Читать книгу: «Senioren im Netz: Spiel und Spiegel»
Edith Zeile
SENIOREN IM NETZ
Spiel und Spiegel
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Eingetragene Warenzeichen sind Eigentum
der jeweiligen Rechteinhaber!
Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
INHALT
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Kapitel I
Seniorbook – Spiel, Spiegel, Bewusstseinsschmiede
Höhenflüge und Abgründe – Erfahrungen bei Seniorbook
Seniorbook – aus der Sicht eines unbeteiligten Beobachters
Kapitel II
Begegnung mit Büchern
Roads: Durch die Sphären des Zeitlosen
Das Wunder von Findhorn
Liebe und tu, was du willst – Meine Begegnung mit der Schriftstellerin Luise Rinser
Paulo Coelho – per aspera ad astra
Die Frau, die Nein sagt: Francoise Gilot
Haruki Murakami – mein japanischer Autor
Haruki Murakami und die Pforten der Wahrnehmung
Gunter Sachs und die Astrologie
Warum ich die Sterne so liebe
Kapitel III
Spiritualität oder Religion?
Über Philosophie und Philosophen – ein Dialog
Was ist ein Genie?
Was ist ‘wissenschaftlich’?
Stanislav Grof – Begründer der Transpersonalen Psychologie
Über die Vielheit
Was ist Leben?
Über die Wortwahl von Humanisten
Was ist ein Gedanke?
Die Glaubwürdigkeit von ‘Gottestexten’
Umgang mit Verletzungen
Was ist eine Koinzidenz? – Ein Dialog
Über die Bosheit
Gehirnwäsche
Gott ist nicht über den Wolken – er ist in dir
Was ist der Mensch?
Aufgestiegene Meister
Astrologie
Über die Liebe
Die Frau – die Krone der Schöpfung
Über die Arbeit
Über das Leid in der Welt
Was sind böse Geister?
Ist der Kriya-Yoga der schnellste Weg zur Erleuchtung?
„... und Tod wird nicht mehr sein.“
Über das Leben nach dem Tode
Über das Alter
Über die Liebe
Über Kommunikation
Die sieben geistigen Prinzipien
Von der Vielzahl der Götter
Über Nächstenliebe
Indien: Ein Thema mit Variationen
Die An-Wesenheit Gottes
Grenzgänger (Teilhard de Chardin) und Höhlenbewohner (Platon)
Kapitel IV
Die politische Lage
Zukunftsgedanken
Nachtgedanken
Blick in die Zukunft
Zum Flüchtlingsproblem
Über solche und andere Flüchtlinge
Clash der Kulturen – Terrorismus – was tun?
Wie lässt sich das Flüchtlingsproblem lösen?
Flüchtlinge
Kapitel V
Herbst-Gedichte von Rainer Maria Rilke
„Frühlingsglaube“ – Interpretation eines Gedichts von Ludwig Uhland
Gedichte
VORWORT
Das Jahr bei Seniorbook war anregend und aufregend. Viele Online-Erfahrungen hatte ich noch nicht: einen AOL-Chatroom, ein Philosophie-Forum, einen Zeitungsblog, Facebook hatte ich als langweilig empfunden. Den Mangel an sinnlichen Merkmalen, Stimme, Gestik, Spontaneität des Ausdrucks bedauerte ich. Die Welt hinter dem Glas schien ohne Leben zu sein.
Im Dezember 2013 entdeckte ich bei Facebook einen Hinweis auf Seniorbook, und es war Liebe auf den ersten Blick. Ich war fasziniert: Da war pralles Leben auf hellen bunten Seiten, Anregungen, Gespräche, ein freundliches Miteinander. Ich fasste den ersten Eindruck geradezu enthusiastisch in dem Beitrag „Seniorbook – ein Geschenk an die ewig jungen Alten“ zusammen.
Ein paar Monate später, mitten im Gewimmel der vielen Lesenswert – und Sehenswert-Bekundungen, den wechselnden Profilbildern, den provozierenden Posen auf der Fotowand, überfiel mich die Erinnerung an Thackerays Sittenroman „Vanity Fair“.
So schrieb ich, ein wenig ernüchtert: „Seniorbook – Jahrmarkt der Eitelkeit“.
Im Mai setzten plötzlich die ersten Angriffe auf meine Person ein, vielleicht ausgelöst durch meinen Profilspruch „Alles verstehen heißt alles verzeihen“ (Augustinus). Da ich keinen Hehl aus meiner christlichen Lebenseinstellung machte, tauchte plötzlich eine Gruppe von Widersachern auf, so dass sachliche Gespräche unmöglich wurden. Es endete immer in einem verbalen Gemetzel, wobei die einzelnen Teilnehmer gar nicht wussten, dass ihre Ansichten die Bewusstseinsstufe verrieten.
So schrieb ich genervt den 3. Beitrag: „Seniorbook – Leiden und Leidenschaften“.
Seniorbook hat einen Spielplatz für ältere Leute geschaffen, mit erstaunlichen Angeboten, vom Sandkasten bis zur Rutschbahn. Der Spielplatzbetreiber muss lediglich die Geräte nutzungsgerecht zur Verfügung stellen. Ob jemand von der Schaukel herunterfällt, kann dem Betreiber nicht angelastet werden. Die Besucher des Spielplatzes erschaffen sich ein Paradies oder die Hölle.
Früher habe ich das Leben online für einen blassen Abklatsch des wirklichen Lebens gehalten. Das ist absolut falsch.
Die Technik erweitert, vervielfältigt, intensiviert, verfeinert, vergröbert das wirkliche Leben. Statt 10 Personen lernt man 100 in einem Jahr kennen, statt 10 Fragen am Tag beantwortet man 100 – vielleicht durchaus oberflächlicher.
Man spielt nicht nur 1-3 Rollen – Hausfrau, Mutter und Lehrerin – sondern mehrere am gleichen Ort zur gleichen Zeit. Chamäleongleich schwebt man vom Schwarzen Brett, wo man zu einem Protestmarsch gegen Pegida aufgerufen hat, zur Dichterin und Malerin in den entsprechenden Werkstätten, nimmt nebenbei Stellung zur päpstlichen Weihnachtsansprache in der Themenwelt und schlüpft schließlich in ein rosa Négligé, um an der Fotowand sehnsüchtige Blicke der Männer auf sich zu ziehen.
Ebenso multipliziert sich die Anzahl der aggressiven Menschen, die einem bei SB über den Weg laufen. Da werden fast täglich Anklageschriften ans Schwarze Brett genagelt, um sein seelisches Gleichgewicht wieder zu finden.
Die Kunst der Verteidigung muss eben auch irgendwann gelernt werden.
Viele verlassen endgültig den Sandkasten, wenn jemand ihnen ständig Sand in die Augen wirft. Andere suchen sich vielleicht eine Schaukel, fliegen hoch in die Luft und spielen fortan den unbeteiligten Zuschauer. Mich macht Seniorbook kreativ. Ich habe innerhalb eines Jahres fünfzig längere Beiträge über verschiedene Themen geschrieben, die nun Inhalt dieses Buches sind.
Vielleicht findet der Leser in dieser breit gefächerten Auswahl von Themen hie und da auch etwas, was ihn interessiert.
Edith Zeile am Ende des zweiten Jahres bei Seniorbook im Dezember 2015
KAPITEL I
Seniorbook – Spiel, Spiegel, Bewusstseinsschmiede
Das Thema ist unerschöpflich! Hatte ich im vergangenen Jahr, meinem ersten aktiven Jahr auf dieser Plattform, hintereinander vier Beiträge über Seniorbook geschrieben, so erwog ich zur Jahreswende ein Innehalten, einen kontemplativen Rückzug, eine Rückkehr zu realen Hobbys, Unternehmungen und Abenteuern.
„Doch es irrt der Mensch, solang er strebt.“ (Goethe)
War mein Fazit nach einem Jahr recht enthusiastisch ausgefallen, so enttäuschten mich doch die Reaktionen in meiner realen Umwelt, d.h. meiner Familie, meinem Freundeskreis. Kein einziger zeigte sich neugierig oder gar interessiert, alle rümpften insgeheim die Nase: „… was, auf so etwas lässt du dich ein ...? Was versprichst du dir denn davon ...? Hast Du so viel Zeit für diese seichte Unterhaltung …?“
Ich erwähnte die Tatsache, dass es zum 21. Jahrhundert gehört, in einem sozialen Netzwerk unterwegs zu sein, eine Errungenschaft des Wassermann-Zeitalters, das uns die 3 humanistischen Werte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit neu in Erinnerung ruft, geradezu propagiert, indem es vielfältige zwischenmenschliche Kontakte beschleunigt und für Behinderte oft erst ermöglicht.
Ich wies darauf hin, dass ich mit einer auf den Rollstuhl angewiesenen Frau im Norden Deutschlands eine enge Beziehung eingegangen sei, dass wir nicht nur Gedanken, sondern auch Bücher austauschten, dass ich die Lebensbejahung und Vitalität dieser Frau mit vier Kindern, Männern und Studium nur bewundern konnte … man nickte gelangweilt.
Ich erwähnte die Beschleunigung und Vielfalt der Kommunikation bei Seniorbook. An einem Tag könnte man mit sehr viel mehr Menschen kommunizieren, auf unterschiedlichen Bildungsebenen, mal humorvoll, mal kritisch, mal staunend.
