Читать книгу: «Grüne Antibiotika»

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INHALT

Vorwort

Apocalypse Now

Kampf gegen Keime

Schimmelpilze

Arsphenamin

Penicillin

Methicillin

Antibiotika-Ära

Regeneration nach Antibiotikatherapie

Mikroben im Widerstand

Antibiotikaresistenz

Antibiotikaflutung

Keime im Krankenhaus

Antibiotika in der Nahrungskette

Antibiotika in der Postmoderne

Bakterien als Partner

Hautflora

Darmflora

Scheidenflora

Grüne Antibiotika

Immunverstärker

Glänzender Lackporling, Rosenwurz, Schlafbeere, Sonnenhüte (Echinacea), Taigawurzel, Tragant, Wasserdost, Extra: Vitamin D

Synergiekräuter

Ingwer, Lakritz, Pfeffer/Piperin

Lokal wirksame Antibiotikakräuter

Berberitze und Mahonie (Berberin), Flechten/Usnea, Honig, Wacholder

Systemisch wirksame Kräuter

Alchornea (Wolfsmilchgewächse), Beifuß (Artemisia), Cryptolepis (Hundsgiftgewächse), Sida (Malvengewächse), Zweizahn (Bidens)



MRSA und resistente Mikroorganismen

Grampositive Bakterien

Clostridium difficile, Enterococcus faecalis/faecium, Mycobacterium tuberculosis, Staphylococcus aureus, Streptococcus pyogenes/pneumoniae

Gramnegative Bakterien

Acinetobacter baumannii, Escherichia coli, Haemophilus, Klebsiella pneumoniae, Proteus, Pseudomonas aeruginosa, Salmonella, Shigella

Nicht-bakterielle Mikroorganismen

Candida albicans, Aspergillus fumigatus, Plasmodium falciparum

Infektionen alternativ behandeln

Akne, Akute Bronchitis, Bindehautentzündung, Furunkel, Gelenkentzündung, Grippaler Infekt, Harnwegsinfektion, Hautentzündungen, Herpes-Infektion, Magen-Darm-Infektion, Mandelentzündung, Nasennebenhöhlenentzündung, Ohrinfektion, Pilzinfektion

Heilkräuter zubereiten

Sammeln und Aufbewahren

Wasserauszug

Alkoholauszug

Ölauszug

Salbe und Lotion

Das Heilkraut als Ganzes

Essenzielle Öle

Glossar

Infoservice

Lektüre

Weitere Veröffentlichungen des Autors

Impressum und Bildnachweis

Register


Vorwort

Willkommen mitten im Leben. Und das Leben, von dem hier die Rede ist, präsentiert sich mit allen bekannten Attributen: bunt und wild, vielfältig und rätselhaft, voller Überraschungen und Wunder, bestimmt von Kooperation und Kampf, mit Siegern und Verlierern – mit einem Wort: Leben und Überleben.

Die Hauptdarsteller des Dramas Biologie versus Antibiotika kommen aus dem Reich der Pflanzen und aus dem Reich der Kleinstlebewesen. Der Mensch darf im Zuschauerraum Platz nehmen.

Das Erfolgsrezept der biologischen Evolution ist die Lebensgemeinschaft. Bakterien haben sich als einzellige Lebewesen Jahrmillionen erfolgreich behauptet. Sie haben ihre Überlebensstrategien immer wieder verändert und angepasst – Lernen ist ihr Programm. Bakterien kooperieren mit anderen Kleinstlebewesen und sie kooperieren mit höheren Organismen. Der erste und einzige Zweck dieser Strategie ist die Erhaltung ihrer Art. Im besten Fall profitieren alle Beteiligten davon. Alle überleben. Es gibt nur Sieger.

Der Mensch trägt eine Armee von Milliarden freundlich gesinnter Mikroorganismen mit sich herum. Sie bevölkern die Haut und die Schleimhäute, innen und außen. Jeder Millimeter Körperfläche ist besetzt. Ist das nicht der Fall, können aggressive Eindringlinge Fuß fassen und Infektionskrankheiten auslösen. Wir sollten dann alles dafür tun, dass unsere Verbündeten wieder zu gewohnter Stärke zurückfinden.

Moderne Antibiotika gelten als Meilenstein der Medizin. Wir müssen aber heute akzeptieren, dass ihr Leistungsvermögen maßlos überschätzt wurde. Die biologische Intelligenz der Mikroorganismen ist und bleibt unschlagbar. Somit war der vor 60 Jahren proklamierte „Krieg gegen die Keime“ von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Das Ergebnis ist eine Resistenzkatastrophe von globalem Format. Medizin und Wissenschaft haben darauf bislang keine Antworten gefunden.

Müssen wir uns damit abfinden, dass es bei lebensbedrohlichen Infektionen in manchen Fällen keine Hoffnung mehr auf Heilung durch Antibiotika geben wird?

Nicht unbedingt. Mit etwas Bescheidenheit blicken wir dorthin, wo alle modernen Antibiotika herkommen: ins Pflanzenreich. Pflanzen haben im Lauf ihrer Evolutionsgeschichte so manches Unheil durch abwehrresistente Angreifer erfolgreich gemeistert. Dieses Wissen können wir nutzen.

Tatsächlich sind pflanzliche Antibiotika eine Erfolg versprechende, natürliche Alternative zur Behandlung potenziell tödlicher Infektionen und die einzig verbliebene Antwort auf Infektionen durch antibiotikaresistente Keime. Das vorliegende Buch präsentiert die Geschichte der modernen Antibiotika und den aktuellen Stand der Resistenzproblematik. Es beschäftigt sich damit, wie clevere Mikroorganismen um ihr Überleben kämpfen und wie die Menschheit dazu beigetragen hat, dass ihnen dies gelingt. Einige wichtige Antibiotika-Kräuter werden monografisch und mit wissenschaftlichem Hintergrund vorgestellt. Zudem wird vor allem auf Behandlungsmöglichkeiten von Infektionen durch MRSA und resistente Mikroorganismen eingegangen. Ich stütze mich hier auch auf das Wissen und die Erfahrungen des amerikanischen Kräuterexperten Stephen H. Buhner, der sich mit der Anwendung alternativer Antibiotika seit Langem beschäftigt.

Angesichts Tausender Menschen hierzulande, die von der tödlichen Bedrohung durch antibiotikaresistente Infektionen betroffen sind, ist der Stellenwert pflanzlicher Antibiotika kaum zu überschätzen. Das sollten Sie wissen.

Dr. med. Eberhard J. Wormer


APOCALYPSE NOW

„Das Ende ist nah! Bereut! Tut Buße!“ Kaum ein Science-Fiction-Drama kommt ohne den bärtigen Propheten aus, der ein dermaßen beschriftetes Pappschild in die Höhe hält. Der anvisierte Weltuntergang vollzieht sich dann im konsumentenfreundlichen Kinoformat innerhalb von 90 Minuten. Und möglicherweise ist es einmal mehr Bruce Willis, der die Welt vor bösen Mächten rettet – als da sind: Profitgier, Eigennutz, Verblendung, Täuschung, Indoktrination, Narzissmus, Ignoranz, Arroganz, Machtstreben und Gewalt. Schaut man genauer hin, kommen in keinem Bereich der modernen Medizin solche destruktiven Faktoren klarer zum Vorschein als auf dem Gebiet der Antibiotika. Der viel beschworene „Krieg“ gegen Mikroorganismen war und ist ein aussichtsloses Unterfangen.

Er war und ist niemals zu gewinnen.

Die Resistenzentwicklung gegen Antibiotika beschleunigt sich und ist global unkontrollierbar geworden.

Die Kapitulation von Medizin und Wissenschaft angesichts der Macht der Keime fand bereits vor knapp 20 Jahren statt! Wir haben jeden Grund zur Besorgnis. Die Antibiotika-Ära ist längst beendet. Stattdessen müssen wir uns auf eine Zukunft einstellen, in der Antibiotika nur noch eine marginale Rolle spielen werden.

Durch Parasiten, Bakterien und Viren ausgelöste Epidemien oder Pandemien machen immer wieder und zunehmend häufiger Schlagzeilen. Ebola, H5N1, Malaria, MRSA-Keime und altbekannte Tuberkulosebazillen verursachen für Mensch und Tier tödliche Infektionen.

► „Acinetobacter baumannii in Kiel: Ein Keim zeigt, was Multiresistenz anrichten kann.“: 11 tote Klinikpatienten (medscape, Januar 2015)

► „Intensivstation nach Keimbefall geschlossen.“ (Privatklinik in München, SZ, Dezember 2014)

► „Segler befürchten Superbakterium vor Rio.“ (SZ, Dezember 2014), MRSA-Risiko bei den Olympischen Spiele 2016?

► „Gefährliches Vogelgrippevirus H5N8 nachgewiesen.“ (SZ, Dezember 2014)

► „Antibiotikaresistenzen verursachen allein im US-Gesundheitssystem geschätzte Kosten von 21 bis 34 Milliarden Dollar pro Jahr.“ (WHO, 2014)

► „Die jährliche Zahl der MRSA-Fälle in deutschen Krankenhäusern wird auf 132 000 geschätzt. Schätzungen zeigen, dass jährlich etwa 170 000 MRSA-Infektionen die europäischen Gesundheitssysteme mit mehr als 5 000 Todesfällen, mehr als einer Million zusätzlichen Hospitalisationstagen und Mehrkosten von circa 380 Millionen Euro belasten.“ (Deutsches Ärzteblatt, 2011)

► „Gérard Depardieus Sohn: Frankreich trauert um Guillaume Depardieu“: Tod nach MRSA-Infektion. (Der Spiegel, 2008)

► „Jährlich gibt es in Deutschland 800 000 Krankenhaus-Infektionen.“ (Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene, 2004)

Fragt man einmal im Bekanntenkreis gezielt nach Klinik- oder MRSA-Infektionen, erfährt man unter Umständen, dass bei einem Betroffenen aufgrund einer antibiotikaresistenten Infektion das Bein amputiert werden musste. Tatsächlich ist die Endzeitstimmung in Bezug auf Antibiotikaresistenz keine Übertreibung: Bereits im Jahr 1998 publizierte die renommierte Fachzeitschrift The Lancet einen Beitrag über Vancomycin-resistente Staphylokokken mit dem Titel „Apocalypse Now“.

Dass wir es mit einer globalen Bedrohung durchaus katastrophaler Dimension zu tun haben, verdeutlich der aktuelle WHO-Bericht Antimicrobial Resistance Global Report on Surveillance 2014: „Eine post-antibiotische Ära, in der harmlose Infektionen und kleine Verletzungen tödlich sind, ist alles andere als eine apokalyptische Fantasie – sie ist im Gegenteil ein sehr reales Szenario für das 21. Jahrhundert.“ Das deutsche Medizinportal DocCheck News kommentiert diesen WHO-Report mit dem Titel eines weiteren Katastrophenfilms: Antibiotikaresistenz: The Day After.

Kein Zweifel, seit 60 Jahren gelten Antibiotika als wichtige Heilmittel bei Infektionen – unabhängig davon, ob ihre Anwendung angemessen war, ob man sich im Krankenhaus oder „in freier Wildbahn“ infiziert hatte. Schon in seiner Nobelpreis-Rede 1945 warnte Alexander Fleming, der Entdecker von Penicillin, davor, dass sich Resistenzen gegen dieses bemerkenswerte Heilmittel entwickeln könnten. Tatsächlich wurde seither bei jedem weiteren Antibiotikum in relativ kurzer Zeit Resistenz nachgewiesen.


100 Jahre Antibiotika: Daten zur Entdeckung/Patentierung von Antibiotika. Seit 1987 wurde keine neue Antibiotika-Klasse mehr entwickelt!

Resistenz gehört zum normalen Evolutionsprozess von Mikroorganismen. Massenhafte, oft unsachgemäße Anwendung von Antibiotika bei Mensch und Tier erhöht die Wahrscheinlichkeit und beschleunigt die Entwicklung von Resistenzen – vor allem weil Präventions-, Hygiene- und Kontrollmaßnahmen missachtet werden.

Noch immer werden Antibiotika viel zu häufig verordnet. Sie werden zudem in unvorstellbarer Menge in der Fleischproduktion eingesetzt, sind mittlerweile Bestandteil der Nahrungskette und sogar im Trinkwasser vorhanden. Folglich wirken Antibiotika zunehmend schwächer oder sind komplett unwirksam. Vancomycin ist eines der letzten Reserveantibiotika bei multiresistenten Keimen.

