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Noch am Hochzeitstag reisen im April 1915 der Bauingenieur Fritz Sigrist und die Krankenschwester Clara Hilty aus dem Schweizerischen Werdenberg in die südöst­li­che Türkei, wo Fritz seit 1910 beim Bau der Bagdadbahn arbeitet. Kurz nach ihrer Ankunft beginnen die armenischen Deportationen, Tausende und Abertausende von Armeniern ziehen unter ihrem Fenster vorbei, während sie oben in ihrem abgelegenen Häuschen ihren Alltag ­leben. Bei einem Besuch in Aleppo ist ihnen klar geworden, dass es sich um gezielte Todesmärsche handelt.

Trotz Widerstand der Sigrist-Hiltys und anderer Ingenieure müssen sich bald auch die armenischen Facharbeiter an der Bagdadbahn diesen Todesmärschen anschließen. Nur vereinzelt gelingt Rettung, so verhelfen sie ihrem armenischen Magaziner Haig Aramian zu ­einer abenteuerlichen Flucht.

Clara, die Tagebuch führt, dokumentiert die Gräuel in ihren Alltagsnotizen und schreibt einen Augenzeugenbericht, auch Fritz Sigrist verfasst Schriften dazu.

Dora Sakayan hat die kurrentschriftlichen Doku­men­te transkribiert, akribisch aufgearbeitet und ins historische Geschehen der Zeit eingebettet. Mit Hilfe eines autobiografischen Buches von Haig Aramian erzählt sie zudem, wie das Ehepaar ihm das Leben gerettet hat.


Foto Mariné Anakhatounian

Dora Sakayan wurde in Saloniki (Griechenland) als Kind armenischer Flüchtlinge aus Kleinasien geboren. Sie ging in die ar­me­nische Grundschule und in die deutsche Schule von Saloniki, danach in die Oberschule in Wien VI. 1946 zogen die Sakayans als Repatriierte in die dama­lige Armenische Sowjetrepu­blik, wo Dora ­Sakayan im Jerewaner Pädagogischen Fremdspracheninstitut studierte. Sie pro­mo­vierte 1965 im Fach Germanistik an der Moskauer Lomonossov-Universität. Im Jahre 1975 wanderte Sakayan nach Kanada aus.

In der ersten Hälfte ihrer fünfzigjährigen Berufszeit lehrte ­Sakayan an der Jerewaner Staatsuniversität und war zehn Jahre (1965–1975) Leiterin des Lehrstuhls für fremde Sprachen. Die zweite Hälfte verbrachte sie im «Department for German Studies» an der McGill-Universität in Montreal und erlangte dort den Rang eines «Full Professor».

Zu Sakayans Forschungsbereichen gehören die germanistische Linguistik und die Amenologie. Sie ist Autorin zahlreicher Publikationen und Übersetzungen und wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Bundesverdienstkreuz.

www.dorasakayan.org

Dora Sakayan

«Man treibt sie in die Wüste»

Clara und Fritz Sigrist-Hilty als ­Augenzeugen des Völkermordes an den Armeniern 1915–1918

Mit einem Vorwort von Wolfgang Gust

Limmat Verlag

Zürich

Berlin–Bagdad – eine Schicksalsbahn für die Armenier
Vorwort von Wolfgang Gust

Sie war Deutschlands größte Auslandsinvestition, die Bagdadbahn, und versprach, die schnellste Verbindung von Europa an den Persischen Golf zu werden und damit nach Indien, der Perle des bri­tischen Weltreichs. Für die Armenier, besonders für jene aus dem Westen des Osmanischen Reichs, wurde sie im Ersten Weltkrieg der schnellste Weg in den Tod. Von ihrem Schicksal handelt dieses Buch.

Kein Industrieobjekt der Deutschen war so prestigeträchtig wie die Bagdadbahn. Sie machte für viele Deutsche den Weg frei ins wilde Kurdistan, Synonym für den Orient schlechthin, wie ihn damals der meistgelesene deutsche Autor, Karl May, als Phantasiegebilde beschrieben hatte, denn er hatte niemals einen Fuß auf nur eines der Länder seiner sagenhaften Märchenwelt gesetzt. Viel sachlicher sah das die Deutsche Bank, der Hauptfinanzier des Prestigeobjekts. Nachdem im Oktober 1898 die entscheidende Lizenz den Deutschen zugesprochen worden war, kommentierte der Vorstandssprecher der Bank den Abschluss sarkastisch: «Ich pfeife auf diese Konzession und auf die ganze Bagdadbahn.» Bis Kriegsende sollte die Bagdadbahn das Reich 360 Millionen Mark gekostet haben – und die meisten in dessen Bau beschäftigten Armenier das Leben.1

«Man muss in der Geschichte der Menschheit weit zurückgehen, um etwas Ähnliches an bestialischer Grausamkeit zu finden wie die Ausrottung der Armenier in der heutigen Türkei», schrieb am 17. August 1915 der Vizepräsident der Anatolischen Eisenbahn-Gesellschaft, die die Bagdadbahn betrieb, Franz Günther. Kurze Zeit später schickte er Arthur von Gwinner, dem Sprecher des Vorstandes der Deutschen Bank, einen Bericht mit einem Foto, «die Anatolische Bahn als Kulturträgerin in der Türkei darstellend. Es sind unsere sogenannten Hammelwagen, in denen beispielsweise 880 Menschen in 10 Wagen befördert werden.» Die zusammengedrängten Menschen in den Viehwagen waren ausschließlich deportierte Armenier.2


Transport von Armeniern in vollgepferchten sogenannten Hammelwagen.

In der heutigen Literatur spielt die Bagdadbahn manchmal auch eine Rolle bei der Ablenkung von der historischen Wirklichkeit; so ist sie bei Genozidleugnern, zu denen die offizielle Türkei gehört, als Ablenkung von dem eigentlichen Geschehen sehr willkommen. Denn das deutsche Prestigeobjekt wird gern als Symbol eines deutschen Imperialismus dargestellt, den es zweifellos in vielen Variationen gab, mit der Assoziation, dass in einem solchen Klima Vernichtungszüge wie die gegen Hereros und Nama in Namibia und eben auch gegen die Armenier ideologisch bestens aufgehoben sind.

Das Schicksal der am Bau der Bagdadbahn arbeitenden Armenier während des Völkermords ist praktisch unerforscht, denn die Deutsche Bank stellt ihr Archiv nur von ihr ausgewählten Forschern zur Verfügung, weshalb mir der Zugang zu den Akten verwehrt wurde. In diesem Buch wird das Schicksal dieser Armenier aus der Sicht des Beobachter-Ehepaars Sigrist-Hilty dargestellt, und die beiden schildern, was sie sahen und erlebten – und das war in erster Linie das Schicksal der Vertriebenen, weniger das der bei der Bahn an­gestellten Armenier. Diese wurden gern eingestellt, weil sie nicht nur als hervorragende Handwerker bekannt waren, sondern in der Regel auch polyglott, wichtige Eigenschaften für Mitarbeiter der französischsprachigen Führung der Eisenbahn.

Tagebücher von Ausländern, die einen direkten Zugang zu den im Ersten Weltkrieg beim Völkermord deportierten und zumeist er­mordeten Armeniern hatten, sind eine große Rarität. Um­so wichtiger ist, dass sie veröffentlicht werden, um unser immer noch lü­ckenhaftes Bild von dem ersten großen Genozid des 20. Jahrhunderts zu vervollständigen. Deshalb sind die von Dora Sakayan veröffentlichten Schriften des Schweizer Ehepaars, Clara und Fritz Sigrist-Hilty, so bedeutsam und wichtig.

Eine andere Rarität sind Memoiren von den so wenigen vom Genozid verschont gebliebenen armenischen Bagdadbahn-Arbeitern. Die im vorliegenden Band von Dora Sakayan zum ersten Mal in deutscher Sprache vorgestellten Erinnerungen eines ehemaligen armenischen Bahnarbeiters ist unschätzbar. Es wird abermals bestätigt, dass die christliche Nächstenliebe der bei der Bagdadbahn tätigen europäischen Zivilingenieure – in diesem Falle die des Schweizer Ingenieurs Fritz Sigrist – für die armenischen Bahnar­beiter der einzige helle Lichtblick war.

Die deutsche Leitung des größten wirtschaftlichen Auslandsprojekts des damaligen Kaiserreichs garantierte ihren Ingenieuren eine gewisse Unabhängigkeit, denn Deutschland war der wichtigste Verbündete des Osmanischen Reichs im Ersten Weltkrieg, und die Berichterstattung über den Völkermord an den Armeniern war damit schwer auszuschalten. Viele Schweizer waren Angestell­te der Bagdadbahn und erhielten so aus erster Hand Informationen über die streng geheimen Vorgänge beim Vollzug des Genozids. Ferner war die Schweiz neutral und der wichtigste Staat, der enge Verbindung zu beiden Kriegslagern hielt. Und drittens waren Armenier lange Zeit und vereinzelt bis zum Kriegsende die bevorzugten Mitarbeiter der größten Eisenbahn in der Türkei, zum Ende hin zwar kaum noch als Angestellte, aber immerhin als Ar­beiter, wenn auch zum Schluss unter bejammernswerten Umstän­den. Schweizer Informanten halfen, das Ausland zu informieren, ohne sich selbst in allzu große Gefahr zu begeben.


Karte der geplanten Bagdadbahn von 1914.

Das Schweizer Ehepaar Sigrist-Hilty lebte während des Völkermords im heutigen Fevzipaşa nicht weit von der nordsyrischen Stadt Aleppo und damit an der wohl wichtigsten Schnittstelle der Deportationsrouten. Wie viele andere Schweizer Ingenieure war Fritz Sigrist noch seit 1910 am Bau der Bagdadbahn als Sektionsin­genieur in Aleppo tätig. Ab dem Jahr 1915 hatte er die Projektierung der Linienführung des Abschnitts Islahiye–Radjou und die Leitung des Durchschlags des 905 m langen Tunnels durch das Ama­nus­gebirge übernommen, und geschäftlich bedingte längere Aufenthalte in Aleppo – zuweilen begleitet von der Gemahlin – waren hie und da fällig.

Aleppo war die Schaltzentrale der Bagdadbahn im Osten des Osmanischen Reichs und ein Knotenpunkt für die Deportationszüge der Armenier. Das multiethnische Aleppo war eine der wichtigsten Städte im arabischen Süden des Osmanischen Reichs. Viele Informationen liefen dort sowohl aus dem Innern der Türkei als auch den orientalischen Provinzen zusammen.

Im Herbst 1917 sorgten in Aleppo ansässige Vertreter großer Hilfsorganisationen sowie Diplomaten besonders der USA und Deutsch­lands dafür, dass Informationen auch unter Kriegsbedingungen noch außer Landes gelangen konnten. Der deutsche Konsul Walter Rößler nutzte seine guten Kontakte zu den türkischen Behörden auch zur Linderung mancher Not der Armenier. Denn ihm stand – als einzigem ausländischen Regierungsvertreter – die Möglichkeit offen, unzensierte Berichte sowohl seiner Botschaft in Konstantinopel als auch dem Berliner Auswärtigen Amt zu senden, dank der Verschlüsselung, die als Privileg einzig dem Kaiserreich gewährt wurde. Kein deutscher Diplomat hat sich darüber hinaus so sehr für die Armenier eingesetzt wie Konsul Rößler.

Von Aleppo aus führten die beiden einzigen Eisenbahnstrecken in den Südosten des Osmanischen Reichs. Die eine führte entlang der heutigen türkisch-syrischen Grenze in Richtung Bagdad, die an­dere über Damaskus und Jerusalem in den Sinai. Aleppo war da­durch ein Drehkreuz der militärischen Routen zu den beiden Kriegs­schauplätzen Persischer Golf und Suezkanal. Diese Landverbindungen waren umso wichtiger, als die Schiffe der Ententemächte das Mittelmeer beherrschten und damit die Häfen kontrollierten.

Die Deportationen der Armenier begannen in großem Maßstab in ihren eigentlichen Siedlungsgebieten im Nordosten der Türkei. Die größten und grausamsten Massaker fanden gleich zu Anfang des Völkermords in der Ebene der Stadt Musch (Muş) und der Region der Stadt Bitlis statt. In der Muschebene wurden Tausende von Armeniern in Scheunen und Häusern zumeist lebendig verbrannt. Wem aus den etwa dreihundert armenischen Dörfern dieser Ebene die Flucht gelang, der schaffte es nicht zu einer der fernen Stationen der Bagdadbahn. Das Gleiche gilt für die Umgebung der Stadt Bitlis, einem weiteren Siedlungsschwerpunkt der Armenier im Nordosten der Türkei, die direkt in die syrische Wüste deportiert wurden. Auch aus den großen armenischen Siedlungs­gebieten zwischen der russischen Grenze und Ersindjan (Erzincan) gelangte kaum einer je an eine Bagdadbahnstation. Viele verschwanden in den Fluten des Euphrats, der wochenlang mit zum Teil zusammengebundenen armenischen Leichen verstopft war. Endstation vieler armenischer Deportierter aus diesen Gebieten waren die Schluchten um die Stadt Mamuret el-Aziz (Harput), wo türkische Wachmannschaften die erschöpften Armenier regelrecht abschlachteten, wie der amerikanische Konsul der Stadt, Leslie Davies, bei zwei Ausritten mit einem Arzt beziehungsweise türkischen Freunden bezeugen konnte. Und die Armenier der Stadt Van, die sich wochenlang gegen die türkische Armee verteidigt hatten, zogen es vor, über die russische Grenze in das Gebiet der kaukasischen Armenier zu fliehen, wobei ein Großteil von ihnen in den eisigen Bergen ums Leben kam. An der Schwarzmeerküste um Trabzon wurden ins Meer getrieben und dort ertränkt, in der Region von Erserum (Erzurum) bis Ersindjan (Erzincan) wurden Züge durch die Kemach-Schlucht (Kemah-Schlucht) geschleust. Als der deutsche Korrespondent der «Frankfurter Zeitung» in Konstantinopel, Paul Weitz, im letzten Kriegsjahr mit der türkischen Armee nach dem freiwilligen Rückzug der Russen die Nordost-Region durchfuhr, erlebte er, dass in den Kaffeehäusern «mit seltenem Freimut die grausamsten Einzelheiten von den Massakern an den Armeniern erzählt wurden. Dabei hob man, was uns bei Fortsetzung der Reise mehr wie einmal auffiel, immer die Tatsache besonders hervor, dass es in der betreffenden Gegend keinen einzigen Armenier mehr gäbe.»3 Die deutschen Akten des Auswärtigen Amts sind voll von detaillierten Berichten über die Ausrottung der Armenier in ihren einstigen Hauptsiedlungsgebieten.

Die größte Vernichtung der Armenier aus diesen Regionen geschah auf den Landrouten in Richtung Süden. Eine Eisenbahn gab es in diesen Landstrichen nicht, weil die Russen 1900 mit den ­Osmanen eine Konvention geschlossen hatten, im Bereich des Schwarzen Meeres Eisenbahnen nur auf eigene Rechnung zu bauen, wozu ihnen das Geld fehlte, oder die Konzession den Russen zu geben, die allerdings nicht das geringste Interesse hatten, das damals modernste Verkehrsmittel in Richtung Kaukasus und Russland zuzulassen.4

Folglich betrafen auch die vom Ehepaar Sigrist bezeugten Untaten an der Bagdadbahn nicht die Armenier aus dem Nordosten, ihrem eigentlichen Siedlungsgebiet. Ohnehin wurde die Bagdadbahn erst Monate nach Beginn der Mordaktionen für Deportationen von Armeniern eingesetzt, und diese betrafen in erster Linie Armenier der Mitte Anatoliens und des Westens sowie aus der stark bevölkerten Provinz Kilikien.

Die Verantwortlichen der Bagdadbahn versuchten, die Armenier als wichtige Angestellte und Arbeiter zu halten. Wo aber schon die deutsche Botschaft in Konstantinopel ziemlich machtlos war, ihre armenischen Angestellten vor der Vernichtung zu schützen, was nur in wenigen Fällen gelang, waren die Möglichkeiten der Eisenbahnverwaltung noch geringer. Hinzu kommt, dass der im türkischen Generalstab für die türkischen Eisenbahnen verantwortliche Offizier ein Deutscher war, Oberstleutnant Sylvester Böttrich. Über die Ohnmacht der Deutschen einerseits und den berüchtigten Eifer Böttrichs berichten die Akten des deutschen Auswärtigen Amts.

Am 3. Oktober 1331 (entsprechend dem 28. Oktober 1915) schickte Kriegsminister Enver den Erlass an die Bagdadbahn, dass die Armenier bestimmter Regionen ihre Heimat zu verlassen hätten. Er verlangte die Anfertigung einer Liste der armenischen Eisenbahnmitarbeiter, «deren Anzahl hoch ist». Die Armenier wurden in zwei Gruppen eingeteilt, von denen die einen mit einer Frist von ein bis zwölf Monaten deportiert würden, die anderen innerhalb von ein bis vier Jahren. Ersetzt werden sollten diese Armenier durch Männer «natürlich muslimischer Religion oder anderer Völker, in die Vertrauen gesetzt werden könne».5

Unterschrieben hatte Böttrich mehrere Deportationsbefehle. «Nicht nur, dass Herr Böttrich gegen die Kommissionsbeschlüs­se Verwahrung beim Kriegsministern nicht eingelegt hat, sondern er hat sich herbeigelassen, diese Kommissionsbeschlüsse mit seiner Unterschrift versehen weiterzugeben», schrieb daraufhin der Stellvertretende Direktor der Anatolischen Eisenbahn, die die Bag­dadbahn betrieb, Franz Günther, auf die Kopie einer dieser Verfügungen, die er der deutschen Botschaft zuschickte.

