Читать книгу: «Eingeäschert»

Doug Johnstone
Eingeäschert
Aus dem Englischen von Jürgen Bürger
Herausgegeben von Wolfgang Franßen

Originaltitel: A Dark Matter
Copyright: © Doug Johnstone 2020
The moral right of the author has been asserted
Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2022
Aus dem Englischen von Jürgen Bürger
Mit einem Nachwort von Anthony J. Quinn, © 2021, übersetzt von Jürgen Bürger
© 2022 Polar Verlag e.K., Stuttgart
www.polar-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Eva Weigl und Jutta Nickel
Umschlaggestaltung: Robert Neth, Britta Kuhlmann
Coverfoto: © S_E/Adobe Stock
Autorenfoto: © Chris Scott
Satz/Layout: Martina Stolzmann
Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck, Deutschland
ISBN: 978-3-948392-42-0
eISBN: 978-3-948392-43-7
Für Chris Brookmyre, der mehr an mich glaubt als ich selbst.
Inhalt
1 JENNY
2 JENNY
3 HANNAH
4 DOROTHY
5 HANNAH
6 JENNY
7 DOROTHY
8 HANNAH
9 DOROTHY
10 HANNAH
11 DOROTHY
12 JENNY
13 HANNAH
14 DOROTHY
15 JENNY
16 DOROTHY
17 HANNAH
18 JENNY
19 HANNAH
20 DOROTHY
21 JENNY
22 HANNAH
23 DOROTHY
24 JENNY
25 HANNAH
26 JENNY
27 DOROTHY
28 JENNY
29 HANNAH
30 JENNY
31 DOROTHY
32 JENNY
33 HANNAH
34 HANNAH
35 DOROTHY
36 JENNY
37 HANNAH
38 DOROTHY
39 JENNY
40 HANNAH
41 DOROTHY
42 HANNAH
43 JENNY
44 DOROTHY
45 JENNY
46 HANNAH
47 JENNY
48 DOROTHY
49 JENNY
50 HANNAH
51 DOROTHY
52 JENNY
53 DOROTHY
54 HANNAH
55 JENNY
56 DOROTHY
57 HANNAH
58 JENNY
59 DOROTHY
60 HANNAH
61 JENNY
62 HANNAH
63 DOROTHY
64 JENNY
DANKSAGUNGEN
Der Verlust und das Unbekannte
1
JENNY
Ihr Vater benötigte viel länger als erwartet, um zu verbrennen.
Jenny schaute zu, wie die Flammen an seinem Körper leckten, wie sie sich um seine Brust und Leistengegend kräuselten, in sein Ohr raunten. Sein schütteres Haar ging in Rauch auf, graue Fahnen wehten zum fleckigen Himmel empor. Ein Wacholderzweig in seiner Hand fing Feuer und versprühte blaue Funken, und Jenny roch den Duft, der sie an Gin erinnerte. Die um Jims Körper gestapelten Fichten- und Kiefernscheite loderten hell und kräftig. Das Feuer hatte bereits seinen Anzug verzehrt, und seine Haut spannte sich nun um die Knochen, während Feuchtigkeit aus seinem Körper verdampfte.
Dennoch schien es sehr lange zu dauern.
Der Scheiterhaufen war nicht viel mehr als ein improvisiertes, überdimensioniertes Barbecue, zwei Reihen Ytongblöcke mit einem Metallrost dazwischen. Darunter befand sich ein länglicher silberner Trog aus dem Einbalsamierungsraum, in dem sie seine Überreste sammeln würden, nachdem die Teile klein genug waren, um durch den Rost zu fallen. Archie hatte an dem Scheiterhaufen im Garten gearbeitet, seit Dorothy die letzten Wünsche ihres Ehemanns verkündet hatte.
Es war eigenwillig, zugegeben. Ihr Dad hatte fünfundvierzig Jahre lang die Beerdigungen Tausender Menschen inszeniert, hatte für Musik und Blumen gesorgt, für den Ablauf der Gottesdienste, Fahrzeuge für die Trauernden und angemessene Nachrufe. Hatte darauf geachtet, dass für die Hinterbliebenen jedes Detail stimmte, dafür gesorgt, dass alle konkurrierenden Parteien bekamen, was sie wollten, und der Verstorbene stilvoll verabschiedet wurde. Und seine eigene Beerdigung war das genaue Gegenteil. Ein Scheiterhaufen im Garten hinter ihrem Haus, keine Reden, keine Predigten, weder Freunde oder Blumen noch eine Feier, nur sie fünf ganz nah an der pulsierenden Hitze eines illegalen Feuers.
Jennys Blick wanderte von den Flammen zu den anderen, die um das Feuer standen. Ihre Mum stand vorne vor dem Scheiterhaufen. Eine in der Luft tanzende Ascheflocke landete auf ihrem gelben Kleid, und sie schnipste sie mit einem lackierten Fingernagel weg. Sie strich sich eine Haarlocke aus der Stirn und hob das Gesicht zu den Flammen, die Augen geschlossen, als würde sie sonnenbaden.
Neben Dorothy standen Hannah und Indy mit untergehakten Armen, Hannah lehnte den Kopf an die Schulter ihrer Freundin. Zusammen sahen sie umwerfend aus, Hannahs blasses Gesicht mit den langen, schwarzen Haaren das Gegenstück zu Indys brauner Haut und dem blauen Bubikopf. Jenny fragte sich, was ihrer Tochter wohl durch den Kopf ging, während die sterblichen Überreste ihres Großvaters in Flammen und Rauch aufgingen. Es kam Jenny immer noch verrückt vor, dass sie eine erwachsene Tochter hatte, die in einer Beziehung lebte.
Die Flammen waren inzwischen höher, schwarzer Rauch reckte sich in die Luft. Der Geruch von Fichten und Kiefern erinnerte Jenny an Weihnachten. Dorothy hatte Kräuterbüschel auf den Leichnam gelegt, bevor sie anfingen, und nun zogen Jenny Lorbeer und Salbei in die Nase, vermischt mit dem Geruch verbrannten Fleischs, was sie an Abendessen mit Sonntagsbraten erinnerte.
Sie sah zum anderen Ende des Scheiterhaufens, jenseits von Jims schmelzenden Füßen, und wechselte einen Blick mit Archie. Er beschäftigte sich mit den logistischen Anforderungen, warf immer wieder Blicke darunter, vergewisserte sich, dass der Rost Gewicht und Temperatur standhielt, und legte mit einer langen Zange einen Scheit neben Jims Bein zurecht. Auf dem Gras hinter ihm bemerkte Jenny einen eisernen Schürhaken und einen Rechen, um die Asche durchzugehen, nachdem die Flammen erloschen waren.
Archie war klein und stämmig, hatte einen dichten braunen Bart, einen rasierten Schädel und erinnerte in seinen Bewegungen irgendwie an ein Tolkiensches Wesen. Er war so alt wie Jenny, wirkte aber älter. Seit zehn Jahren war er die rechte Hand von Jim und Dorothy, doch es fühlte sich an, als wäre er schon immer da gewesen. Archie war einer von Dorothys Streunern. Sie hatte die Angewohnheit, verlorene Seelen aufzunehmen und zu einem Anker in deren Leben zu werden. Er war eines Tages aufgetaucht, um die Beerdigung seiner Mutter organisieren zu lassen. Im Verlauf des nächsten Monats sah man ihn häufig auf Friedhöfen und bei Einäscherungen, er tauchte uneingeladen auf den Beerdigungen wildfremder Leute auf und suchte nach Nähe und Verbundenheit. Bei einer davon im Craigmillar Castle Park trat Dorothy mit einem Vorschlag an ihn heran, und zwei Wochen später fuhr er in einen Anzug gekleidet den Leichenwagen, wechselte in einen Overall, um Särge zusammenzuzimmern, und übernahm schließlich unter Jims Anleitung das Einbalsamieren. Und Dorothy hielt zu ihm, als die Einzelheiten seines Zustandes ans Licht kamen. Sie holte eine zweite Meinung ein, behielt ein Auge auf seine Medikation und die Therapiesitzungen und vertraute ihm im Geschäft, was einen erheblichen Teil dazu beitrug, ihm das Leben zu retten.
Das Gleiche galt für Indy, eine weitere Streunerin, die drei Jahre zuvor aufgetaucht war, um ihre Hindu-Eltern beizusetzen, Zahnärzte, die bei einem Unfall gestorben waren und eine haltlose Tochter zurückließen. Aber Dorothy sah etwas in ihr, und einen Monat später machte sie Telefondienst, sammelte Informationen von Kunden und kümmerte sich um die Verwaltung. Jetzt machte sie eine Ausbildung zur Bestattungsunternehmerin. Unterdessen hatte sie sich in Hannahs Herz geschlichen und sie überredet, in die Wohnung einzuziehen, die sie von ihrer Mum und ihrem Dad geerbt hatte, zehn Fußminuten entfernt am Argyle Place.
Jenny starrte ihren Dad an, der verkohlte und schrumpfte, dessen Essenz sich mit den Flammen und dem Rauch vermischte und im Universum auflöste. Ein Teil von ihr konnte nicht glauben, dass sie nie wieder seine blöden Witze hören würde, diesen schrecklichen Vampirakzent, den er gelegentlich aufsetzte, um über den Tod zu sprechen. Wie er sie anzwinkerte, sein kleines Mädchen, während der Gottesdienste, in völligen unpassenden Momenten, was bewirkte, dass sie mit der Hand vor dem Mund den Raum verlassen musste, in den sie sich heimlich geschlichen hatte, weil der Tod für Kinder faszinierend ist.
Doch die Faszination ließ nach, denn in der Nähe von Beerdigungen aufzuwachsen, begann seinen Tribut zu fordern. Als Teenager ging sie auf Distanz, zog bei der ersten sich bietenden Gelegenheit zu Hause aus, studierte Journalismus, arbeitete, verliebte sich in Craig, bekam Hannah, ließ sich von Craig scheiden und hielt sich die ganze Zeit so weit wie möglich fern vom Tod.
Jetzt aber war der Tod wieder Teil ihres Lebens.
Sie schaute sich um. Hohe Eichen und Kiefern säumten die hintere Mauer des Gartens und versperrten den Nachbarn die Sicht. Links von ihr befand sich die offene Garage mit dem darin parkenden silbernen Leichenwagen, daneben die Werkstatt und der Einbalsamierungsraum. Diese Räume grenzten an das Haupthaus hinter ihr, das große, dreigeschossige viktorianische Anwesen, das seit hundert Jahren das Familienhaus der Skelfs war. Die ganze Zeit über hatte es gleichzeitig das Bestattungsunternehmen beherbergt und die letzten zehn Jahre auch noch eine Detektei, wobei die Firmen das Erdgeschoss in Beschlag nahmen, während die Familie auf den beiden Stockwerken darüber wohnte.
Rechts von Jenny raschelte etwas im Gebüsch, und dann kam Schrödinger aus dem Grünzeug getappt. Schrödinger war Dorothys letzter Streuner, ein rötlich-braun getigerter Kater mit dem drahtigen Körper eines Straßenkämpfers und der Ausstrahlung eines extrem ausgeprägten Selbstbewusstseins. Der Name war Hannahs Idee gewesen, und dabei war es geblieben. Als er näher kam, sah Jenny etwas in seinem Maul. Ein Vogel, rote, weiße und schwarze Kleckse im Gesicht, gelbe unter dem Flügel. Ein Stieglitz.
Normalerweise kam Schrödinger nie in Jennys Nähe, war sie hier doch eine Fremde, aber jetzt ging er an den anderen vorbei und legte ihr den Finken vor die Füße. Der Kater sah kurz zu dem Feuer hinüber, das Jims Körper umhüllte, ihm die Energie aussaugte, dann schlenderte er zurück ins Gebüsch.
Jenny senkte ihren Blick zu dem Stieglitz, dessen Brust und Kehle blutverschmiert waren.
Noch ein toter Körper, den man entsorgen musste.
Sie hob ihn auf und warf ihn auf den Scheiterhaufen, sah zu, wie sein Gefieder in Flammen aufging. Sie wischte das Blut des Vogels an ihrer Jeans ab und atmete tief durch.
2
JENNY
Dorothy hob ihr Glas. »Auf Jim.«
Die drei Frauen stießen miteinander an und tranken in kleinen Schlucken Highland Park. Jenny spürte beim Schlucken das Brennen. Normalerweise trank sie jeden halbwegs anständigen Gin, aber Dad liebte Whisky, und das hier war für ihn. Sie stellte ihr Glas auf den Küchentisch und fuhr mit einem Finger über die Maserung der Eiche, dachte an die Tausende von Mahlzeiten, die sie als Kind hier gegessen hatte.
Dorothy trank einen Schluck Whisky und spielte mit einer Tonschale in der Mitte des Tischs, die Hannah in der Grundschule gemacht hatte, die mit den Yin- und Yang-Symbolen. Sie hatte die Schale für Dorothy gemacht, schon damals an Omas Weltsicht interessiert, an der Balance und den inneren Zusammenhängen der Welt. In der Schale befand sich ein heruntergebranntes Teelicht, und Jenny musste an ihren Dad im Garten denken, der noch vor sich hin schwelte, während sie hier oben saßen. Sie trank einen weiteren Schluck.
Archie war noch unten und kümmerte sich um das Feuer. Als er anfing, mit dem Schürhaken an Jims Körper herumzufuhrwerken, hatten sich die drei Frauen nach oben in die Küche zurückgezogen, während Indy sich davonstahl, um die Rezeption zu besetzen. Der Empfang war für beide Firmen da, das Bestattungsunternehmen und die Detektei, jede mit einer eigenen Telefonnummer, aber beide erreichten dasselbe Telefon.
Jenny sah sich in der großen Wohnküche um. Sie saßen an dem alten Tisch neben dem normalen Zeug einer Küche – Herd, Kühlgefrierkombination, Schränke – an zweien der Wände. Die angrenzende Wand besaß zwei große Erkerfenster mit Blick auf den Bruntsfield Links. Von hier konnte Jenny die Zinnen von Edinburgh Castle geradeaus und die Kuppe von Arthur’s Seat auf der rechten Seite sehen. Dazwischen lag der von Bäumen gesäumte Park, den ein stetiger Strom von Studenten und Schulkindern von Bruntsfield nach Marchmont und zurück durchquerte.
Auf der letzten Wand des Raums hingen große Weißwandtafeln. Am oberen Rand der einen stand in fetten Buchstaben »BU«, auf der anderen »PD«. Die Küche diente auch als eine Art Gefechtsstand, von dem aus beide Unternehmen in den letzten zehn Jahren geleitet worden waren, seit Jim alle mit der Ankündigung überrascht hatte, dass er beabsichtige, seine Aktivitäten vom Geschäft mit dem Tod auf Privatermittlungen auszudehnen. Vielleicht überraschte es ja nicht jeden. Dorothy zuckte nicht mit der Wimper, aber Jenny hatte Probleme damit, es zu begreifen, und Jim wich all ihren Fragen aus.
Auf der Tafel des Bestattungsunternehmens war derzeit mehr los. Vier Namen waren mit schwarzem Stift unter »BU« geschrieben worden: Gina O’Donnell, John Duggan, Arthur Ford und Ursula Bonetti, alles in Dorothys ordentlicher Handschrift. Unter den Namen standen jeweils verschiedene Details. Wo die Leiche abzuholen war und ob das schon erledigt war, also stand unter einem Namen zum Beispiel RIE für das Royal Infirmary of Edinburgh in Little France, unter einem anderen hieß es Marie Curie für das Hospiz in Frogston, beim Dritten war es die städtische Leichenhalle. Die Leichenhalle bedeutete, dass die Polizei beteiligt und eine Obduktion durchgeführt worden war. Jenny war überrascht, dass sie sich an all das erinnerte, obwohl sie nie etwas mit dem Geschäft zu tun gehabt hatte und seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr hier lebte.
Unter den Angaben zum Abholen jeder Leiche standen Uhrzeit, Datum und Ort der Beerdigung, eine Vielzahl an Kirchen, Friedhöfen und Krematorien verteilt über die ganze Stadt. Zum einen das Warriston Crematorium, zum anderen das Morningside Crematorium. Es gab weitere Kürzel für jeden Gottesdienst, wie viele Fahrzeuge benötigt wurden, wer der Zelebrant war, um welche Art von Gottesdienst es sich handelte. An der Wand neben dem Whiteboard hing ein großer Stadtplan von Edinburgh, übersät mit verschiedenfarbigen Nadeln. Eine Karte der Toten dieser Stadt. Jenny stellte sich das Muster vor, das sich ergab, wenn man all diese Punkte miteinander verbinden würde.
Die Tafel der Detektei war im Vergleich ziemlich leer. Sie war auch weniger klar strukturiert, erinnerte ein wenig an die Tafeln in Kriminalfilmen, allerdings ohne die Fotos verstümmelter Frauen mit roten Verbindungslinien zu Serienkillern oder mutmaßlichen Terroristen. Stattdessen stand ganz oben ein Name, Jacob Glassman, direkt darunter ein weiterer Name, Susan Raymond. Dazu Gekritzel in Jims Handschrift, das Jenny nicht entziffern konnte. Sie starrte auf die Schrift, ein Faden, der ihren Dad mit einer Welt verband, die sich nun ohne ihn weiterdrehte. Vor dem Fenster kickten Schulkinder mit einem Fußball, eine alte Frau ging mit ihrem Dackel Gassi, zwei Radfahrer in Rennbekleidung schossen über den Weg zu den Meadows, und keiner von ihnen wusste von dem Mann, der im Garten unten zu Asche zerbröselte. Ihr Dad, für immer unersetzlich.
»Ich glaub’s einfach nicht, dass Grandpa tot ist«, sagte Hannah. Sie hielt ihr Glas an die Brust. Sie trank nicht viel, was Jenny freute. Die Einstellung gegenüber Alkohol in Schottland hatte sich seit ihrer Jugend sehr verändert. Als Teenager schmuggelte Jenny Halbliterflaschen hinaus auf die Links, um mit ihren Kumpeln zu trinken, ohne dass Dorothy und Jim davon etwas mitbekamen. Der Alkohol hatte Spuren in ihren Adern hinterlassen. Kein Problem, so würde sie es nicht nennen, aber der Alkohol war so etwas wie die Hintergrundbeleuchtung ihres Lebens, eine Spur davon in allem.
Sie trank ihren Highland Park aus und schenkte sich und Dorothy nach.
»Ich weiß«, sagte sie.
Dorothy atmete durch die Nase ein und durch den Mund aus, ein wohlüberlegter Ablauf nach jahrzehntelangem Yoga.
»Er hatte ein gutes Leben«, sagte sie, wobei nach all den Jahren immer noch ein Hauch ihres kalifornischen Akzents vorhanden war.
»Ich bin noch nicht so weit, ihn gehen zu lassen«, sagte Jenny.
Dorothy lehnte sich zurück, und ihr Stuhl knarrte. »Können wir wohl nichts gegen tun.«
Jenny schüttelte den Kopf und nippte an ihrem Whisky.
»Was sollte das alles überhaupt?«, fragte sie und neigte ihr Glas zur Tür.
»Was meinst du?«, fragte Dorothy.
»Das menschliche Barbecue da unten.«
Dorothy zuckte mit den Achseln. »So hat er’s haben wollen. Er war den ganzen förmlichen Kram leid, das Zeremonielle.«
Hannah runzelte die Stirn. »Aber er hat doch immer gesagt, Menschen brauchen klare Regeln und Struktur, um abschließen zu können.«
»Vielleicht dachte er, wir brauchen es nicht«, sagte Dorothy.
Am liebsten hätte Jenny ihren Stuhl zurückgestoßen und aus dem Fenster gebrüllt, ihr Glas gegen die Beerdigungstafel geknallt, den Whisky über diese anderen Toten verspritzt. Doch sie blieb still sitzen.
»Aber es war illegal«, sagte sie. Sie wusste genug über Bestattungen, um zu wissen, dass es absolut nicht in Ordnung war, eine Leiche in seinem Garten zu verbrennen.
»Niemand wird es erfahren«, sagte Dorothy. »Oder sich dafür interessieren.«
»Meinst du?«, schnappte Jenny. Sie hasste es, dass sie klang wie die kleine Bratze, die sie als Teenager war, als sie genau an diesem Tisch saß und darüber stöhnte, dass Dorothy und Jim ihr nicht erlaubten, mit dreißigjährigen Männern, die sie nur flüchtig kannte, zu einem die ganze Nacht dauernden Rave nach Ingliston zu fahren. Hier war sie nun, eine fünfundvierzigjährige geschiedene Frau mit einer erwachsenen Tochter, und sie fühlte sich immer noch wie ein verzogenes Gör. Vielleicht lag es daran, dass Dads Beerdigung alles wieder hochkommen ließ, vielleicht lag es aber auch einfach nur daran, jetzt wieder hier in diesem Haus des Todes zu sein.
»Ich weiß, dass es schwer für dich ist«, sagte Dorothy. »Für euch beide.«
Jenny schämte sich. Es ging hier immerhin um Dorothys Mann, mit dem sie fünfzig Jahre verheiratet gewesen war und von dem sie sich verabschiedete, sie hatten alle einen wichtigen Teil ihres Lebens verloren. Es war kein Wettbewerb.
