Читать книгу: «IM ANFANG WAR DER TOD»

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INHALTSVERZEICHNIS

COVER

TITEL

1. TEIL

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

2. TEIL

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

3. TEIL

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

4. TEIL

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

NACHWORT

WEITERE TITEL DES AUTORS

LESEPROBE

PROLOG

1

1. TEIL

Im Anfang war der Tod …

KAPITEL 1

Der erste Messerstich kam wie aus dem Nichts. Er traf den alten Mann in die linke Schulter.

Die Klinge bohrte sich nur ein, höchstens zwei Zentimeter tief in den Körper. Beinahe so, als steckte zu wenig Kraft hinter dem Stoß; oder als wäre er nur halbherzig ausgeführt worden. Dennoch floss augenblicklich Blut, sobald das lange Messer zurückgezogen wurde. Der dunkle Lebenssaft wurde gierig von der Kleidung des Mannes aufgesaugt. Das schwarze Kollarhemd färbte sich rund um die Einstichstelle rasch noch dunkler. Der kreisrunde Fleck vergrößerte sich stetig. Er glänzte feucht und sah im Licht der Kerzen wie flüssiges Öl aus.

Auf dem Gesicht des Priesters erschien ein fragender, geradezu verblüffter Ausdruck. Noch schien er den Schmerz überhaupt nicht wahrzunehmen. Aus weit aufgerissenen Augen starrte er auf die Klinge des Fleischmessers, das wie durch Zauberei in der Hand seines Gegenübers aufgetaucht war. Sie blitzte einmal kurz auf, als sie das Kerzenlicht reflektierte. An ihrer Spitze hing ein einsamer Tropfen Blut.

Zweifellos war der alte Mann durch die plötzliche Attacke überrumpelt worden, nachdem sie sich bis zu diesem Zeitpunkt vollkommen zivilisiert unterhalten hatten. Obwohl es beileibe keine nette Plauderei, sondern am Ende ein Streitgespräch gewesen war, war der heimtückische Angriff für ihn gleichwohl aus dem Nichts gekommen.

Erst ganz allmählich dämmerte in seinen dunkelbraunen Augen die Erkenntnis herauf, dass das Blut an der Klinge von ihm stammen musste und er verletzt worden war. Sein Gesicht verzerrte sich, als er nach dieser Erkenntnis nun auch den stechenden Wundschmerz spürte. Es war, als durchbohrte ihn das Messer in diesem Moment erneut. Seine rechte Hand zuckte unwillkürlich nach oben zur Schulter. Sie legte sich auf die Stichwunde, als könnte er dadurch den schwachen, aber dennoch stetigen Blutfluss eindämmen.

Schließlich hob er den Blick von dem Messer, das diesen bislang gefangen gehalten hatte, und sah seinem Angreifer in die Augen.

»Was soll das?«

Seine Stimme, die sonst stets tief und wohlklingend durch das Gotteshaus schallte, klang jetzt unnatürlich hoch und schrill. Sie verriet die Angst und das Unverständnis des Mannes und durchschnitt die nächtliche Stille in der Kirche ebenso mühelos, wie zuvor die Messerklinge seine Kleidung und Haut durchbohrt hatte.

Er bekam allerdings keine Antwort. Zumindest nicht in verbaler Form. Doch was er stattdessen in den Augen seines Gegenübers entdeckte, ließ ihn gleichwohl erschaudern.

Den zweiten Stich sah er daher ebenfalls nicht kommen. Denn sein Angreifer hielt nicht etwa inne, sondern stieß in diesem Augenblick erneut zu.

Dieses Mal drang das Messer in den Bauch des weißhaarigen Mannes und grub sich wesentlich tiefer hinein, als hätte der Angreifer aus seinem ersten Versuch gelernt und wollte das Gelernte sogleich in die Tat umsetzen.

Es schien sich zunächst nur wie ein heftiger Faustschlag in den Magen anzufühlen. Der Geistliche krümmte sich, beugte sich nach vorn und stöhnte laut, während er die Augen sogar noch weiter aufriss. Das Stöhnen klang in der leeren nächtlichen Kirche unheimlich und ließ den Angreifer erschaudern.

Als die blutige Klinge erneut zurückgezogen wurde, folgte der alte Pfarrer mit den Augen unwillkürlich der raschen Bewegung. Er schüttelte den Kopf, als könnte er nicht glauben, dass dies alles tatsächlich geschah; oder als wollte er es einfach nicht wahrhaben. Doch der einsetzende Schmerz dieser zweiten, wesentlich schwerwiegenderen Verletzung belehrte ihn zweifellos eines Besseren. Die stechenden Schmerzen signalisierten ihm, dass ihm dies alles wirklich widerfuhr. Es war kein Traum, aus dem er jeden Moment erwachen würde, um sich dankbar zu bekreuzigen und anschließend auf die andere Seite zu drehen und weiterzuschlafen. Dies alles war real! Und es würde zweifellos noch viel schlimmer werden, wenn er nicht bald etwas dagegen unternahm.

Mittlerweile wurde der Baumwollstoff seines Hemdes auch in der Bauchgegend vom ausströmenden Blut durchtränkt. Es breitete sich dort sogar wesentlich rascher aus als bei der an sich harmlosen Schulterwunde. Außerdem wurde der Geruch nach frischem Blut so intensiv, dass der Geistliche das Gefühl haben musste, er könnte es sogar auf seiner Zunge schmecken. Er taumelte leicht, als spürte er bereits den Blutverlust, obwohl dieser noch nicht wirklich dramatisch und lebensbedrohlich war.

Dennoch schien der Gedanke, dass er hier verbluten könnte, noch einmal alle Kräfte zu mobilisieren, die in seinem schlanken Körper steckten. Denn mit einer Geschwindigkeit, die ihm sein Gegenüber überhaupt nicht mehr zugetraut hätte, wirbelte er plötzlich herum und rannte davon.

Er lief gebückt und wirkte dadurch von hinten wesentlich kleiner, als er tatsächlich war. Dabei presste er beide Hände gegen die Körpermitte, auch wenn er die Blutung dadurch nicht verringern, geschweige denn stoppen konnte.

Sein Angreifer hingegen hatte keine Eile. Er sah sich um, als interessierte er sich plötzlich mehr für das Innere des Sakralbaus als für sein Opfer oder als hielte er nach Zeugen seiner Tat Ausschau. Doch um diese Uhrzeit war die Kirche bis auf sie beide menschenleer. Und außerhalb des Gebäudes waren die Stimme des Pfarrers und sein Stöhnen gewiss nicht zu hören gewesen.

Es gab also keinen einzigen Zeugen der Tat.

Zufrieden richtete die Person mit dem Messer in der behandschuhten Hand ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihr flüchtendes Opfer. Sie trug dunkle Kleidung und hatte die Kapuze ihres Pullis über den Kopf und tief ins Gesicht gezogen.

Der schwer verletzte Geistliche hatte inzwischen beinahe die Stufen zum Altarraum erreicht. Es war jedoch deutlich zu erkennen, dass er mit seinen Kräften am Ende und vom starken Blutverlust geschwächt war. Er rannte längst nicht mehr, sondern taumelte nur noch voran. Es erschien wie ein Wunder, dass er sich überhaupt noch auf den Beinen halten konnte.

Vermutlich würde er ohnehin verbluten, auch wenn der Angreifer plötzlich beschlossen hätte, von einer Verfolgung abzusehen und den verletzten alten Mann sich selbst zu überlassen. Doch daran verschwendete dieser überhaupt keinen Gedanken. Stattdessen setzte er sich nun ebenfalls in Bewegung und folgte dem Priester. Und obwohl er nicht rannte, sondern gemessenen Schrittes ging, war er dennoch schneller als sein waidwundes Opfer.

Als der Pfarrer schließlich die Stufen erreichte, hob er die blutbesudelte rechte Hand, um sich an der weiß getünchten Wand abzustützen. Dann blieb er schwer atmend stehen, als fehlte ihm nun doch die Kraft, um auch nur eine einzige der sechs Stufen zu bewältigen. Er hatte allem Anschein nach nicht einmal mehr genug Energie, um den Kopf zu drehen und sich nach seinem Verfolger umzusehen.

Beim Näherkommen konnte dieser die angestrengten, pfeifenden Atemzüge des alten Mannes hören, mit denen er verzweifelt nach Luft schnappte. Es war das einzige Geräusch in der Kirche, denn er selbst bewegte sich absolut lautlos voran.

Der alte Mann hörte ihn daher nicht kommen, obwohl er damit rechnen musste, dass sein Angreifer die Sache hier und jetzt zu einem Ende bringen würde. Aber vielleicht hatte er nun, am Ende sowohl seiner Kräfte als auch seines Lebens, letztendlich resigniert und sich mit seinem Schicksal abgefunden.

Der Verfolger stach, ohne einen Augenblick zu zögern, ein drittes Mal zu. Die Klinge blitzte im Kerzenlicht auf, bevor sie sich tief in den ungeschützten Rücken vor ihm bohrte.

Der Geistliche stieß daraufhin ein weiteres lang gezogenes Stöhnen aus. An diesem Ort und zu dieser Uhrzeit klang es noch gespenstischer als beim ersten Mal und bescherte dem Angreifer ein weiteres Erschaudern.

Dann verstummte das Opfer abrupt und sackte in sich zusammen, als hätten sich sämtliche Knochen seines Skeletts in Gelatine verwandelt. An der Kirchenwand, an der er sich abgestützt hatte, blieb wie eine stumme Mahnung der blutige Abdruck seiner Hand zurück.

Der Angreifer beugte sich zu dem reglosen Körper hinunter.

Der Priester lebte noch, wenn auch nur gerade so. Die Messerklinge hatte sein Herz knapp verfehlt und stattdessen einen Lungenflügel durchbohrt. Bei jedem seiner schwächer werdenden Atemzüge bildeten sich blutige Luftbläschen zwischen seinen geöffneten Lippen.

Der Angreifer stellte befriedigt fest, dass die verbliebene Lebenszeit des alten Mannes gezählt war. Allerdings nicht länger in Jahren, Monaten, Wochen, Tagen und Stunden, sondern allenfalls in Minuten, wenn nicht sogar in Sekunden. Doch scheinbar genügte das der Person mit dem blutigen Fleischmesser nicht. Entweder wollte sie auf Nummer sicher gehen und nichts dem Zufall überlassen. Oder ihr lag daran, das Leid des Geistlichen zu beenden. Wie auch immer. Auf jeden Fall setzte sie die Klinge an den Hals ihres bewusstlosen, sterbenden Opfers und schnitt ihm mit einer raschen Bewegung kurzerhand die Kehle durch.

KAPITEL 2

I

Sie wurde von einem schrillen Schrei geweckt.

Anja war von einem Augenblick zum anderen hellwach. Ruckartig setzte sie sich auf. Gehetzt und schwer atmend sah sie sich um. In der Finsternis konnte sie allerdings nichts erkennen.

Ihr Herz klopfte so rasch und heftig, dass es schon beinahe wehtat. Sie fühlte sich, als hätte sie nach einem der Extremmarathons, die ihr Kollege mit Vorliebe lief, gerade die Ziellinie überquert.

Schließlich realisierte sie, dass sie selbst es gewesen war, die geschrien hatte. Sie war von ihrem eigenen Schrei geweckt worden.

Anja hob die Hände und vergrub ihr schweißnasses Gesicht darin.

Nur ein Albtraum!

Zweifellos.

Aber was für einer!

Die Bilder ihres Traums standen ihr noch immer so deutlich und lebhaft vor Augen, als handelte es sich nicht nur um bloße Traumbilder, die ihr Unterbewusstsein während des Schlafs produziert hatte, sondern als wären es reale Geschehnisse, die sie selbst erlebt hatte und die sich wegen ihrer Brutalität und Abscheulichkeit in ihr Gedächtnis eingebrannt hatten.

Und wie eine ungeliebte Erinnerung spielte sich die schreckliche Szene nun erneut vor ihrem inneren Auge ab. Sie erschauderte unter dem Ansturm der Albtraumbilder, war aber unfähig, ihn zu stoppen, und musste die brutale Ermordung des Priesters noch einmal miterleben. Und erneut sah sie alles aus der Perspektive und durch die Augen des Mörders. Als wäre sie selbst die Mörderin gewesen und hätte das tödliche Messer eigenhändig geführt, um ihrem Opfer einen Stich nach dem anderen zu versetzen; bis hin zum letzten, dem finalen, lebensbeendenden Schnitt durch die Kehle des alten Mannes.

Anja schüttelte den Kopf. Sie wollte diesen furchtbaren Gedanken abschütteln, bevor er sich in ihrem Verstand verwurzeln und sie weiter quälen konnte.

Nur ein Albtraum!, wiederholte sie trotzig den einzig tröstlichen Gedanken, der ihr in diesem Augenblick einfiel.

Dennoch!

Woher kam dieser Traum? Warum ließ ihr Unterbewusstsein sie die brutale Ermordung eines Geistlichen erleben? Und dann auch noch ausgerechnet aus der Perspektive seines Mörders.

Sie hätte das Ganze als belanglos abtun können. Schließlich war es nur ein Traum. Doch so einfach war die Sache dann doch nicht. Sie hatte einen kleinen, aber entscheidenden Haken: Anja kannte das Opfer!

II

Sie kannte den alten Mann, der in ihrem Albtraum ermordet worden war!

Oder besser gesagt: Anja hatte ihn zumindest früher einmal gekannt, als sie noch ein Kind gewesen war. Doch seit damals waren viele Jahre vergangen, in denen sie den Geistlichen weder gesehen noch gesprochen hatte.

Aber wieso träumte sie dann ausgerechnet jetzt von ihm, gewissermaßen aus heiterem Himmel und ohne jeden konkreten Anlass? Und dann auch noch seine Ermordung in Breitbild und Technicolor.

Anja nahm die Hände vom Gesicht und schüttelte ein weiteres Mal den Kopf. Sie wollte nicht länger darüber nachdenken. Am liebsten hätte sie den Albtraum so schnell wie möglich vergessen und die dazugehörigen Bilder wie eine Leiche, die man loswerden musste, in einem abgelegenen Winkel ihres Verstandes verscharrt. Aber das ging natürlich nicht! Die Traumbilder waren hartnäckig und widersetzten sich jeglichem Versuch, sie zu verdrängen.

Sie atmete einmal ganz tief durch. Anschließend verlagerte sie ihre Aufmerksamkeit von innen nach außen und überprüfte den Zustand ihres Körpers. Anja stellte fest, dass sich ihr Herz inzwischen wieder beruhigt hatte. Es schlug nun wieder ruhig und gleichmäßig, ohne dass sie das unangenehme Gefühl haben musste, es würde jeden Moment ihren Brustkorb sprengen. Und auch ihre Atmung war wieder normal. Ihr ganzer Körper war zwar weiterhin in kalten Schweiß gebadet, sodass es sie unwillkürlich fröstelte, aber wenigstens schwitzte sie nicht länger.

Anja wunderte sich nicht, dass sie sich körperlich so rasch von ihrem schrecklichen Traumerlebnis erholt hatte. Schließlich hatte sie Erfahrung mit Albträumen; sie war gewissermaßen Expertin darin.

Seitdem sie im Alter von elf Jahren ihren Vater erhängt in seinem Arbeitszimmer gefunden hatte, verfolgte sie dieses traumatische Erlebnis, indem es sie regelmäßig im Schlaf heimsuchte und quälte. Und seit sie vor drei Monaten bei den Ermittlungen im Fall des Apokalypse-Killers die Leiche ihres Ehemannes Fabian entdeckt hatte, der zwar erdrosselt, aber wie ihr Vater im Arbeitszimmer seines Hauses aufgehängt worden war, vermischten sich die beiden Erlebnisse zu einem einzigen furchtbaren, immer wiederkehrenden Super-Albtraum.

Doch auch das war nichts, über das sie in diesem Moment gründlicher nachdenken wollte.

Stattdessen wurde sie sich plötzlich darüber bewusst, dass sie leichte Kopfschmerzen hatte. Außerdem hatte sie großen Durst und einen unangenehmen Geschmack im Mund, der sie an die Zeit erinnerte, als sie entschieden zu viel Alkohol getrunken hatte. Doch das gehörte zum Glück der Vergangenheit an; inzwischen rührte sie keinen Tropfen mehr an.

Anja hob den Kopf und sah sich erneut um. Inzwischen hatten sich ihre Augen an die Finsternis gewöhnt. Und so konnte sie nun die Konturen ihrer Umgebung besser erkennen. Sie runzelte irritiert die Stirn. Die Schattenrisse, die sie umgaben, kamen ihr fremd vor und waren ihr nicht vertraut.

Wo bin ich?

Sie hatte keine Antwort auf diese Frage. Sie wusste nur, dass sie nicht in ihrem Schlafzimmer aufgewacht war, denn dessen Anblick war ihr sogar in der Dunkelheit vertraut.

Ein starkes Gefühl der Desorientierung überkam sie.

Bin ich etwa bei Konstantin?

Konstantin Steinhauser und sie waren seit knapp einem Monat ein Liebespaar. Soweit seine Dienstpläne als Unfallchirurg und Notarzt es ihnen erlaubten, verbrachten sie nach Möglichkeit mindestens zwei bis drei Nächte in der Woche gemeinsam in seiner oder ihrer Wohnung.

Doch Anja erkannte rasch, dass es sich auch nicht um das Schlafzimmer in Konstantins Eigentumswohnung im Münchener Stadtteil Obermenzing handelte. Außerdem befand sie sich, wie sie erst jetzt feststellte, nicht einmal in einem Bett, sondern saß aufrecht auf einer Couch.

Das ist mein Wohnzimmer!

Die Konturen, die zunächst so fremd und rätselhaft auf sie gewirkt hatten, nahmen endlich vertraute Formen an. Das Gefühl der Desorientiertheit verschwand, und Anja atmete erleichtert auf.

Sie war nicht an einem unbekannten Ort, wie sie zunächst befürchtet hatte, sondern zu Hause in ihrer eigenen Wohnung.

Aber warum lag sie nicht in ihrem Bett, sondern hatte auf der Couch geschlafen? Es kam zwar hin und wieder vor, dass sie nach einem anstrengenden Arbeitstag vor dem Fernseher einschlief. Aber wenn sie dann ein paar Stunden später wieder aufwachte, waren das Licht und das Fernsehgerät noch immer an. Doch jetzt war beides ausgeschaltet.

Ein Stromausfall?

Anja blickte unwillkürlich zum Fernseher und bemerkte, dass das rote Standby-Licht brannte. Also doch kein Stromausfall!

Was war dann der Grund, dass sie hier und nicht in ihrem Bett geschlafen hatte?

Sie zuckte mit den Achseln. Schließlich war es auch nicht so wichtig, dass sie sich darüber lange den Kopf zerbrach. Vermutlich gab es eine einfache und logische Erklärung. Und irgendwann, wenn sie nach ein oder zwei Tassen Kaffee endlich richtig wach war, würde ihr diese auch einfallen.

Anja schwang die Beine von der Couch und stöhnte dabei leise. Der Schmerz in ihrem Kopf hatte sich durch die abrupte Bewegung verstärkt. Unwillkürlich erinnerte sie sich an die quälenden Kopfschmerzen während des Apokalypse-Killer-Falls. Damals hatte sie sogar zeitweise ernsthaft befürchtet, sie hätte einen Gehirntumor und sollte das vierte Opfer des Serienkillers werden, der sich Johannes genannt und todkranke Frauen umgebracht hatte.

Doch der heutige Kopfschmerz war anders. Ebenso wie der ekelhafte Geschmack und die staubige Trockenheit in ihrem Mund und der quälende Durst erinnerte er sie an längst vergangene Zeiten, in denen sie fast regelmäßig mit einem Kater aufgewacht war.

Aber das kann nicht sein! Oder etwa doch?

Die Angst des trockenen Alkoholikers vor einem Rückfall griff nach Anjas Herz und ließ sie erschaudern.

Sie stand rasch auf. Zu rasch, denn augenblicklich wurde ihr schwindelig und gleichzeitig schwarz vor Augen. Sie schwankte hin und her. Halt suchend griff sie nach dem Couchtisch, um nicht nach vorn zu kippen und auf der Tischplatte zu landen. Ihre Finger stießen gegen einen Gegenstand, der klirrend umfiel. Dann gelang es ihr endlich, sich an der Tischplatte abzustützen und dadurch einen Sturz zu verhindern. Sie wartete darauf, dass sich die Schwärze vor ihren Augen lichtete und das Schwindelgefühl, das sie erfüllte, verschwand.

Zum Glück kehrte ihre Sehkraft schon nach wenigen Augenblicken zurück. Und auch der Schwindel legte sich allmählich. Anja richtete sich wieder auf und ging mit langsamen, vorsichtigen Schritten zur Tür, um das Licht anzumachen.

Als es hell wurde, schloss sie geblendet die Lider; die Helligkeit intensivierte den Schmerz in ihrem Schädel. Dann öffnete sie die Augen behutsam, um sie an das Licht zu gewöhnen. Blinzelnd sah sie sich um.

Es war tatsächlich ihr Wohnzimmer, in dem sie sich befand. Es sah im Wesentlichen auch so aus wie immer. Das einzig Ungewöhnliche und Unerwartete war die Wodkaflasche, die auf dem Couchtisch lag, weil Anja sie umgestoßen hatte. Allerdings war kein Alkohol verschüttet worden, denn die Flasche war leer!

III

Als sie die umgekippte Flasche sah, hatte sie das unangenehme Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren und in einen Abgrund zu stürzen.

Sie hatte mittlerweile neun Monate lang keinen Tropfen Alkohol angerührt. Ein halbes Jahr davon hatte sie sogar eine volle Wodkaflasche in der Küche aufbewahrt, um ihre Willensstärke auf die Probe zu stellen. Doch selbst in dieser Zeit hatte sie der Versuchung nie nachgegeben. Und nach den schrecklichen Ereignissen im Rahmen der Ermittlungen im Fall des Apokalypse-Killers hatte sie den Alkohol ohnehin in den Abfluss geschüttet und die leere Flasche entsorgt.

Woher kam also jetzt diese Wodkaflasche? Und was eigentlich noch viel wichtiger war, hatte Anja sie ganz allein ausgetrunken? Es erweckte zumindest den Eindruck, als wäre es so gewesen, denn auf dem Couchtisch stand nur ein einziges halbvolles Glas. Und auch der bohrende Schmerz in ihrem Kopf, der mit jedem Atemzug intensiver wurde, und all die anderen Begleiterscheinungen sprachen dafür, dass sie eine Menge Alkohol getrunken hatte. Aber doch keine ganze Flasche!

Oder etwa doch?

Anja wandte sich rasch ab und eilte ins Badezimmer. Ihr war plötzlich schlecht geworden. Sie schaffte es gerade noch rechtzeitig, Klodeckel und -brille nach oben zu klappen, bevor sie sich übergeben musste.

Als der Würgereiz endlich nachließ, spülte sie das stinkende Ergebnis ihres Übelkeitsanfalls rasch hinunter. Allerdings war der Geschmack in ihrem Mund um keinen Deut besser.

Während sie sich aufrichtete, wurde ihr erneut schwarz vor Augen. Doch dieses Mal lichtete sich die Schwärze sofort wieder, ohne dass ihr schwindelig wurde und sie umzufallen drohte. Sie ging auf wackligen Beinen zum Waschbecken und wurde dort mit ihrem Ebenbild im Spiegelschrank konfrontiert.

»Na prima!«, sagte sie mit krächzender Stimme, denn sie sah exakt so aus, wie sie sich fühlte.

Die verschwitzte Haut ihres herzförmigen Gesichts mit den markanten Wangenknochen war bleich und sah ungesund aus. Die grünen Augen waren blutunterlaufen und glänzten fiebrig. Und ihre kurzen, dunkelblonden Haare standen auf der linken Seite wie beim Struwwelpeter ab, während sie auf der anderen Seite angeklatscht waren und schweißfeucht glänzten.

Gut, dass Konstantin heute Nacht nicht bei mir übernachtet hat, dachte sie. Ein solcher Anblick hätte ihn ansonsten vielleicht dazu bringen können, sein Heil in der Flucht zu suchen.

Anjas Mund, der, wenn sie ein Mitspracherecht gehabt hätte, gern etwas schmaler hätte sein können, verzog sich zur Andeutung eines Grinsens. Es verschwand allerdings augenblicklich wieder, als sie sich an die leere Wodkaflasche im Wohnzimmer erinnerte.

Ich dachte, der Traum, den ich hatte und in dem der Pfarrer ermordet wurde, wäre der Albtraum, dachte sie. Aber ich habe mich getäuscht. In Wahrheit ist das hier der echte Albtraum!

Als sie den Blick vom Spiegel abwandte und an sich heruntersah, fiel ihr zum ersten Mal auf, dass sie nicht wie sonst in T-Shirt und Schlüpfer geschlafen hatte, sondern eine schwarze Jeans und einen schwarzen Kapuzenpulli trug. Kein Wunder also, dass sie so stark geschwitzt hatte. Die Sachen waren feucht und klebten teilweise auf ihrer Haut.

Sie zog den Pulli über den Kopf. Darunter hatte sie ein dunkelgraues T-Shirt an. Es war völlig durchgeschwitzt. Sie fröstelte, als der Schweiß auf ihrer Haut trocknete und ihr dadurch kalt wurde.

Rasch entledigte sich Anja der übrigen Kleidungsstücke einschließlich ihres verschwitzten Schlüpfers und der Socken, bis sie nackt und frierend vor dem Waschbecken stand.

Aus Gewohnheit öffnete sie den Teil des Spiegelschranks, in dem sich ihre karge Hausapotheke befand.

Bis zum Fall des Apokalypse-Killers, der damit geendet hatte, dass sie ihn auf dem Waldfriedhof in Notwehr getötet hatte, hatte sie nach ihren regelmäßig wiederkehrenden Albträumen stets wie unter Zwang nach einer Schachtel Schlaftabletten gegriffen. Sie waren ihr wegen ihrer zeitweiligen Schlaflosigkeit aufgrund ihrer damaligen Eheprobleme verschrieben worden; doch Anja hatte sie nie eingenommen. Stattdessen hatte sie die Pillen für den Fall aufbewahrt, dass ihr irgendwann einmal alles zu viel werden und sie nach einem leichten Ausweg suchen sollte. Beim Anblick der Tabletten hatte sie stets den Lockruf des Abgrunds vernommen, der jenseits der Schwelle lag, die der Tod für die Lebenden darstellte. Doch zum Glück hatte sie dem Sirenengesang nie nachgegeben, sondern das Rendezvous mit dem Sensenmann, das allen Menschen früher oder später bevorstand, ein ums andere Mal aufgeschoben. Nach den Erlebnissen mit dem Serienkiller Johannes war der Lockruf dann endlich verstummt. Anja hatte die Tabletten am Grab ihres Vaters ins regennasse Gras fallen lassen. Und den Wodka, mit dem sie die Tabletten im Fall des Falles hatte hinunterspülen wollen, hatte sie weggeschüttet.

Fast erwartete sie nun, die Schlaftabletten wären ebenso wie die Wodkaflasche in ihr Leben zurückgekehrt. Doch das war zum Glück nicht der Fall. Die Stelle, an der sie früher immer gelegen hatten, war noch immer verwaist. Und auch der Lockruf des Abgrunds jenseits des Todes, den sie früher beim Anblick des Einschlafmittels verspürt hatte, blieb ihr erspart. Sie hatte nicht länger das Gefühl, der Tod wäre eine einfache und praktikable Möglichkeit, all ihre Probleme auf einen Schlag zu lösen. Die Begegnung mit dem Apokalypse-Killer, so schrecklich sie auch gewesen war und so vielen Leuten er den Tod gebracht hatte, hatte ihr zumindest den unbedingten Willen zum Weiterleben zurückgegeben. Und dafür war sie zutiefst dankbar.

Dennoch fragte sie sich, als sie den Spiegelschrank wieder schloss, was hier eigentlich los war. Woher kam die Wodkaflasche? Hatte sie selbst sie besorgt, ohne dass sie sich daran erinnern konnte? Und hatte sie dann die Flasche ausgetrunken und auf der Couch das Bewusstsein verloren, um in einem der fürchterlichsten Albträume mitzuerleben, wie ein Geistlicher, den sie vor vielen Jahren gekannt hatte, ermordet wurde?

Das kann doch alles nicht wahr sein!, dachte Anja. Wie an einen Strohhalm klammerte sie sich verzweifelt an den plötzlich in ihr aufkeimenden Einfall, dass sie noch immer träumte. Dass sie weiterhin tief und fest schlief und der Albtraum noch gar nicht zu Ende gegangen war.

Doch dann überzeugte der Schmerz in ihrem Kopf sie davon, dass sie wach war und nicht träumte.

Ihr wurde erneut bewusst, dass sie großen Durst hatte und fror. Außerdem stank sie nach dem Schweiß, der zum größten Teil auf ihrem Körper getrocknet war. Alles in ihr sehnte sich nach einer heißen Dusche. Sie wusste zwar nicht, wie spät es war, doch ihre innere Uhr sagte ihr, dass es noch ein paar Stunden dauern würde, bis der neue Tag heraufdämmerte. Und da sie ohnehin so schnell keinen Schlaf finden würde, weil ihr so viele beunruhigende und beängstigende Gedanken durch den Kopf gingen, konnte sie genauso gut duschen, sobald sie sich die Zähne geputzt hatte, um den üblen Geschmack loszuwerden, und etwas Wasser getrunken hatte, um ihren Durst zu stillen.

Wenn sie hinterher immer noch nicht müde war, wollte sie einen großen Becher Kaffee trinken und anschließend eine Runde durch den Westpark joggen. Vielleicht kam sie dabei auf andere Gedanken.

KAPITEL 3

I

Doch aus dem Laufen wurde leider nichts.

Nachdem sie geduscht hatte, fühlte sie sich schon erheblich besser. So als hätte sie damit nahezu alle körperlichen Nachwirkungen des Alkoholkonsums und des Albtraums einfach wegwaschen können. Obwohl sie sich noch immer lebhafter, als ihr lieb war, an die Ermordung des katholischen Priesters erinnerte, standen ihr die Bilder nicht mehr ständig anklagend vor Augen. Und auch die Kopfschmerzen waren wesentlich schwächer geworden. Deswegen verzichtete sie auch darauf, eine Schmerztablette zu nehmen.

Die Welt sah also schon wieder etwas besser aus, als Anja, lediglich in einem Bademantel gehüllt, in der Küche saß und den ersten Becher Kaffee des Tages trank.

Um das angenehme Gefühl, das sie erfüllte, nicht sofort wieder im Keim zu ersticken, vermied sie es bewusst, an die leere Wodkaflasche im Wohnzimmer zu denken. Oder sich darüber den Kopf zu zerbrechen, warum sie sich nicht daran erinnern konnte, dass sie diese gekauft und den Alkohol getrunken hatte. Denn jedes Mal, wenn sie ihre Gedanken in diese Richtung lenkte, stieß sie nicht auf die fraglichen Erinnerungen, sondern nur auf eine blanke, leergefegte Fläche.

Ein Blackout!

Aus der unrühmlichen Phase ihres Lebens, als sie zu viel und zu regelmäßig getrunken hatte, um ihre Sorgen und Probleme im Alkohol zu ertränken, kannte sie solche Blackouts. Doch irgendwie fühlte es sich heute anders an als früher. Es fühlte sich nicht richtig an! Allerdings konnte Anja zu ihrem Bedauern nicht sagen, was genau sie daran störte. Sie wusste nur, dass es nicht so war, wie es eigentlich sein sollte. Und das beunruhigte sie.

Deshalb vermied sie für den Moment nach Möglichkeit alle Überlegungen, die in diese Richtung gingen. Sie wusste ohnehin, dass sie augenblicklich noch nicht einmal ansatzweise in der Lage war, dieses Rätsel zu lösen. Also war es besser, sie ließ es vorerst bleiben und grübelte nicht dauernd fruchtlos darüber nach. Damit verschwendete sie nur ihre Zeit; und die konnte sie auf andere Art und Weise wesentlich besser nutzen.

Anja trank den Kaffeebecher aus und überlegte, ob sie sich erst noch einen zweiten genehmigen oder sich stattdessen gleich ihre Joggingsachen anziehen sollte. Doch noch bevor sie sich entschieden hatte, intonierte ihr Handy das Lied »Engel« von Rammstein und signalisierte ihr damit, dass sie einen Anruf bekam.

Nachdem sie den leeren Becher abgestellt hatte, stand sie auf und ging in den Flur, aus dem der Klingelton ihres Smartphones kam. Es lag auf dem Schuhschrank neben der Garderobe. Anja konnte sich zwar nicht erinnern, es gestern dorthin gelegt zu haben, aber da sie das oft tat, wunderte sie sich auch nicht darüber.

Sie erkannte die Nummer, die angezeigt wurde, und verzog unweigerlich das Gesicht. Ein Anruf dieses Mannes war für sie gleich in zweifacher Hinsicht unangenehm. Erstens mochte sie Anton Krieger nicht besonders. Und zweitens bedeutete es prinzipiell nie etwas Gutes, wenn ein Kollege von der Mordkommission sie zu einer derart nachtschlafenden Zeit anrief.

II

Anja Spangenberg war ebenfalls bei der Kriminalpolizei München tätig. Allerdings arbeitete sie nicht in der Mordkommission, sondern als Kriminalhauptkommissarin im Kommissariat 14, der sogenannten Vermisstenstelle. Diese war für Vermisste und unbekannte Tote zuständig. Da Anja allerdings keine besondere Vorliebe für, sondern im Gegenteil eine ausgeprägte Abneigung gegen Leichen hatte, war sie froh, dass sich ihr Zuständigkeitsbereich auf vermisste Personen beschränkte.

Gleichwohl wurde sie immer dann von den zuständigen Mord- oder Todesermittlern umgehend darüber informiert und an den Tatort oder in einen Sektionsraum des Instituts für Rechtsmedizin in der Nußbaumstraße gebeten, wenn einer ihrer Vermissten als Leichnam wieder auftauchte. Dort mussten sie dann gemeinsam einen Abgleich der Beschreibungsmerkmale der unbekannten Leiche mit den Angaben über die vermisste Person aus der Vermisstenanzeige durchführen, um zu klären, ob es sich bei dem Leichnam tatsächlich um die gesuchte Person handelte. Sofern die vorhandenen Merkmale für eine zweifelsfreie Identifizierung nicht ausreichten, erfolgte zusätzlich ein DNA-Abgleich. Erst wenn die Leiche eindeutig als die vermisste Person identifiziert werden konnte, konnten auch die Angehörigen benachrichtigt werden. Damit war der Vermisstenfall für Anja erledigt.

Obwohl es zum Glück nicht oft vorkam, weil die überwiegende Anzahl der Vermisstenfälle sich dadurch erledigte, dass die Vermissten früher oder später von selbst nach Hause zurückkehrten oder dank der eingeleiteten Fahndungsmaßnahmen gefunden wurden, hatte Anja einen wahren Horror vor den sporadischen Besuchen im Keller des rechtsmedizinischen Instituts.

Als sie nun die Nummer des Anrufers erkannte, brach ihr daher erneut der Angstschweiß aus. Und obwohl sie gerade einen ganzen Becher Kaffee ausgetrunken hatte, wurde ihr Mund so trocken, als hätte sie einen Spaziergang durch die Wüste unternommen.

Wenn Kriminaloberkommissar Anton Krieger um diese Uhrzeit bei ihr anrief, konnte das eigentlich nur bedeuten, dass eine unbekannte Leiche aufgetaucht war und die routinemäßige Recherche in der Datei für »Vermisste/Unbekannte Tote« einen Zusammenhang mit einem ihrer Vermisstenfälle ergeben hatte. Anja erschauderte daher schon beim bloßen Gedanken daran, dass sie demnächst erneut mit einer Leiche konfrontiert werden würde.

Das hat mir zu meinem Glück gerade noch gefehlt!

Als wenn sie im Augenblick nicht schon genug eigene Probleme hätte. Erst das Erwachen aus dem allzu realistischen und detaillierten Albtraum über die Ermordung des Geistlichen, den sie als Kind gekannt hatte. Anschließend die Feststellung, dass sie eine Flasche Wodka geleert hatte, obwohl sie seit einem Dreivierteljahr keinen Alkohol mehr angerührt hatte. Dann die Gedächtnislücke, weil sie sich nicht daran erinnern konnte, die Wodkaflasche gekauft und ausgetrunken zu haben. Und jetzt, gewissermaßen als krönender Abschluss des Ganzen, auch noch ein nächtlicher Besuch in der Rechtsmedizin, auf den sie auch an besseren Tagen gut und gerne verzichten konnte.

Na prima!, dachte Anja missmutig. Wenn ein Tag schon so hundsmiserabel anfing, dann ging es ihrer Erfahrung nach auch munter so weiter und wurde kein Stück besser, sondern immer schlimmer.

Sie erinnerte sich automatisch an ihren letzten Besuch in einem der Sektionsräume, die ihr jedes Mal erneut das Gruseln lehrten. Er lag mittlerweile drei Monate zurück und hatte zu ihren Ermittlungen im Fall des Apokalypse-Killers geführt. Und am Ende beinahe dazu, dass ihre Cousine Tanja und sie selbst ihr Leben verloren hätten.

Als sie sich schließlich wieder des Mobiltelefons in ihrer Hand bewusst wurde, das noch immer unermüdlich den Rammstein-Song spielte, seufzte sie leise, ergab sich jedoch in ihr Schicksal und nahm den Anruf widerwillig entgegen.

III

»Wunderschönen guten Morgen, hochverehrter Kollege Krieger«, flötete sie ins Gerät, obwohl ihr eher danach zumute war, ihn anzuschnauzen, was ihm eigentlich einfalle, sie um diese Uhrzeit anzurufen, und dass er das gefälligst nie wieder tun solle. Doch sie beherrschte sich. Wenn sie entgegen ihrer wahren Gefühle und ihrer Natur freundlich zu ihm war, nahm sie ihm damit vermutlich noch am ehesten den Wind aus den Segeln.

Und es funktionierte tatsächlich. Es kam nicht oft vor, dass Anton Krieger sprachlos war. Doch diesmal war das der Fall. Vermutlich hatte er damit gerechnet und sogar darauf gehofft, er könnte Anja mit seinem Anruf aufwecken, und insgeheim seine diebische Freude daran gehabt. Dass Anja wach und augenscheinlich auch noch bestens gelaunt war, vermieste ihm hoffentlich die Schadenfreude.

