Читать книгу: «EINSICHT in UNerhörtes»
Dr. Manfred Nelting
Einsicht in UNerhörtes
Verlag:
basic erfolgsmanagement, Pfarrkirchen, 2021
www.basic-erfolgsmanagement.de
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-949217-00-5
eISBN 978-3-949217-01-2
Lektorat:
Josef Nöhmaier
Koordination und Organisation:
Medienbüro Susanne Wagner, Pfarrkirchen
Umschlaggestaltung, Layout/Satz:
Michaela Adler, Pfarrkirchen
Bildrechte:
Cover: © Adobe Stock – sdmix, zolotons

Klimaneutral gedruckt, Papier aus nachhaltiger Forstwirtschaft
Made in Germany
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Wichtiger Hinweis:
Die Informationen und Ratschläge in diesem Buch wurden mit größter Sorgfalt von Autor und Verlag erarbeitet und geprüft. Alle Leserinnen und Leser sind jedoch aufgefordert, selbst zu entscheiden, ob und wieweit sie die Anregungen in diesem Buch umsetzen wollen.
Dieses Buch widme ich allen Lebewesen, die UNerhört sind, kleinen und großen Menschen, Tieren, Bäumen und auch „dem Kind“ in uns. Hören wir hin.
Vorwort Dr. Auma Obama
Begrüßung der Leserin/des Lesers
Vorwort des Autors mit Anmerkungen zur Corona-Krise
Einführung und Aufbau des Buches
1.Gesunde Hirnentwicklung in den ersten Lebensjahren
1.1Wachstumsbedingungen
1.2Phasen der Hirnentwicklung in den ersten Lebensjahren
1.2.1Ich/Du-Entwicklung
1.2.2Impulskontrolle
1.2.3Selbststeuerung
1.2.4Trotzphase
1.2.5Impulsunterdrückung beim kleinen Kind
1.3Die Bedeutung des autonomen Nervensystems für die Bindungsfähigkeit
1.4Telomere und ihre Bedeutung
1.4.1Stress im Mutterleib
1.5Von „Orchideen“ und Resilienz bei Kindern
1.6Epigenetik
1.7Die Dunedin-Studie zur Selbstkontrolle
Kurze Zusammenfassung
2.Eltern
2.1Gesundheit und Erkrankungen in Deutschland
2.1.1Stress
2.1.2Beziehungs-Stress und Trennungen
2.1.3Stressrelevante Einflüsse der Digitalisierung
2.1.4Stress-Faktor permanente Online-Einbindung
2.1.5Stress durch Informationsüberflutung – News/Fake News
2.1.6Stress durch Angst: z. B. die Corona-Pandemie
2.1.7Stress durch sozialen Vergleich
Exkurs Konsum als systemrelevant
Exkurs Soziale Ungleichheit
2.2Lebensstil, Mediennutzung und gesundheitliche Verfassung der Eltern
2.2.1Bedeutung für die Zeit vor und bei der Empfängnis
Bedeutung für die Zeit der Schwangerschaft
Bedeutung für die ersten Lebensjahre
2.3Genderthemen
2.3.1Muttersein
2.3.2Gesellschaftspolitische und kulturelle Anschauungen zum Muttersein
Katholische Kirche, Queer-Theorien, Integrative Sicht, Matrilineare Gesellschaften, Polygame Gesellschaften
2.3.3Mütterthemen in der aktuellen medialen Diskussion
2.3.4Rechtsextremistischer Missbrauch von Mütterthemen
2.3.5Abnehmende Alltagskompetenzen der Menschen
2.3.6Gedanken zu Karriere
Das Bild der „modernen“ Frau
Das Bild des „modernen“ Mannes
Veränderungen in den patriarchalischen Strukturen
Normalität von Krisen im Leben von Menschen
Kurze Zusammenfassung
3.Schutzlose Kinder – die Tabus
3.1Verrat am Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit
Die Bedeutung beeinträchtigter Reifung des präfrontalen Cortex im Kleinkindalter
3.2Der emotionale Verrat – Vernachlässigung und Gewalt an Kindern
3.2.1Zur aktuellen Situation der Kinder in Deutschland
3.2.2Vernachlässigung, Gewalt und sexueller Missbrauch von Kindern familiär oder familiennah
Außerfamiliärer sexueller Missbrauch in Institutionen
Gewalt unter den Eltern
3.2.3Tabuisierung von Kindheitstraumata
Untersuchung und Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch
Berichterstattung
Umgang mit schockierenden Informationen
Annäherung an ein Verstehen von Gewalt in Familien
Schuld
Antisoziale Persönlichkeitsstörung und Psychopathie
Pädophilie und Kinderpornografie
3.2.4Hintergründe zu Vernachlässigung und Gewalt
Exkurs Körperkontakt in Familien und Institutionen
Täter als Opfer
3.3Der digitale Verrat – Digitalisierung ohne Schutz der Kinder
3.3.1Internet und soziale Netze
Woran liegt es, dass souveräne Mediennutzung so schwierig ist?
Die implizite Normierung in der Erzählung und dem Versprechen der digitalen Welt
3.3.2Gefahren online
3.3.3Cybermobbing und andere Gefahren
3.3.4Porno-Videokonsum von Jugendlichen
3.3.5Kinder als Kunden – Gefahr für normales leben
Moderner Kinderalltag und Entwicklung
3.3.6Online-Adipositas und andere „digitalbedingte“ Erkrankungen bei Kindern im Rahmen der allgemeinen gesundheitlichen Verfassung der Kinder und Jugendlichen
Die gesundheitliche Lage der Kinder heute
Exkurs Verhaltenssucht und Drogen
Bedeutung des sensorischen Mangels bei digitalen Anwendungen
Digitalisierung und Auswirkungen auf Organe
Digitale Medien und Klimaerwärmung
3.4Der soziale und politische Verrat – Opferung des kindlichen Potenzials auf dem Altar der Wachstumswirtschaft
3.4.1Frühbetreuung und Frühpädagogik – die Wirtschaft konkurriert mit den Kleinsten um die Mütter
3.4.2Kinderbetreuung in aktuellen noch lebenden Naturvölkern und Geschichte
3.4.3Kitas für unter Dreijährige in Deutschland – Fortschritt oder Gefahr für die Kinder?
Kindergärten
Kitafremde Einflüsse
3.4.4Frühbetreuung im Ausland – Vorbildlich?
Die damalige Situation in der DDR
Kinder im Kibbuz
3.4.5Schule: Bismarcks Erbe und Wirtschaftslogik – hirnphysiologisch ohne wirklichen Lernertrag
System Schule
Die aktuelle Situation
Was Kinder zum Lernen brauchen
Schule neu denken
Folgen für die spätere Erwachsenenzeit
Kurze Zusammenfassung
4.Tiefere Ursachen und Folgen von Schutzlosigkeit bei Kindern
4.1Bedeutung der Globalisierung und Wachstumswirtschaft für Kinder und Eltern
4.1.1Der Erhalt ausreichender guter Lebensbedingungen auf unserer Erde
4.1.2Der notwendende Übergang in eine nachhaltige Wirtschaft
4.1.3Ethik und Markt – der Markt ist nicht so klug wie gedacht
Kurzer wirtschaftlicher Exkurs – das Märchen vom freien Markt
Kapitalkonzentration und -verflechtung
4.1.4Unordnungsfolgen ungezügelter Wachstumswirtschaft und Familien-Ethik
Genuss und Warencharakter
Exkurs: Alltag, Umgang und kommunikatives Annäherungs-Spiel der Geschlechter
4.1.5Der Umgang mit Macht
Gehirn und Macht
Günstige Parteien-Entwicklung
4.2Auswirkungen von Kindheitsprägungen auf die Gesellschaft und auf politische Einstellungen
4.2.1Der mündige Bürger – noch beliebte Phantomgestalt der Politik
Autoritäre Erziehung versus Entwicklungsbegleitung der Kinder
4.2.2Das körperliche Selbstbestimmungsrecht der Frau
Gedanken zum Schwangerschaftsabbruch
4.2.3VUKA-Welt und Optimierungs-Szenarien beim Menschen
Die sogenannte VUKA-Welt
Die Optimierung des Menschen
Die Gen-Editierung mit Crispr-Technologie
4.3Gewalt in der Gesellschaft
4.3.1Gewalt
Gedanken zum „Bösen“ im Menschen
Empathie
4.3.2Umgang mit rechtsextremen Positionen
Rechtsextremistische Gewalt
Extremistische Tätertypen und der Boden ihrer Radikalisierung
4.4Auswege aus aggressiven Familiendynamiken
Exkurs Täterbestrafung
Therapeutische Bindungsarbeit
Unterstützung der Mütter
Kurze Zusammenfassung
5.Gestaltungsräume Wie ändert man die Welt?
5.1Entfaltung der eigenen Person
5.1.1Sein oder Design
5.1.2Hirnphysiologie zum besseren Selbstverstehen
Die eigene Vorstellung von der Welt
Die Plastizität des menschlichen Gehirns
Framing und Hirnphysiologie
Wie wir die Welt passend machen
Inneres Wachstum
5.2In der Familie
5.2.1Vorbereitung auf ein Kind
5.2.2Zeit
Pausen
Herzratenvariabilität
Stärkung für ein kooperatives Zusammenleben
Spielen
Games und Gamification
Entscheidung der Eltern für lebensförderliche Lebensstile
Vorbereitungen und Entscheidungen in der Schwangerschaft
Zur Geburt
Geburtshilfe im Detail, Geburtsort und Sicherheit, Geburtshilfe neu denken, Kaiserschnitt
Nach der Geburt
5.2.3Mediale Präsenz der Eltern
Empfehlenswerte Regeln für den Handy-Gebrauch in der Familie
Apps und digitale Assistenzsysteme, allgemeine Regeln für souveräne Mediennutzung
Warum Lebenspflege heute notwendig ist
Anhaltspunkte für eine mögliche Lebenspflege heute
5.3Die Bedeutung von Achtsamkeitspraktiken im Alltag am Beispiel von QiGong
5.3.1Körperwahrnehmung
5.3.2QiGong
Westliche Sehweise von QiGong
Meditative Aspekte von QiGong
Meditation allgemein
Starke Immunkräfte bei Viruserkrankungen
Zur Praxis von Achtsamkeitsübungen – bewährte Hinweise
5.4Alter und Altern
5.5Politik und Gestaltung
Die „Ausreichend Große Anzahl“ (AGA)
5.5.1Friedfertiges Narrativ
Wachstum und Renditen
Die Ausgangslage ist klar
5.5.2Bedingungsloses Grundeinkommen – Konkretes Kindeswohl
Fragen zur Realisierung
Gesellschaftlicher Umgang mit aktuellen Vermögen und Erbe
5.5.3Regionalwirtschaft
Globale Auswirkungen auf die Region
Sinnvolle Regio-Logik
5.5.4Grund- und Vorzüge der Gemeinwohl-Ökonomie
5.5.5Politik und Bürger
Kreativprozess statt Faumikoko
Grundgesetz und Menschheitsfragen in der Demokratie
Politisches Intermezzo
Sozialer Widerstand und Protest in der Demokratie
Corona-Pandemie
Kurzer Exkurs zu Medien
5.6Disruptive Prozesse
Digitalisierung im gesellschaftlichen Kontext
Arbeitsmarktturbulenzen in der Disruption
Die Welt vom Kind her sehen
Das Fahrrad
6.Zusammenfassung und Ausblick
Spektrum – Kinderschutz weltweit
Überbevölkerung
Gesundheitliche Gefährdung von Kindern
Krieg und Flucht
UN-Kinderrechtskonvention, WFC, Stiftung Sauti Kuu und Sansibar-Erklärung
Danksagung
QR-Code für eine Leser*innen-Botschaft
Anhang
Informationen zum Gezeiten Haus
Anmerkungen
Literaturhinweise
QR-Code für die Internet-Link-Liste
Gesamtliste der in diesem Buch aufgeführten QR-Codes
Gender-Hinweis:
In diesem Buch wird vorwiegend die neutrale Schreibweise ohne weitere Kennzeichnung für beide Geschlechter benutzt, andere individuelle Einordnungen der sexuellen Identität sind natürlich ebenfalls impliziert. Die aktuellen Entwürfe gendergerechterer Formulierungen sind in der Entwicklung, werden noch weiter ausreifen, sind für gute Lesbarkeit nach meinem Empfinden noch eine Hürde und noch nicht übereinstimmend für Druck- und Sprechversion (Hörbuch) anwendbar.1
In „Neltings Welt“ beschäftigt sich unsere Familie ausführlich mit dem Thema gendergerechter Wahrnehmung, Schriftform und Sprache im Dialog zweier Generationen.
(Siehe QR-Code auf der Rückseite des Buches)
Vorwort Dr. Auma Obama
Ich fühle mich sehr geehrt, meine Stimme – meine starke Stimme – zu der Diskussion um das Wohlergehen beziehungsweise Nicht-Wohlergehen von Kindern beitragen zu dürfen.
Es geht hier um die Auseinandersetzung mit dem Verrat der Gesellschaft an den Kindern, die vorgibt, sie zu schützen; darum, dass sich um diesen Verrat ein Schleier des Wegschauens, Verdrängens und Schweigens ausbreitet, den es aufzudecken gilt. Darum geht es in diesem Buch – darum, was dagegen getan werden muss.
Laut Dr. med. Manfred Nelting gibt es im reichen Land Deutschland sehr viele Kinder, denen es „weniger gut oder skandalös schlecht“ geht. Von frühester Kindheit an werden ihnen die Lebensgrundlagen durch einen Mangel an Liebe, Zuneigung und Schutz durch die eigenen Eltern genommen. Vernachlässigten Kindern, die eine bedrückende emotionale Kälte, emotionale und körperliche Gewalt oder Missbrauch erfahren haben, fehlt das Grundvertrauen in das Leben. Die hirnphysiologische Selbststeuerung kann nicht ausgebildet werden. Seine These: Um die Rahmenbedingungen eine gesunde, natürliche, unbehinderte Hirnentwicklung eines Kindes als Grundbedingung für sein künftiges psychisches Wohlergehen zu ermöglichen, braucht ein Kind in den ersten Lebensjahren Liebe, emotionale Wärme und eine schützende Umgebung.
An erster Stelle sind wir Eltern (ich zähle mich dazu) dazu aufgefordert – als fundamentale Voraussetzung – darauf zu achten, dass unsere Kinder diese Liebe und Zuneigung bekommen. Das ist das Fundament einer Elternschaft.
Unsere Aufgabe als Eltern müssen wir sehr ernst nehmen und ihr nachkommen. Wir müssen unsere Prioritäten richtig setzen, und unsere Kinder sollten an erster Stelle stehen.
In dem Moment, in dem wir Eltern werden, nimmt unser Lebensstil, unsere Haltung, unser Verhältnis zur Arbeit eine neue bedeutende Dimension an. Unsere ganze Einstellung zum Leben, unsere soziale und finanzielle Situation wird infrage gestellt. Alles hat einen Einfluss darauf, wie oder ob wir unseren Kindern die Liebe, Zuneigung und den Schutz schenken können, die oder den sie brauchen. Leider gelingt es vielen Eltern nicht, da sie in den meisten Fällen selbst Betroffene sind und verletzt oder traumatisiert aufwachsen mussten. Überfordert vom eigenen Leben können sie nur ihre Wunden (vielfach transgenerational) weitergegeben.
Es gilt, dieses Muster zu durchbrechen und zu heilen. Nur so können wir eine gesunde Gesellschaft schaffen. Die Kinder sind das Potenzial dieser Gesellschaft und wenn wir nicht darauf achten, dass es unseren Kindern gut geht, wird die Stabilität unserer Gesellschaft gefährdet und wir schaden uns selbst.
Kinder kommen mit vollem Potenzial in die Welt. Mit ihrer Geburt sind schon alle Voraussetzungen, alle Eigenschaften vorhanden, ein gut wohlfunktionierendes, ausgeglichenes Mitglied der Gesellschaft zu werden. Wir, die Eltern, die Gesellschaft beeinflussen und bestimmen, inwiefern diese Eigenschaften positiv entwickelt werden. Wir können sie nähren und fördern oder wir können sie unterdrücken, sogar kaputtmachen.
Dass dies so vielen Kindern angetan wird und was ihnen damit an Potenzial verwehrt wird, ist eben dieser Verrat der Gesellschaft an den Kindern.
Das Problem, so Dr. Nelting, muss sehr ernst genommen werden. Wir Eltern – und hiermit meine ich tatsächlich WIR, die Normalverbraucher (Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen1), und die Gesellschaft – stellvertretend für Soziales, Politisches und Wirtschaftliches sind gefragt, sich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen und notwendigerweise unser Verhalten zu ändern.
Damit sich die Gesellschaft im Interesse der Kinder entwickeln kann, müssen wir unseren Lebensstil passend einrichten, damit für die Kinder ein guter, sicherer und liebevoller Platz geschaffen wird. Jedes Handeln, jede Veränderung muss darauf abzielen, unseren Kindern Liebe und Vertrauen in ihr Leben und die Welt zu geben. Letztendlich kommt es uns und unserer Gesellschaft zu Gute.
Im Allgemeinen wird davon ausgegangen, dass die Kinder in den sogenannten Entwicklungsländern gefährdeter und benachteiligter sind. Und ja, in Zusammenhang mit der westlichen Definition von Wohlbefinden, das auf materiellem Wohlstand basiert ist, könnte man so argumentieren. Materieller Wohlstand ist jedoch nicht das einzige Maß für das Wohlbefinden. Tatsächlich ist es eher ein Zusatz, und das nur, wenn die anderen wichtigeren Komponenten Liebe, Zuneigung und Schutz vorhanden sind.
Wir in den sogenannten Entwicklungsländern neigen dazu, die westliche Welt, d. h. Europa und Nordamerika als Maß aller Dinge zu betrachten, auch im Hinblick darauf, wie wir Wohlbefinden definieren. Und immer mehr tendieren wir dazu, unser Wohlergehen und das unserer Kinder darauf basieren zu lassen, wie die westlichen Länder unseren Wohlstand und die Entwicklung definieren – eine Definition gemessen an materiellen Wohlstand und stark gefördert durch die klassische Entwicklungshilfe-Politik. Was dazu geführt hat, dass wir uns als arm und unterentwickelt sehen. Und das, obwohl die westliche Lebensweise in vieler Hinsicht – insbesondere in Bezug auf die Kindererziehung – nicht notwendigerweise für uns geeignet ist. Immer häufiger glauben Kinder und Jugendliche in den sogenannten Entwicklungsländern, dass ihre Probleme darauf zurückzuführen sind, dass sie finanziell bzw. materiell benachteiligt sind. Aber nur, weil man keinen Strom und fließendes Wasser hat, heißt es noch lange nicht, dass man arm und unglücklich ist. Liebe, Zuneigung und Schutz brauchen keinen Strom und fließendes Wasser. Konsum und sofortige Bedürfnisbefriedigung ist keine Grundlage für ein Grundvertrauen in die Welt. Sie garantieren nicht das Glück. Auch die Freiheiten, die in den sogenannten entwickelten Ländern genossen werden, sind oft sehr stark zugunsten der Bürokratie konzipiert. Das System muss sich dem Menschen anpassen und nicht umgekehrt. Sich an ein System anpassen bedeutet in vielen Fällen Einengung und Mangel an Mitgefühl.
Der häufige Verweis auf den schrecklichen Zustand der Kinder, die in den sogenannten Entwicklungsländern aufwachsen, erwähnt selten die Tatsache, dass viele dieser Kinder trotz materieller Armut (im europäischen Sinne) viel Liebe und Zuneigung erfahren. Sie wachsen in einer Umgebung auf, die Werte wie Respekt, Gastfreundschaft, Familien-Ethik und das Wohlergehen der Kollektive, u. a. die Grundwerte, sehr hoch schätzt. Ihre Lebensgrundlage ist von frühestem Lebensalter an durch Liebe und Zuneigung geprägt. Erst im Umgang mit „europäischen“ Verhältnissen kommen Gefühle der Benachteiligung und des Versagens auf, die dann auch zu psychischen Problemen führen.
Mit dieser Aussage will ich nicht behaupten, dass wir in den sogenannten Entwicklungsländern nicht auch Fälle haben, wo Liebe, Zuneigung und Schutz fehlen. Auch wir erleben eine Einengung und mangelnde Empathie in unseren modernen gesellschaftlichen Strukturen. Auch unsere Systeme orientieren sich immer mehr an den Erfordernissen der globalen Wirtschaftsstrukturen. Ihre Entwicklung wird beschleunigt durch den immer größer werdenden Einfluss der Digitalisierung. Es hat zur Folge, dass eine Diskussion um das psychische Wohlergehen der Menschen, insbesondere der Kinder, und die Grundlagen für eine gesunde Hirnentwicklung in den ersten Lebensjahren in dieser Umgebung nicht stattfindet.
Nichtsdestotrotz müssen wir eine dauerhafte, zukunftsfähige Grundlage für unsere Kinder schaffen, müssen ihren Lebensraum schützen, bewahren und lebenswert machen. Auch wenn viele glauben, dass sie nichts an den Zuständen ändern können, wir Eltern und die Gesellschaft können und müssen für das unverzügliche Schaffen von Bedingungen für eine körperlich-emotionale Unversehrtheit unserer Kinder mit gesunder Hirnentwicklung in den ersten Kinderjahren als Grundlage späterer Gesundheit, sozialer Widerstandskraft und souveräner Mediennutzung sorgen. Das können wir aber nur dann tun, wenn wir aufhören, sie einer Welt, die für Geldpolitik und ein profitorientiertes individualistisches ökonomisches System mit sinnlosem Konsum und sofortiger Bedürfnisbefriedigung steht, vorzuziehen. Wir müssen mehr Verantwortung für unsere Kinder übernehmen, wenn wir bessere Lebensbedingungen für sie im Heute und in der Zukunft schaffen wollen.
Erst dann werden wir die aktuellen globalen Probleme und Herausforderungen, die den Schutz der Menschheit und die Bewahrung des Planeten Erde gefährden, wie beispielsweise Umweltzerstörung, Klimawandel, Kriege, Gewalttaten und bittere Armut, bewältigen. Sie sind Teil der Lösung.
Wir wissen, was zu tun ist. Es geht nur um das Wie. Wichtig ist, dass die Lösungen nicht nur aus dem industrialisierten Westen kommen, sondern von überall auf der Welt – auch von den sogenannten Entwicklungsländern. Ich fordere den Status Quo des westlichen Blickes auf die Dinge heraus, um auch insbesondere in den Ländern des Südens nach Lösungen zu suchen. Die Kraft des interkulturellen, wertschätzenden und kooperativen Austausches darf nicht unterschätzt werden. In der globalisierten Welt von heute können wir nur gemeinsam die Herausforderungen und Probleme meistern, da sie uns alle gleichermaßen betreffen. So wie wir alle Teil des Problems sind, so sind wir alle auch Teil der Lösung.
Ich appelliere an unser Verantwortungsgefühl, nicht nur gegenüber unseren Kindern heute, sondern auch für zukünftige Generationen. Unser Selbsterhaltungstrieb muss über unsere Generation hinaus und auch für unsere Kindeskinder gelten. Es reicht nicht aus, sich darauf zu verlassen, dass die Politik schon alles richten wird. Ja, wir müssen darauf achten, dass sie verantwortungsvolles und nachhaltiges Handeln effektiv verbreitet und umsetzt, aber wir sind ebenso dafür verantwortlich – und das ist unsere vordringlichste Aufgabe – unseren Kindern Liebe, Zuneigung und Schutz zu schenken. Jeder Einzelne von uns muss mitverantworten, dass zukünftige Generationen ein besseres Leben führen. In meiner Stiftung, die Auma Obama Foundation Sauti Kuu („Starke Stimmen” auf Kiswahili) arbeiten wir mit Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 4 – 25 Jahren, um ihnen eine Stimme zu geben. Mit einer starken Stimme können sie Teil der Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse sein. Es geht um die Förderung und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und des kreativen Potenzials des Kindes, geistig wie körperlich, um sie für das Erwachsenenleben mit allen Herausforderungen auszurüsten, d. h. die Erlangung eigenen Glücks und Zufriedenheit.
Die abrupte gesellschaftliche „Vollbremsung“, die die COVID-19-Pandemie uns unterzogen hat, gibt uns die Gelegenheit für ein anderes neues Denken und die Gelegenheit, eine Kurskorrektur unseres gesellschaftspolitischen Leitbildes in Erwägung zu ziehen. Es ist eine Gelegenheit, weltweit daran zu arbeiten, die besten politischen Konzepte einzusetzen; Themen entsprechend in politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen zu verankern, die entscheidend für das Leben und das Überleben jetziger und zukünftiger Generationen sind. Und daran sollen sich alle beteiligen: privat und öffentlich engagierte Menschen, Bürgerrechtler, Politiker, Akademiker und Humanisten.
Ich freue mich sehr, für dieses so wichtige Werk einen Beitrag leisten zu können und ich wünsche Dr. Manfred Nelting und seiner Frau Elke Nelting viel Erfolg mit der Verbreitung ihrer so wichtigen Gedanken.
Nairobi, Juni 2020 Dr. Auma Obama
Gründerin/Direktor, Sauti Kuu Foundation

Dr. Auma Obama ist Gründerin und Vorsitzende der Auma Obama Foundation Sauti Kuu, internationale Keynote Speakerin, Buchautorin und Gastdozentin für die Themen ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit sowie soziale Verantwortung. Die Schwester des 44. US-Präsidenten Barack Obama möchte mit ihrer Stimme insbesondere auch benachteiligten Menschen eine Stimme verleihen, die auf der ganzen Welt gehört wird.
Dr. Obama wurde in Kenia geboren und wuchs dort auf. Sie studierte in Deutschland, wo sie einen Masterabschluss an der Universität Heidelberg erhielt. Nach diesem Masterstudium schloss sie ein Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin ab und promovierte gleichzeitig an der Universität Bayreuth. Im Anschluss an ihre erfolgreiche Promotion zog sie nach England und arbeitete dort für ein lokales Jugendamt, das „Children‘s Services Department“. Es folgte ein Umzug nach Kenia, wo Dr. Obama knapp 5 Jahre für die internationale Hilfsorganisation CARE tätig war. Zu Ihren Aufgaben gehörte u. a. die Koordination des Programmes „Sport for Social Change“, einer Initiative aus Sport und Bildung zur Stärkung des Selbstbewusstseins von Kindern und Jugendlichen. Hier wurde ein besonderer Fokus auf Mädchen aus benachteiligten Verhältnissen gelegt.
Dr. Obama ist Vorsitzende der Kinder- und Jugendlichen-Kommission des World Future Councils („Weltzukunftsrat“) rsp. Ratsmitglied des World Future Council. Außerdem Mitglied des Organisationsrats der Kilimandscharo-Initiative, die junge verbrechensgefährdete Menschen dabei unterstützt, ihr Leben gewaltfrei zu verbringen und sich und ihre Gemeinden positiv zu entwickeln, sowie für mehrere Jahre im Kuratorium der Stiftung Lesen und Schirmherrin des Storymoja-Lesefestival in Nairobi.
Dr. Auma Obama ist Gründerin und Vorsitzende der Auma Obama Foundation Sauti Kuu. Sauti Kuu stammt aus der Sprache Kisuaheli und bedeutet auf Deutsch „Starke Stimmen“. Die Stiftung möchte benachteiligten Kindern und Jugendlichen eine Stimme geben und ihre Potenziale wecken und stärken. Dies geschieht durch praxisnahe Schulungen, welche für die Kinder und Jugendlichen ökonomisch nachhaltig sind. Die Stiftung basiert auf dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ durch Unterstützung und Motivation, damit junge Generationen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und so erfolgreich ihre Zukunft steuern.
Als bekannte Buchautorin (u. a. „Das Leben kommt immer dazwischen: Stationen einer Reise“) und Vortragsrednerin wird Dr. Auma Obama als Key Noterin und Speaker zum Thema ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit in ganz Europa und weltweit gebucht.
Vortragsthemen: You are Your Future – Impulse für Verantwortlichkeit
Preise & Ehrungen:
•Hans-Rosenthal-Ehrenpreis
(für ihr soziales und humanitäres Engagement), Mai 2019
•Internationaler TÜV Rheinland Global Compact Award, Oktober 2017
•Fit4Future Ehrenaward, Juni 2017
•Kiwanis Award 2016, Kiwanis Club Stuttgart, März 2016
•World Human Rights Award, Magazin Look, Austria, November 2015
•German Speakers Award, GSA German Speakers Association, September 2015
•International B.A.U.M Special Award, September 2015
•Prix Courage Award, ZDF Mona Lisa und Clarins Paris, Oktober 2014
Begrüßung der Leserin/des Lesers
Ich begrüße Sie ganz herzlich als Leserin und Leser und freue mich über Ihr Interesse an diesem großen Thema. Wir begegnen uns hier auf diese Weise wahrscheinlich zum ersten Mal. Ich berichte hier in diesem Buch aus meiner Erfahrung als Arzt, als Unternehmer und Wissenschaftler, als Ehemann und Familienvater, als politisch interessierter Bürger und Demokrat, als TaiJi-Lehrer, Musiker und Tangotänzer (Tango Argentino) und aus weiteren Erfahrungsfeldern. Vieles davon ist eine gemeinsame Erfahrungs- und Erlebniswelt mit meiner Frau und unseren Kindern.
Auma Obama hat ja in ihrem hochgeschätzten Vorwort die ganze Tiefe dieses Themas schon anklingen lassen. Im Inhaltsverzeichnis haben Sie ggf. schon gesehen, dass ich einen weiten Bogen spanne und die Wirk- und Erlebnis-Linien in den heutigen verschiedenartig möglichen Alltagen integrativ behandele, also die vielen einzelnen Fäden miteinander verwebe zu einem aus meiner Sicht realistischen Teppich.
Hier in Kurzform ein paar Worte zu mir als Autor und auch zu meiner Frau, damit Sie eine erste Idee von uns haben.
Wer wir sind
Meine Frau Elke Nelting und ich kennen uns seit knapp 40 Jahren und haben dann bald geheiratet, wir haben drei erwachsene Kinder, Nina, Fritjof und Frederik, und sind mittlerweile schon vierfache Oma und Opa.
Beruflich bin ich ausgebildet als Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie für Allgemeinmedizin mit Naturheilkunde und Homöopathie sowie als TaiJi-Lehrer.
Meine Urgroßeltern mütterlicherseits waren um die Jahrhundertwende (1900) nach China ausgewandert, meine Oma ist in Shanghai und meine Mutter in dem nun seit der Corona-Pandemie allseits bekannten Wuhan geboren. Insofern haben wir traditionell Bezüge zu China und auch wieder aktuell ist die Frau unseres Sohnes Fritjof, dem ich vor einigen Jahren die Geschäftsführung unseres Gezeiten Hauses übergeben habe, Chinesin. Wir haben viel Freude an unseren Kindern, ihren Partnern und unseren Enkeln, wir sind reich beschenkt.
Der Impuls zu unseren Klinikgründungen mit integrativer Therapie von westlicher und traditioneller chinesischer Medizin kam gleichermaßen von meiner Frau, es waren also gemeinsame Ideen.
Sie hatte als junges Mädchen mit eigenen bodenständigen Wurzeln – ihre Eltern waren Bauern in der Nordheide – fasziniert vom Leben in China und speziell vom Bauern Wang gelesen in Pearl S. Bucks Roman „Die gute Erde“. Sie hat dann nach ihrer Krankenschwestern-Ausbildung und 10-jähriger Arbeit im UKE Hamburg einen Weg beschritten im Lernen und Praktizieren von „Do In“ Übungen, Massagen und dann speziell Kung-Fu. Diverse Ausbildungen in TaiJi/QiGong und TuiNa-Heilmassagen folgten. Im Weiteren entwickelte sie eine neue klinische Behandlungsform, die „TCM-basierte psychosomatische Körpertherapie“, die sie in unseren Kliniken jahrelang praktiziert und in der wir entsprechend therapeutische Mitarbeiter ausgebildet hatten.
Mit ihrer Kompetenz in TCM, meinem Schwerpunkt der Psychosomatik und Psychotherapie und unserer gemeinsamen Freude an QiGong und TaiJi konnten wir dann unser integratives klinisches Konzept mit psychosomatischer Medizin und Traditioneller Chinesischer Medizin beginnen und mit unseren Mitarbeitern die Behandlung mit unseren Patienten erfolgreich umsetzen.
Vorher war ich sieben Jahre als Assistenz-Arzt in verschiedenen Krankenhäusern zur Ausbildung und ebenfalls sieben Jahre als Allgemein-Arzt und Psychotherapeut in eigener Praxis niedergelassen. Es folgten zehn Jahre erfolgreicher Arbeit mit Patienten in der von uns und einem Kollegen gegründeten (1992) Tinnitusklinik in Bad Arolsen.
Dann haben meine Frau und ich auf diesem Boden unserer gemeinsamen Kompetenzen und Erfahrung seit dem Jahre 2004 Akut-Kliniken für psychosomatische Medizin und Traditionelle Chinesische Medizin (zuerst in Bonn) gegründet, in denen Menschen mit schweren Lebens-Krisen und Krankheitsentwicklungen wie Depression, Burn-out, Trauma-Folgestörungen, psychosomatischen Störungen, ggf. auch mit Sucht-Folgeentwicklung, Ängsten und Schmerzen sowie Bindungsstörungen behandelt werden können. Dies gilt für alle Altersstufen. Wir haben z. B. eine große Kinder- und Jugend-Psychiatrie/Psychosomatik, führen spezielle Intensiv-Traumatherapien für Traumafolgestörungen durch, arbeiten aber auch im geriatrischen Bereich mit Menschen, die im Alter und im hohen Alter entsprechende Behandlung brauchen. Wir haben eine eigene Forschungsabteilung, vielleicht haben Sie auch schon einmal vom Gezeiten Haus gehört, weil wir aufgrund unseres breiten Erfahrungs-Spektrums öfter von den Medien angefragt werden.
Sie wissen jetzt ein wenig über uns und unseren beruflichen Background. Mein Vorwort und die Einführung in das Thema sind so vorbereitet.
Lesen Sie, so oft Sie mögen, auch zwischen den Zeilen und verweilen dort ein wenig, dann „hören“ Sie mich und vor allem sich selbst noch deutlicher. Und lassen Sie sich Zeit beim Lesen. Schließlich kommen Sie nach der Danksagung auf Seite 639 bei den letzten Worten dieses Buches an. Das sind die Wichtigsten!
Direkt danach finden Sie noch einen QR-Code. Wenn Ihnen das Buch gefällt und Sie Lust haben, dies Ihrer Social-Media-Community mitzuteilen, scannen Sie doch einmal diesen QR-Code. Sie können dann mit einer einfachen Anleitung eine Leser*innen-Botschaft erstellen, sozusagen ein Kurz-Video für Ihren Freundeskreis.
Meines Wissens ist das in einem Buch Weltpremiere und ich bin gespannt auf die Resonanz in der Leserschaft. Auf diese Weise können ja die hier zusammengetragenen Gestaltungsideen von Ihnen auf gute Weise im Sinne einer Empfehlung weitergetragen werden.
Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit mit der Lektüre meines Buches.
Vorwort des Autors mit Anmerkungen zur Corona-Krise
Kinder sind „wundervoll“ und in diesem Sinne auch ein großes Glück. Wie schön, wenn es ihnen gut geht und die Eltern ihre Kinder lieben. Das ist aber nicht für alle so.
Zu vielen Kindern in der Welt geht es nicht gut, und auch in Deutschland ist das so. Nur etwa die Hälfte aller Kinder hier in unserem reichen Land bekommt genug Liebe von ihren Eltern und kann so in den ersten Lebensjahren eine hinreichend sichere Bindung entwickeln mit gesunder, natürlicher, unbehinderter Hirnentwicklung.
Etwa 25 Prozent der Kinder in Deutschland mangelt es daran in ihren Familien, weitere 25 Prozent erleben sogar ausgeprägte Vernachlässigung, bedrückende emotionale Kälte, sogar emotionale und körperliche Gewalt und sexuellen Missbrauch. Als Folge findet bei vielen Kindern eine gesunde Hirnentwicklung mit Ausbildung einer sicheren Bindung nicht hinreichend statt, d. h. ihr Grundvertrauen in die Welt und ihre Selbststeuerung werden hirnphysiologisch nicht bestmöglich ausgebildet, obwohl die Kinder die Voraussetzungen dafür mit der Geburt meist mitbringen.
Dass dies so vielen Kindern angetan und was ihnen damit an Potenzial verwehrt wird, kommt einem Verrat der Gesellschaft an den Kindern gleich, die sie zu schützen vorgibt. Und darüber hatte sich ein Schleier des Wegschauens, Verdrängens und Schweigens ausgebreitet. Die Gesellschaft verbaut, ja vergiftet sich selbst so den Boden für die Bewältigung der Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte.
Die meisten Menschen können aber gar nicht glauben, dass es so vielen Kindern nicht gut geht. Diese Realität liegt vielfach noch unter einer Tabu-Glocke, sie würde das Bild von Deutschland stören, viele geben ja an, mit ihrem Leben erst einmal soweit zufrieden zu sein. Und das Leben in Deutschland ist ja tatsächlich für viele eher angenehm, recht sicher und demokratischer als in vielen anderen Ländern. Aber darunter rumorte es doch. Das Tabu begann schon brüchig zu werden, der Verrat der Gesellschaft an den Kindern, die es vorgibt zu schützen, begann sichtbarer zu werden und in der Corona-Krise wird diese skandalöse Situation vieler Kinder nun auf einmal offensichtlich.
Ich habe das Buch im Wesentlichen vor der Corona-Krise geschrieben und hatte dafür den Titel „tabu“ gewählt.
Jetzt in der Corona-Krise rückt besonders das Thema der häuslichen Gewalt in den Nachrichten immer häufiger in den Fokus. Kinderärzte, Kinderschutzbund, Gesundheitsämter und alle, die sich um das Wohl der Kinder sorgen und kümmern, kommen zu Wort und dringen jetzt auch durch bei dem Geflecht von News und Fake News.
Kitas, Kindergärten, Schulen und Freizeiteinrichtungen wurden ja geschlossen und U-Untersuchungen der Kinder verschoben, womit ein gewisses Korrektiv für die Kinder und eine Möglichkeit für Transparenz verloren ging. Berichte häuslicher Gewalt mit offensichtlich zunehmender Tendenz im Lockdown häuften sich nun. Die Gesellschaft sah nun zunehmend das gravierende Problem, sogar die Wirtschaft befasste sich mit diesem Thema.
Und die Probleme der Schulen, der großen Klassen, des Lehrermangels und der Lehrergesundheit, der sozialen Ungleichheit sowie des Fehlens zukunftsfähiger Konzepte hören und sehen wir nun täglich.
Insofern hatte ich, einem Vorschlag meiner Frau folgend, den Titel von „tabu“ auf „offensichtlich“ geändert, auch wenn das Tabu weiterhin noch wirksam ist. Denn auch wenn die Dinge offensichtlich sind, können sie natürlich auch durchaus noch ignoriert oder verdrängt werden. Wie Sie sehen, haben wir uns nun letztendlich für einen anderen Titel entschieden:
EINSICHT in UNerhörtes Vom Schweigen zum Handeln – ein Kompass für eine neue Welt.
Dieser Titel beschreibt die Situation und mein Vorhaben noch klarer.
Ich möchte insofern hier helfen, das schon brüchig gewordene Tabu behutsam, aber beherzt weiter aufzuheben, und das, was zutage kommt, mit Ihnen als Leserin und Leser zusammen verstehen und als Boden nehmen für einen gemeinsamen gesellschaftlichen Entwicklungsweg, in den jeder seine individuelle Kreativität einbringt. Ich kann hier Licht hineinbringen als Arzt, dem viele Menschen ihre Lebenserzählungen anvertraut haben, und will nach Aufklärung und Analyse zu einem hoffnungsvollen Handeln animieren, nicht allein für die Zukunft, sondern gerade für die Gegenwart, die die Zukunft gestalten wird. Dafür sind insbesondere unsere Kinder da, die in dieser zukünftigen Welt leben werden, dürfen, müssen.
Das kreative Potenzial, die innere Balance, die sichere Bindung von möglichst vielen Kindern ist das Faustpfand, mit dem sie erst als Kinder und Jugendliche, später als Erwachsene, die nachfolgenden schwierigen Lebensbedingungen auf unserem Planeten meistern. Wir heutigen Erwachsenen haben unverzüglich die Maßnahmen zu ergreifen, die das noch möglich machen, im Übrigen auch für uns als Erwachsene.
Eine gesunde Hirnentwicklung als Grundbedingung braucht einen guten Rahmen, der von den Eltern und der Gesellschaft jetzt auf breiterer Basis geschaffen werden kann, viele arbeiten schon daran. Aber die Beziehungs-Bedingungen in zu vielen Familien, ihr finanzieller Rahmen zur Existenzsicherung, ihre Resilienz und soziale Widerstandskraft, die Kompetenzen in der Digitalisierung für eine souveräne Mediennutzung und die Gesundheit der Menschen mit ihren Fähigkeiten zur inneren und vegetativen Balance unter den Arbeitsbedingungen einer Wachstumswirtschaft haben sich in den letzten Jahren eher ungünstig entwickelt. Sie verschieben sich teilweise geradezu ins Gegenteil und verschärfen sich in der Corona-Pandemie weiter.
Wir haben also die Aufgabe, diese negative Entwicklung aufzuzeigen und zu beenden, dabei gerade wegen der Corona-Pandemie neue gesellschaftliche Ziele ins Visier zu nehmen, die sich bereits davor nahelegten. Viele glauben nicht daran, dass wir die Gesellschaft so gestalterisch verändern können und meinen bei den meisten Themen, der Zug sei doch sowieso abgefahren: Dem widerspreche ich entschieden und bin sehr zuversichtlich, dass ich in den Lesern dieses Buches vermutlich viele schon gestaltende, aber auch neue Mitstreiter finden werde, auch viele, die nach der Lektüre wieder neuen Mut schöpfen, weil sie verstehen, dass jede Veränderung auch im außen bei einem selbst beginnt. Bei uns selbst sind wir nicht ohnmächtig und können selbstwirksam handeln.
Dies gilt insbesondere für unsere Kinder, wir können ihnen Liebe geben und Vertrauen in die Welt. Das hat hohe gesellschaftliche Bedeutung, ist kein bloßes Gerede und gilt natürlich im besonderen Maße jetzt in der Corona-Pandemie. Ich werde dies jeweils genauer erörtern und erklären, weil wir und viele andere eine ganze Reihe hierzu notwendender innerer und äußerer Gestaltungen bereits ausprobiert haben und sagen können: „Es funktioniert!“
Natürlich weiß keiner genau, wie die Zukunft sich entwickeln wird, denn die Zukunftsentwürfe der vielen Menschen unterscheiden sich ja, und ich möchte sagen glücklicherweise. Und aus diesen verschiedenen Ideen wird sich etwas Neues herauskristallisieren.
Denn wir können Veränderungen machen und bewirken, wenn vielen klar wird, wie sie leben wollen und eine große Mehrheit der Bevölkerung hier in eine menschliche Richtung ziehen wird. Wir brauchen als Motivation zu einem würdevollen menschlichen Leben an sich nicht die heraufziehende Klimakatastrophe. Aber da ein von vielen neu gedachtes Leben und die Maßnahmen gegen die Klimaerwärmung bei genauerem Hinsehen recht richtungsgleich sind, nehmen wir den realen Zeitdruck durch die Klimaerwärmung, die wir eben tatsächlich haben, doch als kräftigen Motor, um die humanen Ziele endlich zu erreichen! Diesen Zeitdruck zu ignorieren macht keinen Sinn und würde menschliches Leben auf der Erde schließlich sehr schwer machen.
Und in dieser Haltung wollen und werden wir auch die Auswirkungen aus der Corona-Pandemie von ihrem vielfach existenzbedrohenden Charakter in Gegenwart entwickelnde und somit zukunftsfähige Impulse und Gestaltungen hin zur Erfüllung der Forderung nach einem würdevollen Leben für alle umwandeln.
Aktuell war ja schon vor der Corona-Pandemie Bewegung in die Gesellschaft gekommen, so als würde Hoffnung aus dem Tabu und dem allgemeinen gesellschaftlichen Schlaf drängen, ein neues Bewusstsein für die Gestaltbarkeit menschlicher Lebensbedingungen erwachen und aus der Umnebelung in die Klarheit entweichen.
Hier sind z. B. direkt aus der Bevölkerung zu nennen die Schüleraktivitäten „Fridays for Future“, die in Umfragen mittlerweile oft mehrheitliche Befürwortung eines bedingungslosen Grundeinkommens, das klare Gefühl von einem Grundrecht auf bezahlbare Miete, das Volksbegehren zur Bienen-Rettung und Artenschutz in Bayern sowie die Aktivitäten der Generationenstiftung mit ihrem Jugendrat. Es zeigt sich aber auch in Forschungen zu Gewalt und politischen Einstellungen, dass sich in Deutschland in den Familien tatsächlich auch schon hoffnungsvolle Entwicklungen jenseits der populistischen Tendenzen andeuten. Ich werde darauf sowohl inhaltlich als auch bei Projekten zur Frage der jeweiligen Praktikabilität in der Umsetzung intensiv eingehen.
Die aktuelle Politik hat großen Glaubwürdigkeits-Verlust, gestaltet nicht wirklich, sondern scheint für lobbyistischen Vorteil (z. B. Machterhalt) oft zu verzögern. Die handelnde Gesellschaft ist im Begriff, sie zu überholen, ja abzuhängen.
Daran ändert auch nicht das in der Corona-Krise initial doch sehr gute Krisenmanagement der Regierung, das noch mit steigenden Umfragewerten, insbesondere der Kanzlerin-Partei, aktuell belohnt wurde. Viele Bürger hatten aber doch schon vorher bemerkt, dass das Gestalten der Gesellschaft und die Umsetzung von notwendenden zukunftsfähigen Ideen und Visionen eher doch nicht zu den Kernkompetenzen der Koalitionäre gehören. In ihren Denkmöglichkeiten sind die meisten von ihnen einfach gefangen in den Grenzen ihres alten System-Rahmens und hauptsächlich erfahren im nachlaufenden Reagieren auf Krisen, wenn es stark aus dem Ruder läuft.
Und in der Corona-Pandemie, schon im ersten Lockdown, umso mehr im aktuellen zweiten Lockdown, wird deutlich, dass die notwendende Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Umwandlung des Wirtschaftens in klimafreundliche und kooperative Formen jetzt keine Verschiebung in die Zukunft zulässt. Den etablierten, im alten verharrenden Parteien wird vermutlich eine weitere Gefolgschaft zunehmend von vielen Menschen in Deutschland verweigert werden, viele werden sich schon bei der Bundestags-Wahl 2021 gestaltungsbereiteren demokratischen Parteien zuwenden.
Ähnliche Signale sendet auch der Ausgang der aktuellen US-Wahl mit dem neuen Präsidenten Joe Biden und insbesondere der Vizepräsidentin Kamala Harris. In ihren ersten Reden zeigen sie klar an, dass sie die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft überwinden und auch unverzüglich wieder dem Klima-Abkommen von Paris beitreten wollen. Insbesondere Kamala Harris kommt dabei ja die große Aufgabe zu, zukunftsfähige Konzepte für die Bevölkerung gemeinsam mit den US-Bürgern zu erarbeiten und in eine zunehmend zustimmungsfähige Entwicklung zu bringen. Die gelungene Zustimmung auch für ihre Person als eines der hervorragenden Ergebnisse dieser Wahl ist dafür ja ein guter Boden. Und wir können nun vermutlich besser schauen und daran arbeiten, wie eine zukünftige Partnerschaft sich zwischen EU und den USA gleichberechtigt und kooperativ entwickeln kann.
Wir haben jetzt vielleicht zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte durch die Digitalisierung und die Robotik die Chance, weniger zu arbeiten, mehr Zeit für die Kinder, zwischenmenschliche Begegnungen und gemeinschaftliche Ziele zu haben. Wie wir die Gesellschaft so umgestalten können, dass dies zunehmend menschlich, würdevoll und zur Freude und Zufriedenheit der meisten Menschen abläuft, darum soll es auch in diesem Buch gehen.
Wir brauchen dafür auch eine gestalterisch gute und ehrliche, uneitle Politik, um die Rahmenbedingungen für das Leben unserer Kinder grundlegend zu ändern, sowohl für ihre Entwicklungsbedingungen in den ersten Lebensjahren, als auch für ihre Lebensbedingungen auf diesem Planeten.
Die Initiative zur Verankerung der Kinderrechte nach der UN-Kinderrechtscharta (vor 30 Jahren verabschiedet) in das Grundgesetz ist hier hilfreich, aber es ist doch wunderlich, dass es extra betont werden muss, dass das GG auch für Kinder gilt?! Jeder ist jeder, auch kleine Menschen.
Wir brauchen also Wachheit: emotional - digital - sozial - politisch.
Denn für die Erlangung eigenen Glücks und Zufriedenheit und ebenso für die Bewältigung der zukünftigen Herausforderungen auf dieser Erde, für die Balance der Menschen untereinander und mit der Biosphäre (Digitalisierung, Klimawandel, Artenvielfalt usw.) braucht es, wie schon gesagt, viele Kinder in möglichst vollem Potenzial, geistig wie körperlich. Dies ist auch deshalb wichtig, weil wir viel Klugheit brauchen in einer grundlegenden Transformationsphase, in der wir jetzt in der Gegenwart durchaus von Selbstverständlichem und Gewohnheiten Abschied nehmen müssen, um uns nicht später plötzlich in bedrückenden Lebens-Szenarien wiederzufinden, wie z. B. die Klimaforschung es uns aufzeigt.
Ich möchte mit diesem Buch Lust auf ein solches Neues bzw. neu und zukunftsfähig zu gestaltendes Leben machen. Also schauen wir, wie das gelingen kann. Und wieso das für Eltern, die sich darum kümmern, Freude und mehr Lebensqualität bringt und dabei unsere Demokratie vitalisiert.
Unsere Zeit ist jetzt schon sehr schnelllebig. Ein Buch in der heutigen Zeit zu schreiben ist auf neue Weise herausfordernd, weil die Dinge sich so rasch ändern und man dann irgendwann radikal entscheiden muss, dass das Buch fertig ist. So ist es mir jetzt auch ergangen, ich freue mich, die Entscheidung der US-Wahl noch mit zu bedenken, da ich glaube, dass insbesondere durch Kamala Harris ein notwendiger Generationen-Wechsel eingeleitet ist. Sehr hoffnungsvoll erscheint mir noch das gerade erscheinende Buch „Mut zum Träumen“ von Papst Franziskus zu sein, in dem er z. B. ein bedingungsloses Grundeinkommen fordert, ein aktuell vielerorts geforderter Gedanke, den ich ausführlich mit Für und Wider im Kapitel 5 (Gestaltungsräume) beleuchte.
Wenn Sie dieses nun im Frühjahr 2021 erschienene Buch lesen, wird die Welt schon wieder eine andere sein. Es ist 2021, in Deutschland Wahljahr und ich hoffe, ja gehe davon aus, es wird mit den erzielten Wahlergebnissen ein Einstieg in eine neue, lebenswerte Welt möglich. Gehen Sie wählen! Und bleiben Sie zwischen den Wahlen gemeinsam mit vielen dran, das Leben auf der Erde in eine freud- und würdevolle, bejahenswerte Entwicklung zu bringen.
| Bonn, zum Jahreswechsel 2020/21 | Dr. Manfred Nelting |
Einführung und Aufbau des Buches.
Die Idee zu diesem Buch entstand aus einem Vortrag von mir zur gesunden Hirnentwicklung von Kindern und Jugendlichen in Zeiten der Digitalisierung.
Beginnen wir also auch hier bei der Einführung mit dem Thema der Digitalisierung und was sie für den Menschen bedeuten kann.
Digitalisierung ist per se sicherlich nicht pathogen und andererseits auch nicht per se ein Glücksbringer, wie sie oft medial und in der Werbung daherkommt.
Da die Digitalisierung sich aber von den früheren damals neuen Technologien insofern unterscheidet, als die Digitalisierung technologisch ohne Bremsen angeboten wird, liegt das Maß und die Balance allein beim Nutzer und seiner Kompetenz dafür. Gesellschaftliche Regelwerke sind nicht vorhanden, laufen der Entwicklung hinterher oder sind unfertig, langsam und wenig wirksam.
Da wir wissen, dass die Dosis das Gift macht, gilt das natürlich auch für die Nutzung digitaler Medien ebenso wie für den Umfang der Digitalisierung im jeweiligen Alltag. Darauf nimmt die Digitalisierung allerdings keine Rücksicht und der Einzelne hat dafür Sorge zu tragen, dass die Dosis verträglich bleibt.
Ein wichtiges Ziel in der Digital-Bildung ist somit die souveräne Mediennutzung – die Medienresilienz. Das bedeutet, dass ich eine gute eigene Selbststeuerung habe, die mir erlaubt, die Medien (Fernsehen, Smartphone, Internet, Apps, Games, Virtual Reality, Internet der Dinge) in einer Weise zu nutzen, dass ich:
•auswählen kann, was mir wichtig ist,
•ich mir ein Zeitlimit vor dem Bildschirm setzen kann, ich also Kraft habe, dem Sog weiterzumachen zu widerstehen,
•ich zu einer inneren Klarheit komme, was am digitalen Angebot mir echte Freude macht bzw. tatsächlichen Gewinn auf einer mir wichtigen Ebene bringt,
•ich mir ausreichend analoge Zeit für Direktkommunikation, sinnliche Genüsse, Bewegung, Ruhe gönne,
•also einen wesensnahen Lebensstil entwickeln kann, der im Einklang ist mit dem „Du“ und der Biosphäre.
(Was das genau heißt, schauen wir uns noch in Ruhe an).
Digitalisierung birgt in sich die einmalige und erstmalige Chance auf ein menschlicheres Leben, in dem Automaten und Roboter den Menschen harte Arbeit abnehmen und ihnen so Zeit ermöglicht für kreatives Arbeiten, Zeit für Kinder und Partner sowie für Freunde und Nachbarn, Gemeinwohlaktivitäten, Muße, Lebenspflege etc. Wir alle müssen darauf achten, dass diese Chance nicht vertan wird und in Digitalisierung als algorithmischer Selbstzweck mündet und damit für menschliche Zwecke endet. Digitalisierung braucht also die Einbindung in unser demokratisches Leben und eine grundsätzliche Gemeinwohl-Orientierung. Das ist aktuell noch nicht einmal als gesellschaftliches Ziel formuliert, wir müssen uns also darum kümmern (siehe Kapitel 3 und 5).
Es wird gesagt, dass Digitalisierung ab jetzt immer weiter und schneller fortschreitet und alle Menschen ab jetzt immer weiter digital lernen müssen – lebenslang. Aber was ist Digitalisierung und haben wir Einfluss darauf, was sie für uns jeweils persönlich ist?
Digitalisierung als eine dem Menschen dienende Technologie heißt im Zentrum analog-digitale Balance jedes Einzelnen. Die analog-digitale Balance gehört als fester Bestandteil zur Digitalisierung. Das heißt, wir müssen, wenn wir Digitalisierung z. B. an Schulen oder Unternehmen lehren, außer der Vermittlung von gekonnter Nutzung digitaler Medien vor allem auch die Freude und Kreativität an analogem Erleben gleichrangig lehren. Dazu gehören z. B. Begegnungen, sinnliches Wahrnehmen mit allen Sinnen wie beim Naturerleben, aber auch von ästhetischen Faszinationen der Baukunst, von technologisch Sichtbarem, der Kunst der Darbietungen in Bild, Musik, Theater, Tanz und Sport im direkten Erleben, ohne Bild- und Video-Aufnahmen mit dem Handy anzufertigen, und schließlich gehören dazu auch die Ruhe und Muße und der erholsame Schlaf, die im globalisierten Alltag leicht verloren gehen.
Digitalisierung, wenn sie dem Menschen dienen soll, darf nicht ohne das analoge Leben stattfinden. Das muss dann ebenfalls gelehrt und gelernt werden. Dabei ist lebenslanges Lernen im analogen Alltag normal und kann auf die digitale Nutzung ausgedehnt werden. Und die Lehrenden sollen dies als Vorbilder dann auch können, d. h. sie müssen selbst in guter Selbststeuerung sein und die Kinder und Jugendlichen ebenfalls, um das fassen zu können.
Ein Merksatz schon einmal im Voraus: Digitalisierung dient den Menschen nur, wenn die analog-digitale Balance und Selbststeuerung der einzelnen Menschen existiert und funktioniert, und nur so ist eine souveräne Mediennutzung für die Gesellschaft möglich, nur so entsteht eine Medienresilienz ohne Suchtgefahr und Kreativitätsverlust von zu vielen Menschen!
Wie und wann entsteht nun Selbststeuerung? Und da sind wir schon bei der Gehirnentwicklung in den ersten Lebensjahren der Kinder auf dieser Welt. Wenn sie gut gelingt, steht dem Kind im weiteren Leben viel Potenzial zur Verfügung auf dem Boden einer gut gebahnten Selbststeuerung, wenn nicht, ist die Impulskontrolle oft nicht ausreichend ausgebildet, was das Gestalten der Mediennutzung eben schwierig macht und nicht selten einer Mediensucht den Weg bahnt. Auch zum eigenen Glück ist der Weg dann oft weit.
Konsum und Sofortbefriedigung online sind dann ein letztlich schaler Ersatz mit großer Traurigkeit und Ohnmacht im Hintergrund, bewusst oder unbewusst.
Ein Gelingen braucht nun gute Randbedingungen, z. B. ausgeruhte, verlässliche Eltern, die dem neuen Erdenbürger eine dyadische Kommunikation ermöglichen (dyadisch: zwei in eins, siehe Kapitel 1).
Ausgeruht? Wie soll das gehen, wo die Mehrheit der Bundesbürger schlecht schläft bis zur Schlafstörung, wo der Stress „Allgemeingut“ ist und fast die Hälfte der Erwachsenen Bluthochdruck hat?
Und das Bildungssystem orientiert sich mehr an Erfordernissen der Wirtschaft als an der Hirnentwicklung und physiologischen Gegebenheiten. Auch der jetzt in der Corona-Pandemie beklagte Mangel an Tablets und Druckern in vielen Familien, die soziale Ungleichheit in der Kompetenz von Eltern für ein Homeschooling, dto. bei vielen Lehrern und das weitgehende Fehlen praktikabler Digitalkonzepte in der Schule ist ein verständliches Klagen über äußere Umstände.
Aber im Zentrum müsste hier stehen, dass die Beziehungsfähigkeit von Schülern und Lehrern den Boden abgibt, auf dem digitales Lernen funktioniert. Der emotionale Kontakt der Schüler mit ihren begeisterungsfähigen Lehrern ist die Basis der Freude der Schüler am Lernen und des hirnphysiologisch möglichen Lernertrags und -erfolgs. Dieser Mangel tritt bisher noch in den Hintergrund und Schule muss sich grandios wandeln in ihren Grundkonzepten, auch um z. B. digitalen Unterricht als Teil von Schule fruchtbar zu machen.
Und da die Anforderungen der Zukunft teilweise noch unscharf sind, sich noch nicht ganz deutlich herausgebildet haben, muss Schule sich auf eine große Flexibilität in den Lehrinhalten und Kommunikationswegen vorbereiten, die Lehrer müssen in guter, auch vegetativer Balance sein, um da mitgehen zu können. Und die Schüler profitieren dann hauptsächlich von Lehrern mit guter Psycho-Sozial-Kompetenz, Begeisterungsfähigkeit und persönlicher Zufriedenheit mit der Fähigkeit zur eigenen Lebenspflege.
Hier ist es eben wichtig, dass auch immer mehr Eltern, Lehrer und Politiker Kenntnis von gesunder Hirnentwicklung und dyadischer Kommunikation haben, ebenso wie Lernen im Schulalter hirnphysiologisch gut und nachhaltig funktioniert und dieses Wissen in die Gestaltung hierfür notwendiger Lebensverhältnisse umsetzen. Dabei können Eltern in ihrem Lebensraum viel gestalten und die Politik mit ihrer klaren Haltung kraftvoll anregen und fordern, indem immer mehr Eltern ihr Leben mit Lebensstilen, die einen guten Platz für Kinder haben, passend einrichten.
Dann kann sich die Gesellschaft im Interesse aller Kinder so entwickeln, dass Artikel 2 II des Grundgesetzes wieder in Kraft gesetzt wird, in dem es heißt: „Jeder hat das Recht auf Leben und Unversehrtheit. …“. Das ist bei behinderter Hirnentwicklung der Kinder dauerhaft verletzt. Und die Gesellschaft schadet sich mit. Eine gesunde Hirnentwicklung darf aber nicht zur Disposition stehen.
Dieses Grundrecht ist gültig, wird aber kaum beachtet, geht sozusagen derzeit noch unter bei dem Primat des Wachstums und der Renditen im liberalisierten Markt. Ohne Anbindung an das Gemeinwohl und neoliberal „entfesselt“ trägt ein solches „Markt“-Geschehen sein Ende aber schon in sich, es ist nicht zukunftsfähig, da die soziale Ungleichheit und das Misstrauen in der Gesellschaft mitwächst.
Ich möchte hierfür etwas Licht ins Dunkel bringen. Schauen wir uns also den Aufbau des Buches an.
Hinweis:
Viele aktuelle Entwicklungen laufen derzeit so schnell, dass man eher Momentaufnahmen erstellen kann, klar prognostizierfähig sind sie nicht. Sie passen daher letztlich nicht recht in ein Buchformat, weil sie zu rasch überholt sein können. Das betrifft z. B. die Entwicklung der Corona-Pandemie, den Bürgerrat und anderes. Daher verfolge und begleite ich dies weiter in „Neltings Welt“ unter der Rubrik „Offensichtlich“. Sie gelangen dorthin, wenn Sie den QR-Code auf der Rückseite des Buches scannen. Ich lade Sie nach Lektüre des Buches dazu herzlich ein.
Aufbau des Buches
Kapitel 1
In Kapitel 1 will ich erst einmal beispielhaft die gesunde Hirnentwicklung eines neuen Erdenbürgers darstellen, die später mit großer Sicherheit volles Potenzial ermöglicht.
Es folgt, eng damit verbunden, die Bedeutung der Telomere, den schützenden Endkappen der Chromosomen aus dem Gebiet der Epigenetik (um die Gene herum, z. B. An- und Abschaltfaktoren für Gene). Die Telomere sind wichtig, weil sie eine große Rolle spielen dafür, ob die Hirnentwicklung unter Stress und Angst oder eher stress- und angstarm stattfinden kann und welche Gene dafür ein- bzw. abgeschaltet werden (Ja, so etwas passiert tatsächlich in den Zellkernen!).
Kinder sind ja grundsätzlich sehr verschieden, „unvergleichlich“, und sie fordern ihre Eltern auch ganz unterschiedlich, daher schaue ich in diesem Zusammenhang auch auf sogenannte hochsensible und resiliente Kinder.
Kapitel 2
Dann möchte ich in Kapitel 2 die Situation der Eltern darstellen, einmal für sich als Menschen, dann aber gerade für ihre Elternschaft, beginnend mit der Empfängnis. Dafür ist ihr Stress-Level hochbedeutsam, der u. a. von ihrer eigenen Kindheit und Einstellung zum Leben, ihrem Lebensstil, ihrer Haltung, ihrer Arbeit und ihrer eigenen Kompetenz in Sachen Kommunikation mit Menschen und bei Medien abhängt und weiterhin von ihrer sozialen Situation. Aber hierher gehören auch viele Fragen, besonders zum Thema des Mutterseins, natürlich auch des Vaterseins, persönlich und in der Gesellschaft. All das bedingt mit, wie sie ihrer Aufgaben als Eltern nachkommen und ob sie ihren Kindern Liebe geben können.
Kapitel 3
Dann kommen wir in Kapitel 3 zu den Tabus und schauen uns an, was den Verrat an den Kindern eigentlich ausmacht. Dies betrifft die Themen der Gewalt ebenso wie die Wirkung der Frühpädagogik und Ausrichtung des Schulsystems. Ganz folgerichtig kommen wir dabei auf gesellschaftliche Fragen, also was die konsequente Umsetzung des Grundgesetzes Art. 2 II eigentlich behindert und schauen uns die aktuelle Lage der Kinder in Deutschland an, die wir für viele verbessern müssen, ja, hier verwende ich einmal das Wort „müssen“. Denn Verwahrlosung und Gewaltformen gegenüber Kindern sind eben auch bei uns für viele Kinder trauriger Alltag.
Insofern trägt der häufige Verweis auf die Zustände in der sogenannten Dritten Welt eine Überheblichkeit in sich, die wir nun gar nicht brauchen können, zumal sie falsch ist und wir von Menschen aus anderen Ländern in Deutschland auch viel lernen können. Denn unsere aktuelle westliche Lebensweise ist trotz Redefreiheit, freien Wahlen und recht verlässlichem Justiz-System, die als demokratische Errungenschaften unbedingt zu erhalten sind, oft eher eng, hohl und weithin inhuman, wie man an den Bedingungen für viele Kinder sieht.
Die westliche Lebensweise ist ein durchaus fragwürdiges Exportprodukt für andere angeblich unterentwickelte Länder, in denen wir neben den erkannten Missständen dort, an denen die westliche Welt früher im Kolonialismus und ebenso in unseren aktuellen Wirtschaftsbeziehungen einschneidend beteiligt war und ist, z. B. auch eine Freundlichkeit, Gastfreundschaft, Kooperation und naturnahe Kultur und Strukturen, z. B. in Familien, erleben können, die uns in Deutschland in unserer Überindividualisierung im Neoliberalismus fremd geworden ist. Wir brauchen also gerade hier bei uns die Kraft des interkulturellen, wertschätzenden und kooperativen Austausches mit anderen Ländern.
Wir sehen also, dass es so vielen Kindern hier bei uns in ihren Familien nicht gut geht. Daher verwende ich u. a. auch die Schreibweise „heim“lich, weil im Heim, also zu Hause, für so viele Kinder sowohl die Hirnentwicklung behindert wird als auch so viel Leid entsteht, dies meist schweigend, ohne dass etwas nach draußen dringt und ohne das Verantwortliche, die vielfach darüber Bescheid wissen, dies im Blick halten und bessere politische Rahmenbedingungen zur Abhilfe schaffen (darüber ausführlich mehr in Kapitel 4 und 5).
Dabei kommt hier auch in den Fokus, weshalb es vielen Eltern aktuell nicht gelingt oder gar nicht gelingen kann, ihren Kindern Schutz und Liebe zu geben. Denn viele Eltern sind schon für ihr eigenes Leben überfordert, viele selbst verletzt oder traumatisiert. Diese Wunden werden vielfach transgenerational weitergegeben, auch dies gilt es zu unterbrechen und zu heilen. Hier setzt das Buch an, beleuchtet die Tabus, zeigt die Zusammenhänge und wie wir im Alltag gestalten und grundlegend ändern können.
Dabei ist, wie gesagt, auch ein Blick auf den Sinn von Frühbetreuung und Kitas wichtig, und die Schule muss natürlich in den kritischen Fokus. Denn wir haben, wie schon erwähnt, große Aufgaben im Schulsystem zu gestalten, damit die Schule nicht das kreative Potenzial der Schüler einschränkt, wenn nicht gar vielfach vernichtet.
Kapitel 4
Nach diesem Blick auf die Realität der unterschiedlichen Lebensräume und Entwicklungs-Möglichkeiten bzw. -Behinderungen von Kindern schauen wir uns in Kapitel 4 die tieferen Ursachen und Folgen von Schutzlosigkeit bei Kindern in der Gesellschaft an. Dabei kommt auch die große Bedeutung zur Sprache, die einerseits die wirtschaftlichen Gegebenheiten für die Familien-Atmosphären haben, andererseits die ersten Kinderjahre und die wirksamen Erziehungsansichten der Eltern für die Gesellschaft bis hin zu entsprechenden Lebensgefühlen und Menschenbildern sowie politischen Meinungsbildungs-Prozessen.
Dabei geht es insbesondere um die Auswirkungen von Eltern-Begleitung der Entwicklung der Kinder in Liebe und Vertrauen und im Gegensatz dazu die autoritär-kontrollierende Erziehung mit der strengen Forderung nach Gehorsam, Unterordnung sowie ggf. der Anwendung von Strafen, Liebesentzug oder Prügel. Die meisten Eltern werden sich aktuell vermutlich als liebende Eltern einordnen. Es geht aber auch darum, warum die Annahme begründet ist, dass tatsächlich zunehmend mehr Kinder in eine liebevolle Kindheit kommen können und warum dies die Demokratie stärken wird.
In unser Blickfeld kommen dabei natürlich auch die Politiker, die wir gut auswählen und auf unsere Seite als Bürger ziehen sollten, um dahin zu kommen, wie wir leben wollen. Dabei ist es für unsere Wahlentscheidungen wichtig, dass wir solche Politiker wählen, die persönliche Macht steuern können und gefestigt sind gegen bürgerfernen, korruptionsnahen Lobbyismus und autoritäre Gesinnungen und mit Liebe ihren Dienst tun.
Kapitel 5
Nach dieser Vorbereitung gelangen wir nun in Kapitel 5 in die Gestaltungsräume, die Erwachsene haben: Zuerst privat und dabei insbesondere als Vorbilder für ihre Kinder, denn wenn es den Erwachsenen gut geht, geht es meist den Kindern auch gut. Wir schauen uns dann aber auch die Gestaltungsräume in der Region und natürlich der Politik an. Dabei werden wir uns zwangsläufig immer wieder an dem aktuellen Primat von Wirtschafts-Wachstum und Finanzmacht stoßen, was aber unsere Gestaltungs-Ideen kreativ anregen wird.
Dieses Stoßen ist aber unumgänglich, weil so unser Gespür für die grundsätzliche Frage, wie wir gegenwärtig eigentlich leben wollen, umso mehr, wie wir bzw. unsere Kinder zukünftig leben können, nach ihren kreativen Vorstellungen sensibilisiert und innerlich etabliert wird.
