Читать книгу: «SCHRECKENSNÄCHTE»

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INHALTSVERZEICHNIS

COVER

TITEL

ERSTES KAPITEL: 1988 - Die fünfte Schreckensnacht

ZWEITES KAPITEL: 1984 - Die erste Schreckensnacht

DRITTES KAPITEL: 1985 - Die zweite Schreckensnacht

VIERTES KAPITEL: 1986 - Die dritte Schreckensnacht

FÜNFTES KAPITEL: 1987 - Die vierte Schreckensnacht

SECHSTES KAPITEL: 1988 - Zwei Tage vor der fünften Schreckensnacht

SIEBTES KAPITEL: 1988 - Die letzte Schreckensnacht

NACHWORT

WEITERE TITEL DES AUTORS

LESEPROBE

ERSTES KAPITEL

1988 - Die fünfte Schreckensnacht

1

Verzweifelt lief er durch die wie ausgestorben wirkenden nächtlichen Straßen der fremden Großstadt, von deren abweisenden dunklen Fassaden seine taumelnden Schritte hohl widerhallten. Doch er achtete weniger auf die Geräusche, die er selbst verursachte, sondern eher auf die, die von denjenigen stammten, vor denen er davonlief.

Und obwohl er seine unheimlichen Verfolger in dieser Nacht noch gar nicht zu Gesicht bekommen hatte, wusste er dennoch ganz genau, dass sie in seiner Nähe waren! Denn wie unheimliche, zu geisterhaftem Leben erweckte Schatten aus der Vergangenheit hatten sie sich an seine Fersen geheftet und schlichen nun im Schutz der Finsternis hinter ihm her.

Unsichtbar und möglichst lautlos, aber dennoch unaufhaltsam!

Oh ja, und schlau waren sie noch dazu. Verdammt schlau sogar, auch wenn in ihren zerfressenen Gehirnen mittlerweile nur noch Maden hausten. Sie hielten sich im Verborgenen und zeigten sich ihm nicht – noch nicht zumindest! Auf diese Weise wollten sie ihn in Sicherheit wiegen. Damit er unvorsichtig wurde und einen Fehler beging. Mit Sicherheit seinen allerletzten und im Endeffekt tödlichen Fehler!

Doch darauf konnten sie lange warten, schließlich wusste er um ihre schauerliche Existenz. Und er wusste auch ganz genau, dass sie in diesem Augenblick ihre nach Fäulnis stinkenden Leiber genau dort entlang schleppten, wo die Finsternis am schwärzesten war, und nur darauf lauerten, ihn in einem Moment der Schwäche zu erwischen und zwischen ihren knochigen Klauen zerreißen zu können.

Längst lief er nicht mehr, sondern wankte nur noch mit taumelnden Schritten mühsam voran, und der Zeitpunkt, an dem ihn seine Kräfte endgültig verlassen würden, war nicht mehr fern. Wenn es erst so weit war, würde er sich vermutlich nicht mehr länger auf den Beinen halten können, sondern auf dem regennassen Pflaster zusammenbrechen, zu Tode erschöpft und unfähig, sich überhaupt noch zur Wehr setzen zu können. Und dann wäre ihre Zeit gekommen. Sie würden aus ihren finsteren Verstecken hervorkriechen und mit provokativ langsamen, schlurfenden Schritten näherkommen, um sich schließlich gierig auf ihn zu stürzen und sich zu rächen. Um endlich Rache nehmen zu können für das, was er ihnen ihrer Meinung nach vor Jahren angetan hatte.

Aber es war doch nicht seine Schuld gewesen! Woher hätte er denn wissen sollen, dass diese ganze an und für sich harmlose Geschichte einen so furchtbaren Verlauf nehmen würde? Und letzten Endes hatte ohnehin das Los entschieden, wen von ihnen es traf. Dann könnte man ja genauso gut dem kürzeren Streichholz die ganze Verantwortung zuschieben, da es die Wahl entschieden hatte.

Er wischte in einer unkontrolliert wirkenden Geste mit den Armen durch die Luft, als wollte er die finsteren Erinnerungen vertreiben, die bei dem Gedanken an die damalige Streichholzwahl auf ihn einzustürzen drohten. Erinnerungen an eine Nacht voller Schrecken vor exakt vier Jahren. Und es war nicht die einzige Schreckensnacht geblieben. Denn der ersten waren weitere gefolgt – Jahr für Jahr, immer wieder –, da sie niemals aufgegeben hatten und ihn unermüdlich verfolgten. Sie jagten ihn mit einem grenzenlosen Hass, der über den Tod hinausreichte und sich tief in ihre verdammten Seelen gefressen haben musste.

Und dabei hätten sie ihn einmal sogar beinahe erwischt. So wie sie vorher die anderen gekriegt hatten. Damals war es wirklich verdammt knapp gewesen. Aber er war schlauer gewesen. Er hatte sie austricksen können und war entwischt.

Aber heute Nacht waren sie ihm erneut dicht auf den Fersen und so nahe wie schon lange nicht mehr.

(Kein Wunder, denn heute ist die letzte Schreckensnacht! Heute Nacht kriegen sie dich!)

»Nein!«, schrie er so laut, dass seine Stimme von den dunklen Häuserfronten widerhallte, und verfluchte gleichzeitig die bösartige innere Stimme für diesen grausamen und destruktiven Gedanken.

Dennoch konnte er nicht verhindern, dass die Panik erneut nach seinem Herzen griff, und urplötzlich war er davon überzeugt, eine eiskalte Klaue auf seiner rechten Schulter zu spüren, die schon in der nächsten Sekunde ihre langen, mit getrockneter Friedhofserde verkrusteten Nägel in sein Fleisch graben würde. Gehetzt warf er den Kopf herum und sah mit vor Schrecken geweiteten Augen nach hinten. Aber hinter ihm war gar nichts, nur die leere, nächtliche Straße.

Er atmete erleichtert auf. Der Moment, den er seit langer Zeit fürchtete, war noch nicht gekommen. Sie zeigten sich ihm noch immer nicht, sondern hielten sich noch eine Weile im Verborgenen. Kein Wunder, schließlich waren sie sich ihrer Sache sicher und konnten warten.

Während sein Herz noch immer rasend schnell und heftig schlug und einen Rhythmus vorgab, den er mit den Beinen schon längst nicht mehr mithalten konnte, richtete er den Blick rasch wieder nach vorn. Verlassen und wie ausgestorben lag die Straße vor ihm, die an eine Schlucht erinnerte und von der nur gelegentlich eine schmale Gasse oder der enge Zugang zu einem Hinterhof abzweigte. Rechts und links erhoben sich die Fronten der fünf- bis sechsstöckigen Wohnhäuser wie schlafende Giganten. Und die Stadt um ihn herum schlief tatsächlich. Hinter keinem der unzähligen Fenster, an denen er vorbeikam, brannte Licht. All diese unschuldigen Menschen schliefen friedlich in ihren Betten und ahnten nichts von dem Grauen, das in Gestalt seiner vier Verfolger wie ein mordgieriges, schleimiges Reptil im Schutze der Nacht durch ihre Straßen und Gassen schlich.

In regelmäßigen Abständen schufen hohe Straßenlaternen Inseln aus Licht auf dem nassen, glänzenden Asphalt. Doch es handelte sich nur um Eilande inmitten eines Meeres aus undurchdringlicher Finsternis, in dem sie sich verbargen und das sie durchpflügten wie mörderische Haifische, die Blut gerochen hatten, um ihm zu folgen, unsichtbar und nahezu geräuschlos. Bis schließlich früher oder später unweigerlich der Augenblick kommen würde, in dem sie …

Der Gedankengang endete abrupt, da er es nicht wagte, ihn weiterzuverfolgen. Nicht jetzt zumindest, wo er sich konzentrieren und auf so viele andere Dinge achtgeben musste, beispielsweise nicht zu stolpern oder zu straucheln. Außerdem war das, was sie mit ihm vorhatten, sollte er ihnen in die Hände fallen, zu grauenhaft, um es sich immer wieder aufs Neue auszumalen. Er hatte es schon oft genug miterleben müssen, als sie sich in seine Träume geschlichen und ihm vorgeführt hatten, was sie mit ihm machen würden. In seinem schrecklichsten Albtraum war es ihm nämlich nicht gelungen, ihnen zu entkommen. Und so war er anschließend laut schreiend aufgewacht, weil das Entsetzen sich tief in seine Brust gefressen und mit stählerner Faust sein hämmerndes Herz umklammert hatte, um es wie eine gekochte Kartoffel zu zerquetschen. Doch die eiskalte Klaue hatte beinahe widerwillig von ihm abgelassen, und er war wieder allein gewesen. Allein mit seinen Ängsten, die ihn ständig begleiteten.

Doch heute Nacht wollten sie ihre Drohung endlich wahr und Nägel mit Köpfen machen, das spürte er mit jeder Faser seines Körpers. Heute Nacht sollte es kein Traum bleiben, aus dem er entkommen konnte, indem er erwachte. Und obwohl ihm alles noch immer wie ein Albtraum erschien, der nicht enden wollte, war es grausame Realität.

Trotz seiner Erschöpfung trugen ihn seine müden Beine noch immer Schritt um Schritt vorwärts und seinem Ziel entgegen. Allerdings kam er nur quälend langsam voran, so als wäre er noch immer in einen Traum gefangen und müsste durch kniehohen Morast waten.

Dennoch musste er sein Ziel erreichen. Ein Scheitern kam für ihn nicht infrage, denn dann würde er noch in dieser Nacht alles verlieren, was ihm geblieben war, und das war ohnehin nicht mehr viel. Deshalb durfte er jetzt auf gar keinen Fall aufgeben, nicht so kurz vor seinem Ziel. Außerdem wusste er nicht, ob er noch einmal die Kraft haben würde, wieder auf die Beine zu kommen, sollten sie ihm nun ihren Dienst versagen.

Im Grunde war es ja auch ganz einfach. Er musste immer weitergehen, egal wie, und durfte auf keinen Fall stehen bleiben. Das war alles, was für ihn heute Nacht zählte. Bloß nicht aufgeben. Selbst wenn das bedeutete, dass er kriechen musste, um es bis zu seinem Ziel, bis zu ihr zu schaffen!

Elke!

Ihr Name, den er nur in Gedanken, aber dennoch voller Liebe formulierte, beschwor sogleich ihr Bild vor seinem inneren Auge herauf. Schon ihr Anblick schenkte ihm Trost, den er in diesem Moment bitter nötig hatte, auch wenn sie vermutlich gar nicht mehr genau so aussah, wie er sie in Erinnerung hatte. Schließlich war es über vier Jahre her, dass er sie zum letzten Mal gesehen hatte. Menschen veränderten sich in dieser Zeit. Auch er hatte sich in den letzten Jahren stark verändert, doch darüber wollte er jetzt lieber nicht nachdenken.

Elke!

Sobald er bei ihr war, würde er ihr alles erzählen können. Die ganze furchtbare Geschichte in all ihren schrecklichen Details, die vor vier Jahren auf so grauenvolle Weise ihren Anfang genommen hatte, seitdem jedes Jahr mit blutiger Tinte fortgeschrieben worden war und nun schlussendlich auch noch ihn zu verschlingen drohte.

Elke würde ihm sicherlich nicht nur geduldig zuhören, sondern ihn auch verstehen und ihm vor allem Glauben schenken. Sie hatte ihn ja schon damals besser verstanden als all die anderen. Damals, als er das Leben noch in vollen Zügen genießen konnte. Als er noch nichts von den finsteren Dingen ahnte, die jenseits der Wirklichkeit auf einen lauern konnten. Als er sich weder vor Albträumen noch vor unmenschlichen Verfolgern hatte fürchten müssen. Damals, als er … als er noch Freunde besessen hatte!

Er schauderte, als er an seine Freunde dachte, verfolgte aber auch diesen Gedanken lieber nicht bis zu seinem schrecklichen Ende, sondern dachte stattdessen wieder an Elke. Sie musste ihm einfach glauben, auch wenn vieles von dem, was er erlebt hatte, auf den ersten Blick unglaublich war. Aber wieso sollte sie an seiner Geschichte zweifeln, wenn er ihr versicherte, dass er die Wahrheit sagte, nichts als die Wahrheit? Und sobald sie erst einmal alle Details kannte, würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als an die Wahrhaftigkeit seiner Worte zu glauben und ihm helfen, auch wenn er momentan gar nicht wusste, wie diese Hilfe konkret aussehen könnte. Aber vielleicht kannte Elke zumindest einen Ort, wo sie ihn verstecken und seine Verfolger ihn nicht finden konnten.

(Vergiss es! Einen solchen Ort gibt es nicht. Sie finden dich überall!)

Er weigerte sich standhaft, der grausamen, flüsternden Stimme in seinem Innern Glauben zu schenken, auch wenn er es insgeheim besser wusste. Doch er wollte sich das bisschen Hoffnung, das er noch besaß, nicht nehmen lassen, sonst könnte er ja gleich aufgeben. Aber dazu war er noch nicht bereit. Solange auch nur ein Quäntchen Hoffnung bestand, würde er kämpfen. Alles, was er brauchte, war ein bisschen Hilfe. Und wenn Elke ihn unterstützte, würden sie ihn schon nicht kriegen, schließlich waren sie auch nur …

(Ja? Was genau sind sie denn deiner Meinung nach?)

Menschen!, hatte er eigentlich gemeint, doch das waren sie nicht – nicht mehr zumindest!

»Ungeheuer!«, flüsterte er deshalb mit rauer, atemloser Stimme, damit sie ihn nicht hören konnten. »Sie sind mordgierige, erbarmungslose Monster!«

Doch die Stimme in seinem Kopf gab sich damit nicht zufrieden.

(Na komm schon! Du weißt es besser!)

»Ja«, brüllte er die dunklen Häuserfronten an. »Ich weiß, was sie sind. Aber ich will nicht darüber nachdenken, nicht jetzt!«

Der Widerhall seiner Worte klang verzerrt, als würden seine Verfolger ihn mit hämischer Stimme nachäffen, um ihn zu verspotten. Doch er wusste, dass es jenseits ihrer Möglichkeiten lag, sich noch länger verständlich zu artikulieren. Nur im Traum waren sie weiterhin in der Lage zu sprechen, das hatte er selbst erlebt.

Um seine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken und dadurch hoffentlich auch die flüsternde Stimme in seinem Verstand endgültig zum Verstummen zu bringen, dachte er wieder an Elke. Er war überzeugt, dass sie keine Sekunde zögern würde, ihm zu helfen, schließlich hatten sie sich früher einmal sehr geliebt. Allerdings erschien ihm das mittlerweile wie aus einem völlig anderen Leben in einer fremden Welt – einem ungleich glücklicheren Leben in einer schöneren Welt –, da seitdem so viele schreckliche Dinge geschehen waren, die seine eigene Existenz komplett umgekrempelt und ihm letztlich alles genommen hatten, was ihm früher etwas bedeutet hatte.

Die neue Route, die seine Gedanken eingeschlagen hatten, behagte ihm ebenfalls nicht besonders. Zumindest nicht in dieser Nacht, in der seine unsichtbaren Verfolger ihm so dicht auf den Fersen waren.

Er warf einen Blick auf die Schilder mit den Hausnummern an den Fassaden, an denen er vorbeikam und sah, dass es nun nicht mehr weit sein konnte. Die paar Meter würde er vermutlich auch noch schaffen, ohne vorher zusammenzubrechen. Wenn also nicht noch etwas Unvorhergesehenes dazwischenkam, wäre er bald in Sicherheit vor den grausamen Todesboten, die einem Ort entstiegen waren, der für immer und ewig hätte verschlossen bleiben sollen.

Bei Elke wäre er fürs Erste vor den Verfolgern geschützt, denn bislang hatten sie stets darauf geachtet, dass es keine Zeugen für ihre widernatürliche Existenz und ihre abscheulichen Taten gab. Solange er sich in Gesellschaft anderer Menschen befunden hatte, waren sie nicht persönlich in Erscheinung getreten, sondern hatten sich darauf beschränkt, ihn in seinen Träumen heimzusuchen. Doch ihm war stets bewusst gewesen, dass sie sich irgendwann nicht mehr darauf beschränken würden, ihm furchterregende Albträume zu schicken, sondern leibhaftig zu ihm kommen würden. Selbst verschlossene Türen, vergitterte Fenster oder massive Wände wären dann keine Hindernisse mehr für sie.

Doch noch gab es Hoffnung für ihn, die mit jedem Schritt größer wurde. Denn in Kürze würde er sein Ziel erreichen und wäre nicht länger allein. Dann wäre Elke bei ihm, und sie wären nach all den Jahren der Trennung endlich wieder vereint.

