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Sternenfrau Eve
1 Section 1
2 Prolog
3 Amors Pfeil
4 New York Hot Dogs
5 Blitze der Liebe
6 Die Impfung
7 Die Verwandlung
8 Die Harfenstation
9 Aufbruch ins All
10 Eves Geburt
11 Der weiße Drache
12 Asteroid des Bösen
13 Der Metamorph
14 Kaera
15 Asura und das Tor
16 Am Ziel ?
17 Im Triangulumnebel
18 Eve und Eve
19 Der schwarze Drache
20 Das lebende Schiff
21 Gefunden
22 Mutter Erde
23 Mission Frieden
24 Charaktere und Figuren
25 Die Autorin
26 Impressum
Section 1
Sternenfrau EVE
Edda-Virginia Hiecke
Inhalt
Prolog
Amors Pfeil
New York Hot Dogs
Blitze der Liebe
Die Impfung
Die Verwandlung
Die Harfenstation
Aufbruch ins All
Eves Geburt
Der weiße Drache
Asteroid des Bösen
Der Metamorph
Kaera
Asura und das Tor
Am Ziel?
Im Triangulumnebel
Eve und Eve
Der schwarze Drache
Das lebende Schiff
Gefunden
Mutter Erde
Mission Frieden
Charaktere und Figuren
Die Autorin - Impressum
Prolog
Prolog
Einsam zieht ein Schiff durch die Tiefen des Alls. Die Besatzung hat eine Mission: die Verbreitung von Leben und Evolution. Längst weiß niemand mehr, wer, wann und warum sie dazu bestimmt hat. Ihre eigene Evolution ist seit Äonen beendet, ihr genetisches Potenzial erschöpft. Sie sind mächtige Wesen und sie kommen von weit her. So weit, dass sie das Wissen verloren haben, welche der vielen, vielen Welten, die sie gesehen haben, einst ihre war. Vielleicht existiert ihre ursprüngliche Heimat gar nicht mehr.
Viele Galaxien haben sie durchquert, durch große Tore, die von einer noch älteren, wie man glaubt, schon lange nicht mehr bestehenden Kultur, in längst vergangenen Zeiten erbaut wurden. So zogen die 'Alten', wie man sie nannte, denn ihren richtigen Namen kannte niemand, ihre Bahnen und säten Leben in vielen verschiedenen Welten. Auf ihrer langen Reise durch die Galaxien prüften sie die Entwicklung der von ihnen gesäten Kulturen, um die Evolution mit Hilfe speziell ausgewählter Lebewesen weiter zu treiben. Die Alten waren so zeitlos wie ihr Auftrag und ihr Schiff sah aus, als könnte es eine Generalüberholung gebrauchen.
Der ursprüngliche Schiffsrumpf, pfeilförmig und schlank, hatte sein Aussehen im Laufe der vielen Jahre verändert. War ein Teil des Schiffes trotz aller Wartung und Instandhaltung unbrauchbar geworden, wurde es in einem der Raumhäfen in den Galaxien von dort ansässigen Technikern ersetzt. Schon im Anflug zeigten sie über holografische Displays die beschädigten Stellen und hinterlegten die passende Anzahl von Goldstreifen, die nötig waren, um die Arbeiten zu bezahlen. War alles erledigt, zogen sie weiter und verschwanden so spurlos, wie sie gekommen waren, immer ihrem Auftrag nach. Da niemand die Alten jemals gesehen hatte, rankten sich viele Legenden um sie. Sie waren Phantome, Schatten und wenn sie geahnt hätten, in wie vielen Geschichten sie als Schrecken 1 für all die kleinen Kinder in den verschiedenen Welten herhalten mussten, wären sie vielleicht amüsiert gewesen. Nun durchquerten sie wieder einmal die Milchstraße und flogen einen kleinen Planeten an, auf dem sie vor neun Millionen Jahren bewusstes Leben gepflanzt hatten.
Seliref war müde. Tagelang war er nun mit Andas um die Wette gelaufen. Sie sollte seine Gefährtin werden und nun musste er Ausdauer und Stärke beweisen. Doch egal wie schnell er lief, egal wie viele Hindernisse er bewältigte, Andas war immer vor ihm. Das frustrierte ihn allmählich. Aufgeben war keine Option, denn Andas war mit Abstand die hübscheste Merisin, die er je gesehen hatte. Er musste sie haben. Schon lange hatte er sie begehrt. Ihre violetten Augen in dem herzförmigem Katzengesicht blitzten vor Intelligenz und ihr Lachen ließ jedes Mal seine spitzen Ohren vor Erregung knicken. Ihr Fell glänzte in schillernden Farben, wenn das Licht d er grünen Sonne sie anstrahlte.
Da war sie, schon wieder weit vor ihm. Wie sie lief und ihm immer wieder herausfordernde Blicke zuwarf! Das spornte ihn an, nicht aufzugeben. Er riss sich zusammen und nahm den Paarungslauf wieder auf. Er kannte einen geheimen Pfad, den er nun benutzte und einige Zeit später bemerkte er Andas tatsächlich hinter sich. Er sah die Überraschung in ihren Augen und gab Gas. Bald, ja bald würde er sein Ziel erreichet haben und sie wäre sein. Innerlich jubelnd sah er sich schon in ihren Armen. Nur noch wenige Kilometer, dann würde er dort sein und sie hinter ihm. Er sah den blauen See unten am Fuß des kleinen bewaldeten Berges, den sie hinab liefen. Dort war Andas Dorf. Schon konnte er ihre Familie am Dorfeingang sehen. Berf, Andas ältester Bruder, grinste über das ganze Gesicht, als er den Vorsprung von Seliref sah und Kandiras, die jüngste Schwester, jubelte ihm zu. Nun spürte er Andas heißen Atem im Nacken und erhöhte erneut sein Tempo. Er mobilisierte die letzten Kraftreserven und schaffte es mit einem Satz, vor Andas im Ziel zu sein. Gewonnen! Außer Atem ließ er sich ins weiche Gras fallen und strahlte Andas an. Sein Fell stand ihm vom Wind zerzaust zu Berge und seine Ohren zuckten vor Erschöpfung. Andas schaute schnaufend mit leichter Empörung auf ihn herab. Auch ihre Ohren zuckten und ihr Fell dampfte.
„Du hast gemogelt!“ zischte sie ihn vorwurfsvoll an. „Ich möchte zu gern wissen, wie du das gemacht hast!“
„Ich habe nicht gemogelt!“, stieß er heftig atmend hervor. „Die Aufgabe war, am schnellsten von meinem Dorf zu deinem zu kommen. Niemand hat einen Weg dafür vorgeschrieben!“
Anerkennung blitzte aus ihren Augen. Da wusste er, dass er gewonnen hatte. Er ging zum Seeufer, legte sich in den Schatten eines riesigen Mokrabaumes und schlief sofort ein. Andas ließ sich neben ihm nieder und schaute ihn lange zufrieden an. Ja, dachte sie, mit diesem Mann könnte ich gut leben. Er ist schlau und wird mir das Leben erleichtern. Dann schlief auch sie ein.
Über ihnen, unsichtbar weit entfernt, schwenken die Alten in eine Umlaufbahn ein und scannen die Welt unter sich. Die beiden friedlich schlafenden Wesen dort am Seeufer scheinen ihnen zur Modifizierung geeignet. Sie sehen gesund und kräftig aus. Die Alten beginnen, die beiden in einen Nebel zu hüllen und, unbemerkt von den anderen Bewohnern, ihre Genetik zu erweitern. Wenn die beiden erwachen, werden sie nie wieder wie vorher sein. Nachdem sie ihre Arbeit beendet haben, verlassen die Alten den Planeten und fliegen weiter. Kurs Erde.
Amors Pfeil
Amors Pfeil
Es gibt viele Ausdrücke, Wörter oder einfache Buchstaben, die so viel mehr ausdrücken, als unser Verstand auf einmal erfassen kann. Familienbande, Liebe, Seelenverwandtschaft, Gesellschaft, Einsamkeit, Lebensgefühl, veränderbares Schicksal, unabwendbares Schicksal. So viele Wörter, die nichts bedeuten oder ein ganzes Universum enthalten. Begriffe, in denen sowohl ungeahnte Grausamkeiten stecken können, als auch größte Glückseligkeiten. Einsamkeit ist etwas, das sich ein Mensch manchmal nicht aussuchen kann. Sie überkommt ihn schleichend, unbemerkt. Bevor man sich versieht, zieht das Leben an einem vorüber und man fragt sich: 'Was ist passiert?' Doch niemand kann diese Frage zur Genüge beantworten. Die Einsamkeit umgibt einen wie ein Schild. Ein Bollwerk gegen die Gesellschaft, an deren Rand man plötzlich unbemerkt zum Stillstand gekommen ist. Wenn man Sarah-Ann Wailey fragen würde, ob sie einsam sei, wäre ihre Antwort bestimmt, dass sie nur alleine sei. Eigentlich schon immer alleine. Sie kannte es nicht anders. Schon als Kind war sie alleine und auf sich selbst gestellt, irgendwie hatte es sich halt so ergeben. Trotzdem war Annie, wie sie meist genannt wurde, eine starke Frau, die man respektierte und die auch Spaß verstand. Meist sah man sie sogar lachend. Tiefe Lachfältchen zierten ein vertrauensvolles Gesicht, große blaue Augen betrachteten ein Gegenüber voller Aufmerksamkeit und ihre Stimme war sanft und voll. Sie war kompetent in ihrer Arbeit und die Kinder an ihrer Schule sahen zu ihr auf und vertrauten ihr. Wenn es jemanden gab, der einem half, Probleme zu lösen, dann Annie. Auf sie war Verlass. Sie war einfach - nett. Sie gehörte zu den Menschen, die sich für andere aufopfern, und sich selbst dabei vergessen. Wer sich selbst vergisst, wird auch von anderen leicht vergessen. Genau so ist das mit Annie. Wer sie gerade nicht sieht, denkt nicht an sie. Aus den Augen, aus dem Sinn. Nicht, dass es nur ihr so ginge. Es gibt tausende von Menschen, die vergessen werden, sobald man sie nicht mehr sieht. Es ist nicht so, dass sie nicht wichtig wären in der Gesellschaft, in der sie leben. Im Gegenteil, sie bewegen viel um sich herum. Nur beeindrucken Menschen wie Annie die meisten nicht so sehr, dass sie sich einprägen würden. Sie sind eher wie ein Hauch im Gezeitengefüge des Universums. Nicht immer verträgt man den Ruhmesdonner eines Nelson Mandela oder eines Albert Einstein oder Stürme, die Ludwig van Beethoven oder Johann Sebastian Bach hervorriefen. Meist sind es kleine Dinge im Leben, die einen vorwärts bringen, sogar, wenn man sie nicht bewusst wahrnimmt. Annie wurde von niemand bewusst wahrgenommen. Für alle war sie einfach vorhanden. Am Ende ihres Lebens würde sie nicht in einem bedeutenden Buch stehen, vielleicht in einem Schuljahrbuch, aber das ist nicht wirklich beeindruckend. Jedenfalls nicht in den Büchern, in denen Menschen stehen, die mit großem Getöse auf sich aufmerksam machten. Zumindest noch nicht.
Wie immer stand Annie früh auf, um sich noch ein wenig auf den Unterricht vorzubereiten. Den langen Weg zur Schule ging sie wie immer zu Fuß. Nach der Weihnachtszeit hatte sich das eine oder andere Pölsterchen auf ihrer Hüfte gebildet. Sie wußte, mit zunehmendem Alter würde es schwieriger, diese unerwünschten Polster wieder dahin zu verbannen, wo sie hingehören: ins Unsichtbare. Nicht, dass sich Annie allzu viele Gedanken darum machen musste, aber sicher ist sicher. Beim Bäcker um die Ecke kaufte sie ein ige kleine Müslibrötchen. Als sie aus der Tür trat, rannte sie in ein Hindernis.
„Sachte, sachte“, sprach das Hindernis sie mit sympathischer Stimme an. „Hier ist genug Platz für uns beide!“
Sie bemerkte den spöttelnden Ton sehr wohl, war jedoch ziemlich irritiert, als sie aufschaute, um den Spötter anzusehen. Was sie sah, verschlug ihr glatt die Sprache. Ein Mann, schlaksig, mit rotblondem Haar und seegrünen Augen schaute ihr fröhlich lächelnd ins Gesicht. Seine Mundwinkel gingen nach oben, als er sah,dass sie ganz offensichtlich nicht wusste, was sie sagen sollte. So eine Frechheit, dachte Annie, macht der sich etwa lustig über mich?
„Ja sicher, wenn Sie einen großen Bogen um mich herum machen, dürfte der Platz definitiv reichen!“, gab sie zurück und bemerkte, dass das breite Grinsen auf seinem Gesicht noch breiter wurde.
„Ja, könnte ich machen, aber offen gesagt, bei einem großen Bogen um Sie herum wären wir uns nicht so nahe gekommen und gerade das beginnt mir jetzt Spaß zu machen. Darf ich Ihnen behilflich sein, Ihre Brötchen wieder einzusammeln?“
Entsetzt bemerkte Annie ihr auf dem Boden liegendes Frühstück und spürte gleichzeitig ein Brennen auf ihren Wangen.
„Oh nein, mein Frühstück!“, stammelte sie und hoffte, dass sie nicht so rot geworden sei wie die Lichter der Ampeln an der Straßenecke.
„Die sind sowieso nicht mehr zu retten! Ich kaufe Ihnen als Entschädigung neue Müslibrötchen ja? Kommt sofort!“
Bevor sie auch nur etwas dazu sagen konnte, verschwand der Mann im Geschäft. Da dieses gerade leer war, hatte er im Handumdrehen neue Brötchen und stand so schnell vor ihr, dass eine Flucht nicht mehr möglich war.
„Hier, bitte sehr!“, sagte er höflich und hielt ihr eine Tüte hin.
„Das ist doch nicht nötig!“, war alles, was Annie einfiel. Der Mann lachte sie wieder an. Täuschte sie sich oder war auf einmal alles um sie herum so viel heller? Sie spürte ihr Herz flattern als sei sie ein junges Mädchen. Ihre Wangen brannten und sie hatte das unbezwingbare Bedürfnis, zurück zu lachen.
„Danke!“, fügte sie mit spitzbübischem Lächeln hinzu, „Ich glaube, Sie haben recht!“
Nun war es an ihm, sie erstaunt anzusehen. Konnte es sein, dass sie ihn auf den Arm nahm? Na so was aber auch.
„Bei einem großen Bogen“, sprach sie weiter, „hätten Sie mich nicht getroffen, mein Frühstück wäre nicht zu Boden gegangen und Sie hätten keine Möglichkeit gehabt, den Kavalier zu geben!“
Er schaute sie verblüfft an und bemerkte ein kleines Grübchen neben den kleinen roten Wangenflecken, die sich, je weiter er sie betrachtete, immer stärker in ihrem Gesicht ausbreiteten. Schon schaute sie verlegen auf den Boden, als wäre sie eben zu weit gegangen, doch ein herzliches Lachen ließ sie wieder aufschauen.
„Touché!“, prustete er, „dann erlauben Sie mir doch, mein Kavaliersein zu erweitern, indem ich Sie ein wenig begleite!“
Meinte er das im Ernst? fragte Annie sich stirnrunzelnd.
„Oh nein, nicht runzeln bitte, das vertreibt diese netten Grübchen und ich möchte auf keinen Fall dafür verantwortlich gemacht werden!“
Grübchen? Sagte er gerade Grübchen? Ich hab doch keine Grübchen, schoss es Annie durch den Kopf. Belustigt sah er, wie sich das Rot in ihrem Gesicht vertiefte.
„Ich wette, es hat Ihnen noch nie jemand von diesen Grübchen erzählt, oder?“
Grübchen? Braucht der eine Brille?
„Ich habe das dumme Gefühl, Sie machen sich über mich lustig!“, blaffte Annie den immer noch lachenden Mann an.
„Nein!“, war die kurze Antwort.
Verblüfft starrte Annie den Mann an, als sei er nicht ganz richtig im Kopf. Sie konnte wirklich nicht erkennen, ob er sich über sie lustig machte oder nicht. Also entschied sie, es geflissentlich zu übersehen. In einer Stadt wie New York konnte man nie so genau wissen, was sich in den Köpfen der Leute abspielte.
„Ich kann alleine gehen und brauche keine Begleitung!“
Just in diesem Moment kamen ein paar grölende Jugendliche um die Ecke gebogen, die den Eindruck machten, als hätten sie die Nacht durchgemacht. Einer hielt eine braune Tüte in der Hand, in der sich, so sah es aus, eine Flasche Schnaps befand. Immer wieder blieb er stehen, um sich einen Schluck zu genehmigen. Dann reichte er die Tüte mit der Flasche den anderen, die ebenfalls daraus tranken.
„Ich glaube, jetzt sollte ich Sie erst recht begleiten!“, flüsterte ihr der Unbekannte zu. „Die sehen so aus, als könnten sie Stunk machen!“
Annie sah es genauso, ergriff schnell den angebotenen Arm des Fremden und ließ sich über die Straße geleiten. Da es sich um ein unverhofft wohliges Gefühl handelte, beschützt zu werden, erlaubte sie ihm doch tatsächlich, sie bis zur Schule zu begleiten.
„Ich danke Ihnen vielmals für Ihre fürsorgliche Begleitung, aber ich bin nun am Ziel und Sie können mich wieder loslassen!“
Der Fremde überlegte.
„Also, offen gesagt, würde ich Sie sehr gerne wiedersehen. Könnten Sie sich mit dem Gedanken anfreunden?“
Annie zögerte kurz, doch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, entfuhr ihr:
„Ich glaube, der Gedanke könnte mir gefallen!“
Oh nein, hab' ich das eben gesagt? Ich kenne den Kerl doch gar nicht, schoss es ihr kurz durch den Kopf. Doch nun war es heraus und zu spät, es zurück zu nehmen.
„Das ist wunderbar! Dann hole ich Sie von der Schule ab. Wann sind Sie fertig?“
Heute? Meint er das wirklich? Was mache ich denn jetzt? Trotz der auf sie einstürzenden Bedenken antwortete sie:
„Um 16:00 ist Schulschluss, dann muß ich noch eine kleine Konferenz mitmachen, also wäre ich um ca. 17:00 Uhr fertig.“
„Ich werde hier sein!“, versprach er, drehte sich um und ging. So schnell, wie er in ihrem Leben aufgetaucht war, verschwand er auch wieder.
Ist das gerade wirklich passiert? Habe ich mich gerade mit einem wildfremden Mann verabredet? Ach was Annie, wach auf!
„Wer war denn das?“
„Was, wer?“
„Na der himmlisch gut aussehende Mann, mit dem du gerade hier angekommen bist!“
Oh, doch nicht geträumt! Er war wirklich hier. Annie registrierte nun ihre Kollegin Margaret, die sie immer noch fragend anschaute.
„Ich habe keine Ahnung, wer er ist, aber ich glaube, ich habe mich gerade mit ihm verabredet!“ gab sie zurück.
„Du hast was!?“, rief Margaret aus.
„Na, mich mit ihm verabredet, nun tu doch bitte nicht so, als wäre das ein neuntes Weltwunder!“ gab Annie spröde zurück. „Ich kann mich doch mal mit einem Mann verabreden, oder?“
„Ja klar, wie heißt er denn? Was macht er so? Wo hast du ihn kennengelernt? Wohin geht ihr? Erzähl und lass ja kein Detail aus!“ bestürmte Margaret sie.
„Ich weiß nicht. Vorm Bäcker. Ich habe ihn da über den Haufen gerannt. Keine Ahnung. Ich lasse mich überraschen“, versuchte Annie die Fragen ihrer Kollegin einzudämmen. Dann ließ sie die erstaunte Margaret einfach stehen und ging die Treppen zum Schulgebäude hinauf.
