Читать книгу: «Das Lebenselixier»
Das Buch
Dem Orden, dem wahrscheinlich auch Bulwer-Lytton angehörte, wird nachgesagt, dass seine Mitglieder durch "vollendete Lebenskunst" und ein ganz außergewöhnliches Maß an Wissen aus der Naturwissenschaft und Philosophie ein Mittel gefunden haben wollen, das menschliche Leben vor Krankheit, Alterung und Tod zu schützen und dass sie - durch ihre Kunst - so lange zu leben vermochten, wie das Leben ihnen Genuss und Freude bot, kurz - das Lebenselixier gefunden zu haben. In diesem Roman, der im frühen 19. Jahrhundert spielt, trifft ein Arzt auf Margrave, einen undurchsichtigen Schüler des Okkulten. Dieser wirft seinen Schatten über die gesamte Handlung, auch über Fenwicks Liebe zu Lilian Ashleigh, einer jungen Dame der Gesellschaft, hinter deren Hang zum Mystischen sich eine außerordentliche Fähigkeit verbirgt. Bulwer- Lytton sagte dazu: "Es ist ein Roman und ist es nicht; es ist eine Wahrheit für die, die es verstehen können und eine Phantasterei für die, die es nicht können". Treffender kann man "Das Lebenselixier" nicht charakterisieren.
Der Autor
Edward Bulwer-Lytton, engl. Romanschriftsteller und Politiker, ist bekannt geworden durch seine populären historischen/metaphysischen und unvergleichlichen Romane wie „Zanoni“, „Rienzi“, „Die letzten Tage von Pompeji“ und „Das kommende Geschlecht“. Ihm wird die Mitgliedschaft in der sagenumwobenen Gemeinschaft der Rosenkreuzer nachgesagt. 1852 wurde er zum Kolonialminister von Großbritannien ernannt.
Edward Bulwer-Lytton
Das Lebenselixier
Metaphysischer Roman
Übersetzt von Bernd Wollsperger

Inhaltsverzeichnis
Umschlag
Das Buch / Der Autor
Titel
Inhaltsverzeichnis
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Kapitel XXII
Kapitel XXIII
Kapitel XXIV
Kapitel XXV
Kapitel XXVI
Kapitel XXVII
Kapitel XXVIII
Kapitel XXIX
Kapitel XXX
Kapitel XXXI
Kapitel XXXII
Kapitel XXXIII
Kapitel XXXIV
Kapitel XXXV
Kapitel XXXVI
Kapitel XXXVII
Kapitel XXXVIII
Kapitel XXXIX
Kapitel XL
Kapitel XLI
Kapitel XLII
Kapitel XLIII
Kapitel XLIV
Kapitel XLV
Kapitel XLVI
Kapitel XLVII
Kapitel XLVIII
Kapitel XLIX
Kapitel L
Kapitel LI
Kapitel LII
Kapitel LIII
Kapitel LIV
Kapitel LV
Kapitel LVI
Kapitel LVII
Kapitel LVIII
Kapitel LIX
Kapitel LX
Kapitel LXI
Kapitel LXII
Kapitel LXIII
Kapitel LXIV
Kapitel LXV
Kapitel LXVI
Kapitel LXVII
Kapitel LXVIII
Kapitel LXIX
Kapitel LXX
Kapitel LXXI
Kapitel LXXII
Kapitel LXXIII
Kapitel LXXIV
Kapitel LXXV
Kapitel LXXVI
Kapitel LXXVII
Kapitel LXXVIII
Kapitel LXXIX
Kapitel LXXX
Kapitel LXXXI
Kapitel LXXXII
Kapitel LXXXIII
Kapitel LXXXIV
Kapitel LXXXV
Kapitel LXXXVI
Kapitel LXXXVII
Kapitel LXXXVIII
Kapitel LXXXIX
Impressum
For what we do presage is not in grosse.
For we be brethren of the Rosie Crosse.
We have the Mason word, and second sight.
Things for to come we can foretell aright...
Muses Threnodie, Henry Adamson, Edinburgh, 1638
Kapitel I
Im Jahre 18.. ließ ich mich als Arzt in einer der reichsten unserer großen englischen Städte nieder, die ich nur mit ihrem Anfangsbuchstaben L.... bezeichnen will. Ich war noch jung, hatte mir aber durch meine professionelle Tätigkeit , die mir – wie ich hoffen darf – in der Fachwelt immer noch den Ruf einer Autorität auf meinem Gebiet sichert, einen gewissen Namen erworben. Ich hatte in Edinburgh und Paris studiert und konnte mir an beiden dieser hervorragenden medizinischen Fakultäten den Beifall meiner Professoren in einem Maße erwerben, der die Ambitionen eines Studenten wohl zu der Aussicht auf zukünftige Auszeichnung berechtigte. Nachdem ich ein Mitglied des Ärztekollegiums geworden war, bereiste ich, ausgestattet mit Empfehlungsschreiben hervorragender Mediziner, die Hauptstädte Europas und trachtete danach, meine medizinischen Kenntnisse durch die verschiedenen Theorien und Behandlungsmethoden erweitern zu können. Ich hatte beschlossen, meinen Wohnsitz in London zu nehmen. Ehe ich jedoch meine Vorbereitungstour abschließen konnte, wurde mein Entschluss durch eines jener unerwarteten Ereignisse verändert, welche die Absichten des Menschen so oft vereiteln. Als ich auf dem Weg nach Norditalien durch Tirol kam, fand ich in einem kleinen, weit von ärztlicher Hilfe entfernten Gasthaus einen englischen Reisenden vor, der lebensgefährlich an einer akuten Lungenentzündung erkrankt war. Ich widmete mich ihm Tag und Nacht und hatte, eher infolge meiner sorgsamen Pflege als durch den Einsatz von Medikamenten, das Glück, seine vollständige Wiederherstellung bewirken zu können.
Der Reisende erwies sich als Julius Faber, selbst ein namhafter Arzt, der sich damit begnügt hatte, sich in seiner Geburtsstadt L... niederzulassen, jedoch einen weitverbreiteten Ruf als gründlicher und origineller Pathologe besaß, und dessen Schriften einen nicht unwichtigen Teil meiner eigenen speziellen Studien ausgemacht hatten. Er war gerade im Begriff gewesen, mit erneuerter Kraft von einem kurzen Erholungsurlaub nach Hause zurückzukehren, als er durch die erwähnte Krankheit niedergestreckt wurde. Der zufällige Patient wurde der Begründer meines beruflichen Glücks. Er fasste eine freundschaftliche Zuneigung zu mir, vielleicht um so mehr, als er ein kinderloser Junggeselle war und sein Neffe, auf den sein Reichtum übergehen sollte, nicht erkennen ließ, auch die Mühen, durch die der Reichtum erworben worden war, auf sich nehmen zu wollen. So war wohl ein Erbe für das Eine vorhanden, lange hatte er jedoch nach einem Nachfolger für das Andere gesucht und sich nun in den Kopf gesetzt, denselben in mir gefunden zu haben. So musste ich ihm zum Abschied versprechen, eine regelmäßige Korrespondenz mit ihm zu unterhalten und es dauerte nicht lange, bis er mir in einem Brief mitteilte, welchen Plan er zu meinen Gunsten geschmiedet hatte. Er würde alt, so schrieb er, die Arbeit in seiner Praxis überstieg seine Kräfte und er benötige einen Partner. Er bringe es nicht über sich, die Gesundheit seiner Patienten, die ihm wie Kinder ans Herz gewachsen seien, feil zu bieten: um so mehr, als Geld für ihn keine Bedeutung habe - der Menschheit, der er gedient und dem Ruf, den er erworben habe aber kein Nachteil aus der Wahl seines Nachfolgers erwachsen solle. Kurz, er schlug vor, ich solle sofort nach L... kommen, sein Partner werden und nach Ablauf von zwei Jahren seine Praxis ganz übernehmen, da er vorhabe, sich im Anschluss an diese Frist in den Ruhestand zu begeben.
Eine derartige Chance bietet sich einem jungen Mann, der gerade im Begriff war, sich in einem derart überbesetzten Beruf zu etablieren, nur selten; und als jemand, den weniger die Verlockungen des Geldes, als vielmehr die Aussicht auf Ruhm und Auszeichnungen anzogen, galt mir der Ruf des Arztes, der mir so großzügig die unschätzbaren Vorteile seiner langen Erfahrung bot und mich mit solcher Herzlichkeit in seine Praxis einführen wollte, als Beweis dafür, dass eine Praxis in der Hauptstadt nicht unbedingt notwendig sei, um zu nationalem Ansehen zu gelangen.
Ich begab mich also nach L.... und noch vor Ablauf der zwei Jahre meiner Teilhaberschaft rechtfertigte mein Erfolg die Wahl meines wohlwollenden Freundes und überstieg meine eigenen Erwartungen bei weitem. Ich hatte das Glück, gleich zu Beginn meiner Tätigkeit einige bemerkenswerte Heilerfolge zu erzielen und es bedeutet viel für die Karriere eines Arztes, wenn er durch einen glücklichen Wink des Schicksals das Vertrauen erringen kann, welches Patienten meist erst der langjährigen Erfahrung entgegen bringen. Zu der Leichtigkeit, in der mein Weg geebnet wurde, trugen wahrscheinlich auch einige Umstände bei, die mit meinen medizinischen Fähigkeiten nichts zu tun hatten. Meine Herkunft und mein Vermögen schützten mich vor dem Verdacht, ein medizinischer Abenteurer zu sein. Ich gehörte einer alten Familie an (einem Zweig des ehemals mächtigen Grenzclans der Fenwicks), die seit vielen Generationen ein schönes Gut in der Nähe von Windermere besaß. Als einzigem Sohn war diese Besitzung mit Eintritt meiner Volljährigkeit auf mich übergegangen und war von mir verkauft worden, um die Schulden meines Vaters, der als Antiquar und Sammler einen kostspieligen Geschmack besessen hatte, tilgen zu können. Der verbleibende Erlös sicherte mir, abgesehen vom Ertrag meiner Praxis, eine bescheidene Unabhängigkeit; und da ich gesetzlich nicht verpflichtet gewesen wäre, für die Verbindlichkeiten meines Vaters einzustehen, gewann ich durch mein Verhalten den Ruf der Uneigennützigkeit und Rechtschaffenheit, der die öffentliche Meinung in England stets für durch Fleiß oder Talent erworbene Erfolge geneigt stimmt. Vielleicht wurden mir auch berufliche Fähigkeiten, die ich besitzen mag, bereitwillig zugestanden, da ich mit großem Erfolg Studien in den an die Medizin angrenzenden Wissenschaften durchgeführt hatte. Kurz gesagt, ich befand mich in der glücklichen Lage, in der Gesellschaft eine Stellung einnehmen zu können, die meinem Ruf als Arzt behilflich war und die Stimmen der Neider, die für gewöhnlich den Erfolg verbittern oder sogar zu verhindern wissen, zum Verstummen brachte.
Dr. Faber setzte sich nach Ablauf der vereinbarten zwei Jahre zur Ruhe. Er ging ins Ausland und da er noch immer über eine rüstige Gesundheit und einen wachen, wissbegierigen Geist verfügte, unternahm er viele Reisen, während derer wir anfangs einen regelmäßigen Briefwechsel unterhielten, der jedoch im Laufe der Zeit versiegte und schließlich ganz zum Erliegen kam.
Ich konnte den größten Teil der Praxis, die mein Vorgänger in dreißig Jahren harter Arbeit aufgebaut hatte, auf mich übertragen. Mein Hauptrivale war ein gewisser Dr. Lloyd, ein gütiger, heißblütiger Mann – nicht ohne ein gewisses Genie ausgestattet, so weit von Genie gesprochen werden kann, wenn es an Urteilsvermögen fehlt; nicht ohne wissenschaftliche Kenntnisse, denen es jedoch an der notwendigen Gründlichkeit mangelte – einer jener begabten, aber oberflächlichen Männer, welche nicht fähig sind, sich dem gewählten Beruf mit dem vollen Einsatz ihres Verstandes zu widmen. Männer dieser Art verfallen für gewöhnlich einer mechanischen Routine, da sich ihre Gedanken während der Ausübung ihrer angeblichen Berufung verlockenderen Beschäftigungen zuwenden. Aus diesem Grunde sind sie im Rahmen ihrer Tätigkeit selten kühn oder erfinderisch – obwohl sie diese Eigenschaften außerhalb ihres Beruf bisweilen sogar im Übermaß zeigen. Zeigt sich jedoch im Rahmen dessen eine grundlegende Neuerung, so pflegen sie dieselbe mit einer an Starrsinn grenzenden Zähigkeit und Leidenschaft, die den ruhigen Philosophen unbekannt ist, die sich jeden Tag mit Neuigkeiten beschäftigen, diese mit der Nüchternheit geübter Augen prüfen, bei Seite legen, teilweise verändern oder sich ganz aneignen, je nachdem ob das vergleichende Experiment die Mutmaßung bestätigt oder als nicht stichhaltig zurückweisen muss.
Dr. Lloyd hatte sich als ausgebildeter Naturwissenschaftler einen Ruf erworben, lange bevor ihm der eines akzeptablen Arztes zuteil geworden war. Trotz aller Entbehrungen seiner Jugend hatte er es Schritt um Schritt zustande gebracht, eine zoologische Sammlung, nicht lebender, sondern zum Glück des Betrachters ausgestopfter und einbalsamierter Lebewesen zusammen zu tragen. Aus dem, was ich berichtet habe, kann zu Recht geschlossen werden, dass Dr. Lloyd´s frühe Karriere als Mediziner nicht gerade brillant zu nennen war; in späteren Jahren hatte er sich jedoch in den Status einer Autorität, den die Zeit einem allgemein respektierten Menschen zugesteht, den man allgemein schätzt und den zu beneiden sich niemand veranlasst sieht, eher hinein gealtert als gearbeitet.
In L... gab es zwei deutlich getrennte gesellschaftliche Kreise – den der reichen Kaufleute und Händler und den einiger weniger privilegierter Familien, die einen fernab vom geschäftigen Treiben des Handels gelegenen Teil der Stadt bewohnten, den man Abbey Hill nannte. Diese stolzen Areopagiten übten über die Frauen und Töchter der niederen Klasse, der mit Ausnahme des Abbey Hills alle Bürger ihren Wohlstand verdankten, den selben geheimnisvollen Einfluss aus, den man unter ähnlichen Verhältnissen in allen großen und kleinen Städten Englands beobachten kann.
Abbey Hill war nicht übermäßig reich; aber durch eine Konzentration seiner Ressourcen mächtig genug, in allen Arten der Gönnerschaft maßgebend zu sein. Abbey Hill hatte seine eigene Modistin, seine eigene Textilhandlung, seinen eigenen Konditor, Metzger, Bäcker und Teehändler. Die Schirmherrschaft des Abbey Hill war der eines Königshauses vergleichbar – an sich wenig lukrativ, vielmehr ein feierliches Zeugnis des allgemeinen Verdienstes. Die Läden, die Abbey Hill zu ihrem Kundenkreis zählen durften, gehörten sicher nicht zu den günstigsten, wahrscheinlich nicht einmal zu den besten, waren jedoch unbestreitbar eindrucksvoll. Die Eigentümer waren auf anständige Weise prunkvoll, die Angestellten auf hochmütige Art höflich. Es schien ganz so, als ob es sich um Staatsbedienstete handelte, die verächtlich auf diejenigen herab blickten, denen sie dienen sollten. Die Damenwelt der Low Town, (die am Fuße des Hills liegende Stadt war nach dem Vorbild einer weit zurückliegenden Feudalzeit entworfen worden), betraten diese Läden mit einer ehrfurchtsvollen Scheu und verließen sie wieder mit einer gewissen Art Stolz. Sie hatten eine Erfahrung gemacht, die der Hill anerkannte; sie hatten gekauft, was sich der Hill leisten konnte. Es bedeutet viel im Leben sich bewusst zu sein, das Rechte getan zu haben, was immer diese Überzeugung uns auch kosten mag.
Abbey Hill pflegte unter anderem auch seinen eigenen Arzt zu konsultieren. Aber diese Gewohnheit war in den späteren Jahren der Praxis meines Vorgängers etwas außer Brauch geraten. Seine Überlegenheit über alle anderen Ärzte der Stadt stand derart unbestritten fest, dass der Berg, welcher gelegentlich auch den physischen Gebrechen der einfachen Sterblichen unterworfen war - obwohl Dr. Faber den städtischen Krankenhäusern und Kliniken vorstand und auch seiner Herkunft nach ausdrücklich zuständiger Arzt der Unterstadt war - die Frage der Ehre nicht so weit betrieb, in der Sache ein Opfer an Menschenleben zu riskieren. Da die untere Stadt einen der berühmtesten Ärzte Englands besaß, entschloss sich der Abbey Hill großmütig, ihn nicht durch einen Rivalen in Bedrängnis zu bringen. Abbey Hill ließ sich gnädig von ihm den Puls fühlen.
Als mein Vorgänger in den Ruhestand ging, hatte ich in überheblicher Weise vorausgesetzt, der Hill werde fortfahren, sich seines normalen Rechts an einem eigenen Arzt zu erinnern und mir dieselbe großmütige Gunst zu Teil werden lassen, die er ihm, der mich für würdig befunden hatte seinen Ehren nachzufolgen, erwiesen hatte. Ich hatte Anlass für diese Vermessenheit, da der Hill mir bereits zugestanden hatte, eine nennenswerte Anzahl seiner Patienten behandeln zu dürfen, mir einige gnädige Dinge über das große Ansehen der Familie Fenwick gesagt und mich hin und wieder zum Dinner und viel häufiger noch zum Tee eingeladen hatte.
Doch mein Dünkel erlitt einen bemerkenswerten Rückschlag. Abbey Hill erklärte, dass die Zeit gekommen sei, das im Dornröschenschlaf liegende Privileg wieder ins Leben zu rufen, einen Doktor seiner eigenen Wahl zu berufen, einen Doktor, dem man wohl gestatten konnte, aus Gründen der Menschlichkeit oder des Gewinns die Unterstadt zu besuchen, der aber seine besondere Lehenstreue gegen Abbey Hill nachdrücklich dadurch bekundete, seine Wohnung auf dieser ehrwürdigen Anhöhe zu nehmen. Miss Brabazon, eine unverheiratete Dame ungewissen Alters, aber unzweifelhafter Abstammung, mit einem kleinen Vermögen und einer großen Nase – die sie selbst scherzhaft als Beweis ihrer Abstammung von Humphrey, Duke of Gloucester (mit dem sie, ungeachtet der Zeitrechnung, tatsächlich oft diniert haben mag) erklärte – wurde beauftragt, mich, ohne den Hill durch die Anfrage in irgendeiner Weise bloßzustellen, diplomatisch zu befragen, ob ich geneigt sei, ein am Rande des Hills gelegenes, großes, altertümliches Herrenhaus zu beziehen, das vor vielen Jahrhunderten von Äbten bewohnt worden sein soll und von der Bevölkerung immer noch „Abbots´ House“ genannt wurde. Sollte ich mich hierzu entschließen können, werde der Berg an mich denken.
„Es handelt sich allerdings um ein großes Haus für einen alleinstehenden Mann,“ sagte Miss Brabazon offen und fügte mit einem Seitenblick von alarmierender Süße hinzu, „aber sobald Dr. Fenwick die seiner Abstammung entsprechende Stellung unter uns eingenommen hat, braucht er nicht lange alleine zu leben, es sei denn, er zieht diesen Zustand vor.“
Ich antwortete mit größerer Derbheit, als der Anlass gerechtfertigt hätte, dass ich zur Zeit nicht daran denke, meine Wohnung zu verlegen und dass der Hill eben nach mir schicken solle, wenn er mich brauche.
Zwei Tage danach mietete sich Dr. Lloyd in Abbots´ House ein und kaum eine Woche später war er der erklärte medizinische Ratgeber des Hills. Die Wahl wurde durch den Richtspruch einer großen Dame entschieden, die unter dem Namen einer Mrs. Colonel Poyntz auf der heiligen Anhöhe als Alleinherrscherin gebot.
„Dr. Fenwick,“ sagte diese Dame, „ist wohl ein kluger junger Mann und Gentleman, aber bildet sich doch ein wenig zu viel darauf ein – der Berg duldet keine Anmaßung außer der eigenen. Hinzu kommt, dass es sich um einen Neuankömmling handelt: der Widerstand gegen Neuankömmlinge, überhaupt gegen alles Neue, ausgenommen Hüte und Romane, stellt eines der wichtigsten Bande dar, welche alteingesessene Gesellschaften zusammenhalten. Aus diesem Grunde hat Dr. Lloyd auf meinen Rat hin Abbots´House bezogen; die Kosten hierfür würden jedoch seine Mittel übersteigen, wenn der Hill sich nicht verpflichtet fühlte, das in seine Protektion gelegte Vertrauen zu rechtfertigen. Ich versicherte ihm, dass alle meine Freunde nach ihm schicken würden, sobald ein Krankheitsfall auftritt, und wer sich zu meinen Freunden rechnet, wird mich nicht Lügen strafen. Was der Hill tut, wird viele Nachahmer bei denen dort unten finden – damit ist die Angelegenheit geregelt!“ Und sie war geregelt.
Dr. Lloyd, in solcher Weise an der Hand genommen, dehnte den Bereich seiner Besuche bald über die Grenzen des Hills aus, der für einen Arzt nicht unbedingt gleichbedeutend mit einem Berg aus Gold war und teilte sich mit mir, wenn auch zu einem geringen Anteil, die viel einträglichere Praxis in der Low Town.
Ich hatte keinen Grund, ihm seinen Erfolg zu missgönnen und tat es auch nicht. Aber nach meiner Ansicht über Heilkunst war seine Diagnose nur oberflächlich und seine Rezeptur veraltet. Wurden wir zusammen zu einem Ärztekonzil berufen, konnten wir uns nur selten auf eine Behandlungsweise verständigen. Ohne Zweifel war er der Ansicht, ich müsse in Anbetracht seiner Jahre Respekt zeigen; aber ich hielt es mit der Auffassung, welche die Jugend für die Wahrheit und die Alten für ein Paradox halten: nämlich, dass in Bezug auf wahre Wissenschaft in Wirklichkeit die Jüngeren die Erfahreneren - mit den neuesten Errungenschaften vertraut - seien, während die Senioren stur an den Lehrsätzen festhielten, die ihnen beigebracht worden waren als die Welt noch einige Jahrzehnte jünger war.
Inzwischen breitete sich mein Ruf rasch aus, auch über meinen derzeitigen Wirkungskreis hinaus; mein Rat wurde sogar von Patienten aus der Hauptstadt eingeholt. Das Streben, das mir schon in früher Jugend meine Karriere vorgezeichnet und all meine Mühen versüßt hatte – der Ehrgeiz meinen Platz unter den großen Ärzten einzunehmen, denen die Menschheit eine dankbare, wenn auch prunklose Anerkennung zollt – sah sich vor freiem Feld und einem sicheren Ziel.
Ich weiß nicht, ob ein weit vor der dafür vorgesehenen Zeit errungener Erfolg dazu berechtigt, aber er rechtfertigte meiner Ansicht nach den Hauptzug meiner moralischen Organisation – intellektuellen Stolz.
Trotz aller Milde und Sanftheit gegenüber den meiner Obhut anvertrauten Patienten, ein notwendiges Element meines Berufes, neigte ich zu Intoleranz gegenüber Kollegen, die meinen Ansichten widersprachen – ja selbst meine Lieblingstheorien anzweifelten.
Die Grundsätze meiner medizinischen Ausbildung richteten sich streng nach den Prinzipien der induktiven Logik aus. Mein Glaubensbekenntnis war ein strenger Materialismus. Ich zeigte tiefe Verachtung für all jene, die gläubig hinnahmen, was durch Vernunft nicht erklärt werden konnte. Meine Lieblingsphrase war „gesunder Menschenverstand“. Gleichzeitig hatte ich keinerlei Vorurteile gegenüber kühnen Entdeckungen, da Entdeckungen Forschung voraussetzen, verwarf aber alle Hypothesen, die nicht durch einen praktischen Test bestätigt werden konnten.
Als Mediziner war ich Schüler von Broussai´s, auf metaphysischem Gebiet Anhänger Condillac´s gewesen. Ich glaubte mit diesem Philosophen daran, dass „wir all unser Wissen der Natur schulden; dass wir uns zu Beginn nur durch ihre Lektionen unterrichten können; und dass alle Kunst der Spekulation nur in der Fortsetzung dessen bestehe, was sie uns zu beginnen gezwungen hat.“ Da ich die Naturphilosophie streng von den Lehren der Offenbarung zu trennen wusste, kam ich nie mit den letzteren in Konflikt; aber ich behauptete steif und fest, dass kein gründlicher Denker aus ersterer die Existenz der Seele als drittes Prinzip neben Geist und Körper ableiten könne. Dass wie durch ein Wunder der Mensch wieder lebendig werden könnte, sei eine Frage des Glaubens, nicht des Verstandes. Ich überließ den Glauben der Religion und verbannte ihn aus der Philosophie. Wie konnte mit der Sicherheit, die der Logik der Philosophie genügte, definieren, was wieder lebendig werden sollte? Der Körper? Wir wissen, dass der Körper im Grab ruht, bis der Zersetzungsprozess seine Elementarteile in eine andere materielle Form gebracht hat. Der Geist? Aber der Geist war ein klares Resultat der körperlichen Organisation, wie die Musik des Cembalos das Resultat des sie erzeugenden Mechanismus des Instrumentes ist. Der Geist teilt die Hinfälligkeit des Körpers in extremem Alter, und durch Beschädigung des Gehirns kann in Mitten der vollen Kraft der Jugend der Intellekt eines Plato oder Shakespeare zerstört werden. Aber das dritte Prinzip – die Seele – dieses Etwas, das im Körper wohnen soll, wie sollte sie weiterleben können? Wo verbarg sie sich vor den Blicken des Pathologen? Mussten die Philosophen, die versuchten sie zu definieren, sie nicht mit den Eigenschaften des Geistes vermischen? Konnten man sie auf das bloße moralische Empfinden reduzieren, veränderbar durch Erziehung, Ausbildung, Verhältnisse und physische Konstitution? Aber selbst das moralische Empfinden des tugendhaftesten Menschen kann durch ein Fieber weggewischt werden. Dies waren meine Ansichten zu der Zeit, von der ich jetzt spreche – Ansichten, die sicher nicht originell oder gefällig zu nennen sind; aber ich hielt an ihnen mit einer Hartnäckigkeit fest, als handele es sich um besonders trostbringende Wahrheiten und ich sei ihr Entdecker. Ich zeigte Intoleranz gegenüber denjenigen, die dem widersprechende Lehren unterstützten – verachtete sie als irrational oder verabscheute sie als unaufrichtig. Sicher hatte ich die Laufbahn, die mein Streben vorausgesagt hatte, vollendet – war Begründer einer neuen pathologischen Schule geworden und meine Theorien in akademischen Vorlesungen zusammengefasst – hätte sogar eine, wenn auch schwache Autorität für jene Sekten abgegeben, die das Interesse des Menschen auf das Leben beschränken, das seinen Abschluss im Grab findet.
Vielleicht fand auch das, was ich intellektuellen Stolz nenne, mehr als ich zuzugeben bereit war, Nahrung in dem Selbstvertrauen, das gewöhnlich aus einem ungewöhnlich hohen Grad physischer Kraft erwächst. Ich war von der Natur mit der Statur eines Athleten gesegnet worden. Unter der abgehärteten Jugend des nördlichen Athens hatte ich mich durch frühzeitige Proben meiner Behendigkeit und Kraft ausgezeichnet. Meine geistigen Arbeiten und das gewissenhafte Verantwortungsbewusstsein, welches mit dem medizinischen Beruf einher gehen sollte, ließ mich zwar des Lebens nicht so recht froh werden, konnte jedoch meine seltene körperliche Gesundheit in keiner Weise schwächen. Ich durchmaß die Menge mit festem Schritt und dem stolz erhobenen Haupt eines der geharnischten Ritter des Altertums, der sich in seinem Gehäuse aus Eisen einem ganzen Haufen gewachsen fühlte.
Aus diesem Grunde trug der Sinn einer robusten Individualität, ebenso stark in disziplinierter Vernunft wie in animalischer Kraft und daran gewöhnt, anderen zu helfen, dazu bei, meinen Willen gebieterisch und meine Meinung arrogant zu gestalten. Diese Mängel waren mir meinem Beruf keineswegs abträglich; im Gegenteil, da sie von einem ruhigen Wesen und der Art Würde, die eine Art Amtstracht der Selbstachtung ist, begleitet wurden, dienten sie dazu, mir Respekt zu verschaffen und Vertrauen herzustellen.
Kapitel II
Ich war ungefähr sechs Jahre in L... tätig, als ich plötzlich in eine Kontroverse mit Dr. Lloyd verwickelt wurde. Gerade als die ärztlichen Erfolge dieses unglücklichen Mannes auf ihrem Zenit standen, beging er die Dummheit, sich nicht nur als begeisterten Anhänger des Mesmerismus als Heilmaßnahme zu proklamieren, sondern auch als eifrigen Gläubiger der Realität somnambulen Hellsehens als eines unschätzbaren Geschenks bestimmter privilegierter Organisationen zu erklären. Diesen Doktrinen setzte ich eifrigen Widerspruch entgegen – vielleicht mit um so größerer Heftigkeit, da Dr. Lloyd aus ihnen einen Beweis für die Existenz der Seele sowie der Unabhängigkeit des Geistes vom Körper ableitete und darauf ein Gebilde physiologischer Phantasien aufbaute, welches, wäre es nachzuweisen gewesen, jedes System der Metaphysik, das sich die anerkannte Philosophie bisher herabgelassen hatte zu diskutieren, ersetzt hätte.
Ungefähr zwei Jahre, bevor er eigentlich eher ein Schüler von Puysegur als von Mesmer wurde (Mesmer setzte wenig Vertrauen in die Gabe des Hellsehens, deren erster kühner Verfechter in der Neuzeit, wie ich glaube, Puysegur war), hatte Dr. Lloyd seine sehr viel jüngere, zärtlich geliebte Gattin verloren. Dieser Verlust, der ihn Hoffnung auf eine Welt jenseits des Grabes suchen ließ, war vielleicht die Ursache, ihn für das Phänomen, in dem er Beweise für eine rein geistige Existenz zu finden hoffte, empfänglicher zu machen. Wäre es lediglich darum gegangen, mich mit den Ansichten eines anderen Physiologen auseinander zu setzen, hätte ich mich, wie es wissenschaftlichen Kontrahenten auf der Suche nach der Wahrheit ziemt, auf einen fairen Schlagabtausch beschränkt und ich müsste mich nicht für meine ehrliche Überzeugung und Argumentation entschuldigen; aber als er mich - als viel jüngeren Mann, der das Phänomen, das er verleugne, überhaupt nicht verstehe - mit gutmütiger Herablassung zu einer seiner Séancen einlud, um seine Heilungen zu bestätigen, wurde meine Eigenliebe verletzt und es schien mir notwendig zu erklären, dass die Veranstaltung eine zu große Gewalttat gegenüber dem gesunden Menschenverstand darstelle, um überhaupt eine Untersuchung zu rechtfertigen. Aus diesem Grund schrieb ich ein Pamphlet zu dem Thema, in dem ich alle Waffen einsetzte, welche die Ironie von der Verachtung borgen kann. Dr. Lloyd antwortete; und da er kein geübter Schreiber war, schadete ihm seine Erwiderung vielleicht mehr als mein Angriff. In der Zwischenzeit hatte ich Erkundigungen über den moralischen Charakter seiner bevorzugten Hellseherinnen eingezogen. Ich glaubte genug in Erfahrung gebracht zu haben, um sie als abgefeimte Betrügerinnen, ihn selbst als ihr übertölpeltes Opfer bezeichnen zu dürfen.
Die Low Town trat, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auf meine Seite über. Der Hill schien anfangs geneigt zu sein, sich um seinen gekränkten Arzt scharen und den Streit zu einem Parteienstreit machen zu wollen, in dem er schwerlich den Kürzeren gezogen haben würde, als sich plötzlich dieselbe hochstehende Dame, die Dr. Lloyd die Gunst seiner hohen Stellung verschafft hatte, gegen ihn wandte und ihre Huld in Ungnade wandelte.
„Dr. Lloyd ist eine liebenswerte Natur,“ so die Königin des Hills „irrt aber in Bezug auf dieses Thema völlig. Überdrehte Dichter mögen einer exaltierten Eigenschaft ihren höheren Wert verdanken, aber bei einem Mediziner wird die Angelegenheit gefährlich. Zudem hat er dem Festhalten an allem Althergebrachten die Gunst des Hills zu verdanken; da er überspannte revolutionäre Theorien einführen will, verstößt er gegen die Prinzipien des Hill und übt Verrat an den Grundsätzen, die seine sozialen Fundamente ausmachen. Dr. Fenwick ist als Streiter für diese Prinzipien eingetreten und der Hill ist verpflichtet, ihn dabei zu unterstützen. Damit ist die Angelegenheit geregelt.“
Und sie war geregelt.
Von dem Augenblick an, in dem Mrs. Colonel Poyntz ihren Tagesbefehl erlassen hatte, war Dr. Lloyd vernichtet. Seine Praxis war ebenso zu Grunde gerichtet wie sein Ruf. Die Kränkung und der Ärger bewirkten einen Schlaganfall, der meinen Gegner ausschaltete und unserem Streit ein Ende bereitete. Ein obskurer Dr. Jones, der Dr. Lloyds Schüler und Protégé gewesen war, bot sich selbst als Kandidat für die Zungen und Pulse des Hills an. Der Hill gab ihm jedoch wenig Anlass zur Ermutigung. Er suspendierte aufs Neue sein Wahlrecht und rief mich einfach - ohne eine erneute Bewerbung von meiner Seite zu verlangen - so oft seine Gesundheit eines anderen Rates außer dem des von Haus zu Haus eilenden Apothekers bedurfte. Erneut wurde ich zum Dinner und noch öfter zum Tee eingeladen. Und abermals gab mir Miss Brabazon mit einem Seitenblick zu erkennen, dass es nicht ihre Schuld sei, wenn ich noch immer unverheiratet sei.
Ich hatte die Auseinandersetzung fast schon vergessen, der ich einen derartig auffälligen Triumph verdankte, als ich in einer Winternacht aus dem Schlaf geweckt wurde. Dr. Lloyd war einige Stunden vorher von einem zweiten Schlaganfall betroffen worden und hatte, als er wieder zu sich kam, das ungestüme Verlangen ausgedrückt, den Rivalen, durch den er so schweren Schaden erlitten hatte, zu konsultieren.
Eine Februarnacht, scharf und bitter kalt; am Boden eisengrauer Frost, am Himmel ein melancholischer, gespenstischer Mond. Ich musste Abbey Hill über eine finstere, steile zwischen hohen Mauern hindurch führende Gasse erklimmen. Ich betrat durch ein stattliches Tor, welches weit offen stand, den Garten, der das alte Abbots´ House umgab. Am Ende einer kurzen Zufahrt trat das dunkle und düster wirkende Gebäude aus laublosen Baumskeletten hervor; das Mondlicht ruhte hell und kalt auf den vorspringenden Giebeln und hohen Schornsteinen. Eine alte Bedienstete empfing mich an der Haustüre und führte mich, ohne ein Wort zu sprechen, durch eine lange niedrige Halle und eine trübselige Eichentreppe hinauf zu einem großen Treppenabsatz, auf dem sie einen Moment lang lauschend stehen blieb. Halle, Treppenhaus und Absatz waren angefüllt mit toten Exemplaren wilder Tiere, deren Sammlung der ganze Stolz des Naturforschers gewesen war. Nahe an dem Ort, an dem ich stand, gähnte der geöffnete Rachen einer Anaconda - der untere Teil ihres Körpers wurde, da er auf dem darunter liegenden Stockwerk ruhte, durch die Windungen der massiven Treppe verborgen. An den von einer matten Täfelung bedeckten Wänden, standen Glaskästen mit grotesken unheimlichen Mumien, welche durch das durch die Fenster scheinende Mondlicht und die Kerze in der Hand der alten Frau nur unzureichend beleuchtet wurden. Diese wandte sich mir jetzt zu, winkte mir, ihr zu folgen und führte mich durch eine finstere Passage, von deren Seiten aus mich Reihen riesiger Vögel – Ibis, Geier und der riesige Condor – mit von falschem Lebenslicht erhellten, hungrigen Augen anglotzten.