«Unsere Gegner werden einmal viel Geld bezahlen», fügte Günther hinzu, «um dieses Schriftstück zu besitzen, denn mit der Un­terschrift eines Mitglieds der Militärmission werden sie beweisen, dass die Deutschen nicht allein nichts getan haben, um die Armenierverfolgung zu verhüten, sondern dass gewisse Befehle zu diesem Ziel sogar von ihnen ausgegangen, d.h. unterschrieben worden sind.» Mit «kaustischem Lächeln» habe der türkische Militärkommissar «den Finger auf die Unterschrift des Herrn Bött­rich gelegt, denn auch für die Türken ist die Tatsache kostbar, dass dieses Dokument, von dem noch viel die Rede sein wird, eine deutsche und nicht eine türkische Unterschrift trägt.»

Es waren nur relativ wenige Armenier, die von der Bagdadbahn-Leitung vor dem sicheren Tod gerettet wurden. Es waren generell nur wenige Deutsche, die sich tatkräftig für die Rettung der Armenier eingesetzt hatten, und noch weniger höhere deutsche Offiziere. Nur einer – Militärmissionschef Otto Liman von Sanders – hatte wirkungsvoll interveniert und die Armenier und Griechen der Stadt Smyrna (Izmir) vor der Deportation gerettet, während die deutschen Spitzenoffiziere im Großen Generalstab, allen voran Generalstabschef Bronsart von Schellendorff, die Deportationen befürworteten und möglicherweise generalstabsmäßig begleiteten.

Die wirkliche Rolle der deutschen Militärs in der Türkei wird in Deutschland wissenschaftlich praktisch nicht aufgearbeitet, auch weil das Auswärtige Amt aus Rücksicht auf Nato-Partner Tür­kei an diesem Verschweigen großes Interesse hat. So ist es umso wichtiger, dass Private wie das Ehepaar Sigrist durch ihre Aufzeichnungen dazu beitragen, die deutsche Beteiligung an dem Völkermord an den Armeniern aufzudecken. Sehr wichtig ist hier Clara Sigrist-Hiltys Tagebucheintrag vom 19. Februar 1916 dar­über, dass Oberstleutnant Böttrich in Person zur Islahiye-Station zu einem Hochtreffen mit den Ingenieuren Joh. Lor. Winkler und Fritz Sigrist-Hilty u.a. kam, um die Befolgung seiner Deportationsbefehle sicherzustellen. Nach diesem Hochtreffen, so Clara Sigrist, «muss er [Fritz] noch mehr ins Büro. Nun pressieren die Listen von den Armeniern: noch weiß man nicht, wen man behalten kann. Aber die Ausweisung scheint streng genommen zu werden.»

Mit armenischen Deportierten vollgestopfte Hammelwagen der Bagdadbahn waren ein Symbol der deutschen Mitverantwortung oder genauer: des deutschen Versagens, die Vernichtung der Armenier zu verhindern. Ein Jahrhundert sollte es dauern, bis die höchste Vertretung aller Deutschen, der Bundestag, einmütig den Mut fand, die armenische Tragödie im Osmanischen Reich als das zu bezeichnen, was sie war: ein Völkermord. Auch auf die deutsche Mitschuld legten sich die deutschen Parlamentarier fest, ohne sie genauer zu benennen. Damit gaben sie ein starkes Signal an die deutschen Bundesländer und Universitäten, das Tabu des Ver­schwei­gens nicht länger zu dulden. Der Genozid an den Armeniern und die deutsche Rolle dabei gehören – gerade wegen der Ab­sicht der Türkei, die Kinder von drei Millionen Türken in Deutschland oder Deutschen türkischer Herkunft weiterhin von der Wahrheit fernzuhalten – in die deutschen Schulbücher und an die deutschen Universitäten. Das Buch von Dora Sakayan ist ein wichtiger Beitrag dieses herauszuarbeitenden Gesamtbilds des Völkermords an den Armeniern und seiner Haupt- und Mitschuldigen.

Ein unschätzbarer Fund aus dem Archiv
Clara und Fritz Sigrist-Hiltys Dokumente zum Armenier-Genozid

Im Sommer 2002 übersandte mir ein Schweizer Kollege und Freund, der mit meiner Sensibilität für das Thema Völkermord vertraut war, einen Beitrag nach Montreal, der in jenen Tagen im Zürcher «Tages-Anzeiger» erschienen war.6 Redaktor Daniel Suter brachte auf einer ganzen Seite des Blattes eine noch unveröffentlichte Schrift der Schweizerin Clara Sigrist-Hilty, die sich im Jahr 1915 in der Türkei befunden und die dortigen Gräuel des Völkermords schriftlich festgehalten hatte. Suter spricht ganz allgemein von Claras Tagebüchern aus dieser Zeit und konzentriert sich dabei auf ihren fünfzehnseitigen handgeschriebenen Augenzeugenbericht unter dem Titel «Sommer 1915», der eigens dem Genozid an den Armeniern gewidmet ist und separat von ihren Tagebucheinträgen verfasst wurde.

Dieser im Zentrum stehende Bericht von Clara Sigrist-Hilty ist gekürzt wiedergegeben; er enthält an mehreren Stellen Hinweise auf Auslassungen. Dies beeinträchtigt keineswegs den klaren Einblick in die beschriebenen Ereignisse, die heute schon mehr als hundert Jahre zurückliegen. Dazu verhilft die von Suter unternommene Gliederung des Textes in inhaltliche Abschnitte, die von ihm einfühlsam betitelt werden. Beigefügte kleine, jedoch informationsreiche Rubriken zur Person der Autorin, zur Kultur, Religion und Geschichte des armenischen Volkes und des an ihm verübten Völkermordes, ein Foto aus der Zeit der Deportationen und eine historische Karte von Armenien vervollständigen die Seite. Zwei Faktoren sind bei Redaktor Suter nicht zu übersehen: Ehrerbietung für Clara Sigrist-Hilty, die Autorin des Berichts, und Kenntnis der Geschichte.


Mit 87 Jahren vermacht Clara Sigrist-Hilty das Tagebuch einer ihrer Enkelinnen.

Tief beeindruckt von Claras Schrift, las ich sie mehrere Male. Ich war fasziniert von ihrer gepflegten Ausdrucksweise, die klar und präzise ist; von ihrem geschmeidigen Stil und ihren lebendigen Schilderungen, die von hohem Bildungsstand und einer zutiefst menschlichen Art zeugen. Wer war Clara Sigrist-Hilty? Aus den wenigen biografischen Angaben in Suters Beitrag kannte ich nun ihren Geburtsort (Buchs-Werdenberg, Schweiz) und ihre Lebensdaten (1884–1988). Ich wusste auch, dass sie ausgebildete Kran­kenschwester war und im Jahr 1915 ihrem Mann, dem Bauingeni­eur Fritz Sigrist-Hilty, der beim Bau der Bagdadbahn tätig war, gleich nach ihrer Trauung in die Türkei folgte.

Über die Jahre ließ mein Interesse an Claras schriftlichem Nachlass nicht nach. Wie sehr wollte ich ihr Tagebuch und ihren unge­kürzten Augenzeugenbericht lesen! Beide Schriften im Original in meinen Händen halten, ihre Handschrift, ein Foto von ihr sehen, auch Näheres über ihren Lebenslauf, über ihre in der Türkei verbrachten Jahre erfahren. Doch lange konnte ich weder in Schweizer Bibliotheken noch im Internet etwas ausfindig machen.

Meine wiederholte Suche im Netz führte mich schließlich im Frühling 2012 zum inzwischen erst digitalisierten Jahresbericht 2005–2006 des Archivs für Zeitgeschichte (AFZ) der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ).7 Sie brachte unter den «Neuzugängen und Nachlieferungen» auch eine Mitteilung zum «Teilnachlass Fritz und Clara Sigrist-Hilty». Rudolf (Ruedi) Sigrist-Clalüna, einer der Söhne des Ehepaars, hatte im Jahre 2005 einen Teil des Nachlasses seiner Eltern dem AFZ zur Verfügung gestellt. Der kurze AFZ-Artikel enthält auch ein gut erhaltenes Foto des neuvermählten Ehepaars Sigrist-Hilty aus dem Jahr 1915.8 Clara und Fritz sitzen, beide noch blutjung, an einem Tisch in ihrem exotisch eingerichteten Heim in Keller (heute Fevzipaşa) in der südöstlichen Türkei. Im AFZ-Artikel wird einleitend die bedeutende Rolle der Eheleute als Zeugen des Völkermords an den Armeniern hervorgehoben:

«Der an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs im Osmanischen Reich begangene Völkermord, welcher rund eine Million Opfer forderte, wird bis heute trotz der anders lautenden histo­rischen Belege immer wieder in Zweifel gezogen. Umso wertvoller sind Aufzeichnungen von Augenzeugen wie Fritz und Clara Sigrist.»

Ich wusste nun, wo ich mich nach dem gesuchten Material erkundigen konnte. Die Anfrage beim AFZ erbrachte in digitalisierter Form eigentlich alles, was ich mir ursprünglich gewünscht hatte: Claras Tagebuch und ihren vollständigen Augenzeugenbericht, beides in Kurrentschrift, sowie drei Fotos des Ehepaars aus derselben Zeit.

Doch ich war unersättlich. Während meiner elektronischen Korrespondenz mit den hilfsbereiten Mitarbeitern des AFZ hatte ich inzwischen erfahren, dass es eine reichhaltige Dokumentation der Einzelbestände und Nachlässe zur Familiengeschichte des Ehepaares Fritz und Clara Sigrist-Hilty gab und dass ich eine digitalisierte Version von allen Einzelbeständen gegen eine minimale Gebühr erhalten konnte. Voller Begeisterung bestellte ich die ganze verfügbare Dokumentation, die nach einer Wartezeit von einigen Monaten im Juni 2013 auch eintraf.

Natürlich war meine Freude grenzenlos, besonders, als ich mir vergegenwärtigte, dass das AFZ-Team den nun aus 16 Teilen beste­henden Teilnachlass sorgfältig dokumentiert, thematisch und zeitlich gegliedert und nach einem gebrauchsfreundlichen System geordnet hatte. Dankbar erfuhr ich später, dass die ganze Sigrist-Dokumentation im AFZ eigentlich auf meine Anfrage hin digitalisiert worden war.

Ein wichtiger Fund war mir beschert worden, und ich musste mich schnell an die Arbeit machen, um aus der überwältigenden Fülle an Materialien das für mich Bedeutsame auszusondern. Und was war für mich bedeutsam? Belege, Aussagen, Beweisstücke, welche die Angaben der einschlägigen Literatur zum Genozid an den Armeniern, und ganz speziell zu dessen Verlauf in der Amanusgegend, bekräftigten bzw. ergänzten. Auch musste ich in den mir verfügbaren Archivbeständen den für mich maßgeblichen zeitlichen Rahmen abstecken. So beschloss ich, mich auf die Zeit ab dem Jahr 1915 zu konzentrieren. Das war das Jahr, so unterrichteten mich die Unterlagen, in dem das neuvermählte Ehepaar aus der Schweiz – fast direkt vom Traualtar und über die Bedenken der Eltern hinweg – in die Türkei reiste, die vor einigen Monaten in den Ersten Weltkrieg eingetreten war. Wir können verfolgen, wie sich die jungen Eheleute nach einer langen und strapaziösen Reise in die Südost-Türkei zunächst in Entilli9 und einige Monate später in einem weltabgeschiedenen Häuschen an einem Berghang in Keller / Fevzipaşa niederlassen. Keller war ein Eisenbahnknotenpunkt am Fuß des Amanus-Gebirges im historischen Land von Kilikien.10

Kurze Zeit nach der Ankunft des Schweizer Ehepaars begannen die Deportationen der Armenier, und eine der Hauptrouten für diese Todesmärsche in die syrische Wüste zog sich durch Keller. Monatelang musste Clara – während ihr Mann auf der Bahnstrecke tätig war – tagein, tagaus die Leiden der an ihrem Häuschen vorbeiziehenden Armenier sehen. Es ist daher nicht von ungefähr, dass es im Nachlass von Sigrist-Hilty ab dem Jahr 1915 kaum Dokumente gibt, die nicht in irgendeiner Form vom türkischen Völkermord an den Armeniern geprägt wären.

Die größte Überraschung in den Unterlagen der Sigrist-Hilty- Dokumentation war für mich ein armenisches Buch. Der Autor ist Professor Haig A. Aramian, und das Buch enthält eine auf Deutsch handgeschriebene Widmung vom 11. Mai 1971 an Fritz Sigrist-Hilty: «Meinem unvergesslichen Retter im Jahre 1916».11

Nach gründlicher Durchsicht des mir verfügbaren Sigrist-Hilty-Nachlasses galt mein Augenmerk folgenden Dokumenten:

1. Claras Tagebuch

2. Claras Augenzeugenbericht «Sommer 1915»

3. Fritz’ Brief post mortem «An die armenischen Freunde»

4. Zwei Aufsätze von Fritz

5. Biografien, Nekrologe

6. Rudolf (Ruedi) Sigrist-Clalülas vier Artikel12

7. Ruedis handschriftliche Notizen

8. Haig Aramians armenisches Buch13

9. Fotos und Landkarten

10. Briefe und Postkarten

Im Bewusstsein, dass aus diesen Beständen bisher sehr wenig und nur auszugsweise veröffentlicht worden ist und dass man daher selbst in der Schweiz sehr wenig über den Nachlass des Sigrist-Hilty-Ehepaars weiß, erkannte ich sofort meine Aufgabe: alle hier sowohl handschriftlich als auch gedruckt präsentierten Materialien zum Genozid an den Armeniern zusammenzuführen, sie aufzu­arbeiten und in einem Buch zu veröffentlichen. Es galt aber auch, einen Einblick in das dreijährige turbulente Leben eines jungen Schweizer Ehepaars während des Ersten Weltkrieges im tiefen Orient zu geben, die Personen Clara und Fritz Sigrist-Hilty wieder lebendig werden zu lassen und ihr Andenken sicher für die Nachwelt aufzubewahren.

Die Struktur dieses Buches bot sich von allein an. Es sollte aus drei Hauptkapiteln bestehen, die jeweils dem Lebenslauf und den Schriften einer Person gewidmet sind. Diese Personen sind die Schweizer Clara Hilty und Fritz Sigrist und der Armenier Haig Aramian. Ein wohldurchdachtes Zusammenspiel von Primär- und Sekundärtexten sollte eine kohärente Geschichte von erlebtem menschlichen Leiden, aber auch von Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit erzählen.

Das Buch über Clara und Fritz Sigrist-Hilty sollte in drei Sprachen erscheinen und ganz verschiedene Leserkreise erreichen. Zunächst richtet sich die vorliegende deutsche Originalauflage an eine breite deutschsprachige Leserschaft, vor allem natürlich an die schweizerische. Darauf soll die englische Ausgabe dieses Buches die Namen Clara und Fritz Sigrist-Hilty weltweit bekannt machen.

Eine besondere Bedeutung lege ich einer armenischen Ausgabe bei, die den in der ganzen Welt verstreuten Armeniern noch einmal vor Augen führen wird, wie oft in schicksalsschweren Zeiten die Schweiz mit ihrer wohlwollenden Einstellung und tatkräftigen Unterstützung für die Armenier einstand. Schweizer suchten schon am Ende des 19. Jahrhunderts, während der Pogrome 1894–1896 unter Sultan Abdülhamid II. und erst recht während des Völkermords an den Armeniern in den Jahren 1915–1923, die Not der Verfolgten und Gefolterten zu lindern.14 Zu erwähnen wären das «Schweizerische Hilfswerk für Armenien» sowie andere christlich-humanitäre Hilfen der Schweiz, die dem notleidenden Volk beistanden, aber auch die Schweizer Presse, in der die tragischen Ereignisse in Anatolien ihren regelmäßigen und breiten Niederschlag fanden. Schweizer Augenzeugen des Völkermords an den Armeniern haben nicht nur umgehend gehandelt und den Schutzsuchenden wirksame Hilfe geleistet, sondern auch schriftliche Zeugnisse hinterlassen, die ihren Teil zur Geschichte dieses Völkermords beisteuern. Man denke nur an den Appenzeller Jakob Künzler15 und an die Baslerin Beatrice Rohner.16 Zu diesen ruhmreichen Namen aus der Schweiz kommen nun die von Clara und Fritz Sigrist-Hilty hinzu.

Ich vertraue darauf, dass das vorliegende Buch zur Aufarbeitung dieses dunklen und für die Armenier nach wie vor schmerzvollen Kapitels ihrer Geschichte ebenso beitragen wird wie zur Stärkung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Armenien und der Schweiz.

