Читать книгу: «VIER TODESFÄLLE UND EIN TANKSTELLENRAUB»

Шрифт:

INHALTSVERZEICHNIS

COVER

TITEL

PROLOG

1.

2.

ERSTER TEIL – Die Ermittlungen

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

ZWEITER TEIL – Die Ermittlungsergebnisse

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

EPILOG

1.

2.

3.

4.

5.

6.

ANMERKUNGEN DES AUTORS

NACHWORT

WEITERE TITEL DES AUTORS

LESEPROBE

PROLOG

1.

Oberhofberg, Tankstelle in der Fürstenfeldbrucker Straße

10. April 2013, 21:51 Uhr

Das Unheil begann in dieser mondlosen Nacht mit der Ankunft des Fahrradfahrers an der Tankstelle, aber das ahnte Fabian Becker zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Und er wusste auch nicht, dass er nur noch kurze Zeit zu leben hatte, sonst hätte er sich in den letzten Minuten seines Lebens vermutlich ganz anders verhalten.

Fabian arbeitete gern in der Tankstelle. Vor allem in einer Nacht wie dieser. In exakt neun Minuten würde er die Tür verschließen und die Kunden nur noch über den Nachtschalter bedienen. Allerdings war momentan ohnehin nichts los. Fabian überlegte, ob er schon jetzt abschließen sollte, dann könnte er sich noch besser auf die zweite Halbzeit des Champions-League-Viertelfinales zwischen Juventus Turin und Bayern München konzentrieren, die vor zwei Minuten angepfiffen worden war. Wenn allerdings vor 22 Uhr doch noch ein Kunde kommen sollte und sich bei Fabians Chef beschwerte, würde es nur wieder Ärger geben. Darauf konnte Fabian aber gut und gerne verzichten, deshalb beschloss er, alles korrekt nach Vorschrift zu machen und die paar Minuten auch noch abzuwarten.

Wenigstens hatte er den Fernseher, um das Spiel nebenbei verfolgen zu können. Es handelte sich um ein kleines, tragbares Röhrengerät, das bestimmt schon mehr als fünfzehn Jahre alt war, damit gewissermaßen aus der Steinzeit des Fernsehzeitalters stammte und auf zwei aufeinandergestapelten, leeren Bierkästen hinter dem Verkaufstresen stand. Der Bildschirm war im Vergleich zu dem Flachbildgerät, das er zu Hause hatte, geradezu winzig, aber er funktionierte und erfüllte somit seinen wichtigsten Zweck. So konnte Fabian das wichtige Spiel seines Lieblingsvereins gegen Juve verfolgen, während er gleichzeitig arbeitete und Geld verdiente. Und falls tatsächlich ein Kunde kam, konnte er den Fernseher mit der Fernbedienung unter der Theke einfach stumm schalten.

Soeben, es war die 49. Minute des Spiels, schoss der Turiner Spieler Fabio Quagliarella aus 17 Metern aufs Tor der Bayern. Fabian, der rein zufällig die deutsche Version desselben Vornamens trug, beobachtete atemlos und mit offenem Mund, wie der Ball gegen den Außenpfosten knallte, und vergaß dabei ganz, den Bissen seines Salami-Baguettes weiter zu kauen, den er gerade im Mund hatte.

Puh, gerade noch mal gut gegangen. Er atmete erleichtert durch, kaute weiter und schluckte dann.

Aus den Augenwinkeln registrierte er eine Bewegung vor der Tankstelle. Obwohl er den Blick nur ungern vom Bildschirm abwandte, aus Angst, er könnte die nächste spannende Torszene oder unter Umständen sogar das erste Tor verpassen, hob er automatisch den Kopf und sah nach draußen.

Er hatte mit einem Auto gerechnet, das an eine der vier Zapfsäulen gefahren war, doch es war nur ein Fahrradfahrer. Was wollte der denn hier? Allem Anschein nach war er kein Fußballfan, sonst säße er jetzt gemütlich zu Hause oder in seiner Stammkneipe vor der Glotze. So wie unzählige andere, die noch bis kurz vor dem Anpfiff hier gewesen waren, getankt hatten oder auf den letzten Drücker Getränke und Knabberzeug für einen spannenden Fernsehabend besorgt hatten. Zu der Zeit bis ungefähr fünf Minuten vor Spielbeginn war an der Tankstelle noch richtig viel los gewesen, beinahe schon Hochbetrieb, und Fabian war kaum mit dem Kassieren nachgekommen und gehörig ins Schwitzen geraten. Danach war aber kaum jemand gekommen, lediglich ein halbes Dutzend Kunden in der Halbzeitpause, sodass Fabian ganz ohne Störung die erste Halbzeit hatte verfolgen können.

Jetzt war es allerdings mit der Ruhe vorbei, denn der Radfahrer hatte mittlerweile sein Rad neben der Eingangstür abgestellt, marschierte zur Eingangstür und öffnete sie, sodass die Glocke läutete, die darüber angebracht war.

Fabian seufzte leise, als der Fahrradfahrer die Tankstelle betrat, und biss ein weiteres Stück von seinem Baguette ab. Er behielt den Kunden noch ein paar Sekunden im Auge, bis dieser, nachdem er sich kurz umgesehen und offenbar orientiert hatte, zum Zeitschriftenregal ging.

Der Radfahrer trug einen grünen Overall, wie ihn sonst nur Bundeswehrpiloten anhatten, allerdings ohne Rangabzeichen, und schwarze Stiefel. Er wirkte merkwürdig unförmig, so als trüge er unter dem Overall noch einen Pullover und ein zweites Paar Hosen, aber das war bei den derzeitigen niedrigen Temperaturen und der Tatsache, dass er nachts mit dem Fahrrad unterwegs war, nicht weiter verwunderlich. Darüber hinaus hatte er eine dunkelblaue Baseballkappe auf dem Kopf, deren langer Schirm die obere Hälfte seines Gesichts und seine Augen beschattete, und einen sehr dichten, schwarzen Vollbart.

Irgendetwas an der Art, wie sich der Typ bewegte und umsah, kam Fabian merkwürdig vor. Er kam jedoch nicht darauf, was ihn daran störte. Außerdem war das momentan auch nicht so wichtig. Wichtiger war das Fußballspiel, dem er nun schon zu lange keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

Fabian biss vom Baguette ab, kaute mechanisch und richtete den Blick wieder auf den Bildschirm. Es war die 52. Spielminute und stand zum Glück immer noch null zu null. Thomas Müller dribbelte in den gegnerischen Strafraum. Fabians Pulsfrequenz stieg, während er auf das erste Tor für die Münchener hoffte. Doch daraus wurde nichts, denn der Bayern-Spieler wurde abgeblockt.

Fabian sah rasch auf die Uhr. Es war bereits 21:55 Uhr, in 5 Minuten würde er die Eingangstür abschließen.

In diesem Moment fuhr draußen ein Auto an die Zapfsäule Nummer 2. Fabian bemerkte es erneut aus dem Augenwinkel und richtete den Blick nach draußen. Ein Mann, vermutlich ein paar Jahre älter als Fabian, stieg aus dem Wagen, umrundete den BMW und öffnete den Tankdeckel. Dann nahm er den Zapfhahn und steckte ihn in die Tanköffnung. Während das Benzin in den Tank floss, sah er sich aufmerksam um.

Fabian warf ganz automatisch einen Blick auf den Monitor der Überwachungskameras seitlich unter der Theke, doch der Bildschirm war dunkel. Erst jetzt fiel ihm wieder ein, dass die Anlage defekt war und erst am folgenden Vormittag repariert werden sollte.

Er sah stattdessen wieder zum Fahrradfahrer am Zeitschriftenregal, der die Ankunft des Autofahrers ebenfalls bemerkt hatte und in diesem Moment über die Schulter nach draußen blickte. Das Auftauchen eines weiteren Kunden schien ihn zu größerer Eile anzutreiben, denn er kam mit einer Zeitschrift in der Hand und zügigen Schritten durch den linken der beiden Gänge, die zwischen den Warenregalen entlangführten, auf die Kasse zumarschiert.

Fabian nahm noch einen Bissen von seinem verspäteten Abendessen, bevor er es in die Ablage unter dem Verkaufstresen legte. Dann griff er nach der Fernbedienung für den Fernseher, die direkt daneben lag, und stellte das Gerät mit einem Knopfdruck stumm. Er warf einen letzten Blick auf den Bildschirm, aber es schien sich zwischenzeitlich nichts Dramatisches ereignet zu haben, denn die Partie war noch immer torlos.

Nachdem Fabian die Fernbedienung neben das Baguette gelegt und den Blick gehoben hatte, sah er, dass draußen ein Motorrad gehalten hatte. Allerdings stand es nicht an einer der Zapfsäulen, sondern zehn Meter vom Eingang entfernt bei den Münzstaubsaugern.

Verdammter Mist!, dachte Fabian verärgert. Da er erst den Radfahrer abkassieren musste und zwischenzeitlich vermutlich auch noch der Auto- und der Motorradfahrer in die Tankstelle kamen, würde er es wohl heute nicht schaffen, die Eingangstür pünktlich zu verriegeln.

Der Radfahrer war kurz stehengeblieben und hatte über die Schulter hinweg ebenfalls die Ankunft des Motorradfahrers verfolgt. Nun ging er rasch weiter.

Fabian hatte noch immer einen vollen Mund, als der Fahrradfahrer auch schon den Kassentresen erreichte, auf den er mit einer lässigen Bewegung aus dem Handgelenk die Zeitschrift warf, bevor er in den Overall griff, der vorne bis zur Höhe des Bauchnabels offen stand, und einen Gegenstand hervorholte, dessen glänzende Oberfläche das Licht der Leuchtstoffröhren unter der Decke reflektierte.

»Das ist ein Überfall!«, sagte der Fahrradfahrer mit tiefer, offenkundig verstellter Stimme. »Lass dir bloß keine Dummheiten einfallen, Freundchen …!«

Es war 21:57 Uhr, und Fabian hatte nur noch wenige Minuten zu leben.

2.

