Читать книгу: «Ich weiß nur, dass ich dich liebe»
DENISE HUNTER

Aus dem Amerikanischen
von Antje Balters

ISBN 978-3-86506-962-7
© 2017 der deutschsprachigen Ausgabe by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
First published under the title „The Goodbye Bride”.
© 2015 by Denise Hunter
Published by arrangement with Thomas Nelson, a division of HarperCollins Christian Publishing Inc.
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Antje Balters
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: fotolia jackfrog
Satz: Brendow Web & Print, Moers
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017
www.brendow-verlag.de

Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechszehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Dreiundzwanzig
Vierundzwanzig
Fünfundzwanzig
Sechsundzwanzig
Siebenundzwanzig
Achtundzwanzig
Neunundzwanzig
Dreissig
Einunddreissig
Zweiunddreissig
Dreiunddreissig
Vierunddreissig
Fünfunddreissig
Sechsunddreissig
Siebenunddreissig
Achtunddreissig
Neununddreissig
Vierzig
Einundvierzig
Zweiundvierzig
Epilog
Danksagungen

EINS
Lucy Lovett öffnete die Augen und spürte sofort den pochenden Schmerz in ihrem Hinterkopf. Sie stöhnte und fasste sich an die Stelle, an der sich unter ihrem braunen Haar deutlich tastbar eine Beule abhob.
Sie schloss die Augen wieder und nahm jetzt weitere Einzelheiten wahr. Sie lag mit einer Wange auf einer kalten, harten Fläche, ihre Körpermitte war irgendwie eingeschnürt wie von einem Korsett, und ihre Zehen fühlten sich eingezwängt an.
Irgendwo in der Ferne war das Quietschen von Gummisohlen auf Linoleum zu hören, dann ein dumpfes Geräusch, und kühle Luft zog über sie hinweg.
Jemand gab einen Schreckenslaut von sich: „Oh nein! Miss? Ist alles in Ordnung, Miss? Ach du liebe Güte!“
Lucy öffnete wieder die Augen und drehte sich auf den Rücken, sodass die Beule am Hinterkopf auf den harten Boden traf. „Aua!“
Ihr Blick schweifte erst über die Deckenverkleidung, die voller Wasserflecken war, und dann abwärts zum rundlichen Gesicht einer brünetten Frau mittleren Alters.
„Wie viele Finger zeige ich?“, fragte die Frau. Drei pummelige Finger versperrten Lucy den Blick.
„Was ist denn passiert?“, fragte sie.
„Ach, können Sie sich nicht mehr erinnern?“
Lucy schaute sich hektisch in dem Raum um. In ihrem Blickfeld befanden sich mehrere graue Toilettenkabinen, ein fleckiger Fußboden und zwei Keramikwaschbecken mit verrosteten Armaturen und Abflussrohren. Dann fiel ihr Blick auf ein gelbes Klappschild mit dem Warnhinweis: Vorsicht, Rutschgefahr.
Zur Veranschaulichung war noch ein stürzendes Strichmännchen darauf abgebildet.
„Ich bin hingefallen.“
Oder? Ja, so musste es gewesen sein. Wieso lag sie sonst mit einer Beule am Kopf auf dem nassen Boden? Als sie die Stelle an ihrem Kopf noch einmal betastete, zuckte sie wieder zusammen.
„Können Sie aufstehen? Ach, Sie haben sich den Kopf verletzt? Vielleicht sollten wir doch lieber einen Krankenwagen rufen.“
„Nein!“ Schon allein der Gedanke ans Krankenhaus sorgte dafür, dass sie sich rasch aufsetzte. „Hören Sie, ich bin nur …“ Sie senkte den Blick, schaute auf ihren Schoß und betrachtete das duftige weiße Kleid, das sie trug. Ihr Blick wanderte weiter zu der zarten Perlenstickerei an der Korsage und zu den bloßen Schultern. Ihre Gedanken gingen wild durcheinander auf der Suche nach Antworten, aber es kam nichts dabei heraus als jede Menge durcheinandergewürfelter Puzzleteile.
„Sagen Sie mir doch, mit wem Sie da sind, dann sage ich Bescheid, dass etwas passiert ist“, bot die Frau an.
„Ich – ich bin allein.“ Oder? Wieso konnte sie sich nicht erinnern?
„Dann rufen wir jemanden an. Vielleicht Ihren Bräutigam? Aber als Erstes hole ich Ihnen jetzt etwas zum Kühlen für Ihren Kopf, und dann sagen wir ihm Bescheid. Er ist sicher schon sehr in Sorge.“
Die Frau huschte zur Tür hinaus, während Lucy versuchte, die Fakten zusammenzusetzen, die ihr durch ihren dröhnenden Kopf gingen. Es konnte unmöglich ihre Hochzeit sein. Das ergab keinen Sinn, denn bis dahin war es doch noch über einen Monat. Vielleicht war sie ja bei einem Anprobetermin für ihr Brautkleid. Aber wieso konnte sie sich an absolut gar nichts erinnern? Weder daran, wie sie in das Brautkleid hineingekommen war, noch, wie sie hingefallen war?
Denk nach, Lucy. Denk nach.
Das Letzte, was sie wusste, war, dass sie am Abend zuvor mit Zac zusammen im Restaurant aufgeräumt und die Stühle hochgestellt hatte. Danach hatte er sie zu Fuß zu ihrer Wohnung gebracht. Der kühle Wind hatte ihm sein ziemlich langes schwarzes Haar zerzaust, er hatte ihr seine Jacke um die Schultern gelegt, und sie hatten geredet, bis sie vor ihrer Haustür angekommen waren. Dort hatte sie im Schein der Außenlampe in sein hübsches Gesicht geschaut – in seine ungestümen grauen Augen – und ein ganz klein wenig Angst verspürt. Die quälende Sorge, dass irgendetwas furchtbar schiefgehen könnte und sie den einen Menschen verlöre, den sie brauchte wie die Luft zum Atmen.
Vor dem Eingang zur Toilette waren jetzt Schritte zu hören und holten sie in die Gegenwart zurück. Es ging ihr gut. Sie musste nur aufstehen und Zac finden. Er würde ihr helfen, das alles hier zu verstehen.
Lucy zog die Knie an den Körper heran, rutschte mit dem Rücken zur weißgefliesten Wand und schob sich daran hoch, bis sie saß. Ihr Blick fiel auf die weißen Satinschuhe, in denen sich ihre Zehen so eingezwängt anfühlten. Es waren hochhackige Slingpumps mit Peeptoes und winzigen Schleifen, die sie ein paar Wochen zuvor bei einem Online-Schuhversand so bewundert hatte, die sie sich aber absolut nicht hatte leisten können. Deshalb hatte sie sie auch nicht bestellt, sondern ein süßes (wenn nicht sogar entzückendes) Paar in einer Boutique in Summer Harbor gekauft.
Noch einmal schaute sie auf die Schuhe, aber es waren tatsächlich die teuren Designerschuhe.
In dem Moment wurde die Tür aufgestoßen, und die rundliche Frau, die sie gefunden hatte, tauchte mit einem Eisbeutel auf. Sie half Lucy auf, die sich den Eisbeutel auf die Beule an ihrem Kopf legte, in dem anscheinend ein Presslufthammer am Werk war – jedenfalls fühlte es sich so an. Der Schmerz war so heftig, dass sie nur unscharf sehen konnte und blinzeln musste.
„Kommen Sie, Schätzchen, setzen Sie sich erst mal auf einen Stuhl. Ich glaube, Sie sollten lieber Ihren Kopf röntgen lassen – nur zur Sicherheit. Sie kommen mir nämlich ein bisschen benebelt und durcheinander vor“, sagte die Frau.
„Aber es geht mir wirklich gut. Ich muss meinen Verlobten anrufen.“
„Natürlich müssen Sie das! Bei meinem Handy ist der Akku leer, aber die Geschäftsführerin leiht Ihnen bestimmt ihres. Ich glaube, sie hat schreckliche Angst, dass Sie sie verklagen.“
Die Damentoilette, in der sie gestürzt war, gehörte zu einem klassischen amerikanischen Diner, das mit seinen roten Kunstledersitzbänken und dem schwarz-weiß gefliesten Boden geradewegs aus den 1950er Jahren zu kommen schien. Doch ihr kam nichts bekannt vor, und sie hatte keine Ahnung, wo sie war. Es roch jedenfalls köstlich, und erst jetzt merkte Lucy, wie hungrig sie war.
Sie schaute durch das große Panoramafenster des Lokals nach draußen, wo die Sonne in der Ferne auf dem Meer glitzerte, aber die Geschäfte auf der anderen Straßenseite kamen ihr ebenfalls nicht bekannt vor. Ob das hier eine Ecke von Summer Harbor war, in der sie bisher noch nie gewesen war? Doch eigentlich konnte das nicht sein, denn der Ort war so klein, dass sie eigentlich schon alles davon kannte.
Die rundliche Frau holte jetzt ein Handy von der Dame, die mit sorgenvoll gerunzelter Stirn hinter dem Tresen stand, und gab es ihr.
„Sie rufen jetzt erst mal Ihren Verlobten an. Ich bin gleich wieder da“, sagte sie und verschwand dann auf der Toilette.
„Da steht doch extra ein Schild“, sagte die Frau hinter dem Tresen zu Lucy und sah sie wütend an. „Gleich an der Tür. Ist doch gar nicht zu übersehen.“
Als Lucy daraufhin nickte, pochte es noch heftiger in ihrem Kopf, und ihr Atem ging schnell und flach. Sie saß jetzt in einem Raum voller Menschen, konnte sich aber nicht erinnern, sich jemals so allein gefühlt zu haben. Außer einem Mal. Aber das war schon sehr lange her. Lange vor Zac.
Er ist nur einen Anruf entfernt.
Lucy wählte seine Handynummer und versuchte, die verärgerte Geschäftsführerin und die neugierigen Blicke der anderen Gäste zu ignorieren. Wahrscheinlich kam es nicht jeden Tag vor, dass eine Braut in das Lokal kam.
Zac ist sicher schon sehr beunruhigt meinetwegen, dachte sie, als sie es am anderen Ende der Leitung klingeln hörte. Sie hoffte, dass er nicht schon in der Kirche auf sie wartete. Sie schaute auf die Uhr an der Wand. Nein, dazu war es noch zu früh. Die Trauung sollte erst um 16.30 Uhr beginnen.
Mein Hochzeitstag. Was ist in den letzten Monaten passiert?
Aber sie schob diese Frage beiseite. Sie brauchte Zac jetzt mehr denn je und wählte die Nummer des Roadhouse.

Zac Callahan legte die weiße Kugel in die richtige Position, holte mit dem Queue aus und traf sie präzise. Sie rollte über den grünen Filz und berührte die blaue Kugel, die daraufhin in dem Eckloch versank.
Die umstehenden Gäste applaudierten und jubelten laut. Wenn es um eine Wette ging, fieberten die Zuschauer immer besonders stark mit.
„Das war doch reines Glück“, sagte Beau abfällig.
Zac richtete sich zu seiner vollen Größe von 1,95 Metern auf und widersprach: „Das hatte mit Glück absolut nichts zu tun, großer Bruder.“
„Wie auch immer“, entgegnete der und verschaffte sich mit seinen beinah schwarzen Augen und gerunzelter Stirn einen Überblick über die neuen Positionen der Kugeln auf dem Tisch.
Zac machte es ihm wirklich schwer. Der Rest seines Feierabends stand auf dem Spiel, und Zac verlangte ihm wirklich alles ab. Marci, eine der Kellnerinnen, hatte sich krankgemeldet, und es wurde langsam voll im Lokal, sodass Zac unbedingt Hilfe brauchte.
„Ich kann es gar nicht erwarten, dich in einer Schürze zu sehen“, sagte er zu Beau.
„Das wird nicht passieren“, entgegnete der. Sein schwarzes Haar hing ihm ins Gesicht, als er stieß, doch die Kugel verfehlte das Loch.
Beaus Verlobte Eden tröstete ihn mit einem Tätscheln und sagte dann tonlos in Zacs Richtung: „Ich kann es auch kaum erwarten.“
„Zac, Telefon für dich!“, rief da seine Serviceleitung.
Er legte sein Queue hin, zeigte auf Beau und sagte: „Aber nicht schummeln.“
Beau machte ein unschuldiges Wer-ich?-Gesicht, während Zac schon auf dem Weg zum Tresen war. Das Restaurant war wegen des Spiels der Red Sox, das im Fernsehen übertragen wurde, gut gefüllt. Die Menge johlte gerade bei einem entscheidenden Run.
Zac blieb kurz stehen, um hinzuschauen, und ging dann weiter. Er gab Sheriff Colton im Vorbeigehen einen Klaps auf die Schulter und mied bewusst die Nische, in der Morgan LeBlanc mit einer Freundin saß. Er hatte sich ein paarmal mit Morgan getroffen, und demnächst stand wieder ein Date an. Obwohl er sich wirklich Mühe gab, ihre Treffen aufregend zu finden, gelang es ihm irgendwie nicht.
Jetzt schob er sich hinter den Tresen, nahm den Hörer in die Hand und sagte: „Ja, hier ist Zac.“
„Zac, Gott sei Dank“, hörte er aus der Leitung.
