen Holzbaracke, die in etwa dreißig Metern Entfernung parallel zu „unserer“ Baracke an der Kuhbrückenstraße stand, wohnte vorne die Frau Kinkel mit ihren Ziegen, den Hühnern und ihren gefährlichen zwei Gänsen. Ihr Holzhaus war umwuchert von Bäumen und Büschen, und irgendwo in ihren hinteren Dunkelräumen beherbergte die Frau Kinkel zwei junge Männer und einen alten Mann, die man aber nur selten sah. Am Ende unserer Baracke, zum Damm der Fluthamel hin, wohnten ein junger Mann und eine junge Frau, die wir nur zu Gesicht bekamen, wenn sie in ihrem DKW-Cabrio an uns vorbei flitzten. Sie hatten zwei Kinder, zwei sehr schüchterne Jungen, die nur selten zum Spielen zu uns auf den Hof kamen.
Das waren die Leute, die hier draußen wohnten. Weit verstreut um uns herum. All unsere Nachbarn. Mehr gab es nicht.
Bastard
Die Episode mit Helmut hatte meine Grübeleien verstärkt. Doch da war noch etwas. Ich spürte eine Spannung, die immer dann in meinem Nacken kribbelt, wenn ich weiß, dass ich einem Geheimnis auf der Spur bin.
Ich hörte auf zu arbeiten und starrte in den Nebel, der sich langsam auflöste. Und plötzlich kam sie wieder hoch in mein Bewusstsein, jene rätselhafte Geschichte, die ich wenige Wochen zuvor belauscht hatte. Ich hatte sie sorgsam für mich behalten und niemandem weiter erzählt, denn ich wusste instinktiv, dass ich etwas gehört hatte, das – wie es die Erwachsenen ausdrückten – nicht für „Kinderohren“ bestimmt war, weil es Dinge aus ihrer Welt enthielt, von denen wir „Kleinen“ besser nichts wissen sollten. Die „verbotene“ Geschichte handelte von diesem Dieter, der sich Lügengeschichten ausdachte, um seinen großen Bruder auf mich zu hetzen.
Die Andersens waren Flüchtlinge, die sich in Hameln festgehakt hatten und in der Baracke zur Ruhe gekommen waren. Ursprünglich hatten sie im Sudetenland gelebt und waren nach dem Ende des Krieges vertrieben worden.
Helmut, das älteste der vier Kinder, gehörte nicht mehr zu unserer Bande. Er hatte blonde Haare, ein gutmütiges Gesicht, er war lang und schlaksig wie sein Vater und mischte sich nur dann in unsere Spiele ein, wenn er meinte, dass seinen jüngeren Geschwistern ein Ungemach widerfuhr.
Elke war eine fröhliche Blonde mit lachenden blauen Mondaugen, sie war zwei Jahre älter als ich. Christa war gleich alt, sie war die Stille. Ihre Haare waren etwas dunkler als die ihrer Schwester. Sie war sehr hübsch, sie hatte feine, zarte Gesichtszüge und ich war vom ersten bis zum letzten Tag meiner Barackenzeit in sie verliebt.
Dieter, der Jüngste, fiel aus dem Rahmen. Er fiel auf, weil er anders aussah als seine Geschwister. Er hatte auffällig dunkle, fast schwarze Haare und dunkle, fast schwarze Augen. Er passte äußerlich gar nicht zu den anderen, so dachte ich immer, wenn ich mit ihnen zusammen war.
Die Geschichte, die ich belauscht hatte, hatte sich deswegen in meinem Kopf festgehakt, weil ich etwas Entscheidendes nicht verstanden hatte. Mit acht Jahren weiß man noch nicht viel von dem, was in der Welt der Erwachsenen alles so passieren kann. Ich wollte das jetzt klären und ging in die Küche. Ich setzte mich an den Küchentisch und beobachtete meine Mutter, die auf dem Herd unser Mittagessen kochte. Sie wandte mir ihren Rücken zu. Ich schwieg eine ganze Weile – und schließlich gab ich mir einen Ruck:
„Mutti“, fragte ich, „was ist ein Bastard?“
Sie fuhr herum und schaute mich überrascht an.
„Wie kommst du denn auf so etwas? Was geht dir denn da im Kopf herum? Worauf willst du hinaus?“
„Ich habe gelauscht“, sagte ich. „Ich habe ein Gespräch zwischen Oppa und Herrn Gottwitz belauscht.“
Ich druckste herum. Lauschen war ja verpönt, das hatte man uns schon früh eingebläut – und meine Mutter war in den Dingen des Anstands ziemlich rigide.
„Sie haben über die Andersens geredet. Vor allem über Dieter. Ich habe das nicht richtig verstanden, aber es war was Schlimmes.“
Meine Mutter war alarmiert. Sie setzte sich zu mir an den Küchentisch und fragte: „Was hast du gehört?“
Ich fing an zu erzählen.
***
Heute, da ich von oben auf den Teppich meiner Erinnerungen schaue, entdecke ich zuweilen Eigenschaften in den vielen Egos der Vergangenheit, die offenbar zu Konstanten meiner Persönlichkeit wurden. So war ich immer mal wieder und mit Lust ein Lauscher. Diese Eigenschaft entwickelte ich schon früh, auf unserem Barackenhof.
Es gab nicht viele Erwachsene um uns herum, an deren Gesprächen wir zwanglos teilhaben konnten. Wir waren meistens unter uns, in der Kinderbande, entfernt von den Alten. Der Hof war der Ort, an dem immer mal wieder erwachsene Menschen zusammenkamen, Kunden unseres Großvaters zumeist, die ihm irgendeinen Gegenstand zur Reparatur brachten und dann auch wieder abholten. Oftmals stand er dann mit ihnen auf dem Hof herum, wo sie miteinander plauderten, klatschten und tratschten. Ich spielte oder pröttelte dann wie beiläufig in ihrer Nähe und stellte meine Lauschantennen auf ihr Gespräch ein. Sie durften mich nicht wahrnehmen, denn, wenn das geschah, veränderte sich ihr Gespräch zuweilen – Kind hört mit! – oder sie verzogen sich an einen anderen Ort auf unserem großen Hof, um mich loszuwerden.
***
An jenem Tag, als der Herr Gottwitz und unser „Oppa“ vor dem großen Werkstatttor in der Sonne standen und ihren nachbarschaftlichen Klönschnack abhielten, lief ich zufällig mit einem Eimer an ihnen vorbei, um Kohlen zu holen. Beiläufig hörte ich im Vorübergehen, dass sie sich über unsere Freunde, die Andersens, ausließen. Genau genommen: Herr Gottwitz beklagte sich lautstark über seine Nachbarn, vor allem natürlich über die Andersen-Kinder. Er schimpfte, er meckerte.
Ich war sofort hellwach und aufmerksam. Ich ging langsam an ihnen vorbei und betrat das kleine Quergebäude, das immer noch „Schweinestall“ genannt wurde, obgleich es längst unser Kohle- und Kartoffelschuppen geworden war. Dort lagerten wir die Steinkohle und die Eierbriketts, die wir für unseren Dauerbrenner, den Küchenherd, brauchten. Ich verschwand mit meinem Eimer im Schuppen, nahm aber gleich hinter der Tür die klassische Lauscherposition ein. Ich lehnte mich mit meinen Schultern an die Wand neben der Türöffnung, legte meinen Kopf schräg, so dass ich besser hören konnte, und bekam alles mit, was gesprochen wurde: der Lauscher an der Wand, nicht präsent, nicht sichtbar. Keine Unschärferelation.
Was den Herrn Gottwitz so schrecklich ärgerte, war, dass da hinten am Damm, direkt neben seiner Wohnung und neben dem Garten, den er sich angelegt hatte, immer diese Kinderbande herumtobte und lärmte (zu der natürlich auch ich und meine Geschwister gehörten). Wenn er sich bei den Eltern beschwerte, bekäme er grundsätzlich eine Abfuhr: dieses Flüchtlingspack stelle sich grundsätzlich hinter die Kinder und dächte gar nicht daran einzugreifen und den Terror zu stoppen.
„Die hätten allesamt mal eine saftige Tracht Prügel nötig. Dringend!“
Mein „Oppa“ stimmte ihm zu und bestärkte ihn darin, es einmal damit zu versuchen.
„Das geht nicht. Wenn ich mir die packen und sie versohlen würde, hätte ich sofort den Alten und seinen Großen am Hals. Die schlagen zurück!“
Sie schweiften ab und zogen über die Flüchtlinge her, die Hameln „wie ein Heuschreckenschwarm“ überfallen hätten. Sie nannten sie verächtlich „Flächtlinge“ wie viele alteingesessene Hamelenser, die damit auf den Dialekt der ungeliebten Eindringlinge anspielten.
Plötzlich war die Rede von Dieter.
„Der Kleine ist ein geisteskranker Giftzwerg. Der spielt uns die hinterhältigsten Streiche, wenn ich mal mit ihm geschimpft habe. Der vermiest mir das Leben!“
Es entstand eine lange Pause und ich hatte schon die Befürchtung, dass sie gemerkt hatten, dass ich sie belauschte. Aber es ging weiter.
„Einmal habe ich dem eine geklebt. Darauf haben sie mich bedroht und körperlich angegriffen. Unglaublich!“
Sie schwiegen wieder für eine kleine Weile. Dann hörte ich von unserem „Oppa“ jene Sätze, die sich mir einbrannten und an denen ich seither knabberte:
„Der Dieter ist ein Bastard.“
„Was meinst du?“
„Nun ja. Der alte Andersen ist gar nicht sein Vater. Sie ist auf der Flucht vergewaltigt worden. Sie ziehen einen Bastard groß.“
Mein „Oppa“ stockte und sagte dann:
„Wie ihr eigenes Kind. Kann man sich kaum vorstellen!“
Und dann wiederholte er noch einmal gedankenvoll:
„Sie sind Vertriebene. Sudetendeutsche. Vergewaltigung auf der Flucht.“ Pause. „Ein Tscheche.“
***
Sehr viel später habe ich mich gefragt, woher er eigentlich sein Wissen über die Andersen-Familie hatte und ob nicht womöglich alles nur Flüchtlings-Klatsch und -Tratsch war. Das Flüchtlingsproblem war in jener Zeit, Anfang der Fünfziger, das Thema in vielen Kommunen der BRD und die „Flächtlinge“ und „Neigschmeckten“ wurden vielfach mit Missgunst und Verachtung aufgenommen. Es wurde viel über sie gelästert und hergezogen.
Für mich war es das zweite Mal während meiner Barackenzeit, dass die „große“ Geschichte in meine „kleine“ Geschichte hineinsegelte und mir Rätsel aufgab. Was hatte es mit dieser „Flucht“ auf sich, was war eine „Vergewaltigung“, was war ein „Tscheche“?
Meine Mutter „eierte“ um den entscheidenden Punkt herum. Sie war natürlich so prüde wie ihre ganze Generation und eine sexuelle Aufklärung der Kinder fand im Land Danach nicht statt. Am Ende unseres Gesprächs am Küchentisch war ich dann aber doch – nach vielen bohrenden Fragen – „aufgeklärt“: ich wusste, was passiert war.
Mein Verhältnis zu den Andersen-Kindern änderte sich durch dieses Wissen überhaupt nicht. Ich weiß aber, dass mir Dieter von nun an irgendwie leid tat und dass ich Helmut und die beiden Schwestern verstand, wenn sie ihn beschützten. Erst viel später sah ich das wirklich Großartige im Verhalten dieser Familie: die Frau, die die Frucht des Gewaltaktes austragen musste, und ihr Baby als das „Brüderchen“ in die Geschwisterreihe integrierte. Und ich sah den Mann, der in Liebe zu seiner Frau hielt – und zu dem Kind. Das war durchaus nicht üblich im Land Danach, in dem die vielen vergewaltigten Frauen oftmals sozial im Stich gelassen wurden und ihr Trauma verbergen mussten, um einer Stigmatisierung zu entgehen.
***
Nach dem „Aufklärungsgespräch“ mit meiner Mutter an unserem Küchentisch – neben dem heißen Küchenherd, auf dem unser Mittagessen schmurgelte – lichteten sich die Nebel in meinem Kopf. Ich ging wieder nach draußen und hackte die letzten Scheite zu Anmachholz. Auch hier draußen waren die Nebelschwaden verschwunden. Weißes, fahles Sonnenlicht lag über der Landschaft. Weit hinten auf der Kuhbrückenstraße sah ich nun endlich meine beiden Schwestern aus der Schule heimkommen, die den Dieter gepiesackt hatten und damit so viel in mir ausgelöst hatten. Gleich würden wir alle am Tisch sitzen und essen. Der Tag nahm Konturen an.
Die Initiation
Die Entschlüsselung der Dieter-Geschichte fiel in eine Phase meines Lebens, in der ich anfing, mich mit der Zeit auseinanderzusetzen, in der ich lebte. Tatsächlich war es das zweite Mal, dass ich darauf gestoßen wurde, dass etwas Schlimmes in dem Land passiert sein musste, in dem ich aufwuchs. Die Worte „Krieg“, „Flüchtlinge“, „Nazis“ hörte ich vermutlich oft als Kind der Vierziger und Fünfziger Jahre, aber sie bedeuteten mir erst einmal nichts und ich hatte keinerlei Interesse nachzufragen, um mehr darüber zu erfahren. Ich war halt ein Kind und lebte mein unschuldiges Kinderleben. Doch dann kam der Erkenntnisschock, der mir die Unschuld raubte.
***
Meine Mutter hatte dafür Sorge getragen, dass die Strippen zur „normalen“ Zivilisation und sogar zur „großen, weiten Welt“ nicht durchrissen in unserer Einöde an der Peripherie der Stadt. Jeden Wochentag lieferte der Briefträger die Tageszeitung ab, einmal in der Woche fuhr der nette alte Mann mit seinem verbeulten Opel vor, der uns die Illustriertenmappe vom „Lesezirkel Daheim“ brachte – und natürlich gab es das Radio.
Anfang der Fünfziger wurde auch bei uns der „Volksempfänger“ – die hässliche „Goebbelsschnauze“ – für immer entsorgt und durch einen „normalen“ Kasten ersetzt, dessen magisch-grünes Auge mich faszinierte und auf dessen Display man durch Drehen eines Knopfes seinen Sender einstellen konnte. Der Sender der Region, der „NWDR“, kam gut rüber – die meisten anderen lieferten nur Rauschen, Quietschen und Quaken. Meine Mutter hörte täglich ihre Nachrichten und Kommentare, wir versammelten uns wöchentlich einmal vor dem Kasten, wenn die spannenden Serien liefen: „Paul Temple und der Fall Curzon“ oder „Kalle Blomquist, der Meisterdetektiv“ …
Für mich war die tägliche Zeitung noch ziemlich uninteressant, da ich in jenen Jahren gerade erst lesen lernte: zu viel Text, zu wenig Bilder. Die Illustriertenmappe war da ergiebiger: „Stern“ und „Quick“ zeigten uns Bilder von den großen Ereignissen der Zeit, meist zeitversetzt um drei Wochen, denn je älter die Illustriertenmappe war, umso billiger wurde sie. Die „Bunte“ versorgte uns mit den Glanzfotos von Königinnen und Prinzessinnen und anderen feinen Leuten. Der „Spiegel“ war für mich uninteressant: unverständliche lange Texte und langweilige Bilder, meist Köppe von ollen Männern. Den „Spiegel“ nahm ich mir nur vor, wenn wirklich alles andere abgegrast war. Ich blätterte dann lustlos und gelangweilt darin herum und steckte ihn schließlich frustriert zurück in die Mappe.
Eines Tages allerdings wurde ich ausgerechnet beim Studium dieses für mich so langweiligen Blattes geschockt, ja, mehr noch: regelrecht aus der Bahn meines friedlichen, kindlichen Lebens geworfen. Ich sah etwas, das von nun an mein Leben für immer verändern sollte.
Da waren vier kleine Bilder oben auf einer Doppelseite. Auf der linken Seite ein inzwischen weltbekanntes Bild: der Viehwaggon, in dem verzweifelte Menschen abtransportiert werden. Auf der rechten Seite war ein Bild, das mich erschütterte. Es zeigte das Innere einer Baracke, die aussah wie die unsere. Dort aber war keine Wohnung oder eine Werkstatt eingebaut wie in „unserer“ Baracke. Nein, in jener Baracke standen dicht an dicht dreistöckige Holzbetten und auf diesen Holzbetten lagen Skelette, lebende Menschen, die bis auf die Knochen abgemagert waren, mit großen aufgerissenen Augen in den tiefen Augenhöhlen über den hohlen Wangen. Lebende Skelette mit Totenschädeln. Ich hatte noch nie etwas derart Schauriges gesehen.
Ich schnappte mir das Heft und verschwand damit in unserem „Dschungel“ hinter dem Hofzaun. Auf einem der Bunkergebirge studierte ich die Bilder, die Bildunterschriften und schließlich machte ich mich an die Arbeit. Ich las den Artikel, von dem ich annahm, dass er mir verraten würde, was ich da eigentlich vor mir hatte, vom ersten bis zum letzten Buchstaben durch. Ich las langsam und buchstabierte Wort für Wort. Ich hatte gerade erst lesen gelernt und kämpfte mich mühselig durch den langen Text auf der Suche nach Erleuchtung. Da ich mich an den Inhalt später nicht erinnern konnte, nehme ich an, dass ich nichts verstand, als ich mich durch den Text kämpfte. Ein „Spiegel“-Artikel in der „Spiegel“-Sprache mit ihren unverständlichen Wörtern und Begriffen, dem vorausgesetzten Hintergrundwissen, das der erwachsene Leser mitbringt – damit konnte ein Achtjähriger zu Beginn seines dritten Schuljahres nichts anfangen.
Aber ich wusste tief in mir, dass schreckliche Ereignisse stattgefunden hatten. Vor allem entnahm ich dem, was ich da vor mir hatte, dass diese Ereignisse noch gar nicht so lange zurücklagen. Und irgendwie begriff ich vage, dass es sich um Verbrechen handelte, die von den Deutschen begangen worden waren. Von „uns“ also. Das war der Schock.
Ich hatte als Kind ganz naiv die Vorstellung, dass alles, was „vor meiner Zeit“ lag, vor meiner Geburt, gleich weit entfernt war in der Vergangenheit – ob es sich nun um die „alten Römer“ handelte, von denen man schon mal das Eine oder Andere gehört hatte, oder um die „Nazis“, von denen in den Gesprächen der Erwachsenen immer wieder die Rede war.