(Und was ist mit den Leuten aus der Anstalt?)

Er stöhnte leise, als ihn die verfluchte Stimme in seinem Innern, die sich allem Anschein nach durch nichts zum Schweigen bringen ließ, ausgerechnet jetzt an die Männer aus der Anstalt erinnerte, die ebenfalls hinter ihm her waren. In seiner Angst vor den anderen Verfolgern hatte er gar nicht mehr an sie gedacht.

Dabei waren die Männer aus der Anstalt nicht auf die Nacht und die Finsternis angewiesen, die sie vor neugierigen Blicken schützte. Und sie scheuten weder die Öffentlichkeit noch Zeugen für ihr Tun.

Sie sind aber längst nicht so gerissen wie die anderen Verfolger, beruhigte er sich selbst.

Denn während diese ihm mit ebenso untrüglicher Sicherheit auf der Spur blieben wie hungrige, blutgierige Wölfe ihrer waidwunden Beute, hatte er zumindest die Männer aus der Anstalt abhängen können. Sie waren eben nur Menschen und schon allein deswegen nicht so grausam und furchterregend wie die anderen.

Die Angst vor seinen Verfolgern brachte ihn dazu, einen weiteren Blick in die Richtung zu riskieren, aus der er gekommen war, um sich zu vergewissern, dass sie sich zwischenzeitlich nicht hinterrücks an ihn herangeschlichen hatten. Und obwohl er noch immer keine Spur von ihnen entdecken konnte, wusste er dennoch mit untrüglicher Sicherheit, dass sie ganz in der Nähe waren. Fast glaubte er sogar, er könnte schon ihren Gestank riechen.

Bei dem Gedanken an den Verwesungsgeruch, der ihnen anhaftete wie ein ekelerregendes Eau de Toilette, stahl sich ein bitteres Lächeln auf seine Lippen, verschwand jedoch augenblicklich wieder wie weggewischt, als er vollkommen unerwartet über ein Hindernis stolperte. Der anschließende Sturz war in seinem geschwächten Zustand geradezu unvermeidlich. Er riss noch beide Arme nach oben, als suchte er in der Luft nach einem Halt, der ihn vor dem Fallen bewahrte, doch es gab nichts, an dem er sich hätte festhalten können. Ein leiser erschrockener Aufschrei, kaum mehr als ein Hauch, kam über seine Lippen, als er anfangs wie in Zeitlupe vornüber kippte und dann immer schneller wurde. Im schwachen Licht einer entfernten Laterne erkannte er die unterste Stufe einer kleinen Vortreppe, die ihn zu Fall gebracht hatte und ihm nun mit der Geschwindigkeit und Unvermeidlichkeit eines Fausthiebs entgegenkam.

Beim Aufprall knickte der rechte Arm, mit dem er seinen Sturz abfangen wollte, unter ihm ein, sodass er mit der Stirn gegen die scharfe Kante der steinernen Stufe prallte, ehe er von der Treppe auf den Gehsteig hinunterrollte. Er landete direkt in einer Pfütze und blieb benommen liegen.

2

Für einen Moment, der sich in seiner benebelten Wahrnehmung endlos in die Länge zog, explodierten unmittelbar hinter seiner Stirn leuchtende Sterne in allen möglichen und unmöglichen Farbvariationen, als wäre Silvester dieses Jahr um mehr als zwei Monate vorverlegt worden, und das Bewusstsein drohte ihm zu schwinden. Heftige Schmerzwellen pulsierten wie flüssige Lava durch seinen geplagten Körper und wollten ihn in ein finsteres Land davonzerren, in dem das Vergessen regierte und von dem es für ihn vermutlich keine Wiederkehr gab, sobald er es betrat. Doch bevor es dazu kommen konnte, tauchte er mit dem Gesicht in die Pfütze unter seinem Körper, und die kalte Flüssigkeit erfrischte nicht nur sein fiebrig heißes Gesicht, sondern spülte auch die Benommenheit aus seinem Verstand.

Ganz allmählich gewann er die Besinnung wieder, während der Schmerz sich widerstrebend zurückzog und abklang. Dennoch trieb er seinen ermatteten Körper nicht sofort wieder hoch und auf die Füße, sondern blieb erst einmal erschöpft liegen und gönnte sich eine kurze Ruhepause.

Hier würde ich gern für immer und ewig liegen bleiben und am liebsten alles vergessen, was geschehen war und was im Schutz der finsteren Nacht auf der Lauer lag, dachte er. Warum tat er es dann nicht einfach? War doch eine ausgezeichnete Idee, oder etwa nicht? Er vergaß ganz einfach alles, was passiert war, und machte es dadurch ungeschehen. Dann konnte ihm auch nichts mehr passieren. Wenn er doch nur früher darauf gekommen wäre, dass es im Grunde so einfach war. Er musste nur alles aus seinem Gedächtnis löschen, um die Zeit zurückdrehen und es ungeschehen machen zu können. Das war des Rätsels Lösung! Warum, zum Teufel, war er nicht schon früher darauf gekommen?

Nicht weit von ihm entfernt ertönte das Klirren von Glas und durchbrach die nächtliche Ruhe.

(Friedhofsruhe trifft es schon eher.)

Er hörte das Geräusch zwar, doch es drang nicht bis zu seinem Verstand durch, um dort eine Reaktion, einen schrillen Alarmton vielleicht, auszulösen. Und selbst wenn, so wäre es ihm momentan dennoch egal gewesen. Denn er wusste ja jetzt, wie er ihnen entkommen konnte: durch bloßes Vergessen!

(Vergessen und vergeben …)

So einfach war das also, ein Kinderspiel geradezu. Jetzt würden sie verdammt lange, vermutlich bis in alle Ewigkeit, darauf warten müssen, dass sie ihm die Eingeweide aus dem Leib reißen konnten. Er war eben doch eine Spur zu clever für diese vier hirnlosen Gesellen.

Aus der Finsternis, die ihn umgab, drang ein Scharren an seine Ohren, erheblich näher als zuvor das Klirren. Es hörte sich so an, als würde ein nackter, verdreckter Fuß über den Boden schleifen. Doch auch das hatte für ihn inzwischen jede Bedeutung und Bedrohung verloren.

Vermutlich war es ohnehin nur eine Katze, die in der Nähe auf Mäusejagd ging. In einer Wohngegend wie dieser gab es meistens einige Katzen, die nachts durch die Straßen und Gassen schlichen. Vielleicht waren es auch zwei Kater, die sich ihr Revier streitig machten und gegenseitig belauerten …

(Warum nicht gleich vier Katzen? Vier streunende, stinkende Straßenkater in verdreckten Totenhemden auf der Jagd nach einer ganz besonderen Maus! Und dreimal darfst du raten, wer die Maus ist, mein todgeweihter Freund!)

Maus? Wovon sprach die Stimme in seinem Kopf, die seiner eigenen so verblüffend ähnlich war? Er dachte kurz darüber nach, wusste aber keine Antwort, da er die Geräusche von soeben schon wieder aus seinem Gedächtnis verdrängt hatte.

Stattdessen kamen ungewollt ganz andere Erinnerungen zum Vorschein, als würde ein Zauberer sie wie Kaninchen aus seinem Hut zaubern, und blitzten vor seinem inneren Auge auf wie eine mentale Diavorführung. Zunächst sah er nacheinander die lachenden Gesichter von vier jungen Männern, und sein Gedächtnis lieferte ihm dazu passende Namen: Bernie, Uli, Martin und Mark.

Wer?

In einer unbewussten Geste zuckte er mit den Schultern, denn er hatte bereits vergessen, wer diese jungen Leute waren und welcher Name zu welchem Gesicht gehörte. Schließlich war das Vergessen die Lösung seines dringlichsten gegenwärtigen Problems, wie er gerade eben herausgefunden hatte.

Doch seine Erinnerungen ließen nicht locker, und so kamen weitere Bilder, bei denen es sich um Momentaufnahmen aus seiner Vergangenheit handelte. Zuerst ein unheimlich wirkendes, steinernes Gebäude, dessen Tür lautlos aufschwang, als würde sie von Geisterhand geöffnet werden. Drinnen war es stockdunkel, er glaubte allerdings, einen gellenden Schrei zu hören, der wie abgeschnitten endete. Danach sah er ein anderes Haus, diesmal ein einfaches Wohnhaus. Aus einer Fensteröffnung im ersten Stock schlugen lodernde Flammen. Inmitten des Feuers konnte man undeutlich vier schemenhafte Umrisse erkennen, als stünden dort Menschen aufrecht inmitten der Flammen. Doch bevor er die Details näher in Augenschein nehmen konnte, wechselte das Bild erneut und ein großes, herrschaftliches Gebäude tauchte auf, das einen freundlichen und warmen Eindruck in ihm erweckte. Es lag in einem weitläufigen, gepflegten Park, der von einer hohen Mauer umgeben war, und sämtliche Fenster waren vergittert.

Obwohl die Bilder Emotionen in ihm auslösten, die über das rein Sichtbare hinausgingen und ihm auf diese Weise signalisierten, dass er mit ihnen vertraut sein musste, sagten sie ihm momentan dennoch nichts. Seine Strategie, alles, was geschehen war, aus seinem Gedächtnis zu löschen, schien zumindest teilweise zu funktionieren. Nun musste er nur noch diese Bilder, die letzten Überbleibsel seiner Vergangenheit loswerden, dann wäre er endgültig gerettet.

Doch im gleichen Moment, als er dieses Vorhaben in die Tat umsetzen wollte, tauchten das Bild eines jungen, blonden Mädchens und ein Name in seinem Kopf auf: Elke!

Elke?

Irgendwo in seinem trägen, benebelten Gedankenapparat rastete etwas ein.

Telefon …

Ein weiteres Puzzleteil fiel an seinen Platz, und er erinnerte sich wieder. Ja, genau! Er hatte mit Elke telefoniert. Aber das musste schon verdammt lange her sein, denn er konnte sich kaum noch an das Gespräch erinnern.

Heute Abend!

Was, heute Abend sollte das gewesen sein? Er konnte es nicht fassen. Doch dann erinnerte er sich plötzlich wieder, als wäre in seinem Verstand ein Vorhang zur Seite gezogen worden, hinter dem sich die Erinnerungen verborgen hatten. Ja, richtig, mit den Münzen, die er im Wagen gefunden hatte, hatte er sie angerufen. Aus einer Telefonzelle, die an einem Ort stand, an dem sich viele Menschen aufgehalten hatten.

Am Bahnhof!

Ja, denn nur dort, inmitten der schützenden Menge, hatte er sich vor seinen unheimlichen Verfolgern sicher gefühlt. Und die Männer aus der Anstalt hatte er zu diesem Zeitpunkt längst abgeschüttelt gehabt.

Die Erinnerungen wurden mit jedem weiteren Schlag seines Herzens deutlicher und konkreter.

Und so wurde ihm nun wieder vollends bewusst, dass er nach all den Jahren mit Elke gesprochen und ihr gesagt hatte, wie dringend sie miteinander reden mussten. Sie hatte ihn natürlich gefragt, worum es ging. Aber das konnte er ihr nicht am Telefon sagen. Nein, bloß nicht! Vielleicht hörten seine Verfolger mit. Doch trotz seiner Geheimniskrämerei, die ihr verdächtig erscheinen musste, hatte Elke seine Erwartungen nicht enttäuscht. Ohne zu zögern, hatte sie seine Bitte um ein Treffen erhört und ihn zu sich eingeladen. Allerdings hatte er auch nichts anderes von ihr erwartet. Gute, treue Elke!

Während ihr Bild in seiner Erinnerung allmählich verblasste und wieder in die Untiefen seines Verstandes eintauchte, klärte sich sein Blick wieder. Zum ersten Mal nahm er bewusst die dreckige Pfütze wahr, in der er lag. Unmittelbar vor seinen Augen schwamm eine alte zerfledderte Zigarettenkippe.

Das Wasser kräuselte sich, als ein Tropfen mit leisem Platschen in der Pfütze landete und rote Schlieren ins schmutzig graue Wasser zauberte.

Blut?

Es war tatsächlich Blut, und zwar sein eigenes, das aus einer Platzwunde an seiner Stirn stammen musste. Der Gedanke wirkte wie ein Funke, der die kurze Lunte einer Sprenglandung entzündete, denn von einem Augenblick zum anderen kehrte explosionsartig der Schmerz hinter seiner Stirn zurück und ließ ihn leise aufstöhnen.

Unmittelbar darauf nahm er erstmals die eisige Kälte des Wassers wahr, in dem er lag. Er fröstelte und erschauderte, denn die Kälte war bereits durch seine zu dünne Kleidung gedrungen, hatte seine Haut taub werden lassen und kroch nun in seine Gliedmaßen.

Hinter ihm ertönte ein verstohlenes Scharren, das sich erschreckend nah anhörte.

(Gleich haben sie dich!)

Sekundenlang war er noch immer wie gelähmt, während zumindest sein Verstand wieder die Arbeit aufnahm. Er vermeinte fast, das Knirschen hören zu können, mit dem sich die eingerosteten Zahnräder in seinem Oberstübchen allmählich wieder in Bewegung setzten.

Ein Scharren! Vielleicht sogar das Scharren von nackten, schmutzigen Füßen auf dem Asphalt?, fragte er sich.

(SIE KOMMEN!)

3

Die Heftigkeit dieses Gedankens ließ ihn aufschrecken und die Lähmung seines Körpers überwinden. Mit quälender Langsamkeit rappelte er sich auf, kam zunächst mühsam wie ein alter Mann auf die Knie, ehe er schließlich wieder schwankend auf seinen zitternden Beinen stand, woran er schon fast nicht mehr geglaubt hatte. Er hielt den Kopf schief und horchte angestrengt, doch das Scharren wiederholte sich nicht. Auch sonst war nichts zu hören.

Aber waren da zuvor nicht auch noch andere Geräusche?, überlegte er.

(Ja, du Idiot! Das Klirren von Glas und ein weiteres Scharren.)

Er fragte sich, wie lange er überhaupt dort am Boden gelegen war? Nur wenige Sekunden oder gar mehrere Minuten? Er konnte es nicht beurteilen, da der Sturz und die Benommenheit ihm jegliches Gefühl für die verstrichene Zeit geraubt hatten. Doch die wichtigere Frage lautete ohnehin, wie nah ihm seine Verfolger in der Zwischenzeit gekommen waren. Auch das konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen, aber er ahnte, dass sie seine Schwäche ausgenutzt hatten und näher gekommen waren. Für seinen Geschmack viel näher, als ihm lieb sein konnte.

(Lauf, mein Freund!)

Wahrscheinlich hatten sie bereits geglaubt, er wäre am Ende. Aber sie wussten eben nicht, wozu ein verzweifelter Mensch in seiner Lage fähig war. Nein, davon hatten sie vermutlich keine Ahnung. Woher auch, schließlich waren sie selbst keine Menschen mehr.

(Lauf!)

Endlich reagierte er, gehorchte der sonst so verhassten inneren Stimme und wirbelte herum. Jedenfalls kam es ihm selbst wie ein schnelles Herumwirbeln vor, da ihm sogar kurzzeitig schwindelig wurde, auch wenn er sich in Wahrheit vermutlich nur langsam und schwerfällig bewegte. Dann lief er weiter, ein wenig schneller als vor dem Sturz, weil ihn die Panik antrieb und dazu veranlasste, verborgene Kraftreserven anzuzapfen.

Verdammt, wie lange hatte er nur auf dem Boden gelegen? Und wie hatte er nur so verrückt sein können, zu glauben, ihm könnte nichts geschehen, wenn er einfach liegen blieb und vergaß, was geschehen war? Genauso gut könnte er sich selbst eine Kugel durch den Schädel jagen. Das hätte denselben Effekt, wäre aber schneller vorbei und weniger schmerzhaft, als wenn sie ihn erwischten.

(Völlig verrückt!)

Ausnahmsweise musste er der Stimme in seinem Kopf recht geben. Diese Aktion war in der Tat vollkommen verrückt gewesen. So hatten sie ihn auch manche Leute in der Anstalt genannt: verrückt, irre, durchgeknallt! Und deshalb hatten sie ihn ja auch weggesperrt.

Dabei war er gar nicht verrückt! Das hatte er doch gerade bewiesen, oder etwa nicht? Schließlich war er nicht liegen geblieben und hatte tatsächlich alles vergessen, wie es ein komplett Durchgeknallter vermutlich getan hätte. Ganz im Gegenteil, er hatte sich wieder aufgerappelt und war weitergerannt. War das nicht Beweis genug, dass er geistig völlig gesund war?

