Читать книгу: «Das Geschlecht der Zukunft»
Das Geschlecht der Zukunft
1 Erstes Kapitel
2 Zweites Kapitel
3 Drittes Kapitel
4 Viertes Kapitel
5 Fünftes Kapitel
6 Sechstes Kapitel
7 Siebentes Kapitel
8 Achtes Kapitel
9 Neuntes Kapitel
10 Zehntes Kapitel
11 Elftes Kapitel
12 Zwölftes Kapitel
13 Dreizehntes Kapitel
14 Vierzehntes Kapitel
15 Fünfzehntes Kapitel
16 Sechzehntes Kapitel
17 Siebzehntes Kapitel
18 Achtzehntes Kapitel
19 Neunzehntes Kapitel
20 Zwanzigstes Kapitel
21 Einundzwanzigstes Kapitel
22 Zweiundzwanzigstes Kapitel
23 Dreiundzwanzigstes Kapitel
24 Vierundzwanzigstes Kapitel
25 Fünfundzwanzigstes Kapitel
26 Sechsundzwanzigstes Kapitel
27 Siebenundzwanzigstes Kapitel
28 Achtundzwanzigstes Kapitel
29 Neunundzwanzigstes Kapitel
Erstes Kapitel
Meine Heimat sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Meine Vorfahren wanderten unter Karl II. von England aus. Mein Großvater zeichnete sich im Unabhängigkeitskriege aus, weshalb meine Familie durch Geburt eine hohe Stellung in der Gesellschaft einnahm. Da sie auch reich war, wurde sie zum Staatsdienste für ungeeignet erklärt. Einmal bemühte sich mein Vater um einen Sitz im Kongreß, aber sein Schneider erhielt die Stimmenmehrheit. Seitdem kümmerte er sich nur noch wenig um Politik, und brachte die meiste Zeit in seiner Bibliothek zu. Ich war der älteste seiner drei Söhne; als ich das sechzehnte Jahr erreicht hatte, wurde ich nach England geschickt, meine wissenschaftliche Bildung zu vollenden und meine kaufmännische Laufbahn in einem Geschäfte in Liverpool zu beginnen.
Mein Vater starb, als ich einundzwanzig Jahre alt war. Da er uns in Wohlstand zurückgelassen hatte und ich große Neigung für Reisen und Abenteuer empfand, verzichtete ich für eine Zeit lang auf allen Drang nach den allmächtigen Dollars und ward ein unstäter Wanderer durch die Welt.
Als ich im Jahre 18 … zufällig in * * war, wurde ich von einem Ingenieur, mit dem ich bekannt geworden war, aufgefordert, die Schächte des Bergwerkes, an dem er angestellt war, zu besichtigen.
Der Leser wird, bevor er alle meine Erlebnisse kennen gelernt hat, verstehen, warum ich jeden Aufschluß über die Gegend, von der ich schreibe, verschweige. Er wird mir vielleicht noch dankbar dafür sein, daß ich jede Beschreibung, die zur Entdeckung jenes Distriktes führen könnte, vermeide.
So will ich denn in aller Kürze sagen, daß, als ich den Ingenieur in das Innere des Bergwerkes begleitete, ich so seltsam von dessen düsteren Wundern überrascht wurde und so großes Interesse an den Forschungen meines Freundes nahm, daß ich meinen Aufenthalt in der Gegend verlängerte und mehrere Wochen hindurch täglich in die Gewölbe und Schächte, die sowohl Kunst wie Natur unter der Erdoberfläche gebildet hatten, hinabstieg. Der Ingenieur war der festen Meinung, daß ein noch weit größerer Reichtum an Mineralien, als schon aufgefunden worden war, in einem neuen Schachte, dessen Bohrung unter seiner Leitung begonnen war, verborgen sei. Beim Eindringen in diesen Schacht gelangten wir eines Tages in eine Höhlung, deren Wände zackig und scheinbar verkohlt waren, als seien sie einst in längstvergangenen Zeiten von vulkanischen Feuern auseinandergesprengt worden. In diese Höhlung hatte sich mein Freund in einem Hunde hinabgelassen, nachdem er zuvor die Atmosphäre mit der Sicherheitslampe geprüft hatte. Fast eine Stunde verweilte er in der Tiefe; als er zurückkehrte, war er sehr blaß, und auf seinem sonst offenen, heiteren, furchtlosen Gesichte lag ein ängstlicher, nachdenklicher Ausdruck.
Er meinte kurz, daß ihm das Hinabsteigen unsicher erscheine und daß es zu keinem Resultate führen würde; die weiteren Arbeiten in dem Schachte wurden eingestellt, und wir kehrten zu den bekannteren Teilen des Werkes zurück.
Den Tag über schien der Ingenieur irgend einem ernsten Gedanken nachzuhängen. Er war ungewöhnlich schweigsam, und in seinen Augen lag ein scheuer, unruhiger Blick, als hätte er irgend einen Geist gesehen. Am Abend, als wir in unserer gemeinsamen Wohnung nahe dem Bergwerke beisammen saßen, sagte ich zu meinem Freunde:
»Sage mir aufrichtig, was hast Du in jener Kluft gesehen? Ich bin überzeugt, daß es etwas Seltsames, etwas Entsetzliches war. Was es auch gewesen sein mag, es hat Dich in einen seltsamen Zustand von Furcht und Bedenken versetzt; derlei Angelegenheiten müssen beraten werden. Sprich Dich doch aus!«
Lange versuchte der Ingenieur meinen Fragen auszuweichen; da er aber in der Unterhaltung unbewußt der Branntweinflasche in einem ihm ganz ungewohnten Maße zusprach - er war sonst sehr mäßig - schmolz seine Zurückhaltung allmählich und schließlich erklärte er sich bereit, alles zu erzählen: »Als der Hund anhielt, befand ich mich auf einem Felsenrücken. Unter mir dehnte sich die Kluft in abschüssiger Richtung zu einer beträchtlichen Tiefe aus, deren Dunkelheit meine Lampe nicht zu durchdringen vermochte. Aber zu meiner größten Überraschung strömte daraus ein helles Licht zu mir empor. Sollte es irgend ein vulkanisches Feuer sein? In diesem Falle hätte ich sicher die Hitze gespürt. Doch herrschte darüber irgend ein Zweifel, so war es für unser aller Sicherheit von größter Wichtigkeit, denselben zu heben. Ich untersuchte die Wände des Abhanges und glaubte daraufhin, so weit ich sie überschauen konnte, daß ich es wohl wagen dürfte, mich den unregelmäßigen Vorsprüngen und Ecken anzuvertrauen. Ich verließ den Hund und stieg hinab. Je mehr ich mich dem Lichte näherte, um so größer ward die Kluft, und endlich sah ich zu meinem unaussprechlichen Erstaunen auf dem Boden des Abgrundes einen breiten, ebenen Weg, der, soweit das Auge reichte, wie es schien, durch Gaslampen, die in regelmäßiger Entfernung von einander standen, beleuchtet war, wie die Straßen einer großen Stadt. Aus der Ferne vernahm ich ein Gesumme wie von menschlichen Stimmen. Ich weiß genau, daß keine anderen Bergleute in dieser Gegend beschäftigt sind. Was konnten das für Stimmen sein? Wessen Hände konnten diesen Weg geebnet und diese Lampen angezündet haben?
Der Aberglaube, der so häufig unter den Bergleuten herrscht, daß Gnomen oder Teufel im Inneren der Erde hausen, erfaßte auch mich. Ich fürchtete mich bei dem Gedanken, weiter hinabzusteigen und den Bewohnern dieses unterirdischen Tales begegnen zu können.
Außerdem hätte ich es ohne Taue gar nicht vermocht, da von der Stelle, die ich erreicht hatte, bis zum Grunde der Kluft beide Seiten des Felsens steil in die Tiefe gingen. Mit einiger Schwierigkeit lenkte ich meine Schritte rückwärts. Nun habe ich Dir alles erzählt.« »Wirst Du noch einmal hinabsteigen?« »Ich sollte es wohl tun, doch mir ist, als wagte ich es nicht.«
»Ein treuer Begleiter verkürzt die Reise und verdoppelt den Mut. Ich will mit Dir gehen. Wir wollen uns mit Tauen von gehöriger Länge und Stärke versehen und - aber verzeih, Du darfst heute Abend nicht mehr trinken. Unsere Hände und Füße müssen morgen fest und standhaft sein.«
Zweites Kapitel
Am andern Morgen waren die Nerven meines Freundes wieder gestärkt. Die Neugier regte ihn nicht weniger auf als mich, ja vielleicht noch mehr; denn er glaubte sichtlich an seine eigene Geschichte, während ich beträchtlich daran zweifelte. Ich glaubte nicht, daß er mir absichtlich eine Unwahrheit erzählt habe, ich meinte nur er müßte einer jener Sinnestäuschungen unterworfen gewesen sein, die sich unserer Phantasie und unserer Nerven an einsamen, ungewohnten Orten bemächtigen und in denen wir dem Formlosen Gestalt, dem Stummen Stimme geben.
Wir wählten sechs erfahrene Bergleute, die unseren Abstieg beobachten sollten, und da der Hund nur einen auf einmal faßte, fuhr der Ingenieur zuerst hinab. Als er das vorspringende Felsstück erreicht hatte, auf dem er das erste Mal gehalten hatte, kam der Hund wieder herauf um mich zu befördern. Bald war ich an meines Freundes Seite. Wir waren gut mit starken Tauen versehen. Auch ich erblickte das Licht, das ihn tags zuvor so überrascht hatte. Es drang durch eine schräge Öffnung. Mir schien es ein verbreitetes atmosphärisches Licht zu sein, es rührte nicht wie von einem Feuer her, es war vielmehr weich und silbern wie das Licht eines Nordsternes. Nachdem ich den Hund verlassen hatte, stiegen wir einer nach dem anderen, dank der Vorsprünge an den Abhängen, mit ziemlicher Leichtigkeit tiefer hinab zur Stelle, an der mein Freund tags zuvor Halt gemacht hatte. Es war ein hervortretendes Felsstück, gerade groß genug, daß wir beide nebeneinander darauf Platz hatten. Von hier aus erweiterte sich die Kluft plötzlich wie das letzte Ende eines großen Tunnels, und ich sah deutlich das Tal, den Weg, die Lampen, wie mein Freund sie mir beschrieben hatte. Er hatte nichts übertrieben. Ich hörte die Töne, die er vernommen hatte, - ein wirres, nicht zu beschreibendes Gesumme wie von Stimmen und gedämpften Fußtritten. Ich strengte meine Augen an und erblickte deutlich in der Ferne die Umrisse eines großen Gebäudes. Das konnte kein natürlicher Felsen sein. Es war zu symmetrisch, hatte große ägyptische Säulen, und das Ganze war wie von innen erleuchtet. Mit Hülfe eines kleinen Taschenteleskopes, das ich bei mir hatte konnte ich in der Nähe des Gebäudes zwei Figuren unterscheiden. Sie glichen menschlichen Gestalten, doch war ich dessen nicht ganz sicher. Jedenfalls hatten sie Leben, denn sie bewegten sich und verschwanden beide in dem Gebäude.