Ich betrat das Krankenzimmer und bereits mein erster Blick sagte mir, dass hier meine Kunst machtlos geworden war.
Die Kinder des schwerkranken Witwers standen rings um das Bett versammelt, das Älteste offenbar etwa vierzehn, das Jüngste vier Jahre alt; ein kleines Mädchen – das einzige weibliche Kind – hing am Hals ihres Vater, drückte sein Gesicht an seine Brust und sein Schluchzen war das einzige laute Geräusch, das im Raum hörbar war .
Als ich über die Schwelle trat, hob Dr. Lloyd den Kopf, den er über das weinende Kind gebeugt hatte und empfing mich mit einem Blick seltsamer Fröhlichkeit, den ich mir nicht erklären konnte. Als ich langsam und leise an seine Seite trat, drückte er seine Lippen auf die langen blonden Flechten, die wirr auf seine Brust niederfielen und bedeutete der Krankenschwester, die neben dem Kopfende des Bettes stand, das Kind fort zu nehmen. Dann bat er die Schwester und die Kinder mit einer Stimme, die klarer war, als ich sie von einem Mann erwartet hätte, dessen Stirn das unverkennbare Siegel des Todes trug, den Raum zu verlassen. Seiner Bitte wurde traurig Folge geleistet; nur das kleine Mädchen, in die Arme der Krankenpflegerin gebettet, fuhr fort zu schluchzen, als wolle ihm das Herz brechen.
Ich war auf keine derart ergreifende Szene vorbereitet und tief bewegt. Meine Augen folgten voller Wehmut den Kindern, die so bald Waisen werden sollten, während eines nach dem anderen in den kalten dunklen Gang, angefüllt mit den blutlosen Vertretern einer stummen rohen Natur - in grässlicher Weise vor dem Sterbezimmer eines Menschen aufgebaut - hinaustrat. Als die letzte Kindergestalt verschwunden war und die Tür sich mit einem scharfen Geräusch geschlossen hatte, wanderten meine Blicke noch unstet im Zimmer umher, bevor ich es über mich brachte, sie der zusammengebrochenen Gestalt zuzuwenden, neben der ich jetzt in der vollen Größe und Kraft stand, die den Stolz meines Geistes genährt hatte. In dem Moment, den meine wehmütige Umschau in Anspruch genommen hatte, brannte sich der Anblick dieses Ortes bis ans Ende meines Lebens unveränderlich in meine Erinnerung ein. Durch das hohe, tief herab reichende Fenster, das zur Hälfte von einem dünnen verblichenen Vorhang verhüllt wurde, strömte das Mondlicht herein, bedeckte den Boden mit dem weißen Schimmer eines Leichentuchs und verlor sich in der Dunkelheit unter dem Totenbett. Die Decke war niedrig, ein Eindruck, der sich durch die gekreuzten Stützbalken, die ich mit meiner erhobenen Hand erreichen konnte, noch verstärkte. Die hohe tropfende Kerze und das Flackern des Feuers, das sich durch das aufgehäufte Brennmaterial fraß, warfen ihre Reflexion einer übelriechenden zitternden Dunkelheit, ähnlich einer bösartigen Wolke, unmittelbar an die Decke über meinem Kopf.
Plötzlich ergriff der Sterbende mit seiner linken Hand (die rechte war bereits gelähmt) meinen Arm und zog mich näher und näher zu sich heran, bis seine Lippen beinahe mein Ohr berührten. Mit einer manchmal festen, manchmal durch Keuchen und Zischen zerrissenen Stimme sagte er:
„Ich habe Sie rufen lassen, damit Sie Ihr eigenes Werk bewundern können. Sie haben mein Leben in einem Augenblick zerstört, als es für meine Kinder am wichtigsten und für den Dienst an der Menschheit am nützlichsten war. Hätte ich noch einige Jahre länger gelebt, wären sie alt genug gewesen, um nicht den Versuchungen des Mangels ausgesetzt und nicht auf die Barmherzigkeit von Fremden angewiesen zu sein. Ihnen haben sie es zu verdanken, dass sie mittellose Waisen sein werden. Von Krankheiten heimgesuchte Mitmenschen, denen Ihr Arzneibuch nicht helfen konnte, kamen zu mir, um mich um Hilfe zu bitten und fanden sie. „Einbildung,“ sagten Sie. Aber was machte das schon aus, wenn ich die Einbildung in Richtung einer Heilung leitete? Nun haben Sie die Unglücklichen durch Ihren Spott ihrer letzten Chance beraubt. Sie werden leiden und zu Grunde gehen. Haben Sie geglaubt, ich sei im Irrtum? Sie wussten, dass mein Streben der Suche nach der Wahrheit galt. Sie haben gegen ihren Amtsbruder tödliche Arznei und eine vergiftete Sonde gebraucht. Sehen Sie mich an! Sind Sie zufrieden mit Ihrem Werk?“
Ich versuchte, meinen Arm dem Griff des sterbenden Mannes zu entwinden. Das ging jedoch nicht ohne Gewalt, die anzuwenden unmenschlich gewesen wäre. Seine Lippen näherten sich noch mehr meinem Ohr.
„Eitler Heuchler, rühmen Sie sich nicht damit, dass Ihr schriftstellerisches Talent der Wissenschaft gedient habe. Die Wissenschaft ist all denen gegenüber nachsichtig, die das Experiment als Prüfung einer Mutmaßung anbieten. Sie sind aus dem Stoff, aus dem Inquisitoren gemacht werden. Sie mutmaßen eine Entweihung der Wahrheit, wenn Ihre Dogmen in Zweifel gezogen werden. In Ihrer oberflächlichen Anmaßung haben Sie die Grenzen der Natur gezogen und sobald Ihre Vision verblasst, sagen Sie „Hier muss die Natur enden“; in der Bigotterie, die der Anmaßung das Verbrechen hinzufügt, würden Sie einen Entdecker steinigen, der Ihren Karten neue Gebiete hinzufügt und Ihre eigenmächtigen Grenzen erschüttert. Wahrlich die Vergeltung wird Sie ereilen! In den Räumen, die Ihre Wahrnehmung zu erforschen verschmäht hat, werden Sie verloren und verwirrt umherstreunen. Hah! Ich sehe Sie schon! Die flüsternden Phantome umringen Sie bereits!“
Die Stimme des Mannes verstummte abrupt; sein Blick erstarrte in glasigen Augen; seine Hand lockerte ihren Griff und er fiel auf sein Kissen zurück. Ich schlich mich aus dem Zimmer und traf auf die Krankenschwester und die alte Dienerin. Glücklicherweise waren die Kinder nicht anwesend. Aber aus einem nicht weit entfernten Zimmer hörte ich das Schluchzen des Mädchens.
Ich flüsterte der Schwester hastig zu: „Es ist alles vorüber!“, glitt unter dem Rachen der ungeheuren Anaconda vorbei und gelangte durch die dunkle Gasse zwischen den toten Wänden und die von geisterhaftem Mondlicht erhellten gespenstischen Straßen zurück in meine einsame Wohnung.
Kapitel III
Es dauerte einige Zeit, bis ich den Eindruck abschütteln konnte, den die Worte und der Blick des sterbenden Mannes auf mich gemacht hatten.
Nicht, dass mich mein Gewissen ernsthaft beunruhigt hätte. Was hatte ich schon getan? Eine Sache an den Pranger gestellt, die ich, wie die meisten vernünftigen Menschen – Ärzte oder nicht –, für eine jener Illusionen hielt, mit der die Quacksalberei Vorteile aus dem Wunder der Unwissenheit zieht. War es mir anzulasten, dass ich mich weigerte, die an Zaubermärchen erinnernden, angeblichen Kräfte mit demselben Respekt zu behandeln, wie die legitimen Errungenschaften der Wissenschaft? Hatte ich eine Ausbildung an wissenschaftlichen Akademien genossen, um mich zu einer Untersuchung herabzulassen, ob eine schlummernde Sibylle ein ihr auf den Rücken gelegtes Buch lesen oder mir in L...... sagen könnte, was im selben Augenblick ein an den Antipoden weilender Freund tue?
Und obwohl Dr. Lloyd ein ehrenwerter und ehrlicher Mann gewesen sein mochte, der aufrichtig an den Unfug geglaubt hatte, für den er von anderen die gleiche Leichtgläubigkeit forderte, kommt es nicht jeden Tag vor, dass ehrliche Menschen sich dadurch zum Gegenstand des Spotts machen, dass sie gegen den gesunden Menschenverstand verstoßen? Konnte ich voraussehen, dass eine Satire, die so sehr herausgefordert worden war, eine derartig tödliche Wunde schlagen könnte? War ich ein unmenschlicher Barbar, weil der zerstörte Gegner krankhaft empfindlich war? Deshalb machte mir mein Gewissen keine Vorwürfe und die Öffentlichkeit erwies sich nicht strenger als mein Gewissen. Die Öffentlichkeit hatte sich während der Auseinandersetzung auf meine Seite gestellt; die Öffentlichkeit wusste nichts von den Anschuldigungen, die mein Gegner auf seinem Sterbebett gegen mich erhob; die Öffentlichkeit wusste lediglich, dass ich ihm in seinen letzten Augenblicken Beistand geleistet hatte, sie sah mich der Bahre folgen, die ihn zu Grabe trug, bewunderte die Achtung, die ich ihm erwies, indem ich ihm einen einfachen Grabstein mit einer Inschrift, die seiner unbestreitbaren Menschenfreundlichkeit und Integrität Gerechtigkeit Rechnung trug, aufstellen ließ. Vor allem rühmte man den Eifer, mit dem ich eine Sammlung für seine Waisen initiierte und die Großzügigkeit, mit der ich als Erster eine Summe einzahlte, die im Vergleich zu den mir zu Verfügung stehenden Mitteln als groß bezeichnet werden konnte.
Ich beschränkte allerdings meine Unterstützung nicht auf diese Summe. Das Schluchzen des armen Mädchens klang immer noch in meinem Herzen nach. Da ihr Schmerz größer gewesen war als der ihrer Brüder, könnten ihr größere Prüfungen bevorstehen, wenn einmal die Zeit kam, ihren eigenen Weg durch die Welt zu beschreiten. Aus diesem Grunde legte ich, unter Vorsichtsmaßnahmen, die verhindern sollten, dass das Geschenk jemals bis zu meiner Hand zurück verfolgt werden konnte, eine Summe für sie an, die solange anwachsen konnte, bis sie ins heiratsfähige Alter käme und ihr als kleine Mitgift dienen konnte; sollte sie ledig bleiben, aber für ein Einkommen sorgte, das sie über die Versuchungen der Armut erhob und sie vor der Bitterkeit einer sklavischen Abhängigkeit bewahrte.
Dass Dr. Lloyd in Armut gestorben war, überraschte anfangs allgemein, da er in den letzten Jahren beachtliche Einkünfte erzielt hatte und stets ein zurückgezogenes Leben geführt hatte. Aber unmittelbar vor dem Beginn unserer Kontroverse hatte er sich dazu bewegen lassen, den Bruder seiner verstorbenen Frau, der Juniorpartner einer Londoner Bank war, durch ein Darlehen in Höhe seiner gesamten Ersparnisse zu unterstützen. Der Mann erwies sich als unredlich; er veruntreute nicht nur diese, sondern auch andere Summen, die ihm anvertraut worden waren und floh aus dem Land. Das selbe Gefühl gegen das Andenken seiner verstorbenen Gattin, das Dr. Lloyd um sein Vermögen brachte, bewog ihn auch, über die Ursache seines Verlustes Schweigen zu bewahren. Es war seinen Nachlassverwaltern vorbehalten den Verrat des Schwagers aufzudecken, den der arme Mann großzügig vor weiterer Schande bewahren wollte.
Der Bürgermeister von L...., ein reicher und von Gemeinsinn beseelter Kaufmann, kaufte das Museum, das Dr. Lloyd´s Passion für die Naturgeschichte zusammengetragen hatte, und die Summe, die aus dem Erlös des Verkaufs resultierte, reichte nicht nur aus, alle Verbindlichkeiten des Verstorbenen zu tilgen, sondern auch den Waisen eine Ausbildung zu sichern, die es zumindest den Jungen ermöglichen würde, sich einen guten Startplatz in dem Spiel zu sichern, in welchem Geschicklichkeit eine höhere Bedeutung hat als der Zufall und Fortuna sich als so wenig blind erweist, dass wir bei jeder Umdrehung des Rades beobachten können, wie Reichtum und Ehre den schlaffen Fingern der Unwissenheit und Trägheit entrissen werden, um von der entschlossenen Faust der Arbeit und des Wissens ergriffen zu werden.
Inzwischen übernahm ein auf dem Lande lebender Verwandter die Vormundschaft über die Waisen; sie verschwanden vom Schauplatz, und die Fluten des Lebens in einer kommerziell ausgerichteten Gemeinschaft brandeten bald wieder über den Platz, welchen der Verstorbene in den Gedanken seiner viel beschäftigen Mitbürger eingenommen hatte.
Eine Person in L...., und nur sie allein, schien den Hass zu teilen und geerbt zu haben, den der arme Arzt auf seinem Sterbebett über mich ausgegossen hatte. Es handelte sich um einen Gentleman namens Vigors, einen entfernten Verwandten des Verstorbenen, welcher sich während der Auseinandersetzung mit mir als einer der herausragenden Parteigänger Dr. Lloyd´s erwiesen hatte – ein Mann von geringer wissenschaftlicher Bildung aber respektablen Fähigkeiten. Er besaß den Einfluss, den die Welt tüchtigen Männern einräumt, wenn seine Fähigkeiten mit einem ernsten Charakter und einer strengen Moral verbunden sind. Seine Lieblingsbeschäftigung war es, über andere zu Gericht zu sitzen und er war einer der eifrigsten und strengsten Friedensrichter, die L... je gesehen hatte.
Vigors sprach anfangs mit großer Bitterkeit von mir, indem er mich beschuldigte, seinen Freund durch meine unbarmherzige und unfaire Härte, mit der ich, wie er sagte, die vorurteilsfreie Prüfung einer einfachen Tatsache behandelt hatte, ruiniert und sogar getötet zu haben. Nachdem er jedoch keine Sympathisanten für diese Beschuldigungen fand, besaß er die Besonnenheit, von diesem Tun Abstand zu nehmen und beschränkte sich fortan darauf, ernst den Kopf zu schütteln, sobald er ein mit meinem Namen verbundenes Lob hörte und orakelhaft Sätze wie „das wird die Zeit zeigen“, „Ende gut, alles gut“ usw. von sich zu geben. Wie auch immer, Mr. Vigors spielte im geselligen Leben der Stadtbevölkerung eine untergeordnete Rolle. Er nannte sich selbst einen zurückgezogen lebenden Mann, war aber in Wirklichkeit ein unfreundlicher, mit Selbstachtung gestärkter steifer Mann. Er war der Ansicht, dass die Würde seiner Stellung bei den Kaufleuten der Low Town und seine geistige Überlegenheit in der Exklusivität des Hills nicht die gebührende Anerkennung fand. Seine Besuche beschränkten sich daher hauptsächlich auf die Häuser der benachbarten Squire, für die er durch seine Stellung als Friedensrichter und sein ernstes Äußeres eine Art Orakel darstellte, von dem man sich gerne beeindrucken lässt, solange dieser Respekt nicht allzu oft beansprucht wird. Und obwohl er dreimal wöchentlich sein Haus der Allgemeinheit öffnete, war es doch nur wenigen Auserwählten vorbehalten, sich erst durchfüttern und dann mit Vorträgen über die Lehre des Biomagnetismus traktieren zu lassen. Die Elektrobiologie war ein ganz natürliches Gesprächsthema für einen Mann, der an keinem Gespräch Gefallen finden konnte, in dem er nicht anderen seinen Willen aufdrängen konnte. Er lud daher solche Personen ein, die allein sein Blick zur völligen Verleugnung ihrer Sinne bringen konnte, so dass sie ihm bereitwillig zustimmten, wenn sie Rindfleisch für Lammfleisch, und Brandy für Kaffee erklären sollten. Zweifellos hätten diese Leute alles bestätigt, was er wollte, solange in Substanz wie auch in der Vorstellung irgend etwas ähnliches wie Kaffee, Lammfleisch, Brandy oder Rindfleisch vorhanden war. Das war auch der Grund, weshalb ich Mr. Vigors selten in den Häusern antraf, in welchen ich gelegentlich meine Abende verbrachte. Ich hörte von seinen Anwürfen wie ein Mann, der aus der Geborgenheit seines Heims den Wind um sein Haus pfeifen hört. Wenn wir uns zufällig auf der Straße begegneten, blickte er mit einem finsteren Gesicht voller Abneigung zu mir auf (er war ein kleiner Mann, der auf Zehenspitzen lief), während ich von der Höhe meiner Statur ein leutseliges Lächeln erhabener Gleichgültigkeit auf das unwirsche Männchen fallen ließ.
Kapitel IV
Ich hatte nun das Alter erreicht, in dem ein ambitionierter Mann befriedigt auf seine Erfolge in der Welt zurückblickend das heftige Verlangen einer unbefriedigten Zuneigung und die Leere eines einsamen Herzens zu spüren beginnt. Ich beschloss zu heiraten und sah mich nach einer Frau um. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich der Leidenschaft der Liebe keinen Platz in meinem Leben gegönnt. Tatsächlich hatte ich sogar in frühester Jugend mit einer Art stolzer Verachtung auf die Leidenschaft wie auf eine Krankheit herabgesehen, die aus weibischem Müßiggang entsprang und von einer überreizten Einbildungskraft genährt wurde.
Ich hoffte in meiner zukünftigen Frau eine vernünftige Gefährtin, einen liebevollen und zuverlässigen Freund zu finden. Keine Heiratspläne konnten weniger romantisch und nüchterner sein, als meine Überlegungen. Genau so wenig stellte ich Ansprüche überheblicher oder gewinnsüchtiger Natur. Ich achtete nicht auf Vermögen oder Verbindungen. Mein ganzer Ehrgeiz galt meinem Beruf, dem weder eine adlige Verwandtschaft noch eine üppige Mitgift dienen konnten. Ich achtete nicht auf außergewöhnliche Schönheit und verlangte von einer Frau auch nicht das Bildungsniveau der Vorsteherin einer höheren Mädchenschule.
Als ich die Entscheidung getroffen hatte, mir eine Gefährtin zu suchen, konnte ich mir nicht vorstellen, dass es schwer sein würde eine Wahl zu treffen, die meine Vernunft billigen würde. Aber es verging Tag um Tag, Woche um Woche und obwohl es in den Familien, die ich besuchte, viele junge Damen gab, deren Eigenschaften meinen Vorstellungen mehr als entsprachen und die, wie ich mir schmeicheln darf, meine Werbung nicht zurückgewiesen hätten, fand ich doch keine darunter, deren lebenslanger Gesellschaft ich nicht die Einsamkeit, die ich inzwischen so lästig fand, vorgezogen hätte.
Eines Abends kehrte ich von der Visite einer armen Patientin zurück, die ich unentgeltlich behandelte und deren Zustand mich mehr in Anspruch nahm, als irgendein anderer meiner Fälle – denn obwohl man ihren Zustand im Hospital als hoffnungslos eingestuft hatte und sie nach Hause zurückgekehrt war, um im Kreis ihrer Familien zu sterben, war ich mir sicher, dass ich sie retten könne und ihr Zustand schien sich tatsächlich unter meiner Pflege zu verbessern.
An diesem Abend – einem fünfzehnten Mai – fand ich mich plötzlich vor den Toren des Hauses wieder, welches Dr. Lloyd bewohnt hatte. Das Haus war seit seinem Tod unbewohnt; die Miete, die der Eigentümer forderte, wurde als sehr hoch angesehen und seine Lage auf dem geheiligten Berg schreckte aus Scheu oder Stolz die reicheren Kaufleute ab. Das Gartentor stand weit offen, genau wie in der Winternacht, in der ich dem Sterbenden den letzten Besuch abstattete. Die Erinnerung an das Sterbebett kehrte lebhaft zurück und die phantastische Drohung des Sterbenden dröhnte erneut in meinen Ohren. Ein unwiderstehlicher Impuls, den ich mir nicht erklären konnte und auch heute noch nicht erklären kann – das genaue Gegenteil des Drangs, der uns veranlasst den Platz einer schmerzhaften Erinnerung schleunigst zu verlassen – veranlasste mich, durch das geöffnete Tor den vernachlässigten, mit Gras bewachsenen Weg zu betreten und das Haus, das ich bisher nur in der Finsternis einer Winternacht unter einem melancholischen Mond gesehen hatte, im Licht der untergehenden Frühlingssonne zu betrachten.
Als das zum Teil mit Efeu bewachsene Haus mit seinen dunkelroten Backsteinen in Sicht kam, bemerkte ich, dass es nicht länger unbewohnt zu sein schien. Ich sah Gestalten sich hinter den geöffneten Fenstern hin und her bewegen; ein beladener Möbelwagen stand vor der Haustüre und ein Diener in Livré überwachte das Entladen des Inventars. Offensichtlich war gerade eine Familie dabei, hier einzuziehen. Ich fühlte mich durch mein Eindringen ein wenig beschämt und wollte mich gerade rasch wieder entfernen, als ich Vigors in Begleitung einer Dame mittleren Alters in der Nähe des Gartentors bemerkte. Gleichzeitig bemerkte ich einen Pfad, der seitlich durch das Gestrüpp zu einer kleinen Gartentüre aus dem Garten führte. Ich wollte der Dame, die ich für die neue Besitzerin hielt, nicht begegnen, um nicht eine unbeholfene Entschuldigung für das widerrechtliche Betreten ihres Grundstückes anbringen zu müssen und noch weniger wollte ich mich in der eigenartigen und unwürdigen Lage, in der ich mich befand, dem verächtlichen Blick von Mr. Vigors aussetzen. Unwillkürlich schlug ich deshalb den Seitenweg ein, auf dem ich unbemerkt zu entkommen hoffte. Auf halbem Weg zwischen Haus und Gartentüre hörte plötzlich das Gestrüpp auf und ermöglichte den Blick auf einen von den unregelmäßigen Trümmern eines alten Backsteinbaus umgebenen freien Platz, der zum Teil mit Farn, Schlingpflanzen, Unkraut und wilden Blumen überwachsen war. In der Mitte des Kreise befand sich ein Springbrunnen oder vielmehr ein Brunnen, über den sich ein auf kleinen normannischen Säulen ruhendes verwittertes und baufälliges gotisches Vordach spannte. Eine große Trauerweide ließ ihre Äste über das unverkennbare Relikt der alten Abtei hängen. Ein Hauch von Altertum, Romantik und Legende lag über dem Platz, der so plötzlich zwischen dem zarten Grün des jungen Gewächses auftauchte. Aber es war nicht das verfallene Gemäuer oder das gotische Brunnendach, das meinen Lauf hemmte und mein Auge bezauberte.
Es war eine einsame Gestalt, die inmitten der traurigen Trümmer saß.
Die Gestalt war so zart, das Antlitz so jung, dass ich beim ersten Anblick vor mich hin murmelte: „Was für ein hübsches Kind.“ Aber als mein Blick länger auf ihr ruhte, erkannte ich in den nachdenklich hochgezogenen Brauen, dem süßen, ernsten Ausdruck des Gesichts und den leichten Rundungen des Umrisses der zarten Gestalt die unbeschreibliche Würde einer jungen Frau.
Auf ihrem Schoss lag ein Buch und zu ihren Füßen ein Körbchen, das halb mit Veilchen und Blüten gefüllt war, die offensichtlich von den die Trümmer überwuchernden Pflanzen abgepflückt worden waren. Hinter ihr fielen wie ein grüner Wasserfall in einem Bogen die Zweige der Weide in einer Woge aus zartem Grün, am Gipfel hell von den freundlichen Strahlen der untergehenden Sonne beschienen, in immer dunkleren Schattierungen bis auf den Rasen herab.
Sie beachtete mich nicht, schien mich nicht einmal wahrzunehmen. Ihre Augen schienen derart an einem Punkt des Horizonts, an der Scheitelinie zwischen den Baumwipfeln, der Ruine und dem endlosen Blau des Himmels festgebannt zu haften – so konzentriert, dass ich mich unwillkürlich umwandte, um der Richtung ihres Blicks folgen zu können. Es schien, als warte sie darauf, dass irgend ein vertrautes Zeichen aus den Tiefen des Alls auftauchte oder als wolle sie vor irgend einem anderen Lebewesen das erste Blinken des Abendsterns wahrnehmen.
Die Vögel hüpften aus den Zweigen der umgebenden Bäume und Sträucher so furchtlos neben ihr herum, dass einer von ihnen sogar an den Blumen in dem Körbchen zu ihren Füßen herum pickte. Es gibt ein berühmtes deutsches Gedicht mit dem Titel „Das Mädchen aus der Fremde“, das ich in meiner Jugend gelesen hatte und je nach Ansicht des Kommentators als Allegorie auf den Frühling oder die Poesie gedeutet wurde. Es schien mir, als ob das Gedicht für sie geschrieben worden wäre. In der Tat hätte ein Dichter oder Maler in ihr eine Verkörperung beider Prinzipien, jedes eine Bereicherung für die Erde erkennen können: beide bezaubern die Sinne unserer Wahrnehmung und doch rufen beide Gedanken in uns hervor, die zwar nicht unbedingt traurig zu nennen, aber doch der Trauer verwandt sind.
Ich hörte hinter mir das Geräusch von Schritten und eine Stimme, die ich als die von Mr. Vigors erkannte. Der Zauber, der mich gebannt hielt, zerbrach und ich eilte verwirrt auf die kleine Gartentüre zu, welche mich über eine kleine abwärts führende Treppe auf die Hauptstraße hinaus führte. Und wieder lag der Alltag vor mir. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite Häuser, Läden, Kirchtürme; einige Schritte weiter das geschäftige Treiben der Straßen! Wie unendlich weit und doch so kurz liegt die normale Welt vom Feenland der Romantik entfernt, das sich vor uns aus der Härte der materiellen Welt öffnet, wenn sich die Liebe an unsere Seite stiehlt, um wieder in sie zurückzusinken, sobald die Liebe lächelnd oder seufzend sich von uns verabschiedet!
Kapitel V
Noch am Abend zuvor hatte ich auf Mr. Vigors mit erhabener Gleichgültigkeit herabgesehen! Welche Wichtigkeit erlangte er nun in meinen Augen! Die Dame, mit der ich ihn gesehen hatte, war ohne Zweifel die neue Bewohnerin des Hauses, welches offensichtlich auch dem jungen Mädchen, von dem mein Herz so seltsam berührt worden war, als Heim diente. Vermutlich waren die beiden Damen Mutter und Tochter. Mr. Vigors, welcher der Freund einer, vielleicht sogar mit Beiden verwandt war, konnte sie von vornherein gegen mich einnehmen – konnte vielleicht.... – ich sprang auf und kappte den Faden der Vermutungen, denn genau vor meinen Augen, auf dem Tisch, neben den ich mich nach dem Betreten des Raumes gesetzt hatte, lag eine Einladungskarte:
| Mrs. Poyntz |
| zu Hause, |
| Mittwoch, den 15. Mai |
| Früh morgens. |
Mrs. Poyntz, Mrs. Colonel Poyntz, die Königin des Hills? Dort, in ihrem Haus, konnte ich bestimmt alles Wissenswerte über die Neuankömmlinge erfahren, die sich kaum ohne ihr Einverständnis auf ihrer Domäne hätten niederlassen können.
Hastig wechselte ich meinen Anzug und erstieg mit klopfendem Herzen den ehrfurchtgebietenden Berg.
Ich benutzte dazu nicht die Seitengasse, die direkt zum Abbots´ House führte (das alte Haus stand einsam inmitten des Grundstücks - ein wenig abseits von der geräumigen Fläche gelegen, auf der sich die Gesellschaft des Hills konzentrierte), sondern die breite Straße, die von zwei Reihen Gaslampen flankiert wurde. Die prächtigeren Läden waren noch nicht geschlossen und die Flut des Geschäftslebens ebbte nur langsam von den immer noch belebten Straßen zurück, hin zu einem freien Platz auf dem die vier Hauptstraßen der Stadt zusammenliefen und der die Grenze zur Low Town bildete. Ein großer dunkler Bogengang, in einem Winkel dieses Vierecks gelegen und im Volksmund Monk´s Gate genannt, bewachte den Eingang zum Abbey Hill. Nachdem man den Bogen passiert hatte, fühlte man sofort, dass man sich in einer Stadt der Vergangenheit befand. Der Bürgersteig war eng und uneben; die Läden klein mit hervorspringenden oberen Stockwerken, welche gelegentlich malerische arabeske Stuckverzierungen trugen. Eine kurze, aber steile und stark gebogene Steigung führt zu der alten Abbey Church, vornehm in der Mitte eines riesigen Vierecks gelegen, um das die düsteren, vornehmen Wohnungen der Areopagiten des Hills lagen. Noch vornehmer und weniger düster – mit erleuchteten Fenstern und Blumen auf dem Balkon – stand links und rechts durch eine Gartenmauer bewehrt das Herrschaftshaus der Mrs. Colonel Poyntz.
Als ich den Salon betrat, hört ich die Stimme meiner Wirtin – es war eine klare, entschlossene, metallische, glockenartige Stimme die Worte sprechen: „...wer das Abbot´s House bezogen hat? Das werde ich Ihnen sagen.“
Kapitel VI
Mrs. Poyntz hatte auf dem Sofa Platz genommen; zu ihrer Rechten saß die dicke Mrs. Bruce, Enkelin eines schottischen Lords; zu ihrer Linken die magere Miss Brabazon, Nichte eines irischen Baronets. Um sie herum – einige sitzend, die meisten stehend – hatten sich alle Gäste gruppiert, ausgenommen zwei ältere Herren, die sich mit Colonel Poyntz abseits in der Nähe des Whist-Tisches aufhielten und zur Vervollständigung ihrer Partie auf den vierten Gentleman warteten, der sich jedoch nicht aus dem Zauberkreis, in den ihn die Neugierde, jene stärkste aller sozialen Dämoninnen, gebannt hatte, freimachen konnte.
„Wer das Abbots´ House bezogen hat? Das werde ich Ihnen sagen... – ah, Dr. Fenwick, freut mich Sie zu sehen. Sie wissen, dass das Abbots´ House zu guter Letzt einen Mieter gefunden hat? Und Sie, Miss Brabazon, fragten gerade, wer es bezogen hat? Ich werde es Ihnen sagen – eine ganz besondere Freundin von mir.“
„Tatsächlich? Mein Gott...!“ sagte Miss Brabazon mit verwirrter Miene „ ich hoffe ich habe nichts gesagt, dass...“
„Meine Gefühle verletzen könnte? Nicht im Geringsten. Sie sagten, Ihr Onkel Sir Phelim beschäftigte einen Kutschenbauer namens Ashleigh, das Ashleigh ein ungewöhnlicher, Ashley jedoch ein weit verbreiteter Name sei. Sie deuteten in diesem Zusammenhang den entsetzlichen Verdacht an, Mrs. Ashleigh, unser Neuzugang auf dem Hill, könnte die Witwe eines Kutschenbauers sein. Ich darf Sie beruhigen – es ist nicht, wie Sie denken. Sie ist die Witwe von Gilbert Ashleigh von Kirby Hall.“
„Gilbert Ashleigh,“ sagte einer der Gäste, ein Junggeselle, der von seinen Eltern für eine Kirchenlaufbahn bestimmt worden war, aber – genau wie der arme Goldsmith – nicht gut genug für dieselbe zu sein meinte – ein Fehler allzu großer Bescheidenheit, da er zu seinem sehr harmlosen Geschöpf herangereift war. „Gilbert Ashleigh? Ich war mit ihm in Oxford - ein Stipendiat, des Christ Church Kollegiums. Ein gut aussehender Mann, hat ziemlich geochst...“
„Geochst..? Was heißt das? Oh – fleißig studiert. Das hat er sein ganzes Leben lang getan. Er hat jung geheiratet – Anne Chaloner; sie und ich waren Jugendfreundinnen; haben im selben Jahr geheiratet. Sie ließen sich in Kirby Hall nieder – ein netter Ort, aber langweilig. Poyntz und ich verbrachten ein Weihnachten dort. Ashleigh war bezaubernd, wenn er sprach, aber er sprach sehr wenig. Anne dagegen schwatzte in einem fort, aber nur alltägliches Zeug. Kein Wunder, armes Ding – sie war so glücklich. Poyntz und ich verbrachten dort nur ein einziges Weihnachten. Freundschaft ist lang, aber das Leben ist kurz. Gilbert Ashleigh´s Leben war in der Tat recht kurz; er starb im siebten Jahr seiner Ehe und hinterließ nur ein Kind, ein Mädchen. Seither habe ich kein Weihnachten mehr auf Kirby Hall verbracht, obwohl ich hin und wieder einen Tag dort zu Besuch war und mein Bestes tat, um Anne aufzuheitern. Sie war nicht mehr sehr redselig. Sie lebte nur noch für ihr Kind, das zwischenzeitlich zu einem wunderschönen achtzehnjährigen Mädchen herangewachsen ist – ganz die Augen ihres Vaters – ein wirklich dunkles Blau – sehr selten; ein süßes Geschöpf, aber zart; ich will nicht hoffen schwindsüchtig, aber zart; sehr still – es fehlt an Leben. Meine Jane ist ganz hingerissen von ihr. Jane hat genug Lebenslust für zwei.“
„Ist Miss Ashleigh die Erbin von Kirby Hall?“ fragte Mrs. Bruce, die einen unverheirateten Sohn hatte.
„Nein. Kirby Hall fiel an Ashleigh Sumner, den männlichen Erben, einen Cousin. Und den Glücklichsten aller Cousins! Gilbert's Schwester, eine protzige Dame (alles Schau), hatte es fertig gebracht, ihren Verwandten, Sir Walter Ashleigh Haughton, das Oberhaupt der Familie Ashleigh zu heiraten – genau der richtige Mann, um einen Reflektor für eine prunksüchtige Frau abzugeben. Er verstarb vor einigen Jahren und hinterließ einen einzigen Sohn, Sir James, der letzten Winter bei einem Sturz von seinem Pferd ums Leben kam. Und wieder war Ashleigh Sumner der einzige gesetzmäßige Erbe. Während der glückliche Mensch noch minderjährig war, hatte Mrs. Ashleigh Kirby Hall von seinem Vormund gemietet. Doch nun wird er volljährig und das ist der Grund, weshalb sie Kirby Hall verließ. Lilian Ashleigh wird, wie auch immer, ein recht schönes Vermögen erhalten und mag unter uns vornehmen Armen als Erbin gelten. Möchte noch jemand etwas wissen?“
Darauf antwortete Miss Brabazon, die ihre Schlankheit dazu benützte in jedermanns Angelegenheiten hineinzuschlüpfen: „Eine sehr interessante Neuigkeit. Was könnte man mit ein wenig Geschmack aus Abbots´ House machen! So aristokratisch! Was ich daraus machen würde, wenn ich es mir leisten könnte! Der Salon sollte im Moore´schen Stil, mit geranienfarbigen Seidenvorhängen, wie das Boudoir von Lady L.... in Twickenham gehalten sein. Mrs. Ashleigh hat also das Haus bezogen! Wahrscheinlich gemietet, nehme ich an!“ Hier angekommen, flatterte Miss Brabazon ärgerlich mit ihrem Fächer und rief aus: „Aber was im Himmel sucht Mrs. Ashleigh hier?“
Worauf Mrs. Colonel Poyntz, mit der militärischen Offenheit, mit der sie ihre Gesellschaft sowohl bei Laune als auch in Furcht hielt, -
„Warum sind wir alle hierher gekommen? Kann mir das jemand sagen?“
Zunächst folgte tiefes Schweigen, das die Wirtin selbst brach.
