Читать книгу: «Zukunftsbildung»
Dietmar Hansch und Till Bastian
ZUKUNFTSBILDUNG
Die Giergesellschaft überwinden – und überleben
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
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Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Über den Autor
Vorwort
„Medizin im Großen“: Die soziale Emphase des Rudolf Virchow – Einführung von Till Bastian
Die schwarze Erleuchtung des John Gray – Einführung von Dietmar Hansch
1
Die Quellen des Übels und ihre zerstörerischen Wirkungen
2
Gefangen im G-Attraktor: Gier-Gesellschaften
3
Autotelie und Askese
4
Die Kraft der Kohärenz: Kulturantriebe
5
Der Egoist, der Altruist und der Meister: Vom Egomenschen zum Kulturmenschen
6
Die Moral des Kulturmenschen
7
Kulturmensch, Moral und Glück
8
Erkenntnistheoretische und metakognitive Kompetenz
9
Von der Natur- zur Kulturgemeinschaft
10
Differenzierung versus Integration – das Schleimpilz-Prinzip
11
Von der Religion zum Weltbild der Dritten Kultur
12
Zukunftsbildung – das Bildungssystem der Dritten Kultur
13
Liberalismus oder Paternalismus? Wider den Ideologie- und Totalitarismus-Vorwurf
14
Kulturgesellschaften: Die Reise in den K-Attraktor
15
Rot-Grün – das Fortschrittsprojekt der Dritten Kultur?!
Literaturverzeichnis
Dr. med. Dietmar Hansch, Jahrgang 1961, Internist und Psychotherapeut, Leiter des Zentrums für Burnout und Stressfolgeerkrankungen an der Klinik Wollmarshöhe in Bodegg. Mitglied des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin (DKPM). Er ist Autor zahlreicher Zeitschriftenartikel und Bücher.
Dr. med. Till Bastian, geb. 1949, ist Arzt und Psychotherapeut an einer Fachklinik für psychosomatische und internistische Medizin. Autor zahlreicher Bücher und Artikel. Er lebt in Isny im Allgäu, ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen.
Vorwort
Unter den sich verdichtenden Zeichen von globaler Krise und Bedrohung hatten wir etliche Jahre gewagt zu verdrängen und zu hoffen. Grüne Technologien, regenerative Energien, Emissionsrechtehandel, Nachhaltigkeits-Konzepte, Mikrokredite, Unternehmensethik oder Fair Trade – vielleicht lassen sich dem Kapitalismus doch ökologische Vernunft und soziales Gewissen einhauchen. Und Gott sei Dank – dann könnten wir bleiben, wie wir sind. Wir alle könnten uns weiter aus dem Bauch heraus und in voller Freiheit entfalten, könnten weiter hemmungslos konsumieren, wegwerfen, fahren und fliegen. Die unsichtbare Hand der grün belehrten Märkte würde die Dinge schon trotzdem zum Guten wenden. Der rasende Zeitgeist des Immer-Mehr würde sich schon irgendwie selbst überholen und vor dem Großen Crash das Ziel erreichen. Und eine Alternative gibt es ja ohnehin nicht: Denn Hand in Hand mit dieser bequemen Illusion geht das Diktum, dass die Natur des Menschen nicht zu ändern sei, dass es einen Neuen Menschen nicht geben könne, ja, nach den blutigen Diktaturerfahrungen galt es nachgerade als Tabu, an diese Fragen zu rühren.
Es ist höchste Zeit, aus diesen angenehmen Träumereien zu erwachen und sich den Realitäten zu stellen: Jahr um Jahr wächst die globale Ressourcenvernichtung, Jahr um Jahr steigt der globale Energieverbrauch, jedes Jahr bringt einen neuen Rekord im Kohlendioxid-Ausstoß. Und all das wächst nicht nur, es wächst auch immer schneller. Mit dem weitgehend „naturbelassenen“ und nur im überwiegend technischen Sinne „ausgebildeten“ Menschen ist eine grüne Marktwirtschaft nicht zu machen. Immer kommen Mechanismen in Gang, die die menschliche Giernatur stimulieren und am Ende in ein alles verschlingendes exponentielles Wachstum münden.
Diese heute nicht mehr zu leugnenden Realitäten erzwingen einen Paradigmenwechsel: Die Gier nicht kanalisieren, sondern sie bekämpfen, nicht Wachstum sondern Beschränkung. Was die Geschichte tatsächlich und unwiderruflich lehrt ist: Mit Diktatur geht all dies nicht. Wenn man vor diesem Hintergrund die Situation durchdenkt, bleibt exakt ein einziger Ausweg: Wir brauchen ein Bildungswesen, das die Menschen zu freiwilliger Selbstbeschränkung befähigt.
Man kann die menschliche Natur nicht ändern, aber man kann sie eingrenzen und kulturell überbauen. Was dies im Einzelnen heißt und wie es gelingen könnte, ist die zentrale Frage, auf die wir in diesem Buch Antworten suchen. Gerade als Ärzte und Psychotherapeuten fühlen wir uns von diesem Thema herausgefordert – und auch ausreichend gerüstet, zumal wir dabei zusammenfassend und erweiternd an umfangreiche Vorarbeiten anknüpfen können.
Wir sind zu der Überzeugung gelangt, dass ein solches Konzept von Zukunftsbildung die eigentliche, zentrale Frage des globalen Überlebens ist, die weder im Bildungs-Diskurs noch im „Weltrettungs-Diskurs“ adäquaten Raum einnimmt. Die Lösung dieser Bildungsaufgabe ist nicht alles. Aber ohne Fortschritte hierbei wird sich alles andere als nichts erweisen. Mülltrennung, Solardächer, Fahrradfahren, Spenden und Stiftungen – diese und alle anderen Ihrer Weltrettungsbemühungen würden am Ende für die Katz gewesen sein. Sie würden die Katastrophe nur ein wenig verzögern. Abwenden lässt sie sich nur durch einen massiven Einsatz von Mitteln am Hebelpunkt Persönlichkeitsbildung: Es muss gelingen, eine überkritische Zahl der Heranwachsenden dazu zu befähigen, den Hauptanteil ihrer Lebenszufriedenheit nicht aus materiellen Konsumgütern zu gewinnen, sondern aus immateriellen Kulturgütern. Wir wollen zeigen, dass eine solche Bildung heute möglich wäre.
Wir führen aus, inwiefern dieses Bildungsprojekt unverzichtbare Grundlagen neuer Gemeinschaftsbildung entstehen ließe. Es muss den Kern eines ökologischen Humanismus bilden und wäre damit die Gelingensvoraussetzung für ein zu wünschendes rot-grünes Fortschrittsprojekt.