Den ganzen Tag ging ihr diese seltsame Begegnung nicht aus dem Kopf. Sie ging Margaret und ihren Fragen aus dem Weg. Es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren und sie war froh, als endlich Schulschluss war. Sie konnte es nicht erwarten, zu sehen, ob der Mann tatsächlich vor der Schule stand oder nicht. Nicht, dass sie daran glaubte, aber schön wäre es schon gewesen. Nun stand sie vor dem Schultor und niemand war zu sehen. War ja klar. Als ob sich für sie noch irgend jemand interessieren könnte. Enttäuscht machte sie sich auf den Weg nach Hause. Dann fing es zu allem Überfluss an zu regnen, als ob nicht schon genug Grund zum Trübsal blasen gewesen wäre. Natürlich hatte sie keinen Regenschirm dabei. Schon nach wenigen Schritten war sie bis auf die Haut durchnässt. Die Kleidung klebte auf der Haut und immer wieder musste sie Autos ausweichen, die durch Pfützen am Straßenrand rauschten. An der Ampel bei der Bäckerei erwischte eines sie dann prompt mit einem großen Schwall Wasser. Eigentlich konnte es jetzt nicht mehr schlimmer werden. Zu Hause angekommen bemerkte sie, dass der Kühlschrank leider mal wieder recht leer war. So musste sie noch einmal aus dem Haus, um einzukaufen. Was für ein Tag. Trübselig kochte sie sich eine kleine Mahlzeit und bereitete den Test vor, den sie am nächsten Tag ihren Schülern vorlegen wollte.
New York Hot Dogs
New York Hot Dogs
Um acht Uhr abends herum klingelte es plötzlich an ihrer Tür. So spät hatte sie eigentlich nie Besuch und sie erwartete auch niemanden. Vorsichtig schaute sie durch den Türspion. Da stand er mit einem großen Blumenstrauß in der Hand. Genau vor ihrer Tür. Jetzt!
„Bitte schicken Sie mich nicht wieder fort!“, hörte sie ihn durch die Tür.
„Sie sind spät!“, entgegnete sie wütend.
„Ich weiß und es tut mir auch furchtbar leid.“
„Woher wissen Sie, wo ich wohne?“, fragte sie argwöhnisch, „ich kenne sie ja noch nicht einmal!“, blaffte sie hinterher.
„Ich habe den Bäcker gefragt“, antwortete er fröhlich, „Sie sind hier aber wirklich gut bekannt!“
Also echt mal, woher weiß denn dieser Bäcker, wo ich wohne? Warum gibt der einfach so meine Adresse heraus? Mit dem werde ich mal ein Wörtchen reden!
„Seien Sie dem Bäcker bitte nicht böse. Ich habe ihn förmlich angefleht, weil ich Sie unbedingt wiedersehen musste!"
Ach du Schreck, sehe ich für den Bäcker aus, als würde ich jeden flehentlich dreinblickenden Mann in meine Wohnung lassen? Kann der Kerl etwa meine Gedanken lesen? Es machte keinen Sinn, weiter darüber nachzudenken, Annie musste sich nun entscheiden, ob sie dem Mann die Tür öffnen oder ihn lieber wegschicken sollte.
„Bitte nicht wegschicken. Geben sie mir die Chance, zu erklären, warum ich am Nachmittag nicht kommen konnte!“, war nun flehentlich bittend durch die Tür zu hören.
„Ja, lass den Kerl endlich rein, wir wollen unsere Ruhe haben!“, klang es nun aus der Nachbarwohnung.
Annie öffnete noch etwas widerwillig die Tür und bat den Fremden herein. In diesem Moment schoss es ihr durch den Kopf, dass es überhaupt nicht richtig war, einen völlig fremden Mann in ihre Wohnung zu lassen. Zu spät, er war drinnen und sah sie mit einem um Entschuldigung bittenden Blick an. Sie bemerkte, dass seine Lippen leicht zuckten. Ehe Annie sich versah, musste sie lächeln und sah, wie das Gesicht ihres Gegenübers ihr Lächeln spiegelte.
„Ich finde schon“, meinte sie völlig entwaffnet von diesem Lächeln, „dass es an der Zeit wäre, mir Ihren Namen zu nennen!“
Er hielt ihr die Blumen hin. „Ja Sie haben Recht, verzeihen Sie. Mein Name ist David Bentin und ich bitte Sie um Entschuldigung für die nicht eingehaltene Verabredung. Als ich Sie heute morgen sah, hatte ich einen wichtigen Termin am Nachmittag völlig vergessen. Es tut mir leid!“
Dabei machte er ein so zerknirschtes Gesicht, dass es Annie schwerfiel, ihm noch weiter böse zu sein. Immerhin hatte er sich viel Mühe gegeben, sie ausfindig zu machen und wenn er kein Wüstling war, der gleich über sie herfiel, musste sie ihm das hoch anrechnen. So bat sie ihn in ihr kleines Reich und entschuldigte sich für die Unordnung.
„Nein,“ sagte er und schaute sich gründlich um, „keine Unordnung, gemütlich ist es hier.“
Er betrachtete aufmerksam ihre Büchersammlung. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass Sie in ihrem Beruf genug Zeit haben, so viel zu lesen. Sie haben ja eine riesige Sammlung, schön!“
„Viel Zeit habe ich tatsächlich nicht, ich versuche aber immer wieder, mir Zeit zu nehmen, um meinen Lesehunger zu stillen.“
„Ja, das ist wichtig, in dieser schnelllebigen Zeit ist jede Sekunde, die man für sich hat, ein Geschenk.“
Sie hatte nun, während er sich weiter umschaute und sie seine gelegentlichen Fragen nach der einen oder anderen Sache beantwortete, genug Zeit, sich diesen Mann genauer anzuschauen. Er musste wohl so Anfang vierzig sein, wie sie. Er war ein klein wenig größer als sie selbst und hatte eine gute Figur. Sie bemerkte, dass seine Schlaksigkeit eher eine lockere Haltung war, die ihr sehr gut gefiel. Das rotblonde, leicht gelockte Haar fiel ihm in die hohe Stirn. Die Nase hatte diese Krümmung, als sei sie schon einmal gebrochen gewesen und sein Mund passte wohlgeformt zu einem energischen Kinn. Er war ein Mann, der wusste, was er wollte. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass er hier bei ihr war und hatte doch schon das Gefühl, dass er genau der richtige war. So schnell? Wunschdenken?
„Ich habe noch eine Flasche Rotwein, möchten Sie etwas trinken?“ fragte sie, als sie in der Küche angekommen waren.
„Ja, sehr gerne!“, antwortete er und schaute ihr dabei tief in die Augen. Nun umspielte ein sanftes Lächeln seine Lippen und Annie fragte sich plötzlich, wie es wäre, diese zu küssen. Verlegen drehte sie sich zum Küchenschrank um und holte die angesagte Flasche Wein heraus.
„Darf ich sie öffnen?“
Sie reichte ihm einen Korkenzieher und stellte gewandt zwei Gläser auf den Tisch, versorgte die Blumen in der hübschen Vase mit frischem Wasser und setzte sich. Als wäre es das normalste der Welt, nahm er Platz und schenkte ein. Nach ihrem ersten gemeinsamen Schluck Wein erkundigte Annie sich neugierig nach seiner beruflichen Tätigkeit.
„Ich habe einen Cateringservice und versorge hauptsächlich im Showgeschäft Menschen bei Filmsets und im Theater. Das war auch der Grund für mein Nichterscheinen. Ich hatte einen Termin mit einem Regisseur und seinem Stab, der hier in NYC einen Film dreht, einen wichtigen sogar. Es geht um einen umfangreichen Auftrag.“
„Oh, das hört sich nach Stress pur an!“
„Ja, das ist es. Aber es macht auch viel Spaß und ich komme viel herum. Da viele Filme auch im Ausland gedreht werden, kann ich viel reisen und sehe etwas von der Welt.“
Annie stellte sich David gerade in einer Kochschürze vor und musste schmunzeln.
„Was finden Sie denn daran so lustig?“, fragte er prompt.
„Ach, nichts.“, gab sie unschuldig blickend zurück.
„Doch doch, ich habs genau gesehen, da unten rechts hat es eindeutig in ihrem Mundwinkel gezuckt!“
Oh nein, ich merke es ganz genau, dachte Annie, jetzt erröte ich doch tatsächlich wieder, wie peinlich.
„Ja, ich bin definitiv der Meinung, dass Ihnen diese Farbe besonders gut steht. Dieses leichte Rot sollten Sie öfters haben!“ grinste er sie frech an.
Mit einem brennenden Gefühl auf den Wangen funkelte sie ihn wütend an.
„Wissen Sie, dass Ihre Augen jetzt aussehen wie das tiefblaue Meer? Das ist mir heute morgen schon aufgefallen. Wenn Sie lachen, strahlen sie in alle Richtungen!“
Annie schaute ungläubig in sein Gesicht und konnte diesem entwaffnenden Lächeln nicht widerstehen. Sie lachte.
„Ich ergebe mich! Ich habe Sie mir gerade in einer Kochschürze vorgestellt, wie Sie die Kochlöffel schwingen!“
Jetzt musste auch er lachen und mit scherzhaft empörtem Gesicht rief er: „Meine Kochschürze ist mir heilig! Ich habe sie von meiner Großmutter geschenkt bekommen! Sie ist taubengrau und hat einen riesigen Kochtopf vorne drauf. Nicht zu vergessen die feine Spitze am Rand!“
„Also, die muss ich sehen!“ Annie konnte nicht mehr vor lachen.
„Das werden Sie bestimmt. Ich werde Sie beim nächsten Treffen in meiner Schürze bekochen. Worauf Sie sich verlassen können!“
Hatte er gerade beim nächsten Treffen gesagt? Annie spürte ihr Herz hüpfen. Ein nächstes Treffen. Ja das wollte sie. Sie kam sich jetzt schon wie ein Backfisch vor, der sich nach dem nächsten Rendezvous sehnt und hatte das Gefühl, sie könne die ganze Welt umarmen.
„Gut, ich lasse mich gerne bekochen und diese Schürze darf ich mir auf keinen Fall entgehen lassen!“ Sie strahlte, als sie sah, wie er sich darüber freute.
„Ich muss nun leider gehen, seien Sie bitte so freundlich und geben mir Ihre Telefonnummer, damit meine Schürze und ich Sie erreichen können!“
Sie tat es und bekam an der Tür einen leichten Kuss auf ihre Wange.
„Gute Nacht Annie, ich seh' Sie bald wieder. Versprochen!“ Weg war er.
David lief die Treppe hinunter und freute sich, diese Frau getroffen zu haben. Irgendetwas sagte ihm, dass sie DIE EINE war. Nicht, dass sie die erste gewesen wäre. Bei seinem Geld und seinem Aussehen konnte er die schönsten Frauen haben und er hatte viele, doch immer hatte er nach einer Weile das Gefühl, dass etwas fehlte. Jetzt wußte er, was es war. Annie war eine Frau, die ihn so sah, wie er wirklich war, ihr musste er nichts beweisen. Er konnte nicht sagen, warum er das wußte, aber es war so. Sein Beruf brachte es mit sich, dass er oft Wochen, sogar Monate nicht zu Hause war. Doch das störte ihn nicht, denn die Arbeit erfüllte ihn und machte ihm Spaß. Er sah mehr von der Welt als seine eigenen vier Wände und konnte gleichzeitig ein finanziell sehr komfortables Leben führen. Als Kind hatte er morgens vor der Schule seinem Vater geholfen, den Hotdog-Stand des Familienbetriebes an eine gut besuchte Stelle zu fahren. Sein Vater hatte sich kaputt geackert, nur um am Ende jedes Monats festzustellen, dass es mal wieder knapp für die Miete und die Standgebühren reichte und der Rest für einen mageren Lebensunterhalt der Familie. Tag für Tag stand Vater an seiner Ecke und verkaufte Hotdogs, ob es regnete, schneite, oder die Sonne so stark schien, dass er schon am Vormittag durchgeschwitzt und schweißverklebt seine Kunden bediente, die meist wie aus dem Ei gepellt vor ihm standen. David musste die abgetragenen Hosen und Hemden seines zwei Jahre älteren Bruders tragen, denn neue Kleidung gab es nur selten. Bei aller Arbeit fand sein Vater abends immer Zeit, mit seinen Söhnen zu lernen und sie in der Schule voranzutreiben.
„Ihr lernt, damit aus euch einmal etwas besseres wird als ein alter Mann wie ich, der nur Würstchen in ein Brötchen stopfen kann!“, mahnte er sie oft.
Doch David war stolz auf seinen Vater und auch sein älterer Bruder Jonas versäumte keine Gelegenheit, zu erzählen, dass sein Vater die besten Hotdogs der Stadt machte. Jonas war klug, er bekam ein Stipendium und konnte studieren. Schließlich wurde er Rechtsanwalt. Dann war da noch Karen, das Nesthäkchen. Wann immer sie Zeit hatte, lief sie zum Stand und half, Hotdogs zu verkaufen. „Hooootdooogs, leckere Hooootdoooogs!“ rief sie laut und lachte.
„Die besten Hotdogs der Stadt. Senf, Käse, Zwiebeln, Gurken, Ketchup, wie er nirgends besser schmeckt, kommen Sie, die müssen Sie essen!“
Die Leute kamen und standen Schlange, vielleicht auch ein bisschen, um dem hübschen Mädchen eine Freude zu machen. Manchmal tanzte sie auch und summte ein Liedchen vor sich hin. Dieses fröhliche Kind war unwiderstehlich. Wenn sie einmal nicht da war, fragten die Leute nach ihr und ihr Vater musste beteuern, dass sie bald wiederkäme. Karen erlernte später die Kunst des Marketing und heute hat sie zwanzig eigene Hotdogstände in der ganzen Stadt und ein kleines Lokal, wo es immer noch die Hotdogs nach dem Geheimrezept ihres Vaters gibt.
Und David? David liebte es schon als Kind, hinter der Mutter zu stehen und ihr beim Kochen zuzuschauen. Dabei löcherte er sie mit Fragen. Wie lange braucht der Braten? Welche Soße gibt man an Rucola? Wie verdickt man die Suppe? Fragen über Fragen. Seine Mutter war eine begnadete Köchin. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass David Koch lernte und schon früh erfolgreich war. Die kleine Küche, in der er lernte, bekam hin und wieder Cateringaufträge, die der Küchenchef an David abgab. Bald schon waren seine Kanapees gefragt und weil es ihm Spaß machte, leckere Kleinigkeiten für den kurzweiligen Genuss zuzubereiten, dauerte es nicht allzu lange, bis er sich mit einem eigenem Cateringservice selbständig machen konnte. So schafften es die drei Kinder, ihren Eltern einen schönen Lebensabend zu ermöglichen. Sie kauften ihnen eine schöne Wohnung in der Nähe des Central Park und besuchten sie, so oft es ihre Arbeit ermöglichte. Karen und Jonas waren beide verheiratet und neckten David wegen seiner oft viel jüngeren Freundinnen. Wenn er so darüber nachdachte, musste er ihnen recht geben.
„Irgendwie finde ich nicht die richtige für mich“, gab er dann meist zurück, „wer will schon jemanden haben, der ständig unterwegs ist?“
„Ich glaube, du suchst nicht einmal richtig“, sagte Jonas einmal zu ihm, „es sieht aus, als ob du vor etwas davonläufst, nur weiß ich nicht, was das sein sollte?“
David wusste es auch nicht. Dann traf er Annie, rannte förmlich in sie hinein und fühlte sich wie von einem großen Laternenpfahl geschlagen. Der berühmte Wink mit dem Zaunpfahl war eine Frau? Das musste er ergründen. Spontan beschloss er, sie wiederzusehen. Er ärgerte sich, weil er ihre Verabredung vergessen hatte, wollte er doch so schnell wie möglich wissen, was es mit dieser Frau auf sich hatte. Als er dann am Abend bei ihr war, konnte er nur über sie staunen. Sie war so unbeholfen und stark zugleich. Nach Verlassen der Wohnung hatte er noch den Geruch ihres Parfüms in der Nase und er spürte den Hauch ihrer Haare, die seine Wangen streiften, als er sie küsste.
Am nächsten Tag bestieg er den Flieger nach San Francisco. Eine kleine Independent Production drehte eine Dokumentation über die San Francisco Giants, ihre Geschichte und ihre Spieler und er sollte sie im Stadion verköstigen, da die Interviews längere Zeit in Anspruch nehmen würden. Er machte seine Arbeit sorgfältig, aber er hatte das Gefühl, dass die Zeit viel zu langsam verging. Seine Gedanken waren ständig bei Annie und ein Ende der Arbeit nicht in Sicht.
„Sag mal George, ist hier irgend ein Ende in Sicht?“ maulte David, als schon wieder die Klappe für die Aufnahme einer Filmszene fiel. Immer wieder musste er mit ansehen, wie ein und dieselbe Szene wiederholt wurde. Sicher war er kein Experte in Regie, aber ihm kam es so vor, als würde heute jede Szene genauso aussehen wie die vorherige. Doch der Regisseur fand ständig etwas neues, das ihm nicht gefiel. Das Licht, der Winkel, die Schatten, irgendeine blöde Falte an einer Hose und so standen sie in der brütenden Hitze und sahen ihr Essen langsam aber sicher zu unansehnlichen Klumpen zerschmelzen, die jeden Appetit im Keime erstickten. George zuckte mit den Schultern und verkniff sich lieber jeden Kommentar. Er hatte schon längst bemerkt, dass David noch ganz andere Sachen störten, als hier herumzustehen und ganz sicherlich hatten diese wenig mit ihrer Arbeit zu tun. David war schon oft genug auf Filmsets gewesen um genau zu wissen, dass es manchmal seltsame Gründe gab, warum ein Dreh noch einmal wiederholt werden musste. Da es dem Geschäft aber nicht schadete, im Gegenteil, je mehr Zeit sie am Set verbrachten, desto länger wurden sie ja bezahlt, hatte David bisher noch nie gemault. Schon als sie in San Francisco ankamen, bemerkte George, dass David sich anders verhielt als sonst und es wurde immer schlimmer je länger die ganze Sache dauerte. Er machte einen unkonzentrierten Eindruck und wurde sowohl mit sich selbst als auch mit anderen immer ungeduldiger. George arbeitete nun schon sehr lange mit David zusammen und in all den Jahren hatte George seinen Chef noch nie so erlebt. Da sie auch noch Freunde waren, nahm sich George vor, nach dem heutigen Arbeitsende David bei einem gemeinsamen Drink zu befragen.
David dachte an Annie. Ich will sie so schnell wie möglich wiedersehen. Ich will in ihre Augen schauen und herausfinden, was mich so an ihr fasziniert. Annie! Er konnte nicht verhindern, dass ein kleiner Seufzer seinem Mund entfloh. Ah, dachte George, das klingt eindeutig nach verliebt sein und grinste still vor sich hin. Das ist des Rätsels Lösung. Dieses Seufzen klingt nach: den hat's erwischt! Wer die schöne Unbekannte wohl ist? Für George war klar, dass es eine schöne Frau sein musste. Etwas anderes konnte er sich für seinen Freund nicht vorstellen.
Verflucht, ich will hier weg! Können die nicht endlich Schluss machen? Die werden es doch wohl heute noch schaffen, diese letzte blöde Einstellung hinzubekommen! David grollte mittlerweile innerlich. Er bemerkte weder das Grinsen seines Freundes noch die Hitze im Stadion. Bestimmt denkt sie, ich habe sie vergessen. Ich Idiot habe sie nicht mal angerufen. Sie hat so einen Trottel wie mich gar nicht verdient. Ich darf mich nicht wundern, wenn sie mich nie wiedersehen will. All diese Gedanken liefen zur gleichen Zeit in seinem Kopf herum. Diese neue Erfahrung verwirrte ihn ziemlich.
Endlich fiel auch die letzte Klappe und die Dreharbeiten waren beendet. Sechs Wochen hatten sie nun gedauert. Soviel zu einem schnellem Dreh. Vereinbart waren vier Wochen, doch Regen und der Ausfall zweier Spieler, die sich unbedingt die Köpfe wegen einer Frau einschlagen mussten, verlängerten die Drehzeit. David trieb seine Mitarbeiter an, alles zusammen zu packen. Er wollte so schnell wie möglich weg von hier. Normalerweise hätte er mit George nach Beendigung eines solchen Auftrages noch einen Drink genommen, aber er wusste, wenn er das täte, würde George ihm im Moment noch unangenehme Fragen stellen und er wollte seine Gedanken und Gefühle noch nicht anderen zeigen. Er hatte nur einen Gedanken: ab nach Hause!