»Was ist los, Krieger?«, fragte Anja nach, als er nichts erwiderte. »Hat es dir die Sprache verschlagen?« Sie wünschte sich, das wäre tatsächlich der Fall. Es wäre zu schön, um wahr zu sein, wenn sie ein einziges Mal mit ihm telefonieren könnte, ohne sich seine dummen Sprüche und abfälligen Bemerkungen anhören zu müssen.

Doch der Kollege von der Mordkommission erholte sich rasch wieder. »Natürlich nicht. Ich war nur für einen kurzen Augenblick überrascht, dass du um diese Uhrzeit schon wach bist.«

Zu Anjas Überraschung beließ er es dabei. Sie hatte damit gerechnet, dass er noch etwas Anzügliches von sich geben würde. Dass er stattdessen ausnahmsweise darauf verzichtete, irritierte sie daher.

Was ist denn mit dem los?

Anton Krieger war die unangenehmere Hälfte eines Mordermittlerteams, mit dem Anja schon mehrmals zusammengearbeitet hatte. Zuletzt im Fall des Apokalypse-Killers. Sein Kollege war Kriminalhauptkommissar Peter Englmair. Die beiden Männer arbeiteten beim Kommissariat 11 und waren für vorsätzliche Tötungsdelikte zuständig. Während Englmair der freundliche und väterliche Typ war, mit dem Anja immer wieder gern zusammenarbeitete, verkörperte Krieger wie die andere Seite einer Medaille das exakte Gegenteil. Unter anderem hatte er eine Gabe dafür, die empfindlichsten Punkte anderer Menschen zu entdecken, um sie dann gekonnt gegen sie zu verwenden. Beim Verhör eines Verdächtigen war das natürlich hilfreich. Doch dadurch, dass er es nahezu gegenüber jedermann einsetzte, machte er sich bei seinen Bekannten und Kollegen keine Freunde.

»Ich bin aufgestanden, um zu joggen«, log Anja, ohne von ihm danach gefragt worden zu sein, warum sie schon wach war. Allerdings war es gar keine hundertprozentige Lüge, denn ohne seinen Anruf wäre sie vielleicht schon unterwegs. »Als du angerufen und mich gestört hast, wollte ich gerade meine Joggingklamotten anziehen und ein paar Runden im Westpark drehen.«

»Ach ja? Laufen wolltest du also.« Es klang argwöhnisch, so als glaubte er ihr nicht.

Anja runzelte verwirrt die Stirn. Sein merkwürdiges Verhalten war absolut untypisch für ihn. Normalerweise hätte er schon längst ein paar dämliche Sprüche und die eine oder andere anzügliche Bemerkung zum Besten gegeben. Dass er das völlig unterließ und stattdessen so ungewohnt ernst und vernünftig klang, machte sie unwillkürlich nervös. Um die aufkeimende Nervosität zu überspielen, versuchte sie es ihrerseits mit Humor.

»Ja, laufen. Du weißt schon, das ist eine Fortbewegungsart, bei der man die Beine abwechselnd nach vorne und nach hinten bewegt. Mir ist natürlich klar, dass dir dieses Konzept nicht bekannt ist, weil du dich am liebsten mit dem Auto fortbewegst. Dabei solltest auch du dich mehr bewegen, Krieger, wenn du nicht in ein paar Jahren an einem Herzinfarkt sterben willst.«

Doch Krieger sprang nicht darauf an. Seine Stimme klang normalerweise immer etwas ölig und einschleimend und erinnerte an einen Gebrauchtwagenhändler oder Versicherungsvertreter unmittelbar vor dem Vertragsabschluss; vor allem, wenn er mit Frauen oder Vorgesetzten sprach. Doch dieses Mal war nichts davon herauszuhören. Stattdessen klang seine Stimme geradezu geschäftsmäßig ernst.

»Ich weiß, was laufen ist«, sagte er humorlos.

Anja seufzte. Sonst ärgerte sie sich immer über Kriegers dumme und geradezu primitive Kommentare. Aber wenn er wie jetzt vollkommen darauf verzichtete, war ihr das dann auch wieder nicht recht, weil es alles andere als normal war. Ihr Instinkt sagte ihr, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmte und er sich deshalb so seltsam verhielt. Sie wusste allerdings nicht, was nicht stimmte. Vermutlich hatte es mit dem Grund seines Anrufs zu tun. Deshalb wollte sie endlich wissen, worum es eigentlich ging.

»Wie wär’s, wenn du mir endlich sagst, warum du mich um diese Uhrzeit anrufst? Bestimmt nicht nur, um mit mir zu plaudern. Vor allem, weil du heute anscheinend nicht zum Plaudern aufgelegt bist.«

»Stimmt«, war alles, was er darauf erwiderte.

Seine ungewohnte Wortkargheit trieb Anja allmählich zur Weißglut. Sie hatte eine furchtbare Nacht hinter sich und wusste noch nicht einmal, was eigentlich genau passiert war. Da konnte sie so etwas nicht auch noch gebrauchen. Sie stöhnte daher laut, sodass er es hören musste. »Ich verliere wirklich bald die Geduld mit dir, Krieger. Entweder lässt du mich mit deinem Partner reden, damit ich endlich mit einem vernunftbegabten Erwachsenen sprechen kann, oder du sagst mir gefälligst, was los ist.« Sie wartete seine Antwort jedoch gar nicht erst ab, sondern fuhr unverzüglich fort: »Lass mich raten: Ihr habt ein neues Mordopfer. Und nach einem Blick in die Datei über Vermisste, unbekannte Tote und unbekannte hilflose Personen beim BKA habt ihr festgestellt, dass es sich um einen meiner Vermissten handelt. Und jetzt rufst du mich an, damit ich zu euch ins Institut für Rechtsmedizin komme, um die Leiche zu identifizieren. Und? Habe ich recht oder habe ich recht?«

»Teilweise«, erwiderte Krieger knapp. Welche Laus auch immer ihm über die Leber gelaufen war, sie musste riesig gewesen sein.

»Was meinst du damit?« Anja runzelte die Stirn, während sie darüber nachdachte. »Jetzt lass dir nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen und rede gefälligst in ganzen und verständlichen Sätzen mit mir!«

»Wir haben tatsächlich ein neues Mordopfer …«

»Aber …?«

»Wir kennen bereits seine Identität. Und ausnahmsweise handelt es sich nicht um einen deiner Vermisstenfälle.« Damit wollte er vermutlich darauf anspielen, dass sie im Fall des Apokalypse-Killers gleich mehrere vermisste Frauen verloren hatte, weil der Täter sie zunächst entführt und anschließend getötet hatte. »Außerdem sollst du nicht ins Institut für Rechtsmedizin, sondern zum Tatort kommen.«

»Aber wieso? Was habe ich mit eurem Mordopfer zu schaffen, wenn es keiner meiner Fälle ist? Und wozu braucht ihr mich dann am Tatort, wenn ich euch ohnehin nicht bei der Identifizierung helfen muss?«

Einerseits war Anja erleichtert, dass sich nicht schon wieder einer ihrer Fälle durch den Tod der vermissten Person erledigt hatte. Andererseits beunruhigte sie Kriegers Anruf über alle Maßen. Sie musste an den Albtraum und den Wodka denken und hatte das unangenehme Gefühl, dass dieses Telefonat nichts anderes war als eine Fortsetzung der Katastrophenserie, mit der dieser Tag begonnen hatte.

»Das erzählen wir dir, wenn du hier bist.«

Anja sah ein, dass sie von einem ungewöhnlich wortkargen und ernsten Krieger keine weiteren Informationen bekommen würde. Es schien ihm im Gegenteil geradezu einen Mordsspaß zu bereiten, sie weiterhin im Unklaren und zappeln zu lassen, auch wenn er sich davon nichts anmerken ließ.

Sie seufzte. »Na schön, ich komme. Wo finde ich euch?«

Als der Mordermittler ihr die Adresse nannte, überlief es sie eiskalt. Die düstere Vorahnung, die sie bislang erfüllt hatte, verwandelte sich jäh in eine schreckliche Gewissheit und ließ sie erschaudern.

KAPITEL 4

I

Als sie sich dem Altarraum der Kirche näherte, fiel ihr als Erstes der einzelne blutige Handabdruck an der weißen Wand auf. Er wirkte auf sie wie ein unheimliches Vorzeichen für das, was sie an diesem Ort erwartete.

Sie musste sich zwingen, nicht erschrocken innezuhalten. Beklommen ging sie näher heran und war darum bemüht, sich ihre Beklommenheit nicht anmerken zu lassen. Während sie das tat, erkannte sie weitere Einzelheiten.

Unmittelbar unterhalb des roten Abdrucks lag der leblose Körper, der ihn verursacht hatte, vor den sechs Stufen, die zum erhöhten Altarbereich der Kirche führten. Er war mit einem weißen Tuch abgedeckt, sodass Anja sein Anblick fürs Erste erspart blieb.

Krieger und Englmair, die beiden Mordermittler, standen in der Nähe der Leiche und unterhielten sich flüsternd. Es sah so aus, als wären sie unterschiedlicher Meinung. Während Krieger auf ihn einredete und dabei mit den Händen gestikulierte, schüttelte Englmair, der einen Notizblock und einen Kugelschreiber hielt, immer wieder entschieden den Kopf. Auch das halbe Dutzend Kollegen von der Kriminaltechnik in ihren weißen Overalls, die das Kirchenschiff gründlich unter die Lupe nahmen, sowie zwei uniformierte Beamte verhielten sich ungewohnt leise. Obwohl sich also fast ein Dutzend Personen in der Kirche aufhielten, war es ungewöhnlich ruhig. Das lag vermutlich in erster Linie daran, dass sie sich in einem Gotteshaus aufhielten. In Kirchen senkten die meisten Menschen automatisch ihre Stimmen, als wäre es ein Sakrileg, laut zu sprechen.

Obwohl Anja sich bemühte, leise aufzutreten, verursachten die Absätze ihrer schwarzen Lederstiefel dennoch laut klackende Geräusche auf den Bodenfliesen und kündigten den beiden Mordermittlern ihre Ankunft an. Sie verstummten daher in diesem Augenblick und wandten synchron die Köpfe in ihre Richtung, als die Kollegin von der Vermisstenstelle den Mittelgang verließ und sich ihnen und dem Leichnam näherte.

Wegen der herbstlichen Kühle an diesem frühen Morgen trug Anja über ihrer schwarzen Jeanshose und dem dunkelgrauen Rollkragenpullover einen schwarzen Mantel. Sie begrüßte zuerst Englmair und dann etwas widerwilliger auch Krieger wortlos mit einem Nicken. Zwei Meter von der zugedeckten Leiche entfernt blieb sie schließlich bei den beiden Mordermittlern stehen.

Obwohl sie charakterlich absolute Gegensätze waren, wodurch sie wie die beiden Seiten einer Münze wirkten und sich in ihrer Arbeit als Mordermittlerteam so hervorragend ergänzten, wurden sich die beiden Männer äußerlich von Jahr zu Jahr immer ähnlicher. Beide waren leicht übergewichtig und hatten rasierte Köpfe. Sie unterschieden sich vor allem in ihrer Kleidung und ihrer Körpergröße. Der einundvierzigjährige Englmair war mit seinen eins achtzig nämlich ganze zehn Zentimeter größer als sein drei Jahre jüngerer Kollege. In der Dienststelle wurden die beiden oft als siamesische Zwillinge bezeichnet, da man einen von ihnen fast nie allein, sondern beide in der Regel nur im Doppelpack antraf.

Ein weiterer Unterschied, der Anja in diesem Augenblick besonders bewusst wurde, bestand in ihren Gesichtsausdrücken. Denn während der gutmütig wirkende Englmair Anja mit einem freundlichen Lächeln begrüßte, sah der missmutige Krieger sie mit düsterer Miene so argwöhnisch und vorwurfsvoll an, als wäre sie die Hauptverdächtige in einem Mordfall.

Der Gedanke, der ihr ungewollt und ungebeten in den Sinn gekommen war, machte ihr unwillkürlich Angst. Anja schluckte, bemühte sich aber, sich von ihren wahren Gefühlen nichts anmerken zu lassen.

»Da bin ich!«, sagte sie, als sähen ihre Kollegen das nicht selbst, und breitete die Arme aus. »Könnt ihr zwei mich jetzt endlich darüber aufklären, warum ich um diese Uhrzeit unbedingt hierherkommen musste.« Sie vermied es, einen genaueren Blick auf die Leiche zu werfen, obwohl durch die Decke nur die Umrisse eines auf der Seite liegenden Menschen zu erkennen waren. Stattdessen richtete sie ihren fragenden Blick auf Englmair, von dem sie sich eher eine vernünftige Antwort auf ihre Frage erhoffte.

Doch es war Krieger, der ihr antwortete: »Wegen ihm hier natürlich.« Er machte eine Kopfbewegung in Richtung des Leichnams.

Anja folgte der Bewegung automatisch mit den Augen und starrte die verdeckte Leiche an.

Seit Krieger ihr gesagt hatte, wohin sie kommen sollte, hatte sich die düstere Ahnung, um wen es sich bei dem Mordopfer handelte, in schreckliche Gewissheit verwandelt. Doch sie ließ sich davon nichts anmerken und spielte weiterhin die Ahnungslose. Noch wusste sie schließlich nicht, was hier eigentlich los war.

Bis zum gestrigen Tag war ihr Leben im Grunde noch halbwegs in Ordnung gewesen. Dann hatte sie im Traum aus der Perspektive des Täters die Ermordung eines Priesters miterlebt, den sie vor vielen Jahren gekannt hatte. Anschließend hatte sie auch noch feststellen müssen, dass sie nach Monaten der Abstinenz wieder trank. Das alles hatte dazu geführt, dass Anja sich mittlerweile so fühlte, als säße sie in einem führerlosen Fahrzeug, das sie in halsbrecherischer Fahrt an ein unbekanntes Ziel beförderte, ohne dass sie eine Möglichkeit gehabt hätte, den Kurs zu beeinflussen oder den Wagen abzubremsen.

»Wer ist das?«

»Jetzt tu bloß nicht so, als wüsstest du das nicht schon längst«, sagte Krieger und funkelte sie zornig an.

»Und woher soll ich das bitte schön wissen? Ich bin schließlich gerade erst gekommen. Und außerdem ist der Leichnam zugedeckt.«

»Verarsch uns bloß nicht, Spangenberg!«

Anja wandte den Blick ab und sah stattdessen Englmair an. »Kannst du mir vielleicht sagen, was in deinen Kollegen gefahren ist? Hat er gerade seine Tage oder was?«

»Weißt du, wo wir hier sind?«, reagierte Englmair mit einer Gegenfrage.

Anja machte sich gar nicht erst die Mühe, sich genauer umzusehen. Sie wusste ganz genau, wo sie sich befanden. »Wir sind in einer katholischen Kirche im Stadtteil Obermenzing. Sie heißt Leiden Christi.«

Englmair nickte bestätigend. »Warst du schon mal hier?«

Anja nickte seufzend und sah sich jetzt doch um. Zusätzlich zu den Decken- und Wandlampen hatten die Kriminaltechniker mobile Scheinwerfer aufgestellt, sodass der Innenraum der Kirche taghell ausgeleuchtet wurde. So hatte sie diesen Ort noch nie gesehen. Dennoch war er ihr noch immer vertraut, denn seit ihrer Kindheit hatte sich hier drin kaum etwas verändert.

»Ich bin in der Nähe aufgewachsen und wurde an diesem Ort getauft«, sagte sie. »Als Kind bin ich hier oft zum Gottesdienst gegangen. Und hier habe ich auch meine Erstkommunion gefeiert.«

»Wenn du diesen Mordschauplatz schon so gut kennst, dann kannst du doch sicherlich auch erraten, wer hier ermordet wurde«, sagte Krieger und grinste höhnisch.

Anja sah erneut auf den zugedeckten Leichnam. Auch wenn sie heute Nacht nicht von der Ermordung eines Geistlichen geträumt hätte, hätte sie allein aufgrund des Fundorts als Erstes darauf getippt, dass der Pfarrer dieser Kirchengemeinde das Mordopfer war.

»Ich nehme mal an, dass es sich um den Pfarrer handelt«, sagte sie daher.

»Du nimmst es also mal an.« Krieger schüttelte den Kopf, als könnte er nicht glauben, was er gehört hatte. »Oder ist es nicht eher so, dass du ganz genau weißt, wer das Opfer ist, weil du ihn kennst.«

»Was soll das hier eigentlich werden, Englmair?«, beschwerte sie sich. »Bin ich etwa plötzlich die Verdächtige in einem Mordfall? Wenn ja, sollten dieser Knallkopf und du mir besser erst einmal meine Rechte vorlesen.«

»Quatsch!«, sagte der Angesprochene und schüttelte den Kopf. »Du bist keine Verdächtige.«

»Ach, ist sie das nicht?« Krieger sah seinen Kollegen verärgert an.

»Nein!«, antwortete Englmair entschieden und schränkte dann ein. »Zumindest im Moment noch nicht. Sie ist noch immer eine geschätzte Kollegin von der Vermisstenstelle. Und alle Verdachtsmomente, die sich hinsichtlich dieses Mordfalls gegen sie ergeben, werden wir klären. Oder traust du der Kollegin wirklich zu, einen derartig kaltblütigen und brutalen Mord zu begehen?«

»Warum nicht?«, erwiderte Krieger wie aus der Pistole geschossen und sah Anja finster an. »Schließlich hat sie auch den Apokalypse-Killer getötet.«

»Das war Notwehr!«, sagten Anja und Englmair wie aus einem Mund.

»Behauptet sie«, sagte Krieger trotzig, als wollte er unbedingt das letzte Wort behalten.

Anja schüttelte den Kopf. Mit jeder weiteren Minute, die verging, wuchs ihre Beunruhigung. Was zum Henker war hier bloß los? Krieger hielt sie für eine Verdächtige in diesem Mordfall und traute ihr zu, einen kaltblütigen, brutalen Mord zu begehen. Er bezweifelte sogar, dass sie den Apokalypse-Killer in Notwehr getötet hatte. Englmair hielt zwar zu ihr, hatte jedoch einschränkend gemeint, dass sie noch keine Verdächtige wäre. Außerdem hatte er von Verdachtsmomenten ihr gegenüber gesprochen.

Welche Verdachtsmomente?

Sie erinnerte sich natürlich sofort wieder an den allzu realistisch wirkenden Albtraum, der ausgerechnet an diesem Ort stattgefunden und den Mord an dem Geistlichen gezeigt hatte. War es etwa mehr als nur ein Traum gewesen? Aber wie konnte sie dann davon geträumt haben? Das hieße doch, dass sie zumindest persönlich anwesend gewesen sein musste, um hinterher überhaupt davon träumen zu können.

Der Gedanke machte ihr Angst, deshalb verfolgte sie ihn nicht weiter. Ihr wurde immer mulmiger zumute. Sie wollte endlich Gewissheit darüber haben, was hier geschehen war und was sie damit zu tun hatte.

»Was ist jetzt?«, fragte sie. »Handelt es sich bei dem Opfer um den Pfarrer oder nicht?«

»Sieh es dir am besten selbst an«, sagte Englmair und nickte Krieger zu. Der ging umgehend zur Leiche, bückte sich und zog wie ein Zauberkünstler auf der Bühne mit einem Ruck die Decke zur Seite. Fehlte eigentlich nur noch, dass im Hintergrund eine Kapelle einen Tusch spielte.

II

Anja hätte am liebsten die Augen geschlossen, um dem furchtbaren Anblick zu entgehen oder ihn zumindest hinauszuzögern, damit sie sich mental darauf vorbereiten konnte. Doch dafür war es zu spät. Wie ein Kind, das ins Wasser geworfen wird, damit es auf die harte Tour schwimmen lernt, wurde sie mit dem Anblick der Leiche konfrontiert.

Ihre üblichen Reaktionen beim Anblick eines toten Menschen setzten umgehend ein. Ihr wurde schlecht, ihr Herzschlag beschleunigte sich, und der Schweiß brach ihr aus. Alles in ihr, jede einzelne Faser ihres Körpers, schrie danach, sich herumzuwerfen und aus der Kirche zu rennen. Doch wie immer widersetzte sie sich dem Fluchtimpuls standhaft und blieb an Ort und Stelle, so schwer ihr das auch fiel. Obwohl sie in ihrer Laufbahn schon mehrere Leichen gesehen hatte, wurde es nicht besser, sondern war jedes Mal mindestens genauso schlimm wie zuvor.

Dann legte sich ihre panische Angst endlich ein wenig, sodass sie wieder in der Lage war, vernünftig zu überlegen.

Er ist es tatsächlich!, war ihr erster Gedanke. Aber wie ist das möglich? Wie konnte ich in der Nacht, als er starb, von seiner Ermordung träumen, so als hätte ich selbst das Messer geführt, ohne dabei gewesen zu sein?

Ihre Gedanken wirbelten wie ein Schwarm Schmetterlinge durcheinander, während sie über diese Fragen nachdachte. Die einzig logische Schlussfolgerung, die sich zwangsläufig daraus ergab, ließ sie erschaudern und sorgte dafür, dass sich ein eisiger Klumpen aus ungetrübter Angst in ihrem Magen bildete.

Ich konnte nur davon wissen und den Mord so lebhaft und detailliert im Traum erleben, wenn ich tatsächlich dabei gewesen war!, gab sie sich schließlich selbst die Antwort auf ihre Fragen.

Aber war das wirklich so undenkbar, wie es ihr erschien?

Während ihr all diese Überlegungen blitzartig durch den Kopf schossen, ruhte ihr fassungsloser Blick weiterhin auf dem Leichnam des Mannes, dessen Ermordung sie geträumt hatte.

Er sah exakt so aus wie in ihrem Albtraum, was den Eisklotz aus Angst in ihren Eingeweiden sofort erheblich anwachsen ließ. Seit sie ihn vor dreiundzwanzig Jahren zum letzten Mal bewusst gesehen hatte, war er sichtlich gealtert. Er musste mittlerweile Ende fünfzig oder Anfang sechzig sein. Das kurz geschnittene Haar war ergraut, aber immer noch voll. Zahlreiche Falten hatten sich in sein Gesicht gegraben, das ihr als junges Mädchen stets so gütig und mitfühlend erschienen war. Jetzt, im Tod, war davon allerdings nichts mehr zu sehen. Er war nur noch ein toter alter Mann. Außerdem war er schlanker, als sie ihn aus ihrer Kindheit in Erinnerung hatte, trug ansonsten aber die gewohnte Kleidung, bestehend aus schwarzen Halbschuhen, einer schwarzen Hose und einem Kollarhemd.

Als Anjas Blick über seinen Körper wanderte, sah sie, dass er exakt die Verletzungen aufwies, die ihm auch in ihrem Albtraum zugefügt worden waren. Sie registrierte die beiden Stiche in die Schulter und in den Bauch. Außerdem war natürlich nicht zu übersehen, dass ihm die Kehle durchgeschnitten worden war. Nur die Stichwunde in seinem Rücken konnte Anja von ihrem Standort aus nicht sehen. Sie zweifelte allerdings nicht daran, dass sie ebenfalls da war, und erschauderte erneut, als sie sich unwillkürlich fragte, woher sie das alles wusste. Die Wunden hatten teilweise heftig geblutet. Das Kollarhemd hatte sich überall dort, wo es durchbohrt worden war, dunkler verfärbt; vor allem im Bauchbereich. Darüber hinaus hatte sich unter dem Geistlichen eine Blutlache gebildet. Sie war längst geronnen und hatte sich braun verfärbt; der Mord musste also schon ein paar Stunden her sein.

»Und? Kennst du ihn?« Trotz der Verdachtsmomente gegen sie, von denen Englmair zuvor gesprochen hatte, klang seine Stimme sanft.

Seine Frage riss sie aus ihren Überlegungen. Sie dachte fieberhaft darüber nach, was sie darauf antworten sollte.

Du musst ihnen die Wahrheit sagen!

Widerwillig musste Anja zugeben, dass die Stimme der Vernunft in ihrem Inneren wie immer recht hatte. Wieso sollte sie auch abstreiten, dass sie den Pfarrer als Kind gekannt hatte? Die Mordermittler würden es früher oder später ohnehin herausfinden. Und wenn sie die Kollegen schon in dieser Beziehung belog, verlor sie bei ihnen jegliche Glaubwürdigkeit, die sie momentan vielleicht noch besaß.

Aber sollte sie ihnen auch von dem Albtraum erzählen?

Tu das bloß nicht!

Erneut war sie mit ihrer inneren Stimme einer Meinung. Englmair und Krieger – vor allem Krieger, dieser Idiot! – würden es nicht verstehen. Wie auch? Sie verstand es ja selbst nicht einmal!

Wenn Anja also erzählte, dass sie die Ermordung des Geistlichen im Schlaf aus der Perspektive des Mörders miterlebt hatte, würde man sie höchstwahrscheinlich umgehend in eine Zwangsjacke stecken und in die nächste Klapsmühle verfrachten. Und das ihrer Meinung nach völlig zu Recht. Kriegers Misstrauen würde sich in dem Fall sofort in selbstgerechte Überzeugung verwandeln. Und selbst Englmair, der noch zu ihr stand und nicht glauben mochte, dass sie zu so einer Tat fähig war, müsste sich dem Druck der Tatsachen beugen.

Ihr wurde bewusst, dass sie schon viel zu lange über eine an sich simple Frage nachdachte. Das war verdächtig!

Sie wandte daher den Blick von den Toten, sah Englmair an und nickte mit ernster Miene. »Das ist Pfarrer Paul Hartmann. Ich kannte ihn als Kind. Er taufte mich, obwohl ich mich daran natürlich nicht erinnern kann. Außerdem war er ein oder zwei Jahre lang mein Religionslehrer in der Grundschule. Bis zum Tod meines Vaters besuchte ich mehr oder weniger regelmäßig seinen Gottesdienst in dieser Kirche. Und hier spendete er mir auch die Erstkommunion.«

»Und wann hast du ihn zum letzten Mal gesehen?«

Darüber musste Anja gar nicht lange nachdenken, denn die Antwort war ihr sofort präsent. »Als ich elf Jahre alt war.« Sie seufzte. Über diese extrem schwierige Phase nach dem Tod ihres Vaters sprach sie nur ungern. Doch nun war es unumgänglich, auch wenn es ihr schwerfiel. »Nachdem mein Vater damals gestorben war, weigerte ich mich, weiterhin in die Kirche zu gehen. Daraufhin kam Pfarrer Hartmann zu uns nach Hause, um mit mir darüber zu sprechen. Doch ich wollte mir gar nicht erst anhören, was er zu sagen hatte. Dafür war ich einfach viel zu wütend. In erster Linie natürlich auf meinen Vater, weil ich …« Sie seufzte ein weiteres Mal. »Ich hatte damals das Gefühl, von ihm im Stich gelassen worden zu sein. Aber ich war auch furchtbar zornig auf Gott, weil er es zugelassen hatte, dass mein Vater sich und mir das angetan hatte. Als der Pfarrer bei uns war, entlud sich dieser Zorn, der sich in mir aufgestaut hatte, natürlich auf ihn. Ich … ich sagte ihm, dass ich an keinen Gott glauben könne, der es zugelassen hatte, dass mein Vater starb, und dass ich auch ihn hassen würde, weil er mir ständig die Lüge eines gütigen, barmherzigen Gottes erzählt hatte. Er solle bloß nie wieder kommen, schrie ich unter Tränen. Dann rannte ich nach oben und schloss mich in meinem Zimmer ein. Der zutiefst enttäuschte, traurige und auch verletzte Ausdruck auf seinem Gesicht ist das Letzte, was ich von ihm in Erinnerung habe.«

Zumindest, bis ich ihn heute Nacht im Traum wiedersah und ermordete!, dachte sie, behielt diesen Gedanken aber wohlweislich für sich.

»Und seit damals willst du ihn also nicht mehr gesehen haben?«, fragte Krieger in einem Tonfall, als wäre es das Dämlichste, was er seit Langem gehört hatte.

Anja wandte ruckartig den Kopf und sah ihn wütend an. »Willst du etwa behaupten, dass ich lüge? Wieso sollte ich das tun?«

»Ja, wieso solltest du das tun?« Krieger grinste bösartig, als wüsste er im Gegensatz zu Anja die Antwort auf diese Frage.

»Was ist hier eigentlich los, Englmair?«, wandte sich Anja an den Vernünftigeren der beiden Mordermittler. »Ihr habt mich doch nicht um diese Uhrzeit hierher bestellt, nur weil ich den Pfarrer als Kind kannte und hier zum Gottesdienst ging. Irgendetwas ist doch hier im Busch.«

Englmair seufzte schwer und gab Krieger erneut einen Wink. Dieser grinste noch immer, als verschaffte ihm das alles eine innere Befriedigung. Eifrig, als hätte er die ganze Zeit nur auf die Erlaubnis dazu gewartet, zog er eine Beweismitteltüte aus der Jackentasche. Er ging zu Anja, die ihn argwöhnisch beobachtete, blieb zwei Schritte vor ihr stehen und hielt ihr den transparenten Plastikbeutel vors Gesicht, sodass sie mühelos dessen Inhalt erkennen konnte.

Anja sah, dass es sich um eine Visitenkarte handelte. Es war jedoch nicht irgendeine, sondern ihre eigene Karte. Auf der Vorderseite, die ihr zugewandt war, standen ihr Name, ihr Dienstgrad und ihre Dienststelle. Darunter die Adresse und die Durchwahlnummer ihres dienstlichen Telefonanschlusses. Anja hatte, seit sie in der Vermisstenstelle arbeitete, Hunderte dieser Karten verteilt. Allerdings war bislang noch nie eine am Tatort eines Mordes aufgetaucht. Die Karte in der Beweismitteltüte war zerknittert, als hätte sie jemand in seiner Faust zerknüllt oder gedankenlos in die Hosentasche gesteckt. Außerdem war eine Ecke mit Blut in Berührung gekommen. Es war mittlerweile getrocknet und hatte sich braun verfärbt. Der Fleck bildete einen ausgefransten Viertelkreis, der die letzten vier Buchstaben ihres Nachnamens verdeckte.

Anja hatte schon die ganze Zeit geahnt, dass es etwas Stichhaltiges geben musste, das sie mit dem Mordopfer in Verbindung brachte. Ansonsten hätten Englmair und Krieger sie nicht um diese Uhrzeit hierher beordert. Allerdings hätte es auch schlimmer sein können. Sie hatte nämlich schon befürchtet, Krieger könnte ihr die Mordwaffe zeigen, die aus ihrer Wohnung stammte und ihre Fingerabdrücke aufwies. Obwohl sie sich äußerlich nichts anmerken ließ, atmete sie daher erleichtert auf.

»Kommt dir das unter Umständen bekannt vor?«, fragte Krieger in einem inquisitorischen Tonfall, den er vermutlich einem Filmschauspieler abgeschaut hatte, der einen knallharten Kommissar spielte und den er insgeheim bewunderte.

Anja verdrehte genervt die Augen. »Natürlich kommt mir das bekannt vor, Dumpfbacke. Das ist eine meiner dienstlichen Visitenkarten. Das kann schließlich jeder sehen, der im Gegensatz zu dir mehr als nur einen Funken Verstand hat, weil mein Name darauf steht. Wo habt ihr sie gefunden?«

»Sie befand sich im Besitz des Toten.« Diesmal versuchte Krieger, seine Stimme besonders dramatisch klingen zu lassen. Fehlte nur noch eine packende Hintergrundmusik, und die Szene wäre perfekt gewesen.

Anja seufzte. »Und deshalb glaubst du jetzt also tatsächlich, ich hätte Pfarrer Hartmann umgebracht?«, fragte sie in ungläubigem Tonfall. Sie schüttelte den Kopf. »Ich glaube, in den letzten Jahren habe ich so viele von diesen Karten verteilt, dass mittlerweile vermutlich mehrere Hundert davon im Umlauf sein müssen.« Sie wandte den Kopf und sah Englmair an. »Diese Visitenkarte beweist doch rein gar nichts!«

»Wenn es nur die Karte wäre, dann würde ich dir sogar recht geben«, sagte er und seufzte schwer.

Anja verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. »Wieso? Was habt ihr noch?«

»Sieh dir mal an, was auf der Rückseite steht!«, sagte Krieger und grinste hämisch.

Als Anja wieder auf den Beweismittelbeutel sah, hatte Krieger ihn umgedreht. Nun war die Rückseite der Visitenkarte sichtbar. Jemand – möglicherweise der Pfarrer – hatte mit blauem Kugelschreiber das gestrige Datum und »23:00 Uhr« darauf notiert. Daneben standen ihr Vorname, der eingekringelt worden war, und ihre Handynummer.

»Und? Was sagst du jetzt? Willst du etwa immer noch behaupten, du hättest den Pfarrer zum letzten Mal gesehen, als du ein kleines Mädchen warst?« Kriegers Tonfall verdeutlichte, für wie lächerlich er diese Vorstellung hielt.

»Es ist keine Behauptung, sondern die Wahrheit.« Anja verschränkte die Arme vor der Brust. Sie wandte sich wieder an Englmair, von dem sie sich Unterstützung gegen seinen Kollegen erhoffte. »Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich so etwas …« Sie wies, ohne hinzusehen, auf den Leichnam. »… tun könnte, oder?«

Er schüttelte zwar den Kopf, doch sein Gesichtsausdruck zeigte, dass er sich nicht hundertprozentig sicher war, was er glauben sollte.

Anja wurde schlagartig bewusst, dass es noch mehr geben musste, das gegen sie sprach. Die Visitenkarte allein, selbst wenn auf der Rückseite das gestrige Datum, ihr Vorname und ihre Handynummer vermerkt waren, hätte nicht ausgereicht, um Englmair derart an ihr zweifeln zu lassen. Vielleicht, so dachte sie, spielt die Uhrzeit eine Rolle. »Wisst ihr schon, wann er gestorben ist?«

»Nachdem Dr. Brenner den Leichnam untersucht hatte, meinte er, der Pfarrer sei zwischen einundzwanzig Uhr abends und drei Uhr morgens ermordet worden«, antwortete Englmair.

»Du siehst also, es passt alles perfekt zusammen und ergibt einen Sinn«, sagte Krieger geradezu triumphierend. »Der Pfarrer notierte sich ausgerechnet auf der Visitenkarte, die du ihm gegeben hast, den Tag und die Uhrzeit eures Treffens. Keine Ahnung, worum es dabei ging. Auf jeden Fall seid ihr vermutlich in Streit geraten. Dann musst du die Kontrolle verloren und wie eine Wahnsinnige zweimal auf ihn eingestochen haben. Und als er schwerverletzt flüchten wollte, hast du ihm zuerst das Messer in den Rücken gerammt und anschließend, als er hilflos am Boden lag, die Kehle durchgeschnitten.« Seine letzten beiden Worte begleitete er, als wollte er sie dadurch noch verdeutlichen, mit der weltweit verständlichen Geste für eine durchgeschnittene Kehle.

»Hörst du dir eigentlich manchmal selbst zu, wenn du redest, Krieger?«, fragte Anja und schüttelte den Kopf. »Wenn nicht, ist es höchste Zeit, dass du damit anfängst. Dann würdest du nämlich endlich merken, wie viel Blödsinn du ständig von dir gibst.«

»Und wieso soll das Blödsinn sein?«

Anja überlegte. »Erstens«, sagte sie dann und hob den Daumen der linken Hand. »Wann soll ich ihm die Visitenkarte denn gegeben haben? Etwa gestern Nacht um dreiundzwanzig Uhr, als wir uns angeblich trafen? Wenn ja, wie konnte er dann den Termin auf der Karte notieren? Und wieso hätte er das überhaupt noch tun sollen?«

Doch Krieger ließ sich von ihrem Einwand nicht irritieren. Er schien davon überzeugt zu sein, dass er auf der richtigen Spur war, und ließ sich davon partout nicht abbringen. »Wahrscheinlich hast du ihm die Visitenkarte schon vorher zukommen lassen. Würde mich gar nicht wundern, wenn das sogar deine Schrift auf der Rückseite ist.«

Sie schüttelte energisch den Kopf. Auch wenn sie das meiste, was ihr in den letzten Stunden widerfahren war, noch immer nicht nachvollziehen konnte, so wusste sie wenigstens mit absoluter Sicherheit, dass es sich nicht um ihre Schrift handelte. »Das habe ich nicht geschrieben! Und das lässt sich im Zweifelsfall auch durch ein grafologisches Gutachten nachweisen.«

Krieger zuckte mit den Schultern, als wäre dieses Detail ohnehin belanglos. »Dann hat es eben der Pfarrer geschrieben, als ihr telefonisch den Termin für euer Treffen vereinbart habt. Was soll’s?«

»Ich sagte schon einmal, dass ich Pfarrer Hartmann seit 23 Jahren nicht gesehen habe. Und ich habe auch nie mit ihm telefoniert. Das wirst du auch selbst noch herausfinden, wenn du die Verbindungsdaten unserer Telefonanschlüsse überprüfst.«

Doch der Mordermittler wich keinen Millimeter zurück und ließ sich von bloßen Behauptungen von jemandem, den er des Mordes verdächtigte, nicht den Wind aus den Segeln nehmen. »Das werden wir selbstverständlich noch überprüfen, darauf kannst du dich verlassen. Allerdings habe ich auch nicht erwartet, dass du von deinem Festnetzanschluss oder mit deinem Handy beim Pfarrer angerufen hast. Schließlich bist du alles andere als blöd.«

»Danke für das Kompliment, Krieger, auch wenn es sicherlich unbeabsichtigt war. Aber wenn ich, wie du gesagt hast, alles andere als blöd bin, wieso habe ich dann die Visitenkarte nicht mitgenommen, als ich die Gelegenheit dazu hatte?«

Er zuckte mit den Schultern. »Selbst die klügsten Verbrecher machen Fehler und werden geschnappt. Vielleicht bist du nach dem Mord in Panik geraten und fluchtartig von hier verschwunden. Und dabei hast du schlichtweg vergessen, die Karte mitzunehmen. Schließlich hatte der Tote sie in der Hosentasche.«

»In der Hosentasche?«, fragte sie Englmair, der das mit einem Nicken bestätigte. »Und wie kam dann das Blut dran?«

»Es stammt vermutlich von seiner Bauchwunde, die sehr heftig geblutet hat. Nach Ansicht des Gerichtsmediziners hat der Täter dem Pfarrer das Messer zuerst in die linke Schulter gestoßen. Die Klinge drang allerdings nicht sehr tief ein. Der zweite Stich ging dann in den Bauch und war wesentlich tiefer. Das Opfer wandte sich daraufhin zur Flucht und rannte von da drüben …« Er wies auf eine Stelle am Anfang des Mittelgangs, an der Anja auf ihrem Weg hierher vorbeigekommen war. Mehrere nummerierte gelbe Spurenmarker wiesen auf Blutstropfen auf den Fliesen hin. »… bis hierher, wo er sich an der Wand abstützte und dabei diesen Handabdruck hinterließ. Der Mörder …«

»… oder die Mörderin …«, unterbrach ihn Krieger, der Anja nicht aus den Augen ließ.

