Читать книгу: «Wenn Schuldgefühle zur Qual werden»
DR. DORIS WOLF
Wenn Schuldgefühle zur Qual werden
Selbstvorwürfe ablegen, sich verzeihen lernen


Sich von
Selbstvorwürfen befreien.
Wieder inneren
Frieden finden.
PAL Verlagsgesellschaft mbH
Seit 35 Jahren der Verlag für praktisch anwendbare Lebenshilfen erfahrener Psychotherapeuten
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie, abrufbar im Internet über http://dnb.d-nb.de
© PAL Verlagsgesellschaft mbH, München
www.palverlag.de
eISBN 978-3-923614-92-9
9. Auflage 2020
Alle Rechte vorbehalten
Bild Umschlag: © Kwest - stock.adobe.com
Dr. Doris Wolf arbeitet seit über 35 Jahren zusammen mit ihrem Partner und Kollegen Dr. Rolf Merkle als Psychotherapeut in eigener Praxis. Die Internetseite der Autorin: www.doriswolf.de
Die Ratschläge dieses Buches sind von der Autorin und vom Verlag sorgfältig geprüft. Autorin und Verlag können jedoch keine Garantie geben und schließen jede Haftung für Personen-, Sach- und Vermögensschäden aus. Dieser Ratgeber ersetzt keine therapeutische Behandlung.
Umschlaggestaltung: Karin Etzold
Gesamtgestaltung: Grafik + Druck digital K.P. GmbH, München
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Teil IUrsachen und Zusammenhänge
1Die Wurzeln der Schuldgefühle
2Vor- und Nachteile von Schuldgefühlen
3Innere Blockaden, die den Abbau unserer Schuldgefühle behindern
4Grundsätzliche Denkfehler, die wir begehen, wenn wir uns Schuldgefühle machen
5Welche Menschen sind besonders empfänglich für Schuldgefühle?
6Warum Menschen Fehler machen
Teil II:Konkrete Strategien
7Strategien zur Überwindung Ihrer Schuldgefühle
Teil III:Typische Situationen, in denen Schuldgefühle auftreten
8Schuldgefühle und Kindererziehung
9Schuldgefühle und vertraute Menschen
10Schuldgefühle wegen bestimmter Gedanken und Gefühle
11Schuldgefühle und Sexualität
12Schuldgefühle und eigenes Verhalten
13Schuldgefühle und der Tod eines anderen
14Schuldgefühle und Umwelt
15Schuldgefühle und Kirche
16Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse
Schlusswort
Einleitung
Ab heute mache ich alles ohne Schuldgefühle oder ich mache es nicht.
Jens Corssen
Guten Tag, liebe Leserin, lieber Leser,
vielleicht kennen Sie mich schon von dem einen oder anderen meiner Bücher. Wenn nicht, werden wir uns bei diesem Buch näher kennenlernen. Sie werden ein wenig von mir, meinem Leben und meinen Erfahrungen erfahren. Jedes meiner Bücher gibt auch einen Teil von mir wieder und Schuldgefühle sind mir schon von früher Kindheit an vertraut. Auch Sie fühlen sich in irgendeiner Form von diesem Thema angezogen – sei es dass Sie selbst unter Schuldgefühlen leiden oder aber zumindest mehr über die Entstehung und Beeinflussung von Schuldgefühlen erfahren möchten. Es gibt nur ganz wenige Menschen, die keine Schuldgefühle kennen. Unser Ziel wird es deshalb in diesem Buch auf keinen Fall sein, Schuldgefühle für immer aus unserem Leben zu verbannen. Wir werden immer einmal wieder – zumindest für kurze Zeit – Schuldgefühle verspüren. Ich möchte Ihnen mit diesem Buch mehr Entscheidungsfreiheiten geben bzw. Ihnen überhaupt die Entscheidungsfreiheit über Ihre Schuldgefühle zurückgeben – falls Sie sich Ihren Schuldgefühlen ausgeliefert sehen. Sie werden erfahren, wie Sie sich von lähmenden Schuldgefühlen befreien und sie in Reuegefühle umwandeln können.
Was ich dazu von Ihnen brauche, ist Ihre ganz große Bereitschaft, sich erst einmal meine Gedankengänge anzusehen. Gerade im bezug auf Schuldgefühle müssen wir beide damit rechnen, dass in Ihrem Innern ganz viele „Ja, aber…“-Einwände auftauchen, wenn ich zu Ihnen spreche. Ich kann und werde Ihnen Ihre Schuldgefühle nicht wegnehmen. Ich kann sie Ihnen nicht ausreden und fühle mich auch nicht berufen, darüber zu urteilen, ob Ihre Schuldgefühle berechtigt sind oder nicht. Das ist ganz alleine Ihre Entscheidung. Bitte bleiben Sie bei mir bis zum Ende des Buches und entscheiden Sie dann in aller Ruhe, ob Sie meine Gedanken oder zumindest einen Teil davon auf Ihr Leben übertragen möchten.
Was Sie in diesem Buch erwartet
Ich habe das Buch in drei Teile eingeteilt.
Im ersten Teil wollen wir uns damit befassen, wie Schuldgefühle entstehen, wie wir gewöhnlich mit ihnen umgehen und welche blockierenden Gedanken sich uns bei der Überwindung unserer Schuldgefühle in den Weg stellen. Außerdem gehen wir den Fragen nach, welche grundsätzlichen Denkfehler zu Schuldgefühlen führen und welche Menschen besonders empfänglich für Schuldgefühle sind.
Im zweiten Teil lernen Sie wirksame Strategien kennen, die Sie zur Überwindung Ihrer Schuldgefühle einsetzen können. Darüber hinaus werden Sie auch lernen, wie Sie sich in Zukunft gegen Schuldgefühle wappnen können.
Im dritten Teil schließlich werden Sie an der Lebensgeschichte vieler meiner Klienten teilhaben können. Sie werden typische Situationen miterleben, in denen Menschen mit Schuldgefühlen reagiert haben oder sich noch immer damit quälen. Ferner werde ich Ihnen auch hier für die einzelnen Bereiche wieder Anstöße geben, wie Sie zukünftig Schuldgefühle vermeiden können.
Ganz am Ende des Buches habe ich für Sie die wichtigsten Erkenntnisse nochmals zusammengefasst.
Wie Sie am besten mit diesem Buch umgehen
Lesen Sie dieses Buch am besten erst einmal im Überblick durch, ohne sich intensiv mit den Übungen zu beschäftigen. Dann wissen Sie, was Sie erwartet und ob Sie sich darauf einlassen wollen.
In einem zweiten Durchgang, wenn Sie sich bewusst entschieden haben, an Ihren Schuldgefühlen zu arbeiten, gehen Sie die einzelnen Kapitel systematisch durch. Streichen Sie sich an, was für Sie besonders wichtig ist. Oder schreiben Sie die für Sie persönlich wichtigsten Erkenntnisse heraus. Überhaupt ist es sinnvoll, wenn Sie sich ein Notizbuch zulegen, in dem Sie sich Unklarheiten und Übungen notieren. Sollten Sie sich in einer Psychotherapie befinden oder an einer Selbsthilfegruppe teilnehmen, können Sie auch dort Ihre Einsichten und Einwände diskutieren.
Manchmal ist es gerade dann, wenn man unter Schuldgefühlen leidet so, dass man sich in einen Gedankenkreislauf verrannt hat, aus dem man durch das Lesen eines Buches auch nicht herauskommt. Falls Sie, liebe Leserin, lieber Leser bemerken, dass Sie meinen Ausführungen immer wieder Einwände wie „Ja aber, da muss ich doch Schuldgefühle haben“ oder „Frau Wolf kennt meine schlimmen Gedanken, meine Fehlentscheidung oder mein Fehlverhalten nicht, sonst würde sie nicht so leicht reden“ entgegensetzen, dann möchte ich Sie bitten, einen Therapeuten aufzusuchen. Sie benötigen dann eine stärkere Unterstützung, um sich aus den quälenden Schuldgefühlen zu befreien. Auch ständig wiederkehrende Selbstmordgedanken, über lange Zeit andauernde schwere Depressionen sollten Sie zu einem Psychotherapeuten führen. Im Anhang finden Sie Adressen von Therapeuten, an die Sie sich wenden können.
Teil I Ursachen und Zusammenhänge
1Die Wurzeln der Schuldgefühle
In diesem Kapitel ist es unser Ziel zu ergründen, was Schuld- und Reuegefühle auszeichnet und wie sie entstehen. Die meisten von uns glauben zu wissen, weshalb sie Schuldgefühle quälen. Sie sehen die Ursache darin, dass sie Regeln gebrochen oder einen anderen Menschen verletzt haben. Doch warum leiden dann manche Menschen in genau der gleichen Situation nicht unter Schuldgefühlen? Es scheint nur die halbe Wahrheit zu sein.
1.1Was verstehen wir unter Schuld- und Reuegefühlen?
Fallbeispiel: „Ich hätte nicht so egoistisch sein sollen.“
Gerade hat Frau H. den Telefonhörer aufgelegt. Ihre Freundin bat sie, ihr beim Umzug zu helfen. Frau H. hat zwar innerlich mit sich gerungen, der Freundin dann letzlich doch mit der Entschuldigung, dass sie genau an diesem Tag einen dringenden Arzttermin hätte, abgesagt. Jetzt fühlt sie sich elend und voller Schuldgefühle. Sie zermartert sich den Kopf: Sieht eine wirkliche Freundschaft so aus, dass sie die Freundin in einer schwierigen Lage im Stich lässt? Hätten sie nicht doch eigene Interessen zurückstellen und weniger egoistisch sein sollen?