Nun suchten wir das Ende des Taues, das wir mitgebracht hatten, mit Hülfe von Krampen und Enterhaken, mit denen wir versehen waren, an dem Vorsprunge, auf dem wir standen, zu befestigen.
Wir waren ziemlich schweigsam bei unserem Werke; wir arbeiteten, als fürchteten wir uns, miteinander zu reden. Nachdem das eine Tauende scheinbar fest an der Felsenkante befestigt war, knüpften wir ein Stück Felsen an das andere Ende und ließen es ungefähr fünfzig Fuß tief auf den Boden hinab.
Da ich jünger und kräftiger war als mein Begleiter und als Knabe an Bord eines Schiffes gearbeitet hatte, war ich mit dieser Art des Hinablassens vertrauter als er. Im Flüstertone bat ich um den Vortritt, damit ich ihm beim Herabsteigen helfen könnte indem ich das Tau unten festhielt. Ich erreichte glücklich den Grund, und nun ließ sich auch der Ingenieur herab; aber kaum war er zehn Fuß von dem Felsvorsprunge entfernt, als die Haken, die wir wie wir meinten gut befestigt hatten, nachgaben. Der Fels hatte sich als trügerisch erwiesen und war unter der Last abgebröckelt. Der unglückliche Mann stürzte herab und fiel gerade vor mir nieder. Ein glücklicherweise kleines Felsstück das bei seinem Falle mit herabgekommen war, traf ihn und betäubte auch mich für einen Augenblick. Als ich wieder zur Besinnung kam, sah ich meinen Begleiter - eine leblose Masse - neben mir liegen.
Während ich mich tiefbekümmert und entsetzt über seinem Leichnam beugte, hörte ich dicht neben mir einen seltsamen Ton, - halb Schnaufen, halb Zischen. Instinktmäßig wandte ich mich der Stelle zu, woher das Geräusch kam, und sah aus einer dunklen Spalte im Felsen einen großen, entsetzlichen Kopf mit gähnendem Rachen und geisterhaften, gierigen Augen auftauchen - den Kopf eines scheußlichen Ungetümes. Es erinnerte an ein Krokodil oder Kaiman, war nur viel größer als das größte Geschöpf dieser Art, das ich je auf meinen Reisen gesehen hatte. Entsetzt richtete ich mich auf und floh in höchster Eile dem Tale zu. Endlich, beschämt über meine Furcht und Flucht, hielt ich inne und kehrte wieder nach der Stelle zurück, wo ich die Leiche meines Freundes verlassen hatte. Sie war verschwunden. Zweifellos hatte das Ungetüm sie schon in seine Höhle gezogen und dort verschlungen. Das Tau und die Enterhaken lagen noch da, gaben mir aber keine Hoffnung auf eine Rückkehr. Es war unmöglich, sie wieder oben am Felsen zu befestigen. Die Wände waren zu glatt, als daß menschliche Füße an ihnen hätten emporklimmen können. Ich war allein in dieser fremden Welt, im Inneren der Erde.
Drittes Kapitel
Langsam und vorsichtig schritt ich die mit Lampen erleuchtete Straße entlang, dem großen Gebäude zu, das ich beschrieben habe. Die Straße selbst erschien mir wie ein breiter Alpenpaß, der sich zwischen hohen Felsen erstreckte, zu denen auch der gehörte, durch dessen Klüfte ich herabgekommen war. Tief unten zur Linken lag ein weites Tal, mit untrüglichen Anzeichen von Kunst und Kultur. Auf den Feldern wucherte ein seltsames Getreide, das keinem von denen, die ich auf der Erde gesehen habe, glich. Es war nicht grün, sondern von dunkler Bleifarbe oder goldig rot.
Es waren Teiche und Bäche da, die in künstliche Ufer eingedämmt zu sein schienen. Einige hatten klares Wasser, andere glänzten wie Naphthaquellen. Zu meiner Rechten zeigten sich zwischen den Felsen durch künstliche Pässe verbunden Schluchten und Höhlen. Sie waren mit Bäumen besetzt, die meist Riesenfarren glichen. Das federartige Laub war von wunderbarster Mannigfaltigkeit, und ihre Zweige glichen dem Palmenbaume; andere erinnerten mehr an unser Zuckerrohr, nur waren sie viel größer und trugen üppige Blütenbüschel; wieder andere hatten die Form mächtiger Schwämme: kurze, dicke Stämme trugen ein großes turmartiges Dach, von dem lange, schlanke Zweige herabfielen. Alles war soweit das Auge reichte, von unzähligen Lampen erhellt. Diese Welt ohne Sonne war so hell und warm wie eine italienische Landschaft zur Mittagszeit, nur die Luft war weniger drückend, und die Hitze milder. Auch fehlte es nicht an Zeichen lebender Bevölkerung. Ich konnte in der Ferne, an den Ufern der Teiche und Bäche oder auf kleineren Anhöhen, inmitten von Pflanzen und Bäumen ganz deutlich Gebäude unterscheiden, die jedenfalls menschliche Wohnungen sein mußten. Ja, ich entdeckte sogar, wenn auch weit in der Ferne, Gestalten. Sie bewegten sich in der Landschaft und schienen menschliche Formen zu haben. Als ich stehen blieb, um genauer hin zu sehen, bemerkte ich, wie zu meiner Rechten etwas rasch durch die Lüfte glitt. Es sah wie ein kleines Schiff aus und wurde von Segeln in Form von Flügeln getrieben. Bald entschwand es meinen Blicken und verlor sich im Schatten des Waldes.
Gerade über mir war statt des Himmels ein höhlenartiges Dach. Dieses Dach entfernte sich mehr und mehr von der Landschaft, bis es nach und nach unsichtbar wurde.
Als ich meinen Weg fortsetzte, fuhr ich erschreckt vor einem Gewächse zurück, das einem großen Busche Seegras, mit farrenartigen Sträuchern und Pflanzen vermischt, glich - es stand da ein wunderliches Tier von der Größe und Gestalt eines Rehes.
Als ich ein paar Schritte zurückwich, wandte es sich um und blickte mich fragend an. Da sah ich daß es den Rehen, wie wir sie auf der Erde haben, nicht glich. Es erinnerte mich an eine Gipsform, die ich in irgend einer Ausstellung von vorsündflutlichen Tieren, gesehen hatte. Das Geschöpf schien ziemlich zahm zu sein. Nachdem es mich ein, zwei Minuten angesehen hatte, fuhr es ruhig fort, auf der seltsamen Wiese zu weiden.
Viertes Kapitel
Jetzt war ich auch dem großen Gebäude näher gekommen. Ja, es war wirklich von Menschenhand gemacht und zum Teil aus einem großen Felsen gehauen.
Anfangs hielt ich es für ägyptische Architektur. In der Front hatte es große Säulen, die von massiven Sockeln aus spitz zuliefen. Die Kapitale, waren wie ich beim Nähertreten bemerkte, reicher und phantastischer als die ägyptischer Säulen.
Wie das korinthische Kapital die Blätter des Bärenklau nachahmt, so ahmten die Kapitale dieser Säulen das Laub der sie umgebenden teils aloë teils farrenartigen Pflanzen nach. Und jetzt trat eine Gestalt aus dem Gebäude. - War es eine menschliche Gestalt? Sie stand auf der Straße, schaute sich um bemerkte mich und näherte sich mir. Näherte sich mir, bis auf eine kurze Entfernung. Bei ihrem Anblick, ihrer Nähe bemächtigte sich meiner eine unbeschreibliche Furcht, ein Zittern ergriff mich, und ich blieb wie angewurzelt stehen.
Die Gestalt erinnerte mich an symbolische Bilder von Genien und Dämonen, wie man sie auf etrurischen Gefäßen und morgenländischen Grabmälern sieht, Bilder, die Menschen einer anderen Rasse darzustellen scheinen. Die Gestalt war zwar nicht riesenhaft, doch über Menschengröße.
Ihre Hauptbekleidung schien mir aus zwei großen Flügeln zu bestehen, die über der Brust übereinander fielen und bis an das Knie reichten. Die übrige Kleidung bestand aus einer Tunika und Gamaschen von irgend einem dünnen Stoffe. Auf dem Kopfe hatte sie eine Art Turban, der von Juwelen strahlte, und in der Hand trug sie einen dünnen Stab von glänzendem Metalle wie aus poliertem Stahl. Aber das Gesicht! Das war es, was mir so große Furcht und Schrecken einflößte. Es war das Gesicht eines Menschen. Doch der Typus war den uns bekannten Rassen fremd. In Umriß und Ausdruck kam es dem Gesichte einer in Stein gehauenen Sphynx am nächsten, so regelmäßig war es in seiner ruhigen, geistreichen, geheimnisvollen Schönheit. Seine Hautfarbe war eigentümlich. Sie war rötlich und doch schöner und reicher als die irgend einer Menschengattung. Die großen schwarzen Augen waren tief und glänzend. Die Brauen gewölbt wie ein Halbkreis. Das Gesicht war bartlos, doch lag ein eigentümliches Etwas darauf. So ruhig der Ausdruck, so schön die Gesichtszüge waren, flößten sie eine Furcht ein, wie der Anblick eines Tigers oder einer Schlange. Ich fühlte, daß dieses menschenähnliche Bildnis dem Menschen feindliche Kräfte besaß. Ein kalter Schauer ergriff mich, als es sich mir näherte. Ich sank auf die Knie und bedeckte mein Antlitz mit den Händen.