Englmair seufzte. »Okay. Der Mörder oder die Mörderin verfolgte den Pfarrer und stieß ihm, wie Toni schon sagte, das Messer in den Rücken, wo er eine weitere tiefe Stichwunde hat. Nachdem das Opfer anschließend zu Boden gesunken war, wurde ihm die Kehle durchgeschnitten.«

»Wieso erzählst du ihr das eigentlich alles?«, fragte Krieger und sah seinen Kollegen verärgert an. »Dabei handelt es sich um Täterwissen.«

»Sie ist immer noch unsere Kollegin und gilt solange als unschuldig, bis ihre Schuld zweifelsfrei erwiesen ist.«

Krieger wiegte den Kopf hin und her, als hätte er seine Zweifel, erwiderte jedoch klugerweise nichts darauf.

»Zweitens«, setzte Anja ihre Aufzählung von vorhin fort und streckte den Zeigefinger aus, »trage ich in der Regel kein Messer mit mir spazieren, das derartige Wunden hervorruft, wenn ich mich mit einem katholischen Pfarrer zu einem Gespräch treffe, den ich als Kind kannte und bis zum Tod meines Vaters sogar sehr gern hatte. Und ich nehme nicht an, dass ein derartiges Messer griffbereit hier in der Kirche herumlag. Worum handelt es sich bei der Tatwaffe überhaupt?«

»Um ein Fleischmesser«, sagte Krieger, als wäre Anjas Frage sein Stichwort gewesen. Er wandte sich um, nahm die Stufen und ging zum Altar. »Wir fanden es hier auf dem Altar, wo die Mörderin es nach der Tat hingelegt hat.«

Anja sah Englmair an und verdrehte die Augen.

Er zuckte mit den Schultern, als wollte er sagen: So ist er nun einmal, und da kann man nichts dran ändern.

»Komm ruhig her und sieh es dir aus der Nähe an«, forderte Krieger Anja auf.

Sie seufzte und ging zu ihm.

»Außerdem will ich dir noch etwas zeigen, das für unsere Ermittlungen höchst interessant und aufschlussreich ist«, sagte er geheimnisvoll.

Anjas Befürchtungen, dass die Visitenkarte noch nicht alles gewesen war, das sie mit dem Pfarrer, dem Mord und dem Tatort in Verbindung brachte, schienen sich zu bewahrheiten. Der Eisklumpen aus geballter Furcht in ihren Eingeweiden wurde beständig größer.

Sie blieb vor dem Altar stehen und sah sich die Gegenstände an, die darauf lagen. Als sie das Fleischmesser mit der blutbesudelten Klinge erblickte, blieb ihr beinahe das Herz stehen. Es war natürlich die Tatwaffe aus ihrem Traum, doch das überraschte sie inzwischen nicht einmal mehr.

Insgeheim rechnete sie mittlerweile damit, dass sie jeden Moment in ihrem Bett aufwachen und sich dies alles nur als grausame Fortsetzung ihres Albtraums herausstellen würde. Aber bis es so weit war, musste sie sich bemühen, das Beste aus dieser albtraumhaften Situation zu machen, und bei dieser Farce mitspielen.

Was letztendlich dafür sorgte, dass ihre Knie ganz weich und nachgiebig wurden und ihr ein Schauer des Entsetzens über den Rücken lief, als wäre sie mit Eiswasser übergossen worden, war der Griff des Messers. Sie sah ihn jetzt zum ersten Mal, denn in ihrem Traum war er ständig von der schwarz behandschuhten Hand des Mörders umfasst worden. Voller Entsetzen wurde ihr in diesem Moment bewusst, dass ihr sowohl die Form als auch die Farbe des Messergriffs überaus vertraut waren. Kein Wunder, schließlich hatte sie selbst in ihrer Küche einen Messerblock mit einem ganzen Set dieser Küchenmesser. Allerdings musste das Fleischmesser deshalb nicht zwangsläufig aus ihrer Küche stammen. Es konnte sich auch rein zufällig um ein und dieselbe Marke handeln. Allerdings hatte Anja in den letzten Stunden bereits zu viele Merkwürdigkeiten und Ungereimtheiten erlebt, um in dieser Angelegenheit noch an Zufälle zu glauben.

Was, wenn es doch eins meiner Messer ist?

Zuerst der Albtraum, der nur auf den Erinnerungen der Person basieren konnte, die das Messer geführt und die tödlichen Streiche ausgeführt hatte. Dazu ihre blutige Visitenkarte mit dem handschriftlich vermerkten Termin, der mutmaßlich mit dem Todeszeitpunkt übereinstimmte. Und jetzt möglicherweise auch noch ein Messer aus ihrer Küche, mit dem der Geistliche umgebracht worden war. Für sich allein mochte jedes dieser Details nur ein mageres Indiz sein, das vage in ihre Richtung wies. Zusammen ergaben sie jedoch einen ganz konkreten Tatverdacht.

Verdachtsmomente!

Jetzt wusste sie, was Englmair damit gemeint hatte. Das alles waren Verdachtsmomente. Und alle zeigten anklagend in ihre Richtung. Das Bild, das sich zwangsläufig daraus ergab, wurde allmählich so eindeutig, dass sogar sie selbst immer mehr an ihrer Unschuld zu zweifeln begann.

Schließlich hatte sie einen Filmriss gehabt und konnte sich an nichts mehr erinnern, weil sie augenscheinlich eine ganze Flasche Wodka geleert hatte. Außerdem entsprach der Ablauf des Mordes, den Englmair ihr aufgrund der Aussage des Gerichtsmediziners geschildert hatte, in allen Einzelheiten ihrem vermeintlichen Traum. Und wie könnte sie davon wissen und so detailliert davon geträumt haben, wenn sie nicht auch die Mörderin war?

Es waren also gar keine Traumbilder. Viel eher waren es infolge des Alkoholrausches verschüttete Erinnerungen, die wie übelriechende Gasblasen in einem Sumpf im Schlaf wieder an die Oberfläche gekommen waren.

»Du bist ja auf einmal so bleich geworden«, sagte Krieger höhnisch. »Bekommst wohl doch allmählich kalte Füße.«

»Wieso sollte ich kalte Füße bekommen, Idiot?«, versetzte Anja angriffslustig, denn der Mordermittler hatte mal wieder zielsicher einen wunden Punkt erwischt. »Ich erkläre es dir aber gern noch einmal ganz langsam, damit sogar du es kapierst: Ich … habe … diesen … Mann … nicht … umgebracht!« Sie betonte jedes einzelne Wort. »Ich habe ihn seit dreiundzwanzig Jahren weder gesehen noch gesprochen. Hast du’s jetzt endlich geschnallt?«

Sie selbst war davon indessen immer weniger überzeugt und dachte fieberhaft nach. Noch wussten die Kollegen von der Mordkommission im Gegensatz zu ihr nicht, dass Anja ein ganzes Set dieser Messer besaß und die Tatwaffe möglicherweise aus ihrer Wohnung stammte. Von selbst würde sie die beiden Männer allerdings bestimmt nicht darauf aufmerksam machen, da sie sich damit gewissermaßen ihr eigenes Grab schaufelte und sich nur noch mehr belastete. Krieger würde sich dadurch in seiner Meinung bestätigt fühlen und ihr das Leben fortan noch schwerer machen. Und selbst Englmair würde vermutlich notgedrungen von ihr abrücken. Spätestens dann würde sie tatsächlich zur dringend Tatverdächtigen Nummer eins avancieren und vermutlich umgehend festgenommen werden.

Anja überlegte, was sie tun konnte, um das zu verhindern. Am wichtigsten war es momentan, dass sie sich nicht auch noch durch ihr Verhalten verdächtig machte und den beiden damit einen Grund lieferte, ihre Wohnung zu durchsuchen. Wer wusste schon, was sie dort außer einem Messerblock mit einem möglicherweise fehlenden Küchenmesser noch alles finden würden? Blutflecken auf den Kleidungsstücken vielleicht, in denen sie vorhin auf der Couch aus ihrem vermeintlichen Albtraum erwacht war? Oder sogar Blut unter den Sohlen ihrer Joggingschuhe?

Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Krieger erneut das Wort ergriff.

»Wenn du wirklich nichts mit der Tat zu tun hast«, sagte er in einem Ton, der zeigte, dass er sich diesen Punkt bewusst bis zum Schluss aufgehoben hatte und bis zum Letzten auskosten wollte, »dann kannst du uns doch sicher auch das hier erklären.«

Anja blinzelte irritiert und sah in die Richtung, in die Kriegers ausgestreckter Zeigefinger wies. Sie runzelte verwirrt die Stirn, als sie dort nur eine Bibel sah. Sie hatte einen schwarzen Umschlag mit einem kleinen goldenen Kreuz auf der vorderen Umschlagseite und lag aufgeschlagen, aber mit der Innenseite nach unten auf dem Altar.

Sie erinnerte sich, dass sie als Kind eine ganz ähnliche Bibel zur Erstkommunion geschenkt bekommen hatte. Allerdings wusste sie nicht, wohin das Buch verschwunden war, weil sie nach dem Tod ihres Vaters jegliches Interesse daran verloren hatte. Sie hatte seit damals nicht einmal mehr daran gedacht.

»Das ist eine Bibel«, stellte sie das Offensichtliche fest. »Du kennst dich mit Religion vielleicht nicht so gut aus, Krieger, aber katholische Priester besitzen Bibeln. Sie gehören gewissermaßen zur Grundausstattung eines Geistlichen. Deshalb verwundert es mich auch nicht im Geringsten, auf dem Altar einer Kirche eine Bibel zu sehen. Was findest du daran eigentlich so ungewöhnlich?«

»Dazu komme ich gleich noch«, sagte Krieger und sah dabei äußerst zufrieden aus.

Anja bekam ein flaues Gefühl im Magen, als der Angstknoten sich noch weiter ausdehnte. Sie ahnte, dass noch etwas kommen würde. Etwas, das ihren ständigen Unschuldsbeteuerungen möglicherweise den Boden entziehen würde.

Nur was?

»Zuerst möchte ich dich darauf hinweisen, dass diese Bibel exakt so dalag, wie du sie jetzt siehst. Und wie du unschwer erkennen kannst, ist sie an einer bestimmten Stelle aufgeschlagen. Siehst du das?«

»Natürlich. Ich bin schließlich nicht blind.«

»Gut.« Krieger sah sie an und grinste boshaft, fuhr aber nicht fort.

Anja seufzte ungeduldig. »Vermutlich möchtest du, dass ich dich jetzt frage, an welcher Stelle die Bibel aufgeschlagen ist. Aber den Gefallen tue ich dir aus purer Bosheit natürlich nicht. Stattdessen würde ich, wenn ich raten müsste, sagen, dass es eine Stelle in der Offenbarung des Johannes ist.«

Die Johannes-Offenbarung hatte im Fall des Apokalypse-Killers eine zentrale Rolle gespielt. Der Mörder, der sich in Anlehnung an den Autor der Offenbarung ebenfalls Johannes genannt hatte, hatte durch seine Taten die Apokalypse heraufbeschwören wollen. Außerdem hatte er Anja Nachrichten mit den entsprechenden Bibelzitaten zukommen lassen.

Doch Krieger schüttelte den Kopf. »Nein, es handelt sich nicht um die Johannes-Offenbarung. Schließlich ist der Apokalypse-Killer tot. Das solltest du eigentlich am besten wissen, immerhin hast du ihn eigenhändig getötet.«

Das stimmte. Krieger und Englmair hatten allerdings keine Ahnung, dass der sogenannte Apokalypse-Killer einen Hintermann oder geheimen Helfer gehabt hatte. Dessen Identität war noch immer ungeklärt, und er lief weiterhin frei herum. Zuletzt hatte Anja vor drei Monaten von ihm gehört, als er ihr am Grab ihres Vaters eine letzte schockierende und eindeutige Nachricht hinterlassen hatte. Seitdem wartete sie darauf, dass er erneut in ihr Leben trat und es ihr wieder schwermachte. Dass er sich seitdem nicht mehr gemeldet hatte und bedeckt hielt, beruhigte sie dabei keineswegs. Es bereitete ihr eher Sorgen, denn vermutlich heckte er nur wieder neue Gemeinheiten aus und wartete auf eine günstige Gelegenheit, sie in die Tat umzusetzen.

»Wenn es nicht die Offenbarung des Johannes ist, was dann?«

»Der Name Johannes stimmt«, antwortete Krieger. »Allerdings handelt es sich um das Johannes-Evangelium. Die Mörderin hat sogar eine ganz konkrete Textstelle markiert.« Er grinste noch immer breit.

»Und verrätst du mir auch, welche das ist, Krieger? Oder ist das, weil es sich um Täterwissen handelt, ebenfalls ein Geheimnis, das du mir gegenüber nicht preisgeben willst?«

»Es handelt sich um die ersten fünf Worte von Kapitel 2, Vers eins.«

»Und was steht dort?«

»Im Anfang war das Wort«, zitierte Krieger aus dem Gedächtnis. »Allerdings wurde der Text handschriftlich verändert. Die letzten beiden Worte wurden durchgestrichen und durch die Worte der Tod ersetzt.«

»Im Anfang war der Tod.« Anja erschauderte, als sie die veränderte Bibelstelle wiedergab, denn in dieser Form klang sie geradezu düster und unheilverkündend. Wie ein Omen, das sich nicht nur auf die konkrete Mordtat bezog, sondern darüber hinaus weitere Verbrechen in Aussicht stellte. Sie zuckte mit den Schultern, als könnte sie dadurch das unangenehme Gefühl drohenden Unheils abschütteln, und sah Krieger fragend an. »Und? Was hat das jetzt mit mir zu tun?«

»Das ist ganz einfach«, erwiderte der Mordermittler, wobei sich sein gehässiges Grinsen sogar noch vertiefte, obwohl Anja das gar nicht für möglich gehalten hätte. »Denn diese Bibel gehörte gar nicht dem verstorbenen Priester.«

»Wem dann?« Eine weitere düstere Vorahnung ließ Anjas Knie weich werden.

»Dir natürlich!«

»Mir?«

Krieger nickte. »Wenn ich richtig informiert bin, lautete dein Name bis zu deiner Hochzeit Anja Kramer. Und exakt dieser Name steht auch in der Bibel!«

III

Ein Faustschlag in den Magen hätte Anja in diesem Augenblick nicht härter und schmerzhafter treffen können als Kriegers Worte. Sie unterdrückte mit Mühe das Stöhnen, das sich ihr als erste Reaktion entringen wollte.

Krieger holte einen Kugelschreiber aus der Innentasche seiner Jacke. Mit dessen Spitze hob er vorsichtig den vorderen Umschlag der Bibel an, sodass die darunterliegende Leerseite zu sehen war. In deren oberen rechten Ecke stand tatsächlich in Kinderschrift Anjas vollständiger Geburtsname.

Obwohl es so viele Jahre her war, erinnerte sie sich noch deutlich daran, wie sie ihren Namen in die Bibel geschrieben hatte, die sie zur Erstkommunion geschenkt bekommen hatte. Sie hatte sich damals besonders viel Mühe gegeben, um bloß keinen Fehler zu machen. Schließlich wollte sie nicht riskieren, dass Gott sie mit einem Blitz niederstreckte, wenn sie etwas Falsches in sein Buch schrieb. Deshalb hatte sie auch ihre beste Schönschrift verwendet.

»Ist das nun deine Schrift oder nicht?«, fragte Krieger, dessen Grinsen spurlos verschwunden war. Stattdessen sah er sie mit einem Gesichtsausdruck an, den er ansonsten vermutlich für den Abschaum der Menschheit reserviert hatte, dem er bei der Arbeit im Verhörzimmer begegnete.

Anja nickte seufzend. »Zumindest war sie das mal, als ich noch ein Kind war. Inzwischen hat sich meine Handschrift allerdings sehr verändert. Und das nicht unbedingt zum Besseren.«

»Dann ist das also tatsächlich deine Bibel?«

»Ja«, sagte Anja in genervtem Tonfall. »Das streite ich ja auch gar nicht ab. Ich kann mir allerdings nicht erklären, wie sie hierhergekommen ist. Keine Ahnung, wo sie all die Jahre war. Ich habe sie nämlich mindestens ebenso lange nicht mehr gesehen wie Pfarrer Hartmann.«

Krieger ließ den Kugelschreiber wieder in der Innentasche seiner Jacke verschwinden. Er sah sie an, als hätte er sie soeben tatsächlich des schändlichen Mordes an einem Geistlichen überführt. Von ihm hatte sie augenscheinlich keine Gnade zu erwarten. Er hatte sich anhand dieser sogenannten Verdachtsmomente bereits eine konkrete Meinung gebildet und würde – starrköpfig, wie er nun einmal war – nicht einen Millimeter davon abrücken, solange Anja ihn nicht mit handfesten Beweisen vom Gegenteil überzeugen konnte.

Und wenn Anja ehrlich zu sich selbst war, dann konnte sie ihm das nicht einmal verdenken. Die Indizien, die am Tatort gefunden worden waren, wiesen alle eindeutig in ihre Richtung und waren belastend. Und dabei wussten die Mordermittler noch nicht einmal alles. Zum Glück, denn andernfalls wäre sie vermutlich schon längst mit Handschellen gefesselt und auf dem Weg zum Haftrichter.

Sie zweifelte ja schon selbst immer intensiver an ihrer Unschuld, je mehr sie über die Begleitumstände des Mordes erfuhr. Wieso sollte es den Kollegen dann anders ergehen?

Anja richtete den Blick hilfesuchend auf Englmair, der sich in den letzten Minuten zurückgehalten und Krieger das Feld überlassen hatte. Er kaute nachdenklich an seiner Unterlippe und sah sie an, als überlegte er, was er jetzt bloß mit ihr anstellen sollte. Sie ahnte, dass die Situation in diesem Moment buchstäblich auf Messers Schneide stand. Und wenn sie auf die falsche Seite kippte, würde sie vermutlich sofort verhaftet und ihre Wohnung durchsucht werden. Doch das durfte sie auf keinen Fall zulassen, bevor sie dort nicht selbst nach belastenden Beweisen gesucht und diese nach Möglichkeit beiseitegeschafft hatte.

»Hört zu!« Obwohl in ihrem Inneren ein Aufruhr an Emotionen herrschte, bemühte sie sich, nach außen gelassen und gefasst zu wirken. Sie durfte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, als wäre sie schuldig und hätte Angst. »Denkt doch mal nach, ihr zwei! Glaubt ihr wirklich, ich könnte einem Menschen so etwas antun?« Sie deutete erneut auf die Leiche des Pfarrers am Fuß der Treppe, ohne sie dabei allerdings anzusehen.

»Natürlich nicht!«, sagte Englmair sofort.

»Warum nicht?«, fragte Krieger, ohne zu zögern.

Es war die Reaktion, die sich Anja erhofft hatte. Sie konnte Krieger momentan ohnehin nicht dazu bewegen, sie für unschuldig zu halten, deshalb konnte sie sich die Mühe genauso gut sparen. Aber solange Englmair zu ihr hielt, hatte sie noch einen Fürsprecher und damit eine Chance, der sofortigen Inhaftierung zu entgehen.

Doch eine Chance wofür?

Sie schob den Gedanken beiseite. Darum konnte sie sich später immer noch Gedanken machen. Erst einmal musste sie dafür sorgen, dass sie auf freiem Fuß und damit handlungsfähig blieb.

»Habt ihr schon die Nachbarn befragt?«, erkundigte sich Anja, um die Unterhaltung in eine andere Richtung und weg von ihrer eigenen Person zu lenken. Sie musste den beiden Männern wieder das Gefühl geben, dass sie immer noch eine Kollegin war und sie alle auf derselben Seite des Gesetzes standen. »Unter Umständen hat jemand etwas gesehen. Einen verdächtigen Wagen vielleicht.«

»Wir hatten noch keine Gelegenheit, die Nachbarn zu befragen«, sagte Englmair, der nicht länger darüber nachzugrübeln schien, ob er seiner Kollegin von der Vermisstenstelle tatsächlich einen brutalen Mord zutraute. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Außerdem ist es dazu noch ein bisschen zu früh.«

»Sag ihr bloß nichts!«, zischte Krieger. »Solange die Indizien, die eindeutig gegen sie sprechen, nicht widerlegt wurden, sollten wir sie wie eine Tatverdächtige behandeln. Wir sollten ihr daher auch überhaupt nichts über unsere Ermittlungen erzählen. Wahrscheinlich will sie uns nur aushorchen, um zu erfahren, wie viel wir bereits wissen.«

Anja schüttelte den Kopf. »Du hast sie doch wirklich nicht mehr alle, Krieger!«

»Ich hab sie also nicht mehr alle?«, fragte Krieger zornig. Er hatte einen hochroten Kopf bekommen und stieß mit dem ausgestreckten Zeigefinger wie mit einem Messer nach Anja, während er weiterredete und seine Argumente an den Fingern der anderen Hand abzähle: »Dann lass mich doch mal kurz aufzählen, was wir in Wirklichkeit alles haben: Da wäre als Erstes eine blutbefleckte Visitenkarte von dir in der Hosentasche des Toten. Zweitens steht auf der Rückseite eine handschriftliche Notiz über ein Treffen des Toten mit dir, das zufälligerweise exakt innerhalb des Zeitrahmens stattfand, in dem der Mann ermordet wurde. Drittens hast du selbst eingeräumt, dass du den Mann von früher kanntest und hier den Gottesdienst besucht hast. Und damit noch nicht genug, stammt viertens auch die Bibel auf dem Altar, in der ein Bibelzitat markiert und verändert wurde, von dir. Bei einer derartigen Fülle von Indizien ist manch einer schon für den Rest seines erbärmlichen Lebens hinter Gittern gelandet. Dass ich dir noch keine Handschellen angelegt habe, hast du nur der Gutmütigkeit meines netten Kollegen zu verdanken, der irgendwie einen Narren an dir gefressen zu haben scheint und dir den Mord deshalb nicht zutraut.« Er verstummte kurz, um nach Luft zu schnappen, bevor er fortfuhr: »Aber im Gegensatz zu ihm traue ich dir die Tat durchaus zu. Immerhin hast du schon einmal jemanden getötet. Es würde mich daher nicht einmal wundern, wenn die Tatwaffe aus deiner Küche stammt. Aber so blöd bist du dann vermutlich doch nicht, dass du dein eigenes Messer benutzt und am Tatort zurücklässt. Also können wir es uns vermutlich im Moment ersparen, deine Wohnung zu durchsuchen. Aber nimm dich bloß in Acht! Wir werden hier jeden Quadratmillimeter nach Fingerabdrücken und Körperspuren absuchen lassen. Und wenn auch nur ein einziger Abdruck oder ein Haar von dir gefunden wird, dann landest du ruckzuck in Untersuchungshaft.« Er verstummte, ließ die Hand sinken und atmete schwer. Sein Zorn schien sich nach diesen Worten fürs Erste entladen zu haben.

Anja beschloss, dass es vermutlich das Beste war, wenn sie so schnell wie möglich von hier verschwand, solange sie das noch ungehindert tun konnte. Nicht dass die Mordermittler es sich irgendwann doch noch anders überlegten.

»Wenn ihr mir ohnehin nichts über die Ermittlungen erzählen wollt, was ich sogar nachvollziehen kann, dann kann ich ja genauso gut wieder gehen. Nicht dass ich hier noch irgendwelche Fingerabdrücke oder Körperspuren hinterlasse, die du in deiner Verblendung dann gegen mich verwendest, Krieger.«

Englmair nickte und schien erleichtert zu sein. Zweifellos hielt auch er es für das Beste, Anja und Krieger wie zwei Kämpfer in einem Boxring voneinander zu trennen.

»Aber halte dich bloß zu unserer Verfügung«, wandte Krieger ein. »Nur für den Fall, dass wir noch Fragen an dich haben oder dich verhaften müssen.«

»Das heißt dann wohl im Klartext, dass ich die Stadt nicht verlassen darf, Sheriff.«

»Du solltest das ernst nehmen«, ermahnte Englmair sie. »Auch wenn ich persönlich nicht glaube, dass du den Pfarrer umgebracht hast, hat Toni immerhin insofern recht, dass manche Leute schon für weit weniger verhaftet und verurteilt wurden.«

Wenn du wüsstest, wie ernst ich das alles nehme, dachte Anja, sagte jedoch nichts dergleichen, sondern nickte nur.

»Kann ich jetzt gehen?«

Erneut erteilte ihr Englmair mit einem Nicken sein Einverständnis.

Krieger zeigte mit ausgestrecktem Zeige- und Mittelfinger zuerst auf seine Augen und dann auf Anja, was vermutlich bedeuten sollte, dass er sie im Auge behalten wollte.

Du kannst mich mal, Krieger!, dachte Anja, behielt den Gedanken allerdings klugerweise für sich, auch wenn es ihr schwerfiel. Es brachte jedoch nichts, wenn sie ihn weiter reizte und er sie in seiner Wut doch noch verhaftete.

Also wandte sie sich wortlos ab und ging den Weg zurück, den sie gekommen war. Den Leichnam würdigte sie keines Blickes, als sie ihn passierte. Schließlich kannte sie den Anblick bereits aus ihrem vermeintlichen Traum. Und was sie darin gesehen hatte, hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt.

Das Geräusch ihrer Stiefelsohlen auf den Fliesen hallte von den Wänden wider, als sie durch den Mittelgang in Richtung Ausgang marschierte. Sie konnte förmlich spüren, dass die beiden Mordermittler ihren Weggang mit Blicken verfolgten, sah sich allerdings kein einziges Mal um. Als sie endlich durch die Eingangstür trat und die Kirche verließ, atmete sie erleichtert auf.

KAPITEL 5

I

Anja war mit ihrem Wagen gerade einmal ein paar hundert Meter weit gefahren, als ihr so übel wurde, dass sie sofort am Straßenrand anhalten und hastig aussteigen musste. Sie schaffte es gerade noch, um die Motorhaube ihres MINI herum und auf den Bürgersteig zu kommen, bevor sie sich übergeben musste.

Bereits nach wenigen Augenblicken richtete sie sich schwer atmend wieder auf und wischte sich mit einem Papiertaschentuch den Mund ab. Sie blinzelte die Tränen aus den Augen und sah sich um. Zum Glück war es noch immer dunkel und niemand unterwegs.

Sie entfernte sich ein paar Schritte von dem Erbrochenen, stieg aber nicht gleich wieder in den Wagen. Stattdessen genoss sie die frische Luft und atmete tief durch, obwohl der schlechte Geschmack in ihrem Mund sie anwiderte.

Nicht nur ihre Hände zitterten; sie schlotterte am ganzen Körper, als wäre ihr kalt. Dabei war ihr heiß, und sie schwitzte am ganzen Körper. Es fühlte sich an, als stünde sie unter Schock. Ihr war zwar noch immer ein bisschen schlecht, aber wenigstens hatte sie nicht mehr das Gefühl, sie müsste sich übergeben. Dafür hatte sie wieder großen Durst.

Anja war überzeugt, dass die Symptome nicht vom schrecklichen Anblick des Leichnams herrührten, sondern von der Angst kamen, die ihr noch immer wie ein eisiger Klumpen im Magen lag. Dabei wusste sie nicht einmal, wovor sie mehr Angst hatte. Davor, dass sie verhaftet wurde und möglicherweise für einen Mord zur Rechenschaft gezogen wurde, den sie nicht begangen, sondern nur geträumt hatte. Oder davor, dass sie den Geistlichen tatsächlich ermordet hatte, sich wegen des Genusses einer ganzen Flasche Wodka aber nicht mehr daran erinnern konnte. Im Grund wäre das eine wie das andere eine absolute Katastrophe. Sie glaubte jedoch, dass ihr die zweite Alternative mehr zu schaffen machen würde. Sie hatte nämlich keine Ahnung, wie sie mit einer derartigen Schuld weiterleben sollte.

Sie lehnte sich mit dem Rücken an ihren Wagen und dachte darüber nach, was sie jetzt unbedingt erledigen sollte und überhaupt tun konnte. Als Erstes musste sie natürlich nach Hause und überprüfen, ob das Tatmesser tatsächlich aus ihrer Wohnung stammte und die Kleidungsstücke, in denen sie aufgewacht war, möglicherweise Blutflecken aufwiesen. Falls ja, musste sie all diese Sachen so schnell wie möglich loswerden, bevor Krieger und Englmair doch noch auf den Gedanken kamen, ihr mit einem richterlichen Durchsuchungsbeschluss in Händen und einer Horde Kollegen im Schlepptau einen Überraschungsbesuch abzustatten.

Aber was dann?

Das hing natürlich in erster Linie davon ab, was sie in ihrer Wohnung fand. Wenn, wie sie insgeheim bereits befürchtete, das Fleischmesser ihres Messerblocks tatsächlich fehlte und ihre Kleidung frische Blutflecken aufwies, dann konnte sie sich nicht mehr selbst belügen und leugnen, dass sie den Priester getötet hatte.

Sollte sie sich in dem Fall nicht besser umgehend den Kollegen von der Mordkommission stellen?

Niemals!

Der Widerspruch ihrer inneren Stimme war so heftig, dass Anja regelrecht zusammenzuckte. Allerdings hatte sie recht. Sie würde sich auf keinen Fall stellen.

Falls die Mordermittler ihre Fingerabdrücke, Haare oder DNA am Tatort fanden, würden sie ohnehin demnächst von selbst auf Anja zukommen und sie in Gewahrsam nehmen, um sie zu befragen. Sie würde aber den Teufel tun und den Kollegen gewiss nicht die Arbeit abnehmen. Diese Genugtuung würde sie Krieger ganz bestimmt nicht bereiten. Wenn er schon so versessen darauf war, ihr Handschellen anzulegen, dann musste er gefälligst auch selbst etwas dafür tun.

Doch was sollte sie in dem Fall tun?

Ich muss unbedingt herausfinden, warum ich Pfarrer Hartmann möglicherweise getötet habe.

Anja nickte. Ein Grund mehr, dass sie auf freiem Fuß blieb und sich nicht stellte. Denn wenn sie erst einmal in Untersuchungshaft säße, wären ihr die Hände gebunden.

Sie dachte über ein mögliches Motiv nach, konnte sich aber beim besten Willen keinen Grund vorstellen, weswegen sie den Priester hätte töten sollen. Schon gar nicht auf derart brutale Art und Weise, wie der Traum und der Anblick der Leiche es vermuten ließen.

Dennoch musste sie einen Beweggrund gehabt haben, sofern sie den Geistlichen tatsächlich getötet hatte; worauf im Augenblick einiges hindeutete.

Sie dachte erneut an ihren Albtraum. Wenn sie davon ausging, dass es sich dabei in Wahrheit um Erinnerungen handelte, die sie verdrängt oder im Alkohol ertränkt hatte, dann war Pfarrer Hartmann von der Messerattacke überrascht worden. Sie konnte sich noch schmerzlich genau an seinen verblüfften Gesichtsausdruck erinnern, als er das blutige Messer gesehen hatte. Außerdem war er weder zur Seite noch nach hinten ausgewichen und hatte auch keinerlei Abwehrbewegungen ausgeführt. Sie hatte den Eindruck, dass es davor ein Streitgespräch gegeben hatte. Allerdings wusste Anja nicht, worum es darin gegangen war. Ihr Traum und damit ihre unbewussten Erinnerungen hatten erst kurz vor der Messerattacke eingesetzt. Alles, was davor geschehen war, lag im Dunkeln und war momentan noch ein Geheimnis.

Anja konnte sich nicht erinnern, dass sie bis gestern einen Gedanken an den Pfarrer verschwendet hatte. Sie hatte sogar seit Jahren nicht mehr an ihn gedacht.

Das Letzte, an das sie sich vom gestrigen Tag noch bewusst erinnern konnte, war, dass sie nach der Arbeit nach Hause gekommen und in bequemere Klamotten geschlüpft war. Anschließend hatte sie sich etwas zu essen gemacht und dazu Mineralwasser getrunken. Sie wusste noch, dass sie großen Durst gehabt und fast die ganze Flasche geleert hatte. Doch an mehr als das konnte sie sich nicht erinnern. Unmittelbar danach setzte die Gedächtnislücke ein, die der übermäßige Wodkakonsum ausgelöst haben musste. Der Filmriss endete erst mit ihrem Erwachen aus dem Albtraum, der sich im Nachhinein als furchtbare Realität herausgestellt hatte.

Was ist in den Stunden dazwischen bloß geschehen?

Anja bemühte sich anhand dessen, was sie in ihrem Wohnzimmer vorgefunden und von den Kollegen in der Kirche erfahren hatte, zu rekonstruieren, was sie in der Zeit vermutlich getan hatte.

Irgendwann gestern Abend musste sie auf jeden Fall zu trinken angefangen haben. Warum sie das getan hatte, war ihr allerdings schleierhaft. Sie war jetzt schon so lange trocken gewesen, und es war ihr auch gar nicht schwergefallen, auf den Alkohol zu verzichten. Es musste also einen verdammt guten Grund gegeben haben, warum sie ausgerechnet jetzt wieder mit dem Trinken angefangen hatte.

Aber was kann das für ein Grund gewesen sein?

Ihr kam der Gedanke, dass der Priester sie angerufen haben könnte. Je länger Anja darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher kam es ihr vor. Denn wieso hätte sie ihn anrufen oder auch nur an ihn denken sollen? Das hatte sie schließlich seit Jahren nicht getan.

Nein, der Geistliche musste sich bei ihr gemeldet haben!

Aber aus welchem Grund?

Sie stellte sich vor, wie Pfarrer Hartmann vor ein paar Tagen eine Visitenkarte von ihr in die Hände gefallen war. Und vermutlich hatte er sogar gewusst, dass es sich dabei trotz des geänderten Nachnamens um dieselbe Anja handelte, die ihm nach dem Tod ihres Vaters gesagt hatte, sie könnte nicht länger an einen Gott glauben, der zugelassen hatte, dass ihr Vater starb, und dass sie ihn hasste. Vielleicht hatte er einen späten Versuch unternehmen wollen, sie wieder zurück zu Gott zu führen. Oder er hatte all die Jahre das Gefühl gehabt, bei ihr versagt zu haben, und wollte es nun wiedergutmachen. Das klang durchaus plausibel; und so, wie sie ihn von damals in Erinnerung hatte, wäre ihm das auch zuzutrauen gewesen.

Also rief er mich an!

Dieser Anruf aus heiterem Himmel musste sie geradezu schockiert haben. Es musste ihr wie eine geisterhafte Stimme aus der Vergangenheit vorgekommen sein, die all die schmerzhaften Erinnerungen wieder in ihr hochkochen ließ.

Dennoch hatte sie einem Treffen in der Kirche zugestimmt. Und Pfarrer Hartmann hatte Datum und Uhrzeit dieses Treffens sowie Anjas Vornamen und Handynummer auf der Rückseite der Visitenkarte notiert.

Nach dem Telefonat war sie vermutlich so aufgewühlt gewesen, dass sie die Wohnung verlassen und die Wodkaflasche besorgt hatte. Anschließend hatte sie zu trinken angefangen und war dann zu ihrem Rendezvous mit dem Geistlichen gefahren.

Aber warum habe ich das verdammte Messer mitgenommen?

Hatte sie etwa von Anfang an vorgehabt, den Mann umzubringen? Oder hatte sie das Messer nur zur Sicherheit dabeigehabt, weil ihre Dienstwaffe wie fast immer wieder mal in der Schreibtischschublade im Büro lag?

Und dann?

Dann musste der Pfarrer während ihres Streitgesprächs irgendetwas gesagt haben, das sie letzten Endes dazu veranlasst hatte, wie eine Verrückte auf ihn einzustechen.

Aber was?

Anja schüttelte den Kopf. Sie weigerte sich noch immer, auch nur in Erwägung zu ziehen, dass sie tatsächlich zu so etwas Brutalem in der Lage sein sollte und eine kaltblütige Mörderin in ihr steckte. Es würde ihr Selbstbild so nachhaltig erschüttern, dass sie möglicherweise daran zerbrechen könnte. Allerdings ahnte sie bereits, dass in ihr auch eine dunkle Seite schlummerte und nur auf den richtigen Auslöser wartete, um zum Vorschein zu kommen. Der übermäßige Alkoholkonsum früherer Tage und ihre dabei zeitweise auftretende Sehnsucht nach dem Tod waren unangenehme Aspekte dieser dunklen Seite gewesen.

Aber kaltblütiger, brutaler Mord?

Unmöglich!, hätte Anja gern voller Überzeugung ausgerufen. Doch dazu sah sie sich bedauerlicherweise nicht in der Lage. Schließlich sprachen bislang sämtliche Indizien dafür. Außerdem musste sie sich eingestehen, dass sie möglicherweise zu einem Mord in der Lage war, wenn sie einen wirklich triftigen Grund dafür hatte. Zum Beispiel dann, wenn sie endlich den Mörder ihres Vaters fand. Aber das war ein anderes Thema und daran wollte sie jetzt nicht denken.

Sie musste stattdessen unbedingt herausfinden, was während ihres Blackouts passiert war und was sie dazu getrieben haben könnte, den Geistlichen zu töten.

Als Anja ihre Überlegungen beendete, stellte sie fest, dass sie nicht länger am ganzen Körper schlotterte und schwitzte. Auch ihre Hände zitterten nicht mehr so stark. Der Schock über das, was sie möglicherweise getan hatte, war gewichen, nachdem sie gründlich über alles nachgedacht und sich überlegt hatte, was sie tun konnte. Allerdings hatte sie weiterhin großen Durst.