An jenem Nachmittag lief ich mit dem Heft zu meiner Mutter, zeigte ihr die Bilder und fragte sie, was es damit auf sich habe. Aus ihren Erklärungen und Erzählungen entnahm ich, dass es sich um furchtbare Verbrechen der „Nazis“ gehandelt habe, von denen sie selbst erst nach Kriegsende erfahren hatte. Ich erkannte aus dem, was sie erzählte, dass diese „Nazis“ Deutsche waren. Ich wusste jetzt auch, dass meine Mutter selbst in der „Nazi-Zeit“ gelebt hatte, wie alle Erwachsenen um mich herum. Ja, ich stellte fest, als ich nachrechnete, dass ich selbst noch in die „Nazi-Zeit“ hineingeboren worden war.
In den folgenden Tagen bohrte ich weiter. Ich wollte mehr wissen über die „Nazi-Zeit“ und die „Nazis“, mehr wissen über das, was sie angerichtet hatten. Ich fragte die Erwachsenen, aber all ihre Antworten konnten meine Neugier nicht stillen. Die „große“ Geschichte war zum ersten Mal in mein Leben hineingekrochen und ich erkannte, dass ich in einem ganz besonderen Land lebte: um mich herum lebten Menschen, die schreckliche Verbrechen begangen hatten – und ich wusste natürlich nicht: wer von denen gehörte zu den Verbrechern und wer nicht?
Die Entdeckung der Horrorbilder markierte den Beginn einer Ummodelung meines Bewusstseins. Später nannte ich das, was mir da widerfahren war, eine „Initiation“, denn von da an begann „das große Fragen“, das nie wieder aufhörte. Die kleinen Fotos auf jenen Seiten, die ich mit acht Jahren so mühsam studiert hatte, waren die ersten Bilder einer Bildergalerie, die mein Leben lang wuchs und schließlich ausuferte: eine Sammlung ungeheuerlicher Fotos, ungeheuerlicher Geschichten, die die schwarzen Bilder der Vergangenheit heraufbeschworen, eine Sammlung von Horrorbildern und Horrorfilmen.
Das war wahrlich eine besondere Initiation: es gab sie nur in Deutschland und sie betraf nur meine Generation. Das waren die Kinder, die im Krieg und in den Jahren davor und danach geboren worden waren. Viele von uns erwischte der Erkenntnisschock: der Vater war ein Täternazi, die Eltern hatten von der Arisierung jüdischen Eigentums profitiert … Die Mörder und Folterer, die Mitmacher und Mitläufer, die Täter und Denunzianten lebten direkt nebenan, als biedere Bürger, als brave Familienpappis. Aber natürlich lebten auch die Opfer neben uns. All sie, die Täter wie die Opfer: das waren die „Alten“, mit denen wir zu tun hatten. Sie gestalteten die Gesellschaft, in die wir hineinwuchsen. Sie modellierten unser Leben.
Eine spezifisch deutsche Initiation also, einzig auf der Welt. Sie machte meine Generation wach und kritisch. Sie formte unser Bewusstsein, unsere Wahrnehmung der Welt. Sie war notwendig für die politischen und gesellschaftlichen Prozesse, die ab den Sechziger Jahren abrollten, als die Kriegskinder-Generation erwachsen wurde und als „68er-Generation“ in die Geschichte einging. Sie war notwendig für die kulturellen Umwälzungen in Deutschland, die folgen sollten.
3 Der Alte und sein Sohn
Wie kam es überhaupt zu unserer „Umsetzung“? Warum landeten wir in der Peripherie? Wer war dafür verantwortlich?
„Das ganze Elend fing an, als euer Vater seine sichere Stelle aufgab und in den Betrieb seines Vaters eintrat. Das war eine schlimme Entscheidung. Das war die Katastrophe für uns alle. Damit begann das Elend. Damit begann die ganze Misere …“
Oft hörte ich solche Sätze aus dem Mund meiner Mutter. Noch im hohen Alter war sie erregt und verbittert, wenn sie sich erinnerte. Und in der Tat: während für mich die „Umsetzung“ zum Abenteuer wurde, hat sie diesen Vorgang immer als Gewaltakt empfunden. Und so sah ich das später auch: man hatte ihr Gewalt angetan, vier Jahre lang.
Die Täter waren mein Großvater und mein Vater – der Alte und sein Sohn. Gegen die beiden kämpfte sie unerbittlich an in jenen vier Jahren. Sie ließ sich nicht unterkriegen, das war ihre Art. Der Antrieb für diese Kämpfe war ihre Liebe zu uns, ihren Kindern, und auch – das war mir damals verborgen – ihre unerschütterliche Liebe zu dem Mann, den sie ins Leben zurückgeholt hatte, um mit ihm ihr Leben zu teilen: meinem Vater.
Die Heldengeschichten vom Alten
Während ich mir über meine mütterlichen Großeltern immer ein ziemlich klares Bild zeichnen konnte, da unsere Mutter häufig aus ihrer Kindheit auf dem Gutshof erzählte, fällt es mir schwer, etwas ähnlich Präzises über meine väterlichen Großeltern hinzuschreiben. Das ist eigenartig. Meine mütterlichen Großeltern kenne ich nur aus Erzählungen, denn sie starben lange vor meiner Geburt. Neben meinen väterlichen Großeltern habe ich Jahre meiner Kindheit zugebracht, ich war häufig mit ihnen zusammen, ich hatte sie leibhaft und lebendig vor meinen Augen. Doch das Gesamtbild von ihnen ist lange unscharf geblieben, da sie nichts aus ihrem Leben erzählten. Ihre Lebensgeschichte kann ich mir heute nur aus Schnipseln, einigen Geschichten aus der „Familiensaga“, ein paar alten Fotos und aus meinen eigenen Beobachtungen und Nachforschungen zusammenkleben.
***
In unserer „Schatzkiste“, einem Karton mit Familienbildern, den wir als Kinder gern durchforschten, fanden wir nicht nur Bilder aus dem Leben unserer Mutter, die uns sehr interessierten, sondern auch ein paar alte Fotos meiner väterlichen Verwandten.
Aufschlussreich ist ein Dokument mit einem Bild des Alten, unseres „Oppas“, aus dem Jahre 1921, denn es enthält sein Geburtsdatum, 8. Mai 1878. Ich kann mir ungefähr vorstellen, in welche Zeiten er „hineinlebte“. Ich werde also – wie ich es in meinen Erinnerungen immer mal wieder getan habe – hier und da die „große Geschichte“ zu Hilfe nehmen, um die „kleine Geschichte“ meiner väterlichen Großeltern besser zu verstehen.
Das Dokument, das vor mir liegt, ist sein Führerschein. 1921, mit dreiundvierzig Jahren, macht er seinen Führerschein. Er springt mit Schwung in die „modernen Zeiten“ mit ihrem Schlüsselprodukt, dem Automobil. Gerade erst ist die Fließbandfertigung des Massenautomobils in Europa angelaufen und schon wenige Jahre später ist er Autohändler in Hameln. Ich kann mir vorstellen, dass er seine Klempner- und Schlosserwerkstatt ummodelt und erweitert und sich selbst zum Automechaniker ausbildet, einem gefragten Spezialisten in einer Zeit, da immer mehr Autos auf den Straßen zu sehen sind.
Überhaupt, so deute ich Geschichten aus der spärlichen Familiensaga, sind die Zwanziger Jahre wohl die „Gipfeljahre“ in seinem Leben gewesen. Er war als Geschäftsmann erfolgreich, er engagierte sich politisch und ließ sich als Sozialdemokrat ins Stadtparlament der Kleinstadt wählen, in die „Bürgerversammlung“. Er wurde zum „Bürgervorsteher“, also zum Vorsitzenden dieses Parlaments gewählt, hielt politische Reden und erinnerte sich noch als alter Mann voller Stolz, dass er mit Gustav Stresemann, der als Reichskanzler irgendwann einmal Hameln beehrte, ein hitziges Streitgespräch geführt habe.
Das Jahr 1925, als mit dem Dawes-Plan die Zwanziger Jahre „golden“ wurden und ein Wirtschaftsaufschwung „auf Pump“ begann, wird zu einem Schlüsseljahr in den Erzählungen meines Vaters. Der Alte bekommt von einem vermögenden Grafen aus der Umgebung den Auftrag, ein Auto aus Frankreich zu importieren, einen Citroen – vermutlich den legendären Citroen B12, der gerade erst auf dem Markt erschienen ist. Er nimmt seinen Sohn mit auf die Reise in das Land des „Erbfeindes“ und mein Vater fährt zum ersten Mal Auto, denn auf den einsamen französischen Landstraßen darf er seinen Vater ablösen und die Wunderkarre selber fahren. Da war er fünfzehn und die Autofahrt durch Frankreich, die ihm sein Vater spendierte, wurde zu einem Großereignis seiner Kindheit.
Alles deutet darauf hin, dass der Alte Erfolg hatte in den Zwanzigern. Auch für ihn gab es zuerst den „goldenen“ Aufschwung nach den Krisenjahren der „Großen Inflation“ – und auch er, so denke ich, wird danach in den Strudel der Weltwirtschaftskrise geraten sein und sich als selbstständiger Geschäftsmann in der „Großen Depression“ nur mühselig durchgewurschtelt haben.
Er bezeichnete sich selbst gerne als „Selfmademan“, der immer wieder neue Ideen entwickelte und sie zu realisieren versuchte. Gleich nachdem er seine Meisterprüfung abgelegt hatte, wird er sich selbstständig gemacht haben. Immer wieder betonte er, dass er niemals als abhängiger Arbeiter in einer Fabrik hätte schuften mögen. Er konnte keine Befehle entgegennehmen.
Das früheste Bild von ihm, das die „Schatzkiste“ mir liefert, ist ein Bild aus seiner Lehrzeit. Ich denke: es ist aus Anlass seiner Gesellenprüfung aufgenommen worden. Die müsste er, wenn ich richtig rechne, etwa 1895 abgelegt haben – da war er siebzehn.
Zwei schlanke, junge Burschen sehe ich vor mir, in eine schicke „Arbeiteruniform“ gekleidet: schwarze Hosen, Ledergürtel mit massivem Koppelschloss, kragenloses, hochgeschlossenes Hemd, die Ärmel aufgekrempelt. Malerische Proletarier der Frühindustrialisierung. Sein Kumpel, etwas größer und schlaksiger als er, schaut mit naiven, freundlichen Augen schräg an der Kamera vorbei. Er hat ein schlankes Gesicht und schwarze, sorgfältig gekämmte Haare.
Friedrich Karl, der mein Großvater werden sollte, steht rechts neben ihm. Er hat helle Haare, eine auffällige blonde Welle über seinem runden, glatten, noch sehr jugendlichen Gesicht. Sein Blick ist anders als der seines Kumpels: er schaut voller Entschlossenheit in ferne Welten, so hat es den Anschein. Die Ausstrahlung seines Gesichts und auch seine Körperhaltung scheinen zu sagen: ich bin ein Bullerjochen, ich kenne meine Kraft, ich setze mich durch, wenn es hart auf hart kommt. Haltet Distanz: mit mir ist im Zweifel nicht gut Kirschen essen …
In ihren Händen halten sie Gegenstände: möglicherweise ihre Gesellenstücke, an denen sie monatelang gefräst, gesägt, geschliffen und geschmirgelt haben. Sein Kumpel hält einen großen Ring mit zahlreichen Schlüsseln in einer Hand, die andere liegt auf einem Tisch mit gedrechseltem Unterbau. Der Blonde neben ihm hält mit beiden Händen ein längliches, etwa achtzig Zentimeter langes Werkstück, das ich nicht deuten kann. Er hält es voller Stolz und entschlossen wie eine Waffe. Jederzeit könnte seine Linke das „Ding“ loslassen, er könnte es in seine rechte Hand nehmen und wie mit einem Schwert zuschlagen – so sieht das für mich aus.
Dieses „Ding“ habe ich später noch kennengelernt, in seinem Arbeitszimmer in seiner Wohnung in der Kaiserstraße. Er hatte all seine Bücher und Folianten in zwei schwarz gebeizten Vitrinenschränken untergebracht, hinter Glastüren. Vor der langen Reihe mit dem Großen Brockhaus lag sein „Ding“ aufbewahrt, als Andenken. Dort entdeckte ich es. Als Kind rätselte ich, was es damit auf sich habe und erst viel später erfuhr ich aus Erzählungen meines Vaters, um was es sich handelte und dass er das „Ding“ in einer brenzligen Situation tatsächlich noch einmal in die Hand genommen hatte – und zwar als Waffe.
Nach seiner Gesellenprüfung und einer kurzen Arbeitsphase als schon gut verdienender Geselle hielt ihn nichts mehr an Land. Er erfüllte sich den Traum vieler junger Burschen seiner Generation und fuhr zur See – in den neuen Zeiten der Dampfschifffahrt, als die großen mit Kohle betriebenen Dampfer die Ozeane durchquerten. Mit neunzehn heuerte er auf einem deutschen Pott an und 1898 bereits war er in New York. Dort heuerte er auf einem amerikanischen Dampfschiff an.
***
„Zur See fahren“ – dieser Topos war mir nur allzu geläufig in meiner Kindheit. Nicht nur mein „Oppa“ war „zur See gefahren“ und hatte damit die Feuertaufe des „männlichen“ Mannes erfahren. Auch mein älterer Bruder „fuhr zur See“, denn er war ein Bewunderer des Alten und kopierte seine Art, wo er nur konnte. „Zur See fahren“, so erkannte ich schon früh, war der Traum eines bestimmten Jungs- und Männertypus, zu dem ich mich nicht zählte. Das „große Abenteuer“ klingt an, die „große Freiheit“, die „weite Welt“ und das „Kreuz des Südens“, „Kap Horn“ und „gefährlich leben“, der „Kampf mit der rauen See“, die dich unter Umständen „in ihre Arme nimmt“ und nach unten zieht … In zahlreichen Schnulzen weltweit wird dieser sentimentale männliche Topos besungen. In Deutschland nährten die Barden Hans Albers und Freddy Quinn den großen Traum all dieser pubertierenden Jungs, die sich tatsächlich nach Hamburg oder Bremen aufmachten und anheuerten, um auf einem Schiff zu malochen und den „Duft der großen, weiten Welt“ zu schnuppern, von der sie dann allerdings nur herzlich wenig zu Gesicht bekamen …
Für mich, der ich schon als Schüler die Knochenmaloche in den Fabriken und auf den Baustellen kennengelernt hatte, hatte die Seefahrtsromantik nichts Attraktives. Die Knochenmaloche „zur See“ stellte ich mir noch viel schlimmer vor als die „an Land“:
Schmierige und ölige Schwerstarbeit im Bauch dieser schwimmenden Eisenpanzer. Ausgeliefertsein an eine Horde „harter“, „männlicher“ Männer – und zwar vierundzwanzig Stunden am Tag. Keinerlei Rechte und keinerlei Entkommen im Konfliktfall – denn du bist auf „hoher See“. Dein Privatleben: eine Koje in einer Kajüte, die du dir mit anderen teilen musst – oder du schläfst gar in einer Hängematte mit vielen anderen in einem großen Raum unter Deck. Und alles Private enthält deine gut verschlossene „Seemannskiste“ …
Erschöpftes Schlafen in den Stunden zwischen den Arbeitseinsätzen, die du tief unten im heißen Bauch dieser Dampfer abzuleisten hast. Träumen von deinem fernen Mädchen, Onanieren und Männerzoten, schwule Vergewaltigungen – und all das unter der ständigen Drohung einer Havarie auf hoher See … „Zur See fahren?“ Nein, danke!
***
Nachdem er auf dem US-amerikanischen Dampfschiff angeheuert hatte, ahnte er nicht, dass er voll in den Strudel der Weltgeschichte hineinschipperte – ganz naiv, denn so ungefähr kann ich mir das, was ihm damals geschah, aus seinen Seemannsdöntjes zusammensetzen:
Er war „Heizer“ auf dem amerikanischen Pott. Er verrichtete also die körperlich schwerste, dreckigste und gefährlichste Arbeit, die auf einem Dampfschiff seiner Epoche abzuleisten war. Zwei Stunden Schwerstarbeit bei Temperaturen, die den Körper aufkochen lassen, zwei Stunden „Erholung“, und dann wieder zurück in die Hölle …
Von „oben“ sah er vermutlich nicht viel bei den wenigen Landgängen in irgendeinem der Häfen auf seinen Törns. Und wenn er überhaupt etwas sah, dann waren es die Kneipen- und Bordellmeilen, die auf ihn und seinesgleichen angewiesen waren. Als er schließlich den amerikanischen Dampfer verließ und in den USA abheuerte, wurde ihm eine große Ehre zuteil: ihm wurde die US-amerikanische Staatsbürgerschaft angeboten. Er hätte sofort – oder wann immer es ihn gelüstete – amerikanischer Staatsbürger werden können, ohne bürokratischem Aufwand.
„Ich hatte nämlich am spanisch-amerikanischen Krieg teilgenommen und die Amerikaner haben den Krieg gewonnen.“ Dann lachte er: „Ich gehörte zu den Helden.“
Als ich das als Kind hörte, konnte ich mit dem Begriff „spanisch-amerikanischer Krieg“ nichts anfangen. Später stellte ich mir vor, dass er auf einem der vielen Logistik-Dampfer malochte, die die Kriegsschiffe vor der kubanischen (oder gar der phillipinschen?) Küste mit Munition und Fourage versorgten. Möglicherweise aber schuftete er gar auf einem der Kriegsschiffe – das ging aus seinen Erzählungen nicht hervor. Wie auch immer: ohne dass er es auch nur ahnte, trug er sein Scherflein dazu bei, das spanische Kolonialreich für immer zu zertrümmern und die imperiale Größe der USA zu begründen, der Weltmacht des 20. Jahrhunderts. Das war im Jahr 1900. Er durfte US-Amerikaner werden ohne bürokratischen Firlefanz – ein großes Geschenk zur Jahrhundertwende.
Die Liebe hielt ihn davon ab, das Angebot der USA anzunehmen. Wann er die Seefahrt aufgab, das weiß ich nicht genau – in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts, so steht zu vermuten. Auf jeden Fall: „sein Mädchen“ in der Heimat hatte Angst vor dem großen Sprung ins Unbekannte, sie wollte nicht mit ihm auswandern. Und er blieb bei ihr – zuhause.