Sieben Schlagzeilen aus dem Lokalteil des Oberhofberger Kuriers vom 11. April 2013:

»Champions-League: Bayern gewinnt Viertelfinal-Rückspiel gegen Juventus Turin. Zwei Bundesligisten unter den letzten vier Mannschaften.«

»Tödlicher Tankstellenraub. Unbekannter Täter erschießt Kassierer und entkommt unerkannt mit Beute.«

»Autodieb fährt gestohlenen Wagen in Weiher und ertrinkt.«

»Fahrraddiebstahl in der Rosenstraße. Hochwertiges Trekking Bike aus offener Garage gestohlen.«

»Mord im Stadtpark. Erstochener Drogensüchtiger vermutlich Opfer eines misslungenen Drogendeals.«

»Unbekannte von ICE überrollt. Behörden gehen von Suizid aus.«

»Bürgermeister entsetzt über Häufung von Gewaltdelikten. Laut Polizei keine Verbindung zwischen den Ereignissen der letzten Nacht.«

ERSTER TEIL

Die Ermittlungen

1.

Fürstenfeldbruck, Büro der Mordkommission

11. April 2013, 8:58 Uhr

Kriminalhauptkommissar Franz Schäringer von der Kriminalpolizei Fürstenfeldbruck nahm einen Kugelschreiber aus dem Stifthalter seines Schreibtischs und umrandete mehrere Schlagzeilen auf der ersten Seite des Lokalteils des Oberhofberger Kuriers, einer Lokalausgabe des Münchner Merkurs, vom heutigen Tag mehrmals.

Es wunderte ihn nicht einmal, dass die Zeitung so flott gewesen war und noch alle Vorkommnisse der zurückliegenden Nacht in ihrer aktuellen Ausgabe untergebracht hatte, denn er hatte einen ihrer Reporter gesehen, den er von früheren Begegnungen kannte, als er selbst kurz vor Mitternacht am ersten Tatort in Oberhofberg eingetroffen war. Der Polizeireporter war vermutlich schon viel früher, wahrscheinlich sogar unmittelbar nach den alarmierten Streifenbeamten vor Ort gewesen, weil er entweder einen Informanten bei der Polizei hatte oder illegal den Polizeifunk abhörte. Schäringer hatte ihm grüßend zugenickt, während der Reporter mit seinem Handy am Ohr bereits die ersten Berichte an seine Zeitung durchgegeben hatte, die unmittelbar danach in Druck gegangen sein mussten, damit die Tageszeitung noch rechtzeitig fertig werden konnte.

Anwohner hatten nach einem Schuss in der Tankstelle in der Fürstenfeldbrucker Straße kurz nach 22 Uhr umgehend die Polizei alarmiert. Nachdem die Besatzung des Streifenwagens die Tankstelle überprüft und den toten Kassierer gefunden hatte, hatte sie sofort die Zentrale informiert und Verstärkung angefordert, um den Tatort zu sichern, die Umgebung abzusuchen und erste Fahndungsmaßnahmen einleiten zu lassen. Im Verlauf dieser Suche nach dem Täter oder den Tätern in Oberhofberg war dann auch der erstochene Motorradfahrer im öffentlichen Park entdeckt worden. Und nur kurze Zeit später hatte ein Anwohner, der mit seinem Hund Gassi gegangen war, einen Einsatzwagen angehalten und von einem Loch im Zaun, der den Weiher umgab, berichtet. Es sehe ganz so aus, als sei da ein Auto durchgebrettert, hatte er gesagt. Und tatsächlich war bei der anschließenden Überprüfung im Weiher ein versunkener BMW gefunden worden, der kurz zuvor 50 Kilometer entfernt gestohlen worden war. Der Fahrer und mutmaßliche Autodieb hatte noch immer am Steuer gesessen, offensichtlich ertrunken. Und als wäre das alles noch nicht genug für einen Ort und eine Nacht gewesen, war die Meldung von einem Selbstmord an den Bahngleisen eingegangen, wo sich eine junge Frau allem Anschein nach vor den ICE geworfen hatte, der gerade aus einem Tunnel gekommen war.

Nachdem Schäringer alle Artikel markiert hatte, die ihm interessant erschienen waren, las er sie noch einmal der Reihe nach durch, runzelte nachdenklich die Stirn und schüttelte dann den Kopf.

Die Tür zum Büro ging auf, und Kriminalkommissar Lutz Baum, Schäringers Mitarbeiter in der Mordkommission, trat ein. Er schlurfte zu seinem Schreibtisch und ließ sich dann auf den Drehstuhl fallen, als hätte er zu dieser frühen Stunde schon einen Marathonlauf hinter sich. Baum war mittelgroß, hatte kurzes, gelocktes Haar in der Farbe frisch geernteter Karotten und neigte zum Übergewicht, was sich allerdings noch nicht an seinem ganzen Körper, sondern momentan bevorzugt in den Regionen um Bauch und Hüften und im Gesicht zeigte und vermutlich auf seine Vorliebe für gutes, reichhaltiges Essen und Berge von Süßigkeiten zwischen den Mahlzeiten zurückzuführen war. Der 38-Jährige stöhnte, ehe er den Becher mit Automatenkaffee an die Lippen setzte und schlürfend einen großen Schluck nahm.

Schäringer sah zu und verzog angewidert das Gesicht. Er konnte beim besten Willen nicht nachvollziehen, wie man die Brühe aus dem sogenannten »Kaffeeautomaten« im Aufenthaltsraum trinken konnte, ohne sich Mund, Speiseröhre und Magen zu verätzen. Er hatte ein einziges Mal vor vielen Jahren einen Schluck getrunken, aber sofort wieder ausgespuckt, weil der Geschmack ihn an viele andere eklige Dinge, nur nicht an Kaffee erinnert hatte. Sein jüngerer Kollege trank hingegen jeden Morgen seine zwei bis drei Tassen mit extra viel Zucker, ohne mit der Wimper zu zucken oder unter ernsthaften Folgen für seine Gesundheit zu leiden. Manchmal trank er auch mehr Automatenkaffee, wenn er, so wie es nach seinem Aussehen zu schließen auch heute Morgen wieder der Fall war, in der Nacht zu wenig Schlaf bekommen hatte und übermüdet war.

»Brauchst du eigentlich gar keinen Schlaf, Franz?«, fragte Baum, nachdem er seinen Kaffeebecher ächzend auf den Schreibtisch gestellt, vorsichtig ein tonnenschweres Augenlid gehoben und einen Blick auf Schäringer geworfen hatte. »Wahrscheinlich bist du schon seit Stunden hier und hast die beiden Mordfälle von letzter Nacht längst gelöst, habe ich recht?«

Schäringer schüttelte bedauernd den Kopf. »Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, Lutz. So lange bin ich auch noch nicht da. Allerdings habe ich schon allein durch das morgendliche Zeitungsstudium genügend Ideen gesammelt, wo ich heute mit meinen Ermittlungen ansetzen werde. Übrigens brauche ich sehr wohl meinen Schlaf, vielleicht nur ein bisschen weniger als du.«

Im Gegensatz zu seinem jüngeren Kollegen war Kriminalhauptkommissar Franz Schäringer sehr schlank und mit seinen ein Meter neunzig um mehr als einen Kopf größer. Obwohl er schon deutlich auf die Sechzig zusteuerte – es waren gerade mal zweieinhalb Jahre bis dahin –, war in seinem aschblonden Haar mit Ausnahme der Schläfen nur wenig Grau zu entdecken. Wie immer trug er einen der 2-teiligen Anzüge, die er vor ein paar Jahren im Katalog eines Versandhandels gesehen und der Einfachheit halber gleich in den Farben braun, mittelgrau, mitternachtsblau und schwarz bestellt hatte – am heutigen Tag war der mittelgraue an der Reihe –, ein weißes Hemd und eine Krawatte.

Lutz Baum war in der letzten Nacht ebenfalls über die Morde informiert und zu den Tatorten gerufen worden. Zum Glück war das Spiel der Bayern gegen Juve schon vorbei gewesen, als sein Telefon geklingelt hatte, sonst wäre er vermutlich ziemlich sauer und unausstehlich gewesen. Nach zweieinhalb Stunden in der Tankstelle und im Stadtpark, wo sich die beiden Kriminalbeamten einen ersten Eindruck von den Mordopfern, Tatorten und Tatumständen verschafft und erste, noch sehr vage und vorsichtige Informationen von der Spurensicherung und der Gerichtsmedizin erhalten hatten, waren Schäringer und Baum wieder nach Hause gefahren – es war mittlerweile zwanzig nach zwei –, um in dieser Nacht wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen, bevor sie heute Vormittag mit vollem Elan in die Ermittlungen der beiden Morde einstiegen. Baum ließ von diesem Elan momentan allerdings wenig erkennen.

»Selbst heute schon Zeitung gelesen?«, fragte Schäringer.

Baum schüttelte wie in Zeitlupe den Kopf, nahm den Kaffeebecher und trank ihn leer. »Steht heute etwa etwas Interessantes drin?«

»Kann man so sagen. Es gibt zum Beispiel schon erste Berichte über unsere beiden Morde.«

Baum hob die Augenbrauen und machte ein überraschtes Gesicht. »Das ging aber schnell. Allerdings weiß ich über die Morde schon Bescheid, weil ich persönlich an den Tatorten war und mir dort die halbe Nacht um die Ohren schlagen musste. Da muss ich also nichts mehr in der Zeitung darüber lesen. Sonst noch was?«

Schäringer wiegte den Kopf hin und her. »Kommt ganz drauf an. Was hältst du davon, wenn ich dir sieben Schlagzeilen vorlese, die ich ausgewählt habe. Mal sehen, was du darüber denkst. Pass auf!«

»Ich bin ganz Ohr. Die Augen muss ich dazu ja nicht unbedingt offen haben, oder?«

»Hauptsache, du spitzt die Ohren, der Rest deines Körpers interessiert mich nicht. Also, hier kommt die erste Schlagzeile: Champions-League: Bayern gewinnt Viertelfinal-Rückspiel gegen Juventus Turin. Zwei Bundesligisten unter den letzten vier Mannschaften. Was sagst du dazu!«

»Das finde ich als Roter natürlich super«, sagte Baum, der von einer Sekunde zur anderen viel aufgeweckter wirkte, als das Gespräch auf seinen Lieblingsverein kam. »Die Bayern haben verdient gewonnen und sind völlig zu Recht weitergekommen, findest du nicht auch? Aber seit wann interessierst du dich eigentlich für Fußball?«

