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Michael K. Iwoleit & Michael Haitel (Hrsg.)
NOVA Science-Fiction 30
Michael K. Iwoleit & Michael Haitel (Hrsg.)
NOVA Science-Fiction
Ausgabe 30
NOVA ist ein Projekt des World Culture Hub:
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: März 2021
p.machinery Michael Haitel
Titelbild & Innentitel: Helmut Wenske
Illustrationen: Gerd Frey, Christian Günther, Nummer 85, Victoria Sack, Christine Schlicht, Michael Wittmann
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Redaktion Storys: Michael K. Iwoleit, mkiwoleit@nova-sf.de
Redaktion Sekundär: Thomas A. Sieber, thomas.a.sieber@gmail.com
Lektorat: Michael K. Iwoleit, mkiwoleit@nova-sf.de
Korrektorat: Dirk Alt, Michael Haitel
Herstellung: Schaltungsdienst Lange oHG, Berlin
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
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ISSN: 1864 2829
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 233 1
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 862 3
Michael K. Iwoleit: Editorial
Als Ronald M. Hahn, Helmuth W. Mommers und ich im Sommer 2002 die erste Ausgabe von Nova vorbereiteten, besorgte Helmuth Titelbilder und fertigte mal so eben Coverentwürfe für die ersten sechs Ausgaben an. Ich erinnere mich noch an Ronalds Kommentar: »So lang halten wir das doch nie durch.« Die Skepsis war berechtigt. Jahrzehntelang war vergeblich versucht worden, in der deutschen SF-Szene eine regelmäßige Veröffentlichungsplattform für einheimische Kurzgeschichtenautoren zu etablieren, und niemanden hätte es gewundert, wenn Nova ebenso zügig Schiffbruch erlitten hätte wie zahlreiche vergleichbare Projekte zuvor. Dass es, trotz diverser Krisen, Verlags- und Redaktionswechsel, anders gekommen ist, hat wiederum niemanden so sehr gewundert wie uns selber und ist wohl nur der Hartnäckigkeit einer Kernmannschaft zu verdanken, die lange Jahre aus Ronald, Olaf G. Hilscher und meiner Wenigkeit bestand. Horst Pukallus war so freundlich, uns dafür, in seinem Statement in der vorliegenden Ausgabe, ein Lob der Sturheit auszusprechen. Die belebende Wirkung von Nova (und natürlich auch Exodus, von René Moreau nicht lang nach dem Erscheinen der ersten Nova-Ausgaben nach fast zwanzig Jahren Pause wiederbelebt) auf die deutsche SF-Szene und auf die Weiterentwicklung unserer besten Story-Autoren hat uns in unserer Hartnäckigkeit und unseren Glauben an den literarischen Wert der Kurzgeschichte nur bestärkt. Im aktuellen Redaktionsteam, das sich mit seiner reibungslosen, zügigen Zusammenarbeit bereits glänzend bewährt hat, bin ich der letzte verbliebene Mitbegründer, und obwohl es auch für mich Zeit wird, allmählich über eine Ablösung nachzudenken, werde ich dem Magazin sicher noch lang genug verbunden bleiben, um auf ein Drittel meines Lebens als Nova-Mitherausgeber zurückblicken zu können.
Traditionell betrachten wir jede zehnte Ausgabe als ein kleines Jubiläum, das wir mit der einen oder anderen Besonderheit feiern wollen, und so soll es auch diesmal sein. Neben Statements der drei Mitbegründer und treuer Weggefährten und Leser haben wir einige unsere Stammautoren gebeten, nicht nur Storys zu Themen beizusteuern, die ihnen im Moment besonders auf den Nägeln brennen, sondern unseren Lesern in kurzen Werkstattberichten einen Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen und zu erklären, was sie zu ihren Geschichten motiviert hat. Durch Vermittlung von Andreas Irle und dank großzügiger Unterstützung der Familie von Jack Vance und dem Team der Vance-Publikationsplattform Spatterlight Press sind wir außerdem in der Lage, in unserer Gaststory-Rubrik in deutscher Neuübersetzung eine klassische Kurzgeschichte von Jack Vance zu präsentieren, einem der großen Kultautoren der Science-Fiction.
Michael K. Iwoleit
Dezember 2020
NOVA STORYS

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Autonome Roboter, seit Ewigkeiten ein Lieblingsthema der Science-Fiction, sind auch in unserem Alltag kein ganz unvertrauter Anblick mehr. Die kleinen Staubsaugerknechte, die bereits in vielen Haushalten herumwuseln und die Stubentiger irritieren, dürften erst der Anfang sein. Wissenschaftler und Futuristen versprechen sich viel von einem Sprung auf eine höhere Ebene durch Schwarmbildung. Aus dem mehr oder weniger dumpf agierenden Individuum wird, durch Vernetzung und Interaktion, eine Kollektivintelligenz. Wie die folgende kleine Geschichte zeigt, können dabei, insbesondere wenn sich ein unerschrockener Exzentriker der Möglichkeiten annimmt, auch ganz neue Querverbindungen zwischen Kunst und Wissenschaft entstehen. – Karsten Kruschel, sicher einer der führenden zeitgenössischen deutschsprachigen SF-Autoren, ist unseren Lesern vermutlich noch durch seine brillante Steampunk-Story »Teufels Obliegenheiten« in Nova 20 in bester Erinnerung. Wir freuen uns, dass er auch in dieser Jubiläumsausgabe wieder mit von der Partie ist.
Karsten Kruschel: Dreckdrohnen und die Mathematik Mozarts

»Das sieht ja furchtbar aus«, sagte Frau Dorfmüller und zog rasch den Kopf weg, als der nächste Klumpen einer undefinierbaren Substanz an die Wand klatschte. Er rutschte langsam nach unten weg und sah dabei aus, als müsse er intensiv stinken.
Tat er aber nicht. Es handelte sich um schlichten Lehm.
»Glück gehabt«, sagte Göran Lundberg, der seiner fast einen Meter kleineren Chefin die Tür einen Spaltbreit offen hielt, damit sie das Desaster besser sehen konnte.
»Ich will ihn nicht stören«, meinte sie. »Er wird immer so wütend, wenn man ihn stört. Vor allem, wenn er einen seiner kreativen Schübe hat wie diesen hier.«
Beide – der groß gewachsene schwedische Gastassistent und die zierliche Chefin der musiktheoretischen Abteilung – schauten dem massigen Mann zu, der in der Mitte eines großen Klassenzimmers um ein merkwürdiges Objekt herumhüpfte. Bei dem Mann, dessen Ohren von großen Kopfhörermuscheln verdeckt waren, handelte es sich um Artigas Fessenheim, seines Zeichens Professor für Objektkunst hier im Hause und mehr oder weniger unantastbar, weil er eben diesem Haus mit seiner Kunst eine Menge Geld einbrachte.
»Dreck!«, rief er und schleuderte irgendetwas Längliches hinter sich. Es flog in hohem Bogen durch die Luft und schlidderte an die gegenüberliegende Wand. Auf seinem Weg dorthin begegnete es beschriebenen Notizzetteln, leeren Getränkedosen und spiralig aufgerollten Metallspänen.
»Wiederverwertung!«, rief Fessenheim nun und warf ein Stück Gartenschlauch in eine andere Ecke. Dann drang er mit einem Meißel auf das vor ihm aufragende Ding ein, das aussah wie ein Zwitter aus einem mittelschweren Verkehrsunfall und einem dramatisch aus dem Ruder gelaufenen Versuch, den hässlichsten Riesenkaktus der Welt zu erschaffen. Ein weiteres Kunstwerk des Professors, work-in-progress.
Ségolène Dorfmüller stieß einen tiefen Seufzer aus. Sie hielt die monumentalen Objekte, die ihr Kollege während seiner schöpferischen Anfälle hervorbrachte, persönlich und insgeheim für völlig wertlos, einfach wirre Haufen aus Müll, die nichts weiter bedeuteten als eben Müll. Aber auf dem internationalen Kunstmarkt, der ihr völlig fremd war, brachte jeder einzelne Artigas Fessenheim größere siebenstellige Beträge. Von dem Anteil, den das Haus von diesen Beträgen abbekam, wurde weit mehr refinanziert als Fessenheims Professur.
Ihre Meinung behielt Ségolène Dorfmüller natürlich für sich. Womöglich beruhte die Sache ja auf Gegenseitigkeit. Sie würde auch nicht wissen wollen, was Fessenheims künstlerischer Verstand von den eigenen Dorfmüllerschen musiktheoretischen Analysen halten mochte.
»Ich trau mich auch nicht, ihn zu stören«, sagte Lundberg, im wahrsten Sinn des Wortes von oben herab, und das mit einem so niedlich klingenden schwedischen Akzent, dass sie lächeln musste, weil sich der Assistent anhörte wie die Fernsehwerbung für ein großes Möbelhaus. »Man könnte verletzt werden, wenn man da reingeht«, setzte Lundberg hinzu.
»Das auch«, antwortete seine Chefin und musterte den Fußboden, der mit allerlei Stolperfallen übersät war – Drahtrollen, Besenstiele, irgendwelche verbogenen Bleche. Ein Mikado mit vielen Unbekannten. Sie seufzte und blickte zu Lundbergs blondem Schopf empor.
»Du willst nicht …?«, fragte sie und wusste schon, dass es hoffnungslos war. Sie musste Artigas Fessenheim selbst aufhalten. Dieser Lundberg hier war zwar ein großer, alle Schweden-Klischees ausfüllender Bilderbuch-Schwede, kam aber mit allem, was nicht in Noten oder Software-Codezeilen ausgedrückt werden konnte, eher schlecht zurecht.
Lundberg schwieg, wie nicht anders zu erwarten.
Artigas Fessenheim hatte sich hingehockt und mit einem dicken Filzmarker hastige Notizen auf einen der Pappdeckel geworfen, die in dem kleinen Imbisskiosk unten in der Halle als Tellerersatz für Bockwürste und Frikadellen dienten. Er pflegte ganze Stöße dieser Dinger zu mausen, um sie als Medium für allerlei Mitteilungen zu benutzen. Mit dem Ausruf »Archivieren!« schnipste er den Karton zu Seite und wandte sich wieder dem Kunstwerk zu, ohne seiner Notiz hinterherzuschauen. Der Pappdeckel landete in einer Ecke, in der schon zwei Dutzend ebensolcher Pappdeckel kreuz und quer durcheinander lagen.
»Na gut«, seufzte Ségolène Dorfmüller und wagte ein paar Schritte in das mit den Überresten Fessenheimschen Schaffenswahns übersäte Zimmer. Sie achtete sehr genau darauf, wohin sie ihre Füße setzte. Manche Dinge da unten sahen aus, als ob sie ihren Manolos etwas Böses antun könnten.
»Dreck!«, rief Fessenheim nun aus und warf wieder etwas Schmieriges, Tropfendes über die Schulter, glücklicherweise nicht in die Richtung der Musiktheoretikerin, die kurz erstarrte. Dieses Wurfgeschoss flog seitwärts, wo sich das Ding an der Wand festsaugte.
Die Dorfmüller schnappte sich nach einigen wackligen Schritten vom Boden einen langen Draht, bog ihn halbwegs gerade und stocherte damit nach den Schultern des Professors.
Schon der dritte oder vierte Anstupser führte, noch ehe Ségolène von einem der nächsten Wurfgeschosse getroffen wurde, zum Erfolg. Fessenheim erstarrte, zog sich die Kopfhörer von den Ohren und blickte sich um.
»Was zum Teufel wollen Sie denn hier?«, fragte er, ehe seine Augen sich überrascht weiteten. »Wie sieht es denn hier aus, um Himmels willen?!«
Artigas Fessenheim musterte voll ehrlichem Entsetzen das verwüstete Klassenzimmer.
Es sieht aus wie ein ganzes Klassenzimmer voller Objektkunst, dachte die Musiktheoretikerin grimmig. Ihrer Objektkunst, Professor.
Laut sagte sie: »Herr Kollege, seit einer halben Stunde läuft unser Mozart-Versuch. Und alle Ihre Drohnen nehmen daran teil. Wir hatten Ihnen dazu ein Memo geschrieben.«
»Tatsächlich?« Fessenheim betrachtete immer noch das Chaos ringsum.
»Ich habe Ihnen ein Memo geschrieben, genauer gesagt«, stellte Göran Lundberg klar und erntete dafür einen finsteren Blick seiner Chefin.
»Das ist wohl im Spamfilter gelandet«, murmelte der Professor. »Was für eine Sauerei, das alles hier. Meine Drohnen, sagen Sie? Die, die meinen Dreck auffangen, wenn ich ›Dreck‹ rufe, und ihn wegschaffen? Die Drohnen, die alles auffangen, was ich hinter mich werfe?«
Sein Blick fiel auf die aus der Kantine entwendeten, beschriebenen Pappen.
»Die Drohnen, die meine Gedanken ins Sekretariat bringen, wo sie abgetippt werden sollen? Die sind bei Ihnen?«
»Ja«, antwortete Frau Dorfmüller einfach.
Artigas Fessenheim tippte auf sein iPod, worauf die zischelnde Technomusik, die aus seinen Kopfhörern quoll, verstummte. »Warum, um alles in der Welt?«, erkundigte er sich.
»Sie sind nun Teil unseres Mozart-Projekts«, ergänzte Göran Lundberg. »Bis heute Abend.«
Wenn dergleichen möglich wäre, hätte er den Namen Mozart in Großbuchstaben ausgesprochen, so stolz, wie er offensichtlich darauf war.
»Mozart?!« Das Gesicht von Artigas Fessenheim war nun ein einziges Fragezeichen. Ségolène Dorfmüller musste daran denken, dass dieser Mann seit Jahren ein Geheimnis daraus machte, dass er eigentlich den schnöden Namen Ulli Schumann trug und gelernter Elektriker war. Mit Mozart konnte er offenbar nicht viel anfangen.
»Ich zeige es Ihnen, Herr Kollege«, sagte sie liebeswürdig und wies zur Tür. In der ragte Lundberg auf, blond und nutzlos, und wich hastig zur Seite aus, als seine Chefin und der weltberühmte Professor auf ihn zukamen.