„Medizin im Großen“: Die soziale Emphase des Rudolf Virchow – Einführung von Till Bastian
„Die medizinische Wissenschaft ist in ihrem innersten Kern und Wesen eine soziale Wissenschaft“, so schrieb der Berliner Armenarzt Salomon Neumann (1819 – 1908) im Jahr 1847, und sein berühmterer Kollege Rudolf Virchow (1821 – 1902) pflichtete ihm ein Jahr später, im Revolutionsjahr 1848, in seinem programmatischen Aufsatz „Der Armenarzt“ bei: „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik ist weiter nichts als Medizin im Großen.“ Ein weiteres Jahr später, 1849, veröffentlichte Virchow – später ob seines hartnäckigen Eintretens für Frieden und Völkerverständigung von Otto von Bismarck zum Duell gefordert! – in preußischem Regierungsauftrag seinen berühmt gewordenen Bericht „Über die in Oberschlesien herrschende Typhus-Epidemie“. An dessen Ende heißt es lapidar: „Die logische Antwort auf die Frage, wie man in Zukunft ähnliche Zustände, wie sie in Oberschlesien vor unseren Augen gestanden haben, vorbeugen könne, ist also sehr leicht und einfach: Bildung mit ihren Töchtern Freiheit und Wohlstand …“ (Alle Zitate nach Deppe u. Regus, 1975).
Als ein über Jahrzehnte hinweg politisch aktiver Arzt – tätig vor allem im Auftrag und im Umfeld der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ (vgl. dazu Bastian 1990 und 2011) – und als großer Bewunderer des unermüdlich engagierten Rudolf Virchow möchte ich im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts nichts unversucht lassen, um meinen Mitmenschen das „Prinzip Vorbeugung“ in seiner weltgestaltenden Bedeutung vor Augen zu führen. Denn von kaum einen anderem Gestaltungsprinzip ist die Menschheit heute – zu ihrem eigenen Schaden! – weiter entfernt als von jenem Grundsatz „Vorbeugen ist besser als Heilen“, einer uralten Menschheitserfahrung, die schon in das Buch der Weisheit, das „Tao Te King“ des alten Weisen Laotse mit den schier klassischen Worten „Man muss wirken auf das, was noch nicht da ist“, Eingang gefunden hat. Aber nichts könnte dem Selbstverständnis der heute herrschenden, weil ja von der schweigenden Mehrheit leider geduldeten politischen Eliten ferner sein als just dieser Grundsatz. Da werden in immer schnellerem Tempo immer nur sehr kurzfristige Ingenieurmaßnahmen propagiert, um auf wirkliche oder vermeintliche Krisen einzuwirken, mit – schon die Wortwahl ist verräterisch! – „Kapitalspritzen“ oder „Rettungsschirmen“ und so fort … Um eine dauerhafte, nachhaltig wirksame Veränderung der gegenwärtigen Zustände ins Werk zu setzen und so das Schlimmste zu verhüten, das ja schon am Horizont heraufdämmert, geschieht so gut wie nichts, und manchmal kann sich der besorgte Zeitgenosse des Eindrucks nicht erwehren, dass die hektische, aufgeregte öffentliche Debatte um die Frage, – ich greife ein zur Zeit der Niederschrift dieser Zeilen hochaktuelles Beispiel auf – ob etwa Griechenland im Euro-Verbund bleiben oder zur Drachme zurückkehren soll, in der Hauptsache einem einzigen Zwecke dient, nämlich dem, Diskussionen über die wirklich wichtigen Fragen nach Möglichkeit zu verhindern. Zu diesen Themen würde etwa die drohende ökologische Katastrophe gehören, die nicht allein, aber doch in hohem Umfang auf die anthropogene und nicht etwa erst in Zukunft drohende, sondern bereits im Hier und Jetzt registrierbare Klimaerwärmung zurückzuführen ist, ebenso aber auch die durchaus auch im eigenen Land, vor allem aber weltweit festzustellende, stetig wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die schon heute ein empörendes Ausmaß angenommen hat. Bei der Diskussion solcher Probleme stellt sich freilich rasch heraus – und eben deshalb werden sie ja auch systematisch vermieden! –, dass sie sich nicht werden meistern lassen, wenn der way of life der weltweit praktizierten kapitalistischen Konsumgesellschaft unverändert in die Zukunft extrapoliert werden soll, wie es das politische Establishment nahezu allüberall frohgemut und unverdrossen propagiert. Dieser politische Amüsierbetrieb, der gut mit der Talk-show-Medienöffentlichkeit und mit der hektischen Vergnügungssucht der Erlebnisgesellschaft zusammenstimmt, erinnert an die Katastrophe des Dampfers Titanic 1912, ein Jahrhundert vor der Niederschrift dieses Vorwortes, die sich ja vor allem deshalb ereignet hat, weil alle Vorsichtsmaßregeln zugunsten des Tempowahnes vernachlässigt worden waren. Nach dem Zusammenstoß mit dem Eisberg, der bei einer angemessen langsamen Fahrweise wohl vermeidbar gewesen wäre, spielte, als das Riesenschiff schon zu sinken begann, das Bordorchester immer noch eine fröhliche Melodie nach der anderen, denn man wollte so eine Panik unter den Passagieren verhindern.
Das Titanic-Desaster dient seit 1912 mit Recht – freilich auch mit geringem didaktischen Erfolg! – als Metapher, um den gefährlichen, ja selbstmörderischen Kurs der technokratischen Industriegesellschaft gleichnishaft auszudeuten. Das vorliegende Buch, an dem ich – einer Nachfrage meines Freundes und Kollegen Dietmar Hansch folgend – sehr gerne mitgearbeitet habe, verfolgt einen anderen, recht unspektakulären Weg. Es fragt weniger nach den großen, gesamtgesellschaftlichen Neuerungen, die nötig wären, damit die Menschheit auch das Ende dieses Jahrhunderts erlebt, sondern mehr nach den persönlichen Qualitäten, die wir erwerben müssen, um eben jene Veränderungen – deren Notwendigkeit von uns ja keineswegs bestritten wird! – dauerhaft und nachhaltig ins Werk setzen zu können.