Teil I

Biografie

Clara17 erblickte am 5. Juli 1884 in Buchs SG als erstes Kind des Johann Paravicin Hilty von Werdenberg18 und der Hanna, geb. Ernst von Winterthur, das Licht der Welt. Sie wuchs mit ihren zwei Geschwistern wohlbehütet im Elternhaus am Werdenbergersee auf. Sie stammt aus einem uralten Werdenberger Bürgergeschlecht. Professor Carl Hilty, ihr Großonkel, war erster Vertreter der Schweiz am Internationalen Schiedsgerichtshof in Den Haag, und die letzte Schlossherrin Frieda Hilty war auch eine Verwandte von Clara.

Wie damals alle Mädchen aus «besserem Hause» verbrachte Clara ein Institutsjahr im Pensionat in der Villa Yalta. Dort befreundete sie sich mit Marie Heim-Vögtlin19, der ersten Ärztin in der Schweiz, und die gemeinsamen Spaziergänge, der rege Gedanken­austausch zwischen den beiden Frauen hatte einen entscheidenden und nachhaltigen Einfluss auf das Denken der jungen Clara. Die weltoffene Haltung, durch die sich Clara zeitlebens auszeichnete, hat sie vornehmlich ihrer Freundschaft mit Marie Heim-Vögtlin zu verdanken.


Werdenberg 1908. Clara Hilty mit 22 Jahren.

Nach Abschluss der École supérieure in Neuchâtel ging Clara in die Schweizer Pflegerinnenschule Zürich, wo sie und ihre Freundin Lis Sigrist zu Krankenschwestern ausgebildet wurden. Anschließend arbeitete Clara im Spital Grabs unter dem Chefarzt Dr. Weiss. Durch Lis lernte Clara deren Bruder, den Ingenieur Fritz Sigrist von Netstal, kennen, der seit 1910 in der Türkei am Bau der Bagdadbahn tätig war. Als Fritz im Jahr 1914 wieder einmal die Schweiz besuchte, verlobten sich Clara und Fritz, und nach einem Jahr, am 26. April 1915, fand ihre Hochzeit statt.

Unmittelbar nach der Trauung folgte Clara ihrem Mann in die Türkei, die als Verbündete von Deutschland in den Ersten Weltkrieg eingetreten war. Die Neuvermählten fuhren von Werdenberg mit der Eisenbahn durch das Kriegsgebiet über den Balkan und dann via Istanbul in die Südost-Türkei, wo sie sich zuerst in Entilli und nach einigen Monaten in Keller / Fevzipaşa in einem alleinstehenden Häuschen auf einer felsigen Anhöhe am Fuße des Amanus niederließen. Keller, ein kleines, gebirgiges Dorf, bevölkert vornehmlich von Kurden, aber auch von Türken, Arabern und Armeniern, war ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt am Rande des Amanusgebirges. Vom Fenster ihres Häuschens aus hatte Clara einen Blick auf die schöne kilikische Berglandschaft, aber auch in die tief unter ihnen liegende Ebene, wo sie Transporte von Militär und Kriegsmaterial und auf der Etappenstraße ganze Züge von englischen und indischen Gefangenen sehen konnte. Der jungen Schweizerin wurde bald bewusst, dass sie sich nicht nur im tiefen Orient, sondern auch nicht sehr weit vom Kriegsgeschehen befand.

Die Reise in die Türkei veränderte Claras Leben für immer. Am meisten belastete sie die Tatsache, dass ihre Ankunft in die Gegend zeitlich mit dem Beginn des Völkermords an den Armeniern zusam­menfiel. Die jungtürkische Regierung nützte den Ersten Weltkrieg aus, um die «Armenische Frage» zu lösen, indem sie die armenische Bevölkerung aus ihrer historischen Heimat vertrieb und südwärts durch die syrische Wüste in den sicheren Tod verschickte. Eine der Hauptrouten in die syrische Wüste zog sich durch Keller, und Clara musste täglich, während ihr Mann unten im Tal arbeitete, die vom Norden her kommenden Todesmärsche mit anse­hen. Als Augenzeugin sah sie sich verpflichtet, in ihrem Tagebuch, und später auch im speziellen Augenzeugenbericht, alles festzuhalten, was sie tagtäglich an Gräueltaten beobachtete.


Das abgelegene Haus am Berghang in Keller / Fevzipaşa.

Mitten in den Kriegswirren schenkte Clara am 26. Januar 1917 ihrem ersten Sohn, Karlfrideli (Karl Fritz), das Leben. Die Geburt fand im weltabgeschiedenen Häuschen in Keller unter schwierigen Bedingungen statt.

Nach Beendigung der Arbeit ihres Mannes beim Bahnbau trat die junge Familie am 3. April 1918 ihre Heimreise an. Zunächst reisten sie nach Istanbul, wo sie monatelang zurückgehalten wurden, bevor sie von den Behörden die Genehmigung erhielten, in die Schweiz auszureisen.20 Clara, die wieder guter Hoffnung war, be­eil­te sich, denn «sie wollte nicht noch einmal in diesem Lande unter solch schrecklichen Umständen gebären müssen»21. Schließlich durfte die aus drei Personen bestehende Familie im selben Jahr, am 21. August 1918, in die Schweiz reisen, wo sie sich in Claras Elternhaus in Werdenberg niederließ.

Am Sonntag, dem 17. November 1918, gebar Clara in ihrem Elternhaus in Werdenberg die Drillinge Kaspar, Hans und Rudolf.

Ende 1927 kehrte die Mutter mit ihren vier Jungen wieder nach Istanbul zurück, da ihr Mann die Leitung des Baus der Eisenbahnlinie Fevzipaşa–Diyarbekir übernommen hatte. Die Familie nahm Wohnsitz in Istanbul, wo die Söhne die Deutsche Schule besuchten. Noch in der Schweiz hatte Clara ihren Kindern die türkische Sprache beigebracht. Da die Arbeitsstelle ihres Mannes in der Türkei sehr abgelegen war, etwa tausend Kilometer von der Familie entfernt, war Clara beim Großziehen der Kinder in Istanbul ganz auf sich gestellt. Sie klärte die heranwachsenden Söhne auf über viele wichtige Dinge im Leben, vor allem über Hygiene und vorbeugende Maßnahmen gegen Krankheiten. Sie besprach mit ihnen Gott und die Welt, und es gab keine Tabus. Sie erzählte den Kindern von ihren Erlebnissen aus den Jahren des Weltkrieges, von den Deportationen der Armenier und erinnerte sich mit Schrecken an die vielen Krankheiten, an denen so viele Menschen starben: Ruhr, Cholera, Flecktyphus u.a.


Wägital 1923. Clara und Fritz mit ihren vier Söhnen.

Im Jahre 1930 erkrankte Claras Drillingskind Kaspar an Leukämie. Dagegen war sowohl die Mutter als auch die Medizin machtlos, und am 11. März 1931 verstarb Kaspar in Istanbul. Er wurde dort auf dem protestantischen Friedhof von Feriköy neben zwei anderen Schweizern begraben. Später hat Clara in ihren Notizen auch die Geschichte von Kaspars Krankheit eingehend geschildert.

Als 1934 die nationalsozialistische Ideologie auch in die Deutsche Schule von Istanbul eindrang, schickte Clara die Jungen auf eine Internatsschule in der Schweiz. Nach einem Jahr kehrte sie selbst in die Schweiz zurück, und ihr Mann folgte ihr im Jahre 1936. Von 1937 bis 1939 lebte Clara in Zürich, wo ihre Kinder ausge­bildet wurden. Danach und bis zum Ende ihres Lebens lebte sie in der «Villa», in ihrem Elternhaus unweit des Werdenberger Schlosses.


Werdenberg 1975. Clara wird 90 Jahre alt.

Nach einem langen und erfüllten Leben verstarb Clara Sigrist-Hilty am 22. März 1988 in ihrem Geburtsort Werdenberg im Alter von 104 Jahren.

Einführung ins Tagebuch
Struktur, Sprache und Handschrift

Für ihre Aufzeichnungen benutzt Clara Sigrist-Hilty eine gedruckte Tagebuch-Ausgabe Reihe «Jahr für Jahr» von Walker’s, die für fünf Jahre eingerichtet ist. Das Fünfjahresbuch hat eine am Kalen­der orientierte feste Struktur. Seine 365 Seiten beginnen mit «Januar 1» und enden mit «Dezember 31». Jede Seite ist mit einer Linie in fünf übereinander liegende Abschnitte gegliedert, wobei jeder Abschnitt für einen Tag steht. Für den jeweiligen Tageseintrag ver­fügt man also nur über ein Fünftel der Seite. Die Jahreszahl wird vom jeweiligen Tagebuchbenutzer eingetragen. Man kann an ei­nem beliebigen Jahrestag einsetzen. Startet man zum Beispiel am 5. Mai 1915, so wird im ersten Abschnitt der Seite «Mai 5» zunächst die Jahreszahl 1915 eingegeben und der erste Text eingetragen. Auf der nächsten Seite folgt dann «Mai 6», und nach der Eingabe der Jahreszahl 1915 kommt der zweite Eintrag. So bewegt man sich Seite um Seite fort, bis man am Ende des Jahres 1915 auf die letzte Seite des Buches gelangt. Für das Jahr 1916 kehrt man zum Anfang des Tagebuchs («Januar 1») zurück und benutzt den zweiten Abschnitt (von oben). So wächst das Tagebuch von Tag zu Tag, die unbeschriebenen Abschnitte bleiben als Leerstellen zurück; häufig sagt gerade das Fehlen des Textes etwas aus.


Der erste Januar 1914 bis 1918 im Tagebuch.

Es leuchtet ein, dass in einem solchen Tagebuch nicht genug Platz zur Verfügung steht, um einen Tagesablauf detailliert zu beschreiben. Doch gerade von seiner kompakten Struktur kann ein Fünfjahresbuch profitieren. Sein Benutzer lernt, mit wenig Zeitaufwand das Wesentliche des Tages festzuhalten, notfalls reichen auch hastige Notizen für eine Eintragung. Der ökonomische Umgang mit Zeit und Sprache erleichtert die Konstanz der Tagebuchführung sowie einen einheitlichen Charakter der Eintragungen. Außerdem zwingt die knappe Ausdrucksweise zu Genauigkeit und Sachlichkeit. Ein weiterer Gewinn ist, dass dieser Typ von Tagebuch am Ende einen Überblick über die Aufzeichnungen von mehreren Jahren auf derselben Seite zulässt.

Clara hat ihr Fünfjahresbuch nicht lückenlos gefüllt. Ihren ersten Text trägt sie 1914 noch in der Schweiz ein, beginnt aber – abgesehen von einem Gedicht am 1. Januar und zwei flüchtigen Notizen im Juni 1914, in denen sie ihre Anstellung im Spital in Grabs aufzeichnet – erst im September 1914 mit ihrer Tagebuchführung. Im ganzen Tagebuch gibt es nur eine Seite, die vom 1. Januar, in der alle fünf Abschnitte belegt sind. Aber auch von September 1914 bis April 1915 ist sie noch nicht die eifrige Tagebuchschreiberin, wie wir sie in den folgenden drei Jahren in der Türkei kennenlernen werden. In diesen sieben Monaten gibt es nur gelegentliche und meist lakonische Ein-Satz-Notizen, und die meisten Abschnitte bleiben leer.

Clara weiß vom begrenzten Raum ihres Tagebuchs sehr gut Gebrauch zu machen. Sie bedient sich einer ganzen Reihe von Abkürzungen. Die Konjunktion ‹und› ist fast durchwegs durch das &-Zeichen ersetzt. Oft steht ein ‹f.› für ‹für›, ein ‹v.› für ‹vor› sowie ‹v.› oder ‹z.› für die jeweiligen Kasusverbindungen der Präpositionen ‹von› und ‹zu› und ähnliches mehr. Gelegentlich werden auch längere, aber bekannte Wörter gekürzt, kl. für klein, Schw. für Schwester und vieles mehr. Mit der Zeit eignet sie sich einen sparsamen, sachlich-deskriptiven Stil an, der ausdrucksvoll ist. Präzise Kurzsätze jeglicher Art – bald einzelne Nomen oder Infinitive, bald längere, doch meist elliptische Sätze – verschaffen dem Leser Zugang zu Claras Gedanken und Gemütsbewegungen.

Teils wegen des mangelnden Platzes, teils wegen Claras zurück­haltender Natur wird im Tagebuch – ausgenommen die Seiten, wo es um ihren Erstling Karlfrideli geht – nicht viel Persönliches und Intimes festgehalten. Auch sind Werturteile selten. Nur an zwei Stellen ihrer ganzen Tagebuchführung kann sie nicht umhin, die Grenzen des ihr zugeteilten engen Raums zu sprengen, um ihrem Herzen Luft zu machen. Sie ist dann auf den Anhang des Tagebuchs angewiesen, wo ihr einige leere Seiten unter der Überschrift «Memorandum» zur Verfügung stehen. Dort nimmt sie sich die Freiheit und hat auch genug Platz, Dinge offen und eingehend anzusprechen. Sie greift auf ihre Einträge vom 21. Januar 1916 und vom 17. Juni 1916 zurück, erweitert den einen und schreibt den anderen Eintrag neu. Hier lässt sie als Augenzeugin ihrer Feder freien Lauf und prangert den moralischen Verfall türkischer Machthaber an. Dabei handelt es sich um Gewalttaten nicht nur gegen Armenier. In der ersten Episode beschreibt Clara als Augenzeugin eine «Bastonnade», eine mittelalterliche Strafe des Orients, die unter ihrem Fenster von einem türkischen Offizier seiner eigenen Mannschaft gegenüber angewandt wird. Die Soldaten, die dieser körper­lichen Züchtigung unterzogen wurden, hatten es gewagt, Krankheitsurlaub zu beantragen.

Die zweite Episode schildert, welcher unmenschlichen Behandlung der Polizeichef, der «Henkersknecht», wie Clara ihn nennt, eine kleine Gruppe von schwerkranken armenischen Frauen und Kleinkindern aussetzt. Clara und Fritz, nachdem sie der Gruppe Brot und Wasser verabreichen ließen, sind nun «präsent» bei der Gruppe und wollen helfen. Eine unverzügliche Hospitalisierung dieser armen Menschen ist erforderlich, und Fritz lässt für deren Transport Tragtiere kommen. Doch der türkische Polizeichef, der gerade vorbeikommt, schickt die Tragtiere weg. «Leute, die nicht 10 Schritte gehen können ohne umzusinken», schreibt Clara am 17. Juni 1916,«[will] man zum Aufbruch zwingen», damit sie sich zu Fuß zum Hospital schleppen. Erschüttert angesichts der Un­mensch­lichkeit, die «das eigene Herz in grausamer Wirklichkeit erlebt», wird Clara hier sehr kritisch, und erst an dieser Stelle wird es dem Leser bewusst, wie zurückhaltend die Autorin ansonsten ist.

Clara bedient sich der üblichen Handschrift ihrer Zeit, der Kur­rentschrift oder der «gotischen Handschrift» mit fließenden Abgrenzungen und ineinander verschlungenen Schriftzeichen. Ihre geradezu kalligrafische Handschrift der Briefe und des Augenzeugenberichts erweckt in ihrer schönen Gleichmäßigkeit den Eindruck einer gebildeten, organisierten und gepflegten Persönlichkeit. Das Tagebuch bietet meist ein anderes Bild: Die Zeilen, in al­ler Eile eingetragen, sind unregelmäßiger, schwieriger zu entziffern oder gar unleserlich. Aber der Aufwand für die mühsame Entzifferung erwies sich in jeder Hinsicht als lohnenswert, denn Claras Tagebuch ist ein historisch wichtiges Dokument, das mit dem Fortschreiten der Zeit immer schwieriger zu verstehen sein wird.

Claras Sprache ist das Schweizer Hochdeutsch mit einer gewissen Beimischung mundartlicher Formen, die ihrem Stil eine angenehme persönliche Note verleihen. Helvetismen wie Morgenessen oder Zmorgen für Frühstück, Znüni für Pausenbrot und Nachtessen oder Znacht für Abendessen sind gemeinsprachlich verständlich. Der durch Häufigkeit auffallende Gebrauch von Diminutiva mit dem Verkleinerungssuffix -li oder -i hat einen volkstümlichen Klang. Gewöhnliche Alltagswörter hören sich gut an, und Wörter wie Hüsli für Haus, Weibli oder Fraueli für Frau, Büdeli für Bude müssen nicht unbedingt gefühlsbetont sein, doch wir schließen von ihnen auf Claras gute Stimmung. An anderer Stelle reflektieren solche Formen Gefühle der Intimität und Zärtlichkeit, bei Büebli für Bube, Schätzli für Schatz, s’Müetti für Mutter, Margelchöpfli für ihren Lieblingsberg Margelkopf und so weiter. Ein Satz wie «Jörgli erkennt sein Tanteli» ist gefühlsgeladen. Dass Diminutiva bei Clara eine lebensbejahende, positive Bedeutung haben, ist daraus zu erkennen, dass diese kaum in Einträgen vorkommen, in denen sie düstere Bilder, wie etwa die des Genozids, schildert.