Die Corona-Pandemie hat sehr vielen von uns diesbezüglich ja im Lockdown auch eine kollektive Erfahrung in Mitmenschlichkeit und Kooperation beschert, weiterhin die Bedeutung von verfügbarer Zeit ins Erleben gebracht sowie uns die Notwendigkeit und den Zwangs-Charakter ausufernden Konsums hinterfragen lassen. All das hat in der Gestaltung Bedeutung.
Der Mensch ist in seiner Physiologie und seinem Sein zwar an naturgesetzliche Entwicklungen gebunden (die Gene selbst werden sich nicht in kürzester Zeit ändern), die aktuellen Verhältnisse sind allerdings menschengemacht, daher eben nicht unveränderlich. Bedenken wir, dass die sogenannte Liberalisierung der Märkte und der Finanzwelt in Deutschland um das Jahr 1990 begann und es das Smartphone erst seit 14 Jahren gibt.
Wir schauen uns also auch bei den Gestaltungsräumen in Kapitel 5 das Wissen um den Status quo der gesellschaftlichen Verhältnisse an, die wir in Kapitel 4 herausgearbeitet haben, weil wir ein Engagement von vielen brauchen, damit es nicht weiter zu den vielen Bindungsstörungen, Impulskontrollstörungen, Vernachlässigung und Gewalt in Familien und Suchtverhalten bei Drogen und im Medienbereich kommt.
Ebenso möchte ich das Gerechtigkeitsthema eines ausreichenden Einkommens für die vollständige Teilhabe an der Gesellschaft und an den Grundrechten an verschiedenen Stellen des Buches ansprechen, und was das für die Kleinsten bedeutet. Dabei werde ich auch vielfach erklären, wieso Kinder, die mit viel Liebe aufwachsen konnten, deutlich weniger verführbar sind für Drogen und Konsumwerbung, aber auch kaum Resonanz zeigen auf Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung und autoritäres und rechtsextremes Gedankengut.
Ich spreche aus der Praxis. In unseren psychosomatischen Kliniken entwickelt jeder einzelne Mensch in unserer Begleitung mit uns zusammen passende Lösungen für das weitere Leben. Dabei kommen auch immer die familiären und gesellschaftlichen Probleme ins Visier, die Menschen krank werden lassen und an der Entstehung ihrer Krankheiten mitbeteiligt sind bzw. sie bei der Gesundung behindern können. Dies nehme ich an verschiedenen Stellen auch hier im Buch auf.
Die zu erwartenden disruptiven Entwicklungen in der Arbeitswelt und im gesellschaftlichen Alltag und wie wir damit menschlich und zukunftsfähig umgehen können, kommen natürlich ebenfalls kapitelübergreifend zur Sprache.
Ich verwende im Text vielfach die Worte „Wirtschaft“ und „Politik“ in einer verallgemeinerten systemischen Bedeutung. Dies soll natürlich keine Aussage zu dem einzelnen Unternehmer und Politiker sein. Ich sehe viele und kenne einige persönlich, die sich in klarer Haltung gemeinwohlorientiert zu Wort melden und handeln. Hierzu habe ich Näheres in Kapitel 5 auf Seite 503 ausgeführt.
Kapitel 6
Eine Gesellschafts-Skizze, wie sie bald aussehen könnte, schließt das Buch ab.
Die Kapitel habe ich am Ende jeweils kurz zusammengefasst.
Spektrum – Kinderschutz weltweit
Danach folgt eine kurze Erweiterung der Thematik auf die Situation der Kinder international, die Themen der Überbevölkerung, der gesundheitlichen Bedrohungen von Kindern und wie wir gemeinsam Kinderrechte in der Welt umsetzen und sichern können. Hier sind insbesondere die UN und der Weltzukunftsrat mit Sitz in Hamburg sowie die Aktivitäten von Auma Obama im Weltzukunftsrat und ihrer Stiftung „Sauti Kuu“ sowie die von ihr angeregte Sansibar-Erklärung, wichtige und hoffnungsvolle Institutionen und Projekte, die die Augen nicht verschließen und viele gute Entwicklungen weltweit initiieren.
Nach der Danksagung folgen „Letzte Worte“, der QR-Code für eine Leser*innen-Botschaft und der Anhang mit diversen Informationen.
Wir haben an einigen Stellen im Buch (hauptsächlich in Kapitel 5) QR-Codes zum Scannen mit Ihrem Handy abgedruckt, die einzelne Themen noch einmal positionieren und unterfüttern. Sie können auch nach der Lektüre im Anhang in der QR-Code Liste ausgesucht und angeschaut werden.
Wir und andere haben Zuversicht und viele Ideen, von denen wir viele schon erfolgreich ausprobiert haben. Und ich denke, das macht vielen Lust darauf hin, in dieses menschliche, kooperative Handeln zu kommen und ein Leben mit mehr Zeit und Platz auch für Kinder zu gestalten. Viele der hier genannten Gestaltungsideen sind im Alltag praktikabel, Sie werden sie auf Ihre eigene Art und Weise aufgreifen, abwandeln oder ergänzen. Lassen Sie sich inspirieren und anregen!
Kapitel 1 GESUNDE HIRNENTWICKLUNG IN DEN ERSTEN LEBENSJAHREN
Kapitel 1 Gesunde Hirnentwicklung in den ersten Lebensjahren
„Das Kind bedarf keines Gestirns und keines Planeten; seine Mutter ist sein Planet und sein Stern!“ Paracelsus
1.1 Wachstumsbedingungen
Kinder sind großartig. Es ist jedes Mal ein Wunder, wenn ein Kind auf die Welt kommt. Und es hat schon ein Gehirn, das gut vorbereitet ist für das, was kommen könnte. Aber wie geht es dann wirklich weiter?
Das Gehirn z. B. wächst zwar deutlich in den ersten Monaten nach der Geburt, aber nicht in allen Bereichen einfach so von selbst, insbesondere die vordere Großhirnrinde braucht als Wachstumsstoff außer der Muttermilch noch liebevolle Zuwendung, Körperkontakt und Ansprache, dann reift es und kann ins Blühen kommen. Wie das?
Ein Beispiel aus dem Tierreich: Forscher waren erstaunt, dass eine Katzenbehausung mit einem Wurf mehrerer Katzen immer so sauber war. Dann sahen sie, dass die Katzenmutter die Kätzchen am Damm leckte und so z. B. den Urin auffing. Aber woher wusste sie, welches der Kleinen gerade Pipi machen musste?
Es dauerte lange, bis jemand einmal den Gedanken umdrehte. Des Rätsels Lösung: Die Babykatzen pinkelten erst, wenn die Nieren über das Lecken angeregt wurden. Das Funktionieren der Nieren war nicht einfach so da. Jeder, der schon einmal ein verwaistes Katzenbaby aufgezogen hat, weiß, dass man außer der Gabe des Fläschchens auch noch immer den Damm mit einem feuchten Wattebausch etwas reiben muss, dann färbt es sich schnell gelb. Ohne diese Anregung sterben die Katzenbabys meistens, weil ihre Nieren nicht ins Funktionieren kommen. Beim Menschen ist es etwas anders, die entsprechende Anregung vieler Organe ist u. a. intensiver Druck auf die Haut und den ganzen Körper, wie es bei einer natürlichen Geburt im Geburtskanal stattfindet. Darum ist bei Babys, die durch Kaiserschnitte zur Welt kommen, der ausgeprägte initiale und wiederholte direkte enge Hautkontakt zur Haut der Mutter, ggf. der Hebamme zu Beginn besonders wichtig. Bei über den Geburtskanal geborenen Babys bleibt das natürlich im Weiteren ebenfalls wichtig.
Organe brauchen also passende Anregung und beim präfrontalen Gehirn (der Teil ganz vorne im Stirnbereich über den Augen) ist es die Kommunikation mit einer liebevollen Person, meist der Mutter, die zum Wachstum und zur Strukturierung führt und dabei und nur dann bestimmte wichtige Funktionen kräftig ausbildet. Und das zieht sich über die ersten sechs Jahre hin.
Hätten Sie es gewusst? Vielleicht sagen Sie, das ist doch normal. Für viele ist es das auch, für viele aber nicht (dazu später).
Bei einer solchen, wir sagen als Ärzte „gesunden“ Hirnentwicklung bildet sich auch eine Funktion aus, die wir als Selbststeuerung bezeichnen. Dies ist eine ganz wichtige Grundlage für eine spätere souveräne Mediennutzung.
Wir schauen uns dabei explizit an, wie es den Eltern geht, weil es Kindern meist gut geht, wenn es den Eltern gut geht. Denn die Eltern können es schaffen, dass sie selbst besser schlafen, mehr Zeit haben für sich und die Kinder und verlässlich sind. Hierfür sind oft klare Lebensentscheidungen notwendig. Notwendig deshalb, weil die Natur des Menschen und die Hirnentwicklung nicht verhandeln, sondern so sind, wie sie angeregt werden. Nichtbeachtung hat Folgen und das bedeutet leider viel zu häufig, dass die Kinder nicht zu ihrem vollen Potenzial heranreifen können.
Wie entsteht nun eine gesunde Selbststeuerung beim Menschen? Und was bedeutet es, wenn dies nicht gelingt?
Zur Beantwortung dieser Fragen wird uns das folgende Bild durch die Thematik begleiten. Wir beginnen mit der Hirnentwicklung des Säuglings/Kleinkindes in der Mitte des Bildes, gehen danach noch mal in die Situation im Mutterleib zurück und danach weiter zurück auf die Eltern vor der Empfängnis. Denn die Biografie eines Menschen beginnt bereits da. Danach kehren wir wieder zum Kleinkind zurück und schauen uns die weitere Entwicklung an.

Abb. 1: Phasen des Lebenslaufs von der Empfängnis bis zur Erwachsenenzeit
Die Abbildung beschreibt also die Phasen des Lebenslaufs von der Empfängnis bis in das Erwachsenenalter. Es wird dabei neben der kindlichen Hirnentwicklung (siehe gleich Abb. 2, S. 60) später noch viel um die Bedeutung von Lebensstil, Stress-Physiologie und Zellkern-Prozessen gehen für die Gesundheit, Bindungsfähigkeit, Lebenszufriedenheit und besonders auch die (spätere) Mediennutzung.
Da fragen Sie vielleicht, was hat der Umgang mit Smartphone, Internet, Virtual Reality mit dem Körper zu tun? Sehr viel, wie ich u. a. im Folgenden in der biografischen Reise von der Empfängnis und der Geburt bis ins Erwachsenenalter zeigen werde.
Schauen wir uns zuerst die gesunde, unbehinderte Hirnentwicklung an.
Wir nennen eine Gehirnentwicklung gesund, wenn sie dazu führt, dass das größtmögliche Potenzial zur Erreichung von Kompetenzen, Balance, Bewältigungskräften, Glücksempfinden und Resilienz ausgebildet werden kann.
1.2. Phasen der Hirnentwicklung in den ersten Lebensjahren
1.2.1 Ich/Du-Entwicklung
Jedes Kind kommt mit einem großen Vorrat an Gehirnzellen und Vernetzungen zwischen den Hirnzellen auf die Welt. Das Gehirn wartet nun neben guter Ernährung, besonders der Muttermilch, auf passende Reize als Anregung für verschiedene Hirnbereiche zum Weiterwachsen, Ausgestalten und strukturierender Verstärkung von Vernetzungen zur Ausbildung von Funktionen und Kompetenzen.
Menschliche Babys sind sogenannte physiologische Frühgeburten, d. h. sie können ja noch nicht wie andere Tiere gleich nach der Geburt stehen, gehen usw., sondern müssen sich ihre Welt angepasst und gut geschützt zunehmend erobern. Dafür brauchen sie eine gute Umhüllung, in der es Anregung, Begleitung und Antwort gibt. Mit anderen Worten, nach dem inneren Uterus braucht es noch einige Zeit einen äußeren Uterus, der mitwächst. Das Baby ist mit dieser Umhüllung noch lange eins, ungetrennt und wie im Uterus durch die Nabelschnur jetzt aus dieser Hülle ernährt.
Die Umhüllung ist im Beginn die Mutter. Sie nährt mit ihrer Milch, mit dem Hautkontakt, ihrem Geruch und ihrer Stimme, die jedes Mal wiedererkannt werden, ihrer Bewegung beim Tragen, ihrem dabei wieder hörbarem Herzschlag und mit ihrem Anteil an stimmlicher und sinnlicher, liebevoller zugewandter Kommunikation. Und sie ist da in der Welt des Neugeborenen.
Der Psychoanalytiker Heinz Kohut hat ein schönes Bild dafür gefunden: Das Baby sieht „den Glanz im Auge der Mutter“, also ihre Freude und ihren Stolz. Das zu erleben ist für das Neugeborene und Baby die Basis der sicheren Bindung.
Ein Baby ist zwar eine physiologische Frühgeburt, aber kein gänzlich unbeschriebenes Blatt. Die neun Monate im Uterus haben ihm vielfältige Wahrnehmungen, Zustände und Erfahrungen erwirkt in der uterinen Kommunikation mit der Mutter und ihrer im Uterus ankommenden Stoffwechsel- und Erlebniswelt. Auf dieser Grundlage kommuniziert das Baby mit der Mutter weiter.
In Baby-Videos über die Kommunikation von Baby und Mutter, dem Baby-Talk, wie einige sagen, hat man festgestellt, dass beide meist etwa den gleichen Anteil an der Kommunikation haben. Mal sagt das Baby etwas und die Mutter wendet sich zu und antwortet, dann nimmt sich einer der beiden eine Pause und wendet sich kurz ab, mal sagt die Mutter etwas und das Baby wendet sich zu.
Das können die Babys, der Frankfurter Psychoanalytiker Martin Dornes hat sie folgerichtig „kompetente“ Säuglinge (sein Buch: „Der kompetente Säugling“) genannt. Und sie brauchen diese Kommunikation (über einen diesbezüglichen Mangel später).
Im Baby-Talk ist es dabei übrigens sehr wichtig, dass eine Aktivität des Babys prompt beantwortet wird, da es nur dann die Antwort als durch eigenes Agieren hervorgerufen erlebt. Dies ist im Prozess der Herausbildung eines sicheren Empfindens von Selbstwirksamkeit besonders wichtig. Natürlich kann nicht jede Regung des Babys sofort beantwortet werden, aber wenn es wach ist, ist es oft möglich, wenn man selbst in der Präsenz ist.
Dieser erste Prozess der Menschwerdung von der Empfängnis bis zur neurophysiologisch verankerten Erkenntnis, dass es ein neu entdecktes, tatsächlich gewordenes „Ich“ und auch ein davon unterscheidbares „Du“ im Ich/Du-Verbund gibt, dauert etwa 1000 Tage. Das sind 1000 Tage kommunikativer Umhüllung, die ein Kind als Startkapital braucht, zuerst im Uterus, danach in der Umhüllung. „1000 Tage“ klingt lange und ist doch so schnell vorbei, die Eltern unter Ihnen werden mir beipflichten.
In dieser Zeit hat durch die Kommunikation Baby/Mutter der untere Stirnlappen des Gehirns großartig reagiert, hat sich tatsächlich vergrößert und das kleine Kind hat für sich langsam erfahren, dass es zweierlei gibt, ICH und DU (unterscheidbar, aber als WIR zusammengehörig und noch eingebettet ist, neurophysiologisch verankert). Wir nennen diesen Gehirnteil den unteren präfrontalen Cortex. Diese Entwicklung braucht eben eine gehörige Zeit und immer wiederkehrende verlässliche liebevolle Kommunikation.
Wenn es so läuft, ist die Grundlage für eine sichere Bindung des Kindes an die Mutter gelegt und diese Sicherheit bedeutet auch ein Urvertrauen für das Sein in dieser Welt, jetzt und später.
Phasen der Gehirnentwicklung

Abb. 2: Phasen der Gehirnentwicklung in den ersten Lebensjahren
Die ersten zwei Lebensjahre sind also entscheidend für die Ausbildung einer sicheren Bindung beim Kind. Sie entsteht durch die verlässliche dyadische Kommunikation inkl. Körperkontakt zwischen Kind und Mutter.
Sollte die Mutter, aus welchen Gründen auch immer, nicht für das Kind verfügbar sein, müssen der Vater oder die Oma oder eine andere möglichst konstant präsente empathiefähige Person diese Aufgabe der ersten zwei Jahre bestmöglich erfüllen. Auch das kann gelingen, wenn diese Personen in der Lage sind, eine dyadische, gut umhüllende Kommunikation herzustellen.
Eine zeitweilige Trennung von der Mutter oder Hauptperson setzt keine Schäden, wie wir heute wissen, aber in dieser Zeit ist es auch wichtig, dass eine andere empathiefähige Person da und präsent ist. Trennung ist aber auch etwas, was behutsam gelernt werden muss, weil es im Alltag zwangsläufig immer wieder stattfindet. Dabei lernt das Kind auch, dass die Mutter immer wieder kommt. Es ist dafür besser, wenn die Mutter sich nicht wegschleicht, sondern auf die nun präsente Person verweist und sich kurz verabschiedet. Dabei sollte die „Ersatz“-Person bekannt und vertraut sein und die Trennung im Beginn eben kurz. Später sind dabei auch sogenannte Übergangsobjekte wie ein Schal der Mutter oder ein Stofftier, mit dem gemeinsam gespielt wurde, hilfreich in der Zeit der Trennung. Aber Trennung sollte in der ersten Zeit eben etwas zeitlich sehr Begrenztes sein.
Vorerst in dieser Phasendarstellung gehe ich davon aus, dass die Mutter für ihr Baby einfach da ist.
Unter dieser Kommunikation wächst und reift der untere präfrontale Kortex zur allmählichen und sicheren Wahrnehmung von Ich und Du.
Eine sichere Bindung ist nun Voraussetzung für die nächsten Phasen der Entwicklung der Impulskontrolle und einer später darauf aufbauenden Selbststeuerung (siehe Abb. 2).
Natürlich können und werden weitere Personen im Haushalt wie der Vater oder Partner der Mutter, Geschwister und Großeltern und andere nahestehende Personen die Kommunikation der Mutter mit dem Baby/Kleinkind ergänzen oder kurzphasig ersetzen. Dies ist insbesondere gut möglich, wenn die Stimmen und Gesichter wie beim Vater und Geschwistern, vielleicht auch Großeltern durch Zusammenleben oder häufigen Kontakt schon bekannt sind.
Das Baby wird auch, wenn es wach ist, Zeiten für sich brauchen, in der es seine Hände, Arme und Beine zunehmend kennenlernt und alles um sich herum genau und immer wieder untersucht, wie es sich anfühlt in der Hand und im Mund. Diese Zeiten soll man natürlich nicht stören. Auf die Situation z. B. in Kitas und das Zusammenspiel zwischen Kita bzw. Tagesmutter und Eltern komme ich später.
Oxytocin
Die Entwicklung einer sicheren Bindung wird physiologisch begleitet durch die Ausschüttung von Oxytocin, dem Bindungshormon, beim Neugeborenen und bei der Mutter. Dies beginnt bei der Geburt und bekommt einen kräftigen Impuls beim Stillen und ganz besonders beim direkten intensiven Hautkontakt. Dadurch entsteht ein Oxytocin-Level, der im weiteren Leben die Bindungsfähigkeit weiter ausbildet und insbesondere durch körperliche Nähe und Hautkontakt immer wieder angeregt wird, tatsächlich eine verlässliche Ressource im späteren Erwachsenenleben. Übrigens hat der Vater selbst eine gute Bindungsfähigkeit, steigt auch bei ihm der Oxytocin-Level, insbesondere, wenn er auch Hautkontakt mit dem Kind hat.
Die Bedeutung des autonomen vegetativen Nervensystems als weitere zentrale biologische Basis der Bindungsfähigkeit beschreibe ich nach der Phasendarstellung.
Babys, die direkt nach der Geburt von der Mutter getrennt wurden und ohne sie bzw. ohne konkrete Bezugsperson im Waisenhaus ohne empathische Begleitung aufwuchsen, können später als Kinder und Jugendliche auch bei Aufnahme/Adoption in warmherzige Familien sichere Bindungen schlechter aufbauen sowie weniger Glück aus Begegnungen ziehen. Sie bleiben eher distanziert und misstrauisch. Die Fähigkeit zur Ausschüttung von Oxytocin ist bei ihnen entsprechend deutlich vermindert. Bindungsarbeit, etwa in erlebniszentrierten psychotherapeutischen Gruppen, kann hier auch noch nachträglich moderate Verbesserungen in der Bindungsfähigkeit erzielen.
Impulsgesteuert
Das Baby ist in diesen ersten 2 Jahren von Basisimpulsen gesteuert. Es meldet sich lautstark, wenn es Hunger hat, der Stuhlgang drückt, die Haut im Windelbereich gereizt ist oder ein Bedürfnis nach Wärme und konkret spürbarer Umhüllung und Getragenwerden da ist. Auch Schmerzstillung und Trost soll sofort erfolgen. Allen Basisimpulsen ist gemeinsam, dass sie keinen Aufschub dulden. Das Baby schreit eben sonst solange, bis das Bedürfnis gestillt oder das unangenehme Gefühl weg ist.
Einige Eltern meinen, dass ein Kind mit 2 Jahren unartig ist, wenn es wild oder wütend agiert, weil es seinen „Willen“ nicht bekommt. Das ist aber eine Annahme, die aus hirnphysiologischer Sicht grundfalsch ist. Ein Zweijähriges kann noch keine Impulskontrolle haben, weil die sich erst in der Folgezeit im Gehirn strukturell ausbildet.
Daher wirken Bestrafungen in diesem Alter traumatisch, weil das Kind ja nichts anderes machen kann und dadurch in ungeheuren unlösbaren Stress gerät. Stattdessen gilt es, sich feinfühlig in das Kind hineinzuversetzen, damit die „Wut“ des Kindes dann als eigene Kraft im Kind spürbar wird und mit Anregung durch die Eltern für anderes zur Verfügung steht.
Ebenso haben viele Eltern Sorge, dass sie ihr Kind zu sehr verwöhnen, wenn sie in den ersten beiden Jahren immer sehr konkret auf ihre Bedürfnisse eingehen. Auch diese Sorge ist unbegründet, vielmehr wird so die Grundlage gelegt, dass ein Kind später mit seinem vollen Potenzial und Urvertrauen neugierig die Welt erkunden kann. Durch eine Erziehung, die den Kindern schon zu früh das Ertragen von Frustrationen abverlangt, werden die Kinder in ihrer Entwicklung gehemmt und zwar auch ganz konkret auf Gewebeebene mit einem Rückgang der Vernetzung der Hirnzellen untereinander.
Manchmal weinen Babys zur Bewältigung möglicher wiedererinnerter, intrauterin oder durch die Geburt erlittener traumatischer Erfahrungen, wie Pränatal-Experten es ins Spiel bringen. Auch in solchen Fällen, wo es nicht primär um das Stillen von Bedürfnissen geht, gilt es das Baby nicht weinend liegenzulassen, sondern ihm das Weinen auf dem Arm der Mutter oder betreuenden Person zu ermöglichen. Ein Baby regelmäßig länger weinen zu lassen ohne liebevolle Umhüllung (auch in bester Erziehungsabsicht) wirkt in den ersten zwei Lebensjahren meist erneut traumatisch.
Im dritten Lebensjahr
Jetzt also erst einmal zurück zur weiteren Gehirnentwicklung im dritten Lebensjahr. Hier entwickelt sich allmählich die Impulskontrolle sowohl körperlicher als auch emotionaler Impulse, die Vorphase zur späteren Selbststeuerung. Was passiert da im Gehirn?
1.2.2 Impulskontrolle
Im dritten Lebensjahr sind die verlässliche, liebevolle Kommunikation und das Da-Sein von Mutter, Vater, Oma oder einer anderen verlässlichen und empathiefähigen Person weiterhin unabdingbar. Der Kommunikationskreis wird dann meist erweitert, aber die sogenannte dyadische Kommunikation wird von der Hauptperson oder beim Zusammenleben auch durch mehrere Personen wie Mutter, Vater und Geschwister weitergeführt und muss auch bei Fremdbetreuung ermöglicht werden.
Auf der Grundlage der sicheren Bindung wird das Kleinkind im Alltag zunehmend herangeführt, dass eine Sofortbefriedigung nicht immer gleich möglich ist, insbesondere bei mehreren Kindern im Haushalt bzw. auch bei z. B. einer Tagesmutter. Aber die Stillung der Bedürfnisse wird nicht lang anhaltend versagt. Für das Gehirn bedeutet das, dass ein Impuls manchmal eine gewisse Zeit aufgehoben werden muss, bevor die Lösung erfolgt. Diese Herausforderung ist ein Reiz für den oberen Anteil des Stirnlappens und dieser wächst darunter ebenfalls großartig und lernt den Impuls eine Weile zu beherbergen, ohne dass das Kind in allzu großen Stress oder Verzweiflung gerät. Dies gelingt aber nur richtig gut, wenn das Kind sich sicher und aufgehoben fühlt.
Diesen Teil des Stirnlappens im Gehirn nennt man den oberen präfrontalen Kortex (siehe Abb. 2 auf Seite 60).
Beide Teile, also der untere und der obere präfrontale Kortex, müssen gut angeregt und ausgebildet sein, damit die nächste Herausforderung, nämlich die Selbststeuerung, begonnen werden kann.
Die Anforderungen, auch das Setzen von Grenzen im sozialen Miteinander familiär, ggf. bei der Betreuung durch eine Tagesmutter oder auch in einer Kita, haben jetzt ab dem dritten Lebensjahr in ansteigendem, aber immer angemessenem Maße wichtige Bedeutung. Das Kind beginnt jetzt an Herausforderungen im Spiel oder bei der Rahmensetzung durch die Eltern seine Selbstwirksamkeit und seine aktuellen Grenzen wahrzunehmen und in seiner Impulskontrolle zu wachsen.
1.2.3 Selbststeuerung
Selbststeuerung ist dann ab dem Alter von 3 Jahren, also vom vierten Lebensjahr an eine lebenslange Aufgabe, deren erfolgreiche Bewältigung und lebensgestaltendes Potenzial aber besonders von dem Beginn im vierten und fünften Lebensjahr abhängt. Bei gutem Gelingen in liebevollem, aber auch passend herausforderndem Umfeld bildet der präfrontale Kortex insgesamt seine Selbst-Steuerungsfunktion immer weiter aus und dehnt sie insbesondere auf die Fähigkeit der Wahl, das Planen mit allmählicher Einbeziehung von zeitlich späteren Zielen und der Entwicklung der intrinsischen Motivation (siehe Kapitel 5, Spielen).
Was heißt Selbststeuerung?
Idealtypisch möchte ich das so beschreiben: Ein Kind kann im Laufe des vierten Lebensjahres allmählich immer besser warten, bis seine Impulse erfüllt werden. Die Kinder quengeln und drängeln sicherlich immer wieder, schreien auch mal wütend, aber sie kommen mit dem Warten zunehmend zurecht, ohne dass übermäßiger Stress entsteht. Es bildet sich eine sogenannte Frustrationstoleranz aus, zu der aber die Erfahrung gehört, dass die Bedürfnisse meist später doch befriedigt werden. Vielfach können die Kinder dann schon erkennen, dass das Warten auch Vorteile bringt oder so etwas wie eine erste Vorfreude auftritt.
Das Kind kann dann z. B. beginnen, erste Pläne in der Vorstellung zu machen und das Ganze später ausprobieren. Parallel dazu kann eine erste Umsetzung bereits in der Fantasie und auch im Spiel stattfinden, bevor es dann tatsächlich stattfindet. Beispielsweise kann das Kind erst einmal die Puppe füttern, wenn die Mutter/der Vater das Essen noch nicht fertig hat.
Dazu gehören aber verlässliche Eltern, sonst wird die zeitweilige Frustration zur Bedrückung. Aber verlässliche Eltern können auch „Nein“ sagen, wenn es sinnvoll oder notwendig ist und das Kind kann mit der Klarheit der Eltern, wenn sie sich auch verlässlich auf das „Ja“ erstreckt, gut leben.
Diese Zeit ist an sich märchenhaft, die Kinder leben in einer Märchenwelt, bevor sie dann im sechsten/siebten Lebensjahr von sich aus mehr in die reale Alltagswelt mit ihren Anforderungen eindringen wollen, da unbändige Neugier sie treibt. Dann ist das Gehirn bereit dafür und kann es beginnend fassen.
Bis dahin gilt es, die Kinder immer wieder auch in dieser Märchenwelt zu lassen oder sie auch mit ihnen zu erleben. Für den Alltags-Realismus bleibt noch genug Zeit, man muss ihn in den ersten Jahren nicht überstrapazieren, weil er Kinder in seiner rationalen Erfassungsnotwendigkeit leicht überfordert. Denn Kinder denken noch nicht vernünftig, vielleicht manchmal schon in Ansätzen, aber das macht sie ja auch als Kinder aus und ermöglicht ihnen ihre Eroberung der Welt ohne übergroße Handlungshemmung durch zu viel (kaum zu bewältigende) rationale Abwägung.
Mancher mag glauben, ich übertreibe mit der Ausdehnung der Zeitphasen und sieht für sich und seine Kinder schnellere Phasenabläufe. Aber uns will vieles anders scheinen, wenn noch nicht klar ist, wie es entsteht.
1.2.4 Trotzphase
In der Zeit des beginnenden Wahrnehmens eines eigenen, von der Mutter unterscheidbaren „Ichs“ ist es normal, dass das Kind die Möglichkeiten des Ichs ausprobieren will. Dies findet insbesondere im dritten und vierten Lebensjahr, individuell auch später statt.
Nun sind die Kinder sehr verschieden und agieren sehr unterschiedlich in dieser Zeit und in eben ihrer speziellen Familie. Es kommt auch darauf an, wie gut Impulse schon kontrolliert werden können. Manche Kinder sind sehr offensiv und loten die Möglichkeiten und Grenzen sehr offensiv aus, was Eltern manchmal an den Rand ihrer Kräfte, Wirksamkeit und ihrer emotionalen Balance bringen kann, wieder andere machen dies kaum wahrnehmbar für die Eltern. Hier kommt es darauf an, dass Eltern diese Phase ihres Kindes akzeptieren und möglichst auf die Seele des kleinen Kindes passend reagieren lernen.
Das heißt u. a. auch, dass sie zaghaften Kindern gute Räume zum Ausprobieren und offensiven Kindern Räume und gute Grenzen für ihr Ausagieren geben. Unter anderem ist es wichtig, dass man bei den offensiven Kindern sehr darauf achtet, wann sie müde werden, weil sie dann oft noch mal ein Furioso starten und kaum mehr erreichbar sind. In der Folge ist die Gefahr für die Eltern, dass sie das z. B. dann schreiende und sich wehrende Kind auch anschreien und nur mit einer gewaltigen Kraftanstrengung und ggf. einem Ärger auf das Kind (es reagiert nicht mehr, weil es nicht mehr reagieren kann) ins Bett bringen können. Das erleben aber auch die gelassensten Eltern in dieser Phase immer wieder mal.
Im Alltag gibt es für die meist nicht durchgängige Trotzphase keine besten Regeln für Eltern, mal hilft ablenken, mal austoben lassen mit dem Aufpassen, dass das Kind sich nichts tut. Meist ist ein liebevolles Ignorieren, was bedeutet, dass man nicht gegen das Kind kämpft und möglichst wenig Energie in diese Momente gibt, hilfreich zum Auslaufenlassen des Agierens. Insgesamt ist aber die Klarheit der gemeinsamen Regeln beider Eltern wichtig, die das Kind dann allmählich als verbindlich und gesetzt in sein Ich-Kostüm einverleibt.
Wie die Kinder es machen, ist weder gut noch schlecht, sie probieren sich eben aus mit ihren jeweils neu wahrnehmbaren Möglichkeiten in eben dieser speziellen Familie, in die sie hineingeboren sind. Und man sollte Kinder niemals mit anderen vergleichen, sie sind alle so, wie sie sind, unvergleichlich und liebenswert (über das Drama des Vergleichens siehe auch Kapitel 2, S. 116).
1.2.5 Impuls-Unterdrückung beim kleinen Kind
Aufpassen muss man in dieser Phase jedoch mit Regeln, die das notwendige Ausprobieren unterschwellig, aber mit einer für das Kind doch wahrnehmbaren, auf Ärger oder Hilflosigkeit basierenden inneren Härte unterbinden, so dass es zu einer Impuls-Unterdrückung beim Kind kommt, die keine echte hirnphysiologisch wirksam gewachsene Impuls-Kontrolle ist.
Oft unmerklich, nicht stark ausgeprägt, aber mit großer Wirkung durch die tägliche regelmäßige Anforderung stehen viele Kinder z. B. unter
•dressurähnlicher Verhaltens-Konditionierung, ggf. auch aus kulturellen Gründen,
•unterliegen einem Zwang, sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten, weil schwierige Alltage dies oder jenes erfordern,
•nehmen sich zurück, weil sie Angst bei den Eltern spüren,
•ziehen sich resignierend zurück, weil sie nicht ausreichend Antwort auf ihre kommunikativen Handlungen bzw. keine Anregung für ihre Neugier bekommen,
•oder fühlen sich bedroht durch Liebesentzug bei nicht gewolltem Verhalten oder anderweitiger Strafandrohung usw.
Dann sieht es so aus, als könnten Kinder schon mit drei Jahren perfekt gehorchen, seien gut erzogen oder lernen brav, was die Eltern wünschen. Und die Eltern sind dabei ja in der Regel nicht boshaft oder schlecht, haben es z. B. so von ihren Eltern gelernt, sind darüber hinaus vielfach im Alltag stark belastet oder nicht in eigener Balance. Wir alle unterschätzen dabei aber die Wahrnehmung und innere Wirkung von solchen als nebensächlich eingeschätzten Details und sehen ggf. eher grobe Dinge, dann sogar natürlicherweise eher bei anderen, und bemerken unser eigenes Zutun oft selbst nicht.
Diese kindliche Anpassung ist aber keine echte Impulskontrolle oder Selbststeuerung, sondern ist eine archaische Reaktion aus der physiologischen Ruhigstellung bei Angst und bedeutet durchaus Stress für das Kind, beinhaltet für das weitere „auf die Welt Zugehen“ in gewissem Maße auch eine resignative Zurückhaltung. Da dies in den Erziehungssystemen der aktuellen Vergangenheit „normal“ ist, wird es vielfach nicht wahrgenommen. Die meisten von uns haben auch dieserart Stress auf die eine oder andere Weise erfahren, kennen ihn insofern zumindest unterbewusst.
Kinder mit zwei Jahren oder jünger für ihr „Ungezogensein“ zu bestrafen, bedeutet, wie gesagt, für das Kind eine traumatische Erfahrung. Es kann daraus niemals eine für das weitere Leben hilfreiche Lehre ziehen, sondern kommt nur in Angst und Hilflosigkeit.