Er spürte einen Adrenalinstoß, sodass es ihn am ganzen Körper kribbelte und seine Schultern sich verspannten. Seit sieben Monaten hatte er die Stimme nicht mehr gehört, den niedlichen Südstaatenakzent, bei dem er normalerweise Herzklopfen bekam, der jetzt aber dafür sorgte, dass ihm beinah das Herz stehenblieb.
„Es ist gerade etwas passiert. Ich … bin gestürzt, und ich weiß nicht so genau, wo ich hier bin. Kannst du mich bitte holen kommen?“
Er rieb sich die Stirn, und seine Gedanken gingen wild durcheinander.
„Wie bitte?“, fragte er völlig entgeistert.
„Ich möchte nicht zu spät kommen, aber ich bin nass geworden, und mein Haar …“
„Zu spät für was denn?“, fragte er nach.
„Das ist nicht lustig, Zac Callahan“, antwortete sie und schien den Tränen nah.
„Mein Kopf tut so weh, und ich … kannst du mich bitte hier abholen?“
„Lucy, was redest du denn da? Wieso rufst du mich an?“
Es folgte eine lange Pause, und dann fragte sie: „Willst du mich auf den Arm nehmen?“
Er erinnerte sich an den Tag vor sieben Monaten, an dem er von einer Wochenendtour zurückgekommen war, als wäre es gestern gewesen. All die unbeantworteten Anrufe, die vielen Male, die er an ihre Tür geklopft und keine Antwort bekommen hatte. Wie er voller Sorge ihren Vermieter angerufen und erfahren hatte, dass die Wohnung leer und Lucy weg war.
Er merkte, wie seine Finger den Hörer fester packten. „Ruf jemand anders an, Lucy. Das ist nicht mehr mein Problem“, sagte er schroff.
Er hörte sie erschrocken nach Luft schnappen, dann fragte sie mit bebender Stimme: „Wieso bist du so gemein zu mir?“
Ja, wieso war er …? Er nahm den Hörer vom Ohr weg, schaute ihn kurz finster an, nahm ihn dann wieder ans Ohr und erklärte: „Du bist es, die gegangen ist, Lucy. Wenn du irgendwo hin musst, nimm ein Taxi.“ Er wollte gerade auflegen, da sagte sie: „Warte bitte, Zac. Das kannst du mir doch nicht antun. Ich bin auf den Kopf gefallen, habe eine dicke Beule und schlimme Kopfschmerzen, und ich brauche Hilfe. Ich brauche dich.“
Es zog schmerzhaft in seinem Bauch. Wie oft hatte er sich in den vergangenen Monaten danach gesehnt, diese Worte aus ihrem Mund zu hören. Sie klang … irgendwie verwirrt und so verloren. Und außerdem hatte sie doch niemanden – keine eigene Familie.
Und du bist ein Riesentrottel, Callahan.
„Bitte! Ich habe keine Ahnung, wo ich bin oder was passiert ist. Du musst mir helfen!“
Er lehnte sich mit dem Rücken an die Bar und antwortete: „Geh ins Krankenhaus, Lucy. Du brauchst ein …“
„Ins Krankenhaus gehe ich auf gar keinen Fall!“, sagte sie panisch.
Zac strich sich mit der Hand über sein stacheliges Kinn, und ihm fiel wieder ein, dass sie ja diese Krankenhausphobie hatte. Hier am Telefon würde er sie niemals dazu überreden können, eine Notaufnahme im Krankenhaus aufzusuchen. Nicht einmal, als sie sich eine Sehne im Fuß gerissen hatte, war sie dazu bereit gewesen. Ein Freund von ihm, der in der Notaufnahme arbeitete, hatte sie schließlich zu Hause behandelt.
Wenn sie wirklich eine Kopfverletzung hatte, konnte das schlimme Auswirkungen haben, bis hin zu einer Hirnblutung.
Er stieß einen tiefen Seufzer aus und wusste, dass er genervt und hartherzig klang.
„Wo bist du denn?“, fragte er und dachte gleichzeitig, was für ein Trottel er doch war.
„Ich … ich weiß es gar nicht. Bleib bitte dran und leg nicht auf.“
Dann hörte er ein schlurfendes Geräusch am anderen Ende der Leitung und versuchte, trotz der Geräuschkulisse im Roadhouse etwas zu verstehen.
Er hörte, wie eine Frauenstimme eine Adresse herunterrasselte.
„Moment“, hörte er Lucy mit gedämpfter Stimme sagen. „In Summer Harbor?“
„Nein Schätzchen, in Portland.“
„Portland …?“, fragte Lucy erstaunt nach. „Portland, Oregon?“
„Was? Nein, Maine. Portland, Maine.“
Oh Gott – Zac drückte sich die Finger in die Augenhöhlen.
„Lucy“, sagte er und hörte wieder das schlurfende Geräusch. „Lucy.“
„Ich bin noch dran, Zac. Ich bin in …“
„Ich hab’s gehört“, sagte er leicht entnervt. Eigentlich hätte er nicht einmal einen Gedanken daran verschwenden sollen, denn sie war einfach aus seinem Leben verschwunden, und er war endlich darüber hinweg.
Ja, klar bist du das. Deswegen eilst du ihr jetzt auch auf der Stelle zu Hilfe.
Er hatte schon immer eine Schwäche für Lucy gehabt. Schon seit sie das erste Mal ins Roadhouse gekommen war, hatte sie ihn völlig in der Hand. Bis sie ihm mit ihren schicken spitzen Schuhen über sein Herz gelatscht war.
„Ich hoffe für dich, dass das kein Trick ist, Lucy“, warnte er sie.
„Wieso sollte ich so etwas tun?“, fragte sie, und in ihrer Stimme schwang eine Mischung aus Empörung und Verletztheit mit.
Er schnaubte. War er denn jemals aus ihr schlau geworden?
„Bitte, Zac. Ich weiß wirklich nicht weiter.“
Seine Entschlossenheit schwand, als er ihre tränenerstickte Stimme hörte. Verdammt noch mal. Er würde es sich niemals verzeihen, wenn ihr etwas zustieße. Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und sagte dann: „Bleib, wo du bist. Ich bin in ein paar Stunden bei dir.“

ZWEI
Lucy schaute hinaus auf den Hafen, in dem reges Treiben herrschte. Ihr Hintern war schon ganz taub vom langen Sitzen auf der Holzbank, die sie seit dem Anruf bei Zac nicht mehr verlassen hatte. Nach dem Ende des Telefonats hatte sie es eilig gehabt, der finster dreinblickenden Inhaberin, neugierigen Gästen des Lokals und dem Geruch aus der Küche, von dem ihr richtig übel geworden war, zu entkommen. Sie hatte den Rock ihres langen Kleides hochgerafft, die Straße überquert und war erleichtert gewesen, als sie ein wenig abseits eine Bank entdeckt hatte, wo sie für sich war und in Ruhe nachdenken konnte. Dazu hatte sie mittlerweile stundenlang Zeit gehabt – jedenfalls kam es ihr so vor – und war dabei zu einem beunruhigenden Ergebnis gekommen. Sie konnte sich an mindestens einen Monat ihres Lebens nicht erinnern, denn sie hatte keine Ahnung, wieso sie in Portland war und Zac in Summer Harbor, und außerdem musste sie sich der Tatsache stellen, dass ihr Kopf offenbar nicht einwandfrei funktionierte.
Ihr war ein bisschen schwindelig, und sie sah leicht verschwommen, sosehr sie auch versuchte, durch Blinzeln etwas daran zu ändern. Wenn sie aufs Wasser schaute, das in der Sonne glitzerte, fühlte es sich an, als würde ihr jemand mit einem spitzen Gegenstand in die Augen pieksen. Deshalb machte sie sie lieber zu und konzentrierte sich auf ihren Atem.
Die Kopfschmerzen und der Schwindel waren schon ziemlich heftig, aber noch viel schlimmer war die Angst, die ihr den Magen umdrehte. Was war nur mit ihr los? Ob die Erinnerung an die vergangenen paar Monate für immer weg war? War sie ernsthaft verletzt? Wie lange würde dieser benebelte Zustand wohl noch anhalten? Und was, wenn es so blieb?
Sie beobachtete, wie ein Hummerboot anlegte und die Fischer Feierabend machten. Wie spät es wohl sein mochte? Wieso brauchte Zac so lange? Was, wenn er gar nicht kam?
Lächerlich. Natürlich würde er kommen. Er liebte sie doch.
Sie dachte noch einmal an das Telefonat; daran, wie seine Stimme geklungen hatte, an seinen typischen Maine-Akzent, bei dem aus er-Endungen lange As wurden. Humma statt Hummer.
Sie runzelte die Stirn, während die Erinnerung an das Telefonat ihr noch nachging, aber das Gespräch war schon jetzt nur noch verschwommen da. Er hatte mürrisch und abweisend geklungen, aber sie konnte sich nicht mehr ganz genau erinnern, was er gesagt hatte.
Was, wenn sie eine Hirnverletzung hatte? Sie würde sich in einem Krankenhaus untersuchen lassen müssen, das war ihr klar, aber schon allein bei der Vorstellung bekam sie Panik. Plötzlich war sie wieder acht Jahre alt und saß allein am Krankenhausbett ihrer Mutter. Ein Apparat, der den Herzschlag aufzeichnete, piepste leise in regelmäßigen Abständen.
Bis das Piepsen plötzlich aufgehört hatte.
Bei dieser Erinnerung pochte Lucys Herz auch jetzt noch heftig, und ihre Kopfschmerzen wurden noch schlimmer. Krankenhäuser fühlten sich nach Tod an, aber trotzdem würde sie eines aufsuchen müssen.
Du stirbst nicht, Lucy. Was ist denn eigentlich los mit dir?
Sie hatte weder die Zeit, noch war sie in der Verfassung, diese Frage jetzt zu beantworten. Und wie kam es, dass sie sich an etwas erinnern konnte, das sechzehn Jahre zurücklag, aber nicht daran, wie sie das Brautkleid angezogen hatte, das sie trug?
„Lucy?“, hörte sie jetzt eine Stimme.
Sie drehte sich in die Richtung, aus der Zacs tiefe, volle Stimme kam, und als sie das vertraute markante maskuline Gesicht mit dem kantigen Kinn sah, ging ihr das Herz auf. Sie kannte jede Linie darin, obwohl ihr der Dreitagebart irgendwie fremd vorkam. Irritiert runzelte sie die Stirn. Auch sein schwarzes Haar, von dem ihm eine dicke Locke in die Stirn fiel, hatte sie anders in Erinnerung.
Zitternd vor Verwirrung, sprang sie auf und ging einen Schritt auf ihn zu, weil sie sich nach der Sicherheit und Geborgenheit seiner Arme sehnte, doch plötzlich schien alles um sie her zu kippen, und sie stolperte seitwärts auf den Gehsteig.
Zac kam ihr zu Hilfe, hielt sie am Ellbogen fest und sagte: „Was machst du denn?“
Sie zuckte zusammen, weil er so schroff klang, und hielt sich noch stärker an seinem Unterarm fest. Sie blinzelte wieder, um den Schwindel zu vertreiben, schaute ihm in seine grauen Augen und wünschte, sie könnte schärfer sehen. Er wirkte irgendwie so steif und klang kalt und distanziert – so ganz anders als ihr Zac.
„Zac … ich bin so froh, dass du da bist. Bringst du mich nach Hause? Bitte!“
„Jetzt setz dich erst mal hin“, sagte er und schob sie zurück, bis sie wieder die Bank erreicht hatte. Sobald sie saß, ließ er sie los und trat ein paar Schritte von ihr weg.
Sie schaute an ihrem Kleid hinunter und packte mit einer Hand den duftigen Stoff. Ihre Hochzeit war jedenfalls ruiniert. Und das nach all der Mühe, die sie sich gemacht hatten.
Plötzlich wurde ihr die Kehle eng, und ihr kamen die Tränen. „Du solltest mich eigentlich noch gar nicht sehen“, sagte sie mit erstickter Stimme.
Er hätte sie doch erst sehen sollen, wenn sie im Mittelgang der Kirche zum Altar schritt, wo er mit Staunen im Blick auf sie wartete. Darauf hatte jede Braut ein Recht. Sie hatte sich sogar gewünscht, dass am Altar das Licht richtig hell eingestellt würde, damit sie seinen Gesichtsausdruck auch wirklich gut sehen konnte.
Als sie jetzt daran dachte, runzelte sie wieder die Stirn. Die Kirche, in der die Trauung stattfinden sollte, war doch in Summer Harbor – und sie war in Portland. Das war alles so verwirrend. Sie massierte sich die Schläfen und sagte nach einer Weile: „Ich bin wohl ein bisschen durcheinander.“
„Wo hast du dir denn den Kopf gestoßen?“, fragte er.
„Auf der Damentoilette“, antwortete sie und deutete hinter sich. „In dem Lokal dort. Der Fußboden war nass, und ich bin wahrscheinlich … ausgerutscht.“
„Ich meine, wo am Kopf du dich gestoßen hast“, erklärte er.
„Ach so. Hier“, antwortete sie, nahm seine Hand und legte sie vorsichtig auf die Beule.