Waren Sie auch schon einmal in einer solchen Situation? Haben Sie sich auch schon einmal schlecht gefühlt, weil Sie einem anderen Menschen den Wunsch auf Hilfe abgeschlagen haben, um eigene Bedürfnisse zu erfüllen? Und hinterher kamen Ihnen dann gehörige Zweifel an der Richtigkeit Ihres Verhaltens? Dann wissen Sie, wie sich Ihre Schuldgefühle bemerkbar machen. Doch zurück zum Ausgangspunkt: Was versteht man denn eigentlich unter Schuld und Schuldgefühlen? In verschiedenen Lexika findet man unter dem Begriff Schuld: „Verpflichtung zu einer Gegenleistung“, „Verantwortung für die Verletzung von Geboten und Pflichten“. Irgendjemand scheint für uns Regeln zu formulieren und zu entscheiden, wann eine Leistung eine Gegenleistung erforderlich macht. Schuld zu haben, hat mit Verantwortung zu tun, der Verantwortung für das eigene Handeln und die Verpflichtung, für das eigene Handeln geradezustehen und einen eventuellen Schaden wiedergutzumachen. In unserer Sprache finden wir Redewendungen wie: „Ich stehe in deiner Schuld.“, „Ich fühle mich frei von Schuld.“, „Ihn trifft keine Schuld.“, „Ich bin mir keiner Schuld bewusst.“ Um von Schuld einem anderen gegenüber sprechen zu können, muss ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem eigenen Handeln und einem Schaden bestehen, den ein anderer erlitten hat. Je nachdem, wer die Gebote und Pflichten formuliert, folgen der Schuld unterschiedliche Konsequenzen. Übertreten wir die Gesetze unseres Staates, so müssen wir mit Strafe durch den Gesetzgeber rechnen. Wir werden schuldig gesprochen und im Namen des Staates verurteilt. In manchen Ländern besteht die Höchststrafe sogar auch heute noch in der Todesstrafe. Sind wir Mitglied einer kirchlichen Organisation, so sind beispielsweise die zehn Gebote eine Richtschnur, anhand derer unser Verhalten beurteilt wird. In diesem Leben oder zumindest nach unserem Tode erwarten uns dann ebenfalls Konsequenzen, wenn wir ihnen zuwiderhandeln. Ob man schuldig gesprochen wird, hängt auch davon ab, ob zum Zeitpunkt der Verurteilung alle Tatsachen über die Tat bekannt waren und ob das Verhalten zu diesem Zeitpunkt als falsch bewertet wurde. Manches Verhalten stellt sich sogar erst Generationen später als falsch und schädlich heraus.
Schuldgefühle werden definiert als: „Gefühle, jemandem Unrecht getan zu haben“. Sie laufen im Innern von uns ab und sind nicht von außen kontrollierbar. Außerdem setzen sie voraus, dass wir ein Unrechtsbewusstsein haben, Bescheid wissen, was rechtes und unrechtes Verhalten beinhaltet, und erkennen, unrecht gehandelt zu haben. Schuldgefühle werden häufig auch mit der Redewendung „ein schlechtes Gewissen haben“ umschrieben. Schuld und Schuldgefühle müssen nicht zwangsläufig zusammen auftreten. Es gibt Menschen, die fühlen sich für alles und jedes schuldig, obwohl sie keine Schuld trifft. Und es gibt Menschen, beispielsweise manche Kriminelle und Psychopathen, die keinerlei Schuldgefühle verspüren, obwohl sie sich eines schweren Vergehens schuldig gemacht haben. Sie fühlen sich nicht in die Folgereaktionen ein, die sie beim anderen ausgelöst haben und haben kein Mitgefühl.
Der Unterschied zwischen Schuld- und Reuegefühlen
Viele Menschen setzen Schuld- und Reuegefühle gleich. Doch gibt es zwischen beiden Unterschiede, die ich mit Ihnen im Verlauf des Buches herausarbeiten möchte.
•Wir verspüren Schuldgefühle, wenn wir unser Verhalten als falsch ansehen und uns dafür als schlechten Menschen verurteilen.
•Wir verspüren Reuegefühle, wenn wir unser Verhalten als falsch ansehen, es bedauern, aber uns diesen Fehler verzeihen. Wir fühlen uns für unser Verhalten verantwortlich und suchen nach Wegen der Korrektur, Wiedergutmachung und Vermeidung des Fehlers in der Zukunft. Während Schuldgefühle uns quälen, lähmen, unsere gesamte Energie aufbrauchen können, fühlen wir uns mit Reuegefühlen in der Lage, aktiv zu werden. Wir behalten unsere Selbstachtung.
1.2Wie äußern sich Schuldgefühle?
Schuldgefühle können sich ganz vielfältig äußern. Bei mir melden sie sich beispielsweise durch Magendruck, innere Unruhe, bisweilen Einschlafstörungen und manchmal auch durch ein gesteigertes Verlangen nach Süßem. In der Umgangssprache werden Schuldgefühle auch als „Gewissensbisse“ bezeichnet. Ich finde mit diesem Wort kommt gut die Giftigkeit, das Quälende der Schuldgefühle zum Ausdruck. Schuldgefühle können für einen Menschen so quälend sein, dass er seine Lebensfreude, sein Interesse an der Umwelt vollkommen verliert und sogar Selbstmord begeht. Jeder Mensch hat ganz spezifische Signale, die ihn auf Schuldgefühle aufmerksam machen. Schuldgefühle können sich zeigen:
•in unseren Gefühlen
Wir sind gereizt, mürrisch, wütend, hasserfüllt, ängstlich, resigniert, depressiv, fühlen uns einsam.
•im körperlichen Befinden
Wir sind angespannt, unruhig, wie gelähmt, haben Magenbeschwerden, Schlaf-, Konzentrations-, Merkfähigkeitsstörungen, Durchfall oder Verstopfung, Heißhungerattacken oder Appetitverlust, Herzstechen, niedrigen oder hohen Blutdruck, Atembeschwerden, Kopfschmerzen, einen Kloß im Hals, verspüren ein Nachlassen unseres sexuellen Verlangens usw. Langfristig können sich beispielsweise auch psychosomatische Erkrankungen wie etwa Magengeschwüre, Asthma und Ekzeme entwickeln.
•im Verhalten
Wir verleugnen die Schuld, schieben sie auf andere ab, machen anderen Vorwürfe, ziehen uns von anderen zurück, entschuldigen uns ausschweifend, entwickeln selbstschädigende Verhaltensweisen, beginnen zu trinken, rauchen, überessen, Tabletten zu nehmen, überhäufen uns mit Arbeit, schieben notwendige Arbeiten auf, stürzen uns in Aktivitäten, geiseln uns selbst, entwickeln zwanghafte Verhaltensmuster, nehmen uns im Extremfall das Leben.
Sie merken an dieser Aufzählung, dass es keine typischen Merkmale für Schuldgefühle gibt. Stattdessen schlagen sie sich in unterschiedlichen Gefühlen, Körperreaktionen und Verhaltensweisen nieder. Schuldgefühle sind im Grunde genommen keine richtigen Gefühle wie etwa Angst, Ärger, Trauer oder Freude. Sie sind eher Gedankengänge darüber, etwas falsch gemacht zu haben, die sich dann in Gefühlen und körperlichen Reaktionen äußern. Um so schwieriger ist es deshalb manchmal, Schuldgefühle überhaupt zu erkennen. Manchmal sind wir uns unserer Schuldgefühle gar nicht bewusst. Wir fühlen uns einfach nur schlecht oder stürzen uns ohne Unterlass in Arbeit. Viele Menschen kommen wegen ihrer körperlichen Symptome oder selbstschädigender Verhaltensweisen in Therapie und erst im Laufe von Gesprächen stellt sich heraus, dass die Ursachen in Schuldgefühlen zu suchen sind. Natürlich variieren Schuldgefühle auch in ihrer Stärke und Dauer. Wenn wir einen Geburtstag vergessen haben, werden wir uns vielleicht nur ein paar Minuten mit Schuldgefühlen beschäftigen. Haben wir unsere Mutter im Pflegeheim untergebracht, werden uns die Schuldgefühle möglicherweise bis zum Tod der Mutter begleiten. Wurde durch unsere Schuld ein anderer Mensch bei einem Autounfall schwer verletzt, können uns Schuldgefühle sogar bis zum Selbstmord treiben.
Schuldgefühle in Verbindung mit Depressionen und Zwangsneurosen
Schuldgefühle können auch als Begleiterscheinungen von Depressionen und Zwangserkrankungen auftreten.
a) Menschen, die darunter leiden, sich zwanghaft gedanklich mit etwas beschäftigen oder Handlungen immer wieder ausführen zu müssen, haben viele Einstellungen, die sie für Schuldgefühle empfänglich machen. Beispielsweise fordern sie von sich, alles perfekt zu machen, sich immer nach der strengsten Norm zu richten und ihre Gefühle vollkommen unter Kontrolle zu haben. Sie glauben, dass jegliche fehlerhafte oder unvollkommene Leistung zu einer Katastrophe führen kann und laden sich übertrieben viel Verantwortung für Ereignisse in ihrem Umfeld auf. Verhalten sie sich entgegengesetzt ihrer Forderungen, verspüren sie Schuldgefühle. Sie nehmen sich dann vor, noch mehr Kontrolle über ihr Verhalten auszuüben. Das zwanghafte Verhalten hilft ihnen dabei, ihre Schuldgefühle möglichst gering zu halten. Wenn Sie, lieber Leserin, lieber Leser, unter zwanghaften Gedankengängen oder Verhaltensweisen leiden und Ihre Lebensqualität eingeschränkt ist, dann sollten Sie sich therapeutische Unterstützung holen. Die Verhaltenstherapie hat sich hier als effektive Behandlungsmethode erwiesen.
b) Menschen, die sich schuldig fühlen, werden häufig depressiv. Sie verurteilen sich für ihr Verhalten und sehen sich als minderwertig oder Versager. Gleichzeitig sehen sie keine Chance, ihr Fehlverhalten jemals zu korrigieren.