Ich habe in einem Foto-Album ein Bild eines kleinen Jungen auf dem Töpfchen sitzend entdeckt, in einem Alter, wo er eben gerade sitzen konnte, noch nicht ein Jahr alt. Darunter hatte seine Mutter geschrieben: „Er ist unartig, er will nicht aufs Töpfchen“.
Verstehen Sie, das meine ich. Es war damals eine Erziehungskultur, die von bestimmtem Annahmen ausging, die unterschwellig aber wirksam waren, die heute natürlich nicht mehr haltbar sind in der Erziehungsdiskussion. Sie werden allerdings von vielen Eltern noch aufgrund des unterbewussten eigenen Erfahrungsschatzes an die Kinder weitergegeben und als „normal“ empfunden. Auch den Satz: „Kinder mit ‘nem Will‘n, kriegen was auf die Brill‘n“ kennen wahrscheinlich noch einige aus eigener Erfahrung als Kind.
Das kann sich alles behindernd auf die Entwicklung auswirken und ist verstärkt der Fall, wenn die Eltern praktisch nicht verlässlich für das Kind „da“ sind, z. B. aufgrund von eigener Krankheit, Stress, eigener Traumatisierung oder arbeitsbezogen oder wenn das Kind für die eigenen elterlichen ungelösten Lebensprobleme benutzt/missbraucht wird (dazu später Kapitel 3).
Übrigens, in der Pubertät und nachfolgenden Jugendjahren kann das Gehirn sich bei guten Umgebungsbedingungen noch einmal umfangreich umstrukturieren, man spricht bei der Pubertät auch von „der zweiten Chance“. So kann ggf. hier vieles noch einmal nachreifen. Die „erste Chance“ der ersten Lebensjahre ist allerdings die grundlegende Entwicklung und gibt den Rahmen, auf den die „zweite“ Chance dann noch gut aufbauen kann.
1.3 Die Bedeutung des autonomen Nervensystems für die Bindungsfähigkeit
Das autonome Nervensystem (ANS), auch vegetatives Nervensystem genannt, ist entwicklungsgeschichtlich ein seit Jahrmillionen bestehendes uraltes System, das alle Vitalfunktionen steuert und modifiziert je nach Anforderung des Lebens und der Umgebung. Es findet sich bei allen Tieren und auch beim Menschen. Es arbeitet blitzschnell und verarbeitet dabei alle verfügbaren Informationen über die Sinne, also aus der Umgebung und aus Rückkoppelungen von inneren Organen. Dies tut es permanent, Tag und Nacht. Es passt z. B. die Herztätigkeit sofort den Erfordernissen an, wenn die Informationen auf Gefahr deuten oder aber sichere Umgebung anzeigen. Es heißt autonom, weil ein direkter Zugriff z. B. im Denken durch eine Denk-Anweisung, z. B. „Puls werde langsamer!“ nicht funktioniert und nur indirekt über innere Bilder, Meditation oder Qigong usw. beeinflussbar ist.
Das ANS ist also viel schneller als das bewusste Denken und gibt daher auch dem Denken immer einen Rahmen vor, innerhalb dessen es arbeiten kann, insbesondere durch die Kategorien „sicher“, „gefährlich“ oder „lebensgefährlich“, sozusagen ein erstes Framing. Auf die Möglichkeiten bzw. Begrenzungen des Denkens in Abhängigkeit dieser Rahmen kommen wir später in Kapitel 4 zurück.
Anatomisch hatten die Forscher zwei Nerven gefunden, die sie als Gegenspieler identifizierten, Sympathikus und Parasympathikus. Beim Sympathikus fand man aktivierende Wirkungen, insbesondere im Herz-Kreislauf-System und den Skelettmuskeln, beim Parasympathikus beruhigende, entspannende und zur Verdauung gehörende Wirkungen. Der Parasympathikus gehört als Nervenleitbahn zum sogenannten Nervus vagus, einem Hirnnerv.
Heute sieht man Sympathikus und Parasympathikus nicht nur als Gegenspieler, vielmehr „spielen“ sie in der vegetativen Regulation und Feineinstellung von Funktionen, z. B. der passenden Herzfrequenz den ganzen Tag zusammen.
Ende der 1980er-Jahre hatte der amerikanische Psychiater und Biomedizin-Techniker Stephen W. Porges bei seiner Forschung herausgefunden, dass vom Nervus vagus ein weiterer Nervenzweig ausgeht mit ganz eigenen Funktionen, der entwicklungsgeschichtlich viel jünger ist und sich nur bei höheren Säugetieren und im besonderen Maße beim Menschen findet. Dieser Zweig wird ventraler Vaguszweig genannt (ventral: bauchseitig) im Gegensatz zum altbekannten Parasympathikus, der als dorsaler Vaguszweig bezeichnet wird (dorsal: rückenseitig).
Der neue jüngere ventrale Zweig wird nun nach intensiver Erforschung in der praktischen medizinischen Anwendung auch „soziales System“ genannt (Polyvagaltheorie). Diese Theorie wird nicht von allen Wissenschaftlern, die zum ANS forschen, als wissenschaftlich eindeutig stimmig gesehen, es handelt sich aber um einen praktikablen Ansatz für das Verständnis vieler menschlicher Kommunikations- und Verhaltensvorgänge.
Die Theorie des sozialen Systems des ANS hat sich dabei gerade in der Praxis der psychosomatischen und Trauma-Behandlung sehr bewährt und ist auch in der Bindungsforschung ein sehr hilfreicher Ansatz. Daher beschreibe ich das soziale System des ANS hier als eine gut verständliche Theorie, die allerdings noch weiteren Forschungsbedarf hat.
Die drei vegetativen Zweige oder Systeme arbeiten im ANS in gewisser Weise den ganzen Tag zusammen, aber es gibt doch eine Hierarchie bei der kommunikativen Bewertung von Sicherheit und Gefahr, die der ventrale Vaguszweig anführt und den Sympathikus in seinen Funktionen, insbesondere Stressantworten hemmt, dieser wiederum hemmt den dorsalen Parasympathikus für die von ihm ausgehenden ultimativen Stressantworten.
Man kann sagen, der ventrale Vaguszweig kann mit seinen Regulationen die meisten Alltagssituationen gut managen, sofern es sich um einen gesunden Menschen mit guter Bindungsfähigkeit handelt. Dann braucht der Sympathikus nur gebremst eingreifen und der dorsale Parasympathikus kann sich hauptsächlich um die Verdauung kümmern, muss also beim vegetativen Stress-Management im Grunde nicht eingreifen.
In gefährlichen oder als gefährlich eingeschätzten Situationen tritt dann der ventrale Vagus seine Führungsposition ab und der Sympathikus übernimmt und mobilisiert alle Kräfte, die zum Kampf oder zur Flucht gebraucht werden, bis die Gefahr vorüber ist. Dann kehrt sich die Führung wieder um und der Sympathikus, ebenso wie die Stress-Hormone Cortisol und Adrenalin kehren wieder in ihre Ausgangslage zurück. Bei Lebensgefahr erfolgt sozusagen als letzte Reaktionsmöglichkeit ein „Totstellreflex“, der über den dorsalen Parasympathikus läuft als Erstarren oder auch als Ohnmacht.
Die Funktionsbedeutung des jüngsten Vaguszweiges als soziales System möchte ich jetzt genauer erklären, denn er zeigt einige ganz zentral bedeutsame Zusammenhänge im menschlichen, sozialen Leben auf. Ich werde in diesem Buch an vielen verschiedenen Abschnitten darauf zurückkommen.
Der ventrale Vaguszweig – das soziale System des ANS
Dieses entwicklungsgeschichtlich jüngere Nerven-System beeinflusst viele Muskeln im Kopf/Hals-Bereich, also im Gesicht, speziell der Mimik, der Stimme durch Kehlkopf und Rachenmuskeln und der Seitneigung und Drehbewegung des Kopfes. Andere Hirnnerven sind dabei abgestimmt mitbeteiligt. Ich fasse dies hier im sozialen System des ANS zusammen.
Ein Mensch zeigt dadurch z. B., ob sie/er freundlich oder feindlich gesinnt ist. Das findet unbewusst statt, üblicherweise legt man sich darüber keine Rechenschaft ab. Das Gegenüber kann dann im Gesicht den emotionalen Ausdruck an der Kopfhaltung z. B. soziales Annehmen oder Ablehnen und in der Stimme die Stimmung quasi lesen und hören, also ob die aktuelle Situation sicher oder unsicher bzw. gefährlich ist. Auch das findet sehr rasch und unbewusst statt.
Die Feinheiten beispielsweise der Stimme, die sogenannte Prosodie (Intonation, Satzmelodie, Stimmungsvariationen usw.) werden durch vom ventralen Vaguszweig beeinflusste Muskeln im Kehlkopf/Stimmbandbereich und Schlundmuskulatur im Zusammenspiel mit anderen Hirnnerven hervorgerufen. Das ist so individuell, dass man jemanden am Telefon an seiner/ihrer Stimme erkennen kann, ja digital sogar die Stimme als Signatur zur Identifikation nutzen kann. Und die Stimmung wird dabei mittransportiert, allerdings bewusst nicht immer wahrgenommen.
Dieses System ist also, anders als die eher reaktiven, rückgekoppelten Nerven-Funktionen von Sympathikus und Parasympathikus, ein auch proaktives soziales System, es stellt einem Gegenüber einen Ausdruck der inneren Verfassung, Gestimmtheit und Einstellung zur Situation zur Verfügung. Das Gegenüber macht es ebenso. So können beide aus der Mimik, Stimme, Körperhaltung und Gestik herauslesen, wie die Situation weitergehen kann, welche kommunikativen Handlungen Sinn machen oder ob ein Rückzug angezeigt ist. Dieser jeweilige Ausdruck für andere ist kaum zu unterdrücken, quasi ein soziales, freiwilliges Angebot an die Umwelt, um die passende Kommunikation zu finden.
Bei der Wahrnehmung und dem Lesen im muskulären Muster des Gegenübers spielen die Sinne und auch die sogenannten Spiegelneurone mit dem ventralen Vaguszweig zusammen. Spiegelneurone sind Neurone, die optisch erfassbare muskuläre Muster eines Gegenübers im eigenen Gehirn abbilden können. Dies ist dann auch als Abbildung mit Empfindungen aus dem eigenen Erfahrungsschatz verbunden, die eine Ahnung vermitteln, was das Gegenüber gerade fühlt. Aufgrund spezieller Zusatzneurone, die ganze Handlungspläne speichern, kann dann bei ausreichender Erfahrung aus dem angedeuteten Bewegungsmuster auch auf das mögliche Weiterführen der muskulären Aktionen, also die Absichten, geschlossen werden.
Auch die Reaktion auf das Erfassen der Situation, also ein Eingehen auf die Begegnung oder Abwendung durch unbewusst erfolgende minimale Änderungen des eigenen muskulären Musters, teilt sich dem anderen dann sofort mit.
Das System ist dabei gut in der Lage, sozial adaptiv zu wirken, also ohne Kampfmodus kommunikativ flexibel zu reagieren, auch bei einem verbalen Angriff z. B. ins Gespräch zu kommen, im Gespräch zu bleiben oder auch zu gehen. Das ist die große Errungenschaft dieses Systems und es hat vermutlich zu einem besseren Überleben in größeren Gruppen geführt.
Der ventrale Vaguszweig kann aber nur die Führung im ANS halten, wenn er durch Balance im Leben des Menschen, Pausen und gutem Schlaf entspannt bleibt und durch interessante und herausfordernde Begegnungen gut trainiert wird. Damit entsteht dort ein kommunikatives Repertoire, was einen den Großteil der Situationen im Leben kommunikativ stressarm beantworten lässt ohne Hilfe von Stressantworten des Sympathikus, die immer etwas aufgeregter, heftiger und unreflektierter ausfallen.
Das ANS unter Führung des ventralen Vaguszweiges fragt also ständig in Windeseile Informationen aus der Umgebung und der inneren Verfassung ab auf Gefahren, stressige Herausforderungen oder ausreichend sichere Lage.
Dieses System reguliert dann z. B. auch unverzüglich den für die Situation notwendigen Herzschlag, und falls die Situation nicht dramatisch ist, hemmt das System auch Reaktionen aus dem Sympathikusanteil des ANS, andernfalls sinkt der Tonus im sozialen System und der Herausforderungs- bzw. Kampf- oder Fluchtmodus wird über den Sympathikus mobilisiert.
Diese Einschätzungen wurden in früheren Zeiten nur über die äußeren, mit den Sinnen zu erfassenden Situationen in der jeweiligen Umgebung getroffen im Abgleich zu archaischen, eigenen oder Gruppen-Erfahrungen.
Heutzutage kommen in stärkerem Umfang auch Informationen und Signale aus dem individuellen Inneren, insbesondere aus dem Denken bzw. emotionalem Erleben dazu, wie gefühlte Ablehnung, Erniedrigung, Selbstwertzweifel usw. als aufgespürte Gefahren, die den Tonus des ventralen Vaguszweiges drosseln und den Sympathikus mit Stressreaktionen auf den Plan rufen.
Das ist eine Bürde, manchmal auch Sackgasse des die starke Individualisierung befördernden und bindungsauflösenden „Fortschritts“ unserer heutigen Zeit, u. a. eine Auswirkung und Folge fehlender Liebe und Vertrauen ins Leben in den ersten Lebensjahren und nicht ausreichend gelungener Selbststeuerung.
Das soziale System und die Bindung
Der ventrale Vaguszweig ist wie die Liebe der Eltern eine wesentliche Grundlage für das dyadische Erleben und dieses wieder für die kraftvolle Entwicklung dieses Nerven. Das Bindungsverlangen und die Bindungsfähigkeit sind uns damit sozusagen angeboren und der ventrale Vaguszweig muss im Weiteren stabil weiterentwickelt werden, damit wir den ganzen Nutzen in unserer sozialen Interaktion immer zur Verfügung haben.
Der ventrale Vaguszweig ist schon vor der Geburt tätig, kennt insbesondere die Stimme der Mutter und empfindet ebenso ihre Stimmung, ggf. ihren Stress. Nach der Geburt findet, wie bereits beschrieben, die dyadische Kommunikation von Mutter und Kind im permanenten Erleben statt. Dadurch entwickelt das Kind immer weiter Sicherheit und Bindung.
Der zentrale Vaguszweig hat dabei eine herausragende Bedeutung und durch die sichere Bindung, die das Kind erlebt, erfährt ebenfalls dieser Teil des ANS beim Kind einen kräftigen Tonus. Damit ist er in der Lage, den Sympathikus in seinen Stressantworten zu begrenzen, was lebenslang eine Ressource für das Kind darstellt im Sinne einer erworbenen Resilienz.
Aber auch dieses System muss wie gesagt trainiert werden, und wir trainieren, indem wir im weiteren Leben gute Bindungen eingehen mit Freunden, Partnern, unseren Kindern, aber auch Arbeitskollegen und Geschäftspartnern, generell also kommunikative Herausforderungen suchen.
Die Entwicklung eines kräftigen Tonus im ventralen Vaguszweig gehört also gleichermaßen zur gesunden Hirnentwicklung eines Kindes.
Für die Frage der körperlichen Unversehrtheit auch bei Kindern müssen wir uns jetzt insbesondere noch die Thematik der sogenannten Telomere anschauen.
1.4 Telomere und ihre Bedeutung
Telomere sind die Endstücke der Chromosomen (die Chromosomen befinden sich im Zellkern und tragen die Gene, unser Arsenal an Erbinformationen). Die Telomere werden häufig mit den Plastikenden von Schnürsenkeln verglichen, die auf die Enden der Schnürsenkel aufgesetzt werden, damit diese nicht ausfasern.
Entsprechend schützen auch die Telomere die Chromosomen-Enden. Nun können die Telomere kurz oder lang sein. Vereinfacht gesagt sind lange Telomere gut für die Gesundheit und ein gesundes, langes Leben und kurze Telomere sind für beides eher ungünstig.
Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass krankheitsfördernde Lebensweise und Dauerstress sich auf die Länge der Telomere auswirkt und zwar verkürzend. Umgekehrt kann eine längere gesundheitsförderliche Lebensweise die Telomere wieder verlängern.
Es ist jetzt in einigen Untersuchungen nachgewiesen worden, dass die Länge der Telomere sich vererbt, also die Telomere schon beim Embryo und nach der Geburt so sind wie bei den Eltern. Daher schauen wir später noch genau auf die Situation bei der Empfängnis.
Dieser Zusammenhang ist in der Grafik 3 dargestellt, indem Vererbung der Telomere und Lebensweise ins Verhältnis gesetzt wurden. D. h., dass sich kurze Telomere und eine krankheitsfördernde Lebensweise ungünstig potenzieren und lange Telomere und gesundheitsförderliche Lebensweise günstig potenzieren. Der gute Effekt bei der letzteren Kombination ist insbesondere, dass man im Alter wenige Krankheiten hat und eher gesund erst im hohen Alter stirbt.

Abb. 3: (Grafik weiterentwickelt nach einer Vorlage aus „Die Entschlüsselung des Alters“ von Elizabeth Blackburn und Elissa Epel (Mosaik-Verlag 2017))
Aber kürzere Telomere sind nun auch kein gänzlich unabwendbares Schicksal, weil sich dieser Zustand deutlich verbessern kann bei neuer gesundheitsförderlicher Lebensweise.
Telomerase
Der Vorgang der Verlängerung und Verkürzung der Telomere wird gesteuert von einem Enzym, der sogenannten Telomerase. Deren Menge und Aktivität kann größer und kleiner sein. Das wiederum wird von vielen Einflüssen aus dem Innenleben, aber auch aus Einflüssen der Umgebung wie z. B. gute Stimmung oder schlechte Luft oder eben Stress gesteuert. Dabei wirken diese Einflüsse, z. B. anhaltender Stress so, dass die Produktion der Telomerase am zuständigen Gen in den Zellkernen gedrosselt oder angetrieben wird. Diesen Vorgang nennt man epigenetisch (Epigenetik, (siehe 1.6), lat.: die Lehre der Dinge, um die Gene herum).
Aber die Alltags-Situation und Verfassung der Schwangeren ist bereits äußerst wichtig, weil sich insbesondere Stress und seelische Belastung der Mutter nicht nur auf die Telomere der Mutter, sondern auch auf die des Embryos auswirken.
1.4.1 Stress im Mutterleib
„Die starke seelische Belastung einer Schwangeren wirkt offenbar in der nächsten Generation nach und beeinflusst die Entwicklung der Telomer-Länge des Kindes auf Jahrzehnte hinaus“,
und „Die Telomere des Babys lauschen dem Stress der Mutter“,
schreibt Frau Prof. Elisabeth Blackburn (Nobelpreisträgerin) in ihrem Buch „Die Entschlüsselung des Alters“ (Mosaik 2017).
Die heutige Pränatalogie beschreibt die neun Monate im Bauch der Mutter ebenfalls als intensive Erlebnis- und Erfahrungswelt, die sich günstig oder traumatisierend und deutlich auf die Länge der Telomere auswirken kann.
Die epigenetische und Telomer-Forschung muss unbedingt weitergeführt und intensiviert werden, denn wir haben zwar schon einige gesicherte Informationen darüber, aber befinden uns letztlich doch noch in den Anfängen dieser Forschungen.
1.5 Von „Orchideen“ und Resilienz bei Kindern
Hochsensible Kinder – „Orchideen“
Hochsensible Kinder sind u. a. genetisch mit in Studien festgestellter größerer Variation für Neurotransmitter geboren, insbesondere Dopamin und Serotonin, die u. a. auch die Stimmung regulieren. Und sie sind dadurch stressempfindlicher mit höherer emotionaler Empfindsamkeit. Auch fallen sie häufig im Sozialverhalten auf, entweder rasch zurückgezogen und bedrückt oder wütend, aufsässig oder unruhig und unkonzentriert. Oft wird die Diagnose ADHS gestellt, ADHS-Verhalten ist aber dann möglicherweise schon eine Folge der Empfindsamkeit bei unpassenden Umgebungen, nicht alle Kinder mit Hochsensibilität zeigen dies.
Diese Auffälligkeiten im Sozialverhalten finden sich besonders oft bei Kindern in für sie schwierigen familiären oder sozialen Umfeldern und dann besonders in für sie chaotischen, stressigen Situationen. Die Hochsensibilität findet sich dabei in allen Gesellschafts-Schichten.
Viele Veröffentlichungen zur Hochsensibilität betonen entweder die Gemeinsamkeit mit ADHS oder gerade die Unterschiedlichkeit, z. B. weil Hochsensibilität eben genetische Anlagen zur Ursache habe und keine Krankheit sei. Auch unter Eltern wird hier vehement und kontrovers gestritten und jeweils einzelne in Studien gefundene Fakten in den Vordergrund gestellt, besonders online.
Die wissenschaftlichen Studien geben dazu aber keine Klarheit, da der ursächliche Beginn eines ADHS-Syndroms nach wie vor nicht geklärt ist, die meisten Studien zeigen also nur das, was an Befunden zu erheben ist, wenn die Kinder oder Erwachsene ADHS-Symptome schon länger haben. Hierzu hat u. a. Gerald Hüther zusammen mit Helmut Bonney umfangreich geforscht, recherchiert und veröffentlicht (in „Neues vom Zappelphilipp“).
In den USA und Deutschland werden tonnenweise Ritalin® und ähnliche Präparate gegeben bei ADHS und Hochsensibilität mit Unruhe unter nach meinem Verständnis fragwürdigen wissenschaftlichen Theorien und trotz großer medizinischer Bedenken über die Folgen des Einsatzes in der Kindheit. Frankreich z. B. und Luxemburg tun dies nicht in dieser Weise und haben viel häufiger sehr erfolgreich familientherapeutische und psychotherapeutische Ansätze in der Behandlung.
Der Entwicklungspädiater Tom Boyce hat diese hochsensiblen Kinder „Orchideen“ genannt, weil sie in warmherzigen, achtsamen Umgebungen, insbesondere bei warmherzigen, fürsorglichen Erwachsenen aufblühen.2 Dann sind sie meist kreativer, bringen bessere Leistungen und sind seltener krank als die Mitschüler.
Leben diese stressempfindlichen Kinder in dauerhaft chaotischen Situationen, haben sie kürzere Telomere als andere. Wenn sie dagegen in stabilen, warmherzigen Lebenssituationen aufwuchsen, hatten sie sogar längere Telomere als andere Kinder.
Etwa 20 % aller Kinder gelten nach neueren Erkenntnissen als „Orchideen“ (was für ein schöner Name!), das ist also eine viel größere Gruppe von Kindern, als man früher angenommen hat.
Es ist also sehr wichtig, diese Kinder in ihrer Art zu erkennen und ihnen eine geschützte Umgebung zu bereiten, in der sie dann aufblühen. Das ist insbesondere eine Herausforderung für unsere Kitas und Kindergärten. Ich benutze übrigens in diesem Buch diese Begriffe folgendermaßen: „Kitas“ für Kinder unter drei Jahren, „Kindergärten“ für Kinder ab drei Jahren.
Kitas sind in der Regel für diese Kinder ungeeignet, weil Personalschlüssel und Gruppengröße diesen noch verstärkt notwendigen umhegenden Schutz nicht zulassen. Es gilt auch später, z. B. in der Schule, selbst im Erwachsenenalter erbringen diese Menschen die besten Leistungen in fürsorglichen Umgebungen, gelten dann in großen Unternehmen oft als „High Performer“, die das Unternehmen kreativ voranbringen.
Sie können dort allerdings in Unkenntnis der Zusammenhänge auch oft durch zu hohen, für „Orchideen“ unpassenden Leistungsdruck überfordert werden und kommen in ein frühes Burn-out.
Resilienz bei Kindern
Es gibt immer wieder unerwartet Kinder, die in armen und schwierigen, ja emotional rauen Verhältnissen aufwachsen und doch ihren guten Lebensweg mit ausreichender Selbstkontrolle machen. Auf der Suche nach den Gründen bzw. Schutzfaktoren, die ihrem Gehirn und ihrer Physiologie eine ausreichend gute Entwicklung ermöglichen, hat sich Folgendes ergeben:
•Sie haben einen meist gutmütigen Charakter
•Sie sind weniger stressempfindlich, vermutlich schon auf genetischer Basis
•Sie haben in ihrer Umgebung frühzeitig eine Person gehabt, die an sie geglaubt hat, sie okay fand und zu der das Kind Zugang hatte (Oma, Nachbarin, ältere Kinder, in einigen Fällen auch zutrauliche Tiere)
•Sie sind aufgrund ihrer stressunempfindlicheren Art in der Lage, die Situationen, die sie erleben, und die Wirklichkeit, in die sie gesetzt sind, erst einmal im Gehirn konstruktiv als für sie ausreichend okay einzudeuten.
Diese Kinder fallen in stabilen Familienverhältnissen oft nicht besonders auf und gelten als unkompliziert. In schwierigen Familienverhältnissen (wie beispielsweise Vater Alkoholiker oder Mutter depressiv bzw. umgekehrt), insbesondere bei Familien in Armut fallen diese Kinder dann in gutem Sinne auf, weil sie oft unerwartet ihren guten Weg machen.
Ihr Anteil kann bis zu 30 % der Kinder ausmachen, je nach sozialer Situation. Entscheidend für die Entwicklung ist aber hier auch die eine Person, die das Kind intensiv wahrnimmt und stärkt.
Die Hälfte aller Kinder liegt in ihrer Art zwischen den „Orchideen“ und den resilienten Kindern. Und sie sind ebenso wie die „Orchideen“-Kinder sehr auf die geschilderte Umhüllung in den ersten Jahren angewiesen. Auch resiliente Kinder brauchen dies natürlich für ihre beste Entwicklung, auch wenn sie in schwierigen Verhältnissen häufig doch noch eine hinreichende Selbststeuerung entwickeln können.
Weitere Forschung nötig
Viele wissenschaftliche Untersuchungen, auch solche in der Bindungsforschung, haben allerdings bei Kindern noch keine Untersuchungen zur Länge der Telomere gemacht bzw. machen können oder haben nicht differenziert nach hochsensiblen und resilienten Kindern. Insofern gibt es hier noch einen erheblichen wissenschaftlichen Nachholbedarf an integrativen Studien.
Die „genügend gute“ Mutter
Dieses Kapitel hat sicherlich gezeigt, wie unterschiedlich die Kinder auf die Welt kommen. Sie haben auch unterschiedliche Mütter und Väter und die Kinder fordern ihre Mütter und Väter auch unterschiedlich.
Es gibt dabei eben sehr pflegeleichte Kinder und andere, die als high-need-Babys benannt werden, weil sie kaum Trennungen von der Mutter vertragen, jede andere Nahrung als die Muttermilch verweigern und gerade die Mütter kolossal erschöpfen können.
Mir ist es dabei wichtig, darauf hinzuweisen, dass es das perfekte Verhalten der Mütter und Väter oder das überlegene Erziehungssystem nicht gibt und jede Familie eigene Erfahrungen machen wird. Hinweise einiger kluger Pädiater oder Entwicklungspsychologen sind hier zwar durchaus hilfreich, aber sie verweisen letztlich alle darauf, dass keine Mutter perfekt sein kann und alle mehrmals am Tag „Fehler“ machen. Fehler in Anführungszeichen, weil dies selten echte Fehler sind, sondern wir alle als Eltern in einem permanenten Lernprozess sind, der durch reflektierte „Fehler“ erst wirklich gut gelingt.
Der britische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Woods Winnicott hat den schönen und hilfreichen Begriff „der genügend guten Mutter“ eingeführt. Sie ist die beste Mutter, nicht die ideal gedachte oder perfekte Mutter. Und ich füge hinzu: Die Mutter, die versucht perfekt zu sein, ist für die Kinder und ihren Mann meist ein Graus und macht sich selbst unglücklich, weil sie ein unerreichbares Ziel verfolgt. Daher: „Genügend gut“ ist wunderbar!
Dies ist übrigens auch in vielen anderen Bereichen so: Der perfekte Chef, der nicht delegieren kann, kommt bald ins Burn-out. Ein Chef muss schon Vertrauen in seine Mitarbeiter haben, auch wenn er glaubt, hätte er es gemacht, wäre es noch besser geworden. Na und? Die Mitarbeiter wollen sich auch entwickeln und werden immer besser. Und wenn man ein Klavier perfekt sauber nach sogenannten reinen Sinustönen stimmt, klingt es eher scheußlich. Der erfahrene Klavierstimmer stimmt es so, dass ganz feine Schwebungen zu hören sind, Abweichungen von den Sinustönen, und dann klingt es wunderbar, das für das menschliche Ohr wohltemperierte Klavier!
1.6 Epigenetik
Die Gene, die im Zellkern auf den Chromosomen angeordnet sind, sind wie eine riesige Bibliothek aufzufassen. Aber da man nicht alle Bücher gleichzeitig lesen kann, ist immer nur ein Teil der Gene aktiv geschaltet. Diese Schaltung wird von speziellen Botenstoffen bewirkt, die in der Zelle und im Zwischengewebe gebildet werden, wenn der Bedarf an bestimmten Eiweißen steigt, also ein Mangel auftritt oder wenn sie nicht mehr so gefragt sind, also ein Zuviel vorhanden ist. Mangel oder Zuviel entsteht durch die Nutzung des Stoffwechsels in der jeweiligen Lebenssituation bzw. im Lebensstil. Insofern können Wirkungen aus der Umgebung Informationen bis in den Zellkern tragen, andererseits Schaltungen im Zellkern die Umgebung beeinflussen.
Zwei Beispiele zu den Vorgängen in der Epigenetik zur Veranschauung:
1.Apfelbäume können nicht einfach blühen. Die Gene, die die Ausbildung der Blüten bewirken, sind im Normalbetrieb erst einmal blockiert, also ausgeschaltet. Diese Blockade muss also aufgehoben werden, damit der Apfelbaum blühen kann und dies geschieht tatsächlich durch einige Tage Frost. Durch Frost wird die Blockade aufgehoben, dann können die dafür zuständigen Gene ihr vorgesehenes Werk, in diesem Fall also die Ausbildung der Blüten in Gang setzen. Das hat der Epigenetiker George Coupland, der an der Universität in Köln mit Pflanzen forscht, herausgefunden.3
Allerdings zeigt dies auch, dass wir falschliegen, wenn wir glauben, alles unter Kontrolle zu haben. Wir können nur hoffen und mit daran arbeiten, dass durch eine Begrenzung der Erderwärmung noch Frosttage stattfinden, damit es weiter Äpfel geben kann.
2.Wenn wir zur Erkältungszeit im Bus fahren und alles um einen herum niest und schnupft, dann kommt es darauf an, in welcher Emotion wir mitfahren, weil diese unsere Abwehrkraft epigenetisch mit beeinflusst. Denken wir an etwas Schönes, dann wird innerhalb von wenigen Minuten mehr vom Immunglobulin A im Speichel gebildet, ein wichtiger Immunstoff in unserer ersten Abwehrreihe gegen Viren. Fahren wir aber mit innerlichem Ärger oder mit negativen Bildern in unserer Vorstellung im Bus mit, dann sinkt der Immunglobulin-A-Spiegel ebenfalls innerhalb von Minuten und wir gewähren den Viren so freien Eintritt.
Die Lebensweise bewirkt nun epigenetisch ein bestimmtes Muster angeschalteter bzw. blockierter oder nur eingeschränkt verfügbarer Gene, und das bedeutet z. B. gute Regulation und Gesundheit oder ein Verlassen der regulatorischen Balance mit Verschlechterung von Funktionen und der Förderung von Krankheiten.
Wie kann man nun eine gesundheitsförderliche und eine krankheitsförderliche Lebensweise beschreiben?
Gesundheitsförderliche Lebensweise
Eine Orientierung für lebensförderliche Lebensweise kann man bekommen, wenn man sich das Leben in den sogenannten Blue Zones anschaut. Als Blue Zones sind fünf Gegenden in der Welt entdeckt und erforscht worden, in der überproportional viele Hundertjährige leben:
•Sardinien, Dörfer der Central Region von Barbagia
•Okinawa, japanisches Viertel
•Loma Linda, Kleinstadt in Kalifornien (Glaubensgemeinschaft)
•Ikaria, griechische Insel
•Nicoya, Halbinsel in Costa Rica.
Die ersten Forscher, die solche Gegenden entdeckten, umkreisten sie auf einer Weltkarte blau, so wird berichtet, daher der Name Blue Zones. Der Amerikaner Dan Buettner, Geograf, Journalist und Autor, untersuchte diese Gegenden, die Menschen, die dort lebten, und ihre Lebensbedingungen und Lebensstile systematisch und begründete das Konzept der Blue Zones.
Übrigens fand man in sardinischen Dörfern, dass es dort auch eine deutlich erhöhte Zahl von hundertjährigen Männern gab, sich die Lebenserwartung von Männern und Frauen dort fast angeglichen hatte. Sonst ist die Lebenserwartung von Frauen ja einige Jahre höher als die von Männern.
Die Lebensweise in den Blue Zones ist hier exemplarisch zusammengefasst:
Lebensstile in den Blue Zones
•Arbeit im eigenen Tempo, sich Zeit lassen, Auszeiten, kein Ruhestand im Alter
•Viel natürliche Bewegung am Tag, insbesondere bei der Arbeit, Tänze, Sport eher nicht
•Persönliche gute sinnhafte Gründe morgens aufzustehen, auch im hohen Alter
•Viele soziale Kontakte in familiäre Bindungen und Gemeinschaften, Rituale, viel Kontakt der Alten mit den Kindern
•Freunde und dabei gute Wahl richtiger und passender Freunde, also Freunde, die durchs Leben begleiten
•Maßvolles Essen: vorrangig Obst, Gemüse (Bohnen), Nüsse/Samen, Olivenöl, Wein in Maßen
•In den Bergen auch etwas Schaf-/Ziegenfleisch, am Meer Fisch.
Abb. 4: Merkmale der Lebensstile in den Blue Zones
Es sind Lebensstile, die zur Natur und Physiologie des Menschen gut passen. Und sie bewirken Folgendes:

Abb. 5: Wirkungen von zu Natur und Physiologie des Menschen passenden Lebensstilen
Interessanterweise haben diejenigen alten Menschen auf der Halbinsel Nicoya in Costa Rica die längsten Telomere und werden entsprechend auch am ältesten in guter Gesundheit, die täglich mit kleinen Kindern zusammenkommen bzw. leben. Dies sind Hinweise, die wir auch in Deutschland sinnvollerweise beachten könnten für gute Kontakte der Alten mit Kindern, z. B. bei der Architektur und Stadtplanung (Altenheime und Kindergärten in Sicht- und Laufnähe).
Wir sprechen bei einer gesundheitsförderlichen Lebensweise auch von Lebenspflege, die von mir exemplarisch dargestellt ist und die natürlich jeder für sich aufstellen bzw. modifizieren kann und dies bei Interesse auch tun wird.
Heutzutage unterscheiden sich die meisten Lebenssituationen stark von den Möglichkeiten in den Blue Zones, aber die Lebenspflege kann sich bei der Umsetzung doch daran orientieren.
Die auch zur Lebenspflege heute gehörende souveräne Mediennutzung beschreibe ich genauer in Kapitel 5.