Stattdessen nahm die ganz normale, brav-bürgerliche Geschichte ihren üblichen Lauf: im Jahre 1907 heiratete er „sein Mädchen“, meine sanfte Oma, wurde 1908 Vater einer Tochter, meiner Tante, und 1910 Vater eines Sohnes, meines Vaters. Als der Erste Weltkrieg begann, war er bereits 36 Jahre alt. Es gibt keine Kriegserzählungen von ihm, so dass ich annehme, dass er nicht mehr an die Front musste und somit um die belgischen Knochenmühlen herumkam.
Irgendwann im ersten oder zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts wird er seine Meisterprüfung abgelegt haben, irgendwann nach Ende des Ersten Weltkriegs zog er nach Hameln und erfüllte sich seinen Traum: er machte sich selbstständig – als Schlosser, Klempner, Autohändler und Automechaniker.
***
Mein Gefühl ihm gegenüber blieb zeit meines Lebens ambivalent. Ich hatte ihn im Kleinkindalter als sadistischen Prügler erfahren – und das blieb unauslöschlich in meiner Erinnerung. Ich sah ihn von diesem Ereignis an immer mit Verachtung, einer sehr tief sitzenden Verachtung, die sich während unseres engen Zusammenlebens in der Baracke – so ganz dicht neben seiner Werkstatt – eher noch verstärkte.
Allerdings gibt es in der Familiensaga drei Erzählungen, die mich immer für ihn eingenommen und das negative Bild, das ich von ihm hatte, aufgehellt haben, denn sie zeigen mir eine kraftvolle, mutige Persönlichkeit, die er zweifellos auch war. Oft wird bei Familienanekdoten ja dieses oder jenes geschönt und übergoldet, doch diese drei Erzählungen meines Vaters über seinen Vater empfand ich immer als authentisch und glaubwürdig. Genau so wird sich das abgespielt haben, dachte ich stets, denn was ich hörte, passte voll zur Art des Alten, zu seinem Charakter, zu seiner Wut.
***
Die erste Anekdote geht weit zurück in die Kindheit meines Vaters. Der ist gerade mal fünf Jahre alt. Sein Vater und er beobachten einen Droschkenkutscher, der mit seiner vollgeladenen Karre – von einer Mähre gezogen – eine Steigung zu bewältigen versucht. Als der entkräftete Gaul stehen bleibt und sich weigert, auch nur noch einen Schritt zu laufen, wird der Mann wütend und schlägt auf das Pferd ein. Schließlich greift er sich eine schwere Mistforke und sticht dem armen Tier damit in die Hinterbacken.
Als mein Großvater das sieht, bekommt er einen seiner klassischen Wutanfälle. Er rennt auf den Tierquäler zu und entreißt ihm die Forke.
„Was sich dann abspielte, beeindruckt mich noch heute. Er schwingt die schwere Mistgabel mit nur einem Arm über seinen Kopf. Er steht direkt vor dem Kutscher und schlägt zu. Ich dachte: jetzt schlägt er den tot. Doch er hatte seinen Schlag genau berechnet: das schwere Ding knallt nur wenige Zentimeter neben dem Mann auf das Kopfsteinpflaster. Der Schaft aus massiver Eiche zersplitterte wie ein dünner Ast“, so erzählte mein Vater. „Der Mann war völlig erledigt. Der zitterte vor Angst. Mein Vater befahl ihm dann, den Gaul vorne am Zügel zu führen. Er fasste selbst hinten an der Karre an und schob sie mit aller Kraft den Berg hinauf.“
***
Da war der Alte siebenunddreißig Jahre alt, in voller Manneskraft, wie die Geschichte nahelegt. Den zweiten mutigen Akt, der mich noch stärker beeindruckte und für ihn einnahm, datiere ich auf das Frühjahr 1933, in die Zeit um die Reichstagswahl (5. März 1933), als der Nazi-Terror bereits auf Hochtouren lief. Da war er fünfundfünfzig Jahre alt.
Zu jener Zeit war seine Werkstatt in einem größeren Holzschuppen an der Ohsener Straße untergebracht. Ich habe sie als kleiner Junge noch kennengelernt, denn auf dem Grundstück vor dem großen stabilen Schuppen, der all seine Maschinen und Werkzeuge enthielt, hatte meine sanfte Oma einen kleinen Garten angelegt und wenn ich die Großeltern dort besuchte, durfte ich in ihrem Gärtchen „arbeiten“. Sie zeigte mir, was ich zu tun hatte, und ich war eifrig bemüht, ihr alles recht zu machen und ihr zu gefallen. Ich mochte gerne mit ihr zusammen sein. Ich mochte meine stille, freundliche Großmutter sehr.
Die Werkstatt lag vielleicht tausend Meter Fußweg von der Wohnung meiner Großeltern entfernt und um die Mittagszeit ging der Meister nach Hause, denn täglich kochte ihm seine Frau sein Mittagessen. Eines Tages – Frühjahr 1933 – sitzen die beiden in ihrer Küche und essen. Er spürt, dass seine Frau bedrückt und unglücklich ist. Etwas stimmt mit ihr nicht, es irritiert ihn, er wird wütend. Schließlich knallt er sein Besteck auf den Tisch:
„Was ist los?“
Sie fängt an zu weinen und erzählt ihm, was vorgefallen ist. Sie war am Morgen zu ihrem Kurzwarenhändler in die Osterstraße gelaufen. Sie nähte immer sehr viel an ihrer „Singer“ und brauchte Material: Knöpfe, Bänder, Stoffe, was auch immer …
„Vor dem Geschäft stand ein Mann in einer Uniform. Der hinderte mich daran, das Geschäft zu betreten. Der pöbelte mich an und schubste mich zurück, als ich reingehen wollte.“
Sie weinte.
„Es war furchtbar. An der Tür klebte ein Zettel auf dem Glasfenster: ‚Man kauft nicht bei Juden!’“ Sie schwieg lange. „Ich hab’ doch mein Leben lang dort gekauft.“
Was nach diesem Bericht in meinem „Oppa“ vorging, kann ich mir lebhaft vorstellen. Ich sehe, wie er zu einem Klumpen aus Wut, Hass und Verachtung versteinert. Er wird eiskalt. Er isst schweigend das Essen, das sie für ihn gekocht hat, und als sie ihr Mahl beendet haben, sagt er zu ihr:
„So! Die Mittagpause ist vorbei. Jetzt müsste der Laden wieder auf haben!“
Er geht in sein Arbeitszimmer, öffnet den Vitrinenschrank und holt das „Ding“ heraus, das er vor seinem „Großen Brockhaus“ ausgestellt hat, sein Gesellenstück.
„Komm“, sagt er zu seiner Frau, „wir gehen jetzt in die Osterstraße. Einkaufen!“
Mein Vater malte in seiner Erzählung vor allem jene Szene am Mittagstisch aus, so dass ich annehme, dass er vielleicht dabei gesessen und sein Mittagsmahl mit seinen Eltern eingenommen hat. Die Szene, die sich danach in der Osterstraße abspielte, schilderte er mir nur in kurzen Strichen – offenbar nach den Erzählungen seiner Eltern.
Heute ist die Osterstraße der farbige, bunte Prachtboulevard in der autofreien Altstadt von Hameln, eine Einkaufs- und Caféhaus-Meile für Touristen aus aller Welt, mit architektonischen Perlen der Weser-Renaissance und Rattenfänger-Romantik.
In meiner Kindheit sah diese Straße wohl noch genau so aus, wie sie von den beiden Alten bei ihrem Gang zu dem jüdischen Kurzwarenhändler wahrgenommen wurde: Grau und Schwarz herrschten vor, kleine Geschäfte mit Glastüren und kleinen Schaufenstern in schwarzen oder dunkel gebeizten Holzrahmen. An der Ecke zur Bäckerstraße: das duftende Kaiser’s Kaffeegeschäft, in dem auf einer großen Siedepfanne die Kaffeebohnen frisch geröstet wurden. In meiner frühen Kindheit roch alles nach Kaffee um das Hochzeitshaus herum. Die Straße: Kopfsteinpflaster, schmale Bürgersteige, Autoverkehr. Ein paar der viereckigen Autos der Zeit fahren hin und her oder parken am Straßenrand …
Vor dem kleinen Geschäft des Kurzwarenhändlers steht der SA-Mann in vollem Wichs. Er ist unbewaffnet.
Mein Großvater baut sich mit seinem eisernen, schweren „Ding“ vor ihm auf. Vermutlich hält er es mit beiden Händen, wie einst als Junge auf dem alten Bild aus der Bilderkiste. Er weist seine Frau an, ins Geschäft zu gehen und ihre Einkäufe zu tätigen. Dabei nimmt er sein Gesellenstück in die rechte Hand und schwingt es leicht neben seinem Körper auf und ab. Er fixiert den SA-Mann und sagt ihm schweigend, was zu sagen ist. Der SA-Schläger versteht: da steht einer vor ihm, der zu allem entschlossen ist und der ihn auf der Stelle erschlagen wird, falls er aggressiv wird und eine falsche Bewegung macht …
Wenn sie alleine sind und sich alleine stellen müssen – Mann gegen Mann – sind faschistische Männer grundsätzlich feige. Der SA-Mann dreht sich also langsam um und verschwindet. Mein Großvater geht auf die Ladentür zu, reißt den Zettel von der Glasscheibe, zerknüllt ihn und tritt ihn mit seinen Schuhen platt.
Er kam damit durch. Es geschah ihm nichts. Er kam überhaupt durch.
Er hat nicht nur diese Aktion überlebt, er überlebte als „Roter“ den Terror der gesamten zwölf Jahre. Erst an seinem siebenundsechzigsten Geburtstag, dem 8. Mai 1945, konnte er aufatmen.
Wie er das geschafft hat, wie er heil durch die Zeit kam, darüber habe ich oft nachgedacht – vor allem in einer späteren Phase meines Lebens, als ich die Nazi-Geschichte studierte und mich intensiv über den mörderischen braunen Terror in den ersten Monaten nach der Machtergreifung informierte. Allerdings bezieht sich mein historisches Wissen auf den Terror, der in der Metropole Berlin inszeniert wurde:
Tag für Tag triumphale Aufmärsche der SA, nächtliche Fackelzüge und Volksfeste der faschistischen Sieger. Und gleichzeitig: erste Deportationen politischer Gegner, Folterungen und Misshandlungen, Morde an Kommunisten, Sozialdemokraten, an den vielen, die sich widersetzten. Beginn des systematischen Terrors gegen die Juden. Zerschlagung aller politischen Großorganisationen, die noch Widerstand hätten leisten können (SPD, KPD, Gewerkschaften), Unterordnung aller staatlichen Organe unter das Terrorregime (Polizei, Justiz, Schulen und Hochschulen, Ärzteschaft – sie alle kippten um), die Kirchen unterwarfen sich … und all das in nur wenigen Wochen. Brutal, radikal, ungemein erfolgreich. Alle duckten sich, jeder Widerstand wurde platt gemacht. Totale Gleichschaltung, totaler Terror …
Was übrig blieb, war der hilflose, individuelle Widerstand der kleinen Leute – von Menschen wie meinem „Oppa“, der an seiner Wut fast erstickte und der daher loszog und sich mit seiner Aktion voll wissend sein „Blanko-Todesurteil“ ausstellte, hätte sein Akt nicht in der Osterstraße in Hameln, sondern in der Müllerstraße im Wedding stattgefunden.
Offenbar liefen in der ländlichen Kleinstadt Hameln die Uhren langsamer und auch irgendwie anders. Der Terror zeigte sich zwar auch hier, aber nicht so geballt und lebensbedrohend wie in der Metropole Berlin. Außerdem – so dachte ich mir – kennt man sich untereinander. In einer verschlafenen, gemächlichen Kleinstadt ist man miteinander groß geworden und in die gleichen Schulen gegangen. Die Täter können nicht anonym agieren, wie die SA-Horden im Arbeiterkiez Wedding, die von außen eindringen. Sie sind mit ihrem Städtchen verwurzelt. Man erkennt sie auch noch in der SA-Uniform, man kennt ihre Familien, man kennt ihre Geschichten. Es sind die Söhne der Nachbarn und Kollegen, der sozialen und politischen Eliten einer Kleinstadt, die langsamer umkippten als die vielen März- und Angsthasen in Berlin.
Unter Umständen halfen meinem „Oppa“ auch informelle Netzwerke unter den Nachbarn, unter seinen Kumpanen aus der Handwerkerzunft, seinen Saufbrüdern, seinen Kollegen und Mitstreitern aus dem alten Kreis der Abgeordneten der „Bürgerversammlung“, in der er einstmals politisch aktiv war.
Zweifellos musste auch er sich ducken und abtauchen in den zwölf Jahren des Terrors – wie alle Regimegegner, die sich aus der Schusslinie der Faschisten in Sicherheit brachten, um ihr Leben und das Leben ihrer Lieben zu schützen. Er sah politisch klar, das wusste ich immer. Er erahnte mit Sicherheit die Verbrechen, die um ihn herum geschahen. Er litt, er musste seine Wut runterschlucken und bedauerte es vermutlich zutiefst, dass er einst – als ihm die Chance geboten wurde – nicht ausgewandert war.
Einer meiner „Lauschangriffe“ auf unserem Barackenhof, vor dem großen Tor zu seiner Werkstatt, gab mir ein wenig Aufschluss über sein Durchkommen in den schlimmen Jahren. Ich ergatterte zwar nur ein winziges Informationszipfelchen, aber es sagte mir einiges über sein Leben in den gefährlichen Jahren, die gerade hinter ihm lagen. Ich hatte ja auf meine kindliche Art gerade damit begonnen, mich mit der braunen Vergangenheit zu beschäftigen, nachdem ich erschrocken die Auschwitz-Bilder im „Spiegel“ studiert und begrübelt hatte. Dieser Schock hatte mich veranlasst, die Vergangenheit zu „erforschen“. Ich fragte viel und hörte hin. Ich wollte „rauskriegen“, was wenige Jahre zuvor gelaufen war.
Vier Freunde besuchen an jenem Tag den Alten, offenbar altvertraute Kumpel und Genossen aus seiner politischen Zeit. Lautes Hallo, Lachen, Palaver, Blödeleien, Bierflaschen, Döntjes ohne Ende. Ich „spiele“ in der Nähe und lausche. Niemand beachtet mich, die Männer sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Irgendwann hecheln sie alle möglichen Leute durch, Hamelner Bürger, die „umgefallen“ sind und Nazis wurden, und die sich nach Kriegsende aalglatt wieder rückverwandelt hatten. Ich verstand nicht viel von dem, was da palavert wurde, aber so ganz ungefähr konnte ich ihre Erzählungen doch deuten.
Plötzlich höre ich meinen Großvater sagen: auf den und den Mann lasse er nichts kommen. Der sei zwar auch umgekippt und Nazi geworden, aber nie ein „Schwein“ gewesen. Der habe ihn immer gewarnt, wenn die SA etwas gegen ihn im Schilde führte. Er konnte dann gerade noch untertauchen, immer noch rechtzeitig abhauen zu „seinem Bauern“ aufs Land. Der versteckte ihn dann für eine Weile.
„Nazi war nicht gleich Nazi“, hörte ich ihn sagen, „man darf es sich nicht zu einfach machen.“
Und nach einer Pause: „Er hat mir auch immer Entwarnung gegeben. Ich vertraute ihm. Ich fühlte mich dann sicher und bin zurückgekehrt. Mir ist ja auch nie was passiert.“
Dann lachte er: „Als er dann zu mir kam, nach Kriegsende, habe ich ihm ein gutes Zeugnis ausgestellt. Für seinen Persilschein!“
Wieder so ein seltsames Wort der Erwachsenen, das ich damals nicht verstand.
***
Die dritte und letzte „Heldengeschichte“ des Alten kann ich historisch sehr genau datieren. Sie spielt am 7. April 1945, wenige Wochen vor seinem siebenundsechzigsten Geburtstag, dem 8. Mai 1945, der als Tag der Kapitulation Nazi-Deutschlands in die Geschichte einging. Er wird seinen siebenundsechzigsten Geburtstag in Siegerstimmung gefeiert haben – da bin ich mir sicher.
Ich selbst war an jenem 7. April 1945 genau zwei Jahre und einundachtzig Tage alt. Mein ganzes kleines Leben hatte also bis dahin mitten im Zweiten Weltkrieg stattgefunden, aber Erinnerungen an den Krieg habe ich nicht. Die frühkindliche Amnesie hat ja durchaus etwas Gnädiges: ich habe nicht schon im zartesten Lebensalter erschütternde Erlebnisse und Ereignisse gespeichert, die meine doch noch sehr weiche Seele hätten belasten können.
In späteren Zeiten, als der Vorgang des Erinnerns mich zu faszinieren begann, habe ich mich gefragt, wann denn eigentlich meine ersten authentischen Erinnerungen einsetzten, meine ersten völlig eigenen Wahrnehmungen, nicht aufgeladen und durchmischt mit später Gehörtem, mit späteren Döntjes und Interpretationen der Erwachsenen um mich herum.
Ich habe meine ersten klaren Eigenerinnerungen in der Tat identifizieren und zeitlich einordnen können. Ich sehe ganz deutlich drei Erinnerungsbilder, die zwar eingebunden sind in dramatische Ereignisse, von denen die Erwachsenen später oft erzählten, von denen ich allerdings als Kleinkind nichts mitbekommen hatte. Die drei kurzen Szenen sind eindeutig mein Eigen, nicht eingefärbt durch erst später Gehörtes und spätere Interpretationen. Drei kurze Lichtblitze in einem dunklen Drama.
Die Zeit? Es war der Tag der Kapitulation der Stadt Hameln.
***
Am 7. April 1945 war in Hameln der Krieg zu Ende.
Wenige Tage zuvor waren amerikanische Truppen mit schwerem Gerät am Westufer der Weser aufmarschiert, in der Nähe des Ohrbergs, direkt gegenüber der Tündernschen Warte. Als ein Stoßtrupp am 5. April von dort aus auf der Westseite der Weser gen Hameln vordrang, sprengten deutsche Soldaten, die die Stadt verteidigten, den westlichen Teil der alten Weserbrücke.
