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INHALTSVERZEICHNIS

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TITEL

ZAHLTAG IN DER MORTUARY BAR

PETERS GEHEIMNIS

MOVIETOWN

ERSATZTEILE

DER ALTE MANN UND DAS MÄDCHEN

DER ULTIMATIVE KICK

SCHÄTZE DER FRUCHTBARKEIT

DER MANN, DER LOVECRAFT SAMMELTE

NACHBARSCHAFTSHILFE

UNTER DIE HAUT

DIE GRABBEIGABE

DIE EKSTASE DES TODES

NACHWORT

WEITERE TITEL DES AUTORS

LESEPROBE

ZAHLTAG IN DER MORTUARY BAR

Max Ackermann, der eigentlich Maximilian hieß, seinen Vornamen aber am liebsten auf amerikanische Art mit einem langen ä in der Mitte aussprach und bei seinem Nachnamen bisweilen das zweite n wegließ, um nicht so kleinbürgerlich deutsch, sondern weltmännischer zu klingen, brachte den schwarzen Porsche Carrera GT in der finsteren Seitenstraße so abrupt zum Stehen, dass die Reifen laut protestierten, ließ den Motor verstummen und löschte die Scheinwerfer. Augenblicklich legte sich wieder wie ein finsteres Leichentuch die Schwärze der Nacht über die gesamte Umgebung, aus der sie die Lichter des Wagens gerade eben gerissen hatten.

Eigentlich müsste ich hier richtig sein.

Max ließ den Blick suchend in alle Richtungen schweifen und starrte angestrengt in die Finsternis, die den Wagen wie ein durchscheinendes, schwarzes Seidentuch von allen Seiten einhüllte. Er konnte jedoch nichts entdecken, das darauf hindeutete, dass sich hier tatsächlich eine Bar befand.

Stattdessen sah alles wie ausgestorben aus. Keine Menschenseele war zu sehen. Und soweit Max es in der Düsternis erkennen konnte, wirkten die umliegenden Mietshäuser allesamt, als würden sie jeden Augenblick einstürzen, sobald jemand in ihrer Nähe nur niesen musste. Wohin er auch blickte, er sah überall nur leere oder vernagelte Fensterhöhlen, kaputte Scheiben und alte Backsteinmauern, von denen längst der größte Teil des schmutzig grauen Verputzes abgebröckelt war. Dieser Ort war entweder schon lange mausetot oder er lag in seinen letzten Zügen und hing am Tropf staatlicher Unterstützungsleistungen, die das Einzige waren, das ihn noch halbwegs am Leben erhielt.

In der Regel also kein Ort, an dem Max seine bevorzugte Klientel fand. Und falls wirklich irgendein Idiot so verrückt gewesen sein sollte, in dieser abgefuckten Gegend eine Bar zu eröffnen, dann hätte er sein Geld genauso gut im Ofen verheizen können. Diese Alternative hatte in Max’ Augen drei entscheidende Vorteile: Sie ging schneller von der Hand, machte deutlich weniger Arbeit und sorgte darüber hinaus für angenehme Wärme.

Er sah jedoch weit und breit keine Bar, und das hieß, dass er hier falsch war. Der erfolgreiche Allround-Unternehmer fluchte leise vor sich hin und klopfte aus Verärgerung wie auch aus Ungeduld mit den Fingern aufs Lenkrad. Es ärgerte ihn über alle Maßen, dass er mit der Fahrt hierher vermutlich nur seine Zeit vergeudete.

Dabei hatte der Anrufer, der ihn an diesen Ort bestellt und mit heiserer Stimme von einem Bombengeschäft gesprochen hatte, in Max’ Ohren noch so überzeugend geklungen. Und wenn Max sich nicht spontan dazu entschlossen hätte, hierher zu kommen, hätte er sich wahrscheinlich ständig gefragt, ob er nicht eine Riesenchance verpasste, und die nächsten drei oder vier Tage sicherlich keine ruhige Minute gehabt.

Denn Geschäfte, vor allem Bombengeschäfte, waren Max’ Lebensinhalt, solange sie sein ohnehin schon beachtliches Vermögen mehrten. Wenn es um Geld ging – vorzugsweise um das Geld anderer Leute –, dann war er skrupellos. Dass seine Geschäftspartner dabei des Öfteren auf der Strecke blieben und alles verloren, was sie besaßen, störte ihn dabei nicht im Mindesten. Im Gegenteil, es war das Salz in der Suppe und erhöhte nur den Reiz für ihn. Denn seiner Meinung nach gehörte das zum Business. Wo gehobelt wurde, da fielen bekanntlich Späne. Deshalb lautete seine Devise im Geschäftsleben auch: Fressen oder gefressen werden! Und Max gehörte von Natur aus zu denjenigen, die in geschäftlichen Dingen besonders gefräßig waren und das größte Maul und die schärfsten Zähne hatten.

Dabei hatte Max im Grunde schon alles, was man sich nur wünschen konnte: eine eigene Insel in der Karibik, mehrere prachtvolle Villen, u.a. in Palm Springs, Kapstadt, an der Côte d’Azur und am Genfer See, luxuriöse Eigentumswohnungen in Monte Carlo, New York, London und Paris, eine 49,9 Meter lange Megayacht von Benetti, eine Cessna Citation XLS+ und mehr Nobelkarossen, als er an den Fingern und Zehen all seiner Gliedmaßen abzählen konnte. Darüber hinaus besaß er dicke Aktienpakete diverser internationaler Konzerne, kostbare Kunstsammlungen und Goldreserven in seinen Bankschließfächern sowie unzählige prall gefüllte Bankkonten, vorwiegend in Steueroasen, von denen die Finanzbehörden dieser Welt zum größten Teil keinen blassen Schimmer hatten.

Doch trotz seines immensen Reichtums, der für mehrere ausschweifende Lebensspannen gereicht hätte, war er noch immer nicht satt und ständig auf der Suche nach vielversprechenden Geschäften und neuen Herausforderungen. Denn im Grunde seines herzlosen Wesens war Max unersättlich. Außerdem liebte er den besonderen Kick, sobald es ihm wieder einmal gelungen war, einen vermeintlichen Geschäftspartner über den Tisch zu ziehen. Ohne das befriedigende Gefühl, im finanziellen Dingen seine Überlegenheit über alle anderen zu demonstrieren, wäre Max’ Leben nämlich leer und öde gewesen. Er könnte seinen Reichtum und die schönen Dinge, die er sich damit leistete, vermutlich gar nicht richtig würdigen und genießen, wenn er sich nicht ständig vergegenwärtigte und immer wieder unter Beweis stellte, auf welche Art und Weise er sich sein Vermögen im wahrsten Sinne des Wortes verdient hatte.

Und genau aus diesen Gründen war auch in der heutigen Nacht wieder der Jagdinstinkt in ihm erwacht und hatte ihn dazu gebracht, sich trotz der fortgeschrittenen Stunde ins Auto zu setzen und in diese trostlose Gegend zu fahren. Doch diesmal schien er ausnahmsweise kein Glück zu haben. Wenn er sich umsah, dann erwartete ihn hier nur Not und Elend, aber vermutlich kein Bombengeschäft. Nicht in dieser heruntergekommenen Gegend, die seiner Meinung nach die ideale Kulisse für einen Endzeitfilm wäre und nicht einmal dann erfolgreich wiederbelebt werden könnte, wenn man zig Millionen Euro an Steuergeldern hineinpumpen würde. Was in seinen Augen allerdings eine riesige Fehlinvestition wäre. Abreißen wäre die bessere Alternative. Dabei würde wenigstens einer etwas verdienen, und zwar der Abrissunternehmer.

Angesichts der allmählich verfallenden Häuser ringsum erschien es ihm immer wahrscheinlicher, dass sich jemand einen bösen Scherz mit ihm erlaubt hatte. Neider, die ihm seine geschäftlichen Erfolge missgönnten, und Trottel, die er in den finanziellen Ruin getrieben hatte, gab es mittlerweile wie Sand am Meer. Max fragte sich nur, wie der Anrufer an seine geheime Privatnummer gekommen war.

Sei’s drum! Er beschloss, nicht noch mehr Zeit sinnlos zu vergeuden, sondern so schnell wie möglich wieder von hier zu verschwinden und stattdessen in eine der momentan angesagten Diskotheken oder Szenekneipen in der Innenstadt zu gehen, die er in einer Nacht wie dieser ohnehin bevorzugte. Irgendwo würde er schon zwei oder zur Abwechslung vielleicht auch mal drei willige blutjunge Frauen finden, die er mit seiner prall gefüllten Brieftasche und seinem guten Aussehen – das er nicht nur seinen Genen, sondern auch den geschickten Händen der weltweit besten und teuersten Schönheitschirurgen zu verdanken hatte – beeindrucken konnte und die ihn anschließend im Schlafzimmer als Gegenleistung für die spendierten Drinks die vertane Zeit vergessen lassen würden.

Er griff bereits nach dem Zündschlüssel und wollte den Motor starten, als urplötzlich in der Finsternis links von ihm ein blendend rotes Licht zum Leben erwachte. Max wandte erschrocken den Kopf und sah an der Fassade eines baufälligen dreistöckigen Hauses einen roten Neonbuchstaben leuchten. Es handelte sich um ein großes M. Nach fünf Sekunden erlosch das Neon-M, und ein zweiter Buchstabe rechts daneben leuchtete stattdessen auf. Diesmal war es ein o, das ebenso zügig von einem r abgelöst wurde. So ging es munter weiter, bis schließlich der elfte und letzte Buchstabe, ebenfalls wieder ein r, aufschien und verblasste. Nach einer kurzen Phase der Finsternis leuchteten dann alle Buchstaben gleichzeitig auf und bildeten zwei Worte.

»Mortuary Bar«, las Max leise den roten Neon-Schriftzug und runzelte die Stirn. Soweit er wusste, bedeutete Mortuary übersetzt Leichenhalle. Was für ein bescheuerter Name für ein Nachtlokal? Aber wenigstens handelte es sich eindeutig um eine Bar. Und da Max keine zweite entdecken konnte oder auch nur insgeheim in dieser gottverlassenen Gegend vermutete, musste es sich um exakt die Lokalität handeln, in die der geheimnisvolle Anrufer ihn bestellt hatte, der ausdrücklich von einem Bombengeschäft gesprochen hatte.

Die Hand noch immer am Zündschlüssel überlegte Max, ob er nicht doch besser wieder wegfahren sollte. Die heruntergekommene, menschenleere Gegend und der makabre Name der Bar verhießen nichts Gutes. Wer nannte seine Bar schon Leichenhalle? Und wer zum Teufel verkehrte eigentlich freiwillig in einem Nachtlokal, das so hieß?

Andererseits passte der Name in dieses Viertel wie das Tüpfelchen aufs i. Und Max hatte in seiner Laufbahn schon an den ungewöhnlichsten und unwahrscheinlichsten Orten wahre Geldadern aufgespürt. Außerdem, was hatte er schon zu verlieren? Die Sache war doch denkbar einfach: Er marschierte in die Bar, redete ein paar Takte Klartext mit demjenigen, der ihn herbestellt hatte, und stellte so rasch fest, was wirklich hinter dem vermeintlichen Bombengeschäft steckte, denn dafür hatte Max einen Riecher und dabei machte ihm niemand so leicht etwas vor. Wenn es sich nur um die Hirngespinste eines Großmauls oder Träumers handelte, stieg er einfach wieder in seinen Wagen und ließ dieses Ruinenviertel so schnell wie möglich hinter sich, ohne einen einzigen Blick zurückzuwerfen und je wieder einen Fuß hineinzusetzen. Alles in allem würde ihn die ganze Aktion einschließlich An- und Abfahrt höchstens eine Stunde seiner kostbaren Zeit kosten.

Wenn sich andererseits tatsächlich ein richtig gutes Geschäft dahinter verbarg und er nun einfach wegfuhr … Max wagte den Gedanken nicht einmal zu Ende zu denken, denn der Ärger über eine verpasste Gelegenheit, seine geschäftliche Überlegenheit zu demonstrieren und seinen Reichtum zu mehren, wäre um ein Vielfaches größer als die Verschwendung einer einzigen Stunde seiner Zeit.

Damit war die Entscheidung gefällt.

Max zog den Zündschlüssel ab und stieg aus. Nach dem Absperren überprüfte er noch einmal, ob die Türen des Porsche tatsächlich verriegelt waren. In dieser Gegend war Vorsicht besser als Nachsicht, auch wenn er den Eindruck hatte, dass sogar die Autodiebe dieses Viertel mieden und an besseren Orten auf Beutezug gingen. Anschließend näherte er sich mit vorsichtigen Schritten der Neonbeleuchtung an der Wand. Glasscherben knirschten unter den Sohlen seiner Schuhe. Er sah sich aufmerksam nach allen Seiten um, konnte jedoch noch immer niemanden entdecken.

Unmittelbar unter dem Schriftzug aus leuchtenden Neonröhren führten mehrere steinerne Stufen in die Tiefe. Sie wurden vom blutroten Schein der Leuchtbuchstaben erhellt und wirkten dadurch wie der Zugang zur Unterwelt. Am Ende der Treppe befand sich eine schartige dunkle Holztür.

Max war nicht der Typ, der sich von vermeintlichen Omen beeindrucken ließ oder in allen Dingen düstere Vorzeichen sah. Es fröstelte ihn zwar leicht, doch er zuckte nur mit den Schultern und schüttelte damit das leichte Unbehagen, das ihn bei dem unheimlichen Anblick befallen hatte, mühelos ab.

Dann machte er sich vorsichtig an den Abstieg. Das rote Licht ließ die Konturen der Stufen vor seinen Augen verschwimmen und undeutlich werden. Er wollte jedoch keinen Fehltritt tun und die Stufen hinunterfallen und ging langsam. Noch immer knirschte Glas unter seinen Schuhen. Ein Sturz würde ihm nicht nur Prellungen, sondern vermutlich auch Schnittwunden einbringen, von einer möglichen Blutvergiftung gar nicht zu sprechen.

Auf dem Weg nach unten konnte Max bereits leise Musik hören, die durch die geschlossene Tür gedämpft wurde. Als er sie erreicht hatte, zögerte er keinen weiteren Augenblick, sondern legte die Hand auf die Türklinke und zog die erbärmlich in ihren Angeln quietschende Tür entschlossen auf. Schwacher gelber Lichtschein fiel nach draußen, und sofort wurde auch die Musik ein bisschen lauter.

Max betrat den dämmrigen Raum, der voller Schatten war, während die Tür hinter ihm laut krachend ins Schloss fiel.

Unbemerkt von menschlichen Augen gab das leuchtende Neon-O über der Treppe in diesem Moment zischende Geräusche von sich. Funken sprühten in alle Richtungen, dann zersprang die runde Leuchtröhre mit einem klirrenden Laut. Die Scherben regneten zu Boden und fielen zu den anderen in der Gasse und auf den Stufen.

Einen Augenblick später erloschen auch die übrigen Buchstaben, die den Schriftzug Mortuary Bar gebildet hatten. Die Gasse und der verlassene Sportwagen versanken in noch tieferer Finsternis als zuvor. Und nichts deutete nun noch darauf hin, dass in der schmutzigen Seitenstraße eine Bar existierte.

Nachdem die Tür hinter ihm zugefallen war, blieb Max eine gute Minute reglos stehen und musterte aufmerksam das Innere der Bar, in der er gelandet war.

Die Musik war hier drinnen nur unwesentlich lauter als draußen vor der geschlossenen Tür und überstieg damit nicht den Pegel, bei dem man sich noch problemlos unterhalten konnte, ohne schreien zu müssen. Der Raum war sogar für ein Nachtlokal extrem düster und wurde von entschieden zu wenig verborgenen Lichtquellen nur unzureichend erhellt. In der schummrigen Beleuchtung, die mehr schattige Bereiche als helle Lichtoasen erschuf, konnte Max in der Mitte des Raumes eine ringförmige Theke erkennen, die von hohen Barhockern umzingelt und belagert wurde wie eine Wagenburg von einer Horde angreifender Indianer. Drei Hocker waren belegt. Aufgrund der schlechten Lichtverhältnisse konnte Max die anwesenden Gäste allerdings nur schemenhaft erkennen und keine Einzelheiten ausmachen. Er konnte nicht einmal sagen, ob es sich um Männer oder Frauen handelte. Rechts und links vor den Seitenwänden des rechteckigen Raumes reihten sich mehrere Sitznischen aneinander, die aus zwei gegenüberliegenden Bänken und einem Tisch in ihrer Mitte bestanden. In mehreren Nischen konnte Max weitere schattenhafte, reglose Gestalten ausmachen.

Max hatte keine Ahnung, ob der anonyme Anrufer schon da war und sich unter den Gästen befand. Er wusste ja nicht einmal, wie er ihn erkennen sollte. Er ging aber davon aus, dass sein potentieller Geschäftspartner wusste, wie Max aussah, und ihn früher oder später ansprechen würde.

Er zuckte mit den Schultern und marschierte, da ihm nichts Besseres einfiel, zum Tresen. Nachdem er die Sitzfläche mit dem Ärmel seines Jacketts sauber gewischt hatte, erklomm er den Hocker und platzierte beide Ellbogen auf der Theke.

Als wäre sie aus einem Raumschiff geradewegs hierher teleportiert worden, materialisierte sich schon im nächsten Augenblick eine Gestalt in einer finsteren Ecke jenseits des Tresens, bei der es sich um den Barmann handeln musste. Geradezu bedächtig schlurfte er aus den Schatten heraus und auf den neuen Gast zu. Erst als sie nur noch die Breite der Theke voneinander trennte, konnte Max ihn deutlicher erkennen und schrak unwillkürlich zurück, denn der Mann bestand fast nur aus Haut und Knochen. Die unnatürlich bleiche Gesichtshaut spannte sich so straff über den Schädelknochen, als müsste sie jeden Moment zerreißen. Die wässrigen, fiebrig glänzenden Augen lagen so tief in den Höhlen, dass sie kaum zu erkennen waren, und der ganze Schädel war vollkommen haarlos und von unzähligen dunklen Pigmentflecken übersät. Auf den dürren unbedeckten Armen befanden sich zahllose Tätowierungen in den unterschiedlichsten Größen, bei denen es sich allesamt entweder um Totenschädel oder um erstaunlich gut getroffene Selbstporträts des Mannes handelte. Der Barkeeper ließ die Musterung teilnahmslos über sich ergehen, fragte nicht, was Max trinken wollte, sondern wartete stumm auf die Bestellung des neuen Gastes. Nachdem Max sich vom ersten Schock des makabren Anblicks erholt hatte, orderte er einen Whisky mit Eis, worauf sich das Klappergestell wortlos abwandte, ebenso gemächlich wieder davonschlurfte und in die Schatten eintauchte.

Kaum war der Mann verschwunden, konnte Max das Grinsen nicht länger zurückhalten. Er strich mit der rechten Hand durch sein kurzes braunes Haar und schüttelte verwundert den Kopf. Nun endlich machte der Name der Bar für ihn einen Sinn, denn dieser Barkeeper passte zu einer Leichenhalle wie die berühmte Faust aufs Auge. Hätte sich die Bar in einer geringfügig zivilisierteren und vorzeigbareren Gegend dieses Planeten befunden, wäre sie möglicherweise sogar eine Goldgrube gewesen, denn die Nachtschwärmer waren ständig auf der Suche nach neuen Kicks und liebten bizarre und ausgefallene Ideen.

Der Barkeeper kehrte schon bald wieder zurück und stellte den Whisky ohne ein Wort vor Max ab. Max nickte ihm zum Dank knapp zu und nahm das Glas, auf dem sich ein Kondensfilm gebildet hatte. Die Eiswürfel schlugen klirrend gegeneinander und an das Innere des Glases, als er es an seine Lippen hob und einen kleinen vorsichtigen Schluck nahm. Augenblicklich verzog er angewidert das Gesicht und stellte das Glas schnell wieder auf den Tresen.

Was zum Teufel ist denn das?

Was immer der Barkeeper ihm da vorgesetzt hatte, es hatte nicht das Geringste mit einem anständigen Whisky gemeinsam. Stattdessen schmeckte das Zeug wie etwas, das schon längere Zeit tot war und seitdem in einer vergessenen Ecke vor sich hin gefault hatte. Max konnte nun auch einen stechenden, geradezu widerwärtigen Geruch wahrnehmen, der vom bräunlich trüben Inhalt des Glases ausging und ihm die Tränen in die Augen trieb. Sogar die Eiswürfel, die darin schwammen, sahen merkwürdig aus. Sie hatten eine ungewöhnliche hellrote Färbung und schienen dunkle schmeißfliegengroße Objekte zu enthalten, die aber zum Glück nur schemenhaft zu erkennen waren.