„Na, da hast du dir ja ein ganz schönes Ding eingefangen. Warst du bewusstlos?“, fragte er mit zusammengepressten Lippen.
„I … ich weiß es gar nicht. Ich glaube schon. Vielleicht?“ Nicht einmal daran konnte sie sich erinnern!
Er zog seine Hand wieder weg, und sofort vermisste sie die beruhigende Berührung. Wieso wollte er sie nicht anfassen? Wieso hielt er sie nicht einfach fest? Sie brauchte Trost, merkte er das denn nicht?
„Lucy … du bist bewusstlos gewesen, dir ist immer noch schwindelig, und du hast Erinnerungslücken. Du musst das abklären lassen.“
„Bitte nicht …“, flehte sie ihn an, und ihr kamen wieder die Tränen.
„Es muss sein. Ich komme auch mit“, sagte er.
Aber wo war die Wärme in seiner Stimme geblieben? Wo seine zärtlichen Berührungen?
„Und was ist mit der Hochzeit?“, fragte sie. „Wir müssen doch den Leuten zu Hause Bescheid sagen. Ich kann gar nicht fassen, dass mir so etwas passiert.“ Ihr Atem ging jetzt in kurzen, heftigen, schnellen Stößen.
„Beruhige dich doch, Lucy. Du musst langsamer atmen, sonst hyperventilierst du und fällst wieder in Ohnmacht. Glaubst du, dass du es bis zu meinem Wagen schaffst?“
Sie wollte in kein Krankenhaus!
Bitte, Gott, tu mir das doch nicht an!
Sie wollte einfach nur nach Hause ins Bett und sich die Decke über den Kopf ziehen, wollte von Zac ins Bett gebracht werden, so, wie er es manchmal tat, wenn sie völlig geschafft war. Und in diesem Moment war sie wirklich völlig geschafft.
„Kannst du gehen, Lucy?“, fragte er jetzt und klang dabei so ungehalten und genervt, dass es sich für sie anfühlte, als stieße er ihr einen Dolch in die Brust.
„Ich will aber in kein Krankenhaus“, wiederholte sie noch einmal und konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme dabei bebte.
„Doch“, entgegnete er. „Es muss sein, und ich bringe dich jetzt dorthin.“
Sie wiegte sich vor und zurück, wie, um sich selbst zu beruhigen, aber es funktionierte nicht. Sie wusste ja, dass er recht hatte. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Wenn Zac bei ihr blieb, würde sie es schon schaffen … oder?
„Bringst du mich danach nach Hause?“, fragte sie zaghaft.
„Ja“, versprach er.
Sie versuchte die Erinnerungen an damals auszuschalten, aber sie kamen trotzdem wieder hoch. Der Geruch nach Desinfektionsmitteln, das Piepsen der Überwachungsgeräte, der kalte, sterile Boden – und ihre Mama, oder das, was noch von ihr übrig war, still und blass in dem Bett.
„Könntest du nicht jemanden herholen, um mich zu untersuchen?“, versuchte sie es noch einmal und sah ihn hoffnungsvoll an. „Den netten Rettungssanitäter von vorhin vielleicht.“
„Wir sind in Portland, Lucy. Ich kenne hier niemanden.“
„Ach ja …“
„Und genau das ist auch der Grund, weshalb du dich untersuchen lassen musst. Du weißt ja noch nicht einmal, wo du bist, um Himmels willen.“
Sein Ton war so barsch, dass sie wieder zusammenzuckte und ihr die Tränen kamen. Er klang verärgert, so als interessierte es ihn kein bisschen, was mit ihr los war, dass sie vielleicht eine Hirnblutung hatte und jeden Moment tot umfallen konnte!
Er stand auf und sagte: „Es muss sein, Lucy. Also komm, lass uns fahren.“ Und dann hob er sie mitsamt ihrem bauschigen Brautkleid hoch, zwar behutsam, aber kein bisschen liebevoll, sondern irgendwie steif und mechanisch. Sie legte eine Hand auf seine Schulter und schloss die Augen. Vielleicht war dieser Albtraum ja vorüber, wenn sie wieder aufwachte.

DREI
Zac stützte die Ellbogen auf seine Knie und schaute zu, wie die Schwester Lucy den Venenzugang herauszog. Sie hatten ihr etwas für den Magen gegeben, etwas gegen die Kopfschmerzen und auch etwas zur Beruhigung. Lucys Augen waren geschlossen, und ihre Stirn war nicht mehr ganz so angespannt, seit die Medikamente zu wirken begannen.
Die Schwester ging wieder, und Zacs Blick glitt über Lucys Gesicht – ihre zarten geschwungenen Augenbrauen, die helle Haut und ihren roten Kussmund. Sie hatte sich überhaupt nicht verändert, hatte immer noch dieselben verletzlichen blauen Augen, die an ihm zerrten, ihn richtiggehend wie an einer Schnur mit Haken zu sich hinzogen. Sie hatte die Haarspangen aus ihrem langen dunklen Haar gezogen, das ihr jetzt in üppigen Wellen über die Schultern fiel und einen Teil des hässlichen Krankenhausnachthemdes verdeckte. Wie froh war er gewesen, als sie endlich nicht mehr das Brautkleid anhatte!
Das Brautkleid. Als er sie dort am Hafen in dem Brautkleid auf der Bank hatte sitzen sehen, hätte er sich beinah wieder umgedreht und wäre gegangen. Es war erst sieben Monate her, dass sie verschwunden war. Wie hatte sie es nur geschafft, sich so schnell wieder zu verlieben und sogar zu verloben? Vielleicht war sie ja auch schon vorher verliebt gewesen. Vielleicht war das sogar der Grund, weshalb sie ihn verlassen hatte. Dieser Gedanke fühlte sich an wie ein Schlag in die Magengrube.
Er lehnte sich auf dem Stuhl neben ihrer Liege zurück und verschränkte mit gerunzelter Stirn die Arme vor dem Körper.
Was, um Himmels willen, machte er hier eigentlich? Sie hatte einen Bräutigam, den sie liebte, und irgendwo in einer Kirche waren Menschen versammelt, die sich fragten, wo sie blieb.
Irgendwie passte das alles nicht zusammen. Was hatte sie unmittelbar vor ihrer Trauung allein auf der Damentoilette eines kleinen Restaurants zu suchen gehabt?
Lucy war nicht die Einzige, die Fragen hatte.
Doch seine Fragen musste er fürs Erste beiseitestellen. Gleich würde auch noch ein Arzt kommen und jede Menge Dinge wissen wollen. Lucy hatte alle Formulare und Fragebögen selbst ausgefüllt und beim Aufschreiben ihrer Adresse ohne zu zögern die ihrer Wohnung in Summer Harbor notiert.
Sie hatte offenbar keine Ahnung über das Ausmaß ihres Gedächtnisverlustes, und auch, wenn sie ihn dermaßen hatte hängenlassen kurz vor der Hochzeit, hatte er das Gefühl, sie beschützen zu müssen, indem er ihr alles möglichst schonend beibrachte.

Lucys Augenlider öffneten sich flatternd. Es ging ihr schon viel besser. Wie gut, dass es wirksame Medikamente gab. Sie hatte ein bisschen das Gefühl zu schweben, aber das gefiel ihr eigentlich ganz gut. Jedenfalls war es besser als diese Panik, die den ganzen Körper erfasst hatte.
Ihr Blick ging zu Zac, der vornübergebeugt auf dem Stuhl neben ihrem Bett saß. Gott sei Dank, er war noch da. Doch obwohl sie nicht richtig klar sehen konnte, bemerkte sie seine finstere Miene, und das tat ihr weh. Er war sonst immer so lieb, zärtlich und beschützend zu ihr gewesen.
„Warum bist du eigentlich wütend auf mich?“, fragte sie ihn jetzt flüsternd.
Er blickte mit einem Ruck auf, und seine Miene wurde weicher. „Geht es dir besser?“ „Ja, viel besser.“
„Gut“, sagte er. Dann stand er auf und ging auf der Längsseite des Zimmers auf und ab.
Er war sehr groß, hatte breite Schultern und überragte sie mit seinen 1,95 Metern um mehr als einen Kopf. Wenn er sie in die Arme schloss, fühlte sie sich auf eine Weise geborgen und geliebt, wie sie es nicht mehr erlebt hatte, seit sie ein kleines Mädchen war. Seine souveräne Art konnte einen ganzen Raum einnehmen, was im Moment auch tatsächlich der Fall war, weil er immer wieder mit großen Schritten im Zimmer auf und ab ging.
Irgendwann blieb er stehen, sah sie an und sagte: „Es gibt da ein paar Dinge, die du wissen musst, Lucy.“
Sie zog sich die Bettdecke hoch bis ans Kinn und fragte: „Was denn?“
„Diese … Hochzeit“, setzte er an und zeigte auf das Brautkleid, das an einem Bügel im offenen Schrank hing. „Also, das waren nicht wir beide, die da geheiratet haben.“
Sie blinzelte wieder, um ihn etwas deutlicher zu sehen und zu begreifen, was er da gerade gesagt hatte. „Was um Himmels willen willst du denn damit sagen?“, fragte sie völlig entgeistert.
Er holte tief Luft und erklärte dann ganz schnell: „Wir sind nicht mehr zusammen, Lucy.“
Wieso sagte er denn so etwas? Fassungslos schüttelte sie den Kopf. Ihr kamen die Tränen, und sie hatte einen dicken Kloß im Hals.
„Schon seit ein paar Monaten nicht mehr. Es tut mir leid, dass du es auf diese Weise erfahren musst, aber der Arzt wird dir Fragen stellen, und du musst einfach wissen, dass du eine ziemlich große Erinnerungslücke hast.“
Sie fühlte sich, als ob dort, wo sonst ihr Herz war, ein riesiges schwarzes Loch klaffte. Das konnte unmöglich sein. Auf gar keinen Fall hatten sie sich getrennt. Zac liebte sie doch und sie ihn auch – sehr sogar.
Deshalb schüttelte sie nur immer wieder den Kopf und sagte: „Nein.“
Er kam näher ans Bett heran, blieb unmittelbar davor stehen, die Hände in den Hosentaschen, und sagte: „Doch, es ist so. Du hast eine Erinnerungslücke von mindestens sieben Monaten.“ Auch das sagte er in diesem furchtbar sachlich-nüchternen Tonfall, den sie schon immer schlimm gefunden hatte.
„Warum tust du das?“, fragte sie und musste ein Aufschluchzen unterdrücken.
„Weil du es wissen musst, und auch der Arzt muss es wissen, damit er herausfinden kann, was …“
Sein Blick blieb plötzlich bei der Zeitung hängen, die er am Kiosk gekauft hatte. Er nahm sie in die Hand und fragte: „Welches Datum haben wir heute, Lucy?“
„Heute ist … es ist … ich weiß es nicht. Der Tag unserer Hochzeit, also der 17. November.“ Daraufhin schaute sie ihm lange in die Augen. Beide sagten sie nichts, und sie konnte sich nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal so schutzlos und verwundbar gefühlt hatte.
„Wir haben gerade eben draußen am Hafen gesessen, Lucy. Hat sich das für dich wie November angefühlt?“
Sie überlegte angestrengt, konnte sich aber schon nicht mehr daran erinnern, wie es sich angefühlt hatte. Hatte sie gefroren?
„Es ist nicht November, Lucy, sondern Juni.“
Sie schüttelte den Kopf. Nein, das konnte unmöglich sein. Sie hatte doch gerade ihre Wohnung für Thanksgiving dekoriert. Sie hatte die festliche Tischdecke herausgeholt und die braunen Kerzen und den großen Plüschtruthahn, der Truthahngeräusche machte, wenn man ihm auf den Bauch drückte. Den hatte Zac ihr vor ein paar Tagen geschenkt, und sie hatten beide so gelacht über das alberne Geräusch.
Er hielt ihr jetzt die Zeitung vor die Nase, und sie musste sich richtig anstrengen, um das Datum darauf zu erkennen. Es war der 15. Juni eines Jahres, an dessen Beginn sie sich nicht einmal erinnerte.
In ihrem Kopf drehte sich alles, ihr wurde heiß, und sie merkte, wie ihr im Nacken der Schweiß ausbrach. Sie wünschte, die Schwester würde kommen und die Dosis ihres Medikamentes gegen die Panik verdoppeln, denn allem Anschein nach ließ die Wirkung gerade nach.
„Jetzt beruhige dich doch …“, sagte Zac.
„Mir fehlen sieben Monate? Sieben Monate?“ Bei diesem Gedanken wurde ihr noch schwindeliger. Was war in diesen sieben Monaten passiert?
Ihr wurde eng um die Brust, und sie massierte die Stelle mit der Hand, wo es richtig wehtat. „Wir haben Schluss gemacht?“, fragte sie noch einmal ungläubig.
„Ja“, antwortete er darauf nur kurz und knapp.
Er war das Einzige, was in ihrem Leben jemals richtig gut gelaufen war, das Einzige, ohne das sie nicht leben konnte. Ihr Blick fiel auf das Brautkleid.