»Und für dich, Mum«, sagte sie und streckte die Hand über den Tisch aus.
Dorothy kaute auf der Innenseite ihrer Wange und nahm Jennys Hand. Mit siebzig hatte sie immer noch eine weiche Haut. Sie wirkte überhaupt viel jünger und hatte immer einen Ausdruck auf dem Gesicht, selbst jetzt, als sei sie im Reinen mit der Welt.
Hannah legte ihre Hand auf die von Jenny und Dorothy, wodurch es sich anfühlte, als wären sie eine Gang, die gleich einen Überfall durchziehen würde. Sie zogen ihre Hände genau in dem Augenblick zurück, als es unten an der Tür klingelte.
Dorothy seufzte und schob ihren Stuhl zurück, doch Hannah hob eine Hand, um sie aufzuhalten.
»Indy erledigt das«, sagte sie. »Das weißt du doch.«
Dorothy zögerte, nickte schließlich.
Hannah war so verliebt, dass Jenny das Herz aufging. Jenny hatte die überwältigende Macht der Liebe bislang nur einmal erlebt, bei Craig. Und nun, tja …
Sie hörte eine gedämpfte Unterhaltung unten, dann Schritte auf der Treppe und ein Klopfen an der offenen Küchentür.
»Dad, du bist gekommen!« Hannah sprang auf, schrammte ihren Stuhl über den Boden und rannte zu Craig hinüber, der in der Tür stand. Er hatte einen Strauß roter Lilien in der Hand und machte ein ernstes Gesicht. Hannah nahm ihn in die Arme und drückte ihn, und er umarmte sie ebenfalls.
»Hi, Angel«, sagte er.
Hannah ließ ihn los, und er sah zum Tisch und nickte. »Jen.«
»Craig.«
Er kam ganz herein, hielt den Strauß Lilien vor sich. »Die sind für dich, Dorothy. Das mit Jim tut mir sehr leid. Hannah hat es mir erzählt, und ich möchte mein Beileid aussprechen. Er war ein guter Mann.«
Er sah kurz zu Jenny, die die Augen verdrehte. Scheiße, er sah immer noch gut aus. Er schien anders als die meisten Typen seines Alters überhaupt keinen Bauch anzusetzen, und die grauen Strähnen in seinen Haaren machten ihn irgendwie nur noch attraktiver. Vielleicht hielt es ihn jung, dass er mit der kleinen Sophia wieder Dad geworden war, vielleicht war es aber auch der Sex mit Fiona, diesem blonden Energiebündel und jetzt die zweite Mrs McNamara. Das war das Ärgerlichste an allem, dass er Jenny mit einer Gleichaltrigen betrogen hatte, einer zierlichen Reese Witherspoon, tatkräftig und ehrgeizig.
Genug. Sie widerstand dem Bedürfnis, etwas Bissiges zu sagen. Es war zehn Jahre her, und er war Hannah immer ein guter Vater gewesen. Was es auch nicht einfacher machte.
»Die sind wunderschön«, sagte Dorothy, nahm die Blumen und einen Kuss auf die Wange an. Sie holte eine Vase aus dem Schrank. »Bleib auf ein Glas.«
Craig sah Jenny an. »Ich will mich nicht aufdrängen.«
Dorothy füllte die Vase mit Wasser und arrangierte die Lilien. Jenny zog der Duft der Blumen in die Nase, intensiv und moschusartig. Lilien hatten immer etwas Maskulines für sie.
»Bleib, Dad«, sagte Hannah.
Craig sah Jenny mit gehobenen Augenbrauen an und wartete auf ihr Okay.
Sie machte eine großzügige Handbewegung über den Tisch hinweg. »Setz dich.«
Als er Jenny sagte, dass er eine Affäre habe und sie verlassen werde, hätte der Versuch sie fast zerrissen, vor Hannah nicht einfach auszurasten. Aber sie wollte verflucht sein, wenn sie sich von Hass und Verbitterung auffressen ließ, und sie wollte nicht, dass all diese toxische Scheiße ihre Tochter infizierte. Mit den Jahren war es leichter geworden, sehr zu Jennys Überraschung. Man kann sich anscheinend an alles gewöhnen. Aber sie musste sich immer noch auf die Zunge beißen, um nicht zur bösartigen Hyäne zu werden, zur Frau, der Unrecht angetan worden war. Was ihn natürlich aus der Verantwortung nahm.
Dorothy stellte die Lilien auf den Tisch, holte einen Tumbler aus dem Schrank und schenkte Craig ein.
»Und wann ist die Beerdigung?«, fragte Craig und trank einen Schluck.
Hannah runzelte die Stirn. »Haben wir gerade gemacht.«
»Wann?«
»Eben, im Garten.«
Craig sah verwirrt aus. »Moment, kommt daher der Rauch über dem Haus?«
Hannah nickte. »Nur wir, kein Gottesdienst.«
»Dürft ihr hier Leute einäschern?«
Hannah schüttelte den Kopf, während Dorothy sich setzte und ihr Glas nachfüllte.
Jennys Telefon vibrierte in ihrer Tasche, und sie zog es heraus. Kenny vom The Standard. Er rief nie an. Immer nur E-Mail, ein kurzes Hin und Her wegen ihrer Kolumne, danach Ablieferung pünktlich zu Redaktionsschluss.
Sie stand auf und ging zur Tür. »Ich muss da rangehen.«
Auf dem Flur drückte sie auf Annehmen. »Kenny.«
»Hi, Jenny.« Er hörte sich nicht gut an.
»Meinen Text muss ich erst in ein paar Tagen abliefern.«
Sie ging zu ihrem alten Kinderzimmer, das zu einem minimalistischen Gästezimmer umfunktioniert worden war, Kiefernbett, nackte Holzdielen, ein schmales Regal mit den überzähligen Büchern aus Dorothys Sammlung.
Sie hörte einen Seufzer am anderen Ende der Leitung. »Es gibt keine einfache Art, dir das jetzt zu sagen. Wir stellen deine Kolumne ein.«
»Was?«
»Du weißt selbst, wie’s hier ist, eine Mischung aus Geisterschiff und Titanic. Die Zahlen bringen’s einfach nicht.«
Es überraschte sie nicht, aber darauf vorbereitet war sie auch nicht. Jeder, den sie kannte und der zur gleichen Zeit wie sie als Journalist angefangen hatte, hatte sich eine Ausstiegsstrategie zurechtgelegt, war wie Craig in die PR gewechselt oder in die Ausbildung, Beratung oder sogar in die Politik gegangen. Eine Karriere im Journalismus war so was wie ein Tod durch tausend Schnitte, und das hier war jetzt der letzte Messerstich in ihren Bauch.
»Wann?«
»Sofort.«
»Kenny, ich brauche das, es ist der einzige regelmäßige Job, den ich noch hab, das weißt du doch.«
Sie betastete ein Buch auf dem Regal, zog es heraus. Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten. Sie erinnerte sich, es im Haus gesehen zu haben, als sie aufwuchs, auf dem Cover eine Blume, deren Blüte ein Schraubenschlüssel war. Sie hatte es nie gelesen.
»Tut mir leid«, sagte Kenny.
»Ich kann noch nicht mal meine Miete bezahlen.«
»Es wird dich nicht trösten, aber ich bekomme auch bald die Kugel.«
»Du hast recht«, sagte Jenny. »Das ist kein Trost.«
Sie ging zum Fenster und schaute in den Garten hinunter. Archie kümmerte sich um den Scheiterhaufen, der inzwischen nur noch ein niedriger Haufen schwelender sterblicher Überreste war. Schwarz und weiß und grau, Asche und Knochen. Archie harkte am Rand entlang, Staub rieselte in die Auffangschale darunter. Jenny sah verkohlte Klumpen, wo zuvor Dads Schuhe gewesen waren, und fragte sich, was wohl aus seinen Füßen geworden war. Größe 45,5 und schmal, der zweite Zeh länger als der große, etwas, das sie und Hannah geerbt hatten.
»Wir haben Streichungen überall in der Zeitung«, sagte Kenny.
»Die Freien zuerst.«
»Du weißt, wie’s ist.«
Keine Arbeitsverträge, leicht aufzulösen bei zero Kosten. Vergib die Arbeit, die Seiten zu füllen, einfach hausintern, sollen doch die verbliebenen Festen die Kolumnen und Berichte und überhaupt alles schreiben, und wenn’s nicht gefällt, wird’s schon irgendein kleiner Penner mit glänzenden Augen frisch von der Journalistenschule für umsonst machen, nur, um seinen Namen in die Zeitung zu bekommen.
Aus dem Fenster sah Jenny Schrödinger die Hecke entlangpirschen, die Augen immer auf eine Ringeltaube gerichtet, die in einem Busch hockte. Er griff mit einem Sprung an, doch der Vogel flatterte auf der Hecke ganz nach oben und starrte zu ihm hinunter. Schrödinger war verblüfft, das Leben war nur ein Spiel.
»Lass mich wissen, wenn ich irgendwas tun kann«, sagte Kenny.
»Okay.«
»Ich muss los. Wir bleiben in Verbindung, ja?«
Jenny beendete das Gespräch. Sie hatte immer noch das Buch in der Hand, die Blume und der Schraubenschlüssel, das eine verwandelte sich in das andere, als wäre es so einfach, sein Leben zu ändern. Wenn sie das Buch las, könnte sie vielleicht ihr Leben ändern, bekäme eine andere Sichtweise auf die Welt.
Sie stellte das Buch wieder ins Regal und kehrte in die Küche zurück. Die drei saßen am Tisch und seufzten, wie Leute es tun, nachdem jemand was Witziges, aber auch Ergreifendes gesagt hat. Jenny schien den Witz nie mitzubekommen. Sie hoben gleichzeitig ihre Gläser, als hörten sie eine telepathische Botschaft, für die Jenny taub war.
Craig sah Dorothy an.
»Aber was ist mit den Geschäften?«, fragte er, als setze er eine begonnene Unterhaltung fort.
Dorothy lächelte. »Ich habe Archie und Indy.«
»Indy macht eine Ausbildung zur Bestattungsunternehmerin«, sagte Hannah und strahlte vor Stolz.
»Super«, sagte Craig. Er hob sein Glas und deutete damit auf die beiden Whiteboards an der Wand. »Aber es ist eine Menge zu tun. Jim war …« Vielleicht wollte er die Frauen nicht an ihren Verlust erinnern.
Dorothy nickte, zeigte Anerkennung für Craigs diplomatisches Vorgehen, blickte dann in ihr Glas, ließ den Highland Park kreisen, beobachtete, wie er an den Seiten des Glases Schlieren zog.
Jenny wusste, was jetzt kam, sie hatte damit gerechnet, seit sie die Nachricht von Dads Tod erhalten hatte. Sie war überrascht, dass es nicht schon früher erwähnt worden war, aber hier kam’s, sie war bereit.
Dorothy trank einen Schluck, starrte in ihr Glas. »Ich dachte, vielleicht könnte Jenny mir unter die Arme greifen. Bleibt eine Weile hier, leistet mir Gesellschaft.« Jetzt schaute sie auf. »Nur für eine Weile.«
Jenny dachte an den Anruf, an ihre überfällige Miete, an das blöde Buch mit der Blume auf dem Cover. Sie konnte den Blütenstaub der Lilien riechen und den Whisky, und sie dachte daran, ihren Dad nie mehr zu sehen.
»Klar.«
3
HANNAH
Hannah nahm Indys Hand, als sie durch den Garten vor dem Haus gingen. Sie schaute zu dem Fenster im ersten Stock zurück, von dem sie wusste, dass dort Gran stand. Sie lächelte und winkte und drehte sich wieder um. Es fühlte sich komisch an, sie allein zu lassen, aber Mum flitzte nur kurz rüber zu ihrer Wohnung in Portobello, um ein paar Sachen abzuholen, und kam anschließend sofort zurück. Es war gut, dass die zwei Zeit zusammen verbrachten, sie brauchten sich jetzt. Jeder braucht irgendwen. Sie beugte sich hinüber und gab Indy einen Kuss auf die Wange.
»Wofür ist der denn?«
»Darf ich vielleicht nicht einfach mal so das hübsche Gesicht meiner Freundin küssen?«
Indy schob sich zwei Finger in den Hals und tat, als müsse sie sich übergeben.
»Ach, verpiss dich«, meinte Hannah lachend.
Sie gingen an den Torpfosten am Ende der Einfahrt vorbei, und Hannah lächelte über die in den Mörtel eingeritzte Adresse: 0 Greenhill Gardens. Nummer null, nur eines der Dinge, die diesen Ort zu etwas Besonderem machten. Sie fragte Dorothy und Jenny danach, als sie noch jünger war, aber Gran schüttelte nur den Kopf, als wär’s ein kosmischer Witz, und Jenny zuckte mit den Achseln, als wäre ihr noch nie in den Sinn gekommen, dass es merkwürdig war. Hannah hatte ein wenig nachgeforscht, und wie sich herausstellte, war ihr Haus Ende des 19. Jahrhunderts von einem exzentrischen Brauereibesitzer später zu der Straße hinzugefügt worden. Damals konnte man sich noch selbst eine Adresse geben, doch statt sich einen neuen Straßennamen einfallen zu lassen, entschied sich Mr Bartholomew für die Nummer null an der bereits vorhandenen Straße, direkt neben der dort stehenden Nummer eins. Die Briefträger hatte es seitdem immer wieder verwirrt.
Aber etwas daran war für Hannahs Verstand ausgesprochen reizvoll. Null war mathematisch schwer zu definieren, und sich danach zu erkundigen, führte schnell auf philosophisches Terrain, das sie liebte. Sie studierte Metaphysik in einem Wahlkurs, und manchmal besuchte sie Vorlesungen über Kategorientheorie, die Mathematik der Mathematik, um sich das Hirn brutzeln zu lassen. Sie stand auf diesen abstrakten Raum, die Art, wie Matrizen, Theorien und Gleichungen miteinander verflochten waren und ein Universum entwarfen, das man über die reale Welt legen konnte.
»Worüber lächelst du?«, fragte Indy.
Sie waren um die Ecke und im Park. Das Netz der Fußwege war voller Studenten und Angestellten auf dem Heimweh nach Vorlesungen und dem Büro. Hannah liebte es, dass hier alle Seite an Seite lebten und sie sich dazugehörig fühlte.
»Ich bin einfach nur glücklich zu leben«, sagte sie.
»Oh, mein Gott.«
»Welcher?«
Ein Running Gag, da Indy ehemalige Hindu war.
In Wahrheit war Hannah wirklich glücklich zu leben, auch wenn sie vorhin erst zugesehen hatte, wie ihr Grandpa eingeäschert wurde. Vielleicht auch gerade deshalb. Dorothy hatte ihr einmal erzählt, dass manche Leute bei Beerdigungen geil wurden, wild entschlossen, im Angesicht des Todes das Leben fortzusetzen. Hannah konnte das nachempfinden.
Sie überquerten die Whitehouse Loan in den nördlichen Teil der Bruntsfield Links mit den Trainingsgrüns zum Pitchen und Putten. Das sanft hügelige Gelände erinnerte Hannah immer an das uralte Gräberfeld unter der Oberfläche. Sie fragte sich, wie vielen der Kids und ihrer Eltern, die Golfbälle durch die Gegend schlugen, bewusst war, dass unter ihnen Hunderte Opfer der Pest im 17. Jahrhundert lagen. Eine weitere Schicht der Existenz unterhalb der Realität.
Sie kürzten am oberen Ende der Links nach Marchmont ab und bogen dort auf den Melville Drive ein. Die Sonne stand so früh im Herbst immer noch hoch am Himmel, und das durch die Kastanien einfallende Licht flackerte über ihre Augen. Sie betrachtete Indys Gesicht, das von Licht und Schatten ganz fleckig war. In der vierten Klasse auf der Schule ging Hannah kurz mit einem epileptischen Jungen, der die Straße überqueren musste, wenn die Sonne durch einen Zaun flackerte. Sie wunderte sich über diesen Kontrollverlust, Reaktionen im Gehirn machen einen zu dem, der man ist. Depression, Angst, Liebe, Hass, Wut. Sie dachte über feuernde Neuronen nach, Teilchen, die ihren Zustand änderten, Quarks, die ihre Verteilung änderten.
Der Duft von Holzkohle und Burgern von Barbecues auf der anderen Straßenseite zog ihr in die Nase. Die Meadows waren voller Studenten, die die letzten warmen Tage ausnutzten, bevor das Land für den Winter herunterfuhr. Frisbees, Fußball, in der Ferne spielten ein paar Mädchen Quidditch. Harry Potter war vor ihrer Zeit, sie bevorzugte The Hunger Games, schon allein wegen der stärkeren Frauen. Aber die Hunger Games konnte man nicht wirklich im Park spielen.
Sie erreichten die Wohnung und gingen in den obersten Stock. Indy öffnete die Tür, und sie stürzten hinein. Hannah war besorgt, dass sie sich wegen Grandpa niedergeschlagen fühlen sollte, aber sie fühlte sich voller Möglichkeiten. Jim würde nicht gewollt haben, dass sie Trübsal blies, obwohl sie ihn durchaus vermisste. Und vielleicht hatte Dorothy ja auch recht, vielleicht macht der Tod einen geil.
Sie packte Indys Taille und wirbelte sie herum, küsste sie, starrte in diese braunen Augen. »Ich liebe dich, Babe.«
Indy sah sie schräg von der Seite an. »Was ist denn in dich gefahren?«
Hannah küsste sie wieder, lange und heftig, drückte sie gegen die Wand.
Indy zog sich zurück. »Nur einen Moment.« Sie rief: »Mel?«
Sie warteten auf eine Antwort.
»Sie muss noch in den King’s Buildings sein«, sagte Hannah. Obwohl sie wusste, dass die Vorlesungen für den Tag zu Ende waren, auch ging Mel normalerweise anschließend nicht in den Pub wie einige ihrer Kommilitonen. Hannah hatte an diesem Nachmittag die Vorlesungen zur Speziellen Relativitätstheorie und zur Quantenfeldtheorie geschwänzt, und Mel hatte versprochen, es sie wissen zu lassen, sollte sie etwas verpasst haben.
Hannah küsste Indy wieder, und diesmal reagierte Indy. Dann klingelte ein Telefon. Es kam aus Mels Zimmer.
»Lass es«, sagte Indy, eine Hand auf Hannahs Rücken.
Hannah runzelte die Stirn. Die Vorlesungen waren vorbei. Mel war superzuverlässig und organisiert, und sie ging niemals ohne ihr Telefon irgendwohin.
Hannah löste sich von Indy und ging zu Mels Tür, klopfte zweimal an. Wartete. Das Telefon klingelte weiter. Sie drückte die Tür auf. Alles wirkte völlig normal, das Einzelbett war gemacht, auf dem Schreibtisch Stapel von Notiz- und Lehrbüchern, Mels Fotomontage an der Wand, Bilder von ihr mit Freunden und Familie.
Das Telefon lag auf ihrem Schreibtisch, klingelte immer noch.
»Mum« leuchtete auf dem Display.
Hannah spürte Indy in der Tür hinter sich, als sie das seltsamerweise nicht gesperrte Handy aufhob und den Anruf annahm.
»Hi, Mrs C, Hannah hier.«
»Ich hab’s dir doch schon mal gesagt, du sollst mich Yu nennen. Was hast du mit meiner Tochter gemacht?« Sie sprach mit deutlichem kantonesischem Akzent und klang quirlig, aber da war auch ein scharfer Unterton.
»Keine Ahnung, Indy und ich waren den ganzen Tag unterwegs und sind gerade erst reingekommen. Ich habe ihr Telefon in ihrem Zimmer gefunden.«
»Ich werde sie umbringen«, sagte Yu in einem Ton, der bedeutete, sie würde das Gegenteil tun. »Sie sollte sich mit ihrem Vater und mir zum Mittagessen treffen. Ich habe heute Geburtstag.«
»Herzlichen Glückwunsch.«
»Danke, Liebes, aber ich hätte ihn gern mit meiner Tochter verbracht.«
Melanie versäumte ihre Verabredungen nie, und niemals würde sie den Geburtstag ihrer Mutter verpassen.
»Tut mir leid«, sagte Hannah und versuchte, ihre Stimme unbeschwert zu halten. »Wenn ich Mel sehe, werde ich ihr sagen, dass sie in Schwierigkeiten steckt.«
»Du hast keine Idee, wo sie sein könnte?«
Hannah warf einen Blick aus Mels Fenster. Ihr Zimmer lag zum Argyle Place, man konnte aber trotzdem ein Stück der Meadows sehen, ein Scheibchen der Salisbury Crags in der Ferne. »Wir hatten heute Nachmittag Vorlesungen. Ich war nicht da, weil ich zur Beerdigung meines Großvaters musste.«
»Oh, Baby, das tut mir leid.«
»Schon okay. Aber ich weiß, dass Mel zu den Vorlesungen wollte. Wahrscheinlich ist sie von irgendwas an der Uni festgehalten worden.«
Das war überhaupt keine Entschuldigung. Die Vorlesungen waren nachmittags, hatten nichts mit Mittagessen zu tun, aber Hannah wusste nicht, was sie sonst sagen sollte.
