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Das seelische Wesen
Die Seele: Ihre Natur, Aufgabe und Evolution
Auszüge aus den Werken von
Sri Aurobindo und der Mutter
Zusammenstellung und Einführung
A.S. Dalal
SRI AUROBINDO ASHRAM
PONDICHERRY
BUCHAUSGABE Das seelische Wesen Titel der englischen Ausgabe The Psychic Being Deutsche Übersetzung: Elisabeth Beck Erste Ausgabe 1996 Neuauflage 2005 ISBN 978-81-7058-487-2
© SRI AUROBINDO ASHRAM TRUST
Verlag: Sri Aurobindo Ashram Publication Department
Pondicherry 605 002, Indien
Web http://www.sabda.in
Druck: Sri Aurobindo Ashram Press
Pondicherry, Indien
E-BOOK Das seelische Wesen 3. Ausgabe 2021 ISBN 978-3-937701-20-2
© SRI AUROBINDO BHAVAN BERCHTESGADENER LAND 2021
Verlag: AURO MEDIA Verlag und Fachbuchhandel Wilfried Schuh
Berchtesgaden, Deutschland
Web http://www.auro.media
Herstellung: Sri Aurobindo Digital Edition
Berchtesgaden, Deutschland
InhaltTitelseiteCopyrightVorwortZitatI. BEDEUTUNG UND NATUR DES SEELISCHEN WESENSZitat1. Was ist mit dem seelischen Wesen gemeint?2. Atman, Jivatman und die Seele3. Das seelische Mental, das seelische Vital, das seelische Physische4. Die doppelte Seele5. Die Natur des seelischen Wesens6. Die Seele und das Spirituelle7. Gefühl und Liebe – vital und seelisch8. Wissen – mental und seelischII. ROLLE, AUFGABE UND TÄTIGKEIT DER SEELEZitat1. Die Aufgabe der Seele2. Einfluss und Tätigkeit der Seele3. Unterweisung durch die Organisation des Lebens4. Das seelische Wesen – Zentrum der Selbst-EinungIII. WACHSTUM UND ENTWICKLUNG DER SEELEZitat1. Evolution und Seele2. Seelisches Wachsen und seelische EntwicklungIV. DAS SEELISCHE WESEN UND DIE SADHANAZitat1. Drei Schritte der Selbstverwirklichung und die dreifache Umwandlung2. Sich des seelischen Wesens bewusst zu werden: das Erfordernis der Sadhana3. Das seelische Wesen und die Wende4. Die seelische Wende – das erste Erfordernis5. Das Auftauchen der Seele6. Der sonnenhelle Weg der SeeleV. DAS LEBEN NACH DEM TOD UND DIE WIEDERGEBURTZitat1. Der Vorgang der Wiedergeburt2. Überleben nach dem Tode und Reinkarnation3. Die Wahl der Seele und die Bedingungen der Wiedergeburt4. Die Erinnerung an vergangene LebenVI. MEHR ÜBER DAS SEELISCHE WESENZitat1. Mehr über das seelische WesenANHANGGlossarQuellenangabenGuideCoverInhaltStart
Vorwort
Die vorliegende Auswahl ist ein Versuch, die verschiedenen Lehren über das seelische Wesen in den Werken von Sri Aurobindo und der Mutter in einem Band zusammenzustellen. Die Auszüge behandeln die Natur des seelischen Wesens und lenken die Erkenntnisse Sri Aurobindos und der Mutter auf die innere Beschaffenheit des menschlichen Wesens, sowie auf verschiedene diesbezügliche Fragen, wie den Vorgang inneren Wachsens, das Leben nach dem Tode, die Wiedergeburt, die Sadhana usw. Obwohl die Auswahl umfassend ist, und alle grundlegenden Aspekte des Stoffes behandelt, will sie nicht erschöpfend sein. Sie ist in der Hauptsache für den allgemeinen Leser bestimmt, und lässt einen großen Teil dessen aus, was nur für diejenigen von Interesse wäre, die Sri Aurobindos Yoga ausüben, oder aber für diejenigen, die Philosophie oder philosophische Psychologie studieren.
Um das Verstehen zu erleichtern, wurden alle Auszüge, außer denen im letzten Teil des Buches, in Abschnitte und Unterabschnitte eingeteilt, deren jeder einen spezifischen Aspekt des jeweiligen Themas behandelt. Da jedoch das Buch eine Zusammenstellung aus verschiedenen Quellen ist, war sowohl ein Überschneiden als auch eine Wiederholung des Inhaltes nicht zu vermeiden. Um die Ganzheit und Integrität der Auszüge zu bewahren, wurde auf die Herausgabe von auszugsweisen Äußerungen innerhalb eines Abschnittes verzichtet; ebenso wurde das Aufteilen eines Abschnittes in verschiedene Teile, um der Gliederung zu genügen, vermieden. Auch eingeschaltete Bemerkungen und Äußerungen, die sich auf ein bestimmtes Thema beziehen, das vom Hauptthema eines Abschnitts abweicht – was in den Briefen Sri Aurobindos und den Antworten der Mutter auf Fragen häufig vorkommt – wurden im Allgemeinen beibehalten.
Der Grund, warum Sri Aurobindo den Ausdruck „seelisches Wesen“ geprägt hat, wurde von ihm wie folgt dargelegt:
Das Wort „Seele“ wird im Englischen sehr unbestimmt gebraucht, da es sich oft auf das ganze nicht-physische Bewusstsein bezieht, einschließlich des Vitals mit seinen Begierden und Leidenschaften. Daher musste der Ausdruck „seelisches Wesen“ geprägt werden, um diesen göttlichen Teil von den instrumentalen Teilen der menschlichen Natur zu unterscheiden.“ (22:290)
Einer der wichtigsten Punkte, die klar verstanden werden sollten, ist die vitale Unterscheidung zwischen der Seele in ihrer Essenz – von Sri Aurobindo verschiedentlich als die Seele bezeichnet, die seelische Essenz, die seelische Wesenheit, die seelische Existenz, der Seelenfunke oder das Seelenelement – und die Seele in ihrer entwickelten, individualisierten Form, das „seelische Wesen“ genannt, die seelische Personalität, die Seelenform oder Seelenpersonalität, welche in Sri Aurobindos Worten „der Funke ist, der mit dem Wachsen des Bewusstseins in ein Feuer wächst.“ (22:278) Es muss ebenfalls betont werden, dass die Ausdrücke „Seele“ und „seelisch“, wenn sie ohne Attribut gebraucht werden, sich manchmal auf den Seelenfunken oder die seelische Essenz beziehen und manchmal auf die Seelenpersonalität oder das seelische Wesen.
Die Natur und Funktion des seelischen Wesens kann nicht gut ohne Bezugnahme auf andere Teile des menschlichen Wesens erklärt werden. In dieser Zusammenstellung wird der Leser daher häufig die verschiedenen Teile des menschlichen Wesens erwähnt finden, von denen einige in Sri Aurobindos Yoga mit bestimmten Ausdrücken bezeichnet werden. Das Glossar am Ende des Buches enthält diese Schlüsselausdrücke, zusätzlich zu den Sanskritausdrücken; es enthält ferner gewöhnliche englische Ausdrücke, die in einem speziellen Sinn im Integralen Yoga gebraucht werden. Es sei bemerkt, dass einige der Sanskritausdrücke einen umfassenderen Inhalt haben können, als den im Glossar angeführten, und auch in einem anderen Zusammenhang eine andere Bedeutung haben können.
Abschließend sei erwähnt, dass die in diesem Buch zusammengestellten Abschnitte zum überwiegenden Teil aus den Briefen Sri Aurobindos und den Gesprächen der Mutter mit den Kindern des Ashrams stammen. Das erklärt ihren oft zwanglosen Stil, die Auslassungen, Pausen, Wiederholungen usw. in vielen der Auszüge.
A. S. DALAL
* * *
Doch da sie des Geistes und des Lebens Mühsal kennt,
Einer Mutter gleich, die ihrer Kinder Leben fühlt und teilt,
Sendet sie ein kleines Etwas ihrer selbst hinaus,
Ein Wesen, nicht größer als eines Menschen Daumen,
In den verborgenen Herzensbereich,
Um der Pein zu begegnen und die Wonne zu vergessen,
Das Leid zu teilen und der Erde Weh zu tragen,
Zu werken inmitten des Wirkens der Sterne.
Dies lacht in uns und weint und duldet den Hieb,
Frohlockt im Siege und ringt um die Krone;
Ist eins mit Geist und Leib und Leben,
Nimmt auf sich deren Angst und Unvermögen,
Blutet von des Schicksals Hieben, hängt am Kreuz,
Und ist dennoch das unversehrte, unsterbliche Selbst,
Den Spieler stützend in der Menschheit Spiel.
Durch dies schickt sie uns ihre Herrlichkeit und Macht,
Drängt uns zu Weisheitshöhn durch Abgründe des Leids;
Sie gibt uns Kraft für unser Tagewerk
Und Mitgefühl für anderer Leid,
Und die geringe Stärke, die unser ist, um unserer Art zu helfen,
Wir, die wir die Rolle des Universums übernommen haben,
Das Komödie spielt in schmächtiger Menschengestalt,
Wir, die wir die ringende Welt auf unseren Schultern tragen.
Das ist der Gott in uns, klein und entstellt;
In diesen menschlichen Teil des höchsten Wesens
Setzt sie die Größe der Seele in der Zeit,
Um sie von Licht zu Licht, von Macht zu Macht zu heben,
Bis sie auf himmlischem Gipfel steht, ein König,
Gebrechlichen Leibs, zuinnerst eine unbesiegbare Macht,
Klimmt stolpernd sie an ungesehner Hand,
Ein sich mühender Spirit in sterblicher Gestalt.
SRI AUROBINDO
SAVITRI: BUCH VII CANTO 5
Teil I
Diese leibliche Erscheinung ist nicht alles;
Irreführend ist die Form, Maske die Person;
Im Menschen tief verborgen wohnen Himmelsmächte.
Durch das Meer der Jahre trägt sein brüchiges Schiff
Ein Inkognito des Unvergänglichen.
Ein Spirit, eine Flamme Gottes, weilt,
Feuriger Teil des Wundervollen,
Künstler seiner eigenen Schönheit, seiner Wonne,
Unsterblich in unserer sterblichen Armut.