1.3Wie entwickeln sich unsere Schuldgefühle?
Wir haben uns in diesem Buch zum Ziel gesetzt, zu lernen, Schuldgefühle, die uns quälen, zu überwinden. Hierzu müssen wir zunächst einmal wissen, wie Schuldgefühle entstehen. Erst dann können wir uns Wege überlegen, sie abzulegen oder zumindest abzuschwächen. Die Suche nach den Quellen unserer Schuldgefühle führt uns zurück in unsere Kindheit.
Wir werden nicht mit Schuldgefühlen geboren, sondern nur mit der Fähigkeit, uns Schuldgefühle machen zu können. Wir erlernen die Fähigkeit, in uns Schuldgefühle zu erzeugen, durch unsere Eltern, Lehrer, kirchliche und gesellschaftliche Vertreter. Vielleicht haben Sie als kleines Kind auch Botschaften gehört wie etwa:
•„Mami muss sich schämen mit dir, wenn du nicht danke sagst.“
•„Mami ist ganz traurig, weil du ihr keinen Kuss gibst.“
•„So was macht ein kleiner Junge nicht. Du solltest dich was schämen.“
•„Du bist nicht mehr Papas kleiner Liebling, wenn du jetzt nicht sofort dein Zimmer aufräumst.“
•„Das ist nun der Dank. Wir haben so viel für dich getan, und du verhältst dich so schlecht.“
•„Wegen dir hat Vater die ganze Nacht kein Auge zugetan.“
•„Du bist ein schlechter Junge, deiner Mutter so weh zu tun.“
•„Du bist schuld, wenn ich noch krank werde.“
•„Du bringst mich noch ins Grab.“
•„Dir wird es noch leid tun, dass du so unartig bist.“
•„Brave Kinder sind nicht wütend, lügen nicht, räumen ihre Kleider auf, schlagen nicht, machen sich nicht schmutzig, unterbrechen Erwachsene nicht im Gespräch, machen ihren Eltern keine Sorgen, machen ihren Eltern keine Schande, halten ihre Versprechen usw. und wenn du diese Vorschriften nicht befolgst, bist du böse und dafür zu verurteilen.“
Haben Sie sich einige der Botschaften aus Ihrer Kindheit in Erinnerung rufen können? Wie haben Sie sich damals als Kind gefühlt, als Sie solche Vorwürfe zu hören bekamen? Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass mein Bruder und ich solche Vorträge als „Gardinenpredigt“ bezeichneten. Sie haben uns zwar nicht von Unartigkeiten abgehalten, aber wir hatten dann immer ein schlechtes Gewissen, etwas angestellt zu haben. Wir haben uns dann auch darin geübt, „Notlügen“ zu erfinden, um dem Tadel aus dem Weg zu gehen. Wahrscheinlich haben Sie sich nach solchen Vorwürfen auch schuldig gefühlt. Da wir von unseren Eltern gemocht werden wollen und ihnen nicht wehtun wollen, fühlen wir uns schlecht und schuldig. Unsere Eltern setzen Schuldgefühle als ein Mittel zur Erziehung ein. Sie vermitteln uns die Botschaft: „Wenn du nicht tust, was wir wollen, lehnen wir dich ab. Außerdem fühlen wir uns schlecht und du bist schuld daran. Der einzige Weg, unsere Liebe zu gewinnen ist, dass du dich nach unseren Vorstellungen verhältst. Dann bist du auch ein liebes Kind und von deiner Schuld befreit.“ Sie brauchen diese Botschaft noch nicht einmal mit Worten auszudrücken. Es genügt, wenn Papa uns nicht mehr beachtet, Mama nur noch das Nötigste mit uns spricht, mit Leidensmiene umherläuft, uns tadelnde Blicke zuwirft, die Stirn runzelt, uns keinen Gute-Nacht-Kuss gibt oder sich ans Herz fasst, weil sie vor Aufregung keine Luft mehr bekommt. Für nonverbale Signale wie Mimik, Gestik, Blickkontakt, Körperhaltung und den Stimmklang sind wir als Kinder sehr empfänglich. Wann immer wir uns abgelehnt fühlen oder bei anderen uns wichtigen Menschen eine negative Reaktion sehen, entsteht in uns der Eindruck, etwas verkehrt gemacht zu haben. So lernen wir schließlich, aus Angst vor der negativen Reaktion der Erwachsenen gar nicht mehr zu tun, was wir uns so sehr wünschen, oder uns zumindest mit Schuldgefühlen zu bestrafen, wenn wir es dennoch tun.
Wir Kinder lernen diese Lektion sehr rasch. Wir lernen: „Tue ich etwas Schlechtes oder Verbotenes, dann bin ich ein schlechter und nicht liebenswerter Mensch und muss mich dafür verurteilen und schämen.“ Da wir noch nicht in der Lage sind, den Worten unserer Eltern kritisch gegenüberzustehen, übernehmen wir das vernichtende Urteil der Eltern. Wir lernen, dass man stets die Wünsche und Erwartungen anderer Menschen erfüllen muss. Tut man das nicht, dann wird man abgelehnt und verurteilt; und wer möchte das schon? Auf diese Weise wachsen die meisten von uns als unsichere und ängstliche Menschen heran, die von der Meinung der Mitmenschen abhängig sind. Sind wir erwachsen, flammen diese Schuldgefühle stets auf, wenn wir glauben, andere Menschen enttäuscht oder verletzt zu haben. Dann kommt die ganze Selbstverurteilungsmaschinerie in Gang. Oder aber wir lernen, uns zwar entgegengesetzt der Regeln oder Erwartungen anderer zu verhalten, aber die Verantwortung dafür abzulehnen. Uns fällt es schwer, Fehler zuzugeben. Immer sind dann die anderen schuld oder das Schicksal, die Umstände …
Bis jetzt können wir uns die Entwicklung von Schuldgefühlen folgendermaßen vorstellen:
1.Das Kind tut etwas.
Eltern sagen: „Das ist falsch. Das darf man nicht. Du tust uns weh. Du bist ein böses Kind. Wir haben dich nicht mehr lieb.“ Eltern drücken mit nonverbalen Signalen Ablehnung und Missbilligung aus.
2.Das Kind lernt die Einstellung.
Ich habe etwas falsches getan, verdiene Strafe, bin ein böses Kind. Ich habe andere verletzt, bin ein schlechtes KInd.
3.Das Kind vermeidet, Falsches zu tun und andere zu verletzen, oder tut es nur noch mit schlechtem Gewissen, bestraft sich mit Schuldgefühlen.
Je wichtiger die Eltern oder andere Bezugspersonen für das Kind sind, umso empfänglicher wird es für Schuldgefühle sein. Mit der Zeit wird das Kind aus Angst vor Ablehnung und Schuldgefühlen sogar zukünftige Verhaltensweisen, die den Geboten der Bezugspersonen widersprechen können, vermeiden. Es wird sich nach den Normen der Eltern ausrichten und nur noch tun, was in den Augen der Eltern richtig ist. Es wird sozusagen dann fremdgesteuert, lernt, nicht mehr auf eigene Bedürfnisse, Wünsche und Vorstellungen zu hören. Es verinnerlicht die Wertungen der Eltern und auch wenn die Eltern nicht zugegen sind, wird es sich nach deren Regeln verhalten. Aus der Sicht der Eltern ist dann der Erziehungsprozess abgeschlossen und die Erziehung gelungen: „Das Kind kommt nicht mehr auf dumme Gedanken und wird erwachsen.“ Handelt es dennoch den Vorstellungen der Eltern zuwider, so bestraft es sich mit Schuldgefühlen und Selbstverachtung.
Nun will ich hier keine Schimpfkanonade auf die Eltern loslassen. Die Eltern sind fast immer davon überzeugt, das Beste für ihr Kind zu tun. Sie handeln in bester Absicht, aus ihrem Kind einen reifen, verantwortungsvollen erwachsenen Menschen zu formen. Tatsache ist, wir müssen als Kinder eine Unmenge an Geboten und Regeln lernen, um uns nicht in Lebensgefahr zu bringen, in dieser Gesellschaft integriert zu sein und funktionieren zu können. Außerdem haben die meisten Eltern in der eigenen Kindheit ähnliche Erfahrungen gemacht und ihr Erziehungsverhalten von den eigenen Eltern gelernt. Fatalerweise ist jedoch die Erziehung mit Hilfe von Schuldgefühlen keine effektive geeignete Erziehung. Kinder lernen hierdurch nicht, den Sinn von Regeln und Normen zu verstehen. Sie lernen nicht, dass es besser für sie ist, ein bestimmtes Verhalten zu zeigen. Sie lernen lediglich, aus Angst vor den Konsequenzen die Regeln zu befolgen.
Wie erzeugen wir uns als Erwachsene Schuldgefühle?