Außerdem hätten ihn ansonsten vermutlich längst seine Verfolger erwischt, und er wäre bereits tot.

Er rannte keuchend weiter und achtete jetzt besser auf etwaige Hindernisse, die ihn zu Fall bringen konnten. Denn wenn er noch einmal stolperte, bedeutete das gewiss sein Todesurteil, weil sie schon viel zu dicht hinter ihm waren.

Er hob den Blick für einen kurzen Moment vom Pflaster des Gehsteigs vor ihm und sah nach der Nummer des Hauses, an dem er gerade vorbeikam. Erleichtert atmete er auf, als er feststellte, dass es jetzt nur noch wenige Meter waren, bis er am Ziel und in Sicherheit wäre. Er biss die Zähne zusammen und schaffte auch die letzten Schritte, ohne noch einmal zu straucheln. Als er endlich die Tür des Hauses erreichte, das sein Ziel war, lehnte er sich schwer atmend dagegen. Er konnte es kaum glauben, aber er hatte es tatsächlich geschafft. Mit der rechten Hand suchte er blind nach der Klinke, fand sie auch gleich und drückte sie nach unten. Die Tür gab dem Druck seines Körpers allerdings nicht nach, sondern blieb verschlossen.

Vor Enttäuschung hätte er beinahe laut geschrien. Sollte er so kurz vor dem Ziel doch noch scheitern, und das ausgerechnet wegen einer verschlossenen Tür? Das konnte doch nicht wahr sein. Er sah sich rasch um, doch in der näheren Umgebung war noch immer alles ruhig.

Er versuchte es noch einmal, drückte die Klinke bis zum Anschlag nach unten und warf sich mit seinem ganzen Körper gegen die massive Tür, sodass sie laut dröhnend in ihren Angeln erbebte. Doch mehr geschah nicht. Es war hoffnungslos. Auf diese Weise ließ sich die Haustür nicht öffnen.

Er ließ den Türgriff los, den er so fest umklammert hatte, dass seine Hand ein wenig wehtat, ballte die Fäuste und atmete ein paar Mal tief durch, um die anschwellende Panik in seinem Inneren zurückzudrängen, die ihn zu übermannen drohte und zu kopflosen Aktionen veranlassen wollte. Doch er wusste, dass er einen kühlen Kopf bewahren musste, um dieses Problem in den Griff zu kriegen und richtig zu reagieren.

Nachdem die Panik sich wieder gelegt hatte, dachte er darüber nach, was er jetzt tun sollte. Ihm fiel wieder ein, wie spät es war und dass die meisten Leute in ihren Betten lagen und schliefen. Deshalb war es auch ganz normal, dass die Haustür abgeschlossen war, schließlich war es mitten in der Nacht, und da wollten die Bewohner natürlich nicht, dass Fremde ungehindert ins Haus marschieren konnten. Die verschlossene Tür war also noch lange kein Grund, in Panik zu verfallen.

Nach einem weiteren prüfenden Blick in die Runde, wo es noch immer geradezu verdächtig still war, ging er vorsichtig ein paar Schritte rückwärts, bis er mitten auf der Straße stand und an der Fassade nach oben blicken konnte. Wenigstens musste er sich um diese Uhrzeit keine Gedanken darüber machen, dass ihn ein Auto überfahren könnte. Als er nach oben sah, bemerkte er zum ersten Mal, dass im ersten Stock Licht brannte. Es war, soweit er sehen konnte, das einzige beleuchtete Fenster in der ganzen Straße. Es musste ein Fenster von Elkes Wohnung sein. Anscheinend war sie wach geblieben, um auf ihn zu warten. Vielleicht war sie auch bei brennendem Licht eingeschlafen, während sie auf ihn gewartet hatte.

Das beleuchtete Fenster wirkte auf ihn wie das Licht eines Leuchtturms im dichten Nebel, denn es schenkte ihm Hoffnung und gab ihm neue Zuversicht.

Er marschierte zurück zur Haustür und studierte das Klingelbrett, das sich rechts neben der Tür befand. Im Schein einer nahen Straßenlaterne konnte er ohne allzu große Mühe die Namen auf den kleinen Messingschildern entziffern. Und tatsächlich war in eins von ihnen der Name Elke Weber eingraviert.

Er legte seinen linken Daumen auf den kleinen Messingknopf neben ihrem Namen und ließ es mehrmals hintereinander klingeln. Am liebsten hätte er Sturm geläutet, bis ihm Elke endlich die Tür öffnete, doch er wusste, dass er ihr nicht schon auf die Nerven gehen durfte, bevor sie überhaupt ein Wort miteinander gesprochen hatten. Deshalb zwang er sich dazu, den Finger vom Klingelknopf zu nehmen und ungeduldig zu warten.

Als nach einer halben Minute, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, noch immer nichts passiert war, wurde er immer nervöser. Er ballte immer wieder die Hände zu Fäusten und entspannte sie dann wieder, während er die Straße in beiden Richtungen im Auge behielt. Doch zum Glück regte sich dort nichts. Nicht einmal das leiseste Geräusch war zu hören, sonst wäre er in seinem augenblicklichen überreizten Zustand vermutlich in die Luft gesprungen und hätte versucht, an der Hauswand hochzuklettern.

Seine linke Hand zuckte nach oben, um noch einmal, dieses Mal wesentlich ausdauernder, zu läuten, doch im gleichen Augenblick zerfetzte ein krachendes Geräusch ganz in der Nähe die nächtliche Ruhe,

(… die Ruhe der Toten …!)

das wie ein Pistolenschuss klang und ebenso laut war.

Er stöhnte erschrocken und fuhr herum. Sein erster Gedanke galt natürlich seinen Verfolgern. Kamen sie nun doch aus ihren Löchern, um ihn im letzten Moment, so kurz vor seinem Ziel abzufangen? Hatten sie die ganze Zeit nur ihr dreckiges Spiel mit ihm getrieben, um ihn zu verhöhnen, und hatten ihn hoffen lassen, er könnte sein Leben retten, um diese Hoffnung nun unter ihren verkohlten, nackten Füßen zu zertreten?

Doch da hörte er Elkes Stimme, die er sogleich wiedererkannte, und er wusste, dass es noch nicht so weit war. Sein galoppierendes Herz beruhigte sich wieder einigermaßen, sofern es in letzter Zeit überhaupt noch in einem Rhythmus geschlagen hatte, den man als normal bezeichnen konnte, und er seufzte erleichtert. Er hatte es tatsächlich geschafft. Er war am Ziel. Endlich! Er war in Sicherheit!

»Rainer? Bist du das?«

Er schaute nach oben, konnte aber aus diesem Winkel, so nah am Haus, nicht viel erkennen. Alles, was er sah, war ein Kopf, der sich aber nur als dunkler Umriss gegen das aus dem Fenster fallende Licht abzeichnete.

Es handelte sich um das Fenster, hinter dem er das Licht gesehen hatte. Und der Lärm, der wie ein Pistolenschuss geklungen und ihn so erschreckt hatte, musste entstanden sein, als Elke es aufgerissen hatte.

Seine Kehle war plötzlich wie zugeschnürt. Er musste sie erst frei räuspern, bevor er zu einer verständlichen Antwort fähig war. »Ja, ich bin’s«, antwortete er krächzend, während er nervös von einem Bein aufs andere trat, als müsste er dringend aufs Klo. »Tut mir leid, aber … aber es ist etwas später geworden.« Wie belanglos und geradezu normal seine Worte doch klangen. Unbeschreibliche Schrecken lagen hinter ihm und grausame Monster waren hinter ihm her, und dennoch benahm er sich, als wäre er nur etwas zu spät aus der Kneipe nach Hause gekommen.

Danach herrschte wieder für mehrere Augenblicke Stille, in der er nur das Blut hinter seinen Schläfen rauschen hören konnte. Erneut regte sich die Panik in ihm und hob ihr hässliches Haupt, als ihm der Gedanke kam, dass Elke es sich doch anders überlegt haben könnte. Wird sie mich jetzt etwa doch im Stich lassen?, fragte er sich bang. Vielleicht hatte sie ja das Blut auf seiner Stirn und die völlig verdreckte und durchnässte Anstaltskleidung gesehen, und war sich nun gar nicht mehr sicher, ob es überhaupt eine so gute Idee war, ihn in diesem Zustand und noch dazu mitten in der Nacht in ihre Wohnung zu lassen.

»Pass auf, Rainer, ich werfe dir den Schlüssel hinunter«, hörte er sie dann jedoch zu seiner grenzenlosen Erleichterung mit gedämpfter Stimme sagen. »Hier, fang auf!«

Schon im nächsten Moment fiel ein kleiner Gegenstand nach unten und reflektierte das Licht der Straßenlaternen, als er immer wieder aufblitzte, während er sich um die eigene Achse drehte. Rainer wollte ihn auffangen, reagierte jedoch zu träge. Und so fiel der Schlüssel zwischen seinen zupackenden Händen hindurch und landete klirrend vor seinen Füßen. Er bückte sich, wobei er jeden einzelnen Muskel in seinem erschöpften Leib zu spüren glaubte, und hob ihn auf. Als er sich wieder aufgerichtet hatte und noch einmal nach oben zum Fenster sah, war Elkes Silhouette bereits verschwunden. Wahrscheinlich war sie schon unterwegs zur Wohnungstür, um für ihn aufzumachen.

Er trat ganz nahe an die Haustür und schob mit zitternden Fingern – er war sich nicht sicher, ob das Zittern von der Kälte oder hauptsächlich von seiner Angst herrührte – den Schlüssel ins Schloss. Er musste ihn mehrmals im Schloss drehen, bevor sich die Tür öffnen ließ. Ehe er ins Haus schlüpfte, sah er sich sicherheitshalber noch einmal um und lauschte gleichzeitig auf verdächtige Geräusche. Doch die Straße lag wie ausgestorben da,

(Gestorben, wie wahr!)

und außer seinem eigenen Schnaufen und dem Pochen des Blutes in seinen Schläfen nahm er kein anderes Geräusch wahr. Erleichtert huschte er durch den Spalt ins Treppenhaus, ließ die Tür hinter sich krachend ins Schloss fallen und lehnte sich dann erschöpft mit dem Rücken dagegen.

4

Er atmete mehrere Male tief durch und spürte dabei, wie sich ein Teil seiner enormen Anspannung auflöste, denn vorerst war er wieder in Sicherheit.

Er hatte es tatsächlich geschafft. Er hatte alles auf eine Karte, genauer gesagt, auf seine ehemalige

(… und letzte …)

Freundin Elke gesetzt und tatsächlich gewonnen. Jetzt konnte er in Ruhe mit ihr reden und ihr die ganze verfluchte Geschichte erzählen. Und im Gegensatz zu allen anderen würde sie ihm glauben, was er sagte, davon war er felsenfest überzeugt. Denn Elke war anders als die Typen in der Anstalt, die verständnisvoll nickten, ihn gleichzeitig aber insgeheim auslachten und dachten: Du kleiner irrer Scheißer bleibst bis zum Ende deines beschissenen Lebens in unserer VIP-Luxus-Suite für die total Durchgeknallten!

Nein, so wie diese Leute würde Elke niemals auf seine Geschichte reagieren, auch wenn diese sich noch so haarsträubend anhörte. Sie würde ihm nicht nur glauben, was er ihr erzählte, sondern würde ihm anschließend auch helfen, einen Ausweg aus diesem ausweglos erscheinenden Schlamassel zu finden. Auch wenn sie ihn dazu höchstpersönlich irgendwo hinbringen müsste, wo ihn seine Verfolger nicht fanden.

(Träum weiter, Junge. So einen Ort gibt es auf der ganzen verschissenen Welt nicht!)

Vielleicht doch. Denn unter Umständen reichte es schon, wenn Elke ihm Geld für ein Flugticket nach Südafrika, Südamerika oder nach Australien lieh. Diese Orte waren nicht nur beruhigend weit weg von hier, es lagen auch große und tiefe Meere dazwischen, die sogar für die unmenschlichen Wesen, die ihn jagten, nicht so leicht zu überwinden sein dürften. Außerdem war es dort nicht so kalt, sondern angenehm warm.

(Du vergisst, dass du schon ein Ticket gebucht hast, mein Freund, und zwar direkt in die Hölle. Da ist es übrigens auch schön warm …)

Das Aufflackern der Treppenhausbeleuchtung ließ die innere Stimme verstummen und riss ihn aus seinen Überlegungen.

Gleich darauf ertönte Elkes besorgte Stimme: »Rainer, alles in Ordnung bei dir?«

(Nichts ist in Ordnung, Baby. Überhaupt nichts!)

Er nickte so heftig, als wollte er auf diese Weise die grausame Stimme in seinem Kopf und ihre Lügen zum Schweigen bringen, bis ihm einfiel, dass Elke ihn gar nicht sehen konnte. »Ja, … ja, ich komme gleich«, rief er und machte sich auch sogleich daran, die alten Holzstufen hinaufzusteigen, die unter seinem Gewicht laut knarrten. Im Treppenhaus roch es intensiv nach Bohnerwachs.

Das Treppensteigen bereitete ihm größere Mühe, als er erwartet hatte. So erschöpft und müde, wie er momentan war, konnte er gut nachempfinden, wie man sich als alter Mann fühlen musste.

(So alt, wie du dich fühlst, wirst du nicht werden! Das werden deine Freunde nämlich nicht zulassen.)

Hinzu kam, dass nahezu sämtliche Knochen und Muskeln bei jedem Schritt Schmerzimpulse durch seinen geschundenen Körper schickten und die Wunde an seiner Stirn pochte, seit er das deutlich wärmere Treppenhaus betreten hatte.

Obwohl er nur in den ersten Stock musste, drohte ihn mehrmals die Kraft zu verlassen, und die Beine wollten ihm den Dienst versagen. Aber immerhin war er jetzt im Haus, und ein Zusammenbruch, der im Freien vermutlich unweigerlich zu seinem Tod geführt hätte, wäre hier drin nur ein Ärgernis. Doch er biss die Zähne zusammen und kämpfte sich tapfer und verzweifelt eine Stufe nach der anderen hinauf, als müsste er die letzten Meter bis zum Gipfel eines Achttausenders erklimmen. Schließlich konnte er seinem Körper in wenigen Augenblicken die dringend benötigte Ruhe gönnen, sobald er Elkes Wohnung erreicht hatte. Was bis vor Kurzem allerdings noch ein Kinderspiel für ihn gewesen war, wurde nun zu einem mittelschweren Martyrium, das einfach kein Ende zu nehmen schien.

Doch da bekanntlich alles irgendwann ein Ende hat,

(Insbesondere das Leben, hahaha!)

erreichte er schließlich die erste Etage.

Er fühlte sich, als hätte er soeben den Mount Everest bestiegen – zu Tode erschöpft, aber gleichzeitig stolz auf das eigene Durchhaltevermögen –, und blieb schwer atmend auf dem Treppenabsatz stehen, um zu verschnaufen und sich zu orientieren, wo er hinmusste. Rechts und links befanden sich Wohnungstüren, allerdings war die linke geschlossen, während die rechte weit und einladend offen stand. Im Wohnungsflur dahinter brannte Licht. Als die Lampen im Treppenhaus nach Ablauf der eingestellten Zeitdauer automatisch ausgingen, fiel nur noch durch die geöffnete Wohnungstür etwas Licht ins Treppenhaus. Das meiste wurde jedoch von der Gestalt abgeschirmt, die wie ein bedrohlicher schwarzer Schattenriss im hellen Rechteck der offenen Tür stand.

Rainers Herz setzte aus, als die finstere Gestalt die Hand hob. Einen schrecklichen Moment lang befürchtete er tatsächlich, seine Verfolger könnten ihm zuvorgekommen sein und einer von ihnen würde ihm gleich mit einem einzigen tödlichen Streich die Kehle aufschlitzen oder gleich den ganzen Kopf von den Schultern reißen.

Doch da erwachte die Treppenhausbeleuchtung zu neuem Leben, und in ihrem Licht erkannte er, dass es sich bei der Gestalt im Türrahmen nicht um einen seiner albtraumhaften Verfolger, sondern um Elke handelte, die die Hand gehoben hatte, um nach dem Lichtschalter zu greifen und das Licht anzuschalten. Nachdem sie das getan hatte, ließ sie die Hand wieder sinken und vergrub sie in der Tasche ihres Morgenmantels.