»Okay, Liebes«, sagte Yu. Ein Zögern am anderen Ende der Leitung. »Du sorgst bitte dafür, dass sie mich anruft, sobald sie nach Hause kommt, verstanden?«
»Mach ich«, sagte Hannah. »Bye.«
Sie legte auf und drehte sich zu Indy um, hob dabei die Augenbrauen.
Indy kam ins Zimmer. »Hab’s gehört.«
Sie ging zu Hannah, die auf das Display von Mels Handy starrte, ein Foto von ihr und Xander, beide aufgedresst für ein Essen am Valentinstag. Hannah erinnerte sich noch, wie sie Mel bei der Entscheidung geholfen hatte, was sie an diesem Abend anziehen sollte.
»Irgendwas stimmt da nicht«, sagte Hannah.
4
DOROTHY
Dorothy stand im Einbalsamierungsraum und starrte auf das, was von Jim übrig war. Ein Scheiterhaufen im Freien erreicht nicht die Temperatur eines Ofens für Feuerbestattungen, bleibt ein paar hundert Grad darunter, deshalb waren die Überreste gröber, als sie normalerweise aus Krematorien zurückkommen. Außerdem sieben Krematorien die verbleibenden Knochenfragmente heraus und pulverisieren sie in einer Knochenmühle, damit die Hinterbliebenen am Ende einen netten kleinen Haufen grauen Sand zum Verstreuen erhalten.
Demgegenüber waren die Knochenfragmente und der Staub vor ihr real. Und es war Staub, nicht Asche, das war eine Fehlbezeichnung. Sie war dankbar, dass das Feuer keine größeren Knochen zurückgelassen hatte, um die sie sich hätte kümmern müssen, in dem Staub lag nichts, was länger als ein paar Zentimeter war. Sie stellte sich vor, einen unversehrten Schädel aus dem Häufchen zu heben, ihn wie Hamlet anzusprechen. Oder einen von Jims Oberschenkelknochen, den sie wie ein Höhlenmensch herumschwenkte.
Sie schaute vom Tisch auf. Es war eigentlich viel zu hell, aber andererseits war es ja auch ein Arbeitsplatz, und Archie benötigte jede Menge Licht. Abgesehen von Jim auf dem Tisch war hier alles makellos sauber, darauf achtete Archie stets. Die sechs Kühlkammern für Leichen an einer Wand summten, die auf magnetische Karten geschriebenen Namen und Details der Toten darin steckten vorne an jeder Kammer. Arthur Ford, ein Meter achtzig, Leichenschau angeordnet, Einbalsamierung erforderlich, kein Schmuck, übernommen aus dem Western General. Das entsprach dem Whiteboard oben, und einen Moment lang sah Dorothy das Geschäft als einen einzigen riesigen Organismus.
Sie drehte sich wieder zu Jims Überresten. Nahm einen zehn Zentimeter langen, weißen Knochensplitter in die Hand. Er war leicht wie Balsaholz, aber fest, nachdem sämtliche organischen Bestandteile und die Feuchtigkeit verdampft waren. Sie hob ihn ans Licht, drehte den Splitter in ihren Fingern. Er besaß eine gerade Kante und eine sanft gekrümmte, war an einem Ende breiter als an dem anderen, besaß eine abgerundete Vertiefung am breiten Ende, als wäre es vielleicht die Pfanne eines Kugelgelenks gewesen. Das schmale Ende war spitz, und sie drückte den Daumen dagegen, spürte den Schmerz. Sie verstärkte den Druck, bis die Haut aufbrach, sah zu, wie ein Tropfen ihres Blutes sich auf der Knochenspitze ausbreitete, ihn verdunkelte. Sie saugte an ihrem Daumen und schob den Knochen in die Tasche ihrer Strickjacke.
Sie dachte an all die Atome von Jims Körper, die jetzt in der Luft über Edinburgh schwebten und in die oberen Schichten der Atmosphäre aufstiegen. Sie dachte an andere Atome seines Scheiterhaufens, die auf die Erde ihres Gartens fielen, der Gärten ihrer Nachbarn. Sie dachte an die Atome im Gebüsch, das Archie immer stutzte, an die Atome, die in ihren Haaren, auf ihrer Kleidung, ihren Schuhen, in ihrer Nase, den Ohren und im Hals hängen blieben. Sie leckte an ihrem kleinen Finger und steckte ihn in den Staub im Aschekasten, leckte ihn dann wieder ab.
Er schmeckte nach Lagerfeuer und Erde. Alles, was von fünfzig gemeinsamen Jahren übrig war. Sie atmete tief ein und sah auf den Einbalsamierungstisch daneben, auf die Flaschen mit Chemikalien und die Pumpen, aufgereiht auf dem hinteren Arbeitsplatz, die Messer, Scheren, Cremes und Sprays, die faltbare Trage, auf der die Leichen hereingebracht wurden. Das Abholen von Leichen war ein Job für zwei, den Jim und Archie jahrelang gemeinsam erledigt hatten. Jetzt würde ein anderer den Platz einnehmen müssen, vielleicht sie. Sie hatte sich zusammen mit Jim jahrelang um die Organisation von Beerdigungen gekümmert, aber mit der körperlichen Seite des Geschäfts hatte sie nie zu tun. Sie war gut in Logistik, konnte mit Menschen umgehen, hatte ihr ganzes Leben immer wieder nebenbei in der Firma mitgearbeitet, während sie gleichzeitig Jenny großzog. Indy könnte das übernehmen, zumal sie ja ohnehin die Ausbildung zur Bestattungsunternehmerin machte, sie war zwar klein, aber auch stark und zäh auf eine Art wie keine der Skelfs. Dorothy sah es in dem Moment in ihr, als sie sich begegneten, genau wie bei Archie. Alle gehörten zu ihrer erweiterten Ersatz-Familie. Eine Familie, die nun ihr Herz verloren hatte.
Sie verließ den Raum, schaltete das Licht aus, ließ ihren Mann im Dunkeln zurück, seinen Aschegeschmack immer noch auf ihrer Zunge, seinen spitzen Knochen mit ihrem Blut darauf in ihrer Tasche vergraben.

Stirnrunzelnd saß sie am Schreibtisch in dem kleinen Büro und hatte vor sich Papiere ausgebreitet. Sie trank einen Schluck Whisky und saugte nachdenklich an ihren Zähnen. Sie hatte die ganze Woche zu viel getrunken, seit sie Jim auf dem Boden des Badezimmers gefunden hatte, die Augen geöffnet, die Schlafanzughose um die Knöchel.
Sie nahm den Kontoauszug erneut in die Hand, rückte die Brille zurecht und verglich ihn mit einem anderen Blatt. Sie brauchte hier drinnen entweder mehr Licht oder eine bessere Brille. Sie dachte an Jims Augäpfel, die ins Nichts verdunstet waren. Sie sah auf ein geöffnetes Kontenbuch und kniff die Augen zusammen, als sie ihren Finger die Seite hinuntergleiten ließ. Etwas stimmte hier nicht.
Jim kümmerte sich immer um die geschäftliche Seite von allem, Dorothy hatte überhaupt kein Händchen für Zahlen. Hannah hatte ihre Liebe für die Mathematik von ihm. Vielleicht verstand Dorothy es falsch, aber es schien Geld zu fehlen. Es war kein großer Geldbetrag abhandengekommen, vielmehr ging von ihrem Geschäftskonto ein fester Betrag über Monate ab. Nein, über Jahre. An eine Kontonummer mit einer Bankleitzahl, die ihr nichts sagte, ohne Nennung eines Namens. Sie kramte in den Unterlagen, sah wieder hin, trank einen weiteren Schluck Highland Park. Der Whisky half auch nicht weiter.
Sie seufzte. Vielleicht übersah sie etwas ganz Einfaches, etwas, das die fünfhundert Pfund erklärte, die seit Jahren jeden Monat von ihrem Konto abgebucht wurden. Sie müsste davon wissen, Jim hätte es ihr gesagt. Da er ihr nichts davon gesagt hatte, bedeutete es, dass es ein Geheimnis war, und damit kam sie nicht klar. Sie musste mit jemandem sprechen, aber die Person, mit der sie immer sprach, wenn etwas nicht in Ordnung war, war Jim.
Sie suchte in den Papieren auf dem Tisch und fand ihr altes Nokia, ging die Handvoll gespeicherter Kontakte durch und hörte bei Thomas auf. Sie betrachtete einige Sekunden seinen Namen, dann rief sie ihn an, schob ihre Brille auf den Kopf hoch. Sie trank Whisky und lehnte sich auf dem Stuhl zurück, presste zwei Finger auf ihren Nasenrücken und lauschte auf das Klingeln am anderen Ende der Leitung.
»Hallo?«
»Hi, Thomas, ich bin’s, Dorothy.«
»Ist ein bisschen spät.« Er klang verschlafen. »Mit dir alles okay?«
Sie warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. Ein Uhr nachts. »Hab ich dich geweckt?«
»Worum geht’s?«
Sie waren seit fünf Jahren befreundet, seit er in ihren Yogakurs gekommen war. Er hatte die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen, jeder Mann in einem Yogakurs erhält Aufmerksamkeit, besonders ein großer Schwarzer mit einem Akzent, der zwischen Schottland und Schweden pendelte. Als die Frauen erfuhren, dass er Polizist war, war das einfach zu viel. Dorothy mochte ihn auf Anhieb, er war sanfter als die schottischen Männer, die sie kannte, obwohl er Cop war. Zwei Monate nach diesem ersten Kurs begegnete sie ihm zufällig auf der Chambers Street, und sie gingen einen Kaffee trinken. Es fühlte sich gut an, mit einem Mann zu reden, der nicht ihr Ehemann war. Weiter nichts.
Dann starb vor zwei Jahren plötzlich Thomas’ Frau Morag. Herzinfarkt beim Fahrradfahren im Southside-Verkehr, sie erwischte den Bordstein und krachte gegen einen parkenden Lieferwagen. Die Skelfs übernahmen die Beerdigung. Es musste bei ihr nicht viel wiederhergestellt werden, es wäre schlimmer gewesen, wenn sie mit einem entgegenkommenden Fahrzeug kollidiert wäre. Thomas und Morag hatten keine Kinder, und seine ganze Familie war in Schweden, also sprang Dorothy ein, und sie freundeten sich an. Jim wusste, dass sie sich zum Kaffee trafen, und vielleicht empfand er es als komisch, aber er sagte nie etwas.
Thomas’ Trauer klang mit der Zeit ab, etwas, das Dorothy schon Hunderte Male zuvor gesehen hatte. Sie dachte über ihre eigene Trauer nach. Es war bei jedem Menschen anders, das wusste sie nur zu gut. Nach dem anfänglichen Schock, als sie Jim aufgefunden hatte, hatte sie sich tagelang ihrem Schmerz hingegeben. Alles Nötige für den Scheiterhaufen zu organisieren, hatte ihr einen Fokus gegeben, aber gleichzeitig hatte es sie betäubt. Auch das hatte sie so oft bei Kunden beobachtet. Sie fragte sich, wann die Wellen aufschlagen würden, wie schlimm es kommen würde, wie tief sie versinken würde. Aber sie würde es überleben, jeder überlebte es, und mit der Zeit würde der Schmerz nachlassen. Das war fast genauso unerträglich, das Wissen, dass die Trauer wie auch ihre Erinnerungen an Jim mit der Zeit verblassen würden.
»Jim ist tot«, sagte sie.
»Ach, Dorothy.«
Sie massierte ihre Stirn. »Herzinfarkt.«
Das Wort hing zwischen ihnen, bot ihnen eine Verbindung zum anderen, da ihre Partner beide auf die gleiche Art gestorben waren.
»Es tut mir leid«, sagte Thomas.
»Es ist vor einer Woche passiert«, sagte Dorothy und ließ den Whisky in ihrem Glas kreisen. »Nachts, als er auf der Toilette war. Ich habe ihn erst morgens gefunden. Wo ist da die Würde?«
Sie hatte niemandem Einzelheiten darüber erzählt, wie sie ihn gefunden hatte. Sie hatte ihm die eingenässte Schlafanzughose ausgezogen und in den Wäschekorb gesteckt. Hatte eine frische aus der Kommode geholt und ihm über die Beine gezogen, danach hatte sie ihn ins Schlafzimmer geschleift und aufs Bett gewuchtet. Er war seit Stunden tot, seine Haut war kalt, ein Gefühl, das sie aus ihrer Branche kannte. Sie legte ihn hin und hielt ihn eine halbe Stunde im Arm, versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. Erst eine Stunde später rief sie einen Arzt an, denn wenn sie das erst mal getan hatte, gehörte Jim ihr nicht mehr, dann gehörte sein Tod jedem. Sie wollte, so lange sie konnte, es für sich behalten.
»Vor einer Woche?«, fragte Thomas.
In seinem Ton schwang ein leichter Tadel mit. Warum hatte sie es ihm nicht schon früher gesagt? Er hätte helfen können.
Aber wie hätte er denn?
»Wir haben ihn heute eingeäschert.«
»Wenn du es mir gesagt hättest, wäre ich gekommen.«
»Wir haben es niemandem gesagt.«
Sie hörte, wie er sein Gewicht verlagerte, und fragte sich, ob er immer noch die gleiche Seite des Bettes wie damals nutzte, als Morag noch lebte. Sie hatte sich in der vergangenen Woche nicht ausgebreitet, denn Jims Seite des Bettes zu benutzen, kam ihr ihm gegenüber wie eine Beleidigung vor.
»Falls ich irgendwas tun kann …«, sagte Thomas.
Dorothy zog die Brille vor ihre Augen und starrte den Papierkram auf dem Schreibtisch an.
»Da ist etwas, wobei du mir helfen kannst«, sagte sie und nahm einen Kontoauszug in die Hand. »Ich möchte, dass du dir für mich etwas ansiehst.«
5
HANNAH
Hannah war ziemlich beunruhigt. Sie stand in Mels Zimmer und kam sich vor wie ein Eindringling. Draußen war es inzwischen dunkel, und im gelben Licht der Straßenbeleuchtung wirkte der Raum schäbig. Sie fuhr mit einem Finger über ein Bücherregal, zog eine Schublade des Schreibtischs auf und fand außer Briefpapier nur wenig.
Sie hatte Mels Social-Media-Accounts gecheckt, einmal am früheren Abend, dann noch mal vor zwanzig Minuten. Keine Aktivitäten. Sie hatte alle ihre Freunde angerufen, und niemand hatte Mel heute gesehen. Soweit Hannah herausfinden konnte, war sie die Letzte gewesen, die mit Mel geredet hatte. Sie hatte einen vollen Tag an der Uni, Strömungslehre im Labor morgens, zwei Vorlesungen und ein Seminar am Nachmittag, und bei keinem war Mel aufgetaucht. Und sie hatte ausdrücklich gesagt, sie werde für Hannah mitschreiben.
Hannah hatte zuerst Xander angerufen, der sagte, er habe sie seit Mittag am Vortag nicht mehr gesehen. Er war Astrophysiker, ein noch komplexeres Fachgebiet als das Zeug, das Hannah und Mel studierten. Sie versuchte, sich darüber klar zu werden, was sie über ihn wusste. Er war mit Hannah, Mel und ein paar anderen im Quantum Club, und seine Eltern hatten irgendwas mit dem Militär zu tun und lebten im Ausland.
Sie rief einige weitere Namen in Mels Kontaktliste auf dem Handy an, aber keiner hatte von ihr gehört. Das galt auch für ihren Bruder Vic, der in der Stadt in der Fruitmarket Gallery arbeitete. Er stand seiner Schwester sehr nahe und sagte, er habe tags zuvor mit ihr gesprochen, allerdings nur Small Talk wegen ihres Treffens mit ihren Eltern zum Mittagessen. Er war betroffen, als er hörte, dass Mel nicht aufgetaucht war.
Hannah postete im Forum für Physikstudenten im dritten Jahr, fragte in die Runde, ob jemand sie gesehen hatte, und versuchte dabei, den Ball flach zu halten. Sie ging Mels WhatsApp-Nachrichten und SMS durch, fand aber nichts, um auch nur eine Augenbraue hochzuziehen.
Sie ging in Gedanken noch mal ihr Frühstück an diesem Tag durch. Sie war nicht wirklich da gewesen, weil sie an fast nichts anderes als Jims Einäscherung denken konnte. Hatte Mel anders gewirkt als normalerweise, war sie ein bisschen nervös oder ängstlich gewesen? Vielleicht vernebelte Hannahs aktuelle Gemütsverfassung ein wenig ihre Erinnerung.
Sie sah auf Mels Handy auf die Uhr, fast zwei morgens.
Indy war jetzt hinter ihr in dem Zimmer. »Was denkst du?«
Hannah schüttelte den Kopf, nahm ihr eigenes Handy heraus und wählte 101, die allgemeine Nummer der Polizei. Sie sah Indy an, während sie darauf wartete, dass jemand ranging.
»Hallo«, sagte sie. »Ich möchte eine Vermisstenanzeige aufgeben.«
6
JENNY
Jenny spürte den Rand der Matratze unter ihrer Hand und war einen Moment lang verwirrt, dann erinnerte sie sich und öffnete die Augen. Sie war froh, dass der Raum seit ihrer Kindheit renoviert worden war, was ihr ein wenig Distanz ermöglichte. Es wäre einfach zu viel gewesen, als Frau mittleren Alters hierher zurückzukommen und im gleichen Bett zu liegen, in dem sie als Teenager an Kurt Cobain gedacht und sich berührt hatte.
Aber ein oder zwei Erinnerungen gab es dennoch. Die knarrende Holzdiele neben dem Bett war nie repariert worden, und das Geräusch, das sie machte, als sie aufstand, war überwältigend nostalgisch, schleuderte sie zurück durch die Jahrzehnte in die Zeit, als sie noch ein Kind war. An der Wand neben der Tür konnte sie noch die Delle im Putz sehen, wo sie mehrere Male hingeschlagen hatte, als sie wütend darüber war, dass Susan Wilson mit Andy Shepherd ausging, obwohl Susan genau wusste, dass Jenny auf ihn stand. Und in der unteren Ecke des Fensters waren immer noch ihre Initialen ins Glas gekratzt, so deutlich, als wären sie ihr auf die Brust tätowiert.
Wieder hier zu sein, meine Güte. Mum brauchte sie, aber Jenny redete sich nicht ein, dass es nur vorübergehend war. Mit fünfundvierzig Jahren hatte Jenny keine Wohnung, kein Vermögen, keinen Job, keine Ehe. Sie konnte genauso gut hier sein, denn welchen besseren Ort als ein Bestattungsinstitut konnte es geben, um sein Leben zu beschließen?
Sie sah auf den geöffneten Koffer auf dem Boden, aus dem ihre Klamotten chaotisch herausquollen. Der Rest ihrer Habe befand sich in einer Handvoll Kartons im Lagerraum unten. Archie hatte ihr geholfen, am Abend zuvor bei Nacht und Nebel aus der Portobello-Wohnung zu verschwinden. Ihren ganzen Kram zusammenzupacken war deprimierend schnell gegangen, und ihre miesen Möbel ließ sie als Teilzahlung für ihre Mietrückstände da.
Sie konnte nicht begreifen, wie es so weit hatte kommen können. Vor zwanzig Jahren, als sie diese Wohnung an der Bellfield Street gemietet hatten, war sie verheiratet, schwanger und verliebt gewesen. Sie und Craig waren pleite, beide freiberufliche Schreiberlinge, sie machte Kulturreportagen, sein Ding war die Politik. Ohne festes Einkommen hatten sie keine Chance, wohnungsmäßig weiterzukommen, aber sie hatten angenommen, dass alles besser werden würde. Stattdessen ging es mit dem Journalismus bergab, Craig verließ sie und verdiente erst mit der PR-Agentur, die er mit Fiona gründete, richtig Geld.
Dorothy und Jim hatten angeboten, Jenny und Hannah bei sich aufzunehmen. Vor allem Jim war sehr aufgebracht, dass Craig ging, war wütend bei der Vorstellung, dass irgendein Mann seine Familie hintergehen konnte. Er mehr noch als Dorothy versuchte, Jenny und Hannah zurück in den Schoß der Familie zu holen, lange Spielesitzungen und viel Eiscreme mit seiner Enkelin, spätabendliche Unterhaltungen am Telefon mit Jenny, in denen er sie anflehte, nach Hause zurückzukommen. Aber etwas daran wurmte sie. Der Gedanke, dass sie ihre Tochter nicht ernähren konnte. Was im Rückblick dummer Stolz war. Außerdem wollte sie nicht, dass Hannah wie sie in der Nähe von Leichen aufwuchs. Also verdoppelte sie ihre freiberuflichen Anstrengungen, legte sich ins Zeug, um die Miete zahlen zu können, vielleicht auf Kosten ihrer Beziehung zu Hannah. Vielleicht war es die falsche Entscheidung gewesen, eine der Millionen falscher Entscheidungen in ihrem Leben, die sie am Ende wieder ins Haus der Skelfs zurückgeführt hatten.