Nun könnte man meinen: „Wenn wir erst einmal erwachsen sind, dann wird alles anders. Dann bestimmen wir unsere Regeln und Prinzipien selbst und können tun und lassen, was wir wollen.“ Doch leider verläuft der menschliche Lernprozess nicht so. Haben wir erst einmal Regeln und Wertmaßstäbe in unserem Geiste installiert, dann können wir sie nicht einfach löschen. Sie sind erstens so automatisiert, dass wir deren Einfluss häufig gar nicht mehr wahrnehmen. Wir haben nur den Eindruck, dass wir uns gar nicht anders verhalten können, „dass sich das einfach so schickt und gehört“, „dass man das eben so tut“, „dass man halt so reagiert.“ Und zweitens sind wir so an die Befolgung der Regeln gewöhnt, dass wir bei Zuwiderhandlung erst einmal den Eindruck gewinnen, „Unrechtes“ oder „Gefährliches“ zu tun. Dieses Gefühl, etwas Falsches zu tun, erschwert uns dann das Erlernen neuer Verhaltensweisen. So sinnvoll es gewöhnlich ist, auf seine Gefühle zu hören, leiten sie uns an diesem Punkt leider in die Irre. Um uns neue Regeln anzueignen, müssen wir lernen, für eine kurze Zeit nicht auf unser Gefühle zu hören (siehe hierzu 3.3: Die fünf Phasen des Umlernens).
Das ABC der Schuldgefühle
Auch wenn es Ihnen bisher so erzählt wurde und Sie es bisher geglaubt haben: Schuldgefühle sind nicht die logische Folge eines Fehlverhaltens. Unsere Schuldgefühle erzeugen wir uns als Kinder – dann wenn wir uns die Regeln und Vorschriften der Erwachsenen bereits zueigen gemacht haben – und als Erwachsene selbst. Wir selbst sind verantwortlich für sie. Sie brechen nicht über uns herein, sondern sind das Ergebnis negativer Selbstgespräche, die wir führen, wenn wir glauben, an etwas schuld zu sein. Sowohl die Selbstgespräche als auch die Schuldgefühle sind uns manchmal überhaupt nicht mehr bewusst. Wir fühlen uns lediglich depressiv, gereizt, angespannt oder bemerken nur körperliche Beschwerden. Schuldgefühle entstehen wie alle Gefühle nach dem ABC der Gefühle.
Das ABC der Gefühle
A Situation:
Es passiert etwas.
B Selbstgespräch/Bewertung:
Wir bewerten diese Situation als positiv, neutral oder negativ für uns.
C Gefühle und Verhalten:
Wir fühlen und verhalten uns entsprechend unserer Bewertung.
Schuldgefühle entstehen nicht dadurch, dass wir etwas „Schlimmes“ gesagt oder getan haben oder tun werden (A: die Situation). Schuldgefühle entstehen, weil wir uns in Gedanken sagen, dass wir etwas „Schlimmes“ gesagt oder getan haben, was wir nicht hätten sagen oder tun dürfen, und dass wir, weil wir es dennoch tun oder getan haben, schlechte und minderwertige Menschen sind (B: unsere Bewertung). Auch andere können uns keine Schuldgefühle machen, wenn wir es nicht zulassen. Wenn ein anderer uns einen versteckten oder direkten Vorwurf macht und wir uns schuldig fühlen, dann einzig und allein deshalb, weil wir dem anderen beipflichten. Wir sagen uns innerlich: „Er hat recht. Ich hätte das nicht tun oder sagen sollen. Das war nicht recht von mir.“
Auf unsere Schlussfolgerungen kommt es an
Die Gedanken (B), etwas falsch gemacht zu haben, alleine erklären nicht vollständig, weshalb wir Schuldgefühle haben und es uns so schlecht geht. Was ist denn nur so Schlimmes dabei, etwas versäumt oder falsch gemacht zu haben? Was ist so schlimm daran, etwas nicht zu tun, was man tun müsste? Was in aller Welt bewirkt, dass in uns dieses nagende Gefühl entsteht und wir nur schwer aufhören können, uns immer wieder Vorwürfe zu machen? Die Erklärung ist, dass wir in unseren Selbstgesprächen (B) aus unserem Vorwurf noch eine Schlussfolgerung ableiten: „Wir hätten uns nicht so verhalten sollen, und da wir es dennoch getan haben, müssen wir uns verurteilen. Wenn man so etwas tut, dann ist man ein schlechter, ablehnenswerter Mensch.“ Es ist diese vernichtende Schlussfolgerung, die uns solche Probleme macht. Wir müssen also unser Modell davon, wie Schuldgefühle entstehen, noch ergänzen:
A Situation:
Wir tun, sagen, denken oder fühlen etwas.
B Selbstgespräch/Bewertung:
Wir bewerten unser Tun, unsere Gedanken, unsere Worte oder unsere Gefühle als falsch: „Ich hätte das nicht tun/sagen/denken/fühlen dürfen.“ oder „Ich sollte so etwas nicht tun, sagen, denken, oder fühlen.“
… und weil wir etwas getan, gesagt, gedacht oder gefühlt haben, das wir verurteilen, folgern wir daraus:
„Ich bin ein schlechter, ablehnenswerter Mensch.“
C Gefühle und Verhalten:
Wir fühlen uns schuldig, bekommen körperliche Symptome und verhalten uns in einer bestimmten Art und Weise. Dieses Schema trifft auf alle Schuldgefühle und auf alle Menschen zu. Abhängig von der Kultur, der Religion und der Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen unterscheiden wir uns nur darin, was wir als gut und schlecht, richtig und falsch ansehen. Die Regeln und Normen, nach denen wir unser Leben gestalten, sind unterschiedlich. Gemeinsam ist uns: Wenn wir unser Verhalten und gleichzeitig uns als Menschen verurteilen, werden wir Schuldgefühle verspüren.
Vielleicht mögen Sie nun einwenden: „Gibt es denn nicht Verhaltensweisen, wegen derer man einfach Schuldgefühle bekommen muss? Situationen, in denen man quasi keine Einflussmöglichkeiten auf seine Gefühle hat?“ Dann möchte ich an dieser Stelle nur kurz auf Ihren Einwand eingehen. In Kapitel 3.1 werden wir uns noch eingehender damit beschäftigen.
Wir haben immer Einflussmöglichkeiten auf unsere Gefühle. Dennoch gibt es sicher Situationen, in denen Sie im Augenblick einfach Schuldgefühle bekommen müssen – weil Sie dort vehement Ihren moralischen Vorstellungen zuwiderhandeln. Sie sind der Meinung, dass dies ein besonders schwerer Verstoss sei, den Sie sich nicht durchgehen lassen können, sondern mit Selbstverurteilung bestrafen müssen. Sie ganz persönlich müssen dann in dieser Situation im Augenblick mit Schuldgefühlen reagieren. Wenn Sie es für richtig und angemessen finden, sich deshalb Schuldgefühle zu machen, dann ist das ja auch in Ordnung. Für die Zukunft können Sie jedoch entscheiden, ob Sie sich weiterhin so behandeln wollen oder nicht. Sie können zu jedem Zeitpunkt entscheiden, Ihre Schuldgefühle aufzugeben und sich zu verzeihen – wann immer Sie glauben, sich genügend Schuldgefühle gemacht zu haben, und wann immer Sie nicht mehr unter ihnen leiden möchten.
Auch den Einwand: „Ist es denn nicht ganz normal, sich Schuldgefühle zu machen?“, höre ich oft von meinen Klienten. Ich antworte dann darauf immer: „Ja, es ist ganz normal, sich Schuldgefühle zu machen, wenn wir unter „normal“ vestehen, dass sich die meisten Menschen Schuldgefühle machen.“ „Normal“ heißt jedoch nicht, dass diese Denkweise gesund und hilfreich für Sie ist.
Was Sie beachten sollten
Sich Schuldgefühle zu machen, bedeutet also immer, sich als Mensch für sein Handeln zu verurteilen. Würden wir lediglich unser Handeln als falsch bewerten, unseren Wert als Mensch also nicht in Frage stellen, dann hätten wir keine Schuldgefühle. Wir hätten dann lediglich das Bewusstsein, etwas Falsches getan zu haben, würden unser Handeln bedauern, uns aber nicht zerfleischen. Wir würden uns lediglich für unser Verhalten und seine Folgen verantwortlich fühlen.
1.4Welche Selbstgespräche führen zu unseren Schuldgefühlen?
Unsere Selbstgespräche, das heißt Bewertungen von dem, was wir tun oder sagen, laufen meist automatisch ab. Deshalb mag es sein, dass Sie jetzt einwenden: „Ich führe keine inneren Selbstgespräche. Meine Schuldgefühle sind da, weil ich mich falsch verhalten habe, und nicht weil ich etwas denke.“ Ich möchte Ihnen recht geben, dass Sie es im Augenblick so erleben, als ob Sie nichts denken. Doch ist es so, dass unser Gehirn in jedem Augenblick unseres bewussten Erlebens die jeweilige Situation automatisch einschätzt. Es prüft, ob sie gefährlich für uns ist oder nicht, ob wir uns richtig verhalten oder nicht. An diesem automatischen Ablauf können wir überhaupt nicht rütteln, wir haben diesbezüglich keine Wahlmöglichkeit. Unser Gehirn ist einfach so konstruiert. Es läuft wie ein Roboter, der seine einmal einprogrammierten Aufgaben ausführt. Unser Gehirn-Programm besteht aus unseren eigenen gespeicherten Erfahrungen und Schlussfolgerungen, aus Erfahrungen, die wir uns angelesen oder von unseren Bezugspersonen abgeschaut haben, und dem, was unsere Eltern und Bezugspersonen uns direkt beigebracht und wir ihnen geglaubt haben. Leider sind wir es nicht gewohnt, auf unsere Gedanken zu achten. Und deshalb erscheint es uns so, als ob Situationen und andere Menschen unsere Gefühle unmittelbar auslösen könnten und wir ihnen hilflos ausgeliefert seien. Prüfen Sie nun einfach einmal nach, ob Ihnen einige der folgenden Gedanken vertraut vorkommen:
•Ich hätte das nicht tun dürfen.