Als sie plötzlich Schritte hörte, hob sie den Kopf und sah sich um. Ein alter Mann mit einem Dackel an der Leine kam auf dem Gehsteig auf sie zu. Da sie ungern dem vorwurfsvollen oder mitleidigen Blick des Mannes begegnen wollte, sobald er die frische Lache Erbrochenes entdeckte, stieg sie rasch in ihr Auto und fuhr los.

II

Zum Glück hatte sie noch immer genügend Zeit zur Verfügung, bevor sie zur Arbeit musste. Nachdem sie das Mietshaus in der Wohnsiedlung Hansapark nördlich des Westparks erreicht hatte, in dem sie im zweiten Stock eine 78,5 Quadratmeter große Dreizimmerwohnung bewohnte, fuhr sie in die Tiefgarage und stellte den MINI auf ihren Stellplatz. Sie wollte nach Möglichkeit unbeobachtet sein, falls sie später tatsächlich Indizienbeweise eines Mordfalls in den Wagen laden musste, um sie hinterher irgendwo verschwinden zu lassen.

Als sie wenig später in ihrer Etage aus dem Aufzug stieg, fiel ihr Blick automatisch auf die Eingangstür zur Nachbarwohnung, in der Raphael Guthmann gewohnt hatte. Die Wohnung stand seit seinem Tod leer und wurde allem Anschein nach von Grund auf renoviert. Manchmal hörte Anja jemanden dort arbeiten oder durch die Wohnung gehen; gesehen hatte sie aber noch niemanden. Sie erschauderte bei dem Gedanken an die damaligen Erlebnisse und wandte rasch den Blick ab.

Sobald sie ihre eigene Wohnungstür hinter sich geschlossen hatte, zog sie Stiefel und Mantel aus. Ihre Bewegungen waren hektisch. Am liebsten hätte sie sofort damit begonnen, ihre Wohnung nach Beweisstücken zu durchsuchen, die ihr buchstäblich das Genick brechen konnten, wenn sie in falsche Hände gerieten. Doch sie ermahnte sich, Ruhe zu bewahren und es langsam angehen zu lassen. Schließlich hatte sie genügend Zeit; sie rechnete nicht wirklich damit, dass die Mordermittler in den nächsten zwei bis drei Stunden auf der Matte stehen könnten. Die Auswertung der Spurenlage am Schauplatz des Mordes würde noch eine ganze Weile dauern. Allein die Sicherung und Überprüfung der Fingerabdrücke würde sich über Stunden hinziehen. Und die Auswertung von DNA-Spuren, die möglicherweise in der Kirche gefunden wurden, würde sogar noch länger dauern. Davon abgesehen gab es an einem derart öffentlichen Ort, an dem ständig zahlreiche Menschen ein- und ausgingen, jede Menge Spuren, die allesamt ausgewertet werden mussten. Anja beneidete die zuständigen Beamten nicht um diese Sisyphusarbeit. Andererseits kam es ihr zugute, wenn die Auswertung dadurch länger währte.

Anja ging zunächst ins Badezimmer, wusch ihre Hände und ihr Gesicht und putzte sich anschließend die Zähne. Danach trank sie mehrere Schlucke Wasser aus dem Hahn, um ihren Durst zu stillen, und fühlte sich schon wieder etwas besser. Dennoch ertappte sie sich immer wieder dabei, wie sie auf ihre Armbanduhr sah, als liefe ihr die Zeit davon.

Sie überlegte kurz, ob sie Konstantin anrufen sollte. Vermutlich hätte es bereits eine beruhigende Wirkung auf sie, wenn sie nur seine angenehme Stimme hörte. Allerdings schlief er wahrscheinlich schon, weil er Nachtschicht gehabt hatte. Und da er seinen Schlaf brauchte, wollte sie ihn ungern stören.

Also ging sie stattdessen in die Küche und setzte die Kaffeemaschine in Gang. Dabei vermied sie es zunächst, einen Blick auf den Messerblock zu werfen. Doch sobald die Maschine mit einem Gluckern anfing, ihren Dienst zu verrichten, konnte sie es nicht länger hinauszögern. Außerdem musste sie sich endlich Gewissheit verschaffen.

Sie sah auf den ersten Blick, dass es eine Lücke gab und ein Messer fehlte. Und als sie die vorhandenen Messer überprüfte, stellte sich heraus, dass es sich um das Fleischmesser handelte.

Also ist es wirklich wahr!

Anja musste sich an den Küchentisch setzen, weil bei dieser Erkenntnis ihre Knie ganz weich wurden und unter ihr nachzugeben drohten. Allerdings schockierte der Gedanke, dass sie tatsächlich eine Mörderin war, sie dann doch nicht so sehr, wie sie befürchtet hatte. Wahrscheinlich, weil sie es insgeheim schon die ganze Zeit geahnt hatte, seit Krieger ihr mit gehässigem Grinsen in der Kirche die Indizien für ihre Täterschaft präsentiert hatte. Deshalb war der Schock in diesem Augenblick, als sich ihre Ahnung zur Gewissheit verfestigte, auch nicht mehr so groß.

Sie atmete mehrere Male tief durch und verdrängte das Entsetzen über ihre Tat, die sie zu überwältigen drohte. Dafür hatte sie jetzt einfach keine Zeit.

Nach einer Weile hatte sie sich wieder halbwegs im Griff. Sie würde sich am Riemen reißen und tun, was getan werden musste, um ihren Arsch zu retten. Auch wenn es ihrem Polizistinnenherz einen schmerzhaften Stich versetzte, dass sie gezwungen war, Beweise in einem Mordfall zu vernichten. Aber die Alternative war undenkbar.

Sobald der Kaffee fertig war, schenkte sich Anja einen Becher voll und trank ihn schwarz und ohne Zucker, wie sie ihn am liebsten mochte. Er war noch so heiß, dass sie sich die Lippen und den Gaumen verbrühte. Aber der Schmerz war nicht so schlimm. Im Gegenteil, er half ihr dabei, ihre Gedanken zu ordnen und in die richtigen Bahnen zu lenken, anstatt ständig darüber nachzugrübeln, was sie getan hatte. Sie war sich sicher, dass sie einen triftigen Grund dafür gehabt hatte. Und ändern konnte sie daran jetzt ohnehin nichts mehr. Alles, was sie noch tun konnte, war Schadensbegrenzung zu betreiben, um nicht im Gefängnis zu landen.

Also nichts wie an die Arbeit!

Nachdem sie den ersten Becher Kaffee leergetrunken hatte, zog sie Einweghandschuhe an, die sie sonst immer benutzte, wenn sie die Wohnungen oder Häuser vermisster Personen durchsuchte.

Zuerst säuberte sie sämtliche Messer und den Messerblock aus Holz gründlich. Anschließend übergoss sie alles zusätzlich großzügig mit Rohrreiniger, den sie ein paar Minuten einwirken ließ. Auch wenn sie damit erfahrungsgemäß nicht sämtliche organischen Spuren beseitigen konnte, würde sie mit diesen Maßnahmen die Arbeit des kriminaltechnischen Labors erheblich erschweren. Außerdem war es nur eine Vorsichtsmaßnahme, falls die Sachen wider Erwarten gefunden und mit dem Mordfall in Verbindung gebracht wurden. Der stark ätzende Reiniger reizte ihre Augen und stach ihr in der Nase. Deshalb öffnete sie das Fenster, um zu lüften. Danach spülte sie alles mit klarem Wasser, trocknete es ab und packte es in die Plastiktüte eines Discounters, die sie vorher ebenfalls sorgfältig abgewischt hatte.

Anschließend ging Anja ins Wohnzimmer. Dabei ließ sie überall das Licht brennen, als hätte sie Angst vor der Dunkelheit.

Das Wohnzimmer sah noch immer so aus, wie sie es nach Kriegers Anruf hinterlassen hatte. Der Geruch nach Alkohol weckte in ihr unwillkürlich den Wunsch, etwas Hochprozentiges zu trinken, obwohl sich ihr dabei gleichzeitig der Magen umdrehte. In der umgekippten Wodkaflasche befand sich nur noch ein kleiner Rest. Die Versuchung war groß, die Flasche einfach auszutrinken; doch Anja widerstand ihr. Der Alkohol hatte in dieser Nacht schon genug Unheil angerichtet. Außerdem vergegenwärtigte sie sich, dass sie neun Monate lang keinen Tropfen getrunken und zuletzt auch nicht länger das Bedürfnis danach verspürt hatte. Das half, um ihre Widerstandskraft zu stärken und standhaft zu bleiben. Und so nahm sie die Flasche und das Glas, trug beides rasch in die Küche und leerte den Rest der hochprozentigen Flüssigkeit in den Ausguss. Danach kehrte sie mit einem nassen Lappen ins Wohnzimmer zurück, öffnete das Fenster, um frische Luft hereinzulassen, und wischte den Tisch ab.

Nachdem sie den Lappen in die Küche zurückgebracht hatte, kam sie wieder zurück und sah sich aufmerksam im ganzen Zimmer um. Zunächst schien alles an seinem Platz zu sein. Nichts deutete noch auf ihren Alkoholexzess oder den Mord an Pfarrer Hartmann hin. Doch dann entdeckte sie in einem Regal eine Mappe aus dunkelblauem Karton mit Gummikordel zum Verschließen, die sie normalerweise im Schrank aufbewahrte und auf der mehrere großformatige Fotos lagen. In der Mappe sammelte sie alle Fotografien, die ein größeres Format besaßen und daher nicht in die normalen Einsteckalben passten. Es handelte sich dabei vor allem um Gruppenfotos und größtenteils um Klassenfotos aus ihrer Schulzeit.

Anja konnte sich nicht erinnern, dass sie sich in letzter Zeit die Fotos angesehen hatte. Es musste also zur Zeit ihres Blackouts geschehen sein.

Sie nahm die Mappe und die Fotos, setzte sich auf die Couch und sah sich die Bilder an, die sie herausgenommen und allem Anschein nach angeschaut hatte, während sie letzte Nacht hier gesessen und Wodka gesoffen hatte.

Obenauf lag das Gruppenfoto ihrer Erstkommunion, das nach dem Gottesdienst vor der Kirche aufgenommen worden war. Anja in ihrem weißen Kommunionkleid stand in der Mitte der zweiten Reihe. Ganz rechts war Pfarrer Hartmann in seinem liturgischen Gewand mit den Ministranten zu sehen. Das Gesicht des Geistlichen war allerdings nicht mehr zu erkennen; es war so oft mit blauem Kugelschreiber übermalt worden, dass die Mine ein Loch im Fotopapier hinterlassen hatte.

War sie das etwa gewesen?

Wer sonst, Dummkopf?

Anja seufzte. Wenn Krieger dieses Foto zu Gesicht bekäme, wäre er bestimmt überglücklich und würde sie sogar ohne Haftbefehl festnehmen. Also musste sie dafür sorgen, dass er es nie zu sehen bekam. Und obwohl es ihr leidtat, dass sie es vernichten musste, führte doch kein Weg daran vorbei.

Sie legte es beiseite und sah sich die nächste Aufnahme an. Es handelte sich um ein Gruppenfoto aus dem Kindergarten, auf dem alle Kinder und Erzieherinnen zu sehen waren. Allerdings war kein Gesicht übermalt oder ausgemerzt worden. Danach kamen Klassenfotos aus der Grundschule und dem Gymnasium; aber auch sie waren unversehrt.

Anja legte die übrigen Bilder in die Mappe zurück, verschloss sie und brachte sie an ihren Platz im Wohnzimmerschrank zurück. Dann nahm sie das Foto ihrer Erstkommunion und ging damit in die Küche. Sie legte es in die leere Spüle und zündete es dann mithilfe einer Streichholzschachtel an, die sie für den Notfall in einer der Schubladen aufbewahrte. Und wenn das hier kein Notfall war, was dann? Sie wartete, bis die Aufnahme restlos verbrannt war. Dann öffnete sie den Wasserhahn und spülte die Aschereste weg. Sie ließ das Wasser eine Weile laufen, um dafür zu sorgen, dass nichts zurückblieb. Währenddessen überlegte sie, was noch zu tun war.

Die Klamotten!

Richtig! Sie musste alles, was sie beim Aufwachen getragen hatte, im Hinblick auf frische Blutspuren überprüfen. Obwohl es ohnehin am besten war, wenn die die Sachen auf alle Fälle entsorgte. Sie konnten Spuren des Mordes oder vom Tatort aufweisen, die so klein waren, dass sie mit bloßem Auge gar nicht zu erkennen waren. Wenn sie allerdings tatsächlich sichtbare Blutflecken fand, wäre das ein weiteres schlagkräftiges Indiz, dass sie den Geistlichen getötet hatte.

Anja ging ins Bad, wo wie in der übrigen Wohnung mit Ausnahme ihres Schlafzimmers noch immer Licht brannte, und holte die schwarze Jeans und den Kapuzenpulli aus der Wäsche. Sie untersuchte die beiden Kleidungsstücke penibel Quadratzentimeter für Quadratzentimeter. Schließlich entdeckte sie zwei kleine dunkle, nahezu kreisrunde Flecken auf dem rechten Ärmel des Pullis, die sie zunächst beinahe übersehen hätte, weil sie sich kaum vom schwarzen Stoff abhoben. Als sie mit dem Zeigefinger darüberstrich, konnte sie jedoch eine harte Kruste spüren. Sie befeuchtete den Teil des Einweghandschuhs, der ihren rechten Zeigefinger bedeckte, mit Speichel und rieb damit über einen der getrockneten Flecken. Als sie ihre Fingerspitze daraufhin ansah, hatte sich auf dem Nitril ein dunkelroter Fleck gebildet. Sie hob den Finger an die Nase und roch daran. Der charakteristische Geruch war nur schwach ausgeprägt, aber dennoch eindeutig.

Blut!

Um ganz sicherzugehen, leckte sie daran. Der unverkennbare Geschmack nach Kupfer bestätigte ihr, was sie bereits wusste. Bei den Flecken handelte es sich eindeutig um Blutstropfen!

An der Hose fand sie hingegen keine Flecken. Aber es konnten dennoch Spuren vom Tatort daran haften. Deshalb stopfte sie den Kapuzenpullover und die Jeans mitsamt dem T-Shirt, den Socken und der Unterwäsche, in denen sie heute Nacht auf der Wohnzimmercouch aufgewacht war, kurzerhand in eine zweite Plastiktüte, die sie zuvor gesäubert hatte.

Mit der Tüte in der behandschuhten rechten Hand kehrte sie in den Flur zurück und überprüfte ihre Schuhe. Da ihre Laufschuhe weiß waren, entdeckte sie die drei Blutstropfen auf der Spitze des linken Schuhs sofort. Sie waren ebenfalls nahezu kreisrund und sternförmig ausgefranst. Anja nahm an, dass sie beim Zurückziehen des Fleischmessers nach einem der drei Stiche, die sie dem Pfarrer zugefügt hatte, von der blutigen Klinge getropft waren, und erschauderte bei dem Gedanken. Sie trennte sich zwar nur höchst ungern von den bequemen Laufschuhen, doch sie gründlich zu reinigen und aus sentimentalen Gründen zu behalten, könnte sich als fataler Fehler erweisen, weil die Labortechniker das Blut unter Umständen selbst dann noch nachweisen und analysieren konnten.

Sie wischte daher die eingetrockneten Blutstropfen notdürftig mit einem feuchten Küchentuch ab, das sie anschließend in der Toilette hinunterspülte. Dann steckte sie die Schuhe in eine dritte Tüte.

Fertig! War’s das jetzt?

Anja dachte konzentriert nach. Sie glaubte zunächst, dass sie tatsächlich an alles gedacht hatte. Doch ein nagendes Gefühl im Hinterkopf ließ ihr keine Ruhe und gab ihr das unangenehme Gefühl, dass sie etwas Wichtiges übersehen hatte. Nur was?

Sie vergegenwärtigte sich ein weiteres Mal widerwillig die Szenen des vermeintlichen Albtraums. Dann fiel ihr plötzlich ein, was sie vergessen hatte.

Was ist mit den Handschuhen?

Als sie den Mord begangen hatte, hatte sie schwarze Lederhandschuhe getragen. Sie besaß keine derartigen Handschuhe. Aber wenn sie den Wodka hatte besorgen können, ohne sich hinterher daran zu erinnern, dann bestimmt auch Handschuhe.

Anja durchsuchte daraufhin die komplette Wohnung, fand die Handschuhe aus ihrem Albtraum jedoch nirgends, obwohl sie überall gewissenhaft nachsah. Schließlich kam sie zur Überzeugung, dass die Handschuhe nicht in der Wohnung waren. Sie musste sie bereits auf dem Weg vom Tatort zurück nach Hause irgendwo entsorgt haben. Andernfalls hätten sie hier irgendwo sein müssen.

Ein Blick auf ihre Uhr zeigte ihr ohnehin, dass es allmählich Zeit zum Aufbruch wurde. Wenn sie die belastenden Gegenstände an verschiedenen Stellen entsorgen wollte, bevor sie schließlich zu ihrer Dienststelle fuhr, musste sie sich allmählich auf die Socken machen.

III

Sie rechnete nicht wirklich damit, dass sie schon jetzt auf Schritt und Tritt überwacht wurde, noch ehe die Ergebnisse der Kriminaltechniker und die Laboranalysen vorlagen. Dennoch hielt sie nach einem Verfolger Ausschau, als sie wieder hinter dem Lenkrad ihres Wagens saß und ihn durch die allmählich erwachenden Straßen der bayerischen Landeshauptstadt lenkte. Es wäre nämlich ein schlechter Scherz auf ihre Kosten, wenn sie jetzt angehalten und ihr Wagen durchsucht würde. Schließlich hatte sie alle schlagkräftigen Beweise für ihre Täterschaft hinsichtlich des Mordes an Pfarrer Hartmann im Kofferraum liegen. Die ermittelnden Beamten würden nicht einmal danach suchen müssen, sondern bräuchten alles nur noch auszupacken, um ihr den Mord nachweisen zu können. Ganz abgesehen davon, dass bereits ihre Bemühungen, die Sachen spurlos verschwinden zu lassen, ihre Schuld hinlänglich bewiesen.

Doch sie zwar gezwungen, ein Risiko einzugehen, wenn sie die Dinge loswerden wollte, bevor sie noch stärker ins Visier der Ermittler geriet.

Da sie durch ihre langjährige Tätigkeit bei der Vermisstenstelle unter anderem auch einiges darüber gelernt hatte, wie man Gegenstände spurlos verschwinden lassen konnte, hatte sie auch schon ganz konkrete Vorstellungen, wo sie die Tüten mit den Klamotten, den Laufschuhen und dem Messerblock loswerden konnte, ohne dass diese zu ihr zurückverfolgt werden konnten. Und als sie zu guter Letzt die leere Wodkaflasche in einen Altglascontainer warf, woraus ihr niemand einen Strick drehen konnte, und die Einweghandschuhe auszog, atmete sie erleichtert auf. Sie war unendlich froh, dass sie sämtliche Beweise für ihre Schuld losgeworden war. Außerdem war sie überzeugt, dass die Sachen entweder nie mehr auftauchen würden oder zumindest niemand sie mit dem Mord an Pfarrer Hartmann und ihr in Verbindung bringen konnte.

Bis sie schließlich zu ihrer Dienststelle fuhr, war es längst hell geworden. Sie sah noch immer aufmerksam in den Rückspiegel und überprüfte die Fahrzeuge, die hinter ihr fuhren. Doch ihr war kein anderer Wagen aufgefallen, der ihr über längere Zeit gefolgt wäre.

So weit, so gut, dachte sie.

Allerdings wollte sich keine wirkliche Befriedigung darüber einstellen. Denn jäh kam ihr wieder zu Bewusstsein, dass sie eine Mörderin war und einen katholischen Priester umgebracht hatte.

Aber warum nur?

KAPITEL 6

I

Die Frage nach dem Motiv für ihre Tat beschäftigte sie den ganzen Vormittag, sodass sie sich kaum auf ihre Arbeit konzentrieren konnte. Ständig kamen ihr ungewollt verstörende Bilder ihres vermeintlichen Albtraums in den Sinn, die ihr die brutale Ermordung des Geistlichen immer und immer wieder in Erinnerung riefen und ihr einfach keine Ruhe ließen.

Zum Glück hatte sie an diesem Tag keinen neuen Vermisstenfall zugeteilt bekommen, der ihre volle Aufmerksamkeit erfordert hätte. Stattdessen war sie mit Routineaufgaben hinsichtlich ihrer zahlreichen offenen Fälle beschäftigt und telefonierte viel, um Menschen aufzuspüren, die möglicherweise gar nicht gefunden werden wollten oder ohnehin in wenigen Tagen von ganz allein in ihr Zuhause zurückkehren würden. Andererseits gab es darunter auch Fälle von Personen, die nicht freiwillig verschwunden waren, was ihren Bemühungen wiederum einen Sinn gab.

Kriminaloberkommissar Daniel Braun, mit dem Anja das Büro teilte, kam an diesem Morgen eine halbe Stunde zu spät, was bei ihm allerdings nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel war. Er war ganze zehn Zentimeter größer und sechs Jahre jünger als Anja und hatte kurzes dunkelbraunes Haar und einen Vollbart. In seiner Freizeit lief er am liebsten Ultramarathons, von denen er seiner Zimmerkollegin gelegentlich vorschwärmte, und war dementsprechend extrem schlank.

Braun lächelte beim Hereinkommen entschuldigend, bevor er seinen Mantel auszog und aufhängte. Dann nahm er hinter seinem Schreibtisch Platz, der dem von Anja direkt gegenüberstand, sodass sie sich, wenn sie denn wollten, bei der Arbeit ansehen konnten. Doch meistens wollten sie das natürlich nicht und konzentrierten sich stattdessen auf ihre Arbeit.

Sie wünschten sich einen guten Morgen. Und obwohl sie nie viel miteinander sprachen, vor allem selten über private Dinge, was Anja ganz recht war, versuchte Braun dennoch, ein wenig Konversation zu betreiben. Doch Anja war an diesem Morgen nicht nach Reden zumute. Sie gab sich daher noch wortkarger als sonst und beantwortete seine Fragen allenfalls einsilbig. Sofern sie sich nicht ohnehin darauf beschränkte, zustimmend oder ablehnend zu brummen, was sich kaum voneinander unterscheiden ließ.

Braun merkte daher schnell, dass Anja schlechte Laune hatte oder einfach nur nicht reden wollte. Er fragte nicht nach, welche Laus seiner Kollegin über die Leber gelaufen war, sondern stellte seine fruchtlosen Bemühungen einfach ein. Für beides war Anja ihm dankbar, auch wenn sie nicht in der Stimmung war, ihm das auch mitzuteilen.

Nach einer halben Stunde, in der sie schweigend ihre Akten bearbeitet oder telefoniert hatten, verabschiedete sich Braun schon wieder, da er in einem seiner offenen Fälle einen Gesprächstermin außer Haus hatte. Er zog seinen Mantel an, verabschiedete sich und verließ mit einer Fallakte in der Hand das gemeinsame Büro.

Anja seufzte erleichtert, sobald er die Tür hinter sich geschlossen hatte und sie wieder allein war. Einerseits war sie froh darüber, da sie nun nicht mehr unter ständiger Beobachtung stand und so tun musste, als wäre alles in bester Ordnung. Andererseits hatte Brauns Gegenwart dafür gesorgt, dass sie sich gezwungenermaßen auf die Fälle konzentrieren musste, die sie bearbeitet hatte. Doch kaum war er weg, gelang ihr das nicht mehr so gut.

Sie klappte daher die Vermisstenakte zu, lehnte sich zurück und ließ den Schreibtischstuhl um neunzig Grad rotieren, bis sie aus dem Fenster schauen konnte. Obwohl es draußen herbstlich kühl war, schien die Sonne.

Anja hatte urplötzlich das Gefühl, ihr würde die Decke auf den Kopf fallen, wenn sie noch länger hierblieb. Sie spürte eine innere Unruhe, die es ihr schwermachte, weiterhin ruhig auf ihrem Stuhl sitzen zu bleiben.

Außerdem ging ihr alles wieder durch den Kopf, worüber sie, seit sie ins Büro gekommen war, nicht hatte nachdenken wollen. Doch die Gedanken ließen sich nicht unterdrücken, zumindest nicht auf Dauer. Vor allem eine Frage kam ihr sofort wieder in den Sinn.

Wieso habe ich Pfarrer Hartmann getötet?

Diese Frage erschien ihr wie der Dreh- und Angelpunkt des Dilemmas, in das sie sich durch den Mord manövriert hatte.

Doch sie war der Antwort noch keinen einzigen Schritt nähergekommen. Wie denn auch? Sie wusste ja nicht einmal, wo sie mit ihren Ermittlungen anfangen sollte. Denn wenn sie begann, im Leben des Geistlichen herumzuschnüffeln und Leute über ihn zu befragen, dann würden das früher oder später auch die beiden Mordermittler erfahren. Und Anjas Interesse an dem Mordopfer würde sie natürlich noch misstrauischer machen, als sie ohnehin schon waren. Sie würden sich zu Recht fragen, wonach Anja eigentlich suchte.

Außerdem würden Englmair und Krieger im Laufe ihrer Mordermittlungen die letzten Stunden und Tage des Pfarrers ohnehin durchleuchten, sodass sie sich die Mühe sparen konnte. Als Verdächtige war sie allerdings von diesen Ermittlungen ausgeschlossen. Und von Krieger, der von ihrer Schuld felsenfest überzeugt zu sein schien, würde sie nichts darüber erfahren. Aber vielleicht würde Englmair ihr sagen, was sie wissen wollte. Die einzige Schwierigkeit dabei war, ihn allein zu erwischen, ohne dass Krieger an seinem Rockzipfel hing. Schließlich wurden sie nicht ohne Grund als siamesische Zwillinge bezeichnet.

Anja drehte sich mitsamt dem Stuhl und stand auf. Sie konnte nicht länger tatenlos in ihrem Büro hocken, sondern musste endlich etwas unternehmen. Krieger war im Augenblick wahrscheinlich damit beschäftigt, weitere Indizien oder Beweise dafür zu sammeln, dass sie den Geistlichen ermordet hatte. Da konnte sie es sich nicht leisten, zuzusehen, wie sich die Schlinge um ihren Hals allmählich immer enger zuzog, und Däumchen zu drehen. Stattdessen musste sie endlich die Initiative ergreifen. Auch wenn sie als Mörderin nicht in der Lage war, ihre Unschuld zu beweisen, musste sie zumindest herausfinden, warum sie den Priester umgebracht hatte. Gleichzeitig würde sie nach Möglichkeit ihre Spuren verwischen und eventuelle Beweise vernichten.

Sie verließ das Zimmer und trat in den Gang. Die Büros der Vermisstenstelle befanden sich zusammen mit einer Reihe anderer Kommissariate in einem Bürokomplex in der Hansastraße 24 im Stadtteil Sendling-Westpark unweit ihrer Wohnung. Anja ging durchs Treppenhaus ein Stockwerk höher in die dritte Etage und näherte sich vorsichtig den Büros der Mordkommission. Dabei sah sie sich immer wieder um und fühlte sich wie die Verdächtige, die sie in Kriegers Augen auch war.

Wenn sie wüsste, ob Englmair ausnahmsweise alleine war, würde sie ihn einfach in seinem Büro aufsuchen. Doch wie sollte sie das erfahren? Sie könnte ihn natürlich einfach anrufen, doch Krieger würde anhand von Englmairs Anteil an ihrer Unterhaltung wahrscheinlich sofort spitzkriegen, dass der Kollege mit seiner momentanen Hauptverdächtigen in einem Mordfall sprach. Also beschloss sie, sich stattdessen auf die Lauer zu legen und auf eine günstige Gelegenheit zu warten.

Sie blieb vor dem Kaffeeautomaten stehen, der im Gang an der Wand stand. Von hier aus hatte sie die Tür zum Büro der beiden Mordermittler gut im Blick, ohne dass sie selbst sofort gesehen wurde. Sie suchte in ihren Hosentaschen nach Kleingeld, um sich einen Kaffee zu besorgen. Damit würde es in den Augen anderer Kollegen nicht so verdächtigt wirken, wenn sie völlig unmotiviert eine Weile im Flur herumstand.

Obwohl das Gebräu, das sie erhielt, nicht nach Kaffee roch oder aussah, nippte sie dennoch vorsichtig daran. Sofort verzog sie angewidert das Gesicht. Ihrer Meinung nach hatte die schmutzig braune Flüssigkeit nicht das Geringste mit richtigem Bohnenkaffee zu tun. Allerdings musste sie es auch nicht trinken; es reichte, wenn sie es zur Tarnung in der Hand hielt und ab und zu so tat, als würde sie daran nippen. Außerdem holte sie ihr Smartphone heraus und hielt es ans Ohr, als würde sie ein Telefonat führen.

Als eine Bürotür ganz in der Nähe aufging, setzte Anjas Herzschlag für einen Augenblick aus. Doch es war nicht die Tür zu Kriegers und Englmairs Zimmer, sondern ein anderes Büro. Eine Kollegin der Mordkommission trat in den Gang und schloss die Tür hinter sich ab. Sie grüßten sich mit einem Nicken, dann marschierte die Mordermittlerin an Anja vorbei in Richtung Aufzug.

Im Laufe der nächsten halben Stunde kamen noch weitere Kollegen vorbei, die Anja ebenfalls stumm grüßte, während sie vorgab, zu telefonieren und dabei Automatenkaffee zu trinken. Allmählich verlor sie allerdings die Geduld. Außerdem wuchs die Gefahr, dass jemand zum zweiten Mal vorbeikam und sich wunderte, dass Anja noch immer hier herumstand. Sie überlegte bereits, ob sie den Kaffee, der längst kalt und damit vermutlich noch ungenießbarer geworden war, in den Mülleimer neben dem Automaten werfen und in ihr Büro zurückgehen sollte. Doch da ging endlich die Bürotür der sogenannten siamesischen Zwillinge auf.

Obwohl Anja die ganze Zeit darauf gewartet hatte, dass genau das passierte, erschrak sie jetzt dennoch und zuckte zusammen. Kalter Kaffee lief über ihre Hand und tropfte zu Boden, und sie verzog das Gesicht. Sie stand neben dem Automaten, der ihr Sichtschutz gab, und presste unwillkürlich ihren Rücken gegen die Wand. Vorsichtig spähte sie um die Kante des Geräts in die Richtung, in der das Büro von Krieger und Englmair lag.

Interessiert stellte sie fest, dass es Krieger war, der gerade das Büro verließ; und er war tatsächlich allein. Er zog die Tür hinter sich zu und sah dabei nicht in ihre Richtung. Wenn er allerdings diesen Weg nahm, würde er sie unweigerlich entdecken. Sie feilte daher bereits an einer Ausrede, warum sie nicht den Automaten auf ihrem Stockwerk benutzt und stattdessen nach oben gekommen war. Bei seinem augenblicklichen Misstrauen ihr gegenüber ging sie jedoch ohnehin nicht davon aus, dass er ihr glaubte. Doch zum Glück kam sie erst gar nicht in die Lage, ihm eine Lüge auftischen zu müssen, denn er entfernte sich in die andere Richtung. In der Hand hielt er eine Zeitschrift für Angler. Anja runzelte irritiert die Stirn. Sie hatte nicht gewusst, dass Krieger sich für so etwas interessierte. Er schien ihr nicht der Typ von Mensch zu sein, der stundenlang am Ufer eines Flusses saß und geduldig darauf wartete, dass ein Fisch anbiss. Doch das war momentan auch nicht wichtig. Entscheidender war, dass in der Richtung, in die er ging, die Toiletten lagen. Anja hatte daher wenig Zweifel, dass genau die das Ziel seiner eiligen Schritte waren. Und die Anglerzeitschrift in seiner Hand ließ sie darüber hinaus darauf hoffen, dass es eine längere Sitzung werden würde, die ihr somit reichlich Gelegenheit gab, in Ruhe mit Englmair zu reden.

Sobald Krieger um die nächste Ecke verschwunden und damit außer Sicht war, warf Anja den fast vollen Kaffeebecher in den Mülleimer und setzte sich in Bewegung.

II

»Was willst du denn hier?« Englmair sah sie aus großen Augen erstaunt an, sobald sie eingetreten war und die Tür zugemacht hatte. »Wenn Toni dich in unserem Büro erwischt, hält er das wahrscheinlich für ein Schuldeingeständnis und verhaftet dich.«

»Ich war’s aber nicht!«, sagte Anja entgegen ihrer eigenen Überzeugung und nahm rasch auf dem Besucherstuhl neben Englmairs Schreibtisch Platz, als hätte sie Angst, er würde sie hinauswerfen, solange sie nicht saß.

Ihre Gegenwart schien ihm unangenehm zu sein. Er sah gehetzt zur Tür, als befürchtete er, sie könnte jeden Moment aufgerissen werden und Krieger würde wie ein gehörnter Ehemann hereingestürmt kommen, um sie beide wie ein heimliches Liebespaar in flagranti zu erwischen. »Du solltest nicht hier sein!«, zischte er und lockerte mit dem Zeigefinger den Kragen seines Hemdes, als wäre er plötzlich zu eng und würde ihm die Luft abschnüren. »Zumindest im Moment nicht. Wenn Toni vom Klo zurückkommt und sieht, dass wir beide uns unterhalten, flippt er vermutlich völlig aus. Er ist ohnehin schon davon überzeugt, dass du den Pfarrer umgebracht hast, und sucht fieberhaft nach Beweisen, um es dir nachweisen zu können.«

»Und was glaubst du?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich sagte dir doch schon, dass ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, wie du zu solch einem brutalen Mord in der Lage sein solltest. Allerdings kann selbst ich die Indizien, die wir am Tatort gefunden haben und die allesamt in deine Richtung weisen, nicht einfach ignorieren. Wir müssen ihnen nachgehen und sind verpflichtet, in alle Richtungen zu ermitteln. Auch wenn wir dabei gegen eine Kollegin vorgehen müssen.«

»Das verstehe ich ja voll und ganz«, entgegnete Anja. »Und dagegen sage ich ja auch nichts. Aber Krieger schießt meiner Meinung nach weit über das Ziel hinaus. Er hätte vor ein paar hundert Jahren einen ausgezeichneten Inquisitor abgegeben, als es nur darauf ankam, unschuldige Frauen auf einen bloßen Verdacht hin einer Hexenprobe zu unterziehen oder gleich auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen.«

Englmair grinste und schien sich ein wenig zu entspannen. »Damit hast du sogar recht. Trotzdem solltest du vorsichtig sein und ihn nicht noch mehr reizen. Manchmal fällt es mir nämlich schwer, ihn zu bremsen, damit er keine Dummheit begeht.«

Sie schwiegen ein paar Sekunden, und jeder hing seinen Gedanken nach.

Anja hatte allerdings keine Zeit zu verlieren. Jeden Moment konnte Krieger zurückkommen, je nachdem, wie erfolgreich und umfangreich seine augenblickliche Sitzung war. Und bis es soweit war, wollte sie von Englmair so viel wie möglich über ihre momentanen Ermittlungen in Erfahrung bringen. Allerdings musste sie dabei umsichtig vorgehen, um nicht noch verdächtiger zu wirken, als die Indizien, die Englmair angesprochen hatte, sie ohnehin schon aussehen ließen. So würde beispielsweise eine direkte Frage nach eventuellen Fingerabdrücken, Haaren und DNA-Spuren von ihr am Tatort den Mordermittler bestimmt misstrauisch machen. Schließlich behauptete sie, unschuldig zu sein. Und jemand, der unschuldig war, musste auch nicht befürchten, dass es Spuren von ihm am Schauplatz eines Mordes gab.

»Krieger wird sich irgendwann schon wieder einkriegen«, wählte sie einen unverfänglichen Einstieg. »Ich weiß zwar nicht, was meine ehemalige Bibel und die Visitenkarte am Tatort zu suchen hatten, doch dafür gibt es bestimmt eine logische Erklärung. Allerdings werdet ihr ansonsten mit Sicherheit keine weiteren Beweise finden, die mich mit dem Mord in Zusammenhang bringen, sosehr Krieger auch danach suchen mag. Es würde mich daher überraschen, wenn ihr meine Fingerabdrücke oder DNA gefunden hättet.«

Es war ein Schuss ins Blaue und ein gefährliches Spiel mit dem Feuer, das sie hier betrieb. Sie wusste zwar aufgrund des vermeintlichen Albtraums, dass sie bei der Tat Handschuhe getragen hatte und deshalb auch keine Fingerabdrücke am Tatort hinterlassen haben konnte. Doch das Fleischmesser aus ihrer Küche hatte sie in der Vergangenheit oft benutzt und dabei natürlich keine Handschuhe getragen. Sofern sie das Messer daher vor der Tat nicht sorgfältig genug gereinigt hatte, konnten sich darauf durchaus ihre Abdrücke befinden. Oder es hafteten Hautschuppen, Speicheltröpfchen oder Haare von ihr daran, die ihre DNA enthielten. Und auch die Visitenkarte konnte derartige Spuren aufweisen.