Sie stellte sich die Tausende von Leichen vor, die dieses Haus passiert hatten, stellte sich vor, wie sie sich alle aus Gräbern überall in der Stadt erhoben, wie ganze Horden von Zombies nach Greenhill Gardens marschierten, um ihre Verbindungen zu den Lebenden zurückzuverlangen. Vielleicht machte sie das ja auch, versuchte, ihren Vater zurückzubekommen, wieder eine Beziehung zu Mum aufzubauen.
Sie nahm einen Morgenrock aus ihrem offenen Koffer, zog ihn an und tapste in die Küche. Schrödinger hockte auf einem ramponierten Ledersessel vor einem der Fenster, das Gesicht der Sonne zugekehrt, die durch die Bäume schimmerte. Er begrüßte sie nicht. Jenny schnappte sich einen Becher, füllte Kaffee und Wasser in Dorothys große Kanne auf dem Herd. Zu Hause brachte sie bestenfalls einen Pulverkaffee zustande, daher würde diese kolumbianische Röstung ihr wahrscheinlich den Kopf wegballern.
Sie ging zum Fenster.
»Hey, Katze.«
Nichts. Sie kraulte ihn im Nacken. »Hör zu, wir beide müssen miteinander klarkommen, denn ich werde jetzt eine Weile hierbleiben.«
Schrödinger streckte sich nach der anderen Seite des Sessels, drückte seine Krallen ins Leder.
»Leck mich«, sagte Jenny.
»Über wen fluchst du?« Dorothy kam durch die Tür und sah überraschend jugendlich frisch aus.
»Deinen Kater«, antwortete sie. »Er hasst mich.«
»Er spricht darauf an, wenn er beschimpft wird, genau wie Menschen.«
Jenny lächelte und kehrte zum Herd zurück, begann, Kaffee zu machen. »Willst du einen?«
Dorothy schüttelte den Kopf. »Ich gehe aus, treffe mich mit einem Freund.«
»Wen?«
Dorothy blieb stehen. Sie trug eine weit geschnittene Baumwollhose und eine bordeauxrote, am Hals offene Seidenbluse. Beides stand ihr, sie hatte schon immer ein Händchen dafür, sich geschmackvoll zu kleiden. Jenny war eifersüchtig auf ihre elegante Mutter, die durchs Leben segelte. Ihre ruhige Ausstrahlung vermittelte den Eindruck, dass nichts sie aus der Fassung bringen konnte. Jenny konnte nicht verstehen, warum sie wegen ihres Dads nicht mitgenommener war.
Dorothy legte die Hände auf die Hüften. »Thomas Olsson.«
Jenny hatte den Namen schon gehört, war Dorothys schwedischem Cop-Freund aber nie begegnet. Die Skelfs hatten seine Frau beerdigt, und Indy sagte, er habe was von einem Silberfuchs.
»Du willst dich einen Tag nach der Einäscherung deines Mannes mit einem attraktiven Witwer treffen?«
Dorothy hob eine Augenbraue angesichts von Jennys Ton. »Ich kann tun und lassen, was ich will.«
»Wie du’s ja auch schon siebenundachtzig gemacht hast.«
Dorothy erstarrte. Siebenundachtzig war die Kurzform für das, was in der Familie irgendwann als »Dorothys Episode« angesehen wurde. Eine Solo-Reise, um ihre Mum in Pismo Beach zu besuchen, vorgeblich für zwei Wochen, aus denen fast zwei Monate wurden. Jim und eine triebgesteuerte Jenny blieben in Schottland und fragten sich, was zum Teufel da los war. Wie sich herausstellte, traf Dorothy sich mit einer alten Flamme aus der Schulzeit, frisch geschieden, und die zwei versuchten, sich ein letztes Mal an ihre schwindende Jugend zu klammern. Am Ende musste Jim nach Kalifornien fliegen und Dorothy überreden, zurückzukommen. Jenny hatte nie wirklich verstanden, wie sie es hinbekommen hatten, jedenfalls schafften es ihre Mum und ihr Dad, die Sache hinter sich zu lassen. Jim verzieh Dorothy, und sie wurde offensichtlich von Schuldgefühlen geplagt, aber Jenny kam nie wirklich darüber hinweg. Der Gedanke an die Möglichkeit von Verrat und Betrug hatte sich in ihrem Kopf eingenistet, und Jahre später, als Hannah fast so alt war wie sie damals, machte Craig dann genau das Gleiche, nur eben viel schlimmer. Das riss die alte Wunde auf und machte es ihr sehr schwer, während ihrer eigenen Trennung und der nachfolgenden Scheidung Trost und Unterstützung von ihrer Mum anzunehmen. Und jetzt das, Jims verbrannte Überreste unten auf einem Tisch, und Dorothy zog sich hübsch an und war unterwegs zu einem Date mit einem geeigneten Witwer.
»Untersteh dich«, sagte Dorothy. »Du hast kein Recht, das zu erwähnen.«
»Wenn du meinst.«
»Dein Dad war die Liebe meines Lebens. Was damals passiert ist, war ein Fehler, den ich immer bedauert habe. Und das jetzt aufs Tapet zu bringen, mein Gott …«
Jenny hob beschwichtigend die Hände. »Okay.«
»Ich brauche keine Erlaubnis zum Leben.«
»Schön.«
Der Kaffee blubberte in der Kanne auf dem Herd, während Schrödinger zu Dorothy schlenderte und seinen Schwanz um ihre Beine streichen ließ. Sie streichelte ihn und deutete auf die Tür.
»Ich brauche dich eine Weile vorne an der Rezeption«, sagte sie. »Indy hat heute frei.«
Jenny spürte eine tiefe Besorgnis in sich aufsteigen, während sie den Kaffee einschenkte. »Ich weiß gar nicht, was ich machen muss.«
»Geh einfach ans Telefon, wenn es klingelt, und schreib auf, worum es geht. Du hast mir oft genug dabei zugeschaut.«
»Aber nicht in letzter Zeit.«
»Du machst das schon.« Dorothy nahm ihre Strickjacke von der Rückenlehne eines Stuhls und zog sie an. Jenny roch an ihr den Rauch vom Vortag und stellte sich den Geist ihres Dads in der Wolle vor.
»Tut mir leid«, sagte sie. »Mit dir alles in Ordnung?«
»Nein«, antwortete Dorothy durchaus nicht unfreundlich. »Bei keinem von uns ist alles in Ordnung, und ich gehe auch nicht davon aus, dass sich das in absehbarer Zeit ändert. Aber wir müssen weitermachen, oder?«
»Müssen wir?«
Dorothy nahm Jennys Hand. »Was können wir sonst tun?«

Das Telefon klingelte.
Jenny war im Einbalsamierungsraum und starrte auf das Häufchen Staub, das ihr Dad war, als sie das Telefon in der Rezeption klingeln hörte. Sie war nicht sicher, wie lange sie dort so gestanden hatte, es konnten Sekunden, aber auch Wochen gewesen sein.
Sie ging in die Rezeption. Was für ein Kontrast zum Einbalsamierungsraum: Hier gab es dicke Teppiche, Einbauten aus geschnitzter Eiche und Blumensträuße, die in einer Ecke auf den nächsten Gottesdienst warteten. Üppige Stuckverzierungen am Rand der Decke, ein eleganter Schreibtisch mit Laptop und Telefon. Von der Rezeption aus konnte sie den gesamten Kundenbereich des Geschäfts im Erdgeschoss überblicken – die kleine Kapelle links, den Vorbereitungsraum rechts und die drei Verabschiedungsräume auf der Rückseite.
Sie setzte sich auf den Schreibtischstuhl und starrte das Telefon an, schließlich nahm sie den Hörer ab.
»Skelf, guten Tag.« Sie erinnerte sich, nicht Bestattungsunternehmen oder Detektei zu sagen, denn es konnte für beide sein.
Ein Schniefen am anderen Ende der Leitung.
»Es ist in Ordnung, lassen Sie sich Zeit.« Jenny stellte sich ihre Mum vor, die über die Jahre genau dasselbe Abertausende Mal gesagt hatte.
»Es geht um meinen William.«
Jenny hörte in ihrem Kopf die Stimme ihrer Mum. Sei einfach da, du musst gar nichts sagen. Die Leute wollen sich mit jemandem verbunden fühlen oder mit irgendetwas.
Mehr Schniefen. »Ich muss mich um seine Beerdigung kümmern.«
»Tut mir leid, das zu hören.«
Dann brach die Frau in Tränen aus, und Jenny fühlte sich hilflos. Wären sie im gleichen Raum gewesen, hätte sie ein Taschentuch anbieten oder ihre Hand tätscheln können. Oder hätte eine dicke Umarmung angeboten, wie sie selbst eine brauchte, vielleicht hätten sie gemeinsam geweint, sie hätte den Single Malt hervorgeholt, und sie hätten gemeinsam ihre Sorgen ertränkt. Wie abgefuckt war das denn, sich einen Tag nach der Beerdigung des eigenen Dads den schlimmsten Augenblick im Leben eines anderen anzuhören?
»Wie heißen Sie?«, fragte Jenny.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie antwortete. »Mary. William und Mary Baxter.«
Als wären sie noch ein Paar, als wäre ihr nicht gerade erst die Seele herausgerissen worden. Jenny hörte Mary atmen und wie sie versuchte, die Kontrolle wiederzuerlangen.
»Es ist okay«, sagte sie. Es war nicht okay, es war dumm, das zu sagen, nichts würde je wieder okay sein. »Erzählen Sie mir von William.«
Was Mary dann machte. Sie erzählte von ihrem verstorbenen Mann, wie sie sich in den 1950er-Jahren bei einem Tanz an der Lothian Road kennengelernt hatten, er war bei der Navy gewesen, hatte schnittig ausgesehen in seiner Uniform, hatte die Wasserstoffbombentests über der pazifischen Weihnachtsinsel gesehen, aber trotzdem ein langes Leben gehabt, arbeitete bei Ferranti und baute Cockpit-Instrumententafeln für Kampfflugzeuge, zog vier Kinder groß, von denen eines bereits tot war. Dabei unterbrach sie sich kurz. Jenny konnte es nicht ertragen, für diese Arbeit war sie nicht geschaffen, hatte nicht, was Dorothy und Jim hatten oder Indy. Sie musste immer wieder an ihren eigenen Dad denken, der in einem Häufchen auf einer Metallschale in einem Hinterzimmer lag.
Mary redete immer noch, von ihren Enkelkindern, von Williams Schrittmacher und seiner künstlichen Hüfte, wie sehr er die Gartenarbeit liebte und Spaziergänge in den Meadows, wie er auf dem Weg zu den Geschäften immer noch ihre Hand hielt, immer romantisch war. Das alles notierte Jenny, auch wenn es zum größten Teil nicht relevant war. Mary erwähnte eine Lungenentzündung, pulmonale irgendwas, dann ging ihr selbst die Puste aus, brachte es nicht fertig, über das Ende zu sprechen.
»Und wo ist William jetzt?«
Ein langes Schweigen, während Mary sich sammelte. »Er ist im St. Columba’s. Er ist nachts verstorben. Sie haben gesagt, ganz friedlich, er hätte nichts mehr gespürt.«
Woher wussten die das? Vielleicht war er eine Stunde von Schmerzen gefoltert worden, konnte nicht atmen, hatte panisch versucht, am Leben zu bleiben, hatte in maßloser Angst vor dem schwarzen Loch, das ihn zu verschlucken drohte, seine Laken umklammert.
Jenny war für so etwas wirklich nicht gemacht.
»Okay«, sagte sie. »Wir können uns für Sie um ihn kümmern, keine Sorge. Würden Sie vorbeikommen wollen und mit einem unserer Fachleute sprechen, wie alles ablaufen soll?«
Keine Antwort.
»Sie finden uns in Greenhill Gardens, kennen Sie das?«
»Ja.«
»Wann wäre es Ihnen recht?«
Jenny stellte sich vor, wie sie allein zu Hause saß und nichts zu tun hatte.
»Heute Nachmittag?«, fragte Mary.
»Gerne, sagen wir doch vierzehn Uhr.«
»Vielen Dank, Sie haben mir sehr geholfen.«
Jenny fragte sich, ob das sarkastisch gemeint war. »Keine Ursache.«
Mary legte auf, und Jenny saß da, starrte den Hörer in ihrer Hand an und spürte den Schweiß auf ihrer Handfläche. Sie schluckte schwer und begann, mit dem Hörer gegen ihre Stirn zu klopfen, behutsam zuerst, dann fester und fester, bis sie den Schmerz spüren konnte.
7
DOROTHY
Dorothy liebte den Middle Meadow Walk, das Kommen und Gehen der Studenten, die vorbeirasenden Radfahrer, selbst die schrägsten Straßenmusiker. Ein Typ die Straße hinauf spielte einen funkigen Shuffle auf einem ramponierten alten Schlagzeug, und sie lächelte, als sie an ihr eigenes, glänzendes Schlagzeug im Studio auf der zweiten Etage ihres Hauses dachte. Das Festival war vorbei, und sie war erleichtert, als die Stadt endlich kein Hindernisparcours mehr von Kids war, die einem Flyer in die Hand zu drücken versuchten, aber sie vermisste auch diese spezielle Energie. Das alles wurde schnell ersetzt durch Studenten, die sich begeistert in ein neues Abenteuer in der großen Stadt stürzten. Der Walk war ein langer, breiter Boulevard, der sich von Marchmont bis ins Herz der Old Town erstreckte. Studenten lebten im erstgenannten Stadtteil und studierten in Letzterem, daher kam einem die Straße wie eine Arterie vor, und Dorothy stellte sich vor, ein Blutkörperchen zu sein, auf dem Weg zu einem anderen Körperteil Edinburghs, wobei sie ihre Nährstoffe dorthin brachte, wo sie gebraucht wurden.
Als sie das Söderberg erreichte, sah sie Thomas draußen sitzen. Er trug eine dunkelgrüne Jacke, weißes T-Shirt, Jeans, schwarz umrandete Brille. Es war ein strahlend heller Tag mit einem Hauch des nahenden Winters in der Luft. Er las ein Buch, und als sie ihn erreichte, sah sie, dass es von einer Japanerin war.
Sie berührte seine Schulter. »Ist es gut?«
Er drehte sich zu ihr und setzte die Brille ab, lächelte und klappte das Buch zu. »Sehr.« Er stand auf und umarmte sie. »Schön, dich zu sehen.«
»Gleichfalls.«
»Wie geht’s dir?« Eine große Frage.
Sie dachte darüber nach, statt einfach zu antworten, es gehe ihr gut. »Ich denke, es wird wieder.«
»Davon bin ich überzeugt«, sagte Thomas und zog ihr einen Stuhl heran.
Sie befanden sich an einem kleinen Tisch vor dem Café. Das Gebäude war groß und hatte eine Glasfassade, war Teil des modernen Stadtentwicklungsprojekts mit dem Namen Quartermile, das sich zwischen die Turmspitzen des alten Krankenhauses und die Universitätsgebäude schmiegte. Auf der Rückseite befand sich eine großräumige, offene schwedische Bäckerei, einer der Gründe, warum Dorothy es hier mochte. Helles, klassisches skandinavisches Mobiliar weckten in ihr die Sehnsucht nach einem Ort der klaren Linien und des Minimalismus, an dem sie nie gewesen war.
Sie bestellten Gebäck und Kaffee, Thomas wechselte ein paar schwedische Worte mit dem Kellner, der ihre Bestellung aufnahm.
»Er studiert Philosophie«, sagte Thomas, als der junge Mann fort war.
»Na, dann viel Glück!«
Dorothy genoss es, wie ihre Stimmen eine Geschichte transportierten. Ihre dezenten Spuren von Kalifornien, sein skandinavischer Akzent, sie beide, mittleren und höheren Alters, im matten schottischen Sonnenschein sitzend, zwei Einwanderer aus Liebe, jetzt allein. Wenn man lange Zeit woanders lebt, hat man eigentlich kein Zuhause mehr. Sie liebte Edinburgh, liebte den selbstironischen schottischen Humor, aber ihr Herz sehnte sich nach der Ehrlichkeit und dem Ehrgeiz der Pazifikküste. Sie fragte sich, was Thomas vermisste, wenn er an Göteborg dachte.
»So«, sagte Thomas und griff in seine Jackentasche. »Deine geheimnisvollen Überweisungen.«
Kein Drumherumgerede, etwas, das Thomas und Jim gemeinsam hatten. Aber sie musste aufhören, so zu denken. Er faltete ein Blatt auseinander und strich es auf dem Tisch glatt. Er setzte seine Lesebrille auf und blinzelte.
»Sie reichen etwa zehn Jahre zurück«, sagte er.
»Immer derselbe Betrag?«
Thomas nickte.
Meine Güte, das waren über fünfzig Riesen.
Thomas verlagerte sein Gewicht. »Sagt dir der Name Rebecca Lawrence etwas?«
Dorothy dachte einen Moment nach. Es hatte so viele Menschen in ihrem Leben gegeben, so viele Namen. »Nein, ich glaube nicht.«
»Sie ist fünfundvierzig Jahre alt, lebt mit ihrer zehnjährigen Tochter Natalie in Craigentinny.«
Genauso alt wie Jenny, was Dorothy nachdenklich machte. Und sie hatte eine Tochter. »Nein, das sagt mir nichts.«
Thomas ließ einen Finger über das Blatt gleiten, als der Kellner mit ihrer Bestellung kam. Er wartete, bis der Junge wieder fort war.
»Sie arbeitet als Rezeptionistin in einer Arztpraxis. Schon seit Jahren.«
Dorothy schüttelte den Kopf.
»Eine interessante Sache«, sagte Thomas und schaute auf. »Sie ist Witwe. Gewissermaßen.«
Der Duft ihres Kaffees und der Zucker des Gebäcks machten Dorothy für einen kurzen Moment schwindlig. Drei junge Frauen gingen vorbei, unterhielten sich laut über ihren gemeinsam verbrachten Abend, lachten, berührten sich zwanglos und voller Selbstvertrauen.
»Was meinst du mit ›gewissermaßen‹?«, fragte Dorothy.
»Ihr Mann ist verschwunden«, sagte Thomas. »Vor zehn Jahren. Sie hat eine offizielle Vermisstenanzeige aufgegeben.«
»Und?«
Thomas zuckte mit den Achseln und trank einen Schluck von seinem Espresso. »Er ist nie wieder aufgetaucht. Vor drei Jahren hat sie bei Gericht den Antrag gestellt, ihn offiziell für tot erklären zu lassen. Das bedeutet, er gilt von Rechts wegen als verstorben. Das kann man beantragen, wenn jemand seit sieben Jahren verschwunden ist. Es bedeutet, sie hat eine Sterbeurkunde erhalten, womit sie Anspruch auf seine Rente und so weiter erhält.«
Etwas nagte in Dorothys Hinterkopf. Ein in Tweed gekleidetes Paar mittleren Alters schlängelte sich an ihrem Tisch vorbei, wurde überholt von einer Gruppe drängelnder Jugendlicher in Sportkleidung.
»Dann ist er also etwa zu dem Zeitpunkt verschwunden, als diese Zahlungen anfingen?«, fragte Dorothy.
»Ein paar Monate vorher.«
»Das ist Zufall.«
»Ja.«
Dorothy berührte ihre Schläfe.
Thomas seufzte und spreizte die Hände. »Ich bin überzeugt, dafür gibt es eine vernünftige Erklärung.«
»Hier spricht jetzt aber nicht der Polizeibeamte. Das stinkt doch, und du weißt es.«
»Jim würde nie …« Er hatte den Anstand, seinen Satz nicht zu beenden.
»Wie heißt der verschwundene Ehemann?«
Thomas sah Dorothy an. »Simon Lawrence.«
Oh. Scheiße, sie kannte ihn.
8
HANNAH
Zuerst dachte sie, die Rezeption sei unbesetzt, doch dann hob ihre Mum den Kopf über die Kante des Tischs, als hätte sie dort geschlafen. Jenny blinzelte heftig. Eine Strähne ihrer roten Haare hatte sich aus dem locker gebundenen Pferdeschwanz gelöst und klebte nun an ihrer Lippe. Sie zog daran und hustete.
»Hey«, sagte sie.
Hannah hatte am Abend zuvor nur wenige Minuten mit der Polizei gesprochen, es war ein Reinfall. Sie dachte, vielleicht unternahmen sie nichts, weil es noch keine vierundzwanzig Stunden her war oder welchen Zeitraum auch immer man als Voraussetzung ansetzte. Aber der abgestumpfte Bulle mit seinem keuchenden Atem meinte am Telefon, das sei nur ein Klischee aus dem Fernsehen. In Wahrheit gebe es keine zeitliche Begrenzung für vermisste Personen, und die Polizei würde nur dann ermitteln, wenn es sich um eine besonders gefährdete Person handelte, wie zum Beispiel eine ältere Dame mit Demenz, die durch die Gegend irrte, oder ein Schulkind. Es gab offensichtlich kein Gesetz, das es mündigen Erwachsenen verbot, einfach zu verschwinden. Hannah überprüfte das im Anschluss an die Unterhaltung, und ärgerlicherweise hatte der Polizeibeamte recht. Er hatte beinahe gelacht, als Hannah ihre Besorgnis zum Ausdruck brachte, besonders als er hörte, dass Melanie Studentin war. Eine zwanzigjährige Studentin war noch nicht nach Hause gekommen, lasst die Suchmannschaften anrücken. Hannah bestand darauf, den Namen des Bullen und eine Bearbeitungsnummer des Anrufs zu erfahren, aber das war alles nur leeres Gepolter.