„Das war der allerletzte Nazi-Schwachsinn in Hameln. Das waren die allerletzten Nazi-Idioten, die sich noch in der Stadt herumtrieben. Die hatten immer noch nichts begriffen. Die Amis ließen sich dadurch genau zwei Tage aufhalten. Dann machten sie Schluss! Endlich!“
Mein Vater lachte jedes Mal voller Häme über die „letzten bescheuerten Nazis“, wenn ich – Jahre später – neben ihm in seinem eckigen Opel P4 über die hölzerne Behelfsbrücke fuhr und er mir dabei Bröckchen aus der Geschichte des Hamelner Kriegsendes erzählte:
„Bei Tündern bauten die Amis eine Pontonbrücke und setzten mit ihren Panzern und ihren Geschützen über. Unglaublich schnell! Dann marschierten sie in die Stadt ein.“
Zwei Bürger Hamelns, ein Kommunist und ein Arzt aus dem Stadtkrankenhaus (ein Kollege meiner Mutter, ein Gynäkologe), waren mit einem kleinen Boot und einer weißen Fahne über die Weser gefahren – zum „Feind“ – und hatten die Kapitulation der Stadt vereinbart. Die letzten Wehrmachtssoldaten, die sich noch in der Stadt herumtrieben, ergaben sich friedlich und wurden gefangen gesetzt.
Zwei Tage nach der Sprengung der Weserbrücke durch „die letzten bescheuerten Nazis“ ging in Hameln das Dritte Reich unter.
Zu den Kapitulationsbedingungen gehörte, dass die Amis in Hameln Quartier machen wollten und dass dafür Teile der Bevölkerung ihre Wohnungen zu räumen hatten. Ich denke heute: die GIs, die sich durch halb Europa gekämpft hatten, um die Bestie totzuschlagen, sollten sich endlich einmal gründlich ausschlafen, bevor es weiterging.
Die Häuser in der Zentralstraße waren von dieser Anordnung der Sieger betroffen (hier wohnten wir) und auch die Häuser in der Kaiserstraße mussten frei gemacht werden (hier wohnten meine Großeltern). Als die amerikanischen Truppen von Süden her in die Stadt eindrangen, verließen hunderte (tausende?) Hamelner Bürger die Stadt. In ihre Wohnungen zogen die Jungs aus Oregon und Alabama, aus Maine und Kalifornien ein.
Wieder einmal zogen Hamelner Kinder gen Osten zur Stadt hinaus – und diesmal war ich dabei! Sicher: es war nur eine sehr kurze „Flucht“, unsere Flucht nach Klein-Hilligsfeld (damals ein Dorf, das heute ein Stadtteil von Hameln ist), aber selbst diese eher „bescheidene“ Flucht hatte ihre Schrecknisse, wie ich später aus den Erzählungen der Alten erfuhr.
Und mir bescherte diese Flucht etwas ganz Besonderes: die ersten authentischen Erinnerungen meines Lebens. Zum ersten Mal lieferte mir die Umwelt Bilder, die „nur mir gehörten“ und die sich so tief in meinen weichen Kindskopf einstanzten, dass ich sie nie wieder vergaß.
Ich sitze in einem Bollerwagen. Es ist früher Morgen. Ein kühler Wind bläst mir ins Gesicht. Ich bin warm eingemummelt. Ich bin nicht allein im Bollerwagen: mir gegenüber sitzt meine Schwester Helga. Wir sind mit Kissen zugedeckt. Auf den Kissen ist die große weiße gehäkelte Decke ausgebreitet, die mir so vertraut ist. Wir sitzen beengt, denn es liegen noch viele andere Sachen in dem Bollerwagen.
Neben mir sehe ich den Kinderwagen. Es ist der weiß lackierte Korbwagen.
Vor mir sehe ich meinen großen Bruder Klaus. Der sitzt auf dem Gepäckträger eines Fahrrads, das von meinem Opa gehalten wird.
Ich sehe meine Oma. Sie steht weiter hinten rechts neben einem anderen Bollerwagen, der voll ist mit Sachen.
Mein Vater ergreift die Deichsel des Bollerwagens, in dem ich und meine Schwester sitzen. Wir rollen los. Meine Mutter schiebt neben uns den Korbwagen, in dem das Baby liegt. Mein Opa schiebt das Fahrrad mit den zwei Taschen vorne am Lenker und mit meinem Bruder Klaus auf dem Gepäckträger. Meine Oma zieht ihren Bollerwagen.
Die ganze Straße ist voll mit Männern, Frauen und Kindern, mit Bollerwagen, Karren und Fahrrädern. Alles setzt sich in Bewegung. Alle ziehen los. Schluss.
Der Flüchtlingstreck zieht die Kaiserstraße hoch, am zerbombten Bahnhof vorbei in Richtung Rohrsen. Meine Mutter erzählte später einmal, dass der Menschenzug von britischen Tieffliegern beschossen worden sei und dass es Verletzte gegeben habe.
***
Ach ja, die Helden der Royal Airforce:
Als der Krieg eigentlich schon vorbei war und Nazi-Deutschland am Boden lag, legten sie noch einmal voll los: mit ihren incendiary-attacks auf alte Fachwerkstädte, wo sie die Zivilbevölkerung zu Tausenden einschmolzen, und mit ihren attacks auf die Flüchtlingsströme, die durch Deutschland irrten. „Nazi-Brut“, werden sich die tollkühnen Engländer in ihren fliegenden Kisten wohl gesagt haben: „Nazi-Brut. Also weg damit!“ Auch ich, zwei Jahre und einundachtzig Tage alt, gehörte zur „Nazi-Brut“ da unten auf der Landstraße. Auch für mich galt in ihren Gehirnen: „Weg damit!“
***
Aber von all den Ereignissen, die auf der Flucht geschahen, habe ich nichts mitbekommen. Kleinkinder haben einen gut funktionierenden, gnädigen Schutzmechanismus. Wenn die Realität plötzlich so ganz anders eingefärbt ist, so neu, verwirrend und Angst machend, tauchen sie ab in ihren Schlaf und ihre Träume. Das monotone Rollen des Bollerwagens wird sein Übriges dazu beigesteuert haben, dass ich mich aus dem Chaos der Realität zurückzog und einschlief.
Hinter Rohrsen, so vermute ich, teilte sich der Flüchtlingsstrom auf und die über Nacht wohnungslos gewordenen Menschen verteilten sich auf die umliegenden Dörfer. Meine Familie landete in Klein-Hilligsfeld und kroch bei einem Bauern unter. Unser „Oppa“ kannte diesen Bauern. Er kannte viele Bauern in der näheren Umgebung von Hameln, denn er war ein fähiger Schmied, Schlosser und Klempner und auf einem Bauernhof ist ständig etwas zu reparieren. Vermutlich war der Bauer in Klein-Hilligsfeld ein Kunde des Alten. Vermutlich sträubte der sich, uns aufzunehmen, denn ich erinnere mich an ein großes Geschrei in der Küche des alten, niedersächsischen Bauernhauses. Die lag gleich neben dem großen Tor, einem Tor, das so breit und so hoch war, dass Heuwagen hindurch fahren konnten. Ja, hier in der Bauernküche in Klein-Hilligsfeld hatte ich zum zweiten Mal in meinem Leben eine authentische Erinnerung:
Ich hocke auf einem Sofa, das an einer Wand steht. Über dem Sofa hängt ein Bild. Ich bin nicht allein. Meine Schwester hockt neben mir auf dem Sofa. Das Sofa ist dunkelgrün. Weiter hinten im Raum, um den Küchentisch herum, stehen die Erwachsenen und schreien sich an. Ich höre meinen „Oppa“ brüllen. Ich habe Angst. Zwei große hässliche und gefährlich aussehende Tiere mit Hörnern kommen auf uns zu. Sie kommen mit ihren feuchten Schnauzen ganz dicht an uns heran und lecken unsere Gesichter. Wir schreien, aber keiner hört uns. Sie zupfen mit ihren Zähnen an unserer Kleidung. Sie saugen den Stoff ein und lutschen daran. Wir schreien, aber keiner hört uns. Wir schieben die Tiere mit der Hand weg, aber sie nehmen auch unsere Finger zwischen ihre weichen Lippen und lutschen daran herum. Wir schreien immer wieder, aber keiner hört uns. Wir haben große Angst vor den Tieren, aber keiner kommt uns zu Hilfe.
Schluss.
Irgendwann wird dann doch irgendjemand gekommen sein und die Ziegen weggescheucht haben. Wenn wir später im Familienkreis über unsere Flucht palaverten, konnte sich keiner der Erwachsenen an diese Szene erinnern, die für mich ein so schreckliches Erlebnis war. Für die Alten war es halt nur eine banale, harmlose Nebensächlichkeit im Strudel der Ereignisse. Meine Schwester allerdings, die zusammen mit mir diesen Horror überstanden hatte, konnte sich, als wir sehr viel später einmal darüber sprachen, an jedes Detail erinnern und meine Wahrnehmung bestätigen. Sie war damals drei Jahre und hundertachtundvierzig Tage alt und hatte sicher schon bedeutend mehr authentische Erinnerungen als ich in ihrem Speicher.
***
Die dritte authentische Erinnerung habe ich an ein Erlebnis, das sich ebenfalls am Tag unserer Flucht nach Klein-Hilligsfeld abspielte – und zwar später, am Nachmittag. Ich wurde zum Hauptakteur in einer Szene, die sich mir einbrannte, weil ich sie an spätere, sehr eindrucksvolle Erzählungen der Alten ankoppeln konnte. Genau genommen steckte ich mitten in der Urszene ihrer Erzählung all der dramatischen Folgen dessen, was ich da – mit den Augen eines Kleinkindes – gesehen hatte.
Ich allein sah den allerersten Akt in einem Drama, das fast einen tödlichen Ausgang genommen hätte. Nur ich, das Kleinkind. Niemand sonst.
Würde ich das, was mir damals widerfuhr, isoliert – nur so für sich – erzählen, wirkt die erinnerte Szene lächerlich harmlos, ungemein friedlich und ungemein menschlich in jenen unmenschlichen Zeiten. Eine ganz banale Alltagsepisode. Aber als ich mir später – aus den verschiedenen Erzählungen der Erwachsenen – das Folgedrama zusammenreimen konnte, das sich aus der von mir erlebten Urszene heraus entwickelte, bekam das Ganze in meinen Erinnerungen etwas beklemmend Hitchcockhaftes.
Man kennt das ja: zuweilen wird in Filmen im Vorspann, noch bevor der Titel, die Akteure, der Starring usw. eingeblendet werden, eine scheinbar harmlose Szene gezeigt, in der ein heimlicher Fingerzeig versteckt ist auf das Unheimliche und Makabre, das der restliche Film dann zeigt:
Ich sitze auf meinem Töpfchen und kacke. Ich sitze draußen vor dem hohen Tor des Bauernhauses. Die Torflügel unten sind weit geöffnet. Ich höre die lauten Stimmen der Erwachsenen, die sich immer noch anschreien. Rechts neben dem großen Tor, an der rechten Ecke des Hauses, sehe ich unsere Vehikel: die beiden Bollerwagen, den Kinderwagen, das Fahrrad, an dem die beiden Taschen hängen. Plötzlich kommt ein dünner Mann um die Ecke des Bauernhauses. Er ist grau gekleidet und geht ein wenig nach vorne gebeugt. Er schleicht sich an. Ich bin erschrocken, ich habe Angst. Ich möchte schreien, aber es kommt kein Ton aus mir heraus. Der graue Mann winkt mir mit beiden Armen zu und kichert. Er sagt Worte, die ich nicht verstehe. Er untersucht die beiden Bollerwagen und wühlt in den Sachen herum, die darin untergebracht sind. Aus dem Bollerwagen, in dem ich und meine Schwester herangerollt waren, fischt er zwei große Pakete. Er winkt mir wieder mit beiden Armen zu. In jeder Hand hält er ein Paket. Er winkt mir mit den Paketen zu, er kichert und ruft noch irgendetwas. Er verschwindet mit den Paketen hinter der Hausecke.
Schluss.
Irgendwann wird mich meine Mutter erlöst, mir den Hintern abgewischt und mich wieder auf das grüne Sofa gesetzt haben – und ich vergaß wohl erst einmal mein aufregendes Töpfchenerlebnis. Ich musste mich wieder der Ziegen erwehren.
Irgendwann wurde man sich nach all dem Gebrüll mit dem Bauern handelseinig. Wir kamen alle in einem nicht mehr genutzten Schweinestall unter.
„Wir hatten Glück“, erzählte meine Mutter später, „denn der Stall hatte feste Mauern aus Stein. Es wurde nämlich noch gekämpft um uns herum und manchmal schlugen die Kugeln in die Mauern ein. Ich lag dann stundenlang auf allen Vieren und hatte das Baby unter meinem Bauch. Wir hatten Todesangst.“
Als sie schließlich nach dem langen Streit mit dem Bauern loszogen, um in ihrem neuen Habitat, dem Schweinestall, unterzukriechen, der irgendwo im hinteren Teil des Bauernhofes gelegen war, als dann endlich Ruhe einkehrte und als der Hunger sich meldete, kam heraus, was geschehen war: der Proviant war weg. Die Stullenpakete, die meine Mutter in ihrer schlaflosen Nacht vor unserem Auszug geschmiert hatte, waren verschwunden. Geklaut. Meine Mutter informierte ihre Leute, die besprachen sich mit dem Bauern. Vermutlich wollten sie wissen, wer der Täter gewesen sein könnte – möglicherweise in der Hoffnung, ihm die Beute wieder abnehmen zu können. Der Bauer hatte auch sogleich einen Verdacht:
„Das war der Russe, das Dreckschwein. Der Fremdarbeiter.“
Und nach kurzem Nachdenken:
„Der hat sich unter Garantie in der Scheune verkrochen. Unter dem Heu. Der futtert dort die Butterbrote. Den schnappen wir uns.“
Er rennt los und mein „Oppa“ und mein Vater rennen hinter ihm her. Die Scheune ist voller Heuberge. Der Bauer ergreift eine Heugabel und sticht mit Wucht und Mordlust in die Heuhaufen, um das „Dreckschwein“ aufzuspießen. Mein „Oppa“ entreißt ihm die Gabel und bringt ihn zur Ruhe. Er betrachtet prüfend die Heuberge, denkt nach, greift hinein und zieht mit einem Griff den russischen Fremdarbeiter aus seinem Versteck. Sie ziehen ihn auf den Hof, um ihn zur Rede zu stellen.
Was dann geschah, muss vor allem für meine Mutter, die den Diebstahl aufgedeckt und Alarm geschlagen hatte, gruselig gewesen sein, denn fast kam es zu einem Mord.
Auf dem Hof trieben sich an jenem Nachmittag bewaffnete deutsche Soldaten herum. In der Landschaft um Groß- und Klein-Hilligsfeld wurde noch gekämpft. Nazi-Werwölfe – Hitlers allerletztes Aufgebot – hatten sich in der Gegend verschanzt und ballerten in aussichtslosen Gefechten auf die vorrückenden Amerikaner. Einige dieser Typen lungerten jetzt auf dem Hof herum – vermutlich, um sich was zu fressen abzuholen, ihre Wasserflaschen zu füllen, sich den Dreck vom Körper abzuwaschen und sich mal halbwegs komfortabel auszuscheißen.
Da kämpft der dumme, entkernte Faschist, der nicht aufgeben kann, seinen allerletzten Kampf. Er ist ein Held, weil er lieber in den Tod geht als zusehen zu müssen, wie sein Drittes Reich eingestampft wird und alles untergeht, woran er geglaubt hat. Der Typus Mann, der möglichst noch viele „mitnehmen“ will, wenn er denn selber vor die Hunde geht: Todessehnsucht und Mordlust – das faschistische Zwillingspaar.
***
Als die bewaffnete Soldateska, die an diesem Nachmittag auf dem Hof herumlungerte, von dem Vorfall erfuhr und sich den Russen vornahm, wusste sie sofort, was zu tun war:
„Kurzer Prozess. Umlegen, die Ratte!“
Unser „Wirt“, der Bauer, war dafür.
Sie zerrten den armen Kerl zurück in die Scheune, wo ihn mein „Oppa“ gerade erst aus dem Heu gebuddelt hatte. Hier sollte es geschehen. Mein Großvater und mein Vater stürmten hinterher.
Was dort im Einzelnen geschah, kann ich aus den unterschiedlichen Erzählfragmenten, die ich später aufgeschnappt habe, nicht genau rekonstruieren. Die Endszene des Dramas, die sich erst Wochen später abspielte, verrät mir allerdings, dass es dem Alten gelang, die Mordlust des Nazi-Gesindels zu stoppen und die „Todesstrafe“ für den Mundraub in eine „Prügelstrafe“ abzumildern. Wie ich ihn einschätze, wird er alles eingesetzt haben, was er aufzubieten hatte, um den Russen zu retten. Er wird nicht „bitte, bitte“ gesagt haben, das war nicht sein Naturell, sondern getobt, geschrien und gedroht haben: „Morgen sind die Amis da. Wenn die erfahren, was auf deinem Hof hier geschehen ist, dann knallen die dich ab! Die knallen euch alle ab. Oder ihr werdet alle gehängt. Das garantiere ich euch!“ So, oder so ähnlich wird er gebrüllt haben.
Mein „großer“ Bruder Klaus, der an jenem Tag knapp sechs Jahre alt war und vieles von den Geschehnissen schon sehr bewusst mitbekommen hatte, erinnerte sich später:
„Sie haben ihn verprügelt. Ich habe die Schreie von draußen gehört. Ich durfte nicht mit rein in die Scheune.“
***
Wie lange wir Flüchtlinge in dem Schweinestall überlebten, daran habe ich natürlich nicht die geringste Erinnerung. Irgendwann zogen die amerikanischen Truppen weiter – den Russen entgegen, die vom Osten her das Nazi-Reich aufrollten. Die Wohnungen wurden wieder freigemacht, ein ganz neues Leben begann, ein Leben ohne Krieg und Nazi-Terror. Meine Mutter hat sich später immer mal wieder mit Rührung daran erinnert, dass sie auf dem Küchentisch eine große Dose mit Butterfett und eine große Dose mit Milchpulver vorfand. Die Jungs aus Kentucky hatten wohl die vielen Kinderbetten in ihrem Quartier wahrgenommen.
An die Zeit, die folgte, die unmittelbare Nachkriegszeit an das ganze Jahr 1945, habe ich nur ein paar dunkle, spukhafte Erinnerungen:
Es ist dunkel in der Küche und flackerndes Feuerlicht sehe ich an allen Wänden: Stromausfall in der ganzen Stadt. Ich sitze am Küchentisch, meine Geschwister und meine Eltern sind um mich herum. Im Herd brennt ein Feuer, die Herdklappe vorne ist geöffnet und die flackernden Flammen erhellen mit ihren Zuckungen den Raum, huschen über die Wände und spiegeln sich im Glasfenster zur Küchenveranda. Das rote Herdfeuer ist die einzige Lichtquelle in der ganzen Wohnung.