„Aber wenn wir gar nicht mehr zusammen sind, wieso habe ich denn dann ein Brautkleid angehabt? Kannst du mir das sagen?“
Sein Mund war schmal wie ein Strich, als er antwortete: „Nein, ich weiß es nicht.“
„Aber das kann nicht sein. Du denkst dir das alles doch nur aus, oder?“
„Warum sollte ich das denn tun, Lucy?“, entgegnete er mit beinah tonloser Stimme.
„Wir sind doch verlobt!“, brach es aus ihr heraus.
„Sind wir das wirklich, Lucy? Wo ist denn der Ring, den ich dir gegeben habe?“
„Na hier“, antwortete sie, hielt ihre Hand hoch und sah den Ring, den sie am Finger hatte, zum ersten Mal. Einen Ring mit einem Diamanten, und zwar einem sehr großen – jedenfalls nicht der Verlobungsring von Zac.
Sie stieß eine Art Wimmern aus und wurde wieder von Panik erfasst. „Was ist hier eigentlich los?“, fragte sie verzweifelt.
In dem Moment kam ein Pflegehelfer herein und sagte: „So, ich bringe Sie jetzt in die Radiologie zum CT.“ Er arbeitete schnell und umsichtig, kontrollierte noch einmal Lucys Personalien und kümmerte sich um die Infusion, bevor er das Bett in Bewegung setzte.
Lucy drehte sich noch einmal zu Zac um, und ihre Blicke begegneten sich. Reglos und mit versteinerter Miene stand er da, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Und dann war er genau so schnell verschwunden wie ihr Gedächtnis.

VIER
„Was ist denn das Letzte, woran Sie sich erinnern, Miss Lovett?“
Es war Mitternacht, und der Arzt stellte ihr jetzt seit etwa zehn Minuten Fragen, aber ihre Gedanken waren so verschwommen. Das CT sei in Ordnung, und auch sonst sähe alles gut aus, hatte er gesagt. Aber wieso konnte es gut aussehen, wenn es das doch eindeutig nicht war?
Der Arzt war etwa Mitte dreißig, hatte wirres dunkles Haar, blaue Augen und trug eine Nickelbrille. Irgendwie hatte er Ähnlichkeit mit Harry Potter. Wie konnte es sein, dass sie sich an Harry Potter erinnerte, aber nicht an den Verlust des einzigen Mannes, den sie je geliebt hatte? Wie konnten ihr sieben Monate ihres Lebens einfach fehlen? Sie hatte einen Freund – sogar einen Verlobten –, an den sie sich nicht erinnern konnte. Was hatte sie in den letzten sieben Monaten gemacht? Wo hatte sie gelebt?
„Lucy …?“, sprach Zac sie jetzt mit leichter Ungeduld an. „Das Letzte, woran du dich erinnerst.“
Sie räusperte sich und dachte intensiv nach. „Also, wir sind vom Roadhouse – Zacs Restaurant – zu Fuß nach Hause gegangen. Es war kalt. An der Haustür haben wir uns voneinander verabschiedet.“
Ganz plötzlich blitzte eine Erinnerung auf, und sie sah Zac an. „Du hast noch den Kürbis hochgehoben, der als Deko vor der Haustür steht, und hast getan, als könnte er reden.“
Sie hatte gelacht über seine Mätzchen und war erleichtert gewesen, wenigstens wieder ein bisschen den Zac zu erleben, den sie kannte. Seit dem Tod seines Vaters wirkte er eigentlich ständig bedrückt.
Er hatte den Kürbis wieder hingestellt, sie in die Arme genommen und gesagt, er könne es gar nicht erwarten, den Rest seines Lebens mit ihr zu verbringen.
Jetzt suchte sie seinen Blick und sah darin, dass auch er sich daran erinnerte, aber er schaute ganz schnell weg.
„Wie lange ist das her?“, fragte der Arzt Zac, ohne zu merken, wie angespannt die Atmosphäre im Raum war.
„Das war Ende Oktober“, antwortete Zac.
Der Arzt klappte die Patientenkarte zu und sagte dann: „Also … Sie haben offenbar eine schwere Gehirnerschütterung erlitten mit einer retrograden Amnesie. Das heißt, die Ursache für ihren Gedächtnisverlust ist eine Kopfverletzung.“
„Wird ihre Erinnerung zurückkommen?“, fragte Zac.
Der Arzt zuckte mit den Schultern und antwortete: „Das ist möglich, aber eine Garantie gibt es dafür nicht. Das ist von Fall zu Fall verschieden. Manchmal hilft es, wenn die betroffene Person sich in einer vertrauten Umgebung aufhält, in Gesellschaft von Menschen, die sie kennt. Manchmal hilft aber auch das nicht. Ich würde sie gerne eine Nacht zur Beobachtung hierbehalten …“
„Nein, Doktor“, widersprach Lucy vehement. Sie konnte gar nicht schnell genug hier wegkommen. „Ich möchte nicht bleiben. Ich muss nach Hause. Sie haben doch gesagt, das CT sei in Ordnung, oder?“
„Ja, völlig normal. Und ich habe auch nichts dagegen, Sie nach Hause zu entlassen, aber nur, wenn in den nächsten 24 Stunden sichergestellt ist, dass jemand bei Ihnen ist.“
Sie warf Zac einen flehenden Blick zu. Nicht einmal große Mengen Beruhigungsmittel hätten sie dazu bringen können, hierzubleiben.
Zacs Blick wurde wieder angespannt, und ein Muskel an seinem Kinn zuckte. „Also gut“, sagte er schließlich.
„Sie müssen Sie heute Nacht alle zwei Stunden wecken. Sie braucht viel Ruhe und darf sich nicht anstrengen, bis die Symptome wieder weg sind. Ich verschreibe ein Schmerzmittel gegen die Kopfschmerzen und etwas gegen die Übelkeit. Die Schwester gibt Ihnen noch ein paar Verhaltensrichtlinien mit auf den Weg, und bitte vereinbaren Sie unbedingt einen Kontrolltermin bei Ihrem Hausarzt.“
„Und was ist mit meinem Gedächtnis?“, fragte Lucy. „Wird es zurückkommen?“
Der Blick des Arztes ging erst zu Zac, dann wieder zu ihr, und daraufhin sagte er: „Wir müssen abwarten. Versuchen Sie, sich darüber keine allzu großen Sorgen zu machen, sondern ruhen Sie sich aus, und schonen Sie sich.“
Als der Arzt gegangen war, presste sich Lucy die Fingerspitzen gegen die Stirn und fragte verzweifelt: „Ich soll mir keine Sorgen darüber machen, dass ich mich nicht an die letzten sieben Monate meines Lebens erinnern kann?“
„Wenn du dich aufregst, nützt es doch auch nichts“, sagte Zac nur.
„Du hast gut reden! Du bist ja auch nicht derjenige, in dessen Leben eine riesige Lücke klafft.“ Oder der jemanden liebte, der sie offensichtlich hasste.
Zac ließ sich in den Sessel neben der Liege sinken und versuchte, sie zu beschwichtigen: „Wenigstens brauchst du nicht hierzubleiben. Wir holen jetzt die Rezepte für die Medikamente bei der Schwester ab und suchen uns dann ein Hotel in der Nähe. Morgen früh versuche ich dann herauszubekommen, wo du hier in Portland wohnst, und setze mich mit deinen … Freunden in Verbindung.“
Entsetzt richtete sich Lucy auf und sagte: „Aber du hast versprochen, dass du mich nach Hause bringst.“
Daraufhin schaute Zac sie nur ganz ruhig an und erklärte: „Damit habe ich dein jetziges Zuhause gemeint.“
„Aber an das Zuhause kann ich mich ja nicht einmal erinnern! Und auch nicht an die Menschen dort. Ich möchte wieder mit dir zurück nach Summer Harbor.“ „Lucy, das geht …“
„Das hier ist nicht mein Zuhause. Ich kann mich hier an absolut gar nichts erinnern!“, unterbrach sie ihn mit Nachdruck.
„Na ja, das könnte sich doch wieder ändern. Vielleicht wachst du ja morgen früh auf, und alles ist wieder da“, erklärte er.
„Oder meine Erinnerung an das, was in dieser Zeit passiert ist, kommt nie wieder.“
Da flackerte etwas in Zacs Blick auf, das sie unbedingt brauchte. Ganz tief in seinem Innern hatte er immer noch das Gefühl, für sie verantwortlich zu sein, oder? Nach all dem, was sie gemeinsam gehabt hatten.
„Bitte, Zac, nimm mich mit nach Hause, wo ich hingehöre.“ Wieder kamen ihr die Tränen, und als sie sie unterdrückte, bahnten sich ihre Empfindungen einen Weg über ihre Zunge. „Du musst mich mit nach Hause nehmen. Ich liebe dich doch“, sagte sie.
Da wurde sein Blick hart, und er entgegnete: „Sag das nicht, Lucy.“
„Aber es ist wahr!“, versicherte sie.
„Das meinst du nur, Lucy. Du hast hier ein neues Leben, einen Job, ein Zuhause und einen Verlobten, der wahrscheinlich völlig außer sich ist vor Sorge.“
„Aber ich kann mich an nichts von alledem erinnern! Ich erinnere mich nur an Summer Harbor, an meine kleine Wohnung und an dich.“ Ihre letzten Worte erstarben ihr auf den Lippen.
Zac sprang mit einem Ruck auf, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und ging ein Stück von ihr weg. Er würde sie nicht hängenlassen. Nicht der Zac, den sie kannte. Oder vielleicht doch? Er stand mit angespannten Schultern und dem Gesicht zur Wand da.
Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit, bis er sich schließlich umdrehte und sagte: „Also gut.“
Sie war ganz froh, dass sie seinen Blick dabei nicht sehen konnte, dazu war er zu weit entfernt. Aber ihre Phantasie füllte die Lücken in ihrer Erinnerung schon viel zu gut aus.
„Ich nehme dich wieder mit“, sagte er. „Aber wir versuchen herauszufinden, was passiert ist, und zwar unabhängig davon, ob dein Gedächtnis wiederkommt oder nicht. Dein Leben ist jetzt hier und nicht mehr in Summer Harbor.“
Nicht mehr bei mir.
Diese unausgesprochenen Worte hingen zwischen ihnen und verschlugen ihr den Atem. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie jemals wieder hierher zurückkommen oder Zac verlassen wollte, aber sie war klug genug, sich erst einmal mit dem zufriedenzugeben, was er ihr anbot, und sein Verantwortungsgefühl nicht überzustrapazieren.
„Also gut, in Ordnung“, sagte sie deshalb.
Sie würde wieder nach Summer Harbor zurückkehren, herausfinden, was dort schiefgelaufen war, und es wieder in Ordnung bringen, denn sie wusste, dass sie niemals jemanden so lieben würde wie Zac Callahan.

FÜNF
Zac bog auf den Harbor Drive und fuhr dann auf der zweispurigen Küstenstraße weiter. Die Scheinwerfer seines Silverado durchdrangen die Dunkelheit und beleuchteten den Weg vor ihnen, aber er hatte den gesamten Rückweg nach Summer Harbor eigentlich nichts richtig wahrgenommen.
Es war halb vier morgens, und Lucy schlief schon eine ganze Weile. Sie trug viel zu große Sachen aus dem Fundus des Krankenhauses. Das Brautkleid hatte er auf die Rückbank gestopft.
Als sie durch Ellsworth gefahren waren, hatte er gespürt, wie sie sich ein bisschen bei ihm angelehnt hatte, und inzwischen lag ihr Kopf schwer an seinem rechten Arm. Der vertraute Apfelduft ihres Shampoos lag in der Luft, sodass er sich in die Zeit zurückversetzt fühlte, als sie noch zusammen gewesen waren.
Sie drehte ihr Gesicht noch weiter zu ihm hin, schmiegte sich enger an ihn und stieß einen tiefen Seufzer aus.
Komm schon, Gott. Ich bin auch nur ein Mann. Was soll denn das? Wieso kommt sie jetzt wieder zurück in mein Leben?
Noch vor zwölf Stunden hatte er sich nur um seinen eigenen Alltag gekümmert, sich bereit gemacht für einen hektischen und arbeitsreichen Abend im Roadhouse, und jetzt brachte er seine Ex-Verlobte wieder mit nach Hause.
Er nahm die letzte Kurve und bremste ab, als das Roadhouse in Sicht kam. Sein Blick ging hinauf zu seiner dunklen Wohnung in der ersten Etage, als er auf dem Parkplatz vor dem Lokal anhielt und den Motor ausstellte.
Lucy rührte sich nicht. In der plötzlichen Stille hörte er ihren leisen, regelmäßigen Atem, spürte an seinem Arm, wie sich ihr Brustkorb hob und senkte. Im Licht der gelben Parkplatzbeleuchtung sah er auf ihr Gesicht hinunter. Ihre Wimpern waren so lang, dass sie die Wangen berührten, und das dunkle Haar fiel ihr bis auf die Schultern.
Lucy behauptete, man würde sie wahrscheinlich immer nur „niedlich“ finden wegen ihrer Grübchen und weil sie so klein und kompakt war, aber da irrte sie sich. Sie war eine Schönheit. Es juckte ihn in den Fingern, ihr das Haar zurückzustreichen, die Hand dann noch eine Weile auf ihrer zarten Wange ruhen zu lassen, mit den Fingern über ihre vollen Lippen zu streichen und nur ein paar Minuten lang so zu tun, als wäre noch alles wie früher.