Nach Ansicht der WHO haben wir es heute mit einer Notfallsituation in Bezug auf den globalen Gesundheitsstatus zu tun. Bis zu den 1970er-Jahren wurden zahlreiche neue Antibiotika entwickelt, die anfangs gegen die meisten pathogenen Keime wirksam waren. Die letzten neuen Antibiotika-Klassen wurden Mitte der 1980er-Jahre vorgestellt. Demnach haben wir derzeit eine nahezu leere „Pipeline“ für neue Antibiotika. Dies gilt vor allem für die Behandlung von gramnegativen Darm-/Enterobakterien. Die Erforschung von Ersatzantibiotika befindet sich noch in den Kinderschuhen. Demnach müssen wir bei gängigen Infektionen (Lungenentzündung, Harnwegsinfektionen u.a.), die Penicillin-resistent sind, mit Risiken und Komplikationen für Leib und Leben rechnen. Besonders gefährdet sind Neugeborene und intensivmedizinische Patienten, Krebspatienten und Organtransplantierte sowie ältere Menschen. Vorbeugend verordnete Antibiotika in der Chirurgie sind schwächer oder überhaupt nicht mehr wirksam.

Jedes Jahr sterben mindestens 25 000 Menschen in Europa an den Folgen antibiotikaresistenter Infektionen. Anlass genug, 2014 eine Konferenz in Oslo mit Teilnehmern aus 40 Ländern und der WHO abzuhalten, um über einen globalen Aktionsplan zum Antibiotika-Problem nachzudenken. Schon der WHO-Bericht hatte darauf hingewiesen, dass wir uns auf eine Post-Antibiotika-Ära zubewegen. Das Osloer Abschlussdokument listet 18 Empfehlungen für den Aktionsplan auf, der durch internationale Zusammenarbeit umgesetzt werden soll. Unter anderem werden strikte Vorgaben und Kontrollen für die Produktion, den Verkauf und Vertrieb von Antibiotika gefordert. Der Erfolg des Aktionsplans ist davon abhängig, ob es wirklich zu einer belastbaren internationalen und interdisziplinären Kooperation kommt. Dies ist zumindest fraglich.

Globale Antibiotikaresistenz: Status 2014

Der WHO-Bericht stellt den Resistenzstatus von neun infektiösen Mikroorganismen im Lebensalltag, in Kliniken und in der Nahrungskette vor. Er kommt zu folgenden Ergebnissen:

► Sehr hohe Resistenzraten bei Bakterien, die gängige Infektionen (Pneumonie, Harnwegsinfekte, Syphilis, Durchfallerkrankungen u.a.) betreffen, wurden in allen 129 WHO-Regionen beobachtet.

► In 36 Ländern sind Cephalosporine der dritten Generation als ultima ratio bei Gonorrhoe-Infektionen zunehmend schwächer wirksam.

► Der Resistenzstatus von Mitteln gegen Candida-Pilzinfektionen ist unbekannt. Resistenz gegen die neueste Antimykotika-Klasse ist bereits zu beobachten.

► Die Entwicklung multiresistenter Tuberkulosebakterien, der Artemisinin-resistenten Malaria und von Resistenzen gegen Anti-HIV-Mittel ist beunruhigend.

► Viele Befunde und Beobachtungen aus Studien sind lückenhaft.


Ein Beispiel für die weltweite Resistenzproblematik: Im Jahr 2010 ist in fast allen Industrie- und Schwellenländern eine erhöhte Unempfindlichkeit der Erreger von Tripper (Gonorrhoe, Neisseria gonorrhoeae) gegenüber Cephalosporinen der dritten Generation bzw. komplette Unwirksamkeit zu beobachten.

Gibt es noch Hoffnung für die Menschheit? Gibt es Lösungen für das Resistenzproblem? Ja, es gibt sie. Die erste Maßnahme wäre ein viel beschworener Umdenkungsprozess: Mikroorganismen, Bakterien und Viren sind keine „bösen Feinde“ des Menschen. Wir sollten aufhören, „Krieg“ gegen sie zu führen. Bakterien sind nützliche Mitbewohner des Menschen. Sie sollten unsere „Freunde“ sein. Durch massenhafte und kritiklose Anwendung von Antibiotika in der Medizin und in der Massentierhaltung haben wir selbst beste Bedingungen für die Resistenzentwicklung geschaffen. Antibiotika sind immer auch ein Angriff auf die Lebensgemeinschaft des Menschen mit seinen Mikroorganismen, die für seine Gesundheit und das Überleben gebraucht werden.

Alle modernen Antibiotika hemmen prinzipiell mit nur wenigen Stoffwechselmechanismen den Lebenszyklus der Mikroben. Demgegenüber haben Flora und Fauna in Jahrmillionen komplexe Abwehrmechanismen entwickelt, die es den Pflanzen mit einer Mixtur aus Hunderten von Abwehrstoffen erlauben, ihr Überleben zu sichern. Ein evolutionsbiologischer Vorteil, dem die Wissenschaft nur sehr wenig entgegenzusetzen hat. Es überrascht nicht, dass es pflanzliche Antibiotika gibt, die auch bei MRSA-Infektionen wirksam sind! Davon handelt dieses Buch.



KAMPF GEGEN KEIME

Die Entdeckung von Penicillin gilt – zu Recht – als große Errungenschaft der Medizin. Erstmals hatte man beobachtet, wie sich ein Mikroorganismus (ein Schimmelpilz) vor schädlichen Angreifern schützt – und daraus gefolgert, dass dies auch zur Behandlung von Infektionen beim Menschen nützlich sein könnte. Der Begriff Antibiotika kennzeichnet Stoffe, die Mikroorganismen töten können. Er wurde 1942 von dem amerikanischen Mikrobiologen Selman Waksman eingeführt. Antibiosis (Antibiotika) ist von den griechischen Worten anti (= gegen) und bios (= Leben) abgeleitet.

Bis zum 20. Jahrhundert beruhte die Behandlung von Infektionen auf traditionellen Heilmitteln. Belege für solche natürlichen, antibakteriell wirksamen Mittel finden sich in den Heilsystemen aller Weltkulturen seit mehr als 4 000 Jahren: im Ayurveda, in der chinesischen Medizin, in der antiken westlichen Medizin und bei zahllosen indigenen (lat. indiges = eingeboren) Bevölkerungen.

Im antiken Ägypten war Honig ein geschätztes Mittel bei Infektionen. Noch im Zweiten Weltkrieg behandelte man in Shanghai infizierte Hautwunden erfolgreich mit einer Salbe aus Honig und Schmalz. Weihrauch, Myrrhe, Zwiebeln und Knoblauch gehörten gleichfalls zu den traditionellen antibakteriell wirksamen Heilmitteln. Die antike griechische Medizin benutzte Wein und Essig als keimtötende Mittel bei infizierten Wunden. Darüber hinaus wurden dort wie auch in Indien bereits Schimmelpilze bei Infektionen therapeutisch eingesetzt.

Kugel- (Kokken, B, C, D, E), stäbchen- (F) und spiralförmige Mikroorganismen (G) im Zahnbelag von Antoni van Leeuwenhoek unter dem Mikroskop (1683).

Jahrhundertelang bediente man sich solcher Mittel, um infizierte Wunden zu behandeln. In früheren Zeiten konnte die kleinste Hautwunde tödlich sein. Fortschritte auf dem Gebiet der Mikrobiologie waren erst möglich, als Mikroskope zur Verfügung standen. Der niederländische Tuchhändler Antoni van Leeuwenhoek (1632–1723) begann ab 1660, als Autodidakt Mikroskope zu bauen. Er beschrieb erstmals Bakterien, die er mikroskopisch beobachtet hatte. Über die Bedeutung solcher Kleinstlebewesen (animalcula) war jedoch nichts bekannt. Ansteckende Infektionskrankheiten wurden noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts auf ein „kontagiöses Miasma“ (Ausdünstung) zurückgeführt.

Schimmelpilze

Dass Schimmelpilze antibiotisch wirken können, war lange vor der Entdeckung von Penicillin bekannt. Im antiken Griechenland und in Indien benutzte man Schimmelpilze und Pflanzen zur Behandlung von Infektionen. 1550 v. Chr. behauptete ein ägyptischer Arzt (Papyrus Ebers), dass eine „faulige Wunde … mit verdorbenem Gerstenbrot bedeckt werden solle“. In Serbien, Griechenland und Russland waren verschimmeltes Brot oder (sporenhaltige) warme Erde traditionelle Mittel zur Wundbehandlung. Feuchtes Brot, vermischt mit (sporenhaltigen) Spinnweben, galt im 16. Jahrhundert in Polen als probate Wundbehandlung. Spinnweben wurden auch von der indigenen Bevölkerung Nordamerikas und der bayerischen Landbevölkerung bis Mitte des 19. Jahrhunderts als Wundauflage benutzt.

1871 beobachtete der englische Physiologe Sir John Scott Burdon Sanderson, dass Penicillium in Kulturflüssigkeit das Wachstum von Bakterien hemmt. Zur gleichen Zeit entdeckte Joseph Lister, ein englischer Chirurg und der Begründer der Antisepsis (Karbolsäure), dasselbe Phänomen bei mit Schimmelpilz kontaminiertem Urin. Der englische Arzt William Roberts stellte 1874 fest, dass eine bakterielle Verunreinigung generell fehlt, wenn die Kultur den Pilz Penicillium glaucum enthält. Der irische Forscher John Tyndall bestätigte diese Beobachtung ein Jahr später. Der französische Chemiker und Mikrobiologe Louis Pasteur (1822-1895) beobachtete 1877 eine Wachstumshemmung bei Anthrax-Bazillen, wenn die Kultur mit Schimmelpilz kontaminiert war.

Im Jahr 1897 reichte der französische Militärarzt Ernest Duchesne eine Doktorarbeit mit dem Titel Untersuchungen zum Überlebenskampf der Mikroorganismen: der Antagonismus von Schimmelpilzen und Mikroben ein. Die Arbeit wurde abgelehnt, doch seine Erkenntnisse wurden 50 Jahre später anerkannt. Er hatte bemerkt, dass arabische Stallknechte die Pferdesättel in einem dunklen feuchten Raum lagerten, um Schimmelpilzbildung anzuregen. Die Knechte erklärten, dass Scheuerwunden bei Pferden dadurch besser abheilen. Ein erster Versuch Duchesnes mit der Injektion einer Schimmelpilzlösung bei erkrankten Meerschweinchen war erfolgreich. Anschließend befasste er sich experimentell mit der Wechselwirkung von Escherichia coli und Penicillium glaucum. Es zeigte sich – lange vor der Entdeckung von Penicillin –, dass der Pilz in einer Kultur vorhandene Bakterien abtöten konnte.

Arsphenamin

Als erstes Antibiotikum der Medizingeschichte gilt eine Arsenverbindung (Arsphenamin), die unter dem besser bekannten Namen Salvarsan zur Behandlung der Syphilis 1910 in den Handel kam. Erstmals gab es nun ein gezielt antimikrobiell wirksames Medikament, das bei Spirochäteninfektionen (Syphilis, Frambösie, Rückfallfieber u.a.) erfolgreich war.

Der deutsche Arzt Paul Ehrlich (1854-1914) führte in großem Stil Arzneimittelforschung mit Labortests und Tierversuchen durch, bis er 1909 die gegen Syphilis-Spirochäten wirksame Substanz Bayer 606 gefunden hatte.

Salvarsan war sehr stark wirksam, hatte aber auch starke Nebenwirkungen. Bei intravenöser/-muskulärer Injektion konnte es zu Verätzungen kommen. Salvarsan verändert sich an der Luft sehr schnell zu einer giftigen Substanz. Aus diesem Grund wurde es in luftdichte Glasampullen abgefüllt. Später wurden besser verträgliche Derivate entwickelt. Salvarsan blieb lange Zeit das erste und einzige Antibiotikum. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts war Salvarsan kaum mehr in Gebrauch und wurde weitgehend durch moderne Antibiotika (z.B. Penicillin) ersetzt.