Fünftes Kapitel
Eine Stimme drang an mein Ohr - eine sehr ruhige, sehr melodische Stimme - in einer Sprache, von der ich kein Wort verstand, die aber meine Furcht verscheuchte. Ich nahm die Hände vom Gesicht und sah auf. Der Fremde - ich konnte mich kaum überwinden, ihn Mensch zu nennen - betrachtete mich, als wollte er mit seinem Blicke bis in das Innerste meines Herzens dringen. Dann legte er seine linke Hand auf meine Stirn, und mit der rechten berührte er meine Schulter leicht mit dem Stabe. Diese doppelte Berührung hatte eine zauberhafte Wirkung. Statt des früheren Schreckens durchzog mich ein Gefühl der Befriedigung, der Freude. Ich empfand Vertrauen zu mir selbst sowohl wie zu dem Wesen vor mir. Ich stand auf und redete ihn an. Er hörte mir mit scheinbarer Aufmerksamkeit, zugleich aber auch mit dem Ausdrucke leichter Überraschung zu. Dann schüttelte er den Kopf, wie zum Zeichen, daß er mich nicht verstände. Darauf faßte er mich an der Hand und führte mich schweigend nach dem Gebäude. Der Eingang war offen. Er war mit keiner Tür versehen. Wir traten in eine sehr geräumige Halle, die mit demselben Lichte erleuchtet war, nur daß dasselbe hier noch einen angenehmen Wohlgeruch verbreitete. Der Fußboden bestand aus großen Platten kostbarer Metalle und war zum Teil mit einem mattenartigen Teppich bedeckt. Zarte Musik ertönte wie von unsichtbaren Instrumenten. Sie schien so natürlich zu dem Räume zu gehören wie das Gemurmel rauschender Wasser zu einer Gebirgslandschaft oder das Gezwitscher der Vögel zu Hainen in Frühlingspracht.
Eine Gestalt, in ähnlicher, jedoch einfacherer Tracht als mein Führer, stand regungslos an der Schwelle. Als mein Führer sie zweimal mit seinem Stabe berührte, setzte sie sich in rasche Bewegung und glitt lautlos über den Fußboden hin. Ich blickte sie an und bemerkte, daß es keine lebende Gestalt, sondern ein Automat war. Kaum zwei Minuten, nachdem er durch eine halb von Gardinen verborgene Öffnung ohne Tür am anderen Ende der Halle verschwunden war, näherte sich uns durch dieselbe Öffnung ein Knabe von ungefähr zwölf Jahren. Seine Gesichtszüge waren denen meines Begleiters so ähnlich, daß ich sie sofort als Vater und Sohn erkannte. Als das Kind mich sah, stieß es einen Schrei aus und erhob wie zur Drohung einen Stab, der dem meines Begleiters glich. Auf ein Wort des Älteren ließ es ihn wieder sinken. Darauf sprachen die zwei eine Zeit lang miteinander, während sie mich forschend ansahen. Der Knabe berührte meine Kleider und strich mit sichtlicher Neugier über mein Gesicht, indem er einen Laut hören ließ, der einem heiteren Gelächter von uns glich, nur etwas gedämpfter erklang. In demselben Augenblicke tat sich das Dach der Halle auf, und eine Platte kam herab, die anscheinend nach dem Prinzipe der Aufzüge angefertigt war, wie man sie in Hotels und Warenhäusern benutzt, um von einer Etage in die andere zu gelangen.
Der Fremde trat mit dem Knaben auf die Platte und gab mir ein Zeichen, dasselbe zu tun. Ich folgte. Rasch und sicher stiegen wir aufwärts und gelangten in einen Flur mit Gängen zu beiden Seiten. Durch einen dieser Gänge führte man mich in ein Zimmer, das mit orientalischem Luxus ausgestattet war. Die Wände waren mit Metall und ungeschnittenen Juwelen getäfelt. Kissen und Divane waren im Überfluß da. Statt der Fenster hatte das Zimmer Öffnungen ohne Glas, die nach dem Korridor führten. Im Weitergehen sah ich, daß man von denselben auf geräumige Balkone gelangte, die einen weiten Blick über die erleuchtete Landschaft draußen gestatteten. An der Decke hingen Bauer mit Vögeln von seltsamer Form und prächtigem Gefieder. Bei unserem Eintritt stimmten sie im Chore einen Gesang an, dessen Ton so zart war, wie das Zwitschern eines Buchfinken. Ein köstlicher Duft, der kunstvoll gearbeiteten goldenen Räuchergefäßen entströmte, erfüllte die Luft. Mehrere Automaten, gleich dem einen, den ich gesehen hatte, standen stumm und regungslos an den Wänden. Der Fremde nötigte mich neben sich auf den Divan und sprach wieder zu mir. Ich redete ihn ebenfalls an, wir konnten uns aber nicht besser verstehen wie vorhin.
Ich empfand jetzt die Folgen des Schlages, den ich bei dem Herabfallen der Felsstücke erhalten hatte, stärker wie bisher.
Ein Gefühl krankhafter Schwäche, von einem heftigen, stechenden Schmerze im Kopf und Nacken begleitet, befiel mich. Ich sank in die Kissen zurück und bemühte mich vergebens ein Stöhnen zu unterdrücken. Da kniete der Knabe, der mich bis dahin mit Mißtrauen und Widerwillen zu betrachten schien, neben mir nieder, mich zu unterstützen. Er nahm eine meiner Hände und berührte meine Stirn mit einem leichten Hauche seiner Lippen. In wenigen Augenblicken ließen die Schmerzen nach. Eine einschläfernde glückliche Ruhe überkam mich. Ich versank in Schlaf.
Ich weiß nicht, wie lange ich in diesem Zustande verweilte, aber als ich erwachte, war ich vollständig wiederhergestellt. Als ich die Augen wieder aufschlug, fiel mein Blick auf eine Gruppe stummer Gestalten, die ernst und würdig um mich herumsaßen. Sie glichen mehr oder weniger dem ersten Fremden: dieselben mantelartigen Flügel, derselbe Schnitt der Kleidung, dieselben sphynxähnlichen Gesichter mit den tiefen dunklen Augen und der roten Gesichtsfarbe; derselbe Typus einer Rasse, die wohl an die menschliche Rasse erinnerte, doch weit stärker und größer von Gestalt und Ansehen war. Sie flößten mir alle dasselbe unerklärliche Gefühl der Furcht ein wie mein erster Begleiter, und doch waren ihre Züge mild und ruhig, ja selbst gütig im Ausdruck. Seltsamerweise war es mir, als flößten mir gerade die Ruhe und Güte dieser Gesichter die rätselhafte Furcht ein.
Sie schienen von den Linien und Schatten, die Furcht und Sorge, Leidenschaft und Sünde auf des Menschen Antlitz zurücklassen, so frei zu sein wie die Gesichter steinerner Götter. Sie schienen denselben friedlichen Ausdruck zu haben, wie nach christlicher Auffassung, der Tod den Gesichtern einprägt.
Ich fühlte eine warme Berührung auf meiner Schulter - es war die Hand des Knaben. In seinen Augen lag Mitleid und ein Ausdruck herablassender Zärtlichkeit, wie wir sie für einen kranken Vogel oder Schmetterling empfinden. Ich wich vor dieser Berührung und vor diesem Blicke zurück. Ich hatte ein unbestimmtes Gefühl, als ob dieses Kind, wenn es wollte, mich so leicht töten könnte wie der Mensch einen Vogel oder Schmetterling. Das Kind schien von meinem Widerwillen schmerzlich berührt zu sein. Es verließ mich und setzte sich an eines der Fenster. Die Anderen fuhren fort, sich in gedämpftem Tone mit einander zu unterhalten. An ihren Blicken, die sich auf mich richteten, konnte ich sehen, daß ich der Gegenstand ihres Gespräches war. Einer besonders schien dem Wesen, dem ich zuerst begegnet war, einen sehr dringlichen Vorschlag in bezug auf mich zu machen. Letzterer ging anscheinend darauf ein, als das Kind plötzlich seinen Platz am Fenster verließ und lebhaft sprechend sich wie zum Schutze zwischen mich und die Anderen stellte. Irgend eine Ahnung, ein Instinkt sagte mir, daß dieser Knabe, den ich vorher so gefürchtet hatte, zu meinen Gunsten rede. Während er noch sprach, betrat ein anderer Fremder das Zimmer. Er erschien, wenn auch nicht alt, so doch älter als die Übrigen. Sein Gesicht war weniger sanft und heiter als das der Anderen, obgleich es ebenso regelmäßige Züge hatte. Es schien mir dem menschlichen Ausdrucke näher zu kommen als das der Übrigen. Ruhig hörte er den Worten, die erst mein Begleiter, dann zwei aus der Gruppe und zuletzt der Knabe an ihn richteten, zu, dann wandte er sich zu mir und sprach mich nicht mit Worten, sondern mit Gesten und Zeichen an. Diese glaubte ich völlig zu verstehen, und ich irrte mich nicht. Ich begriff, daß er mich fragte, woher ich sei. Ich streckte die Hand aus und deutete auf den Weg, den ich von der Kluft im Felsen aus verfolgt hatte. Dann kam mir ein Gedanke. Ich zog mein Notizbuch hervor und entwarf auf einem unbeschriebenen Blatte eine leichte Skizze von dem Felsenriffe und dem Tau, an dem ich mich herabließ, von dem höhlenartigen Felsen unten, dem Kopfe des Ungetümes und dem leblosen Körper meines Freundes. Diese uranfängliche Art von Hieroglyphen gab ich dem Fragenden. Er reichte sie, nachdem er sie selbst ernst betrachtet hatte, seinem nächsten Nachbar und so machten sie die Runde unter den Anwesenden. Der, dem ich zuerst begegnete, sagte ein paar Worte, woraufhin der Knabe näher trat und meine Zeichnung ansah. Er schien ihren Sinn zu verstehen, nickte, kehrte an das Fenster zurück, breitete seine Flügel aus, schüttelte sie ein paarmal und schwebte dann hinaus ins Freie. Verwundert fuhr ich in die Höhe und eilte an das Fenster. Der Knabe schwebte schon in den Lüften. Seine Flügel bewegten sich nicht wie die eines Vogels, sondern sie erhoben sich über seinem Kopfe und trugen ihn ohne sein eigenes Zutun sanft durch die Lüfte. Der Flug war so rasch, wie der eines Adlers, und ich bemerkte, daß er dem Felsen zueilte, von dem ich herabgekommen war und dessen Umrisse deutlich zu erkennen waren.
