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Dirk Linowski
Herausforderungen der Wirtschaftspolitik
UVK Verlag · München
Umschlagmotiv: © iStockphoto tobiasjo

Prof. Dr. Dr. h.c. Dirk Linowski studierte an der Universität Rostock und an der Université Paris I, Panthéon Sorbonne, Mathematik und Mathematische Statistik. Im Jahre 1999 promovierte er an der Universität Rostock in Betriebswirtschaftslehre. Nach einer Assistenzprofessur an der Universiteit Nijmegen in den Niederlanden und einem einjährigen Lehr- und Forschungsaufenthalt an der Tongji Universität Shanghai und der Shanghai Normal University (VR China) wurde er im Jahre 2004 auf den Lehrstuhl für Asset Management mit ab 2006 verbundenem Direktorat des Instituts for International Business Studies an der wissenschaftlichen Steinbeis-Hochschule Berlin berufen, das er seitdem innehat. Prof. Linowski war von 2005 bis 2009 MBA-Direktor eines gemeinsamen Programms der Universität Lettlands, deren Ehrendoktortitel er trägt, und der Steinbeis-Hochschule Berlin; er ist – neben zahlreichen Lehr- und Forschungsaufenthalten in den Niederlanden, Frankreich, Neuseeland, den USA, Namibia, Tunesien und Äthiopien – seit 2004 „Distinguished Guest Professor in Applied Mathematics“ an der Shanghai Normal University (VR China) und seit 2008 dauerhafter Gastprofessor an der Riga Graduate School of Law, Lettland.
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Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
utb-Nr. 5432
ISBN 978-3-8252-5432-2 (Print)
ISBN 978-3-8463-5432-2 (ePub)
Inhalt
Einführung und Danksagung
Vorwort
Teil I: Demografie, Bildung und Arbeit
1 Zum ethisch-moralischen Rahmen in Zeiten des Umbruchs1.1 Wendezeit? Versuch einer geopolitischen Einordnung1.2 Werte und Werteorientierung1.3 Positive vs. Normative TheorieExkurs: Ökonomie als Wissenschaft
2 Demografie und Demografisierung2.1 Fertilität2.2 Altersverteilungen2.3 Bevölkerungsszenarien2.4 Migration2.4.1 Zu- und Abwanderung2.4.2 Alterung und BinnenmigrationExkurs: Zum täglichen Umgang mit Zahlen und Statistik
3 Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung 3.1 Kranken- und Pflegeversicherung 3.2 Rentenversicherung Exkurs: Das Bruttoinlandsprodukt
4 Bildung, Arbeit und Arbeitslosigkeit 4.1 Bildung im Lauf der Jahrzehnte: Der Weg zu Massenabitur und Massenuniversitäten 4.2 Entwertung der Nichthochschulbildung 4.3 Bildungspolitik und Ideologie 4.4 Rahmenbedingungen für Bildung, Bildungseinrichtungen und Bildungsteilhabe 4.5 (Jugend-)Arbeitslosigkeit und Arbeit Exkurs: Zur gesellschaftlichen Diskursfähigkeit
5 Die deutsche Volkswirtschaft im Weltmaßstab 5.1 Exportweltmeister? 5.2 Die deutsche Volkswirtschaft in der EU Exkurs: Kunst, Wissenschaft und Politik
Zwischenresumé Teil 1
Im Text direkt zitierte Literatur
Teil II: Staat und technologischer Wandel
Einführung
6 Währungs-, Aktien- und Rohstoffmärkte6.1 Alle Jahre wieder6.2 Der „Giftcocktail“6.2.1 Währungsmärkte6.2.2 Zinspolitik von EZB und Fed6.2.3 Auswirkungen der Niedrigzinspolitik6.2.4 Taget2-SaldenExkurs: Von der Macht der Ideen (und den Grenzen des Verständnisses)
7 Zur Rolle des Staates Exkurs: Zu Kompromissen verdammt
8 Wettbewerb und Regulierung Exkurs: Modelle, Spieltheorie und Regulierung
9 Energieversorgung, Klimaschutz und Energiewende 9.1 Grundprinzipien der Umweltökonomie 9.2 Muscheln in Helmut Schmidts Garten Exkurs: Nicholas Georgescu-Roegen und die vergessenen Denker
10 Digitalisierung und Industrie 4.0 10.1 Innovationen 10.2 Historischer Abriss zur Digitalisierung 10.3 Bewertungen und (Markt-)Macht 10.4 Datenökonomie 10.5 Wirtschaftliche und erste politische Konsequenzen 10.6 Big Data 10.7 Medien 10.8 Krypto-Geld 10.9 Politische Dimensionen Exkurs: Die Wirtschaftsprüfung in der Wissensgesellschaft
Zwischenresumé und -plädoyer
Im Text direkt zitierte Literatur
Teil III: Deutschland in der Welt
Einführung
11 Entwickelte Länder, sich entwickelnde Länder und die Länder der untersten Milliarde11.1 Klassifizierungsansätze von Ländern gemäß ihres wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsstandes11.2 Unternehmen vs. Staaten11.3 Zum Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion11.4 Die BRIC(S)-Märkte11.4.1 Indien11.4.2 Südamerika und BrasilienExkurs: Wallersteins Modern World System-Theorie
12 Russland 12.1 Zur geopolitischen Situation im Jahr 2020 12.2 Investitionen in Russland 12.3 Russland und die EU Exkurs: Renten, Rentiers und Rentenökonomien
13 Der Wiederaufstieg Chinas13.1 Geistige Wurzeln und Verbindungen zur Gegenwart13.2 Mao Zedong, Deng Xiaoping und Konfuzius13.3 Der wirtschaftliche Reformprozess in China seit 197813.4 Demografie Chinas13.5 Die Internationalisierung des chinesischen „Modells“13.5.1 Handelsbeziehungen und -politik13.5.2 Kulturexport13.6 Von der Reformpolitik in die Gegenwart13.7 Chinas Status im Jahre 2020Exkurs: Die BRI in Afrika
14 Always with and behind us? Die (noch) verbliebene Supermacht USA Exkurs: Schulden Aufgaben zur Selbstüberprüfung
15 Die unterste Milliarde15.1 Die wirtschaftliche Marginalisierung der ärmsten Länder15.1.1 Warenverkehr15.1.2 Kapitalströme15.1.3 MigrationExkurs: Rassismus vs. Sklaverei
Schlussbetrachtung
Direkt im Text zitierte Literatur
Anhang
A. Lösungshinweise zu den Aufgaben zur Selbstüberprüfung
B. Abkürzungsverzeichnis
C. Glossar
D. Personenregister
E. Literaturverzeichnis
F. Sachwortverzeichnis
Einführung und Danksagung
Inhalt dieses Buches sind Wissen und Fragen, die ich ursprünglich meinen beiden Kindern vermitteln wollte.
Zu Papier gebracht habe ich einen Teil dieser Gedanken erstmalig im Jahre 2015 in Form von drei Studienheften, die ich für die Euro-FH in Hamburg verfasst habe und die Basis für die Vorlesungsreihe „Economic and Political Challenges for Europe“ an der Riga Graduate School of Law in Lettland waren.
Das Buch besteht aus den drei miteinander verbundenen Teilen „Demografie, Bildung und Arbeit“ (Teil I), „Staat und technologischer Wandel“ (Teil II) und „Deutschland in der Welt“ (Teil III), wobei im abschließenden Teil der Versuch unternommen wird, Deutschland in Europa mit den USA, China, Russland, Brasilien und Indien und den Ländern der sogenannten Untersten Milliarde zu einem Gesamtbild zu vereinen, in dem alle Menschen, Unternehmen und Staaten auf vielfältige Art und Weise miteinander verbunden sind. Dass die Ausführungen zu China deutlich umfangreicher als zum Beispiel die zu Russland oder den USA ausfallen, liegt primär daran, dass China in den vergangenen Jahren oder Jahrzehnten zu dem systemischen Rivalen des westlichen Gesellschafts- und damit Wirtschaftsmodells erwachsen ist. Etwa 70% der Weltbevölkerung leben bereits im Einzugsgebiet der chinesischen Belt and Road Initiative, die in Kapitel 13 und dem nachfolgenden Exkurs ausführlich besprochen wird. Ich habe insgesamt ungefähr vier Jahre meines Berufslebens in China verbracht und denke, die Grundlinien chinesischen politischen Denkens – die die chinesische Führung übrigens offen kommuniziert – gut genug zu verstehen, um diese einem interessierten Laienpublikum hinreichend präzise und verständlich erläutern zu können.
Der Ihnen vorliegende Text ist kein klassisches Fachbuch. Sie werden eine Vielzahl von Begriffsabgrenzungen, Verweisen und Referenzen vorfinden; es wird häufig aber auf die eine exakte Definition eines Terminus und eine entsprechende Zitation verzichtet, weil Begriffe bzw. Definitionen in den Sozialwissenschaften oft nicht nur subjektiv, sondern ebenso zeit- wie ortsveränderlich sind. Wir werden also mit robusten Definitionen bzw. Begriffsabgrenzungen von vielfach „unscharfer Materie“ auf Ingenieursart arbeiten: Nicht so genau wie möglich, sondern so genau wie nötig.
Um die Lesbarkeit des Textes nicht übermäßig zu behindern, wird deshalb nachrangigen bzw. einordnenden Behauptungen nicht immer eine präzise Quelle zugeordnet sein. Im Grunde haben Sie den Versuch einer intelligenten Kompilation bekannten Wissens zur Beschreibung unseres Status quo und möglicher Ausblicke für Deutschland und Europa in der Hand. Es handelt sich dabei nicht um den Versuch, die Zukunft vorherzusagen, sondern um den hoffentlich Erfolg versprechenderen Versuch, mögliche Zukunftspfade (bzw. deren Unmöglichkeit mangels erfüllter Voraussetzungen, die in der Gegenwart bzw. nahen Zukunft bestimmt werden) zu antizipieren.
Dies ist ebenso kein Text zur Erkenntnistheorie, die grundsätzlich auf das Verstehen der Gegenwart referiert: Machen Sie sich an dieser Stelle, falls Sie es noch nicht kennen, mit Platons Höhlengleichnis vertraut.
Die Gegenwart lässt sich nicht aus der Gegenwart erklären. Wenn Sie auf dem Weg sind, die Welt etwas besser verstehen zu wollen, müssen Sie sich notwendigerweise mit Geschichte beschäftigen und ebenso mit Philosophie: Das heißt Dinge zu hinterfragen, die wir normalerweise als gegeben annehmen.
Das Buch beinhaltet zahlreiche Übungen, die Sie zum Nachdenken und Nachfragen anregen sollen und für deren Beantwortung Sie zumeist auf weitere Quellen zurückgreifen müssen, sowie Fragen zur Selbstreflexion. Zu den Übungen finden Sie einige Anmerkungen, die aber keine Musterlösungen im klassischen Sinn darstellen, im Anhang. Alle Internetquellen, auf die in diesem Buch verwiesen wird, wurden letztmalig im Januar 2021 überprüft.
Bis auf eine Ausnahme werden Sie in diesem Buch nicht die aus der Mikro- und Makroökonomieliteratur gewohnten Angebots- und Nachfragegrafiken finden. Dies ist aus meiner Überzeugung begründet, dass mit Hilfe solcher Grafiken bei komplexen Fragestellungen oft unzulässig vereinfacht wird und dass damit beim Leser vielfach eine Illusion befördert wird, dass Zusammenhänge verstanden wurden, obwohl dies nicht der Fall ist.
Am Ende des Buches finden Sie neben einem Sachwortverzeichnis ein Namensverzeichnis. Wenn es Ihnen gelingt, in diesem Buch aufgeführte Fragen, Probleme und Methoden mit einigen der dort aufgeführten Personen zu assoziieren, sollte Ihnen das die Lektüre dieses Buches nicht nur erleichtern, sondern auch Neugier auf mehr machen.
Ich danke Marcus Bysikiewicz und Irene Rath von der Euro-FH für die Begleitung der ersten Schritte zu diesem Buch. Der Text in der vorliegenden Form hat sehr von Korrekturhinweisen, Ratschlägen und Fragen von Iris Bockholt, David Kantel, Jacob Kleinow, Verena Lindow und Silvana Stahl profitiert. Ihnen bin ich mit mit tiefem Dank verbunden. Die nicht von mir selbst erstellten Grafiken wurden mir freundlicherweise von den in der jeweiligen Legende genannten Unternehmen, Forschungsinstituten bzw. öffentlichen Einrichtungen kostenfrei zur Verfügung gestellt. Ihnen bin ich ebenso zu Dank verpflichtet. Herrn Jürgen Schechler und Frau Tina Kaiser vom Verlag danke ich für die geduldige wie sachkundige Begleitung des Manuskriptes hin zum Buch.
Ich widme dieses Buch dem gebildetsten Menschen, den ich in meinem Leben kennengelernt habe, meinem Vater, und mit ihm den vielen klugen Menschen, die viel gedacht und geschrieben haben und von denen wir nichts wissen.
Rostock, im Januar 2021
Dirk Linowski
Vorwort
Mit dem Schlachtruf „It’s the economy, stupid!“ gewann Bill Clinton 1992 den Kampf um die US-amerikanischen Präsidentschaft. Diese Zuspitzung stellte natürlich eine bewusste Verkürzung dar: Konsens sollte allerdings darüber herrschen, dass eine funktionierende Volkswirtschaft notwendige Voraussetzung eines funktionierenden Gemeinwesens ist. Wiederum zugespitzt: Eine funktionierende Volkswirtschaft ist zwar nicht alles, aber ohne eine solche ist alles nichts.
Das Ereignis des Jahres 2020 war nicht, wie noch zu Beginn des Jahres antizipiert, der Brexit, es waren nicht Folgen der von Greta Thunberg initiierten „Klimabewegung“, nicht die Entwicklung der Handelstreitigkeiten bzw. die geopolitische Rivalität zwischen den USA und China, und es wird ebenso nicht die im November 2020 von Joe Biden gewonnene Präsidentschaftswahl in den USA gewesen sein: Das Ereignis des Jahres 2020 war der Ausbruch und die anschließende weltweite Verbreitung des Corona- bzw. Covid-19-Virus‘1 und die unterschiedlichen Auswirkungen und „Antworten“ auf und von Individuen, Unternehmen und Staaten bzw. Regierungen.
Auch wenn bei Drucklegung dieses Textes bereits zweifelsfrei feststeht, dass die westlichen Gesellschaften in kurzer Zeit fundamentale Veränderungen hinsichtlich ihres Gesellschaftsverständnisses und damit auch hinsichtlich ihres Wertschöpfungsmodells durchlaufen, so werden die tatsächlichen Veränderungen unserer Gesellschaft naturgemäß erst nach größerer zeitlicher Entfernung klarer sichtbar sein. Wir sind noch mittendrin.
Dieses Buch ist den Herausforderungen der Wirtschaftspolitik und damit dem Umfeld, in dem Wirtschaftpolitik stattfindet, gewidmet. Unabdingbare Voraussetzung für dessen adäquate Behandlung stellen ein Grundverständnis der Prinzipien der Volkswirtschaftslehre und insbesondere klare bzw. geklärte Begriffe dar, um sicherzustellen, dass weitgehende Einigkeit besteht, worüber überhaupt geredet wird. Mit Definitionen ist es nicht nur in der Wirtschaft so eine Sache: Ist die Definition zu eng formuliert, grenzt sie zu sehr aus und ist damit für die Praxis untauglich, ist sie zu weit gefasst, erklärt sie nicht mehr hinreichend präzise.2
Unter Wirtschaftspolitik werden in diesem Text zielgerichtete Eingriffe in den Bereich der Wirtschaft durch dazu legitimierte Instanzen verstanden: Wer das ist und wer nicht, wird in diesem Buch erörtert. Wir wollen also verstehen, was die Wirtschaftspolitik, die in Deutschland auf den unterschiedlichen Ebenen von den Kommunen und Landkreisen über die Bundesländer und den Nationalstaat Bundesrepublik Deutschland bis hin zur Europäischen Union stattfindet, im Zusammenspiel mit der Geldpolitik und der Rechtsprechung leisten kann und was nicht. Dabei werden wir uns weniger mit den technischen Instrumenten der Fiskal- und der Geldpolitik beschäftigen – dafür gibt es einschlägige Fachliteratur – als vielmehr versuchen, ein Verständnis des Rahmens, in dem die Wirtschaft bzw. unser Leben stattfindet, zu entwickeln.
Wie beim Erlernen einer (Fremd-)Sprache bedarf es in jeder Wissenschaft eines Vokabulars, um anschließend Sätze bilden zu können. Um den Ihnen vorliegenden Text gewinnbringend zu lesen, sind keine Spezialkenntnisse, wohl aber eine Vertrautheit mit den grundlegenden Begriffen und Konzepten der Mikro- und der Makroökonomie erforderlich.
Die Verwendung wissenschaftlicher Methoden ist in unserer Zeit der präferierte Zugang zum Verständnis der Welt. Ein alternativer Zugang kann über die Kunst erfolgen.3 Das nun ca. 400 Jahre alte Gedicht von John Donne in deutscher Übersetzung von Paul Baudisch, das Ernest Hemingways über seinen berühmt gewordenen Roman „Wem die Stunde schlägt“ stellte, zeigt uns, dass bestimmte Gedanken nicht neu sind, oder positiver ausgedrückt, dass sie nicht aus der Mode kommen.
Kein Mensch ist eine Insel,
ganz für sich allein;
jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents,
ein Teil des Ganzen.
Wenn eine Scholle ins Meer gespült wird,
wird Europa weniger,
genauso als wenn’s eine Landzunge wäre,
oder das Haus deines Freundes oder dein eigenes.
Jedermanns Tod macht mich geringer,
denn ich bin verstrickt in das Schicksal aller;
und darum verlange nie zu wissen,
wem die Stunde schlägt;
sie schlägt für dich.
Die Folgen der weltweiten Verbreitung eines Corona-Virus’ werden im öffentlichen Raum direkt mit den Begriffen Krise (oft mit vorgeschalteten starken Attributen) und Schwarzer Schwan versehen. Während unter dem Begriff der Krise mehr oder weniger einheitlich eine schwierige bzw. gefährliche zeitlich beschränkte Situation, in der richtungsweisende Entscheidungen zu treffen sind, verstanden wird, wird der Begriff Schwarzer Schwan, ein in unserem Kontext wirtschaftliches bzw. die Wirtschaft beeinflussendes Ereignis, welches nicht vorhersehbar ist und welches alle Beteiligten völlig unvorbereitet trifft, zumeist weit weniger zutreffend verwendet. (Ausführlichere Betrachtungen zu Schwarzen Schwänen finden Sie in Kapitel 6 zu den Aktien-, Rohstoff- und Währungsmärkten.)
Tatsächlich haben wir Menschen die wohl unvermeidbare Tendenz, die Ereignisse, die in unserer eigenen Lebenszeit stattfinden, als besonders bedeutend wahrzunehmen, auch weil es uns nicht gegeben ist, mehr als ein oder zwei Generationen weiter zu denken. Krisen oder gesellschaftliche Umbrüche sind aber so alt wie die Zivilisationsgeschichte: Wenn Sie „lediglich“ etwas mehr als die vergangenen 100 Jahre in Deutschland Revue passieren lassen, gab es zwei furchtbare Weltkriege mit vielen Millionen Toten, womit das Leid der meisten Überlebenden nicht beendet war. Jedes Land der Erde hätte hier seine Geschichte(n) zu erzählen. Etwas näher an der Gegenwart: Die Ölkrisen der 1970er Jahre, der friedliche (!) Zusammenbruch der Sowjetunion und damit des Ostblocks, die Angriffe islamistischer Terroristen auf die USA im Jahre 2001 und der darauf von US-Präsident George W. Bush ausgerufene Krieg gegen den Terror und selbst die Finanzkrise, die 2008 mit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers in New York ihren Ursprung nahm, sind für viele, nicht nur junge, Menschen bereits sehr weit weg.
Tatsächlich sah jede Krise an ihrem Ende nicht nur Verlierer, sondern ebenso Gewinner. Wirklich vorbereitet waren dabei stets die Wenigsten: Eine klassische Krisenbewältigung ist zuvorderst ein Blick in den Rückspiegel. Die westliche Antwort auf die letzte große Krise bestand somit aus Maßnahmen, die darauf zielten, das Finanzsystem robuster und die Banken sicherer zu machen: Die Beschäftigung mit Krankheitsverbreitung und Seuchenbeherrschung gehörten jedenfalls nicht dazu. Ebenso sicher wird irgendwann eine neue Krise kommen, bei der uns die ab dem Jahr 2020 gewonnenen Erkenntnisse vermutlich wenig nützen werden.
Demografie und Technologie
Wesentlicher Bestandteil oder – je nach Betrachtungswinkel – Basis jeder Volkswirtschaft ist die in ihr lebendende Bevölkerung, die als Individuen und Unternehmen konsumieren und produzieren.
Bevölkerungen sind aber nichts Statisches. Insgesamt sind die Menschen in Europa in den vergangenen Jahrzehnten älter geworden und sie bekamen weniger Kinder; tatsächlich können wir diese vergangenen Entwicklungen aber nicht einmal mittelfristig „seriös“ extrapolieren. In Teil I dieses Buches werden Ihnen zunächst die Grundkonzepte und -erkenntnisse der Demografie und die damit verbundenen Probleme der Renten-, Pflege- und Krankenversicherung sowie von Bildung – Bildungspolitik ist im erweiterten Sinne Wirtschaftspolitik! – und Arbeit erläutert.
Als den zweiten großen Treiber von gesellschaftlicher Entwicklung werden wir neben der demografischen die technologische Entwicklung herausstellen.
Krisen sind fast nie Ursachen für gesellschaftliche Entwicklungen, sie sind Auslöser und Beschleuniger. Zu keinem Zeitpunkt der Menscheitsgeschichte gab es mehr technologische Entwicklungen in der Fahrzeugindustrie als während der beiden Weltkriege und kurz danach – von Autos über Panzer zu Flugzeugen und Raketen – und es waren die historisch jungen Krankheiten Poliomyelitis (auf deutsch Kinderlähmung) und Aids, die die Virusforschung vorantrieben.
Einige Gewinner der Zeit nach der Corona-Krise sind bereits sichtbar. Die über Jahre beschworene Digitalisierung bzw. die sie vorwärtstreibenden Unternehmen, die passende Produkte anzubieten haben, ist nun dabei, weltweit den entscheidenden Schub bzw. Durchbruch zu erfahren. Lern- und Meetingsoftware entwickeln sich rasant und ermöglichen nicht nur die Abhaltung von Online-Veranstaltungen, sondern insgesamt zunehmend effizientes Arbeiten im Home-Office und wirken damit auf unsere Studier- und Arbeitsweise zurück. Ebenso erfordert es im Jahre 2021 weder viel Phantasie noch Prophetie, um enorme Entwicklungen in der Medizintechnik und der Gentechnik vorherzusagen. Frei nach Karl Marx: Die Produktivkräfte treiben die Produktionsverhältnisse, die den Rahmen abgeben, in dem sich die Produktivkräfte bewegen und entwickeln, wobei die Produktionverhältnisse aber wieder auf die Produktivkräfte zurückwirken. Diese Argumentation kann auch auf Staaten übertragen werden. Deutschland hatte Anfang 2020 im Gegensatz zu vielen EU-Partnern gut gefüllte Kassen und Deutschland konnte seine Unternehmen und Bürger somit deutlich besser unterstützen, als dies z.B. in den süd- und südostdeutschen EU-Staaten der Fall war. Deutschland und seine Unternehmen werden also a priori im Sinne eines „Macht-Nullsummenspiels“ durch die Corona-Krise in der EU stärker werden müssen; ganz sicher nicht zu jedermanns Begeisterung.
Auf der Ebene der Volkswirtschaften wird seit Ende der 2010er Jahre ein Trend zur Deglobalisierung4 nicht nur beobachtet, sondern ebenso im öffentlichen Raum kommentiert: Damit wird stark vereinfacht ein wirtschaftspolitischer Kurs von Staaten oder Staatenbündnissen verstanden, die sich einer weiteren Weltmarktintegration (teilweise) „verweigern“ bzw. sich und ihre Wirtschaftssektoren mit protektionistischen Maßnahmen zu schützen versuchen. Wichtige Gründe der Deglobalisierung bestehen darin, dass sich die Kostenvorteile bei den Aufwendungen für Löhne in den einstigen „Billiglohnländern“ wie insbesondere China relativiert haben, ebenso die Erkenntnis, dass es in den entwickelten Ländern viele Globalisierungsverlierer gibt und das Erscheinen sogenannter populistischer Parteien, die Auswirkungen der strategischen Rivalität zwischen den USA und China u.v.m. Deutschland als Exportland von Investitionsgütern war bzw. ist dabei (noch) ein Profiteur von freiem oder gering reguliertem Welthandel. Es war somit bereits vor Ausbruch der Corona-Krise zu erwarten, dass eine Abschwächung der Weltkonjunktur in Verbindung mit protektionistischen Maßnahmen nicht nur der USA große Auswirkungen auf die Beschäftigung und die Profitabilität zahlreicher deutscher Unternehmen haben wird. Diese Entwicklung wird nun mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit deutlich schneller werden.
Wir werden also auch in der Wirtschaftspolitik lernen müssen, besser in Szenarien zu denken. Verweise auf Schwierigkeiten bei der Schätzung objektiver Wahrscheinlichkeiten bringen uns hier nicht weiter; notwendig wie hinreichend ist, dass eine Situation für möglich erachtet wird, um sich darauf entsprechend vorzubereiten.
Ein übergeordneter Trend zur Monopolisierung bzw. Steigerung des Konzentrationsgrades wird ceteris paribus5 jedenfalls in Teilen der westlichen Volkswirtschaften beschleunigt. Dieser bleibt allerdings keinesfalls zwingend (vgl. Kapitel 7 zur Rolle des Staates und Kapitel 8 zu Wettbewerb und Regulierung). Wie oft lohnt sich ein Blick in die Geschichte. Äußerst aufschlussreich ist hier die Beschäftigung mit der Entwicklung der Anti-Trust-Gesetzgebung und -rechtsprechung in den USA und den Auseinandersetzungen zwischen diversen US-Regierungen und Rockefellers Standard Oil Company von 1890 (Verabschiedung des Sherman-Acts) bis 1911 (endgültige Zerschlagung von Standard Oil).6 Ähnliches wäre um die Jahrtausendwende übrigens fast der damals als übermächtig wahrgenommenen Firma Microsoft passiert und wird in der Gegenwart immer wieder bezüglich Facebook, Amazon und Google diskutiert.
Wie vor mehr als 100 Jahren gilt heute ebenso, dass Macht (fast immer) Geld sticht. Inwieweit der unterstellte Trend zur Monopolisierung tatsächlich übergeordneter Natur war, kann historisch also bezweifelt werden. Der Anteil der KMU in Deutschland bzw. der EU an der Gesamtbeschäftigung (ca. ⅔) sowie der Bruttowertschöpfung (ca. die Hälfte) war über Jahrzehnte näherungsweise konstant (vgl. Teil II). Grundsätzlich gilt in den modernen westlichen Gesellschaften unverändert, dass ein Unternehmen mindestens mittelfristig innerhalb einer existierenden (und sich verändernden) Rechtsordnung im schlechtesten Fall eine Schwarze Null erwirtschaften muss (zu Schulden von Staaten, Unternehmen und Haushalten siehe Kapitel 7, 8 und 14). Während zahlreiche kleine und mittelgroße Unternehmen im Servicebereich die Corona-Krise nicht überstehen konnten oder können werden, ist u.a. bereits absehbar, dass Amazon c.p. noch mächtiger wird.7 Um die Logik dieser Entwicklung zu sehen, müssen Sie die Eigenschaften und den Zusammenhang zwischen Erlösen, Fixkosten, variablen Kosten und Gesamtkosten sowie die Rolle von Schulden in Verbindung mit Zinsen im betriebswirtschaftlichen wie im gesamtwirtschaftlichen Kontext verstanden haben.
In Deutschland waren seit dem Jahr 2010 recht stabil ca. ¾ der Beschäftigten im Dienstleistungssektor tätig, wobei die Gesamtbeschäftigung in dieser Dekade mit der Bevölkerung von 41,1 Mio. auf ein Allzeithoch von 45,3 Mio. im Jahr 2019 wuchs (die geleisteten Erwebsstunden pro Beschäftigten und die Quote der Selbstständigen waren dabei seit 2012 leicht rückläufig).
Der Dienstleistungssektor umfasst Tätigkeiten, die Leistungen im sogenannten tertiären Wirtschaftssektor erbringen. Dazu zählen u.a. Buchhalter und Leichenbestatter, Kellner und Wirtschaftsprüfer, Polizisten und Krankenpfleger8 und grundsätzlich alle Dienstleisungen, die im öffentlichen Sektor erbracht werden. Es ist weitgehend deterministisch absehbar, dass Berufe, die auf persönlichem Kontakt beruhen, sich zumindest verändern werden bzw. dass „nach der Krise“ insbesondere in niedrig bezahlten Tätigkeiten wie im Hotel-, Gaststätten- und Tourismusgewerbe – also dort, wo enger persönlicher Kontakt nicht zu vermeiden ist – weniger Menschen tätig sein werden als zuvor. Vor allzuviel Optimismus der Hochschulabsolventen muss hier allerdings deutlich gewarnt werden! Empfohlen sei an dieser Stelle die Lektüre des Vater-und-Sohn-Buches von Richard und David Susskind aus dem Jahre 2017 „The Future of the Professions: How Technology Will Transform the Work of Human Experts“, in dem mögliche zukünftige Auswirkungen der Digitalisierung auf Anwälte, Lehrer und Professoren, Architekten, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer und einige weitere freie Berufe besprochen werden. Die Verfasser stellen dabei fest, dass fast alle Interviewpartner und Leser den Grundthesen des Buches zustimmten, aber gleichzeitig verneinten, selbst substanziell von der Digitalisierung betroffen zu sein. Es lohnt sich somit sehr, darüber nachzudenken, warum z.B. Ärzte glauben, dass Steuerberater im Gegensatz zu sich selbst einem rabiaten technologischen Wandel unterworfen sein werden und umgekehrt. Kognitionspsychologen verwenden hier den Begriff confirmation bias: Menschen nehmen bevorzugt Informationen auf, die ihre vorgefasste Meinung bestätigen bzw. ihre Erwartungen erfüllen. Anders ausgedrückt: Intelligenz und Bildung begünstigen a priori weder Erkenntnisfähigkeit noch die Fähigkeit zur Selbstkritik, sondern sie verstärken (wenn auch nicht immer) oft eigene Vorurteile.
Status quo
Deutschland stand Mitte des Jahres 2020 im internationalen Vergleich wirtschaftlich sowohl absolut als auch relativ gut da. Die vielgeschmähte Schwarze Null sorgte dafür, dass die Kassen der öffentlichen Hand und der meisten Sozialversicherungsträger gut gefüllt waren. Die ArbeitslosigkeitArbeitslosigkeit war im internationalen Vergleich gering, ProduktivitätProduktivität und Beschäftigungsquote befanden sich auf hohem Niveau.
Tatsächlich war bereits Jahre vor der Corona-Krise in der Mitte der deutschen Gesellschaft eine tiefe Verunsicherung zu konstatieren, gepaart mit sozialen Abstiegsängsten der Mittelschicht. Dabei stellte die seit Sommer 2015 virulente Flüchtlingskrise in vielerlei Hinsicht einen Kristallisationspunkt dar, dies verbunden mit Fragen, in welcher Art von Gesellschaft wir und unsere Kinder zukünftig leben wollen. Blicke zu unseren europäischen Nachbarn (Stichwort u.a. Gelbwesten in Frankreich) zeigen uns, dass wir mit dieser Unsicherheit nicht allein sind.
Bereits seit Beginn der 2010er Jahre mehren sich die Stimmen aus Wissenschaft und Medien, die die deutsche Gesellschaft vor zu viel Selbstgefälligkeit warnen und die – innerhalb von weniger als zwei Generationen – eine mehr oder weniger düstere Zukunft für unser Land zeichnen. Dabei hatten die „Entzauberung des Sommermärchens“9 und der seit Herbst 2015 andauernde und fünf Jahre später noch immer nicht vollständig bewältigte Abgasskandal, in den die deutschen „Vorzeigefirmen“ Volkswagen und Daimler verstrickt sind, sehr sicher die Qualitäten von Brandbeschleunigern. Nach etwa 25 Jahren relativer Ruhe in Europa befinden wir uns in zahlreichen Debatten bis hin zur Abschaffung des Bargelds, die vor allem eines zeigen: einen Mangel an Orientierung.
Mehr geistige Vielfalt! Mehr Streit!