Penicillin

Es hatte vielleicht daran gelegen, dass Semesterferien waren und Professor Alexander Fleming (1881–1955) mehrere Wochen sein Labor im Londoner St. Mary’s Hospital zusperrte, um in Urlaub zu fahren. Bevor er abgereist war, hatte er mit Kulturen traubenförmig angeordneter Kugelbakterien (Staphylokokken) in flachen Glasschalen mit Nährlösung experimentiert. Am dritten September 1928 kehrte Fleming an seinen Arbeitsplatz zurück und entdeckte beiläufig eine im Brutschrank vergessene Petrischale – ohne Glasdeckel! Siehe da – fremde Keime hatten sich eingenistet: Schimmelpilz. Schon wollte er die unbrauchbare Kultur vernichten, als ihm auffiel, dass die Nährlösung rund um die Pilzflecken sauber war. Er entdeckte Zonen ohne Staphylokokken und identifizierte die Spezies Penicillium chrysogenum (notatum). Wahrscheinlich stammte der Keim aus dem Pilzlabor ein Stockwerk tiefer – der Professor arbeitete niemals bei offenem Fenster.

Da der Pilz einen unbekannten bakterienhemmenden Stoff enthalten musste, prüfte Fleming diese Wirkung mit einem gereinigten Pilzextrakt bei verschiedenen Bakterien, mit Erfolg.

Er taufte den Schimmelpilzsaft „Penicillin“ – die Zusammensetzung kannte er nicht. Als Nächstes untersuchte er die Verträglichkeit des Saftes im Tierversuch, ebenfalls mit Erfolg. Im Februar 1929 berichtete er über seine Entdeckung. Die veröffentlichten Ergebnisse blieben unbeachtet. Fleming verlor das Interesse am Penicillin und es geriet in Vergessenheit.

Bei der Erforschung von Lysozym, mit dem sich auch Fleming beschäftigt hatte, stießen der Pathologe Howard Florey und der deutsch-jüdische Chemiker Ernst Chain 1939 in Oxford auf Flemings obskure Mitteilung über die antibakterielle Wirkung seiner Schimmelpilzmixtur. Und schon 1941 wurde ein Patient mit einem Penicillin-Präparat geheilt.

Der Kriegseintritt der Alliierten bescherte dem Penicillin-Projekt dann strategische Bedeutung. Die Herstellung war schwierig, wurde aber in den USA technisch verbessert. Zunächst diente Mais-Einweichwasser als Kulturmedium, schließlich entdeckte man einen tausendfach stärker Penicillin produzierenden Pilz auf einer faulenden Melone. Verwundete alliierte Soldaten in Sizilien und Nordafrika profitierten vom ersten Antibiotikum. Alexander Fleming erlebte den späten Siegeszug seines Penicillins nur am Rande und wurde zusammen mit Florey und Chain 1945 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Er wurde geadelt und arbeitete weiter in seinem kleinen Labor am St. Mary’s Hospital. Das Zeitalter der Antibiotika hatte begonnen: Vormals lebensbedrohliche bakterielle Infektionen und Erkrankungen konnten nun rasch und ohne Komplikationen geheilt werden. In den weltweiten Jubelchor, der diesen Meilenstein der Medizin feierte, mischten sich schon früh warnende Töne. Alexander Fleming selbst mahnte in seiner Nobelpreis-Rede 1945, mit Penicillin sorgsam umzugehen. Später stellte er fest: „Wissen Sie, der Staphylococcus ist ein sehr cleverer Organismus. Egal, welches Antibiotikum wir finden, er wird dagegen resistent werden.“ Tatsächlich tauchten bereits vier Jahre vor der Marktzulassung von Penicillin resistente Staphylokokken auf!


Alexander Flemings Petrischale (1928): „Als ich sah, wie sich die Bakterien auflösten, hatte ich keine Ahnung, dass dies der Schlüssel zur wirksamsten, jemals entdeckten therapeutischen Substanz zur Bekämpfung bakterieller Infektionen im menschlichen Körper war.“

Methicillin

Bei aller Begeisterung über die gute antibakterielle Wirkung von Penicillin war man sich seit den 1950er-Jahren doch dessen bewusst, dass es Staphylokokken-Stämme gab, die gegen das Antibiotikum resistent waren. Deshalb achtete man vor allem in europäischen Kliniken darauf, dass infizierte Patienten durch strikte Hygiene und Isolierung nicht zum Infektionsherd für andere Patienten wurden.

Resistente Bakterien bilden ein Enzym (Penicillinase), das sie gegen das meist benutzte Penicillin G (Benzylpenicillin) unempfindlich macht. 1959 entwickelte die Firma Beecham erstmals ein Antibiotikum, das einen Betalactam-Ring besitzt, der schlechter durch Penicillinasen gespalten und inaktiviert werden kann. Das Mittel wurde Methicillin genannt. Somit hatte man nun ein Antibiotikum, das auch bei Penicillin-Resistenz eingesetzt werden konnte. In den 1960er-Jahren glaubten deshalb viele Mediziner (auch der Penicillin-Forscher Ernst Chain), das Ende für resistente Staphylokokken sei nun gekommen. Dies führte unter anderem dazu, dass man in den Kliniken Isolierstationen auflöste, die Antisepsis vernachlässigte und sich nicht mehr die Hände wusch – viele Klinikverwaltungen kürzten die Mittel für die Infektionskontrolle. Eine Fehleinschätzung, wie sich zeigen sollte. Bereits 1959 wurde der erste Staphylokokken-Stamm isoliert, der gegen Methicillin resistent war. Methicillinresistente Staphylokokken werden als MRSA bezeichnet (Methicillin-resistant Staphylococcus aureus). Da man davon ausgehen kann, dass solche Bakterienstämme auch gegenüber anderen Betalactam-Antibiotika sowie Antibiotika anderer Klassen resistent sind, kennzeichnet das Kürzel MRSA auch multiresistente Keime (Multidrug-resistant Staphylococcus aureus). Die letzte Hoffnung für MRSA-Infizierte sind dann sogenannte Reserveantibiotika wie Vancomycin oder Linezolid.


Anteil von MRSA-Isolaten (Methicillin-resistant Staphylococcus aureus) in den europäischen Teilnehmerstaaten 2013. Skandinavische Länder wie Norwegen, Finnland, Dänemark und Schweden schneiden besonders gut ab (unter fünf Prozent MRSA).

Grampositiv und gramnegativ

Der Eigenname Gram kennzeichnet eine Färbemethode, mit der Bakterien für die mikroskopische Untersuchung behandelt werden. Der dänische Bakteriologe Hans-Christian Gram (1853–1938) entwickelte dieses Verfahren zur Differenzierung von Bakterien. Entsprechend ihrer Zellwandstruktur können so zwei Gruppen von Bakterien unterschieden werden: grampositive und gramnegative Bakterien. Die Gramfärbung ist ein wichtiges Diagnoseinstrument für die Naturwissenschaft, Mikrobiologie und Infektiologie.


Schema der Zellwand von Bakterien: 1 grampositive Zellwand, 2 gramnegative Zellwand, 3 Mureinhülle (Peptidoglycan), 4 Plasmamembran, 5 Zytoplasma, 6 periplasmatischer Raum, 7 äußere Membran

Gramfärbung Nach Anfärbung der Bakterien mit einem basischen Farbstoff und durch Nachbehandlung mit Lugolscher Lösung wird ein Farbstoff-Iod-Komplex in den Bakterien gebildet. Dieser Farbkomplex ist nicht in Wasser, aber in Ethanol löslich. Aus gramnegativen Bakterien kann der Farbkomplex mit Ethanol entfernt werden. Dies funktioniert wegen der dickeren Zellwand nicht bei grampositiven Bakterien.

Grampositive Bakterien haben eine dicke, mehrschichtige Zellhülle (Mureinhülle), weshalb die Farblösung durch Alkohol nicht ausgewaschen wird. Da grampositive Bakterien nur eine einschichtige Zellwand haben, sind sie meist empfindlicher gegen Antibiotika, wehren sich aber mit sehr schnellen Efflux-Pumpen. Zu den grampositiven Bakterien gehören etwa Actino- und Streptomyces, Streptococcus, Enterococcus, Staphylococcus, Listeria, Bacillus, Clostridium und Lactobacillus.

Gramnegative Bakterien haben eine dünne einschichtige Mureinhülle mit einer zusätzlich aufgelagerten Lipidmembran, die durch Alkohol aufgelöst wird und zur Auswaschung der Farblösung führt. Zu den gramnegativen Bakterien gehören etwa Enterobakterien (Escherichia coli, Salmonella, Shigella, Klebsiella, Proteus, Enterobacter) sowie die Gattungen Pseudomonas, Legionella, Neisseria, Rickettsia und die Art Pasteurella multocida.

Methicillin wirkt nur gegen grampositive Keime (gramnegative Bakterien sind primär resistent) und wird nicht mehr therapeutisch eingesetzt. Stattdessen benutzt man Oxacillin, Dicloxacillin und Flucloxacillin, die injiziert und eingenommen werden können. Diese Antibiotika sind deutlich schwächer wirksam als Penicillin G und stimulieren zudem die Synthese von Betalactamasen (Penicillinasen), was die Mittel unwirksam machen kann.

Methicillin wird heute nur noch als Labormarker verwendet.

Das europäische Resistenz-Überwachungssystem (EARSS) beobachtet seit 1999 Resistenzentwicklungen in den Mitgliedsstaaten. Die gute Nachricht: Der Anteil der MRSA-Isolate ging im Durchschnitt von 45 Prozent (2004) auf knapp 25 Prozent (2013) zurück. Die schlechte Nachricht: Seit 2014 erhöht sich der Anteil wieder. Wir haben allen Grund zur Besorgnis.

Antibiotika-Ära

Nach Penicillin und Methicillin kam es in den 1970er- und 1980er-Jahren auf dem Gebiet der Antibiotika zu einer starken Forschungsaktivität. Heute sind etwa 8 000 antibiotische Substanzen bekannt. Davon werden nur 80 für therapeutische Zwecke eingesetzt. Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (2005) sind 2 775 Antibiotikapräparate zugelassen. Ihr Marktanteil beträgt 13 Prozent unseres gesamten Arzneimittelverbrauchs. Antibiotika gehören zu den weltweit am häufigsten verordneten Medikamenten. Eine wirklich neue Klasse von Antibiotika ist nach 1985 nicht mehr gefunden worden. Die Antibiotika-Forschung stagniert seit einigen Jahrzehnten. Grundsätzlich sind antibiotische Wirkungen (wie wir sie heute kennen) von der Natur abgeschaut. Bestimmte Substanzen, etwa im Schimmelpilz, blockieren die Vermehrung von Bakterien (sie wirken bakteriostatisch) oder töten Bakterien durch Zerstörung ihrer Zellwand ab (sie wirken bakterizid).

Auch das körpereigene Enzym Lysozym im Speichel kann Bakterien abtöten.

Als Arzneimittel werden Antibiotika entweder aus natürlichen Stoffen gewonnen oder komplett synthetisch produziert.

Je nach ihrem Wirkprinzip unterscheidet man verschiedene Gruppen von Antibiotika. Bislang wurden für Antibiotika jeder Gruppe Resistenzen beobachtet.

Gängige Antibiotika

Antibiotika sind hochwirksame Arzneimittel, die verantwortungsvoll und sachgerecht benutzt werden sollen. Sie entfalten starke, mitunter lebensrettende Heilwirkungen, haben aber auch Nebenwirkungen. Im Idealfall eliminieren Antibiotika schädliche Keime und schonen die körpereigene Bakterienflora. Antibiotika sollten nur nach ärztlicher Verordnung und genau nach Vorgabe benutzt werden.

In der Praxis mangelt es allerdings seit Langem an ärztlichem Verantwortungsbewusstsein, was die Verordnung von Antibiotika betrifft. Antibiotika werden nach wie vor nicht zielgerichtet und unnötigerweise viel zu häufig verordnet – wie man heute weiß, nicht selten zum Nachteil der Patienten.

Wie der Antibiotika-Report 2014 zeigt, stammen zwei Drittel der Antibiotika-Verordnungen von Hausärzten, davon waren fast 30 Prozent unnötig!