In wenigen Minuten kehrte er zurück. Er schwebte zu der Öffnung herein, durch die er uns verlassen hatte, und ließ das Tau und die Enterhaken, die ich bei der Kluft zurückgelassen hatte, auf den Boden fallen. Einige leise geflüsterte Worte wurden unter den Anwesenden gewechselt. Einer aus der Gruppe berührte den Automaten. Dieser schritt vorwärts und glitt aus dem Zimmer. Darauf erhob sich der Zuletztgekommene, der mich durch Zeichen angesprochen hatte, faßte mich an der Hand und führte mich in den Korridor. Hier erwartete uns die Platte, auf der ich heraufgekommen war. Wir stellten uns darauf und gelangten hinab in die Halle. Mein neuer Begleiter geleitete mich aus dem Gebäude in eine Straße, wenn ich es so nennen kann. Sie wurde von Häusern, die durch prächtige Gärten mit üppiger Vegetation und wunderlichen Blumen voneinander getrennt waren, gebildet. In diesen Gärten, die durch niedrige Mauern getrennt waren, und auf der Straße wandelten viele Gestalten, die denen glichen, die ich schon gesehen hatte. Einige der Vorübergehenden näherten sich, als sie mich bemerkten, meinem Führer und fragten ihn, wie ich aus Ton, Blicken und Mienen deutlich erkennen konnte, nach mir. Bald schaarte sich eine Gruppe um uns, die mich mit so großem Interesse betrachtete, als ob ich ein seltenes wildes Tier sei. Sie waren jedoch trotz ihrer Neugier von ernster, höflicher Zurückhaltung, und nach einigen Worten meines Begleiters, der sich ein Stehenbleiben anscheinend verbat, traten sie mit einer stolzen Neigung des Kopfes zurück und setzten ihren Weg mit ruhiger Gleichgültigkeit fort. Mitten in dieser Straße hielten wir vor einem Gebäude an, das sich von den anderen, dadurch unterschied, daß es drei Seiten eines großen Hofes bildete, an deren Ecken sich hohe pyramidenförmige Türme erhoben. In der Mitte des Hofes war ein gewaltiger Springbrunnen aus dem ein blendender Strahl hervorschoß, den ich für Feuer hielt. Durch einen offenen Eingang betraten wir das Haus und kamen in eine große Halle, wo mehrere Gruppen Kinder, anscheinend wie in einer großen Fabrik beschäftigt waren. In der Mauer war eine große Dampfmaschine in voller Tätigkeit. Sie hatte Räder und Zylinder und glich unseren Dampfmaschinen, nur daß sie reich mit kostbaren Steinen und Metallen verziert war und ein mattes Phosphor-Licht auszuströmen schien. Viele der Kinder waren bei einer geheimnisvollen Arbeit an dieser Maschine tätig. Andere saßen an einer langen Tafel. Es wurde mir gestattet, lange genug zu verweilen, um die Art ihrer Beschäftigung näher zu betrachten. Kein Laut ließ sich vernehmen. Kein Gesicht wandte sich uns zu. Die Kinder blieben so still und gleichgültig wie Geister, durch deren Mitte lebende Wesen unbeachtet schreiten.
Nachdem wir die Halle verlassen hatten, führte mich mein Begleiter durch eine Galerie, deren reiche Malereien mit ihren viel mit Gold gemischten Farben den Bildern Lukas Kranachs glichen.
Die Gemälde stellten, wie es mir schien, geschichtliche Ereignisse der Rasse dar, in deren Mitte ich mich jetzt aufhielt.
Die meisten der darauf befindlichen Figuren glichen den menschenähnlichen Geschöpfen, die mich hier umgaben, aber nicht alle trugen dieselbe Kleidung, auch hatten nicht alle Flügel. Auch die abgebildeten Tiere und Vögel waren mir gänzlich fremd. Soweit mir meine unvollkommene Kenntnis der Malkunst eine Meinung gestattet, schienen mir die Bilder sehr gut in der Zeichnung und reich in der Farbe zu sein. Sie zeugten von genauer Kenntnis der Perspektive, die Komposition jedoch war nicht geschlossen, es fehlte ein Augenpunkt, sodaß der Effekt unbedingt, zerstreut und verwirrend war. Die Bilder glichen fremdartigen Fragmenten aus einem Traume über Kunst.
Von hier gelangten wir in ein Zimmer von mittlerer Größe, in dem, wie ich später erfuhr, die Familie meines Führers versammelt war und um einen zur Mahlzeit gedeckten Tisch saß. Die Gruppe bestand aus der Gattin meines Begleiters, seiner Tochter und zwei Söhnen. Ich erkannte sofort den Unterschied zwischen beiden Geschlechtern, obgleich die Frauen größer und robuster waren als die Männer und ihre Gesichtszüge, wenn auch regelmäßiger in der Form, doch völlig den weichen und zurückhaltenden Ausdruck entbehrten, der dem Frauenantlitze, wie wir es droben auf unserer Erde sehen, so großen Reiz verleiht.
Die Frau trug keine Flügel, aber die ihrer Töchter waren größer als die der Männer.
Auf einige Worte meines Führers hin erhoben sie sich alle von ihren Plätzen und begrüßten mich mit dem ihnen eigentümlichen milden Blicke und der Bewegung, die ich schon einmal erwähnte und die diesem furchtbaren Geschlechte allgemein eigen ist.
Dieser Gruß besteht darin, daß sie einem die rechte Hand sehr sanft auf den Kopf legen und in weichem, zischendem Tone »S. Si« flüstern, was so viel wie: »Willkommen!« heißt.
Die Herrin des Hauses hieß mich neben ihr niedersitzen und reichte mir eine goldene Schüssel.
Die Speisen waren mir alle fremd. Ich bewunderte ihren Wohlgeschmack und mehr noch ihren fremdartigen Duft. - Während ich aß, unterhielt sich die Familie ruhig und zwar vermied sie, wie es mir schien, jede direkte Beziehung auf mich, sowie jede genaue Prüfung meiner Erscheinung. Und doch war ich das erste Geschöpf einer Art von Menschen, die sie noch nicht gesehen hatten und war allen eine höchst eigentümliche und ungewöhnliche Erscheinung.
Aber diesem Volke ist jede Roheit fremd. Dem jüngsten Kinde wird gelehrt, jede Heftigkeit und Aufregung zu verachten. Als die Mahlzeit beendet war, nahm mein Führer mich wieder bei der Hand, ging zurück in die Galerie und berührte hier einen metallenen mit wunderlichen Figuren gezierten Knopf, den ich mit Recht für etwas unserem Telegraphen Ähnliches hielt.
Es senkte sich eine Platte herab, auf der wir dieses Mal viel höher als in dem vorigen Gebäude gelangten. Bald befanden wir uns in einem Zimmer mittlerer Größe, das im Allgemeinen einen Besucher aus der Oberwelt wohl anheimeln konnte. An den Wänden befanden sich Regale mit Büchern. Sie waren sehr klein, meist in Duodezformat und in feine Metallschalen gebunden. Einige wunderlich aussehende Stücke Mechanismus, dem Anschein nach Modelle, wie man sie öfter in der Arbeitsstätte eines Mechanikers findet, lagen zerstreut umher. Vier Automaten, durch die bei diesem Volke die häuslichen Dienste verrichtet werden, standen gespensterhaft in jeder Ecke. Eine Nische barg ein niedriges Lager, eine Art Bett mit Kissen. Das Fenster, dessen zurückgeschobene Gardinen aus irgend einem faserigen Stoffe angefertigt waren, führte auf einen großen Balkon. Mein Wirt trat hinaus und ich folgte ihm. Wir waren auf der höchsten Galerie einer eckigen Pyramide. Der Blick hinab war von feierlich hinreißender Schönheit.
Es ist unmöglich, ihn zu beschreiben. Lange Reihen steiler Felsen bildeten den fernen Hintergrund. Die dazwischenliegenden Täler mit geheimnisvoll buntem Strauchwerke, das Blitzen der Wasser, deren Ströme roten Flammen glichen, der helle Glanz, der sich von den Myriaden Lampen über das alles ergoß, bildete ein Ganzes, das sich mit Worten nicht beschreiben läßt, - glänzend war es und doch so düster, anmutig und ehrfurchterweckend.
Bald wurde meine Aufmerksamkeit von dieser Landschaft abgelenkt. Eine fröhliche Musik tönte plötzlich wie von der Straße herauf, dann schwebte eine geflügelte Gestalt in den Raum, eine andere folgte ihr, wie um jene einzuholen; noch und noch eine folgte, bis sich eine dichte Menge zusammengeschaart hatte, so daß sie nicht mehr zu zählen waren. Wie soll ich die phantastische Grazie dieser Gestalten in ihren schwebenden Bewegungen beschreiben! Wie es schien, überließen sie sich irgend einem Scherz oder Vergnügen. Jetzt bildeten sie Quarre's, dann zerstreuten sie sich wieder; jetzt durchschnitt eine Gruppe die andere, durchschwebte und umgarnte sie - das alles geschah im Takte der Musik, wie in dem Zaubertanze Peris.
In fieberhaftem Staunen wandte ich den Blick nach meinem Wirte. Ich wagte, meine Hand auf die großen Flügel zu legen, die auf seiner Brust übereinanderfielen, aber kaum hatte ich das getan, als ein leichter wie elektrischer Schlag mich durchzuckte. Erschreckt fuhr ich zurück. Mein Wirt lächelte und breitete, als ob er gütig meine Neugier befriedigen wollte, langsam seine Schwingen aus. Da bemerkte ich, daß seine Kleider sich unter denselben blähten wie eine mit Luft gefüllte Blase. Die Arme schienen in die Flügel zu gleiten, und im nächsten Augenblicke hatte er sich in die glänzende Atmosphäre geschwungen und schwebte dort mit ausgebreiteten Schwingen wie ein Adler, der sich in der Sonne wiegt. Dann tauchte er rasch nieder zwischen der Gruppe, schwebte durch die Mitte und schwang sich plötzlich wieder in die Lüfte. Darauf tauchten drei Gestalten, eine schien die Tochter meines Führers zu sein, aus der Gruppe auf und folgten ihm flüchtig wie ein Vogel dem anderen. Meine Augen, von den Lichtern und der Menge geblendet und verwirrt, vermochten nicht mehr die Kreise und Wendungen der geflügelten Gespielen zu unterscheiden; da tauchte mein Begleiter wieder aus der Menge hervor und war wieder an meiner Seite.
All das Seltsame, was ich gesehen hatte, begann meine Sinne zu verwirren. Mein Geist fing an, unruhig zu werden. Obgleich ich nicht abergläubisch bin und bisher nie daran gedacht hatte, daß der Mensch in körperliche Beziehungen zu Dämonen treten könne, empfand ich doch jetzt den Schrecken und die wilde Aufregung, in der sich zur Römerzeit ein Reisender befand, der glaubte daß er einen Sabbat von Teufeln und Hexen sähe. Ich erinnere mich dunkel, daß ich durch heftige Gestikulationen und laute, unzusammenhängende Worte die Bemühungen meines höflichen, liebenswürdigen Wirtes, mich zu beruhigen und zu besänftigen, zurückzustoßen suchte. Daß ich seine Vermutung zurückwies, daß mein Schreck und meine Furcht von dem Unterschiede in Form und Bewegungen zwischen uns herrührten. Die Flügel, die beim Gebrauche meine höchste Verwunderung erregten, schienen nur noch mehr hervorzutreten, sein freundliches Lächeln, mit dem er um meine Furcht zu zerstreuen, die Flügel herabhängen ließ, um mir zu zeigen, daß sie nur eine mechanische Erfindung wären, konnte mich nicht beruhigen. Diese plötzliche Umwandlung vergrößerte meine Angst nur noch mehr; und wie das höchste Entsetzen oft zu höchsten Wagnissen anspornt, sprang ich wie ein wildes Tier auf ihn los und faßte ihn bei der Kehle. Im nächsten Augenblicke lag ich wie von einem elektrischen Schlage am Boden hingestreckt. Das letzte wirre Bild, das ich vor Augen hatte, bis mir die Besinnung gänzlich schwand, war die Gestalt meines Wirtes, wie sie neben mir kniete, mit der einen Hand auf meiner Stirne, und das schöne ruhige Antlitz seiner Tochter, deren große, tiefe, unergründliche Augen sich fest in die meinen senkten.