Nietzsche sagt: „Wenn man viel hineinzustecken hat, hat ein Tag tausend Taschen.“ Da Zeit im Alter zunehmend kostbarer wird, will man sie möglichst optimal nutzen. Das ist bei Seniorbook möglich.
Der dritte Vorteil eines Netzwerks ist die Erweiterung des räumlichen, intellektuellen, emotionalen Horizonts.
Frage ich eine reale Freundin nach dem Weltfrauentag, weiß sie mit Sicherheit weniger als ich, die ich mich durch zahlreiche Beiträge und Notizen auf den neuesten Stand gebracht habe.
Die enorme Expansion der Kommunikationsmöglichkeiten ist wie eine Gehirndusche beim Frühstück. Seit ich bei Seniorbook bin, frühstücke ich am PC :-)
Sicher bin ich nicht die einzige, denn viele holen sich hier den Frischekick für den Tag. Man lacht über und mit. Lachen ist neuerdings wieder als Therapieform entdeckt worden. Es führt zu einer emotionalen und physisch sichtbaren Verjüngung!
Und wer wollte die Geistesblitze, vor allem der männlichen User, nicht als Gehirnjogging oder Gehirn-Yoga ansehen. Wenn z.B. Prof. Bayreuther, Koryphäe für die Alzheimer Krankheit, hier in Heidelberg öffentlich erklärt, man solle beim Zähneputzen abwechselnd auf einem Bein stehen, dann sind wir selber ja die reinsten Gehirnakrobaten. Wir werden nie dement!
***
Um aber das Thema nicht zu verfehlen – was hier gelegentlich als größter Fauxpas angesehen wird und zu völlig überflüssigen Löschorgien führt –, sollte ich noch etwas über die drei definierenden Substantive der Überschrift sagen.
SPIEL:
Wer spielt, bleibt immer jung. Am Schwarzen Brett wird viel gespielt. Auch ‚Mensch, ärgere dich nicht’, leicht abgewandelt.
Die eindeutig beliebtesten Spiele sind ‚Hasch mich’ oder ‚Versteck dich’. Narrenkappen gibt es hier umsonst für das ganze Jahr, nicht nur zur Karnevalszeit.
Auch von Natur aus ‚unheitere’ Menschen können wenigstens staunen lernen, was immerhin eine gute Vorstufe auf dem Weg zur Selbstverwirklichung ist. Auch wenn die wenigsten, die sich hier tummeln, so ein umständliches Wort je gehört hätten :-).
SPIEGEL:
Seniorbook ist natürlich nicht nur Spielplatz oder Spielwiese oder Lust-Spiel. Die präzise Definition dieser 3 Begriffe überlasse ich gern meinen diesbezüglich erprobten Mit-Spielern.
Nein, Seniorbook ist auch unser aller Spiegel.
Warum der liebe Gott sich geteilt hat, ist ja schon den meisten bekannt. Er wollte einen Spiegel für sich haben. Was sollte ein Bewusstsein schon mit sich selber anfangen? Die Idee eines Häretikers? Mitnichten.
Wir brauchen alle einen Spiegel, im Bad für den Körper, bei Seniorbook und im Leben schlechthin für den Charakter (Seele).
Warum sind Beziehungen zwischen Männern und Frauen so absolut notwendig? Weil jeder dem anderen ein Spiegel ist, manchmal ein trüber, aber ein bisschen erfährt jeder über sich selbst in einer engen Beziehung, nicht nur über den anderen.
Und nun haben wir bei Seniorbook die Möglichkeit, wie im Spiegelsaal von Versailles herumzuspazieren und die anderen zu begutachten – nein, weit gefehlt, um uns selber besser kennenzulernen.
Was war ich doch für eine naive und selbstverliebte Person, als ich den Profilspruch „Alles verstehen, heißt alles verzeihen“ (Franz von Assisi) im Dezember 2013 wählte!
Es dauerte auch gar nicht lange, bis sich jemand aufgerufen fühlte, diesen kühnen Anspruch von mir zu hinterfragen. Etwa zwei Monate lang herrschte öffentlich und hinter den Kulissen erbitterter Streit.
Da merkte ich erst, dass man sich nicht ungestraft mit den Worten eines Meisters schmücken durfte, obwohl ich es ja auch nur als ‘Zukunftsvision’ gewählt hatte.
H. ist seither verschwunden. Er hat ja auch getan, was er in Bezug auf mich zu tun hatte.
BEWUSSTSEINS-SCHMIEDE
Die Härte, die sich in diesem Begriff ausdrückt, fasziniert und schockiert mich gleichermaßen.
Ein Schmied behandelt sein Eisen mit Feuer, damit es formbar wird. Auch Menschen werden im Laufe ihres Lebens, meist durch Leid und Schmerzen, ge-formt, ver-formt, manchmal sogar trans-form-iert.
Wenn ich meine Erfahrungen bei Seniorbook und im wirklichen Leben vergleiche, kann ich tatsächlich erkennen, dass der Prozess der Umformung durch die Vielfalt der Begegnungen, die Beschleunigung der Kontakte und die Erweiterung des persönlichen Lebensraums bei Seniorbook tatsächlich einer Bewusstseins-Schmiede gleichkommen kann. Dies lässt sich an den Reaktionen der Umwelt gut erkennen.
Ich bin weniger emotional und dadurch weniger verletzlich geworden, Ich schlage meine Feinde nicht mehr in die Flucht, sondern bitte insgeheim um Verständnis, und ich bin, soweit man sich selber sine ira et studio beurteilen kann, extrem tolerant geworden.
Der Satz, „Jeder kann nur sein, was/wie er ist“, ist meine Grundüberzeugung geworden, die Erwartungen dämpft, Enttäuschungen ausschließt und inneren Frieden gewährleistet.
Nicht jeder muss sich neue Hufeisen anpassen lassen. Seniorbook erlaubt Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und passt deshalb so ausgezeichnet ins Wassermann-Zeitalter.
Höhenflüge und Abgründe – Erfahrungen bei Seniorbook
Obwohl ich einen Beruf hatte, der mich täglich mit Menschen aus aller Welt zusammenbrachte, obwohl ich viele Reisen gemacht und lange Zeit in fremden Ländern verbracht habe, obwohl ich einmal den Menschen für das interessanteste Studienobjekt gehalten habe, muss ich nach anderthalb Jahren bei Seniorbook feststellen, dass es mit meiner Menschenkenntnis nicht so weit her ist.
Aber bei einem so harten Urteil mir selbst gegenüber möchte ich nicht stehenbleiben.
Ich suche nach Gründen, warum ich plötzlich so viele Feinde habe. Vielleicht liegt es daran, dass man im realen Leben eine Auslese trifft: Man hat eine Familie, Freunde, Bekannte, die ähnliche Interessen und eine ähnliche Lebenseinstellung haben. Natürlich begegnet man auch Fremden, im Urlaub, bei öffentlichen Veranstaltungen, auf Reisen, aber diese Kontakte sind meist zeitbegrenzt. Gab es denn nicht schon früher böse Überraschungen, Betrug oder Diebstahl?
Ja, da fällt mir eine Begegnung in einer indischen Bank ein, Ich kannte Herrn A. Seine Tochter wollte gerade heiraten, und oft verschulden sich die Brauteltern bis zum Ende ihres Lebens. Herr A. bat mich um ein Darlehen. Irgendwie tat er mir leid. Das Geld, 3000 DM, sah ich nie wieder, denn kurz darauf verschwand die Familie aus der kleinen Stadt und ging in dem riesigen Ameisenstaat Indien unter.
Aber solche negativen Erfahrungen waren doch recht selten.
***
Seniorbook, ein auf eine Altersgruppe eingeschränktes soziales Netzwerk, war Neuland für mich. Zwar hatte ich schon ein paar Erfahrungen in speziellen Foren, aber meine Beteiligung dort löste nie Verleumdungen, Hasstiraden, Stalking oder bissigen Spott aus.
Dabei hatte ich mir bei Seniorbook eigentlich nur Anregungen, Inspirationen, interessante, durchaus kontrovers geführte Diskussionen und Erweiterung des eigenen Horizonts gewünscht.
Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit fand ich meinen ganz speziellen Platz in der Themenwelt und schrieb viele Beiträge in der Rubrik ‘Philosophie und Religion’.
Hier glaubte ich, Erfahrungen und Erkenntnisse eines langen Lebens weitergeben zu können, und genau das war schon ein großes Ärgernis.
Jeder, der eine christliche Orientierung hat und sich daneben nicht mit der Züchtung von Kaninchen, sondern z.B. mit Astrologie beschäftigt und offen und unbekümmert darauf Bezug nimmt, läuft Gefahr, verspottet und als psychisch gestört an den Pranger gestellt zu werden.
Es genügt, dass einer zum Marsch bläst, und schon eilen andere herbei, um die Hetzjagd effizienter zu machen.
Das Dilemma ergibt sich daraus, dass die eine Gruppe Waffen einsetzt und die andere eigentlich darauf verzichten möchte, weil es ihrer Vorstellung vom Umgang miteinander nicht entspricht.
So ist von allem Anfang an die Ungleichheit der eingesetzten Mittel vorhanden.
Eine der farbigsten, interessantesten Persönlichkeiten hat vor Kurzem wortlos Seniorbook verlassen. Ein großer Kreis hat das bedauert, andere haben ihren Triumph gefeiert. Es war ein Pfarrer.