„George, bitte kümmere dich um den Rest hier, ich weiß, du kannst das auch ohne mich erledigen. Ich kann einfach nicht mehr“, gab er resignierend zu.
„Kein Problem Boss, ich mach' das schon.“
David hörte nicht mehr zu. Er war schon auf dem Weg zum nächsten Taxi, um in sein Hotel zu fahren. Eine Stunde später saß er im Flieger nach New York. Mitten in der Nacht landete der Flieger auf dem Kennedy Airport und zwanzig Minuten später warf er die Reisetasche auf sein Bett. Er griff zum Telefon und wählte Annies Nummer. Als er ihre Stimme am anderen Ende hörte und die ungehörig späte Zeit bemerkte, verließ ihn der Mut. Schnell legte er auf, ohne ein Wort zu sagen. Müde legte er sich neben seine Reisetasche und schlief unruhig ein.
Für Annie vergingen die Tage nach dem ersten Treffen in ihrer Wohnung wie im Flug, doch je länger sein Anruf auf sich warten ließ, desto sicherer erschien es ihr, dass das ganze nur ein schöner Traum war. Sechs Wochen hatte sie nun nichts mehr von David gehört, sechs unglaublich lange Wochen. Sie glaubte nicht mehr daran, dass er je wieder von sich hören lassen würde und versuchte, ihren Alltagsrhythmus wieder zu finden, doch David hatte einen großen Eindruck hinterlassen. In ihren Träumen nahm er einen nicht unerheblichen Platz ein. Nicht selten schämte sie sich am nächsten Morgen für ihre erotischen Vorstellungen, in denen immer wieder David die Hauptrolle spielte. Doch je mehr Zeit verging, desto mehr verblassten diese Träume und es fiel Annie immer schwerer, das Bild dieses Mannes aufrecht zu erhalten. Mitten in der Nacht klingelt plötzlich das Telefon. Schlaftrunken hebt Annie den Hörer ab.
„Ja, wer da?“, doch am anderen Ende der Leitung bleibt es still. Ehe sie sich versieht, legt der unbekannte Anrufer wieder auf. Fragend betrachtet sie den Hörer. War das David ? Schlaftrunken verblasst der Gedanke schnell und sie schläft wieder ein. Schemenhaft durchstreift er ihre Träume.
Berdik vom Volk der Sondriken ist alt. Er durchstreift den Raum auf der Suche nach alten Dingen, die er in der einen oder anderen großen Station verkaufen kann. Seine langen, viergliedrigen Finger streichen über das Armaturenbrett seines kleinen Raumgleiters, als er in einiger Entfernung ein noch unbekanntes Objekt ortet. Mit einem Teleportstrahl saugt er das Objekt in seinen Laderaum. Mühsam steht er auf, um sich anzusehen, was er eben aufgefischt hat. Seine knochigen Beine sehen im Gegensatz zu seinem massigen Körper aus, als würden sie gleich zerbrechen. Doch die einzelnen Muskelstränge die zwischen den acht Beinen wie Netze wirken, verstärken die Tragfähigkeit. Der Körper ähnelt einem stumpfen, morastigen Wurzelstück. Aus allen Seiten stechen knorrige Äste wie Schläuche in verschiedenen Längen hervor, von denen die meisten schon lange keinen Nutzen mehr haben. Aus den anderen quillt stellenweise eine zähe Flüssigkeit, die dazu dient, den Körper feucht zu halten. Zwei kleinere Arme und zwei etwas größere Arme mit viergliedrigen am Ende leicht verdickten Fingern, sind die einzige Möglichkeit, zu erkennen, wo in etwa der Kopf mit den großen runden Augen sitzt, der übergangslos am Körper anliegt. Die leicht grün-grau verwaschene Farbe der Haut ist typisch für einen Sondriken der Mittelschicht. Sondriken der unteren Schicht haben nur eine Farbe, schlichtes Grau. Sondriken der gehobenen Schicht sind an verschiedenen Blautönen zu erkennen. Nicht, dass dies heute noch besonders wichtig wäre, denn Sondriken gibt es nur noch wenige in der Galaxie. Berdik gehört zu einer aussterbenden Art.
Langsam geht er in den Laderaum, um seine Beute genauer zu betrachten. Ein alter, recht großer Informationswürfel der Perloser steht vor ihm. Da die Perloser schon seit langer Zeit ausgestorben sind und er die Technologie des Würfels für zu alt hält, um damit noch Gewinn zu machen, schiebt er den Würfel zur Ladeluke, um ihn gleich wieder ins All zu befördern. Doch plötzlich beginnt der Würfel leise zu summen. Neugierig drückt Berdik eine kleine Taste, die er in einer Vertiefung im unteren Drittel der ihm zugewandten Seite entdeckt hat. Wie aus dem Nichts erscheint der Kopf eines schwarzen Drachen in einem sehr realistisch anmutendem holografischen Bild neben einer Anzahl von Koordinaten. Als Berdik das System erkennt, wechselt seine Hautfarbe vor Aufregung an einigen Stellen zu einem dunklen Grün.
Noch ein Blick zur Sicherheit, ja, das System ist ohne Zweifel das Kalorkasystem. Dieses ist das ursprüngliche Herkunftssystem der Perloser, die sich nach einer mysteriösen Katastrophe in alle Richtungen zerstreut hatten, um dann endgültig zu verschwinden. Nie hatte ein Perloser erzählt, was denn nun die eigentliche Katastrophe gewesen war und noch nach Tausenden von Jahren rätselte man in der Galaxie, was die Katastrophe verursacht haben könnte. Berdik hatte nun die Lösung dieser Fragen vor sich und er fürchtete die nächsten Fragen, die unvermeidlich auftauchen würden. Er musste seinen Fund unbedingt weitergeben. Gespannt blickte er auf das Hologramm und entdeckte an einer Stelle, dass sich das dargestellte System scheinbar wiederholte. Er konnte damit allerdings nichts anfangen und beschloss, so schnell wie möglich die große Harfenstation anzufliegen. Dort gab es vielleicht jemanden, der wusste, welches Geheimnis sich in dem rätselhaften Hologramm verbarg. Die Zeit drängte.
Blitze der Liebe
Blitze der Liebe
Annie sah die Aufregung vor der Schule und wunderte sich, was dort los sei. Widerwillig drängte sie sich in die vorderste Reihe. Ein langer Konvoi weißer Limousinen und nachfolgender Cateringfahrzeuge stand direkt vor den Toren ihrer Schule. Muskelbepackte Männer in schwarzen Anzügen überwachten das Geschehen auf den Bürgersteigen und hielten mit ihren überheblichen Blicken die Menge zurück, die näher an die schönen, teuren Wagen heran wollte. Annie sah einen rotblonden Schopf inmitten des Treibens und obwohl ihr Herz anfing, heftig zu pochen, überkam sie doch gleichzeitig eine unbändige Wut. Wie konnte er es wagen!? Was sollen denn ihre Schüler von ihr denken!? Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken als David aufreizend langsam die Treppe zum Schuleingang hinaufging und mit frech grinsendem Gesicht auf sie zukam. Mit gerötetem Gesicht versuchte sie, an ihm vorbei zu schauen, musste aber feststellen, dass dies alles nur noch schlimmer machte. Sie fühlte die Blicke der Schüler und der dazu gekommenen Lehrer, die das Schauspiel neugierig beobachteten und kam sich vor wie ein Kaninchen in der Falle. Nun sah sie, dass David einen kleinen Blumenstrauß vor sich hielt und offensichtlich tief Luft holte, als er vor ihr zum stehen kam.
„Ich habe Sie nicht vergessen, das war mir gar nicht möglich! Jeden Tag sah ich Ihr Bild vor meinen Augen, sah die Grübchen und die blauen Augen, die mich gerade anschauen, als ob sie mich fressen wollen. Bitte tun Sie es nicht! Lassen Sie mich ausreden, denn das, was ich Ihnen sagen möchte, fällt mir schwer genug!“
Abwartend sah sie ihn an.
„Ich habe Sie vor ein paar Wochen kennengelernt und mich, mag es auch unglaubwürdig klingen, in Sie verliebt. Ich bin hier, um es Ihnen zu sagen. Leider bin ich zur Zeit sehr beschäftigt und muss auch gleich zum nächsten Termin, so gerne ich auch hier und jetzt Zeit mit Ihnen verbringen würde. Ich bitte Sie, mir eine Chance zu geben und Sie bald wieder besuchen zu dürfen. Ich will sie wiedersehen. Darf ich!?“
Während der ganzen Ansprache blickte David ihr intensiv in die Augen und sie fühlte eine Art von Vertrautheit mit diesem Mann in sich aufsteigen, die es ihr leicht machte, seine Bitte zu erfüllen. Sie nahm den kleinen Strauß zarter, roter Rosen, den er ihr hinhielt und bemerkte ein kleines Kästchen, sorgfältig in den Rosenstängeln versteckt.
„Öffnen Sie es später!“, flüsterte er, als er ihren fragenden Blick sah. Verlegen betrachtete sie ihre Füße und nickte stumm, unfähig, auch nur irgendetwas zu sagen. Dann hob sie den Kopf, schaute David fest in die Augen und antwortete mit einem festen: „Ja!“
David schien erleichtert und lächelte. „Ich freue mich und werde bald wieder hier sein.“, versprach er, drehte sich um, lief die Treppe hinunter und stieg in die letzte der Limousinen ein. Der Konvoi setzte sich in Bewegung. Annie konnte nicht recht glauben, was gerade geschehen war. Ihre Freundin Margaret war mittlerweile neben ihr und jauchzte:
„Wow, was für ein Mann. Wo hast du denn den so lange versteckt?“
Annie war wie betäubt. Wie in Trance lenkte ihr Unterbewusstsein sie sicher die Treppe zum Schulgebäude hoch und durch die Eingangstür. Ihr Kopf rauschte, verstärkt durch das Gejohle und Gegröle der Schüler. Er ist in mich verliebt. Er ist in mich verliebt. Er ist in mich verliebt, in mich verliebt. In MICH verliebt. Die Worte wie ein Mantra vor sich hinmurmelnd setzte sie sich im erstbesten Klassenraum auf einen Stuhl und starrte den Strauß an. Nein, das war gerade nicht passiert. Langsam kam Annie wieder zu sich. Vorsichtig löste sie das kleine Kästchen aus den Stängeln und öffnete es vorsichtig. Zwei entzückend filigrane Ohranstecker als fächerförmige Orchideenblüten (Bulbophyllum annandalei), in Gold gefasst mit eingelegten hell-violetten Amethysten lagen auf schwarzem Samt.
„Oh mein Gott, sind die schön!“, rief Margaret, die Annie unbemerkt gefolgt war.
„Ja. Aber ich kann sie doch nicht annehmen.“
„Bist du verrückt? Da kommt ein absoluter Traum von einem Mann daher, erzählt dir vor ihm unbekannten Menschen, dass er in dich verliebt sei, schenkt dir diese ungewöhnlichen Ohrstecker und du willst sie nicht annehmen!? Du musst krank sein, wenn du glaubst, dass ich das auch noch zulasse!“
Annie musste wider Willen schmunzeln, als Margaret sich so aufregte.
„Nun gut, ich behalte sie.“
„Na und ob du sie behältst und wenn ich sie dir persönlich ans Ohr tackern muss!“
Annie bemerkte Margarets empörte Miene und musste lachen.
„Lach mich nur aus! Das wird dich nicht davon erlösen, mir jetzt gefälligst von diesem Mann zu erzählen!“
„Aber ich weiß doch kaum etwas über ihn!“, prustete Annie, „Ich habe ihn nur zwei mal getroffen!“
Annie erzählte Margaret alles, was bei ihren Treffen mit David passiert war und als sie endete, bemerkte sie verwundert, dass Margaret kicherte.
„Was ist denn so komisch?“
„Deine Regengeschichte!“, schmunzelte Margaret. Jetzt mussten sie beide herzhaft lachen. Als sie wieder Luft bekamen, beschlossen sie, die Schule zu verlassen und in das Café um die Ecke zu gehen. Dort redeten sie ausgiebig über die guten Neuigkeiten.
Inzwischen war David mit der Autokolonne unterwegs nach New Jersey zu einem neuen Drehort. Die bekannte Schauspielerin Esther Lerner, die so freundlich war, ihn in ihrem Wagen mitzunehmen, musterte den stillen Mann. Soviel Romantik, wie sie hier gerade erleben durfte, kannte sie sonst nur aus Filmen. Sie war beeindruckt. Sie kannte David schon lange und hatte ihn bereits mit der einen oder anderen Schönheit zusammen gesehen. Doch diese Frau entsprach so gar nicht dem Schönheitsideal, das David normalerweise mochte. Nicht, dass die Frau hässlich gewesen wäre, ganz und gar nicht. Esther gefielen die dunkelblonden Locken der gutgebauten Frau und sie hatte für einen kurzen Moment die blauen Augen bewundern dürfen, in die David bei seiner Ansprache tief versunken war. Sie war älter als die Dummchen, die er sonst ausführte und sie schien intelligent zu sein. Immerhin arbeitete sie als Lehrerin an jener Schule. Esther fand, dass diese Frau ausnehmend gut zu David passte und drückte ihm im Geiste die Daumen, dass alles gut verlaufen würde.
Zwei Wochen später rief David bei Annie an und lud sie zu einem Essen bei sich zu Hause ein. Er würde eine kleine Gesellschaft für gute Freunde geben. Aufgeregt überlegte Annie, was sie anziehen sollte und kam zu dem Schluss, dass sie sich so wenig wie möglich verstellen wollte. Sie entschied sich für eine dunkle Jeans und eine seidige, blaue Bluse, die ihre Augenfarbe betonte. Mit ein wenig Makeup und einer saloppen Bouclé Jacke aus Dupion Seide, die sie sich lässig über die Schulter warf, stieg sie in das eigens für sie bestellte Auto. Auf der Fahrt genoss sie den warmen Wind durch die offenen Fenster des Wagens. Es war ungewöhnlich warm in jenem April, erinnerte sie sich viele Jahre später.
Der Wagen hielt vor einem alten Haus in der Nähe des Central Park und ein Türsteher eilte herbei und ließ sie ein. Dann begleitete er sie zum Hauseingang, um ihr auch dort die Türen zu öffnen. Annie schaute sich kurz in dem Hauseingang um und bemerkte den schönen, gepflegten Marmorboden unter ihren Füßen. Ein kleines Mosaik an der rechten Wand schien einen Pan darzustellen, der gerade seine Flöte blies. Blüten verschiedener Blumen schienen unter seinen Hufen davon zu stieben und eine holde Maid schaute, hinter einem Baum versteckt, dem kleinen Hörnerträger beim spielen zu. Die Treppe und der Empfang, hinter dem ein weiterer Bediensteter stand, waren aus dunklem Holz und glänzten edel. Annie betrat eine andere, für sie neue Welt. Tief beeindruckt grüßte sie den Bediensteten am Empfang.
„Zu David Bentin bitte.“
„Jawohl Madam“, antwortete der Mann und führte sie zum Fahrstuhl um die Ecke. Sie stieg ein, er drückte den Knopf zum fünften Stock und ging zu seinem Platz zurück. Als Annie dem Fahrstuhl entstieg, stand sie im hell erleuchteten Flur zur Penthouse Suite. Leise Musik war hinter der noch verschlossenen Tür zu hören, vor der ein weiterer Bediensteter stand. Hoffentlich hat er mehr Gäste als Bedienstete, dachte Annie, als dieser ihr auch schon die Tür öffnete. Oh, ein waschechter Butler, schoss es ihr durch den Kopf, als ein Mann im vollendeten Smoking auf sie zutrat und nach ihrem Namen fragte.
„Sarah-Ann Wailey“, stammelte sie, etwas aus ihren Gedanken aufgeschreckt.
„Ich werde dem Hausherren Bescheid geben, darf ich schon mal Ihre Jacke an mich nehmen?“
Sie übergab dem Butler ihre Jacke und wartete.
„Ah, ein neues Gesicht!“, rief ein Mann ihr von der Tür aus zu. „Kommen Sie, kommen Sie! Bis dieser stocksteife Ristorn wiederkommt, können wir uns ja schon mal bekannt machen!“
Nur leicht widerstrebend ließ sich Annie von der tiefen Stimme locken, gehörte sie doch Cornell Belt, dem bekannten Schauspieler, den sie schon lange bewunderte.
„Hallo, ich bin Cornell, mit wem habe ich das Vergnügen?“
„Ich bin Annie Wailey und es ist mir eine Freude, Sie kennen zu lernen!“
„Ja klar, das sagen die hübschen Frauen immer, wenn sie mich sehen und am Ende bin ich ein Stückchen ärmer!“
Er grinste sie mit funkelnden braunen Augen über seine kleine runde Brille an.
„Aber keine Sorge, ich mache gerade Brautfangpause!“
„Das ist aber schade!“, gab Annie zurück, „ich dachte gerade kurz nach, ob ich eine kleine Aufbesserung meiner Finanzen gebrauchen könnte. Jetzt muss ich mir wohl ein anderes Opfer suchen. Wüssten Sie jemanden, der passen könnte?“
Mit schmollendem Mund schaute sie Cornell fragend an. Als David an die Tür kam, sah er Annie und Cornell lachend im Eingang stehen.
„Ah David, wo hast du nur diese Frau gefunden? Ich sag' dir was, wenn du nicht aufpasst, schnapp' ich sie dir glatt weg!“
„Du hast doch Brautfangpause, schon vergessen, wie viel dich deine letzte Frau gekostet hat? Komm Annie, dieser alte Lustmolch ist nichts für dich!“
Er zog Annie vom schallend lachenden Cornell weg in ein neben dem Eingang liegendes Zimmer.
„Ich bin so glücklich, dass du gekommen bist. Die zwei Wochen waren eine Ewigkeit für mich Annie.“
Er hob ihren Kopf ein wenig an und gab ihr zärtlich einen Kuss. Annie bekam weiche Knie, als sie vorsichtig den Kuss erwiderte. David wurde nun fordernder und Annie konnte nicht widerstehen, ihre Arme um seinen Nacken zu legen, um in seinen weichen Haaren zu wühlen. Sie waren beide erregt, doch die Vernunft gewann und sie trennten sich schwer atmend.
„Wir müssen zur Party, sonst fragen sich meine Gäste noch, wo ich geblieben bin und suchen mich. Ich glaube, es wäre nicht so gut wenn sie uns hier im stillen Kämmerlein fänden.“
Annie musste tief Luft holen, bevor sie ihm antworten konnte.
„Ja gehen wir!“ Verschmitzt schaute sie ihn von schräg unten an. „Das stille Kämmerlein kann uns im Gegensatz zu deinen Gästen nicht davon laufen.“
David rollte stöhnend mit den Augen und wünschte sich eine kalte Dusche.
„Versprich nicht, was du später nicht halten kannst“, flüsterte er ihr ins Ohr und strich ihr sanft über das Kinn. Annie nickte kurz und drehte sich zur Tür.
„Niemals. Komm, deine Gäste warten!“
Ein sanftes Lächeln begleitete das kurze Aufleuchten der Augen als sie bemerkte, dass David sich nur schwer beherrschen konnte. Außer Ristorn sah niemand die beiden aus dem Zimmer treten und als guter Butler verlor er natürlich kein Wort darüber.