Selbst bei hastigem Notieren fließt die Sprache und ist orthografisch einwandfrei. Fast keine Flüchtigkeitsfehler, so gut wie keine Korrekturen. Besonders beeindruckend ist bei ihr die orthografische Korrektheit der vielen Orts- und Personennamen. Vor Personennamen führt sie meist die zugehörige Grad-, Amts- und Berufsbezeichnung an, die bei wiederholtem Gebrauch unverändert bleibt: Oberingenieur Winkler, Oberstleutnant Böttrich, Dr. Kant, Nilquellenerforscher, Prof. Kirchner, deutscher Archäologe, Oberstabsarzt Dr. Schacht, General Falkenhayn, Baron v. Op­pen­heim, Nuri Bey, Abgeordneter Abdul Rahman Pascha, Oberstleutnant, Ge­neralstabschef Kretschmar, Etappenmajor Hilfiker, Direktor Ha­senfratz usw. Diese Tatsache hat mir die Suche nach den Namen dieser Persönlichkeiten in der einschlägigen Literatur sowie im Internet sehr erleichtert.

Beim Entziffern der Einträge hat mich noch etwas überrascht: Bei Personennamen bedient sich Clara statt der Kurrentschrift der Lateinschrift, und zwar konsequent, was mir viel Mühe erspart hat. Das warf für mich anfangs viele Fragen auf: Hat sie sicherstellen wollen, dass alle Eigennamen unbedingt leserlich sind? Wusste sie, dass sie für die Nachwelt schrieb? Inwieweit war ihr die Bedeutung dieses Tagebuchs bewusst? Erst neulich erfuhr ich, dass man in jenen Zeiten häufig in einem kurrentschriftlichen Text bei Eigennamen die Lateinschrift gebrauchte.

Verlobung, Hochzeit und Hochzeitsreise

Wie knapp auch immer Ihre Notizen sind, Clara ist eine gute Erzählerin, und man kann ihrem mehrjährigen Tagebuch eine in sich stimmige Schilderung eines Lebensabschnitts entnehmen.

Im September 1914 lernte Clara durch ihre Freundin Lis deren charmanten Bruder kennen, Bauingenieur Fritz Sigrist, und im September 1914 begann sie auch, Tagebuch zu führen.22 Am 6. September lesen wir einen einzigen Satz: «Lis und Herr Sigrist bei uns im Hüsli.» Wie die meisten Tagebuchschreiber – man glaubt ja, nur für sich zu schreiben – deutet Clara bloß an, und erst aufgrund ihrer Biografie können wir heute aus ihren knappen Aufzeich­nun­gen auf die Zusammenhänge schließen. Und so schlussfolgern wir, dass in jenen Tagen Fritz um Clara warb und dass es ihr schwerfiel, sich zu entscheiden. «Von Zögern und Zagen ist zerris­sen der Sinn», heißt es in einer Liedstrophe, die sie am 8. September 1914 einträgt. Tage darauf ist stichwortartig von zwei Briefen von «Herrn Sigrist» die Rede, und Clara scheint von ihrem Inhalt nicht sonderlich erbaut zu sein. Kein Wort darüber, worum es ging oder was sie ins Wanken brachte. Aber auch hier ist es aufgrund unserer heutigen Kenntnisse nicht schwer, Vermutungen anzustellen. Es ging wohl um die Anstellung des Bauingenieurs Fritz Sigrist, der von 1910 bis 1914 beim Bau der Bagdadbahn in der Türkei tätig gewesen war und dessen Vertrag für das Jahr 1915 erneuert worden war. Fritz sollte bald wieder in die Türkei zurückreisen, und im Falle einer Eheschließung hätte Clara ihm folgen müssen.

War sie zu einer so grundlegenden Lebensumstellung bereit? War es ratsam, zu Kriegszeiten ins Ungewisse zu ziehen? Würde sie es nicht später bereuen, wenn sie ihre vor nur wenigen Monaten erworbene und geliebte Stelle als Krankenschwester im Spital des heimatlichen Grabs aufgeben würde? Am 8. September 1914 schreibt Clara: «Das ganze Spitalglück auf einmal dahin … » Nach langem Schweigen, d.h. nach vielen leeren Abschnitten im Tagebuch, notiert sie am 26. September: «Trostloses Sich-nicht-entschließen-Können. Heute glaub ich bestimmt, Nein sagen zu müssen.» Doch nach dem dritten Brief von «Herrn Sigrist» mit der Nachricht, dass er «morgen komme», ändert sich alles. Am 30. September liest man schon zwischen den Zeilen Claras Ja-Wort: «Prachtsonnentag, und Fritz bringt die ersten Rosen.» Am 11. Oktober kommt Lis zu Besuch: «Lis bei mir. Das ganze Stübli voll Nelken und Rosen.» Und man muss annehmen, dass am 14. Oktober im Haus der Hiltys der Bund offiziell gefestigt wird, denn es heißt: «Fritz bringt Papa, Mama, Ida, Ruedi und Herbert mit ins Hüsli. Abends reise ich mit nach Netstal zurück.» Am nächsten Tag, dem 15. Oktober, wird die Verlobung von Clara und Fritz «beim Zivilstandesamt» angemeldet, und von da an bis zum Frühling 1915 wird nicht viel ins Tagebuch eingetragen. In den wenigen Notizen ist der Name Fritz meist präsent: gemeinsame Spaziergänge durch die malerische Werdenberger Gegend, Reisen durch das Heimatland, Konzertbesuche in Zürich, Visiten bei Verwandten u.a. Clara wirkt glücklich und ausgeglichen, ohne es ausdrücklich anzugeben. Erst im April 1915 beginnt Clara ihre regelmäßige Tagebuchführung. Es sind aufregende Zeiten, und alles ist emotional geladen: die Vorbereitungen für die Hochzeit und die bevorstehende große Reise in die Türkei. In diesem Lebensabschnitt braucht sie das Tagebuch. Ihre Einträge werden länger, der verfügbare Platz zum Schreiben reicht ihr nicht mehr, und ihre Handschrift verkleinert sich dort, wo sie möglichst viel unterbringen will. Unbeschriebene Flächen gibt es kaum mehr.


Werdenberg 1914. Fritz Sigrist

und Clara Hilty anlässlich der Verlobung.

In den zwei Wochen zwischen Ziviltrauung (12. April 1915) und kirchlicher Trauung (26. April 1915) sehen wir Clara bald in freudiger, bald in melancholischer Stimmung. «Ein intensiveres Ausgenießen der letzten Tage», schreibt sie am 19. April 1915. Nach der Ziviltrauung werden Anstands- und Abschiedsbesuche ab­gestattet. Sie verbringt viel Zeit mit den Ihrigen, mit ihrer Schwester Hanneli und deren Kleinkindern Jörgli und Vreneli, und dann: «Mit H. Besuch auf dem Friedhof.» Am 23. April erklärt Clara: «Schlafe zum letzten Mal in meinem Budeli.» Und zwei Tage vor der Abreise: «Schlafe neben Mama und Papa und bin lange wach.» Und einen Tag darauf, am Vorabend ihrer Hochzeit: «… die letzte Nacht daheim. Ich sehe den Margelkopf im Dunkeln leuchten.»

Zusammen mit ihrer Mama kocht und backt sie viel. Hochzeitskuchen und Guetzli geraten fein, und beinahe sich selbst trös­tend schreibt sie am 24. April: «Alles gelingt, und alle sind vergnügt (…) Die Vorbereitungen verdrängen die Abschiedsgedanken.» Blumen, viele Blumen kommen an. Clara liebt Blumen und Pflanzen, sie bringen ihr Trost, verscheuchen die trüben Gedanken. Sie schmückt das ganze Haus mit Blumen und Blüten.

Der April 1915 ist ein schicksalsschwerer Monat für die ganze Welt. Der Erste Weltkrieg tobt, und viele Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden begangen. Die Türkei, als Verbündete Deutschlands in den Krieg verwickelt, ist sicher nicht das ideale Land für eine Hochzeitsreise. Dennoch beschließen die jungen Leute, vom Traualtar weg in dieses Land zu reisen, und setzen sich über die Bedenken ihrer Eltern hinweg. Niemand wusste damals, dass gerade zu dieser Zeit die Türkei im Schatten des Weltkrieges auch den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts begehen würde.

In Claras Eintrag vom 24. April 1915 lautet der erste Satz: «Der Himmel macht immer sein traurigstes Gesicht.» Beim Entziffern dieses Satzes schauderte ich. Warum?

Es ist klar, dass Clara hier den düsteren Himmel vor dem Hintergrund ihrer eigenen traurigen Stimmung wahrnimmt. Wie hät­te sie auch ahnen können, dass in Konstantinopel in der Nacht des 24. April die erste Welle von Massenverhaftungen und Hinrichtungen von armenischen Intellektuellen, berühmten Schriftstellern, Wissenschaftlern und Geistlichen, von Mitgliedern der gesamten örtlichen Prominenz stattgefunden hatte?23 Und dass dadurch die jungtürkische Regierung die armenische Bevölkerung in ganz Anatolien enthauptete und damit den Weg zum Völkermord an der gesamten armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich ebnete?

Jeder Armenier, der heute Claras Eintrag vom 24. April 1915 liest, kann nicht umhin, die ersten Worte dieses Eintrags einer göttlichen Fügung zuzuschreiben. Besonders markant ist das Wort «immer» in diesem Satz, obwohl damit Clara etwas ganz anderes meint.24 Denn seit dem Jahr 1915 ist der 24. April weltweit zum nationalen Trauertag aller Armenier geworden. Clara Sigrist konnte das alles natürlich nicht wissen. Auch konnte sie nicht vor­aussehen, wie sehr dieser Völkermord sie selbst betreffen würde. Gleich bei ihrer Ankunft in der Türkei würde sie die Auswirkungen dieser menschlichen Tragödie in Form von «unendlichen Durchzügen von ausgewiesenen Armeniern» erleben und sich verpflichtet fühlen, darüber Zeugnis abzulegen. Die schrecklichen Er­fahrungen des Genozids würden ihre Flitterwochen trüben. Mehr noch: Das Erlebte würde beide, Clara und Fritz, zeit ihres Lebens belasten.25

Gemäß meinem Hauptanliegen, in Claras Tagebuch Aufzeichnungen in direktem und indirektem Zusammenhang mit dem Genozid an den Armeniern zu finden, war die Zeit ab April 1915 auch für mich von besonderem Belang. Von hier an begann ich Claras Handschrift sorgfältig zu entziffern und abzutippen, wenn auch ohne die Erwartung, schon in ihren Aprileinträgen etwas zum Völkermord zu finden. Zu jener Zeit wollte ich lediglich Clara bei ihrer Reise nach Anatolien begleiten und auch ihren Lesern erste Eindrücke im neuen Land vermitteln.

Im Bewusstsein, dass Claras Zeugnisse zum Genozid im Ta­ge­buch erst im Kontext anderer, auf den ersten Blick eher un­we­­sent­li­cher «Alltäglichkeiten» sinnvoll werden, begann ich mit dem Transkribieren der – fast – sämtlichen Einträge ab dem April 1915 bis Ende 1916. Denn das war die für den Völkermord kritische Zeit. Von den Jahren 1917 und 1918 nahm ich nur, was für mein Thema bedeutsam war. Bei den einzelnen Einträgen, die ich möglichst wortgetreu transkribierte, nahm ich mir bestimmte Freiheiten: die Abkürzungen wurden ausgeschrieben, gelegentlich wurde Nebensächliches und Unentzifferbares weggelassen. Es ging mir nicht um eine wissenschaftlich-kritische Ausgabe des ganzen dreijährigen Tagebuchs, bei der Präzision und Vollständigkeit vorrangig wäre. Es war eine empirische Suche nach wichtigen Tatsachenmaterialien über den Genozid.

Am Tage nach ihrer Trauung26 in Werdenberg treten Clara und Fritz ihre «Hochzeitsreise» in die Türkei an. Sie fahren zunächst mit der Eisenbahn durch das mitteleuropäische Kriegsgebiet, machen einen kurzen Halt in Wien und Budapest, dann geht es weiter über den Balkan nach Konstantinopel. Am 2. Mai 1915 schreibt sie: «Verwundete und Flüchtlinge. Trostloser Anblick an den Bahnhöfen, Bihargebirge. Dann Blick auf die Schneeberge. Erster großer Zoll. Predeal. Vorrücken der Uhr um eine Stunde. Der Orient macht sich unangenehm bemerkbar.» Wegen der Militärtranspor­te dauert die Reise von der Schweiz bis Konstantinopel etwa zwei Wochen. Doch Clara hat immer ein Auge für schöne, exotische Szenen, für Landschaftsbilder, für die Tier- und Pflanzenwelt, und das lenkt sie von all dem Traurigen der Kriegszeit ab. Am 5. Mai 1915 schreibt sie: «Bulgarisch-türkische Dörfer. Pflügende Bauern in farbigen Trachten. Ganze Schwärme von Störchen. Schwertlilienfelder. Unser Zug hält überall der Militärtransporte wegen. Wir be­gegnen endlos langen Militärzügen. Adrianopel. Moschee in der Abendsonne.»

In Konstantinopel wird das Ehepaar von der Leitung der Bagdadbahn, aber auch von Verwandten und Freunden groß empfangen. Besichtigungen von Sehenswürdigkeiten in Konstantinopel und Umgebung folgen. Leider sind alle Museen wegen des Krieges geschlossen.

Die Weiterreise bis zu ihrem Endziel im Amanusgebirge ist stra­paziös. Über längere und gefährliche Transportwege mit wech­selnden, meist rückständigen und unbequemen Verkehrsmitteln reisen die Neuvermählten von Konya nach Bozanti und dann nach Adana mit dazwischen meist schäbigen Übernachtungsumständen. Doch verliert Clara das exotisch Bezaubernde der wilden Gegend nicht aus dem Auge und hält es im Tagebuch fest. Gewürdigt werden auch die liebenswürdigen Kollegen von Fritz, die sie bei jeder Eisenbahnsektion herzlich empfangen: Im Taurusgebirge, in Karapunar werden sie vom Schweizer Ingenieur Karl Leutenegger mit dem Wagen abgeholt,27 in Adana vom deutschen Oberingenieur Johannes Winkler28 empfangen, in Airan von einem anderen Schweizer, Walter Morf,29 und in Entilli vom Schweizer Franz Köppel30. Im entlegenen Entilli31 lassen sich die Neuvermählten zeitweilig nieder. Nach fünf Monaten ziehen sie in ihren endgültigen Wohnsitz in Keller um. Dort wohnen sie bis zum Ende ihres ersten Türkei-Aufenthalts Anfang April 1918 in einem abgelegenen Häuschen auf einer Anhöhe am Fuße des Amanus-Gebirges in Kilikien.


Das Haus am Felsenhang in Keller / Fevzipaşa.

Das Leben in Anatolien

Mein Unterfangen, die Aufzeichnungen der ersten beiden Jahre ihres Aufenthalts in der Türkei fast vollständig zu erschließen, verfolgte auch ein weiteres Ziel. Der Leser soll sich einen Einblick verschaffen können in den Alltag des neuvermählten Schweizer Ehepaars, welches das Leben in eine weltentrückte Gegend der Türkei verschlagen hatte, samt der Schwierigkeiten, die mit dem Krieg zusammenhingen und die selbst für Fritz neu waren. Dabei kam Fritz mit Vorkenntnissen ins Land und kannte auch die Sprachen: Sein Arabisch war gut, er konnte auch etwas Türkisch. Doch war für die aus einer bürgerlichen Familie stammende, vornehme und gebildete Werdenbergerin alles fremd: Land und Leute, Sitten und Bräuche, das raue Klima, die Landessprachen und vieles mehr. Es galt nun zu verfolgen, wie die kühne Schweizerin die so un­gewöhnlichen Umstände bewältigte, was ihr gefiel, was missfiel, und wie sie sich allmählich den neuen Verhältnissen anpasste. Und all dies kann man – selbst wenn man keinen Zugang zu ihren ausführlichen Briefen hat – ihren knappen, aber regelmäßigen Ta­gebuchnotizen entnehmen.

Schon ihre ersten Aufzeichnungen in der Türkei zeigen Clara als lebenstüchtige Frau. Im ersten Monat ihrer Ankunft sehen wir, wie sie Butter aus- und Früchte einkocht, draußen Wäsche bügelt, den eigenen Wein herstellt und, wenn es sein muss, ihr Bad im Erdölfass nimmt. Natürlich nicht ohne Hilfe, denn Fritz hat sie mit dem nötigen Dienstpersonal versorgt. Sie hat die Haushalthil­fe Kohar32, die Diener Joggel33 und Mussa34. Außerdem hat das Ehepaar einen armenischen Gärtner samt Familie und auch Bekir, den türkischen Wächter, im Tagebuch «Begtschi»35. Gleich am Anfang im Juni 1915 beginnt Clara das Personal «mühsam mit Gesten und dem Wörterbuch in der Hand» anzulernen, aber dadurch auch selbst Türkisch zu lernen. Wir sehen, mit welcher Kreativität sie ungeachtet des Mangels an so vielen Dingen des täglichen Bedarfs zuerst ein Haus in Entilli und nach fünf Monaten ein zweites in Keller zu ganz «heimeligen» Wohnstätten herrichtet. Ihr großes Anpassungsvermögen kann man solchen Sätzen entnehmen wie «Im Stübli ist es warm und heimelig. Es muss zwar überall Geschirr untergestellt werden» (27. November, 1915). Doch es geht, denn sie hat schon Schlimmeres erlebt: «Es tropft auf meinem Bett» (12. November, 1915).