Doch zu ihrer Erleichterung schüttelte Englmair den Kopf, ohne wegen ihrer Frage misstrauisch zu werden. »Wenn es so wäre, hätte Toni dich doch längst verhaftet. Und ich würde jetzt auch nicht einfach so mit dir reden, sondern dich wahrscheinlich ganz offiziell vernehmen. Die Kriminaltechniker fanden zwar mehr Fingerabdrücke und Spuren am Tatort, als uns lieb sein kann, allerdings war bislang nichts darunter, das von dir stammt. Übrigens auch nicht an der Tatwaffe, der Bibel oder der Visitenkarte, obwohl Toni ausdrücklich darum gebeten hat, alles besonders gründlich zu überprüfen.«

Anja zwang sich, alles zu unterlassen, was Englmair den Eindruck vermitteln könnte, ihr fiele gerade ein riesiger Stein vom Herzen. »Und von wem stammen die Abdrücke dann?«

Ihr Kollege zuckte mit den Schultern. »Das wissen wir noch nicht. Ich gehe allerdings davon aus, dass sie dem Mesner, den Putzkräften, den Ministranten und den Besuchern der letzten Gottesdienste und Beichtstunden gehören. Die Kirche war förmlich übersät mit Abdrücken. Es gab kaum eine Stelle, an der keine gefunden wurden.«

»Gab es an der Tatwaffe, der Visitenkarte und der Bibel Abdrücke oder Körperspuren anderer Personen?«

Er schüttelte bedauernd den Kopf. »Außer dem Blut des Opfers an der Tatwaffe und der Visitenkarte fanden wir nichts. Das wäre ja auch zu schön gewesen, um wahr zu sein. Wir fanden nicht einmal einen Teilabdruck oder einen verwischten Fingerabdruck. Sieht so aus, als hätte der Täter alles sehr sorgfältig abgewischt. Auf der aufgeschlagenen Bibel befand sich nicht einmal ein Staubkorn.« Englmair richtete seinen fragenden Blick auf sie. »Und du weißt wirklich nicht, wo sich die Bibel all die Jahre befand?«

»Nein! Ich weiß nur noch, dass sie damals in meinem Zimmer im Regal bei den anderen Büchern stand. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass ich sie nach dem Tod meines Vaters noch einmal gesehen habe. Und dann sind wir ohnehin ziemlich bald umgezogen. Danach habe ich die Bibel bis zum heutigen Tag nicht mehr zu Gesicht bekommen. Ich habe seit damals, ehrlich gesagt, nicht einmal mehr an sie gedacht. Erst heute früh wieder, als ich sie auf dem Altar liegen sah. Aber da wusste ich noch nicht, dass es meine war. Ich dachte mir nur, dass ich als Kind eine ganz ähnliche Bibel hatte.« Sie überlegte kurz. »Aber ich kann meine Mutter danach fragen. Vielleicht hat sie eine Ahnung, was bei oder nach unserem Umzug damit geschehen ist.«

»Ja, tu das bitte. Du würdest uns damit einen Gefallen tun. Aber komm bitte nicht noch einmal hierher, solange Toni dich für die Täterin hält. Ruf mich am besten an, dann treffen wir uns irgendwo.«

Anja nickte. »Habt ihr in der kurzen Zeit sonst noch etwas herausgefunden?«

Er seufzte. »Eigentlich dürfte ich dir überhaupt nichts sagen. Außerdem kann Toni jetzt jeden Moment zurückkommen. Du solltest also besser gehen.«

»Ich will nur wissen, was ihr über Pfarrer Hartmann herausgefunden habt. Schließlich muss es einen Grund geben, warum er ermordet wurde.«

… warum ich ihn ermordet habe, ergänzte sie in Gedanken.

Englmair zuckte mit den Schultern. »Bislang konnten wir noch kein Motiv finden. Toni geht ohnehin davon aus, dass ihr bei eurem geheimen Treffen in der Kirche über irgendetwas in Streit geraten seid und du ihn im Affekt getötet hast.«

Ist das vielleicht tatsächlich der einzige Grund, warum ich ihn umgebracht habe?, fragte sich Anja unwillkürlich. Eine simple Meinungsverschiedenheit, und schon stach sie in mörderischer Wut auf den Mann ein, der sie stets freundlich und zuvorkommend behandelt hatte? Der sie darüber hinaus getauft und ihr die Erstkommunion gespendet hatte? Sie schüttelte entschieden den Kopf. Nur wegen eines bloßen Streits würde sie niemanden töten, erst recht keinen Geistlichen. Wenn überhaupt! Es musste also wesentlich mehr dahinterstecken. Sie konnte natürlich aus Notwehr töten. Dazu war sie schon einmal gezwungen gewesen. Und wenn sie ehrlich war, bereitete ihr das auch keine schlaflosen Nächte, denn Johannes hatte drei Frauen auf dem Gewissen gehabt und auch sie und ihre Cousine töten wollen. Doch ansonsten gab es eigentlich nur einen einzigen Grund, aus dem sie möglicherweise eine ganz bestimmte Person töten könnte. Und dabei handelte es sich um den Mörder ihres Vaters.

»Was ist?«, fragte Englmair, dem ihre Nachdenklichkeit natürlich nicht entgangen war.

»Meiner Meinung nach scheidet ein Mord im Affekt schon mal aus«, sprach sie rasch das Erstbeste aus, was ihr in den Sinn kam, weil sie ihm nichts von ihren wahren Gedanken verraten wollte. »Wer ein Fleischmesser zu einem Treffen mit einem Geistlichen mitbringt, handelt von Haus aus vorsätzlich und planmäßig.«

»Das habe ich Toni auch schon gesagt. Aber in dieser Sache ist er wie vernagelt. Seitdem wir die Visitenkarte und die Bibel fanden und beide deinen Namen enthielten, hat er dich im Visier und will partout nicht einsehen, dass er auf dem Holzweg sein könnte.« Er sah auf seine Armbanduhr. »Du solltest jetzt wirklich gehen, bevor er uns zusammen sieht. Sonst denkt er noch, ich mache hinter seinem Rücken mit einer Tatverdächtigen gemeinsame Sache. Wir können ja telefonieren.«

»Eine Sache noch: Was habt ihr sonst über Pfarrer Hartmann erfahren?«

Er zuckte ein weiteres Mal mit den Schultern und seufzte. »Nichts, was in irgendeiner Form ungewöhnlich oder verdächtig wäre. Wenn man sich die Aussagen der Leute ansieht, die ihn kannten, und das sind natürlich eine ganze Menge, dann war er ein geradezu vorbildlicher Seelsorger. Ausnahmslos alle lobten ihn in den höchsten Tönen. Und keiner kann sich erklären, warum ausgerechnet jemand wie er umgebracht wurde. Wenn wir die Leute fragten, ob sie eine Theorie hätten, was geschehen sein könnte, tendierte die überwiegende Mehrheit dazu, dass der Pfarrer höchstwahrscheinlich einen Kirchenräuber überrascht hat und von diesem getötet wurde. Allerdings sagte der Mesner aus, dass in der Kirche nichts gestohlen wurde. Nicht einmal der Opferstock wurde angerührt. Außerdem gibt es auch keine Einbruchsspuren. Und da die Kirche nachts abgesperrt ist, bedeutet das, dass der Priester seinen Mörder selbst hineingelassen haben muss. Das heißt, er kannte den Täter …«

»… oder die Täterin, würde Krieger jetzt sagen«, unterbrach ihn Anja.

Englmair lachte. »Stimmt. Vermutlich kannte er also den Täter oder die Täterin und war mit ihm oder ihr in der Kirche verabredet.«

»Was uns wieder zu meiner Visitenkarte mit dem Datum und der Uhrzeit dieser Verabredung zurückbringt«, sagte Anja und seufzte. »Aber mal ganz ehrlich, wieso hätte ich sie und die Bibel mit meinem Namen zurücklassen sollen, wenn ich Pfarrer Hartmann, aus welchem Grund auch immer, tatsächlich umgebracht hätte?«

Weil du so betrunken warst, dass du einen Filmriss hattest und gar nicht mehr klar denken konntest, gab sie sich selbst die offensichtlichste Antwort.

»Vielleicht will dir jemand etwas anhängen«, mutmaßte hingegen Englmair, der zum Glück nur einen Teil der Wahrheit kannte und nur deshalb noch immer davon ausging, seine Kollegin wäre unschuldig.

Schön wär’s, dachte Anja, der dieser Gedanke ebenfalls schon gekommen war. Er klang im Hinblick auf die Bibel und die Visitenkarte auch einleuchtend, wäre da nicht der vermeintliche Albtraum gewesen, in dem ihr Unterbewusstsein einen Teil ihrer Erinnerungen zurückgeholt hatte, auf die sie wegen des Filmrisses nicht mehr bewusst zurückgreifen konnte. Die beiden Indizien erweckten zwar auf den ersten Blick den Eindruck, sie könnten bewusst am Tatort platziert worden sein und als wollte ihr tatsächlich jemand einen Mord anhängen. Aber in dem Fall hätte sie keine albtraumhaften Erinnerungen an den Mord haben dürfen. Und es hätte auch keine Blutstropfen auf ihrem Kapuzenpulli und ihren Laufschuhen geben können.

Trotz dieser Gedanken nickte sie. »Du hast recht«, bestärkte sie ihren Kollegen in seinem Glauben. »Wahrscheinlich will mir jemand den Mord anhängen und hat die Visitenkarte und die Bibel ganz bewusst in der Kirche zurückgelassen, um mich mit der Tat in Zusammenhang zu bringen. Aber warum sollte jemand so etwas tun?«

»Vielleicht bist du in der Vergangenheit irgendjemandem auf den Schlips getreten, der seitdem einen Groll gegen dich hegt. Irgendeine Ahnung, wer dafür in Frage kommen könnte?«

Anja tat, als würde sie über seine Frage nachdenken. Dann schüttelte sie verneinend den Kopf.

III

Fünf Minuten später saß sie wieder an ihrem eigenen Schreibtisch, starrte blicklos aus dem Fenster und war in Gedanken versunken.

Sie hatte sehr wohl eine Ahnung, wer ihr einen Mord anhängen könnte. Es war allerdings beileibe nicht die einzige Lüge gewesen, die sie Englmair erzählt hatte.

Anja dachte natürlich an den mysteriösen Komplizen ihres ehemaligen Wohnungsnachbarn, der diesen in seinem apokalyptischen Wahn bestärkt und bei den Morden an drei todkranken Frauen unterstützt hatte. Außerdem hatte er ihren Ehemann erdrosselt und es wie eine nahezu exakte Kopie des vermeintlichen Suizids ihres Vaters aussehen lassen.

Als die beiden Mordermittler und Anja Fabians Haus durchsuchten, fand Anja seine Leiche im Arbeitszimmer, wo er tot am Haken der Deckenlampe hing. Es war nahezu dieselbe Situation wie dreiundzwanzig Jahre zuvor, als Anja den erhängten Leichnam ihres Vaters entdeckt hatte. Der Unbekannte wollte Anja damit gezielt treffen, indem er die Ähnlichkeit zwischen den beiden Ereignissen bewusst inszeniert hatte. Zuerst ihr Vater und dann auch noch ihr Ehemann; und Anja hatte keinen von beiden retten können, sondern war beide Male zu spät gekommen und hatte nur noch ihre Leichen gefunden.

Doch das heimtückische Spiel des Mannes im Hintergrund fand damit kein Ende, sondern ging noch weiter. Der Apokalypse-Killer, der sich den Namen Johannes gegeben hatte, entführte Anjas Cousine, um sie in der Leichenhalle auf dem neuen Teil des Waldfriedhofs zu töten und als vierten und letzten apokalyptischen Reiter zu inszenieren. Er sollte auf Geheiß seines Komplizen dabei so tun, als hätte Anja eine reelle Chance, ihre Cousine zu retten. In Wahrheit sollte sie jedoch erneut zu spät kommen. Wenn sie ein drittes Mal nur noch die Leiche eines geliebten Menschen fand, so das Kalkül des Hintermannes, müsste sie daran zerbrechen. Und dann würde sie auch endlich die Schlaftabletten schlucken, die sie schon so lange in ihrem Spiegelschrank aufbewahrte und jedes Mal in die Hand nahm, nachdem sie davon geträumt hatte, wie sie damals ihren toten Vater gefunden hatte.

Allerdings gelang es Anja, Johannes und seinen geheimnisvollen Helfer zu überlisten. In einem erbittert geführten Kampf auf Leben und Tod schaffte sie es schließlich, den Killer zu töten und ihre Cousine und sich zu retten. Als sie allerdings zwei Tage später zum Grab ihres Vaters auf dem Waldfriedhof ging, entdeckte sie dort einen Umschlag mit ihrem Namen. Er ähnelte den Kuverts, die sie nach den Morden an den vermissten todkranken Frauen von Johannes bekommen hatte. Allerdings war dieser tot, sodass die Nachricht nur von einem Komplizen stammen konnte, von dem die Polizei bislang nichts wusste. Der Umschlag enthielt lediglich ein altes Polaroidfoto. Auf diesem war ihr Vater so zu sehen, wie sie ihn damals gefunden hatte. Allerdings hatte er auf der Aufnahme die Augen offen, starrte mit panischem Blick in die Kamera und war noch am Leben. Und auf der Rückseite der Fotografie standen die sieben Worte, die Anja damals gesagt hatte, als sie ihren Vater erkannt hatte und noch davon ausgegangen war, er wäre am Leben.

Du bist ja doch zu Hause, Papa.

Das Foto machte Anja mehrere Dinge gleichzeitig bewusst.

Erstens hatte der Apokalypse-Killer einen Komplizen gehabt, dessen Identität unbekannt und der weiterhin aktiv war.

Zweitens hatte ihr Vater gar nicht Selbstmord verübt, wie sie und alle anderen die ganze Zeit über geglaubt hatten, sondern war ermordet worden. Und zwar von jemandem, der nun, nach all den Jahren zurückgekehrt war, um mit Johannes’ Hilfe seine perfiden Pläne mit Anja in die Tat umzusetzen und sie in den Selbstmord zu treiben. Wieso er das tat, wusste sie allerdings noch immer nicht.

Und drittens und letztens wurde Anja beim Anblick der schrecklichen Polaroidaufnahme mit Entsetzen klar, dass der Mörder damals noch im Haus gewesen war und ihre Worte gehört hatte. Noch immer erschauderte sie, wenn sie nur daran dachte.

Nach der Entdeckung des Umschlags mit dem Foto am Grab ihres Vaters hatte Anja in den darauffolgenden Tagen und Wochen darauf gewartet, dass sich sein und Fabians Mörder erneut bei ihr meldete. Sie war während dieser Zeit extrem nervös und schreckhaft gewesen, hatte immer wieder über die Schulter geblickt und sich umgesehen, ob ihr jemand folgte, sie heimlich beobachtete oder sich einfach nur auffällig verhielt. Doch nie war ihr etwas aufgefallen. Deshalb hatte sie sich allmählich wieder entspannt und war zu der Ansicht gelangt, dass der Unbekannte wieder aus ihrem Leben verschwunden war, nachdem sein Plan nicht aufgegangen war.

Doch Englmairs Frage, ob sie eine Ahnung hätte, wer ihr einen Mord anhängen wollte, hatte dazu geführt, dass Anja jetzt zwangsläufig wieder an den geheimnisvollen Unbekannten denken musste.

Es sähe ihm ähnlich, erneut seine Spielchen mit ihr treiben zu wollen, indem er ihr einen Mord in die Schuhe schob, den sie nicht begangen hatte.

Allerdings sprachen sämtliche Beweise in diesem Fall eine andere Sprache und ließen nur eine einzige vernünftige Schlussfolgerung zu: Sie hatte Pfarrer Hartmann tatsächlich ermordet!

IV

Sie schreckte aus ihren Überlegungen, als ihr Handy den Eingang einer Mitteilung signalisierte. Sie nahm es vom Schreibtisch, wo sie es abgelegt hatte, und sah, dass Konstantin ihr eine WhatsApp-Nachricht geschickt hatte.

Der Gedanke an ihn lenkte sie für den Moment von ihren düsteren Überlegungen ab und ließ sie unwillkürlich lächeln. Allerdings nur, bis sie die Nachricht gelesen hatte, denn Konstantin teilte ihr darin mit, dass er die Nachtschicht eines kurzfristig erkrankten Kollegen übernehmen müsse und sich deshalb heute Abend nicht wie geplant mit ihr treffen könne.

Anja verzog enttäuscht das Gesicht.

Schade, schrieb sie zurück. Dann sehen wir uns hoffentlich morgen Abend. Sie fügte ein weinendes Smiley hinzu und schickte die Nachricht ab.

Sie hatte sich auf den Abend und die Nacht mit Konstantin gefreut und war traurig, dass nun doch nichts daraus wurde. Das Zusammensein mit ihm hätte sie bestimmt auf andere Gedanken gebracht und verhindert, dass sie ständig über den Mord und ihr Motiv nachgrübelte. Andererseits war es vielleicht auch ganz gut, wenn sie sich heute nicht sahen, denn eigentlich war sie nicht in Stimmung für Gesellschaft. Er hätte ihr bestimmt sofort angemerkt, dass etwas sie beschäftigte und belastete, und wissen wollen, worum es ging. Sie wollte und durfte ihm jedoch niemals erzählen, was sie Furchtbares getan hatte. Ihm nicht und auch sonst niemandem.

KAPITEL 7

I

Anja war froh, als es endlich Mittag war. Sie hatte zuletzt zwar wieder versucht, sich auf ihre eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren, dabei allerdings nicht viel erreicht.

Sie beschloss spontan, in der Mittagspause nach Hause zu fahren, um sicherheitshalber noch einmal gründlich die Wohnung zu durchsuchen. Sie befürchtete, dass die Lederhandschuhe, die sie letzte Nacht benutzt hatte, doch noch irgendwo herumlagen und bei einer Durchsuchung gefunden wurden. Wie der Kapuzenpulli und die Laufschuhe könnten sie ebenfalls Blutspuren aufweisen und ihr damit trotz allem, was sie bislang unternommen hatte, um ihre Spuren zu verwischen, das Genick brechen.

Allerdings fuhr sie nicht direkt nach Hause, sondern bei einem nahen Sportfachgeschäft vorbei, um sich Ersatz für ihre Schuhe und den Pulli zu besorgen, die sie entsorgt hatte. Anschließend machte sie noch einen kleinen Abstecher in eine Bäckerei, die auf dem Weg lag, und kaufte eine Breze und eine Nussschnecke. Sie hatte Heißhunger auf etwas Süßes. Vielleicht lieferte der Zucker den notwendigen Treibstoff für ihre grauen Zellen und sorgte dafür, dass sie nichts übersah oder vergaß.

Zu Hause machte sie zunächst Kaffee. Während die Maschine lief, suchte sie noch einmal in der ganzen Wohnung nach den Handschuhen. Sie sah in der Wäsche und unter der Couch nach und fuhr sogar mit der Hand in die Ritzen, obwohl es sie davor ekelte. Doch alles, was sie dabei zum Vorschein brachte, waren Staub, Dreck, Fussel, Haare und Krümel. Schließlich gab sie ihre ergebnislosen Bemühungen auf, wusch sich die Hände und setzte sich an den Küchentisch. Während sie zwei Becher Kaffee trank und dazu die Breze und die Nussschnecke aß, dachte sie angestrengt über alles nach, was sie seit ihrem Aufwachen aus dem Albtraum erlebt hatte. Doch noch immer machte das alles für sie nicht mehr Sinn als zuvor. Und vor allem die entscheidende Frage, warum sie Pfarrer Hartmann umgebracht hatte, war durch Nachdenken allein nicht zu lösen und blieb damit weiterhin offen.

Nachdem sie das schmutzige Geschirr und Besteck in die Spülmaschine geräumt hatte, klappte sie ihren Laptop auf, um ihre privaten E-Mails zu checken. Konstantin und sie kommunizierten vorwiegend über WhatsApp, doch manchmal, vor allem, wenn sie sich mehrere Tage nicht sahen, schickten sie sich auch E-Mails, die es ihnen erlaubten, längere Nachrichten zu verfassen.

Es dauerte ewig, bis das betagte Gerät endlich hochgefahren war. Doch für Anjas Zwecke – E-Mails verschicken und empfangen, ab und zu im Internet surfen und gelegentlich einen Brief schreiben – war der Laptop mehr als ausreichend. Sobald der Computer bereit war, startete sie den Browser und ging auf die Seite ihres E-Mail-Dienstes. Anschließend gab sie ihre E-Mail-Adresse und ihr Passwort ein. Es war lang und daher vermutlich relativ sicher; dafür änderte sie es nie, weil sie sich kein neues merken wollte.

Sie hatte seit gestern fünf E-Mails bekommen. Allerdings sah sie auf den ersten Blick, dass keine von Konstantin darunter war.

»Schade«, sagte sie und seufzte leise.

Vier der Nachrichten wurden automatisch als Junkmails aussortiert und in den Junkordner verschoben. Wahrscheinlich ging es darin um Potenzmittel oder Kredite.

Danach war nur noch eine E-Mail übrig. Der Absender sagte Anja allerdings nichts, denn es handelte sich dabei nicht um einen Namen, sondern um eine scheinbar willkürliche Abfolge von Zeichen, die keinen Sinn ergaben. Sie vermutete, dass es sich um eine weitere Spammail handelte, die das Programm übersehen hatte. Allerdings löschte sie die Nachricht nicht umgehend, sondern öffnete sie, um sicherzugehen, dass es nicht doch etwas Wichtiges war.

Die Mail war kurz. Sie enthielt lediglich einen knappen fett und kursiv gedruckten Text in der Mitte der Seite, der aus vier Worten bestand:

In principio erat Mors …

Nicht schon wieder Latein!, dachte Anja genervt und verzog gequält das Gesicht.

Der Apokalypse-Killer hatte ihr nach jedem Mord Bibelstellen aus der Offenbarung des Johannes in lateinischer Sprache geschickt. Da sie in der Schule kein Latein gehabt hatte, hatte sie ihren damaligen Wohnungsnachbarn Raphael um Hilfe gebeten, ohne zu ahnen, dass sie damit gewissermaßen den Bock zum Gärtner machte.

Obwohl er kurz war, las sie den Text mehrere Male, ohne dadurch jedoch schlauer zu werden. Mit jedem Mal wurde ihr unbehaglicher zumute. Denn längst war ihr klar geworden, dass es sich dabei nicht um eine gewöhnliche Junkmail handelte. Nein, diese Nachricht, das spürte sie instinktiv, war ernst. Möglicherweise sogar im wahrsten Sinne des Wortes todernst. Unwillkürlich lief ihr ein Schauder über den Rücken.

Sie überlegte, wie sie herausfinden konnte, was der Text bedeutete. Schließlich öffnete sie in ihrem Browser einen weiteren Tab und begann, den Text in ihre bevorzugte Suchmaschine einzugeben. Bereits nach dem zweiten Wort wurde ihr »in principio erat verbum Übersetzung« vorgeschlagen. Das vierte Wort stimmte zwar nicht mit der Mail überein, sie klickte aber dennoch darauf und bekam als oberstes Ergebnis der Suche einen Wikipedia-Eintrag über »in principio«. Sie folgte dem Link und erfuhr, dass der Ausdruck »in principio« in der Tat lateinisch war und auf Deutsch »im Anfang« oder »am Anfang« bedeutete. Und »in principio erat verbum« wurde mit »am Anfang war das Wort« übersetzt.

Anja stutzte. Irgendwo hatte sie das schon einmal gehört oder gelesen. Und das war noch gar nicht so lange her. Deshalb musste sie nur kurz überlegen, bis ihr wieder einfiel, dass Krieger heute früh in der Kirche davon gesprochen hatte. Es handelte sich dabei um das Zitat, das in Anjas alter Bibel markiert worden war. Allerdings waren dort die letzten beiden Worte durchgestrichen und handschriftlich durch »der Tod« ersetzt worden. Sie vermutete daher stark, dass das lateinische Wort »mors« auf Deutsch »Tod« hieß.

Sie überprüfte es, indem sie in die Suchmaschine »mors Übersetzung« eingab. Und tatsächlich, es stimmte.

Nachdenklich betrachtete Anja die vier lateinischen Worte auf dem Bildschirm.

Was hat das zu bedeuten?

Es beunruhigte sie, dass ihr wie im Fall des Apokalypse-Killers wieder jemand lateinische Bibelzitate schickte. Das weckte ungute Erinnerungen, die sie lieber vergessen hätte. Bedeutete das etwa, dass die Sache noch nicht zu Ende war und weiterging? Allerdings war Johannes, der Absender der ursprünglichen Nachrichten, mausetot. Also konnte im Grunde nur sein Komplize dahinterstecken.

Aber wieso? Und warum ausgerechnet jetzt?

Außerdem entsprachen die vier lateinischen Worte der markierten und leicht abgeänderten Textstelle in Anjas ehemaliger Bibel. Es gab damit also einen eindeutigen Bezug zum Mord an Pfarrer Hartmann. Allerdings wusste momentan kaum jemand davon. Lediglich die beiden Mordermittler, die übrigen Kollegen, die am Tatort gewesen waren, und Anja.

Sie schüttelte den Kopf, weil sie sich nicht vorstellen konnte, dass einer der Kollegen hinter dieser Mail stecken könnte. Lediglich Krieger traute sie jede Gemeinheit zu. Doch würde er tatsächlich so weit gehen und ihr anonyme E-Mails schickten? Und was könnte er damit bezwecken? Wollte er sie etwa durch Psychoterror dazu bringen, ein Geständnis abzulegen?

Anja verwarf den Gedanken sofort wieder. Krieger war zwar nicht dumm, aber für eine derartig ausgeklügelte Maßnahme fehlte ihm dann doch die notwendige Intelligenz.

Sie wollte sich bereits ausloggen, als der Eingang einer weiteren Mail angezeigt wurde. Sie hoffte, dass wenigstens sie von Konstantin kam. Eine liebevolle Nachricht von ihm würde ihr jetzt guttun. Doch die Mail stammte nicht von ihm, sondern vom selben Absender, der ihr bereits den lateinischen Text geschickt hatte.

Anja bewegte den Mauszeiger, um die Nachricht zu öffnen, zögerte dann aber. Wenn sie ehrlich war, wollte sie eigentlich gar nicht wissen, was der Unbekannte ihr noch geschickt hatte. Doch die Polizistin in ihr war an der Aufklärung dieser mysteriösen Geschichte interessiert und drückte die Maustaste.

Erneut erwartete sie nur eine einzeilige Nachricht; doch dieses Mal war sie in deutscher Sprache verfasst worden und bestand aus sieben Wörtern:

Ich weiß, was du getan hast, Anja!

Anja erstarrte förmlich, als sie das las. Die Angst, die in ihrem Magen einen Knoten bildete, seit sie in der Kirche mit den Indizien konfrontiert worden war, und die sie zuletzt erfolgreich hatte ignorieren können, ließ sie jetzt am ganzen Körper schlottern. Ihr wurde speiübel, und der Schweiß brach ihr aus.

Sie wischte sich mit der Hand über die feuchte Stirn, während sie den kurzen Text immer und immer wieder las, als könnte er dadurch auf wundersame Weise doch noch seine Bedeutung verändern und weniger bedrohlich und angsteinflößend werden. Aber so etwas funktionierte im wirklichen Leben nicht.

Er weiß, was ich getan habe!

Ihr war sofort klar, was der Absender damit meinte. Es konnte nur eines bedeuten: Es gab jemanden, der wusste, dass sie Pfarrer Hartmann getötet hatte. Das machte schon allein die erste Mail mit dem Bibelzitat mehr als deutlich, die vom selben Absender stammte.

Erneut dachte sie fieberhaft darüber nach, wer ihr diese Nachricht geschickt haben könnte.

Stammt sie etwa doch von Krieger?

Immerhin war der Mordermittler felsenfest davon überzeugt, dass Anja die Mörderin des Geistlichen war. Wollte er ihr mit diesen E-Mails Angst einjagen? Sie vielleicht auch nur provozieren, damit sie einen Fehler beging und er sie endlich überführen konnte?

Aber so subtil würde jemand wie Krieger niemals vorgehen. Konnte er gar nicht. Er war der Typ, der den Presslufthammer einsetzte, um auf Nummer sicher zu gehen, wenn auch ein Schraubenzieher genügen würde. Deshalb waren diese Nachrichten auch so untypisch für ihn, dass er als Verdächtiger eigentlich von vornherein ausschied.

Aber wer ist es dann? Und was zum Teufel bezweckt er damit?

Die Lähmung, die sie beim Anblick der Nachricht ergriffen hatte, fiel allmählich von ihr ab, als sie sich von ihrem ersten Schock erholte. Sie konnte auch endlich wieder klarer denken. Deshalb bemerkte sie erst jetzt, dass die zweite Mail einen Anhang besaß, der aus mehreren Fotos bestand. Sie öffnete die Bilder der Reihe nach. Auf den ersten drei Aufnahmen war sie beim Entsorgen der Tüten mit den Beweismitteln an drei verschiedenen Orten zu sehen. Die übrigen zeigten Nah- und Detailaufnahmen der Dinge, die sie hatte loswerden wollen. Der Absender hatte sie auf eine weiße Oberfläche gelegt und nacheinander fotografiert. Zuerst sah sie den Kapuzenpulli. Danach kam eine Nahaufnahme der Blutflecken am Ärmel. Anschließend die Laufschuhe und eine weitere Detailaufnahme, auf denen die sternförmigen Umrisse der Blutstropfen, die sie weggewischt hatte, noch deutlich zu erkennen waren. Und schließlich Fotos des Messerblocks und sämtlicher Messer mit Ausnahme der Tatwaffe.

Anja hätte vorher nicht damit gerechnet, dass sich ihr Unwohlsein noch steigern ließe. Doch nachdem sie sich das letzte Foto angesehen hatte, wurde ihr so schlecht, dass sie ins Bad rennen und sich ein weiteres Mal übergeben musste.

II

Hinterher putzte sie sich die Zähne und wusch sich das verschwitzte, gerötete Gesicht.

Während sie diese alltäglichen Tätigkeiten geradezu automatisch verrichtete, herrschte in ihrem Verstand ein Wirbelsturm an Überlegungen.

Offensichtlich hatte sie heute früh jemand verfolgt und dabei beobachtet und fotografiert, als sie die Beweise, die sie mit dem Mord an Pfarrer Hartmann eindeutig in Verbindung brachten, loszuwerden versucht hatte. Und sie hatte davon nicht das Geringste mitbekommen, obwohl sie die ganze Zeit nach Verfolgern Ausschau gehalten hatte. Doch damit noch nicht genug! Der Unbekannte hatte sogar sämtliche belastenden Gegenstände an sich genommen und ebenfalls fotografiert.

Aber wozu?

Wozu wohl, du dumme Kuh? Da will dich anscheinend jemand erpressen. Denn wenn er dich ans Messer liefern wollte, hätte er das längst tun können, indem er die Beweise einfach der Polizei übergibt.

Anja nickte, während sie sich mit beiden Händen am Waschbecken abstützte und den Blick ihres blassen Spiegelbildes erwiderte, als würde sie mit ihm ein stummes Zwiegespräch führen.

Aber was will er oder sie von mir?

Geld?

Anja und ihr gespiegeltes Ebenbild, das sie aus geröteten Augen ansah, schüttelten synchron den Kopf. Ihnen war klar, dass es bei dieser Sache aller Voraussicht nach nicht um Geld ging.

Aber worum dann?, fragte sich Anja.

Das ist die große Preisfrage!

III

Sie kehrte in die Küche zurück, setzte sich wieder vor den Laptop und wartete noch ein paar Minuten. Doch es kam keine weitere Mail. Was immer der Unbekannte für sein Schweigen verlangte, sie würde sich gedulden müssen, bis er sich wieder bei ihr meldete. Entweder wollte er sie auf die Folter spannen, oder es war seiner Meinung nach ganz einfach noch nicht der richtige Moment gekommen, seine Forderung zu stellen.

Schließlich zuckte Anja die Achseln und markierte die beiden Mails, um sie zu löschen. Dann zögerte sie allerdings, denn es widerstrebte ihr, sie zu vernichten. Eventuell enthielten sie Hinweise, die zu ihrem Absender führten. Andererseits durfte sie aber auch niemand finden, der ihren E-Mail-Account durchsuchte.

Sie entschied sich schlussendlich für einen Kompromiss. Zuerst speicherte sie die beiden Nachrichten als HTML-Dateien. Anschließend öffnete sie mithilfe eines Passworts einen Datentresor, den sie auf der Festplatte ihres Laptops eingerichtet hatte. Darin waren all ihre privaten Dateien gespeichert. Sobald der Datentresor geschlossen wurde, wurden sämtliche darin enthaltenen Dateien verschlüsselt. Anja erzeugte ein Unterverzeichnis, dem sie einen möglichst unverfänglichen Namen gab. Dann verschob sie die beiden HTML-Dateien und die Fotos aus dem Anhang der zweiten Mail dorthin. Zuletzt schloss sie den Datentresor wieder und löschte die E-Mails in ihrem Account. Sie wusste nicht, ob ein Computerexperte die Nachrichten wiederherstellen konnte, aber immerhin waren sie nicht mehr sofort auffindbar, falls sich jemand – beispielsweise im Rahmen eines Durchsuchungsbeschlusses – Zugang zu ihrem E-Mail-Account verschaffte.

Anja schaltete den Laptop aus und klappte ihn zu. In Zukunft würde sie wieder öfter ihre Mails checken müssen. Allerdings rechnete sie gar nicht damit, dass sich der unbekannte Absender so schnell melden würde. Er hatte ihr mit den ersten beiden Nachrichten verdeutlicht, was er wusste und dass er jetzt die Beweise besaß, die sie in Teufels Küche bringen konnten. Nun konnte er sich entspannt zurücklehnen und musste nur noch auf den richten Moment warten, um ihr seine Forderung mitzuteilen.

Und Anja würde keine andere Wahl bleiben, als zu tun, was er von ihr verlangte. Egal, was es war!

IV

Während sie die Küche aufräumte, spekulierte sie noch immer darüber, wer ihr die Mails geschickt hatte. Am wahrscheinlichsten erschien ihr inzwischen, dass es sich um den Komplizen des Apokalypse-Killers handelte. Er musste sie bereits vor drei Monaten ständig beobachtet und ihre Lebensumstände ausgekundschaftet haben. Nur deshalb war es ihm gelungen, sie während ihrer damaligen Ermittlungen so erfolgreich zu manipulieren und in die Irre zu führen. Ohne es zu ahnen, und bis es beinahe zu spät gewesen war, war Anja damals seinem bizarren Drehbuch gefolgt. Nachdem sie seine letzte Nachricht am Grab ihres Vaters gefunden hatte, hatte sie zwar gehofft, er wäre wieder unerkannt untergetaucht, nachdem er sein Ziel nicht erreicht hatte. Doch vermutlich hatte er sie seitdem weiterhin im Auge behalten, um im richtigen Moment erneut damit zu beginnen, sein perfides Spiel mit ihr zu treiben. Und dieser Moment war gekommen, als er sie dabei beobachtet hatte, wie sie die Gegenstände entsorgt hatte, die sie des Mordes an Pfarrer Hartmann überführen konnten. Zu diesem Zeitpunkt musste er wie das Raubtier, das er im Grunde war, seine Chance gewittert haben und war wie ein Geist aus der Flasche wieder auf der Bildfläche erschienen.

Nachdem sie aufgeräumt hatte, verließ sie die Küche und ging ins Wohnzimmer. Dort holte sie zwei Akten aus dem Schrank, in dem sie auch die Mappe mit den Klassenfotos aufbewahrte. Eine davon war sehr dünn, die andere dafür wesentlich umfangreicher. Sie hatte vor, die beiden Akten mit ins Büro zu nehmen und dort durchzusehen.

Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es ohnehin Zeit wurde, dorthin zurückzukehren. Aber vorher wollte sie noch ihre Mutter anrufen und nach dem Verbleib der Bibel befragen.

Dagmar Kramer hatte zwei Jahre nach dem Tod ihres ersten Mannes erneut geheiratet. Anjas Stiefvater Josef Fröhlich gehörte die Druckerei, in der ihre Mutter noch immer an drei bis vier Tagen in der Woche im Büro arbeitete. Er hatte ebenfalls ein Kind mit in die Ehe gebracht, einen Sohn namens Sebastian. Dieser war nur wenige Monate jünger als Anja. Doch die beiden trennten mehr als nur diese Monate, denn Anja hatte ihren Stiefbruder von Anfang an nicht leiden können. Im Gegensatz zu ihrem Stiefvater, den sie mit der Zeit ins Herz geschlossen hatte. Das lag nicht nur daran, dass er nie versucht hatte, die Stelle ihres verstorbenen Vaters einzunehmen. Er hatte sie auch oft unterstützt, wenn sie wieder einmal mit ihrer Mutter in Streit geraten war.

Dazu gab es, solange die beiden Frauen unter einem Dach wohnten und Anja noch minderjährig war, mehr als genügend Anlässe. Anja zog deshalb, sobald sie volljährig wurde, in eine eigene Wohnung und begann nach dem Abitur an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege, Fachbereich Polizei, in Fürstenfeldbruck ein dreijähriges Studium. Sie wollte unbedingt Kommissarin bei der Kriminalpolizei werden und wie ihr verstorbener Vater in der Vermisstenstelle arbeiten.

Nach ihrem Auszug schlossen Mutter und Tochter stillschweigend einen Waffenstillstand, der allerdings brüchig war, wenn es um bestimmte Themenbereiche ging, in denen sie höchst unterschiedlicher Meinung waren. Und davon gab es noch immer genügend. Doch wenn sie sich trafen oder am Telefon miteinander sprachen, waren beide Seiten meistens bemüht, kontroverse Themen unausgesprochen zu lassen, um keinen unnötigen Streit vom Zaun zu brechen.

Anja hatte Glück, denn sie erwischte ihre Mutter schon beim ersten Versuch zu Hause und musste es nicht auch noch im Büro der Druckerei versuchen.

Wie immer freute sich Dagmar, von ihrer Tochter zu hören. Ihrer Meinung nach sahen und sprachen sie sich viel zu selten. Anja bemühte sich zwar, ihre Mutter mindestens einmal pro Woche anzurufen und auf dem Laufenden zu halten, hielt ihre Treffen allerdings in Grenzen. Einerseits wollte sie im Haus ihrer Mutter und ihres Stiefvaters nicht unbedingt ihrem ungeliebten Stiefbruder über den Weg laufen, der inzwischen ausgebildeter Rettungssanitäter war und daher unregelmäßige Arbeitszeiten hatte. Andererseits empfand sie ihre Gespräche oft als anstrengend, weil sie bei manch einem Thema gezwungen war, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, um den brüchigen Frieden zwischen ihnen nicht zu gefährden.

»Wie geht es dir?«, fragte Dagmar, nachdem sie sich begrüßt hatten.

»Gut.« Anja sah keinen Grund, ihrer Mutter von ihren augenblicklichen Sorgen und Problemen zu erzählen, denn sie wollte sie nicht beunruhigen. Deshalb gab sie die Standardantwort. »Und dir?«

»Ich kann eigentlich auch nicht klagen.«

Anja erkundigte sich pflichtschuldig nach dem Wohlergehen ihres Stiefvaters und ihres Stiefbruders, obwohl ihr Letzterer herzlich egal war. Doch ihre Mutter hätte es ihr vermutlich übelgenommen, wenn sie es nicht getan hätte.

Dagmar erwiderte, dass es allen gut gehe. Josef habe wie immer viel Arbeit in der Druckerei, und Sebastian sei im Dienst.