•Ich hätte das nicht sagen dürfen.
•Wie konnte ich nur … Ich hätte mich anders verhalten müssen.
•So ein Fehler hätte mir nicht passieren dürfen.
•Ich hätte das vorher wissen müssen.
•Ich hätte nicht so sorglos sein dürfen.
•Ich hätte mich mehr um sie kümmern müssen.
•Ich hätte daran denken müssen, dass …
•Ich hätte mich nicht so gehenlassen dürfen.
•Ich hätte mehr für meine Kinder dasein müssen.
•Ich hätte nicht so egoistisch sein dürfen.
•Ich hätte meinen Eltern nicht so viele Sorgen machen dürfen.
•Ich hätte nicht lügen dürfen.
•Ich hätte nicht aus der Haut fahren dürfen.
•Ich hätte nicht so faul die Zeit vergammeln sollen.
•Ich hätte ihn nicht kränken dürfen.
•Ich müsste mehr auf meine Gesundheit achten.
•Ich sollte nicht so häufig Überstunden machen. Meine Familie kommt zu kurz.
•Ich müsste mich mehr um meine Eltern kümmern.
•Ich sollte mehr Rücksicht auf meine Mutter nehmen.
•Ich müsste mehr für notleidende Menschen tun.
•Ich dürfte nicht so egoistisch sein.
Vor jeden dieser Vorwürfe müssen wir noch die Bewertung schreiben: „Das war/ist falsch von mir.“ Hinter jede Äußerung müssen wir noch unsere Schlussfolgerung ergänzen: „Und da ich dies nicht tue/getan habe, bin ich ein schlechter Mensch.“, „Und da ich dies tue, getan habe, bin ich ein schlechter Mensch.“ Sind Ihnen einige der Vorwürfe vertraut? Dann sind Sie bereits Ihren Selbstgesprächen auf der Spur. Sie sind schon die ersten Schritte auf dem Weg der Veränderung gegangen. Wenn nicht, benötigen Sie noch etwas Training in der Selbstbeobachtung Ihrer Gedanken. Fest steht, dass Sie, wann immer Sie sich gefühlsmäßig schlecht fühlen, auch etwas Negatives gedacht haben müssen. Sofern Sie keine körperliche Erkrankung oder Erkrankung des Gehirns haben, kann Ihr Körper nicht eigenmächtig Gefühle erzeugen. Er benötigt hierzu den Auftrag durch Ihr Denken. Bitte bleiben Sie am Ball und suchen Sie wie ein Detektiv nach Ihren automatisch ablaufenden Bewertungen. Es lohnt sich, den Selbstgesprächen auf die Spur zu kommen. Ihre Selbstgespräche bieten Ihnen die Chance, Ihre Gefühle zu beeinflussen.
Es gibt einen Universalschlüssel zu Ihren Schuldgefühlen, den ich Ihnen nun überreichen möchte. Alle Menschen, die sich schuldig fühlen, haben einen gleichartig lautenden Gedankengang:
Wenn Sie Schuldgefühle verspüren, dann werfen Sie sich vor,
•etwas zu tun oder auch nicht zu tun, von dem Sie denken, dass Sie es tun sollten oder nicht tun sollten, zum Beispiel „Ich sollte mich mehr um meine Kinder kümmern.“, „Ich sollte keine Schulden machen.“ oder „Ich sollte weniger Süßigkeiten essen.“
•etwas getan oder gesagt zu haben (aber glauben, nicht hätten tun oder sagen dürfen), zum Beispiel: „Ich hätte ihr nicht sagen sollen, dass mir ihr Geschenk nicht gefällt.“, „Ich hätte meine Eltern nicht belügen sollen.“
•etwas, was Sie versäumt haben, zu tun oder zu sagen (aber glauben, es hätten nicht versäumen zu dürfen) zum Beispiel: „Warum habe ich meinem Vater nicht häufiger gesagt, dass ich ihn liebe. Jetzt ist es zu spät und er ist tot.“
und verurteilen sich dafür.
Was ist nun aber mit den Menschen, die sich scheinbar grundlos oder permanent schuldig fühlen? Wie können wir deren Gefühle mit dem ABC-Schema der Gefühle erklären?
Menschen, die zunächst keine Erklärung für ihre Schuldgefühle finden, stehen häufig in einem Konflikt zwischen zwei unterschiedlichen Bedürfnissen. Sie wollen beispielsweise etwas mit ihren Kindern unternehmen, aber auch Zeit für sich selbst haben. Entscheiden Sie sich für eine Tätigkeit ohne Kinder, fühlen sie sich schuldig, obwohl daran objektiv nichts Verkehrtes zu entdecken ist. Sie sind sich ihrer Forderung nicht bewusst, immer für die Kinder dasein zu müssen. Deshalb glauben sie, sich grundlos schuldig zu fühlen. Menschen, die sich immer schuldig fühlen, werfen sich beispielsweise ein „unverzeihliches Vergehen“ vor. Andere haben in ihrer Kindheit die grundsätzliche Einstellung gewonnen, von Natur aus schlecht zu sein. Sie wurden oder werden auch heute noch in ihrer Familie als das schwarze Schaf angesehen, das an allem schuld ist. Sie laufen quasi mit der Grundeinstellung umher, mit ihnen stimme etwas nicht, sie seien grundsätzlich schlecht und ablehnenswert.
1.5Wer hat Einfluss auf unsere Regeln und Wertvorstellungen?
Schuldgefühle entstehen, weil wir unser Tun anhand bestimmter Wertmaßstäbe als falsch bewerten und uns verurteilen. Bis wir erwachsen sind, haben wir eine Unmenge von Normen, Regeln und Wertmaßstäben in unserem Kopf installiert. Wie ein Roboter reagieren wir in einer bestimmten Situation mit einer ganz bestimmten Bewertung. Es gibt im wesentlichen drei Quellen, aus denen wir unsere Maßstäbe für richtiges und falsches Verhalten beziehen: 1) von den Eltern und nahen Bezugspersonen, später auch von dem Lebenspartner, 2) von der katholischen/evangelischen Kirche oder anderen religiösen Vereinigungen und 3) von der Gesellschaft.
1.Eltern und nahe Bezugspersonen
Die meisten Eltern wünschen sich „brave“ Kinder, die sich nach ihren Vorstellungen verhalten. Außerdem wünschen sie sich, dass aus den Kindern erfolgreiche Erwachsene werden, die anerkannt werden, es zu etwas bringen und sich in die Gesellschaft einfügen. Mittel zur Erziehung sind unter anderem:
a) Belohnung
durch Materielles, durch die Erlaubnis bestimmter Handlungen „Wenn du lieb bist, bekommst du … darfst du …“, durch den Wegfall unangenehmer Konsequenzen „Wenn du lieb bist, brauchst du nicht mehr …“
b) Bestrafung
durch negative Konsequenzen „Wenn du nicht tust, dann kriegst du …“, durch den Wegfall positiver Konsequenzen „Wenn du nicht lieb bist, bekommst du nicht mehr …“
c) Schuldgefühle
„Mami mag dich nicht mehr, wenn du … Du machst mich traurig, wenn du …“, „Du bist schlecht, wenn du nicht … befolgst/machst.“ Das Kind bekommt die Verantwortung für das Wohlergehen der Bezugspersonen auferlegt. Da es gerne gemocht werden möchte, wird es höchstwahrscheinlich alles tun, um brav zu sein, oder sich zumindest schlecht fühlen, wenn es zuwiderhandelt. Das Kind hat noch keine Möglichkeit, die Regeln der Eltern in Frage zu stellen und zu trennen zwischen ihrer Liebe und einem einzelnen Verhalten, was es zeigt. (Wie man dies macht, dazu werden wir später noch kommen). Es lernt, sich als guten Menschen anzusehen, wenn die Eltern es mögen, und als schlechten, wenn die Eltern es ablehnen.
Meine Mutter liebt mich.
Ich fühle mich gut.
Ich fühle micht gut, weil sie mich liebt.
Ich bin gut, weil ich mich gut fühle.
Ich fühle mich gut, weil ich gut bin.
Meine Mutter liebt mich, weil ich gut bin.
Meine Mutter liebt mich nicht.
Ich fühle mich schlecht.
Ich fühle mich schlecht, weil sie mich nicht liebt.
Ich bin schlecht, weil ich mich schlecht fühle.
Ich fühle mich schlecht, weil ich schlecht bin.
Ich bin schlecht, weil sie mich nicht liebt.
Sie liebt mich nicht, weil ich schlecht bin.
aus: Ronald Laing: Knoten, Reinbeck 1972 Rowohlt dnb 25
2.Kirchliche Einrichtungen
Jede kirchliche Einrichtung hat Gebote und Vorschriften erlassen, nach denen die Mitglieder sich verhalten sollen. Sind die Gebote formuliert, um Menschen dabei zu helfen, besser miteinander zusammenzuleben und sich wohlzufühlen, ist nichts dagegen einzuwenden. Doch häufig werden Mitglieder kirchlicher Organisationen sogar seelisch krank, weil sie es nicht schaffen, sich an die Gebote zu halten. Die zehn Gebote beispielsweise sind kaum von einem menschlichen Wesen vollständig immer und überall zu erfüllen. Vielfach sind die Gebote nicht einsichtig oder passen nicht mehr in die heutige Zeit (beispielsweise das Verbot bestimmter Empfängnisverhütungsmethoden oder das Zölibat). Viele gläubige Menschen leben zwar nach den Geboten der Kirche, aber nur weil es Gott von ihnen verlangt – nicht weil sie sie bejahen. – Der Motor, der dahintersteht, ist die Angst vor Bestrafung im diesseitigen oder jenseitigen Leben. Andere leben im Widerspruch zu den Geboten, aber plagen sich mit permanenten Schuldgefühlen herum. Für sie besteht die Gefahr, depressiv zu werden oder eine Suchtmittelabhängigkeit zu entwickeln.