»Ich habe mich noch nie für Fußball interessiert und interessiere mich auch jetzt nicht besonders dafür. Allerdings steht es in Zusammenhang mit dem Tankstellenüberfall und dem Mord am Kassierer.«

»Ach ja? Inwiefern das?«

»Als wir am Tatort waren, lief auf dem kleinen Fernseher hinter der Verkaufstheke noch immer der Sender, der zuvor das Spiel übertragen hatte. Der Kassierer, sein Name war, Moment, …« Schäringer beugte sich nach vorn, schlug eine der beiden dünnen Akten auf, die vor ihm auf dem Schreibtisch lagen, und las auf der ersten Seite den Namen des Opfers. »… genau, Fabian Becker verfolgte also während der Arbeit das Champions-League-Viertelfinale, als er erschossen wurde. Allerdings war der Ton stumm geschaltet, vermutlich, weil ein Kunde – höchstwahrscheinlich sogar der Mörder – zur Theke gekommen war.«

»Okay. Aber ist das überhaupt von Bedeutung?«

Schäringer zuckte mit den Schultern. »Vielleicht. In einem Mordfall weiß man am Anfang nie, was später noch wichtig werden kann.«

Baum seufzte und verdrehte die Augen. »Du denkst mal wieder viel zu kompliziert und um tausend Ecken herum, Franz. Aber wenn du dich unbedingt wieder in solchen Kleinigkeiten verrennen willst, die mit dem Fall ohnehin nichts zu tun haben, von mir aus. Ich ziehe es stattdessen vor, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, und kläre damit unsere beiden Fälle in der Hälfte der Zeit. Aber du hast von sieben Schlagzeilen gesprochen. Lies doch mal die nächste vor!«

»Gut. Hör zu! Tödlicher Tankstellenraub. Unbekannter Täter erschießt Kassierer und entkommt unerkannt mit Beute.«

»Jetzt beginnt es endlich, interessant zu werden, denn das ist unser Fall Numero Uno. Allerdings können es auch durchaus mehrere Täter gewesen sein. Schade, dass die Überwachungsanlage defekt war, dann wären wir jetzt schon erheblich schlauer. Meinst du, da hat jemand absichtlich dran gedreht oder nur die Gunst des Augenblicks genutzt?«

»Es schadet zumindest nichts, die anderen Beschäftigten des Tankstellenpächters und die Firma zu überprüfen, die sich um die Überwachungsanlage kümmert. Das kannst ja du heute Vormittag übernehmen.«

»Hatte ich ohnehin vor. Wie gesagt, ich konzentriere mich aufs Wesentliche. Ich kann mir allerdings schon denken, wie deine dritte Schlagzeile lautet.«

»Ach ja. Und wie?«

»Junkie im Park erstochen! Hab ich recht?«

»Leider nicht. Die kommt erst später und hört sich im Original auch ein bisschen eleganter an.«

»Aha. Und was kommt dann an dritter Stelle? Und wieso eigentlich nicht der Mord im Park, schließlich ist das unser zweiter Fall? Alles andere geht uns doch gar nichts an.«

»Ich hab mir erlaubt, die Schlagzeilen der letzten Nacht, die ich hinsichtlich unserer Ermittlungen für bedeutsam halte, in eine eigene, sinnvolle Reihenfolge zu bringen.«

»Und wieso das?«

»Das verrate ich dir, wenn ich die Fälle aufgeklärt habe.«

»Ach so«, sagte Baum und grinste, als hätte er andere Vorstellungen, wer von ihnen als Erster die richtigen Antworten auf die Fragen nach den Mördern finden würde. »Na gut. Aber verrätst du mir dann wenigstens jetzt schon, wie Schlagzeile Nummer drei nun lautet?«

»Nichts lieber als das. Hier kommt sie: Autodieb fährt gestohlenen Wagen in Weiher und ertrinkt.«

»Ach ja. Davon hab ich letzte Nacht auch gehört. Aber was hat das mit unserem Fall zu tun?«

Schäringer zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Aber findest du es nicht auch merkwürdig, dass in derselben Nacht, in der ein Tankstellenkassierer bei einem Raub erschossen und ein Junkie im Park erstochen wird, ganz in der Nähe jemand mit einem gestohlenen Wagen in einen Weiher rast und anschließend ertrinkt?«

»Purer Zufall, würde ich mal sagen. Kommt immer wieder mal vor. Wahrscheinlich hatte der Idiot nur zu viel getrunken. Oder hast du irgendwelche Informationen, dass diese drei Vorfälle etwas miteinander zu tun haben?«

»Bisher noch nicht. Die Kriminaltechnik hat allerdings noch nicht alle Spuren auswerten und untersuchen können. Ich hoffe, dass wir da im Laufe des Tages nähere Informationen bekommen, und behalte es trotzdem für meine eigenen Ermittlungen im Auge.«

»Mach, was du ohnehin nicht lassen kannst, Franz. Kommt jetzt wenigstens die Schlagzeile mit dem toten Junkie?«

»Nein. Erst kommt noch die hier: Fahrraddiebstahl in der Rosenstraße. Hochwertiges Trekking Bike aus offener Garage gestohlen.«

Baum sah Schäringer mit einem Blick an, als zweifelte er nun doch ernsthafter am Verstand des älteren Kollegen. »Das ist jetzt aber nicht dein Ernst, oder?«

»Was ist nicht mein Ernst?«

»Du willst jetzt nicht auch noch ernsthaft behaupten, dass zwischen einem ordinären Fahrraddiebstahl und zwei vorsätzlichen Morden ein unmittelbarer Zusammenhang bestehen könnte, oder?«

»Wieso denn nicht? Die Rosenstraße ist von beiden Tatorten nicht weit entfernt, und der Diebstahl erfolgte vermutlich kurz vor dem Überfall.«

»Wahrscheinlich hat der Eigentümer erst zu dem Zeitpunkt bemerkt, dass sein Drahtesel weg ist, und das Ding wurde schon viel früher von irgendeinem übermütigen Rotzlöffel gemopst. Glaubst du etwa, jemand, der eine Tankstelle ausrauben will, fährt mit dem Fahrrad dorthin, wenn er hinterher schnell flüchten muss?«

Schäringer zuckte erneut mit den Schultern. »Möglich wäre das doch, oder?«

»Möglich ist alles. Aber ob es auch wahrscheinlich ist, das ist doch die große Frage. Und ich halte es eben für sehr unwahrscheinlich. Aber lass uns lieber mit deiner Schlagzeilengeschichte weitermachen. Ich hoffe, jetzt kommt endlich unser zweiter Mordfall.«

»Wenn ich dir damit eine Freude machen kann. Hier ist sie: Mord im Stadtpark. Erstochener Drogensüchtiger vermutlich Opfer eines misslungenen Drogendeals.«

»Da könnten die Jungs von der Zeitung sogar recht haben. Wir sollten das Umfeld des Opfers … Wie war noch mal sein Name?«

Schäringer beugte sich erneut nach vorn, schob die obere Akte zur Seite und öffnete die zweite. »Lukas Lang«, sagte er dann, nachdem er den Eintrag gefunden hatte.

»Danke. Wir sollten das Umfeld von Lukas Lang überprüfen. Vielleicht erfahren wir ja, von wem er üblicherweise seinen Stoff bezog. Und Bingo, haben wir schon einen Hauptverdächtigen.«

»Das kannst ebenfalls du erledigen. Nimm dir am besten gleich alle drei männlichen Todesopfer Lukas Lang, Tim Bloch – das ist der ertrunkene Autodieb – und Fabian Becker vor. Durchsuch ihre Wohnungen und befrag die Eltern, Bekannten, Arbeitskollegen und jeden, der sie sonst noch kannte.«

»Gut. Und was machst du so lange?«

»Ich kümmere mich um die Spuren, die Gerichtsmedizin und die anderen Fälle.«

»Welche anderen Fälle meinst du? Wenn ich dich daran erinnern darf: Wir sind die Mordkommission, und es gab letzte Nacht nur zwei Mordfälle. Alles andere, was in Oberhofberg passierte, hat mit unseren Ermittlungen vermutlich überhaupt nichts zu tun und führt uns nur auf falsche Fährten.«

»Mal sehen. Pass auf, ich schlage dir eine Wette vor. Wenn ich mich tatsächlich täusche und die anderen Vorfälle gar nichts mit den Morden zu tun haben, kaufe ich dir eine Eintrittskarte für das nächste Spiel der Bayern.«

»Aber das muss mindestens ein Champions-League-Spiel sein. Bin schon gespannt, gegen wen sie in der nächsten Runde spielen, Barcelona, Real oder Dortmund. Eine Karte für ein Auswärtsspiel wäre echt geil.«

»Aber nur die Karte. Die Fahrtkosten kannst du selber zahlen.«

»Abgemacht.«

»Okay. Aber wenn ich doch recht habe, bekomme ich auch etwas von dir, Lutz!«

»Und was? Eine Eintrittskarte für die Oper, Opa?«

Schäringer grinste und schüttelte den Kopf. »Nein, wenn ich recht habe, wirst du in diesem Büro nie wieder über Fußball reden, verstanden?«

Baum überlegte nur kurz und zuckte dann mit den Schultern. »Von mir aus. Du hast sowieso unrecht. Aber von welchen anderen Fällen sprichst du eigentlich genau? Meinst du den ertrunkenen Autodieb und den Fahrraddiebstahl?«

»Auch, aber nicht nur. Du hast die Schlagzeile Nummer sechs noch nicht gehört.«

»Dann lass mal hören.«

»Unbekannte von ICE überrollt. Behörden gehen von Suizid aus.«

»Ein Selbstmord? Da glaube ich ja noch eher, dass unser Tankstellenräuber tatsächlich das Fahrrad geklaut hat. Aber wenn du meinst. Ich wünsche dir auf jeden Fall schon mal viel Spaß bei deinen überflüssigen Ermittlungen, denn ich muss jetzt gehen. Da ich mich auf das Wesentliche, nämlich auf unsere beiden Mordfälle, konzentriere und dabei fast alles allein machen muss, hab ich heute nämlich noch eine Menge Arbeit vor mir.« Er stand auf, warf den leeren Kaffeebecher in den Papierkorb und schlenderte langsam zur Tür. »Wir sehen uns vermutlich erst heute Abend wieder, um unsere Ermittlungsergebnisse auszutauschen. Ach ja, wie lautet eigentlich die siebte Schlagzeile? Das ist bestimmt der Knaller, oder?«

»Wie man’s nimmt. Die letzte Schlagzeile, die mir bedeutsam erschien, lautet: Bürgermeister entsetzt über Häufung von Gewaltdelikten. Laut Polizei keine Verbindung zwischen den Ereignissen der letzten Nacht.«

»Da siehst du’s, Franz. Es gibt keine Verbindung!«

»Vielleicht täusche ich mich ja tatsächlich. Aber irgendwie hab ich trotzdem das Gefühl, dass all diese Dinge zusammenhängen.«

»Tsss!«, machte Baum nur, winkte Schäringer zum Abschied zu und verließ das Büro.