Um sieben Uhr hatte Yu Cheng angerufen, gerade als Hannah sie anrufen wollte. In Yus Stimme lag echte Besorgnis, als Hannah erzählte, noch nichts von Mel gehört zu haben. Hannah hatte bis dahin einen Deckel auf der Sache gehalten, aber nachdem sie mit Mels Mutter gesprochen hatte, beschlich sie ein ungutes Gefühl. Sie prüfte erneut die sozialen Medien, textete eine Menge Leute aus Mels Telefon an, nichts.
Es sprang ihr ins Auge, als Indy es aussprach. Mel war eine vermisste Person, und das hier war ein Fall. Wenn die Polizei nicht ermitteln wollte, musste es eben jemand anderes tun, also war das jetzt wohl sie. Das einzige Problem war nur, dass Grandpa tot war.
Jenny richtete sich auf.
»Ich brauche einen Privatdetektiv«, sagte Hannah.
Jenny kam hinter dem Schreibtisch hervor. »Was ist los?«
»Mel ist verschwunden.«
Hannah sah Falten um die Augen ihrer Mum, die sie bisher nicht bemerkt hatte. Außerdem hatte sie einen roten Fleck auf der Stirn und sah erschöpft aus. Jims Tod hatte sie alle mitgenommen, aber Hannah vergaß manchmal, dass er Jennys Dad war. Sie stellte sich ihren eigenen Dad auf einem Scheiterhaufen vor, was sie dabei empfinden würde.
»Wahrscheinlich ist sie bei ihrem Freund«, sagte Jenny.
Hannah schüttelte den Kopf. Sie hatte es bereits satt, die Einzelheiten durchzugehen, aber sie würde es wieder und wieder tun müssen, falls sie etwas deswegen unternehmen wollte.
»Xander hat sie nicht gesehen, wie auch niemand sonst.«
»Familie?«
»Yu ist krank vor Sorge.«
»Dann setz dich mit der Polizei in Verbindung.«
»Die sind nicht interessiert.«
»Was?«
»Sie kennen sie nicht. Das ist völlig untypisch für Mel.« Sie spürte, wie sich etwas in ihr regte, atmete tief ein, um es zu unterdrücken. »Ich brauche Hilfe, Mum. Ich muss sie suchen, denn sonst wird es niemand tun.«
Jenny musterte sie.
»Okay«, sagte sie schließlich.

Schrödinger schnurrte, als Hannah ihn vom Hals bis zum Schwanz streichelte. Anschließend ging er hinüber in die Sonne vor dem Fenster.
Sie saßen wieder am Küchentisch. Hannah rieb an einem klebrigen Whisky-Ring auf dem Holz. Es war ein wunderschöner Tag draußen, das Licht strömte herein. Sie betrachtete den Staub, der im Licht dahintrieb, und dachte an subatomare Partikel, auch wenn sie wusste, dass Teilchen eigentlich gar keine Teilchen waren, sondern vielmehr Wellen oder Felder oder Kräfte – es gibt jede Menge unterschiedlicher Metaphern, von denen keine so ganz zu den Zahlen und Gleichungen passt, mit denen wir das Universum zu erfassen versuchen.
»Ich bin kein Privatdetektiv«, sagte Jenny und trank einen Schluck Kaffee. Auf ihrem Becher befand sich eine Darstellung von Buddha. Der Kaffee war stark.
»Ich auch nicht.«
»Also können wir das nicht machen.«
Hannah hob die Augenbrauen. »Du hast mir doch immer gesagt, ich könnte alles tun, wenn ich mich nur darauf konzentrierte.«
Jenny verdrehte die Augen. »Komm schon, so was sagen Eltern ihren Kindern, damit sie nicht als Junkie-Poletänzerin enden.«
Hannah trank ihren grünen Tee. »Danke.«
Jenny wedelte mit der Hand zu dem Detektei-Whiteboard an der hinteren Wand. »Deine Gran wird dazu mehr sagen können, wo sie doch Dad jahrelang dabei zugesehen hat.«
Hannah beugte sich vor. »Du bist meine Mum, und ich bitte dich um Hilfe.«
Jenny schüttelte den Kopf.
Hannah spürte, wie Wut in ihr aufstieg. Ihre Mum zog ja so was von dauernd ihren Kopf ein, wie nannten sich die Generation-X-Leute noch selbst? Leistungsverweigerer? Nur eine Ausrede, sich nicht auf die Welt einzulassen, sich nur ja nicht echten Gefühlen auszusetzen.
»Was stimmt nicht mit dir?«, sagte sie. »Ich bitte dich darum, mir zu helfen.«
Jenny setzte sich auf. »Mein Dad ist gerade gestorben, oder hast du das schon vergessen?«
Hannah starrte sie mit großen Augen an. Sie wollte sich entschuldigen, aber gleichzeitig wollte sie ihre Mum auch schütteln und zur Vernunft bringen.
Schließlich sprach Jenny. »Jedenfalls hab ich sowieso keinen Schimmer, wo ich anfangen sollte.«
Das war so was wie eine Einwilligung. Genug, für den Moment.
»Wie schwer kann das denn sein? Wir ermitteln einfach«, sagte Hannah. »Wir reden mit Leuten, gehen Mels Bewegungen nach, werfen ein scharfes Auge auf Dinge.«
»Wahrscheinlich ist sie längst wieder heil und gesund in eurer Wohnung.«
»Dann hätte Indy längst angerufen.«
»Ich finde nur einfach, dass es keine große Sache ist.«
Hannah nahm Mels Telefon heraus und knallte es auf den Tisch. »Ohne das hier wäre sie nie irgendwohin gegangen! Und es ist jetzt über vierundzwanzig Stunden her, seit sie jemand das letzte Mal gesehen hat.«
»Du tust ja gerade so, als dürften Leute nicht mehr ihr eigenes Ding machen«, sagte Jenny. »Es muss nicht jeder rund um die Uhr erreichbar sein.«
»Bitte erspar mir das Gelaber über die gute alte Zeit, vier Kanäle im Fernsehen, keine Fernbedienungen, kein Internet. Ihr hattet euren Spaß mit Hula-Hoops und Stöckchen, stimmt’s?«
»Vielleicht wollte sie ja einfach mal Ruhe haben, um zu lernen oder um Drogen zu nehmen oder um sagenhaften Sex mit unpassenden Männern zu haben.«
»Sie hat weder Klamotten noch ihr Handy noch eine Zahnbürste mitgenommen. Falls sie irren Sex mit einer Rockerbande im Sinn hatte, würde sie bestimmt saubere Zähne haben wollen.«
»Sie wird wieder auftauchen.«
Hannah schob ihren Stuhl zurück. »Ich hoff’s, aber bis dahin lass uns einfach nach ihr suchen.«
Jenny hob die Hände, gab klein bei. »Und wie stellen wir das an?«
Hannah ging mit großen Schritten zum Whiteboard und starrte auf die dort notierten Namen. Sie zog die Kappe eines Markers ab; der Geruch erinnerte sie an Uniseminare. Auf einen freien Bereich der Tafel schrieb sie »Melanie Cheng«, zog Linien von Mels Namen und fügte hinzu: »Fester Freund Xander«, »Familie«, »Kommilitonen«, »Uni-Personal«.
»Was würde ein Detektiv tun?«, fragte sie laut und sah Jenny an.
Ihre Mum zuckte mit den Achseln.
Hannah klopfte den Marker gegen ihre Hand. »Mit dem Freund anfangen.«
»Was ist mit den anderen Kategorien?«, fragte Jenny.
Hannah sah auf die Tafel und schüttelte den Kopf. »Mir fällt nichts ein.«
»Familiäre Sachen? Kulturelle Probleme einer jungen, unabhängigen chinesisch-schottischen Frau?«
Hannah presste die Lippen aufeinander. »Das ist rassistisch. Yu und Bolin sind liberal eingestellte Akademiker, sehr weltoffen und unvoreingenommen.«
»Sie hat doch einen Bruder, stimmt’s?«
»Er ist cool.«
»Bist du sicher?«
Hannah konnte sich nicht vorstellen, dass Vic irgendwas tun würde, um Mel zu schaden.
»Was ist mit Aktivitäten außerhalb der Uni?«, fragte Jenny. »Clubs, Vereine, schräge Marotten?«
Hannah zog eine weitere Linie von Mels Namen und schrieb: »Quantum Club.«
»Ist das so ein Fantasy-Ding?«, fragte Jenny.
Hannah warf ihrer Mum einen schrägen Blick zu. »Es ist ein Debattierclub, hat was mit Philosophie zu tun. Wir machen da beide mit.«
»Hast du mir gegenüber aber noch nie erwähnt.«
»Du hast nicht gefragt.«
»Worüber redet ihr so?«
»Eigentlich über alles. Die Auswirkungen der modernen Physik auf das Leben, das Universum und alles.« Hannah wusste, dass ihre Mum die Anspielung auf Per Anhalter durch die Galaxis nicht verstehen würde. »Er wird von Bradley Barker geleitet, einem der Doktoranden.«
Hannah setzte seinen Namen ebenfalls auf die Tafel. Sie konnte unter dem, was sie geschrieben hatte, die Schatten von älterem Geschreibsel sehen, das von ihrem Grandpa stammte, und sie dachte darüber nach, wie sich die Moleküle der Schreibwand mit der Tinte des Markers vermischten, diesen Fall mit jedem älteren verwob, sowohl den gelösten wie den unaufgeklärten.
»Okay«, sagte Jenny. »Also sollte eine von uns mit Xander reden, und die andere spricht mit diesem Bradley.«
»Es ist niemand unten«, sagte Dorothy, woraufhin Hannah sich umdrehte. Ihre Gran stand in der Tür und hielt ein gefaltetes Blatt Papier in der Faust. Zuerst fiel ihr Blick auf das Whiteboard, anschließend sah sie Hannah und Jenny an. »Was macht ihr da?«
Hannah sah Jenny an, dann wieder ihre Gran.
»Wir arbeiten an einem Fall«, sagte sie.
9
DOROTHY
Archie zapfte wie eine Krankenschwester die Halsschlagader an, und Dorothy schaute zu, wie die Pumpe ihre Arbeit erledigte, Balsamierflüssigkeit in den Körper der Frau drückte, wodurch das Blut ersetzt wurde. Das Summen der Pumpe und der chemische Geruch erinnerten sie an Jim. Aber alles erinnerte sie an Jim, vielleicht sollte sie verkaufen und nach fünfzig Jahren nach Pismo Beach zurückkehren, um nie wieder heimgesucht zu werden.
»Hi, Archie«, sagte sie vom Flur aus.
Er schaute auf. »Hallo.«
Sie näherte sich der Leiche. Bleich und gummiartig. Nicht wie die Leichen in Fernsehfilmen, das war etwas, das in solchen Sendungen immer falsch dargestellt wurde. Es lagen offensichtlich Schauspieler dort, die atmeten, deren Blut in den Adern mit Sauerstoff angereichert wurde, die immer noch von Hoffnungen und Enttäuschungen angetrieben wurden. Die vor ihr liegende Frau hingegen hatte keine Enttäuschungen mehr, keine Hoffnungen.
»Gina O’Donnell«, sagte Archie.
Dorothy streckte eine Hand aus, und ihre Finger schwebten über den Abschürfungen auf Ginas Hals. Selbstmord mit neununddreißig, hatte sich mit einem Gürtel an der Deckenlampe in ihrem Schlafzimmer erhängt. Dorothy konnte auf ihrer Haut immer noch den Abdruck der Schnalle erkennen.
Archie folgte ihrem Blick. »Dürfte kein Problem sein, das abzudecken.«
Dorothy nickte. Archie war nicht so geschickt wie Jim bei den Leichen, aber er war gut genug, und er war gewissenhaft. »Die Schwester kümmert sich um alles, oder?«
»Ja.«
»Hat sie schon Kleidung gebracht?«
Archie sah nach der Pumpe, der verschwindenden pfirsichfarbenen Flüssigkeit. »Gestern. Nach der …«
Er meinte, nachdem sie Jim verbrannt hatten.
Dorothy sah zu, wie er die Nadel in der Arterie kontrollierte, den Schlauch, der zur Pumpe lief. Ein anderer Arbeitgeber hätte ihn vielleicht gehen lassen, als die Natur seiner Krankheit entdeckt wurde, doch Dorothy hielt zu ihm, und es hatte sich ausgezahlt. Nach dem Tod seiner Mutter hatte sich bei ihm das Cotard-Syndrom ausgebildet, ein psychisches Krankheitsbild, bei dem der Patient phasenweise überzeugt ist, eigentlich tot zu sein. So etwas kann zusammen mit posttraumatischen Belastungsstörungen auftreten, und Archies Verlust war ganz eindeutig ein Auslöser. Er fing an, sich auf Friedhöfen und bei Krematorien herumzutreiben, besuchte die Beerdigungen wildfremder Menschen, weil er sich dort unter seinesgleichen fühlte. Einer der merkwürdigen Aspekte dieser Krankheit ist, dass die Patienten nicht über Selbstmord nachdenken, weil sie ja glauben, längst tot zu sein. In schweren Fällen können Patienten sich zu Tode hungern.
Bei Archie war es nie so ernst, aber während seines ersten Jahres bei ihnen litt er schweigend. Dorothy bemerkte seine zunehmende Teilnahmslosigkeit und forschte behutsam nach. Er erledigte immer noch seine Aufgaben, wenn auch nur das absolute Minimum, interagierte ansonsten aber gar nicht. Dorothy überredete ihn, sich ärztliche Hilfe zu holen, und nach monatelangen Untersuchungen kam ein über die aktuelle Forschung informierter Psychiater auf diese Diagnose. Es folgten mehrere Jahre, in denen verschiedene Antidepressiva und Neuroleptika nach der Trial-and-Error-Methode ausprobiert wurden, bis man schließlich eine ausbalancierte Mischung fand. Die Vorstellung, längst tot zu sein, verließ jedoch nie ganz seinen Verstand.
Dorothy versuchte, sich das vorzustellen, zu glauben, die Seele habe den eigenen Körper verlassen und man sei eine wandelnde Leiche. Schlimmer als der wirkliche Tod, gefangen in einem verwesenden Körper, gefangen zwischen dieser Welt und der nächsten.
»Ich möchte dich etwas fragen«, sagte sie.
»Natürlich.«
Sie sah Gina auf dem Tisch an, diese Male auf ihrem Hals.
»Was weißt du noch von Simon Lawrence?«
Archie hörte auf, die Chemikalien auf der Ablage auszurichten. »Warum fragst du?«
»Ich musste neulich an ihn denken, das ist alles.«
Jetzt schaute Archie auf. »Nicht viel. Er war die ersten paar Monate hier, nachdem ich bei euch angefangen hatte. Ist meistens gefahren, hat gelegentlich auch in der Schreinerei ausgeholfen.«
»Wie war er so?«
»Um ehrlich zu sein, kannte ich ihn eigentlich gar nicht richtig. Worum geht’s denn?«
Dorothy meinte plötzlich, der Raum sei viel zu hell, die Deckenbeleuchtung wäre wie die grellen Lampen bei Verhören. Trotz der niedrigen Temperatur war ihr plötzlich warm.
»Weißt du noch, warum er gegangen ist?«
Archie schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Jim hat gesagt, er hätte irgendwo in einem Büro einen anderen Job gefunden. Ich bin nicht sicher, wie sehr er diese Arbeit hier mochte. Nicht jeder kommt damit zurecht.«
Dorothy warf einen Blick auf die Pumpe, halb gefüllt mit der Balsamierflüssigkeit, die sanft plätscherte wie eine Slushy-Maschine. Sie legte eine Fingerspitze auf Ginas Hand, kalt wie Gummi, überhaupt nicht menschlich.
»Nein«, sagte sie. »Es ist nichts für jeden.«
10
HANNAH
Das Southpour war eine typische Hipster-Bar, unverputztes Mauerwerk, Beleuchtungskörper mit Designer-Rost, flackernde alte Glühlampen, die praktisch kein Licht abgaben. Die Speisekarte bestand aus Sauerteigbrot, Craftbieren und einer langen Liste ausgefallener Ginsorten sowie Mixgetränken des einundzwanzigsten Jahrhunderts, was immer das sein mochte.
In den fünf Jahren, seit Hannah das erste Mal Alkohol getrunken hatte, waren die meisten Altherren-Pubs aus der Southside verschwunden. Hannah hatte dazu eine ambivalente Einstellung. Wenigstens konnten junge Frauen jetzt etwas trinken, das nett schmeckte, ohne begrabscht zu werden, obwohl der Stress natürlich nie aufhörte. Andererseits bezahlte man einen Zehner für einen Drink und eine Tüte handgefertigte Chips.
Xander stand hinter dem Ende der Theke, das Kinn auf dem Handballen abgestützt, als würde die Blondine, die er anstarrte, das Interessanteste auf der Welt erzählen.
Er bemerkte Hannah, und der Ausdruck in seinen Augen änderte sich, gefolgt von seiner Körpersprache. Er entfernte sich langsam von der Frau und wandte sich Hannah zu.
»Hast du sie gesehen?«, fragte er.
»Genau das wollte ich dich auch gerade fragen.«
»Sie ist gestern Abend nicht nach Hause gekommen?«
Hannah schüttelte den Kopf. Sie blickte auf das Regal mit den Alkoholflaschen, auf die an Holzbalken befestigten Lichterketten. Die Bar war in der Mittagszeit fast leer, und sie stellte sich vor, Xanders Hemd zu packen und ihn über die Theke und auf den Boden zu zerren.
»Du musst mir alles sagen, was du weißt«, sagte sie.
Als sie Hannahs Ton hörte, nahm die Blondine ihren kirschfarbenen Drink voller Minze und entfernte sich von der Theke. Xander sah ihr nach.
Hannah deutete mit dem Kopf auf den Hintern des Mädchens. »Du wartest nicht lange, was?«
»Sie ist nur ein Gast.«
»Okay.«
»Hast du schon mit Mels Leuten gesprochen?«
Hannah sah ihn scharf an. Er war über eins achtzig groß und schlaksig, erinnerte mehr an ein Bündel weicher Nudeln als an ein menschliches Skelett, überzogen mit Fleisch und Haut. Sie hatte ihn immer für harmlos gehalten, aber Mels Verschwinden hatte etwas in ihr verhärtet, und jetzt betrachtete sie alles voller Misstrauen.
Hannah nickte. »Sie hat sich gestern nicht wie vereinbart zum Mittagessen mit ihnen getroffen. Sie sind extra aus Dundee heruntergekommen.«
Xander wirkte beunruhigt. »Das sieht ihr gar nicht ähnlich.«
Hannah kramte in ihrer Tasche und zog Mels Handy heraus. »Und das hier hat sie auch nicht.«
»Scheiße.«
Hannah bewegte den Daumen über den Bildschirm des Telefons, und das Bild von Mel und Xander erschien. »Wann hast du sie denn das letzte Mal gesehen?«
Xander wischte die Theke mit einem Tuch ab, obwohl sie sauber war. »Bist du jetzt eine Detektivin?«
Hannah dachte darüber nach. »Ich will nur meine Freundin finden. Und wir benutzen lieber das Wort Ermittler statt Detektiv.«
»Im Ernst jetzt?«
Hannah zuckte mit den Achseln. »Es scheint dich nicht sehr zu beunruhigen, dass Mel verschwunden ist.«
»Natürlich beunruhigt es mich. Aber du bist die Einzige, die sich Sorgen machen darf, ist es das?«
Hannah hatte in der Vergangenheit nicht viel mit Xander zu tun gehabt. Sie erinnerte sich, wie er und Mel nach einer Kennenlernparty des Physik Clubs im King’s Buildings House zusammengekommen waren. Es war eine eher hirnlose Veranstaltung, wie sie es immer sind, und das Licht an der Theke war viel zu grell, aber sie sah, wie die zwei in einer Ecke saßen und redeten, Blickkontakt und Körpersprache waren eindeutig. Mel war auf eine sittsame Art hübsch, strenger Pony, ihre schwarzen Haare immer glänzend, kein Make-up, aber makellose Nägel. Sie wirkte eher verschlossen, organisiert. Sie hatte vorher nie wirklich über Jungs geredet, daher war Hannah überrascht, dass sie und Xander sich so schnell gut verstanden. Verglichen mit Mel, konservativ und akkurat, war Xander eher wie eine betrunkene Giraffe, die wie benebelt herumtapst. Oder vielleicht war er, als sie ihn jetzt beobachtete, auch deutlich mehr beieinander, bewusster.