3.Gesellschaft
•Schule
Auch Lehrer sind einflussreiche Vermittler von Schuldgefühlen. Vielleicht erinnern Sie sich auch an solch peinliche Situationen, als Sie an der Tafel die Rechenaufgaben nicht herausbekamen und der Lehrer Ihnen mitteilte: „Das müsstest du aber jetzt wissen.“ Der Hinweis auf die Enttäuschung der Eltern oder die Androhung, die Eltern über schlechte Leistungen oder mangelnde Mitarbeit zu informieren, hat sicher auch bei Ihnen genügt, um Schuldgefühle hervorzurufen. Wie wir mit Fehlern und Misserfolgen umgehen, auch das haben wir in der Schule mitbekommen. Aus der Sicht vieler Lehrer sollen uns Schuldgefühle zum Lernen und konzentrierten Arbeiten motivieren.
•Gesetze
Unser Staat hat für alle Lebensbereiche Gesetzesvorschriften formuliert: zur Ehe, zur Kindererziehung, zum Umweltschutz, zum Straßenverkehr, zum Umgang mit anderen Menschen, zur Anwendung von Gewalt in der Partnerschaft, zum Schwangerschaftsabbruch, zur Homosexualität, zur Abgabepflicht für Steuern, zur Meldepflicht, zur Eigentumswahrung, zum Verhalten am Arbeitsplatz usw. Für das Zusammenleben in einer Gesellschaft sind Gesetze notwendig und erforderlich. Sie sind die Grundlage, nach der sich alle Mitglieder der Gesellschaft orientieren sollen. Der Staat versucht, uns durch die Androhung von Strafen zur Einhaltung seiner Gesetze zu bewegen. Verhalten wir uns wider die Gesetze, so müssen wir mit Konsequenzen rechnen, die von finanziellen Strafen, bis hin zu vorübergehendem oder lebenslänglichem Freiheitsentzug reichen. Daneben erwartet der Staat auch, dass wir die Schuld einsehen, Reue zeigen und uns bessern. Die Gesetze des Staates sind nicht unumstößlich, sondern werden immer einmal wieder neuformuliert, das heißt was zu manchen Zeiten als Fehlverhalten verurteilt wurde, kann zu anderen Zeiten als angemessen und richtig definiert werden (zum Beispiel Scheidung, Homosexualtiät, Zusammenleben vor der Ehe).
•Werbung/Medien
Ein immer gewichtigerer Verursacher von Schuldgefühlen ist die Werbung. Sie ist quasi auf unsere Empfänglichkeit für Schuldgefühle angewiesen. Nicht immer setzt die Werbung so offen auf Schuldgefühle wie bei der Lenorwerbung und dem sprechenden schlechten Gewissen. Es genügen dafür auch subtile Andeutungen. Wer will denn keine gute Mutter sein, keine attraktive Ehefrau? Wer will denn andere durch seinen Mundgeruch belästigen, schuld an dem frühen Herztod seines Partners sein, weil er nicht die gesunde Margarine zum Frühstück serviert, oder aber durch das falsche Waschmittel Allergien bei den Kindern erzeugen? Wer will seine Kinder in Lebensgefahr bringen, weil er noch keinen Airback für sein Auto hat, oder den Kindern kein Spiel in eigenem Garten ermöglichen? Überhaupt – so will es uns die Werbung weismachen – brauchen Kinder Markenprodukte und das Beste vom Besten, um glücklich zu sein. Selbst unser Hund oder unsere Katze scheint in der Lage zu sein, Schuldgefühle zu erzeugen, weil wir nicht eines der köstlichen Katzen- oder Hundefutter in den Napf streuen. Die Werbung suggeriert uns, dass wir unsere Schuldgefühle vermeiden können, wenn wir nur die entsprechenden Produkte kaufen. Dann werden wir von unserer Umwelt gemocht werden und uns selbst auch glücklich fühlen.
•Kulturelle Normen
Jede Gesellschaft entwickelt ihre eigenen Vorstellungen davon, was in ihr als normal angesehen wird. Beispielsweise gibt es Vorstellungen, ob Frauen berufstätig sein dürfen, ob Männer und Frauen fremdgehen dürfen, ob ein Mann mehrere Frauen haben darf, wie sich Männer und Frauen kleiden, wie und wie lange um einen Toten trauert, ob Frauen Kinder bekommen sollen, ob sich Partner trennen, in der Öffentlichkeit küssen dürfen usw. In der Gesellschaft gibt es darüber hinaus wieder einzelne Gruppierungen, die ihre eigenen Normen entwickeln. Die Gruppen der Rocker, Punker, Rechstradikalen, der Autonomen, der Vegetarier, der Tierschützer, der Umweltschützer – sie alle haben für sich spezielle Normen formuliert. Und wenn eines der Mitglieder diesen zuwiderhandelt, obwohl es diese Normen für richtig hält, wird es höchstwahrscheinlich Schuldgefühle entwickeln.
Konflikte zwischen einzelnen Regeln
Haben wird den Vorsatz gefasst, besonders gut sein und richtig handeln zu wollen, so wird es dann zur Unmöglichkeit, wenn die Regeln aus verschiedenen Bereichen miteinander kollidieren. So sollten wir beispielsweise zur Aidsverhütung Kondome benutzen, die katholische Kirche lehnt diese aber als „Werkzeuge des Teufels“ ab. Um die Bevölkerungsexplosion nicht voranzutreiben, wird vom Staat der Einsatz der Pille propagiert, die Kirche lehnt die Empfängnisverhütung ab. Homosexuelle Beziehungen und Ehescheidungen sind heutzutage von unserem Staat erlaubt, die katholische Kirche bezeichnet sie als schlimme Abirrung und schweren Verstoß gegen das natürliche Sittengesetz. In unserer kapitalistischen Gesellschaft gilt derjenige mehr, der sich mehr leisten kann, die Kirche betrachtet Luxus und Verschwendung als Todsünde. In unserem Staat ist die Scheidung und Wiederverheiratung erlaubt, Wiederverheiratete werden jedoch von der Kirche von der Kommunion ausgeschlossen. Es gibt sogar widersprüchliche Regeln aus ein und demselben Bereich. Beispielsweise will der Staat, dass Frauen berufstätig sind, aber auch für die Kindererziehung zuständig. Gleichzeitig erschwert er es den Frauen, diese Regeln zu erfüllen, indem er nur ungenügend für Kindergarten- und Hortplätze sorgt. Viele Frauen bringen sich an den Rande der Erschöpfung, wenn sie von sich den hundertprozentigen Einsatz als Mutter und Berufstätige fordern.
Meist können wir nur eine Regel befolgen und müssen uns entscheiden, was für uns die höchste Priorität hat. Gleichgültig wie wir uns entscheiden, laufen wir dann Gefahr, uns des Verstoßes gegen die andere Regel für schuldig zu fühlen.
2Vor- und Nachteile von Schuldgefühlen
Wenn wir uns selbst Schuldgefühle erzeugen, dann haben wir sowohl Vor- als auch Nachteile davon. Schuldgefühle erfüllen für uns eine wichtige Funktion, sind uns jedoch wiederum auch so unangenehm, dass wir versuchen, sie abzuwehren. Andere Menschen versuchen, uns ein schlechtes Gewissen einzureden. Auch wir nutzen die Schuldgefühle, um uns Vorteile bei anderen Menschen zu verschaffen. In diesem Kapitel wollen wir uns deshalb eingehender mit den Vor- und Nachteilen von Schuldgefühlen für uns und unsere Umwelt beschäftigen.
2.1Was gewinnen andere durch unsere Schuldgefühle?
Bisher haben wir uns damit befasst, dass wir für unsere Schuldgefühle selbst verantwortlich sind, aber dass andere Menschen darauf aus sind, uns Schuldgefühle zu machen. Es muss doch irgendein Grund dahinterstecken, weshalb es sich für andere lohnt, uns Schuldgefühle einzureden? Nun, wie ist das bei Ihnen, wenn Sie sich schuldig fühlen? Verhalten sich sie dann anders als ohne Schuldgefühle? Wenn ich mich schuldig fühle, bemühe ich mich beispielsweise darum, besonders nett zu sein, bitte um Verzeihung, gehe eher auf einen Kompromiss oder die Wünsche des anderen ein. Ich fühle mich geschwächt, glaube mich nicht mehr wehren zu dürfen. Manchmal gehe ich auch dem Menschen aus dem Weg, gegenüber dem ich mich schuldig fühle. Ich fühle mich unwohl in meiner Haut und hoffe, dass er mir nicht mehr begegnet und mich auf meinen Fehler anspricht. Insgesamt gesehen machen mich meine Schuldgefühle unfrei und leichter manipulierbar. Sicher gibt es auch andere Reaktionsweisen. Da gibt es diejenigen, die aggressiv werden und mit Vorwürfen zurückschießen. Aber auch dies ist lediglich eine Reaktion, ein Akt der Unfreiwilligkeit. Und das ist wohl auch das Ziel, das andere Menschen bei uns erreichen wollen, wenn sie uns Schuldgefühle einreden wollen. Sie wollen uns manipulieren, uns gefügig machen, unser Selbstwertgefühl angreifen. Sie wollen, dass wir nicht tun, was wir gerne tun würden, oder tun, was wir sonst nicht tun würden. Sie wollen uns weismachen, dass wir schlecht sind, weil wir deren Wünsche nicht erfüllen und verantwortlich für ihre Gefühle sind. („Wenn du mich lieben würdest, dann würdest du …!“) Und sie wollen sogar unser zukünftiges Verhalten steuern. Wenn wir wissen, dass sich der andere schlecht fühlen wird und wir nicht möchten, dass er dies tut, dann werden wir uns möglicherweise erst gar nicht mehr nach unseren Wünschen verhalten.