2.

Oberhofberg, Rosenstraße

11. April 2013, 9:45 Uhr

Nachdem Schäringer kurze Zeit später ebenfalls das Büro verlassen hatte, fuhr er ins 25 Kilometer von Fürstenfeldbruck entfernt gelegene Oberhofberg, das in der letzten Nacht durch die unerklärliche Häufung von Gewaltdelikten traurige Berühmtheit erlangt hatte. Sein erster Weg führte ihn zur örtlichen Polizeiinspektion, wo der Diebstahl des Trekking Bikes angezeigt worden war. Er ließ sich eine Kopie der Diebstahlanzeige geben, auf der nicht nur die Anschrift der Eigentümer stand, sondern auch Informationen über das gestohlene Fahrrad festgehalten worden waren, die eine Identifizierung des Diebesguts ermöglichten.

Anschließend fuhr er zu der Adresse und parkte seinen Wagen am Straßenrand vor dem gepflegten Garten eines hübschen Einfamilienhauses. Er stieg aus und ging zur Doppelgarage, deren Tore geschlossen waren. Anscheinend hatten die Eigentümer aus dem Diebstahl gelernt und ließen die Tore nicht mehr für längere Zeit unbeaufsichtigt offen stehen.

Noch bevor er zur Haustür gehen und klingeln konnte, tauchte an der Hausecke eine etwa dreißigjährige, blonde Frau auf, die einen pflegeleichten Kurzhaarschnitt hatte und ein schlichtes, blaues Kleid trug, das sich eng an ihren schlanken Körper schmiegte. Sie blieb stehen, als sie ihn bemerkte, und sah ihn misstrauisch an. »Sie wünschen?«

»Schäringer, Kriminalpolizei«, antwortete er, zückte gleichzeitig seinen Dienstausweis und ging auf die Frau zu, die sich daraufhin sichtlich entspannte. »Sind Sie Frau Hartwig?«

Sie nickte unsicher. »Kriminalpolizei?«

»Ja. Wir ermitteln in den beiden Mordfällen, die gestern Nacht hier im Ort verübt wurden. Vermutlich haben Sie davon gehört. Im Rahmen unserer Ermittlungen gehen wir auch allen anderen Delikten nach, die gestern in unmittelbarer Nähe zu den Tatorten verübt wurden. Aus diesem Grund hätte ich auch an Sie ein paar Fragen wegen des gestohlenen Trekking Bikes, Frau Hartwig.«

Sie musterte den Dienstausweis aufmerksam und verglich das Foto mit seinem tatsächlichen Aussehen. Allem Anschein nach hatte er immer noch genügend Ähnlichkeit mit seinem Ausweisfoto, um keine Zweifel an seiner Identität bei ihr aufkommen zu lassen, denn sie sagte: »Da müssen Sie meinen Mann fragen. Ihm gehörte das Rad. Aber Markus ist momentan nicht da, sondern im Büro.«

Schäringer nickte. »Vielleicht können Sie mir trotzdem ein paar Fragen beantworten, wenn Sie gerade Zeit haben, Frau Hartwig.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Ich hab um halb elf einen Termin beim Augenarzt, aber für ein paar Fragen habe ich natürlich Zeit. Was wollen Sie wissen, Herr Kommissar?«

Er holte die Kopie der Diebstahlanzeige aus der Innentasche seines Jacketts. »Bei dem Fahrrad handelte es sich nach Angaben Ihres Mannes um ein Maranello Light Trekking Bike von KTM im Wert von 1.100 Euro. Ist das korrekt?«

Sie verzog das Gesicht und zuckte erneut mit den Schultern. »Wenn mein Mann das bei der Polizei so angegeben hat, dann wird das auch stimmen. Ich selbst kenne mich damit nicht aus.«

»Und das Fahrrad stand zum Zeitpunkt des Diebstahls in der Garage.«

»Das kann ich bestätigen! Ich kann Ihnen sogar die Stelle zeigen, wenn Sie wollen.«

Er nickte.

»Augenblick, ich muss nur erst das Tor aufmachen. Einer der elektrischen Garagentoröffner liegt im Hausflur.«

Sie wandte sich um und verschwand um die Hausecke, hinter der sie hervorgekommen war.

Schäringer drehte sich um und ging langsam zurück zur Garage. Er sah sich aufmerksam um und suchte dabei vor allem auf der Zufahrt zur Garage nach Spuren, konnte auf den Pflastersteinen allerdings nichts entdecken.

Nach zwei Minuten begann sich das linke Tor, das näher an der Haustür lag, rumpelnd und quietschend zu heben. Die Haustür ging auf, und Frau Hartwig kam heraus. Sie warteten, bis das Tor sich vollständig geöffnet hatte und zum Stillstand gekommen war, ehe sie die Garage betraten. Der linke Stellplatz war verwaist. Vermutlich stand hier sonst das Auto des Ehemanns, mit dem er heute früh ins Büro gefahren war. Hinter dem geschlossenen Tor stand ein roter Fiat 500. In den Ecken standen Felgenbäume mit Winterreifen, an den Wänden hing Werkzeug, und an der Wand vor der Motorhaube des Fiat lehnte ein Damenfahrrad an der Wand.

»Hier stand auch das Fahrrad meines Mannes.«

»War es abgesperrt oder sonst irgendwie gesichert?«

Frau Hartwig seufzte. »Doch nicht hier in der Garage.«

»Aber die Garage war offen?«

»Bedauerlicherweise ja. Als ich nämlich nach dem Einkaufen nach Hause kam, wollte ich nur schnell die Einkäufe in die Küche bringen und sofort danach das Tor zumachen. Aber dann klingelte das Telefon, und hinterher hab ich vergessen, dass es noch offen war. Erst als mein Mann um halb zehn am Abend nach Hause kam, bemerkten wir, dass die Garage die ganze Zeit offen gestanden hatte. Und da stellten wir dann auch fest, dass das Fahrrad fehlte. Mein Mann hat gleich die Polizei angerufen und wurde gebeten, heute Vormittag auf seinem Weg ins Büro vorbeizukommen, um eine Diebstahlanzeige aufzugeben.«

»Also war es purer Zufall, dass die Garage gestern offen war, weil sie sonst immer verschlossen ist?«

Sie nickte. »Immer. Außer natürlich, wenn einer von uns gerade raus- oder reinfährt. Aber danach machen wir das Tor sofort wieder zu.«

»Was ist mit Kindern, die so etwas öfter mal vergessen, Frau Hartwig?«

Sie schüttelte den Kopf. »Markus und ich haben noch keine Kinder.«

»Da Sie vom Einkaufen gekommen waren, gehe ich davon aus, dass das rechte Tor offen stand. Dann konnte man das Fahrrad von der Straße vermutlich sehen.«

»Davon gehe ich aus. Der Dieb sah das Rad, hatte keine Lust mehr zu laufen, nutzte seine Chance, rannte in die Garage, schnappte sich das Rad und fuhr weg. Der Diebstahl dauerte vermutlich nur wenige Sekunden.«

Schäringer nickte. »Sie haben aber niemanden gesehen, oder?«

»Nein. Ich war ja die ganze Zeit über im Haus und habe auch bei meiner Ankunft niemanden in unserer Straße bemerkt.«

Schäringer sah sich in der Nähe des Platzes um, an dem das gestohlene Fahrrad gestanden hatte, bückte sich und begutachtete den Boden, ob es dort irgendwelche Spuren gab. Doch der gegossene Betonboden war makellos sauber. Es gab weder Fuß- noch Reifenabdrücke, und es lag auch kein Dreck herum.

»Haben Sie vielleicht etwas gefunden, was dem Dieb gehört haben könnte?«

»Nein. Tut mir leid, aber hier war nichts.«

Schäringer musterte das Damenfahrrad. »Ihr Fahrrad ist ja von derselben Marke.«

Sie nickte strahlend. »Natürlich! Wir haben Sie vor anderthalb Jahren zusammen gekauft, ein Damen- und ein Herrenfahrrad.«

»Ich würde mir gern einen Abdruck eines Ihrer Reifen machen, um diesen dann gegebenenfalls mit Spuren an den Tatorten zu vergleichen, wenn Sie nichts dagegen haben, Frau Hartwig.«

»Da habe ich eine viel bessere Idee«, sagte sie, ging an ihm vorbei zur Seitenwand, wo unter anderem eine Aluminiumleiter an der Wand hing, und nahm einen von zwei Fahrrad-Mänteln, die unter der Leiter an einem Haken hingen und die er bislang gar nicht bemerkt hatte. »Sie können sich für die Dauer Ihrer Ermittlungen gern diesen Mantel ausleihen. Er ist nämlich identisch mit den Reifen am Rad meines Mannes. Markus ist immer übervorsichtig und hat sich deshalb schon beim Kauf der Räder Ersatz-Mäntel geben lassen, falls mal einer kaputtgeht.«

»Perfekt!«, sagte Schäringer und nickte anerkennend.

»Ich hoffe, ich konnte Ihnen damit helfen. Der Verlust des Fahrrads ist zwar bedauerlich, aber im Vergleich zu den anderen Dingen, die letzte Nacht geschahen, nicht so schlimm. Viel furchtbarer finde ich es ja, dass die Mörder der beiden jungen Männer noch immer auf freiem Fuß und vielleicht noch immer irgendwo in der Nähe sind. Ich hoffe, Sie schnappen die Kerle bald.«

»Das hoffe ich auch«, antwortete Schäringer. »Und ich bin sehr zuversichtlich, dass uns das bald gelingen wird.«

3.