Die Gesellschaft, also wir alle und am besten jeder selbst zuerst, wird kluge Gedanken brauchen, um zu erkennen, wie zukünftig die Wertschöpfung der Gesellschaft und die Verteilung des Wohlstandes beschaffen sein sollten.10
Damit verbunden sein werden Forderungen von Zwangsenteignungen Superreicher (was auch immer superreich bedeutet), der Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens (von dem Dutzende sich stark unterscheidende Versionen kursieren) und hoffentlich davor eine in Breite und Tiefe qualifizierte Diskussion, die sich zentralen Fragen unseres Gemeinwesens widmet. Dazu werden die Rolle des Staates und damit verbunden die von der am University College London tätigen Ökonomin Mariana Mazzucato wieder gestellte alte Frage „Wie kommt der Wert in die Welt?“11 gehören müssen.
Hier ist zu hoffen, dass wir in Zukunft mehr geistige Vielfalt und echte konstruktive Diskussion erleben werden. Aus den Universitäten, nicht nur in Deutschland, kam hier in den vergangenen Jahrzehnten viel zu wenig Nützliches oder gar Innovatives. Dies ist leicht erklärbar, da junge Nachwuchswissenschaftler für „Außenseitertheorien“ keine Fachzeitschriften zur Publikation finden, i.a. keine externen Finanzmittel (Drittmittel) erschließen und damit auch keine Karriere machen (mehr dazu in Kapitel 4).
Das für den Verfasser dieses Textes schlagendste Argument für die Behauptung, dass sich die Ökonomie, die bei aller Mathematisierung eine Sozialwissenschaft ist, aktuell in keinem guten Zustand befindet, ist empirisch begründet: Sowohl in Chicago als auch in Frankfurt, Riga, Ulaan Bator und Shanghai sind die verbindlichen Lehrwerke der Volkswirtschaftlehre zumeist die beiden (guten!) Bücher „Macroeconomics“ und „Economics“ von Gregory Mankiw. Mit anderen Worten: Von Chigaco über Frankfurt nach Shanghai werden die Studenten der Volkswirtschaftslehre auf eine fast identische – und damit notwendigerweise beschränkte – Art und Weise ausgebildet bzw. geprägt.
Tatsächlich traf der Ausbruch der Finanzkrise in den Jahren 2007 und 2008 und ihr anfänglicher Verlauf die weltweite Community der Volkswirte völlig unvorbereitet: Weder wurde die Finanzkrise von namhaften Experten vorhergesagt noch waren Notfallpläne verfügbar; die Politik – in Deutschland die Bundesregierung mit Kanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück – musste sich allein „durchkämpfen“. Nicht überraschend hat dies die Wertschätzung der Volkswirtschaftlehre nicht nur bei Kanzlerin Angela Merkel nachhaltig geprägt.
Einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung zur akademischen „Monokultur“ – zu Problemen mit Monokulturen informieren Sie sich dort, wo sie herkommen: aus der Landwirtschaft – haben die großen amerikanischen Lehrbuchverlage, die ihre Ableger in allen hinreichend großen Märkten von Deutschland bis China haben. Hochschullehrer erhalten Freiexemplare von Büchern (von denen natürlich erwartet wird, dass sie den Studenten empfohlen werden) und dazu werden – für den Hochschullehrer natürlich kostenfrei – zusätzliche Materialien wie Powerpointpräsentationen, Übungsaufgaben mit Lösungen und didaktische Hinweise gestellt. Dies ist übrigens keine Klage oder gar eine Anklage der Verlage. Deren Geschäftsmodell funktioniert nur, weil es an den Universitäten genug Leute gibt, die sich gern bei ihrer Arbeit „helfen“ lassen. Wie es zu dieser „Monokultur“ kommen konnte und warum u.a. die Encyclopaedia Britannica und der Brockhaus praktisch verschwunden sind, wird in den Kapiteln 4 und 11 mit Verweis auf die elementaren Prinzipien der Kostentheorie erörtert.
In den vergangenen Jahrzehnten ist auf fast allen Ebenen der westlichen Gesellschaften die Fähigkeit zum konstruktiven Streit weitgehend verloren gegangen. Zudem geriet die Methode der Dialektik (hier im Sinne des Lösens von Gegensätzen im Denken) fast völlig in Vergessenheit.
Wir müssen somit auch noch verstehen lernen, dass Wissen nicht nur geschaffen wird, sondern dass es auch verloren geht.12 Dass genau dies nicht flächendeckend geschieht, ist Aufgabe der Geistes- und Sozialwissenwissenschaften, wollen sie eine Existenzberechtigung bewahren.
Eine echte Diskussion muss schlussendlich nicht mit einer „Einheitsmeinung“ enden: Zwei der ganz Großen der ökonomischen Zunft, John Maynard Keynes und Friedrich August von Hayek, vertraten zeitlebens unterschiedliche ökonomische Theorien und damit auch Gesellschaftskonzepte; beide wollten jedoch den Kapitalismus nach der schweren Depression ab 1929 „retten“ und beide begegneten sich zumeist mit Respekt. Sie unterschieden sich, wenn man dem britisch-amerikanischen Ökonomen Roger E. Farmer, folgt, weniger als gemeinhin behauptet: Farmers Antwort auf die Frage Keynes oder Hayek? lautet Keynes und Hayek!13
Zudem hat die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen im Westen in den vergangenen Jahrzehnten auf allen Ebenen rapide abgenommen. Niall Ferguson, einer der renommiertesten lebenden westlichen Historiker, sieht darin einen wesentlichen Grund für die im Titel seines im Jahr 2012 veröffentlichten Buches „Der Niedergang des Westens“ ausgedrückte These. Dies betrifft Eltern, die die Schulen als verantwortlich an allem ihren Nachwuchs betreffenden Übel sehen, Manager, die hohe Gehälter und Abfindungen kassieren, aber für Fehlentwicklungen in ihren Unternehmen nicht zuständig sind, u.v.m. Auf die deutsche Bundespolitik übertragen bedeutet das, dass „unangenehme“ Entscheidungen über Jahrzehnte an das Bundesverfassungsgericht und die Europäische Zentralbank „abgeschoben“ wurden.
Zentrale Thesen
John Maynard Keynes, dem wir in diesem Buch noch des Öfteren begegnen werden, wird das Bonmot „Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung. Und was machen Sie?“ zugeschrieben. In dem Ihnen vorliegenden Buch wird die zentrale These verfochten, dass notwendige Voraussetzungen für eine insgesamt hohe gesellschaftliche „Lebensqualität“ in einer komplexen Gesellschaft, die auf einem hohen Grad an Arbeitsteilung beruht, eine hohe allgemeine Bildung der Bevölkerung, nicht zu große Ungleichheit in Vermögen und Einkommen und die Fähigkeit, Fehler nicht nur zu erkennen, sondern zu korrigieren, sind. Hier können und müssen wir in Zukunft mehr von anderen Ländern lernen, und das betrifft nicht nur Dänemark oder die Schweiz, sondern ebenso China mit seinem konkurrierenden Gesellschaftsmodell. Verkomplizierend kommt heute hinzu, dass es auf Grund der fortgeschrittenen Spezialisierung in jedem Teilfachgebiet nur wenige echte Experten gibt, die dann auch noch zum Teil deutlich unterschiedliche Gedanken und Empfehlungen entwickeln. Denken Sie hier z.B. an die beiden Professoren der Virologie Christian Drosten und Alexander Kekulé, die ab Februar 2020 mehrere Monate lang quasi omnipräsent in deutschen Talkshows und Broadcasts waren und die zwar oft, aber nicht immer zu den gleichen Schlussfolgerungen bzw. Interpretationen kamen. Stellen Sie sich dann vor, in der Situation der Bundeskanzlerin oder des Gesundheitsministers zu sein, und rasch Entscheidungen treffen zu müssen. Folgen Sie Professor Kekulé oder Professor Drosten? Oder gar dem Chefepidemiologen der schwedischen Gesundheitsbehörde Anders Tegnell, der eine qualitativ andere, offenere Strategie zur Bewältigung der Corona-Krise empfahl? Ausführungen zu den beiden fundamentalen Fehlern, das Falsche zu tun oder das Richtige nicht zu tun, finden Sie im Exkurs zu Kapitel 2 und in Kapitel 8.
Stellen Sie sich nun unabhängig von der Corona-Krise vor, Sie wären Mitglied des Deutschen Bundestages und sollten sich (rasch!) eine Meinung zum Atomausstieg, zur Gentechnologie, zur NSA-Problematik, zum Grexit und/oder Brexit, zu den Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien oder den zukünftigen Beziehungen zu Russland bilden und danach mit Ja oder Nein über von der Regierung vorgeschlagene Entwürfe abstimmen. Ihre Meinung wird dann anschließend in ein Votum übersetzt, welches wiederum Auswirkungen auf die Geschicke Deutschlands, der EU und (vermutlich auch mindestens kurzfristig) auf Ihr eigenes berufliches Fortkommen nehmen kann.
Das Beste, was Ihnen (bzw. dem Staat) in dieser fiktiven Situation passieren kann, sind hoch qualifizierte loyale Berater oder Staatsangestellte (die natürlich auch Fehler machen können), auf die Sie sich verlassen können. Völlig unabhängige Berater gibt es natürlich nicht, aber das gut bezahlte und geachtete Berufsbeamtentum ist sicherlich eine „vernünftige“ Art und Weise, Berater und Administratoren, die „nicht zu abhängig sind“, an einen Staat und damit an ein Gemeinwesen zu binden. Diese Aussagen können Sie übrigens bereits aus der Gedankenwelt des zweifellos einflussreichsten Philosophen der Menschheitsgeschichte ableiten, dem vor ca. 2500 Jahren lebenden Konfuzius. Wir werden Konfuzius nicht nur in Kapitel 13, das China gewidmet ist, wiederbegegnen.
Ein Plädoyer für das Studium der Wirtschaftsgeschichte
Aus der Mikroperspektive stellt sich die Betrachtung von Wendepunkten in der (Wirtschafts-)Geschichte äußerst schwierig dar. Während die Just-in-Time Produktion bereits in den 1970er Jahren von Toyota (als Toyota nur in Japan produzierte) eingeführt wurde, scheint mit dem Auftauchen von Computern, die leistungsfähig genug waren, um größere praktische Probleme zu lösen, in den 1980er Jahren eine echte technologische Wende eingeleitet worden zu sein. Hier begann also, lange vor dem inflationären Gebrauch des Wortes disruptiv, Quantität in Qualität umzuschlagen.
Mathematische Laien können kaum eine Vorstellung von der „Mächtigkeit“ vieler realer Probleme haben, die erst durch leistungsstarke Computer (zumeist leicht und auch noch schnell) lösbar geworden sind. So wurde Harry Markowitz für seine Arbeiten zur Portfolio Selection (auf deutsch in etwa optimale Kombination von risikobehafteten Anlagen) aus dem Jahre 1952 im Jahre 1990 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft geehrt. Bis zum Auftauchen entsprechender Rechentechnik war seine Arbeit weitgehend „nette Spielerei“, erst in den 1980er Jahre konnte sie praktisch angewandt bzw. umgesetzt und damit überprüft werden. Anfang der 2000er Jahre führte eine Arbeit zur Optimierung der Raum- und Stundenplanung an großen Gymnasien noch zu einem Doktorgrad der Wirtschaftswissenschaft an der FU Berlin. Eine Lösung dieses Problems sollte heute gut in einer Bachelorarbeit hergeleitet werden.
Nachdenken darüber, ob und inwieweit es Zusammenhänge zwischen dem Zusammenbruch der Sowjetunion und damit des Ostblocks und der Technologierevolution, die bereits einige Jahre zuvor im Westen eingeleitet wurde und die Ende der 1980er Jahre rasant Fahrt aufnahm (Stichwort Moore’s Law14), kann nicht Gegenstand der hiesigen Erörterungen sein. Tatsache war aber, dass der Zugang zu Millionen neuen potenziellen Kunden und neuen natürlichen Ressourcen bei dem gleichzeitigen Technologiesprung der Rechenleistung für westliche Firmen zeitlich zusammenfielen. In diese Zeit fällt die sprunghafte Entwicklung weltweiter Lieferketten. (Vorhergehende erfolgreiche Versuche internationaler Arbeitsteilung im größeren Maßstab datieren wiederum auf die frühen 1970er Jahre, als Singapur, Hongkong und Taiwan billige Kleidung und Spielzeuge nach Nordamerika und Westeuropa zu exportieren begannen. Zu genau dieser Zeit kamen übrigens die ersten Containerschiffe in Gebrauch. Mehr dazu in Kapitel 6.)
Jedes (wirtschaftswissenschaftliche) Modell ist eine vereinfachte Darstellung der Realität, das im Allgemeinen entweder darauf zielt, Vergangenes zu erklären und/oder Zukünftiges (hinreichend gut) zu prognostieren. Wir werden die Entwicklung des Welthandels in Verbindung mit den Konzepten der Opportunitätskosten und der komparativen Vorteile in Kapitel 5 und im Exkurs zu Kapitel 8 mit Hilfe des Ricardo-Modells des internationalen Handels diskutieren, eines Modells, das uns, weil es so einfach ist, erlaubt, den Wald vor lauter Bäumen zu sehen. Es wird uns bei der Gewinnung zahlreicher qualitativer Einsichten helfen; warum wir Schuhe tragen, die in Bangladesch gefertigt wurden, wie es zum Rust Belt in den USA gekommen ist und auch warum es in Osteuropa zur Zeit viel zu wenige Ärzte gibt. In diesem Zusammenhang werden wir uns auch mit den vier Grundfreiheiten der EU, dem freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen beschäftigen müssen.
Über fünf Jahrzehnte war die Globalisierung, verstärkt durch den Eintritt Chinas in die Weltwirtschaft, der Treiber des Welthandels. „Billiglohnländer“ zogen Produktionsstätten an, und die Industrie verlagerte die Fertigung auf viele Standorte. Die arbeitsteilige Spezialisierung der Weltwirtschaft der vergangenen zwei Jahrzehnte basierte dabei wesentlich auf sogenannten komparativen Kostenvorteilen. Substanzielle Puffer waren in den Optimierungsmodellen nicht vorgesehen (wofür nicht die Mathematiker verantwortlich gemacht werden sollten). Tatsächlich haben wir nicht nur bezüglich der Arzneimittelherstellung – Ende Februar 2020 wurde z.B. bekannt, dass wesentliche Grundstoffe aus China und Indien nicht geliefert werden konnten – verstehen müssen, dass wir es mit der Just-in-Time-Methode und der Abschaffung kostenträchtiger Lager übertrieben haben. Das heißt ganz sicher nicht, dass wir zukünftig wieder Lager und Vorräte wie zu Großmutters Zeiten anlegen werden; ganz sicher aber werden die Produktionsmodelle in Zukunft mehr Wert auf Robustheit legen. Genau diese Schlussfolgerung – Stichwort Ausschaltung systemischer Risiken – wurde nach der vorherigen Krise auch auf das Weltfinanzsystem gezogen. Dass in der westlichen Welt einiges überreizt wurde und „dass es so nicht weiter gehen könne“, erkannte der Frontmann der US-amerikanischen Manager, J. P. Morgans CEO Jamie Dimon, übrigens bereits einige Jahre früher.15[1]
Den Blick nach vorn
Europas große Stärke und Schwäche zugleich im Vergleich zu den USA und China war und ist seine Heterogenität. Es wird vielerorts nicht nur eine unterschiedliche Rechtstradition gepflegt, in den großen europäischen Staaten Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Italien enstanden historisch sehr unterschiedliche Vorstellungen zur Rolle des Staates in der Gesellschaft. Dezentralität oder Diversität kann im europäischen Kontext aber nur dann einen Vorzug darstellen, wenn es ein einigendes Band gibt. In weniger turbulenten Zeiten waren dies die europäischen Werte (mehr dazu gleich in Kapitel 1), die auf Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Solidarität beruhten.
Auch wenn die öffentliche Debatte über die Zukunft der Europäischen Union und der Eurozone diese Konsequenz nur in wenigen Momenten anklingen lässt: Wir werden uns mittelfristig mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit entweder in einer (Teil-)Fiskalunion wiederfinden oder die Eurozone und mit ihr die Europäische Union wird an den existierenden und sich verstärkenden Fliehkräften zerbrechen. Spätestens diese Erkenntnis sollte uns dazu bewegen, ein deutlich verstärktes Interesse am Wohlergehen unserer Nachbarn im erweiterten Sinne zu entwickeln. Schadenfreude jeder Art (oft die süd- und südosteuropäischen Länder betreffend) ist hier nicht nur unangebracht, sondern frei nach Frankreichs legendärem Polizeiminister Joseph Fouché schlimmer als ein Verbrechen, sondern ein Fehler. Denken Sie an John Donnes Gedicht.
Tatsächlich lässt insbesondere der Mangel an Solidarität lange vor der Corona-Krise langfristig wenig Gutes für die EU ahnen. In den vergangenen Jahren haben hochrangige EU-Beamte China – mit triftigen Gründen – als systemischen Rivalen bezeichnet, der oft unfair konkurriere und der versuche, den europäischen Integrationsprozess durch den Einsatz von „Trojanischen Pferden“ zu untergraben. Tatsache ist, dass China über die Belt and Road Initiative (BRI) und das 17 + 1 Format in Brüssel (im Unterschied zu Russland) indirekt mit am Tisch sitzt, Tatsache ist aber auch, dass sowohl Italien als auch der EU-Aspirant Serbien ihre erste substanzielle Hilfe bei Seuchenausbruch aus China und danach aus Russland und nicht von einem ihrer europäischen Partner erhielten. Als die europäischen Partner begannen, Hilfe zu organisieren, war die Frage der Macht der Bilder bereits beantwortet. Dies ist gerade deshalb erwähnenswert, weil die Beziehungen zwischen Italien und Deutschland bis zur Corona-Krise als langfristig positiv stabil galten.
In diesem Text werden Sie Verweise auf eine Vielzahl von Denkern finden, in zeitlicher Reihenfolge bei den Philosophen Lao-Tse, Konfuzius und Platon beginnend und über die Philosophen John Locke und Immanuel Kant hin zu Vertretern der Nationalökonomie (ein alter schöner Begriff für die Volkswirtschaftslehre) wie Karl Marx, John Maynard Keynes, Milton Friedman, Walter Eucken, Nicholas Georgescu-Roegen und weiter zu zeitgenössischen Denkern aus verschiedensten Wissensgebieten wie Robert Skidelsky und Daniel Kahneman (Ökonomie und Psychologie), Peter Watson (Wissenschaftsgeschichte), Christopher Clark, Ian Morris, David Landes und Noah Yuval Harari (Geschichte), Hans Christoph und Mathias Binswanger, Hans-Werner Sinn, Thomas Straubhaar und Peter Bofinger (Ökonomie und Politikberatung), Hal Varian (Ökonom und Google-Vorstand), Joseph Stiglitz (Ökonom und Regierungsberater), Boris Palmer (Politiker), Dirk Müller (Unternehmer und Publizist), John Hattie (Bildungsforscher) und Paul Collier (Migrationsforscher) kommend. Verbindend bei allen zitierten Denkern ist der Wille, eine Gesamtschau von Mensch und Gesellschaft zu entwickeln. Wenn Ihnen ein oder mehrere Autoren dieser unvollständigen Referenzliste unpassend bzw. „anstößig“ erscheinen, sollten Sie sich vor Augen halten, dass man nur seriös bewerten darf, was man selbst gelesen hat.
Wie wir sofort sehen, befinden wir uns hier in einem kaum auflösbaren Dilemma. Wissenschaftliche Sitte ist der Verweis auf Originalquellen: Tatsächlich habe ich nur sehr wenige ernstzunehmende Wissenschaftler in meinem Berufsleben kennengelernt, die mit Aussicht auf Glaubwürdigkeit behauptet haben, alle zitierten Referenzen auch nur eines einzigen Artikels, den sie geschrieben hatten, vollständig im Original gelesen zu haben. Kaum überraschend haben also nur sehr wenige „normale“ Menschen sowohl Zeit als auch Nerven, sich durch alle oder auch nur wenige zitierte Originaltexte „zu kämpfen“. Der Gebrauch von Sekundärquellen basiert also in mehrerlei Hinsicht auf Vertrauen: Hat der Autor überhaupt verstanden, was er gelesen hat (vorausgesetzt, er bezieht sich nicht auf noch jemand anderes, der das Originalwerk angeblich gelesen hat), zitiert er richtig und nicht aus dem Zusammenhang gerissen, usw.16
Fundamentale Ausführungen und Fragen, in welcher Art von Welt wir zukünftig leben wollen, sind sowohl technischer als auch ethischer Art (siehe Kapitel 10 zur Digitalisierung). Auf den ersten Blick jedenfalls scheinen autoritäre Staaten wie gerade China besser in der Lage zu sein, z.B. auf Seuchen zu reagieren. Wenn Freiheit im Sinne einer „goldenen Regel“ dadurch charakterisiert ist, dass man alles das tun kann, was einem anderen nicht schadet, dann bedarf es bei uns im Westen zur Bekämpfung von Krisen aller Couleur grundsätzlich nicht mehr als die Durchsetzung entsprechender Gesetze und Anordnungen, die entweder bereits existieren oder die rasch verfasst werden können. Je „unvernünftiger“ die Menschen sind, umso mehr werden sie aber das Autoritäre in den westlichen Gesellschaften befördern.
Prognosen in den Sozialwissenschaften haben im Gegensatz zu den Naturwissenschaften die Eigenschaft, dass sie Einfluss auf das Verhalten der Menschen und Institutionen haben. Wenn eine Gefahr also erkannt bzw. eine Entwicklung prognostiziert ist, kann etwas dagegen getan werden. Wünschen wir uns also viele schlechte Vorhersagen, die nicht eintreten werden, weil wir sie nicht eintreten lassen.
Diskutiert wurde im Sommer 2020, dass der „Corona-Schock“ eine Entwicklung hin zu einem bipolaren Macht- und Weltwirtschaftssystem mit den USA und China als Blockanführer beschleunigt. Hier sollten bei uns alle Alarmglocken läuten. Die Europäische Union ist trotz des Austritts Großbritanniens Anfang 2021 mit ca. 450 Millionen Menschen einer der reichsten Teile der Welt und es ist nicht wirklich einsehbar, warum wir zukünftig Anhängsel der USA oder Chinas werden sollten. Wie schon der Brexit die verbleibenden Staaten der EU zusammenrücken ließ, ist zu hoffen, dass der USA-China-Konflikt den gleichen Effekt haben wird. Dies und der Bestand der EU sind fraglos keine Selbstläufer, sowohl die USA als auch China sammeln ihre Truppenteile.
Wir werden uns also nach den besten Monaten für die Umwelt seit gefühlten Ewigkeiten wieder mit Fragen der Klimakrise (die besser als Umweltkrise bezeichnet werden sollte) und der Energiewende, der Bildungs-, Einkommens- und Verteilungsgerechtigkeit und der individuellen Freiheitsrechte sowie der zukünftigen Beschaffenheit der Europäischen Union beschäftigen müssen. Fragen, inwieweit das Bruttoinlandsprodukt und a priori mit ihm verbundene Wachstumsraten ein vernünftiges Maß für die wirtschaftliche Prosperität darstellen, werden nachdrücklicher gestellt werden müssen. Wir werden uns also fragen müssen, ob unser Lebens- und Arbeitsstil, auf allen Ebenen, angemessen ist. Der Staat bzw. seine Wirtschaftspolitik kann und muss hier meiner Überzeugung nach entscheidende Anreize zur Steuerung von individuellem „vernünftigen“ Verhalten liefern.
Krisen bringen immer auch Krisenbewältiger hervor; sie sind das Elixier für außergewöhnliche Lokalpolitiker (denken Sie z.B. an Helmut Schmidts Reaktionen auf die Hamburger Sturmflut im Jahre 1962) und lokal verwurzelte Unternehmer. Wie wäre es hier zum Beispiel mit Oskar Schindler (dem aus „Schindlers Liste“)?
Wir werden, überall auf der Welt, Menschen sehen, die Verantwortung übernehmen und von deren Existenz vorher zumeist nichts oder wenig bekannt war. In einer echten Krise kann man nicht bluffen. Nehmen Sie Ihr Leben also, soweit Ihnen dies gegeben ist, in die eigenen Hände und übernehmen Sie Verantwortung für sich und andere.
Wo Menschen sind, kann es keine absolute Objektivität und Neutralität geben. Ich habe mich, soweit es mir möglich war, bemüht, neutral zu beschreiben und zu berichten und damit grob dem aus dem Rechtsstudium bekannten Gutachterstil zu genügen. Jedem der 15 Hauptkapitel habe ich aber einen Exkurs angefügt, in dem ich diese Strenge teilweise aufgegeben habe, da ich der Überzeugung bin, dass ein brauchbares Buch über Wirtschaftspolitik eine emotionale Komponente haben muss.
Ich würde mich, obwohl ich seit mehr als zwei Jahrzehnten als Wirtschaftswissenschaftler arbeite, immer noch als „ökonomisch bewanderten Mathematiker“ bezeichnen. Eine formale Ausbildung ist in der modernen Volkswirtschaftslehre nicht unbedingt von Nachteil: Im Laufe meines Lebens bin ich aber, wie viele Menschen vor und sehr sicher auch nach mir, zu der Überzeugung gelangt, dass die aktuelle Ökonomie „übermathematisiert“ ist; dass aber andererseits die Rolle von Mathematik und Statistik als Hilfsmittel zum Verständnis der Gesellschaft unzureichend entwickelt sind. Ein Vorteil eines Seiteneinsteigers ist, dass sein Blick kritischer und auch klarer sein mag. Ohne den Kapitalisten Friedrich Engels hätte es kein Kommunistisches Manifest gegegeben und dem Anfang September 2020 jung verstorbenen Anthropologen David Graeber verdanken wir wesentliche Erkenntnisse zur Rolle des Geldes und der Schulden in der Geschichte der Zivilisationen.
Ich bin weder studierter Philopsoph noch Historiker, sondern schreibe hier auch über Dinge, von denen ich „nicht zertifiziert“ etwas zu verstehen glaube. Da alles mit allem zusammenhängt, bräuchten wir vermutlich Dutzende Autoren für einen Text wie diesen, um formale Angriffe auszuschließen. Das Buch könnte dann immer noch lausig sein! Es fällt mir somit leicht, zuzugestehen, dass alle Fehler, die dieses Buch beinhaltet, mir allein zuzurechnen sind.
Teil I: Demografie, Bildung und Arbeit
1 Zum ethisch-moralischen Rahmen in Zeiten des Umbruchs
1.1 Wendezeit? Versuch einer geopolitischen Einordnung
Die deutsche Gesellschaft steht in einer sich rapide verändernden Welt vor gewaltigen Herausforderungen, die, da alles mit allem verbunden ist, nicht monokausal beantwortet und ebenso nicht auf Deutschland isoliert bezogen, sondern zunächst im Kontext der Mitgliedschaft Deutschlands in der Europäischen UnionEuropäische Union und nachfolgend im „Weltmaßstab“ analysiert werden müssen.
Inzwischen ist schon wieder fast vergessen, dass vor Beginn der Corona-Krise aus Griechenland und aus Spanien bis zum Beginn des Jahres 2020 hoffnungsvolle Signale zur Wirtschaftsentwicklung kamen: Die Europäische Union befindet sich aber nicht wieder, sondern immer noch in einer langandauernden veritablen Krise. Man darf hier durchaus das Jahr des Ausbrechens der letzten großen Finanzkrise, 2008, als einen sinnvollen Bezugspunkt wählen.
Die staatliche und private VerschuldungVerschuldung hatte bereits vor der Corona-Krise in vielen Ländern (nicht nur in der EU) ein Vielfaches der Jahreswirtschaftsleistung angenommen. „Staatstragende“ Parteien waren vielerorts in der Defensive bzw. verschwunden. Dies betrifft nicht nur Griechenland, sondern ebenso Spanien, Großbritannien, Polen und Frankreich (dort wurde der Schritt der Pulverisierung der Altparteien bereits mit den Präsidentschaftswahlen im Mai 2017 vollzogen), um nur einige „größere“ europäische Länder zu nennen. Trotz ihres Wiedererstarkens während der Hochphase der Corona-Seuche im Frühjahr 2020 ist überhaupt nicht klar, ob und wie CDU und CSU in den kommenden Jahren ihre Rollen als mit Abstand stärkste deutsche Volksparteien verteidigen können.
Zu den zahlreichen Wirtschaftswissenschaftlern, die die Hauptverantwortlichkeit des Staates darin sehen, BeschäftigungBeschäftigung für die arbeitsfähige und -willige Bevölkerung zu schaffen, zählen Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und ebenso die deutschen Ökonomen Peter Bofinger und der besonders prominente „Ordnungspolitiker“ Hans-Werner Sinn. Unterschiedlich sind allerdings zum Teil die Vorschläge, wie dies zu erreichen sei. Wenn Sie diese Maxime ebenso ernst nehmen wie die genannten Ökonomen, werden Sie schnell zu dem Schluss kommen müssen, dass zahlreiche Staaten in der EU ihren zentralen Aufgaben schon seit Langem nicht oder nur unzureichend nachkommen.
Die europäische Dauerkrise, die durch hohe ArbeitslosigkeitArbeitslosigkeit, international vielfach nicht wettbewerbsfähige ProduktivitätenProduktivität und damit sinkenden Wohlstand charakterisiert ist, stärkt einerseits „populistische“ Parteien. Diese werden hier so gefasst, dass von ihnen (zu) „einfache“ Lösungen für die äußerst komplexen miteinander verwobenen Problemkreise angeboten werden. Ebenso gestärkt werden andererseits separatistische Bewegungen wie z.B. in Schottland, in Norditalien, im Baskenland und in Katalonien. Grundsätzlich ist mittelfristig weder die EU, wie wir sie kennen, noch der Bestand der Gemeinschaftswährung Euro garantiert.
Wir befinden uns derzeit in einer dritten Phase der aktuellen europäischen Krise: Zuerst wurden Finanzinstitute gerettet, dann Staaten. Nun werden die politischen (Rück-)Wirkungen sichtbar, wobei bei Weitem nicht klar ist, ob sich alle unsere europäischen Partner in demokratischer Art und Weise reformieren werden können.
Alle diese Probleme sind mit der Entwicklung der Bevölkerungen verbunden. Aus diesem Grunde werden wir unsere Betrachtungen mit einer Darstellung und Analyse der demografischen Entwicklung der Bevölkerung in Deutschland eröffnen.
Wir stehen in Deutschland und in der EU vor den folgenden zentralen Herausforderungen:
1 Eine schleichende EntsolidarisierungEntsolidarisierung der Gesellschaften. Diese beginnt auf dem Niveau der Familien und steht damit im Zusammenhang zur „modernen Arbeitswelt“, berührt Fragen der Generationengerechtigkeit, geht weiter über „egoistische“ Spartengewerkschaften, die Mitglieder vertreten, deren Arbeit für unsere Gesellschaft schwer verzichtbar ist, und betrifft ebenso Staaten. Diese Entsolidarisierung ist direkt mit den Schwierigkeiten verbunden, die Funktionsfähigkeit des Rechtsstaats, wie wir ihn kennen und schätzen, aufrechtzuerhalten.Hoffnung macht hier der Ende 2020 tatsächlich noch gelungene Vertrag über einen geordneten Austritts Großbritanniens aus der EU in Folge des Ergebnisses des Mitte 2016 abgehaltenen Referendums.Hier ist Zurückhaltung angebracht, Solidarität „nur“ von den anderen EU-Mitgliedstaaten einzufordern. Die Entscheidungsfindung deutscher Bundesregierungen in den vergangenen ca. 20 Jahren wurde und wird in unseren Nachbarländern oft mit derjenigen von „Big Gorilla” USA verglichen; mit anderen Worten: Deutschland trifft unilaterale Entscheidungen und die kleinen Länder bzw. deren Regierungen müssen folgen, ob sie wollen oder nicht. Dies betrifft die nach dem Unfall von Fukushima im Frühjahr 2011 abrupt eingeleitete „Energiewende“ sowie die Entscheidung der deutschen Bundesregierung im Sommer 2015, die deutschen Grenzen mit der Begründung, eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, zu öffnen. Unabhängig davon, ob diese Sichtweise zahlreicher Nachbarn stimmt oder nicht: Es gilt das aus dem Englischen kommende Sprichwort Perception is Reality (wobei diese „Erkenntnis“ u.a. bereits im alten China gewonnen und von Menzius formuliert wurde).