Sechstes Kapitel
Wie ich später erfuhr, blieb ich viele Tage, ja nach unserer Zeitrechnung mehrere Wochen in diesem bewußtlosen Zustande. Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einem fremden Zimmer. Mein Wirt und seine ganze Familie waren um mich versammelt, und zu meinem höchsten Erstaunen sprach mich die Tochter in meiner eigenen Sprache, nur mit einem etwas fremdartigen Accent, an.
»Wie fühlen Sie sich?« fragte sie.
Es währte einige Augenblicke, bevor ich meine Überraschung beherrschen und stammeln konnte: »Sie kennen meine Sprache? Wie ist das möglich? Wer, was sind Sie?«
Mein Wirt lächelte und gab einem seiner Söhne ein Zeichen, worauf dieser von einem Tische eine Anzahl dünner Metallblätter nahm, auf denen verschiedene Gegenstände, ein Haus, ein Baum, ein Vogel, ein Mensch und anderes mehr gemalt waren.
In diesen Abbildungen erkannte ich meine eigene Art zu zeichnen wieder. Unter jeder Figur stand die Bezeichnung derselben in meiner Sprache und in meiner Schreibart geschrieben und in einer anderen Schrift ein mir fremdes Wort darunter.
»So fingen wir an«, sagte der Wirt; »und meine Tochter Zee, die zu dem ›Colleg der Weisen‹ gehört, ist sowohl Ihre wie unsere Lehrerin gewesen.«
Darauf brachte mir Zee andere Metallblätter, auf denen erst Worte, dann Sätze in meiner Schrift geschrieben standen. Unter jedem Worte und jedem Satze wären wieder fremde Buchstaben von anderer Hand. Ich nahm meine Sinne zusammen und begriff, daß man eine Art Wörterbuch hergestellt hatte. War das geschehen, während ich besinnungslos gewesen war? »Das ist für jetzt genug«, sagte Zee in befehlendem Ton. »Ruhen Sie und genießen Sie etwas«.
Siebentes Kapitel
In dem geräumigen Gebäude wurde mir ein Zimmer für mich allein angewiesen. Es war sehr hübsch und phantastisch ausgestattet, aber ohne allen Schmuck von Metall und Edelsteinen, wie in den mehr öffentlichen Räumen. Die Wände sowie der Fußboden waren mit einer bunten, aus Fasern und Pflanzenstengeln gearbeiteten Matte bekleidet.
Das Bett war ohne Vorhänge, seine eisernen Träger ruhten auf krystallenen Kugeln. Die Decken bestanden aus einem feinen weißen baumwollenartigen Stoffe. Auf verschiedenen Regalen standen Bücher. Eine durch Gardinen abgeschlossene Nische führte zu einem großen Bauer, der Singvögel aller Art enthielt. Keiner von ihnen glich denen, die ich auf der Erde gesehen habe, eine schöne Taubenart ausgenommen, doch auch diese zeichnete sich durch einen hohen Kamm bläulicher Federn von unseren Tauben aus. Alle diese Vögel waren zu kunstvollem Gesänge abgerichtet. Sie übertrafen bei weitem unsere Buchfinken, die kaum zwei Töne hervorzubringen vermögen und wohl nicht im Chore singen können. Man glaubte sich in eine Oper versetzt, wenn man dem Gesänge jener Vögel lauschte. Da ertönten Duette und Terzette, Quartette und Chöre, alles zu einem Musikstücke zusammengefügt. Wollte ich die Vögel zum Schweigen bringen, brauchte ich nur die Gardine vor den Bauer zu ziehen; sobald sie sich im Dunkeln befanden verstummte der Gesang. Eine andere Öffnung bildete ein Fenster ohne Scheibe. Bei dem Druck auf eine Feder schloß sich die Öffnung durch einen Laden, der, von einer zwar weniger durchsichtigen Substanz als unser Glas, doch noch klar genug war, um einen freien Blick auf das Bild draußen zu gewähren. Vor diesem Fenster befand sich ein Balkon oder richtiger ein hängender Garten, in dem herrliche Pflanzen und prächtige Blumen wuchsen. Der Charakter dieses Zimmers und alles dessen was dazu gehörte war fremdartig in seinen Einzelheiten, doch als Ganzes entsprach es dem modernen Begriffe von Luxus. Es hatte etwas Heimisches, und würde, wenn man es zwischen den Gemächern einer englischen Herzogin oder eines modernen französischen Autors gefunden hätte Bewunderung erregt haben. Vor meiner Ankunft war es Zee's Zimmer gewesen, sie hatte es mir gastfreundlich überlassen.
Einige Stunden nach meinem Erwachen, das ich im letzten Kapitel beschrieb, lag ich auf meinem Lager und versuchte meine Gedanken zu konzentrieren und über die Natur und den Geist des Volkes, unter das ich geraten war, nachzudenken, als mein Wirt und seine Tochter Zee in das Zimmer traten. Ersterer fragte mich höflich in meiner Muttersprache, ob es mir angenehm wäre, mich zu unterhalten, oder ob ich vorzöge, allein zu bleiben. Ich erwiderte, daß ich mich sehr geehrt und verbunden fühlen würde, wenn mir Gelegenheit geboten würde, meinen Dank für die Gastfreundschaft und Liebenswürdigkeit auszudrücken, die ich in einem Lande, indem ich ein Fremdling war, empfangen habe, und so viel von seinen Sitten und Gewohnheiten kennen zu lernen, um nicht mit meiner Unwissenheit dagegen zu verstoßen.
Während ich sprach, hatte ich mich natürlich von meinem Lager erhoben, aber Zee ersuchte mich höflich, mich wieder niederzulegen. Obgleich mich das sehr verwirrte, lag doch etwas in ihrer Stimme und ihrem Auge, was mich zwang, ihr zu gehorchen. Sie setzte sich selbst am Fußende des Bettes nieder, während ihr Vater wenige Schritte davon auf einem Divan Platz nahm.
»Von welchem Weltteile kommen Sie nur,« fragte mein Wirt, »daß wir Ihnen sowohl wie Sie uns so fremd erscheinen? Außer den ursprünglichen Wilden, die in den einsamsten, unkultiviertesten Höhlen wohnen, die kein anderes Licht als das vulkanischer Feuer kennen und, wie so viele kriechende und fliegende Dinge, zufrieden ihren Weg im Dunkeln tappen, außer ihnen habe ich wohl von fast allen von uns abweichenden Rassen einzelne Exemplare gesehen. Aber unmöglich können Sie ein Glied jenes barbarischen Stammes sein, nein, Sie müssen einem zivilisierten Volke angehören.«
Etwas gereizt über diese letzte Bemerkung erwiderte ich, daß ich die Ehre hätte, einer der zivilisiertesten Nationen der Erde anzugehören. Daß ich, was das Licht beträfe, bewundere, mit welcher Gleichgültigkeit und Geringschätzung des Kostenaufwandes mein Wirt und seine Mitbürger Regionen beleuchteten, in die kein Sonnenstrahl dringt, daß ich aber nicht begreifen könne, wie irgend jemand, der nur einmal die Himmelskörper geschaut habe, die künstlichen von Menschen erfundenen Lichter ihrem Glänze vorziehen könne. Aber mein Wirt sagte, daß er von den meisten Rassen Exemplare gesehen hätte, außer den von ihm erwähnten elenden Barbaren. Nun, war es möglich, daß er nie auf der Oberfläche der Erde gewesen war, und seine Worte bezogen sich wohl nur auf die Bewohner, die im Innern der Erde begraben waren.
Mein Wirt schwieg während einiger Augenblicke. Auf seinem Antlitze drückte sich hohe Überraschung aus, wie sie diese Bewohner selbst in den außergewöhnlichsten Fällen nur selten kund geben. Aber Zee war klüger und rief aus: »Da siehst Du, Vater, daß in der alten Sage, an die alle Stämme zu allen Zeiten glaubten, Wahrheit liegt, volle Wahrheit!«
»Zee«, entgegnete mein Wirt sanft, »Du gehörst zu dem Colleg der Weisen und solltest klüger sein als ich; aber als oberster Verwalter der Beleuchtung ist es meine Pflicht, nichts eher zu glauben, als bis ich es mit meinen eigenen Sinnen geprüft habe.« Darauf wandte er sich zu mir und tat mehrere Fragen über die Oberfläche der Erde und die Himmelskörper. Obgleich ich ihm nach bestem Wissen antwortete, schienen ihn meine Antworten weder zu befriedigen, noch zu überzeugen. Ruhig schüttelte er mit dem Kopfe, und den Gesprächsgegenstand rasch wechselnd, fragte er mich, wie ich von einer Welt in die andere herabgekommen sei, wie er sich auszudrücken beliebte. Ich entgegnete, daß in der Erde Minen seien, die sehr viele Mineralien und Metalle enthielten, die zu unserem Gebrauche und zum Vorwärtsschreiten unserer Kunst und Industrie sehr notwendig seien. Dann gab ich eine kurze Erklärung des unglücklichen Zufalles, durch den mein armer Freund und ich beim Ausforschen einer dieser Minen einen Blick in diese Regionen erhalten hatten, wie wir hinabgestiegen waren und dieses Wagnis meinem armen Freunde das Leben gekostet hatte. Als Beleg für die Wahrheit meiner Erzählung berief ich mich auf das Tau und die Haken, die der Knabe in das Haus gebracht hatte, das mich zuerst beherbergte.