Zu Beginn ist Clara ganz benommen von der wilden Schönheit der kilikischen Berglandschaft, in der vieles sie an ihre heimatliche Alpennatur erinnert. Begleitet von Mussa, Joggel oder eines Kawassen36 geht sie täglich auf Wanderungen durch die Gegend, häufig auf der Suche nach seltenen Pflanzensamen und verschiedenen wilden Alpenblumen, und alle Namen sind ihr bekannt: Zy­clamen, Krokus, Narzissen, Iris und Azaleen, Anemonen, Löwenmaul, Primeln und Orchideen. Wenn Fritz frei hat, machen sie zu zweit Ausritte oder Wanderungen, erkunden die Gegend, interessieren sich für Ethnographisches und Historisches im alter­tüm­li­chen Kilikien. Zuweilen besuchen sie eines der vielen Kurdenhäuser in der Gegend, und Clara, beeindruckt von kurdischen Ritualen, beschreibt in ihrem Tagebuch und in ihren Briefen ihre Hochzeiten und Begräbnisse. Von ihrem Fenster aus oder von der Veranda ihres auf einer felsigen Anhöhe stehenden Häuschens kann sie fremdländische Szenen beobachten: Karawanen mit Kamelen, Araber mit schönen Pferden, Beduinen- und Zigeunerlager und vieles mehr. Begeistert schreibt sie darüber im Tagebuch und in ihren Briefen nach Hause. Doch Keller ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt mit einer Etappenstraße, die sich durch die Ebene zieht, und bald zeigt dort das Kriegsgeschehen sein häss­liches Gesicht: reger Militärverkehr, «Ulanen, Kavallerie, Infanterie». Transporte «von deutschem Militär mit großen Geschützen», Durchzug von englischen und indischen Gefangenen mit Vorführung von erbeuteten englischen Fahnen, Jagd nach Deserteuren mit Schießereien und unbegrabenen Toten und vieles mehr. Das alles bedrückt Clara. Am 1. August 1915, dem Feiertag der Schweizerischen Eidgenossenschaft, dringt der Krieg auch in ihr privates Leben ein, und sie schreibt: «Mein kleiner Tisch [draußen] ist von einer Kugel durchbohrt.»


Türkei 1915. Clara mit einem bewaffneten Kawassen und Pferd.

Die unangenehmen Besonderheiten der Gegend, etwa die «schrecklich wilde Musik der Eingeborenen» beim Fest eines Tunneldurchschlags (15. Juni 1915) oder die Art und Weise, in der die Toten «laut und pietätlos» beerdigt werden, dass es «einen friert» (7. November 1915), oder die grausame Behandlung von Tieren (vgl. Pferdedressur am 14. Dezember 1915), hätte Clara wohl hinnehmen können. Auch hatte sie wohl verschiedene mit der Kriegszeit zusammenhängende Schwierigkeiten erwartet. Was sie jedoch nicht vorauszusehen vermochte, waren die täglich an ihrem Häuschen vorbeiziehenden «Deportationszüge»37 der zwangsumgesiedelten Armenier sowie die unten in der Ebene sich immer wieder bildenden Sammellager, in denen erschöpfte, hungrige und durstige armenische Frauen, Kinder und Alte – seltener Männer, denn diese waren schon früher abgesondert und umgebracht worden – übernachteten und wo ungeheures menschliches Elend herrschte. Drei Jahre lang mussten die Neuvermählten aus der Schweiz tagaus, tagein mit wundem Herzen zusehen, «wie so man­che Lichtlein unten in felsig steiler Schlucht erloschen»,38 während sie oben in ihrem abgelegenen Häuschen ihren Alltag lebten: Gäste empfingen, Feste feierten, Eltern wurden und in ihrem «heimeligen Stübli» Familienglück genossen.

Ein weiterer Anlass ständiger Besorgnis für das Ehepaar war das Schicksal der armenischen Bauarbeiter bei der Bagdadbahn. Von ihrem Mann hatte Clara erfahren, wie sehr bisher der Bau der Bagdadbahn von der Beteiligung der armenischen Bauarbeiter profitiert hatte und wie schwer nun deren Bau von den Übergriffen gegen diese Fachkräfte betroffen war. Früher hatte Fritz über fünfzehntausend Armenier unter sich, heute musste er immer mehr Armenier gehen lassen und sie durch ungeübte türkische Soldaten, indische Gefangene u.a. ersetzen lassen. Clara hört täglich von ihrem betrübten Mann sowie von den «Herren» – so nennt Clara die europäischen Ingenieure beim Bau der Bahn –, wie erfolglos ihr Einsatz für ihre armenischen Schützlinge ist. Diese ehrwürdigen Herren wie Oberingenieur Johannes Winkler, Walter Morf, Franz Köppel und andere Fachleute für den Bau der Bagdadbahn sind häufig bei den Sigrist-Hiltys zu Gast, und manche von ihnen, wenn sie auf Durchreise sind, werden bei ihnen beherbergt. Es gibt viele aufregende Besprechungen im Haus, wobei man «nicht wenig über die trostlosen Zustände [schimpft]» (7. Juli 1916), vor allem über die armenischen Arbeitskräfte, die täglich ausgewiesen und ins Verderben geschickt werden, viele von ihnen samt Familie.39 Man erzählt, dass die deportierten Bauarbeiter oft nicht einmal an ihr «Endziel», nach Katma oder Der el-Zor, gelangen. Sie werden unterwegs von speziell beauftragten türkischen, häufig auch deutschen Soldaten ermordet. Dazu berichtet Clara am 17. Juni 1916: «Deutsche Soldaten, die es mit angesehen, halten ihre Entrüstung nicht zurück: ‹Ein Hund war da nicht zu schießen›, sagen auch die Vollziehenden, und dann: ‹Wenn das die deutschen Soldaten daheim wüssten, würde keiner sich dazu hergeben, hier mitzutun.›»

Zuweilen, fast im Namen ihres Mannes, berichtet Clara in ihrem Tagebuch über Dinge, über die ihr Mann wegen seiner Position nie zu berichten gewagt hätte. Wie etwa, dass Fritz in einem Gespräch mit seinem kurdischen Diener sagte, dass er nicht begreife, warum «die Kurden ihren alten armenischen Nachbarn keine Hilfe leisteteten» (15. Juni 1916). Aus Claras Tagebucheinträgen geht deutlich hervor, dass Fritz seinen armenischen Arbeitern und ihren Familien zur Seite stand, wo er nur konnte, und wenn es sein musste, auch unter Zuhilfenahme seiner türkischen Beziehungen. Clara berichtet jedes Mal mit Stolz über die Wohltätigkeiten ihres Mannes, darüber, wie er die gefährdeten Armenier tatkräftig unterstützt, ausgewiesene Familien in letzter Minute mit Geld und Nahrung versorgt, Kranke hospitalisieren lässt und vieles mehr. Als zu ihrer armenischen Gärtnerfamilie, die am 15. Juni 1916 unter den speziellen Schutz des Sigrist-Hofes gekommen war, einen Tag darauf Gendarmen in ihren kleinen Stall eindrangen und die verheiratete Tochter abholten, war es Fritz, der sie abends wieder freikriegte. «Diese Arbeit ist nervenaufregend», schließt Clara. Nicht immer jedoch kann Fritz nach seinem Willen handeln, denn das Vorgehen der Türken gegen die Armenier wird immer brutaler. Am 16. März 1917 schreibt Clara: «Wieder werden die Armenier gesammelt. Fritz vermag die Sütçü-Familie40 nicht zu retten.»

Wenn sich unten im Tal zur Nacht ein Sammellager der Deportierten bildet, gehen Clara und Fritz häufig dorthin, um die Zustände von Nahem zu besehen. Da Hilfe untersagt ist, können sie sehr wenig tun. «Beschattet von Ängsten, Mitleid und Wut, nicht wirksamer helfen zu können»41, kehren sie jedes Mal ratlos heim, und Clara grübelt in ihrem Tagebuch: «Man lebt in einer eigentümlichen Welt. Dieser Ort, die Ruhe und der Frieden selbst. Dann da­neben das Militär, hier die Bahnarbeiter und die Ausgewiesenen» (4. November 1915).

1916. Claras erste Schwangerschaft fiel in eine äußerst schwierige Zeit. Die Gewalttaten gegen die Armenier nahmen in diesem Jahr in der Amanusgegend ungeheure Ausmaße an. Einerseits die täglich vom Norden her vorbeiziehenden Todesmärsche, andererseits das immer größer werdende Problem der Vertreibung der Bahnarbeiter und die anschließenden Brutalitäten gegen sie und ihre Familien. Claras Tagebuch aus dieser Zeit bringt zahlreiche Eintragungen zu diesem Thema, erschütternde Szenen begleiten sie überall: während ihrer Spaziergänge und Ausritte, bei ihren Besuchen der Baustelle ihres Mannes. Auch andere Augenzeugen tragen ihr immer wieder herzzerreißende Berichte zu. Ihr Mann, ihr einziger Trost, verlässt das Haus «in aller Herrgottfrühe» und kehrt erst spät zurück, meist erschöpft und seelisch ausgelaugt wegen seiner zunehmenden Verluste an armenischen Fachkräften. Trotz allem erträgt Clara diese Schwierigkeiten in stoischer Ruhe. Sie bemüht sich, ihre Niedergeschlagenheit mit ihren Lieblingsbeschäftigungen im Haushalt und in der schönen kilikischen Berglandschaft zu bannen. Ablenken von den tragischen Eindrücken kann sie sich auch mit wohltuenden menschlichen Kontakten: die täglichen Besuche von durchfahrenden Kollegen und Freunden, die bei der gastfreundlichen Clara Unterkunft und Verköstigung finden, die gemütlichen Tee- und Plauderstunden mit den Gemahlinnen der europäischen Kollegen ihres Mannes.


Keller / Fevzipaşa 1917. Clara mit Baby «Karlfrideli».

Am willkommensten, «ein Segen», wie sie schreibt, waren jedoch für Clara während dieser Zeit die Besuche der deutschen ­Missionarin und Krankenschwester Paula Schäfer. Ohne Schwester Paula wäre Clara während ihrer Schwangerschaft ohne jed­wede medizinische Beratung geblieben. Bis zu den letzten Tagen herrschte bei den Sigrists Ungewissheit in Bezug auf den Frauenarzt und den Ort ihrer Niederkunft. Schließlich gebar Clara am

26. Januar 1917, mitten in den Kriegswirren, im kleinen und welt­abgeschiedenen Berghäuschen in Keller ihren ersten Sohn Karl­frideli42 oder Karl Fritz. Ihre Entbindung verlief unter der Betreuung des deutschen Oberstabsarztes Dr. Klages und der deutschen Krankenschwester und Freundin der Familie Paula Schäfer. Auch ihr Mann Fritz half mit. Die Geburt war schwer und dramatisch, aber ohne Komplikationen.

Vom 26. Januar an nehmen im Tagebuch liebevolle Aufzeichnungen zu den täglichen Fortschritten von Kalrfrideli und zu den Höhen und Tiefen im Leben des neuen Erdenbürgers einen großen Raum ein.

Insekten und Seuchen

Claras Tagebuch teilt uns auch mit, wie die geschulte Krankenschwester aus Gründen der Hygiene und Gesundheit in ihrer neuen Umgebung Sauberkeit und Ordnung etabliert, Krankheiten vorbeugt und ausheilt, Insekten bekämpft und sogar Skorpione und Taranteln vernichtet. Auch hier notiert sie alles emsig :

«Ganze Heuschreckenschwärme kommen wieder übers Land» (20. September 1915).

«Abends schwirrt es von Heuschrecken und Käfern und Faltern, alles kommt zum Licht.» Oder: «Schreckliche Moskitonacht» (24. Sept. 1915).

«Ich entdecke Läuse. Sofort wird geputzt und zur Wäsche bereit gemacht» (19. September 1917).

«Jagd auf Sandfliegen» (5. Oktober 1915).

«Schreckensnacht mit vier Wanzen.» (27. Oktober 1915)

«Der 8. Skorpion tot; diesmal im Schlafzimmer» (18. August 1916).

Viel alarmierter ist sie, wenn sie entdeckt, dass Insekten Karlfridelis Bettchen bewohnen. Am 26. Juni 1917 notiert Clara: «Ich finde Wanzen in Büeblis Bettchen und dasselbe wird in der Badewanne ausgebrüht.» Zuweilen bewundert man Claras Tapferkeit: «Ich nähe im Büdeli, da fällt mir auf einmal etwas vom Dach auf die Arbeit, und wie ich nachsehe, sind es ein Skorpion und eine Heuschrecke im Zweikampf. Als ich das Grausen überwunden, gehe ich mit der Feuerzange dahinter» (13. August 1917).

Unter diesen Umständen wurde Clara immer zäher und ­konnte etwa gelassen zusehen, wie ihr Mann Vipern erschlug, auf Schlangen schoß, Fallen für Schakale stellte und allerlei Ungeziefer vernichtete.

Clara graute es vor den verschiedenen Ungeziefern. Sie wusste, dass eine einzige kleine Laus ein Flecktyphuserreger sein könnte, dass Mücken die Malaria übertragen und Fliegen die Ruhr ­und andere ansteckende Infektionskrankheiten verbreiten. Auch war ihr bewusst, dass die vertriebenen und geschwächten Armenier für diese Krankheiten am anfälligsten waren und die Seuchen gleichzeitig auch verbreiteten. Mit Entsetzen beschreibt Clara das einzige für die Verhältnisse «normale Begräbnis», das sie in der Stadt Aleppo sah: «Ein kleiner achtjähriger Junge fällt beinahe ganz aus seinem Sarg heraus, Schwärme von Fliegen kriechen ein und aus. (…) Große Epidemien sind vorauszusehen» (28. September 1915).

Die unmöglichen hygienischen Verhältnisse in der ganzen ­Gegend führten tatsächlich zu Seuchen und Epidemien: Flecktyphus, Malaria, Influenza, Cholera, Ruhr, die ägyptische Augenkrankheit (Trachoma) u.ä. Bei den Sigrists wurden diese Infek­tionskrankheiten zu einem wichtigen Gesprächsthema während ihrer täglichen Zusammenkünfte. Anfang 1916 sprach man schon von Europäern aus ihrem Bekanntenkreis, die sich mit dieser oder jener Krankheit angesteckt hatten. Am häufigsten waren es Ärzte, die erkrankten. Am 24. Januar 1916 notiert Clara: «Dr. Farah zum Mittagessen da. Er kommt von Bagtsche, wo Dr. Konos am Flecktyphus erkrankt ist.» Dann am 9. Februar 1916: «Nun erkrankt auch noch Dr. Badier am Flecktyphus, der unsern Doktor in Entilli ersetzt. Also ist für die Strecke keiner mehr zu haben. Da und dort sind neun Fälle.» – «Rundum hat fast alles Fieber», heißt es am 3. Juli, und am 7. September 1916 war es Frau Wittig, die Frau des deutschen Ingenieurs von Fritz, der es elend ging, und der Doktor meinte, sie habe Typhus.

Die Südost-Türkei war von der Cholera-Epidemie am stärksten betroffen. Am 5. Oktober 1915 berichtet Clara von den ersten Cholerafällen, und am 22. Mai 1916 vermerkt sie, dass wegen Cholera selbst in Aleppo schon die Schulen geschlossen seien. Dr. Schilling43, der in den Jahren 1915–1916 in der Amanus-Gegend stationierte deutsche Sanitätsarzt, trägt Folgendes vor: «Dr. Schiff und ich fanden die Dörfer des Amanus stark durchseucht, anscheinend durch die von Norden durchziehenden Truppen. Eine Infektionsquelle schien der schmutzige Straßenort Keller zu sein, drei Stunden oberhalb Islahiye, wo an der Straße ein Rinnsal von ei­nem fließenden Brunnen aus verlief und, stark verunreinigt, stets reichlich zum Trinken, Waschen, Spülen gebraucht wurde.»44 Von demselben Brunnen ist wohl in Claras Tagebuch die Rede: «Die ersten Cholerafälle durch armenische Deportierte gestern abend hierher gebracht. Sie winden sich und sterben direkt neben dem Brunnen des Dorfes. Es ist uns beiden zum Davonlaufen» (25. Ju­ni 1916). Und wer – statt der Sigrists – läuft davon? Der türkische Kommandant! Am 26. Juni 1916 notiert Clara entsetzt: «Der Kommandant hat zusammengepackt und ging auf plötzlichen Befehl, oder aus Angst vor der Cholera? Diesen gesammelten Armeniern, die alle choleraverdächtig waren, sagte er, sie sollten gehen, wohin sie wollten. Alles stob auseinander. Eine Frau war nachts schon in das Dorfhaus gegangen, wo sie starb. Fritz sagte einem Türken ruhig, dass solche Häupter des Gesetzes bei uns [in der Schweiz] gehängt würden.»

Zum Glück folgten bald darauf Impfungen und Quarantänen, und die Eheleute Sigrist-Hilty blieben von den vielen Seuchen verschont.