2 Entwicklung von Strategien, mit MigrationMigrationsströmen innerhalb der EU und insbesondere aus Nordafrika und dem Nahen Osten kommend umzugehen: Ende 2020 existierte weder ein Konsensus noch eine schlüssige Strategie, wie diese Flüchtlingsströme (und die Sicherung der EU-Außengrenzen) für die europäischen Empfängerstaaten beherrschbar gemacht werden können. Die südeuropäischen Staaten, die seit mehr als 10 Jahren am meisten unter der Wirtschaftskrise leiden, werden mit diesem Problem auch finanziell von den reichen und stabilen Nordländern, die keine relevanten Außengrenzen der EU haben, zu sehr allein gelassen. Hier existiert in mehrerlei Hinsicht ein Bezug zur globalen Umweltkrise.
3 Entwicklung von (gesamteuropäischen?) Strategien zum Umgang mit Russland: Mehrere osteuropäische Staaten wie Polen, Estland, Lettland und Litauen fühlen sich von Russland permanent bedroht, auch wenn Russland behauptet, keinerlei Angriffsgelüste gegenüber der NATO zu verspüren. RusslandRussland bzw. seine politische Elite fühlt sich wiederum von der NATO, die ihrerseits behauptet, nur Verteidigungsaktivitäten zu verfolgen, bedrängt und bedroht. Tatsächlich finden wir uns inzwischen in einer gefährlichen Gemengelage wieder, bei der ein Zufall durchaus zu einer Eskalation zwischen dem Westen und Russland führen kann: eine Situation, die noch vor wenigen Jahren kaum jemand für möglich gehalten hätte. Auch hier gilt für jede der unterschiedlichen Perspektiven: Perception is Reality.
Filmtipp:
Diese Sicht der Dinge ist im Film „Rashomon“ des japanischen Regisseurs Akira Kurosawa aus dem Jahre 1950 meisterhaft dargestellt. Kurosawa geht noch einen Schritt weiter: Seine Akteure haben nicht nur unterschiedliche Sichtweisen der Realität, sondern sie erfuhren unterschiedliche Realitäten.
Diese drei Eckpunkte wären Anfang 2014 vermutlich für die Mehrzahl der in diesem Text vorgestellten politischen Argumentationen hinreichend gewesen. Tatsächlich stellt sich das Gesamtbild sieben Jahre später deutlich komplizierter dar. Zusätzlich zu den drei erstgenannten prägen weitere sechs Entwicklungen seit Kurzem unser Bewusstsein und unsere Wahrnehmung einer instabiler gewordenen Welt:
1 Die Preise von Rohstoffen, insbesondere Erdöl (vgl. den Langfrist-Rohölchart in Abb. 1.1), Erdgas, Industrie- und Edelmetallen, aber auch von Agrarrohstoffen und Halbprodukten wie Stahl schwanken seit dem Ausbrechen der Finanzkrise teils dramatisch. So sind diese in den Jahren 2014 und 2015 sehr stark gefallen, bevor sie sich im Verlauf des Jahres 2016 wieder moderat erholten, um zu Beginn des Jahres 2020 wieder zu kollabieren, um sich kurz darauf wieder zu erholen… Niedrige Rohstoffpreise sollten uns als Importeure von Rohstoffen nicht zum Jubeln verleiten, sondern mögliche politische Krisen in rohstoffexportierenden und von den betreffenden Erlösen abhängigen Staaten antizipieren lassen. Kurz- und mittelfristig dürften am wenigsten Russland (vgl. Kapitel 12), dafür aber zahlreiche Golfstaaten, darunter Saudi-Arabien, ebenso Venezuela, Nigeria, Brasilien und diverse andere Schwellenländer stärker betroffen sein.
Abb. 1.1:
Rohölpreisentwicklung der Sorte BRENT von 1985–2020 in US-Dollar pro Barrel1 (Eigene Darstellung: Daten von Refinitiv)
1 Terrorism is back. Die durch die terroristischen Attacken im November 2015 in Paris geprägte westliche Wahrnehmung, ist, weil stark zeitpunktbezogen und europazentriert, irreführend. Die Angriffe von Paris waren „nur“ ein schreckliches Ereignis innerhalb von wenigen Monaten bzw. Jahren in einer Kette terroristischer Anschläge, die bereits Jahrzehnte andauern. Sie sind in eine Reihe von mörderischen Anschlägen weltweit (in der Türkei, Tunesien, auf russische Touristen in Ägypten, im Libanon, in der Yunnan-Provinz in China u.v.m.) einzuordnen. Den wirtschaftlichen Konsequenzen der Anschläge in Tunesien im Jahr 2015, die praktisch den Zusammenbruch der Haupteinnahmequelle des Landes, des Tourismus’, zur Folge hatte, steht in Europa bisher nichts annähernd Gleichartiges gegenüber. Als Folge werden politische Allianzen im Nahen Osten seit ca. drei Jahren neu gedacht (vgl. Punkt 3 und Punkt 6).
2 Der im Dezember 2010 beginnende sogenannte Arabische Frühling war offensichtlich deutlich mehr Hoffnung als Realität: Der gesamte Nahe Osten (englisch: Middle East) und große Teile Nordafrikas werden entweder (wieder) von diktatorischen Regimes „regiert“ oder sie sind in Anarchie und Bürgerkrieg abgeglitten. Allianzen sind, sofern überhaupt vorhanden, oft kurzlebig und zweckgebunden. Zu den „Überraschungen“ der vergangenen Jahre zählten die wechselseitigen (temporären?) Annäherungen zwischen Saudi-Arabien, Israel und Russland. Die geopolitische Situation im Nahen Osten und hier insbesondere der seit dem Jahr 2011 andauernde Syrienkonflikt ist wiederum direkt mit der Flüchtlings- bzw. Migrationsproblematik und der RusslandRusslandpolitik der EU bzw. ihrer Nationalstaaten verwoben.
3 Anfang des Jahres 2020 war der US-Dollar fraglos die Weltleitwährung Nummer eins. Die Schwankungen des Wechselkurses von US-Dollar und Euro, der zweitwichtigsten Weltwährung, waren in den vergangenen Jahrzehnten aber immens (s. Abb. 1.2). So verlor der US-Dollar gegenüber dem Euro z.B. von 2002 bis 2008 innerhalb von ca. 6 Jahren fast die Hälfte seines Wertes, um sich danach wieder auf relativ niedrigem Niveau zu erholen (vgl. Exkurs zu Kapitel 14).
Abb. 1.2:
Wechselkurs US-Dollar pro Euro 1985–2020 (Eigene Darstellung: Daten von Refinitiv)
Tatsache ist, dass die Dominanz der US-Währung mittelfristig zur Disposition steht: So wurde die Währung der Volksrepublik China, der Renminbi (RMB), im Jahre 2016 fünfte Reservewährung des Internationalen Währungsfonds (IWF). Dies hatte zunächst einen eher symbolischen Wert, da China bereits einen Großteil seiner Handelsgeschäfte, und das nicht nur mit Entwicklungsländern, in RMB abschließt. Zusammen mit der Ankündigung der chinesischen Zentralregierung, Chinas Währung schrittweise frei konvertierbar zu machen, wird dies Auswirkungen auf die internationale politische Machtbalance haben. Währung ist Macht: Im günstigen Fall dürfen wir langfristig die Herausbildung eines stabilen Oligopols zwischen US-Dollar, Euro und RMB erwarten.
1 Mit dem Brexit hat Anfang 2021 eine der wirtschaftlich und militärisch stärksten Nationen die EU verlassen. Es wird im optimistischen Fall nur einige wenige Jahre dauern, bis sich zwischen Großbritannien und der (Rest-)EU ein „normales“ und hoffentlich freundschaftliches Nachbarschafts- und Arbeitsverhältnis herausgebildet haben wird. Deutschland als bevölkerungsstärkstes Land und wirtschaftliches Zentrum der Europäischen Union wird teilweise für die EU-Nettozahlungen Großbritanniens einstehen und zudem zusätzliche Ausgaben in den Verteidigungshaushalt einstellen müssen, um der Selbstverpflichtung, in Zukunft zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Verteidigung zu investieren, wenigstens mittelfristig zu genügen. In diesem Kontext wird häufig der Ruf nach einem Kerneuropa und damit verbunden nach der Stärkung bzw. „(Re-)Vitalisierung“ der von de Gaulle und Adenauer initiierten deutsch-französischen Achse laut.[2] Diese Diskussion ist jedoch nicht neu, sondern derzeit weit hinter dem zurück, was Charles de Gaulle angedacht hatte, als er als französischer Präsident Anfang der 1960er Jahre auf die Deutschen zuging.
2 Die EU wird grundsätzliche Fragen beantworten müssen, um ihren Zerfall zu verhindern: Dazu zählen jenseits von technisch relativ einfach lösbaren Wiederaufbauhilfen nach Corona primär die Gewährleistung der Sicherheit der Außengrenzen der EU, die Entwicklung von Konzepten, wie der Dauer von (Jugend-)Arbeitslosigkeit in weiten Teilen Süd- und Osteuropas begegnet werden soll, und die Frage, wie sie sich gegenüber den großen Nachbarn Türkei und Russland positionieren will. Insbesondere kann die weitere Entwicklung der EU nicht sinnvoll losgelöst von der seit 2008 schwelenden Eurokrise betrachtet werden, die zwar derzeit nicht mehr im Fokus der Medienberichterstattung steht, die aber nichtsdestotrotz nicht vollständig überwunden ist. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, die Entwicklung der Positionen der Bundesregierung und des französischen Präsidenten und ihrer jeweiligen „Follower“ bezüglich einer Aufwertung des European Stability Mechanism (ESM) zu einem European Monetary Fund zu verfolgen. Die deutsche Bundesregierung hat im Frühjahr 2020 aus guten Gründen (und nicht zu früh und nicht zu spät) offensichtlich einer Teilvergesellschaftung von Schulden unter dem Schlagwort Corona-Wiederaufbau zugestimmt und damit den EU-Gipfel im Juli 2020 wesentlich mitbestimmt.Die nicht überwundene Krise der Europäischen Währungsunion und die Absenz einer stringenten Strategie der Bundesregierung zu ihrer Überwindung stellt eine, wenn nicht die zentrale Ursache für die Schwäche Europas dar, die sich durch hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Produktivitätszuwächse, wachsende Schulden u.v.m. manifestiert. Deutschland ist als „Zahlmeister“ ohne nennenswerte Rechte in den meisten Nachbarstaaten weiterhin willkommen, sein moralischer Ruf aber nicht nur in Italien angekratzt und seine Durchsetzungskraft gering. Als das Land, „das (sich) mangels eigener konstruktiver Pläne an das Bestehende klammert, auf den Buchstaben der Verträge [die bereits über 160 Mal ohne Sanktionen gebrochen wurden] pocht und sich damit als Aufseher stilisiert, erzeugt es Widerstand, ohne etwas zu erreichen.“[3] Spätestens seit der Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika im November 2016 ist in fundamentaler Art und Weise klar, dass das Verhältnis von Deutschland und Europa zu den Vereinigten Staaten neu austariert werden wird. Das zentrale Versprechen Donald Trumps war das Schaffen von (Industrie-)Jobs in den USA, wobei Trumps Politik mit der US-Unternehmenssteuerreform aus dem Jahre 2017 und der Androhung von Zöllen für Importe genau darauf abzielten. Vor allem Letzteres steht in bewusstem Gegensatz zum Paradigma des Freihandels, dem sich Deutschland verpflichtet fühlt und von dem es als Exportnation profitiert. Die zweite uns betreffende, zentrale Aussage von Donald Trump ist die Forderung an Europa bzw. an die NATO-Mitglieder, sich finanziell deutlich stärker an den Ausgaben des Bündnisses zu beteiligen. Sein Nachfolger Joe Biden dürfte hier kaum anders denken. Trump lehnte – vor allem aus ökonomischen Gründen – ab, dass die USA weiterhin die Rolle der (einzigen) Supermacht, die die Welt ordnet, ausfüllen. Dies korrespondiert mit einer prinzipiellen Ablehnung von „Demokratisierungsversuchen abroad“ und dem von den Demokraten verhinderten Versuch einer Neuausrichtung der US-amerikanischen Politik gegenüber Russland, um sich auf den „strategischen Rivalen“ China konzentrieren zu können. Die erneute „Aufteilung“ in eine aus zwei Einflusszonen bestehende Welt ist wieder denkbar geworden. Erste einflussreiche Stimmen, wie z.B. der Springer-Aufsichtsratsvorsitzende Mathias Döpfner, fordern bereits, dass wir uns zwischen den USA und China (für die USA) entscheiden müssen.[4] Die Setzung von Technologiestandards (Stichwort Huawei) ist hier von zentraler Bedeutung (vgl. Kapitel 10 und 13).
In Kulmination der genannten Punkte 1 bis 9 steht der Westen, wie er sich seit dem Ende des II. Weltkrieges darstellte und wie wir ihn kennen, zur Disposition.
Das sehr lesenswerte und kontrovers diskutierte Buch des in Großbritannien lehrenden Historikers Christopher Clark „Die Schlafwandler“, das das „Hineinstolpern“ der europäischen Großmächte in den I. Weltkrieg äußerst detailliert beschreibt, wurde von seinem Autor 100 Jahre nach dessen Ausbruch sehr wohl mit Blick auf Analogien zu möglichen neuen globalen Krisen geschrieben (damit war nicht nur Europa, sondern ebenso Ost- und Südostasien gemeint).
Die Beziehungen zwischen China und den meisten seiner Anrainerstaaten, insbesondere mit Japan (zu dem es keine echte Aussöhnung nach dem II. Weltkrieg gegeben hat), sind mit „angespannt“ zumeist noch freundlich beschrieben. Perception remains Reality. Während viele Nachbarn Chinas einem wirtschaftlich und militärisch starken China skeptisch gegenüberstehen, gibt es in China wiederum historisch begründete „Einkreisungsängste“ (vgl. Kissinger, 2012, Kapitel 1).
Tatsächlich befinden wir uns heute, im Gegensatz zur Ausnahmesituation einer Bipolarität im sogenannten Kalten Krieg, der von ca. 1947 bis 1990 währte, in einer „unübersichtlichen“ Globalsituation (die zudem durch neue Methoden der Kommunikation und Überwachung gekennzeichnet ist), deren Entwicklung zu einer neuen Bipolarität zwar nicht zwingend, aber möglich ist. Mit anderen Worten: Geschichte wiederholt sich, wenn, nicht als Tragödie, sondern als Farce (frei nach Karl Marx in „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“).
Kein europäischer Staat, von RusslandRussland einmal abgesehen, hat so viele Nationalstaaten als Nachbarn wie Deutschland, kein anderes europäisches Land erreicht auch nur annähernd die deutsche Wirtschaftskraft. Der historische „Fluch“ des jüngeren Deutschlands von der 2. Reichseinigung im Jahre 1871 bis zum Ende des II. Weltkriegs in Europa im Jahre 1945 war es, groß und wirtschaftlich stark in der Mitte Europas zu stehen, und dabei einerseits zu klein zu sein, um Europa dominieren zu können (als man das noch wollte!); dass andererseits aber ohne Deutschland „nichts in Europa ging“ und geht. Dieser „Fluch“ sollte mit der politischen und wirtschaftlichen Einbindung Deutschlands in die EU gelöst werden.
Heute hat Deutschland mit ca. 83 Millionen von etwas über 500 Millionen Menschen in der Europäischen Union (inklusive Großbritannien) einen Anteil von etwa einem Sechstel der Gesamtbevölkerung (bzw. ca. einem Neuntel der Bevölkerung von Gesamteuropa), steht aber für mehr als ein Fünftel der Wirtschaftsleistung der EU. Während der Anteil der Industrie am BIP in der EU im Jahre 2017 bei nur ca. 16% lag (Großbritannien und Frankreich noch deutlich darunter), waren es in Deutschland immer noch über 22%. Daran hat auch die seit 2018 andauernde Rezession der deutschen Automobilindustrie qualitativ (noch) nichts geändert.
Abb. 1.3:
Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung in den jeweiligen EU-Mitgliedstaaten 2007 vs. 2017 (Quelle: Bundesministerium der Wirtschaft[5])
Damit lag der deutsche Anteil an der der EU-Industrieproduktion bei ca. 30% und bei ca. 6% der Weltindustrieproduktion. Keine andere große Volkswirtschaft – Stichwort Exportweltmeister2 – ist so mit dem Rest der Welt verwoben.
Nicht nur in diesem Zusammenhang sei Ihnen die Abschiedsvorlesung von Hans-Werner Sinn aus dem Jahre 2015 sehr empfohlen, die Sie sich z.B. auf YouTube ansehen können.[6]
Damit verbunden ist ein sowohl ökonomisches und soziologisches „Megathema“: der Einfluss der Niedrigzinsen der Europäischen ZentralbankEuropäische Zentralbank (EZB) und weiterer großer Nationalbanken wie der Fed, der Bank of Japan und der Bank of England, sowie der People’s Bank of China, auf unser individuelles Verhalten und auf die Investitionstätigkeit von Unternehmen und damit auch auf unser Gemeinwesen (s. auch Kapitel 6).
Dies betrifft nicht nur die Entwicklung der Vermögensverteilung, sondern ebenso die der Kapitalanlagen, es betrifft die AltersvorsorgeAltersvorsorge und auch die Konzentration wirtschaftlicher und politischer Macht. Die Nichtexistenz einer risikofreien Anlage in dem Sinne, dass die Nominalzinsen und die Realzinsen null oder sogar leicht negativ sind, treibt private wie geschäftliche Investoren nicht selten in Projekte, die bzw. deren assoziierte Risiken sie nicht verstehen.3
Niedrige oder negative Zinsen begünstigen somit auch die Übernahme- und Fusionswelle bei Unternehmen; sie sind ebenso ein wesentlicher Grund für die schnelle Erholung der Aktienkurse nach dem „Corona-Einbruch“ im März 2020. Die Barreserven der größten (zumeist US-amerikanischen) Unternehmen betrugen Ende 2020 viele Hunderte Milliarden US-Dollar, wobei mangels Anlagealternativen der Druck zu Übernahmen – und damit zu Konzentration – massiv zunimmt. Gesellschaftlich relevante Beispiele waren die im Spätherbst 2015 (angekündigte aber schließlich gescheiterte) Übernahme von Allergan durch den US-amerikanischen Pharmariesen Pfizer, das Zusammengehen der Medienunternehmen Walt Disney mit der 21st Century Fox im Jahr 2017, die 2017 vollzogene Fusion von Dupont und Dow Chemical zum weltgrößten Chemieunternehmen sowie die Übernahme der Pharmafirma Celgene durch Bristol-Myers Squibb im Jahre 2019.
Wenn in Relation zu Sachwerten und möglichen sinnvollen Investitionen zuviel Geld vorhanden ist, „sucht dieses verzweifelt profitable Anlagemöglichkeiten.“ Dazu korrespondiert auch der massive Abzug von Finanzmitteln der entwickelten Staaten (bzw. deren Finanzinstitutionen) aus den sogenannten Emerging Markets zu Beginn der Finanzkrise, der Wiederanlage und dem erneuten Abzug im Zuge der Corona-Krise.
Abbildung 1.4 verdeutlicht, dass unsere wichtigsten Handelspartner im Gegensatz zu den meisten europäischen Partnerstaaten nicht nur in Europa liegen. Wenn man von der EU als Ganzes abstrahiert, war China 2019 bereits das vierte Mal in Folge Deutschlands wichtigster Handelspartner.
Während das lange heiß diskutierte Transatlantic Trade and Investment Partnership-Handelsabkommen (TTIP) auf absehbare Zeit erledigt zu sein scheint, bleibt es für Deutschland von besonderem Interesse, zu erahnen, welche Auswirkungen das Ende 2020 unterzeichnete Regional Comprehensive Economic Partnership-Abkommen (RECP) und eine mögliche Wiederbelebung des ebenfalls totgesagten Trans-Pacific-Partnership-Abkommen (TPP) haben können.
Abb. 1.4:
Exporte und Importe der wichtigsten Handelspartner Deutschlands 2019 in Mrd. Euro (Quelle: Statistisches Bundesamt[7])
Tatsächlich sind die USA relativ gesehen gering in den Welthandel integriert. Daran ändern auch die Militärexporte, die amerikanische Ölindustrie, weltbekannte und geschätzte Marken wie Microsoft, Apple, Google, Facebook, Coca Cola, Levi Strauss, Hollywood und Mickey Mouse und die Diskussion zum Außenhandelsüberschuss Chinas nichts. Die Summe von Importen und Exporten dividiert durch das BIP betrug im Jahre 2017 lediglich 27,54% im Vergleich zu 86,53% für Deutschland bei einem Weltdurchschnitt von 58,02%. M.a.W.: Die USA können es sich bei ihrer geografischen Größe, vorhandenen Rohstoffen und ihren Streitkräften noch am ehesten leisten, aus der Weltwirtschaft weitgehend „auszusteigen“.4[8]
Bemerkung:
Handelspolitik ist auch oder vor allem Machtpolitik. Das Paradigma des weltweiten Freihandels, repräsentiert durch die World Trade Organization (WTO), wurde in den letzten Jahren weitgehend aufgegeben. So waren die USA in die bis dato gescheiterten Abkommen TTIP und TPP involviert, während China (neben Russland und Indien) an keinem der beiden Verträge teilhaben sollte. Ende 2020 war es schließlich China,unter dessen unbestrittener Führung das RECP unterzeichnet wurde. Jenseits der bis dato gescheiterten beiden großen Verträge sind das Zustandekommen von Freihandelsverträgen der EU mit Vietnam, Schwellenland mit über 90 Mio. Einwohnern, im Jahre 2015, Kanada im Jahre 2017, der weltweit drittgrößten Volkswirtschaft Japan im Jahre 2019 und Mexiko im April 2020 für Deutschland als Teil der EU sehr erfreulich.
Wir müssen uns, wenn wir mögliche zukünftige Pfade der gesellschaftlichen (und damit natürlich der wirtschaftlichen) Entwicklung Deutschlands erahnen wollen, auf historische wie juristische, wirtschaftliche, soziale und machtpolitische Argumentationen einlassen.
Eine bzw. die große Unbekannte stellt dabei die rasante TechnologieentwicklungTechnologieentwicklung und die dazu korrespondierende Machtkonzentration von Individuen, Unternehmen und Staaten dar (Stichworte Big Data, soziale Netzwerke, Autonomie des Individuums, öffentliche Sicherheit).
Noch vor weniger als einer Generation5 gab es keine Smartphones, kaum Internet, damit auch keine internetbasierten sozialen Netzwerke, kein GPS u.v.m.: Wir können also nicht wissen, welche technischen Innovationen unser Leben zukünftig verändern werden. Fahrerlose Züge und selbstlenkende Lkws erscheinen in näherer Zukunft wahrscheinlich, anders sieht dies (noch?) mit autonomem Fahren von Pkws aus. Abgesehen davon, was Nassib Taleb das unbekannte Unbekannte nannte, wovon wir noch überhaupt nichts ahnen! Letztlich kann sich moderne Technologie durchsetzen, wenn sie hinreichend skalierbar ist und die rechtlichen Rahmenbedingungen bzw. die Absenz von Verboten gegeben sind. Sie muss sich dann aber nicht durchsetzen.
Schauen Sie sich zum Beispiel in Ost- wie Westdeutschland verlegte Comics aus den 1950er Jahren an, in denen es jeweils von atomgetriebenen selbstlenkenden Autos u.v.m. wimmelt. Sehr zu empfehlen ist diesbezüglich auch die Filmtrilogie „Zurück in die Zukunft“, deren 1. Teil im Jahr 1985 präsentiert wurde.
Wenn man sich grafische Darstellungen der Entwicklung des Welthandels vor Augen führt, die in den letzten 10 bis 20 Jahren erstellt wurden, so suggerieren diese ein ungebremstes zukünftiges Ansteigen des Welthandels (mit einer „kleine Delle“, die zum Ausbruch der Finanzkrise korrespondiert), das mit unserem heutigen Wissen in dieser Form nicht eintreten wird (vgl. z.B.[9]).
Unklar sind die mittel- und langfristigen Auswirkungen der DigitalisierungDigitalisierung als wichtigster Treiber von Technologie auf den Arbeitsmarkt. Während die DigitalisierungDigitalisierung von Dienstleistungen naturgemäß Grenzen hat, zeichnet sich bereits ab, dass der WelthandelWelthandel insgesamt rückläufig werden muss, wenn zahlreiche Güter zukünftig vor Ort z.B. aus einem 3D-Drucker kommen. Ob und inwieweit die Anwendung der Blockchain-Technologie (derzeit sind etwa die Hälfte der Kosten im internationalen Handel mit Zolldokumenten und weiterer Bürokratie verbunden) diesen zur kostengetriebenen Hyperglobalisierung gegenläufigen Trend verlangsamen oder aufhalten kann, bleibt abzuwarten (vgl. Kapitel 10).
Übertriebenes Beispiel?!
Bekannt ist, dass die durchschnittliche Körperlänge der deutschen Bevölkerung im 20. Jahrhundert pro Generation (annahmegemäß 25 Jahre) um 3,8 cm zunahm. In diesem Zusammenhang lesen wir die fiktive Behauptung einer gedachten deutschen Boulevardzeitung „Deutsche im Jahr 3000 4 Meter lang!“
Lassen Sie uns zunächst über die zahlreichen Annahmen und die Art des Zustandekommens der Behauptung nachdenken. Nicht gegeben ist hier, ob es sich um Aussagen zur männlichen, zur weiblichen oder zur Gesamtpopulation handelt. Nehmen wir einmal an, dass es sich um die deutsche Gesamtbevölkerung handelt. (Auch hierzu sollten Ihnen bereits einige weitere Fragen einfallen.6)
In der fiktiven Schlagzeile sind weder die durchschnittlichen Körperlängen im Jahre 1900 noch im Jahre 2000 gegeben. Nehmen wir nun an, dass die das 20. Jahrhundert betreffende Aussage stimmt. Dann reicht es uns, einen dieser beiden Eckwerte zu kennen. Wenn die deutsche Gesamtbevölkerung im Jahre 2000 fiktiv durchschnittlich 175 cm lang war, dann war sie im Jahre 1900 175 cm – 3,8 ∙ 4 cm = 159,8 cm lang oder anders herum.
Die 159,8 cm Durchschnittslänge im Jahre 1900 und die 175 cm im Jahre 2000 gehören also zusammen. Mehr wissen wir erst einmal nicht. Nur, dass die Durchschnittslänge der Deutschen von 1900 bis 2000 um 15,2 cm gestiegen ist. Oder glauben Sie, dass 1925, 1950 und 1975 so genau gemessen wurde? Die Teilung durch die Anzahl der Generationen (deren gewählte Länge, wenn man den Begriff wörtlich nimmt, mit fortschreitender Zeit nichtlinear länger geworden sind) ist ebenso willkürlich.
Im 20. Jahrhundert gab es zwei Weltkriege mit insgesamt mehr als 70 Millionen Toten allein in Europa und darauf folgenden Hungersnöten und Grippen (das bekannteste Beispiel ist die Spanische Grippe nach dem I. Weltkrieg). Glauben Sie wirklich, dass die Deutschen im Durchschnitt kontinuierlich gewachsen sind? Ihnen fallen sicher noch viele weitere Fragen ein …
Die „Analytik“ ist nun, wenn wir die bereits gestellten Fragen verdrängen, ziemlich simpel. Die geschätzte Körperlänge im Jahr 3000 ergibt sich hier als Körperlänge im Jahre 2000 in cm + Anzahl der Generationen von 2000–3000, also 40, mal 3,8 cm. Damit sind wir bei 175 cm + 40 ∙ 3,8 cm = 327 cm (das sind „großzügig“ nach oben aufgerundet 4 Meter).
Die wirkliche „Frechheit“ ist, dass Sie aus einer kurzen Beobachtungsperiode (bzw. nur aus deren Eckpunkten), bei der mit Sicherheit kein lineares Wachstum der Körperlänge vorlag, auf eine viel längere Schätzzeit linear extrapolieren.
Überprüfen Sie sich selbst, inwieweit Sie den „Betrug“ bereits am Anfang bemerkt haben und erinnern Sie sich ggf. an dieses „Beispiel“, wenn Sie in den Medien bzw. im Beruf mit Behauptungen konfrontiert werden, bei denen die Annahmen nicht korrekt erläutert wurden und die demzufolge statistisch „wackelig“ begründet werden. Ganz allgemein gilt jedenfalls, dass (lineare) Extrapolationen auf die Zukunft mit großer Vorsicht zu genießen sind.
1.2 Werte und Werteorientierung
Wenn von Werteorientierung gesprochen wird, denken die meisten von uns vermutlich an christliche Familienwerte oder an die Außenpolitik. Im Unterschied zur Familie oder zum Unternehmen muss es auf staatlicher bzw. supranationaler Ebene ein unerreichbares Ziel bleiben, nur mit solchen Staaten bzw. deren Vertretern zusammenzuarbeiten, die unsere „Werte“ teilen (die direkt auf die ca. 1700 – also in historischen Dimensionen gar nicht so lange zurückliegende – beginnende Aufklärung zurückgehen). Diese Aussage gilt natürlich spiegelbildlich für Vertreter von Staaten, die ein anderes Gesellschaftskonzept als der (noch teilweise) liberale Westen verfolgen und die sich auf internationaler Ebene mit eben dessen Vertretern auseinandersetzen müssen. Verhandlungspartner kann man sich im privaten oder beruflichen Bereich jedenfalls immer noch deutlich besser aussuchen als im interstaatlichen Bereich, ob es in (s)ein Wertekorsett passt oder nicht.
Arbeitsdefinition: Unter Werten verstehen wir hier diejenigen Vorstellungen, die in einer Gesellschaft allgemein als wünschenswert anerkannt sind und die den Menschen Orientierung verleihen.
Man unterscheidet soziale, religiöse, politische, ästhetische, materielle und moralische Werte. Der Begriff Wertewandel stellt im Wesentlichen darauf ab, dass Werte nicht statischer Natur sind, sondern dass sie sich mit der Zeit in der Gesellschaft ändern. In den vergangenen Jahrzehnten hat es in den entwickelten westlichen Gesellschaften einen Trend zur Individualisierung gegeben mit der Folge, dass Selbstverwirklichung und Kommunikation gegenüber materiellem Vermögen an Bedeutung gewonnen haben.
Verantwortungsethik vs. Gesinnungsethik
Ethik ist die Lehre von den Normen menschlichen Handelns. Die Ethik befasst sich somit mit der Begründung der moralischen Regeln. Keine Ethik kommt an der Tatsache vorbei, dass zur Erreichung „guter“ Zwecke mitunter sittlich bedenkliche bzw. gefährliche Mittel mit der Folge von „Nebenwirkungen“ eingesetzt werden müssen.
Ethisch orientiertes Handeln kann grundsätzlich unter zwei prinzipiell gegensätzlichen Maximen stehen. Es kann gesinnungsethisch oder verantwortungsethisch sein. Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob man unter einer gesinnungsethischen Maxime handelt, in der „die Welt“ für „das Übel“ verantwortlich ist, oder unter der verantwortungsethischen, dass man in persona bzw. als Institution für die Folgen seines Handeln verantwortlich ist (vgl. insbesondere Max Webers „Politik als Beruf“ sowie Karl Poppers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“).
Gesinnungsethik geht oft – wenn auch nicht immer – mit tiefem religiösen Glauben oder pseudo-religiösen Weltbildern wie im Kommunismus einher.
Tatsächlich werden diese „Reinformen“ von Ethik nie unverfälscht durch Personen in Politik und Wirtschaft gelebt (mal ganz abgesehen von den Entscheidern, denen ethische Maximen ebenso egal sind wie einem Teil der von ihnen „Regierten“).
In der neueren Vergangenheit sind in der „großen Politik“ neben dem Inder Mahatma Gandhi und dem allseits bekannten Häftling, späteren Präsidenten und schließlich der Identifikationsfigur Südafrikas Nelson Mandela als Gesinnungsethiker der ehemalige chilenische Präsident Salvador Allende zu nennen. Allende zog es 1973 während des Putsches von General Augusto Pinochet vor, zu sterben, als von seinen Überzeugungen und den von ihm (auch selbst) erwarteten Handlungen abzurücken. Der Putsch in Chile im Jahre 1973 ist ein Lehrstück in internationaler (Wirtschafts-)Politik, über das es sich bezüglich des Verhaltens der damaligen Großmächte USA und Sowjetunion als auch der beiden Deutschlands zu bilden lohnt.
Langfristig wenig erfolgreich als „Gesinnungsethiker“ war Zar Alexander II., der Mitte des 19. Jahrhunderts in Russland die Leibeigenschaft abschaffte und damit das Ende des russischen Zarenreichs innerhalb von weniger als 60 Jahren einläutete. Hier passt das Bonmot „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“.