Anjas Stiefbruder war vor drei Monaten ebenfalls in die Gewalt des Apokalypse-Killers geraten. Allerdings hatte er ihm nur als Köder gedient, um Anja, die ihn zwischenzeitlich verdächtigte, der psychopathische Serienkiller zu sein, zu einem aufgegebenen Bauernhof zu locken. Dort war Anja dann vom Täter hinterrücks niedergeschlagen worden, als sie Sebastian schließlich in der Küche des heruntergekommenen Bauernhauses an einen Stuhl gefesselt gefunden hatte. Doch im Gegensatz zu den drei weiblichen Opfern hatte er die Begegnung mit dem Serienmörder überlebt und lediglich eine Platzwunde am Hinterkopf davongetragen.

»Und wie geht es diesem …? Wie heißt dein neuer Freund noch mal?«

»Konstantin«, sagte Anja und verzog genervt das Gesicht. Sie verdächtigte ihre Mutter, dass diese sich den Namen absichtlich nicht merkte. Vielleicht wollte sie damit ihr Missfallen darüber ausdrücken, dass Anja ihn ihr bislang noch nicht formell vorgestellt hatte. Aber sie war einfach noch nicht so weit. Schließlich standen sie noch am Anfang ihrer jungen Beziehung und waren noch immer dabei, sich besser kennenzulernen. Noch wusste Anja nicht, wohin diese Reise ging und ob ihre Liebe überhaupt Bestand haben würde. Und bevor sie Gewissheit darüber hatte, ob es sich nur um ein kurzfristiges Strohfeuer oder eine länger währende Sache handelte, würde sie den Teufel tun und Konstantin ihrer Mutter vorstellen.

Darüber hinaus befürchtete Anja, dass Dagmar kein gutes Haar an ihm lassen könnte, sobald sie ihn erst einmal persönlich kennengelernt hatte. Ihre Mutter trauerte ihrem verstorbenen Schwiegersohn noch immer hinterher. Für Dagmar war Fabian trotz seiner Fehler der perfekte Schwiegersohn gewesen. Auch Anja vermisste ihn sehr, denn obwohl er sie ständig mit anderen Frauen betrogen hatte, hatte sie ihn auch nach ihrer Trennung noch geliebt. Doch das Leben ging bekanntlich weiter und ließ ihr wenig Zeit, den Menschen nachzutrauern, die sie verloren hatte.

»Also sag schon, wie geht es Konstantin?«

Anja seufzte. »Es geht ihm gut, Mama.«

»Und? Macht er dich glücklich?«

»Selbstverständlich«, erwiderte Anja, ohne zu zögern. In Gedanken setzte sie allerdings hinzu: Vorausgesetzt, wir sehen uns! Was wegen seines Nachtdienstes nicht so einfach war und nicht so oft vorkam, wie sie sich das eigentlich gewünscht hätte. Und wenn er die Nachtschichten erkrankter Kollegen übernehmen musste, wie es in letzter Zeit häufiger vorkam, dann waren sie sogar noch seltener zusammen. Aber das Leben war nun mal kein Wunschkonzert, und man konnte nicht alles haben. Anja war es leid, über Konstantin zu sprechen, deshalb wechselte sie rasch das Thema. »Ich hab dich aus einem ganz bestimmten Grund angerufen, Mama.«

»Das dachte ich mir schon«, erwiderte ihre Mutter. Ein weiterer feiner Nadelstich, den sie Anja versetzte. Sie vertiefte das Thema, dass sie ihrer Meinung nach viel zu selten miteinander telefonierten und ihre Tochter schon einen guten Grund benötigte, um sie anzurufen, zu Anjas Erleichterung aber nicht weiter.

»Weißt du zufällig, was mit der Bibel passiert ist, die ich damals zur Erstkommunion geschenkt gekommen habe?«

»Bibel?«, fragte Dagmar, als hätte sie diesen Begriff noch nie zuvor gehört und hielte ihn für einen Ausdruck aus einer fremden Sprache, die sie nicht kannte.

»Ja. Du weißt doch wohl, was eine Bibel ist, oder?«

»Natürlich weiß ich, was eine Bibel ist, Anja«, versetzte ihre Mutter in einem Tonfall, der Anja an vergangene Zeiten erinnerte, als sie beide noch unter einem Dach gewohnt und sich täglich mindestens einen heftigen verbalen Schlagabtausch geliefert hatten. »Aber wieso fragst du ausgerechnet jetzt nach dieser Bibel?«

»Weil ich mich heute zufälligerweise an sie erinnert habe«, log Anja, »und einfach nur wissen wollte, wo sie geblieben ist.«

»Und deshalb rufst du mich extra an?«

»Ja.«

»Bist du plötzlich religiös geworden?«

»Jetzt werde bloß nicht albern, Mama!«

Ihre Mutter schwieg eine Weile, als würde sie konzentriert nachdenken. Anja wollte schon nachfragen, ob sie noch in der Leitung war, als sie sich auch schon von selbst wieder zu Wort meldete: »Tut mir leid, Anja, aber ich fürchte, dabei kann ich dir nicht helfen.«

»Das heißt dann wohl, dass du ebenfalls keine Ahnung hast, wo sie abgeblieben sein könnte.«

»Genau das heißt es.«

»Hast du vielleicht noch irgendwelche alten Sachen von mir im Keller oder auf dem Speicher, wo sie dabei sein könnte?«

»Ausgeschlossen«, sagte Dagmar sofort. »Deine alten Sachen, die du nicht mehr brauchtest, haben wir schon vor Jahren weggegeben. Und an die Dinge kann ich mich noch gut erinnern. Es waren hauptsächlich Kinderbücher, Spielsachen und Stofftiere. Aber eine Bibel war ganz bestimmt nicht dabei. Das wüsste ich.«

»Aber du erinnerst dich doch an die Bibel, oder?«

»Ja. Nachdem du sie jetzt erwähnt hast, kann ich mich wieder erinnern. Du bekamst sie damals zur Erstkommunion. Ich weiß aber beim besten Willen nicht mehr, von wem.«

»Ich auch nicht«, gestand Anja. »Weißt du dann vielleicht noch, wann du sie zum letzten Mal gesehen hast?«

»Mmh«, machte Dagmar, während sie nachdachte. »Ich denke, das muss noch vor dem Tod deines Vaters gewesen sein. Zumindest kann ich mich nicht erinnern, dass sie mir danach noch einmal unter die Augen gekommen ist.«

Anjas Mutter glaubte natürlich noch immer, ihr Mann hätte Selbstmord verübt. Woher sollte sie auch die Wahrheit kennen? Die kannten schließlich nur der Mörder und seit drei Monaten auch Anja. Doch die hatte nicht vor, Dagmar die Wahrheit zu erzählen. Zumindest nicht, bevor sie herausgefunden hatte, wer ihren Vater ermordet hatte und warum er hatte sterben müssen.

»Wo die Bibel wohl hingekommen sein mag?«, fragte Anja versonnen.

»Ich das denn wirklich so wichtig?«

»Eigentlich nicht«, wiegelte Anja ab. »Ich wollte es einfach nur wissen.«

»Wahrscheinlich ist sie bei einem der Umzüge verloren gegangen«, mutmaßte ihre Mutter. »Nach Franks Tod sind wir aus dem Haus in eine kleinere Wohnung gezogen. Da haben wir viele Sachen aussortieren müssen, weil wir einfach nicht mehr genug Platz dafür hatten. Möglich, dass dabei auch die Bibel weggekommen ist, ohne dass es einer von uns beiden auffiel. Schließlich standen wir damals ziemlich unter Schock und hatten ganz andere Sorgen.«

Anja nickte, denn damit hatte Dagmar recht. Sie selbst erinnerte sich kaum noch an die Wochen und Monate nach dem Tod ihres Vaters. Sie war damals wie ein Schlafwandler durchs eigene Leben marschiert. Die Erinnerungen, die sie an diese Zeit besaß, kamen ihr daher eher wie unwirkliche Traumbilder vor. Wieso sollte es ihrer Mutter anders ergangen sein?

»Ich erinnere mich noch, dass ein paar Tage nach Franks Tod Pfarrer Hartmann zu uns kam, um mit uns über unseren Verlust zu sprechen.« Natürlich wusste Dagmar noch nichts vom Tod des Geistlichen. »Du wolltest damals nicht mehr in die Kirche gehen. Und auch mit dem Pfarrer wolltest du nicht sprechen. Stattdessen hast du ihm und Gott heftige Vorwürfe gemacht. Du warst auf Gott und die ganze Welt sauer, was ich dir nicht einmal verdenken konnte. Pfarrer Hartmann war über deine Zurückweisung sehr enttäuscht, hat sie jedoch akzeptiert. Er meinte zum Abschied, dass seine Kirche immer für dich offen stünde und du jederzeit zu ihm kommen könntest. Er habe stets ein offenes Ohr für dich.«

Tja. Letztendlich bin ich tatsächlich zu ihm gekommen. Allerdings hatte ich ein Fleischmesser dabei, und unser Gespräch ist vermutlich vollkommen anders verlaufen, als der gute Mann sich das vorgestellt hatte. Am Ende hatte er nicht nur ein offenes Ohr, sondern auch mehrere offene Wunden.

»Danach«, fuhr Dagmar fort, »hattest du, gelinde gesagt, mit Gott, Religion und dem Pfarrer nichts mehr am Hut. Ich nahm daher vermutlich an, dass du in deinem Zorn auf Gott auch die Bibel weggeworfen hattest.«

»Nein, das habe ich nicht getan. Ich hab sie auch nicht mehr gesehen.« Aber vielleicht hatte ihre Mutter recht, und die Bibel war während des darauffolgenden Umzugs verlorengegangen. Aber wie war es dann möglich, dass sie ausgerechnet jetzt am Schauplatz eines Mordes auftauchte?

Ihre Mutter redete weiter, doch Anja hörte ihr nicht mehr zu, weil sie konzentriert nachdachte.

Was, wenn die Bibel zufälligerweise in die Hände von Pfarrer Hartmann gelangt war? Und als er ihren Namen darin gelesen hatte, hatte er sie aufgehoben, um sie ihr irgendwann zurückzugeben, wenn sie, wie er insgeheim vielleicht noch immer hoffte, in den Schoß der Kirche zurückkehrte. Hatte er sich etwa deshalb mit ihr in Verbindung gesetzt und ein Treffen am gestrigen späten Abend in der Kirche vereinbart? Und sie hatte nach dem überraschenden Anruf des Pfarrers, an den sie jahrelang keinen Gedanken verschwendet hatte, nichts Besseres zu tun gehabt, als sich sinnlos zu betrinken und ein Fleischmesser mit zu ihrem abendlichen Rendezvous bei Kerzenschein in der Kirche zu bringen.

Anja schüttelte heftig den Kopf, als ihr wieder einmal bewusst wurde, was sie getan hatte, und sie musste ein Stöhnen unterdrücken. Aber darüber wollte sie hier und jetzt ganz bestimmt nicht nachdenken. Deshalb verdrängte sie die schmerzhaften Überlegungen.

Auf jeden Fall würde dieser Hergang erklären, wie die Bibel an den Tatort gelangt war. Aber wer hatte dann die Bibelstelle markiert und verändert? Pfarrer Hartmann? Und wenn er es tatsächlich gewesen war, warum hätte er so etwas tun sollen?

Die Fragen, die sie hatte, wurden mit der Zeit nicht weniger, sondern im Gegenteil immer zahlreicher. Und dabei hatte sie bis jetzt noch keine Einzige beantworten können.

Dagmar verstummte in diesem Moment, und Anja wollte die Gelegenheit nutzen, um das Gespräch zu beenden, weil sie zurück in die Dienststelle musste.

»Ich muss jetzt leider Schluss und mich wieder an die Arbeit machen, Mama.«

»Warte noch!«, sagte Dagmar hastig.

»Was ist denn noch?« Anja hoffte, dass sie nicht halb so genervt klang, wie sie sich fühlte, aber ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es wirklich Zeit wurde.

»Ich wollte dich heute ohnehin noch anrufen, aber dann kamst du mir zuvor.«

»Ach ja?«, fragte Anja argwöhnisch. »Und weswegen wolltest du mit mir sprechen?«

»Ich …« Dagmar stockte, als wäre sie sich nicht ganz sicher, wie sie beginnen sollte.

Das war so ungewohnt, dass Anja sofort nervös und misstrauisch wurde. Sie konnte sich nicht erinnern, wann ihrer Mutter zuletzt die Worte gefehlt hatten. »Was ist los? Nun sag schon, Mama! Ist etwas passiert?«

»Nein, natürlich nicht. Es ist nur …« Sie seufzte. »Ich bekam gestern einen Anruf.«

»Einen Anruf? Von wem?« Anjas Verstand blätterte blitzschnell durch ihr Personengedächtnis, als müsste er eine Liste von Verdächtigen abarbeiten, um all die Person herauszufiltern, die ihre Mutter angerufen haben könnten. Zuerst dachte sie natürlich an Krieger, der ihre Mutter über sie aushorchen wollte. Aber am gestrigen Tag war Pfarrer Hartmann noch am Leben gewesen. Krieger hatte daher auch noch keinen Grund gehabt, die Kollegin von der Vermisstenstelle für eine Mörderin zu halten. Als Nächstes kam ihr der Mörder ihres Vaters in den Sinn, der vermutlich auch hinter den beiden E-Mails steckte, die sie heute erhalten hatte. Zweifellos heckte er wieder irgendeine Gemeinheit aus. Aber aus welchem Grund sollte er ihre Mutter kontaktieren?

»Von … deinem Onkel«, sagte Dagmar in diesem Moment und beendete damit ihre Spekulationen.

»Onkel?«, echote Anja perplex. Welcher Onkel?, wollte sie schon fragen. Doch bevor sie dazu kam, fiel ihr der Bruder ihres Vaters wieder ein. Ähnlich wie bei Pfarrer Hartmann hatte sie auch an Onkel Christian schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gedacht.

Christian Kramer war der Jüngere der beiden Brüder. Als ihr Vater noch am Leben gewesen war, war der damals noch unverheiratete und kinderlose Christian oft zu Besuch gekommen und hatte mit seiner Patentochter Anja gespielt. Doch dann waren die beiden Brüder über irgendetwas in Streit geraten, und Christians Besuche hatten abrupt geendet. Kurze Zeit später hatte Anja ihren Vater erhängt im Arbeitszimmer gefunden. Es wurde ihr erst jetzt, als sie erstmals seit vielen Jahren wieder darüber nachdachte, bewusst, dass diese beiden Ereignisse, sofern sie es richtig in Erinnerung hatte, zeitlich sehr nah beieinandergelegen hatten. Erst der erbitterte Streit, der die beiden Brüder entzweit hatte, und dann der Tod ihres Vaters.

Natürlich wusste Anja nicht, worüber die beiden damals gestritten hatten. Und hätte sie zwischenzeitlich nicht erfahren, dass ihr Vater gar keinen Selbstmord verübt hatte, sondern ermordet worden war, hätte sie gewiss auch keinen Zusammenhang gesehen. Doch nun, da sie es wusste, machte dieser enge zeitliche Rahmen sie automatisch misstrauisch. Vor allem, seitdem der Mörder ihres Vaters wieder in ihr Leben getreten war.

Sie erinnerte sich, dass sie ihren Onkel zum letzten Mal bei der Beisetzung ihres Vaters gesehen hatte. Allerdings war es nur ein kurzes Aufeinandertreffen im strömenden Regen auf dem Friedhof gewesen, denn unmittelbar danach war er wieder verschwunden. Über gemeinsame Bekannte hatte ihre Mutter später erfahren, dass Christian, der von Beruf Ingenieur war, nach Südafrika gegangen war. Dort hatte er geheiratet und zwei Kinder bekommen. Mehr als diese vagen Informationen hatten sie allerdings nicht, denn er hatte sich in den dreiundzwanzig Jahren, die seitdem vergangen waren, kein einziges Mal gemeldet.

Aber wieso dann ausgerechnet jetzt?

»Was wollte er von dir?« Das Misstrauen ließ Anjas Stimme schärfer klingen, als sie beabsichtigt hatte.

»Du hörst dich ja an, als wolltest du mich verhören«, sagte ihre Mutter daraufhin. »Was ist los? Bist du sauer auf ihn, weil er so lange nichts von sich hören ließ?«

Anja zuckte mit den Schultern. Vom wahren Grund für ihr Misstrauen konnte sie Dagmar natürlich nichts sagen. Deshalb nahm sie das Stichwort, das ihre Mutter ihr gegeben hatte, dankend auf. »Hätte ich dafür nicht allen Grund? Immerhin ist er mein Patenonkel und hat in dreiundzwanzig Jahren nicht ein einziges Mal geschrieben oder angerufen.«

»Er wird seine Gründe dafür gehabt haben.«

»So? Welche denn?«

»Woher soll ich das denn wissen?«

»Weißt du vielleicht, worüber er und Papa damals gestritten haben.« Für Anja fühlte es sich jedes Mal merkwürdig an, wenn sie das Wort Papa in den Mund nahm. Sie hatte es seit dem Tod ihres Vaters nur noch selten ausgesprochen, es meist sogar geradezu krampfhaft vermieden. Deshalb war es jedes Mal wieder ungewohnt, wenn sie es benutzte. So wie ein Paar Schuhe, das man nur selten anzog. Es passte zwar noch, fühlte sich aber komisch an.

»Ich habe keine Ahnung«, erwiderte Dagmar. »Als Christian nicht mehr zu uns kam, habe ich Frank natürlich danach gefragt. Doch er wollte es mir nicht sagen und vertröstete mich auf später. Aber dann …« Sie ließ den Rest des Satzes ungesagt. Wahrscheinlich schmerzte es sie noch immer, über den Tod ihres ersten Mannes zu sprechen oder auch nur darüber nachzudenken. Da sie noch immer davon ausgehen musste, er hätte Selbstmord verübt, hatte sie vermutlich das Gefühl, er hätte sie und ihre Tochter im Stich gelassen. Auch Anja hatte das jahrzehntelang so empfunden, daher konnte sie ausnahmsweise nachfühlen, wie es ihrer Mutter ging. Gleichwohl konnte sie ihr nicht die Wahrheit sagen.

Noch nicht!

»Und warum hat Onkel Christian sich ausgerechnet jetzt wieder gemeldet?«, fragte Anja.

»Weil er wieder in Deutschland ist.«

Anja wurde sofort hellhörig. Onkel Christian war also wieder im Land! »Seit wann ist er wieder hier?«

»Warum willst du das wissen?«

»Es interessiert mich eben einfach.«

Dagmar seufzte, antwortete dann aber: »Ich glaube, er sagte etwas von sechs Monaten.«

Das würde passen!, dachte Anja. Wenn Christian – sie musste wirklich aufhören, ihn jedes Mal automatisch Onkel Christian zu nennen – schon so lange hier war, dann konnte er durchaus der Komplize des Apokalypse-Mörders sein.

»Warum ist er nach all den Jahren überhaupt zurückgekommen? Und was macht er hier?«

»Ich komme mir wirklich langsam vor wie in einem Verhör, Anja«, beschwerte sich ihre Mutter. »Einmal Polizistin, immer Polizistin, oder? Bei deinem Vater war es manchmal ganz genauso.«

Anja, die bei der Berufswahl bewusst in die Fußstapfen ihres Vaters getreten war, wertete das als unfreiwilliges Kompliment. »Entschuldige bitte, Mama. Manchmal kann ich eben einfach nicht aus meiner Haut. Aber würdest du meine Fragen bitte trotzdem beantworten.«

Dagmar war durch die Entschuldigung und Anjas bittenden Tonfall wieder besänftigt. »Ich muss zugeben, dass mich das natürlich ebenfalls brennend interessiert hat. Deshalb habe ich ihn natürlich danach gefragt.«

»Und?« Anja unterdrückte ein genervtes Stöhnen. Manchmal, vor allem, wenn sie spürte, dass ihre Tochter etwas unbedingt wissen wollte, schien es ihrer Mutter eine diebische Freude zu bereiten, sich jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen zu lassen.

»Christian ist jetzt im Ruhestand.«

»Im Ruhestand? Er ist doch erst …« Anja überlegte kurz. »… Ende fünfzig oder so.«

»Siebenundfünfzig«, präzisierte Dagmar. »Er wurde fünf Jahre nach deinem Vater geboren.«

»Und wieso ist er dann schon im Ruhestand?«

»Wenn ich es richtig verstanden habe, hat er es in Südafrika zu einigem Wohlstand gebracht und das Geld gut angelegt. Er muss also nicht mehr arbeiten, sondern kann bequem von den Zinsen und Renditen leben, die er mit seinen Geldanlagen erzielt. Deshalb hat er sich zur Ruhe gesetzt und ist nach Deutschland zurückgekehrt, um seinen Lebensabend in der alten Heimat zu verbringen.«

»Und wo wohnt er jetzt?«

»Er hat sich ein Haus in Obermenzing gekauft. Anscheinend ist es gar nicht weit von dem Haus entfernt, in dem wir damals wohnten, als Frank noch lebte.«

Ausgerechnet Obermenzing!, dachte Anja. Dort lag auch die Kirche, in der sie Pfarrer Hartmann getötet hatte. Zufall?

»Was ist mit seiner Frau und den Kindern?«

»Seine Frau ist letztes Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Und seine Tochter und sein Sohn sind erst jetzt nachgekommen und zu ihm gezogen. Deshalb hat er mich ja auch angerufen. Er will, dass wir uns alle treffen und endlich kennenlernen.«

Anja überlegte. Wenn sie ehrlich war, dann hatte sie eigentlich kein besonderes Interesse, diesen Mann wiederzusehen, nachdem er vor dreiundzwanzig Jahren sang- und klanglos verschwunden war und sich seitdem kein einziges Mal gemeldet hatte. Andererseits war da dieser nagende Gedanke in ihrem Hinterkopf, dass er ihren Vater ermordet haben könnte. Schon allein deshalb sollte sie die Gelegenheit nutzen, ihm ein bisschen auf den Zahn zu fühlen. Außerdem gab es da noch ihre Cousine und ihren Cousin, die nichts mit der alten Geschichte zu tun hatten und die sie gern kennenlernen würde.

»Und was hast du ihm geantwortet?«, fragte sie ihre Mutter.

»Ich sagte ihm, dass ich dich fragen und ihm dann Bescheid geben würde. Also, was sagst du jetzt dazu? Willst du deinem Patenonkel noch eine Chance geben? Ich kann natürlich verstehen, dass du noch immer sauer auf ihn bist. Aber vielleicht hatte er gute Gründe für sein Verhalten. Dein Vater war auch nicht immer einfach. Manchmal konnte er richtig stur sein, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.« Sie verkniff es sich, darauf hinzuweisen, dass es sich dabei um einen Charakterzug handelte, den sie auch bei ihrer Tochter allzu oft festgestellt hatte. »Außerdem wissen wir nicht, worüber die beiden damals gestritten haben. Ganz abgesehen davon könntest du dann auch Judith und Oliver kennenlernen.«

»Judith und Oliver?«

»So heißen deine Cousine und dein Cousin.«

»Na gut«, sagte Anja. »Ich werde ihm, wie du sagtest, eine Chance geben. Außerdem würde ich seine beiden Kinder tatsächlich gern treffen.«

»Das freut mich. Wann passt es dir denn?«

Anja dachte an Konstantin. Da er überraschend den Nachtdienst eines Kollegen übernehmen musste, würde sie ihn heute ohnehin nicht sehen. Sie hoffte allerdings, dass er morgen wieder Zeit für sie hatte. Deshalb wäre der heutige Abend für sie am ehesten für ein Treffen mit der Verwandtschaft geeignet. »Wie wäre es gleich heute Abend? Da hätte ich Zeit.«

»Mir wäre das ebenfalls recht«, sagte ihre Mutter. »Ich rufe Christian im Laufe des Nachmittags an und frage ihn, was er davon hält. Ich gebe dir dann rechtzeitig Bescheid.«

Da Anja es jetzt wirklich eilig hatte, in die Dienststelle zu kommen, verabschiedeten sie sich daraufhin voneinander und beendeten das Gespräch.

KAPITEL 8

I

Als sie ins Büro zurückkehrte, saß Daniel Braun wieder hinter seinem Schreibtisch. Er begrüßte sie lächelnd, konnte es sich aber nicht verkneifen, einen demonstrativen Blick auf die Uhr zu werfen, um zu verdeutlichen, dass sie fünf Minuten zu spät aus ihrer Mittagspause kam. Da er regelmäßig zu spät kam, macht es ihm besonders viel Spaß, sie zu ärgern, wenn sie sich ausnahmsweise verspätete.

Leck mich, Braun!, hätte sie am liebsten gesagt, verkniff es sich aber. Eigentlich kamen sie ganz gut miteinander aus. Anja schätzte an ihm vor allem, dass er sie nicht die ganze Zeit vollquatschte oder mit Fragen nach ihrem Privatleben löcherte, denn das konnte sie überhaupt nicht leiden. Sie hätte es bei ihrem Zimmerkollegen also auch schlechter treffen können. Deshalb wollte sie ihn nicht gegen sich aufbringen, was nur die Atmosphäre vergiftet hätte; und darunter hätten sie beide zu leiden.

Braun redete nicht, sondern widmete sich wieder der Akte, die er bei ihrem Kommen bearbeitet hatte. Entweder war er eingeschnappt, weil sie am Vormittag so kurz angebunden und einsilbig gewesen war, oder er hatte selbst im Augenblick keine Lust zum Reden, was bei ihm ebenfalls häufig vorkam und ihn in ihren Augen noch sympathischer machte.

Auch Anja schwieg und widmete sich dem Inhalt der ersten der beiden Akten, die sie von zu Hause mitgebracht hatte. Obwohl sie die darin enthaltenen Dokumente in den letzten zehn Wochen bereits unzählige Male aufmerksam studiert hatte und beinahe schon auswendig kannte, hoffte sie wider besseren Wissens, dass sie dieses Mal im Licht ihrer neu gewonnenen Erkenntnisse auf etwas stieß, das sie all die Male zuvor übersehen hatte. Allerdings enthielt die Akte nur ein paar magere Blätter; daher hatte Anja auch wenig Hoffnung, sie könnte etwas entdecken, das sie bislang noch nicht gesehen hatte.

Es handelte sich dabei um eine Kopie der Akte der Todesermittler, die vor dreiundzwanzig Jahren den vorgeblichen Selbstmord ihres Vaters untersucht hatten.

Die Todesermittler vom K12 werden immer dann gerufen, wenn nach einem Leichenfund eine nicht natürliche oder zumindest eine ungeklärte Todesursache festgestellt wurde. Ihre Aufgabe ist es, den Leichnam, die Lebensumstände der verstorbenen Person und die näheren Todesumstände zu untersuchen und zu ermitteln, ob bei dem Todesfall ein Fremdverschulden definitiv ausgeschlossen werden kann. Ist das nicht der Fall, geben sie den Leichnam auch nicht frei, sondern regen stattdessen an, eine Obduktion durchzuführen. Kommen sie im Laufe ihrer Ermittlungen zu dem Ergebnis, dass ein Mord vorliegt, übergeben sie den Fall an die Mordkommission.

Anja hatte vor zweieinhalb Monaten im Archiv Einsicht in die Akte genommen und sich Kopien der wichtigsten Dokumente angefertigt. Allerdings hatte sie bei der Gelegenheit bewusst darauf verzichtet, sich auch die Fotos im Anhang anzusehen, auf denen die Leiche ihres Vaters zu sehen war. Als sie ihn damals gefunden hatte, hatte sich sein Anblick unauslöschlich in ihre Erinnerung eingebrannt, sodass er ihr bis heute in allen Einzelheiten gegenwärtig war. Außerdem hatte sie seit damals immer wieder davon geträumt. Und sie besaß jetzt natürlich das Polaroidfoto, das der Mörder ihr geschickt hatte und das ihren Vater unmittelbar vor seinem Tod zeigte. Es steckte im hinteren Teil des Dossiers in einer Klarsichthülle.

Ansonsten enthielt die dünne Akte lediglich den Obduktionsbericht des Pathologen und den sogenannten Ablebensbericht eines der beiden Todesermittler, die für den Fall zuständig gewesen waren. Sowohl der Rechtsmediziner als auch der Ermittler waren zu dem Ergebnis gekommen, dass es keinerlei Hinweise für ein Fremdverschulden gegeben und der Verstorbene seinem Leben selbsttätig und eigenverantwortlich ein Ende gesetzt hatte.

Anja seufzte missmutig. Das alles wusste sie bereits und brachte sie keinen Schritt weiter.

Braun sah auf und warf ihr einen fragenden Blick zu. Doch Anja tat, als wäre sie so sehr in die Akte vertieft, dass sie es nicht bemerkte. Nach wenigen Augenblicken senkte er den Blick und widmete sich wieder seiner Arbeit.

Anja nahm einen Notizzettel und notierte sich die Namen der beiden Todesermittler und des Gerichtsmediziners. Sie hatte vor, die drei Männer zu befragen. Vielleicht, so ihre Hoffnung, erinnerten sie sich an ein Detail, das keinen Eingang in die offizielle Akte gefunden hatte, weil sie es damals für unwichtig gehalten hatten und ohnehin davon überzeugt gewesen waren, dass es sich um einen Suizid gehandelt hatte.

Anschließend schloss Anja die dünne Mappe und schob sie unter die zweite, die im Gegensatz dazu erheblich umfangreicher war.

Auch dabei handelte es sich um Kopien der wichtigsten Dokumente einer Ermittlungsakte. Allerdings ging es darin nicht um den Tod eines einzelnen Menschen, sondern um das bis heute ungeklärte spurlose Verschwinden von drei jungen Mädchen vor dreiundzwanzig Jahren.

II

Die Erste, die damals verschwand, hieß Melanie Brunner. Das Mädchen mit den auffallend langen dunkelbraunen Haaren hatte erst vor wenigen Wochen seinen zwölften Geburtstag gefeiert. Es lebte mit seinen Eltern und den beiden jüngeren Geschwistern im Münchner Stadtteil Pasing und besuchte dort das städtische Bertolt-Brecht-Gymnasium für Mädchen.

Am Tag ihres Verschwindens fuhren Melanie und zwei Schulfreundinnen nachmittags mit der S-Bahn zum Marienplatz. Sie wollten in der Innenstadt durch die Modeboutiquen bummeln und Klamotten kaufen. Drei Stunden später kehrten sie zurück und trennten sich unweit des Bahnhofs München-Pasing, weil Melanie einen anderen Nachhauseweg als ihre Freundinnen hatte. Doch im Gegensatz zu den beiden anderen Mädchen kam Melanie nie zu Hause an. Obwohl sie nur einen knappen halben Kilometer zurückzulegen hatte, um zu ihrem Elternhaus zu kommen, verschwand sie dennoch auf dem Weg dorthin, ohne auch nur eine einzige Spur zu hinterlassen, die Aufschluss darüber gab, was ihr widerfahren war. Und kein Mensch hatte sie nach der Trennung von ihren Freundinnen auf dem kurzen Nachhauseweg gesehen oder an diesem Tag sonst etwas Ungewöhnliches bemerkt.

Eine Vermisstenfahndung wird in der Regel erst dann eingeleitet, wenn mehrere Voraussetzungen erfüllt sind. Erstens hat die vermisste Person ihren gewohnten Lebensbereich verlassen. Zweitens ist ihr derzeitiger Aufenthaltsort unbekannt. Und drittens muss davon ausgegangen werden, dass eine Gefahr für ihren Leib oder ihr Leben besteht, weil sie möglicherweise Opfer einer Straftat oder eines Unfalls wurde, sie hilflos ist oder gar die Absicht hegt, sich selbst etwas anzutun. Die letzte Voraussetzung gilt allerdings nur für vermisste Erwachsene. Sie haben, sofern sie im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte sind, das Recht, ihren Aufenthaltsort frei zu bestimmen, ohne Angehörige oder Freunde darüber informieren zu müssen. Minderjährige dürfen hingegen ihren Aufenthaltsort nicht frei wählen. Haben sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen und ist ihr Aufenthalt unbekannt, wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass sie in Gefahr sind. Dabei gilt vor allem: je jünger das Kind, desto größer auch die Gefahr. Minderjährige werden daher sofort als vermisst angesehen.

Zur Entgegennahme von Anzeigen über vermisste Personen und zur Einleitung von Sofortmaßnahmen ist grundsätzlich jeder Polizeibeamte verpflichtet. Zuständig für die Bearbeitung des Vermisstenfalls ist zunächst die Polizeidienststelle, in deren Bereich sich der letzte Aufenthalts- oder Wohnort der vermissten Person befindet. Werden Kinder vermisst oder stoßen die örtlichen Dienststellen an ihre Grenzen, wird das zuständige Fachkommissariat, die sogenannte Vermisstenstelle, eingeschaltet.

Die ermittelnden Beamten vom K14 müssen dann alle Maßnahmen treffen, die zur Feststellung des Verbleibs der vermissten Person führen können. Außerdem klären sie nach Möglichkeit die Ursachen und näheren Umstände des Verschwindens und stellen fest, ob die vermisste Person möglicherweise Opfer einer Straftat, eines Suizids oder eines Unfalls wurde.

Der Fall der zwölfjährigen Melanie Brunner landete daher schon kurz nach ihrem Verschwinden auf dem Schreibtisch von Kriminalhauptkommissar Frank Kramer, der den Ernst der Lage augenblicklich erkannte, der sich vor allem aufgrund des Alters des Mädchens ergab. Er leitete deshalb umgehend die gesamte Palette an Fahndungsmaßnahmen ein, die ihm in diesem frühen Stadium der Ermittlungen zur Verfügung standen.

So befragte er beispielsweise sämtliche Bezugspersonen des Kindes, unter anderem natürlich die Eltern, die die Vermisstenanzeige aufgegeben hatten, die beiden Freundinnen, die die Letzten waren, die Melanie gesehen hatten, und ihre Lehrer. Doch niemand konnte sich das Verschwinden erklären oder hatte Hinweise, dass Melanie von sich aus von zu Hause ausgerissen sein könnte. Sie war eine ausgezeichnete Schülerin, die überall nur gute Noten erhielt und ausgesprochen gern zur Schule ging. Sie hatte auch weder Liebeskummer, noch gab es zu Hause Ärger, der sie zu einer Verzweiflungstat veranlasst haben könnte. Das Motiv und der Hergang ihres Verschwindens blieben daher ein einziges großes Rätsel.

Als Standartmaßnahme durchsuchte Frank schon bald das Zimmer des Mädchens und wertete ihr Tagebuch aus, ohne dabei allerdings auf etwas zu stoßen, das ihm verdächtig erschien. Außerdem sorgte er dafür, dass das ganze Gebiet zwischen dem Bahnhof und dem Elternhaus und sämtliche Wege, die Melanie genommen haben könnte, gründlich abgesucht und alle Anwohner und potenziellen Zeugen befragt wurden. Darüber hinaus ließ er das vermisste Mädchen im Informationssystem der Polizei, das abgekürzt INPOL genannt wird, ausschreiben sowie sämtliche Funkstreifen im Stadtgebiet nach ihr Ausschau halten und leitete schließlich auch noch eine Öffentlichkeitsfahndung in der Presse und anderen Medien ein. Doch trotz all dieser Fahndungsinstrumente kam er keinen einzigen Schritt weiter.

Dann verschwand dreieinhalb Wochen nach dem ersten ein zweites Mädchen.

III

Daniela Forstner war elf Jahre und neun Monate alt. Sie lebte mit ihrer alleinerziehenden Mutter in einem Wohnblock in der Nähe des S-Bahnhofs München-Westkreuz im Osten des Stadtteils Aubing.

Die Elfjährige verschwand auf dem Heimweg von der Hauptschule in der Reichenaustraße, in der sie die fünfte Klasse besuchte, obwohl es sich nur um einen kurzen Fußweg von zehn Minuten handelte. Da die Mutter Kassiererin in einem nahen Supermarkt war und erst spät nach Hause kam, wurde das Verschwinden des Kindes erst am Abend entdeckt.

Der für den Fall zuständige Ermittler der Vermisstenstelle hieß Hans Baumgartner und setzte, nachdem er ihm zugeteilt worden war, ebenfalls umgehend sämtliche verfügbaren Hebel in Bewegung. Doch auch in diesem Fall gab es, wie schon beim Verschwinden von Melanie Brunner, keinerlei verwertbaren Spuren oder Hinweise, wo das Kind sich aufhielt und was ihm zugestoßen war.

Obwohl damit innerhalb weniger Wochen nicht weit voneinander entfernt bereits zwei Mädchen in ähnlichem Alter spurlos verschwunden waren, wollten die Ermittler noch nicht an einen Zusammenhang glauben. Die beiden Kriminalhauptkommissare Frank Kramer und Hans Baumgartner verglichen zwar sämtliche Details und die mageren Ermittlungsergebnisse beider Fälle miteinander, fanden jedoch keine Gemeinsamkeiten oder Übereinstimmungen. Wie es aussah, waren sich die beiden Mädchen nie begegnet. Sie hatten verschiedene Kindergärten und Schulen besucht, kamen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, hatten keine gemeinsamen Freunde oder Bekannte und auch keine übereinstimmenden Interessen oder Hobbys. Das einzige Merkmal, das sowohl Melanie als auch Daniela besaßen und das sie verband, waren ihre auffallend langen dunkelbraunen Haare. Doch das konnte auch Zufall sein und genügte nach Meinung der Ermittler nicht, um einen Zusammenhang zu konstruieren oder gar auf ein und denselben Täter zu schließen. Denn mittlerweile waren die Beamten überzeugt, dass die Kinder nicht freiwillig verschwunden waren, sondern vermutlich Opfer einer Straftat geworden waren.

Die Einschätzung der Polizisten änderte sich allerdings, als zweieinhalb Wochen nach Daniela Forstner das dritte Mädchen mit auffallend langen dunkelbraunen Haaren verschwand.

IV

Helena König war ebenfalls erst elf Jahre alt. Sie wohnte mit ihren Eltern und einem zwei Jahre älteren Bruder im Stadtteil Obermenzing und ging aufs Gymnasium. An zwei Nachmittagen in der Woche besuchte das Mädchen zudem eine Musikschule und hatte dort Klavierunterricht. Im Sommer fuhr Helena die etwas über einen Kilometer lange Strecke mit dem Fahrrad, im Winter ging sie hingegen zu Fuß.