Max schob das Glas so weit von sich, wie es ihm möglich war, und spuckte die Flüssigkeit, die er zum Glück nicht heruntergeschluckt hatte, auf den Boden neben seinen Barhocker. Es hätte ihn gar nicht verwundert, wenn das eklige Zeug gedampft, gezischt und ein Loch in den Fußboden gebrannt hätte. Er holte sein Taschentuch heraus, um sich den Mund abzuwischen, und rieb mit dem rauen Stoff sogar mehrmals über seine Zunge. Anschließend sammelte er Speichel im Mund und spuckte noch einmal aus, um auch noch den letzten Überrest des widerlichen Geschmacks loszuwerden. Es blieb jedoch auch weiterhin ein leicht unangenehmer Nachgeschmack zurück. Er überlegte, ob er die Toilette aufsuchen und den Mund ausspülen sollte, nur um ganz sicher zu gehen. Vielleicht war das Zeug ja gesundheitsgefährdend. Und vielleicht sollte Max dem Barmann einen guten Rat geben, bevor er ging, denn was immer der Kerl benutzte, um den Whisky zu strecken, er sollte es das nächste Mal mit einem geruchs- und geschmacksneutraleren Mittel versuchen.

»Na, Hübscher, spendierst du mir einen Drink?«

Die raue Stimme, die ihn so überraschend ansprach, riss ihn aus seinen Überlegungen. Er fuhr erschrocken hoch und sah in die Richtung, aus der sie gekommen war. Auf dem Barhocker links neben ihm hatte sich eine Frau mit langen dunklen Haaren niedergelassen. Er wusste nicht, ob sie aus einem anderen Teil der Bar oder von draußen hereingekommen war, da er die letzten Minuten viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen war, um auf seine Umgebung zu achten. Nun hockte sie auf alle Fälle neben ihm und sah ihn aus dem schattigen Bereich, in dem sie saß, heraus an.

Max grunzte zur Erwiderung nur etwas Unverständliches. Er hatte noch nie zu den Leuten gehört, die gern und freigiebig Geschenke verteilten. In der Regel erwartete er für alles eine Gegenleistung. Aber wenn die Unbekannte gut aussah und bereit war, sich entsprechend ihrer von Mutter Natur verliehenen Möglichkeiten zu revanchieren, würde er mit Vergnügen ein paar billige Drinks investieren. Wenn sie hingegen zur gleichen Kategorie wie der Barkeeper, also zur Rasse der Vogelscheuchen, gehörte, dann würde sie entweder ihre Drinks selbst bezahlen oder durstig unter den Stein zurückkriechen müssen, unter dem sie erst vor Kurzem hervorgekrochen sein musste. Im Augenblick konnte sich Max darüber allerdings noch kein abschließendes Urteil bilden, da er außer den langen dunklen Haaren keine Einzelheiten erkennen konnte.

Als hätte die Frau seine Gedanken gelesen, beugte sie sich in seine Richtung, bis ihr Gesicht in den dämmrigen Schein einer der verborgenen Lichtquellen geriet.

Max zuckte vor Schreck noch heftiger zurück als zuvor beim Barmann, sodass er sogar Mühe hatte, auf dem hohen Hocker sein Gleichgewicht zu bewahren und nicht herunterzufallen.

Die papierdünne Haut der Frau hatte eine wächserne, leicht gelbliche Färbung wie altes Fett, war von ungesund aussehenden dunklen Flecken übersät und spannte sich über den Wangenknochen, als wäre sie an einer verborgenen Stelle an die Kopfhaut getackert und anschließend mit hohem Kraftaufwand gestrafft worden. Die Augen lagen so tief in ihren finsteren Höhlen, dass sie vollständig im Schatten verborgen waren, und die strähnigen Haare waren fettig und ungekämmt. Außerdem sah es so aus, als würden zahlreiche winzige Tierchen darin herumkrabbeln, doch so genau konnte und wollte Max es dann doch nicht wissen. Als die Frau das Gesicht zu einer Grimasse verzog, die sie möglicherweise für ein verführerisches Lächeln hielt, und den Mund öffnete, konnte er zwei Reihen brauner Zahnstümpfe entdecken. Ein fauliger, übelkeitserregender Geruch mischte sich unter den leichten Verwesungsgestank, den sie ausdünstete und der Max erst in diesem Moment mit voller Wucht erreichte.

Wie heißt dein Parfüm, Teuerste? Leichenduft N° 5? Zumindest passt es in die Mortuary Bar!, dachte Max, obwohl er höchst angewidert war, in einem Anflug von Galgenhumor und wandte rasch sowohl den Blick als auch seine empfindliche Nase von der Frau ab. Er befürchtete nämlich ernsthaft, sich übergeben zu müssen, sollte er die Gesichtsbaracke neben sich auch nur eine Sekunde länger ansehen und ihren Gestank einatmen müssen.

Was war das nur für ein merkwürdiger Ort, an dem er in dieser Nacht so unvermittelt gelandet war? Der Vorraum zur Hölle? Der Name der Bar schien auf jeden Fall Programm zu sein. Der Barmann und die Frau neben ihm sahen nämlich tatsächlich so aus, als warteten sie auf den Tod, der jeden Moment zur Tür hereingekommen, seine Sense schwingen und sie holen könnte, oder als gehörten sie längst in eine Leichenhalle und nicht in eine öffentliche Bar, die nur diesen makabren Namen trug. Was er zunächst noch für einen müden Gag gehalten hatte, entpuppte sich nun beinahe als zutreffend. Aber was wollte man in dieser Gegend anderes erwarten. Die Menschen, die hier lebten, mussten genauso kaputt sein wie die Häuser, in denen sie hausten – oder wohl eher dahinvegetierten.

Max war auf alle Fälle nicht daran interessiert, auch noch die anderen Gäste näher in Augenschein zu nehmen oder besser kennenzulernen. Stattdessen war er dankbar für die schlechte Beleuchtung, die die meisten Details seiner Umgebung und die anderen Gäste gnädigerweise vor seinen Blicken verbarg.

»Na, wie steht’s jetzt mit dem Drink, Hübscher?«, rief sich die Vogelscheuche neben ihm in Erinnerung.

Verdammte Scheiße!, fluchte Max still in sich hinein. Gevatter Tods hässliche Schwester lässt einfach nicht locker!

Die verfluchte Alte würde wahrscheinlich erst dann Ruhe geben, wenn sie ihren verdammten Gratis-Drink bekam. Also beschloss Max widerwillig, das erste Mal seit langer Zeit etwas herzugeben, ohne dafür eine angemessene Gegenleistung zu verlangen. Aber wenn die Frau ihn dann nicht länger mit ihrem grässlichen Aussehen und ihrem infernalischen Gestank belästigte, war ihm das ausnahmsweise Lohn genug. Außerdem wollte er ohnehin nur noch allerhöchstens zehn weitere Minuten auf seine Verabredung warten. Wenn der Armleuchter bis dann immer noch nicht aufgetaucht war, würde Max diesen schrecklichen Ort schneller hinter sich lassen, als der knochendürre Barmann »Beehren Sie uns bald wieder!« nuscheln konnte. Vorausgesetzt, der Kerl war überhaupt in der Lage, sich verständlich zu artikulieren. Max befürchtete nämlich ernsthaft, die Vogelscheuche neben ihm könnte ansonsten auf den wahnwitzigen Gedanken kommen, sie müsste sich für den spendierten Drink in irgendeiner in seinen Augen eher perversen Art und Weise bei ihm erkenntlich zeigen. Dabei hatte Max schon Albträume, wenn er nur daran dachte, sie und er könnten … Brrr, da bekam er ja gleich Schüttelfrost!

Er hob die Hand, um den klapprigen Barkeeper auf sich aufmerksam zu machen, zeigte auf die Frau neben sich und machte die in allen Bars dieser Welt verständliche Geste des Trinkens. Auch wenn der Barkeeper nicht gerade der kommunikativste Vertreter seiner Zunft war, kapierte er dennoch sofort, was Max wollte, und machte sich an die Arbeit. Außerdem schien er genau zu wissen, welchen Drink die Frau bevorzugte, denn er fragte nicht einmal nach. Nach ihrem grässlichen Aussehen zu urteilen, gehörte sie ohnehin zum Inventar der Mortuary Bar.

»Das ist wirklich ausgesprochen freundlich von dir«, bedankte sie sich umgehend und zog sich zu Max’ grenzenloser Erleichterung wieder etwas mehr ins Halbdunkel zurück, in dem sie saß und das ihre verunstalteten Züge unsichtbar werden ließ.

Max atmete erleichtert auf, als der widerliche Geruch sogleich weniger intensiv wurde. Er warf einen Blick auf seine Uhr, eine Patek Philippe Sky Moon Tourbillon aus Platin, von der pro Jahr nur zwei Exemplare hergestellt wurden und die beinahe eine Million Schweizer Franken gekostet hatte. Von dem Geld hätte er vermutlich das ganze Stadtviertel mit all seinen Bewohnern kaufen können. Wo, zum Teufel, blieb nur der verdammte Kerl, dem er diesen Trip in den Abort der menschlichen Zivilisation zu verdanken hatte?

Der Barkeeper materialisierte wie ein Geist im Dämmerlicht hinter der Theke, stellte, gesprächig wie immer, ein Glas vor die Frau und verschwand lautlos. Max wollte lieber gar nicht wissen, wie das eitergelb gefärbte Gesöff hieß, schmeckte oder roch. Aber vielleicht bekamen die Stammgäste ja Besseres kredenzt. Oder sie hatten sich an die ekelhafte Brühe, die hier ausgeschenkt wurde, längst gewöhnt und ihre Speiseröhren und Mägen durch jahrelanges intensives Training gestählt und abgehärtet.

Die Frau hob das Glas vom Tresen und nahm einen großen Schluck. Es schien ihr zu schmecken. »Ich heiße übrigens Anna«, stellte sie sich vor, nachdem sie das Glas wieder abgesetzt hatte.

Das blöde Miststück gibt einfach keine Ruhe!, dachte Max verärgert. Die Alte will wohl unbedingt mit mir quatschen. Aber warum eigentlich nicht? Im Augenblick hatte er nichts Besseres zu tun. Außerdem würde er, so wie es aussah, in wenigen Minuten ohnehin den Abflug machen und keine dieser erbärmlichen Gestalten jemals wiedersehen.

»Hallo, Anna. Ich heiße Max.«

»Max«, wiederholte Anna nachdenklich, als würde sie sich den Namen wie eine Speise auf der Zunge zergehen lassen, um zu prüfen, ob sie ihr schmeckte oder nicht. »Freut mich echt, dich hier zu treffen, Max.«

Max hütete sich davor, etwas Ähnliches zu äußern. Eher hätte er sich die Zunge abgebissen. Stattdessen stieß er ein unverbindliches Brummen aus, das man so oder so deuten konnte. Außerdem würde er sich vermutlich erst dann wirklich freuen können, wenn er wieder in seinem Wagen saß und die Gegenwart dieser Schreckschraube nicht länger ertragen musste.

»Eins musst du wissen, Max: Ich hab früher mal echt toll ausgesehen«, sagte Anna unvermittelt.

Ja, ja, dachte Max gelangweilt und unterdrückte ein Gähnen, wer’s glaubt, wird selig. Das muss aber schon ein paar Jahrhunderte her sein! Wenigstens war ihr bewusst, dass sie mittlerweile alles andere als echt toll aussah. »Ach ja?«

»Ja. Außerdem war ich damals auch beruflich noch erfolgreich.«

Nun, sieht ganz danach aus, als seien die fetten Jahre jetzt vorbei!, dachte Max und verkniff sich nur mit Mühe ein Lachen über sein gedankliches Wortspiel. Laut fragte er: »Und was machst du jetzt so, Anna?«

»Na ja, momentan hänge ich eher so herum«, antwortete Anna und gackerte lauthals los, als hätte sie soeben einen köstlichen Witz erzählt, obwohl Max beim besten Willen nichts Komisches an ihrer Äußerung entdecken konnte. Ein paar der anderen Gäste lachten ebenfalls, während der Barkeeper seine ausdruckslose Miene beibehielt, als wäre er nicht nur stumm, sondern auch taub, und weiter Gläser abtrocknete.

Verdammt! Können diese Arschlöcher sich nicht um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, anstatt fremde Gespräche zu belauschen?, dachte Max verärgert.

»Ich hatte damals ein eigenes Geschäft«, fuhr Anna, nun wieder ernsthaft, fort. »Nichts Großartiges, nur eine kleine Modeboutique, aber es reichte und verschaffte mir ein gutes Auskommen. Außerdem blieb jeden Monat noch etwas Geld übrig, das ich auf die hohe Kante legen konnte, um meine Altersversorgung zu sichern.«

Verdammt, jetzt erzählt sie mir auch noch ihre gottverdammte Lebensgeschichte. Max warf einen verstohlenen Blick auf seine Uhr. Allerhöchstens noch fünf Minuten, dann bin ich unwiderruflich weg. Länger ertrage ich ihr Gewäsch sowieso nicht mehr.

»Irgendwann wollte ich mir mit meinen Ersparnissen ein kleines Häuschen auf dem Land kaufen. Das war schon immer mein Traum gewesen.«

Max beobachtete die schattenhafte Gestalt auf dem Barhocker neben ihm aus den Augenwinkeln, während sie sprach. Nun hatte sie es doch noch geschafft, sein Interesse zu wecken, denn er war selbst ein paar Jahre in der Baubranche tätig gewesen. Das hatte ihm ein paar leicht verdiente Millionen eingebracht. Er dachte immer wieder gern an diese Zeit und an die zahlreichen Träumer zurück, die ihm ihr Geld und ihr Vertrauen geschenkt hatten. Dummköpfe! Er hatte sie um beides betrogen und sie am Ende in ihren halb fertiggestellten Bauruinen zurückgelassen. Max lächelte verträumt, als er an die damaligen Bombengeschäfte zurückdachte. Damals war für ihn fast jeden Tag Zahltag gewesen, er hatte das Geld gar nicht so schnell zählen können, wie es in seine Taschen geflossen war.

»Ich wandte mich damals an einen Bauträger, der mir versprach, ein wunderschönes Einfamilienhaus ganz nach meinen Vorstellungen zu bauen. Und das zu einem verhältnismäßig günstigen Preis. Meine Ersparnisse reichten dafür nicht, also musste ich einen großen Teil finanzieren. Aber mit der Boutique im Rücken war es kein Problem, einen Kredit zu bekommen.«

Interessiert hörte Max zu. Er konnte sich schon jetzt lebhaft vorstellen, wie diese für einen weniger herzlosen Menschen gewiss rührende Geschichte ausgegangen war.

»Die Firma begann mit dem Bau, doch schon kurz nach Errichtung des Rohbaus wurden die Arbeiten von einem Tag auf den anderen eingestellt. Alles, was ich besaß, war eine Bauruine. Außerdem waren all meine Ersparnisse weg, und den Kredit musste ich auch zurückbezahlen. Ich war nicht das einzige Opfer, Hunderten war es ähnlich ergangen. Alle waren um ihr Geld betrogen worden und saßen nicht nur in unbewohnbaren Rohbauten, sondern auch auf einem Berg von Schulden. Rechtlich war nichts zu machen, denn der vermeintliche Geschäftsführer der Bauträgerfirma war nur ein Strohmann, der von den miesen Machenschaften des wahren Eigentümers nichts gewusst hatte und selbst um seinen Lohn betrogen worden war. Er hatte kein Geld und litt darüber hinaus an einer unheilbaren Krankheit, die ihn an den Rollstuhl fesselte. Ihn zu verklagen, wäre sinnlos gewesen.«

Leukämie!, dachte Max und grinste selbstzufrieden über seinen eigenen Einfallsreichtum, wenn es darum ging, die Geldströme von den Konten anderer Leute elegant in die eigene Tasche umzuleiten.

»Mein Geld war natürlich mitsamt dem Betrüger spurlos verschwunden«, fuhr Anna mit tonloser Stimme fort. »Die monatliche Belastung durch die Kredittilgung und die ständig wachsenden Zinsbeträge wurde irgendwann zu viel. Ich musste mein Geschäft verkaufen, um wenigstens einen Teil meiner Schulden ausgleichen zu können. Anschließend stand ich beruflich vor dem Nichts.«

»Schlimme Sache«, heuchelte Max Mitgefühl, das ihm wesensfremd war, während er über die Dummheit dieser Frau hinter vorgehaltener Hand heimlich grinste.

»Am Ende sah ich keinen anderen Ausweg mehr«, fuhr Anna fort. »Von meinem letzten Bargeld kaufte ich im Baumarkt einen robusten Strick und erhängte mich im Badezimmer!«

Ihre letzten Worte wischten das Grinsen aus Max’ Gesicht. Irritiert schreckte er hoch. Moment mal, was erzählt die Alte bloß für einen Mist? Da sie hier neben ihm hockte, konnte die Sache mit dem Erhängen ja nicht geklappt haben! Konnte diese Versagerin eigentlich gar nichts richtig machen?

»Ganz im Gegenteil, Max. Diesmal hab ich alles richtig gemacht«, widersprach Anna, beugte sich nach vorn, bis ihr Gesicht wieder ins Licht geriet, und starrte ihn aus ihren tief in den Höhlen liegenden Augen anklagend an. »Fast eine ganze Woche hing ich an dem verdammten Seil, bis ich endlich gefunden wurde. Es war der Gerichtsvollzieher, der gekommen war, um mich aus meiner Wohnung zu werfen, weil ich die Miete nicht mehr bezahlen konnte. Und das alles nur wegen dir und deiner verfluchten Skrupellosigkeit. Du hast mich auf dem Gewissen, Max Ackermann!«

Erschrocken wich Max zurück, so weit es ihm der Barhocker gestattete. Die Alte war ja komplett wahnsinnig! Es war gut möglich, dass er sie vor einigen Jahren tatsächlich um ihr Geld gebracht hatte. Es waren damals so viele gewesen, dass er sich nicht mehr an jeden Einzelnen erinnern konnte. Aber er hatte doch nur ihr Geld genommen und nicht ihr … ihr Leben.

»Mein Tod geht auch auf dein Konto, Max Ackermann!«, ertönte in diesem Moment eine neue Stimme unmittelbar hinter ihm.

Max wirbelte auf dem Hocker um die eigene Achse und sah sich nach dem Sprecher um.

Die übrigen Gäste in der Bar hatten ihre Plätze verlassen. Während seiner Unterhaltung mit Anna waren sie lautlos und unbemerkt aus ihren Nischen geschlüpft und näher herangekommen. In einem engen Halbkreis standen sie nun vor ihm im trüben Lichtschein und präsentierten sich in all ihrer Schönheit. Und einer sah schlimmer aus als der andere.

»Bei mir lief die Sache nahezu identisch ab«, sagte ein Mann. »Ich hab mich allerdings nicht aufgehängt, sondern mir eine Kugel in den Kopf gejagt. Das ging schneller.« Er bohrte seinen Zeigefinger in das schwarz verkrustete Einschussloch in seiner rechten Schläfe, bis die vorderen beiden Fingerglieder komplett darin verschwunden waren.

»Mich hast du auch über den Tisch gezogen, Max Ackermann«, meldete sich ein weiterer Mann zu Wort, dessen verzerrte Gesichtszüge Max sogar vage vertraut vorkamen. »Du hast mir meine Firma gestohlen! Am Ende blieb mir nichts anderes übrig, als meine ganze Familie mit in den Tod zu nehmen, um ihnen ein Leben in Armut und Schande zu ersparen.«

Die Frau an seiner Seite nickte heftig. Man konnte noch immer sehen, dass sie einmal sehr schön gewesen sein musste. Doch jetzt sah ihr Schädel aus, als wäre er von einem brutalen Axthieb in zwei ungleichmäßige Hälften gespalten worden. Auch die Körper und Köpfe der beiden kleinen Kinder, die in ihren mit Comicfiguren bedruckten Schlafanzügen vor dem Paar standen und Max aus großen leblosen Augen finster anstierten, sahen schrecklich deformiert und verunstaltet aus.

»Du hast meine gesamten Ersparnisse gestohlen, die ich dir für Anlagezwecke anvertraut hatte!«, rief eine Frau aus dem Hintergrund. Sie hob ihre Arme und präsentierte ihm ihre blutleeren aufgeschlitzten Handgelenke, als wären es grauenerregende Trophäen.