Krankheitsförderliche Lebensweise
Was bringt uns aus dem Gleichgewicht und führt so zu einer krankheitsförderlichen Lebensweise?
Gegenspieler der Balance bei dauernder Einwirkung:
•Dauer-Stress, Ängste
•Sozialvergleich, soziale Ungerechtigkeit
•Krankheitsförderliche Ernährung bei sitzender Lebensweise
•Einschränkung der Körperwahrnehmung mit Entäußerung (Exo-Skelett durch „Experten“)
•Alltage, die „pausenlos, schlaflos, bewegungslos, maßlos, sinnlos, bodenlos, bindungslos, atemlos“ sind.
Diese Themen werden wir noch ausführlich bei dem Fokus auf die Situation der Kinds-Eltern und auf die Bedeutung von Dauer-Stress und Burn-out bei den Eltern anschauen.
Die epigenetische Bedeutung von Lebensstilen
Die Lebensgewohnheiten haben nun eine zentrale Wirkung auf die Physiologie des Körpers und speziell des Gehirns, derart, dass die gewählte oder geforderte Nutzung der körperlichen und psychischen Herausforderungen über eine längere Zeit Informationen für die Zellen und die Gene in den Zellkernen darstellen. Dort wird dann über mehrere Zwischenschritte durch Enzyme und Botenstoffe festgestellt, dass einige Eiweiße wenig genutzt wurden, die Produktion also offensichtlich eher unwichtig ist, bei anderen quasi ein Mangel herrscht und mehr angefordert ist.
Da die Gene für die Eiweißproduktion von z. B. Enzymen zuständig sind, bedeutet das, dass die Arbeit einiger Gene abgeschaltet oder gedrosselt wird, andere Gene dagegen angeschaltet bzw. zur verstärkten Arbeit angeregt werden. Das nennt man Epigenetik, weil dies von speziellen Botenstoffen um die Gene herum bewirkt wird, und zwar sehr spezifisch und passgenau.
Die Epigenetik bestimmt sozusagen das Muster der aktiven und passiven Gene und reagiert empfindlich auf den Lebensstil. Einfach dargestellt wird das Leben dann auf epigenetischer Ebene in der Summe lebensförderlich oder auch vielfach bei unserer heutigen westlichen Lebensweise krankheitsförderlich geschaltet.
Das eröffnet uns einerseits großartige Möglichkeiten, ist auch eine Grundlage des Satzes: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Wir dürfen aber diesen Satz natürlich nicht als Begründung benutzen, um Menschen in schwierigen sozialen Situationen Selbstverschuldung vorzuwerfen, statt gemeinwohlorientiert zu handeln. Aber wir haben doch viel in der Hand, können vieles beeinflussen, müssen auch mit den Folgen leben, wenn wir unsere Physiologie krankheitsförderlich bedrängen bzw. die Herausforderungen mit unseren Mitteln und Ressourcen nicht bewältigen können.
Allerdings wissen wir auch bei der Epigenetik noch nicht genug, um alles gut steuern zu können, wir können lebensförderlich handeln, sollten aber auch demütig bleiben, weil das Leben manchmal auch Krankheiten für uns bereithält, die trotz bestem gesundheitsförderlichem Bemühen entstehen und dies für uns eben unerklärlich bleiben kann.
Und von einer epigenetischen Kontrolle einzelner Gene sind wir in den meisten Fällen noch weit entfernt. Aber wir wissen mittlerweile, dass lebensförderliche Lebensstile funktionieren, sich also epigenetisch in den meisten Fällen sehr günstig auswirken.
Was ebenfalls sicher ist:
Das Beste für Kinder ist es, wenn es den Eltern gut geht! Am besten schon vor der Empfängnis!
1.7 Die Dunedin-Studie zur Selbstkontrolle
Ich möchte hier jetzt noch abschließend für dieses Kapitel eine Studie anführen, die die ganze Bedeutung einer hinreichend gesunden Hirnentwicklung mit guter Ausbildung der Selbststeuerungs-Funktion zeigt. Diese Studie hat hohe Beachtung und Anerkennung in der Wissenschaft gefunden. Solche Langzeitstudien mit einer Beobachtungszeit über mehrere Jahrzehnte sind ungemein wichtig und bringen besondere Zusammenhänge zutage.
Die Studie
1972 startete an der medizinischen Universität-Klinik in Dunedin in Neuseeland ein Langzeitprojekt der Abteilung für Präventiv- und Sozialmedizin der Universität von Otago (Studienleiter Richie Poulton), das über mehrere Jahrzehnte angelegt war.4 Alle in der Stadt innerhalb eines Jahres geborenen Kinder (Anzahl ca. 1.000 Kinder) wurden erfasst. Alle diese Kinder wurden von Ärzten und Psychologen regelmäßig (alle zwei Jahre) in den ersten elf Jahren einen ganzen Tag lang im Beisein der Eltern untersucht. Nachfolge-Termine gab es im Jugendalter und zum Abschluss mit 32 Jahren. Das Ziel der Studie war es, die Entwicklung der Selbstkontrolle zu beobachten und zu sehen, wie sich dies im weiteren Leben im Jugendlichen-Alter und als Erwachsene auswirkt.
Sozioökonomischer Status, ADHS-Diagnosen und Geschlechter-Differenzen konnten statistisch herausgerechnet werden.
Das Ergebnis war sehr deutlich:
Kinder, die nur eine geringe Fähigkeit zur Selbstkontrolle ausbilden konnten, zeigten im weiteren Leben im Alter zwischen 13 und 18 Jahren gehäuft Auffälligkeiten im Vergleich zu den Kindern, die eine gute Selbstkontrolle entwickelt hatten, z. B.:
•häufiger Schulabbrüche
•häufiger Schwangerschaften bzw. Schwängerungen
•mehr Raucher
Bei den Erwachsenen mit 32 Jahren fiel bei denjenigen, die als Kinder eine geringere Selbstkontrolle ausgebildet hatten, auf:
•der körperliche Gesundheitszustand war schlechter
•sie waren sozial schlechter gestellt
•häufiger alleinerziehend
•verdienten weniger
•hatten häufiger finanzielle Probleme
•waren häufiger drogenabhängig
•und häufiger straffällig geworden.
Diese Ergebnisse, durch die die Lebens-Chancen bei einem gesunden und glücklichen Leben der Kinder gut abgebildet sind, sind eine klare Aufforderung an alle Eltern, ihren Kindern eine gesunde Hirnentwicklung zu ermöglichen und für die Politik eine Verpflichtung, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass Eltern diese Aufgabe meistern können! Außerdem ist dafür zu sorgen, dass die Gesellschaft die jungen Menschen, die diese Liebe nicht erfahren konnten, nicht aufgibt, sondern ihnen zweite Chancen bietet, sich mit liebevoller Unterstützung hier heraus zu entwickeln.
Kurze Zusammenfassung
Kinder, die in liebevoller Umhüllung mit gesunder Hirnentwicklung und sicherer Bindung aufwachsen konnten, weisen folgende Merkmale auf:
•Genügend lange Telomere bei der Vererbung
•Stressarmes Wachsen im Mutterleib
•Initiale Stillzeit, hohe Oxytocin-Ausschüttung
•Dyadische Kommunikation
•Unbehinderte Entwicklung des Gehirns
•Gute Ausbildung und Training des ventralen Vaguszweigs
•Angemessene Ernährung nach der Stillzeit
•Vorbildfunktion der Eltern mit Medien
•Sehr sparsame kindliche Medienerfahrung
Diesen Kindern geht es in den allermeisten Fällen gut und sie sind in guter Gesundheit. Dies gelingt immer dann gut, wenn Eltern ihre Kinder lieben können, so wie sie sind. Dieser Satz endet mit einem Punkt! und nicht etwa mit einem Komma und einem dann folgenden „aber“ oder „wenn“. Darauf weist André Stern in seinen Vorträgen und Büchern immer wieder hin (siehe Literaturliste).
Wir kommen auf diese Merkmalsliste in Kapitel 3 zurück, wenn wir uns die aktuelle reale Situation der Kinder in Deutschland anschauen.
Jetzt in Kapitel 2 gehen wir erst einmal in der Übersichtsgrafik noch weiter zurück zu der Zeit der Eltern vor der Empfängnis, schauen uns ihre Verfassung an in Bezug auf ihre Gesundheit und ihre Kompetenzen und was es bedeutet, wenn sie Kinder bekommen.
Kapitel 2 ELTERN
Kapitel 2 Eltern
Eigene Erfahrung von über Jahre andauernder gelungener Partnerschaft zeichnet die Menschen aus (eines der Hauptmerkmale), die mit 50 Jahren von Zufriedenheit mit ihrem Leben berichten. Diese Menschen leben meist in guter Gesundheit.
Dieses Kriterium lässt sogar die Prognose guter Gesundheit auch mit 75 Jahren sowohl körperlich als auch psychisch sehr verlässlich zu. (Harvard-Langzeitstudie zur Gesundheit seit 1938)5
Prof. Robert Waldinger als Leiter der Studie betont, dass sich damit der Gesundheitszustand besser vorhersagen lässt als beispielsweise mit den Cholesterinwerten.
(Zur häufigen Fehleinschätzung der Bedeutung von Cholesterinwerten siehe auch mein Buch „Schutz vor Burn-out“, S. 140f.).
Auf mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland trifft „gute Gesundheit“ aber nicht mehr zu. Wie ist die gesundheitliche Verfassung der Deutschen?
Wir schauen uns daher die Situation der Eltern bzw. der Menschen, die Kinder bekommen wollen, also vor der Empfängnis (in der Mitte der schon bekannten Abbildung) genau an.

Abb. 1: Phasen des Lebenslaufs von der Empfängnis bis zur Erwachsenenzeit
2.1 Gesundheit und Erkrankungen in Deutschland
Gesunde Eltern sind ein Geschenk für die Kinder, aber das können nicht alle Kinder erleben. Viele Eltern fühlen sich selbst nicht wohl, haben es schwer, ihr eigenes Leben zu meistern oder müssen mit eigenen Krankheiten fertig werden und einen Umgang damit finden.
Fast die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung hat Bluthochdruck in verschieden starker Ausprägung. In unserem Gesundheitssystem gilt das nicht als großes Problem, da man den Blutdruck mit Medikamenten senken und ihn „einstellen“ kann.
So „eingestellt“ ist das Problem weg, wie es jedenfalls scheint. Das stimmt allerdings nicht, denn ein längere Zeit erhöhter Blutdruck ist physiologisch eine manifeste Krise, weil die Regelung des Blutdrucks im Vegetativum ein grundsätzlich ganz stabiles System ist. Wenn es aus der Balance kommt, muss man sich die Ursachen anschauen.
Und dann sieht man regelmäßig, dass ein nicht balancierbarer Anforderungsdruck im Alltag, woher er auch immer kommen mag, offensichtlich die physiologische Regelung zunehmend beeinträchtigt, beim Blutdruck und vielen anderen vegetativen und Stoffwechsel-Funktionen.
Wird dies aber nicht als Krise gesehen, dann bleibt der Alltag unverändert, spitzt sich vielleicht sogar zu. Stress, insbesondere Dauerstress bei einem allgemeinen Anforderungsdruck, der die Bewältigungskräfte übersteigt, bildet dabei die dysfunktionale Grundlage der meisten sogenannten Zivilisationskrankheiten und insbesondere der Zunahme psychischer und psychosomatischer Störungen. Das schauen wir uns jetzt genauer an.
2.1.1 Stress
Dies können wir in der modernen Stress-Diagnostik (siehe Kapitel 5) sehr genau nachweisen. Bei Dauerstress (trotz „eingestelltem“ Blutdruck) kommen viele physiologische Regelungssysteme aus der Balance und wir sehen dann z. B. Burn-out, Depressionen, auch Diabetes Typ 2, die jeweils aktuell etwa jeden fünften der erwachsenen Bevölkerung betrifft (viele auch mit mehreren dieser Krankheiten, da es sich um eine gemeinsame Stress-Ursache handelt). Dass Depressionen oder auch Diabetes Typ 2 u. a. eine Stress-Ursache haben, ist dabei in der Bevölkerung gar nicht so bekannt.
Das Stress-System ist seit Jahrtausenden speziell ausgelegt für Situationen, in denen man kämpfen oder fliehen muss. Wenn beides nicht geht, kann man sich noch „tot“-stellen. Früher waren die Gefahren klar und diese Entscheidungen überlebenswichtig. Wenn der damalige Mensch überlebt hatte, kehrte wieder Ruhe ein und das Stress-System ging in seine Ausgangs-Ruhelage zurück.
Heute sind die Gefahren eher unterschwellig, sie sind vielfach nicht greifbar, aber diese unterschwellige Bedrohungsempfindung (Angst vor Arbeitsplatzverlust, Überforderung, digitales Ausspähen, empfundene Erniedrigung, Ausgeschlossen-Werden, Mobbing usw.) aktiviert trotzdem das Stress-System und lässt es nicht mehr zur Ruhe kommen.
Insgesamt leidet mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter solchem Dauer-Stress, fast drei Viertel der arbeitenden Erwachsenen in Berlin beispielsweise haben keinen erholsamen Schlaf mehr (Studie der DAK, siehe auch S. 148).
Schauen wir uns einige Stress-Gründe genauer an.
2.1.2 Beziehungs-Stress und Trennungen
Gut drei Viertel der Menschen in Deutschland leben in der aktuell üblichen Familienform mit Mutter, Vater oder mittlerweile auch gleichgeschlechtlicher/m PartnerIn und einem oder mehreren Kindern zusammen. Das sagt noch nicht viel über die Atmosphäre in den Familien aus. Denn es gibt immer mehr Menschen, die abnehmende Beziehungs-Kompetenzen haben, nicht mehr in sich ruhen oder im Dauer-Stress leben. Dazu tragen Beziehungskonflikte und häufiger Streit ebenso bei wie der Stress aus den Arbeitsverhältnissen.
Die durchschnittliche Ehedauer in Deutschland beträgt etwa 15 Jahre. Aktuell werden knapp 38 % der Ehen wieder geschieden, etwa 150.000 pro Jahr. Die Eltern der Hälfte davon haben minderjährige Kinder, darunter 20 % mit Kindern zwischen null und fünf Jahren.
Das sind jährlich 15.000 kleine Kinder, die aus ihrer noch märchenhaften Welt durch eine Scheidung herausgerissen werden, auch wenn nach langem Streit oder deutlich gewordener Unvereinbarkeit der Lebensvorstellungen der Eheleute dies auch für einige Kinder so besser ist.
Hinweisen möchte ich darauf, dass in Schweden, wo es schon lange eine Elternzeit für Väter gibt und dies dort auch deutlich genutzt wird, ein deutlich geringeres Scheidungsrisiko bei Paaren besteht, wenn Väter diese Elternzeit genutzt haben.
Die genannten Zahlen sind ein Anhaltspunkt für die Auswirkungen auf Eltern und Kinder, denn die Häufigkeit von Trennungen von Paaren ohne Eheschließung ist statistisch nicht klar erfasst und wird je nach Einstellung zur Ehe als häufiger oder weniger häufig angegeben.
Etwa 17 Millionen Menschen leben in Singlehaushalten, davon sind 1,5 Millionen Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern. Singlehaushalte sind nicht unbedingt von Beziehungs-Stress befreit. Die Single-Situation ist von vielen frei gewählt, von vielen anderen aber nicht. Sie entstehen auch häufig aus Trennungen. Und Stress aus dann nachlaufenden streitbefangenen Themen wie Sorgerecht, Unterhalt, Besuchsregelungen sind sehr häufig. Dazu kommt der Stress durch die Mehrfachbelastung und regelhaft Belastung durch ein schlechtes Gewissen, dass man den Kindern nicht gerecht wird. Und sicherlich auch Stress bei der eventuellen Suche nach einem neuen Partner.
Trennung ist natürlich etwas, das in der Regel nicht gelernt wurde, also auch dann nicht unbedingt gekonnt wird. Notwendig ist es, neben der jeweils eigenen Perspektive der einzelnen Eltern eine gemeinsame Perspektive auf das seelische Erleben des Kindes aufzubauen. Kinder sind, auch wenn sie zu einem Elternteil tendieren, innerlich immer zu beiden loyal und in Liebe bzw. bei Trennung innerlich oft stark belastet. Für Kinder ist es also unbedingt wichtig, dass die Eltern dabei bleiben, dass es eine Liebe als Paar gab, dass sie nicht schlecht über den anderen reden und dass sie das Kind nicht in der Paar-Auseinandersetzung benutzen, dafür in einem Rosenkrieg missbrauchen und/oder das Kind vor unlösbare Aufgaben stellen.
Gelingende Trennung wird dann zwar Arbeit, aber eine gute Arbeit für die Eltern und sie ist gut, weil das Kind dann die beiden innerlich noch zusammen fühlen kann. Andernfalls wird es in der Regel irgendwann krank. Der Zusammenhang wird dabei wegen des oft zeitlich großen Abstands einer Krankheit des „Kindes“ zur damaligen Trennungs-Situation der Eltern und fehlendem psychosomatischen und systemischen Wissen nicht bzw. sehr verspätet erkannt.
Was Trennung für Kinder bedeutet, darüber muss also in der Gesellschaft geredet werden und ggf. wird hier Unterstützung gebraucht (siehe auch Kapitel 4 und 5). Wie gesagt, die Elternzeit der Väter hat offenbar einen stark stabilisierenden Effekt auf die Paarbeziehung.
2.1.3 Stressrelevante Einflüsse der Digitalisierung
Die Digitalisierung z. B. findet in ungebremster Beschleunigung statt und ergreift alle Lebens- und Gesellschaftsbereiche. Grenzen, Werte und Verantwortung sind der Technologie nicht immanent. Dies bleibt den Menschen als Einzelne und der Gesellschaft als Ganzes überlassen. Dabei ist die Steuerungskompetenz der einzelnen Menschen eben sehr unterschiedlich, die Steuerungskompetenz der Gesellschaft erscheint sehr unzureichend und läuft der Entwicklung hinterher.
Die aktuelle Hirn- und Zellforschung lehrt uns nun heute, dass Risiken der Digitalisierung z. B. bei Fehlnutzung von digitalen Medien im Körper und in den Zellen Schäden anrichten können (siehe Kapitel 3). Dies findet insbesondere dann statt bzw. potenziert sich, wenn Menschen in Überforderung, Erschöpfung und Burn-out sind. Dies unterstreicht noch einmal die Balance-Notwendigkeit durch souveräne Mediennutzung, also Medienresilienz für jeden heutzutage.
Kompetenz zur Selbststeuerung
Für die Frage möglicher pathogener Wirkfaktoren in der Digitalisierung ist es also im Besonderen bedeutsam, ob jemand in guter Selbststeuerung souverän für sich ist, z. B.:
•in der Balance von online und offline,
•in der vegetativen Balance (sichtbar beispielsweise in der Messung der Herzratenvariabilität),
•in der Balance von sofortiger Bedürfnisbefriedigung und Befriedigungsaufschub,
•aber auch in der Erfüllung von eigenen und fremden Erwartungen beim sogenannten Arbeiten 4.0 (der neuen digitalbedingten Arbeitsorganisation mit flex desk, home office u. a.)
•im bewussten und zur Person passenden Vernetzungsgrad online (Smarthome), der noch Kontrolle bzw. Transparenz des Datenflusses aus der Privatsphäre zulässt.
Souveräne Menschen profitieren dann im positiven Sinne im Rahmen eigener Entscheidungen von den Möglichkeiten der neuen Technologien, viele können sie sinnvoll und bereichernd in ihr Leben einbauen.
Bei Menschen mit fragilen und schutzbedürftigen Persönlichkeitsanteilen bzw. fehlender Souveränität im Alltag sind Ängste oder Ignoranz in Bezug auf die Digitalisierung dagegen häufig und ausgeprägt. Aber diese Menschen verhalten sich dabei gerade so, dass sie die Kontrolle und Selbststeuerung aus der Hand geben und so ihren eigenen Ängsten Auftrieb geben. Hier ist Aufklärung und Beschäftigung in der Schule und auch politisch zur Digitalisierung zu betreiben (Kapitel 4 und 5).
2.1.4 Stress-Faktor permanente online-Einbindung
Es werden in der Digitalisierung zunehmend gesundheitlich bedenkliche Entwicklungen bei einer gesellschaftlich relevanten Zahl von Menschen identifiziert, bei der die Art der digitalen Nutzung eine Rolle spielt, wie Stresszunahme durch permanente Smartphone-Erreichbarkeit oder wie die Zunahme der stressbasierten Adipositas, die aber u. a. auch direkt als weitere Folge des Bewegungsrückgangs z. B. bei vielstündigem Gebrauch digitaler Medien am Tag gesehen wird.
Die Bedeutung ständiger Erreichbarkeit durch Smartphones als Stresswirkung fordert insofern vom Einzelnen hohe Kompetenzen in der vegetativen Balancierung, u. a. durch ausreichende Pausen und guten Schlaf. Im klinischen Kontext sehen wir dies bei den meisten unserer Burn-out-Patienten als eines der gravierenden Themen.
Durch die enorme Beschleunigung digitaler Technologien (rasche Innovationsschübe, kurzfristig aufeinanderfolgende Restrukturierungen in Unternehmen) mit zunehmender Eroberung aller gesellschaftlichen Bereiche (z. B. smarte Technologien wie „Smarthome“, Internet der Dinge, Robotik) und einem bereits schon hohen Stresslevel in der Bevölkerung gelingt die Bewältigung der sich ständig ändernden Anforderungen vielen Menschen oft nicht mehr.
Ältere Menschen hatten ihre Kompetenzen für andere, vielfach analoge Prozesse in der Gesellschaft erworben, jüngere Menschen haben ihre Alltagskompetenzen oft nur fragil oder nicht ausreichend ausgebildet.
Die digitalen Anforderungen wirken insofern dabei vielfach als zusätzlicher Stressfaktor. Hat der Betroffene dafür keine ausreichende Bewältigungs-Kompetenz, ist Krankheit die häufige Folge, insbesondere im Rahmen von Burn-out-Prozessen und anderen Stressfolge-Erkrankungen.
Wir wissen, dass Menschen in Burn-out-Prozessen ihre Souveränität in vielen Belangen des Alltags und der Anforderungserfüllung am Arbeitsplatz verlieren. Dies gilt insbesondere, wenn der Anforderungsdruck zunimmt, wie es durch z. B. Alleinerziehung, Pflege von Angehörigen, Mehrfachbelastung von Frauen, aber auch Arbeitsverdichtung, Restrukturierung und Personalverringerung häufig der Fall ist. Dabei werden Arbeitsplätze flexibilisiert, gehen gewohnte Kollegenkontakte verloren und das dauernde Erlernen neuer digitaler Techniken überfordert viele, da sie in kürzester Zeit beherrscht werden müssen. Hier ist die Steuerungskompetenz der Gesellschaft mit der Politik gefragt, die sie allerdings bisher nicht ausreichend wirksam erfüllt.
Stressrelevante Einflüsse in der Digitalisierung (Beispiele):
•ständige Erreichbarkeit (verordnet oder selbstinitiiert, „Revierstress“)
•mehrstündige Bildschirmpräsenz (Computerarbeit, Online- oder Smartphone-Nutzung) ohne Pausen
•Ängste vor Verlusten und dem Vergessenwerden bei Social-Media-Kontakten
•Missbrauch von mitgeteilten intimen Daten, Texten, Bildern, Videos, also soziale Nötigung und Cybermobbing
•Ängste vor Ausspähen der Privatsphäre
•Unterbrechungs-Stress durch Smartphone-Kontrolle (100-mal +/- täglich)
•Schlafstörungen durch Fehlnutzung (Überdosis, Online am Bett etc.)
Wie man heute krankheitsförderlichen Dauer-Stress diagnostizieren kann, dazu Kapitel 5, S. 420.
2.1.5 Stress durch Informationsüberflutung – News/Fake News
Heutzutage werden wir von Informationen, meist als News verpackt, überschwemmt. Das Wesentliche herauszufiltern, weiterhin die Nachrichten auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, das hat niemand gelernt und aktuell hat auch niemand dafür Zeit, weil ja schon die News und ihre Wirkung zusätzlich zur knappen Zeit den Rest der Zeit aufsaugen. Im Übrigen bräuchte man auch dringend Zeit zur Verarbeitung der Resonanz auf die massenhaften Inhalte ohne klaren Kontext.
Facebook gibt es seit 2004, Twitter seit 2006, WhatsApp seit 2009, Instagram seit 2010. Die massenhafte Zunahme erfolgte seitdem exponentiell, sodass die Social-Media-Kanäle der Hauptverbreitungsweg von Online-Nachrichten geworden sind.
Zeitungen werden dabei rasch immer unwichtiger, Fernsehen ist für die Alten und Abgehängten, Streaming-Plattformen und Social-Media-Kanäle sind bereits die Norm, aber niemand hat gelernt, damit umzugehen. Unsere Welt ist also eine Medienwelt ohne Bodenkontakt und ist dazu geeignet, die Menschheit zu desorientieren, weil die News nichts miteinander und ebenfalls nichts mit den Menschen zu tun haben. Vielmehr transportieren sie nebenbei unbemerkt Werbung. Desorientierung bedeutet immer starken Stress, das Gehirn wird in einen Alarmzustand versetzt, weil solche Desorientierung als Bedrohung empfunden wird.
Gleichzeitig sinkt aber auch die Verfügbarkeit der direkt angezeigten Infos rapide, bei Twitter z. B. aktuell nur noch 30 Minuten, sodass ein Nutzer ständig dranbleiben muss, um nichts „Wichtiges“ zu verpassen. Zum späteren Nacharbeiten bleibt sowieso keine Zeit, weil es ja rasend schnell weitergeht.
Viele Menschen versuchen da hinterherzukommen. Das ist aber auch mit mehrstündiger Online-Präsenz nicht zu schaffen, man ist also immer auf der Verliererstraße und arbeitet sich ggf. ins Burn-out.
Das Gehirn braucht also eine andere Lösung für diesen Zustand:
Die vorläufige, oberflächliche, aber dysfunktionale Lösung ist für viele, sich dauerhaft auf einige Kanäle zu beschränken, deren Botschaften sie verstehen und alles andere versuchen auszublenden. Die Fütterung des Gehirns mit von den inhaltlichen Haltungen und Einstellungen her immer gleichen Informationen spiegelt mittlerweile bei vielen Menschen eine zunehmend von der Realität abgekoppelte Welt vor, wirkt insofern manipulativ. Das fordert keinen Dialog mit Menschen anderer Einstellung an, sondern eher Abgrenzung, um nicht unsicher zu werden, mehr noch Abstumpfung, Desinteresse an gesellschaftlicher Aktivität und Entwicklung und resignativem Abtauchen in Social-Media-Kanäle und andere virtuelle Welten. Die großen Internet-Konzerne fördern dies ja geradezu als Geschäftsmodell.
Bei den kommenden Herausforderungen des gesellschaftlichen und klimabedingten Wandels folgt daraus eher Ohnmacht, Krankheit oder Aggressivität bis hin zum Extremismus.
Durch diese Pseudolösung gewinnt man also doch keine Zeit und bleibt überflutet, aber von nun schon bekanntem Wasser. So entsteht eine Parallel-Community, die dauernd die selben Fernsehsender sieht, die selben Streaming-Dienste nutzt und die selben Internetplattformen, die im Weiteren über ihre Algorithmen garantieren, dass keine verunsichernden Nebenthemen auftreten.
Das fördert dann auch den Boden für Verschwörungserzählungen, weil andere Erzählungen als mögliches Korrektiv aus dem Blick sind.
Allerdings kennt wohl jeder den Wunsch für ihre/seine Meinungen und Sicht der Welt Bestätigung in seiner Umgebung zu bekommen. Aber es bleibt ja doch bei den meisten eine Offenheit und auch Interesse für Anregungen durch anderslautende Meinungen und Informationen. Problematisch wird es jedoch wie gerade beschrieben, wenn sich der Fokus immer weiter einengt und andere Informationen als die für sich „festgestellten“ ausgeblendet werden.
Dann steuert ein Mensch auf einen Kipp-Punkt zu, der eine Rückkehr zu einer offeneren Haltung stark erschwert. Es ist also im demokratischen Gemeinwohlwesen sehr wichtig, in Gesprächen und Kontakten mit diesen Menschen zu bleiben und zu sein, bevor solche Kipp-Punkte auftreten.
Dabei ist es nicht unbedingt erforderlich, Menschen argumentativ umzustimmen – das fördert oft eher eine Abwehrhaltung – vielmehr dreht es sich um ein Zusammensein, das den anderen wertschätzt und eine z. B. vorhandene Sympathie mitteilt und austauschen kann. Dann kann auch das eine oder andere Argument gewechselt werden und wenn das freundlich geschieht, mag es immer wieder den Charakter einer Brücke haben, die beizeiten genutzt werden kann.
Eltern haben also mit dieser Lösung durch Einengung auf immer gleiche Informationskanäle für den Umgang mit News letztlich immer noch keine Zeit für ihre Kinder und können kein Vorbild für sie sein.
Desinformations-Mechanismen im Internet
Und es finden sich ja außer den beschriebenen Algorithmen auch noch andere Desinformations-Mechanismen wie digitale „Sockenpuppen“, „Social Bots“ und digitale „Trolle“:
•Sockenpuppen sind zusätzliche Fake-Accounts, mit denen Menschen z. B. ihre Likes oder Dislikes oder aber Meinungen oder auch Verunglimpfungen verdoppeln oder vervielfältigen. Sie unterlaufen letztlich Regeln, die der unbefangene Internet-Nutzer als gegeben annimmt. Eine Identifizierung solcher Fake-Accounts als solche ist oft nicht möglich.
•Social Bots sind automatisierte Computerprogramme (bots von Roboter), die menschliche Wesen in Fake-Accounts vortäuschen. Sie reagieren auf Keywords und geben dann vorgefertigte Antworten oder führen mit jemandem fiktive Gespräche. Sie imitieren menschliches Verhalten, verschicken Freundschaftsanfragen, können Social-Media-Accounts von Menschen überfluten, ein Cybermobbing auslösen, ein Produkt besonders loben oder schlecht machen oder das Internet zu bestimmten Fragen majorisieren, sodass das Thema groß und wichtig aussieht. Es kann unerkannt eine Bedeutung in der politischen Willensbildung haben.
•Digitale Trolle sind Menschen, die im Internet so agieren, dass sie andere Teilnehmer gezielt emotional provozieren und damit Schaden anrichten und Vertrauen zerstören in Social-Media-Communities. Sie werden aber auch gezielt eingesetzt, um Verwirrung zu stiften. Das kann in seltenen Fällen z. B. bei der Cyberabwehr auch positive Bedeutung haben, indem kriminelle Vorhaben in der Kommunikation der kriminellen Teilnehmer durcheinanderkommen und so im Sande verlaufen können.
Menschen, die auf einfache Lösungen im Internet und den dort zugesandten News hoffen, durchschauen diese negativen Einflussnahmen im Netz meist nicht mehr, weil diese in der Regel algorithmisch kontrolliert, ja der Bestätigung ihrer Meinung dienen. Menschen müssen diese Dinge kennen und mit ihnen sehr wachsam umgehen, um persönlich oder im Unternehmen keinen Schaden zu erleiden.
Wozu News?
Es braucht also eine andere Lösung für Menschen, die ihre Elternschaft ernst nehmen wollen und Wege in der Informationsflut suchen, die wirklichen Schutz vor solcher Überflutung bieten.
Es beginnt mit der Frage: Wofür braucht man News?
News sind in der Regel irrelevante Daten ohne echten Kontext. Die News untereinander stehen ohne jeden Belang nebeneinander herum. Und sie sind für meine Lebensführung in der Regel völlig unbedeutend, für jetzt gerade und überhaupt.
Eine Kostprobe v. 10.8.2020 aus den „Zeit“-online-News:
•Ausbildung in der Corona-Krise: Portal eröffnet,
•Bayern startet Barca-Vorbereitung,
•Weinlese startet früh,
•Lauenau muss weiter Wasser sparen,
•Vettels Fatalismus: „Kann nicht schlimmer werden“,
•Kritik an Gratistests für Urlauber aus Risikogebieten wächst,
•SPD macht Vizekanzler Scholz zum Kanzlerkandidaten,
•Aida Cruises legt wieder ab,
•Seniorin gesteht Tötung eines siebenjährigen Kindes,
•Kosmischer Staub verglüht am Himmel,
•Neue Hauptdarstellerinnen bei den „Roten Rosen“,
•Mehrheit legt keinen Wert auf Sommer-Dresscode im Job,
•Maas drängt auf Reformen im Libanon,
•Dürre: „Wo ist mein Wasser?“,
•Tyson-Comeback offenbar auf November verschoben.
Dass Bayern München sich vor dem Barca-Spiel vorbereitet, wird Sie nicht überraschen, dass Scholz Kanzlerkandidat der SPD wird, wussten Sie schon oder hätten Sie noch rechtzeitig vor den Bundestagswahlen 2021 erfahren, Maas ist bekanntermaßen nicht der Erste, der im Libanon auf Reformen drängt, aber wie will er das denn machen? Das steht da nicht, usw.
Sie sehen also, wenn sie das alles nicht gelesen hätten und das hat ja noch „Niveau“, dann würde sich Ihr Tag wohl nicht wesentlich ändern.
Ach ja, es fehlt ja noch der DAX! Sagen Sie mal, was Sie fühlen, wenn er mit Schwung abschließt und was, wenn er im Minus ist. Müssen Sie das wissen für Ihren Tag heute? Macht Sie das heiter oder deprimiert? Das Letztere wäre zumindest schade!
Einmal am Tag Radio-Nachrichten, einmal in der Woche eine Sonntags-Zeitung (wobei man die auch mal wechseln kann), einmal im Monat ein gutes Sachbuch, öfter mal mit Freunden und Nachbarn sprechen, das würde reichen, um die wichtigsten Daten und Kontext-Ideen zu erhalten, die für Ihr Leben bedeutsam sein könnten. Dann haben Ideen auch Zeit zu reifen und man kann konkret und selbstaktiv weitere Informationen dafür sammeln.
Rolf Dobelli schlägt vor, die Informationsflut zu meistern, indem man konsequent auf sämtliche News-Angebote für immer verzichtet. Sein Buch „Die Kunst des digitalen Lebens“ handelt davon, hochinteressant!
Des Weiteren kann man Informationen unterscheiden lernen. Das heißt u. a. Nachricht von Meinung und Manipulation, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, so die Informationsmenge zu begrenzen und Nachrichten mit einer klaren inneren Haltung und vegetativer Ruhe, ohne emotionales Einrasten bei Resonanz, auf Glaubwürdigkeit zu überprüfen, dabei eine innere Klarheit zu entwickeln für das, was man selbst wichtig nennen könnte.