Es reicht, Callahan, brachte er mit zusammengebissenen Zähnen hervor und stupste sie mit der Schulter an, sodass sie aufwachte und zu ihm aufblickte. Sie schaute sich um und wusste anscheinend einen Moment lang nicht, wo sie war. Ganz kurz fragte er sich, ob vielleicht auf wundersame Weise ihr Gedächtnis wieder zurückgekehrt war.
Dann trafen sich ihre Blicke, und sie schaute ernüchtert drein. „Wie spät ist es denn?“, fragte sie.
„Nach drei.“
„Ich dachte … was ist denn mit meiner Wohnung?“
Sie war immer noch ein bisschen benommen von den Medikamenten, die sie bekommen hatte, und sah unglaublich verletzlich aus. Er kämpfte gegen das Bedürfnis an, sie zu trösten und zu beschützen, und rief sich zu diesem Zweck noch einmal ins Gedächtnis, dass sie ihn nicht nur verlassen, sondern außerdem in Portland einen Bräutigam hatte.
„Deine Wohnung ist längst wieder vermietet“, erklärte er ihr. „Aber du kannst heute Nacht in Rileys altem Zimmer schlafen.“
Er stieg aus und ging um den Wagen herum zur Beifahrertür, um ihr beim Aussteigen zu helfen, falls ihr immer noch schwindelig war. Als Zac das Roadhouse übernommen hatte, war das Zimmer als Lagerraum für alles Mögliche verwendet worden. Riley hatte es renoviert und dafür eine geringere Miete gezahlt.
„Wohnt er denn nicht mehr hier?“, fragte Lucy, als er ihr die Tür aufhielt.
„Er ist bei der Army. So, jetzt ganz langsam und vorsichtig“, sagte er, als sie schwankte. „Vergiss nicht, deine Medikamente zu nehmen, bevor du dich schlafen legst, ja?“
Er schloss die Haustür auf und führte sie durch das leere, dunkle Lokal, dann durch den kurzen Gang am Büro und seinem privaten Bad vorbei, und dahinter lag ein kleiner Raum, der nur mit dem Nötigsten ausgestattet war. Zac konnte sich nicht erinnern, wann die Bettwäsche das letzte Mal gewechselt worden war, und die Luft in dem Raum roch verbraucht und muffig, sodass er erst einmal das Fenster öffnete.
Dann holte er ihr ein Glas Wasser, damit sie ihre Medikamente nehmen konnte. Ihr Blick war schläfrig, und die Wimperntusche war verschmiert, sodass sie viel jünger aussah, als sie war. Sie wirkte so hilflos. Zum Schlafen holte er ihr ein T-Shirt oben aus seiner Wohnung, das ihr wahrscheinlich bis zu den Knien reichen würde.
Als sie schließlich mit allem versorgt war, drehte er sich an der Tür noch einmal um und sagte: „Ich komme dann in zwei Stunden, um dich zu wecken.“
Sie saß auf der Bettkante, das T-Shirt an sich gepresst, und sah ihn mit diesen großen blauen Augen an, nach denen er einmal völlig verrückt gewesen war.
„Danke, Zac“, sagte sie.
Er warf ihr noch ein ziemlich verkrampftes Lächeln zu und verschloss dann die Tür von außen. Eine Weile lief er einfach so herum und räumte dies und das im Lokal auf, um irgendetwas zu tun zu haben. Seine Gedanken drehten sich im Kreis, und seine Nerven flatterten, als hätte er literweise Kaffee getrunken.
Gegen halb fünf Uhr morgens zwang er sich schließlich, sich auf der durchgelegenen Couch in seinem Büro auszustrecken, die viel zu kurz für ihn war. Er stellte seinen Wecker auf sechs, weil er dann nach Lucy schauen musste, aber als der Wecker dann klingelte, hatte er immer noch kein Auge zugetan. In den Gottesdienst würde er es also wahrscheinlich nicht schaffen.
Als er in Lucys Zimmer schlich, drangen durch das angelehnte Fenster morgendliche Geräusche herein, und das erste Tageslicht fiel durch die transparenten Gardinen auf ihre mit einer Flickendecke zugedeckte Gestalt in dem Bett. Sie lag mit angezogenen Knien auf der Seite, das Gesicht zur Tür.
Ganz kurz stellte er sich vor, wie es wohl wäre, wenn die letzten sieben Monate nicht gewesen wären, wenn sie nicht aus Summer Harbor weggegangen wäre und sie am 17. November tatsächlich geheiratet hätten. Wenn sie jetzt in ihrem gemeinsamen Bett läge und seine Frau wäre. Bei dieser Vorstellung begann sein Herz wie wild zu schlagen.
Mann, hör endlich auf damit!
Zac schlich hinüber zum Bett, berührte sie an der Schulter und sagte: „Lucy.“
Sie rührte sich nicht, also stupste er sie noch einmal an und wiederholte: „Wach auf, Lucy.“ Jetzt tat sich etwas.
„Zac?“ Ihre Stimme war noch rau vom Schlaf.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte er.
„Hmmm.“
„Gut. Ich wollte mich nur vergewissern, dass es dir gutgeht.“ Er wandte sich wieder zum Gehen, aber sie griff nach seiner Hand und sagte: „Bleib noch.“
Das brachte ihn beinah um, aber er entzog ihr seine Hand wieder und sagte: „Ich bin nebenan im Büro. Schlaf jetzt weiter.“
Wieder im Büro, stellte er den Wecker auf 9.00 Uhr, starrte dann aber wieder nur hellwach an die Decke und überlegte, was er tun sollte. Als Erstes würde er nach Hochzeiten in Portland suchen, dann recherchieren, in welcher Kirche die Hochzeit stattgefunden hatte und dort den Pastor um die Telefonnummer des Bräutigams bitten. Wenn er sich erst einmal mit Lucys Verlobtem in Verbindung gesetzt hatte, wäre es geschafft, doch bei diesem Gedanken hatte er ein hohles Gefühl im Bauch. Aber je schneller er sie wieder nach Portland bringen konnte, desto besser.

Er musste schließlich doch eingeschlafen sein, denn als er das nächste Mal die Augen aufschlug, schien die Sonne zum Fenster herein. Als der Wecker klingelte, schaute er nach Lucy, taumelte dann wieder zurück zur Couch und schlief auf der Stelle erneut ein.
Das nächste Mal wurde er durch ein Klopfen geweckt. Mit einem Ruck setzte er sich auf, und seine Gedanken gingen wild durcheinander. Doch dann war die vergangene Nacht wieder da: Lucys Anruf … die Notaufnahme im Krankenhaus … Lucy in seinem Gästezimmer.
Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.
Da klopfte es wieder. Zac stand von dem unbequemen Sofa auf und ging zum Hintereingang.
Auf der Veranda stand Beau in seinem Gottesdienstoutfit und sah ihn finster an.
„Wo warst du denn? Wir haben in der Kirche auf dich gewartet“, sagte er vorwurfsvoll.
Zac drehte sich wortlos um und ging wieder zurück ins Haus. Für so ein Gespräch war es wirklich noch zu früh. „Ich bin spät ins Bett gekommen und habe nicht viel geschlafen“, antwortete er deshalb nur und ging in Richtung seiner Wohnung im Obergeschoss, um sich dort einen Kaffee zu kochen, den er jetzt dringend brauchte. Beau kam hinterher und sagte: „Ich habe dir den ganzen Morgen SMS geschrieben.“
„Gab es denn etwas Wichtiges?“, erkundigte sich Zac.
„Willst du mich auf den Arm nehmen? Du haust gestern Abend ohne eine Erklärung einfach ab, überlässt mir dein Lokal und tauchst dann heute Morgen nicht im Gottesdienst auf, was soll ich denn da bitte schön denken?“
Zac betrat sein Wohnzimmer, ließ die Wohnungstür offen und ging wie ein Zombie direkt zur Kaffeemaschine. „Gab es denn irgendwelche Probleme?“, fragte er.
„Nee, keine – was ist los, Zac? Du siehst richtig scheiße aus.“
„Kannst du mich nicht wenigstens erst mal einen Schluck Kaffee trinken lassen? Meine Güte!“ Er füllte Wasser in die Kaffeemaschine, Kaffeepulver in den Filter und schaltete dann das Gerät ein. Dabei hörte er die ganze Zeit, wie sein Bruder im Wohnzimmer hin und her tigerte. Das war Beau im Großen-Bruder-Modus.
Zac nahm einen Becher aus dem Schrank und drehte sich zu seinem Bruder um. Der schaute aus dem Fenster, von dem aus man den ganzen Hafen überblicken konnte. „Möchtest du auch Kaffee?“, fragte er Beau.
„Nein, danke.“
Der Gedanke an die Informationen, die er gleich zusammentragen musste, und an Lucy, die unten im Gästezimmer lag und schlief, bereitete ihm Kopfschmerzen. Mittlerweile war es fast halb eins. Wenn Beau wieder weg war, würde er nach ihr schauen und dann anfangen zu googeln.
Es würde sicher nicht lange dauern, die Informationen über ihre Hochzeit zu bekommen und ihren Verlobten ausfindig zu machen. Ungeduldig schaute er zu, wie der fertige Kaffee tröpfchenweise durch den Filter lief. Komm, mach schon!
Mit etwas Glück würde er die nötigen Informationen sicher rasch bekommen, und dann wäre Lucy schon vor Ende des Tages wieder in Portland. Wenn schließlich noch ihr Gedächtnis zurückkäme, gäbe es für alle ein Happy End.
Seine Gedanken gingen jetzt zu dem Mann, den Lucy hatte heiraten wollen. Der arme Kerl. Er hatte ja keine Ahnung, in was er da hineingeraten war und was auf ihn zukam.
Aber noch während er das dachte, erschien auch das Bild von der süßen Lucy in seinem Kopf, von der Lucy, die ihn und sein Leben auf so großartige Weise auf den Kopf gestellt hatte. Sie war alles gewesen, was er sich je von einer Frau erträumt hatte
Und dann hat sie dich einfach sitzenlassen.
Glücklicherweise begann in dem Moment die Kaffeemaschine zu gurgeln – das Zeichen, dass die Droge seiner Wahl fast fertig war. Er goss sich den Becher voll, trank einen Schluck und ging dann zurück ins Wohnzimmer. Vielleicht konnte er Beau ja mit irgendeiner Ausrede dazu bewegen, wieder zu gehen.
Doch als er in der Tür zum Wohnzimmer ankam, erstarrte er, weil genau in dem Moment Lucy in der Wohnungstür auftauchte. Ihr dunkles Haar war zerzaust, das lockere T-Shirt ging ihr nur bis zur Mitte des Oberschenkels, und sie sah unglaublich sexy aus. Sie warf Zac einen zaghaften Blick zu und bemerkte erst da, dass Beau zu Besuch war.
Sie erschrak und brachte gerade noch ein „Hallo, Beau …“ heraus.
Der drehte sich um, bekam ganz große Augen und stammelte: „Nein … nein, das ist doch nicht wahr, oder?“ Dann ging sein Blick zurück zu Zac und durchbohrte ihn förmlich.
So ein Mist! Konnte man denn nicht einmal in Ruhe einen Becher Kaffee trinken?
„Du hast hier oben nichts zu suchen“, sagte Zac zu Lucy, und seine Stimme klang barscher als beabsichtigt.
Es war, als ob Lucy in sich zusammenfiel. Sie verschränkte die Arme vor dem Körper und begann: „Ich kann …“
„Ich bin gleich unten“, unterbrach er sie. Wahrscheinlich hätte er ihr einen Becher Kaffee anbieten sollen, aber er wollte sie nur möglichst schnell wieder aus seiner Wohnung haben.
Ihr Blick ging zwischen Beau und Zac hin und her, und dann sagte sie: „O – okay“, und verließ den Raum.
Zac schloss die Tür hinter ihr, trank noch einen großen Schluck Kaffee und merkte gar nicht, dass er sich heftig den Mund verbrannte. Er spürte Beaus Blick auf sich, als er sich in seinen Lehnstuhl setzte und versuchte, nicht daran zu denken, dass seine Ex-Verlobte, die immer noch in ihn verliebt war, nur mit einem T-Shirt bekleidet unten in seinem Gästezimmer saß.
„Was war das denn???“, fragte ihn sein Bruder völlig entgeistert.
Zac blickte auf, vermied es aber, seinen Bruder direkt anzusehen. Trotzdem sah er aus dem Augenwinkel, wie Beau mit fassungslosem Blick ungläubig den Hals reckte.
„Es ist nicht so, wie es aussieht“, sagte Zac deshalb.
„Wie ist es denn dann?“
„Sie hatte einen Unfall, bei dem sie sich verletzt hat, und ich habe ihr geholfen. Das ist alles. Ich bringe sie noch heute wieder nach Hause …“
„Du hilfst ihr?“, fragte Beau – immer noch mit ungläubigem Staunen in der Stimme.