Eine glückliche Ehe

Allen Gewalten zum Trotz waren Clara und Fritz während ihres dreijährigen Aufenthalts in der Türkei ein glückliches Ehepaar. Zwar kommt in Claras Notizen ihr Liebesglück nur gelegentlich zum Ausdruck, doch stillschweigend ist es immer da. Meist wird es in der Blumensprache ausgedrückt, Clara freut sich, wenn Fritz ihr einen blühenden Zweig oder einen Herbststrauß nach Hause bringt, und vermerkt das in ihrem Tagebuch. Aber auch selbst ist sie oft auf Blumensuche, und prachtvolle Sträuße schmücken zu jeder Jahreszeit ihr Haus. Am 2. März 1916 heißt es: «In meinem Stübli duftet eine Blumenfülle. Das türkische Waschbecken in Messing ist ganz gefüllt mit Narzissen.» Man fühlt Claras Zufriedenheit, wenn man in ihrem Eintrag vom 26. April 1916 liest: «Fritz weiß aber doch meine vielen Blümeli auf dem Tisch still zu würdigen.»

Clara legt Wert darauf, dass die christlichen Feste, soweit es geht im fremden Land, gefeiert werden. So vergeht schon im ersten Jahr ihres Aufenthalts in der Türkei die ganze Adventszeit von 1915 mit «Weihnachtsarbeiten». In den Wochen vor Weihnachten «duftet es im Hüsli nach Tannen», auch nach Gewürzen, die für die Weihnachtsguetzli gemörsert werden, und nach gebackenen Hausleckerli. Am 22. Dezember richten sie mit zu zweit handgemachtem Schmuck einen Christbaum, während im Garten eine Weihnachtsgans geschlachtet wird. Zu Weihnachten gibt es dann einen schönen Schmaus und einen fröhliche Austausch von «kleinen Überraschungen» sowie die Lektüre der Weihnachtspost von Zu Hause. Für die Neuvermählten schließt das Jahr 1915 am 31. Dezember mit einem Glas Punsch bei brennendem Tannenast und Weihnachtsbaum und mit dem Eintrag: «So still, glücklich und in Dankbarkeit.»


Herbst 1915. Clara und Fritz in ihrem Haus in Keller.

Clara erlebt das berufliche Leben ihres Mannes intensiv mit, und Fritz hält sie ständig auf dem Laufenden. Sie verbringt oft Stunden bei ihrem Mann im Büro.45 Sie sieht sich meist als Teil der Bahnbelegschaft, ist mit allen befreundet, und wenn sie über die traurigen Bahnangelegenheiten berichtet, schließt sie sich mit «wir» und «unser» ein: «Wir sollen noch 1000 arbeitende Armenier haben», oder: «Nicht einmal Waisenmädchen bekommen wir frei»: oder «Unsere Soldaten begraben die Toten.»

Clara hat Verständnis dafür, dass ihr Mann lange Stunden auf der Strecke verbringt, selbst wenn es ihr nicht ganz recht ist. Sie weiß, dass Fritz innerhalb einer bestimmten Frist die Arbeit seiner Sektion abschließen muss und dass diese «wie ein Schmuckkästchen» aussehen soll (22. Oktober 1916). Am liebsten hat sie es, wenn Fritz in der Nähe arbeitet und sie ihm «mit dem Zeiß46 zugucken» kann. Manchmal reitet sie gegen Abend mit einem der Diener Fritz entgegen, um ihn von der Strecke abzuholen. Sonntags und sonst nach Feierabend reiten sie zu zweit bis zum Baugelände, und Fritz führt Clara über Viadukte, durch neue ­Einschnitte für die Bahnstrecke und durch Tunnel. Wenn es zu heiß wird – «35 Grad im Zimmer» –, gehen sie in den Tunnel, um sich abzukühlen. Begeistert beteiligt sich Clara an Festlichkeiten des Betriebs aus Anlass eines Tunneldurchschlags oder Geleiselegens. Am schwersten fallen ihr die Dienstreisen von Fritz, wenn er länger fehlt und sie «wieder Strohwitwe» wird. Nachdem sie aber das «kleine Schätzli» bei sich hat, ist es nicht mehr so schwer.

Ab und zu lässt die sonst kühne Clara erkennen, wie sehr sie um ihres Mannes Leben zittert. Am 24. November 1916 schreibt sie: «Ich warte bis 2h auf Fritzens Heimkommen, zuletzt in wirklicher Angst.» Wenn es um «Fritzens Heimkommen» geht, kann Clara sehr ungeduldig werden. Am 1. August 1917 schreibt sie: «Der ganze Tag ein Warten auf Fritz. Abends gehen wir ihm sogar entgegen, er kommt aber nicht; schon ist’s halb sieben und mir fängt’s an mächtig angst zu werden; da tönt sein Pfiff von der Straße her, Gottlob, und der Abend ist schön.»

Clara und Fritz sind beide gastfreundlich, und es fehlt bei ihnen nie an Gästen. Clara verbringt Stunden in der Küche, und sie scheint das Kochen zu genießen, natürlich mit Kohar, der kurdischen Dienerin. Bei den Sigrists ist die Speisetafel immer reichlich gedeckt, und es gibt Platz für viele. Fritz, stets gesellig und kontaktfreudig, bringt häufig Kollegen zum Tafeln mit nach Hause, was er Clara vorher per Kabel mitteilt. Bereitwillig richtet dann Clara das Essen her und ist immer eine liebenswürdige Gastgeberin. Selten zeigt sie ein Zeichen der Unzufriedenheit oder Müdigkeit, auch wenn acht Personen unangemeldet kommen wie am 9. Juli 1917. Dann heißt es lediglich: «Mein Häusli ist übervoll.» Nur ein einziges Mal, am 27. September 1916, ist Clara irgendwie ermat­tet, und sie klagt. «Viel Küchenarbeit. Kohar wäscht. Nach Tisch setze ich mich gemütlich zu Frau Wittig, um auszuruhen, da lässt mich Fritz rufen und es heißt Nachtessen richten. Oberst Fouad Ziya Bey47 übernachtet hier. Schüli müed.»48 Dieses einzige Mal war also Clara «sehr müde.» Das sah ihr gar nicht ähnlich. Ob es am Gast lag?

Natürlich sehnt sich Clara manchmal auch nach Zweisamkeit, denn «das Abendstündli mit Fritz alleine ist das Schönste». Später, schon mit Sohn Karlfrideli, fühlt man sich zu dritt sogar besser: «Stiller Sonntag ohne Besuche. Alle drei zufrieden und glücklich» (26. August 1917).

In ihrem Tagebuch tritt Clara als eine intelligente und selbstbewusste Frau hervor, die von allen, und vornehmlich von ihrem Mann, respektiert wird. Beide haben Interesse an der schönen Literatur, und das Verzeichnis der während ihres dreijährigen Aufenthalts in der Türkei gelesenen Bücher49, die meist Clara ihrem Mann vorliest, spricht für sich. Auch finden beide Zeit zum regelmäßigen Briefeschreiben. In der Freizeit gehen die Eheleute oft ihren Vorlieben nach. Während Fritz ein leidenschaftlicher Jäger ist, verbringt Clara ihre Freizeit mit Malen und ist darauf bedacht, über dem Malen ihre Pflichten nicht zu vernachlässigen. Und nicht zu vergessen: Jeden Abend führt sie beim Schein einer Pe­troleumlampe Tagebuch mit Feder und Tinte. Und es ist bewundernswürdig, dass sie während der drei Jahre in der Türkei, und an ereignisreichen Tagen umso mehr, immer Zeit zur Führung ihres Tagebuchs fand.

Zensur und Selbstzensur

Clara äußert an mehreren Stellen ihr Unbehagen über die strenge Postzensur, die während des Krieges in der Türkei herrscht; sie grollt darüber in ihrem vertraulich geschriebenen Augenzeugenbericht: «Nun sind günstige Zeiten [für die Türkei, D.S.] gekommen, da die europäischen Mächte mit sich selbst zu tun haben oder es momentan nicht mit der Türkei verderben wollen. Die Zensur der schriftlichen Mitteilungen kann aufs genaueste durchgeführt werden …» (siehe auch hier). In ihrem Brief vom 14. Mai 1915 wagt sie, eine Anspielung auf die Zensur zu machen: «… aus Gründen, die ich Euch leider nicht erzählen kann», und der Zensur zum Trotz über die Einschränkung ihrer Äußerungsfreiheit zu klagen: «Leider heißt’s da wieder über manches den Schnabel halten (…) Wenn ich dann einst mit einem Kropf heimkomme, so wird das halt auch, wie so vieles, mit den traurigen Verhältnissen entschuldigt.»

Angesichts der strengen Postüberwachung muss Clara Vorkehrungen treffen und sich ihr anpassen, wo sie sie nicht umgehen kann. Über die Durchzüge der deportierten Armenier konnte sie nicht schreiben. Dazu verwendet sie ihr Tagebuch. Am 10. August 1915 notiert sie: «Fortwährend ziehen Armenier vorbei. In der Nähe ist ein ganzes Dorf von den Türken zusammengeschossen, da sich die Armenier ganz kriegsgemäß verteidigt haben.» Der Monat September im Jahr 1915 hat viele solche Notizen:

«Die Flut der Armenier versiegt noch nicht; jetzt sind es Stadtleute, denen man die körperlichen Strapazen ansieht» (2. September 1915). «Die Marienbilder nehmen kein Ende: barfüßige Frauen, ihre Kinder auf dem Rücken oder vor sich auf dem Pferde» (14. September, 1915). «Wohl Tausende von Armeniern gehen durch» (16. September 1915). «Der Durchzug der Armenier nimmt kein Ende. Priester und Nonnen sind diesmal dabei, und abends erzählt uns ein Arbeiter von all den Gräueltaten, die an ihnen begangen wurden» (19. September 1915).

Mit Hilfe des Tagebuchs kann sich Clara psychisch entlasten, und hier kann sie der Zensur entkommen. Am 22. September 1915 trägt sie in ihr Tagebuch ein: «Nun schreibe ich doch an den Erlebnissen, die momentan nicht in den Briefen erzählt werden dürfen!»

Für Clara war es wichtig, dass die Ihrigen in der Schweiz eine richtige Vorstellung von den Umständen in der Türkei hatten. Und ihre Freude war groß, als sich ihr die Gelegenheit bot, nach Hause einen «lebendigen Bericht» zu schicken. Das wurde durch den Schweizer Dr. Graeter50 möglich, der auf seiner Heimreise in die Schweiz kurz bei den Sigrist-Hiltys in Keller hielt. Darüber erfahren wir im Eintrag vom 30. Juni 1915, wo Clara unter anderem schreibt: «Dr. Graeter will ins Hüsli anläuten, bei seiner Durchfahrt durch Buchs.» In einer Postkarte vom selben Tag teilt sie das ihrer Mutter mit: «Herr Dr. Graeter aus Basel, der reist heute weiter nach der Schweiz und will Euch dann anläuten. Gelt, wie fein, so ein lebendiger Bericht von uns. Ich bin ganz glücklich darüber für Euch. 1000 Küsse, Clärli.» Bald darauf kommt Post von daheim «mit der Freude über Dr. Graeters mündliche Grüße von uns» (3. Au­gust 1915). Am 3. Oktober 1915 steht um 11 Uhr «auf einmal Dr. Grae­ter da und erzählt von daheim».

Mehr als ein halbes Jahr darauf, am 24. Mai 1916, erschien Dr. Graeter noch einmal bei den Sigrists, diesmal mit seinem deutschen Kollegen Dr. Niepage51, auch einem entschiedenen Kritiker der Türken. Beide verließen das Land für immer. Clara schreibt im Tagebuch: «Die beiden sind geladen gegen die Türken, erzählen Schauerliches von den Armenierausweisungen [in Aleppo] und hoffen daheim mit ihren Berichten etwas zu erreichen.» Am 13. August 1916 kam dann «ein Brief von Muetti, ein sorgenvoller nach Graeters Besuch». Während seines zweiten Besuchs bei den Hiltys in der Schweiz hatte Dr. Graeter kein Blatt mehr vor den Mund genommen. Jetzt wusste auch die Familie in der Schweiz, was Clara und Fritz in der Türkei durchmachten.

Schon ganz zu Anfang, als die Eheleute noch im Binnenland der Türkei in Richtung Kilikien reisten, wurde ihre Post von der Zensur geprüft und gezielt beschädigt. Sohn Ruedi berichtet, dass die ersten, mit der alten deutschen Schrift geschriebenen Post­karten seiner Mutter zum Teil von der Zensur unkenntlich gemacht oder auch mit kyrillischen und arabischen Schriftzeichen und Stempeln überdrückt» worden seien.52

Daher ist die Handschrift der meisten von Clara in die Schweiz versandten Briefe und Postkarten oft nicht wiedererkennbar. Statt ihrer üblichen fließenden Kurrentschrift gebraucht sie häufiger die lateinische Schrift, mit runden und deutlich getrennten Schriftzeichen. Das mag ihre eigene Vorsorgemaßnahme gewesen sein, damit ihre Briefe von der Postüberwachung nicht beschädigt oder unkenntlich gemacht wurden. Auch ist es nicht ausgeschlossen, dass sie einer ihr auferlegten Zensurvorschrift folgt.


Claras sechster Brief nach Hause aus Entilli.

Clara sorgt vor, dass ihre Briefe nicht verloren gehen, und für den Fall, dass dies geschehen sollte, nummeriert sie die Briefe und notiert die Nummer des abgegangenen Briefes unter dem jeweiligen Eintrag im Tagebuch. Auf einer am 15. Mai 1915 von Adana aus abgegangenen Postkarte schreibt sie: «Morgen geht’s nun weiter bis an unser Ziel Entilli (…). Wie freue ich mich auf den ersten Brief von dort aus. Ich nummeriere alle meine Briefe und auch die Karten von dort an, dann seht ihr, ob zwischenhinein nichts fehlt.»

Claras durchgehender Gebrauch der schwer leserlichen Kurrentschrift in ihrem Tagebuch – auch im Augenzeugenbericht – erweist sich als die natürlichste Schutzmaßnahme gegen einen fremden Kontroll- oder Zensureingriff. Nur wenige können ihr Tagebuch lesen. Hier erlaubt sie sich ab und zu, wenn ihr die Geduld reißt, und das geschieht besonders im zweiten Jahr ihres Auf­enthalts in der Türkei, frei von der Seele zu reden: «Es sind wüste Tage, voller Bitterkeit über diese trostlose Türkei» (13. Mai 1916). Oder: «Das Elend erdrückt einen, und ein einziger Gedanke bleibt obenauf: Fort aus diesem scheußlichen Land!» (16. Juni 1916) Das tut sie alles auf eigenes Risiko. Wenn es aber um die Meinungen oder Mitteilungen anderer Menschen geht, lässt Clara Vorsicht walten. Sehr selten nennt sie die Quellen ihrer Informationen bei Namen, besonders wenn es sich um Gräueltaten gegen die Armenier handelt. Sie zieht unpersönliche Formen vor: «Man erzählt von lebendig Begrabenen» (28. September 1915). Oder: «Man hört von mißhandelten Frauen.» Oder: «Man spricht von drei- bis vierhundert Toten täglich im Lager von Islahiye,53 und auf der Straße trifft man Leichen» (3. Dezember 1915).

Es gibt jedoch Fälle, in denen Clara sich sogar im Tagebuch zur Geheimhaltung verpflichtet fühlt. Sie weiß ganz genau, wann sie sich eine Selbstzensur aufzuerlegen hat, um den Posten, ja das ­Leben ihres Mannes nicht zu gefährden. Das tut sie sicherlich am 13. Juni 1916. Das ist der Tag, an dem der Magaziner Haig Aramian, alias Georges Panos, den Verfolgungen der Behörden entkommt, die Flucht ergreift und sich rettet. Keine Notiz über die entscheidende Rolle des Ehepaars Sigrist-Hilty bei Haig Aramians Rettung, es heißt schlicht: «Georges flüchtet unterm Vorwand von Lebensmittelkauf.» Dies ist auch die offizielle Version der Aussage, mit der den Behörden Haig Aramians plötzliches Verschwinden erklärt wurde.

Auch in den Tagebucheinträgen, die Aramians Flucht folgen, werden briefliche Kontakte mit «Georges» erwähnt, jedoch mit ei­ner solchen Geheimnistuerei, dass ich die Inhalte von Claras Einträgen erst nach der Lektüre von Aramians armenischem Buch entschlüsseln konnte. Erst dort erfuhr ich, wie selbstlos sich Clara und Fritz bei Haig Aramians Rettung einsetzten.54

Zur historischen Bedeutung von Claras Tagebuch

Claras Tagebuch ist ein unschätzbarer Beitrag zur Geschichte des Völkermords an den Armeniern. Für die geschichtswissenschaftliche Forschung besteht die Einzigartigkeit dieses Tagebuch, zusammen mit ihrem Augenzeugenbericht, in Folgendem:

1. Die Autorin des Dokuments ist eine intelligente, belesene und aufgeschlossene dreißigjährige Schweizerin, die bis zur Ankunft in Keller den türkischen Vielvölkerstaat wenig kannte und bei der jeglicher Vorbehalt gegen diese oder jene ethnische Gruppe im Lande fehlte. Aus den Worten der Berichterstatterin Clara Sigrist-Hilty tönt die kühle und ausgewogene Stimme der Wahrheit und Vernunft.