Keiner von beiden ergriff als Erster das Wort und sagte etwas. Stattdessen standen sie sich in einem Abstand von weniger als zwei Metern schweigend gegenüber, als würden sie von einer unsichtbaren Mauer getrennt werden, die aus den massiven Ziegeln der verstrichenen Zeit erbaut worden war, seitdem sie sich nicht mehr gesehen hatten und in der sie einander fremd geworden waren. Und wie zwei völlig Fremde, die sich zufällig an der Bushaltestelle oder an der Supermarktkasse begegneten, musterten sie sich nun aufmerksam gegenseitig, um sich ein erstes Bild vom jeweils anderen zu machen.

Trotz der Entfremdung, die aufgrund der vergangenen Jahre und ihrer getrennten Lebenswege, die so unterschiedlich verlaufen waren, unweigerlich eingetreten sein musste, entdeckte Rainer überraschend viel Vertrautes in seinem Gegenüber, sodass er Elke sogar dann sofort wiedererkannt hätte, wenn sie sich zufällig auf der Straße begegnet wären, denn sie hatte sich, seitdem er sie zuletzt gesehen hatte, ganz im Gegensatz zu ihm kaum verändert, so als wäre für sie beide unterschiedlich viel Zeit verstrichen. Daher kam es ihm nun auch so vor, als würden die vergangenen Jahre, die sie getrennt voneinander verbracht hatten, in diesem Augenblick des Wiedersehens dahinschmelzen wie ein Schneeball in der Hölle.

(Apropos Hölle. Ich störe diese schnulzige Wiedersehensszene zwar nur ungern, aber ich muss dich dennoch daran erinnern, dass du vermutlich noch vor Tagesanbruch genau dort landen wirst, wenn deine Verfolger dich in die Finger kriegen.)

Doch Rainer ließ es ausnahmsweise nicht zu, dass die bösartige Stimme in seinem Verstand ihn wie gewohnt irritierte und diesen kostbaren Moment mit ihrem verqueren Humor – oder mit dem, was sie für Humor hielt – zerstörte, und achtete nicht auf ihre gehässigen Worte.

Stattdessen fragte er sich, ob Elke in den letzten Jahren noch schöner geworden war, obwohl sie in seiner Erinnerung schon immer wunderschön gewesen war. Ihr hellblondes Haar, das er immer so geliebt hatte, war jetzt zwar ein Stück kürzer, als sie es damals getragen hatte, ansonsten hatte sich ihr Äußeres allerdings nicht großartig verändert. Und obwohl ihr Gesicht vom Schlaf gezeichnet war und müde wirkte und ihr Haar zerwühlt aussah, war sie in seinen Augen eine der attraktivsten Frauen, die er kannte.

(Na ja! Allzu viele Frauen kennst du ja nicht, oder?)

Der größte Unterschied zu früher bestand vermutlich darin, dass sie nicht mehr das junge Mädchen war, das er gekannt hatte, sondern eine erwachsene Frau. Dennoch drohte er nun erneut in ihren grünen Augen zu versinken, die über die Jahre nichts von ihrer Ausstrahlungskraft verloren hatten und noch genauso strahlten wie damals, als sie sich in der Diskothek kennengelernt hatten. Erinnerungen, die er lange Zeit tief in seinem Bewusstsein vergraben hatte, weil sie ihm Schmerzen bereitet hatten, überfluteten ihn plötzlich mit farbenfrohen, leuchtenden Bildern. Der erste etwas unbeholfene Kuss im strömenden Regen. Endlose Spaziergänge im Wald. Das erste Mal, als sie miteinander geschlafen hatten, dann aber alles so fürchterlich danebengegangen war und er sich trotz ihrer tröstenden Worte maßlos geschämt hatte. Immer neue Erinnerungsbilder kamen und drohten seinen Verstand zu überschwemmen. Doch obwohl er sie in diesem Augenblick genoss, riss er sich dennoch zusammen und verdrängte sie energisch. Schließlich war er nicht hierhergekommen, um in schönen Erinnerungen zu schwelgen. Sein Besuch hatte einen anderen, viel ernsteren Hintergrund.

5

Auch Elke musterte den nächtlichen Besucher, der vor ihr im Treppenhaus stand, aufmerksam. Sie musste allerdings mit Entsetzen feststellen, dass er nur noch wenig Ähnlichkeit mit dem Jungen von damals hatte, mit dem sie fast zwei Jahre lang zusammen gewesen war. Der Mann vor ihr sah nämlich eher aus wie etwas, das die Katze nach einem nächtlichen Beutezug nach Hause schleppt, nachdem sie es stundenlang gequält hat, und dann als Geschenk an ihre menschlichen Dienstboten auf der Türschwelle liegen lässt.

Er muss krank sein!, war daher Elkes erster Gedanke. Denn ihrer Meinung nach konnte sich kein Mensch in wenigen Jahren in solch einem Ausmaß verändern, wenn mit ihm gesundheitlich alles in Ordnung war.

Als sie ihn verlassen hatte, war er ein etwas pickeliger, aber dennoch attraktiver, lebenslustiger junger Mann von fast neunzehn Jahren gewesen. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie seine großen dunkelbraunen Augen sie traurig angesehen hatten, nachdem sie ihm mitgeteilt hatte, dass sie nicht nur ihre Beziehung beenden, sondern sogar aus dem Ort wegziehen würde.

Er hatte sie damals gar nicht nach den Gründen gefragt, weder für die Trennung noch für den Umzug. »Wenn du woanders hinziehst, ist eine Trennung vermutlich unumgänglich, obwohl es momentan noch verdammt wehtut«, hatte er bemüht tapfer gesagt und ihr zum Abschied einen letzten Kuss gegeben, allerdings nicht mehr auf den Mund, sondern nur noch auf die Stirn. Anschließend hatte er sich ohne ein weiteres Wort umgedreht und war mit hängendem Kopf weggegangen. Seine Schultern und sein Oberkörper hatten dabei gezuckt, als hätte er heftig geweint. Er hatte sich aber nicht mehr nach ihr umgesehen, während sie ihm hinterhergeblickt hatte, und seit diesem Moment hatten sie sich nicht mehr gesehen.

Rückblickend erkannte sie, dass es vermutlich das einzige Mal gewesen war, als sie ihn wirklich unglücklich gesehen hatte, denn sonst war er stets fröhlich und gut gelaunt gewesen. Und so überkamen sie plötzlich heftige Schuldgefühle, als sie sich fragte, ob etwa sie an seinem jetzigen Zustand schuld war, weil sie ihn damals verlassen hatte? Aber nein, beantwortete sie ihre Frage sogleich selbst, eine Trennung konnte doch nicht die Ursache für eine derart radikale Veränderung sein. Oder doch?

Aufgrund der lebhaften Erinnerung hatte sie noch immer ein deutliches Bild seines früheren Selbst vor Augen, das sich nun wie eine Doppelbelichtung über das schob, was sie vor sich sah, und so einen unmittelbaren Vergleich erlaubte.

Damals hatte er sein dunkelbraunes Haar schulterlang getragen und täglich gewaschen. Außerdem war stets tadellos rasiert gewesen. Sein jetziges Aussehen war Welten davon entfernt, sodass sie sich sie in diesem Moment am liebsten umgedreht hätte, zurück in ihre Wohnung gerannt wäre, die Tür hinter sich zugeschlagen und den Schlüssel umgedreht hätte. Denn der Mann, der ihr im kalten Licht der Treppenhausbeleuchtung gegenüberstand, konnte nie und nimmer derselbe Mensch sein, den ihre Erinnerung ihr zeigte. Stattdessen schien ein Fremdling vor ihr zu stehen, dem sie noch nie zuvor begegnet war.

Doch sie unterdrückte den Fluchtreflex und blieb, wo sie war, denn ihr Verstand wusste es besser und erkannte an einigen wenigen charakteristischen und unveränderlichen Merkmalen, dass es doch stimmte und es sich tatsächlich um Rainer handelte. Aber was konnte geschehen sein, dass sich ein Mensch innerhalb weniger Jahre so dramatisch zu seinem Nachteil verändert hatte?

Vielleicht ist das ja sein anderes, sein wahres Ich, flüsterte etwas in ihr, das sie nur entfernt an ihre eigene Stimme erinnerte, weil sie viel kühler, rationaler und emotionsloser klang. Das ist vermutlich die dunkle, zerstörerische Seite von ihm, die erst zum Vorschein kam, nachdem wir uns getrennt hatten. Doch sie brachte die innere Stimme, deren Emotionslosigkeit sie frösteln ließ, energisch zum Verstummen, und sah den Mann, der so fremd auf sie wirkte, stattdessen noch einmal etwas genauer an.

Wie das sprichwörtliche Gestalt gewordene Häufchen Elend stand er vor ihr und schien nicht nur etwas mehr als die vier Jahre, die tatsächlich vergangen waren, sondern mindestens zehn Jahre älter geworden zu sein. Die ehemals schulterlangen Haare waren nur noch halb so lang wie ein Streichholz und ungepflegt, und die verklebten Strähnen standen wie Borsten vom Kopf ab. Elke erkannte sogar einen Streifen aus weißem Haar, der sich wie eine gekrümmte Schlange quer über den Kopf zog. Rainers untere Gesichtshälfte war von schmutzstarrenden, teilweise ergrauten Bartstoppeln übersät, und der Mund war zu einem Ausdruck voller Bitterkeit verzogen, der auf lang erduldetes Leid hinzuweisen schien. Das Gesicht war so eingefallen und hager, dass man deutlich die darunterliegenden Knochen des Schädels erkennen konnte, und zahlreiche tiefe Furchen hatten sich kreuz und quer in die Haut gegraben, was vorwiegend dazu beitrug, ihn wesentlich älter aussehen zu lassen, als er tatsächlich war.

Doch was sie in diesem Moment an ihm am meisten erschreckte, waren seine Augen, die wie zwei entzündete Wunden wirkten. Sie waren dunkel umrandet und blutunterlaufen, lagen tief in ihren Höhlen und glänzten fiebrig. Vor allem gefiel Elke der Blick nicht, mit dem Rainer sie ansah, obwohl sie gar nicht hätte sagen können, was der sonderbare Ausdruck darin zu bedeuten hatte. Dennoch ließ er sie unwillkürlich erschaudern und machte ihr Angst. Man sagt ja, dachte sie, dass die Augen die Fenster zur Seele seien. Doch wenn das tatsächlich so war, dann wollte Elke lieber keinen intensiveren Blick durch diese beiden Fenster in Rainers Inneres werfen.

Siehst du denn nicht, dass er wahnsinnig ist und vermutlich komplett den Verstand verloren hat?, meldete sich erneut die Stimme in ihrem Kopf mit neu gewonnener Kraft zu Wort.

Doch bevor sie genauer über diese naheliegende Vermutung und die möglichen Konsequenzen für sich selbst nachdenken konnte, fiel ihr zum ersten Mal die Wunde in der Mitte seiner Stirn auf. Sie wirkte frisch, blutete allerdings nicht mehr, sondern war von einer dünnen Kruste aus geronnenem Blut bedeckt. Sie sah aus wie ein Stigma. Ihre berechtigten Zweifel an seiner geistigen Gesundheit wurden mit einem Schlag in den Hintergrund ihres Denkens gedrängt, als sie realisierte, dass er verletzt war und Hilfe benötigte. Und da sie in der Lage war, ihm zu helfen, indem sie ihn in ihre warme Wohnung ließ, ihm trockene Sachen zum Anziehen gab und seine Wunde verarztete, zögerte sie nun auch nicht mehr länger.

»O mein Gott, Rainer, du hast dir ja wehgetan!« Sie ging zu ihm, nahm den noch immer Reglosen kurzerhand am Arm und zog ihn mit sich in ihre Wohnung. Er ließ es geradezu emotionslos und teilnahmslos über sich ergehen, während seine Augen noch immer an ihrem Gesicht hingen, als wollte er jede einzelne neu hinzugekommene Linie darin erkunden. Elke konnte nun keine Spur mehr von dem entdecken, was ihr zuvor Angst eingejagt hatte, sondern nur noch das Leid und die Qualen darin erkennen, die er durchgemacht haben musste. Sie verbannte daher fürs Erste alle Zweifel und Ängste aus ihrem Bewusstsein – Habe ich mich denn tatsächlich vor ihm, vor Rainer gefürchtet?, fragte sie sich verwundert. –, denn es war nun wichtiger, dass seine Verletzung versorgt wurde und er aus den nassen Sachen und ins Warme kam. »Los, komm mit! Ich werde deine Wunde versorgen. Das sieht ja böse aus. Wer hat dich denn so zugerichtet?« Die Worte sprudelten jetzt nur so aus ihr heraus, als wollte sie die emotionslose Stimme in ihrem Hinterkopf damit zum Schweigen bringen.

Doch die Zweifel waren, einmal geweckt, hartnäckig und ließen sich nicht so einfach beiseite drängen. Wie unerwünschte Besucher klopften sie erneut leise an die Pforte ihres Verstandes und begehrten energisch Einlass in ihr Denken. Was ist nur mit ihm geschehen?, fragten sie. Und weiter: Vor wem oder was fürchtet er sich nur dermaßen? Denn dass er große Angst hatte, das konnte man deutlich sehen? Und ist das, vor dem er davonzulaufen scheint, noch immer hinter ihm her? Wird es ihn vielleicht sogar bis hierher, bis in meine Wohnung verfolgen? Eine Frage folgte der anderen, bis sie in ihrem Verstand umeinander kreiselten wie in einem Kettenkarussell.

Elke hatte jetzt jedoch weder Zeit noch Lust, sich Gedanken über mögliche Antworten auf diese Fragen zu machen. Daher schloss sie nicht nur energisch die Wohnungstür hinter ihnen, sondern gleichzeitig auch in ihrem Verstand eine imaginäre Tür zwischen ihrem Denken und den wirbelnden Fragen.

Sie ließ Rainers Arm los, der kraftlos nach unten fiel wie bei einer Marionette, deren Fäden durchtrennt worden waren. Für den Bruchteil einer Sekunde verkrampften sich die Finger zitternd und ballten sich zur Faust, ehe sie sich wieder entspannten.

Während sie das beobachtete, lief Elke ein weiterer Schauder über den Rücken, der sich wie ein eiskalter Knochenfinger anfühlte, der an ihrer Wirbelsäule entlang nach unten strich. Sie befand sich in einem inneren Zwiespalt, denn einerseits litt sie mit Rainer und wollte ihm unbedingt helfen, andererseits machte er ihr aber auch ein bisschen Angst. Dabei konnte sie nicht einmal sagen, vor was sie sich mehr fürchtete: vor Rainer selbst oder vor dem, was in der Lage war, ihm solche Angst einzujagen, und vor dem er davonlief.

»Ich bin hingefallen«, sagte er plötzlich in einer Art und Weise, die sie unweigerlich an ein kleines Kind erinnerte. Es dauerte einen kurzen Moment, bevor Elke begriff, dass es sich um die verspätete Antwort auf ihre Frage nach seiner Stirnverletzung handelte. Trotzdem erweckte er noch immer den Eindruck eines Schlafwandlers, wie er mit herabbaumelnden Armen und schlaffem Gesichtsausdruck vor ihr stand. Er sah ihr zwar in die Augen, schien sie jedoch überhaupt nicht wahrzunehmen, sondern durch sie hindurchzusehen.

Dann jedoch straffte sich sein Körper, und er schien wieder in die Realität zurückzufinden, als wäre er soeben aus einem Traum erwacht. In seine Augen kehrte Leben zurück, und er sagte mit flehender Stimme: »Elke, du musst mir unbedingt helfen!«

Sie sagte nichts dazu, nahm ihn stattdessen erneut am Arm und ging mit ihm durch den Flur ins Wohnzimmer, wo sie ihn wortlos zu einem schwarzen Ledersessel führte. Er nahm zwar gehorsam Platz, als sie ihn mit einer Geste dazu aufforderte, doch sein ganzer Körper wirkte dabei angespannt und wie auf dem Sprung, als rechnete er damit, jeden Moment wieder aufspringen und davonlaufen zu müssen.