Betalactam-Antibiotika

β-Lactam-Antibiotika wirken bakterienabtötend (bakterizid). Die bekanntesten Substanzen dieser Gruppe sind Penicilline und Cephalosporine. Solche Antibiotika töten Bakterien ab, die sich gerade vermehren. Die Wirkstoffe stören die Bildung neuer Zellwände der Bakterien. Inaktive Keime überleben das Antibiotikum unbeschadet. Somit kann es auch zu Therapieversagen bei manchen Patienten kommen.

► Penicilline haben ein breites Wirkspektrum gegen zahlreiche Keime. Sie kommen bei HNO- und Atemwegsinfektionen zum Einsatz. Penicilline sind gut verträglich, können aber allergische Reaktionen bis hin zum Schock verursachen.

Antibiogramm

Das Antibiogramm ist ein Labortest, mit dem die Empfindlichkeit oder Resistenz von infektiösen Mikroorganismen gegenüber Antibiotika bestimmt wird. Ein Antibiogramm wird vor jeder Verordnung von Antibiotika empfohlen – aber in der Praxis nicht allzu oft gemacht.


Antibiogramm eines Gaumenmandelabstrichs (vom Hund): Nur zwei Antibiotika zeigen eine Hemmwirkung (auf 12- und 14-Uhr-Position – intermediäre Empfindlichkeit).

Beim Agardiffusionstest wird auf ein Nährgel der isolierte Keim nach einem Screeningtest aufgetragen und mit anti-biotikahaltigen Plättchen bestückt. Nach einer Bebrütungszeit von meist 16 bis 20 Stunden werden die Radien der Hemmhöfe ausgemessen; an diesen ist das Ausmaß der Empfindlichkeit oder die Resistenz des Mikroorganismus zu erkennen.

► Cephalosporine werden bei Infektionen der Atemwege, Nieren und Harnwege sowie bei Wundinfektionen verordnet. Sie sind gleichfalls relativ gut verträglich und eignen sich als Alternative bei Penicillin-Allergie. Selten kommt es zu Nierenschäden oder bei Älteren zu Blutgerinnungsstörungen.

► Carbapeneme haben ein breites antimikrobielles Wirkspektrum. Sie gelten als Reserveantibiotikum – dennoch werden zunehmend Resistenzen beobachtet. Carbapeneme sind stark nierenschädlich. Sie werden bevorzugt bei Infektionen, die Patienten in Kliniken erworben haben, eingesetzt: Harnwegsinfekte, Kathetersepsis, Lungenentzündungen, Peritonitis u.a.

Zur Gruppe der Betalactam-Antibiotika gehören beispielsweise Amoxicillin, Oxacillin, Cefamandol, Cefotaxim, Imipenem, Ertapenem. In bestimmten Fällen kombiniert man Betalactam-Antibiotika mit Betalactamase-Hemmern, beispielsweise Amoxicillin plus Clavulansäure.

Aminoglycosid-Antibiotika

Antibiotika dieser Gruppe wirken bakterienabtötend. Sie stören die Eiweißproduktion im Bakterium durch Anlagerung an 30S-Ribosomen. Dadurch werden nutzlose Proteine produziert, was zum defekten Zellwandaufbau führt. Die Antibiotika sind hochwirksam gegen zahlreiche infektiöse, vor allem von Sauerstoff abhängige Erreger, gramnegative Enterobakterien, grampositive Staphylokokken sowie Pseudomonas aeruginosa – aber nicht gegen Streptokokken und einige anaerobe Keime. Anwendungsgebiete sind schwere Infektionen (Hirnhaut-, Lungen-, Herzentzündung, bei zystischer Fibrose). Aminoglycoside werden systemisch injiziert/infundiert. Es kommt häufig zur Resistenzentwicklung.

Diese Antibiotika müssen sorgfältig dosiert werden und kommen meist auf der Intensivstation zum Einsatz.

Sie wirken hochdosiert langfristig giftig auf die Nieren und das Innenohr und haben weitere Nebenwirkungen (Atemlähmung, Allergie, Blutbildungsstörung). Zu den systemischen Aminoglycosiden gehören Streptomycin, Gentamicin und Tobramycin. Manche Mittel (Neomycin, Kanamycin) werden ausschließlich zur Behandlung lokaler Infektionen auf der Haut, Schleimhaut oder am Auge benutzt.

Breitbandantibiotika (Polyketide)

► Tetracycline stören wie Aminoglycoside die Eiweißproduktion im Bakterium durch Anlagerung an 30S-Ribosomen. Sie wirken bakterienhemmend (bakteriostatisch) auf grampositive und gramnegative Bakterien sowie Mikroorganismen ohne Zellwand (Mykoplasmen, Chlamydien, Spirochäten, Borrelien). Das ursprünglich breite Wirkspektrum hat sich durch Resistenzentwicklung stark verengt. Insbesondere in Krankenhäusern sind Proteus-, Enterobacter-Arten sowie Pseudomonas weitgehend unempfindlich geworden. Typische Nebenwirkungen sind Übelkeit, Durchfall, Juckreiz und Schwindel. Tetracycline schädigen die natürliche Darm- und Vaginalflora und stören den Knochenstoffwechsel (Karies, Knochenbrüchigkeit). Bei Schwangeren, Stillenden und Kleinkindern werden Tetracycline nur streng kontrolliert angewendet. Darüber hinaus gibt es möglicherweise eine Giftwirkung auf das Innenohr (Tinnitus). Bekannte Antibiotika dieses Typs sind Doxycyclin und Minocyclin.

► Makrolid-Antibiotika wirken bakterienhemmend (bakteriostatisch) durch Störung der Eiweißproduktion (an der 50S-Ribosomenuntereinheit). Bislang erwies sich nur Telithromycin als bakterizid. Makrolide sind relativ gut verträglich, verursachen leichte Verdauungsbeschwerden oder vorübergehende Hörstörungen. Zudem gibt es Interaktionen mit anderen Arzneistoffen, die in der Leber verstoffwechselt werden. Auch bei Makroliden ist rasche Resistenzentwicklung zu beobachten.

Makrolide eignen sich zur Behandlung von Atemwegsinfektionen, Geschlechtskrankheiten (Gonorrhoe, Chlamydien) und Hautinfektionen durch Staphylokokken sowie bei Toxoplasmose. Erythromycin, Roxithromycin, Clarithromycin und Azithromycin sind Makrolid-Antibiotika.

Lincosamid-Antibiotika

Solche Antibiotika (Acylaminopyranoside) wirken bakterienhemmend. Aufgrund des ähnlichen Wirkprinzips kommt es wie bei Makroliden zu Resistenzen (Kreuzresistenz). Lincosamide schädigen die natürliche Darmflora stärker als andere Antibiotika. Nebenwirkungen sind schwere Entzündungen der Dickdarmschleimhaut mit blutigen Durchfällen. Zu dieser Stoffgruppe, die zu den Reserveantibiotika zählt, gehören Lincomycin und Clindamycin.

Polypeptid-Antibiotika

Solche Antibiotika wirken in der Zellmembran von Bakterien. Sie stören Transportmechanismen, wobei schädliche Stoffe nicht mehr eliminiert werden können. Polymyxine (z.B. Colistin) wirken extern angewendet bakterizid, da die Durchlässigkeit der Bakterienwand beeinträchtigt wird. Diese Antibiotika dürfen nicht eingenommen, sondern nur bei äußerlichen Infektionen eingesetzt werden (Lokalantibiotika), da sie im Körper hoch toxisch sind. Sie sind nur gegen wenige Bakterienarten bei Infektionen der Haut und Schleimhäute wirksam.

Zu den Polypeptid-Antibiotika gehören Bacitracin, Gramicidin und Tyrothricin.

Glycopeptid-Antibiotika

Glycopeptide wirken keimtötend, ausschließlich auf grampositive Bakterien. Sie hemmen bei der Vermehrung von Bakterien den Zellwandaufbau durch Erhöhung der Membrandurchlässigkeit. Perforationen („Löcher“) entstehen, und es dringt so viel Wasser in die Bakterienzelle ein, dass sie platzt. Solche Antibiotika sind Vancomycin und Teicoplanin (Reserveantibiotika).

Chinolon-Antibiotika

Antibiotika dieser Gruppe werden ausschließlich synthetisch hergestellt und aufgrund ihres Wirkprinzips auch als Gyrasehemmer bezeichnet. Sie wirken dadurch bakterizid, dass sie sich in der Bakterienzelle an das Enzym Gyrase, somit an die Erbsubstanz binden (DNA-Gyrase). Gyrasehemmer wie Ciprofloxacin und Norfloxacin inaktivieren dieses Enzym, sodass die Proteinsynthese des Bakteriums unterbunden wird. Man benutzt sie häufig bei Nieren- und Harnwegsinfektionen. Zahlreiche Nebenwirkungen sind bekannt: Durchfall, Erbrechen, Schwindel, Depression, Psychosen, Krämpfe, Herzrhythmusstörungen, Absenkung des Blutzuckerspiegels. Schwangere und Kleinkinder dürfen Chinolone wegen möglicher Knochen-Knorpel-Schädigung in der Regel nicht einnehmen.

Pleuromutiline

Antibiotika dieser Gruppe hemmen wie Makrolid-Antibiotika die bakterielle Proteinsynthese via Bindung an ein Enzym der ribosomalen 50S-Untereinheit. Pleuromutilin wurde erstmals 1950 in einem Pilz der Clitopilus-Spezies entdeckt. Raptamulin wird beim betroffenen Menschen als Lokalantibiotikum eingesetzt. Valnemulin und Tiamulin finden bei Tieren Anwendung. Noch im Erprobungsstadium befinden sich Azamulin und BC-3781. Seit 2013 sind auch Resistenzen gegen Pleuromutiline beobachtet worden.

Sulfonamide

Sie werden auch als Folsäure-Antagonisten bezeichnet und gehören zu den Antibiotika der ersten Stunde. Sulfonamide beeinträchtigen die Produktion von Nukleinsäuren im Bakterium durch Störung des Folsäurezyklus und wirken bakteriostatisch. Sie sind gegen Streptokokken, Pneumokokken und Chlamydien wirksam. Aufgrund weitverbreiteter Resistenz werden Sulfonamide heute weniger häufig verwendet, hauptsächlich bei Harnwegs-, Atemwegs- und HNO-Infektionen. Nebenwirkungen sind Blutbildveränderungen, allergische Hautreaktionen, Verdauungsbeschwerden, erhöhte Lichtempfindlichkeit und Gelenkprobleme. Zu den Hauptvertretern dieser Gruppe zählen Trimethoprim und Sulfamethoxazol.

Deutschlandweit und kassenübergreifend wird pro Jahr rund 40 Millionen Mal ein Antibiotikum verordnet, überwiegend durch Hausärzte. Platz vier der Medikamenten-Top-Ten! 2013 waren schätzungsweise 30 Prozent der rezeptierten Antibiotika potenziell unnötig.

Chloramphenicol

Das Breitbandantibiotikum wurde 1947 erstmals aus grampositiven, aeroben, Sporen bildenden Bodenbakterien (Actinobakterien) gewonnen. Heute wird es synthetisch hergestellt. Es wirkt bakteriostatisch als Translationshemmer: Bindung an die 50S-Untereinheit und 70S-Ribosomen behindert die Eiweißproduktion im Bakterium. Indikationen sind schwere Infektionskrankheiten wie Typhus, Paratyphus, Pest, Fleckfieber, Ruhr, Diphtherie und Malaria. Die Substanz kann lebensbedrohliche Komplikationen verursachen (aplastische Anämie), wirkt giftig auf das Nervensystem, verursacht allergische Reaktionen und Interaktionen mit anderen Arzneimitteln. Das Mittel gilt als Reserveantibiotikum für spezielle Fälle. Obwohl von der lokalen Anwendung abgeraten wird, findet sich der Stoff in Europa noch immer in vielen Mitteln, besonders in Augen-, Ohrentropfen, Augensalben und Hautarzneien!

Reserveantibiotika

Dieser Begriff kennzeichnet Antibiotika, die nur nach strenger Indikation benutzt werden dürfen: antibiotics of last resort, drugs of last resort. Diese Vorgabe soll verhindern, dass sich gegen die wenigen verbliebenen wirksamen Antibiotika Resistenzen entwickeln. Motto: Je gezielter ein Antibiotikum eingesetzt wird, desto besser lassen sich Resistenzen vermeiden. Der gezielte Einsatz erfordert, dass man vor der Verordnung des Antibiotikums ein Antibiogramm anfertigt, um die Empfindlichkeit der Keime für bestimmte Antibiotika zu ermitteln. Reserveantibiotika sind heute insbesondere zur Behandlung von Infektionen durch multiresistente Keime (MRSA) von großer Bedeutung. In der Praxis werden diese Vorgaben oft ignoriert: Jedes dritte in Deutschland verordnete Antibiotikum war ein solches Reserveantibiotikum (AOK-Studie 2003)!