Ristorn verehrte seinen Herrn, obwohl er das natürlich niemals zugegeben hätte. Ein Butler hat seinen Dienst zu tun, Gefühle sind da nicht gefragt. Gleichwohl fiel ihm auf, dass er seinen Herrn noch nie so gesehen hatte, als er ihn nun mit der unbekannten Frau aus dem Zimmer kommen sah. Das strahlende Gesicht und die leuchtenden Augen, die mit verzauberter Zärtlichkeit in das Gesicht der zuletzt gekommenen Besucherin blickten, sprachen Bände. Ristorn erlaubte sich, diese Frau etwas näher zu betrachten und fand, dass sie trotz der etwas unpassenden Jeans recht ansehnlich war. Ihr dunkelblondes Haar fiel weich um ihr ovales Gesicht, ihr sinnlicher Mund und die großen blauen Augen mit den leichten Lachfältchen strahlten anziehend. Die leicht stupsige Nase nahm dem Gesicht die Strenge, die es sonst durch das recht ausgeprägte Kinn vielleicht gehabt hätte. Sie war eine Frau, die wusste, was sie wollte, aber ohne dafür über Leichen gehen zu wollen. Die Augen schauten intelligent, freundlich, manchmal auch ein wenig verträumt. Also so gar nicht der Typ Frau, den David Bentin bisher bevorzugt hatte. Ristorn gefiel, was er sah und er fragte sich insgeheim, ob sein Herr endlich die Frau gefunden hatte, nach der er, Ristorns Ansicht nach, lange und vergeblich unter den falschen Damen gesucht hatte.
Bei den anderen Gästen angekommen, stellte David seine Begleiterin vor. Er sah erfreut, wie Annie sofort und ohne Probleme mit jedem plaudern konnte und war froh, sie in guter Gesellschaft zu wissen, während er sich um das Essen kümmerte. Als David in die Küche ging, sah Jonas Annie und staunte über die unbeschwerte Sicherheit, mit der die neue Flamme seines Bruders mit den vielen berühmten Gästen plaudern konnte. David hatte ihm von Annie erzählt und nun war er natürlich neugierig, welche Frau David dazu brachte, in solch ungewohnter Form zu schwärmen.
„Du mußt sie kennenlernen, ich bin sicher, du wirst sie mögen. Ich habe mich auf den ersten Blick verliebt. Ich fühle mich wie ein Schuljunge und würde am liebsten jeden Tag unter ihrem Fenster ein Ständchen für sie singen!“
David war völlig aus dem Häuschen, als er Jonas von Annie erzählte. Jonas konnte es bald nicht mehr hören, Annie dies, Annie das, selbst Karen versuchte, David aus dem Weg zu gehen, nur um sich seine Schwärmerei nicht mehr anhören zu müssen. Das musste ja eine Wunderfrau sein. Doch als Jonas jetzt zum ersten Mal die Gelegenheit hatte, Annie zu betrachten, konnte er kaum glauben, dass sie diejenige war, von der David redete, als wäre sie die Frau seines Lebens. Das hatte er nun schon zu viele Male getan und immer wieder hatte sich die 'Frau des Lebens' als totaler Flop entpuppt. Ja, Annie war völlig anders und zum ersten Mal glaubte Jonas seinem Bruder. Er wünschte, Karen wäre hier und könnte Annie sehen. Endlich hatte Jonas sich einen Weg durch die Menge gebahnt und lauschte nun dem Gespräch, das Annie gerade mit Esther Lerner führte.
„... und ich denke auch, dass die Kinder mit dem Überangebot, das sie heute durch das Internet bekommen, völlig überfordert sind. So viele Informationen, die zu unserer Kinderzeit gar nicht zur Verfügung standen, darunter jede Menge Infomüll oder noch schlimmer, gezielte bösartige Falschinformationen, überschwemmen nun Gehirne, deren Fähigkeiten dafür noch nicht ausreichen. Ich will damit nicht sagen, dass das Internet schlecht ist, aber es trägt auch sein Teil zur abnehmenden Konzentrationsfähigkeit der Kinder bei. Wenn Schulen das Medium Internet weiterhin nutzen wollen, dann sollte man sich überlegen, wie man den Kindern ein sinnvolles Verarbeiten der darin vorhandenen Informationen näher bringt. Ich gebe meinen Kindern, zum Beispiel bei der Informationsbeschaffung, vor, welche Seiten sie ausschließlich benutzen dürfen. Das gibt ihnen Orientierung und schließt verwirrende Desinformation aus. Bücher sind nicht out und ich versuche, meinen Schülern Liebe zu Büchern zu vermitteln, auch zu ausländischen. Im vergangenen Jahr bin ich mit ihnen 'Nils Holgerssons wundersame Reise' durchgegangen, ein wunderbares Werk, das Selma Lagerlöf über ihr Land und seine Bewohner geschrieben hat. Anfangs haben die Kinder gemurrt, aber als wir das Leben in der damaligen Zeit, das Lagerlöf beschreibt, mit der heutigen Zeit verglichen, wurde doch noch eine spannende Zusammenarbeit daraus.“
Garreth Britt, ein Jungstar aus einer Fernsehserie meldete sich zu Wort.
„Ich habe Nils Holgersson nur als Zeichentrickserie gesehen!“
Annie schmunzelte: „Ich kenne die Serie und habe sie ausschnittweise den Kindern vorgeführt. Obwohl sie für damalige Verhältnisse nett gemacht ist, zeigt sie meiner Meinung nach nur ansatzweise, was Lagerlöf uns in ihrem Buch beschrieben hat.“
„Das klingt, als sollte man das Buch unbedingt gelesen haben“, warf nun Iris Konkin, eine junge, noch unbedeutende Schauspielerin, die gerade ihre erste Rolle ergattert hatte, in die Runde.
„Auf jeden Fall!“, gab Annie zurück, „sofern man sich dafür interessiert, wie Menschen ihr Land erleben.“
Du großer Gott, dachte Jonas, eine Intellektuelle! Das kann ja heiter werden.
„Na ja“, meinte Iris, „es gehört ja irgendwie zu unserem Beruf, sich mit anderen Kulturen auseinander zu setzen, finde ich, aber manchmal ist es schwer, herauszufinden, welche Werke konkrete und korrekte Informationen liefern.“
„Letztendlich ist es gar nicht wichtig, ob die Geschichten, die Schriftsteller einem erzählen, auch wahr sind, denn die Art und Weise, wie sich jemand ausdrückt, sagt dem aufmerksamen Leser bereits sehr viel über die Kultur, aus der dieser stammt. Ein französischer Schriftsteller wird in seinen Büchern durch seine Wortwahl immer auch französische Kultur darstellen, ein irischer würde dieselbe Geschichte auf irische Weise erzählen und so weiter.“
„Hm, so hab' ich das noch nie gesehen, das würde ja bedeuten, dass 'Der Spieler' von Dostojewski ganz anders klingen würde, wenn er zum Beispiel von Emile Ajar erzählt worden wäre.“
„Ja, ganz bestimmt, weil die Herkunft eines Schrifstellers unbewusst und völlig natürlich auch in seinen Texten aufscheint.“
„Was meinen Sie? Ließe sich das auch auf Filme ausweiten?“ fragte nun Esther die sich neugierig geworden zu der Gruppe hinzugesellte.
„Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, aber wenn Sie so fragen, stelle ich mir gerade vor, dass sich das bestimmt auf fast jede Form von Kunst übertragen lässt. Ein gutes Beispiel ist der Film 'Drei Männer und ein Baby'. Das amerikanische Remake hatte einen völlig anderen Charme als das französische Original. Eigentlich beide gleich und doch so anders.“
Annie grinste über das ganze Gesicht. „Sie haben mich gerade auf eine Idee gebracht, das wäre ein hervorragendes Thema für meinen Unterricht. Damit könnte ich leicht ein ganzes Schuljahr füllen!“
„Oh, was unterrichten Sie denn?“, fragte Iris.
„Sozialkunde und Kunst“, erklärte Annie und stimmte in das ausbrechende Gelächter ihrer Zuhörer ein.
„Da haben wir ja was angerichtet!“, prustete Garreth, „sagen sie den Kleinen bloß nicht, dass sie die Idee von uns haben. Die schauen sich schon aus Protest nie wieder einen Film von uns an!“
„Oh doch, wenn ich Sie als Thema aufgebe, schon!“, schmunzelte Annie.
Nun musste auch Jonas in das Gelächter einstimmen. Er empfand Annie als erfrischend und als entschieden zu gut für seinen lausigen Bruder, der viel zu lange gebraucht hatte, um diese Frau zu finden. Er begab sich in die Küche zu David und fand ihn in einer alten Kochschürze vor dem Anrichtetisch, fein säuberlich frische Garnelen auf Teller legend. Die Schürze kannte er doch? Sie erinnerte ihn an Weihnachtsgans und geröstete Kastanien, an graues Haar, streng zu einem Dutt gebunden und an zärtlich geschwungene Kochlöffel, die auf ihre Hände sausten, wenn er und seine Geschwister die Finger mal wieder zu tief zum naschen in die Schüsseln gesteckt hatten, verbunden mit der leicht strengen, aber immer auch lächelnd hervorgebrachten Mahnung, dass sie sich durch zu häufiges naschen den Magen verderben würden. Es war eindeutig Großmutters Schürze. Wo hatte er die denn ausgegraben? David sah den leicht irritiert dreinblickenden Bruder mit fragenden Augen an.
„Na, soll ich dir eine Schüssel zum naschen hinstellen?“ Jonas ging nicht auf das verlockende Angebot ein.
„Du willst dich doch damit nicht etwa bei deinen Gästen sehen lassen? Die werden an deiner geistigen Gesundheit zweifeln, wenn sie dich in Großmutters Schürze erblicken!“
„Ich habe Annie versprochen, bei unserem nächsten Treffen für sie in dieser Schürze zu kochen!“
„Ach so, ich dachte schon, du seist jetzt völlig verrückt geworden!“
„Ja, mein Bruder, ich bin völlig verrückt nach Annie!“
„Dann sag ich dir jetzt was David: wenn du es dir mit diesem Mädel verdirbst, lasse ich dich mitsamt dieser verrückten Schürze einweisen!“
Er musste grinsen, als er aus den Augenwinkeln das verdutzte Gesicht seines Bruders sah während er die Küche verließ. Als David seine Überraschung überwunden hatte, freute er sich über die brüderliche, wenn auch ungewöhnliche Bestätigung, die richtige Frau getroffen zu haben. Jetzt musste er nur noch diesen Kochschürzenauftritt überleben. Jonas ging direkt zu Annie.
„Hallo, Sie müssen die Wunderfrau sein, die meinen Bruder dazu bringt, Großmutters Schürze zu tragen. Er hat sogar die Spitzen bügeln lassen!“
„Ich hab ihm nur gesagt, dass ich nicht glaube, dass er so etwas hat. Nun bin ich aber gespannt!“
„Sie wollen ihn doch damit nicht im Ernst aus der Küche kommen lassen?“
„Aber ich habe doch noch nie eine taubengraue Schürze mit einem Kochtopf drauf und Spitzen dran gesehen. Das wollen Sie mir doch nicht etwa vorenthalten?“
Dem spitzbübischen Lächeln in Annies Gesicht konnte nun auch Jonas nicht widerstehen und lachte herzhaft.
„Sie haben recht, diese Schürze hat Seltenheitswert und sollte unbedingt allen gezeigt werden!“
„Ah, die Schürze! Da kommt sie schon mit meinem Bruder zur Tür herein!“
David betrat das Zimmer mit einer Platte hors d'oeuvre, über dem schwarzen Anzug eine taubengraue Schürze, auf der ein riesiger Kochtopf mit leicht geöffnetem Deckel prangte. Eine Languste streckte ihre Fühler aus dem Topf, als ob sie entkommen wollte. Doch die beiden Kochlöffel rechts und links neben dem Topf sahen gnadenlos aus. Als Annie und Jonas die angesichts dieser recht ungewöhnlichen darstellenden Kunst erstaunten Gesichter der übrigen Besucher sahen, prusteten sie los. Davids empörtes Gesicht gab ihnen den Rest. Sie konnten sich kaum noch halten vor Lachen. Einige der Besucher schmunzelten und es war nicht eindeutig zu erkennen, ob über die Schürze oder die beiden, die so hemmungslos lachten. Ungerührt stellte David die Platte ab und wandte sich seinen Besuchern zu.
„Wie Sie sehen, trage ich heute zu Ehren meiner Großmutter ihre Lieblingsschürze. In Gedenken an sie und weil mich eine gewisse Person dazu herausgefordert hat, serviere ich Ihnen heute eine Auswahl kleiner Leckereien, deren Zubereitung ich einst von Großmutter gelernt habe. Guten Appetit!“
Er drehte sich nonchalant um und verschwand wieder in die Küche. Noch bevor der Applaus seiner Gäste verebbte, ertönte schallendes Gelächter aus der Küche.
„Also Schürze hin oder her, ich habe Hunger!“, rief Cornell Belt und füllte sich einen kleinen Teller mit verlockend duftenden Speisen. Garreth Britt sah noch etwas irritiert aus, griff aber ebenfalls entschlossen zu.
„Ich hoffe, die Languste hat es inzwischen in die Freiheit geschafft“, witzelte Iris, „und liegt nicht hier auf der Platte.“
„Ich fände es nicht schlimm“, meinte Esther, „ich liebe Langusten, aber den Kochlöffeln möchte ich nicht begegnen!“
Sie drehte sich zu David um, der gerade mit der nächsten Platte reinkam.
„Oh David, ich muss schon sagen, dieses grau steht Ihnen wirklich gut. Sie sollten sich einen Anzug in dieser Farbe machen lassen. Allerdings ohne die Spitzen!“
Als Annie sich vorstellte, wie David wohl darin aussehen würde, musste sie wieder lachen.
„Gute Idee Esther Darling, ich habe nächste Woche einen Termin bei meinem Schneider, dann werde ich so einen Anzug in Auftrag geben!“ David amüsierte sich königlich.
Es war ein wundervoller Abend und Annie wurde bewusst, dass sie sich schon lange nicht mehr so gut unterhalten hatte. Trotzdem konnte sie das Ende der Party kaum erwarten. Immer wieder fühlte sie Davids heiße Blicke im Gesicht und hatte ständig Angst, zu erröten.
Als endlich der letzte Gast gegangen und auch Ristorn schon längst zu Hause war, setzte Annie sich in einen der gemütlichen Sessel auf der Terrasse und bestaunte die Lichter der Stadt.
„Und ich habe immer gedacht, dass mir Spitzen besonders gut stehen würden.“
David war leise neben sie getreten und betrachtete andächtig die Schürze, die er in den Händen hielt. Annie nahm die Schürze nochmal in Augenschein.
„Aber nicht mit dieser Schürze. Ich stelle mir eher eine Spitzenkrawatte auf grauseidenem Hemd vor.“
„Warum habe ich nur das dumme Gefühl, du willst mich vor dieser Welt lächerlich machen?“
„Nein, will ich nicht,“ beteuerte Annie. „im Gegenteil, ich will dich in einem besseren Licht zeigen. Stell dir mal vor, das würde der große Moderenner werden, dann wärest du doch ein Vorreiter. Das ist doch etwas, oder?“
„Eher der große Vorspinner.“ David legte seine Hände auf Annies Schulter und massierte sie sanft.
„Vorreiter, Vorspinner, egal, Hauptsache vor.“
Annie legte ihren Kopf in den Nacken und lächelte David an. Langsam senkte er seinen Kopf und küsste sie sanft. Immer fordernder erforschte er mit seiner Zunge ihren aufreizenden Mund. Annie zitterte, sie konnte nicht sagen, ob mehr vor Kälte oder vor Lust. Als David ihre Erregung bemerkte, unterbrach er den Kuss und zog sie vorsichtig aus dem Stuhl.
„Komm Annie, hier draußen ist es kalt geworden.“
Willig ließ sie sich in das warme Zimmer ziehen.
Audon war schon lange vor den anderen ins Hinterland gezogen. Immer mehr von ihnen siedelten sich in dem kleinen Tal an, weit entfernt von den großen Städten. Sie alle flüchteten, obwohl sie nie verfolgt wurden. Doch die anderen Fenrys fühlten sich in ihrer Gegenwart unwohl. Nicht nur ihre Fellfarbe war anders, sondern auch die Dinge, die sie konnten. Da die Fenrys von Natur aus friedliebende Wesen waren, wollten sie Problemen lieber aus dem Weg gehen. Audon sah, wie immer mehr von ihnen ihm folgten und er wusste nicht, was er davon halten sollte. Er gehörte nach wie vor dem Hohen Rat an. Als er bei der letzten Sitzung erschienen war, hatte er ein ehrfürchtiges Staunen bei seinen Ratskollegen bemerkt und ihr Flüstern gehört. Er war sich nicht sicher, wie er damit umgehen sollte und bemühte sich daher, es zu ignorieren. Trotzdem war ihm nicht wohl bei der Sache.
„Warum sind wir so anders, Großvater?“ riss ihn die Stimme seines Enkels Beldin aus den Gedanken. Sorgenvoll betrachtete er das blaue Fell des Jungen.
„Das kann ich dir nicht sagen. Niemand kann sagen, warum wir so sind, wie wir sind. Unsere Fähigkeiten machen anderen Angst, aber sie würden uns nie etwas antun. Wir sind hierher gezogen, um herauszufinden, wie wir unsere ungewöhnlichen Fähigkeiten in den Griff bekommen können. Niemand macht es Spaß, wenn du ihm plötzlich in den Gedanken herumschnüffelst oder Gegenstände vor seiner Nase herumfliegen. Sandron kann ein Schutzschild um sich herum aufbauen und alle stoßen sich daran. Bolgen umflattern ständig kleine Feuerblitze. Zu mir kommen die anderen, wenn sie verletzt sind. Ja und du, du kannst schweben. Wohin soll das noch führen? In ihrer Güte hat die große Weisheit uns Gaben geschenkt und manch einer von uns fängt an, diese Gaben zu seinem Vorteil zu nutzen. Ich glaube nicht, dass das richtig ist. Der Zeitpunkt, an dem wir wissen, welche Aufgaben wir lösen müssen, wird kommen. So lange lernen wir und warten auf den Tag unserer Bestimmung.“
Still setzte sich Beldin neben seinen Großvater und blickte in das grüne Wasser des Sees vor ihnen. Sanfte Hügel umgaben den von blauen Wäldern umsäumten See. Bunte Grimmeln schwirrten hoch über den Bäumen auf der Suche nach Nahrung. Das Pfeifen eines Brag, ein kleiner Ball mit vier Flügeln, scheuchte eine kleine Herde Beasylts auf, die auf der anderen Seite des Sees friedlich zum trinken zusammen standen. Die Beasylts hatten gerade ihre langen Hälse, auf denen ein runder Kopf mit bunten Federn saß, in das Wasser gesenkt, als der Pfiff des Brag ertönte. Schnell sprangen sie mit ihren kurzen aber kräftigen Beinchen auf. Der Brag hatte hoch oben in den Ästen des Sringgarbaumes einen Hevinkli gesehen. Der noch recht junge Räuber hatte ebenfalls Durst und näherte sich der Wasserstelle. Mit ploppenden Geräuschen schlossen sich die Blütenblätter der Kaltiblüten, als die flüchtenden Beasylts vorbei rannten. Ihre feinen Sensoren, die dazu dienten, kleine Insekten zu fangen, spürten die Erschütterung der flüchtenden Tiere. Der Hevinkli schaute den davon sprintenden Beasylts gleichgültig hinterher. Das Blut an seiner Brust zeigte den aufmerksamen Beobachtern, dass er bereits Beute geschlagen hatte und nicht mehr hungrig war. Laut brüllte er der Herde hinterher, wie um ihnen zu sagen, dass er sich später um sie kümmern wolle, dann knickte er seine langen Vorderläufe ein und senkte seinen, mit Federn geschmückten Kopf, tief ins Wasser und trank. Immer wieder hielt er inne, um mit seinen roten Augen, die sich seitlich am länglichen Schädel befanden, die Umgebung zu beobachten. Sein blaues Fell verschmolz mit den Farben der Wälder. Die Muskeln seiner hinteren Sprungbeine blieben stets angespannt. Da er kaum größer als die etwa einen Meter hohen Beasylts war, musste er die größeren Räuber des Waldes genau so fürchten, wie die Beasylts ihn. Bald hatte der Hevinkli genug getrunken und das Blut auf seiner Brust war vom Wasser des Sees weggewaschen. Langsam stand er auf und lief wieder in den Wald hinein. Die zartrosa Kaltiblüten öffneten sich ganz vorsichtig wieder und der Brag kehrte zurück auf seinen Ausguck ganz oben auf dem Sringgarbaum.