Sie bemühte sich, ihn zu beruhigen und ihm ein wenig seiner Angst zu nehmen. »Natürlich helfe ich dir, soweit ich dazu in der Lage bin, Rainer. Das versteht sich doch von selbst. Aber zuallererst werde ich mich um deine Verletzung kümmern. Ich muss den Dreck entfernen, damit sie sich nicht entzündet. Aber vorher ziehst du gefälligst die nassen Sachen aus. Ich hol dir so lange trockene Sachen zum Anziehen.«

Er nickte wie ein folgsames Kind, das artig seiner Mutter zuhörte, während Elke erstmals seine Kleidung genauer in Augenschein nahm. Sie war nicht nur nass, wie sie jetzt sah, sondern auch ziemlich verdreckt, so als hätte er darin mehrere Tage und Nächte im Wald verbracht. Außerdem waren es offensichtlich keine Kleidungsstücke, die man in seiner Freizeit anhatte. Es handelte sich um eine Hose, ein Hemd und eine kurze Jacke aus strapazierfähigem, blauem Stoff, die der robusten Berufsbekleidung von Handwerkern oder Bauarbeitern ähnelten. Trotz des festen, groben Stoffs waren die Kleidungsstücke für die gegenwärtige Witterung viel zu dünn, sodass es kein Wunder war, dass Rainer einen durchgefrorenen Eindruck machte. Darüber hinaus waren ihm die Sachen mindestens eine Nummer zu groß, unmodern geschnitten und wirkten eher wie die Kleidung eines Strafgefangenen oder eines …

Sie würgte den Gedanken ab, ehe er sich vervollständigen konnte, schüttelte energisch den Kopf und schalt sich selbst eine Närrin. Rainer benötigte jetzt zuallererst ihre Hilfe. Seine Wunde musste versorgt werden und er brauchte trockene Sachen zum Anziehen. Über alles andere konnte sie sich später immer noch Gedanken machen.

Sie wandte sich abrupt ab und verließ das Wohnzimmer, um trockene Kleidung aus ihrem Schlafzimmer und Verbandsmaterial aus dem Bad zu holen.

6

Nachdem Elke ihn allein gelassen hatte, sah sich Rainer zum ersten Mal genauer in dem kleinen Wohnzimmer um, in dem er gelandet war. Dabei löste sich nach und nach seine innere Anspannung, und er begann langsam damit, sein Hemd aufzuknöpfen.

Sein interessierter Blick fiel als Erstes auf eine Schrankwand aus hellem Holz, die beinahe die gesamte Längswand einnahm, die dem noch immer offen stehenden Fenster gegenüberlag. In den zahlreichen Fächern standen die üblichen Dinge: Bücher, Bilderrahmen, Fotoalben, eine kleine kompakte Stereoanlage, ein Fernsehgerät und verschiedene Ziergegenstände aus Porzellan und Glas. Ein Stück weiter rechts, neben der Tür, stand ein kleineres Rattan-Regal, auf dem mehrere Zimmerpflanzen ihren Platz gefunden hatten. Den Rest des Raumes nahm eine lederne Sitzgruppe ein, die aus einer kleinen Couch und zwei Sesseln bestand, die sich um einen niedrigen Couchtisch mit gläserner Platte gruppierten. Und überall an den Wänden hingen Schwarz-Weiß-Zeichnungen in den unterschiedlichsten Größen.

Auch ohne einen näheren Blick auf die Bilder wusste er, dass sie ausnahmslos von Elke stammten. Schon damals, als sie noch in ihrem gemeinsamen Heimatort gelebt hatte und sie miteinander gegangen waren, wie man so sagte, war sie eine begabte Zeichnerin gewesen und musste ihr Talent an der hiesigen Kunsthochschule in den letzten Jahren noch um Einiges verfeinert haben.

Als sie noch zusammen gewesen waren, hatte sie auch von ihm ein Porträt gezeichnet und ihm zum neunzehnten Geburtstag geschenkt. Nach ihrer Trennung hatte er die gerahmte Zeichnung gehütet wie seinen Augapfel und ihr einen Ehrenplatz eingeräumt. Sie hatte direkt neben seinem Bett an der Wand gehangen, sodass er sie jeden Abend vor dem Einschlafen und jeden Morgen nach dem Aufwachen ansehen konnte. Und dabei hatte er stets sehnsuchtsvoll an Elke gedacht.

Doch er besaß das Bild längst nicht mehr. Es war den Flammen zum Opfer gefallen.

Der Gedanke genügte, um eine ganze Reihe von Erinnerungsbildern an das Feuer heraufzubeschwören, das sein gesamtes Hab und Gut vernichtet hatte. Doch daran wollte er jetzt gar nicht denken, sondern lieber den kostbaren Augenblick genießen in dem Wissen, dass er in Elkes Wohnzimmer saß und sie nur wenige Schritte von ihm entfernt war. Zum Glück kehrte Elke in diesem Moment ins Wohnzimmer zurück. Ihr Auftauchen lenkte seine ganze Aufmerksamkeit auf sie und sorgte dafür, dass sich die schlimmen Erinnerungen auflösten wie Nebelschwaden im Sonnenlicht. Über Elkes linkem Unterarm hing frische Wäsche, während sie in der rechten Hand einen kleinen Verbandskasten trug. Sie legte die Kleider auf den Glastisch und setzte sich dann neben ihn auf die Sessellehne.

»Dann lass uns mal mit dem Verarzten anfangen, Rainer«, sagte sie, während sie den Verbandskasten öffnete.

Rainer zuckte mehrere Male zusammen, als sie die verkrustete Wunde sorgfältig reinigte und dann mit Desinfektionsmittel behandelte, und zerbiss mehr als nur einen Schmerzenslaut tapfer zwischen den Zähnen. Doch die Behandlung war relativ rasch vorbei, da die Wunde nicht so schwerwiegend war, wie sie aussah. Zum Abschluss klebte Elke noch ein großes Pflaster über die Verletzung.

»Gut, das war’s schon«, sagte sie zufrieden, stand auf und ging zum Fenster, um es zu schließen. »Und jetzt zieh dich bitte um, bevor du dir in den nassen Sachen noch den Tod holst. Ich mach uns inzwischen Kaffee. Den können wir wahrscheinlich beide ganz gut gebrauchen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ sie das Zimmer erneut, um ihm Gelegenheit zu geben, sich ungestört umzuziehen.

Sobald Elke das Zimmer verlassen hatte, entledigte er sich rasch seiner Kleidung. Er fröstelte ein wenig, als er nur in Unterhose dastand, denn da das Fenster eine Weile offen gestanden hatte, war es etwas kühl im Zimmer.

Während er die trockenen Sachen anzog, die sie für ihn hingelegt hatte, echote ein Satz von Elke durch seinen Verstand, als wäre es ein Ohrwurm, den man im Radio gehört hat und nicht mehr aus dem Kopf kriegt: Und jetzt zieh dich bitte um, bevor du dir in den nassen Sachen noch den Tod holst, hatte sie gesagt. Dabei waren nasse Klamotten seine geringste Sorge, denn der Tod war ihm schon längst leibhaftig ganz dicht auf den Fersen und scherte sich vermutlich einen Dreck darum, ob er ihn in trockener oder nasser Kleidung in die Finger bekam. Auch jetzt, in diesem Moment, lauerte er irgendwo dort draußen, aber zweifellos ganz in der Nähe in der Finsternis und wartete nur auf den richtigen Moment und die passende Gelegenheit, um vernichtend zuschlagen zu können. Hoffentlich kam er wenigstens nicht auf die Idee, hierher in Elkes Wohnung zu kommen.

Nachdem Rainer sich fertig umgezogen und wieder hingesetzt hatte – die schlabbrige Jogginghose aus dunkelblauem Stoff, der weite Kapuzenpullover und die Tennissocken mussten Elke gehören, passten ihm aber trotzdem ganz gut, weil er viel dünner war als früher –, kehrte Elke zurück, in den Händen zwei große dampfende Tassen mit aromatisch duftendem Kaffee. Eine stellte sie vor ihm auf den Tisch. Er bedankte sich mit einem Nicken und nahm sofort einen großen Schluck. Elke setzte sich ihm gegenüber auf die Couch, schlug die Beine übereinander und trank aus ihrem Kaffeebecher, den sie mit beiden Händen umfasst hielt, als wäre ihr kalt und sie müsste sich daran aufwärmen.

Rainer schloss für einen Moment die Augen und genoss das angenehme Gefühl, als ihn die wohlschmeckende, heiße Flüssigkeit erfüllte und von innen wärmte. Um die angenehme Empfindung perfekt zu machen, fehlte seiner Meinung nach nur noch eine Dosis Nikotin. »Hast du auch Zigaretten da?«, fragte er Elke, während er darüber nachdachte, wie lange er schon nicht mehr geraucht hatte. Es musste Monate her sein, seit er sich zum letzten Mal eine Zigarette angesteckt hatte.

Elke nickte, stellte ihre Tasse auf den Tisch und brachte aus einer der beiden großräumigen Taschen an ihrem Morgenmantel eine Zigarettenschachtel und ein Einwegfeuerzeug zum Vorschein. Nachdem sie sich selbst eine Zigarette genommen und angezündet hatte, warf sie ihm Schachtel und Feuerzeug über den Tisch hinweg zu.

Es gelang ihm zumindest, mit einer Hand das Feuerzeug zu fangen. Die Schachtel landete in seinem Schoß, richtete dort jedoch aufgrund ihres geringen Gewichts keinen Schaden an.

»So, Rainer, jetzt erzähl mir aber bitte mal, was hier eigentlich los ist!«, forderte Elke ihn auf, während er sich eine Zigarette zwischen die Lippen steckte und mit dem Feuerzeug in Brand setzte. »Zuerst rufst du mich am Abend aus heiterem Himmel an, nachdem wir jahrelang nichts voneinander gehört haben, und zwar, wie du sagtest, vom Bahnhof, von wo man sogar zu Fuß in weniger als zwanzig Minuten hier sein kann. Dennoch dauert es anschließend fast fünf Stunden, bis du endlich hier aufkreuzt. Und dann auch noch in diesem erbärmlichen Zustand.« Dabei deutete sie mit der Hand, in der sie die Zigarette hielt, zuerst auf seine bepflasterte Stirn und danach auf die abgelegte, schmutzige Kleidung, die in einem Haufen auf dem Boden neben seinem Sessel lag.

»Sie … sie verfolgen mich!«, platzte es aus ihm heraus, bevor er auch nur überlegen konnte, wie er seine Geschichte vernünftigerweise beginnen sollte, ohne sofort wie ein Irrer mit Verfolgungswahn zu wirken.

Elke hob überrascht die Augenbrauen und machte den Mund auf, als wollte sie etwas darauf erwidern, schloss ihn dann aber doch wieder, ohne einen Laut von sich zu geben.

Durch ihr Schweigen fühlte sich Rainer ungewollt dazu veranlasst, weitere Einzelheiten preiszugeben, auch wenn ihm gleichzeitig bewusst war, dass sie Elke vermutlich wenig halfen, da sie momentan noch zu wenig wusste und deshalb die Zusammenhänge nicht kannte. »Sie kommen jedes Jahr zurück! Letztes Jahr konnte ich ihnen gerade noch entkommen, aber sie geben einfach keine Ruhe!«

»Von wem sprichst du überhaupt, Rainer?«, fragte Elke nun doch nach, als hätte sie erkannt, dass sie seine Überlegungen durch gezielte Fragen in die richtigen Bahnen lenken musste, um vernünftige Antworten zu bekommen und die Geschichte von Anfang an zu hören. »Wer gibt keine Ruhe? Etwa die Polizei? Und warum verfolgen sie dich? Hast du eine Dummheit begangen?«

»Eine Dummheit!«, wiederholte er und schüttelte heftig den Kopf. Dann winkte er mit der linken Hand ab, als wäre schon der Gedanke lächerlich und abwegig. Er seufzte tief, bevor er antwortete: »Nein, nicht die Polizei. Es ist … es ist viel schlimmer, denn die … die wollen mich nicht bloß verhaften oder verprügeln. Nein, die wollen mich umbringen!« Er wusste, dass sich seine Worte für sie anhören mussten wie aus einem Dialog in einem der grottenschlechten Filme, die im Fernsehen aus gutem Grund meist lange nach Mitternacht und nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit gezeigt wurden. Aber im Moment fehlten ihm einfach die richtigen Gedanken und Worte, sich verständlicher auszudrücken. Und wer nicht wie er alles selbst erlebt hatte, der konnte es ohnehin nicht so leicht verstehen oder glauben. Er seufzte noch einmal, ehe er hilflos mit den Schultern zuckte. Er senkte den Blick und sah zu Boden, als wären dort mit viel Glück die Worte zu finden, nach denen er in seinem verwirrten Verstand bislang vergeblich gesucht hatte.

7

»Umbringen?«, wiederholte Elke zögernd und skeptisch wie ein unsicher gewordenes Echo. »Aber wieso denn? Und wer überhaupt? Handelt es sich um Kriminelle? Hast du dich mit den falschen Leuten eingelassen?« Die Fragen, die seine Worte in ihr erzeugt hatten, schossen mit der Geschwindigkeit eines Schnellfeuergewehrs aus ihr heraus.

Elke war entsetzt, denn Rainers Probleme besaßen allem Anschein nach weitaus größere Dimensionen, als sie zunächst angenommen hatte. Sofern das, was er sagte, überhaupt stimmte. Schließlich hatte sie Rainer schon ganz am Anfang im Treppenhaus einen kurzen Moment lang für wahnsinnig gehalten. Vielleicht war er das ja tatsächlich und bildete sich in seinem Wahn imaginäre Verfolger ein, die es angeblich auf sein Leben abgesehen hatten. Verfolgungswahn oder Paranoia nannte man so etwas wohl. Und falls er ihr als Nächstes auch noch erzählte, dass er der einzige Mensch wäre, der die Welt vor diesen Unholden retten könnte, würde sie vermutlich keine Sekunde länger zögern, schnurstracks zum Telefon marschieren und die Polizei rufen. Aber noch schreckte sie vor diesem Schritt zurück, denn vielleicht tat sie ihm ja Unrecht, und er wurde wirklich verfolgt.

Rainer blinzelte nervös und schluckte krampfhaft, als hätte er einen dicken Kloß im Hals. Er vermied direkten Augenkontakt und ließ seinen Blick stattdessen ziellos umherschweifen, als könnte er die Antworten auf ihre Fragen an den Wänden ablesen. Dabei befanden sich die Antworten in seinem eigenen Verstand. Allerdings schien er große Angst davor zu haben, sie würde ihm nicht glauben. Dass sie ihm vielleicht gar nicht glauben wollte, weil er sich schon die ganze Zeit wie ein Verrückter benahm. Und vielleicht befürchtete er ja – zu Recht, wie Elke insgeheim zugeben musste – sie könnte schon nach seinen ersten Erklärungsbemühungen einfach aufstehen und die Polizei rufen, damit jemand kam und ihn umgehend abholte.

Elke ahnte, dass es momentan so oder ähnlich hinter seiner gerunzelten Stirn zugehen musste. »Bitte, Rainer«, beschwor sie ihn daher sanft, »sag mir doch endlich, was los ist. Ich glaube dir ja, dass du Hilfe brauchst. Und ich möchte dir ja auch gerne helfen. Das kann ich aber nicht, solange ich nicht weiß, was mit dir geschehen ist und vor wem du davonläufst. Also tu mir bitte diesen Gefallen und fang endlich an zu reden!«

Rainer seufzte tief und drückte seine Kippe im Aschenbecher aus. Dabei zitterte seine Hand so stark, dass er beinahe seine Kaffeetasse umgestoßen hätte, die direkt danebenstand.

»Du hast ja recht«, sagte er nach kurzem Nachdenken. »Schließlich bin ich hierhergekommen, um dir alles zu erzählen.« Erneut legte er eine Pause ein und runzelte nachdenklich die Stirn, als wollte er endlich die richtigen Worte finden und damit den schlechten Eindruck, den sie bislang von ihm gewonnen haben musste, nicht noch verschlimmern. »Zuerst einmal: Es … es sind keine Kriminellen, die mich verfolgen. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinn, auch wenn sie gesetzeswidrige Dinge tun, sondern eher … Wie soll ich es bloß ausdrücken? Also, diejenigen, die mich jagen, sind eigentlich … noch schlimmer und gnadenloser als gewöhnliche Verbrecher. Kriminelle können einen allenfalls töten, aber was meine Verfolger tun und auch mit mir vorhaben, ist viel schrecklicher. Sie … sie töten ihre Opfer nämlich nicht nur, sondern rauben ihnen anschließend auch irgendwie die Seele, damit sie so werden wie sie.«

Elkes Unglaube musste deutlich auf ihrem Gesicht abzulesen sein, doch Rainer achtete nicht darauf. Er sah sie nicht einmal an. Sie beschloss allerdings, noch etwas Geduld mit ihm zu haben und ihm zumindest die Chance zu geben, alles zu erklären. Vielleicht hatte er sich ja auch nur missverständlich ausgedrückt und es gar nicht wortwörtlich so gemeint, wie er es gerade gesagt hatte: … rauben ihnen anschließend auch irgendwie die Seele, damit sie so werden wie sie?