***
William Somerset Maugham, dessen Hauptwerk Of Human Bondage (Von menschlicher Sklaverei) ich vor Jahren mit großem Interesse gelesen habe, sagt darin, der Mensch sei „a hotchpotch of greatness and littleness“ – eine kuriose Mischung aus Größe und Trivialität.
Damals fand ich das recht originell. Heute – nach meinen Erfahrungen bei Seniorbook – sehe ich darin eher einen Euphemismus, eine literarische Beschönigung der Tatsache, dass Menschen häufig genug auf die Stufe von Un-Menschen herabsinken können.
Hier muss man sich wegen seiner individuellen Einzigartigkeit verteidigen. Hier muss man mit dem Platzhirsch übereinstimmen, wenn man nicht auf die Hörner genommen werden will. Eine Frau darf natürlich ihre körperlichen Reize zur Schau stellen, aber eine eigene Meinung sollte sie nicht vertreten.
Auch am Schwarzen Brett finden täglich Massaker statt, und wenn man sich verspätet einklinkt, haben schon Löschorgien stattgefunden.
‘Dreiecken’ ist nicht etwa eine neue Rechenart, sondern entweder ein böses Verleumdungsmodell oder ein Rettungsring für die andere Seite.
***
Vielleicht ist Seniorbook eine Art Online-Gefängnis, wo alle eine Strafe verbüßen müssen. Man trifft sich dauernd, kettet sich aneinander, ist frustriert, dass man von dem oder jenem nicht das bekommt, was man will, was immer das auch sein könnte, und am Ende möchte man nur weg – kann aber nicht, weil man gefangen, d.h. süchtig ist.
Schade, dass die gleißende Barriere den Online-Gefangenen nicht erlaubt, sich einmal in die Augen zu schauen und sich die Hand zu geben. Sich zu versöhnen. Sich als ganzen Menschen zu erleben.
Seniorbook – aus der Sicht eines unbeteiligten Beobachters
Ein soziales Netzwerk ist das, was es ausdrückt: ein Netz für soziale Zwecke.
Wer sich einfangen lässt, ist selber schuld, bzw. braucht es, um in einer größeren Gemeinschaft sein Wesen als Einzelgänger besser kennenzulernen.
Ein Netzwerk ist wie ein Spiegelsaal, z.B. in Versailles, wo sich der Einzelne in Spiegeln von allen Seiten sehen kann, manchmal verzerrt, manchmal extrem klar, manchmal absolut mangelhaft.
All das führt zu einer Selbstentdeckung, die im normalen gemächlichen Leben mit einer vom Einzelgänger ausgesuchten Gesellschaft nicht möglich ist.
Die neue Sucht, Selfies zu machen, ergibt sich natürlich daraus. Man möchte wissen, wer man ist und wie man bei anderen ankommt. Selbstzweifel ist eine der Hauptursachen, warum jemand in ein solches Netzwerk einsteigt.
Manchmal auch eine übersteigerte Selbstliebe, denn man kommt, stellt sich vor, diskutiert, zeigt sich von seiner besten Seite, auch Rückseite :-) und bittet um Anerkennung.
Im Mittelpunkt stehst du, du und sonst niemand.
Das Spiel ist überall dasselbe. Wir kennen uns nicht, wir möchten mehr über uns wissen, wir möchten geliebt werden, wir möchten uns selber erkennen, wir möchten von andern erkannt werden – ein Spiel, das täglich aufs neue mit immer neuen Varianten gespielt wird.
Mitunter verhaken sich zwei oder mehr und es kommt zu einem Gerangel. Eine Hydra erscheint, man hackt ihr den Kopf ab, und es erscheinen neue Köpfe. Ihr nennt das Troll oder Fake oder verlasst den Spielplatz empört, dass jemand sich anmaßt, euch zu verspotten, eure unschönen Seiten zu sehen.
Man will – wie früher bei Mama (und Papa) – verhätschelt werden, später ernst genommen werden, man will jemand sein, den es sonst nirgends mehr gibt. Welches Alleinstellungsmerkmal hat man? Hat Ilse oder Peter oder Marianne?
Geht es um andere Werte? Ja und nein. Es gibt auch ein paar seriöse Stellungnahmen, ein paar politische Analysen, ein paar flehende Appelle um etwas mehr Menschlichkeit etc. Die ganze Palette menschlicher Eigenschaften, der ganze Gefühlshaushalt wird bedient.
Man bleibt im Spielfeld. Das ist die Hauptsache. Denn man sitzt oft im Abseits im realen Leben. Auf der Ersatzbank oder einem Abstellgleis. Vielleicht in der Sozialstation eines Bahnhofs. Man weiß gar nicht, wohin man im Leben fahren sollte. Man erwartet vielleicht eine Hinfahrkarte zu einem lohnenden Ziel. Einige warten darauf, aber niemand verschenkt solche Karten. Man muss sie sich schon selber kaufen. Alles hat seinen Preis. Es gibt Hinweise, es gibt Ratschläge, Ermahnungen, Drohungen, Appelle an den normalen Menschenverstand – aber sich entscheiden muss jeder selber.
Das ist also neben der Selbstbespiegelung ein weiterer Zweck sozialer Netzwerke: Erweiterung des Bildungshorizontes.
Ein Nebeneffekt ist im Beziehungsgeflecht zu suchen. Man nennt das hier sehr vorsichtig ‘Kontakte’. Ein Kontakt ist übersetzt: eine gemeinsame Berührung.
Man berührt sich also, indem man ein Foto betrachtet oder einen Satz auf der Zunge zergehen lässt oder sich einfach ein Herz schicken lässt. Man berührt sich.
Nun, es ist eine Tatsache, dass Berührungen heilen können. Viel zu wenig Berührung gebe es zur Zeit bei den Menschen, wissen wissenschaftliche Analysen.
Also berührt man sich hier auch auf virtuelle Weise.
Es mag sein, dass dies auch zu einer engeren Form von Kontaktaufnahme führt. Warum auch nicht. ..
Der Modus der Vervielfältigung der Möglichkeiten erlaubt natürlich auch eine höhere Findungsrate eines Partners. Alle Gefahren mit eingeschlossen :-)
Am Ende erscheint mir Seniorbook wie ein Kreuzworträtsel in moderner Form. Jeder Buchstabe ein Mensch, der sich an seinem Platz mit anderen Buchstaben verbindet und einen Sinnzusammenhang herstellt. Warum sollten nicht im Zeitalter der Kommunikation solche unterhaltsamen Spiele erfunden und gespielt werden?
Solange Fairness zu einem zentralen Wert macht, ist nichts dagegen einzuwenden, im Gegenteil. In jedem Spiel lernt man etwas, und schließlich ist Leben durchaus immer mit Lernen verknüpft. (KH)
KAPITEL II
Begegnung mit Büchern
Wenn wir einem Menschen begegnen, ist das kein Zufall. Er bringt uns meist eine Botschaft.
Auch Bücher kommen in unser Leben, als wollten sie uns etwas ganz Spezielles sagen, als wollten sie auf eine unausgesprochene Frage in unserem Inneren antworten.
Mein Leben begann früh mit Büchern. Lange bevor ich zur Schule ging, saß ich irgendwo, tief in ein Buch versunken. Offenbar war es in den letzten Kriegsjahren eine Flucht in eine heilere Welt, denn der Krieg hatte die Familie schon auseinandergerissen. Angst begleitete täglich unser Leben. Wenn die Sirenen aufheulten, hätte ich immer ein Buch in den Keller mitgenommen, erzählte meine Schwester.
Später in den Nachkriegsjahren gab es nur ein einziges Buch in der kargen Flüchtlingswohnung: die Bibel. Ich erinnere mich, dass ich sie während einer Grippe zweimal von vorn bis hinten durchlas und jedes Mal über das Wort „erkennen“ stolperte.
„Und Adam erkannte Eva und sie gebar ihm einen Sohn.“ Lange assoziierte ich danach „erkennen“ mit dem Zeugungsakt.
Später zu Beginn meines Studiums, gerade als ich lernte, alles kritisch zu hinterfragen, fiel mir die kleine Schrift von Rudolf Steiner Wie erlange ich Kenntnis höherer Welten in die Hände. Steiner fordert darin eine absolut „kritikfreie Einstellung“, und so befand ich mich lange Zeit in einem akuten Dilemma.
Dann geriet ich an das Buch von Shaw Desmond, Die Liebe nach dem Tode, das ich mit heißem Herzen geradezu verschlang.
War es mein stiller Wunsch, erfahren zu wollen, ob ich je meinen im Krieg gefallenen Vater irgendwann würde wiedersehen können?
***
Im Rückblick auf mein Jahr bei Seniorbook stelle ich fest, dass es insbesondere drei Bücher sind, die mir von anderen empfohlen wurden und mir genau das beantworteten, was noch als Frage in der letzten Lebensphase in meiner Seele wohnte.
- Suzanne Segal, Kollision mit der Unendlichkeit
- Michael König, Das Urwort und schließlich
- Michael J. Roads, Durch die Sphären des Zeitlosen, 1996.
Es war nicht nur der Titel dieses letzten Werks, der mich faszinierte, es war auch die Gestaltung des Einbandes. In der Mitte befindet sich ein lichtumflossener Planet, unsere Erde, inmitten einer Schar von Fixsternen. Davor stehen zwei Menschen, dunkle Gestalten vor der schimmernden Kugel.