Dieser Bildner der Formen des Unendlichen,
Dieser verborgene, unerkannte Einwohner,
Initiant seiner eigenen verhüllten Mysterien,
Birgt sein kosmisches Denken in stummem Kern.
In stiller Stärke der okkulten Idee
Vorherbestimmte Form und Tat entscheidend,
Wanderer von Leben zu Leben, von Stufe zu Stufe,
Sein erdachtes Selbst von Form zu Form verändernd,
Betrachtet er das Bild, das unter seinem Blicke wächst,
Und ahnt im Wurm den künftigen Gott.
SRI AUROBINDO
SAVITRI: BUCH I CANTO 3
Kapitel 1
Was ist mit dem seelischen Wesen gemeint?
Ich meine mit der Seele das innerste Seelen-Wesen und die Seelen-Natur. In der Umgangssprache wird das Wort nicht in diesem Sinn gebraucht, oder vielmehr, wenn es so gebraucht wird, dann mit großer Unbestimmtheit und viel Verkennung der wahren Natur dieser Seele, und es wird ihm ein großes Feld von Bedeutungen eingeräumt, die den Begriff weit überschreiten. Alle Erscheinungen von abnormaler oder übernormaler psychologischer oder okkulter Art werden als seelisch ausposaunt; wenn ein Mensch eine doppelte Persönlichkeit hat, und von einer zur anderen wechselt, wenn die Erscheinung eines sterbenden Menschen, ein Teil seiner rein vitalen Hülle oder etwa eine Gedankenform von ihm erscheint, und im Zimmer seines verwunderten Freundes umgeht, wenn ein Poltergeist in einem Haus ungehörigen Krach schlägt – all das wird unter seelischen Phänomenen eingeordnet, und als Objekt für die seelische Forschung betrachtet, obgleich diese Dinge rein gar nichts mit der Seele zu tun haben. Und ebenso im Yoga selbst wird viel, was lediglich okkult ist, Erscheinungen der unsichtbaren vitalen oder mentalen oder der feinstofflichen Ebenen, Visionen, Symbole, all jener zweifelhafte, oft verworrene, oft schattenhafte, oft trügerische Erfahrungsbereich, der zum Niemandsland zwischen der Seele und ihren Instrumenten an der Oberfläche gehört, oder vielmehr seinen äußersten Randbezirken, all dieses Chaos des Zwischenbereiches wird summa summarum als seelisch bezeichnet, und als zweitrangiges und zweifelhaftes Gebiet spiritueller Entdeckung betrachtet. Dann wiederum besteht eine fortwährende Verwechslung zwischen dem Begriff der mentalisierten Begierdenseele, die eine Schöpfung des vitalen Drängens im Menschen ist, seiner Lebenskraft, die ihre Erfüllung sucht und der wahren Seele, die ein Funke des Göttlichen Feuers ist, ein Teil des Göttlichen. Weil die Seele, das seelische Wesen, Mental und Vital sowie den Körper als Instrumente für Wachstum und Erfahrung benützt, wird sie für ein Gemenge gehalten oder für eine subtile Schicht des Mentals und Lebens. Doch wenn wir im Yoga diese ganze chaotische Masse als Seelensubstanz oder Seelenregung akzeptieren, werden wir in eine Wirrnis ohne Ausweg geraten. All dies gehört allein zur äußeren Umkleidung der Seele; die Seele selbst ist eine innere Gottheit, größer als Mental oder Leben oder Körper. Sie ist etwas, das, wenn es einmal aus der Verfinsterung durch seine Instrumente entlassen ist, sofort einen direkten Kontakt mit dem Göttlichen und dem Selbst und Spirit herstellt.
SRI AUROBINDO (Archives and Research 3:202)
*
Das, was man in der Terminologie des Yoga unter „seelisch“ versteht, ist das Element der Seele in der Natur, die reine Seele oder der göttliche Nukleus, der hinter dem Mental, Leben und Körper steht (er ist nicht das Ego), und dessen wir uns nur undeutlich bewusst sind. Er ist ein Teil des Göttlichen, und besteht fort von Leben zu Leben, wobei er die Lebenserfahrung durch seine äußeren Instrumente empfängt. In dem Maße wie diese Erfahrung wächst, offenbart er eine sich entfaltende seelische Persönlichkeit, die immer auf dem Guten und Wahren und Schönen beharrt, und schließlich bereit und stark genug wird, die [menschliche] Natur dem Göttlichen zuzuwenden. Sie kann dann gänzlich hervortreten und den mentalen, vitalen und physischen Schirm durchbrechen, die Instinkte beherrschen und die Menschennatur wandeln. Die Natur drängt sich nicht länger mehr der Seele auf; vielmehr ist es die Seele, der purusa, der der Natur seine Befehle auferlegt.
SRI AUROBINDO (24:1605)
*
Die Menschen verstehen deshalb nicht, was ich mit dem Ausdruck „seelisches Wesen“ meine, da das Wort „Seele“ im Englischen für alles gebraucht wird, was sich auf das innere Mental, das innere Vital oder das innere Physische bezieht, oder auch auf alles Anormale oder Okkulte, sogar auf die feineren Regungen des äußeren Wesens – alles in kunterbuntem Durcheinander; selbst okkulte Phänomene werden häufig als seelisch bezeichnet. Eine Unterscheidung dieser verschiedenen Teile des Wesens ist unbekannt. Selbst in Indien ist das alte Wissen der Upanishaden, das diese Unterscheidung kannte, verloren gegangen. Der jivatman, das seelische Wesen (purusa antaratman), der manomaya purusa, der pranamaya purusa – alles wird miteinander verwechselt.
SRI AUROBINDO (22:290)
*
Unser seelischer Wesensteil ist etwas, das direkt vom Göttlichen stammt und in Kontakt mit dem Göttlichen steht. Seinem Ursprung nach ist er ein Zentrum voller göttlicher Möglichkeiten, das diese niedere dreifache Manifestation von Mental, Leben und Körper trägt. Es gibt dieses göttliche Element in allen lebenden Wesen, doch ist es hinter dem gewöhnlichen Bewusstsein verborgen, ist zunächst nicht entwickelt, und selbst wenn es entwickelt ist, tritt es nicht immer hervor; es verleiht sich in dem Maße Ausdruck wie es die Unvollkommenheit seiner Instrumente erlaubt, und ist an deren Mittel und Begrenzungen gebunden. Es wächst an Bewusstsein durch die auf Gott gerichtete Erfahrung und gewinnt jedes Mal Kraft, wenn eine höhere Regung in uns ist; schließlich wird durch die Anhäufung dieser tieferen und höheren Regungen eine seelische Individualität entwickelt – das, was wir meist das seelische Wesen nennen. Das seelische Wesen ist immer die wahre, doch oft verborgene Ursache dafür, dass sich ein Mensch dem spirituellen Leben zuwendet, und es ist für diesen Schritt seine größte Hilfe. Aus diesem Grund müssen wir es im Yoga aus dem Hintergrund nach vorne bringen.
Das Wort „Seele“ und „seelisch“ wird in der englischen Sprache sehr unbestimmt und mit ganz unterschiedlicher Bedeutung gebraucht. Sehr häufig wird in der gewöhnlichen Umgangssprache kein deutlicher Unterschied zwischen Mental und Seele gemacht, und ein noch ernster zu nehmendes Durcheinander entsteht dadurch, dass das vitale Begierdenwesen – die falsche Seele oder Begierdenseele – mit dem Wort „Seele“ bezeichnet wird, und nicht die wahre Seele, das seelische Wesen. Das seelische Wesen ist vom Mental oder Vital völlig verschieden; es steht hinter ihnen, dort wo diese sich im Herzen treffen. Dies ist sein zentraler Ort, doch eher hinter dem Herzen als im Herzen; denn was die Menschen gewöhnlich das Herz nennen, ist der Sitz des Gefühls, und menschliche Gefühle sind mental-vitale Impulse und im Allgemeinen nicht von seelischer Natur. Diese meist verborgene Macht im Hintergrund ist von Mental und Lebenskraft verschieden, sie ist die wahre Seele, das seelische Wesen in uns. Die Macht der Seele besteht darin, auf Mental, Vital und Körper einzuwirken, sie vermag das Denken, die Wahrnehmung, das Gefühl (welches dann ein seelisches Gefühl wird) sowie die Empfindung und Tat und alles übrige in uns zu läutern, und sie auf diese Weise darauf vorzubereiten, zu göttlichen Regungen zu werden.
Das seelische Wesen würde in der indischen Sprache als der purusa im Herzen bezeichnet werden, als caitya purusa;1 doch mit Herz ist das innere oder geheime Herz gemeint, hrdaye guhayam, und nicht das äußere vital-emotionale Zentrum.
SRI AUROBINDO (22:288)
*
Im Allgemeinen werden die mehr innerlichen und die anormalen seelischen Erfahrungen mit „seelisch“ bezeichnet. Ich gebrauche das Wort „seelisch“ in Zusammenhang mit der Seele und zum Unterschied von Mental und Vital. Alle Regungen und Erfahrungen der Seele würden in diesem Sinne seelisch genannt werden, also jene, die sich aus dem seelischen Wesen erheben oder es direkt berühren; wo hingegen Mental und Vital das Übergewicht haben, würde man die Erfahrung als psychologisch bezeichnen (oberflächlich oder verborgen).
SRI AUROBINDO (22:75)
*
Das Wort Seele hat je nach dem Zusammenhang verschiedene Bedeutungen; es kann der purusa sein, der die Gestaltungen der prakrti stützt – das, was wir das Sein nennen, obwohl das richtige Wort dafür das Werden wäre; es kann aber auch speziell das seelische Wesen in einem evolutionären Geschöpf wie dem Menschen bedeuten; es kann der göttliche Funke sein, der in die Materie durch die Herabkunft des Göttlichen in die stoffliche Welt gelangte, und hier alle sich entwickelnden Formierungen aufrecht erhält. Es gibt kein seelisches Wesen in einem nicht-evolutionären Geschöpf wie dem asura, und kann auch keines geben, ebensowenig in einem Gott, der es für sein Dasein nicht braucht. Im Gott gibt es jedoch einen purusa und eine prakrti oder die Energie der Natur dieses purusa. Wenn ein Wesen der fixierten Welten sich entwickeln will, muss es zur Erde herabkommen, einen menschlichen Körper annehmen und willens sein, an der Evolution teilzuhaben. Die vitalen Wesen wollen aber diese Zustimmung nicht erteilen und versuchen daher, von den Menschen Besitz zu ergreifen, damit sie die Stofflichkeit des physischen Lebens genießen können, ohne die Bürde der Evolution auf sich zu nehmen oder sich dem Vorgang der Wandlung, in dem jene kulminiert, zu unterziehen.