„… wenn alles läuft wie geplant, ist sie heute Abend wieder zu Hause.“
„Sie hat dich verlassen, Zac!“
„Sie hat eine Gehirnerschütterung und eine Amnesie. Was sollte ich denn da deiner Meinung nach tun?“
„Darum ging es bei dem Anruf also? Nach allem, was sie dir angetan hat, ruft sie einfach so aus heiterem Himmel an, und du springst sofort wieder …“
„Jetzt geht das wieder los“, sagte Zac genervt.
„… um sie zu retten?“
„Sie kann sich an nichts erinnern – oder ist dir dieses kleine Detail gerade eben entgangen?“, fragte Zac seinen Bruder ziemlich verärgert.
Beau steckte seine Hände tief in die Taschen seiner Cargohose und entgegnete: „Es wäre mir völlig egal – und wenn sie Malaria hätte. Das ist doch nicht dein Problem. Sie hat jedes Recht verwirkt, dich um Hilfe zu bitten, als sie dich so kurz vor der Hochzeit einfach sitzenließ und es dir überlassen hat, alles abzusagen – nur falls du das schon vergessen hast.“
„Ich habe gar nichts vergessen! Wenn jemand etwas vergessen hat, dann sie“, erklärte Zac. „Sie kann sich nicht einmal mehr daran erinnern, dass sie aus Summer Harbor weggegangen ist. Sie ist irgendwo auf dem Fliesenboden einer Damentoilette mit einer Beule am Kopf aufgewacht, und die letzten sieben Monate sind einfach weg.“
Beau sah ihn intensiv an, so als ob er versuchte, das alles irgendwie zusammenzubekommen.
Viel Glück – dachte Zac. Er selbst war dabei noch nicht einmal bis zum Brautkleid gekommen.
Beau ging jetzt zum Sofa und ließ sich gegenüber von Zac hineinfallen, stützte die Ellbogen auf die Knie und kniff wissend die Augen zusammen.
„Sie spielt doch irgendein Spiel mit dir, Zac“, meinte er schließlich.
„Das habe ich auch erst gedacht, glaub mir. Aber ich bin mit ihr im Krankenhaus gewesen, und sie hat wirklich eine schwere Gehirnerschütterung.“
„Woher weißt du denn sicher, dass sie den Gedächtnisverlust nicht nur vortäuscht?“, fragte Beau misstrauisch. „Ich weiß es einfach“, antwortete Zac.
„Komm schon, Zac, sei doch nicht so gutgläubig.“
Das tat jetzt richtig weh. Wütend starrte er Beau an und sagte dann: „Ich bin verdammt noch mal kein bisschen gutgläubig. Was willst du eigentlich? Den Arztbericht? Ich war doch selbst dabei, als der Arzt ihr die Amnesie bescheinigt hat.“
„Weil sie gesagt hat, dass sie sich an nichts erinnert? Komm schon, Zac. Du weißt, dass du eine Schwäche für sie hast. Nach all dem, was sie hier schon abgezogen hat, würde ich ihr so etwas auf jeden Fall zutrauen.“
„Du hast sie gestern Nacht nicht gesehen, hast nicht miterlebt, wie aufgewühlt und durcheinander sie war. Sie ist sogar ins Krankenhaus gegangen, und du weißt, wie schlimm das für sie ist. Wieso sollte sie lügen? Sie war es doch, die mich verlassen hat.“
„Vielleicht hat sie ja ihre Meinung geändert. Vielleicht ist das ein hinterhältiges Spiel mit deinen Gefühlen, damit du …“
„Sie hatte ein Brautkleid an, okay?“
„Sie hatte was???“
„Sie hatte ein Brautkleid an und einen Verlobungsring am Finger, der nicht von mir ist. Es war der Tag ihrer Hochzeit, und sie kann sich nicht einmal daran erinnern, wen sie heiraten wollte.“
Irritiert runzelte Beau die Stirn. „Aber das ergibt doch gar keinen Sinn.“
„Ich werde das heute alles klären. Ich mache ihre Familie ausfindig und bringe sie so schnell wie möglich wieder dorthin zurück.“
„Wo hast du sie denn überhaupt abgeholt?“, erkundigte sich Beau.
„In Portland.“
„Das verstehe ich nicht. Es ist doch erst – sechs? – Monate her, dass sie weg ist, oder?“, bemerkte Beau kopfschüttelnd.
„Sieben Monate“, korrigierte er seinen Bruder. Und achtzehn Tage, aber wen außer ihm interessierte das schon?
„Und sie hat nicht nur einfach ihr Leben wieder aufgenommen, sondern auch noch einen anderen Typen so gut kennengelernt, dass sie ihn heiraten wollte?“
Zac zuckte mit den Schultern. Es tat weh, da gab es nichts zu beschönigen. Und er war hier zurückgeblieben, zwang sich dazu, sich mit anderen Frauen zu verabreden, während sie schon wieder so weit war, den Schritt in eine Ehe zu wagen.
„Glaubst du denn, dass sie dich schon mit jemandem betrogen hat, als sie noch hier war?“, fragte Beau.
„Ich weiß es nicht.“ Er dachte noch einmal zurück an den vergangenen Herbst. Sie waren so glücklich gewesen. Zumindest hatte er das geglaubt. „Ich habe jedenfalls nichts gemerkt. Es war alles in Ordnung.“ Als Beaus und sein Blick sich begegneten, hingen unausgesprochen die Worte Offenbar ja nicht zwischen ihnen.
„Darüber will ich mir auch gar keine Gedanken mehr machen“, erklärte Zac. „Ich möchte nur möglichst schnell ihren Verlobten finden, sie bei ihm abliefern und dann vergessen, dass sie überhaupt hier gewesen ist.“
„Ich weiß ja nicht, ob das so einfach werden wird“, sagte Beau darauf.
„Dafür werde ich sorgen. Und vielleicht kannst du die Sache ja bis dahin für dich behalten. Ich könnte es jetzt nämlich nicht gut ertragen, wenn mir alle möglichen Leute mitfühlend auf die Schulter klopfen und mich fragen würden, wie es mir geht – oder schlimmer noch, darüber tratschen, was für ein gutgläubiger Idiot ich bin.“
„Aber die Leute werden sie doch hier sehen, Zac.“
„Ich lasse heute den Laden zu, und bis heute Abend habe ich sie nach Portland zurückgebracht – und wenn es das Letzte ist, was ich tue.“

SECHS
Lucy löste mit einem Spatel die Eimasse vom Pfannenboden und wendete dann das Omelett mit einer schnellen Drehung des Handgelenks. Sie kochte gern im Roadhouse. Das Kühlhaus war immer gut bestückt, und die Qualität der Küchenausrüstung, der Töpfe und Pfannen, mit denen gekocht wurde, war hervorragend.
War es wirklich schon sieben Monate her, seit sie zum letzten Mal hier gewesen war? Das schien ihr unmöglich, widersprach völlig dem, was ihre Seele sagte.
Sie konnte Beaus Blick nicht vergessen, als er sie dort oben in Zacs Wohnung gesehen hatte. Als wäre sie der letzte Mensch, mit dem er dort gerechnet – oder den er sich dort gewünscht – hätte. Sie konnte sich nicht helfen, aber sie hatte das Gefühl, dass ihr irgendeine sehr wichtige Information über ihre Vergangenheit fehlte.
Nachdem sie aus Zacs Wohnung hinauskomplimentiert worden war, hatte sie rasch geduscht und war dann wieder in Sachen geschlüpft, die sie im Krankenhaus bekommen hatte. Weil ihr Magen knurrte, hatte sie ein paar frische Zutaten zusammengesucht, denn wahrscheinlich konnten sie jetzt beide ein gutes Frühstück gebrauchen.
Sie hatte gehört, wie Beau vor etwa einer Viertelstunde gegangen war, und ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt, als sie jetzt darauf wartete, dass Zac wieder nach unten kam. Als sie dabei war, die Omeletts auf Tellern anzurichten, hörte sie seine Schritte auf der Treppe, und dann betrat er auch schon die Küche und blieb abrupt stehen, als er sie dort am Herd stehen sah.
Er trug ein schwarzes T-Shirt, das sich um seinen muskulösen Oberkörper herumspannte, und eine enge Jeans. Sein Haar war noch feucht vom Duschen, und sein Kinnbart kam ihr kürzer vor als am gestrigen Abend.
„Wie geht es dir?“, fragte er, und der distanzierte Blick seiner grauen Augen löschte jede Wärme aus, die seine Worte hätten vermitteln können.
„Mit den Medikamenten geht es mir schon besser. Danke, dass du letzte Nacht nach mir geschaut hast.“
„Kannst du denn jetzt wieder besser sehen?“, erkundigte er sich.
„Es ist immer noch alles ein bisschen verschwommen, aber das kommt und geht.“ Sie hielt ihm den einen Teller hin und fragte: „Hast du Hunger?“
„Du solltest dich doch ausruhen“, sagte er, und wenn sein Ton nicht so ruppig gewesen wäre, hätte man meinen können, dass ihm immer noch etwas an ihr lag. Aber nein, er wollte sie nur so schnell wie möglich wieder loswerden.
Sie merkte, wie ihr die Tränen kamen, und musste schwer schlucken, als sie die Teller auf dem Serviertisch abstellte, an dem sie normalerweise aßen.
An dem sie früher immer gegessen hatten.
Nachdem sie noch Orangensaft geholt hatte, begannen sie schweigend zu essen, und es herrschte eine Spannung, die sich anfühlte, als läge ein klebriges Spinnengewebe über ihnen. Sein Hocker stand so weit es irgend ging von ihrem entfernt, und er hatte sie nach dem ersten Blick, als er sie am Herd entdeckt hatte, auch kein einziges Mal mehr direkt angeschaut.
Wie konnte es sein, dass er sie nicht mehr liebte? Nach allem, was sie einander bedeutet hatten? Das schien ihr unmöglich. Ihre Gefühle für ihn waren echt. Wie hatte sie sich in einen anderen Mann verlieben und schon wieder bereit sein können, zu heiraten?
Ein Teil von ihr war neugierig, was das wohl für ein Mann sein mochte, mit dem sie verlobt war. Aber ein anderer Teil wollte die vergangenen sieben Monate einfach nur auslöschen, um wieder dahin zurückkehren zu können, wo sie hingehörte: zu Zac.
„Erinnerst du dich wieder an irgendetwas?“, fragte er jetzt.
Sein hoffnungsvoller Tonfall löste Ernüchterung bei ihr aus. So sehr sie sich wünschte, dass er sich an seine Liebe zu ihr erinnerte – so dringend wünschte er sich, dass sie sich an ihre Trennung erinnerte.
Er hatte ohne sie weitergelebt. Eigentlich liebte er sie ja gar nicht. Vielleicht hatte er – oh nein –, vielleicht hatte er ja schon wieder eine Freundin. Vielleicht liebte er schon längst eine andere Frau.
Sie hatte plötzlich keinen Appetit mehr und stocherte in dem Rührei auf ihrem Teller herum.
„Lucy?“
„Äh… nein, ich kann mich immer noch an nichts erinnern“, sagte sie und räusperte sich, weil ihre Gefühle sie zu überwältigen drohten. „Beau schien ja heute Morgen ziemlich verärgert.“
„Er – hat anderes im Kopf“, erklärte Zac. „Er hat sich gerade verlobt.“
„Mit Paige?“, erkundigte sie sich.
„Was? Nein. Sie heißt Eden. Sie stammt nicht von hier. Sie ist erst letztes Jahr Thanksgiving in die Stadt gekommen.“
„Ach so.“ Es hatte sich also viel geändert, seit sie fortgegangen war. Riley war weg, Beau hatte eine neue Verlobte, und Zac war schon ganz und gar über die Trennung von ihr hinweg.
Nachdem er eine ganze Weile schweigend dagesessen hatte, sagte er: „Hör mal, ich lasse den Laden heute zu und recherchiere im Internet, was mit dir los ist. Je schneller du wieder in dein altes Leben zurückkehrst, desto besser.“
Sie durchbohrte ihn daraufhin mit einem Blick, aber er aß einfach weiter und schaute nur nach unten auf seinen Teller.
„Besser für wen?“, fragte sie. „Ich kann mich an dieses Leben ja nicht einmal erinnern.“
„Es wird dir sicher helfen, wenn du wieder in deiner gewohnten Umgebung und deinem normalen Alltag bist“, sagte er.
„Aber ich habe keine Ahnung, wo ich gewohnt habe.“
„Das finden wir schon heraus“, sagte er und schob sich eine Gabel voll Rührei in den Mund.
Lucy sah ihn jetzt etwas genauer an, aber er wich ihrem Blick aus. Seine Schultern waren verspannt, und seine ganze Haltung war distanziert. Sie dachte noch einmal an Beaus Reaktion, als er sie gesehen hatte. Die war so ganz anders gewesen, als es eigentlich seiner freundlichen und warmherzigen Art entsprach.
Vielleicht arbeitete ihr Gehirn noch nicht wieder im gewohnten Tempo, aber irgendetwas stimmte da nicht. „Was ist los, Zac?“, fragte sie deshalb.
Jetzt blickte er auf und sah sie nur lange schweigend an.
„Warum bist du so? So distanziert und wütend? Und Beau … er hat mich nicht mal begrüßt“, fuhr sie fort.