„Keiner der Anwesenden kann sagen, weshalb wir hierher kamen. Ich kann Ihnen sagen, warum Mrs. Ashleigh kam. Unser Nachbar, Herr Vigors ist ein entfernter Verwandter von Gilbert Ashleigh, einer seiner Testamentsvollstrecker und Vormund des gesetzmäßigen Erben. Vor ungefähr zehn Tagen ließ sich Herr Vigors empfangen, zum ersten Mal übrigens, seit ich es für meine Pflicht gehalten hatte, meinen Unmut über die seltsamen Schrullen unseres armen lieben Freundes Dr. Lloyd zum Ausdruck zu bringen. Als er dort, wo Sie jetzt sitzen, Dr. Fenwick, Platz genommen hatte, sagte er in einer Grabesstimme, wobei er zugleich zwei Finger ausstreckte – so, als ob ich eine von denen (wie sagt man gleich?)..., die einschlafen, wenn man es ihnen befiehlt, wäre: „Ma´am, Sie kennen Mrs. Ashleigh? Sie korrespondieren mit ihr?“ „Ja, Mr. Vigors; ist das ein Verbrechen? Sie sehen aus, als ob es so wäre?“ „Kein Verbrechen, Ma´am,“ antwortete der Mann im Ernst, „Mrs. Ashleigh ist eine sehr liebenswürdige Dame und Sie sind eine Frau von maskulinem Verstand.“
Es folgte allgemeines Gekicher. Mrs. Colonel Poyntz brachte es mit einem Blick strenger Überraschung zum Schweigen.
„Was gibt es da zu lachen? Alle Frauen wären lieber Männer, wenn sie könnten. Sollte mein Verstand maskulin sein, um so besser für mich. Ich dankte Mr. Vigors für sein hübsches Kompliment und er fuhr fort zu berichten, dass, obwohl Mrs. Ashleigh in einigen Wochen Kirby Hall verlasse, habe sie sich noch immer nicht entschließen können, wohin sie ziehen solle. Es schien ihm unpassend, da Miss Ashleigh alt genug sei, ein wenig von der Welt zu sehen, sich länger auf dem Land zu begraben, wobei zu berücksichtigen sei, dass sie bei ihrer stillen Gemütsverfassung eine Abneigung gegen die Zerstreuungen Londons hege. Zwischen der Abgeschiedenheit des einen und dem Aufruhr des anderen stelle die Gesellschaft des Hills einen glücklichen Mittelweg dar. Es würde ihn freuen, meine Ansicht darüber zu hören. Er habe es verschoben, meinen Rat einzuholen, da er der Ansicht war, ich habe mich seinem betrauerten Freunde, Dr. Lloyd gegenüber unfreundlich verhalten; aber er befinde sich nun in einer etwas unglücklichen Lage. Sein Mündel, der junge Sumner, habe sich glücklicherweise entschlossen, lieber Kirby Hall als den viel größeren Haughton Park, der ihm so plötzlich als Erbe zugefallen war, zu seinem Landsitz zu wählen, da er für letzteren eine Einrichtung benötigen würde, die für einen unverheirateten jungen Mann nur eine unangenehme und teure Belastung darstellen würde. Mr. Vigors habe versprochen, dafür zu sorgen, dass er Kirby Hall an einem vereinbarten Termin beziehen könne, aber Mrs. Ashleigh könne nicht zum Handeln bewogen werden und sich auch nicht zu einer Entscheidung, wohin sie gehen solle, durchringen. Mr. Vigors war gezwungen, Druck auf die Witwe und das Kind seines alten Freundes auszuüben. Es sei tausendmal schade, dass Mrs. Ashleigh so unschlüssig sei; sie habe reichlich Zeit gehabt, ihre Vorbereitungen zu treffen. Ein Wort von mir zu diesem Zeitpunkt wäre ein wirklicher Freundschaftsdienst. Abbots´House stehe leer und der ausgedehnte Garten wäre dazu geeignet, die Damen das Leben auf dem Lande nicht vermissen zu lassen. Es habe sich zwar ein anderer Interessent gemeldet, aber... - „Kein Wort weiter" rief ich „niemand anders als meine liebe alte Freundin Anne Ashleigh soll Abbots´House bekommen. Damit ist die Angelegenheit geregelt.“ Ich entließ Mr. Vigors, schickte nach meinem Wagen – das heißt Mr. Barker´s gelbe Droschke und seine schnellsten Pferde – und fuhr noch am selben Tag nach Kirby Hall, das, obwohl in einem anderen County gelegen, nur fünfundzwanzig Meilen von hier entfernt liegt. Ich verbrachte die Nacht dort.
Am nächsten Morgen um neun Uhr hatte ich Mrs. Ashleigh´s Zustimmung gegen das Versprechen, ihr alle Mühen abzunehmen, eingeholt; kam zurück, ließ den Hauseigentümer holen, schloss den Mietvertrag ab, beauftragte Forbes Möbelwagen damit, das Mobiliar aus Kirby Hall zu holen und mit den Betten zu beginnen. Gestern Abend kam im Gefolge ihres eigenen Bettes auch Anne Ashleigh an. Ich habe ihr heute Morgen einen Besuch abgestattet. Sie mag den Ort, ebenso ihre Tochter Lilian. Ich habe sie heute Abend hierher eingeladen, aber Mrs. Ashleigh war müde. Der Rest ihrer Möbel sollte heute eintreffen und obwohl die liebe Mrs. Ashleigh einen so unentschlossenen Charakter besitzt, ist sie alles andere als untätig. Es wird nicht bloß die Planung, wohin die Tische und Stühle hingestellt werden sollen, gewesen sein, die für ihre Müdigkeit verantwortlich zu machen ist. Mr. Vigors ist ihr den ganzen Tag zur Hand gegangen und war – ich habe hier eine kleine Notiz von ihr – was waren ihre Worte? Zweifellos „sehr grausam und bestimmend“; nein „sehr gütig und aufmerksam“ – zwar andere Worte, die aber in Anwendung auf Mr. Vigors dieselbe Bedeutung haben.
Nächsten Montag – bis dahin müssen wir sie in Ruhe lassen – werden wir alle den Neuankömmlingen unseren Besuch abstatten. Der Hill weiß, was er sich schuldig ist; ich kann einem Mr. Vigors, der zwar respektabel sein mag, aber nicht zu den Unseren gehört, den Empfang von Personen überlassen, die sich in unseren Schutz begeben haben. Der Berg kann nicht durch einen Stellvertreter gütig und aufmerksam oder grausam und bestimmend sein. Für diese Neugeborenen darf er sich nicht als gleichgültige Patin erweisen; er erweist allen gegenüber die Gefühle einer Mutter – oder Stiefmutter – je nach Fall. Wo er sagt „dies kann keines meiner Kinder sein“ ist er eine Stiefmutter; aber wer sich seinen Armen übergab und als wünschenswerter Bekannter erwies, hat er sich, wie ich stolz behaupten darf, stets als Mutter gezeigt. Doch jetzt mein lieber Mr. Sloman, gehen Sie zu Ihrer Whistpartie. Poyntz ist ungeduldig, wenn er es auch nicht zeigt. Miss Brabazon, meine Liebe, wir würden Sie zu gerne am Piano Platz nehmen sehen - Sie spielen so göttlich! Etwas Fröhliches, wenn Sie so nett wären, etwas Heiteres, aber nicht so Lautes, - Mr. Leopold Symthe wird die Blätter für Sie wenden. Mrs. Bruce, Ihr Lieblingsspiel Einundzwanzig mit vier neuen Rekruten. Dr. Fenwick, Ihnen geht es wie mir, Sie spielen nicht Karten und machen sich nichts aus Musik; setzen Sie sich zu mir und erzählen Sie mir etwas, oder schweigen Sie, wie Sie wollen, während ich stricke!
Nachdem die anderen Gäste derart teils an den Kartentischen, teils um das Piano untergebracht waren, nahm ich neben Mrs. Poyntz in der Nische eines Fensters Platz, welches an diesem für den Monat Mai ungewöhnlich warmen Abend geöffnet bleiben konnte. Ich saß neben jemandem, der Lilian als Kind gekannt hatte und von dem ich wusste, welchen Namen ich dem Bild geben durfte, das meine Gedanken gefangen hielt. Wie viel, das ich noch wissen wollte, könnte sie mir sagen. Aber wie konnte ich das Thema zur Sprache bringen, ohne mein übergroßes Interesse zu verraten. So sehr ich auch sprechen wollte, fühlte ich mich, als ob ich mit Stummheit geschlagen wäre; verstohlen ließ ich einen unruhigen Blick über das Gesicht neben mir gleiten und war tief beeindruckt von der vom Hill längst voll Ehrfurcht anerkannten Wahrheit – nämlich dass Mrs. Colonel Poyntz eine außerordentlich überlegene Frau mit einer ungeheuren Ausstrahlung war.
Sie saß da und strickte, schnell und mit sicherer Hand; eine Frau jenseits der Vierzig, mit bronzefarbenem blassen Teint, bronze braunem Haar, das stark gelockt und hinten kurz geschnitten war – ein schönes Haar für einen Mann; Lippen, die wenn sie geschlossen waren, eine unbeugsame Entschiedenheit zeigten, beim Sprechen aber geübt leichten Humor und ins Ziel treffenden feinen Witz strömen ließen; haselnussbraune Augen, schnell und doch sicher – beobachtende, durchbohrende, unerschrockene Augen; insgesamt ein schönes Gesicht – das auch ein gutes Gesicht für einen gutaussehenden Mann abgegeben hätte. Ein scharfes Profil, klare, gut geschnittene Konturen mit einem Ausdruck, die einer Sphinx würdig gewesen wären. Ein kräftiger, jedoch nicht korpulenter Körper; von mittlerer Größe, aber mit einer Haltung, die ihn fast schlank erscheinen ließ. Eigentümlich weiße, feste Hände, die eine kräftige Gesundheit verrieten und auf ihrer Oberfläche keine Ader erkennen ließen.
Sie saß da und strickte, während ich an ihrer Seite abwechselnd sie selbst, bald ihre Arbeit betrachtete und mich der unbestimmten Vorstellung nicht erwehren konnte, dass es die Fäden meines eigenen Liebes- oder Lebensglückes waren, die da durch ihre lautlosen Finger glitten. Und wirklich wird selbst im überspanntesten Roman eine der Parzen durch einen unpoetischen weiblichen Charakter das „soziale Schicksal“ vertreten, das so wenig zur Romantik passt, wie diese weltliche Königin des Hills.
Kapitel VII
Ich habe bereits versucht, eine Vorstellung vom äußeren Erscheinungsbild der Mrs. Colonel Poyntz zu vermitteln. Die Frau im Innern war ein ebenso großes Mysterium wie die Sphinx, deren Züge den ihren ähnelten. Aber zwischen der äußerlichen und inneren befindet sich immer eine dritte Frau – die ganz normale Frau – so wie sich das ganze Wesen der Welt darbietet – stets verschleiert, manchmal maskiert.
Mir wurde gesagt, die feine Gesellschaft in London erkenne den Titel „Mrs. Colonel“ nicht an. Sollte das zutreffen, befindet sich die feine Gesellschaft London´s im Unrecht, denn niemand im Universum könnte feiner sein als die feine Gesellschaft des Abbey Hill; und diese war der Ansicht, ihr Souverän habe ein ebenso gutes Anrecht an dem Titel „Mrs. Colonel“ wie die Königin von England an dem einer „Gracious Lady“. Dennoch bediente sich Mrs. Poyntz dieses Titels nie selbst; er erschien ebensowenig auf einer ihrer Karten, wie man die Bezeichnung „Gracious Lady“ auf einer der Einladungskarten finden wird, die der Lord Steward oder Lord Chamberlain auf Befehl ihrer Majestät ausgeben. Titel riefen bei Mrs. Poyntz ohnehin keine abergläubische Ehrfurcht hervor. Zwei dem Hochadel angehörende Damen, die zu ihrer engen Verwandtschaft gehörten, pflegten ihr alljährlich einen zwei- oder dreitägigen Besuch abzustatten. Der Berg betrachtete dies als eine Würdigung ihrer hohen Stellung. Mrs. Poyntz schien darin nie eine ihr selbst erwiesene Ehre zu erkennen, rühmte sich nie dieser Besuche, stellte ihre vornehmen Verwandten nie zur Schau oder machte nicht viel Aufhebens aus dem Empfang der Damen. Ihre Art zu Leben war frei von allem Prunk. Sie hatte das Glück, einige hundert Pfund Jahreseinkommen mehr verbuchen zu können als jeder andere Bewohner des Hill, aber sie verwendete ihre größeren Ressourcen nie zu der Schaustellung einer überlegenen Pracht. Als weiser Souverän widmete sie die Einkünfte ihrer Staatskasse dem Wohl ihrer Untertanen und nicht der Eitelkeit einer egoistischen Zurschaustellung. Da niemand auf dem Berg eine Kutsche unterhielt, verzichtete sie ebenfalls darauf. Ihre Einladungen waren einfach, aber zahlreich. Zweimal in der Woche empfing sie den Hill und sorgte dafür, dass er sich heimisch fühlte. Sie sorgte dafür, ihre Parties sprichwörtlich angenehm zu halten. Die gereichten Erfrischungen waren von der Art, die auch die ärmste ihrer Ehrendamen bieten konnte, allerdings achtete sie sehr auf Qualität – der beste Tee, die beste Limonade, die besten Kuchen waren gerade gut genug.
Ihre Räume waren von einer Behaglichkeit, die ihnen etwas besonderes gab. Sie sahen aus wie Räume aussehen sollten, die daran gewöhnt waren, in freundlicher Art Gäste zu empfangen, angenehm warm, gut beleuchtet, mit Kartentischen und Piano, die so platziert waren, dass sie zu Kartenspiel und Musik förmlich einluden. An den Wänden hingen einige Familienporträts und drei oder vier andere Bilder, von denen gesagt wurde, dass sie einigen Wert besäßen und gut dort hin passten – zwei Watteaus, ein Canaletti und ein Weenix; dazu eine größere Anzahl von Sesseln und Sofas, mit fröhlichem Chintz bezogen – wobei die Anordnung des Mobiliars im allgemeinen eine unbeschreibliche, sorglose Eleganz zeigte. Sie selbst war ausgesucht einfach gekleidet und trug auffallend weniger Juwelen und Schmuck als irgend eine andere verheiratete Dame auf dem Hill. Aber ich habe von denen, die etwas von der Sache verstehen, gehört, dass man sie niemals in der Mode des letzten Jahres gekleidet sah. Sie war stets auf dem neuesten Stand, gerade so viel, um zu zeigen, dass sie sich bewusst war, was zur Zeit Mode war, aber mit einer nüchternen Zurückhaltung, so als ob sie sagen wollte: „Ich gehe mit der Mode, so weit sie mir zusagt; ich erlaube ihr nicht, über mich zu bestimmen.“ Kurz, Mrs. Colonel Poyntz war manchmal rau, manchmal grob, immer maskulin und doch auf eine seltsam feminine Art und Weise maskulin; aber niemals vulgär, da sie nie geziert wirkte. Es war unmöglich zu leugnen, dass sie durch und durch „Gentlewoman“ war und sich einige Dinge ohne Verlust ihrer Würde erlauben konnte, für die andere Damen ihren Ruf einbüßen würden. So war sie sehr geschickt im Parodieren von Leuten, sicherlich die am wenigsten damenhafte Art, Humor zu zeigen. Aber wenn sie parodierte, so geschah das mit einem so ruhigen Ernst oder einem derart königlich guten Humor, dass man nur sagen konnte: „Was für ein unterhaltsames Talent die gute Mrs. Colonel hat!“
Auf dieselbe Weise, in der sie die Rolle einer gebildeten Frau einnahm, behauptete ihr männlicher Gegenpart, der männliche Colonel, seine Stellung unter den Herren; er war zwar scheu, aber nicht kühl, hasste Schwierigkeiten aller Art und begnügte sich in seinem Hause, eben so gar keine Rolle zu spielen. Wenn es das Hauptanliegen der Mrs. Colonel gewesen wäre, es ihrem Gatten möglichst gemütlich zu machen, wäre nichts dazu besser geeignet gewesen, als ihn mit Freunden zu umgeben und diese ihm zu passender Gelegenheit wieder vom Hals zu schaffen. Colonel Poyntz, der männliche Colonel, hatte in seiner Jugend tatsächlich gedient, hatte aber schon vor Jahren, bald nach seiner Heirat, den Abschied genommen. Er war der jüngere Bruder eines der vornehmsten Grundbesitzer des Landes; hatte das Haus, in dem er lebte, zusammen mit einigem wertvollen anderen Grundbesitz in und um L... von einem Onkel geerbt, galt als tüchtiger Landmann und war sehr populär in der Low Town, obwohl er sich niemals in deren innere Angelegenheiten einmischte. Er war peinlich genau gut angezogen, von schlanker, jugendlicher Gestalt und krönte sein Aussehen mit einer dicken jugendlichen Perücke. Er schien niemals etwas anderes als die Zeitungen und das meteorologische Journal zu lesen, was ihm den Ruf des wetterkundigsten Mannes in L... eingebracht hatte. Seine andere intellektuelle Vorliebe war – Whist; worin er es allerdings zu nicht ganz so großem Ruhm gebracht hatte. Vielleicht weil die Feinheiten dieses Spiels eine seltenere Vereinigung mentaler Fähigkeiten erforderten, als die Voraussage eines Steigens oder Fallens des Barometers. Im übrigen war der männliche Oberst, der eine beachtliche Anzahl von Jahren mehr als seine Gattin zählte, trotz seines jugendlichen Aussehens ein bewunderungswürdiger Adjutant des kommandierenden Generals, und sie hätte niemanden finden können, der gehorsamer, ergebener oder mehr voll des Stolzes auf einen so ausgezeichneten Chef gewesen wäre.
Wenn ich Mrs. Colonel Poyntz als Königin des Hills bezeichne, muss ich darum bitten, mich nicht falsch zu verstehen. Sie war keine konstitutionelle Fürstin, sondern herrschte als absolutistischer Monarch. Alle ihre Erklärungen hatten die Macht von Gesetzen.
Solcher Einfluss hätte nicht ohne ein beachtliches Talent, sich ihn anzueignen und festzuhalten, errungen werden können. Trotz ihrer ungezwungenen, lebhaften, herrischen Offenheit wusste sie mit unbeschreiblichem Takt Unterschiede zu machen. Selbst wenn sie sich bürgerlich und grob benahm, dann nie auf eine Weise, welche die Öffentlichkeit gegen sie eingenommen hätte. Ihre Kenntnis der Gesellschaft im Allgemeinen musste natürlich beschränkt sein, so wie das bei allen weiblichen Souveränen der Fall sein muss; aber sie schien die Gabe eines intuitiven Wissens über die menschliche Natur zu besitzen, die sie dazu verwendete, Herrschaft über sie zu erringen. Ich zweifle nicht daran, dass sie, wäre sie plötzlich als Wildfremde in die Welt von London versetzt worden, sich bald ihren Weg zu den auserlesensten Kreisen gebahnt hätte und dort, einmal angelangt, ihre Stellung selbst gegen eine Herzogin behauptet hätte.
Ich habe berichtet, sie täuschte niemals etwas vor; das mag einer der Gründe ihrer Regentschaft über einen Personenkreis gewesen sein, in dem beinahe jede andere Frau versuchte, eher als ein Jemand erscheinen zu wollen, als wirklich jemand zu sein.
Wenn Mrs. Colonel Poyntz auch nicht künstlich war, so war sie kunstreich – oder vielleicht sollte ich eher sagen artistisch. In allem, was sie sagte und tat, war Haltung, Führung und Plan. Sie konnte ein äußerst hilfreicher Freund oder ein gefährlicher Feind sein; obwohl ich persönlich glaube, dass sie selten die Grenzen zu extremer Vorliebe oder abgrundtiefem Hass überschritt. Alles war Politik – der Politik eines großen Parteiführers vergleichbar, der entschlossen ist, diejenigen mit besonderen Ehrungen zu würdigen, die es aus Gründen der Staatsräson zu begünstigen empfiehlt und die, die es aus denselben Gründen zu erniedrigen gilt, zu demütigen und zu zerstören.
Seit meinem Streit mit Dr. Lloyd hatte mich diese Lady mit ihrer freundlichsten Seite beehrt und nichts konnte geschickter sein, als die Art und Weise, in der sie, in dem sie mich anderen als orakelhafte Autorität vorstellte, danach strebte, das Orakel selbst ihrem Willen zu unterwerfen.
Sie pflegte in einer bestimmten mütterlichen Art mit mir zu sprechen, so als ob sie das aufs tiefste empfundene Interesse an meinem Wohlergehen, Glück und Ansehen habe. Gleichzeitig wusste sie in jedem Kompliment, in jedem scheinbaren Beweis des Respekts die überlegene Würde einer Autorität zu behaupten, die aus der Verantwortung ihrer Stellung die Pflicht ableitet, aufstrebenden Verdienst zu ermutigen; ein Umstand, der bewirkte, dass ich, trotz allen Stolzes, der mich glauben machte, ich brauche keine helfende Hand um vorwärts zu kommen oder meinen Weg in der Welt zu machen, mich des Gedankens nicht erwehren konnte, Mrs. Colonel Poyntz habe auf irgendeine mysteriöse Weise mein Patronat übernommen.
Wir mögen ungefähr fünf Minuten so Seite an Seite dagesessen haben - in einer Stille, als befänden wir uns in der Höhle des Trophonius – als Mrs. Poyntz plötzlich, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, sagte:
„Ich denke über Sie nach, Dr. Fenwick. Und Sie – Sie denken an eine andere Frau. Undankbarer Mann!“
„Was für eine ungerechte Anschuldigung! Gerade mein Schweigen sollte als Beweis dafür dienen, wie intensiv meine Gedanken auf Sie und Ihr zauberhaftes Gewebe gerichtet waren, welches unter Ihrer Hand aus Maschen entsteht, die den Blick verwirren und die Aufmerksamkeit fesseln.“
Mrs. Poyntz sah einen Moment zu mir auf – ein einziger Blick aus großen haselnussbraunen Augen – und sagte:
„Haben Sie wirklich über mich nachgedacht? Sagen Sie die Wahrheit.“
„Ganz ehrlich – ja.“
„Das ist eigenartig. Wer kann es sein?“
„Wer es sein kann? Was meinen Sie damit?“
„Wenn Sie über mich nachgedacht haben, dann geschah das in Verbindung mit einer anderen Person – einer anderen Person meines Geschlechts. Es ist ganz sicher nicht die arme liebe Miss Brabazon. Aber wer dann?“
Und wieder schoss ihr Blick über mich hinweg und ich fühlte, wie ich unter ihm errötete.
„Ganz ruhig!“ sagte sie und senkte ihre Stimme; „Sie sind verliebt!“
„Verliebt! – ich! Erlauben Sie mir zu fragen, wie Sie auf diesen Gedanken kommen?“
„Die Anzeichen sind unverkennbar; seit ich Sie zuletzt gesehen habe, hat sich Ihr Benehmen, ja sogar der Ausdruck Ihres Gesichts verändert; Ihr Verhalten ist sonst ruhig und beobachtend – jetzt aber unruhig und zerstreut. Ihr sonst so stolzer und heiterer Gesichtsausdruck ist jetzt gedrückt und verstört. Sie tragen etwas mit sich herum! Es handelt sich nicht um Ihren Beruf – da ist alles im Besten. Es handelt sich auch nicht um einen Ihrer Patienten, sonst wären Sie kaum hier. Aber Sie sind besorgt – eine Besorgnis, die nichts mit Ihrem Beruf zu tun hat, aber Ihr Herz berührt und eine neue Erfahrung für Sie ist!“
Ich war erstaunt und beinahe erschrocken, versuchte aber meine Verwirrung unter einem gezwungenen Lachen zu verbergen.
„Gründlicher Beobachter! Scharfsinniger Analytiker! Sie haben mich gerade davon überzeugt, dass ich verliebt sein muss, obwohl ich vorher gar keine Ahnung davon hatte. Aber wenn ich erraten soll, um wen es sich dabei handeln könnte, bin ich genauso ratlos wie Sie selbst und stelle die gleiche Frage: wer könnte es sein?“
„Wer immer es sein mag,“ sagte Mrs. Poyntz, die während meiner Erwiderung ihre Arbeit ruhen gelassen hatte und nun langsam und sorgfältig wieder aufnahm, als ob ihr Verstand und ihre Strickzeug in direkter Verbindung stehen würden – „ wer immer es sein mag, für Sie ist Liebe eine ernste Angelegenheit und mit oder ohne Liebe ist Heirat für uns alle eine ernste Angelegenheit. Nicht jedes hübsche Mädchen würde zu Allen Fenwick passen.“
„Oh je, gibt es irgendwo ein hübsches Mädchen zu dem Allen Fenwick passen würde?“
„Unsinn! Sie sollten über die ärgerliche Eitelkeit, nach einem Kompliment zu haschen, erhaben sein. Ja; die Zeit ist gekommen, in der es für Sie und Ihr weiteres Fortkommen ratsam wird zu heiraten. Meinen Segen haben Sie,“ sagte sie und lächelte dabei wie im Scherz, obwohl ein leichtes Nicken andeutete, dass sie es ernst meinte. Sie strickte jetzt entschiedener und rascher. „Aber ich kann mir immer noch nicht vorstellen, wer es sein könnte. Nein! Es ist schade, Allen Fenwick (jedes Mal wenn Mrs. Poyntz mich bei meinem Vornamen nannte, nahm sie ihre majestätische mütterliche Haltung ein) – „schade, dass Sie mit Ihrer Herkunft, Tatkraft, Beharrlichkeit, Ihrem Talent und lassen Sie mich das hinzufügen, bei Ihrem guten Aussehen und Benehmen – schade, dass Sie keine Laufbahn gewählt haben, die Ihnen ein höheres Einkommen und größeren Ruf einbringen könnte, als der glänzendste Erfolg als Provinzarzt. Aber gerade durch diese Entscheidung bin ich auf Sie aufmerksam geworden. Ich habe eine ähnliche Wahl getroffen – ein kleiner Kreis, aber die Erste darin. Wäre ich oder mein lieber Colonel ein Mann gewesen, den die Kraft der Frauenkunst eine Stufe höher auf der metaphorischen Leiter zu heben vermocht hätte, die nicht die Leiter der Engel ist, dann – ja, was dann? Egal! Ich bin zufrieden. Ich habe meinen Ehrgeiz an Jane übertragen. Finden Sie sie nicht hübsch?“
„Ohne Zweifel,“ sagte ich, sorglos und ungezwungen.
„Ich habe große Pläne mit Jane,“ Mrs. Poyntz nahm ihre Arbeit wieder auf. „Sie wird einen adligen Großgrundbesitzer heiraten. Er wird ins Parlament gehen. Sie wird sich um seine Karriere kümmern, wie ich für den Komfort des Colonels sorge. Wenn er klug genug ist, wird sie ihm dabei behilflich sein, Minister zu werden; ist er nicht klug genug, wird ihr sein Reichtum dabei behilflich sein, sie zu einer bedeutenden Persönlichkeit zu machen und ihm als Gatten einer Persönlichkeit Bedeutung zu geben. Sie sehen also, Allen Fenwick, dass meine Heiratspläne nicht auf Sie abzielen, denken Sie also darüber nach, ob es nicht von Vorteil für Sie sein könnte, mich ins Vertrauen zu ziehen. Vielleicht kann ich Ihnen nützlich sein....“
„Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll; aber ich habe nichts, was ich Ihnen anvertrauen könnte.“
Während ich das sagte, blickte ich aus dem offenen Fenster, neben dem ich saß. Es war eine wundervolle, milde Nacht und der Maimond glänzte in seiner vollen Pracht. Unterhalb erstreckte sich in einiger Entfernung, soweit das Auge reichte, die Stadt mit ihren zahllosen Lichtern; dazwischen lag ein großes Viereck, in dessen Mitte einsam die mächtige alte Kirche stand, etwas weiter entfernt die Gärten und verstreuten Land- und Herrenhäuser, welche die Seiten des Hills bedeckten. Nach einer kurzen Pause sagte ich:
„Ist das nicht das Haus - das mit den drei Giebeln, in dem der arme Dr. Lloyd wohnte – Abbots´House?“
Ich warf den Satz so dahin, als ob ich der Unterhaltung eine andere Wendung geben wollte. Meine Gastgeberin hörte auf zu stricken, erhob sich halb und blickte aus dem Fenster.
„Ja, was für eine herrliche Nacht! Wie kommt es, dass der Mond Dinge, die sich im Sonnenlicht so scharf voneinander abheben, in solche Harmonie bringt? Den stattlichen Kirchturm, in tausend Jahren ergraut, diese ordinären Ziegeldächer und Schornsteine, so rot und rau wie erst gestern gemauert; im Mondlicht verschmilzt beides zu einem untrennbaren Zauber.“
Während sie so sprach, hatte meine Gastgeberin ihren Sitz verlassen und war mit dem Strickzeug in der Hand vom Fenster auf den Balkon getreten. Es geschah nicht sehr oft, dass Frau Poyntz sich herabließ, der „Sentimentalität“ – wie sie es bezeichnete – Zutritt zu der scharfen, praktischen und weltlichen Art Unterhaltung zu lassen, die sie bevorzugte. Trotzdem kam es von Zeit zu Zeit vor und wenn dies der Fall war, vermittelte sie mir den Eindruck eines viel zu verständigen Intellekts, um der Empfindsamkeit nicht doch einen Platz in diesem Leben einzuräumen, natürlich einen fest zugewiesenen Platz, vergleichbar der Mischung aus Leutseligkeit und Gleichgültigkeit, mit der eine vornehme Schönheit dem Genius eines armen, mittellosen Poeten Gehör schenkt, ohne ihn zu Weiterem zu ermutigen. Ihre Blicke wanderten einige Minuten lang mit sichtlichem Genuss über den Schauplatz; dann als sie auf den drei Giebeln von Abbots´ House haften blieben, gewann ihr Gesicht etwas von der Härte, die ihrem entschlossenen Charakter eigen war, zurück; ihre Finger kehrten mechanisch zu ihrer Tätigkeit zurück und sie sagte, mit einem klaren, metallischen Klang in ihrer Stimme:
„Können Sie sich vorstellen, weshalb ich mir so viel Mühe gegeben habe, Mr. Vigors einen Gefallen zu tun und Mrs. Ashleigh dort unten unterzubringen?“
„Sie waren bereits so freundlich, uns Ihre Gründe ausführlich darzulegen.“
„Einige meiner Gründe; aber nicht den Hauptgrund. Wer es wie ich für seine Aufgabe hält, Andere zu lenken, muss in Bezug auf seine Regentschaft, sei es über ein Königreich oder über ein Dorf, sich für ein Prinzip der Regentschaft entscheiden und unbeirrbar an ihm festhalten. Das Prinzip, das für den Berg am Besten geeignet ist, ist die Wahrung des Anstands. Wir haben nicht sehr viel Geld und – unter uns – auch keinen allzu hohen Rang. Unsere Politik muss also sein, dem Anstand so viel Macht zu geben, dass sich das Geld ihm unterwerfen und der Rang sich vor ihm fürchten muss. Kurz vor Mr. Vigors Besuch erfuhr ich, dass Lady Sarah Bellasis sich mit dem Gedanken befasse, Abbots´House zu mieten. London habe sich bereits seine Meinung über diese Dame gebildet; eine Provinzstadt würde wohl milder urteilen. Die Tochter eines Earl´s mit einem schönen Einkommen und einem furchtbar schlechten Ruf, mit den besten Manieren und der schlimmsten Moral, würde dem Anstand übel mitgespielt haben. Wie viele unserer Damen hätten Champagner dem Tee und die Lady der Mrs. Poyntz vorgezogen. Der Hill war nie zuvor in größerer Gefahr. Bevor ich das Haus Lady Sarah Belassis überlassen hätte, hätte ich es lieber selbst gemietet und mit Eulen vollgestopft. In diesem kritischen Augenblick kam mir Mrs. Ashleigh sehr gelegen. Lady Sarah´s Pläne sind vereitelt, der Anstand gewahrt und die Angelegenheit damit geregelt.“
„Es wird Sie freuen, eine Jugendfreundin so nah bei sich zu haben.“
Mrs. Poyntz sah mir tief in die Augen.
„Kennen Sie Mrs. Ashleigh?“
„Nein.“
„Sie hat viele Tugenden und wenig Ideen. Sie ist auf genauso alltägliche Weise schwach, wie ich auf alltägliche Weise stark bin. Aber diese Schwäche kann sehr liebenswert sein. Ihr Mann, ein Genie und Gelehrter, hatte ihr sein ganzes Herz geschenkt – ein Herz, das es wert war, errungen zu werden; aber er war nicht besonders ehrgeizig und verachtete die Welt.“
„Ich glaube, Sie sagten Ihre Tochter sei sehr gut mit Miss Ashleigh befreundet. Ist sie ihrer Mutter sehr ähnlich?“
Ich befürchtete schon, wieder dem suchenden Blick von Mrs. Poyntz ausgesetzt zu werden, aber diesmal sah sie nicht von ihrer Arbeit auf.
„Nein. Lilian ist weit davon entfernt alltäglich zu sein.“
„Sie beschrieben ihre Gesundheit als angeschlagen; Sie sagten etwas von der Hoffnung, sie sei nicht schwindsüchtig. Ich hoffe, es gibt keinen ernsthaften Grund für die Annahme, sie habe die Anlage für diese Krankheit, welche in ihrem Alter sorgfältig überwacht werden müsste?“
„Ich glaube nicht. Wenn sie sterben müsste... – Dr. Fenwick, was ist mit Ihnen?“
Das Bild, welches die Worte der Frau mir vor Augen geführt hatten, bewirkte, dass ich auffuhr, als sei ich ins Mark getroffen worden.
„Ich bitte um Verzeihung,“ stotterte ich und presste meine Hand auf mein Herz; „ein plötzlicher Krampf in der Brustgegend....- ist schon vorüber. Sie sagten, dass... - ..dass..-..“
„Ich wollte gerade sagen...“ an dieser Stelle legte Mrs. Poyntz ihre Hand leicht auf die meine. „Ich wollte gerade sagen, falls Lilian sterben würde, würde ich um sie weniger trauern, als um jemanden, dem irdische Dinge mehr bedeuten. Aber ich glaube, es gibt keinen Grund zu der Besorgnis, die meine Worte unabsichtlich in Ihnen wachgerufen haben. Ihre Mutter ist sehr wachsam und um ihr Wohl besorgt; sollte Lilian etwas fehlen, so würde sie sich sofort nach ärztlichem Rat umsehen. Mr. Vigors würde natürlich Dr. Jones empfehlen.“
Mit diesen Worten, die mir wie ein Stachel im Herzen staken, beendete Mrs. Poyntz unserer Unterhaltung und kehrte in den Salon zurück.