SRI AUROBINDO (22:386)
*
Was genau ist die Seele oder das seelische Wesen? Und was ist mit der Evolution des seelischen Wesens gemeint? Worin besteht seine Beziehung zum Höchsten?
Die Seele und das seelische Wesen sind nicht genau das gleiche, obwohl ihre Essenz die gleiche ist.
Die Seele ist der göttliche Funken, der im Zentrum jedes Wesens wohnt; sie ist identisch mit ihrem Göttlichen Ursprung; sie ist das Göttliche im Menschen.
Das seelische Wesen wird im Laufe seiner unzähligen Leben in der Erdevolution fortschreitend um dieses göttliche Zentrum, die Seele, geformt, bis die Zeit kommt, da das seelische Wesen, voll gestaltet und gänzlich erweckt, die bewusste Hülle der Seele wird, um die es geformt ist.
Derart mit dem Göttlichen identifiziert, wird sie zu Seinem vollendeten Instrument in der Welt.
DIE MUTTER (16:247)
*
Ist im Menschen das seelische Wesen die ganze Seele oder existieren beide, die Seele (in ihrer Essenz als ein göttlicher Funke in allen Geschöpfen) und das seelische Wesen Seite an Seite?
Die Seele ist die ewige Essenz im Zentrum des seelischen Wesens. Sie gleicht tatsächlich einem göttlichen Funken, der viele Seinszustände von zunehmender Dichte annimmt, bis hinab zum ganz Stofflichen; sie ist innerhalb des Körpers, gleichsam innerhalb des Solar Plexus.2 Diese Seinszustände nehmen Form an, sie entwickeln sich, schreiten fort und werden im Laufe vieler Erdenleben individualisiert und vervollkommnet, um das seelische Wesen zu bilden. Wenn das seelische Wesen voll geformt ist, erkennt es das Bewusstsein der Seele und verkörpert sie in vollendeter Weise.
DIE MUTTER (16:358)
*
Sind die Seele und das seelische Wesen ein und dieselbe Sache?
Das hängt von der Bedeutung ab, die du den Worten gibst. In den meisten Religionen, und vielleicht auch in den meisten Philosophien, wird das vitale Wesen „Seele“ genannt, denn es heißt, dass die Seele den Körper verlässt, während es [in Wirklichkeit] das vitale Wesen ist, das den Körper verlässt. Man spricht davon, „die Seele zu retten“ oder von der „verruchten Seele“ oder von der „Erlösung der Seele“ ..., doch all das trifft auf das vitale Wesen zu, denn das seelische Wesen bedarf einer Rettung nicht! Es hat an den Fehlern der äußeren Person keinen Anteil, es ist frei von aller Reaktion.
DIE MUTTER (16:137)
*
Zwischen der Seele in ihrer Essenz und dem seelischen Wesen muss unterschieden werden. Hinter allem und jedem steht die Seele, der Funke des Göttlichen – keiner könnte ohne sie bestehen. Es ist jedoch durchaus möglich, ein vitales und ein physisches Wesen zu besitzen, ohne ein deutlich entwickeltes seelisches Wesen dahinter. Dennoch kann man keine allgemein gültige Regel aufstellen in dem Sinne, dass ein Primitiver keine Seele besitzt, oder dass sich bei ihm nirgendwo eine Seele zeigt.
Das innere Wesen setzt sich aus dem inneren Mental, dem inneren Vital und dem inneren Physischen zusammen – doch dies ist nicht das seelische Wesen. Die Seele ist das innerste Wesen und von jenen ganz verschieden. Im Englischen wird das Wort „Seele“ tatsächlich für alles gebraucht, das etwas anderes oder Tieferes als das äußere Mental und Leben und den äußeren Körper bezeichnet, für alles Okkulte und Überphysische; doch diese Ausdrucksweise bringt Verwirrung und Fehler mit sich, und wenn wir über den Yoga sprechen oder schreiben, müssen wir sie gänzlich fallenlassen. In der gewöhnlichen Umgangssprache mag ich manchmal das Wort „seelisch“ in einem freieren, populäreren Sinn gebrauchen; oder aber in der Poesie, die an intellektuelle Genauigkeit nicht gebunden ist, spreche ich manchmal von der Seele in einem mehr allgemeinen und äußerlichen Sinn, jedoch genauso in ihrer wahren Bedeutung.
Das seelische Wesen ist durch Oberflächenregungen verhüllt und drückt sich, so gut es kann, durch seine äußeren Instrumente aus, die aber eher durch von außen wirkende Kräfte als durch die inneren Einflüsse der Seele gelenkt werden. Doch dies bedeutet nicht, dass sie von der Seele völlig abgeschnitten sind. Die Seele befindet sich ebenso im Körper wie das Mental oder Vital –, doch ist der Körper, in dem sie wohnt, nicht allein dieser grobstoffliche Rahmen, sondern auch der feinstoffliche Körper. Sobald die grobstoffliche Hülle abfällt, bleiben die vitalen und mentalen Hüllen des Körpers als Gefäß der Seele noch bestehen, bis auch diese sich auflösen.
Die Seele einer Pflanze oder eines Tieres kann man nicht insgesamt als schlummernd bezeichnen – ihre Ausdrucksmittel sind lediglich weniger entwickelt als die eines menschlichen Wesens. Es gibt viel Seelisches in der Pflanze, viel Seelisches im Tier. Die Pflanze aber hat in ihrer Form nur das Vital-Physische entwickelt, daher kann sie sich nicht ausdrücken; das Tier hat ein vitales Mental und kann sich zwar ausdrücken, doch ist sein Bewusstsein begrenzt, seine Erfahrungen sind begrenzt, und daher verfügt die Seelenessenz über ein weniger entwickeltes Bewusstsein, eine weniger entwickelte Erfahrung als diejenige, die im Menschen vorhanden oder zumindest möglich ist. Und dennoch haben Tiere eine Seele und können bereitwillig auf die Seele im Menschen ansprechen.
Ein Geist (ghost) ist natürlich nicht die Seele. Er ist entweder der Mensch, der in seinem vitalen Körper erscheint, oder er ist ein Fragment seines Vitals, das von einer vitalen Kraft oder Wesenheit benützt wird. Unser vitales Wesen besteht normalerweise nach der Auflösung des Körpers eine Zeit lang fort und geht dann in die vitale Ebene ein, wo es bleibt, bis sich die vitale Hülle auflöst. Dann begibt sich die Seele, sofern sie mental entwickelt ist, in die mentale Hülle zur mentalen Welt, und schließlich verlässt sie auch ihre mentale Hülle und begibt sich zu ihrem Ort der Ruhe. Bei einem stark entwickelten Mental kann unser mentaler Teil auch bei der Seele bleiben, genau wie der vitale; Voraussetzung dafür ist, dass sie vom seelischen Wesen geformt und um dieses zentriert sind –, dann teilen sie die Unsterblichkeit der Seele. Andernfalls nimmt die Seele die Essenz von Mental und Leben in sich auf und begibt sich zu einer zwischengeburtlichen Ruhe.
SRI AUROBINDO (22:293)
*
In der Erfahrung des Yoga ist das Selbst oder Wesen essentiell eins mit dem Göttlichen oder zumindest ein Teil des Göttlichen und im Besitz aller göttlichen Macht. Doch in der Manifestation nimmt es zwei Aspekte an, den des purusa und den der prakrti, das bewusste Wesen und die Natur. Hier in der Natur ist das Göttliche verhüllt und das individuelle Wesen der Natur unterworfen, die als niedere prakrti wirkt, als eine Kraft der Unwissenheit, avidya. Der purusa als solcher ist göttlich, doch in seiner äußeren Gestalt in der Unwissenheit der Natur ist er die scheinbare Individualität, unvollkommen durch ihre Unvollkommenheit. Daher birgt die Seele oder seelische Essenz – die der purusa ist, der in die Evolution eintritt und diese stützt – in sich alle göttlichen Möglichkeiten; doch das individuelle seelische Wesen, das die Seele vertritt, nimmt die Unvollkommenheit der Natur an und entfaltet sich in ihr, bis es seine volle seelische Essenz wiedergefunden und sich mit dem Selbst darüber, dessen individuelle Projektion in der Evolution es ist, geeint hat. Diese Dualität im Wesen auf all seinen Ebenen – denn dies trifft auf andere Art und Weise nicht nur für das Selbst und die Seele zu, sondern auch für den mentalen, vitalen und physischen purusa – muss erkannt und angenommen werden, bevor die Erfahrungen des Yoga voll verstanden werden können.
Das Wesen ist durch und durch eins, doch auf jeder Ebene der Natur wird es durch eine Form seiner selbst vertreten, welche jener Ebene entspricht, dem mentalen purusa auf der mentalen Ebene, dem vitalen purusa auf der vitalen Ebene, dem physischen purusa auf der physischen Ebene. Die Taittiriya Upanishad spricht von zwei weiteren Ebenen des Wesens, der Ebene des Wissens oder der Wahrheit und der Ananda-Ebene, jede mit ihrem purusa; diese sind jedoch, obwohl Einflüsse von ihnen herabkommen können, für das menschliche Mental überbewusst, und ihre Natur ist bislang hier noch nicht geformt.
SRI AUROBINDO (22:284)
* * *
1 Die citta und der seelische Teil sind ganz und gar nicht das gleiche. Citta ist ein Ausdruck aus einer völlig anderen Kategorie; in ihr werden die hauptsächlichen Funktionen unseres äußeren Bewusstseins koordiniert und geordnet, und um sie zu erkennen, brauchen wir nicht hinter unsere Oberfläche oder äußere Natur zu gehen. „Kategorie“ bedeutet hier eine andere Klasse psychologischer Faktoren, tattva-vibhaga. Die Seele gehört zu einer Klasse – Supramental, Mental, Leben, Seele, Körper – und bezieht sowohl die innere als auch die äußere Natur mir ein. Citta gehört einer ganz anderen Klasse oder Kategorie an – buddhi, manas, citta, prana usw. –, dies ist die Klassifikation der gewöhnlichen indischen Psychologie des äußeren Wesens. In dieser Kategorie werden von den indischen Denkern nur die Hauptfunktionen unseres äußeren Bewusstsein koordiniert und geordnet; citta ist eine der hauptsächlichen Funktionen dieses äußeren Bewusstseins, wir brauchen daher, um sie zu erkennen, uns nicht hinter unsere äußere Natur zu wenden.