Um solche Wege muss man sich bemühen, sie werden nicht frei Haus geliefert. Und sie erfordern Zeit. Sie wachsen und werden deutlicher und einfacher bei einem Lebensstil in dem Lebenspflege stattfindet. Denn mit einer inneren vegetativen Balance, in TCM-Terminologie würden wir von innerer Mitte und Neutralität sprechen, denkt man anders, kreativer, kooperativer und liebevoller (siehe Kapitel 1, S. 75ff). Eine solche innere Referenz ermöglicht, Haltungen hinter Nachrichten wahrzunehmen und somit Ausgewogenheit oder aber Manipulation zu spüren. Ein klares inneres Körpergefühl ist dafür Voraussetzung und enttarnt dann Fake News oft durch ein mulmiges Gefühl bzw. die Absurdität eines eventuell mitgelieferten Kontextes. Das geht aber nur, wenn man die Flut der News geeignet für sich begrenzt.
Wie erreicht man das? In Kurzform: Zeit haben, News abbestellen, gut und ausreichend schlafen, z. B. regelmäßig QiGong üben, Menschen begegnen. Das ist das Thema von Kapitel 5, Gestaltung. Dort werden wir das intensiv weiterbesprechen.
2.1.6 Stress durch Angst: z. B. die Corona-Pandemie
Wir leben in einer Welt, die schwer zu verstehen ist. Und niemand kann im Voraus sagen, was wohl als Nächstes passieren wird. Selbst Zukunftsforschern gelingt das in der Regel nicht mehr gut, sie sind selbst oft überrascht von der näheren Zukunft. Die Klima-Problematik war lange nicht wirklich zu spüren in Deutschland, eine Erderwärmung von zwei Grad oder aber drei Grad ist als Unterschied heute nicht wahrnehmbar, sondern wird an Folgeszenarien durchgespielt, die noch recht weit weg scheinen. Eine Angst vor einer Klimakatastrophe lässt sich insofern aktuell noch ganz gut verdrängen, was zwar fatal ist, weil jetzt gehandelt werden müsste, aber noch gelingt. Doch eine Angst zu verdrängen heißt nicht, sie zu meistern, sie wirkt sich physiologisch aus und erzeugt trotzdem Stress.
In der Salutogenese, der Lehre von dem, was für die Gesundheit wichtig ist, ist die Durchschaubarkeit und Erklärbarkeit der Welt ein wichtiger Faktor für Gesundheit. Dieser Faktor geht den Menschen zunehmend verloren, weil ein Wandel ansteht, aber die politischen Autoritäten nicht davon reden, was dieser Wandel anfordert. Das machte die Welt nebulös und unsicher, schon vor der Corona-Pandemie.
In der Corona-Krise konnte man jetzt zwar kurzfristig das öffentliche Leben anhalten, aber die Autoritäten, Wissenschaftler, Ärzte, Politiker kennen das Virus auch nicht bzw. müssen es erst einmal kennenlernen. Ein a priori richtiges Vorgehen gibt es nicht, wird aber erwartet, weil es früher so etwas zu geben schien. Wir erheben sozusagen Anspruch auf wissende Autoritäten und sind nicht nur enttäuscht, dass es sie nun nicht gibt, sondern kommen ohne funktionierende Experten leicht in Hilflosigkeit und Angst. Wir haben also tiefe existenzielle Ängste, zusammen mit konkreten Ängsten, teilweise die finanzielle Existenz vernichtenden Bedrohungen. Das verursacht ungeheuren Stress und versetzt das Vegetativum vieler Menschen in eine anhaltende sympathikotone Reaktionshaltung. Da niemand eindeutig sagen kann, wie es weitergeht, sind reaktiv Krankheitsentwicklungen, insbesondere auf dem Boden des schon vorbestehenden Stresslevels an der Tagesordnung. Was ist jetzt zu tun?
Die Einstellung der Gesellschaft und des Einzelnen zum schon stattfindenden Wandel muss in den zentralen Fokus rücken. Jeder Mensch kann seinen Lebensstil so ändern, dass sein Immunsystem davon profitiert und Politik muss die ganze in der Corona-Krise offensichtlich gewordene, aber schon vorbestehende Unordnung und Ungereimtheit unseres Lebens hier in Deutschland neu ordnen. Dazu ist es wichtig, dass alle wissen, dass die Selbstverständlichkeiten der letzten Jahrzehnte, also ein so ressourcenverbrauchendes, carbonbasiertes Wirtschaften mit Wachstum nicht weitergeht. Entweder wir ignorieren die Notwendigkeit, die Wandlung als Gemeinschaft anzupacken und ernten dann in einigen Jahren ein unbeherrschbares, jeden bedrohendes Chaos, oder wir beginnen radikal, also die Themen an der Wurzel packend, den Wandel zu gestalten, und begrenzen die Folgen so konkret, dass das Leben auf der Erde lebenswert bleibt.
Dazu bietet die Corona-Krise eine hervorragende Chance, wenn die Politiker begreifen, dass sie und ihre Wähler um den Wandel nicht herumkommen. Im Wandel kann es schmerzhaft sein, aber wenn man durch diesen Schmerz durch ist, gewinnt man sogar die Menschlichkeit zurück und die Menschen ihre Würde.
Die Politiker müssen anfangen, ihren Wählern zu erklären, dass es verantwortungslos ist, nicht zu handeln. Es geht um Radikalität, die ein Übel an der Wurzel packt, dabei aber Zeit zum Reifen lässt, im Gegensatz zur Revolution, die diese Zeit zum Reifen nicht ermöglicht. Radikalität ohne wortreiche, aber nichtssagende Ausflüchte ist jetzt notwendig, weil in der allgemeinen Verdrängung der entstandenen Notlage kein wirksames Handeln möglich war und so wertvolle Handlungszeit verschenkt worden ist.
Es wird also unbequem für die Parteien, sie müssen den Bürgern die Wahrheit einschenken und ihnen gleichzeitig helfen, diese nicht nur zu verdauen, sondern als Aufbruch in eine neue menschlichere Zeit zu sehen. Dies wird sicherlich ein oder zwei Wahlperioden brauchen, weil die konservativen Kräfte ihren festgelegten und quasi gewonnenen Handlungsrahmen nicht ohne Weiteres aufgeben können und viele Wähler, insbesondere Ältere, weiter darauf hoffen, dass sich nichts ändern muss. Aber die Erderwärmung mit ihren spürbaren Folgen auch in Deutschland wird dieses Vorgehen pushen.
Wichtig ist dabei, die älteren Menschen mitzunehmen, also ehrlich zu schauen, wie man älteren Menschen schon in und während dem radikal notwendigen Wandel Sicherheit und Geborgenheit geben kann. Man muss in die Änderung eintreten, aber kreativ und liebevoll vorgehen. Das geht, weil Kreativität und Liebe im Gegensatz zu Konkurrenz und Konsum keine solchen Kosten zeitigen. Dann werden „die Alten“ beginnen, den Wandel mitzutragen, weil sie merken, dass etwas Besseres im Gange ist.
Dies gilt es im Weiteren genauer zu besprechen. Das werde ich in Kapitel 4 und 5 machen. Dort soll auch das für die Corona-Krise wichtige Thema des Immunsystems angesprochen werden, das wir in der gesellschaftlichen Diskussion wieder aus der Vergessenheit herausholen wollen.
2.1.7 Stress durch sozialen Vergleich
Zufriedenheit und Glück durch Geld steigt im niedrigen Einkommensbereich an bis zu einer Höhe, in der die Grundbedürfnisse von Miete, Mobilität, Ernährung und einem üblichen Equipment im Haushalt und von Haushaltsgeräten wie Waschmaschine, Kühlschrank, Fernseher usw. erfüllt sind.
Danach steigt die Zufriedenheit nicht weiter an mit steigendem Einkommen, ja man beobachtet vielfach eine zunehmende Unzufriedenheit bis hin zum Stress, weil man anfängt, sich in der Bevölkerung, in der Nachbarschaft bzw. unter Kollegen im Sozialrating zu verorten.
Der Mensch ist nicht in der Lage, eine universelle Bezugsgröße in sich zu fühlen, die ihn gänzlich unabhängig machen würde vor Vergleichen mit anderen Menschen. Man setzt sich also meist in einen konkreten Bezug zu Mitmenschen, verursacht also selbst ein Ranking, das einem guttut, wenn man darin gut abschneidet und einen verärgert bzw. sogar unter Stress setzen kann, wenn man darin schlecht oder ungenügend abschneidet oder immer in der unteren Skala verbleibt.
Das ist allerdings immer abhängig von kulturellen Einflüssen, also was jeweils als wichtig zu haben gilt, sowie von der Wirtschaftsform also, in welchem Ausmaß soziale Ungleichheit besteht und jeder mit jedem als Konkurrent gesehen und beurteilt wird. Weiterhin ist es wichtig, ob man mit dem jeweiligen sozialen Status gesehen wird oder eher nicht.
Viele versuchen, andere nach Möglichkeit irgendwie zu übertreffen, um sich im Ranking sichtbar zu halten oder zu steigen. Das geschieht meistens durch sichtbaren Konsum, also Werkzeug, Mode, Auto, was die Nachbarn oder die Kollegen mitbekommen können. Vieles „muss man einfach haben“, mit anderem „kann man gut punkten“. Das fängt schon im Kindergarten an und wird in der Schule sozusagen quasi zelebriert, was soziale Ungleichheit ausgesprochen fördert.
Die Werbung zeigt dabei in der Regel, wohin die Reise geht, man muss also auch schnell sein. Es kommt dabei nicht so sehr darauf an, ob man etwas braucht, sondern, wie man damit dasteht im Vergleich. Ich denke, jeder kann sich dabei erkennen, dass er oder sie aus solchen Gründen manchmal etwas kauft. Es ist uns bei unserer Art zu wirtschaften quasi von Kindesbeinen eingebläut worden, dass Besitz und Haben die soziale Stellung begründen, und besonders, wenn es sichtbar ist, uns als fortschrittlich, überlegen, vielleicht sogar als sexy auszeichnet. Nur so können wir Karriere machen und im Leben Erfolg haben, wird uns suggeriert.
So die Erziehung und die Werbung, aber es klappt dummerweise nicht immer und man kann auch keinen dauerhaft guten Zustand erreichen, sondern es droht ständig zu kippen, man muss also immer nachsteuern, soweit es der Geldbeutel zulässt. Das verursacht Stress und wenn wir darin stark verfangen sind, können wir allein dadurch gesundheitliche Probleme bekommen, also Stressfolge-Krankheiten.
Wie verhindert man diesen sinnlosen Konsum, was man nicht wirklich braucht und was zum Glücklichsein herzlich wenig beiträgt? Wir alle kennen ja die Halbwertzeit von zufriedenen Gefühlen über unsere Konsum-Beute, sie ist kurz.
Wir sind besonders anfällig dafür im Sinne einer Verführung (siehe auch Kapitel 4), wenn wir uns innerlich leer fühlen, wenn wir wenig Bestätigung bekommen oder bekommen haben, also wenig Selbstwert empfinden und nicht zu einer guten Selbststeuerung gelangen konnten. Diese Leere versuchen wir aufzufüllen, aber so, durch Konsum, klappt das nicht wirklich. Wir brauchen Zufriedenheit durch erfüllende Beziehungen, Begegnungen und Partnerschaft, Freude an unserer Arbeit und natürlich Anerkennung, aber nicht von irgendwem, sondern von Menschen, die uns nah und lieb sind. Dann kaufen wir viel eher nur das, was wir brauchen, garniert mit kleinen überschaubaren Lustkäufen als Belohnung für was auch immer.
Exkurs: Konsum als systemrelevant
Übermäßiger sozialer Vergleich ist ungesund, treibt aber den Konsum an und fördert den Wohlstand im systemischen Sinne. Konsum stabilisiert unseren Staat, in dem er in besonderer Weise der Wirtschaft ermöglicht zu wachsen. Konsum ist also in unserer Wirtschaftsweise im Grunde eine staatsbürgerliche Pflicht. Dies galt bisher meist, ohne dass dies so benannt wurde. Jetzt in der Corona-Krise drehte es sich nach dem Lockdown aber alles darum, den Konsum wieder anzukurbeln, um ein wirtschaftliches Zusammenbrechen bzw. eine schwere Rezession zu vermeiden. Dies wurde jetzt auch so ausgesprochen. Damit wurde offensichtlich, dass unser Wirtschaftssystem auf gefährliche Art und Weise verletzlich ist und Konsum systemrelevant. Ohne Konsum können wir diese Wachstumswirtschaft nicht retten, wie ungesund!
Wir kommen als Bürger hier in ein Dilemma: Zum einen haben wir die ethische Verpflichtung, besonnen zu konsumieren, um Ressourcen zu schonen und klimafreundlich zu handeln, zum anderen haben wir die moralische, offensichtlich staatsbürgerliche Pflicht zu konsumieren, damit unser Wirtschaftssystem nicht zusammenbricht.
Weiterhin werden wir implizit „gezwungen“, die Missachtung unseres Grundgesetzes durch unsere Wirtschaftsweise zu ignorieren mit der Folge, dass wir uns meist unbewusst aber doch im Hintergrund mitschuldig fühlen an den vom Staat zugelassenen massiven Rechtsbrüchen,
im Besonderen an GG § 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, § 2, Abs. 2. „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“ und § 14, Abs 2 „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“
Wieso die Staatsmacht darin keine krasse Divergenz sieht, darüber mehr in Kapitel 4 bei der Erörterung des sogenannten „freien“ Marktes.
Gleichzeitig wissen wir, dass ausufernder Konsum uns als Menschen nicht glücklich macht, müssen aber auch dieses ignorieren, um „den Wohlstand“ zu erhalten, der uns versprochen ist, und dürfen hier keine Gefährdung zulassen.
Das alles bedeutet eine innere Zerr-Spannung, sie setzt uns ungeheuer unter Druck, weil wir es nicht richtig machen können. Mit jeder Positionierung verstoßen wir gegen eine Pflicht. Das ist quasi wie ein unbewusstes, aber loderndes Feuer für unser Stress-System und fördert Gefühle der Ohnmacht.
So ein verletzliches System stützen zu müssen ist also an sich unerträglich. Aus der Sicht mündiger Bürger müssen wir dagegen sozialen Widerstand leisten, aber in der Form, dass wir an einer Umwandlung des Wirtschaftssystems arbeiten mit dem Ziel, dass es funktioniert, auch wenn wir nicht mehr sinnlos ausufernd konsumieren. Ein solches Wirtschaftssystem ist die Gemeinwohl-Ökonomie, in der die genannten Dilemmata aufgehoben sind. Wohlstand bedeutet hier genug zu haben, uns aber auch aus den inneren Zerr-Spannungen befreien zu können und gemeinsam mit unseren Mitmenschen zu kooperieren. Der soziale Vergleich ist vermutlich nicht gleich völlig aufgehoben, wird aber mäßiger und hat nicht mehr die Getriebenheit zum Konsum.
Die Gemeinwohl-Ökonomie und wie der Prozess der Umwandlung dorthin gelingen kann, beschreibe ich in Kapitel 5.
Exkurs Soziale Ungleichheit
Wir müssen dabei noch einen Blick auf die soziale Ungleichheit werfen, die noch stärker als der soziale Vergleich für die nachteilig Betroffenen eine Verletzung ihres Daseins bedeutet, besonders was Würde und Gesundheit angeht. Die Lebenserwartung sozial benachteiligter Bevölkerungsgruppen in Deutschland (definiert durch ein Haushaltsnettoeinkommen von weniger als 60 % des gesellschaftlichen Mittelwertes) ist im Vergleich zu Beziehern hoher Einkommen um bis zu elf Jahre verringert, das Risiko für chronische Erkrankungen nach Daten des Robert-Koch-Instituts um das 2-3-fache erhöht (siehe auch Kapitel 5, S. 493).6
Starke soziale Ungleichheit korreliert zudem mit hohem sozialem Misstrauen der Bürger untereinander und hohen sozialen Problemen (z. B. bei der Anzahl von Insassen in Gefängnissen, höhere Zahlen von Gewalttaten, mehr Teenager-Schwangerschaften, schlechtere Leistungen in der Schule, z. B. in der Lese-Schreib-Kompetenz, Zunahme der Fettleibigkeit usw.). Erfasst wird dies wissenschaftlich im sogenannten Gini-Koeffizienten (von dem italienischen Statistiker Corrado Gini entwickelt), der bei bester sozialer Gleichheit gegen Null tendiert, bei starker sozialer Ungleichheit gegen Eins. Deutschland ist hier noch recht häufig nur im Mittelfeld der Länderskalen zu finden. Eine interessante Bearbeitung des Themas der sozialen Ungleichheit weltweit haben Wilkinson und Pickett in ihrem Buch „Gleichheit – warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind“ vorgelegt. Ein schöner Untertitel!
Die sozialen Themen werden uns im Weiteren noch häufiger beschäftigen. Eltern, die möchten, dass es ihren Kindern einmal besser geht oder heutzutage zumindest hoffen, dass sie noch in einer lebenswerten Welt leben können, können ihre Kinder am besten vorbereiten, wie in Kapitel 1 zur gesunden Hirnentwicklung beschrieben, damit sie in eine gute Selbststeuerung, guten Selbstwert und soziale Widerstandskraft kommen. Dann sind sie weniger anfällig auf die Verführung durch Konsum und kraftvoller in ihrem Beitrag, die aktuelle Wirtschaftsweise in eine Gemeinwohl-Ökonomie umzuwandeln mit der Chance, die Erde als guten Lebensraum zu erhalten.
2.2 Lebensstil, Mediennutzung und gesundheitliche Verfassung der Eltern
2.2.1 Bedeutung für die Zeit vor und bei der Empfängnis
Vor der Empfängnis
Die Eltern haben je nach gewähltem oder entstandenem Lebensstil einen bestimmten Gesundheitszustand, Stress- und Angst-Level, Stoffwechsel- bzw. Hormon- und Immunstatus mit entsprechendem epigenetischem Muster aktiver und passiver Gene incl. einer dazu passenden Telomer-Länge als Endkappen der Chromosomen.
Nicht nur die chromosomalen Anlagen, sondern auch diese epigenetische Situation wird nun bei einer Befruchtung weitgehend an das Kind weitergegeben, und auf dieser Grundlage macht der Embryo im Uterus nun seine physiologischen, kommunikativen und damit verbundenen emotionalen Erfahrungen.
Eine alte chinesische Tradition (wohl eher bei der privilegierten Bevölkerung angesiedelt), empfiehlt, dass Eltern, die ein Kind haben wollen, sich 100 Tage darauf vorbereiten sollen durch Enthaltsamkeit bei Alkohol und Völlerei, gesundem, in der Menge eben reduziertem Essen, guter Bewegung (QiGong) und Meditation sowie viel Schlaf. Außerdem soll die Vorfreude auf das Kind Raum bekommen. Das Paar kommt sich in seiner Liebe und Feinfühligkeit näher, sexuelle Enthaltsamkeit bzw. reduzierte sexuelle Aktivität unter Vermeidung einer Befruchtung ermöglichen die 100 Tage ohne Empfängnis.
Ein solcher Zeitraum von einem guten Vierteljahr der Lebenspflege ist zur Vitalisierung der Eltern wissenschaftlich gesehen äußerst sinnvoll. Es kommt zur Normalisierung von Körpergewicht und Bauchfett, die Leber wird entfettet und kann wieder die Gefäße und das Herz schützen, Gewebe, insbesondere Stützgewebe, Sehnen und Bänder werden geschmeidig, Muskeln erhalten genug Energie. Der Hormonhaushalt wird balanciert und die Sexualorgane vitalisiert, die Fruchtbarkeit von Mann und Frau gestärkt. In den Zellkernen der Zellen der Eltern, auch der Geschlechtszellen, die an das Kind weitergegeben werden, schaltet das epigenetische Muster in dieser Zeit auf ein lebensförderliches Muster.
Empfängnis
Kommt es nach dieser Zeit zur Empfängnis, was aufgrund der meist guten Fruchtbarkeit und nach sexueller Enthaltung bzw. Zurückhaltung großer sexueller Lust beider zukünftiger Eltern sehr wahrscheinlich ist, hat das Kind beste Einnistungs-Bedingungen und erhält ein bestmögliches, stressarmes epigenetisches Muster mit aktiver Telomerase und verlängerten Telomeren vererbt, von dem es lebenslang profitieren kann.
Klingt das nicht schön, eine solche liebevolle Vorbereitungszeit auf und für das Kind? Mancher mag einwenden, dass das heute nicht mehr gehen kann. Aber warum denn nicht? Wir werden uns das in Kapitel 5 bei den Gestaltungsräumen, die wir haben, genau anschauen.
Bedeutung für die Zeit der Schwangerschaft
In der Schwangerschaft ist es jetzt wichtig, dass die schwangere Frau möglichst sorgen- und stressfrei leben kann, damit sich das Kind im Uterus möglichst ungestört in guter innerer Kommunikation mit der Mutter entwickeln und gute Erfahrungen machen kann.
Das Mutterschutzgesetz in Deutschland schützt die Schwangere und ihr Kind im Bauch vor Gefährdungen des Lebens und der Gesundheit. Das erstreckt sich aber bisher nicht explizit auf den wichtigen Sachverhalt von weitgehender Stressfreiheit der Mutter im Sinne bestmöglicher Kindesentwicklung mit den Telomeren des Kindes im Fokus.
Daher wiederhole ich die Zitate aus Kapitel 1:
„Die starke seelische Belastung einer Schwangeren wirkt offenbar in der nächsten Generation nach und beeinflusst die Entwicklung der Telomer-Länge des Kindes auf Jahrzehnte hinaus.“
„Die Telomere des Babys lauschen dem Stress der Mutter.“
(Prof. Dr. Elisabeth Blackburn)
Viele schwangere Frauen arbeiten gerne in der Schwangerschaft weiter und fühlen sich gut, sofern die Arbeit Freude macht, nicht sehr erschöpft und sie Pausen bekommen, wie sie es brauchen.
Wenn die Arbeit aber stresst, sehr erschöpft oder vielleicht sogar Mobbing stattfindet, dann ist eine Stress-Wirkung auf das Kind sehr wahrscheinlich, selbst wenn die Schwangere selbst keine offensichtlichen Symptome hat. Aber auch eine empfundene Stressbelastung ohne aktuell nachweisbare Symptome trotz Einhaltung der Vorschriften des Mutterschutzgesetzes seitens des Arbeitgebers sollte im Interesse des Kindes ernst genommen werden.
Dies ist natürlich der Wahrnehmung und der Entscheidung der Schwangeren überlassen, aber es macht Sinn, dies ggf. mit dem Arzt des Vertrauens zu besprechen und zu klären, ob, aus Gründen der Vermeidung von Stressfolgen auch für das Kind, ein Beschäftigungsverbot geboten ist.
Aber das gilt natürlich genauso für Stress in der Partnerschaft oder andere Bereiche, wo möglichst Klärung erzielt werden sollte.
Stressfolgen in der Schwangerschaft für das Kind müssen zukünftig also viel ernster genommen werden, weil hier schon Weichen für die Zukunft gestellt werden. Dies war in der Vergangenheit in dieser Weise nie wirklich im Fokus, aber wir können mit diesem Wissen den Kinderschutz auf das Ungeborene nunmehr ausweiten, vorerst individuell, aber mit der Forderung nach weiteren praktikablen Kriterien im Mutterschutzgesetz.
Dies ist auch deshalb wichtig, weil so auch soziale Ungleichheit weiter vermindert werden kann, denn mit ausreichenden finanziellen Verhältnissen kann eine Schwangere diese Zeit natürlich auch stressärmer gestalten als bei der Notwendigkeit der Lohnarbeit der Schwangeren für den Lebensunterhalt der Familie bzw. im Single- oder alleinerziehenden Haushalt.
Hier müsste die Möglichkeit des Beschäftigungsverbotes klarer geregelt und sich auch explizit auf absehbare Stressfolgen für das Kind erstrecken, da im Beschäftigungsverbot die Lohn- oder Gehaltszahlung ja weiterläuft wie im üblichen Mutterschutz in den Wochen um die Geburt. Und Ärzte müssten sich hier unbedingt in epigenetischen Fragen weiterbilden, da dies in der bisherigen Ausbildung noch zu wenig Raum bekommt. So kann ein Faktor sozialer Ungleichheit etwas ausgeglichen werden, bevor allgemeinere gesellschaftliche Gestaltungen greifen.
Gute Begleitung in der Schwangerschaft
Es ist sehr sinnvoll, dass sich das Paar, sofern es sich nicht um eine zufällige oder nicht gewollte Schwangerschaft handelt, für die gemeinsamen Aufgaben gut abstimmt und gerade beim ersten Kind Ängste und Unsicherheiten empathisch ernst genommen und besprochen werden, die in Phasen kommen und normal sind.
Dies erfordert gute Begleitung von Hebammen und Ärzten, optimalerweise solchen, für die eine Schwangerschaft nicht eine Krankheit ist, sondern ein normaler, freudvoller Lebensabschnitt. Die Mehrzahl der Schwangerschaften ist nicht als Risiko einzuschätzen, sondern als natürlicher, lebensspendender Entwicklungsprozess mit eigener Kompetenz der Mutter zum Gebären. Generell gelingt eine Schwangerschaft umso besser, indem die Schwangere in dieser Kompetenz unterstützt wird und Ängste vor Komplikationen gut besprochen und bewältigt werden können, wenn keine Hinweise für Komplikationen da sind. Das gilt auch für Ängste des werdenden Vaters.
Bei Risikoschwangerschaften ist die entängstigende und lebensbejahende Betreuung umso wichtiger und die Kompetenzen von Hebamme, Arzt und Krankenhaus zu betonen, die Sicherheit gibt, ohne die Kompetenz der Schwangeren zur Frage des Tragens und Gebärens ihres Kindes infrage zu stellen. Ihre Wünsche und Gedanken dazu und der Rahmen ihrer Selbstbestimmung in dieser besonderen Situation brauchen großen empathischen Raum. Ein solches Vorgehen negiert nicht das Risiko, sondern minimiert es, indem die Schwangere und damit auch ihr Kind im Bauch eine bestmögliche Ausgangslage bekommt.
Die Frage der Indikation zum Kaiserschnitt möchte ich ausführlich in Kapitel 5, Gestaltungsräume, besprechen, ebenfalls dort das Thema Hausgeburten ansprechen.
Bedeutung für die ersten Lebensjahre
Lebensstil, Mediennutzung und gesundheitliche Verfassung der Eltern sind sehr wichtig für das Gedeihen und die Hirnentwicklung des Babys.
Im Kapitel Stress und Digitalisierungs-Stress habe ich beschrieben, wie die reale Lebenssituation vieler Erwachsener Dysbalancen auf vielen Ebenen ergibt und sicherlich die Mehrheit der Menschen sich im Alltag dauerhaft überfordert fühlt angesichts des permanenten und beschleunigten Wandels. Wer hier nicht mit günstigen Voraussetzungen, Kompetenzen und Ressourcen im Ring steht, geht leicht k.o., also kommt z. B. ins Burn-out. Die Zahl der Menschen mit Stress-Folge-Erkrankungen wie Burn-out, Depression, Diabetes Typ 2, Tinnitus u. a. gehen, wie schon gesagt, in die Millionen (jeweils ca. jeder 5. Mensch in Deutschland), beim Bluthochdruck und nicht erholsamem Schlaf ist es fast die Mehrheit der Menschen hierzulande.
Der Schlaf der Eltern aber ist in der Regel mit einem Baby nicht ungestört, sie können insofern meist auf die regenerative Wirkung guten Schlafes nicht umfassend zurückgreifen.
Wenn jetzt ein Kind zu einem gestressten Paar kommt und diese zukünftigen Eltern keine Lebenspflege, wie vorher beschrieben, vor der Empfängnis gemacht haben oder machen konnten bzw. das Kind unerwartet kommt, wird das Kind in eine Belastungssituation hinein empfangen und auch geboren. Für Eltern in bereits bestehender Überforderung wird die Belastung dann in der Schwangerschaft stärker und nach der Geburt ebenfalls. In dieser Belastung können Eltern dem Kind eine verlässliche Umhüllung oft nicht geben, zusätzlich waren bei Empfängnis und in der Schwangerschaft die physiologischen und epigenetischen Voraussetzungen für das Kind nicht optimal und auf dieser Lebensgrundlage läuft die Hirnentwicklung des Kindes noch nicht in der bestmöglichen Bahn.
Es ist für die Eltern und die Entwicklung des Kindes insofern hochbedeutsam, dass die Eltern spätestens jetzt dafür sorgen, dass es ihnen ausreichend gut geht und sie in eine bessere vegetative Balance kommen. Und sie müssen jetzt auch unter diesen ggf. schwierigen Umständen klare Entscheidungen treffen bzw. sich Unterstützung holen. Wie sie dahin gelangen können, bespreche ich in Kapitel 5. Dies muss in der Gesellschaft aber umfangreich kommuniziert werden und zu jeder Geburtsvorbereitung dazugehören. Wer hier Unterstützung braucht, muss diese auch bekommen, unabhängig von der persönlichen finanziellen Lage.
Wenn die Eltern aber auch noch biografische Belastungen mit sich tragen wie eigene oder familiäre Traumata, eigene Krankheiten, psychische Störungen, Suchtentwicklungen oder Dauer-Streit und Trennungen mit ihren Partnern, können die aktuellen Lebensanforderungen noch schwerer zu bewältigen sein mit Vernachlässigung oder emotionalem Mangelerleben der Kinder bis hin zur Gewalterfahrung. Hier kommt dann die Entwicklung der Kinder in ganz schwierige Bahnen, die unsere ganze Aufmerksamkeit und Unterstützung brauchen (Kapitel 3 und 4).
Ursachen und Folgen in biografisch belasteten Familien
Belastete Eltern, die bereits für sich schwer kämpfen müssen, um mit dem Leben klarzukommen bzw. nach Lösungswegen für ihr eigenes Dilemma suchen und nicht finden, können natürlich dem Kind keine wirklich tragfähige Grundlage für das Leben mitgeben. Diese Belastungen wirken auf die Kinder und die Verhaltensweisen bzw. Beziehungsformen, die aus den schwierigen Erfahrungen der Eltern im eigenen Leben resultieren, gehen vielfach auf die Kinder über.
Mütter können als Ergebnis eigener schwieriger Entwicklung auf unterschiedliche Weise problematisch für das Kind sein, z. B.:
•sie können das Kind ablehnen, abwerten, bestrafen
•sie können das Kind völlig für ihre Zwecke vereinnahmen
•sie haben z. B. keine Liebesfähigkeit oder keine Zeit für das Kind
•sie füllen mit dem Kind ihren eigenen Mangel an Selbstwert auf.
Diese Mütter können ihr Kind im Lebensbeginn nicht liebevoll umhüllen und überdies bewirken sie schwere Probleme beim Kind mit existenzieller Bedrohung, Identitätsstörungen, emotionalem Missbrauchserleben, starken Minderwertigkeitsgefühlen bzw. völliger Abhängigkeit.
Ähnliche Einflüsse können vom Vater ausgehen.
Diese Zusammenhänge hat z. B. der Psychiater Hans-Joachim Maaz in seinem Buch „Das falsche Leben“ ausführlich dargestellt.
(Auswege aus diesen größtenteils für das Kind schädlich wirkenden Familiendynamiken siehe Kapitel 4 und 5)
2.3 Genderthemen
2.3.1 Muttersein
Die Bedeutung der Mutter in ihrer umhüllenden Funktion und physiologischer Stillfähigkeit, die den besten Boden für die Entwicklung sicherer Bindung ermöglicht, ist heutzutage gerne umstritten, da dieses zeitlich umfängliche Sein, oft auch nur als Rolle benannt, mit Gelderwerb, Karriere und Selbstbestimmungsrechten der Frau in Konkurrenz gesetzt wird bzw. in Konkurrenz erscheint.
In Abhängigkeit vom individuellen Ranking von Muttermilch mit Ersatz-Milchprodukten wird diese Rolle bestätigt oder abgestritten. Die Mutterfunktion scheint dann im letzteren Falle, so die Annahme, bereits kurz nach der Geburt ohne Qualitätsverlust von Hirnentwicklung und Bindungsfähigkeit ersetzbar zu sein durch Väter, Partner/Partnerin bei gleichgeschlechtlichen Paaren oder eben einer Betreuungsperson der Frühbetreuung.
Wo die Mutter fehlt, für die Mutterrolle nicht zur Verfügung steht z. B. durch Krankheit, Persönlichkeit oder biografische Themen ist eine empathische Ersatzperson natürlich ein Segen.
Und wenn eine Frau in ihrer Selbstbestimmung die Mutterrolle nicht übernehmen will, steht sie dafür auch nicht zur Verfügung. Das ist ihre Entscheidung. Das erzählte Begründungsnetz ist in sich oft stimmig, allerdings sind die Emotionen in diesem Bereich nicht immer gut integriert, sodass es in der Reflexion der Biografie später oft zu einem Bedauern über diese nicht gemachte Erfahrung kommt. Auch über Schuldempfinden gegenüber dem Kind wird häufig berichtet. Über mögliche Auswirkungen früher, insbesondere externer Betreuung auf das Kind dabei, schreibe ich ausführlich in Kapitel 3.
Mutter und Vater gleichzusetzen in der Funktion der ersten Umhüllung erscheint zeitgemäß, erfasst aber aus meiner Sicht nicht die ganze Bandbreite des Themas.
Zwar findet man bei Männern mit gewollter Vaterschaft während der Schwangerschaft ihrer Frauen und nach der Geburt auch öfter eigene hormonelle und physiologische Veränderungen (dieses Phänomen nennt man u. a. Couvade „Männerwochenbett“). Und in einer Schwangerschaft, in der das Paar viel zusammen ist, hört das Kind im Bauch natürlich auch die Stimme des Vaters, wenn auch anders als die Stimme der Mutter. Insofern wird auch die Stimme des Vaters dann vertraut sein nach der Geburt.
Aber die Schwangerschaft und die Geburt als Seinserfahrung der Frau geht in die dyadische Kommunikation mit dem Säugling ein, ihr Herzschlag ist ihm vertraut und ihre Immunstoffe stehen ihm in der Muttermilch zum Schutz und zur Einverleibung zur Verfügung. Über Weiteres von mütterlicher Seinserfahrung kann ein Mann ja aus eigener Erfahrung nicht berichten. Als Arzt wurden mir allerdings von vielen Frauen ihre Biografien und Anamnesen lebendig anvertraut.
Insofern ist die Gleich“gültig“keit von Frauen und Männern im gesellschaftspolitischen Kontext heutzutage unbedingt zu betonen und dies unbedingt einzufordern. Die Gleichheit im Sinne einer Unisex-Bewegung ist allerdings nicht gegeben. Und das ist aus meiner Sicht gut so.
Die Unterschiede von Männern und Frauen machen uns sicherlich reich, sie sind dabei komplementär, durch ihre Polarität sehr anziehend und ermöglichen wunderbare Tänze, aber komplementär heißt in der Quantenphysik eben interessanterweise auch: „maximal unvereinbar“! Das ist die Spannung, in der wir hier auf Erden unsere Erfahrungen und unsere Liebe einstellen und erfassen müssen. Insofern ist es auch eine therapeutische Erfahrung, insbesondere bei Familienaufstellungen, dass Männer im Alltag die inneren Probleme des Frauseins nicht lösen können und Frauen nicht die inneren Probleme des Mannseins.