Obwohl dies sehr vereinfacht, wurde und wird der 2015 verstorbene ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, oft mit Verweis auf Karl Popper und Max Weber, die er vor, während und nach seiner Bundeskanzlerschaft vielfach zitierte, als der klassische Verantwortungsethiker dargestellt. Legendär sind Helmut Schmidts publizierte Reflexionen zum Kampf Rote Armee Fraktion (RAF) gegen den (west-)deutschen Staat und die Reaktion des deutschen Staats, vertreten durch Helmut Schmidt.
Eines der lesenswertesten Bücher zum Thema Ethik und Politik sind die „Selbstbetrachtungen“ von Marc Aurel, der vor mehr als 1800 Jahren nicht nur ein großer Philosoph war, sondern hautberuflich lange Zeit unter schwierigsten Bedingungen (Stichworte Antoninische Pest1 und Einfälle von Germanenstämmen) fast zwanzig Jahre lang als römischer Kaiser recht erfolgreich ein Großreich regierte.
Lassen Sie uns hier einen Schritt zurückgehen. Der durch seine dreibändige Keynes–Biografie bekannt gewordene englische Wirtschaftshistoriker Robert Skidelsky führt diesbezüglich aus: „Mit der Überzeugung, gut und schlecht würden intuitiv erkannt, waren Keynes und [sein Lehrer] Moore Erben einer philosophischen und religiösen Tradition, die immer mehr an Boden verlor. Heute haben Gesellschaften Gepflogenheiten, aber keine Ethik. Die Gepflogenheiten sagen uns, wie wir uns zu verhalten haben, wenn wir etwas tun, aber nicht, ob das, was wir tun, auch wert ist getan zu werden. […] Die liberale Gesellschaft ist im Wesentlichen eine Prozess- und Transaktionsgesellschaft. Ihre Werte sind zweitrangige Werte, die der Regelung von politischen und sozialen Beziehungen dienen, damit Konflikte zwischen konkurrierenden Wertvorstellungen, Religionen und ethnischen Zugehörigkeiten möglichst vermieden werden. Vieles davon fällt unter das Etikett Tugendethik [Hervorhebung von mir], aber ausgeklammert bleibt die Frage. Wozu dient das Leben?“ [10]
Die simple Gegenüberstellung von MarktwirtschaftMarktwirtschaft vs. Planwirtschaft (beide Idealformen gibt es praktisch nirgendwo auf der Welt) oder Demokratie vs. Diktatur (die es so beide ebenso nicht in Reinform gibt), weiter simplifiziert in „gut“ und „schlecht“, bringen uns hier nicht weiter.
Die soziale Marktwirtschaft der Bundesrepublik Deutschland erinnert definitorisch übrigens nicht mal entfernt, und dies ist keine Wertung, an eine idealtypische Lehrbuchmarktwirtschaft. Denken Sie hierbei z.B. an den Länderfinanzausgleich, den Mindestlohn, Krankenkassen- und Rentenzuschüsse aus Steuermitteln, HartzIV-Arbeitslosengeld u.v.m. (siehe auch Kapitel 8).
Während China (richtigerweise) Staatskapitalismus bescheinigt wird, ist unser Reflexionsniveau bezüglich Deutschlands oder der USA sprachlich und gedanklich seltsam beschränkt. Wie wir in den folgenden Abschnitten, nicht nur denen zu den Sozialversicherungen und den Finanzmärkten, sehen werden, ist es schlicht eine Frage der Perspektive, ob wir die modernen westlichen Volkswirtschaften als Staatswirtschaften mit privatwirtschaftlichen Merkmalen bezeichnen oder umgekehrt.
Die bereits erwähnte Ökonomin Mariana Mazzucato zeigt z.B. in ihrem Buch „Das Kapital des Staates“, dass Wertschöpfung auch und gerade in den USA vom Staat ausgeht. Das Raumfahrtprogramm, die Rüstung, Biotechnologie, Internet, GPS u.v.m. wurden durch die Bereitstellung von Infrastrukturen der Grundlagenforschung, öffentliche Subventionen und eine diskrete Steuerpolitik vom US-Staat initiiert.
Echte unabdingbare konstituierende Merkmale einer Marktwirtschaft gibt es jedenfalls wenige. Weder sind private Finanzinstutionen zwingend noch das Privateigentum an Wohneigentum, das es z.B. im „Musterkapitalismusland“ Singapur praktisch nicht gibt. Argumentationen werden üblicherweise darauf aufgebaut, dass Demokratie und Marktwirtschaft einander bedingen und dass Staaten, die auf demokratischen Prinzipien beruhen, Distanz zu Märkten haben. Das ist pauschal weder in Deutschland noch in den USA noch sonst irgendwo der Fall (vgl. Kapitel 6 und den Exkurs zu Kapitel 14).
Wichtig ist an dieser Stelle festzuhalten, dass nicht nur die Außen- und Menschenrechtspolitik wertegetrieben ist, sondern dass dies ebenso für die Wirtschaftspolitik gilt. Es lohnt in diesem Zusammenhang, sich genauestens zu überlegen bzw. klarzumachen, worauf wir hinsichtlich unseres Gesellschaftsmodells stolz sind (es gibt zahlreiche positive Antworten) und was DemokratieDemokratie ferner tatsächlich bedeutet.
Aufgabe zur Selbstreflexion:
Versuchen Sie, die für Sie fünf wichtigsten „Güter“ einer Gesellschaft im allgemeineren volkswirtschaftlichen Sinne zu benennen (z.B. Eigenschaften, die mit Demokratie zusammenhängen, oder Demokratie ganz allgemein, öffentliche Sicherheit, Funktionsfähigkeit des Rechtssystems, Öffnungszeiten der Supermärkte, Qualität der Fußballnationalmannschaft usw.) und ihre subjektiven Wahrnehmungen auf einer diskreten Fünferskala von „trifft ganz zu“ bis „trifft überhaupt nicht“ auf Deutschland, Frankreich, Großbritannien, China und die USA (auch wenn Sie nicht alle diese Länder selbst besucht haben) anzuwenden und ermitteln Sie nachfolgend die Summen der absoluten Abstände. Das Ergebnis wird Sie vermutlich überraschen!
In dem großartigen Buch des englischen Wissenschaftshistorikers Peter Watson „Ideen: Eine Kulturgeschichte von der Entdeckung des Feuers bis zur Moderne“ merkt Watson als Kommentar zur Entstehung der altgriechischen Demokratien an: „Aber wenigstens verdeutlicht es, dass das, was wir im 21. Jahrhundert als Demokratie ansehen, in Wahrheit eine Wahloligarchie ist.“[11] Diese Aussage, über die es sich nachzudenken lohnt, bezieht sich nicht auf RusslandRussland oder ChinaChina, sondern auf „unsere“ westlichen Demokratien. Noch besser sollte es der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter gewusst haben, als er 2015 – vor der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten! – festhielt: „Jetzt ist [das politische System der USA] nur noch eine Oligarchie, in der unbegrenzte politische Bestechung das Wesen der Nominierung zum Präsidenten oder der Wahl zum Präsidenten ausmacht. Und das Gleiche gilt für die Gouverneure, US-Senatoren und Kongressabgeordneten. Jetzt haben wir gerade eine Subversion unseres politischen Systems erlebt, als Lohn für Großspender, die Gefälligkeiten für sich selbst wollen, erwarten und manchmal auch bekommen, nachdem die Wahl vorbei ist.“ [12]
Wir – jeder von uns – haben per se die Angewohnheit, Wertungen zu treffen, ohne die Voraussetzungen zu hinterfragen. Interessante Ausführungen dazu und vieles mehr finden Sie im gut lesbaren Buch des einzigen Nichtökonomen, der bisher den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft erhalten hat: in Daniel Kahnemans „Schnelles Denken, langsames Denken“. Sehr verkürzt und salopper, frei nach dem englischen Philosophen John Locke ausgedrückt: Die wahren Verrückten sind diejenigen, die auf den falschen Voraussetzungen basierend die richtigen Schlussfolgerungen ziehen.
Im davor liegenden Bereich der Wirtschaftstheorie sind es die Konstrukte des homo oeconomicus, der Rationalität, des Wettbewerbs und der Regulierung, die in der vorherrschenden volkswirtschaftlichen Lehrbuchliteratur zumeist quasi-axiomatischen Charakter besitzen (die Forschung ist hier zum Teil allerdings schon deutlich weiter).
Die klassische Lehrbuchargumentation steht nicht nur im Widerspruch zu dem, was Sie täglich wirtschaftlich erleben. Ein intellektueller Vordenker der sogenannten Libertaristen, Peter Thiel, wird unter anderem derart zitiert: „Kreative Monopole ermöglichen neue Produkte, von denen alle profitieren. WettbewerbWettbewerb bedeutet keinen Profit, für niemanden.“ Weiter: Monopole haben „einen schlechten Ruf“ jedoch nur, „weil Wettbewerb eine Ideologie ist.“[13]
Literaturtipp:
Zur qualitativ gleichen Schlussfolgerung, wenngleich auf anderen Wegen, kommt der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger. Ausgangspunkt von Binswangers Überlegungen ist die Beobachtung, dass der Preismechanismus für (eine gewisse) Effizienz sorgt, wenn Markt und Wettbewerb zusammenfallen. Markt und Wettbewerb sind aber verschiedene Dinge, die sich keinesfalls bedingen. So gibt es im Sport zumeist Wettbewerb, aber keinen Markt und Kartelle oder Monopole kontrollieren einen Markt, auf dem kein Wettbewerb herrscht. In seinem Buch „Sinnlose Wettbewerbe: Warum wir immer mehr Unsinn produzieren“ legt Binswanger dar, dass gerade Kennzahlensysteme, die im Hochschulbereich und im Gesundheitswesen angewendet werden, zumeist das Gegenteil dessen bewirken, was sie tatsächlich bewirken sollen. Indem hoch qualifizierte Ärzte und Universitätsprofesoren permanent nachweisen müssen, dass sie erfolgreich tätig sind, werden sie nicht nur Teil einer Bürokratie, sondern sie haben vor allem weniger Zeit für ihre eigentliche Kerntätigkeit zur Verfügung. Aus der Tatsache, dass Teilaspekte von Qualität messbar sind, folgt nicht, dass Qualität als Ganzes messbar ist! Um zu entscheiden, ob etwas insgesamt gut ist oder nicht, gibt es zumeist nur ein „Gefühl“ (vgl. wiederum Erkenntnisse des altchinesischen Philosophen Menzius, auf die in Kapitel 13 kurz Bezug genommen wird).
Binswanger verweist darauf, dass Albert Einstein heute nie mehr Professor hätte werden können (wie zahlreiche andere Geistesriesen in der Mathematik und Physik ebenso nicht): Er zeigt, dass der permanenten Kontrolltätigkeit bzw. der Kennziffernverwendung ein bedenkliches Menschenbild zugrunde liegt, das vereinfacht besagt, dass Menschen nur auf Zuckerbrot und Peitsche reagieren. Aus der Tatsache, dass vielleicht 5% oder 10% der Richter, Ärzte oder Lehrer faul sind, werden die verbleibenden 90% oder 95% von ihrer Organisation mit einem „mechanisierten Misstrauen“ konfrontiert, das oft die Freude an der Arbeit verdirbt. Intrinsische Motivation oder Freude kommt in diesem System nicht vor. Ohne Freude an der Arbeit sinkt aber die Qualität geistiger Arbeit.
Letztlich wird mit Verweis auf Kennzahlensysteme versucht, persönliche Verantwortung zu reduzieren, da Entscheidungen, so falsch sie ex post gewesen waren, (pseudo-)objektiv begründet wurden. Gerade im Gesundheitssystem wurden Ziel (Menschen gesund machen) und Nebenbedingung (die Kosten dafür dürfen nicht aus dem Ruder laufen) bisweilen ins Groteske vertauscht. Karitative Dinge wie Blutspenden wurden durch bezahlte Blutspenden ersetzt, welche insgesamt durch eine schlechtere Blutqualität als zuvor charakterisiert waren usw., usw.
Lesen Sie bei Interesse auch Kapitel 1 und 2 in Hal Varians und Carl Shapiros Buch „Information Rules“, in dem vor mehr als 20 Jahren dargestellt wurde, dass Industrien bzw. Produkte, die durch hohe Fixkosten (die zumeist und dann zum größten Teil Sunk Costs sind) und niedrige variable Kosten charakterisiert sind, zur Bildung von temporären Monopolen tendieren müssen.
Eine Konsequenz dieser technologischen Entwicklung ist, dass einzelne Unternehmen finanziell und intellektuell (!) derart mächtig geworden sind, dass es selbst größeren Staaten schwerfällt, mit ihnen auf Augenhöhe zu verhandeln. Ende 2020 war jedes der Unternehmen Apple, Amazon, und Microsoft teurer (technisch durch die Marktkapitalisierung ausgedrückt) als der gesamte DAX30 (oder synonym DAX), zudem machten diese drei Unternehmen zusammen mit Google und Facebook im wichtigsten US-Börsenindex S&P 500 ca. ein Viertel der gesamten US-Marktkapitalisierung aus.[14]
Diese Entwicklung kam natürlich nicht aus dem Nichts. In Tabelle 1.1 werden die Börsenkapitalisierungen der teuersten Firmen weltweit im Jahr 2004 und im Jahr 2014 gegenübergestellt.
| 2004 | 2014 | ||||
| Börsenwert in Mrd. US-Dollar | Börsenwert in Mrd. US-Dollar | ||||
| 1 | General Electric (USA) | 331 | 1 | Apple (USA) | 612 |
| 2 | Microsoft (USA) | 308 | 2 | Exxon Mobil (USA) | 425 |
| 3 | Exxon Mobil (USA) | 290 | 3 | Google (USA) | 390 |
| 4 | Pfizer (USA) | 262 | 4 | Microsoft (USA) | 370 |
| 5 | Citigroup (USA) | 240 | 5 | Berkshire Hathaway (USA) | 336 |
| 6 | Wal-Mart (USA) | 225 | 6 | Johnson & Johnson (USA) | 291 |
| 7 | BP (GB) | 193 | 7 | Wells Fargo (USA) | 268 |
| 8 | AIG (USA) | 186 | 8 | General Electric (USA) | 262 |
| 9 | Intel (USA) | 179 | 9 | Royal Dutch Shell (NL) | 262 |
| 10 | Bank of America (USA) | 173 | 10 | Roche (CH) | 252 |
| 11 | Johnson & Johnson (USA | 165 | 11 | China Mobile (CN) | 252 |
| 12 | HSBC (GB) | 164 | 12 | Nestlé (CH) | 250 |
Tab. 1.1.
Die teuersten Unternehmen der Welt 2004 vs. 2014 (Quelle: FAZ[15])
Insgesamt konstatieren wir innerhalb dieser 10 Jahre eine Bewegung von Industrie, Banken und Versicherungen sowie Rohstoffexploration hin zu IT, Pharma, Gesundheit und Nahrungsmitel, was uns nach den Betrachtungen zur Demografie noch weniger überraschen wird.
Die Weichenstellung für den weltweiten Erfolg der US-Technologiefirmen erfolgte im Mutterland des Kapitalismus bereits in den späten 1990er Jahren2. Lediglich den chinesischen Internetfirmen Tencent und Alibaba und dem südkoreanischen Unternehmen Samsung gelang es – durch nationale Industriepolitik – in den vergangenen Jahren in die Phalanx der teuersten Unternehmen einzudringen. (mehr dazu in Kapitel 6).
1.3 Positive vs. Normative Theorie
Wirtschaftspolitik basiert auf ökonomischen Kriterien und Normen, die auf Werturteilen beruhen.
Im Unterschied zu den Naturwissenschaften, den Ingenieurswissenschaften, der Mathematik und mit Abstrichen der Medizin, können Sie in den Sozialwissenschaften nicht einfach die Versuchseinstellungen variieren und zum Beispiel schauen und messen, was passiert (Konkreter: Wie werden Zielgrößen wie z.B. die Beschäftigung, Inflation, Staatsverschuldung etc. beeinflusst?), wenn Sie die Einkommensteuertarife absenken, die Körperschaftssteuer abschaffen und dafür die Mehrwertsteuer erhöhen. Daran ändert auch die Tatsache wenig, dass die Simulationstechnik, die „digitale Experimente“ mit Hilfe von Computern vornimmt, in den vergangenen Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht hat. Was praktisch immer fehlt, ist eine reale Vergleichsgruppe. Wir können damit nur ahnen bzw. prognostizieren, welche Auswirkungen eine politische Maßnahme im Zeitverlauf haben wird.
Tatsächlich hat die Anwendung von Methoden der mathematischen Statistik und Ökonometrie vor allem aufgrund gestiegener Computerrechenleistung in den beiden vergangenen Jahrzehnten stark an Bedeutung zugenommen, insbesondere dann, wenn es darum geht, Annahmen oder Politikansätze „zu beweisen“.
Normative Wirtschaftspolitik wie FinanzwissenschaftFinanzwissenschaft beschäftigt sich z.B. mit dem anzustrebenden Zustand einer Volkswirtschaft. Sie basiert somit auf Werturteilen und basiert (nicht nur in Demokratien) auf (vermuteten) Zielpräferenzen, die eine hinreichende Anzahl der Bürger bzw. Bewohner einer territorialen Einheit teilt.
Die Aussage, dass ein MindestlohnMindestlohn wichtig ist, um ein selbstbestimmtes Dasein führen zu können, ist normativ. Verinnerlichen Sie auch hier, dass dominierende bzw. weitgehend akzeptierte gesellschaftliche Werte sich im Zeitverlauf verändern.
Die positive WissenschaftFinanzwissenschaft beschreibt und untersucht Zusammenhänge, ohne Werturteile zu fällen. Eine Beispielfrage lautet im obigen Zusammenhang: Wie wirken finanzpolitische Maßnahmen wie der MindestlohnMindestlohn auf die Einkommensverteilung, den Einkommensmedian, den Gini-IndexGini-Index, etc.?
Bemerkung:
Es gibt zum Thema Mindestlohn Abertausende von Studien und inzwischen auch mehr als eine Handvoll Metastudien. Der zu verallgemeinernde Erkenntnisgewinn ist beschränkt. Während etwa die Hälfte der Studien „nachweist“, dass ein Mindestlohn einen negativen Effekt auf die Beschäftigung hat, wird diese Aussage in der verbleibenden Hälfte der Studien negiert. Je eine Hauptquelle pro „Richtung“ sind David Neumark und William Wascher „Minimum Wages and Employment: A Review of Evidence from the New Minimum Wage Research” vs. Dale Belman und Paul J. Wolfson „What does the Minimum Wage do?“
Klar ist jedoch geworden: Den eindeutigen Einfluss eines Mindestlohnes gibt es nicht. So wird ein Unternehmen, wie durch das klassische Angebots- und Nachfragediagramm für den Arbeitsmarkt suggeriert, nicht notwendigerweise weniger Arbeit nachfragen, wenn der Preis der Arbeit steigt. Relevant sind ebenfalls die Arbeitseffizienz der Mitarbeiter, die Möglichkeit, die eigenen Kosten für hergestellte Güter bzw. Dienstleistungen an Kunden weiterzugeben u.v.m.
Ergebnis „normativer Forschung“ ist üblicherweise ein Vorschlag. Hier ist sehr allgemein Vorsicht angebracht: Die vorschlagende Seite hat üblicherweise ein Interesse, ihre Pro-Argumente zu überzeichnen und Gegenargumente zu ignorieren bzw. zu diskreditieren. Das bedeutet nicht, dass es keinen intellektuellen Anstand wie in der guten alten Zeit (die übrigens nicht so gut war) mehr gibt, es genügt an dieser Stelle eine Erinnerung an die mehr als 2000 Jahre alte Frage „Cui bono?“, auf Deutsch „Wem nützt es?“, und der Hinweis, dass es in der Wirtschaft keine Monokausalität gibt. Zudem werden viele Gesetze, wie übrigens auch Autos (Stichwort Rückrufaktionen) oft schnell produziert und sie weisen somit leider ebenso oft handwerkliche Mängel auf. Das Gegenteil von gut ist oft gut gemeint.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang die enge Beziehung der Wirtschaftspolitik Finanzwissenschaftzur Rechtswissenschaft, da diese den Rahmen vorgibt, „was erlaubt ist“. Denken Sie in diesem Zusammenhang zum Beispiel an das NetzdurchdringungsgesetzNetzdurchdringungsgesetz (NETZDG) und die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und machen Sie sich klar, dass rechtliche Aspekte bzw. Urteile die FinanzpolitikFinanzpolitik leiten können.
Der auf den ersten Blick erfolgversprechendste Weg, um herauszufinden, inwieweit Regierungshandeln die Bürger betrifft, ist selbige zu befragen. Das geschieht auch fast ständig; es werden im Stakkato Studien veröffentlicht, die aber oft Diametrales zu sagen scheinen. Dabei werden nicht selten Suggestivfragen gestellt.
Wenn Menschen ihr Verhalten beschreiben, sagen bzw. schreiben sie noch lange nicht die Wahrheit. Beachten Sie, dass Umfragen bzw. deren Ergebnisse das Verhalten vieler Menschen wiederum beeinflussen. Die Konzeption von Interviews und psychologischen Tests sowie deren Auswertung erfordern somit nicht nur viel Wissen, sondern auch Vorsicht. Um wirtschaftliches Verhalten zu studieren, werden seit den 1990er Jahren verstärkt soziale Experimente verwendet: Aber auch diese haben Grenzen; Menschen wissen fast immer, dass sie an einem Experiment teilnehmen. So ist es praktisch dauerhaft unmöglich, echte Zufallsstichproben (englisch: random sample) zu erhalten.
Exkurs: Ökonomie als Wissenschaft
Für die historisch junge Disziplin Volkswirtschaftslehre gibt es eine fast unüberschaubare Anzahl von Definitionen oder Definitionsversuchen (genau wie für die „alte Religion“). Dies ist insoweit nicht überraschend, als die drei wichtigsten ökonomischen Denker Adam Smith und Karl Marx Philosophen waren und John Maynard Keynes aus der Mathematik kam.
Eine Hauptrichtung der Volkswirtschaftslehre stellt auf sozialwissenschaftliche Aspekte ab, indem z.B. neben der Produktion ebenso auf die Verteilung Bezug genommen wird. Die in der Lehre an Hochschulen dominantere Strömung – jedenfalls für die Studenten, für die VWL nur ein Nebenfach ist – geht auf Lionel Robbins aus den frühen 1930er Jahren zurück: Ökonomie ist hier „die Wissenschaft, die das menschliche Handeln als Verhältnis zwischen Zwecken und knappen Mitteln, für die es alternative Verwendungen gibt, untersucht.“[16]Anders ausgedrückt: Ökonomie wird verkürzt auf knappe Ressourcen, die eingesetzt werden in dem Bestreben, a priori grenzenlose Begierden zu befriedigen. Beachten Sie, dass Argumentationen, die auf Knappheit beruhen, keiner Werturteile bedürfen.
Die Volkswirtschaftslehre wird klassischerweise in die Teilgebiete Mikro- und Makroökonomie unterteilt. Eine alternative „Aufteilung“ der Volkswirtschaftslehre ist die in WirtschaftstheorieWirtschaftstheorie, Wirtschaftspolitik und FinanzwissenschaftFinanzwissenschaft. An deutschen Hochschulen wird üblicherweise die Mikroökonomie zuerst gelehrt, bevor die Makroökonomie Gegenstand des Studiums wird. Der Begriff Makroökonomie ist historisch gesehen noch sehr jung; er wurde das erste Mal in den 1930er Jahren verwendet.
Bemerkung:
Es ist in der Tat immer eine Frage der Perspektive(n), wie sich einem Gegenstand wissenschaftlich genähert wird: Die SteuerwissenschaftSteuerwissenschaft als Querschnittsteilwissenschaft von Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre wird üblicherweise in die drei Teildisziplinen Finanzwissenschaftliche Steuerlehre, Steuerrechtswissenschaft und Betriebswirtschaftliche Steuerlehre unterteilt. Gelegentlich wird als vierter Bereich die Staats- bzw. Verfassungslehre genannt. Eine „trennscharfe“ Abgrenzung der einzelnen Fachwissenschaften ist dabei praktisch unmöglich.
Ökonomie ist immer auch eine historische Wissenschaft. Das kann man gut nachvollziehen, wenn man die erste und die letzte Auflage von Paul Samuelsons Buch „Economics“ nebeneinanderlegt. Samuelsons Buch, das 1948 in erster Auflage erschien, ist „die Mutter“ aller modernen VWL-Lehrbücher, d.h., dass fast alle zeitgenössischen einführenden Lehrbücher der VWL durch das Buch von Samuelson und seinen späteren Co-Autor William Nordhaus geprägt sind. Bis zu Samuelsons Tod im Jahr 2009 konnte das Werk, das immer noch überarbeitet und verlegt wird, somit auf 60 Jahre eigene Entwicklung zurückblicken. Paul Samuelson war einerseits einer der Väter der „mathematisierten“ modernen VWL, anderseits konnte er aber ein Lehrbuch schreiben, in dem nicht nur eine einfache Sprache verwendet und auf „zu komplizierte“ Mathematik verzichtet wurde und dafür die ökonomischen Fragestellungen im Vordergrund stehen.1 Auch machte er Probleme einer verkürzten Lehrbuchökonomie klar, als er formulierte: „John D. Rockefeller’s dog may receive the milk that a poor child needs to avoid rickets. Why? Because supply and demand are working badly? No. Because they are doing what they are designed to do, putting goods in the hands of those who can pay the most.”[17] Hier ist zunächst nur von Effizienz die Rede, nicht von Fairness (die von Samuelson später behandelt wird).
Unsere Art zu denken ist naturgemäß von unserer Ausbildung und den unser Studium prägenden Texten bestimmt. Sie können dies rasch verifizieren, wenn Sie über eine hinreichend große „Stichprobe“ von z.B. Juristen, Maschinenbauingenieuren, Musikern, Ökonomen und Ärzten in Ihrem Bekannten- und Freundeskreis verfügen, um festzustellen, dass jede dieser Berufsgruppen bzw. ihr Denken auf besondere Art durch das davor gelegene Fachstudium geprägt wurde. Paul Samuelson war sich der Bedeutung dessen, was er tat, sehr bewusst: So führte er bereits im Jahre 1948 aus „I don’t care who writes a nation’s laws – or crafts its advanced treatise […] if I can write its economics textkooks.”[18]
Bezüglich der ÖkonomieFinanzwissenschaft bzw. ihrer Teildisziplinen können wir kurz festhalten, dass sich diese natürlich wissenschaftlicher Methoden vor allem aus der (mathematischen) Statistik und der Optimierung bedient, dass ihr „Fundament“ aber sowohl orts- als auch zeitveränderlich ist und dass es sich um eine Sozialwissenschaft handelt. Experimente können nicht in unverändertem Versuchsaufbau wiederholt werden: Menschen können, frei nach Heraklit, immer noch nicht zweimal in denselben Fluss steigen.
Gregory Mankiw, Verfasser des in der Vorrede erwähnten Lehrbuchs der Makroökonomie, eröffnet sein Werk mit einem kommentierten Zitat von John Maynard Keynes:
„‚An economist must be ‚mathematician, historian, statesman, philosopher, in some degree…as aloof as incorruptible as an artist, yet sometimes as near to the earth as a politician.‘[…] No single statement summarizes better what it means to be an economist.”
Die angelsächsische Sicht- und Betrachtungsweise sozialer Phänomene unterscheidet sich oft fundamental von der kontinentaleuropäischen und im Speziellen der deutschen Sichtweise. Deutsche Standardlehrbücher versuchen im Allgemeinen mehr Inhalte zu transportieren bzw. Fragen anzureißen als ihre englischsprachigen Pendants: Vergleichen Sie diesbezüglich einmal die Inhaltsverzeichnisse eines beliebigen amerikanischen Standardwerkes mit Peter Bofingers Buch zur Volkswirtschaftslehre.
Rosen und Gayer beschreiben den Inhalt ihres 600 Seiten-Buches zu Public Finance (das oft, aber nichtsdestotrotz nicht korrekt, mit der deutschen Finanzwissenschaft gleichgesetzt wird) schlicht durch „This book is about taxing and spending activities of government.“ Sie werden kein deutsches Lehrbuch finden, dass sich derart „hart“ und präzise äußert. Das bedeutet übrigens nicht, dass ein Ansatz a priori besser oder schlechter ist, die Herangehensweise ist unterschiedlich.
Es lohnt in diesem Zusammenhang sich allgemein klarzumachen, dass eine jede Wissenschaft bzw. eine Teildisziplin derselben nicht statischer Natur ist, sondern dass sich ihre Untersuchungsgegenstände und die verwendeten Methoden im Laufe der Zeit verändern. Dies gilt für die Sozial- und die Naturwissenschaften. Man denke hier zum Beispiel an die Chemie, die erst durch die Untersuchungen Lavoisiers (1743-1794) zu einer exakten Wissenschaft wurde und die sich, nachdem sie den Ruf, eine „Hilfswissenschaft der Medizin“ zu sein, im späten 18. Jahrhundert abgeschüttelt hatte, erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein zweites Mal, diesmal von der Physik, „emanzipierte“. In jeder Wissenschaft gibt es, frei nach einer mehr als drei Jahrzehnte zurückliegenden Feststellung von Roger Penrose, Physiknobelpreisträger des Jahres 2020, großartige, nützliche, vorläufige und irreführende Theorien: Uns ist dabei fast nie bewußt, dass sich irreführende Theorien nicht nur über lange Zeiträume halten können (wie z.B. die „Feuerstoff“ Phlogiston-Theorie), sondern dass sie bzw.ihre Repräsentanten auch mitten unter uns sind bzw. sein müssen.
Tatsächlich fällt auch in der Mathematik oder Physik kein Resultat vom Himmel; Grundlage jeder mathematischen Theorie sind Axiome, also Aussagen, die nicht begründet werden müssen oder können und auf deren Basis sich mathematische Sätze beweisen lassen.
Wenn Sie für sich nur kurz die Namen einiger die Ökonomie prägender Geistesgrößen wie Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman aufrufen, dann sollte Ihnen sofort klarwerden, dass hinter den Gedankenwelten dieser Denker unterschiedliche Axiome bzw. Werte stehen, die im Gegensatz zur Mathematik nicht immer widerspruchsfrei sind.
Zu jeder Teildisziplin der Ökonomie Finanzwissenschaft existieren „schwere Wälzer“; die jeweils für die Komplexität ihrer Teilwissenschaft stehen und die für die „Tiefenausbildung“ verfasst wurden. Ein schönes Beispiel dafür, das man komplexe Zusammenhänge dennoch so darstellen kann, dass die Sicht auf den Wald vor lauter Bäumen nicht verloren geht, ist Walter Euckens aus weniger als 100 Textseiten bestehende Monographie aus dem Jahr 1938 „Nationalökonomie wozu“, in der Eucken seine grundlegenden Gedanken in einer einfachen und für gebildete Nichtexperten verständlichen Sprache darlegt. Wie in der Einleitung bereits erwähnt, geht Wissen auch verloren: Eucken ist der Mehrheit jüngerer Ökonomen, wenn überhaupt, nur noch im Zusammenhang mit dem Begriff Ordnungspolitik (für den es übrigens keine sinnvolle englische Übersetzung gibt!) bekannt.
Übungen zur Selbstüberprüfung
Übung 1.1:
Was versteht man unter dem Begriff „Arabischer Frühling“?
Übung 1.2:
Was versteht man unter „Entsolidarisierung“?
Übung 1.3:
Recherchieren Sie die Entwicklung der Börsenwerte der Firmen
VW
Bayer
Exxon Mobil
Canon
seit dem Jahre 2000 und versuchen Sie darauf basierend, die jeweilige Entwicklung bis zum Jahre 2030 zu prognostizieren.
Übung 1.4:
Definieren Sie die Begriffe
1 Marktwirtschaft
2 soziale Marktwirtschaft
2 Demografie und Demografisierung
Tatsächlich hat in den vergangenen Jahren – nicht erst seit Ausbrechen der Flüchtlingskrise – eine Demografisierung der politischen Diskussion stattgefunden, allerdings bis jetzt mit kaum sichtbaren gesellschaftlichen Auswirkungen. Wenn Sie die aktuelle Presse bzw. andere Medien verfolgen, werden Sie zahlreiche dramatische Darstellungen des Bildungssektors, der Familienpolitik, der Langzeitarbeitslosigkeit, der Rentenproblematik, des Investitionsnotstands, der Finanzierung der Krankenkassen, der Migration aus Ländern außerhalb der EU u.v.m. vorfinden, wobei einerseits oft erschreckend simplifiziert wird und, wie bereits erwähnt, andererseits alles mit allem verbunden zu sein scheint.