Auf der Rückseite des Einbands las ich, dass Michael Roads „ein Initiationserlebnis von wahrhaft kosmischem Ausmaß“ schildert.
Roads ist Engländer, lebte lange in Australien, arbeitete dort als Farmer und wurde dann von mystischen Erfahrungen überrascht, die er während einer neun Jahre andauernden Phase erlebte.
In neun Büchern beschreibt er diese außergewöhnlichen und absolut unerklärlichen Erfahrungen, die er als Antwort auf seine vorausgehende „starke innere Sehnsucht herauszufinden, wer ich bin“ (S. 12) versteht.
Das größte Hindernis, die eigentliche Realität zu erleben, die sich überhaupt nicht mit der physischen Realität deckt, ist – so sein Hinweis – der Mangel an Selbstliebe.
Mir scheint das ein sehr wichtiger Faktor zu sein, denn auch der sehr berührende Nahtod-Bericht der Anita Moorjani (Heilung im Licht) gipfelt in der Erkenntnis, dass die Liebe zu sich selbst, die totale Akzeptanz, am wichtigsten sei.
Roads fasst seine Reisen durch das Universum so zusammen: „Ich stellte fest, dass die Realität, die die meisten von uns als wirklich und normal hinnehmen, nichts weiter ist als eine allseits akzeptierte Illusion, eine Massen-Selbsttäuschung, oder, wie man allgemein sagt, eine Konsensrealität.“ (S. 15)
***
Ich könnte nun tausend Einzelheiten anführen, den Lichtkörper, die Erfahrung der Zeitlosigkeit, einen inneren Kommentar, die Begegnung mit ätherischen Wesen, die Vorläufer des physischen Menschen sind … „Tief in den Abgründen meiner menschlichen Psyche erkenne ich, dass der große Sinn des Lebens auf Erden darin besteht, sich mit der kreativen Kraft der bedingungslosen Liebe zu vereinen und sie auszustrahlen.“ (S. 61).
Er ist Baum, Fluss … und menschliches Selbst.
„Wir sind Licht, wir sind eins, so wie die gesamte Menschheit und alles Leben.“ (S. 70)
Während der Lektüre wird die Lehre von der Reinkarnation voll bestätigt.
Dass wir Fehler machen müssen, um zu lernen, hört man gerne.
Man erfährt, dass der Zeitreisende Michael Roads im 22. Jahrhundert als Mystiker auftritt. „Genialität beruht dann nicht mehr auf einer intellektuellen Fähigkeit, sondern auf der spirituellen Einsicht und Weisheit einer Person.“ (S. 137)
***
Diejenigen, die ihre inneren Wahrnehmungstore verschlossen haben, werden den Autor sofort in die psychiatrische Ecke stellen.
Sie könnten es ihm allerdings selber sagen, denn er veranstaltet seit 20 Jahren in vielen Ländern der Erde Seminare.
Er würde den Zweifler sicher liebevoll in die Arme schließen, er hätte nur Mitgefühl. „Denn alles Leben ist die Vielfalt des Einen.“ (S. 249)
1986 hat Michael Roads sein eigenes Erwachen erfahren.
Roads:Durch die Sphären des Zeitlosen
Mit Superlativen sollte man – gerade bei Büchern – vorsichtig umgehen. Dennoch fällt es mir leicht zu sagen, dass dieses Buch zu den ‘aufregendsten’ Büchern gehört, die ich je gelesen habe. Hinzu kommt, dass nicht ich dieses Buch gefunden oder entdeckt habe, sondern dass es mir von einer SB Userin zugeschickt worden ist, einer hochintelligenten jungen Frau, die – im Rollstuhl – ihr Leben viel stärker erweitert hat als die meisten von uns. Wir haben uns hier kennengelernt, und dabei ist ihr wohl aufgefallen, dass ich einen ‘Meister-Komplex’ habe, wie es wohl viele Unerfahrene nennen würden. In der Tat, Michael Roads ist ein solcher Meister, hat 1986 die Erleuchtung erfahren und bereits vorher in einer neun Jahre andauernden Phase mystische Erfahrungen gemacht, die er in seinen Büchern aufzeichnet. Die Geschehnisse sind so außergewöhnlich und absolut unerklärlich, dass man als Leser öfter innehalten und sich fragen muss, ob man weiterlesen sollte oder nicht.
Dann aber trifft man auf die Beschreibung von „knochenlosen“ Menschen, Vorläufern der heutigen Menschenrassen und erinnert sich sofort, dass man das schon einmal an anderer Stelle gelesen hat – in Blavatskys Geheimlehre, die Roads nicht kennt.
Also liest man weiter und verfällt – wie der Autor – der Meinung, „dass die Realität … nichts weiter ist als eine allseits akzeptierte Illusion, eine Massen-Selbsttäuschung … eine Konsensrealität.“
Deshalb fordert er uns im Vorwort auf, einen „Prozess der Demaskierung“ zu durchlaufen, um unsere größere metaphysische Wirklichkeit erfahren zu können.
***
Welche Technik Michael Roads einsetzt, um diese größere metaphysische Wirklichkeit zu erkunden, lässt sich rasch erkennen.
Seit Robert Monroe (am. Ingenieur) ist sie unter dem Namen ‚Astralrei-sen’ oder ‚out-of-body-experience’ bekannt geworden.
Man kann das in Monroes Institut erlernen. Aber bei Roads geschah dies eines Nachts spontan; er beobachtete, wie ein anderes Ich aus seinem materiellen Körper austrat, ein Lichtkörper.
„Ich kann den Gesang des Grases hören.“ (S. 21)
Jeder Schritt wird zu einer Lernerfahrung.
„Es erscheint eine gigantische, summende Kugel und ich kann in ihrem Inneren Bilder entstehen und vergehen sehen.“ (S. 25)
„Im Inneren der durchsichtigen Kugel kann ich die bewegten, holographischen Bilder einer unglaublich alten Erde sehen.“ (S. 29)
Hinzu kommt ein stiller innerer Kommentar, der alles erklärt. Was er sieht, sind ätherische Wesen in einem Frühstadium ihrer Evolution. (S. 30)
Dann wird die Kugel plötzlich dunkel – die Sonne geht buchstäblich aus, das Leben erlischt.
Auch die Veden sprechen vom „Ein- und Ausatmen Gottes“. Beim Ausatmen entsteht ein Universum, beim Einatmen verschwindet es.
Es folgen dann weitere Bilder in der Kugel, die die Weiterentwicklung der Menschen und der verschiedenen Menschenrassen sehr ausführlich und anschaulich beschreiben. Auch eine Phase von ‘Riesen’ ist vorhanden.
Wer einmal auf der Osterinsel war, kennt die großen Skulpturen, Riesenköpfe, die das nahelegen.
***
Es folgen weitere Erfahrungen, die den Rahmen unseres Verständnisses sprengen. Roads erlebt sich als Geist des Wassers, der Luft, der Vögel, des Gesangs …
Während ich das lese, erinnere ich mich an die persönlichen Briefe von Rainer Maria Rilke, der 1912 auf der winterlichen Terrasse des Schlosses Duino stand und „plötzlich im Baum“ war und die Welt aus dieser Perspektive wahrnahm.
Heute würde man das als eine punktuelle Einheitserfahrung bezeichnen. Rilke schildert die „Wucht“ dieser Erfahrung sehr überzeugend. Später entstehen dort die Duineser Elegien, in denen er auch von einem Engel spricht, den er gesehen hat.
Es überrascht nicht, dass bei einem so sensitiven Menschen die Grenzen zwischen materieller und geistiger Welt transparent werden.
***
„Während ich im All schwebe, beobachte ich Myriaden von Sternen, die um mich herumwirbeln, als wären sie lebendig und bewusst. Und ich weiß, das es so ist. Jeder Stern ist, genau wie unsere Erde, ein bewusster Ausdruck des Geistes … Ich beobachte, wie die Sterne in ihrer Kreisbewegung im All innehalten und … eine unfassbar große menschliche Gestalt annehmen, … Augen, Mund, Nase, Ohren.
Ehrfurchtsvoll starre ich auf die menschliche Gestalt aus funkelnden Sternen, die weit größer ist als die Milchstraße, und ich ringe nach Atem. Beinahe wie unter Zwang sehe ich, dass ich ebenfalls eine menschliche Gestalt – im Miniaturformat – aus funkelnden Sternen bin … (S. 93)
In dieser Passage entdecke ich eine absolute Übereinstimmung mit der Aussage des skandinavischen Wissenschaftlers Emanuel Swedenborg, der als Hellseher s a h, dass das gesamte Universum „ein großer Mensch“ sei und das Gott uns Menschen „nach seinem Bilde“ geschaffen hat.
