Читать книгу: «Das Lied der Eibe»
„Es gibt drei Bereiche der Welt,
die jeder für sich unendlich sind:
das weite All, der tiefe Ozean –
und dein Inneres, mein Kind.“
(„Bumm, bumm, bumm“, 2015)

1. Auflage April 2016
2. Auflage November 2016
3. Auflage Juni 2017
Copyright © 2015, 2017 by Edition Roter Drache.
Edition Roter Drache – Holger Kliemannel, Haufeld 1,
07407 Remda-Teichel
edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org
Buchgestaltung: Edition Roter Drache
Titelbild- und Umschlaggestestaltung: Milan Retzlaff,
man-at-media.de
Lektorat: Sarah Bräunlich
Gesamtherstellung: Jelgavas tipografia, Lettland.
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018
Alle Rechte der Verbreitung in deutscher Sprache und der Übersetzung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Ton- und Datenträger jeder Art und auszugsweisen Nachdrucks sind vorbehalten.
ISBN 978-3-964260-10-9

INHALT
Cover
Titel
Impressum
Vorwort des Herzens
Vorwort des Verstandes
| Kapitel I | Mythen, Götter, Menschenwege |
| Kapitel II | Vom Werden, Erkennen und Handeln |
| Kapitel III | Aus dem Vergessen |
| Kapitel IV | Gedanken zur Gegenwart |
| Kapitel V | Die erste Acht: Freyrs Schöpfung |
| Kapitel VI | Das liebe Vieh |
| Kapitel VII | Mutter Materie |
| Kapitel VIII | Riesen-Rumms |
| Kapitel IX | Göttliches Gefüge |
| Kapitel X | Der Faktor Zeit |
| Kapitel XI | Kunst, Können, Leidenschaft |
| Kapitel XII | Kleine und große Gaben |
| Kapitel XIII | Wonnen der Vollendung |
| Kapitel XIV | Die zweite Acht: Hels Geheimnis |
| Kapitel XV | Was noch kommt |
| Kapitel XVI | Das Nornenmodell |
| Kapitel XVII | Allein die Stille |
| Kapitel XVIII | Verheißung |
| Kapitel XIX | Vom Dunkel ans Licht |
| Kapitel XX | Aus dem Kessel |
| Kapitel XXI | Hier und jetzt |
| Kapitel XXII | Sonnenhochzeit |
| Kapitel XXIII | Magie – das unverdaute Erbe |
| Kapitel XXIV | Die dritte Acht: Tyrs Beispiel |
| Kapitel XXV | Das Ziel und sein Weg |
| Kapitel XXVI | Pferdekräfte – Menschenwerke |
| Kapitel XXVII | Lebensgrundlagen |
| Kapitel XXVIII | Endlich daheim |
| Kapitel XXIX | Der ewige Wandel |
| Kapitel XXX | Wenn die Welt kopfsteht |
| Kapitel XXXI | Feuer für den Stamm |
| Kapitel XXXII | Runenraunen |
| Kapitel XXXIII | Scheibenwelten – Ratestäbe – Zauberträger |
| Kapitel XXXIV | Verästelungen |
| Kapitel XXXV | Das Ältere Futhark: Tabellarischer Überblick |
Der Autor

Emotionale Einleitung
VORWORT DES HERZENS
Es heißt, dass die Achse der Welt ein Baum sei, ja sogar, dass alle denkbaren Welten an diesem einen Baum hingen. So groß soll er sein, dass niemand sieht, wohin seine Krone ragt, geschweige denn, wo er wurzelt: zu tief das eine, zu hoch das andere… jedenfalls für unsere Sinne, Überlegungen und Berechnungen. Die Altvorderen nannten ihn „Winteresche“, weil er immer grünt, doch nur wenige wissen heute, was damit wirklich gemeint war: die ewige Eibe – die, an der jene neun Welten hängen, von denen die alten Mythen des Nordens erzählen. Und wer weiß, wie viele Welten, Kosmen, Universen oder Kontinua es noch sind!
Erzählt wird, neben vielen anderen Geschichten, dass ein eifriges Eichhörnchen den Stamm dieser Weltachse hinauf- und hinunterrenne, um Postdienste zu verrichten. Post von wo nach wo, wessen Post wohin? Ein Wind entfachender Adler wohne in den Wipfeln des Baumes, heißt es, und ein übel gelaunter Drache nage an dessen Wurzeln – und die beiden könnten einander nicht leiden und führten daher so etwas wie einen Flame War (wie wir heute sagen würden): Den vermittle das Eichhörnchen. Lasst euch ein Geheimnis verraten! Das Hin- und Hertragen von Schmähworten zwischen Feder- und Schuppenvieh ist nicht der einzige Job unseres flinken Eibenläufers. Jedes Mal, wenn das Eichhörnchen hinauf- oder hinunterflitzt, kommt es an allen Welten vorbei, die an der großen Eibe hängen. Und da kriegt es so mancherlei mit! Bereits seit vielen hundertundneunquadrilliarden Nächten oder noch mehr Jahren und Jahrzigtausenden schon! Niemand sonst hat eine solche Kenntnis der Zusammenhänge außer vielleicht Frigg oder Odin, aber das sind Große, von denen ich an anderer Stelle erzähle. Lasst uns die Spuren des kleinen Postbötchens untersuchen…
Einem (unbestätigten) Gerücht zufolge war es sogar das Eichhörnchen selbst, dem unterwegs vor lauter Eile die einen oder anderen Notizen aus der Tasche gerutscht sind. Denn nicht einmal ein Eichhörnchen kann sich so viel merken, dass es sich – bei einem solchen Auftrag – nicht wenigstens ab und zu auch Notizen machen müsste. Und diese Notizen waren es dann, die ein Schamanengott fand, der sich an einem Ast unseres wunderbaren Weltenbaums aufgehängt hatte! Zu Selbstfindungszwecken! Was geborene Mannsbilder halt manchmal so tun, um ein Wissen zu erlangen, das sie als Nichtmenstruierende vermissen! Halb verhungert und verdurstet, verwundet, fiebrig und von Sinnen hielt er, der große Sucher, den manche als Odin kennen, die in Holz geritzten Merkzeichen für… ja, für Runen. Vielleicht waren es ja welche. Jedenfalls sind es – spätestens mit des großen Suchers Eingebung, Ideenreichtum und Hilfe – Runen geworden!
Von ihnen sei die Rede hier. 24 an der Zahl, erzählen sie, aufgeteilt in drei Achterreihen, die Geschichte der Welt – und noch mehr. Wie damit umzugehen ist, woran was hängt und was wie miteinander verbunden ist – und was wir tun sollen oder besser: können, wenn mal wieder alles schiefläuft. Manche Leute glauben, die Runen verraten die Zukunft – dafür müsste es aber erstmal eine solche geben… Darüber lachen die Nornen, die Schicksalskräfte selbst! Auch davon will ich erzählen: wie und warum wir uns eine Zukunft ersparen können – und damit viel besser fahren als mit dem Glauben an eine solche! Fest ist das Netz, das die drei Weberinnen fügen – aber nichts so festgelegt, dass du nicht daran ziehen und dich daran entlanghangeln könntest – oder wo hindurchschlüpfen, wo das geeignete Loch ist, der Weg zum nächsten Knoten… Kein Mensch, nicht einmal Seherinnen oder weise Frauen sind in der Lage, dieses Netz in seiner Gesamtheit zu sehen – aber seine Struktur können wir erahnen, seine Biegungen und Windungen erspüren und manches von seinem Verlauf: den nächstliegenden Faden auf unserem persönlichen Lebensweg. Die Entscheidungen, die wir treffen (einschließlich derer, die wir vermeiden oder denen wir ausweichen – wir treffen damit trotzdem welche), sind immer die unseren. Unsere eigenen. Diese Freiheit nimmt uns niemand ab, kein Mensch, kein Tier und kein Gott. Die müssen wir aushalten. Aber genau dabei auch können sie helfen: die Runen. Sie weisen Wege. Lassen uns erkennen, welche Wahl wir haben: Die ist meist vielfältiger, größer und reichhaltiger, als wir meinen. Gewusst wie!
Davon handelt dieses Buch. Ich, Eibensang, schrieb es für Lesekundige, die lernen wollen, wie sich Herz und Verstand verbünden lassen und wie Verwandlungen funktionieren: zum Beispiel die vom Pechpilz zum Glücksvogel (das war eine, die ich durchmachen durfte und die mir gelang) oder das wundervolle Kunststück der Wiedergeburt, und zwar noch in diesem Leben (…was mir ebenfalls glückte). Mit Wiederholung! Egal, woher du kommst, was dich trug, trog und trägt; egal auch und erst recht, wie dein Körper beschaffen sein mag oder seine Neigungen und die deiner Seele. Die Gottheiten, die uns leiten, halten sich nicht auf mit unseren Schranken und Grenzen – im Gegenteil fordern sie uns auf und ermutigen uns, diese zu erweitern. Dafür vergaben sie Gaben: jedem Geschöpf mindestens eine von Geburt an – weitere wären erlernbar. Auch davon soll noch die Rede sein. Meine ist die: Ich kann nur Worte machen. Zauberworte an dein Herz. Der Zauber, wenn du es öffnest, ist der deine. Aber die Belohnung ist unsere, gehört uns zusammen: wo immer wir einander helfen, erahnen – und erkennen.
Bragishof, im Frostmond (Januar) 2015

Rationale Einleitung
VORWORT DES VERSTANDES
Dieses Buch ist ein Versuch, die Welt zu erklären anhand eines alten germanischen Zeichensystems, über dessen Herkunft, Sinn und Geschichte schon viel Widersprüchliches und manch Zweifelhaftes geschrieben wurde – und bis heute jede Menge Mist kursiert. Um etwas Brauchbareres zu bieten, mache ich meine Quellen kenntlich und alles, was ich daraus ableite, so nachvollziehbar wie möglich. Dies ist keine Untersuchung darüber, was historische „Germanen“ mit Runen anstellten, sondern was sich anhand dessen, was wir wissen, heute daraus machen lässt. Inspiriert von den alten Zeichen und in jahrzehntelanger Praxis entwickelt und erprobt, stellt dieses Buch ein Wertesystem vor, ein gegenwartsbezogenes Lebensmodell: zum Nachfühlen, Mitdenken, Ausprobieren – und zur Diskussion.
Ich kenne zwei Arten von Runenbüchern. Die einen haben wissenschaftlichen Anspruch, die anderen enthalten esoterische Interpretationen. Die einen scheren sich kaum um Deutungen, die anderen selten um Fakten. Die einen sind so trocken, dass es staubt, die anderen oft so schwammig und sumpfig, dass es zumindest streckenweise in Beliebigkeit ausartet. Wissenschaftliche Werke über Runen beschränken sich auf Angaben, die (nach jeweiligem Forschungsstand) archäologisch nachweisbar sind. Hin und wieder muss ich mich darauf beziehen, da strukturell nachvollziehbare Methodik, die jegliche Wissenschaft auszeichnen sollte, zum Skelett auch meines Wertgefüges gehört. Ich selbst bin kein Wissenschaftler, nur gelernter Träumer – der allerdings mit offenem Auge durch die Welt tanzt.
Damit gehört dieses Sachbuch zu den esoterischen dieser Art. Ich schrieb es, weil keines der mir bekannten eine Rezeption ermöglicht, die ich auch unerfahrenen Neugierigen bedenkenlos empfehlen kann. (Selbst die besseren und anspruchsvolleren Runenschmöker empfehlen zum Beispiel fast ausnahmslos „Runen-Yoga“, das Nachstellen von Runenformen mit dem eigenen Körper, ohne die rassistische Intention und ausschließlich militaristischen Quellen solcher Übungen auch nur zu erwähnen, geschweige denn zu erklären. So machen sie sich gerade für Neulinge unüberprüfbar und werden zu Denkfallen-Trägern – und für spirituelle Sinnsuche und Lebensbewältigung sogar zu heimlichen Giftquellen. Warum ist so etwas Gift? Weil das Tun seiner Quelle Energie zuführt und aus ihr überträgt, und das Runenstellen hat nun mal nur eine einzige: die Intention, rassistischen Ansichten mittels obskuren Turnereien einen okkulten Anstrich zu verleihen.) Als ich 1984 zum ersten Mal auf Runen stieß – in einem denkbar miserablen Eso-Machwerk, das mir ein Kumpel unversehens in die Hand gedrückt hatte –, war ich noch bekennender Atheist. So sehr mich die Runen auf Anhieb faszinierten, so vehement stieß mich das menschen- und insbesondere frauenfeindliche Gegeifer ab, das als „Erklärung“ aus dem ariosophischen Ideologiekonstrukt quoll wie Eiter aus schwärenden Wunden. Igitt, jawoll. Was Ariosophie bedeutet und wie diese esoterische „Rassenlehre“ bis heute in fast jedem esoterischen Sehnsuchtswinkel (insbesondere magischer Runenkundlerei) zumindest in Spurenelementen vor sich hingiftelt, erfuhr ich erst viel später. Fortgeschrittene erkennen solche Fallen oft nur schwer – für Unkundige ist es fast unmöglich.
Was ich ebenfalls erst in allmählicher, jahrelanger Sichtung erfasste, war die tatsächliche Quellenlage, die sich als verstreuter Scherbenhaufen quer durch die Geschichte erstreckt. Ich sammelte die brauchbaren Stücke, reinigte sie und baute ein Haus daraus. Als Mörtel nahm ich meine Anschauungen. Einige Steine, die noch fehlten, meißelte ich selbst. Das Ergebnis mag darum nicht „germanisch“ genannt werden können – in dem Sinne, dass Angehörige derjenigen Sprachkulturen, die wir heute „germanisch“ nennen, je so gelebt hätten. Ich bin allerdings der Meinung, dass es dazu passt. Nicht nur, weil ich selbst Ásatrú bin und deswegen all mein Tun und Lassen als „germanisch“ bezeichne. Ich empfehle es auch jenen, die auf derlei Bezeichnungen weniger Wert legen – und unabhängig davon, welche Götter sie im Herzen tragen oder ob.
Bragishof, im Blütenmond (Juli) 2014

Bildstein auf Gotland, Schweden

KAPITEL I
Herkunft der Runen, germanische Kultur und deren teilweise problematische Rezeption von außen, vom Umgang mit spirituellen Aspekten und vom Wert der Menschenrechte
MYTHEN, GÖTTER, MENSCHENWEGE
Ein großer Teil dessen, was ich aus den 24 Sinnzeichen des ältesten germanischen Runensystems herauslese, mag wissenschaftlich nicht belegbar sein. Gesichert ist dies: Nur etwas mehr als ein Fünftel aller historischen Runeninschriften lässt sich dem Älteren Futhark zuordnen – dass es sich dabei überhaupt um ein System handelt, ist gerade mal durch eine Handvoll Funde belegt. Nur diese wenigen zeigen ein jeweils komplettes Älteres Futhark: mal mit der Rune Othala, mal mit Dagaz am Ende. Die ansonsten feste Reihenfolge der Zeichen muss (unter Runenkundigen) verbindlich gewesen sein, denn an ihr orientiert sich eine bestimmte Art von Runenverschlüsselung aus derselben Ära, die sich nur über die entsprechende Kenntnis entziffern lässt.
Ideenstiftend für die Runen waren höchstwahrscheinlich italische, etruskische sowie phönizische Alphabete. Unbekannt ist, wie sie aus dem mediterranen in den skandinavischen Raum gelangten. Wahrscheinlich waren Reisende aus dem Norden einfach davon begeistert, dass die Leute im Süden miteinander sprechen konnten, ohne dabei selbst anwesend sein zu müssen – Zauber der Schrift! Die Reihenfolge der nordischen Adaption wurde eine eigenständige, nur die Benennung erfolgte wie beim Alphabet, dem ABC, nach der Anlautfolge der jeweiligen Eingangszeichen. Bei Runensystemen: F-U-TH-A-R-K (Fehu, Uruz, Thurisaz, Ansuz, Raidho und Kenaz). Deswegen heißen typische Runensysteme „Futhark“.
Obwohl es sich nicht belegen lässt, ist es wahrscheinlich, dass Runen zunächst in Holz geritzt wurden: So erklärt sich die Abwesenheit waagrechter Striche. Gegen die Maserung geritzt, werden senkrechte und schräge am besten sichtbar: Ausschließlich aus solchen besteht das Ältere Futhark. Die ältesten Funde zeigen allerdings nur wenige Zeichen, die obendrein sehr krakelig ausgeführt sind – so sehr, dass bei manchen noch strittig ist, ob es sich dabei überhaupt schon um Runen handelt, also um Zeichen eines bereits bestehenden Älteren Futhark, oder nur um ungelenke Einkerbungen, deren mögliche Bedeutung dann noch viel unklarer wäre.
Das Ältere Futhark war vom zweiten bis zum achten Jh. in Gebrauch – das ist die Zeit, aus der es entsprechende Funde belegen. Die gemeingermanischen Namen seiner 24 Zeichen sind uns aus erst viel später entstandenen Liedtexten bekannt, von denen sich nur Abschriften aus bereits mittelalterlicher Zeit erhielten, die schon lang keine heidnische mehr war. Dennoch ergibt sich auch bei kritischer Lesart ein erstaunlich harmonisches, in sich sehr stimmiges Bild. Dieses musste allerdings erst von weltanschaulich beeinflussten Interpretationen deutscher Runenforschung bereinigt werden, die ihre nationalromantischen Wurzeln nicht verleugnen kann (und damit meine ich noch keineswegs die Auswüchse gezielten Missbrauchs durch die Nazis, deren Vordenker wie heutige Nachbeter. Davon sei später die Rede).
Umso interessanter jedoch, was uns gerade das Ältere Futhark eröffnet. Ob es tatsächlich ein raffinierter Algorithmus war, der alle wichtigen Parameter für ein harmonisches Miteinander überschaubarer Sozialgemeinschaften enthält, sei dahingestellt. Das muss keineswegs so gewesen sein – aber es lässt sich so anwenden. In dieser Hinsicht erscheint es mir nahezu einzigartig. (Aber dies mag meiner Begeisterung darüber geschuldet sein. Ich bin da sicher befangen – und erhebe weder Anspruch auf Deutungshoheit noch auf die Verallgemeinerung meiner Ansichten. Im Gegenteil: Zu Diskurs will ich anregen.)
Historisch lässt sich von ca. 200 vor bis ca. 1100 nach Christus von germanischen Kulturen sprechen: von der ersten römischen Erwähnung germanischer Stämme – der Skiren und Bataver – über die folgenden Jh.e der Völkerwanderung und ihrer Wirren bis zur endgültigen Assimilierung letzter germanischer Stammesgemeinschaften in Königreiche, die inzwischen wesentliche Teile des römischen Rechtssystems übernommen hatten. (Der Einfluss christlicher Strömungen auf germanische Kulturen hatte bereits im frühen 4. Jh. begonnen und sich von da an zunehmend ausgebreitet: dies meist wesentlich friedlicher als in neuheidnischen Kreisen unserer Tage gern beargwöhnt und vermutet wird. Die meisten germanischen Stämme aus der Völkerwanderungszeit sind uns überhaupt nur als christlich überliefert – wenn auch vorwiegend der arianischen Glaubensrichtung angehörig, die erst später dem katholischen Alleingeltungsanspruch unterlag und verschwand.)
Was es über germanische Kulturen zu lesen gibt, stammt nicht aus diesen selber. Sie gelten als schriftlos. Der Gebrauch von Runen war Eingeweihten vorbehalten, so genannten Erilar (Runenkundigen). Wer nicht zu diesen zählte, konnte die Zeichen höchstwahrscheinlich nicht entziffern, geschweige denn selber setzen. Neben dem Älteren Futhark und dem – deutlich später entwickelten – Jüngeren entstanden im Lauf der Zeit noch etliche weitere Runensysteme: das Friesische Futhark, das Angelsächsische Futhark und andere. Die Bedeutung einer allgemein verbreiteten Schreibschrift erlangten sie nie. Die Überlieferung innerhalb der Stämme war und blieb mündlich. Die frühesten (erhaltenen) Runen wurden auf Alltagsgegenständen wie Kämmen oder Schemeln angebracht – und bezeichnen meist nur den Gegenstand selbst. Andere, ähnlich knapp gehaltene Zeichenfolgen aus der Ära des Älteren Futhark ergeben überhaupt keinen nachvollziehbaren Sinn, was nahelegt, dass diese frühen Inschriften magisch intendiert gewesen sein mögen. Sie fanden sich auf Knochen, Waffen, Rüstungsteilen und Haushaltsgegenständen, später auch auf Münzen und Medaillen (so genannten Brakteaten) wieder.
Erst die Wikinger hinterließen uns aus den 300 Jahren ihrer europaweiten Seefahrten, Handels- und Eroberungszüge (vom 8. bis zum 11. Jh.) etliche tausend Gedenksteine (verteilt über weite Teile Europas, die meisten jedoch im skandinavischen Raum). Deren Botschaften beschränken sich auf das Festhalten von Einzelereignissen wie Schiffsunglücke oder Jagderfolge – in wenigen dürren Sätzen, die kaum Rückschlüsse auf Zusammenhänge zulassen. Oft besteht mehr als ein Drittel des Textes aus dem „Impressum“: der Mitteilung, welche namhafte Fachkraft die jeweiligen Runen eigenhändig auf dem Stein anbrachte und wer die Arbeit in Auftrag gab (nicht selten waren das Frauen). Ein paar späte, wortreicher geratene Ausnahmen feiern den Beitritt des jeweiligen Stammes zum Christentum…
Die Wikinger benutzten ein auf 16 Zeichen reduziertes Runensystem, das sogenannte Jüngere Futhark. Es ist mit über 6.000 historischen Funden das mit Abstand verbreitetste gewesen. Warum das Ältere (von dem nur ca. 350 Funde künden) so plötzlich verschwand, ist ebenso unbekannt wie der Grund für die erst hundert Jahre spätere Entstehung des Jüngeren und dessen Reduktion auf nur noch 16 Zeichen. (Ich traf mal einen britischen Kenner dieses Systems, der mir – soweit nachvollziehbar – seine Vermutung nahebrachte, die Wikinger hätten halt diejenigen älteren Runen weggelassen, für die sie – als Seefahrer – keine Verwendung mehr hatten. Was zu meiner Auffassung von Runen als hauptsächliche Sinnzeichen passt, denen eine komplexere Bedeutung innewohnt als einem bloßen Buchstabensystem – aber das ist natürlich nicht belegbar.)
Lassen wir die wenig beredten Runeninschriften allesamt – sowie die wenigen lateinischen Buchstaben aus germanischer Hand (wie z.B. die rätselhafte Ein-Wort-Kritzelei „Harigasti III Il.“ auf dem „Helm von Negau“ als älteste germanische Inschrift überhaupt) – beiseite: Alle uns erhalten gebliebenen schriftlichen Aufzeichnungen, die von germanischen Kulturen künden, stammen von Außenstehenden – die größtenteils nicht einmal Zeitzeugen waren.
Die Edda, die reichhaltigste Niederschrift nordischer Götter- und Heldensagen, entstand im 13. Jh. auf Island – das um diese Zeit schon 300 Jahre lang christlich war. Der Verfasser Snorri Sturluson bediente sich der alten Geschichten nach Gutdünken – wir wissen nicht, was er weggelassen, abgewandelt, zusammengefasst, gekürzt oder dazuerfunden hat. Sicher ist, dass er nicht vorhatte, heidnische Überlieferungen möglichst authentisch zu erhalten. Ihm ging es darum, die Kunst der Skaldik zu vermitteln, die damals angesagte Form höfischer Dichtung. Dafür nahm er alte Erzählungen über halb vergessene Götter (denen längst niemand mehr ernstlich huldigte) als Textmaterial und schmiedete daraus die uns erhaltenen altnordischen Verse. Entsprechend hochmittelalterlich geprägt ist das darin gespiegelte Gesellschaftsbild, wenn auch heidnische Vorstellungen früherer Zeiten mit eingeflossen sein dürften. Historisch zuverlässig bringt da aber niemand mehr die Milch aus der Melange. Viele – heute als „typisch germanisch“ geltende – Phänomene sind nur bei Snorri erwähnt oder auf seine Schriften zurückzuführen – und sonst nirgends belegbar. Dazu gehört zum Beispiel die Einteilung der Götter in „Asen“ und „Vanen“ oder die Beschreibung des Weltenbaums Yggdrasil mit seinen „neun Welten“. Ebenfalls finden sich etliche in der Edda erwähnte Gottheiten – wie zum Beispiel Heimdall – so gut wie nur dort. Die Inschrift einer englischen Spindel aus dem achten Jahrhundert nennt zwar (unter anderem) möglicherweise auch Heimdalls Namen, die Deutung bleibt jedoch spekulativ. Mit Sicherheit lässt sich daher nicht sagen, ob dieser Gott je wirklich von Angehörigen germanischer Kulturen verehrt wurde – auch wenn gerade die offensichtlichen Lücken in den literarischen Quellen dies wahrscheinlich machen (weil sie auf ältere Teile des Mythos schließen lassen, die verloren sind), beweisbar ist es bislang nicht. Etliche andere – von der Archäologie eindeutig als germanisch recherchierte – Gottheiten wiederum finden bei Snorri keine Erwähnung. Entsprechend unbekannt blieben Göttinnen wie Tamfana oder Baduhenna. Auch die uns überlieferten Sagas, ebenfalls altnordische Nacherzählungen, wurden erst in christlicher Zeit aufgeschrieben.
Der römische Gelehrte Tacitus, der im ersten Jh. lebte und dessen Ethnografie „Germania“ zu den wenigen aus der Antike verbliebenen Aufzeichnungen über germanische Kultur gehört, hat die nördlichen Landstriche, deren Bewohner er beschrieb, selbst nie betreten. Er zeichnete das Bild der „edlen Wilden“: Unverkennbar wollte er seinem Publikum – der von ihm als „dekadent“ empfundenen römischen Stadtbevölkerung – eine Moralpredigt halten. Was von seinen Schilderungen auf (ohnedies nur abgelauschten) Tatsachen beruhte und was mehr oder minder frei erfunden war, bleibt offen.
Für uns ist und bleibt ganz wichtig, jeden Text, der etwas über germanische Kulturen zu erzählen hat, kritisch zu überprüfen: Wo kommt das her, wer hat das verfasst, woher haben die, die das verfasst haben, ihre Kenntnisse (sind die Quellen glaubwürdig oder im Zweifelsfall nachprüfbar?) – und wovon will der Text uns überzeugen und warum. Das klingt nicht nur mühsam, das kann wirklich in Arbeit ausarten. Aber wer nicht irgendeinem falschen Mythos oder richtig platten Lügen aufsitzen will, kommt nur so der Wahrheit näher. Der ideologische Missbrauch hinterließ nicht etwa Spuren, er hält den ganzen Themenkomplex nach wie vor in Acht und Bann. Die Befreiung davon kann nur schritt- und stückweise erfolgen, manchmal nur im Tempo und mit der Vorsicht archäologischer Pinselstriche. Denn es sind ja nicht immer nur bewusst gesetzte Ideologeme, womit die Deutungen durchdrungen sind, sondern auch unreflektierte und subtiler vermittelte bürgerliche Vorurteile (woher die wiederum stammen und was sie befördert und aufrechterhält, wäre ein Extrathema, das den Rahmen des vorliegenden Buches sprengt).
Bei dieser Gelegenheit sei auf das Beispiel einer berühmten Moorleiche hingewiesen. Seit den 50er Jahren des 20. Jh. geisterte der Fund als „Mädchen von Windeby“ durch die Presse und wurde allgemein als „hingerichtete Ehebrecherin“ gedeutet: aufgrund ihrer in „obszöner Geste“ geballten Faust. Diese erwies sich jedoch zwischenzeitlich als Irrtum: Der Daumen war nie zwischen Zeige- und Mittelfinger eingeklemmt gewesen. Das hatte nur auf dem ersten Foto so ausgesehen – und das war halt wieder und wieder so abgedruckt worden. Ein halbes Jh. hindurch bezweifelte kein Mensch die „eindeutige“ Botschaft. Aber es kommt noch besser: Das (aus welchen Gründen auch immer im Moor versenkt gewesene) Mädchen ist, wie sich inzwischen herausstellte, in Wahrheit ein Junge. Soviel zu bürgerlich-moralischen Interpretationen germanischer Kultur…!
Wer waren „die Germanen“ nun überhaupt? Die Bezeichnung selbst ist ein propagandistischer Kunstgriff – eine Art antiker Werbeslogan. Sein Schöpfer: Gaius Julius Caesar. Der römische Feldherr hatte Mitte des letzten vorchristlichen Jh.s (ca. 58 bis 50 v. Chr.) zahlreiche gallische Stämme unterworfen. Um das für die Fortführung seiner Feldzüge erforderliche Geld vom römischen Senat bewilligt zu bekommen, war eine überzeugende Erfolgsmeldung nötig. Was hätte besser gewirkt, als „ganz Gallien erobert“ melden zu können? Dafür legte Caesar den Rhein als Grenze fest – und bezeichnete alle jenseits des Ostufers lebenden Stämme kurzerhand als „Germanen“.
Den meisten der so Benannten dürfte der Sammelbegriff unvertraut geblieben sein (wie uns dessen Herkunft: Die lange kolportierte Annahme, wenigstens ein Stamm sich so nennender „Speer-Mannen“ habe für die, dann verallgemeinerte, Namensgebung „Germanen“ Pate gestanden, erwies sich als nicht haltbar). In den rheinöstlichen Wäldern und Sümpfen siedelten Stammesgemeinschaften oder zogen nomadisch herum. Germanische Stämme jener Zeit waren in erster Linie Personengefolgschaften. Sie mögen bestimmte Gebiete für sich beansprucht haben, definierten sich aber nicht über Territorialgrenzen, sondern über personelle Zugehörigkeiten. Die richteten sich nach Verwandtschaft – aber nicht nur. Die Abstammungsmythen bezogen sich auch auf Götter und wer sich den einen nicht mehr zugehörig fühlen mochte, wechselte nicht selten die Gemeinschaft samt (spiritueller) Herkunft: um fortan von den dort bevorzugten Gottheiten mit „abzustammen“. Die massenhafte Aufnahme von Personen ganz anderer und unterschiedlichster Herkunft ist speziell für einen europaweiten Wanderzug von Goten belegt (im so genannten „gotischen Rückstromhorizont“: als binnen kaum einer Generation die Kopfzahl des betreffendes Zuges von hundert bis maximal einhundertfünfzig Leuten auf über dreitausend anschwoll, die sich fortan alle als Goten bezeichneten und die handwerklichen und künstlerischen Merkmale der betreffenden Kultur übernahmen und weiterentwickelten; was wiederum von den daheimgebliebenen Gotenstämmen noch in derselben Generation detailgetreu kopiert wurde).
Insgesamt gilt: Vor allem von den Bildern angeblichen „Germanentums“, die nationalsozialistische Propaganda bis heute in den Köpfen hinterließ, dürfen wir uns getrost und gründlich verabschieden. Stämme verbündeten sich, gingen zuweilen ineinander über oder trennten sich wieder. Sie behaupteten, Abstammungsgemeinschaften zu sein, was sie nachweislich nicht waren und sich nur über spirituelle Auffassungen erklären lässt (auch wenn wir von denen en détail wenig wissen). Ein über jeweilige Stammeszugehörigkeiten hinausgehendes Bindungsgefühl gab es nicht: Die Stämme bekriegten und befehdeten sich untereinander häufig und unüberschaubar. Es gab keine „vereinigten Stämme von Germanien“, kein „germanisches Volk“ – und keinerlei entsprechendes Bewusstsein. In jedem erdenklichen Sinn gilt: Mit Stammeskulturen ist kein Staat zu machen. Die frühmittelalterlichen Reichsbildungen lassen sich nicht mehr als germanische Kulturen bezeichnen. Sie beerbten – mit der Übernahme einer zentralistisch organisierten Religion und, wesentlicher, dem damit staatstragend verknüpften römischen Rechtssystem – das römische Imperium: seine maroden Reste, aus denen sich das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ entwickeln sollte. Die letzten beiden Worte des Begriffs sind irreführend: Die erste „deutsche Nation“ in neuzeitlichem Sinn entstand – lange nach Frankreich, England, Spanien und anderen europäischen Nationalstaaten – erst 1871 mit dem Zusammenschluss der Großherzogtümer Hessen und Baden und der Königreiche Württemberg und Bayern zum „Deutschen Bund“. Die antike Herkunft suggerierende Gleichsetzung neuzeitlicher Franzosen mit antiken „Kelten“ entstammt – ebenso wie deutsche Ansprüche auf „Germanen“ – ausschließlich nationalstaatlicher Propaganda und hat mit den bis dahin schon lange untergegangenen vor- und frühchristlichen Kulturen von Kelten und Germanen nichts zu tun. Im Gegenteil verstellt sie bis heute das Bild auf diese. Nationalromantische Dünkel ziehen sich auch erkennbar durch die deutsche Runenforschung, die in mancher Hinsicht erst dadurch ihren Anfang nahm. Das diskreditiert nicht neuere Forschungen und nötige Korrekturen – es ist nur wichtig zu wissen. Kritisches Lesen absolut jeder Quelle samt ihrer Überprüfung ist grundsätzlich angebracht.
Meine eigene Beschäftigung mit den Runen und ihrer Kultur brachte mir die dahinterstehenden Gottheiten näher, als ich sie zunächst haben wollte… und mündete nach Jahren dann doch in meinen persönlichen Bund mit ihnen. Seitdem kam es zu einer dynamischen Wechselwirkung zwischen dem, was ich aus literarischen und archäologischen Quellen ziehen konnte, und dem, was ich als ideologische Missdeutung oder gar Missbrauch aussortieren musste. Am schwierigsten sind natürlich die persönlichen Anteile zu schildern: jene Auffassungen, die meinen eigenen – höchst subjektiven – Erfahrungen entwuchsen. Diese kann ich hier unmöglich aussparen – und möchte daher betonen, dass sie so wenig verallgemeinerbar sind wie eine eigene Handschrift, ein persönlicher Stil oder eben ein Glaubensgebäude. Was immer ich aus Letzterem vorstelle, dient ausschließlich als Beispiel – und will anregen, das eigene spirituelle Weltbild damit zu erweitern oder zu ergänzen oder, im Bedarfsfall, sich überhaupt ein eigenes zu schaffen.
Für mich sind alle Gottheiten der Welt wahrhaftige Wesenheiten. Diese Auffassung muss niemand teilen. Ich habe nichts davon, wenn irgendjemand die gleichen oder auch nur (angeblich) ähnliche Götter wie ich anruft oder verehrt oder dieselben Namen und Begriffe benutzt – die aber jederzeit und überall anders assoziiert und mit ganz anderen Werten und Bedeutungen verbunden sein können. Wenn mich jemand zum Beispiel fragte, ob ich „an Jesus Christus glaube“, müsste ich – genau genommen – diese Frage bejahen. Das macht mich noch lang nicht zu einem Christen. Ich bin bei der genannten Gottheit so wenig unter Vertrag wie bei Siemens, der Deutschen Bank oder anderen Institutionen und Instanzen, deren Existenz ich ebenso selbstverständlich anerkenne wie die beliebiger Religionsgemeinschaften – unabhängig davon, was ich von den jeweiligen Kräften, ihren Auswirkungen, ihrem Personal oder dessen Methoden halte. Ich glaube an (die spirituelle Existenz und Wirkkraft von…) Jesus genauso wie an (die von…) Allah, Shiva, Pallas Athene, der Weißen Büffelfrau, Quetzalcoatl oder auch – das ist nicht despektierlich gemeint gegenüber vorgenannten Beispielen! – King Kong und Micky Maus; ebenso glaube ich an den Mount Everest, die Donau, das Geld, den Morgenkaffee oder McDonald‘s und Monsanto. Denn all diese – nennen wir sie mal „Phänomene“ – sind da. Und unabhängig davon, welche von ihnen als „real“ gelten und welche nicht, bewirken sie etwas in Materie und Geist. Natürlich ganz unterschiedliche Ereignisse und Zustände. Die einen betreffen mich persönlich, die anderen weniger. „Unter Vertrag“ – im Bunde – bin ich für meinen Teil mit Gottheiten, die ich mir in gewisser Weise selber geschaffen habe… aus Dankbarkeit dafür, dass sie – die Großen, wie ich sie nenne – die Welt und letztlich auch mich erschufen, mich leiten, anfordern, kurz: mich leben und wirken lassen. Den Widerspruch in dieser Aussage kann ich nur mit einem Grinsen beantworten… und dem Hinweis, dass sich eine magische Weltsicht so wenig an Logik oder die gewohnheitsmäßige Zeitachse zu halten braucht wie jeder anständige Traum auch. Ich nehme für mich in Anspruch, sowohl Realist als auch Träumer sein zu dürfen – ja: zu können.
Mein persönlicher Wertekanon ist ganz gut durch die so genannten Menschenrechte umrissen. „Ganz gut“ meint, dass ich den Geist dieses Wertesystems am liebsten noch angewandt auf weitere Teile der Natur sähe. Keinesfalls jedoch akzeptiere ich irgendeine Einschränkung dieses Kanons, ganz konkret: der Proklamation der allgemeinen Menschenrechte von 1948. Sie sind mein Maßstab für die Bewertung und Beurteilung menschlichen Handelns und Unterlassens im Kleinen wie im Großen, im Alltag wie im gesellschaftlichen Gesamtgefüge – welcher Person, welcher Gruppierung und welchen Staates, welcher ethnischen oder kulturellen Gemeinschaft auch immer. Wenn es eine Front zwischen mir und anderen gibt, verläuft sie an dieser Frage: wie wer mit den Menschenrechten umgeht. Ich bin gegebenenfalls bereit, mich mit all denjenigen Menschen verbündet zu sehen oder tatsächlich zu verbünden, die die Menschenrechte achten, leben, verteidigen. Wer dies nicht tut, kann nicht mein Freund oder meine Verbündete sein – egal, wer sich da Hexe, Heide oder irgendetwas anderes nennen mag, gleiche oder ähnlich benannte Gottheiten verehrt wie ich, vielleicht dieselbe Musik hört wie ich, vergleichbaren kulinarischen, sexuellen oder sonst irgendwelchen Vorlieben frönt oder auf andere Ähnlichkeiten pocht, die vorkommen mögen – na und. Entscheidend für meine Bündnisse ist die genannte Haltung – sie ist die unabdingbare Verhandlungsbasis. Innerhalb dieser findet zivilisierte pluralistische Gesellschaft statt. Nur dort. Wer sich außerhalb positioniert, steht draußen (und hat sich gegebenenfalls selber „ausgegrenzt“). Verhältnisse, in denen die Menschenrechte gelten, kamen nicht vom Himmel gefallen, sondern entstanden aus irdischen Einsichten und unendlichen Mühen heraus. Menschenwürdige Verhältnisse bedürfen – auch da, wo sie bereits bestehen – ständigen persönlichen Einsatzes. Ihr Überleben hängt an einer knappen Faustregel: Keine Toleranz für Feinde der Toleranz!
Ich lasse jede spirituelle Wahrheit gelten und akzeptiere jeden persönlichen Glauben – und daraus resultierende Verhaltensweisen, solange und soweit sie sich im Rahmen der Menschenrechte bewegen. Daraus folgt, dass ich auch Wertsysteme, die mir fremd oder gar unsympathisch sind, ebenso selbstverständlich respektieren kann wie deren FürsprecherInnen. Ich gewähre so viel Toleranz, wie ich bekomme (und wo ich es mir leisten kann, auch gern mal etwas mehr: Das lässt sich nicht pauschalisieren, kommt aber vor). Ich toleriere jedoch nicht die Abschaffung meiner Werte, entsprechende Handlungen oder Absichten. Die Gleichwertigkeit aller Menschenwesen ist die Grundlage, auf der alle erforderlichen und möglichen Verhandlungen beruhen. Ich gehöre zur weltweiten Rasse derer, dessen Blut rot ist. Wir alle gehören ihr an. Es bedarf keinerlei Blutvergießens, das zu beweisen.
Wenn ich hier von bestimmten Göttinnen und Göttern rede und erkläre, was sie mit Runen zu schaffen haben, ist das so ähnlich, wie von selbstkomponierter Musik zu sprechen. Musik folgt Regeln (Ausnahmen bestätigen das). Meine Töne und Klangfolgen muss niemand nachspielen oder gutheißen – ich zeige nur auf, wie sie funktionieren, welchen Regeln sie folgen. Es ist ein Unterschied, ob du sie nachvollziehst und anwendest, um deine eigene Musik (oder Magie) zu entwickeln – oder meine Ergebnisse imitierst und übernimmst. Letzteres kann einen Zwischenschritt darstellen, niemals aber taugliches Endergebnis.
Das kann nicht oft genug betont werden. Die Unsitte, andere für sich denken zu lassen, anderen mehr oder minder kritiklos und selbstvergessen zu „folgen“, ist in der Menschheitsgeschichte allzu verbreitet und gerade in unserer Gesellschaft eingeschliffen wie kaum etwas anderes. Die Subszene esoterisch Sinnsuchender spiegelt dieses gesellschaftstypische Phänomen nochmal in ungewollt karikierender Form scharf wieder, lebt es gewissermaßen übertrieben nach: in ihren offenen wie versteckten Hierarchien, in ihren Werten, Zielen, Methoden und deren Resultaten. Das muss nicht erst über offenkundige Kommerzinteressen sichtbar werden oder vorwiegend in seelische Ausbeutung und innere Verelendung münden, tut es aber meistens und typischerweise. Autoritätshörigkeit wird in allen Möglichkeiten des Spektrums gefördert, Selbständigkeit selten gelehrt. Es gibt jedoch Erfahrungen, die sind nur individuell zu machen. Dazu gehören Essen und Trinken, das Darmentleeren, das Sterben – und das Lernen. Und damit auch das Erleben spiritueller Wahrhaftigkeiten. Bei solchen, als einem kulturellen Phänomen, lässt sich natürlich mogeln. Wir können jederzeit spirituelle Erfahrungen anderer Leute für unsere eigenen halten – dabei wird dann ziemlich egal, ob die Erfahrungen jener anderen, von denen wir sie übernehmen, „echt“ sind oder nur vorgegaukelt: Sie kommen in jedem Fall vitaminarm und substanzlos an. Ihr möglicher Wohlgeschmack ist künstlich und meist oberfaul herbeigetrickst. Im schlechtesten Fall machen sie süchtig. Wie schlechte Nahrung sind sie meistens voller Ballaststoffe, ungesunder Zusätze ungewisser Herkunft – und allzu oft zuckersüß. (Das allein sollte schon misstrauisch machen. Es ist ein sicheres Erkennungsmerkmal, dass die Weisheit dahinter nicht das Glanzpapier – oder auch nur den salbungsvollen Ton – wert ist, auf dem sie uns entgegensäuselt.)
Süchtig nach solchem Zeug, laufen wir Gefahr, andere von derselben Sache überzeugen zu wollen. Notfalls um jeden Preis. Denn das mulmige Defizit der ausgebliebenen Erfüllung isoliert unsere Seelen. Die unreflektierte Einsamkeit schreit bald nach Bestätigung durch Äußerlichkeiten: am besten durch gleichartige Gemeinschaft. Ab da werden Gewandung und Gepränge und das Bestätigen verbaler Formeln oberwichtig: als Kennzeichen von Gleichartigkeit, von Miteinander. Das bedingungslose Mitmachen und – vor allem auch äußere – Gleichziehen der anderen wird oft zum einzigen Trost in der zu Recht gefühlten – und umso manischer geleugneten – persönlichen Leere.
Genau darum sind die meisten Offenbarungsreligionen (wie auch ihre marodierenden Ableger, die oft sektiererischen Einzelkulte) so vehement um Missionierung bemüht – und darin so erfolgreich: An die Stelle persönlicher Erfüllung tritt die Not, äußere Merkmale anzugleichen und ans idealisierte Vorbild angeglichen zu sehen. Die Gleichschaltung nennbarer Kennzeichen dient als Ersatz für innere und eigene Entwicklung und Erfahrung. Nur wer im eigenen „Glauben“ keinen echten Halt findet, ist darauf angewiesen, dass möglichst alle anderen dasselbe glauben – und fühlt sich von allen bedroht, die davon irgendwie abweichen. Das sind die üblichen Kennzeichen vieler heutiger Religionen und Kulte… Und so sehr sie individuell durchaus für Halt und Orientierung zu sorgen vermögen, gleichen sie in ihrer Struktur und Grundhaltung doch eher einer gefährlichen Geisteskrankheit. Ungeachtet ihrer Gebetsmühleninhalte tendieren sie zu Heuchelei, Ungerechtigkeit, Willkürherrschaft, Verblendung, Gewalt und Krieg. Es ist ihnen inhärent. Statt die Seele zu befreien, knechten sie die Massen. Noch perfider: Sie haben beides verwoben. Wohlgemerkt: Diese Kritik gilt nicht Menschen und ihrem persönlichen Glauben, sondern den gesellschaftlichen und politischen Organisationsformen ihrer Religionen.
Spiritualität ist entweder eine persönliche Erfahrung oder wertlos. Daraus folgt, dass Missionierung – jegliche! – Gift ist für jedwessen persönliche spirituelle Entwicklung. Missionierung ist das (meist systematische) Übertragen festgelegter Glaubensinhalte von einer Person zur anderen. Das braucht nicht nur so genannte Religionen zu betreffen, ist aber kennzeichnend für sie. Religionen, die missionierend verbreitet werden, verwandeln – wie alle Ideologien – Menschen in Schafe und Bluthunde. Die Verwandlung zum Schaf wie auch zum Bluthund zu vermeiden, ist der erste Schritt zum sozial kompetenten Menschenwesen.
Letzteres wollte ich werden. Wie mir ausgerechnet die Runen des Älteren Futhark dabei helfen sollten – und warum sie dafür taugen – zeige ich in den folgenden Kapiteln.

Bildstein mit Runen, Århus, Dänemark

KAPITEL II
Vorstellung der drei Ættir, Einblick in ihre Zusammenhangsverläufe
VOM WERDEN, ERKENNEN UND HANDELN
Das Ältere Futhark ist aufgeteilt in drei Achterreihen. Die erste beschreibt Prozesse des Erschaffens und Entstehens, die zweite einen exemplarischen Erkenntnis- und Einweihungsweg, die dritte zeigt, worum sich menschliches Handeln dreht und unter welchen Bedingungen es stattfindet.
Während die ersten beiden Reihen konkrete Verläufe in klar aufeinanderfolgenden Ereignisfeldern markieren, erschließen sich die Runen der dritten Acht eher paarweise. Diese letzte Reihe zeichnet keinen bestimmten Weg mehr vor, nur noch das Wie und Womit – und verweist damit umso mehr auf die Macht unserer Verantwortung.
Die drei Runenreihen werden (altnordisch) Ættir genannt. Ætt heißt „Acht“, „Sippe“ oder „Familie“. Über die Ættir des Älteren Futhark wachen drei Gottheiten: Freyr, der sinnliche Herr der Fruchtbarkeit, Hel, die fahle Herrin des Totenreiches, und Tyr, der streitbare Hüter der Gerichtsbarkeit.
Über Freyrs Ætt, die erste Acht, lernen wir, wie Schöpfungsprozesse funktionieren – ihre Voraussetzung, die gleichbleibenden Grundlagen ihrer vielfältigen Entwicklungen, ihr Werdegang und ihre Vollendung – samt möglicher Gefahren: was dabei alles schiefgehen kann, wie dem gegebenenfalls zu begegnen ist und was das jeweils für Konsequenzen hat. Die Abfolge dieser Reihe lässt sich auf zahllose Entstehungsprozesse übertragen – auf kleine und große Menschenwerke bis hin zum Wunder der Schöpfung selbst.
Hels Ætt, die zweite Acht, ermöglicht uns Erkenntnisse darüber, was das alles soll und wer wir überhaupt sind. Sie bietet einen Weg zu möglicher Charakterreife, der auf unterschiedliche Art erlebt und gegangen werden kann. Es ist kein Zufall, dass sich ein Drittel des ganzen Runensystems den Sinnfragen des „wer bin ich“ und „was soll das“ widmet. Der Helsweg, wie ich ihn nenne, ist kein Ponyhof: Er führt uns schnurstracks in unsere persönlichen Abgründe hinein, in die oft verschütteten Untiefen des eigenen Seelen- und Herzensgrundes, die wir im Alltag so gern scheuen (wofür wir ja auch Gründe haben). Doch am Ende wartet ein Schatz. So dunkel der Abstieg beginnt und so viel er fordert, so strahlend und selbstbewusst baden wir am Schluss im Licht der Sonne. „Erleuchtung auf Germanisch“ ließe sich das nennen – wäre der eine Begriff nicht so abgeschmackt und der andere nicht so missverständlich belastet. Aber ich will nicht vorgreifen.
Tyrs Ætt, die dritte Acht, beschäftigt sich mit unserem Tun und Lassen und bringt uns in persönliche Verantwortung – die wir mit den Erkenntnissen und Erfahrungen aus den vorangegangenen Reihen tragen können. Erst wenn wir wissen, wie etwas erschaffen wird, und zudem erfahren haben, wer wir selber sind und aus welchen Motiven wir handeln, können wir zu erwachsenen Menschen werden, die eigenständige Entscheidungen treffen und für deren Folgen einstehen. Zudem kennen wir die Welt und Umgebung, in der das stattfindet. Im gleichzeitigen Beachten dieser Umstände und Möglichkeiten sowie unserer persönlichen Erfahrungen lernen wir, unser Leben zu meistern und unseren Aufgaben gerecht zu werden.
Die Abfolge der 24 Runen des Älteren Futhark lässt sich als Weg von einem Ausgangspunkt zu einem Ziel lesen, aber auch zu einem Kreislauf verbinden. Ich bevorzuge inzwischen die zyklische Variante, da sie alle möglichen Wegteile – auch die linearen – enthält.
Bevor wir uns den Runen und deren Vielschichtigkeit im Einzelnen widmen, werfen wir zunächst einen Blick auf das, was sie verbindet und zusammenhält. Um diese Verläufe in ihrem Zusammenhang kenntlich zu machen, beschränkt sich die Vorstellung der Einzelrunen hier auf Ableitungen ihrer Urbedeutung.
Aller Anfang ist das Entstehen. Wo nichts war, soll etwas werden – und dem kann durch Erschaffen nachgeholfen werden.
Freyrs Ætt – und damit das ganze Futhark – beginnt mit der Rune Fehu. Sie stellt das verfügbare Potential dar, aus dem etwas – ja letztlich alles – erwächst. Diese frei bewegliche Energie ballt sich zusammen in Uruz, das heißt, sie verdichtet sich zu Materie. Thurisaz ist die Kraft, die diese Materie schlagartig und weiträumig verteilt: Das Ergebnis dieser jähen Entladung ist chaotische Verbreitung. Ab hier wird sortiert: Ansuz repräsentiert sowohl das sinnvolle Gefüge als auch die Kommunikation darüber („wo etwas hin soll“: Das Schaffen einer Ordnung bedarf der Verständigung der daran Beteiligten – ob das nun Götter sind oder Menschen…). Raidho erst bringt den Faktor Zeit ins Spiel: Bewegung und Tempo spielen eine Rolle, Zyklen entstehen, rhythmische Abläufe greifen ineinander. Jetzt ist kompetentes Gestalten gefragt und die Lust darauf: wie etwas zusammengehört und wie es zu bearbeiten ist, damit es passt und schön wird. Dieses Können (und den Drang dazu) symbolisiert die Rune Kenaz. Sie führt zur Vollendung des Werkes in Gebo. Das Geschaffene, das nicht mehr verbessert werden kann (was seine Harmonie ausmacht: auf welchem Level auch immer), ist nun fertig, wird „übergeben“, kann ab da sein Eigenleben führen. Das schafft Verbundenheit der daran Beteiligten – sowohl mit dem Werk als auch untereinander. Die Rune dafür ist Wunjo. Sie krönt den Prozess mit Wonne und symbolisiert sowohl die Verbundenheit als auch die Freude darüber.
Der Schöpfungsprozess ist nun abgeschlossen.
Ab hier lassen sich die menschentypischen Fragen stellen: Wer bin ich? Und was soll das alles? Wozu gibt es die Welt? Wozu mich? Und überhaupt was? Die Antwort ist nicht lustig, der Weg nicht einfach. Aber dafür wird er ja beschrieben: um ihn aufzuzeigen, ihn gangbar zu machen, trotz aller Unwägbarkeiten – und durch sie hindurch. Das Ergebnis lohnt alle Mühen. Im Erfolgsfall! Die Anleitung dient seiner Ermöglichung.
Denn Hels Ætt – die mittlere Reihe – beginnt mit einem Schrecken. Hagalaz steht für elementare Zerstörungen und (meist ungewollte) Umwälzungen: Was du hast und was du vorhast, wird womöglich alles verhagelt. Nichts bleibt beim Alten. Wie diese Kraft auch gezielt genutzt werden kann, ist ein besonderes Geheimnis (das an späterer Stelle gelüftet wird) – immer aber stellt diese Rune eine Herausforderung dar. Sie steht letztlich auch für das, was wirklich passiert, während wir Pläne machen – die wir dann aufgeben müssen, weil es angesichts der Umstände so nicht geht. Und damit bringt sie uns – zunächst und bis auf Weiteres – in Not.
Nauthiz, in mehrfacher Hinsicht eine „Schicksalsrune“ (auch das bedarf besonderer Erläuterungen – später!), konfrontiert uns damit, was wir wirklich brauchen – im Wortsinn benötigen. Alles Überflüssige wird unter ihr nichtig und gegenstandslos. So von allem (schönen Zierrat, aber auch störenden Ballast: der meistens überwog – wenn beides nicht eh weitgehend identisch war…) befreit, kommt dein Streben zum Stillstand, die Seele zur Ruhe.
Isa, die einfachste Rune von allen, reduziert uns auf unseren persönlichen Wesenskern. Die zunächst einsame Essenz deines Ichs findet sich bald als Mittelpunkt wieder: von allem.
Jera, als 12. Rune des Futhark auch Mitte des Helsweges, verheißt die Erreichbarkeit alles irgendwie Vorstellbaren – und weist sogar darüber hinaus. Ja: die ganze Welt. Sie sei dein. Sie gehört dir zwar nicht alleine – du teilst das All mit allen anderen Geschöpfen, Kreaturen, Wesenheiten – aber dennoch dir ganz. Alles ist erreichbar: für dich! Bedingungslos und einwandfrei. Das ist wichtig. Es gibt keine Einschränkungen. Du musst nicht einmal Entscheidungen treffen – jetzt noch nicht. Das kannst du erst, wenn du wirklich aus dem Ganzen schöpfen kannst, ohne etwas auszusparen (wie du es vorher lerntest) – und zu dieser Erkenntnis, dass dir (ja, dir!) alles, aber auch wirklich alles möglich ist, verhilft Jera. Sie macht dich eins mit dem All, bis ihr die Rollen tauschen könnt, weil ihr – ungeachtet der Dimensionen: du und das Weltganze – aus ein- und derselben Substanz beschaffen seid.
Ab da geht‘s wieder aufwärts: Die Eibenrune Eiwaz repräsentiert deinen langsamen, aber beharrlichen Aufstieg aus dem Dunkel (deiner eigenen Tiefen: wo du all das erlebtest) ans Licht.
Zurück in das deiner Alltagswirklichkeit wiegt und wirft dich Perthro, der Kessel der Wiedergeburt. Diese bezieht sich auf dein Leben: dieses eine. Der Helsweg ist eine Verwandlung: deine. Die deines Charakters.
Und nach diesen Erfahrungen fühlst du dich in der Tat wie neugeboren: hellwach, wie runderneuert, zu allem bereit. Diesen Zustand repräsentiert Algiz. Ganz im Hier und Jetzt. Fähig zu vollkommener Gegenwärtigkeit: erfüllt vom Zauber des Moments. Jetzt fehlt nur noch ein Schritt. Der letzte. Er führt dich direkt in die Sonne.
Sowilo: Dein innerstes Wesen kommt ans Licht. Es wird dir bewusst. Und es ist rein. Du bist es jetzt: geworden. Auf deiner Fahrt durch die Abgründe. Aus deren Tiefen ermessen sich die Höhen deiner Bewusstwerdung. Du erkennst deinen wahren Willen. Die Wurzeln deiner innersten – auch und gerade dir selbst bis dahin verborgen gebliebenen – Wesenswünsche, deines Strebens und Sehnens. Du siehst die Zusammenhänge: Deine eigene Sonne bringt sie an den Tag. Ab hier gelingen deine Taten.
Du bist jetzt voll und ganz. Ein Geschöpf, das seiner selbst bewusst ist.
Ab da bist du überhaupt erst fähig zu handeln: Entscheidungen zu treffen im Bewusstsein deines Wollens und seiner Impulse und die Konsequenzen sowohl einzuschätzen als auch zu tragen. Ab hier kannst du sie übernehmen: Verantwortung.
Sie ist der rote Faden, der sich durch die dritte und letzte Achterreihe zieht. Diese gibt keinen Ereignisverlauf mehr vor: Der hängt jetzt allein von dir und deinen Entscheidungen ab. Von deinem Tun und Lassen. Weshalb ich diese letzte Runen-Acht gern „die für Erwachsene“ nenne. Die erste lehrte uns, etwas zu erschaffen, entstehen zu lassen, zu gestalten und wie solche Prozesse überhaupt funktionieren. Die zweite verhalf uns zur Erkenntnis unserer selbst, zur Sinnstiftung des eigenen Daseins. Denn wer soll diesen Sinn formulieren, wenn nicht du selbst? Genau deshalb fand das alles statt, nur dazu hast du den Helsweg durchwandert, durchlitten, erlebt und zu deiner eigenen Macht gefunden. Die dritte Runenreihe zeigt, wo und wie diese stattfindet und zu welchen Bedingungen. Darüber hinaus stellt sie ein Arsenal dar: für dein Tun. Sie setzt die Erfahrungen der ersten und zweiten Reihe voraus: Die bilden dein Vermögen, dein Wissen, deinen Hintergrund.
Tyrs Ætt besteht aus Runenpaaren. Zumindest die ersten beiden bestechen durch eine Gegensätzlichkeit, die zunächst unvereinbar scheint. Doch genau darin liegt die Lösung: in deren Verbindung, ja Gleichzeitigkeit – zu jeweiligen Anteilen. Erst zusammen entfalten sie ihre Wirkung harmonisch. Sie ist jedoch kein Festwert, sondern veränderlich. Du bekommst ein Arsenal beweglicher Parameter. Ihre Ausrichtung und ihr Maß bestimmst immer du. Es gibt keine Vorschriften. Nur Konsequenzen. Die Runen helfen, deren Gesetzmäßigkeiten zu erkennen.
Tiwaz ist die zielgerichtete, entschlossene Tat und das Tragen ihrer Folgen – und der Mut zu beidem. Berkana steht für die Fähigkeit, dies pfleglich, umsichtig (auch und gerade in Bezug auf deine Umgebung) und sogar fürsorglich, mitfühlend und rücksichtsvoll zu veranstalten. So blank betrachtet liegen beide Extreme klar vor Augen: ihre Möglichkeiten wie Mängel. Tiwaz allein führt, trotz und bei aller Verantwortungsbereitschaft, zu fanatischer, rücksichtsloser Durchführung und Durchsetzung (konsequent zu Ende gedacht) wovon auch immer. Berkana schafft Behaglichkeit, Wärme und Freundlichkeit, wird aber darüber hinaus kaum etwas bewegen. Meist braucht der Mensch eine Mischung von beidem: Umsichtiges, entschiedenes, aber rücksichtsvolles Handeln ließe sich das nennen. Mitunter mag die eine oder die andere Richtung überwiegen – müssen? Deine Entscheidung! Vergiss nie, auch im Extremfall nicht, das „Gegengewicht“, den möglichen Ausgleich. So bleibst du in Balance und deine Umgebung wird es dir danken. Der Erfolg auch.
Ehwaz symbolisiert die wilde Herde deiner animalischen Triebe. Sie sind schreckhaft und, wenn sie erst einmal lostoben, kaum mehr aufzuhalten. Mannaz steht für das soziale Miteinander, deinen Platz in der Gemeinschaft, und die Regeln, die sie sich gibt, denen sie folgt und die sie bedarfsweise verändert. Die Synthese aus beidem füllt Bücher bergeweise, aber kaum wer hält sie für möglich: Wir kennen das so gut wie gar nicht in der Praxis. Das hat mit Geschichte zu tun, mit Religionseinflüssen und -auswirkungen, mit sozialen Entwicklungen. Dennoch hängen beide Phänomene zusammen, sind und bleiben aufeinander angewiesen. Das weitgehende bis versucht vollständige Unterdrücken von Trieben ist möglich, hat aber einen hohen Preis. Zügelloses Sichgehenlassen auch. Ersteres schafft unfrohe Gesellschaften voller Zwang, Letzteres gar keine: Es verhindert jegliche. Zusammenleben und miteinander auskommen ist aber nötig. Über das jeweilige Maß – wem was gestattet ist und was nicht und wann, warum und wie – können vielleicht wirklich nur Kompromisse erzielt werden. Eine ideale Gesellschaft gibt es wahrscheinlich nicht. Aber bessere und schlechtere gibt‘s. Nichts davon ist statisch. Gesellschaften verändern sich – immer und laufend. Daran mitzuwirken, ist das Bestreben aller Beteiligten und Betroffenen. Wer das nicht tut, hat es vielleicht aufgegeben oder nie eine Chance gesehen, die eigenen Interessen einzubringen. Nichtsdestotrotz existieren sie und ihre Unterdrückung hat Folgen. Die Zivilisiertheit einer Gesellschaft lässt sich daran messen, wie wenig Gewalt zu ihrem Erhalt und ihrer Weiterentwicklung aufgewendet wird (je weniger Gewalt ausgeübt werden muss, umso zivilisierter ist das Gemeinwesen) und welchen Einfluss auf diese Gewalt die von ihr Betroffenen nehmen können (je größer und breiter gestreut dieser Einfluss ist, desto demokratischer, hierarchieflacher und gerechter geht es in der betreffenden Gesellschaft zu).
Laguz bedeutet sowohl „Lauch“ als auch „fließendes Wasser“: Pflanzliche Nahrung und Süßwasser sind zweifellos Lebensgrundlagen, ohne die gar nichts geht. Inguz, das Ei, verweist darauf, dass zumindest das Gemüse sich fortpflanzen muss, kann und darf, damit es auch morgen noch etwas zu essen gibt. Die Rune symbolisiert das Lebensprinzip der Fortpflanzung und die Wunder der Genetik. Von beiden Runen lässt sich eine Menge ableiten, was an dieser Stelle noch kein Anstoß für Debatten zu sein braucht.
Die Reihenfolge der letzten beiden Runen ist strittig: Auf den wenigen historischen Funden, die ein vollständiges Älteres Futhark zeigen, steht manchmal Othala, manchmal Dagaz am Ende. Im zeitgenössischen Gebrauch hat sich Othala als Endrune durchgesetzt. Ich bevorzuge inzwischen Dagaz – richtig darf beides genannt werden.
Othala ist sowohl Verwurzelung im Sinne einer „Heimfindung“ als auch Bewusstsein dafür, welcher Weg dich an diesen Ort gebracht hat und welche Ereignisse dich dabei prägten. Dagaz symbolisiert den ewigen Wandel: die größte universale Konstante überhaupt. Auch das trauteste Heim, der vollendetste Weg, die tiefste und hartnäckigste Wurzel fällt irgendwann wieder der Vergänglichkeit anheim, um abermals etwas Neues entstehen zu lassen! So schließt sich der Kreis und erlangt erst darüber seine Dauerhaftigkeit (wie so vieles Natürliche ist auch dies in Wirklichkeit eine Spirale…). Wege mögen enden, aber was auch immer vergeht, schafft nur Platz für Weiteres. Das ist Ewigkeit: dieses gewaltige Kreiseln in stetiger Weiterbewegung. Nicht eine Strecke von A nach B und das Verharren an einem Endpunkt. So gern wir das oft hätten. Die Welt ist größer als unser Wille. Auch er – und gerade er – wird aber erst durch ihre Größe und Wunder ermöglicht. Glück – über die persönliche Zufriedenheit hinaus (vielleicht ist das die Weisheit, die ich meine) – ist, wie ich‘s bis jetzt übersehe oder erahne, eine Mischung aus Macht, der Entfaltung meiner persönlichen Möglichkeiten und der Einsicht um ihre Grenzen. Das ist kein „Mittelweg“, im Gegenteil. Denn mit „Grenzen“ meine ich nicht die menschengemachten, sondern die kosmischen. Ihnen beuge ich mich, diskussionslos und demütig. Was leicht fällt: So viel weiter sind sie als jene, die Menschen mir steckten, stecken wollten, zu oft stecken konnten. Aber Letzteres zu ändern, ist meine Macht. Eine, die von Geburt an in mir lag. Ich musste sie nur finden. Und erkennen. Und einüben. Und auszuüben anfangen. Versuch und Irrtum. „Nur“ heißt nicht, dass es einfach gewesen oder mir leicht gefallen wäre… Ich hatte Hilfe – oft unerwartete – und, allen Rückschlägen zum Trotz, immer wieder erstaunliches Glück. Das alles zu entdecken – und dem nicht nur ausgeliefert zu sein, sondern es mit beeinflussen zu lernen –, halfen mir Runen; damit weiterzukommen, auch. Viel weiter, als ich je gedacht hatte… Deshalb erzähle ich das alles. Vielleicht hilft es ja auch dir.
So beschreiben mir die Runen des Älteren Futhark die ganze Welt. Sie zeichnen eine Art Landkarte – genauer: viele Arten von Landkarten, je nach Bedarf – und nehmen mich gleich mit. Sie geben nichts vor, was ich zu tun oder zu lassen hätte. Sie nehmen mir keine Entscheidung ab, aber sie ermöglichen mir, besser zu erkennen, warum ich welche treffe und welche ich wagen sollte, wenn ich mich denn schon (oder endlich) traute. Oder so ähnlich. Womit ich sagen will, dass es keine Patentlösungen braucht. Wo immer mir solche angeboten werden, misstraue ich ihnen zutiefst und, wie alle Erfahrung lehrt, zu Recht. Was du nicht selbst machst und verantwortest, macht meist unfrei. Ich mache eine Menge Sachen nicht selber, weil ich sie nicht kann oder mag und bin mir der Folgen bewusst. Niemand kann oder muss alles können. Aber Prioritäten setzen: Das lohnt. Was du willst, machst, nehmen und geben kannst. Es gibt keinen „Alles-wird-besser-Knopf“, so wenig wie endgültige Gewissheit über irgendwas. Aber Haltegriffe – die gibt‘s. Wo sie mir fehlen, sehe ich zu, dass ich mir welche schaffe. Daran entlanghangeln – das ist das Abenteuer. Ich kenne schlechtere.

Runenstein auf Gotland, Schweden

KAPITEL III
Fiktive Erinnerungen eines ebensolchen chattischen Kriegers aus dem 6. Jh.
AUS DEM VERGESSEN
Es dunkelt. Aber das Mondlicht sollte reichen: Fast voll steht Manis Nachtgesicht am Himmel, knapp über den Buchen, die jetzt nur noch Schattenrisse sind, schwarz und stumm. Ich bin nicht weit vom Lager, aber entweder sind sie alle still geworden dort – oder etwas in mir blendet die Geräusche aus, ich kann sie nicht mehr wahrnehmen. Stattdessen höre ich Unken aus Südwest, da ist wohl ein Bach, und das Aufflattern einer Ralle, aber jetzt ist auch das vorbei. Nur der Wind pfeift und klatscht mir die nassen Haare ins Gesicht. Der Regen hat aufgehört. Ich atme durch. Es wird Zeit. Lang will ich nicht wegbleiben. Mein kleines Messer und der Speer. Das kleine Messer meines Bruders und der Speer. Das kleine Messer, das mein Bruder mir geschenkt hat, nachdem er mir – Monde her – versucht hat, damit in den Arm zu schneiden. Echt lustig. Wir dachten, es sei stumpf – aber wir waren einfach nur zu betrunken. Jetzt wird unsere Blutsbrüderschaft, obwohl überfällig, noch ein wenig warten müssen. Wenn wir überleben, wir beide. Wofür – zumindest für meinen Teil – etwas getan werden muss: was ich vorhabe. Die Klinge muss in Holz schneiden – erstmal. Ich betrachte meine Hand, die den Speer umfasst und wiegt. Die Hand, aus der ich ihn einst empfing, ist Rabenfraß geworden. Mein anderer Bruder ist das gewesen, mein leiblicher. Er war jünger als ich. Aber dann haben die Valkyries ihn geholt, vor der Zeit, wie ich meine. Er ist tot und ich lebe. Die Welt kann ungerecht sein. Es gilt, Ausgleich zu schaffen. Verdammt. Hätte er nicht überleben können? Es ist, wie es ist. Es rafft immer die Falschen dahin. Morgen werden viele dran sein, niemand weiß, wen es treffen wird. Deshalb bin ich hier. Mit dem kleinen Messer meines Lieblingsbruders, der nicht mein leiblicher ist – aber mir so nah wie die eigene Mutter. Welche Zeichen sind die richtigen – was ist der beste Zauber? Ich spucke aus. Kenne eh zuwenige. Wie war das – was hat die Erilar gesagt?
„Nimm Ansuz. Das ist der Atem der Götter. Mächtiger Schutz. Besseren kriegst du nicht für die Schlacht.“ Und das hat sie gesagt: „Es ist Speerschüttlers Mantel. Siehst du den Stab? Den senkrechten Strich? Zwei schräge Äste gehen von ihm ab, weisen nach unten. Das sind die Falten von Siegvaters Mantel.“ Sie nennt den Schrecklichen nie beim Namen, erfindet immer neue. Aber es ist klar, wen sie meint: den Einäugigen! Ich nenn ihn ja auch nie beim Namen. Den Herrn der Valkyries. Die meinen Bruder fraßen. Meinen leiblichen. Kalt braust der Wind. Ich setze die Messerschneide auf den Speerschaft an. Zögere noch. Wie ging sie noch gleich, diese Rune, Ansuz?
Die Erilar. Was willst du von der, hat es geheißen. Diese alte Wanderkrähe will dich doch bloß vernaschen, weil sie nie einen abkriegt. Jetzt versucht sie es bei dir, pass ja auf, haben sie gespottet. Aber sie haben – wie immer – keine Ahnung. Die Erilar braucht keinen Mann, hab ich die Freunde erinnert. Die hat es mit Frauen – und Tieren, wenn überhaupt. Und den Geistern. Ganz sicher mit den Geistern. Sonst wäre sie ja keine Erilar, oder? Aber mit Besoffenen kannst du nicht reden. Die lallen nur herum und dünken sich doll. Trottel, geliebte. Ich grinse. Aber Ahnung haben sie wirklich keine, die Freunde. Ich ging zur Erilar. Weiß gar nicht, was die so hässlich finden an ihr – angeschmust hat sie mich sowieso nicht. Eher fasziniert. Na ja, vielleicht nicht das richtige Wort. Ich mag sie. Sie macht mich ruhig. Ohne dass sie was sagen muss. Eine weise Frau. Ganz dunkel. Wie die Nacht heute. Fast schwarz ihre Haut, tiefschwarz ihr Haar und so kräuselig wie zerzauste Wolle… Sie sei von weit her gekommen, heißt es. Egal: eine der unseren. Vom Stamm der Katzen. Wir sind alle Katzen. Die Sonne ist unsere Mutter. Die Erilar erzählte mir mal, da, wo sie herkam, ganz fern und urweit im Süden, da, wo angeblich kein Wald mehr wüchse und die Luft viel heißer sei, auch winters, da würden andere Große verehrt. Aber dann kam sie zu uns und wurde eine Katze so wie wir. Eine von uns. Mit uns. Sonnentochter. Und dass ihre Haut so schwarz sei, das läge daran, dass die Mutter sie zu lange gewiegt habe. Denn wo sie, die Erilar, herkam, bevor sie eine Erilar wurde, eine Runenkundige, sei die Sonne näher und heißer gewesen und – äh ja, „männlich“. Das war mir dann ein bisschen zu hoch. Ob Gottheit oder sterblich: Ein Mann ist doch keine Mutter! Zumal die Haut der Erilar nicht wirklich verbrannt ist, sondern einfach nur dunkel. So dunkel wie die Augen meines toten Bruders, des geliebten. Obwohl meine Augen die Farben des Wassers haben und mein Haar hell ist wie das von Sif selbst: wie das reife Korn im Wind! Egal. Hauptsache ist, dass wir alle Katzen sind. Kinder der leuchtenden Großen Herrin, der Sonne am Himmel.
Ich weiß jetzt wieder, wie die Ansuz geht. Ritze ins Holz. Runter, kräftig: ein langer Strich. Ganz gerade, steil und stolz. Kerb ihn rein in den Speerschaft, in seine Rundung. Atme durch, konzentriere mich und setze nochmal an: am oberen Ende des Strichs, direkt an dem Ende, seiner Kante. Ritze von da aus schräg runter: den Ast, den einen. Muss plötzlich lachen. Das ist doch auch ein Zeichen? Ja, ich erinnere mich der Weisen Frau, der Erilar Worte. Wie heißt das Ding? Laguz! Das fließende Wasser, der Lauch! Das ist nicht die Rune, die ich ritzen will. Ein einziger Schräg-Ast macht den Unterschied. Es ist schon kompliziert mit der Zauberei. Es kommt aufs Detail an, aufs verdammte. Zum Donner! Fast scheint es mir einfacher, einen wehrhaften Mann zu erschlagen, was ja auch geübt sein will, als diesen ritzigen Fitzelkram herzukerben. Alles so klein hier! Hochkonzentriert: Der zweite Ast kerbt sich parallel zum ersten in die Schaftrundung. Dies ist Ansuz. Jau, jahu, gelungen! Die erste! Wie viele Runen sollen es werden? Sechs, sagte die Erilar, sechs mindestens. Warum sechs, fragte ich. Denn ich bin ja kein Erilar. „Weil sechs das Zeichen des Könnens ist, der Fackel, der Kunst. Und acht schaffst du ja sowieso nicht.“ Sagte die Erilar. Und hat gelacht. Dieses kehlige Lachen, das ich an ihr so liebe. Natürlich schaffe ich acht – hab ich mir vorgenommen. Eine ganze Ætt: eine Familie, eine Sippe! Aber ich sehe schon: Das wird schwierig. Die zweite Ansuz-Rune, die ich ritze, gerät weniger ideal als ihr Vorbild. Ihr zweiter Ast ragt links ein Stück über den Rückgratsstab hinaus. Mist! Hoffentlich gilt das noch… Außerdem ist sie kleiner als die erste. Gleich die nächste ritzen! Mit Schweiß und Not gelingen mir vier – aber irgendwie sehen sie alle aus wie die Kinder, die ich noch nicht zeugte: eins missratener als das andere. Ansuz, Ansuz, Ansuz…
Verzeiht mir, ihr Großen – meine Pfoten sind zu grob, diesen Zauber vollendet zu weben, aber ich hoffe und bitt‘ euch, ihr versteht, wie mein ungelenkes Ritzen gemeint ist. Ihr versteht doch? Um Schutz ruf ich euch an, dich, Speerschüttler, dich, Hammerwerfer, dich, fauchende Sonnenkatze, Herrin des Krieges, den es zu gewinnen gilt: für mich, für den toten Bruder und den lebendigen, der noch keiner ist, für alle Katzen vom Stamm der Katzen – macht meine Hand sicher, lasst diesen Schaft, den sie wirft, über oder in das Heer der Feinde fliegen! Macht mich, bittebittebitte, unverwundbar, groß und mächtig wie den Schreckensbringer selbst! Leiht mir seinen Mantel! Macht mich unversehrbar für Pfeil, Speer und Axt! Denn ihr Großen wisst ja, worum es geht! Wir sind die Katzen! Die, denen wir morgen gegenüberstehen, nennen sich auch so – doch sie sind keine! Die paktieren mit den Legionen des eisernen Lindwurms… von denen sie auch ihre Schwerter haben. Ein römischer Pfeil war es, der meinen Bruder fällte! So weit zu uns hinauf wären die Schildkrötenpanzer des großen Lindwurms aber nie geklappert gekommen, hätten die vom Stamm der falschen Katzen ihnen nicht den Weg gewiesen und bereitet. Wir werden sehen, wer morgen den Speer übers Heer schleudert – es Gungnirs Schüttler weiht, dem Leichenschwelger und seinen schwarzgefiederten Töchtern.
Leiber will ich fällen, Krieger töten, Schwerter von Armen trennen mit der Schneide meiner Klinge, Schädel zertrümmern und in Augen sehen, die brechen, während ein roter Fluss den Schmerz lindern soll, den das bleiche Antlitz meines jüngsten Bruders hinterließ. Ansuz, Ansuz, Ansuz… Atmet mit mir, ihr Großen: Leiht mir euren Atem, den langen. Wenn ich falle, sollen tausend Katzen meinen Tod rächen – wie ich den Fall meines Bruders räche an so vielen von diesen Lindwurmkriegern, wie mein Speer, mein Sax, meine Axt, meine Keule – oder mein bloßer Arm erreicht. Feuer schleudern sie durch die Luft, heißt es – doch es bricht sich an den Bäumen. Morgen noch nicht: Erst stellen – und fällen – wir die falschen Katzen, Lindwurms Vorhut. Die haben kein Feuer. Doch wir das der Sonne. Wir sind die Katzen. Krieger Freyjas, der Herrin der Lust, der Vanadís. Ich ritze die Ansuz. Ein-, zwei-, drei-, sechsmal. In den Schaft meines Speers. Der übers Heer fliegen wird. Das Heer der Feinde. Sie dem Einäugigen opfernd. Hoch steht Mani am Himmel. Was höre ich? Die Geräusche des Lagers, wieder. Gesprächsfetzen, Feuerknacken, Scheitgeprassel, Lachen. Rundmond: fast voll. So neigt sich die Nacht! Einem roten Morgen entgegen. Dem Tag der Entscheidung. Zurück, rasch zurück: für ein, zwei Hörner am Feuer – und eine Mütze Schlaf!
Nachtrag. Ich überlebte die Schlacht, und mein Blutsbruder in spe auch. Wir siegten! Gewannen die Schlacht – verloren den Krieg. Andere Geschichte. Ich starb Jahre später. Im Kampf gegen Hennen. Die ich versuchte, aus dem obersten Speicher der Scheune zu verscheuchen – wobei ich vom Balken fiel. Als ich erwachte, war ich tot. Ich sah ins Antlitz der Sonne. Komm ich zu dir, bin ich daheim? Fragte ich. Die Große lächelte. Ich schämte mich, den Strohtod gestorben zu sein: als Krieger! Nicht nach Walhall gekommen. Nicht zu Odin – so sein Name – und den Einherjern. Doch die große Katze lächelte. Willkommen in Folkwang, flüsterte sie. Hier ist es viel schöner. Du bist meine erste Wahl. Und – so ich zu euch – nichts sonst geht euch Sterbliche an. Weshalb es keine Überlieferung gibt von diesem Ort. Lebt euer Leben. Macht‘s gut!

Felzritzungen mit Runen, Sollentuna, Schweden

KAPITEL IV
Warum und wie Runen in heutiger Zeit sinnvoll anwendbar sind
GEDANKEN ZUR GEGENWART
Rund 1.500 Jahre später: Die Kämpfe und Nöte unseres Erzählers (aus dem vorigen Kapitel) sind vergessen. Mama Globus trägt über sieben Milliarden Menschen, weit mehr als je zuvor, und ein Großteil ihrer Zivilisationen lebt mit elektrischem Strom. Die wenigsten Erwachsenen haben noch Angst vor Blitzen oder verehren irgendwelche Donnergötter. Vergöttert wird vielmehr ein weltumgreifendes Magiesystem namens Geld. Selbst der eine große Gott, der keine anderen neben sich zulassen will und damit über anderthalb Jahrtausende höchst erfolgreich war, wird in den Industrienationen oft nur noch geduldet oder als zeremonieller Zierrat aufgefasst. Seine Alleinherrschaft jedenfalls ist vorbei und kehrt genauso wenig wieder wie das Zeitalter der Dampfmaschine und ihrer Vorgängerinnen, allen Dampfplauderern – auch allen Wächterräten, Sprengstoffgürtelzündern, Kalifatserköpfungsmaßnahmen sowie dem gesamten Bible Belt – zum Trotz. Der Himmel ist nicht länger sauber, aber, so weit wir sehen und schießen können, ernüchternd unbewohnt. Wir Menschen fliegen längst selbst über den Wolken. Wer sich‘s leisten kann. Die Mehrheit der Menschheit lernte lesen und schreiben – und macht davon Gebrauch. Nur mit dem Denken hapert‘s noch.
Wozu sich mit Runen beschäftigen? Sind das nicht so schreckliche Zeichen, die noch schrecklichere Nazis benutzt haben und noch immer benutzen – gehört das nicht zu deren unappetitlichen Erkennungsmerkmalen? Ja, das ist auch wichtig zu wissen. Aber die haben das nur geklaut – und obendrein keine Ahnung. Runen sind weder Ausdruck ethnischer Zugehörigkeit noch Künder vorbestimmter Schicksale. Es sind mehrschichtige Bedeutungsträger, die eine große Anzahl von Interpretations- und Anwendungsmöglichkeiten zulassen. Die germanischen Zeichensysteme stammen aus Agrar- und Nomadenkulturen, die stammesrechtlich organisiert waren – und in vielerlei Hinsicht, was ich keineswegs despektierlich meine, der Jungsteinzeit näher standen als dem Mittelalter. Als mögliche Werkzeuge sind Runen so amoralisch wie ein Satz Messer, Schraubenschlüssel oder die Kochfelder eines Elektroherdes.
Verabschieden wir uns von der Zwangsvorstellung, dass es eine ausschließliche, immer und überall zutreffende Interpretation für jede Rune – oder auch nur für ein Futhark – zu geben habe. Das einzige Runensystem ohne strittige Bedeutung, mit eindeutiger Auslegung also, ist das neuzeitliche und in keiner Hinsicht als „germanisch“ titulierbare Konstrukt des Rassisten Guido List aus dem frühen 20. Jh.: das so genannte 18er System oder „Armanen-Futhork“. Zu keinem anderen Zweck geschaffen als dem Einteilen von Menschen in wertige und unwertige Sorten, bot es esoterisch angehauchten Herrenrassen-Fanatikern so etwas wie eine göttliche Rechtfertigung ihres Wahns und entsprechenden Denkweisen einen maßgeschneiderten okkulten Überbau. Dass ausgerechnet diese Pseudorunen – in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s, nach der bedingungslosen Kapitulation Nazideutschlands – ihre größte Verbreitung fanden, ist eine traurige Tatsache, die hier zunächst nicht weiter erörtert zu werden braucht.
Germanische Runensysteme sind zwischen ein- und (fast) zweitausend Jahre alte Hinterlassenschaften untergegangener Kulturen, die kein Interesse daran hatten, ihrer Nachwelt schriftliche Erklärungen zu hinterlassen. Daher sind historische Runensysteme umstandshalber nur lückenhaft und oberflächlich entschlüsselt – und das ist gut so: Es lässt Raum für Interpretationen und Weiterentwicklungen. Was ich für sinnvoll halte, solange wir wissen (und zugeben), was wir tun und warum. Es besteht nicht die geringste Notwendigkeit, eine stimmige Anwendung von Runen damit begründen zu wollen, dass sie bereits aus der Entstehungszeit dieser Zeichen stamme oder bei irgendwelchen Kulturen, die wir heute „germanisch“ nennen, schon oder noch üblich gewesen sei. Das ist schlichtweg nicht möglich – eine solche Behauptung ist immer unseriös. Wer eine germanische Kultur leben möchte, die sich nicht in Reenactment-Übungen und Freizeitkult erschöpft, sondern rund um die Uhr und ums Jahr, mit einer gewissen spirituellen Ernsthaftigkeit, heutigen Alltagsanforderungen genügen soll und ebenso die Aufgabe hat, das eigene Leben zu bereichern und das soziale Miteinander zu erleichtern, muss sich eine solche Kultur eben schaffen: sie selbst entwickeln.
Genau dafür liefern die Runen des Älteren Futhark ein mögliches Modell.
Ohne dass ein solches bereits bei ihrer Entstehung beabsichtigt gewesen sein muss, lassen sie sich in geradezu verblüffender Weise so auslegen und anwenden. Dabei ist es wichtig, unterscheiden zu können, was sich seit der historischen Verwendung dieses Runensystems alles geändert hat und was nicht. Die Lebensverhältnisse sind längst völlig andere als damals – gleich geblieben jedoch, so will mir scheinen, sind die Menschen in ihren grundsätzlichen Bedürfnissen, Wünschen, Nöten, Befangenheiten und Möglichkeiten. Natürlich ist der Alltag in unserer hochtechnisierten und extrem komplexen Zivilisation, ihrer globalen Vernetzung zumal, nicht vergleichbar mit den Lebensanforderungen unmittelbar wetterabhängiger Kleingemeinschaften zwischen Wald und Sumpf. Die Runen bieten aber auch gar keine Anleitungen zum Bau von Langhäusern oder dem Betrieb von Ochsenkarren. Sie erzählen vielmehr etwas über soziales Zusammenleben. Ganz konkret: über den sinnvollen Verlauf projektierter Unternehmungen, über das Erkennen und Weiterentwickeln des eigenen Charakters sowie über die grundsätzlichen Bedingungen, wo und wie beides stattfindet. Alle drei Beschreibungsstränge sind einerseits sehr allgemein, andererseits aber exemplarisch genau gehalten, so dass sie sich ohne weiteres auf unsere heutigen Lebensverhältnisse übertragen lassen. Wie gesagt: Sie enthalten keine Hinweise zum Ausfüllen von Steuererklärungen, Reparieren von Kühlschränken, Pflegen von Bronzeäxten oder Wiederherstellen von Festplatteninhalten. Runenweisheit ist basal: Es geht ums Wachsen und Werden, ums Erkennen und Sinnfinden – und ums Verantworten der eigenen Taten und Unterlassungen. Das gilt im Ochsenkarren wie in Straßenbahn und Flugzeug – auf all unseren Wegen, ob asphaltiert und bereits eingefahren oder nicht. Und auch, wenn wir heute statt Messer, Ahle und Talisman eher ein Smartphone, den (hoffentlich richtigen) USB-Stick und, äh, vielleicht auch einen Talisman bei uns tragen.

KAPITEL V
Überblick über Freyrs Ætt: die acht Stationen des Entstehens, Werdens und Vollendens
DIE ERSTE ACHT: FREYRS SCHÖPFUNG

Am Anfang steht die Möglichkeit. Was vermagst du, über was verfügst du – frei und uneingeschränkt? Von nichts kommt nichts. Aber Kleinvieh macht auch Mist. Was ist dein Potential? Was setzt du davon ein und wofür? Was und wie viel brauchst du und auf welche Weise gehst du vor?

Hier, mit der Rune Fehu, beginnt dein Universum der Schöpfung. Sie entsteht aus dem, was du hineingibst in den Prozess. So war das mit dem Anfang des Weltalls, so ist das mit jedem weiteren Projekt, ob Großbauanlage, Gedankengebäude oder Bastelarbeit. Acht Stationen geben die Runen vor, hier ist die erste.
Die Urbedeutung von Fehu ist Vieh. Hausrinder waren gemeint: Tiere, die sich treiben lassen, die deinen (oder unseren) Wohlstand darstellen. Fehu kann alles bedeuten, was mit deinem Potential zu tun hat und seinen Möglichkeiten. Freyr ist einer der Großen, der die Schöpfung hütet. Er ist vermählt mit Gjerda, jener Riesin, die wir Menschen als Vegetation erkennen: Jeden Frühling legt sie sich erneut auf die Erde mit ihrem Leib, der blüht, glänzt und schillert in den erstaunlichsten Farben. Ihr Göttergatte Freyr steuert und bewacht auch die Wunder der Fortpflanzung (doch dafür gibt es eine Extrarune, die erst später dran ist). Freyr kann Dinge fast aus dem Nichts entstehen lassen – so scheint es zumindest. Er hat ein kleines Ding in seiner Tasche. Faltet er es auf, wird ein Boot daraus – und dieses Faltboot enthält die ganze Götterwelt. Er war, das vermute ich zumindest, am Urknall beteiligt: damit etwas daraus werden konnte. Sonst hätte es nur geknallt – und das wäre es dann gewesen. Wie ein Silvesterböller – schön und ah, aber sogleich vorbei. Dank Freyrs Kunst ist aber das Universum daraus entstanden, wie wir es kennen – und die Wissenschaft hat errechnet, dass der ganze Akt nur den Bruchteil einer Nanosekunde gedauert haben soll… (Jede Kultur braucht – und ersinnt – ihre Mythen). Aber Kunststück – die Zeit war ja noch jung. Vor dem Urknall hat es gar keine gegeben.

Und in dem Moment, da die Schöpfung enstand, wurde die Möglichkeit zur Materie: hat sich manifestiert. Die Rune, die das verbildlicht, ist Uruz. Ihre Urbedeutung ist Auerochs. Das war mal das größte Landtier Eurasiens: schwarz, schön, schlank und wild, riesig und kraftvoll. Uruz symbolisiert geballte (Lebens-)Kraft: die jeglicher Materie – vom nanowinzigen Nukleus, der im Schöpfungsakt (oder Urknall – auf den kommen wir gleich noch einmal zurück) zur ganzen Welt wurde (über die vorstellbare hinaus; auch wenn das allein schon die individuelle Vorstellungskraft sprengt) über jedes einzelne Ding oder Lebewesen bis hin zu dir: deinem Leib, deinem Körper, dem einzigen Zuhause deiner Seele (zumindest in diesem Leben). Und auch jeder andere Körper jedes anderen Lebewesens, ob klein oder groß, ob dick oder dünn, mit oder ohne was dran, drin, drauf – enthält diese Kraft, besteht in gewisser Weise aus ihr.

Wissenschaftlich betrachtet, mag es vielleicht die Kraft der Atome sein. Der Ur-Nukleus war wahrscheinlich kein Atom in heutigem Sinne, aber er flog auseinander, schlagartig. Konnte seine Kraft nicht mehr halten und musste sich entladen, zu ungeheurer Größe aufblähen und ausbreiten. Das ist, wofür die Rune Thurisaz steht. Ihre Urbedeutung ist Riese: im Sinne riesenhafter Naturgewalt. Sich entladendes Chaos. Dessen Resultat: die Ausbreitung von Materie. Das Chaos ist ein wichtiges Moment im Schöpfungsprozess. Denn erst die wilde Ausbreitung schafft die Voraussetzung dafür, das Verstreute und Umhergeworfene sortieren zu können, zu etwas Sinnvollem zusammenzufügen.

Das Zeichen, unter dem dies erfolgt, ist Ansuz: die Rune der göttlichen Ordnung und der Kommunikation, ja, des Geistes überhaupt. Aus unserem eigenen Leben wissen wir: Spätestens dort, wo es etwas zu sortieren gilt, müssen wir uns einigen, was wohin soll und warum. Wir müssen uns verständigen; ein Mittel, dies sogar generationenübergreifend zu tun, ist die Sprache. Sie ermöglicht uns, auch auf die Erfahrungen von Leuten zurückgreifen zu können, die nicht mehr leben. Denn Menschen erzählen weiter, was sie erfahren, was sie wissen – oder zu wissen meinen. So blieben wichtige Entdeckungen erhalten und ließen sich weiterentwickeln, verbessern und verfeinern und in einst ungeahnten Varianten einsetzen – wie zum Beispiel das Rad. Die Rune Ansuz steht für das Wunder des Bewusstseins und all seine Höhenflüge: vom richtigen Wort zur richtigen Zeit über alle Formen der Sprache, der bewussten Verständigung miteinander, bis zum Begeistern der Gemüter mit Gesang. Die Urbedeutung von Ansuz ist „Gottheit“. Vom Wortstamm geht es zurück auf „asa“, Pfahl oder Balken – auch dies passt zur Erschaffung von Struktur. Für mich ist Bewusstsein das Phänomen, das uns mit den Göttern verbindet: Von ihnen haben wir es, sie spiegeln sich in unserem – wir sind ihr Werk ebenso wie sie das unsere. (Das ist nicht die Logik des Verstandes – nur die des Herzens.)

Das Universum ist kein starres Gebilde, sondern in steter Bewegung. Mit der Schöpfung entstand ein weiteres Phänomen: die Zeit. Sie wird durch die Rune Raidho ausgedrückt. Deren Urbedeutung ist „Reiten“: Dabei sind alle rhythmischen Vorgänge gemeint, jedes Auf und Ab, Hin und Her, Hoch und Nieder… immer wieder, in ständiger Wiederholung. Die ganze natürliche Welt besteht aus Zyklen – großen und kleinen, gewaltigen und langsamen wie mikroskopischen und urschnellen samt aller Tempi und Dimensionen dazwischen. Nichts von uns Geschaffenes und Konstruiertes ist frei oder unabhängig davon – zumal unsere Konstruktionen eigene zyklische Verläufe bilden, schon von sich aus (ob wir das beabsichtigen, erkennen oder auch nicht): Ein Haus soll vielleicht für die Ewigkeit dastehen, wird aber früher oder später zur Ruine und deren Reste gehen irgendwann wieder in der Umgebung auf, aus der sie entstanden. Wir selber würden gerne ewig leben, altern aber alle und sterben: gehen genauso wieder auf – und entstehen aufs Neue so wie das Haus. Es ist niemals dasselbe Haus, nie wieder dasselbe Individuum. Auch für dieses Phänomen gibt es eine Rune – zu der kommen wir gleich. Vorher soll noch eine andere wichtige thematisiert werden!

Kenaz – die Fackel. Mit ihr gestalten wir die Welt, verändern unsere Umgebung. Dazu braucht es Kompetenzen. Die Rune repräsentiert das Können – vom spielerischen Basteln und Ausprobieren über alle Arten handwerklicher Fertigkeiten und deren Spezialisierung bis hin zum Erschaffen jener Werke, deren Ziel und Wirkung vollständig losgelöst ist von jedem augenscheinlichen praktischen Nutzen: Kunst. Jeder echte Schaffensdrang ist mit Leidenschaft verbunden und so lässt sich die erotische (gleich welcher Neigung und Ausrichtung) getrost mit dazuzählen. Gestalterische Obsessionen und sexuelle Sehnsüchte nähren sich aus ein- und demselben Feuer (eine Erkenntnis, für die es der Rune nicht bedürfte – aber sie bestätigt sie… und lässt erahnen, dass manche heutigen Weisheiten schon früher einmal bekannt und in der Welt gewesen sein müssen…). Die Kräfte hinter dieser Rune sind, wie ich es erlebe, Freyja und die Zwerge: die Große für die größte Macht der Welt, die Kleinen für die größten Geschicklichkeiten. Kunst schafft – so oder so – immer eine Abbildung ihrer Umgebung und so lässt sich auch die nächste Rune in gewisser Weise als das Ergebnis einer Kenaz-Rune sehen, die sich selbst gespiegelt hat.

Gebo repräsentiert die vollendete Harmonie – astrophysikalisch gesehen den Energieerhaltungssatz (die Energiesumme im Universum bleibt immer gleich) – und aus magischer Sicht dein persönliches Talent, deine Gaben (es können mehr als eine sein). Mindestens eine hat jedes Geschöpf von Geburt an, es ist das persönliche Göttergeschenk: der Schatz, den wir im Laufe unseres Lebens bergen sollten. Natürlich besser früher als später – aber besser spät als nie. Die persönliche Gabe ist das, was uns einzigartig macht als Individuen: viel mehr und bedeutsamer als die Form der Nase oder andere Äußerlichkeiten. Die Gabe ist das, wofür wir jeweils geboren wurden und unterscheidet sich meistens beträchtlich von allem, was wir uns beibringen ließen, wofür wir angeblich geboren seien. Das erschwert die Lage, aber ändert nichts am Umstand: Es gilt, die eigene Gabe zu finden, anzuerkennen – und einzuüben. Talent allein ist nämlich keine Fähigkeit oder gar Leistung, sowenig ein Blatt Papier und ein Bleistift ein Gedicht sind, eine Ackerfurche eine Mahlzeit wäre oder eine anmutig geratene Menschengestalt bereits allein wegen ihrer Ansehnlichkeit ein Auto reparieren, eine Theaterrolle verkörpern oder in Rekordzeit eine Strecke im Wasser zurücklegen könnte. Das alles muss gegebenenfalls gelernt werden – und hat mit den Äußerlichkeiten der Person nicht nennenswert zu tun. Die Rune Gebo markiert auch die Vollendung des Schöpfungsaktes – die Übergabe des Werkstücks, ließe sich sagen: den Moment, in dem es so weit fertiggestellt ist, dass es, so wie es geriet und entstand, nicht mehr verbessert werden kann.

Doch es bedarf noch einer weiteren Kraft, den Akt wirklich abzuschließen, seine Vollendung gewissermaßen zu krönen. Dies geschieht durch die Freude, ausgedrückt durch die Rune Wunjo. Sie repräsentiert die Verbundenheit: sowohl mit dem Geschaffenen als auch der daran Beteiligten untereinander. Freude, Wonne, Glück, Verbundenheit: Das ist das Ziel des ganzen – ja: jeden – Schöpfungsprozesses!

KAPITEL VI
Betrachtungen zur Rune Fehu: von beweglicher Habe zur Abstraktion persönlichen Potentials
DAS LIEBE VIEH
Widmen wir uns Fehu, der ersten Rune im Älteren Futhark, die damit auch die erste Achterreihe eröffnet. Am Anfang war das Vieh. Das typische nord- und mitteleuropäische Hausrind vor rund zweitausend Jahren dürfen wir uns getrost als höchstens halb so groß vorstellen wie das arme Boxenrindvieh von heute und die Euter der Kühe waren natürlich winzig: noch nicht überzüchtet – weder das Tier noch sein Gehänge. Aber was soll die Viecherei?
Hausvieh war Tauschmittel. Innerhalb einer Stammesgemeinschaft brauchte zwar vermutlich kein Mensch irgendwelche persönlichen Zahlungsmittel, aber die Sippen und Stämme untereinander mögen mit Vieh gehandelt haben. Rinder waren „bewegliche Habe“ – wer viel davon hatte, war reich. Daher wird Fehu heute gern die Bedeutung „Geld“ zugeschrieben. Was durchaus richtig ist. Es greift nur ein bisschen kurz. Geld ist – mal wieder – nicht alles. Dein ganzes Vermögen kann gemeint sein: das über Finanzen und Besitz hinausreichende oder sogar… etwas davon Unabhängiges! Sieh es mal so: Was vermagst du? Kann „Vermögen“ auch heutzutage nicht viel mehr sein – oder noch etwas ganz anderes – als ausschließlich finanzielle oder materielle Habe? Kenntnisse, Erfahrungen, anwendbare Fertigkeiten – das alles gilt, gehört dazu! Fehu ist das jeweils zur Verfügung stehende Potential. Woraus immer das bestehen mag! Was finanzielle Möglichkeiten mit einschließt. Aber es beschränkt sich nicht auf sie.
Was immer geschaffen werden soll: Es muss Energie hineingesteckt werden – ob Geld, Arbeitskraft, Hirnschmalz, sonstiges Engagement oder eine Mischung von alledem. Derartiges Potential nenne ich Fehu. Die Bedeutung ergibt sich aus dem Zusammenhang: Ein Rindvieh, das irgendwo auf der Weide grast, hat für sich genommen mit keiner Rune was zu tun – erst wenn es als Tauschwert, Investitionskapital oder Vermögen eingesetzt wird, würde ich Fehu dazu sagen. Und das kann selbstverständlich auch jederzeit etwas anderes sein als Vieh.
Woraus besteht der Energieeinsatz für deine Unternehmung? Was braucht die zum Gelingen – oder um überhaupt in die Gänge zu kommen?
Die erste Runen-Achterreihe veranschaulicht Schöpfungsprozesse, zeigt typische Verläufe des Werdens, Entstehens, Erschaffens. Sie beginnt mit der Potentialrune Fehu und endet mit Wunjo, der Wonnerune. Je mehr Energie du am Anfang hineinbutterst, desto größer ist am Ende die Freude – wenn alles klappt. Von den acht exemplarischen Stationen solchen Schaffens kann jede scheitern außer einer. Aber davon später. Noch brauchen uns keine Wenns und Abers zu interessieren. Das Schöpfungsprinzip ist im Wesentlichen immer das gleiche und es ist grundsätzlich möglich – das reicht für den Anfang (und meistens sogar für den ganzen Verlauf).
Bleiben wir zunächst beim Geld. Meist brauchen wir ja welches – für was auch immer. Wenn die Geldrune am Anfang des Futhark steht – was heißt das? Das heißt, dass sie am Anfang, und zwar nur dort, steht: am Beginn, damit es losgehen, etwas passieren kann. Es folgt eine andere Rune und auf die wiederum eine nächste, und so weiter bis zum Schluss. Fehu ist wichtig, ohne sie ginge gar nichts – aber drehte sich alles nur um sie, ginge nichts voran und nichts weiter. Es gäbe kein Runensystem, kein Werden, kein Erfahren und Wissen, kein daraus resultierendes Tun und Lassen. Dieses Buch könnte hier enden.
Der kranke Aspekt an der Geldgier unserer Gesellschaft ist nicht das Geld an sich, sondern die ihm zugestandene absolutistische Rolle, die alle anderen Werte an den Rand drängt – und mittlerweile allem, was nicht mit einem Preis ausgestattet werden kann, jede Wertigkeit abspricht. Der profitsüchtige Charakter onaniert sich unablässig in Ekstase am Konjunktiv des noch zu gewinnenden oder weiter zu vermehrenden Reichtums, steht dabei aber nicht unbedingt mit irgendetwas Wirklichem in Kontakt. Die Energie, die er dabei verbraucht, ist allerdings real – und es ist nicht seine eigene.
Die wirkliche Welt ausschließlich über ihren Geldwert zu erfassen, entspricht einer Beschäftigung mit Runen, die sich auf die erste von 24 beschränkt – womöglich mit der Begründung, dass es ja die erste sei: die Nummer eins. Die wichtigste von allen. Tatsächlich gibt es eine „wichtigste von allen“ – und zwar genau 24mal. Ohne Fehu kann nichts beginnen; ein Futhark ohne Fehu kannst du wegschmeißen – ob als Denksystem oder handwerkliches Set. Es ist unvollständig. Insgesamt unbrauchbar. Da können die restlichen 23 noch so schön und gelungen sein. Ohne die eine verkommen sie zur Dekoration – sowohl im Gehirn als auch in der Hand. Das gilt allerdings für alle anderen auch. Nicht nur für Fehu, sondern gleichermaßen für Uruz, Thurisaz, Ansuz und alle folgenden bis hin zu Othala und Dagaz. Erst alle zusammen ergeben ein sinnvolles Gefüge. Seine Komponenten sind höchst unterschiedlich, aber gleichwertig. Lass eine einzige Rune fehlen und das Ganze wird so nützlich wie ein Computer ohne Stromzufuhr.
Wie ein Computer ist auch jedes Futhark ein künstliches Gebilde. Die Natur ist da weiter, aber die hat auch ein paar Milliarden Jahre mehr Erfahrung als wir. Ein Mensch bleibt ein Mensch, auch wenn einzelne Körperteile fehlen oder nicht zu gebrauchen sind. (Erschreckend viele kommen ja ohne Hirn zurecht, das heißt, ohne von dessen angeborenen Möglichkeiten nennenswerten Gebrauch zu machen, von so titulierbarem Bewusstsein ganz zu schwelgen – oder ohne Herz, womit ich jetzt nicht den Muskel meine… Das mag die Betreffenden nicht allzu anziehend für andere machen – aber es sind alles Menschen und bleiben immer welche: ebenso wie die ohne Arm, Bein, Leber, Auge oder was auch immer…) Wer Schach spielen kann, braucht nicht alle Figuren – das Spiel selbst bedingt ja ihr allmähliches Verlieren – es reicht, die Regeln zu kennen. Der Rest ist eine Frage der geschicktesten Anwendung. Das Futhark ist weder ein biologisches Wunderwerk, das selbst mit erheblichen Einschränkungen noch sein Potential entfalten kann, noch ein Kampfspiel, das auf ein bestimmtes Ergebnis zielt und dafür Verluste in Kauf nimmt, ohne die sich gar nichts bewegen ließe auf dem Feld. Die Funktionsfähigkeit des Älteren Futhark beruht auf der Verfügbarkeit seiner 24 Komponenten – und dem Verständnis ihres Zusammenhangs.
Ein Futhark ist kein Alphabet, nicht nur wegen der ganz anderen Zeichenreihenfolge, sondern wegen der vielschichtigen Bedeutung der Zeichen, was entsprechend komplexere „Verschaltungen“ sowohl innerhalb als auch zwischen den jeweiligen Bedeutungsebenen ergibt. Runen lassen sich auch als Schreibschrift verwenden, aber lang nicht so gut wie Alphabete, die ausschließlich für diesen Zweck gedacht sind. Doch bereits ein Alphabet ist nicht mehr so gut zu gebrauchen, wenn ihm auch nur ein einziger Buchstabe fehlt – womöglich ein anderer als das (im Deutschen) noch relativ selten benötigte „Y“. Ohne „A“ oder „E“ wird es schon richtig ärgerlich. Je nach Anwendung kommen wohl auch einige Runen häufiger, andere seltener zum Einsatz. Doch letztlich benötigst du alle – auch wenn du vielleicht nur ein paar davon benutzt. Sie bedürfen der Vollständigkeit ihres Systems, weil sie zu ihm gehören. Aus ihm zieht jede einzelne Rune ihre Kraft. Das Ganze als eine Einheit schwingt immer mit… Ich betone das, weil ich den Effekt kenne – und auch für ganz normal halten darf –, dass jede und jedem zunächst einige Runen auf Anhieb „einleuchten“ oder „liegen“ – während sich zu manch anderen zunächst (oder auch für längere Zeit) kein persönlicher Zugang finden lässt. Das ging mir ganz genauso, und das nicht nur während der ersten Monate meiner Beschäftigung damit. Manche tieferen (oder höheren – einigen wir uns vielleicht auf „zusätzliche“) Bedeutungen einzelner Runen und Zusammenhänge gingen mir erst nach vielen Jahren auf, als ich schon längst so vertraut mit der Materie war, dass ich meinte, ich hätte den ganz großen Durchblick und nichts könne mich noch erstaunen. Von wegen! Bis heute erfasse ich von den Runen wahrscheinlich nicht mehr als Columbus von Amerika oder die nächstbeste Sternguckerin vom Weltall. Oder gar ein Psychologe vom echten Leben? Inzwischen glaube ich, dass es keine Grenze der Erkenntnis gibt – vielleicht eine des persönlichen Fassungsvermögens (öfter aber, meine ich, der entsprechenden Bereitschaft). Hier fast mit dem menschlichen Charakter vergleichbar, lässt sich gerade bei den Runen ein ganzes Leben lang Neues entdecken! Die Gleichwertigkeit der unterschiedlichen Kräfte hält das System in Balance, die Vielfältigkeit ihrer Wechselbezüge verschafft ihm eine reiche Tiefe.
Mir beschreiben die Runen, wie die Welt funktioniert. Sie beschränken sich dabei auf wesentliche Wirkkräfte – und wie diese essentiellen Aspekte zusammenhängen. Die Art der Beschreibung ist vergleichbar mit einem Bauplan, einem Mischpult, einer Matrix. Alle Komponenten sind frei verschaltbar, doch diesen Verknüpfungsmöglichkeiten wohnt eine Systematik inne, eine interne Logik. Das macht die Erklärung so schwierig. Was ist zum Beispiel ein Radio? Ich kann einen Sender suchen und einstellen und dann zur Wiedergabe zum Beispiel den Klang beeinflussen, die Höhen etwas anheben oder den Bass absenken oder umgekehrt. Und dann sagen: So klingt das, so geht das. In deiner Wohnung (universeller: von deinem Standpunkt aus gesehen) aber findet sich derselbe Sender vielleicht ganz woanders auf der Skala oder nur Millimeter von der Erstposition entfernt – je nachdem. Vielleicht klingt auch die Sound-Einstellung, die in meiner Wohnung, oder meinen Ohren, am besten kommt, bei dir völlig unzulänglich und bedarf anderer Angleichung, um vergleichbare Wirkung zu erzielen – wenn die überhaupt gewünscht ist, da so viele weitere Varianten möglich sind. Mit den Runen ist es ganz ähnlich. Es gilt, das Grundsätzliche von den jeweiligen Ergebnissen unterscheiden zu lernen – die können nämlich, je nach „Parameterwahl“, sehr unterschiedlich ausfallen.
Das macht Runen zu Werkzeugen, deren Wirksamkeit durchaus davon abhängt, wie damit umgegangen wird. Die Einsatzmöglichkeiten von Fehu richten sich nach deiner Fähigkeit, verfügbares Potential zu erkennen – oder solches überhaupt erst einmal zu denken und als Prinzip zu erfassen. Die Bedeutung der Rune auf Viehzeug zu beschränken, dürfte heute ebenso sinnvoll sein, wie mit Speer und Schild gegen eine Zahlungsaufforderung vorzugehen. Die Fixierung auf „Kapital“ oder sonst eine Erscheinungsform von Geld belässt die praktische Anwendung von Fehu weit hinter ihren Möglichkeiten. Solche Beschränkungen müssen allerdings keine Fehler sein, gegebenenfalls nicht einmal „Schwächen“. Es kommt auf den Anspruch an. Eine Gitarre wird nicht davon schlechter oder hört auf, ein Instrument zu sein, wenn ich sie nur zum Schrammeln von zwei oder drei Akkorden verwende. Es lässt sich jederzeit mehr damit machen, aber niemand wird genötigt, ihr sämtliche Töne zu entlocken, bloß weil es sie gibt. Auf meiner Tastatur tippe ich auch nur die Worte, die den passenden Text ergeben – und nicht etwa alle Tasten, die auf dem Ding zu finden sind. Letzteres ergäbe blödsinnigen Zeichensalat. Es ist jedoch von Vorteil zu wissen, wie sich Buchstaben zu sinnvollen Worten zusammenfügen lassen und wo sich die Zeichen dafür auf der Tastatur befinden, anstatt nur eine Anzahl von immergleichen Worten tippen zu können. Letzteres tut natürlich kein Mensch. Aber Magieausübende verhalten sich hin und wieder gerne so. Da es in der Magie keine Tastatur gibt, fällt die Reduktion nicht so auf. Das Prinzip ist aber ähnlich. Bei den Runen ebenso.
Fehu hat den Lautwert F. Statt lange darüber nachzudenken, ob die Schrägstriche des Zeichens die Hörner des Viehs symbolisieren oder nicht, empfehle ich, lieber über das Potential nachzusinnen. Schau dir deine Hände an. Sind sie nicht welches? Nicht nur, aber auch! Was kannst du alles damit tun? Gleiches gilt für deine Füße – oder deine Räder, falls du im Rollstuhl sitzt. Letztlich – du wirst es schon erraten haben – liegt das entscheidende Potential in deinem Kopf: oder wo immer bei dir die Vorstellungskraft im Körper sitzt. Bedenke deine Möglichkeiten – und vermeide ihre Einschränkung durch das übliche Wenn und Aber. Nicht, dass die nicht auch hin und wieder ihre Berechtigung hätten. Aber wenn du sie gleich in Geltung treten lässt, behinderst du deine Gedanken und, wenn du das ständig tust, erstickt deine Phantasie. Lass den Vogel deiner Vorstellung über die Mauern, Schluchten und all die anderen Grenzen fliegen, die deiner Erfahrung im Weg stehen. Lass deine Phantasievögel ausschwärmen und dir da, wo du bist, Kunde bringen von dort, wo du meinst, nie hinzukommen. Vielleicht erscheint der Weg zu weit oder zu hindernisreich für deine Füße, Hände oder Räder. Vielleicht tendierst du damit sogar zu realistischen Einschätzungen; Kompliment an deinen Verstand, er ist sicher ein guter Hausmeister. Das reicht nur nicht zur Welterkennung – geschweige denn zur Sinnfindung (die in Wahrheit nur eine Sinnstiftung sein kann, und zwar deine). Und er, dein geschätzter Intellekt, wird dich – unabhängig von seinem Fassungsvermögen und deinem möglichen Intelligenzquotienten – weder dem Glück noch der Liebe noch irgendeiner anderen Erfüllung näher bringen: weil er dafür schlicht und einfach das falsche Werkzeug ist! Verlange nicht Dinge von deinem Verstand, für die er – und wenn er noch so entwickelt und leistungsfähig ist – nicht gemacht ist. Du wirst gleichermaßen dein Herz und deine Phantasie brauchen. Die bestimmen, was du aus dir machst. Beide können dich weit tragen – dir Landschaften und Bereiche zeigen, die im wahrsten Sinn des Wortes dein Bewusstsein erweitern. Wenn du dein Leben meistern willst, ist dringend anzuraten, den Kopf aus der Kloschüssel zu ziehen und den Blick schweifen zu lassen, was es außer der bekannten Scheiße sonst noch so gibt. Die Phantasie schaut auch durch Mauern und Wände, du musst sie nur lassen – und ermutigen. Wo immer du dich befindest – verlasse das Zimmer, den bekannten Raum. Geh raus. Irgendein Draußen gibt es immer und in aller Regel ist es größer, als wir denken. Wir haben nur unsere Wahrnehmung; sie zu erweitern, erfordert – innere oder äußere – Bewegung. Wie so oft gilt: Die eine schließt die andere nicht aus.
Fehu ist nicht die Rune, die Bewegung an und für sich verkörpert, das tut eine andere – aber zu den Merkmalen von Fehu gehört Beweglichkeit. Geld muss fließen, funktioniert durch Austausch, Vieh wird getrieben (von denen, die es hüten – oder es treibt sich selber herum), ist, wie wir uns erinnern, „bewegliche Habe“ – und genauso ist Potential kein fest umrissenes Ding an einem Platz (und schon gar nicht unverrückbar irgendwohin genagelt), sondern ein abstrakter Gedanke. Wenn du seine Essenz erwischst, wird er zum Quell. Das ist Fehu: die Summe deiner Möglichkeiten. Je nach Situation, Lage und Umgebung kann sie klein oder groß sein, nahezu unendlich – oder gar nicht vorhanden. Eins ist sie aber immer: veränderlich.
„Macht“ Fehu überhaupt irgendetwas – außer, dir deine Macht und Vermögen aufzuzeigen? Das kommt auf den Zusammenhang an. Meine Einkünfte zu vermehren, hat zumindest durch das bloße Wohinritzen von Fehu-Runen nicht geklappt. Aber andere Runen halfen mir zu erkennen, wo speziell bei mir die innere Blockade liegt – und wie ich sie anzugehen habe. Fehu allein wird also vermutlich keine schwarzen Zahlen auf dein Konto hexen, sowenig wie es in vorkapitalistischen Zeiten aus zwei Ziegen eine respektable Rinderherde machte oder auch nur aus drei mageren Kühen vier fette. Für solche Art Hexerei bräuchte es ja auch keine Runenkunde und schon gar kein Buch darüber: Mal eben mit den Fingern schnippen und sich einfach was wünschen kann sicherlich jeder Depp. Ich bin kein Zeremonialmagier, der Formeln anzubieten hätte. Ich empfehle den längeren, umständlicheren – aber, wie ich meine, nachhaltigeren und letztlich ergiebigeren – und vor allem natürlichen Weg: den, für den wir Menschenwesen ganz gut geschaffen sind. Den der Selbsterkenntnis. Wir tragen alles in uns, was wir brauchen. Wir müssen es nur erschließen. Das „nur“ in dem Satz mag höhnisch erscheinen, ist aber schlicht wahr. Was lehrte mich Fehu, die erste Rune des Futhark? Zum Beispiel, dass die Frage – das Suchen und Finden, das Sichten und Fördern – des Potentials als erstes kommt. Sowohl das der Situation und Lage – als auch des ganzen Lebens.
Wer meint, kein Potential zu haben, täuscht sich. Davon (dass du sogar ein einzigartiges hast: in dir drin) handelt noch eine andere Rune. Mit Fehu, der ersten, sei schon mal an das alte Sprichwort erinnert, dass „Kleinvieh auch Mist“ macht. Wie sich aus lauter kleinen, scheinbar lächerlichen Einzelposten erstaunlich stattliche Summen ergeben können, lässt sich in jedem Supermarkt erfahren. Das funktioniert auch umgekehrt: in dem Sinne, wenigstens diese winzigen Anteile, die du deinem Potential einstweilen gerade noch zuzugestehen vermagst, beharrlich vermehren zu können. Sich vermehren zu lassen. Ihnen das zu gönnen. Und damit dir selbst. Bis du dich mehr traust. Und irgendwann vielleicht sogar die Quelle findest – die Quelle in dir drin. Sie ist näher, als du denkst. Es gibt ein kosmisches Gesetz, das lautet: „Mehr macht mehr“. Je mehr etwas bereits vorhanden ist, desto leichter fällt es, daraus noch mehr zu machen, während zuwenig meist zuwenig bleibt und oft auch unter großen Anstrengungen nicht nennenswert vermehrt werden kann. Das gilt nicht nur für Geld. Gemeint ist: Potential vermehrt sich nicht durch die Konzentration auf Defizite und etwaige Mängel. Suche lieber nach Möglichkeiten und feiere das gefundene kleine Korn, selbst wenn du dir dabei erst einmal wie das sprichwörtliche blinde Huhn vorkommst. Jede Lawine fängt klein an; die ganze materielle Welt besteht aus Atomen, die bekanntlich so klein sind, dass du keins mit bloßem Auge siehst, sie aber trotzdem alle vorhanden sind. Welch ungeheure Kraft in jedem einzelnen steckt, lässt die gleichnamige Bombe erahnen. Erzähl dir also nicht (und lass dir nicht erzählen), du hättest kein Potential. Schau lieber, wo es steckt und wie du es förderst. Dieses Vieh zu sammeln und zu treiben, ist der erste Schritt in ein erfolgreiches und selbstbestimmtes Leben. Jedes selbstbestimmte Leben ist erfolgreich. Wenn es dir daran mangelt, übersiehst du entweder deine Erfolge (vielleicht zählst du die falschen?) oder du lebst nach Werten, die dir schaden. Überprüfe, ob das, woran du glaubst, dir auch nützt. Woher hast du deine Ansichten eigentlich?
Fehu fragt dich (oder, anders ausgedrückt: Du fragst dich mittels Fehu), was funktioniert. Es beginnt mit deiner Vorstellungskraft. Je größer diese ist – sie lässt sich übrigens trainieren, und das womöglich leichter als Muskeln oder Intelligenz –, desto mehr Raum lässt sich schaffen für das, was kommt, was kommen soll, was du brauchst. Wir erinnern uns: Auch und gerade dein Einfallsreichtum, dein Vorstellungsvermögen, gehört zum Potential. Zu Fehu. Fang an.
„Ich trete hier auf heut‘,
Hab‘s lange geprobt,
Weißgott nicht nur dafür,
Dass man mich lobt.
Auch wenn‘s noch so leicht aussieht,
Und obwohl‘s mir gefällt:
Ich mach meine Arbeit für Geld…“
(„Arbeit für Geld“, 2015)

Bildstein auf Gotland, Schweden

KAPITEL VII
Betrachtungen zur Rune Uruz: zur Manifestation des Irdischen, Zugänge zu erdgenährter Kraft
MUTTER MATERIE
Es wird konkret. Was passiert mit dem Potential? Von selber nichts – aber das Vieh tendiert ja zur Bewegung. Wir treiben es wohin – oder es treibt, sich selbst überlassen, auseinander (nicht völlig – aber zumindest wird es ohne unser Zutun kaum eine Richtung einschlagen, die uns dient und entspricht). Wenn Fehu das darstellt, was wir vermögen, die Summe unserer Möglichkeiten, so manifestiert sich das, was wir damit anstellen, als ihre Verwirklichung. Das Wahrmachen bringt es in die Welt, sinnlich gesehen auf die Erde. Es materialisiert sich. Die Rune solch irdischer Manifestation ist Uruz.
Die Urbedeutung ist „Auerochs“. Eine andere „Nieselregen“. Wie passt das zusammen? Unter Umständen gar nicht. Die Deutung als „Nieselregen“ stammt von Seefahrern, die andere aus bäuerlichen Kulturen. Auf See gab es anscheinend wenig Auerochsen. Ich bringe es fertig, sowohl in der einen als auch der anderen Deutung eine Erscheinungsform von „Erdkraft“ zu sehen. (Wer schon einmal in einem Ruderboot von Regen überrascht wurde, weiß, was ich meine. Dabei war ich sicher nicht so lange oder auch nur halb so gefährdet unterwegs wie irgendwelche altgermanischen Seefahrer, sondern nur zum Freizeitspaß. Dies hat allerdings ausgereicht, das nasse Geniesel in der Luft als ziemlich irdische, mir haushoch überlegene Macht zu erfahren.) Was nicht zu heißen braucht, dass an der Assoziation Uruz = Erdkraft historisch irgendwas dran sein muss.
Beim Aufbau meines Deutungssystems fürs Ältere Futhark ging ich von „Auerochs“ aus für Uruz – von der Variante „Nieselregen“ hörte ich erst später, sie steht dazu jedoch nicht im Widerspruch. Aus dem Bild oder Symbol des Auerochsen kann ich allerdings mehr ziehen, was das Verständnis des Zusammenhangs fördert.
Zunächst fühlte ich leichte Irritation: schon wieder eine Art Rindvieh?" Als Stadtkind fiel mir der Unterschied zwischen einer Muhkuh und einer anderen Sorte Rind, die ich zudem nirgends in der Natur betrachten konnte, nicht gleich auf. Auerochsen sind seit dem 17. Jh. ausgestorben, im europäischen Raum wichen sie zunehmender Besiedelung durch unsereins. Es waren Wildtiere – nur auf freier Flur zu Hause und im ganzen eurasischen Raum die größten Landbewohner. Nicht nur im Vergleich zu den damals kleinwüchsigen Hausrindern waren sie riesig. Einem hochgewachsenen Mann hätte mancher Urbulle bequem in die Augen sehen können: bei seinen 1,80 Metern Risthöhe. Zudem hatte so ein Bulle ja noch jede Menge Rindskörper hinten dran! Alles an ihnen war lang: Leiber, Beine, Schädel, Hörner – bei aller Kraft und Wucht müssen sie eine unglaubliche Eleganz ausgestrahlt haben. Und dann noch schwarz wie die Nacht, das All, der Abgrund und die Gothics!
Das pure Leben: in physischer Präsenz. Selbst das nackte Knochengerüst eines Auerochsen im Museum machte mich sprachlos: Wie zum Sprung war das Skelett montiert, Ausdruck unbändiger Wildheit noch lang nach dem Tod dieses einen Exemplars und seiner ganzen Gattung… Fast meinte ich, das Schnauben hören zu können, den Schlamm unter unruhigen Hufen spritzen zu sehen, jeder einzelne ein Manifest von Kraft weit über Pferdestärken hinaus. Hinten ein schlanker, nervös peitschender Kuhschwanz am Arsch einer Riesenmasse Tier – selbst dem phantasielosesten Zeitgenossen hätten spätestens die Hörner Ehrfurcht eingejagt, die sich nicht einmal bewegten in ihrer bleich gewundenen Riesenpracht, da von alledem ja nur ein Knochengerüst übrig geblieben ist. Das eines Auerochsbullen oder einer Kuh! Der Unterschied muss marginal gewesen sein, kaum sichtbar zumindest: Die Euterchen waren wahrscheinlich das Einzige, was an diesen imposanten Tieren „klein“ zu nennen gewesen wäre.
Solche Bilder sehe ich vor mir, wenn ich an Uruz denke. Schon die Form der Rune hat etwas Kraftvolles, aufrecht Gebuckeltes, Wuchtiges – auch wenn sie nichts Gegenständliches zeigt (keine Rune tut das). Der Gedankengang, um noch einmal auf die „Nieselregen“-Deutung zurückzukommen, die Verlaufsform der Rune bilde das Aufsteigen ozeanischer Wasser (verdunstend) zu den Wolken und ihr anschließendes Niederregnen ab, erscheint mir jedoch zu weit hergeholt. Was aber Geschmackssache ist.
Wichtiger ist, dass sich die Energie, die sich in Fehu versammelt, in – oder gewissermaßen zu – Uruz verdichtet. Aus dem Vermögen des Möglichen wird handfeste Materie, mindestens aber geballte Kraft: Erdenergie, weil sich diese beiden Begriffe – Materie und Kraft – in diesem Zusammenhang kaum trennen lassen. Uruz verkörpert ihre Verbindung, ihr Miteinander. Ein besseres Symbol als das beschriebene schwarze Urtier kann ich mir kaum vorstellen. Was lässt sich nun für hier und heute, für unser tägliches Leben, daraus ableiten? Ganz konkret: gefühlte Körperlichkeit! Ab da hängt es nämlich nicht mehr davon ab, wie genau unsere Leiber beschaffen sind und dass sie mit archaischen Urtieren kaum Ähnlichkeit haben dürften. So sehr ich aber oben das urtümliche Aussehen mittlerweile längst ausgestorbener Wildtiere beschwor, so konsequent möchte ich – andersherum, sozusagen – das schöne Bild von Freiheit, Kraft und Wildheit auf unser Inneres übertragen. Denn dafür ist es meines Erachtens da. Nicht die äußere Form ist hier das Ziel, sondern nur das Mittel. Ganz egal, wie er aussieht, was er erträgt, stemmen kann oder nicht: Wie fühlt sich dein Körper an, wenn du dich ihm lustvoll ergibst? Ich rede hier nicht von Sexualität oder dergleichen, das ist mitnichten der Punkt (im Moment) – es geht allein um das physische Spüren. Solang du nicht in einer Situation bist, in der dir dein Körper überhaupt vornehmlich Schmerzen bereitet (was es ja leider auch gibt), muss es doch irgendeinen Zustand geben, in dem du dich physisch wohl fühlst – und zwar ohne großen Aufwand. Das mag individuell sehr verschieden ausfallen, deshalb möchte ich hier nichts pauschalieren. Der eine schätzt vielleicht ein Schlammbad, in dem er sich suhlt wie Sau, der nächsten reicht die Sommersonne auf der Haut oder auch nur dem Hut, die dritte tobt gern vorbei an Busch und Zaun, joggt durch die Gegend, dass die Pumpe pocht und der Schweiß glänzt auf den Muskeln, während der vierte sich faul langlegt und als letzter Diener der Muße die Schwerkraft eine gute Göttin sein lässt und sich in Träume hineinmeditiert, die nicht einmal der US-amerikanische Geheimdienst kennt. Es sind der Möglichkeiten mehr als Mücken am Sommerabend. Ich will hier nur darauf hinaus, die eigene Körperlichkeit zu erfahren und zu spüren, und das in möglichst angenehmer, schwelgerischer, gefühlt kraftvoller Form. Vielleicht tut‘s ja sogar das Blubbern der Gedärme und ein auerochsreifer Furz – mag der Herr von Laptopia auch das Nerdnäschen rümpfen, wenn die lebenslustige Dame neben ihm einen fahren lässt… Dies ist Eibensangs erdiges Runenbuch, kein Benimmkatalog.
Uruz hat mit Urkraft zu tun, verkörpert solche – und gemeint ist durchaus die deines Körpers. Es geht, wie gesagt, nicht um Äußerlichkeiten, auch nicht um Messwerte. Also nicht um Vergleiche. Eher darum, dass sich dein Ich, deine Seele, deine Person in dem Körper manifestiert hat, den du hast. Wie bei mir wird es dein einziger sein – und wie immer wir damit klarkommen, es ist genau der Teil von uns, der uns von Gespenstern unterscheidet. Der eigene Leib ist unsere jeweilige physische Manifestation in der Welt. Wir sind nur eine Zeit lang so: solange unser Leben währt. Die ganze restliche Zeit über sind wir tot. Oder zumindest nicht hier: in der Welt, die wir kennen. Einander erkennen können! Ist das nicht ein Wunder? Ausreichend, meine ich, diesem Ausnahmezustand, der sich physische Präsenz, körperliches Dasein nennen lässt, eine von 24 Runen zu widmen (oder, anders ausgedrückt, eine der 24 heute diesem Wunder zuzuordnen)?! Es gibt noch eine andere Rune, die sich dann aber mehr damit befasst, was mit diesem Körper, dem dir ureigenen, anzustellen ist. Sie kommt erst später und dann, das verspreche ich, einigermaßen unerwartet. Für diesen Moment – diese Station im Futhark, wir sind erst bei Nummer zwei – reicht uns das Dasein als solches: das leibliche. Das hat, ungeachtet dessen, wie jemand auch schwächeln oder kränkeln mag, mit Kraft zu tun: jene, die uns lebendig macht und am Leben erhält. Ich nenne sie Erdkraft, denn erdverbunden sind wir in jeder Hinsicht. Wir alle leben von 15 Zentimetern Humusschicht; natürlich bestehen wir auch aus jeder Menge Wasser (für das es ebenfalls eine Rune gibt – in gewisser Weise auch für besagte Humusschicht, aber davon später) und kämen ohne Wasser von außen nicht weit – mehr als der halbe Planet besteht, zumindest außenherum, aus Wasser, aber genau das ist der Punkt. Alles Wasser, das wir kennen und das uns nützt, ist irdisch: mit Erde verbunden, aus der Erde kommend, von ihr getragen und sie bedeckend oder beregnend. Davon nicht betroffene Gebiete nennen wir Wüste. Worauf ich hinauswill: Wasser ist kein Widerspruch zu Erde, sondern ein Teil derselben. Uruz ist Erdkraft und hier darf das Wasser sich mitgemeint fühlen (zumal es ja später noch eine Extrarune kriegt: Wichtig genug ist es). Notfalls haben wir ja noch die Nieselregen-Deutung.
Worauf ich außerdem hinauswill: auf dich und die Erde, die Planetin und dich – auf dich dort. Hier auf dem Boden der Tatsachen und der physikalischen Verhältnisse. Die spielerische Übung, das Bild der wildschönen schwarzen Auerochs-Urtiere auf die eigene innere Vitalität zu übertragen, hat ja schon ganz gut geklappt, oder? Jetzt empfehle ich eine weitere Übertragung oder auch Verbindung: die zwischen dir und Mama Globus. Was unterscheidet uns von Mutter Materie? Sie ist eindeutig größer. Als du oder ich, und zwar sehr (obwohl oder weil wir ja auch Teile von ihr sind). Das ist gut so. Ich laufe lieber auf dem schönsten Planeten herum, den ich kenne, als dass ich selber einer wäre für irgendwelche Geschöpfe, die auf mir herumliefen, -kröchen, -sprängen, wuselten und rollten und für die ich Mutter spielen müsste, Trägerin, Lebensspenderin und -nehmerin, Ernährerin, Richtungsweiserin durch meine allgegenwärtige Schwerkraft und ihre verbindlichen Regeln. (Andererseits: Für meine Bakterien und Mikroben – oder was da auch an, auf und in mir herumkreuchen mag an Kleinstlebewesen – bin ich ja vielleicht genau das…)
Auch was uns hier verbindet – oder: was uns hier auch verbindet – ist Körperlichkeit. Dein Körper auf dem der Erde… Was glaubst du denn, wo deine Kraft herkommt? Geh mal runter von der Leitung, dann merkst du vielleicht, dass du direkt auf dem Akku stehst. Es ist der deine, das heißt: Er hat Energie für uns alle, also auch für dich. Gerade, wer sich geistig beschäftigt – und zumindest, wer mein Runenbuch liest, kann die nämliche Anforderung nicht ganz von sich weisen –, braucht so genannte Erdung. Was ist das? Die Erinnerung daran, wo unten ist, und das ist genau dort, wo die Kraft herkommt: die der physischen Präsenz. Ich weiß das am besten, weil ich das erst lernen musste. Ich bin nämlich ein ganz hibbeliger Typ und, hätte ich mir nicht götterseidank so eine erdige, diesseitsbezogene Religion eingefangen und aufgebaut, wäre ich schon längst davongeflogen wie ein Luftballon – hoppla, ja, zugegeben, mein Körper hätte mich daran gehindert. Aber ist es nicht um so angebrachter, ihm deswegen etwas Respekt und Dankbarkeit zu zollen, anstatt ihn zu schmähen, zu negieren oder gar überwinden zu wollen, wie es so manche leibfeindliche, nur das Höchstgeistige erstrebende Lehre predigt – als wären Sitz, Wohnstatt und voraussetzende Umgebung all solcher Geistigkeit nur zusammengepappter Dreck? Derart schmalgleisigen Verherrlichungen folge, wer‘s mag und braucht (aber lasst mich in Ruhe damit – ich bin bekennendes Mösenkind, von einer blutenden Mutter geboren und auf der größten von allen, der Allunseren, wandle ich mit Freuden und in jubelnder Andacht) – ich brauche eher Erdung und die immer wieder. Gerade weil mein Geist so gern fliegt – und mein Herz sich allzu leicht hinterherwirft und sei es wegen eines Lächelns, das vielleicht gar nicht mir galt (oder nur dem Bild, das jemand in mir sehen wollte). Da reicht mir mein Körper nicht als Trägheitsgarant, da will der Geist dran erinnert werden, dass er durch Materie in Materie lebt und das Herz – nun, meins genas schon an der Erde, der nackten Krume, dem grünen Gras, benetzt vom Tau eigener Tränen, wenn‘s sein sollte und durfte – und ja, es darf immer. Womit wir schon wieder bei der Nässe wären. Aller Anfang ist feucht, die meisten Wege auch und das Ende vermutlich nicht minder. Sie scheint halt nie weit weg zu sein vom Irdischen. Lass es nieseln. Am Ende kannten sie den Regen ja auch samt Pfützen, Sumpf und Tau – all die schwarzen Auerochsen, wenn sie in Herden über die ureuropäische Savanne steppten, dass es bebte und donnerte noch im nahen Wald. Lass deine innere Aueröchsin beben! Oder wenigstens dein ureigenes Auerkalb! Es möchte wachsen. Führ es aus, lass es raus. Lass es grasen – und tanke Kraft. Ihr bewohnt denselben Akku.
„Ich will den Fuchs und den Luchs und das Wisent zurück. Ja, ich will die europäischen Büffel zurück.
(…)
Tot liegt die Maus vorm Monitor – in allen Windows soll es zieh‘n!
Und die Gene der Gen-Bastler können zum Nidhöggr gehn…
Durch unsere grau gewordenen Zellen lasst ein rotes Mammut zieh‘n.“
(„Thors Wiederkehr“, 1992)

Bildstein, Öland, Schweden

KAPITEL VIII
Betrachtungen zur Rune Thurisaz: Was sind Riesen, das schöpferische Prinzip der Entladung, von der Entstehung des Universums bis zur individuellen Entäußerung, besondere Wesenszüge Thors
RIESEN-RUMMS
„Die Götter entstammen den Riesen, und am Schluss unterliegen sie diesen.“
(„Als die Sau noch Göttin war“, 2000)
Naturwissenschaftlichen Berechnungen zufolge war das Universum vor 13,8 Milliarden Jahren noch nicht da. Es soll als winziger, hochverdichteter Urkern begonnen haben. Das Phänomen, das diesen mikroskopischen Nano-Kern schlagartig aufblähte zu dem gigantischen, ja grenzenlosen Gebilde, das wir als Universum kennen, wird Urknall genannt.
Nach germanischer Auffassung wäre dieser Urknall (hätten Angehörige germanischer Stämme seine Geschichte hören können) ein Riese gewesen.
Die älteste bekannte Atomtheorie stammt von Aristoteles. Dieser griechische Gelehrte der Antike ging bereits davon aus, dass alle Materie aus winzig kleinen Teilchen bestünde, die er „atomos“ („Unteilbares“) nannte. Zweieinhalb Jahrtausende später gelang es amerikanischen Wissenschaftlern, die Kerne solcher „unteilbaren“ Teilchen tatsächlich zu spalten. Die dabei freigesetzte Energie wurde als Atomexplosion bekannt. Die ersten beiden zerstörten 1945 die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Seither fanden weltweit jede Menge so genannter „friedlicher“ Atomexplosionen statt – die Schlagkraft der Bomben wurde größer und größer.
Nach germanischer Auffassung wären diese Explosionen (hätten Angehörige germanischer Stämme solche fürchten müssen), leibhaftige Manifestationen von Riesen gewesen. Feuerriesen aus Muspellheim, der Schreckenswelt der zerstörerischen Gluthitze…!
Da sowohl Atomphysik als auch die Urknalltheorie Errungenschaften des 20. Jhs. sind, die vorher nicht einmal erahnt werden konnten – welche anderen „Riesen“ können in historischen germanischen Zeiten beobacht- und erlebbar gewesen sein? Erdbeben zum Beispiel, Springfluten, Lawinen oder Feuersbrünste – alle denkbaren Naturgewalten; speziell alle als blindwütig und zerstörerisch titulierbaren. In einer rundum beseelten Welt sind eben auch Katastrophen, insbesondere solche, die mensch nicht aufhalten kann, Wesenheiten. Eisriesen, Frostriesen, Feuerriesen, Sturmriesen… Die Liste ist beliebig verlängerbar. Das Wirkprinzip ihrer möglichen Inhalte ist in einer Rune ausgedrückt: Thurisaz. Wortwörtlich „Riese“ (von altnordisch „Thurs“).
Was tut diese dritte Rune im Zusammenhang des erwähnten Schaffens- und Schöpfungsvorgangs, den die erste Achterreihe des Älteren Futhark beschreibt? Sie verbreitet die Materie, treibt sie auseinander, breitet sie aus – schlagartig und chaotisch. Was frappierend zu unserer heutigen Urknalltheorie passt… Vorahnungen derselben brauchen spätantiken Runenkundigen dabei keineswegs unterstellt werden. Übertragen wir das Denkmodell der ersten Runen-Acht zur Veranschaulichung auf etwas Alltägliches, zum Beispiel auf einen Hausbau. Dann steht Fehu für die Investition des nötigen Kapitals, Uruz für die Manifestation (in dem Fall: Anlieferung) des Materials – und Thurisaz ganz friedlich für dessen Ausbreitung über den Bauplatz. Auch wenn das nicht ganz so schlagartig erfolgen dürfte wie bei Explosionen: Um eine Art Entladung handelt es sich trotzdem, und das Ergebnis ist erstmal chaotisch. Denn sortiert wird das Material erst in der nächsten Phase. Zunächst muss es großflächig verteilt werden, damit auf die einzelnen Komponenten überhaupt eine Zugriffsmöglichkeit besteht.
Das Wesen der Rune Thurisaz ist demnach zuallererst Entladung – mit dem Ziel chaotischer (unsortierter) Ausbreitung, die in aller Regel so schlagartig wie möglich erfolgt.
Da es sich bei der Mehrzahl denkbarer „Riesen“ um eher zerstörerische, also Menschen und Menschenwerk gefährdende Phänomene handelt, erscheint die Vorstellung einer davor schützenden Gottheit folgerichtig. Nicht nur über die später aufgezeichneten Mythensammlungen (die uns in Form der Edda vorliegen), sondern auch über zahlreiche archäologische Hinweise (Ortsnamen, Inschriften) ist ein germanischer Donnergott verifizierbar, der im Süden Donar, im Norden Thor genannt wurde. (Noch sehr viel ältere schwedische Felszeichnungen, die eine hammerschwingende männliche Figur zeigen, lassen einen jahrtausendealten Werdegang entsprechender Gottvorstellungen immerhin vermuten.) Die Edda ist voll mit seinen Abenteuern und ihn beschreibenden Anekdoten. Sein Name ging nie ganz unter, obwohl eine Gestalt wie der verfilmte Thor der Marvel-Comics mit dem (bereits als Nacherzählung zu verstehenden) literarischen Vorbild aus der hochmittelalterlichen Edda natürlich kaum mehr Ähnlichkeiten aufweist (und die frei daherfabulierten Filmstories letzte noch ahnbare Zusammenhänge verblassen lassen – die aber auch nicht Sinn und Zweck solcher Geschichten sind).
Für mich ist Thor natürlich real. Ich stelle mir den Kraftgott allerdings nicht als rothaarigen, feuerbärtigen Kerl vor, der in seinem von Ziegenböcken über den Himmel gezogenen Wagen das (ebenfalls reale) Donnergrollen verursacht und seinen berühmten kurzstieligen Hammer schwingt, um „Riesen zu erschlagen“… obwohl ich dieses pittoreske Bild schätze und gern damit spiele. Selbstverständlich identifiziere auch ich den Großen Hammerschwinger mit Blitz, Donner und Gewitter – aber leite als Kind meiner Zeit noch ein ganz anderes Bild, eine weitergehende Bedeutung davon ab. Von was lebt unsere Zivilisation heute? Von einer gewissen Domestizierung eben jener Kraft, die sich von Natur aus am sichtbarsten und eindrucksvollsten in Gewittern entlädt: elektrischem Strom. Das ist Thor für mich. Genauer gesagt: seine Energie. Denn nicht ihn, den Gott, haben wir uns dienstbar gemacht, um unsere ganzen Geräte zu betreiben und die Nacht zu erhellen, wo und wie es uns passt – sondern nur die Kraft, die aus dem „Schleudern seines Hammers“ rührt, auf höchst raffinierte Art zur allverfügbaren Dauerleistung für unser Wohlleben eingespannt: so tiefgreifend und umfassend, dass sie uns längst als ebenso selbstverständlich erscheint wie sie unverzichtbar geworden ist. Kaum mehr als hundert Jahre („und ein paar zerquetschte“) ist das her – und hat die ganze Welt verändert. Und in jedem Stromschlag steckt sie noch: die mögliche blitzartige Entladung. Thurisaz.
Die Rune bedeutet immer noch „Riese“. Was unterscheidet den (in der Edda zwar als kämpferisch geschilderten, aber im Herzensgrunde gutmütigen, in eher schlichten Bahnen denkenden) Donnergott von den riesigen, riesischen Gewalten, vor denen er uns schützt? Der Verstand, das Bewusstsein? Im Prinzip ja – handelt es sich bei Riesen doch um die eher als unbewusst aufzufassenden Kräfte der Natur. Andererseits gibt es zahllose Geschichten über Riesen, in denen sie – personifiziert, wie sie dargestellt werden – ebenso selbstverständlich sprechen und denken können wie andere Wesenheiten (Menschen zum Beispiel) auch. Mit Logik allein ist dem nicht beizukommen; ich nehme die Bilder, wie ich sie vorfinde, genauer: wie sie mich ansprechen – und mache etwas daraus. Mit Gefühl, ja. Passend zu den allermeisten Phänomenen in der großen Natur, erscheint mir auch die Grenze zwischen Bewusstsein und Unbewusstem im Grunde als fließend. Denn solche Grenzen sind, wenn wir es recht bedenken, immer nur die von uns gezogenen: um die Welt beschreiben zu können. Es handelt sich nur um Abbilder der Welt, gewissermaßen um Landkarten – nicht um die Welt, die Landschaft selbst. Sie dienen der Sortierung und Orientierung. Und viele unserer praktischen Irrtümer entstehen aus der Verwechslung des kunst- und sinnvoll erdachten Abbildes mit dem, was es zeigt und beschreibt: der wirklichen Welt nämlich. Weil wir ohne solche Beschreibungen nicht auskommen, sind uns die meisten derart selbstverständlich geworden, dass wir sie für Wirklichkeit halten. Wobei sie diese doch nur abbilden im Sinne einer Einteilung! Wo hört tote Materie auf, wo beginnt Leben? Bereits manche Viren bilden ein Zwischenstadium, das uns im Alltag nicht interessieren braucht – aber schon die Einteilung zum Beispiel von Lebenszuständen in „gesund“ oder „krank“ ist weder natürlich noch irgendwie gottgegeben, sondern Ergebnis gesellschaftlichen Diskurses: Wie wir etwas sortieren, bleibt letztlich beliebig – und ist entsprechend veränderbar.
Zurück zu Thor und der Frage, was ihn von Riesen unterscheidet. Etwas provokativ ließe sich behaupten, dass es vor allem sein Hammer ist – zumindest angesichts der vielen Eigenschaften, die Thor und seinen mystischen Gegnern gleichermaßen zugeschrieben werden: vom schlichten Gemüt übers aufbrausende Temperament bis zur sprichwörtlich überbordenden Kraft. Der Hammer könnte so auch als Symbol dafür gesehen werden, auf welcher Seite der Gott steht: auf der des Bewusstseins. Solches äußert sich nie als Einzelleistung, sondern immer als gemeinschaftliches Phänomen. Auch und gerade die Geschichte des Hammers, obwohl er als Waffe und Werkzeug ganz allein Thor zugeschrieben wird (als dessen unveräußerliches Erkennungsmerkmal), verweist auf entsprechenden Kontext: Zwerge haben diesen Hammer, der „wie von Zauberhand“ nach jedem Wurf von allein in die Hand seines Schleuderers zurückkehrt, geschmiedet – und Trickstergottheit Loki (von der später noch mehrmals die Rede sein wird, keine Bange) sorgte in Gestalt einer boshaften Fliege (die dem schmiedenden Zwerg Brock immerzu ins Augenlid stach) dafür, dass der Stiel des Hammers etwas arg kurz geriet. Soweit der Mythos.
An eine grundsätzliche Ähnlichkeit zwischen den entgegengesetzten Kräften Thor versus Riesen zu erinnern, ist mir wichtig, da wir allesamt unseren Feinden ähnlicher sind, als wir meinen. Selbstverständlich nicht vollkommen, der oder die jeweiligen Unterschiede können haarscharf sein – müssen sie sogar, denn sie symbolisieren unsere moralische Überlegenheit. Erkennen wir die Ähnlichkeiten jedoch gar nicht oder ignorieren wir sie – zum Beispiel, wenn wir von unserer moralischen Überlegenheit schlichtweg (also gedanken- und kritiklos) ausgehen –, geben wir damit unseren Hammer aus der Hand. Und dann verlieren wir, selbst wenn wir nominell gewinnen, Wesentliches. Was wäre gewonnen, wenn wir uns hernach lediglich an derselben Stelle, auf denselben Positionen wie unsere Widersacher wiederfänden, die wir äußerlich bezwungen haben mögen, aber inhaltlich, vom Tun und Lassen her, nicht mehr von ihnen unterscheidbar wären? Wäre dann nicht ihrer Geisteshaltung der Sieg zuzuschreiben, wenn wir unsere Aufgaben unterwegs verlieren, des einen oder anderen kurzfristigen Vorteils (oder eben des ganzen nominellen Sieges) willen?
Ich behaupte: Wer die Ähnlichkeit zum eigenen Gegner nicht erkennt und anerkennt, ist schon dabei, ihm den Sieg zu schenken – weil es zunehmend egal werden könnte, wer ihn erringt.
Was hat das alles mit Thurisaz, der dritten Rune zu tun? Zunächst nichts. Ich kann es aber gerade am Beispiel dieser Rune nicht lassen, vor allzu schnellen Wertungen zu warnen. Moralische Überlegenheit, von der hier mehrfach die Rede war, ist ein hauchdünnes Gewebe – eine unbedachte Bewegung, und es bleibt irgendwo hängen und zerreißt… Wie schnell ist dieses zarte Ehrengewand dahin und hinterlässt uns entblößt!
In der Edda-Erzählung „Des Hammers Heimholung“ ist eine interessante Weisheit verborgen. Genüsslich wird geschildert, wie der Donnergott seinen von den Riesen geraubten Hammer, der ja in gewisser Hinsicht seine Identität darstellt, nur dadurch zurückgewinnen kann, indem er ein anderes, ihm offenbar wichtiges Identitätsmerkmal verleugnet: seine Männlichkeit. Der vordergründig derbe Schwank, dessen hochmittelalterliche Ausstattung nicht mehr viel Germanisches hat, hält damit einen überraschenden Feinsinn bereit, der allerdings unter dem groben Getobe erst einmal entdeckt werden will. Die Nebenbedeutung des Hammers als männlich apostrophiertes Fruchtbarkeitssymbol macht den Angelpunkt des Plots pikanter, als dessen dramaturgische Schlichtheit zunächst vermuten lässt. Allen Getues und Gepränges entblößt, ließe sich die Story glatt so deuten: Der Donnergott erhält das geraubte Hauptattribut seiner Männlichkeit nicht eher zurück, als er sich bereit zeigt, auf sein Mannssein ganz zu verzichten (obzwar nur zum Schein und als taktische Geste beziehungsweise Hinterlist, aber das ändert nichts am faktischen Sinn: den mal ganz ungeschminkt und unverkleidet betrachtet).
Es geht mir hier an dieser Stelle nicht um eine Genderfrage, sondern um das Wiedererlangen einer Identität (und zwar gleich welchen Inhalts). Deren gestisches Aufgeben sehe ich als springenden Punkt. Das hat – selbst wenn es so klar nicht intendiert gewesen sein mag (zumindest nicht bei Nacherzähler und Ausschmücker Snorri S., von dem wir die Geschichte haben) – initiatorische Qualitäten. Dass die in dem Fall über ein Attribut wie „Männlichkeit“ transportiert werden, halte ich für einen eher unbewussten Erzähl-Kniff zugunsten damals größtmöglicher Verständlichkeit. Unser heutiges Stirnrunzeln oder Augenverdrehen über Gründe und Auswirkungen sozialer Spurrillen, Unwuchten und Klischees wären zu den Entstehungszeiten des Schwanks – oder gar jener (uns unbekannten) Geschichten, die ihm vorausgingen, um in ihm zu münden – nicht ahnbar gewesen. Im Klartext: Ich bezweifle, dass vor siebenhundert oder noch mehr Jahren am Rollenverständnis der Geschlechter so gezweifelt werden konnte wie heute gezweifelt werden muss: Dieser Zweifel ist eine neuzeitliche, überaus junge Errungenschaft. Auch wenn es hier wie da zum Verzweifeln sein mag… und sich darüber hinaus die hochmittelalterlichen Geschlechterrollen von altgermanischen unterschieden haben mögen. Das aber lässt sich schwerlich anhand der Thrymskviða thematisieren, da der Schwank keine Spur davon enthält.
Plattes Moralisieren jedenfalls verengte unsere Sicht (nicht nur auf Runen) derart, dass ich es nirgends empfehlen kann, sondern dringend davon abrate. Wenn wir das Chaos für schlecht oder böse halten, nähern wir uns ihm anders, als wenn wir seine Eigenschaften unter zunächst ausschließlich dem Gesichtspunkt betrachten, wie sie sich wo auswirken und welche Folgen sie unter welchen Umständen haben. Eine solche Kühlheit der Betrachtung hat etwas Künstliches, sie gestattet uns jedoch einen klaren Blick auf die Parameter – und zwar alle. Die Mythen wiederum zeigen, dass die ihnen wesensgemäße Gefühlsbetontheit noch lange nicht aufs Glatteis von Gut-Böse-Plattheiten führen muss: Zwar wird die Edda nicht müde, die Riesen als Feinde der Götter und insbesondere Thors zu beschwören – doch tummeln sich (nicht nur mit Gjerda und Skadi) gebürtige Riesinnen sehr intim bei den Asen, dem Riesengeschlecht, dem auch Loki entstammt, und mit jenem Thursen, der in der Geschichte von Thors Fischzug durchs Kappen der Leine fürs Happy End sorgt, ist der Donnergott offenbar verkumpelt. Die Ausnahmen sind derart zahlreich und plastisch, dass das Klischee, dem sie entstammen, ohne so recht hineinzupassen, zumindest als solches bezweifelt werden will. Die Rivalität zwischen Göttern und Riesen erscheint so höchstens noch als – angesichts Ragnarök durchaus schwerwiegende – Tendenz, keinesfalls aber als durchgehendes Dogma. Letztlich geht es nicht um Gut versus Böse, sondern um ein dynamisches Ringen um Balance. Die in den nordischen Mythen geschilderten Figuren verfolgen gemäß ihrer jeweiligen Wesenseigenschaften ihre jeweiligen Interessen. Daraus entstehen Konflikte, aber wenn wir eine Moral daraus ziehen wollen, die dem Stoff gerecht wird, muss sie differenzierter ausfallen – und darf vielleicht sogar widersprüchlich bleiben. Ein Schwarzweißbild im Sinn einer sittenchristlichen Dualität – die Guten gegen die Bösen – ist bei der Beschäftigung mit altgermanischen Mythen, Wert- und Weltbildern unangebracht.
Wie wollen wir uns den Runen aber nähern, wenn nicht assoziativ? Bei meinen Seminaren und Workshops rege ich, sobald ich erste Ausdeutungen einer Runenreihe vermittelt habe, die Teilnehmenden an, eigene Assoziationen zu finden und vorzuschlagen. Ich ermuntere dazu, auch absurd erscheinende Ideen erst einmal zuzulassen – sie können leichter zu besseren führen als das Abnicken von Vorgekautem, das persönlich vielleicht nicht genügend überzeugt. So sah zum Beispiel eine ältere Teilnehmerin (bei einem Workshop 2011 in Hamburg) typische Thurisaz-Kräfte ausgedrückt im „Geschrei eines Babys“. Volltreffer – oder? (Wer je einem Säugling rund um die Uhr nahe sein durfte, mag erahnen, wie gut diese ungewöhnliche Assoziation passt.) Es muss kein hundertprozentiger Konsens gefunden werden zu einzelnen Ausdeutungen. Wichtig ist, dass es persönliche sind, die den eigenen Gefühlen und Erfahrungen entsprechen.
Oder wie beschrieb ich Thurisaz einst, als ich sie – tatsächlich selber in Wut – unversehens als Tagesrune zog:
„Thurisaz – Riesen-Rumms. Duck dich, Disney, jetzt platzt der Ponyhof und Bambi fliegt in Teilen übers Dach, das folgt ihm gleich. Sturm und Feuer tanzen Tango und streiten sich dabei, wer führt. Haus und Hof schmecken ihnen gut, oder was immer ihre Nahrung ist. Sie sind nicht wählerisch, sie nehmen, was sie vorfinden. So ähnlich wie Wut: Ihr Resultat kann beliebig weit entfernt vom Anlass sein – Hauptsache, sie tobt sich aus. Muss sie auch: Sonst geht, auch wenn das jetzt zynisch klingen sollte (ist es aber nicht, ätschi-bätsch, und beweisen muss ich gar nix, glaub mir oder fick dich doch – oder, wie ich gestern so schön belauschte: '…kannst dir auch einen Finger in den Arsch stecken und Hubschrauber spielen…'), noch mehr kaputt. Explosionen sind gesund.
Finden zumindest Thursen und Psychologen. Zweitere kann ich nicht erklären – entweder, ich verstehe sie nicht, dann irritieren sie mich, oder ich verstehe sie, dann graust es mir. Mich können sie nicht verstehen, denn ich passe zu schlecht in ihr Handwerkszeug. Dumm gewachsen! Vor Thursen graust es mir nicht, heute wäre ich am liebsten selbst einer. Bäm! Und runter mit dem Schiffchen auf den Grund – einfach der schönen Welle wegen. Höre ich Mecker? Dann kann ich sie auch in den Hafen schicken, wo ihr sie Hafenwelle taufen dürft, auf Undeutsch Tsunami. Es kommt natürlich umgekehrt, sie tauft euch, und das ist dann nicht der Anfang eurer Biografien, sondern ihr Ende. Richtig geraten, Riesen sind in der Regel und auch außerhalb von solchen tendenziell rücksichtslose Gesellinnen. Es ist nicht gesagt, dass sie doof sind. Aber ich würde, selbst wenn sie nur diskutieren, in Deckung gehen. Sie wickeln ihre Argumente gern in Materie ein, das verleihe ihnen mehr Durchschlagskraft. Ist auch so.
Sonst ein großer Bewunderer des Bewusstseins, versetze ich mich heute mal walkür-, äh, willkürlich auf die andere Seite und frage: Wär‘s nicht auch mal schön, keins zu haben? Schon klar: Da bliebe ich nur mit einem Riesen-Körper unabhängig. Als Mensch ohne Geist wirst du sofort eingesackt und stückgepresst, bis du in irgendein System passt (ungeachtet dessen Inhalts, der ist in Wahrheit voll wurscht) und du eine Meinung eingeplombt bekommst, die du für deine eigene hältst, oder, noch erbärmlicher, für deine Identität. Wie gern wär ich Riese! Also nicht nur zwei Meter – damit musst du dich nur ständig bücken und alles um dich rum ist dir 20 Zentimeter zu kurz, zu knapp, zu eng – sondern zwölfundachzig Hektar oder, noch besser: Radius gefährlich, da unberechenbar schwankend! Die Satelliten oben könnten sich die Blechärsche rundrechnen, wo ich wohl als nächstes wüten würde und was ich dann mache (Millionenschäden! Was sonst! Davor haben sie Respekt!), und im TV würde ich mit einem schicken Tornadonamen vorgestellt – Erwin oder Käthe… Hmm, nee danke, ich vergaß: Das verfickte Menschenpack ist ja dermaßen geschmacklos. Muss ich doch unter ihnen bleiben und da was machen dagegen. Nur was? Einen knallpengkarachokrätschgrantelkrawommigen – rummszerscherbundbröckel – Tag wumms, äh, wünsch ich euch!“

KAPITEL IX
Betrachtungen zur Rune Ansuz: von konkurrierenden Weltsichten, vom dümmsten aller Dogmen, evolutionär bedingte Funktionsweisen menschlichen Denkens und Empfindens, Prinzipien der Spiritualität und Religiosität, Angst als Götterferne, vom Wesen des Geistes, das Göttliche in uns, Spiritualität als Entwicklungsauftrag
GÖTTLICHES GEFÜGE
Das großräumige Chaos, das die durch Thurisaz ausgedrückten Entladungskräfte hinterließen, kann nun in eine sinnvolle Struktur gebracht, gewissermaßen „aufgeräumt“ werden. Sowohl diesen Vorgang als auch sein Ergebnis repräsentiert die Rune Ansuz. Sie steht für die „kosmische Ordnung“… Ließe sich so sagen – wenn dieser Begriff nicht fest in die Wertekategorien einander widersprechender Weltsichten eingebunden wäre, die jeweils ausschließliche Deutungshoheit beanspruchen. Nun will und kann ich niemanden, der oder die nicht daran glaubt, von der Existenz irgendwelcher Gottheiten überzeugen – es ist nur so, dass die Rune Ansuz das altgermanische Wort „As“/„Asa“ im Wortstamm trägt, mithin „Gottheit“ bedeutet. Einigen wir uns darauf, dass die Vorgänge im für uns wahrnehmbaren Universum gewissen Gesetzmäßigkeiten unterliegen, auch wenn wir uns nicht alle vollständig erklären können? Nichterklärbarkeit ist allerdings ein für Menschen schwer aushaltbarer Zustand. Unsere Wahrnehmung – als alles, was wir haben – ist von Natur aus auf überlebensdienliche Orientierung angelegt. Diese zu gewährleisten, ist dem menschlichen Großhirn jedes noch so verrückte Mittel recht. Darin liegt der Grund, dass wir nichts Sinnloses ertragen: dass wir in tanzende Schatten an der Wand lebende Figuren hineindeuten oder in mehr oder minder unerklärlichen Erscheinungen Götter oder Schicksalsgefüge am Wirken wähnen – oder Zeichen im Flug der Vögel lesen – oder auch nur einfach verstümmelte Wörter reflexhaft vervollständigen im Geist, ob die Ergebnisse stimmen oder nicht. Wir machen sie schon stimmig! In alles einen Sinn hineinzudeuten, ist keine menschliche Marotte, sondern tief im Überlebenstrieb verankerter Impuls. Wir alle stammen von denjenigen Urmenschen ab, die den Busch zehnmal für einen Bären hielten und sich neunmal dabei täuschten.
Können wir heute über die Ordnung der Welt sprechen, ohne eine bestimmte Weltordnung daraus abzuleiten?
Traditionell ist beides verknüpft. Praktischerweise eignet sich Ansuz auch zum Lösen von Fesseln. Dem gilt meine Rede hier. Die Rune repräsentiert das Bewusstsein, das Geistige – was dessen Entstehung aus dem Unbewussten, nämlich aus der der Bewusstheit vorgeordneten Weltdeutungsstruktur, impliziert. Genau diesen Vorgang beschreiben die nordischen Mythen mit Göttern und Riesen. Geisteshöhe ist es auch, was uns Menschen als Art auszeichnet: Sie ist unser spezieller Zahn, unsere besondere Klaue, unsere Eigenart. Uns reicht nie das Wissen, wie etwas funktioniert, wir fragen immerzu nach dem Warum. Jede Religion hat ihre eigene Antwort darauf und legt sich entsprechend fest – was genau genommen der menschlichen Neugier ein Stück weit widerspricht und ihre Rastlosigkeit provoziert. Vielleicht sind daher viele Mythen so blumig und versponnen: Wahrscheinlich waren sie am Anfang ganz einfach, dann wurden ihren Erzählerinnen Löcher in die Bäuche gefragt, bis sie es mehr und mehr ausschmückten… Aber irgendwann war der Mythos zur Religion verhärtet und ließ keine Fragen mehr zu, außer die wenigen, deren Antworten schon feststanden. Im Christentum hat das über eineinhalb Jahrtausende hindurch funktioniert. Aber nichts ist für immer. Keine Antwort als endgültig zu akzeptieren, sondern ewig weiterzufragen, wagt nur die Wissenschaft. Damit ist sie weit gekommen. Sie macht uns ziemlich mächtig – hinterlässt uns allerdings eher trostlos. Bei aller noch so findigen Erklärung der verborgensten Geheimnisse von Mikro- wie Makrokosmos bleibt sie letzte Antworten schuldig. Jedes Warum, Wie und Woher lässt sich herausfinden – nur nicht der Sinn dahinter. Was es soll! Aber welches Fernrohr, welches Mikroskop – ja, welcher Maßstab überhaupt – sollte das erfassen können? Allein aus der Tragik der Geschichte rührt das unsinnige Verlangen, die Wissenschaft möge uns mit ihren ganzen ebenso minutiösen wie genialischen Berechnungen auch gleich den Sinn fürs Ganze mitstiften. Ob sie will oder nicht – dieses letzte Refugium muss sie der Spiritualität überlassen.
Naturwissenschaften und Religion gelten seit jeher als unvereinbare Gegensätze, die einander unversöhnlich gegenüberstehen: hat sich die Kirche doch mit aller Gewalt dagegen gewehrt, ihr viele Jahrhunderte altes Welterklärungsmonopol zu verlieren. Und dass sie es nur verlieren oder behalten könne, weil es ja nur eine Wahrheit geben darf, die alle anderen ausschließt – diese dogmatische Denkart wurde nie angezweifelt, sondern von der Wissenschaft übernommen. Davon hat sie sich, aller Rebellion gegen den Klerus und ihres aufklärerischen Sieges zum Trotz, nie ausreichend befreit. Wie Kleriker können auch viele Wissenschaftler keine andere Wahrheit neben ihrer Weltsicht dulden. Die kennt nur die Kategorie „Entweder – oder“. Und woran wir auch glauben oder wovon wir überzeugt sein mögen: Die Dominanz dieser nur schwer hinterfragbaren, weil vollständig verinnerlichten Denkweise hält unser aller Vorstellungsvermögen in Beugehaft.
Auf die Lebensgewohnheiten einer, sagen wir, Familie übertragen, entspräche solches Ausschließlichkeitsgerangel der Idee, in jedem Zimmer immer nur ein einziges Möbelstück (oder sogar nur eins im ganzen Haus!) akzeptieren zu können, das Aufstellen eines Fernsehers also mit dem Hinauswurf des Sofas zu beantworten oder sich bereits zwischen Tisch und Stuhl entscheiden zu müssen, da diese Dinge ja unterschiedliche Eigenschaften aufwiesen, die sich nicht vertrügen. Entweder – oder! Auf den arglosen Ausruf: „Hey, hübscher Pullover! Steht dir gut!“ – das stumme Erschrecken des/der Angesprochenen: „Auweh – was hat dieser Mensch nur gegen meine Hose?“ Entweder – oder! Reich oder glücklich? Schwarz oder Weiß? Tod oder Leben? Freund oder Feind? Sieg oder Niederlage? Mann oder Frau? Im Grunde lügen die Fragezeichen: Rufzeichen sind es alle! Befehle! Erfolg in der Liebe – oder im Beruf? Als ginge nicht beides – und als gäbe es nicht zwischen all diesen extremen Eindeutigkeiten das breite Band des Lebens… mit all seinen Vielschichtigkeiten, Mischungen, munteren Widersprüchen und dynamisch-explosiven Labilitäten. Nix gibt's, befiehlt die Denkdoktrin: entweder – oder! Die Inhalte sind natürlich beliebig und lassen sich jederzeit manipulativ aufladen: gnadenlose Märkte oder Staatswillkür? Heilige oder Hure? In Freiheit vereinsamen oder in Geborgenheit ersticken? Wir oder die, sie oder ich, ich oder du? Meine beschissenen Bedingungen annehmen oder rostige Gabel in den Bauch? Na, geht doch! Das Muster dualistischen Entscheidungszwangs ist tiefer in unsere Gemüter gefurcht als der Marianengraben in den pazifischen Ozeanboden – fast unmöglich, sich irgendein annehmliches Szenario vorzustellen, ohne dass sogleich ein Relativierungsgespenst mit hochgeschossen kommt, das auffällig nach Bestrafung riecht – wahrscheinlich das christliche Pendant für kosmischen Ausgleich… Und da es sich nicht beschränkt auf AnhängerInnen des one & only (sic!) Erlösergottes, sondern ebenso in den Köpfen von AtheistInnen und VerfechterInnen beliebiger Welterklärungsmodelle herumspukt, solange diese nur von selbigem Kulturkreis geprägt sind, nenne ich das kategorische Phänomen sittenchristlich: ein Denk-, Fühl- oder Reaktionsmuster, das christlicher Konditionierung vorangegangener Generationen entstammt und heute immer noch so stark (womöglich ungebrochen) fortwirkt, dass es individuell keines christlichen Bekenntnisses oder Bewusstseins bedarf, ihm ausgeliefert zu sein und zu bleiben. (Typischerweise wird es gerade von religiös oder spirituell eher Desinteressierten besonders leicht übersehen: die ihre Denkweisen und Gefühlsreaktionen oft schlicht für „normal“ halten und keine Ahnung von deren tief religiösen Herkünften haben.)
In der Hinsicht benimmt sich – bei aller sonstigen Unvergleichbarkeit der Ansprüche und Methoden – Wissenschaft nicht anders als beliebige offenbarungsreligiöse Glaubensmodelle. Wie jene beanspruchen diese Ausschließlichkeit, ertragen keinerlei „andere Götter“ neben sich. Von den Religionen sind wir schon Schlimmstes gewohnt: Krieg zwischen den Welterklärungsmodellen – mit allen Mitteln, was gewaltarme mit einschließt, ohne sich auf solche zu beschränken. Gelegentliche Vereinbarungen über zeit- oder teilweisen „Waffenstillstand“ ändern nichts an der gegenseitigen Feindseligkeit. Diese ist Bestandteil des Denkmodells: Wer nur eine Wahrheit als „einzige“ anzuerkennen vermag, sieht sich zwangsläufig umringt von Lügenbolden, Ungläubigen und falsch Informierten. Spätestens, wenn jene auf ihren Ansichten beharren, werden sie für Inhaber des einzig wahren Wasauchimmers zur Bedrohung. Ihre schiere Existenz fordert ihre Vernichtung heraus. Die wird – im Extremfall fanatischer Zuspitzung, immer aber unabhängig von Glaubensinhalten (die problemlos in völligem Widerspruch dazu stehen können) – zur Handlungsmaxime der Gläubigen. Die Gnadenlosigkeit fanatischer Offenbarungsreligiöser findet im Säkularen ihre Fortsetzung mit der (gern zusätzlich beschworenen) Unaufhaltsamkeit des technisch Machbaren. Hier sind weniger Andersdenkende der Feind, sondern vielmehr alles, was noch Zeichen von Restwildnis trägt. Also sprach die Fabrik: Es soll keinen Regenwald geben neben mir.
Dabei müssten spirituelle und wissenschaftliche Sichtweise so wenig miteinander konkurrieren wie ein Fahrrad mit einem Containerschiff. Beide dienen der Fortbewegung, werden aber in höchst unterschiedlichen Umgebungen eingesetzt und transportieren dort jeweils andere Sachen. In mehr als einer Hinsicht verfolgen sie unterschiedliche Ziele, auf die sie jeweils spezialisiert sind. Das Fahrrad kommt beim Bewegen von Frachten rasch an seine Grenzen, mit einem Containerschiff lässt sich weder ins Grüne rausfahren noch zum Supermarkt um die Ecke. So lässt sich Wissenschaft zwar auch spirituell betrachten wie Spiritualität wissenschaftlich untersuchen – die Ergebnisse der einen Disziplin lassen die Fachleute der anderen aber gewöhnlich unbefriedigt: weil das eine eben keine Erklärung für das jeweils andere ist. Sie sind nicht geeignet, einander zu ersetzen. Sie könnten sich ergänzen. Dazu müssen sie lernen, sich gegenseitig leben zu lassen. Das geht ganz leicht. Mit dem Erkennen ihrer jeweiligen eigenen Grenzen wird klar, dass sie sich erst gar nicht groß ins Gehege zu kommen brauchen. Wie wäre es damit: Wissenschaft untersucht das messbare Wie und Warum, Spiritualität erfühlt das nicht mehr rational erklärbare Wofür. Doch während die Gesetze der Physik für die ganze kohlenstoffliche Welt gelten, kann Spiritualität nur persönlich erfahrbar sein – was naturgemäß mehr Formen, Farben und Varianten hervorbringt als beispielsweise der Auftrag: Zeichne ein Tier! (Der Vielfalt etwas näher käme die Aufforderung: Zeige irgendetwas mit künstlerischen Mitteln…!) Das setzt natürlich das Akzeptieren jeglicher Wahrheiten voraus, die alle gleichzeitig gelten dürfen, obwohl sie sich nominell widersprechen. Aber es ginge, es geht ja nicht um Rationales! Nicht im Spirituellen. Das dient ja gerade der Auflösung dieser Grenzen. Der Befreiung von ihnen! (Genauer: der Befreiung des Geistes aus seiner Enge – denn die Grenzen des Kausaldenkens sind ja nicht schädlich – außer, der Geist bleibt an ihnen kleben… In die Transzendenz muss er schon hinaus!) Nur Missionierung sperrt, als Feindin jeder Freiheit (und damit der Menschlichkeit an sich), die Vorstellungskraft wieder ein – und macht alles schlimmer als zuvor. Bleiben wir im Bild von soeben: Zeichne ein Tier!
Missionierung sorgt dafür, dass alle möglichst die gleiche Kuh zeichnen, und zwar in einer bestimmten Haltung und Farbgebung und natürlich auch mit einer bestimmten Art von Stift. Die Kuh darf nicht andersherum stehen und auf keinen Fall darf ein Pferd daraus werden oder gar ein Rhinozeros oder anderes Einhorn. Gelobt wird nicht ein neuer Einfall, der ist verboten, und auch nicht die schönste Umsetzung des Verlangten (denn die sprengte ja schon wieder das Maß), sondern das gehorsame Bemühen, der Vorgabe zu folgen. Missionierung bedeutet, jedes Herz in eine Uniform zu zwingen, die ihm obendrein zu klein ist. Die daraus resultierende seelische Verkrüppelung nötigt die Betroffenen, sich in alle möglichen Abhängigkeiten zu begeben, solange sie diese nur irgendwie als eine Prothese für etwas erfahren, wovon sie gar nicht merken, dass es ihnen fehlt, weil sie es nie spüren, geschweige denn wachsen lassen durften: ihr inneres heiles Selbst.
Zur Anerkennung mehrerer (bis hin zu theoretisch unendlich vielen) Wahrheiten ist nicht so sehr jene angestrengte Toleranz nötig, deren zweifelhafte Haltbarkeit sich bereits übers Zähneknirschen verrät, als vielmehr die Einsicht, dass unterschiedliche Sichtweisen nichts anderes als spezialisierte Werkzeuge zur Wahrnehmung möglicher Wirklichkeit/en sind – oder sich zumindest so einsetzen lassen: vielleicht nicht alle, aber viele. Es geht ums Prinzip. So wie Menschenaugen ein anderes Bild der Umgebung vermitteln als Infrarotfilter, Nachtsichtgeräte oder eine Hundenase (um beliebige Beispiele zu nennen), lässt sich doch ein- und dieselbe Natur sowohl unter wissenschaftlichen als auch spirituellen Aspekten betrachten… Die Methoden müssen nicht konkurrieren, sondern dürfen sich ergänzen – und dass sie untereinander inkompatibel sind, erleichtert stringentes Arbeiten. Das Ergebnis erst braucht Vermischungen zuzulassen, die dann zum persönlichen „Gesamteindruck“ führen.
Religiosität und Spiritualität lassen sich als Begriffe zwar sinnvoll auseinanderdividieren, zum Beispiel dahingehend, dass das Religiöse den ausgeformten, tradierten Kult bezeichne, während Spiritualität den individuellen Bezug meine – beide jedoch dienen (hier ganz wertfrei gesehen) dem Erklären der Welt: jener Teile, deren der Verstand, wenn er sich auch noch so bemüht, nicht Herr wird. Selbst eher Kind der Aufklärung als religiöser Glaubenssätze, habe ich mich, ohne diese Wurzeln geringschätzen oder gar kappen zu müssen, vom rationalistischen Dogma der Herrschaft des Verstandes längst verabschiedet. Das bedeutet nicht, ihn mit dem Opfermet ausschütten zu müssen. Meinem Verstand (den ich gern benutze – ich lasse ihn sogar trainieren und verschiedentlichen Sport treiben: in Debatten, beim Philosophieren oder beim kritischen Aufdröseln von Nachrichten einschließlich der Frage, warum ich diese Nachrichten bekomme und nicht andere) habe ich lediglich einen Platz zugewiesen, wo er mir dienen kann, anstatt mich zu tyrannisieren. Achtung, nur bedingt zur Nachahmung empfohlen: Es kann sein, dass sich dieserart keine Karriere machen lässt (da ich nie wirklich eine anstrebte, weiß ich nicht, was unabdingbar dafür wäre)! Es macht wesentlich glücklicher, im Zweifelsfall dem Ruf des Herzens zu folgen. Was nicht heißt, dass das besonders leicht ginge oder verlustfrei. Möglicherweise ist es hier und da sogar schmerzhafter. Dafür tragen die möglichen Höhenflüge tatsächlich bis in Bereiche, wo sich deine Persönlichkeit anfängt zu verändern. Kein Muss: Es kommt nur darauf an, was du anstrebst und zulässt. Dort aber geht es bis zur Bewusstseinserweiterung. Darunter verstehe ich, mir des eigenen Bewusstseins so intensiv bewusst zu werden, dass ich den Atem der Großen spüre: weil ich der Auffassung bin, dass das Bewusstsein von ihnen kommt. In gewisser Weise sind sie es selbst, verstehst du?
Was die schöne Ansuz so ganz nebenbei – für mich – zur idealen Schutzrune macht: Wer oder was könnte mich besser schützen als das Vertrauen in diejenigen Großen, mit denen ich im Bunde bin? Woran auch immer du glaubst, Mensch: Du brauchst das Vertrauen, dass sich dein Vorhaben irgendwie ausgeht, dass es gutgehen wird. Wo das fehlt, hast du Angst. Was ist Angst? Gefühlte Götterferne! Du meinst dann, alles aus eigener Kraft bewältigen zu müssen, und was ist aber, wenn… dies und das schiefgeht? Es geht keineswegs nur ängstlichen Menschen so, dass auf einen kleinen Zweifel hin plötzlich eine Angst sich auf die nächste türmt – und das eigentlich unproblematische Vorhaben zunehmend zur Unmöglichkeit gerät. Gib dich den Ängsten hin, dann wird mit der Zeit aus der gefühlten Götterferne tatsächlich Pech: die Abwesenheit von Segen. Wenn ein Missgeschick zum nächsten führt bis zur womöglichen FeNäKe (Fettnäpfchen-Kettenreaktion): peinlich für alle Betroffenen (außer für zu viele amtierende BerufspolitikerInnen, aber bleiben wir bei halbwegs appetitlichen Themen)… Ein pragmatisch gutes Mittel gegen Ängste ist, sie in kleinere zu zerschneiden: Die meisten sind ohnehin nur Aufbauschungen, die aus lauter Bewältigbarkeiten bestehen – wenn sie erst wieder auseinandergedröselt sind. Hier kann ein kritisch-beherzter Verstand gute Dienste leisten! Der nächste Schritt wäre dann, das Vertrauen zurückzugewinnen ins eigene Geschick. Das geht wiederum spirituell am besten. Mach dir klar, dass dein Geist nicht alleine ist – sondern Teil von etwas viel Größerem. Dein Geist ist mit dem deiner Großen verbunden – wer immer sie sind für dich. Was denkst du, woher du ihn hast? Was meint dein Wasserglas, woher es so halbvoll, halbleer oder wenigstens nass sei? Erzähl ihm mal die Geschichte vom Ozean oder wenigstens die vom Wasserhahn… Was immer du je verspürtest an Göttlichkeit – es ist da. So, wie die Sonne auch dann vorhanden ist, wenn Wolken sie verbergen – oder wüstes Wetter den Eindruck erweckt, es hätte nie einen Sonnentag gegeben. In Wirklichkeit gäbe es das Wetter gar nicht ohne den Glutball, den wir umkreisen, den Stern unseres Planetensystems: unsere liebe Sonne. Sie ist nur gerade nicht zu sehen. Das, was von ihr zu sehen ist, wenn sie sich zeigt, ist nur ihr geringster Teil. Aber wissen wir nicht mehr über sie, fühlen wir nicht mehr von ihr? Für die übrigen Göttinnen und Götter und großen Wesenheiten gilt dasselbe.
Womit wir wieder bei der Rune wären: derjenigen, die überhaupt Bewusstsein bedeutet. Niemand weiß, woher es kommt. Es war nicht immer da und wird daher vermutlich nicht ewig währen – aber es kämpft um sein Überleben: immer. In jeglicher Hinsicht und auf allen Ebenen. Es ist das göttliche Prinzip. Menschen haben zwei baugleiche Hirnhälften. In der „dominanten“ Hälfte (bei Rechtshändigen links, bei Linkshändigen rechts oder links) befindet sich das so genannte Wernicke-Zentrum. Das ist der Teil, der uns zum Verstehen und Verarbeiten von Sprache befähigt. Im entsprechenden Teil der gegenüberliegenden Hirnhälfte wird, ich sage es mal verkürzt, das Irrationale verarbeitet. Zum Beispiel die Musik. Zum Beispiel der rettende Einfall. Zum Beispiel die Stimmen der Götter. Jetzt stell dir vor: Die beiden Hälften sind verbunden und es herrscht reger Austausch zwischen ihnen. Es geht ganz einfach. Zeichne oder ritze einen senkrechten Strich, an sein oberes Ende setze einen kurzen Schrägstrich nach unten an, gib dem eine Parallele in der oberen Hälfte des Hauptstriches: Dies ist die Rune Ansuz. Imaginiere dieses Zeichen für Frieden zwischen deinen Hirnhälften. Solch ein Frieden begünstigt das Denken wie das inspirierte Fühlen gleichermaßen. Er befördert die Kommunikation – das richtige Wort zur rechten Zeit, die zündende Rede, die treffende Aussprache – bis in ihre höchsten Formen: Dichtung und Gesang. Selbstverständlich ist „das Göttliche“ auch Quell aller Inspiration, jeglicher Idee, jeden Einfalls. Der uralte, ewig von Sterblichkeit bedrohte Triumph des Geistes über das Unbewusste steckt darin – und schwingt noch wortwörtlich in den Begriff der „Begeisterung“ hinein, der jene freudige Beseeltheit ausdrückt, die nicht nur das Gemüt erhellt, sondern meist zusätzliche Gedanken sprühen lässt: Eine Idee kommt niemals allein, sie sucht stets Gesellschaft.
Mich begeisterte diese: Spiritualität als persönlicher Entwicklungsauftrag. Keinerlei weisungsbefugtes Bodenpersonal. Wo geht‘s lang? Immer der Eingebung nach! Und wenn keine da ist? Dann trommle ich mir eine oder tanze – wenn dir das nicht liegt, such dir deine eigenen Methoden. Nachmachen ist Zwischenschritt, Eigenbau besser. Keine Gottheiten, an die ich „glauben“ müsste – dafür welche, denen ich begegnen kann. Die einen sind in physischen Entsprechungen präsent – Erde, Sonne, Mond… – andere verkörpern sich in Zuständen – Sinnlichkeit, Fülle, Liebe, Erlaubnis – alle leben sie in Gefühlen. Meinen. Ja, die meisten ihrer Namen habe ich aus der Edda, wo ich auch die ersten Beschreibungen las, was diese Großen anstellen oder was mit ihnen anzustellen sei. Aber dort konnte ich sie unmöglich lassen. Ihr Ruf zog mich in ihre Welt – so zog ich ihre Beschreibungen in meine. Zudem zeigten sich die Großen mir nicht nur in diesem oder jenem Buch. Rückblickend verwundere ich mich fast, dass ich sie zwischen jenen engen Zeilen überhaupt entdecken konnte. Aber ich hatte wohl einfach die Nasenspitze nah genug dran gehabt. An der ergriffen sie mich und zogen mich mit Schwung nach draußen: dorthin, wo Regen stürmt und der Boden matscht. Wo die Sonne gleißt und Wolken sich türmen. Wo Dornen kratzen, Insekten nerven und der Kompass streikt – und mir auf einmal der Kiefer runterhängt auf der Lichtung. Wo ich alles vergesse, was ich gelernt habe. Um etwas ganz anderes zu erfahren.
„Es war kalt. Ich ging in die Hocke, griff der Kruste ins harsche Weiß. Der Schnee schockte mir die Hand nass. Ich tat mir die Kristalle auf die Wangen, flüssige Kälte lief mir den Hals hinab wie ein Gebirgsbach. Als ich aufschaute, stand ein Mädchen auf der Lichtung. Ihr vielleicht zwölfjähriges Lächeln war todernst, doch aus ihren Augen sangen vergessene Zeitalter. Ich erinnere mich nicht, was sie anhatte, denn mein Blick fiel immer wieder links und rechts auf ihre schmalen Hände. Die kraulten ruhig und zärtlich die Nacken von zwei silbergrauen Wölfen. ‚Du weinst ja‘, sagte sie. ‚Nein‘, sagte ich. ‚Es ist nur das Eis, das schmilzt.‘“
(„Das Lächeln des Eises“, 1994)
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