»Du darfst dir Sorgen machen«, sagte Hannah und pflanzte sich auf einen Barhocker. »Kann ich einen Drink haben?«
Xander schüttelte den Kopf, als wollte er sagen, er verstünde die Frauen nicht, was zweifellos so war. »Was kann ich dir bringen?«
Hannah ließ den Blick über das Regal wandern und sah eine Flasche, die sie erkannte. »Highland Park, pur.«
Xander hob die Augenbrauen, als er nach der Flasche griff. Sein T-Shirt rutschte hoch, und sie sah das Superdry-Logo auf seiner Unterwäsche.
»Hätte dich nicht für ein Single Malt-Mädchen gehalten.«
»Du weißt nichts über mich.«
Es lag nicht unbedingt an ihm, aber etwas an dieser Situation machte sie wütend. Vielleicht war es, wie er mit der Blondine geredet hatte, als Hannah hereinkam, oder auch einfach nur seine völlig unverständliche Zuversicht. Oder die Tatsache, dass das rationalste Mädchen, das Hannah kannte, einfach von der Bildfläche verschwunden war.
Der Whisky wurde mit einem dumpfen Geräusch auf die Theke gestellt, und Hannah zahlte. Sie hob das Glas an die Nase und atmete ein, spürte, wie die verdunstenden Moleküle in ihrer Nase brannten. Sie dachte an Grandpa. Wie würde er Melanie finden?
»Sag mir, wann du das letzte Mal Kontakt mit ihr hattest«, bat Hannah und trank einen Schluck.
»Kontakt hatte?«
»Du weißt schon, was ich meine – gesehen, gesprochen mit ihr, gewhatsapped, gesextet.«
»Wir haben nie gesextet.«
Das wusste Hannah bereits, nachdem sie Mels Handy gecheckt hatte.
Xander kratzte an einem imaginären Fleck auf der Theke. »Gestern hab ich sie gar nicht gesehen. Sie sollte nachmittags im Seminar sein, also hab ich ihr eine Nachricht geschickt, auf die sie allerdings nicht geantwortet hat. Sie war am Abend davor bei mir, ist aber nicht über Nacht geblieben, weil sie morgens in ihrem eigenen Bett aufwachen wollte, um sich für das Treffen mit ihrer Familie fertig zu machen.«
Das stimmte mit Mels Telefon überein, aber Xander wusste, dass Hannah es hatte, also wäre es dumm, etwas anderes zu behaupten.
»Wie hat sie auf dich gewirkt?«
»Wie immer.«
»Was habt ihr gemacht?«
»Wir haben Pasta gegessen. Mel hat sie gemacht.«
»Sie kocht, wenn sie bei dir ist?«
»Sie kocht gern, das weißt du doch.«
»Also hast du sie machen lassen.«
»Warum nicht?«
»War sonst noch jemand da?«
Xander verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen und schüttelte den Kopf. »Die Jungs waren im Pub und haben Champions League gesehen.«
Hannah fragte sich, ob sie sich Notizen auf ihrem Handy machen oder die Unterhaltung aufnehmen sollte. Vielleicht sollte sie sich einen dieser Notizblocks besorgen, wie sie im Fernsehen immer von den Cops benutzt werden, dann das Ende eines Bleistifts oder so anlecken und alle Einzelheiten aufschreiben.
»Die Jungs?«, hakte sie nach.
»Meine Mitbewohner.«
Mel hatte Xanders Mitbewohner mal erwähnt, und wenn man zwischen den Zeilen las, mochten die sie nicht besonders, weil sie ihnen ihren Kumpel wegnahm.
»Die Namen?«, sagte Hannah und nahm ihr Handy heraus.
»Echt jetzt?«
»Willst du sie nicht finden?«
»Das hat doch mit ihnen gar nichts zu tun.«
»Woher weißt du das?« Hannah trank einen Schluck Whisky und spürte, wie ihr Jims Geist Kraft gab. »Woher weißt du, was wichtig ist und was nicht? Alles könnte sehr wichtig sein, man weiß es nicht.«
Xanders Blick wanderte durch die Kneipe nach einem Gast, der hereinkam und ihn rettete. »Darren und Faisal.«
Sie gab die Namen in ihr Handy ein. »Nachnamen?«
»Ist das wirklich nötig?«
Sie sah ihn fordernd an.
Er seufzte. »Grant und McNish.«
»Haben sie sich mit Mel verstanden?«
»Klar, sie ist super.«
»Haben die sie überhaupt in deiner Wohnung gesehen?«
Xander schob die Hände in die Taschen. Er hatte ein Fitbit-Imitat am Handgelenk, und Hannah fragte sich, ob das nachverfolgt werden konnte. Nicht dass sie gewusst hätte, wie man so etwas macht. Er schüttelte den Kopf. »Sie sind nach den Vorlesungen direkt in den Pub.«
»Und nach der Pasta?«
Er sah sie belämmert an. »Du weißt schon.«
»Ihr hattet Sex.«
Er bekam einen roten Kopf. »Himmel, ja, auch.«
»Und dann?«
»Haben wir einen Film auf meinem Laptop angesehen.«
»Welchen Film?«
»Spielt das eine Rolle?«
»Alles spielt eine Rolle.«
»Auslöschung. Sci-Fi auf Netflix.«
»Und wann genau ist sie gegangen?«
»Gegen Mitternacht. Ich hab sie nach Hause begleitet.«
Das stimmte mit dem überein, woran Hannah sich erinnerte, dass Mel etwa um Viertel nach zwölf hereinkam. Sie trank das Glas aus und stellte es auf die Theke.
»Kann ich mal dein Handy sehen?«
»Wozu?«
Hannah zuckte mit den Achseln. »Nur, um ein paar Sachen zu checken.«
Xander nahm ihr Glas und ließ es von einer Hand zur anderen rollen.
»Nein«, sagte er. »Das ist eine Verletzung der Privatsphäre.«
»Nur, wenn du was zu verbergen hast.«
Sie wollte ihn provozieren, dazu bringen, dass er etwas sagte, das ihn verriet.
»Leck mich, Hannah«, stieß er hervor und stellte das Glas in die Spülmaschine. »Ich hoffe, du findest Mel, aber du kannst mich trotzdem mal.«
11
DOROTHY
Craigentinny sah völlig anders aus als alles, was man sich unter Edinburgh vorstellen konnte. Es waren nicht das Schloss und die Turmspitzen des Touristenzentrums oder das Durcheinander der Mietshäuser in der Old Town. Es waren nicht die georgianischen Stadthäuser der New Town oder die zusammengestückelten Siedlungen aus Trainspotting. Das hier waren breite, nichtssagende Straßen voller 1930er Bungalows, kleiner Gärten und angebauter Garagen, vereinzelt mal ein Wohnwagen in einer Einfahrt. Das hier war ein Vorort nahe am Meer, eingerahmt von einem kommunalen Golfplatz und einer Wertstoffsammelstelle. Dorothy sah auf die Rückseite von Arthur’s Seat, auf die sanften, mit Ginster bewachsenen Hänge, die im Kontrast zu den Steilhängen der Vorderseite standen, und es war, als sehe man Edinburghs großer alter Dame unter die Röcke.
Sie überprüfte die Adresse, die Thomas ihr gegeben hatte, 72 Craigentinny Avenue. Grauer Backstein, Mansardenfenster zur Straße, ein weißer Ford Ka vor der Tür. Das perfekte kleine Heim von irgendwem. Dorothy konnte sich nie an den Platzmangel in schottischen Häusern gewöhnen. Die Menschen hier schienen glücklich zu sein mit einem winzigen Stückchen Land, wo sie eng aufeinanderhockten. Zu Hause in Pismo Beach waren sie nicht wirklich reich gewesen, aber sie wuchs in einem Haus so groß wie das der Skelfs auf, ausladend, eingeschossig mit neuen Anbauten in allen Richtungen. Schottische Häuser wirkten vergleichsweise düster, verklemmt. Vielleicht genau wie die darin lebenden Menschen.
Sie verschränkte einen Moment die Finger über ihrem Herz, atmete durch die Nase ein und durch den Mund aus, versuchte, ihre Mitte zu finden. Sie ermahnte sich, dass diese Frau sie nicht erwartete, es würde ein Schock sein. Und was die Frau zu sagen hatte, könnte Dorothy ebenfalls schockieren.
Sie öffnete das schwarze Törchen, ging den Weg hinauf und klingelte an der Haustür.
Wartete.
Sah eine Bewegung durch das strukturierte Glas der Tür, die schließlich geöffnet wurde von einem vielleicht zehnjährigen Mädchen in Schuluniform, weißes Polohemd mit kastanienbrauner Strickjacke. Auf dem goldenen Wappen der Strickjacke stand oben »Craigentinny« und »I Byde it« darunter. Dazwischen ein Jagdhorn, etwas, das wie zwei gekreuzte Zuckerstangen aussah, und die Palette eines Malers. Dorothy kannte genug Schottisch, um zu wissen, dass »byde« so viel wie »leben« bedeutete, aber das ergab keinen Sinn. »Ich lebe es« – was für ein Schulmotto war das denn?
Sie lächelte. »Hi, wie heißt du?«
»Natalie.«
»Ist deine Mum oder dein Dad zu Hause?«
Sie nickte und drehte sich um. »Mum!« Das brüllte sie die Treppe hinauf. »Sie kommt gerade.« Natalie blieb in der Tür stehen und starrte das Muster von Dorothys blauem Kleid an.
Dorothy hörte Schritte, dann wurde die Tür weiter geöffnet.
Rebecca Lawrence war etwa in Jennys Alter, jung genug, um Jims Tochter sein zu können. Dorothy sah Natalie hinterher, die im Wohnzimmer verschwand, und versuchte, keine düsteren Gedanken zuzulassen. Rebecca hatte Kurven, die keine Skelf-Frau je haben würde. Breite Hüften, volle Brüste, ein rundes Gesicht. Wenn eine Skelf-Frau zulegte, wurde sie pummelig, aber Rebecca war eher sexy als pummelig. Ihre Haarfarbe changierte zwischen blond und brünett, und sie trug ein graues Kostüm, Kleidung fürs Büro. Schwarze Strumpfhosen, aber keine Schuhe, was seltsam intim wirkte.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie. Ihr Akzent wies auf gebildeteres Edinburgh hin, war höflich, zugänglich.
»Entschuldigen Sie bitte die Störung, mein Name ist Dorothy … Skelf.«
Rebeccas Gesicht verhärtete sich bei Erwähnung des Nachnamens. »Was wollen Sie?«
»Ich möchte über Ihren Mann sprechen, über Simon.«
»Simon ist tot.«
Es klang, als versuche sie sich immer noch davon zu überzeugen.
»Mein Mann ebenfalls, vor einer Woche.« Dorothy berührte die Wand neben der Tür, woraufhin sich Staub löste. »Darf ich reinkommen?«
Rebecca seufzte, trat einen Schritt zur Seite und führte Dorothy in die Küche.
Schränke und Herd waren alt, schon sehr lange nicht ersetzt worden. Mehrere Risse in den Bodenfliesen neben dem Kühlschrank. Zeichnungen von Natalie waren mit Magneten an der Kühlschranktür befestigt, daneben Zettel über Schulsport und Cheerleading.
Rebecca lehnte sich mit verschränkten Armen an die Arbeitsfläche. »Und?«
»Es ist ein bisschen unangenehm.«
»Ja, ist es.«
»Wir sind uns nicht begegnet, als Simon bei uns arbeitete.«
»Nein«, sagte Rebecca. »Er hat Arbeit und Freizeit gern auseinandergehalten. Wollte den Tod nicht mit nach Hause bringen.«
In Dorothys Zuhause war der Tod allgegenwärtig. »Das verstehe ich.«
»Was wollen Sie, Mrs Skelf?«
»Bitte, Dorothy.«
Rebecca rümpfte darüber die Nase, als Natalie hereinkam und am Ärmel ihrer Mutter zog. »Darf ich bitte was zu naschen haben?«
Rebecca sah hinunter, ihre Körpersprache war sofort offener und freundlicher. »Gleich, okay?«
Natalie schlenderte wieder hinaus. Dorothy hörte aus dem anderen Zimmer den Ton eines Zeichentrickfilms.
»Sie ist bezaubernd«, sagte Dorothy.
»Sie ist eine ziemliche Nervensäge, wie alle Kids.«
»Und Sie haben sie allein großgezogen.«
»Worum geht’s hier?«
Dorothy schaute sich um. Küchengeräte, ein halb volles Weinregal, Kochbücher von Jamie und Nigella. »Wie ich schon sagte, Jim ist letzte Woche gestorben.«
»Tut mir leid, das zu hören.«
Dorothy winkte ab. »Ich bin Papierkram durchgegangen, persönliche Sachen von Jim, die Geschäftskonten und so weiter.«
»Hm-hm.«
Die Luft hatte sich plötzlich abgekühlt, Dorothy spürte das Kribbeln einer Gänsehaut.
»Ich habe entdeckt, dass von unserem Geschäftskonto Zahlungen auf Ihr Girokonto erfolgt sind. Jeden Monat fünfhundert Pfund. Seit Jahren.«
»Das ist richtig.«
»Ich weiß nichts davon. Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir den Grund zu verraten?«
Rebecca zuckte mit den Achseln. »Es ist Simons Lebensversicherung.«
Dorothy rieb ihren Ellbogen. »Wir haben keine Lebensversicherung für unsere Mitarbeiter, Rebecca.«
Die Verwendung ihres Namens schien sie in Harnisch zu bringen, als wäre es zu locker, zu persönlich.
»Das ist aber nicht, was Ihr Mann gesagt hat.«
»Wann?«
Rebecca schloss die Küchentür, und die Geräusche des Zeichentrickfilms verstummten. »Das ist schon viele Jahre her, es ist Vergangenheit.«
Dorothy berührte ihre Schläfe. »Bei allem Respekt, das ist es nicht. Das Geld wird immer noch von unserem Konto überwiesen.«
»Ich habe Ihnen doch gesagt, das ist meine Lebensversicherung, für Simon.«
»Das ergibt doch keinen Sinn«, sagte Dorothy. »Selbst wenn wir so ein Arrangement hätten, würde das Geld doch nicht direkt von uns kommen, es würde von der Versicherung angewiesen.«
»So hat Mr Skelf es mir aber nicht gesagt, als er hier war, um es zu erklären.«
Dorothy sah sich um, als könnte Jims Geist womöglich aus einem Schrank springen. »Er ist hierhergekommen?«
Rebecca nickte. »Im Anzug, mit einer Aktentasche. Ich musste verschiedene Dokumente unterschreiben.«
»Was für Dokumente?«
Rebecca verschränkte die Arme. »Kann mich nicht erinnern, irgendein rechtlicher Kram. Das ist gut zehn Jahre her.«
»Besitzen Sie eine Kopie dieser Dokumente?«
»Irgendwo, ja.«
»Kann ich sie mal sehen?«
»Nein.«
»Ich habe in unseren Papieren keinerlei Dokumentation zu dieser Sache gefunden.«
Rebecca hob die Augenbrauen. »Das ist Ihr Problem.«
Dorothy rieb ihren Nasenrücken. »Vielleicht könnten Sie mir sagen, was Ihrem Mann zugestoßen ist.«
»Vielleicht könnten Sie sich um Ihren eigenen Kram kümmern.«
»Ich möchte es nur verstehen«, sagte Dorothy. »Sie sagen, Ihr Mann sei tot, aber das ist streng genommen nicht die ganze Wahrheit, oder?«
»Haben Sie mir nachspioniert?«
»Bitte.«
Rebecca ging zum Wasserkocher, als wollte sie ihn auf den Herd stellen, berührte aber nur seine metallene Seite. »Für mich ist er tot.«
»Er ist verschwunden.«
Rebecca lehnte sich an die Arbeitsplatte, diesmal als benötige sie den Halt. »Ich weiß nicht, warum Sie das jetzt ausgraben. Eines Tages ist er zur Arbeit aus dem Haus gegangen und nicht mehr zurückgekehrt. An dem Abend habe ich bei Skelfs angerufen und mit Ihrem Mann gesprochen, der sagte, Simon sei an diesem Tag nicht zur Arbeit erschienen. Es fehlte keine Kleidung, keine Taschen, er hat nichts mitgenommen. Er hat auch nie auf unser Konto zugegriffen. War einfach weg.«
»Was hat die Polizei gesagt?«
Rebecca lachte bitter auf. »Es ist nicht verboten zu verschwinden. Tausende tun das jedes Jahr. Die Schlussfolgerung lag nahe: Er hatte genug von mir.«
»Und Ihre Tochter?«
Das entlockte ihr einen eisigen Blick. »Ich war schwanger mit ihr, als es passierte.«
»Haben Sie versucht, ihn zu finden?«
»Wie denn?«
»Durch einen Privatdetektiv.«
»Ich hatte kein Geld.«
»Wussten Sie, dass Jim nicht nur Bestattungsunternehmer, sondern auch Privatdetektiv war?«
Rebecca sah sie an, als wäre sie verrückt. »Nein.«
Dorothy versuchte, es richtig auf die Reihe zu bekommen. Etwa zu dieser Zeit hatte er mit der Detektei begonnen, daher war sie nicht ganz sicher, ob das schon lief, als Simon verschwand. Scheiße, vielleicht war Simons Verschwinden ja der Grund, warum Jim damit angefangen hatte. Ergab das einen Sinn? Jim hatte ihr immer gesagt, die Sache mit der Detektei hätte sich ergeben, weil ein Hinterbliebener, ein Kunde des Bestattungsunternehmens, einen lange verschollenen Cousin finden wollte. Aber Dorothy begann, alles infrage zu stellen. Jim hatte definitiv gelogen, was Simon betraf, denn zu Dorothy hatte er gesagt, Simon habe einfach gekündigt, während er Rebecca sagte, er sei nicht mehr zur Arbeit erschienen. Warum sollte er lügen? Warum sollte er nicht anbieten, Simon zu suchen? Warum gab er Rebecca Geld?
»Erzählen Sie mir von dieser Lebensversicherung«, sagte Dorothy.
»Jim ist hergekommen, als Simon für vermisst erklärt wurde. Er sagte, Simon habe bei der Firma eine Versicherung abgeschlossen, dass die Skelfs mir Geld schuldeten.«
Dorothy schüttelte den Kopf. »Sie wissen selbst, wie dünn sich das anhört.«
Rebecca drückte sich von der Arbeitsplatte ab, hatte die Arme gesenkt. »Sie sollten jetzt gehen.«
»Ich vermute, Sie wollten nicht zu viel über Geld nachdenken, das einfach so kam.«
Rebecca öffnete die Küchentür. »Gehen Sie.«
»Was macht mein Knabberzeug?«, fragte Natalie aus dem anderen Raum.
»Gleich«, rief Rebecca zurück.
»Es sei denn, da ist noch etwas, das Sie mir verheimlichen.«
Rebecca schüttelte den Kopf. »Wie können Sie es wagen, hierherzukommen und mich eine Lügnerin zu nennen? Wenn Sie nicht sofort gehen, rufe ich die Polizei.«
Was hatte Dorothy denn in der Hand – außer verworrenen, zehn Jahre alten Erinnerungen und einer Aufstellung von Zahlungen? Sie ging an Rebecca vorbei, spürte die von ihr ausgehende Wut. Sie stellte sich vor, wie schlechtes Juju durch ihre eigene Haut hindurch in ihre Seele sickerte.
In der Tür zum Wohnzimmer blieb sie stehen, sah, wie Natalie irgendetwas mit sprechenden Tieren und Geistern anschaute.
»Nett, dich kennenzulernen, Natalie«, sagte sie.
Natalie drehte sich zu ihr um. »Bye.«
Dorothy spürte Rebeccas Berührung auf ihrer Schulter und ging zur Haustür weiter. Rebecca führte sie hinaus, eine feste Hand auf ihrem Rücken.
»Kommen Sie nicht wieder«, sagte sie, als die Tür sich schloss.
12
JENNY
King’s Buildings war ein Kaninchengehege. Hannah hatte sie gewarnt, aber Jenny ging davon aus, dass ihr Orientierungssinn obsiegen würde. Doch das Universitätsgelände schien auf Verwirrung angelegt worden zu sein, war voller winziger Räume, Ecken und Enden, Hecken und Grünzeug verbargen die Rohre, den Beton und die abblätternde Farbe der naturwissenschaftlichen Gebäude.
Es war schräg, von Studenten umgeben zu sein, als wären sie Außerirdische. Allerdings herrschte hier eine Energie, eine Unbekümmertheit gegenüber ihrem Herumgeblödel, was darauf hindeutete, dass sie keine Ahnung von dem Desaster hatten, das das Leben für sie bereithielt. Jenny stellte sich das Ende von Die Körperfresser kommen vor, wie sie darauf wartete, dass alle auf sie zeigten und kreischten und sich dann auf sie stürzten. Sie fühlte sich deplatziert mit ihrem schlappen, mittelalten Körper, mit ihrem Zynismus, ihrer schlaffen Haut. Und sie kam sich auch klein vor, wieso waren eigentlich alle jungen Leute so gottverdammt groß?