2 Mit Solarplexus meint die Mutter die Herz- (nicht die Nabel-) Region. Das geht aus einer anderen Äußerung hervor, wo sie sagt: „Im Allgemeinen ist es im Herzen, hinter dem Solar-Plexus, wo man diese leuchtende Gegenwart findet. Siehe auch die Antwort zu der Frage: „Ist das seelische Wesen im Herzen?“ (S. 146)
Kapitel 2
Atman, Jivatman und die Seele
Es ist notwendig, den Unterschied zwischen der sich entfaltenden Seele (dem seelischen Wesen) und dem reinen atman, dem Selbst oder Spirit klar zu verstehen. Das reine Selbst ist ungeboren, es durchläuft weder Tod noch Geburt und ist unabhängig von Geburt oder Körper, von Mental, Leben oder dieser manifestierten Natur. Es wird durch diese Dinge weder gebunden noch eingeschränkt, noch beeinträchtigt, obwohl es sie annimmt und stützt. Im Gegensatz hierzu ist die Seele etwas, das in die Geburt herabkommt und den Tod durchläuft – obwohl sie selbst nicht stirbt, da sie unsterblich ist – und von einem Zustand zum anderen, von der Erdebene zu anderen Ebenen und wieder zurück zum Erdendasein wandert. Sie schreitet von Leben zu Leben durch eine Evolution fort, die sie zum menschlichen Zustand emporführt, und entfaltet in all dem ein Wesen ihrer selbst, das wir das seelische Wesen nennen, welches die Evolution stützt; sie entwickelt ein physisches, vitales und mentales menschliches Bewusstsein als ihre Instrumente der Welterfahrung und eines verhüllten, unvollständigen, doch wachsenden Selbstausdrucks. All dies tut sie hinter dem Schleier und offenbart von ihrem göttlichen Selbst nur soviel, wie es die Unzulänglichkeit des instrumentalen Wesens zulässt. Es kommt jedoch eine Zeit, in der sie sich darauf vorbereiten kann, hinter dem Schleier hervorzutreten, die Führung zu übernehmen und die gesamte instrumentale Natur einer göttlichen Erfüllung zuzuwenden. Dies ist der Beginn des wahren spirituellen Lebens. Die Seele ist nunmehr fähig, sich für eine höhere Evolution des verkörperten Bewusstseins als die des mentalen menschlichen bereit zu machen – sie kann vom mentalen zum spirituellen und über Abstufungen des spirituellen zum supramentalen Zustand fortschreiten. Bis dahin aber gibt es keinen Grund, warum sie sich vom Geborenwerden abkehren sollte, und tatsächlich ist sie hierzu gar nicht in der Lage. Erst nach Erreichung des spirituellen Zustandes kann sie die Erdmanifestation verlassen; es ist aber auch eine höhere Manifestation möglich – im Wissen und nicht in der Unwissenheit.
SRI AUROBINDO (22:438)
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Der Ausdruck „zentrales Wesen“ wird in unserem Yoga gewöhnlich für jenen Teil des Göttlichen in uns angewendet, der alles übrige stützt, und der Tod und Geburt überdauert. Dieses zentrale Wesen hat zwei Formen – über uns befindlich ist es der Jivatman, unser wahres Wesen, dessen wir uns bewusst werden, sobald das höhere Selbsterkennen eintritt; darunter [in uns] ist es das seelische Wesen, das hinter Mental, Körper und Leben steht. Der Jivatman befindet sich über der Manifestation im Leben und ist ihr übergeordnet; das seelische Wesen steht hinter der Manifestation im Leben und stützt sie.
Die natürliche Haltung des seelischen Wesens ist, sich als Kind zu fühlen, als Sohn Gottes, als bhakta; es ist ein Teil des Göttlichen, essentiell eins mit Ihm, doch in der Dynamik der Schöpfung, ja sogar in der Identität, besteht immer die Verschiedenheit. Im Gegensatz hierzu lebt der Jivatman im Essentiellen und kann in der Identität mit dem Göttlichen aufgehen; doch auch er sieht sich, wenn er über der Dynamik der Schöpfung steht, als ein Zentrum des vielfältigen Göttlichen und nicht als Parameshvara. Es ist wichtig, diesen Unterschied zu erkennen; denn wenn der geringste vitale Egoismus vorhanden ist, besteht die Gefahr, sich als Avatar zu betrachten oder sein Gleichgewicht zu verlieren wie Hridaya bei Ramakrishna.
SRI AUROBINDO (22:265)
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Der Spirit ist Atman, Brahman, das Essentielle Göttliche. Wenn das Eine Göttliche seine ihm ewig innewohnende Vielheit manifestiert, wird dieses essentielle Selbst, dieser Atman, für die Manifestation das zentrale Wesen, das von oben die Evolution seiner Personalitäten und Erdenleben hier lenkt, das als solches jedoch ein ewiger Teil des Göttlichen ist und vor der Manifestation auf Erden bestand – para prakrtir jivabhuta.
In dieser niederen Schöpfung, apara prakrti, erscheint dieser ewige Teil des Göttlichen als Seele, ein Funke Göttlichen Feuers, der die individuelle Evolution, das mentale, vitale und physische Wesen stützt. Das seelische Wesen ist der Funke, der zu einem Feuer wird und sich mit dem wachsenden Bewusstsein entfaltet. Das seelische Wesen ist daher evolutionär und geht nicht wie der Jivatman der Evolution voran.
Der Mensch aber ist sich des Selbstes oder Jivatmans nicht bewusst, er kennt nur sein Ego oder sein mentales Wesen, die Leben und Körper beherrschen. Doch wenn er sich tiefer nach innen wendet, erkennt er seine Seele, das seelische Wesen, als seinen eigenen Mittelpunkt, den purusa im Herzen; die Seele ist das zentrale Wesen in der Evolution, sie geht aus dem Jivatman hervor, der ein ewiger Teil des Göttlichen ist, und verkörpert ihn hier. Ist einmal das volle Bewusstsein erlangt, dann werden Jivatman und seelisches Wesen eins.
SRI AUROBINDO (22:278)
*
Die Seele, die das zentrale Wesen verkörpert, ist ein Funke des Göttlichen, der alles individuelle Dasein in der Natur stützt; das seelische Wesen ist eine bewusste Form dieser Seele, die in der Evolution wächst, in jenem langwierigen Prozess, der zuerst das Leben in der Materie entwickelt, dann das Mental im Leben, bis sich schließlich das Mental in das Obermental, und das Obermental in die supramentale Wahrheit zu entwickeln vermag. Die Seele stützt die Natur in dieser stufenweisen Evolution, doch sie ist selbst nichts von all dem.
Diese äußere objektive und oberflächlich subjektiv erscheinende Natur, die die ganze Vielheit von Mental, Leben und Körper manifestiert, nennt man die niedere Natur, apara prakrti. Die höchste Natur, para prakrti, die sich dahinter verbirgt, ist die eigentliche Natur des Göttlichen, eine höchste Bewusstseinskraft, die das mannigfache Göttliche als die Vielen manifestiert. Diese Vielen als solche sind die ewigen Selbste des Höchsten in seiner höchsten Natur, para prakrti. Hier in Bezug auf diese Welt erscheinen sie als Jivatmas, welche die Evolution der natürlichen Geschöpfe, sarva bhutani, stützen in dem veränderlichen Werden, aus dem das Dasein des ksara purusa (des beweglichen oder veränderlichen Purusha) besteht. Der Jiva (oder Jivatman) und die Geschöpfe, sarva bhutani, sind nicht das gleiche. Die Jivatmas stehen in Wirklichkeit über der Schöpfung, obwohl sie an ihr teilnehmen; die natürlichen Wesen, sarva bhutani sind die Geschöpfe der Natur. Mensch, Vogel, Tier und Reptil sind natürliche Wesen, doch das individuelle Selbst in ihnen ist nicht einen einzigen Augenblick lang charakteristisch für Mensch, Vogel, Tier oder Reptil; in seiner Evolution bleibt es durch all diese Wandlungen dasselbe, ein spirituelles Wesen, das dem Spiel der Natur zustimmt.
Das, was sich ursprünglich und ewig im Göttlichen befindet, ist das Sein, und das, was mit Hilfe der Göttlichen Macht entwickelt wird, wie Bewusstsein, Beschaffenheiten, Formen, Kräfte usw. ist das Werden. Das ewig Göttliche ist das Sein; das Universum in der Zeit und alles in ihm Sichtbare ist ein Werden. Das ewige Sein in seiner höchsten Natur, Para Prakriti, ist gleichzeitig der Eine und die Vielen; doch die ewige Vielheit des Göttlichen, wenn sie hinter den erschaffenen Geschöpfen steht, sarva bhutani, erscheint als (oder wie wir sagen, wird) der Jiva, para prakrtir jivabhuta. In der Seele wiederum gibt es zwei Aspekte, im Hintergrund das seelische Dasein oder die Seele und im Vordergrund jene Form der Individualität, die sie im Laufe ihrer Evolution in der Natur annimmt.
Die Seele oder Psyche ist allein in dem Sinn unveränderlich, dass sie alle Möglichkeiten des Göttlichen in sich enthält, doch muss sie diese entwickeln; im Verlauf ihrer Evolution nimmt sie die Form einer sich entwickelnden seelischen Individualität an, welche die individuelle Prakriti in der Manifestation entfaltet und an der Evolution teilhat. Die Seele ist der Funke Göttlichen Feuers, der mit Hilfe des seelischen Wesens hinter Mental, Vital und dem Physischen wächst, bis sie fähig ist, die Prakriti der Unwissenheit in eine Prakriti des Wissens umzuwandeln. Dieses sich entfaltende seelische Wesen ist daher in keinem Augenblick alles, was die Seele oder das essentielle seelische Dasein enthält; es manifestiert und individualisiert in diese Projektion des Spirits das, was potentiell ewig und essentiell transzendent ist.