Noch etwas anders ausgedrückt: Das von Karl Marx benannte Ziel einer rationalen Regelung des „menschlichen Stoffwechsels mit der Natur“ steht nach wie vor auf der Tagesordnung, aber der von Marx und vor allem von seinen Epigonen skizzierte Weg – den Menschen durch das Wirken übergeordneter, zum Teil mit diktatorischen Vollmachten ausgestatteter Instanzen zum neuen, nicht mehr profitorientierten Menschen zu erziehen – ist auf der ganzen Linie gescheitert. Wir setzen anstelle der diktatorischen „Erziehung“ durch autoritäre „Erzieher“ (die selber dem Attraktor der „Giergesellschaft“ auf Dauer nicht haben entrinnen können!) auf die antiautoritäre Persönlichkeitsbildung der „Autodidakten“, die – wenn sie erst einmal von Zigtausenden als zukunftsgestaltende Notwendigkeit erkannt worden ist – durchaus ihr subversives, weltveränderndes Potential entfalten könnte …
Entfalten könnte – denn selbstredend ist der Erfolg nicht garantiert. Wir glauben allerdings daran, dass er möglich ist. Dabei sollte uns freilich klar sein: Wir haben nicht unbegrenzt Zeit. Zwar wäre es falsch, in hektische Panik (oder in panische Hektik) zu verfallen – gewiss ist aber auch: Jedes ungenutzt verstrichene Zeitquantum verändert die Kräfteverhältnisse zum Schlechteren. Und wenn erst der radioaktive Staub der im Feuer der Atombomben verglühten Städte die Abenddämmerung rötet – dann wird niemand mehr da sein, der anderen Erdenbewohnern über seinen Traum von Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde erzählt …
Die schwarze Erleuchtung des John Gray – Einführung von Dietmar Hansch
Über Jahre schon hatte ich es geahnt und befürchtet. Und auch heute noch kann und will ich es eigentlich nicht akzeptieren. Entsprechend hart hat es mich dann getroffen, als ich meine düstersten Ahnungen schonungslos auf den Punkt gebracht sah – in einem Buch des bekannten britischen Sozialphilosophen John Gray (2010) mit dem Titel „Von Menschen und anderen Tieren. Abschied vom Humanismus“. Nach Gray machen wir uns über unser Menschsein eigentlich nur Illusionen. Wir sind keine überwiegend moralisch handelnden autonomen und willensfreien Subjekte. Vielmehr werden die meisten von uns zumeist von Instinkten beherrscht und getrieben, wie andere Tiere auch. Wo immer man hinschaut – ob in die Wissenschaft, die Wirtschaft, die Kultur oder die Politik – humanistische Werte wie Gerechtigkeit, Wahrheit, Schönheit oder Güte, all das sind nichts als dünne Papierkulissen, hinter denen brutal und ohne Regeln um Geld, Macht und Ruhm gerungen wird.
Es gibt keinen dauerhaften, über Jahrzehnte und Jahrhunderte sich aufbauenden sozialen Fortschritt. Die Blüte von Hochkulturen ist immer nur von historisch kurzer Dauer. Mit Zwangsläufigkeit folgt ein zivilisatorischer Verfall. Das wahrscheinlichste Zukunftsszenario ist die weitgehende oder totale Selbstvernichtung der Menschheit. Und hier kann sich Gray auf sehr gewichtige Autoritäten stützen, wie etwa den britischen Biowissenschaftler James Lovelock, der seine immense intellektuelle Kraft mit ganz zentralen Theorien und Erfindungen unter Beweis gestellt hat. Von unbegründeter Schwarzmalerei kann also hier keinesfalls die Rede sein.
Wir werden das giergetriebene Wachstum nicht begrenzen können, die Ressourcen werden ausgehen, die immer mächtiger werdenden Technologien werden irgendwann im Kampf darum auch als Waffen benutzt werden, der Klimawandel wird ein Übriges tun. Alles irdische Bemühen kann sich am Ende doch nur als eitel und vergeblich erweisen. Die Welt in ihrer derzeitigen Verfassung ist nur ein einziges postabsurdes und absolut sinnloses Theater, und zu weiten Teilen ein grausames noch dazu.
Aufklärung, Fortschrittsglaube und Humanismus sind nichts als quasireligiöse Wahnsysteme, die ihren Ursprung in aufweisbaren Irrtümern des Christentums haben. Und all das versucht Gray dann mit Gelassenheit zu nehmen – wie, sehen wir gleich.
Wie schon gesagt, die Lektüre dieses Textes hat mich sehr betroffen gemacht. Es ging so weit, dass mir folgender Gedanke kam: Ist das nicht eine Art Erleuchtung? Die einzige vielleicht, die es für uns Menschen gibt? Wenn Erleuchtung totale Desillusionierung bedeutet, wenn Erleuchtung heißt, der wichtigsten Wahrheit, die es für uns gibt, direkt ins Auge zu blicken, dann könnte man das tatsächlich so sehen. Eine schwarze, finstere, furchtbare Erleuchtung. Die Erblindung zur totalen Seinsfinsternis. Die modernisierte Reformulierung von Gedanken, wie sie schon von Schopenhauer oder Cioran vorgebracht wurden.
Grays Buch ist ja in einigen Besprechungen eher schlecht weggekommen. Tatsächlich: nicht wenige seiner Aussagen sind im Detail zweifelhaft und insgesamt ist doch ein recht grobes Schwarz-Weiß-Bild entstanden. Der Mensch ist nicht entweder vollständig ein Tier oder ganz davon losgelöst, er handelt nicht entweder vollständig bewusst oder wird total vom Unbewussten beherrscht, es gibt nicht entweder glorreichen, immerwährenden Fortschritt oder gar keinen. Die Wahrheit liegt immer irgendwo dazwischen, und diese Zwischentöne finden in Grays Buch keinen angemessenen Raum. Das alles kann man zu Recht bemängeln. Und dennoch gibt es überwältigende Argumente dafür, dass Gray am Ende mit seinen wesentlichen Aussagen Recht behalten könnte. Auch ein grobes Schwarz-Weiß-Bild kann im Kern die richtigen Figuren zeigen.
Gibt es über den Suizid hinaus noch eine andere Möglichkeit, mit dieser finsteren Erleuchtung umzugehen?
Gray versucht, uns wie folgt zu trösten: Die Fortschrittsillusion gebe es ohnehin nur im christlich geprägten Abendland. Den meisten anderen Zeitläuften und Kulturen von den Griechen über die Römer bis zu den Indern sei diese Denkfigur fremd gewesen. Dort hätten die Menschen doch auch ohne diese Illusionen gelebt und seien damit vielleicht nicht weniger glücklich gewesen – oder glücklicher.
„Die Suche nach einem Lebenssinn mag durchaus von therapeutischem Nutzen sein, hat aber mit dem Leben der Seele nichts zu tun. Echte Spiritualität bedeutet nicht, nach Sinn zu suchen, sondern sich von ihm zu lösen. Der Zweck des Lebens war für Platon die Kontemplation. Tätigsein hatte in seinen Augen nur insofern einen Wert, als es die Kontemplation ermöglichte“ (Gray 2010, S. 207). „Im Tätigsein bewahren wir uns ein Identitätsempfinden, das in der Reflexion zerfällt. Wenn wir an etwas arbeiten, erleben wir uns als scheinbar in sich geschlossene Wesenheit. Geschäftigkeit tröstet uns darüber hinweg, dass diese Geschlossenheit gar nicht existiert. Nicht der müßige Träumer entflieht der Realität, sondern der Emsige, der in einem betriebsamen Leben Zuflucht vor der Bedeutungslosigkeit sucht“ (Gray 2010, S. 204).