2. Clara unterscheidet sich von anderen Fremdländern, die Berichte oder Memoiren zum Armeniergenozid hinterlassen haben, dadurch, dass sie eine totale Außenseiterin ist. Ihr Aufenthalt in der Türkei war nicht geplant und ist auch nicht beruflich bedingt. Es war das ausgeprägte Pflichtbewusstsein einer weltoffenen Humanistin, das sie zur regelmäßigen Schilderung des Erlebten antrieb.

3. Claras Sondersituation gewährleistet auch ihre Unparteilichkeit. Im ersten Jahr in der Türkei ist sie sozusagen auf Hochzeitsreise, im zweiten Jahr erwartet sie ihr erstes Kind, im dritten wird sie Mutter. Clara ist während ihres dreijährigen Aufenthaltes in der Türkei ständig hin- und hergerissen zwischen ihrem Streben nach persönlichem Glück und den von draußen auf sie eindrängenden bedrückenden Bildern eines Völkermords. Im ersten Jahr klagt sie darüber nachdrücklich in ihrem Tagebuch: «Hier müsste man mit der Zeit herzkrank werden oder selbst grausam» (1. Oktober 1915). Oder: «Wenn man das nicht mehr hätte sehen müssen!» (9. Oktober 1915). Mit der Zeit nimmt sie einen gewissen Abstand von den Ereignissen und versucht, sie zu relativieren. Zuweilen wirken ihre Tagebucheinträge erstaunlich neutral, ja teilnahmslos. Doch die ständigen «Marienbilder» von draußen haben eine starke Wirkung auf sie. Am 27. März 1917, nachdem sie ihren Erstling geboren hatte, schreibt sie: «Der Kleine lacht und plaudert auf dem Sofa zu unserem Frühstückstisch herüber, während unten in der Ebene die Armen wandern, ebenso kleine Geschöpfe mit sich tragend.» Umso gewichtiger und aussagekräftiger sind Claras Bezeugungen, die in diesem Spannungsfeld entstehen.

4. Claras Bezeugungen zum Armeniergenozid erscheinen in ihrem Tagebuch nicht allein und sind auch nicht zentral. Sie sind in ein Korpus von Alltagsberichten eingebettet, die meist mit dem Genozidthema nichts zu tun haben. Einzelne Tagebucheinträ­ge, die gänzlich dem Genozid gewidmet sind, kommen selten vor. Meist werden ihre Bezeugungen zum Armeniergenozid von anderen, ganz nebensächlichen, jedoch schlagkräftigen Informationen getragen, was ihre Glaubwürdigkeit umso stärker untermauert. Bilder von unendlichem menschlichem Leiden haben genaue Datum-, Ortsangaben, enthalten Personennamen. Dabei stützt sie sich nur darauf, was sie mit eigenen Augen gesehen bzw. von glaubwürdigen Augenzeugen gehört hat. Die Schreckensszenen, die sie täglich von ihrem Fenster, ihrer Veranda, ihrem Garten aus oder auch aus nächster Nähe erlebt, werden mit Wahrnehmungsverben wie «sehen», «hören», «bemerken» u.a. eingeleitet, was Claras Einträge zu primären Quellenbelegen eines der zuverlässigsten Zeugen des Genozids an den Armeniern ausweist.

5. Wichtig für die Historiker ist auch die gesamte Dauer von Claras Tagebuchführung in der Türkei. Sie umfasst die Zeit vom Mai 1915 bis April 1918, was eigentlich die gesamte Laufzeit des Völkermords an den Armeniern von seinem Höhepunkt bis zu seinem Verebben darstellt. Dank der kalendarischen Struktur ihres Tagebuchs haben alle Informationen genaue Daten, die mit denen der einschlägigen Literatur übereinstimmen bzw. diese erhärten oder sogar ergänzen. Wie noch keinem anderen Augenzeugen ist es Clara gelungen, entscheidende Momente des armenischen Genozids während seines Verlaufs in einer der abgelegensten Gegenden der südöstlichen Türkei in einem einzigen Dokument chronologisch festzuhalten. Selbst wenn es in der Literatur Memoiren gibt, deren Autoren versuchen, einen bestimmten Zeitraum des Genozids in Detail zu erfassen, fehlt in ihnen die Präzision eines dreijährigen, kalendarisch eingerichteten Tagebuchs.

6. Claras Tagebuch enthält eine ganze Reihe von Namen his­torisch belegter Persönlichkeiten. Das sind vor allem die Kollegen ihres Mannes bei der Bagdadbahn, die deutschen Ingenieure Wink­ler und Meißner, der Österreicher Klaus, die Schweizer Morf, Köppel, Leutenegger u.a., mit denen das Ehepaar über die beruflichen Beziehungen hinausgehende Freundschaften pflegte. Unter ihren Gästen sind bekannte Menschenrechtler wie der Deutsche Dr. Niepage und der Schweizer Dr. Graeter, die deutsche Missionsschwester Paula Schäfer, die Schweizerin Beatrice Rohner und viele mehr. Auch Namen von bekannten Ärzten sind dabei: Dr. Mühlens, Dr. Schilling, Dr. Farah, Dr. Hovnanian u.a. Der Letztere ist der Familienarzt der Sigrist-Hiltys.

Von besonderer historischer Bedeutung sind die im Tagebuch verzeichneten Namen von hochrangigen Personen jener Zeit, häu­fig verbunden mit weiteren relevanten Angaben. Drei Durchfahrten von Enver Pascha durch die Amanusgegend sind im Tagebuch festgehalten. Am 16. Februar 1916: «Also fährt Enver Pascha durch. Wir sehn die Autos nur von weitem.» Am 28. September 1916: «Fritz muss früh um 2h aufstehen. Die Dienstbahn bringt die Herren nach Islahiye, um Enver Pascha abzuholen, der aber nicht der Strecke nach fährt wie vorgesehen, sondern ein Auto nach Marmara nimmt.» Am 7. März 1917: «Enver Pascha fährt durch.» Und am 6. November 1915 berichtet Clara: «Ums Hüsli und an den Abhängen patrouillieren die Soldaten, weil der Cemal Pascha erwartet wird.»

Von Belang sind auch Informationen über Durchreisen von anderen wichtigen Persönlichkeiten. Am 26. Oktober 1915: «Baron v. Oppenheim auf der Rückreise nach Deutschland.» Am 19. November 1915: «Von der Goltz reist durch nach Aleppo.» Am 16. Mai 1917: «General Falkenhayn fährt per Auto durch.» Und am 19. Februar 1916 berichtet Clara, dass Oberstleutnant Sylvester Böttrich in Person zur Islahiye-Station zu einem Hochtreffen mit Johann Lorenz Winkler und Fritz Sigrist kam, um die unverzügliche Durchführung seines Befehls, der Deportation aller armenischen Bauarbeiter bei der Bagdadbahn, abzusichern.

7. Dem interessierten Leser verschafft das Tagebuch einen Einblick nicht nur in das Elend der täglich vom Norden und Westen der Türkei her durchziehenden, vertriebenen Armenier. Auch liefert es, wenn auch stichwortartig, konkretes Tatsachenmaterial zu der noch sehr wenig aufgearbeiteten Geschichte der Aus­beu­tung und Vernichtung der Armenier beim Bau der Bagdadbahn während des Ersten Weltkrieges. Claras Einträge bringen den Leser näher an die tragische Geschichte der Tausenden von armenischen Fachkräften und Bauarbeitern, die häufig samt ihren Familien in der Amanusgegend bei der Bagdadbahn unter sklaven­ähnlich­en Verhältnissen schufteten, oft für nur Brot und Wasser, um anschließend ins Nichts verschickt, erschossen, erhängt und abgeschlachtet zu werden.

8. Als primäre Quelle zum armenischen Genozid ist Claras Tagebuch – gemeinsam mit ihrem Augenzeugenbericht – ein unanfechtbares Dokument gegen die offizielle Politik aller türkischen Regierungen, die seit der Gründung der Republik 1923 bemüht gewesen sind, die Geschichte zu revidieren, die historische Tatsache des Genozids an den Armeniern zu bestreiten, zu fälschen und zu leugnen. Die im Tagebuch enthaltenen Notizen über die zielgerichteten Deportationen und Hinrichtungen der fleißigen und friedlichen armenischen Bauarbeiter der Bagdadbahn in der Amanusgegend widerlegen den offiziellen türkischen Leitsatz, nach dem die Deportationen und Gewalttaten gegen die Armenier normale Sicherheitsmaßnahmen in einer Kriegszeit und vornehmlich eine Reaktion gegen die aggressiven Handlungen von armenischen Revolutionären bzw. Milizen gewesen seien, die im Osten des Landes den russischen Kriegsgegner unterstützt hätten. Claras Schriften sind ein Beweis dafür, dass es den Jungtürken in Wirklichkeit eher darum ging, im Schatten der Weltkrieges ihr nationalistisches Endziel zu erreichen: die ganze indigene christliche Bevölkerung auf kleinasiatischem Boden – Armenier, Aramäer, Assyrer und Griechen – auszurotten und eine Türkei für die Türken zu errichten. Heute kann man kein Hehl mehr daraus machen. Im politischen Archiv des Auswärtigen Amtes wird dieses Endziel als historische Tatsache dokumentiert. Im Juni 1915 schrieb Innen­minister Talaat, die türkische Regierung wolle «den Weltkrieg da­zu benutzen, um mit ihren inneren Feinden – den einheimischen Christen aller Konfessionen – gründlich aufzuräumen, ohne durch diplomatische Interventionen des Auslandes gestört zu werden».55


Der 12. April im Tagebuch mit Einträgen in den Jahren 1915, 1916 und 1917.

Clara Sigrist-Hiltys Tagebuch
(vom 12. April 1915–2. April 1918)

Einträge, denen das Zeichen ▸ vorangestellt ist, enthalten einen Bezug zum ­Genozid an den Armeniern.

12. April 1915

Ziviltrauung bei J. G. Rohrer 10:15 mit Papa und Emmeli.56 Durch den Wald heim.

13. April 1915

Wir reisen nach Netstal,57 wunderbar sonniger Tag und holen unsere Pässe in Glarus.

14. April 1915

Kommissionen58 in Zürich. Zum Nachtessen bei Tante Gotta. Ernst und Jakob sind auch da.

15. April 1915

Treffe Hanneli59 abends am Bahnhof, wir reisen zusammen nach der Karthause. Jörgli erkennt das Tanteli schon an der Flüsterstimme.

16. April 1915

Ein ganzer Sonnentag mit Hanneli und den Kindern. Wir suchen Küchenschellen; Jörgli trägt seine Händchen voll mit Löwenzahn.

17. April 1915

Nachmittags bei Gaehlers in Thalwil. Abends in Netstal. Prachtvolle Abendbeleuchtung und Heimfahrt.

18. April 1915

In der Kirche. Dann erster Abschied für lange. Notar Denzler mit Pravi da. Elise, die Alte, in der Küche.

19. April 1915

Packen und einige Besuche. Alles sieht dem Abschied entgegen. Ein intensiveres Ausgenießen der letzten Tage, aber zuversichtliche, liebe Stimmungen.

20. April 1915

Mama bleibt die Tage über daheim, scheint so frisch und arbeitskräftig und ist für alles und überall zu haben.

21. April 1915

Unsere Hochzeitkuchen und Guetzli geraten fein. Mamas Freudenjauchzer. Die Vorbereitungen verdrängen die Abschiedsgedanken.

22. April 1915

Strömender Regen. Hanneli kommt mit den Kindern. Ich hole sie selbst nochmals ab.

23. April 1915

Tisch decken. Mein Zimmer sieht schon ganz festlich aus. Ich winde den Epheukranz um die 4 Fenster. Kinder bringen uns Blumen. Schlafe zum letzten mal in meinem Büdeli. Alles in Eile, Ei­fer, aber stille, leuchtende Augenblicke an Vrenelis Bettchen.

24. April 1915

Der Himmel macht immer sein traurigstes Gesicht. Blumen und Blüten richten. Kleine Weinbergträubchen, Dotterblumen, drei Kör­be voll Primeln in kleinen Glasschalen; dazu Vasen mit Blütensträußen, Apfelbäumchen voll Blüten von Fritz. Ich schmücke allein den Erker.

Alles gelingt, und alle sind vergnügt. Ich mit H. auf dem Friedhof. Edi kommt abends glückstrahlend ins Hüsli. – Ich schlafe ne­ben Papa und Mama und bin lange wach. Mama kommt zu mir.

25. April 1915

Blumen kommen an; wir schmücken damit das Haus. Jörgli spielt glückselig mit dem geschenkten Brunnen. Ich hole Fritz ab durch die Wiesen. Die Sonne kommt. Liebes Zusammensein. Abends kommt Frau Spoerry. Nach dem Nachtessen die Schwestern Marie und Sina.

Und dann die letzte Nacht daheim. Ich sehe den Margelkopf60 im Dunkeln leuchten. Mama kommt zu mir, wie ich mir einen Apfel vom Fruchtkorb hole.

26. April 1915

Strahlender Hochzeitsmorgen. Die Kinder überaus lieb; alles liegt bereit und wartet. Sonata andante von Mozart. Mama sitzt hinter mir, ihr einzig ruhiges Momentchen bei mir. Während der Trauung spielt Rita; Frl. A. singt «Wo Du hingehst». Das Vreneli pläuderlet unter der blühenden Magnolia. Dann Fotos. Jörgli bringt mir als Sennebüebli Alpenrosenzweige vom Margelchöpfli. Schwarzer Kaffee im Garten. – Hanneli bringt Fritz und mich an den Bahnhof. Sie winken uns alle nach.


Werdenberg 1915. Fritz Sigrist und Clara Hilty

am Tage ihrer Hochzeit.

27. April 1915

In Bludenz übernachtet. Sitzen in einer Wiese über dem Dorf. Abends Zell am See.

28. April 1915

Wir rudern über den See; bewundern alle Aussicht auf Berge und ein schönes Schloss. Über Salzburg nach Wien an einem russischen Gefangenenlager vorbei. In Salzburg sehe ich, wie ein junger Offizier von seinem Fraueli Abschied nimmt.

29. April 1915

Wien. Besorgung der Pässe. Fahren zur Hofburg, Rathauskeller, Stephansdom, wo es tiefen Eindruck macht, in einem dunkeln Winkel einen Soldaten ganz allein im Gebet knien zu sehen. –

Alles in herrlicher Blütenpracht. Außerhalb Wien Drahthindernisse, Schützengräben und Befestigungen. Abends in Budapest.

30. April 1915

Onkel erwartet uns mit dem Wagen beim Morgenessen. Elisabethenbrücke, Ofen (Buda), Burg, Margitsinsel, dann Spital mit ver­wundeten Soldaten. Mittagessen bei Tante Gisela. Besuch der sa­ni­tären Ausstellung im Parlament, dann bei Onkel H. und Tante Emma. Abends in der Hungaria Zigeunermusik.

1. Mai 1915

Fahrt ins Stadtwäldchen, Markthalle. Essen bei Onkel Heinrich, zum Tee mit Pravi und Bertha bei Onkel Carl. Dann abends die Nacht durch weiter. Schlechte Plätze. Früher Sonnenaufgang. Klausenburg im Sonntagsstaat. Begegnen von Militärzügen.

2. Mai 1915

Verwundete und Flüchtlinge. Trostloser Anblick an den Bahnhöfen, Bihargebirge. Dann Blick auf die Schneeberge. Erster großer Zoll. Predeal61. Vorrücken der Uhr um eine Stunde. Der Orient wird unangenehm bemerkbarer.

3. Mai 1915

Durch Ölgegenden wieder in die große Ebene. Bukarest. Besonders fällt auf der große Wagenverkehr. Russische Kutscher in Samtmänteln. Bauern in farbigen Trachten bringen ihre Früchte in die Stadt in flachen Körben an langen Stangen über die Schultern getragen.

4. Mai 1915

Weiterreise nach Ramadan, dann Donauauffahrt. Mittagessen in Rustschuk. Abends endlich herrlich aufgehoben im Schlafwa­gen nach Konstantinopel. Bulgarische Ebene. Höhlenwohnungen. Heimkehrende riesige Schaf- und Viehherden.

5. Mai 1915

Bulgarisch-türkische Dörfer. Pflügende Bauern in farbigen Trachten. Ganze Schwärme von Störchen. Schwertlilienfelder. Unser Zug hält überall der Militärtransporte wegen. Wir begegnen endlos langen Militärzügen. Adrianopel. Moschee in der Abendsonne.

6. Mai 1915

Von Burgas bis Tschataldscha62; überall Befestigungen und Kriegsmaterial in Haufen. Ganze Felder blühender Pfingstrosen, oft kahle Berge. Entlang dem Marmarameer.

7. Mai 1915

Gestern Nachtessen bei Hännys. – Selamlık63. Fahrt nach Therapia64, weiter wagt man es nicht gegen die Dardanellen. Der ganze Strand von Militär besetzt.

8. Mai 1915

Agia Sophia. Sultansgräben. Bazar. Nachmittags bei Mr. Bridel in Haidarpascha und zum Tee bei Langreves in Moda.