»Meine auch, du Betrüger!«

»Ackermann, du hast uns ruiniert!«

»Gemeiner Dieb!«

»Wir haben alles verloren!«

Nachdem so ziemlich jeder der Anwesenden mit Ausnahme des Barmanns seinem Unmut lautstark Luft gemacht hatte, kehrte zunächst wieder Ruhe ein. Sogar die Hintergrundmusik war mittlerweile verstummt.

Max war während der anklagenden Worte unwillkürlich auf der Sitzfläche des Hockers immer weiter nach hinten gerutscht, bis er mit dem Rücken gegen die Bar stieß und nicht mehr weiter zurückweichen konnte.

»Was auch immer du jedem Einzelnen von uns angetan hast, Max Ackermann«, meldete sich da wieder Anna zu Wort, »heute ist endlich der lang ersehnte Zahltag gekommen. Denn heute Nacht wirst du für deine Untaten bezahlen – mit deinem Leben, mit deinem Blut und mit deinem Fleisch!«

Max wandte rasch den Kopf, obwohl er am liebsten alle Anwesenden gleichzeitig im Auge behalten hätte. Die Frau, die sich ihm mit dem Namen Anna vorgestellt hatte, stand nun unmittelbar neben ihm im düsteren Licht. Er konnte die schwarzen Wundmale an ihrem Hals erkennen, wo sich der Strick tief in ihr nachgiebiges Fleisch gegraben hatte.

Max räusperte sich und setzte zum Sprechen an. Er wollte die Menge mit den beruhigenden Worten des geborenen Verführers, der er war und ihm bisher so viel Erfolg beschert hatte, zur Vernunft bringen. Zur Not würde er ihnen sogar versprechen, das Geld mit Zins und Zinseszins zurückzuerstatten.

Doch die gierige Meute vor ihm kannte nun kein Halten mehr. Als wären Annas Worte der Startschuss gewesen, stürzten sich alle gleichzeitig schreiend und heulend auf den Mann in ihrer Mitte, den sie zuvor bereits mit Worten zu der Strafe verurteilt hatten, die sie nun eigenhändig vollstrecken wollten.

Max schrie gellend, als zahlreiche eisig kalte Klauen gleichzeitig nach ihm griffen und an seinen Armen und Beinen zerrten. Zähne gruben sich an mehreren Stellen durch seine Kleidung und tief in sein Fleisch. Ein besonders gieriges Maul schloss sich um sein rechtes Ohr und riss es ihm mit einem einzigen extrem schmerzhaften Ruck vom Kopf. Etwas Spitzes bohrte sich in sein rechtes Auge und hebelte den Augapfel aus seiner Höhle. Dann wühlten sich gekrümmte Klauenfinger in seinen Hals und rissen ihm den Kehlkopf heraus.

Max Ackermanns qualvoller Schrei endete wie abgeschnitten. Im Hintergrund setzte wieder leise Barmusik ein, als der Barmann den CD-Spieler anmachte, und begleitete das Reißen nachgebenden Fleisches und das Krachen berstender Knochen. Nach einer Weile wurden diese Geräusche jedoch leiser und durch lautes Schlürfen und genießerisches Schmatzen ersetzt. Gelegentlich rülpste sogar jemand laut.

Nachdem die erbarmungslose, rachsüchtige Meute ihr grausiges Mahl vollendet hatte, wandte sie sich stumm von den Überresten ab und verschwand wie eine Prozession von Geistern einer nach dem anderen geräuschlos durch eine im Schatten liegende Tür im hinteren Teil der Bar.

Der schweigsame Barkeeper nahm einen Lappen und einen Eimer mit Wasser und wischte die dunklen Flecken auf, die von Max Ackermann übrig geblieben waren. Er sammelte auch die zerfetzten, bluttriefenden Reste der ehemaligen Designerkleidung, eine teure Armbanduhr, ein Schlüsselbund, eine dicke Brieftasche und ein paar zerbrochene, ausgelutschte Knochenstücke ein, ehe er hinter den Tresen zurückkehrte und begann, die Gläser abzuräumen.

Während er die Gläser spülte, öffnete sich die hintere Tür ein weiteres Mal und entließ einen Schwung merkwürdiger, schweigsamer Gestalten. Die neuen Gäste kamen ebenso wortlos und diszipliniert, wie die alten zuvor das Feld geräumt hatten, in die Bar und verteilten sich anschließend an der Theke und auf die Sitznischen.

Trotz der leisen Hintergrundmusik hörte der Barmann schon bald darauf, wie draußen ein Wagen in die Gasse fuhr und neben dem Porsche des kürzlich verstorbenen Multimillionärs Max Ackermann anhielt, dann verstummte der Motor. Der Barkeeper wartete noch eine halbe Minute, ehe er auf einen unter dem Tresen verborgenen Knopf drückte, wodurch die Neonbeleuchtung über dem Eingang – mit Ausnahme des ausgefallenen o in Mortuary – wieder zu leuchtendem Leben erweckt wurde.

Kurz darauf hörte man, wie eine Autotür zuschlug und zaghafte Schritte die steinernen Stufen vor der Tür herunterkamen.

Die unheimlichen Gestalten in den Schatten und der Barkeeper warteten stumm und reglos auf den nächsten Gast, der in dieser besonderen Nacht hierher bestellt worden war und gleich durch die Tür in die Bar kommen würde.

Da sollte noch mal einer behaupten, das Geschäft in dieser Gegend liefe schlecht. Genau das Gegenteil war der Fall. Schließlich war heute Zahltag in der Mortuary Bar!

PETERS GEHEIMNIS

Kevin ließ seinen aufmerksamen Blick über den Teil des Friedhofs gleiten, den er von seinem Versteck aus einsehen konnte, entdeckte seinen Freund aber nirgends. Wo steckte Peter bloß? Vorsichtig ließ Kevin die Äste der Büsche, die er mit den Händen geteilt hatte, an ihren Platz zurückgleiten, lehnte sich dann mit dem Rücken gegen die Friedhofsmauer und dachte nach, was er tun sollte.

Natürlich konnte er nicht einfach über den Friedhof spazieren, um nach Peter zu suchen, denn viele Besucher – in seinen Augen größtenteils uralte Leute, die bald für immer hier wohnen würden – mochten es nicht, wenn Kinder an diesem Ort der Trauer spielten, herumtobten und Lärm machten. Und der Friedhofsarbeiter, den sie wegen seines merkwürdigen Aussehens und seines humpelnden Gangs Quasimodo getauft hatten, jagte sie mit seinem Gehstock, sobald er sie entdeckte. Peter hatte ihm erzählt, der Mann würde alle Kinder, die er erwischte, in kleine Särge stecken, die er in seinem Häuschen neben dem Friedhof selbst anfertigte, und heimlich vergraben. Nachts könnte man manchmal ihre gedämpften Schreie hören, sofern man überhaupt den Mut hatte, zu dieser Zeit über den Friedhof zu gehen.

Kevin hatte es bei der Geschichte ziemlich gegruselt, obwohl er nicht sagen konnte, ob er wirklich daran glaubte. Peter erzählte ständig solche Geschichten. Aber wenn sie wirklich stimmte, hätte man Quasimodo doch längst ins Gefängnis gesteckt, oder? Andererseits sah der Mann ganz so aus, als wäre er zu derartigen Dingen in der Lage. Kevin erschauerte bei dem Gedanken unwillkürlich und sah sich furchtsam um, ob Quasimodo sich nicht heimlich angeschlichen hatte und in diesem Moment seine krummen Finger, an denen in der Regel noch die Erde eines frisch ausgehobenen Grabes klebte, nach ihm ausstreckte. Zu seiner Erleichterung war jedoch niemand in der Nähe.

Kevin verstand ohnehin nicht, warum die Erwachsenen nicht wollten, dass sie hier waren. Sie machten schließlich nichts kaputt. Und außerdem konnte man hier prima spielen. Besser als auf dem Spielplatz, wo einen die größeren Jungs ärgerten, der Sandkasten voller Hundescheiße war und die meisten Spielgeräte seit Langem kaputt waren. Hier wuchsen entlang der Mauer, die den ganzen Friedhof umgab, so viele Büsche und Bäume, dass es mindestens zwanzig, wenn nicht sogar hundert gute Verstecke gab.

Kevin hatte nur ganz selten richtig Angst, wenn er hier war. Nur manchmal, wenn sie in ihrem Lieblingsversteck saßen, während es schon dunkel wurde, und Peter eine seiner Gruselgeschichten erzählte, dann hatte er schon ein bisschen Angst. Aber eigentlich nur ganz wenig, nicht mal halb so viel wie beim Zahnarzt.

Natürlich, unser Lieblingsversteck!, dachte Kevin und lächelte. Warum bin ich Hirni nicht gleich darauf gekommen? Er klatschte sich mit der Handfläche gegen die Stirn, stieß sich von der Mauer ab und spähte durch eine Lücke in den Büschen nach draußen. Im Moment war niemand zu sehen, weder ein Besucher noch der fiese Quasimodo, der Kinder jagte, um sie nachts heimlich zu verscharren.

Kevin schlüpfte vorsichtig aus dem Versteck und rannte dann geduckt über das Gräberfeld, so wie sie es in den Soldatenfilmen machten, wenn sich die Kompanie an feindliche Linien anschlich. Sein Ziel war die gegenüberliegende Seite des Friedhofs, wo sich ihr bestes und liebstes Versteck befand. Zwei Bäume waren dort schief gegeneinander gewachsen und bildeten so ein natürliches Dach, unter dem die beiden Freunde bequem Platz und bei schlechtem Wetter sogar Schutz vor den Elementen fanden. Außerdem wurde die Stelle durch mehrere Büsche vor den Blicken anderer Leute abgeschirmt und bot so den idealen Unterschlupf.

Kevin stoppte auf halber Strecke hinter einem schwarzen polierten Grabstein aus Granit und spähte daran vorbei. Ein gutes Stück entfernt kauerte eine dunkel gekleidete, schon ziemlich alte Frau vor einem Grab und goss die Pflanzen aus einer grünen Plastikgießkanne. Kevin glaubte nicht, dass sie ihn hören konnte, denn dazu war sie viel zu weit weg. Außerdem war sie höchstwahrscheinlich schon genauso schwerhörig wie Oma Gertrud.

Er rannte weiter und kam in den neueren Teil des Friedhofs. Er spurtete an einem frischen Grab vorbei, das mit welkenden, intensiv riechenden Blumen und zahlreichen Kränzen übersät war und noch keinen Grabstein, sondern nur ein schlichtes hellbraunes Holzkreuz besaß, auf dem lediglich der Vorname der Person stand, die hier begraben lag. Auf einer Schleife, die im leichten Wind flatterte, konnte er im Vorbeilaufen die Worte »Unser geliebter Sohn« lesen, dann war er aber schon vorbei und sauste zu den Büschen. Er teilte sie gekonnt mit den Armen, ohne mit der Kleidung irgendwo hängen zu bleiben oder sich wehzutun, und schob sich dann hindurch, als würde er im Sommer mit einem Hechtsprung ins Schwimmbecken des Freibads eintauchen.

»Na, endlich lässt du dich auch mal blicken«, begrüßte ihn Peter. »Wo warst du denn so lange?«

Kevin ließ sich vor seinem besten Freund auf die Knie fallen und atmete schwer. Peter lag auf der Seite, hatte den Kopf lässig in eine Hand gestützt und schaute betont cool auf seine Lego-Armbanduhr, um die Kevin ihn insgeheim beneidete.

»Ich musste erst noch Schularbeiten machen«, antwortete Kevin, als er wieder einigermaßen zu Atem gekommen war. »Und dann war ich erst im falschen Versteck, bevor mir einfiel, dass du vermutlich hier bist.«

»Schularbeiten?«, fragte Peter und verzog dabei angewidert das Gesicht, als wäre von etwas furchtbar Ekligem die Rede, beispielsweise von Eukalyptusbonbons, die Kevin immer lutschen musste, wenn er erkältet war, oder Spinat, den er mehr als alles andere verabscheute.

»Ja, Schularbeiten!«, wiederholte Kevin und streckte seinem Freund die Zunge heraus. »Und wieso warst du heute eigentlich nicht in der Schule? Bist du etwa krank?«

Peter zuckte mit den Schultern. »Nö! Ich hatte keine Lust. Wieso, hat jemand nach mir gefragt?«

Kevin überlegte, zuckte dann mit den Schultern und schüttelte gleichzeitig den Kopf. »Nö.«

»Siehst du. Die trotteligen Lehrer bemerken es noch nicht mal, wenn ich nicht da bin.«

»Und wo warst du dann?«

Peter sah sich um, als befürchtete er, jemand könnte ihr Gespräch belauschen. Aber sie waren noch immer unter sich. »Ich war an einem geheimen Ort«, flüsterte er dann in einem verschwörerischen Tonfall.

Kevin kicherte. »Mensch, Peter! Du spinnst doch nur wieder und erzählst Geschichten.«

Peter stieß sich mit den Händen vom Boden ab und brachte sich in eine sitzende Position. Dann beugte er sich vor und flüsterte: »Es stimmt aber, Kev, ehrlich! Ich kann es sogar beschwören!« Er hob die linke Hand und spreizte Daumen, Zeige- und Mittelfinger ab, während er die andere Hand auf die Brust legte, dorthin, wo sein Herz war. »Ich schwöre es!«

»Echt?« Kevin machte große Augen. Peters ernsthaftes Verhalten überzeugte ihn, dass dieser ausnahmsweise nicht flunkerte. Immerhin hatte er richtig geschworen, und damit machten die beiden Jungs keine Späße. Ein Schwur war eine ernste Sache. Kevin wurde ganz aufgeregt und konnte nur mit Mühe ruhig hocken bleiben, denn wenn es etwas gab, das ihn mehr als alles andere faszinierte, dann waren es Geheimnisse aller Art, zum Beispiel Geheimverstecke, Geheimagenten, geheime Piratenschätze und natürlich geheime Orte. »Und wo ist dieser geheime Ort?«

Peter hob bedauernd die Schultern. »Tut mir leid, Kev, aber wenn ich dir das sage, muss ich dich anschließend töten!«

»Was?«

»War nur ein Scherz, Kevin«, sagte Peter und lachte leise. »Aber im Ernst, ich kann es dir nicht verraten.«

»Hey, das ist jetzt aber voll gemein«, rief Kevin zutiefst entrüstet, dämpfte aber sofort wieder seine Stimme, als er sich an die anderen Friedhofsbesucher und vor allem an Quasimodo und dessen selbst gefertigte Kindersärge erinnerte. »Du kennst es doch auch. Warum darf ich es dann nicht wissen?«

»Eben darum.«

»Eben darum?«, wiederholte Kevin ungläubig. »Eben darum ist überhaupt kein richtiger Grund. Eben darum ist blöd! Das ist so gemein von dir, Peter!« Er verschränkte die Arme vor der Brust und wandte den Blick ab, als ihm Tränen in die Augen traten, die sein Freund nicht sehen sollte. Er fühlte sich von Peter verraten, der einen geheimen Ort kannte und ihm nichts verraten wollte. »Und dabei dachte ich, wir wären die besten Freunde«, sagte er leise und zutiefst enttäuscht.

»Na gut«, lenkte Peter da ein und seufzte. »Ich zeig dir den Ort.«

Kevin hätte vor Freude beinahe laut gejubelt, beherrschte sich jedoch gerade noch. Stattdessen kicherte er nur leise, riss die Arme nach oben und wischte sich mit den Ärmeln verstohlen die Tränen vom Gesicht. »Wann? Jetzt gleich?«

Peter schüttelte den Kopf. »Nein, jetzt geht das nicht.«

»Was? Wann denn dann? Jetzt sag schon!«

»Heute Nacht.«

»In der Nacht?«, fragte Kevin verblüfft. »Spinnst du? Da muss ich doch schlafen!«

»So ist aber die Regel. Wenn du den geheimen Ort sehen willst, dann geht das nur in der Nacht! Also, kommst du jetzt oder kommst du nicht?«

Kevin überlegte. Im Grunde war es für ihn überhaupt kein Problem, heimlich aus dem Fenster seines Zimmers in den Garten zu steigen, wenn seine Mutter ihn zu Bett gebracht hatte. Nachdem Peter ihm den geheimen Ort gezeigt hatte, konnte er dann ebenso problemlos wieder ins Haus zurück. Niemand würde bemerken, dass er überhaupt weg gewesen war. »Okay, ich bin dabei!«

»Dann ist es abgemacht! Aber es gibt noch eine Regel.«

»Welche?«

»Du darfst keiner Menschenseele davon erzählen. Nicht einmal deiner Mama oder deinem Papa.«

»Mach ich schon nicht. Was glaubst du denn? Es ist schließlich unser Geheimnis, Peter.«

»Dann schwöre es!«

Kevin hob die linke Hand und spreizte wie zuvor sein Freund drei Finger. Die andere Hand presste er gegen die Brust. »Ich schwöre, dass ich keiner Menschenseele, nicht einmal meiner Mama oder meinem Papa, ein Sterbenswörtchen von Peters Geheimnis erzählen werde!«

Peter nickte zufrieden. »Okay.«

»Erzählst du mir jetzt schon was über den geheimen Ort, Peter?«

»Das geht nicht. Aber du wirst es ja heute Nacht selbst sehen.«

Kevin wurde noch aufgeregter. Das musste ja ein super-obergeheimer Ort sein, wenn ihm sein Freund nicht mal ein klitzekleines bisschen darüber erzählen durfte. Er konnte es nicht lassen, eine weitere Frage zu stellen. »Aber sag mir wenigstens, wie es denn so an dem geheimen Ort ist?«

Peter hob den Blick, lächelte versonnen und starrte verträumt ins Leere. »Da ist es voll … cool. Es wird dir dort bestimmt gefallen, Kev. Das verspreche ich dir.«

Kevin grinste. »Super. Ich wünschte nur, es wäre schon so weit. Ich kann es kaum erwarten.«

»Ach, bevor ich es vergesse, ich hab noch was für dich«, sagte Peter und griff in die Tasche seiner Jeans, an der noch Friedhofserde klebte. Er brachte einen kleinen, mattweiß schimmernden Gegenstand zum Vorschein und legte ihn in Kevins Handfläche. »Hier, das schenk ich dir.«

»Was ist das denn?«, fragte Kevin und betrachtete das seltsame Ding aufmerksam von allen Seiten. So etwas hatte er noch nie gesehen.

»Das stammt von dem geheimen Ort. Da gibt es noch viel mehr davon.«

»Echt? Das ist ja voll endgeil!«, sagte Kevin begeistert. Vielleicht war das Ding sogar wertvoll, auch wenn es momentan nicht danach aussah. Unter Umständen war es Teil eines geheimen Schatzes. Kevin stellte sich vor, wie er nach Hause kam, mit Gold, Juwelen und jeder Menge toller Spielsachen beladen. Seine Eltern würden jubeln, ihm auf die Schulter klopfen und sagen: »Gut, dass du nachts heimlich aus dem Fenster geklettert und zu diesem geheimen Ort gegangen bist, Kevin! Jetzt sind wir endlich steinreich, und du musst nie wieder Spinat und Eukalyptusbonbons essen!«

»Du darfst es aber niemandem zeigen«, ermahnte ihn Peter und riss ihn dadurch aus seinen Träumereien. »Das ist die dritte Regel. Nicht einmal der doofen Katharina.«

Kevin schüttelte heftig den Kopf und schloss rasch die Hand um sein Souvenir von dem geheimen Ort. Seiner Schwester, Eingeweihten auch als doofe Katharina bekannt, würde er nie im Leben ein Geheimnis verraten oder diesen Gegenstand zeigen. Die würde nämlich nur zu den Eltern rennen und ihn verpetzen. Das machte sie immer! Er schob das Ding rasch in die Hosentasche, damit er es nicht verlor, und sah auf seine Uhr. Nachdem er an den Fingern abgezählt hatte, wie viele Stunden er noch warten musste, bis er den geheimen Ort sah, stöhnte er leise. Sie mussten unbedingt etwas tun, damit die Zeit schneller verstrich. »Lass uns Geheimagenten spielen, Peter!«, schlug er vor.

»Einverstanden, Kev!«

Als Kevin pünktlich um halb sechs nach Hause kam, bereitete seine Mutter in der Küche bereits das Abendessen vor.

»Na, wo hast du dich denn heute wieder herumgetrieben?«, fragte sie.