Für mich waren die Abende mit Stromausfall zauberhaft, verwunschen und urgemütlich.
Nur tausend Schritte entfernt – in der Kaiserstraße, in der Wohnung meiner Großeltern – verbrachte man die Abende und Nächte mit Stromausfall genau wie wir: vor dem flackernden Herdfeuer in der Küche.
Eines Abends, als sich die Stadt wieder einmal verfinstert hatte, sitzen alle fünf, Opa und Oma, Onkel und Tante und Vetter Ralf im Flackerlicht des Herdes um den Küchentisch herum und löffeln ihre wässrige Suppe. Selbst im ländlichen Hameln waren Nahrungsmittel knapp in den ersten Wochen und Monaten nach dem Kriegsende und was die Erwachsenen vor allem beklagten, war der Mangel an Fett: an Schmalz, Öl, Butter oder Margarine …
Aus dem, was sie noch an Nahrungsvorräten hatte, hatte meine Oma das Abendessen zubereitet: eine Suppe aus Mehl und Wasser, eine „Mehlsuppe“ – außer Mehl war nichts drin. Der Alte muss unter diesen „Mehlsuppen“ so gelitten haben, dass er den Begriff „Mehlsuppe“ in seinen Sprachschatz aufnahm. Eine „Mehlsuppe“ war für ihn fürderhin das Synonym für einen lauwarmen Schwächling, der sich nichts zutraut.
Während sie alle brav dasitzen und ihre ungeliebte Mehlsuppe löffeln, geschieht etwas Ungewöhnliches. Es klopft an der Wohnungstür, laut und energisch. Sie werden sich alle ziemlich erschrocken haben, denn wer schleicht schon in der Finsternis durch die Stadt und in der Finsternis des Hauses drei Treppen hinauf? Meine stille, sanfte Oma steht schließlich auf und geht durch den dunklen Korridor, der nur durch ein wenig Flackerlicht aus der Küche erhellt wird, auf die Tür zu. Als sie anfragt, wer denn da draußen sei, kommt als Antwort nur wieder ein energisches Klopfen. Sie fasst sich ein Herz und öffnet schließlich die Tür. Da steht eine dunkle Gestalt mit einer Taschenlampe. Der Strahl fällt auf sie, danach wendet der dunkle Besucher die Lampe und strahlt sich selbst an. Die arme Alte ist völlig geschockt. Sie rennt fluchtartig zurück in die Küche:
„Da draußen steht ein Neger!“
Als alle aufspringen, steht der „Neger“ schon mitten in der Küche. Ein GI in voller Uniform. Er leuchtet alle an, er leuchtet alles aus, der Lichtstrahl geht durch die Küche. Schließlich macht er eine Armbewegung nach hinten in den dunklen Korridor und sagt etwas. Eine zweite Gestalt huscht in die dämmrige Küche, mager, leicht nach vorne gebeugt, in grauer Kleidung. Es ist der russische Fremdarbeiter vom Bauernhof in Klein-Hilligsfeld. Der fragt in seinem unbeholfenen Deutsch-Russisch nach dem „alten Mann mit Brille“.
„Alter Mann. Mit Brille. Runde Brille. Rund. Rund.“
Mit Daumen und Zeigefinger formt er runde „Brillengläser“ und hält sie sich vor die Augen. Unser „Oppa“ versteht. Er setzt sich seine runde Nickelbrille auf die Nase. Der „Neger“ leuchtet ihn an, seinen Körper, sein Gesicht: rauf und runter. Der Russe beäugt ihn genau. Schließlich geht er auf ihn zu und gibt ihm die Hand. Sie umarmen sich. Sie sagen sich etwas in Russisch und in Deutsch, sie verstehen nichts und verstehen alles.
Schließlich geht der Russe zurück ins Treppenhaus. Als er zurückkommt, hält er in seinen Armen eine runde, glänzende, messingfarbene Dose, so groß wie ein kleiner Eimer. Er stellt sie mitten auf den Küchentisch, zwischen die Teller mit der fettlosen, wässrigen Mehlsuppe. Der GI und der Russe verabschieden sich. Die Schockstarre meiner Verwandten löst sich: nichts Schlimmes ist passiert, sie sind noch einmal davongekommen. Erleichtert begleiten sie die beiden Eindringlinge zurück ins dunkle Treppenhaus. Benommen stehen sie noch lange in der Küche herum.
Der Alte holt irgendwann ein Werkzeug, löst den Deckel von der Dose und öffnet sie. Sie ist bis zum Rand angefüllt mit Butterfett. Aus amerikanischen Heeresbeständen, versteht sich …
Es ist diese dritte „Heldengeschichte“ des Alten, die mich immer am stärksten angerührt und beeindruckt hat. Immerhin war ich ja selbst in die Geschichte eingewoben, hatte als einziger Zuschauer – aus der Töpfchenperspektive – den Schlüsselakt des Dramas gesehen, aus dem sich alles Weitere entwickelte – bis hin zum unerwarteten „Happy End“ mit einem „echten Neger“ in der dunklen Küche.
Wenn diese alte Geschichte in mir hochkam, sah ich vor meinem inneren Auge immer auch diesen Russen, den ausgehungerten Fremdarbeiter, den die Amis schließlich befreiten und wieder hochpäppelten – so, wie sie die vielen anderen Fremdarbeiterinnen und Fremdarbeiter in Hameln und um Hameln herum befreiten und ihnen ihre Menschenwürde zurückgaben.
Dieser Russe, der sich mir einmal kurz gezeigt hatte, musste ja, so überlegte ich, systematisch Nachforschungen angestellt haben, um seinen Lebensretter ausfindig zu machen. Er wird mit amerikanischen Soldaten auf dem Hof in Klein-Hilligsfeld vorgefahren sein, sie haben den verängstigten Bauern unter Druck gesetzt und der nannte ihnen schließlich die Adresse des Alten.
Dieser Russe wird noch ein junger Mann gewesen sein, als die SS ihn in Russland aus seiner Familie, seiner Heimat, aus seinem normalen Leben ausrupfte und ihn zusammen mit Millionen anderer Arbeitssklaven ins „Reich“ verfrachtete – in den üblichen Viehwaggons vermutlich. Er wurde Sklave in der Landwirtschaft um Hameln herum und von dem Bauern, der uns Quartier gab, auch wie ein Sklave behandelt – wie es die Geschichte andeutet.
Ich bin mir sicher: als er dann blutend und mit Schmerzen im Heu lag, wird sich der Alte um ihn gekümmert haben. Irgendwann war ja wohl die braune Mörderkanaille vom Hof verschwunden. Da wird der Alte in die Scheune gegangen sein und den Russen beruhigt und – so gut er es vermochte – auch verarztet haben.
Die anderen Geschichten vom Alten
Außenwelt und Binnenwelt einer Person – ein Thema, das mich oft beschäftigte: Handeln in der „Außenwelt“ und Handeln in der „Binnenwelt“ – bei einem bestimmten Männertypus liegen beide Welten weit auseinander.
Da gibt es den klugen und verständnisvollen Lehrer, bei Schülern und Kollegen beliebt und bewundert, der zuhause, im Privatleben, zum Tyrannen wird und Frau und Kinder mit seinen Launen malträtiert.
Da gibt es den bewunderten Helden, der sich mutig und kühn für die Schwachen einsetzt – und der zuhause, im Privatleben, nämlich da, wo ihn die Welt nicht sieht – zum Schinder wird, auf die Schwachen einprügelt und ihre Seelen mit Angst füllt.
Mein „Oppa“ war eine „bipolare Persönlichkeit“ – bewunderter Retter in der Außenwelt seiner Heldendöntjes, gewalttätiger Wüterich in der Binnenwelt seines normalen Alltags.
***
Die alte Schatzkiste der Bilder liefert mir ein Foto meines Vaters, das vermutlich 1913 oder 1914 aufgenommen wurde. Ein kleiner drei-, höchstens vierjähriger Knabe – adrett und akkurat gekleidet, sorgfältig gekämmt – sitzt auf einem Stuhl und schaut in die Kamera. Er lächelt sanft und lieb. Das Foto lässt erkennen, dass er ein stilles, artiges und zurückhaltendes Kind gewesen sein muss.
Dieses Bild hat mich jedes Mal, wenn ich es in den Händen hielt, auf eine seltsame Art angezogen und zugleich nachdenklich gestimmt. Dieses allzu sanfte, allzu liebe, freundliche Gesicht, das da ruhig und verhalten in die Kamera schaut, hatte etwas unkindlich Rätselhaftes, das ich nicht deuten konnte, etwas irritierend Unwirkliches.
Einmal betrachtete ich das Bildnis zusammen mit meiner Mutter. Sie empfand wie ich.
„Dein Vater soll ein sehr sanftes, liebes, überaus braves Kind gewesen sein, erzählte die Oma immer. Er war nie widerborstig oder aufmüpfig!“
Meine Mutter lachte mich an:
„Anders als du!“
Sie nahm das Bild in die Hand. Ihr Gesicht wurde sehr nachdenklich.
„Die Oma hat erzählt: wenn man ihn auf einen Stuhl setzte und ihn anwies, sich ruhig zu verhalten, dann saß er mucksmäuschenstill da und rührte sich nicht. Manchmal stundenlang, wenn er die Erwachsenen nicht stören durfte.“
„Hältst du das für normal?“
„NEIN!“
Sie sagte es so entschieden, dass ich genau wusste, was sie meinte.
„Ich auch nicht“, sagte ich daher und fügte hinzu: „Der Alte hat sich also schon an ihm vergriffen, als er noch ein Kleinkind war!“
Ich erinnerte mich an die sadistische Tracht Prügel, die er mir verabreicht hatte, als ich vier Jahre alt war. Meine Mutter schwieg und ich fühlte: in ihrem Schweigen stimmte sie mir zu. Ich bemerkte einen Schimmer von Abscheu und Traurigkeit in ihrem Gesicht und so schob ich nach:
„Wahrscheinlich hat er schon das Baby misshandelt.“
Sie schwieg auch dazu, zuckte mit den Schultern und ihr Gesicht bekam nun selbst einen gequälten Ausdruck. Sie gab mir das Bild zurück und widmete sich wieder ihrer Arbeit.
***
Die Bilderkiste liefert mir weitere Fotos von meinem Vater und immer sehe ich die sanfte Freundlichkeit in seinem Gesicht, die mich schon an dem Kinderporträt so anrührte. Ein Bild aus seiner Jugend zeigt ihn als Sportler. Drei Jungen hocken und liegen lässig im Gras. Hinter ihnen sehe ich zwei Pfähle in die Luft ragen und zwischen denen liegt die Hochsprungstange. Ziemlich hoch, denke ich bewundernd. Die Jungs haben gerade trainiert und neben ihnen liegen ihre Stangen. Mein Vater ist ein gutaussehender junger Bursche: schlank, durchtrainiert und wie immer sanft lächelnd. Er ist – so schätze ich – sechzehn Jahre alt. Das Bild wäre dann im Jahr 1926 aufgenommen worden.
Wenn er selber überhaupt etwas aus seiner Jugendzeit in den Zwanziger Jahren erzählte, kannte er nur ein Thema: Sport. Er erzählte nie etwas von „zuhause“, seiner Familie: Vater, Mutter, Schwester – sein Thema war „Sport“. Er war Mitglied im Hamelner Ruderverein und erzählte noch im Alter begeistert von zwei bewunderten Trainern, die ihn und seine Kameraden zu Wettkampfsiegern machten. Einen dieser Trainer nannte er stets seinen „Sportsmäzen“, denn er hatte ein besonderes Verhältnis zu diesem Mann, er schwärmte für ihn.
Er war natürlich auch im Schwimmverein und erinnerte sich später gern an das „Bodenwerder-Schwimmen“, ca. zwanzig Kilometer weserabwärts, von Bodenwerder bis Hameln. Er turnte und betrieb Leichtathletik und wenige Jahre später schwebte er gar im Segelflugzeug über das Lipperland.
Sport, Wandern, Körperertüchtigung, Freikörperkultur – raus aus dem Mief der Städte, der Büros, der Fließbandfabriken, raus aus der bedrückenden Enge der Familie – rein in die Natur, an die frische Luft –, all das wurde zur Massenbewegung in den Zwanziger Jahren. Die Menschen litten unter der Vermassung und Gleichschaltung in den aufkommenden „modernen Zeiten“ der Büro- und Fabrikarbeit, sie litten unter der muffigen Enge ihrer Wohnungen und suchten nach einer neuen Identität draußen, außerhalb der Zivilisation der Massengesellschaft, in der sie sich bedeutungslos vorkamen. Sport, „in die Sommerfrische“ und „zurück zur Natur“: die Fluchtbewegung der Zwanziger Jahre.
Mein Vater, so denke ich, floh vor allem wegen der Enge seines Elternhauses, der Enge der Kleinfamilie jener Zeit mit einem despotischen, prügelnden Vater, der ihm Angst einflößte, und einer unglücklichen und gedemütigten Mutter, die er über alles liebte.
Im Jahr 1926, mit sechzehn Jahren, haute er ab von seinen Eltern, er floh aus seinem Elternhaus, er „büxte aus“, wie er das später neckisch umschrieb. Er hat uns Kindern nie etwas erzählt über seine Flucht, seine Motive, seine Nöte. Einmal fragte ich ihn direkt danach, denn ein Junge aus meiner Schulklasse war wochenlang verschwunden, unauffindbar, von zuhause „ausgebüxt“. Das beschäftigte mich und all meine Schulfreunde sehr.
„Warum haut man von zuhause ab?“, fragte ich meinen Vater in einem ruhigen, abendlichen Gespräch in unserem kleinen Garten. „Du bist doch auch mal abgehauen. Warum? Was hat dich dazu gebracht wegzulaufen? Das macht man doch nicht einfach so aus Jux.“
Mein Vater schwieg lange. Dann schaute er mich voll an, sehr ernst. Ich spürte die Blockade. Schließlich sagte er:
„Ach, lass mal, Junge. Es ist doch schon so lange her. Lassen wir es ruhen.“
Das war seine Art: er redete nie über das, was ihn in seinem Leben verwundet hatte. Alles Üble, das ihm widerfahren war, hielt er peinlich versteckt vor uns Kindern. Andererseits konnte er ausschweifende, sentimentale Geschichten erzählen, wenn es um die schönen und glücklichen Momente in seinem Leben ging. Wenn er dann so schwärmerisch erzählte, kam es mir vor, als wollte er die dunklen Geschichten, die ihm widerfahren waren, übertünchen und die Verletzungen in seiner Seele zudecken. Ich ahnte früh, dass er mehrfach Schlimmes erlebt hatte und schlimme Geschichten in ihm wühlten. Ich vermutete schon früh, dass sein seltsames Verhalten seiner Frau und seinen Kindern gegenüber irgendetwas mit diesen Geschichten zu tun hatte. Immer wieder einmal wollte ich das Eine oder Andere aus seinem Leben genauer wissen. Ich begann dann nachzuforschen und es gab immer nur die eine Person, von der ich annahm, dass sie um seine Schattengeschichten wusste.
„Was war denn der Grund dafür, dass er damals abhaute?“, fragte ich irgendwann einmal meine Mutter, „Dir wird er es doch wohl erzählt haben. Was war denn da los? Warum erzählt er eigentlich nie etwas davon?“
Sie reagierte wie immer, wenn ich sie so direkt nach seinen Geheimnissen ausfragte:
„Er will darüber nicht reden und er hat mich gebeten, euch nichts zu erzählen, das weißt du doch!“
Ich gab mich diesmal damit nicht zufrieden und wartete. Plötzlich veränderte sich ihr Gesicht, ihre Augen schauten irgendwo hin und nirgendwo hin, in eine vage Ferne, durch mich hindurch. Sie sah die inneren Bilder. Sie gab sich schließlich einen Ruck und dann kam es stockend aus ihr heraus:
„Er konnte es zuhause nicht mehr aushalten. Es muss furchtbar gewesen sein, was sich da damals abspielte. Er setzte sich in den Zug nach Kiel. Dort wohnte sein Sportsmäzen wie er den nannte, sein Rudertrainer, den er sehr verehrte. Der war Sportlehrer an einem Gymnasium in Kiel. Der nahm ihn auch sehr freundlich auf, der war sehr hilfsbereit, sprach mit ihm und beruhigte ihn. Und der setzte sich schließlich telefonisch mit seinem Vater in Verbindung. Er nahm ihm das Versprechen ab, den Jungen auf keinen Fall zu bestrafen. Der Opa gab ihm sein heiliges Ehrenwort, dem Jungen nichts zu tun.“
Meine Mutter schaute mich voll an. Ihr Gesicht wurde sehr ernst.
„Er hat sein Ehrenwort gebrochen. Er sperrte ihn in den Holzschuppen ein, in seine Werkstatt in der Ohsener Straße. Dort verprügelte er ihn. Das war an einem Sonntagmorgen. Alle paar Stunden ging er in den Schuppen und prügelte auf ihn ein, mit seinen Fäusten. Den ganzen Tag über, bis in den späten Abend. Er wollte ihn brechen.“
Wenn meine Mutter erschüttert war, wurden ihre großen runden Augen hart. Sie presste ihre Lippen aneinander und zog sie nach innen.
„Du kennst doch die kaputten Ohren deines Vaters. Schau sie dir doch mal genau an!“
Ja. Mein Vater hatte „zerfledderte“ Ohren. Die Knorpelmasse war an vielen Stellen eingerissen und schief und krumm wieder zusammengewachsen. Das war mir immer seltsam vorgekommen – dieses Rätsel war also jetzt gelöst. Der Alte hatte mit Fäusten auf den Schädel seines Kindes eingeschlagen, auf die Ohren –, links, rechts, links, rechts – immer wieder. Einen ganzen heiligen Sonntag lang zertrümmerte er das sanfte Gesicht seines Sohnes.
Ich ging nach draußen in unseren Garten und machte mir das Gehörte klar. Jetzt wusste ich, ohne dass sie es mir erzählt hatte, warum mein Vater „ausgebüxt“ war. Er konnte es nicht mehr ertragen mit anzusehen, wie sein Vater in seinen Gewaltexzessen auf seine Mutter einschlug – und auf ihn selbst, wenn er dazwischen ging.