***
„Die Grundlage jeder Heilung ist die Selbstheilung.“ (S. 118)
„Jeder von uns ist auf dem Platz seiner Wahl.“ (S. 119)
„Ihr habt beide gelernt – in einem früheren Leben –, dass Hass nichts weiter als unerkannte Liebe ist. (S. 125)
„Ich nehme an, dass wir Fehler machen müssen, um daraus zu lernen.“ (S. 125)
„Wir befinden uns im frühen zweiundzwanzigsten Jahrhundert … Genialität beruht nicht mehr auf einer intellektuellen Fähigkeit, sondern auf der spirituellen Einsicht und Weisheit einer Person.“ (S. 137)
„… die Liebe ist die größte aller kreativen Kräfte.“ (S. 138)
„Alles Leben ist genau so, wie es sein soll.“ (S. 149)
„Wir können nur unsere eigene Realität beeinflussen, unseren eigenen Lebensweg. (S. 156)
„Alles ist eins.“ (S. 237)
„Alles Leben ist die Vielfalt des Einen.“ (S. 249)
„Du musst ernten, was du gesät hast.“ (S. 249)
„Jetzt ist es an der Zeit, Liebe zu säen.“ (S. 249)
(Michael Roads ist Engländer, lebt mit seiner Frau in seiner Wahlheimat Australien und ist ein halbes Jahr in der Welt unterwegs, um seine Erfahrungen weiterzugeben.)
Das Wunder von Findhorn
Die Findhorn Community ist heute eine Begegnungsstätte in Schottland, die in den Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts entstand, Aufsehen erregte, weil hier unter schwierigsten Bedingungen ein Paradiesgarten entstand – mit Kohlköpfen so groß wie Kürbissen und Bäumen, die sich sonst nur in mediterraner Umgebung wohlfühlen.
Eine der drei Gründerinnen Findhorns war Dorothy MacLean, in Kanada geboren, studierte, heiratete, kam in Kontakt mit Sufi-Meistern, die Zugang zu höheren Welten hatten und erfuhr eines Tages, „dass wir immer eine Antwort von innen erhalten können, wenn wir sie ernstlich suchen.“ (S. 36)
In einer Krise in der Lebensmitte fanden sich drei Menschen plötzlich in einem Wohnwagen in Schottland ein, hatten keine Arbeit, keine finanziellen Rücklagen, keine konkreten Ziele.
Dorothy nahm Kontakt zu ihrer geistigen Führung auf, die darauf bestand, dass sie dort bleiben sollten. Es gab eine gewisse Hoffnung, dass Peter Caddy in absehbarer Zeit die Leitung eines Hotels würde übernehmen können. Aber nichts passierte.
Um die tägliche Ernährung zu verbessern, fingen sie an, um den Wohnwagen herum in den Sanddünen, in denen nur Stechginster und Seegras wuchsen, Radieschen und Salat anzupflanzen.
Bald darauf bekam Dorothy den Hinweis, sich auf die kleinen Naturgeister einzustimmen, und obwohl sie keinerlei Vorstellungen von einer Erbsen-Deva hatte, stellte sie den Kontakt her, erhielt täglich Hinweise, wie in dieser unwirtlichen Gegend mit Erfolg Gemüse angebaut werden könnte.
Das größte Hindernis vor dieser Kontaktaufnahme, so sagt sie selber, war „der Glaube an die eigene Begrenzung“.
Die kleine Gruppe erhielt sehr detaillierte Anweisungen, wie und welcher Kompost hergestellt werden sollte. Daneben standen philosophische Belehrungen: „Du bist einfach von Leben umgeben … wenn du das erkennst und dich dafür öffnest, kommst du den Naturwesen näher und vereinigst dich mit ihnen, um in einem Sinne zusammen zu arbeiten.“ (S. 70)
Als einmal Maulwürfe in den Findhorn Garten eindrangen, versuchte Dorothy, den Maulwurf-Deva zu ermahnen. In einer Rekordzeit verschwanden die Maulwürfe aus dem Garten. (S. 78)
***
Nach kurzer Zeit verwandelte sich der Sand in kostbare Erde, die Gruppe erwirtschaftete Überfluss. Die Größe und der Geschmack von Gemüse und Obst lockten Käufer aus den umliegenden Städten an.
Bodenexperten und Gartenarchitekten kamen zu Besuch. Eine Bodenanalyse wurde vorgenommen und zeigte keine Mängel. Schließlich wurde Peter Caddy vom BBC eingeladen, das Projekt Findhorn vorzustellen.
Sir George Trevelyan besuchte die Truppe und schrieb ins Gästebuch:
„Die Wahrnehmungsorgane für die übersinnliche Welt sind in den modernen Menschen verschwunden. Das ist der Preis, den sie für die Entwicklung des analytisch wissenschaftlichen Geistes zahlen müssen. Die Naturgeister sind so wirklich wie eh und je … viele sind jetzt so weit, dass sie verstehen können – und dass ist von entscheidender Wichtigkeit in der gegenwärtigen Lage der Welt.“ (S. 84f.)
Danach kamen immer mehr Besucher – und blieben. Es entstand eine Begegnungsstätte für alle, die an einem Wunder teilhaben wollten.
***
Seit diesen schweren, aber erfolgreichen Bemühungen wurde Findhorn weltbekannt. Auch heute noch kann man dort Urlaub machen, an einem Seminar teilnehmen, eintauchen in eine Welt voller Wunder, voller Botschaften aus anderen geistigen Welten.
„Nicht der Wunsch erschließt uns ferne Sphären. Den Einlass gewinnen wir, indem wir uns jeder Tat, jeder Beziehung, jedes Geräusches und jeder Farbe um uns herum bewusst werden. Es handelt sich weniger um etwas Erlernbares, sondern eher darum, was wir im Laufe eines Lebens werden.“ (S. 14)
Leben ist überall um uns herum, und wenn wir uns der zugrunde liegenden Einheit allen Seins bewusst sind, können wir überall Wunder erleben – nicht nur in Findhorn.
Quelle: Dorothy MacLean, Du kannst mit Engeln sprechen. 3. Aufl. 1988.
Liebe und tu, was du willst – Meine Begegnung mit der Schriftstellerin Luise Rinser
Ihre Werke sind in 24 Sprachen übersetzt, sie wurde „gelobt und verrissen“ (S. 39), Hermann Hesse schätzte sie sehr.
1911 in Oberbayern geboren, erlebte sie zwei Weltkriege, kam wegen ihres politischen Widerstands gegen das Nazi-Regime 1944 ins Gefängnis und wurde bald danach als Schriftstellerin bekannt.
Sie unterstützte später Willy Brandts Ostpolitik und wurde sogar 1984 von den Grünen als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen. Aber sie unterlag dem Mitbewerber Richard von Weizsäcker.
Immer fiel sie durch ihren Mut, ihre Offenheit, ihr Eintreten für die Schwachen und Unterdrückten auf. Der Frieden war ihr eine „große heilige Utopie“. (S. 60)
Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie in ihrem Haus in Rocca di Papa auf den Bergen östlich von Rom. Italien erschien ihr „biophil“ (Erich Fromm) im Gegensatz zu Deutschland.
***
Ihr Roman Mitte des Lebens (1940) wurde zum Kultbuch.
In ihrer Autobiographie Den Wolf umarmen (Teil 1, 1980) – ‚Wolf ’ bleibt zeitlebens ihre Metapher für den Mann – entdeckte ich, dass sie sich eingehend mit Astrologie beschäftigt hatte. Wie sehr die schwierige Beziehung zu ihrem Vater ihr Leben beeinflusste, zeigt sich auch daran, dass sie dem zweiten Teil ihrer Autobiographie (1995) den Titel Saturn auf der Sonne gab.
Immer war sie ein kompromissloser Kämpfer, offen, direkt und provozierend. Was ihr Wahrheit geworden war – in einem langen Leben – sagte sie jedem ins Gesicht, schrieb es nieder, bekannte sich in öffentlichen Reden dazu und ertrug die Hetze und Verfolgung Anders-Denkender mit Großmut.
***
Da ich beruflich mit ausländischen Studenten zu tun hatte, denen ich auch die deutsche Gegenwartsliteratur nahezubringen hatte, lasen und analysierten wir ihre berühmten Erzählungen, die sich zum Teil mit authentischen Kriegserfahrungen befassten. Die rote Katze ist ein Beispiel dafür. Zu ihren besten Erzählungen gehört Jan Lobel aus Warschau dessen Thematik mich sehr ansprach und worüber ich eine wissenschaftliche Arbeit veröffentlichte.
Diesen Aufsatz schickte ich ihr zu, und sie antwortete in ihrer zierlichen Handschrift und richtete auch ein paar Worte an die Studenten:
„… Ich wünsche mir, daß sie gute Eindrücke aus Deutschland mit nachhause bringen, und den Willen zur großen Einheit aller Völker.“ (Luise Rinser)
Jan Lobel, ein polnischer Jude, aus dem KZ geflohen, findet in einem bayrischen Dorf Unterschlupf. In einem Kellerraum versteckt, wird er von der Bäuerin und ihrer Stieftochter versorgt, und beide Frauen verlieben sich in den jungen Fremden.
Als der Ehemann der Bäuerin verwundet von der Front zurückkehrt, die Situation erkennt, flieht Jan Lobel. Er, der Heimatlose, der seine Frau im KZ verloren hat, findet bei der illegalen Einschiffung nach Palästina den Tod.