»Och, ich war nur spielen.«

»So? Warst du etwa ganz allein unterwegs?«

»Nö, natürlich nicht! Ich war doch mit Peter zusammen.«

Seine Mutter sah ihn mit traurigem Blick an und schüttelte sorgenvoll den Kopf. »O Kevin!«, seufzte sie. Dann bemühte sie sich jedoch wieder um ein Lächeln. »Jetzt aber ab ins Badezimmer mit dir! Wasch dir bitte die Hände, gleich gibt es Abendessen.«

Hinterher durften Kevin und seine Schwester noch ein bisschen fernsehen. Nach dem Sandmännchen wurde Katharina ins Bett gebracht, die zwei Jahre jünger als Kevin war. Sie protestierte und schrie, als würde man sie zum Schafott führen, so wie sie es jeden Abend tat, fügte sich dann aber, nachdem ihr Vater ihr einen tadelnden Blick zugeworfen hatte. Schmollend und mit zornesfinsterer Miene zog sie ab und ging ins Bad, um sich zu waschen und Zähne zu putzen.

Kevin genoss das Privileg, länger als seine Schwester aufbleiben zu dürfen, doch dann war auch seine Zeit abgelaufen. Obwohl auch er sonst heftig, wenngleich chancenlos um ein paar zusätzliche Minuten feilschte, ließ er es für heute bleiben. Der Vater warf der Mutter einen fragenden Blick zu, als Kevin anstandslos aufstand und davonstapfte, doch diese hob nur ratlos die Schultern.

Als Kevin im Bett lag, kämpfte er gegen die Müdigkeit, die ihn zu überwältigen drohte. Aber er durfte nicht einschlafen. Er hörte, wie seine Mutter zurück ins Wohnzimmer ging. Nun musste er nur noch warten, bis etwas Ruhe eingekehrt war. Da der Fernseher lief, würden seine Eltern nicht hören, wie er das Fenster öffnete und hinauskletterte. Und die doofe Katharina, deren Zimmer nebenan lag, schlief sicher schon tief und fest.

Kevin hatte den Gegenstand, den Peter ihm gegeben hatte, vor dem Ausziehen heimlich unter sein Kopfkissen gesteckt. Nun holte er ihn hervor und rieb unter der Bettdecke mit den Fingern daran herum, als wäre es Aladins Wunderlampe und könnte Wünsche erfüllen.

Er hörte, dass sich seine Eltern im Wohnzimmer unterhielten. Er konnte allerdings nichts verstehen, und es interessierte ihn auch nicht, worüber sie sprachen. Erwachsenensachen wahrscheinlich. Er ließ den geheimnisvollen Gegenstand durch seine Finger gleiten, ertastete seine merkwürdige, aber dennoch irgendwie vertraut wirkende Form und fuhr über die dicken Rundungen an beiden Enden und den dünnen, glatten Mittelteil.

Bald würde es so weit sein. Er lächelte voller Vorfreude, als er sich vorstellte, dass er noch in dieser Nacht Peters Geheimnis kennenlernen würde.

»Sag mal, was ist eigentlich mit Kevin los?«, fragte Stephan Bauer, als seine Frau ins Wohnzimmer zurückkam. »Kein Theater, kein Gejammer. Ist der Junge etwa krank?«

Rita Bauer ließ sich seufzend auf die Couch sinken. »Ich weiß auch nicht, was mit ihm los ist.«

Durch den Tonfall seiner Frau alarmiert, wandte er den Blick von der Mattscheibe und sah sie fragend an. »Was ist passiert? Hat es wieder etwas mit … mit seinem Freund zu tun?«

»Du meinst Peter?«, fragte Rita und zuckte mit den Schultern. »Ich fürchte schon.«

»Er kommt wohl immer noch nicht darüber hinweg, oder?«

»Ich glaube eher, dass er noch gar nicht realisiert hat, was geschehen ist«, widersprach sie.

»Wie kommst du denn darauf?«

»Als ich ihn fragte, wo er heute war, sagte er vollkommen überzeugt, er sei spielen gewesen. Aber nicht allein, sondern natürlich mit … mit Peter.« Sie wischte sich rasch eine Träne weg, die ihr aus dem rechten Auge und übers Gesicht gelaufen war. »O Gott, was ist bloß mit unserem Jungen los?«

Stephan rückte näher und legte ihr mitfühlend und Trost spendend einen Arm um die Schultern. »Ich glaube, seine Reaktion ist in diesem Alter ganz normal. Er verdrängt einfach, was passiert ist. So ist es für ihn leichter zu ertragen.«

»Aber er war doch selbst dabei, als es passierte!«, wandte Rita schluchzend ein. »Er hat doch alles mit eigenen Augen gesehen …!«

In grausamer Deutlichkeit konnte sich Rita Bauer noch immer an den exakten Ablauf der Ereignisse erinnern, die erst vor vier Tagen ihr Leben erschüttert hatten. Zunächst hatte sie die Sirenen gehört. Wie jedes Mal beim Klang der Martinshörner war in ihr die Sorge um ihren Sohn erwacht, der mit seinem besten Freund draußen beim Spielen war. Doch zu ihrer Erleichterung kam Kevin schon kurze Zeit später wohlbehalten nach Hause.

»Nanu, was machst du denn schon hier, Kevin?«, fragte Rita. Einerseits war sie erleichtert, dass es ihrem Sohn gut ging. Andererseits kam er sonst nie vor dem vereinbarten Zeitpunkt nach Hause, sondern nutzte jede freie Minute, um mit Peter in der Umgebung herumzustromern und zu spielen.

»Peter musste … Er ist nach Hause gegangen.«

»Wieso das denn? Gab es etwa Ärger oder so?«

»Keine Ahnung«, meinte Kevin und schenkte sich ein Glas Apfelsaftschorle ein.

Erst anderthalb Stunden später, als die Polizei vor ihrer Tür stand, erfuhr sie, was an diesem Nachmittag tatsächlich geschehen war.

Die beiden Jungen hatten trotz mehrfachen ausdrücklichen Verbots beider Elternpaare an der Bahnstrecke gespielt. Sie hatten Ein- und Zwei-Cent-Münzen auf die Schienen gelegt, damit die Räder der vorbeifahrenden Züge sie platt walzten. Und dabei war das schreckliche Unglück geschehen. Aufgrund bisher ungeklärter, höchst tragischer Umstände war der siebenjährige Peter von einem Interregio-Express erfasst und förmlich in Stücke gerissen worden.

Kevin musste direkt danebengestanden und das Unglück mitangesehen haben, konnte sich allerdings an nichts erinnern. Vehement und nach Ritas Ansicht sehr überzeugend bestritt er, überhaupt in der Nähe der Bahnstrecke gewesen zu sein. Stattdessen erklärte er immer wieder, Peter sei nach Hause gegangen. Sie bedrängten den Jungen schließlich nicht weiter, da er standhaft bei seiner Geschichte blieb, sondern schickten ihn zu Bett.

Nachdem die Kinder im Bett und die Polizisten wieder gegangen waren, brachte Rita noch rasch die Wäsche in den Keller, um sie in die Maschine zu stecken. Sie war noch zu aufgewühlt, um sich vor den Fernseher setzen und auf das Geschehen auf dem Bildschirm konzentrieren zu können. Stattdessen musste sie sich bewegen und etwas tun. Als sie die Wäschestücke sortierte, stellte sie voller Entsetzen fest, dass die Flecken auf Kevins T-Shirt und Jeans, die sie auf den ersten Blick für Dreckspritzer gehalten hatte, unzählige kleine Blutstropfen waren, die die Kleidungstücke an der Vorderseite von oben bis unten bedeckten. Peters Blut!, hatte sie angewidert gedacht. Sie hatte die Sachen gar nicht mehr gewaschen, sondern umgehend in die Mülltonne vor dem Haus gesteckt.

»Vielleicht hätten wir ihn doch mit zur Beerdigung nehmen sollen«, meinte Rita nun.

»Ich glaube immer noch, dass es so für ihn besser war«, widersprach ihr Mann. »Die Beisetzung seines besten Freundes hätte ihn vermutlich nur verwirrt und zu sehr aufgewühlt.«

»Vermutlich hast du ja recht. Aber er hat sich heute Abend so merkwürdig benommen.«

»Das legt sich mit der Zeit wieder. Wirst schon sehen.«

Rita schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Ich hab schon die ganze Zeit so ein komisches Gefühl.« Sie straffte sich und erhob sich von der Couch. »Ich sehe besser noch mal nach dem Jungen. Vorher finde ich einfach keine Ruhe.«

»Wenn es dich beruhigt, dann tu das. Wirst schon sehen, dass alles in Ordnung ist.«

Rita verließ das Wohnzimmer und ging über den Flur zum hinteren Teil des Hauses, in dem die Schlafzimmer der Familie lagen. Vor dem Zimmer ihrer Tochter blieb sie stehen, öffnete die Tür und spähte hinein. Im Schein des Nachtlichts sah sie, dass Katharina im Bett lag, ihren Teddy fest umklammert hielt und schlief. Mit einem Lächeln um die Lippen schloss Rita wieder leise die Tür.

Sie ging weiter, öffnete auch die nächste Tür möglichst lautlos und blickte ins Zimmer ihres Sohnes. Ihr Herz setzte aus, als sie das verwaiste Bett sah. Sie stieß die Tür ganz auf, machte Licht und stürmte hinein. Von Kevin war jedoch nichts zu entdecken. Stattdessen sah sie, dass der Vorhang zurückgezogen war und das Fenster ein kleines Stück offen stand.

»Kevin! Nein!« Rita eilte zum Bett, als hoffte sie, ihren Sohn übersehen zu haben und doch noch irgendwo zwischen dem zerwühlten Bettzeug zu finden. Doch sie sah auf den ersten Blick, dass sich unter der zurückgeschlagenen Decke niemand verbergen konnte. In der Mitte der Matratze zeichnete sich sogar noch der Umriss des Kindes auf dem Laken ab. Und genau dort lag ein merkwürdiger kleiner Gegenstand, der nicht hierher gehörte und deshalb sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.

Sie beugte sich vor und nahm den weißen Gegenstand, der sie unwillkürlich an Elfenbein erinnerte, in die Hand, um ihn genauer anzusehen. Sie konnte sich nicht erinnern, so etwas jemals in Kevins Händen gesehen zu haben. Es dauerte einen Moment, während sie das merkwürdige Ding von allen Seiten musterte, bis sie erkannte, um was es sich handelte.

Augenblicklich ließ sie den menschlichen Fingerknochen angeekelt fallen und schrie gellend. Dann stürzte sie ans Fenster, riss es ganz auf und blickte in die Nacht.

»Kevin!«, schrie sie den Namen ihres geliebten Sohnes in die Finsternis, immer wieder, doch sie erhielt keine Antwort und konnte keine Spur von ihm entdecken. Sie spürte einen stechenden Schmerz in der Brust, und ihr wurde instinktiv bewusst, dass Kevin zu einem schrecklichen Ort unterwegs war und sie soeben eines ihrer Kinder verloren hatte. Blicklos starrte sie in die finstere Nacht, die ihren Sohn verschlungen hatte und vermutlich nie mehr hergeben würde.

MOVIETOWN

WILLKOMMEN IN MOVIETOWN stand auf dem verwitterten Holzschild am Ortseingang der kleinen Stadt, die mitten im Nirgendwo des Südwestens der Vereinigten Staaten von Amerika lag. Und natürlich durften auch die obligatorischen Einschusslöcher – Günther machte sich die Mühe, sie zu zählen, und kam auf dreizehn – nicht fehlen.

Silke und Günther Gerhards lachten noch immer darüber, als sie schon wieder in ihrem gemieteten Chrysler saßen und daran vorbeifuhren. So einen verrückten Namen konnten sich auch nur die Amerikaner ausdenken. Doch erst, als sie im Schritttempo die breite Main Street entlangrollten, realisierten sie, dass Movietown nicht nur so hieß, sondern tatsächlich wie eine kleine Filmstadt aussah. Die Häuser rechts und links der Straße bildeten eine knallbunte und total verrückte Mischung aus Westernkulisse, dem Chicago der dreißiger Jahre, einem modernen amerikanischen Vorort, wie man ihn aus zahllosen Filmen kannte, einer futuristischen Zukunftsvision und diversen anderen Stilarten, die sie auf die Schnelle gar nicht alle erfassen konnten.

Das Ehepaar aus Bayern fuhr an einer Bank vorbei, die aussah, als wäre sie erst vor wenigen Augenblicken von Butch Cassidy und Sundance Kid überfallen worden. Daneben erhob sich ein zweistöckiges Gebäude, das aus dem letzten Star-Wars-Film zu stammen schien. Diesem wiederum schloss sich ein eindrucksvolles, fünfstöckiges Art-déco-Gebäude an, aus dem jeden Augenblick Eliot Ness und seine Untouchables kommen mochten, die Al Capone in Handschellen abführten.

»Lass uns doch bitte hier anhalten«, schlug Silke begeistert vor. »Davon muss ich unbedingt ein paar Fotos machen.«

»Okay«, stimmte Günther zu. »Aber erst müssen wir neue Filme kaufen.« Sie schworen noch immer auf ihre analoge Spiegelreflexkamera, eine Nikon F 6, und hielten nichts von neumodischen Digitalkameras.

»Irgendwo werden wir schon welche kriegen. Aber das muss ich einfach fotografieren, denn es ist zu verrückt hier.«

Günther lachte. »Nach anderthalb Wochen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten dürfte dir eigentlich nichts mehr verrückt vorkommen.«

»Da hast du auch wieder recht. Aber nach allem, was wir in den letzten zehn Tagen schon gesehen und erlebt haben, kommt trotzdem immer wieder etwas Neues, wo ich mir dann denke: Mannomann, das ist ja noch abgefahrener als alles andere.«

»Geht mir genauso.«

»Lass uns doch da vorn anhalten.« Silke deutete mit dem Zeigefinger durch die Windschutzscheibe. »Vor diesem Saloon.«

Günther grinste. »Gute Idee. Ich hab sowieso einen Riesendurst. Und außerdem muss ich mal für kleine Jungs.«

»Ich auch, ganz dringend sogar, seit ungefähr zwei Stunden.«

»Seit zwei Stunden? Wieso hast du dann nichts gesagt?«, fragte Günther, während er den Wagen vor den Saloon lenkte und am Straßenrand zum Stehen brachte. »Wir hätten doch jederzeit anhalten können.«

»Schon. Aber ich wollte nicht in die Wüste machen.«

Günther stellte den Motor ab und zog den Zündschlüssel. »Wieso denn nicht? Da war doch genug Platz.«

»Na ja«, druckste Silke herum. »Da wächst doch kaum was. Also kann man sich auch nirgends verstecken, um in Ruhe sein Geschäft zu verrichten. Wenn nun aber jemand vorbeikommt, während ich gerade mit heruntergelassener Hose im Sand hocke?«

»Wer hätte denn bitteschön vorbeikommen sollen?«, fragte Günther lachend. »Wir sind jetzt fast vier Stunden auf dieser gottverlassenen Straße unterwegs gewesen, ohne auch nur einer einzigen Menschenseele zu begegnen.«

»Hast du eine Ahnung. Wenn ich meine Shorts heruntergelassen hätte, dann wäre garantiert genau in diesem Augenblick jemand vorbeigekommen. Wahrscheinlich sogar ein ganzer Bus voller Leute, die ihre Nasen an den Scheiben platt gedrückt hätten, um einen Blick auf meinen blassen Po zu erhaschen«, beharrte Silke. »Außerdem gibt es in der Wüste keinen Schatten. Ich hätte wahrscheinlich schon einen Sonnenbrand auf dem Hintern bekommen, bevor ich ihn überhaupt ganz aus der Hose gehabt hätte.«

»Ich hätte ihn dir mit Vergnügen eingecremt, meine Liebe.«

»Das kann ich mir vorstellen, du alter Lüstling. Aber denk doch nur mal an all die Viecher, die in der Wüste krabbeln und kriechen: Klapperschlangen, Skorpione, Spinnen – und dann diese riesigen giftigen Eidechsen, wie immer die auch heißen …« Silke verzog angewidert das Gesicht, während sie die Tierarten an den Fingern ihrer rechten Hand abzählte, ehe ihr keine mehr einfielen.

»Gila-Krustenechsen«, half Günther aus. »Aber lass gut sein, langsam kapiere ich ja, warum du nicht in die Wüste machen wolltest. Zum Glück sind wir ja wieder in die Zivilisation – oder zumindest in eine merkwürdige Form davon – zurückgekehrt. Also lass uns in den Saloon gehen, bevor wir am Ende noch beide in die Hose machen.«

Als sie die Türen des klimatisierten Mietwagens öffneten, traf sie die Hitze wie ein Faustschlag. Sie beeilten sich daher, in das kühlere Innere des Gebäudes zu kommen, aber als sie die stilechten Schwingtüren des Saloons erreichten, waren sie längst nassgeschwitzt. Günther schob eine der beiden hölzernen Türklappen zur Seite und ließ seiner Frau den Vortritt.

Das Innere des Saloons war ebenfalls klimatisiert und angenehm kühl. Im Hintergrund lief leise Countrymusik, die gegen das laute Summen der Klimaanlage allerdings einen schweren Stand hatte.

»Bestell mir bitte irgendetwas Eisgekühltes zu trinken«, bat Silke ihren Mann, ehe sie eilig eine Tür im Hintergrund des Raums ansteuerte, hinter der sich, nach dem Schild mit der Aufschrift Ladies & Gents zu urteilen, die Toiletten befinden mussten.

Günther wählte einen kleinen, runden Tisch am Fenster, so weit wie möglich von der lärmenden Klimaanlage entfernt, und setzte sich. Die Main Street war menschenleer, was bei der momentanen mörderischen Hitze allerdings kein Wunder war. Es war früher Nachmittag, und die Sonne stand noch hoch am Himmel. Jeder, der nicht unbedingt nach draußen musste, verkroch sich wahrscheinlich im Schatten und nahm kühle Getränke zu sich, um nicht auszutrocknen.

Günther zupfte an dem feuchten T-Shirt herum, das unangenehm auf seiner nassgeschwitzten Haut klebte, und blickte sich im Saloon um. Auch hier hielt sich außer ihm niemand auf, sogar die lange Theke war unbesetzt. Vielleicht lebte in dieser merkwürdigen Stadt ja gar niemand, und alles war tatsächlich nur eine große, längst vergessene und verlassene Filmkulisse. Andererseits standen zu beiden Seiten der Hauptstraße Autos vor den Häusern. Also musste irgendjemand hier sein.

Günther überlegte gerade, wie er sich bemerkbar machen könnte, als eine junge Frau mit langen blonden Haaren, die einen Cowboyhut, ein besticktes Westernhemd, Jeans und Cowboystiefel trug, aus einer Seitentür kam. Sie sah ihn und kam sofort lächelnd auf ihn zu.

»Hi, was darf ich Ihnen bringen?«, fragte sie freundlich im deutlich dialektgefärbten Amerikanisch dieser Region, und Günther bestellte zwei Coke mit Eis.

Als Silke von der Toilette zurückkam, hatte er seine Cola schon zur Hälfte geleert und presste sich das kühle Glas gegen die Stirn.

»Puh, das war wirklich Rettung in allerletzter Sekunde«, sagte seine Frau, während sie sich auf den freien Stuhl ihm gegenüber setzte, und stürzte sich gierig auf ihr Getränk. »Oh, das tut jetzt richtig gut.« Nachdem sie das halb leere Glas abgesetzt hatte, musterte die Straße durch die staubige Scheibe. »Viel ist hier aber nicht gerade los, oder?«

Günther zuckte mit den Schultern. »Was erwartest du denn bei diesen Temperaturen?«

»Und was machen wir jetzt?«

»Wir kaufen neue Filme und schießen ein paar Fotos. Dann setzen wir uns schnell wieder in unser voll klimatisiertes Auto und fahren irgendwohin, wo es angenehmer und vor allem mehr los ist.«

Als die Bedienung das nächste Mal an ihren Tisch kam, um sich zu erkundigen, ob sie noch etwas trinken wollten, bezahlten sie.

»Entschuldigen Sie, Miss, aber wissen Sie zufällig, wo wir hier in der Nähe Filme für unseren Fotoapparat kaufen können?«, fragte Günther.

»Kein Problem. Wenn Sie sich vor dem Eingang nach rechts wenden, finden Sie drei Häuser weiter einen Drugstore. Dort bekommen Sie auch Ihre Filme«, erklärte das Cowgirl freundlich.

Günther bedankte sich.