1926, als er seinen Sohn zu „brechen“ versuchte, war der Alte achtundvierzig Jahre alt. Aus jener Zeit, der zweiten Hälfte der Zwanziger Jahre, gibt es etliche Anekdoten über seine exzessiven Trinkgelage mit seinen Kumpanen. Er steckte – so schließe ich daraus – insgesamt in einer Krise. Vielleicht liefen die Geschäfte nicht gut in jenen wackeligen Zeiten, vielleicht sah er damals schon klar, dass wirtschaftlich und politisch langsam alles den Bach hinunterging in Deutschland. Als politisch wacher Zeitgenosse sah er die wachsende Zahl der braunen Horden, die überall aktiv wurden, als das Verbot der NSDAP aufgehoben worden war. In jener krisenhaften Zeit wird er es – so schätze ich ihn ein – bedauert haben, dass er einstmals, um 1900 herum, nicht in die USA ausgewandert war. Die Person, die ihn daran gehindert hatte, war ständig neben ihm, seine Frau, die Mutter seiner Kinder – ewige Erinnerung an sein „Versagen“. In seinem armen Gehirn – so denke ich – war sie die „Schuldige“.
In den Familienkrächen kam es in ihm hoch: sein Hass und seine Wut auf die Welt, die er sich doch selbst geschaffen hatte und in der er sich wie ein Gefangener vorkam. Er kannte nur den einen Modus, um sich in seiner Wut Erleichterung zu verschaffen: zuschlagen. Zuschlagen in der abgeschirmten Binnenwelt seiner Familie. Die Schwachen, die ihm am nächsten standen, waren seine Opfer.
Diese „anderen“ Geschichten des Alten, seine Gewaltexzesse in seinem Privatleben, zeigten mir das Vollbild seiner Persönlichkeit. Sie waren die Ergänzung zu seinen „Heldendöntjes“ in der Außenwelt. Eine dieser „anderen“ Geschichten, das sollte ich dann selber miterleben, endete fatal. Sein letzter unbeherrschter Gewaltakt gegen seinen Sohn endete in der schlimmsten Katastrophe seines Lebens.
Die letzte Geschäftsidee
In den Jahren unmittelbar nach dem Krieg, als er schon auf die Siebzig zuging, entwickelte der Alte noch einmal eine Geschäftsidee. Er realisierte sie auch konsequent und am Anfang sogar mit einigem Erfolg. Er fing also an, sein Leben noch einmal ganz neu zu organisieren.
Eigentlich war er längst im Rentenalter, aber ein „Ruhestand“ kam für ihn nicht in Frage. Er konnte sich keine Ruhe gönnen, denn er war seit Jahrzehnten „Selfmademan“ und selbstständig gewesen und er wird – wie ich ihn einschätze – nichts oder nicht viel für die Altersversorgung auf die hohe Kante gelegt haben. Er musste also weitermachen, Geld verdienen durch eigene Arbeit als selbstständiger Handwerker, um sich und vor allem seine lebensängstliche Frau davor zu bewahren, der „Fürsorge“ anheim zu fallen. Die „Fürsorge“ war ein Horrorbegriff für meine sanfte Oma. „Stempeln gehen“ zu müssen empfand sie als das Schlimmste, was ihr im Alter widerfahren konnte. Sie hatte große Angst vor der Altersarmut – und nicht zu Unrecht: die Existenzgrundlage der beiden Alten war äußerst wackelig und ihr gutbürgerliches Überleben hing davon ab, wie lange der Alte in seiner Werkstatt noch durchhielt – und vor allem auch davon, ob es einen kontinuierlichen Strom von Aufträgen gab, die ein Überleben in der Selbstständigkeit ermöglichten.
***
„Ehe ich mich so zum Bettler mache, nehme ich mir lieber den Strick.“
Ich war fünf Jahre alt, als ich diesen Satz aus dem Mund meiner Großmutter hörte und ich empfand ihn als so merkwürdig und auch so unverständlich in der Ursituation, dass ich ihn nie vergaß. Wir standen beide vor dem Lebensmittelgeschäft des Kaufmanns Thomas in der Zentralstraße, gleich neben dem Haus mit jener Wohnung im zweiten Stock, die mein erstes Heim auf diesem Planeten war. Die alte Frau holte mich des Öfteren zu sich, meist am frühen Vormittag, vermutlich um meine Mutter ein wenig zu entlasten, die vier Kinder zu versorgen und bei Laune zu halten hatte.
Beim Kaufmann Thomas hatte sie noch einiges für das Mittagessen eingekauft und nun standen wir vor dem Geschäft und sie unterhielt sich mit einer Nachbarin über die vielen Menschen auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig vor dem großen Gebäude der AOK. Dort hatte sich eine lange Menschenschlange gebildet, die sich bis in die Bennigsenstraße hinein um das AOK-Gebäude herumringelte. Die Schlange verschwand auf dem Hof des großen Gebäudes und landete vermutlich vor irgendeinem Schalter. Ich wusste schon als kleines aufgeklärtes Straßenkind, dass diese Menschen „stempeln gingen“, d. h. sie bekamen Geld von der „Fürsorge“, weil sie arbeitslos waren und auch keine Arbeit finden konnten. Die hatten alle ein kleines Büchlein bei sich und in dieses Büchlein wurde Woche für Woche ein Stempel hineingedrückt als Beweis dafür, dass sie ihre Wochenration „Fürsorge“ erhalten hatten. Ich wusste auch schon, dass die meisten dieser Menschen „Flüchtlinge“ waren, ohne dass mir auch nur annähernd klar war, was es mit diesen „Flüchtlingen“ eigentlich auf sich hatte.
Ich war verwundert, als meine Oma im Gespräch mit der Nachbarin diesen verqueren Satz von sich gab. Hielt sie all diese Menschen da für „Bettler“? Verachtete sie diese Menschen gar? Zog sie – wie etliche der Erwachsenen um mich herum – über diese Menschen her, weil sie „Flüchtlinge“ waren? Die brauchten doch das Geld zum Überleben, das wusste ich. Ich spürte: diese Bemerkung passte so gar nicht zu ihrer sonst so sanften und verständnisvollen Art.
Erst nach ihrem Tod – nur wenige Jahre später – begriff ich, was sie gemeint hatte.
***
Die „letzte Geschäftsidee“ des Alten war gar nicht so schlecht ausgedacht.
In der weiten Landschaft um Hameln herum, im Weserbergland und in der flacher werdenden Landschaft nach Norden hin, gab es zahlreiche Holzbetriebe, Forstbetriebe, Mühlenbetriebe, Bauernhöfe – und sie alle verfügten über Werkzeugmaschinen – vor allem Sägeböcke, und sie alle brauchten intakte Sägen, Kreissägen vor allem. Nach dem Krieg war vieles verschlissen, die Sägeblätter flatterten, wenn man sie rotieren ließ, die Zähne waren stumpf geworden. Diese reparaturbedürftigen Sägen wollte der Alte einsammeln und reparieren. Das war der „Markt“, den er sich vorstellte. Man musste also mit einem Auto in der Gegend herumfahren, die Höfe und Betriebe abklappern und die Reparaturaufträge einsammeln. Nach der Reparatur wurden sie den Kunden zurückgebracht – und gleichzeitig konnten neue Aufträge eingesammelt werden. Das war die Idee: aktiv werden, rangehen an die Kunden in der Umgebung, nicht nur passiv auf Aufträge warten, sondern einen Markt erschließen.
Es traf sich gut, dass die Stadt Hameln in ihrem Industrie- und Gewerbegebiet neue Gewerberäume für einen sehr geringen Pachtzins anzubieten hatte. Das waren die Baracken an der Kuhbrückenstraße und an der Werftstraße, die nicht mehr gebraucht wurden.
Der Alte schaute sich um. Er wollte aus dem engen Holzschuppen, in dem seine Werkstatt untergebracht war, endlich heraus und fand auch eine stabile, aus Ziegelsteinen gebaute Baracke, die ihm zusagte. Er pachtete sie zur Hälfte, ca. dreihundert Quadratmeter, und war sicherlich lange damit beschäftigt, all seine Maschinen und Werkzeuge, seine Werkbänke, seine Esse usw. in dem neuen Gehäuse unterzubringen. Abbau, Transport, Wiederaufbau – der alte Mann meisterte das alles in den Jahren 1946 und 1947. Es blieb noch genug Platz für einen Bürobereich und Aufenthalts- und Pausenräume für ihn selbst und seine Leute. Das war jener Bereich seines Pachtareals, der später in unsere Wohnung umgewandelt wurde.
Das Geschäft lief gut an. Er beschäftigte einen Fahrer, der die Aufträge hereinholte, er konnte einen Gesellen, einen Lehrling und sogar eine junge Sekretärin für den Schriftkram bezahlen. Ich denke, dass sein Projekt im Jahre 1948 Gestalt annahm und dass sein Unternehmen in den ersten Jahren auch wirklich Fahrt aufnahm.
Es gehörte zu seinem Plan, auf jeden Fall seinen Sohn, meinen Vater also, mit ins Boot zu holen – und er hatte offenbar leichtes Spiel damit. Ich kann nur vermuten, was meinen Vater bewogen hat, seine sichere Stelle als Sparkassenangestellter aufzugeben und das Risiko einzugehen, in das Projekt des Alten als Transportfahrer und Auftragseinsammler einzusteigen.
Einerseits wirkte in ihm die Sorge um seine Mutter, die nicht in Altersarmut enden sollte. Der Alte wird diesen Punkt ganz besonders herausgestellt haben, als er ihn für sein Projekt köderte, denn er wusste um das innige Verhältnis seines Sohnes zu seiner Mutter. „Ich lasse meine Mutter nicht im Stich“ – diesen Satz kannte ich aus den hitzigen Gesprächen zwischen meinen Eltern.
Dann war da mit Sicherheit der Wunsch, aus der Routine und Langeweile der Büroarbeit auszusteigen und in den Autofahrten durch Niedersachsen Freiheiten wiederzugewinnen und Abenteuer zu erleben, die er als junger Mann hatte und nach denen er sich zurücksehnte. Was mir als Kind schon deutlich wurde: er kam mit seiner Rolle als Ehemann und Familienvater einer wachsenden Kinderschar nicht klar. Er wollte, so denke ich, seine Familie „neutralisieren“ und in eine Zeit zurücktauchen, die passé war. Zu Beginn des Jahres 1949 schmiss er seinen sicheren Job und stieg in den Betrieb seines Vaters ein. Der Alte und sein Sohn schafften einen robusten Opel an und er fuhr los. Er suchte seine Abenteuer draußen, außerhalb seiner Familie – on the road – und fand sie dort auch.
Später, als ich mehr über ihn wusste, deutete ich seine „Familienflucht“ als einen hilf- und nutzlosen Versuch, noch einmal hineinzutauchen in die Traumzeit seiner Jahre als junger, charmanter, gutaussehender und viriler Mann – eine Traumzeit, die durch das körperliche und psychische Trauma in der Linsingen-Kaserne zu Hameln schlagartig beendet wurde. Ich deutete seine egoistische Flucht vor der Verantwortung uns gegenüber als Regression in eine frühere Stufe seiner Persönlichkeitsentwicklung, in die Zeit vor dem brutalen Schock, von dem er sich lange nicht – vermutlich nie – erholte; als Rückfall in eine Epoche seines Lebens, in der er noch „ungebrochen“ war.
Die Kostensenkungsmaßnahme
Nachdem das Geschäftsmodell meines Großvaters anfänglich ganz gut funktionierte, stellte sich wohl schon im Laufe des Jahres 1949 heraus, dass es auf tönernen Füßen stand. Da war mein Vater allerdings schon etliche Monate auf Tour.
Betriebswirtschaftlich betrachtet ist die Sache eigentlich klar: nachdem man den ersten Kreis der Holzbetriebe um Hameln herum abgeklappert und mit perfekt reparierten Sägen und Werkzeugen versorgt hatte, musste man neue Kundenkreise erobern, neue Kreise um Hameln herumziehen. Die Touren wurden länger: mehr Arbeit, mehr Zeit, mehr Benzin, mehr Pannen … die Kosten stiegen, die Auftragseingänge wurden unsicher und spärlicher, die Erträge sanken. Man trennte sich von dem Mann, der neben meinem Vater noch Aufträge hereinholte, man trennte sich von der Sekretärin: mein Vater übernahm den Schriftkram.
Doch der größte Kostenblock des Betriebes blieb: das war mein Vater selbst –genau genommen seine große Familie, die in einer recht komfortablen, nicht eben billigen Wohnung untergebracht war. Anfang Dezember 1947 war seine Kinderzahl gar auf fünf angewachsen: meine Mutter gebar ihren zweiten Sohn, ihr viertes Kind.
Eines war mir immer klar: der Alte mochte meine Mutter, seine Schwiegertochter, nicht. Ganz und gar nicht. Die vielen Kämpfe zwischen den beiden, deren Zeuge ich wurde, zeigten mir das deutlich. Meine Mutter war nicht der Typus Frau, der einem Mann wie ihm behagte. Sie unterwarf sich nicht, sie war nicht die Frau, die Despoten wie ihm um den Bart strich. Sie war klar in ihrem Urteil über ihn und ich denke sogar: sie verachtete ihn, so wie auch ich ihn schon als Kind verachtete. Seine verbalen Attacken parierte sie mit wirkungsvollen Gegenangriffen, denn sie kannte seine schwachen Seiten und offenen Flanken und ließ sich von ihm nichts bieten.
Und etwas anderes war mir ebenfalls schon früh klar: vor allem ihre wachsende „Brut“ (so bezeichnete er uns, seine Enkelkinder, in seinen verbalen Exzessen) war ihm ein Dorn im Auge: zu viele „Fresser“, die nur Kosten verursachten. So verfiel er auf die Idee, diesen Kostenblock radikal zu vermindern und sie mit ihrer gesamten „Brut“ aus ihrem warmen Habitat herauszurupfen und in die Baracke zu verpflanzen. Dass mein Vater mitmachte und diese Aktion mittrug, ist eines der Rätsel um seine Person, das ich nie vollständig gelöst habe.
In jenem unglücklichen Jahr 1949, in dem unsere „Umsetzung“ erfolgte, wird es – da bin ich mir heute sicher – sehr viele Kräche und hitzige Diskussionen, sehr viel Lärm und Krieg zwischen meinen Eltern gegeben haben. Sie trennten sich nicht, das war keine Option für die beiden, doch ihre Beziehung ging damals – und dann über viele Jahre – in die Brüche. Eine lange Leidenszeit begann. Der immer wieder aufflackernde Krieg zwischen meinen Eltern begleitete mich durch meine ganze Kindheit.
Unsere Umsetzung an den Rand der Stadt, unsere Marginalisierung, erfolgte also aus einem „betriebswirtschaftlichen“ Kalkül heraus: Kostensenkung. Kostensenkung war aber nicht alles. Der Alte und sein Sohn kassierten auch noch einen „Sonderertrag“ aus dieser Aktion: die happige Kaution, die meine Mutter aus ihrem Erbe bei der Anmietung der Wohnung hinterlegt hatte, wurde frei. Das Geld floss in den Betrieb. Der Alte und sein Sohn steckten es in ihre Taschen.
Meine sanfte Oma
Jeden Tag stand sie am Krankenbett ihres Sohnes, der still und bewegungslos unter der weißen Bettdecke lag. Jeden Tag sah sie die schmale, weiß verhüllte Wölbung seines steif gewordenen Körpers, der nicht mehr funktionierte. Sie sah sein vertrautes, sanftes, stilles Gesicht, in dem nur noch die Augen lebendig waren und mit ihr und der Welt Kontakt hielten. Da lag das Kind, das sie geboren, großgezogen und in die Welt geführt hatte: stumm und verkrüppelt.
Sie sah Ärzte kommen und gehen, die ihn abhörten, untersuchten und kleine therapeutische Experimente mit ihm machten. Sie sah seine apathische Hilflosigkeit und spürte in sich eine große Angst – die Angst davor, dass er womöglich nicht mehr zurückfinden würde in die Normalität, dass sein Körper und seine Seele womöglich für immer zerstört sein könnten.
Sie sah die junge Krankenschwester, die sich über das übliche Maß hinaus um ihren Sohn bemühte, die anfing mit ihm Bewegungen zu trainieren, um ihn aus seiner Totenstarre zu erlösen, die ihm Flüssigkeit einflößte, ihn fütterte, ihn wusch, reinigte und windelte wie ein Baby. Die ließ nicht nach in ihrem Bemühen, ihn ins Leben zurückzuholen. Die Alte erkannte die Energie, die unbeirrbare Entschlossenheit, mit der sich die junge Frau an ihr Werk machte. Sie spürte, dass da mehr im Spiel war als nur die praktische Professionalität einer Pflegerin, sie spürte die Liebe dieser Frau zu dem hilflosen Mann und nahm Kontakt mit ihr auf.
Sie erzählte aus seinem Leben – erzählte, dass er gerade erst geheiratet habe, dass er Vater eines kleinen Jungen sei, nicht einmal ein Jahr alt, der nun aber bei ihr und ihrem Mann aufwachse. Ihr Sohn lebe nämlich „in Scheidung“ mit seiner Frau, da diese ihn kurz nach der Hochzeit „böswillig verlassen“ habe, wie man damals sagte.
Die Geschichte nahm ihren Lauf. Nachdem sie ihn körperlich einigermaßen wieder hergestellt hatte, nachdem er seine „Kur“ (Reha) in Bad Eilsen hinter sich hatte, nachdem seine Scheidung „durch“ war, heirateten Patient und Krankenschwester. Sie gab ihren Beruf auf und gebar in schneller Folge ihre vier Kinder. Ihr Leben veränderte sich total. Von nun an war sie nur noch Mutter. Sie ging in ihrer neuen Rolle voll auf, von Anfang an, ihr Leben lang. Und sie blieb seine Krankenschwester ihr Leben lang, denn seine seelischen Verletzungen heilten viel langsamer als seine körperlichen.