Ich blieb noch einige Minuten auf dem Balkon, wütend und aus der Fassung gebracht. Auf welch vollendete Weise hatte mir diese abgebrühte Diplomatin mein Geheimnis abgerungen! Dass sie mein Herz besser kannte, als ich wahrhaben wollte, wurde durch den mit dem Widerhaken „Dr. Jones“ versehenen parthischen Pfeil deutlich, den sie im Rückzug über die Schulter noch auf mich abgeschossen hatte. Vielleicht war es nur die gewohnt schnelle Auffassungsgabe des weiblichen Geschlechts, die bewirkte, dass sie vom ersten Moment an, in dem sie mich an ihre Seite gelockt hatte, „das Etwas“ in mir ausfindig gemacht hatte. Mit außergewöhnlicher Schlauheit hatte sie die Unterhaltung in eine Richtung gelenkt, in der sie einen Hinweis auf dieses Etwas vermutete. Zu welchem Zweck? Was brachte ihr das Ganze? Welche Gründe, außer der Befriedigung ihrer Neugier, konnte sie haben? Vielleicht hatte sie zuerst angenommen, ich hätte mich von der eindrucksvollen Schönheit ihrer Tochter beeindrucken lassen und mir deshalb mit halb zynischer, halb freundlicher Offenheit ihre ehrgeizigen Pläne für die Verheiratung dieser jungen Dame offenbart. Meine Reaktion überzeugte sie, dass ich offensichtlich keine Ambitionen in dieser Richtung entwickelt hatte, spornte jedoch ihr Vergnügen an der Ausübung eines gerissenen Intellekts an, der Politiker und Intriganten zu einer Aktivität antreibt, die ohne den eigenen Reiz an sich keinen vergleichbaren Ansporn liefert. Zudem war die Ausübung von Macht die beherrschende Leidenschaft dieses kleinen Souveräns und wenn Wissen Macht bedeutet, gibt es kein besseres Mittel, Macht über ein widerspenstiges Subjekt zu gewinnen, als durch das Wissen um ein Geheimnisses, welches in seinem Herzen ruht.
Aber „Geheimnis“! Besagte das eigentlich nicht viel zu viel? War es wirklich möglich, dass allein der Blick in ein Gesicht, dass man nie zuvor gesehen hatte, mein ganzes Leben beeinflussen konnte – das einer Fremden, von deren Geist und Charakter ich nichts wusste und deren Stimme ich noch nicht einmal gehört hatte? Nur aus dem unerträglichen Schmerz, den ich bei den sorglos dahin gesagten Worten „wenn sie sterben sollte“ empfand, fühlte ich, wie sehr die Welt sich für mich verändern würde, wenn ich dieses Gesicht nie mehr wiedersehen könnte! Ja, es war auch für mich kein Geheimnis mehr – ich war verliebt! Und wie alle, auf die sich die Liebe herablässt, einmal sanft und langsam mit dem leichten Flügelschlag der Taube, die auf ihrem Nest landet, ein anderes Mal mit dem Herabsausen eines Adlers auf seine ahnungslose Beute vergleichbar, war ich der Ansicht, dass niemand je zuvor so wie ich geliebt habe und dass eine derartige Liebe ein Wunder sein müsse, nur für mich alleine geschaffen. Unmerklich besänftige mein Gemüt seine wilderen und stürmischeren Gedanken, während mein Blick auf dem Dach von Lilian´s Heim und der vom schimmernden Silber des Mondlichts beleuchteten Weide ruhte, unter der ich sie zum ersten Mal in den rotglühenden Abendhimmel blicken sah.
Kapitel VIII
Als ich in den Salon zurückkehrte, war die Gesellschaft offensichtlich gerade dabei aufzubrechen. Die Gäste, die sich um das Piano geschart hatten, standen jetzt um den Tisch mit den Erfrischungen. Die Kartenspieler hatten sich erhoben und diskutierten oder beglichen gerade ihre Gewinne oder Verluste. Während ich nach meinem Hut suchte, den ich irgendwo verlegt hatte, trat ein älterer Herr, welcher an einer Gesichtsneuralgie litt (nebenbei bemerkt der stolzeste und ärmste aller Hidalgos des Hills), an meine Seite. Er konnte es sich nicht leisten, einen Arzt zu konsultieren, aber der Schmerz hatte seinen Stolz gedemütigt und ich erkannte auf den ersten Blick, dass er nach einer Möglichkeit suchte, unsere Begegnung dazu zu nutzen, den Rat eines Fachmannes einzuholen. Der alte Mann entdeckte den Hut vor mir, bückte sich danach und reichte ihn mir mit der Verbeugung eines Gentlemans der alten Schule, presste jedoch die andere Hand zitternd an seine Wange. Seine Augen trafen meinen Blick mit stummer, dringender Bitte. Der Instinkt meines Berufstandes ergriff mich sofort. Ich konnte niemanden leiden sehen, ohne sofort über dem Wunsch, Hilfe leisten zu können alles andere zu vergessen.
„Sie haben Schmerzen,“ sagte ich sanft. „setzen Sie sich und beschreiben Sie mir die Symptome. Sehen Sie mich nicht als Arzt, sondern als Freund, der Spaß am Herumdoktoren hat und ein wenig von der Sache versteht.“
Wir nahmen ein wenig abseits von den anderen Gästen Platz, und nach einigen Fragen und Antworten war ich froh feststellen zu können, dass sein Problem nicht zu den schwer heilbaren Formen dieser quälenden Neuralgie gehörte. Ich hatte bereits einige Erfolge in der Behandlung ähnlicher Leiden erzielt, für die ich glücklicherweise ein fast spezifisches Mittel entdeckt hatte. Ich schrieb auf ein Blatt meines Notizblocks ein Rezept, von dessen Wirksamkeit ich überzeugt war, und als ich es herausriss und dem Kranken in die Hand drückte, sah ich flüchtig auf und bemerkte, dass die braunen Augen meiner Gastgeberin mit einem freundlicheren und sanfteren Ausdruck auf mir ruhten, als gewöhnlich in ihrem kalten und durchdringenden Glanz zu bemerken war. Im selben Moment wurde jedoch ihre Aufmerksamkeit durch einen Diener in Anspruch genommen, der mit einer Nachricht eingetreten war, und ich hörte ihn halblaut sagen: „Von Mrs. Ashleigh.“
Sie öffnete die Nachricht, las sie hastig und wies den Diener an, vor der Türe zu warten. Dann setzte sie sich an ihren Schreibtisch, nahe dem Ort, an dem ich noch immer stand, stützte ihr Gesicht auf ihre Hand und schien nachzudenken. Ihre Kontemplation war sehr schnell beendet. Sie wandte ihren Kopf und winkte mir zu meiner Überraschung zu. Ich kam näher.
„Nehmen Sie Platz,“ flüsterte sie, „und wenden Sie den Leuten, die uns zweifellos beobachten, den Rücken zu. Lesen Sie das.“
Sie drückte mir die Nachricht, die gerade eingetroffen war, in die Hand. Sie enthielt nur ein paar Worte:
Liebe Margaret, ich weiß mir nicht mehr zu helfen. Seit ich Dir vor ein paar Stunden geschrieben habe, hat sich das Befinden Lilian´s verschlechtert und wie ich fürchte, in einem beängstigenden Maße. Nach welchen Arzt soll ich schicken? Bitte gib meinem Bediensteten seinen Namen und Adresse. A.A.
Ich sprang auf.
„Halt!“ sagte Mrs. Poyntz „würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich den Diener zu Dr. Jones schicke?“
„Madame, Sie sind grausam. Wodurch habe ich Sie zu meinem Feind gemacht?“
„Feind? Nein. Sie haben gerade einem meiner Freunde einen Freundschaftsdienst erwiesen. In dieser Welt voller Narren muss sich der Intellekt mit dem Intellekt verbünden. Nein, ich bin nicht Ihr Feind! Aber Sie haben mich noch nicht um meine Freundschaft gebeten.“
An dieser Stelle drückte sie mir eine Notiz in die Hand, die sie geschrieben hatte, während wir noch miteinander sprachen. „Hier ist Ihr Beglaubigungsschreiben. Wenn es irgendeinen Grund zur Sorge gibt und ich von Nutzen sein kann, schicken Sie nach mir.“ Sie nahm ihre unterbrochene Arbeit wieder auf, aber mit zögernden, unsicheren Fingern und fügte hinzu, „so weit wäre die Angelegenheit geregelt. Nein, danken Sie mir nicht; es ist nicht viel, was ich bis jetzt regeln konnte.“
Kapitel IX
Einige Minuten später befand ich mich wieder einmal auf dem Weg zu dem Grundstück auf dem das alte Giebelhaus stand; der Diener, der mir vorausging, betrat es über die Treppen und das kleine Tor des Privateingangs. Das war der kürzeste Weg. Wieder kam ich an der kreisförmigen Lichtung und dem Klosterbrunnen vorbei. Der Rasen, die Bäume und die Ruinen waren von klarem Mondlicht überflutet.
Dann war ich im Haus; der Diener brachte die Notiz nach oben, mit der ich ausgestattet worden war, und nach ein oder zwei Minuten kam er zurück und geleitete mich zu einem höher gelegenen Korridor, in welchem mich Mrs. Ashleigh empfing. Ich begann als erster zu sprechen.
„Ihre Tochter...sie...sie ist nicht ernsthaft krank, hoffe ich. Was fehlt ihr?“
„Psst!“ sagte sie leise, „würden Sie einen Moment hier hereinkommen?“ Sie öffnete eine Tür zu ihrer Rechten. Ich folgte ihr, und als sie die Lampe, die sie in der Hand hielt, auf den Tisch gestellt hatte, sah ich mich schaudernd im Raum um, - es war der Raum, in dem Dr. Lloyd gestorben war. Ein Irrtum war ausgeschlossen. Zwar waren die Möbel ausgetauscht worden und es stand ein Bett im Zimmer; aber die Umrisse des Raums, die Lage des hohen Flügelfensters, das jetzt weit offen stand und durch das heute das Mondlicht viel weicher herein fiel, als in jener traurigen Winternacht, das Gebälk unter der niedrigen Decke – all das war mir noch lebhaft in Erinnerung. Der Stuhl, auf dem mir Mrs. Ashleigh Platz anbot, stand genau auf der Stelle, auf der ich neben dem Sterbenden gestanden hatte.
Ich schrak zurück – dorthin konnte ich mich unmöglich setzen. Deshalb stütze ich mich auf den Kaminsims, während mir Mrs. Ashleigh berichtete.
Sie sagte, dass sich Lilian am gestrigen Tag ihrer Anreise einer ungewöhnlich guten Gesundheit und Stimmung erfreut habe; begeistert von dem alten Haus, dem Grundstück und besonders dem alten Mönchsbrunnen, an dem Mrs. Ashleigh sie heute Abend verlassen hatte, um in Begleitung von Mr. Vigors einige Einkäufe in der Stadt zu tätigen. Nach ihrer Rückkehr habe sie Lilian dort wieder aufgesucht und ihrem mütterlichen Auge sei sofort eine alarmierende Veränderung im Verhalten ihrer Tochter aufgefallen. Sie war sehr blass, schien teilnahmslos und niedergeschlagen – leugnete aber sich unwohl zu fühlen. Nach der Rückkehr ins Haus habe sie sich in den Raum gesetzt, in dem wir uns aufhielten und – „der,“ so fügte Mrs. Ashleigh hinzu, „da er nicht als Schlafzimmer gedacht war, auf Wunsch meiner Tochter, die sehr gerne liest, als Morgen- und Studienraum eingerichtet werden soll. Ich ließ sie hier und ging mit Mr. Vigors zurück in den unteren Salon. Als er kurze Zeit später das Haus verließ, blieb ich fast noch eine Stunde dort, um die Plazierung der Möbel, die gerade eingetroffen waren, zu beaufsichtigen. Dann kehrte ich zu meiner Tochter zurück und fand sie zu meinem Schrecken leblos in ihrem Sessel vor. Sie war ohnmächtig geworden.“
Hier unterbrach ich Mrs. Ashleigh mit der Frage: „Hat Miss Ashleigh schon öfter derartige Ohnmachtsanfälle gehabt?“
„Nein, niemals. Als sie wieder zu sich kam, war sie verwirrt – weigerte sich zu sprechen. Ich brachte sie zu Bett, und als sie fast sofort einschlief, beruhigte ich mich etwas. Ich hielt den Vorfall nur für eine vorübergehende Auswirkung der mit dem Umzug verbundenen Aufregung oder der Umgebung des Platzes, auf der sie sich aufgehalten hatte.“
„Durchaus möglich. Die Stunde des Sonnenuntergangs zu dieser Jahreszeit ist zarten Naturen nicht zuträglich. Bitte weiter.“
„Vor ungefähr einer dreiviertel Stunde erwachte sie mit einem lauten Schrei und befindet sich seitdem in einem Zustand großer Erregung, weint heftig und beantwortet keine meiner Fragen. Sie scheint aber nicht benommen zu sein, sondern eher hysterisch.“
„Sie werden mir jetzt erlauben, sie mir anzusehen. Trösten Sie sich – nach allem, was Sie mir mitgeteilt haben, scheint kein Grund zu ernster Besorgnis zu sein.“
Kapitel X
Für den wahren Arzt ist das Zimmer eines Kranken ein Heiligtum. An seiner Schwelle weichen die menschlicheren Leidenschaften aus seinem Herzen. Liebe würde eine Entweihung sein; selbst der Kummer, der anderen gestattet ist, muss hier zurückstehen. Nichts hat hier Zutritt als – ruhige Intelligenz. Er ist für seine Mission unbrauchbar, wenn er den scharfen stillen Blick seiner Wissenschaft trüben lässt. Alter oder Jugend, Schönheit oder Missbildung, Unschuld oder - die Unterschiede verschmelzen in ein gemeinschaftliches Merkmal - dem menschlichen Leiden, welches nach menschlicher Geschicklichkeit ruft.
Wehe dem Haushalt, welcher einem Arzt Vertrauen schenkt, dessen Gewissen ihm nicht die sorgfältige Erfüllung seiner Pflichten befiehlt. Voller Ehrfurcht stand ich wie in einem Tempel im Zimmer der jungen Frau. Als ihre Mutter ihre Hand in die meine legte und ich das Pochen ihres Pulses fühlte, bemerkte ich gleichzeitig das raschere Klopfen meines eigenen Herzens. Ruhig betrachtete ich ihr Gesicht, dessen Schönheit durch die Erregung, welche die Farbe der jungen Wangen noch vertiefte und in dem Glanz, der aus den umherschweifenden dunkelblauen Augen leuchtete, noch schöner zu werden schien. Anfang schenkte sie mir keine Beachtung, schien mich nicht einmal zu bemerken, sondern murmelte Worte vor sich hin, die ich nicht verstehen konnte.
Als ich sie nach einiger Zeit in dem gedämpften, beruhigenden Ton ansprach, den wir am Krankenbett lernen, veränderte sich plötzlich der Ausdruck ihres Gesichts; sie fuhr sich mit der Hand, die nicht in meiner ruhte, über die Stirn, wandte sich um und sah mich lange und in unverkennbarer Überraschung an, jedoch nicht, als ob die Überraschung sie unangenehm berühren würde – nicht mit der Scheu, die vor dem Anblick eines Fremden zurückschreckt, sondern eher mit dem Ausdruck ungläubigen Erkennens eines unerwarteten Freundes. In die Überraschung schien sich jedoch eine Art Furcht zu mischen, ihre Hand zitterte und ihre Stimme bebte, als sie sagte:
„Ist es möglich – ist es wirklich möglich? Bin ich wach? Mutter, wer ist das?“
„Nur ein freundlicher Besucher, Dr. Fenwick, den uns Mrs. Poyntz geschickt hat, weil ich mir etwas Sorgen wegen Dir gemacht habe, mein Liebes. Wie geht es Dir jetzt?“
„Besser, sonderbar besser.“
Sie zog ihre Hand sanft aus der meinen zurück und wandte sich mit unwillkürlicher Scheu ihrer Mutter zu, zog diese an sich und verbarg sich so vor meinem Blick.
Nachdem ich mich überzeugt hatte, dass kein Delirium, sondern höchstens eine leichte und vorübergehend erhöhte Temperatur vorlag, die eine häufig auftretende Begleiterscheinung eines nervösen Anfalls bei sensiblen Konstitutionen darstellt, verließ ich geräuschlos das Zimmer, kehrte jedoch nicht in das ehemals von dem unglücklichen Naturalisten bewohnte Zimmer zurück, sondern ging in das ein Stockwerk tiefer gelegene Besucherzimmer hinunter, um ein Rezept auszustellen. Ich hatte den Bediensteten bereits damit zur Apotheke geschickt, als Mrs. Ashleigh mir folgte.
„Sie scheint sich überraschend schnell wieder zu erholen; ihre Stirn fühlt sich bereits kühler an und sie ist bei vollem Bewusstsein, kann allerdings keine Auskunft über ihren Anfall erteilen und kann sich weder an die Ohnmacht, noch an die Aufregung erinnern, mit der sie aus dem Schlaf erwachte.“
„Ich denke, ich kann beides erklären. In dem ersten Raum, den sie betrat – der, in dem sie ohnmächtig wurde –, stand das Fenster weit offen; die Seiten des Fensters sind mit Kletterpflanzen überwuchert, die in voller Blüte stehen. Miss Ashleigh war bereits längere Zeit, geschwächt durch Müdigkeit und Aufregung, den gesundheitsschädlichen Auswirkungen eines Aufenthalts im Abendtau ausgesetzt gewesen. Der Schlaf, in den sie nach ihrer Ohnmacht fiel, war deshalb so unruhig, weil die Natur, die bei so jungen Personen immer besonders in Alarmbereitschaft und aktiv ist, eigene Anstrengungen unternahm, sich selbst vor einem Schaden zu bewahren. Die Natur wäre beinahe erfolgreich gewesen. Was ich verordnet habe, soll die Arbeit der Natur ein wenig unterstützen und beschleunigen. In ein oder zwei Tagen wird Ihre Tochter ohne Zweifel wieder vollständig wiederhergestellt sein. Ich empfehle jedoch, sie nicht mehr der feuchten Abendluft auszusetzen und auch das Zimmer meiden zu lassen, in dem sie den ersten Anfall hatte, da man im Zusammenhang mit nervösen Störungen des vegetativen Nervensystems beobachtet hat, dass diese sich gerne an dem Platz wiederholen, an dem sie zum ersten Mal aufgetreten sind. Das beste wäre, den Raum einige Wochen ganz zu schließen, einige Male das Kaminfeuer zu entzünden, es neu streichen und tapezieren zu lassen und Chloroform darin zu versprühen. Sie wissen vielleicht nicht, dass Dr. Lloyd nach langer Krankheit in dem Raum gestorben ist. Erlauben Sie mir zu warten, bis der Diener mit der Medizin zurückgekehrt ist und mir in der Zwischenzeit einige Fragen zu stellen. Sie sagen, Miss Ashleigh ist zuvor noch nie ohnmächtig geworden? Ich vermute sie ist keine sehr kräftige Natur. Aber sie hat nie an einer schwereren Erkrankung gelitten?“
„Nie.“
„Keine größere Neigung zu Erkältungen oder Husten, Entzündungen der Brust oder der Lungen?“
„Bestimmt nicht. Trotzdem hatte ich schon immer die Befürchtung, sie könnte eine Anlage zur Schwindsucht haben. Sind sie auch dieser Meinung? Ihre Fragen beunruhigen mich.“
„Ich glaube nicht; aber bevor ich eine derartige Aussage treffen kann, noch eine Frage. Sie sagen, sie fürchten eine Anlage zur Schwindsucht. Gab es Fälle dieser Krankheit in der Familie? Sie hat sie sicherlich nicht von Ihnen geerbt – vielleicht von Seite des Vaters?“
„Ihr Vater,“ sagte Mrs. Ashleigh mit Tränen in ihren Augen „starb sehr jung, aber an den Folgen einer Gehirnhautentzündung, die – wie die Ärzte sagten - eine Folge des Studiums gewesen sei.“
„Das genügt mir, Madame. Was Sie sagen, bestätigt meine Ansicht, dass die Konstitution Ihrer Tochter genau das Gegenteil der Disposition darstellt, in welcher die Keime der Schwindsucht lauern. Vielmehr scheint mir ihre vornehme Konstitution die Ursache des Problems zu sein, die aufgrund ihrer nervösen Zustände zwar zart ist, sich aber genauso schnell wieder erholt, wie sie einer gesundheitlichen Störung ausgesetzt ist.“
„Vielen, vielen Dank für das, was Sie gerade gesagt haben. Sie nehmen mir eine Last vom Herzen, denn – wie ich weiß – hält Mr. Vigors Lilian für schwindsüchtig und auch Mrs. Poyntz hat mich hin und wieder durch Bemerkungen in dieser Richtung erschreckt. Was Sie mit nervösen Zuständen meinen, verstehe ich nicht ganz. Meine Tochter ist eigentlich nicht, was man üblicherweise unter nervös versteht. Sie hat ein ganz eigenartiges, ruhiges Temperament.“
„Wenn sie nicht leicht erregbar ist, würden Sie auch sagen, sie ist nicht leicht beeinflussbar? Dinge, die vielleicht ihr Temperament unbeeindruckt lassen, können sich doch auf ihr Gemüt auswirken. Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich genug ausgedrückt habe?“
„Ja, ich denke, ich verstehe den Unterschied; aber ich weiß nicht, ob er in diesem Zusammenhang anwendbar ist. Für die meisten Dinge, die auf das Gemüt wirken, ist sie nicht empfänglicher als andere Mädchen, vielleicht sogar weniger. Aber es gibt sicher einige Dinge, die großen Eindruck auf sie machen.“
„Was zum Beispiel?“
„Sie nimmt mehr Anteil an Dingen in der Natur, an einer schönen Landschaft, an Geräuschen in der Natur, an Musik und an Büchern, die sie liest – selbst an Büchern, die kein Werk der Phantasie sind - als irgend ein anderer Mensch, den ich je kennengelernt habe. Vielleicht gerät sie in all diesen Dingen nach ihrem armen Vater, nur in einem noch ausgeprägterem Maße – zumindest fällt es mir an ihr mehr auf, denn er war sehr schweigsam und zurückhaltend. Vielleicht sind diese Eigenarten durch die Abgeschiedenheit, in der sie aufwuchs, noch verstärkt worden. Ich ließ mich auch in Hinblick auf die Möglichkeit, die Umgebung würde sie anderen Mädchen ihres Alters vielleicht etwas ähnlicher machen, von Mrs. Poyntz überzeugen, hierher zu kommen. Lilian war mit dem Wechsel einverstanden; schreckte aber vor dem Gedanken an London zurück, welches ich bevorzugt hätte. Auch ihr armer Vater konnte London nicht ausstehen.“
„Miss Ashleigh liest gerne?“
„Ja, sie liest gerne, grübelt aber noch lieber. Sie kann stundenlang alleine ohne ein Buch oder eine Arbeit dasitzen und scheint zu träumen. Das war selbst in ihrer frühesten Kindheit so. Sie erzählte mir dann, was sie gesehen hatte – wirklich gesehen – wunderschöne Länder weit weg von der Erde; Blumen und Bäume, die mit nichts vergleichbar sind, was es hier gibt. Je älter sie wurde, desto mehr missfielen mir diese Visionen, ich schimpfte sie und erklärte ihr, dass Andere, die sie so sprechen hörten, sie nicht nur für dumm, sondern auch für sehr unaufrichtig halten würden. Deshalb hat sie sich in den letzten Jahren nicht mehr getraut, mir zu erzählen, was ihr ihre Einbildung in solchen traumwandlerischen Momenten vorgaukelt; aber die Gewohnheit zu grübeln blieb bestehen. Sind Sie auch der Ansicht von Mrs. Poyntz, das beste Heilmittel wäre die heitere Gesellschaft anderer junger Leute?“
„Mit Sicherheit,“ sagte ich ehrlich, obwohl mir die Eifersucht einen plötzlichen Stich versetzte, „aber da kommt die Arznei. Würden Sie ihr das Mittel hinaufbringen und dann eine halbe Stunde oder so bei ihr sitzen bleiben? Ich bin mir sicher, dass sie dann eingeschlafen sein wird. Ich werde hier warten, bis sie zurück kommen. Ich werde mich einstweilen mit den Zeitungen und Büchern auf Ihrem Tisch amüsieren. Ein Moment noch – entfernen Sie vorsichtshalber alle Blumen aus Miss Ashleigh´s Schlafzimmer. Es war mir so, als hätte ich einen heimtückischen Rosenstrauch am Fenster stehen sehen. Wenn das der Fall ist, lassen Sie ihn entfernen.“
Als ich alleine war, sah ich mich in dem Zimmer um, in dem ich mich jetzt – voll Freude – als privilegierten Gast betrachten konnte. Ich berührte die Bücher, die Lilian berührt haben musste. In den Möbeln, deren hastige Positionierung noch nicht das Aussehen von Wohnlichkeit vermitteln konnten, erblickte ich Gegenstände, die ihr Geist mit der Geschichte ihres jungen Lebens in Verbindung bringen würde. Die Laute, die bestimmt ihr gehörte, und der Schal in den bei Mädchen so beliebten Farben – strahlend weiß und blass blau – und der Vogelkäfig, das Kästchen aus Elfenbein mit seinen Werkzeugen, die zu hübsch für den Gebrauch waren – all das erzählte von ihr.
Es war eine selige, berauschende Erfahrung, aus der ich durch die Rückkehr von Mrs. Ashleigh gerissen wurde.
Lilian schlief ruhig. Ich hatte keinen Grund länger zu bleiben.
„Ich verlasse Sie, wie ich hoffe, etwas beruhigter?“ sagte ich, „erlauben Sie mir, morgen Nachmittag noch einmal vorbeizuschauen?“
„Oh ja, ich wäre Ihnen wirklich dankbar!“
Mrs. Ashleigh streckte ihre Hand aus, als ich mich zur Tür wandte.
Gibt es einen Arzt, der nicht manchmal gefühlt hätte, wie ihn das förmliche Honorar aus dem Garten der Menschlichkeit auf den Marktplatz des Geldes wirft – ihn auszuschließen scheint aus dem Bund der Freundschaft unter Gleichen und ihm verdeutlicht: „Es ist wahr, ich verdanke Ihnen Gesundheit und Leben. Adieu! Bitte sehr, hier ist Ihr Lohn!“ Bei einer Armen wäre ich nicht in Verlegenheit geraten; aber Mrs. Ashleigh war wohlhabend: von der üblichen Verfahrensweise abzuweichen, wäre eine Unverschämtheit gewesen. Aber selbst wenn die Ablehnung zur Folge gehabt hätte, dass ich Lilian nie wieder sehen könnte, konnte ich das Geld ihrer Mutter nicht annehmen. So tat ich, also ob ich die ausgestreckte Hand nicht bemerken würde und beschleunigte meine Schritte.
„Aber Dr. Fenwick – warten Sie doch!“
„Nein, Madame, nein. Miss Ashleigh hätte sich auch ohne meine Hilfe schnell wieder erholt. Wenn meine Hilfe wirklich benötigt wird, dann.... aber der Himmel verhüte, dass diese Zeit komme. Wir können morgen wieder über sie sprechen.“
Ich war fort – im von Blüten duftenden Garten; dann auf der Gasse zwischen den engen Wänden; auf der verlassenen Straße, über welcher der Vollmond schien, wie in der Winternacht, in der ich aus der Kammer des Todes flüchtete. Aber heute wirkten die Straßen nicht unheimlich und der Mond war nicht länger Hekate, die traurige Göttin der Furcht und der Gespenster, sondern vielmehr die süße, einfache Herrin der Sterne, zu deren süßem Antlitz von jeher die Liebenden aufblickten (vorausgesetzt die Vermutung der Astronomen ist richtig), seit sie sich von der Erde trennte, um aus der Ferne die Flut ihrer Meere zu steuern, auf dieselbe Weise wie die Liebe, von der Liebe getrennt, das ihr sehnsüchtig zugewandte Herz, einem geheimnisvollen Gesetz folgend, beherrscht.
Kapitel XI
Mit welcher Freude empfing ich die Patienten, die mich am nächsten Morgen aufsuchten. Die ganze menschliche Rasse schien mir auf einmal liebenswerter und ich sehnte mich danach, auf alle einige Strahlen der herrlichen Hoffnung fallen zu lassen, die in meinem Herzen dämmerte. Mein erster Besuch dieses Tages galt der armen jungen Frau, von der zurückkehrend mich ein Zug des Schicksals in den Garten lockte, in dem ich Lilian zuerst erblickte. Ich fühlte eine tiefe Dankbarkeit gegenüber dieser Patientin; ohne sie hätte ich Lilian noch nicht kennengelernt.
Der Bruder des Mädchens, ein junger Mann, der bei der Polizei Dienst tat und dessen Gehalt eine verwitwete Mutter und die leidende Schwester unterstützte, empfing mich an der Schwelle des kleinen Hauses.
„Oh, Sir, sie fühlt sich heute viel besser – hat fast keine Schmerzen. Wird sie es überleben, gibt es Hoffnung?“
„Wenn meine Behandlung so gut angeschlagen hat, wie Sie sagen, wenn sie sich wirklich so viel besser fühlt, kann ich, glaube ich, eine Genesung versprechen. Aber zuerst einmal muss ich sie mir ansehen.“
Der Kranken ging es tatsächlich sehr viel besser. Ich fühlte, dass ich durch meine Geschicklichkeit einen großen Triumph errungen hatte, aber an diesem Tag war selbst mein intellektueller Stolz in dem Übermaß an Gefühl, das in meinem Herzen erblüht war, vergessen.
Als ich auf dem Rückweg aus dem Krankenzimmer wieder auf den Bruder traf, der noch immer draußen wartete, lächelte ich.
„Ihre Schwester ist gerettet, Wady. Sie braucht jetzt hauptsächlich Wein und leichte Kost. Beides können Sie von nun an täglich bei mir zu Haus abholen.“
„Gott segne Sie, Sir. Wenn ich jemals etwas für Sie tun kann....“ stammelte er. Dann versagte ihm seine Stimme den Dienst.
Mir, Allen Fenwick, helfen – dieser arme Polizeibeamte. Mir, dem selbst ein König keinen Dienst mehr erweisen konnte. Was verlangte ich auf Erden, außer Ruhm und Lilian´s Herz? Einen Thron und Brot gewinnt man durch die Hilfe anderer; Ruhm und das Herz einer Frau kann man nur aus eigener Kraft erringen.
So schritt ich fröhlich den Hill hinauf, durch das offene Eisentor, über den Feengrund und stand schließlich vor Lilian´s Heim. Der Bedienstete, der mir die Tür öffnete, schien etwas verwirrt zu sein, ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen, sondern sagte hastig:
„Nicht zu Hause, Sir; eine Nachricht für Sie.“
Mechanisch drehte ich die Notiz in meiner Hand. Ich fühlte mich wie betäubt.
„Nicht zu Hause! Miss Ashleigh kann doch nicht ausgegangen sein. Wie geht es ihr?“
„Viel besser, Sir, danke Ihnen.“
Immer noch konnte ich die Nachricht nicht öffnen. Meine Blicke wanderten sehnsüchtig zu den Fenstern hinauf und dort – hinter dem Fenster des Besuchszimmers – erblickte ich das finstere Gesicht Mr. Vigors. Vor Zorn fing mein Gesicht an zu glühen, ich erkannte, dass ich entlassen war und verließ mit erhobenem Haupt und festem Schritt den Schauplatz.
Sobald ich das Tor hinter mir hatte, öffnete ich die Nachricht. Sie begann sehr förmlich, man dankte mir in höflichen Worten für den am Vorabend geleisteten Dienst, wolle mich jedoch nicht mit der Wiederholung meines Besuches bemühen und sende anbei den doppelten Betrag des sonst üblichen Honorars. Ich schleuderte das Geld wie eine Natter, die mich gebissen hatte, über die hohe Mauer und zerriss die Nachricht in Fetzen. Nachdem ich auf derart unsinnige Weise meinem Ärger Luft gemacht hatte, machte sie einer dumpfen, nagenden Trauer Platz, die alle anderen Gefühle überlagerte. An Ende der Gasse machte ich halt. Ich schreckte vor dem Gedanken an das Menschengewühl auf den Straßen zurück. Ein noch größeres Greuel aber war mir der Gedanke an die Routine meiner Pflichten, die sich vor mir in der Wüste ausbreitete, in die sich mein Alltag verwandelt hatte. Ich setzte mich auf eine Bank und bedeckte mein mutloses Gesicht mit zitternden Händen. Ich sah auf, als das Geräusch von Schritten an mein Ohr drang und sah Dr. Jones, der, offensichtlich vom Abbots´House kommend rasch die Gasse herunterkam. Er musste zur selben Zeit dort gewesen sein, als ich meine Aufwartung machte. Ich war nicht nur entlassen, sondern sogar schon ersetzt. Ich stand auf, bevor er den Platz erreichen konnte, an dem ich saß, begab mich auf den Weg in die Stadt und machte meine Runde; aber meine Aufmerksamkeit war nicht mehr so zärtlich, meine Kunst nicht mehr so genial von der Glut des Wohlwollens beschleunigt, wie dies meine ärmeren Patienten am Morgen empfunden haben mochten. Ich habe gesagt, wie der Arzt das Krankenzimmer betreten müsse - ruhige Intelligenz. Aber wenn das Herz getroffen ist, leidet der Intellekt ebenfalls. Ich befürchte, an diesem Tag war mein ruhiger Intellekt nicht viel wert. Bichat teilt in seinem berühmten Buch über Leben und Tod das Leben in zwei Klassen, tierisch und organisch. Die Intelligenz des Menschen, mit dem Gehirn als Mittelpunkt, gehört dem tierischen Leben an; seine Leidenschaften, mit Sitz in seinem Herzen und seinen Eingeweiden, dem Organischen. Sollten wirklich die edelsten Leidenschaften, durch die allein wir uns zu dem moralischen Reich des Schönen und Erhabenen aufschwingen, nur in dem Leben wurzeln, welches selbst das organische Leben einer Pflanze mit uns teilt? Sollte dieses niedere organische Leben jenes im Innern des Gehirn befindliche Leben, welches wir mit jeder Wesenheit teilen - wie engelsgleich sie auch sein oder wie weit der Stern, auf dem sie lebt, auch entfernt sein mag, und welchem der Schöpfer die Fähigkeit zu denken geschenkt hat - blockieren, hemmen oder gar zerstören können?
Kapitel XII
Da erinnerte ich mich plötzlich an Mrs. Poyntz. Ich musste Kontakt zu ihr aufnehmen. Deshalb richtete ich meine Runde so ein, dass sie vor ihrer Tür endete. Der Tag war schon weit fortgeschritten und der Diener informierte mich höflich, dass Mrs. Poyntz diniere. Ich konnte also nur meine Karte mit einer Notiz, dass ich ihr am nächsten Tag meine Aufwartung machen würde, hinterlassen. Noch am selben Abend erhielt ich folgende Nachricht von ihr:
Lieber Dr. Fenwick,Ich bedauere sehr, dass ich nicht das Vergnügen haben werde, Sie morgen empfangen zu können. Poyntz und ich machen einen Besuch bei seinem Bruder, der am anderen Ende des Countys wohnt, und wir fahren bereits früh ab. Wir werden einige Tage fort sein. Es tut mir leid, erfahren zu müssen, dass Mrs. Ashleigh sich von Mr. Vigors hat beschwatzen lassen, wegen Lilian Dr. Jones zu Rate zu ziehen. Vigors und Jones haben die arme Mutter eingeschüchtert und bestehen auf einer Tendenz zur Schwindsucht. Unglücklicherweise scheinen Sie selbst den Fall heruntergespielt zu haben. Manche Ärzte füllen ihre Praxis wie einige Priester ihre Kirchen füllen – durch geschickte Hinweise auf die Erscheinungsformen des Schreckens. Sie brauchen keine Patienten, Dr. Jones sehr wohl. Und wahrscheinlich ist es besser so, wie es ist.Ihre, usw. M. Poyntz
Zu meinem selbstsüchtigen Kummer addierte sich nun auch noch Sorge um Lilian. Ich hatte mehr Patienten fälschlicherweise auf Schwindsucht behandelt sterben sehen, als an der Schwindsucht selbst. Dr. Jones war ein geldgieriger, gerissener Mann, ziemlich knapp bei Kasse, der sich sehr gut mit den menschlichen Schwächen auskannte, aber sich nicht sonderlich auf die Behandlung menschlicher Krankheiten verstand. Meine Befürchtungen sollten sich bald bestätigen. Ein paar Tage später hörte ich von Miss Brabazon, dass Lilian ernsthaft erkrankt sei und ihr Zimmer nicht verlassen könne. Mrs. Ashleigh hatte sich durch diesen Umstand bei dem Berg entschuldigen lassen, um die Erwiderung der Besuche, die ihr vom Hill zugeströmt waren, verschieben zu können. Miss Brabazon hatte mit Dr. Jones gesprochen, der habe seinen Kopf geschüttelt und den Fall als ernst bezeichnet; Zeit und Pflege (seine Zeit und seine Pflege!) hätten jedoch schon Wunder bewirkt.