Umgebung von Oberhofberg, Eisenbahntunnel

11. April 2013, 10:33 Uhr

Mit dem Fahrrad-Mantel auf dem Beifahrersitz fuhr Schäringer durch Oberhofberg. Er hatte sich alle Tatorte – die Tankstelle, den Weiher, den öffentlichen Park in der Ortsmitte, die Garage der Hartwigs und die Stelle des Selbstmords der jungen Frau vor dem Eisenbahntunnel auf einer Karte markiert. Sie bildeten zwar keine schnurgerade Linie, die eine Systematik erkennen ließ, lagen aber dennoch aufgereiht wie Perlen auf einer leicht gewundenen Schnur, die insgesamt von Nordwesten nach Südosten verlief.

Er folgte gerade dem letzten Teil dieser Linie und fuhr auf einem engen Kiesweg durch den Wald. Als er schon wieder zwischen den Bäumen heraus und ins Freie kam, lag linker Hand des Weges ein verlassener, heruntergekommener Bauernhof. Das Wohnhaus musste schon vor Jahren niedergebrannt sein. Die Scheune daneben stand völlig schief und machte den Eindruck, als könnte sie jeden Moment beim feinsten Windhauch einstürzen.

Er konzentrierte sich auf den schmalen Feldweg, der ihn zum Bahndamm führte und dann parallel dazu verlief. Er fuhr noch ein Stück neben der Böschung her, bis der Weg vor ihm erneut scharf nach links abknickte, weil geradeaus der Steilhang der vielbefahrenen, sechsspurigen Autobahn lag, die wie eine Messerklinge die Landschaft teilte. Die Schienen auf dem Bahndamm verschwanden in einem Tunnel, der unter der Autobahn hindurchführte. Genau vor dieser Tunnelöffnung hatte sich die junge Frau vor den ICE gestürzt.

Er ließ den Wagen stehen und stieg zum Bahndamm hinauf. Der Lärm der Autos auf den sechs Fahrspuren, drei in jede Richtung, war sehr laut. Anscheinend herrschte um diese Zeit besonders viel Verkehr. In der Nacht, als die Unbekannte überrollt worden war, musste jedoch weit weniger los und der Geräuschpegel nicht so hoch gewesen sein. Vielleicht sollte er noch einmal zum Zeitpunkt des Unfalls hierher zurückkehren, um die Lautstärke der Verkehrsgeräusche von der Autobahn zu überprüfen.

Er erreichte das obere Ende des Hangs, blieb allerdings in respektvollem Abstand zu den Gleisen stehen und sah sich um. Reste von Absperrbändern lagen herum und flatterten im leichten Wind, dazwischen weggeworfene Einweghandschuhe. Und wenn man die Schienen, die Holzbohlen und den Schotter des Gleisbetts ein wenig genauer ansah, konnte man hier und da noch immer Flecken und Tropfen aus getrocknetem Blut entdecken. Alles andere, einschließlich jeder Menge weggeworfenen Mülls, war fein säuberlich eingesammelt und eingetütet worden, um es im Labor kriminaltechnisch zu untersuchen. Schließlich wurde momentan nur vermutet, dass es sich um einen Suizid handelte, bis ein Fremdverschulden zweifelsfrei ausgeschlossen werden konnte.

Auch alle Bruchstücke eines Handys, die man gefunden hatte, waren eingesammelt worden. Allerdings waren Gerät und PIN-Karte dermaßen zerstört gewesen, dass man daraus vermutlich nichts mehr über den Anschluss und den Eigentümer herausfinden konnte. Außerdem hatte man einen Teil der Bruchstücke gar nicht mehr gefunden, weil sie entweder zu klein waren, um sie im Gras der Böschung beiderseits des Gleisbetts zu entdecken, oder aufgrund der Wucht des Aufpralls und der Geschwindigkeit des Zuges zu weit weggeschleudert worden waren.

Da die Tote auch keinerlei Papiere bei sich gehabt hatte, war bislang jeder Versuch gescheitert, sie zu identifizieren. Wenn es tatsächlich ein Selbstmord gewesen war, worauf zumindest der erste Anschein hindeutete, hätte die junge Dame es ihnen auch leichter machen können, denn sie hatte nicht einmal einen Abschiedsbrief hinterlassen. Und wie war sie überhaupt hierhergekommen? Vom Ortsrand bis hierher waren es viereinhalb Kilometer. Schäringer hatte das auf der Fahrt mit seinem Kilometerzähler überprüft. Zu Fuß ein ziemliches Stück. Wenn man allerdings mit dem Fahrrad unterwegs war, sah die Sache schon anders aus. Allerdings war kein Fahrrad in der Nähe gefunden worden. Wäre ja auch zu schön gewesen.

Schäringer rief sich die Karte ins Gedächtnis und suchte nach dem nächstbesten Ort, an dem man einen Wagen abstellen konnte, ohne dass es sofort jemandem auffiel. Er erinnerte sich, dass es ganz in der Nähe, ungefähr zwei bis drei Kilometer von hier, eine Autobahnraststätte gab. Allerdings lag sie auf der anderen Seite der Autobahn. Die kürzeste Art, von hier dorthin zu kommen, war der Weg durch den Tunnel.

Schäringer runzelte unwillig die Stirn, beugte sich dann ein wenig nach vorn und sah in den dunklen Tunnel. Da er nur bis zur anderen Seite der Autobahn reichte, konnte er das andere Ende als hellen Rundbogen etwa 40 Meter entfernt sehen. Momentan war zwar weit und breit kein Zug zu sehen, er wollte jedoch auf keinen Fall mitten im Tunnel überrascht werden. Rechts und links der Gleise gab es zwar genug Platz, wenn man sich dort flach auf den Boden legte oder gegen die Tunnelwand presste, würde einen der vorbeirauschende Zug auch nicht erwischen. Allerdings befürchtete Schäringer, der Luftzug eines mit Hochgeschwindigkeit durch die enge Röhre fahrenden ICE könnte einen Menschen mitreißen und unter die Räder wirbeln.

Er lauschte angestrengt, würde wegen der Verkehrsgeräusche von der Autobahn aber vermutlich erst dann hören, dass ein Zug angebraust käme, wenn er bereits darunter läge. Er griff in die linke Innentasche seines Jacketts und holte den Fahrplan heraus, den er sich nach dem Besuch bei Frau Hartwig am Bahnhof geholt hatte. Er fuhr mit dem Zeigefinger über die Spalten und Zeilen, bis er fand, wonach er gesucht hatte. Der nächste planmäßige Zug würde aus dieser Richtung durch den Tunnel fahren und nach diesem Fahrplan erst in ungefähr 27 Minuten kommen. Ein ICE aus der anderen Richtung musste kurz vor seiner Ankunft vorbeigekommen sein. Hoffentlich hatte der heute nicht Verspätung.

Schäringer steckte den Fahrplan wieder ein und seufzte tief, bevor er nach einem letzten Blick auf seinen Wagen neben den Schienen in den Tunnel ging. Er hielt sich möglichst nah an der linken Tunnelwand, ohne sie allerdings zu berühren, und sah geradeaus zum Ende des Tunnels. Dort konnte er allerdings nur einen Rundbogen aus Tageslicht und nichts von der Landschaft sehen, die dahinter lag. Wenn ein Zug kommen sollte, würde er ihn vermutlich erst sehen, sobald er in den Tunnel fuhr und das Tageslicht blockierte. Und hören würde er ihn vermutlich noch später, denn die Fahrzeuggeräusche von der Autobahn erschienen ihm im Tunnel noch viel lauter. Außerhalb des Tunnels hatte er anscheinend nur die Geräusche von den näher gelegenen Fahrspuren gehört, und das war schon verhältnismäßig laut gewesen. Innerhalb des Tunnels fühlte er sich wie in einem Schalltrichter, der jeden zusätzlichen Laut verstärkte, denn er hörte jedes einzelne Fahrzeug, das darüber hinwegfuhr, in Form eines dumpfen Dröhnens, das ihm durch Mark und Bein ging und seine fest aufeinandergepressten Zähne vibrieren ließ.

Alle fünf Schritte sah er über die Schulter nach hinten, ob sich von dort ein Zug näherte. Das wäre zwar immer noch mehr als 20 Minuten zu früh und für die Deutsche Bahn eher untypisch, aber man wusste ja nie.

Im Tunnel war es viel wärmer als draußen, als staute sich hier die Luft, und ihm traten Schweißperlen auf die Stirn.

Warte nur ab, bis der nächste Zug wie ein Sturm hier hindurchfegt und mehr frische Luft mitbringt, als dir guttut.

Allerdings wollte er längst nicht mehr hier sein, wenn es dazu kam. Er beschleunigte seine Schritte unwillkürlich, als er seiner Schätzung nach die Hälfte der Strecke geschafft hatte. Über ihm musste nun der Mittelstreifen der Autobahn liegen, an dem in diesem Moment unzählige Fahrzeuge in beiden Richtungen vorbeirauschten, deren Reifen ein tiefes Dröhnen auf dem Asphalt erzeugten, das Schäringer allmählich Kopfschmerzen verursachte.

Schon mal was von Flüsterasphalt gehört?

Sein Kopf ruckte so abrupt herum, dass es in seinen Halswirbeln knackte und ein stechender Schmerz durch seine Wirbelsäule fuhr, als er plötzlich das Gefühl hatte, ein kühler Luftschwall hätte ihn von hinten getroffen. Im ersten Moment ging er davon aus, dass es sich um die verdichtete Luft handelte, die ein Zug vor sich herschob, der durch einen Tunnel fuhr. Er rechnete bereits damit, direkt ins Führerhaus eines Triebwagens zu blicken, und machte sich bereit, sich augenblicklich gegen die Wand zu pressen. Doch hinter ihm war nur der leere Tunnel.

Er schluckte, holte tief Luft und wischte sich mit dem Handrücken die Schweißperlen von der Stirn, bevor sie ihm in die Augen laufen konnten. Dann sah er rasch wieder nach vorn. Er hatte das Gefühl, die Tunnelwände zögen sich um ihn herum immer enger zusammen, als wollten sie ihn zwischen sich zerquetschen. Er erhöhte seine Geschwindigkeit noch einmal, lief nun beinahe im Dauerlauftempo, geriet noch mehr ins Schwitzen und atmete keuchend.

Nie wieder!, sagte er sich im Rhythmus seiner Schritte, jede einzelne Silbe ein Schritt. Nie wieder! Nie wieder! Nie wieder!