Das zentrale Wesen ist jenes Wesen, das über den verschiedenen aufeinanderfolgenden Geburten steht, jedoch selbst ungeboren ist, da es nicht in das [menschliche] Wesen herabkommt, sondern darüber ist; es hält das mentale, vitale und physische Wesen und all die übrigen Teile der Persönlichkeit zusammen, und wacht über dem Leben, entweder mit Hilfe des mentalen Wesens, des mentalen Denkens und Willens oder mit Hilfe der Seele, je nachdem, was sich gerade im Vordergrund befindet oder was in der menschlichen Natur am machtvollsten entwickelt ist. Sobald es seine Kontrolle nicht ausübt, befindet sich das Bewusstsein in großer Unordnung, und jeder Teil der Person handelt für sich, so dass es weder im Denken und Fühlen noch im Handeln Übereinstimmung gibt.
Die Seele befindet sich nicht darüber, sondern im Hintergrund – ihr Sitz ist hinter dem Herzen; ihre Macht ist nicht die des Wissens, sondern die eines essentiellen oder spirituellen Fühlens; sie besitzt den klarsten Sinn für die Wahrheit und eine Art innerer Wahrnehmung für sie, und diese sind für die Seelen-Wahrnehmung und das Seelen-Fühlen kennzeichnend. Sie ist unser innerstes Wesen und stützt alle übrigen, das mentale, vitale und physische Wesen; sie ist durch diese jedoch stark verhüllt und kann sie nur indirekt beeinflussen, anstatt aufgrund ihres höchsten Rechts direkt zu handeln; dieses direkte Handeln wird erst in einem hohen Entwicklungsstadium oder mit Hilfe des Yoga etwas Normales und Vorherrschendes. Nicht das seelische Wesen gibt dir, wie du glaubst, die Intuition von künftigen Ereignissen oder warnt dich vor den Folgen bestimmter Taten; dies tut ein Teil des inneren Wesens, manchmal das innere Vital oder sogar manchmal der innere oder feinstoffliche purusa. Dieses innere Wesen, also das innere Mental, das innere Vital, das innere oder feine Physische, weiß viel von dem, was dem äußeren Mental, dem äußeren Vital, dem äußeren Physischen unbekannt ist, denn es steht in einem direkten Kontakt mit den geheimen Kräften der Natur. Die Seele aber ist das innerste Wesen von allen, sie zeichnet sich durch ein Wahrnehmungsvermögen für die Wahrheit aus, das der tiefsten Substanz des Bewusstseins innewohnt, einem Gefühl für das Gute, Wahre, Schöne, für das Göttliche. Das zentrale Wesen, der Jivatman, der weder geboren wird noch sich entwickelt, sondern über der individuellen Geburt und Evolution steht, ist auf jeder Ebene des Bewusstseins vertreten. Auf der mentalen Ebene ist es das wahre (oder innere) mentale Wesen, manomaya purusa, auf der vitalen Ebene das wahre (oder innere) vitale Wesen, pranamaya purusa, auf der physischen Ebene das wahre (oder innere) physische Wesen, annamaya purusa. Jedes Geschöpf ist daher, solange es sich in der Unwissenheit befindet, um seinen mentalen, vitalen oder physischen purusa zentriert, entsprechend der Ebene, auf der es vorwiegend lebt, und dieser erscheint ihm dann als sein zentrales Wesen. Doch der wahre Vertreter ist immer hinter Mental, Vital und Körper verborgen – es ist die Seele, unser innerstes Wesen.
Sobald das innerste Wissen sich auszubreiten beginnt, können wir das seelische Wesen in uns wahrnehmen, es tritt hervor und lenkt die Sadhana. Dann werden wir auch des Jivatmans gewahr, des ungeteilten Selbstes oder Spirits über der Manifestation, den die Seele hier vertritt.
SRI AUROBINDO (22:267)
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Der Jivatman, der Seelen-Funke und das seelische Wesen sind drei verschiedene Formen der gleichen Wirklichkeit und dürfen nicht miteinander verwechselt werden, das dies die Klarheit der inneren Erfahrung trüben würde.
Der Jivatman oder der Spirit, wie er gewöhnlich im Englischen genannt wird, besteht selbstständig über dem manifestierten oder instrumentalen Wesen – er steht über Geburt und Tod und ist immer derselbe, das individuelle Selbst oder der Atman. Er ist das ewig wahre Wesen des Individuums.
Die Seele ist ein Funke des Göttlichen und befindet sich nicht über dem manifestierten Wesen, sondern kommt in die Schöpfung herab, um deren Evolution in der stofflichen Welt zu stützen. Zu Beginn ist sie eine ungeformte Macht des Göttlichen Bewusstseins und enthält alle Möglichkeiten, die bislang noch nicht geformt wurden, denen jedoch eine Form zu geben, Aufgabe der Evolution ist. Dieser Funke besteht in allen lebenden Wesen, vom niedersten bis zum höchsten.
Das seelische Wesen wird in seiner Evolution von der Seele geformt. Es stützt Mental, Vital, Körper, es wächst durch deren Erfahrungen und trägt die Natur von Leben zu Leben. Es ist der seelische oder der caitya purusa. Zu Beginn ist es von Mental, Vital und Körper verhüllt, doch in dem Maße seines Wachsens wird es fähig hervorzutreten, und Mental, Leben und Körper zu beherrschen; von diesen ist es, um sich Ausdruck zu verleihen, im gewöhnlichen Menschen abhängig, es ist nicht fähig, sie zu ergreifen und frei zu gebrauchen. Das Leben des [menschlichen] Wesens ist tierisch oder menschlich, doch nicht göttlich. Wenn jedoch das seelische Wesen durch die Sadhana das Übergewicht gewinnen und seine Instrumente frei gebrauchen kann, wird der Impuls zum Göttlichen vorherrschend und die Umwandlung von Mental, Vital und Körper – und nicht nur ihre Befreiung – möglich.
Das Selbst oder der Atman ist frei und steht über Geburt und Tod; die Erfahrung des Jivatman und seines Einsseins mit dem höchsten oder universalen Selbst ruft das Gefühl der Befreiung hervor, und dies ist es, was für die höchste spirituelle Erlösung notwendig ist. Doch für die Umwandlung des Daseins und der menschlichen Natur, ist das Erwachen des seelischen Wesens und seine Herrschaft über die Natur unerlässlich.
Das seelische Wesen erkennt sein Einssein mit dem wahren Wesen, dem Jivatman, doch es wandelt diesen nicht um.
Der bindu, den du über dir sahst, kann eine symbolische Art sein, den Jivatman, der ein Teil des Göttlichen ist, zu sehen; das Streben dort wäre natürlich auf das Öffnen des höheren Bewusstseins gerichtet, damit das Wesen darin und nicht in der Unwissenheit weilt. Der Jivatman ist in Wirklichkeit bereits eins mit dem Göttlichen, doch ist es notwendig, dass das übrige Bewusstsein dies verwirklicht.
Das Streben des seelischen Wesen ist auf ein Öffnen der gesamten niederen Natur – von Mental, Vital und Körper – zum Göttlichen hin gerichtet, auf die Liebe zum Göttlichen und die Einung mit ihm, auf seine Gegenwart und Macht im Herzen, auf die Umwandlung von Mental, Leben und Körper durch das Herabkommen des höheren Bewusstseins in dieses instrumentale Wesen, diese instrumentale Natur.
Für die Fülle dieses Yoga sind beide Arten der Aspiration notwendig und unerlässlich. Sobald die Seele ihr Streben dem Mental, Vital und Körper auferlegt, werden auch diese mit Aspiration erfüllt, und dies wird dann als Aspiration auf der Ebene des niederen Wesens gefühlt. Das Streben, das darüber empfunden wird, ist das des Jivatman nach dem höheren Bewusstsein mit seiner Verwirklichung des Einen, sich im Wesen zu manifestieren. Beide Arten der Aspiration stützen sich daher gegenseitig. Das Suchen des niederen Wesens wird notwendigerweise zu Beginn immer wieder unterbrochen und vom gewöhnlichen Bewusstsein unterdrückt. Es muss durch die Sadhana geläutert, beständig, stark und ausdauernd werden.
SRI AUROBINDO (22:282)
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Kapitel 3
Das seelische Mental, das seelische Vital, das seelische Physische
Es gibt immer einen Teil des Vitals, des Mentals, des Körpers, der durch die Seele beeinflusst wird oder werden kann; sie können der seelisch-mentale, der seelisch-vitale, der seelisch-physische Teil genannt werden. Entsprechend der Persönlichkeit oder dem Grad der Entwicklung jedes Menschen, kann dieser Teil klein oder groß sein, schwach oder stark, verdeckt und untätig, oder hervortretend und in Tätigkeit. Ist er tätig, dann werden die seelischen Motive oder Ziele durch die Bewegungen des Mentals, Vitals oder des Physischen akzeptiert, sie nehmen am Wesen der Seele teil oder folgen ihren Zielen, jedoch mit einer Modifikation in der Art, wie sie für das Mental, Vital oder Physische typisch ist. Das seelische Vital sucht das Göttliche, doch ist in seinem Selbstgeben Forderung, Begehren und vitale Spannung enthalten. Die Seele hat das nicht, denn der Seele ist stattdessen reines Selbstgeben, Streben und die Intensität des seelischen Feuers eigen. Das seelische Vital ist dem Schmerz und Leid unterworfen, was es in der Seele nicht gibt.
SRI AUROBINDO (24:1111)
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Die Menschen meinen verschiedene Dinge, wenn sie von der Seele sprechen. Manchmal ist es das, was ich im Arya die Begierden-Seele nannte, nämlich das Vital mit seinen vermischten Bestrebungen, Begierden, Lüsten aller Art, gut oder schlecht, seinen feinen und groben Empfindungen oder sinnlichen Impulsen, die sich mit den Idealisierungen des Mentals und dem seelischen Druck vermengen. Manchmal jedoch stehen auch Mental und Vital unter dem Druck eines seelischen Impulses. Solange die Seele verhüllt ist, muss sie sich durch das Vital und Mental ausdrücken, und ihre Aspirationen werden dort mit dem mentalen und vitalen Stoff vermischt und durchtränkt. So drückt sich das verhüllte, seelische Drängen im Mental manchmal als gedanklicher Hunger nach der Erkenntnis des Göttlichen aus, was der Europäer dann die intellektuelle Liebe Gottes nennt. Im Vital kann es sich als ein Dürsten oder Verlangen nach dem Göttlichen bemerkbar machen. Es kann viel Leiden mit sich bringen, aufgrund der Natur des Vitals, seinen unruhigen Leidenschaften, Begierden, seiner Heftigkeiten und aufgewühlten Gefühle, seinen Trübungen, Depressionen und Verzweiflungen. Wie dem auch sei, alle können nicht, oder können zumindest nicht sogleich, sich dem Göttlichen in der rein seelischen Weise nähern – die mentalen und vitalen Annäherungen sind häufig notwendige Anfänge, und vom spirituellen Standpunkt besser als Empfindungslosigkeit gegenüber dem Göttlichen. Es ist in beiden Fällen der Ruf der Seele, das Drängen der Seele, und nimmt nur die Form oder Färbung an, die dem Druck der mentalen oder vitalen Natur entspricht.