Mein Wirt fuhr fort, mich über die Sitten und Gewohnheiten der auf der Erdoberfläche lebenden Bewohner auszufragen, namentlich über die, die wie er sich auszudrücken beliebte, in der Kunst am meisten fortgeschritten seien, in einer Gemeinde die glückliche Zufriedenheit zu verbreiten, die einen tugendhaften und gutorganisierten Staat ausmacht. Von dem natürlichen Wunsche beseelt, die Welt, von der ich kam, im besten Lichte darzustellen, berührte ich die veralteten und in Verfall geratenden Einrichtungen Europas nur oberflächlich, um mich um so ausführlicher über die gegenwärtige Größe und den in Aussicht stehenden Vorrang der glorreichen Republik Amerikas zu ergehen, in der Europa neiderfüllt sein Vorbild sucht und zitternd seinen Verfall sieht. Als Beispiel des sozialen Lebens in den Vereinigten Staaten führte ich die vorgeschrittenste Stadt an und erging mich in einer lebhaften Beschreibung der moralischen Sitten New-Yorks. Voll Ärger bemerkte ich auf den Gesichtern meiner Zuhörer, daß meine Beschreibung nicht den guten Eindruck machte, den ich erwartet hatte. Lebhafter fuhr ich fort und ich schilderte eingehend die vortrefflichen demokratischen Einrichtungen und wie sie die Stabilität und das Vertrauen der Regierungspartei zustande gebracht haben. Ich schilderte ferner die Art und Weise, wie Zufriedenheit selbst in die größere staatliche Gemeinschaft gebracht wird, dadurch, daß jedem einzelnen Bürger Gelegenheit gegeben wird, in bezug auf Erziehung und Charakter das Bestmöglichste zu entwickeln. Glücklicherweise rief ich mir den Schluß einer Rede über den läuternden Einfluß der amerikanischen Demokratie und ihre Verbreitung über die Erde in das Gedächtnis zurück, die ein beredter Senator gehalten hatte, für dessen Wahlstimme in den Senat eine Eisenbahngesellschaft, zu der meine beiden Brüder gehörten, eben erst 20 000 Dollars bezahlt hatte. Begeistert wiederholte ich seine Prophezeihungen über die glänzende Zukunft, die der Menschheit entgegenstrahle, wenn die Fahne der Freiheit über einem ganzen Festlande wehen und zweihundert Millionen gebildeter Bürger, von Jugend auf an den täglichen Gebrauch der Revolver gewöhnt, ein sinkendes Universum der Lehre des Patrioten Monroe anheim stellen werde.
Als ich zu Ende war, schüttelte mein Wirt leise den Kopf und versank in sinnendes Nachdenken, indem er mir und seiner Tochter durch ein Zeichen zu verstehen gab, daß wir uns ruhig verhalten möchten. Nach einer Weile hob er in ernstem, feierlichen Tone an: »Wenn Sie, wie Sie sagten, glauben, daß Sie, obgleich ein Fremder, Gutes von mir und den Meinigen empfangen haben, so beschwöre ich Sie, daß Sie keinem aus unserem Volke etwas aus jener Welt, aus der Sie kommen, offenbaren, wenn ich Ihnen nicht die besondere Erlaubnis dazu gebe. Wollen Sie mir diese Bitte gewähren?«
»Gewiß, ich gebe mein Wort darauf« sagte ich, einigermaßen verwundert, und reichte zum Handschlag meine Rechte hin. Er aber legte meine Hand sanft auf seine Stirn und seine Rechte auf meine Brust, wie das bei diesem Volke Brauch für alle Arten von Versprechungen und mündlichen Verbindlichkeiten ist. Dann wandte er sich an seine Tochter: »Und Du, Zee, wirst Niemandem wiederholen, was dieser Fremde uns von seiner anderen Welt gesagt hat oder noch sagen wird.« Zee erhob sich, küßte ihren Vater auf die Schläfe und sagte lächelnd: »Die Zunge einer Gy ist lebhaft, aber die Liebe kann sie fesseln. Und selbst wenn Du fürchtest, mein Vater, daß ein unbedachtes Wort von Dir oder mir unsere Gemeinde gefährden könnte, indem es in ihr das Verlangen weckt, eine Welt, die über uns ist, zu erforschen, würde nicht ein Strom des Vril, richtig geführt, selbst die Erinnerung an das, was wir von dem Fremdling erfuhren, aus unserem Gedächtnisse wischen?«
»Was ist Vril?« fragte ich.
Nun gab mir Zee eine Erklärung, von der ich sehr wenig verstand, denn keine der Sprachen, die ich kenne, hat ein Wort, das gleichbedeutend mit Vril ist. Ich würde es Elektrizität nennen, doch begreift es viele andere Naturkräfte in sich, die in unserer wissenschaftlichen Sprache verschiedene Namen haben, wie Magnetismus, Galvanismus usw. Dieses Volk hier glaubt, daß Vril alle Naturkräfte in sich vereinigt, deren Vorhandensein viele unserer Philosophen vermutet haben und über deren gegenseitige Beziehungen der berühmte Faraday, der so viel experimentiert hat, sich in folgenden vorsichtigen Worten äußert: »Ich bin gleich vielen anderen Naturwissenschaftlern der Meinung gewesen, daß die verschiedenen Formen, in denen die betreffenden Kräfte sich zeigen, einen Ursprung haben, oder mit anderen Worten: sie sind so nahe miteinander verwandt und so voneinander abhängig, daß man eine in die andere umwandeln und so eine gleiche Wirkung mit ihnen erzielen kann.«
Diese unterirdischen Philosophen behaupten daß sie durch eine Anwendung des Vril, den Faraday vielleicht atmosphärischen Magnetismus nennen würde, die verschiedene Temperatur, einfacher gesagt: das Wetter beeinflussen können; daß sie durch Vril-Leiter auf Geist eine dem Mesmerismus, der Elektro-Biologie und anderen Kräften verwandte Operation auf animalische und vegetabilische Körper einen Einfluß ausüben könnten, der keine Fabel unserer Mystiker nahe kommt.
Für alle diese Wirkungen haben sie die allgemeine Benennung Vril. Zee fragte mich, ob es in meiner Welt bekannt wäre, daß alle Kräfte des Geistes durch Verzückungen und Visionen zu einem in wachem Zustande unbekanntem Grade angefeuert werden könnten, daß die Gedanken des einen Hirnes dann in ein anderes übertragen werden können und dadurch eine rasche Verständigung möglich sei. Ich entgegnete, daß man sich bei uns von dergleichen erzähle, und daß ich oft gehört und gesehen hätte, in welcher Weise man solche Verzückungen und Visionen künstlich hervorruft, z. B. durch Mesmerische Hellseherei; daß derartige Operationen jetzt aber bespöttelt und nur noch selten in Anwendung gebracht würden, teils wegen der groben Betrügereien, zu denen sie Anlaß gegeben haben, teils weil die Wirkung selbst da, wo sie bei einzelnen außergewöhnlichen Konstitutionen eine wahre gewesen war, sie bei genauer Prüfung und Analyse doch nur unbefriedigend erschien. Es ließ sich keine Wahrheit darauf begründen und keine praktische Anwendung darauf aufbauen und sie gereichte den Abergläubischen nur zum Schaden.
Zee lauschte meinen Worten mit wohlwollender Aufmerksamkeit und entgegnete, daß anfangs auch bei ihnen dergleichen Aberglauben und Mißbräuche vorgekommen wären und man die Kraft des Vril falsch angewendet hätte; sie behalte sich jedoch ein weiteres Besprechen dieses Gegenstandes vor, bis ich fähiger würde, darauf einzugehen. Sie begnügte sich damit, hinzuzufügen, daß ich, nachdem man mich in einen Zustand der Verzückung versetzt hatte, durch die Wirkung des Vril mit den Anfangsgründen ihrer Sprache bekannt gemacht worden sei, und daß sie und ihr Vater - die Einzigen in der Familie, die sich der Mühe unterzogen hatten, das Experiment zu beobachten - dabei meine Sprache besser kennen gelernt hätten, als ich die ihrige; teils weil meine Sprache viel einfacher sei als ihre eigene, und teils, weil ihre Organisation ursprünglich viel lenkbarer und befähigter sei, sich Kenntnisse anzueignen, als die meinige. Ich bezweifelte das im Stillen. Da ich im Laufe eines praktischen Lebens sowohl zu Hause wie auf Reisen viel Gelegenheit gehabt hatte, meinen Geist zu bilden, so konnte ich nicht annehmen, daß meine geistige Organisation weniger ausgebildet sein sollte, als die eines Volkes, das sein ganzes Leben bei Lampenlicht zubrachte. Aber während ich so dachte, deutete Zee mit ihrem Zeigefinger auf meine Stirn und ich versank in Schlaf.
Achtes Kapitel
Als ich wieder erwachte, erblickte ich an meinem Lager den Knaben, der das Tau und die Enterhaken in das Haus gebracht hatte, in dem man mich zuerst aufgenommen hatte und das, wie ich später erfuhr, der Wohnort des obersten Magistrates war. Der Knabe namens Taë, war der älteste Sohn meines Wirtes. Ich bemerkte, daß ich während dieses letzten magnetischen Schlafes noch größere Fortschritte in der Sprache dieses Landes gemacht hatte und mich mit Leichtigkeit ziemlich fließend unterhalten konnte.
Dieser Knabe war selbst unter der schönen Rasse, der er angehörte, auffallend schön. Sein für seine Jahre sehr männliches Antlitz trug einen lebhafteren, energischeren Ausdruck, als ich ihn bisher in den heiteren, leidenschaftslosen Gesichtern dieser Menschen gesehen hatte. Er brachte mir das Blatt, auf das ich die Art meines Abstieges und den Kopf des Ungetümes, das mir den Leichnam meines Freundes raubte, gezeichnet hatte. Taë deutete auf die letzte Skizze und fragte nach der Größe und Gestalt des Ungetümes, und nach der Höhle oder Kluft, aus der es aufgetaucht war. Er interessierte sich so sehr für meine Antworten, daß die Neugier, etwas über mich und meine Vorfahren zu erfahren, für eine Zeit zurückgedrängt wurde. Aber zu meiner großen Verlegenheit begann er, als er bemerkte, wie ich mich gegen meinen Wirt verpflichtet fühlte, mich auszufragen, woher ich käme, als glücklicherweise Zee eintrat. Da sie die Frage gehört hatte, sagte sie: »Taë, gib unserem Gaste jede Auskunft, die er wünscht, Du aber befrage ihn über nichts. Ihn fragen, wer er ist, woher er kommt, was er hier will, wäre ein Überschreiten des Gesetzes, das mein Vater für dieses Haus gegeben hat.«
»So sei es«, sagte Taë, indem er seine Rechte auf das Herz legte; und bis zu dem Augenblicke, wo ich den Knaben, mit dem ich so vertraut wurde, zum letzten Male sah, richtete er nie eine dieser verbotenen Fragen an mich.
Neuntes Kapitel
Erst nach einiger Zeit und nach wiederholten Verzückungen, wenn ich sie so nennen darf, gewöhnte sich mein Geist daran, mit meiner Umgebung Gedanken auszutauschen. ich lernte besser, die verschiedenen Sitten und Bräuche verstehen, die meiner Erfahrung anfangs zu fremd waren, als daß sie mein Verstand gefaßt hätte. Dann erst war ich fähig, die folgenden Einzelheiten über den Ursprung und die Geschichte dieser unterirdischen Bevölkerung als einen Teil eines großen Geschlechtes, Ana genannt, zusammenzufassen.