Der zweite Mond auf Fenry war gerade angebrochen. Noch brach sich das Licht der grünen Sonne in den weißen Wolken über ihnen, als Audon und Beldin sich schweigend auf den Weg nach Hause machten. Belgan hatte bereits das Essen fertig und nach einer kurzen Danksagung an die große Weisheit aßen sie stillschweigend ihre Mahlzeiten. Belgan, Audons zweite Frau, hatte ein leuchtend gelbes Fell. Sanft kräuselten sich kleine Fellsträhnen über ihre stets Freude ausstrahlenden, grünen Augen. Audon war dankbar dafür, dass seine zweite Frau mit ihm gekommen war. Seine erste Frau konnte sein blaues Fell nicht ertragen und hatte sich einen zu ihrem orangefarbenen Fell besser passenden Mann gesucht. Audon war nach einer Nacht, die er draußen im Wald verbracht hatte, mit blauem Fell aufgewacht. Tief verstört kam er damals nach Hause und sah den Ekel in Barkas Augen, als sie ihn erblickte. Als nach einigen Wochen, in denen er sich mehreren Untersuchungen unterzog, feststand, dass er die blaue Farbe nie mehr loswerden würde, zog Barka aus und nahm die Kinder mit.
In den nachfolgenden Monaten stellte Audon fest, dass Wunden, die er sich bei der Jagd oder zu Hause zuzog, schnell heilten. Auch war ihm so, als ob er die Gedanken seiner Freunde hörte oder dass er empfand, was sie empfanden. Jahre vergingen und Audon war nun in der Lage, andere Fenrys und Lebewesen durch auflegen seiner Pfoten mit den langen Fingergliedern zu heilen. Hatte einer eine Schnittwunde, war sie plötzlich bei ihm an der gleichen Stelle zu sehen. Dort heilte sie dann. Auch Krankheiten konnte er so heilen. Immer wieder kamen auch Schwerkranke zu ihm und obwohl er wusste, welchen Schmerzen er sich mit ihrer Behandlung aussetzte, zögerte er nie und nahm die Krankheiten auf sich. Eines Tages wurde Belgan zu ihm gebracht. Sie hatte sich bei einem Sturz mehrere Knochen gebrochen und innere Verletzungen erlitten. An ihrer Heilung wäre Audon fast gestorben, doch die geheilte Belgan blieb an seiner Seite und pflegte ihn gesund. Nie zuvor hatte sich jemand darum gekümmert, wie es ihm bei der Heilung anderer erging. Er war Belgan genau so dankbar für ihre Anteilnahme, wie sie ihm für ihre Heilung. Auch seine Fellfarbe war für sie überhaupt kein Problem und bald verliebten sie sich ineinander. Das lag nun schon mehrere Jahrzehnte zurück und Audon und Belgan bereuten nie, dass sie ein Paar geworden waren. In dieser Zeit hatten nicht nur sie, sondern auch andere Paare blaufellige Kinder bekommen .
Irgendwann beschloss der Hohe Rat, dass es besser sei, wenn sich jemand dieser Kinder annehmen würde, da einige ihrer Eltern Probleme hatten, mit ihnen fertig zu werden. Audon und Belgan machten den Vorschlag, eine andere Siedlung in der Nähe des Songangebirges zu eröffnen und die problematischen Kinder mitzunehmen. Das Tal, das sie sich aussuchten, lag an einem malerischen, eiskalten See inmitten schneebedeckter Gebirgszüge. Die Wahl des Siedlungsortes stieß auf Zustimmung und wurde genehmigt. So entstand Songani, wie sie ihre neue Siedlung nach den umgebenden Bergen nannten. Dort unterrichtete Audon die Kinder darin, ihre Fähigkeiten zu beherrschen und Belgan, die zuvor schon als Lehrerin gearbeitet hatte, in allem anderen. Auch die Eltern, die weniger Probleme mit ihren außergewöhnlichen Kindern hatten, folgten bereitwillig. Der Hohe Rat und die zurückgebliebenen Fenrys aber waren froh, ein unbequemes Problem auf solch friedliche Weise gelöst zu haben.
Die Impfung
Die Impfung
Leichter Nieselregen fiel auf die staubigen Straßen der von der Sommerhitze ausgetrockneten Stadt. Der langersehnte Regen reinigte die nach Abgasen stinkenden Häuserschluchten und verbreitete einen angenehm frischen Duft feuchter Erde zusammen mit dem der Blumen und Bäume des großen Parks. Um ihn herum schmiegten sich die Häuser wie ein Schutzschild. Nebel kroch an den Wänden der Häuser empor und waberte in den umliegenden Straßen. Die Menschen würdigten den Nebel keines Blickes. Sie hetzten, bereits früh von unsichtbarem Ehrgeiz oder anderen Kräften angetrieben, ihrer Arbeit entgegen. Hin und wieder blieb ein Kind, an der Hand der Mutter auf dem Weg zur Schule oder in den Kindergarten, kurz stehen und reckte schnuppernd die Nase in die Luft, um gleich darauf zur Eile angetrieben zu werden. Im seinem Gesicht leuchtete kurz ein kleines Lächeln, als ob es ein Geheimnis bewahrte, das die Erwachsenen längst vergessen hatten. Unwillig ließ es sich weiter ziehen, in einen ungewissen Tag. Manch ein Vorbeieilender sah die versonnenen Kinder und trauerte seiner verlorenen Kindheit hinterher, in der träumen noch erlaubt war. Andere reckten ebenfalls die Nase in die Luft, um heraus zu finden, was die Kinder zu ihrem seltsamen Verhalten trieb. Längst hatten sie den Geruch der Erde aus ihrem Gedächtnis verloren, war er doch im Laufe ihres Lebens von so vielen anderen mehr oder weniger wichtigen Düften und Gerüchen überlagert worden. Nun weckte er Erinnerungen an verspielte Nachmittage in der Kinderzeit in den ausgedehnten Grünflächen des Parks oder an die kleinen Heimatstädte, die viele verlassen hatten, um in der großen Stadt ihr Glück zu finden. Hier scheiterte manche große Idee, doch andere gingen ihren Weg erfolgreich, nur um festzustellen, dass sie trotzdem nicht glücklich wurden. Fast konnte man die kleinen Seufzer hören, die den Lippen der Menschen entwichen. Doch sie verflogen schnell, denn die Arbeit wartete, der nächste Termin stand bevor und die Zeit hat kein Mitleid für Träumer. Selbst mancher Jogger, der im Park über die dampfenden Wege lief, ignorierte den Duft der Natur.
Annie holte tief Luft, atmete ihre Stadt ein und beobachtete, wie der rötliche Schein der Morgensonne langsam an den umliegenden Hochhäusern empor kroch. An manchen Stellen schillerten kleine Regenbögen in den Fenstern, an denen das Regenwasser langsam ablief. Die Stadt erwachte zum Leben. Auf den Straßen nahm der Verkehr zu, die ersten Krankenwagen jagten mit heulenden Sirenen vorbei und die Blaulichter der Polizeiwagen funkelten in den Fenstern, an denen sie vorbeifuhren. Die Bäckereien liefen auf Hochtouren und der Geruch der feuchten Erde und der Pflanzen im Park vermischte sich nun mit dem von Kaffee und frischen Brötchen. Mit dem zunehmenden Autoverkehr vereinten sich Abgase und Kanalisation zu jenem alles durchdringenden Geruch. Bald war auch der letzte Hauch von Frische, den der Regen herbei gezaubert hatte, verdrängt von den alltäglichen Gerüchen der großen Stadt. Der Nebel löste sich auf und selbst der Regen schien sich vor der Gnadenlosigkeit der modernen Zivilisation zurückzuziehen. Erneut begann die Sonne einen heißen Tageslauf und erstickte die Stadt mit ihrer Hitze.
Annie saß auf Davids Terrasse und schaute versonnen auf das Schauspiel von Licht und Schatten, das einmal mehr mit der morgendlichen Sonne in den Straßen New Yorks begann. Sie war hier aufgewachsen und konnte niemandem erklären, was sie an dieser Stadt liebte. Vielleicht den Lärm, der die Stadt mit rastloser Hektik erfüllte, den Verkehr, der sich wie ein schimmernder Fluss durch die Straßen schlängelte? Wolkenkratzer ragten atemberaubend in die Höhe, scheinbar im Wettstreit mit den Wolken. Ihre Fensterfronten spiegelten nicht nur das Licht, sondern auch das Leben um sie herum in allen möglichen Formen und Farben. Die Sirenen von Polizei und Feuerwehr signalisierten Schutz und Sicherheit in dieser mitunter unbarmherzigen Welt. Sie vermittelten einen Funken Hoffnung, wo an so vielen Straßenecken Hoffnungslosigkeit steht und bettelt, fixt oder sich dem Nächstbesten anbietet. Licht und Schatten in allen Varianten in diesem Dschungel aus Hass, Liebe, Freude, Angst und all den anderen Dingen, die das Menschsein ausmachen. Die große Freiheit zu wählen, wie man sich sein Leben gestalten will, auf engstem Raum. David war neben sie getreten und begnügte sich damit, Annie nur anzusehen. Sie war ihm ein Rätsel, das es zu ergründen galt. So viele Wochen waren nun schon vergangen seit der Party und noch immer wusste David nicht, was ihn an Annie so faszinierte. „Kannst du die kleinen Kaninchen dort hinten auf der Wiese sehen? Sie werden gleich in ihre Bauten springen, um sich vor den Massen, die den Park betreten, zu verstecken. In der Nacht ist der Park ihr Revier, ihre Heimat. Ich frage mich manchmal, wie es sich in den Kaninchenbauten wohl anhört, wenn tausende von Füßen über ihren Köpfen trampeln?“
„Nun, immerhin müssen sie nicht auch noch den Straßenlärm über sich ertragen wie die Millionen von Ratten unter der Stadt, also haben sie es ja noch gut getroffen.“
„Vielleicht knoten sich die Kaninchen ihre langen Löffel einfach eng um den Kopf und schotten sich so von allen störenden Geräuschen ab?“, sinnierte nun auch David. Annie versuchte, sich dies vorzustellen.
„Hm, als ob sie Ohrenschützer tragen würden. Ja, das könnte hinhauen. Allerdings stelle ich mir das recht anstrengend vor, so den ganzen Tag lang. Ich meine, stell dir das mal vor: tausende von Kaninchen mit verknoteten Ohren in ihren Bauten. Meinst du, die merken dann noch, wann der Krach aufhört?“
David war nicht in der Lage, ihr zu antworten, da er sich vor lachen kaum noch halten konnte. Annie sah David an und merkte, wie sich bei ihr langsam aber sicher das Verlangen ausbreitete, mitzulachen. Es gelang ihr nicht, es zu unterdrücken und nun prustete es heftig aus ihr heraus. Ristorn in seiner unendlichen Güte und geschulten Gleichgültigkeit deckte den Frühstückstisch und stellte sich, geduldig auf das Ende des Heiterkeitsausbruchs der beiden wartend, an die Terrassentür, um den gedeckten Tisch zu melden. Als ihm dies endlich gelang und Annie und David ihre Plätze einnahmen, servierte er gelassen das Frühstück.
„Ich wünsche Ihnen eine guten Morgen“, begrüßte er sie nun und verließ hoch erhobenen Kopfes den Raum.
„Ich glaube langsam, dein Butler mag mich immer weniger“, vermutete Annie.
„Unsinn, ich wette, dass er in der Küche gerade meiner Haushälterin erzählt, wie glücklich du mich machst“, lächelte er Annie an und erfreute sich, nicht zum ersten Mal seit er sie kannte, an der leichten, zarten Rötung, die über ihr Gesicht huschte.
Mrs. Truder, Davids Haushälterin, wusste schon lange, was Ristorn von Annie hielt und war mit ihm einer Meinung. Annie tat David gut. Schon lange hatte sie ihren Arbeitgeber nicht mehr so ununterbrochen glücklich gesehen. An jedem Morgen, wenn Annie hier übernachtete, bemerkte sie mittlerweile, dass Ristorn tatsächlich lächeln konnte, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Das an sich war schon Wunder genug, dass sie aber jemals so weit gehen könnte, Ristorn als nicht völlig unattraktiv einzustufen, wäre ihr noch vor Wochen nicht im Traum eingefallen. Mrs. Truder war nun schon seit sieben Jahren Witwe und die Arbeit bei David half, ihre kleine Rente aufzubessern, die sie seit dem Tode ihres Mannes bekam. Sie hatte eine geistig behinderte Tochter, die sie so in ein besseres Heim schicken konnte, wo man sie ihren Bedürfnissen entsprechend gut versorgte. Sie war David dankbar und liebte ihn wie einen Sohn. Sie hatte schon oft das mitunter recht zweifelhafte Vergnügen gehabt, die eine oder andere Liebschaft Davids kennen zu lernen. Keine von ihnen war wie Annie und sie hoffte stark, David würde klug genug sein zu sehen, was er an dieser Frau hatte.
Damit stand sie nicht allein. Auch Davids Geschwister fanden, dass ihr Bruder endlich erwachsen geworden sei. So waren sie auch nicht wirklich verwundert, als David ihnen etliche Wochen später einen wunderschönen blaugefärbten Diamantring zeigte, mit dem er bei Annie um ihre Hand anhalten wollte. Tagelang machte er sich Gedanken darum, wie, wo und wann er das am besten tun solle. Ganz sicher hatte er nicht an einen trostlosen, regnerischen und windigen Tag gedacht, an dem seine Sandwiches am Set durch einen Windstoß in eine Pfütze fielen, sein Freund George an diesem Tag zu allem Überfluss krank war, so dass Annie aushalf. Nein, ganz sicher auch nicht an die kleine Stufe des Bürgersteiges, über die er stolperte, während er versuchte, das letzte Tablett mit Leckereien in Sicherheit zu bringen, mit diesem über Annie fiel und ganz sicher nicht, dass er im Dreck hockend verzweifelt auf das kleine Ringetui blicken würde, das aus seiner Tasche direkt vor Annies Füße purzelte. Ebenso wenig hatte er sich vorgestellt, dass seine Angebetete angestrengt versuchte, nicht zu lachen, was ihr definitiv genauso wenig gelang, wie all den anderen, die Davids Sturz mitbekamen. durchnässt und mit Pfützenflecken im Gesicht schnappte er sich das Etui und rutschte auf Knien zu Annie hin.
„Geliebte Annie, könntest du für einen, wenigstens einen kleinen, Moment darauf verzichten, deine Grübchen über meinen triefenden Haaren leuchten zu lassen und mir gefallenem Mann sagen, ob du meine Frau werden willst?“
Damit öffnete er das Etui und hielt es Annie mit tropfendem Gesicht und Mitleid heischendem Dackelblick hin.
Immerhin schaffte er es noch, nach ihrer Hand zu greifen. Dies war, wie sich herausstellte, keine besonders gute Idee, denn ein weiterer Windstoß ließ ihn erneut umkippen und da er sich gerade verzweifelt an Annies Hand festhielt, zog er sie mit sich zu Boden. Da lagen sie nun beide im Dreck. Der Diamant glitzerte mit den Tropfen des Regens in ihren Haaren um die Wette. Um sie herum war das Gelächter verstummt. Man konnte die Stille fast greifen, so gespannt waren alle. Annie schaute David leicht schmunzelnd an:
„Ich bin es ja durchaus schon gewohnt, dass man in deiner Nähe aufpassen muss, nicht mit Essen beworfen zu werden, aber mal ehrlich, ich hätte dich auch schon für ein Sandwich genommen, ein ganzes Tablett scheint mir selbst für meinen Appetit übertrieben zu sein.“
Den Applaus und das Lachen der Umstehenden bekam sie nicht mehr mit, denn David küsste sie so fest, dass es ihr den Atem verschlug.
David spielte mit dem Gedanken, geschäftlich nach Europa zu expandieren. Um erste Kontakte zu knüpfen, fasste er den Besuch des Filmfests in Tromsö ins Auge, das stets zum Ende der dortigen Polarnacht im Januar stattfand. Da die kleine Stadt inmitten der nordnorwegischen Fjorde zudem auch sehr idyllisch liegt, beschlossen David und Annie, dort auch ihre Flitterwochen zu verbringen. Ihre winterliche Hochzeitsreise führte sie in eine kleine Pension mit einem weiten Ausblick auf die Stadt, den Fjord und die scheebedeckten Berge. Nicht lange nach dem Filmfest endete die Polarnacht, die dort von November bis Januar dauert. Eigentlich geht die Sonne am einundzwanzigsten Januar wieder auf, doch Tromsö ist von hohen Bergen umgeben. So kann es schon mal Februar werden, bis die ersten Sonnenstrahlen die Insel inmitten der Fjorde erreichen. Dieses Ereignis wollten sie sich nicht entgehen lassen. Sie unternahmen Ausflüge auf die umliegenden Inseln und manchmal mieteten sie ein kleines Boot um auf Grindöya, einer kleinen Insel südwestlich von Tromsö, in die himmlische Ruhe des menschenleeren Gebietes zu flüchten. Eine Tasche voller kleiner norwegischer Köstlichkeiten, Schlafsäcke und zwei Decken für jeden gegen die eisige Kälte der Polarnächte reichten ihnen für ihre kleinen Picknicks. In der Einsamkeit fanden sie viel Zeit um über ihr Leben, ihre Gefühle, ihre Zukunft zu sprechen. Danach liebten sie sich und schliefen ungeachtet der Kälte ein, friedlich, mit sich und der Welt zufrieden. Jener Abend im Februar, an dem sie sich besonders intensiv liebten, war ein besonderer. Ein unscheinbares Polarlicht flackerte hoch am Himmel über ihren Köpfen. Die kosmische Energie übertrug sich auf ihr Liebesspiel und die empfundene Ekstase brachte sie ans Ende ihrer Kräfte. Sie sanken in einen tiefen Schlaf.
Die Alten waren nun nach Jahrhunderten wieder im Sonnensystem der Menschen angekommen. Sie machten sich bereit, auf dem einzigen dort bewohnten Planeten nach Leben zu schauen. Im Norden der blauen Kugel entdeckten sie ein Menschenpaar, eng umschlungen am Strand einer kleinen Insel. Sie untersuchten den Planeten auf seinen Fortschritt und beschlossen, ihm einen kleinen Entwicklungsschub zu geben. Ihnen war natürlich nicht entgangen, dass sich bereits eine neue emotionale und geistige Entwicklung vollzogen hatte, doch sie suchten nach bestimmten, schon vorhandenen Vorzügen, wie man sie nur bei besonderen Individuen vorfindet. Das Paar entsprach den ihnen vorgegebenen Normen, auch wenn sie nicht mehr wussten, wer ihnen diese Normen gegeben hatte, das war lange her und nicht mehr wichtig. Sie hatten eine Aufgabe und dieser gingen die Alten akribisch nach. Sie besaßen Scanner, mit denen sie aus großer Entfernung das Entwicklungspotenzial eines Individuums ermitteln konnten. Die Analyse des Erbguts versetzte sie dann in die Lage, mit erstaunlicher Genauigkeit einzuschätzen, wie sich Nachkommen eines Paares entwickeln und welche Richtung ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten nehmen würden. Bei einem guten Fund sollten sie die Entwicklung entscheidend vorantreiben. Das taten sie. Zuverlässig und unbeirrbar. Während sich das Polarlicht über der Wolkendecke im Norden ausbreitete, begannen sie mit ihrer Arbeit. Das Menschenpaar merkte in diesem Moment nichts, da es gerade voller Hingabe mit Fortpflanzungsritualen beschäftigt war, eine gute Gelegenheit für die Alten, ihre Arbeit unbemerkt zu verrichten. Das Leuchten des Strahls zur Veränderung der beiden Wesen am Strand vermischte sich mit dem Leuchten in der hohen Magnetosphäre des Planeten. Zurück blieben nur die blau-grün schimmernde Aurora Borealis und das schlafende Paar, während das Schiff der Alten unbeirrbar schon das nächste bewohnte Sternensystem ansteuerte.