Sie ging an einer Gruppe vorbei, die auf einem grasbewachsenen Hang Sonne tankte. Es gab hier mehr Frauen, als sie erwartet hatte, was ihre Vorurteile in die Schranken wies. Hannahs Freude an Mathematik und Wissenschaft hatte sie überrascht, ihr Wissensdurst bezüglich des Universums und wie es funktionierte. Sie hatte das gefördert, wie es alle Eltern tun würden, aber verstanden hatte sie es nie. Vielleicht gaben MINT-Themen die Richtung an, die eingeschlagen werden musste. Wenn die Gesellschaft zusammenbricht und wir alle in einer trostlosen Apokalypse landen, werden die Wissenschaftler und Ingenieure, die Sachen bauen, Wasser reinigen und Feuer machen können, das Sagen haben. Sie sah einen Hinweis auf das Zentrum für Wissenschaft unter Extrembedingungen und grübelte darüber. Die Wissenschaft des Nervenzusammenbruchs oder der Scheidung? Sie entdeckte den Eingang des James Clerk Maxwell Building und steuerte darauf zu.
Sie trat ein und betrachtete die Ausschilderung: Kondensierte Materie links, Sternenentwicklung rechts, Atmosphärendynamik hinten, Komplexe Systeme oben. Jeder Begriff schien wie ein Code für etwas Unverständliches. Hannah würde wissen, was sie bedeuteten. Jenny fühlte sich einen Moment völlig durcheinander durch die Tatsache, dass eine Person, die sie vor all diesen Jahren erschaffen hatte, ein so anderes Leben, einen so anderen Verstand besaß als sie selbst. Als Hannah fünf war, spielten sie immer ein einfaches Farbkombinationen-Erraten-Spiel, und Jenny konnte jederzeit gewinnen, wenn sie es wollte, denn sie kannte ihre Tochter so gut, dass sie stets vorhersagen konnte, was sie wählen würde. Keine verborgenen Gedanken, keine Geheimnisse, keine eigenständigen Ideen. Natürlich änderte sich das, das war nur normal, aber diese Veränderung hatte eine Leere in Jenny hinterlassen, die nicht gefüllt werden konnte.
Sie folgte der Ausschilderung nach oben, vierte Etage, Raum 4.16 am Ende des Korridors. Ein Poster des Quantum Clubs war an die Tür geklebt worden, darauf ein Bild einer Tardis. Das nächste Treffen war in zwei Tagen im The Old Bell ein Stück die Straße hinauf. Darunter hing ein weiteres DIN-A4-Blatt mit vier Namen, unter ihnen Bradley Barker.
Sie machte mit ihrem Handy ein Foto der Tür, klopfte dann an.
»Herein.«
Die Stimme klang überrascht, fast so, als käme nie jemand hierher. Sie drückte die Tür auf. In ein winziges Büro gezwängt, befanden sich vier Schreibtische mit Laptops, stapelweise Lehrbücher und Abhandlungen, an den Wänden Ankündigungen von Physik-Konferenzen neben einem Poster für Dirk Gentlys holistische Detektei. Es waren zwei Typen und ein Mädchen hier, und es roch intensiv nach billiger Instant-Nudelsuppe. Die drei starrten Jenny an, als wäre ihr ein zweiter Kopf gewachsen.
»Ich suche Bradley Barker.«
Der ihr am nächsten sitzende Junge nickte. »Das bin ich.« Leichter australischer Akzent und die Haare ein Chaos dunkler Locken. Er trug eine Brille mit schmalem Rand und ein T-Shirt der Agents of S.H.I.E.L.D.
»Ich würde gern mit Ihnen sprechen.« Jenny hatte das Gefühl, hier alles unter Kontrolle zu haben, hatte aber gleichzeitig keine Ahnung, woher das kam. Vielleicht war es einfach der Altersunterschied, die Lebenserfahrung.
»Und Sie sind?«
Bradleys Hand schwebte über seiner Tastatur, und sie sah, dass er ein Spiel spielte, bei dem bunte Ballons durch Reifen trieben. Die Ballons sanken sukzessive auf den Boden und platzten.
»Ich bin Privatdetektivin. Ich muss mit Ihnen über Melanie Cheng sprechen.«
»Was?«
»Sie haben mich verstanden.«
»Ist Mel irgendwas zugestoßen?«
»Genau das versuche ich herauszufinden.«
Die beiden anderen wanden sich vor Verlegenheit.
»Sorry«, sagte Bradley. »Wie war noch Ihr Name?«
»Jenny, Jenny Skelf.«
»Skelf, wie Hannah?«
»Können wir uns irgendwo unter vier Augen unterhalten?«
Bradley sah die beiden anderen mit hochgezogenen Augenbrauen an, suchte ihre Hilfe. Beide zuckten mit den Achseln und hielten sich raus.
Bradley schob seinen Stuhl vom Schreibtisch zurück und klappte den Laptop zu. Als er aufstand, überragte er Jenny. Noch so ein Riese der supergroßen nächsten Generation. Ihr zog ein Hauch seines Parfums in die Nase, überraschend teuer und unaufdringlich. Er versuchte, so etwas wie Autorität auszustrahlen, als er sich an ihr vorbei auf den Korridor schob.
»Kommen Sie«, sagte er und ging los.
Sie schloss die Tür und folgte ihm zwei Treppenabsätze hinauf aufs Dach. An der frischen Luft schlurften sie über Betonboden, links von ihnen eine Wetterstation und auf der rechten Seite ein herrlicher Ausblick. Sie befanden sich in der Nähe eines Golfplatzes und von Feldern, in der Ferne kauerte die Hügelkette der Pentland Hills, die Bergspitzen wie wachsame Götter.
Mit der Sonne im Rücken drehte sich Bradley an der Kante um, und Jenny schirmte ihre Augen mit einer Hand ab. Wie er jetzt so über ihr aufragte, fühlte sie sich nicht mehr so, als habe sie alles im Griff.
»Worum geht’s denn?«, fragte er.
»Wann haben Sie Melanie das letzte Mal gesehen?«
»Wird sie vermisst?«
»Gebt dem Jungen einen goldenen Stern.«
»Mein Gott, die arme Mel.«
»Also, was können Sie mir erzählen?«
Er trat von einem Fuß auf den anderen, jede Menge nervöser Energie. »Das ist schrecklich, aber ich weiß nichts darüber.«
»Wie gut kennen Sie sie?« Jenny machte einen Schritt zur Seite, damit sie Bradleys Gesicht besser sehen konnte. Sie hörte von draußen auf dem Platz das typische Geräusch eines abgeschlagenen Golfballs, dann einen vorbeifahrenden Lieferwagen.
»Sie ist in einer meiner Seminargruppen«, sagte Bradley. »Festkörper.«
Jenny wusste nicht, ob damit das Seminar gemeint oder ob es irgendein schräger Code war.
»Haben Sie sie je außerhalb des Seminars getroffen?«
»Klar, im Quantum Club. Hannah geht da ebenfalls hin.«
Jenny hatte nicht bestätigt, dass sie mit Hannah verwandt war, und sie würde es auch nicht tun.
»Worum geht es bei diesem Club?«
Bradley schüttelte den Kopf und zuckte mit den Achseln, seine Schultern wackelten.
»Eigentlich nur um die Philosophie der Physik. Wir reden über alles Mögliche. Wussten Sie, dass noch vor Kurzem an der Edinburgh Uni die Physik als Naturphilosophie bezeichnet wurde?«
»Mögen Sie Mel?«
Er runzelte die Stirn. »Ja, sie ist niedlich.«
»Ich meine, ›mögen‹ mögen.«
»Ich weiß nicht …« Er ließ den Satz unvollendet im Raum stehen, rieb sich das Kinn, schob die Brille ein Stück die Nase hoch. »Ich meine, sie ist definitiv hübsch.«
»Stehen Sie auf sie?«
»Sie hat einen festen Freund.« »Und?«
»Sollten Sie nicht mit ihm reden? Ich verstehe nicht, was Sie hier machen.«
»Niemand hat Mel in den letzten sechsunddreißig Stunden gesehen oder von ihr gehört, ihr Freund, ihre Mitbewohner und ihre Familie inbegriffen.«
»Ich habe sie nicht gesehen.«
Hinter ihm drehte sich träge ein Windmesser, dessen Schalen warme Luft herumschoben.
»Wenn ich also Mels SMS und E-Mails durchgehe, werde ich Sie dort nicht finden.«
Er schob seine Unterlippe vor. »Es ging immer nur um Seminare und den Club. Glaube ich.«
»Sie haben ihr nie persönlichere Mitteilungen geschickt?«
Er schluckte und zog an seinem Ohrläppchen.
Jenny verschränkte die Arme. »Ich habe ihr Telefon und ihren Laptop, beides nicht gesperrt. Sie könnten mir eine Menge Zeit ersparen.«
»Vielleicht habe ich ein paar SMS geschickt.« Er sah aus, als stünde er im Begriff, über die Dachkante zu springen. »Hab sie eingeladen.«
»Obwohl sie einen festen Freund hatte?«
Er zuckte mit den Achseln.
Jenny hatte sich Mels Telefon angesehen, und außer E-Mails zum Club war da nichts von Bradley. Was bedeutete, dass Mel die Nachrichten gelöscht hatte, die er geschickt hatte, um sich mit ihr zu verabreden. Vielleicht hatte sie auch andere Sachen gelöscht.
»War’s das?«, fragte Jenny.
Sie dachte an digitale Forensik, Rettung gelöschter Daten, ob sie jemanden kannte, der solche Sachen machen konnte. Aber für so etwas gehörte sie der falschen Generation an, wenn jemand so etwas tun konnte, dann wären es Kids wie Bradley oder Hannah.
»Das ist alles, ich schwör’s.«
Jenny beschloss, es noch einen Tick weiterzutreiben. »Da sagt mir ihr Handy aber was anderes.«
»Echt?«
Jenny starrte ihn an. Die Wucht des eindringlichen Blicks einer wütenden Frau mittleren Alters war schon erstaunlich. Er machte schlapp. Er war es gewohnt, die Dinge in der Hand zu haben, das übliche Privileg des weißen Mannes, vielleicht noch gepaart mit einem Klacks australischen Draufgängertums.
Er schaute zu den Pentlands in der Ferne, die von heranrückenden Wolken verhüllt waren.
»Vielleicht hab ich ihr mal ein Bild geschickt.«
Jenny schaffte es, nicht laut zu seufzen. »Was für ein Bild?«
Er rieb sich das Kreuz, wölbte die Schultern.
Jenny schüttelte den Kopf. »Ein Schwanzfoto?«
Er sah auf den Boden. Jenny hörte über die Hecke unten die Witzeleien von Golfern.
»Was habt ihr Jungs eigentlich mit diesen Schwanzfotos?«
Er bekam einen roten Kopf und mied ihren Blick.
Sie legte gnadenlos nach. »Wie fänden Sie es, wenn ich Ihnen ein Foto meiner Vagina schicken würde? Würde Sie das aufgeilen?«
Bei dem Wort Vagina zuckte er zurück, als hätte er es noch nie aus dem Mund einer Frau gehört.
»Und?«
Sie kam sich vor wie ein Lehrer, der ein kleines Kind zur Schnecke machte. Wie eine Mum, die ihn auf die stille Treppe schickte.
»Da war nichts weiter dabei«, sagte er schließlich.
Er wich zurück, als Jenny sich ihm näherte. Sie sah einen Traktor über ein Feld in der Ferne tuckern, dahinter eine Flottille Möwen und Krähen.
»Wirklich?«
Sie stand jetzt ganz dicht vor ihm, bekam wieder seinen Duft in die Nase.
»Dann zeigen Sie mir Ihren Schwanz, wenn nichts weiter dabei ist.«
Er stand mit dem Rücken zum Sims, und er schwitzte. Er hatte keinerlei Erfahrung mit so etwas, hatte sich noch nie gegen eine sexuelle Belästigung wehren müssen, gegen eine unerwünschte Hand, ein versehentliches Drücken der Brust, was überhaupt nicht versehentlich war.
»Komm schon«, flüsterte Jenny. »Hol deinen Schwanz raus.«
Er versuchte, die Brust rauszustrecken. »Seien Sie nicht albern.«
Sie packte ihm zwischen die Beine, spürte seine Eier in ihrem Griff und drückte zu.
»Mein Gott«, sagte er. »Sie sind verrückt.«
Er versuchte auszuweichen, aber sie drückte fester zu, und er zuckte zusammen.
Er war so groß, dass sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste, um zu flüstern.
»Keine Frau auf diesem Planeten ist scharf darauf, dein schäbiges Gehänge zu sehen«, sagte sie. »Hast du das kapiert?«
Er nickte mit großen Augen.
»So«, sagte Jenny wieder in ruhigerem Ton. »Weißt du etwas über Mels Verschwinden?«
Sie verstärkte den Druck zwischen seinen Beinen.
Er schüttelte den Kopf mit Tränen in den Augen. »Ich weiß nichts, ich schwöre.«
Sie stand da und versuchte zu entscheiden, ob sie ihm glauben sollte oder nicht. Umklammerte immer noch seine Eier, war immer noch wütend. Sie hörte, wie ein Golfschläger einen Ball traf, dann das Fluchen eines Mannes.
»Bitte«, sagte Bradley. »Lassen Sie mich los.«
13
HANNAH
Sie schlenderte durch die Ausstellung, wartete auf Vic. Ihr gefiel die Fruitmarket Galerie, das natürliche Licht hier auf der ersten Etage, und die Kunst war immer irre. Neben ihr waren Tausende Zigarettenpapierchen auf genau festgelegte Weise an der Wand befestigt, während in der gegenüberliegenden Ecke einige überdimensionale Schaumstoffskulpturen standen, die wie die Knochen einer riesigen, ausgestorbenen Spezies aussahen. Sie hätte am liebsten alles angefasst, aber das Personal passte scharf auf.
»Hannah.«
Mels Bruder trug ein enges, schwarzes T-Shirt, das seine tätowierten Arme zur Geltung brachte, keltische und kantonesische Strudel vom Handgelenk bis zum Bizeps. Sie umarmte ihn. Er roch männlich und fühlte sich durchtrainiert an. Er hatte jedes Recht der Welt, mit diesem Körper anzugeben. Er trug einen perfekten Seitenscheitel, die Haare gegelt, dazu eine rechteckige Brille, die vielleicht nur Show war.
»Wollen wir was trinken?«, fragte er und führte sie nach unten zum Café.
Sie nahmen einen Tisch weit weg von den Baristas und dem Lärm der Espressomaschine. Hannah war sich nicht sicher, was Vic hier machte, es hatte irgendwas mit bürgerschaftlichem Engagement zu tun, aber er schien sich immer absolut zu Hause zu fühlen zwischen den Designbüchern, der abgedrehten Kunst und dem Lagerhaus-Look. Das Café wurde von jungen Künstlertypen und der älteren Oberschicht Edinburghs frequentiert, rote Hosen und Pashminas. Dies war einer der Orte in der Stadt, an denen ältere Bohemiens zusammenkamen, als würden sie einem Ruf folgen, den nur sie allein hören konnten.
Eine große Kellnerin mit leuchtend grünen Haaren und dazu passenden Augen nahm ihre Bestellung auf und verschwand hinter der Theke.
»Danke, dass du gekommen bist«, sagte Vic. Ein kurzes Lächeln, das sofort von einem besorgten Ausdruck verdrängt wurde.
»Ich hab mich gefreut, dass du angerufen hast«, sagte Hannah. »Ich wollte sowieso mit dir reden.«
»Ich habe mit Mum und Dad gesprochen«, sagte Vic. Seine Hand hob sich zu seinen Haaren, eine nervöse Geste, kontrollierte den Scheitel, strich mit den Fingern über seine Kopfhaut.
»Wie geht es ihnen?«
»Sie sind krank vor Sorge, tun aber so, als wäre nichts.«
Hannah nickte, als ihre Getränke kamen. Für sie grünen Tee, für ihn Kräutertee, der nach Beeren und Heu duftete.
Vic lächelte das Mädchen mit einem verschwörerischen Blick an, Kollegen unter sich, dann wandte er sich Hannah zu.
»Erzähl mir, was du weißt.« Sein Akzent hatte diesen näselnden Dundee-Tonfall, den Mel nicht hatte. Es war schon merkwürdig, wie Leute in ein und derselben Familie aufwachsen und sich doch völlig anders anhören konnten.
Sie erzählte ihm, was seit Mels Verschwinden passiert war. Die Unterhaltung mit der Polizei, das Gespräch mit Xander. Von Mum hatte sie bislang nichts zu Bradley Barker gehört.
Vics Stirnrunzeln wurde tiefer, und seine Hand wanderte wieder zu seinen Haaren. Sie beobachtete das Spiel seiner Armmuskeln.
»Was hältst du von diesem Xander-Kid?«, fragte er.
Er war nur drei Jahre älter als Mel, wirkte aber reif genug, dass Studenten für ihn Kids waren.
Hannah zuckte mit den Achseln. »Bin nicht sicher. Als ich hereinkam, hat er gerade mit einem Mädchen geflirtet, aber wenn jeder Typ, der flirtet, gleich schuldig ist, na ja …«
Vic nickte. Er hatte nie mit Hannah geflirtet, wusste aber auch von Anfang an, dass sie lesbisch war, was einen Unterschied machte. Vielleicht war er selbst ja auch schwul, obwohl Hannah das eigentlich nicht glaubte, so wie er die Kellnerin erst vor einer Minute angesehen hatte.
Vic beugte sich vor, als wäre er Teil einer Verschwörung. »Hat sie jemals sonst jemanden erwähnt?«
»Wie meinst du das?«
»Einen anderen Typen.«
Hannah kaute auf ihrer Lippe, trank einen Schluck Tee, der nicht bitter genug war. »Ich hätte es gewusst, wenn sie mit jemandem zusammen gewesen wäre.«
»Bist du sicher?«
»Hat sie dir gegenüber irgendwas von einem anderen festen Freund erzählt?«
»Hat sie nicht, aber ich hatte so ein Gefühl.«
»Warum?«
»Wir haben letzte Woche zusammen zu Mittag gegessen, und da hat sie erwähnt, am Abend zuvor in einer Hotelbar gewesen zu sein. Ich fand das komisch, Studenten können sich keine Drinks in Hotelbars leisten. Ich habe nachgefragt, aber sie hat ausweichend geantwortet, sagte, sie habe ein Date gehabt, und wechselte das Thema.«
»Das klingt so gar nicht nach Mel.«
Vic zuckte mit den Achseln. »Wie gut kennen wir uns schon? Mum und Dad kennen Mel überhaupt nicht, ihnen gefällt die Vorstellung nicht, dass sie überhaupt mit einem Typen zusammen ist, geschweige denn mit mehr als einem. Es gibt eine ganze Menge Sachen, von denen sie überhaupt nichts wissen.«
»Wie meinst du das?«
Vic seufzte und lehnte sich zurück. »Sie war auf der Schule ziemlich wild.«
Hannah musste bei der Vorstellung lachen. »Komm schon.«
Der Ausdruck auf Vics Gesicht beendete jedoch ihr Lachen.
»Sie wollte nicht, dass ihre Freunde auf der Uni davon erfuhren«, sagte er. »Sie hat sich sehr verändert, seit sie hergekommen ist. Irgendwie wesentlich ruhiger.«
»Wovon genau sprichst du?«
»Sie hatte einfach keinen Ausschalter. Jede Menge Alkohol, Koks und Ketamin. Jungs. Und Männer, ältere Männer. In manchen Clubs in Dundee hatte sie einen ziemlichen Ruf.«
»Woher kam das?«
Vic schüttelte den Kopf, als wären die Motivationen jedes Menschen ein Mysterium. »Vielleicht hat sie deshalb das mit diesem anderen Typen nicht hinausposaunt.«
»Aber dir hätte sie doch was gesagt, oder?«
»Nicht, wenn sie keinen guten Grund dafür gehabt hätte.«
Hannah spielte mit dem Teelöffel auf ihrer Untertasse. »Verheiratet.«
Vic öffnete die Hände. »Vielleicht hat das nichts zu bedeuten.«
Irgendwer ließ in der Küche einen Teller fallen, das Gepolter von Keramik auf Fliesen, ein gemurmeltes Schimpfwort. Am Nebentisch sah sich eine Touristen-Familie aus dem Mittelmeerraum Fotos auf dem Handy ihrer Tochter an. Hannah roch pochierte Eier, und das machte sie hungrig.
»Aber während wir aßen, hat sie mehrere SMS erhalten«, sagte Vic. »Bei der ersten hat sie gelächelt. Ich habe sie damit aufgezogen, aber sie hat sich nicht provozieren lassen. Dann kam noch eine, und da hat sie nicht mehr so glücklich ausgesehen. Dann ein paar Minuten später noch eine, was zur Folge hatte, dass sie das Handy stummgestellt hat. Ich habe sie danach gefragt, aber sie wollte nicht darüber reden.«
»Wann war das?«
Vic trank einen Schluck Tee, dachte kurz nach. »Letzten Dienstagmittag.«
Hannah zog Mels Handy aus der Tasche und rief ihre Nachrichten auf, blätterte sie mit dem Daumen durch.