Draußen angekommen, in der großen, lichtdurchfluteten Halle, von der aus alle Treppenhäuser des Gebäudes abzweigten, wies die Dorfmüller mit großer Geste auf den gewaltigen Luftraum, der sich nicht wie gewohnt leer zwischen den weit entfernten Wänden spannte, sondern angefüllt war von vielen Tausenden kleiner Flugobjekte. Alle waren handspannengroß und verfügten über vier kleine, leise surrende Propeller, mit denen sie sich in der Luft hielten. Hier und da erkannte Fessenheim eine seiner Dreckdrohnen am schmutzigen Gehäuse. Manchmal hatte er unbeabsichtigt eines seiner kleinen Helferlein direkt erwischt.
»Das sind alle Drohnen, die das Institut derzeit besitzt«, erklärte Göran Lundberg stolz, als hätte er sie persönlich eingesammelt.
»Ich frage mich, warum sie nicht wie üblich meinen Dreck auffangen und meine Notizen transportieren«, knurrte der Professor. »Dafür waren sie sehr praktisch. Ich habe mich daran gewöhnt. Man wirft irgendwas über die Schulter, und zack!, ist es ordentlich weggeräumt. Man schnipst eine Pappe in die Luft, und abends habe ich eine Mail mit dem sauber getippten Text im Postfach.«
»Die Drohnen arbeiten heute ausnahmsweise einmal nicht für Sie, Herr Professor, weil sie uns für heute Nachmittag für dieses Mozart-Ding zur Verfügung stehen«, sagte Lundberg und ließ zusammen mit seinem Akzent auch etwas Überdruss hören. »Ehrlich gesagt, sind die kleinen intelligenten Biester mit den Aufgaben bei Ihnen auch ein wenig, wie soll ich sagen … unterfordert.«
Artigas Fessenheim warf dem schwedischen Austauschassistenten einen skeptischen Blick zu. »Ist das so?«
»Ja.« Der hochaufragende Assistent nickte eifrig. »Sie, Herr Professor, nutzen lediglich die einfachen Spracherkennungsroutinen der Drohnen und die antrainierten Reaktionen, nicht aber die Interaktion der Drohnen untereinander.«
»Die Schwarmintelligenz«, warf Ségolène Dorfmüller ein.
Artigas Fessenheim schnaubte verächtlich.
»Bei Menschen endet Schwarmintelligenz in der Regel beim kleinsten gemeinsamen Nenner«, sagte er, »und der ist meistens identisch mit der größtmöglichen Dummheit.«
Lundberg und Dorfmüller tauschten einen langen Blick aus, und beide sahen verstohlen nach der Uhrzeit, Dorfmüller auf einer teuer aussehenden mechanischen Uhr, der Schwede auf dem Display seines Touchpads. Die Demonstration sollte gleich beginnen.
»Jede Drohne weiß, wo genau sich ihre Nachbarn befinden“, erklärte der Schwede, »links und rechts und vorn und hinter und über und unter ihr; und die Nachbarn wissen wiederum von ihren eigenen Nachbarn genau, wo sich diese befinden. Sodass jede einzelne Drohne ziemlich dumm ist, der gesamte Schwarm jedoch zu erstaunlichen Leistungen fähig.«
»Wie wir gerade sehen«, ergänzte Ségolène Dorfmüller. »Momentan haben alle Drohnen die Aufgabe, den exakten Abstand zu ihren Nachbarn einzuhalten. Und siehe da: Sie stehen in der Luft wie unsichtbar festgenagelt. Obwohl alle Tore offen sind und es zieht wie Hechtsuppe.«
Tatsächlich strich ein böiger Wind durch die zentrale Halle, und tatsächlich schienen alle Maschinchen wie an unsichtbaren Seilen festgeknotet in der bewegten Luft zu stehen. Hin und wieder, wenn ein besonders heftiger Windstoß durch die Halle fegte, konnte man am wellenförmig durch den Schwarm streichenden Aufsummen der Motoren hören, wie sich die Drohnen anstrengten.
Professor Fessenheim stutzte. »Hm, das machen die selber? Es steht kein superschneller Riesenrechner im Keller, der all die Biester in Echtzeit steuert?«
Lundberg lachte und warf einen verstohlenen Blick auf das Touchpad, das er in den Händen hielt. »Das war früher. War zu aufwendig. Heute haben wir nur einen relativ kleinen zentralen Server, und der steuert nichts. Der aktualisiert nur die Software der Drohnen. Wir können ihnen neue Aufgaben überspielen, sozusagen. Wie jetzt gerade.«
Der Schwede tippte auf das Display.
Bewegung kam in die Wolke schwebender Maschinen. Wellen gingen durch den Schwarm, die Drohnen näherten sich einander an und schwangen wieder voneinander weg, und das alles im Rhythmus der Windstöße, die von draußen kamen.
»Nun haben wir eine kleine Zeitverzögerung ins Programm der Drohnen geschrieben«, sagte Lundberg.
Fessenheim starrte fasziniert nach oben; es war, als schaue man dem Wind zu, wie er durch ein Feld voller reifer Weizenähren streift und sie in wellenförmige Bewegung versetzt. Der Wolf geht durchs Korn, nur eben dreidimensional. Man konnte die Strömungen der Luft deutlich erkennen, und die Verwirbelungen rund um die Rolltreppen und den Kiosk, aus dem der Professor seine Pappteller zu entwenden pflegte. Das Ding schien an einer etwas ungünstigen Stelle platziert zu sein, denn die Drohnenwolke vollführte um ihn herum aberwitzige Tänze.
»Nun gut, das ist beeindruckend«, sagte der Professor langsam. »Und es scheint sogar Nutzanwendungen zu geben. Unser Kiosk da unten beispielsweise wird bei einem richtigen Orkan vermutlich weggeblasen, wie man sieht.«
»Oder man macht rechtzeitig die Tore zu«, entgegnete die Dorfmüller.
»Wunderbar, wunderbar«, sagte Artigas Fessenheim, von diesem Anblick auf seltsame Weise aufgemuntert. »Wie ich sehe, habe ich meine Dreckdrohnen unterschätzt. Ich werde in Zukunft netter zu ihnen sein … aber was hat das alles nun mit Mozart zu tun?«
Er sprach den Namen definitiv nicht in Großbuchstaben aus, was Ségolène Dorfmüllers Miene leicht verfinsterte.
»Es geht dabei um Strukturen. Musikalische Strukturen«, sagte sie ein wenig frostig, während die wogende Meute der Drohnen langsam zur Ruhe kam, weil die Tore nach draußen geschlossen wurden und der Wind im Innern des Gebäudes erstarb. »Sehen Sie, seit Jahrhunderten sind die Menschen von Mozarts Musik fasziniert – und das, obwohl der Großteil seiner Werke nur als nettes Hintergrundgeräusch für allerlei höfische Feste gedacht war.«
»Fahrstuhlmusik«, sagte Fessenheim.
»Wenn Sie so wollen, ja. Aber wenn es nur das wäre, gäbe es nicht diesen Kult um Amadé. Da muss mehr sein.« Sie warf dem Professor einen prüfenden Blick zu. Dieser Technofreak und Produzent von erfolgreicher, wenn auch klumpatschförmiger »Kunst« wurde ihr allmählich ein bisschen unheimlich.
»Und unser heutiges Experiment möchte in dieses Rätsel ein wenig Licht bringen.« Lundberg hatte sein Touchpad wieder herausgezogen und wischte flink über das Display. Offenbar war erneut frische Software für die Drohnen angesagt.
»Alle Drohnen können gesprochene Worte erkennen«, erklärte die Dorfmüller, »sonst würden sie ja nicht angeflitzt kommen, wenn Sie ›Dreck!‹ oder ›Archivieren!‹ rufen. Aber heute Nachmittag achten die kleinen klugen Biester auf andere Dinge. Sie achten auf Tonhöhen, Rhythmen, Tonlängen, Vibrato, sogar auf Klangfarben und Intonation.«
»Und was soll das?« Artigas Fessenheim wirkte nicht überzeugt.
Ségolène Dorfmüller schaute auf die Uhr. »Moment«, flüsterte sie.
Lundberg tippte auf dem Display seines Touchpads den »Fertig«-Button an, und die Drohnen speicherten ein neues Programm.
Sie erstarrten in der Luft und schienen auf etwas Neues, Aufregendes zu warten.
Dann flutete Musik den riesigen Raum. Musik, die das vieltausendfache Summen der Drohnen bei Weitem übertönte. Die kleinen Flugmaschinen übersetzten nun die Musik in Auf- und Abbewegungen, seitliche Schlenker und irisierende Vibration. Der Wolf ging wieder durchs Korn, aber diesmal auf eine ganz andere Weise. Die ganze Halle war plötzlich voller schwingender Musik. Die Drohnen sprudelten fröhlich umeinander, als wollten sie rhythmisch explodierenden Champagner darstellen.
Artigas Fessenheim spürte, wie ihm der Unterkiefer hinabsank, aber er kam nicht dazu, den Mund wieder zuzuklappen. Dieser Tanz der Drohnen war hypnotisch, und die Muster, die die tanzenden Maschinchen in die Luft zeichneten, schienen einem größeren System zu folgen, einer übergeordneten Gesetzlichkeit. Sie formten Figuren, die ihm seit seinem Mathe-Unterricht an der Abendschule, die er – damals noch Ulli Schumann – nie beendet hatte, nicht mehr unter die Augen gekommen waren. Es handelt sich um Muster ganz anderer Art, die er aus seinem Astronomie-Kursus an der Volkshochschule wiedererkannte. Und dann waren da welche, von denen er irgendwann einmal geträumt hatte.
Mozarts Musik flutete den Luftraum, und die Drohnen wandelten sie in Muster um, die Fessenheim nur allzu gern in einem seiner Objekte verwendet hätte. Tief in seinem Inneren spürte er jedoch, dass er das womöglich nie schaffen würde.
»Das ist Mathematik«, sagte er verblüfft und wies hier- und dorthin in den kleinen, surrenden Himmel dieser Halle. »Das ist die reine Mathematik Mozarts!«
Dann versagte ihm die Stimme.
Göran Lundberg warf einen triumphierenden Blick hinüber zu Ségolène Dorfmüller, und sie lächelte mild, während sie den Tanz der Drohnen in der Luft beobachtete. Morgen, dachte sie, wird er ihnen wieder Dreck zuwerfen. Aber für heute lassen wir ihn noch ein bisschen staunen. Vielleicht sind seine nächsten Objektkunst-Kunstwerke nicht mehr gar so abscheulich, wer weiß.
Nachbemerkung des Autors
Vor einigen Jahren sprach ich mit einem Wissenschaftler über Drohnen, denn er forschte zu ebendiesem Thema und erklärte mir, was Schwarmintelligenz ist und warum sie so faszinierend sein kann. Natürlich habe ich ihm daraufhin in groben Zügen die Handlung von Stanislaw Lems Roman Der Unbesiegbare erzählt – den er nicht kannte. Immerhin bemerkenswert, dass Lem bereits 1964 nicht nur Schwarmintelligenz beschrieben, sondern auch eine plausible Erklärung für ihr Entstehen geliefert hatte.
Eine Idee nach der anderen pingpongte hin und her. Farbige Minidrohnen, die man im Stadion nur noch als Pixel auf der Spielfläche wahrnimmt – damit kann man ein Champions-League-Spiel dreidimensional in ein anderes Stadion übertragen, und es ist kein Unterschied zum richtigen Spiel zu erkennen. Das war nur eine von vielen Spinnereien.
Kurz danach habe ich eine Begegnung mit moderner Kunst erlitten – na ja, es war wenigstens kostenlos. Die Kunst sah teilweise wirklich aus wie weggeworfen, und da klickten zwei Gedanken zusammen. Beim Googeln fand ich dann Filme von Drohnen-Installationen bei irgendwelchen Großveranstaltungen. Die tanzten da leuchtend in der Dunkelheit. Und das war’s. Noch ein bisschen Miniaturisierung, und einen schrägen Kauz, den ich mal kannte, habe ich als Künstler verwendet. Hoffentlich erkennt er sich nicht wieder …
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Der heutzutage gern herbei gegruselte Konflikt zwischen dem aufgeklärten christlichen Abendland und dem bedrohlich-barbarischen Islam ist, aus einer etwas erweiterten historischen Perspektive, eine Selbsttäuschung, wenn nicht gar pure Heuchelei. Nicht nur gehen alle drei großen abrahamitischen Religionen auf denselben historischen und geografischen Kontext und Schatz von Überlieferungen zurück. Nicht nur haben sie sich, was den brutalen Missionierungseifer angeht, gegenseitig nicht viel geschenkt. Nicht nur wären Renaissance und Aufklärung, derer sich Europa heute so rühmt, ohne Beeinflussung durch die Blütezeit der klassischen arabisch-islamischen Kultur kaum denkbar gewesen. Man könnte sogar argumentieren, dass das Christentum genau das war, wovor sich die »westliche Wertegemeinschaft« heute am meisten fürchtet: eine aus dem Nahen Osten eingedrungene Import-Religion, die genuine europäische Traditionen verdrängt hat. Horst Pukallus hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass ihm Religionen, gleich welcher Couleur, grundsätzlich suspekt sind, und erklärt in der folgenden Geschichte und seiner Nachbemerkung erneut, warum das so ist. Seine Geschichte spielt vor dem Hintergrund einer viele Sternensysteme umspannenden menschlichen Nachfolgezivilisation der fernen Zukunft. Ihre Aussage ist aber eine ganz irdische: Der eigentliche Konflikt, dem sie nachspürt, ist nicht der zwischen verschiedenen Glaubenssystemen sondern zwischen geerdeter, menschenwürdiger Vernunft und irrationalem religiösem Fanatismus.
Horst Pukallus: Das lange Jahr der kurzen Tage

Denn das Volk und das Reich, das dir nicht dient, geht unter; ja, die Heidenvölker werden gänzlich vertilgt.
Bibel, Isaias 60,12
Siehe, wir werden auf das Volk dieser Stadt Rache vom Himmel hinabsenden für ihre Missetaten.
Koran, Sure 29,33
Die Tage sind kurz geblieben, dachte Sedigeros Deguello, aber das Jahr ist sehr lang gewesen.
Anders hatte es nicht sein können. Arethusa, Äquatorradius sechsunddreißigtausend Kilometer, rotierte schnell. Knapp zehneinhalb Stunden Neuer Zeitrechnung dauerte der Tag des Planeten, eines für Menschen eigentlich unwirtlichen Riesen, dessen düstergelbe, nur von Staub durchwallte, von kryophilen Organismen bewohnte Wasserstoff-Helium-Atmosphäre blaues Elektrogluten durchwetterte, die mondlosen Nächte erhellte. Eisige Sandstürme tobten über die ausgedehnten, steinigen Ebenen. Arethusa bot ausschließlich eine Attraktion: stark quarzhaltiges Erz, das die Raumfahrt für den Astro-DML-(Dunkle-Materie-Licht)-Funk brauchte. Die kurze Wellenlänge des DML, tausendmal schneller als die normale Lichtgeschwindigkeit, ermöglichte in Kombination mit der Dirac-Quantenteleportation zwischen den Sternen eine relativ zeitnahe Kommunikation.