Er schien nicht zu ahnen, auf welch schmalem Grat ihr Verständnis balancierte, trank einen Schluck Kaffee und zündete sich eine neue Zigarette an. Erst dann fuhr er fort, und seine Stimme, die leise begann, gewann mit jedem Wort an Lautstärke und Festigkeit: »Am besten fange ich wohl bei null an, ganz am Anfang der Geschichte. Also gut, alles … alles begann vor vier Jahren, nur wenige Monate, nachdem du den Ort verlassen hattest und hierher gezogen warst.«

Er verstummte, verzog ein wenig das Gesicht und schluckte betreten, als überkämen ihn plötzlich schmerzhafte Erinnerungen an ihre Trennung. Er wandte den Kopf ab und starrte auf die Zeichnungen an den Wänden.

Elke zündete sich ebenfalls eine neue Zigarette an, lehnte sich auf der Couch zurück und sog den Rauch tief in ihre Lungen. Sie sagte jedoch nichts, sondern schwieg und wartete geduldig, dass er seine Erzählung von sich aus fortsetzte. Sie hoffte, dass es bald geschah, denn sie wollte endlich die ganze Geschichte hören und erfahren, wer oder was die Verantwortung dafür trug, dass aus Rainer dieses menschliche Wrack geworden war.

Ihre Geduld wurde belohnt, denn unvermittelt, wie auf ein unhörbares Kommando, riss Rainer seinen Blick von den Bildern los und richtete ihn erstmals wieder auf seine Zuhörerin. In seinen Augen war nun nichts mehr von dem irrsinnigen Funkeln zu sehen, das Elke zuvor dort wahrgenommen zu haben glaubte, als er sich innerlich einen Ruck zu geben schien und seine Erzählung fortsetzte:

»Nachdem du damals so plötzlich und total aus meinem Leben verschwunden warst, ging es mir eine Zeitlang nicht so gut. Die Trennung machte mir anfangs noch ziemlich zu schaffen. Allerdings musste das Leben ja trotzdem irgendwie weitergehen, und vielleicht, so versuchte ich mich zu trösten, fand ich ja demnächst wieder jemanden, bei dem ich mich so wohlfühlte wie bei dir früher. Schließlich war ich noch jung und hatte den größten Teil meines Lebens noch vor mir. Zumindest dachte ich das damals, als ich noch nichts von den schrecklichen Dingen ahnte, die uns bevorstanden. Aber ich sollte nicht schon wieder vorgreifen und alles schön der Reihe nach erzählen. Also, wo war ich? Ja, genau, mein Leben ging auch nach der Trennung noch irgendwie weiter. Ich besuchte weiterhin das Gymnasium und traf mich mit meinen Freunden. Unsere Clique, die damals aus fünf Jungs bestand, war mein einziger Trost in dieser Zeit und half mir über viele schwere Stunden hinweg. Wie du dich vermutlich noch erinnern kannst, gingen wir alle auf dieselbe Schule und verbrachten auch den größten Teil unserer Freizeit zusammen. Am Wochenende trafen wir uns am Abend meistens in unserer örtlichen Stammkneipe, dem Gasthof zum Hirschen, wo wir uns dann überlegten, was wir noch unternehmen könnten. So war es auch an jenem verhängnisvollen Abend, als alles begann …«

ZWEITES KAPITEL

1984 - Die erste Schreckensnacht

1

»Im Gegensatz zu euch Pappnasen könnte ich jederzeit eine Nacht im Leichenhaus verbringen, ohne dass es mir etwas ausmachen würde!«, behauptete Uli mit lauter Stimme, wobei seine Worte schon etwas undeutlich und verwaschen klangen, nachdem er mit einem einzigen kräftigen Zug sein halb volles Bierglas geleert hatte, und schlug wie zur Verdeutlichung seiner Worte mit der geballten Faust auf den Tisch. Sämtliche Gläser und der restlos überfüllte Aschenbecher hoben kurzzeitig von der Tischplatte ab und landeten Sekundenbruchteile später wieder scheppernd. Wie durch ein Wunder gab es weder Scherben noch Bierlachen. Lediglich ein paar verkrümmte Zigarettenkippen wurden aus dem Aschenbecher gewirbelt und purzelten wie gefallene Miniatursoldaten auf einem Schlachtfeld über die Tischplatte.

Wie immer saßen wir fünf an dem runden Tisch im Hintergrund der Wirtschaft, unserem Stammplatz. Und da ich Uli heute zufällig gegenübersaß, konnte ich ihm direkt in seine glasigen Augen blicken. Den Ausdruck, den ich in diesem Augenblick dort sah, kannte ich, denn er bekam diesen ganz speziellen Blick immer dann, wenn er ein oder gerne auch zwei bis drei Bier zu viel intus hatte.

Ich hatte an diesem Abend zwar auch schon ein paar Gläser getrunken, wie immer am Wochenende und vor allem seit der Trennung, ich war aber noch deutlich nüchterner als mein Gegenüber. Das lag in erster Linie daran, dass Uli absolut keinen Alkohol vertrug. Das wussten alle – er und ich ebenso wie Bernie, Mark und Martin, die auch am Tisch saßen und im Vergleich zu Uli ebenfalls noch relativ nüchtern wirkten –, dennoch schüttete er den Gerstensaft immer wieder ohne Rücksicht auf Verluste literweise in sich hinein, als gäbe es kein Morgen.

»Keiner von euch vier Jammergestalten hätte doch, ganz im Gegensatz zu mir, jemals den Mut, eine ganze Nacht in einem Leichenhaus zu verbringen«, fuhr Uli fort, ehe er nach der Bedienung rief.

Ich wusste schon nicht mehr, wer das Thema als Erster zur Sprache gebracht hatte, doch irgendwie waren wir mit unserer Unterhaltung an diesem Abend beim örtlichen Leichenhaus gelandet. Jeder von uns kannte es, wenn auch in den meisten Fällen zum Glück nur von außen. Es stand am Rande des kleinen Friedhofs, der etwas außerhalb unseres Ortes lag, und hatte im Grunde nichts ausgesprochen Furchterregendes an sich. So hatte beispielsweise noch nie jemand behauptet, dass es darin spucken würde oder dort nachts die Toten umgingen. Dennoch übte das einsame steinerne Gebäude, gewissermaßen der Wartesaal der Toten, in dem sie die Zeit bis zu ihrem Begräbnis ausharren mussten, eine bestimmte Faszination auf uns Jugendliche aus. Von daher mochte Uli mit seiner Behauptung gar nicht so unrecht haben, denn schon allein die Vorstellung, mit einem oder mehreren kürzlich Verstorbenen eine Nacht oder auch nur wenige Stunden in ein und demselben Raum zu verbringen, ließ mich nicht nur erschaudern, sondern bescherte mir darüber hinaus eine Gänsehaut und brachte meine Fantasie dazu, eine ganze Reihe furchtbarer Schreckensszenarien heraufzubeschwören. Vielleicht sollte ich einfach nicht mehr so viele Horrorromane lesen.

»Du meinst also, du hättest als Einziger von uns den Mut dazu. Hab ich dich richtig verstanden?«, fragte Bernie, der rechts neben mir saß, und hatte dabei ein listiges Funkeln in den Augen. Allerdings schien Uli es nicht zu bemerken, vielleicht war es ja nur mir aufgefallen. Bernie war nicht nur der Älteste in unserer Clique, sondern auch der Größte – zumindest hinsichtlich der Körpergröße. Vor einigen Monaten hatte er sich spontan dazu entschlossen, sich fortan nicht mehr zu rasieren, um sich einen Bart sprießen zu lassen. Seine Barthaare hatten jedoch im Gegensatz zu seinem hellbraunen Kopfhaar eine rötliche Färbung angenommen und wuchsen nur an einzelnen Stellen, sodass seine Ausbeute bislang nur für einen kümmerlichen Ziegenbart an seinem Kinn reichte.

Bernie sah Uli durch seine starken Brillengläser hindurch grimmig an und schien auf dessen Antwort geradezu zu lauern. Auch Martin, Mark und ich warteten gespannt, was Uli darauf erwidern würde, denn aus langjähriger leidvoller Erfahrung wussten wir alle nur allzu gut, dass Uli nach ein paar Bierchen sein Maul immer besonders gern und vor allem extrem weit aufriss. Er war dann ein Prahlhans und Aufschneider sondergleichen, was uns immer wieder gewaltig auf die Nerven ging, aber bis zu diesem Tage war es uns leider nicht gelungen, ihm eine Lehre zu erteilen und sein großes Mundwerk zu stopfen.

Heute Nacht allerdings, das ahnte ich in diesem Moment instinktiv, hatten wir vielleicht endlich die einmalige Chance, ihm genau den Denkzettel zu verpassen, den er meiner Meinung nach längst verdient hatte und den er sich hoffentlich in Zukunft zu Herzen nahm. Damit es klappte, mussten wir jedoch geschickt vorgehen, sonst roch er den Braten womöglich und machte im letzten Moment doch noch einen Rückzieher.

Uli schien nach einer passenden Antwort zu suchen und starrte dazu in sein leeres Bierglas, als könnte er sie dort finden. Aber vielleicht fragte er sich in seinem Rausch auch nur, warum es schon wieder leer war. Wie auch immer, nach einer Weile blickte er auf jeden Fall auf und sah uns der Reihe nach an, wobei ganz langsam, wie in Zeitlupe, ein Grinsen auf seinem Gesicht erschien. Ich ging schon vom Schlimmsten aus und befürchtete, er hätte uns durchschaut und würde unter irgendeinem Vorwand ablehnen. Doch zu meiner großen Überraschung sagte er mit lauter, leicht verwaschener Stimme: »Aber ‘türlich. J…j…jederzeit!« Und als befürchtete er, wir hätten ihn nicht verstanden, nickte er dazu mehrmals heftig.

Während ich mich bemühte, eine neutrale Miene aufrechtzuerhalten, triumphierte ich innerlich. Endlich!, dachte ich. Endlich haben wir die einzigartige Gelegenheit, ihm sein großes Maul zu stopfen! Aber jetzt durften wir uns bloß keinen Fehler erlauben.

Der konsumierte Alkohol schien bei Uli allmählich seine volle Wirkung zu entfalten. Er strich sich mit einer unsicheren Bewegung über sein müde aussehendes Gesicht und rieb sich dann die geröteten Augen. Seine Lider hingen schon auf halbmast, als wollten sie sich jeden Moment endgültig schließen, und die dunklen, lockigen Haare, die inzwischen wieder einigermaßen nachgewachsen waren, nachdem ein anderer Freund von ihm sie vor wenigen Monaten im Suff abrasiert hatte, hingen traurig nach unten. Genauso wie die vereinzelten Barthaare, die noch jämmerlicher als bei Bernie aussahen, und daher eher lächerlich als männlich wirkten.

Die Bedienung kam an unseren Tisch und brachte Uli das Bier, das er bestellt hatte. Vermutlich Nummer fünf oder sechs, so genau hatte ich nicht mitgezählt. Martin und ich nutzten die Gelegenheit, tranken unsere Gläser leer und gaben sie der jungen Frau mit dem Wunsch nach Nachfüllung mit auf den Weg. Erst als sie wieder außer Hörweite war, setzten wir unsere Unterhaltung fort.

»Wenn du wirklich so mutig bis, wie du sagst, dann kannst du uns ja gleich in der kommenden Nacht beweisen, ob du das tatsächlich schaffst oder hier wieder mal nur heiße Luft produzierst«, schlug Bernie vor.

Ich nickte zustimmend und fischte mir eine Camel aus der Schachtel. Beim Anzünden musste ich wider Willen an leblose Körper in Leichenhäusern denken. Dank des Tabaks und der unzähligen Giftstoffe, die im Zigarettenrauch enthalten waren, würde ich ihnen vermutlich ohnehin eher früher als später Gesellschaft leisten. Ich erschauderte bei diesem Gedanken und drückte die Zigarette schon nach den ersten beiden Zügen im vollen Aschenbecher aus, weil sie mir auf einmal nicht mehr schmeckte.

Ulis Antwort auf Bernies Vorschlag ließ unterdessen auf sich warten, obwohl wir alle sehr gespannt darauf waren. Doch er machte es spannend und ließ uns zappeln, während er entweder ernsthaft darüber nachdachte, die Herausforderung anzunehmen, oder, was ich eher glaubte, in seinem berauschten Gehirn nach einem Weg suchte, wie er sich aus dieser unangenehmen Situation wieder herauswinden konnte. Doch dann, nachdem ich schon fast die Hoffnung aufgeben wollte, heute noch eine Antwort von ihm zu hören, legte er die Stirn in einer zu theatralisch wirkenden Weise in Falten, als dass es überzeugend ausgesehen hätte, wiegte betont zweifelnd den Kopf hin und her und meinte, für seinen Zustand erstaunlich klar und eloquent: »Ich persönlich hätte natürlich absolut nichts dagegen, es zu tun, aber … Na ja, ich weiß natürlich nicht, was meine Mutter zu so einem Schwachsinn sagt, wenn ich ihr erzähle, dass ich nicht zu Hause schlafen kann, weil ich wegen einer idiotischen Wette die Nacht im Leichenhaus verbringen muss.«

»Deine Mutter?«, entfuhr es mir. Ich war so überrascht, dass ich Augen und Mund gleichzeitig weit aufriss. Ich hatte mit allen möglichen Ausreden gerechnet, allerdings nicht mit dieser. Schließlich war Uli volljährig und damit schon lange kein kleines Kind mehr, das seine Mutter jedes Mal um Erlaubnis fragen musste, wenn er über Nacht wegblieb, um mit seinen Freunden einen draufzumachen.

»Erzähl jetzt bloß nicht so einen Scheiß, Mann!«, rief Martin wütend, wobei Speicheltröpfchen aus seinem Mund flogen, und packte Uli, der neben ihm saß, grob am Oberarm, als wollte er ihn jetzt gleich höchstpersönlich zum Leichenhaus zerren.

Ich hob überrascht die Augenbrauen, denn so aufbrausend hatte ich Martin selten erlebt. Er war sonst die Ruhe in Person, aber jetzt erweckte es den Eindruck, als wäre er total sauer auf Uli. An Ulis Ausredeversuch allein konnte das kaum liegen. Ich ging daher eher davon aus, dass irgendetwas zwischen ihnen vorgefallen war. Soweit ich wusste, waren die beiden in der vorigen Nacht gemeinsam unterwegs gewesen. Vielleicht hatte es dabei Streit zwischen ihnen gegeben, den sie noch nicht ganz beigelegt hatten. Und ich vermutete stark, dass es dabei wieder einmal um eine Frauengeschichte gegangen war. Worüber sollten sich die beiden Freunde auch sonst in die Haare geraten?

»Diesmal wirst du dich nicht wieder herausreden!«, fuhr Martin fort, ließ aber wenigstens Ulis Arm los. »Dieses Mal ziehen wir die Sache durch, oder du gibst endlich zu, dass du nur ein elendes Großmaul bist und Schiss hast!«

»Du musst doch deiner Mutter gar nichts von der Sache erzählen«, sagte ich, während ich mir, die eigene Sterblichkeit und sämtliche Lungenkrebsopfer in den Leichenhäusern dieser Welt ignorierend, wie es wohl alle Raucher ständig unbewusst tun, doch wieder eine neue Zigarette ansteckte. »Schließlich bist du volljährig, oder etwa nicht?«

Und Bernie ergänzte: »Sag ihr doch einfach, du würdest bei einem von uns übernachten. Wir treffen uns dann eine halbe Stunde vor Mitternacht …«

»Vor der Geisterstunde!«, präzisierte Mark und bemühte sich, seiner Stimme einen gruseligen Klang zu verleihen, was ihm jedoch nicht besonders gut gelang.

Bernie ließ sich vom Zwischenruf seines Bruders nicht irritieren und setzte seinen angefangenen Satz einfach fort, als hätte Mark gar nichts gesagt: »… draußen am Friedhof, und du wirst dort dann die halbe Nacht bis, na ja, sagen wir mal, bis sechs Uhr früh im Leichenhaus verbringen. Wir andern warten draußen im Auto und passen auf, dass du nicht heimlich einen Abgang machst.«

Uli zuckte mit den Schultern, dachte nach und willigte schließlich ein: »Na gut, einverstanden.« Vielleicht hatte er ja eingesehen, dass er sich diesmal nicht so leicht herausreden konnte wie sonst und wir entschlossen waren, die Sache durchzuziehen. »Aber was springt für mich eigentlich heraus, wenn ich es tue und auch durchhalte, wovon ich überzeugt bin?«

»Wie wäre es mit einer Kiste Bier deiner Wahl?«, fragte Bernie.