Dies ist der Inhalt. Aber wie Luise Rinser dieses Dreiecks-verhältnis in einer „verworrenen Zeit“, in der es um Schuld, Sühne und Liebe geht, beschreibt, ist ein unvergessliches, fesselndes, erotisch aufwühlendes Lese-Abenteuer:
„Die Beschreibung der Gärtnerei ist ein farbenprächtiges, üppiges Wortgemälde. Eine Fülle von Adjektivattributen, meist paarweise aneinander gefügt, poetische Vergleiche, hintergründige Metaphern, beschwören das Bild des Paradieses herauf, wo die Menschen tätig sind, ohne der Sprache zu bedürfen. Die Schönheit und das tiefe Geheimnis, die den Dingen, Pflanzen und Menschen innewohnen, treten nur in der Form, einer Linie, einer Geste zutage. Farben blühen auf wie lodernde Flammenmeere in den Nuancen von Lila, Blau und Weiß und vor allem Schattierungen von Rot, Farbe von Liebe und Tod. Lockung und Drohung, Süße des Genusses und Bitterkeit der Erkenntnis kulminieren in der symbolischen Handlung Jans, dem Ausreißen des Phloxs.“ (S. 216 aus „Literatur für Leser“)
***
Im 2. Teil der Autobiographie spielen drei berühmte Männer eine Rolle. Luise Rinser hatte bereits 2 Ehen hinter sich und 2 Söhne, als sie Carl Orff, dem Musikgenie, begegnet, der den Deutschen vor allem durch die grandiose Liedersammlung, der Carmina Burana, bekannt ist.
1952 lernt sie ihn kennen, der sie „gewaltsam in sein Schicksal einsog“. (S. 86). Eine Ehe, die scheitern musste, da Orff psychisch gefährdet war und unter depressiven Störungen litt. Als Luise Rinser bei einem hohen katholischen Würdenträger Rat sucht, sich in ihn verliebt – ohne dass es zu einem Bruch des Zölibats kommt –, wird die Ehe geschieden.
Luise Rinser befindet sich nun aber in dem Dilemma, einen Mann zu lieben, der sich nie zu ihr würde bekennen können. Sie erkennt, „dass alles, was geschieht, karmisch bestimmt ist“ (S. 126) und dass offenbar das „Motiv des Verzichts“ (S. 140) ihr Leben durchzieht.
In dieser Zeit kämpft sie in verschiedenen Schriften vehement gegen diese menschenfeindliche Praxis des Zölibats. Dadurch kommt sie in Kontakt mit dem international bekannten Theologen Karl Rahner, der sich nun seinerseits in die bekannte Schriftstellerin verliebt, aber auch seinem Gelübde treu bleibt. Sie treffen sich oft in der Öffentlichkeit, aber auch in ihrem Haus in Rocca di Papa, er hat einen Kosenamen für sie … und sie steht jahrelang zwischen zwei berühmten Männern, beide Jesuiten, die an ihr Gelübde gekettet sind. Etwa 2000 Briefe sind inzwischen veröffentlicht worden, in denen Rinsers mystische Spiritualität und Rahners behutsamer Umgang damit zutage treten.
Welch intensives Leben voller schöpferischer Arbeit, Pflichtbewusstsein – täglich beantwortet sie wie Hermann Hesse die Post ihrer Leser –, Anerkennung, Kritik und Verzicht.
Im Laufe ihres Lebens streift sie alle kirchlichen Vorschriften und Gebote ab und findet bei Augustinus das Wort, das alles umfasst, was ihr wichtig ist:
Liebe und tu, was du willst.
(Zitiert aus: Luise Rinser, Saturn auf der Sonne, 1995 und Edith Zeile, Literatur für Leser)
Paulo Coelho – per aspera ad astra
Mehr als ein Dutzend Bücher des brasilianischen Autors Paulo Coelho hat inzwischen auf der ganzen Welt begeisterte Leser gefunden. In dürren Zahlen ausgedrückt. 200 Millionen Exemplare sind verkauft und in 66 Sprachen übersetzt worden. Damit hat der Autor, der schon als Dreizehnjähriger Schriftsteller werden wollte, den „einzigen Traum seines Lebens“ verwirklicht.
Wer Coelhos Werke liest, hält ihn wenn nicht gar für einen spirituellen Meister, so doch für einen fortgeschrittenen Sucher. Gerade dieser Aspekt, die ernsthafte Sinnsuche, hat ihn so überaus populär gemacht, obwohl viele seiner esoterischen Einsichten von Kirche und Wissenschaft vehement attackiert werden.
Wenn er vor der Niederschrift eines neuen Werks das uralte I Ging, das chinesische Buch der Wandlungen, befragt, um die Gunst des Augenblicks auszuloten, wenn er sich auf Geheiß seines Meisters J. 40 Tage in die südkalifornische Mojawe-Wüste auf die Suche nach seinem Schutzengel begibt und tatsächlich eine Botschaft von ihm erhält, so wird er doch von einigen verstanden. Sein Handbuch des Kriegers des Lichts kann als Wegweiser verstanden werden, da es hinter den Mauern eines krassen Materialismus das wahre Selbst zu entdecken gilt.
Wie Santiago, der andalusische Hirte in einem der schönsten Werke Coelhos – Der Alchimist – eine lange Reise antritt, um einen Schatz im fernen Ägypten zu finden, so macht sich der Leser auf einen langen, mühseligen Weg. Und der indische Avatar, Sathya Sai Baba, stellt in Übereinstimmung mit dem Autor fest: „Wenn der Weg zu Ende und das Ziel erreicht ist, erkennt der Pilger, dass er von sich selbst zum SELBST gewandert ist.“
Diese Schatzsuche, die den Schatz im Inneren entdecken will, ist das Lebensthema des Menschen und Schriftstellers Paulo Coelho.
Aus dem Werk Aleph erfährt der Leser, welche Stufe des Bewusstseins der Schriftsteller bereits erreicht hat. Willigis Jäger, Benediktiner und Zen-Meister greift in seinem Buch Wiederkehr der Mystik auf ein Modell von Ken Wilber zurück und stellt fest, dass die vorletzte Stufe – vor dem Ziel der Erleuchtung –, eine punktuelle Einheitserfahrung ist.
Coelho beschreibt diese Erfahrung an mehreren Stellen in seinem Werk Aleph, und es ist anzunehmen, dass er sie aus eigener Erfahrung kennt. Dabei erfährt das Bewusstsein des Suchers eine grandiose Ausweitung, die allerdings nicht lange bestehen bleibt.
***
Wer nun etwas mehr über den Autor erfahren möchte, der wie ein echter Zauberer die inneren Pforten der Seele zu öffnen vermag, kann zu der ersten und bislang einzigen Biographie von Fernando Morais greifen. Dieser hatte Zugang zu Coelhos 200 Tagebüchern und 100 Tonbändern, denen der Autor seine innersten Regungen anvertraute. Auf dieser Grundlage entstand die erste, vom Autor bestätigte 700seitige Biographie, die den Titel Der Magier trägt.
Wenn der 13-jährige Paulo von seinem Weltruhm als Schriftsteller träumt und dabei nur schwache Leistungen auf der Schule vorweisen kann, stößt er in seiner Umgebung auf Unverständnis und Kritik. Damit er wenigstens eine gute religiöse Grundlage bekommt, schicken ihn die Eltern auf eine Jesuitenschule. Damit erreichen sie jedoch das ganze Gegenteil. Paulo leidet unter nervösen Störungen, Asthmaanfällen, Tobsuchts- und Panikattacken, Selbstzweifeln, wird dreimal in die Psychiatrie eingewiesen, bekommt Elektroschocks und reißt dreimal aus. Man bescheinigt ihm, manisch-depressiv zu sein. Er probiert Drogen, hat zahllose Kontakte mit Prostituierten, führt die zweite Ehe zu viert, wird von der Militärjunta verhaftet und gefoltert. Seine Suche nach Selbsterkenntnis führt ihn von der Hare-Krishna-Bewegung bis zur Schwarzen Magie und endet mit dramatischen Exzessen. Aleister Crowley, der berüchtigte englische Magier, über den auch Somerset Maugham den Roman The Magician schrieb, fasziniert ihn. Er begegnet Dämonen aus der Vergangenheit und schließt einen Pakt mit dem Teufel.
Mit 38 Jahren bricht er total mit dieser Vergangenheit und begibt sich auf Geheiß seines Meisters J. als Pilger auf den Jakobsweg. Diese Erfahrung schildert er in seinem ersten Buch so überzeugend, dass die Zahl der Pilger in der folgenden Zeit dramatisch zunimmt. Statt 400 Pilger im Jahr gehen nun 4.000 täglich diesen Weg, stellt er später humorvoll fest.
Paulo Coelho ist, was sein Leben und Werk angeht, der beste Beweis dafür, was er seinen Lesern auf ihren eigenen Weg zur Entdeckung des wahren Selbst mitgibt.
Da er immer aus eigener Erfahrung spricht, wirkt er authentisch, Man kann ihm als Lehrer vertrauen und seine Ratschläge annehmen:
„Nur wer die Suche nicht aufgibt, kann gewinnen.“ (Brida, S. 38).
„Man kann den Menschen nur nahe sein, wenn man einer von ihnen ist.“ (Brida, S. 238)
„Und wenn du etwas ganz fest willst, dann wird das gesamte Universum dazu beitragen, dass du es erreichst.“ (Der Alchemist, S. 29)
„Denn in dem Augenblick, wo wir uns auf die Suche nach Liebe machen, macht sie sich auf, uns zu finden – und uns zu retten.“ (Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte, S. 93)
„In uns allen liegen unbekannte Kräfte verborgen, die, wenn sie an die Oberfläche kommen, Wunder wirken können.“ (Die Hexe von Portobello, S. 78)
Die Frau mit den drei Genies: Lou Andreas-Salomé
Wäre sie von drei Männern geliebt worden, würde sich heute wohl kaum jemand an sie erinnern.