Das Warten hatte, indem die Spannung wuchs und wuchs, das Jahr in die Länge gezogen. Arrogant hatte die KKK per Astro-DML-Funk den Anflug ihrer zwei Megalo-Orlogiganten der Stympaliden-Klasse ein Jahr im Voraus avisiert. Sie hegte keinen Zweifel an der absoluten Überlegenheit ihrer Ideologie und ihrer Waffen. Allerdings beanspruchte die Flugzeit tatsächlich ein Jahr: Raumfahrzeuge bewegten sich trotz ultramoderner Nexutron-Triebwerke, die virtuell-artifizielle polytachyonische Singularitäten n-dimensionaler Qualität erzeugten und die Stympaliden, gelenkt durch mit Neuroakzeleratoren ausgestattete Pavian-Biotron-Piloten und Plasmacomputer, quasi phasenperiodisch durchs Raumzeit-Kontinuum forcierten, langsamer als das DML. Daher konnte eine Astro-DML-Funknachricht einem Raumschiff allemal vorauseilen.
Aus dem Mare Solórzano, wo sich die Fokos-Schürfstätten über Hunderte von Quadratkilometern erstreckten – Roboter erledigten den Tagebau –, stieg das Erz in magnetisch zusammengeflanschten Containern per Strato-Lift bis an die Grenze zum All empor. Von dort verschoben automatisierte Effektorfeld-Bugsierer die Container-Konglomerate zu Satelliten-Sammelstellen, computergesteuerten Plattformkonstruktionen, an denen die Frachtraumschiffe der Klientel sie abholten. Gestört werden konnte diese umfangreiche Transportation nur durch Weltraumschrott, der infolge gelegentlicher, eigentlich harmloser Unfälle, die lediglich Sachschäden verursachten, in allerdings beträchtlichen Mengen entstand.
Als die Kosmo-Katholislamische Koalition, hinter deren religiöser Fassade sich freilich nichts anderes als eine Konzernokratie verbarg, die Stellare Union mit dem Ultimatum konfrontierte, das System α Sextantis (also die Fokos-Quarz-Förderung) an die KKK abzutreten und zu diesem Zweck ein Konkordat vorschlug, oder es durch militärische Gewalt zu verlieren, auf kompromisslose Ablehnung stieß, ergaben sich aus dieser Impertinenz ernsthaft brisante Folgen. Das Empireum, der Neo-Vatikan des aktuellen Jahrhunderts, kündigte die sofortige Entsendung seiner Megalo-Orlogiganten an, Corpus Christi und Corpus Muhammad, sowie ihre Ankunft in Arethusas' Orbit. Gegen eine solche Erpressung fehlten der Union jegliche Abwehrmittel.
Wenn ein Jahr begann, schien das Ende in weiter Ferne zu liegen. Vergleichbar verhielt es sich mit in so einem zeitlichen Abstand bevorstehenden Unannehmlichkeiten oder Gefahren. Obwohl man sie absehen konnte, nahm man sie zunächst nicht sonderlich ernst, und vielleicht erst nach Ablauf der halben Frist neigte man allmählich dazu – oder fühlte sich gedrängt –, Betrachtungen über das Unaufhaltsame und seine eventuelle Abwendbarkeit anzustellen. Dann trat erst schleichend, danach jedoch immer häufiger und unübergehbar, eine gewisse Beklommenheit ein, die sich mit der Zeit zu mehr oder weniger stetiger Beklemmung steigerte. Von da an regten sich unter den Betroffenen zusehends mehr Kräfte, die effektive Vorbeugungsmaßnahmen anstrebten. So verlief es auch in diesem Fall.
Früh hatte Sedigeros begriffen, dass er in seiner Eigenschaft als einzig dem Ultramentalen-Komitee verantwortlicher Chefkoordinator nicht zaudern durfte, bis sich unterschwellige Panik und Ansätze zur Hysterie erkennen ließen, aber auch die Klugheit gehabt, solange Zurückhaltung zu bewahren, bis er unterscheiden konnte, welche Personen für ihn als verlässliche Verbündete taugten. Es wäre möglich gewesen, sich auf seine Weisungskompetenz zu stützen. Aber er zog es vor, wirklich Entschlossene um sich zu scharen, also Mitarbeiter, die freies Denken betrieben, die Wahrheit in den Tatsachen fanden und in Bezug aufs Handeln eher zur Besonnenheit als zum Schneid neigten.
Er hatte sich zu der Vermessenheit verstiegen, dem Ultramentalen-Komitee und der Bevölkerung Arethusas sein Wort zu geben, dass ihnen nichts zustoßen sollte. Man vertraute ihm: Alle gingen schlichtweg ihren Aufgaben nach, während unaufhaltsam das Verderben nahte. Also durfte ihm kein Fehler unterlaufen.
Sedigeros saß inmitten des kugeligen Zentralen Funktionsraums der in der Syrtis Sarang Singa gelegenen Kuppel Pinaret D-13 an den Ortungskontrollen der Teleanalysatoren und Neutronenspektrometer. Der Funktionsraum hing wie ein gläserner Tropfen unter dem Scheitelpunkt der Kuppel. Die Finger des Chefkoordinators blieben den in die Armlehnen des Kommandosessels integrierten Sensortasten stets nah. Lautlos huschten dezentbunte Falschfarben-Rasterdiagramme über die Bildflächen der DNS-Computer. Im Fernbereich eingesetzte Patrouillensonden beobachteten die Orlogiganten seit ihrem Einflug ins System α Sextantis und übermittelten Funkdaten an Pinaret D-13. Den Anzeigen der Computer gehörte die Aufmerksamkeit der Kalkulantin Hidden Tsunami, obschon sie die Apparate nicht brauchte. Als Mathematik-Intuitionistin hatte sie eine direkt-integrale, auf das spatiale und temporale Gefüge des Universums und seine Schwingungen eingestimmte Psyche – anscheinend befand sie sich mit dem Kosmos in einem Zustand morphischer Resonanz – und erzielte im Kopf Rechenergebnisse deutlich schneller als die Computer. Arbeitete man mit ihr zusammen, verlief alles durchschaubar, schnell und verlässlich.
»Trotz der Bremsmanöver nimmt die Entfernung der Stympaliden zügig ab«, stellte Hidden fest. »Meines Erachtens treten sie schon in ein paar Minuten mit uns in Kontakt.«
Vor einiger Zeit hatte sich bei Sedigeros eine ausdauernde Liebe zu Hidden festgesetzt. Leider erwiderte sie seine Zuneigung nicht, ihr fehlten die Voraussetzungen. Sie litt an Alexithymie, völliger Gefühlsblindheit. Aber Sedigeros wusste, dass wahre Liebe keine Gegenleistung einforderte.
Die Kalkulatorin erlebte keine emotionalen Verwicklungen, während die meisten Frauen Arethusas’ sich als Doppelbräute betätigten, also zwei Männer hatten, überwiegend ohne mit ihnen zusammenzuleben. So führte Hidden auf jeden Fall ein ruhiges Dasein.
»Welche Daten übermittelt Dagger?« Orbitalexpertin Dagger Bismillahi, eine Frau mit nahezu drakonischem Durchsetzungsvermögen, arbeitete auf der anderen Hälfte des Planeten in der Kuppelstadt Wandyssa P-19 auf dem Mons Tymbandan. »Ich gehe davon aus, dass die Stympaliden nicht gleichzeitig mit Basilisk über uns eintreffen.«
»Die Daten ändern sich ständig, aber ich erkenne intuitiv, dass Basilisk sechs Minuten und zwei Sekunden später in Reichweite sein wird. Ist zu befürchten, dass die KKK uns unverzüglich unter Beschuss nimmt?«
»Und wenn schon …« Sedigeros zuckte mit den Schultern. »Was wir im Feuer verlieren, finden wir in der Asche wieder.« Er hatte so gesprochen, wie Hidden es sah. Sie kannte ja keine Furcht. Auf diese Weise fühlte er sich ihr vertraut.
Sein Blick schweifte durch das Transparent-Titan der Kuppel an den Horizont, den Wassereisgebirge säumten. Auf den vorgelagerten Methanseen, an deren Ufern in salzhaltigen Lachen Halophyten, Myzeten und Lichen wucherten, brannte mit Methanhydrat vermischtes Eis. Auf ganz Arethusa lagen mehrere Dutzend Kuppelbauten verteilt, jeder eine aufstrebende Mikropolis mit im Durchschnitt sechshundert Bewohnern, die nach Sedigeros’ Urteil Perlen in Muscheln glichen. Eine so gute Meinung hatte er von ihnen.
Als plötzlich dumpf krachende Erschütterungen durch Arethusas’ globale Kruste dröhnten, überraschten sie niemanden. Neue Geysire versprühten Verflüssigungen aller Art. Denn seit Jahrzehnten schlingerte ein Zombie-Stern, eine nach ihrer Explosion ausgebrannte Sonne, durch die Randzonen des Systems α Sextantis (dessen düsteres Hauptgestirn eine Leuchtkraft von lediglich 4m,5 hatte) und verursachte spürbare gravitatorische Störungen. Bei engster Annäherung des verirrten Schlackebrockens dehnte sich Arethusa aus. Deshalb hatten Architekten, Ingenieure und Techniker das Transparent-Titan mit semi-intelligenten, adaptiven Assistenzmodulen nachgerüstet, die bei höheren Belastungen diaphragmische Granulat-Kachelmosaike erzeugten, die durch adhäsive Dilatation eine ausreichende Elastizität sicherstellten und auf diese Weise Schäden abwandten.
Ursprünglich hatte man den Planeten als »Wagniswelt« eingestuft und Nastrond genannt, ein Name dubioser Herkunft, der angeblich eine »Stätte der Verdammten« bezeichnete. Später gestand man ihm, da er sich als Fundort des so außerordentlich bedeutsamen Fokos-Quarz erwies, die freundlichere Benennung Arethusa zu, also »Quelle«. Dadurch änderte sich nichts an der Tatsache, dass er sich für Menschen wenig eignete. Außerhalb der Kuppelstädte bedeuteten starke Schwerkraft und hoher Druck ein Problem. Vorerst konnte auf dieser Welt ohne den Schutz der Kuppeln, ihrer Innenatmosphäre und Gravo-Generatoren niemand überleben. Langfristige Planungen liefen hinaus auf eine gentechnische und adaptionschirurgische Anpassung der Arethuser an die Verhältnisse ihres Planeten. Durchstromlungen und Memory-Muskeln boten überzeugende Vorteile, aber der Gedanke an Facettenaugen stieß noch auf verbreitete Abneigung. Zusätzlich erfolgten im Rahmen eines kühnen Terraformingprojekts enorme Chlorophyll-Infusionen in die Atmosphäre. Chlorophyll enthielt Magnesium, das Hämoglobin im menschlichen Blut Eisen. Man hoffte, dass die elektromagnetische Strahlung der Sonnenenergie ihre Schwingungen auf ein mit Hydrometallogen angereichertes Hämoglobin übertrug und eine Ernährung durch Fotosynthese ermöglichte. Indessen fehlten dafür noch die biologischen Rezeptoren, zu deren Erlangung man an der Entwickelung totipotenter Zellen forschte. Allerdings galten diese Vorstellungen als sehr umstritten. Manche Forscher schätzten sie als unverwirklichbares Wunschdenken ein.
»Sie sind da«, sagte Hidden so leise, als geschähe nichts Besonderes. Sedigeros nickte. Die Ortung zeigte ihm Entfernung, Größe und die einfachsten Biodaten der Katechumenen genannten Besatzungen der Stympaliden an. Jedes der beiden KKK-Raumschiffe, die eine Länge von einem Kilometer aufwiesen, hatte Personal in Stärke von rund dreitausend Individuen an Bord: Menschen, cyborgische Chimären und biotronische Upcycling-Animalia. Die Orlogiganten hatten die Form eines Kegelstumpfs, den in gleichmäßigen Abständen mittig drei flache Ringe umgaben, in denen sich die Batterien der Schiffsartillerie befanden. Zahlreiche Antennen etlicher Mess- und Zielgeräte garnierten den Bug, die kleinflächige Seite.
Patrouillensonden wiesen den Ankömmlingen Parkorbitkoordinaten zu. Aus Hybris akzeptierte man sie ohne Einwände. Darauf hatten Sedigeros und seine Vertrauten Hidden und Dagger gebaut.
Die KKK hätte Robot- oder Telepräsenz-Raumschiffe schicken können, wollte aber wohl gerne den Triumph über einen schwachen Gegner aus der Nähe erleben. Sedigeros erachtete diese Entscheidung als schon im Grundsatz unklug. Indessen scherte sie ihn nicht.
Ein halblautes Läuten erregte Sedigeros’ Beachtung. »Und das ist die Kontaktaufnahme.« Sein Mittelfinger huschte über eine Sensortaste. Auf einem Monitor von sechzig Zentimeter Diagonale flackerten Pixel zu einem Konterfei zusammen. Anfangs hatte der Chefkoordinator einen pompösen Großbildschirm mit Holo-Ultra-HD-Qualität zur Verfügung gehabt, ihn jedoch demontieren lassen: Er mochte es nicht, wenn sein Gegenüber, und sah es nur scheinbar so aus, auf ihn herabglotzte.
Der Kommandeur der zwei Megalo-Orlogiganten thronte in seinem Admiralodrom wie ein antiker Pharao. Gekleidet in die magentafarbene Admiralsuniform, auf der Leuchtfasern mit Abbildungen multisakraler Symbole glommen und aus deren Ärmeln geriffelte weiße Manschetten bis auf die Knöchel fielen, auf dem Haupt, das eine bläuliche Holo-Gloriole umgleißte, einen roten, mit wohl kabbalistischen Zeichen verzierten Baschlik, auf der Brust ein Ankerkreuz-Medaillon, saß er in arroganter Haltung auf seinem protzigen Kommandeurssessel, dessen hohe, halbrunde, mit einem Rollenfries im Pain-brulé-Farbton gesäumte Rücklehne auf traditionellem, grau-weißem Granatapfelmuster das Auge Gottes im Strahlenkranz schmückte. Mit Guilloche-Gravuren versehene Raupenglieder bildeten die geschwungenen Armlehnen. Die verarbeiteten Materialien erregten einen kostbaren Eindruck. Und doch, trotz allem, wirkte er auf dem kleinen Bildschirm mickrig und unwichtig.