Kontemplation also. müßiges Tagträumen. Achtsamkeit im Hier und Jetzt. Nun ja. Ich übe das schon seit Jahren und predige es unverdrossen meinen Patienten und Schülern der Lebenskunst. Ein wenig hilft das tatsächlich und mit Veranlagung und viel Übung kann man da sicher auch noch mehr erreichen. Auch ich hab mir eine Mediationsmatte als letzte Zuflucht immerhin schon mal in mein Arbeitszimmer gelegt. Aber einfach ist es nicht. Die starken Eigendynamiken unseres Denkens reißen uns immer wieder aus der Gegenwart heraus und verstricken uns in leidvolles Nachdenken über Vergangenheit und Zukunft. Und das, worauf das Auge der Kontemplation fallen könnte, ist ja weiß Gott nicht immer erfreulich. Die ach so erhabene Natur ist mit ihrem großen Fressen und Gefressenwerden doch im Kern ziemlich grausam. Dem Zerfallen sozialer Ordnungen zuzusehen, dem brutalen Chaos in failing states, dem elenden Ersaufen bei Naturkatastrophen, das ist weiß Gott alles andere als erbaulich. Und wenn zu viele von uns nur noch tagträumen oder meditieren, dann zerfällt die Ordnung unserer eigenen Kultur womöglich noch schneller und wir müssen bald wieder mit eigener Muskelkraft Holzpflüge über den Acker zerren, um überleben zu können. Platon mag ausgiebig kontemplativen Muße-Bädern gefrönt haben. Aber ermöglicht wurde ihm das durch die Arbeit von Sklaven. Und geschrieben hat er schließlich auch. Ganz sicher nicht ohne die Intuition, dass das zu etwas nütze sein möge. Nicht umsonst trägt eines seiner Bücher den Titel „Der Staat“ und es geht darin um den Entwurf eines idealen Staates. Die Sehnsucht nach einer guten Ordnung ist uns eingeboren und es dürfte kaum ein Mittel geben, sie gänzlich los zu werden.
Auf allen Ebenen ist Leben in seinem Wesenskern auf Ordnungsbildung angelegt, ja fast handelt es sich um Synonyma. Leben ist Ordnung aus dem Chaos, Wachstum ist Ordnungsbildung, Lernen ist Ordnungsbildung. Sinn ist die Schließung einer Ordnung zur guten Gestalt.
Wir sind zum Kampf um gute Ordnung und Sinn bestimmt – oder sollten wir sagen verurteilt, verdammt? Vielleicht ist Sisyphos das treffendste Bild, das je für das Menschenlos gefunden wurde. Wir spüren, dass der Stein auf den Berg gehört, und ihn im Tal liegen zu sehen, wird uns immer ein blutiger Dorn im Fleische sein. Für viele Menschen wird sich letztendlich dieser Dorn als schmerzlicher erweisen als die Anstrengung, den Stein wieder und wieder hinaufzurollen.
Und gibt es denn gar keine Chance, dass der Stein einmal oben bleibt? Nun, denkbar wäre das schon. Gray selbst deutet die Voraussetzungen dafür an: „Ein grünes Higtech-Utopia, in dem wenige Menschen im Gleichgewicht mit den anderen Kreaturen des Planeten ein angenehmes Leben führen, ist wissenschaftlich gesehen machbar, vom Wesen des Menschen her gesehen aber unvorstellbar. Falls etwas in dieser Art zustande kommen sollte, dann nicht durch willentliches Handeln des Homo rapiens“ (Gray 2010, S. 196).
Das „Wesen des Menschen“, seine Gier-Natur ist also der springende Punkt: der Mensch ist kein Homo sapiens, kein vernunftdominierter Mensch, vielmehr ist er im Kern ein Homo rapiens, ein „raffender Primat“.
Doch kann man an diesem Wesen des Menschen irgendetwas ändern? Geht das nicht gefährlich in die Nähe jener Visionen vom Neuen Menschen, die heute als grauenvoll gescheitert und auf ewig historisch desavouiert gelten? So ist es nicht gemeint. Frühere Revolutionierungsversuche des menschlichen Wesenskerns waren zumeist sehr radikal. Sie gründeten nicht ausreichend in psychologischem und neurowissenschaftlichem Wissen und waren weit davon entfernt, über eine annähernd angemessene und wirksame Methodik zu verfügen. Sie arbeiteten überwiegend mit Druck, Zwang und Strafe, was nur immer stärkeren Gegendruck weckte und schon deshalb scheitern musste.
Radikale Veränderungen des Menschen sind nicht möglich und nicht notwendig. Kleine äußere Veränderungsanregungen an der richtigen Stelle können eine sich selbst verstärkende Eigendynamik im Inneren auslösen, die am Ende zu einer recht deutlichen Selbstveränderung führt. Mäßige Veränderungen bei einer überkritischen Zahl von Menschen vermögen auf der gesellschaftlichen Ebene selbstverstärkende Eigendynamiken auszulösen, die zu einem qualitativen Sprung führen.
Grundsätzlich verfügen wir heute über ein adäquateres Wissen in Sachen Bildung und Erziehung als noch vor 50 oder 100 Jahren. Und was vielleicht noch wichtiger ist: wir verfügen heute über einen reichen Erfahrungsschatz der uns hilft, das Gute und Richtige unter den Halden des Unsinns hervorzuwühlen, den die menschliche Geschichte leider auch aufgehäuft hat.
Dies eröffnet aus meiner Sicht eine kleine, realistische Resthoffnung, dass wir selbst aus eigener bewusster Anstrengung heraus zur Schaffung eines „grünen Utopia“ fähig sind.
Aber bevor wir näher schauen, wie das vielleicht gelingen könnte, sei Ihnen noch einmal die Lektüre von Grays Buch empfohlen: Schauen Sie hinein in den Schwarzen Spiegel, den John Gray uns entgegen hält. Vielleicht brauchen wir dieses existenzielle Erschrecken, um die Kräfte zu mobilisieren, die es Homo rapiens am Ende doch noch ermöglichen, einen Homo sapiens aus sich zu machen. Im Sinne von Camus ist es uns aufgegeben, uns immer wieder gegen das Absurde aufzubäumen zu einer letzten aberwitzigen Anstrengung, aus dem Eisblock des Seins doch noch einige Blutstropfen Sinn herauszupressen.
1 Die Quellen des Übels und ihre zerstörerischen Wirkungen
Leben ist Expansion. Die expansivsten Formen des Lebens haben schon bald die Biosphäre dominiert. Das liegt im seelenlosen Mechanismus der Evolution begründet: Gene, die ein expansives Verhalten begünstigen, verbreiten sich stärker als alle anderen Gene. So musste das in die Welt kommen, dessen Entsprechung wir auf der psychischen Ebene „Gier“ nennen.