Zac legte seine Gabel auf den Teller, nahm ihn in die Hand und stand auf, sodass sein Hocker laut über den Fliesenboden schabte.
Er kratzte die Reste von seinem Teller in den Müll und stellte sein Geschirr dann in die Spüle. „Das mit uns ist nicht gutgegangen, das ist alles“, erklärte er schließlich.
„Was ist denn passiert?“, fragte sie.
Zac nahm einen Lappen und begann damit den Tresen abzuwischen. „Du bist einfach gegangen, das ist passiert.“
„Was soll das heißen … ich bin einfach gegangen?“
„Du warst aus heiterem Himmel und ohne eine Erklärung plötzlich weg.“
Ihr Kopf wollte einfach nicht glauben, was er da gerade gesagt hatte. Sie bekam keine Luft und brachte nur ein völlig schockiertes „Nein!“ heraus.
„Doch“, widersprach er. „Ich war übers Wochenende weg, und als ich zurückgekommen bin, warst du nicht mehr da.“ Seine Stimme war jetzt belegt. „Du hast nicht einmal eine Nachricht hinterlassen und sofort deine Handynummer geändert. Ich hatte keine Ahnung, wo du warst. Den Ring hast du allerdings dagelassen. Vielen Dank dafür übrigens.“
Ungläubig schüttelte sie den Kopf. „Unmöglich. So etwas würde ich doch niemals tun.“ Sie liebte Zac, und es war die Art von Liebe, für die man lebte – und die Art, für die man auch bereit war zu sterben. Das musste er doch wissen!
Irgendetwas war passiert. Da musste noch mehr sein. „Was erzählst du mir nicht?“, fragte sie.
Er fixierte sie mit seinem Blick und antwortete: „Ich sage dir alles, was ich weiß. Und mir ist genauso sehr bewusst, dass das herzlich wenig ist.“
Das Essen gerann in ihrem Magen zu einem festen Klumpen, und sie schob ihren Teller von sich weg.
Er stand jetzt am Herd und wählte sorgfältig seine Worte: „Als ich dich nicht mehr erreichen konnte, habe ich gedacht, dass es aus wäre zwischen uns und du nichts mehr mit mir zu tun haben wolltest. Ich habe die Floristin und den Fotografen wieder abbestellt, und auch die Hochzeitstorte, und dann habe ich jeden der geladenen Gäste von der Gästeliste angerufen und gesagt, dass die Hochzeit abgesagt sei.“
Von ihrer Mitte her breitete sich ein tiefer Schmerz aus, und in ihren Augen brannten Tränen. Wie furchtbar! Aber sie konnte ihn doch unmöglich einfach so abserviert haben. Das hätte sie ihm niemals angetan. Doch nicht Zac!
„Aber das hast du.“
Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie die Worte laut ausgesprochen hatte. Ihr Gesicht war inzwischen ganz heiß geworden, so als hätte sie zu lange in der Sonne gesessen.
„Da muss etwas … ich weiß nicht, wie … das ergibt alles irgendwie keinen Sinn.“
„Na, dann sind wir ja schon zwei, die es nicht verstehen“, sagte Zac, warf den Lappen zurück in die Spüle, wandte sich ihr wieder zu und holte einmal tief Luft. Und dann noch einmal. Sein Brustkorb hob und senkte sich, und sie bekam eine Ahnung, wie heftig der Schmerz sein musste, den sie ihm zugefügt hatte.
Kein Wunder, dass er sie so anders behandelte. Kein Wunder, dass sein Bruder so wütend auf sie war. Er wollte Zac nur schützen. Sie hätte am liebsten weitergeleugnet, was er da gesagt hatte. So sehr, wie sie Zac liebte, konnte sie sich nicht vorstellen, dass sie ihn so hatte sitzenlassen.
Aber dann erinnerte sie sich an andere Situationen, lange bevor sie Zac kennengelernt hatte, in denen sie sich genauso verhalten hatte – einfach weggegangen war. So war sie gewesen. In anderen Zeiten, als ihre Gefühle für Zac sie bis ins Mark geängstigt hatten.
Sie beobachtete, wie er langsam seine Fassung zurückgewann, und wäre am liebsten zu ihm hinübergegangen, um ihn zu trösten. Sie wünschte sich, dass er sie auf den Tresen hob, als würde sie nichts wiegen. Sie wollte ihn küssen, bis all sein Schmerz weg war, bis sie beide vergessen hatten, was passiert war.
Aber er wollte weder ihren Trost noch ihre Küsse.
„Ich … ich kann gar nicht glauben, dass ich das getan haben soll. Aber wenn es so ist …“
„Das ist so“, unterbrach er sie.
„Dann tut es mir schrecklich leid. Es kommt mir völlig unwirklich vor. Ich kann mir gar nicht vorstellen, warum ich …“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich liebe dich, Zac.“
Ein Schatten huschte über sein Gesicht, und sein Kinn bebte. „Sag das bitte nicht mehr. Das nützt jetzt niemandem.“
Sie blinzelte ein paar Tränen weg und erklärte: „Aber es ist wahr. Ich fühle mich immer noch, als ob in ein paar Tagen unsere Hochzeit ist. Ich möchte immer noch den Rest meines Lebens nur mit dir verbringen.“
Vor Anspannung wurde sein Mund zu einer dünnen Linie. „Wenn dein Gedächtnis wieder da ist, wirst du das nicht mehr wollen. Du warst nämlich drauf und dran, einen anderen Mann zu heiraten – schon vergessen?“
Die Sehnen an seinem Hals standen vor, sein Unterkiefer war völlig verspannt, und sein Blick war verschlossen. „Hör zu, lass uns jetzt lieber überlegen, wie wir an die Informationen kommen, die wir brauchen, damit du wieder zurückkannst in dein Leben, zu deinem Job und deinem …“
Verlobten.
Seine Lippen wurden noch schmaler, als er ihren Teller und ihr Glas nahm und beides ebenfalls in die Spüle stellte. „Ich bin im Büro. Vielleicht solltest du dich jetzt lieber ein bisschen ausruhen“, sagte er.

SIEBEN
Zac legte den Kopf an die Lehne seines Schreibtischstuhls und kämpfte gegen den heftigen Drang, seinen Laptop quer durch den Raum zu schleudern.
Dass die Recherche so schwierig werden würde, hätte er nicht gedacht. Es war doch nur eine Hochzeit, Himmelherrgott. Und Hochzeiten mussten doch öffentlich gemacht werden, weil es sich dabei um einen öffentlichen Akt handelte. Doch er konnte auf keiner einzigen Webseite in ganz Portland irgendeinen Hinweis auf Lucys Hochzeit finden. Er hatte ihren Namen in den beiden großen Tageszeitungen in Portland gesucht, ihn unter den Stichworten Hochzeiten und Verlobungen gegoogelt und auch in den sozialen Netzwerken nachgeschaut, ob sie sich in den vergangenen sieben Monaten irgendwo angemeldet hatte, aber ohne Erfolg.
Natürlich ohne Erfolg! Schließlich war es ja ihre Absicht, nicht von dir gefunden zu werden.
Er holte einmal tief Luft und atmete dann ganz langsam wieder aus. Dabei ging sein Blick hinüber zum Sofa, wo Lucy den Kampf gegen ihre Müdigkeit aufgegeben hatte. Es hatte ihm gar nicht gepasst, dass sie ihm vor einer Weile in sein Büro gefolgt war, um bei seiner Recherche dabei zu sein. Für ihn war es wichtig, so viel Abstand wie möglich zu ihr zu halten, und das machte sie ihm wirklich nicht leicht, wenn sie ihn mit ihren sanften blauen Augen ansah und Dinge sagte, nach denen er sich so gesehnt hatte, seit sie fortgegangen war.
Sie war unfähig, sich zu verstellen, sodass er in ihrer Miene und Körperhaltung lesen konnte wie in einem offenen Buch. Er sah die Schuldgefühle in ihrem Blick, und ihre hängenden Schultern signalisierten Bedauern. In der Küche hatte sie erst ihre Arme nach ihm ausgestreckt, als wollte sie ihn trösten, sie aber dann genauso schnell wieder sinken lassen. Zum Glück.
Wie oft hatte er die Tage unmittelbar vor ihrem Verschwinden rekapituliert und versucht, einen Grund dafür zu finden. Sicher, er hatte damals wirklich den Kopf voll gehabt mit anderen Dingen, und für sie waren kaum Zeit und Aufmerksamkeit übrig geblieben. Hatte er sie dadurch vergrault? Oder hatte sie ihn im Grunde nie richtig geliebt? Auf diese Fragen würde er nur dann eine Antwort bekommen, wenn ihr Gedächtnis zurückkam.
Sie gab ihm aus dem Hintergrund immer wieder leise Tipps für seine Recherche, aber er merkte genau, dass sie hin- und hergerissen war. Sie wollte ihm zwar helfen, machte aber auch keinen Hehl daraus, dass sie es absolut nicht eilig hatte, wieder zurück nach Portland zu kommen.
Wirklich schade. Vor sieben Monaten hatte sie genau das gewollt, nur weg aus Summer Harbor. Er würde also alles tun, um herauszufinden, wo sie jetzt wohnte, und sie dann zurück nach Portland bringen.
Entschlossen machte er sich wieder an die Arbeit und versuchte, ihre leisen Schlafgeräusche zu ignorieren. Die Verletzung und die Medikamente sorgten dafür, dass sie sofort einschlief, sobald sie sich irgendwo niederließ – im Moment mit dem Kopf an der Sofalehne unter der Flickendecke, unter der sie auch in der vergangenen Nacht geschlafen hatte. Sie lag ganz klein zusammengerollt da, als fröre sie. Was sollte er nur tun?
Mit gerunzelter Stirn nahm er die Recherche wieder auf.
Wo konnte er sonst noch ansetzen? Gab es etwas, woran er noch nicht gedacht hatte? Das Aufgebot vielleicht. Das musste doch eigentlich irgendwo veröffentlicht sein, oder? Er suchte weiter und schöpfte neue Hoffnung, als er herausfand, dass es tatsächlich so war. Aufgebote wurden auch im Netz veröffentlicht.
Er scrollte rasch auf der Seite ganz nach unten zu den Links der einzelnen Countys und überflog die Liste einmal, dann noch einmal, aber das County Cumberland war nicht dabei. Es bot diesen Online-Service also nicht an. Wieder sank ihm der Mut. Wieso gab es nur so viele Hindernisse bei dieser Suche?
Er würde also warten müssen, bis das Standesamt des Countys morgen geöffnet hatte und er dort anrufen konnte. Dann würde er den Namen von Lucys Verlobtem erfahren und den Kerl ausfindig machen. Diese Verzögerung gefiel ihm gar nicht, aber vielleicht würde er ja heute noch mehr in Erfahrung bringen.
Sein Blick ging wieder hinüber zur schlafenden Lucy auf dem Sofa mit ihrem zerzausten Haar und den dunklen Wimpern, die so lang waren, dass sie auf den Wangen auflagen. Ihr Kopf ruhte auf ihrer einen Hand. Wie sie so dalag, sah sie unglaublich verletzlich aus. Sie war völlig verändert, seit er sie in Portland aufgelesen hatte, wirkte so verloren und durcheinander und sprach dadurch heftig seinen Beschützerinstinkt an. Doch es war nicht mehr seine Aufgabe, sie zu beschützen.
Jetzt regte sie sich im Schlaf, stöhnte leise und gab einen zarten Seufzer von sich. Wo war nur die zupackende, quirlige Lucy geblieben? Die Lucy, die schon in dem Moment, als sie damals das Lokal betrat, seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte? Es kam ihm vor, als hätte die Zeit stillgestanden, als sie seine Welt betreten hatte, auch wenn es nicht so war.
Seine Brüder waren an diesem Abend alle im Roadhouse gewesen. Es war der erste warme Tag im Jahr. Jetzt konnte man langsam glauben, dass es tatsächlich Frühling wurde. Es lag eine fröhliche Stimmung in der Luft – fast so etwas wie Frühlingsjubel.
Die Red Sox hatten im Eröffnungsspiel die Phillies besiegt, und die Stadt war in Feierstimmung. Aus der Musikbox dröhnte Countrymusik, und ein paar Mutige tanzten auf der freien Fläche davor. Im Hinterzimmer fand gerade eine lautstarke Billardpartie statt, in der an diesem Tag gut besetzten Küche herrschte Hochbetrieb, und die Kellnerinnen flitzten mit lecker duftenden Tabletts voller Chicken Wings, Fischplatten oder Muschelsuppen durchs Lokal.
Bei dem ständigen Kommen und Gehen von Menschen und dem dadurch entstehenden Gewusel wusste er nicht einmal so genau, wieso er zum Eingang geschaut hatte, als sie das Lokal betrat. Das zarte, elfenhafte Gesicht war von dunklem Haar umrahmt und schien von innen zu leuchten. Sie trug enge Jeans, ein schwarzes Glitzertop, hochhackige Stiefel, in denen ihre Beine endlos wirkten, und eine strassbesetzte Tasche über der Schulter.
Er war zwar kein Modeexperte, aber für Summer Harbor war sie etwas zu edel gekleidet. Sie war allein, wirkte aber so selbstsicher, dass man den Eindruck hatte, es machte ihr nichts aus. Sie schien ganz zufrieden so.