SRI AUROBINDO (23:547)
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Liebe Mutter, Sri Aurobindo sagt hier: „Wenn die innerste Seele erweckt wird, wenn eine neue Geburt aus dem rein mentalen, vitalen und physischen in das seelische Bewusstsein stattfindet, kann dieser Yoga getan werden ...“ Warum hat er „die innerste Seele“ gesagt? Gibt es eine äußere Seele?
Deshalb, weil die innerste Seele, das heißt das zentrale seelische Wesen, die äußeren Teile des Bewusstseins beeinflusst (äußerlich im Vergleich zu dem zentralen seelischen Wesen: die mentalen Teile, die vitalen Teile). Das reinste Mental, das höchste Vital, das Gefühlswesen – die Seele beeinflusst sie, beeinflusst sie so sehr, dass der Eindruck entsteht, man sei durch diese Wesensteile mit ihr in Kontakt getreten. Daher kommt es, dass die Menschen diese Teile mit der Seele verwechseln, und daher sagt er [Sri Aurobindo] „die innerste Seele“, und meint die zentrale Seele, die wirkliche Seele.
Denn sehr oft, wenn man mit gewissen Teilen des Mentals in Berührung kommt, die unter dem seelischen Einfluss stehen, und die voll des Lichtes und der Freude jenes Lichtes sind, oder auch, wenn man mit gewissen sehr reinen und sehr hohen Teilen des Gefühlswesens, voll der hochherzigsten und selbstlosesten Empfindungen in Berührung kommt, hat man den Eindruck in Kontakt mit seiner Seele zu sein. Es ist aber nicht die wahre Seele, es ist nicht die Seele in ihrer eigentlichen Essenz. Es sind Teile des [menschlichen] Wesens, die unter ihrem Einfluss stehen und etwas von ihr verkörpern. Nun, die Menschen kommen sehr häufig in Kontakt mit diesen Teilen und das gibt ihnen Erleuchtungen, große Freude, Offenbarungen, und sie glauben, sie hätten ihre Seele gefunden. Es ist aber nur der Teil des Wesens, der unter ihrem Einfluss steht, der eine oder andere Teil, denn ... Was tatsächlich geschieht ist, dass man diese Dinge berührt, Erfahrungen hat, und dann verhüllt sich alles wieder und man wundert sich: „Wie ist es möglich, dass ich mit meiner Seele in Berührung war, und jetzt bin ich wieder in den Zustand der Unwissenheit und Unbewusstheit zurückgefallen?“ Es kommt aber daher, dass man nicht mit seiner Seele in Berührung war, sondern mit jenen Teilen des Wesens, die unter dem Einfluss der Seele stehen und etwas von ihr verkörpern, die aber nicht die Seele sind.
Ich habe bereits viele Male gesagt, wenn man bewusst in Kontakt mit seiner Seele tritt und die Einung stattgefunden hat, dann ist es vorüber, es kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden, es ist etwas Dauerndes, Beständiges, das allem widersteht, und das in jeglichem Augenblick auf Wunsch wieder gefunden werden kann; während die anderen Dinge – man kann sehr gute Erfahrungen haben, und dann wird das wieder [der Zustand, Erfahrungen zu haben] verhüllt, und man fragt sich: „Wie ist das geschehen? Ich habe meine Seele gesehen, und jetzt finde ich sie nicht mehr!“ Es war nicht die Seele, die man sah. Dabei sind diese Dinge sehr schön und geben dir sehr eindrucksvolle Erfahrungen, es ist aber nicht der Kontakt mit dem seelischen Wesen als solchem.
Der Kontakt mit dem seelischen Wesen ist definitiv und daher, wenn die Leute mich fragen: „Habe ich einen Kontakt mit meinem seelischen Wesen?“, dann sage ich: „Deine Frage als solche beweist, dass du ihn nicht hast!“
DIE MUTTER (7:263)
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Kapitel 4
Die doppelte Seele
Es gibt eine doppelte Seele oder ein doppeltes seelisches Prinzip in uns, so wie jedes andere kosmische Prinzip in uns ebenfalls doppelt ist. Denn wir haben zwei Mentale, ein Oberflächenmental unseres manifestierten evolutionären Egos, die oberflächliche Mentalität, die durch uns in unserem Auftauchen aus der Materie geschaffen wurde; und ein anderes, ein inneres Mental, das durch unser eigentliches mentales Leben und seine starren Begrenzungen nicht behindert wird, das etwas Großes, Mächtiges und Leuchtendes ist, das wahre mentale Wesen hinter jener oberflächlichen Form der mentalen Personalität, die wir fälschlicherweise für uns selbst halten. In gleicher Weise haben wir zwei Leben, ein äußeres, das durch seine vergangene Evolution im physischen Körper eingeschlossen ist, das lebt und geboren wurde und sterben wird; während das andere eine subliminale Lebenskraft ist, nicht eingepfercht zwischen den engen Grenzen unserer physischen Geburt und unseres physischen Todes, sondern unser wahres vitales Wesen hinter jener Lebensform, die wir unwissentlich für unser wirkliches Dasein halten. Selbst im Stoff unseres Seins besteht diese Dualität: denn hinter unserem Körper haben wir ein feineres, stoffliches Dasein, das die Substanz, nicht nur für unsere physischen, sondern auch unsere vitalen und mentalen Hüllen liefert, und daher unsere wirkliche Substanz ist, die diese physische Form stützt, die wir irrtümlicherweise für den ganzen Körper unseres Spirits halten. In gleicher Weise haben wir eine doppelte seelische Wesenheit in uns, die oberflächliche Begierdenseele, die in unserem vitalen Streben wirkt, in unseren Gefühlen, in unserem ästhetischen Talent und mentalen Suchen nach Macht, Wissen und Glück, sowie eine subliminale Wesenheit, eine reine Macht des Lichts, der Liebe, Freude und verfeinerten Essenz des Wesens, die unsere wahre Seele hinter der äußeren Form des seelischen Daseins ist, das wir so oft mit dem Namen Seele auszeichnen. Wenn ein Widerschein dieser größeren und reineren seelischen Wesenheit an die Oberfläche tritt, sagen wir von einem Menschen, er habe eine Seele, und wenn sie in seinem äußeren, seelischen Leben fehlt, sagen wir von ihm, er habe keine Seele.
Die äußeren Formen unseres Wesens sind die unserer kleinen, egoistischen Existenz; die subliminalen sind die Formierungen unserer größeren, wahren Individualität. Diese sind daher jener verborgene Teil unseres Wesens, in welchem unsere Individualität unserer Universalität nahe ist, diese berührt, und in fortwährender Beziehung und fortwährendem Austausch mit ihr steht. Das subliminale Mental in uns ist offen für das universale Wissen des kosmischen Mentals, das subliminale Leben in uns ist offen für die universalen Kräfte des kosmischen Lebens, das subliminale Physische in uns ist offen für die universalen Kraftformierungen der kosmischen Mächte; die dichten Wände, durch die unser Oberflächen-Mental, -Leben und -Körper von diesen Dingen getrennt sind, und welche die Natur mit soviel Mühe, so unvollkommen und mit Hilfe so vieler geschickt schwerfälliger, physischer Methoden durchstoßen muss, sind dort im Subliminalen ein verdünntes Medium von Trennung und Kommunikation zugleich. In gleicher Weise ist auch die subliminale Seele in uns dem universalen Entzücken offen, das die kosmische Seele in ihr eigenes Dasein aufnimmt, und in das Dasein der Myriaden Seelen, das sie verkörpert, und in die Tätigkeiten von Mental, Leben und Materie, durch welche die Natur sich zu deren Spiel und Entwicklung hergibt; doch von diesem kosmischen Entzücken ist die Oberflächenseele durch die egoistischen Wände von großer Dichte ausgeschlossen, die zwar Pforten des Durchlasses besitzen, doch die Anflüge göttlich-kosmischen Entzückens verblassen bei ihrem Durchgang, werden entstellt oder müssen sich als ihr eigenes Gegenteil maskieren.
SRI AUROBINDO (18:220)
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Die Seele und das Leben sind zwei ganz verschiedene Mächte. Die Seele ist ein Funke des Göttlichen Spirits, der die individuelle Natur stützt; Mental, Leben und Körper sind die Instrumente für die Manifestation der Natur. In den meisten Menschen ist die Seele verborgen und durch das Wirken der äußeren Natur verdeckt; sie verwechseln das vitale Wesen mit der Seele, denn das Vital ist es, welches den Körper anregt und treibt. Doch dieses Vital besteht aus Begierden und ausführenden Kräften, guten und schlechten; es ist die Begierdenseele und nicht die wahre Seele. Erst wenn die wahre Seele hervortritt und die Tätigkeit der instrumentalen, menschlichen Natur zu beeinflussen und dann zu beherrschen beginnt, kann der Mensch seine vitalen Begierden überwinden, und einer göttlichen Natur entgegenwachsen.