Konteradmiral-Imam Theophorus Asadullah L’Edefere, Nachfolger des glücklosen Admirals Chrestotes Rustam-Ali de la Forge (der noch heute den Spottnamen »Allahs Amboss« trug, weil die Intersolaren Guerillos des Autonomen Regionalsektors Pherhad und die Fedajin der Souveränen Enklave Al Tais ihn so oft geschlagen hatten), zählte für Götzengläubige zu den bekanntesten Theogonie-Heroen der Retheologisierung, für Liberalisten dagegen zu den berüchtigtsten Okkultkriminellen des Kosmos. Als Günstling des auch als »Lügenpapst« geschmähten »Reformtheologen« Primas-Kalif Kuschajim-Schelumiel II. stieg er schon in jungen Jahren vom schlichten Oblatenpater des Oblatorianer-Ordens zum Liturgikus und während langen Fronens auf zum Rhetor, Doktrinarius, Suggestor, Mystiker, Indoktrinator – extern bezeichnete man die Denkweise dieser Ränge als Stereoptype Normopathie – und zu guter Letzt zum Legaten. Dank der Protektion durch den Geheimdienstleiter des Empireums, des sogenannten Heiligen Schattens, von dem man nur hörte, dass er »Prophet« sein sollte, hatte er, als seinen Vorgänger Admiral de la Forge die Degradierung stürzte, von der Diplomatie nur einen kleinen Schritt zur militärischen Karriere vollziehen müssen. Seither war das Universum merklich gealtert.
»Ich begrüße Sie in Arethusas Orbit, Exzellmir.« Sedigeros bemühte sich um einen heiteren Tonfall. »Falls irgendwelche makroökonomischen mammonistischen Handelsvorhaben Sie zu uns führen, werden Sie enttäuscht sein. Wir benutzen ausschließlich Schwundwährung.«
L’Edefere verzog keine Miene, sondern breitete die Arme aus, als sähe er einen Grund, um Sedigeros zu segnen. »Im Namen Gottallahs des Allmächtigen: Giaur, ich verstehe Ihre Frage nicht. Ihnen ist mitgeteilt worden, wie unsere Forderung lautet.« Leider kannte er keinen Humor. Sein Ledergesicht sah nach Mottenfraß aus. »Wir sind Reflektanten auf das Fokos-Quarz. Sie müssen uns die Minen überlassen. Gottallah schaut Ihr Treiben und ist schnell im Rechnen.«
»Wir sind’s auch.« Und zwar in mehr als einer Hinsicht. »Sie dürfen Quarz gegen für uns wünschenswerte Güter eintauschen, so wie andere Interessenten es praktizieren. Stattdessen künden Sie an, uns auszuplündern.« Der Countdown tickte. Restzeit fünf Minuten einundzwanzig Sekunden. Sedigeros versuchte sachlich zu bleiben, konnte sich allerdings ein paar deutliche Worte nicht verkneifen. »Ist das Maß der Habgier und Schlechtigkeit, das man von der Koalition kennt, noch nicht voll? Ihnen müsste doch klar sein, dass Missgunst ein Irrweg ist, der nichts einbringt.«
»Ihre Bemerkungen grenzen an Blasphemie, Chefkoordinator.« Aus Frömmigkeit, also einer Mischung aus Hochmut und Demut, verdrehte der Konteradmiral-Imam die Augen an einen Himmel, der seinem Megalo-Orlogiganten ermangelte. »Es geschah in einem Augenblick prophetischer Entrückung, verursacht durch schrankenlose enthusiastische Gottesliebe, dass ich begriff: Wie kann es sein, dass Entartete etwas so Wertvolles raffen und es den Dienern Gottallahs verweigern? Denn Gottallah hat ja Macht über alle Dinge. Er hat eine Welt verheißen, deren ›Steine Eisen enthalten und aus dessen Gebirge du Erz hauen kannst‹.« Aus seiner Stimme troff salbungsvolle Verlogenheit. »Sie sind ein halsstarriges Völkchen mit verworfener Gesinnung. Daher rate ich, beachten Sie das Wort der Heiligen Schriften: ›Er fegt sie aus dem Lande fort und vernichtet sie, und die Erinnerung an sie verschwindet.‹«
Sedigeros wusste eher säkulare Gründe. Verschaffte L’Edefere der KKK das wegen seiner hochgradigen Mikrokristallinität begehrte Fokos-Quarz, ohne dass es sie viel kostete, ihr jedoch für die Zukunft enorme Gewinne verhieß, sicherte er sich endlich die seit Langem ausstehende Beförderung zum Admiral.
Der Chefkoordinator hätte L’Edefere entgegnen können, dass die Arethuser sich nicht als ›Entartete‹, sondern als Zetetiker verstanden. Aber er hielt es, um Zeit zu gewinnen, für angebracht, über etwas zu reden, was den Konteradmiral-Imam interessierte. Noch vier Minuten fünfundvierzig Sekunden.
»Bitte erklären Sie mir die Lage, Exzellmir.«
»Alles ist ohne Weiteres verständlich. Falls Sie nicht kapitulieren, sind Sie Kandidaten fürs Jenseits. Dann wenden wir unsere Universaldestruktoren an. Sie verfallen der Ekpyrosis, dem Kristalltod, werden verbrannt und zu Dschehannam versammelt.« Sedigeros verstand, was er meinte: Die Destruktorwaffe funktionierte durch zerfallsaktive Mineralien, deren Strahlen Organismen in Asche verwandelten. Leben verwehte in Wolken glutheißen Staubs. »Danach setzen wir die Akindschi ab.« Diese Söldnertruppe diente der KKK auf Provisionsbasis. »Auf diesem Wege machen wir Arethusa zu unserem Protektorat, so Gottallah will.«
Der Interkom-Apparat blinkte. Sedigeros’ Zeigefinger streifte eine Sensortaste. Auf einem gesonderten Laufschriftband des Monitors erschien Dagger Bismillahis Mitteilung, dass Basilisk in den vergangenen Minuten die Kuppelstädte M’bete Okeke L-27, Anakena Ekiti M-08 und Obdorsk E-21 überflogen hatte, sich also rasch näherte. Noch 3 Minuten 59 Sekunden.
»Will Gottallah es denn? Sie hätten keine Bedenken, Exzellmir, für Ihre Bestrebungen eine große Anzahl unschuldiger Menschen hinzumorden?«
»Glauben Sie mir, dass solche Entschlüsse nicht leicht gefällt werden. Ich habe zu Gottallah gesprochen und gefleht: Herr, erlaube mir die Sünde. Es sind doch Apostaten. Und Sein Schweigen besagte mir Zustimmung.«
»Das Ganze klingt mir, um ehrlich zu sein, nach einer Kannibalenhumoreske.« Es galt, Zeit zu schinden. »Exzellmir, Sie haben das Jenseits erwähnt. Stellen wir uns einmal vor, Ihre Waffen töten mich, und wir sehen uns dort wieder. Könnte das nicht problematisch sein?«
»Nein, überhaupt nicht. Dann werden Sie mir nämlich durch Gottallahs Gnade aus übergroßem Entzücken längst verziehen haben.«
»Darin sehe ich eine kühne Aussage, zumal Sie mich kaum kennen. Vielleicht bin ich gar nicht so versöhnlich. Bisher wüsste ich keinen Grund, um zu Ihnen eine gütliche Haltung einzunehmen. Ob mit oder ohne Gottallahs Billigung, Sie beabsichtigen Raubmord. Halten Sie sich denn für unfehlbar?«
»Unfehlbar ist nur Gottallah.«
»Wenn Sie fehlbar sind, können Sie sich irren.«
»Ich kann mich nicht irren, weil ich im Namen Gottallahs spreche.«
»Sie tun mir leid. Der Autoritäre ist immer ein verkümmerter Rebell. Vielleicht hatten Sie einmal die besten Ansätze.«
»Was für ein Unfug. Dann müsste der Rebell ja der verhinderte Autoritäre sein.«
»Keineswegs. Er ist die künftige Autorität. Nebenbei: Wir sind keine Rebellen. Wir verkörpern eine Gemeinschaft, die auf Eigenständigkeit pocht. Also Freiheit.«
»Wissen Sie, welchen Rat für uns in einem derartigen Fall die Genesis enthält?«
»Nein, Exzellmir. Aber ich möchte es durchaus erfahren.« Zwei Minuten achtunddreißig Sekunden.
»›Lasst uns den Träumer erschlagen, und wir werden sehen, was aus seinen Träumen wird.‹ Denn afflabit Deus, et dissipabuntor. Genau das ist es, worum unser Gespräch sich dreht.«
»Ach ja, Deus providebit.« Sedigeros merkte, dass L'Edefere stutzte. Vermutlich hatte er nicht angenommen, dass sein Verhandlungspartner Altsprachen beherrschte. Flüchtig lenkten Donnerschläge Sedigeros ab. Arethusas' kurze Tagesdauer entfesselte heftige atmosphärische Turbulenzen, weil Luftmassen unterschiedlicher Temperatur in ihrem Umwälzungsprozess nie zur Ruhe kamen und in der Folge häufig elektrische Großentladungen entstanden. (Darum krönte ein Kranz aus Blitzableitern und Antistatikfeld-Projektoren jede Kuppelstadt.) Das Gleißen grellen Gewitterns, Gespinsten ähnlich, zerriss die minus hundertdreißig Grad kalte Winternacht. Mit schroffem Prasseln zerschellten dicke Tropfen Methanregens an der metalloiden, molekularflexiblen Wandung des Gebäudes. »Ich habe den Eindruck, Sie sprechen nur für sich, Exzellmir. Allerdings findet zwischen uns und der KKK eine gefährliche Konfrontation statt. Erübrigen Sie kein Bedauern für die Menschen und sonstigen Lebewesen, die Ihrem Befehl unterstehen?«
L’Edefere schmunzelte geringschätzig. »Soll das eine Drohung sein? Was haben Sie bloß vor, Chefkoordinator?«
»Also wirklich, Götterliebling: Wenn Sie das Ende vorzeitig erfahren, wie könnten Sie dann verstehen, was geschieht?«
Der Konteradmiral-Imam wölbte die Brauen. »Und was sollte geschehen, außer dass Sie sich unterwerfen?«
»Es heißt doch im Buch der Sprüche: ›Der Frevler Weg ist wie finstere Nacht, sie wissen nicht, woran sie scheitern werden.‹ Gibt Ihnen das nicht zu denken?«
Sichtlich ärgerte es L’Edefere, von Sedigeros Zitate aus den eigenen folkloristischen Dienstanweisungen zu hören. In plötzlicher Nervosität zupfte er an seinen Pleureusen.
In diesem Augenblick verließ Basilisk den Planetenschatten. Die Drohne hatte die Beschaffenheit eines Zykloden von ungefähr zweihundert Meter Durchmesser. Noch zweiunddreißig Sekunden.
Sedigeros sah L’Edefere den Kopf zur Seite drehen. Auf einmal gellten im Hintergrund Alarmsignale. Anscheinend hatten die Instrumente der Stympaliden die Drohne erfasst. Vermutlich versuchten die Pavian-Piloten nun Ausweichmanöver einzuleiten, indem sie ihre mit der plasmatronischen Sensorsteuerung gekoppelten Neurochips benutzten, um die Reaktionen der Präventiv-Reflexautomatiken zu beschleunigen.
»Was ist das für ein absurdes Gebilde?« Verkniffen starrte L’Edefere in die Optik. Seine Stimme klang äußerst gereizt. »Hat der Gesteinigte Satan es geschissen?«
Sedigeros hatte genug von seinem kurios-spiritistischem Gerede. »Ich kann Ihnen bestätigen: Gewisse Entschlüsse werden nicht leicht gefällt. Das ›Gebilde‹ ist die Satellitendrohne Basilisk. Um einen störungsfreien Ablauf des Quarztransports zu gewährleisten, ist sie mit Impulskonzentratoren ausgerüstet, deren Stoßwellen Orbitalschrott vernichten. Für Basilisk gehören Ihre Raumschiffe in diese Kategorie.«
Mit einem Mal wirkte L’Edeferes Gesicht kalkig. »Hören Sie zu, Chefkoordinator … Vielleicht ist ja doch eine Einigung möglich, so Gottallah will. Beachten Sie, wir haben vieles zu bieten. Gottallah schenkt durchaus den Lohn dieser Welt.«
»Der Tod nimmt keine Geschenke an.«
L’Edeferes Bild zerstob. Sedigeros’ Gemüt verharrte in einem Zustand ungewohnter Härte und Kälte, von dem er sich wünschte, ihn nie, nie wieder erleben zu müssen, während die beiden Megalo-Orlogiganten in einem gewaltigen grellweißen Feuerball verglühten und ein riesenhafter Schwaden bald rötlichen Funkenflugs sich in Arethusas’ Orbit ausbreitete wie eine Siegesfahne.
Am Horizont der Syrtis Sarang Singa zeichnete sich fahle Dämmerung ab. Das Jahr ist lang gewesen, dachte Sedigeros. Aber die Tage bleiben kurz. Guten Morgen, Basilisk.
Nachbemerkung des Autors
Eine Erläuterung zur Story »Das lange Jahr der kurzen Tage« zu verfassen, ist einfach. Die antiklerikale Tendenz ist offenkundig. Wer mich kennt, weiß genau, dass ich ein entschiedener Gegner aller Religionen und ihrer Organisationen bin. Wenn ich sie thematisiere, kann ich ein Zitat des bedeutenden Kirchenkritikers Karlheinz Deschner für mich reklamieren: »Ich schreibe aus Feindschaft.«
Mit den wenigen Zeilen, die Nova mir zugesteht, kann keine umfangreiche Begründung abgegeben werden. Deshalb verweise ich, was das Christentum angeht, auf Werke wie Jean Mesliers Testament, Otto von Corvins Pfaffenspiegel, Deschners zehnbändige Kriminalgeschichte des Christentums und Heinz-Werner Kubitzas Der Jesuswahn.