Bemerkung:
In den modernen täglichen Sprachgebrauch wurde der Begriff Narrativ durch Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller eingeführt.
Tatsächlich stellte aber bereits der große englische Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes fest, dass „einfache“ Menschen komplexe Themen gern durch Narrative, leicht verdauliche Miniaturtheorien, erklären. Diese nicht von diesen einfachen Menschen erdachten Theorien sind in der Tat oft interessensgeleitet à la „die Wirtschaft“ ist an billigen Arbeitskräften interessiert bzw. (vermeintlich) moralisch überfrachtet. Oft ist das Narrativ allerdings einfach „nur“ dumm.
Dass die Deutschen im Durchschnitt älter und auch größer, reicher und dicker geworden sind und über die vergangenen Generationen immer weniger Kinder bekommen haben, ist seit mindestens 40 Jahren bekannt. Ebenso ist die „Landflucht“ kein neues Phänomen. Gesellschaftliche Vorstellungen zu den daraus resultierenden Konsequenzen bezüglich eines „zeitgemäßen Lebensstils“ gibt es bisher allerdings nur in Ansätzen, diese vor allem in einigen ländlichen Räumen, die stark unter der Abwanderung junger Menschen in die Ballungszentren leiden. Diese demografischen Veränderungen verbunden mit der rasanten technischen Entwicklung, wichtigste Stichworte sind wiederum Digitalisierung Digitalisierungbzw. Digitale Transformation, sind direkt verbunden mit dem Entstehen neuer Risiken, auf die wir bisher kaum vorbereitet sind. (Konsultieren Sie hierzu z.B. die Studie der Münchener Rück „Megacities – Megarisks“ aus dem Jahre 2005).
Eine Zwangsläufigkeit der Vergreisung und des Abstiegs Deutschlands in den kommenden zwei bis vier Jahrzehnten ist im Gegensatz zur dominierenden medialen Darstellung meiner Überzeugung nach keinesfalls determiniert: Fast alle Prognoserechnungen basieren auf ceteris paribus-Bedingungen, die sich isoliert betrachtet kaum als realistisch erweisen dürften. Ferner wird, auch in den allgemein als seriös wahrgenommenen Medien, Bekanntes und Vermutetes oft durcheinandergebracht. So gehörte es bis Mitte des Jahres 2015 zum „Allgemeinwissen“, dass wir Deutschen mit 1,41 Kindern pro gebärfähiger Frau (vs. 2,1 Kinder pro Frau in Frankreich; dies entspricht ziemlich genau der Reproduktionsquote zur Bestandserhaltung einer menschlichen Population, s. weiter unten) am Ende der entwickelten Länder stehen und dass unsere akademisch gebildeten Frauen Geburten „verweigern“. Der medial bejubelte „Geburtensprung“ der letzten Jahre ändert die qualitative demografische Situation indes kaum.
Tatsächlich wissen wir nicht, wie hoch die Geburtenrate der heute lebenden jungen Frauen sein wird: Diese kann erst nach Ende ihrer gebärfähigen Jahre ermittelt werden. Ebenso sind wir, wie oft behauptet oder suggeriert, bezüglich der Geburtenrate nicht „Weltschlusslicht“ unter den entwickelten Staaten, wie ein kurzer Blick nach Singapur, Japan, Südkorea oder Taiwan zeigt. Diese hoch entwickelten asiatischen Volkswirtschaften, die bis auf Singapur keine Migrationstradition haben, sind bereits im Begriff, „zu schrumpfen“: Wir können also, wenn wir das wollen, von ihnen lernen, wie eine Gesellschaft friedlich „zurückgebaut“ werden kann.
Die Demografie bzw. das Verstehen demografischer Zusammenhänge ist ein hervorragender Ausgangspunkt, über Deutschlands Zukunft nachzudenken. Etwas im Medienstil ins Extreme versimplifiziert: Wollen wir in 30 Jahren ein Volk von 60 Millionen Menschen sein oder wollen wir durch Einwanderung das heutige Niveau von mehr als 80 Millionen Menschen halten?
Nicht nur diese beiden Extremalternativen würden unsere Gesellschaft innerhalb von ein bis zwei Generationen substanziell verändern. Gesellschaften haben sich allerdings immer verändert: Wenn es Ihnen gelingt, sich mithilfe von Filmen oder Geschichten klarzumachen, wie die west- oder gern auch die ostdeutsche Gesellschaft Mitte der 1970er bzw. Mitte der 1990er Jahre beschaffen war, und Sie diese zwei oder vier Schnappschüsse neben das heutige Deutschland legen, wird Ihnen eine ungeheure Dynamik auffallen.
Die German Angst – vergleichbare „Demografie-Diskussionen“ gibt es in unseren Nachbarländern (noch) nicht – kann durchaus zu produktivem Streit und Ergebnissen führen.
Definition 2.1:
Die Demografie oder Bevölkerungswissenschaft beschäftigt sich theoretisch und statistisch mit der Entwicklung von Bevölkerungen.
Die Demografie wird in drei Hauptforschungsgebiete unterteilt:
Definition 2.2:
Die Fertilität ist die Geburtenhäufigkeit bzw. die Anzahl der Lebendgeborenen innerhalb einer (Teil-)Bevölkerung in einer bestimmten Periode innerhalb eines bestimmten geografischen Raums. Die Fertilität bezieht sich im demografischen Sinne nicht auf die grundsätzliche Fortpflanzungsfähigkeit, sondern auf die tatsächlich erfolgten Geburten.
Definition 2.3:
Die Mortalität bezeichnet das Verhältnis der Anzahl der Todesfälle innerhalb einer Periode zur (Gesamt-) oder (Teil-)Bevölkerung.
Fertilität und Mortalität werden über Geburtenzahlen bzw. Sterbefälle, die in sogenannten Sterbetafeln ihren Niederschlag finden, statistisch dokumentiert.
Wichtig ist hier zu verstehen, dass wir aus vergangenen „Zu- und Abgangsdaten“ die Kinderzahl der heute lebenden Frauen im gebärfähigen Alter und unsere Lebenserwartung nicht wissen, sondern nur schätzen können. Ersteres, weil viele dieser Frauen noch Kinder bekommen können. Letzteres, weil wir noch am Leben sind.
Definition 2.4:
Unter Migration versteht man eine spezifische Form räumlicher Mobilität von Menschen. Herkunft und Ziel der Migranten liegen in verschiedenen Regionen eines Lands (Binnenmigration) bzw. verschiedenen Ländern (internationale Migration). Die Definition und Messung letzterer ist somit an Nationalstaaten und nicht an Kulturkreise bzw. Staatenverbünde wie die EU gebunden.
Als internationale Migranten gelten nur die Personen, die ihren Wohnsitz für eine bestimmte Mindestdauer oder für unbestimmte Zeit – eventuell für immer – ins Ausland verlegen. Damit ergeben sich unmittelbar Probleme bezüglich der internationalen Vergleichbarkeit: Die deutschen offiziellen Migrationsstatistiken erfassen z.B. bereits Ausländer mit lediglich dreimonatigem Aufenthalt, während in der Schweiz nur Personen mit mindestens zwölfmonatigem Aufenthalt als Migranten definiert werden. Einen noch anderen Weg gehen die USA: Dort können sich im Unterschied zu Deutschland Studierende und temporäre Arbeitskräfte über mehrere Jahre aufhalten, ohne offiziell als Migranten gezählt zu werden, dafür erfassen die US-amerikanischen Behörden auch illegal anwesende Personen ohne Aufenthaltsrecht. Beim Vergleich von statistischen Daten unterschiedlicher Länder kommt es somit zu Abgrenzungsproblemen und damit notwendigerweise zu Problemen der internationalen Vergleichbarkeit.
Abzugrenzen von der internationalen Migration ist die Binnenmigration, die ebenfalls kein neues Phänomen darstellt, aber seit einiger Zeit in den deutschen Medien vermehrt thematisiert wird: Hier handelt es sich in der Gegenwart überwiegend um Wanderungsbewegungen aus dem ländlichen bzw. kleinstädtischen Raum in die Großstädte bzw. Ballungsräume und damit praktisch um die langsame „Entvölkerung“ der ländlichen Räume, in denen die Zuzüge insbesondere junger Menschen die Abgänge (vulgo: den Tod) unterschreiten.
Diese teilweise Entvölkerung ländlicher Gebiete, die mit einem vermehrten Zuzug vor allem junger Menschen in Ballungsräume wie München, Hamburg und Berlin korrespondiert (die fast die gesamte ostdeutsche Provinz, aber beispielhaft auch Teile von Hessen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Nordbayern und Nordhessen trifft) ist bei Weitem kein deutsches Phänomen, wie Sie sich exemplarisch z.B. am Zentralmassiv in Frankreich oder an weiten Teilen der baltischen Staaten klarmachen können. Ob und inwiefern die Corona-Krise diesen langjährigen Trend verlangsamt oder gar umkehrt – Argumente dafür gibt es in der Tat: Weniger Menschen im Raum, geringere Mietkosten, die Möglichkeit, weitgehend online zu studieren und in einigen Berufen auch im Homeoffice zu arbeiten – wird die Zukunft zeigen.
Diese Wanderungsbewegungen wirken nicht nur auf Individuen oder geografisch verstandene „Kollektive“, sie haben auch einen schleichenden Einfluss auf die Funktionsfähigkeit von Gebietskörperschaften: Dies bedeutet nichts anderes, als dass es mittelfristig in Frage stehen wird, inwieweit Kommunen (noch dazu technologisch „abgehängte“) oder auch kleine europäische Peripheriestaaten in der Lage sein können, ihren heutigen verfassungsgemäßen Pflichten zu genügen.
Im Folgenden werden wir uns eingehender mit Fertilität und Migration beschäftigen: Die Lebenserwartung bzw. Mortalität scheint – ohne technische Innovationen – in den vergangenen Jahren im reichen Teil der Welt und damit auch Deutschland relativ konstant zu sein. Aber Vorsicht! Dieser Wert ermittelt sich als gewichtetes Mittel von etwa 84 Jahren bei Frauen und 77 Jahren bei Männern. Wenn als Durchschnittswert der Lebenserwartung in Deutschland 81 Jahre angegeben werden, ist das mathematisch sicher korrekt, inhaltlich aber sinnlos.
Ebenso wichtig sind die Aussagen einer im Sommer 2020 von Rau und Schmertmann vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock publizierten Studie, die die Lebenserwartung in allen 402 Landkreisen Deutschlands untersucht. Dabei kamen in den Extrema Differenzen von 5 Jahren bei Männern und 4 Jahren bei Frauen zu Tage.1[19]
Bildung und Lebenserwartung
Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 2015 ging u.a. an den US-Amerikaner Angus Deaton für seine Analyse des Konsums, der Armut und des Gemeinwohls.
Nach Analyse von Kranken- und Sterbedaten wies Deaton nach, dass die Lebenserwartung und die Gesundheit weißer US-Amerikaner mittleren Alters insgesamt rückläufig sind. Dies ist besonders ausgeprägt bei US-Amerikanern mit niedriger Bildung, d.h. mit Highschool-Abschluss oder weniger. Mit Anne Case veröffentlichte Deaton im Jahr 2020 das Buch „Deaths of Despair and the Future of Capitalism“.
Auch in Japan, dem Land mit der höchsten Lebenserwartung, scheint seit etwa 10 Jahren ein Sättigungspunkt (bzw. Sättigungspunkte für Männer und Frauen) erreicht worden zu sein; die Menschen werden im statistischen Durchschnitt derzeit nicht mehr messbar älter.
Zu ethischen Problemen der technischen Lebensverlängerung sind z.B. Hararis Überlegungen in „Homo Deus“ lesenswert. Etwas „hemdsärmliger“ ist Boris Palmers Meinungsbeitrag in der Welt „Nüchterne Analyse, keine falsch verstandene Pietät“.[20]
2.1 Fertilität
Wenn über den Alterungsprozess in unserer Bevölkerung berichtet wird, fallen zumeist zwei Begriffe. Die Fertilität oder Fruchtbarkeitsrate und die durchschnittliche Lebenserwartung.
Tabelle 2.1 gibt Ihnen einen Überblick über die Fertilität im Sinne von Definition 2.2 in Europa und einigen ausgewählten entwickelten Volkswirtschaften Asiens für das Jahr 2017.
| Land | Fertilität |
|---|---|
| Belgien | 1,78 |
| Dänemark | 1,73 |
| Deutschland | 1,591 |
| Frankreich | 2,07 |
| Italien | 1,43 |
| Lettland | 1,51 |
| Russland | 1,61 |
| Schweden | 1,88 |
| Spanien | 1,49 |
| China | 1,70 |
| Japan | 1,41 |
| Singapur | 0,82 |
| Süd-Korea | 1,25 |
| Taiwan | 1,12 |
Tab. 2.1:
Fertilitäten in ausgewählten Ländern (Quellen: CIA-Factbook 2017 und laenderdaten.de)
Wenn wir 2,1 Kinder pro Frau als groben Richtwert für das Bestandserhaltungsniveau in Mitteleuropa akzeptieren, d.h. dass sich so langfristig die Geburten und die Todesfälle ausgleichen, sehen wir, dass Frankreich das einzige Land in dieser Liste ist, in dem dieser Wert näherungsweise erreicht wird.
Tatsächlich ist aber Vorsicht geboten, eine Argumentation auf einer so verkürzten Datenbasis aufzubauen. Eine brauchbare statistische Analyse erfordert die Betrachtung der betreffenden Größe im Zeitverlauf. Dies werden Sie unmittelbar verstehen, wenn Sie versuchen, Daten zur Fertilität für einzelne Länder für z.B. 2016 oder 2018 mit den hier angegebenen Werten in Beziehung zu setzen (s. auch Selbsttestaufgaben am Ende dieses Kapitels).
Weil die Daten Stichtermin- (bzw. Kalenderjahr-)Charakter haben, können sie auch per definitionem nicht die Anzahl der Kinder heute lebender junger Frauen angeben. Ein etwas besserer, aber trotzdem unvollständiger Eindruck entwickelt sich, wenn man diese Daten um einen deutlich umfangreicheren Überblick zur Entwicklung der Geburtenzahlen weltweit ergänzt, wie in Tabelle 2.2 von 2005 bis 2017. Dabei sind die Ländernamen entsprechend ihren englischen Namen alphabetisch geordnet.
| Land | 2017 | 2013 | 2011 | 2009 | 2007 | 2005 |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Albanien ** | 13,20 | 12,57 | 12,15 | 15,29 | 15,16 | 15,08 |
| Algerien ** | 22,00 | 24,25 | 16,69 | 16,90 | 17,11 | 17,13 |
| Armenien ** | 12,90 | 12,86 | 12,85 | 12,65 | 12,34 | 17,76 |
| Österreich * | 9,50 | 8,73 | 8,67 | 8,65 | 8,69 | 8,81 |
| Aserbaidschan ** | 15,80 | 17,17 | 17,85 | 17,62 | 17,47 | 20,40 |
| Belgien * | 11,30 | 10,00 | 10,06 | 10,15 | 10,29 | 10,48 |
| Bulgarien * | 8,70 | 9,07 | 9,32 | 9,51 | 9,62 | 9,66 |
| China *** | 12,30 | 12,25 | 12,29 | 14,00 | 13,45 | 13,14 |
| Kroatien * | 8,90 | 9,53 | 9,60 | 9,64 | 9,63 | 9,57 |
| Zypern * | 11,30 | 11,45 | 11,41 | 12,57 | 12,56 | 12,57 |
| Tschechien * | 9,30 | 8,55 | 8,70 | 8,83 | 8,96 | 9,07 |
| Dänemark * | 10,50 | 10,20 | 10,29 | 10,54 | 10,91 | 11,36 |
| Estland * | 10,10 | 10,38 | 10,45 | 10,37 | 10,17 | 9,91 |
| Äthiopien ** | 36,50 | 38,07 | 42,99 | 43,66 | 37,39 | 38,61 |
| Europäische Union * | 10,10 | 10,19 | 9,83 (2010) | 9,9 | 10 | 10 |
| Finnland * | 10,70 | 10,36 | 10,37 | 10,38 | 10,42 | 10,50 |
| Frankreich * | 12,20 | 12,60 | 12,29 | 12,57 | 12,91 | 12,15 |
| Deutschland * | 8,60 | 8,37 | 8,30 | 8,18 | 8,20 | 8,33 |
| Griechenland * | 8,40 | 8,94 | 9,21 | 9,45 | 9,62 | 9,72 |
| Hong Kong *** | 8,90 | 7,58 | 7,49 | 7,42 | 7,34 | 7,23 |
| Ungarn * | 9,00 | 9,37 | 9,60 | 9,51 | 9,66 | 9,76 |
| Italien * | 8,60 | 8,94 | 9,18 | 8,18 | 8,54 | 8,89 |
| Japan *** | 7,70 | 8,23 | 7,31 | 7,64 | 8,10 | 9,47 |
| Lettland * | 9,70 | 9,91 | 9,96 | 9,78 | 9,43 | 9,04 |
| Litauen * | 9,90 | 9,36 | 9,29 | 9,11 | 8,87 | 8,62 |
| Niederlande * | 10,90 | 10,85 | 10,23 | 10,40 | 10,70 | 11,14 |
| Norwegen * | 12,20 | 10,80 | 10,84 | 10,99 | 11,27 | 11,67 |
| Polen * | 9,50 | 9,88 | 10,01 | 10,04 | 9,94 | 10,78 |
| Portugal * | 9,00 | 9,59 | 9,94 | 10,29 | 10,59 | 10,82 |
| Rumänien * | 8,90 | 9,40 | 9,55 | 10,53 | 10,67 | 10,70 |
| Russland * | 11,00 | 12,11 | 11,05 | 11,10 | 10,92 | 9,80 |
| Saudi-Arabien ** | 18,30 | 19,01 | 19,34 | 28,55 | 29,10 | 29,56 |
| Serbien ** | 9,00 | 9,15 | 9,19 | 9,19 | n.a. | 12,12 |
| Singapur *** | 8,60 | 7,91 | 8,50 | 8,82 | 9,17 | 9,49 |
| Slowakei * | 9,70 | 10,27 | 10,48 | 10,60 | 10,65 | 10,62 |
| Slowenien * | 8,20 | 8,66 | 8,85 | 8,97 | 9,00 | 8,95 |
| Spanien * | 9,20 | 10,14 | 10,66 | 9,72 | 9,98 | 10,10 |
| Schweden * | 12,10 | 10,33 | 10,18 | 10,13 | 10,20 | 10,36 |
| Schweiz * | 10,50 | 10,45 | 9,53 | 9,59 | 9,66 | 9,77 |
| Süd-Korea *** | 8,30 | 8,33 | 8,55 | 8,93 | 9,83 | 10,08 |
| Taiwan *** | 8,30 | 8,61 | 8,90 | 8,99 | 8,97 | 12,64 |
| Türkei ** | 15,70 | 17,22 | 17,93 | 18,66 | 16,40 | 16,83 |
| Ukraine ** | 10,30 | 9,52 | 9,62 | 9,60 | 9,45 | 10,49 |
| Großbritannien * | 12,10 | 12,26 | 12,29 | 10,65 | 10,67 | 10,78 |
| Vereinigte Staaten * | 12,50 | 13,66 | 13,83 | 13,82 | 14,16 | 14,14 |
Tab. 2.2:
Geburten pro 1.000 Einwohner in ausgewählten Ländern (CIA Factbook und laenderdaten.de)
Legende:
* EU, Norwegen, Schweiz, Russland, USA
** EU-Anrainer im erweiterten geografischen Sinne
*** Ostasien
In der Gesamtschau ist zu konstatieren:
1 Die Geburtenanzahlen in den alten bzw. entwickelteren Ländern der Europäischen Union befinden sich überall auf niedrigem Niveau. Tatsächlich kann es aber für die Entwicklung der Altersverteilung und damit für die Zukunft eines Landes von entscheidender Bedeutung sein, ob sich die langfristige Geburtenrate z.B. bei 1,8 oder 1,5 stabilisiert.
2 Die Geburtenzahlen der ost- und südosteuropäischen Mitglieder und Anrainer der EU (z.B. Ukraine, Weißrussland, Moldawien) befinden sich auf niedrigem Niveau. Vielfach sind die ohnehin seit Jahren niedrigen Werte weiterhin gesunken, was im Grunde eine hohe Migrationsbereitschaft jüngerer Menschen signalisiert. Die Anrainer im Mittleren und Nahen Osten sowie in (Nord-)Afrika haben sehr hohe Geburtenraten. Insbesondere aus Afrika besteht, wie nicht erst seit den Flüchtlingsbootsunglücken im Mittelmeer seit dem Frühjahr 2015 bekannt, Migrationsdruck nach Europa. Dies dürfte sich mittelfristig kaum ändern. UN-Prognosen gehen aktuell von einer Vervierfachung der afrikanischen Bevölkerung bis zum Jahr 2100 aus, begleitet von einem Verlust von ca. einem Drittel der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche, wobei eher unwahrscheinlich ist, dass beide Prognosen zugleich eintreffen werden können. Interessant ist der Rückgang der Geburtenrate in Äthiopien, der zumindest teilweise mit dem in westlichen Medien vielfach geschmähten „chinesischen Neokolonialismus“ in Verbindung steht. Tatsache ist auch hier, dass Frauen, die ihr eigenes Geld verdienen (in Äthiopien zumeist in der Textilindustrie chinesischer Firmen) und damit materiell unabhängig werden, weniger Kinder bekommen.
3 Die Geburtenzahlen in den entwickelten asiatischen Gesellschaften (Japan, Singapur, Taiwan, Südkorea) befinden sich qualitativ in etwa auf deutschem Niveau und damit unter EU-Durchschnitt. Dies wird insoweit zukünftig von Bedeutung sein, als die asiatischen Länder Südkorea, Japan und China (dessen Bevölkerungsstruktur sich durch die inzwischen aufgehobene Ein-Kind-Politik, die Ende der 1970er Jahre eingeführt wurde, dramatisch verändert hat; s. Kapitel 13) sowie Deutschland zu den wichtigsten Industriestaaten der Welt zählen. Auf der anderen Seite stehen die demografisch relativ jungen USA mit niedrigen Rohstoff- und Energiepreisen und eigenen Energievorkommen (Stichwort Fracking) vor einer möglichen Reindustrialierung.
4 Nicht wirklich verstanden ist die Entwicklung der Spermien und der Zeugungsfähigkeit von Männern. In der Samenflüssigkeit der Männer der westlichen Welt befinden sich immer weniger Spermien, seit Ende der 1970er Jahre hat sich die Spermienanzahl pro Milliliter Samenflüssigkeit um etwa die Hälfte verringert.[21] Allerdings sind Faktoren wie die Beweglichkeit der Spermien und Fehlbildungen von Bedeutung; so sind Männer bei ihren Vaterschaften insgesamt deutlich älter geworden. Zu Südamerika, Asien und Afrika gibt es bisher keine statistisch eindeutigen Aussagen (vermutlich, weil die Untersuchungen zu teuer und/oder deren erwartete Ergebnisse politisch unerwünscht sind).
Beachten Sie wiederum unbedingt, dass die o.g. Daten mit Stichtagsterminen korrespondieren, für die die Geburten pro 1.000 Einwohner angegeben wurden. Auch diese Jahresangaben sind zur Analyse der allgemeinen Geburtenentwicklung nur bedingt aussagekräftig. In Osteuropa brachen z.B. die Geburtenzahlen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion dramatisch zusammen, um sich später – inklusive „Nachholeffekte“ – wieder teilweise auf niedrigem Niveau zu erholen. Sie sind allerdings für die erwähnten ceteris paribus-Betrachtungen im Sinne von „Was wird passieren, wenn es so weiter geht?“ von herausragender Bedeutung.
Selbsttestaufgabe:
Vergleichen Sie die Fertilitätsraten für 2017 aus Tabelle 2.1 mit den Daten, die Statista für die EU-Staaten im Jahr 2018 zur Verfügung stellt und machen Sie Aussagen zu Kohärenz auf Plausibilität beider Datensätze.
Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/200065/umfrage/geburtenziffern-in-ausgewaehlten-laendern-europas/
Selbsttestaufgabe:
Wichtige Informationen bezüglich des Geburtenverhaltens können aus der Altersverteilung bzw. vereinfacht dem Durchschnittsalter gewonnen werden, in dem Frauen ihr erstes Kind zur Welt bringen.
Werten Sie die verfügbaren Informationen aus und versuchen Sie, diese einzuordnen.
Vgl. z.B. https://www.bib.bund.de/DE/Fakten/Fakt/F20-Alter-Muetter-bei-Erstgeburt-Deutschland-West-Ost-ab-1960.html
2.2 Altersverteilungen
Die folgende „echte“ Bevölkerungpyramide – die man heute in dieser Form nur noch in sehr niedrig entwickelten Ländern wie z.B. Äthiopien findet – illustriert die Bevölkerungsverteilung im Deutschen Reich im Jahre 1910. Man kann beim Lesen vieler Medienbeiträge zum Thema Bevölkerungsverteilung oft den Eindruck nicht vermeiden, dass eine solche Verteilung, die u.a. viele junge potenzielle Arbeitskräfte und Konsumenten darstellt, wünschenswert sei.
Tatsächlich implizierte eine Pyramidenstruktur aber bei den aktuell niedrigen Geburtenzahlen direkt, dass in jeder Alterskohorte viele Vertreter durch Krankheit o.Ä. ausscheiden – etwas, das wir nicht einmal zu wünschen wagen sollten. Eine „wünschenswerte“ Verteilung bei hoher Lebenserwartung sähe somit eher einem sich leicht verjüngenden Hochhaus mit einer Spitze in den sehr hohen Jahrgängen ähnlich. Die Pyramidenstruktur der deutschen Bevölkerung im Jahre 1910 ist hauptsächlich durch die hohen Geburtenraten während der davorliegenden Jahrzehnte begründet.
Abb. 2.1:
Bevölkerungspyramide Deutschland 1910 (Quelle: Statistisches Bundesamt[22])
Die folgende Darstellung illustriert den Vergleich der Bevölkerungsverteilung Deutschlands aus dem Jahre 1950 sowie 2018, wobei Letztere grafisch an den oft erwähnten zerzausten Weihnachtsbaum erinnert. In beiden Darstellungen ist klar ersichtlich, dass es während des II. Weltkrieges zu einem Geburtensprung kam. Rechts ist schließlich eine Prognose (unter ceteris paribus-Annahmen, die genauestens studiert werden sollten) für das Jahr 2060 angefügt.1
Abb. 2.2:
Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland 2010, 2018 vs. Prognose 2060 (Quelle: Demografie-Portal[23])
Die Prognose für 2060 in Abb. 2.2 unterschied sich kaum von ähnlichen Vorhersagen im Sommer 2015: Tatsächlich hat der massenhafte Zustrom von zumeist jungen Flüchtlingen nach Deutschland seit dem Sommer 2015 diese zukünftige Bevölkerungsstruktur verändert und auf den ersten Blick „verbessert“ (wenn auch mit einem leichten Übergewicht auf der männlichen Seite).
Beachten Sie hier, dass BevölkerungspyramideBevölkerungspyramiden, die anhand vergangener Volkszählungen erstellt werden, nur einen Eindruck über die Altersschichtung einer Bevölkerung vermitteln können; Aussagen dazu, wer Kinder bekommt und welche Bildungs- und späteren Arbeitsmarktchancen diese Kinder haben werden, liefern sie nicht.
Punktschätzungen bzw. -voraussagen für zukünftige Bevölkerungen sind, da sie fast immer auf ceteris paribus-Annahmen beruhen, somit mit äußerster Vorsicht zu genießen. Vernünftiger ist es in jedem Fall, in unterschiedlichen Szenarien zu denken und dabei zu versuchen, sich weitere Konsequenzen der im Szenario enthaltenen zukünftigen Einzelzustände vor Augen zu führen und zu bewerten.
2.3 Bevölkerungsszenarien
Abb. 2.3:
Bevölkerungsentwicklung Deutschlands bis 2060 (Quelle: Umweltbundesamt)
Abb. 2.3 illustriert mögliche Szenarien der Bevölkerungsentwicklung Deutschlands, die mit dem vorhandenen Wissen im Jahr 2009, also 6 Jahre vor Beginn der Flüchlingskrise, erstellt wurden. Wie bei Sensitivitätsanalysen im Bereich Investition und Finanzierung wurde hier an diversen Eingangsgrößen, wie Auslandsmigration, Fertilität und Lebenserwartung, variiert bzw. „gespielt“. Die Forscher hielten eine Obergrenze der Bevölkerung (grafisch die gelbe Linie) und eine Untergrenze (die blaue Linie) für möglich: Sie schätzten also, dass sich die Bevölkerung Deutschlands im Jahr 2019 zwischen etwa 78 und 81 Millionen Menschen befinden würde. Tatsächlich hatte Deutschland im Jahr 2019 ca. 83 Millionen Einwohner! Abzüglich des Sondereffektes Migration aus dem Nahen Osten und Afrika seit 2015 lag die Bevölkerung Deutschlands im Jahr 2019 also immer noch etwa eine Million Menschen höher als im oberen Szenario aus dem Jahr 2009. Bewahren bzw. entwickeln Sie also eine gewisse Skepsis gegenüber Prognosen über lange Zeiträume.
Fehlschätzungen können in der Tat – Stichwort „Mietwahnsinn“ – sehr praktische Implikationen haben. Tatsache ist, dass in den sogenannten „Schwarmstädten“ zu wenig gebaut wurde und dass die Preise von Neuvermietungen dort inzwischen vielfach ein Niveau erreicht haben, das die Hälfte des Nettoeinkommens einer gutverdienenden Kleinfamilie beträgt. Da eine Schrumpfung von Wohnraum gleichbedeutend mit einer bewussten Schrumpfung der Wirtschaft ist, wird diese Alternative von keiner der nennenswerten politischen Parteien Deutschlands propagiert. Ob das allgemein erkannte soziale und wirtschaftliche Problem bezahlbarer Wohnraum aber durch mehr oder durch weniger Staat gelindert werden soll, ist wiederum eine Wertefrage. Ich folge hier Boris Palmer, der Wohnbauland, das inzwischen gut bei 1.500 Euro und mehr pro Quadratmeter kostet, als Quelle eines leistungsunabhängigen Einkommens für den (Vorbesitzer) bezeichnet, das besteuert werden sollte und der für den Wohnungsmarkt mehr Staat anstelle von Deregulierung fordert.[24]
Um hier einem möglichen Missverständnis vorzubeugen: Diese Abweichungen haben nichts mit mangelnder Kompetenz der Demografen, die diese Szenarien gerechnet haben, zu tun. Geändert hatten sich die Fakten. Die o.g. Skepsis gilt notwendigerweise auch für alle Vorhersagen von Klimamodellen jedweder Qualität. Das Wissen darum sollte aber unabhängig davon sein, dass wir „vernünftig“ mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen umgehen. Der Mathematiker Keynes argumentierte übrigens vor einem Menschenalter im Unterschied zu allen mir bekannten Strömungen in der modernen Ökonomie, dass man „bei der Untersuchung eines Problems nicht von vornherein annehmen [solle], eine quantitative Analyse sei die angemessene Strategie, sondern genau andersrum verfahren: annehmen, dass man sie nicht nutzen kann, und sich rechtfertigen, wenn man es trotzdem tut.“[25] Beachten Sie, dass wir praktisch überall seit mehr als zwei Jahrzehnten den Gegenweg beschreiten; indem wir versuchen, Qualität durch Kennzahlensysteme zu messen (s. auch die Ausführungen zu Mathias Binswangers Buch „Warum wir immer mehr Unsinn produzieren“ in Kapitel 1.2).
2.4 Migration
Die AußenmigrationAußenmigration und damit die seit Jahrzehnten andauernde „Debatte“, die inzwischen qualitativ beantwortet scheint, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist oder nicht, sowie die Diskussion, welche Migration erwünscht sein soll (und welche nicht), sind politisch wie wirtschaftlich äußerst sensible Themen. Weitgehender Konsens besteht lediglich darüber, dass die Einwanderungspolitik eines Landes Auswirkungen auf die Migranten selbst sowie auf die Entsenderländer wie auf die Empfängerländer hat.
Die Extrema unter den reichen Ländern bezüglich ihrer Ausländerquote sind die Vereinigten Arabischen Emirate (in Dubai leben derzeit ca. 95% Ausländer) und Japan, das kaum über Zuwanderung verfügt. Somit sollte auch Konsens darüber bestehen, dass der Ausländeranteil einer Gesellschaft allein keine ausreichende Argumentation liefert, um Schlussfolgerungen bezüglich der Auswirkungen von Migration auf die heimische Bevölkerung abzuleiten.