Die Verwandlung
Die Verwandlung
Als Annie aufwachte, fühlte sie sich jung und stark. Leise verließ sie den Schlafplatz, weil sie plötzlich ein starkes Bedürfnis spürte, zu rennen. Sie rannte einfach los und berauschte sich an dem befreienden Gefühl, ihren Körper bis an die Grenzen des machbaren zu belasten und sie wurde immer schneller. Jeder Schritt wurde vom Trommeln ihres Herzschlags begleitet. Sie hatte Grindöya bereits mehrmals umrundet, als sie im Augenwinkel einen Schatten wahrnahm. David wurde wach, als er ihre unbewusst jauchzenden Rufe vernahm. So frisch wie heute hatte er sich seit seiner Jugendzeit nicht mehr gefühlt und als er Annie herumrennen sah, sprang er spontan auf, um in diesem wilden Ausbruch an Bewegungsfreude mit ihr zusammen zu sein. Ein leichter Schneefall hatte begonnen. Als er sich Annie näherte, traute er seinen Augen nicht. Sie sah aus, als sei sie gerade mal Anfang zwanzig. Ihre Augen strahlten und ihr Haar glänzte im trüben Zwielicht der Polarnacht. Das konnte sie unmöglich sein, dachte er für einen Moment. Auch Annie blickte ungläubig auf den jungen Mann, der neben ihr rannte. Wild hingen ihm die rotblonden Haare in die Stirn. Seine grünen Augen aber strahlten die Vertrautheit aus, die ihr jeden Zweifel an seiner Identität nahm. Er sah so jung und stark aus, wie sie sich fühlte. Sein ganzes Gesicht strahlte dieses gewinnende Lächeln aus. Ein unglaubliches Glücksgefühl ließ die beiden immer weiter rennen, übermütig und unendlich stark.
Gegen Mittag bekamen sie langsam Hunger und ließen sich auf ihre Decken fallen, um gleich darauf die Reste vom Vortag zu verspeisen.
„Du siehst zwanzig Jahre jünger aus!“, rief Annie mit vollem Mund.
„Das selbe wollte ich auch gerade sagen“, grinste David. „Ich bin schon lange nicht mehr so gerannt und wenn der Hunger nicht wäre, könnte ich ich noch ewig weiter rennen!“
Einträchtig aßen sie und blickten auf das stille Meer. Als sie fertig waren, packten sie ihre Sachen zusammen, stiegen ins Boot und fuhren nach Tromsö zurück. Sie bemerkten nicht, dass der Bootsbesitzer sie sehr genau ansah, da er sich nicht sicher war, mit wem er es hier zu tun hatte. Hatte er doch das Boot an ein viel älteres Ehepaar vermietet. Doch die Selbstverständlichkeit, mit der die beiden ihre Rechnung bezahlten und davon gingen, als wäre alles normal, ließ ihn annehmen, dass er sich irrte. Im Hotel reagierte der Portier ähnlich leicht verwirrt, verkniff sich aber jede Nachfrage. In den folgenden Tagen unternahmen Annie und David noch einige weitere Ausflüge zu den umliegenden Inseln. dass für sie der Partner jünger als früher aussah, führten sie auf ihre Verliebtheit zurück. Dann, am siebten Februar, war die lange Polarnacht endlich zu Ende und sie konnten, erleichtert wie die Einheimischen, den ersten wunderschönen Sonnenaufgang bestaunen. Tags darauf packten sie wehmütig und in Gedanken verloren ihre Koffer und flogen zurück nach Hause.
Ristorn staunte nicht schlecht, als er seinem Arbeitgeber und dessen Frau die Tür zum Appartement öffnete. Beide sahen um so vieles jünger aus, dass er sie fast nicht erkannt hätte. Gerade noch rechtzeitig bevor er ihnen die Tür wieder vor der Nase zuschlagen wollte, entdeckte er die kleine Narbe über Davids linker Augenbraue, die er sich von einem sehr heißen Fettspritzer beim Crêpes machen zugezogen hatte. Also begrüßte er die beiden freudig und ließ sie ein. Er ging in die Küche, um Mrs. Truder die frohe Botschaft zu überbringen. Sie wollte die beiden natürlich auch begrüßen und eilte stracks ins Wohnzimmer, wo sie ihre Stimmen hörte. Als sie Annie und David erblickte, stutzte sie und rief:
„Du meine Güte, Sie haben wohl eine Verjüngungskur gemacht! Also ich muss schon sagen, wenn eine Hochzeitsreise so viel jünger macht, sollte ich das auch noch mal versuchen!“
Zum Glück für Ristorn sah sie nicht, wie eine leichte Röte in sein Gesicht stieg. Annie hatte das sehr wohl bemerkt, und war aber so rücksichtsvoll, Ristorn nicht anzublicken.
„Nun, dann sollten wir uns mal auf die Suche nach einem passenden Ehemann für Sie machen“, feixte David und erntete dafür einen schiefen Blick seiner Frau. Ristorn wurde nun noch ein wenig röter und beeilte sich, das Wohnzimmer und die für ihn gefährliche Zone zu verlassen. Nun merkte auch David, dass er zumindest bei Ristorn in ein Fettnäpfchen getreten war. Während Annies und Davids Hochzeitsreise waren sich nämlich Ristorn und Mrs. Truder schon recht nahe gekommen. Stundenlang plauderten sie über ihre 'Herrschaften' und eines Tages gab sich Ristorn einen Ruck, nahm seinen ganzen Mut zusammen und lud Mrs. Truder zu einem Essen ein. Es wurde ein voller Erfolg. Mrs. Truder himmelte Ristorn an und er fühlte sich geschmeichelt und verliebte sich prompt. Sie behandelte ihn weiterhin mit dem Respekt, den er verdiente und benahm sich auch sonst, was die Arbeit betraf, sehr professionell. Nach Arbeitsschluss gingen sie gelegentlich miteinander aus und genossen die Gesellschaft des anderen. In ihrer Freizeit nannten sie sich bei ihren Vornamen, Clara und Thomas, wahrten aber während der Arbeit gebührenden Abstand. Nicht, dass Ristorn schon ans Heiraten gedacht hätte, doch Davids flapsige Bemerkung erschreckte ihn und er konnte sich nicht gegen die vertiefende Röte in seinem Gesicht wehren, zumal ihn Claras Ausruf schon etwas verlegen machte. In den auf Davids und Annies Rückkehr folgenden Tagen verhielten sich Ristorn und Mrs. Truder vorbildlich und schnell wurde die kleine Verlegenheit von Ristorn vergessen.
Irgendwann geht auch der schönste Urlaub zu Ende und der Alltag muss weitergehen. Annie wollte unbedingt weiter arbeiten und David hatte damit kein Problem, da er ja wegen seiner Arbeit oft nicht zu Hause war. Als Annie am ersten Schultag die Treppe zum Schulgebäude hochging, traf sie auf ihre Freundin Margaret.
„Oha! Du siehst aus wie das blühende Leben. Verrätst du mir den Namen der Schönheitsfarm? Ich will auch wieder jung aussehen!“
Annie lachte und umarmte ihre Freundin zur Begrüßung.
„Du kannst mir aber auch gerne helfen, so einen tollen Mann wie David zu finden, das würde schon einiges zum Besseren verändern.“
„Ich befürchte, einen Mann wie David gibt’s nur einmal, aber ich helfe dir gerne, einen ebenso besonderen wie meinen David für dich zu finden“, versprach Annie und lachend gingen sie in das Gebäude. In der Pause erzählte sie Margaret von den amourösen Verflechtungen ihres Personals zu Hause.
„Ihr scheint ansteckend zu sein“, maulte Margaret schmunzelnd, „könntest du mich bitte auch anstecken?“
„Pass bloß auf Süße, für diese Krankheit gibt es keine Heilung, die hast du lebenslänglich!“
„Das nehme ich gerne in Kauf.“
„Sei lieber vorsichtig“, meldete sich nun Andrew zu Wort, „du weißt nie, welchen Verlauf diese Krankheit nimmt. Am Ende hast du drei Kinder, die auf das College wollen und dein Ehepartner hat sich eine jüngere gesucht.“
Andrews Frau hatte ihn und seine Kinder letztes Jahr wegen eines jüngeren Mannes sitzengelassen. Seitdem verging kein Tag, an dem er nicht darüber jammerte.
„Ach Andrew, irgendwo findet sich auch für dich noch jemand“, tröstete Annie ihn und wurde durch die Schulklingel von weiteren Diskussionen erlöst.
Im Mai bekamen Annie und David häufiger Kopfschmerzen. Annie hatte außerdem das Gefühl, unter Halluzinationen zu leiden. Sie hörte Stimmen, wo keine sein konnten. Verstörend war, dass sie zu Gesprächen passten, die sie mit anderen Leuten führte. Ihr fiel die Unterhaltung mit ihrem Direktor ein. Ein Kind ihrer Klasse hatte beim spielen mit dem Ball eine Fensterscheibe beschädigt. Er wollte wissen, ob dies mit Absicht oder aus Versehen geschehen sei, da er wusste, dass der Junge zu erhöhter Aggression neige. Noch während sie versicherte, dass es ein Versehen gewesen sei, vernahm sie eine Stimme in ihrem Kopf: 'Wenn ich doch bloß endlich eine andere Aufgabe finden würde, ich bin diese Kinder so satt!' Sie hätte schwören können, dass diese Worte vom Direktor kamen, doch der hatte seine Lippen nicht bewegt. Gleichwohl war sie nicht weiter überrascht, als ihr Chef fünf Wochen später an eine kleine Universität wechselte. Als David nur Tage später mit seinem Bruder frühstückte, vermeinte er, ihn darüber sprechen zu hören, wie ihn seine Frau betrüge. Er schaute Jonas erstaunt an und fragte nach.
„Seit wann glaubst du denn, dass Fiona dich betrügt?“
Jonas wurde rot und stammelte „Wie kommst du denn auf so etwas? Ich hab doch nichts dergleichen gesagt!“
„Du hast es doch eben gesagt, ich bin sicher, dass ich das gehört habe.“
„Ist ja mal wieder Klasse, wie gut du mir zuhörst, wir haben doch eben über Bilanzen deiner Auslandsgeschäfte geredet.“
„Na gut, tut mir leid, vielleicht habe ich etwas vom Tisch nebenan aufgeschnappt. Ich hab' in letzter Zeit oft starke Kopfschmerzen und kann mich schlecht konzentrieren.“
„Es sei dir nochmal verziehen. Aber wenn das nicht besser wird mit euren Kopfschmerzen, du hast ja gesagt, Annie hätte das Problem auch, dann solltet ihr vielleicht mal einen Arzt aufsuchen. Wenn ich es recht überlege, habt ihr das seit ihr von eurer Hochzeitsreise zurück seid. Wer weiß, was ihr euch da eingefangen habt?“
„Ja, das sollten wir wirklich tun, das scheint nicht normal zu sein. Jetzt lass' uns weiter über das liebe Geld reden!“, grinste er und sie setzten ihr Gespräch fort.
David dachte nicht weiter über diesen Nachmittag nach, aber als Jonas einige Wochen später verkündete, dass Fiona und er für eine Weile getrennte Wege gehen würden, fiel ihm alles wieder ein. Er hütete sich jedoch, seinem Bruder etwas davon zu sagen. Die Kopfschmerzen wollten einfach nicht aufhören, sie waren lediglich etwas dumpfer geworden.
Zur Weihnachtszeit saßen Annie und David gemeinsam auf ihrem Sofa und schnieften um die Wette.
„So eine verflixte Erkältung“, schimpfte Annie. „Wäre ich doch jetzt an einem Strand mit einer Margarita in der Hand und müsste nicht diesen widerlichen Tee schlürfen!“
„Oh ja, wie wäre es mit den Bahamas oder Hawaii. Es gibt in Hawaii einen Strand, an den Einheimische nicht gehen, sondern mit ihren kleinen Booten fahren, weil der Strand nur von See aus erreichbar und so vor Touristen verborgen ist. Ich bin einmal mit einer früheren Freundin dort gewesen.“
David stellte sich den Platz vor und ehe sich die beiden versahen, saßen sie an genau diesem Strand. Verblüfft sahen sie sich an. Außer ihnen war niemand zu sehen. Wie kleine Kinder ließen sie den Sand durch die Finger laufen und spürten den sanften, warmen Hawaiiwind auf ihrer Haut. Beide glaubten, sie würden halluzinieren, als es aber Abend wurde und die Sonne täuschend echt unterging, wurde es ihnen mulmig.
„Ich hab' das Gefühl, wir sind wirklich auf Hawaii, wie ist das möglich?“ Annie bekam Angst, auch David wurde es mulmig.
„David, hast du dir genau diesen Strand vorgestellt, ich meine, hast du ihn genau so vor Augen gehabt?“
Sie brauchte nicht auf eine Antwort zu warten, denn der ungläubige Ausdruck auf seinem Gesicht und das leichte Nicken seines Kopfes war Antwort genug.
„Kannst du dir bitte wieder unser Wohnzimmer vorstellen? Ich will nach Hause!“
Wieder nickte David leicht und augenblicklich waren sie zu Hause auf ihrem Balkon.
„Hm, es sieht so aus, als müssten wir das noch üben“, schmunzelte Annie und klopfte an die Balkontür, als drinnen gerade Ristorn vorbeiging. Erstaunt, seine Arbeitgeber plötzlich draußen vor verschlossener Tür zu sehen, öffnete er und ließ die beiden ein.
„Irgendwie muss die Tür zugegangen sein, als wir ein wenig Luft schnappten“, beeilte sich David zu erklären, bevor sein Diener unangenehme Fragen stellen konnte.
„Gewiss Sir“, erwiderte Ristorn mit unbewegtem Gesicht und sah, wie die beiden schnell im Schlafzimmer verschwanden.
In den folgenden Wochen nahmen die Kopfschmerzen vehement zu und erreichten eine Stärke, die es beiden fast unmöglich machte, vor die Tür zu gehen. Sie verkrochen sich ins Bett, meldeten sich krank und waren für niemanden zu sprechen. Ristorn und Mrs.Truder bekamen gegen ihren erklärten Willen Urlaub. Die ungewöhnliche Stille in der Wohnung entspannte Annie und David etwas. Liebevoll nahm er seine Frau in den Arm und wiegte sie sanft. Er strich ihr das schweißnasse Haar aus dem Gesicht und achtete sorgfältig darauf, dass sie gut zugedeckt war. Sie spürten die Schmerzen, die der andere durchzustehen hatte und kamen sich gleichzeitig unsäglich hilflos vor. Sie wollten aber keine Hilfe von außen in Anspruch nehmen, denn sie waren unsicher, weil ihnen alles sehr unwirklich vorkam. Bestimmt würde dieser böse Traum bald von ihnen weichen und sie würden erleichtert darüber lachen können. Doch der Traum hörte nicht auf. Annie versuchte, im Internet etwas über unerklärliche Phänomene zu finden, doch wusste sie nicht so genau, wonach sie suchen sollte. Wie sollte sie es nennen, dass sie sich durch Gedankenkraft an einen anderen Ort begeben konnten? Wie erklären, dass sie die Gedanken anderer Menschen mühelos lesen konnten, als hätten diese sie ausgesprochen? Damit nicht genug, würde es ihnen doch niemand glauben, in welcher Windeseile sie ein Buch lesen konnten und dass sie dann in der Lage waren, anzugeben, wo ein bestimmtes Wort stand.
„Ich komme mir vor, als sei ich einem Buch über Mutanten entsprungen wie sie bei Perry Rhodan beschrieben sind.“
David wusste darauf nichts zu erwidern. Vor seinem geistigen Auge tauchte gerade die Vision ihrer Nachbarin Mary Baltmin auf, die auf der Balkonbrüstung stehend in die Tiefe schaute. Er schreckte hoch und lief hinaus. Auf dem Balkon nebenan sah er tatsächlich Mrs.Baltmin auf einem Schemel vor der Brüstung stehen.
„Tun Sie das nicht Mary!“, rief er ihr zu. Sie schaute ihn an, als ob er ein Geist sei.
„Er hat mich verlassen, er hat mich verlassen“, murmelte sie wie ein Mantra immerfort vor sich hin, während sie den ersten Fuß unsicher auf die Brüstung setzte.
„Bitte Mary, tun Sie es nicht!“, flehte er nun. „Es hilft niemandem, wenn Sie Ihr Leben wegwerfen. Bitte kommen Sie da runter. Kommen Sie doch rüber und wir reden!“
Doch Mary hörte ihn, betäubt von Verzweiflung, nicht. Schon stand der zweite Fuß auf der Brüstung. Sie stützte sich an der Wand ab und starrte ausdruckslos in die Tiefe.
„Er hat immer gesagt, ich solle mich doch einfach mal fallen lassen, das tue ich nun.“
Für einen kurzen Moment nahm sie die Hand von der Wand und hätte fast das Gleichgewicht verloren. In letzter Sekunde fand sie wieder Halt. Annie war David gefolgt und erschrak angesichts der Gefahr, in der Mary schwebte.
„Mary, steigen Sie sofort dort herunter!“, rief sie unmissverständlich mit fester Stimme. Erstaunt schaute die so streng Angesprochene zu Annie und David, als ob sie diese erst jetzt bemerkte.
„Was machen Sie denn hier? Kann ich nicht einmal zum sterben alleine sein?“ entrüstete sie sich nun.
„Nein, können Sie nicht!“, antwortete Annie prompt. „Sie hören jetzt sofort mit diesem Unsinn auf und kommen runter, sonst komme ich zu Ihnen rüber und dann wird der Sprung Ihnen noch leid tun, das schwöre ich Ihnen!“
Nun wurde Mary sauer und setzte einen Fuß zurück auf den Schemel, um sich besser zu David und Annie umdrehen zu können.
„Wer hat Ihnen denn erlaubt, sich in meine Angelegenheiten zu mischen?!“ schrie sie aufgebracht. „Ich bestimme mein Ende immer noch selbst und wenn ich springen will, dann springe ich!“
„Finden Sie wirklich, dass ihr Leben zu Ende ist, nur weil Ihr Freund so roh ist, Sie zu verlassen? Seien Sie doch froh, dass Sie ihn los sind, er verdient Sie doch gar nicht, wenn es ihm so leicht fällt, sich von Ihnen zu trennen. Ich finde, Sie können noch tausend bessere bekommen, die Sie so mögen, wie Sie sind. Ihrer Tochter wird das bestimmt auch nicht gefallen und ich möchte gar nicht erst wissen, was Fred dazu sagen würde!“
Fred war Marys jüngerer Sohn. Als er den letzten Freund seiner Mutter kennen lernte, zog er sich zurück, weil er diesen Hallodri, der seiner Ansicht nach seine Mutter nur ausnehmen wollte, nicht ausstehen konnte. In einem kurzen Anfall von nachbarschaftlicher Vertrautheit hatte er dies Annie einmal enthüllt und sie hatte versprochen, auf seine Mutter aufzupassen. Nun schämte sie sich für ihr nicht gehaltenes Wort, denn Mary war offensichtlich von diesem Mistkerl ausgenutzt worden. Sie vermutete, dass er längst eine andere, reiche Frau gefunden hatte. Es entsprach schon der ausgeprägten Eitelkeit Marys, dass sie auf den Hinweis, der Mann hätte sie nicht verdient, ansprang. Jetzt nahm sie auch noch den zweiten Fuß von der Brüstung und stieg dann ganz von dem Schemel herunter.
„Wenn ich es mir recht überlege, stimmt das, was Sie sagen, der Kerl hat mich nicht verdient. Warum sollte ich wegen so einem mein Leben wegwerfen!“
Sprachs und verschwand hoch erhobenen Kopfes in ihrer Wohnung. Annie und David gingen so schnell sie konnten in ihr Wohnzimmer und fingen an zu lachen. Einige Tage später sahen sie Mary Baltmin zurechtgemacht wie ein geschmückter Weihnachtsbaum in ihre Limousine steigen. Nichts an ihr erinnerte mehr an die verzweifelte Frau auf der Brüstung, die ihr Leben vorzeitig beenden wollte.