Doch in Wahrheit wissen wir um das Abstoßende alles Religiösen auch aus eigenem Erleben. Wer kennt sie nicht, diese Weiber, die quäken: »Aber man muss doch an etwas glauben!« An einen Aberglauben? Warum denn? Will man an etwas glauben, dann doch am sinnvollsten an sich selbst. »Die Kritik der Religion«, schrieb Karl Marx 1844, »endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.« Ähnliches vertrat Ludwig Feuerbach: »Ist das Wesen des Menschen das höchste Wesen, so muss auch praktisch das höchste und erste Gesetz die Liebe des Menschen zum Menschen sein.«
Und wer kennt nicht die salbungsvollen Schwätzer, die behaupten, die Kirchen täten »doch so viel Gutes«? Aber ihre karitativen Institutionen finanziert der säkulare Staat, der Steuerzahler, und dabei beharren die Kirchen auf eigenem Arbeitsrecht – bilden einen Staat im Staate –, kassieren zusätzlich Kirchensteuer und sammeln Spenden. Sie indoktrinieren Kinder und Schüler mit erlogenem Unfug. Sollen wir dafür dankbar sein? Warum denn?
Religionen haben nie etwas Gutes getan und tun es bis heute nicht. Schauen wir uns um. Der polnische Präsident Duda beschreit die katholische Familientradition und pöbelt, unterstützt durch faschistische Horden, gegen sexuelle und andere Nonkonformisten. In Brasilien terrorisiert die klerikalfaschistische Bolsonaro-Despotie das Land mit der neokonservativen Familie-Patriotismus-Nationalismus-Ideologie evangelikaler Kirchen – denen Bolsonaro 4,9 Millionen Euro für Medienpropaganda zugeschanzt hat –, kombiniert mit einem volksfeindlichen ökonomischen Neoliberalismus-Projekt, das auf die Atomisierung aller Sozialstaatlichkeit abzielt. Was die USA betrifft, kann Trumpelstilzchen ohne evangelikalen Hintergrund gar nicht verstanden werden. Bolivien: »Übergangspräsidentin« Jeanine Áñez – natürlich eine evangelikale Putschistin – hat, die Bibel schwingend, rechtlich gleichgestellte Ureinwohner »satanischer Riten« bezichtigt (ist aber am 18. Oktober 2020 erfreulicherweise abgewählt worden). Jahrzehntelang kannte man Indiens Hindus als friedliche Räucherkegel-Einäscherer, heute darf die Welt zusehen, wie sie Frauen vergewaltigen und anschließend verbrennen. Vermutlich war es immer so, bloß hat George Harrison es nicht mitgekriegt. Die Krawalltruppen der hindu-nationalistischen Regierungspartei BJP sind so dumm, dass sie im Juni 2020 ankündigten, ein Bild des »chinesischen Präsidenten Kim Jong Un« abzufackeln, obwohl Kim Jong Un in Wirklichkeit in Korea Vorsitzender der Partei der Arbeit ist. Auch was der Islam anrichtet, ist allgemein erkennbar. Siehe Türkei, siehe Daesh, siehe Saudi-Arabien: Diktatur, Massaker, Kopf-ab-Justiz. Und selbst die Buddhisten sind dafür bekannt, dass einige Sekten mit zahllosen »Höllen« drohen, gegen die Dantes Inferno als Ponyhof gelten darf. Dankeschön. Die Beispiele ließen sich vermehren.
Und sie alle nehmen für sich »Religionsfreiheit«, also Narrenfreiheit, in Anspruch. Warum denn? Weil ihre Schweinereien nie ein Ende haben sollen. Zumindest für die BRD kann man feststellen: Im Grundgesetz kommt der Begriff »Religionsfreiheit« nicht vor, es kennt nur eine Bekenntnisfreiheit (Art. 4 GG). Das heißt, jeder darf sich zu einem Glauben bekennen, aber ich darf mich auch dazu bekennen, ihn nicht zu mögen.
Religion verdient nämlich keine Toleranz. Warum denn sollte sie? Man muss jeder Religion auf die schmutzigen Klauen hauen, wo sie sich am Leben zu vergreifen versucht.
Um das wieder einmal zu betonen, wurde die Story »Das lange Jahr der kurzen Tage« geschrieben. Aus Feindschaft.
Die Story hat, was eine Story braucht: Rückständige, aggressive Schurken und (auch geistig) fortgeschrittene Freiheitsfreunde (die nicht die andere Wange hinhalten). Als die klerikalen Kosmofaschos verglühen, bricht der Tag an.
Da wird sich mancher fragen: Ist der alte Pukallus noch immer radikal? Die Leser sollen erfahren, was radikal ist. Jean Meslier, der bis zu seinem Ableben 1729 Pfarrer war, schrieb grimmig, er wünsche, »dass alle Großen der Welt und alle Adligen mit den Gedärmen der Priester erhängt und erwürgt werden sollten.« Das ist radikal.
Dem Mann gebührt in jeder Stadt ein Denkmal.
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Das gesteigerte Bewusstsein für Natur und Umwelt, das die Ökobewegung in die zeitgenössischen Debatten eingebracht hat, ist nicht ohne gewisse Naivitäten und Verniedlichungstendenzen, ein allzu idyllisches Bild der natürlichen Welt abgegangen. Wie anders ist es zu erklären, dass Berliner Zoobesucher aufrichtig entsetzt waren, als der selige Eisbär Knut, seinen natürlichen Instinkten folgend, einige in sein Gehegebecken ausgesetzte Karpfen vertilgte? Welch ein Schock müsste es für solche Leute sein, sollte ihnen jemand erklären, dass die knuffigen Eisbärenmädchen Flocke und Anori inzwischen stark und aggressiv genug sind, um einen erwachsenen Menschen mit einem einzigen Prankenhieb aller Befürchtungen um die Altersversorgung zu entledigen. Norbert Stöbe, einer unserer Stammautoren, muss solche Naivitäten im Hinterkopf gehabt haben, als er ausgerechnet dem Wappentier der Öko-Bewegung – dem Großen Panda, im realen Leben keineswegs ein Teddybär, sondern ein kraftvolles Raubtier, mit dem nicht zu spaßen ist – eine verhängnisvolle Rolle in einem versuchten Anschlag von Öko-Aktivisten auf ein chinesisches Fusionskraftwerk einräumte. US-Komikerlegende George Carlin hat sich immer wieder köstlich darüber amüsiert, mit welchem Eifer die Medien die Paarungsaktivitäten Großer Pandas in Zoos verfolgten. Ihm hätte sicher gefallen, wie sich in der folgenden Geschichte zwei brünftige Pandas auf ihre Weise gegen wohlmeinende Einmischungen von Menschen verwahren.
Norbert Stöbe: RITA flies at 5 p.m.

1
Pedro Bolivar drückte seine Nase an der Glasscheibe platt und atmete mit offenem Mund. Im großen Sitzungssaal des Kongressgebäudes wimmelte es von Aliens. Es gab große und kleine, bunte und graue, schwabblige und feste. Sie tröteten und zirpten, grunzten, kieksten und blökten. Trotz der dämpfenden Wirkung der Scheibe war ihr Geschnatter ohrenbetäubend laut. Staunend schaute er dem Spektakel zu. In der dritten Reihe diskutierte ein blauer Alien mit Trichtermund mit seinem vierschrötigen halslosen Nachbarn. Seine ovalen Augen waren so groß wie Papayas. Eingerahmt waren sie von dicken Wimpernhärchen, die in strudelnder Bewegung begriffen waren. Auf den ersten Blick klatschten die beiden einander permanent ab. Es sah lustig aus, doch es war ihre Art zu streiten. Angefeuert wurden sie von einer hinter ihnen sitzenden Fröschin mit grünem Fell und winzigen Brüsten, die von feucht glänzenden Schalen bedeckt waren. Auf dem Rücken trug sie einen flachen Tornister, von dem ein Schlauch nach vorn führte. Hin und wieder nahm sie einen Zug aus dem Mundstück und pustete sattgelben Dampf auf die beiden Kontrahenten.
»Gib’s ihm, Alter!«, murmelte Pedro. »Zeig dem Penner, wo der Hammer hängt!« Aus irgendeinem Grund hatte er Partei für den Blauen mit dem Trichtermund ergriffen. Dann wurde er abgelenkt: Eine Art Wurm mit vier Beinen und zwei Armen kroch aufs Podium. Am Rednerpult richtete er sich auf und fuhr einen halben Meter weit den Kopf aus. »Aawrkud«, wurde hinter ihm angezeigt, »Vertreter von Pbsmiftz.« Er stützte die Arme aufs Pult, schaute auf seinen Text nieder und …
»Verflucht noch mal, zieh die verdammte Brille aus!«, sagte jemand hinter Pedro. Er riss sich die AR-Brille vom Kopf und fuhr herum. Vor ihm stand Luiz Sardo, der Vorarbeiter des Reinigungstrupps. Sein Gesicht war so braun wie Tabaksaft, sein Grinsen schadenfroh. »Wie oft soll ich dir noch sagen, dass die Dinger bei der Arbeit verboten sind?«, blaffte Luiz. »Und nach der Arbeit will ich deine Pisse haben. Heute ist für dich Drogentest angesagt, und wenn der Detektor anschlägt, weißt du, wo du dir deine Papiere abholen kannst.«
»Si, Señor«, sagte Pedro mit niedergeschlagenem Blick. »Kommt nicht wieder vor, Señor.« Er klappte die Brille zusammen und schob sie in die Tasche. Luiz mochte es, wenn ihm die Leute in den Arsch krochen. »Und der Test? Ich meine, muss der sein, Señor? Bitte?«
»Wir werden seh’n«, sagte Luiz und entfernte sich mit selbstgefälligem Lächeln.
Pedro blickte ihm hinterher. Er war auf den Job angewiesen, denn er wohnte außerhalb der Kuppel, und seine Klimaanlage war defekt. Eine neue konnte er sich nicht leisten, außerdem war der Strom kaum noch bezahlbar. Und die Cooler-Pillen, mit denen die meisten sich gegen die Schwüle wappneten, mochte er nicht. Sie stellten irgendetwas mit einem an. Er bevorzugte die Estrellas Azules, die es an jeder Straßenecke zu kaufen gab. Die Estrellas und die Brille halfen ihm, die demütigende Arbeit und das Arschloch Luiz zu überstehen.
Zähneknirschend setzte er einen selbsthaftenden Reinigungsbot auf die Fensterscheibe und schob dann seinen Versorgungswagen weiter durch die Flure. Hin und wieder näherte sich ein Bot, und je nachdem leerte er den Schmutzbehälter, füllte Reinigungsflüssigkeiten und Wasser nach oder tauschte den leeren Akku gegen einen vollen aus. Er war ein Botgehilfe, und das schmeckte ihm gar nicht. Nach einer Weile, als er sicher war, dass Luiz sich nicht in der Nähe befand, setzte er wieder die Brille auf.
2
Zweitausendsechshundert Delegierte hatten sich in Brasilia versammelt, der von Oscar Niemeyer erbauten, einst so futuristischen Stadt, die jetzt gegen den Verfall ankämpfte und nur noch auf eine Zukunft verwies, die niemals eingetroffen war. Im Schutz der größten Kuppel der Welt, die gestützt wurde von hundertdreiundfünfzig gigantischen Säulen mit integrierten Kühlaggregaten und Luftumwälzern, berieten die Vertreter von hundertsechzehn Ländern über das Vorgehen gegen die Aufheizung der Atmosphäre. Im Gegensatz zu Niemeyers Vision von einer sozialistischen Gesellschaft war diese seit Langem bittere Realität. Der globale Temperaturanstieg seit Beginn der Industrialisierung betrug zwei Komma neun Grad Celsius. Alle Abkommen und Versprechen, den Anstieg zu begrenzen, waren gebrochen worden. Immer mehr Hitzezonen wurden für unbewohnbar erklärt, und entsprechend hitzig entwickelte sich die Debatte.
Auf eine Vertreterin der USA folgte Jorge Ramos, ein Sprecher der Solarier. Er präsentierte Sonnenfotos einer chilenischen, von Brasilien finanzierten Sternwarte. Zu sehen waren gigantische Flecken, gewaltige Protuberanzen und violett leuchtende Teilchenströme. Unter den Buhrufen eines großen Teils des Publikums wiederholte er stoisch die Standardbehauptung der Solarier, die Erderwärmung sei ausschließlich auf Anomalien der Sonne zurückzuführen und somit menschlicher Einflussnahme grundsätzlich entzogen.
»Fake Facts!«, wurde gerufen. Einige Wissenschaftler schwenkten Diagramme, die angeblich belegten, dass die Sonnenaktivität im Rahmen des Üblichen verlaufe. Eine Sprecherin des Grünen Blocks stürmte aufs Podium. Mit ihren dunkelblonden Zöpfen wirkte sie wie eine Wiedergängerin der aus der Öffentlichkeit verschwundenen Greta Thunberg, die insbesondere bei den europäischen Grünen Heiligenstatus genoss. Emilia Lacone, ihre derzeitige Reinkarnation, versetzte Ruiz Ramon geschickt einen Rempler und nahm seinen Platz am Mikrofon ein. »Schamlose Lügen!«, rief sie mit sich überschlagender Stimme. »Jedes Kind kann erkennen, dass die Fotos Fälschungen sind! Aber der Klimawandel ist menschengemacht und eine unmittelbare Folge der steigenden CO2-Konzentration – auch das weiß jedes Kind! Hätten nicht notorische Faktenverdreher wie Jorge Ramos und korrupte Politiker in aller Welt aus eigennützigen Motiven heraus die notwendigen Maßnahmen zur Herstellung eines klimaneutralen Wirtschaftens torpediert, wäre es jetzt vielleicht noch fünf vor zwölf. Aber es ist schon zwanzig nach zwölf, ach was, der Uhrzeiger steht kurz vor eins …«
Das war natürlich Wasser auf die Mühlen der Antinatalisten, die sich mit Wirtschaftssteuerung und technologischer Erneuerung nicht lange aufhielten. Für sie war nicht die Wirtschaftsweise, sondern der wirtschaftende Mensch die Wurzel allen Klimaübels, dem sie durch die konsequente Verweigerung der Fortpflanzung beizukommen gedachten. Seit dreißig Jahren hofften ihre Gegner, ihr Aussterben, eigentlich die logische Folge ihrer menschheitsverachtenden Ideologie, werde die politische Auseinandersetzung mit ihnen irgendwann überflüssig machen, doch seltsamerweise war der Nachschub an Anhängern scheinbar unerschöpflich. Speziell die jungen Leute fanden an der kruden Fortpflanzungsverweigerung der Antinatalisten Gefallen. Straff organisiert in diversen NGOs, stellten sie einen nicht unerheblichen Anteil der Delegierten. Enthusiasmiert durch die vernichtende Zeitansage der Grünen-Vertreterin, sprangen sie auf, kletterten auf ihre Sitze und skandierten: »Yes Love – no Children! Yes Love – no Children!« Die meisten sahen nicht nur aus wie Kinder – sie waren welche. Ihre älteren Sitznachbarn bemühten sich, sie, wenn nicht auf den Boden der Tatsachen, so doch auf den Boden der Kongresshalle hinunterzuziehen, doch die Kinder wehrten sich verbissen. Die Saalwache marschierte auf. Aus dem Off tönte die Stimme der Kongress-AI: »Die Sitzung ist unterbrochen!«, säuselte sie. »Bitte räumen Sie den Saal!«
3
Roboter waren praktisch und vielseitig, doch es gab Dinge, die sie überforderten. Manchmal waren es gerade die einfachen Herausforderungen, an denen sie scheiterten, und dazu gehörten auch die geschwungenen, ansteigenden Sitzreihen des Kongresssaals. Und deshalb sammelte jetzt Pedro den Dreck auf, den die Delegierten zurückgelassen hatten. Leere Wasserflaschen, In-Ears, ein einzelner Schuh, sogar ein Gebiss: Alles kam in den blauen Sack, dessen Inhalt irgendjemand sortieren würde, bevor er in die Müllverbrennungsanlage kam, oder auch nicht.