SRI AUROBINDO (22:300)
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Wenn Wissen die weiteste Macht des Bewusstseins ist, und seine Aufgabe darin besteht, zu befreien und zu erleuchten, ist dennoch die Liebe die tiefste und intensivste Macht des Bewusstseins, und es ist ihr Privileg, der Schlüssel zu den unergründlichsten und geheimsten Winkeln des Göttlichen Mysteriums zu sein. Der Mensch, da er ein mentales Wesen ist, neigt dazu, dem denkenden Mental, dessen Vernunft und Willen und seiner Art der Annäherung an die Wahrheit und ihrer Verwirklichung, die höchste Bedeutung beizumessen, ja, er sieht sich sogar zu der Annahme veranlasst, dass es keine andere gibt. Das Herz mit seinen Emotionen und unberechenbaren Regungen ist in der Sicht seines Intellektes eine dunkle, ungewisse und oft gefährliche und irreführende Macht, die durch den Verstand, den mentalen Willen und die Intelligenz unter Kontrolle gehalten werden muss. Und dennoch ist im Herzen oder dahinter ein tieferes, mystisches Licht; dieses ist zwar nicht das, was wir Intuition nennen – denn diese, obwohl dem Mental nicht zugehörig, kommt dennoch durch das Mental herab – es hat aber dennoch eine direkte Fühlungnahme mit der Wahrheit und ist dem Göttlichen näher als der menschliche Intellekt in seinem Wissensstolz. Gemäß der alten Lehre ist der Sitz des immanenten Göttlichen, des verborgenen Purushas, im mystischen Herzen – der geheimen Herzenshöhle, hrdaye guhayam, wie es die Upanishade ausdrückt –, und nach der Erfahrung vieler Yogis kommt von seinen Tiefen die Stimme oder der Atem des inneren Orakels.
Diese Zweideutigkeit, diese gegensätzlichen Erscheinungen von Tiefe und Blindheit, entstehen durch den doppelten Charakter des menschlich-emotiven Wesens. Denn in den Menschen befindet sich im Vordergrund ein Herz voller vitaler Emotionen, ähnlich dem der Tiere, wenn auch vielfältiger entwickelt; seine Emotionen werden von egoistischer Leidenschaft gelenkt, blinden, instinktiven Neigungen und dem ganzen Spiel der Lebensimpulse mit ihren Unvollkommenheiten, Perversionen und oft schmutzigen Entartungen, – das Herz ist von Lüsten, Begierden und Wutanfällen, von intensiven oder ungestümen Forderungen, von den kleinen Begierden oder niedrigen Schäbigkeiten einer dunklen und gefallenen Lebenskraft bedrängt und ihnen ausgeliefert, und verdorben durch seine Sklaverei an jedweden Impuls. Dieses Gemisch des emotiven Herzens und des sinnlich-lüsternen Vitals schafft eine falsche Begierdenseele im Menschen; diese ist das rohe und gefährliche Element, dem der Verstand zu Recht misstraut, er empfindet die Notwendigkeit einer Kontrolle – obgleich die tatsächliche Kontrolle, oder besser gesagt, die Gewalt, die er über unsere rohe und beharrliche, vitale Natur auszuüben vermag, immer sehr unsicher und irreführend ist. Die eigentliche Seele des Menschen aber ist nicht dort; sie ist in dem wahren, unsichtbaren Herzen in einer leuchtenden Höhle der [menschlichen] Natur verborgen: dort, wo das göttliche Licht einsickert, ist unsere Seele, ein schweigendes, innerstes Wesen, dessen nur wenige je gewahr werden; denn obzwar alle eine Seele haben, sind sich nur einige ihrer wahren Seele bewusst, oder fühlen ihren direkten Impuls. Dort wohnt der kleine Funke des Göttlichen, der diese dunkle Masse unserer Natur stützt, und um ihn herum wächst das seelische Wesen, die geformte Seele oder der wirkliche Mensch in uns. In dem Maße wie dieses seelische Wesen in ihm wächst, und die Regungen des Herzens dessen Weisungen und Impulse spiegeln, wird sich der Mensch mehr und mehr seiner Seele bewusst, er hört auf, ein überlegenes Tier zu sein; dann und wann zu flüchtiger Schau der Gottheit in ihm erwachend, öffnet er sich immer mehr ihren Hinweisen auf ein tieferes Leben und Bewusstsein und dem Impuls zu göttlichen Dingen. Es ist einer der entscheidenden Momente des integralen Yoga, wenn dieses seelische Wesen befreit wird, und hinter dem Schleier hervortritt, und die volle Flut seiner Ahnungen, Gesichte und Impulse auf das Mental, das Leben und den Körper des Menschen ausgießt, wenn es beginnt die Errichtung der Gottheit in der Erdnatur vorzubereiten.
SRI AUROBINDO (20:140)
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Kapitel 5
Die Natur des seelischen Wesens
Es ist die eigentliche Natur der Seele oder des seelischen Wesens, sich zu der Göttlichen Wahrheit hinzuwenden, wie die Sonnenblume zu der Sonne; sie akzeptiert alles und klammert sich an alles an, das göttlich ist, oder sich auf die Gottheit hinentwickelt, und sie zieht sich von allem zurück, was diese entstellt oder leugnet, von allem, was falsch und ungöttlich ist. Dennoch ist die Seele zunächst nur ein Funke und dann eine kleine Flamme der Gottheit, die inmitten großer Finsternis brennt; meist ist sie in ihrem inneren Heiligtum verhüllt, und zu ihrer Enthüllung bedarf sie des Mentals, der Lebenskraft und des physischen Bewusstseins, und sie muss diese dazu bewegen, ihr [der Seele] so gut es geht, Ausdruck zu verleihen; im Allgemeinen hat sie damit bestenfalls insoweit Erfolg, dass sie deren Äußerlichkeit mit ihrem inneren Licht durchdringt und mit ihrer läuternden Feinheit deren dunkle Verborgenheiten oder grobes Gemisch modifiziert. Selbst wenn ein geformtes seelisches Wesen vorhanden ist, das sich mit einiger Direktheit im Leben auszudrücken vermag, ist es dennoch in allen, ausgenommen in einigen wenigen, nur ein kleiner Teil des [menschlichen] Wesens – „nicht größer an Körpermasse als der Daumen eines Menschen“, welches das Gleichnis war, das von den alten Sehern gebraucht wurde –, und es ist nicht in der Lage, sich gegen die Dunkelheit und unwissende Kleinheit des physischen Bewusstseins durchzusetzen, gegen die falsche Sicherheit des Mentals oder die Arroganz und Heftigkeit der vitalen Natur. Diese Seele muss das menschlich-mentale, gefühlsbetonte und sinnliche Leben akzeptieren, so wie es ist, seine Voraussetzungen und Aktivitäten, seine bewahrten Formen und Erscheinungen; sie muss sich hart mühen, das göttliche Element in all dieser relativen Wahrheit, die mit fortwährendem, verfälschendem Irren vermischt ist, zu befreien und zu mehren, diese Liebe, preisgegeben der Benutzung durch den Tierkörper oder der Befriedigung durch das vitale Ego, dieses Leben eines durchschnittlichen Menschentums, das mit der seltenen und fahlen Erkenntnis einer Gottheit durchwirkt ist, aber auch den dunklen Scheußlichkeiten des Dämons und Untiers. Obgleich unbeirrt in ihrem eigentlichen Willen, muss sie oft unter dem Druck ihrer Instrumente (dem Mental, Vital und dem Physischen) fehlerhaftem Tun nachgeben, falscher Anwendung der Gefühle, falscher Wahl der Person, dem Irren in der genauen Formulierung ihres Willens, in der Art, ihr unfehlbares, inneres Ideal auszudrücken. Dennoch besteht eine Ahnung im Inneren, dass sie ein verlässlicherer Führer als der Verstand ist, oder auch als das höchste Verlangen, und selbst durch offensichtliches Irren und Fehlen vermag ihre Stimme immer noch besser zu leiten, als der präzise Intellekt und das erwägende, mentale Urteil. Diese Stimme der Seele ist nicht das, was wir Bewusstsein nennen –, denn das ist nur ein mentaler und oft konventioneller, irrender Ersatz; es ist ein tieferer und seltener gehörter Ruf; dennoch, wenn er gehört wird, ist es das weiseste, ihm zu folgen; es ist sogar besser, dem Ruf seiner Seele folgend umherzuirren, als mit dem Verstand und dem äußeren moralischen Ratgeber scheinbar geradeaus zu gehen. Doch erst, wenn sich das Leben dem Göttlichen zuwendet, kann die Seele wahrhaft hervortreten und ihre Macht den äußeren Gliedern auferlegen; denn da sie selbst ein Funke des Göttlichen ist, besteht ihr wahres Leben und eigentlicher Daseinsgrund darin, dass ihre Flamme dem Göttlichen entgegen wächst.