Verstohlen schlich ich mitten in der Nacht den Berg hinauf und blickte auf die Fenster des alten düsteren Hauses – auf ein Fenster, hinter dem ein trübes trauriges Licht brannte, das Licht eines Krankenzimmers – ihres Zimmers!
Endlich kam Mrs. Poyntz zurück. Ich besuchte sie, nachdem ich mir sorgfältig eine Taktik für den Potentaten zurecht gelegt hatte, den ich hoffte, als Alliierten gewinnen zu können. Es war klar, dass ich gar nicht erst zu versuchen brauchte, den Scharfblick eines so feinen Verstandes durch Verstellung oder Halbwahrheiten täuschen zu wollen, mir aber das Wohlwollen eines so herrschsüchtigen und resoluten Charakters verscherzen würde. Vollste Offenheit war hier die klügste Vorgehensweise; außerdem war dies der meiner eigenen Natur am besten zusagende und meiner Ehre am angemessensten erscheinende Weg.
Das Glück wollte es, dass ich Mrs. Poyntz alleine vorfand. Ich ergriff die Hand, die sie mir etwas unterkühlt anbot, mit meinen beiden Händen und sagte mit der Ernsthaftigkeit unterdrückter Emotion:
„Sie äußerten bei unserer letzten Begegnung, ich habe Sie noch nicht gebeten, mein Freund zu sein. Ich bitte Sie, hören Sie mir mit aller Nachsicht zu, die Sie mir zugestehen wollen und gewähren Sie mir wenigstens Ihren Rat, wenn Sie es ablehnen müssten, mir zu Hilfe zu kommen.“
In aller Kürze teilte ich ihr mit, wie ich Lilian zum ersten Mal gesehen hatte und was für einen großen Eindruck – mir selbst unverständlich – diese erste Begegnung auf mich gemacht hatte.
„Sie haben die Veränderung bemerkt, die sie bewirkt hat,“ sagte ich, „Sie erahnten die Ursache, bevor ich selbst mir ihr bewusst war – erahnten sie, als ich an Ihrer Seite saß und mir Gedanken darüber machte, ob es nicht durch Ihre Vermittlung möglich sein könnte, dieses Gesicht, welches mir keine Ruhe mehr ließ, in der Freiheit einer Ihrer Gesellschaften wiederzusehen. Sie wissen, was seither passiert ist. Miss Ashleigh ist krank; ihr Zustand wird meiner Meinung nach völlig falsch eingeschätzt. Die Angst um sie lässt keine anderen Gefühle mehr in mir aufkommen als - Furcht. Aber ich bin es mir schuldig, bin es allen schuldig - auf die Gefahr hin, mich vor Ihnen eher lächerlich zu machen, als eine Rüge zu bekommen - Ihnen offen und aufrichtig meine Gefühle einzugestehen, die meine Furcht so tief werden lassen und die, obwohl kaum mit der Romantik eines träumerischen jungen Mannes vergleichbar, einen unverzeihlichen Narren aus einen Mann meines Rufes und Alters machen könnten – mir, Ihnen und Mrs. Ashleigh schuldig, weil die Ehre immer noch das wertvollste Gut für mich darstellt. Sollten Sie, die Mrs. Ashleigh so nahe stehen und mehr oder weniger auch mit ihren Wünschen und Plänen für die Zukunft ihrer Tochter vertraut sein müssen – sollten Sie glauben, dass diese Pläne oder Wünsche auf eine wesentlich vielversprechendere Verbindung als mit mir abzielen könnten, dann helfen Sie Mr. Vigors, mich aus diesem Haus zu verbannen; helfen Sie dabei, eine anmaßende, eingebildete Leidenschaft zu unterdrücken. Ich kann dieses Haus nicht ohne Liebe und Hoffnung in meinem Herzen betreten; und ich kann die Schwelle dieses Hauses nicht in dem Bewusstsein überschreiten, diese Liebe und Hoffnung könnte Sünde und Verrat sein. Ich könnte vielleicht Miss Ashleigh wieder zu ihrer Gesundheit verhelfen und ihre Dankbarkeit könnte.... – aber ich kann nicht weiter sprechen. Einer solchen Gefahr darf weder sie noch ich ausgesetzt werden, wenn ihre Mutter Absichten verfolgen sollte, deren ich als Schwiegersohn nicht gerecht werden könnte. Ich bin um so mehr verpflichtet, über all das nachzudenken, so lange es noch Zeit ist, da, wie ich von Ihnen weiß, Miss Ashleigh sehr vermögend ist. Wenn ich mich recht entsinne, waren es Ihre eigenen Worte, dass aller Ruhm, den mir mein Beruf verschaffen kann, nicht im Stande ist, mir die Aussichten auf gesellschaftliche Macht und Größe zu eröffnen, die durch Berufe ermöglicht werden, die in meinen Augen weniger edel sind als die des Mediziners. Das waren Ihre Worte.
Ansonsten wissen Sie, dass meine Abstammung als ausreichend achtbar bezeichnet werden kann, dass selbst eine Familie vornehmster Herkunft in einer Verbindung mit mir keine Mesalliance befürchten müsste, hätte ich meinen ererbten Besitz behalten und nicht die Laufbahn beschritten, die mich der Menschheit nützlich macht. Aber ich gebe zu, dass wenn man einen Beruf wie den meinen ergreift – eigentlich jeden Beruf außer dem Militärdienst oder Senat – den Stammbaum vor der Türe lassen muss, er wird ohne jede Bedeutung. Alle Menschen, hoch oder niedrig geboren, betreten die Arena, in der ein Mensch Hilfe von einem anderen Menschen, der etwas aus sich gemacht hat, Hilfe erbittet als gleichwertig; für sie sind ihre toten Vorfahren toter Staub. Daher leite ich auch kein Anrecht aus meiner Herkunft ab. Ich bin nur ein Provinzarzt, dessen Stellung sich in nichts von der derzeitigen unterscheiden würde, wäre sein Vater Schuster gewesen. Aber das Gold behält sein Recht in allen Ständen bei. Derjenige, der es besitzt, ist erhaben über den Verdacht, ein gieriger Glücksritter zu sein. Mein Vermögen und meine Ersparnisse reichen aus, meiner zukünftigen Frau eine bessere Zukunft zu sichern, als dies einem Squire möglich wäre. Ich brauche keine vermögende Frau; ist sie es, bleibt es ihr Eigentum. Entschuldigen Sie diese profanen Details. Habe ich mich klar ausgedrückt?“
„Vollkommen,“ antwortete die Königin des Hills, die mich ruhig, aufmerksam und ohne auch nur eine Unterbrechung angehört hatte – „Vollkommen. Und Sie haben gut daran getan, sich mir so rückhaltlos und umfassend anzuvertrauen. Bevor ich weiterspreche, erlauben Sie mir die Frage, was würden Sie in Lilians Fall empfehlen, nur für den Fall, Sie sollten sie nicht besuchen können? Sie haben kein Vertrauen zu Dr. Jones – ich auch nicht. Zudem bestätigt eine Notiz, die ich heute von Annie Ashleigh bekommen habe, Ihre Befürchtungen. Glauben Sie immer noch, dass keine Anlage zur Schwindsucht vorhanden ist?“
„Ich bin fest davon überzeugt. Soweit dies der flüchtige Einblick erlaubt, den ich in dem Fall gewinnen konnte, scheint mir die Erkrankung einfacher und nicht ungewöhnlicher Natur zu sein. Aber im Falle, dass meine eigenen Fähigkeiten, so wertvoll sie auch sein mögen, unerwünscht sein sollten, empfehle ich dringend, dass Mrs. Ashleigh mit ihrer Tochter unverzüglich nach London reist, um dort Kapazitäten zu konsultieren, mit denen meine eigene Meinung und Erfahrung nicht konkurrieren kann, und deren Ratschläge befolgt.“
Mrs. Poyntz beschattete einige Momente ihre Augen mit ihrer Hand und schien sich mit sich selbst zu beraten. Dann sagte sie mit der ihr eigenen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Spott:
„In einer normaleren Angelegenheit hätten Sie mich längst auf Ihrer Seite. Dass Mr. Vigors sich erdreisten konnte, meine Empfehlungen an einen Bewohner des Hills zu negieren, ist gleichbedeutend mit einem Akt der Rebellion und greift meine Vorrechte an. Aber ich habe meinen Unwillen über einen so ungewöhnlichen Affront teilweise aus Ärger über Sie, mehr noch aber aufgrund meiner Achtung vor Ihnen unterdrückt.“
„Ich verstehe. Sie entdeckten mein Geheimnis und wussten, dass Mrs. Ashleigh ihre Tochter keinem Provinzarzt vermählen würde.“
„Kann ich – oder können Sie sicher sein, dass die Tochter selbst ein solches Schicksal akzeptieren würde; oder dass sie ihre Entscheidung nicht später bereuen würde?“
„Halten Sie mich bitte nicht für den eitelsten aller Männer, wenn ich sage – ich kann nicht glauben, dass ein Gefühl, das so ganz im Widerstreit zu meiner Vernunft steht, allem widersprechend, was den Gewohnheiten meines Empfindens entspräche, selbst den Träumen der Jugend, deren Wissensdurst jeden Gedanken an Liebe ausschloss, wenn ich nicht absolut der Überzeugung sein könnte, dass Miss Ashleighs Herz frei sei, ich es gewinnen und festhalten könnte. Ich kann Ihnen nicht sagen, warum ich so überzeugt davon bin, dass sie mich lieben könnte – genau so wenig, wie ich Ihnen sagen könnte, weshalb ich sie liebe.“
„Ich bin zwar ziemlich der Welt zugewandt - also weltlich; aber ich bin auch eine Frau, wenn ich mir auch nicht viel daraus mache, als solche anerkannt zu werden. Deshalb hört sich das, was Sie sagen, vom weltlichen Standpunkt aus betrachtet als völliger Unsinn, von einem weiblichen Standpunkt aus aber als durchaus logisch an. Aber Sie können Lilian nicht so gut kennen wie ich. Ihre Natur steht in einem starken Gegensatz zu der Ihren. Ich glaube nicht, dass sie eine gute Frau für Sie abgeben wird. Sie ist die reinste, unschuldigste Kreatur, die man sich nur vorstellen kann, aber mit dem Kopf immer irgendwo im siebten Himmel. Sie selbst war im Moment auch dort, aber Sie haben einen unwiderstehlichen Drang zum festen Boden unter den Füßen, der nach den Flitterwochen wieder sein Recht fordern wird – ich glaube nicht, dass Sie beide in Harmonie leben könnten. Ich glaube nicht, dass Lilian mit Ihnen sympathisieren würde und bin sicher, dass auch Ihre Sympathie die langweilige Bahn des Alltagslebens nicht überbrücken könnte. Deshalb war es mir sowohl für Ihr, als auch das Wohl des Mädchens nicht unangenehm, als ich erfuhr, dass Sie durch Dr. Jones ersetzt worden waren. Um aber Ihre Offenheit zu erwidern, sage ich Ihnen, kehren Sie nicht mehr in dieses Haus zurück. Überwinden Sie dieses Gefühl, diese Einbildung, Leidenschaft – wie immer Sie es nennen wollen. Ich werde Mrs. Ashleigh raten, Lilian mit in die Stadt zu nehmen. Wollen wir die Angelegenheit so regeln?“
Ich war unfähig zu sprechen. Ich begrub mein Gesicht in meinen Händen – Not, Elend, Einsamkeit!
Ich weiß nicht, wie lange ich so da gestanden haben mochte, vielleicht viele Minuten. Schließlich fühlte ich eine feste, aber keineswegs unsanfte Berührung meiner Hand, und eine klare, volle, aber nicht entmutigende Stimme sagte zu mir:
„Lassen Sie mich über dieses Gespräch noch einmal gut nachdenken und die Bedeutung all dessen, was Ihr tiefes Gefühl übermittelt, erwägen. Die materiellen Interessen füllen nicht beide Schalen der Waage. Das Herz liegt nicht immer auf der Seite der materiellen Überlegungen, sondern wirft sein Gewicht oft in die andere Waagschale. Ich habe manchen weisen Mann, noch viel öfter aber törichte Frauen sagen hören, es sei besser, mit jemandem, den man liebt, unglücklich zu sein, als mit jemandem, den man nicht liebt, glücklich zu sein. Sind Sie auch dieser Auffassung?“
„Mit jedem Gedanken meines Gehirns und jedem Pochen meines Herzens, ja!“
„Nach dieser Antwort erübrigen sich alle meine Fragen. Sie werden morgen von mir hören. Bis dahin werde ich Annie und Lilian getroffen haben. Ich werde beide Seiten der Waagschale belastet haben – und dieses Herz hier, Allen Fenwick, scheint sehr schwer ins Gewicht zu fallen. Gehen Sie jetzt. Ich höre Schritte auf der Treppe, Poyntz bringt mir einige Klatschbasen, und Schwätzer sind Spione.“
Ich fuhr mit der Hand über meine tränenlosen Augen, aber wie hätten Tränen mir Erleichterung verschaffen können? Ich ging ohne ein Wort die Treppe hinunter und traf am Fuß der Treppe Oberst Poyntz und den alten Mann, den mein Rezept von seiner Neuralgie befreit hatte. Der Mann pfiff eine heitere Arie, die er vielleicht auf dem Schulhof gelernt hatte. Als ich an ihm vorbei gleiten wollte, brach er in Dankesbezeigungen aus und hätte mich fast umarmt. Ich fasste seine freudigen Segenswünsche als gutes Omen auf und nahm sie mit mir hinaus in den hellen Sonnenschein. Einsamkeit – Einsamkeit! War das mein Los für alle Zeit?
Kapitel XIII
Am nächsten Tag hatte ich den letzten Patienten verabschiedet und wollte gerade meinen Wagen besteigen, um meine Hausbesuche zu machen, als ich ein zerknittertes Schreiben bekam, welches nur folgende Worte enthielt:
Kommen Sie heute so bald wie möglich bei mir vorbei. M. Poyntz
Einige Minuten später stand ich im Salon der Verfasserin des Schreibens.
„Nun, Allen Fenwick,“ sagte sie, „ich diene meinen Freunden nicht halbherzig. Nein, danken Sie mir nicht! Ich verfolge damit nur einen Grundsatz, den ich mir selbst auferlegt habe. Ich verbrachte den letzten Abend bei den Ashleigh´s. Lilian hat sich auf jeden Fall sehr verändert – sie ist sehr schwach und, wie ich fürchte, sehr krank. Ich glaube, dass dieser Zustand auf die unsachgemäße Behandlung durch Dr. Jones zurückzuführen ist und habe es für meine Pflicht gehalten, auf einem Wechsel des behandelnden Arztes zu bestehen; aber da war noch etwas anderes zu bedenken als wer dieser Nachfolger sein sollte. Als ihre Vertraute war ich verpflichtet, ihre eigenen Ehrbegriffe zu wahren. Deshalb konnte ich natürlich nicht rundheraus zu Mrs. Ashleigh sagen: „Dr. Fenwick ist ein Verehrer Ihrer Tochter, hätten Sie etwas gegen ihn als Schwiegersohn einzuwenden?“ Ich durfte das Geheimnis, in das Sie mich eingeweiht haben, nicht offenbaren. Aber ich bin in Übereinstimmung mit meiner früheren Ansicht, dass Annie Ashleigh nicht sehr weltgewandt ist, zu der Überzeugung gekommen, dass Mrs. Ashleigh ebensowenig die Ambitionen einer weltgewandten Dame für ihre ebenso hübsche wie reiche Tochter hat. Ihre Hauptsorge gilt dem Glück ihres Kindes und sie hat Angst, ihre Tochter könne sterben. Sie würde sich nie der Wahl Lilian´s entgegenstellen und wenn Lilian den Mann wählen würde, der ihr das Leben gerettet hat, glaube ich, dass ihr Herz dem ihrer Tochter dankbar folgen würde. Damit dürften alle Bedenken, die Ihre Ehre berühren, sich in Luft aufgelöst haben.“
Vor Freude strahlend sprang ich von meinem Stuhl auf. Mrs. Poyntz fuhr jedoch trocken fort: „Sie bewerten Ihren gesunden Menschenverstand ein wenig zu hoch und an ihn möchte ich einige Worte des Rates richten, die Ihrer Romantik vielleicht nicht entgegenkommen. Ich habe bereits gesagt, dass auf lange Sicht gesehen Sie und Lilian nicht zusammenpassen, und meine reiflichen Überlegungen bestätigen diese Ansicht. Hören Sie mir zu und passen Sie gut auf. Fragen Sie sich selbst als einen Mann, dessen Tage seinem anstrengenden Beruf gewidmet sind, dessen Ehrgeiz eng mit dem Erfolg seiner Anstrengungen verknüpft ist und dessen Denken von seinen Zielen in Anspruch genommen wird – fragen Sie sich selbst, welche Art Frau Sie sich gesucht hätten, wenn Sie nicht durch dieses bezaubernde Gesicht völlig durcheinander geraten wären und alle Ihre früheren Pläne und Entschlüsse über den Haufen geworfen hätten. Sicherlich jemanden, auf den sich Ihr Herz stützen könnte und durch den Ihre Gedanken nicht aus den Kanälen geleitet würden, in deren Bahnen Ihr Fluss durch Ihren Beruf bedingt gelenkt werden sollte – um es kurz zu sagen, eine heitere, ruhige Gefährtin in einem trauten, erholsamen Heim! Ist es nicht so?“
„Sie geben den Gedanken Ausdruck, die ich hatte, als ich mich mit dem Gedanken an eine Heirat befasste. Aber was sollte Lilian Ashleigh haben, dass das von Ihnen entworfene Bild verzerren könnte?“
„Was hat Lilian Ashleigh, das dem Bild auch nur einigermaßen entspricht? Zunächst einmal sollte die Gattin eines jungen Arztes nicht gleichzeitig sein ständiger Patient sein. Je mehr er sie liebt und je mehr sie seiner Liebe würdig ist, um so mehr wird ihn ihre Krankheit verfolgen, wohin immer er geht. Wenn er nach Hause zurückkehrt, findet er keine Erholung; es erwartet ihn der Patient, um den er sich am meisten sorgt, und die Angst, die ihn am stärksten quält.“
„Aber, gütiger Himmel, warum sollte Lilian Ashleigh ein ständiger Patient sein? Die gesundheitlichen Ressourcen der Jugend sind unberechenbar. Und...“
„Erlauben Sie mir, Sie zu unterbrechen, ich kann nicht gegen einen verliebten Arzt argumentieren. Ich werde meinen Diskussionsstandpunkt aufgeben und einfach an meiner Überzeugung festhalten, dass in Lilian´s Konstitution etwas liegt, dass Sie verwirren, quälen und all ihre Pläne durchkreuzen wird. Genau so war es bei ihrem Vater, dem sie im Aussehen und Charakter ähnlich ist. Er zeigte ebenfalls keine Symptome einer ernsten Erkrankung. Seine äußere Form zeigte, wie die Lilian´s, ein Muster an Ebenmaß, nur dass er, wie sie, zu empfindlich war. Selbst wenn er sich anscheinend bester Gesundheit erfreute, konnte ihn eine leichte nervliche Belastung beunruhigend krank machen. Ich war überzeugt, dass er jung sterben würde, und ich behielt Recht.“
„Schon, aber Mrs. Ashleigh sagte etwas von einer Hirnhautentzündung, die er sich durch ein Übermaß an geistiger Beschäftigung zugezogen haben soll. Frauen überbeanspruchen selten ihr Gehirn auf diese Weise. In meiner ganzen Praxis ist mir noch kein Fall bekannt geworden, in dem eine Frau an rein mentaler Überanstrengung gestorben ist.“
„In Folge rein mentaler Überanstrengung vielleicht nicht; aber aufgrund einer emotionalen Überbelastung ihres Herzens? Oh, das geben Sie zu! Ich weiß nicht viel über das Nervensystem; aber ich nehme an, dass wenn es zu fein für die tägliche Arbeit ausgelegt ist und zerreißt, das Resultat für das Leben dasselbe ist. Das ist der Grund, weshalb ich behaupte, dass Sie und Lilian nicht zusammenpassen. Bis jetzt war sie ein Kind; ihre Natur ist unterentwickelt und sie ist in Bezug auf Zuneigungen unerprobt. Sie könnten annehmen, ihr Herz gewonnen zu haben, sie mag glauben, sie habe es Ihnen geschenkt und doch würden Sie beide getäuscht. Würden auch heute noch Elfen ihre Nachkommenschaft gegen die der Sterblichen austauschen und würde die volkstümliche Tradition einen derartigen Wechselbalg nicht als hässliches, bösartiges Geschöpf schildern, dem nichts von der Anmut seiner Eltern innewohnt, wäre ich fast geneigt anzunehmen, dass Lilian zum Volk der Elfen gehört. Sie schien noch nie auf der Erde zu Hause zu sein und glaube ich nicht, dass sie je mit ihrem prosaischen Erdenlos zufrieden sein wird. Nun habe ich Ihnen gesagt, weshalb ich glaube, sie passt nicht zu Ihnen. Ich muss es Ihnen überlassen, selbst zu beurteilen, inwieweit Sie zu ihr passen würden. Ich teile Ihnen dies alles bei Zeiten mit, um es Ihnen zu ermöglichen, Ihren Impuls zu steuern. Jetzt können Sie noch beobachten, beurteilen und darüber nachdenken. Von diesem Moment an werde ich nichts mehr zu der Angelegenheit sagen. Ich erteile gerne einen Rat, aber ich verschleudere ihn niemals.“
Sie schwieg und begann, ihre Kopfbedeckung aufzusetzen und ihren Schal umzulegen, die auf dem Tisch neben ihr gelegen hatten. Ich war von ihren Worten und noch mehr von ihrem schlauen groben Blick und der Gestik, welche diese begleitet hatten, wie erstarrt. Aber diese Erstarrung schmolz in der plötzlichen Glut meines Herzens, als sie sich noch einmal zu mir umwandte und sagte:
„Natürlich können Sie sich nach dieser Einleitung vorstellen, dass Sie wirklich in Gefahr sind? Mrs. Ashleigh möchte Ihre Ansicht über Lilian hören und ich schlage vor, dass ich Sie jetzt zu ihr bringe.“
„Oh meine liebe Freundin, wie kann ich das jemals wieder gut machen?“ Ich ergriff ihre Hand, ihre feste weiße Hand und hob sie an meine Lippen.
Sie zog sie hastig zurück, legte sie sanft auf meine Schulter und sagte mit weicher Stimme:
„Armer Allen, wie wenig die Welt uns beide kennt! Aber wie wenig wir uns vielleicht selbst kennen. Kommen Sie, wartet Ihr Wagen? Das ist gut; wir müssen Dr. Jones öffentlich und in aller Form absetzen.“
Im Wagen unterrichte mich Mrs. Poyntz von dem Inhalt ihrer Unterredung mit Mrs. Ashleigh, der ich meine Wiedereinführung ins Abbots´ House verdankte. Es schien, dass sich Mr. Vigors am Morgen nach meinem ersten Besuch dort eingefunden hatte und große Unzufriedenheit darüber geäußert hatte, dass ich hinzugezogen worden war. Er ließ sich über mein schändliches Benehmen gegenüber Dr. Lloyd aus, einem entfernten Verwandten von ihm, und da er wiederum entfernt mit dem verstorbenen Gilbert Ashleigh verwandt gewesen war, bemühte er sich, seiner Zuhörerin den Gekränkten als einen Angehörigen der Familie ihres Gatten darzustellen und sie dazu zu bewegen, Partei gegen den Beleidiger zu nehmen. Er bezeichnete mich als einen Untreuen, von „den französischen Doktrinen angesteckten“ vorschnellen und anmaßenden Arzt und bekundete seine eigene Freiheit vor Anmaßung und Hast damit, dass er rundweg entschied, meine Behandlung könne nur falsch sein. Vor dem Umzug von Mrs. Ashleigh nach L... hatte er ihr Interesse für die angeblichen Phänomene des Mesmerismus wecken können. Er hatte eine, von dem armen Dr. Lloyd sehr geschätzte Hellseherin wegen Lilian´s Gesundheit konsultiert, die sie als konstitutionell schwindsüchtig veranlagt deklariert hatte. Mr. Vigors überredete Mrs. Ashleigh, sofort mit ihm zu dieser Hellseherin zu gehen, bewaffnet mit einer Locke Lilians und einem Handschuh, den diese getragen hatte, als Medien des mesmerischen Rapports.
Die Hellseherin war eine derjenigen, die ich öffentlich als Betrügerin gebrandmarkt hatte und rächte sich natürlich jetzt dafür. Als Mr. Vigors sie feierlich bat „nach Dr. Fenwick zu forschen und festzustellen, ob sein Einfluss für das Subjekt zuträglich sei“ geriet die Sibylle in heftige Bewegung und teilte mit, dass sie „wenn sie uns zusammen sehe, wir in eine schwarze Wolke gehüllt wären; die sei ein Vorzeichen für Not und unheilvolle Konsequenzen; unser Rapport sei antagonistisch.“ Mr. Vigors forderte sie dann dazu auf, mein Bild fallen zu lassen und das von Dr. Jones heraufzubeschwören. Die Somnambule wurde ruhiger und sagte: „Dr. Jones wird das Richtige tun, wenn er sich von höheren Lichtern als seiner eigenen Geschicklichkeit leiten lasse und sich täglich mit ihr über die anzuwendenden Heilmittel berate. Das beste aller Heilmittel sei der Mesmerismus. Aber seit Dr. Lloyds Tod kenne sie keinen Mesmerist, der begabt genug sei, um in Affinität mit dem Patienten zu treten.“ Kurz sie beeindruckte Mrs. Ashleigh und versetzte sie dermaßen in Angst und Schrecken, dass sie in aller Eile zurückkehrte, Dr. Jones rufen ließ und mich entließ.
„Ich hätte nicht gedacht, dass Mrs. Ashleigh so wenig gesunden Menschenverstand besitzt,“ sagte ich. „Sie hörte sich eigentlich ganz vernünftig an, als ich sie besuchte.“
„Sie hat durchaus ein gewisses Maß an gesundem Menschenverstand,“ antwortete Mrs. Poyntz, „aber sie ist schnell zu beeindrucken und einzuschüchtern, wenn ihre Zuneigung zu Lilian ins Spiel kommt. Daher gelang es Mr. Vigors so leicht, sie zu überreden, der Somnambulen ihr Angst zu machen und mir, durch Überredung und Einschüchterung sowohl dem einen als auch dem anderen entgegenzuarbeiten. Natürlich hatte ich den Wert der Erfahrung auf meiner Seite, da sich Lilian´s Zustand während der Behandlung durch Dr. Jones rapide verschlechtert hatte. Die Haupthindernisse, die ich überwinden musste, wenn ich Ihre Wiedereinsetzung betreiben wollte, bestand erstens in der Furcht Mrs. Ashleigh´s, Mr. Vigors, einen Freund und Verwandten von Lilian´s Vater, zu kränken und zweitens in ihrer Scham, Sie wieder zu konsultieren, nachdem Sie mit solcher Geringachtung behandelt worden waren. Beide Schwierigkeiten konnte ich aus dem Weg räumen. Ich bringe Sie zu ihrem Haus und gehe, nachdem ich Sie verlassen habe, auf direktem Weg zu Mr. Vigors, sage ihm, was von mir veranlasst wurde und von ihm nicht wieder rückgängig zu machen ist; dann ist die Angelegenheit geregelt. Selbst wenn das Ganze nichts mit Ihnen zu tun hätte, würde ich nicht dulden, dass dieser Mummenschanz aus Hellseherei und Mesmerismus Einzug in den Bannkreis des Berges hielte. Ich habe nicht einen Mann wie Dr. Lloyd, den ich sehr schätzte, zerstört, um einen Mann wie Dr. Jones, den ich verachte, an seine Stelle treten zu sehen. Ich habe schon genug davon gesehen.“
„Sie haben Recht; Ihr scharfer Verstand hat sofort die ganze Absurdität dieser ganzen Vorstellung erfasst – die Lüge des Mesmerismus und die Unmöglichkeit des Hellsehens.“
„Nein, mein scharfer Verstand hat nichts dergleichen getan. Ich weiß nicht, ob Mesmerismus eine Lüge und Hellsehen unmöglich ist, und ich will es auch gar nicht wissen. Alles, was ich weiß ist, dass ich eine große Gefahr auf den Hill zukommen sah – junge Damen, die sich von Herren in Schlaf versetzen lassen und vorgeben, dass sie keinen eigenen Willen gegen einen derartigen Zauber hätten. Unschicklich und schockierend! Miss Brabazon, die anfängt zu prophezeien und Mrs. Leopold Smithe, die ihr Dienstmädchen (welche Mr. Lloyd als sehr begabt bezeichnete) nach allen Geheimnissen ihrer Freunde befragt. Als ich dies bemerkte, sagte ich: „Der Hill wird demoralisiert; der Hill macht sich lächerlich; der Hill muss gerettet werden!“ Ich machte Dr. Lloyd Vorhaltungen deswegen, er aber blieb verstockt. Da vernichtete ich ihn als Feind, nicht als den meinen, sondern als Staatsfeind. Ich erschlug meinen eifrigsten Verehrer zum Wohle Roms. Nun wissen Sie, warum ich auf Ihre Seite übertrat – nicht weil ich der einen oder anderen Meinung wäre, Falschheit oder Wahrheit von Dr. Lloyds Behauptungen, sondern weil ich der Meinung war, dass seine Ansichten, mögen sie richtig oder falsch gewesen sein, nicht für den Berg geeignet waren. Und damit – Allen Fenwick – war die Angelegenheit geregelt.“
Vielleicht hätte mich zu einer anderen Zeit die Entdeckung, dass ich nicht etwa deshalb mit der Gunst dieses großen Potentaten geehrt wurde, weil ich als Kämpfer für die Wahrheit eintrat, sondern weil ich ein Instrument der Politik darstellte, ein wenig gedemütigt und mein schlechtes Gewissen geweckt, dass ich einen Mitforscher auf dem Gebiet der Wissenschaft opfern half – der, ohne Zweifel fehlgeleitet, immerhin seinen unabhängigen Glauben seinen weltlichen Interessen vorzog – und ihn den Gottheiten überließ, mit denen die Wissenschaft in stetigem Hader lebt – die Vorurteile einer Clique, welche ihr eigenes Weltbild heiligen. Aber in diesem Augenblick machten die Worte, die ich vernahm, keinen nennenswerten Eindruck auf mein Denken. Die Giebel des Abbots´ House wurden über dem Efeu und den Fliederbüschen sichtbar; einen Moment später hielt meine Kutsche vor seiner Eingangstür.
Kapitel XIV
Mrs. Ashleigh empfing uns im Salon. Ihr Benehmen mir gegenüber war anfänglich ein wenig verlegen und schüchtern. Aber meine Begleiterin übertrug ihrer sanfteren Freundin bald etwas von ihrer eigenen Unbefangenheit. Nach einem kurzen Gespräch begaben wir uns alle drei zu Lilian, für die ein kleines Zimmer im Erdgeschoss als Arbeitszimmer hergerichtet worden war. Freudig bemerkte ich, dass mein Verbot des Sterbezimmers respektiert worden war.
Sie ruhte auf einem Sofa in der Nähe des Fensters, welches jedoch vorsichtshalber geschlossen worden war; das Licht des herrlichen Maitages wurde durch Rollos und Vorhänge am Eindringen gehindert. Im Kamin brannte ein mächtiges Feuer und die Luft im Zimmer glich der eines Treibhauses – das ganze unsinnige, veraltete System, mit dem man die der Schwindsucht verdächtigten Kranken tatsächlich in die Schwindsucht hinein pflegt. Sie bemerkte uns nicht, als wir leise eintraten; ihre Augen ruhten matt auf dem Boden und nur mit Mühe konnte ich einen Aufschrei unterdrücken, als ich sie erblickte. Sie hatte sich in den wenigen vergangenen Tagen sehr verändert und ihr Gesichtsausdruck zeigte tiefste Melancholie. Als sie sich aber beim Geräusch unserer Schritte langsam uns zuwandte und ihre Augen die meinen trafen, überflog ein rasches Erröten ihre bleichen Wangen und sie richtete sich halb auf, sank aber sofort wieder zurück, als ob die Anstrengung sie erschöpft hätte. Es fiel ihr schwer zu atmen und sie hatte einen dumpfen, hohlen Husten. War es möglich, dass ich mich so getäuscht hatte und in diesem Husten die Totenglocke des schlimmsten Feindes jugendlichen Lebens mitklang?
Ich setzte mich neben sie und verwickelte sie in ein Gespräch über alltäglich Dinge – das Wetter, den Garten, einen Vogel in einem Käfig, der neben ihr auf dem Tisch stand. Ihre Stimme, anfangs schwach und leise, wurde zunehmend kräftiger und ihr Gesicht wurde durch ein kindliches, unschuldiges Lächeln erhellt. Nein, ich hatte mich nicht geirrt. Sie hatte nicht das lymphathische, kraftlose Temperament, auf dessen Boden die Schwindsucht Nahrung findet; es war kein hektischer Puls spürbar, keine übereilte Verschwendung der Lebensflamme. Ruhig und gelassen vervollständigte ich meine Untersuchung, stellte meine Fragen und benutzte mein Stethoskop. Als ich dann meinen Blick den ängstlichen Augen ihrer Mutter zuwandte, verriet wohl der Ausdruck meines Gesichts meine Meinung, denn sie eilte auf mich zu, ergriff meine Hand und sagte, mühsam ihre Tränen zurückhaltend:
„Sie lächeln! Sie sehen keinen Anlass zur Furcht?“
„Furcht? Nein, bestimmt nicht! Sie werden schon bald wieder hergestellt sein, oder, Miss Ashleigh?“
„Ja,“ sagte diese mit einem frischen Lächeln „es wird mir schon bald wieder besser gehen. Aber darf ich nicht das Fenster öffnen? In den Garten hinaus gehen? Ich sehne mich nach frischer Luft.“
„Oh, nein, Liebling,“ rief Mrs. Ashleigh erschrocken aus, „nicht so lange der Ostwind anhält. Dr. Jones hat das ausdrücklich verboten. Sie sind doch auch dieser Meinung, Dr. Fenwick?“
„Möchten Sie sich auf meinen Arm stützen und etwas im Zimmer umhergehen?“ antwortete ich. „Dann werden wir sehen, in wie weit wir gegen Dr. Jones rebellieren dürfen.“
Sie erhob sich mit leichter Anstrengung, hustete jedoch nicht. Zuerst bewegte sie sich träge, aber schon nach einigen Augenblicken wurde ihr Schritt leichter und elastischer.
„Lassen wir es darauf ankommen,“ sagte ich zu Mrs. Ashleigh. „es weht kein Ostwind und während wir uns draußen aufhalten, lassen sie um Himmels willen bitte dieses Feuer löschen, das eher für Weihnachten geeignet wäre.“
„Aber...“
„Kein Wenn und Aber! Ein schlechter Arzt, der nicht ein strenger Despot ist.“
So wurde nach dem Strohhut und dem Mantel gesandt. Lilian wurde mit unnötiger Sorgfalt darin eingehüllt und wir begaben uns in den Garten. Unwillkürlich befanden wir uns auf dem Weg zum Mönchsbrunnen, und mit jedem Schritt schien Lilian unter dem Einfluss der kräftigenden Luft und der gemäßigten Temperatur ihre Kraft wiederzufinden. Wir machten beim Brunnen halt.
„Sie fühlen sich nicht ermüdet, Miss Ashleigh?“
„Nein.“
„Aber Ihr Gesichtsausdruck hat sich verändert. Sie wirken trauriger.“
„Nicht trauriger.“
„Trauriger, als ich es zum ersten Mal sah – während Sie hier saßen!“
Ich flüsterte diese Worte. Ich fühlte ihre Hand zittern, während sie auf meinem Arm lag.