Auch in der Massentierhaltung werden zunehmend Reserveantibiotika (z.B. Colistin) eingesetzt (2013). Die Resistenz entwicklung gegen Reserveantibiotika ist hochgradig beunruhigend.

Zu den Reserveantibiotika zählen etwa Carbapeneme (Imipenem, Meropenem und Ertapenem), Lincosamide (Lincomycin und Clindamycin), Glycopeptide (Oritavancin, Vancomycin und Teicoplanin), Polymyxine (Colistin), Streptogramine (Quinupristin und Dalfopristin), Oxazolidinone (Linezolid) sowie Chloramphenicol, Daptomycin und Tigecyclin (grampositive/-negative, atypische, multiresistente Keime).

Regeneration nach Antibiotikatherapie

Der Darm ist in zweierlei Hinsicht lebensnotwendig. Er ist ein wichtiges Verdauungsorgan und er ist ein wichtiger Bestandteil des Immunsystems. Damit beides störungsfrei funktioniert, sind wir auf die Kooperation von unzähligen Bakterien angewiesen, die auf der gesunden Darmschleimhaut, vor allem im Dickdarm als „Untermieter“ leben (Darmflora/-fauna). Sie helfen bei der Verdauung und bei der Abwehr krank machender Keime, die über die Nahrungsaufnahme in den Körper gelangen. Normalerweise sind die Anteile der verschiedenen Bakterien optimal ausgewogen, angepasst und im Gleichgewicht. Die prozentuale Verteilung von nützlichen, schädlichen und neutralen Bakterien beträgt etwa 20% : 30% : 50%. Durch Einnahme von Antibiotika können auch die nützlichen Bakterien der Darmflora angegriffen und vernichtet werden. Die Balance des Keimspektrums der gesamten Darmflora wird dadurch gestört; es kommt sehr häufig zu Verdauungsproblemen und Störungen der Immunabwehr.

Darmsanierung

Die Darmsanierung nach Antibiotikagabe umfasst möglicherweise die Ausleitung von Giften, die Wiederherstellung der Balance der Darmflora, Anwendung von Präbiotika, Probiotika und Bitterstoffen und eine allgemeine Abwehrstärkung. In jedem Fall sollten Sie während der gesamten Regenerationsphase reichlich Wasser trinken, um die Ausschwemmung von Giftstoffen zu verbessern.

Ausleitung von Giftstoffen

Nach einer Antibiotikaanwendung müssen Rückstände der Arzneimittel und andere belastende Giftstoffe (z.B. Zerfallsprodukte der Erreger) aus dem Körper entfernt werden. Hierbei können ausleitende Organe wie die Nieren, die Leber und die Haut mithelfen.

► Pflanzen, die Senfölglykoside enthalten, binden Giftstoffe: zum Beispiel Brunnenkresse, Knoblauch oder Bärlauch.

► Löwenzahn, Mariendistel, Wermut und Artischocke unterstützen die Leberfunktion.

► Schweißproduktion fördert die Ausscheidung von Giften über die Haut: Holunder-, Lindenblüten oder Klettenwurzel wirken schweißtreibend.

► Birkenblätter, Goldrute oder Zinnkraut wirken harntreibend über die Nieren.

Eine Teemischung mit je einem Kraut der genannten Kategorie (maximal vier Kräuter parallel, insgesamt 200 Gramm) sollte dreimal täglich, frisch aufgebrüht, getrunken werden (1 Tasse); dies fördert die Ausleitung. Nach vier Wochen können Sie die Teekur mit vier anderen Pflanzen wiederholen. Diese Kuren wären vor allem dann notwendig, wenn hartnäckige Verdauungsstörungen, eine ausgeprägte Infektanfälligkeit und eine starke Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens vorliegen.

Die Balance der Darmflora wieder herstellen

Es kann Wochen dauern, bis die Balance der Darmflora nach antibiotischer Behandlung regeneriert ist. Mit einer Ernährung, die reich an Nähr- und Ballaststoffen ist, wird der Genesungsprozess der Darmflora wirksam unterstützt. Empfehlenswert sind vor allem reichlich frisches Obst und Gemüse (roh oder leicht gedünstet), frische Kräuter, Vollkorngetreideprodukte, Nüsse und Samen und Pflanzenöle. Gleichfalls empfehlenswert sind Biomilch, Frischkäse, Butter-, Dickmilch, Naturjoghurt, Magerquark, frischer Fisch, Hülsenfrüchte und Sojaprodukte.

Präbiotika und Probiotika

Zur Unterstützung der Regeneration der Darmflora sind Präbiotika wie Inulin, das in Artischocken, Chicorée, Topinambur, Löwenzahn-, Schwarzwurzeln und Pastinaken enthalten ist, sehr hilfreich. Inulin, ein stärkeartiges Polysaccharid, kann von körpereigenen Darmbakterien gut verstoffwechselt werden.

Probiotika sind spezielle Zubereitungen, auch aus Bakterien, die die Darmfunktion günstig beeinflussen. Hierzu gehören Bifidobakterien und Milchsäurebakterien (Lactobazillen). Sie sind vor allem in sauren Milchprodukten wie Joghurt oder Kefir enthalten. Probiotika zur Nahrungsergänzung gibt es auch in der Apotheke.

Stärkung der Immunfunktion

Ein gesunder Lebensstil hilft nicht nur bei der Darmsanierung, sondern beschleunigt auch die Genesung im Krankheitsfall. Bewegen Sie sich viel an der frischen Luft, genießen Sie Sonne, Wind und Regen. Körperliche Bewegung wie Lauftraining oder Fahrradfahren verbessert Ihre Fitness und ihre Abwehrkräfte. Heizen Sie Ihre Wohnung im Winter nicht zu stark. Ziehen Sie Pullover und warme Hausschuhe an. Wechselwarme Duschen stärken Ihre Abwehrkräfte. Sorgen Sie für erholsamen Schlaf, der die Regeneration des gesamten Körpers unterstützt. Gesunde, ausgewogene Ernährung mit reichlich frischem Obst und Gemüse trägt gleichfalls zur Stärkung der Immunfunktion bei.

Achten Sie auf Ihren Vitamin-D3-Spiegel im Blut! Vor allem im Winterhalbjahr ist Vitamin-D-Mangel vorprogrammiert. Ohne Sonne auf ungeschützter Haut wird kein Vitamin D produziert. Wenn Sie mit Vitamin D unterversorgt sind, ist auch Ihr Immunsystem nicht mehr optimal leistungsfähig. Die zusätzliche Einnahme von Vitamin D3 (Tropfen/ Tabletten) ist im Winterhalbjahr (Oktober bis Anfang Mai) empfehlenswert. Falls Sie Ihren Vitamin-D-Status nicht kennen, lassen Sie den Laborwert 25(OH)D bestimmen. Dessen Konzentration im Blut sollte bei 40 bis 60 ng/ ml liegen. Weitere Informationen über Vitamin D finden Sie auf den Seiten 83 bis 87 in diesem Buch.

Immunstärkende Heilkräuter sind beispielsweise Sonnenhut (Echinacea), Thymian, Kamille oder Ringelblume.

Sie können, als Tee eingenommen, die Leistungsfähigkeit des Immunsystems wirksam unterstützen.

Bitterstoffe

Bitterstoffe in Pflanzen gehören zu den besten Wirkstoffen, die die Verdauung und die Immunfunktion stärken. Sie fördern die Ausschüttung von Gallensaft, was die Verdauung von Eiweiß, Kohlenhydraten und Fett unterstützt. Sie helfen bei der Aufnahme fettlöslicher Vitamine und stabilisieren das Säure-Basen-Gleichgewicht. Lernen Sie, Bitterstoffe in Nahrungsmitteln als wichtige und gesunde Vitalstoffe schätzen! Sie sind in Artischocken, Rucola, Radicchio, Endivien, Rosenkohl, Chicorée, Löwenzahn sowie in der weißen Substanz von Grapefruit, Orangen oder Granatäpfeln enthalten.


MIKROBEN IM WIDERSTAND

Widerstand, Aufruhr, Resistance, Resistenz! In der öffentlichen Wahrnehmung werden solche Attribute dem Reich des Bösen zugeordnet. Allem, was dem vermeintlichen Konsens widerspricht, wird reflexhaft der Krieg erklärt. Die Folge sind blindwütige Vernichtungsfeldzüge, bei denen es nur Verlierer gibt. Dies beobachten wir tagtäglich in der Gesellschaft und in der Politik – aber eben auch in der Medizin und der Wissenschaft. Das ist äußerst unklug und bedauerlich, zudem leider auch lebensgefährlich.

Biologische Resistenz ist weder gut noch böse. Sie ist Bestandteil der Evolution des irdischen Lebens. Wie wäre sonst die Existenz von Mikroorganismen und Pflanzen zu erklären, die seit Jahrmillionen die Erde bevölkern? Jede heute existierende Lebensform ist naturgemäß intelligent und unvorstellbar anpassungsfähig. Und Bakterien sind die älteste Lebensform auf diesem Planeten. Sie hatten drei Milliarden Jahre Zeit zu lernen, auf existenzielle Bedrohungen angemessen zu reagieren und Strategien gegen jede denkbare Form lebensfeindlicher Attacken zu entwickeln. Die Welt ist permanent von Tausenden, wenn nicht gar Millionen antibakteriellen Substanzen überflutet, die von anderen Bakterien, von Pflanzen und Pilzen stammen.

Die meisten bekannten Antibiotika wurden aus Pilzen entwickelt. Dadurch verschärft sich das Problem von Antibiotikaresistenzen. Bakterien finden Wege, wie sie solche Pilzantibiotika bekämpfen können. Die Erfahrung des Menschen mit modernen Antibiotika ist keine 100 Jahre alt!

Es ist nur eine Frage der Zeit (Monate bis Jahre), bis Mikroorganismen gegen Antibiotika resistent werden. Bei Penicillin kam es bereits vier Jahre vor der Marktzulassung zur bakteriellen Resistenz (CDC).

Es gab niemals auch nur die geringste Chance für den Menschen, den „Krieg gegen Keime“ zu gewinnen. Der Mensch hätte höchstens die Möglichkeit gehabt, den einen oder anderen „Etappensieg“ zu erringen – wenn er seine Antibiotika nicht massenhaft, unvernünftig und kritiklos eingesetzt, wenn er nicht seine Umwelt mit unvorstellbaren Mengen an Antibiotikarückständen belastet hätte. Bakterien haben darauf mit beschleunigter Resistenzentwicklung reagiert. Mikroorganismen wollen überleben – so wie wir selbst. Bakterien sind um ein Vielfaches anpassungsfähiger als wir es jemals sein werden.

Die Menschheit wäre – besonders in der momentanen Situation – gut beraten, ihre Einstellung gegenüber Mikroorganismen zu verändern. Bakterien sollten kein Feindbild sein, sondern als nützliche Partner betrachtet werden – was sie tatsächlich auch für den menschlichen Organismus schon immer sind. Bakterien mögen verständlicherweise als Problem erscheinen, was Antibiotikaresistenz betrifft. Mikroorganismen sind aber vor allem ein Teil der Problem-Lösung: Bakterien, Pilze und Pflanzen enthalten ein Wirkpotenzial, das den Menschen bei der Abwehr von Infektionen mit multiresistenten Keimen effektiv unterstützt.

Antibiotikaresistenz

Resistenz gegen antibiotische Stoffe ist weder ein neues noch ein außergewöhnliches biologisches Phänomen. Resistenz gehört zu den evolutionären Anpassungsprozessen, die Organismen entwickeln, um ihre Überlebenschancen zu verbessern. Resistenz bedeutet, dass Mikroorganismen die Wirkung von antibiotisch aktiven Stoffen abschwächen oder unwirksam machen. Resistenz ist vermutlich ein uraltes zentrales Überlebensprinzip. Man hat Antibiotikaresistenzen bei vier Millionen Jahre alten Bakterien nachgewiesen.