Worauf Mark, Bernies Bruder, sofort ergänzte: »Aber wenn du es nicht durchstehst und heulend herausgerannt kommst, ehe die vereinbarte Zeit um ist, wovon wiederum ich überzeugt bin, dann bekommen wir von dir einen Bierkasten.«

Uli nickte. »Gut, abgemacht. Ich freu mich schon auf das Bier, das ihr mir spendieren müsst. Ich werde es besonders genießen. Aber ihr braucht nicht zu denken, dass ihr was davon abkriegt.« Anscheinend hatte er zu seiner gewohnten Überheblichkeit und Selbstüberschätzung zurückgefunden und traute es sich in seinem derzeitigen Zustand durchaus zu, eine Nacht in Gesellschaft der Toten zu verbringen.

Ich selbst hätte es mir dagegen nicht so ohne Weiteres zugetraut, was vermutlich vor allem daran lag, dass seit einigen Jahren im Gefolge von George R. Romeros Klassiker Zombie unzählige Zombie-Filme die Kinos überschwemmten. Zumeist zeigten sie nichts anderes als bloße Metzeleien mit Unmengen an Blut und Innereien, bei denen man sich schon beim Zuschauen wünschte, man hätte lieber Gummistiefel und Regenmantel angezogen, um nichts abzukriegen. Gleichwohl blieben einem diese billig produzierten und in Rekordzeit heruntergekurbelten Filme unweigerlich im Gedächtnis und regten die Fantasie an, sodass man nach dem Kinobesuch hinter jedem Busch, an dem man vorüberkam, und unter jedem Flecken Erde, über den man ging, einen wiedererwachten Leichnam vermutete, auch wenn es sich, nüchtern betrachtet, natürlich nur um Fiktion handelte, die den Gehirnen schlecht bezahlter Autoren und Regisseure entsprungen war.

Als ich Uli in diesem Augenblick ansah, vermutete ich, dass ihm gerade dieselben Gedanken durch den Kopf gingen wie mir. Und vielleicht erging es den anderen ja ebenso, denn wir waren meist gemeinsam im Kino gewesen, um uns diese Filme anzusehen. Wir hatten zwar während und nach der Vorstellung gelacht und Späße gemacht, doch jetzt, bei dem Gedanken an die bevorstehende Nacht, war vermutlich keinem zum Scherzen zumute.

Die Toten musste man nicht mehr fürchten, sondern nur die Lebenden, hatte ich mal irgendwo gehört oder gelesen. Doch stimmte das wirklich? Mein Verstand weigerte sich zwar beharrlich, daran zu glauben, dass Tote aus ihren Gräbern steigen könnten, um Jagd auf die Lebenden zu machen, doch meine Fantasie, von zahlreichen Horrorromanen und -filmen angeregt, zeigte mir ganz andere Bilder.

Die Bedienung brachte Mark und mir unsere vollen Gläser, und so ließen wir und die anderen sie klirrend gegeneinanderstoßen. Wir stießen auf die Wette an und tranken dann auf die morgige Nacht, auf Ulis zu erwartende vollgeschissene Hose und natürlich auf den Kasten Bier, den wir von ihm bekommen würden. Uli ließ unsere Trinksprüche ausnahmsweise unkommentiert und lächelte nur schmallippig.

Auch ich blieb für den Rest des Abends eher ruhig und nachdenklich, denn ich machte mir bereits Gedanken darüber, wie wir dem Großmaul endlich seine große Schnauze stopfen und gleichzeitig auch noch eine Kiste Bier gewinnen konnten. Und als ich nach dem Absetzen meines Glases einen Blick in die Runde warf, entdeckte ich auch in den Augen von Mark und Bernie ein hinterhältiges Glitzern, das mir verriet, dass auch sie sich darauf freuten, dass wir Uli ein für alle Mal drankriegen konnten.

2

Wir verließen den Hirschen eine halbe Stunde nach Mitternacht. Da wir alle schon ziemlich müde waren, hatte keiner Lust, noch irgendwo anders hinzugehen. Außerdem wollte ich mit Bernie, Mark und Martin den Plan besprechen, den ich mir bereits in groben Umrissen für die morgige Nacht überlegt hatte, sobald Uli in sein Auto gestiegen und davongebraust war.

Eiskalte Luft, die direkt vom Nordpol hierher geströmt war, hatte uns in diesem Jahr einen überraschend frühen Wintereinbruch im Oktober beschert. Die Temperaturen waren schon den ganzen Tag über so stark gesunken, dass am späten Abend sogar leichter Schneefall eingesetzt hatte. Kaum zu glauben, aber vor wenigen Tagen hatte man noch im T-Shirt herumlaufen können. Nun empfing uns draußen nicht nur beißende Kälte, sondern auch eine dünne Schneeschicht, die alles aussehen ließ, als wäre es mit feinem Zucker überpudert worden.

Auf dem Parkplatz vor der Wirtschaft zündete ich mir erst einmal eine Zigarette an, stellte den Kragen meiner dünnen Jacke hoch und vergrub die Hände so tief wie möglich in den Taschen meiner Jeans.

»Soll ich jemanden mitnehmen und nach Hause fahren?«, fragte Uli laut in die Runde und steuerte mit unsicheren Schritten auf seinen Wagen zu. Er sah dabei aus, als würde er nicht über festen Boden laufen, sondern über das schwankende Deck eines Schiffes, das sich inmitten eines Orkans befand.

Im Gegensatz zu Uli hatte ich mein Auto zu Hause gelassen, da ich aus Erfahrung wusste, dass wir freitagabends selten nüchtern genug aus der Kneipe kamen, um beim Tütchenblasen-Wettbewerb mit der Polizei als Sieger hervorzugehen. Ich hatte meinen Führerschein, den ich erst vor einem Dreivierteljahr gemacht hatte, aus eigener Tasche finanzieren müssen und wollte ihn nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

»Ich bin doch nicht lebensmüde«, lehnte Mark ab. »Fahr du mal lieber allein, wenn du dich in diesem Zustand unbedingt noch hinters Steuer setzen musst.«

Marks Worte kamen nicht von ungefähr. Wir alle kannten Ulis Fahrstil. Schon, wenn ich nur daran dachte, brach mir der Angstschweiß aus. Zugegeben, auch ich fuhr nicht unbedingt langsam und hielt mich nicht an jede Geschwindigkeitsbegrenzung, aber Ulis Fahrstil ging schon in nüchternem Zustand weit über die Begriffe »halsbrecherisch« oder »lebensgefährlich« hinaus. Seit ich vor einem halben Jahr in Österreich bei ihm auf dem Beifahrersitz gesessen hatte und dabei gefühlte tausend Tode gestorben war, brachten mich keine zehn Pferde in ein Auto, hinter dessen Steuer Uli saß, egal, ob er nüchtern oder stockbesoffen war, was ohnehin keinen großen Unterschied machte.

»Ich möchte morgen Nacht noch erleben, wie du dir in die Hose machst«, sagte ich deshalb nur und erntete einen potenziell tödlichen Blick von Uli, der mich jedoch nicht davon abhielt, mich anschließend mit den anderen vor Lachen über meine eigene Bemerkung auszuschütten.

»Hey, Leute, seht euch bloß mal das hier an!«, forderte uns Bernie auf und deutete auf die Frontpartie von Ulis Honda. »Ich fasse es ja nicht, aber unser Freund ist schon wieder irgendwo dagegen gefahren.«

Mark und ich gingen näher heran, um uns anzusehen, wovon Bernie sprach. Ich blinzelte, denn mir standen noch vom Lachen Tränen in den Augen. Martin blieb als Einziger zurück, als interessierte ihn die Sache nicht. Ich nahm die Frontpartie des Wagens genauer in Augenschein und sah sofort, dass Bernie sich nicht getäuscht hatte. Na gut, zu irgendetwas musste die Brille mit den starken Gläsern auf seiner Nase schließlich gut sein. Trotz der ungünstigen Lichtverhältnisse und der dünnen Schneeschicht auf dem Wagen konnte ich erkennen, dass die Stoßstange vorn rechts ziemlich eingedellt war und die Motorhaube unmittelbar darüber eine große Beule aufwies, als wäre etwas Schweres darauf gelandet. Dann bemerkte ich, dass auch das rechte Scheinwerferglas etwas abbekommen hatte und zersplittert war.

»Stimmt doch gar nicht!«, rief Uli empört. »Dafür konnte ich überhaupt nichts! Als Martin und ich gestern auf dieser langweiligen Party waren, ist mir irgendein Trottel beim Ausparken reingefahren. Genau so war’s doch, Martin, oder?«

Mark, Bernie und ich wandten synchron die Köpfe. Wie Laserzielpunkte, die ihr Opfer ins Visier nahmen, richteten sich unsere Blicke auf Martin, der ein paar Meter entfernt stand, mit einem Fuß im Schnee scharrte und so zögerlich nickte, als wäre er sich alles andere als sicher. Er sah blass aus, das konnte aber auch am kalten Licht der Neonschrift über dem Eingang der Wirtschaft liegen.

»Hast du eine Ahnung, wer es war?«, fragte Bernie.

Uli schüttelte den Kopf. »Woher denn? Das Schwein ist einfach abgehauen.«

»Warst du dann wenigstens schon bei der Polizei und hast die Sache gemeldet?«, fragte ich, während ich mich nach vorn beugte und das kaputte Scheinwerferglas aus der Nähe ansah. Ich bemerkte mehrere kreisrunde, dunkle Flecken auf dem Reflektor des Scheinwerfers, die ich für Dreckspritzer hielt.

»Dazu hatte ich noch keine Zeit«, antwortete Uli auf meine Frage. »Aber ich fahre gleich am Montag hin und erstatte Anzeige.«

»Wenn es dann nicht zu spät ist«, meinte Bernie. Er wollte damit wahrscheinlich zum Ausdruck bringen, dass die Polizei den Schuldigen dann unter Umständen nicht mehr ermitteln konnte, weil bis dahin zu viel Zeit verstrichen war oder Spuren verloren gegangen waren. Er sollte recht behalten, allerdings auf ganz andere und viel schrecklichere Weise, als wir alle in diesem Moment ahnen konnten.

Uli hatte anscheinend die Nase voll von dem Kreuzverhör, das wir mit ihm veranstalteten, denn er öffnete die Fahrertür des Hondas und ließ sich hinters Steuer fallen. »Wenn niemand nach Hause gefahren werden will, dann fahr ich eben allein. Selber schuld! Servus!« Er schlug die Tür so fest zu, dass an allen Seiten Schnee vom Auto fiel, und ließ den Motor an. Die Wischerblätter schoben die dünne Pulverschneeschicht von Front- und Heckscheibe, die zum Glück nicht zugefroren waren, sodass Uli einigermaßen freie Sicht hatte und nicht auch noch im Blindflug durch die Gegend rasen musste. Als er die Scheinwerfer einschaltete, brannte jedoch nur der linke. Er ließ den Motor mehrmals im Leerlauf aufheulen, bevor er den ersten Gang hineinknüppelte und das Gaspedal durchtrat, um mit jaulendem Motor loszurasen. Die Räder drehten allerdings auf dem rutschigen, schneebedeckten Untergrund durch, sodass der Wagen zunächst gar nicht von der Stelle kam. Doch dann griffen die Reifen. Das Auto machte wie ein springendes Raubtier einen Satz nach vorn und raste heftig schlingernd los. Mark und ich konnten gerade noch rechtzeitig einen Schritt zur Seite machen, sonst hätte das ausschlagende Heck womöglich noch einen von uns erwischt.

Ich sah dem davonjagenden Wagen hinterher, bis er die nächste Kurve erreichte. Die Bremslichter leuchteten in der Dunkelheit grellrot, als Uli in die Eisen stieg. Ich erwartete jeden Moment, dass es krachte, weil unser Freund zu schnell gefahren war und aus der Kurve getragen wurde, doch es ging noch einmal alles gut. Das Auto fuhr um die Kurve und verschwand aus meinem Blick. Ein paar Sekunden hörten wir noch das Heulen des gequälten Motors, ehe es sich in der Ferne verlor.

»Jetzt ist er weg«, stellte Mark überflüssigerweise fest und rieb sich mit den Zeigefingern über die vom Alkohol, Zigarettenrauch und Lachen geröteten Augen.

»Das ist auch gut so«, sagte Bernie und setzte sich in Bewegung. »Jetzt können wir ungestört einen Plan schmieden, wie wir Uli morgen Nacht drankriegen.«

Ich schloss zu Bernie auf und passte mich seiner Geschwindigkeit an, um ihm endlich die Frage stellen zu können, die mich schon die ganze Zeit über beschäftigt hatte: »Sag mal, Bernie, weißt du eigentlich, ob die Toten in der Leichenhalle schon in Särgen liegen?« Denn wenn das der Fall war, hätte es ganz und gar nicht in den Schlachtplan gepasst, den ich für morgen Nacht ausgeheckt hatte.

Bernie seufzte, als hätte ich ihm eine Rechenaufgabe gestellt, die zu schwer für ihn war. Er überlegte kurz, ehe er die Achseln zuckte und antwortete: »Das kann ich dir leider auch nicht sagen, schließlich bin ich kein gelernter Leichenbestatter. Aber ich vermute mal stark, dass es ganz darauf ankommt, wie lange die Verstorbenen schon dort sind. Ich meine, wenn eine Leiche gerade erst dorthin gebracht wurde, also gewissermaßen noch ganz frisch ist – sofern man das in diesem Zusammenhang überhaupt so sagen kann –, dann wird sie vermutlich noch nicht in einer Kiste liegen. Wenn ein Toter hingegen in Kürze beerdigt werden soll, wird er wohl fix und fertig in einem Sarg liegen«, dozierte Bernie, während wir langsam nebeneinander die Straße entlangschlenderten, die um diese Uhrzeit und bei diesem Wetter so verlassen war wie ein Mondkrater. »Momentan liegt in unserem Leichenhaus meines Wissens ohnehin nur eine einzige Leiche.«

»Woher weißt du das denn?«, fragte ich verblüfft, da mir unverständlich war, woher ausgerechnet jemand wie Bernie darüber Bescheid wissen sollte, wie viele Tote gerade in der Leichenhalle aufgebahrt waren. Außer natürlich, er ging aus Interesse oder aufgrund einer makabren Neigung, von der er uns nichts erzählt hatte, jeden Tag dort ein und aus. Obwohl ich bei Bernie bislang keine besondere Vorliebe für Leichen festgestellt hatte. Ich sah ihn misstrauisch an. Er ging direkt neben mir, überragte mich jedoch um einen ganzen Kopf, sodass ich aufschauen musste, um ihm ins Gesicht zu sehen, das mir jedoch nichts von dem verriet, was gerade in seinem Kopf vorging und welche verborgenen Neigungen er hatte. Er hatte beim Gehen seine Pfeife herausgeholt, die er noch rasch gestopft hatte, kurz bevor wir die Wirtschaft verlassen hatten, und vor wenigen Augenblicken angezündet. Jetzt zog er mehrmals kräftig daran und stieß dicke Rauchwolken aus, die träge auf uns herabsanken, die wir allesamt kleiner als er waren, bevor sie von den leichten, aber dennoch eisig kalten Böen verweht wurden. Als ich ihm dabei zusah, wie er genüsslich an seiner Pfeife nuckelte, bekam ich natürlich auch Lust auf eine Zigarette. Doch ich blieb ausnahmsweise standhaft und ließ es bleiben, denn meine letzte Kippe war erst vor ungefähr zwanzig Schritten in einem Schneehaufen erloschen.

Bernie räusperte sich und spuckte in den Schnee, bevor er weitersprach. »Woher ich das weiß? Ganz einfach: In den letzten Tagen gab es im Ort eben nur eine einzige Tote. Eine ganz tragische Geschichte im Übrigen! Vielleicht habt ihr ja in der Zeitung davon gelesen?«

Mark und ich schüttelten synchron die Köpfe, denn wir waren keine großen Zeitungsleser. Martin zeigte keinerlei Reaktion, hielt den Blick gesenkt und starrte auf seine Schuhspitzen, als gäbe es dort etwas ungemein Fesselndes zu beobachten.

»Also gut, dann erzähl ich euch schnell die Kurzfassung. Hört zu! Ihr kennt doch bestimmt das Mädchen aus der Familie, die vor ungefähr fünf Monaten in das leer stehende Haus neben der Post eingezogen ist, oder?«

»Meinst du das hübsche Mädchen mit den langen dunklen Haaren, das bei jedem Wetter mit ihrem Fahrrad durch die Gegend fährt?«, fragte Mark.

»Ja, genau die«, sagte Bernie.