„Sie sahen mich hier sitzen?“
Ja. Ich werde es Ihnen eines Tages erzählen.“
Lilian hob ihren Blick, und ich sah in ihren Augen dasselbe Erstaunen, das ich bei meinem ersten Besuch bemerkt hatte. Ein scheinbar nicht unangenehmes, aber doch vage beunruhigtes Erstaunen, welches mich verwirrte.
Wir kehrten bald ins Haus zurück.
Mrs. Ashleigh bedeutete mir durch ein Zeichen, ihr in das Besucherzimmer zu folgen und ließ Mrs. Poyntz bei Lilian zurück.
„Und? Was sagen Sie?“ fragte sie mit bebender Stimme.
„Lassen Sie mich einen Blick auf Dr. Jones´ Verschreibungen werfen. Danke sehr. Hm, habe ich mir gedacht. Gute Frau, der Irrtum bestand darin, die Natur zu unterdrücken, anstatt sie zu kräftigen. In der Verwendung von Narkotika an Stelle von Stimulanzien. Die besten Stimulanzien, noch dazu ohne jede Nebenwirkungen, sind Luft und Licht. Geben Sie mir eine Woche, in der auf meine Vorschriften unbedingt Folge geleistet wird?“
„Das verspreche ich. Aber dieser Husten – haben Sie ihn bemerkt?“
„Ja. Das Nervensystem ist furchtbar geschwächt und ein derart angeschlagenes System imitiert alle möglichen Beschwerden, die mit ihm überhaupt nicht in Verbindung stehen. Der Husten wird bald verschwinden! Aber verzeihen Sie die Frage: Mrs. Poyntz hat mir erzählt, dass Sie wegen des Zustands Ihrer Tochter eine Hellseherin hinzugezogen haben. Weiß Miss Ashleigh davon?“
„Nein; ich habe es ihr nicht erzählt.“
„Das freut mich. Und – um Himmels willen – schützen Sie sie unbedingt vor Gedanken, die in diese Richtung gehen. Schützen Sie sie vor der Beschäftigung mit einer Krankheit, die ihr aus Sorge irrtümlich zugeschrieben wurde. Die Organisation unseres Körpers ist so ausgerichtet, dass man sein Bewusstsein nicht über längeren Zeitraum hinweg auf einen Teil unseres Körpers – so gesund er auch sein mag – konzentrieren kann, ohne ihn einer krankhaften Sensibilität auszusetzen. Versuchen Sie eine halbe Stunde lang all Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren kleinen Finger zu fixieren und bevor die halbe Stunde um ist, werden Sie in dem Finger ein unangenehmes Gefühl, wenn nicht sogar Schmerz spüren. Wie gefährlich ist es also, ein junges Mädchen - in einem Alter, in dem die Einbildungskraft derart aktiv ist - zu zwingen, daran zu glauben, dass es an einer tödlichen Krankheit leidet! Es ist eine Eigenart der Jugend, über Gedanken an einen frühen Tod zu brüten, viel selbstgefälliger, als wir es in reiferen Jahren tun. Pflanzen Sie einem jungen, phantasievollen Mädchen, welches von der Anlage zu einer Schwindsucht so weit entfernt ist, wie Sie oder ich, die Überzeugung ein, sie sinke einem frühen Grabe entgegen und Sie werden, wenn sie auch nicht wirklich an Schwindsucht sterben wird, ihre Konstitution vergiften. Hoffnung ist das natürlichste Heilmittel der Jugend. Man zerstört ihre Wirkung, wenn man Hoffnung raubt. Sobald die vorübergehende Unpässlichkeit Ihrer Tochter verschwunden ist, verbannen Sie die ängstliche Sorgfalt, die sie auf den Gedanken bringen muss, ihr Zustand bewirke, dass sie sich von anderen Mädchen ihres Alters unterscheide. Bringen Sie sie an die frische Luft, das natürlichste Mittel zur Erhaltung des Lebens; lassen Sie sie bei offenem Fenster schlafen und mit Sonnenaufgang aufstehen. Die Natur wird mehr für sie tun können, als irgendein Medikament. Bisher haben Sie die Natur gefürchtet; nun vertrauen Sie ihr.“
An dieser Stelle trat Mrs. Poyntz zu uns, und nachdem ich bereits während des Gesprächs meine Rezeptur und einige allgemeine Verhaltensmaßregeln notiert hatte, schloss ich meinen Rat mit einer dringenden Bitte an diese mächtige Beschützerin.
„Liebe Madam, dies ist ein Fall, in dem ich um Ihre Hilfe nachsuchen muss. Miss Ashleigh sollte nicht auf die Gesellschaft ihrer Mutter beschränkt werden. Eine Veränderung der einen umgebenden Gesichter ist oft genauso wohltuend wie eine Luftveränderung. Wenn Sie gegen Abend ein oder zwei Stunden erübrigen könnten, um sie mit Ihrem heiteren Wesen zu unterhalten....“
„Annie,“ unterbrach mich Mrs. Poyntz, „ich werde um halb acht zum Tee vorbeikommen und mein Strickzeug mitbringen. Ich denke, wenn Du ihn darum bittest, wird Dr. Fenwick auch kommen. Er kann ganz unterhaltsam sein, wenn er sich Mühe gibt.“
„Das hieße wohl, seine Güte über Gebühr in Anspruch zu nehmen, befürchte ich“ sagte Mrs. Ashleigh „doch ich wäre ihm in der Tat sehr dankbar, wenn er uns eine Stunde seiner Zeit schenken würde.“
Ich murmelte eine Zustimmung, wobei ich mich bemühte, nicht zu erfreut zu klingen.
„Dann wäre die Angelegenheit also erledigt“ sagte Mrs. Poyntz „und jetzt gehe ich zu Mr. Vigors und werde verhindern, dass er sich weiter einmischt.“
„Aber Margaret, bitte beleidigen Sie ihn nicht – er ist ein Bekannter meines lieben Gilberts. Und so empfindlich! Ich wüsste bestimmt nicht, wie ich es anfangen sollte, um...“
„Ihn uns vom Hals zu schaffen? Keine Angst. Ich werde mit allem und jedem fertig“, antwortete Mrs. Poyntz frei heraus. Dann küsste sie ihre Freundin auf die Stirn, nickte mir gnädig zu und machte sich – das Angebot, meine Kutsche zu benutzen ausschlagend – zu Fuß auf den kurzen Weg in die Stadt.
Ängstlich näherte sich mir Mrs. Ashleigh, und wieder machte ihre Hand eine schüchterne Bewegung, um mir das verhasste Honorar zu reichen.
„Halt,“ sagte ich; „dies ist ein Fall, der sorgfältigste Überwachung erfordert. Ich möchte so oft hierher kommen können, dass ich als der geldgierigste aller Ärzte erscheinen müsste, wenn ich jeden meiner Besuche mit Guineen berechnen würde. Lassen Sie mich meine Arbeit in Ruhe beenden; mein wissenschaftlicher Stolz ist hier im Spiel. Sobald Sie unter allen jungen Damen des Hills keine frischere, hoffnungsvollere und gesündere sehen als die Patientin, die Sie meiner Obhut anvertraut haben – dann ist noch genug Zeit für eine Entlohnung und meine Entlassung. Nein – ich muss Sie an Ihre Freundin, Mrs. Poyntz verweisen. Die Angelegenheit wurde mit ihr geregelt, bevor sie mich hierher brachte, um Dr. Jones abzulösen.“
Damit enteilte ich.
Kapitel XV
Nach weniger als einer Woche konnte Lilian als geheilt betrachtet werden. Noch bevor 14 Tage verstrichen waren, hatte sie ihre ursprüngliche Gesundheit wiedererlangt – ja, Mrs. Ashleigh behauptete sogar, sie habe ihre Tochter noch nie so heiter und gesund gesehen. Ich hatte ein fast familiär zu nennendes Verhältnis zum Abbots´ House herstellen können und verbrachte dort fast alle meine Abende. Da Reitübungen einen wichtigen Teil meiner Empfehlungen ausmachten, hatte Mrs. Ashleigh ein schönes und ruhiges Pferd für ihre Tochter erstanden. Wenn das Wetter nicht zu unfreundlich war, ritt Lilian täglich mit Oberst Poyntz, der ein ausgezeichneter Reiter war, aus und wurde häufig auch von Miss Jane Poyntz und anderen jungen Damen des Hill begleitet. Gewöhnlich konnte ich meine Pflichten rechtzeitig erfüllen, um mich den Heimkehrenden anschließen zu können. So trafen wir harmlose Verabredungen, offen und frei heraus im Beisein ihrer Mutter. So teilte sie mir im Voraus mit, in welche Richtung die Ausflüge mit Colonel Poyntz geplant waren und ich versprach, sofern es meine beruflichen Verpflichtungen erlaubten, mich der Gesellschaft anzuschließen. Auf meinen Rat hin öffnete Mrs. Ashleigh ihr Haus beinahe jeden Abend einigen der benachbarten Familien. Lilian gewöhnte sich dadurch an den Umgang mit anderen Jugendlichen ihres Alters. Musik, Tanz und unschuldige Spiele belebten das alte Haus und der Hill erkannte gegenüber Mrs. Poyntz dankbar an, „dass die Ashleighs in der Tat eine große Bereicherung darstellten.“
Aber mein Glück war nicht ganz ungetrübt. Während Lilian sich selbstlos mit Anderen umgab, fühlte ich die Qual jener Eifersucht, die untrennbar mit den frühen Stadien der Liebe verbunden ist, solange der Liebende noch kein Anrecht auf die Zuversicht, die aus dem Bewusstsein, geliebt zu werden, erwächst, erworben hat.
Während dieser gesellschaftlichen Ereignisse hielt ich mich ganz bewusst fern von Lilian. Ich sah sie von jungen, gutaussehenden Bewunderern umworben, die durch ihre Schönheit und Reichtum angezogen wurden – ihr sanftes Gesicht glühte vom Tanz erregt, an dem ich mich sowohl aufgrund der Würde meines Berufsstandes als auch aufgrund meines Alters nie beteiligte und ihr Lachen, so entzückend es auch klingen mochte, schnitt mir tief in die Seele, als ob es mein düsteres Selbst und meine vermessenen Träume verhöhnen wollte. Aber nein, plötzlich, schüchtern, wandten sich ihre Augen verstohlen von ihrer Umgebung ab und blickten zu der Ecke hin, in der ich Platz genommen hatte, als ob sie mich vermisst hätten und, wenn sie meinen Blick trafen, milderte sich ihre Glut, bevor sie sich von mir abwandten, während sich die Farbe ihrer Wangen vertiefte und ihre Lippen ein Lächeln überflog, das sich von dem unterschied, welches sie Anderen zu Teil werden ließ. Und dann – ja, dann – verschwand alle Eifersucht, alle Trauer und ich empfand einen Stolz, der von dem wachsenden Glauben, geliebt zu werden, genährt wird.
Wie sehr doch fühlt ein Mann sich erhoben, wenn er sich aus allen Millionen von diesem Archetyp aus Schönheit und Anmut, dem Meer der Schöpfung, von Horen willkommen geheißen und von den Grazien geschmückt, erwählt sieht. Obwohl die spätere Erfahrung die Illusion des Sterblichen Lügen strafen mag, es handle sich bei jenem Wesen – wie er selbst geschaffen aus Lehm – um eine Tochter des Himmels, entbehrt diese Täuschung nicht einer gewissen Größe. Wohl sind es die Sinne, die später alles ins Profane herab ziehen und erniedrigen, zu Beginn jedoch weichen sie scheu und ehrerbietig vor der Präsenz, die sie bezaubert, in den Schatten zurück. Alles Helle und Schöne im Menschen, lange und schlummernd in ihm verborgen, schwingt sich nun himmelwärts, um den schönsten Traum des Himmlischen zu begrüßen. Nimm diese Schwingen vom Antlitz der Liebe, und Gott entweicht seiner Form.
Quälten mich daher auch Momente eifersüchtigen Zweifels, so genügten jene Augenblicke, um mich in Entzücken zu versetzen. Aber ich hatte andere Gründe zur Unruhe, weniger brennend, aber von ganz anderer Natur.
Trotz der Genesung Lilians von der Krankheit, wegen der sie meiner Fürsorge anvertraut worden war, verwirrte mich doch deren Ursache und wahre Beschaffenheit. Ihrer Mutter gegenüber benutzte ich das bequeme Attribut „nervöse Störung“; erklärte mir jedoch keineswegs alle festgestellten Symptome. Zeitweilig machte sich immer noch, ohne erkennbare Ursache, ein plötzlicher Wandel ihrer Gemütsverfassung bemerkbar. Ihr Blick erstarrte, die Farbe wich aus ihrem Gesicht und ihr Puls wurde schwächer, bis er kaum noch spürbar war; trotzdem deutete nichts objektiv auf eine Herzkrankheit hin, die derartige Warnsignale oftmals produziert. Nach einigen Minuten verschwand dieser Zustand, während dem sie ohne Bewusstsein schien und nicht ansprechbar war. Aber in ihrem Gesichtsausdruck lag während dieser Zeit keine Spur des Leids oder der Qual, sondern vielmehr eine wunderbare Heiterkeit, die ihre Schönheit und ihre Jugend noch stärker erscheinen ließ. Nach dem Anfall erholte sie sich rasch ohne jede Anstrengung und Erinnerung an ihre Ohnmacht, fühlte sich erfrischt, wie etwa nach dem Erwachen aus einem erfrischenden Schlaf. Insgesamt war sie wesentlich fröhlicher und heiterer, als ich nach der Beschreibung ihrer Mutter vermuten konnte. Sie ließ sich in bester Laune auf die Scherze ihrer jungen Gesellschafter ein, wusste offensichtlich die schönen Zeiten des Lebens schnell zu erfassen, zeigte eine kindliche Dankbarkeit für alles, was man ihr an Freundlichkeit erwies und zeigte eine ebenso kindliche Freude an allen Kleinigkeiten, an denen sich nur jene erfreuen können, die einen Sinn für das Reine und Einfache entwickeln. Sobald sich aber das Gespräch ernsthafteren und nachdenklicheren Themen zuwandte, wurde ihre Aufmerksamkeit ganz von dem Gehörten in Anspruch genommen; manchmal entströmte ihren Lippen ein Reichtum an Eloquenz, den ich zuvor noch nie über so junge Lippen kommen hörte und der mich zunächst in staunendes Schweigen, bald aber missbilligende Beunruhigung versetzte. Die Gedanken, denen sie dann Ausdruck verlieh, schienen mir zu phantastisch, zu visionär und Ausschreitungen einer wilden und doch wundervollen Einbildungskraft zu sein. Meist versuchte ich solchen Phantastereien, für die ich keinerlei Sympathien aufbringen und aufgrund ihrer Gefahren für die normale Funktionsfähigkeit eines gesunden Gehirns nicht mit Nachsicht behandeln konnte, zu zerstreuen, Einhalt zu gebieten und zu ernüchtern.
Wenn ich aber versuchte, diese Ergüsse, welche so frei und melodiös hervorsprudelten wie das Lied eines Waldvogels, durch einen frostigen Satz oder ein halb sarkastisches Lachen einzudämmen, pflegte sie mich mit einer Art schmerzlicher Anklage anzusehen; oft wandte sie sich auch mit einem Seufzer oder dem Anflug eines Schauderns von mir ab. Dies war die einzige Weise, in der sie ihr Missfallen kund tat; sonst zeigte sie sich immer freundlich und fügsam und jedes Mal, wenn ich sie - sobald ich wahrgenommen hatte, sie verletzt zu haben - um Verzeihung bat, entschuldigte sie sich ihrerseits demütig bei mir und verherrlichte unsere Versöhnung durch ihr engelgleiches Lächeln. Ich hatte noch nicht gewagt, ihr gegenüber von Liebe zu sprechen und blickte sie auf die Weise an, in der ein Gefangener auf die Blumen und Sterne außerhalb seines Kerkers blicken mag, während er vor sich hinmurmelt: „Wann werden sich die Türen für mich öffnen?“
Kapitel XVI
Nur der Anwesenheit des weiblichen Parlamentärs war es zuzuschreiben, dass Mr. Vigors den Ausbruch der Wut unterdrückte, die in ihm aufstieg, als er erfahren musste, dass ich Dr. Jones ebenso schnell wieder im Abbots´ House abgelöst hatte, wie er mich kurz zuvor. Da Mrs. Poyntz die volle Verantwortung für diesen Wechsel übernahm, wagte er es nicht, ihr seine Meinung ins Gesicht zu schleudern, denn selbst der Vollstrecker des Gesetzes hatte großen Respekt vor der Herrscherin über die öffentliche Meinung, so launenhaft diese auch sein mochte.
Ganz anders manifestierte sich der Unwille des Magistrats gegenüber der sanften Mrs. Ashleigh. Er stellte augenblicklich seine Besuche ein und auf einen langen, beschwichtigenden Brief, in dem sie versuchte, die Wogen etwas zu glätten und ihn für ihr Haus zurückzugewinnen, antwortete er in einem ausgefeilten, zwischen Satire und Predigt wechselnden Schreiben. Es begann mit seiner Entschuldigung, ihre Einladungen angenommen zu haben, da er zwar seine wertvolle Zeit und seine Bequemlichkeit einer guten Sache gerne opfere, es jedoch als seine Pflicht gegenüber sich selbst und der Menschheit erachte, dies zu unterlassen, wenn seine Ratschläge auf taube Ohren stießen und seine Ansicht missachtet werde. Kurz, aber nicht ohne Deutlichkeit wies er auf die Achtung, die seinem Urteil von ihrem verstorbenen Gatten entgegengebracht worden war und auf die Vorteile, die diesem daraus erwachsen wären, hin. Diesem von ihrem Gatten erwiesenen Respekt stelle er die Schmach gegenüber, die er von dessen Witwe hatte erleiden müssen. Er maße sich nicht an, Frauen vorzuschreiben, welche Pflichten sie dem Andenken ihrer verstorbenen Gatten entgegenzubringen hätten, sei jedoch der Meinung, dass diese in der Regel wenigsten die Ansprüche ihrer lebenden Nachkommen achteten und sich nicht leichtsinnig über deren Interessen, geschweige denn deren Gesundheit hinweg setzen würden. Was Dr. Jones betreffe, so setze er, Mr. Vigors, vollstes Vertrauen auf dessen Fähigkeiten. Mrs. Ashleigh müsse selbst beurteilen, ob Mrs. Poyntz in medizinischen Fragen eine ebenso große Autorität darstelle, die er ihr ohne Zweifel in Bezug auf Schals und Bänder einräumen müsse. Dr. Jones sei ein bescheidener und vorsichtiger Mann, der nichts mit den hohlen Phrasen, mit welchen die Scharlatane leichtgläubiges Volk ködern würden, im Sinn habe; aber Dr. Jones habe ihm im Vertrauen versichert, dass dieser, obwohl Lilians Fall keine übereilten Experimente zulasse, bei Beibehaltung seines bewährten Verfahrens durchaus auf ein gutes Resultat hoffe. Über die Konsequenzen eines anderen Heilverfahrens wolle sich Dr. Jones nicht auslassen, da es nicht seine Art wäre, sein Misstrauen gegenüber einem Rivalen auszudrücken, der sich noch dazu äußerst fragwürdiger Methoden bedient hätte, um ihn aus seinem Amt zu verdrängen. Aber Mr. Vigors sei überzeugt, dass – wie ihm auch andere zuverlässige Quellen versichert hätten (ich vermute, es handelte sich dabei um Weissagungen seiner Hellseherinnen) – die Zeit kommen werde, in der die arme junge Frau selbst auf der Entlassung Dr. Fenwick´s bestehen würde und „diese Person“ vielen anderen, die sie jetzt bewundern und das ehrerbietigste Vertrauen schenken würden, in einem völlig anderen Licht erscheinen werde. Wenn dieser Zeitpunkt gekommen sei, werde er, Mr. Vigors, wieder von Nutzen sein. Bis dahin werde, wenn er es auch ablehnen müsse, sein vertrauliches Verhältnis gegenüber dem Abbots´ House wieder aufzunehmen oder dort unnütze zeremonielle Besuche zu machen, seine Anteilnahme der Tochter eines alten Freundes gegenüber ungeschmälert anhalten, nein, ihr aus Mitleid sogar in erhöhtem Maße zukommen lassen.
Er würde in aller Stille über ihr Wohlergehen wachen und wann immer ihm etwas einfalle, das ihrem Wohl dienen könne, werde er sich sogar durch die Geringschätzung, die ihm durch Mrs. Ashleigh zuteil geworden wäre, nicht davon abhalten lassen, seine Vorschläge zu unterbreiten und dieser, wie er es auch jetzt täte, die volle Verantwortung für die Missachtung seiner Ratschläge übertragen, die, wie er ohne Eitelkeit behaupten könne, einiges Gewicht bei Personen besäßen, die zwischen wahrem Wert und prahlerischer Anmaßung wohl zu unterscheiden wüssten.
Mrs. Ashleigh gehörte zu den überaus weiblichen Naturen, die sich instinktiv auf andere stützen. Sie war schüchtern, vertrauensselig, sanft und liebenswert. Die Schilderung von Mrs. Poyntz, Mrs. Ashleigh sei „auf alltägliche Weise schwach“, wurde ihr nicht ganz gerecht, denn obwohl sie man sie schwach nennen konnte, besaß sie Herzensgüte und einen empfindsamen Charakter, die dieser herabwürdigenden Definition nicht entsprachen. Wurde ihr eine Richtschnur vorgegeben, folgte sie dieser Vorgabe ohne Abweichung. Die Pflichten einer Hausfrau erfüllte sie hervorragend. Kein Haushalt, nicht einmal der von Mrs. Poyntz, war perfekter organisiert. Das alte Abbots´ House hatte seinen düsteren, altertümlichen Charakter gegen den einer angenehmen gastlichen Stätte vertauscht. Alle Dienstboten vergötterten Mrs. Ashleigh und es machte ihnen großen Spaß, ihr dienlich zu sein. Alles lief mit der Harmonie eines Uhrwerks, und sie verbreitete Behaglichkeit wie das Sonnenlicht, das sich über einen geschützten Platz ergießt. Ihr in das liebe Gesicht zu blicken und dem einfachen Geplauder zuzuhören, das in gleichförmigem, langsamen und einlullenden Tonfall über ihre Lippen strömte, bedeutete schon eine Rast vor den „zehrenden Sorgen“ des Alltags. Sie bedeutete für das Gemüt, was die grüne Farbe für das Auge ausmacht. In allen Dingen, die sich auf den normalen Tagesablauf bezogen, erwies sie sich als äußerst verständig, und der Klügste hätte in diesem Bereich von ihr lernen können. Aber sobald irgendetwas, so unbedeutend es auch sein mochte, sie zwang, von dem ausgetretenen Pfad des Hausfrauenlebens abzuweichen, verließ sie ihre Zuversicht und sie bedurfte eines Vertrauten, eines Ratgebers, dem sie arglos und unterwürfig Folge leistete und unbedingtes Vertrauen schenkte. Aus diesem Grunde wandte sie sich, nachdem sie Mr. Vigors, dessen Führung sie sich bisher anvertraut hatte, verloren hatte, zunächst an Mrs. Poyntz und kurz darauf noch flehentlicher an mich, da eine Dame dieses Charakters, ohne den Ratschlag eines Mannes einzuholen, nie ganz zufrieden sein konnte. Zudem nimmt dort, wo einmal einem Arzt gegenüber eine über die Förmlichkeit eines normalen Krankenbesuch hinausgehende Vertrautheit hergestellt ist, das Zutrauen zu ihm rasch und bedenkenlos als natürliches Resultat der Sympathie zu, die sich auf ein Objekt der Sorge konzentriert und seinem forschenden, aber teilnahmsvollen Blick auch die verborgensten Winkel des Heims öffnet. Aus diesem Grunde hatte mir Mrs. Ashleigh auch den Brief Mr. Vigors gezeigt und – vergessend, dass ich nicht ihren liebenswürdigen Charakter besaß und der diesen mit dem Nimbus einer Würde begleitete, zu dem sie nur scheu aufblickte – mich befragt, wie sie vorgehen solle, um den Freund und Bekannten ihres verstorbenen Gatten versöhnen und beschwichtigen zu können. So erstickte ich meinen Unmut, den weniger der Ton seiner beleidigenden Anspielungen gegen mich, als die Arroganz, mit der sich dieser voreingenommene Eindringling über den Willen der Mutter hinweg zum Wächter über ein Kind erhob, das unter ihrer Obhut stand, hervorgerufen hatte. Ich entwarf eine meiner Meinung nach würdevolle und versöhnliche Antwort, in welcher ich mich aller Erörterungen enthielt und Mrs. Ashleigh mitteilen ließ, sie werde ihm jeder Zeit ihre Aufmerksamkeit schenken und jeden Rat, den ihr ein so geschätzter Freund ihres Gatten zum Wohle ihrer Tochter gütigst erteilen würde, gerne annehmen. Ungefähr einen Monat nach meiner Wiedereinsetzung in Abbots´ House war jegliche Verständigung zum Erliegen gekommen.
Eines Nachmittags aber begegnete ich unerwartet Mr. Vigors am Eingang zu der dunklen Gasse, die Richtung Abbots´ House führte. Mit dem ersten Blick in sein Gesicht – das einen noch finstereren Ausdruck zeigte als gewöhnlich - erkannte ich, dass er von dort kommen musste und das, als er meiner Gewahr wurde, sich seine Züge von Düsterheit zu einer Grimasse höhnischen Triumphs verzogen. Sofort wurde mir klar, dass ihm irgendein Schlag gegen mich geglückt sein musste und ich beschleunigte voll banger Ahnungen meinen Schritt.
Mrs. Ashleigh saß allein vor dem Haus unter einer hohen Zeder, die ein natürliches Dach in der Mitte des sonnigen Vorplatzes bildete. Als ich neben ihr Platz nahm, bemerkte ich, dass sie sich in sichtlicher Verlegenheit befand.
„Ich hoffe “ sagte ich und zwang mich zu einem Lächeln, „dass Mr. Vigors Ihnen nicht versucht hat einzureden, ich wäre für das baldige Ableben meiner Patientin verantwortlich oder sie sähe viel schlechter aus als unter der Obhut von Dr. Jones?“
„Nein,“ antwortete sie „er bemerkte freudig, dass Lilian viel gesünder wirke und dass er zu seiner großen Freude vernommen habe, sie sei auch recht heiter geworden, würde ausreiten und sogar tanzen – was ich sehr freundlich von ihm finde, denn er hat für das Tanzen nicht allzu viel übrig, schon aus Prinzip.“
„Trotzdem fühle ich, dass er irgendetwas gesagt haben muss, was Ihnen Verdruss bereitet hat, und wie ich aus seinem Gesichtsausdruck, als ich ihm in der Gasse begegnete, entnehmen darf, liegt die Vermutung nahe, dass er es irgendwie geschafft hat, das Vertrauen, welches Sie freundlicherweise in mich setzen, zu schmälern.“
„Ich versichere Ihnen, dass dem nicht so ist. Er hat Ihren Namen weder mir noch Lilian gegenüber erwähnt. Ich habe ihn selten so freundlich erlebt, fast wie in alten Zeiten. Er hat ein gutes Herz und war meinem Gatten sehr zugetan.“
„Hatte Mr. Ashleigh eine sehr hohe Meinung von Mr. Vigors ?“
„Nun, ich weiß nicht genau, da mein lieber Gilbert nie mit mir über ihn gesprochen hat. Gilbert war von Natur aus sehr schweigsam. Aber er hasste jeglichen Trubel – alle weltlichen Dinge – und Mr. Vigors verwaltete seinen Besitz, prüfte seine Bücher und vertrat ihn während eines lang andauernden Rechtsstreits, den er von seinem Vater geerbt hatte. Sein Vater brachte dieser Prozess unter die Erde und ich weiß nicht, was wir ohne Mr. Vigors getan hätten. Ich bin so froh, dass er mir vergeben hat.“
„Hm! Wo ist Miss Ashleigh? Im Haus?“
„Nein, irgendwo im Garten. Aber lieber Dr. Fenwick, Sie dürfen mich jetzt nicht verlassen. Sie sind so freundlich und es ist, als ob Sie ein alter Freund wären. Es ist etwas vorgefallen, das mich völlig außer Fassung bringt.“
Sie sagte das so kleinlaut und matt und schloss dabei ihre Augen, so dass es schien, als wäre es nicht nur um ihre Fassung, sondern um sie selbst geschehen.
„Das Gefühl der Freundschaft, das Sie eben erwähnten, beruht auf Gegenseitigkeit,“ sagte ich ernst „und wird von meiner Seite von einem Gefühl tiefster Dankbarkeit begleitet. Ich bin alleinstehend, ein einsamer Mann, habe weder Eltern noch nahe Verwandte und habe seit der Abreise von Dr. Faber in dieser Stadt niemanden, mit dem ich in näheren Kontakt treten wollte. Sie waren so freundlich, mich in Ihr Haus aufzunehmen und mir etwas zu gegeben, was mir während meines bisherigen Lebens versagt geblieben war – einen Blick auf das häusliche Glück werfen zu dürfen, jenen Zauber, jene Ruhestätte für das Auge, das Herz und den Verstand, den man nur in einem Haushalt zu spüren vermag, welcher durch die Anmut eines Frauenantlitzes erhellt wird. Daher sind meine Gefühle für Sie und die Ihren in der Tat die eines alten Freundes und bei jedem besonderen Ausdruck des Vertrauens, den Sie mir gewähren, fühle ich, als sei ich nicht mehr der einsame, und heimatlose Mensch ohne Freunde.“
Mrs. Ashleigh schien durch diese Worte, die mir von Herzen kamen, sehr bewegt, und nachdem sie mir mit einfacher, ungekünstelter Wärme geantwortet hatte, erhob sie sich, nahm meinen Arm und wir spazierten langsam eine Weile im Hof auf und ab.
„Sie wissen vielleicht, dass mein seliger Gatte eine Schwester hinterließ, inzwischen eine Witwe wie ich selbst, Lady Haughton.“
„Ich erinnere mich, dass Mrs. Poyntz erwähnte, Sie hätten eine Schwägerin, aber den Namen Lady Haughton habe ich sie noch nie erwähnen hören. Ja ... und?“
„Mr. Vigors hat mir einen Brief von ihr überbracht und der Inhalt dieses Briefs war es, der mich aus der Fassung gebracht hat. Ich muss gestehen, dass der Grund dafür, dass ich Lady Haughton niemals erwähnt habe, ist, dass ich mich schäme beinahe vergessen zu haben, dass sie überhaupt existiert. Sie ist einige Jahre älter als mein Ehemann war und von völlig unterschiedlichem Charakter. Nach unserer Heirat hat sie ihn nur ein einziges Mal besucht und mich sehr verletzt, indem sie ihn als Bücherwurm lächerlich gemacht hat. Es kränkte ihn, dass sie ein wenig auf mich herabsah, auf ein Niemand ohne Geist und Weltgewandtheit, was ja auch tatsächlich zutraf. Nach dem Verlust meines armen Gilbert habe ich außer einem kalten, gefühllosen und formellen Kondolenzbrief bis zum heutigen Tage nichts mehr von ihr gehört. Aber trotzdem ist sie die ältere Schwester meines Gatten und Lilians Tante und, wie Mr. Vigors richtig sagt „Pflicht ist Pflicht“.
Hätte sie gesagt „Pflicht ist Qual“, hätte sie diesen Satz nicht mit einer traurigeren, trostlosere Resignation aussprechen können.
„Und worin besteht diese Pflichterfüllung, die Ihnen Mr. Vigors so ans Herz gelegt hat?“
„Mein Gott! Was für ein Scharfsinn! Sie haben vollkommen richtig geraten. Aber ich glaube, Sie werden mit Herrn Vigors übereinstimmen. Ich habe leider keine Wahl und muss es tun.“
„Leider lässt mich hier mein Scharfsinn im Stich. Was müssen Sie tun? Ich bitte Sie, drücken Sie sich etwas klarer aus.“
„Die arme Lady Haughton hat vor sechs Monaten ihren einzigen Sohn, Sir James, verloren. Mr. Vigors sagt, er sei ein prächtiger junger Mann gewesen, auf den jede Mutter stolz gewesen wäre. Ich hörte allerdings, er wäre ziemlich wild gewesen. Mr. Vigors behauptet allerdings, er sei im Begriff gewesen, sich zu ändern und eine junge Dame heiraten zu wollen, die seine Mutter für ihn ausersehen hatte, als er unglücklicherweise an einem Hindernisrennen teilnahm und sich dabei, weil er nicht ganz nüchtern war, den Hals brach. Verständlicherweise ein schwerer Schlag für Lady Haughton. Sie hat sich nach Brighton zurückgezogen und schrieb mir von dort besagten Brief, den mir Mr. Vigors überbrachte. Er wird heute wieder zu ihr zurückkehren.“
„Zurück zu Lady Haughton? Wie? Ist er bei ihr gewesen? Steht er zur Schwester in ebenso vertraulichem Verhältnis wie zuvor zu deren Bruder?“
„Nein, aber sie haben lange und kontinuierlich miteinander korrespondiert. Sie hat Anteile am Kirby Estate, der ihr zu Gilberts Lebzeiten nicht ausbezahlt worden war. Ein kleiner Teil der Liegenschaft ging an Sir James, und Mr. Ashleigh Summer, gesetzlicher Erbe des restlichen Besitzes, äußerte - während er noch unter der Vormundschaft von Mr. Vigors stand - den Wunsch, auch diesen kleinen Teil zu erwerben. Da der Besitz Lady Haughton´s auch auf diesem Teil des Landes steht, war ihre Einwilligung ebenso notwendig, wie die ihres Sohnes. Es gab einige Verhandlungen, und der Tod des armen Sir James komplizierte die Angelegenheit noch. Aus diesem Grund hat Mr. Vigors Lady Haughton in Brighton besucht, um bestimmte Angelegenheiten zu regeln. Kurz gesagt wünscht Lady Haughton, dass ich sie mit Lilian besuche. Ich habe aber überhaupt keine Lust dazu. Aber Sie haben mir vor Kurzem gesagt, dass während der Hitze des Sommers Seeluft das Beste für Lilian wäre und sie scheint jetzt in der Verfassung für eine Luftveränderung zu sein. Oder was denken Sie?“
„Ihr gesundheitlicher Zustand wäre allerdings kein Hindernis; nur ist Brighton nicht gerade der Platz, den ich für den Sommeraufenthalt empfehlen würde. Es fehlt an Schatten und es ist dort viel heißer, als in L....“
„Ja; aber Lady Haughton hat leider diesen Einwand vorausgesehen und deshalb in der Nähe der See einige Meilen von Brighton entfernt einen Witwensitz gemietet. Die Gegend ist bewaldet, gilt als kühl und gesund und liegt in der Nähe des St. Leonhards Forrest. Kurz, ich habe ihr geschrieben, dass wir kommen wollen. Und dies wird auch geschehen müssen, wenn Sie keine erheblichen Einwände äußern.“
„Wann wollen Sie abreisen?“
„Nächsten Montag. Mr. Vigors bestand darauf, dass ich einen Tag festlege. Ach, wenn Sie wüssten, wie schwer es mir fällt, mich zu verändern, wenn ich mich einmal niedergelassen habe, und eigentlich habe ich Angst vor Lady Haughton, sie ist so fein und satirisch! Aber Mr. Vigors sagt, sie habe sich sehr verändert, armes Ding! Ich sollte Ihnen ihren Brief zeigen, aber ich habe ihn ein oder zwei Minuten, bevor sie kamen an Margaret – Mrs. Poyntz – hinüber geschickt. Sie kennt Lady Haughton etwas. Margaret kennt eigentlich überhaupt jeden. Und wir werden wohl für den armen Sir James Trauer anlegen müssen – Margaret wird das entscheiden, da ich sicher bin, ich könnte nicht festlegen, in welchem Ausmaß die Trauer von uns erwartet wird. Ich hätte es eigentlich schon am letzten Morgen tun sollen – der Neffe des armen Gilbert –, aber ich bin so gedankenlos und habe ihn nie kennengelernt. Aber – oh, das ist aber freundlich – Margaret selbst – meine liebe Margaret!“
Wir hatten uns während unseres Auf-und-Ab-Gehens gerade vom Haus abgewandt, als plötzlich Mrs. Poyntz unmittelbar vor uns stand.