Den frühesten Traditionen nach hatten die ersten Vorfahren dieser Rasse in einer Welt gehaust, die über der gelegen war, die ihre Nachkommen jetzt bewohnten. Die Urkunden enthielten noch Mythen über jene Welt. Legenden erzählten von einem gewölbtem Dome, dessen Lampen von keiner Menschenhand angezündet waren. Aber derartige Legenden wurden meist für Allegorien gehalten. Nach diesen Traditionen war die Erde zu der Zeit, aus der jene Überlieferungen stammen, nicht mehr in ihrem Uranfange, vielmehr im Übergange aus einer Form der Entwicklung in eine andere begriffen und vielen heftigen Umwälzungen in der Natur unterworfen. Bei einer dieser Umwälzungen war der Teil der Oberwelt, den die Vorfahren dieses Geschlechtes bewohnten, von Überschwemmungen, die nicht plötzlich, sondern allmählich und unbezwingbar kamen, heimgesucht worden. Es kamen bis auf einen kleinen Rest alle um. Ob das eine Erinnerung an unsere in der Bibel erwähnte Sintflut ist oder ob sie aus einer früheren, von Geologen bestrittenen Epoche herrührt, vermag ich nicht zu sagen. Nach der Chronologie dieses Volkes muß sie, wenn man sie mit der Newtons vergleicht, viele tausend Jahre vor Noah stattgefunden haben. Andererseits stimmt die Berechnung jener Schreiber nicht mit der Ansicht der geologischen Autoritäten überein. Sie verlegt das Dasein der Menschheit auf der Erde in eine Epoche in der sich, wie man nach der Einführung der Mammalien annimmt, noch keine festen Körper gebildet hatten.
Eine Rotte dieses unglücklichen Geschlechtes hatte von den Fluten bedroht, in den Höhlen hoher Felsen ihre Zuflucht genommen. Sie wanderte durch Schluchten und Klüfte und verlor die Oberwelt für immer aus den Augen. Diese große Umwälzung hatte der Erde ein ganz neues Ansehen gegeben. Das Festland wurde in Meer, das Meer in Festland verwandelt. Wie man mir als feste Tatsache erzählte, findet man noch jetzt im Inneren der Erde Überreste menschlicher Wohnungen; nicht Wohnungen in Höhlen und Hütten, sondern große Städte, deren Ruinen von der Zivilisation von Geschlechtern zeugen, die vor der Zeit Noahs existierten und nicht zu jenen Rassen gezählt werden können, von denen die Philosophie sagt, daß sie sich des Feuersteines bedienten und das Eisen nicht kannten.
Die Flüchtlinge hatten die Kenntnis der Künste, die sie auf Erden geübt hatten, ihre Kultur und Zivilisation mit sich genommen. Ihre erste Aufgabe im Inneren der Erde muß gewesen sein, das Licht zu ersetzen, das sie verloren hatten. Die Kunst, aus Gasen, Mangan oder Petroleum Licht zu ziehen, scheint den Geschlechtern, von denen das unter dem ich jetzt weilte, einen Stamm bildete, niemals selbst nicht zur Zeit der mündlich überlieferten Periode, fremd gewesen zu sein. Sie hatten sich daran gewöhnt, sich mit den rohen Naturkräften zu begnügen; aber der lange Kampf, den sie mit ihrem Besieger, dem Ozean, gehabt hatten, der Jahrhunderte hindurch währte, hatte ihre Geschicklichkeit, Wasser in Teiche und Kanäle einzudämmen, vervollkommnet. Dieser Geschicklichkeit verdankten sie ihre Rettung in diesen neuen Wohnstätten. »Viele Generationen hindurch«, sagte mein Wirt voll Abscheu und Widerwillen, »sollen unsere frühesten Vorväter sich dadurch erniedrigt und ihre Lebenszeit abgekürzt haben, daß sie das Fleisch der verschiedenartigsten Tiere aßen, die der Überschwemmung entkommen waren und im Inneren der Erde Schutz gesucht hatten. Andere Tiere, die man auf der Oberwelt nicht kennt, wurden in diesen Höhlen vorgefunden.«
Als das geschichtliche Zeitalter, wie wir es nennen, aus dem Dämmerlichte der Traditionen auftauchte, waren die Ana in verschiedene Gemeinden geteilt und hatten in der Zivilisation eine Stufe erreicht, die der sehr nahe kam, die die vorgeschrittenen Nationen der Oberwelt jetzt einnehmen. Sie waren mit den meisten unserer mechanischen Erfindungen, der Anwendung von Dampf und Gas mit inbegriffen, vertraut. Die Gemeinden beobachteten gegenseitig eine gemessene Haltung.
Sie hatten ihre Reichen und ihre Armen, ihre Redner und Eroberer. Sie bekriegten einander sowohl um eines Besitztumes wie um einer Idee willen. Obgleich die verschiedenen Staaten auch ihre verschiedenen Regierungen hatten, fingen doch die freien Institutionen an die Übermacht zu gewinnen. Die Volksversammlungen wurden einflußreicher, Republiken allgemein. Die Demokratie, die die aufgeklärtesten europäischen Politiker für den Haupttrieb des politischen Fortschrittes ansehen und die unter unterirdischen Geschlechtern, die von den Ana als Barbaren verachtet werden, noch herrscht, betrachtet das stolze Geschlecht der Ana, zu dem auch der Stamm gehörte, bei dem ich mich augenblicklich befand, als einen jener rohen, unerfahrenen Versuche, die zum Uranfang politischer Wissenschaften zu rechnen sind. Es war eine neidvolle, haßerfüllte Zeit. Eine Zeit wilder Leidenschaften, beständiger, mehr oder weniger heftiger sozialer Veränderungen, eine Zeit der Streitigkeiten unter Einzelnen, der Kriege zwischen den Staaten. Dieser Zustand dauerte mehrere Zeitalter. Er wurde allmählich durch die Entdeckung geheimer Kräfte, die in dem alles durchdringenden Fluidum, das sie mit Vril bezeichneten, enthalten sind, umgewandelt.
Der Beschreibung nach, die ich von Zee empfing, die als Professor im Kolleg der Weisen dergleichen Dinge eifriger studiert hatte als die anderen Familienmitglieder meines Wirtes, kann man durch dieses Fluidum auf alles, Lebendes wie Lebloses, den mächtigsten Einfluß ausüben.
Es kann zerstörend wirken wie ein Blitzschlag, aber es vermag auch, in anderer Weise angewendet, ein Leben zu erneuern, zu stärken, zu heilen und zu erhalten. Mit seiner Hilfe werden Kranke wiederhergestellt oder vielmehr ihre körperliche Organisation wird in Stand gesetzt, so daß ihre natürlichen Kräfte sich wieder ersetzen und sie sich dadurch selbst heilen.
Dieser Einfluß bahnt ihnen den Weg durch die festesten Substanzen, öffnet ihnen zwischen den Felsen in der unterirdischen Wildnis Täler zum Anbau. Aus dem Vril ziehen sie das Licht, mit dem sie ihre Lampen anzünden und das sie für angenehmer und gesünder halten als alle anderen zündbaren Stoffe, deren sie sich früher bedienten.
Die Entdeckung, wie die Kraft des Vril zu leiten sei, machte sich hauptsächlich im sozialen Leben bemerkbar. Der Krieg hörte unter den Vril-Entdeckern auf, denn sie brachten es in der Kunst der Zerstörung zu einer solchen Vollkommenheit, daß sie alle Übermacht an Zahl, Disziplin oder militärischer Umsicht vernichten konnten. Das Feuer, in der Höhlung eines Stabes, von der Hand eines Kindes geleitet, konnte die stärkste Festung zerstören, konnte sich seinen brennenden Weg vom ersten bis zum letzten Manne eines in Schlachtordnung aufgestellten Kriegsheeres bahnen. Wenn zwei Armeen, die beide diese Kraft kannten, feindlich aufeinanderstießen, konnte es nur zur Vernichtung beider führen.
Darum war die Zeit der Kriege vorüber; aber mit dem Aufhören der Kriege stellten sich wieder andere Übelstände in bezug auf die sozialen Verhältnisse ein. Ein Mensch war so vollständig in die Hände des anderen gegeben, daß es in eines jeden Macht und Willen stand, ihn augenblicklich zu töten. So mußte nach und nach notwendigerweise aller Zwang politischer Systeme und gesetzlicher Formen aufhören. Große Gemeinden, die auf einem umfangreichen Räume zerstreut sind, konnten bisher nur mit Gewalt zusammengehalten werden. Jetzt hörte die Notwendigkeit der Selbsterhaltung und die Sucht nach Bereicherung, die es einem Staate wünschenswert erscheinen läßt, andere in der Zahl der Bevölkerung zu überflügeln, auf.
Daher teilten sich die Vril-Entdecker im Laufe weniger Generationen friedlich in mittelgroße Gemeinden. Der Stamm, in dessen Mitte ich geraten war, beschränkte sich auf zwölftausend Familien. Jeder Stamm beherrschte ein Gebiet, das für seine Bedürfnisse ausreichte, und zu bestimmten Perioden verließ die überzählige Bevölkerung das Land und suchte sich eine neue Heimat. Niemals machte sich die Notwendigkeit zu einer willkürlichen Wahl dieser Auswanderer geltend. Es fand sich immer eine genügende Anzahl, die aus freien Stücken fortzog.
Diese oft geteilten kleinen Staaten gehörten alle zu einem großen Stamme. Sie sprachen dieselbe Sprache, obgleich der Dialekt ein wenig verschieden war. Sie heirateten untereinander und hielten die gleichen Gesetze und Gewohnheiten aufrecht. Die Kenntnis des Vril und das Verständnis ihn anzuwenden, war ein so wichtiges Band zwischen diesen verschiedenen Gemeinden, daß das Wort A-Vril gleichbedeutend war mit Zivilisation, und Vril-ya, das heißt die zivilisierten Nationen, war der Name, der die Gemeinden, die sich auf die Anwendung des Vril verstanden, von denen der Ana unterschied, die noch auf unkultivierter Stufe standen.
Die Regierung des Stammes der Vril-ya, um den es sich hier handelt, war anscheinend sehr kompliziert, in Wahrheit aber sehr einfach! Sie basierte auf einem Prinzipe, das in der Theorie zwar festgestellt, praktisch aber noch wenig erprobt war. Es strebt nach einer Einheit, nach einer einfachen Grundlage, die sich erst nach vielen Irrgängen erreichen läßt. Selbst die Republikaner stimmen dem bei, daß ein Staat am besten unter einem wohlwollenden Oberhaupte verwaltet wäre, wenn man irgend eine Sicherheit dafür hätte, daß diese Macht nicht mit der Zeit mißbraucht würde.