Vic kniff die Augen zusammen. »Was machst du da?«
»Ich sehe auf ihrem Telefon nach, von wem die Nachrichten gekommen sein könnten.«
Vic schüttelte den Kopf. »Das ist nicht ihr Handy.«
Hannah hob es hoch. »Doch, ist es.«
»Tja, es ist jedenfalls nicht das Telefon, das sie letzte Woche benutzt hat.«
Hannah starrte Vic an, dann die Schlange vor dem Taxistand draußen vor dem Fenster.
»Scheiße«, sagte sie. »Sie hat ein zweites Telefon.«
14
DOROTHY
Dorothy sah zu, wie Abi zu Sleater-Kinney auf das Schlagzeug eindrosch. Das Mädchen besaß ein rohes Talent, hatte aber noch keine Kontrolle darüber. Na und? Welches dreizehnjährige Mädchen hat schon Kontrolle über irgendeinen Aspekt seines Lebens? Was Dorothy mit Mädchen dieses Alters machte, war, ihnen Arten des Schlagzeugspiels zu zeigen, bei denen es nicht darauf ankam, einen Schwanz zu haben. Janet Weiss war ein gutes Vorbild, kraftvoll, wenn sie es sein musste, ja, sogar ursprünglich, aber nie so großkotzig wie männliche Schlagzeuger, holte sich nie bei einem Song einen runter.
Abi erreichte die Middle Eight und versuchte es mit einer ausgefallenen Einlage an den Toms, schaffte es aber nicht ganz rechtzeitig zurück. Sleater-Kinney waren auch gut, um die Arbeit an den Toms zu üben, was den zusätzlichen Effekt hatte, Abi von ihrer Besessenheit von den Hi-Hats abzulenken. Der Pferdeschwanz des Mädchens schwang hin und her, als sie sich mit geschlossenen Augen konzentrierte, nur ganz leicht mit dem Kopf wippte, als sie durch die letzte Strophe zum Refrain powerte. Sie ging völlig in ihrem Spiel auf. Dorothy kannte das Gefühl gut, wenn man sich in einer größeren Sache verlor, wenn man Teil der Musik wurde und die Musik wurde zu einem Teil von einem selbst. Rhythmus ist so urgewaltig, führt uns zurück zu den Anfängen der Menschheit in das afrikanische Flachland, zapft etwas Unbeschreibliches an.
Dorothy sah aus dem Fenster. Sie waren im zweiten Stock des Hauses, im Studio, kleine Fenster und Schalldämmung, aber mit einem besseren Ausblick als unten in der Küche. Die zerklüfteten Zähne der Burg fielen zum Durcheinander der Old Town hin ab, die in der Sonne funkelnden Glasflächen der Quartermile vorne und die nahe liegende Viewforth Church ragten über die Baumgrenze des Parks auf.
Abi übertrieb es wieder, veranlasste Dorothy, sich umzudrehen. Das Mädchen wirkte verlegen, erkannte, was es getan hatte, und das war schon die halbe Miete. Ein Junge in ihrem Alter wäre einfach weiter durchgestolpert in der Annahme, dass der Song ihn schon wieder einholen würde. Abi begriff, dass weniger mehr war, sie hatte es nur in der Praxis noch nicht ganz umsetzen können, aber das würde sich ändern. Man muss nicht jeden Raum in einem Song füllen, in neun von zehn Fällen ist es besser, wenn Luft zum Atmen bleibt. Aber das akzeptieren zu können, ist in keinem Alter leicht, und erst recht nicht für einen hormongesteuerten Teeny.
Dorothy erinnerte sich, wie sie selbst als Teenager gewesen war, mit ihrem Second-Hand-Schlagzeug von Pearl im Hobbyraum, wie sie darauf eingedroschen, zu The Kinks und MC5 getrommelt hatte. Ihre Eltern waren bei allem ziemlich offen und vorurteilsfrei gewesen, obwohl sie nie vorgaben, ihre Besessenheit zu verstehen. Es war eine verrückte Zeit für Musik, natürlich die Beatles und die Stones, aber sie hatte schon immer mehr das Underground-Zeug gemocht, und das setzte sich über die Jahre fort.
Sie erinnerte sich gut an Jims Gesicht, als sie sagte, sie wolle im obersten Stock des Hauses ein Schlagzeug aufbauen. Zu dem Zeitpunkt war sie seit zwei Jahren in Schottland und vermisste Pismo Beach wie verrückt, und sie brauchte eine Möglichkeit, an ihre von der Sonne geküsste Pubertät anzuknüpfen. Jim verstand das. Und als das Schlagzeug einmal da war, war es kein so großer Schritt mehr, übers Unterrichten nachzudenken. Gut genug war sie, es machte kaum sonst jemand, und es war ein anständiges Zusatzeinkommen. Es waren die frühen Siebzigerjahre, also fingen jede Menge Kids an, ihre eigenen Rockbands zu gründen, und Dorothy half ihnen wahnsinnig gern dabei und konnte sich gleichzeitig auf dem Laufenden halten, was musikalische Trends betraf. Es war gesund, die körperliche Betätigung an sich machte sie stark, während das Yoga sie gelenkig hielt. Und es war auch ein Spiegel dieser Meditation, sich in etwas Größerem zu versenken.
Und es kamen immer wieder neue Schüler, trotz Drum Machines und Rave und dem ganzen Rest. Das Geld war natürlich nützlich, aber das Gefühl von Identität war wichtiger, gab ihr etwas, das ihr allein gehörte, jenseits des Geschäfts mit dem Tod.
Der Song ging zu Ende, und Abi setzte sich zurück, hatte die Zungenspitze zwischen den Zähnen. Sie war recht groß für ihr Alter, lange Beine in Jeansshorts, und auf ihrem schlabberigen weißen T-Shirt umschlangen Rosen den Aufdruck »Feminist as Fuck«. Ihr Gesicht war schweißgebadet, glänzte, und sie sah Dorothy erwartungsvoll an.
»Du weißt es, stimmt’s?«, sagte Dorothy.
Abi nickte. Sie war zunehmend selbstbewusster, und Dorothy liebte es.
»Irgendwo in der Mitte ist es mit mir durchgegangen«, sagte Abi. »Es war zu viel.«
»Aber es hat sich super angehört. Deine Floor Tom ist absolut spitze.«
Abi grinste. Es war so einfach, einem Kid ein gutes Gefühl zu geben.
Dorothy sah auf die Uhr an der Wand. »Okay, das war’s für diese Woche.«
Abi legte die Schlagzeug-Sticks beiseite und schlängelte sich hinter dem Schlagzeug hervor. Es war ein schönes altes, orange-gelbes Ludwig, flache Toms und Snare Drum, aber immer noch mit reichlich Wumms. Dorothy war es ein wenig peinlich, wie sehr sie dieses Schlagzeug liebte. Es war schließlich nur ein Gegenstand, aber das handwerkliche Geschick, mit dem es hergestellt worden war, und sein Zweck machten es zu etwas ganz Besonderem.
»Danke, Mrs S«, sagte Abi. »Und, Sie wissen schon, tut mir echt leid, das mit Mr S.«
Dorothy zögerte einen Moment. »Wir sehen uns nächste Woche, Abi, und vergiss nicht, dir ein paar Sachen von Janet Weiss’ anderer Band anzuhören, von Quasi, bei denen lässt sie so richtig die Sau raus.«
Abi richtete zwei zu einer Schusswaffe geformte Finger auf Dorothy, dann ging sie, und Dorothy stand schweigend da. Sie setzte sich ans Schlagzeug, nahm die Sticks und begann mit einem Country Shuffle, mischte Offbeats und Trills unter. Dann legte sie richtig los, öffnete ihren Körper, setzte alle paar Takte Becken und Toms ein. Sie versuchte zu spüren, was Abi vor wenigen Minuten gespürt hatte, aber sie konnte immer nur an Jim denken, der zwei Etagen unter ihr als Aschehäufchen da lag, an Rebecca Lawrence und ihren verschwundenen Ehemann und die zehnjährige Tochter, an all das Geld, das Jim über die Jahre gezahlt hatte, an die Geheimnisse, die dieses Geld darstellte. Sie übertrieb es jetzt ebenfalls beim Trommeln, wollte zu sehr, machte genau das, wovor sie Abi gewarnt hatte. Aber sie machte es trotzdem, versuchte, sich gehen zu lassen, jedes konkrete Körpergefühl zu verlieren und sich stattdessen als Teil zu fühlen von etwa Größerem als ihren dummen kleinen Sorgen.
Es funktionierte nicht.

Die Leute dachten nie darüber nach, wie schwer es war, eine Leiche anzuziehen. Die Unterhose war noch relativ einfach, aber dennoch war es eine Herausforderung, zuerst das eine Bein und danach das andere hineinzubekommen. Der BH war ein ziemliches Gefummel, Archie musste Ginas Körper auf die Seite rollen, damit Dorothy ihn hinten schließen konnte. Am schwersten war jedoch die Strumpfhose, heben und drehen, quetschen und massieren. Es war ein Job für zwei Leute, und obwohl sie und Archie den Bogen weitgehend raushatten, war es ein ziemlicher Aufwand. Gina sollte ein rotes Kleid tragen, aber der Stoff war recht dünn, und Dorothy hatte Angst, dass es an einer der Klammern hängen bleiben könnte, mit denen das Futter an den Sarg getackert war, wenn sie versuchten, sie hineinzulegen. Sie streiften ihr zuerst die Arme über, als sie lag, dann richteten sie sie auf und zogen ihr das Kleid über den Kopf und den Rücken. Sie legten sie wieder hin, und Archie hob ihr Becken an, damit Dorothy das Kleid über den Hintern ziehen und den Saum über den Knien glatt streichen konnte, schließlich wurden die Träger an den Schultern und der Büste zurechtgerückt, damit alles schön symmetrisch war.
Archie hatte bereits das Make-up und die Haare erledigt, bevor Dorothy eintraf, und er hatte wie immer gute Arbeit geleistet, sie sah den Fotos sehr ähnlich, die sie am Einbalsamierungstisch aufgestellt hatten. Dorothy zog Gina die roten Stöckelschuhe an, musste dabei daran denken, dass sie sie nie mehr ausziehen würde, nie mehr die Erleichterung empfinden würde, wenn sie die Schuhe nach einer langen Nacht abstreifte. Sie legte ihr die kleinen Creolen an, spürte dabei die Kälte von Ginas Ohrläppchen, wischte einen abgelösten Faden des Kleides von ihren Lippen.
Archie rollte den Sarg auf der Rollbahre heran und fuhr mit der Hand einmal innen herum, prüfte auf Holzsplitter oder Krampen, nach rauen Stellen des Futters. Dann senkte er die Bahre herab, bis die Öffnung des Sargs sich auf einer Höhe mit dem Einbalsamierungstisch befand. Sie stellten sich oben und unten neben Gina und legten die Hände unter ihre Achseln und Knie.
»Eins, zwei, drei«, sagte Dorothy, und sie hoben sie auf drei in die Kiste, senkten sie langsam ab. Dorothy brachte das Kleid in Ordnung, das an einer Seite hochgerutscht war, richtete Ginas Füße aus, legte ihr die Hände auf den Schoß und strich mit einem Finger den Arm hinauf bis zum Schlüsselbein. Archie hatte die Flecken an ihrem Hals erfolgreich überdecken können, man sah sie nur noch, wenn man sehr genau hinschaute.
»Sie sieht friedlich aus«, sagte Dorothy. »Du hast gute Arbeit geleistet.«
»Danke.« Er räumte die Tasche fort, in der die Kleidungsstücke gekommen waren, und begann, den Tisch abzuwischen.
Dorothy legte den Deckel auf den Sarg und schob die Rollbahre aus dem Einbalsamierungsraum ins Hauptgebäude, durch die Verbindungstür und vorbei an Indy hinter der Rezeption, weiter in den Verabschiedungsraum.
Indy folgte ihr und half dabei, den Sarg von der Rollbahre auf den Tisch in der Mitte des Raums zu heben. Einfaches weißes Tuch, hohe Vasen mit Lilien links und rechts, alles durch die Jalousien in gedämpftes Sonnenlicht getaucht. Zwei Sessel und eine kleine Kommode mit einer Schachtel Papiertaschentücher darauf, an der Wand das Gemälde eines Sonnenuntergangs.
»Ms O’Donnell, richtig?«, fragte Indy.
»Gina, ja.«
Dorothy sah Indy an. Sie wussten beide, wie Gina gestorben war, und empfanden gemeinsam eine unausgesprochene Traurigkeit. Aber es spielt keine Rolle, wie du stirbst, dachte Dorothy, wichtig ist allein, wie du lebst.
»Führst du die Beerdigung durch?«, fragte Indy.
Dorothy nickte.
»Brauchst du dabei Hilfe?«
»Archie und ich haben es im Griff.« Dorothy berührte Indy am Arm. »Keine Sorge, ich möchte immer noch, dass du richtig einsteigst.«
»Ich mache mir keine Sorgen.«
Dorothy hob den Sargdeckel ab und vergewisserte sich, dass sich Gina beim Transport nicht verlagert hatte. Sie sah immer noch aus wie zuvor, bleiche Haut zu einem roten Kleid.
»Sie sieht gut aus«, sagte Indy.
»Archie weiß, was er tut.«
Indy zog den Saum von Ginas Kleid glatt, strich über die Ränder des Innenfutters des Sargs. Sie besaß ein gutes Auge fürs Detail. Sie war sehr gewissenhaft bei der Beerdigung ihrer eigenen Eltern gewesen, was man leicht als Gefühllosigkeit hätte missverstehen können, aber Dorothy wusste es besser. Es war eine Möglichkeit, die Zügel in der Hand zu behalten, wenn das Chaos von deinem Leben Besitz ergriffen hatte.
»Ich erinnere mich, wie wir uns kennengelernt haben«, sagte Dorothy. »Ich war sehr beeindruckt von dir.«
Indy schaute auf. »Wieso?«
»Es war für dich offensichtlich eine sehr schwere Zeit.«
Indy legte zustimmend den Kopf schief.
»Aber dich hat eine solch tiefe Gelassenheit umgeben«, fuhr Dorothy fort. »Du hast immer so in dir geruht.«
»So hab ich mich aber überhaupt nicht gefühlt«, sagte Indy. »Ich hab mich verloren gefühlt. Aber du hast mich gefunden.«
Dorothy lächelte. »Du hast dich selbst gefunden. Du musstest nur in die richtige Richtung gedreht werden.«
Indy schüttelte den Kopf und blickte auf Gina in ihrem Sarg. Sie streckte eine Hand aus und legte einen Finger an ihren Hals, wo Archie das durch den Gürtel verursachte Mal abgedeckt hatte.
Dorothy erinnerte sich an die junge Frau, die Indy gewesen war, als sie ins Haus der Skelfs gekommen war, um die Beerdigung ihrer Eltern zu organisieren. Ihre Haare waren damals leuchtend rot gewesen, und obwohl ihr Gesicht vom vielen Weinen gerötet und verquollen war, strahlte sie auch etwas sehr Sorgfältiges und Geerdetes aus, selbst bei all dem Schmerz. Sie studierte Psychologie an der Napier University, sagte aber, sie sähe keinen Sinn darin, weiterzumachen. Sie wollte wissen, wie Menschen tickten, aber der Verkehrsunfall, bei dem ihre Eltern nachts auf nasser Straße ums Leben gekommen waren, verdeutlichte, dass alles nur dem Zufall überlassen war, von der Wiege bis zur Bahre und darüber hinaus, wenn man daran glaubte. Indy hatte nie daran geglaubt, sagte sie zu Dorothy, trotz ihres Hindu-Erbes, aber ihren Eltern machte es nichts, und sie erlaubten ihr, reibungslos ihren eigenen Weg zu wählen. Nachdem sie tot waren, war sie noch freier, ihren eigenen Weg zu wählen, aber es schien keinen Sinn und Zweck mehr zu haben. Dorothy machte sich Sorgen und hielt den Kontakt aufrecht, wie sie es oft bei jüngeren Hinterbliebenen machte, und als ihr klar wurde, dass Indy es ernst damit meinte, das Studium aufzugeben, meldete sie sich mit einem Job-Angebot.
»Es war mehr als das, und das weißt du auch«, sagte Indy. »Ich war ein Wrack. Du hast mein Leben verändert, Dorothy. Ich meine, natürlich tut es immer noch weh, wenn ich an Mum und Dad denke, dass ich ohne sie weiterleben muss. Aber ich habe jetzt hier ein Ziel, einen Sinn gefunden. Ich habe Hannah. Ohne dich hätte ich heute nichts von alledem.«
»Das hier liegt dir«, sagte Dorothy. »Du bist sagenhaft zu unseren Kunden. Die finden dich alle wunderbar.«
»Ich helfe den Menschen gern.«
Dorothy nickte. »Genau das meine ich doch. Und du bist auch großartig für Hannah.«
»Sie ist großartig für mich.«
Es war ganz nüchtern gesprochen, aber dennoch vollkommen richtig.
Etwas kam Dorothy in den Sinn. »Ist Melanie schon aufgetaucht?«
Indy runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Han hat mit ihrem Bruder gesprochen, und Jenny hat sich unten an der Uni mit einem Tutor getroffen.«
»Sie wird wieder auftauchen«, sagte Dorothy.
»Da bin ich nicht so sicher«, sagte Indy.
»Wie kommst du darauf?«
»Ist nur so ein Gefühl«, sagte Indy. »Ich weiß, dass Han über so etwas wie Intuition lacht, für sie ist alles nur schwarz und weiß, logisch und auf Tatsachen beruhend. Aber bei Mel habe ich ein ungutes Gefühl.«
»Wir sollten die Intuition nicht ignorieren«, sagte Dorothy. »Es ist eben eine Art Wissen, das wir noch nicht ganz verstehen.«
Das Telefon an der Rezeption klingelte, und Indy ging, um den Anruf anzunehmen.
Dorothy richtete einen von Ginas Füßen aus, der leicht nach außen gerichtet war, drehte ihr Bein ein wenig, legte dann eine Hand auf Ginas Hände. Sie starrte sie lange an, wandte sich schließlich ab und zog ihr Handy aus der Tasche. Sie drückte die Anruftaste und wartete. Sie hatte das Wort »byde« in ihrem Schottisch-Wörterbuch nachgeschlagen, als sie aus Craigentinny nach Hause gekommen war, und neben »leben« bedeutete es auch »ertragen«. Also lautete das Motto von Natalies Schule: »Ich ertrage es.« Das schien zu passen.
»Hallo, Royal Bank of Scotland, Hardeep am Apparat, womit kann ich Ihnen helfen?«
»Ich möchte eine Lastschrift von meinem Geschäftskonto stornieren«, sagte Dorothy.
Es war in weniger als einer Minute erledigt, und Dorothy legte auf. So leicht, eine Verbindung zur Vergangenheit zu kappen.
Indy streckte den Kopf durch die Tür. »Da ist ein Jacob Glassman am Telefon, der darauf besteht, mit Jim über einen Fall zu sprechen.«
Dorothy ging zur Rezeption und nahm den Hörer in die Hand.
»Hallo?«
»Mit wem spreche ich?«
»Dorothy Skelf am Apparat.«
»Ich möchte mit Mr Skelf sprechen.«
Dorothy schluckte. »Mr Skelf ist leider nicht mehr bei uns.«
»Wie meinen Sie das?«
»Er ist tot.«
»Oh.« Seine Stimme war vornehmes Edinburgh mit einem Hauch Osteuropa, und er klang alt.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte Dorothy.
»Ich hatte gestern einen Termin mit Mr Skelf.«
Dorothy erinnerte sich an etwas, Jacob Glassmans Name stand oben auf dem Whiteboard der Detektei, neben einem weiteren Namen, an den sie sich gerade nicht erinnern konnte.
»Es tut mir leid«, sagte sie. »Ich übernehme Jims Fälle. Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Es ist ziemlich heikel«, sagte Jacob und senkte die Stimme. »Ich kann jetzt nicht darüber reden, sie ist hier.«
»Wer?«
»Susan, natürlich.« Nur noch ein Flüstern.
Der andere Name auf der Tafel. Susan Soundso.
Sie hörte, wie er sich am anderen Ende der Leitung räusperte. »Vielleicht können Sie später zu mir kommen?«
»Ich bin nicht sicher«, sagte Dorothy.
»Mr Skelf hat meinen ersten Scheck als Anzahlung bereits eingelöst.«
Sie hoffte, dass es oben im Büro eine Akte mit ein paar Notizen gab.
Er räusperte sich wieder. »Sie wird um 14 Uhr fort sein. Würde Ihnen das passen?«
Dorothy berührte ihre Stirn, registrierte den Duft der Chrysanthemen auf dem Schreibtisch. »Helfen Sie mir noch mal mit Ihrer Adresse?«
Бесплатный фрагмент закончился.