In nachfolgender Box sind die zentralen Aussagen des Buches Exodus: Warum wir Einwanderung neu regeln müssen des Oxforder Professors und früheren Forschungsdirektors der Weltbank, Paul Collier, kurz zusammengefasst (s. auch Kapitel 15).
Kernpunkte von „Exodus: Warum wir Einwanderung neu regeln müssen“ von Paul Collier (2014)
Neben der fraglos ökonomischen Motivation von Migranten, ihre bzw. die Zukunft ihrer Kinder zu verbessern, ist Migration ein soziales Phänomen. Migration hat also ökonomische Ursachen und ökonomische und soziale Folgen. Unterschiedliche Analysen werden von der ethischen Frage überlagert, in welchem moralischen Maß die verschiedenen Auswirkungen gemessen werden sollen.
„Der Umzug von Menschen aus armen in reiche Länder ist ein einfacher ökonomischer Vorgang, allerdings mit komplexen sozialen Folgen.“ (Collier, 2014, S. 18). Weiter: „Unsere moralische Einstellung bestimmt, welche Argumente und Beweise wir zu akzeptieren bereit sind.“
Dabei werden die Pflicht der Reichen, den Armen zu helfen, und das Recht auf freie Bewegung zwischen den Ländern zumeist nicht voneinander getrennt. Die Ablehnung von Einwanderung wird vielfach mit Rassismus gleichgesetzt.
Es ergeben sich drei große Fragekomplexe, für deren Beantwortung erstaunlicherweise wenige empirisch fundierte Forschungsergebnisse vorliegen:
1 Welche Auswirkungen hat Migration auf die Migranten selbst?
2 Welche Auswirkungen hat Migration auf das Empfängerland?
3 Welche Auswirkungen hat Migration auf das Entsenderland bzw. auf die Zurückgebliebenen?
Viele vermeintliche Wahrheiten, dass die ärmeren Länder durch den Verlust ihrer besten Talente – Stichwort Braindrain – intellektuell ausbluten, lassen sich statistisch pauschal nicht belegen.
„Umgekehrt könnten sie auch gestärkt werden, wenn Schlüsselpersonen mit den Erfahrungen zurückkehren, die sie im Ausland gesammelt haben.“ (S. 203). Migration hat ferner für die Entsenderländer zwei Effekte: den direkten, der die Zahl der verfügbaren Talente verringert, und den indirekten, Bildungsdruck im Inneren aufzubauen, damit Migranten migrationsfähig werden (S. 207 ff.).
Die zentrale Frage lautet somit nicht, ob Migration per se gut oder schlecht ist, sondern, in welchem Maße sie sinnvoll ist. Globale Optimierung führt letztlich in die Irre, wenn die Aufnahmefähigkeit der Empfängerländer bzw. deren soziale Stabilität (die einen Grund für die Migration darstellt) in Frage gestellt wird, da die traditionell hohe Kooperationsbereitschaft (von Collier auch als Vertrauen referiert) der Heimatbevölkerungen in den reichen Ländern „bei zu viel Einwanderung“ gefährdet ist.
Wichtig ist hier der qualitative Unterschied zwischen der Migration aus den Peripherieländern der EU ins Zentrum der EU, die durch das Freizügigkeitsprinzip der Arbeitssuche in der EU – noch – geschützt ist, und der Migration aus den meisten EU-Anrainerstaaten in Nordafrika und im Nahen Osten.
Aus dem Baltikum und weiten Teilen Südosteuropas gehen nicht nur viele junge und gut ausgebildete Menschen fort, eine positive Rückkopplung kann wegen der niedrigen Geburtenraten (s.o.) allerdings nur sehr eingeschränkt erfolgen, was mittelfristig wiederum Folgen für die staatliche Funktionsfähigkeit haben muss.
Spätestens dann, wenn Sie sich in einem (ost-)deutschen Provinzkrankenhaus behandeln lassen, werden Sie feststellen, dass viele Ärzte aus Osteuropa, wo sie ausgebildet wurden, kommen und demzufolge dort fehlen müssen. Ebenso stellen sich Fragen, warum durch die empörungserfahrene deutsche Gesellschaft kein Aufschrei geht, wenn Vertreter deutscher Kommunen und Unternehmen seit über einem Jahrzehnt in Osteuropa wie in Südwesteuropa insbesondere junge Frauen als Alten- und Krankenpfleger anzuwerben versuchen und warum in Deutschland angeblich oder tatsächlich die Ernte ohne „Erntehelfer“ aus Osteuropa verrottet und warum in den Schlachthöfen Deutschlands fast nur Ausländer arbeiten. Die Aufzählung ist nicht vollständig.
Werfen wir nun einen Blick auf die absoluten und prozentualen Ausländerzahlen innerhalb der (erweiterten) Europäischen Union:
| Land | Ausländerzahlen in Tausend | Ausländeranteil in % |
| Deutschland | 9.219 | 11,2 |
| Großbritannien | 6.071 | 9,2 |
| Italien | 5.047 | 8,3 |
| Frankreich | 4.638 | 6,9 |
| Spanien | 4.419 | 9,5 |
| Schweiz | 2.099 | 24,9 |
| Belgien | 2.099 | 11,9 |
| Österreich | 1.333 | 15,1 |
| Niederlande | 914 | 5,3 |
| Schweden | 841 | 8,2 |
| Griechenland | 810 | 7,5 |
| Tschechien | 510 | 4,8 |
| Portugal | 397 | 3,9 |
| Lettland | 279 | 14,3 |
| Luxemburg | 281 | 47,6 |
Tab. 2.3:
Ausländer in Europa (Stand Februar 2020; Quelle: Statistisches Bundesamt[26])
Tabelle 2.3 zeigt sehr hohe Ausländeranteile in der Schweiz und Luxemburg (das aufgrund seiner geringen Bevölkerungszahl als Sitz diverser EU-Institutionen eine Sonderrolle einnimmt) an, während ihre Pendants in den Niederlanden und in Frankreich deutlich niedriger sind. Deutschland liegt mit 11,2% (nach 8,7% 2016) Ausländern bei dieser Betrachtungsweise im oberen Mittelfeld. Lettland stellt mit einer starken russischen Minderheit einen Sonderfall dar, der hauptsächlich auf die euphemistisch so genannte Stalin’sche Nationalitätenpolitik zurückgeht.
Eine monokausale Argumentation würde hier fast unweigerlich zu dem Schluss führen, dass viel MigrationMigration gut für die Harmonie einer Gesellschaft ist, eine Aussage, der vermutlich nur die wenigsten von Ihnen vorbehaltlos zustimmen würden. Tatsächlich sind die Migranten in den kleinen Ländern Schweiz und Luxemburg zumeist hoch qualifiziert und sie akzeptieren in ihrer überwiegenden Mehrzahl das Wertesystem ihres Empfängerlands.
Neben statistischen Unterschieden bei der Registrierung oder Einstufung von Einwanderern (s.o.) bezüglich ihrer Verweildauer im Aufnahmeland spielt die Einbürgerungspolitik der betreffenden Staaten eine zentrale Rolle, um direkte Schlussfolgerungen zu ziehen oder diese zu unterlassen.
Ausländer sind juristisch per definitionem Personen, die über einen anderen Pass als den des Wohn- und zumeist Arbeitsorts verfügen. So werden z.B. in Großbritannien, Frankreich (hier auch fast jedes Kind, das in Frankreich geboren wurde, unabhängig vom Status der Eltern) und den Niederlanden zahlreiche Menschen, die aus ehemaligen Kolonien stammen, als Inländer klassifiziert, obwohl ein substanzieller Teil von ihnen die „Haupt“Kultur des Empfängerlandes nicht oder nur teilweise akzeptiert.
Der statistische Anteil der Ausländer in der Schweiz war 2019 hingegen mit 24,9% formal fünf- bzw. viermal so hoch wie in den Niederlanden oder Frankreich und mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland, das Durchschnittseinkommen jedoch deutlich höher als in den drei genannten größeren Ländern.
Als Zwischenfazit können wir festhalten, dass uns prozentuale Angaben zu Ausländern innerhalb einer Bevölkerung isoliert betrachtet nicht weiterbringen.
2.4.1 Zu- und Abwanderung
In der öffentlichen Debatte wird oft der Eindruck vermittelt, dass Deutschland „schlecht tauscht“; dass also vor allem Hochqualifizierte das Land verlassen, während Geringqualifizierte zu uns kommen. In der Tat ist seit vielen Jahren ein stetiger Abfluss von Spitzenforschern in die USA sowie z.B. eine Abwanderung von Ärzten nach Skandinavien, in die Schweiz (und vor dem Brexit-Referendum auch nach Großbritannien) zu beobachten. Deutschland zieht allerdings wiederum Ärzte, aber auch zahlreiche Ingenieure und weitere nicht nur Geringqualifizierte, nicht nur aus Osteuropa an.
Abb. 2.4 vermittelt Ihnen eine Vorstellung über Zu- und Fortzüge und den korrespondierenden Migrationsüberschuss, der die Bevölkerung in Deutschland seit vielen Jahren über der Grenze von 80 Millionen hält. (Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kamen allein insgesamt etwa 2 Millionen sogenannte Russlanddeutsche in die Bundesrepublik Deutschland.)1
Abb. 2.4:
Wanderungssaldo von Ausländern für Deutschland (Quelle: Demografie-Portal[27])
Auch hier handelt es sich wiederum um Stichtagsbetrachtungen, die regionale Besonderheiten außer Acht lassen. Die Betrachtung ändert sich indes, wenn nach dem Migrationshintergrund gefragt wird. Die nächste Frage lautet also, woher die Ausländer in Deutschland kommen.
Abb. 2.5:
Ausländer in Deutschland (Quelle: Statistisches Bundesamt[28])
Bemerkung:
Seit Beginn der Flüchtlingskrise Mitte 2015 wird die in Abb. 2.5 dargestellte Verteilung von Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien, Somalia, Eritrea und Afghanistan mitgeprägt.
Hier sei noch einmal auf die Abschiedsvorlesung von Hans-Werner Sinn verwiesen, in der er eingangs mit dem deutschen „Wirtschaftswunder“ der 1950er Jahre den Zuzug von Gastarbeitern nach Deutschland erwähnt.
Die tatsächliche Integration von Ausländern (abhängig von Zugehörigkeit nach Nationalität, Einwanderergeneration, Religion u.v.m.) wird indes sehr kontrovers und oft emotional vergiftet diskutiert. Beachten Sie in diesem Zusammenhang, dass es keine allgemein akzeptierte Definition von „Integration“ gibt.
Ob die Integration der seit Sommer 2015 nach Deutschland gekommenen und noch kommenden Flüchtlinge wie die der Russlanddeutschen ca. 20 Jahre früher gelingen wird, hängt sowohl ab von der Empfängergesellschaft, also von uns, und der Bereitschaft der Neuankömmlinge, sich und ihre Kinder in die deutsche Gesellschaft einzufügen. Den entscheidenden Punkt dürfte dabei darstellen, inwieweit es der Politik und den Unternehmen gelingen wird, die zumeist gering qualifizierten Zuwanderer rasch in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dass ein MindestlohnMindestlohn in heutiger Höhe und eine massive zusätzliche Ausweitung des Angebots an gering qualifizierter Arbeit kompatibel sind, kann aufgrund ökonomischer Grundprinzipien ausgeschlossen werden.
Ein Jahr nachdem er den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft verliehen bekommen hatte, hielt Milton Friedman im Jahre 1977 einen Vortrag an der University of Chicago zum Thema „What is America?“
Stark gekürzt kommt Friedman nach einem historischen Abriss der Einwanderung in die USA zu den Schlussfolgerungen, dass freie Einwanderung in die USA bis 1914 gut gewesen sei, dass sich aber offene Grenzen und ein Wohlfahrtsstaat wechselseitig ausschließen.[29]
Dies gilt meines Erachtens 40 Jahre später in Deutschland wie überall. Es ist somit wieder eine Frage der Werte (und der Gesetze), wie praktische Politik gemacht wird.
2.4.2 Alterung und Binnenmigration
Wie bereits gesehen sind Prognosen in der Demografie mit Vorsicht zu betrachten. Diese werden zumeist unter ceteris paribus-Bedingungen unter Variation von diversen Eingangsparametern gerechnet. Abbildung 2.6 illustriert die antizipierte Veränderung des Medianalters – das Alter, bei dem die Hälfte der Bevölkerung jünger und die andere Hälfte älter ist – von realen Daten aus dem Jahr 2012 bis hin zur Schätzung dieses Wertes für 2030.
Abb. 2.6:
Veränderung des Medianalters in Kreisen und kreisfreien Städten, 2012 vs. Schätzung 2030 (Quelle: Bertelsmann Stiftung)
Abb. 2.6 korrespondiert mit einem erwarteten deutlichen Bevölkerungsrückgang weiterer ländlicher Gebiete Deutschlands. Perspektivisch lebensfähige Städte mittlerer oder kleiner Größe finden sich fast ausschließlich im süddeutschen Raum. Diese Entwicklung kann, wie das folgende Paar von Abbildungen deutlich macht, parallel durch die Entwicklung der Immobilienpreise bzw. des Leerstands bei Wohnimmobilien innerhalb Deutschlands dargestellt werden, was die pauschale Behauptung, dass eine Immobilie eine passende AltersvorsorgeAltersvorsorge sei, jedenfalls in geografischer Hinsicht relativiert.
Abb. 2.7:
Leerstand in Geschosswohnungen 2018 und Dynamik von 2013–2018 (Quelle: Empirica-Institut)
Diese bisherige Entwicklung ist bzw. war nicht typisch deutsch; in Gesamteuropa, Nord- und Südamerika sowie weiten Teilen Asiens beobachteten wir (vor Ausbruch der Corona-Krise) eine Wanderungsbewegung in die Ballungsgebiete. Deutschland profitiert in Europa zudem davon, dass junge, zumeist gut qualifizierte Menschen aus den geografischen Peripherieländern wie Lettland oder Portugal nicht ausschließlich in ihre korrespondierenden Großräume, sondern gleich weiter ins Zentrum Europas ziehen.
Bemerkung:
Lettland verlor seit Beginn der 1990er Jahre mehr als 20 Prozent seiner Gesamtbevölkerung.[30] Diese lag im Jahre 2020 bereits deutlich unter 2 Millionen Menschen. Dieser Trend wird sich fast sicher in den nächsten 10 bis 20 Jahren fortsetzen.
Resumé
Die deutsche Bevölkerung wird älter, die Anzahl der geborenen Kinder ist nicht bestandserhaltend. Tatsächlich ist aber eine einseitige Fixierung auf Geburtenraten in hohem Maße kontraproduktiv. Wichtiger als die Anzahl der noch nicht geborenen Kinder wird deren zukünftiger Wertbeitrag zur Gesellschaft bzw. ihre Produktivität sein, die einzig über den Weg von Bildung vorbereitet werden kann.
Innerhalb Deutschlands findet einerseits eine Binnenmigrationsbewegung vom ländlichen in den halbstädtischen und städtischen Bereich statt, andererseits führt die AußenmigrationAußenmigration fast ausschließlich in die Groß- bzw. Ballungsräume. So hat in Frankfurt am Main mehr als die Hälfte aller dort lebenden Menschen einen Migrationshintergrund; in Stuttgart, München, Düsseldorf und Köln sind es jeweils mehr als 40%. Neben der Entvölkerung weiter Landstriche Deutschlands trifft diese Bevölkerungsbewegung somit vor allem die geografischen Peripherieländer der Europäischen UnionEuropäische Union. Diese Wanderungsbewegungen stellen fast alle Gebietskörperschaften vor neue Herausforderungen; die einen, weil zu wenige, die anderen, weil zu viele Menschen mit dazu sehr heterogenem sozialem Hintergrund und unterschiedlichen Lebensmodellen auf geringem Raum „zu versöhnen und zu versorgen sind“. Die demografischen Entwicklungen haben somit einen direkten Einfluss auf die sich ändernden Aufgaben des Staates, sie betreffen aber ebenso Investitions- und Konsumverhalten sowie die Innovationsfähigkeit der Gesellschaft als Ganzes.
Ob und inwieweit wir am Anfang eines messbaren Trends zur (Rück-)Bewegung in den ländlichen Raum sind, wird sich noch zeigen. Notwendige Voraussetzung dafür wäre aber die Verbesserung der Infrastruktur und dies betrifft nicht nur Breitband-Internetzugänge, Kindergärten und Schulen sondern vor allem die ärzliche Versorgung.
Exkurs: Zum täglichen Umgang mit Zahlen und Statistik
Warum so viel Statistik?
Statistische Erhebungen und Auswertungen werden im öffentlichen Raum von Akteuren aus Wirtschaft, Politik, Gesundheitswesen usw. primär aus dem Grund verwendet, um die Glaubwürdigkeit der eigenen Aussagen zu erhöhen bzw. die Sinnhaftigkeit oder Alternativlosigkeit der eigenen Handlungen zu begründen. Im günstigen Fall sollten Statistiken dabei dem Verständnis der wesentlichen inneren Strukturen und der natürlichen zeitlichen und räumlichen Veränderungen von wirtschaftlichen und/oder politischen Einheiten vieler Menschen oder „Gemeinwesen“ dienen.
Obwohl mindestens ein Viertel der erwachsenen Deutschen durch ihr Studium und ihre berufliche Praxis mit den Grundkonzepten der deskriptiven und der Inferenzstatistik vertraut sein sollte, gibt es wenig Widerrede oder Fragen zum fragwürdigen bis falschen Einsatz von Statistik im öffentlichen Diskurs. Mutmaßungen, warum dem so ist, können dem in den Redaktionen antizipierten Wunsch der Leser, dass Komplexität reduziert werden soll, Rechnung tragen. Ebenso plausibel ist, dass die meisten Redakteure auch renommierter Medien Absolventen von Studiengängen sind, die weitgehend statistikfrei sind. Diese Vermutung läßt sich relativ einfach verifizieren: Vgl. z.B. https://www.faz.net/redaktion/ und https://www.spiegel.de/impressum.
Wenn Sie über das Bonmot von Des MacHale „Der durchschnittliche Mensch hat einen Busen und einen Hoden“ lachen, sollten Sie sich an die bereits erfolgte Erörterung der Sinnhaftigkeit der Aussage „Die Lebenswartung in Deutschland beträgt 80,99 Jahre“ erinnern. Nachfolgend ein paar „Bullet Points“, die Sie ggf. im Hinterkopf behalten sollten, wenn Sie Texte, die statistische Informationen beinhalten, lesen. Am Ende dieses Exkurses finden Sie eine kurze Liste guter „Unterhaltungsbücher“ zu Statistik und Wahrscheinlichkeitslehre.
Datenerhebung
Intuitiv einleuchtend ist, dass Sie keine sinnvollen Aussagen zu den Lesegewohnheiten der deutschen Gesamtbevölkerung generieren können, wenn Sie Ihre Befragungen am Eingangstor einer Universität durchführen: Ebenso wird Ihnen sofort einleuchten, dass es keine gute Idee ist, die Körperlängen der Spieler der Basketballnationalmannschaft zu messen und von diesen Daten auf die deutsche (männliche) Gesamtbevölkerung zu schließen. Diese „Beispiele“ mögen Ihnen albern vorkommen, aber genau hier liegt oft das grundsätzliche Problem: Wann immer Statistiken sinnvoll verwendet werden, sollte klar sein, wer gemessen hat, wie gemessen wurde, welche Daten intrapoliert und welche Daten extrapoliert wurden.
Damit kommt die Illusion der Präzision ins Spiel, die ein psychologisches Bedürfnis zu bedienen scheint. Für die meisten Menschen glaubwürdig sind exakte Zahlen (bei relativen Werten gern mit mehreren Nachkommastellen), obwohl selten hinreichend geklärt ist, wie das zugrunde liegende Datenmaterial erhoben wurde oder ob es „passt“. Denken Sie zum Beispiel einmal über die Sinnhaftigkeit der Aussage „In China lebten im Jahr 2019 1.401.764.328 Menschen.“ nach.
Wenn im Frühjahr oder Sommer 2020 zum Beispiel von Corona-Infektionszahlen in unterschiedlichen Staaten oder auch Bundesländern die Rede war, so wurden diese auf der Basis unterschiedlichster Testhäufigkeiten und Verfahren ermittelt. Statistiker bemühen bei Zahlen, deren zugrundeliegenden Rohdaten unterschiedlich erhoben werden, das Bild der Unmöglichkeit, sinnvoll „Äpfel mit Birnen zu vergleichen“.
Ein weiteres grundsätzliches Problem besteht darin, dass die Zahlen, die verwendet werden, oft nicht sinnvoll eingeordnet werden können. Dazu bieten sich, bei allen Schwächen, die überschlagsmäßige Ermittlung von Durchschnittswerten und bei zeitlichen Vergleichen von durchschnittlichen Wachstumsraten an.
Wenn Sie wieder an die Frühphase der Coronakrise im März und April 2020 zurückdenken, wurden damals u.a. Begriffe wie exponentielles Wachstum, tägliche Neuinfektionen, die relativen Veränderungen der Neuinfektionen, Verdoppelungszeiträume von Infizierten und Reproduktionsfaktoren ins Feld der Diskussion geführt. Oft verwendet wurde auch der den meisten Deutschen bis dato nicht bekannte Begriff der Überschusssterblichkeit. Dieser ist allerdings durch ein Problem charakterisiert, das wir bereits bei der Fertilität kennengelernt haben. Weitgehend richtig ermitteln können wir die Überschusssterblichkeit nur für die bereits vergangene Zeit. Zudem ist hier mit kausalen Ausssagen jeder Art Vorsicht geboten. Wir sehen also nicht einmal im Rückspiegel genau, ob die schwedische Regierung klüger handelte als die deutsche, die chinesische oder die US-amerikanische. Interessant zu beobachten wird sein, inwieweit der zumeist nicht hinreichend erläuterte Sprung von einer zu einer anderen Kennzahl das Vertrauen oder besser die Nachfrage nach statistischen Zahlen zukünftig verändern wird. Bereits erwähnt wurde, dass damit offensichtlich vor allem ein psychologisches Bedürfnis der Empfänger der statistischen Botschaft bedient wird. Zudem werden damit eine vermeintliche Sicherheit bzw. Objektivität transportiert.
Der Gebrauch des arithmetischen Mittels
Die eine alles erklärende Maßzahl gibt es nirgendwo. Sonst bräuchten wir auch keine Statistik (und ein Kochbuch mit den ultimativen Rezepten und eine Philosophie täten es vermutlich auch).
Denken Sie hier zum Beispiel an die zahlreichen Kennzahlen, die in der Unternehmensbewertung Verwendung finden oder an das Kurs-Gewinn-Verhältnis, das Gewinnwachstum, die Dividendenrenditen, den freien Cash-Flow usw. bei der Aktienanalyse. Selbst die Kombination mehrer „guter“ Kennzahlen schützt Sie nicht vor Fehleinschätzungen und damit Fehlentscheidungen.
In jedem Grundkurs der Statistik, der diesen Namen verdient, werden Sie mit den Maßen der sogenannten zentralen Tendenz Mittelwert, Median und Modalwert, diversen Streuungs- oder Dispersionsmaßen sowie Maßen für Symmetrie oder Spitzgipfligkeit einer Verteilung bekannt gemacht. In den Medien ist es aber das arithmetische Mittel, das trotz beschränkter Aussagekraft zumeist im Alleingang verwendet wird.
Nehmen Sie zum Beispiel an, dass im Jahr 2018 das durchschnittliche Einkommen eines Bürgers einer deutschen Großstadt mit 250.000 Einwohnern 40.000 Euro betrug. Die Aussagen, dass das Gesamteinkommen dieser Stadt mit 250.000 Einwohnern 10.000.000.000 Euro (10 Milliarden Euro) beträgt und dass das durchschnittliche Einkommen 40.000 Euro beträgt, sind äquivalent. Sie stellen lediglich unterschiedliche Perspektiven dar. Zu dieser Bevölkerung gehören natürlich Kinder, Empfänger von Transferleistungen usw.
Nehmen Sie nun an, dass Bill Gates, Microsoft-Gründer, Multimilliardär und Chef der Bill und Melinda Gates-Stiftung,1 in diese Stadt zieht. Sie können leicht verifizieren (Google ist diesem Fall wirklich Ihr Freund), dass Bill Gates’ Einkommen (Dividenden, Wertzuwachs von Microsoft- Aktien und anderen Anlangen) im Jahr 2018 etwa 10 Milliarden Euro betrug. Wenn Sie also das neue Durchschnittseinkommen Ihrer Großstadt ermitteln, werden Sie 20 Mrd. Euro durch 250.001 dividieren und folglich auf Grund des einen Ausreißers einen Wert von näherungsweise 80.000 Euro Durchschnittseinkommen ermitteln. Nur hat sich das durchschnittliche Einkommen (wie dieser Durchschnitt zustande gekommen ist, wissen wir hier übrigens auch nicht) der ursprünglichen 250.000 Menschen nicht geändert. Der Effekt wäre natürlich noch beeindruckender gewesen, wenn Bill Gates in ein Dorf gezogen wäre: Je kleiner die Populationsanzahl, umso größer ist der Bias (auf deutsch Verzerrung), auch wenn sich für fast alle Menschen nichts geändert hat. Auch ohne Bill Gates gilt jedenfalls, dass mehr als die Hälfte einer Bevölkerung weniger als das Durchschnittseinkommen verdienen. Wieviele das sind, hängt von der Einkommensverteilung ab.
Bemerkung:
Aus Gründen der besseren Interpretierbarkeit ziehen Statistiker im Normalfall den Einkommensmedian, das ist der Wert, für den die eine Hälfte der Bevölkerung ein niedrigeres und die andere Häfte ein höheres Einkommen erzielt, dem BIP per capita bzw. dem Pro-Kopf-Einkommen vor. Im Jahr 2019 betrug das Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland 41.342 Euro, während der Einkommensmedian bei „nur“ 2.503 Euro pro Monat, also ca. 30.000 Euro pro Jahr lag. Diese Werte sind zwar nicht direkt vergleichbar: Jenseits von Arbeitgeberbeiträgen zur Sozialversicherung wird der Unterschied aber noch größer, wenn man berücksichtigt, dass bei der Berechnung des Pro-Kopf-Einkommens die Gesamtbevölkerung und beim Medianeinkommen nur die arbeitende Bevölkerung gezählt wird. (In Deutschland befanden sich 2018 mit 51,8 Mio. Menschen etwa 60% der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, von denen mit 44,6 Mio. Menschen auch nicht alle arbeiten.)[31]
Seit Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre sind in allen wichtigen Industrieländern die Einkommen des oberen Fünftels der Einkommenspyramide bedeutend stärker gestiegen als die des „Restes“. Dass wir quantitativ zwar keine amerikanischen Verhältnisse – bereits 2016 verdienten amerikanische Spitzenmanager mehr als das 300-fache eines durchschnittlichen (!) Arbeiter- oder Angestelltengehaltes – haben, uns aber offensichtlich auch an obszöne Gehälter von Angestellen in der Spitzengruppe gewöhnt haben, können Sie leicht nachprüfen, indem Sie die öffentlich zugänglichen Vorstandgehälter von VW, Siemens, BASF usw. mit normalen guten Gehältern vergleichen. Sehr empfohlen sei Ihnen Nobelpreisträger Joseph Stiglitz’ Buch „Der Preis der Ungleichheit“.
Arbeiten mit geschätzten Durchschnittswerten
Natürlich bleibt die Ermittlung von Durchschnitten sinnvoll. Jedenfalls in einem ersten Schritt. Echte Statistiker mögen sich wegen der Hemdsärmlichkeit des Vorgehens bei den folgenden Beispielen die Haare raufen und zahlreiche methodische Einwände erheben: Hier geht es aber einzig und allein darum, „vernünftige“ und interpretierbare Schätzwerte bezüglich der Dimension der in Frage stehenen Größen zu ermitteln. Beachten Sie, dass die Input-Zahlen stets bewusst einfach gewählt wurden.
Wenn Sie zum Beispiel einen schnellen Schätzwert für die durchschnittliche Anzahl der Todesfälle pro Tag in Deutschland ermitteln wollen, bietet sich an, die Gesamtbevölkerung durch die approximative Lebenserwartung zu dividieren, um eine erwartete Anzahl von Todesfällen pro Jahr zu schätzen: Wir nehmen bei 80 Millionen Menschen in Deutschland eine durchschnittliche Lebenserwartung von 80 Jahren an; ermitteln 1.000.000 Todesfälle pro Jahr und dividieren großzügig aufgerundet durch 400 als Näherungswert für die Anzahl der Tage im Jahr, auch um die Abweichung von der Gleichverteilung der Jahrgänge etwas zu korrigieren. Unser Schätzwert beträgt 2.500 Tote pro Tag in Deutschland und ist damit nicht sehr weit vom „echten“ Wert entfernt. Statista gibt für das Schaltjahr 2018 954.874 Todesfälle in Deutschland und damit durchschnittlich 2.608,945 Tote pro Tag an. Unsere Schätzung ist mit etwas weniger als 5% Abweichung von diesem wahren Wert also ganz brauchbar. (Beachten Sie, dass es saisonale Unterschiede gibt: Der Monat mit den durchschnittlich höchsten Todeszahlen war in den letzten Jahrzehnten in Deutschland der März).
Bei Geldbeträgen fehlt uns zumeist die Vorstellungskraft, was große absolute Summen für ein Gemeinwesen bedeuten. Wenn also berichtet wird, dass Deutschland bei der Finanzierung des WHO-Haushaltes „in dem Zweijahreshaushalt 2016/17 mit rund 158,5 Millionen US-Dollar pro Jahr einen Anteil von 6,4%“ trägt, bedeutet dies, dass der Beitrag Deutschlands zur WHO bei weniger als 1 US-Dollar pro Bundesbürger und Jahr lag. Da sich der Wechselkurs zwischen Euro und US-Dollar in dieser Zeit zwischen 1,08 US-Dollar und 1,24 US-Dollar pro Euro bewegte, erschwert eine exakte Angabe; unabhängig davon landen wir aber bei weniger als einem Euro pro Person und Jahr. Wenn Deutschland 525 Millionen Euro für die internationale Zusammenarbeit bei der Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten gegen das Coronavirus bereitstellen will (Nachricht vom 5. Mai 2020), sind dies etwas mehr als 6 Euro pro Person und Jahr usw.
Als im Jahre 2018 von 12 bis 15 Milliarden Euro die Rede war, die Deutschland auf Grund des Brexits mehr pro Jahr an den EU-Haushalt überweisen sollte, entsprach dies immerhin schon 150 bis 180 Euro pro Person (Kinder und Rentner eingeschlossen) und Jahr. Überlegen Sie selbst, ob z.B. die Aussage, dass es sich um 321,48 Euro pro Erwerbstätigen in Deutschland und Jahr handelte, zielführender ist und welche Annahmen (Gleichsetzung von Teilzeitbeschäftigen und Vollzeitbeschäftigten u.v.m.) dahinständen.
Unabhängig von der Sinnhaftigkeit dieser Zahlungen wird leicht ersichtlich, dass es sich hier um volkswirtschaftlich nicht wirklich dramatische Größen handelt. Diese qualitative Aussage kann so nicht gemacht werden, wenn die staatlichen Kredite und Garantien in Folge der Corona-Krise betrachtet werden, die sich fast ausnahmslos im fünfstelligen Eurobetrag pro Person bewegen.
Arbeiten mit Wachstumsraten
Wir sind es gewöhnt, Wachstum vorauszusetzen. Dies betrifft das BIP, die Bevölkerung, und die reale „Vermehrung“ von Geld, die auf ertragreichen Investitionen beruht.
Auch wenn die meisten Menschen in der Euro-Zone seit ca. 10 Jahren kaum noch wissen, was nominale Zinsen sind bzw. waren, haben fast alle schon einmal die Zinseszinsformel gesehen.
Wir ersetzen nun den Zins verallgemeinernd durch eine durchschnittliche Wachstumsrate g. Dann lautet die allgemeine Wachstumsformel

wobei V0 den Startwert zum Zeitpunkt t = 0 und VT den Wert der Variable V nach T Perioden darstellen. Die durchschnittliche Wachstumsrate g ermittelt sich durch Umstellen von (*).