Die alte Frau schätzte und bewunderte die junge Frau, die so rigoros und sicher ihr Kind ins Leben zurückgeholt hatte, und als die Enkelkinder kamen, machte sie sich an die Arbeit. Sie entlastete und unterstützte die junge Mutter, wo sie nur konnte. Sie nähte, flickte und stopfte, sie strickte und häkelte. Als mein Leben sich entwickelt hatte und ich anfing, sie wahrzunehmen und langsam kennen zu lernen, meine sanfte Großmutter, sah ich sie oft bei ihrer Arbeit. Sie saß an der Nähmaschine und nähte Windeln, Höschen, Kleidchen und Jäckchen für die wachsende Kinderschar, sie strickte Socken und Handschuhe aus der Wolle, die sie aus aufgeribbelten alten Pullovern gewonnen hatte. Woche für Woche kam sie zu uns und lieferte ihre Arbeit ab. Sie war gern bei ihrer Schwiegertochter und ihren Enkelkindern. Ich erinnere mich, wie sie immer mal wieder an mir Maß nahm und dass sie dann später eine neue Hose oder einen neuen Pullover für mich mitbrachte.
Sie entlastete meine Mutter aber auch noch auf eine besondere Art, sie nahm ihr eines ihrer Kinder für ein paar Stunden ab: mich. Ich muss wohl, so habe ich es aus den Erzählungen meiner Mutter später herausgehört, ein motorisch aktiver, unruhiger Junge gewesen sein und wenn ich weg war – sicher aufgehoben bei der Oma – konnte sie sich entspannter der Kleinen und ihrem Neugeborenen widmen, konnte ihre Hausarbeit erledigen, ohne ständig ihren Unruhegeist beschäftigen zu müssen.
***
An die stillen, friedlichen Tage bei der alten Frau erinnere ich mich gerne, denn sie ging auf eine kluge Art mit mir um. Sie gab mir nicht irgendwelches Spielzeug, um mich irgendwie zu beschäftigen und zu bespaßen – nein, sie gab mir stets etwas Sinnvolles zu tun, sie ließ mich arbeiten. Ich konnte mich für sie nützlich machen. Das machte mir nicht nur Spaß, das schenkte mir eine Ruhe und einen inneren Frieden, den ich sehr genoss – und am Ende, wenn sie sich für das, was ich für sie geleistet hatte, bedankte, war ich stolz.
Einmal schüttete sie einen großen Korb Erbsenschoten auf das Wachstuch des Küchentisches – ich durfte sie auspuhlen. Ich stand auf einem Küchenstuhl und streifte die frischen Erbsen aus ihren Schoten in einen Topf.
„Du darfst auch welche essen! Aber nicht zu viele, sonst bekommst du Bauchweh!“
Sie stand still und friedlich an ihrem Herd, wie immer schwarz gekleidet, und kochte das tägliche Mittagessen für ihren Mann. Gegen Mittag füllte sie den Henkelmann mit ihren Leckereien und wir brachten dem Alten das Essen in seine Werkstatt.
Ein anderes Mal ließ sie mich ihr Tafelsilber putzen. Sie legte eine Decke auf den Fußboden ihrer Küche, ich setzte mich im Schneidersitz bereit und sie stellte mir die Kästen mit dem Silberbesteck vor die Nase. Sie gab mir das Silberputztuch und einen Lappen zum Nachpolieren. Stundenlang wienerte ich an den Löffeln, Gabeln und Messern herum, bis alles wieder blitzblank war. Sie stand ruhig neben mir und kochte. Wir unterhielten uns nicht, während wir arbeiteten.
„Heute hast du mir sehr geholfen, du hast mir viel Arbeit abgenommen.“
Sie belohnte mich nicht mit Geld. Ich denke, sie spürte, dass ich glücklich war, weil ich ihr ein wenig Arbeit abnehmen konnte.
***
Irgendwann einmal half ich ihr bei der „großen Wäsche“ – das war für mich neu und daher ungemein interessant und lehrreich. Wir gingen auf den Wäscheboden unterm Dach. Dort stand ein riesiger Bottich auf vier stählernen Beinen. Unter dem Bottich musste man einen Ofen mit Holz und Kohle befeuern, der die Lauge in dem Bottich, in der Laken, Bettbezüge, Handtücher und Taschentücher eingeweicht waren, zum Kochen brachte. Ein großer Holzklöppel rotierte in der Lauge und schwenkte die Wäschestücke hin und her. Das zeigte sie mir, indem sie mich hochhob.
Am Nachmittag gingen wir wieder rauf auf den Dachboden. Jetzt kam die schwerste Arbeit auf sie zu. Sie holte die vielen Wäschestücke – Stück für Stück – aus der lauwarmen Lauge und wrang sie aus. Dann warf sie sie in eine Zinkwanne, die mit klarem Wasser gefüllt war. Im nächsten Arbeitsgang wurde die ganze, kalt eingeweichte Wäsche noch ein zweites Mal ausgewrungen und in eine zweite Zinkwanne mit klarem Wasser geworfen. Das war Schwerarbeit und ich sah, wie die kleine schmale Frau mit den großen Tüchern kämpfte. Bei diesem Arbeitsgang konnte ich ihr ein wenig helfen. Ich wrang alle Taschentücher und auch die kleinen Handtücher aus – immerhin. Am Ende gab es einen Riesenhaufen nasser Wäsche. Die musste jetzt auf die Leine gehängt werden.
Der Dachboden war ein großer langer Raum. In langer Reihe standen dicke Holzbalken, von denen die Dachsparren ausgingen, die das Dach trugen. Zwischen diesen Dachsparren waren die Wäscheleinen gespannt.
Ich reichte ihr die kleineren Wäschestücke zum Aufhängen (die größeren waren noch zu schwer für mich) und aus einem kleinen Eimerchen reichte ich ihr alle Wäscheklammern, die sie benötigte. Als wir schließlich fertig waren – am späten Nachmittag – wirkte meine sanfte, zierliche Oma sehr müde. Auch ich war „geschafft“.
***
Zeit ihres Lebens war sie die Frau im Hintergrund. Der Alte war der bekannte Handwerksmeister, seine Werkstattarbeit brachte das Geld ein, er hatte mit den Kunden, mit der Außenwelt, zu tun, er erledigte den nötigen Schriftkram. Er war es, der die Reden hielt, als er noch politisch aktiv war, er hatte seinen Stammtisch, er bramarbasierte mit seinen Kumpanen in den angesagten Wirtshäusern der Stadt …
Ihre Arbeit – so denke ich – hat ein Mann wie er vermutlich nie richtig wahrgenommen, geschweige denn gewürdigt. Frauenarbeit eben. Doch genau genommen trug sie einen beträchtlichen Teil zum Haushaltseinkommen bei. Immer hatte sie einen Garten, den sie bearbeitete. Sie zog Erbsen, Bohnen, Möhren, Tomaten, Kartoffeln und sie erntete reichlich. Bei ihr gab es Johannisbeeren, Himbeeren, Stachelbeeren, Äpfel, Birnen … Sie kochte viel ein.
Neben ihrer Küche hatte sie ihr Heiligtum, einen kleinen Raum, den ich nicht betreten, in den ich nur ehrfürchtig hineinschauen durfte. Das war ihre Speisekammer, ein reiner, besonderer Ort. Das kleine Fenster zum Hof war mit einem dichten Fliegengitter versehen und die Bretter des Regals waren vollgestellt mit Kompott in Gläsern. Es gab Einmachgläser mit Bohnen, Erbsen, Möhren, es gab Marmeladen und Gelees. Viele Stunden konzentrierter, intensiver Arbeit waren da eingemacht. Vom Einsäen, Aufziehen und Ernten ihrer Früchte bis hin zum fertig gekochten Essen: das war ihr Beitrag zum Familieneinkommen, Schattenarbeit, die weder von dem Alten noch von seinem Sohn recht wahrgenommen wurde, so vermute ich.
Auf einem der Bretter standen oft Schalen mit Dickmilch, denn bei ihr kam nichts um: sauer gewordene Milch verwandelte sie in Dickmilch. Ordentlich mit Zucker und Zimt bestreut aß ich sie mit großem Genuss.
***
Das schöne Miteinander der beiden Frauen war nach unserer Umsetzung in die Baracke zu Ende und meine sanfte, liebe Oma verschwand immer mehr aus meinem Leben. Der Prozess war so schleichend, dass ich ihn zunächst gar nicht recht bemerkte. Wir sahen sie zwar täglich, wenn sie ihrem Mann, dem Alten, sein Mittagessen brachte, aber sie hielt sich nicht lange bei uns auf. Sie besuchte meine Mutter – aber immer nur kurz. Im Sommer unterhielten sich die beiden Frauen auf dem Hof, im Winter kam sie zu uns in unsere Küche. Oft zog sie dann nicht einmal ihren Mantel aus, sie war immer auf dem Sprung. Was war mit ihr los? Warum war sie plötzlich so spröde und abweisend? Ich merkte, dass sie sich verändert hatte. Ich selber besuchte sie nur noch selten und meine Mutter hatte in ihrer neuen primitiven Welt viel zu viel zu schuften, als dass sie noch Zeit gefunden hätte, sich um ihre Schwiegermutter zu kümmern.
Erst viel später konnte ich mir vorstellen, was in der Alten vorging. Die junge Frau, die sie liebte und bewunderte, die Frau, die ihren Sohn gerettet hatte, war von ihrem Mann und von ihrem eigenen Sohn ins Elend gesetzt worden. Und sie selbst war der Grund dafür – das wird sie mit Sicherheit so empfunden haben. Das Lebensglück der Jungen hatten der Alte und sein Sohn geopfert, damit sie, die Alte, nicht in die Armut absackte und der Fürsorge anheim fiel. Sie litt, wenn sie die Primitivität unseres Lebens wahrnahm, wenn sie sah, wie meine Mutter schuftete, um uns Kinder heil durchzubringen: das waren doch ihre Enkelkinder. Sie verlor immer mehr den Kontakt zu uns. Sie fühlte sich schuldig und sie konnte unser Elend nicht aushalten, wenn sie sich bei uns aufhielt. Sie hatte nur den einen Wunsch: davonrennen.
„Der Oma geht es nicht gut. Sie sieht sehr elend aus. Ich fürchte, sie ist krank“, sagte mir meine Mutter, als ich einmal das seltsame Verhalten meiner geliebten Oma mit ihr besprach.
***
Unser drittes Barackenjahr, 1952, war ein Krisenjahr.
Die Ereignisse dieses Unglücksjahres bereiteten unseren Abgang vor, der ein Jahr später erfolgte: unseren Auszug aus der Baracke, unsere Auswanderung in eine fremde Welt. Sie lösten alles: die fatale Symbiose zwischen dem Alten und seinem Sohn, sie lösten den ganzen Betrieb auf, sie erlösten meine Mutter aus ihrem Gefängnis.
Es zeigte sich immer deutlicher, dass die Geschäftsidee des Alten nicht mehr tragfähig war. Die Touren meines Vaters durch Niedersachsen wurden länger, die Aufträge spärlicher, das Geld knapper, Schulden wurden gemacht. Immer mal wieder wurde ich Zeuge hitziger Streitgespräche zwischen dem Alten und seinem Sohn. Offensichtlich hatte selbst mein Vater, der vor den Problemen des Alltags gerne davon lief, erkannt, wie prekär unsere Lage geworden war und dass sich der Betrieb langsam aber sicher in die Pleite bewegte.
Er entwickelte neue Markt- und Produktideen, doch der Alte sträubte sich gegen alle Neuerungen. Wie auch anders: er war inzwischen vierundsiebzig Jahre alt geworden, das Feuer des Draufgängers, das Feuer der Innovationen war erloschen. Um die Ideen seines Sohnes umzusetzen, hätte er noch einmal seinen ganzen Betrieb umkrempeln und auf Serienproduktion umstellen müssen. Er hätte neue Leute einstellen müssen. Das konnte er sich nicht mehr leisten, dazu war er zu alt und zu unbeweglich geworden – und außerdem fehlte das Kapital. Der Alte und sein Sohn waren mit ihrem Latein am Ende. Sie bekamen sich immer wieder in die Wolle. Immer wieder wurde ich Zeuge ihrer Streitereien.
Es war an einem sonnigen Freitag im Sommer 1952, kurz vor den großen Ferien. Ich kam mittags aus der Schule und warf meinen Ranzen erschöpft auf einen der Küchenstühle. Erst dann nahm ich das Gesicht meiner Mutter wahr und erschrak. Sie war sehr blass, ihre großen runden Augen starrten mich an und durch mich hindurch, als nehme sie mich gar nicht wahr. Sie legte ihren Zeigefinger auf den Mund – schweig! –, nahm mich bei der Hand und führte mich ins Schlafzimmer. Auf einem der Ehebetten lag mein Vater auf dem Rücken, ruhig, unbeweglich. Er starrte an die Decke, er sah uns nicht, er registrierte gar nicht, dass wir im Raum waren, er rührte sich nicht. Seine Gesichtsfarbe war gelblich-fahl, seine Arme lagen schlaff neben seinem Körper. Er war nur bis zum Bauchnabel zugedeckt und auf seiner nackten Brust lag eine warme Kompresse aus Handtüchern. Er atmete flach.
Wir gingen zurück in die Küche. Ich war erschrocken und vor Angst völlig verstört:
„Was ist passiert?“
Meine Mutter setzte sich an den Küchentisch und stützte ihren Kopf mit ihren Fäusten. Sie reagierte nicht auf meine Frage, sie war völlig erschöpft. Sie war weit weg.
„Lass es dir von Helga erzählen!“
***
Am Vormittag, während ich in der Schule war, hatte es einen schweren Krach zwischen meinem Vater und seinem Vater gegeben. Der Kampf und das Geschrei fanden in der Werkstatt des Alten statt, neben dem Amboss, neben seiner Werkbank, auf der er die schweren Hämmer abzulegen pflegte, mit denen er seine Kreissägen „behandelte“. Als die Wutbombe in ihm explodierte, griff er voller Hass einen seiner Hämmer und schlug ihn mit Wucht gegen die Brust seines Sohnes. Der torkelte nach Luft ringend in seine Wohnung nebenan, meiner Mutter in die Arme, die ihn auffing, ins Bett schleppte und – so gut sie es vermochte – versorgte. Sie rief unseren Hausarzt an, den sie noch aus ihren Jahren im Stadtkrankenhaus kannte und der immer kam, wenn er gebraucht wurde. Lungenschock, stellte der fest – aber auch, dass sich mein Vater gut erholte und dass sich sein Zustand sichtbar und zügig verbesserte. Da er ja in der Pflege meiner Mutter war, verzichtete er auf eine Einweisung ins Krankenhaus.
Das wurde ein Wochenende voller Angst. Ich hörte in der Nacht, dass sich meine Mutter immer wieder um ihn bemühte, ihn neu bettete und ihm warme Kompressen machte. Am Sonnabend konnte mein Vater wieder sprechen, lag aber immer noch auf dem Rücken und bewegte sich kaum. Wir Kinder hielten uns oft in der Nähe seines Zimmers auf, um ihn zu beobachten – und so belauschte ich meine Eltern bei einem kurzen Gespräch:
„Jetzt muss hier endlich Schluss sein“, hörte ich sie sagen, „ich kann nicht mehr.“
„Ja“, sagte er matt, „jetzt ist hier endgültig Schluss!“
Sein Zustand verbesserte sich stetig. Am Sonntagvormittag bereits bettete sie ihn hoch, er saß in seinem Bett, trank seinen Kaffee und aß mit Genuss ein kleines Frühstück. Er unterhielt sich mit uns, ja, er war sogar schon wieder zu Scherzen und Flachsereien aufgelegt. Wir waren glücklich, dass er wieder zu sich kam. Am Sonntagnachmittag war der Druck von uns gewichen. Wir spielten bereits wieder draußen auf dem Hof und in unserem „Dschungel“, als es passierte. Plötzlich stand der Alte vor uns – und neben ihm seine Frau, unsere stille Großmutter. Er habe etwas mit unserem Vater zu besprechen, bedeutete er uns, wir sollten draußen bleiben und das Gespräch nicht stören.
Unser Spiel war abrupt beendet. In mir kam wieder die Angst hoch, die ich gerade erst in den Griff bekommen hatte, ich war erregt, ich sah Unheil auf uns zukommen. Ich rannte davon, in die weite Landschaft, um wieder zur Ruhe zu kommen. Als ich zurückkehrte, waren die beiden Alten verschwunden. Ich hörte eine hitzige Diskussion im Schlafzimmer. Meine Eltern hatten wieder Krach miteinander und es war mir schnell klar, was der Anlass ihres Streites war:
Mein Vater hatte sich noch einmal breitschlagen lassen. Er würde weitermachen im Betrieb seines Vaters. Der Alte hatte ihm seine kranke, leidende Mutter vorgeführt. Das hatte gewirkt:
„Ich lasse meine Mutter nicht im Stich“, hörte ich ihn sagen.
Er wiederholte diesen Satz immer wieder und, als meine Mutter schließlich verstört aus dem Schlafzimmer rannte, schrie er ihn unaufhörlich hinter ihr her:
„Ich lasse meine Mutter nicht im Stich!“
„Ich lasse meine Mutter nicht im Stich!“
Er klammerte sich an diese Worte. Zum Schluss klang seine Stimme fast wie ein Heulen, wie das Jaulen eines Tieres, das in der Falle sitzt.
Es kamen die langen Sommerferien – eigentlich die schönste Zeit da draußen in „unserem Reich“ am Ufer der Weser. Diesmal waren sie allerdings eingetrübt durch die Ereignisse, die hinter uns lagen. Die alte Frau besuchte uns nun gar nicht mehr. Sie scheute jede Begegnung mit meiner Mutter, sie rannte an uns, ihren Enkelkindern, vorbei. Irgendwann erschien sie gar nicht mehr auf dem Hof, vor unserer Wohnung, wenn sie dem Alten seinen Henkelmann brachte. Seine Werkstatt hatte eine schmale Tür nach hinten hinaus, gen Osten. Wenn sie die benutzte, musste sie nicht an unserer Wohnung vorbeihuschen, wo sie womöglich meiner Mutter in die Arme gelaufen wäre.
Ich ahnte schon als Kind – ich war damals neun Jahre alt – was in ihr vorging: sie schämte sich. Wieder hatte sie am Krankenbett ihres Sohnes gestanden. Wieder war ihrem Sohn Gewalt angetan worden. Wieder pflegte ihn die junge Frau, die ihn schon einmal hochgebracht hatte, nachdem ihm Gewalt angetan worden war. Das alte Bild wiederholte sich – und war doch ganz anders. Denn diese junge Frau – ihre Schwiegertochter – opferte seit Jahren ihr eigenes Leben, ihr eigenes Glück, damit es ihr, der Alten, gut ginge. Das bedrückte sie. Ihr eigener Mann hatte sie vorgeschoben und als Köder benutzt, damit er weiterwurschteln konnte wie bisher. Er hatte seinen weichen, nachgiebigen Sohn, der sich nicht von seiner Mutter zu lösen vermochte, noch einmal herumgekriegt. Unsere Oma saß in einer bösen Falle. Sie wusste weder ein noch aus.