Da allerdings, wie aus der Traditionellen Chinesischen Medizin bekannt, ein jedes Yang ein kleines Yin enthält und jedes Yin ein kleines Yang, so hat auch jede Frau ein männliches Element und jeder Mann ein weibliches Element, aus der beide eine Ahnung des anderen Daseins ziehen können und in Resonanz weiter bilden können.
Auf der anderen Seite haben wir eben auch genug Gemeinsames aus der Evolution als Spezies durch gemeinsame archaische, kollektive und weitergegebene Erfahrung und unsere Entwicklungserfahrung als Mensch, die auf Kommunikation beruht, und insofern auch in der Folge das Leben in der Gruppe, sodass das „maximal Unvereinbare“ eben auch relativiert wird, seinen guten Platz im Leben erhält und das Interesse aneinander.
Kurzer Einschub zur sexuellen Identität
Die Tatsache, dass die Größe des Yins im Yang und des Yangs im Yin recht variabel ist, dürfte sicherlich auch eine Grundlage für die Beziehung gleichgeschlechtlicher Paare sein. Dort entspricht die Ahnung über das Dasein des heterosexuellen Partners aber bei gleichgeschlechtlichen Paaren einem Wissen um das Dasein des anderen im gleichen Geschlecht.
Ich gehe hier davon aus, dass die Menschen biologisch fast immer eindeutig einem der beiden Geschlechter zugeordnet werden können (mit Ausnahme der anzahlmäßig geringen (ca. 1 auf 50.000 Geburten) biologischen Intersexualität, unabhängig davon, ob sich ein Mensch heterosexuell, lesbisch, schwul oder bisexuell einordnet.
Diese binäre biologische Zuordnung wird von Transgendern abgelehnt, die ihre Geschlechtsidentität als nicht mit ihrem biologischen Geschlecht übereinstimmend erleben. Die Größe dieser Gruppe ist unklar, knapp 20.000 Menschen haben sich diesbezüglich mit ihrem Anliegen bei den Behörden in Deutschland gemeldet.7 Die tatsächliche Zahl dürfte weitaus größer sein.
Die große Mehrheit der Menschen in Deutschland ordnen sich selbst als heterosexuell ein. Etwa 5 % in Deutschland (die Zahlen variieren) sehen sich als lesbische oder schwule Menschen. Aber auch in der Gleichgeschlechtlichkeit gibt es regelmäßig Präferenzen in Richtung eher weiblichen oder männlichen Empfindens.
2.3.2 Gesellschaftspolitische und kulturelle Anschauungen zum Muttersein
Ich möchte hier einmal die Sicht der katholischen Kirche und der sogenannten Queer-Theorien als gegensätzliche Anschauungen gegenüberstellen.8
Katholische Kirche
Im aktuellen Thesenpapier der katholischen Kirche zur Gendertheorie wird die Zweigeschlechtlichkeit als natürliche Grundlage zur Paarbildung angesehen. Das heterosexuelle monogame Paar mit eigenen Kindern bildet als Familie aus christlicher Sicht die gottgegebene Grundeinheit und damit auch die Basis der Gesellschaft. Damit stellt sich die katholische Kirche in die Kritik von vielen Seiten, die veränderte Einstellungen in der Gesellschaft wahrnehmen und das Wissen um andere, insbesondere historische Kulturen, mit einbeziehen wollen.
Queer-Theorien
Einige Vertreter der sogenannten Queer-Theorien, die u. a. alle sich selbst als gleichgeschlechtlich einordnende Menschen gemeinsam mit Bisexuellen, Transsexuellen und Intersexuellen (LGBQTI+) zusammenfassen möchten, behaupten, dass die männliche und weibliche Ausprägung aller auch heterosexueller Menschen nur kulturell bedingt ist. Die Ausnahme sei das Uterus-Organ, das ein Mensch hat oder nicht hat, dies sei als reproduktive Differenz der einzige Unterschied zwischen Männern und Frauen, alles andere sei mehr oder weniger gleich und wird durch Kultureinflüsse herausgeprägt. Die Frau sei nun aufgrund ihrer Gebärfähigkeit mit ihren Kindern eine Einheit, der Mann sei nur in unserer Kultur zu dieser Einheit zugeordnet, aber eigentlich weder der Frau noch dem Kind zugehörig. Die Familie sei keine originäre Grundbasis der Gesellschaft, wie beispielsweise auch matrilineare und polygame Gesellschaften beweisen.
Integrative Sicht
Die Forderung nach Selbstbestimmung der sexuellen Identität eines jeden Menschen halte ich für sehr wichtig. Die Theorie der reproduktiven Differenz als alleinigen Unterschied der Geschlechter auszumachen ist allerdings für mich nicht stimmig, obwohl ich die Bedeutung der einzelnen Standpunkte aus jeweiligen Lebenszusammenhängen sehen kann.
Kulturelle Prägungen auf die Physiologie, Körperlichkeit, Empfindung und Verhalten bestehen dabei zweifelsohne, als Arzt sehe ich dabei sowohl die Grenzen dieser Prägung als auch der genetischen Determinanten und weiß um die Interaktionen beider Bereiche.
Nachvollziehbar ist auch, dass eine heterosexuelle Familie mit Vater, Mutter, Kind als eine Möglichkeit von gesellschaftlich konstituierender Basis gesehen werden kann, allerdings eine offensichtlich heute und auch früher für die meisten Menschen und Gesellschaften nahe liegende. Es gab auch andere gesellschaftliche Formen, in denen Frauen für sich mit ihren Kindern standen und die Männer keine einer Frau zugehörige Bedeutung, sondern nur reproduktive Aufgaben zu erfüllen hatten. Dies war allerdings weltweit nie die Norm, noch gab es eine größere Verbreitung.
Vielfach wird die Thematik der Unabhängigkeit der Mütter von den Vätern auch aus historischen Beispielen aus der Zeit vor der Sesshaftigkeit begründet. Ich bespreche dies gleich und im Rahmen der Frühbetreuung in Kapitel 3 noch weiter.
Aber vieles wird selbst unter Matriarchats-Forscherinnen und Forschern noch sehr kontrovers gesehen und Fakten und Mythen sind dabei teilweise schwer sauber zu trennen. Insofern haben wir letztlich vom Matriarchat bisher noch sehr wenig Klarheit.
Kulturunabhängige Geschlechterunterschiede
Die körperliche Ausdifferenzierung der Geschlechtsorgane und die hormonelle Grundausstattung ist bereits beim Fötus im Uterus der Mutter genetisch festgelegt und bewirkt in der Folge für das Leben einige physiologische und Empfindungs- und Wahrnehmungs-Unterschiede unabhängig von kultureller Prägung, soweit man dies aus Untersuchungen an aktuell lebenden Menschen ableiten kann. Dabei gibt es kein typisch weibliches oder typisch männliches Gehirn, aber die Gehirne von Mann und Frau arbeiten doch so unterschiedlich, dass es auffällt.
Insgesamt haben Frauen als Geschlechtergruppe aktivere Gehirne im präfrontalen Cortex und limbischen System, Frauen sind tendenziell empathischer, teamfähiger und haben eine bessere Impulskontrolle, sofern sie sich in den ersten Lebensjahren ausbilden durfte. Sie können sich auch besser konzentrieren. Männer können sich etwas besser fokussieren auf ein Thema, was u. a. testosteronbedingt ist. Sie können sich insofern aufgrund fehlender Ablenkung leichter durchsetzen, dabei aber auch Kontexte ihrer Vorhaben und Handlungen verlieren und dann quasi mit Scheuklappen ihre Ziele verfolgen (ggf. ohne Rücksicht auf Verluste).
Diese Aussagen sind natürlich Ergebnisse von Querschnittsuntersuchungen und sagen nichts über eine einzelne Person aus. Auch sind die Unterschiede nicht grandios, bewirken aber für sich schon durchaus unterschiedliche Wahrnehmungen und Verhaltensausformungen im Alltag. Die Unterschiede sind nach meiner Auffassung und Kenntnis mehr als die reproduktive Differenz durch den Uterus.
Genetische Grundlage sexueller Differenzierung
Die Entwicklung von Ovarien und Uterus des Feten hängt von dem jeweiligen männlichen Geschlechtschromosom der Samenzelle ab. Bei einem Y-Chromosom verhindert das dort lokalisierte SRY-Gen die Ausbildung von Ovarien und Uterus, führt stattdessen zur Ausbildung Testosteron bildender Zellen und zur Hodenbildung. Bei einem X-Chromosom fehlt dieses Gen und ohne Einfluss dieses Gens bilden sich die weiblichen Geschlechtsorgane aus.
Aus den sogenannten Müller-Gängen (wie das nachfolgend erwähnte Anti-Müller-Hormon benannt nach dem Entdecker Johannes Peter Müller), die in den ersten Wochen des Embryos bei beiden Geschlechtern gleich angelegt sind, bilden sich also sowohl Hoden als auch Ovarien und Uterus aus in Abhängigkeit davon, ob ein SRY-Gen vorhanden ist oder nicht.
Bei Vorliegen des SRY-Gens wird ein Eiweiß produziert, der sogenannte Hoden-determinierende Faktor (TDF), der auch bestimmte Zellen anregt, sich zu den Testosteron produzierenden Leydig-Zellen zu entwickeln. Nach Entwicklung der Hoden bewirkt das Anti-Müller-Hormon (AMH), das nur bei Vorliegen des SRY-Gens von den sogenannten Sertoli-Zellen produziert wird, den Abstieg des Hodens bis zum Beckenrand, durch den nachfolgenden Testosteronanstieg sinkt der Hoden dann über den Leistenkanal in den Hodensack ab. Das AMH bewirkt danach die Umwandlung des Müller-Ganges zu einem bindegewebigen Strang. Ohne AMH, also bei der genetischen XX-Konfiguration, bleibt der Müller-Gang offen und es entwickeln sich daraus die Ovarien und der Uterus.
Aktuelle Zahlen
Die heterosexuelle Paarbeziehung über eine längere Zeit ist aktuell also auch noch für die große Mehrheit der Gesellschaft, etwa 75 %, die Grundlage. Es gibt zusätzlich auch eine halbe Million gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften in Deutschland, zum Teil mit Kindern, bei Frauen meist mit eigenen Kindern, bei Männern selten mit Adoption oder als eigene in die Partnerschaft mitgebrachte Kinder, bei etwa vier Millionen Menschen, die sich in Deutschland als lesbisch oder schwul einordnen.
Knapp die Hälfte der Haushalte in Deutschland sind, wie schon erwähnt, Single-Haushalte (etwa 17 Millionen Menschen), gewollt als Lebensentwurf, getrennt wohnend bei bestehender Partnerschaft oder ungewollt infolge Trennung oder fehlendem Partner, z. B. auch bei verstorbenem Partner. Davon leben 1,6 Millionen als Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern. Eine knappe Million Menschen werden in Pflegeheimen versorgt. Die anderen 65 Millionen Menschen leben hauptsächlich als Paar und Familien mit Kindern sowie einigen Wohngemeinschaften in den weiteren 24 Millionen Haushalten.
Die gesellschaftliche Grundlage hat sich also schon verändert, die familiäre und paarbezogene Basis besteht aber noch.
Matrilineare und polygame Gesellschaften
Matrilineare Gesellschaften, in denen die Frauen an die Töchter vererben und im Allgemeinen auch Macht und gesellschaftlichen Einfluss haben, gibt es noch in über 100 Ethnien außerhalb von Europa. Beispiele sind die Minangkabau-Kulturen von Sumatra (3 Millionen Menschen), die Khasi-Kulturen in Nordostindien (1,5 Mill.) und die Tuareg-Kulturen in Nordafrika (3 Mill.). Sie bestehen meist in sogenannten Gartenkulturen bzw. einfachen Ackerbaukulturen ohne den Einsatz von Pflügen.
Polygame Gesellschaften sind in der Regel geschlechtsbezogen, also, dass Frauen mehrere Ehemänner oder Erzeuger bzw. Männer mehrere Ehefrauen haben. Polygame Gesellschaften oder Regionen sind offiziell oder geduldet noch weit verbreitet außerhalb der sogenannten westlichen Länder, auch unabhängig vom Islam.
Der Islam ist dabei nicht einheitlich, es gibt dort sowohl die Einehe als auch die Mehrehe von Männern. Die Ehe eines Mannes mit mehreren Ehefrauen setzt aber, sofern sie regional und religiös unterstützt ist, eine ausreichende wirtschaftliche Lage des Mannes zur guten Versorgung aller Frauen und Kinder voraus.
Polygame Verhältnisse von Frauen finden sich und entsprechen in der Regel den matrilinearen Kulturen mit Gartenbaukultur. Bei den Männern findet sich ggf. die Polygamie eher dann, wenn der Pflug im Ackerbau eingesetzt werden musste, bzw. in viehzüchterischen Kulturen. In einigen Regionen entstand auch nach Kriegen, in denen viele Männer gefallen waren, eine polygame Struktur, vermutlich u. a. auch, damit die hohe Zahl der Frauen wirtschaftlich angemessen versorgt werden konnte.
Gedanken zur Beziehung der Geschlechter
In matrilinearen Gesellschaften sind und waren die Frauen vermutlich von den Männern unabhängig und haben sich gemeinschaftlich mit den anderen Frauen wirtschaftlich gesichert und gemeinsam die Kinder aufgezogen.
Im Patriarchat war die Frau wirtschaftlich über Jahrtausende von dem Mann völlig abhängig, die Ehe war für die Frau wirtschaftliche Existenzsicherung.
Die Verteidigung der eigenen Ehefrau als Besitz war für Männer im Patriarchat zentral, um möglichst sicher nur an eigene Kinder zu vererben. Eigene außereheliche Kontakte des Mannes störten dieses Prinzip für ihn selbst nicht. Ein Ehebruch der Frau aber, sofern bekannt geworden, wurde daher von der Kirche schwer geahndet, die dabei von der „Männer-Gesellschaft“ unterstützt wurde. Ein Ehebruch des Mannes wurde teilweise in der Gesellschaft umdefiniert als Kavaliersdelikt, über das man schweigt. Die Ehe war also eine Wirtschaftsgemeinschaft und nicht auf Liebe gegründet. Sie enthielt aber implizit oder auch explizit formuliert ebenso sexuelle Rechte und Pflichten, ersteres meist beim Mann angesiedelt, letzteres eher bei der Frau.
Die romantische Liebe als eine Grundlage einer Ehe trat ab 1800 breiter in Erscheinung und wurde für einen Teil der Menschen eine Möglichkeit. Heute wird sie in Befragungen (zumindest als Wunsch) als normal angesehen.
Die Frauenbewegung der letzten hundert Jahre, die Anwendung der Antibabypille seit 50 Jahren, das Recht, nach eigener Entscheidung arbeiten zu gehen in Deutschland (seit 1977) und die zunehmend veränderte Sexualmoral der letzten Jahrzehnte haben Frauen allmählich größere Unabhängigkeit und Freiheit im wirtschaftlichen Sinne, teilweise auch in der Sexualität erbracht.
Parallel dazu ist heute eine männliche Überlegenheit durch Körpergröße und muskuläre Kraft nicht mehr gegeben wie zu Zeiten, als der Mann den Pflug auf dem Acker halten musste. Heute gibt es für jeden Kraftaufwand eine dazugehörige technologische Lösung, die Männer wie Frauen nutzen können.
Diese prinzipielle Unabhängigkeit der Frau ist heute allgemein anerkannt, allerdings blieben Haushalt und Kinderbetreuung mehrheitlich bis heute bei der Frau, gerieten Mutterschaft und Erwerbstätigkeit im Interesse von Unabhängigkeit also zu Gegensätzen, die bis heute gesellschaftlich nicht gelöst sind.
Die exklusive Partnerschaft bzw. Ehe im Sinne der Monogamie ist auch heute noch die Regel. Außereheliche sexuelle Kontakte finden in einigen Ehen (studienabhängig mit unterschiedlicher Häufigkeit festgestellt) dann meist heimlich statt. Daraus wird in der gesellschaftlichen Diskussion zum Teil abgeleitet, dass Monogamie für beide Geschlechter biologisch unzumutbar sei und die Menschen nicht glücklich mache.
Allerdings bleibt Monogamie evolutionär gut abgestimmt auf die Betreuung der Kinder, die nirgendwo sonst im Tierreich einen solchen langjährigen Schutz benötigen.
„Serielle Monogamie, also Lebensabschnitts-Partnerschaften seien unnötig, wenn man sich sexuell frei fühlen und ohne Heimlichkeiten und schlechtes Gewissen sexuell betätigen könnte. Dabei könne man auch lebenslang bei einem Lebens-Partner bleiben und die Kinder aufziehen“, so eine Theorie.
Jeder kann heute sicherlich einen ihm/ihr genehmen Lebensstil wählen und Erfahrungen mit einer sexuellen Betätigung machen, die passt oder zu passen scheint. Meist steht allerdings mehr das Leben, das sich ereignet dahinter, als ein konkreter Lebensplan, den man umsetzen möchte. Aber die sich so ergebende Lebenspraxis braucht natürlich auch dann eine möglichst sinnstiftende Begründung, die dann meist im Nachhinein durch entsprechende Theorien vom Menschsein geliefert werden kann.
Lebenspraktisch haben sich Versuche der freien sexuellen Betätigung in der Regel nur selten bewährt, auch wenn sie medial breiteren Raum einnehmen. Zu oft führt dies doch zu seelischen Verletzungen und auch die Kinder belastenden Trennungen der Eltern, wie wir in der psychotherapeutischen Praxis sehen.
Jugendliche der aktuellen Generation streben nun mehrheitlich sehr deutlich eine Liebesbeziehung mit Treue zum Partner an, wie aus verschiedenen Umfragen hervorgeht.
Geistig-spirituelle Sicht
In geistig-spiritueller Hinsicht, also jenseits religiöser Auslegungen, dürfte für manche aber die besondere Beziehung von Mann und Frau in der Ehe ein Freiheits-Mysterium im Sinne von Zusammengehörigkeit von Geist und Form sein, in der „Ehe“ für die Eheleute einen tiefen inneren Weg zeigt, der über das Erdenleben hinausweist.
Soziale Organisation
Hinzuweisen ist sicherlich darauf, dass auch die Wohnformen sich beginnend verändern. Nicht alle Kleinfamilien wohnen für sich alleine, neue Wohngemeinschaften oder Wohnprojekte entstehen, auch mit verschiedenen Altersgruppen und Singles zusammen. Der Gedanke, dass es sich als Kleinfamilie auch gut in Gemeinschaftsformen leben lässt, ja vielleicht durch gegenseitige Hilfe im größeren sozialen Netz sogar stressfreier, macht solche Projekte attraktiv. Sie sind zahlenmäßig noch überschaubar, nehmen aber in den letzten Jahren deutlich zu.
Diese Entwicklung ist z. B. auch in der aktuellen „architektur biennale 2020“ vorgesehen. Der geplante deutsche Beitrag schaut aus dem Jahre 2038 zuversichtlich zurück, weil mit einem Aufatmen alles noch einmal gut gegangen „ist“ und sich allgemein Kooperation entwickelt „hat“, so auch kooperative Wohnformen. Aufgrund der Corona-Krise ist die Veranstaltung nun ja verschoben worden auf 2021.
Soziale Netze und Unterstützung der Mutter
Das soziale Netz der Eltern, speziell der Mütter, hat noch eine andere wichtige Bedeutung, z. B. für das Auftreten einer Depression nach der Geburt. Soziale Unterstützung und schon die Gewissheit sozialer Unterstützung, falls benötigt, sorgt dafür, dass Mütter seltener nach der Geburt depressiv werden. Auch konkrete Alltagshilfe für die Mütter durch Familie, Nachbarn und Hebammen lässt die Mütter rascher wieder zu Kräften kommen und die Mütter fühlen sich ernstgenommen und wertgeschätzt als Mutter. In vielen Ländern gibt es ethnisch begründete kulturelle Riten, die zur Umsorgung der Mütter führen und jedes Neugeborene als neues Mitglied der Gemeinschaft feiern. Zum Beispiel auf dem Lande in Malaysia findet dies so statt und eine postnatale Depression ist dort auffällig selten.
2.3.3 Mütterthemen in der aktuellen medialen Diskussion
Über Muttersein, Stillen, Gebären gibt es derzeit in der öffentlichen Diskussion sehr viele unterschiedliche Meinungen auch gerade unter Frauen. Es wird zum Teil sehr heftig, ja aggressiv gestritten, und auf einige extreme Positionen, die in unterschiedlichem Maße Frauen, aber auch Männer als Adressaten haben, möchte ich hier eingehen.
Fundamentale Kritik einiger Feministinnen
Einige Feministinnen lehnen Positionen zum Muttersein ab wie hier im Buch vorliegend von mir beschrieben, meinen, die Kinder seien in früher Fremdbetreuung genauso gut aufgehoben und urteilen, man sei mit dem Engagement für die dyadische Umhüllung der Kleinsten romantisch verklärt, von gestern, frauenfeindlich, im Patriarchat gefangen und hätte aus der faschistischen Mütterverherrlichung nichts gelernt.
Diese Kritik geht für mich gerade vom Kind aus gesehen ins Leere. Natürlich sehe ich die noch impliziten patriarchalischen Strukturen sehr genau und kann der Kritik und der aktiven Arbeit zur Veränderung daran beipflichten.
Aber wie soll erreicht werden, dass Kinder heutzutage eine gesunde Hirnentwicklung erleben mit Erlangen einer sicheren Bindung, wenn Mütter, die in dieser speziellen feministischen Sicht ihr Leben nur verwirklicht sehen können, indem sie ihre Kleinsten früh in Fremdbetreuung geben, bei der eine dyadische Beziehung nach aktueller Analyse doch überhaupt nicht gesichert ist (siehe Kapitel 3, S. 243). Aber vielleicht gibt es in diesen Haushalten ja doch eine Oma oder eine Frau oder einen Mann, die hier die Betreuung nach der ersten Stillzeit empathisch weiterführen können.
Die Möglichkeit zur vollen Väter- oder Partner*innen-Zeit in den ersten 2–3 Jahren der Kinder halte ich natürlich für eine überfällige Regelung, wenn auch eher in der späteren Hälfte dieser Zeit.
Exkurs zum Begriff Feminismus aus meiner Sicht
Ich sehe den Begriff Feminismus heute zum einen als Motor bei der Herausentwicklung aus patriarchalischen Strukturen für sehr wichtig, zum anderen für die Gender-Zukunftsentwicklung auch als begrenzt und begrenzend und möchte ihn gemeinsam weiterentwickeln: Feministische Positionen und Aktivitäten in der Gesellschaft sind wie gesagt notwendig, solange patriarchalische Vorstellungen, Einstellungen und Realitäten konkret oder implizit verborgen sind in der Gesellschaft. Diese engagierte Haltung steht für mich aber nicht mehr allein als ein Begriff für das Eintreten von Frauen für Frauenrechte, sondern steht in einer neuen zukunftsfähigen und freudvollen Fassung, vielleicht besser auch mit einem neuen Namen, zunehmend für ein Eintreten von Frauen und Männern für unbedingte Geschlechter-Gerechtigkeit. Eine zunehmende Emanzipation von Männern wird diese Sehweise rasch und wirksam befördern.
Ohne diese Gerechtigkeitsentwicklung können wir kein friedfertiges, zukunftsfähiges Narrativ in der Gesellschaft entfalten. Den aktuellen Stand der Entwicklung aus patriarchalischen Strukturen heraus beschreibe ich weiter unten unter „Karrieren“.
Als neues Textkürzel, z. B. für einen Button zum Anheften, schlage ich „6G“ vor: Geschlechter-Gerechtigkeit, Grund-Gesetz, Gleich-„Gültig“.
Frauen, die Mutterschaft generell ablehnen
Es gibt die Anschauung, es sei fahrlässig, angesichts der Bevölkerungszunahme und des Klimawandels Kinder in die Welt zu setzen, da keine Kinder eben auch überhaupt kein CO2 verbrauchen. Man solle daher keine Mutterschaft mehr propagieren.
Meine Erfahrung zeigt hier Folgendes:
In der psychosomatischen Arbeit mit Frauen bleibt unerfüllter oder unerfüllbarer Kinderwunsch sowie für den eigenen Lebensentwurf abgelehnte bzw. nicht gewollte Schwangerschaft, unabhängig von der lebensgeschichtlich für sich eingeordneten Bedeutung, ein großes und oft leidvolles Thema, das im Verborgenen eine sich in Körper und Seele auswirkende anhaltende Energie haben kann.
Andererseits erzählen Frauen auch davon, dass sie sich nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema es als für sich stimmig und richtig empfinden, eine Mutterschaft nicht einzugehen, und dass dies sie nicht belastet. Diese Frauen agieren allerdings nicht unbedingt vehement gegen Mutterschaft, sondern sehen es als ihren persönlichen Entschluss. Vielfach gibt es in ihrem Leben etwas, was sie als unverzichtbar und wichtiger erleben als Mutter zu werden, bzw. sind „Mutter“ von etwas anderem häufig Ideellem.
Offensichtlich stehen zur Zeit die beiden Möglichkeiten im Leben einer Frau für viele Frauen als eben möglich nebeneinander, ohne dass die eine Möglichkeit „besser“ als die andere empfunden wird.
Diese Grundthematik, Auseinandersetzung mit dieser komplexen und tiefen Entscheidung hat die kanadische Schriftstellerin Sheila Heti in ihrem Buch „Mutterschaft“ umfangreich und bewegend ausgeführt und dabei auch die Bedeutung ihres Enkelseins, einer Großmutter, die Auschwitz überlebt hat, hervorgehoben.
In spiritueller Sicht möchte ich sagen, dass eine schwierige Zeit auch immer Knospen hervorbringt, also Kinder inkarnieren und geboren werden, deren Blühen die Welt unbedingt braucht. Ein generelles aktives Beenden der Fortpflanzung des Menschen würde hier aus meiner Sicht eher ein tragischer Verlust sein. Glücklicherweise wird das sicherlich nicht eintreten, weil die Menschen viel Freude an der Fortpflanzung haben und die meisten auch an Kindern. Aber wir sind natürlich verpflichtet und herausgefordert, den nachfolgenden Generationen die Erde so zu hinterlassen, dass das Leben lebenswert bleibt! Aus Indianerweisheit (ich wertschätze das Wort Indianer immer noch sehr), sollten wir zumindest Verantwortung für sieben nachfolgende Generationen haben. Offensichtlich müssen wir wieder lernen, sehr viel weiterzudenken als in Quartalsberichten der Wirtschaft und vierjährigen Legislaturperioden!
Mütter-Fundamentalisten
Es gibt einige, meist gut situierte Mütter, die ihr Muttersein in einer Weise in die Öffentlichkeit tragen, dass sie anderen Lebensentwürfen vollkommen intolerant gegenüber werden und die Kinder wie Ikonen vor sich hertragen und Mütter, die das so nicht tun, als schlechte und unmögliche Mütter beschimpfen. Viele davon fühlen sich dem „Attachment Parenting“ zugehörig. Dies halte ich allerdings für eine fundamentalistische Entartung der Idee der Gründer William und Martha Sears, die ich als eher tolerant sehe, die nur konsequent vor Experten zur Kindererziehung warnen und auf gute und intuitive Wahrnehmung der Eltern verweisen.
Ebenfalls fundamentalistisch kommen viele Helikopter-Eltern daher, ohne Einwände zu berücksichtigen, dass sie die Selbstwirksamkeit und erobernde Neugier ihrer Kinder massiv und mit ungünstigen Folgen für das weitere Leben und Lernen der Kinder untergraben.
Solche fundamentalistischen Positionen sind für Kinder aus meiner Sicht nicht hilfreich, sondern können eher schädigen.
2.3.4 Rechtsextremistischer Missbrauch von Mütterthemen
Rechts-Extremisten und -Populisten nutzen Berichte zur Bedeutung des Mutterseins in vermeintlicher Übereinstimmung der Meinungen in der Öffentlichkeit vielfach als Unterstützung ihrer Positionen für ihre national-völkischen und rassistischen Einstellungen und Selbstwahrnehmungen, die Mütter zum Gebären funktionalisiert und degradiert. Dem muss man entschieden entgegentreten. Wir haben dazu schmerzliche Leidenserfahrungen in unserer eigenen Geschichte.
Ich möchte daher an dieser Stelle erwähnen, dass eine Kindesentwicklung in liebevoller Umhüllung wie in Kapitel 1 beschrieben, die Kinder für rechtsextremistisches oder aber überhaupt extremistisches Gedankengut weitestgehend unempfänglich macht. So haben Forschungen gezeigt, dass Kinder, die in der Kindheit nicht geschlagen bzw. vernachlässigt wurden und viel Liebe erfahren haben, später sehr selten rechtsextremistische Positionen vertreten, im anderen Fall mindestens dreimal so häufig (siehe auch Kapitel 4).
Heutzutage gibt es nun in Europa wieder solche offen geäußerten Einstellungen, Beispiele dazu finden wir aktuell in der alleinregierenden Fidesz-Partei von Viktor Orban in Ungarn und ähnlich in der bis vor Kurzem mitregierenden Lega-Partei von Matteo Salvini in Italien, die Gebärprämien und weitere Vergünstigungen für die „Aufzucht“ von originär-ungarischen bzw. originär-italienischen Kindern geben wollen bzw. propagieren. Aber es gibt solche Einstellungen ja auch offen wieder in rechten Szenen in Deutschland. Zum Beispiel wird in der AfD schon mal die Drei-Kind-Familie propagiert als Überfremdungsschutz gegenüber Ausländern und Geflüchteten.
Familien mit drei oder mehr Kindern können wunderbar sein, aber haben mit solchem Unsinn wie Überfremdungsschutz natürlich nichts zu tun.
Was vereinzelt auch heutzutage noch Frauen dazu bewegt, sich in der Pflicht zu fühlen, ihre Mutterschaft als völkisch notwendiges Gebären zu sehen und zu verklären, ist dabei nicht einfach zu verstehen. Es bietet allerdings für Frauen die Möglichkeit einer hohen Anerkennung bei gleichgesinnten Männern wie Frauen. Diese Frauen müssen aber den Missbrauchs-Charakter in ihrer Rolle als Frau ignorieren bzw. verdrängen können. Allerdings sieht man aktuell, dass Frauen in Deutschland wenig die AfD wählen bzw. in diese Partei eintreten, ein deutlicher Hinweis auf eine hier bei uns gestärkte, für rechtspopulistische Propaganda unempfängliche Frauenbewegung.
Im Dritten Reich scheint dieses Verdrängen vordergründig ja auch für eine große Zahl von Frauen notwendig gewesen zu sein, vermutlich war es für viele überlebenswichtig, nicht aufzubegehren. Die damalige Pflichtlektüre des Mütter-Ratgebers der Ärztin Johanna Haarer „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ in den Mütter-Schulen wird ihren Teil dazu beigetragen haben.
In diesem Buch werden der Mutter die natürlichen Empfindungen zu ihrem Kind ausgetrieben und eine harte, unerbittliche Erziehung propagiert, damit das Kind begreift, „dass ihm sein Schreien nichts nützt, …“ Bis 1945 sollen etwa fünf Millionen Mütter diese Mütterschulen besucht haben.
Sicherlich hatte dabei auch die hohe gesellschaftliche Anerkennung als gebärende Mutter im Nationalsozialismus eine entlastende Funktion im Leben von Frauen in solcher hochpatriarchalisch geprägten menschenfeindlichen Struktur.
Die Entwicklung unserer Gesellschaft hin zu realer Geschlechter-Gerechtigkeit wird diese mögliche Bereitschaft von Frauen, Gebären und Mutterschaft in diesem missbrauchenden Sinne geschehen zu lassen, sicherlich beenden.
Einen möglichen Umgang mit allgemein populistischen und insbesondere rechtsextremen Positionen heute und ihren Ursachen und Zusammenhängen beschreibe ich in Kapitel 4.
Fazit
Aktuell ist aber für die meisten Gesellschaften auf der Erde, übrigens in allen großen Religionen, mehrheitlich auch im Islam, das Paar- und Familienmodell von Männern und Frauen Grundlage der heutigen Gesellschaften. Allerdings in Integration mit einem Teil der Gesellschaft, die in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften leben, und zunehmend mit Menschen, die gewollt oder ungewollt als Single leben, unabhängig von der sexuellen Identität. Diese Modellgrundlage wird sich in den nächsten zehn bis dreißig Jahren, also dem Zeitraum, für den ich Gestaltungsräume auslote und beschreibe und für den ein Umlenken in allen Bereichen des Lebens notwendig ist, um ein gutes Weiterleben auf der Erde zu ermöglichen, nicht gravierend ändern.
Insofern ist mein Schwerpunkt für dieses Buch die reale, in der Gesellschaft mehrheitlich anzutreffende Situation der Paare und Familien, ebenso die Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern. Denn hier geht es mir ja im Kern um die Situation aller Kinder. Was sich aber hoffentlich zunehmend ändern wird, ist die patriarchalische Grundstruktur, die fast überall in unterschiedlichem Maße auf der Erde noch wirksam ist (siehe weiter Kapitel 4). Dies wird trotz der Corona-Krise, die ja aktuell eher die traditionellen Geschlechterrollen bekräftigt, sicherlich nachfolgend weitergehen. Insofern müssen wir gemeinsam unseren Willen, dies zu ändern, im Sinne echter Gleichberechtigung stärken.
Dass hier die Eltern vielfach in bessere Lebens-Bedingungen gebracht werden müssen u. a. durch politische Entscheidungen, wird deutlich werden, wenn wir uns die Alltagskompetenzen noch einmal anschauen.
2.3.5 Abnehmende Alltagskompetenzen der Menschen
Ärztlicherseits müssen wir konstatieren, dass immer weniger Menschen souveräne Kompetenzen für den Alltag und insbesondere psychosoziale Kompetenzen neben dem digitalen Alltag in das Erwachsenenalter und in das Berufsleben mitbringen. Verstärkt sehen wir dies insbesondere bei einem großen Teil der Jüngeren aus der Z-Generation und jünger, die eine Lebenszeit ohne Smartphones kaum oder gar nicht mehr erlebt haben. Sie können zwar das Smartphone technisch perfekt bedienen, die analog-digitale Balance, die für eine souveräne Mediennutzung notwendig ist, gelingt aber häufig nicht wirklich.
Dies hat u. a. den Grund, dass die Verlässlichkeit und Präsenz von Eltern für die Kinder in der Gesellschaft wahrnehmbar abnimmt und ihre Erschöpfung zunimmt. Beides sind weitere Gründe zur Erklärung der deutlichen Zunahme unsicherer Bindungen bei kleinen Kindern. Und ohne sichere Bindung ist die Entwicklung von Selbststeuerung eben erschwert. Diese vorab schon dargestellten Probleme der Eltern bzw. zukünftigen Eltern sind ein sehr ernstzunehmendes Thema für die Eltern selbst und ihre Kinder. Beispielsweise informiert eine aktuelle Untersuchung der DAK, dass mehr als drei Viertel aller Erwerbstätigen in Berlin Probleme beim Schlafen haben und dies u. a. „an den Bedingungen am Arbeitsplatz wurzele“.9
Gestresste Eltern können ihren Kindern insofern vielfach keinen belastungsfähigen Boden zur Entwicklung sicherer Bindung und guter Selbststeuerung geben, insbesondere, wenn sie in der digitalen Nutzung selbst nicht souverän sind.