»Aber sagen Sie mal, wo sind denn die ganzen Leute?«, fragte Silke neugierig.

»Die sind alle beim Schießen.«

»Beim Schießen?«, wiederholte das frischvermählte Paar wie aus einem Mund verblüfft, wobei Silke dachte, sie hätte sich nur verhört, und Günther überzeugt war, er hätte die junge Frau aufgrund ihres ausgeprägten Dialekts einfach nur falsch verstanden.

»Ja, in einer Nebenstraße wird gerade ein Film gedreht.«

»Ach so, ein Film«, sagte Günther und lachte. »Und ich dachte schon, Sie meinen mit Schießen das hier.« Er formte mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand eine Pistole, fuchtelte damit herum und imitierte das Geräusch von Schüssen.

Die Bedienung lachte. »Nein, ich meinte damit natürlich die Filmaufnahmen.«

Nachdem sie wieder hinter der Theke verschwunden war, ging auch Günther noch rasch auf die Toilette. Anschließend verließen sie den Saloon.

Sie wandten sich nach rechts und hielten sich im Schatten der Häuser. Nebenan lag ein Video- und DVD-Verleih. In den Schaufenstern wurden allerdings nur Filme beworben, von denen sie noch nie gehört hatten. Danach kam ein Laden, in dem man von Filmplakaten über kleine Plastikfiguren und Modellsätze bis zu großen Pappaufstellern alles kaufen konnte, was auch nur im Entferntesten mit dem vorherrschenden Thema Film zu tun hatte.

»Die Einwohner müssen ja echt total filmbegeistert sein«, stellte Günther fest.

»Sieht ganz danach aus. Und dann wird hier zufällig auch noch ein richtiger Film gedreht.«

»Warum sehen wir uns das nicht aus der Nähe an, bevor wir fahren?«, schlug Günther vor.

Silke war sofort einverstanden. Sie kauften im Drugstore mehrere Kleinbildfilme für ihre Kamera und erkundigten sich bei dem älteren, glatzköpfigen Verkäufer nach den Dreharbeiten. Er war ebenfalls sehr hilfsbereit, ging sogar mit ihnen aus dem Laden und erklärte ihnen dort gestenreich den Weg. Sie bedankten sich, überquerten die Straße und gingen zur nächsten Querstraße.

Noch immer war es, vor allem in der prallen Sonne, so heiß, dass ihnen schon nach wenigen Schritten der Schweiß aus allen Poren strömte. Doch das störte sie momentan gar nicht so sehr, denn die Begeisterung darüber, bei richtigen Dreharbeiten zugucken zu können, hatte sie erfasst und überstrahlte alle Beschwerlichkeiten.

Als sie um die Ecke bogen, konnten sie eine große Ansammlung von Leuten sehen, die unter einer als Sonnenschutz dienenden Plane vor einem zweistöckigen Haus standen, dem die komplette Fassade fehlte, sodass es wie ein riesiges Puppenhaus aussah. Günther und Silke gingen näher heran und blieben dann im Schatten eines Vordachs stehen. Von dort verfolgten sie fasziniert die Dreharbeiten. Silke legte gleich einen neuen Film in die Nikon und schoss selbst Fotos von dem, was sie sahen.

In einem großen Schlafzimmer im Erdgeschoss des Hauses befanden sich momentan vier Personen. Ein Mann mit einer Baseballkappe der Arizona Diamondbacks, bei dem es sich vermutlich um den Regisseur des Films handelte, erklärte den Darstellern, zwei weiteren Männern und einer Frau, die nächste Szene. Die Frau trug nur ein dünnes Nachthemd und lag auf dem Bett. Fast schien es, als würde sie vor sich hindösen und kaum etwas von dem wahrnehmen, was der Regisseur erklärte. Wahrscheinlich, dachte Silke, konzentrierte sich die Schauspielerin auf die bevorstehende Szene. Die beiden männlichen Darsteller nickten zum Zeichen, dass sie die Regieanweisungen verstanden hatten, und verließen das Schlafzimmer durch eine Tür in der Seitenwand. Auch der Regisseur verließ die Kulisse, sodass lediglich die Frau zurückblieb.

Der Regisseur gesellte sich zu den anderen Leuten unter die schützende Plane und nahm auf einem Klappstuhl Platz. Neben ihm stand die Kamera. Etwas weiter vorn stand ein junger Mann und hielt den Mikrofongalgen so, dass das Aufnahmegerät auf das Schlafzimmer gerichtet war, aber nicht im Bild auftauchte. Der Regisseur nickte einer jungen Frau zu, die daraufhin mit einer Filmklappe vor die Kamera trat.

»Der Tod kommt nur nachts, Szene 138, die erste«, sagte sie laut, schlug die beiden Teile der Klappe krachend aufeinander und huschte dann flink zur Seite.

»Ton?«, fragte der Regisseur.

»Läuft.«

»Kamera?«

»Läuft.«

»Action!«

Die Frau im Bett rührte sich nicht und gab vor, zu schlafen. Plötzlich zerbarst die Fensterscheibe hinter dem Bett, und einer der beiden männlichen Darsteller kletterte ins Schlafzimmer. Der zweite trat die Tür ein, durch die sie kurz zuvor verschwunden waren, und stürmte ins Schlafzimmer. Beide hielten gefährlich aussehende Messer mit langen, glänzenden Klingen in ihren Händen. Die Frau auf dem Bett, scheinbar durch den infernalischen Lärm geweckt, fuhr hoch, sah die beiden Eindringlinge und schrie gellend. Die beiden Männer stürmten zum Bett, hoben unisono die Messer und stachen damit wie wild auf die Frau ein. Ihr Schrei endete buchstäblich wie abgeschnitten. Immer wieder schwangen die beiden Messerklingen nach oben und sofort wieder nach unten. Das Blut spritzte sogar bis zur Zimmerdecke, und das weiße Bettzeug färbte sich rasch rot.

Günther warf seiner Frau einen kurzen Blick zu. Silke hatte zwar leicht angewidert das Gesicht verzogen, da sie übertriebene Brutalität in Filmen eigentlich nicht mochte, starrte aber dennoch wie hypnotisiert auf die bestialische Szene. Günther lächelte und richtete seine Augen wieder auf die Filmszene.

Die beiden Darsteller gebärdeten sich noch immer wie rasend. Mit verzerrten Gesichtern, aus denen alles Menschliche gewichen war, hackten sie immer wieder auf ihr Opfer ein. In diesem Moment rief der Regisseur: »Schnitt!« Augenblicklich ließen die beiden Männer die Messer sinken und wandten sich vom Bett ab. Sie grinsten sich an und klatschten sich mit ihren linken Händen gegenseitig ab. Mit mehreren Mitarbeitern im Schlepptau betrat der Regisseur das Set und klopfte den beiden Männern anerkennend auf die Schultern. Das Schlafzimmer war jetzt voller Menschen, die dort diversen Tätigkeiten nachgingen, sodass man das blutüberströmte Bett und die Schauspielerin dahinter gar nicht mehr sehen konnte.

Silke wandte sich ab und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Hauswand. »Puh, für meine Begriffe war das ziemlich brutal. Den Film sehe ich mir bestimmt nicht an, wenn er bei uns im Kino oder im Fernsehen kommt.«

»Aber gut gemacht, oder?«, wandte Günther ein. »Sah irgendwie richtig echt aus.«

»Stimmt. Wie machen die so was bloß?«

Günther zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Auf alle Fälle braucht man dafür eine Menge Filmblut. Ich glaube, es wird in kleinen Beuteln auf die Haut geklebt und dann überschminkt. Die Klingen der Messer sind nicht starr, sondern verschwinden im Griff. Und sobald das Messer auf einen Beutel mit Filmblut trifft, platzt der Beutel und verspritzt seinen Inhalt.«

»Sehr interessant, nicht wahr?«

Günther drehte sich sofort um, als er die unbekannte Stimme hinter sich hörte. Zwei Schritte von ihm entfernt stand ein alter Mann mit dem wettergegerbten Gesicht des Marlboro-Mannes und einem Zahnstocher im Mundwinkel.

»Ja, wirklich sehr interessant«, antwortete Günther.

»Darf ich fragen, woher Sie kommen?«

»Natürlich. Wir sind aus Deutschland.«

»Aus Deutschland«, wiederholte der alte Mann nachdenklich. »Da war ich auch schon. Ist allerdings schon ein paar Jahre her. Ich war dort, um Nazischweine zu töten.«

Günther und Silke warfen sich irritierte Blicke zu.

»Übrigens, mein Name ist Walt Hooper«, stellte sich der Alte vor und streckte die rechte Hand aus. Günther ergriff sie und nannte ihre Namen. Walt schüttelte auch Silke die Hand und musterte sie dabei von oben bis unten. »Haben Sie schon mal daran gedacht, in einem Film mitzuspielen, Lady?«

Silke schüttelte entgeistert den Kopf. »Nein, so etwas kann ich nicht. Ich bin Lehrerin.«

»Na, vielleicht bringen wir Sie ja noch dazu, solange Sie sich in unserem schönen Städtchen aufhalten«, meinte Walt lächelnd. »Sie kommen mir nämlich vor wie eine zweite Rita Hayworth.«

Silke lachte. »Wohl kaum.«

»Nun, wie auch immer, ich bin jedenfalls der Bürgermeister von Movietown. Nebenbei mache ich auch Filme.«

»Sie sind Regisseur?«, fragte Günther überrascht.

»Ja. Jeder Einwohner unserer Stadt hat mit dem Film zu tun, denn Movietown ist nach Hollywood die zweite Filmmetropole dieses Landes. Wir produzieren etwa fünfzig Filme pro Jahr«, erklärte Walt stolz. »Warum kommen Sie nicht einfach heute Abend auf unsere Feier. Sie sind hiermit herzlich eingeladen. Die ganze Stadt wird da sein und feiern.«

»Eine Feier?«, wiederholte Silke. »Was wird denn gefeiert?«

»Gerade wurde die letzte Szene aus Der Tod kommt nur nachts gedreht. Das wird natürlich gefeiert. Romero wird selbstverständlich auch kommen.«

»Romero?«, fragte Günther verwundert.

»Ja. Joseph Romero. Sie haben ihn bestimmt gesehen. Er ist der Regisseur des Films. Und, wie sieht’s aus? Können wir mit Ihnen rechnen?«

Günther und Silke warfen sich fragende Blicke zu.

»Was meinst du?«, fragte Günther.

»Wäre zur Abwechslung mal was anderes«, sagte Silke, und die Vorfreude ließ ihre Augen in einer Art und Weise funkeln, der Günther noch nie hatte widerstehen können. »Außerdem haben wir’s ja nicht so eilig, oder? Heike und Rolf werden auf alle Fälle Bauklötze staunen, wenn wir Ihnen diese Geschichte erzählen und die Bilder zeigen.«

Lächelnd gab Günther sein Einverständnis. Er wandte sich an den Bürgermeister. »Sie haben uns überredet, Mr Hooper, wir kommen gerne. Vielleicht können Sie uns auch sagen, wo wir hier für eine Nacht ein Zimmer bekommen.«

»Freut mich, dass Sie zu unserer Feier kommen. Ich kann Ihnen schon jetzt versprechen, dass Sie es bestimmt nicht bereuen werden. Und nennen Sie mich bitte Walt.« Er drehte sich um und zeigte auf ein großes Fachwerkhaus, das genauso gut in einer deutschen Stadt hätte stehen können. »Das ist das Hollywood Hilton, wahrscheinlich das beste Hotel im Umkreis von fünfhundert Meilen. Sagen Sie Linda – das ist die freundliche junge Dame am Empfang –, dass ich Sie geschickt habe, dann macht sie Ihnen einen Sonderpreis.«

»Vielen Dank«, sagte Günther.

»Ich danke Ihnen, wir freuen uns nämlich immer über Gäste. Ich sehe Sie dann auf der Feier.« Damit wandte sich Walt ab und ging in Richtung Main Street davon.

Günther und Silke warteten, bis er um die Ecke verschwunden war, dann sahen sie sich an, grinsten und lachten leise.

»Komischer Kauz«, sagte Günther.

»Da war ich auch schon. Ich war dort, um Nazischweine zu töten«, ahmte Silke den Tonfall des alten Mannes erstaunlich gut nach.

Lachend wandten sie sich wieder den Dreharbeiten zu, doch die waren inzwischen beendet. Die Darsteller und der Regisseur waren längst verschwunden, nur ein paar Helfer waren noch da und bauten die Kameras und das übrige Equipment ab.

»Dann lass uns mal den Wagen holen und im Hollywood Hilton einchecken, dem wahrscheinlich besten Hotel im Umkreis von fünfhundert Meilen, Rita«, schlug Günther vor und reichte seiner Frau die Hand.

Silke lachte, wurde aber sofort wieder ernst. »Der gute Walt hat uns gar nicht gesagt, wo die Feier stattfindet«, gab sie zu bedenken.

»Ich denke mal, dass wir es auch so finden werden«, sagte Günther. »Angeblich feiert ja die ganze Stadt. Wir fragen einfach Linda aus dem Hotel.«

Es war schon deutlich nach Mitternacht, als sie nach einem anstrengenden Tag von der Feier in ihr Hotelzimmer zurückkehrten. Da sie der Empfangsdame Linda am Nachmittag erzählt hatten, dass sie auf ihrer Hochzeitsreise waren, hatten sie natürlich die Honeymoon Suite erhalten. Und das, wie von Walt versprochen, zu einem Sonderpreis, der ihren verbliebenen Reiseetat nur geringfügig belastete.

Erschöpft ließ sich Silke auf das Kingsize-Bett fallen. »Das war doch eine ganz nette Feier, findest du nicht auch?«

Günther nickte, während er wie ein Storch auf einem Bein balancierte, um den Schnürsenkel an seinem Schuh aufzubinden. Er traute sich nicht mehr, sich zu bücken, da er Angst hatte, er würde sonst umfallen. »Stimmt, schöne Feier. Auf den letzten Whisky hätte ich aber besser verzichten sollen. Ich glaube, der war irgendwie schlecht!«

»Ich hab auch ein flaues Gefühl im Magen. Allerdings konnten wir den Drink schlecht ablehnen, weil Walt uns zum Abschied noch unbedingt einen ausgeben wollte. Aber du musst doch zugeben: Das waren alles sehr nette Leute.«

Günther verlor nun doch das Gleichgewicht und fiel vornüber aufs Bett. »Stimmt«, sagte er dumpf ins Kissen und rollte sich dann auf den Rücken. »Aber ist dir eigentlich aufgefallen, dass alle Personen, die wir heute getroffen haben, also so ziemlich die gesamte Bevölkerung von Movietown, die Namen berühmter Hollywoodregisseure tragen?«

»Nö. Aber ich kann mich auch kaum noch an die Namen erinnern«, gab Silke zu und gähnte.

»Aber ich, weil ich mich mehr für Filme interessiere als du. Also pass auf! Da gab es die Spielbergs, die Dantes, die Romeros, die Cronenbergs, die Hoopers, die Carpenters …«

»Ach was, Carpenters gibt’s doch überall«, warf Silke ein. »Haben die nicht auch mal Musik gemacht?«

»Komisch ist das aber schon, oder?«, sagte Günther gähnend.

»Was? Ich hab grad gar nichts verstanden.«

»Komisch finde ich das schon«, wiederholte er und versuchte, Deutlichkeit durch erhöhte Lautstärke auszugleichen. »Die sind hier so was von fixiert auf Filme, dass sie alles darauf ausrichten und vermutlich sogar ihre Namen ändern. Typisch Amis, wenn du mich fragst.«

»Hast du auch brav Fotos gemacht?«

»Jawohl, Chef. Ich hab mindestens drei Filme verknipst. Wir haben bestimmt Fotos von jedem Spielberg und jeden Romero.«

Silke gähnte erneut. »Ich bin todmüde und möchte am liebsten gar nicht mehr aufstehen. Wer zieht mich aus, putzt mir die Zähne und geht für mich aufs Klo?«

»Ich bestimmt nicht. Ich würde selbst auch lieber liegen bleiben. Ist grade so schön bequem.«

»Mist, dann muss ich wohl doch alles selber machen.« Mühsam stieg sie aus dem Bett. »Okay, wer zuletzt wieder im Bett ist, hat verloren.«

Erst das knatternde Geräusch eines Autos mit defektem Auspuff, das auf der Straße vor dem Hotel vorbeifuhr, war am nächsten Morgen in der Lage, Günther zu wecken. Er reckte sich behaglich und gähnte. Als sein Blick dabei auf die andere Hälfte des Bettes fiel, sah er, dass diese leer war. Das Laken lag zerwühlt am Fußende des Bettes. Silke, der Morgenmensch, war also schon auf den Beinen.

»Silke?«, rief er und schwang die Beine aus dem Bett. Leichter Schwindel überkam ihn dabei, ansonsten hatte er den Whiskykonsum der letzten Nacht jedoch wider Erwarten erstaunlich gut weggesteckt. Der befürchtete Kater blieb aus, und auch das Schwindelgefühl legte sich sogleich wieder. Nur im Magen hatte er weiterhin ein flaues Gefühl, aber das ließ sich vermutlich durch ein ausgiebiges Frühstück beheben. Er stand auf und stapfte barfuß ins Badezimmer. »Wo steckt denn mein Schatz?«

Das Badezimmer war jedoch ebenso leer wie der Rest der Suite. Von seiner Frau fand er keine Spur. Wo steckte sie nur? War sie etwa ohne ihn frühstücken gegangen? Das sah ihr zwar gar nicht ähnlich, aber vielleicht hatte sie Schwierigkeiten gehabt, ihn wach zu bekommen, und deshalb beschlossen, allein zu frühstücken. Er erinnerte sich, dass sie in der Nacht ebenfalls über einen flauen Magen geklagt hatte. Er zuckte ratlos mit den Schultern. Nachdem er sich gewaschen und die Zähne geputzt hatte, zog er sich rasch an und eilte ins Erdgeschoss zur Rezeption.

»Guten Morgen. Entschuldigen Sie, aber ich suche meine Frau. Sie wissen nicht zufällig, wo sie sich gerade auffällt?«

»Tut mir leid, Mr Gerhards, aber ich habe Ihre Frau heute Morgen noch nicht gesehen«, teilte ihm Linda bedauernd mit. »Möchten Sie jetzt frühstücken?«

Günther überlegte. Silke sah sich wahrscheinlich den Ort an, bevor die Hitze zu groß wurde, und machte dabei möglichst viele Fotos, die sie ihren Bekannten zu Hause zeigen konnte. Es ärgerte ihn ein wenig, dass sie nicht auf ihn gewartet hatte und stattdessen allein losgezogen war. Aber wenn er jetzt auch noch wegging, um sie zu suchen, brachte das auch nichts. Im Gegenteil, besser, er wartete hier, wo sie ihn finden konnte, auf ihre Rückkehr.

»Frühstück klingt ganz ausgezeichnet«, sagte er deshalb und wurde von Linda in den Frühstücksraum geführt.

Eine gute Stunde später hatte er ausgiebig gefrühstückt. Silke war allerdings noch immer nicht aufgetaucht. Er fragte erneut am Empfang nach, erhielt dort aber dieselbe Antwort wie zuvor. Also suchte er in ihre Suite auf, um nachzusehen, ob Silke vielleicht unbemerkt dorthin zurückgekehrt war. Doch auch dort war sie nicht, seine Ehefrau blieb spurlos verschwunden.

Auf dem Nachttisch lag ihre Kamera, die er am Morgen nicht bemerkt hatte. Also war sie gar nicht weggegangen, um zu fotografieren. Aber wo steckte sie dann? Es sah ihr überhaupt nicht ähnlich, einfach zu verschwinden, ohne ihm Bescheid zu sagen. Andererseits konnte ja wohl kaum jemand in der Nacht in ihre Suite gekommen sein und seine Frau geklaut haben. Es musste einen Grund für ihre Abwesenheit geben. Allerdings fiel ihm keiner ein, sosehr er sich auch den Kopf zerbrach.

Günther begann sich nun doch ernsthaft Sorgen um Silke zu machen. Was sollte er jetzt tun? Für eine Vermisstenanzeige beim örtlichen Sheriff’s Office war es wahrscheinlich noch zu früh, schließlich vermisste er seine Frau erst seit dem Aufstehen, also gerade mal gute anderthalb Stunden. Außerdem wäre es ihm extrem peinlich, wenn er den Sheriff bat, nach seiner Frau zu suchen, und diese schon im nächsten Augenblick munter pfeifend um die Ecke marschiert kam. Nein, lieber wollte er erst einmal selbst nach ihr suchen. So groß war Movietown schließlich nicht.