Wäre ein Genie unter den drei Männern gewesen, wäre ihr Name sicher auch heute noch bekannt.
So ist z.B. Christiane Vulpius, die Goethe schließlich ehelichte, obwohl dies damals einem gesellschaftlichen Affront gleichkam, heute nach 200 Jahren noch vielen bekannt.
Aber drei Genies!
Das kann keine irdische Frau, das muss eine Göttin gewesen sein!
Die Rede ist von Lou Andreas-Salomé.
***
Betrachtet man das Foto, das auf der Frontseite der rororo-Monographie von Linde Salber (2001) zu sehen ist, so blickt man in das Gesicht einer jungen bildschönen Frau. Ein ovales ebenmäßiges Gesicht, dessen Liebreiz den Betrachter sofort gefangen nimmt, dunkle Augen und ein ausdrucksvoller Mund, eingerahmt von dunkelblondem Haar.
Man spürt, sie ist sich ihrer Schönheit bewusst, und doch wirkt die emotionale Offenheit ein wenig kindlich.
Wer sich mit Rainer Maria Rilke beschäftigt hat, kommt an Lou Andreas-Salomé nicht vorbei. Sie, 15 Jahre älter als er und längst verheiratet, reist mit dem jungen Dichter zweimal nach Russland. Obwohl es dort zu einer Trennung kommt, bleibt sie bis zu seinem Tod seine Seelengefährtin. Ihr Einfluss auf sein künstlerisches Werk kann nicht hoch genug angesetzt werden. Das Stundenbuch ist das Geschenk dieser Reisen. Wer ist sie also, die schon vor der Begegnung mit Rilke einem anderen Genie einen Korb gab, mehrere Heiratsanträge zurückwies, einige zu ‘Brüdern’ machte, schließlich selber heiratete, mit dem jungen Geliebten Reisen unternahm, bevor sie Schülerin eines dritten Genies wurde: Sigmund Freud.
Für alle war sie eine Herausforderung: Ihr klarer Intellekt, ihre mitreißende Phantasie, ihre Unkonventionalität faszinierten sie. Sie bewunderten ihre Autarkie, die vielen Rollen, die sie zu spielen wagte, als Kind, als Schwester älterer Brüder, als Ehefrau, als Geliebte, als Nicht-Mutter, als Künstlerin, als Narziss.
***
Louise von Salomé wird am 12. Februar 1861 in St. Petersburg geboren, im liberalen unkonventionellen Zeichen Wassermann. Die Familie stammte ursprünglich von Hugenotten ab, die im 16. Jahrhundert aus Frankreich vertrieben, lange im Baltikum lebte und 1810 schließlich nach St. Petersburg zog.
Als bindend erwies sich der Protestantismus.
Louise wird nach fünf Brüdern als letztes Kind lebhaft begrüßt. Sie entwickelt vor allem zu ihrem 57 Jahre alten Vater eine starke zärtliche Zuneigung.
Ihren Schulbesuch tut sie ab als „Ort, wo sie nichts lernte“.
Sie weigert sich, konfirmiert zu werden. Stattdessen nimmt sie Privatunterricht bei dem liberalen Geistlichen Hendrick Gillot, der die Religion als geschichtliches Phänomen ansieht. Gillot führt die 18-jährige in die Philosophie ein, liest mit ihr Spinoza, Leibniz, Kant und Kierkegaard.
Dabei verliebt sich der 42-jährige Familienvater in sie und macht ihr einen Heiratsantrag, worauf sie sich von ihm trennt.
1880 verlässt Lou mit ihrer Mutter Russland, um ein Studium in Zürich aufzunehmen. Theologie, Philosophie und Kunstgeschichte scheinen ihr die Disziplinen zu sein, die ihr eigenes Denken befruchten könnten.
Aber schon nach einem halben Jahr verlassen beide die Schweiz, da Lou erkrankt ist, und reisen in das klimatisch günstigere Italien, nach Rom.
Dort begegnet sie dem Philosophen Paul Ree, der schließlich einen Kontakt mit Nietzsche herbeiführt, weil er immer das Gefühl hatte, er müsse Lou „unsterblich machen“.
So lernt die 21-jährige den 37-jährigen Philosophen kennen, der zu dieser Zeit eher als „verschrobener Grübler“ gilt.
Beide machen ihr Heiratsanträge, die sie abweist. Es existiert ein vielsagendes Foto aus der Zeit, das die junge Frau, eine Peitsche schwingend, auf einem Leiterwagen zeigt, während die beiden Philosophen wie Pferde vor den Wagen gespannt sind.
Nietzsche charakterisiert sie so: „… scharfsinnig wie ein Adler und mutig wie ein Löwe und zuletzt doch wie ein sehr mädchenhaftes Kind …“ Er bezeichnet sie als „Ideal auf Erden“. Als sie ihn verlässt, tadelt er ihr „Bedürfnis nach Expansion … ihre Unfähigkeit zur Liebe.“
***
Es folgen fünf gemeinsame Jahre mit Ree in Berlin, in dem sie eine Art Bruder sieht. In dieser Zeit entsteht ihr erster Roman Im Kampf um Gott, dem in der folgenden Zeit unzählige weitere Werke folgen.
1886, 25-jährig, lernt sie den Orientalisten Dr. Friedrich Carl Andreas kennen, Sohn einer deutschen Mutter und eines armenischen Vaters. Wieder – wie bei Gillot – versteht sie ihre Liebe als die der Tochter zum Vater. „Formen der Erwachsenensexualität klammert sie von Anfang an aus.“
In Henrik Ibsen entdeckt sie den Schriftsteller, der ihr Hauptproblem, wie sich in einer Ehe Spielraum für eine ‘Selbstrealisierung’ finden lasse, in seinen Werken behandelt.
Bald schreibt sie selber ein Buch über Ibsen, ein wenig später über Nietzsche, und sie findet nun zunehmend im Schreiben ihre Erfüllung.
Als ihr 1892 ein Politiker seine Liebe gesteht und sie aus ihrer Ehe „befreien“ möchte, entscheidet sie sich doch dagegen. Während der zweijährigen Ehekrise kommt allerdings sogar der Gedanke an einen gemeinsamen Selbstmord auf.
Als Hauptproblem des weiblichen Lebens erkennt sie, dass Ehe immer eine Einschränkung bedeutet, während sie mehrere Rollen spielen möchte.
1897 reist sie nach einem längeren Aufenthalt in Wien und interessanten Kontakten zu berühmten Künstlern wie Hugo von Hofmannsthal nach München, einer weiteren Kunstmetropole Europas. Dort lernt sie den 21-jährigen Rilke kennen, der ihr zunächst anonyme Briefe voller Verehrung schreibt. Diese schwärmerische Sehnsucht des jungen Dichters erinnert sie an einen rigoros verlassenen Punkt ihrer eigenen Entwicklung. Sie sieht eine Möglichkeit, etwas nachzuholen, was ihr verloren gegangen ist. Drei Jahre lang hält diese sehr intensive Liebesbeziehung an, sie machen zwei Reisen nach Russland, besuchen Tolstoj, Lou fühlt sich wohl in ihrer Heimat und kündigt dort vor dem Besuch ihrer Eltern die Trennung an.
Rilke flieht, heiratet schnell danach die Worpsweder Malerin Clara Westhoff, wird Vater und geht schon nach einem Jahr nach Paris, um bei dem berühmten Bildhauer Auguste Rodin zu arbeiten.
Lou bleibt aber bis zu seinem Tod seine Seelengefährtin.
***
Auch an Lou geht die Trennung nicht folgenlos vorüber. Von nun an wird sie immer wieder krank werden. Der behandelnde Arzt Pineles wird nun ihr Liebhaber, Lou wird schwanger, verliert aber das Kind durch einen Sturz von der Leiter beim Äpfelpflücken im Garten ihres Freundes.
Die Aufspaltung des Lebens in einen bürgerlichen Teil, Ehemann und hausfrauliche Pflichten im Haus in Göttingen und einen unkonventionellen Teil mit Liebhabern, Reisen und Arbeit als Schriftstellerin kommt ihrer Sehnsucht nach Vielseitigkeit entgegen. Aber das Verhältnis ihres Ehemanns mit seiner Haushälterin und die Geburt einer Tochter sind sicher auch eine Belastung für sie.
Um Rilke, der ebenfalls ständig unter merkwürdigen Seelenzuständen leidet, zu helfen, wendet sie sich ab 1906 der Psychologie zu.
Aber erst 1912/13 nimmt sie an den Mittwochabendseminaren von Sigmund Freud teil, der sich durch die Teilnahme einer damals schon berühmten Schriftstellerin sehr geehrt fühlt. Besonderes Interesse hat sie an Freuds Narzissmus-Aufsatz, in dem sie offenbar Phänomene ihrer eigenen Lebensgeschichte beschrieben sieht.
Ab 1915 führt sie in Göttingen selbständig Analysen durch. Dabei arbeitet sie oft bis zu 10 Stunden täglich, so dass Freud von einem „schlecht verhüllten Selbstmordversuch“ spricht.