Diejenigen unserer Vorfahren, die eine Neigung hatten, Nahrung und andere Ressourcen an sich zu reißen und zu bevorraten, hatten größere Chancen, ihre Nachkommen durchzubringen – folglich verbreiteten sich die Gene, die diese Neigung erzeugen. Das gleiche gilt für die Neigung, in der Gruppe einen möglichst hohen sozialen Status und damit Macht zu erringen – das erleichtert den Zugriff auf Ressourcen und auf attraktive, genetisch fitte Sexualpartner, was im Sinne einer Selbstverstärkung wieder zu Statuserhöhung beiträgt (Luxusgegenstände und attraktive Partner als Statussymbole). Im Gehirn führte dies zu Bildung von alsbald weitervererbten Antriebssystemen („Erbantriebe“), die in der Psyche die Gier nach Luxus, Status und Macht wecken und wach halten. Eine vierte Form der Gier ist die Gier nach neuen Reizen und Erlebnissen, die Neugier. Bei Jungtieren und bei Kindern ist sie ein förderlicher Antrieb, die Umwelt zu erkunden und Neues über sie zu lernen. Während diese positive, kindlichspielerische Neugier mit dem Älterwerden abklingt, führt das Phänomen der Gewöhnung oft zu einer süchtig-verkrampften Neugier des Erwachsenen.
Gewöhnung ist ein biologisches Elementarphänomen, das uns auf vielen Ebenen begegnet. Schon bei einfachsten Lebewesen unterbleiben Schutzreflexe, wenn ein harmloser Störreiz häufig genug wiederholt wird. Wenn man eine Brille verordnet bekommt, drückt sie eine Zeitlang auf der Nase, um bald nicht mehr wahrgenommen zu werden. Allerdings gilt das auch für das positive Erleben: Wenn Sie Ihr Lieblingsgericht zu häufig essen, wird es fad. Konsumgüter wie Uhren, Schuhe oder Autos vermitteln eine Zeitlang ein gutes Gefühl, doch bald gewöhnt man sich an sie und giert nach Neuem: nach der noch teureren Uhr, nach den noch schickeren Schuhen oder dem noch schnelleren Auto. Vor allem durch die neuen Medien gewöhnen sich immer mehr Menschen, insbesondere immer mehr junge Menschen an immer höhere und intensivere Reizlevel. Dies ist dann Neugier im schlechtesten Sinne: permanentes Mailen, Simsen, Twittern, Chatten, immer brutalere Videos, ständiges Musikgedröhn in den Ohren, Internet-Abhängigkeit, Sensation-Seeking. Viele Jugendliche werden zu flackerblickigen Reiz-Reaktions-Automaten abgerichtet. Der Reizterror fixiert sie von Kindesbeinen an auf Lustgewinn durch Außenreize und lässt ihnen keine Chance zur Akkumulation kulturellen Reichtums, zum Aufbau innerer Quellen von Lebenszufriedenheit. Dieser verhängnisvolle Prozess ist von dem Philosophen Christoph Türcke in seinem Buch über die Kritik an der „Aufmerksamkeits-Defizit-Kultur“ treffend beschrieben worden (Türcke 2012).
Die wichtigste Kulturtechnik für die Aneignung kulturellen Reichtums, das Lesen anspruchsvoller Texte, wird immer weniger eingeübt. Auch wenn sich die Inhalte dieser Reizgier zunehmend dematerialisieren, wachsen infolge immer kürzerer Geräte-Lebensdauer die Berge des Elektronik-Schrottes.
Früher galt Gier als eine der sieben Todsünden. Heute ist sie „geil“. Früher wurde Gier gezähmt, heute wird sie durch den konsumfixierten Zeitgeist regelrecht herangezüchtet.
Auf allen Ebenen richten die vier Köpfe des Gierdrachens schweren Schaden an. Bevor wir uns dies mehr im Einzelnen betrachten, sei noch auf einen die Entwicklung verstärkenden Effekt hingewiesen. Wir nennen ihn die metakognitive Inkompetenz und verstehen darunter die Unfähigkeit unreflektierter Menschen, bewusst und angemessen mit den eigenen Erkenntnisinstrumenten umzugehen. Erst die begriffliche Erkenntnis macht es beim Menschen möglich, Sachverhalte in der Vorstellung auszuweiten, aufzusteigern, ins Reine und Ideale zuzuspitzen. Denken wir an Vorstellungen wie „der reichste Mann der Welt“ oder „der mächtigste Mann der Welt“ oder „die schönste Frau der Welt“, „das prächtigste Haus der Welt“ oder „der berühmteste Gelehrte des vom Licht erreichbaren Universums“ – Vorstellungen dieser Art können alle anderen Tiere nicht entwickeln, sie sind nur dem Homo rapiens möglich. Hinzu kommt die teufelskreisartige, wechselseitige Verstärkung von Gedanken und Gefühlen: Der Anblick eigenen Besitzes erzeugt Gedanken an und Vorstellungen von noch viel mehr Besitz, was Gefühle der Gier weckt, die dann ihrerseits Denken und Vorstellen noch weiter anstachelt usw. Und schließlich werden gedankliche Konstrukte verabsolutiert und zu Dogmen, zu absoluten Wahrheiten erklärt: Ich muss unbedingt – koste es, was es wolle! – dieses oder jenes haben oder erreichen, damit ich ein glücklicher Mensch sein kann. Dass meine Mitmenschen mir diese oder jene Möglichkeit einräumen, mir dieses oder jenes Verhalten zugestehen etc. – es ist für mich eine absolute Notwendigkeit. Diese oder jene Vorstellung – meine Vorstellung von der Welt, von richtiger Berufsausübung oder Lebensführung – erhält den Status einer absoluten Wahrheit: ich muss unbedingt Recht behalten, muss meine Interessen unbedingt durchsetzen. Es gibt nur Sieg oder Niederlage, Schwarz oder Weiß – die Nuancen und Schattierungen, die für die Lebensrealität so typisch sind, werden „planiert“, werden dem Gegensatz „Alles oder Nichts“ untergeordnet. Aber dieser Gegensatz entspringt dem Reich der Phantasie, dem Reich der Vorstellung. Und dies insbesondere dann, wenn unsere innere Welt, wenn unsere inneren Bilder dem Diktat der Gier unterworfen sind.
Viele Menschen haben keine kritische Distanz zu solchen Mechanismen, sie sind mit ihren gedanklichen Vorstellungen und Konstrukten unreflektiert verschmolzen. Sie halten die Landkarte für das Land. Für die Folgen haben wir Begriffe wie Rechthaberei, Engstirnigkeit, Dogmatismus, Fundamentalismus, oder Extremismus. Auf allen Ebenen führen diese Mechanismen zur Verstärkung innerpsychischer, zwischenmenschlicher und sonstiger Konflikte.