Aus der Forschung gibt es Hinweise, dass die berüchtigten MRSA nicht erst nach der Entwicklung von Methicillin auftraten, sondern schon lange Zeit vorher existierten. Mikrobiologen fanden kürzlich multiresistente Keime („Superbugs“) im Stuhl von Howler-Affen im mexikanischen Urwald, die mit größter Wahrscheinlichkeit niemals Kontakt zu Menschen hatten. Dies überrascht eigentlich nicht, da Antibiotika ja von Bakterien und Pilzen stammen, die allgegenwärtig sind. Befasst man sich mit Resistenzmechanismen von Bakterien, kommt man sich ein wenig so vor wie in einer „Hackerwerkstatt“. Sobald ein Bakterium mit einem antibiotischen Stoff in Berührung kommt, beginnt es mit der Suche nach Gegenmitteln. Für die Resistenzentwicklung werden ein wenig Zeit und mehrere Bakteriengenerationen benötigt. Allerdings leben Bakterien im Zeitraffertempo: Bei zahlreichen Arten entsteht alle 20 Minuten eine neue Generation – das ist 500 000-mal schneller als der menschliche Reproduktionszyklus! Dies ist einer der Gründe, warum es bei jedem neu entwickelten Antibiotikum relativ rasch zu Resistenzen kommt.

Und Bakterien sind sehr erfindungsreich, was die Antworten auf bedrohliche antibiotische Substanzen betrifft. Beispielsweise sind Streptomyceten, bodenbewohnende Bakterien, sowohl resistent gegen viele Umweltgifte als auch gegen alle bekannten Antibiotikawirkstoffe. Zudem produzieren sie eigene Antibiotika, gegen die sie selbst resistent sind.

Resistenzmechanismen

Bakterien sind sehr kreativ, wenn ihr Überleben bedroht ist. Sie profitieren zudem vom Fundus der Abwehrstrategien, die sie im Lauf von Millionen Jahren entwickelt haben. Bakterien, Pilze und Pflanzen befanden und befinden sich im ständigen existenziellen Konkurrenzkampf. Im Vergleich zu Mikroorganismen sind Pflanzen komplex strukturierte Lebewesen, die Hunderte, wenn nicht Tausende Inhaltsstoffe besitzen. Demnach kann es für bakterielle Angreifer schwierig sein, die Pflanze zu infizieren. Anders sieht es bei Antibiotika aus, die vom Menschen entwickelt wurden. Sie benutzen nur einige wenige Mechanismen, die für clevere Bakterien relativ leicht zu „knacken“ sind.

Türen schließen!

Antibiotika müssen in Bakterienzellen eindringen können, um das Bakterium zu vernichten. Die Zellmembran muss aber auch für Nährstoffe durchlässig sein, damit der Mikroorganismus leben kann. Manche Antibiotika „hängen“ sich an Nährstoffe, um in die Zelle zu gelangen. Das Bakterium reagiert dann so, dass es die Struktur der „Türen“ in der Zellwand verändert. Für Antibiotika ist es dann schwierig bis unmöglich, in die Zelle zu gelangen, was die Wirksamkeit beeinträchtigt.

Resistenz-Glossar

ESBL Extended-Spektrum-Betalactamasen. Solche Keime produzieren Enzyme, die Betalactam-haltige Antibiotika unwirksam machen.

LA-MRSA Livestock-associated (Nutztier-assoziierter) Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus. Solche Keime werden bei praktisch allen Nutztierarten gefunden, können aber auch Menschen besiedeln, vor allem diejenigen, die in Mastbetrieben arbeiten.

MDR-TB Multidrug-resistant Tuberculosis. Solche Keime sind gegen mehrere Antibiotika resistent, die bei Tuberkulose eingesetzt werden.

MRE Multiresistente Erreger

MRGN Multiresistente gramnegative Erreger

MRSA Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus. Solche Keime sind seit den 1960er-Jahren bekannt. Sie sind gegen alle Betalactam-Antibiotika resistent. Dies betrifft hauptsächlich Penicilline. Methicillin wird nur noch zu Testzwecken eingesetzt.

MRSA Multiresistenter Staphylococcus aureus. Solche Keime sind nicht nur gegen Methicillin, sondern auch gegen zahlreiche weitere Antibiotika resistent.

NDM-1 Bakterien mit dem NDM-1-Gen (New Delhi metallo-β-lactamase 1) sollen gegen alle bekannten Antibiotika, mit Ausnahme von Tigecyclin und Colistin, resistent sein (The Lancet 2010).

ORSA Oxacillin-resistenter Staphylococcus aureus. Solche Keime sind gegen Penicillinase-stabile Antibiotika resistent (Cloxacillin, Dicloxacillin).

VISA Vancomycin-intermediate Staphylococcus aureus. Solche Keime sind gegen Glycopeptid-Antibiotika resistent.

VRE Vancomycin-resistente Enterokokken. Solche Keime sind gegen das wichtige Reserveantibiotikum Vancomycin resistent.

VRSA Vancomycin-resistenter Staphylococcus aureus. Solche Keime sind gegen Glycopeptid-Antibiotika resistent.

Adresse verändern!

Bakterien können ihre innere Struktur so anpassen und verändern, dass die beabsichtigte Zielstruktur von Antibiotika nicht gefunden wird. Die Strukturadresse wurde geändert und ist dann nicht mehr erreichbar. Zahlreiche klinisch bedeutsame Bakterien benutzen diese sogenannte Zielmodifikation. Das Antibiotikum dringt zwar in die Zelle ein, bewirkt aber rein gar nichts.

Enzyme mobilisieren!

Bakterien können antibiotische Stoffe abbauen oder zerstören – sogar dann, wenn sie bereits in die Zelle eingedrungen sind. Dies gelingt durch Antibiotika-spezifische Inaktivierung oder die Mobilisierung von Enzymen, die das Antibiotikum „zerlegen“. Häufig sind es Enzyme wie Extended-Spektrum-Betalactamasen (ESBL), die bevorzugt Betalactam-Antibiotika unwirksam machen. Die neueste Erfindung auf diesem Gebiet ist NDM-1. Eine Betalactamase, die Bakterien gegen fast alle Antibiotika resistent macht. Beunruhigend ist, dass Informationen zum NDM-1-Gen via Plasmidcontainer einem großen Spektrum von Bakterien zugänglich sind. „Es scheint sich schnell zu verbreiten, besorgniserregend!“, kommentiert ein Mikrobiologe der Universität Cardiff.

Entsorgung beschleunigen!

Bakterien können Antibiotika, die in die Zelle gelangt sind, umgehend entfernen. Dafür sorgen sogenannte Efflux-Pumpen. Diese Pumpen sind auf die Entfernung einer ganz bestimmten antibiotischen Substanz eingestellt. Alle Bakterien verfügen über Efflux-Pumpen unterschiedlicher Art. Manche Pumpen sind nur für die Entfernung einer einzigen Substanz kodiert, andere können mehrere (ganz verschiedene) Substanzen auf einmal entfernen (Multidrug-Efflux-Pumpen). Wie sie das machen, wissen wir bislang nicht.

Solche Pumpen erkennen positiv oder negativ geladene sowie neutrale Moleküle, hydrophobe, hydrophile Substanzen (z.B. Aminoglycosid-Antibiotika), organische Lösungsmittel und Lipide. Fünf solcher Efflux-Pumpen, die Bakterien im Lauf von Millionen Jahren entwickelt haben, sind bekannt (MFS, ABC, SMR, RND, MATE). Die meisten grampositiven Bakterien benutzen MFS-Pumpen (Major Facilitator Superfamily), grampositive Bakterien RND-Pumpen (Resistance-Nodulation-Cell-Division). Solche Pumpen schützen die Bakterien auch vor der Verdauung durch Gallensalze oder Magensäure.

Anpassung!

Gelegentlich lernen Bakterien auch, wie sie in einer antimikrobiellen Umgebung leben und sich vermehren können. In vielen Kliniken haben sich Bakterien an ein Leben unter den antiseptischen Bedingungen von Reinigungsmitteln angepasst. Manche Bakterien ernähren sich sogar von Antibiotika!

Code verschicken!

Hat ein Bakterium einmal einen Resistenzmechanismus gegen Antibiotika entdeckt, wird dieses Wissen anderen Bakterien extrem schnell mitgeteilt. Unter Antibiotikadruck interagieren und kommunizieren Bakterien mit anderen Mikroorganismen, über die Grenzen der Bakterien-Spezies hinweg. Das taten sie schon immer, nicht erst seit es Antibiotika gibt.

Bakterien gehen sehr kreativ und experimentierfreudig mit Resistenz-Informationen um – und der Code ist open source oder shareware für alle anderen Mikroorganismen. Resistenz-Informationen werden direkt aus der Zelle abgegeben. Bakterien kombinieren Informationen aus unterschiedlichen Quellen. Und sogar im inaktiven oder absterbenden Stadium geben sie Resistenz-Informationen weiter. Ist der Resistenzcode einmal in die BakterienDNA eingebaut, wird er für immer und ewig an die nachfolgenden Generationen vererbt. Wir wissen heute, dass die wachsende Antibiotikaresistenz in den letzten 50 Jahren direkt durch die ansteigende Produktion und Nutzung von Antibiotika verursacht wurde. Resistenz wird uns genetisch fixiert erhalten bleiben.

► Encodierung von Plasmiden: Bakterien codieren verschiedene Arten von Plasmiden, das sind Chromosomen-unabhängige DNA-Abschnitte. Jeder Abschnitt enthält Resistenz-Informationen, die an andere Bakterien weitergereicht werden. Plasmide sind hypermobile Genabschnitte, die in der Bakterienwelt weit verbreitet werden. Beispielsweise wurden hochwirksame Aminoglycosid-Antibiotika aus Actinomyceten hergestellt.

Diese Bakterien produzieren selbst Aminoglycoside, um gefährliche Mikroorganismen zu töten. Um sich nicht selbst zu töten, entwickelten Actinomyceten zusätzlich einen Code zur Deaktivierung von Aminoglycosiden, der in Plasmiden gespeichert ist. Dieser Plasmid-Code ist eine Ursache der weltweiten Aminoglycosid-Resistenz. Kritiklose Verordnung solcher Antibiotika durch die Ärzteschaft mobilisiert Plasmidwolken mit Resistenz-Informationen im gesamten Reich der Bakterien!

► Transposons und Integrons: Bakterien benutzen spezifische bewegliche DNA-Segmente (Transposon), die normaler Bestandteil ihres Genoms sind. Solche „springenden Gene“ können zwischen Chromosomen und Plasmid ausgetauscht werden. Sie lassen sich leicht in bestehende DNA-Strukturen einbauen. 1st das der Fall, verändern sich die Funktion und Form der Bakterien. Antibiotika sind dann unwirksam. Mit Transposons wird ein Großteil der Resistenz-lnformation in das bakterieneigene Genom eingebaut. Transposons werden auch in freier Form in die Umwelt entlassen und dort von anderen Bakterien übernommen. Integrons sind DNA-Sequenzen, die an bestimmten Stellen in die Genom-Struktur eingebaut werden. Integrons vermitteln Resistenz- und Virulenz-Informationen.

► Virus-Transporter: Bakterien benutzen Viren oder Bakteriophagen, um Resistenz-Informationen zwischen unterschiedlichen Bakterienarten auszutauschen. Bakteriophagen kopieren Abschnitte von Chromosomen, die Resistenz-Informationen enthalten, und reichen sie an Bakterien weiter. Die Viren enthalten somit eine Art „Fortbildungskonzept“ in Sachen Resistenz für andere Bakterien.

Multiresistenz

Multiresistenz von infektiösen Keimen ist eines der bedrohlichsten Phänomene, mit denen es die moderne Medizin heute zu tun hat. Selbst gegen die bislang wirksamsten Reserveantibiotika (z.B. Carbapenem, Daptomycin, Vancomycin) werden Resistenzen beobachtet. Je stärker das Überleben von Bakterien durch Antibiotika gefährdet ist, desto schneller und effizienter bilden sich Resistenzen und multiresistente Erreger (MRE). MRSA-Bakterien sind bereits heute ein kaum mehr beherrschbares Problem für die Medizin.