Es war fünf nach halb elf, außer ihm hielt sich niemand mehr im Saal auf. Doch als Nachhall der Stimmen verweilte noch ein irritierendes, insektenhaftes Gesumm, und auch die Gerüche, süßlich, schweflig, modrig, alienhaft, waren noch wahrnehmbar. Er trug wieder die Brille, was zur Folge hatte, dass ein Teil der Hinterlassenschaften ein widerliches Eigenleben entwickelte. Da gab es dicke blaue Würmer, die sich auf dem Teppichbelag ringelten, und graue Fladen, die sich mehr fließend als kriechend fortbewegten. Der Zettel aber, den er vom Boden aufhob, war aus Papier, und die Handschrift war deutlich zu lesen: RITA flies at 5 p.m. Er konnte ein bisschen Englisch, die Übersetzung war kein Problem: Rita fliegt um siebzehn Uhr. Dennoch schob er die Brille hoch und besah sich den Zettel genauer. Irgendetwas stimmte nicht damit. Er hatte zwei, drei Muntermacher geschluckt, denn er arbeitete eine Doppelschicht ab. Die Buchstaben waberten vor seinen Augen, die Umrisse sah er doppelt, dreifach … vierfach? Schwer zu sagen. Doch das war es nicht. Plötzlich machte es bei ihm Klick. Rita war großgeschrieben: RITA. Das war nicht der Name irgendeiner Delegierten, die morgen Nachmittag vorzeitig abreisen wollte. Das war eine Abkürzung.
Augenblicklich begannen Glücksräder in seinem Kopf, zu kreisen. Es waren die gleichen wie in den Automatenbuden, wo viele Arbeiter, benommen von der unmenschlichen Schwüle der unklimatisierten Außensiedlung, ihr Geld verspielten. Anstelle der bunten Früchte und megabusigen Weiber standen Worte drauf. Als sie zum Stillstand kamen, war klar, was die Abkürzung bedeutete: Rocket Integrated Target Annihilation – RITA.
Rocket bedeutete Rakete, und Annihilation Vernichtung. Also ein Attentat. Jemand plante einen Vernichtungsschlag, der logischerweise am letzten Sitzungstag stattfinden würde, also in vier Tagen, und Pedro war möglicherweise der einzige Außenstehende, der davon wusste – vielleicht der einzige Mensch auf der Welt, der die drohende Katastrophe verhindern konnte.
In dieser Nacht fand er keinen Schlaf, was nicht nur an der Hitze lag. Vor Aufregung verwechselte er die Pillen und schluckte statt des Schlafmittels zwei weitere Estrellas. So kam es, dass er mit großen, brennenden Augen in die Dunkelheit seiner überhitzten Behausung starrte, während sich die Möglichkeiten durch seinen Kopf wälzten wie grüne, rote und blaue Dschungelschlangen. Schließlich stand er auf und bestieg den Schwebetransporter, ohne gefrühstückt zu haben. Als er pünktlich fünf vor acht seine erste Schicht antrat, herrschte schon vor dem Kongressaal helle Aufregung. Überall wurde aufgeregt diskutiert. Sein Körper hatte sich in eine sensible Antenne verwandelt. Er fing die Erregung auf und verstärkte sie. Das Blut summte ihm in den Ohren, Blitze durchzuckten sein Gesichtsfeld. Auf dem Weg zum Serviceeingang schnappte er auf, dass die Chinesen für den letzten Sitzungstag, an dem die Abschlusserklärung verabschiedet werden sollte, eine bedeutende Erklärung angekündigt hatten.
Natürlich, die Chinesen. Er wusste nicht, in welcher Beziehung das Raketenattentat mit der Ankündigung stand, aber der Zusammenhang lag auf der Hand. Es konnte kein Zufall sein. Die Schicksalslinien hatten sich verknotet, und er steckte mittendrin. Doch wem sollte er sein Geheimnis anvertrauen? Der Polizei? Es gab kaum Polizei auf dem Gelände. Stattdessen patrouillierten sogenannte Friedenswächter, aus China importierte AnBots. Ob sie ihn überhaupt verstehen würden? Zunächst aber musste er sich umziehen.
»He, Pedro, du Arschloch!«, rief Luiz, als er die Ankleide betrat. Die Arme vor der Tonnenbrust verschränkt, grinste der Vorarbeiter ihm entgegen. »Schon gepinkelt heute?«
»Si, Señor!«, sagte Pedro und nickte eifrig.
»Dann eben nach der Arbeit, haben wir uns verstanden?«
»Aber, Señor, ich dachte …«
»Falsch gedacht, Pedro. Heute schlägt die Stunde der Wahrheit. Der Detektor findet auch Estrellas, hast du das gewusst?«
Von plötzlicher Wut übermannt, warf Pedro sich auf seinen Peiniger. Es flammte rot vor seinen Augen, das Fieber, das seinen Körper zum Glühen brachte, verlieh ihm ungeahnte Kräfte. Er schleuderte Luiz in einen offenen Spind, doch der Mann passte nicht hinein. Immer wieder schlug er zu, bis Luiz’ Gegenwehr erlahmte. Dann drückte er mit aller Kraft, doch der Mann wollte sich den Dimensionen des Spinds einfach nicht anpassen. Er trat ihn in den Unterleib, hämmerte ihm die Fäuste gegen den Kopf. Schließlich ließ er von dem Bewusstlosen ab und wischte sich die blutigen Hände an der Hose ab. Keuchend zog er den Zettel aus der Tasche, spuckte auf die Rückseite und drückte sich das Papier auf die Stirn, mit der Botschaft nach vorn. Er hatte eine Mission, und dafür brauchte er beide Hände.
Er ließ den Rucksack zu Boden gleiten, holte die Mitarbeiterkarte hervor und heftete sie sich an die Brust. In Straßenkleidung mischte er sich unter die Kongressdelegierten. Jetzt war er einer von ihnen. Er ging gemessenen Schritts, nickte nach rechts und nach links, als grüßte er alte und neue Bekannte. Der AnBot am Saaleingang ließ ihn passieren. Unwillkürlich steuerte er die Bühne an. Das Podium war unbesetzt. Wie er es im Fernsehen gesehen hatte, klopfte er aufs Mikro. Mittelschwerer Donner tönte aus unsichtbaren Lautsprechern. Auf einmal fühlte er sich stark und wichtig.
»Meine Damen und Herren«, sagte er mit einer Stimme, die ihm fremd in den Ohren klang. »Gäste aus nah und fern, Besucher von den Sternen …« Auf einmal sah er sie wieder. Die Aliens saßen Seite an Seite mit den Menschen, und alle schauten ihn mit ernster Erwartung an.
»Ich habe nichts Gutes zu verkünden«, fuhr Pedro fort. »Aber es kann etwas Gutes entstehen, wenn das Böse verhindert wird. In drei Tagen, nein in vier … jedenfalls am letzten Sitzungstrag wird ein Anschlag stattfinden. Ich weiß nicht wo, aber ich kenne die Uhrzeit. RITA flies at five p.m.«
Zwei handgroße Kameradrohnen näherten sich mit leisem Sirren und richteten ihre starren Augen auf ihn. Auf dem riesigen Wandbildschirm wurde sein braunes, schweißüberströmtes Gesicht angezeigt. Perdo tastete nach dem Zettel, zog ihn von der Stirn ab und hielt ihn den Drohnen entgegen.
»Diese Nachricht wurde mir zugespielt. Der Inhalt ist unmissverständlich. Ich fordere alle Verantwortlichen auf, zu verhindern, dass die Rakete …«
Sie kamen von links, keine AnBots, sondern Menschen. Einer warf ihn zu Boden, ein anderer legte ihm den Arm um den Hals und drückte ihn die Luft ab, ein dritter löste einen kurzen Stab vom Gürtel und hielt ihn Pedro an die Schläfe.
4
»Hörst du das?«, fragte Maylin. Sie legte das Com auf den Boden, setzte die AR-Brille ab und lauschte mit schiefgelegtem Kopf.
»Ich höre nur den verdammten Bambus rauschen«, sagte Kenshou.
»Doch, da ist was. So ein Meckern.«
»Vielleicht ein Vogel.«
»Nein, ein großes Tier. Ich glaube ein Panda.«
»Pandas kommen nicht hierher. Die leben weiter drinnen.«
Sie befanden sich am Rande des größten Naturschutzgebietes von Shaanxi. Übernachtet hatten sie im Zelt. Der Anmarsch war mühsam gewesen, und ohne den Transportbot, der jetzt mit eingeknickten Beinen neben dem Zelt lag wie ein schlafendes Tier, hätten sie es nicht geschafft.
»Ich hör’s auch«, sagte Hong unvermittelt. Er war aufgestanden und blickte Richtung Westen, wo der Bambus sich lichtete. »Es kommt vom Felsen.«
»Dann sieh nach!«, zischte Kenshou. »Na los, geh schon! Und nimm das Pfefferspray mit.«
»Ich gehe auch«, sagte Maylin.
»Hast du die Daten schon überspielt?«, fragte Kenshou.
»Noch nicht.«
»Dann bleibst du hier.«
»Das ist ein Panda«, sagte Maylin, als wäre dies ein Argument, das alle Einwände ausstach. In ihren Augen war es das auch. Sie studierte Informatik an der Universität Peking, doch ihr Interesse galt vor allem der Ökologie und ihre Liebe den Pflanzen und Tieren. Deshalb war sie auch der Umweltschutzgruppierung Freunde des Planeten beigetreten. Von der geheimen Untergruppierung der Planetenkämpfer hatte sie erst vor drei Tagen gehört, als ein Mann sie gefragt hatte, ob sie bereit sei, an einer geheimen Aktion teilzunehmen, die dem Schutz des Planeten diene. Für ihre Teilnahme hatte er ihr eine beträchtliche Aufstockung ihres Sozialpunktekontos versprochen, im Falle einer Ablehnung indirekt mit einem Studienverbot gedroht. Sie hatte widerstrebend eingewilligt, und schließlich hatte sich Kenshou bei ihr gemeldet. Er erklärte, ein Mann sei ausgefallen, und aufgrund ihrer Programmierfähigkeiten sei sie der perfekte Ersatz. So war sie in dem Naturschutzgebiet gelandet.
»Einen Panda in freier Wildbahn sehen, das passiert mir vielleicht einmal im Leben«, sagte sie. »Nur fünf Minuten!« Die Angst, die sie während des Anmarsches verspürt hatte, war verflogen. Sie richtete sich auf und schlich hinter Hong her durch den Bambus. Es wurde immer heller, dann auf einmal hatte sie freie Sicht auf den Felsvorsprung. Sie kauerte sich neben Hong hinter einen Farn. Die Abschussvorrichtung mit der NH13 leuchtete in der Morgensonne wie ein Alienartefakt. Sie war ein Fremdkörper inmitten des grünen Bambuswalds. NH13 sei der kleinste Marschflugkörper der chinesischen Marine, hatte Kenshou erklärt, kaum zweieinhalb Meter lang. Die Reichweite betrage lediglich hundertzwanzig Kilometer, doch für ihre Zwecke sei das mehr als genug.
Das Fusionskraftwerk Goldener Drache, das heute in Betrieb gehen sollte, lag am Rand des Naturschutzgebiets und war etwa fünf Kilometer Luftlinie entfernt. NH13 würde es nicht vollständig zerstören, die Inbetriebnahme aber um mehrere Jahre verzögern. Die gewaltigen Elektromagnete, die das Plasma bändigen sollten, waren hochempfindliche Apparate. Die hohe Störanfälligkeit war neben dem anfallenden radioaktiven Abfall der Grund, weshalb die Planetenkämpfer die Zerstörung des Kraftwerks für notwendig hielten. Kenshou hatte angedeutet, der Entscheidung seien harte Diskussionen im innersten Führungskreis vorausgegangen. Eine Minderheit habe die Ansicht vertreten, Fusionskraftwerke seien CO2-neutral und ungefährlich, weshalb sie keine Gefahr für die Umwelt darstellten. Maylin war gegen Atomkraft, egal in welcher Form, weshalb sie durchaus Sympathien für die Planetenkämpfer hatte. Trotzdem war sie bereit, ihre Pflicht zu tun. Es musste sein.
»Es sind zwei!«, flüsterte Maylin aufgeregt. »Ein Männchen und ein Weibchen!«
Das Weibchen hatte sich halb auf die NH13 gelegt und präsentierte dem Männchen ihr Hinterteil. Als er sich an ihr aufrichten wollte, fuhr sie herum und stieß ihn gegen die Brust, sodass er nach hinten purzelte. Sie fauchte ihn an und entfernte sich ein paar Meter.
»Sie ist interessiert«, sagte Maylin. »Aber das kann sich hinziehen. Die Paarung kann bis zu zwei Stunden dauern.«
»So viel Zeit haben wir nicht«, sagte Hong.