Diese abnehmenden Alltagskompetenzen sind bei wichtigen persönlichen Lebensentscheidungen ebenfalls mit einzubeziehen. Es dreht sich um die Frage, inwieweit es sich nach intensiver Auseinandersetzung mit einem bestimmten Thema dann um eigene klare Entscheidungen handelt oder inwieweit man sich z. B. aufgrund von Erschöpfung oder fehlender Zuversicht innerhalb einer vorgegebenen bzw. aktuell entstandenen gesellschaftlichen Normierung verhält und entscheidet.
Dies finden wir bei politischen Wahlen, bei Konsumentscheidungen aber natürlich auch, wenn Kinder da sind, kommen wollen oder eine Abtreibung zur Diskussion steht, z. B. bei ungewollter Schwangerschaft.
Über dieses wichtige und in der Gesellschaft sehr kontroverse Thema schreibe ich in Kapitel 4 ausführlich. Jetzt sollen erst einmal die Karrieren und mögliche Bilder von Frau und Mann beleuchtet werden, denn die Einstellungen und Entscheidungen von Menschen in dieser Hinsicht haben großen Einfluss auf die gesunde Hirnentwicklung der dazugehörigen oder dazukommenden Kinder.
2.3.7 Gedanken zu Karriere
Die Frauenbewegung hat gekämpft und kämpft zu Recht für Gleichberechtigung, Gleichentlohnung und Gleichbehandlung, weiterhin für das Selbstbestimmungsrecht der Frauen über ihren Körper.
Einige Frauen hatten und haben Karriere gemacht auf ihre Art, aber sie hatten keinen einfachen Weg. Sie brauchten innere Klarheit über sich, einen starken Willen und große Durchsetzungskraft, denn patriarchalische Strukturen waren und sind kulturell und durch Erziehung normierend, und so sind sie implizit allgemeinwirksam. Es ändert sich daran tatsächlich etwas, aber es ist ein langer Weg (siehe Kapitel 4). Und er funktioniert besser jenseits oder am Rande des Mainstreams, weil man sich im Mainstream öfter Vorbilder nimmt, die in die Irre führen können.
Neuerdings verstärkt ist ein Ziel des Kampfes die Karriere im Beruf, wobei als Orientierung und Zielmarke nun die Karriere der Männer im Fokus steht. Insofern müssen wir uns die Karrieren des Mannes etwas genauer anschauen.
Für Männer als Alleinverdiener in patriarchalischen Strukturen ist die Karriere ein bedeutender Faktor für eine hohe Entlohnung (die als Alleinverdiener ja auch gebraucht wurde) sowie für die vermutete Attraktivität auf Frauen in ihren männlichen Selbstbildern. Beides hatte bisher eine reale „Wirk“lichkeit.
Aber was ist eine Karriere in der heutigen Zeit für den Mann?
Es ist ein meist gehetztes, ständig durch Konkurrenz bedrohtes Leben auf normierten Bahnen mit guter Vergütung als Belohnung für die Unterwerfung unter Kapitalmarktkriterien.
Folgen sind Midlife Crisis ohne wirkliche Bewältigung, Partnertrennungen, Verlust der Erlebnisse mit den eigenen Kindern, Stressfolge-Krankheiten, Burn-out/Depression durch die zunehmend als sinnentleert wahrgenommene Existenz.
Die nachfolgende Skulptur „Kampf auf der Karriereleiter“ von Peter Lenk zeigt dabei deutlich den Kampf in der Konkurrenz, der, selbst wenn man oben ankommt, letztlich meist sinnlos ist, regelhaft in völliger Erschöpfung mündet oder sogar mit dem Tod enden kann.

„Kampf auf der Karriereleiter“, Skulptur von Peter Lenk. (Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Künstlers.)
Karriere heute ist also viel zu oft eine innerlich eingegangene Versklavung mit Verzicht auf inneres und Persönlichkeitswachstum und ohne Chancen einer psychosozialen Kompetenzerweiterung, die im Übrigen für zukünftige Leitungsfunktionen unerlässlich ist.
Die beste Vorbereitung dafür, nämlich das Erleben und die Herausforderungen durch Kinder werden vertan. Solche Karrieren sind wahrlich nicht beneidens- und erstrebenswert.
Die meisten Männer machen ja auch keine Karriere, sondern leiden und träumen vielleicht auch mit ihren Frauen von einer Karriere.
Diese Karrieren scheinen mir völlig ungeeignet als Zielgröße für einen Kampf um Karrieren für Frauen. Mein Ansatzpunkt ist daher umgekehrt nicht der Kampf um die Karriere der Frau im Beruf, sondern die Wahrnehmung der Fragwürdigkeit dieser Art Karrieren des Mannes ist im Fokus, dies als ein wichtiger Teil einer Emanzipation des Mannes.
Hier sind allerdings die Frauen als Geburtshelfer mitgefragt, denn die Faszination von männlichen Karrieristen war und ist durchaus noch vorhanden.
In der 1968er Zeit bekamen die Frauen ein erstes Interesse an den sogenannten „Softies“, also Männern mit weicheren Seiten, oft als eher weiblich benannt. Daneben blieb aber trotz der Hippiebewegung und dem Ausprobieren der freien Liebe in Teilen der Szene die Attraktivität des erfolgreichen Machos. Das ergab zumindest in der Studentenbewegung dann öfter Dreiecksbeziehungen oder offene Beziehungen, die allerdings für die Beteiligten vielfach auch leidvoll waren.
Heute besteht die große Chance, dass Männer beide Anteile in einem neuen Selbstverständnis und Männerbild in unterschiedlichen Anteilen in sich vereinen und Frauen dies zu schätzen beginnen. Dabei können auch Karrieren herauskommen für Männer wie für Frauen, aber in gemeinsamem Lebensentwurf eines Paares und für beide ohne Versklavung und mit großer Wesensnähe.
„Nur wer den eigenen Weg geht, kann nicht überholt werden“, soll Marlon Brando gesagt haben, was das oben Gesagte gut unterstreicht. Und der eigene Weg wird gefunden, indem man ihn geht. Gute Selbststeuerung, körperliche Wahrnehmungsfähigkeit und klare Empfindungen auf und zu dem Weg helfen, ihn wesensgerecht zu gehen, zu gestalten und ggf. immer wieder zu modifizieren nach eigener innerer Instanz.
Allerdings findet sich der Kampf um Karrierechancen in dieser Art konkurrenter Arbeitswelt auch eher bei nur einem Teil der Gesellschaft, insbesondere gut ausgebildeten Frauen, z. B. Akademikerinnen. Hochdotierte Stellen zeigen in diesem Sinne unnatürlich regelhaft noch immer eine Männerwelt.
Die Mehrzahl der Frauen sorgt sich aus meiner Wahrnehmung mehr darum, dass sie nicht ausreichend verdienen können, Hausarbeit, egal ob bei Frau oder Mann, nicht vergütet wird und dann schließlich im Alter Armut da ist, weil die Renten so minimal ausfallen. Da nützt auch das „Starke-Familien-Gesetz“ der Familienministerin nichts, bei der ein paar Euro zusätzlich ins Budget kommen, eher weist schon die aufgestockte neue Grundrente in die richtige Richtung zur Verhinderung ausgeprägter Altersarmut bei denen, die am bedürftigsten sind. Das betrifft aber nur einen kleineren Teil der Senioren, etwa 1,5 Millionen von 17,5 Millionen, und war ja auch bezüglich der Finanzierung in lächerlicher Weise in der Koalition noch streitbefangen.
Aber der Ansatz nur kleiner Verbesserungen ist falsch, bleibt menschenfeindlich und gegen die Würde der Menschen, weil die Investition in die Kinder gesellschaftspolitisch höchste Priorität genießen muss und dies generell nicht zulasten eines würdigen Alterns gehen darf.
Damit das gut gelingen kann, müssen eben Hausarbeit und Kinderbetreuung, egal ob bei Mann oder Frau, vergütet werden und finanzielle Sicherheit im Alter durch neue Rentengrundsätze oder andere Vergütungsformen wie Grundeinkommen oder Ähnliches sichergestellt werden (siehe Kapitel 5). In einem bedingungslosen Grundeinkommen können diese Themen einfacher gestaltet werden und Frauen und Männer und Paare mit und ohne Kinder auch gleich behandelt werden.
Es muss also die Realität der Frau nicht an die Männerwelt angepasst werden, sondern durch Weiterentwicklung und Normalisierung der Männerwelt entstehen für beide Geschlechter neue Möglichkeiten. Natürlich war und ist die Frauenbewegung für diese Veränderungen hilfreich, wahrscheinlich sogar unverzichtbar, um dies anzustoßen und weiter voranzubringen. Dies gilt im besonderen Maße gerade jetzt für die Corona-Krise, in der Männer und Frauen zusammen ein stärkeres Zurückfallen in der Gleichberechtigung verhindern können.
Karrieren werden sich also auch für Frauen in einer kooperativen Wirtschaftsform, z. B. Gemeinwohl-Ökonomie (s. Kapitel 5) völlig anders darstellen und vermutlich viel öfter im Rahmen von Teamlösungen stattfinden. Solche Teams werden die Vorteile der eben doch unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Handlungs-Arten von Männern und Frauen betonen und damit sehr erfolgreich und befriedigend sein, ohne ins Burn-out zu führen.
Das Bild der modernen Frau
Das Bild der modernen Frau, die arbeitet (möglichst Vollzeit), finanziell unabhängig ist, ihr Kind in die Krippe geben möchte, Karriere macht und sich ggf. in Vorständen und Aufsichtsräten wiederfindet, ist allerdings nicht allein durch die Bedürfnisse der Frauenbewegung entstanden.
Vielmehr wird an diesem Bild aktiv von der Wirtschaft gearbeitet, damit Wachstum bei Arbeitskräftemangel doch noch stattfinden kann. Teilzeit von Frauen war ein erster Schritt, aber Vollzeit ist das Ziel. Dieses Bild der unabhängigen modernen Frau, das Wirtschaft und Politik malen, ist allerdings vollkommen fantasielos und schadet nicht nur den Kindern, sondern macht allen Frauen ein schlechtes Gewissen, wenn sie nicht auch extern oder zu wenige Stunden arbeiten.
Die Politik in Deutschland feiert allerdings gerade den mittlerweile errungenen (vielleicht auch finanziell erzwungenen) Platz 3 im Ranking der Zahl der berufstätigen Frauen in Europa nach Schweden und Lettland (Stand 2019).
Ob Vollzeit überall als erstrebenswert angesehen wird, zeigen Beispiele aus zwei europäischen Ländern.
Lettland
In Lettland ist der höchste Anteil von Vollzeit arbeitenden Frauen in Europa, 41 %. Einer der Gründe ist, dass mit dem Ende der Sowjetunion und der Unabhängigkeit des Landes viele Großkombinate kaputt gegangen waren. Dort waren die meisten Männer beschäftigt, die Frauen eher in kleineren mittelständischen Betrieben, wobei die Arbeit der Frau normal war.
Die Krippen aus der Sowjetzeit hatten keinen Bestand, sodass in Lettland keine Kita-Infrastruktur besteht. Viele Frauen haben insofern dort nun Mehrfachbelastung von Vollzeit, Kinderbetreuung und Haushalt, die Männer nehmen daran nur in geringerem Umfang teil und haben sich in dieser Hinsicht bisher weniger emanzipiert.
Niederlande
In den Niederlanden findet sich der einsam höchste Anteil an Teilzeit arbeitenden Frauen, 71 %. Es gibt dort auch keine wirkliche Kita-Infrastruktur und die Frauen mit Kindern nehmen meist eine 2-jährige Elternzeit. Allerdings arbeiten auch die meisten Frauen, die keine Kinder haben, Teilzeit. Es herrscht dort bei den Frauen offensichtlich ein Lebensgefühl vor, dass sie ihren gewollten Lebensstil besser mit Teilzeit gestalten können und dies kommt eben auch den Kindern zugute.
Allerdings machen Wirtschaft und Politik Stimmung dagegen und versuchen, den Frauen klarzumachen, dass so nicht die moderne, unabhängige Frau aussieht. Denn mit Wachstumswirtschaft könnte man dort auch mehr Arbeitsstunden gebrauchen. Die holländischen Frauen zeigen sich allerdings bisher davon recht unbeeindruckt, was für mich eher selbstbestimmt aussieht.
Zurück in Deutschland
Übrigens laufen ähnliche Kampagnen ja auch in Deutschland, wo die Regierung sich um die Unabhängigkeit der Frauen sorgt (?), die Lösung aber nur in Arbeit mit möglichst hoher Wochenstundenzahl sieht.
Vergessen wird dabei immer, dass Frauen nicht nur finanziell unabhängig vom Mann sein sollten, sondern auch frei vom Erfolg und Gelingen einer Karriere oder in einer als gut empfundenen Arbeitstätigkeit. Sonst sind sie vielleicht sofort wieder in einer Abhängigkeit, entweder vom Mann oder vom Staat.
Das Bedürfnis nach Arbeit bei Frauen
Ein Bedürfnis nach sinnhaftem Tätigsein ist im Grunde allen Menschen eigen. Dabei kommt im Allgemeinen Zufriedenheit auf schon beim Arbeiten über nur einige Stunden in der Woche. Eine Erhöhung der Wochenstundenzahl bis hin zur Vollzeit führt nicht wesentlich zur Steigerung von Zufriedenheit durch Arbeit. Dies hängt natürlich auch von Freude und Wohlfühlen mit und bei der Arbeit bzw. Erschöpfung, Langeweile oder fehlender Anerkennung ab und kann dann eben auch sogar sinken. D. h., Vollzeitarbeit, die zukünftig weder notwendig noch für alle gesichert ist, ist für Zufriedenheit, die eine Arbeit schenken kann, nicht erforderlich.
Teilzeitarbeit für alle ist dagegen zukünftig umsetzbar und zufriedenstellend. In Berufen, in denen eine längere Tagesarbeitszeit notwendig ist, wird es Modelle geben, die rechnerisch Teilzeit ergeben, z. B. durch Freiwochen. Wer aber lieber viel arbeiten will, wird es in diesen Modellen sicherlich können.
In unserer Gesellschaft, die noch implizit vielfach patriarchalisch organisiert ist und unserem Wirtschaften mit Konkurrenz- und Wachstums-Credo muss man allerdings gut unterscheiden:
Arbeit im eigenen Haushalt bzw. Familie haben Frauen genug, viele entscheiden sich klar dafür, andere sehen sich mehr in diese Rolle gezwungen. Diese Arbeit ist derzeit üblicherweise nicht vergütet. Bei Notwendigkeit, das Familieneinkommen zu erhöhen, folgt meist eine Doppelbelastung der Frauen.
Viele haben aber auch ein Bedürfnis nach einer Arbeit außerhalb des eigenen Haushalts bzw. Familie. Externe Arbeit ermöglicht Frauen ein anderes Kommunikationsfeld, ggf. eine andere Verwirklichung ihrer Talente, eine andere Art der Anerkennung und vielfach auch bei Erwerbsarbeit eben einen bzw. einen wesentlichen Teil zum Familieneinkommen beizutragen oder so auch ihre Unabhängigkeit in diesem System zu bewahren oder zu erwerben.
Dies ist ja mit dem Fokus auf die Kindes-Entwicklung prinzipiell auch gut sinnvoll umsetzbar nach den ersten 1,5 bis 2 Jahren, in denen die Mutter die dyadische Umhüllung meist am besten ermöglicht. Diese Zeit sollte nach den bisherigen Ausführungen für alle ermöglicht werden, wenn sie dies so wollen.
Es ist dabei natürlich ein Unterschied, ob dann eine externe Tätigkeit zur Arbeit im Haushalt dazu kommt oder z. B. der Mann hier einen Teil oder die ganze Arbeit übernimmt.
Erwerbsarbeit in unserem aktuellen Wirtschaftssystem ist aber für Frauen derzeit vielfach nicht befriedigend, obwohl Interesse an sinnvoller Tätigkeit besteht. U. a. ist Bezahlung und Belastung in den üblichen „Frauen“-Berufen nicht angemessen, die Gesellschaft verharrt hier in alten Strukturen, die Unternehmen und der Staat sparen hier unerlaubt (bei Gleichberechtigung im Grundgesetz) Geld auf dem Rücken der Frauen. Teilzeit, was vermutlich auch in Deutschland zukünftig wie in den Niederlanden normal sein wird für Frauen wie für Männer, ist bisher nicht immer möglich oder kann aufgrund schlechter Bezahlung nicht angenommen werden. Homeoffice-Tätigkeiten sind besonders für Frauen sehr stressig, wenn der Mann hier nicht klar mitarbeitet, und sie tragen zum Bedürfnis nach Kommunikation mit Kollegen wenig bei.
Dies alles gilt erst einmal alles unter den aktuell herrschenden Verhältnissen. Im Kapitel 5 spreche ich über Gestaltungen in der Gesellschaft, in der wir gemeinsam die Gesellschaft anders organisieren können und sich damit Tätigsein für Männer und Frauen natürlich viel freudvoller und gleichberechtigter darstellt.
Viele Frauen sagen auch, sie hätten ihre Kinder nicht bekommen, um sie als Ein- bis Zweijährige ganztags wegzugeben, also „frei“ von ihren Kindern zu sein. Die bisherigen gesellschaftlichen Lösungen mit Kitas und Elternzeiten allein für Frauen sind eben selten Win-win-Situationen, eine/r verliert bisher fast immer.
Die für die Kleinsten günstige familiäre Betreuung gelingt, wie gesagt, vermutlich erst dann zeitgemäß, wenn sich auch die Männer emanzipieren und sich die Elternzeit mit den Frauen teilen. Ob 1,5 zu 1,5 Jahre oder doch die ersten 2 Jahre der Kinder bei der Mutter und 1 weiteres Jahr beim Vater zuhause wird sicherlich von Paaren unterschiedlich favorisiert. Aber dies wird sich in der Gesellschaft zunehmend durchsetzen. Und die Arbeitszeit insgesamt wird sich verringern müssen, um als Familie zu gewinnen und so wird es auch kommen (siehe Kapitel 5). Ein bedingungsloses Grundeinkommen wird dabei die Unabhängigkeit auch der Frau unterstützen und ihr dafür keinen unsinnigen Karrierezwang wie aktuell bei den Männern aufbürden.
Schauen wir uns also den heutigen Mann genauer an.
Das Bild des „modernen“ Mannes
Es gibt derzeit große Verunsicherung und Unklarheit bei Männern, welchem Männer-Bild sie folgen sollen oder wollen. Dazu gehört das Thema Vaterschaft. Vieles ist möglich, aber Glück entsteht nur, wenn das Männerbild auch zum inneren Wesen passt. Insofern sollte man es besser in sich passend entstehen lassen, als einer verführerischen Norm zu folgen.
Unser Wirtschaftsmodell fordert immer noch den Mann als Sieger ohne behindernde Empathie auf seinem Weg für den Verlierer, „the winner takes it all“! Diesen zentralen Slogan des (Raubtier-) Kapitalismus, über den ABBA 1980 einen Song gemacht hat (allerdings als eine Beziehungsgeschichte), singt die Musikerin und Ehefrau des ehemaligen französischen Präsidenten Sarkozy, Carla Bruni, mit sanfter verführerischer Stimme (textgleich wie ABBA): „Der Gewinner bekommt alles, der Verlierer muss fallen, es ist einfach und ehrlich. Warum sollte ich mich beklagen?“10
Diese unterwerfende Zustimmung mit einer Prise Resignation und Traurigkeit zu diesem Wirtschaftssystem gilt implizit als normal und ist doch völlig verrückt, wenn man weiß, dass der Mensch auf genetischer Grundlage kooperativ ist.
Sich auf diese fast schon lächerliche Verengung eines Lebens als Mann einzulassen, fällt immer mehr Männern schwer. Außerdem hat sich ja mittlerweile herumgesprochen, dass es immer nur einen Sieger, aber viele Verlierer gibt. Insofern weicht das Konkurrenzmodell immer mehr dem Kooperationsmodell, was im Alltag auch deutlich weniger anstrengend und weniger gesundheitsschädigend ist. Um es deutlich zu sagen, das Konkurrenzmodell mit dem Zwang siegen zu müssen, wirkt für immer weniger Männer attraktiv, ist bald sehr wahrscheinlich ein Auslaufmodell für alle Anwendungen (außer vielleicht Heldensagen abends am Feuer als Retro-Romantik).
Natürlich geht von Spitzenleistungen z. B. im Sport oder bei der Auslotung von Grenzen, z. B. im freien Bergsteigen, für viele eine Faszination aus. Und die Begeisterung und der Stolz auf die Sportler der eigenen Stadt/Region oder des Landes tun ja auch gut und stärken ggf. die eigene Identität bzw. ein Heimatgefühl, so wie jede Region, jedes Dorf auch ihr eigenes Erkennungs- oder Heimatlied hat. Ein solcher „National“stolz ist sicherlich okay, soweit dies nicht zu unpassenden Gefühlen eigener Überlegenheit und Abwertung gegenüber anderen Menschen führt und benutzt wird.
Diese „Helden“ (meist männlich) sind bei näherem Hinschauen aber in ihren Persönlichkeiten nicht immer als Vorbilder geeignet, weil sie den Erfolg vielfach nicht wirklich tragen können. Glücklicherweise gibt es auch herausragende Ausnahmen, wie z. B. Dirk Nowitzki, den Basketballer, der für viele Kids ein echtes Vorbild ist. Solche „glühend verehrten“ Idole wird es gerade in der Pubertät natürlich weiter geben, weil das eine gute und phasengerecht orientierende Bedeutung hat. Wenn daraus „Fans“ im Erwachsenenalter werden, hat ja meist die Treue zum Idol die zwanghafte Siegesforderung hinter sich gelassen. Insofern wird es „Helden“ weiterhin geben, aber die Brillanz und der Glanz werden sich in zukünftigen Zeiten der Gleichberechtigung und Gemeinwohl-Orientierung zumindest im Erwachsenenalter etwas legen.
Es wird sicherlich auch weiterhin die verschiedensten Männerbilder geben wie den Draufgänger, den Schüchternen, den Macho, den Charmeur, den Rebell, den Intellektuellen, den Filou, den Kämpfer, den Angepassten, den Temperamentvollen, den Ruhigen, den Feinen, den Groben, den Introvertierten, den Extrovertierten, den Kommunikativen und den Zurückhaltenden, den Muskulösen und den Schmächtigen, den Gentleman und den Bohèmian und viele andere, abhängig vom Typus, Temperament, von Vorbildern und Akzeptanz im Elternhaus.
Jedes dieser Bilder kann authentisch sein oder als Rolle aufgesetzt und unterschiedlich ausgelebt werden. Ein wichtiger Unterschied in Verhalten und Darstellung ist z. B.: eher konkurrent, aggressiv, abwertend, im Gegensatz dazu eher kooperativ, freundlich, wertschätzend. Hier wird es mit der Zeit eine Bewegung hin zu Männer-Bildern und -Vorbildern geben, wo Männer mehr Lust auf ein Leben in Kooperation haben. Denn Konkurrenz wird gesellschaftlich zukünftig weniger Gratifikation oder andere Vorteile bringen, es sich also nicht mehr bewähren, Konkurrent zu sein.
Für jeden männlichen Typus wird es natürlich auch Frauen geben, die diesen für sich attraktiv finden, aber dabei geht der Trend heute schon zu zunehmender Attraktivität von Männern mit kooperativer Lebenshaltung. Und die Faszination von „harten Hunden“, „Männern in Uniformen“ u. Ä. auf Frauen schwindet bereits jetzt, sie werden anzahlmäßig gering werden. „Echte Kerle“, worunter wahrscheinlich jede und jeder etwas anderes versteht, oft aber „raue Schale, weicher Kern“, wird es sicherlich weiter geben und diese auch liebevoll benannt werden wie im Plattdeutschen, wo viele Frauen oft von „mien Kerl“ sprechen.
Kooperation ist für Männer und Frauen also eine bereits für die Gegenwart gleichermaßen passende Haltung. Aber wie es in diese Richtung wirklich vorangeht, schauen wir uns jetzt genauer an.
Veränderungen in den patriarchalischen Strukturen
Es ist im Bildungsbereich mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass die Mädchen die Jungen überholt haben, z. B. machen mehr Mädchen als Jungen Abitur und im Studium bringen sie auch in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) bessere Leistungen. In der Bevölkerung ist das gar nicht so bekannt. Aber wie ist es dazu gekommen?
Der bekannte Kriminologe Christian Pfeiffer hat in seinem Buch „Gegen die Gewalt“ interessante Ergebnisse der Begleitforschung der Erziehung zu Untersuchungen der Gewalterforschung vorgelegt, die ich hier kurz sinngemäß referieren möchte:
In den Dreißigerjahren war die Erziehung wenig liebevoll, körperliche Züchtigung war ein normales Erziehungsmittel. Bis in die sechziger Jahre wurden Jungen noch als Stammhalter gesehen und erbten den Hof oder die Firma ganz selbstverständlich. Die patriarchalischen Strukturen waren unbestritten wirksam und auch im Recht verankert, z. B. durften Frauen kein Bankkonto eröffnen und keine Arbeit ohne Zustimmung des Ehemannes aufnehmen. Bankkonten für Frauen gab es erst ab 1958, das Recht für Frauen, selbstständig einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben, wurde 1977 eingeführt, beides ein Erfolg der stärker werdenden Frauenbewegung. Bis 1980 wurden 70 % der Kinder in den Familien geschlagen im Sinne der Erziehungsgewalt. Dabei bekamen bis dahin mehr Jungen als Mädchen eine liebevolle Zuwendung der Eltern. Dies egalisierte sich aber schon für die nach 1980 Geborenen. Zu dieser Zeit machten noch mehr Jungen als Mädchen Abitur, aber bereits 1990 waren die Geschlechter pari und im Weiteren überholten die Mädchen die Jungen; 2012 machten es 56 % Mädchen und nur 44 % Jungen.
Die Jungen bleiben häufiger sitzen oder brechen die Schule ab, bei den Studenten findet man unter den nicht bestandenen Prüfungen nur ⅓ junge Frauen, aber ⅔ junge Männer. Die Frauen laufen den Männern in ihrer Leistungsfähigkeit in Schule und Studium davon. Die Eltern goutieren dies und schenken mittlerweile den Mädchen mehr liebevolle Zuwendung als den Jungen und Jungen werden in den Familien, in denen noch geschlagen wird, mittlerweile häufiger geschlagen als Mädchen.
Die Jungen haben also schon in ihrer Statthalterfunktion ausgedient, die alten Rollen der Männlichkeit gehen im Alltag immer häufiger ins Leere. Das führt zu einer allgemeinen Verunsicherung der Jungen, da die Rollenbilder für Männer nicht mehr richtig funktionieren, die Überlegenheit durch körperliche Stärke ist durch Technologien, die auch Frauen offenstehen, unbedeutend geworden.
Sie werden aber doch von vielen Jungen noch gesucht und teilweise auch gefunden, u. a. in der virtuellen Welt. Gerade Computerspiele bieten den Jungen und jungen Männern eine Zuflucht, in der Männer noch in den alten Männlichkeits-Rollen agieren, gerade auch in den sogenannten Gewaltspielen, weiterhin in Pornovideos.
Da dies aber nicht mehr in den Alltag gebracht werden kann bzw. dort immer seltener akzeptiert wird, verbringen viele Jungen mehrere Stunden am Tag in dieser virtuellen Welt. Dies tun Mädchen nur marginal. Die Computer-Spielezeit ist vielfach höher als die Schulzeit, dies wird u. a. als ein weiterer Grund der beobachteten Leistungsbremse der Jungen gesehen (siehe auch Kapitel 3, der digitale Verrat und Kapitel 5, Gamification).
Hier sind also patriarchalische Strukturen vielfach unbemerkt von der Öffentlichkeit schon brüchig geworden, auch wenn dies noch nicht die Vorstände der DAX-Unternehmen erreicht hat und vorerst noch implizit in den Gesellschafts-Verhältnissen und der Kultur weiterwirkt. Dies wird sich nach dem Gesagten natürlich ändern, da diese jungen Menschen in Verantwortung kommen und die Trends weitergehen. Wir nehmen diesen Faden in Kapitel 4 wieder auf.
Wir müssen den Jungen gute Vorbilder von in diese heutige Zeit passende Männlichkeit geben jenseits patriarchalischer Strukturen. Sie zu stärken in einem neuen Rollenverständnis wird gesellschaftlich zunehmend wichtiger. Natürlich wird es auch zukünftig eine breite Palette an männlichen Rollenbildern geben, aber sicherlich auch einen kreativen Shift in Richtung partnerschaftlicher, kooperativer und gelassener Haltung als Mann.
In diesem Sinne stehe ich selbst in meiner Einstellung als Mann allgemein für ein lebendiges, liebevolles, aufregendes und gelassen friedfertiges Zusammenleben der Geschlechter in minoischer Tradition, d. h. ohne Unterordnung, Erniedrigung und Abhängigkeit innerhalb der Partnerschaft und in der Gesellschaft. Dass dies nicht allein in persönlicher Entscheidung liegt, sondern auch gesellschaftlich möglich und erreichbar ist, zeigt die minoische Tradition auf Kreta (um das 15. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, also ein Vorbild vor 3500 Jahren(!), das jetzt wieder Kraft bekommen wird), wie sie Riane Eisler in ihrem epochalen Buch „Kelch und Schwert – von der Herrschaft zur Partnerschaft“ beschrieben hat. Ich selbst erlebe mein Leben mit meiner Frau eben so. Sie hatte bereits vor 25 Jahren das Buch gekauft und ich habe es auch mit großem Interesse gelesen; jetzt wird es wieder empfohlen in dem großen Bericht des Club of Rome „Wir sind dran“ von Ernst Ulrich von Weizsäcker, Anders Wijkman u. a. (erschienen 2019).
Vaterschaft
Für mich in meinem Leben hat auch das Vatersein heute eine herausragende Bedeutung und bedeutet für mich Glück. Seit Beginn der Sesshaftigkeit vor vielen tausend Jahren hat sich die von mir beschriebene „gesunde“ Hirnentwicklung von Mutter und Kind etabliert unter unterschiedlicher Beteiligung der Väter in den ersten Jahren der Kinder. Die Väter mit früher über lange Zeit vielfach patriarchalischer Haltung hatten erst späte Rollen und persönliche Bedeutung im Leben des Kindes, wenn überhaupt, und dann häufig behindernd bzw. bevormundend.
In einem Bildband aus dem Jahre 1960 mit dem Titel „Das Kind und sein Vater“ finden sich im Vorwort von Eugen Roth u. a. die Worte: „… es ist nicht leicht, der Ehrfurcht die Furcht zu nehmen und die Verehrung zu wahren. …“ und „… Mein Großvater hatte noch sechzehn Kinder, sein ältester Sohn zehn. Wir selber verbrachten unsere Jugend in einem Mietshaus, aus jeder Tür quollen die Kinder, zu unendlichen Spielen bereit. Wer sich heute, gar in besseren Kreisen, schärfer umblickt, sieht, wie die Kinder vereinsamen und wie sie die Familie, den Vater vor allem, nötig brauchen. Aber auch der Vater, mag er auch beruflich noch so überlastet zu sein, zieht sich in seinen freien Stunden mehr auf den Kreis der Seinen zurück. – Wir sahen unseren oft kaum bei Tisch oder nur, wenn es galt, einen Schulverweis unterschreiben zu lassen. …“
Aus dieser Zeit kommen wir, haben seitdem eine 60-jährige Entwicklung hinter uns, aber dieses Statement von 1960 war damals eine kritische, fortschrittliche Stimme und sie hat, wie mir scheint, auch heute noch eine gewisse Gültigkeit. Der Vater als Teil der Familie, präsent und emotional verbunden sowie zuverlässig, muss sich heute als solcher doch auch immer noch selbst installieren. Vaterschaft ist in diesem Sinne ein aktiver Prozess, der sich als Vorbild für die Kinder durch Liebe in Nähe, Innigkeit und Grenzsetzung erfahrbar macht, Ehrfurcht ohne Furcht unter Wahrung der Verehrung, wie Eugen Roth es damals ausdrückte. Und die Kinder erleben es ja als unsagbar gut, wenn er wirklich an die Seite der Frau tritt.
Die Möglichkeiten von Männern, heute gemeinsam als Väter mit den Müttern und Kindern eine Einheit zu bilden und als Wesen anderer Art gleich„gültig“ in der Partnerschaft zu sein, halte ich für eine großartige (Wieder-) Errungenschaft speziell der letzten Jahrzehnte und eine günstige Emanzipationsrichtung von Männern und Jungen gerade für neue friedfertige Narrative unserer Gesellschaft.
Das bedeutet für Männer Stärkung der Entwicklung der Kleinsten, klare, hilfreiche Vorbilder als Mann für die Kinder und Jugendlichen und echter Partner für die Frau, wenn ihm auch noch der Schritt von der Mutter, die geehrt bleibt, ganz und gar hin an die Seite der Frau, mit der zusammen der Mann leben will, gelingt. Denn Mutters Söhne, die solche bleiben, sind für Frauen, die echte Partnerschaft wollen, „ungeeignet“.
Umbruch in den Geschlechterrollen
Dieser Umbruch in den Geschlechterrollen wird sicherlich noch etwas Zeit in Anspruch nehmen, insbesondere ist ein Umbruch aktuell in der Corona-Krise eher behindert.
Allerdings bieten sich zunehmend auch für Männer andere Alltagsmöglichkeiten, wenn z. B. eine Teilzeit-Arbeit ins Blickfeld kommt, die dreijährige Elternzeit in Anspruch genommen und zwischen den Partnern passend aufgeteilt wird, auch passend zu den Kindern, denn es gibt immer auch Mama- und Papa-Kinder und wo möglich, darf das auch so sein, wenn auch nicht exklusiv. Generell braucht das Paar Einigkeit darüber, wie der Lebensstandard aussehen soll, wie viel Zeit zum Geldverdienen gebraucht wird, solange es noch kein Grundeinkommen gibt. Ein Homeoffice gibt neue Möglichkeiten, aber das sei gesagt, braucht auch die Räumlichkeit zum konzentrierten Arbeiten und eine gute Kompetenz zur Selbstorganisation bei den Arbeitenden im Homeoffice.
Persönliche Krisen dabei, die die Gesellschaft immer noch als Versagen einstuft und solche Menschen stigmatisiert, müssen als normal im Leben von Menschen angesehen werden. Darin reifen sie. Allerdings ist eine solche Zunahme von Depressionen und Burn-out-Entwicklungen, wie wir es derzeit sehen, bei Männern wie auch Frauen, dem zunehmenden Anforderungsdruck in der Gesellschaft bei abnehmender Bewältigungskompetenz geschuldet. In einigen Jahren werden diese Erkrankungen rückläufig sein und Krisen dann als Zeiten notwendiger Reifung angesehen werden können.
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