Also verließ er die Suite, eilte wieder nach unten und ging nach draußen. Nachdem es in der Nacht vergleichsweise kühl gewesen war, waren die Temperaturen schon wieder deutlich nach oben geklettert. Um diese Tageszeit war es allerdings noch zu ertragen, und man war nicht schon nach wenigen Schritten in Schweiß gebadet. Der Mietwagen stand vor dem Hotel, wo er ihn vor dem Einchecken abgestellt hatte. Er blickte suchend die Main Street rauf und runter, konnte jedoch keine Menschenseele entdecken, weder seine Frau noch einen der filmverrückten Einwohner von Movietown. Verdammt, ging denn hier niemand vormittags zum Einkaufen oder spazierte einfach mal die Straße entlang? Bei dem Gedanken kam ihm eine Idee: Vielleicht machte Silke einen Bummel durch die Geschäfte und kaufte Andenken ein.

Günther wandte sich nach links und begann mit der systematischen Suche nach seiner Frau, indem er die Geschäfte an der Main Street der Reihe nach abklapperte. Die Stadt war schließlich nicht so groß. Irgendwann musste er also zwangsläufig auf Silke stoßen.

Zweieinhalb Stunden später kehrte er erschöpft, verschwitzt und frustriert an seinen Ausgangspunkt zurück. Er hatte überall nach ihr gesucht, war in jedes einzelne Geschäft gegangen und hatte jeden Verkäufer gefragt, aber niemand hatte Silke gesehen. Es war wie verhext. Seine Frau war anscheinend über Nacht spurlos verschwunden.

Er betrat das Hotel und lief an der verwaisten Rezeption vorbei zur Treppe. Erneut suchte er ihre Suite auf. Er hoffte, dass Silke zwischenzeitlich zurückgekehrt war, seit Stunden ungeduldig wartend auf dem Bett saß und ihn nach dem Betreten des Zimmers wütend fragte, wo er denn bitteschön die ganze Zeit gesteckt habe. Aber als er die Suite betrat, war sie noch genauso verlassen wie zuvor.

Er machte sofort wieder kehrt und eilte zurück zum Empfang. Er schlug kräftig auf die Rezeptionsklingel, doch nichts geschah. Immer wieder klingelte er, aber Linda tauchte nicht auf. Verdammt, war die nun etwa auch noch verschwunden.

Der Tag, als die Frauen verschwanden, dachte er. Das wäre doch mal ein guter Titel für einen Film der hiesigen Romeros, Carpenters oder Cronenbergs.

Als er realisierte, dass vermutlich niemand auf das Klingeln reagieren würde, wirbelte er herum und rannte ins Freie. Vor dem Hotel blieb er schwer atmend stehen und überlegte fieberhaft. Was sollte er jetzt tun? Was konnte er jetzt überhaupt noch tun? Vielleicht war es nun doch an der Zeit, zum Sheriff zu gehen und Vermisstenanzeige zu erstatten? Schließlich kannte er hier sonst niemanden näher außer der Rezeptionistin Linda, und die war ebenfalls nicht mehr da.

Moment mal, dachte er, der Bürgermeister! Genau, das war die rettende Idee! Der alte Walt Hooper kannte sich hier aus und wusste bestimmt, was in einem solchen Fall zu tun war. Günther legte die Stirn in Falten und versuchte sich zu erinnern, denn Walt hatte ihnen auf der Feier erklärt, wo sein Amtsgebäude lag. Dabei hatte er auch irgendetwas über das Hotel gesagt. Aber was war das nur gewesen? Verdammter Whisky! Hoffentlich hatte der Alkohol nicht ausgerechnet die Gehirnzellen vernichtet, die er jetzt so dringend benötigte. Aber dann fiel es ihm wieder ein. »Mein Büro liegt direkt gegenüber dem Hotel. Sie können es eigentlich gar nicht verfehlen«, hatte Walt erklärt.

Günther achtete nicht auf den Verkehr, den es hier ohnehin nicht gab, und rannte, ohne nach rechts oder links zu schauen, über die Straße zu einem Gebäude, das eine exakte Kopie des Herrenhauses der Plantage Tara aus dem Film Vom Winde verweht war. Er lief zwischen den weißen Steinsäulen hindurch zur Eingangstür, verharrte dann aber dort für einen Moment. Es gab keine Klingel, aber schließlich handelte es sich hier um ein öffentliches Gebäude. Da marschierte man doch einfach so rein, oder. Er drückte kurzerhand die Tür auf, schlüpfte ins klimatisierte Innere und stand dann schwer atmend und schwitzend in einem langen Flur mit zahlreichen Türen.

Soweit er sich erinnern konnte, sah das Plantagenhaus im Film innen ganz anders aus. Allerdings hatte er nur noch vage Erinnerungen, da er den Film nur Silke zuliebe angesehen hatte und beinahe eingeschlafen wäre. Aber vermutlich zählte in einem Ort wie Movietown ohnehin nur die Fassade.

Er sah sich um und entdeckte am gegenüberliegenden Ende des Flurs eine Tür mit Glaseinsatz, auf dem in schwarzen Lettern Walt Hooper, Mayor stand – und zwar so groß, dass er es trotz der Entfernung problemlos lesen konnte.

Er rannte den Gang hinunter und klopfte vorsichtig gegen das Glas. Er lauschte, konnte jedoch nichts hören, weder die Aufforderung »Come in!« noch sonst irgendeinen Laut. Er klopfte erneut, etwas energischer und kräftiger, doch wieder geschah nichts. Langsam drückte er die Klinke nach unten und schob dann behutsam die Tür auf, die unverschlossen war und ihm keinen Widerstand leistete.

»Mr Hooper?«, sagte er laut und schob sich durch den Türspalt in das Büro des Town Mayor.

An den beiden Seitenwänden standen dicht gefüllte Bücherregale. Die Mitte des Raumes dominierte ein riesiger Schreibtisch aus Walnussholz. An der Wand dahinter hing die amerikanische Flagge zwischen den beiden Fenstern. Der Stuhl hinter dem Schreibtisch war allerdings leer.

Wo sind denn alle hin, verdammt noch mal?

Günther trat zaghaft näher und sah sich um. Rechts neben dem Schreibtisch standen auf einem niedrigen Phonotisch ein Flachbildfernseher und ein Videorecorder mit integriertem DVD-Player. Wenn der Bürgermeister den Stuhl zur Seite drehte, konnte er bequem Videofilme angucken.

Wahrscheinlich seine eigenen, dachte Günther, ging noch näher heran und fasste eine Ansammlung von Videokassetten ins Auge, die fächerförmig ausgebreitet auf dem Schreibtisch lagen, so als hätte der Bürgermeister sie erst vor Kurzem angesehen.

Er nahm eine Kassette zur Hand und las die Aufschrift: »Der Tod kommt nur nachts, Szene 138. Darsteller: Edward Landis, Karl Landis. Gaststar: Carolyn Boone.« Das war die Szene, die er gestern zusammen mit Silke gesehen und die schon beim Dreh so realistisch gewirkt hatte. Günther kannte sich mit professionellen Filmaufnahmen nicht aus, aber anscheinend wurden die Szenen gleichzeitig auf Video aufgezeichnet, um sich sofort das Ergebnis ansehen und die Aufnahme zur Not noch einmal wiederholen zu können. Die Landis-Brüder hatten sie natürlich gestern auf der Feier getroffen. Schließlich war der Film, in dem sie mitgewirkt hatten, der Anlass der Feierlichkeit gewesen. Er erinnerte sich aber nicht, dort auch Carolyn Boone gesehen zu haben. Er konnte sich auch an keinen bekannten Regisseur mit dem Namen Boone erinnern. Entweder war Carolyn Boone damit die berühmte Ausnahme von der Regel, oder es gab doch einen Regisseur namens Boone, der in Deutschland nur nicht so bekannt war.

Er legte die Videokassette auf den Schreibtisch zurück und wollte sich schon abwenden, um das Büro zu verlassen und nachzusehen, ob er den Bürgermeister oder wenigstens einen seiner Mitarbeiter woanders in diesem Haus finden konnte, als ihm auf dem Etikett einer anderen Kassette etwas ins Auge fiel, das ihm so vertraut erschien, dass er unwillkürlich innehielt und instinktiv danach griff. Er nahm die Kassette und las stirnrunzelnd die von Hand geschriebene Beschriftung: »Satansmesse auf dem Teufelshügel, Szene 24. Darsteller: Harry Carpenter. Gaststar: Silke Gerhards. Zahlreiche Statisten.«

Obwohl er es schwarz auf weiß vor sich hatte, weigerte sich Günthers Verstand dennoch hartnäckig, an den Wahrheitsgehalt dessen zu glauben, was er soeben gelesen hatte. Er las die Aufschrift noch einmal, im festen Glauben, sich verlesen zu haben, doch das Ergebnis blieb unverändert: Auf der Videokassette war der Name seiner Frau als Gaststar der aufgenommenen Szene aufgeführt. Aber das war doch vollkommen unmöglich. Und was hatte es überhaupt zu bedeuten?

Er erinnerte sich noch gut daran, dass Walt seine Frau gefragt hatte, ob sie nicht in einem Film mitspielen wolle. Auch auf der Feier hatte der Bürgermeister sie noch mehrmals darauf angesprochen. Silke hatte das Angebot jedoch jedes Mal abgelehnt, am Ende schon ein wenig genervt von Hoopers Hartnäckigkeit. Offensichtlich hatte sie ihre Meinung über Nacht geändert. Wieso sollte ihr Name sonst auf dieser Kassette stehen? Und vermutlich war das auch der Grund, weshalb Silke heute früh ohne ihn das Hotel verlassen war. Seine Frau spielte, ohne ihm etwas zu sagen, den großen Filmstar, während er sich große Sorgen um sie machte und die ganze Stadt nach ihr absuchte.

Er musste sich sofort Gewissheit verschaffen. Zu diesem Zweck eilte er um den Schreibtisch herum zum Fernsehgerät und schaltete es ein. Anschließend schob er die Kassette in den Recorder und drückte auf Play. Für ein paar Sekunden lief noch das normale Fernsehprogramm, dann wurde der Bildschirm schwarz. Günther wartete und starrte gebannt auf die Mattscheibe.

Endlich erschien ein Bild. Es handelte sich um eine Filmklappe, die vor die Kamera gehalten wurde. Darauf waren der Titel des Films, die Szenen- und die Aufnahmenummer, das heutige Datum sowie die Namen des Regisseurs und des Kameramanns vermerkt. Günther registrierte, dass Walt Hooper als Regisseur genannt war. Es gab noch ein paar weitere Angaben, von denen er aber nicht wusste, was sie bedeuteten.

»Satansmesse auf dem Teufelshügel, Szene 24, die Erste!«, rief jemand aus dem Off, ehe die Balken aufeinandergeschlagen und die Klappe aus dem Bild genommen wurde.

»Ton?«

»Läuft.«

»Kamera?«

»Läuft.«

»Und Action«, hörte Günther jemanden rufen, bei dem es sich unzweifelhaft um Bürgermeister Walt Hooper handelte.

Es war Nacht. Zahlreiche Gestalten in langen schwarzen Roben und mit schwarzen Kapuzen über den Köpfen umstanden in einem Halbkreis einen flachen Felsen. Sie hielten blakende Fackeln in den Händen. Auf dem Stein in ihrer Mitte lag wie auf einem Altar eine weiß gekleidete Frau. Als die Kamera näher heranzoomte, sah man, dass die Frau an Armen und Beinen gefesselt war. Sie wandte ihr Gesicht in Richtung Kamera und schrie gellend, die Augen vor Todesangst weit aufgerissen.

Günther stockte der Atem, denn es war Silke, seine Frau, die dort in Fesseln lag und schrie.

Die Kamera fuhr noch näher heran, bis der graue Felsen die gesamte untere Hälfte des Bildes ausfüllte. Deutlich konnte Günther das Entsetzen und die Angst auf Silkes Gesicht und in ihren Augen erkennen. Sie schrie und weinte abwechselnd und wand sich in ihren Fesseln. Mehrmals rief sie seinen Namen, was ihm jedes Mal einen weiteren gezielten Stich ins Herz versetzte, weil es ihm noch bewusster werden ließ, dass er nicht bei seiner Frau gewesen war, als sie ihn am dringendsten gebraucht hatte.

Er wusste sofort, dass das, was er sah, nicht gespielt war. Auch wenn Silke und er erst vor Kurzem den Bund der Ehe geschlossen hatten, waren sie schon vorher sechs Jahre lang ein Paar gewesen. Er kannte seine Frau daher gut genug, um zu erkennen, dass die Gefühle, die sie zeigte, echt waren! Mit Schauspielerei hatte das nichts zu tun. Silke durchlitt Todesängste und rief in ihrer Verzweiflung nach ihrem Mann.

Diese verdammten Schweine!, dachte Günther. Was haben sie nur getan?

Dabei war es offensichtlich, was sie getan hatten. Sie hatten Silke entführt und zu diesen Filmaufnahmen gezwungen. Günther erinnerte sich, wie Walt sie auf der Feier gedrängt hatte, noch einen letzten Drink zu nehmen, bevor sie ins Hotel zurückkehrten. Das freundliche Angebot des Bürgermeisters abzulehnen, wäre unhöflich gewesen. Also hatten sie höflich ihre Gläser geleert, ehe sie die Feier verlassen hatten. Doch in dem Whisky musste noch etwas anderes enthalten gewesen sein, ein Schlafmittel vermutlich. Und während sie anschließend friedlich schliefen, waren Walt und seine Komplizen in ihre Suite eingedrungen und hatten die bewusstlose Silke aus dem gemeinsamen Bett geraubt. Diese verfluchten Schweine hatten sie entführt, während er nichts ahnend danebengelegen und geschlafen hatte.

Günther taumelte nach hinten, als seine Knie weich wurden, und ließ sich in den Drehstuhl hinter dem Schreibtisch fallen. Gebannt starrte er weiterhin auf das Geschehen auf dem Bildschirm. Seine Hände hatte er in hilfloser Wut zu Fäusten geballt. Wenn er jetzt einen dieser Mistkerle in die Finger bekommen hätte, dann hätte er ihm die Scheiße aus dem Leib geprügelt.

Plötzlich trat eine groß gewachsene Gestalt hinter den Altarstein. Im Gegensatz zu den anderen trug sie eine rote Robe mit Kapuze und blieb direkt neben Silke stehen. Vermutlich der Hohepriester dieses Kultes. Silke schrie noch immer, obwohl ihre Stimme schon heißer klang, krümmte und wand sich, dass sie beinahe von der Felsplatte gerollt wäre, und zerrte panisch an den Fesseln. Die vermummte Gestalt ballte die rechte Hand zur Faust und schlug sie Silke mitten ins Gesicht.

»Du Drecksau!«, schrie Günther und sprang wieder auf die Füße. Wenn er die Kerle erwischte, dann konnten sie was erleben. Und wenn sie Silke auch nur ein Haar gekrümmt hatten, dann …, dann … Hilflos ballte Günther immer wieder die Hände zu Fäusten und lockerte sie wieder, aber er konnte nichts tun. Alles, was er auf dem Bildschirm sah, war bereits geschehen, und er konnte nichts mehr daran ändern. Alles, was er tun konnte, war hilflos mit anzusehen, was weiter passierte. Trotz der großen Unruhe, die ihn am ganzen Körper zittern ließ, und seines inneren Aufruhrs ließ er sich wieder auf den Stuhl sinken und beobachtete den Fortgang der Szene.

Silkes Schreie waren nach dem Fausthieb schlagartig verstummt. Sie lag reglos auf dem Stein und wimmerte nur noch leise vor sich hin. Ein dünner Blutfaden lief aus ihrer Nase, die schief aussah, als wäre sie gebrochen. Der Vermummte breitete die Arme aus und rief mit lauter Stimme die Mächte der Finsternis an, allen voran Satan persönlich. Dann bückte er sich und hob etwas vom Boden auf, das bisher von dem Opferfelsen verborgen zu seinen Füßen gelegen hatte. Günther erwartete, ein Opfermesser zu sehen, und erbleichte, als er den Gegenstand erkannte. Der Hohepriester legte die rechte Hand fest um den vorderen Griffbügel und zog dann mit der anderen ruckartig am Seilzugstarter. Heulend sprang die Kettensäge an.

»Oh, mein Gott, nein!«, hauchte Günther und schlug die Hände vors Gesicht, als der Kuttenmann die Motorsäge auf sein hilfloses Opfer herabsenkte und die erste Blutfontäne emporspritzte. Er hörte Silkes gellende Schreie, die sogar das Heulen der Kettensäge übertönten, bis sie schlagartig verstummte.

Da die Ungewissheit über ihr Schicksal ihn noch mehr quälte als die schrecklichen Bilder, nahm er rasch wieder die Hände vom Gesicht und sah, wie sich die die vordere Hälfte des Metallblatts mit der Sägekette durch den Hals seiner Frau wühlte und den Kopf vom Rumpf trennte. Tränen schossen ihm in die Augen, ließen die entsetzlichen Bilder verschwimmen und liefen ihm übers Gesicht.

»Nein!«, schrie er, als ihn der Hass auf die Übeltäter und die Mörder seiner Frau wie ein wildes Tier aus dem Hinterhalt anfiel, sprang auf und trat unbeherrscht mit dem rechten Fuß gegen den Bildschirm. Der Flachbildfernseher kippte nach hinten und fiel krachend auf den Fußboden. Ein hauchdünner Riss lief durch den ganzen Bildschirm, der sofort schwarz wurde. Das Surren der Säge aus dem Lautsprecher verstummte abrupt. Feine Rauchschwaden und der Gestank nach verbranntem Kunststoff breiteten sich im Amtszimmer des Bürgermeisters von Movietown aus.

Günther stand schwer atmend da, die Hände zu blutleeren Fäusten geballt, und starrte auf das zerstörte Fernsehgerät. Der Videorecorder surrte immer noch leise vor sich hin und spielte, von Günthers Ausbruch gänzlich unbeeindruckt, die Kassette ab, auch wenn die darauf enthaltenen Schreckensbilder nun nicht mehr zu sehen waren und das Kreischen der Kettensäge nicht länger zu hören war. Günther weinte und schluchzte dabei leise. Mit den schleppenden Schritten eines Greises ging er zum Stuhl zurück, als wäre er innerhalb der letzten Augenblicke um Jahrzehnte gealtert, und sank auf die Sitzfläche. Er beugte sich nach vorn, als würde ihn eine Zentnerlast nach unten drücken, und vergrub sein Gesicht in den Händen.

Silke ist tot!

Es waren nur drei simple Worte, insgesamt gerade einmal elf Buchstaben, doch diese Worte enthielten eine Sprengkraft, die sein ganzes Leben aus den Fugen geraten ließen. Dabei konnte er es selbst noch gar nicht so richtig fassen, aber es gab einfach keinen Zweifel. Schließlich hatte er es mit eigenen Augen gesehen. Und das war kein Filmtrick oder Special Effect gewesen, sondern die brutale, auf Zelluloid gebannte Wirklichkeit. Diese Scheißkerle hatten seine Frau umgebracht, einfach so, vor laufender Kamera.

Plötzlich wurde ihm noch etwas bewusst. Der anderen Frau gestern – ihr Name war Carolyn Boone, erinnerte er sich – war es vermutlich genauso ergangen wie Silke. Schon da war ihnen alles so echt, so wirklich erschienen.

Er erschauderte, als hätte sich eine Tür oder ein Fenster geöffnet, um eine kühle Brise hereinzulassen. Wo sind wir hier bloß hingeraten?, fragte er sich. So wie es aussah, waren alle Einwohner von Movietown an diesem furchtbaren Treiben beteiligt. Sie alle mussten vollkommen wahnsinnig sein, opferten sie doch tatsächlich Menschen – ortsfremde Durchreisende – für ihre verdammten Filme. Er musste diese Vorgänge den Behörden melden und umgehend zur Polizei gehen. Allerdings musste er unbedingt die Videokassetten mitnehmen, denn sie waren der eindeutige Beweis, dass hier sogenannte Snuff-Filme gedreht wurden, in denen echte Morde geschahen.