Werfen wir nun einen Blick auf die vielfältigen Schadensvariationen, die von Gier und metakognitiver Inkompetenz in vitiösem Zusammenwirken auf allen Ebenen angerichtet werden:
Individuum:
Die Gier treibt viele Menschen um und orientiert sie auf Lustgewinn, der primär aus äußeren Quellen stammt. Sind die äußeren Anreize von Anbeginn sehr stark, verhindert dies die Akkumulation kulturellen Reichtums als einer inneren Quelle von Lebenszufriedenheit. So entstehen zum einen Abhängigkeit und zum anderen eine innere Leere, die sich mit wachsender Halt- und Orientierungslosigkeit paart.
So kommt es zu einem ständigen Getriebensein. Was da antreibt, ist die Angst, etwas zu verpassen („Paradox of Choice“), und diese Angst wächst aufgrund der schnellen, weil gewöhnungsbedingten Abnutzung äußerlicher Reize weiter an („hedonische Tretmühle“). Dieses Getriebensein verunmöglicht dauerhaften inneren Frieden und nachhaltige Erfüllung. Egoistische Verhaltensweisen, Engstirnigkeit und Dogmatismus erzeugen soziale Konflikte und verhindern tiefe, tragfähige und belastbare menschliche Bindungen. All dies kann zur Entstehung psychischer Störungen beitragen, deren Inzidenz in den westlichen Ländern stetig steigt. Wir wollen Menschen, die in diesem Entwicklungsstadium stecken bleiben, als außengeleitete Ego-Menschen bezeichnen. Diese sich ständig verstärkende „Außenleitung“ hat der Soziologe David Riesman bereits in seinem Bestseller „Die einsame Masse“ in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts treffend beschrieben (Einzelheiten dazu bei Bastian 2012).
Beziehung und Familie:
Menschliche Beziehungen haben eine biologische und eine geistigkulturelle Ebene. Die biologische Ebene wird von Phänomenen geprägt wie vom Verliebtsein im Sturm von Hormonen und Sinnlichkeit, von Sexualität bis hin zu Sexsucht und Promiskuität, von Dominanz und Unterwerfung, Eifersucht und Kontrolle.
Die geistig-kulturelle Ebene konstituiert sich durch Ähnlichkeit, Resonanz und Koevolution bezüglich Werten, Grundanschauungen, Interessen und Lebenszielen. Sie verwirklicht sich in nichtbesitzergreifender Liebe, verleitet dazu, sich am anderen um seines puren Seins willen zu freuen, und macht es möglich, dem anderen Freiheit zu lassen, an seiner Entwicklung Gefallen zu finden und sie fördern.
Bei „Ego-Menschen“ in der oben skizzierten Bedeutung des Wortes entwickeln sich auch die zwischenmenschlichen Beziehungen nur wenig über die biologische Ebene hinaus. Das biologische Funktionsniveau bleibt führend und vergewaltigt fortwährend den zumeist ja doch vorhandenen geistig-kulturellen Kern der Partner: den anderen ständig bewerten und nach seinem Bilde formen wollen, Machtspiele von harmlosen Tricksereien über permanente verbale Verletzungen, Hass und Rache bis zur körperlichen Gewaltausübung (ca. drei Viertel aller Morde geschehen in einer Partnerschaft – die Hauptmotive sind Habgier und Eifersucht!), Missbrauch des anderen als Statussymbol, Fremdgehen, Intrigieren, Lügen, engherzige Feilschereien um den kleinsten Vorteil, tagelanges beleidigtes Sich-Anschweigen, verbohrtes Rechthaben-Müssen, Streit, schnelle Emotionalisierung und Unfähigkeit zur halbwegs sachlichen Konfliktklärung, Misstrauen, Kontrolle, Nötigung, – das und noch anderes mehr bestimmt leider den tristen Alltag in nicht wenigen Beziehungen.
Team/Firma:
Hier ist es sinnvoll, zwischen einer Beziehungsebene und einer Sachebene zu unterscheiden. Mit Beziehungsebene sei hier all das gemeint, was um Themen wie Selbstwert, Ego, Hierarchie oder gar Hackordnung kreist. Es handelt sich also um jene Ebene, auf der sich die biologischen Mechanismen der Beziehungsbildung manifestieren. Unter Sachebene wollen wir hingegen jene Prozesse und ihre kulturelle Eigenlogik verstehen, in denen sich die geistig-kulturellen Inhalte und Gegenstände formen, um deren Schaffung willen Menschen kooperieren: die Herstellung komplexer Produkte, die Erarbeitung von Konzepten und Planungen, die Realisierung von Projekten, das In-Gang-Halten geordneter Verwaltungsabläufe etc.
Für den Erfolg der Kooperation ist es entscheidend, dass sich die Eigenlogik der Prozesse auf dem geistig-kulturellen Niveau möglichst unverzerrt entfalten kann. Alle Einwirkungen vom Niveau der biologischen Beziehungsbildung sind störend und vermindern den Erfolg. Den Ursprung dieser Störimpulse bilden überwiegend die verschiedenen Formen der Gier (und ebenso ihrer emotionalen „Kehrseite“, der Angst). Einige Beispiele: jemand sagt etwas, das sachlich gar nicht erforderlich ist, weil er meint, dass auch er etwas gesagt haben sollte; ein anderer beharrt auf einer sachlich falschen Position, weil er glaubt, aus Statusgründen recht behalten zu sollen; der dritte drängt Entscheidungsprozesse in eine Richtung, die sachlich unangemessen ist, ihm aber zu einer höheren Stellung mit besserer Bezahlung verhilft; eine sachlich richtige Entscheidung wird verhindert, um einem Konkurrenten zu schaden, die Ingenieurs-Fraktion ist aus Prinzip gegen das, was die Designer-Riege vorschlägt; aus Angst vor dem cholerischen Chef macht jemand nicht auf einen gravierenden Fehler aufmerksam; eine Mitarbeiterin entwickelt eine tolle Idee, äußert sie aber nicht aus Angst, sich zu blamieren; und schließlich hievt noch einer einen guten Freund und Verbündeten auf einen Posten, für den dieser fachlich nicht geeignet ist, der aber eine strategische Schlüsselposition im Machtkampf bildet.
Sie werden aus eigener Erfahrung bestätigen können: All das und noch viel mehr steht oft genug auf der Tagesordnung innerbetrieblicher Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse. Wenn man sich das bewusst macht, liegt offen zutage: es kann am Ende nicht viel herauskommen, was wertvoll und von Dauer ist. Fast alle sozialen Organisationen, die wir persönlich kennengelernt haben, arbeiten höchst ineffizient. Es gibt studienbasierte Schätzungen, dass in Firmen bis zu 50% Produktivitätseinbuße durch interne Grabenkämpfe entsteht. In nicht wenigen Bereichen dürfte auch hier das altbekannte Pareto-Prinzip gelten: 20% aller Aktivitäten bewirken spürbare Effekte, 80% dienen der Selbstbeschäftigung und sind letzten Endes „für die Katz“. Natürlich spielen hier auch noch andere Faktoren eine ursächliche Rolle (vgl. Hansch 2010), aber die oben skizzierten Wirkimpulse der Gier und der metakognitiven Inkompetenz sind aller Wahrscheinlichkeit nach für den Hauptteil der hier nur grob umrissenen Schäden verantwortlich. Das mit Abstand größte Wachstumspotenzial, das es in dieser Welt gibt, liegt in der Verbesserung unserer Fähigkeiten zur Kommunikation und Zusammenarbeit.