Laut Statista waren in den Studienjahren 2009/10 2.121.190 Studierende und 2019/2020 2.897.336 Studierende an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Wir erhalten somit für den Zeitraum von 2009/2010 bis 2019/2020 ein durchschnittliches jährliches Wachstum der Anzahl der Studierenden in Höhe von 3,16%. Um dieses sinnvoll einordnen zu können, benötigen wir allerdings weitere Informationen: Wie entwickelte sich insbesondere die Teilpopulation, zu der die Studienanfänger gehören, insgesamt? Wir abstrahieren nun vom Sondereffekt des Zuzuges von mehr als 1 Million überwiegend junger Flüchtlingen seit 2015 und vergleichen vereinfacht die Anzahl der Geburten im ersten gesamtdeutschen Jahre 1991 mit der Anzahl der Geburten im Jahre 2001 (die 2019 ein Studium hätten aufnehmen können): Hier fand ein Rückgang von 830.019 auf 734.475 statt. Die Anzahl der Studierenden stieg also von 2009 bis 2019 „auf Kosten des Restes“ um mehr als 4% pro Jahr.
Fehler 1. und 2. Art und statistische Tests
Nehmen Sie an, dass Sie Kreditsachbearbeiter bei einer Bank sind. Sie können nun zwei Arten von Fehlern machen. Sie genehmigen einen Kredit an einen Kunden, der sich später als schlechter Kunde erweist und Sie verweigern einem Kunden, der ein guter Kunde gewesen wäre, den Kredit. Zwischen Ihrer Entscheidung und der Erkenntnis, ob Ihre Nullhypothese „Der Kunde ist ein guter Kunde.“2 korrekt war oder nicht, liegt eine Zeitperiode.
Sie können also, wie überall im Leben, das Falsche tun und das Richtige nicht tun. Beobachten können Sie allerdings nur den sogenannten Fehler 1. Art, wenn sie später feststellen, dass Ihr Kunde nicht vertragsgemäß zurückzahlt, dass Sie also das Falsche getan haben. Von einem Kunden, dem Sie den Kredit verweigert haben, können Sie nur ahnen, dass er vielleicht doch ein guter Kunde gewesen wäre und dass Sie somit das Richtige nicht getan haben.
Tatsächlich sind aber beide Fehler interdependent: Um dies zu verstehen, genügt es zu fragen, wieviele Kunden Ihre Bank haben wird, wenn Sie absolut sicher sein wollen, keinen schlechten Kunden zu haben? Die Antwort ist, dass Sie keinen Kunden haben werden. Je kleiner der Fehler 1. Art, die Bereitschaft, etwas falsch zu machen, um so größer ist also der Fehler 2. Art, das Richtige nicht zu machen.
Die Werte von α = 1% oder α = 5%, die im Allgemeinen bei wissenschaftlichen Studien und Meinungsumfragen verwendet werden, sind dabei lediglich Konventionen. Tatsächlich sollte der Fehler 1. Art Ihre Fehlertoleranz in einem speziellen Fall widerspiegeln. Diese wird bei Sicherheitssystemen von Kraftwerken und Schnellzügen sicherlich nicht 1% sein können und bei Investments in Startups gern oberhalb von 50% liegen können.
Kommen wir zu einer Anwendung der Interpretation eines Tests. Im Zuge der Corona-Krise wurde regelmäßig über getestete und nichtgeteste Personen geschrieben: Dabei wurde mitunter auch erwähnt, dass Tests fehlerhafte Resultate lieferten. Tatsächlich liegt der Teufel aber auch hier in den Grundproblemen eines jeden statistischen Tests.
Stellen Sie sich vor, gerade aus dem Urlaub nach Hause zurückgekommen zu sein. Zufällig erfahren Sie, dass in der Gegend, in der Sie Ihren Urlaub verbracht haben, eine seltene, aber sehr gefährliche Krankheit grassierte. Sie entscheiden sich, einen Arzt aufzusuchen und sich einem medizinischen Test zu unterziehen. So ein Test hat nun zwei mögliche Ergebnisse: positiv (Der Test klassifiziert Sie als infiziert) und negativ (Sie sind laut Test nicht infiziert). Ihr Test ist nun so gut, dass er 99 Infizierte von 100 Infizierten identifiziert und lediglich zwei Nichtinfizierte von 100 Getesteten fehlerhaft als infiziert einstuft. Es handelt sich dabei um einen aus medizinischer Sicht wirklich guten Test.
Ihr Arzt präsentiert Ihnen nun Ihr Testergebnis: Sie wurden positiv getestet. Unabhängigig von Ihrer nervlichen Belastung: Was können Sie mit dieser Aussage anfangen? Zunächst einmal überhaupt nichts! Nicht bekannt ist nämlich bisher, wieviele Menschen in der betreffenden Gegend tatsächlich infiziert waren. Diese Prävalenz, also die Rate der Erkrankten, betrage nun annahmegemäß 1:1.000.3 Nun können Sie sich die Lösung Ihres Problems, sich einer Antwort auf die Frage „Gibt es Grund zur Panik?“ über bedingte Wahrscheinlichkeiten nähern. Intuitiv einleuchtend funktioniert dies ebenso bei ausschließlicher Verwendung der Grundrechenartenarten unter der sich rasch erhellenden Annahme, dass wir es mit 100.100 Personen zu tun haben, wie folgt:
| Alle Teilnehmer | Positiv getestet | Negativ getestet | ||||
| In % | Absolut | In % | Absolut | In % | Absolut | |
| Infiziert | Ca. 0,1 | 100 | 99 | 99 | 1 | 1 |
| Nicht infiziert | Ca. 99,9 | 100.000 | 2 | 2.000 | 98 | 98.000 |
| Summe | 100% | 100.100 | 2.099 | 98.001 | ||
Die Schätzung der Wahrscheinlichkeit, dass Sie bei einem positiven Testergebnis tatsächlich infiziert sind, ermittelt sich nun als Ergebnis von 99/2.099 und korrespondiert damit zu weniger als 5%. Jenseits des kleinen Rundungstricks bei der Aufteilung der fiktiven 100.100 Personen in 100 Infizierte und 100.000 Nichtinfizierte ist das Ergebnis für Sie erfreulich, gesamtwirtschaftlich aber schlicht sehr teuer.
Ob wir einen solchen Tests schlussendlich einsetzen, hängt davon ab, welchen Wert wir einem einzelnen Leben, das wir retten können, und den Opportunitätskosten beimessen. Dies ist aber keine statistische, sondern eine Wertefrage.
So ist die Aussage des Robert Koch-Instituts, dass Ende April 2020 in Deutschland 6.288 Menschen an Covid-19 gestorben sind, von denen 2.269 jünger waren als 80 Jahre, deskriptiver Natur. Welcher „Aufwand“ bezüglich der Eindämmung von Corona betrieben werden sollte, um einzelne Leben zu retten bzw. zu verlängern, ist hingegen eine Wertefrage.
So wie Bill Gates am 3. April 2015 die Gefahr und die Konsequenzen einer kommenden weltweiten Pandemie in einem öffentlichen Vortrag skizzierte[32], erörterte Yaval Noah Harari, ebenfalls 2015, in seinem Buch “Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen“ prinzipielle Fragen von Leben und Tod, deren frühzeitige Beschäftigung uns bei Ausbruch der Corona-Krise hätte helfen können.
„Für moderne Menschen ist der Tod ein technisches Problem, das wir lösen können und lösen sollten.“ (S. 26). Und weiter: „Selbst wenn Menschen bei einem Hurrikan, bei einem Autounfall oder im Krieg sterben, betrachten wir dies gern als technisches Versagen, das man hätte verhindern können und müssen. Hätte die Regierung nur eine bessere Politik verfolgt, hätte die Kommune ihre Aufgaben angemessen erfüllt, hätte der Militärbefehlshaber eine klügere Entscheidung getroffen – dann wäre der Tod zu verhindern gewesen. […] Weil aber Alter und Tod die Folge von nichts anderem als spezifischen Problemen sind, gibt es keinen Punkt, an dem Ärzte und Forscher aufhören. […] Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte spricht nicht davon, die Menschen hätten ein ‚Recht auf Leben bis 90 Jahre‘. […] Dieses Recht kennt kein Verfallsdatum.“ (S. 36) Explizit weiter geht der australische Biologe David A. Sinclair, Professor an der Harvard University: Für ihn ist Altern eine Krankheit.[33]
Literatur:
Gero von Randow: Das Ziegenproblem: Denken in Wahrscheinlichkeiten, Rororo, 2004.
Walter Krämer: So lügt man mit Statistik, Campus, 2015.
Walter Krämer: Statistik verstehen, Piper, 2001.
Hans-Peter Beck-Bornholdt und Hans-Hermann Dubben: Der Schein der Weisen. Irrtümer und Fehlurteile im täglichen Denken, Rororo, 2003.
Hans-Peter Beck-Bornholdt und Hans-Hermann Dubben: Der Hund der Eier legt. Erkennen von Fehlinformationen durch Querdenken, Rororo, 2006.
Übungen zur Selbstüberprüfung
Übung 2.1: Nehmen Sie an, dass Sie sich nach dem im Exkurs besprochenen Test einem unabhängigen zweiten Test gleicher Qualität unterziehen und dass das Testresultat wiederum positiv lautet. Wie hoch ist nun die Wahrscheinlichkeit, dass Sie infiziert sind?
Übung 2.2: Machen Sie sich die Zu- und Abgänge im demografischen Sinne in Ihrer kreisfreien Stadt bzw. in dem Landkreis, in dem Sie leben, vom Jahre 1989 bis heute klar. Analysieren Sie den Einfluss von Binnenmigration, Außenmigration sowie den Saldo von Geburten und Todesfällen der einheimischen Bevölkerung auf die Gesamtentwicklung.
Versuchen Sie, die Sozialstruktur Ihrer Stadt bzw. Ihres Landkreises in den Stichjahren 2000, 2010 und 2020 zu vergleichen.
Machen Sie sich die methodischen Probleme klar, wenn Sie an die Erfüllung dieser Aufgaben gehen, und beschreiben Sie diese präzise. Beschreiben Sie, wie Sie mit diesen Abgrenzungsproblemen umgehen.
Übung 2.3: Aggregiert nach Kontinenten vermeldet Statista für das Jahr 2019 Fertilitätsraten für Europa von 1,5 Kindern, für Nordamerika von 1,7 Kindern, für Asien 2,1 Kinder, für Australien und Ozeanien 2,3 Kinder und für Afrika von 4,5 Kinder pro Frau. (Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1724/umfrage/weltweite-fertilitaetsrate-nach-kontinenten/)
Überlegen Sie sich, wie Statista diese Durchschnittswerte ermittelt haben könnte.
Übung 2.4: Es gibt Schätzungen, dass um das Jahr 10000 v.u.Z. etwa 10 Millionen Menschen auf der Erde lebten. Wie hoch war die durchschnittliche Zuwachsrate pro Jahr, wenn Sie annehmen, dass im Jahr 2020 8 Mrd. Menschen auf der Erde lebten?
3 Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung
Im Verlauf der Corona-Epidemie im Jahr 2020 hat sich das deutsche Gesundheitssystem im Vergleich zu fast allen seinen Pendants in Europa und Nordamerika als leistungsfähig erwiesen. Ob und inwieweit diese Aussage verallgemeinert werden kann, d.h. wie der Vergleich zur Seuchenbekämpfung in den ostasiatischen Staaten Thailand, Vietnam, Japan, Taiwan und China aber auch zu Australien und Neuseeland langfristig ausgefallen sein wird, dürfte aber nicht vor 2022 beantwortet werden können.
Die relative Stärke des deutschen Gesundheitssystems war vor allem der Tatsache zuzuschreiben, dass es über Reserven – und damit sind nicht nur Notfallbetten gemeint – verfügte. Selbst für eine vorsichtige und temporäre Gesamtbewertung ist dies allerdings deutlich zu wenig.
Die Grundprinzipien unseres Sozialstaats wurden zwar mit Hinblick auf gesundheitliche Krisen und Epidemien entwickelt, ihre Einführung und Durchsetzung liegt aber bei allen Anpassungen ca. 150 Jahre zurück. Die (historisch neue) Alterung der Bevölkerung Deutschlands wird quasi-deterministisch Auswirkungen auf unsere sozialen Sicherungssysteme haben müssen. Einer geringer werdenden Anzahl von Menschen im Arbeitsalter steht – zumindest für eine Transitionsperiode, die mindestens eine Generation andauern wird – eine größer werdende Anzahl von Menschen gegenüber, die nicht in Beschäftigungsverhältnissen stehen (wobei deren überwiegender Teil das Arbeitsleben bereits hinter sich gelassen hat). Dies betrifft ebenso die „Einwanderung“ in die deutschen Sozialversicherungssysteme, die kurz- und mittelfristig die Gesamtbudgetverteilung der deutschen Volkswirtschaft in Richtung Konsumption zulasten von Investitionen verschieben wird.
In Deutschland wird eine rege Debatte darüber geführt, ob und wie die Lebensarbeitszeit gestreckt bzw. verlängert werden kann und wie zukünftige Arbeits- und Lebensmodelle aussehen können. Tatsächlich ist Europa aber weit entfernt von einer auch nur näherungsweisen Konvergenz der Lebensarbeitszeit, die in direkter Beziehung zum Rentenbezug steht. So betrug im Jahr 2018 die durchschnittliche Lebensarbeit in Deutschland 38,4 Jahre (Männer arbeiteten im Durchschnitt ca. 4 Jahre länger als Frauen); in Schweden lag der Durchschnittswert bei 41,7 und in Italien bei 31,6 Jahren. Hauptursachen für die unterschiedlichen Lebensarbeitszeiten sind das nicht einheitliche Renteneintrittsalter und die Ausprägung der Jugendarbeitslosigkeit. Auch wenn die Definition eines gemeinsamen EU-Renteneintrittsalters aus zahlreichen Gründen problematisch ist, wäre diese ein sinnvoller erster Schritt zu einer weitergehenden Harmonisierung. Es wird sonst im besten Fall eine politische Herausforderung bleiben, die Bevölkerungen von Ländern mit hoher Lebensarbeitszeit im gegebenen Fall zu überzeugen, sich solidarisch mit Bevölkerungen mit geringerem Renteneintrittsalter bzw. kürzerer Lebensarbeitszeit zu zeigen.
3.1 Kranken- und Pflegeversicherung
Bei der heutigen Organisation des Gesundheitswesens in Deutschland wird ein Anstieg der Gesundheitskosten mit zunehmender Alterung der Bevölkerung nicht aufzuhalten sein, es sei denn, es werden drastische Leistungseinschränkungen in der Grundsicherung in Betracht gezogen.1 Die GesundheitsausgabenGesundheitsausgaben ohne Arzneimittelausgaben für einen 60-jährigen waren im Jahre 2016 etwa 2,8-mal und die eines 80-jährigen etwa 5,7-mal so hoch wie für einen 30-jährigen; qualitativ ähnliche Relationen existieren bei Arzneimittelausgaben. Ihr längeres Leben, Schwangerschaften und Geburten erklären intuitiv, dass (wenn auch nicht in welchem Maße) bei Frauen höhere Kosten vorliegen als bei Männern.[34]
Interessant ist jedenfalls immer zu wissen, wer untersucht hat sowie was und wie untersucht wurde. Die bereits gestellte Frage „Cui bono?“ führt dabei nicht immer zu einer Antwort, aber oft in die richtige Richtung. Das Gesundheitswesen absorbierte im Jahr 2018 ca. 11,2% des BIPs der Bundesrepublik Deutschland.[35] Es sind dabei nicht nur die Alterung, sondern ebenso die Lebensbedingungen und Eigenheiten unseres Gesundheitssystems, die die Kosten nach oben treiben. Um profitabel zu sein, brauchen Krankenhäuser wie Arztpraxen Kranke und keine Gesunden: Es ist somit nicht überraschend, dass die Behandlungshäufigkeit besonders dort hoch ist, wo sich viele Ärzte befinden.
Mit monokausalen Aussagen kommen wir aber auch hier nicht weiter: Von 1990 bis 2019 hat sich die Anzahl der berufstätigen Ärzte in Deutschland von ca. 237.700 auf ca. 402.100 fast verdoppelt2 [36], wobei der Anstieg der Ärzteschaft einerseits auf einer altersbedingt erhöhten Nachfrage nach ärztlichen Leistungen beruhte, andererseits aber auch neue Nachfrage generierte.
Besonders betroffen von dieser Entwicklung sind die privaten Krankenversicherungen (deren Gründung auch als Ausdruck einer früheren Entsolidarisierung der Gesellschaft betrachtet werden kann), deren zukünftige Existenz mittelfristig durchaus in Frage steht. Die Kosten pro Bürger bzw. Versicherten betreffend ist statistischer Schrecken aller Kassen übrigens nicht der moderat rauchende und/oder trinkende Arbeiter oder Angestellte, sondern der gesundheitsbewusste, gebildete Mensch.[37] Es gibt natürlich auch Studien, die genau das Gegenteil behaupten.
Stolpersteine bei wissenschaftlichen Studien und ihrer Methodik
Wie bereits gesehen werden Statistiken oft benutzt, um Zusammenhänge darzustellen. Das Vorliegen von Kausalität, d.h. das Nachweisen eines Ursache-Wirkungszusammenhanges, zu zeigen, ist in den Sozialwissenschaften indes zumeist sehr schwierig (wenn nicht gar unmöglich).
Als Beispiel diene die für die meisten von Ihnen vermutlich intuitiv nachvollziehbare Aussage, dass die Ausgaben eines Landes für sein Gesundheitssystem und die Lebenserwartung seiner Bewohner in einem direkten Zusammenhang stehen. Der vermutete Zusammenhang ist: Je mehr ein Land für sein Gesundheitssystem ausgibt, umso länger leben dort die Menschen.
Nach kurzem Nachdenken ergeben sich allerdings bereits viele Fragen:
Könnte es nicht sein, dass die längere Lebenserwartung die höheren Gesundheitsausgaben auslöst, weil alte Menschen kränker sind oder öfter krank werden als junge?
Könnten nicht andere Ursachen (Ernährung, Klima, Kriegsvermeidung) die längere Lebenserwartung besser erklären?
Woher kennt man überhaupt die Lebenserwartung von Menschen, die noch leben? (Diese Frage haben wir schon erörtert. Aus medizinischer Sicht: Eigentlich kann man hierzu doch nur für tote Menschen Aussagen treffen.)
Woher weiß man, wie hoch die Gesundheitsausgaben sind? Was ist eine Gesundheitsausgabe? Wie geht man mit unterschiedlichen Preisen von z.B. Gesundheitsdienstleistungen um?
und, und, und …
Nicht überraschend ist, dass (nicht nur) in Deutschland das Pflegefallrisiko mit dem Alter steigt. In den Altersgruppen bis 60 Jahre ist es, vor allem weil es kaum noch den Körper ruinierende Berufe gibt (dies war vor 50 Jahren übrigens noch anders) sehr gering; danach steigt es aber steil an. Die Anzahl der über 80-jährigen in Deutschland wird c.p. von heute knapp 6 Mio. (eigene Berechnung) auf 9 Mio. im Jahr 2050 ansteigen. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung geht von einer notwendigen Verdreifachung des Beitragssatzes zur PflegeversicherungPflegeversicherung bis 2030 aus.[38] Alles ceteris paribus natürlich!
In den Pflegeheim Rating Reporten, die das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung, die Philips GmbH und das Institute for Healthcare Business erstellen, wurde u.a. im Jahre 2014 geschätzt, dass die Zahl der Pflegebedürftigen von 2,6 Millionen im Jahre 2015 bis zum Jahre 2030 auf 3,5 Millionen Menschen steigen wird. Im Bericht für 2019 wurden für 2030 bereits 4,4 Mio. Pflegebedürftigen geschätzt.[39]
In den folgenden 15–20 Jahren müssten damit ca. 100 Mrd. Euro in den Ausbau der stationären Pflege investiert werden, damit genügend Heimplätze für die wachsende Zahl der Pflegebedürftigen vorhanden sein werden. In der stationären Pflege müssten schließlich bis zu 475.000 Pflegefachstellen hinzukommen.[40] Die „Pflegeindustrie“ wird also wachsen, mit Auswirkungen hin zu Essensversorgern, Wäschereien und – Stichwort Windeln – Müllentsorgern.
3.2 Rentenversicherung
Die AltersvorsorgeAltersvorsorge in Deutschland stützt sich auf drei Säulen. Säule 1 bildet die gesetzliche, für alle Beschäftigten verpflichtende Rentenversicherung, durch die die Versicherten Anspruch auf eine Altersrente erwerben. Säule 2 besteht aus der betrieblichen, d.h. vom Arbeitgeber mitfinanzierten bzw. -organisierten Altersversorgung. Säule 3 bildet die private Vorsorge in Form eines eigenverantwortlich angesparten Vermögens, das im Alter „entspart“ werden kann.
Die gesetzliche Rentenversicherung gehört wie die Kranken-, Unfall-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung zu den seit Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland schrittweise eingeführten Bismarck’schen Sozialgesetzen.
Im Jahre 1954 wurde das sogenannte Umlageprinzip eingeführt: Die jüngeren Generationen kommen seitdem für die Renten der Alten auf und erwerben selbst einen Anspruch auf eine zukünftige Rente (Stichwort Generationenvertrag). Die eingezahlten Beiträge werden also nicht gespart, sondern sofort auf die laufenden Rentenzahlungen umgelegt, wobei sie durch Steuermittel „aufgestockt“ werden.
Da das Umlagesystem wegen des demografischen Wandels nur noch bedingt leistungsfähig ist – d.h., immer weniger Junge müssen immer mehr Alte finanzieren – wurde und wird es immer wieder reformiert. Die derzeit prominentesten Beispiele sind die stufenweise Anhebung der Regelaltersgrenze auf 67 Jahre bis zum Jahr 2029 und die Ausweitung der Versteuerungspflicht auf die gesamte Rente ab 2040. Bereits 2002 hatte das Bundesverfassungsgericht die fehlende Rentenbesteuerung für verfassungswidrig erklärt. Wer 2020 in Rente ging, muss 80% davon versteuern. Das Niveau der gesetzlichen Altersrente wird ferner von 51% im Jahr 2015 auf voraussichtlich 44,9% des durchschnittlichen Nettolohns bis zum Jahr 2030 gesenkt.[41] Damit verbunden ist die Aufforderung der Bundesregierung an die Bevölkerung, eigenverantwortlich für das Alter vorzusorgen. Langfristig soll die private Vorsorge als Ausgleich zur schrumpfenden Säule 1 an Bedeutung gewinnen; deshalb wird sie (Stichworte Riester- und Rüruprente) vom deutschen Staat gefördert.
„Richtig“ privat vorsorgen ist indes leichter gesagt als getan. Sowohl Investitionen in Aktien als auch in Immobilien können ihre Tücken haben. Schwer verkäufliche Immobilien in strukturschwachen Gebieten können sich – leicht einsichtig – als Fluch erweisen, und die Aussage, dass Aktien langfristig die beste Geldanlage seien, wird durch Wiederholung in ihrer Pauschalität nicht richtiger. Als warnendes Beispiel sei hier eine Grafik des japanischen Leitindex Nikkei225 von 1981–2020 angegeben.
Abb. 3.1:
Nikkei225, 1985–2020 (Eigene Darstellung: Daten von Refinitiv)
Wenn Sie einen kurzen Blick auf Abb. 3.1 werfen, werden Sie ohne großes „Rumrechnen“ schnell feststellen, dass Sie einen großen Teil Ihres Vermögens verloren hätten, wenn Sie um 1990 herum angefangen hätten, Ihr Geld in japanische Standardaktien, d.h. also in weltbekannte Firmen wie Mitsubishi, Sony, Canon, Toyota usw., zu investieren. Hier nützte es Ihnen auch nur wenig, zu wissen, dass der Nikkei225 Ende des Jahres 2020 wieder bei ca. 27.500 Punkten stand. Der Argumentation, dass Aktien langfristig die beste Geldanlage seien, sollten Sie nun – wenn dies nicht bereits der Fall war – etwas kritischer gegenüberstehen. Langfristig sind wir, um ein Bonmot von John Maynard Keynes zu zitieren, alle tot.1
Damit hier kein Missverständnis entsteht: Dies ist kein Plädoyer gegen Aktien! Es bietet sich allerdings zumeist eine „vernünftige Diversifizierung“ in verschiedene risikobehaftete Assetklassen an. Da aber die aggregierte Wertentwicklung fast aller Assetklassen langfristig positiv korreliert ist, wird den meisten Menschen in Zukunft vermutlich nicht viel anderes übrig bleiben, als lange zu arbeiten, wenn ein gewisser Lebensstandard gewahrt werden soll.
Bemerkung:
Hier sei wiederum angemerkt, dass – und dies ist seit Langem bekannt – ein beträchtlicher Teil der deutschen Bevölkerung (Stichwort Niedriglohnsektor) die Möglichkeit, substanziell für das Alter zu sparen, nicht hat. Es wird also eine gesellschaftliche Aufgabe bleiben müssen, heutigen Geringverdienern ein materiell würdiges Leben im Alter zu ermöglichen. Dies ist kein „Jammern“ über den Niedriglohnsektor; schlecht bezahlte Arbeit ist in fast jeder Hinsicht für die Gesellschaft und auch die Betroffenen besser als keine Arbeit. Dennoch lohnt sich ein Blick in die Schweiz, die auch ein anderes Demokratiemodell praktiziert als Deutschland, wie dort mit gering qualifizierter Arbeit und deren Vergütung umgegangen wird.
Diversifikation
Grundsätzlich ist es sinnvoll, Vermögen in unterschiedliche Assets, deren Renditeverteilungen bei positiven erwarteten Renditen möglichst gering korreliert sind, aufzuteilen. Hier bieten sich zur Bestimmung der Anteile des zu investierenden Vermögens u.a. die naive Diversifizierung (in jede Anlage wird der gleiche Prozentsatz des Vermögens investiert) oder auch die Anwendung der Markowitztheorie an, bei der üblicherweise eine minimale Zielrendite vorgegeben wird und im Anschluss die prozentualen Beiträge der einzelnen Assets zur Ermittlung des korrespondierenden varianzminimalen Portfolios berechnet werden. Beide Ansätze haben indes Grenzen, insbesondere wenn nicht teilbare „teure“ Assets wie Immobilien Bestandteile des Portfolios sind. Und wenn es weltweit crasht, dann crasht es weltweit, d.h., der Diversifizierungsnutzen, der aus der Korrelationsstruktur der unterschiedlichen Anlagen in „Normalzeiten“ gewonnen wurde, wird deutlich reduziert.
Einordnung und Ausblick
Deutschland (und Europa) wird älter, es werden nicht genug Kinder geboren, um den biologischen Bestand der europäischen Nationen „aus eigener Kraft“ dauerhaft auf dem aktuellen Niveau zu erhalten. Besonders hart betroffen sind ländliche Räume in fast allen europäischen Staaten und in ihrer Gesamtheit die ärmeren Staaten am geografischen Rande der EU.
Mittelfristig werden die Staaten nicht alle ihnen heute obliegenden Aufgaben (Straßenbau bzw. -instandhaltung, wohnortsnahe Kindergärten und Schulen, Krankenversorgung, etc.) flächendeckend aufrechterhalten können. Spiegelbildlich stieg – jedenfalls vor Ausbruch der Corona-Pandemie – der Preisdruck auf den Wohnungsmärkten in den Ballungsgebieten und sank die Werthaltigkeit von Wohnimmobilien in vielen ländlichen und kleinstädtischen Regionen.
Der mittel- und langfristige Erfolg von Zuwanderung hängt von deren Komposition sowie von staatlichen und privaten Anstrengungen ab, Zuwanderer in die Gesellschaft zu integrieren, d.h. insbesondere, sie in bezahlte (bzw. gut genug bezahlte, um davon anständig leben zu können) Beschäftigungsverhältnisse zu bringen.
Exkurs: Das Bruttoinlandsprodukt
Erste Versuche, das nationale Einkommen zu schätzen, gehen auf das 17. Jahrhundert in England zurück: William Petty und Gregory King legten die Grundsteine für die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR).
Das bei Weitem bedeutendste Maß für die Stärke einer Volkswirtschaft ist das Bruttoinlandsprodukt, dem wir bereits im Exkurs zur Statistik am Ende von Kapitel 2 begegnet sind. Grob gesagt handelt es sich beim BIP um den in Geld gemessenen Wert aller Güter und Dienstleistungen, die in einem Jahr innerhalb eines Staatsgebietes erwirtschaftet werden. Es wird also gemessen, was in Geld bezahlt wurde und was besteuert wurde. Lebensqualität, die durch Nachbarschaftshilfe, Haushalts- und Kindererziehungsarbeit gewonnen wird sowie Elemente der Schattenwirtschaft gehören nicht dazu.
Das BIP kann über drei verschiedene Wege ermittelt werden: In der Entstehungsrechnung wird die Wertschöpfung aller Produzenten als Differenz zwischen dem Wert der produzierten Waren und Dienstleistungen und dem Vorleistungsverbrauch berechnet, wobei die Gütersteuern hinzugefügt und die Gütersubventionen abgezogen werden. Die Verwendungsrechnung ermittelt das BIP als Summe aus privatem und staatlichem Konsum, Investitionen und Außenbeitrag. Bei der Verteilungsrechnung wird das BIP aus der Summe der Arbeitnehmerentgelte, der Unternehmensgewinne und der Vermögenserträge in der Volkswirtschaft berechnet.
Rechnungswesen ist nicht neutral, es „lässt sich den Zwecken einer Organisation entsprechend formen, was wiederum Einfluss auf die weitere Entwicklung dieser Organisation nehmen kann.“ (Mazzucato, S. 111) Dies können Sie sich verdeutlichen, indem Sie auf Betriebsebene die Grundprinzipien des HGB und diejenigen der amerikanischen Rechnungslegung IFRS gegenüberstellen. Ebenso ist es nicht zeitinvariant. Historisch interessant ist vor allem die Entwicklung der Produktionsgrenze. Der französische Nationalökonom (den Begriff Volkswirt gab es damals noch nicht) Quesnay betrachtete im 18. Jahrhundert zum Beispiel die Landwirtschaft, Fischerei, Jagd und den Bergbau als produktiv, die Haushalte, den Staat und sogar die Industrie hingegen nicht. So wird verständlich, dass der Begriff des Wachstums in der Ökonomie erst im frühen 19. Jahrhundert dauerhaft auftauchte, da Kapital theoretisch unbegrenzt wachsen kann, Boden, der bis dato wichtigste Produktionsfaktor, hingegen naturgemäß beschränkt ist. Die wichtigste Änderung in der VGR fand schließlich in den 1970er Jahren statt, in denen übrigens auch der Goldstandard beerdigt wurde. Erst vor weniger als 50 Jahren wurde begonnen, den Finanzsektor in die Berechnung des BIPs miteinzubeziehen. Davor wurde das Finanzwesen nur als Transformationssektor, der nicht produktiv war, betrachtet.
Beim BIP handelt es sich kurz gesagt um eine „in Entwicklung begriffene gesellschaftliche Konvention [..], die sich weder durch physikalische Gesetzmäßigkeiten noch durch absolute ‚Realitäten‘ definiert, sondern Ideen, Theorien und Ideologien der jeweiligen Ära reflektiert, in der sie entstanden ist.“ (Mazzucato, S. 111)
Nach dem bereits gesehenen (vgl. inbesondere den Exkurs zum täglichen Umgang mit Zahlen und Statistik am Ende von Kapitel 2) ist es schlicht aberwitzig, die Entwicklung bzw. den Zustand einer Volkswirtschaft aus einer einzigen Größe ableiten zu wollen. Maßzahlen, die die Dominanz des BIP bisher aber nicht beeinträchtigten, gibt es reichlich; z.B. den Gini-Index, den Engels-Koeffizienten, den Human Development Index, diverse Glücksindizes und den Better-Life-Index der OECD.
Gegen das BIP werden allerdings noch weitere konzeptionelle Gründe ins Feld geführt:
1 Das BIP enthält Größen, die lediglich Wohlstandseinbußen ausgleichen, obwohl tatsächlich nur beschädigte oder verloren gegangene Bestandswerte wie Schäden an Häusern nach einem Sturm wiederhergestellt wurden.
2 Das BIP erfasst zahlreiche Effekte nicht, die den Wohlstand mitbestimmen. Dies betrifft Umweltverschmutzung wie unbezahlte Arbeit.