Durch Marks Beschreibung wurde auch mir klar, von wem Bernie sprach. Und Mark hatte recht, es handelte sich tatsächlich um ein ausgesprochen gut aussehendes Mädchen, sodass ich mir auch schon Gedanken darüber gemacht hatte, ob ich sie ansprechen und näher kennenlernen sollte. Ich hatte mich allerdings vorerst dagegen entschieden, da die Trennung damals noch nicht so lange her und die Wunde, die sie erzeugt hatte, noch viel zu frisch war. Aber vielleicht wäre ich ja in ein paar Wochen oder Monaten so weit, einen Versuch zu wagen, hatte ich mir noch gedacht.

Doch da durchfuhr mich wie ein Blitzschlag eine schreckliche Erkenntnis, denn noch während ich mir ihr Bild gedanklich vergegenwärtigte, zog mein Verstand bereits von sich aus die Verbindung zwischen dem Mädchen und dem, was Bernie zuvor gesagt hatte. »Willst du damit etwa sagen, dass sie diejenige ist, die tot im Leichenhaus liegt?«, platzte es aus mir heraus.

»Bedauerlicherweise ja«, bestätigte Bernie. »Sie wurde letzte Nacht auf der Straße, die am alten Sportplatz vorbeiführt, von einem Auto angefahren, als sie wieder einmal mit ihrem Fahrrad unterwegs war. Keine Ahnung, was sie um diese Zeit dort verloren hatte. Sie war allerdings nicht sofort tot und hätte vermutlich noch gerettet werden können, wenn sie rechtzeitig medizinische Hilfe bekommen hätte. Aber der Typ, der sie umgefahren hat, ließ sie einfach sterbend auf der Straße liegen und fuhr davon.«

Die Nachricht von Tod des Mädchens machte uns alle betroffen, und so gingen wir eine Weile schweigend weiter. Während jeder seinen eigenen Gedanken nachhing, war es so still, dass nur der Schnee leise unter unseren Sohlen knirschte.

Ich hatte jedoch bemerkt, wie heftig, ja geradezu erschrocken Martin bei Bernies letzten Worten zusammengezuckt war. Ich ging allerdings zum damaligen Zeitpunkt davon aus, dass Martin das Mädchen besser gekannt hatte als wir anderen und daher natürlich auch stärker von ihrem tragischen Tod getroffen wurde, vor allem, wenn er gerade erst durch Bernie davon erfahren hatte. Und vielleicht, so dachte ich mir, hatte er sich sogar in sie verliebt und sich Hoffnungen gemacht, zwischen ihnen könnte mehr entstehen als bloße Freundschaft. Wenn ja, dann war es vergebliche Hoffnung, denn nun war sie tot.

Im Nachhinein weiß ich natürlich, wie unrecht ich mit meinen Vermutungen hatte. Aber damals wusste ich eben noch nicht, was ich heute weiß und welche Tragödie in Wahrheit hinter Martins Reaktion steckte.

Ich kam jedoch nicht dazu, länger darüber nachzudenken, denn schon im nächsten Moment brach Bernie das Schweigen, indem er auf meine anfangs gestellte Frage zurückkam, und riss mich dadurch aus meinen Überlegungen: »Aber sag mal, Rainer, wieso interessierst du dich eigentlich dafür, ob die Toten in der Leichenhalle in ihren Särgen liegen oder nicht?«

Damit kehrten wir wieder zu unserem eigentlichen Thema zurück. Es wurde ohnehin Zeit, dass wir beratschlagten, was wir in der nächsten Nacht mit Uli anstellen sollten, bevor die Ersten von uns – in diesem Fall Bernie und Mark – ihr Zuhause erreichten.

Ich hatte mir, wie gesagt, bereits ein paar Gedanken darüber gemacht, wie wir Uli einen gehörigen Denkzettel verpassen konnten. Also umriss ich für meine Freunde nun kurz, was ich mir überlegt hatte. Sie waren davon ziemlich angetan – zumindest Bernie und Mark, während Martin sich verhielt, als gehörte er gar nicht zu uns, sondern hätte nur zufällig denselben Weg –, und wir stimmten nach kurzem Beratschlagen überein, dass wir es genau so machen wollten.

Mein Plan war eigentlich relativ simpel und bestand im Wesentlichen darin, dass einer von uns als Leiche verkleidet im Leichenhaus auf Uli warten würde, um pünktlich zur Geisterstunde scheinbar »von den Toten aufzuerstehen« und dadurch Uli dermaßen in Angst und Schrecken zu versetzen, damit er sich bestenfalls in die Hose schiss oder wenigstens in Zukunft etwas kleinlauter war.

»Ich sehe ihn schon vor mir, wie er, kreidebleich und mit vollen Hosen, laut kreischend aus der Leichenhalle rennt und nach seiner Mami schreit«, sagte Bernie und lachte gehässig.

»Hoffentlich hat er danach wenigstens nicht mehr so eine große Klappe«, verlieh Mark unserer größten Hoffnung Ausdruck.

»Wenn wir es klug anstellen und keinen Fehler machen, wird diese Rosskur vermutlich sogar ihn heilen«, zeigte sich Bernie vom Erfolg unserer Mission überzeugt. »Wenn nicht, will ich die nächsten zehn Jahre wie ein Mönch leben, also auf alles verzichten, was Spaß macht. Aber wer von uns übernimmt die Rolle des wiedererweckten Toten? Gibt es vielleicht einen Freiwilligen?«

Wir sahen uns gegenseitig an, nur Martin starrte weiterhin auf seine Füße, doch niemand meldete sich freiwillig. Ich hatte auch nicht damit gerechnet, denn es war keine Aufgabe, um die ich mich riss. Und den anderen erging es wohl ebenso.

»Dann muss das Los entscheiden!«, schlug Mark vor. »Das geht nicht nur schnell, sondern ist auch die gerechteste Lösung, weil der Zufall bestimmt, wer es sein wird.«

Wir hatten das Haus erreicht, in dem Mark und Bernie mit ihren Eltern wohnten, und blieben davor stehen. Bernie, der einzige Pfeifenraucher unter uns und damit auch der Einzige, der anstelle eines Feuerzeugs Zündhölzer bei sich hatte, griff in die Tasche seines Daunenanoraks, wühlte sekundenlang darin herum und brachte eine Streichholzschachtel zum Vorschein. Er entnahm ihr vier Streichhölzer, steckte die Schachtel wieder ein, und verkürzte ein Zündholz am unteren Ende geschickt um ein gutes Drittel.

Ich nutzte die Wartepause, um mir mit meinem Feuerzeug eine Zigarette anzustecken, und trat dabei von einem Fuß auf den anderen, weil mir kalt war.

»Wer das kurze Zündholz zieht, spielt den Zombie«, erklärte Bernie uns die einfache Regel, ballte die Hand zur Faust, sodass nur noch die roten Zündköpfe der vier Streichhölzer herausragten, und hielt sie als Erstes seinem jüngeren Bruder hin.

Ich kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und sah ganz genau hin, konnte aber beim besten Willen nicht erkennen, welches das verkürzte Hölzchen war.

Mark griff sogleich beherzt zu, ohne lange zu überlegen. Er nahm das zweite Streichholz von rechts und zog es ganz langsam heraus, als wollte er dadurch die Spannung steigern. Ich hielt unwillkürlich den Atem an. Erst als das Zündholz fast ganz herausgezogen war, konnten wir erkennen, dass es intakt war und die normale Länge besaß. Mark atmete hörbar auf und wischte sich theatralisch die Stirn. Aber obwohl er sich nach außen betont gelassen zeigte, konnte ich dennoch erkennen, dass er insgeheim erleichtert war, dass ihm dieses Los erspart blieb.

Auch mir war nicht wohl bei dem Gedanken, im Leichenhaus in absoluter Finsternis neben einem verstorbenen Mädchen zu liegen und darauf zu warten, dass Uli endlich kam, um ihm in dieser ohnehin schon makabren und unheimlichen Umgebung einen Schrecken einzujagen. Und dabei war das Ganze meine eigene Idee gewesen.

Nach Mark war ich an der Reihe. Ein Zündholz war weg, damit blieben noch drei übrig. Und eins von ihnen war das kurze. Die Chance, dass ich es zog, hatte sich soeben von 25 auf 33 Prozent erhöht.

Ich ließ mir mehr Zeit und sah mir den sichtbaren Teil der drei verbliebenen Hölzchen noch einmal genauer an. Dennoch konnte ich noch immer nichts entdecken, nicht einmal den kleinsten Hinweis, der mir bei meiner schweren Entscheidung geholfen hätte. Also atmete ich noch einmal tief durch, ehe ich mich spontan und aus einem reinen Bauchgefühl heraus für das linke Streichholz entschied. Im Gegensatz zu Mark zog ich es mit einem Ruck heraus und hoffte dabei, dass mir Fortuna beistand. Sie tat es, denn als ich die Hand umdrehte, sah ich, dass ich ein Streichholz mit normaler Länge gezogen hatte. Vor Erleichterung fiel mir ein riesiger Felsbrocken vom Herzen.

Nun waren nur noch Martin und Bernie übrig. Einen von ihnen würde es treffen, und die Chance dafür lag jetzt schon bei 50 Prozent. Bernies ausgestreckter Arm beschrieb einen weiteren Viertelkreis, ehe er vor Martin anhielt.

»Nein, bitte nicht. Ich kann das nicht!«, sagte Martin mit so verzweifelt klingender Stimme, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn er im nächsten Moment zu weinen angefangen hätte. Er schüttelte ruckartig seinen Lockenkopf und wollte sich von uns abwenden.

»Halt!«, brüllten Mark und ich jedoch wie aus einem Mund. Zusätzlich sprang Mark nach vorn und griff nach Martins Arm, als befürchtete er, Martin könnte plötzlich davonrennen.

»Aber ich will nicht!«, jammerte Martin mit ungewohnt weinerlicher Stimme. »Hört zu! Ich kann das nicht machen, weil … weil …« Seine Stimme erstarb jedoch, und er behielt die Gründe für seine verzweifelte Reaktion auf den Losentscheid für sich.

Und im Grunde interessierte es uns momentan auch nicht, da wir Martin nur für einen Feigling hielten, der sich vor einer unangenehmen Aufgabe drücken wollte. Deshalb blieben wir unerbittlich.

»Jetzt mach schon, Martin! Zieh gefälligst ein Streichholz, so wie die anderen beiden auch!«, forderte Bernie ihn mit der Autorität des Gruppenältesten auf. »Wir anderen haben doch auch Schiss davor, mit dem toten Mädchen allein im Leichenhaus zu liegen. Aber einer von uns muss es nun mal tun, wenn wir Uli eins auswischen wollen. Also stell dich nicht so an und zieh endlich ein Hölzchen. Mir ist nämlich scheißkalt hier draußen, und ich bin hundemüde!«

Martin blickte mit verzweifelter Miene in die Runde, sah aber keinerlei Verständnis, sondern nur unsere entschlossenen Gesichter. Er seufzte und zuckte resignierend mit den Schultern, als hätte er eingesehen, dass er bei uns für eine Weile verschissen hätte, wenn er dieses Mal den Schwanz einzog und nicht mitmachte.

»Bei meinem Glück in letzter Zeit zieh ich sowieso das Kurze«, sagte er und zog rasch das rechte der beiden verbliebenen Streichhölzer aus Bernies Faust. »Na also, ich hab’s doch gewusst«, flüsterte er im nächsten Moment, zeigte uns das abgebrochene Hölzchen auf seiner Handfläche und lächelte dabei so gequält, dass ich sogar ein bisschen Mitleid mit ihm bekam. Aber nur ein bisschen, denn gleichzeitig war ich heilfroh, dass es ihn und nicht mich erwischt hatte.

Bernie öffnete die eigene Faust und ließ uns das letzte Streichholz sehen, das die normale Länge hatte, um uns zu demonstrieren, dass er nicht gemogelt hatte. »Damit wäre das schon mal erledigt«, sagte er und sah mich fragend an, um weitere Details meines Plans zu erfahren.

Eigentlich hatte ich alles noch gar nicht so detailliert, sondern nur in groben Zügen angedacht gehabt, schließlich hatte ich nicht gewusst, ob die anderen meinen Plan überhaupt gutheißen würden. Doch als ich nun kurz darüber nachgrübelte, fielen mir sofort weitere Einzelheiten ein, so als hätten sie bereits fix und fertig in meinem Hinterkopf gelegen und nur darauf gewartet, laut ausgesprochen zu werden. »Wir treffen uns am besten morgen Abend möglichst frühzeitig, vielleicht so gegen acht bei mir. Jeder bringt irgendwelche Schminkutensilien, Knetmasse, Pappe, Kleber et cetera mit. Eben alles, was er daheim so findet. Damit verwandeln wir Martins Gesicht dann in eine richtig scheußliche Zombie-Visage.«

»Viel müssen wir bei der Fresse ja nicht mehr verändern«, meinte Mark und lachte. Bernie und ich fielen in das Gelächter mit ein. Nur Martin schien seines gewohnten Humors mittlerweile vollständig verlustig gegangen zu sein. Vermutlich war ihm der für ihn ungünstige Losentscheid auf den Magen geschlagen. Er präsentierte uns eine so gequälte Leidensmiene, dass ich schon wieder Mitleid mit ihm bekam.

Aber wie schon gesagt: besser er als ich.

Bevor wir uns schließlich trennten, beschlossen wir noch, alles Weitere am nächsten Abend zu besprechen. Dann wünschten uns Bernie und Mark eine gute Nacht und verschwanden im Haus.

Martin und ich gingen rasch weiter, redeten jedoch nicht miteinander. Ich hing meinen Gedanken nach, die sich in erster Linie auf Details meines Plans und unser weiteres Vorgehen konzentrierten, und Martin schien auch keinen großen Wert auf eine Unterhaltung zu legen. Die Aussicht auf die bevorstehende Nacht im Leichenhaus musste ihm verständlicherweise ziemlich zu schaffen machen.

Mir wurde noch einmal bewusst, wie sonderbar sich Martin verhalten hatte, und ich überlegte, welche Ursache es dafür geben könnte. Er war zwar schon den ganzen Abend über ruhiger als sonst gewesen, hatte sich aber noch merkwürdiger und verschlossener verhalten, nachdem wir die Wirtschaft verlassen und uns Ulis beschädigten Wagen angesehen hatten. Und als Bernie uns von dem toten Mädchen erzählt hatte, war er sogar noch in sich gekehrter geworden und hatte fast die ganze Zeit nur noch auf seine eigenen Füße gestarrt. Auf dem ganzen Weg von der Wirtschaft bis zu Marks und Bernies Zuhause hatte er kein einziges Wort gesprochen. Und als er dort ein Streichholz ziehen sollte, hatte er geradezu panisch reagiert.

Nachdem ich gründlich darüber nachgedacht hatte, kam ich zu dem Ergebnis, dass ihn der Tod des jungen Mädchens besonders hart getroffen haben musste, viel härter als uns Übrige, weil er vermutlich insgeheim in sie verknallt gewesen war. Und wenn man sein ganzes Verhalten erst einmal aus dieser Perspektive betrachtete, wurden seine Reaktionen in dieser Nacht sogar verständlich.

Als wir bei mir zu Hause ankamen, wünschte ich Martin eine gute Nacht.

Er verharrte einen Augenblick unschlüssig neben mir, als wollte er etwas sagen, aber als ich gähnte, hob er nur grüßend die rechte Hand, in der er immer noch das abgebrochene Streichholz hielt, als wäre es dort festgefroren, und ging davon, ohne ein Wort zu sagen. Er lief gebeugt wie ein alter Mann, dem die Last der Jahrzehnte den Rücken gekrümmt hatte. Doch in Martins Fall waren es natürlich keine Jahrzehnte, sondern vermutlich nur irgendwelche Sorgen oder Bedenken, über die er nicht sprechen konnte oder wollte.

Ich sah ihm unschlüssig hinterher und überlegte, ob ich ihn zurückrufen und auffordern sollte, mir zu erzählen, was ihn bedrückte, doch da musste ich erneut so heftig gähnen, dass ich beinahe eine Kiefersperre bekam, und erinnerte mich wieder an die Uhrzeit. Am morgigen Tag war schließlich auch noch genügend Zeit, ihn nach seinen Problemen zu fragen. Ich wartete, bis er in die übernächste Querstraße einbog und um die Ecke verschwand, dann ging ich ins Haus. Martin hatte noch ein paar Hundert Meter zu gehen, bevor er sich in sein warmes, gemütliches Bett legen konnte. Ich hatte mehr Glück und lag schon wenige Minuten später in meinem eigenen Bett. Dort hatte ich dann gar keine Zeit mehr, mir weiter den Kopf zu zerbrechen, denn ich schlief augenblicklich ein, sobald mein Kopf auf dem Kissen lag.

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9783847634140
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