Ursachen für Multiresistenz sind der übertriebene und unnötige („präventive“) Einsatz von Antibiotika, profitgesteuerte massenhafte Antibiotika-Anwendung in der Nutztierhaltung und Anwendung von hochpotenten Antibiotika ohne Nachweis einer bakteriellen Infektion (kein Antibiogramm!). Hinzu kommt die unangemessene Einnahme von Antibiotika (unterdosiert, zu kurz) durch Patienten. Solche Unzulänglichkeiten fördern die Resistenzentwicklung.

Ist die Multiresistenz einmal im genetischen Code des Bakteriums verankert, bleibt sie für alle Zeiten erhalten. Zu den multiresistenten Spezies gehören NDM-i-Stämme, MRSA, Vancomycin-resistente Keime (VISA, VRSA) und ESBL-Erreger. Hinzu kommen mehrfach resistente grampositive Bakterien (Tuberkulose, Enterokokken, Pneumokokken), gramnegative Bakterien (Pseudomonas, Campylobacter, Salmonellen, Escherichia coli). Einzellige Parasiten, die Malaria verursachen (Plasmodium) kommen gleichfalls mehrfachresistent vor.

Antibiotikaflutung

Bleiben wir in Deutschland. Der Status quo der Antibiotika-Verordnung stellt sich hierzulande laut AntibiotikaReport 2014 so dar: „Die Analyse der DAK-Verordnungsdaten belegt die Über- und Fehlversorgung mit Antibiotika.“ Dies ist nun wahrlich nichts Neues. Den Antibiotika haftet seit der Entdeckung der Penicilline das trügerische Image der „Wunderwaffe“ oder des „Allheilmittels“ an. Einige Tage Pillen schlucken – und schwupp, weg ist die Infektion. Diese Vorstellung kennzeichnet den Umgang mit Antibiotika seit mindestens fünf Jahrzehnten.

Sie ist eine wesentliche Ursache der gegenwärtigen Resistenzmisere. Und bei allen Beteiligten ist wenig Bereitschaft zur Kurskorrektur zu erkennen: Patienten bevorzugen Schnelligkeit und Bequemlichkeit, wenn es um Gesundheitsprobleme geht. Ärzte und Pharmahersteller bedienen diese Erwartungshaltung und profitieren davon. Fakt ist: Antibiotika werden von Ärzten nach wie vor zu häufig, vorschnell und unkritisch eingesetzt – ein globales Problem!

2013 wurden deutschlandweit kassenübergreifend 40 Millionen Antibiotika-Verordnungen gezählt. 40 Prozent aller DAK-Versicherten haben in dem Jahr mindestens einmal ein Antibiotikum erhalten – Tendenz steigend! Fast die Hälfte aller (sexuell aktiven) Frauen bekamen mindestens einmal ein Antibiotikum auf Rezept. Harnwegsinfekte spielen hier die Hauptrolle. Ähnlich hoch ist der Anteil bei den über 60-Jährigen, die zudem öfter

Antibiotika: pro oder kontra?

► Vertrauen Sie Ihrer körpereigenen Abwehrkraft! Geben Sie sich bei Infektionen einige Tage Auszeit, damit Sie sich regenerieren und gesund werden können. Ohne Arzt oder Antibiotika.

► Akzeptieren Sie, wenn Ihnen Ihr Arzt bei „banalen“ Infekten (Atem-, Harnwege) kein Antibiotikum verordnet. Bei Virusinfektionen sind Antibiotika nutzlos. Greifen Sie zu pflanzlichen Alternativen.

► Akzeptieren Sie nicht unkritisch die ärztliche Verschreibung eines Antibiotikums. Fragen Sie nach einer diagnostischen Begründung. Verlangen Sie ein Antibiogramm. Fragen Sie nach Wirkungen und Nebenwirkungen des Antibiotikums.

► Nehmen Sie das Antibiotikum genau nach Vorschrift ein.

► Akzeptieren Sie keine „prophylaktische“ Antibiose, z.B. in der Klinik vor einer Operation. Entsorgen Sie Antibiotikareste in der Apotheke!

Reserveantibiotika einnahmen. Und: Im Westen werden häufiger Antibiotika verordnet als im Osten (Versorgungsatlas 2014).

Offensichtlich sind vor allem Hausärzte unbelehrbar: 62 Prozent verordneten Antibiotika, gefolgt von Kinderärzten (sechs Prozent), Urologen und HNO-Ärzten (je fünf Prozent). Jede dritte Verordnung war 2013 diagnostisch fragwürdig und potenziell unnötig. Expertenkommentar: „Die Auswertung der Diagnosedaten zeigt, dass es noch keinen Bewusstseinswandel beim Einsatz von Antibiotika gibt.“ Verschärfend auf die Resistenzproblematik wirkt auch die viel zu häufige Verordnung von Reserveantibiotika. Dies betrifft vor allem Chinolone und Cephalosporine. 2013 betrug der Anteil solcher Verordnungen 22 Prozent! Was tun?

Wenn es um Antibiotika geht, sind Vernunft, Wissen und Erfahrung gefragt. Der Einsatz eines Antibiotikums ist nur dann gerechtfertigt, wenn eine bakterielle Infektion vorliegt. Die Isolation des Erregers erfordert Zeit. Im Labor muss zudem ein Antibiogramm erstellt werden – dann ist die Verordnung rational. In einer Vielzahl der Fälle liegt keine Indikation für eine Antibiotika-Verordnung vor. Es handelt sich meist um Atemwegsinfektionen durch Viren oder um Harnwegsinfekte, bei denen auch pflanzliche Heilmittel hilfreich sein können.


Nach wie vor werden häufig unnötig Antibiotika rezeptiert, vor allem bei Virusinfektionen. Akzeptieren Sie kein unkritisch verordnetes Antibiotikum! Verlangen Sie ein Antibiogramm!

Sollte ein Antibiotikum unumgänglich sein, beachten Sie folgende Regeln:

► Antibiotika-Therapien sind Sache des Arztes. Er muss Anwendungsvorgaben machen und den Heilungsverlauf kontrollieren. Selbsttherapie ohne Diagnostik ist keine gute Idee! Entsorgen Sie Antibiotikareste in der Apotheke.

► Die Therapie muss strikt nach Vorschrift erfolgen. Andernfalls droht Unwirksamkeit und Resistenzentwicklung.

► Lesen Sie den Beipackzettel. Informieren Sie sich über Neben- und Wechselwirkungen des Antibiotikums.

► Manche Antibiotika können schwere Nebenwirkungen verursachen. Allergien kommen häufig vor.

Keime im Krankenhaus

Von Florence Nightingale (1820–1910), einer Pionierin der modernen westlichen Krankenpflege, ist folgendes Zitat überliefert: „Die allererste Bedingung für ein Krankenhaus ist, dass es keinen Schaden anrichtet.“ Was die Resistenzproblematik von Kliniken und Intensivstationen betrifft, sind wir weiter denn je von der Erfüllung dieser Forderung entfernt. Antibiotika-Anwendungen in Krankenhäusern, mangelhafte Hygiene und ungenaue Kontrolle (Isolierung) sind die zweite wesentliche Ursache für unsere Resistenzprobleme.

Das Krankenhaus ist heutzutage ein durchaus gefährlicher Ort geworden. Klaus-Dieter Zastrow, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH), beantwortet die Frage, wie viele Krankenhaus-Infektionen vermeidbar sind: „Jährlich gibt es in Deutschland 800 000 bis eine Million Krankenhaus-Infektionen. In der Literatur wird der vermeidbare Anteil mit 30 bis 50 Prozent angegeben. Danach sind mindestens 300 000 bis 400 000 Infektionen pro Jahr vermeidbar.“ Viele dieser Infektionen sind antibiotikaresistent und somit schwer zu behandeln.

Schätzwerte für das Jahr 2013 zeigen, wie gefährlich und beunruhigend die Resistenzproblematik für Patienten in deutschen Kliniken ist:

► Etwa 15 000 MRSA-Infektionen (Staphylococcus aureus), daran stirbt jeder dritte Betroffene auf der Intensivstation.

► Etwa 9 500 ESBL-Infektionen (E. coli), daran stirbt fast jeder zweite Betroffene auf der Intensivstation.

Krankenhaus-Infektionen in Deutschland

Klaus-Dieter Zastrow ist Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) und berichtet über die MRSA-Durchseuchung an deutschen Kliniken:

► Die Ursachen für Infektionen sind immer die Behandlungen am Patienten durch das medizinische Personal.

► Die Infektionsraten im Allgemeinen liegen bei vier bis sechs Prozent. Das heißt, wir haben jährlich etwa 800 000 Infektionen.

► Wir haben bei etwa 20 Prozent aller Staphylokokken-Infektionen eine MRSA. Damit kommen wir auf 60 000 bis 70 000 MRSA-Infektionen pro Jahr.

► Wir wissen genau, dass ungefähr 40 000 Patienten pro Jahr an Krankenhausinfektionen versterben. Bei davon geschätzt 8 000 bis 10 000 Patienten ist eine MRSA-Infektion die Todesursache.

Die Offensive der Krankenhauskeime auf deutschen Intensivstationen schreitet voran. Tendenz: zunehmende Multiresistenz.

► Etwa 14 000 Vancomycin-resistente Infektionen (Enterococcus/Streptococcus faecalis/faecium), daran stirbt jeder dritte bis fünfte Betroffene auf der Intensivstation.

► Etwa 2 000 Infektionen durch resistente Klebsiella pneumoniae, daran stirbt jeder zweite Betroffene auf der Intensivstation.

► Bis zu 40 000 Menschen sterben in Deutschland pro Jahr an nicht beherrschbaren Krankenhausinfektionen, davon etwa 10 000 an MRSA-Infektionen.

Behandlungen von bakteriellen Infektionen, die in einer Intensivstation erworben wurden, sind teuer: Mehr als 13 000 Euro fallen zusätzlich bei einer MRSA-Infektion an, 30 000 Euro bei Vancomycin-Resistenz oder 15 000 Euro bei E.-coli-Unempfindlichkeit.

Besonders gefürchtet sind Infektionen durch Acinetobacter-Spezies: In Deutschland gab es 2012 86 Fälle, 2013 67 Fälle und 2015 starben 12 von 31 infizierten Intensivpatienten in Kiel. Im Gegensatz zu skandinavischen Ländern wie Dänemark, die schon seit den 1990er-Jahren in Hygienemaßnahmen und MRSA-Kontrolle investiert haben, sind hierzulande kaum wirksame Gegenmaßnahmen zu sehen. Laut Antibiotika-Report 2014 trugen 2013 knapp 20 000 stationäre Patienten einen resistenten Keim in sich, Tendenz steigend. Aber erst seit 2011 sind Kliniken gesetzlich verpflichtet, Hygienestandards zu beachten und Infektionen zu dokumentieren. In 90 Prozent der Fälle werden Klinikkeime über die Hände des Personals übertragen. Bei bis zu 85 Prozent der MRSA-infizierten Patienten in Deutschland wurde kein MRSA-Screening vor der Klinikaufnahme durchgeführt. Besser, Sie meiden Krankenhäuser!

Ist die Behandlung in einer Klinik unumgänglich, sollte man ein Haus mit Hygienebericht bevorzugen. Informieren Sie sich im Internet auf den Klinikwebseiten über Hygienestandards (sofern vorhanden) und den Status klinischer Infektionen, bevor Sie in eine Behandlung einwilligen.

Dazu rät auch die Anwältin und Ärztin Britta Konradt. Es geht um Ihre Gesundheit, im Extremfall um Ihr Leben! Wer Pech hat und sich im Krankenhaus eine MRSA-Infektion einfängt, hat schlechte Karten: Der Patient hat die Beweislast für einen Hygienefehler. Hinzu kommt, dass Krankenhausinfektionen juristisch als „voll beherrschbar“ oder „schicksalhaftes Risiko des Patienten“ bewertet werden! Medizinisch-wissenschaftlich betrachtet ist dies blanker Unsinn.