SRI AUROBINDO (21:144)
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Die wahre Seele, verborgen in uns – subliminal haben wir gesagt, doch ist das Wort irreführend, denn diese Gegenwart befindet sich nicht unter der Schwelle des Wachmentals, sondern brennt vielmehr im Tempel des innersten Herzens hinter dem dichten Schirm eines unwissenden Mentals, Lebens und Körpers, nicht subliminal, sondern hinter dem Schleier – diese verhüllte, seelische Wesenheit ist die Flamme der Gottheit, die immer in uns brennt, nicht zu löschen, nicht einmal durch jene dichte Unbewusstheit eines spirituellen Selbstes im Inneren, das durch unsere äußere Natur verdunkelt ist. Sie ist eine Flamme, geboren aus dem Göttlichen, strahlender Bewohner der Welt der Unwissenheit, und sie wächst in ihr, bis sie fähig wird, sie [die Unwissenheit] dem Wissen zuzuwenden. Sie ist der verborgene Zeuge, die verborgene Kontrolle, der heimliche Führer, der Dämon des Sokrates, das innere Licht oder die innere Stimme des Mystikers. Sie ist das, was fortdauert, unvergänglich in uns, von Geburt zu Geburt, unberührt durch Tod, Verfall oder Verfälschung, ein unzerstörbarer Funke des Göttlichen. Sie ist nicht das ungeborene Selbst oder der Atman, denn das Selbst, während es über das Dasein des Individuums wacht, ist sich immer seiner Universalität und Transzendenz bewusst, während sie in die Formen der Natur ausgesandt ist, die individuelle Seele, caitya purusa, die Mental, Leben und Körper stützt, und hinter dem mentalen, vitalen und feinstofflichen Wesen in uns steht und beobachtet und von deren Entwicklung und Erfahrung profitiert. Diese anderen personalen Mächte im Menschen, diese Wesen seines Wesens, sind in ihrem wahren Dasein auch verhüllt, aber sie bringen zeitweilige Persönlichkeiten hervor, die unsere äußere Individualität ausmachen, und deren oberflächliches Tun und oberflächliche Erscheinungsform wir unser Selbst nennen: diese innerste Wesenheit also nimmt in uns als die seelische Person Gestalt an, stellt eine seelische Personalität heraus, die sich von Leben zu Leben verändert und wächst und entwickelt; denn sie ist der Reisende zwischen Geburt und Tod, und zwischen Tod und Geburt, und unsere natürlichen Teile sind lediglich seine vielfachen und veränderlichen Gewänder. Das seelische Wesen kann zunächst nur eine verborgene, teilweise und indirekte Tätigkeit durch Mental, Leben und Körper ausüben, da diese Teile der [menschlichen] Natur als ihre Instrumente des Selbstausdrucks entwickelt werden müssen, und lange ist sie durch deren Evolution begrenzt. Gesandt, um den Menschen in der Unwissenheit zum Licht des Göttlichen Bewusstseins zu führen, formt sie aus der Essenz all der Erfahrung in der Unwissenheit einen Kern des Seelenwachstums in der Natur; das Übrige wandelt sie in Stoff für künftiges Wachstum der Instrumente [Mental, Vital, Körper], die sie gebrauchen muss, bis sie bereit sind, eine leuchtende Instrumentation des Göttlichen zu sein. Es ist diese geheime, seelische Wesenheit, die das wahre, ursprüngliche Bewusstsein in uns ist, tiefer als das konstruierte und konventionelle Bewusstsein des Moralisten, denn sie ist es, die immer auf Wahrheit und Recht und Schönheit hinweist, auf Liebe und Harmonie und alles, was eine göttliche Möglichkeit in uns verkörpert, und sie harrt aus, bis diese Dinge das wesentliche Erfordernis unserer Natur werden. Es ist die seelische Personalität in uns, die als der Heilige, der Weise, der Seher blüht; wenn sie ihre volle Stärke erreicht hat, wendet sie das Wesen zur Erkenntnis des Selbstes und des Göttlichen, zur höchsten Wahrheit, dem höchsten Guten, der höchsten Schönheit, Liebe und Seligkeit, den göttlichen Höhen und Weiten, und öffnet uns der Berührung spiritueller Zuneigung und Universalität und spirituellen Einsseins. Wo andrerseits die seelische Personalität schwach ist, roh oder schlecht entwickelt, fehlen die subtileren Regungen in uns, oder sind arm an Charakter und Kraft, selbst wenn das Mental stark und brillant und gebieterisch ist, die Lebenskraft dominierend und erfolgreich, das körperliche Dasein reich und glücklich und ein offensichtlicher Herr und Sieger. Es ist dann die äußere Begierdenseele, die pseudo-seelische Wesenheit, die herrscht, und wir verwechseln ihre falschen Deutungen der seelischen Eingebung und Aspiration, ihre Ideen und Ideale, ihre Begierden und Sehnsüchte mit dem wahren Seelenstoff und Reichtum spiritueller Erfahrung.1 Wenn die geheime, seelische Person in den Vordergrund treten und die Begierdenseele ersetzen kann, und offen und gänzlich, nicht nur teilweise und von hinter dem Schleier, die äußere Natur von Mental, Leben und Körper zu lenken vermag, können diese in Seelenbildnisse des Wahren und Rechten und Schönen geformt werden, und am Ende kann die ganze Natur in das wahre Ziel des Lebens gewandelt werden, den höchsten Sieg, den Aufstieg in das spirituelle Dasein.
SRI AUROBINDO (18:225)
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Liebe Mutter, Sri Aurobindo sagt, die Stimme des gewöhnlichen Bewusstseins ist nicht die Stimme der Seele. Was ist sie dann?
Die Stimme des gewöhnlichen Bewusstseins ist eine ethische Stimme, eine moralische Stimme, die zwischen Gut und Böse unterscheidet, die uns ermutigt Gutes zu tun und untersagt Böses zu tun. Diese Stimme ist im gewöhnlichen Leben durchaus nützlich, solange bis man sich seines seelischen Wesens bewusst wurde und zustimmt, gänzlich von ihm geführt zu werden – in anderen Worten, bis man sich über das gewöhnliche Menschentum erhebt, sich von allem Egoismus befreit, und ein bewusstes Instrument des göttlichen Willens wird. Die Seele selbst, die ein Teil des Göttlichen ist, steht über allen moralischen und ethischen Begriffen; sie badet im Göttlichen Licht und verkörpert es, sie kann das ganze Wesen aber erst dann lenken, wenn das Ego aufgelöst wurde.
DIE MUTTER (16:249)
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In einem bestimmten Stadium des Yoga, wenn das Mental hinreichend beruhigt ist und sich nicht länger bei jedem Schritt auf das Genügen seiner mentalen Gewissheiten stützt, wenn das Vital stetig und gebändigt wurde, und nicht mehr auf seinem eigenen voreiligen Willen besteht, seinem Anspruch und Begehren, wenn das Physische hinreichend gewandelt wurde, um nicht die innere Flamme gänzlich unter der Masse seiner Äußerlichkeit, Dunkelheit oder Trägheit zu ersticken, vermag ein innerstes Wesen, in der Tiefe verborgen, und nur in einer seltenen Einflussnahme gefühlt, hervorzutreten und das übrige zu erleuchten und die Führung der Sadhana zu übernehmen. Sein Wesen besteht in einer eingleisigen Ausrichtung auf das Göttliche oder den Höchsten, eingleisig und dennoch plastisch in Tat und Bewegung; es schafft keine Starrheit der Richtung wie der eingleisige Intellekt oder einen Fanatismus der vorherrschenden Idee, oder einen Impuls wie die eingleisige vitale Kraft; es deutet vielmehr in jedem Augenblick und mit feiner Sicherheit auf den Weg zur Wahrheit, unterscheidet automatisch den rechten Schritt vom falschen, und befreit die Göttliche oder Gottwärtige Bewegung von dem anhaftenden Gemisch des Ungöttlichen. Seine Tätigkeit ist wie ein Suchlicht, das alles aufzeigt, was in der [menschlichen] Natur geändert werden muss; es hat in sich einen leidenschaftlichen Willen, der auf Vollkommenheit besteht, auf einer alchimistischen Transmutation des ganzen inneren und äußeren Daseins. Es sieht die göttliche Essenz überall, es weist jedoch die bloße Maske und tarnende Form zurück. Es beharrt auf Wahrheit, auf Willen und Stärke und Meisterung, auf Freude und Liebe und Schönheit, doch auf einer Wahrheit des bleibenden Wissens, welches die bloß praktische, momentane Wahrheit der Unwissenheit übersteigt, auf einer inneren Freude, und nicht auf bloß vitalem Vergnügen, – denn es zieht eher ein läuterndes Leiden und läuternden Kummer den herabsetzenden Befriedigungen vor – es besteht auf Liebe, die sich himmelwärts schwingt, und nicht an den Pfahl egoistischen Verlangens gefesselt ist oder mit ihren Füßen im Morast steckt, auf einer Schönheit, der die priesterliche Würde, das Ewige zu deuten, zurückerstattet wurde, auf Stärke und Willen und Meisterung, nicht als Instrumente des Egos, sondern des Spirits. Sein Wille ist auf die Vergöttlichung des Lebens gerichtet, die sich in einer höheren Wahrheit ausdrückt, und auf seine Weihung an das Göttliche und Ewige.
SRI AUROBINDO (20:145)
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Ist die Seele in jedem immer rein oder muss sie geläutert werden?
Sie ist immer rein. Sie ist aber mehr oder weniger individualisiert und unabhängig in ihrem Tun. Was im [menschlichen] Wesen seelisch ist, ist immer rein, wie es der Begriff sagt, denn sie ist derjenige Teil des Wesens, der mit dem Göttlichen in Kontakt ist und die Wahrheit des Wesens ausdrückt. Doch kann dies wie ein Funke in der Finsternis des Wesens sein; oder aber es kann ein Lichtwesen sein, bewusst, voll geformt und unabhängig, mit allen Abstufungen dazwischen.
Ist sie im Allgemeinen verhüllt?
Es ist das äußere Bewusstsein, das nicht in Kontakt mit ihr ist, denn es ist nach außen statt nach innen gewandt – es lebt inmitten all der äußeren Geräusche und Bewegungen, in dem, was es sieht, was es tut, was es sagt, statt nach innen zu schauen, in die Tiefen des Wesens, und auf die inneren Eingebungen zu lauschen.
DIE MUTTER (5:394)
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Es ist das Wirken des seelischen Wesens, nicht das [seelische] Wesen selbst, das mit den mentalen, vitalen und physischen Unzulänglichkeiten vermengt wird, da es diese benützen muss, um das wenige auszudrücken, was von dem wahren seelischen Gefühl durch den Schleier dringt. Durch das Streben des Herzens nach dem Göttlichen wird das seelische Wesen frei von diesen Unzulänglichkeiten.
SRI AUROBINDO (24:1108)
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Die Seele ist immer rein, doch ihr Wissen und ihre Kraft sind in ihr eingeschlossen und treten nur hervor, wenn das seelische Wesen sich entwickelt und stärker wird.
SRI AUROBINDO (22:297)
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Liebe Mutter, hat ein äußeres Leben voller böser Taten und eines niedrigen Bewusstseins eine Auswirkung auf das seelische Wesen? Besteht die Möglichkeit seiner Herabsetzung?
Ein niedriges und schlechtes Leben kann nur die Wirkung haben, das äußere Wesen immer vollständiger vom seelischen Wesen zu trennen, das sich in die Tiefen des höheren Bewusstseins zurückzieht und manchmal sogar jegliche Beziehung mit dem Körper durchtrennt, von dem dann meist ein asurisches oder rakshasisches Wesen Besitz ergreift.
Das seelische Wesen selbst steht über jeder Möglichkeit einer Minderung.
DIE MUTTER (16:249)
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1 Das Wort „Seele“ wird in unserem gewöhnlichen Sprachgebrauch meist in Bezug auf diese Begierdenseele, und nicht die wahre Seele gebraucht. Noch freier wird es hinsichtlich psychologischer und anderer Erscheinungen von abnormaler oder übernormaler Art benutzt, die in Wirklichkeit mit dem inneren Mental, dem inneren Vital und dem Feinstofflichen verbunden sind, subliminal in uns, und die nichts mit der direkten Tätigkeit der Seele zu tun haben. Selbst Phänomene wie Materialisierung und Entmaterialisierung sind hierin eingeschlossen, obwohl sie ganz offensichtlich keine Seelentätigkeiten darstellen, und kein Licht auf die Natur oder das Dasein der seelischen Wesenheit werfen können.
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