Gesellschaft/Staat:
Die Entwicklung menschlicher Gesellschaften wird angetrieben durch das Wechselspiel von Gier und Innovation. Dieses Wechselspiel ist ein Prozess des sich selbst beschleunigenden Wachstums. Technische Innovationen ermöglichen die Schaffung von Mehrwert. Das facht die Gier maximal an und führt zu Investitionen zur Ermöglichung von noch mehr Innovation. Der neu geschaffene Mehrwert differenziert sich aus zu einem sich immer mehr verbreiternden Strom von Produkten, die an unterschiedlichste Bedürfnisse anknüpfen. Doch die Zahl der Menschen ist begrenzt und zumindest die angeborenen Grundbedürfnisse der Menschen sind es ebenso. Damit ist auch der Raum der Befriedigungsmöglichkeiten und der dies versprechenden Produkte begrenzt.
Im Bereich der wichtigsten Grundbedürfnisse verfügen wir schon heute über Produkte, die den genetisch fixierten Rahmen unserer Erlebnismöglichkeiten weitestgehend ausschöpfen. Aus Fett und Zucker wird sich kaum noch etwas kombinieren lassen, das ein Geschmackserlebnis verspricht, das deutlich über dem liegt, was heutige Supermärkte für moderate Preise im Angebot haben. Der Komfort und die Funktionalität moderner Kleidungsstücke, Wohnungen oder Automobile lassen keine wirklich relevanten Wünsche mehr offen (außer natürlich der noch nicht voll eingepreisten ökologischen Verträglichkeit). In immer mehr Bereichen beginnen sich die Märkte zu sättigen, das Wachstum verlangsamt sich und der Grenznutzen sinkt: immer mehr Aufwand bringt – ab einem bestimmten Punkt – immer weniger Ertrag. Gier und Angst als Antreiber der Marktwirtschaft mögen viel Leid unter die Menschen gebracht und der Umwelt schwerste Schäden zugefügt haben – man kann aber nicht leugnen, dass sie auf der anderen Seite den wissenschaftlich-technischen Fortschritt vorangetrieben haben. Das Ergebnis bilden etliche wertvolle Technologien und Produkte, die ein hohes Potenzial in sich tragen, auch einem ökologischen, sozialen und geistig-moralischen Fortschritt dienlich sein zu können (insbesondere Informations- und Umwelttechnologien).
In weiten Bereichen beginnt sich allerdings auch diese positive Seite der Gier in ihr Gegenteil zu verkehren. Die zunehmende Sättigung aller Märkte führt zu einer kontraproduktiven Überdifferenzierung – immer mehr Produktvarianten entstehen in immer unsinnigeren Ausformungen: um eine Chance zu haben, auch noch die 101. Sorte Zahncreme verkaufen zu können, muss man rot auf die Tube drucken: „Neu – mit Vitamin C!“ Um auf einem Buchmarkt mit einigen Zehntausend Neuerscheinungen jährlich überhaupt noch wahrgenommen zu werden, muss man in immer „feuchtere Gebiete“ hinabsteigen. Bei der Auswahl von Handytarifen gibt es inzwischen nichts mehr, was hilft. All das überfordert die Menschen und trägt zu Unübersichtlichkeit und Zersplitterung unserer Welt bei.
Diese Entwicklung betrifft nicht nur die Sphäre materieller Produkte, sondern auch den administrativen und geistig-kulturellen Bereich. Von allem gibt es immer mehr: Sachgebiete, Referate und Unterabteilungen, Wissenschaftsteildisziplinen, Kunstrichtungen und Musikstile, kulturelle Subgruppen und Internet-Communities. Um als Wissenschaftler wahrgenommen zu werden, muss ich immer schneller – und damit weniger gründlich und fundiert – mit immer spektakuläreren Neuigkeiten in immer mehr Publikationen auftreten. Um als Wissenschaftler an Drittmittel zu kommen, muss ich meine Forschungsrichtung mit großem Getöse in den Medien verkünden und dabei ständig unseriöse, unhaltbare Erfolgsversprechen in die Medien herausposaunen.
Zwei damit verbundene, besonders wichtige Konsequenzen seien kurz erläutert.
Erstens bewirkt die Überschwemmung der Märkte bis hin zu ihrer völligen Unüberschaubarkeit, dass der Kampf um mehr Qualität des Produktes sich immer stärker zu einem Kampf um die Aufmerksamkeit des Konsumenten wandelt. Wenn das zu lancierende Produkt nicht mehr deutlich besser ist als die anderen oder diese Tatsache aufgrund von allgemeiner Übersättigung niemanden mehr interessiert, bleibt nur eines: Auf irgendeine sachfremde und möglichst schrille Weise Aufmerksamkeit erregen: durch eine skandalöse Werbeidee, einen besonders prominenten Werbeträger u.a. Es gibt inzwischen Produktbereiche, in denen die Marketingkosten über den Herstellungskosten liegen – welch eine „postabsurde“ Konstellation! Auch hier sind die „normalen“ Möglichkeiten zunehmend ausgereizt und der unaufhörlich wachsende Konkurrenzdruck zwingt zu einer Primitivierung der Reize: Das Bemühen um das knappe Gut Aufmerksamkeit wird immer emotionaler, schriller, absurder, sexueller und gewalttätiger. Auf allen Ebenen erliegen Gesellschaft und Kultur einer Emotionalisierung, Personalisierung und Skandalisierung. Dies setzt zunehmend die gesunden Regulierungsfunktionen von Markt, Demokratie und kulturellen Werten außer Kraft, es fördert Verdummung, Verrohung, Demokratieverdrossenheit und einen gefährlichen Populismus.