In Annies und Davids Leben kehrte wieder so etwas wie Alltag ein. So kam es ihnen zumindest vor. Doch ein fremder Beobachter hätte sich schon darüber gewundert, dass ein Becher wie von unsichtbarer Schnur gezogen über den Tisch in Davids Hand rutschte oder dass eine Kanne von alleine in der Luft schwebte und köstlichen Kaffee einschenkte. So etwas gehörte nun zum Alltäglichen im Hause Bentin. David und Annie experimentierten mit den unbekannten Kräften, die sie aus heiterem Himmel empfangen hatten. So konnten sie nicht nur Dinge schweben lassen und von einem Ort zum anderen bewegen, sondern fanden schnell heraus, dass sie selbst schweben konnten. Nach kurzer Übungszeit hatten sie den Bogen raus, sich in kurzen Sprüngen durch ihre Räumlichkeiten zu teleportieren, wie sie diese sehr nützliche Fähigkeit bald nannten. Dann begannen sie, an entlegenere Orte zu springen, an denen sie schon mal gewesen waren. Sie achteten sorgfältig darauf, Orte zu wählen, an denen sie bestimmt keine Menschenseele antreffen würden. Nach einigen Wochen waren sie in der Lage, sich überallhin auf den Globus zu teleportieren. Je mehr sie lernten, ihre neuen Fähigkeiten zu beherrschen, desto geringer wurden ihre Kopfschmerzen. Sie erkannten, dass ein großteil ihrer Schmerzen durch das Empfangen der Gedanken und Gefühle anderer auf sie übertragen wurden. Sie überlegten, wie diese Schmerzen zu vermindern seien und begannen vorsichtig, kontrolliert ausgewählte Personen anzuvisieren, wohl wissend, dass sie damit in die Privatsphäre anderer eindrangen. Nach einiger Übung hatten sie den Dreh raus und beherrschten diese Fähigkeit ebenfalls souverän. Gleichzeitig schworen sie sich, diese nur im Notfall einzusetzen. Ihre Kopfschmerzen verschwanden nun gänzlich, gerade rechtzeitig, bevor sich ihr geliebtes Hauspersonal nach dem Zwangsurlaub wieder einfand. Ristorn und Mrs. Truder waren erfreut, ihre Dienstherren gesund wiederzusehen und machten sich gleich an die Arbeit, den vernachlässigten Haushalt auf Vordermann zu bringen. David und Annie konnten endlich wieder arbeiten gehen und zunächst war alles wieder friedlich. Die beiden beschlossen, ihre außerordentlichen Fähigkeiten, die ihnen selbst Angst einjagten, in Zukunft weniger, am besten gar nicht, zu benutzen.
Auf Esrandil hatte niemand Probleme damit, die Gedanken anderer lesen zu können. Nichts, was gedacht oder gefühlt wurde, blieb verborgen. So war es schon seit Jahrtausenden. Die grazilen Bewohner des schönen wald- und seenreichen Planeten waren technisch so weit entwickelt, dass sie hin und wieder Ausflüge zu anderen Welten unternahmen. Ihre Anmut und ihre Verbundenheit mit der Natur, ihre Besonnenheit und die bescheidenen Hilfen, die sie manchmal den Bewohnern anderer Welten zukommen ließen, bestärkten dort den Glauben an Fabelwesen. Sie hatten viele Namen und tauchten in vielen Märchen auf. Sagenhafte Mythen rankten sich um sie. Wenn ihnen eine der fremden Welten gut gefiel, blieben sie manchmal für viele Jahrzehnte, aber irgendwann überkam sie immer eine unstillbare Sehnsucht nach ihrer Heimat. So reisten sie wieder davon, still und ohne Aufsehen zu erregen, nicht ahnend, dass sie eine Welt verließen, die ihnen in ihrer Literatur und in ihren Erzählungen Unsterblichkeit verleihen sollte. Asura stand auf einem Hügel in der Nähe von Graselhar und betrachtete die untergehende Sonne. Ihre weißblonden Haare wurden von der sanften Brise des Westwindes in ihr feines schmales Gesicht geweht. Bestimmt schob sie sich die wehende Pracht hinter ihre spitzen Ohren. Ihre großen, grünen Augen labten sich am stillen, farbigen Schauspiel des Sonnenunterganges. Bevor sie ihn sehen konnte, spürte sie ihn nahen. Ihr Herz schlug höher. Bald würde sie sich mit Rinar verbinden. Sie hatte die Entscheidung lange hinausgeschoben und sie spürte Rinars Ungeduld, wenn sie ihn ein weiteres Mal um Zeit bat, um Dinge zu erledigen, für die er kein Verständnis hatte. Schon ihre Vorfahren waren diesen Weg gegangen und sie musste ihnen folgen, denn das gehörte zu ihrem Schicksal. Ein letztes Mal musste sie sich auf den Weg machen. Ein letztes Mal sich auf die Reise begeben. Am liebsten hätte sie Rinar dabei gehabt, doch er hatte kein Interesse an anderen Welten. Er war, so nannten es die Menschen auf dem Planeten Erde, bodenständig. Da es gerade das war, was sie an ihm am meisten liebte, wurde es für sie umso schwerer, je näher der Tag ihrer Abreise kam. Doch er verstand, dass sie ihren Weg gehen musste, auch wenn er sie nicht gerne ziehen lassen wollte. Sie lächelte sanft, als er vorsichtig seine Arme um sie schlang. Sie wollte jetzt nicht an das Reisen denken und genoss die Umarmung. Sie drehte sich um und gab sich ihm ganz hin. Bald musste sie fort, bald, aber nicht sofort...
Die Harfenstation
Die Harfenstation
David rannte, seine Verfolger waren ihm dicht auf den Fersen. Als er um die nächste Ecke hetzte, hatte er Glück, niemand da. Er sprang. Annie wartete schon eine ganze Weile in ihrer neuen Wohnung auf ihn. Obwohl sie es gewohnt war, erschrak sie immer noch, wenn er unvermittelt vor ihr aus dem Nichts materialisierte.
„Wir müssen fort!“, keuchte er noch ganz außer Atem. „Pack schnell das Nötigste zusammen und nichts wie weg!“
Sie hasste diese Worte. Wieder einmal mussten sie sich ein neues Leben zimmern und es wurde von Jahrzehnt zu Jahrzehnt schwieriger. Sie konnten der Überwachung durch immer perfidere Technologien kaum noch entgehen. Nun war es wieder Zeit für eine neue Identität. Einhundert und sieben und zwanzig Jahre waren vergangen und wider Erwarten waren die Menschen auf der Erde nicht bereit, andersartige Menschen zu tolerieren. Sie wurden als entartet verleumdet und ständig verfolgt.
In den ersten Jahren nach ihrer Verwandlung besuchten sie Genetiker in vielen Ländern, doch keiner konnte mit Bestimmtheit sagen, was eigentlich mit ihnen passiert war. In einem waren sich jedoch alle einig: Auf eine unbekannte Art und Weise waren ihre Gene manipuliert worden. Sie waren zwar weiterhin menschlich, doch ihre Gensequenzen bargen mehr Informationen als sonst normalerweise üblich oder gar zu jener Zeit messbar. Immer noch gab die überaus komplexe Arbeitsweise des menschlichen Gehirns Forschern und anderen Interessierten Rätsel auf. Erst die Verknüpfung einzelner Gehirnareale durch neuronale Netze ermöglicht es Menschen, verschiedene Dinge zur selben Zeit zu unternehmen, ohne dabei geistig ins stolpern zu geraten, meistens zumindest.
Doch bei Annie und David ging die Funktionsweise dieser Netzwerke und damit die Nutzung der Areale noch immer über das bekannte Wissen hinaus. So waren sie in der Lage, neue Verknüpfungen zu bilden, die zuvor niemand für möglich gehalten hätte. Ein fotografisches Gedächtnis ist eine Sache, es dafür zu verwenden, logische Schlussfolgerungen zu ziehen und neue Erkenntnisse zu erreichen, eine andere. Egal, an welcher Universität sie mit neuer Identität auftauchten, immer profitierte die Uni von neuen Entdeckungen der beiden Ausnahmetalente. Der Nachteil war, dass sie Aufmerksamkeit erregten, wo sie keine gebrauchen konnten. Das Ergebnis war Flucht, immer wieder. Bald zogen sie sich ganz aus dem Forschungsleben zurück. Es war zu gefährlich geworden. Sie waren fast schon zu Geistern geworden, die hin und wieder auftauchten und genauso geheimnisvoll wieder verschwanden, wie sie gekommen waren. Ihre mangelnde Alterung stellte ebenfalls ein Problem dar. Sie sahen immer noch aus wie Anfang zwanzig und es schien sich in absehbarer Zeit nicht zu ändern. Mittlerweile waren Annie und David jedoch bereits einhundert und drei und sechzig und einhundert und neun und sechzig Jahre alt. Es tat noch immer weh, dass keiner ihrer Verwandten oder Freunde mehr lebte und um Trennungs- und Verlustschmerz vorzubeugen, vermieden sie es, neue Freundschaften zu schließen. Sie waren allein und einsam. Zweimal nahmen sie sich selbst Auszeiten und trennten sich für mehrere Jahre. So wollten sie die Entstehung von Überdruss vermeiden, um sich nicht gegenseitig auf die Nerven zu gehen. Länger hielten sie es jedoch ohne den anderen nicht aus. In ihrem überlangen Leben mussten sie sich, so oft sie flüchteten und eine neue Identität annahmen, neue Bankkonten eröffnen. Natürlich verdienten sie in dieser langen Zeit viel mehr Geld als Normalsterbliche. Und das mussten sie auch, denn die immer wieder wechselnden Identitäten verschlangen viel.
Annie packte schnell das notwendigste. „Weißt du schon, wohin wir diesmal gehen sollen?“
„Ich habe keine Ahnung“, antwortete David schulterzuckend.
„Ich bin es leid, flüchten zu müssen. Gibt es denn keine gottverdammte, einsame Insel, auf die wir fliehen können?“
„Ich befürchte, wir haben sie alle schon abgeklappert. Du weißt genau, wie sehr wir uns nach nicht langer Zeit gelangweilt haben. Egal, wie sehr uns die Menschen auch ablehnen für das, was wir sind, wir können nicht lange ohne ihre Gesellschaft sein.“
„Mir hat es hier gut gefallen. Ich verstehe überhaupt nicht, was daran so schlimm ist, dass wir die Leute aus dem Feuer geholt haben?“
„Nicht, dass wir es getan haben finden die Leute merkwürdig, sondern wie wir es getan haben. Denk doch mal an früher zurück, als wir noch wie alle anderen waren. Ehrlich gesagt wüsste ich nicht, wie ich reagieren würde, wenn plötzlich zwei Leute aus dem Nichts auftauchen und in der Luft schwebend mit ein paar Armbewegungen Wasser aus einem nahegelegenem See auf ein Haus herunter regnen lassen. Und dann auch noch immer wieder in das Haus springen und die gefährdeten Menschen herausholen und das in einer geheimnisvollen Blase, durch die weder Wasser noch Feuer dringt! So etwas kann man doch keinem erklären. Ist doch völlig absurd. Also, ich hätte bestimmt auch blöd geguckt, du etwa nicht?“
Annie sah ihren grinsenden Gatten an und musste selbst schmunzeln. „Oh ja, ich glaube, ich wäre in die Klapsmühle gegangen. Die Feuerwehr war aber auch wirklich langsam. Dieses Feuer war irgendwie unheimlich, findest du nicht?“ „Hm, jetzt wo du das sagst - stimmt. Es kroch immer nur an einer Seite der Treppe hinauf, als ob jemand einen Pfad für das Feuer gelegt hätte. Ich hatte auch ein Gefühl, als ob unter den Zuschauern jemand stand, der sich daran erfreute. Also haben wir es hier mit einem Brandstifter zu tun. Den sollten wir zumindest noch fangen. Mir gefällt der Gedanke nicht, dass so einer irgendwann Menschen töten könnte!“
„Gut, hinter dem Haus hab' ich einen Baum gesehen, wir könnten erst mal dorthin springen und dann sehen, wie wir weiter vorgehen.“
Sie sprangen. Vom Baum aus hielten sie Ausschau. Sie bemerkten, dass sie in das beschädigte Haus springen konnten, ohne gesehen zu werden. Noch standen Feuerwehr, Polizei und die üblichen Schaulustigen auf der Straße. Annie und David konzentrierten sich und ließen ihre Sinne schweifen. Sie vernahmen die Gedanken der vor dem Haus stehenden und empfanden ihre gemischten Gefühle. Erstaunen, Ungläubigkeit und Wut herrschten vor. Sie konzentrierten sich auf die Wut und fanden einen sechzehnjährigen Jungen, der etwas abseits der Menge stand. Sie drangen weiter in seine Gedankenwelt vor. Annie erstaunte diese aufgestaute Wut. Sie schrak zurück vor der Wucht dieses Gefühls und war für kurze Zeit unkonzentriert. Da David sich davon nicht beirren ließ, suchte Annie sich ein neues Ziel. Verachtung? Jemand empfand Verachtung. Für wen oder was? Annie suchte tiefer. Die junge Frau, die dieses vehemente Gefühl aussandte, war eine Bewohnerin des Hauses. Ihre Verachtung wandte sich eindeutig gegen einen Familienvater, der eine Ebene unter ihr gewohnt hatte. Oh, sie hatten ein Verhältnis. Die Frau betrachtete den Mann, der sich liebevoll um seine Frau und Kinder kümmerte. Je weiter Annie die Gedanken dieser Frau erforschte, desto mehr konnte sie neben dem vorherrschenden Gefühl der Verachtung auch eine Enttäuschung darüber feststellen, dass der Mann noch lebte. Annie drang weiter vor. Nun hatte sie die Erinnerung der Frau erreicht. Sie sah mit den Augen der Frau wie sie die Treppe hinabstieg und eine Weile vor der Tür des Angebeteten stehen blieb und an dieser lauschte. Sie hörte Lachen aus der Wohnung und spürte die Einsamkeit der Frau. Dann kam die kalte Wut. Annie fröstelte. Die Frau ging die Treppe hoch zurück in ihre Wohnung. Dort holte sie zwei Kanister mit Reinigungsalkohol, die sie einige Tage zuvor besorgt hatte und schlich leise die Treppe hinab ins Erdgeschoss. Vorsichtig laute Geräusche vermeidend schüttete sie die Flüssigkeit an der Treppenwand entlang, bis sie wieder vor ihrer Wohnung stand. Dort holte sie einen Kerzenstummel aus ihrem Wohnzimmerschrank und nahm ein Feuerzeug vom Tisch. So bewaffnet huschte sie die Treppe hinunter. Sie stellte den Stummel in eine Lache, die sich bereits durch die Flüssigkeit am Fuße der Treppe gebildet hatte und zündete sie an. Dann huschte sie in ihre Wohnung zurück, wickelte sich sorgsam in eine kuschelige Decke auf ihrem Sofa und wartete. Es ging schneller als sie gedacht hatte. Sie sah den Feuerschein durch die Türritze und wickelte sich fester in die Decke. Sie war entschlossen, im Feuer zu sterben und alle mit sich zu nehmen. Annie zog sich zurück und weinte lautlos. Sie empfand Mitleid für die Frau, auch wenn sie nicht billigte, was sie getan hatte.
David hatte mittlerweile herausgefunden, dass der Teenager noch neu war in diesem Haus. Er hatte gerade eine neue Pflegefamilie gefunden. Nun war das Haus abgebrannt. David empfing neben der Wut die Angst des Jungen, Angst wieder zurück zu müssen. Es hatte ihm gut gefallen in der neuen Familie und er war fest entschlossen, das Beste für sich daraus zu machen. Die Neuen waren nett und sie bemühten sich sehr um ihn. Das hatte ihm gefallen. Doch was, wenn sie ihm die Schuld an dem Feuer gäben? Das Pflegekind bekam immer die Schuld. Wut und Angst vermischten sich und der Junge fing an, zu weinen. David entfernte sich vorsichtig aus dem Kopf des Jungen. Er betrachtete seine Frau, die in dem ausgebrannten Zimmer stand und weinte. Er spürte, dass sie herausgefunden hatte, was passiert war, ging zu ihr und nahm sie in den Arm.
„Komm Annie, du kannst es nicht mehr ändern, wir haben keinen Einfluss auf Vergangenheit und Zukunft. Sag mir, was du gefunden hast!“
Annie schmiegte sich in seine Arme und schilderte ihm, was passiert war.
„Wir werden der Polizei ein Schreiben zukommen lassen, weiter können wir nichts tun“, versuchte David sie zu trösten.
Doch Annie hörte ihm nicht zu. Sie verschwand direkt vor ihm und er ahnte, wohin sie sprang. Schon hörte er aus dem Tumult vor dem Haus die Stimme seiner Frau heraus.
„Sie haben das Leben so vieler Menschen bedroht, nur um sich Befriedigung am Tod dieses Mannes zu verschaffen! War er das wert? Schauen Sie doch hin! Dort steht er mit seiner Familie und würdigt Sie keines Blickes. Hat er Sie schon gefragt, ob es Ihnen gut geht? Nein hat er nicht, er schert sich keinen Deut um Sie! Ihr Brandanschlag war vergeblich! Alle leben noch, Sie auch, aber es geht Ihnen nicht besser und ich kann Ihnen sagen, im Gefängnis wird sich das auch nicht ändern!“
Annie war wütend und bemerkte nicht, wie sich von hinten ein Polizist näherte. Er hatte seine Waffe gezogen und wollte sich eigentlich gerade die fremde Frau vornehmen, die wie aus heiterem Himmel in der Menge aufgetaucht war, um sie zu verhaften als er bemerkte, was sie sagte. Er blickte die junge Frau an, die von Annie beschuldigt wurde und sah das schlechte Gewissen in ihrem Gesicht. Die Feuerwehr hatte ihn bereits darauf aufmerksam gemacht, dass der Brand womöglich gelegt worden sei. Nun erschien es ihm erst mal wichtiger, die andere Frau wegen Brandstiftung zu verhaften. David war auf dem Sprung, um seine Frau vor der vermeintlichen Bedrohung durch den Polizisten zu retten, als er dessen Sinneswandel bemerkte. Erleichtert nickte er ihr zu und Annie verschwand vor den Augen der verblüfften Menge, bevor sich die Aufmerksamkeit der Ordnungskraft wieder ihr zuwenden konnte.
Superhelden gibt es in Comics. In Wirklichkeit wollen die Leute aber lieber niemanden, der so entschieden anders ist als sie selbst. Die unglaublichen Fähigkeiten, die Annie und David entwickelt hatten, schützten sie nicht vor einem aufgebrachtem Mob. Immer wieder hatten sie es mit Angst, Verwunderung, Ungläubigkeit und Wut zu tun. Trotzdem konnten sie nicht widerstehen. Sahen sie eine Möglichkeit, in ein Chaos einzugreifen, taten sie es. Sie konnten nicht anders, sie waren gute Menschen. Warum konnte man sie nicht einfach in Ruhe lassen? Sie haben nie jemandem wehgetan, niemandem Schaden zugefügt. Und doch waren sie ständig auf der Flucht. Wenn man im Internet nach ungewöhnlichen Dingen suchte, tauchten nicht selten Bilder von ihnen auf, selbst solche, deren Entstehung schon mehr als fünfzig Jahre zurücklag. In einem Video aus dem Jahre 2115 sah man, wie Annie und David bei einem Erdbeben eine Brücke stützten, die einzustürzen drohte. So konnten alle Autos auf der Brücke sicher auf die andere Seite fahren. Dann brach die Brücke krachend zusammen. In der riesigen Staubwolke entkamen sie, bevor die Militärpolizei aus dem nahegelegenen Stützpunkt den Unglücksort erreichte. Jahre später tauchte ein Video auf, in dem zu sehen war, wie sie einem Flugzeug zu einer sicheren Landung verhalfen, in dem ein Brand ausgebrochen war. Sie schwebten neben dem Flugzeug und geleiteten es, bis es auf der Landepiste aufgesetzt hatte. Dann verschwanden sie wieder.