Aber der Schuss kann durchaus auch nach hinten losgehen. Schuldgefühle können dazu führen, dass wir Entscheidungen verheimlichen, die Unwahrheit sagen und nicht zu unserem Verhalten stehen. Das ist sicher nicht im Sinne derjenigen, die uns Schuldgefühle erzeugen wollen, es ist eine Schutzreaktion unsererseits. Über den Einfluss der Werbung haben wir in diesem Zusammenhang schon gesprochen. Sie rechnet damit, dass wir alle gute Menschen sein wollen und um Anerkennung ringen. Sie will uns zum Kauf animieren, uns einreden, dass sie nur unser Bestes will. Weitere Tricks der Werbung, um uns Schuldgefühle zu machen sind:
•kleine Werbegeschenke („Ich habe etwas bekommen. Dann muss ich auch etwas kaufen.“)
•besonders bemühte und nette Bedienung („Sie hat sich ja so bemüht, da kann ich nicht einfach aus dem Laden gehen.“)
•Hinweis, dass es einem guten Zweck zugutekommt („Wenn ich mich nicht beteilige, bin ich herzlos.“)
•wiederholte Zusendung eines Katalogs („Jetzt habe ich so oft nichts gekauft, jetzt muss ich doch auch wieder einmal …“)
Wenn wir der Werbung auf den Leim gehen, dann kaufen wir ihre Produkte, nicht weil wir sie wirklich brauchen und sie wollen, sondern weil wir uns schuldig fühlen. Wir kaufen uns von unserer Schuld frei. Wichtig ist, uns an dieser Stelle in Erinnerung zu rufen, dass andere uns nur Schuldgefühle machen und uns manipulieren können, wenn wir es zulassen. Unsere Schuldgefühle werden durch unsere Selbstgespräche und übertriebenen Schlussfolgerungen verursacht.
2.2Was gewinnen wir durch Schuldgefühle?
Unsere Schuldgefühle müssen uns auch irgendeinen Vorteil gebracht haben, denn sonst hätten wir es bereits aufgegeben, uns mit Schuldgefühlen zu malträtieren. Alles, was wir Menschen tun, tun wir aus Hoffnung auf etwas Positives oder aus Furcht vor etwas Negativem. Worauf hoffen wir, wenn wir uns Schuldgefühle machen? Was ist unser Gewinn?
•Wenn wir uns mit Vorwürfen beschäftigen, was wir früher alles hätten anders machen können, brauchen wir uns nicht um gegenwärtige Probleme kümmern.
•Wir brauchen nicht daran zu arbeiten, uns zu vergeben.
•Wir hoffen darauf, dass wir uns von unseren Fehlern reinwaschen können, indem wir uns danach intensive Schuldgefühle machen.
•Wir erhalten möglicherweise von anderen trotz unseres Vergehens noch Zuwendung, denn wir haben ja Schuldgefühle und es geht uns schlecht.
•Wir können unser fehlerhaftes Verhalten weiterhin zeigen, denn wir bestrafen uns jedes Mal mit Schuldgefühlen. Schuldgefühle sind eine Art Alibi und Entschuldigung. „Ich weiß ja, dass es falsch war. Ich mache mir ja selbst schon die größten Vorwürfe.“
•Wir bekommen Mitleid von anderen, weil es uns so schlecht geht.
•Wir beweisen uns, moralische und gute Menschen zu sein.
•Wir können uns in Selbstmitleid ergehen.
•Wir bestätigen damit unser negatives Bild, ein schlechter Mensch zu sein
•Wir brauchen nicht offen zu unseren Gedanken und Gefühlen Stellung beziehen und möglicherweise Konflikte riskieren.
•Wir brauchen nicht unsere eigenen Regeln und Normen zu entwickeln, sondern orientieren uns an den in der Kindheit erlernten und von anderen formulierten Regeln.
2.3Wie schaden wir uns durch Schuldgefühle?
Sie haben sich sicher nicht ohne Grund dieses Buch gekauft und sich mit mir an die Erforschung von Schuldgefühlen gemacht. Irgendwelche unangenehmen oder gar quälenden Auswirkungen Ihrer Schuldgefühle haben Sie wahrscheinlich verspürt. Vielleicht finden Sie diese in der folgenden Auflistung:
•Schuldgefühle machen uns klein, beeinträchtigen unser Selbstbewusstsein.
•Schuldgefühle rauben uns Energie, uns mit der Gegenwart zu beschäftigen.
•Schuldgefühle machen uns bereit für die Sündenbockrolle.
•Schuldgefühle machen uns manipulierbar.
•Schuldgefühle tragen zu Depressionen und psychosomatischen Beschwerden bei.
•Schuldgefühle führen dazu, dass wir sie nach außen hin verstecken und Fehler nicht zugeben können.
•Schuldgefühle machen uns empfänglich für Kritik.
•Schuldgefühle führen dazu, dass wir die Schuld auf andere schieben.
•Schuldgefühle führen dazu, dass wir andere hart kritisieren.
•Schuldgefühle führen zu Suchtmittelabhängigkeiten.
•Schuldgefühle führen dazu, dass wir überhaupt verleugnen, einen Fehler begangen zu haben.
•Schuldgefühle führen dazu, dass wir in Zukunft jegliches Risiko zu vermeiden versuchen.
•Schuldgefühle machen uns bereit, uns auch in Zukunft wieder fehlerhaft zu verhalten, da wir unsere Fehler nicht analysieren oder generell davon überzeugt sind, schlecht zu sein.
Dies ist eine mehr oder weniger vollständige Auflistung möglicher negativer Folgen von Schuldgefühlen. Schauen Sie noch einmal bei sich nach, wie Sie sich anders verhalten würden, würden Sie keine Schuldgefühle verspüren.
2.4Wie gehen wir mit unseren Schuldgefühlen um?
Schuldgefühle, sofern wir sie bewusst wahrnehmen, gehören zu den unangenehmen Gefühlen. Deshalb hat jeder von uns im Laufe seines Lebens auch mehr oder weniger effektive Strategien entwickelt, wie er mit ihnen umgehen kann.
1. Strategie: „Ich habe es verdient, dass ich mich schlecht fühle.“
Manche betrachten Schuldgefühle als gerechte Strafe. Sie sind der Meinung: „Wer sich so verhält wie ich, der muss Schuldgefühle bekommen. Schuldgefühle beweisen, dass ich ein moralischer Mensch bin.“ Sie gehen sogar so weit, dass sie sich ihr Leben lang mit Schuldgefühlen geiseln, weil sie glauben, eine unverzeihliche Tat begangen zu haben.
Vorteil: Sie glauben, damit zu beweisen, dennoch ein guter Mensch zu sein.
Nachteil: Sie fühlen sich schlecht, bekommen möglicherweise psychosomatische Erkrankungen, sind in ihrer Lebensqualität eingeschränkt, verbieten sich lustvolle Aktivitäten.
2. Strategie: „Ich fühle mich schuldig, also bin ich schlecht.“
Manche machen sich klein. Sie glauben: „Wer sich schuldig fühlt, muss ein schlechter Mensch sein.“ Sie laufen durch ihr Leben mit einem geringen Selbstbewusstsein, wagen nicht, eigene Wünsche anzumelden oder unberechtigte Forderungen abzuwehren. Sie entschuldigen sich für ihr Verhalten und für ihre Existenz. Sie haben Angst, im Mittelpunkt zu stehen, können keine Komplimente annehmen und nicht auf andere zugehen. Sie ziehen sich zurück, trauen sich nichts zu, riskieren nichts mehr, haben Angst vor Entscheidungen, aus Angst vor neuen Schuldgefühlen.
Vorteil: Manchmal erhalten sie Mitleid von den anderen.
Nachteil: Sie lähmen sich in ihren Fähigkeiten und nutzen nicht die Chancen, die ihnen das Leben bietet. Sie fühlen sich minderwertig. Depressionen und psychosomatische Beschwerden entstehen. Andere Menschen werden aus Scham nicht ins Vertrauen gezogen. Ihr unterwürfiges Verhalten hat auch Auswirkungen auf die Reaktion anderer Menschen. Sie werden leicht zum Sündenbock gemacht und ausgenutzt – ein Opfer, das sich nicht wehrt.
3. Strategie: „Ich war es nicht, also brauche ich auch keine Schuldgefühle zu haben.“
Manche versuchen, ihre Schuld zu verleugnen. Sie rechtfertigen sich vor sich selbst. Sie stellen sich als Opfer der Umstände dar. „Ich war es nicht. Wenn die Umstände nicht …, dann hätte ich nicht …“
Vorteil: Sie fühlen sich kurzfristig erleichtert, die Schuldgefühle lassen nach.
Nachteil: Sie nehmen sich damit die Chance, neues Verhalten zu lernen und Fehler zu korrigieren. Sie bearbeiten die Ursachen ihrer Schuldgefühle nicht. Sie müssen beständig auf der Hut sein, dass niemand ihren Fehler entdeckt und sie darauf anspricht. Sie verbrauchen Energie, sich nicht mit dem Thema zu befassen.