Diese seltsame Gemeinde erwählte daher einen einzigen höchsten Magistrat, Tur genannt. Eigentlich liegt diesem sein Amt auf Lebenszeit ob, aber nur selten kann man ihn davon zurückhalten, es in vorgerücktem Alter niederzulegen.
Es gab in der Tat nichts in dieser Gemeinde, um dessenwillen eines ihrer Mitglieder sich nach den Sorgen eines Amtes hätte gelüsten lassen. Keine Ehren, keine Zeichen eines höheren Ranges begleiteten es. Der oberste Magistrat zeichnete sich weder durch bessere Wohnung noch höhere Einkünfte aus. Auf der anderen Seite waren die Pflichten, die man ihm auferlegte, sehr leicht und einfach und erforderten weder besondere Energie noch Wissen; denn dadurch, daß die Sorge um den Krieg wegfiel, gab es auch keine Armeen zu erhalten; da es keine Gewaltherrschaft gab, war auch keine Sicherheitsbehörde zu ernennen und zu leiten. Was wir unter Verbrechen verstehen, war den Vril-ya gänzlich unbekannt; Gerichtshöfe existierten daher nicht. Kleine Streitigkeiten, die auch nur-selten vorkamen, wurden dem Urteilsspruche von Freunden überlassen, die von beiden Parteien gewählt wurden, oder sie wurden von dem Kollege der Weisen, das ich später beschreiben werde, geschlichtet. Richter gab es nicht, und die Gesetze bestanden auch nur aus einem freundschaftlichen Übereinkommen, denn keine Macht konnte Gesetze gegen einen Beleidiger geltend machen, der in seinem Stabe die Kraft hatte, seine Richter zu vernichten. Es gab einige willkürliche Gebräuche und Regeln, in die die Bevölkerung schweigend gewilligt hatte. Kam irgend jemand eine dieser Vorschriften zu streng vor, so verließ er die Gemeinde und ging wo anders hin. Es herrschte in diesem Staate stillschweigend das Gesetz: Bleibe oder geh, je nachdem dir unsere Regeln und Gewohnheiten zusagen oder mißfallen. Obgleich hier nichts existiert, was wir unter der Bezeichnung Gesetze verstehen, gibt es doch kein Geschlecht oberhalb der Erde, das das Gesetz so beobachtet wie sie. Es ist ihnen zur zweiten Natur geworden den Regeln, die die Gemeinde angenommen hat, zu gehorchen. Sie haben ein Sprichwort, das heißt: Kein Glück ohne Regel, keine Regel ohne Autorität, keine Autorität ohne Einigkeit. Bezeichnend für die Milde ihrer Regierung ist der schlichte Ausdruck für etwas Unerlaubtes, etwas Verbotenes, wie zum Beispiel: »Es wird gebeten, das und das nicht zu tun« . So unbekannt, wie das Verbrechen ist auch die Armut. Nicht daß Eigentum Gemeingut, oder die Besitztümer von gleicher Größe, die Wohnungen von gleichem Luxus gewesen wären! Es gab aber keinen Rangunterschied zwischen den mehr oder weniger Begüterten und der Art der Beschäftigungen. Es folgte ein jeder ohne Neid und Mißgunst seinen Neigungen. Dank dieser Gleichheit versank eine Familie nur selten in Armut. Es gab keine gewagten Spekulationen, niemand strebte nach Rang und großen Reichtümern. Bei seiner Niederlassung wurde einem jeden ein gleich großes Stück Land zugeteilt, aber einige, die glücklicher als die andern gewesen waren, hatten ihre Besitztümer nach und nach vergrößert, eine reichere Ernte gehabt oder einen Handel angefangen. Dadurch waren einzelne wohl reicher als die übrigen, aber keiner war verarmt oder litt Mangel.
Wenn wirklich einmal ein derartiger Fall eintrat, so stand es in eines jeden Macht, auszuwandern oder sich schlimmsten Falles ohne sich dessen schämen zu müssen, an die Reichen zu wenden, die ihre Hülfe nie verwehrten, denn alle Mitglieder der Gemeinde betrachteten sich als Brüder einer einigen liebevollen Familie. Auf diesen Punkt wird meine weitere Erzählung später ausführlicher eingehen.
Das hauptsächlichste Amt des obersten Magistrates war: mit bestimmten Departements, denen die Verwaltung besonderer Einzelheiten oblag, in Verkehr zu stehen. Das Wichtigste und Hauptsächlichste war dabei die Versorgung mit dem nötigen Lichte. Hierin hatte mein Wirt, Aph-Lin, die Oberleitung. Eine andere Abteilung, die man die Abteilung »für Fremdes« nennen kann, stand mit den verwandten, nachbarlichen Staaten in Verbindung, hauptsächlich um alle neuen Erfindungen kennen zu lernen; einer dritten lag es ob, alle diese Erfindungen und Verbesserungen im Maschinenfache zu prüfen. Mit dieser Abteilung stand das »Colleg der Weisen« in direkter Verbindung. Ein Colleg, das meist aus Verwitweten, Kinderlosen und jungen, unverheirateten Mädchen bestand, von denen Zee die tätigste war. Wenn das, was wir unter Hervortun und Auszeichnung verstehen, diesem Volke bekannt gewesen wäre, hätte man sagen können, daß sie die Umsichtigste und Hervorragendste war. Die weiblichen Professoren dieses Collegs trieben am eifrigsten die Studien, die man im praktischen Leben für die am wenigsten nutzbringenden hält, wie z. B. rein spekulative Philosophie, Geschichte ferner Zeiten, Entomologie, Conchologie usw. Zee, deren Geist rege war wie der des Aristoteles, hatte zwei Bände über die Schmarotzertiere geschrieben, die im Haare einer Tigerpfote leben. Dieses Werk wurde für das beste erklärt, das man über diesen interessanten Gegenstand besaß.
Aber die Forschungen der Weisen beschränken sich nicht auf derartige subtile Studien. Sie umfassen wichtigere Gegenstände, besonders die Eigenschaften des Vril, zu deren Beobachtung die feinere Nervenorganisation der weiblichen Professoren besonders geeignet ist. Außer diesem Collegium wählt der Tur oder oberste Magistrat drei Ratgeber für den seltenen Fall, daß ihm bei der Neuheit irgend eines vorkommenden Ereignisses oder Urh-standes sein eigenes Urteil nicht hinreichend erscheint.
Einige andere Abteilungen sind von geringerem Einflusse, aber überall geht es so ruhig und geräuschlos zu, daß eine Oberaufsicht unnütz zu sein und ganz zu verschwinden scheint. Allgemeine Ordnung und Regelmäßigkeit ist vollständig zum Naturgesetze geworden. Maschinerien werden bei allen Beschäftigungen in und außer dem Hause in weitestem Maße gebraucht Die Abteilung, deren Aufsicht sie unterliegen, ist unaufhörlich damit beschäftigt, ihre Wirksamkeit noch zu erweitern. Eine arbeitende oder dienende Klasse gibt es nicht. Zum Beistand und zur Beaufsichtigung der Maschinen nimmt man Kinder, von der Zeit, wo sie der mütterlichen Sorge entwachsen, bis zu dem Alter, wo sie heiratsfähig sind, d. i. für die Gy-ei (Mädchen) das sechszehnte, für die Ana (Männer) das zwanzigste Jahr. Ein jedes dieser Kinder widmet sich der Beschäftigung, die ihm am meisten zusagt. Einige wählen ein Handwerk, andere den Ackerbau, wieder andere häusliche Verrichtungen und noch andere den einzigen Dienst, in dem diese Leute einer Gefahr ausgesetzt sind. Diese Gefahren bestehen erstens in den zeitweiligen Erschütterungen im Inneren der Erde, die vorauszusehen sind und gegen die sich zu schützen es des größten Scharfsinnes bedarf, ferner in Ausbrüchen von Feuer und Wasser, unterirdischen Stürmen, ausströmenden Gasen. An der Grenze der Domäne und überall, wo man eine solche Gefahr befürchtet, sind Wächter aufgestellt. Sie sind telegraphisch mit der Halle, in der auserwählte Weise abwechselnd fortwährende Sitzungen abhalten, verbunden. Zu diesen Wächtern wählt man ältere Knaben, die sich dem Mannesalter nahen, nach dem Prinzipe, daß gerade in dem Alter die Beobachtungsgabe und die physischen Kräfte schärfer und reger sind als in jedem anderen Lebensalter. Der zweite gefährliche, wenn auch weniger ernste Dienst ist die Vernichtung aller dem Leben, der Kultur, ja selbst dem Komfort der Ana feindlichen Geschöpfe. Die schädlichsten davon sind das große Gewürm, von dem unsere Museen vorsündflutliche Reste bewahren, und riesenhafte geflügelte Geschöpfe, halb Vogel, halb kriechendes Tier. Jüngeren Kindern ist es überlassen, diese und weniger wilde, unseren Tigern und giftigen Schlangen ähnliche Tiere zu töten und zu vernichten, weil, wie die Ana meinen, ein Kind mit um so kälterem Blute zu töten vermag, je jünger es ist. Es gibt noch eine andere Klasse von Tieren, deren Vernichtung Kindern mittleren Alters überlassen bleibt, Tiere, die kein Menschenleben bedrohen, die aber das Erzeugnis ihrer Arbeit zerstören, eine Art Reh und ein kleineres, unserern Kaninchen sehr ähnliches Tier, das der Ernte sehr viel schädlicher ist und sehr schlau die Felder verwüstet. Es ist die erste Aufgabe jener Kinder, den gelehrigsten dieser Tiere Achtung vor durch Grenzsteine gekennzeichneten Einzäumungen beizubringen, wie man den Hunden lehrt, Respekt vor der Speisekammer zu haben oder wohl auch das Eigentum ihres Herrn zu bewachen. Nur die Tiere, die dafür nicht abzurichten sind, werden getötet. Um der Nahrung oder des Vergnügens willen, wird keinem das Leben genommen. Es wird aber niemals geschont, wo es den Ana feindlich ist. In Gemeinschaft mit diesen körperlichen Arbeiten und Beschäftigungen schreitet auch die geistige Bildung der Kinder vor, bis sie die Kinderjahre hinter sich haben. Der allgemeinen Sitte gemäß machen sie dann im Kolleg der Weisen einen Kursus durch, in dem der Student neben den allgemeinen Stunden auch noch speziellen Unterricht in dem Fache und dem Berufe erhält, den er sich selbst wählt. Einige jedoch ziehen es vor, diese Probezeit in praktischer Arbeit zu verbringen, oder sie wandern aus, oder widmen sich gleich einer landwirtschaftlichen oder zum Handel gehörigen Tätigkeit.
Keiner persönlichen Neigung wird irgend ein Zwang auferlegt.
Бесплатный фрагмент закончился.