Als sie am Tag ihres Verschwindens um achtzehn Uhr dreißig noch immer nicht nach Hause gekommen war, obwohl der Klavierunterricht schon seit einer halben Stunde beendet war, rief die besorgte Mutter den Klavierlehrer an. Doch der konnte ihr nur mitteilen, dass er den Unterricht pünktlich beendet und gesehen hatte, wie Helena vor der Musikschule auf ihr Fahrrad gestiegen und losgeradelt war. Daraufhin setzte sich der Vater kurzerhand ins Auto, fuhr die Strecke und sämtliche Nebenstraßen ab und suchte nach seiner Tochter. Als er fünfundvierzig Minuten später zurückkam, ohne das Kind oder ihr Fahrrad gefunden zu haben, beschloss das Ehepaar, den Vater einer Klassenkameradin ihrer Tochter anzurufen, der zufälligerweise bei der Vermisstenstelle arbeitete und Frank Kramer hieß.

Erneut setzte Anjas Vater alles daran, das Kind zu finden oder zumindest herauszufinden, was mit ihm geschehen war. Doch wie in den beiden vorangegangenen Fällen gab es auch hier weder eine Spur noch den kleinsten Hinweis, was dem Mädchen widerfahren war. Sogar das auffällige Fahrrad blieb wie seine Besitzerin unauffindbar.

Da alle drei Mädchen innerhalb kurzer Zeit und in unmittelbarer Nähe zueinander verschwunden waren, wurde jetzt eine Sonderkommission unter der Leitung von Frank Kramer und Hans Baumgartner gebildet. Denn niemand glaubte noch länger daran, dass die drei Vermisstenfälle nichts miteinander zu tun hatten und es nur ein Zufall war. Die Beamten ermittelten fieberhaft, um herauszufinden, was die Mädchen außer ihren Haaren, ihrer Statur und ungefähren Größe und einer entfernten Ähnlichkeit in den Gesichtszügen noch alles gemeinsam gehabt hatten, um ins Visier ihres Entführers zu geraten. Doch sosehr sie auch suchten, stießen all ihre Bemühungen dennoch ins Leere. Die einzige weitere Gemeinsamkeit zwischen den Vermisstenfällen war allenfalls, dass es keinerlei Spuren, Hinweise oder Zeugen des Verschwindens gab. Es erschien beinahe so, als hätten sich die Mädchen auf dem Nachhauseweg urplötzlich einfach in Luft aufgelöst, ohne dass es jemand mitbekommen hatte. Aber das konnte natürlich nicht die Lösung sein. Vielmehr musste es einen Grund dafür geben, dass ausgerechnet diese drei Mädchen verschwunden waren. Und es musste einen Ort geben, an dem sie nach ihrem Verschwinden gelandet waren. Doch ohne jegliche Spuren und Hinweise konnte kein Fall aufgeklärt werden. Alles, was sie Beamten tun konnten, so schwer es ihnen auch fiel und so furchtbar der Gedanke auch war, bestand darin, darauf zu warten, dass der Täter erneut zuschlug. Denn mittlerweile waren alle Beteiligten davon überzeugt, dass die drei Vermisstenfälle auf das Konto ein und desselben Täters gingen. Und daher hofften sie, dass der Unbekannte dieses Mal einen Fehler beging, der es den Polizisten ermöglichte, ihm und seinen Opfern endlich auf die Spur zu kommen.

Weder die ermittelnden Beamten noch die betroffenen Eltern gaben sich irgendwelchen Illusionen hin, sondern schätzten die Chancen, die Mädchen lebend wiederzusehen, von Tag zu Tag geringer ein. Auch wenn niemand es laut aussprach, sondern den anderen gegenüber entgegen der eigenen Überzeugung weiterhin so tat, als könnten Melanie, Daniela und Helena jeden Moment putzmunter durch die Tür marschieren.

Doch immer mehr Tage voller ergebnisloser, frustrierender Ermittlungsarbeit vergingen. Und bevor der Täter ein weiteres Mal zuschlagen oder eines der Mädchen – tot oder lebendig – gefunden werden konnte, starb für alle vollkommen überraschend einer der beiden Leiter der Soko.

V

Nachdem Frank Kramer von seiner zwölfjährigen Tochter erhängt im häuslichen Arbeitszimmer gefunden worden war, herrschte unter seinen Kollegen die nahezu einhellige Meinung, dass er sich umgebracht hatte, weil es ihm und der Sonderkommission nicht gelungen war, auch nur einen einzigen Schritt weiterzukommen und die drei Mädchen zu finden. Dabei hatte er nicht einmal einen Abschiedsbrief hinterlassen, in dem er dies hätte zum Ausdruck bringen können.

Die Soko wurde daraufhin nur noch von Hans Baumgartner geleitet. Doch auch seine Tage als Leiter waren gezählt, denn wenig später übernahm eine Kriminaloberkommissarin namens Sabine Schwarzmüller diese Aufgabe.

Anja fragte sich nicht zum ersten Mal, warum Baumgartner damals ersetzt worden war. Hatte er resigniert und keinen Sinn mehr in der Suche nach den vermissten Mädchen und ihrem Entführer gesehen? War ihm der vermeintliche Suizid ihres Vaters derart nahegegangen, dass er die Soko nicht weiter führen konnte? Oder waren seine Vorgesetzten der Meinung gewesen, sie müssten ihn durch jemanden ersetzen, der in der Lage war, neue Impulse zu setzen und den verfahrenen Ermittlungen neuen Schwung zu verleihen?

Sie erinnerte sich, dass sie Baumgartner vor dem Tod ihres Vaters mehrere Male gesehen hatte. Die beiden waren befreundet gewesen und hatten sich auch privat getroffen. Er war auch zur Beerdigung gekommen und hatte ihrer Mutter und ihr sein Beileid ausgesprochen und den verstorbenen Freund und Kollegen dabei in den höchsten Tönen gelobt. Doch danach war sie ihm nie wieder begegnet und wusste daher auch nicht, was aus ihm geworden war. Denn als sie viele Jahre später ihren Dienst in der Vermisstenstelle angetreten hatte, war er schon nicht mehr da gewesen.

Anja notierte sich seinen und den Namen seiner Nachfolgerin auf ihrem Notizzettel, bevor sie weiterlas.

VI

Der belebende Effekt, den sich die Polizeioberen durch die Ernennung von Sabine Schwarzmüller zur Leiterin der Sonderkommission möglicherweise erhofft hatten, verpuffte jedoch, denn auch danach gab es in den Fällen der drei vermissten Mädchen keinerlei Fortschritte. Die Ermittler traten weiterhin auf der Stelle, denn es gab keine Spuren oder Hinweise, denen sie nachgehen konnten. Außerdem gab es genügend offene und neue Vermisstenfälle, für die sie weiterhin zuständig waren und denen sie sich vermehrt widmen mussten, sodass für die festgefahrene Soko immer weniger Zeit blieb.

Es erweckte in Anja im Nachhinein den Eindruck, als hätten alle nur darauf gewartet, dass ein weiteres elf- oder zwölfjähriges Mädchen mit langem dunkelbraunem Haar verschwand oder zumindest die Leiche eines bereits vermissten Kindes gefunden wurde. Beides hätte, so schrecklich es auch gewesen wäre, neuen Schwung in die zum Erliegen gekommenen Ermittlungen gebracht. Doch nichts davon geschah.

Und so wurde die Soko wenige Monate nach dem Tod ihres Vaters aufgelöst. Zuständig für die Fälle der drei Mädchen war von da an allein die ehemalige Leiterin. Allerdings galten sie bereits als ausermittelt und kamen daher zu den Altfällen, die nicht mehr intensiv bearbeitet, sondern nur noch in regelmäßigen Abständen hervorgeholt und daraufhin überprüft wurden, ob es möglicherweise neue Ansatzpunkte gab.

Doch in all den Jahren, die seitdem vergangen waren, hatte sich in dieser Hinsicht nicht das Geringste getan. Weder waren die vermissten Kinder aufgetaucht, die, sollten sie überhaupt noch am Leben und nicht längst tot sein, inzwischen erwachsene Frauen in Anjas Alter wären. Noch hatte der Täter ein weiteres Mal zugeschlagen.

Was war geschehen?, fragte sich Anja.

Hatte er einfach aufgehört, braunhaarige Mädchen zu entführen? Anja hielt das für unwahrscheinlich. Ihrer Erfahrung nach hörten solche Menschen nicht einfach auf oder gingen in Rente. In der Regel gehorchten sie ihren verborgenen inneren Trieben, die ihnen keine Ruhe und somit auch keine Möglichkeit ließen, es einfach sein zu lassen.

Was dann?

War der Täter gestorben oder wegen einer anderen Straftat erwischt und zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden? Diese beiden Alternativen lagen ihrer Meinung nach schon eher im Bereich des Möglichen.

Und noch eine entscheidende Frage stellte sich Anja weiterhin, nachdem sie die Akte über die damaligen Vermisstenfälle geschlossen hatte: Wieso hatte ihr Vater sterben müssen? Stand sein Tod etwa in unmittelbarem Zusammenhang zum Verschwinden der Mädchen und den Ermittlungen der Soko? War er dem Täter auf die Schliche gekommen und deshalb von diesem aus dem Weg geräumt worden, bevor er seinen Verdacht den Kollegen mitteilen konnte?

Anja nickte abwesend, während sie über die letzte Frage nachsann. Nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Vater ermordet worden war, war sie rasch zur Überzeugung gelangt, dass sein Tod mit den damaligen Ermittlungen zu tun haben musste. Aus diesem Grund musste sein Mörder, der vor drei Monaten als Komplize des Apokalypse-Killers wieder in Erscheinung getreten war und Anja seitdem anonyme Nachrichten schickte, ihrer Ansicht nach auch der Entführer der drei Mädchen sein. Und deshalb, so ihre Überlegung, konnte sie ihm möglicherweise dadurch auf die Spur kommen, dass sie die Ermittlungen ihres Vaters von damals wiederaufnahm. Sie musste nachvollziehen können, was er damals herausgefunden hatte und möglicherweise sein Todesurteil gewesen war. Nur so hatte sie eine Chance, den Mörder ihres Vaters und damit denjenigen zu finden, der in der Gegenwart sein Spiel mit ihr trieb.

Daneben musste sie aber auch die Ermittlungen im Mordfall an Pfarrer Hartmann im Auge behalten. Einerseits, damit sie vorgewarnt war, falls sich der Verdacht gegen sie erhärtete. Andererseits, um selbst mehr darüber zu erfahren und unter Umständen herauszufinden, warum sie den alten Geistlichen getötet hatte.

Der Gedanke erweckte in ihr den Wunsch, Englmair anzurufen, um ihn unter anderem zu fragen, wer eigentlich die Leiche gefunden hatte, denn bislang hatte sie das ganz vergessen. Doch bevor sie dazu kam, erhielt sie selbst einen Anruf auf ihrem Handy.

VII

Nachdem sie den Namen des Anrufers gesehen hatte, verließ sie das Büro, um im Flur ungestört telefonieren zu können.

»Hallo, Mama.«

»Hallo, Anja. Ich habe gerade mit Christian gesprochen.«

»Und? Was her er gesagt?«

»Ich habe ihm vorgeschlagen, dass wir uns um sieben beim Italiener treffen, der bei uns in der Nähe ist. Wir waren da schon ein paar Mal anlässlich irgendwelcher Geburtstage beim Essen. Du erinnerst dich bestimmt noch daran.«

»Ich erinnere mich. Und was hält er davon?«

»Er war sofort damit einverstanden.«

»Kommen Judith und Oliver auch?«

»Natürlich. Sie wollen vor allem dich unbedingt kennenlernen.«

»Gut. Ich freue mich auch schon, sie kennenzulernen.«

Sobald sie sich voneinander verabschiedet hatten, rief Anja Englmair an.

»Ich bin’s«, sagte sie in verschwörerischem Tonfall, nachdem er den Anruf entgegengenommen und sich gemeldet hatte. Sie sah sich unwillkürlich um, doch zu ihrer Erleichterung war sie noch immer allein auf dem Flur. »Ich warte vor eurem Büro auf dich.« Danach beendete sie das Gespräch sofort wieder und machte sich auf den Weg.

VIII

Englmair kam fünf Minuten später aus dem Büro, das er sich mit Krieger teilte. Er marschierte wort- und grußlos an ihr vorbei und bedeutete ihr mit einer Handbewegung, ihr zu folgen. Am Kaffeeautomaten blieb er stehen. Anja postierte sich erneut so, dass der Automat ihr Deckung gab und Krieger sie nicht sofort entdeckte, falls er aus dem Büro in den Flur trat. Erst nachdem Englmair zwei Becher Kaffee gekauft und einen davon Anja in die Hand gedrückt hatte, sagte er etwas.

»Was willst du denn schon wieder?«

»Bestimmt nicht diesen ungenießbaren Kaffee«, erwiderte Anja.

Der Mordermittler sah sie überrascht an. »Wieso ungenießbar? Toni und ich trinken täglich mehrere Becher davon. Uns schmeckt er. Was hast du daran auszusetzen?« Er nahm einen großen Schluck, als wollte er seine Behauptung unter Beweis stellen und nickte dann beifällig.

Anja schüttelte den Kopf. »Nicht so wichtig!«

»Na schön. Aber um auf meine Frage zurückzukommen: Was willst du schon wieder?«

»Ich hab mit meiner Mutter über die Bibel gesprochen«, sagte Anja.

Jetzt war er doch interessiert und hob fragend die Augenbrauen. »Und was hat sie gesagt?«

Anja zuckte mit den Schultern. »Sie weiß leider auch nicht, was damit passiert ist. Allerdings ging sie immer davon aus, ich hätte sie nach dem Tod meines Vaters in den Müll geworfen, weil ich sauer auf Gott und die Welt war. Sie äußerte die Vermutung, dass die Bibel bei einem unserer nachfolgenden Umzüge verloren gegangen sein könnte.«

»Und wie ist sie dann in den Besitz des Geistlichen gelangt, wenn du sie ihm nicht gegeben hast?«

»Ich weiß es nicht«, gab Anja zu. »Es ist für mich ebenfalls ein Mysterium.« Das stimmte sogar. Sie wusste zwar im Gegensatz zu ihrem Kollegen ganz genau, wer Pfarrer Hartmann umgebracht hatte. Doch die Bibel mit ihrem Namen auf dem Altar war eine harte Nuss, die sie momentan nicht knacken konnte.

»Und nur, um mir das mitzuteilen, mussten wir uns unbedingt treffen?«, fragte Englmair und schüttelte den Kopf. »Ich war gezwungen, mir auf die Schnelle eine halbwegs überzeugende Ausrede für Toni einfallen zu lassen, damit er mich nicht begleitet.«

»Ich wollte außerdem von dir erfahren, wie die Ermittlungen vorangehen. Macht ihr Fortschritte?«

»Momentan treten wir auf der Stelle.«

»Verdächtige?«

Der Mordermittler schüttelte den Kopf und seufzte. »Schön wär’s. Aber alle Personen aus dem privaten und beruflichen Umfeld des Pfarrers, die dafür infrage kommen, haben ein Alibi. Außerdem tappen wir noch vollkommen im Dunkeln, was das Motiv betrifft. Deshalb bist du im Augenblick aufgrund der Indizien am Tatort die Einzige, die als Tatverdächtige in Frage kommt. Einzig der Umstand, dass wir weder Fingerabdrücke noch sonstige Körperspuren von dir am Tatort fanden, und die Tatsache, dass du eine Kollegin bist, hat dich bislang davor bewahrt, zur dringend Tatverdächtigen befördert zu werden.«

»Wahrscheinlich habe ich es dir zu verdanken, dass Krieger mir noch nicht meine Rechte vorgelesen hat.«

»Noch kann ich ihn bremsen«, sagte Englmair. »Aber je länger wir bei den Ermittlungen auf der Stelle treten und keinen anderen Tatverdächtigen finden, desto eher wird er sich ganz allein auf dich konzentrieren. Und du weißt, was das bedeutet.«

Anja nickte, sagte jedoch nichts. Der eisige Klumpen aus purer Angst in ihren Eingeweiden schien im Rhythmus ihres beschleunigten Herzschlags zu pulsieren.

»Vorläufige Festnahme … förmliche Vernehmung … Wohnungsdurchsuchung …«, zählte er an den Fingern auf, womit Anja in dem Fall zu rechnen hatte.

Dazu darf es auf keinen Fall kommen!

Aber wie sollte sie es verhindern? Schließlich war sie so schuldig, wie die Nacht dunkel war! Und deshalb war es auch so schwer, einen weiteren Tatverdächtigen zu finden. Früher oder später würden das auch die beiden Kollegen von der Mordkommission erkennen und sie festnehmen. Aber wenigstens musste sie sich nicht mehr vor einer Durchsuchung fürchten, da sie sämtliche Beweise aus ihrer Wohnung entfernt hatte. Sorgen machten ihr allenfalls der Absender der E-Mails, der jetzt im Besitz dieser Beweise war, und die Frage, was er damit eigentlich vorhatte.

In diesem Moment erinnerte sich Anja wieder daran, was sie Englmair eigentlich hatte fragen wollen. »Übrigens, wer hat Pfarrer Hartmanns Leiche gefunden?«

»Das waren zwei Streifenbeamte, die in der Kirche nach dem Rechten sahen, nachdem jemand bei der Polizei angerufen und gesagt hatte, er hätte Schreie aus der Kirche gehört und dann wäre jemand herausgekommen und weggerannt.«

»Hat der Anrufer den Täter gesehen?«, fragte Anja mit heftig klopfendem Herzen.

Doch Englmair schüttelte den Kopf. »Nein. Er hörte nur die Schritte.«

»Und wer war dieser Anrufer?«

»Das wissen wir nicht. Er nannte seinen Namen nicht und legte auf, sobald er seine Meldung erstattet hatte.«

»War die Kirchentür offen?«

Der Mordermittler antwortete mit einem Nicken.

Anja überlegte. »Ich nehme an, der Pfarrer hatte jemanden, der ihm den Haushalt geführt hat. Zumindest war das früher so.«

»Ja, er hatte eine Haushälterin. Sie war natürlich zutiefst erschüttert, als sie von dem Mord erfuhr.«

»Und konnte sie euch etwas darüber sagen, mit wem sich der Pfarrer in der Kirche getroffen hat?«

»Nein. Der Pfarrer sagte ihr am Abend nur, dass er noch einen Termin habe. Da es aber nicht ungewöhnlich war, dass er so spät noch Besucher in der Kirche empfing, machte sie sich keine Gedanken darüber und ging früh ins Bett.«

»Aber wenn sie allein im Pfarrhaus war, dann hat sie kein Alibi.«

Englmair schnaubte. »Die Frau ist Ende fünfzig, außerdem geradezu winzig und schmächtig. Sie wäre nie im Leben dazu fähig gewesen, den Pfarrer dermaßen zuzurichten.«

»Vielleicht hat sie ihn überrumpelt. Er rechnete bestimmt nicht damit, dass seine liebe kleine Haushälterin ihn abstechen könnte.« Anja wusste selbst, wie weit hergeholt das war. Außerdem fühlte sie sich mies, weil sie den Verdacht gegen eine unschuldige Frau schürte, die ihres Wissens nichts getan hatte, womit sie das verdient hätte. Doch sie wollte einfach nur Zweifel sähen und deutlich machen, dass es auch andere Verdächtige gab, wenn man nur nach ihnen suchte, um damit von ihrer eigenen Schuld abzulenken.

Aber der Mordermittler sprang nicht darauf an. »Laut vorläufigem Bericht des Rechtsmediziners traf die Messerklinge als Erstes die linke Schulter des Opfers und drang dabei nicht einmal sehr tief ein. Der Geistliche wurde durch diese oberflächliche Verletzung kaum beeinträchtigt und hätte sich einem Angreifer, dem er körperlich überlegen war, leicht erwehren können. Vor allem, weil die Haushälterin mindestens einen ganzen Kopf kleiner als er und wesentlich leichter war. Außerdem wurden die beiden weiteren Stiche nach Aussage des Pathologen mit einer Kraft ausgeführt, die eine Frau ihrer Statur und ihres Alters definitiv nicht besitzt.«

»Was ist mit …« Anja zuckte mit den Achseln. »… dem Mesner? Hat der ein überzeugendes Alibi?«

»Hat er. Er saß mit seiner Frau vor dem Fernseher. Außerdem hatte er absolut keinen Grund, den Pfarrer zu töten.«

»Wie heißt der Mann?«

»Das geht dich nichts an!«, sagte Englmair und sah Anja streng an. »Du bist zwar eine geschätzte Kollegin, und ich traue dir, wie ich schon mehrmals sagte, nicht zu, jemandem kaltblütig die Kehle durchzuschneiden, vor allem keinem katholischen Priester. Dennoch stehst du, machen wir uns nichts vor, vor allem aufgrund der Indizienlage am Tatort und des Umstands, dass du den Pfarrer kanntest, als du ein Kind warst, unter Tatverdacht. Also halte dich gefälligst aus unseren Ermittlungen heraus und von allen Personen fern, die wir befragen müssen. Wenn Toni Wind davon bekommt, dass unsere einzige Verdächtige die Nase in unseren Mordfall steckt und möglicherweise mit Zeugen spricht, beantragt er umgehend einen Haftbefehl wegen Verdunkelungsgefahr. Und allein auf Grundlage der Beweise und des Fehlens anderer Verdächtiger dürfte es ihm momentan vermutlich nicht einmal besonders schwerfallen, diesen auch zu bekommen. Hast du verstanden?«

Anja nickte. »Verstanden.«

»Wenn du etwas über die Ermittlungen wissen willst, dann kannst du mich anrufen. Aber komm bloß nicht auf den Gedanken, selbst zu ermitteln.« Englmair sah auf seine Armbanduhr. »Aber jetzt muss ich zurück, sonst wird Toni noch misstrauisch, fragt sich, wo ich so lange bleibe, und kommt nachsehen.«

Anja bedankte sich bei ihm. Nachdem sie sich voneinander verabschiedet hatten, warfen sie ihre vollen Pappbecher in den Müll und gingen in verschiedenen Richtungen davon.

IX

Als sie in ihr Büro zurückkehrte, war Braun nicht mehr da. Während Anja Platz nahm, fragte sie sich unwillkürlich, ob er vielleicht einen interessierten Blick in die beiden Aktenordner geworfen hatte, die noch immer auf ihrem Schreibtisch lagen. Sie glaubte es allerdings nicht, denn bislang hatte sie nicht den Eindruck gewonnen, dass er besonders neugierig wäre. Im Gegenteil. Wenn es um die Privatangelegenheiten seiner Mitmenschen ging, zeigte er sich eher desinteressiert.

Immerhin konnte sie jetzt in aller Ruhe telefonieren und die Namen überprüfen, die sie sich beim Studium der beiden Akten notiert hatte.

Sie hob den Hörer ihres Bürotelefons ans Ohr und wählte die Nummer von Angelina Kreuzer, einer Bekannten aus der Abteilung Personal des Polizeipräsidiums. Nach der Begrüßung unterhielten sie sich zunächst ein paar Minuten über gemeinsame Bekannte und belanglose Dinge, bevor Anja auf den eigentlichen Anlass ihres Anrufs zu sprechen kam und die Namen von ihrem Notizzettel nannte.

Angelina fragte nicht nach, aus welchem Grund Anja Informationen über die genannten Personen benötigte, sondern überprüfte sie kurzerhand mithilfe ihres Computers.

Einer der beiden Todesermittler, die damals den vorgetäuschten Suizid ihres Vaters untersucht hatten, hieß Stefan Klein. Laut Personalakte war er vor ein paar Jahren pensioniert worden. Angelina nannte Anja die Adresse, unter der er geführt wurde.

Kleins damaliger Kollege hieß Franz Stemmler. Er war allerdings vor zwölf Jahren an einem Herzinfarkt gestorben und konnte somit von Anja nicht mehr befragt werden. Höchstens mithilfe einer spiritistischen Sitzung, dachte Anja sarkastisch. Noch war sie aber nicht so verzweifelt, dass sie zu derartigen Mitteln greifen musste. Es genügte ihr ohnehin, wenn zumindest einer der beiden Todesermittler ihre Fragen beantwortete.

Hans Baumgartner, der Freund und Kollege ihres Vaters aus der Vermisstenstelle, war ebenfalls aus dem Dienst ausgeschieden. Allerdings schon vor dreiundzwanzig Jahren, unmittelbar nachdem Sabine Schwarzmüller die Leitung der Soko übernommen hatte. Dabei war er damals gerade einmal siebenunddreißig Jahre alt gewesen. Allerdings konnte Angelina aus den Computerdaten, auf die sie Zugriff hatte, nicht ersehen, aus welchem Grund er aufgehört hatte, sodass Anja auf Spekulationen angewiesen war.

Hatte er wegen der Erfolglosigkeit der Soko oder seiner Absetzung als Leiter alles hingeschmissen? Oder hatte ihn der Suizid des befreundeten Kollegen zu diesem Schritt bewogen? Vielleicht hatte er sich auch selbst eine Mitschuld daran gegeben und war daran zerbrochen. Anja wollte ohnehin mit ihm sprechen. Bei der Gelegenheit würde sie vermutlich auch herausfinden, warum er damals aus dem Dienst ausgeschieden war. Allerdings würde sie ihn ebenso wie ihre Mutter erst dann darüber aufklären, dass ihr Vater ermordet worden war, wenn sie den Täter gefunden und unschädlich gemacht hatte.

Da Angelina inzwischen in ihrem Computer die Daten von Sabine Schwarzmüller aufgestöbert hatte, die Baumgartner an der Spitze der Sonderkommission abgelöst hatte, konzentrierte sich Anja wieder darauf, ihrer Bekannten zuzuhören. Demnach war Schwarzmüller vor achtzehn Jahren zum Kriminalpräsidium Oberpfalz nach Regensburg gewechselt und hatte scheinbar dort Karriere gemacht.

Als Letztes kam der Rechtsmediziner. Doch der war schon damals kurz vor der Pensionierung gestanden und fünf Jahre später gestorben.

Anja bedankte sich und schlug vor, dass sie demnächst auf ihre Kosten zum Essen gehen sollten. Dann verabschiedeten sie sich voneinander.

Nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte, saß Anja ein paar Minuten regungslos da, starrte blicklos auf den Notizzettel mit den fünf Namen, die sie, soweit vorhanden, mit den jetzigen Adressen der Personen ergänzt hatte, und dachte nach.

Sie hatte auf jeden Fall vor, mit Baumgartner und Klein zu reden. Mit Ersterem natürlich über die seit dreiundzwanzig Jahren vermissten Mädchen und die damaligen Ermittlungen der Soko. Unter Umständen gab es Spuren und Hinweise, die keinen Eingang in die Akten gefunden, ihren Vater jedoch auf die Spur des Täters gebracht hatten. Klein wollte sie hingegen zum Tod ihres Vaters befragen.

Als Anja einen Blick auf ihre Uhr warf, sah sie, dass sie noch genügend Zeit zur Verfügung hätte, um zumindest einen der beiden Männer aufzusuchen und zu befragen. Doch sie verschob es lieber auf den morgigen Tag. Sie seufzte. Nachdem sie vor zweieinhalb Monaten die beiden Akten kopiert hatte, hatte sie ihre Ermittlungen in diesen beiden Angelegenheiten, die ihrer Meinung nach in unmittelbarem Zusammenhang stehen mussten, immer wieder hinausgeschoben. Vor allem, nachdem sich der Mörder ihres Vaters nicht mehr gemeldet hatte. Im Nachhinein kam es ihr nun beinahe so vor, als scheute sie noch immer davor zurück. Aber wieso? Hatte sie Angst, dadurch schlafende Hunde zu wecken?

Sie schüttelte den Kopf, obwohl sie die Antworten auf diese Fragen nicht wusste. Allerdings fasste sie den festen Vorsatz, morgen endlich damit anzufangen, die Hintergründe dieser alten Fälle aufzudecken.

Versprochen!

Nachdem sie diesen Entschluss gefasst und bekräftigt hatte, legte sie die Akten beiseite und widmete sich bis zum Feierabend wieder ihrer eigentlichen Arbeit, für die sie bezahlt wurde.

KAPITEL 9

I

Als Anja um fünf vor sieben das italienische Restaurant in der Ehrwalder Straße im Stadtteil Sendling-Westpark betrat, war ihre Mutter bereits da. Sie saß allein an einem Tisch für sechs Personen, den sie reserviert hatte. Nachdem Anja ihren Mantel ausgezogen und aufgehängt hatte, begrüßten sie sich. Dann nahm Anja neben Dagmar Platz. Sie saß ungern mit dem Rücken zur Eingangstür; mit der Wand hinter sich fühlte sie sich wohler. Außerdem konnte sie so alles beobachten, was im Lokal vor sich ging.

Da sie Durst hatte, bestellte sie ein großes Glas Mineralwasser. Es fiel ihr, wie schon in den letzten neun Monaten, nicht schwer, bei derartigen Anlässen auf Alkohol zu verzichten. Deshalb erschien ihr der gestrige Rückfall umso rätselhafter.

Dagmar und Anja unterhielten sich über belanglose Dinge. Sie ließen dabei allerdings Themen komplett außen vor, die zu Kontroversen führen konnten. Beispielsweise Anjas Liebesleben oder ihre Arbeit als Polizistin, die ihrer Mutter schon immer ein Dorn im Auge gewesen war. Sie wollten die gute Stimmung nicht trüben, die momentan zwischen ihnen herrschte.

Anjas Mutter war mittlerweile 56 Jahre alt, hatte aber noch immer ein glattes und faltenloses Gesicht. Allerdings schaute sie seit dem frühen Tod ihres ersten Mannes stets etwas verbissen und humorlos drein. Sie tönte ihr hellbraunes Haar, da sich Jahr um Jahr immer mehr graue Haare darin zeigten. Dagmar Fröhlich war zwar einen halben Kopf kleiner als Anja, aber ebenso schlank. Darüber hinaus gab es zwischen Mutter und Tochter eine große Ähnlichkeit in den Gesichtszügen, der Form und dem Schnitt der Gesichter sowie der Farbe der Augen.

Wenige Minuten nach sieben öffnete sich die Tür, und drei Leute betraten das Restaurant.

Auch wenn Anja nicht mit ihrem Kommen gerechnet hätte, hätte der Anblick des älteren Mannes, der die kleine Gruppe anführte, ihr sofort verdeutlicht, wen sie vor sich hatte. Denn er sah aus wie eine gealterte Version ihres Vaters.

Als Anja bewusst wurde, dass sie ihn anstarrte und ihr dabei der Mund vor Staunen offenstand, schloss sie ihn rasch. Allerdings konnte sie den Blick nicht von ihm abwenden, sondern musste ihn weiterhin ansehen, als würde er ihren Blick magnetisch anziehen.

Sie hatte ganz vergessen, wie ähnlich sich die beiden Brüder schon damals gesehen hatten. Und diese Ähnlichkeit sorgte nun dafür, dass ihr ein Schauder über den Rücken lief. Sie hatte das Gefühl, sie würde träumen. Und in diesem Traum war ihr Vater gar nicht tot, sondern am Leben und kam in diesem Augenblick lächelnd auf sie zu. Doch dann realisierte Anja, dass es kein Traum und ihr Vater seit vielen Jahren tot war. Die Erkenntnis traf sie wie ein Schock und mit einer Intensität, als wäre ihr Vater soeben zum zweiten Mal gestorben.

»Hallo Anja«, sagte der Mann, der inzwischen unmittelbar vor ihr stand und ihr die rechte Hand darbot.

Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie aufgestanden war, und starrte ihn noch immer an, als wäre er ein Gespenst.

Als sie keine Anstalten machte, seine Hand zu ergreifen, oder weil sich ihre heftigen Gefühle wahrscheinlich auf ihrem Gesicht abzeichneten, machte er ein besorgtes Gesicht und fragte: »Alles in Ordnung mit dir?«

Anja schwankte leicht, als ein heftiges Schwindelgefühl sie überkam. Doch es legte sich sofort wieder, und sie beschloss, sich gefälligst zusammenzureißen. Ihr Vater war mittlerweile seit mehr als der Hälfte ihres Lebens tot, und daran würde sich auch nie etwas ändern. Und der Mann, der ihm so verdammt ähnlich sah und nun erwartungsvoll vor ihr stand, hatte ihn möglicherweise ermordet.

»Ja«, sagte sie daher und nickte zur Bekräftigung heftig. »Mir geht’s gut. Es ist nur …« Sie schüttelte den Kopf. »Diese Ähnlichkeit …«

Christian nickte mit ernster Miene. »Frank und ich sahen uns schon immer sehr ähnlich. Und das, obwohl er fünf Jahre älter war als ich. Als wir noch Kinder waren, war er natürlich größer als ich. Aber später, als wir beide erwachsen waren, hielten uns manche Leute sogar für Zwillinge. Das hat ihn in der Regel ziemlich geärgert.«

Endlich gelang es Anja, seine Hand zu ergreifen. Bei dem Gedanken, dass er damit vielleicht den eigenen Bruder umgebracht und das Ganze anschließend so überzeugend als Selbsttötung inszeniert hatte, dass alle darauf hereingefallen waren, wurde ihr ein bisschen schlecht. Am liebsten hätte sie ihre Hand zurückgerissen und an ihrem Hosenbein abgewischt. Doch sie bemühte sich, ihr Unwohlsein und ihren Widerwillen zu unterdrücken und sich von ihren wahren Gefühlen nichts anmerken zu lassen.

Endlich ließ er ihre Hand los. Anja widerstand tapfer dem Drang, sie abzuwischen. Noch immer konnte sie allerdings den Blick nicht von ihm lösen.

Ihr Patenonkel war eine knappe Handbreit größer als sie und von schlanker Statur. Er hatte graugrüne Augen und noch immer volles Haar. Dessen ursprünglich hellbraune Farbe war allerdings nur noch an wenigen Stellen sichtbar, im Übrigen indessen längst ergraut. Sein schmales Gesicht, das ein bisschen so aussah, als wäre es wie eine Gummimaske in die Länge gezogen worden, wies nur wenige Falten auf und war glattrasiert. Auffallend war eine alte, blasse Narbe, die von seinem Nasenrücken über die linke Wange verlief, ihn aber nicht verunstaltete. Trotz seines Alters war er noch immer ein attraktiver Mann. Er lächelte freundlich. Dabei fiel Anja auf, dass seine Mundpartie ihrer eigenen ähnelte, denn wie bei ihr war sein Mund etwas zu breit geraten. Außerdem waren seine Lippen sehr schmal. Es handelte sich allem Anschein nach um eine Familienähnlichkeit, die sie aufgrund der Gene ihres Vaters mit dessen Bruder gemeinsam hatte.

Sie erschauderte erneut, als ihr bewusst wurde, dass sie mit einem Mann etwas gemein hatte, der möglicherweise ein skrupelloser mehrfacher Mörder war. Deshalb wandte sie rasch den Blick ab und konzentrierte sich stattdessen auf die beiden Begleitpersonen ihres Onkels.

»Das sind mein Sohn Oliver und meine Tochter Judith«, stellte Christian die beiden jungen Leute vor. »Oliver und Judith, das sind eure Cousine Anja und ihre Mutter Dagmar.«

Alle begrüßten sich und tauschten einen Händedruck aus.

Oliver sah nach Anjas Überzeugung seinem Vater überhaupt nicht ähnlich, sondern kam vermutlich eher nach seiner Mutter. Zumindest, wenn diese ihrerseits einen dunkleren Teint, braune Augen und dunkelbraunes Haar gehabt hatte. Er hatte einen gepflegten Dreitagebart, trug die Haare lang, sodass sie ihm bis auf die Schultern fielen, und überragte seinen Vater sogar noch um einige Zentimeter. Außerdem hatte er ein breiteres Kreuz und eine größere Schulterbreite. Anja konnte sich ihren Cousin daher gut auf einem Brett beim Wellenreiten vor der Küste Südafrikas vorstellen. Er grinste breit und jungenhaft, während er ihre Hand kräftig drückte und schüttelte, und war Anja vom ersten Moment an sympathisch. Hatte sie bislang eher gemischte Gefühle gehabt, was dieses Treffen und Kennenlernen anging, das sie eher an ein Blind Date mit drei Unbekannten erinnert hatte, so bereute sie es nun nicht mehr, dass sie zugesagt hatte.

Obwohl Judith sowohl helleres Haar als auch eine entschieden blassere Haut als ihr Bruder hatte, wirkte sie auf Anja gleichwohl düsterer. Sie erwiderte Anjas freundliches Lächeln nicht, sondern sah sie argwöhnisch an, als hätte sie noch nicht entschieden, ob sie ihre Cousine mochte oder nicht. Anja ging es im Grunde ebenso, wobei sie aufgrund ihres ersten Eindrucks eher dahin tendierte, Judith nicht zu mögen. Deshalb verblasste ihr Lächeln etwas, als sie ihrer Cousine, die ihren Händedruck kaum erwiderte, kurz die Hand schüttelte. Auch sonst war Judith das genaue Gegenteil ihres Bruders. Hätten Gentechniker zwei grundverschiedene Menschen herstellen wollen, dann wäre vermutlich so etwas wie dieses Geschwisterpaar herausgekommen. Judith hatte hellblondes, mittellanges Haar und grüne Augen. Sie und Anja hatten in etwa die gleiche Größe und Statur. Und da Judith eine vage Ähnlichkeit mit ihrem Vater hatte, gab es die auch zwischen den beiden Cousinen, auch wenn sie nur schwach ausgeprägt war und nicht sofort ins Auge sprang. Erst wenn man gezielt danach suchte, konnte man sie entdecken.

Nach der Begrüßung und dem ersten Beschnuppern zogen die Neuankömmlinge ihre Mäntel und Jacken aus. Dann nahmen alle am Tisch Platz. Oliver und Judith saßen Anja und ihre Mutter gegenüber, während sich Christian, als wäre er das Oberhaupt der Sippe, links von Anja an die Stirnseite des Tisches setzte.

Als die Bedienung kam, um die Getränkeorder entgegenzunehmen, bestellte Christian ein dunkles Weißbier. Er sagte, dass er in all den Jahren in Südafrika nichts so sehr vermisst habe wie das gute bayerische Bier. Anja hatte erwartet, dass Oliver ebenfalls ein Bier nehmen würde, doch er trank eine Cola. Judith hingegen folgte dem Beispiel ihres Vaters und bestellte auch ein Bier.