An einem herrlichen sonnigen Ferientag war ich damit beschäftigt, in den dichten Reihen der Himbeerbüsche, die sie einst gepflanzt hatte, die ersten Früchte zu ernten. Das war ein herrlicher Ort. Ich lag faul auf dem Rücken, ganz nah an den überschwänglich duftenden Nelken, die sie zwischen die Himbeerreihen gesetzt hatte, sog den würzigen Nelkengeruch in meine Nase, und futterte alle Beeren in mich hinein, die in meiner Reichweite zu grapschen waren.
Plötzlich bemerke ich, dass meine Großmutter aus der kleinen Tür an der Rückseite der Baracke heraus tritt um sich auf den Heimweg zu machen. Ich springe auf und renne hinter ihr her.
„Halt, Oma, bleib doch stehen. Komm doch noch ein bisschen zu uns auf den Hof. Bleib doch auf einen Kaffee. Die Mutti freut sich immer sehr, wenn du da bist …“
„Lass mich. Lass mich zufrieden …“
Sie beschleunigt ihre Schritte und fängt gar an zu rennen. Ich renne hinter ihr her und umtanze sie: „Bleib. Bleib doch … Bitte, bitte!“
„Verschwinde! Lass mich zufrieden! Lass mich zufrieden …!“
Sie schreit es schließlich heraus, sie fängt an zu weinen und rennt in Panik vor mir davon. Ich bin unglaublich betroffen und habe ein schlechtes Gewissen. Ich renne zu meiner Mutter und berichte ihr alles. Auch sie ist sehr betroffen.
„Was ist mit ihr los?“
Meine Mutter starrt in die Ferne, an mir vorbei. Ihr Gesicht ist düster.
„Die Oma ist krank. Sie ist krank an ihrer Seele. Deine Oma ist schwermütig.“
Schwermütig!
„Schwermut“ war in meiner Kindheit das gebräuchliche Wort der Alten für „Depression“. Ich bin mir sicher: es gab viele „Schwermütige“ im Land Danach. Denn das war das Land der Witwen und Halbwaisen, der Angehörigen, die um die gefallenen Soldaten trauerten, das Land der Kriegskrüppel und psychisch Traumatisierten, das Land der vielen Menschen, die damit fertig werden mussten, dass ihre Verwandten, ihre Freunde, ihre Nachbarn und Kollegen in den Vernichtungslagern ermordet worden waren.
Eines wurde mir erst später voll bewusst: jene Szene auf der Kuhbrückenstraße, in der ich meine verwirrte Oma zu überreden suchte, doch noch ein wenig bei uns zu bleiben und mit meiner Mutter Kaffee zu trinken, ist das letzte Bild, das ich von ihr habe, meine allerletzte Erinnerung an die alte Frau, die ich liebte. Ihre Worte „Lass mich zufrieden“ waren die letzten Worte, die ich von ihr hörte. Sie suchte Frieden.
Die Lösung
„Alle Erinnerung reduziert das Gewesene. Die Lichter und Schatten, das Vogelgezwitscher und Hundegebell jenes Sommertags in meiner Kindheit, an dessen Morgen das furchtbare Ereignis geschah, sind ‚dahin’. Was bleibt, sind Worte. Das Ereignis selbst ist ‚dahin’ – vorbei, vergangen. Was mir geblieben ist, sind Gefühle, die nicht zu löschen sind.“
Als ich diese Sätze hinschrieb, ins Vorwort, lange bevor ich in den großen Topf der Erinnerungen hineingrapschte, hatte ich einen besonderen Sommertag vor meinem inneren Auge, jenen Tag im Strudel der Ereignisse des Jahres 1952, der unser aller Leben verändern sollte.
Es war ein frischer, leicht windiger, klarer Morgen. Die Sonne stand so, dass die Westwand der Baracke noch Schatten warf, sie stand im Südosten. Es muss also etwa zwischen zehn und elf Uhr gewesen sein, als sich das Unglück anbahnte. Wir vier Kinder spielten draußen auf unserem Hof. Ich selbst hockte vorne am Hoftor in der Sonne und bastelte an einem alten Fahrrad aus der Werkstatt des Alten, das wir zum Spielen benutzen durften. Meine drei Geschwister waren neben mir auf der kleinen Wiese mit den Wäschepfählen und der Hundehütte. Sie spielten mit unserem Hund, unser aller Liebling. Vor mir hatte ich die Ponyweide im Blick und einen großen Teil der noch nicht asphaltierten Kuhbrückenstraße, die die Weide nach Osten hin begrenzte. Sie war leer: kein Auto, kein Motorrad, kein Fahrrad, nichts …
Plötzlich schießt hinter dem weißen Gebäude der Vogeley-Fabrik ein Radfahrer hervor. Er strampelt wie ein Irrer, wie ein von Furien Gehetzter. Er sitzt nicht einmal auf dem Sattel und fliegt hopsend die holprige Straße entlang auf uns zu. Ich erkenne ihn: es ist mein Vetter Ralf. Zuerst lache ich kurz auf, denn ich kannte seine Verrücktheiten, genauer: ich kannte ihn als Verrückten. Doch dann fuhr sofort der Schreck in mich hinein: er bringt eine schlimme Botschaft, er bringt Unheil. Ich spürte das Unheil, bevor es da war.
***
Von diesem Vetter ging nie etwas Gutes aus.
Er war sechs Jahre älter als ich, also fünfzehn, als er auf seinem Fahrrad auf uns zugeschossen kam. Er lebte mit seinen Eltern in der Wohnung unserer Großeltern. Tochter, Schwiegersohn und Enkelkind waren irgendwann während des Krieges eingezogen und nie wieder ausgezogen. Er war fünf oder sechs, als er mit meiner Großmutter zusammenkam und piesackte, ärgerte und quälte die alte Frau, wo er nur konnte, unaufhörlich. Er gehörte zu den „doofen Jungs“, wie ich sie damals nannte, diesen „anderen“ Jungs, die ich verachtete. Kalt und roh, sadistisch und grausam, unfähig zu lieben – so waren diese Jungs. Sie waren Quäler. Von dieser Sorte gab es etliche um mich herum, doch unser Vetter war die Spitze: er war der Widerlichste von allen. Üble Bilder und Geschichten purzelten durch meinen Kopf, als er näher kam:
Einmal zielte er vor meinen Augen mit seinem Luftgewehr auf einen Specht, der gerade den Stamm einer Kastanie bearbeitete. Er „holte ihn herunter“, wie er sich stets auszudrücken pflegte, wenn er Vögel tötete. Federn flogen durch die Luft, als der verletzte Vogel zur Erde kreiselte. Vetter Ralf fing das hilflos flatternde Tier ein und erschlug es mit Lust. Er lachte, als ich ihn angriff und beschimpfte, er zielte auf mich mit seiner Knarre und schrie „Memme“ und „Mädchen“ hinter mir her, als ich davonrannte.
Bei einer Rangelei in der Wohnung unserer Großeltern fixierte er mich am Boden – er war viel älter als ich und mir körperlich weit überlegen. Er kitzelte mich und hörte nicht auf, mich durch Kitzeln zu quälen. Ich lachte und schrie, schrie und lachte hysterisch. Schließlich brüllte ich um Hilfe. Unsere Oma rettete mich und schimpfte ihn aus. Danach machte er unbeirrt weiter. Er rang mich noch einmal nieder, hielt mich fest, sein fetter Hintern schwebte über mir und dann furzte er mir mit einem Lachen mitten ins Gesicht. Ich habe meine sanfte Oma nie so in Rage erlebt wie nach jener Sauerei: sie schrie ihn an, sie ohrfeigte ihn, jagte ihn in sein Zimmer und gab mir 50 Pfennig Schmerzensgeld.
Eine Geschichte um diesen Vetter blieb mir für immer unfassbar. In den knappen Jahren nach dem Krieg hielt meine Großmutter in ihrem Gärtchen Hühner und erntete die Eier für ihre Küche – das war ein Teil ihrer Schattenarbeit als Hausfrau. Nach einem heftigen Streit mit der alten Frau rächte sich mein Vetter mit einem „Streich“, der alles über ihn sagt: er tötete ihre Hühner und hängte sie an Strippen im Hühnerstall auf.
Schwache zu terrorisieren war sein Lebenselixier. Respekt hatte er nur vor den beiden Männern, die ihn regelmäßig derbe mit einem Stock so lange verprügelten, bis er erbärmlich schrie: seinem eigenen Vater und dem Alten, unserem gemeinsamen Großvater. Als Kind wusste ich es genau: er war seelisch missraten, er war geisteskrank, er war von Natur aus böse.
***
Er kurvte schließlich mit Karacho in unseren Hof ein, bis vor das große Tor zur Werkstatt des Alten, das weit offen stand. Aus voller Fahrt sprang er mit Schwung von seinem Rad, das er achtlos auf den Boden knallen ließ, und rannte in die dunkle Werkstatt. Wir Kinder liefen näher heran, um mitzubekommen, was los war.
Es war ein normaler Arbeitstag für den Alten. Den ganzen Morgen schon hatten wir das rhythmische Geräusch der Maschinen gehört und den vertrauten Lärm, wenn er mit Wucht loshämmerte oder am Schleifbock arbeitete. Plötzlich hörte das Geräusch der Maschinen auf. In der eintretenden Stille hörten wir erregte Worte und dann ein Schreien, das nicht wieder aufhörte, ein Schreien, so gruselig, dass wir Kinder vor Entsetzen gelähmt waren.
„NEIN!“ Der Alte schrie „NEIN NEIN NEIN“. Immer wieder „NEIN NEIN NEIN“ … Die Schreie waren unwirklich, unmenschlich – wie das Stöhnen und Brüllen aus einer anderen Welt: aus der Hölle. Das Allerschrecklichste war passiert und ich wusste, was auf uns zukommen würde. Wir Kleinen standen vor dem Tor und erwarteten die Katastrophe, gelähmt vor Angst.
Der Alte erschien im Werkstatttor, wir wichen zurück, er war außer sich. Er streckte die Arme nach oben aus, in den Himmel, er hatte die Hände zu Fäusten geballt, sein runder Kopf mit den grauen Stoppeln war nach oben gerichtet, als flehte er die Götter an, alles noch einmal zurückzudrehen. Minutenlang hörten wir seine schauderhaften Schreie: „NEIN NEIN NEIN NEIN NEIN NEIN NEIN NEIN …“
Er war damals Mitte siebzig, ein alter Mann, kleinwüchsig, kompakt, kräftig und stark. Er stand vor dem großen Tor, in seinem gestreiften Arbeitshemd ohne Kragen, die Ärmel hochgekrempelt, die Arme hochgereckt. Er trug seine Arbeitsschürze aus dem derbem Persenningstoff, die er immer trug, wenn er schmiedete.
Die riss er sich nun vom Leib und warf sie hinter sich in die Werkstatt. Dann rannte er los, über den Hof und die Kuhbrückenstraße entlang – als seien alle Schmerzen des Alters aus seinem Körper verschwunden.
***
Hinter der weißen Fabrik verschwindet er. Wir Kinder sind fassungslos, die Kleinen fangen an zu weinen, wir warten auf die Erklärung. Totenstille liegt über dem Hof. Eine unglaubliche Stille und eine unglaubliche Spannung.
Nach einer Weile schleicht unser Vetter langsam aus der Werkstatt. Wir erwarten ihn neben seinem Fahrrad, das immer noch mitten auf dem Hof am Boden liegt. Wir wollen endlich wissen, was geschehen ist. Unser Vetter hebt ganz langsam sein Rad auf, prüft, ob alles in Ordnung ist und schaut uns lange an, ohne etwas zu sagen.
„Die Oma ist tot“, sagt er schließlich und macht eine Pause.
Er kann uns nicht normal anschauen, denn er hat einen Augenfehler, er schielt auffällig. Sein linkes Auge ist nach außen gedreht und glotzt starr in die Welt. Nur sein rechtes Auge bewegt sich normal und kann die Umwelt fokussieren. Man ist nie sicher, wohin er eigentlich guckt. Sein Blick hat etwas Glitzerndes, Sprunghaftes, Verschlagenes. Ich mochte ihm nie in die Augen sehen. Dann setzt er nach:
„Sie hat sich aufgehängt.“
Er registriert unsere aufgeregten Worte und Schreie und das Weinen der Kleinen, er macht wieder eine lange Pause.
„Auf dem Wäscheboden.“
Sehe ich ein Grinsen in seinem Gesicht? Sehe ich Häme in seinen schielenden Augen?
„An einem Dachsparren.“
Er schiebt sein Rad an und springt auf. Im Wegfahren dreht er sich noch einmal um. Ich sehe sein Schielen, das Glitzern seiner Augen. Dann ist er weg.
Ich habe die Sequenz dieser Sätze und sein Gesicht dabei nie mehr aus meinem Gehirn löschen können. Dieser Junge konnte es uns nur so sagen, das war seine Natur. Nachdem wir die Schockstarre überwunden hatten, informierten wir schließlich unsere Mutter.
Die sitzt ahnungslos am Küchentisch und bereitet unser Mittagessen vor. Wir wiederholen, was Ralf uns gesagt hat, genau in der Abfolge der Sätze, die er gewählt hatte. Sie schaut auf und sagt nichts. Ich sehe den Schock und die unendliche Qual in ihrem Gesicht und höre förmlich das „NEIN NEIN NEIN“ in ihrem Kopf. Sie sitzt da und wirkt völlig benommen. Schließlich springt sie auf, reißt sich die Schürze vom Leib und rennt davon, die Kuhbrückenstraße entlang in die Stadt.
Wir Kinder sind allein. Wir reden nicht. Wir schauen uns nicht an. Die Welt war plötzlich ohne Farbe, tot. Ich bin steif. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß nicht, wohin mit mir. Ich bin ratlos.
Dann drehe ich mich um und gehe langsam los. Ich lasse meine Geschwister stehen und haue ab. Schließlich renne ich los. Ich renne und renne mit aller Kraft. Weg, nur weg. Ich renne durch unseren „Dschungel“, durch die Gärten, den Damm entlang hinaus in die Landschaft. Ich renne die ganze Zeit, ich fliehe. Ich erreiche mein Ziel, meinen Ort, den Ort, an dem ich für Stunden aus der Welt verschwinde. Ich habe genaue Erinnerungen daran, was an jenem Nachmittag dort in mir vorging und wie ich schließlich zur Ruhe kam.
Als ich schließlich zurückkehre – ganz langsam, ganz nachdenklich, erschöpft – ist alles ganz friedlich und still auf dem Hof. Alle Erwachsenen sind verschwunden. Eine späte Nachmittagssonne geht hinter dem Klüt unter und färbt die Landschaft und die Baracke in ein warmes, friedliches Rot. Ich treffe nur meine Vertraute, meine „große“ Schwester auf dem Hof an. Die Kleinen spielen vor der Andersen-Baracke, denn Frau Andersen hat sie unter ihre Fittiche genommen.
Ich frage, was in der Zwischenzeit geschehen ist und sie erzählt, dass unser Vater bereits am frühen Nachmittag von seiner Tour zurückgekommen sei. Er sei wohl irgendwie telefonisch benachrichtigt worden und der „Oppa“ habe seinen Sohn auf dem Hof empfangen.
„Es war furchtbar. Er hat ihn angeschrieen. Er war völlig außer sich.“
Ich schaue sie fragend an, ich will es genau wissen. Sie schaut weg, als sie es mir schließlich sagt:
„Er brüllte: ‚Du hast deine Mutter umgebracht. Du bist schuldig an ihrem Tod. Du hast versagt. Du bist ein Versager. Du hast deine Mutter auf dem Gewissen!’ – Das brüllte er immer wieder.“
Nein, er war nicht geläutert durch ihren Tod. Er blieb in seinem Gefängnis aus blinder Wut und Raserei. Er blieb der „Alte“.
Meine sanfte Oma hatte alles gelöst, was gelöst werden musste. Sie löste die fatale Symbiose zwischen ihrem Mann und ihrem Sohn, die um ihretwillen entstanden war. Sie erlöste die junge Frau und ihre Enkelkinder aus dem Gefängnis, in das sie um ihretwillen gesteckt worden waren. Sie erlöste sich selbst aus ihrem Leid und machte den Weg für uns frei.
Ort der Gewalt
Sicher hatten ihr Leiden an unserer „Barackenzeit“, ihre Flucht vor dem Anblick ihrer Lieben in der Elendsbehausung und schließlich ihre Flucht in den Tod vor allem auch mit diesem Barackenlager selbst zu tun, in dem wir wohnten. Sie wusste etwas über dieses Lager, was ich als Kind nicht einmal ahnte. Erst später, als ich über mehr historisches Wissen verfügte, kam mir dieser – eigentlich sehr naheliegende – Gedanke.
Die Geschichte der beiden großen Industriebetriebe, die wir als Kinder täglich vor Augen hatten, hat es in sich:
Die riesige „Domag“ an der Kuhbrückenstraße, an der ich auf meinem Schulweg zweimal täglich vorbei musste, war im Land Davor der größte Rüstungsbetrieb in Hameln gewesen. Er beschäftigte in der Zeit zwischen 1939 und 1945 über zweitausend Arbeiterinnen und Arbeiter, darunter tausend Fremdarbeiter aus dem Osten, rechtlose Arbeitssklaven, die man mit Gewalt und in den üblichen Viehwaggons ins „Reich“ verfrachtet hatte. Die meisten der Domag-Sklaven waren Frauen, Ukrainerinnen, die die SS in Charkow eingefangen und nach Hameln deportiert hatte.
Auch „Kaminski-Waggonbau“ gleich nebenan war ein großer Rüstungsbetrieb mit etwa tausend Arbeitern, darunter fünfhundert Kriegsgefangene und Fremdarbeiter (Franzosen und Polen).
Meine Großmutter lebte seit Anfang der Zwanziger Jahre in Hameln. Ihr Mann, mein Großvater, hatte seinen Werkstattbetrieb in exakt jenem Industrie- und Gewerbegebiet aufgebaut, in dem auch die Domag und Kaminski beheimatet waren. Sie hielt sich vermutlich oft dort draußen auf, wenn sie ihrem Mann sein Mittagessen brachte oder wenn sie in ihrem kleinen Garten neben seiner Werkstatt arbeitete.
Бесплатный фрагмент закончился.