»Warum nicht?«
»Weil es bei einer politischen Aktion auf die Wirkung ankommt«, erwiderte Hong im Flüsterton. »Die Anlage soll zerstört werden, bevor die Regierung die Eröffnung bekannt geben kann.«
»Außerdem wurde es so beschlossen«, sagte Kenshou. Er war plötzlich hinter ihnen aufgetaucht und ging neben ihnen in die Hocke. Das Gewehr hatte er geschultert. »Und wir halten uns an die Beschlüsse.« Er blickte Maylin an. »Geh zurück, lade die Koordinaten und mach das Ding scharf.« Er nahm das Gewehr von der Schulter.
Maylin blickte zur Abschussvorrichtung. Sie bestand aus zwei zusammenklappbaren Dreibeinen, auf denen die Rakete ruhte. Das Pandaweibchen hatte anscheinend Gefallen daran gefunden. Sie rieb sich mit dem Hinterteil daran, während das Männchen begehrlich zuschaute. Die Tatzenhiebe des widerspenstigen Weibchens hatten ihn anscheinend eingeschüchtert. Die Ständer mit ihrer schweren Last schwankten bedrohlich.
»Wenn das Ding startet, wird sie womöglich verletzt oder sogar getötet«, sagte Maylin.
»Wir haben einen Auftrag«, beharrte Kenshou. »Das Atomkraftwerk muss zerstört werden. Und wenn die Rakete umkippt, halten wir den Zeitplan nicht ein. Also verschwinde. Sofort.«
»Ich mache das«, sagte Hong, bevor Maylin etwas sagen konnte. Beide Hände um die Pfefferspraydose gelegt, lief er auf den Felsvorsprung. Das Weibchen bemerkte ihn als Erste. Mit einem verdutzten Schnaufer richtete sie sich auf die Hinterbeine auf und bewegte die rechte Vordertatze auf und ab, als winke sie ihn zu sich heran. Der männliche Bär drehte sich um und ging, frustriert vom langwierigen Liebesvorspiel, sogleich in den Angriffsmodus über. Mit gebleckten Zähnen stieß er eine Art Bellen aus und stürmte Hong entgegen. Als er ihn beinahe erreicht hatte, knallte es. Maylin fauchte wie eine Raubkatze. Im letzten Moment hatte sie den Lauf der Waffe zur Seite gedrückt, sodass der Schuss danebengegangen war.
»Warum tust du das?«, brüllte Kenshou.
»Weil wir Tierschützer sind. Wir sind Planetenschützer!«
»Du nicht. Du bist ein Dummkopf, weiter nichts.« Er zielte erneut, doch der Bär hatte Hong zu Boden geworfen, und es bestand die Gefahr, ihn zu verletzen. Fluchend lief er hinüber und zielte auf den Kopf des Pandas, der beide Vordertatzen auf Hongs Brust gesetzt hatte. Mit der Schnauze machte er sich an seinem Gesicht zu schaffen. Seine Schreie hatten nichts Menschliches mehr. Kenshou richtete den Gewehrlauf auf den Kopf des Pandas.
»Neiiiin!«, kreischte Maylin und warf sich aus vollem Lauf gegen Kenshou. Sie prallten beide gegen den Bären, der von Hong abließ. Seine schwarz umrandeten Augen hatten nichts Niedliches mehr, seine Schnauze war blutig. Maylin und Kenshou rappelten sich hoch. Inzwischen war das Weibchen nähergekommen und blockierte den Weg zum Wald. Es winkte nicht mehr, sondern knurrte. Maylin und Kenshou wichen zum Rand der Klippe zurück. Das Gewehr hatte Khenshou fallen gelassen, die Spraydose lag neben dem gurgelnden, zuckenden Hong.
»Was hast du getan?«, zischte Kenshou.
»Panda darf nicht sterben«, murmelte sie mit piepsiger Kinderstimme. »Panda darf nicht sterben …«
Der Bärenmann kam näher.
5
Die Anspannung im Kongresszentrum von Brasilia war körperlich spürbar wie ein Hochspannungsfeld, es fehlten nur die Funken. Während im Hintergrund die Verhandlungen über die dreiundzwanzig vorliegenden Entwürfe zum Abschlusskommuniqué in die entscheidende Phase gingen, warteten die Delegierten im angenehm kühlen Saal auf die Rede des Sprechers der chinesischen Delegation. Als er aufs Podium trat, ging ein erwartungsvolles Raunen durchs Publikum. Der Kongress war nicht gut verlaufen. Die Teilnehmer waren zerstritten. Weder wurde Einigkeit bei der Beurteilung der globalen Lage erzielt, noch hatte sich ein zustimmungsfähiger Maßnahmenkatalog herauskristallisiert. Zahllose Redebeiträge und endlose Diskussionen hatten die Delegierten zermürbt. Jetzt ruhten hohe – vielleicht allzu hohe – Erwartungen auf der Erklärung des Chinesen. Nicht wenige sahen in ihm den Welterlöser, der einen Ausweg aus der Klimakatastrophe weisen könnte. Hätte er den Bau eines Generationenraumschiffs zur Besiedlung fremder Planeten vorgeschlagen, hätten die meisten sich vermutlich freiwillig für den Flug gemeldet.
Fangjie Li klopfte aufs Mikrofon und rückte den dicken schwarzen Rahmen seiner Brille zurecht. »Guten Abend!«, sagte er mit feierlicher Miene. »Heute ist ein historischer Tag, nicht mehr und nicht weniger als ein Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, all jenen zu danken, die am Gelingen beteiligt waren, insbesondere dem chinesischen Volk und dessen hervorragenden Wissenschaftlern und Technikern, aber auch der Europäischen Union, Neuseeland, Australien und Mexiko sowie zahlreichen Einzelpersonen und Stiftungen in aller Welt.« Er nahm die Brille ab und putzte umständlich die Gläser. Auf der riesigen Wandprojektion war zu erkennen, dass ihm ein Timer ins Sichtfeld eingeblendet wurde.
»In wenigen Sekunden«, fuhr er fort, »wenn es hier siebzehn Uhr wird, ist es in China fünf Uhr morgens. Dann gehen in der Provinz Shaanxi zwei Sonnen auf: die große Sonne, die wir alle kennen, und eine kleine Sonne, die von Menschenhand gezündet wird. Dann nimmt das Fusionskraftwerk Goldener Drache seine Arbeit auf.«
Hinter ihm wurde ein Livestream projiziert. Der Reaktorblock war quadratisch und sattgelb bemalt. Seine gewaltigen Dimensionen wurden sichtbar im Vergleich zu den winzigen Menschen, die sich davor versammelt hatten. Noch größer aber waren die sechzehn Trichter, die in einem halben Kilometer Abstand kreisförmig um den Reaktor angeordnet waren. Das waren keine Kühltürme, und das wurde auch den Delegierten im Saal rasch klar. Ihr Raunen schwoll zu einem lauten Summen an.
»Was Sie da sehen, meine Damen und Herren, sind CO2-Kollektoren, die ersten ihrer Art. Die angesaugte Luft wird komprimiert, das CO2 abgetrennt. Fünfzig Prozent der vom Reaktor produzierten Energie wird für die Umwandlung des schädlichen Treibhausgases in eine Art Öl verwendet. Das Öl können wir deponieren, um den CO2-Gehalt der Luft zu mindern, oder es als regenerativen Rohstoff verwenden.«
Der chinesische Ministerpräsident wurde gezeigt. Seine Hand schwebte über einem roten Knopf.
»Es ist fünf Uhr nachmittags in Brasilien, oder five p.m., wie unsere amerikanischen Freunde sagen«, fuhr Fangjie Li fort. »Heute, in diesem Moment, beginnt eine neue Zeit. Die Temperaturen werden wieder sinken, und unsere Kinder werden leben.«
Die Hand des Ministerpräsidenten wanderte zum roten Knopf. Die Delegierten schnellten von ihren Sitzen hoch und applaudierten. Sie trampelten auf den Boden, lachten und schrien. Nicht wenige weinten.
6
Maylin hob den Kopf. Sie lag da, wohin der Bärenmann sie geschleudert hatte. Ihr brummte der Schädel, doch sie konnte ihre Gliedmaßen bewegen. Anscheinend hatte sie keine schweren Verletzungen davongetragen.
Hong lag ein paar Meter weiter. Sein Hemd war aufgerissen, seine Brust rot gefärbt. Er rührte sich nicht. Sie richtete sich in eine sitzende Haltung auf und schaute sich um. Die beiden Pandas waren verschwunden. Kenshou war nicht zu sehen. War er vom Felsen gestürzt? Sie musste nach ihm sehen und sich vergewissern, ob er noch lebte, doch sie schaffte es nicht, den Blick von den gewaltigen Trichtern abzuwenden, die den Goldenen Drachen umringten. Kenshou hatte ihr erklärt, was es damit auf sich hatte. Ein Schwirren ging von ihnen aus, das mit einem tiefen Summton unterlegt war. Der Sog war so stark, dass die tief hängenden Wolken Strudel bildeten und hineingezogen wurden. Es war ein großartiger Anblick, der bei ihr ein naives Staunen auslöste.
Verwirrt von ihren Empfindungen, betrachtete sie den gelben Kubus in der Mitte der Anlage. Hubschrauber schwebten in der Luft, Drohnen kreisten. Aus der Entfernung sah das Reaktorgebäude klein und harmlos aus. Sie dachte an das Millionen Grad heiße Sonnenfeuer, das darin brannte. Vielleicht war es ja doch ein guter Tag. Die beiden Pandas lebten, und dort unten wurde die Atmosphäre vom CO2 gereinigt. Die Leistung der sechzehn Trichter war vermutlich nur ein Klacks im globalen Maßstab, doch es war immerhin ein Anfang.
Auf einmal empfand sie Stolz auf die Leistung der Wissenschaftler und Ingenieure, die den Goldenen Drachen erdacht und erbaut hatte. Und ein klein wenig stolz war sie auch auf sich selbst.
Sie nahm den Rucksack ab, holte die kleine Waffe heraus, die der Fremde ihr gegeben hatte, und schleuderte sie in den Abgrund. Sie war froh, dass sie sie nicht hatte einsetzen müssen. Und sie war glücklich, dass sie die Pandas in freier Wildbahn gesehen hatte und dass sie ihr Studium würde fortsetzen können.
Als sie wieder zum Kraftwerk sah, lösten sich drei Hubschrauber aus dem Geschwader und flogen geradewegs in ihre Richtung. Sie wunderte sich, dass sie erst jetzt kamen, aber vielleicht war der GPS-Mikrochip, den der Fremde ihr unter die Haut injiziert hatte, ja defekt oder sendete so schwach, dass man Mühe gehabt hatte, das Signal auszuwerten. Sie winkte, um sich den Maschinen, die sie abholen kamen, bemerkbar zu machen. Dann waren sie da, der Windschwall ließ ihr Haar flattern. Das Stativ kippte um, der Marschflugkörper fiel zu Boden und rollte über den Rand der Klippe. Als er in die Tiefe stürzte, blitzte es an der Unterseite des mittleren Helikopters auf. Etwas raste ihr entgegen. Es war …
Eine Sonne explodierte und fraß sie auf.
Nachbemerkung des Autors
Greta und die streikenden Schüler, purzelnde Temperaturrekorde und der brennende Amazonas – 2019 war das Jahr des Klimas. Was eine schnelle Lösung der Klimakrise angeht, bin ich skeptisch. Deutschlands Anteil an der globalen CO2-Produktion beträgt 2,2 Prozent, deshalb wird unser Klima-Impact, egal was wir tun oder nicht mehr tun, eher gering ausfallen. Die größten CO2-Emittenten sind die USA, China und Indien. Und die Trumps und Bolsonaros sind überall. Je deutlicher die Kosten hervortreten, desto stärker dürften auch die Widerstände der Betroffenen werden – die Wut der Gelbwesten in Frankreich hat sich an einer Erhöhung der Benzinsteuer um ein paar Cent entzündet.
Ich fürchte, dass alle globalen Klima-Vereinbarungen gebrochen werden. Trotzdem bin ich hoffnungsvoll. In Frankreich wird bald der Fusionsreaktor ITER den Betrieb aufnehmen. Die nächste Generation soll dann bereits Strom liefern. China plant, ab etwa 2050 mit der Kernfusion Energie zu gewinnen. Damit würde sich die Möglichkeit eröffnen, CO2 der Atmosphäre zu entnehmen und als Rohstoff zu verwenden. Das Verfahren wird bereits erprobt, ist derzeit allerdings für den Einsatz in großem Maßstab viel zu teuer. Das könnte sich durch die Kernfusion ändern, denn damit stünde eine schier unerschöpfliche Energiequelle bereit. Davon handelt meine kleine Story.
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Mark Derys 1996 erschienenes Buch Escape Velocity: Cyberculture at the End of the Century ist die bislang wohl gründlichste kritische Einführung in die sich immer weiter verzweigenden sozialen, künstlerischen, wissenschaftlichen und philosophischen Aktivitäten, die von der Computer- und Netzwerktechnik angeregt wurden. In einem Abschnitt schildert er die eigenartigen synkretischen Religionen, die in den Randbereichen der Cyberkultur wuchern und jenseitige Heilsversprechen, die früher mit Begriffen wie Paradies, Himmel oder Nirvana bezeichnet wurden, in einer zeitgemäßen Umdeutung in den Cyberspace projiziert haben. Eine ähnliche Mythisierung der Technik steht auch im Mittelpunkt von Markus Müllers Geschichte. Ihre Heldin ist Angehörige eines Ordens, der technische Fertigkeiten als spirituelle Erleuchtung verehrt, und wird bei einem ihrer kniffligsten Support-Aufträge mit einer ganz neuen Variante des »Geistes in der Maschine« konfrontiert. – Das Magazin Publishers Weekly führt seit Jahren eine regelmäßig aktualisierte Liste der »Writers to Watch«. Auf unserer internen Liste der »Writers to Watch«, die wir für Nova im Auge behalten, könnte Markus Müller, der mit der folgenden Story sein Debüt in unserem Magazin feiert, künftig eine wichtige Rolle spielen – ein eleganter und einfallsreicher Erzähler, der uns auf Anhieb überzeugt hat.
Markus Müller: Regenmädchen

»Leani im Blauen Stern. Komm und vertreib das Böse aus diesem Haus.«
Kara rekapitulierte die Nachricht noch einmal im Kopf, als sie auf dem Parkplatz vor dem Blauen Stern aus ihrem Flitzer stieg. Etwas kryptischer und blumiger als die Tickets, die der Tempel normalerweise erhielt. Aber es gab einen gültigen Account dazu, eine validierte Meatspace-Adresse und – am allerwichtigsten – eine bestätigte Vorauszahlung: fünf Coins, der traditionelle Obolus für die Hilfe einer Saari-Administratorin. Als auf die übliche erste Kontaktmail keine Antwort zurückgekommen war, hatte sie zwar bereits angefangen sich zu wundern, aber zu diesem Zeitpunkt war es ohnehin schon zu spät gewesen. Das Ticket war angenommen, der Obolus verbucht, also blieb ihr jetzt nichts anderes übrig als herauszufinden, was es damit auf sich hatte. Und das Problem zu lösen, egal wie. Immerhin hatte der Tempel einen Ruf zu verlieren.