„Sie haben also wirklich die Einladung angenommen, Anne, und schon für nächsten Montag?“
„Ja! War das falsch?“
„Was sagt Dr. Fenwick dazu? Kann man Lilian eine solche Reise zumuten?“
Wollte ich ehrlich sein, konnte ich keinen wirklichen Einwand geltend machen; aber das Herz wurde mir schwer wie Blei, als ich antwortete:
„Miss Ashleigh braucht keine intensive ärztliche Betreuung mehr. Mehr als die Hälfte ihrer Heilung hing davon ab, ihren Geist vor Depressionen zu schützen. Sie könnte den vergnügten Umgang mit Ihrer Tochter und den anderen jungen Damen ihres Alters vermissen. Ein sehr melancholisches Haus, einen kürzlichen Verlust betrauernd, ohne Anwesenheit anderer Gäste, eine Gastgeberin, die ihr fremd ist und vor der sich selbst Mrs. Ashleigh zu fürchten scheint, sind nicht gerade die optimalen Voraussetzungen für eine Luftveränderung. Wenn ich davon sprach, dass Seeluft dem Befinden von Miss Ashleigh zuträglich sein könnte, dachte ich an einen Aufenthalt an unserer Nordküste und an eine spätere Jahreszeit, in der ich mich einige Wochen freimachen und sie begleiten könnte. Eine derartige Reise wäre erheblich kürzer und weniger ermüdend. Die Luft wäre dort wesentlich belebender.“
„Zweifellos wäre das besser,“ bemerkte Mrs. Poyntz trocken; „aber was Ihre Befürchtungen bezüglich des Besuchs bei Lady Haughton anbelangt, sind diese unbegründet. Ihr Haus ist nicht so melancholisch; zudem werden andere Gäste anwesend sein und Lilian wird junge Leute ihres Alters – junge Ladies und auch junge Gentlemen – kennenlernen!“
Es lag etwas Unheilvolles, Mitleidiges in dem Blick, den mir Mrs. Poyntz gegen Ende ihres Satzes zuwarf, der an sich schon ausreichte, um die Ängste eines Liebenden zu wecken. Lilian weit weg von mir, im Haus einer weltgewandten Lady – für die ich Lady Haughton hielt – nicht nur von jungen Damen, sondern auch von jungen Herren umgeben, die zweifellos mit höherem Rang und einem blendenderen Aussehen ausgestattet als jene, die sie bisher kennengelernt hatte. Ich schloss meine Augen und hatte Mühe, ein Ächzen zu unterdrücken.
„Liebe Annie, gestatten Sie mir, mich davon zu überzeugen, dass Dr. Fenwick dieser Reise wirklich seine volle Zustimmung gibt. Er wird mir sagen, was er vielleicht Ihnen gegenüber nicht aussprechen will. Entschuldigen Sie daher bitte, wenn ich ihn einige Minuten beiseite nehme. Ich sehe Sie später wieder hier unter dieser Zeder.“
Ihren Arm in den meinen legend zog mich Mrs. Poyntz, ohne eine Antwort von Mrs. Ashleigh abzuwarten, in einen abgelegeneren Gartenweg. Sobald wir außerhalb der Reichweite von Mrs. Ashleigh waren, sagte sie:
„Nachdem Sie nun Lilian Ashleigh näher kennengelernt haben, wollen Sie sie immer noch zur Frau nehmen?“
„Immer noch? Mit einer Intensität die proportional zu der Furcht ist, die mich erfüllt, wenn ich daran denke, dass sie nicht nur meinem Blick, sondern auch meinem Leben entrissen werden könnte.“
„Stimmt Ihr Verstand der Wahl Ihres Herzens zu? Überlegen Sie gut, bevor Sie mir antworten.“
„Der selbstsüchtige Verstand, den ich besessen habe, bevor ich sie kennenlernte, würde allerdings die Wahl nicht bestätigen, aber der edlere Verstand, der nun all meinem Denken zu Grunde liegt, billigt und unterstützt die Stimme meines Herzens. Nein – lächeln Sie nicht so spöttisch – es ist nicht die Stimme einer blinden und egoistischen Leidenschaft. Lassen Sie mich meine Gedanken schildern, wenn ich es kann. Ich stimme Ihnen zu, dass Lilians Charakter noch nicht voll entwickelt ist, ich stimme Ihnen zu, dass aus der kindlichen Frische und Unschuld ihres Wesens bisweilen etwas Seltsames, Mysteriöses auftaucht, dessen Ursprung ich noch nicht ermitteln konnte. Aber ich bin mir sicher, dass ihr Verstand organisch genau so gesund ist, wie ihr Herz und das sich beide - unter günstigen Voraussetzungen – zuletzt zu der glücklichen Harmonie vereinigen werden, welche die weibliche Vollkommenheit ausmacht. Aber genau weil sie, vielleicht über Jahre hinweg, vielleicht immer, einer hingebungsvolleren und rücksichtsvolleren Behandlung bedarf als weniger sensible Naturen, billigt mein Verstand meine Wahl. Was immer ihrem Besten dient, ist auch für mich das Beste. Und wer könnte besser über sie wachen, als ich es kann?“
„Sie haben Lilian noch nichts von Ihren Gefühlen erzählt?“
„Oh nein – wie könnte ich?“
„Und trotzdem glauben Sie, dass Ihre Zuneigung nicht unerwidert sein könnte?“
„Ich glaubte es einmal; nun zweifle ich daran – und hoffe trotzdem. Aber warum quälen Sie mich mit diesen Fragen? Denken Sie auch, dass ich sie durch diesen Besuch für immer verlieren könnte?“
„Wenn Sie das befürchten, sagen Sie es ihr und vielleicht kann ihre Antwort Ihre Befürchtungen zerstreuen.“
„Wie! Jetzt schon, während sie mich kaum einen Monat kennt? Setze ich durch ein solch übereiltes Handeln nicht alles aufs Spiel?“
„Es gibt keinen Terminplan für die Liebe. Bei vielen Frauen wird sie in dem Moment geboren, in dem sie erfahren, dass sie geliebt werden. Alle Weisheit lehrt uns, dass ein verfehlter Augenblick unwiderbringlich verloren ist. An Ihrer Stelle würde ich mir klarmachen, dass ich an einem Punkt angelangt bin, den ich nicht ungenutzt verstreichen lassen darf. Ich habe genug gesagt. Jetzt muss ich zurück zu Mrs. Ashleigh.“
„Einen Moment – sagen Sie mir zuerst, was der Brief von Lady Haughton beinhaltet, dass Sie es für notwendig halten, mir einen derartigen Rat zu erteilen, der mich gleichzeitig ermutigt und erschreckt.“
„Nicht jetzt – später vielleicht – nicht jetzt. Wenn Sie Lilian alleine sprechen wollen, sie ist an der Old Monk´s Well. Ich habe sie dort sitzen gesehen, als ich vorhin auf das Haus zuging.“
„Noch ein Wort – nur noch eins. Beantworten Sie mir diese Frage bitte ganz offen, da es sich um eine Frage der Ehre handelt. Glauben Sie immer noch, Mrs. Ashleigh wird meine Werbung um ihre Tochter nicht missbilligen?“
„Zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht; nächste Woche könnte ich vielleicht diese Antwort nicht mehr geben.“
Sie wandte sich von mir ab und verließ mit ihrem raschen, aber gemessenen Schritt den schattigen Gartenweg in Richtung des Hofes und ich sah ihr hellgraues Kleid unter den Zweigen der Zeder verschwinden. Dann brach ich die unschlüssige, ängstliche Spannung, in der ich vergeblich versuchte, meine Gedanken zu ordnen, meine Zweifel zu zerstreuen, meinen Willen zu konzentrieren und ging in die entgegengesetzte Richtung auf die Einfassung zu, welche die Ruinen umgab – als zuerst seitlich an deren stolzer Terrasse die Häuser der benachbarten Stadt in Blick kamen, nur durch die unter der efeuüberwachsenen Böschung sich hinziehende geräuschvolle Straße von der geschäftigen Welt der Menschen getrennt, die plötzlich hinter dem Laubwerk des üppigen Juni verschwand.
Dann öffnete sich die verzauberte Lichtung mit seinem Saum aus spanischem Flieder, Rosen und Geißblatt aus dem frischen Grün und dort, bei dem grauen Denkmal eines vergangenen gotischen Zeitalters, schien meinen unstet umherwandernden Augen Einhalt geboten werden, gebannt durch das Bild, in dem für mich die Inkarnation aller Blüte und Jugend der Erde verkörpert wurde.
Sie stand inmitten der Vergangenheit, vor dem Hintergrund von Mauern, die der Mensch errichtet hatte, um sich vor den menschlichen Leidenschaften abzusondern und verschloss unter gesenkten Lidern das Geheimnis des einzigen Wissens, das ich mir von der grenzenlosen Zukunft ersehnte.
Ach! Welch Ironie liegt in dem großen Wort, dem wilden Kriegsruf der Welt – FREIHEIT! Wer hätte nicht in seinem Leben eine Periode gekannt – so ernst, dass ihre Schatten weit in das danach folgende Leben hineinreichen – in der ein menschliches Wesen eine größere und absolutere Gewalt über ihn ausübte, als die, welche die Knechtschaft des Orients in den Symbolen des Diadems und Szepters verehrt? Welcher Helmbusch flatterte je so hoch, dass er sich nicht vor der Hand beugte, die erhöhen oder erniedrigen konnte? Welches Herz schlug furchtlos genug, dass es nicht vor dem Gedanken an das Wort erzitterte, das ihm die Tore des Entzückens oder der Verzweiflung erschloss? Nur das Leben ist frei, welches sich selbst genügt und gebietet. Das Leben, welches wir verwirken, wenn wir lieben!
Kapitel XVII
Wie ich es aussprach? In welchen Worten konnte sich mein Herz äußern? Ich erinnere mich dessen nicht mehr. Alles war wie ein Traum, der auf eine ruhelose, fiebrige Nacht folgt und verschwindet, sobald sich die Augen für den Frieden eines wolkenlosen Himmels und die Luft einer goldenen Sonne öffnen. In der Tat schien mir auf Erden ein neuer Morgen anzubrechen, als ich aus einem lebenslangen Gestern erwachte – ihre teure Hand in der meinen, ihr holdes Antlitz sich an meine Brust anschmiegend.
Und dann das melodische Schweigen, in das sich kein hörbarer Laut von außen mischte, im Innern aber eine besänftigende himmlische Musik, als ob unser ganzes, mit dem All in Harmonie getretenes Wesen aus seiner glücklichen Tiefe in die Hymne einstimmen würde, zu der sich der Sterne Chor vereinigt!
In diesem Schweigen schienen unsere zwei Herzen sich wechselseitig zu verständigen, einander näher und näher zu rücken und mit geheimnisvoller Eintracht in dem feierlichen Bund zu verschmelzen, der hinfort nicht mehr gelöst werden sollte.
Nach einer Weile sagte ich leise: „Und hier war es, an dieser Stelle, als ich Sie zum ersten Mal sah – hier, dass ich zum ersten Mal erfuhr, welche Macht der Zauber eines menschlichen Antlitzes besitzt, um unsere Welt zu ändern und unsere Zukunft zu beherrschen!“
Lilian fragte mich dann schüchtern und ohne die Augen zu erheben, wie ich sie gesehen habe, indem sie mich zugleich daran erinnerte, ich habe ihr schon früher versprochen, es ihr zu sagen, ohne dass ich Wort gehalten hätte.
Und dann erzählte ich ihr von dem seltsamen Impuls, der mich in den Garten führte, und von dem Zufall, der mich bewog, meine Schritte auf den Pfad hin zu dem freien Platz zu lenken; wie ihre Gestalt plötzlich, bestrahlt von dem Rosenrot der untergehenden Sonne, vor mir auftauchte und wie sehnsüchtig mein Auge dem stummen Blick gefolgt sei, den sie in den fernen Himmel schickte.
Während ich so sprach, drückte ihre Hand krampfhaft die meinige; sie erhob ihr Antlitz von meiner Brust und sah mich mit ängstlicher Eindringlichkeit an. Dieser Blick! Schon zweimal hatte er mich erschreckt und verwirrt.
„In diesem Blick liegt etwas, oh meine Lilian, was mir sagt, dass Ihnen etwas beklemmend auf der Seele liegt – Sie möchten es mir anvertrauen und scheuen gleichzeitig davor zurück. Sehen Sie, ich studiere bereits in dem schönen Buch, dessen Siegel gelöst ist; aber Sie müssen mir noch helfen, seine Sprache zu übersetzen.“
„Wenn ich davon zurückscheue, es Ihnen anzuvertrauen, so geschieht das nur deshalb, weil ich fürchte, ich kann mich nicht so ausdrücken, dass ich verstanden werde oder dass man mir Glauben schenkt. Doch Sie haben ein Recht, die Geheimnisse des Lebens kennen zu lernen, das Sie mit dem Ihrigen verbinden wollen. Sie müssen aber Ihr Gesicht von mir abwenden; ein tadelnder Blick, ein ungläubiges Lächeln würde mir – oh, Sie können sich nicht denken wie sehr - eiskalt durch die Seele fahren, wenn ich von dem spreche, was für mich eine so ernste, so seltsam feierliche Sache ist.“
Ich wandte mein Gesicht ab und ihre Stimme wurde fester, als sich nach einer kurzen Pause fortfuhr.
„So weit meine Erinnerung in meine Kindheit zurück reicht, erinnere ich mich, dass es Augenblicke gegeben hat, in welchen ein dünner Nebelschleier zwischen meine Augen und die umgebenden Dinge zu treten schien. Der Nebel verdichtete sich, bis er das Aussehen einer der weißen flockigen Wolken hatte, die sich am Horizont sammeln, wenn die Luft noch ruhig, aber die Winde sich schon erheben wollen. Dann öffnete sich dieser Dunst oder Schleier plötzlich, wie es auch die Wolken tun und ließ mich den blauen Himmel sehen.“
„Fahren Sie fort,“ sagte ich sanft, da sie hier stockte.
Sie fuhr in einem hastigeren Tempo fort.
„In dieser Öffnung zeigen sich mir seltsame Bilder wie in einer Vision. In meiner Kindheit waren es hauptsächlich Landschaften von wunderbarer Schönheit. Ich konnte damals nur eine vage Beschreibung davon geben und vermag sie auch jetzt nicht zu beschreiben, da sie fast aus meiner Erinnerung entschwunden sind. Meine liebe Mutter tadelte mich, wenn ich ihr erzählte, was ich sah, und so prägten sich die Gestalten, von denen ich nicht weiter sprechen durfte, meinem Gedächtnis nicht ein. Als ich heranwuchs, wurde diese Art Vision, wenn ich es so nennen darf, seltener und noch weniger deutlich. Ich sah wohl noch den dünnen Schleier niederfallen, sich zu einer blassen Wolke bilden und auseinandergehen; doch was sich mir dann zeigte, war meist vergessen, wenn ich wieder wie aus einem Schlaf erwachend, zu mir kam. Bisweilen aber konnte ich mich sehr lebhaft und vollständig wieder erinnern. Ich sah hin und wieder das Antlitz meines verstorbenen Vaters und vernahm wohl auch seine Stimme, ganz genau so, wie mir beides aus früher Jugend in Erinnerung war, als er mich, wenn er nachdachte und studierte, stundenlang neben sich ruhen ließ und ich mich so glücklich fühlte, wenn ich still in seiner Nähe sein konnte; denn ich liebte ihn – ach, und wie - und ich erinnere mich seiner noch so deutlich, obwohl ich erst sechs Jahre alt war als er starb. Vor kurzem, um es genau zu sagen während der letzten paar Monate, erschienen mir die Bilder zukünftiger Dinge in dem freien Raum so deutlich wie in einem Spiegel. So sah ich einige Wochen bevor ich hierher kam und ehe ich noch etwas von diesem Platz wusste, deutlich das alte Haus, jene Bäume dort, diesen Rasen, den moosbewachsenen gotischen Brunnen, und an die Vision knüpfte sich der Eindruck, dass auf dem Schauplatz vor mir in meinem alten kindlichen Leben eine ernste Veränderung vor sich gehen werde. Als ich nun hierher kam und die Bilder meiner Vision wieder erkannte, fasste ich für den Ort eine Vorliebe, die freilich nicht frei war von einer gewissen Ehrfurcht: er hatte ein gewaltiges, die Sinne verwirrendes Interesse für mich, wie man es etwa unter dem Einfluss eines Schicksals fühlt, in das man einen prophetischen Blick tun durfte. Und an jenem Abend, als Sie mich zum ersten Mal sahen und ich hier saß.....“
„Ja, Lilian, an jenem Abend...?“
„Sah ich auch Sie, aber nicht körperlich, sondern nur in meiner Vision – dort, weit in den Tiefen des Raumes – und – und mein Herz fühlte eine Unruhe, wie nie zuvor; und nicht weit von Ihrem Bild sah ich in der Wolke das Antlitz meines Vaters und hörte seine Stimme, nicht mit meinen Ohren, sondern in meinem Herzen, wie sie mir zuflüsterte....“
„Was flüsterte sie, Lilian?“
„Diese Worte – nur diese – „Ihr werdet einander nötig haben.“ Dann aber erhob sich zwischen meinen aufwärts gerichteten Augen und den zwei Gestalten, die sie vor sich hatten, von der Erde aufsteigend und den Himmel verdunkelnd, plötzlich trüber, sich wellenförmig ausbreitender Dunst, der sich wie zu einer ungeheuren Schlange ringelte, ohne bestimmte Gestalt und Form, ein Blitzen aus zwei schrecklich leuchtenden Augen und ein jugendliches Haupt, ähnlich dem der Medusa, welches sich schneller, als ich nach Atem ringen konnte, in einen grinsenden Totenschädel verwandelte. In meinem Schrecken wandte ich den Kopf ab und als ich wieder zurückblickte, war die Vision verschwunden. Der Schrecken aber wich nicht, selbst als mich der Arm meiner Mutter umschlang und ich ihre Stimme hörte. Und als ich dann im Haus allein war, wurde die Erinnerung an das, was ich gesehen hatte, – an jene Augen – jene Vision – jenen Schädel – immer mächtiger, bis ich zuletzt ohnmächtig zusammensank. Von da an weiß ich nichts mehr bis zu meinem Erwachen. Als ich meine Augen aufschlug, sah ich Sie an meiner Seite, verwundert wohl, aber nicht erschreckt, sondern vielmehr mit einem Gefühl der Freude, des Schutzes und der Hoffnung. Allerdings mischte sich ein Schatten aus Furcht und Scheu darein, als ich das Gesicht erkannte, das aus dem Himmel auf mich herabblickte, während mir die Stimme meines Vaters zuflüsterte: „Ihr werdet einander nötig haben.“ Und nun – und nun – werden Sie mich weniger lieben, seit Sie ein Geheimnis in meinem Dasein kennen, das ich noch niemand geoffenbart habe und das ich mir selbst nicht zu deuten weiß? Ach, so spotten Sie wenigstens nicht – und sagen Sie nicht, dass Sie mir nicht glauben. Nein, halten Sie sich nicht länger abgewandt; ich bitte Sie jetzt, mir in die Augen zu sehen. So; nun mögen Sie mir, bevor sich unsere Hände wieder vereinigen können, sagen, dass Sie mich nicht als eine Lügnerin verachten oder als eine Irrsinnige bemitleiden.“
„Still – still!“ versetzte ich, sie an meine Brust ziehend. „Über alles, was Sie mir erzählt haben, wollen wir später sprechen. Die Waagschalen der Wissenschaft haben keine Gewichte, die fein genug wären für die Seidenfäden der reinen Phantasie einer jungen Frau. Es ist genug für mich – für uns beide –, wenn aus allen solchen Trugbildern nur eine Wahrheit aus dem Himmel hervorbricht, die zu Ihnen, liebliches Kind, und auch auf Erden zu mir, dem raueren Manne spricht. Jeder Schlag dieses Herzens, das Ihnen in vollem Vertrauen entgegenschlägt, wiederholt die Worte – jetzt und fortan durchs ganze Leben bis in den Tod: Jeder bedarf des Anderen – ich Deiner – ich Deiner! meine Lilian – meine Lilian!“
Kapitel XVIII
Ungeachtet der Versicherung, die mir Mrs. Poyntz gegeben hatte, näherte ich mich doch nicht ohne eine gewisse Besorgnis der Zeder, unter welcher Mrs. Ashleigh noch immer, die Freundin zu ihrer Seite, saß. Ich blickte auf das holde Wesen nieder, dessen Arm in dem meinen ruhte. Sie war so jung, so ungemein liebenswert und mit all den Gaben der Geburt und des Vermögens ausgestattet, durch welche Habsucht und Ehrgeiz nur um so mehr unter das Joch der Jugend und Schönheit gebeugt wird, dass es mir vorkam, als habe ich mich versündigt an dem, was eine Mutter mit Recht als ihr natürliches Los betrachten würde.
„Oh, wenn Ihre Mutter unseren Bund nicht billigen würde...!“ sagte ich zögernd.
Lillian lehnte sich etwas weniger leicht auf meinen Arm.
„Wenn ich das denken würde“, antwortete diese mit leichtem Erröten, „würde ich mich so an Ihrer Seite befinden?“
Wir bogen die dunklen Zweige der Zeder zurück. Lilian ließ mich los, küsste Mrs. Ashleigh auf die Wange, nahm neben ihr auf dem Rasen Platz und legte ihr Haupt in den mütterlichen Schoss. Ich betrachtete die Königin des Hill, deren scharfes Auge über mich hinwegschoss. Auf ihrem Antlitz schien sich für einen Moment ein Ausdruck des Schmerzes oder der Missbilligung abzuzeichnen; doch das war schnell vorüber. Zurück blieb eine gewisse Ironie, eine Art Triumph oder eine Beglückwünschung in dem halben Lächeln, mit welchem sie ihren Platz verließ und in dem Ton, mit welchem sie an mir vorbei gleitend zuflüsterte: „So, damit wäre die Angelegenheit also geregelt.“
Mrs. Ashleigh sah mich wohlwollend an; dann hob sie das Gesicht ihrer Tochter aus ihrem Schoss und flüsterte: „Lilian.“ Lilians Lippen bewegten sich, aber ich vernahm ihre Antwort nicht. Die Mutter hatte sie verstanden. Sie nahm Lilians Hand, legte sie einfach in die meine und sagte:
„Wie sie wählt, wähle auch ich; wen sie liebt, der ist auch mir teuer.“
Kapitel XIX
Von jenem Abend an bis zu dem Tag, an welchem Mrs. Ashleigh und Lilian den gefürchteten Besuch antraten, verbrachte ich jede Minute der Zeit, die mir meine Patientenbesuche frei ließen, in ihrem Hause; und während dieser wenigen Tage, der glücklichsten, die ich je erlebt hatte, war es mir, als hätten mich Jahre nicht mit Lilians außerordentlichem Wesen vertrauter machen können; ihr reiner Sinn erfüllte mich mit der tiefsten Ehrfurcht und ihre Anmut verstrickte mich immer tiefer in die Bande der Liebe. Ich konnte nur einen einzigen Fehler an ihr entdecken, machte mir aber selbst Vorwürfe darüber, dass er mir wie ein Mangel vorkam. Wir sehen viele, welche die untergeordneten Pflichten des Lebens vernachlässigen und denen eine wachsame, überlegende Fürsorge für Andere fehlt; gewöhnlich ist die Ursache hiervon Leichtsinn oder Egoismus. Allerdings konnte man keine dieser Eigenschaften Lilian zuschreiben; doch lag in den täglichen Bagatellen etwas von dieser Nachlässigkeit, etwas von diesem Mangel an Sorgfalt und Vorbedacht. Sie liebte ihre Mutter aufs Zärtlichste; aber doch fiel es ihr nie ein, ihr bei den kleinen Haushaltsgeschäften zur Hand zu gehen, auf die Ashleigh so viel Wert legte. Sie besaß ein Herz voll Zartgefühl und Mitleid für die Armen und Leidenden; dennoch gab es auf dem Berg manche junge Dame, die ihre Wohltätigkeit aktiver gestaltete, im Besuch kranker Armer zum Beispiel oder durch Unterweisung ihrer Kinder in den Kinderschulen.
Ich war der Überzeugung, dass ihre Liebe zu mir wahr und aufrichtig sei; sie war ganz offensichtlich frei von allem Ehrgeiz, und ohne Zweifel wäre sie fähig gewesen, sich zufrieden und ohne Widerspruch in Alles zu fügen, was die Welt Opfer und Entbehrung nennt – dennoch traute ich ihr nicht zu, dass sie Anteil an der Mühsal des täglichen Lebens nehmen werde. Ich hätte auf sie nie den häuslichen und so bezeichnenden Ausdruck „Gehilfin“ anwenden mögen. Selbst während ich dies schreibe, mache ich mir Vorwürfe, wenn ich diesen Mangel (sofern es ein Mangel ist) in der – wie soll ich sagen? – praktischen Routine unseres gemeinsamen, positiven, menschlichen Dasein notiere. Und ohne Zweifel war dies der Grund, der Mrs. Poyntz zu dem harten Urteil über meine Auserwählte führte. Aber der abkühlende Schatten, den ihr bezauberndes Wesens warf, war nicht der Reflex einer trägen, unliebenswürdigen Selbstsucht, sondern lediglich die Folge jener Selbstschau, welche durch ihre Träumerei genährt wurde. Ich enthielt mich vorsichtig jeder Anspielung auf die visionären Trugbilder, die sie mir als wirkliche Eindrücke ihres Geistes, wenn nicht ihrer Sinne, anvertraut hatte. Alles, was meiner Ansicht nach nur den Hauch des Aberglaubens trug, war mir unangenehm; jede Nachsicht in Phantasien, die nicht in dem klar definierten und ausgetretenen Pfad einer gesunden Einbildungskraft lagen, wirkte noch stärker auf mich – es alarmierte mich. Ich ermutigte sie mit keiner Silbe in ihren Überzeugungen, von denen ich mir sagen musste, es sei noch zu früh, ihnen mit vernünftigen Gründen entgegenzutreten, in jedem Fall aber grausam, sie lächerlich zu machen. Ich war überzeugt davon, dass die Nebel, die ihre natürliche Intelligenz umgaben und einer einsamen, dem Brüten anheim gegebenen Kindheit entsprungen waren, sich von selbst im hellen Tageslicht des ehelichen Lebens legen würden. Es schien sie schmerzlich zu berühren, wenn sie sah, mit welcher Entschiedenheit ich einem Thema aus dem Weg ging, der ihren Gedanken so wichtig war. Sie machte ein oder zweimal einen schüchternen Versuch, darauf zurückzukommen, aber meine ernsten Blicke genügten, ihr Einhalt zu gebieten. Ein- oder zweimal kam es bei solchen Gelegenheiten vor, dass sie sich von mir abwandte und mich verließ; doch kehrte sie bald wieder zurück. Das sanfte Herz konnte keinen Schatten zwischen sich und dem Gegenstand seiner Liebe ertragen.
Laut Übereinkunft sollte unsere Verlobung zunächst ein Geheimnis zwischen uns und Mrs. Poyntz bleiben und erst nach der Rückkehr von Mrs. Ashleigh und Lilian, die in einigen Wochen stattfinden sollte, bekanntgemacht werden. Unsere Heirat war für den Herbst geplant, eine Zeit, in welcher der normalerweise niedrige Krankenstand mir kurze Ferien gestattete.
So kam der Abschied – ein Abschied, wie er zwischen Liebenden stattfindet. Ich fühlte nichts von jenen eifersüchtigen Befürchtungen, die mich vor unserer Verlobung schon bei dem Gedanken an eine Trennung zittern gemacht und vor meiner Einbildungskraft unwiderstehliche Nebenbuhler heraufbeschworen hatten. Dennoch sah ich sie nicht ohne schwere, düstere Gedanken von dannen ziehen. Die Erde hatte ihre Herrlichkeit, das Leben seinen Segen verloren.
Kapitel XX
Während der vielbeschäftigten Jahre meiner Berufslaufbahn hatte ich immer noch Musse erübrigen können, um wissenschaftliche Abhandlungen zu schreiben, die mehr oder weniger Aufsehen erregten. Eine davon unter dem Titel „Das Lebensprinzip, seine Verschwendung und seine Versorgung“ fand auch unter dem nicht ärztlichen Publikum einen ausgedehnten Leserkreis. Die genannte Schrift enthielt die Ergebnisse gewisser, damals in der Chemie noch neuer Versuche, aus denen ich für die Ernährung des menschlichen Organismus Folgerungen nach denselben Grundsätzen zog, auf die Liebig die Kräftigung eines ausgelaugten Bodens baut; das heißt, ich schlug vor, dem Körper als wesentliche Elemente der Ernährung die Stoffe wieder zu geben, die er durch seine Tätigkeit verbraucht oder durch Zufall verloren hat – mit anderen Worten, ich forderte, diesem die Bestandteile der Ernährung zuzuführen, deren der individuelle Organismus konstitutionell bedarf und eine Neutralisierung und Ausgleich des im Übermaß Vorhandenen – eine Theorie, auf welche sich in neuester Zeit einige vielberufene Ärzte mit ausgezeichnetem Erfolg gestützt haben. Aber ich legte auf diese Arbeiten, die flüchtig waren und nur Andeutungen, keine durchgearbeiteten Sätze enthielten, keinen Wert. Während der letzten zwei Jahre beschäftigte mich ein Werk von viel größerer Tragweite, ein von größerem Ehrgeiz eingegebenes Unternehmen, von dem ich mir den nachhaltigen Ruf eines streng wissenschaftlichen, nicht auf Vorgänger bauenden Physiologen versprach. Es handelte sich um die Erforschung des organischen Lebens, basierend auf den Arbeiten des Berliners Johannes Müller, mit denen jener die Wissenschaften unseres Zeitalters bereichert hatte – leider nur ein schwaches Trachten, die Gedankentiefe und Gelehrsamkeit eines großes Geistes zu erreichen, welcher die Spekulation über den Gang der gewöhnlichen Reflexion erhaben macht. Damals wurde ich freilich getragen von der Wichtigkeit meines Themas und bewunderte meine Leistung, weil ich die Arbeit voller Hingabe erledigte. Während der Aufregung des letzten Monats war dieses Projekt völlig bei Seite gelegt worden; nun aber, da Lilian fort war, nahm ich es allen Ernstes als einzige Tätigkeit wieder auf, die Reiz und Macht genug besaß, mich den Verlust, die schmerzliche Leere, weniger empfinden zu lassen.
Am Abend nach ihrer Abreise nahm ich mir mein Manuskript wieder vor, das ich am Anfang eines Kapitels über „Wissen, von unseren Sinnen abgeleitet“ abgebrochen hatte. Da meine Überzeugungen über diesen Gegenstand sich auf die wohlbekannten Sätze Locke´s und Condillac´s gegen angeborene Vorstellungen und auf die Spekulationen gründete, durch welche Hume die Verbindung der Empfindung zu einer allgemeinen Vorstellung auf einen lediglich der Gewohnheit entspringenden Impuls zurückführt, widersprach ich dem gefährlichen Zugeständnis an die Sentimentalität oder den Mystizismus einer Pseudophilosophie, indem ich Widerspruch gegen die Lehre erhob, welche bei den meisten unserer neueren Physiologen Beifall findet und dem Wesen nach von den ausgezeichnetsten deutschen Metaphysikern, wenn auch ihrer positiven Form nach übernommen worden ist – ich meine die Lehre, welcher Müller selbst in folgenden Worten Ausdruck gab:
„Dass es angeborene Vorstellungen geben kann, lässt sich nicht im mindesten bezweifeln: es gibt hierfür Beweise. Alle Vorstellungen der Tiere, welche aus dem Instinkt hervorgehen, sind angeboren und unmittelbar: der Seele wird etwas dargeboten, der Wunsch etwas zu erreichen, was zu gleicher Zeit gegeben ist. Das neugeborene Lamm, das Fohlen hat solche angeborene Vorstellungen, durch die es bewogen wird, der Mutter zu folgen und an ihrer Zitze zu saugen. Trifft dies nicht in gewisser Weise auch auf die intellektuellen Vorstellungen des Menschen zu?“
Auf diese Frage antwortete ich mit einem entrüsteten „Nein“. Ein „Ja“ hätte meinen Glauben an den Materialismus in den Staub getreten. Ich schrieb rasch und mit Eifer fort, definierte die Eigentümlichkeiten und steckte die Grenzen der Naturgesetze ab, über die sich meiner Meinung nach selbst kein Gott hinwegsetzen konnte. So klempnerte und lötete ich an den Kettengliedern meiner Flicklogik Dogma an Dogma, bis aus meinen Blättern zu meinem großen Wohlgefallen der intellektuelle Mensch als reines Gebilde seiner materiellen Sinne erwachsen war; aus ihnen allein ging der Geist oder die sogenannte Seele hervor und zog Nahrung aus ihnen; durch sie wurde jede Aktion bedingt und mit der sich bewegenden Maschine ging auch der Geist unter. Seltsam, dass ich zu der selben Zeit, in der mich meine Liebe zu Lilian hätte lehren können, dass es in der Tiefe der Gefühle Geheimnisse gab, welche meine Analyse der Vorstellungen nicht zu entschlüsseln vermochte, allem Geistigen so engstirnig entgegenzutreten im Stande war. Seltsam, dass ich zu einer Zeit, nachdem kurz vorher mich der Gedanke an den vorübergehenden Verlust eines Wesens, das ich nur einen Monat kannte, so tief erschüttert hatte, mich so selbstgefällig hinsetzen konnte, um den Beweis zu führen, dass ich nach den Gesetzen der Natur, welchen meine Leidenschaft untertan war, für die Ewigkeit das Glück verlieren müsse, welches ich hoffte, für die Dauer meiner Lebensspanne erworben zu haben. Doch wie sehr unterscheidet sich nicht das Benehmen des Menschen von seinen Theorien. Betrachten wir den Dichter, der im Schatten des Waldes Oden an die Geliebte dichtet und folgen wir ihm hinaus in die wirkliche Welt, in der für ihn nie eine Geliebte gelebt hat! Oder der ernste Mann der Wissenschaft, welcher sich von der Welt abgeschlossen in seine leidenschaftslosen Probleme vertieft und folgen wir ihm dahin, wo sein Gehirn von der Arbeit ausruht und das Herz seinen Sabbat findet – welches Kind ist zärtlicher, schmiegsamer, weicher?
Aber ich hatte zu meiner Befriedigung bewiesen, dass der Dichter und der Gelehrte nichts weiter ist als Staub, sobald sein Puls zu schlagen aufgehört hat. Und nach diesem trostreichen Schluss hielt meine Feder inne.