9. Mai 1915

Durchs goldene Horn an die süßen Wasser. Zigeunerkarawanen, Exerzierende Soldaten. Dann über den Berg zurück nach Konstantinopel.

10. Mai 1915

Leider sind alle Museen geschlossen. Mittagessen in einem türkischen Restaurant und abends bei Hännys. Wunderbarer Sonnenuntergang von der Brücke aus gesehen.

11. Mai 1915

Allgemeine Waffenabgabe in Konstantinopel. Wir laufen alle paar Stunden wieder zum Polizeiposten, um unsere Pässe ins Zimmer zu bekommen. Unmöglich scheint es einem. Endlich, am 2. Tag be­kommen wir sie.

12. Mai 1915

Aufs Schiff nach Haidarpascha auf der asiatischen Seite. Wir sehen der Abfahrt eines Kriegsschiffes zu. Türkische Soldaten. Singend winken sie der Stadt ihren Abschied. Mr. Bridel noch am Bahnhof. Wir begegnen endlosen Militärzügen. Golf von Ismit. Mohnfelder. Abends in Eskischehir bei der dicken österreichischen Wirtin, die fast alle Bagdad-Ingenieure kennt.

13. Mai 1915

Wir fahren einen Binnensee entlang und freuen uns an den vielen Seevögeln. Abends in Konya, von dem wir selbst nichts mehr sehen können. Lazarettzelte und Desinfektionsgeruch auch in meinem Zimmer. Die erste Wanze.

14. Mai 1915

Nach Bozanti in Gesellschaft eines hohen Regierungsbeamten und türkischen Offizieres, die ihr Land und Volk sehr zu rühmen wissen. Wunderbare Fahrt durch den Taurus. In Karapunar von Herrn Leutenegger65 abgeholt im Wagen. Herrlich aufgenommen in der kleinen hübsch gelegenen Installation. Ich höre die Schilderungen einer Fahrt bei Regenwetter, schaurig.

15. Mai 1915

Wieder strahlender Morgen. Umpacken der Koffer. Zahnarzt, dann Fahrt im Wagen durch die Tschakitschlucht. Weinstöcke gibt’s hier. Letzte Wegstunde zu Fuss nach Kuschtschular [Kuscular]. Herreise Alpengegend. Aber fürchterliches Nachtquartier.


Die Bagdadbahn 1915/16 mit dem Eisenbahnknoten Keller und den umliegenden Stationen, gezeichnet nach Goerke / Kaiser in: Kaiser, Hilmar: The Baghdad Railway and the Armenian Genocide 1915–1916, S. 73.

16. Mai 1915

Herrlicher Sommermorgen in dieser Berggegend. Zu Wagen geht’s weiter an den interessantesten Blumen und Sträuchern vorbei. Aber schreckliche Wege, in den Feldern fahren wir oft von Dorak nach Jenitsche mit der Draisine von Männern gestoßen, mit Ginsterbüschen bekränzt. Wieder im Wagen nach Adana. Besuch bei Obering. Winkler66 und Abstieg im scheußlichen Hotel.

17. Mai 1915

Beim Zahnarzt, dann einige Einkäufe. Nach Tisch fort von Adana. Wir reisen zusammen mit Sohn des Emir von Mekka in Beduinentracht und Abgeordneten Abdul Rahman Pascha mit Familie. Morgen wird die Besatzung der Emden hier erwartet.

18. Mai 1915

Vier Männer schieben uns bis zur Dienstbahn,67 mit derselben geht’s höher hinauf an blühenden Ginstern vorbei, durch Tälchen und Ebenen. Die ersten Kurdenwohnungen. In Airan durch Herrn Morf68 empfangen und herrlich europäisch untergebracht.

19. Mai 1915

In 3 Stunden reiten wir von Airan nach Entilli hinüber. Von der Höhe sieht man die Installation in der Abendsonne liegen; von dort prachtvolle Aussicht auf Ebene und Bergketten.

20. Mai 1915

Wir besichtigen unsere neue Wohnung, die erst gerichtet werden muss. Abends Besuch dem großen Gemüsegarten und Spital.


Das Haus in Entilli und dessen Umgebung, gezeichnet von

Fritz Sigrist am 30. Mai 1915. «Blick aus unserem Wohnzimmer.

Vordergrund Hospital, Hintergrund Kuri-Dagh. Rechts:

Unser jetziges Quartier.»

23. Mai 1915

Pfingsten. Ich begleite Fritz zum Tunnel.

24. Mai 1915

Unterhaltung mit türkischen Offizieren, die uns von ihrer Kapelle ein Ständchen versprechen. Nachtessen bei Herrn Köppel.69 Nachrichten über Italiens Einmischung.70

25. Mai 1915

Fritz bringt die ersten Briefe von daheim, wir sind eben am Aufstehen.

26. Mai 1915

Prof. Dr. Mühlens71 von Hamburg übernachtet hier.

27. Mai 1915

Ritt in die Ebene zur Quelle, wo Zigeuner sich gelagert.

28. Mai 1915

Täglich große Militärtransporte, die sich kreuzen. Karawanen mit Kamelen; Araber mit schönen Pferden, die wohl einrücken und erst eingekleidet werden müssen.

29. Mai 1915

Durchreise nach Deutschland des deutschen Konsuls von Damaskus, deutscher Offiziere Oberst von Schmidt und Major von Brabant und Dr. Kant, Nilquellenerforscher. Sie übernachten hier.

31. Mai 1915

Endlich ziehen wir in unser Häuschen ein.

2. Juni 1915

Den ganzen Tag Butter einkochen.

3. Juni 1915

Zum Nachtessen bei Köppels.

4. Juni 1915

Unsere Wohnstube macht kleine Fortschritte.

5. Juni 1915

Erster Bügeltag. Fritz den ganzen Tag auf der Strecke.

6. Juni 1915

Der erste Sonntagsbrief nach Hause aus dem eigenen Stübli. Nachmittags Fahrt in den Tunnel.

8. Juni 1915

Kohar ist da, ein kleines älteres Weibli. Das Eindrillen geht mühsam mit Gesten und dem Wörterbuch in der Hand.

10. Juni 1915

Endlich kommt von Aleppo Fritzens Junggesellenkram und das Bestellte für den Haushalt. – Eine ganze kleine Karawane von 10 Kamelen.

11. Juni 1915

Wir räumen ein. Fritz bleibt nachmittags zu Hause. Prof. Kirchner, deutscher Archäologe und Oberstabsarzt Dr. Schacht hier zu Gast. Prachtvoll unterhaltende, echt deutsche Menschen.

12. Juni 1915

Fahnen nähen bei Frau Köppel für das Durchschlagsfest.

13. Juni 1915

Stiller Sonntag im Hüsli; wir freuen uns an unserer gemütlichen Wohnstube.

14. Juni 1915

Nochmals Fahnen nähen. Maultiere kommen mit Tannen und Laubbäumchen beladen. Die Augen zu und die Nase voll genommen, man meint fast daheim zu sein. Tannenzweige in meiner Stube.

15. Juni 1915

Ein trostloser Tag im Bett; mein Katarrh ist dysenterieartig geworden. Tunneldurchschlag. Ich höre davon nur die Musik der Eingeborenen, die schrecklich wild, doch so kindlich anmutet.

16. Juni 1915

Das eigentliche Fest. Fritz fährt mit nach Airan am Morgen und kommt abends zurück.

17. Juni 1915

Sie feiern noch; ich fühle mich wohler und genieße das Bettliegen durch Lesen. Abends Champagnerständchen vor unserem Fenster.

18. Juni 1915

Nachmittags wieder auf.

19. Juni 1915

Nähtag auf dem Kanapee. Fritz bleibt den ganzen Tag auf der Strecke. Abends Herr Hunziker und Wettstein da.

20. Juni 1915

Lektüre:72 Christaller: Ruths Ehe; Rasmussen: Sultana Seidel: Der Garten des Schuchan.

21. Juni 1915

Alles hilft bei den Vorbereitungen fürs Fest.

22. Juni 1915

Durchschlagsfest. Morgens winden wir Kränze für die Tischgarnitur, Gäste helfen mit. Mittagessen hier. Fahrt nach Airan für die eigentliche Feier und morgens um 8 Uhr heim. Prachtvoller Sternenhimmel.

23. Juni 1915

Faulenzertag. Abends nochmals gemeinschaftliches Nachtessen mit den Gästen zusammen.

25. Juni 1915

Fritz bleibt jetzt täglich auf der Strecke und kommt erst zum Nachtessen heim.

26. Juni 1915

Köppels und Frl. Hunziker zum Nachtessen da. Wir sitzen zusammen bis halb zwölf. Kose-Gartenlieder werden gesungen und gejodelt, als wär’s in einem Schweizer Sennhüttli irgendwo …

28. Juni 1915

Einen Tag ganz der Korrespondenz gewidmet.

30. Juni 1915

Dr. Graeter73 und Ing. Neff zum Nachtessen da. Ing. Neff erzählt vom Krieg, an dem er selbst teilgenommen, bis er verwundet war. Dr. Graeter will ins Hüsli anläuten, bei seiner Durchfahrt durch Buchs.

3. Juli 1915

Herr Morf zum Kaffee da. Abends Herr Köppel und Hunziker. – Wunderbare Sommernacht, wir stehen am Fenster und gucken über die Stille der Ebene, die kein bisschen verliert, wenn auch vom Dorf herauf die schrille Musik tönt vom Samstag-Abend. – Papa in Netstal gestorben.

4. Juli 1915

Felicitas Rose: Heideschulmeister Uwe Karsten; ich lese Fritz vor.

5. Juli 1915

Entilli, Türkei. Sonnig ist auch dieser Geburtstag: zwar fehlt das Margelköpfli mir, aber am Morgen in aller Frühe zog eine Karawane Kamele mit Glocken vorüber; das erinnerte an eine Herde Jungvieh mit kleinen Glocken und rief alles Heimatgefühl wach. Fritz bleibt daheim, und lieb ist der Tag doch geworden. Briefe schreiben.

6. Juli 1915

Es kommen Briefe von daheim.

7. Juli 1915

Wir spazieren weit über Entilli hinauf nach dem Nachtessen auf der Etappenstraße heimwärts zu. Hier Medaillenverteilung.

9. Juli 1915

Früchte einkochen. Nun ist’s tagsüber fast windstill, und ich kann mit der Arbeit vor dem Hüsli sitzen. Fritz arbeitet ganz nahe, ich kann ihm mit dem Zeiß zugucken.

10. Juli 1915

Morgens im Haushalt zu tun. Mittags schreibe ich draußen.

11. Juli 1915

Die Herren sind in Airan. Ich esse bei Frau Köppel.

12. Juli 1916

Reisevorbereitungen.

13. Juli 1915

▸ Um 3 h geweckt fahren wir nach einer Stunde der Missaka entgegen. Sonnenaufgang herrlich, Bad im Karasu. Fritz zeigt mir all die Plätze seiner winterlichen Zeltlager. Wir finden eine Schlangenhaut, begegnen großen Militärkaravanen und auswandernden Armeniern. Missaka. Besuch der Schwester und abends Fußweg nach dem Viadukt. Mittagessen unter einem Baum.

14. Juli 1915

Mit Fritz und Herrn Neff über die große Brücke in die Schlucht hin­unter. Abends alle auf Missaka. Nachtessen beim Doktor. Ich gehe mit Fritz auf ein Hügeli, wo man die ganze herrliche Aussicht vor sich hat. Herrliches Missaka, ganz wohl und heimelig ist einem da.

15. Juli 1915

Um 5 Uhr morgens auf den Hügel, wo wir eine Stunde liegen und das Schöne der Stelle genießen. Auf dem Viadukt laufen die Männlein. Nachmittags Ritt auf einen Hügel mit Kurdendorf. Freundlich aufgenommen. – Heute erst hören wir, dass Papa in Netstal gestorben ist.


Fotografie einer Eisenbahnbrücke aus dem Nachlass von Fritz Sigrist-Hilty.

16. Juli 1915

… und jetzt geht’s wieder heim. Aber im Herzen kommt Missaka mit.

18. Juli 1915

Herr Neff zum Nachtessen da, Herr Wust von Aleppo macht einen kurzen Besuch.

19. Juli, 1915

Fritz bleibt daheim, weil er sich stark unwohl fühlt. Herr Kellermann zum Essen. Langer Brief von Mama und Juli.

20. Juli 1915

Fritz fühlt sich wohler; aber die Hitze ist in diesen Tagen fast unerträglich. 35 Grad im Zimmer.

23. Juli 1915

Trinke den Tee bei Frau Köppel. Nach dem Nachtessen laufen wir gegen das Dorf hinunter.

25. Juli 1915

Fritz hat im Tunnel zu tun, so liege ich mit einem Buch im Häuschenschatten. Nachmittags kühlen wir uns im Tunnel ab. Abends lesen wir uns vor und sitzen nach dem Nachtessen lange mit den Herren bei den Köppels.

26. Juli 1915

Man spricht wieder von Arbeitseinstellung74 und wieder ist die Zukunft ein großes Fragezeichen.

29. Juli 1915

Eine unerträgliche Hitze. 31° im Zimmer; die Eier scheinen von der Sonne angebrütet zu sein. Wir essen vor dem Häuschen Znacht.

30. Juli 1915

Ich sitze den ganzen Tag draußen und mache mich hinter die Missakaflickwäsche.

1. August 1915

Die Schweizerflagge weht auf der Sektion. Abends tut man sich zusammen. Mein kleiner Tisch vor dem Häuschen ist von einer Kugel durchbohrt.75

3. August 1915

Lange Briefe von daheim mit der Freude über Dr. Graeters mündliche Grüße von uns.

5. August 1915

Ein kleiner verschüchterter Lausi-Abkömmling wird mit guten Bissen und Worten ans Haus gewöhnt.

6. August 1915

▸ Wir spazieren abends auf dem kleinen christlichen Friedhof auf einem Hügel überm Dorf Entilli: Kleine Eichenbäume beschatten die mit Schiefersteinen bedeckten Grabhügel. Brand in der Ebene.

9. August 1915

Sonntag-Morgen vor dem Hüsli. Fritz kopiert Fotos, ich lese ihm vor.

10. August 1915

▸ Fortwährend ziehen Armenier vorbei. In der Nähe ist ein ganzes Dorf von den Türken zusammengeschossen, da sich die Armenier ganz kriegsgemäß verteidigt haben.

11. August 1915

Herr Neff und Dr. Farah76 da. Fritz geht wieder den ganzen Tag auf die Strecke.

12. August 1915

Kopieren unserer Reisefotos. – Durchziehende Truppen, eine wilde, farbenprächtige Horde; sie werden erst später eingekleidet.

13. August 1915

Herr Fankhänel zum Nachtessen da. Zwei Österreicher, der eine ein Arzt, kommen hier durch über Persien aus russischer Gefangenschaft entflohen.

14. August 1915

Teichmann: Vom Leben und vom Tode, Kosmosheftchen. Joggeli77 und ich holen Fritz auf der Strecke ab.

15. August 1915

Langweiliger Pflastersonntag, da sich beide nicht ganz wohl fühlen.

16. August 1915

Fritz bleibt daheim. Ich schreibe Briefe.

19. August 1915

Zum zweiten Mal Post diese Woche; langer Brief von Mama in Netstal.

20. August 1915

Begleite Fritz auf die Strecke, bis kurz vor Islahiye über Keller. Er wird mit seiner Arbeit draußen fertig, Kurd-Bagtsche und über Keller, wo wir das Häuschen ansehen, [und dann] zurück.


Clara zu Pferd in den kilikischen Bergen.

24. August 1915

Herr Köppel und Hunziker zum Mittagessen. Ich nähe mir Moskitogamaschen78, Fritz bekommt seinen Sattel aus Beirut.

25. August 1915

Abends wieder 33° C in den Zimmern. Fritz geht nach dem Nachtessen nochmals in den Tunnel; es stimmt aber bald und kaum habe ich mich hinter mein Schreiben gemacht, ist er wieder zurück.

26. August 1915

Herr Morf zum Mittagessen da. Um 11 Uhr werden endlich zwei Hühnchen gerupft, da kein Fleisch aufzutreiben ist. – Man kann nichts tun vor lauter Hitze. Hunziker feiert seinen Abschied.

27. August 1915

Ein nicht enden wollender Militärtransport kam in der Nacht den Berg herunter. Wir schauten uns den gespenstischen Zug aus der Nähe an, sie lagerten sich für eine kurze Rast auf dem Spitalplatz.

28. August 1915

Joggeli und ich holen Fritz abends am Tunnel ab.

29. August 1915

Ritt zu Köppels auf den Berg, in einem Zeltlager an einem herrlichen Platz von Wald umgeben. Wir reiten noch ganz auf den Berg. Ein kolossaler Wind macht ein Bleiben unmöglich oben. Alpenstim­mung. Rote Steinnelken. Talritt mitten in einem Militärtransport.

30. August 1915

Am Morgen räume ich Schränke aus, um allfällige Motten zu bekämpfen. Nachmittags ins Bett, um meine Erkältung von gestern auszubrüten.

31. August 1915

Ich bleibe im Bett. Rosegger: Die Försterbuben. – Zum Nachtessen aufstehen. K: Vermutungen werden Wirklichkeit!! S: Ach wären wir beide nur auch so weit!!

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