4. Strategie: „Ich war es nicht. Der andere ist schuld.“
Manche gehen zum Gegenangriff über. „Der andere hätte …, dann wäre nicht …“, „Der andere hat angefangen.“, „Die Eltern hätten besser …, dann wäre ich jetzt nicht …“ Sie machen anderen Vorwürfe und schieben diesen die Schuld zu.
Vorteil: Sie fühlen sich kurzfristig erleichtert, die Schuldgefühle lassen nach.
Nachteil: Sie fühlen sich ärgerlich und voller Spannung. Es entstehen Konflikte mit anderen, die Beziehungen zu anderen leiden. Fehler können nicht korrigiert werden.
5. Strategie: „Ich kann die Schuldgefühle nicht ertragen.“
Manche versuchen, die Schuldgefühle hinunterzuschlucken, indem sie zu viel Alkohol trinken, sich in Arbeit oder Aktivitäten stürzen, zu viel essen, Beruhigungstabletten oder Drogen einnehmen.
Vorteil: Sie fühlen sich kurzfristig erleichtert, die Schuldgefühle lassen nach.
Nachteil: Die Ursachen der Schuldgefühle werden nicht bearbeitet, Fehler und Fehleinschätzungen nicht korrigiert. Der Körper wird in Mitleidenschaft gezogen. Es besteht die Gefahr einer Suchtmittelabhängigkeit. Arbeitsplatz und Beziehungen sind gefährdet.
6. Strategie: „Immer alles auf mich.“
Manche reagieren ironisch: „Alles auf mich. Ich war´s mal wieder. Ich bin immer der Schuldige.“ Sie stellen sich zwar als Opfer dar, doch bezweifeln es innerlich.
Vorteil: Durch das übertriebene Schuldbekenntnis nimmt man sich und andere nicht ernst.
Nachteil: Eine Diskussion über die Ursachen ist nicht möglich.
7. Strategie: „Andere haben auch schuld.“
Manche versuchen, ihre Schuldgefühle zu verringern, indem sie ihren Blick auf andere lenken. Sie trösten sich damit: „Andere sind auch nicht besser.“ Sie wollen damit das Ausmaß ihrer Schuld reduzieren.
Vorteil: Schuldgefühle werden reduziert.
Nachteil: Eine realistische Einschätzung des Fehlers ist nicht möglich.
8. Strategie: „Andere sind noch schlimmer.“
Manche suchen bei den anderen nach Beweisen, dass deren Fehlverhalten noch schlimmer ist.
Vorteil: Schuldgefühle werden reduziert.
Nachteil: Eine realistische Einschätzung des Fehlers ist nicht möglich. Möglicherweise vergleicht man sich mit Menschen, die ansonsten überhaupt nicht den eigenen Wertvorstellungen entsprechen.
9. Strategie: „So schlimm ist es doch gar nicht.“
Manche mindern die Schuld herab oder deuten sie um.
Vorteil: Schuldgefühle werden reduziert.
Nachteil: Das Verhalten kann nicht richtig in seinem Ausmaß eingeschätzt und korrigiert werden.
10. Strategie: „Das Ereignis hat überhaupt nicht stattgefunden und deshalb trifft mich auch keine Schuld.“
Manche verleugnen generell ihr Verhalten.
Vorteil: Schuldgefühle werden reduziert.
Nachteil: Das Verhalten kann nicht richtig in seinem Ausmaß eingeschätzt und korrigiert werden.
Sie haben sicher gemerkt, dass sich meine Auflistung auf Strategien beschränkt, die nicht oder nur teilweise hilfreich sind. Angemessene und hilfreiche Strategien zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich an den Tatsachen orientieren, das heißt den Einfluss unseres Verhaltens weder verleugnen, noch unter- oder überschätzen, dass wir unsere eigene Verantwortung sehen, uns aber nicht für Unkontrollierbares verantwortlich sehen, dass wir keine übertriebenen Schlussfolgerungen ziehen. In Teil II des Buches werden wir zusammen an diesen Strategien arbeiten. Sicher haben Sie selbst auch schon einige der oben aufgeführten Strategien eingesetzt. Manchmal nutzen wir zuerst die eine, dann die andere Strategie. Oder aber wir setzen in unterschiedlichen Bereichen unterschiedliche Strategien ein. Beispielsweise ziehen wir uns am Arbeitsplatz jeden Schuh an, während wir in der Partnerschaft vehement unsere Fehler abstreiten. Gemeinsam ist diesen Strategien, dass wir uns nicht mit den die Schuldgefühle erzeugenden Einstellungen befassen und diese korrigieren. Außerdem überprüfen wir nicht, ob unsere Schlussfolgerungen der Situation angemessen oder ob sie übertrieben sind. Wir schieben entweder die Schuld auf andere oder verurteilen unsere gesamte Person. Wir trennen nicht zwischen einem Verhalten, das wir gezeigt haben, und unserer Person.
2.5Wie erzeugen wir Schuldgefühle bei anderen Menschen?
Sie haben richtig gelesen. Auch wir sind nicht nur Opfer. Die Technik der Schuldgefühle-Erzeugung setzt jeder Mensch bisweilen ein. Zum einen hängt das damit zusammen, dass wir das, was wir in der Kindheit von anderen vorgelebt bekommen haben, meist automatisch als Erwachsene auch anwenden. Zum anderen haben wir auch die Vorteile der Schulderzeugung entdeckt. Und warum sollten wir nicht auch diese Techniken einsetzen, wenn sie gut funktionieren? Vorwürfe wie „Wie konntest du mich nur belügen?“, „Von dir hätte ich das am allerwenigsten erwartet.“, „Du hast mich verletzt.“, „Die ganze Zeit habe ich auf dich gewartet.“, „Mir wäre das nicht passiert.“, „So unfair, wie du dich mir gegenüber verhälst.“, „Wenn man sich liebt, dann macht man das nicht …“, „Wenn du mich lieben würdest, hättest du …“, „Na ja, dann mach ich es eben selbst …“, „Ich hatte mich so gefreut, aber wenn es halt nicht geht …“, „Muss das denn sein?“, sind Ihnen sicher auch schon über die Lippen gekommen. Wir setzen Schuldgefühle meist dann ein, wenn wir uns verletzt fühlen und es „dem anderen heimzahlen“ wollen – als Rache oder Bestrafung. Uns treibt die Hoffnung, dass der andere sich ändert, weil er sich schlecht fühlt. Häufig verwenden wir dabei das Wörtchen „man“: „Man tut nicht oder man tut“, um uns quasi noch Rückendeckung von der Allgemeinheit zu holen. Wir tun so, als ob wir allgemeingültige Regeln vertreten, in Wirklichkeit sind es meist jedoch nur unsere eigenen. Schuldgefühle können in einer Partnerschaft oder Freundschaft eingesetzt werden, um den Partner oder Freund zu von uns erwünschtem Verhalten zu bewegen und um uns durchzusetzen.
Die gebräuchlichsten Strategien sind:
•den anderen an seine Verpflichtung innerhalb der Beziehung zu erinnern:
„Du hattest mir doch versprochen, dass …“
•den anderen erinnern, dass man wegen ihm ein Opfer bringen muss:
„Wenn du es nicht machst, muss ich halt auf meinen Feierabend verzichten.“
•dem anderen klarmachen, dass man selbst mehr für die Beziehung tut:
„Ich habe jetzt schon viermal eingekauft und du hast dich noch kein einziges Mal darum gekümmert.“
•den anderen auf Widersprüche zwischen Vorsatz und Verhalten hinweisen: „Du rauchst ja schon wieder.
Ich dachte, du wolltest aufhören.“
•die Gefühle des anderen in Frage stellen:
„Wenn du mich liebtest, dann würdest du …“
•nonverbal Leiden und Kränkung signalisieren durch trotzen, nicht sprechen, leidende Blicke, stöhnen
•nach Jahren noch an vergangene „Untaten“ erinnern: „Weißt du noch, damals …? Das kann ich dir nie verzeihen.“
•mit anderen vergleichen:
„Der Mann meiner Freundin macht doch auch …“
•auf die schlechte Meinung anderer verweisen: „Was würden deine Eltern nur von dir denken?“
•den Märtyrer spielen indem man sich aufopfert und versucht, den anderen in Zugzwang zu bringen: „So viel, wie ich für dich tue, da musst du doch wenigstens …“
Wenn wir Glück haben, lässt der andere sich zumindest äußerlich durch unser „Schuld-Programm“ manipulieren. Doch meist brodelt in seinem Innern der Widerstand. Er fühlt sich eingeengt, unter Druck gesetzt. Scheinbar hat er nur zwei schlechte Alternativen zur Verfügung: 1. Er richtet sich nach unseren Vorstellungen und hat den Eindruck, gezwungen zu sein. 2. Er richtet sich nach seinen Wünschen und hat Schuldgefühle. Langfristig können Schuldgefühle eine Beziehung gehörig belasten oder sogar zur Beendigung der Beziehung führen. Der Partner hat es satt, sich in seiner Freiheit ständig beschnitten zu sehen und ständig mit schlechtem Gewissen umherlaufen zu müssen. Entscheiden wir uns für die Märtyrerrolle, indem wir unsere Wünsche zurückstellen und alles für den Partner tun, in der Hoffnung, es komme eines Tages an uns zurück, befinden wir uns meist auf auswegloser Position: Unsere Interessen werden nicht umgesetzt und wir bekommen nichts zurück. Die Manipulation durch Schuldgefühle ist alles in allem keine hilfreiche Strategie im Umgang mit anderen Menschen.
Бесплатный фрагмент закончился.