»Hi, Günther.«

Behäbig, als würde er nur langsam aus einem Albtraum erwachen und in die Realität zurückkehren, hob Günther den Kopf. Der Bürgermeister saß auf der anderen Seite des Schreibtisches. Am liebsten hätte sich Günther augenblicklich auf ihn gestürzt, wäre mit einem einzigen Satz über den Schreibtisch gehechtet und hätte seine Finger um Walts faltigen Hals gelegt, um ihn mit bloßen Händen zu erwürgen. Doch erstens fehlte ihm dazu im Moment die nötige Kraft, und zweitens sahen Walts Begleiter, die groß gewachsenen Brüder Edward und Karl Landis, die zu beiden Seiten des Bürgermeisters Aufstellung genommen hatten und Günther finster ansahen, so aus, als hätten sie etwas dagegen und würden ihn notfalls durch Anwendung brutaler Gewalt daran hindern, ihrem Bürgermeister auch nur ein Haar zu krümmen.

»Wo ist Silke, ihr verdammten Arschlöcher?«, fragte Günther mit merkwürdig rauer Stimme, die sich nicht im Entferntesten wie seine eigene anhörte. »Wo ist meine Frau?«

»Wir kommen gerade von ihrer Beisetzung«, sagte Walt in seinem gewohnt leutseligen Ton, als würden sie sich über das Wetter unterhalten. »Es war wirklich eine schöne Beerdigung. Schade, dass du nicht dabei sein konntest, Günther. Die ganze Stadt hat Abschied genommen. Sogar Linda war da. Die meisten haben Tränen vergossen. Was für ein Verlust für die Leinwand, denn sie war wirklich eine begnadete Darstellerin.«

Günther konnte nicht glauben, was er hörte. Diese ganze Situation war einfach zu absurd. Diese Verrückten schlachteten seine Frau bestialisch ab und organisierten im Anschluss eine schöne und tränenreiche Beisetzung. Er konnte nur mit dem Kopf schütteln. »Wieso nur? Warum tut ihr das?«

»Was soll ich sagen, Günther? Weil das eben die Art ist, wie wir hier in Movietown unsere Filme machen. Sieh dir doch nur den ganzen Mist aus Hollywood an, alles nur Lug und Trug. All die fliegenden Untertassen und realistisch wirkenden Ungeheuer werden nur noch im Computer erzeugt. Menschen werden in dem einen Film von Kugeln durchsiebt, sind aber schon im nächsten Film wieder putzmunter. Bei unseren Filmen ist das anders. Wir betrügen den Zuschauer nicht, sondern sind ehrlich. Und darauf sind wir auch verdammt stolz. Was in unseren Filmen passiert, ist echt. Reality Cinema!«

Walt warf einen Blick auf seine Uhr und gab den beiden Landis-Brüdern dann einen Wink. Die Männer setzten sich umgehend in Bewegung, umrundeten den Schreibtisch und nahmen auf beiden Seiten von Günther Aufstellung.

»Und was haben Sie jetzt mit mir vor, Walt?«

»Ich muss einen Film zu Ende drehen«, sagte Walt und lächelte so breit, dass all seine Zähne zu sehen waren. »Der Drehplan lässt uns leider keine Zeit, unsere nette Plauderei fortzusetzen. Ich habe die nächste Szene schon ganz genau im Kopf«, sagte er und tippte sich dabei mit dem Zeigefinger an die Stirn. »Und du wirst darin die Hauptrolle spielen. Ich bin sicher, du wirst deine Sache ebenso großartig machen wie Silke. Ich habe nämlich einen Riecher für erstklassige Darsteller.«

Günther zerrte an den Fesseln, doch sie gaben keinen Millimeter nach. Die Landis-Brüder wussten, wie man einen Knoten band, schließlich hatten sie in den letzten Jahren genug Erfahrung sammeln können.

Nahezu alle Einwohner von Movietown standen zehn Meter entfernt in einem Kreis um ihn herum. Sie waren in mittelalterliche Gewänder geschlüpft – der Ort musste einen riesigen Fundus an Kostümen haben – und sahen ihn erwartungsvoll an. Rechts und links von ihm standen Edward und Karl Landis und hielten brennende Fackeln in ihren Händen.

Es war früher Nachmittag, und da Günther der gnadenlos herabbrennenden Sonne schutzlos ausgeliefert war, schwitzte er wie in einer Sauna, obwohl er nur ein schlichtes weißes Baumwollgewand am Leib trug. Allerdings waren die Hitze des Tages und ein möglicher Sonnenstich die geringsten seiner Sorgen. Er stand auf einer kleinen hölzernen Plattform und war an einen Holzpfahl gefesselt, den man in den Boden der Wiese gerammt hatte. Rundherum waren Berge trockener Äste und Reisig aufgeschichtet worden.

Günther richtete seinen Blick nach vorn. Durch eine Lücke in der Zuschauermenge konnte er die Kamera sehen. Direkt daneben saß Walt Hooper in einem Klappstuhl. Das Mädchen mit der Filmklappe trat vor die Kamera.

Günther schrie und wand sich in seinen Fesseln, auch wenn er wusste, dass es letztendlich sinnlos war. Einer der beiden Landis-Brüder blickte grinsend zu ihm auf, als wäre alles nur ein Spiel, und zeigte ihm den erhobenen Daumen.

»Satansmesse auf dem Teufelshügel, Szene 37, die Erste!«, rief die junge Frau und huschte aus dem Bild.

»Ton?«

»Läuft.«

Günther zerrte immer verzweifelter an den Stricken. Er spürte, wie sie sich schmerzhaft in seine Handgelenke gruben. Tränen liefen ihm übers Gesicht und vermischten sich mit den Schweißtropfen.

Die Landis-Brüder machten sich bereit und hoben die Fackeln.

Die Menschen starrten erwartungsvoll und erregt auf den Scheiterhaufen in ihrer Mitte.

»Kamera?«

»Läuft.«

Entsetzt beobachtete Günther, wie der Regisseur ein Megafon an die Lippen hob.

»Uuunnnndddd … Action!«

ERSATZTEILE

Bettina amüsierte sich prächtig. Ausgelassen tobte sie zum pulsierenden Rhythmus der Musik über die überfüllte Tanzfläche. Der Schweiß lief ihr in Strömen über den Körper, und die Kleider klebten ihr am Leib, doch das störte sie kaum. Sie lachte ausgelassen und gab sich ganz der Musik hin. Während sie tanzte, lebte sie nur für den Augenblick und hatte all ihre Probleme und Sorgen vergessen.

Als die Musik kurze Zeit später verstummte, blieb sie schwer atmend mitten auf der Tanzfläche stehen. Das nächste Stück, eine langsame Ballade, begann, doch sie hatte beschlossen, eine Weile zu pausieren und ihre Batterien aufzuladen. Sie schob sich durch die tanzende Menge und erreichte den Rand der Tanzfläche. Dort umstanden ihre Freunde einen hohen Stehtisch, auf dem ihre Getränke standen, beobachteten die Tanzenden oder versuchten, sich über den infernalischen Lärm hinweg zu unterhalten.

Bettina stellte sich neben ihre Freundin Beate und griff nach ihrem Glas. Gierig trank sie die süße Mischung aus Weißbier und Cola.

»Na, hast du endlich genug abgetanzt?«, schrie Beate ihr ins Ohr.

Bettina stellte ihr Glas ab und nickte. »Fürs Erste schon«, rief sie. Sie löste das durchgeschwitzte T-Shirt mit den Fingern von ihrer nassen Haut und versetzte es in flatternde Bewegungen, um ihrem Körper etwas Kühlung zu verschaffen. Allerdings schien es in der ganzen Disco keinen einzigen Kubikzentimeter kühler Luft zu geben.

Sie sah auf und bemerkte, dass Toni, der auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches stand, begehrliche Blicke auf ihre Brüste warf, die sich unter dem feuchten Stoff deutlich abzeichneten. Sie hob die Hand und zeigte ihm den Effenberg-Finger. Errötend senkte Toni den Blick und starrte in sein Glas. Bettina lachte laut, worauf sich Tonis Gesicht noch dunkler verfärbte, bis sogar seine Ohren zu glühen schienen.

Bettina wusste, dass Toni auf sie stand. Er hatte es in einem unbedachten Augenblick nach dem Genuss von zu viel Bier ihrer Freundin Beate anvertraut und vermutlich darauf vertraut, dass sie es nicht weitererzählte. Natürlich hatte Beate die Neuigkeit ihrer besten Freundin sofort brühwarm berichtet, worauf beide in schallendes Gelächter ausgebrochen waren. Tonis Gesichtsfarbe hatte damals einen ähnlichen, vielleicht sogar etwas dunkleren Farbton angenommen wie heute. Leider entsprach Toni so ganz und gar nicht Bettinas Geschmack und den Vorstellungen, die sie von dem Mann hatte, mit dem sie zusammen sein wollte, ebenso wenig wie all die anderen Jungs, die sie bisher kennengelernt hatte. Deshalb war sie noch immer solo, obwohl es ihr an Verehrern – einschließlich Toni, die Träne, wie sie und Beate ihn heimlich nannten – nicht mangelte. Doch sie war geduldig und wartete lieber auf den Richtigen, auf den Mann ihrer Träume sozusagen. Und obwohl sie im Grunde gar keine Ahnung hatte, wie ihr Traummann aussehen musste, wusste sie dennoch, dass sie ihn sofort erkennen würde, wenn er schließlich vor ihr stand. Und bis zu diesem Augenblick, der ihrer Meinung nach unweigerlich früher oder später kommen musste, würde sie eben warten.

Als sie von Beate in die Seite gestupst wurde, wandte sich Bettina ihrer Freundin zu.

Beate brachte ihren Mund ganz nah an Bettinas Ohr, damit sie nicht so laut schreien musste, und sagte: »Wir wollen noch ins Astro fahren. Kommst du mit?«

Bettina überlegte kurz. Das Astro gefiel ihr nicht so besonders, da dort nicht die Musik gespielt wurde, die ihr gefiel und zu der sie am liebsten tanzte. Außerdem sagte ihr auch das Publikum, das dort gewöhnlich verkehrte, nicht so zu. Sie wollte lieber hier bleiben und noch ein paar Runden tanzen. Daher schüttelte sie den Kopf. »Nein, ich bleib lieber hier.«

Beate verzog missmutig das Gesicht. »Ach, komm schon! Alle kommen mit. Du kannst doch nicht alleine hierbleiben.«

»Sicher kann ich das!«, erwiderte Bettina und wiegte sich schon wieder fröhlich im Takt der Musik.

»Und wie willst du nach Hause kommen?«

Bettina hob die Schultern und hob in gespielter Unschuld die Arme. »Wer, glaubst du, könnte mir einen Wunsch abschlagen? Irgendeinen Dummen werde ich schon finden.«

Die beiden Mädchen lachten laut. Toni, der annahm, dass er schon wieder Zielscheibe ihres Spotts war, zog den Kopf noch ein Stück weiter zwischen die Schultern, als hätte er vor, wie eine Schildkröte im eigenen Panzer zu verschwinden.

Eine halbe Stunde später verabschiedeten sich die Freunde von ihr. Bettina und Beate umarmten sich und gaben sich gegenseitig Küsschen auf die Wangen. Toni, der Träne, war es anzusehen, dass er sich auch gerne so von ihr verabschiedet hätte. Doch da er sich noch nicht einmal traute, ihr die Hand zu geben, winkte er ihr nur zögerlich zu und trottete dann mit eingezogenem Kopf hinter den anderen her.

Nun war sie allein, doch das machte ihr nichts aus. Ab und zu war sie ganz gerne allein. Und wenn es ihr doch zu einsam werden sollte, würde sie gewiss keine Schwierigkeiten haben, hier nette Gesellschaft zu finden. Sie sah sich um und entdeckte ganz in der Nähe eine Gruppe junger Leute, von denen sie den einen oder anderen flüchtig kannte. Vielleicht würde sie später sogar einen von ihnen bitten, sie mitzunehmen und nach Hause zu fahren. Ihr Blick wanderte weiter und blieb an einem jungen Mann haften, der ebenfalls allein war, am Rand der Tanzfläche stand, mit der rechten Hand ein Bierglas umfasst hielt und die Tänzer beobachtete.

Bettinas Herz setzte ein paar Schläge aus, als sie ihn erblickte. Sie wusste nicht, woher sie die plötzliche Gewissheit nahm, dennoch war sie sicher: Dort stand er, ihr Traummann. Und nun wusste sie auch endlich, wie er aussehen sollte. Wie eine Mischung aus Bradley Cooper und dem jungen Alain Delon. Bettina bemerkte, dass sie ihn anstarrte, und blickte schnell weg. Wenn er bemerkte, dass sie ihn wie eine dumme Göre anhimmelte, dann hatte sie doch gleich verschissen. Sie musste es schon geschickter anstellen, ihn auf sich aufmerksam zu machen. Bloß wie? Vielleicht sollte sie sich zuerst ein bisschen beruhigen, denn ihr Herz hämmerte schmerzhaft in ihrer Brust, ihr Puls raste wie nach einem Tanzmarathon, und ihr Mund war so ausgetrocknet wie die Marsoberfläche, über die dieses kleine süße Fahrzeug gefahren war. Nicht gerade die beste Ausgangslage, um kühl und überlegt an diese Sache heranzugehen.

Ganz ruhig, sagte sie sich, einfach ganz cool und locker bleiben!

Obwohl es ihr immer leicht gefallen war, Leute anzusprechen und neue Freunde zu finden, wusste sie instinktiv, dass es dieses Mal nicht so einfach werden würde. Schließlich waren das bisher nur irgendwelche Leute gewesen, die ihr nie so viel bedeutet hatten, während es sich hier um den Mann ihrer Träume handelte, in den sie sich auf den ersten Blick unsterblich verliebt hatte. Davon war sie schon jetzt felsenfest überzeugt. Also musste sie gut überlegen, wie sie nun vorging und was sie sagte, wenn sie ihn ansprach, denn eine Zurückweisung von ihm würde sie nicht überleben, ganz bestimmt nicht. Und falls doch, würde sie eben nachhelfen müssen und in der Badewanne ihre Pulsadern aufschneiden. Denn sie wusste, dass sie ohne ihn nicht mehr leben konnte.

Da sie weder ihren Herz- noch ihren Pulsschlag beeinflussen konnte, beschloss sie, wenigstens etwas gegen die Trockenheit in ihrer Kehle zu unternehmen, nahm ihr Glas und stürzte den Rest des Colaweizens hinunter. Dabei fiel ihr Blick zufällig wieder auf ihren Traummann, und sie bemerkte, dass er sie ansah und lächelte. Beinahe wäre ihr das Glas aus den zitternden Fingern geglitten, doch sie umklammerte es krampfhaft und setzte es schnell ab. Sie versuchte, sein Lächeln zu erwidern, war sich jedoch nicht sicher, ob es geklappt hatte, da sich ihr Gesichtsausdruck innerlich eher wie eine Grimasse anfühlte.

Das war’s dann wohl, blöde Kuh, schalt sich Bettina. Wahrscheinlich fragt er sich gerade, wer die Verrückte mit der beidseitigen Gesichtslähmung ist.

Doch plötzlich setzte sich der junge Mann in Bewegung und kam langsam auf sie zu, wobei er sie weiter anlächelte.

Bettina sah sich verwirrt um. Vielleicht meinte er ja gar nicht sie, sondern jemand anderen. Die meisten Leute in der Nähe waren jedoch mit anderen Dingen beschäftigt. Nur eine junge Frau, die allein an einer Säule in der Nähe lehnte, musterte sie für einen Moment mit ausdruckslosem Gesicht, blickte dann aber wieder gelangweilt weg.

»Hallo«, rief der gut aussehende, junge Mann, als er dicht neben ihr stand, und stellte sein Bier auf den Tisch.

Erschrocken fuhr Bettina zusammen. Sie drehte leicht den Kopf und blickte in seine warmen, braunen Augen. »Äh … hallo.«

Ihre Köpfe befanden sich nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt, damit sie sich unterhalten konnten, ohne zu schreien.

»Mein Name ist Andi«, stellte er sich vor. »Und wie heißt du?«

Normalerweise wäre Bettina über so eine plumpe, direkte Anmache in schallendes Gelächter ausgebrochen und hätte demjenigen, der versucht hätte, sie auf diese Art anzubaggern, noch einen Tritt in den Hintern mit auf den Nachhauseweg gegeben, doch im Augenblick war sie wie verzaubert. Wieso sollte man die Sache denn umständlich über Umwege angehen, wenn es auch so einfach und direkt ging? »Ich heiße Bettina«, sagte sie und kicherte dabei verlegen.

»Schön, dich kennenzulernen, Bettina«, sagte er lächelnd und streckte ihr seine Hand entgegen.

»Finde ich auch«, stimmte sie zu, ergriff die dargebotene Hand und schüttelte sie überschwänglich. »Ich heiße übrigens Bettina.«

Er lachte und befreite vorsichtig seine Hand aus ihrem Griff. »Ich weiß.«

Sie machte große Augen. »Woher weißt du meinen Namen?«

»Du hast ihn mir schon gesagt.«

»Schei…« Sie schlug die Hand vor den Mund, bevor das schlimme Wort ihr vollends entschlüpfen konnte, und schämte sich für ihre Dämlichkeit. Sich zweimal namentlich vorzustellen – wie bescheuert konnte ein Mensch eigentlich sein? Wenn er sie zuvor nicht für eine Vollidiotin gehalten hatte, dann spätestens jetzt.

»Ich heiße übrigens Andi«, sagte er und streckte ihr noch einmal die Hand entgegen.

Sie brach in schallendes Gelächter aus, und er fiel mit ein. Nach kurzer Zeit ebbte das Gelächter ab, und Bettina wischte sich die Tränen aus den Augen.

»Nun haben wir uns wohl ausreichend miteinander bekannt gemacht«, sagte Andi.

»Stimmt.«

»Bist du ganz allein hier?«

Sie nickte. »Meine Clique ist noch woanders hingefahren, aber ich wollte nicht mit. Mir gefällt es hier. Und du?«

»Ich bin allein hierhergekommen«, antwortete er. »Ich fahre zurzeit mit meinem alten VW-Bus durch Europa. Ich hab eigentlich nur haltgemacht, weil ich ein paar Ersatzteile brauche, und so bin ich heute hier gelandet. Zum Glück, wie ich vor wenigen Augenblicken festgestellt habe.«

»Heißt das, dass du morgen schon wieder weiterfährst?«, fragte sie enttäuscht.

Er zuckte mit den Schultern. »Wer weiß. Ich bin frei und ungebunden wie ein Vogel. Wenn ich die Ersatzteile kriege, die ich brauche, bin ich morgen vielleicht schon wieder ganz woanders. In Rom, Venedig oder Paris, der Stadt der Liebe. Wer weiß? Vielleicht bleibe ich aber auch etwas länger hier, wenn es einen guten Grund dafür gibt.« Lächelnd zwinkerte er ihr zu.

Bettina schmolz beinahe wie Butter in der Mikrowelle dahin. »Toll!«, hauchte sie.

»Was?«

»Na ja, diese Freiheit. Einfach zu tun, was einem gefällt.« Sie senkte den Blick und starrte auf die Tischplatte. Während sie weitersprach, tauchte sie ihren Zeigefinger in eine Bierpfütze und zeichnete geometrische Figuren auf die Tischplatte. »Bei mir ist das ganz anders. Alles hier engt mich ein. Vor allem die blöde Schule und diese bescheuerten Lehrer. Das Abi schaffe ich wahrscheinlich sowieso nicht. Und dann sind da auch noch meine Eltern, die mir die ganze Zeit nur Vorschriften machen und damit so was von auf den Sack … ups« Sie verstummte erschrocken, nachdem ihr dieser Ausdruck herausgerutscht war, doch als sie ihn lachen hörte, fuhr sie fort: »… auf die Nerven gehen, wollte ich sagen. Die haben schon mein ganzes Leben verplant, und dabei kennen sie mich nicht einmal richtig.« Sie sprach mit tieferer Stimme weiter, um vermutlich ihren Vater zu imitieren. »Mach schön dein Abitur, mein Kind. Studiere etwas Vernünftiges, mein Kind. Heirate einen feinen Mann, mein Kind. Gebäre uns viele kleine Enkelchen, mein Kind.« Dann sprach sie wieder mit normaler Stimme weiter. »Es ist so was von zum Kotzen. Manchmal denke ich, ich muss ersticken. Und dann gibt es auch noch meine Schwester, Fräulein Neunmalklug, der Traum aller Eltern. Nur gute Noten, immer nett und niedlich. Manchmal möchte ich sie echt umbringen.« Bettina verstummte und blickte auf, um zu sehen, ob sie Andi durch ihren Redeschwall bereits in die Flucht geschlagen hatte. Doch er stand noch immer neben ihr und sah sie aufmerksam an. Sie wusste selbst nicht, warum sie ihm schon nach wenigen Minuten ihre Lebensgeschichte erzählte. Was ihre geheimen Wünsche und Träume anging, war sie sonst eher verschlossen. Nur Beate erzählte sie manchmal davon, schließlich war sie ihre beste Freundin und engste Vertraute, sonst niemandem. Zumindest bis zu diesem Moment.