1919 sieht sie Rilke zum letzten Mal. Sie kann nun eingestehen, wie sehr sie ihn braucht. „Du schenkst mir ein Stück Leben und ich brauche es noch inbrünstiger als Du weißt ...“
1937 stirbt sie an einem Krebsleiden. Eine Frau, die die weibliche Rolle ausweiten wollte, die sich ein Leben jenseits aller Konventionalität zutraute, dabei das Wesen der Liebe verstehen wollte und am Ende doch vielleicht daran zerbrach.
Eine Beschränkung wollte sie sich nicht auferlegen – deshalb musste das Schicksal eingreifen, schenkte ihr die Liebe und Verehrung von drei Genies, nahm ihr aber den Mann, das eigene Kind und die Gesundheit.
In den Liebesgedichten Rainer Maria Rilkes lebt sie weiter:
„Wie soll ich meine Seele halten, dass
Sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
Hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
An einer fremden stillen Stelle, die
Nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
Nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
Der aus zwei Saiten e i n e Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.“
Zit. nach Linde Salber, Lou Andreas-Salomé, (rororo, 2001)
Die Frau, die Nein sagt: Francoise Gilot
Ein Genie als Liebhaber? Ein Genie als Mann? Traum oder Alptraum aller Frauen?
Ich erinnere mich, wie fasziniert ich war, als ich als junge Anglistik-Studentin Aldous Huxleys Buch The Genius and the Goddess las.
Wie sehr ich mit der jungen Rose Beurre mit-litt, als das Genie Auguste Rodin sich nicht nur in jedes seiner Modelle verliebte, sondern auch der jungen bildschönen Bildhauerin Camille Claudel verfiel, sich dennoch nicht von seiner ‘Haushälterin’ Rose trennen konnte und Camille schließlich den Rest ihres Lebens in einer psychiatrischen Anstalt verbringen musste.
Welche Rolle wird Frauen an der Seite eines Genies zugemutet?
Und was ist eigentlich ein Genie? Ist es jemand, der alle anderen überragt, im Guten wie im Bösen?
Eine Frau, die Nein sagt ist der Titel eines aufregend interessanten Buches von Malte Herwig (2015), das eine der vielen Frauen in Picassos Leben in den Mittelpunkt stellt. Picasso selber hat Francoise Gilot so genannt.
Andere Frauen haben JA gesagt und mit ihrem Leben bezahlt: Jacqueline Roque erschoss sich 13 Jahre nach Picassos Tod. Marie-Thérèse Walter erhängte sich. Olga Chochlowa und Dora Maar wurden irgendwann wahnsinnig.
Picasso, einer der berühmtesten Maler der Moderne, hinterließ eine beispiellose „Schneise der Verwüstung“. (S. 39)
Nur eine wagte es, nach einer zehnjährigen Ehe und zwei Kindern, diesen egomanischen Künstler zu verlassen: Francoise Gilot. Sie war die einzige Frau, die das Genie verließ, statt von ihm verstoßen zu werden.
***
Francoise wurde am 26. November 1921 in Paris in eine sehr begüterte Familie geboren. Ihr Vater hatte eigentlich einen Jungen gewollt, und sie hatte nichts dagegen, ein wenig härter erzogen zu werden. Sie erinnert sich – noch als 90jährige – an einen Besuch im Zoo, als der Vater sie einfach in einen Affenkäfig sperrte, der alte Affe ihr seine Pranke hinstreckte und die gaffenden Besucher draußen vor den Stäben schallend lachten.
Später schildert sie, wie der Blick durch die Stäbe des Käfigs hindurch sie verändert habe.
Fortan habe sie immer die „Welt hinter den Stäben“ sehen wollen, das, was sich hinter den Dingen verbarg. Das war der Grund, warum sie Malerin, Schriftstellerin und Philosophin wurde.
Ihre Mutter wurde ihre erste Lehrerin, die das Mal-Talent ihrer kleinen Tochter früh erkannte. Von ihr bekam sie den Rat, ihre Fehler nie wegzuwischen, sondern aus ihnen zu lernen.
Dies wird später zu einem wichtigen Bestandteil ihrer Lebensphilosophie.
Mit 22 Jahren begegnete sie rein zufällig in einem kleinen Restaurant in Paris dem Maler, der fortan ihr Leben bestimmen, der sie vereinnahmen und dauerhaft an sich binden wollte.
Zunächst leben sie lange getrennt.
Auf einem weltbekannten Foto sieht man die 27jährige, eine strahlende, elfenhaft grazile Schönheit am Strand der Cote d’Azur, während Picasso ihr mit einem Sonnenschirm Schatten spendet. Er – Sonne und Schatten in einer Person.
Als sie schließlich, seinem unwiderstehlichen Charme verfallen, zu ihm zieht, versucht er, sie durch Kinder für immer an sich zu binden. Gleichzeitig demütigt er sie, nach der Geburt ihres zweiten Kindes, geschwächt und schmal geworden, indem er sagt, aus einer Venus sei ein Besenstiel geworden.
Als sie ihn lange danach darauf hinweist, dass sie ihn nicht mehr liebe und ihn verlassen werde, fertigt er die Skulptur einer schwangeren Frau an und hackt ihr die Füße ab.
Ein Voodoo-Zauber, der seine Wirkung aber verfehlte, denn Francoise verlässt mit ihren zwei Kindern Ende 1953 mit 32 Jahren Picasso, das Genie, das „Ungeheuer“.
In der Einsamkeit des Weihnachtsfestes malt er sie noch einmal zum letzten Mal: Sie liegt auf dem gemeinsamen Bett, und durch die Türöffnung fällt der lange Schatten eines Mannes auf ihren nackten Körper. Er hatte sie verloren, aber sie sollte ihm nicht entkommen, dachte er.
***
Zwei Jahre nach ihrem Weggang heiratete Francoise den Maler Luc Simon und bekam noch eine Tochter. Aber nach ein paar Jahren trennte sich das Paar.
Sehr viel länger hielt die Ehe mit dem Mediziner und Immunbiologen Jonas Salk, der mit seinem Impfstoff gegen Kinderlähmung vielen Menschen das Leben gerettet hatte.
Diese Ehe auf einer durch und durch freundschaftlichen Basis hielt immerhin 25 Jahre. Als Herwig Francoise Gilot fragte, wie sie das denn geschafft habe, sagte sie: „Wir haben einander völlige Freiheit gelassen. Er ging allein zu seinen wissenschaftlichen Veranstaltungen, und ich hatte auch meine eigenen Dinge zu tun. Also verbrachten wir einen Teil unserer Zeit zusammen und den anderen Teil getrennt.“
***
Vielleicht kämen wir in Versuchung, über das abenteuerliche Leben dieser Frau den Stab zu brechen. Dann hätten wir sie und ihr Anliegen missverstanden. Sie gehörte sehr früh zu jenen Frauen, die sich selber ganz und gar treu bleiben, die sehr früh ihre Gaben erkennen und sie nicht auf dem Altar einer falsch verstandenen Weiblichkeit opfern wollen.
Zwar hat sie Ehe und Mutterschaft, Picasso zuliebe, auf sich genommen, aber nie hat sie ihr letztes Ziel, die Wahrheit zu erkennen, aufs Spiel gesetzt oder gar aus den Augen verloren.
Tatsächlich ist die Philosophie, die sie schon während des Zweiten Weltkriegs studiert hatte, ihre lebenslange Leidenschaft gewesen.
Dabei stützt sie sich nicht auf irgendeine bestimmte Lehre, sondern entwickelt ihre eigene Lebensphilosophie, die auf ihren Lebens erfahrungen beruht. Immer wieder betont sie, dass ihr alles „geschehen“ sei, dass sie sich nie darum bemüht habe.
Man spürt, dass sie nicht nur als Touristin in Indien war, sondern dass sie sich auch mit der uralten Weisheitslehre auseinandergesetzt hat. „Ich habe jahrzehntelang mit Hilfe indischer Philosophie trainiert, alle meine subjektiven Eigenschaften zu verlieren.“ (S. 148). Sie unterschied nämlich die Persönlichkeit vom Selbst und wusste, dass die Persönlichkeit sich als Malerin und Schriftstellerin betätigte, aber dass dies nur zur Entwicklung des Selbst führte.
„Alles ist Teil des großen kosmischen Tanzes, dessen einzige Konstante der Wandel ist.“ (S. 43)
„In der Mitte liegt nur das Mittelmäßige.“ (S. 45)
„Ein ‚erfülltes Leben’ bekommt man nicht geschenkt. Man muss zum Brunnen gehen, auch wenn mal der Krug bricht.“
„Wir müssen mit unseren Möglichkeiten ebenso arbeiten wie mit unseren Fehlern.“ (S. 89)
„Fehler zu machen, ist kein Verhängnis. Aber man darf sie nicht verleugnen. Alles hat seinen Platz im Leben.“ (S. 95)
Der Einband des Buches, das auch viele Fotos und Zeichnungen enthält, zeigt die 90-jährige Malerin lächelnd, in einem roten Kleid, selbst-bewusst und doch nicht aufdringlich. Man spürt die innere Stärke, gepaart mit Zartheit. Malte Herwig nennt sie eine „Philosophin des Glücks“, die auch die schwärzesten Erfahrungen unbeschadet hinter sich lassen konnte.
Бесплатный фрагмент закончился.