Nie wieder würde er aus freien Stücken in einen Tunnel gehen, wenn auch nur die entfernteste Möglichkeit bestand, dass ein Zug kommen könnte! Er war definitiv zu alt für solche Abenteuer.

Die letzten Meter legte Schäringer im Spurt zurück. Kaum hatte er das Tunnelende erreicht und kam ins grelle Tageslicht, trat er rasch zur Seite und lehnte sich mit dem Rücken erschöpft gegen die Wand neben der Tunnelöffnung. Er schnappte nach Luft, während er mit zitternden Händen ein Stofftaschentuch aus der Hosentasche fummelte und sein schweißüberströmtes Gesicht trocken wischte.

»Nie wieder!«, sagte er noch einmal laut, auch wenn niemand in der Nähe war, der ihn hören konnte. Da er nun aber auf dieser Seite des Tunnels war und sein Auto noch immer auf der anderen, stellte sich die Frage, wie er wieder zurück zu seinem fahrbaren Untersatz kam. Er beschloss, von der Autobahnraststätte entweder ein Taxi oder einen Streifenwagen zu rufen, der ihn zurückbrachte. Immerhin hatte er durch seine wahnwitzige Aktion bewiesen, dass man auf diesem Weg rasch auf die andere Seite der Autobahn gelangen konnte, wenn man nur wagemutig genug war. Allerdings bestand natürlich auch die Gefahr, dass man, wenn man nicht aufpasste, von einem Zug überrollt wurde. Und genau das war letzte Nacht einer jungen, bislang noch unbekannten Frau geschehen.

Nachdem Schäringer wieder halbwegs zu Atem gekommen war, sah er sich um. Um zur Autobahnraststätte zu kommen, musste er sich nach rechts wenden. Und dazu musste er zunächst das Gleis überqueren. Er trat wieder näher an die Schienen, bis er in den Tunnel sehen konnte. Dies war seiner Meinung nach der gefährlichste Moment, wenn man von der Seite vor den Tunnel trat und nicht wusste, ob gerade ein Zug hindurchfuhr. Hören konnte man ihn wegen der Geräusche von der Autobahn vermutlich ohnehin nicht. Und wenn man darüber hinaus in Gedanken versunken oder abgelenkt war, oder wenn man sich vielleicht aufgrund unvorhergesehener Ereignisse verspätet hatte und die berechneten Zeiten nicht mehr stimmten, dann konnte leicht ein Unglück passieren.

Er blickte in den Tunnel, der noch immer leer war. Kein bedrohlich schwarzer Umriss eines heranrasenden, brüllenden Ungetüms verdunkelte die Tunnelöffnung auf der anderen Seite, von der er gekommen war und die ihm nun gar nicht mehr so weit entfernt vorkam. Gerade eben im Tunnel war ihm der Weg viel länger erschienen. Er sah auf die Uhr. Bis der nächste Zug eintraf, dauerte es noch immer ungefähr 20 Minuten, sofern er pünktlich war.

In einer mondlosen Nacht würde man allerdings keine helle Tunnelöffnung am anderen Ende sehen können, sondern nur tiefschwarze Dunkelheit. Unter Umständen die Lichter des näher kommenden Zuges, aber vielleicht war es dann schon zu spät.

Schäringer sah noch einmal wie ein artiges Schulkind, das auf dem Nachhauseweg die Straße überqueren musste, in beide Richtungen, um ganz auf Nummer sicher zu gehen, dass tatsächlich kein Zug kam, ehe er rasch über die Schienen lief. Auf der anderen Seite ging es wieder eine steile Böschung nach unten, wo es einen weiteren Feldweg gab, der am Rand der Autobahn entlang aufwärts führte. An seinem Ende konnte er bereits die Raststätte sehen.

Während er vorsichtig die Böschung hinunterging, um nicht zu stürzen, suchte er den Boden nach Fußabdrücken und Reifenspuren von Fahrrädern ab. Er fand jedoch nur einen schmalen Pfad aus festgetretener, trockener Erde, auf dem keine Spuren zu finden waren. Es sah ganz so aus, als würde dieser Weg regelmäßig benutzt werden. Allerdings musste man Schäringers Meinung nach Nerven wie Drahtseile haben, um mehr als einmal durch den Tunnel zu gehen.

Als er das Ende der Böschung und den Feldweg erreichte, blieb er nicht stehen, um zu verschnaufen, sondern marschierte sofort zügig weiter.

4.

Umgebung von Oberhofberg, Autobahnraststätte

11. April 2013, 11:26 Uhr

Als er die Raststätte erreichte, fühlte er sich ausgepumpt wie nach einem Dauerlauf. Er war einfach nicht mehr in Form und sollte mehr für seine Kondition tun. Er setzte sich auf eine Bank, atmete tief durch, wischte sich die Schweißtropfen vom Gesicht und sah sich um. Es herrschte natürlich viel Betrieb, ein regelmäßiges Kommen und Gehen. Es waren zwar nicht alle Parkplätze belegt, soweit er das sehen konnte, schließlich waren weder Ferien noch Wochenende, aber doch die meisten.

Er fragte sich, wie er an diesem Ort einen einzelnen Wagen finden sollte, der unter Umständen schon länger als die anderen hier stand. Die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen war vermutlich unkomplizierter. Als er sich auf den Weg hierher gemacht hatte, hatte er noch vorgehabt, die Angestellten zu befragen, die sich heute schon länger an der Raststätte aufhielten. Aber wem fiel bei dieser Masse schon ein einzelnes Auto auf, vor allem, wenn er dabei auch noch seine Arbeit zu erledigen hatte.

Aber einen Versuch war es dennoch allemal wert, denn unter Umständen stieß er auf diese Weise etwas schneller auf die Identität der unbekannten Toten, ehe jemand sie irgendwann als vermisst meldete oder anhand des Fotos erkannte, das erst ab heute Abend in den Lokalnachrichten und morgen früh in den Zeitungen erscheinen würde. Und wenn sie nun gar niemand erkannte oder vermisste, würden sie ihre Identität vielleicht nie erfahren.

Schäringer steckte sein Taschentuch ein und stand auf. Er klopfte das Hinterteil seiner Hose ab und steuerte dann den Zugang zur Raststätte an. Er hatte Durst und wollte sich eine Flasche Mineralwasser kaufen. Bei der Gelegenheit könnte er gleich ein paar Fragen stellen. Als er zufällig nach oben sah, fiel ihm die Überwachungskamera über der Eingangstür auf. Er blieb abrupt stehen und runzelte die Stirn, während er nachdachte.

Jemand rempelte ihn von hinten an und sagte: »Passen Sie doch auf! Sie können hier nicht einfach stehen bleiben.«

»Entschuldigung.«

»Idiot!«, sagte der unfreundliche Mann, der dem Kriminalbeamten gerade einmal bis zum Brustbein reichte, als er ihn passierte, und schenkte ihm zum Abschied noch einen finsteren Blick. Schäringer beachtete ihn allerdings gar nicht. Er war in Gedanken versunken und fragte sich, warum er nicht schon eher daran gedacht hatte, dass es eine Überwachungsanlage geben und diese ihm bei seiner Suche helfen könnte. Vielleicht hatte ja der Ausfall der Anlage in der Tankstelle seinen Glauben an die moderne Technik erschüttert.

Er ging weiter und betrat die Raststätte. Links gab es ein modernes Schnellrestaurant. An den Kassen standen verhältnismäßig viele Leute an. Rechts befand sich ein Laden, in dem man Getränke, Zeitschriften, Zigaretten, Süßigkeiten und andere Reiseutensilien kaufen konnte. Die Schlange an der einzigen Kasse war nicht so lang. Schäringer ging zwischen den Regalen entlang, bis er das Angebot an Mineralwasser fand. Er hob angesichts der gesalzenen Preise für eine kleine Wasserflasche die Augenbrauen, allerdings konnte man in einer Autobahnraststätte auch keine Billigpreise erwarten. Außerdem hatte er riesigen Durst. Mit der Flasche in der Hand stellte er sich ans Ende der kurzen Schlange.

Als er an der Reihe war, bezahlte er das Wasser einschließlich Flaschenpfand. Als die Kassiererin ihm sein Wechselgeld gab, sagte er: »Ich hätte gern den Geschäftsführer gesprochen.«

Der Kopf der jungen Frau ruckte so abrupt nach oben, als hätte ihr eine unsichtbare Faust einen Kinnhaken verpasst, und sie sah ihn erschrocken an. Zweifellos befürchtete sie, sie könnte etwas falsch gemacht haben und er wollte sich nun über sie beschweren. »Den Geschäftsführer …?«, wiederholte sie.

»Genau«, sagte er und zeigte ihr seinen Dienstausweis. »Schäringer, Kriminalpolizei. Keine Angst, es hat nichts mit Ihnen zu tun.«

Sie atmete sichtlich erleichtert auf. »Ach so. Ich …« Sie verstummte und sah sich um, bis ihr Blick auf eine Kollegin fiel, die ganz in der Nähe Chipstüten einräumte. »Lena?«

Die Angesprochene wandte den Kopf und sah in ihre Richtung. »Ja. Was ist denn?«

»Kannst du bitte mal Herrn Schneider holen.«

Lena runzelte die Stirn, nickte dann aber. »Klar.« Sie stellte die Chipstüte, die sie noch in der Hand hatte, ins Regal und ging dann zu einer Tür im Hintergrund des Ladens, auf der Kein Zutritt stand.

»Einen Moment, bitte. Der Chef kommt gleich.«

Schäringer nickte lächelnd. »Vielen Dank.« Er trat zur Seite, damit die Kunden hinter ihm ihre Einkäufe bezahlen konnten, und ging ein paar Schritte näher zu der Tür, durch die Lena verschwunden war. Auf halber Strecke blieb er stehen, öffnete die Wasserflasche und nahm einen großen Schluck der erfrischenden Flüssigkeit. Genau das hatte er nach seiner anstrengenden Wanderung hierher gebraucht. Er sah durch die großen Scheiben nach draußen auf den Parkplatz und überlegte, wie er anhand der Bilder der Überwachungskameras – immer vorausgesetzt, es gab tatsächlich welche von allen Parkplätzen und sie wurden auch gespeichert – rasch herausfinden konnte, ob eines dieser Autos schon seit gestern Nacht hier stand. Bei dem Verkehr und dem ständigen Kommen und Gehen, das an der Raststätte herrschte, sah es zunächst nach einer unmöglichen Aufgabe aus. Allerdings war am gestrigen Abend und in der Nacht vermutlich viel weniger los gewesen.