Nachdem die Bedienung gegangen war, herrschte für ein paar zähe Augenblicke unbehagliches Schweigen. Jeder mit Ausnahme von Judith schien nach einem geeigneten Gesprächsthema zu suchen, um eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Es war Dagmar, die schließlich als Erste das Wort ergriff und das momentan herrschende Wetter thematisierte. Also sprachen sie über den teils nasskalten, kühlen Herbst in Deutschland und verglichen ihn mit den Temperaturen und Bedingungen in Südafrika, bis schließlich die Getränke der Neuankömmlinge gebracht wurden. Dann stießen sie an und tranken.

»Freut mich wirklich riesig, dass ihr beiden diesem Treffen zugestimmt habt«, sagte Christian, nachdem er sein Glas abgesetzt hatte, und leckte sich den Bierschaum von den Lippen. »Es war wirklich allerhöchste Zeit, dass sich Anja, Oliver und Judith endlich kennenlernen.«

»An uns lag es nicht, dass es vorher nicht geklappt hat«, erwiderte Dagmar in ihrer direkten Art.

Anja hätte ihr am liebsten heimlich mit dem Ellbogen einen Rippenstoß versetzt oder sie unter dem Tisch getreten. Bei der Vielzahl von Beinen, die sich dort unten tummelten, hatte sie jedoch Angst, der Tritt könnte jemand anderen treffen. Was ihre Mutter gesagt hatte, stimmte zwar, aber man musste es ja nicht unbedingt laut aussprechen. Aber so war ihre Mutter nun mal. Im diplomatischen Dienst hätte sie nur schwerlich Karriere gemacht.

Für einen Moment herrschte am Tisch atemloses Schweigen. Alle sahen Dagmar an, Christian und Oliver überrascht, Judith mit finsterem Gesichtsausdruck, als läge ihr eine gepfefferte Erwiderung auf der Zunge.

Dann lachte Christian. »Genau so habe ich meine Schwägerin Dagmar noch von früher in Erinnerung. Du hast schon damals kein Blatt vor den Mund genommen und auch unangenehme Wahrheiten zur Sprache gebracht. Anscheinend hast zumindest du dich kein bisschen verändert.«

Alle bis auf Judith lachten. Die Stimmung, die vor wenigen Sekunden noch kurz davor gewesen war, umzukippen, wurde schlagartig besser.

Nachdem die Bedienung die Speisekarten gebracht hatte, war jeder eine Weile damit beschäftigt, darin zu blättern und etwas auszusuchen, das nach seinem Geschmack war. Die Männer bestellten Pizza. Judith nahm einen großen gemischten Salat. Anja hatte keinen großen Hunger, dafür aber noch immer Durst. Da sie aufgrund ihrer früheren Besuche wusste, dass die Nudeln aus eigener Herstellung waren, bestellte sie wie ihre Mutter Tagliatelle mit Steinpilzen und dazu ein weiteres großes Wasser.

»Mama sagte, dass … du im Ruhestand bist und deinen Lebensabend hier verbringen willst«, sagte Anja, als sie auf das Essen warteten. Sie war schließlich nicht gekommen, um nur Smalltalk zu machen, sondern wollte vor allem mehr über ihren Onkel erfahren. Beinahe wäre ihr dabei ein Missgeschick widerfahren, und sie hätte ihn gesiezt. Immerhin war er nach all den Jahren, die sie sich nicht mehr gesehen hatten, für sie zu einem Fremden geworden.

»Das stimmt«, antwortete Christian und nahm einen weiteren Schluck Bier, bevor er fortfuhr: »Ich war in Südafrika fast zwanzig Jahre als Ingenieur im Bergbau tätig. Vor vier Jahren habe ich mich dann selbstständig gemacht und gemeinsam mit einem einheimischen Partner eine Firma zur Errichtung von Solar- und Windkraftanlagen gegründet. Seitdem haben wir mehrere große Anlagen im ganzen Land errichtet. Doch dann beschloss ich, dass ich genug Geld verdient hatte, um in meine alte Heimat zurückzukehren. Deshalb verkaufte ich vor acht Monaten meinen Firmenanteil an meinen Geschäftspartner und kaufte mir stattdessen ein kleines Häuschen hier in der Stadt.«

»Und seit wann genau bist schon wieder da?«

Christian überlegte kurz, bevor er antwortete. »Seit etwas mehr als sechs Monaten.«

»Dann hast du dir ja reichlich Zeit gelassen, bis du endlich Kontakt mit uns aufgenommen hast.« Wenn es sein musste, konnte Anja genauso direkt sein wie ihre Mutter. Der Apfel fiel bekanntlich nicht weit vom Stamm.

Christian seufzte. »Das ist mir natürlich auch bewusst. Aber ich wollte warten, bis Oliver und Judith nachkommen, damit ihr sie kennenlernt.«

»Habt ihr beiden ebenfalls vor, in Deutschland zu bleiben?«, fragte Anja ihren Cousin und ihre Cousine.

Judith nickte nur, sagte jedoch nichts.

»Wir werden hier studieren«, erklärte Oliver.

Im Laufe des Gesprächs erfuhr Anja, dass Oliver zwanzig Jahre alt war und ab dem Wintersemester an der Technischen Universität München Chemie studieren würde. Judith sprach zwar die ganze Zeit kein einziges Wort, doch Oliver erzählte an ihrer Stelle, dass sie vor vier Monaten neunzehn Jahre alt geworden war und an der Akademie der Bildenden Künste freie Kunst studieren wollte. Ein Studium, das neben der Malerei und der Bildhauerei auch Bühnenbild und -kostüm, Fotografie, Medienkunst und andere Kunstrichtungen umfasste.

Judith nickte mehrere Male zustimmend, beteiligte sich aber ansonsten nicht aktiv an der Unterhaltung. Anja begann sich unwillkürlich zu fragen, ob sie überhaupt sprechen konnte. Aber wenn sie stumm wäre, hätten die anderen das doch bestimmt erwähnt.

Oliver war dafür umso redseliger. Anja wunderte sich, dass er so gut deutsch sprach, und fragte ihn danach.

»Wir unterhielten uns zu Hause hauptsächlich auf Deutsch und auf Englisch«, erklärte er. »Außerdem besuchten Judith und ich die Deutsche Internationale Schule in Kapstadt. Wir wurden dort sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache unterrichtet und machten das Deutsche Internationale Abitur.«

Das erklärte auch, warum sie die deutsche Sprache vollkommen akzentfrei beherrschten und so einfach an einer deutschen Hochschule studieren konnten.

Da Anja wusste, dass Olivers und Judiths Mutter bei einem Unfall gestorben war, erkundigte sie sich nicht nach ihr, um nicht versehentlich alten Wunden aufzureißen. Außerdem wurde in diesem Moment ohnehin das Essen serviert, worauf sich alle vorwiegend auf ihre Mahlzeit konzentrierten und weniger sprachen.

Judith pickte allerdings nur wie ein besonders wählerischer Vogel in ihrem Salat herum und aß kaum etwas davon. Ab und zu ertappte Anja ihre Cousine dabei, dass diese sie anstarrte, als bemühte Judith sich, Anja besser einzuschätzen. Anja wiederum fühlte sich jedes Mal unbehaglich, wenn sie feststellte, dass Judith sie beobachtete. Sie wurde aus ihr einfach nicht schlau. Außerdem sammelte Judith mit ihrem insgesamt eher merkwürdigen Verhalten nicht unbedingt Sympathiepunkte bei ihr.

Während des Essens plauderten sie erneut vorwiegend über Belanglosigkeiten. Christian fragte Dagmar über gemeinsame Bekannte aus der Vergangenheit aus. Dann erzählte er, dass er seinen Kindern in den letzten drei Tagen München gezeigt habe. Dabei seien allerdings nicht nur die typischen Sehenswürdigkeiten von Interesse gewesen, die auch Gegenstand jeder Touristenführung sind, sondern vor allem die Orte, die er aus seiner Jugend kannte.

»Ich habe ihnen zum Beispiel gezeigt, wo mein Bruder und ich geboren wurden und aufgewachsen sind. Dann natürlich die Schulen, auf die ich ging. Außerdem das Haus, in dem ich zur Miete gewohnt habe, bevor ich nach Südafrika ging. Ich ging mit ihnen sogar zu der Kirche, in der unsere Eltern mit Frank und mir sonntags immer die Messe besuchten und in der wir sogar ein paar Jahre Ministranten waren.«

»Welche Kirche war das denn?«, fragte Anja und bemühte sich, es möglichst beiläufig klingen zu lassen. Sie hatte nur mit halbem Ohr zugehört und nachgedacht. Doch beim Wort Kirche hatten bei ihr sofort die Alarmglocken geläutet.

»Ich kann mich nicht mehr an ihren Namen erinnern. Aber es handelt sich um die Kirche in Obermenzing, in der, wenn ich mich richtig erinnere, du damals getauft wurdest und später auch deine Erstkommunion gefeiert hast. Wieso fragst du?«

»Nur aus Interesse«, erwiderte Anja abwiegelnd und machte eine Geste, als wäre es nicht so wichtig. Täuschte sie sich, oder hatte sie es in Christians Augen für den Bruchteil einer Sekunde aufblitzen sehen, als würde er sie insgeheim verhöhnen. Sie war sich allerdings nicht sicher und konnte es sich genauso gut auch nur eingebildet haben.

Dennoch!

Dass er ausgerechnet die Kirche erwähnt hatte, in der sie Pfarrer Hartmann getötet hatte, war in ihren Augen hochgradig verdächtig. Hatte sie also tatsächlich recht damit, dass er der geheimnisvolle Unbekannte war, der ihr die Polaroid-Aufnahme ihres sterbenden Vaters und die letzten beiden E-Mails geschickt hatte.

Der Mörder meines Vaters!

Sie erschauderte.

Er wandte den Blick ab, als Dagmar eine Frage nach einer gemeinsamen ehemaligen Bekannten stellte, von der sie schon lange nichts mehr gehört hatte. Was Christian ihr antwortete, bekam Anja allerdings nicht mit, da sie nicht auf seine Worte achtete. Ihr Blick fiel zufällig auf Judith, die sie erneut mit gerunzelter Stirn ansah, als würde sie sich fragen, aus welchem Grund Anja bei der Erwähnung der Kirche nachgefragt hatte. Oder als würde sie vermuten, dass mehr hinter Anjas Frage steckte, als sie zugeben wollte.

Unsinn!, sagte sich Anja. Sie sollte nicht wieder damit anfangen, jeden zu verdächtigen, nur weil er sich merkwürdig verhielt oder komisch aus der Wäsche guckte. Das war schon im Fall des Apokalypse-Killers gründlich in die Hose gegangen.

Sie hätte von Christian natürlich gern erfahren, worüber er und ihr Vater sich damals so heftig gestritten hatten. Doch dies war ihrer Ansicht nach weder der richtige Anlass noch der richtige Ort dafür. Stattdessen hatte sie vor, irgendwann in naher Zukunft nach Möglichkeit unter vier Augen mit ihm über dieses Thema zu sprechen.

Nachdem sie gegessen hatten und die Bedienung die leeren Teller und die kaum angerührte Salatschüssel abgeräumt hatte, tranken sie Cappuccino oder Espresso. Inzwischen bestritt vorwiegend Christian die Unterhaltung und erzählte Geschichten aus der Zeit, als sein Bruder und er noch Kinder gewesen waren, und vor allem darüber, was sie damals alles angestellt und ausgeheckt hatten.

Anja fiel es schwer, sich ihren Vater als Kind vorzustellen. Dennoch brachte ihr Onkel mit seinen Geschichten auch sie zum Schmunzeln. Sie behielt zwar ihren Verdacht im Hinterkopf und Christian weiterhin aufmerksam im Auge, doch im Laufe des Abends wurde ihr bewusst, dass sie ihren Onkel noch immer gern hatte. Deshalb fragte sie sich allmählich, ob sie nicht vielleicht doch die falschen Schlussfolgerungen gezogen hatte und er schlicht und ergreifend nichts mit dem Tod ihres Vaters zu tun hatte.

Aber dann fiel ihr ein, dass sie ihren Nachbarn Raphael Guthmann ebenfalls gemocht hatte, ohne bis zuletzt auch nur zu ahnen, dass er der Apokalypse-Killer gewesen war.

II

Da ihre Mutter zu Fuß gekommen war, bot Anja ihr an, sie nach Hause zu fahren. Doch Dagmar lehnte dankend ab. Ein kleiner Spaziergang nach dem Essen täte ihr jetzt gut, meinte sie. Außerdem waren es vom Restaurant bis zu ihrem Zuhause in der Belastraße nur fünfhundert Meter. Also verabschiedeten sie sich vor der Tür voneinander. Und während ihre Mutter losmarschierte, um an der nächsten Ampel die Straße zu überqueren, ging Anja zu ihrem Auto, das sie auf dem Parkstreifen am Rand der Straße abgestellt hatte, und stieg ein.

Bevor sie losfahren konnte, kamen bereits Christian, Oliver und Judith aus dem Gebäude. Judith hatte noch auf die Toilette gehen müssen, und ihr Vater und ihr Bruder hatten beschlossen, auf sie zu warten. Deshalb hatten sich Anja und ihre Mutter drinnen von ihnen verabschiedet und waren gegangen.

Die drei gingen nicht in Anjas Richtung und sahen sie daher auch nicht im Auto sitzen. Stattdessen wandten sie sich nach links und marschierten zum Parkplatz neben dem Gebäude.

Anja fuhr noch nicht los, sondern wartete.

Es dauerte nicht lange, bis ein weißer BMW X6 vom Parkplatz fuhr und nach links auf die Straße einbog.

Ohne darüber nachzugrübeln, was sie da tat, startete Anja ihren MINI. Sie wartete, bis mehrere Fahrzeuge an ihr vorbeigefahren waren, bevor sie aus der Parklücke ausscherte, kurzerhand auf der Straße wendete und dem BMW hinterherfuhr.

Sie konnte nicht einmal genau sagen, warum sie Christian, Oliver und Judith folgte. Wahrscheinlich wollte sie einfach nur das Haus sehen, das ihr Onkel gekauft hatte und in dem die drei wohnten.

Da sie vorhin nicht einmal in ihre Richtung geschaut hatten, wussten sie demnach auch nicht, welchen Wagen Anja fuhr. Es war also unwahrscheinlich, dass sie Anja entdeckten. Falls allerdings ihr Onkel tatsächlich der Mörder ihres Vaters und der geheimnisvolle Absender der beiden Mails war, dann hatte er sie natürlich heimlich beobachtet und wusste daher über ihren Wagen Bescheid. Aber dieses Risiko musste sie eingehen, wenn sie mehr über ihn erfahren wollte.

Sie achtete darauf, dass sich immer mehrere Autos zwischen ihnen befanden, die den Insassen des X6 die Sicht auf ihren MINI nahmen. Hin und wieder ließ sie sich sogar ein Stück zurückfallen, um keine ungewollte Aufmerksamkeit zu erregen. Dabei konnte sie selbst den BMW zwar auch nicht ständig im Auge behalten, sie achtete aber vor allem darauf, wann und wo er abbog. Da sie andererseits wusste, dass Christians Haus in Obermenzing lag, konnte sie aufgrund ihrer Ortskenntnis ganz gut vorhersehen, welche Strecke er nehmen würde.

Die Fahrt dauerte insgesamt eine knappe halbe Stunde und führte durch die Stadtteile Laim und Pasing nach Obermenzing. Als sie den Bahnhof München-Pasing passierten und kurz darauf die Bahn- und S-Bahn-Schienen unterquerten, dachte Anja automatisch an Melanie Brunner. Das erste der drei vermissten Mädchen war damals hier ganz in der Nähe verschwunden und seitdem nie wieder gesehen worden. Anschließend fuhren sie von der Pippinger Straße zunächst in die Verdistraße und bogen dann in die Wöhlerstraße ein. Anja kannte sich hier noch immer gut aus, denn die beiden letztgenannten Straßen hatten zu ihrem Schulweg gehört, als sie noch die Grundschule besucht hatte, die ganz in der Nähe der Kirche Leiden Christi lag.

Sie ließ den Abstand zwischen den Autos größer werden, da sie vermutete, dass sie bald ihr Ziel erreichen würden. Und tatsächlich bog der X6 kurze Zeit später in der Longinusstraße rechts in eine Grundstückseinfahrt und hielt vor einer geschlossenen Garage.

Anja fuhr augenblicklich rechts ran, stoppte am Straßenrand und schaltete Motor und Licht aus. Mehrere Autos, die vor ihr parkten, gaben ihr Deckung. Anja hingegen konnte durch die Scheiben der Fahrzeuge spähen und beobachten, wie ihr Onkel, der am Steuer des BMW gesessen hatte, und seine beiden Kinder ausstiegen. Ohne sich auch nur einmal umzusehen, verschwanden die drei nacheinander im Haus.

Sie ließ den Wagen wieder an und fuhr anschließend langsam am Haus ihres Onkels vorbei. Durch die Scheiben im Erdgeschoss konnte sie Licht im Innern sehen. In einem der Fenster war die dunkle Silhouette eines Menschen zu erkennen, Anja konnte die Person allerdings nicht identifizieren. Doch wenn sie damit Schwierigkeiten hatte, konnte die Person am Fenster auch nicht in den dunklen Wagen hineinsehen und Anja erkennen, sodass sie sich keine Sorgen machen musste. Sie prägte sich die Hausnummer ein; dann gab sie Gas und fuhr nach Hause.

2. TEIL

… und der Tod war bei Mir …

KAPITEL 10

Auf dem Pausenhof war es geradezu gespenstisch still.

Ihre tief sitzende Verärgerung war der Frau deutlich vom Gesicht abzulesen, das ein eng geknüpftes Gitternetz feiner Fältchen aufwies. Sie war schon älter und trug ihr langes ergrautes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Und obgleich sie verhältnismäßig klein und zierlich war, strahlte sie dennoch eine natürliche Autorität aus.

Sie schnaubte verächtlich und schüttelte verneinend den Kopf. Zweifellos fragte sie sich in diesem Augenblick, warum sie sich überhaupt die Mühe gemacht hatte, hierherzukommen, und ihre kostbare Zeit verschwendete. Dann wandte sie sich resolut ab und ging davon. Die Echos ihrer kleinen Schritte auf dem gepflasterten Hof wurden von den Mauern des Schulgebäudes zurückgeworfen, das um diese nächtliche Uhrzeit menschenleer war.

Doch die alte Frau kam nur ein halbes Dutzend Schritte weit.

Als ahnte sie instinktiv, dass die Person, mit der sie sich gestritten hatte, sie nicht so einfach gehen lassen würde, blieb sie plötzlich stehen und begann, den Kopf zu drehen, um einen Blick über die Schulter zu werfen. Aber noch ehe sie die begonnene Bewegung vollenden konnte, war die andere Person bereits geräuschlos herangekommen und stand jetzt unmittelbar hinter ihr. Sie warf die Schnürsenkelschlinge, die sie aus der Kängurutasche ihres dunklen Kapuzenpullis geholt hatte und an den Enden zwischen sich hielt, blitzschnell über den Kopf der alten Frau und schlang sie um ihren Hals. Dann zog sie sofort unerbittlich und mit all ihrer Kraft zu.

Das Opfer hätte sicherlich vor Überraschung, Schreck oder Panik laut geschrien, wäre es dazu noch in der Lage gewesen. Doch alles, was aus seinem weit aufgerissenen, vergeblich nach Luft schnappenden Mund kam, war ein lang gezogenes ersticktes Röcheln, das so leise war, dass es nicht einmal ein Echo an der Schulhausfassade hervorrief. Geschweige denn, dass es außer ihr und ihrem Angreifer irgendjemand hören konnte.

Instinktiv griff sie sich mit beiden Händen an den Hals. In dem aussichtslosen Bemühen, ihre Finger zwischen Hals und Strangulationsschnur zu bekommen, kratzte sie sich mit den Fingernägeln die Haut blutig. Doch die Schnur hatte sich bereits zu tief in ihren mageren Hals gegraben, als dass sie eine realistische Chance gehabt hätte, sie jetzt noch lösen zu können. Vor allem nicht bei einem Gegner, der größer, jünger und vor allem kräftiger als sie war. Ihre Bewegungen wurden schon deutlich schwächer und unkoordinierter, als ihre Kräfte zu erlahmen begannen.

Auch der Angreifer, der die Kapuze über den Kopf und tief ins Gesicht gezogen hatte, keuchte vor Anstrengung. Es erforderte eine Menge Kraft, einen Menschen zu erdrosseln. Und er durfte in seinen Bemühungen keinen einzigen Augenblick nachlassen, wenn er die Angelegenheit rasch zu einem erfolgreichen Abschluss bringen wollte.

Die alte Frau öffnete und schloss wie ein Fisch auf dem Trockenen mehrmals den Mund, als würde sie noch immer nach dem lebensnotwendigen Sauerstoff schnappen, den die einschnürende Drosselschnur um ihren Hals ihr verwehrte. Doch dann endete das Röcheln abrupt, als fehlte ihr sogar dafür die Kraft. Und wenige Augenblicke später erschlaffte auch ihr Körper, als das Leben aus ihm wich, an das er sich immerhin neunundsechzig Jahre lang erfolgreich geklammert hatte.

Der Angreifer ließ daraufhin das reglose Bündel, das jäh das Doppelte zu wiegen schien, langsam zu Boden sinken und ging dabei in die Knie. Er lockerte die Schlinge um ihren Hals allerdings noch immer nicht. Erst als er wenige Minuten später hundertprozentig davon überzeugt war, dass kein Leben mehr in der Frau steckte, ließ er los und wickelte die Enden des Schnürsenkels von seinen behandschuhten Händen. Er entfernte das Strangulationswerkzeug, das eine tiefe Furche in das Fleisch des Halses gegraben hatte, jedoch nicht, sondern beließ es an Ort und Stelle. Er überzeugte sich lediglich davon, dass die Frau tatsächlich tot war.

Doch daran konnte es nicht den geringsten Zweifel geben. Sie atmete nicht mehr. Und ihre weit aufgerissenen Augen, die noch immer von dem grenzenlosen Entsetzen in den letzten Minuten ihres Lebens zeugten, starrten blicklos ins Leere. Ihr Mörder hob die behandschuhte Hand und schloss ihr geradezu sanft die Augen, als könnte er ihren Blick nicht länger ertragen. Erst dann richtete er sich wieder zu seiner vollen Größe auf, atmete tief durch und sah sich um.

Auf dem Schulhof war es wieder ebenso gespenstisch still wie vor dem ruchlosen Mord. Und niemand hatte auch nur das Geringste von der Tragödie mitbekommen, die sich an diesem Ort abgespielt hatte, der sonst vom Lachen von Schulkindern erfüllt wurde.

KAPITEL 11

I

Erneut wurde sie von ihrem eigenen Schrei aus einem furchtbaren Albtraum geweckt.

Anjas Oberkörper schnellte wie eine gespannte Feder nach oben, bis sie aufrecht saß. Sie schwitzte am ganzen Körper und atmete schwer. Nur am Rande nahm sie wahr, dass ihr Herz geradezu schmerzhaft heftig klopfte, ihr Schädel von einem wütenden Hämmern erfüllt wurde und sie am ganzen Körper zitterte, als litte sie unter Schüttelfrost. Außerdem war ihr kotzübel, während sie gleichzeitig einen unangenehmen Geschmack im staubtrockenen Mund und riesigen Durst hatte.

Doch auf all das achtete sie kaum. Noch immer beschäftigten sie die erschütternden Szenen ihres Albtraums, die nicht sofort wieder verblassten, wie es sonst bei Traumbilder in der Regel der Fall ist, sondern besonders hartnäckig waren und im Gegenteil mit jeder verstreichenden Sekunde wirklicher zu werden schienen.

Es ist schon wieder passiert!

Der zutiefst schockierende Gedanke, dass sie im Schlaf einen weiteren Mord miterlebt hatte, lähmte sie für eine Weile, sodass sie zu keinem vernünftigen Gedanken fähig war. Erst ganz allmählich, während sich ihr Herzschlag beruhigte und das Zittern nachließ, erlangte sie die Fähigkeit des logischen Denkens zurück.

In der Nacht zuvor, als sie zum ersten Mal aus einem derartigen Traum erwacht war und sich in einer derart ähnlichen Situation wiedergefunden hatte, dass es sich nun wie ein Déjà-vu-Erlebnis anfühlte, hatte sie sich noch erfolgreich einreden können, es wäre ohnehin nur ein Traum gewesen. Doch dann hatte Krieger angerufen und sie zum Tatort des geträumten Mordes bestellt, wo sie sich mit eigenen Augen davon hatte überzeugen können, dass es mehr als nur ein Traum gewesen war.

Schon allein deshalb konnte sie sich heute nicht mit diesem Gedanken trösten. Stattdessen musste sie sich von Anfang an vergegenwärtigen, dass es einen weiteren Mord gegeben hatte.

Und nicht nur das!

Sie war es, die einen weiteren Mord begangen hatte!

Fast rechnete sie damit, dass jeden Moment ihr Smartphone klingelte, weil Krieger erneut anrief, um sie zum Schauplatz des zweiten Mordes zu bestellen. Falls er dieses Mal überhaupt noch anrief und nicht gleich persönlich vorbeikam, um ihr mit triumphierendem Blick die Handschellen anzulegen und ihre Rechte vorzulesen.

Verdient hätte ich es allemal!, dachte sie schicksalsergeben. Dennoch! So weit darf es auf keinen Fall kommen!

Mit Erstaunen stellte sie fest, dass der Gedanke, dass sie erneut gemordet hatte, nicht halb so schockierend war wie gestern noch. Anscheinend gewöhnte man sich daran, so furchtbar das auch war. Oder fand sie allmählich sogar Gefallen daran, ihre Mitmenschen hinzumetzeln?

Der Gedanke war aberwitzig und krank, deshalb schüttelte sie entschieden den Kopf.

Dennoch war sie über den Mord schockiert. Denn wie schon bei ihrem ersten vermeintlichen Albtraum kannte sie auch die Person, die mit der Schnürsenkelschlinge erdrosselt worden war.

Anja hatte das Gesicht der Frau und den geradezu anklagenden Blick ihrer toten Augen noch immer deutlich vor Augen und erschauderte.

Sie hieß Maria Schreiber und war Anjas Grundschullehrerin in der ersten und zweiten Klasse gewesen. Mittlerweile musste sie längst pensioniert sein. Anja hatte nicht mehr an sie gedacht, seit sie die Grundschule verlassen hatte und aufs Gymnasium gegangen war. Dennoch hatte sie keine Schwierigkeiten gehabt, die ehemalige Lehrerin sofort wiederzuerkennen. Die zahlreichen Furchen in ihrem Gesicht waren im Laufe der vergangenen Jahre natürlich zahlreicher und tiefer geworden, und das Haar war mittlerweile vollständig ergraut. Außerdem war sie Anja kleiner als damals vorgekommen. Aber das lag vermutlich nur daran, dass sie ihre frühere Lehrerin inzwischen um mindestens einen halben Kopf überragte. Ansonsten hatte sich die Frau seit damals jedoch kaum verändert.

Anja hatte keine guten Erinnerungen an sie. Sie hatte Frau Schreiber damals regelrecht gehasst. Das lag vor allem daran, dass die Lehrerin sie anscheinend von Anfang an ebenfalls nicht gemocht hatte. In ihren Augen war Anja zu aufmüpfig gewesen und hatte ständig ihre natürliche Autorität vor der übrigen Klasse angezweifelt, wenn sie Dinge vor allen anderen infrage gestellt hatte. Aus diesem Grund war Anja immer wieder bestraft worden; teilweise sogar für Dinge, für die sie gar nichts konnte oder die sie nicht getan hatte. Das empfand sie als ungerecht und führte nur dazu, dass sie noch mehr rebellierte. Mit der Folge, dass auch die Bestrafungsaktionen zunahmen. Es war ein Teufelskreis. Doch bevor die Situation eskalieren konnte, gab es ein klärendes Gespräch, an dem außer der Lehrerin und Anja auch ihre Eltern und die Direktorin der Grundschule teilnahmen. Am Ende erklärten sich beide Parteien zu einer Art Burgfrieden bereit. Frau Schreiber und Anja wurden zwar keine Freunde mehr, sondern waren sich weiterhin in gegenseitiger Abneigung verbunden, doch da es für alle einfacher war, bemühten sie sich, von da an miteinander auszukommen und sich nicht mehr gegenseitig das Leben schwerzumachen. Gleichwohl machte Anja drei Kreuze, als sie in der dritten Klasse mit Frau Müller eine andere Klassenlehrerin bekam, mit der sie überhaupt keine Schwierigkeiten hatte und die sie richtig gern hatte.

Und jetzt sollte Frau Schreiber, der Schrecken ihrer ersten beiden Schuljahre, tatsächlich tot sein?

Obwohl die vorangegangene Nacht ihr bewiesen hatte, dass ihr Traum von der Ermordung des Pfarrers auf furchtbarer Realität beruht hatte, fiel es ihr jetzt dennoch schwer, an den Tod der pensionierten Lehrerin zu glauben.

Unkraut verdirbt nicht!, dachte Anja unwillkürlich. Schon allein die teuflische Boshaftigkeit dieser Frau musste eine konservierende Wirkung entfaltet haben und hätte der ehemaligen Grundschullehrerin eigentlich unverdienterweise ein geradezu biblisches Alter bescheren müssen.

Doch dann hatte ein simpler Schnürsenkel ihrem Leben wirkungsvoll ein vorzeitiges Ende beschert.

Anja schüttelte erneut den Kopf und seufzte schwer. Sie hatte die Frau zwar nie gemocht, sondern immer nur aus tiefstem Herzen gehasst, dennoch hatte sie ihr nie den Tod gewünscht. Nicht einmal, als sie noch ihre Lehrerin gewesen und sie ständig gepiesackt hatte. Und nach der zweiten Klasse hatte sich durch den Wechsel der Klassenlehrerin die Sache für Anja ohnehin erledigt.

Stellte sich natürlich die Frage, wieso sie die Frau dann ausgerechnet jetzt, nach all den Jahren, in denen sie sich nie wieder begegnet waren, umgebracht hatte. Welches Motiv konnte zu einer derartigen Gewalttat geführt haben? Und warum hatte sie sich quasi aus heiterem Himmel überhaupt wieder an Frau Schreiber erinnert?

Doch da fiel ihr die Mappe mit dem Kommunionfoto und den Klassenfotos wieder ein. War das der Auslöser gewesen? Hatte sie in der vorherigen Nacht im Alkoholrausch in den alten Fotos gestöbert, auf den Aufnahmen der ersten und zweiten Klasse die ehemalige Lehrerin entdeckt und spontan beschlossen, sie um die Ecke zu bringen.

Nie im Leben!

Bis gestern hätte sie diese Aussage noch ohne das geringste Zögern unterschrieben. Doch nachdem sie sich aufgrund der vielfältigen Beweise zwangsläufig hatte eingestehen müssen, dass sie Pfarrer Hartmann getötet hatte, und ebenfalls kein Motiv dafür sehen konnte, war im Grunde nichts mehr sicher.

Der Gedanke an die Klassenfotos bewirkte, dass endlich wieder Leben in Anja kam. Als Erstes sah sie sich an dem Ort um, an dem sie aufgewacht war. Da sie insgeheim damit gerechnet hatte, überraschte es sie heute Nacht nicht mehr, dass sie erneut auf der Wohnzimmercouch saß. Sie schwang ihre nackten Füße auf den Boden und stand auf. Allerdings weit vorsichtiger als beim letzten Mal, damit ihr nicht wieder schwindelig wurde. Dann tappte sie auf wackligen Beinen zum Schalter neben der Tür und machte das Licht an.

Die Helligkeit ließ sie die Augen zusammenkneifen. Als sie diese wieder öffnen konnte, ohne geblendet zu werden, fiel ihr Blick sofort auf die Flasche und das Glas auf dem Couchtisch, die sie angesichts des widerwärtigen Geschmacks in ihrem Mund ebenfalls erwartet hatte.

Tequila?

Eigentlich hatte Anja Tequila noch nie besonders geschätzt. Nicht einmal in der Hochphase ihrer Trinkerei, als sie nicht nur täglich, sondern auch große Mengen und relativ wahllos fast alles getrunken hatte, sofern es genug Alkohol enthielt. Aber vielleicht hatte es dort, wo sie sich den Tequila besorgt hatte, nichts anderes gegeben? Oder aber sie war so verzweifelt gewesen, dass es ihr egal gewesen war.

Jetzt, wo sie sich nach dem Schock des Erwachens wieder völlig ernüchtert fühlte, konnte sie sich ihr irrationales Verhalten nicht erklären. Gleichwohl konnte sie schwerlich Tatsachen verleugnen, die so offensichtlich waren, weil die Indizien vor ihr lagen. Ebenso wie am gestrigen Tag die erdrückenden Beweise dafür, dass sie Pfarrer Hartmann umgebracht hatte.

Immerhin stellte sie erleichtert fest, dass sie den Tequila nur zur Hälfte geleert hatte. Wenigstens etwas! In ihrer derzeitigen, insgesamt eher bescheidenen Lage musste sie sogar für derartige Kleinigkeiten dankbar sein.

Sie ließ den Blick von der Flasche weg und durch den Raum schweifen. Dabei entdeckt sie noch etwas, das sie bereits erwartet hatte. Die Mappe mit den großformatigen Fotos lag erneut im Regal. Und obenauf, das konnte sie sogar von hier erkennen, lag das Foto der ersten Klasse. Anja durchquerte das Wohnzimmer und nahm die Aufnahme in die Hand. Es überraschte sie nicht, dass das Gesicht der Klassenlehrerin, die ganz rechts am Bildrand stand und trotz ihrer geringen Größe die Erstklässler überragte, durch kräftige Kugelschreiberkritzeleien, die durch das Fotopapier gegangen waren, gewissermaßen ausgelöscht worden war. Und auch auf dem Foto der zweiten Klasse unmittelbar darunter war das der Fall.

Erst der Pfarrer und jetzt die Grundschullehrerin!

Wieso? Und würde das jetzt immer so weitergehen? Wenn ja, dann wäre es vermutlich besser, wenn sie sich von Krieger und Englmair verhaften ließ und ein Geständnis ablegte. Außerdem: Wer kam wohl als Nächster an die Reihe?

Anja legte die Bilder zurück und überlegte.

Noch war es ihrer Meinung nach nicht erwiesen, dass die Lehrerin tatsächlich tot war. Was, wenn es sich in diesem Fall wirklich nur um einen Albtraum ohne reale Grundlage handelte, und nicht wieder um eine durch den Alkohol-Blackout verschüttete Erinnerung?

Ich muss mir unbedingt Gewissheit verschaffen!

Sie ging in den Flur und nahm den Hörer ihres Festnetztelefons in die Hand. Um die Telefonnummer ihrer ehemaligen Lehrerin herauszufinden, wollte sie sich bei der Auskunft informieren. Anschließend konnte sie Frau Schreiber anrufen. Nahm diese den Anruf entgegen, dann wusste Anja wenigstens, dass es nur ein fürchterlicher Albtraum gewesen war.

Doch noch bevor sie die vollständige Nummer der Auskunft gewählt hatte, wurde ihr jäh bewusst, was sie da tat, und sie legte rasch den Hörer auf. Es wäre nämlich ein riesengroßer Fehler, wenn sie bei der pensionierten Lehrerin anrief. Denn für den Fall, dass sie die Frau doch ermordet hatte, würde sie mit ihrem Anruf nur ein weiteres Indiz erzeugen, das wie ein anklagend ausgestreckter Zeigefinger auf sie deutete. Krieger würde sich eine solche Steilvorlage nicht entgehen lassen. Genauso gut könnte sie ihn anrufen und die beiden Morde gestehen.

Aber was kann ich dann tun?

Dann fiel es ihr ein. Wenn sie sich mit eigenen Augen davon überzeugen wollte, ob sie erneut gemordet hatte, musste sie schon zum Schauplatz des Mordes fahren und nachsehen, ob dort tatsächlich der Leichnam einer erdrosselten alten Frau lag.

Als Anja sich abwandte, um ins Bad zu gehen, fiel ihr Blick zufällig auf ihre neuen Laufschuhe, die sie erst gestern gekauft hatte. Ihr Herz setzte kurzzeitig aus, als sie sah, dass beim linken Schuh der Schnürsenkel fehlte.

II

Sie parkte den Wagen ein gutes Stück von der Schule entfernt am Rand einer dunklen und stillen Seitenstraße. Sobald sie ausgestiegen war, sah sie sich aufmerksam um. Doch die Fenster der Wohnhäuser ringsum waren allesamt dunkel, sodass die Gefahr, dass jemand sie oder ihr Auto bemerkte, vergleichsweise gering war.

Nachdem sie zu Hause ihren brennenden Durst gestillt hatte, hatte sie die verschwitzten Klamotten ausgezogen und sich kurz gewaschen. Dann hatte sie alte Sachen angezogen, die sie schon eine ganze Weile nicht mehr getragen hatte. Eine schwarze Jogginghose, die ihr eine Spur zu eng war, als dass sie noch bequem gewesen wäre. Dazu ein ausgewaschenes dunkelblaues T-Shirt. Außerdem eine schwarze Fleecejacke, alte Turnschuhe sowie dünne schwarze Wollhandschuhe. Falls ihr bei ihrem nächtlichen Ausflug jemand begegnete, was sie nicht hoffte, würde man sie hoffentlich für eine Joggerin halten und nicht weiter beachten.

Die Sachen, in denen sie auf der Couch zu sich gekommen war, hatte sie zusammen mit den neuen Laufschuhen in eine Tüte gesteckt und im Kofferraum verstaut. Falls sie auf dem Pausenhof der Schule tatsächlich Frau Schreibers Leiche fand, wollte sie die Sachen auf dem Rückweg entsorgen, da sich daran unter Umständen Körperspuren der alten Frau befanden. Es war zwar ein Risiko, mit den Beweisen, die sie möglicherweise mit einem zweiten Mord in Verbindung brachten, zum Schauplatz genau dieses Mordes zu fahren, doch dieses Wagnis musste sie notgedrungen eingehen.

Auf der Fahrt hierher hatte sie noch aufmerksamer auf Verfolger geachtet. Da um diese Zeit allerdings nur wenig Verkehr herrschte, war sie sich ziemlich sicher, dass niemand ihr gefolgt war.

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