»Hast du auch Geschwister?«

Er nickte. »Ja, ebenfalls eine Schwester. Aber die ist ganz okay. Wir verstehen uns prima.«

Sie lachte bitter. »Da hast du aber Glück gehabt.«

Sie schwiegen eine Weile und hingen ihren Gedanken nach.

»Hör mal, Bettina«, begann Andi. »Wenn dich hier eh alles ankotzt, warum kommst du dann nicht einfach mit mir mit?«

Bettina starrte ihn mit großen Augen verblüfft an. Sie hatte gerade genau das Gleiche gedacht, hätte sich aber nie im Leben getraut, ihn zu fragen, ob er sie mitnehmen würde. Sie forschte in seinem Gesicht, ob er sich nur einen Spaß mit ihr erlaubte und sich insgeheim über sie lustig machte, doch es schien ihm ernst zu sein. »Ich kann doch nicht einfach so abhauen«, wandte sie ein, hoffte aber sehnlichst, dass er jetzt nicht etwa »Da hast du natürlich recht, vergiss es einfach!« sagen, sondern sie vielmehr vom Gegenteil überzeugen würde.

»Warum denn nicht?«, fragte er, und ihr fiel bei dieser Reaktion ein Stein vom Herzen. »Was hält dich denn noch hier?«

»Eigentlich … nichts«, stimmte sie zu. »Aber … aber ich kenne dich doch kaum.«

»Dann musst du mich eben besser kennenlernen«, sagte er lächelnd. »Und für den Anfang muss ich dir gleich ein Geständnis machen.«

»Was denn?«, fragte sie alarmiert und machte sich auf das Schlimmste gefasst. Jetzt würde er ihr vermutlich erzählen, dass sie erst noch seine Freundin abholen mussten. Oder dass er unheilbar an Krebs erkrankt war, nur noch 5 Tage, 4 Stunden, 23 Minuten und 48 Sekunden zu leben hatte und durch Europa fuhr, um alle Länder vor seinem Tod noch ein letztes Mal zu sehen. Auf jeden Fall irgendetwas, das ihren Traum, mit ihm einfach von hier abzuhauen, schlagartig zum Platzen bringen würde.

»Also, ich weiß ja nicht, ob es dir ähnlich erging«, begann er, »aber als ich dich vorhin zum ersten Mal sah, war es, als hätte mich der Blitz getroffen. Ich wusste instinktiv: Das ist das Mädchen, nach dem ich mein ganzes Leben lang gesucht habe. Ich bin überzeugt, dass wir füreinander bestimmt sind!«

»Echt?«

Er nickte mit todernstem Gesichtsausdruck und hob die rechte Hand. »Großes Indianerehrenwort.«

Sie lachte und wäre vor Erleichterung, Freude und Rührung beinahe in Tränen ausgebrochen. »Du wirst es nicht glauben, aber genauso ging es mir auch. Wirklich ganz genauso.«

Er grinste. »Irre, oder?«

»Total abgefahren.«

Sie lachten beide. Dann legte Andi seine rechte Hand auf ihre Schulter, beugte sich nach vorn und küsste sie. Sie schloss die Augen und erwiderte den Kuss, öffnete die Lippen und ließ seine Zunge in ihren Mund eindringen. Nach einer Weile, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, löste er sich von ihr und schaute sie mit blitzenden Augen an.

»Und? Was sagst du jetzt?«

»Wozu?«

»Na, kommst du jetzt mit oder nicht?«

Sie warf sich freudig in seine Arme, umschlang ihn mit ihren Armen und bettete ihren Kopf an seine muskulöse Brust. »Wo immer dich dein Weg als Nächstes hinführt, ich komme mit dir.«

Kurz nach Mitternacht verließen sie Arm in Arm die Diskothek. Sie hatten noch etwas getrunken und sich ausgiebig unterhalten. Bettina war immer noch erstaunt, wie viel sie und Andi gemeinsam hatten. Außerdem konnte sie sich mit ihm super unterhalten. Er war ein guter Zuhörer und erzählte nur dann von sich, wenn er gefragt wurde. Bettina war fast trunken vor Freude, denn heute war der schönste Tag in ihrem Leben. Falsch, verbesserte sie sich, wir haben ja schon morgen. Also war gestern der schönste Tag in ihrem Leben gewesen, denn da hatte sie endlich ihren Traummann kennengelernt. Aber von nun an würden nur noch schöne Tage folgen, einer besser als der vorherige, das wusste sie.

Sie hatte ihren Kopf auf seine Schulter gelegt, während sie den Parkplatz überquerten. Andi führte sie zu einem alten, weißen VW-Bus.

»Darf ich vorstellen, das ist Berta«, sagte er, nachdem sie den Wagen erreicht hatten, und deutete auf das Fahrzeug. »Berta, das ist Bettina.«

Bettina lachte. »Berta? Wer hat sich denn den Namen ausgedacht?«

»Meine Mutter. Gefällt er dir?«

»Klar. Er passt irgendwie zu ihm … ups, ich meine natürlich, zu ihr.«

Andi umrundete die Front des Fahrzeugs, öffnete die Fahrertür und stieg ein. Dann öffnete er von innen die Beifahrertür. Bettina hievte sich auf den Sitz und schloss die Tür.

»Wie sieht es denn hier aus?«, fragte sie und rümpfte in gespieltem Entsetzen die Nase, als sie all die leeren Getränkedosen und -flaschen, Schokoriegel-Verpackungen, Pizzaschachteln und den sonstigen Müll sah, der im Fußraum lag.

Andi zuckte die Schultern. »Ich wette, in deinem Zimmer sieht es auch nicht viel besser aus.«

»Diese Antwort ist richtig, der Kandidat hat hundert Punkte«, rief sie lachend.

Er lachte ebenfalls und startete den Wagen.

»Und? Wo fahren wir jetzt hin?«, fragte Bettina abenteuerlustig.

»Zu dir nach Hause.«

»Nach Hause?«, fragte sie enttäuscht.

Er warf ihr einen amüsierten Blick zu und steuerte den Bus dann aus der Parklücke. »Du willst doch bestimmt noch ein paar Sachen mitnehmen, bevor wir auf große Fahrt gehen, oder etwa nicht?«

»Stimmt«, sagte sie und schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, sodass es laut klatschte. »Das hätte ich jetzt glatt vergessen.«

Andi lachte. »Das Ausreißen will eben gut geplant sein. Außerdem muss ich noch die Ersatzteile besorgen, von denen ich dir erzählt habe.« Er steuerte den Wagen vom Parkplatz auf die schmale Landstraße und gab Gas.

Bettina schloss die Augen und lehnte sich entspannt zurück. Das war alles so aufregend. Eben erst hatte sie ihren Traummann kennengelernt, auf den sie ihr Leben lang gewartet hatte, und nun fuhr sie mit ihm schon auf und davon. Dabei war es ihr vollkommen egal, wohin die Reise ging, mit Andi an ihrer Seite würde es überall auf der Welt zauberhaft schön sein.

Sie wurde aus ihren Träumereien gerissen, als hinter ihr ein Summen wie von einem wütenden Bienenschwarm ertönte. Sie öffnete die Augen und sah zu Andi hinüber, doch er schien nichts gehört zu haben und konzentrierte sich ganz aufs Fahren. Vielleicht hatte sie sich ja auch getäuscht. Doch da hörte sie es erneut. Sie drehte den Kopf, um nachzusehen, woher das Geräusch kam, erblickte jedoch nur eine Sperrholzwand, die die Fahrerkabine vom hinteren Teil des Busses trennte.

»Was ist?«, fragte Andi und warf ihr einen kurzen Blick zu, bevor er seine Augen wieder auf die Straße richtete.

»Ich … ich dachte, ich hätte etwas gehört. Von hinten.«

»Was denn?«

»So ein komisches Summen«, erklärte sie.

»Ein Summen?«, wiederholte er und runzelte die Stirn. Er lehnte sich etwas zurück und legte den Kopf zur Seite, um zu lauschen, während er weiterhin die Straße im Auge behielt.

Nur wenige Sekunden später ertönte das Geräusch erneut.

»Da war es wieder!«, rief Bettina aufgeregt. »Hast du es jetzt auch gehört?«

Er nickte nachdenklich.

»Was ist das?«

Er zuckte mit den Schultern und schürzte die Lippen. »Möglicherweise stimmt was nicht mit dem Auto. Ich sagte dir ja schon, dass ich dringend ein paar Ersatzteile für Berta benötige.«

»Mit dem Auto stimmt etwas nicht?«, fragte sie erschrocken. Ihre Träume schienen dem Platzen schon wieder gefährlich nahe gekommen zu sein. Wenn das Auto jetzt seinen Geist aufgab, konnte sie die große Reise mit ihrem Traummann wohl vergessen. So ein Mist aber auch!

»Nur keine Panik«, sagte Andi und warf ihr einen zuversichtlichen Blick zu. »Bei der nächsten Gelegenheit halte ich an und sehe mal nach. Es kann nichts Schlimmes sein, immerhin fährt Berta ja noch, oder?«

Sie lachte erleichtert. Er hatte recht. Es konnte gar nichts Schlimmes sein, solange der Motor noch lief. Er hatte alles unter Kontrolle. Schließlich war er schon eine Weile mit dem Auto unterwegs und hatte das Problem wahrscheinlich in Windeseile behoben. Wie dumm von ihr, gleich das Schlimmste anzunehmen.

Andi verlangsamte die Geschwindigkeit und hielt nach einer Möglichkeit zum Anhalten Ausschau. Als sie zu einem schmalen Forstweg kamen, der rechts in den Wald führte, bremste er und lenkte den Wagen ein Stück in den Wald hinein. Als er den Bus schließlich stoppte, war von der Straße nichts mehr zu sehen.

»Okay, ich sehe dann mal nach, was dieses Summen verursacht. Kommst du mit?«

Ängstlich schaute Bettina durch die Scheiben nach draußen. Nachdem Andi die Scheinwerfer gelöscht hatte, war es stockfinster, und sie konnte nichts erkennen.

»Keine Angst, ich hab hier irgendwo eine Taschenlampe.«

Sie hörte ein Rascheln und Klappern, dann hatte er die Lampe gefunden. Er schaltete sie ein und richtete den Strahl von unten auf sein Gesicht. »Buh!«, machte er und zog eine schreckliche Grimasse.

»Hör sofort auf damit!«, schrie sie.

»Entschuldige«, sagte er und richtete den Lichtstrahl auf die Fahrertür. »Warte, dann komm ich herum und mach dir die Tür auf.« Er öffnete die Fahrertür und stieg aus. Als die Tür geöffnet wurde, ging die Innenbeleuchtung an, und Bettina atmete erleichtert auf. Doch als er die Tür hinter sich wieder zuschlug, erlosch auch das Licht. Verdammt!

Bettina behielt den Lichtstrahl der Taschenlampe im Auge, der vorn ums Auto herumwanderte. Sie konnte hören, dass Andi fluchte. Dann verschwand der Strahl der Taschenlampe, und ein lautes Plumpsen ertönte, als wäre ein schwerer Körper zu Boden gefallen.

»Andi, was ist passiert?«, schrie Bettina und krampfte ihre Hände im Schoß ineinander. Sie starrte angestrengt durch die Windschutzscheibe, konnte in der Finsternis allerdings nichts erkennen. Wenn sie nur wüsste, wie man die Innenbeleuchtung anschaltete, ohne die Tür zu öffnen. Denn die Tür würde sie jetzt ganz bestimmt nicht aufmachen. Wer wusste schon, was da draußen auf sie lauerte. Es musste auf jeden Fall etwas Großes und Schreckliches sein, wenn es Andi so leicht hatte überwältigen können.

Tränen liefen ihr über das Gesicht, während sie sich fragte, wie es Andi ging und ob er überhaupt noch am Leben war. Wenn sie wenigstens das Licht anmachen könnte, würde sie ihn möglicherweise sehen. Andererseits, wenn sie die Innenbeleuchtung anmachte, würden die Scheiben das Licht reflektieren und sie würde auch nichts erkennen können. Allerdings würde sie das Ding da draußen deutlich sehen können, was immer es auch war. Vielleicht ging es ja wieder weg, wenn sie sich ruhig verhielt und nicht bewegte. Vielleicht aber auch nicht. Was sollte sie nur tun? Eine Waffe, sie brauchte unbedingt …

Plötzlich wurde die Beifahrertür ruckartig aufgerissen, und die Innenbeleuchtung ging an.

Bettina schrie gellend und vergrub ihr Gesicht in beiden Händen. Sie wollte das Ding, das Andi getötet hatte, gar nicht sehen. Es hatte sie schließlich doch gefunden. Gleich würde es …

»Was ist denn mit dir los?«

Bettina erstarrte. »Andi?« Sie nahm die Hände vom Gesicht und wandte den Kopf. Andi stand neben der offenen Beifahrertür und sah sie erstaunt an. »O Andi.« Sie breitete die Arme aus und warf sich an seine Brust. Er taumelte zwei Schritte zurück und hob sie dadurch aus dem Auto, bis sie in seinen Armen hing.

»Ich freu mich zwar, dass du so auf mich fliegst«, sagte er. »Aber ich war doch nur ganz kurz weg.«

»Was ist denn passiert?«, fragte sie und hob den Kopf, um ihn anzusehen. »Ich hörte einen Plumps, und dann ging auch noch die Lampe aus. Ich dachte schon, du wärst tot.«

»Ach so«, sagte er und kratzte sich am Kopf. »Ich bin nur über so einen blöden Ast gestolpert und hingefallen. Dabei ist dummerweise die Lampe kaputtgegangen.«

Sie lachte erleichtert. »O Mann! Und ich dachte schon, irgendetwas wäre über dich hergefallen.«

Er lachte. »Was soll denn hier schon über mich herfallen? Wir sind mitten in Deutschland und nicht im südamerikanischen Dschungel.«

»Ich weiß auch nicht. Irgendetwas furchtbar Schreckliches!«

Er lächelte, gab ihr einen Kuss und setzte sie ab. »Ich fürchte, da musst du dich schon mit mir begnügen. Im Augenblick bin ich vermutlich das Schrecklichste, das du in diesem Wald finden wirst.«

»So?«

Er nickte und schnitt erneut eine Grimasse. »Grrr …«

»Hör sofort auf!«, rief sie und schlug ihm spielerisch die Faust gegen die Schulter.

Er breitete die Arme aus. »Okay, okay. Ich gebe auf. Lass uns nachsehen, was mit der alten Berta nicht stimmt.«

Sie nickte.

Er ging an ihr vorbei und wollte die Beifahrertür zumachen.

»Warte«, sagte sie und fasste ihn am Arm. »Können wir die Tür nicht offen stehen lassen, dann haben wir wenigstens Licht?«

Er schüttelte den Kopf. »Das geht alles auf die Batterie, und die ist ohnehin nicht mehr die Beste. Wenn wir die Innenbeleuchtung zu lange brennen lassen, kommen wir nachher vielleicht nicht mehr weg. Aber keine Angst, hinten ist auch noch eine Lampe, die hängt an einer separaten Batterie. Und irgendwo muss ich noch eine zweite Taschenlampe haben. Außerdem bin ich ja bei dir. Okay?«

Sie nickte tapfer. Was er sagte, klang ja auch einleuchtend. Außerdem wollte sie nicht wie der größte Angsthase dastehen. »Okay.«

Er schlug die Tür zu, und augenblicklich wurde es wieder stockfinster.

»Hier, nimm meine Hand«, sagte Andi und berührte sie mit seiner Hand.

Erleichtert griff sie nach seinem Arm und klammerte sich daran. Als es in der Nähe im Unterholz raschelte, zuckte sie erschrocken zusammen. »Was … ist das?«

»Kleine Tiere«, sagte Andi, um sie zu beruhigen. »Eichhörnchen, Haselmäuse, Igel und so was. Die wohnen hier im Wald. Pass auf! Ich öffne gleich die Schiebetür. In Kürze haben wir wieder Licht. Kann sein, dass es drinnen etwas muffig riecht, aber du weißt ja, wie das bei uns Junggesellen ist.«

Sie lachte. »Ex-Junggesellen meinst du wohl. Aber ab jetzt werde ich da schon Abhilfe schaffen.«

»Das glaube ich dir.«

Sie hörte, wie er am Griff der Schiebetür hantierte und diese dann zur Seite glitt. Sie schnüffelte, als der Geruch an ihre Nase drang. Es roch nach Tannennadeln, allerdings nicht aus dem Wald, sondern aus dem Innern des Wagens. Es war ein schwerer und intensiver Duft wie von zu viel Raumspray oder Lufterfrischer. Darunter lag aber noch ein anderer, unangenehmerer Duft, den sie aber nicht identifizieren konnte. Höchstwahrscheinlich Andis alten Socken und Unterhosen. Na ja, ab heute würde sich das ändern, dafür würde sie schon sorgen.

»Pass auf!«, sagte er. »Jetzt wird es hell.«

Er knipste ein Licht an, und sie schloss geblendet die Augen. Als sie die Augen wieder öffnete, konnte sie ins erleuchtete Innere des Busses blicken. Es herrschte ein chaotisches Durcheinander. Kleidung, Verpackungsreste und leere Flaschen lagen überall herum. Dazwischen allerhand anderer Kram, den sie jedoch nicht genau erkennen konnte. Ein großer, schwarzer Vorhang teilte den Innenraum in zwei Hälften.

»Und was ist hinter dem Vorhang?«

»Das Bett natürlich«, sagte er und zwinkerte ihr zu. Dann griff er in einen der Haufen und zog einen langen, metallisch glänzenden Gegenstand hervor. »Und hier ist auch die zweite Taschenlampe. Ordnung ist eben das halbe Leben.« Er knipste die Lampe an und richtete den Strahl in den Himmel.

Bettina kicherte.

Andi schaltete die Lampe wieder aus, befreite sich aus ihrer Umklammerung seines Armes und stieg in den Bus. Er drehte sich um und streckte ihr die Hand entgegen. »Na los, komm rein. Du musst mir helfen, das Werkzeug zu finden. Ich hab im Augenblick vergessen, wo es steckt.«

»Und ich dachte, Ordnung sei das halbe Leben«, neckte sie ihn.

Er grinste. »Das Werkzeug gehört leider zur anderen Hälfte.«

Sie reichte ihm die Hand und ließ sich von ihm hochziehen, bis sie ein wenig gebückt neben ihm im Innern des Busses stand.

»Wo sollen wir bloß anfangen?«, fragte sie und betrachtete skeptisch die Unordnung, die überall herrschte.

»Gute Frage«, sagte er.

Plötzlich ertönte von draußen ein lautes Krachen.

Bettina wirbelte erschrocken herum und warf sich an Andis Brust. »Und was war das?«, fragte sie ängstlich. »Das war doch kein kleines Tier, oder?« Für ein Eichhörnchen, eine Maus oder einen Igel war das Krachen entschieden zu laut gewesen. Der Schein der Innenbeleuchtung umgab sie zwar wie eine schützende Kuppel, er reichte jedoch nicht weit in den Wald hinein. Dahinter erhob sich drohend tiefste Finsternis zwischen schemenhaft erkennbaren Baumstämmen, die sie auf der Suche nach der Ursache des Geräuschs vergeblich mit ihren Blicken zu durchdringen versuchte.

»Da ist vermutlich jemand auf einen morschen Ast getreten«, beantwortete Andi ihre Frage.

»Jemand? Aber wer kann das sein?«

»Warte, das werden wir gleich haben«, sagte Andi zuversichtlich und knipste die Taschenlampe wieder an. Er richtete den Strahl nach draußen und bewegte ihn langsam von einer Seite zur anderen. Plötzlich riss der helle Schein eine geisterhafte Gestalt aus der Dunkelheit. Bettina schrie leise auf, als sie die Person sah. Im nächsten Moment erkannte sie auch, um wen es sich handelte. Es war die junge Frau, die sie in der Diskothek kurz gemustert, dann aber wieder weggesehen hatte. Aber wie kam sie hierher? Und was wollte sie von ihnen?

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393 стр. 6 иллюстраций
ISBN:
9783847636366
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Bookwire
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