Plötzlich hörte ich deutlich neben mir einen Seufzer – einen mitleidigen, wehmütigen Seufzer. Der Laut war unverkennbar. Ich fuhr von meinem Sitz auf, sah mich um und war erstaunt, dass ich nirgends ein Lebewesen entdecken konnte. Die Fenster waren geschlossen – draußen lautlose Nacht. Das Seufzen konnte also nicht vom Wind herrühren. Aber was war das dort – in der dunklen Ecke des Zimmers? Ein silbernes Weiß, unbestimmt die Umrisse einer menschlichen Gestalt annehmend, welche zurückwich, undeutlicher wurde und mit einem Mal verschwunden war! Ich weiß nicht warum – denn ich konnte kein Gesicht, keine bestimmte Form, sondern nur einen farblosen Umriss erkennen – ich weiß nicht, warum, aber ich rief laut hinaus: „Lilian! Lilian!“ Meine Stimme hallte seltsam in meinem Ohr wieder. Ich hielt inne, lächelte und errötete ob meiner Torheit. „So habe auch ich erfahren, was Aberglauben ist,“ murmelte ich vor mich hin. „Nun habe ich also eine selbst erlebte Anekdote zu erzählen (von welchen auch Müller spricht, wenn er von den Illusionen spricht, die ihn bei geschlossenen oder geöffnete Augen heimsuchten) – eine Anekdote, die ich anführen kann, wenn ich zum Kapitel: „Von der Sinnestäuschung und spektralen Phantasmen“ komme. Ich kehrte zu meinem Manuskript zurück und schrieb weiter, bis meine Schreibtischlampe im Grau der Morgendämmerung erblasste. Und damals sagte ich mir im Triumph meines Stolzes, als ich mich zur Ruhe niederlegte: „Meine Schrift weist mit der größten Genauigkeit dem Menschen seine Stelle in dem Bereich der Natur an; sie wird die Grundlage einer Schule abgeben und Schüler bilden. Geschlecht um Geschlecht derer, die durch den reinen Verstand die Wahrheit zu erforschen trachten, wird auf meinen Grundlagen mein Gebäude erweitern“. Und wieder hörte ich den Seufzer; aber diesmal überraschte er mich nicht. „Wirklich eine seltsame Geschichte dieses Nervensystem,“ murmelte ich vor mich hin, drehte mich um und schlief völlig erschöpft ein.
Kapitel XXI
Am nächsten Tag, nachdem der letzte meiner Patienten, denen die Morgenstunden gewidmet waren, meine Praxis verlassen hatte, wurde ich mit höchster Eile zu dem Verwalter des nicht auf seinem Familiengut lebenden Sir Philipp Derval gerufen, der ungefähr fünf Meilen von L... entfernt wohnte. Es kam eigentlich nur selten vor, dass mich Personen niedereren Ranges auf eine solche Entfernung rufen ließen; aber ich hatte es mir zum Grundsatz gemacht, jedem Ruf Folge zu leisten, da ich meinen Beruf nicht rein um des Gewinnes willen, sondern in der Absicht ausübte, meinen Mitmenschen Hilfe leisten zu wollen; die Bezahlung betrachtete ich nur als ein zufälliges, nicht als ein wesentliches Moment. Der Bote erklärte den Fall als dringend. Ich bestieg deshalb mein Pferd und ritt hinaus; als ich aber durch das Dorf trabte, das an Sir Philipp Derval´s Park angrenzte, fiel mir die sichtliche Sorgfalt auf, mit der auf die Unterbringung der ländlichen Bevölkerung Bedacht genommen worden war. Ich fühlte, dass ich mich auf dem Grund und Boden eines reichen, intelligenten und wohlwollenden Gutsherrn befand. Als ich jedoch in den Park gelangte und an dem Herrenhaus vorbeikam, wirkte der Kontrast zwischen der Vernachlässigung und dem Verfall der stattlichen Wohnung des Abwesenden und den lachenden Häuschen der Dorfbewohner trostlos und traurig.
Ein imponierendes Gebäude, augenscheinlich nach einem Plan von Vanbrugh hergestellt, mit verzierten Wandpfeilern, einem stolzen Säulengang, einem großartigen Perron (doppelte Treppenflucht vor dem Eingang) und einem Schmuck aus Urnen und Statuen, die sich aber verfärbt, mit Flechten überzogen und beschädigt halb unter Efeu und anderen ungepflegten Schlingpflanzen verbargen. Die meisten Fenster waren mit Jalousien, die aus Mangel an Farbe verwitterten, verschlossen, an einigen Fensterflügeln waren die Scheiben zerschlagen und der Pfau saß auf einer zerschmetterten Balustrade, welche den von Unkraut überwucherten Garten abgrenzte. Die Sonne brannte heiß und grell auf den Platz und ließ seinen verfallenen Zustand noch trauriger erscheinen. Ich war froh, als eine Biegung des Parkwegs das Haus meinem Anblick entzog. Plötzlich tauchte ich aus einer Gruppe von alten Eiben auf und vor mir schimmerte, in blendendem Weiß, ein Bau, der offensichtlich als Familienmausoleum bestimmt war - mit klassischen Umrissen. In eine Nische der dicken Mauer war eine eiserne Türe eingelassen und umgeben von einem mit Rosen und Immergrün bewachsenen Friedhofsgarten, der durch ein eisernes, teilweise vergoldetes Geländer eingefasst war.
Die Plötzlichkeit, mit der dieses Haus des Todes vor meinen Augen auftauchte, steigerte den unheimlichen Eindruck, den der Anblick des verlassenen Gebäudes und seiner Umgebung auf mich gemacht hatte, fast zu einem Schmerz, wenn nicht zu einer Art Ehrfurcht. Ich gab meinem Pferd die Sporen und erreichte bald die Türe meines Patienten, der am anderen Ende des Parks ein hübsches Backsteinhaus bewohnte.
Ich fand den Kranken, ein in Jahren etwas vorgerückter Mann von kräftiger Statur, im Bett liegend vor; er war vor einigen Stunden zusammengebrochen und man hatte einen Schlaganfall vermutet; er war aber schon wieder bei Besinnung und außer unmittelbarer Gefahr. Nachdem ich einige einfache Arzneistoffe verschrieben hatte, nahm ich die Frau des Patienten bei Seite und begab mich mit ihr in das ein Stockwerk tiefer gelegene Wohnzimmer hinunter, um ihr einige Fragen über die gewohnte Lebensweise ihres Mannes zu stellen. Diese zeigte keinerlei Auffälligkeiten; ich konnte keinen Grund für den Anfall finden, welcher Symptome zeigte, die mir in meiner Praxis noch nicht vorgekommen waren.
„Hat Ihr Mann schon früher solche Anfälle gehabt?“
„Nie.“
„Ist vielleicht etwas Ungewöhnliches vorgefallen? Hat er eine unerwartete Nachricht erhalten oder ist ihm etwas zugestoßen, was ihn außer Fassung brachte?“
Die Frau sah mich bei diesen Fragen sehr verstört an. Ich drang schärfer in sie. Endlich brach sie in Tränen aus, fasste mich bei der Hand und sagte:
„Oh Doktor, ich muss es Ihnen schon sagen, denn ich habe ja eben deswegen zu Ihnen geschickt; aber ich fürchtete, Sie werden mir nicht glauben. Mein guter Mann hat einen Geist gesehen!“
„Einen Geist?“ versetzte ich, ein Lächeln unterdrückend. „Tja dann, so erzählen Sie mir Alles, damit ich der Wiederkehr dieses Geistes vorbeugen kann.“
Die Frau holte sehr weit aus mit ihrer Geschichte; sie enthielt im Wesentlichen folgendes: Ihr Mann, der an ein frühes Aufstehen gewöhnt war, hatte an jenem Morgen früher als sonst sein Bett verlassen, um wegen einiger Stücke Vieh, die auf einen benachbarten Markt zum Verkauf geschickt werden sollten, die nötigen Anweisungen zu erteilen. Eine Stunde später fand ihn ein Schäfer unweit des Mausoleums offensichtlich in leblosem Zustand. Man brachte ihn zurück zum Haus, wo er, sobald er seine Sprache wieder gewonnen hatte, alle, mit Ausnahme seiner Frau aufforderte, das Zimmer verlassen; er erzählte ihr darauf, wie er auf seinem Weg durch den Park zu den Viehställen vor der eisernen Türe des Mausoleums etwas gesehen habe, was anfangs wie ein blasses Licht wirkte. Als er sich näherte, verwandelte sich dieses Licht in die deutlich sichtbare Gestalt seines Herrn, des Sir Philipp Derval, der sich damals im Ausland - vermutlich im Orient - befand, wo er sich viele Jahre aufgehalten hatte. Der Eindruck auf den Geist des Verwalters war so lebhaft gewesen, dass er ausrief: „Oh, Sir Philipp!“ als er aber schärfer hinsah, bemerkte er, dass das Gesicht wie das einer Leiche wirkte. Während er, unfähig sich zu bewegen, die Erscheinung anstarrte, schien sie allmählich zurückzuweichen, als ob sie in dem Grabgewölbe selbst verschwinde. Von diesem Zeitpunkt an konnte er sich an nichts mehr erinnern; er war bewusstlos zusammengebrochen. Der Schrecken über diese seltsame Mitteilung hatte die arme Frau bewogen, statt nach dem Dorfbader, nach mir zu schicken, weil sie meinte, da dem Anfall ihres Mannes eine so erstaunliche Ursache zu Grunde gelegen habe, könne er nur durch einen Arzt, der im Ruf einer höheren Qualifikation stand, richtig behandelt werden. Auch wolle der Verwalter selbst nichts von dem aus der Umgebung stammenden Dorfdoktor wissen, der ihn bei dem Landvolk ins Gerede bringen konnte, was bei einem weiter entfernt wohnenden Arzt nicht so zu befürchten war.
Ich hütete mich sehr wohl, mir das Vertrauen der guten Frau dadurch zu verscherzen, dass ich vorschnell meinen Unglauben an das Phantom äußerte, das ihr Mann gesehen zu haben versicherte. Da mir aber das Ganze entschieden auf eine epileptische Natur des Anfalls hinzudeuten schien, begann ich ihr von ähnlichen Illusionen zu erzählen, die mir im Bereich meiner Erfahrungen mit Fallsüchtigen begegnet waren und beruhigte sie schließlich mit meiner Überzeugung, dass die Erscheinung sich bestimmt auf natürliche Ursachen zurückführen lasse. Ich lenkte dann das Gespräch auf Sir Philipp Derval, weniger aus Neugierde, als vielmehr in der Absicht, die Frau daran zu gewöhnen, dass sie sich das Bild des fernen Gutsherrn als das eines lebenden Menschen vergegenwärtige. Der Verwalter hatte schon im Dienst von Sir Philipps Vater gestanden und Sir Philipp als Kind gekannt. Er hing mit großer Anhänglichkeit an seinem Herrn, den die Frau als äußerst wohlwollend, aber auch als exzentrischen Mann schilderte, was, wie sie meinte, auf seine vielen Studien zurückzuführen sei. Er hatte den Titel und das Gut als Minderjähriger angetreten und nach seiner Volljährigkeit einige Jahre viel in der Gesellschaft verkehrt, indem er sein Haus Derval-Court mit lebensfrohen Gästen füllte und sie mit verschwenderischer Gastlichkeit bewirtete. Der Grundbesitz stand jedoch nicht im Verhältnis zu der Großartigkeit des Herrenhauses und vermochte mit seinem Ertrag den Aufwand des Eigentümers nicht zu decken. Er geriet in große Verlegenheit. Gerüchten zufolge resultierte aus seinen finanziellen Schwierigkeiten die Beendigung einer Liebesbeziehung und er änderte nun plötzlich seine Lebensweise, indem er sich von seinen alten Freunden zurückzog und in seiner Abgeschiedenheit Zuflucht zu Büchern, wissenschaftlichen Beschäftigungen und „anderem sonderbaren Zeug“, wie sich die alte Frau unbestimmt, aber doch sehr bezeichnend ausdrückte, nahm. Durch strenge Sparsamkeit gegen sich selbst, die jedoch in vernünftigem Maße Edelmut gegen Andere nicht ausschloss, war es ihm allmählich gelungen, sich aus seinen Schulden heraus zu wirtschaften. Wieder zu Wohlstand gekommen, verließ er plötzlich das Land und begab sich auf Reisen. Er war inzwischen ungefähr achtundvierzig Jahre alt, wovon er die letzten achtzehn Jahre fern seiner Heimat verbracht hatte. Er schrieb regelmäßig an seinen Verwalter und erteilte ihm ausführliche und umsichtige Weisungen, wie er für die Beschäftigten und eine gute Unterbringung derselben Sorge tragen solle, verbot ihm aber aufs Entschiedenste, Geld für das Herrenhaus und dessen Garten zu verschwenden. Als Grund hierfür gab er an, dass er beabsichtige, nach seiner Rückkehr das Gebäude abreißen zu lassen.
Ich hielt mich in dem Haus des Kranken etwas länger auf, als unbedingt notwendig gewesen wäre. Ich verließ es erst, nachdem der Kranke eine Zeitlang ruhig geschlafen hatte und sein Bett mit seinem Armsessel vertauscht hatte, einige Nahrung zu sich genommen und als ich mich entfernte, sich von seinem Anfall wieder vollkommen erholt zu haben schien.
Auf dem Heimweg machte ich mir Gedanken über den Unterschied, den die Erziehung bei unterschiedlichen Menschen selbst in pathologischer Hinsicht bedingt. Da war nun ein muskulöser, an die gesundeste Lebensweise gewohnter Landbewohner, der nichts von den Fähigkeiten wusste, die wir Einbildungskraft nennen, durch den Schrecken über eine optische Täuschung fast an den Rand des Grabes gebracht worden, die sich bei näherer Prüfung wohl aus denselben einfachen Ursachen erklären ließ, welche am Abend vorher für einen Augenblick auf mich den Eindruck gemacht hatten, als höre ich ein Geräusch und sehe ein Gespenst – auf mich, der, Dank einer besseren Ausbildung, sich einige Minuten später ruhig zum Schlafen niederlegte, in der festen Überzeugung, dass kein Phantom, selbst das gespenstischste nicht, das je ein Auge gesehen oder ein Ohr vernommen habe, etwas anderes sein kann, als das Produkt einer Störung des Nervensystems.
Kapitel XXII
An jenem Abend besuchte ich Mrs. Poyntz; es war einer ihrer üblichen „Empfangsabende“ und ich wusste, sie würde voraussetzen, dass ich es für meine Pflicht halten würde, es an einer „gebührenden Aufwartung“ nicht werde fehlen lassen.
Um die Dame des Hauses war eine Gruppe in allgemeiner Unterhaltung versammelt; sie saß wie gewöhnlich im Mittelpunkt und strickte – schnell, wenn sie sprach, langsam, wenn sie zuhörte.
Ohne den Besuch zu erwähnen, den ich am Morgen gemacht hatte, lenkte ich das Gespräch auf die verschiedenen Adelssitze in der Nachbarschaft und warf dabei gleichzeitig die Frage ein, um was für einen Mann es sich bei Sir Philipp Derval handle, indem ich gleichzeitig mein Bedauern äußerte, dass er einen so schönen Platz verfallen lasse. Die Antworten, die ich erhielt, brachten mir nicht viel mehr, als ich ohnehin schon erfahren hatte. Mrs. Poyntz wusste von Sir Derval nur so viel, dass er schöne Besitzungen habe, deren Ertrag durch eine Erhöhung des Werts seiner Grundstücke in L..., welche in unmittelbar Nähe des Besitzes ihres Gatten lägen, beachtenswert gesteigert worden sei. Zwei oder drei langjährige Bewohner des Hill erinnerten sich noch an seine Jugendzeit, als er lebensfroh, hochsinnig, gastfreundlich und verschwenderisch gewesen sein musste. Einer bemerkte, dass die einzige Person, die während seiner späteren selbst gewählten Abgeschiedenheit Kontakt zu ihm gehabt habe, Dr. Lloyd gewesen sei; der Doktor habe damals doch keine Praxis gehabt und sei ihm bei gewissen chemischen Versuchen zur Hand gegangen.
An dieser Stelle schaltete sich ein Herr ins Gespräch ein, der mir und überhaupt in L... fremd war; ein Gast eines Bewohners des Hill, welcher die Erlaubnis erbeten hatte, ihn seiner Königin als einen vielgereisten Mann und bedeutenden Altertumskenner vorstellen zu dürfen.
Dieser Herr sagte also: „Sir Philipp Derval? Ich kenne ihn. Ich traf im Orient mit ihm zusammen. Wenn ich mich nicht irre, so war er damals ein großer Anhänger der Chemie – ein gescheiter, wenn auch seltsamer Philanthrop; hatte Medizin studiert oder übte sie wenigstens aus und soll wahre Wunderheilungen bewirkt haben. Ich wurde in Aleppo mit ihm bekannt gemacht. Er war in diese von englischen Reisenden wenig besuchten Stadt gekommen, um über die Ermordung zweier Männer Erkundigungen einzuziehen, von denen einer ein Freund, der andere ein Landsmann von ihm gewesen sein muss.“
„Das ist interessant,“ bemerkte Mrs. Poyntz trocken. „Wir, die wir auf diesem unschuldigen Berg leben, sind ganz verliebt in Verbrechergeschichten und ein Mord ist das köstlichste Thema, das sie anregen könnten. Bitte erzählen Sie uns Einzelheiten.“
„So ermutigt,“ entgegnete der Reisende gutmütig, „zögere ich nicht, das Wenige mitzuteilen, das ich weiß. In Aleppo hatte mehrere Jahre ein Mann gelebt, der von den Einheimischen sehr verehrt wurde. Er stand im Ruf außerordentlicher Weisheit, war aber nur schwer zugänglich und die lebhafte Einbildungskraft der Orientalen stattete seinen Charakter mit dem Reiz der Fabel aus; kurz, Harun von Aleppo galt bei dem Volk als Magier. Man erzählte sich abenteuerliche Geschichten von seiner Macht, von seinem übernatürlichen Alter und den von ihm angehäuften Schätzen. Abgesehen von diesen zweifelhaften Ansprüchen auf Huldigung schien aus Allem, was ich hörte, hervorzugehen, dass er unzweifelhaft ein sehr gelehrter und sehr wohltätiger Mann war, der sein Leben in einer beispiellosen Askese zubrachte. Er scheint Ähnlichkeit mit den arabischen Weisen des Mittelalters gehabt zu haben, denen die neue Wissenschaft so viel verdankt - ein mystischer Enthusiast, der sich gleichzeitig ernsthaften wissenschaftlichen Studien widmete. Ein reicher alleinstehender Engländer, der sich lange in einem anderen Teil des Morgenlandes aufgehalten und unter einer langwierigen Krankheit litt, unternahm die Reise nach Aleppo, um diesen Weisen zu befragen, welcher angeblich seltene Geheimnisse in der Arzneikunst – seine Landsleute nannten es „Zaubermittel“ – entdeckt hatte. Eines Morgens, kurz nach der Ankunft des Engländers, fand man Harun tot, offenbar erwürgt in seinem Bett, und der Engländer, der in einem anderen Teile der Stadt wohnte, war verschwunden; aber einige seiner Kleidungsstücke und eine Krücke, auf der er sich zu stützen pflegte, wurden ein paar Meilen von Aleppo in der Nähe der Landstraße gefunden. Es schien kein Zweifel daran zu bestehen, dass auch er ermordet worden war, aber seine Leiche war nicht auffindbar.
Sir Philipp Derval war ein treuer Schüler des Weisen von Aleppo gewesen, der ihn, wie ich aus Sir Philipps eigenem Munde weiß, nicht nur in seine ärztlichen Kenntnisse, sondern auch in verschiedene Naturwahrheiten eingeweiht hatte, durch deren Veröffentlichung sich Sir Philipp einen Ruf als philosophische Kapazität zu erwerben hoffte.“
„Welcher Art mögen wohl diese Naturwahrheiten gewesen sein?“ fragte ich etwas sarkastisch.
„Das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Sir Philipp machte mir keine Mitteilungen und ich wollte ihn auch nicht danach fragen, denn was man in Asien als Wahrheit verehrt, wird in Europa gewöhnlich als Phantasterei verachtet. Doch um auf meine Geschichte zurückzukommen: Sir Philipp war kurze Zeit vor dem Mord in Aleppo gewesen und hatte den Engländer in Haruns Behandlung zurückgelassen; auf die Nachricht von dem tragischen Ereignis hin kehrte er wieder nach der Stadt zurück und war, als ich zufällig nach Aleppo kam, eben eifrig damit beschäftigt, alle Beweise zu sammeln und Nachforschungen nach dem Verbleib unseres vermissten Landsmannes anzustellen. Ich half ihm dabei; aber wir erzielten keinen Erfolg – die Mörder blieben unentdeckt. Ich zweifelte nicht daran, dass es sich um die Tat gewöhnlicher Räuber gehandelt hatte. Sir Philipp aber hegte einen dunkleren Verdacht, aus dem er mir gegenüber keinen Hehl machte; aber obwohl ich ihn für haltlos hielt , muss ich um Entschuldigung bitten, wenn ich diesen Verdacht hier nicht wiederhole. Ob die Leiche des Engländers seit meiner Rückkehr aus dem Orient gefunden wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber es ist sehr wahrscheinlich; denn soviel ich erfahren konnte, haben seine Erben seinen Nachlass, welcher viel geringer war, als man erwartet hatte, bereits angetreten. Es hielt sich aber hartnäckig das Gerücht, er habe bedeutende Schätze vergraben und so absurd dies auch klingen mag, wäre ein solcher Schritt mit seinem Charakter nicht eben unvereinbar gewesen.“
„In welchem Ruf stand er?“ bemerkte Mrs. Poyntz.
„Er galt als ein finsterer, böser Mann und war der Schrecken der Diener, die ihn nach Aleppo begleitet hatten. Aber er kam aus einem sehr entlegenen, Europäern wenig bekannten Teil des Orients und hatte sich dort, so viel ich erfahren konnte, ein außerordentliches, durch abergläubische Furcht noch verstärktes Ansehen zu verschaffen gewusst. Man sagte ihm nach, er habe intensive Studien in den „okkulten Wissenschaften“, wie die Philosophen des Altertums sie nannten, betrieben, aber nicht, wie der Weise von Aleppo, zu wohltätigen, sondern zu bösen Zwecken. Er wurde beschuldigt, mit bösen Geistern verkehrt und sich an seinem barbarischen Hof (er spielte unter den Wilden die Rolle eines Königs) mit Zauberern und Schwarzkünstlern umgeben zu haben. Ich vermute, letzten Endes war er nichts Anderes, als was ich selbst auch bin, ein eifriger Altertumsforscher, der wusste, die Furcht, die er einflößte, schlau zu nutzen, um sich Autorität zu verschaffen und so ungehindert seine Forschungen in alten Gräbern und Tempeln betreiben zu können. Tatsächlich waren Ausgrabungen solcher Überreste in seiner Nachbarschaft seine große Leidenschaft; mit welchem Erfolge kann ich nicht sagen, da ich nie so tief in Landstriche eingedrungen bin, in welchen Räuber hausen und der Gifthauch der Malaria weht. Er trug morgenländische Kleidung und hatte immer Juwelen bei sich. Ich kam zu dem Schluss, dass er wohl auch um dieser Juwelen willen ermordet wurde, vielleicht sogar von einigen aus seiner eigenen Dienerschaft (und tatsächlich wurden zwei seiner Begleiter vermisst), die dann sofort seine Leiche verscharrten und ihr Geheimnis zu wahren wussten. Er war alt, sehr gebrechlich und hätte sich ohne Beistand niemals so weit von der Stadt entfernen können.“
„Sie haben uns seinen Namen nicht genannt,“ sagte Mrs. Poyntz.
„Er hieß Grayle.“
„Grayle?“ entgegnete Mrs. Poyntz, indem sie ihr Strickzeug fallen ließ. „Louis Grayle?“
„Ja, Louis Grayle. Sie können ihn nicht gekannt haben.“
„Gekannt? Nein. Aber ich habe meinen Vater oft von ihm sprechen hören. Dies war also das tragische Ende des kräftigen, dunklen Wesens, für den ich als kleines Mädchen eine Art furchtsamen, bewundernden Interesses zu fühlen pflegte?“
„Jetzt ist die Rolle des Erzählers an Ihnen,“ sagte der Reisende.
Und wir alle rückten näher an unsere Gastgeberin, die einige Momente lang still die Stirne runzelte, dann aber ihre Arbeit in den Schoss legte.
„Nun ja,“ sagte sie, uns mit hochmütigen, fast herausfordernden Blicken messend. „Kraft und Mut üben immer einen Zauber, selbst wenn sie eine völlig falsche Richtung einschlagen. Ich gehe mit der Welt, weil die Welt mit mir geht; täte sie es nicht....“
Hier hielt sie einen Moment inne und ballte ihre feste weiße Hand; dann schwenkte sie dieselbe geringschätzig, ließ den Satz unvollendet und begann einen anderen.
„Wenn man mit der Welt geht, muss man natürlich diejenigen niedertreten, die sich ihr in den Weg stellen. Aber wenn ein einzelner Mann sich nur mit seiner eigenen Kraft diesem Gang entgegen stemmt, verachten wir ihn nicht; es genügt, ihn zu vernichten. Ich bin sehr froh, dass ich Louis Grayle nicht kennen lernte, als ich ein sechzehnjähriges Mädchen war.“
Wieder trat eine kurze Pause ein. Dann fuhr sie fort:
„Louis Grayle war der einzige Sohn eines Wucherers, der sich durch die Gier, mit der er sich einen ungeheuren Reichtum zusammengerafft hatte, allgemein verhasst gemacht hatte. Der alte Grayle wünschte seinen Erben zu einem Gentleman zu erziehen und schickte ihn nach Eton. Knaben sind immer aristokratisch; man rieb ihm bald seine Herkunft unter die Nase. Er war wild und raufte sich mit Knaben, die größer waren als er, bis sie ihn halb tot geschlagen hatten. Mein Vater befand sich mit ihm auf der Schule und schilderte ihn als einen jungen Tiger. Eines Tages – er war noch ein Neuling – schlug er einen Knaben aus der sechsten Klasse. Die Knaben der sechsten Klasse balgten sich nicht mit Neulingen, sondern züchtigten sie. Man befahl Louis Grayle die Hand zur Bestrafung mit dem Rohr auszustrecken; er erhielt den Schlag, zog dann aber sein Taschenmesser und versetzte dem Züchtiger einen Stich. Daraufhin verließ er Eton. Ich glaube nicht, dass er öffentlich ausgestoßen wurde, da er für diese Ehre noch zu jung war – kurz, man entfernte ihn eben oder schickte ihn fort. Zu Hause erhielt er durch die besten Lehrer eine sorgfältige Erziehung, und als er das Alter zum Besuch der Universität erreichte, starb der alte Grayle. Louis wurde von seinen Vormunden nach Cambridge geschickt; er besaß Kenntnisse, durch die er sich gegenüber den meisten seiner Altersgenossen auszeichnete und dabei Geld, so viel er nur haben wollte. Mein Vater besuchte mit ihm das gleiche College und schilderte ihn wieder als hochmütig, streitsüchtig, unbekümmert, gutaussehend, ehrgeizig und tapfer. (Zu den anwesenden Ladies gewandt:) Würden Sie für einen solchen jungen Mann wohl Interesse zeigen, meine Lieben?“
„Pah!“ versetzte Miss Brabazon; „den Sohn eines abscheulichen Wucherers!“
„Ah, richtig. Das Sprichwort sagt, es sei gut, mit einem silbernen Löffel im Mund geboren zu werden; und so ist es auch, wenn dieser Löffel sein Familienwappen trägt. Wenn es sich aber um einen Löffel handelt, auf dem die Leute ihr eigenes Familienwappen erkennen, rufen sie aus: „Aus unserer Silbertruhe gestohlen“, er ist ein Erbstück, das schon das Kind in der Wiege ächtet. Aber junge Leute, die die Universität besuchen und Geld brauchen, nehmen es mit der Herkunft etwas weniger genau, als die Knaben von Eton. Louis Grayle fand in Cambridge eine Menge Bekannte von hoher Geburt, die sich bereitwillig dazu hergaben, einiges von dem Raub, den sein Vater den Ihren abgepresst hatte, wieder an sich zu bringen. Er war ein zu wilder Mensch, um nach der Auszeichnung akademischer Ehren zu ringen; doch sagte mein Vater, die Tutoren des College hätten erklärt, es gäbe an der Universität keine sechs angehenden Absolventen, die so viel von der harten und trockenen Wissenschaft verständen, wie der wilde Louis Grayle. Ohne Zweifel war er in die Welt hinaus gegangen, in der Hoffnung, jemand zu werden; aber der Name des Vaters hatte einen zu üblen Ruf, um dem Sohn Zutritt in die Gesellschaft zu gestatten. Die feine Welt untersucht allerdings nicht mit dem scharfen Auge eines Herolds und betrachtet den Reichtum nicht mit der erhabenen Verachtung eines Stoikers; aber dennoch hat sie ihren Familienstolz und ihr moralisches Gefühl. Sie liebt es nicht, betrogen zu werden – ich meine, in Geldangelegenheiten –; und wenn der Sohn des Mannes, der ihr den Beutel geleert und ihren Grund und Boden versteigert hat, mit in die Hüfte gestemmter Hand und hoch erhobenem Kopf vor den Fenstern ihres Clubhauses vorbei reitet, so kann kein Löwe finsterer blicken und keine Hyäne schrecklicher lachen, als eben diese ruhige, gelassene, tolerante und gebildete feine Welt, die als Bekannte so angenehm, als Freundin matt, als Feindin aber erbarmungslos ist.
Kurz, Louis Grayle glaubte ein Recht darauf zu haben, dass man ihm den Hof mache und wurde gemieden; er wollte bewundert sein und wurde verabscheut. Selbst seine alten Universitätsbekannten schämten sich, ihn zu kennen. Vielleicht hätte er alles dies vermeiden können, wenn er versucht hätte, in aller Stille in eine Stellung hineinzuschlüpfen; aber es fehlte ihm der Takt der feinen Herkunft und er wollte sich nicht verstohlen einschleichen, sondern sich im Sturm Bahn brechen. Da er sich in Bezug auf seine Gefährten auf dürftige Parasiten angewiesen sah, so bot er den Begriffen von Anstand verletzenden Trotz durch jene Schaustellung von Übertreibung, mit der ein Richelieu oder Lauzun die öffentliche Meinung verhöhnte. Aber Richelieu und Lauzun waren Herzöge! Natürlich hasste er nun die feine Welt und erwiderte Verachtung mit Verachtung. Er wollte sich mit der Demokratie verbinden; sein Reichtum konnte ihm zwar keinen Zutritt zu einem Club verschaffen, konnte ihn aber ins Parlament einkaufen; und wenn es zu einem Lauzun oder vielleicht zu einem Mirabeau nicht reichte, schaffte er es immerhin die Rolle eines Danton zu spielen. An Kenntnissen und an Verwegenheit fehlte es ihm nicht und mit solchen Eigenschaften mangelt es dem Hass auch nicht an Beredsamkeit. So wäre vielleicht dieser arme Louis Grayle berufen gewesen, eine bedeutende Figur zu werden, seinem Zeitalter einen neuen Impuls zu geben und seinen Namen in das Buch der Geschichte einzuschreiben; aber in dem Wahlkampf des Bezirks, den er für sich gewonnen glaubte, stand ihm als Mitbewerber ein wirklich feiner Gentleman gegenüber, den sein Vater ruiniert hatte, ein hochgebildeter ruhiger Mann mit einer Zunge wie ein Schwert und dem höhnischen Blick einer Natter. Natürlich kam es zu einem persönlichen Streit und Louis Grayle schickte ihm eine Forderung zum Duell. Der feine Gentleman, der keine Memme war (wahre Gentlemen sind dies nie), hatte anfangs Lust, das Ansinnen mit Verachtung abzulehnen. Aber Grayle war das Idol des Pöbels geworden und auf ein Wort von ihm wäre der feine Gentleman unter ein Brunnenrohr getaucht oder auf die Prelldecke gebracht worden. Dies hätte ihn lächerlich gemacht. Auf sich schießen lassen ist eine Kleinigkeit, aber der Gegenstand des Gespötts zu werden eine ernste Sache. Er ließ sich deshalb herab, die Forderung anzunehmen und mein Vater war sein Sekundant.
Nach englischem Brauch wurde natürlich die Abmachung getroffen, dass beide Duellanten auf ein gegebenes Zeichen zu gleicher Zeit das Feuer eröffnen sollten. Der Widersacher schoss im richtigen Moment und seine Kugel streifte Louis Grayle´s Schläfe. Grayle hatte nicht gefeuert. Den Sekundanten kam es vor, als ziele er jetzt erst recht langsam und bedächtig. Sie riefen ihm zu, nicht zu schießen und eilten zwischen die Kämpfer, um ihn daran zu hindern; aber schon war der Abzug durchgezogen und sein Feind lag tot auf der Erde. Das Duell wurde sofort für unfair erklärt und Grayle ein Prozess auf Tod und Leben gemacht; er stellte sich aber nicht, sondern flüchtete auf den Kontinent, machte Reisen durch ferne, unzivilisierte Länder, wohin man ihn nicht verfolgen konnte und ließ sich in England nicht wieder blicken. Der Anwalt führte seine Verteidigung mit großem Geschick. Er behauptete, die Verzögerung des Schusses sei nicht absichtlich, daher auch nicht verbrecherisch gewesen, sondern nur eine Auswirkung der Betäubung, in welche ihn die Schläfenwunde versetzte. Der Richter war ein Gentleman und fasste die Angaben in einer Weise zusammen, die den Geschworenen zu einem Urteilsspruch gegen den Kerl, der einen Gentleman ermordet hatte, bewegen sollten. Die Geschworenen aber waren keine Gentlemen und Grayle´s Anwalt hatte natürlich nicht versäumt, ihre Sympathien für einen Sohn des Volks zu wecken, der von einem Gentleman mutwillig beleidigt worden war. Das Urteil lautete auf einfachen Totschlag; aber das Gericht setzte erschwerende Umstände voraus und erkannte auf dreijähriges Gefängnis. Dieser Strafe wich Grayle aus; aber von nun an war er ein geächteter und verbannter Mann – seine Ambitionen zerschlagen, seine Karriere die eines Gesetzlosen und er war noch keine dreiundzwanzig Jahre alt. Mein Vater vermutete, er habe seinen Namen geändert; niemand wusste, was aus ihm geworden war. Und so musste dieser kühne, prächtige Mensch, vor dem, wenn seiner Geburt günstigere Sterne geleuchtet hätten, wir vielleicht gekrochen wären, nachdem er – niemand weiß wie – ein hohes Alter erreicht hatte, durch Mörderhand in Aleppo sterben, ohne dass, wie Sie sagen, der Täter bekannt wurde.“
„Ich las vor ungefähr drei Jahren in den Zeitungen einen Bericht über seinen Tod,“ sagte jemand aus der Gesellschaft; „aber der Name war falsch geschrieben und ich hatte keine Vorstellung davon, dass es sich bei dem Ermordeten um denselben Mann handelte, dessen Duell Mrs. Colonel Poyntz uns so anschaulich beschrieben hat. Ich kann mich an die Gerichtsverhandlung noch dunkel erinnern; sie fand vor mehr als vierzig Jahren statt, als ich noch ein Junge war. Die Sache verursachte damals viel Aufsehen, ist aber bald in Vergessenheit geraten.“
„Bald vergessen – ja, was würde nicht bald vergessen?“ entgegnete Mrs. Poyntz. „Verlassen Sie Ihren Platz in der Welt nur für zehn Minuten, und wenn sie zurückkommen, hat ihn schon ein Anderer eingenommen; verlässt man sie für immer, wer erinnert sich dann noch daran, dass man je auch nur einen Platz im Kirchenregister eingenommen hat?“
„Wie dem auch sei,“ erwiderte ich, „ein großer Dichter hat schön und wahr gesagt: Noch immer scheint auf uns die Sonne des Homer.“
„Aber sie scheint nicht auf Homer; und gelehrte Leute haben mir gesagt, man könne nicht mit Bestimmtheit sagen, wer oder was Homer gewesen sei und ob es nur einen einzigen oder eine ganze Herde von Homeren gegeben habe, genau so wenig, wie wir wissen, ob es wirklich einen Mann im Mond gibt und ob es nur einen einzigen oder eine Million gibt. Meine liebe Miss Brabazon, es wäre sehr nett von Ihnen, wenn Sie unsere Gedanken in weniger düstere Kanäle leiten könnten – irgend eine französische Arie. Dr. Fenwick, ich muss Ihnen etwas mitteilen.“ Sie zog mich zum Fenster. „Anne Ashleigh schreibt mir, dass ich Ihre Verlobung niemandem gegenüber erwähnen solle. Halten Sie es für klug, die Sache geheim zu halten?“
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