Zweitens kommt es zu einer Konsequenz, die Sie von Ihrem Computer kennen: Um Daten mit anderen Computern austauschen zu können, müssen diese mit den gleichen Betriebssystemen bzw. Programmen ausgestattet sein. Computer verstehen sich nur, wenn sie funktionsgleich sind. Und mit den Menschen ist das nicht anders. Je ähnlicher wir einander in Alter, Geschlecht, Kulturhintergrund, Beruf, Weltbild oder Religion, geteilten Schlüssel-Erfahrungen usw. sind, desto besser können wir einander verstehen. Die oben skizzierte Zersplitterung unserer Lebens-, Kultur- und Geisteswelten untergräbt genau diese gemeinsame Basis. Je größer die Vielfalt geistiger Inhalte wird, desto seltener kann es geschehen, dass zwei Menschen, die sich zufällig im Zug begegnen, am Vortag die gleiche Fernsehsendung gesehen haben oder just eben das gleiche Buch lesen (und wenn doch, handelt es sich meist um sehr populäre und damit eher anspruchslose Werke!). Je größer die Vielfalt geistiger Inhalte wird, desto unterschiedlicher auch der „Seelengehalt“ der Menschen. Je unterschiedlicher die Menschen werden, desto schwerer wird es, sich zu verstehen und für die Lösung komplexer Probleme einen Konsens zu finden. Und je schwerer es wird, Konsens zu finden, desto schwerer wird es auf allen Ebenen, mit Erfolg zusammen zu arbeiten.
Parallel zu diesem giergetriebenen Prozess der Überdifferenzierung und Zersplitterung mit seinen genannten beiden Hauptfolgen vollzieht sich auch noch ein Prozess der Konzentration der wichtigsten universellen Wirkfaktoren: Reichtum, Macht und Popularität. Je besser man mit diesen Wirkfaktoren ausgestattet ist, desto größer sind die Möglichkeiten, sich giergetrieben diese Faktoren in noch größerem Maß anzueignen. Es handelt sich hier offenkundig um einen Prozess der Selbstverstärkung (forward feed back), der von einem bestimmten Punkt kaum noch etwas oder gar nichts mehr mit der persönlichen Leistung zu tun hat – zugleich schafft er extreme Unterschiede. Immer weniger Reiche werden immer reicher, immer mehr Arme immer ärmer. Immer weniger Mächtige gewinnen immer mehr an Macht, und alle anderen werden immer ohnmächtiger. Immer weniger Prominente werden immer bekannter und immer mehr Vergessene immer vergessener. All das ist in höchstem Maße ungerecht und häuft sozialen Sprengstoff an.
Gier und metakognitive Inkompetenz sind also jene Faktoren, die uns aufs Ganze gesehen in das folgende soziale Dilemma führen:
1. Die Konsens- und Kooperationsunfähigkeit wächst;
2. Die innergesellschaftlichen Spannungen infolge zunehmender Ungleichverteilung und Ungerechtigkeit wachsen ebenfalls;
3. Der äußere Druck (globalisierungsbedingte Konkurrenz, Ressourcenverknappung, Klimakatastrophe etc.) nimmt zu.
Dass dieser katastrophische Dreiklang einen üppigen Nährboden für eine Vielzahl potenzieller Konflikte bietet, liegt so klar auf der Hand, dass wir uns weitere Beispiele sparen wollen (es finden sich genügend z. B. bei Bastian 2011). In Zeiten wachsender innerer und äußerer Bedrohungen nimmt also zugleich die Konsensbildungs- und Kooperationsfähigkeit und damit die Problemlösekompetenz der Gesellschaft ab. Ungünstiger könnte die Konstellation innerer und äußerer Gefahrenpotenziale kaum sein.
Als ein wichtiges Resultat der genannten Entwicklungen ergibt sich, dass die psychischen Störungen in Form von Depressionen, Burnout-Erkrankungen und Angststörungen in den westlichen Wohlstandsgesellschaften erheblich zunehmen und immer jüngere Menschen betreffen. Arbeit, Wissenschaft und Technik sind einst entstanden, um das Leben zu erleichtern und zu verschönern – im Endeffekt aber haben sie zum Entstehen einer sozioökonomischen Megamaschine geführt, die eine Vielzahl von Menschen versklavt und unglücklich macht.
Weltgemeinschaft:
Auch in der Geschichte der Weltgemeinschaft haben menschliche Gier und metakognitive Inkompetenz verheerende Schäden angerichtet. Ungezählte Raub- und Glaubenskriege gehen auf ihr Konto. Dabei nahmen und nehmen sich Gier und intolerante Ideologien wechselseitig in Dienst: ideologische Eiferer spannen den Gierteufel vor ihren Streitwagen, um ausreichend große Massen für den Kampf zu mobilisieren, der oft genug unter dem Wahlspruch „koste es, was es wolle!“ geführt wird. Und umgekehrt wurden und werden Eroberungsgelüste immer wieder mit weltanschaulich-religiösen Maskeraden verhüllt.
Zum Glück für die Menschheit sind in den letzten Jahrzehnten Großkriege seltener geworden, auch deshalb, weil sich internationale Großorganisationen wie UNO, OECD, EU, WTO, IWF oder IPCC (Weltklimarat) gebildet haben, die viele Konflikte leidlich regulieren. Freilich: nationale Egoismen führen auch hier in immer noch viel zu hohem Maße zu Fehlentwicklungen und Blockaden. Oft genug werden Verträge offen oder verdeckt unterlaufen. So kommt es zum fortgesetzten Raubbau an Gütern, deren Nutzung nur schwer kontrollierbar und begrenzbar ist („Allmende-Problem“): Überfischung der Meere, Wilderei, Vernichtung der Regenwälder, Umweltverschmutzung, Trinkwasserverknappung, CO2-Anstieg etc.
Im nationalen und internationalen Rahmen treibt die Gier dazu, räumlich und zeitlich viel mehr Ressourcen zu verbrauchen, als statthaft wäre, würde nach dem Maßstab von Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit gemessen. Das trägt entscheidend zu Elend und Hunger in der „Dritten Welt“, das heißt auf der Südhalbkugel, bei und es wird mit größter Wahrscheinlichkeit auch zu massenhaftem Elend und Tod in naher Zukunft führen, und zwar weit über die menschliche Art hinaus, nämlich in der gesamten Biosphäre.
Es ist eine leider unleugbare Tatsache: Lässt man Giermenschen in Giergesellschaften unter der so oft beschworenen Ägide maximaler Freiheit leben und wirtschaften, so führt auch das zu Opfern – freilich vor allem in beruhigender räumlicher und zeitlicher Entfernung. Es ist ein bequemer Selbstbetrug oder ein zynisches, wählerfreundliches Machtkalkül, die Illusion zu propagieren, es könnten internationale Regelsysteme installiert werden, die es allen erlauben, sich in unbeschränkter Freiheit und ungebremster Gier zu entfalten und zu wirtschaften, weil diese Regeln ähnlich der unsichtbaren (weil in Wahrheit gar nicht existenten) Hand des Adam Smith die Folgen so kanalisieren, dass kein Schaden am Gemeinwohl entsteht oder dieses sogar gefördert würde.
So müssen wir ein Dilemma konstatieren: Diktatur, das hat die Geschichte erwiesen, funktioniert nicht – Freiheit aufs Ganze gesehen aber auch nicht! Wir kommen auf dieses Dilemma zurück.
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