Stichprobe Klinikhygiene

Erst im Jahr 2011 reagierte die Bundespolitik auf die Resistenz-/Hygieneproblematik in Deutschland und verabschiedete ein Infektionsschutzgesetz, das alle Bundesländer verpflichtet, eine Hygieneverordnung zu erlassen. Dokumentation und Transparenz in Bezug auf Hygiene und Krankenhaus-Infektionen werden eingefordert. Jede Klinik ab 400 Betten muss einen hauptamtlichen Hygieniker beschäftigen. Hier zwei Stichproben (Webseite, Qualitätsbericht):

► Das Klinikum Aschaffenburg hat 696 Betten und ca. 2 000 Mitarbeiter. Im Dezember 2014 war im umfangreichen Telefonverzeichnis kein Krankenhaushygieniker zu finden. Auch im Qualitätsbericht findet sich nichts über den Infektionsstatus des Hauses. Ein beunruhigender Hinweis auf Infektionen sind Angaben zu lebensgefährlichen Blutvergiftungen (Sepsis): Höchstens 1 Prozent Sepsis-Fälle gelten als akzeptabel. Das Klinikum dokumentiert aber 28,7 Prozent (2012) und 26,3 Prozent (2013) Sepsis-Fälle. Angesichts fehlender Hygiene-Transparenz würde ich dieses Haus eher meiden.

► Das deutsche Unternehmen Helios betreibt 110 Kliniken mit mehr als 33 000 Mitarbeitern. Das zugehörige Klinikum München West mit 400 Betten stellt zumindest „spartanische“ Hygienedaten (2013) auf seiner Webseite vor.

Ein Patient mit geplantem Eingriff in einer Klinik kann demnach nicht damit rechnen, dass dort gesetzliche Hygienestandards umgesetzt wurden. Jeder Patient ist gut beraten, sich vor einem Eingriff über den Stand der Hygiene und Infektionskontrolle im ausgewählten Haus zu informieren. Solche Informationen sind im „Qualitätsbericht“ einer Klinik veröffentlicht.

Und – Juristen können keinen Behandlungsfehler einklagen, wenn zuvor kein MRSA-Screening durchgeführt wurde. Demnach haben MRSA-Betroffene in Deutschland kaum Aussicht auf Anerkennung oder Unterstützung in Sachen Krankenhausinfektion. Sie müssen selbst sehen, wie sie mit MRSA-Komplikationen zurechtkommen. Hintergrund dieser unerfreulichen Situation ist die Kostenfrage: Hygiene, Infektionskontrolle, Schadensersatz und MRSA-Screening kosten Geld, das man ungern ausgeben möchte. Pessimisten behaupten, es sei längst viel zu spät, um das Hygiene- und Resistenzproblem der Krankenhäuser zu lösen. Deutschland hätte derzeit noch die Chance, das Resistenzproblem in den Griff zu bekommen – in den USA hat man bereits bezüglich MRSA kapituliert.

Wortmeldungen zum MRSA-Problem

Das Computermagazin ct berichtete anlässlich der MRSA-Todesfälle in einer Kieler Klinik am 30. Januar 2015 über ein Screening-Verfahren: „Multiresistente Keime: Schnelltests könnten Gefahren und Kosten verringern.“ Im zugehörigen Forum meldeten sich einige Leser mit durchaus verständlicher Wut zu Wort.

Und das habe ich schon gefühlt 100-mal prophezeit

Gängige Praxis: Oh, der Patient hat MRSA. Wir brauchen keine Schutzisolation, nur ein paar Handschuhe und alles wird gut (sehr häufig selbst als Pfleger erlebt). (systrayo)

Kaputtgespartes Gesundheitswesen

Na ja, solange die Krankenhäuser die Behandlung von den Kassen gezahlt bekommen, ist es vor allem ein Problem für die Kassen. Das ist genauso wie die fehlenden Qualitätskontrollen: Solange die Kassen für die „Reparatur“ von Ärztepfusch, ähm … suboptimaler Behandlung zahlen, so lange wird sich auch nichts im Gesundheitssystem ändern. Ein anderes Problem ist das Unverständnis/die Uneinsichtigkeit von Ärzten. Beispiel: Meine Mutter wird demnächst am grauen Star operiert. Die Klinik verlangt vorab einen (negativen) Test auf Krankenhauskeime. Den soll der Hausarzt machen. Dessen Kommentar: „Was soll man denn noch alles testen?“ (IchWillAuchMit)

Das Nachweissystem ist nicht „zu teuer“…

… sondern schlicht geschäftsschädigend. So eine hübsche Zusatzinfektion muss ja auch behandelt werden, und das gibt Bettenauslastung und Kohle von der Krankenkasse. Warum also zusätzliches Geld ausgeben, wenn man bei Nichtinvestition dieses Geldes zusätzlichen Umsatz machen kann? (subzero)

Antibiotika in der Nahrungskette

Die ZEIT titelte am 20. November 2014: „Die Rache aus dem Stall. Das bringt uns noch um.“ Hier die letzte Schlagzeile des Jahres 2014 am 30. Dezember: „Umweltstiftung warnt vor Antibiotikaeinsatz bei Tieren. Der starke Einsatz von Antibiotika in Tiermast-Betrieben wird immer mehr zum Gesundheitsrisiko für den Menschen. Die resistenten Keime könnten sich auch über die Luft verbreiten.“ Man befürchtet eine schleichende Ausbreitung von resistenten Keimen in der Bevölkerung.

Die massenhafte Anwendung von Antibiotika bei Nutztieren (Rinder, Schweine, Geflügel, Fische) und Nutzpflanzen ist die dritte wesentliche Ursache der Resistenzproblematik.

„Rund ein Drittel der resistenten Keime, die wir bei unseren Patienten finden, stammen ursprünglich von Tieren. Ein Tier-MRSA kann die gleichen Probleme bei der Behandlung von Menschen verursachen wie ein MRSA aus dem Krankenhaus.“ Diese Mitteilung aus dem Antibiotika-Report 2014 stammt von Frank Kipp, Krankenhaushygieniker in Münster. Fast 80 Prozent der Landwirte in dieser Gegend sind mit MRSA besiedelt. Im mastintensiven Landkreis Cloppenburg wurden 2013 pro 1 000 Krankenhauspatienten 18 MRSA-Diagnosen gestellt.

In den USA werden pro Jahr 15 000 Tonnen Antibiotika für die Nahrungsmittelproduktion verbraucht (2009) – darunter zahlreiche Reserveantibiotika wie Cephalosporine, Carbapeneme, Aminoglycoside und Streptogramine. Die Abgabe von Antibiotika an deutsche Veterinärmediziner wird mit 1706 Tonnen (2011) und 1619 Tonnen (2012) angegeben. 2012 wurden zudem zwei Tonnen mehr Fluorchinolone verbraucht, ein Reserveantibiotikum! Das sind nur die „offiziellen“ Zahlen. Die tatsächlich abgegebenen Mengen sind nicht bekannt und liegen vermutlich um ein Vielfaches höher. Schweine werden an 4 von 115 Tagen Mast mit Antibiotika behandelt, Hühner an 10 von 39 Tagen. Um hier mehr Klarheit zu schaffen, gilt seit 2014 die 16. Novelle des Arzneimittelgesetzes. Eine Meldepflicht und Maßnahmepläne werden nun von Tierhaltern verlangt. Unsere dänischen Nachbarn sind auch auf diesem Gebiet schon länger aktiv. Sie trennen zwischen Verschreibung, Verkauf und Abgabe von Antibiotika. Sie zwangen die Bauern, auf Antibiotika und Reserveantibiotika zu verzichten. Und sie überwachen die Einhaltung der Verbote streng. 2009 bis 2012 wurde dort der Antibiotikaeinsatz in der Mast halbiert. Auch in Großbritannien und Schweden hat man den Ernst der Lage begriffen und dem Resistenzproblem den Kampf angesagt.

Stichprobe Putenmast

Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen stellte 2014 einen Bericht zur Evaluierung des Einsatzes von Antibiotika in der Putenmast vor. In NRW waren zum Stichtag am 1.3.2013 ca. 200 Betriebe mit einem Gesamtbestand von rund 1,5 Millionen Puten registriert. 87 Prozent der Tiere stammen aus Betrieben mit mehr als 10 000 Tieren.

Mehr als 90 Prozent der Puten wurden im Mittel 4,6 Tage antibiotisch behandelt. Äußerst bedenklich war, dass sich unter den vier am häufigsten eingesetzten Wirkstoffen zwei Reserveantibiotika befinden (Colistin, Enrofloxacillin). Ein Drittel der Präparate waren in Deutschland für die Anwendung bei Puten nicht zugelassen (ein Straftatbestand!), obwohl es vergleichbare zugelassene Präparate gegeben hätte! Über mögliche Konsequenzen dieser Befunde schweigt sich der Bericht aus.


Solange es Massentierhaltung zur Nahrungsmittelproduktion mit massivem Antibiotika-Einsatz gibt, werden wir das Resistenzproblem nicht in den Griff bekommen.

Nach allem, was in Deutschland bislang über Antibiotika in der Nahrungsproduktion bekannt ist, ist nicht von einer radikalen Veränderung der derzeitigen Situation in der Tiermast auszugehen. Das Fazit: Wenn wir so weitermachen, enden schon normale Infektionen und leichte Verletzungen demnächst tödlich. Und wo bleiben die Antibiotikareste und -rückstände aus der Massentierhaltung? Sie gelangen in unsere Umwelt – und sie bleiben dort: im Staub, in der Luft und via Gülle im Grundwasser. Antibiotikaspuren sind fast deutschlandweit im Grundwasser nachweisbar. Beste Bedingungen für Keime, um Resistenz zu entwickeln!

Antibiotika in der Postmoderne

Vor nicht allzu langer Zeit erklärten Biologen, dass die Evolution von Bakterien ausschließlich durch spontane Mutationen erfolgt. Solche Ereignisse seien extrem selten: 1:10 Millionen bei 10 Milliarden Mutationen. Dass Bakterien in nur 35 Jahren signifikante Resistenz entwickeln würden, hielt man schlicht für unmöglich. Wo stehen wir heute? Das Zeitalter der ruhmreichen Antibiotika ist längst beendet. Der „Krieg gegen Keime“ war niemals zu gewinnen. Wir wollen es vielleicht nicht wahrhaben, aber Antibiotikaresistenz ist heute zur realen Bedrohung von Leib und Leben geworden. Die Zukunft gehört den cleveren Keimen, die wie wir selbst um ihr Überleben kämpfen. Im Gefolge dieser Entwicklung muss auch mit der Rückkehr totgeglaubter Infektionskrankheiten gerechnet werden. Resistente Keime, die Cholera, Malaria, Gonorrhoe oder Tuberkulose verursachen, sind auf dem Vormarsch. Was tun?

Die Lösung des Resistenzproblems ist dort zu finden, wo alle Antibiotika herkommen: im Reich der Mikroorganismen und Pflanzen. Wenn alle Antibiotika bei MRSA-Infektionen versagt haben, bleiben nur pflanzliche Antibiotika als Alternative. Dies ist zumindest eine greifbare Hoffnung auf Heilung für die Betroffenen.

Wir können unsere Einstellung gegenüber Mikroorganismen verändern. Wir können sie als Freunde und Partner betrachten. Wir können pflanzliche Abwehrstrategien nutzen, die seit Millionen Jahren erfolgreich sind. Pflanzen machen es durch die komplexe Komposition ihrer Inhaltsstoffe potenziellen Angreifern nicht so leicht wie die modernen Konstrukteure, die Antibiotika erfinden.

Was Infektionskrankheiten betrifft, müssen wir wieder stärker auf altbewährte Verfahren zurückgreifen: Isolierung von Infizierten, Hygienemaßnahmen, Umweltsanierung, Abkehr von Massentierhaltung und Pestiziden, Sanierung von Infektionsherden und die Anwendung pflanzlicher Heilmittel. Hierzu brauchen wir Geduld, mehr Zeit, Sorgfalt und Vertrauen in unsere biologische Natur. Der Ex-und-hopp-Effekt von Antibiotika bei Infektionen wird nicht mehr für jeden und nicht mehr nachhaltig funktionieren. Letztendlich ist das Resistenzproblem auch ein Appell, unseren Lebensstil zu überprüfen und zu verändern.

Millionen antibakterieller Substanzen existieren, seit das Leben selbst existiert. Die Welt ist erfüllt von antibakteriellen Substanzen, die meist von den Bakterien selbst produziert werden, aber auch von Pilzen und Pflanzen stammen. Unzählige antibiotische Substanzen und Abwehrstrategien existieren seit Urzeiten in Mikroorganismen und Pflanzen. Nutzen wir dieses unerschöpfliche Potenzial!

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9783863742263
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