»Sie wollten mich sprechen.«

Schäringer wandte den Kopf und richtete den Blick auf den Mann, der neben ihn getreten war, während er in Gedanken versunken gewesen war. Sein Gegenüber war sogar noch einen halben Kopf größer als er, so hager, dass der anthrazitfarbene Anzug zwei Nummern zu groß aussah, und hatte eine Habichtsnase, einen rasierten Kopf und so buschige Augenbrauen, dass sie wie zwei fette Raupen aussahen, die es sich auf seinem ansonsten haarlosen Gesicht gemütlich gemacht hatten.

»Wenn Sie Herr Schneider, der Geschäftsführer dieser Raststätte, sind?«

»Der bin ich in der Tat. Gestatten, Sebastian Schneider.« Sie gaben sich die Hände. Schneiders Händedruck war zupackend und fest.

»Schäringer, Kriminalpolizei«

Schneider musterte den Dienstausweis nur kurz. »Wie kann ich Ihnen helfen, Herr Schäringer?«

»Können wir uns in Ihrem Büro unterhalten?«

»Natürlich. Folgen Sie mir bitte.«

Sie verließen den Verkaufsraum durch die Tür, auf der Kein Zutritt stand, folgten einem engen Flur, von dem mehrere geschlossene Türen abgingen, hinter denen man vereinzelte Stimmen hören konnte, wandten sich vor dem Ende des Gangs, der nach draußen zur Rückseite der Raststätte führte, nach rechts und betraten das Büro des Geschäftsführers, das äußerst zweckmäßig eingerichtet war. Das Einzige, was hier nicht nach Arbeit aussah, war ein Kalender mit leicht bekleideten Damen an der Wand hinter dem Schreibtisch, auf dem sich Papiere, Schnellhefter und Aktenordner türmten. Das Kalenderblatt stammte allerdings noch vom März 2009. Entweder gefiel dem Geschäftsführer das abgebildete Modell besonders gut, oder er war seitdem nicht mehr dazu gekommen, weiterzublättern und in den folgenden Jahren neue, aktuellere Kalender aufzuhängen.

»Alles für die verdammte Steuererklärung«, sagte Schneider und wies auf die Papierstapel auf dem Schreibtisch. »Nehmen Sie bitte Platz.«

Schäringer setzte sich auf einen der beiden Besucherstühle, während sich Schneider hinter dem Schreibtisch niederließ.

»Also, was hat Sie denn nun hierher geführt? Ich hoffe, auf unserem Grund und Boden wurde kein Verbrechen verübt. Mir ist zumindest nichts darüber bekannt.«

»Mir auch nicht. Aber darum geht es auch gar nicht.«

»Worum dann? Man bekommt schließlich nicht jeden Tag Besuch von der Kriminalpolizei. Allerdings würde ich mir größere Sorgen machen, wenn Sie von der Steuerfahndung oder vom Finanzamt wären. Nicht, dass ich etwas zu verbergen hätte, aber diese Jungs machen mich wirklich nervös.« Er lachte leise, wurde aber rasch wieder ernst.

»Kann ich verstehen«, sagte Schäringer und ließ den Blick über das Durcheinander auf dem Schreibtisch gleiten, bei dem vermutlich nur noch der Verursacher einen Überblick hatte, bevor er zur Sache kam. »Vermutlich haben Sie schon von den vier Todesfällen von letzter Nacht in Oberhofberg gehört.«

Schneider nickte mit ernster Miene. »Natürlich, es stand ja heute Morgen schon in der Zeitung. Schrecklich! Ich hoffe, Sie schnappen die Täter bald. Wenn ich richtig informiert bin, waren es aber nur zwei Morde. Bei den anderen beiden Toten handelte es sich wohl um einen Unfall und einen Selbstmord. Haben Sie schon eine heiße Spur?«

»Wir stehen noch am Anfang unserer Ermittlungen«, sagte Schäringer ausweichend. »Ich bin aber nicht wegen der Morde hier, sondern wegen des vermutlichen Suizids an der Bahnstrecke. Die Stelle ist gar nicht so weit von hier entfernt.«

»Das stimmt. Allerdings passierte das auf der anderen Seite der Autobahn. Ich kann daher keinen Zusammenhang zwischen der Selbstmörderin und unserer Raststätte erkennen. Wieso sind Sie also hier?«

»Momentan kennen wir leider noch nicht einmal die Identität der Toten. Sie hat keinen Abschiedsbrief hinterlassen und hatte auch keine Papiere bei sich. Dass es sich um einen Selbstmord handelte, ist bislang nur eine Vermutung. Um eine Fremdeinwirkung ausschließen zu können, müssen wir zunächst die Identität der Unbekannten herausfinden, um in ihrem Umfeld weitere Ermittlungen anstellen zu können. Und je eher wir dazu in der Lage sind, desto eher können wir den Fall zu den Akten legen und uns stattdessen auf die echten Mordfälle konzentrieren.«

Schneider nickte. »Das verstehe ich ja alles. Was ich allerdings noch immer nicht begreife, ist, warum Sie überhaupt hier sind. Weder vermisse ich eine meiner Angestellten, noch habe ich Kenntnis, dass einer unserer weiblichen Gäste letzte Nacht verloren gegangen ist. Was bringt Sie also auf die Idee, ausgerechnet hier nach der Identität der jungen Frau zu suchen?«

»Ich könnte mir gut vorstellen, dass sie hier ihren Wagen abgestellt hat.«

Schneider nickte langsam, während er mit in sich gekehrtem Blick über diese Antwort nachdachte. »Jetzt verstehe ich, worauf Sie hinauswollen, Herr Schäringer. Aber wie kommen Sie darauf, dass die Frau ausgerechnet hier geparkt haben könnte? Wie ich schon sagte, liegt der Ort ihres Freitods auf der anderen Seite der sechsspurigen Autobahn. Um von hier dorthin zu kommen, muss man die nächstgelegene Überführung nehmen, und die ist 5 Kilometer von hier entfernt. Zu Fuß sind Sie da eine ganze Weile unterwegs, das kann ich Ihnen sagen. Wenn ich mich umbringen wollte, was ich allerdings nie tun würde, würde ich doch ganz in der Nähe parken, um nicht so lange laufen zu müssen.«

Schäringer zuckte mit den Schultern. »Es wurde allerdings kein Fahrzeug in der Nähe gefunden. Daher haben wir momentan nicht die geringste Ahnung, wie die junge Frau dorthin gelangte. Allerdings gibt es einen wesentlich kürzeren Weg zur anderen Seite, wenn man durch den Tunnel geht.«

Schneider sah sein Gegenüber verblüfft an und runzelte gleichzeitig die Stirn. »Durch den Tunnel? Aber das ist doch mordsgefährlich. Da fahren mindestens drei- bis viermal täglich die ICE in einem Wahnsinnstempo durch. Vermutlich reicht schon der Luftzug, um jeden im Tunnel unter die Räder zu zerren. Andererseits, wenn man ohnehin vorhat, sich umzubringen, ist einem das vielleicht egal. Aber warum hat sie sich dann nicht gleich auf dieser Seite des Tunnels vor den Zug geworfen?«

»Das erfahren wir vermutlich erst, wenn wir herausgefunden haben, wer sie ist. Aber dazu benötige ich die Aufnahmen Ihrer Überwachungsanlage. Wie viele Kameras gibt es denn insgesamt an der Raststätte?«

»Fünf. Zwei bei den Zapfsäulen, weil immer mal wieder einer meint, er müsste nicht bezahlen, und eine über der Kasse der Tankstelle, damit unseren Kassierern nicht dasselbe wie dem armen Kerl in Oberhofberg passiert. Allerdings ist hier Tag und Nacht zu viel los, das schreckt potenzielle Räuber ab. Eine weitere Kamera hängt über der Eingangstür zur Raststätte. Vielleicht haben Sie die beim Reinkommen gesehen. Die letzte Kamera ist hier auf dem Dach montiert und auf den Parkplatz gerichtet.«

»Haben Sie damit alle Stellplätze im Blick?«

»Fast alle, bis auf ein paar Lkw-Parkplätze am Rand.«

»Und werden die Aufnahmen auch aufgezeichnet?«

»Ja. Alles wird aufgenommen und für 24 Stunden gespeichert. Anschließend wird es automatisch gelöscht.«

»Können Sie mir diese Aufzeichnungen bitte geben, damit ich sie von unserer Kriminaltechnik auswerten lassen kann?«

»Sie haben nicht zufällig einen Gerichtsbeschluss oder so etwas bei sich?«, fragte Schneider mit zweifelndem Gesichtsausdruck.

»Ich ging davon aus, dass ich keinen benötige«, antwortete Schäringer. »Ich kann natürlich einen richterlichen Beschluss besorgen, wenn Sie so viel Wert darauf legen, Herr Schneider, allerdings kostet mich das wertvolle Zeit. Und wie Sie vielleicht aus dem Fernsehen wissen, sind nach einem Todesfall, gleichgültig ob Mord oder Suizid, die ersten Stunden für den Erfolg der polizeilichen Ermittlungen die entscheidendsten. Kann ich also bitte die Aufzeichnungen haben, um auf diesem Weg unter Umständen rasch die Identität der unbekannten Toten herauszufinden?«

Schneider seufzte. »Na gut. Sie bekommen die Aufnahmen. Sie werden in digitaler Form gespeichert. Ich lasse sie von unserem Computerfachmann auf eine Daten-DVD überspielen. Aber zuvor hätte ich doch noch eine Frage.«

»Nur zu.«

»Wie wollen Sie bei den unzähligen Fahrzeugbewegungen und dem ständigen Kommen und Gehen auf unserem großen Parkplatz den einen Wagen finden, der möglicherweise Ihrer Selbstmörderin gehört? Das kommt mir vor wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.«

»Der Vergleich kam mir auch schon in den Sinn. Aber keine Sorge, Herr Schneider, ich hab schon eine Idee. Allerdings habe auch ich noch eine letzte Frage an Sie. Wissen Sie zufällig, wie hoch die durchschnittliche Verweildauer Ihrer Gäste an der Raststätte ist?«

»Das kann ich Ihnen sogar ziemlich genau sagen. Unsere Gäste bleiben durchschnittlich 20 Minuten, bevor sie sich wieder ins Auto setzen und zurück auf die Autobahn fahren.«

»Vielen Dank für Ihre Hilfe«, sagte Schäringer und nickte mit nachdenklicher Miene.