Besonders kurios erschien ein Fall von Wunderheilung. Als ein berühmter Aidsforscher erfuhr, dass er an Pankreaskrebs litt, suchte er Informationen im Internet über Behandlungen und Heilmöglichkeiten. Bevor er fündig wurde, standen unversehens ein Mann und eine Frau in seinem Zimmer. Die Frau berührte seinen Körper mit einer Hand und schloss ihre Augen, während der Mann aufpasste, dass niemand störte. Nach einer Weile verspürte der Kranke ein leichtes Kribbeln im gesamten Körper. Als er zu seiner Heilerin aufsah, erschrak er. Sie sah jetzt so krank aus, als hätte sie seine Krankheit aufgesaugt. Bald löste sich die Frau von ihm und war so geschwächt, dass ihr Mann sie helfend stützen musste. Sie käme gleich wieder in Ordnung versicherte er und tatsächlich verbesserte sich ihr Zustand sichtlich. Bald sah sie wieder aus wie das blühende Leben. Sie lächelte dem Geheilten zu und wünschte ihm noch viel Erfolg bei seiner Forschung. So still und leise, wie sie auftauchten, verschwanden sie auch wieder, jedoch nicht, ohne einen gewichtigen medizinischen Fachartikel zu hinterlassen. Mit seiner Hilfe konnte der Geheilte seine Forschung fünfzehn Jahre später beenden. So ging die lange Suche nach einer Therapie gegen das schreckliche AIDS erfolgreich zu Ende. Der Forscher gab an, nicht der alleinige Entwickler der Therapie zu sein und berichtete mehrere Male von seinem Heilerlebnis. Die Öffentlichkeit war skeptisch, niemand glaubte ihm. Auch den Angaben anderer ehrlicher Wissenschaftler, die über ähnliche Besuche durch ein Heilerpaar berichteten, wollte niemand glauben.
Immer wieder tauchten Annie und David wie Phantome in verschiedenen Videos auf. Die Diskussionen über die beiden merkwürdigen Personen nahmen kein Ende. Die Meinungen waren sehr unterschiedlich. Selbstverständlich wurde auch der Wahrheitsgehalt der Videos angezweifelt. Die Technik war schon vor hundert Jahren in der Lage, solche Filme zu fälschen. Als Begründung für Zweifel an der Echtheit der in den Videos dokumentierten Taten und Ereignisse wurde auch das Alter der beiden angeführt, welches ja in allen Videos gleich blieb. Doch war es bis jetzt noch niemandem gelungen, Fakes oder Fälschungen zu beweisen. Trotzdem blieb die öffentliche Meinung skeptisch. So prallten wohlmeinende und feindliche Meinungen für lange Zeit aufeinander. Superhelden, Mutierte, Außerirdische wurde spekuliert. Keiner kam auf die Idee, sie als normale Menschen mit allerdings außergewöhnlichen Extrafähigkeiten zu sehen. So blieb es auch in den folgenden zweihundert Jahren. Die Globalisierung von Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur war weit fortgeschritten. Schon seit über fünfzig Jahren gab es keinen Krieg mehr auf der Welt mit Ausnahme kleinerer bewaffneter Rechthabereien durch Waffensüchtige in speziell eingerichteten Kriegszonen in der Sahara und in Sibirien. Die erste Siedlung auf dem Mond war schon lange errichtet und an den Rändern des Sonnensystems sammelten automatisierte Kondensatoren Gase wie Helium und Wasserstoff in riesigen Lagertanks für eventuelle zukünftige Unternehmungen.
Ein neues Zeitalter war angebrochen, doch für Annie und David blieb sozial alles beim alten. Sie existierten immer noch am Rande einer Gesellschaft, zu der sie selbst mehr oder weniger bewusst ihren Teil beigetragen hatten. Die unsinnige Furcht vor ihnen schweißte die Nationen zusammen. Wenn auch die Medien leugneten, dass es sie gab, so wussten die Regierungen der Länder nicht nur, dass die beiden real existierten, sondern auch, dass in den letzten Jahren an vielen Orten noch andere Menschen aufgetaucht waren, die ebenfalls über außerordentliche Fähigkeiten verfügten. Mit allen Mitteln versuchten Regierungen und Ministerien, das Bekanntwerden dieser Menschen zu unterdrücken. Doch die Vorkommnisse mit mental und körperlich besonderen Menschen häuften sich.
Keiner bemerkte das seltsame Wesen, das in einer Seitengasse unter einer Dachrinne hing und von dieser exponierten Stelle aus alles auf der Straße unter sich beobachtete. Die krallenbewehrten Hände und Füße des Jungen hinterließen kleine Kratzer, als er übers Dach davonschlich. In seinem Zimmer auf der anderen Seite kam er gerade an, als seine Mutter an die Tür klopfte. Schnell zog er sich Strümpfe und Handschuhe an und öffnete seiner Mutter.
„Caleb!“ rief seine Mutter aus, als sie ihren tropfnassen Sohn sah.
„Wie oft haben wir dir gesagt, du sollst nicht über die Dächer klettern? Wenn dich jemand sieht!?“
„Ach, bei dem Regen schauen doch alle auf ihre Füße um nicht nass zu werden. Da sieht keiner einen komischen Jungen. Ich brauche auch mal frische Luft!“, antwortete Caleb trotzig.
Seine Mutter sah ihren Sohn traurig an und wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Sie wollte ihn doch nur schützen. Als Caleb zur Welt kam, galt er als medizinische Sensation. Die Ärzte staunten nicht schlecht über das Baby mit Krallen an Händen und Füßen. Ständig wollten sie ihn beobachten und untersuchen, als ob er kein Mensch sei. Als er älter wurde, stellte sich heraus, dass seine Arme im Vergleich zu Gleichaltrigen ein anderes Längenverhältnis von Ober- zu Unterarm hatte und er gleichwohl wunderbar mit allen vier Extremitäten greifen konnte. Insgesamt waren seine Arme deutlich länger als normal und sehr kräftig, Grund genug für viele seiner Mitschüler, ihn bei jeder Gelegenheit zu quälen, zu hänseln und auszugrenzen. Als dann zu allem Überfluss von medizinischer Seite verbreitet wurde, er sei eher ein haarloser Affe als ein Mensch, verließ seine Mutter die quälende und immer feindlichere Umgebung und versteckte sich mit ihm. Sie unterrichtete ihn so gut es ging zu Hause. Doch nun war der Junge dreizehn. Ein schwieriges Alter, das wusste sie und sie stand ganz allein da. Sein Vater war weggelaufen, so sehr hatte er sich seines Sohnes geschämt. So hatte Calebs Mutter in letzter Zeit versucht, herauszufinden, ob es noch andere wie ihn gab. In einigen Tagen sollte ein erstes Treffen mit einer Gruppe von Leuten stattfinden, die sich die 'New Naturals' nannten. Sie wusste nicht, was sie dort erwarten würde, aber sie übte sich in Hoffnung und Zuversicht.
Benta fand es großartig, zu springen, ihre Eltern weniger, denn Benta konnte sehr weit springen. Allerdings schaffte sie es einfach nicht, den Weg zurück ebenfalls zu springen. So mussten sie ständig ihre Tochter aus allen möglichen Gegenden abholen und lernten dabei Land und Leute gut kennen. Langsam gingen ihren Eltern die Ausreden aus, wie ihre Tochter von Hamburg nach München oder in den Harz oder zur Edertalsperre gelangt war, ohne Eltern, ohne andere erwachsene Begleitung. Benta war acht und langsam aber sicher fand das Jugendamt die Ausflüge des kleinen Mädchens verdächtig. Verzweifelt versuchten die Eltern, übers Internet andere Betroffene zu finden. Nach einigen Fehlschlägen fanden sie zu den New Naturals.
!Kurukus Lebensweg war für den Rat der Ältesten völlig klar, er sollte Schamane werden. Schon als Kind hatte er Visionen und im zarten Alter von sechs Jahren sah er das verseuchte Wasser in der kleinen Ebene, sah, dass !Bandera sich den Arm brechen würde und dass die jüngste Kuh im Dorf Zwillinge bekommen würde. Nun war er sechzehn und seine Visionen wurden deutlicher. Aus den umliegenden Dörfern der Kalahari kamen die Menschen, um seinen geschätzten Rat zu erbitten. So wurde sein Dorf das am meisten geachtete der Gegend. !Kuruku hielt sich für einen ganz normalen jungen Mann und wollte gerne die schöne !Ibari heiraten. Doch das kam nach Meinung seines Volkes für einen Schamanen nicht in Frage. Eine Frau könnte ihn seiner Seherkraft berauben und so einen großen Schaden für die Gemeinschaft anrichten. So fügte sich !Kuruku.
Sinta gefiel es, Dinge im Raum schweben zu lassen. dass sie dies konnte, ohne sich selbst zu bewegen, fanden ihre Eltern nicht so gut. Als sie eines Tages ihren schreienden Bruder Rahul in seinem Kinderbettchen ins Nachbarzimmer bewegte, weil sie sein Geschrei nicht mehr ertragen konnte, bekam sie Hausarrest. Die Großmutter bekam fast einen Herzinfarkt, als sie plötzlich das schwebende Bett neben sich sah. Sinta musste versprechen, so etwas nie wieder zu tun und die Eltern flehten in ihren Gebeten zu den Ahnen um Besserung ihrer Tochter. Die verschreckte Großmutter wurde nun, ganz ohne böse Absicht und ohne die Folgen zu erahnen, zur Quelle des Gerüchts, Sinta sei eine Zauberin. Eines Tages stand eine hochgewachsene weiße Frau vor der Tür und gab an, ihnen bei ihrem kleinen Problem helfen zu können. Nach einem längeren Gespräch und dem Wechsel einer größeren Summe Rupien nahm die fremde Frau Sinta mit sich.
Karla wusste schon sehr früh, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte. Am Anfang glaubte sie, Stimmen von Leuten zu hören, die gar nicht sprachen. Bald erkannte sie, dass die Stimmen Gedanken anderer waren und dass die anderen es überhaupt nicht gut fanden, wenn sie ihre Gedanken aussprach. Bald lernte sie, die auf diese ungewöhnliche Weise gesammelten Informationen für sich zu nutzen. Im Alter von siebenundzwanzig Jahren wurde sie von den New Naturals entdeckt. Sie suchte Menschen mit ungewöhnlichen Fähigkeiten auf, untersuchte deren Umfeld und nahm sie, wenn die Lebenssituationen schwierig waren, mit sich. Bei Kindern zahlte ihre Organisation auch schon mal Geld, um die Eltern für ihren vermeintlichen Verlust zu entschädigen. Doch einen wirklich traurigen Eindruck machten diese Eltern eigentlich nie. Sie schienen eher erleichtert zu sein. Tatsächlich hatte Karla noch nie Eltern angetroffen, die fragten, was denn nun mit ihren Kindern geschehen würde. Das machte sie traurig. Als sie Sinta mit sich nahm, konnte sie sogar Hass und Furcht in den Augen einiger Dorfbewohner sehen, an denen sie mit ihr vorbeiging. Sie vermied es sorgfältig, deren Gedanken zu hören und beeilte sich, so schnell wie möglich wegzukommen.
Die Evolution des Menschen, wie auch die der Pflanzen und Tiere, ist ein langwieriger, mächtiger und komplexer Prozess, der beständig voranschreitet, allerdings nicht mit gleichbleibender Geschwindigkeit, sondern offensichtlich mit kürzer werdenden Entwicklungsabschnitten. So dauerte die Entwicklung vom Australopithecus zum Homo Erectus nach heutigem Wissen ungefähr dreieinhalb bis vier Millionen, vom Homo Erectus zum Neandertaler etwa zwei bis zwei komma drei Millionen, vom Neandertaler zum Homo Sapiens ca. einhundert und fünfzigtausend und vom Homo Sapiens zum Homo Sapiens Sapiens nur noch um die vierzigtausend Jahre. Dieser Evolutionsschritt liegt etwa zwanzigtausend Jahre zurück, welcher wird der nächste sein und wann wird er abgeschlossen sein? Ob der Neandertaler Angst vor dem Aussterben hatte, als er den Homo Sapiens sah? Vermutlich. Hatte der Homo Sapiens Angst, als der Homo Sapiens Sapiens kam? Vielleicht. Aber wie viel von ihnen ist in der evolutionären Entwicklung erhalten geblieben? Wie viel Neandertaler und Sapiens steckt in Sapiens Sapiens? Welche ihrer Erfahrungen tragen wir in uns? Welche Ängste, welche Freuden teilen wir mit unseren evolutionären Vorgängern?
Wir wissen es nicht. Wir können es nur vermuten, in der Wissenschaft heisst das These oder Hypothese. Man kann vieles vermuten, aber nur wenig beweisen und wenn etwas nach dem gegenwärtigen Stand des Wissens als bewiesen gilt, kommen meist irgendwann neue Informationen und Entdeckungen, die den Erkenntnisstand verändern. Je weiter wir in unserer Forschung vordringen, desto weiter werden wir in unseren vorhandenen Ergebnissen zurückgeworfen. Es scheint paradox: Je mehr Fragen durch Forschung beantwortet werden, desto mehr neue Fragen stellen sich. Schon Sokrates wusste 'Ich weiß, dass ich nichts weiß'. Alle Eltern kennen das Problem, wenn ihre Kinder zu jeder noch so ausgefeilten Erklärung trotzdem ein „Warum?“ von ihren Lippen trotzen. Am Ende bleibt dann oft nur noch ein gequältes „Weil es so ist und nun Schluss mit der Fragerei!“ Tief im Inneren können aber auch Erwachsene manchmal ebenfalls ein leise seufzendes warum? vernehmen. Die menschliche Neugier ist unersättlich. Sie treibt uns stets voran. Ist sie etwa eine evolutionäre Antriebsfeder? Haben unsere Vorfahren das auch so gesehen? Die Evolution macht Sprünge, das ist aus vielen Untersuchungen in der Genforschung bekannt. Das wissen wir, weil wir diese Sprünge Tag für Tag essen, sie sogar als Begleiter, in Form unser geliebten Haustiere, halten. Manchmal haben wir diese Sprünge gefördert. Wer hätte es vor zweihundert Jahren für möglich gehalten, Pflanzen in der Wüste zu sehen, die irgendwie so entstanden sind? Wir haben daraus gelernt, dass Evolution nicht aufzuhalten ist. Sie ist Teil dieser Natur, in der wir nicht nur leben, sondern zu der wir genauso gehören wie der Kaktus in der Wüste oder das Känguru in Australien. Auch wir entwickeln uns evolutionär weiter wie jedes andere Lebewesen auf dieser Welt, auch wenn es aus der Sicht eines kleinen Menschenlebens manchmal scheint, als stünde die Evolution still.
„Oh nein, wir müssen nicht auf den nächsten Sprung in der Evolution des Menschen warten. Er ist bereits geschehen. Lassen sie uns die nächste Generation begrüßen!“, sagte Professor Singler bei einer Podiumsdiskussion der Natural Science Foundation in Wien im Jahre 2323. Professor Singlers Rede erregte auch Annies und Davids Aufmerksamkeit. In letzter Zeit hatten sich Gerüchte über andere mental und sogar körperlich Begabte verdichtet. Sie waren nicht mehr allein.
Annie spürte als erste die gewaltige Sonneneruption. Sie spürte und sie wusste, dass etwas Schlimmes passieren würde. Doch nicht hier auf der Erde, sondern auf dem Mond. Die Kolonie war in Gefahr. Sie hinterließ eine Nachricht für David, der gerade unterwegs war, und sprang. Das All war leer und still. So dunkel hatte Annie sich das nicht vorgestellt. Zum Glück war sie in der Lage, die Materie um sich herum so zu manipulieren, dass sie in einer Blase aus Luft schwebte. Der Mond war noch so weit weg. Annie nahm alle ihre Kräfte zusammen, sprang erneut und schaffte das ihr eben noch unmöglich erscheinende. Sie erreichte den Mond. Vor sich sah sie die Kuppelgebäude der Kolonie, in der anderen Richtung den überschallschnell heranrasenden Sonnenorkan mit seiner tödlichen Energie- und Teilchenstrahlung. Annie hatte Angst. Sie stellte sich auf die höchste Kuppel und bildete nur durch ihre Gedankenkraft ein überstarkes Magnetfeld um das gesamte Kuppelgebiet. Sie hatte keinen Blick für die am Fuße der Kuppel zusammenlaufenden Menschen, die zu ihr hinauf zeigten. Schon brandete der Strahlungsorkan der Eruption gegen ihr Schutzfeld an. Sie verstärkte das Feld und hielt stand. Nach wenigen Minuten war alles vorbei. Annie war erschöpft. Sie ließ das Energiefeld abklingen und sackte zusammen. Viel länger hätte sie dem Orkan nicht widerstehen können, aber egal, die Kolonie war gerettet. Sie spürte kaum noch, wie jemand sie sanft anhob und in die Kuppel brachte. Dann wurde es schwarz um sie.
Winston hatte die fremde Frau, die plötzlich wie aus dem Nichts auf der höchsten Kuppel der Station stand, als erster gesehen. Da er verantwortlicher Sicherheitsbeamter war, konnte er nicht zulassen, dass die Irre dort oben einfach stehenblieb. Er stutzte. Woher bekam sie eigentlich die Atemluft, die sie außerhalb der Stationsgebäude brauchte? Er lief zur nächsten Luftschleuse und zog sich einen außenanzug an, um schon im nächsten Moment aus der Schleuse zu springen. Eine schmale Treppe führte auf das Dach der Kuppel. Vorsichtig kämpfte sich Winston nach oben. Ein falscher Tritt und er konnte weit von seinem jetzigen Standort abgetrieben werden, das wäre das Scheitern seiner Rettungsmission. Als er bereits auf dem oberen Teil angekommen war, die Frau nur einige Meter vor sich, hörte er ein gewaltiges Brausen über sich. Unwillkürlich schaute er hoch. Etwa fünf Meter über ihnen funkelte eine Art Kraftfeld. Er wunderte sich, wusste er doch, dass die Mondstation so etwas nicht besaß. Blitzartig erahnte er, dass die Frau etwas damit zu tun hatte und instinktiv schreckte er zurück, um sie nicht bei dem zu stören, was auch immer sie gerade tat. Wenige Minuten später wurde es wieder so ruhig, wie er es auf der luftleeren Mondoberfläche gewohnt war. Er sah, wie die Fremde zusammenbrach und beeilte sich, vorsichtig und so schnell, wie die Umstände es zuließen, zu ihr zu kommen. Er sicherte sich mit dem Rettungsseil des Raumanzugs an einem Metallteil der Kuppelspitze, hob die Fremde hoch und begann den Abstieg. Er konnte nichts an der Frau entdecken, was ihm verriet, woher sie ihre Atemluft bekam. Bei genauerem hinsehen stellte er fest, dass er sie zwar in den Armen hielt aber zwischen ihr und seinen Armen eine Art Pufferraum war. Er beschloss, das Geheimnis später zu ergründen, denn schon hatte er den Eingang zur Luftschleuse erreicht und trug sie vorsichtig hinein. Er legte die Frau auf den Boden und überließ die weitere Versorgung den Sanitätern, die seine Rettungsaktion beobachtet hatten und ihn bereits erwarteten. Dann rief er Prof. Körner an und fragte, ob er irgendetwas über dem Mond bemerkt hätte. Prof. Körner war aufgebracht.
„Irgend etwas bemerkt?“ schrie er mühsam beherrscht. „Irgend etwas bemerkt!? Wir wären fast verkohlt worden und nun erklären sie mir mal, warum das nicht der Fall ist. Diese gewaltige Sonneneruption sollte uns eigentlich längst zu Asche verwandelt haben, aber wir sind noch am Leben! Entweder gibt es einen Gott, der es gut mit uns meint oder sie haben einen Energieschirm aktiviert, der die tödliche Strahlung von uns abgewendet hat. Aber so etwas haben wir gar nicht. Wir sollten tot sein!“
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