3 Für die Berechnung des BIPs ist es egal, ob jemand seine Arbeit mit Freude oder aus Zwang erfüllt.
Die „heilige Kuh“ zeitgenössischer Wirtschaftstheorie und -politik ist indes das Wachstum des Bruttinlandproduktes. Wenn von Wachstum des BIPs geredet bzw. darauf abgestellt wird, stellen sich unmittelbar Fragen, wozu das Wachstum da sein soll und was wachsen soll. Diese Fragen sind unabhängig von Umweltfragen gerade deshalb relevant, weil die materiellen Bedürfnisse der überwiegenden Mehrheit der Menschen in den Industrieländern längst gedeckt sind und die meisten Menschen „von dem Geld, das sie nicht haben, Dinge kaufen, die sie nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die sie nicht mögen.“[42]
Wachstum einer Wirtschaft heißt zuallererst, dass der „Gesamtkuchen“, der aufgeteilt werden kann, größer wird. Das bedeutet etwas vereinfacht, dass es „Akteure“ gibt, die ihr Einkommen erhöhen können, ohne das Einkommen anderer Akteure zu verringern. Es handelt sich somit nicht um ein Nullsummenspiel (s. Exkurs zu Kapitel 8), bei dem der Gewinn eines Akteurs den Verlust eines anderen Akteurs bedingt. In den entwickelten Ländern führte dies bis vor ca. 10–20 Jahren dazu, dass die überwiegende Mehrzahl der Menschen einen im historischem Maßstab gesehen beträchtlichen materiellen Wohlstand genoß, ohne dass die wirklich Reichen etwas hergeben mussten. Auf globaler Ebene führte die Arbeitsteilung dazu, dass ein Großteil der Menschen, die in sich entwickelnden Ländern leben, ihrer vormaligen absoluten Armut entkommen konnten. Die alten Industrieländer konnten somit verfolgen, wie der Rest der Welt wohlhabender wurde, ohne etwas abgeben zu müssen. Damit wurde, jedenfalls für eine gewisse Zeit, technischer Fortschritt mit weitgehender Vollbeschäftigung verbunden. Kurz gesagt hat das Wachstum der vergangenen Jahrzehnte die betroffenen Gesellschaften befriedet.
Auch wenn die Wirtschaft in Deutschland nicht mehr wächst, könnte unser Einkommen längerfristig stabil bleiben oder gar steigen, wenn deutsche Unternehmen auch in Zukunft im Ausland entsprechende Gewinne erwirtschaften und diese wieder nach Deutschland zurückfließen. Die Krux ist allerdings, dass globales Wachstum nötig ist, damit unsere heutige Wirtschaft wie gewohnt funktioniert.
Dass wir uns offensichtlich an einem historischen Wendepunkt befinden, hat zahlreiche bestimmende Faktoren, von denen die sich ändernde Demografie die wichtigste Ursachengruppe darstellt. Wenn in alternden Gesellschaften immer weniger Menschen immer mehr Menschen versorgen müssen, könnte dieses Problem theoretisch durch Wirtschaftswachstum, das dann primär auf Innovationen bzw. technischem Fortschritt basiert, eingehegt werden (s. Kapitel 10). Falls dies nicht gelingt, wird der Gesamtkuchen a priori kleiner und wir stehen, wenn wohl auch nicht zuerst in Deutschland, sehr bald nicht mehr nur vor theoretischen Diskussionen zur Einkommens- und Vermögensverteilung.
Die Glücksforschung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer interessanten neuen wissenschaftlichen Disziplin im Schnittpunkt von Psychologie, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften entwickelt. Bekanntester Vertreter ist der Schweizer Professor Bruno Frey. Außer Frage steht dabei, dass Glück schwer messbar und damit international auch schwer vergleichbar ist. Rankings, in denen die Schweiz, Bhutan oder verschiedene Südseeinseln auf den Spitzenplätzen rangieren, bedienen somit offensichtlich die Wünsche ihrer Empfänger.
Glück oder das Streben nach Glück ist westliches Denken. Die berühmteste Festlegung finden wir in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: Dass „the pursuit of happiness“ zu den selbstverständlichen Wahrheiten gehöre. Etwas auch nur ansatzweise Vergleichbares findet sich im Konfuzianismus nicht.
Bekannt ist, dass eine gute Bildung, lange Lebenserwartung, gute Gesundheitsversorgung und materieller Wohlstand noch lange nicht glücklich machen. Das „Paradebeispiel“ dafür ist Japan: Während sich das Bruttoinlandprodukt per capita von 1958 bis 1991 in etwa versiebenfacht hatte, ging die life satisfaction bei geringen Schwankungen sogar leicht zurück.1[43]
Dies geht sogar weiter als das sogenannte Easterlin-Paradox, das „nur“ besagt, dass die Erhöhung des BIP ab einer gewissen Schwelle nicht mehr mit einer Verbesserung des Glücksgefühls einhergeht. Dies ist auch nicht wirklich überraschend, da „glücklich sein“ schlecht gesteigert werden kann.
Der große griechische Philosoph Aristoteles entwarf in seiner Tugendethik keine Regeln, sondern er stellte auf Haltungen ab. Sind diese Haltungen tugendhaft, stellt sich Glück von allein ein. Hier war ihm John Maynard Keynes ca. 2300 Jahre später mit seinem Wunsch nach einem guten Leben sehr nah.
Das Problem liegt wie so oft in den Begriffen; was also Glück ist bzw. besser was darunter verstanden wird. Ist der Wunsch nach „größtmöglichem Glück“, wie Keynes glaubte, ein vernünftiges politisches oder eher ein ethisches Prinzip, wie der Philosoph David Hume (1711–1776) es darlegte? Erinnern Sie sich hieran, wenn wir in Kapitel 13 das mehr als 2000 Jahre existierende Ideal der alten wie der heutigen Chinesen, Harmonie zwischen Himmel und Erde zu erreichen, besprechen werden.
Sehr empfohlen sei Ihnen an dieser Stelle ein weiteres Vater-und-Sohn-Buch: Robert und Edward Skidelskys „Wie viel ist genug: Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens“. Das Buch wurde in seinem Erscheinungsjahr 2012, zum Höhepunkt der Finanzkrise, sehr wohlwollend aufgenommen, geriet aber mit zunehmender Erholung der Weltwirtschaft wieder schnell in Vergessenheit. Ebenso ist von den bereits erwähnten „Rufen“ nach einer besseren Volkswirtschaftsausbildung an den Hochschulen nur punktuell etwas geblieben.
Übungen zur Selbstüberprüfung
Übung 3.1: Analysieren Sie den Verlauf der Miet- sowie Kauf- und Verkaufspreise für Eigentumswohnungen in Ihrem Landkreis bzw. in der kreisfreien Stadt, in der Sie wohnen, von 2000 bis 2020.
Machen Sie sich wie in Übung 2.2 die methodischen Probleme bei der Datengewinnung klar, analysieren Sie, wie Sie damit umgehen, und erläutern Sie die Resultate Ihrer Analyse.
Übung 3.2: Ermitteln Sie den aktuellen Krankenkassen-Beitragssatz der Techniker Krankenkasse. Wie wird die Aufteilung der Beiträge zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer vorgenommen?
Übung 3.3: Studieren und interpretieren Sie die Entwicklung der Bundeszuschüsse zur gesetzlichen Rente.
Übung 3.4: Was versteht man unter einer „Rürup-Rente“?
Aufgabe zur Selbstreflexion (ohne Lösungshinweise):
Wählen Sie fünf europäischen Staaten (inklusive Schweiz, Norwegen, Island, Ukraine, Belarus usw.) und ordnen Sie diese Länder zu zwei Zeitpunkten, die mindestens drei Jahre auseinanderliegen, nach Ihrem BIP per capita. Versuchen Sie, die veränderten Rangfolgen zu begründen.
Ermitteln Sie in einem zweiten Schritt, welche Arbeitszeit2 in den einzelnen Ländern hinter den BIP per capita-Werten stehen. Versuchen Sie wiederum diese Durchschnittswerte zu verstehen: Zahlreiche Wohlhabende oder Reiche würden vielleicht gern weniger, während Geringverdiener gern mehr arbeiten würden; der Druck während der Arbeitszeit ist unterschiedlich usw.
Wo würden Sie c.p. (z.B., Sie sprechen die Sprache oder Sie stellen sich vor diese zu beherrschen) gern leben? Begründen Sie Ihre Überlegungen.
4 Bildung, Arbeit und Arbeitslosigkeit
Es besteht weitgehend Konsens in unserer Gesellschaft, dass Deutschlands Zukunft wesentlich vom Bildungsstand seiner Bürger abhängen wird. Obwohl wir uns offensichtlich einig sind, dass Bildung eine notwendige Voraussetzung für qualifizierte Arbeit darstellt, lassen wir zu, dass die öffentliche Diskussion im wesentlichen um administrative und organisatorische Fragen von Kitas, Gymnasien und die Hochschulbildung kreist.
Der Verlauf der Corona-Krise hat uns auch hier verdeutlicht, dass es zahlreiche Baustellen – von einem überalterten Lehrkörper an den öffentlichen Schulen und damit verbunden mangelnden Digitalkenntnissen eines Teils der Lehrerschaft – bis hin zur Erstellung von Konzepten für die zukünftige Ausbildung der Kinder und Jugendlichen gibt. Die wichtigste Herausforderung, vor der unsere Gesellschaft nach oder mit Corona steht, ist die Wiederaufnahme eines Schulbetriebes, der diesen Namen verdient. Dies kann und wird nicht vom Staat allein gewährleistet werden können, sondern es erfordert den Einsatz der viel beschworenen Zivilgesellschaft und das sind in diesem Fall nicht nur die Eltern der betroffenen Kinder.
Ich habe bereits an mehreren Stellen angedeutet, dass Finanzkennzahlen allein einen unzureichenden Eindruck von der Leistungsfähigkeit eines gesellschaftlichen Teilsystems vermitteln. Dann hätten die USA vermutlich auch das beste Gesundheitssystem der Welt und die Bundeswehr wäre eine der stärksten Armeen der Welt. So wie der ausschließliche Fokus auf die Staatsschulden eines Landes ohne Kenntnis der Unternehmens- und privaten Haushaltssschulden zwangsläufig verengt, müssen wir hier die Gesamtanstrengungen der Gesellschaft für Bildung, von denen nur ein Teil in das BIP eingeht, berücksichtigen. Nichtsdestotrotz ist es sinnvoll, uns einen ersten Zugang bezüglich der gegenwärtigen Leistungsfähigkeit unseres Bildungssystems über eine Analyse der Ausgaben für Bildung zu verschaffen. Hier steht Deutschland im Vergleich der entwickelten Länder relativ schlecht da: Die Gesamtausgaben für Bildung (also inklusive privater Bildungsträger und betrieblicher Weiterbildung) beliefen sich in den vergangenen Jahren auf ca. 9% des BIPs[44], wobei die Ausgaben der öffentlichen Haushalte davon in etwa die Hälfte betrugen.[45]
Die Zahlen einschlägiger Quellen bedürfen allerdings zumeist einer Erläuterung bzw. Präzisierung. So gibt das Statistische Bundesamt im Bildungsfinanzbericht 2019 mit ausführlichen Erläuterungen der methodischen Unterschiede für das Jahr 2016 alternativ die Summen von 164,4 Mrd. Euro als öffentliche Ausgaben laut Bildungsbudget und 129,1 Mrd. Euro als öffentliche Ausgaben laut Finanzstatistik an.
In Europa lag die Bandbreite der öffentlichen Ausgaben im Jahre 2015 zwischen 2,7% des BIPs Rumäniens und 7,1% für Schweden. Schweden, Sie erinnern sich, ging nicht nur einen Sonderweg in der Corona-Krise, es hat auch die höchste Lebensarbeitszeit in der EU (der deutsche Wert beträgt demzufolge 5,2 oder 4,1% des BIPs).
Auch weil wir wissen, dass die staatlichen Ausgaben für Bildung, die in Deutschland Ländersache sind1, nicht effizient sein können, kann Geld bzw. die staatlichen Ausgaben pro Bürger allein nicht der Maßstab für die Leistungsfähigkeit des Bildungssystems sein. Wichtig zum Verständnis des Gesamtbildes sind somit weniger die Auswirkungen eines kompetitiven Förderalismus als die Beiträge der Familien, des privaten Bildungssektors sowie die Arbeitsmigration. Bezüglich letzterer geben fast alle entwickelten Länder kein gutes Bild ab, wenn man sich stellvertretend den Anteil ausländischer Ärzte in den OECD-Ländern anschaut. In Deutschland ist inzwischen jeder achte Arzt Ausländer (nach einem von dreißig im Jahre 1990); in der Schweiz sind es mehr als ein Drittel und Großbritannien war bereits vor der Ankündigung des Brexit auf ausländische Ärzte angewiesen. Woher diese kommen und welche Konsequenzen dies für die Entsenderländer hat, erschließt sich fast unmittelbar.[46]
Grundsätzlich sind Schul- und Hochschulsysteme denkbar, die ausschließlich privat betrieben werden (und die dabei gewisse staatliche Vorgaben erfüllen müssen und auch finanzielle staatliche Zuschüsse erhalten) und ebenso vollstaatliche Systeme. Praktisch gibt es diese Extrema in der uns zugänglichen Welt nicht: In China gibt es zwar die landeseinheitliche Hochschulaufnahmeprüfung Gaokao, an der z.B. im Jahre 2018 an zwei oder drei Tagen (abhängig von der Provinz) im Juni 9,75 Mio. Schüler in ganz China teilnahmen, wohl aber Privatschulen.[47] Der Anteil der Schüler in Privatschulen ist in der entwickelten Welt sehr unterschiedlich: tatsächlich stellen diese aber überall einen wichtigen Treiber dar, der die staatlichen Schulen zwingt, sich hinreichend „anzustrengen“, damit Menschen, die es sich leisten können, davon abgehalten werden, ihre Kinder auf Privatschulen zu schicken. Das gesellschaftliche Hauptproblem ist, unabhängig von der Struktur des Bildungssektors, ein hinreichendes Maß an Gerechtigkeit (in Deutschland durch das Grundgesetz verbürgt) zu garantieren.
In Deutschland gibt und gab es nie dominante Universitäten wie Cambridge und Oxford in Großbritannien oder die historisch jüngeren École Nationale d’Administration (ENA) und die École Polytechnique als wichtigste Grandes Écoles in Frankreich. Auch wenn ein Doktortitel in Deutschland als „vergleichbare Währung“ oft noch Karriere und Einkommen befördert, war er, wie ein Abschluss einer „Eliteuniversität“, keineswegs notwendige Voraussetzung für Karrieren in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst. Dass der Absolvent (Joe Kaeser) einer mittelgroßen Fachhochschule (Regensburg) Chef des größten nationalen Industrieunternehmens (Siemens) werden würde, ist kulturell in China, Russland, Großbritannien, Frankreich und auch den USA kaum vorstellbar. Eine, wenn nicht die Stärke des deutschen Bildungssystems war es, dass man auf unterschiedlichen Wegen zu materiellem Erfolg und gesellschaftlicher Anerkennung kommen konnte; sei es als Hauptschulabgänger, der sich über mehrere Etappen zum Handwerksmeister qualifizierte, sei es als Realschulabgänger, der Fachabteilungs- oder Behördenchef wurde oder als Abiturient, der 15 oder 20 Jahre nach dem Abitur Chefarzt wurde. Bildung war in Deutschland der klassische Weg zum sozialen Aufstieg. Eine wichtige Rolle haben hier im Kaiserreich übrigens die Arbeiterbildungsvereine gespielt. Zudem schrieben die berühmtesten deutschen Professoren in der Kosmos-Reihe populär verständlich und auch mehr als hundert Jahre später zumeist gut lesbare und bildende Abhandlungen zu Archäologie, Astronomie, Botanik, Geschichte, Zoologie, also zu praktisch allen Wissensgebieten ihrer Zeit. Eine hohe Volksbildung galt als ein Wert an sich.
4.1 Bildung im Lauf der Jahrzehnte: Der Weg zu Massenabitur und Massenuniversitäten
Während Mitte der 1960er Jahre nur etwa 300.000 Studenten und im Wintersemester 1970/71 bereits 422.000 Studierende an den westdeutschen Universitäten eingeschrieben waren, lag die Zahl der eingeschriebenen Studierenden an Fachhochschulen1 und Universitäten in Gesamtdeutschland im Jahr 2019 bei knapp 3 Millionen. Adjustiert um den Bevölkerungszuwachs durch die deutsche Wiedervereinigung hat sich die Studierendenzahl in Westdeutschland also innerhalb von etwa 55 Jahren verachtfacht. Dies war natürlich nur möglich, weil die Zahl der Abiturienten stieg. Von ca 10% eines Jahrgangs im Jahre 1970 über knapp 25% im Jahre 1992 stieg der Anteil der Abiturienten auf ca. 40% eines Jahrgangs; mit Fachhochschulreife bundesweit auf mehr als die Häfte. Dabei gibt es durchaus Unterschiede in den Ländern: Die niedrigste Abiturientenquote gab es im Jahre 2018 mit 32,1% Bayern, die höchste mit 54,8% in Hamburg. Der beste Notendurchschnitt wurde mit 2,16 in Thüringen erreicht und der schlechteste Wert mit 2,57 in Niedersachsen. Auch wenn die Unterschiede auf den ersten Blick gering erscheinen: Die Auswirkungen sind nicht nur im Individualfall gravierend. Im Sommersemester 2019 bewarben sich zum Beispiel 18.928 Studenten auf einen der 1.687 Studienplätze in Humanmedizin.2 Wichtigstes Auswahlkriterium für die Zulassung zum Studium war und ist die Abiturnote. Wenn Ihr ebenso intelligenter wie fleißiger Nachwuchs auf einem „strengen“ Gymnasium in Niedersachsen Abitur machen sollte, ist seine Chance, einen Studienplatz in Medizin zu „ergattern“, also eher gering.[48]
Nicht nur ist das Kurssystem in den 16 Ländern unterschiedlich, auch ist eine 1,0 in Hamburg und Thüringen offensichtlich einfacher zu bekommen als etwa in Bayern oder Hessen. Es waren schließlich wesentliche Eigenheiten unseres föderalen Bildungsystems in Verbindung mit der Datenschutz-Grundverordnung DSGVO, die in unseren Schulen während der Hochphasen der Corona-Krise im Frühjahr 2020 und erneut ab Beginn des Jahres 2021 die effektive Durchführung von Online-Unterricht spürbar behinderten. Ebenso wurde eine wirksame Unterstützung der Schulen durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen und den Rundfunk – aufgrund der Unmöglichkeit, bei den zersplitterten Lehrplänen wirksam zu unterstützen? – vermisst. In das Gesamtbild passt, dass die Möglichkeit, die Schulen auch an den Wochenenden zu öffnen, während eines vollen Pandemiejahres nicht einmal in Ansätzen diskutiert wurde.
Komplexe Lösungen werden oft mit dem Ziel, mehr Gerechtigkeit zu erreichen, begründet: Das deutsche Schulsystem ist aber weder gerecht noch kosteneffizient. Dass die Wenigen (wie z.B. die Schulbuchverlage und die Kultusbürokratie), die tatsächlich von der föderalen Struktur des deutschen Bildungssystems profitieren, eine wirklich starke Lobby darstellen, ist kaum vorstellbar: Es fehlt schlicht der Mut zu einfacheren Lösungen.
Bildungspolitik ist immer auch Gesellschaftspolitik. Tatsache ist, dass Mädchen statistisch mit der modernen Lern- und Studienwelt besser klarkommen als Jungen; das ist in Deutschland das gleiche wie in China oder auch im Iran. Bis zum Geburtsjahrgang 1972 erreichten mehr Männer als Frauen in Deutschland das Abitur, seitdem liegen die Frauen leicht vorn. Diese Entwicklung war politisch gewollt, korrespondierte also seit Mitte der 1960er Jahre zu den dominierenden sozialen Werten bzw. präziser dem angestrebten Wertewandel.
Bedenklich oder verwerflich, je nach Perspektive, ist aber, dass im deutschen Schulsystem weder das Gebot der Vergleichbarkeit der Abschlüsse noch der gerechte Zugang zu Ressourcen gewährleistet ist. Damit ist übrigens nicht der soziale Bias gemeint, dass Kinder studierter Eltern einen Vorteil gegenüber Kindern aus euphemistisch sogenannten bildungsfernernen Schichten haben und dass die Verkäuferin indirekt das Studium des Akademikernachwuchses mitfinanziert. So vernünftig die Öffnung des Abiturs ab den 1960er Jahren war, mit dem Ziel, mehr Kindern aus „Nichteliten“ Zugang zu einer Hochschulbildung zu verschaffen, so fatal wirkte sich dies langfristig auf die eigentliche Abiturqualität aus. Als logische Konsequenz wirkte der massenhafte Zustrom von neuen Studenten bei unzureichend angepasster materieller Ausstattung der Hochschulen auf die Qualität der Hochschul(aus)bildung. Praktisch beobachten wir im langfristigen Verlauf, dass das Abiturniveau seit Jahren sinkt und dass diese Aussage ebenso für zahlreiche Studien an den deutschen Universitäten gilt.
Dies ist bis auf Ausnahmen kein Versagen der Lehrer- oder Professorenschaft, sondern ein strukturelles und ebenso inhaltliches Problem. Während es in den Ländern kaum ein echtes Abiturkerncurriculum gibt und insbesondere das Deutsch-Abitur bis zur Beliebigkeit verkommen ist, gilt „Statt einer Einigung auf bestimmte Werke oder Werkauszüge von Lessing, Goethe, Heine, Ringelnatz, Brecht, Hesse oder Zeh wird rein formal als Ziel ausgegeben, sich mit literarischen Texten auseinandersetzen zu können.“ (Brodkorb und Koch, S. 62), wurde an den Hochschulen im Zuge des Bologna-Prozesses seit 1999 europaweit vereinheitlicht, was z.T. nicht mehr zu vereinheitlichen war. Praktisch bedeutet dies in beiden Fällen vielfach ein Rennen zu den niedrigsten Standards.
Mit den steigenden Abiturientenzahlen musste notwendigerweise das Niveau des Abiturs sinken. Dass sich das Gesamtbild nicht noch schlechter darstellt, ist zahlreichen motivierten und oft unter schwierigen Bedingungen arbeitenden qualifizierten Lehrern und Professoren zu danken.
Literaturtipp:
Der langjährige Kultusminister Mecklenburg-Vorpommererns Mathias Brodkorb und die Rostocker Universitätsprofessorin Katja Koch haben zu diesem Thema im Frühjahr 2020 die Streitschrift „Der Abiturbetrug“ im zu Klampen Verlag veröffentlicht. Der interessierte Leser findet hier nicht nur viel Deskriptives zur Tätigkeit der Kultusministerkonferenz, sondern ebenso „harte“ Vorschläge, mit dem bekannten Bildungsdilemma umzugehen.
Brodkorb und Koch plädieren für weniger Abiturienten und einen Bildungskanon bzw. ein weitgehend bundeseinheitliches Abitur. Unabhängig davon, ob man die Vorschläge der Autoren teilt, ist das Erscheinen des Buches sehr zu begrüßen, als hier eine Diskussionsgrundlage für die Entwicklung der Bildungspolitik dargestellt wird und beiden Autoren eine Grundvertrautheit mit der Materie nicht abzusprechen ist.
Weil hohe Studierquoten politisch gewollt waren und zudem Studienabbüche nicht erwünscht sind, mussten nun notwendigerweise auch die Studienniveaus sinken.3
Wer jemals eine „echte deutsche Massenuniversität“ von innen gesehen hat, weiß, dass es es dort selbst Vorlesungen mit mehr als 1.000 Studenten gab, wobei Studenten auf den Treppen saßen und der Professor per Video in die Nebenräume des Hauptvorlesungssaals für die dort sitzenden Studenten an die Wand gestreamt wurde. Es ist sehr zu hoffen und, etwas Willen vorausgesetzt, möglich, dass die Corona-Krise dieser Perversion des Bildungsgedankens ein Ende bereitet. [49] Hier handelt es sich nach einem bösen Wort des 1989 verstorbenen Verhaltensforschers Konrad Lorenz um Nutzmenschhaltung.
4.2 Entwertung der Nichthochschulbildung
Gesellschaftlich bedeutender als der Qualitätsrückgang im Abitur und an den Hochschulen ist, dass die Schulformen Realschule und Hauptschule mit dem Trend zum Abitur sozial entwertet wurden. Der ehemalige Kulturstaatsminister im Bundeskanzleramt von Kanzler Gerhard Schröder, Julian Nida-Rümelin, verfasste dazu im Jahre 2014 ein Buch unter dem Titel „Der Akademisierungswahn – Zur Krise beruflicher und akademischer Bildung“, das wohlwollend besprochen wurde, aber wirkungslos blieb. Karrieren wie die von Horst Seehofer vom Realabschluss zum Ministerpräsidenten Bayerns und Bundesminister werden wir vermutlich kaum mehr erleben. Dabei sind wir bereits seit mehr als einem Jahrzehnt an einem Punkt angelangt, dass ein Universitätsstudium nicht fast automatisch ein gutes Lebensgehalt garantiert, sondern dass z.B. ein erfolgreich ausgeübter Handwerksberuf oft zu einem deutlich besseren Lebenseinkommen führt.
Lax gesagt gibt es heute also viel zu viele durchschnittliche Massenakademiker vor allem der besonders nachgefragten Geisteswissenschaften für die begrenzt verfügbaren gutdotierten Stellen im öffentlichen Dienst und in den Unternehmensadministrationen. Warum sich nicht mehr junge Frauen und Männer bei offensichtlich vorhandenen guten Verdienstmöglichkeiten und dankbaren Kunden in einer alternden Gesellschaft für handwerkliche Berufe entscheiden, kann vermutlich nur mit einer „gesellschaftlichen Abneigung“ gegen körperliche Arbeit, bei der man sich auch noch die Finger schmutzig machen kann, erklärt werden. Die bereits erwähnten surrealen Diskussionen über ein paar Zehntausend „Erntehelfer“ aus Osteuropa, ohne die im Jahre 2020 eine vernünftige Spargel- und Erdbeerernte in Deutschland (bei explodierender Arbeitslosigkeit!) nicht möglich gewesen sein soll, weisen in diese Richtung.
Für Vermutungen, warum sich junge Menschen all dies antun, sei in Analogie auf Hararis Ausführungen zur Frage, warum die Menschen vor ca. 12000 Jahren das gesündere und bessere Leben der Jäger und Sammler gegen das der Ackerbauern getauscht haben, verwiesen.[50]
4.3 Bildungspolitik und Ideologie
Im Jahre 2008 veröffentlichte der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie das Buch „Visible Learning“ (auf Deutsch in etwa „Sichtbare Lernprozesse“), das sich der wohl wichtigsten Frage der Bildungsforschung widmet: „Was ist guter Unterricht?“ Hattie wertete zunächst sämtliche ihm zur Verfügung stehenden englischsprachigen Studien zum Lernerfolg aus und untersuchte z.B. die Bedeutung von Hausaufgaben, Vokabellernen, der Unterstützung der Eltern, zum Sitzenbleiben und zum Förderunterricht. In seine Analyse gingen mehr als 50.000 Einzeluntersuchungen mit 250 Millionen beteiligten Schülern ein. Für die unterschiedlichen Unterrichtsmethoden und Lernbedingungen bestimmte er dann einen jeweiligen Erfolgsfaktor. Das Resultat ist nur auf den zweiten Blick verblüffend: Äußere Strukturen von Schule und Unterricht, wie staatliche versus private Organisation, die materielle Ausstattung und die Klassengröße sind, nach Hattie, was das Lernen betrifft, weitgehend unwichtig: Es kommt hauptsächlich auf den guten Lehrer an.[51]
Egal, ob Sie dies überzeugt oder nicht: Lesen Sie Tschingis Aitmatovs wundervolles Frühwerk „Der erste Lehrer“!
Das hat wiederum nichtfinanzielle Implikationen, die die Anerkennung des Lehrerberufs (im weltweiten Vergleich zählen die deutschen Lehrer zu den bestbezahlten) betreffen: Können Lehrer ihre Tätigkeit in einer Art und Weise ausführen, dass sie ihnen Freude und Genugtuung bereitet? Inwieweit können sie in die Erziehung der Kinder eingreifen, ohne das Primat der Familie zu verletzen? Wie werden sie auf der Universität bzw. Pädagogischen Hochschule auf ihren Beruf vorbereitet? Welche Anerkennung erhalten sie von der Gesellschaft für ihre Tätigkeit, und, und, und …?
Sie sehen wieder viele Fragen, die unterschiedlich beantwortet werden können, die aber in jedem Fall beantwortet werden müssen! Wir werden uns im Folgenden mit den Rahmenbedingungen von frühkindlicher BildungBildung, Schulbildung, Berufsausbildung und Hochschulbildung befassen.
4.4 Rahmenbedingungen für Bildung, Bildungseinrichtungen und Bildungsteilhabe
Wenn man die Bildungsberichte von 2014 und 2018 nebeneinanderlegt, die von der Kultusministerkonferenz und dem Bundesministrium für Bildung und Forschung herausgegeben wurden, so hat sich das Gesamtbild nur in Nuancen verändert.[52]
Das Problemverständnis der staatlich Verantwortlichen lässt sich wie folgt zusammenfassen:
1 Der schrittweise Eintritt der geburtenstarken Jahrgänge in die Rentenphase sowie geringe Geburtenzahlen begrenzen die zukünftige Erwerbstätigkeit der (bisherigen) einheimischen Bevölkerung. Der Anteil von Personen mit Migrationshintergrund an der Bevölkerung stieg bereits vor Ausbrechen der Flüchtlingskrise 2015 in den jüngeren Altersgruppen stark an.
2 Von den unter 6-jährigen hatte bereits im Jahr 2013 etwa ein Drittel der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Der Anteil der Kinder, die in einem erwerbslosen, armutsgefährdeten oder bildungsfernen Elternhaus – in einer Risikolage – aufwuchsen, verringerte sich vor der sogenannten Migrationskrise leicht auf immer noch stolze 30%. Die Anzahl der Bildungseinrichtungen nimmt insgesamt mit dem demografischen Wandel ab; die Sicherung eines wohnortnahen Bildungsangebots ist in Teilen Deutschlands bereits eine Herausforderung.
3 Die Zahl der unter 3-jährigen in der Kindertagesbetreuung und den höher qualifizierenden Bildungsgängen steigt. Problematisch in westdeutschen Großstädten bleibt ein ausreichendes und qualifiziertes Angebot seitens staatlicher und privater Anbieter. Alleinerziehende Haushalte (ca. 20% aller Haushalte laut 2018er Bericht) stehen hier vor besonderen Schwierigkeiten.
4 Die duale Ausbildung und der Hochschulbereich verzeichnen eine etwa gleich große Zahl an Anfängerinnen und Anfängern. Anders ausgedrückt: Immer mehr junge Leute studieren (dies geht Hand in Hand mit einer Akademisierung zahlreicher Berufe) zulasten einer Berufsausbildung. Von dieser Entwicklung sind nicht nur kleine Unternehmen im ländlichen Raum betroffen. Die Aussagen von Daimler-Chef Dieter Zetsche vom Sommer 2015, unter den Flüchtlingen gezielt Ausschau nach potenziellen Mitarbeitern zu halten[53], besagen, dass selbst Unternehmen wie Mercedes-Benz offensichtlich Probleme haben, qualifizierten Blue-Collar-Nachwuchs zu finden. Ob die Entwicklung hin zur Akademisierung zielführend für die deutsche Wirtschaft und damit Gesellschaft sein wird, muss zumindest teilweise bezweifelt werden. Eine gute Nachricht ist indes, dass sich immer mehr junge Menschen berufsbegleitend qualifizieren.
5 Ein oder das zentrale Problem aller Schulformen stellt ein bereits existierender oder absehbarer Mangel an qualifizierten Lehrern dar. Die Länder unternahmen vor Corona bereits teils abenteuerliche Versuche, sich Lehrer gegenseitig abzuwerben und diese Lücken mit Seiteneinsteigern zu füllen. Hier ist zu beachten, dass pädagogische Fähigkeiten, die erworben werden müssen, eine umso größere Rolle spielen, je jünger die Schüler sind. Anders ausgedrückt: Die Chance, dass ein ehemaliger Meister oder ein Maschinenbauingenieur ein guter Lehrer an einer Technischen Berufsschule wird, ist deutlich höher, als dass ein ehemaliger Universitätsassistent ein guter Mathematiklehrer in der Mittelstufe wird oder dass Germanisten erfolgreich Schulanfängern das ABC beibringen.
6 Es bleibt insgesamt weiterhin eine starke soziale Ungleichheit bei der Bildungsbeteiligung zu konstatieren: Problematisch für Deutschland wie für fast alle EU-Staaten ist die relative Undurchlässigkeit des Bildungssystems. Vereinfacht: Es sind zumeist die Kinder von Akademikern, die an Universitäten studieren.
Bemerkung:
Mit dieser Argumentation machen wir es uns allerdings wieder zu einfach: So zählen die Kinder vietnamesischer Kontraktarbeiter in der DDR heute zu den statistisch besten Abiturienten in Deutschland.[54] Ebenso sind die Kinder der in den 1990er Jahren zugewanderten Russlanddeutschen sowie die Kinder von Migranten aus dem Iran überdurchschnittlich gute Abiturienten.
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