5.

Fürstenfeldbruck, Gerichtsmedizin

11. April 2013, 12:32 Uhr

Nachdem Schäringer seinen Wagen auf dem Parkplatz des Gebäudes abgestellt hatte, in dessen Kellern die Gerichtsmedizin untergebracht war, sah er auf die Uhr und schüttelte den Kopf. Schon Viertel nach elf. Und dabei hatte er heute noch so viel vor. Die Zeit lief ihm förmlich davon.

Er hatte schon den Taxifahrer, der ihn von der Raststätte zu seinem Wagen gebracht hatte, zur Eile angetrieben, indem er ihm seinen Dienstausweis gezeigt und gesagt hatte, er solle Gas geben. Der gute Mann hatte aber, anders als im Fernsehen, weder seinen Führerschein noch seine Taxikonzession aufs Spiel setzen wollen, und sich an alle Geschwindigkeitsbeschränkungen und Verkehrsregeln gehalten. Schäringer konnte ihm sein gesetzestreues Verhalten allerdings schlecht verübeln und hatte ihm nach der Fahrt zu seinem Auto dennoch ein angemessenes Trinkgeld gegeben.

Er stieg aus und eilte zum Eingang des Gebäudes. Wahrscheinlich würde er hier ohnehin nicht so lange brauchen, da die Leichen von letzter Nacht vermutlich noch gar nicht alle obduziert worden waren. Aber vielleicht konnte er dennoch schon ein paar erste Eindrücke und Erkenntnisse mitnehmen, die ihm bei seinen weiteren Ermittlungen halfen. Und dazu war es immer besser, wenn man persönlich vorbeikam. Am Telefon waren die Gerichtsmediziner, die er kannte, in der Regel kurz angebunden und abweisend, weil sie ständig zu viel um die Ohren hatten und nicht bereit waren, dauernd jedem Auskunft zu erteilen. Wenn er sie allerdings in den unterirdischen Fluren ihres Reiches persönlich aufsuchte und nicht lockerließ, kamen sie nicht umhin, ihm irgendetwas Verwertbares mitzuteilen, um ihn endlich wieder loszuwerden.

Er fuhr mit dem Aufzug in den Keller und marschierte durch den kühlen Flur, in dem es süßlich roch, in Richtung der Sektionsräume. Er sah sich suchend um. Die Tür zum ersten Sektionsraum stand offen. Einer der Sektionsassistenten spülte mit einem Wasserschlauch den Sektionstisch ab. Der Geruch, der aus dem Raum in den Flur wehte, ließ es Schäringer angeraten erscheinen, kurzzeitig die Luft anzuhalten. Die Tür zum nächsten Sektionsraum war geschlossen, und eine Stimme war dahinter zu hören. Doch im gleichen Moment, als Schäringer sie passierte, öffnete sie sich, und Dr. Dieter Mangold, einer der Gerichtsmediziner, die der Kriminalbeamte gut kannte, kam heraus.

»Ah, Doktor Mangold. Wie gut, dass ich Sie treffe«, sagte Schäringer, änderte die Richtung und ging auf den Mediziner zu, bevor dieser wieder im Sektionsraum verschwinden konnte. Er verzichtete allerdings darauf, dem anderen seine Hand entgegenzustrecken, da ihm das Händeschütteln an diesem Ort aus naheliegenden Gründen nicht angeraten erschien. Wer wusste schon, in welcher Körperöffnung die Hand des Leichenschnipplers gerade eben noch gesteckt hatte und ob er sich danach auch wirklich ganz gründlich die Hände gewaschen hatte.

»Ach, Sie sind das, Schäringer«, sagte Mangold und verzichtete seinerseits darauf, angesichts des überfallartigen Besuchs des Polizisten genervt die Augen zu verdrehen. Er war nur wenige Zentimeter kleiner als Schäringer, aber fast doppelt so breit. Es war allgemein bekannt, dass er ein Toupet trug, um die kahle, kreisrunde Stelle auf seinem Schädel zu kaschieren. Unwahr war allerdings das Gerücht, dass er es einer Leiche entnommen hatte, deren Haarfarbe zufällig genau seiner eigenen, ein sehr dunkles Schwarzbraun, entsprochen hatte. »Ermitteln Sie in den Mordfällen in Oberhofberg von letzter Nacht?«

»Ja. Wurden die Leichen etwa schon obduziert? Und können Sie mir in dem Fall schon jetzt etwas darüber sagen? Dann muss ich nämlich nicht warten, bis ich den offiziellen Obduktionsbericht auf meinem Schreibtisch liegen habe.«

»Sie haben Glück, Schäringer. Vor zwei Stunden hatte ich den erschossenen Tankstellenangestellten und gerade eben den ertrunkenen Autodieb unterm Messer. Und sobald mein Assistent die Einzelteile der Selbstmörderin zusammengepuzzelt hat, nehme ich mir die auch noch vor. Für das andere Mordopfer ist allerdings Kollege Stürmer zuständig. Wenn Sie zu diesem Fall Fragen haben, müssen Sie sich schon an ihn wenden. Ich mach jetzt erst einmal Mittagspause. Begleiten Sie mich doch einfach ein Stück.«

Die beiden Männer setzten sich in Bewegung und gingen in Richtung Aufzug.

»Was können Sie mir über Fabian Becker erzählen? Das ist der Kassierer, der erschossen wurde.«

»Ein glasklarer Fall. Der arme Tropf wurde von einem einzigen Projektil aus einem Abstand von weniger als einem Meter in die Regio frontalis …« Der Pathologe deutete mit dem Zeigefinger auf die Mitte seiner Stirn. »… getroffen und war auf der Stelle mausetot. Vermutlich wurde er sogar beim Essen erschossen, denn es befanden sich noch unverdaute Reste seiner letzten Mahlzeit – Weißbrot, belegt mit grober Salami – in seinem Magen. Ansonsten hat die Untersuchung keine Auffälligkeiten ergeben. Tut mir leid, dass ich Ihnen diesmal bei Ihren Ermittlungen nicht weiterhelfen kann. Aber vielleicht kann Ihnen die Ballistik etwas über die Kugel erzählen.«

»Und was hat die Untersuchung des ertrunkenen Autodiebs ergeben? Gab es da irgendwelche Auffälligkeiten?«

Sie hatten den Fahrstuhl erreicht. Mangold drückte den Rufknopf, dann warteten sie darauf, dass die Kabine kam und die Türen sich öffneten. Der Gerichtsmediziner runzelte die Stirn, als er den Kriminalbeamten ansah.

»Wieso interessieren Sie sich für den Autodieb? Das ist doch gar nicht Ihr Fall, oder?«

»Ich will nur sichergehen, dass es keine Verbindung zu unseren beiden Mordfällen gibt. Immerhin besteht bereits ein sehr enger zeitlicher und räumlicher Zusammenhang zwischen all diesen Vorfällen. Sogar der vermeintliche Selbstmord könnte dazu passen.«

Mangold schürzte die Lippen und nickte. »Klingt einleuchtend. Nun, zum dämlichen Autodieb, wie unsere Sektionsassistenten ihn getauft haben, kann ich Ihnen vorab schon mal Folgendes erzählen: Der Mann ist zweifellos ertrunken, war nicht angeschnallt und hatte eine frische Platzwunde auf der …« Er hob die Hand und deutete auf seine Stirn.

»… Regio frontalis«, ergänzte Schäringer.

»Korrekt! Vermutlich prallte er mit dem Kopf gegen das Lenkrad, als der Wagen ins Wasser fuhr und dabei abrupt abgebremst wurde. Er verlor das Bewusstsein und konnte sich deshalb nicht mehr aus dem versinkenden Auto befreien.«

»Keine Anzeichen von Fremdeinwirkung?«

»Doch«, sagte Dr. Mangold im selben Augenblick, als sich die Fahrstuhltüren vor ihnen öffneten. Sie gingen in die Kabine, und der Mediziner drückte die Taste fürs Erdgeschoss. »Die Haut um die Augen und die Augenbindehaut waren stark gerötet und angeschwollen. Der Autodieb muss unmittelbar vor seinem Tod Pfefferspray in die Augen bekommen haben. Dies führte nicht nur zu starkem Tränenfluss, sondern auch zu einer temporären Erblindung.«

»Also konnte er aufgrund des Pfeffersprays nichts mehr sehen und fuhr durch den Zaun und in den Weiher.«

»Korrekt!«

»Dann war es vermutlich gar kein Unfall, sondern unter Umständen ebenfalls ein Mord.«

Mangold wiegte den Kopf hin und her. »Dann schon eher fahrlässige Tötung, obwohl ich die abschließende rechtliche Bewertung gerne der Staatsanwaltschaft und dem Gericht überlasse. Aber wer auch immer ihm das Pfefferspray ins Gesicht sprühte, konnte meiner Meinung nach gar nicht mit hundertprozentiger Sicherheit vorausplanen, dass er anschließend in den Weiher fuhr, das Bewusstsein verlor und ertrank. Alles, was nach dem Pfefferspray geschah, erscheint mir eher wie eine Verkettung unglücklicher Umstände. Und vielleicht wollte sich die Person mit der Pfefferspraydose nur wehren. Meiner Erfahrung nach wird Pfefferspray nämlich selten als Angriffswaffe, sondern eher als Verteidigungsmittel benutzt.«

Als sich die Fahrstuhltüren im Erdgeschoss öffneten, verließ Schäringer die Kabine, während er über das Gehörte nachdachte.

»Wenn Sie noch Fragen haben, wissen Sie ja, wo Sie mich finden, Schäringer«, sagte Dr. Mangold. »Alles andere steht in meinem Bericht.«

»Vielen Dank, Dr. Mangold«, sagte Schäringer und wandte sich zum Fahrstuhl um. Doch die Türen hatten sich bereits zwischen ihm und dem Mediziner geschlossen.

Бесплатный фрагмент закончился.

178,74 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
213 стр. 6 иллюстраций
ISBN:
9783847640486
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги