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Dr. med. Erich Freisleben
Ansichten
eines Hausarztes
ISBN 978-3-99025-511-7
Alle Rechte vorbehalten
© Freya Verlag 2021
Satz/Cover: freya_art
Lektorat: Mag. Dorothea Forster
Fotos: Hannelore Schild-Vogel, Adobe Stock: Vector Tradition
Der Inhalt dieses Buches wurde mit größter Sorgfalt erstellt, doch wie jede Wissenschaft entwickelt sich auch die Medizin ständig weiter. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der Inhalte kann keine Garantie übernommen werden. Eine Haftung des Autors und des Verlags für Personen-, Sach- oder Vermögensschäden ist somit ausgeschlossen.
Vorwort
Ein Stimmungsbild aus der Hausarztsprechstunde zur Corona-Zeit
Lauter echte Sorgen
Von April 2020 bis April 2021 – Was ist bloß geschehen?
April 2020 – Gemeinschaft und Hoffnung
April 2021 – Spaltung und Ermüdung
Die Medizin früher: Besonnene Eingriffe ins Naturgeschehen
Die Medizin heute: Kommerzialisierung und Vertrauensverlust
Politische Weichenstellungen in der Corona-Pandemie.
Die erste Weiche: einseitige Festlegungen und der Verzicht auf Abwägung
Der Panik-Plan
Die drei Sorten der Angst
Positionskämpfe
Die Hintergründe der streitenden Akteure
Zwischen den Polen: ungehörte Wissenschaftler
Politische Weichenstellungen in der Corona-Pandemie. Die zweite Weiche: Moralverwirrung und Verrat am Hippokratischen Eid
Ethik als Kampfbegriff
Der Tübinger Weg
Das Querdenker-Phänomen
Die „Esoteriker“
Das Impfthema
Die Neuartigkeit der Corona-Impfstoffe
RNA-Impfstoffe
DNA-Impfstoffe
Vektor-Impfstoffe
Eigene Erfahrungen in der Impfpraxis
Ein schändlicher Aufruf: Impfung als Voraussetzung für den Schulbesuch
Die Presse sekundiert der neuen Leichtsinnigkeit
Politische Weichenstellungen in der Corona-Pandemie. Die dritte Weiche: der Wahn totaler Kontrolle
Richtung ohne Ausweg
Parteien und Parlamentarismus im Corona-Schlaf
Verschwörungserzählungen
Kern meiner Kritik
Ein nüchterner Blick auf das Corona-Virus
Eine Gefahrenbewertung
Welche Infektionsinzidenz darf zugelassen werden?
Offizielle Statistiken geben Antworten
Zwielichtige Rolle der WHO
Kosten der Pandemie und andere Kollateralschäden
Brennende Fragen
Schwache Widerstandskräfte
Die globale Transformation
Wer profitiert am meisten?
Crash-Kurs: Arzneimittel, Ausbeutung, Macht
Eine Rechnung mit dem Wirt
Der kritische Geist
Der besonnene Mittelweg
Frische Antworten – Erkenntnis und Aufbruch
Aufbrüche
Die Wahrhaftigkeit
Persönliche Schlussbetrachtung
Zwei Arten des Wahns
Nachtrag
Der Clou zum Schluss
Quellen
Vorwort
Hausärzte müssen sich täglich immer wieder aufs Neue fragen, ob sich ihre Entscheidungen, Verordnungen und Ratschläge für die Patienten wirklich zum Besten auswirken. Wir sind aber nicht allein Spezialisten für Organprobleme, sondern müssen Krankheit auch immer im Kontext ihrer Zusammenhänge betrachten. Dazu sind wir Teil des Gesundheitssystems und der allgemeinen gesellschaftlichen Umstände. In dieser Gemengelage fallen die Antworten von Ärzten auf gesundheitliche Probleme nicht immer gleich aus. Weil ich mich nach vierzig Jahren ärztlicher Tätigkeit allmählich aus dem Berufsleben verabschiede, hatte ich das Bedürfnis, zuvor noch von meinen Erfahrungen aus mehreren zehntausend Patientenbegegnungen und von der Entwicklung unseres Medizinsystems Zeugnis abzulegen. Deshalb veröffentlichte ich im Sommer 2020 ein Buch mit dem Titel Medizin ohne Moral.
Mit dem doch sehr kritischen Titel hatte ich lange gerungen und wollte ihn zunächst mit einem Fragezeichen abschwächen. Denn es ging mir nicht um Anklage, sondern vielmehr um ein Aufrütteln angesichts der Ökonomisierung des so wichtigen Sektors Gesundheit. Das Buch, das Sie nun in den Händen halten, schrieb ich zwischen Januar und August 2021. Beurteilen Sie nach dessen Lektüre selbst, ob bei seinem Vorgänger besser ein Fragezeichen angebracht gewesen wäre.
In meiner Praxis bin ich täglich mit allen Fragen rund um Corona beschäftigt. Grundsätzlich halte ich politische Einschätzungen aus meiner hausärztlichen Arbeit heraus. In diesem Buch beschäftige ich mich jedoch ganz bewusst auch damit, denn es geht mit Corona um ein Virus, das in seiner pandemisch auftretenden Variante eine eminent politische Bedeutung erlangt hat.
Ich habe das letzte Jahr Revue passieren lassen und bin den Ereignissen mit Reflexionen, Informationen und Fragen auf den Grund gegangen. Denn eines ist ganz klar: Diese Pandemie und ihr Management werden für unsere Zukunft eine kaum zu überschätzende Bedeutung haben.
Corona betrifft mich nicht nur in meiner ärztlichen Tätigkeit und Haltung, sondern, wie jeden anderen Mitmenschen, ebenfalls persönlich. Wer wie ich Kinder und Enkelkinder hat, dem mag es besonders auch darum gehen, unseren Nachkommen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen. In diesem Sinne ist es besonders wichtig, genau hinzuschauen.
Ein Stimmungsbild aus der
Hausarztsprechstunde zur Corona-Zeit
Lauter echte Sorgen
Morgens um acht. Die gefaxten Laborbefunde sind schnell überblickt, die E-Mails gelesen. Aus dem Stapel der Post sortiere ich eilig die Werbung aus. Die Überschriften der Studien in den neuesten medizinischen Fachzeitschriften kann ich nur überfliegen. Die Hälfte des Kaffees in der Tasse neben der Tastatur bleibt unberührt.
Meine erste Patientin Frau Schmidt möchte ihre Befunde erläutert haben. Schnell kommen wir darüber auf das Thema Ernährung. Sie klagt, alles sei ihr über den Kopf gewachsen. Mit ihren Mitarbeitern einer Werbeagentur tauscht sie sich online aus. Ihre beiden Kinder, wegen Corona zu Hause beschult, sind ständig um sie herum. Um selbst arbeiten zu können, stellt sie den Nachwuchs mit Videos und Hörbüchern ruhig. Sie macht sich Vorwürfe deswegen, denn bisher hatte sie den Medienkonsum immer altersverträglich gehalten. Frau Schmidt weint. Sie schaffe es nicht mehr: Home-Work, Home-Schooling, Haushalt und keinen persönlichen Ort zum Entspannen. Mein Mitgefühl und Verständnis können sie für einen Moment trösten. Mehr kann ich nicht für sie tun.
Das Gesicht meiner nächsten Patientin ist arg zerkratzt, an der Stirn prangt ein taubeneigroßer Bluterguss. Sie versorgt ihre kranke Mutter in der Nachbarwohnung, ihr letztes noch lebendes Familienmitglied. Sie fürchtet, sie könnte ihrer Mutter eine Infektion einschleppen und kann nicht verstehen, dass Menschen keinen Mund- und Nasenschutz tragen. In der U-Bahn geriet sie deshalb in Streit mit einer jungen Frau, die ohne Maske telefonierte. Im Laufe des Wortgefechts rastete die Frau aus, schlug meine Patientin und zerkratzte ihr das Gesicht. Im Gespräch bemühe ich mich, ihr zu helfen, den Schock zu verarbeiten. Dokumentation und Versorgung der Verletzungen, Kontrolle des Tetanus-Impfschutzes und Monitoring von eventueller HIV- und Hepatitis-Übertragung runden die Behandlung ab.
Herrn Bäumer habe ich eine traurige Mitteilung zu machen. Seit Wochen litt er unter einem trockenen Husten und war aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus erst spät zur Untersuchung gekommen. Das Röntgenbild seiner Lunge zeigt einen deutlichen Hinweis auf Krebs. Nach unserem ausführlichen Gespräch bemühe ich mich, ihm dennoch ein Stück Zuversicht zu geben. Ich telefoniere in seinem Beisein mit einem Krankenhauskollegen, um ihn schnellstmöglich in kompetente Behandlung zu vermitteln. Beim Abschied bekommt der bisher gefasst Wirkende doch noch feuchte Augen: „Wie soll ich das bloß meiner Frau sagen?“
Ein Anruf wird durchgestellt. Frau Sommer, 88 Jahre, eine Stammpatientin. Ihr 94-jähriger Ehemann hat einen Impftermin erhalten. Sie sorgt sich, ob er wegen seiner Gebrechlichkeit die Impfung verträgt. Ich wäge mit ihr alle Bedenken und Eventualitäten ab, kann ihr aber eine letzte Ungewissheit nicht nehmen. Nachdem wir zu dem Schluss kommen, dass er sich impfen lassen solle, tönt aus dem Hintergrund seine Bassstimme: „Frag den Doktor, ob man sich impfen lassen muss!“
Bei einem kurzen Abstecher in unseren Sozialraum begegnet mir mein Kollege in gedrückter Stimmung. „Herr Besten ist gestorben“, teilt er mir lapidar mit. Er hatte den bettlägerigen alten Herrn nach der Sprechstunde häufig zu Hause besucht, um seine ausgedehnten Beingeschwüre chirurgisch zu reinigen. Eine Puzzlearbeit, die er aus Gutwilligkeit auf sich nahm. Als ihn der Aufwand überforderte, wies er den Mann ins Krankenhaus ein. Kurz vor seiner Entlassung erkrankte Herr Besten an einer Corona-Infektion und verstarb daran.
Auf dem Rückweg ins Sprechzimmer, den neuen Versuch eines Kaffeegenusses in der Hand, treffe ich auf meine leitende medizinische Fachangestellte. Entnervt lässt sie Dampf ab: „Corona, Corona, Corona, das hält doch kein Mensch aus! Ich sitze nur noch am Telefon und beantworte Fragen. Wenn ich die alle zu Ihnen durchstellen würde, könnten Sie überhaupt nicht mehr arbeiten.“
Bei der nächsten Patientin dreht es sich um ein Attest zur Befreiung von der Tragepflicht einer Schutzmaske. Frau Heim war als junges Mädchen vergewaltigt worden. Immer, wenn sie die Maske aufsetze, kämen Bilder in ihr hoch, wie ihr bei dem Vorfall der Mund zugehalten worden war. Sie werde dann panisch. Seit diesem Vorfall könne sie auch keine Schals mehr tragen. Eine schwierige Abwägungsfrage!
In der Kabine für kurze Konsultationen schaue ich mir die Wunde am Oberarm von Herrn Senftleben an. Während der Wundversorgung erzählt mir der selbstständige Kameramann, seine Auftragslage sei wegen der Pandemie eingebrochen. Lange könne er die finanziellen Einbußen nicht durchhalten. Anspruch auf Hartz IV habe er allerdings erst, wenn er seine Rücklagen fürs Alter aufgezehrt habe.
Die nächste Patientin dränge ich geradezu zur Krankschreibung. Die Krankenschwester arbeitet auf einer geschlossenen psychiatrischen Station im Schichtdienst und hat schwere Schlafstörungen. Wegen Personalmangels hatte sie kaum freie Tage. Die AHA-Regeln seien bei etlichen Patienten gar nicht durchsetzbar. Ein Kollege ist wieder einmal von einem psychotischen Menschen angegriffen worden. „Ich kann einfach nicht mehr! Aber wenn ich ausfalle, habe ich ein schlechtes Gewissen gegenüber meinem Team.“
Und so geht die Sprechstunde weiter. Sorgen um die eigene Gesundheit, um die Kinder, um die Existenz. Verwirrungen durch die Nachrichtenfülle. Überforderung. Erschöpfung. Resignation.
Als letzte Patientin kommt Frau Berger, eine Erzieherin kurz vor der Berentung. Sie zeigt eine Region am Fuß, die bei jedem Schritt schmerzt. Fersensporn lautet meine Diagnose. Ich verordne ihr Schuheinlagen und will sie für eine Woche krankschreiben. „Nein, lassen Sie nur“, antwortet sie. „Ich habe ja nur noch ein paar Wochen. Bei uns ist alles durcheinander, die Eltern rangeln um die Notbetreuung, die Kolleginnen haben tägliche Diskussionen. Meine Kinder tun mir am meisten leid. Von den Nachrichten ist man ja noch mehr verwirrt.“ Ihr Resümee: „Herr Doktor, das kommt mir alles so merkwürdig vor.“
In der Sprechstunde äußere ich mich nie zu politischen Angelegenheiten, auch nicht zur Corona-Politik. Auf der Heimfahrt im Auto aber sortiere ich meine Eindrücke und Gedanken. Ich passiere die Gebäude meiner einstigen Ausbildungsstätte, der Infektionsabteilung des Rudolf-Virchow-Krankenhauses. Auf der Isolierstation haben wir damals die ersten HIV-Patienten behandelt, im Kellergeschoss die Versorgung von hochansteckenden Krankheiten wie Ebola und Lassafieber geprobt. Wir lernten, uns zu schützen, die Angst vor Infektionskrankheiten aber verloren wir. Ich habe sie auch heute vor Corona nicht, obwohl ich altersgemäß zur Risikogruppe gehöre. Ich schätze das Arsenal der Medizintechnologie sehr. Das eigentliche Wunder ist für mich aber die Natur der Menschen, ihre Resilienz, ihre Immunabwehr und ihre Regenerationsfähigkeit. Viele Stürme des Lebens können so ausgehalten werden. Aber die Seele darf nicht Zuversicht, innere Würde und Selbstgewissheit verlieren. Ein nachhaltiger Schutz des Menschen braucht beides – moderne Heilmittel und eine Stärkung seiner Natur.
Die Pandemie macht Angst. Nicht nur die persönliche Gesundheit braucht immer wieder Ausgleich, um zur Harmonie zu gelangen, sondern auch die der Gesellschaft. Werden wir die Balance wiedererlangen?
Von April 2020 bis April 2021 –
Was ist bloß geschehen?
April 2020 – Gemeinschaft und Hoffnung
Die ersten Nachrichten über ein neues Virus in Wuhan klangen spannend, der Ort des Geschehens lag in einem weit entfernten Teil der Welt, für die meisten von uns außerhalb unseres Reisehorizonts. Blitzartig landeten jedoch die Probleme direkt vor unserer Tür. Eine Verletzlichkeit unseres Lebens, mit der wir nie ernsthaft gerechnet hatten, wurde in kürzester Zeit Realität. Als wir begriffen, dass wir selbst inmitten einer Pandemie waren, kam die Angst.
Die Berichte von den Toten in Bergamo erzeugten in den Industriestaaten einen Schock: Hilfloses Sterben auf der Straße inmitten unserer Welt der Technik, der Versicherungs- und Sozialsysteme. Der erste Lockdown stand im Zeichen des Versuchs einer solidarischen Abwehr dieser Gefahr. Die Angst vor dem Virus machte uns demütiger und lehrte uns unmissverständlich, dass in schwierigen Zeiten Mitmenschlichkeit unser Leben aufrechterhält. In der Not des ersten durch Corona bedingten Ausnahmezustands stellten wir fest, dass die schlecht bezahlten und bürokratisch überfrachteten Helferberufe wichtiger sein können als höchst alimentierte Manager, Star-Anwälte und Technologie-Giganten.
Der Verzicht auf die Freiheiten unseres gewohnten Lebens wurde damals noch im allgemeinen Konsens getragen. In den Medien tauchten ungewohnt häufig auch besinnlich-kritische Reflexionen über unsere moderne Lebensweise auf. Bisher konnte sich die Weltpolitik nicht auf die Begrenzung der Erderwärmung einigen und jetzt mussten wir anerkennen, dass das kleine Virus uns eine Atempause verschafft hat, indem es den Energieverbrauch der Flugzeuge, Kreuzfahrtschiffe, Fabriken und Autos massiv abwürgte. Würde uns diese Erfahrung zu einem vernünftigen Umgang mit unserem globalen Lebensraum und seinen begrenzten Ressourcen verhelfen?
Die Krise deckte auch versteckte Missstände auf. Ein Nadelöhr bei der Bewältigung stellten in den meisten Ländern die Gesundheitssysteme dar, die sträflicher Weise sehr vernachlässigt worden waren. Denn die helfenden Berufe lagen im Schatten des lauten Getriebes von mehr Wachstum und Prosperität. Über Jahre war der Personalbestand an Ärzten, Pflegern und Amtsmedizinern heruntergefahren worden. Dies wurde nun zu einem Kernproblem der Krisenbewältigung. Auch die weltweite Verlagerung der Produktion von Standardmedikamenten und medizinischen Schutzbedarfsartikeln in Billiglohnländer fiel uns auf die Füße. Die Erkenntnis: Die gnadenlose Rationalisierungsphilosophie von Ökonomen kann zur todbringenden Falle werden. Die Reflexion machte uns bewusst, dass nahezu alle Infektionsausbrüche der letzten Jahrzehnte etwas mit unseren Lebensverhältnissen, Lebensstilen und modernen Produktionsweisen zu tun hatten.
Eine Atmosphäre von Besinnung, Hilfsbereitschaft, Gemeinschaftsgeist, ja sogar einer ungewohnten Demut durchwehte unsere Republik.
Eine Chance schien sich aufzutun, etwas zu ändern, was schon lange als düstere Zukunftsahnung im Hintergrund lauert und für das bislang die Kräfte fehlten – die große Aufgabe, Licht und Schatten des Fortschritts endlich miteinander in Einklang zu bringen.
April 2021 – Spaltung und Ermüdung
Eine allgemeine Erschöpfung nach einem Jahr Pandemie war überall spürbar. In der Gesellschaft taten sich tiefe Risse auf, sie reichten sogar bis in die Freundschaftsbeziehungen und Familien. Das traurige Ergebnis: Der Ton in den Medien war rau geworden. Gegenseitige Beschuldigungen beherrschten die Kommunikation. Die Ansichten versteiften sich in polaren Auffassungen. Manche Gräben waren kaum noch zu überbrücken. Während der langen Lockdowns hatten viele Menschen ihr gewohntes Leben verloren. Kinder spielten kaum noch, saßen vor den Bildschirmen und wurden übergewichtig. Kein Sport, kein Vereinsleben, keine Kultur, keine Abwechslung. Gelacht wurde selten, und wenn, dann sahen wir es kaum in den maskenverhüllten Gesichtern. Seit den Bildern von Bergamo blieb ein Gefühl von drohender Todesnähe zurück. Wie in einem Crashkurs eigneten sich die Menschen wissenschaftliches Know-how über Infektionsgeschehen an, ungezählte Meldungen über Fakten und noch mehr Meinungsbeiträge waren zu verdauen. Wir lernten viel, verstanden aber wenig. Über ein halbes Jahr Angst, Stillstand, Masken, Isolation – ein Leben ohne Freude. Die Stimmung glitt in stille Resignation. Nur die Impfung kann uns aus dem eingefrorenen Leben befreien, lautete die immer wiederkehrende Botschaft. Sie sollte uns unser altes Leben zurückgeben.
Bekommen wir es wirklich zurück?
Vielleicht werden wir eine vergleichbare Lebensqualität nur dann wiederbekommen, wenn wir an der Pandemie aufwachen, wenn wir Klarheit schaffen. Die Zeit zu glauben, andere würden uns schon ein warmes Nest bereiten, ist vorbei. Die Risse in unserem Gemeinwesen sind brandgefährlich. Die Verwirrung ist groß. Bewusstsein und Aktivität werden von uns gefordert. Lassen wir die Ereignisse noch einmal an uns vorüberziehen und analysieren wir. Lernen wir mit Kopf und Bauch zu verstehen, worum es geht.
Die Medizin früher:
Besonnene Eingriffe ins Naturgeschehen
Den Infektiologen früherer Zeit waren die unterschiedlichen Gefahren von Infektionsgeschehen vom Wesen des Erregers und von den Gesamtumständen her vertraut. Sie waren darin geschult, aus akribischer Anamnese und genauer Beobachtung eine Krankheitssituation und deren Gefährlichkeit oft schon treffsicher zu erfassen, bevor überhaupt serologische oder bakterielle Untersuchungen vorlagen.
Der Blick auf das Verhältnis von Erreger und Immunsystem hatte einen anderen Fokus als heute. Der Begriff der „Empfänglichkeit“ spielte eine viel größere Rolle, denn das menschliche Immunsystem galt als ein bestens funktionierendes und an Sinnhaftigkeit nicht zu übertreffendes Schutzsystem des Körpers. Wenn der Mensch dennoch für eine Krankheit empfänglich ist, dann hat es aus dieser Sicht Gründe. Entweder gilt es, wie in der Kindheit, den Erreger erst einmal kennenzulernen und die ersten Abwehrstoffe zu produzieren. Infektionserkrankungen können aber auch den vorteilhaften Effekt haben, vorhandene Antikörper zu „boostern“, also aufzufrischen. Ein anderer Grund für das Auftreten von Symptomen, oft auch mit schwererem Verlauf, kann der Verlust von Abwehrkräften bei körperlicher und seelischer Beeinträchtigung oder im höheren Alter sein. Erreger, die per se hochgefährlich waren, bilden die Ausnahmen. Vor ihnen hatte man sich zu wappnen mit allem, was zur Verfügung stand.
Die Auseinandersetzung des Immunsystems eines Individuums mit den Erregern der Außenwelt wurde als ein sinnhafter und notwendiger Prozess betrachtet, um lebenstüchtig zu werden. So, wie ein Training der Muskulatur, die durch Bewegung gestärkt wird. Wie bei der täglichen Muskelarbeit immer wieder auch Arbeitsunfälle geschehen oder beim Sport schlimme Verletzungen auftreten können, nahm man auch beim Immunisierungsprozess Gefährdungen als nicht absolut vermeidbar hin. Und so, wie wir Arbeitsschutzmaßnahmen ergreifen und Sportgeräte sicherer machen, ergriff man auch Schutz vor den Infektionsgefahren. Hygiene, Umsicht im Umgang mit den Schutzbarrieren des Körpers und Vermeidung von Überforderung der Regenerationskräfte waren die wichtigsten Maßnahmen. Die Impfungen galten als ergänzender Schutz für solche Erreger, die für den Infizierten tödliche oder schwere Gesundheitsfolgen mit sich brachten.
Meinem Abteilungschef gab seine Kompetenz das Recht, auch Meinungsunterschiede glaubhaft zu vertreten Er sah beispielsweise die Influenza-Impfung nicht als besonders hilfreich an. Zum einen, weil mit der frühen Generation der Impfstoffe noch mehrere Fälle von schweren Nebenwirkungen wie das lebensgefährliche Guillain-Barré-Syndrom auftraten, eine autoimmun ausgelöste Entzündung der Nerven und des Rückenmarks. Drei solcher Fälle behandelten wir auf unserer Abteilung. Zum anderen aber hielt er die Impfung im Abgleich zwischen Gefährdung und Nutzen für einen Großteil der Bevölkerung nicht für zielführend. Ihn störte, dass sie seiner Ansicht nach den natürlichen Immunisierungsprozess der Bevölkerung behindere. Die Sorge vor einer gefährlichen Pandemie ähnlich der Spanischen Grippe von 1918, die weltweit 50 Millionen Tote kostete, trieb ihn nicht um. Denn inzwischen hatten jährliche mehr oder weniger ausgeprägte Wellen von Influenza-Infektionen eine „stille Feiung“, also eine meist symptomlos verlaufende Immunisierung der Bevölkerung durch regelmäßigen Erregerkontakt bewirkt. Diese verleiht, so sein Argument, trotz der Mutationen der Influenzaviren, der Bevölkerung auf Dauer einen zumindest teilweisen Abwehrschutz, der schlimmere Ausbrüche verhindert. Heute, vierzig Jahre später, werden die Belege für den Vorteil der alljährlichen Grippeimpfungen immer noch kontrovers diskutiert. Das Erkrankungsrisiko in Ländern mit hoher Impfrate ist nicht größer als das mit niedriger. [1]
Inzwischen gibt es jedoch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen, die den allgemeinen Wert des natürlichen Kontakts von Erregern auf den dauerhaften Zustand des menschlichen Immunsystems herausstellen. Für bestimmte Patienten ist die Influenza-Impfung sicher ein Vorteil, zumal die Nebenwirkungen heute geringer sind. Da viele Patienten denken, die Grippeimpfung helfe statt nur bei der Influenza auch bei den banalen grippalen Infekten, hat die alljährliche Impfung für einige auch einen psychologischen Nutzen.
Das pharmakologische und technische Instrumentarium war zu Beginn meiner Ausbildung noch völlig bedarfsorientiert. Die Erfindungen richteten sich ganz überwiegend nach Anforderungen, die sich aus dem Hilfebedarf der Ärzte für die wesentlichen Krankheiten in der täglichen Praxis ergaben. Schaden zu vermeiden hatte eine hohe Priorität.
Die zunehmenden technologischen Möglichkeiten
und die allgemeine Kommerzialisierung unserer modernen Lebensweise führten über die letzten Jahrzehnte allerdings auch in der Medizin zu einer folgenreichen Wandlung.
Die Medizin heute: Kommerzialisierung und Vertrauensverlust
In meinem Buch Medizin ohne Moral habe ich Sie hinter die Kulissen dessen sehen lassen, was allgemein als Ökonomisierung der Medizin beklagt wird. Dem Bestreben unserer technologischen Potenz, unablässig fortzuschreiten, verdanken wir unzählige Erleichterungen und Annehmlichkeiten unseres heutigen Lebens. Dass die Technisierung aber auch Schattenseiten hat, lehrte zuerst das Entstehen eines Industrieproletariats im ausgehenden 19. Jahrhundert und später die brutaler werdende Kriegsführung, vom Giftgaseinsatz im Ersten Weltkrieg bis zum Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki im Zweiten. Zivile Nuklearkatastrophen in unserer Zeit zeigten uns die Grenzen ebenso auf wie der Klimawandel und das Artensterben. Dazu haben sich im Zusammenhang mit dem Energiebedarf der industrialisierten Länder nach den beiden Weltkriegen Licht und Schatten in den Weltregionen unterschiedlich verteilt. Während die einen leidlich befriedet die materiellen Vorteile genießen, sind die Kriege sozusagen ausgelagert, vornehmlich in Regionen, in denen die notwendigen Ressourcen für den Prozess der Technologisierung lagern. Dort, wo Öl, Gas und Bodenschätze zu finden sind. Die Pandemie hat uns einen Vorgeschmack davon gegeben, dass unser Frieden und Wohlstand nicht gesichert sein könnten.
Die Technologisierung verbessert also vieles, hat aber eben auch Schattenseiten. Global gesehen verschärft sich durch sie die materielle Ungleichheit in der Welt. Als hauptsächlichste Nebenwirkung in den begünstigten Ländern ist wiederum eine immense Beschleunigung des Lebensrhythmus, ein kopfloser Turbo, der Zeitmangel und Hektik mit sich bringt, zu beklagen. Die Dynamik der Innovationen wird maßgeblich durch Gewinnerwartungen befeuert, heute vor allem durch die von Großinvestoren.
In der Medizin verdichtet sich diese Mischung aus Beschleunigung und Profitorientierung. Die Medizintechnologie wächst besonders rasant. Dies bringt einerseits natürlich zahllose bessere Behandlungstechniken hervor. Andererseits lebt der kommerzialisierte Antrieb der Technologisierung in der Medizin, wie in anderen Bereichen des Wirtschaftslebens auch, von einer permanenten Steigerung des Konsums, die auch hier zu sinnleerer Überproduktion führt. Während genauso, wie im allgemeinen Leben, der Bedarf durch Werbeversprechen geweckt wird, herrschen bezüglich eines Preiswettbewerbs in der Medizin andere Verhältnisse. Neue Technologien sind vor allem eine Domäne der Spezialisten. Diese kümmern sich nicht wie der normale Konsument um das Preis-Leistungsverhältnis. Überhaupt haftet der Frage nach dem Preis bei Gesundheitsprodukten der schlechte moralische Beigeschmack an, beim hohen Gut der Gesundheit geizen zu wollen. Die konkurrierenden politischen Parteien und die im gegenseitigen Wettbewerb stehenden Krankenkassen haben große Angst vor einem Image-Verlust, wenn sie für Innovationen nicht zu zahlen bereit sind. Dies beschert den innovativen Technologie- und Pharmakonzernen eine paradiesische Vermarktungslage, bei der sie weit überhöhte Preise verlangen können.
Wer die Mechanismen kennt, wie ich sie in meinem ersten Buch beschrieben habe, weiß, warum die Gesundheitsversorgung selbst in wohlhabenden Industrieländern in Bezug auf das allgemeine Versorgungsniveau immer schlechter wird. Wie sehr uns die schleichende personelle Verknappung auf die Füße fällt, beweist nicht nur der Verlauf der Pandemie, sondern gerade auch der Umgang mit ihr, wie sich zeigen wird.
Weil die Abwägung zwischen Fortschrittsversprechen und Kostenfolgen weitgehend unkritisch gehandhabt wird, hat sich in den großen Konzernen für Medizinprodukte und Medikamente inzwischen ein unfassbarer Reichtum angesammelt. Deren Aktien gehören zuverlässig und dauerhaft zu den Markt-Champions. Aktien sind vor allem eine Wette auf die Zukunft. Deshalb können sich gerade die innovativen Firmen über einen schier unbegrenzten Kapitalzufluss freuen. Aktionäre wollen aber auch Rendite. Aus diesem Grund bleiben nur Firmen am Markt, die diese letztendlich bieten können. Im Kampf der Pharma-Giganten um die vorderen Plätze wird weit mehr Geld in Marketing als in die Forschung gesteckt.
Das Erfolgsstreben in der Medizinsparte wird auf drei Schauplätzen ausgetragen.
1 Das allgemeine Gesundheitsbewusstsein beeinflussen.
2 Vermarktungshemmnisse abbauen.
3 Neuen Bedarf schaffen.
Unser solidarisch strukturiertes Gesundheitssystem verbietet weitgehend, dass Krankheit nach Geldbeutel behandelt wird. Die Werbung für neue Produkte richtet sich deshalb vorzugsweise an die Spezialmedizin, weil hier die Innovationen besonders zuhause sind. Hauptsächliche Ansprechpartner sind heute jedoch die Gesunden. Sie erreicht man am besten darüber, dass man Ängste um ihre Gesundheit mobilisiert. In zahllosen Medienformaten werden mit Teil- oder Scheininformationen fortwährend Befürchtungen geschürt, für die gleichzeitig das Gegenmittel angepriesen wird.
Der Kern erfolgreichen Marketings sind somit das Gesundheitsbewusstsein und das Angstschüren. Dafür müssen die Produkte der innovativen Konzerne als unverzichtbare Rettungsanker vor Gesundheitsgefahren erlebt werden.
Mit Versprechen, Krankheiten einfach zu besiegen, mit Visionen, „Geißeln der Menschheit“ wie Krebs oder Alzheimer zu beseitigen, ja vielleicht einst das Sterben überhaupt zu überwinden, lassen sich die Menschen nicht nur faszinieren, sondern auch täuschen. Denn die Gesamtzusammenhänge und die Bezahlbarkeit werden selten thematisiert. So entscheidet letzten Endes die allgemeine Grundeinstellung zum Leben über die Markterfolge der Konzerne. Wer sich der Panik und zugleich den rettenden Visionen hingibt, füttert ihren Erfolg. Eine gelassene Einstellung hingegen, welche die Kirche im Dorf lässt, auf natürliche Kräfte baut, Naturheilverfahren bevorzugt und aus einer eher spirituell geprägten Sicht das Werden und Vergehen als unvermeidliches Naturgeschehen hinnimmt, stellt ein bedeutsames Vermarktungshemmnis dar. Daher lautet die zentrale Marketingbotschaft für das Gesundheitsbewusstsein heute: Die Natur ist voller Gefahren und unsere Technologien rettet dich vor ihnen!
Diese Perspektive macht verständlich, warum Befürworter von „sanften“ Behandlungswegen nicht einfach als romantische Träumer hingenommen, sondern zunehmend aggressiv als gefährliche „esoterische“ Spinner diffamiert werden. Naturmedizin, Homöopathie, Erfahrungsheilkunde von Ärzten und heilpraktische Behandlungsalternativen, die mehr auf Regulation als auf Medikamentenkonsum ausgerichtet sind, werden geradezu kampagnenartig als wissenschaftsfeindlich diskreditiert. Damit wird der Wissenschaftsbegriff zum Kampfinstrument um Marktanteile.
Doch was bedeutet „Wissenschaft“?
Eine Begriffsdefinition könnte so lauten: Wissenschaft ist ein von allen Instrumentalisierungen durch Politik, Wirtschaft, Interessensgruppen und persönlichen Eitelkeiten freier und ergebnisoffener Prozess der Wissensfindung, der sich unter bestimmten und überwachten Regeln und dem kritischen Blick von Fachkollegen vollzieht. Wissenschaft ermöglicht damit bestmögliches Detailwissen, welches nicht den Charakter unumstößlicher Fakten hat, sondern jederzeit durch neuere Erkenntnisse überholt werden kann.
Der Wahrheitsgehalt von wissenschaftlichen Ergebnissen durchläuft üblicherweise den Prüfungsprozess des Peer-Review, ein Verfahren zur Qualitätssicherung einer wissenschaftlichen Arbeit oder eines Projektes durch unabhängige Gutachter aus dem gleichen Fachgebiet. Der alles entscheidende Faktor in diesem Qualitätssicherungsprozess ist die Unabhängigkeit der Prüfinstanzen. Unter dem Gesichtspunkt des Marketings wären die Technologie- und Pharmakonzerne allerdings unprofessionell, wenn sie diese Schaltstellen nicht mit maximalem finanziellem Einsatz zu ihren Gunsten beeinflussten.
Jeder Insider des Gesundheitssystems weiß um dieses Problem. Daher haben sich auch Strukturen gebildet, die sich der Lobby-gesteuerten Verbiegung von Wissenschaft entgegenstellen. Aber auch solche Non-Profit-Organisationen wie das international vernetzte Institut Cochrane oder die Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden vom Druck der finanzmächtigen Gegner nicht verschont und sukzessive beeinflusst.
Darüber hinaus üben die Konzerne mit großem Erfolg Druck auf die nationalen und internationalen Sicherungssysteme der Medizinproduktanwendung aus, auf dass diese ihre Standards senken und kritische Wissenschaftler aus den Schaltstellen vertreiben mögen. Auch großzügiges Sponsoring im Gesundheitswesen, sei es finanziell, logistisch oder indirekt durch die Vergabe von Aufträgen, trägt reiche Ernte. Die Universitäten und Forschungseinrichtungen, die Fortbildungsinstitute, die Fachgesellschaften sowie die Ärzte- und Patientenvereinigungen kommen in diesen Genuss, ja brauchen die Zuwendungen teils sogar für ihre Existenz. Auch die Politik, die Zulassungsbehörden und nicht zuletzt das Gesundheitsministerium bekommen dauerhaft Input wie auch Druck aus dieser Richtung.
Eine weitere Stoßrichtung der Vermarktungsinitiativen der Konzerne wendet sich direkt an die Konsumenten. Hierbei besteht der Hebel vor allem in der Einwirkung auf den Journalismus. Eine direkte Einflussnahme besteht darin, einem Medium als zahlender Werbekunde treu zu sein oder ihm eben die Einnahmen durch Anzeigenschaltung zu entziehen. Sie stellen eine wesentliche finanzielle Grundlage für Presseerzeugnisse dar. Zum anderen werden journalistische Wissenschaftsbeiträge gern durch die kostenlose Bereitstellung von Firmenexpertise bereichert. So effizient diese Methoden auch erscheinen – die wirksamste Beeinflussung von Medien geht sehr viel filigraner vonstatten. Sie beruht auf der Verbreitung von Narrativen.
Eine sehr erfolgreiche Story, die besonders bei Intellektuellen zunehmend auf fruchtbaren Boden fällt, besteht darin, dass die Wissenschaft durch esoterische und verschwörerische Kräfte bedroht sei. So zieht man einerseits die Aufmerksamkeit von der viel realeren Bedrohung ab, die in der Verfälschung, Unterdrückung und Selektion wissenschaftlicher Aussagen unter lobbyistischen Einflüssen besteht. Andererseits lassen sich damit viele Kritiker, welche diese Gefahren benennen, einfach in die Ecke von Spinnern rücken. Die Geschichte schlägt also gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie lenkt von Manipulationen ab und diskreditiert gleichzeitig die Kritik daran.
Die angeblich so gefährlich gewordene Esoterik dient in diesem Narrativ als Strohmann, da die wenigsten Kritiker des Lobbyismus tatsächlich unwissenschaftlich denken. Eine wirkliche Blütezeit für spirituelle Strömungen oder solche, die als esoterisch bezeichnet werden könnten, lag in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Sie hat längst einem eher fakten- und zielorientierten Denken Platz gemacht. Wenn heute dennoch solche Bedrohungen beschworen werden, hat dies eine Funktion. Die Diskreditierung von Naturvertrauen hilft, Vorbehalte gegen risikoreiche moderne Entwicklungen in Pharmakologie und Gentechnologie abzubauen. Denn, wer der Natur mehr vertraut als den modernen Technologien, ist ein verlorener Konsument.
In diesem Licht erklären sich auch die massiven Angriffe auf so harmlose Nischenmethoden wie die Homöopathie und Naturheilverfahren, die egal, wie man persönlich dazu steht, zumindest unschädlich und kostengünstig sind und sich niemandem aufdrängen. Wie eine „fünfte Kolonne“ des Pharmakonzern-Marketings agiert diesbezüglich die genannte „Skeptiker“-Bewegung, die vorgibt, der Wissenschaftlichkeit dienen und das Erbe der Aufklärung bewahren zu wollen. Durch das Bestreben der „Skeptiker“, die ganze Bevölkerung auf ihre einseitige Sichtweise festlegen zu wollen, demaskiert sich die Bewegung allerdings als eigentlicher Gegner der oben genannten Definition von Wissenschaft, da diese niemals eine einseitige Ideologie sein kann. Nicht zuletzt verraten sie damit auch die Ideale von Freiheit und Toleranz.
Kennzeichnend für das nahezu sektenhaft zu nennende Vorgehen jener Akteure ist, dass ausgerechnet diese vermeintlichen Anwälte einer reinen Wissenschaft es vermeiden, öffentlich und faktenbasiert in der Sache zu diskutieren. Stattdessen wird über gute Kanäle zu den Informationsmedien beschimpft, gelästert, diskriminiert und mit Halbwahrheiten Wissenschaftlichkeit vorgetäuscht. Nicht durch Widerlegung oder Debatte, sondern durch Herabsetzung der „Gegner“ versuchen sie, Fragen der Lebensführung und vor allem abweichende Wissenschaftsauffassungen aus den Wissenschaftsdiskursen zu verbannen. Es ist tragisch, dass besonders Journalisten aus den Wissenschaftsredaktionen diese boshafte und manipulative Doppelbödigkeit nicht erkennen und Vertreter dieser Ideologie häufig als seriöse Informationsquellen betrachten.
Unterm Strich befinden wir uns somit an einem gefährlichen Kipppunkt bezüglich der Solidität und Wahrhaftigkeit von Wissen. Die finanzielle Macht großer globaler Player im Wirtschaftsleben und deren egozentrisches Agieren haben einen gefährlichen Einfluss auf das Bemühen um unabhängige Informationen.
Falsche Informationen führen zu falschen Handlungen. Das wissen gerade wir Deutschen aus unserer jüngeren Historie. Sie können auch heute wieder unsere demokratische Gesellschaftsstruktur bedrohen. Vielleicht kommt dem Umgang mit der Corona-Pandemie sogar eine schicksalsbestimmende Bedeutung für die Zukunft unseres Landes zu.
Politische Weichenstellungen in der Corona-Pandemie.
Die erste Weiche: einseitige Festlegungen und der Verzicht auf Abwägung
Der Panik-Plan
Zu Beginn der Pandemie empfahl ein Strategiepapier des Bundesinnenministeriums das Schüren von Angst als Methode der Lenkung der Bevölkerung. Es wurde zunächst geleaked und ist mittlerweile auch ganz offiziell auf der Webseite des Bundesinnenministeriums einsehbar. Darin ging man im Mai 2020 von einem Worst-Case-Szenario in Deutschland mit über einer Million Toten aus, was die Bevölkerung zur Akzeptanz von harten Einschränkungen bewegen sollte.
Die Berichterstattung sollte demzufolge den Eindruck erwecken, das Virus könne jeden treffen, ihn töten oder ihm langfristige Gesundheitsschäden zufügen. Jeglicher Relativierung dieser Darstellung sollte entgegengewirkt werden. Das Papier ruft explizit dazu auf, die „konkreten Auswirkungen einer Durchseuchung“ so zu kommunizieren, dass „die gewünschte Schockwirkung“ erzielt würde.
Dazu gehören das Triggern der Urangst des Erstickens, der Hilflosigkeit angesichts um ihr Leben ringender Angehöriger bei der Bevölkerung und das Gefühl bei Kindern, „Schuld daran zu sein“, wenn etwa ein Elternteil „qualvoll zu Hause stirbt“, weil sie etwa „vergessen haben, sich nach dem Spielen die Hände zu waschen.“ [2]
Die radikalen Strategien dieses Papiers betonen die Sorge vor einem unkontrollierten Ablauf der Pandemie, dessen tödliche Folgen allerdings zehn Mal höher als real eingeschätzt wurden. Im Mai 2020 stand noch die Möglichkeit im Raum, durch schnelles und konsequentes Handeln diese Folgen eingrenzen zu können. Die Regieanweisung des Angstschürens behielt jedoch auch noch ihre Wirksamkeit, als neue Erkenntnisse über den echten, wellenförmigen Infektionsverlauf und die Sterblichkeit vorlagen. Explizit warnte das Papier davor, die Krankheit als Problem der „Alten“ anzusehen, und legte Wert darauf, auch die Gefahren für Jüngere zu betonen. Eine Anweisung dazu, die Gruppe der Gefährdeten zu schützen, sucht man darin allerdings vergebens.
Nach einem Bericht der Welt am Sonntag soll das Bundesinnenministerium unter Innenminister Horst Seehofer (CSU) im März 2020 Wissenschaftler mehrerer Forschungsinstitute und Hochschulen im Sinne der Worst-Case-Visionen eingespannt haben. Das Ministerium habe die Forscher des Robert-Koch-Instituts (RKI) und anderer Einrichtungen in der ersten Welle der Corona-Pandemie mit der Erstellung eines Rechenmodells beauftragt, das eine Prognose von über einer Million Corona-Toten in Deutschland wahrscheinlich machen sollte. Basierend auf diesem Modell wollte das Ministerium dem Bericht zufolge strenge Corona-Maßnahmen rechtfertigen. Markus Kerber, Staatssekretär im Innenministerium, so die Zeitung, habe die Forscher in einer E-Mail gebeten, ein Modell zu entwickeln, auf dessen Basis „Maßnahmen präventiver und repressiver Natur“ geplant werden könnten. [3]
Seit dem Herbst 2020 herrschte entsprechend dieser Regieanweisung auf Regierungslinie Daueralarm …
Verweisen auf das Sterben in Bergamo.
Angst schüren vor einer vernichtenden zweiten Welle.
Andeutungen über eine angeblich fehlende Immunität nach Infektion.
Berichte über qualvolles Ersticken und überfüllte Intensivstationen.
Überzeichnen der Gefahr für Jüngere durch beängstigende Berichte über Post-COVID-Verläufe.
Vor allem aber die täglichen Meldungen über Tote und Infektionszahlen hielten den Eindruck alleiniger direkter Kausalität aufrecht.
So nahm die Auswahl der Nachrichten massiven Einfluss auf das kollektive Bewusstsein. Wie in einer stillen Übereinkunft folgten die Mainstream-Medien beim Thema Corona dem vorgezeichneten Szenarium. Die Entscheidung, was berichtet wird und was nicht, formte dann die allgemeine Vorstellung über die Pandemie. Denn die laienhafte Bevölkerung folgte den Erklärungen derjenigen Experten, die Zugang zu Informationskanälen bekommen hatten. Vor der Kulisse der täglichen Zahlen aus dem RKI, den ständigen Warnungen einer handvollen Anzahl immer derselben Politiker und Experten und der ausführlichen Berichterstattung über vereinzelte schwere Verläufe entfaltete sich eine anhaltende Dramatik, welche die anderen großen Probleme der Welt nahezu unsichtbar werden ließ.
Nach einem Jahr Corona-Pandemie liegen die Zahlen auf dem Tisch: Bis Mitte Juni 2021 wurden vom Robert-Koch-Institut 90.000 Tote der Corona-Pandemie zugerechnet. [4] Das Statistische Bundesamt ermittelt fortlaufend die sogenannte Übersterblichkeit. Sie vergleicht dabei die Sterberate monatlich und jährlich mit denen der vier Jahre zuvor. Es gab zwar im Spätherbst 2020 bis Januar 2021 eine erhöhte Sterberate. Diese wurde jedoch durch geringere Sterblichkeit in anderen Monaten fast ausgeglichen. Unterm Strich gab es während der gesamten Pandemie allenfalls eine moderate erhöhte Sterblichkeit. [5] Lediglich für die Altersgruppe der über 80-Jährigen wurde eine erhöhte Sterberate von 10 Prozent ermittelt. [6] Die gezählten 90.000 Toten waren also nicht zusätzlich zum üblichen Sterbeniveau gestorben. Der weitaus größte Teil wäre auch ohne Corona-Infektion auf Grund seiner altersbedingten Verfassung bei anderen Anlässen gestorben. War es notwendig, die Pandemie mit täglichen Meldungen über Todeszahlen zu begleiten, wenn im Rahmen einer Infektionswelle ähnlich wie bei der Grippewelle 2018 in der höchsten Altersgruppe zehn Prozent mehr Menschen früher sterben müssen?
Warum liegt die genannte Zahl an Corona-Toten viel höher als die festgestellte Übersterblichkeit? Welches Interesse könnte hinter einer Dramatisierung stecken?
Laut SWR aktuell begann die Firma Biontech, die bisher in der Krebsforschung tätig war, bereits im Januar 2020 mit ihren Forschungen nach einem Impfstoff und präsentierte im Februar seinen Plan dem Paul-Ehrlich-Institut im südhessischen Langen. [7]
Über den Sommer bis zum Herbst 2020 schälte sich in Deutschland und den EU-Ländern die politische Festlegung auf einen bestimmten Weg zur Pandemiebewältigung heraus, die seitdem wie ein Mantra über allen Entscheidungen schwebt: „Der einzige Weg raus aus der Pandemie ist die Impfung!“
Das deutsche Regierungskonzept: Bis zur Entwicklung und Bereitstellung von Impfstoffen muss das öffentliche Leben zur Abwehr der Infektionsübertragung beschnitten werden. Experten nannten drei Leitwerte für das Maß der Beschränkungen:
Die 7-Tage-Infektionsinzidenz.
Den R-Wert als Maß für die Ansteckungsdynamik.
Die Auslastungskennzahlen der Intensivstationen.
Diese politisch getroffene Fokussierung auf die Impfentwicklung hatte gravierendste Folgewirkungen:
Der Schutz der Alten und am stärksten Gefährdeten blieb weitestgehend aus.
Bis in den Winter 2020 hinein gab es außer Kontaktbeschränkungen keine wirksamen Schutzkonzepte für die Altenheime. Dabei traf es diese Einrichtungen mit Abstand am schlimmsten. Ein Drittel aller COVID-19-Todesfälle stammen daher. 86 Prozent der Verstorbenen war über 70 Jahre alt. Diese Altersgruppe erhielt lediglich symbolpolitisch vor Weihnachten einmalig den Anspruch auf sechs FFP2-Masken.
Warum gab es in den Heimen keine speziellen Schutzkonzepte? Warum wurden Personal und Besucher nicht mit den bereits entwickelten Tests auf Infektionen untersucht?
Warum gab es nicht, wie anderswo, spezielle Einkaufszeiten für Senioren?
Warum gab es keine speziellen Beförderungsmöglichkeiten und Hol- und Bringe-Dienste für die Gefährdeten?
Warum wurde die seit Jahren tolerierte prekäre Situation in der Pflege nicht thematisiert?
Warum wurden die Versäumnisse der Politik in den Medien nicht angesprochen?
Das zentrale Problem geriet so aus dem Fokus der öffentlichen Wahrnehmung: Die Belastung des Gesundheitssystems durch die Pandemie war zum größten Teil hausgemacht. Wie in meinem Buch Medizin ohne Moral beschrieben, hatten jahrzehntelange Einsparungen die Krankenhausbetten reduziert und zur personellen Unterbesetzung der Gesundheitsämter, der Pflegeeinrichtungen und der Hausarztpraxen geführt. Wesentliche Ursachen für die Bilder von Bergamo wie auch, etwas abgeschwächt, für die Lage in Deutschland, sind als direkte Folge des Spardrucks auf die Gesundheitssysteme anzusehen. Echte Anstrengungen, wie beispielsweise eine Einstellungsoffensive für das Gesundheitswesen mit attraktiven Konditionen oder nachhaltige Strukturverbesserungen, nahm man selbst angesichts der Pandemie nicht in Angriff. Die Pflegekräfte bekamen wohlfeiles Lob für ihren Einsatz und Mitleid für ihre Überforderung, jedoch keinerlei Entgegenkommen bei ihren Forderungen nach Änderungen. Ihre Demonstrationen in zahlreichen deutschen Großstädten von Oktober 2020 bis April 2021 blieben von der Politik unbeachtet. Personelle Überlastungen der Intensivstationen wurden nur dann thematisiert, wenn es darum ging, endlose Verlängerungen des Lockdowns zu rechtfertigen.
Die Politik nutzte nicht die große Breite an wissenschaftlicher Kompetenz in Deutschland und der Welt, sondern stützte sich auf ausgewählte Berater, welche ihrem vorab festgelegten Kurs einen wissenschaftlichen Anstrich gaben. Erforderte die nationale Bedrohungssituation nicht, dass sich die Politik durch die besten Köpfe des Landes beraten ließe? Auf die Bandbreite der vorhandenen, jedoch ungenutzten Expertise und wissenschaftlichen Kompetenz komme ich weiter unten zu sprechen.
Lockdowns bis zur Bereitstellung von Impfstoffen wurden als vorab zementierter und einziger Lösungsansatz verfolgt. Staatlicherseits wurde keine Forschung angeschoben, welche die Erregereigenschaften und die natürliche Immunitätsentwicklung in der Bevölkerung, die Auswirkungen der getätigten Maßnahmen und die Auswirkung der Lockdowns auf Wirtschaft, Pädagogik und Gesellschaft untersuchte. Gab es keine anderen Konzepte im Umgang mit der Pandemie?
Tägliche angstmachende Meldungen unterstützten die Tolerierung der politischen Linie. War angesichts der guten Erfahrung aus dem ersten Lockdown nicht der Versuch gerechtfertigt, auf Einsicht und Kooperationsbereitschaft zu vertrauen? Sind wir Deutschen so viel unvernünftiger als die Schweden? Brauchten wir unbedingt das Angstschüren laut der Regieanweisung aus dem Papier des Innenministeriums?
Das Konzept der Politik hatte die Bevölkerung gespalten. Unter dem Eindruck einer scheinbar allein durch Impfung abzuwendenden nationalen Gefährdungssituation erschienen Abwägungen, Differenzierungen, Alternativen und Kritik gemäß der politischen Sprachregelung und den Kommentaren der Mainstream-Medien fast als eine Art Hochverrat, zumindest als der „Querdenkerei“ verdächtig. Verschiedene Standpunkte gerieten schnell in unversöhnliche Gegnerschaft. Wer die allgemeine Angst in dieser Form nicht teilte, landete ungeprüft in Schubladen von Verharmlosung oder Pandemieverleugnung. Aufflammende Proteste stießen auf breites Unverständnis und verhärteten die konträren Standpunkte. Der Großteil der Bevölkerung versammelte sich aus Schutzbedürfnis angesichts der bedrohlichen Nachrichten hinter der Regierungslinie. Der Gemeinschaftsgeist, der die Bevölkerung beim ersten Lockdown noch einte, zerbrach. In den publizistischen Reflexionen der Konflikte entstanden zunehmend Schwarz-Weiß-Bilder. Diskreditierung ersetzte den echten Diskurs. Waren das nicht Entwicklungen, die man bisher nur aus undemokratischen Ländern kannte?
Die drei Sorten der Angst
Unterschiedliche, jedoch jeweils massive Ängste der Menschen prallen im Verlauf der Geschehnisse oft unversöhnlich aufeinander und verhindern das gegenseitige Verständnis. Angst mobilisiert Stresshormone, welche eigentlich die Funktion haben, blitzartiges Handeln in Situationen zu ermöglichen, in denen der Verstand allein zu langsam reagiert. Wird die Angst allerdings zum Dauerzustand, entfalten die Hormone negative Wirkungen auf die Kreislauf- und Immunsysteme. Im Widerstreit zwischen Emotionen und Ratio unterliegt dabei leicht der Verstand. Angstkranke kennen dies: Selbst beruhigende Tatsachen lösen den Zustand nicht wirklich auf. Denn Angst glaubt nur sich selbst.
Unter der Angst vor dem Virus und seiner potenziell todbringenden Wirkung litten am stärksten diejenigen, die entweder selbst befürchten müssen, davon betroffen zu sein, oder Angehörige hatten, die besonders gefährdet waren. Sie empfanden eine Lockerung im „Social Distancing“ als bedrohlich und unsozial und ein diesbezüglich legeres Verhalten oft als persönlichen Angriff. Sorgen bereiteten auch vielen die Berichte über gefährliche Virusmutationen und anhaltende Post-COVID-Beschwerden. Infektionsgefahren lösen nicht selten geradezu archaische Ängste aus, wie ein unsichtbarer Feind, vor dem man sich schwer schützen kann. Das gilt besonders in einer Umwelt, die sich gegen alle Unwägbarkeiten abzusichern gewohnt ist.
Die Folgen des Lockdowns schufen jedoch eine weitere Gruppe. Diese befürchten den sozialen Abstieg oder den Verlust einer identitätsstiftenden Tätigkeit. Sie steht bei ganz unterschiedlichen Gruppen im Vordergrund. Mittelständische Firmen, selbstständige Unternehmer, Soloselbstständige und Kunstschaffende, aber auch Kinder, Schüler, Auszubildende und Studenten. Bei vielen von ihnen macht sich eher eine resigniert-deprimierte Stimmung breit.
Eine dritte Sorte Angst betrifft die möglichen politischen Folgewirkungen des eingeschlagenen Kurses in der Pandemiebewältigung. Die Angst vor der Transformation des gesellschaftlichen Lebens als Folge von Dauer-Lockdowns, welche anhaltend zu allgemein größerer sozialer Distanz führen könnte. Während der Versandhandel und die global agierenden Riesen der Digitaltechnologie und der Pharmaindustrie begünstigt wären, sehen Menschen mit dieser Angst das bunte gesellschaftliche Leben, die persönlichen Freiheiten und die Selbstbestimmung gefährdet. Sie fürchten, die Verschuldung durch Wirtschaftsausfälle und staatliche Kompensationsleistungen würde über lange Zeit die sozialen Spielräume einengen. Auch eine weitere Umverteilung des Vermögens zulasten der Ärmeren über eine Inflation wird für möglich gehalten. Große Sorgen bestehen ebenfalls dahingehend, dass die Kontrolle der Maßnahmen Datenaggregation und Künstliche Intelligenz in falsche Hände spielen kann. Letztlich könnten so die demokratischen Grundfesten ausgehöhlt werden und längerfristig zu Verhältnissen analog der chinesischen Kontrolle des Soziallebens führen. Hinzu kam die Angst vor einem Verlust der Selbstbestimmung über die eigene Gesundheit, wenn eine direkte oder indirekte Impfverpflichtung angesprochen wurde. Wer diese Entwicklungen fürchtet, sorgt sich nicht nur um die eigene Zukunft, sondern oft auch um die seiner Nachkommen. Manche vermuten global wirksame Allianzen hinter diesen Veränderungen.
Alle drei Sorten von Ängsten können in einer Person auch gemeinsam auftreten. Meist überwiegt jedoch ein Anteil, wobei es schicht- und altersbedingte Unterschiede gibt. Je älter und finanziell gesicherter jemand ist, desto mehr neigt er gewöhnlich zur ersten Angst-Gruppe, die vor allem den Virus selbst fürchtet. Je jünger oder finanziell und sozial ungesicherter jemand ist, desto mehr schrecken ihn die anderen beiden Angstgründe.
Positionskämpfe
Im Dezember 2020 überschlugen sich die Warnungen geradezu. Ein begrenzter Lockdown wurde als letzter Kraftakt der Einschränkung vor den ersehnten Impfungen kommuniziert. Niemand hätte sich zu der Zeit vorstellen können, dass das eingefrorene Leben noch ein halbes Jahr länger dauern werde. Die schnelle Rettung durch die Impfungen erwies sich bald als Illusion. Nun folgten neue Angst-Szenarien mit Blick auf die Mutationen, die nicht nur ansteckender, sondern angeblich noch viel schlimmer seien und nun vermehrt Jüngere träfen. In der Medienberichterstattung schälten sich zwei konträre Positionen heraus. Der Vorwurf der Verleugnung oder Verharmlosung der Virusgefahr stand dem der Dramatisierung und der Panikmache gegenüber. Beide Seiten bezogen sich auf unterschiedliche Experten.
Die Position der Regierungslinie ist schon angeklungen: Die Corona-Pandemie ist hoch gesundheits- und lebensgefährdend. Die Infektionsübertragung muss mit allen Mitteln auf niedrigstem Niveau gehalten werden, bis Impfungen in ausreichendem Maße vorhanden sind. Nur mit ihrer Hilfe könne eine „Herdenimmunität“, also eine weitreichende Immunität in der Bevölkerung erreicht werden. Das Virus habe dann keine Chance mehr, sich zu verbreiten, und daraufhin könne das normale Leben weitergeführt werden. Bis dieses erreicht sei, müssten die hohen Kollateralschäden in der Wirtschaft und im Sozialleben sowie die Einschränkungen der Grundrechte in Kauf genommen werden. Als Berater für die wissenschaftliche Basis dieser Auffassung fungierten im Wesentlichen zwei Personen. An erster Stelle Professor Christian Drosten, Lehrstuhlinhaber und Institutsdirektor an der Charité in Berlin und zugleich Direktor des Fachbereichs Virologie von Labor Berlin, des größten Krankenhauslabors Europas. Der vom NDR produzierte Podcast Coronavirus-Update mit Professor Drosten startete bereits am 26. Februar 2020 und geht beim Verfassen dieses Buches in seine 95. Folge. Mittlerweile wechselt der Gesprächspartner der Redakteurinnen zweiwöchentlich zwischen Christian Drosten und Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, ab. Der zweite wichtige Protagonist in der Fürsprache der Regierungsposition ist Karl Lauterbach, Gesundheitsökonom, seit 2005 in der SPD und seit 1998 Direktor des von ihm initiierten Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie (IGKE) der medizinischen Fakultät der Universität zu Köln. Unterstützt wurde die mediale Präsenz der beiden durch den Präsidenten des Robert-Koch-Instituts, Prof. Lothar Wieler.
Die zweite Position steht der ersten nahezu diametral entgegen. Sie geht davon aus, dass das aktuelle Corona-Virus kaum gefährlicher als das Grippevirus sei. Durch frühere Kontakte mit vorangegangenen Corona-Varianten gäbe es in der Bevölkerung bereits eine Teilimmunität, welche die Krankheitsgefahr verringern würde. Gefährdet wären nur die Alten und Immungeschwächten, die zu schützen seien. Ansonsten brauche man weder Maskenschutz noch Lockdowns und solle dem Infektionsgeschehen freien Lauf lassen. So entstünde in kurzer Zeit eine natürlich erworbene Herdenimmunität, die im zweiten Schritt eine nennenswerte Virusübertragbarkeit verhindere. Diese Position vertreten u. a. Prof. Dr. Sucharit Bhakdi, Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, der bis zu seinem Ruhestand Professor an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und Leiter des dortigen Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene war. Als zweiter Befürworter dieser Ansicht rückte schon früh der deutsche Mediziner und SPD-Politiker Wolfgang Wodarg in die öffentliche Diskussion. Wodarg war viele Jahre Mitglied des Deutschen Bundestages und der Parlamentarischen Versammlung des Europarates für Fragen der Sicherheit, Medizin und Gesundheit. Außerdem war er in den Jahren 2009 und 2010 Initiator der Untersuchungen des Europarates zur Rolle der Impfstoff-Hersteller und der WHO während der Pandemie H1N1, der sogenannten Schweinegrippe.
Wodarg und Bhakdi stießen wegen ihrer Äußerungen zur COVID-19-Pandemie in Deutschland auf heftige Kritik, vor allem in den Mainstream-Medien. Auf die Position der beiden bezogen sich in der Folge die frühen Kritiker der Regierungslinie.
Die Hintergründe der streitenden Akteure
Ein wichtiger Hintergrund des Positionsstreits lässt sich gut an den Personen Lauterbach und Wodarg erläutern. Beide Politiker waren oder sind in wichtigen Gremien für Gesundheitsthemen der SPD tätig oder tätig gewesen. Beide werden eher dem linken Spektrum zugerechnet.
Lauterbach hatte Gesundheitsökonomie an der Harvard School of Public Health studiert und wurde Privatdozent an der Universitätsklinik Köln. Dort gründete er das bereits erwähnte Institut für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie, dessen Direktor er wurde. Er verfügt jedoch weder über eine klassische Ausbildung als Epidemiologe, noch hatte er bisher infektionsepidemiologische Erfahrungen sammeln können. Seine Publikationen betreffen im Wesentlichen gesundheitsökonomische Fragen. 2005 wurde er Mitglied des Bundestages und war bis Herbst 2019 stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion.
Wolfgang Wodarg studierte Medizin und Sozialpädagogik und besitzt die Facharztqualifikationen für Innere Krankheiten – Pneumologie, für Hygiene – Umweltmedizin und für Öffentliches Gesundheitswesen – Sozialmedizin. Er arbeitete als Amtsarzt und in der Umweltmedizin. 1991 erhielt er ein Stipendium für Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, USA. Politisch positionierte er sich in der eigenen Partei gegen das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz (GKV-WSG) der Gesundheitsministerin seiner Partei SPD, Ulla Schmidt.
Beim letzten Punkt deuten sich entscheidende Unterschiede in den Grundhaltungen von Lauterbach und Wodarg an. Wodarg hat eine äußerst kritische Haltung den Pharma-Giganten gegenüber. Die von ihm initiierten Untersuchungen des Europarates zur Rolle der Impfstoff-Hersteller und der WHO während der Schweinegrippe-Pandemie 2009 und 2010 konnten belegen, wie durch Absatzgarantien von Impfstoffen und unwirksamen Grippemedikamenten ungerechtfertigt hohe Gewinne der Industrie eingefahren wurden. Seit 2011 war er Mitglied des Vorstandes von Transparency International Deutschland und zog sich 2020 im Dissens über die Corona-Pandemie aus dieser Funktion zurück. Zur Unabhängigkeit der Impfkommission STIKO beim Bundesgesundheitsministerium kritisierte Wodarg in einem Interview beispielsweise Folgendes:
„Ich glaube, das ist nicht unabhängig genug, und wir haben sowieso relativ wenig unabhängige Forschung einerseits, weil das industriefinanzierte Forschung ist. In der gesamten Pharmabranche wird ja überwiegend absatzorientiert geforscht und nicht bedarfsgerecht geforscht, sonst gäbe es zum Beispiel viel mehr Mittel gegen die wichtige Tuberkulose, da ist ja seit 30 Jahren nichts Neues geschaffen worden, da kann man kein Geld verdienen. Aber Viagra ist erfunden worden, der Haarausfall wird als schwierige Krankheit jetzt pharmakologisch näher betrachtet, da kann man nämlich viel verdienen, und ähnliche Dinge werden erfunden. Es werden Krankheiten erfunden, und die Schweinegrippe ist auch so eine Konstruktion, die zu mehr Umsatz führen soll.“ [8]
Karl Lauterbach hingegen betrachtet die extremen Kostensteigerungen durch den innovativen Pharmabereich, die jährlich vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) und unabhängigen Experten wie dem Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Prof. W.-D. Ludwig, scharf kritisiert werden, als unproblematisch. Dazu äußerte er sich in einem Interview so:
„Das Bruttoinlandsprodukt wird mit den Kosten nicht Schritt halten. Deswegen werden wir anteilig immer mehr für Gesundheit ausgeben. Die Finanzierung des Gesundheitssystems wird uns von allen Sozialsystemen am meisten fordern. Dagegen verblassen die Herausforderungen in der Renten- und Arbeitslosenversicherung. […] Wir werden immer für jeden alles möglich machen. Und das können wir – wenn wir die höheren Lasten auf breitere Schultern umverteilen. Unser Ziel muss sein, unabhängig vom Einkommen alles medizinisch Notwendige aus Solidarmitteln zu bezahlen. Wir werden im Gesundheitssystem nicht rationieren – selbst da nicht, wo es andere Länder schon tun.“ [9]
Lauterbach vertritt die Auffassung, die Vermeidung von gesundheitlich schädlichem Lebensstil und die Verbreiterung der Einnahmebasis durch eine Bürgerversicherung könnten alle Kostensteigerungen auffangen und das System davor schützen, finanziell überfordert zu werden.
Auf den Punkt gebracht: Wodarg will das Gebaren der Pharmagiganten begrenzen, weil es das Gesundheitssystem zu überfordern und auszubeuten droht. Damit teilt er die Bedenken, welche u. a. vom Vorsitzenden der Deutschen Arzneimittelkommission, Prof. W.-D. Ludwig, geäußert und durch die alljährlichen Berichte des Wissenschaftlichen Instituts der AOK über den Arzneimittelmarkt bestätigt werden. Aus Lauterbachs Sicht können und müssen alle Kostensteigerungen einer Innovationsdynamik abgefangen werden. Er vertraut ganz auf den Fortschritt durch die innovativen Pharmakonzerne und sieht dabei keine Finanzierungsprobleme. Aus dieser Perspektive wird sein uneingeschränktes Eintreten für die neuen gentechnologischen Impfstofftechnologien noch verständlicher.
Zwischen den Polen: ungehörte Wissenschaftler
Zwischen den beiden genannten Polen gab es durchaus Gruppen von glaubwürdigen und gut fundiert argumentierenden Wissenschaftlern und Experten, die einen Weg abseits der Spaltung suchten. Exemplarisch dafür standen während des gesamten Verlaufs der Pandemie zwei Expertengruppen, die vergeblich ihre Unterstützung der Politik angeboten hatten. Die erste ist die um Prof. Dr. med. Matthias Schrappe. Der Internist war Ärztlicher Direktor des Marburger Universitätsklinikums, seit 2005 Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und bis 2011 dessen stellvertretender Vorsitzender. Er hatte sich laut Wikipedia besonders mit den Themen Qualitätsmanagement, Evidence-based Medicine, Patientensicherheit und Risikomanagement beschäftigt. Seit den Sommermonaten 2020 kommentierte die Expertengruppe in Positionspapieren die Pandemie aufgrund ihrer Untersuchungen und unterbreitete konstruktive Vorschläge. Zu ihr gehörten Persönlichkeiten der wissenschaftlichen Crème de la Crème der deutschen Gesundheitspolitik:
Hedwig François-Kettner, Pflege-Managerin und Beraterin, ehemalige Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit in Berlin.
Dr. med. Matthias Gruhl, Arzt für Öffentliches Gesundheitswesen und für Allgemeinmedizin, Staatsrat a. D. in Bremen.
Prof. Dr. jur. Dieter Hart, Institut für Informations-, Gesundheits- und Medizinrecht an der Universität Bremen.
Franz Knieps, Jurist und Vorstand des Krankenkassenverbands, Mitarbeiter im Gesundheitsministerium unter Ulla Schmidt und früherer Berater von Angela Merkel.
Prof. Dr. rer. pol. Philip Manow, SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik an der Universität Bremen.
Prof. Dr. phil. Holger Pfaff, Zentrum für Versorgungsforschung an der Universität Köln und ehemaliger Vorsitzender des Expertenbeirats des Innovationsfonds.
Prof. Dr. med. Klaus Püschel, Institut für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Prof. Dr. rer. nat. Gerd Glaeske, SOCIUM Public Health an der Universität Bremen und ehemaliges Mitglied im Sachverständigenrat Gesundheit.
In ihrem 7. Positionspapier Ende Dezember 2020 kritisieren die Autoren dieser Gruppe die bisherige Pandemiepolitik. Da das Skript von Wissenschaftlern und Experten verschiedener medizinischer und gesellschaftlicher Bereiche verfasst wurde, nehmen die zitierten Passagen einen umfangreichen Raum ein, den zu kürzen mir schwerfiel:
„SARS-CoV-2/COVID-Epidemie hat sich, zumindest in Deutschland, zu einer handfesten Krise ausgewachsen, die Konsequenzen gravierender politischer Fehlentscheidungen werden offenbar. Obwohl von Anfang an klar erkennbar war, dass es sich um eine ‚Epidemie der Alten‘ handelt und man alle Zeit gehabt hätte, sich mit gut zugeschnittenen Präventionsprogrammen auf Herbst und Winter vorzubereiten (und die Intensivkapazitäten zu sichern), ist nichts geschehen – außer einer sich perpetuierenden Aneinanderreihung von Lockdowns.
Es kommt hinzu, dass die bislang von der politischen Führung präferierte allgemeine Präventionsstrategie nicht zu einem Erfolg geführt hat: Die Lockdown-Politik ist gerade für die vulnerablen Gruppen wirkungslos.
Die Defizite in der spezifischen Prävention machten sich bislang vor allem im Bereich der Pflegeheime bemerkbar. Am 5. Januar 2021 waren allein in den Pflegeheimen kumulativ 10.149 COVID-19-assoziierte Todesfälle aufgetreten, entsprechend 28 % aller COVID-19-Todesfälle in Deutschland (n = 36.537 Todesfälle).
[…]
Es besteht die paradoxe Situation, dass eine mit hohen gesellschaftlichen Kosten verbundene Lockdown-Politik durchgesetzt wird, ohne andere Optionen in Betracht zu ziehen und über einen dringend notwendigen Strategiewechsel überhaupt nur nachzudenken, obwohl die am stärksten Betroffenen, die höheren Altersgruppen und Pflegeheimbewohner/Innen, durch einen Lockdown nicht geschützt werden.“ [10]
Die entscheidenden Aussagen dieser Experten und Wissenschaftler lauten:
Die Verantwortlichkeit für die Sterblichkeitsrate der über 70-Jährigen von 31.402 COVID-19-bedingten Toten Ende 2020 bei einer Gesamtsterblichkeit von 35.452 Personen war nicht allein in der Biologie eines Erregers begründet, sondern vor allem in der Verantwortung der politisch Handelnden.
Demnach sind in ganz Deutschland nur ca. 2.000 Menschen in den Altersgruppen 0 bis 70 Jahre an COVID-19 gestorben. Die Sterblichkeit für die unter 40-Jährigen lag nach den Berechnungen zwischen 0,002 und 0,09 Prozent. Einschränkend heißt es im Positionspapier:
„Bevor wieder Einzelfallberichte vorgetragen werden, die das Gegenteil beweisen sollen: natürlich gibt es auch Todesfälle und schwere Krankheitsverläufe unter den Jüngeren, aber in der Abwägung in einer epidemischen Situation, in der guter Rat extrem teuer ist, muss es Grundlage des Handelns sein, dort anzusetzen, wo das Problem – mit Abstand! – am größten ist.“ [11]
Aus dieser Analyse heraus betrachtet die Autorengruppe die Impfung in erster Linie als Präventionsmaßnahme für die gefährdete Altersgruppe. Ihnen geht es gerade um den Erfolg der Impfung:
„Auch eine wirksame Impfung muss im Alltag einer Impfkampagne bestehen und umgesetzt werden. Gerade die erste Phase der Impfkampagne, nämlich die anspruchsvolle Organisation der Impfung von Hochaltrigen, wird prägend für den weiteren Verlauf der Kampagne sein. Deshalb sind Sorgfalt, gute Information und genügend Zeit anfangs wichtiger als hohe oder gar falsche zeitliche Erwartung.
[…]
Eine bevölkerungsprotektive Wirkung (Gemeinschaftsschutz) ist bis heute nicht gesichert und sollte von daher nicht als Motivation für die Impfung öffentlich betont werden. Es geht insofern um die Schutzwirkung des Einzelnen, (noch) nicht um den der Gesellschaft.“ [12]
Die Infektionsinzidenz hat nach den genannten Analysen nur wenig mit der Todesrate zu tun. Die Experten rechnen überschlägig:
„Eine überschlägige Skizzierung erbringt den klaren Befund, dass die Impfung der Hochrisikogruppen kurz-mittelfristig zu einer Reduzierung der Mortalität und Morbidität, aber nicht der Melderaten führen wird: bei Annahme einer hohen Wirksamkeit der Impfung auf die Rate der Infektionen (die Zulassungsstudien beziehen sich nur auf die symptomatischen Verläufe bei bereits Infizierten) werden in der ersten Märzwoche nur rund 20.000 von insgesamt 150.000 gemeldeten Infektionen (13 %), aber in den Alterskohorten über 80 Jahre 3.200 von 4.700 Sterbefällen (68 %) verhindert. Dies stellt ein weiteres Argument dafür dar, die Melderate und die daraus abgeleiteten Grenzwerte in den Begründungsszenarien der politischen Führung zu relativieren. […]
In Zeiten komplexer Gefahren, starker Verunsicherungen und hoher Dynamik – wie sie durch die Corona-Pandemie gegeben ist – sind Menschen versucht, nach einfachen und schnellen Lösungen zu greifen. Sie vermeiden komplizierte und langwierige Diskussionen über die richtigen Ziele und Wege. Statt auf den Wettstreit der Argumente und Problemlösungen zu setzen, werden zurzeit, oft unbewusst, archaische Mechanismen aktiviert. Es kommt zur Gruppenbildung und zum Gruppendenken. Dadurch besteht die Gefahr, dass relativ geschlossene Gemeinschaften entstehen, die sich voneinander abgrenzen und sich polar gegenüberstehen. Diese Tendenz zur Polarisierung erschwert den dringend notwendigen Diskurs über gute Lösungen des Corona-Problems, ist fehleranfällig und schadet der Idee der offenen Gesellschaft.
[…]
Wir haben es in Deutschland und in anderen Ländern mit einer problematischen Störung des gesellschaftlichen Diskurses zu tun.
[…]
In der gesellschaftlichen Debatte über die Corona-Politik wird die Tendenz sichtbar, der einen Seite exklusiv Vernunft und wissenschaftliche Fundierung zuzusprechen, der anderen Seite hingegen Unvernunft und den Hang zur Verschwörungstheorie. Die dabei ins Spiel kommende Vorstellung von Wissenschaft als geschlossene Faktenordnung mit direkt ableitbaren Handlungsanweisungen ruht auf einem szientistischen (und solutionistischen) Missverständnis dessen, was Wissenschaft darstellt – es ist nämlich das konstitutive Prinzip des systematischen Zweifels, das Wissenschaft als plurales Wissensregime ausmacht.
[…]
In praxi hat diese Einengung und Störung des Diskurses zu einer Einengung der Problemlösungen und zur Eindimensionalität des Vorgehens geführt, ein schwerwiegender Mangel, gerade im Hinblick auf die Problemlösungskompetenz, die wir heute zur Bewältigung der Corona-Krise und speziell zur erfolgreichen Durchführung einer Impfkampagne dringend brauchen.
[…]
Die ‚Thesenpapiere-Autorengruppe‘ arbeitet ehrenamtlich seit nunmehr 10 Monaten. Zu den Gründungsüberzeugungen gehört die interdisziplinäre und multiprofessionelle Aufstellung, die Ansicht, dass Epidemien nicht allein aus medizinischer bzw. naturwissenschaftlicher Perspektive zu verstehen und zu kontrollieren sind, und dass die notwendigen Interventionen nur im Sonderfall aus Ein-Punkt-Maßnahmen bestehen, im Regelfall jedoch mehrere optimal aufeinander abgestimmte Interventionen umfassen müssen.
[…]
Es existieren zahlreiche Indizien dafür, dass das eigentliche Ziel des politischen Handelns nicht abschließend geklärt ist oder man sogar im Grunde immer noch von einer Eradikation (Auslöschung) der Epidemie ausgeht, einer Ansicht, der man fachlich-wissenschaftlich nicht folgen kann.“ [13]
Auch in einer zweiten Gruppe mit der Bezeichnung Coronastrategie befinden sich renommierte und ausgewiesene Experten verschiedener Bereiche. Diese sind:
Prof. Dr. Klaus Stöhr, Coordinator.
Prof. Dr. Reinhard Berner, Deutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin.
Prof. Dr. Arne Simon, Deutsche Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie.
Prof. Dr. Gerd Antes, Medizinstatistiker.
Prof. Dr. Rene Gottschalk, Gesundheitsamt Frankfurt.
Prof. Dr. Ursel Heudorf, MRE-Netzwerk, Rhein-Main.
Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit, Universität Hamburg.
Der bereits aus der ersten Gruppe bekannte Prof. Dr. Matthias Schrappe gehört dieser Initiative ebenfalls an.
Der Koordinator von Coronastrategie, Professor Klaus Stöhr, ist ein deutscher Virologe und Epidemiologe. Er war Leiter des Globalen Influenzaprogramms und während des ersten SARS-Ausbruchs Forschungskoordinator der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gewesen. Damit gehört Prof. Stöhr zu den Experten, die weltweit über die größte Erfahrung mit Pandemiegeschehen überhaupt und speziell auch mit SARS-Infektionen besitzt. In einem Positionspapier geben die Wissenschaftler und Experten ständig aktualisierte Arbeitsergebnisse zur COVID-19-Bekämpfungsstrategie und zur Entscheidungsfindung bekannt. Ihre aktuelle Position zum Zeitpunkt Ende März 2021 lautet:
„Eine ausschließliche Ausrichtung auf die gesundheitlichen Schäden durch SARS-CoV-2 wäre für alle sicherlich die Präferenz. Es ist aber die Verantwortung der Politik, eine tragfähige und durchhaltbare Bekämpfungsstrategie im besseren Kompromiss zwischen den gesundheitlichen Auswirkungen einer Erkrankung, den Kollateralschäden für andere Gesundheitsbereiche, für die Gesellschaft und den Einzelnen durch die verordneten Maßnahmen, die wirtschaftlichen Effekte und notwendigen freiheitlichen Einschränkungen zu finden.
Angesichts der Aufwendungen für die Pandemiebekämpfung im Vergleich zu anderen Gesundheitsproblemen müssen die Fragen nach der Verhältnismäßigkeit der Bekämpfungsmaßnahmen beantwortet und gesamtgesellschaftlichen einschließlich gesundheitsökonomischer Bewertungen unterzogen werden. Die Bundesregierung muss einen Prozess der breiten Einbeziehung fachlicher Kompetenzen in die Entscheidungsvorbereitung zum Risikomanagement etablieren. Politische Entscheidungen auf der Grundlage der Risikobewertung von einzelnen Vertretern weniger Fachgebiete sind unzureichend und haben zur Polarisierung in der Pandemiebekämpfung beigetragen.
Besprechungen nur mit einzelnen Wissenschaftlern aus Spezialdisziplinen genügen nicht, ergebnisoffen Präventions- und Kontrolloptionen zu erarbeiten und ihre Vor- und Nachteile abzuwägen. Es existiert zu wenig oder kein Platz für den wissenschaftlichen Diskurs im Vorfeld der Entscheidungsfindung. Wesentliche Bereiche der Gesellschaft sind nicht vertreten. Es herrscht der Eindruck, dass Positionen, die nicht zum fest geprägten Standpunkt der Entscheidungsträger passen, nicht berücksichtigt werden, auch wenn sie die Entscheidungsfindung schärfen und die Suche nach der besten Lösung befördern können. Ein offener Diskurs mit allen wesentlichen Fachbereichen ist aber entscheidend zur Überwindung der Krise.
Ein unabhängiges Expertengremium fehlt, das Risikoeinschätzungen für die Bundesregierung oder -institute vornimmt, z. B. der SARS-CoV-2-Varianten, Kitas/Schulen. Deren Aufgabe muss es sein, Empfehlungen nach einem strukturierten Prozess der Risikoabschätzung für die Politik zu geben.
Konkret für die Entwicklung der Stufenpläne bedeutet das jetzt, dringend den Beitrag von bestimmten Lebensbereichen für Infektionen von Risikopersonen und in stationären Einrichtungen zu evaluieren. Priorität haben hier: Kitas, Grundschulen und der Einzelhandel. Einzelmeinungen, derzeit von einzelnen Experten vorgetragen, erfüllen nicht annähernd die Anforderungen an eine strukturierte Risikoregulierung und genügen nicht, um die breite Wissenskompetenz, die Meinungsvielfalt und die Komplexität der Risikoregulierung zu COVID-19 abzubilden.
Langfristig wird eine nationale Kommission benötigt, die ähnlich wie die ständige Impfkommission oder die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention die Bundesregierung in einem strukturierten Prozess und im vollen Bewusstsein ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung in den Fragen der Risikobewertung und -regulierung berät.“ [14]
Klaus Stöhr plädierte stets für etwas mehr Öffnung der Beschränkungen und für das Zulassen von höheren Infektionsinzidenzen, ohne einer Sorglosigkeit das Wort zu reden. Er verwies dabei auf das Vorgehen in vielen Nachbarländern.
Ein weiterer Wissenschaftler, der sich intensiv mit der Corona-Pandemie auseinandersetzte und vor allem durch die Heinsberg-Studie bekannt wurde, ist der Bonner Virologe Hendrik Streeck. Auch er gehört zu denen, die moderate Lockerungen für verantwortbar halten. Laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist Streeck zum Feindbild vieler Lockdown-Befürworter geworden. In einem Interview klagt er über Politiker, die sich hinter der Wissenschaft verstecken, und das Fehlen von Diskussionen in den relevanten Gremien. [15]
Es gab also neben den ausgewählten Wissenschaftlern, welche die Bundesregierung zur Bestätigung ihrer strikten Lockdown-Politik ins Feld führte, zahlreiche Stimmen exzellenter Experten, die schon früh den Schutz der Alten und Gefährdeten forderten, mehr Abwägung von Folgeschäden anmahnten und für die Toleranz einer moderaten Steigerung der Infektionsinzidenz eintraten. Doch auch diese Wissenschaftler wurden konsequent aus der politischen Beratung ausgeschlossen und im öffentlichen Diskurs häufig angegriffen oder gleich ganz von ihm ausgeschlossen.
Die eigentliche Trennlinie verlief also nicht zwischen „wissenschaftlicher Ratio“ und „Querdenker-Unvernunft“, sondern vielmehr zwischen ausgewählter „regierungstreuer“ Wissenschaft und breitem wissenschaftlichem Diskurs.
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