Als sie jetzt allerdings sah, wohin ihre Neugier sie geführt hatte, konnte sie nicht anders, als sich für diesen spontanen Klick innerlich zu ohrfeigen.
Ich hätte das Geld nicht nehmen sollen. Das hier stinkt.
Der Blaue Stern war eines jener riesigen drittklassigen Hotels, die davon lebten, dass müde Reisende am Ende von Nirgendwo für gewöhnlich nicht viele Fragen stellten. Einst mochte es sogar halbwegs prachtvoll und einladend ausgesehen haben, ungeachtet des umliegenden grau-verwaschenen Gewerbekomplexes, in den man es achtlos hineingewürfelt hatte, doch inzwischen war es nur noch eine tote Hülle, vergessenes Abschreibungsgrab irgendeiner Betreibergesellschaft, und die Jahre der fehlenden Wartung und Renovierung hatten es nach und nach in eine Art postmodernes Spukschloss verwandelt, die ehemals spiegelnde Fassade von zahllosen blinden Flecken durchsetzt, während unablässig schmutziges Wasser vom Dach rieselte und die Flächen aus Moos und Flechten befeuchtete, die im flackernden Blau und Grün der wenigen noch funktionierenden Fassaden-LEDs wie zerfranste Gespensterfratzen wirkten. Altmodische Natriumlampen tauchten die ganze Gegend in ein ungesundes orangefarbenes Licht. Ungenutzte Lagerhäuser und Bürogebäude ringsum duckten sich stumm unter die Wolkenberge wie ausgeschlachtete Schiffswracks.
Kein Zweifel, der Blaue Stern hatte seine besten Zeiten schon eine Weile hinter sich. Die Grenze war dicht, und ansonsten gab es hier nicht viel, was eine so lange Fahrt gelohnt hätte. Das Einzige, was sich gehalten hatte, war ein im Flackern sterbender Leuchtdioden verhallendes Echo jener Zeiten, als hier selbst Absteigen wie der Blaue Stern brummende Geschäfte gemacht hatten; genug zumindest, dass sich die Betreiber dereinst einen vom Tempel konfektionierten Mainframe mit unbegrenzter Garantie hatten leisten können, was auch erklärte, warum der Account trotz allem noch immer gültig war. Der Tempel stand zu seinem Wort.
Noch bevor sie die Eingangstür erreicht hatte, begann ihr Deck bereits, sich mit den Haussystemen zu verbinden. Die hochwertige Nanopartikel-Matrix in ihrem Großhirn – nicht das billige Zeug, mit dem sich die Gamer-Kids noch vor dem Schulabschluss den visuellen Cortex zerballerten, sondern Premiumqualität aus den Hardware-Labors des Tempels – synchronisierte sich mit ihren Schläfen-Implantaten und begann, erste Informationen in ihr Sichtfeld einzuspielen.
Schon bei den ersten Klicks bemerkte sie, wie träge und unpräzise das Interface reagierte, als hätte man den Kern mit Gelee ausgegossen. Die Firmware war hoffnungslos veraltet, Prozessoren und Speicherauslastung auf Anschlag, und auch sonst war alles in ziemlich schlechtem Zustand. Anscheinend hatten die Besitzer sich schon ewig keine offiziellen Upgrades mehr leisten können, dafür wucherten an sämtlichen APIs Zusatzmodule und Erweiterungs-Kits von Drittherstellern übereinander wie Muscheln an einem Schiffsrumpf. Es gab einen externen Cloud-Proxy mit vollgelaufenem Speicher, ein Spezialmodul für interaktive Pornografie, das nur noch drei Programme listete; selbst die hochintelligente, aber leider auch sehr wartungsintensive Firewall des Kerns hatte man irgendwann durch eine direkt in die Zuleitung eingeschleifte AdWare-Appliance ersetzt, die umsonst die gleiche Aufgabe erledigte, solange man damit leben konnte, dass sie nach Gutdünken des Herstellers ihre eigene unblockierbare Werbung in die Bitstreams der Benutzer einspeiste. Alles in allem eine ziemliche Katastrophe.
Mit einem resoluten Zwinkern leerte Kara ihr Display – man hatte sie gelehrt, sich nicht ausschließlich auf technische Angaben zu verlassen, daher machte sie sich gerne auf gute altmodische Art selbst ein Bild von den Dingen, und es wurde Zeit damit anzufangen. Mit einer schnellen, eleganten Bewegung schüttelte sie sich den Nieselregen aus den Haaren und stieß die Glastür auf, deren elektrischer Öffner wohl schon vor Jahren das Zeitliche gesegnet hatte. Einen Moment später stand sie in der schummerig beleuchteten Eingangshalle.
Der Architekt hatte sich sichtlich genötigt gefühlt, das klinische Äußere des Gebäudes durch einen übertrieben plüschigen Retrostil im Inneren etwas abzumildern: jede Menge dunkel gebeizte Holzpaneele, Messingkübel voller kränklicher Palmgewächse und gefühlt eine Quadratmeile hochfloriger Teppich in der Farbe alten Blutes. Die Luft roch muffig, geschwängert von einer unauslöschlichen Reminiszenz an menschliche Ausdünstungen, Nikotinrauch und Heerscharen feuchter Mäntel. Es gab ein paar Infodisplays an den Wänden, von denen die meisten auf Störung standen oder unkoordiniert vor sich hin flackerten. Die wenigen, die noch funktionierten, zeigten aus irgendeinem Grund immer wieder dieselben Bilder von unscharf gefilmten Großstadtansichten, bei denen permanent Regenschleier vor der Kamera vorbeitrieben und schillernde Tropfen auf der Linse zurückließen. In einem verborgenen Winkel röchelte das Kühlaggregat eines Getränkeautomaten, und über allem hing das leise Summen unzähliger Niedervolt-Trafos wie die schäbige elektrische Kopie einer Meeresbrandung.
Die Lobby war menschenleer, doch als Kara nach ein paar Schritten den Bereich vor der Rezeption erreicht hatte, aktivierte sich direkt vor ihr eine AR-Anwendung in Form eines billig gerenderten Avatars in dunklem Anzug, der sie im typisch abgehackten Tonfall einer schlecht programmierten Sprachsynthese begrüßte: »Willkommen im. Blauen Stern. Möchten Sie. Ein Zimmer?« Ein einfaches automatisches Empfangsprogramm für Häuser, die sich keinen echten Concierge leisten konnten. Kara beschloss, sich das entwürdigende kleine Schauspiel zu ersparen, das sich zwangsläufig entfalten würde, sobald sie den Dialog annahm. Sie hasste diese Dinger. Vor allem die billigen sahen immer so aus, als wären sie aus Knetmasse modelliert, ähnlich wie die Püppchen in einem merkwürdigen Film, den Kara als Kind einmal gesehen hatte, über absolut perfekte kleine Menschenfiguren aus Ton, die irgendwann zum Leben erwachten und am Schluss ihren Schöpfer umbrachten. Sie hatte nächtelang Albträume davon gehabt, und noch heute verursachte ihr der Anblick digitaler Menschenimitationen regelmäßig eine Gänsehaut. Und es machte ohnehin nicht wirklich einen Unterschied. Sie war schließlich nicht einfach nur irgendein Gast. Sie war eine Saari-Priesterin mit einem Auftrag. Sämtliche Formalitäten waren praktisch in dem Moment erledigt gewesen, als ihr Deck sich in das Haussystem eingeloggt hatte. Folglich machte sie nun mit aller nur denkbaren Gelassenheit von ihren traditionellen Rechten Gebrauch: Mit einer knappen Geste beendete sie das Programm und marschierte einfach weiter, als wäre sie hier zu Hause.
Sie musste natürlich früher oder später mit einem echten Menschen sprechen, im Idealfall mit derjenigen, die das Ticket aufgegeben hatte, aber ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass das möglicherweise nicht ganz so einfach sein würde. Ihr erster Eindruck, dass an dieser Sache etwas ganz entschieden merkwürdig war, verstärkte sich mit jeder Sekunde ihres Spaziergangs durch das verwahrloste Hotel mit seinen menschenleeren Fluren.
Der riesige Raum, den sie als nächstes betrat, musste das Hotelrestaurant sein. Natürlich war es ebenfalls menschenleer. Nicht nur leer wie »heute geschlossen«, sondern leer wie »mach einen Bogen um diesen Ort«.
Von einem kaum sichtbaren Geflecht aus Drähten an der Decke hingen nikotinvergilbte LED-Strahler herab und schufen kleine Inseln aus bläulichem Licht, das sich auf der Oberfläche zerkratzter Aluminiumtische brach und matte Glanzlichter auf abgewetzte algengrüne Mikrofaserbezüge setzte. Allein bei dem halbherzigen Versuch sich vorzustellen, hier einen ganzen Abend zu verbringen, legte sich Karas Hirn protestierend in ein paar zusätzliche Falten. Praktisch alles hier wirkte unglaublich deprimierend. Abgenutzt und verblichen von zu vielen Jahren, die wie eine unsichtbare Brandung unermüdlich den Lack abgeschmirgelt und die farblose Grundierung eines Ortes freigelegt hatten, der niemals dafür geschaffen gewesen war, irgendjemandem wirklich ein Zuhause zu sein.
Ihr erster Impuls war, sich einfach wieder umzudrehen und schnurstracks zurück zum Parkplatz zu gehen. Aber das war natürlich Unsinn. Sie würde sich ihre bislang makellose Ticket-Statistik nicht mit einem »Ungelöst geschlossen« versauen. Nein, sie musste versuchen, ein Gefühl für diesen Ort zu bekommen. Da sie nach wie vor praktisch keine Anhaltspunkte hatte, was hier eigentlich los war, konnte sich so ziemlich alles irgendwie als nützlich erweisen.
Sie suchte sich die am wenigsten schmuddelig wirkende Sitzgruppe aus und ließ sich auf das Polster sinken. Kaum hatte ihr Hintern den Sitz berührt, schaltete ihr Deck erneut in den AR-Modus, und in ihrem Sichtfeld tauchte ein weiterer Avatar in Gestalt einer üppigen Blondine auf. Sie trug eine Art Gymnastikanzug, der ihr ungefähr zwei Nummern zu klein sein musste, und drohte aufgrund ihrer allzu üppigen 90-D-Ausstattung jeden Moment vornüber zu kippen. Ja, der Laden hatte wirklich Klasse.
Das Püppchengesicht des Avatars nahm fast so etwas wie einen betrübten Ausdruck an, als es sagte: »Bitte entschuldigen Sie. Aber Ihre Bestellung. Kann derzeit nicht entgegen. Genommen werden. Die Öffnungszeiten des Restaurants …«
»Halt die Klappe«, fiel Kara der synthetischen Stimme ins Wort. »Die Öffnungszeiten interessieren mich nicht. Ich bin geschäftlich hier. Sag dem Operator, ich möchte gerne mit einem richtigen Menschen sprechen. Jetzt gleich.« Mit einem Klick schaltete sie ihr Display komplett auf Stand-by, noch bevor das System versuchen konnte, sie in eine Diskussion zu verwickeln, streckte dann ihre Beine von sich und verschränkte mit einem grimmigen Blick in Richtung der nächsten Raumfeldkamera demonstrativ die Arme hinter dem Kopf. Alles an ihr sagte überdeutlich: »Ich kann warten. Bis ans Ende aller Tage, wenn es sein muss. Aber rechnet damit, dass ich dann womöglich etwas schlecht gelaunt sein könnte …«
In diesem Moment nahm sie am Rande ihres Gesichtsfeldes ein leichtes Zittern war und bemerkte, wie ihr Display unvermittelt wieder zum Leben erwachte. Ein flackernder dünner Strich am oberen Rand deutete darauf hin, dass irgendein Fenster versuchte, sich anzuzeigen und in einer rigorosen Dauerschleife von der Software ihres Decks daran gehindert wurde. Meistens bedeutete dies, dass irgendeine Werbung versuchte, sich an den diversen Sicherheitsblockaden vorbei in den Vordergrund zu schieben. Doch Saari-Decks verfügten über eine praktisch undurchdringliche Firewall, darauf spezialisiert, wirklich alles Erdenkliche und auch das meiste Unerdenkliche von den empfindlichen inneren Schnittstellen der Userin fernzuhalten. Das Blocken angeblich unblockierbarer Werbung in einem lokalen Netz war in dieser Hinsicht absoluter Kinderkram. Dass es irgendein Signal trotzdem geschafft hatte, weit genug vorzudringen, um ihr Display aus dem Stand-by zu holen, war demzufolge gelinde gesagt bemerkenswert.
Karas Neugier war geweckt. Sie aktivierte eine Sandbox für den neuen Bitstrom und gab dann das Display frei. Sie hatte eigentlich damit gerechnet, irgendein vulgär buntes Video für Potenzpillen oder das neueste rein biologische Wundermittel gegen Kopfhautkrebs zu sehen, doch stattdessen kam nur eine Messagebox mit einer einfachen Textnachricht:
Dreizehn Stufen zur roten Tür. Geh hindurch und spiel mit mir.
oyhfgne.pber.ine.fragvary.fho.rkrp.jvyqrearff.cynljvguzr
Was zum …???
Ein Geräusch hinter ihr ließ sie herumfahren.
Ein verhuschtes, hohlwangiges Männlein mit schwarzen Ringen unter den Augen sprang erschrocken zurück und starrte auf das Blitzen des halb gezogenen Saari-Messers, das ebenso zur Standardausrüstung gehörte wie ihr Deck. Es gab jede Menge Freaks und Möchtegernhacker mit großen Träumen und leeren Bankkonten, die kein Problem damit gehabt hätten, eine Saari-Priesterin in der Mitte durchzusägen, nur um an ihre Hardware zu kommen. Deshalb hatten die Instruktorinnen dafür gesorgt, dass sie notfalls sogar mit bloßen Händen ein paar Dinge anstellen konnte, die selbst die Fans von Kettensägenfilmen hätten zusammenzucken lassen.
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