Im Eingangsbereich blieb sie kurz stehen, überlegte offenbar, ob sie sich irgendwo hinsetzen sollte, und er wollte schon gerade hinter dem Tresen hervorkommen, um sie zu fragen, ob er ihr helfen könne, als er sah, dass Beau sie auf seinem Weg ins Billardzimmer abfing. Sie wechselten ein paar Worte, und dann setzte sie sich an einen kleinen Tisch auf der anderen Seite des Raumes.
In dem Moment brauchte eine Kellnerin seine Hilfe, sodass er eine Weile abgelenkt war, und dann musste er noch die Bestellung eines Gastes korrigieren, Getränke nachfüllen und im Billardzimmer ein verschüttetes Getränk aufwischen.
Als er das nächste Mal Zeit hatte, seinen Blick durchs Lokal schweifen zu lassen, war der Tisch, an dem sie gesessen hatte, leer. Die Enttäuschung darüber fühlte sich an wie ein Klumpen Blei im Bauch. Kurz darauf sah er sie dann aber auf der Tanzfläche, wo sie mit fließenden Bewegungen zu dem Song „Country Girl“ tanzte. Schön sah das aus. Sie war klein und kompakt, mit Kurven an den richtigen Stellen, und ihr zerzaustes Haar flog ihr um die Schultern.
Er mochte Frauen in allen Größen und Formen, aber weil er selbst so groß war, hatte er ein Faible für größere Frauen, am liebsten gertenschlank und mit kurzem Haar. Doch plötzlich hatte er das Gefühl, dass ihm dadurch vielleicht etwas entging.
Mehrere Frauen aus dem Ort, die er kannte, tanzten in der Nähe der Unbekannten, und sie plauderte mit ihnen, als wären sie alte Freundinnen. Sie lächelte über etwas, was eine von ihnen gesagt hatte, und er bemerkte, dass sich dabei zwei allerliebste Grübchen auf ihren Wangen bildeten.
Er war fasziniert, und offenbar sah man es ihm an, denn Riley fragte ihn: „Na, hast du was Bestimmtes im Auge?“, und ließ sich auf einen leeren Barhocker vor ihm nieder.
Sein jüngerer Bruder war gebaut wie ein Panzer – mit einem gewaltigen Brustkorb und muskelbepackten Armen aus seiner Zeit als Hummerfischer. Mit nicht ganz 1,80 m war er allerdings auch der kleinste der drei Callahan-Brüder.
„Die ist süß, was?“, bemerkte Riley, als er dem Mädchen beim Tanzen zuschaute.
Der Begriff „süß“ wurde ihr allerdings nicht annähernd gerecht. Der schnelle Song war jetzt zu Ende, und es setzten die langsamen ersten Takte von „I Don’t Dance“ ein. Als Jared Watkins, ein ehemaliger Schulkamerad von ihm, die Unbekannte einfach in die Arme nahm und mit ihr zusammen weitertanzte, verspürte Zac einen Anflug von Ärger.
„Sie ist aus dem Süden“, sagte Riley wie nebenbei.
Zac riss sich von ihrem Anblick auf der Tanzfläche los und fragte: „Woher weißt du denn das?“
„Sie hat mich gefragt, wo die Toiletten sind, und sie hat einen wunderschönen Südstaatenakzent – Tennessee vielleicht.“
„Nee, glaub ich nicht“, sagte Beau, der jetzt neben Riley auftauchte. „Habt ihr diese Stiefel gesehen? Ich sage Texas.“
„Nie im Leben“, widersprach Riley und lachte laut auf.
„Kannst du noch mal nachfüllen, Bruderherz?“, fragte Beau Zac und fuhr fort: „Zehn Dollar, wenn ich recht habe.“ Und mit diesen Worten zog er eine Zehndollarnote aus seinem Portemonnaie und legte sie auf den Tresen.
„Ich halte dagegen“, sagte Riley und legte ebenfalls einen Zehndollarschein auf den Tisch. „Bist du auch dabei, Zac?“
„Klar“, meinte Zac, füllte Beaus Glas neu und holte dann ebenfalls einen Zehner aus seinem Geldbeutel. „Dann habe ich wenigstens einen Grund, sie anzusprechen.“
„Als ob du den bräuchtest“, sagte Riley grinsend. „Du machst ihr doch schon schöne Augen, seit sie zur Tür hereingekommen ist.“
Daraufhin zog Beau eine Augenbraue hoch und sagte: „Wie süß. Bist du verliebt, Brüderchen?“
Doch Zac warf ihm nur einen Blick zu, während er zu einem Gast ein Stück weiter am Tresen ging, um dessen Getränkebestellung aufzunehmen.
„Na, dann beeil dich mal, bevor Jared sie dir wegschnappt.“
Zacs Blick ging noch einmal zur Tanzfläche, bevor er sich auf den Weg in die Küche machte, um dort einen Teller mit Meeresfrüchten zu holen. Als er zurückkam, nahm er den Anruf der Frau eines Gastes an, die ihn bat, ihrem Mann auszurichten, er möge doch bitte auf dem Heimweg noch Milch aus dem Supermarkt mitbringen. Nachdem er den Auftrag erfüllt hatte, war der langsame Tanz zu Ende, und auf der Tanzfläche wurde wieder munter gehopst – das Objekt seines Interesses mittendrin.
Während er weiter Gäste bediente, unterhielt er sich mit seinen Brüdern, und als er ein paar Songs später aus dem Augenwinkel ein Glitzern wahrnahm und sich umdrehte, kam das Mädchen gerade auf den Tresen zu. Ihre Augen strahlten, als sie ihn sah.
Er bekam einen ganz trockenen Mund, und sein ganzer Körper schien zu surren wie eine Neonröhre.
Mit lässiger Anmut und hocherhobenen Hauptes kam sie näher, und er merkte selbst, dass seine Mundwinkel wie automatisch nach oben gingen. Seine Brüder nahm er jetzt nur noch am Rande wahr und hörte sie wie durch einen Filter sprechen, doch er machte sich gar nicht die Mühe zuzuhören.
Während sie auf ihn zukam, schaute sie ihn unentwegt an. Dann zog sie ganz ruhig einen Hocker unter der Bar hervor, hob die eine Hüfte an und … setzte sich daneben.
Sie schwankte kurz, fing sich aber gerade noch und lehnte sich dann über die Bar.
„Uuups“, sagte sie mit vom Tanzen geröteten Wangen.
Das war der Moment, in dem er sich ein wenig in sie verliebte.
Sie setzte sich richtig auf den Hocker, räusperte sich und blickte dann zu ihm auf. Ihre Augen waren blau mit winzigen silbernen Punkten darin. Hypnotisierend.
„Da habe ich mir wohl die Beine ein bisschen müde getanzt“, sagte sie und biss sich auf die Lippe. „Nein, das ist gelogen. In Wirklichkeit bin ich ab und zu einfach ein bisschen tollpatschig. Ziemlich oft sogar. Also gut – meistens.“
Er quittierte dieses Geständnis mit einem schiefen Grinsen und war wie verzaubert von ihrem weichen Südstaatenakzent. „Das kann ich kaum glauben, Georgia. Kann ich dir irgendetwas zu trinken bringen?“
Überrascht sah sie ihn an und fragte: „Woher weißt du denn, woher ich komme?“
Wegen der lauten Musik hörte er nur leise, wie seine Brüder aufstöhnten, und er steckte, ohne seinen Blick von ihr abzuwenden, die Geldscheine in die Tasche, die auf dem Tresen lagen. „Ich habe ein Ohr für Dialekte. Wahrscheinlich, weil ich hier tagtäglich mit so vielen Menschen aus dem ganzen Land in Kontakt komme.“
„Kann ich bitte einen Eistee haben?“, fragte sie.
„Kommt sofort“, sagte Zac und füllte erst Eiswürfel und dann das Getränk in ein Glas.
In dem Moment tauchte ein gemeinsamer Freund seiner Brüder auf, und Zac war froh, als sich die drei verzogen und ihn mit Georgia allein ließen.
Er stellte ihr den Eistee hin, legte dann seine Ellbogen auf den Tresen und betete, dass er einen Moment lang Ruhe mit ihr hatte.
„Was führt dich denn nach Summer Harbor?“, erkundigte er sich.
„Ach, ich bin zurzeit unterwegs“, antwortete sie nur vage.
„Auf der Durchreise?“
Sie legte den Kopf auf die Seite und antwortete: „Das weiß ich noch nicht so genau, aber die Stadt fühlt sich gut an. Vielleicht bleibe ich eine Weile.“ Dabei rührte sie mit dem Strohhalm in ihrem Glas, sodass das Eis darin klimperte.
Das war das Beste, was ihm in dieser Woche zu Ohren gekommen war.
„Wie heißt du denn?“, erkundigte er sich weiter. „Oder soll ich dich einfach weiter Georgia nennen?“
Sie seufzte, sah ihn eine ganze Weile intensiv an und antwortete dann: „Ja bitte.“
Fragend zog er eine Augenbraue hoch, woraufhin sie ganz große Auge machte und tiefrot wurde.
„Das habe ich jetzt aber nicht wirklich laut gesagt, oder?“, sagte sie erschrocken und peinlich berührt.
„Doch, irgendwie schon“, antwortete er.
„Das mache ich manchmal. Ein Punkt auf der langen Liste von Dingen, mit denen ich mich selbst zum Affen mache.“
Er lachte leise. Alles an ihr war so … herrlich spontan, und ihrem Akzent hätte er die ganze Nacht zuhören können.
Jetzt reichte er ihr die Hand und stellte sich vor: „Zac Callahan.“
„Lucy Lovett“, entgegnete sie mit zerknirscht-bekümmertem Blick. Ihre Hand war klein und warm, und er merkte selbst, dass er sie nur sehr zögernd wieder losließ. „Lovett – so wie Audrey Lovett, die Schauspielerin?“
„Ja, genau so. Sie ist sogar meine Großtante.“
„Nein. Das kann doch nicht wahr sein. Meine Mutter hat ständig Filme mit ihr geschaut.“
Er legte den Kopf ein wenig auf die Seite und betrachtete ihr herzförmiges Gesicht mit den großen blauen Augen etwas genauer.
„Du siehst ihr auch ähnlich“, sagte er schließlich.
„Danke. Ja, sie war zu ihrer Zeit ein richtiger Star.“
Sein Blick ging jetzt ein Stückchen weiter nach unten zu der Halskette, mit der sie die ganze Zeit herumspielte – ein zierliches Silberherz mit einem eingravierten Kreuz. Ob es wohl zu viel erhofft war, dass sie auch noch den gleichen Glauben hatte wie er?
„Deine Halskette gefällt mir“, sagte er als eine Art Versuchsballon.
Sie schaute nach unten und sagte: „Danke. Die habe ich von meiner Mutter zur Taufe bekommen.“
„Dann haben wir etwas gemeinsam“, erklärte er.
„Du hast auch von deiner Mutter eine Halskette zur Taufe bekommen?“, fragte sie mit einem herausfordernden Lächeln.
„Nein, ich meinte unseren Glauben“, sagte er und musste über ihren schrägen Humor lächeln.
„Na ja, ich stamme eben aus einer frommen Gegend, in der an jeder Ecke eine Kirche steht“, erklärte sie.
„Das finde ich gar nicht so schlecht.“
„Das ist es auch nicht.“
Dann sah sie ihm ins Gesicht und fragte: „Bist du eigentlich tatsächlich so groß, oder stehst du hinter dem Tresen auf einem Podest?“
„Ich bin tatsächlich so groß. Kann ich dir noch irgendetwas bringen? Eine Kleinigkeit zu essen vielleicht?“
„Ich habe schon eine Muschelsuppe gehabt, die richtig gut war. Arbeitest du schon lange hier?“
„Seit ich mit der Highschool fertig bin. Als sich der Eigentümer zur Ruhe gesetzt hat, habe ich den Laden übernommen.“
„Das ist ja toll.“ Sie schaute sich im Lokal um, ließ den Blick über die hohe, rustikale Balkendecke schweifen, dann an der Wand mit all den bunten Nummernschildern aus allen Bundesstaaten entlang und weiter zu den abgetretenen Holzdielen auf dem Boden. Sie wirkte ein bisschen zu schick und vornehm für das Lokal.
„Hier kennt doch sicher noch jeder jeden, und das hier ist ein allgemeiner Treffpunkt, oder?“
„Ja, das kann man so sagen“, antwortete er.
Erst lächelten nur ihre Augen, dann auch ihr Mund, und schließlich sagte sie: „Es ist echt nett hier. Hier ist ’ne Menge Energie, aber es ist auch herzlich und einladend.“
Einladend. Er wusste, dass Männer eigentlich nicht schwärmten, aber er hatte jetzt wirklich Mühe, nicht ins Schwärmen zu geraten. „Freut mich, dass es dir gefällt“, sagte er.
„Wenn du der Mittelpunkt der Geselligkeit in dieser Stadt bist, dann hast du ja bestimmt auch jede Menge Kontakte, oder? Weißt du vielleicht, wo ein Mädel wie ich hier in der Gegend einen Job finden könnte – falls es eine Weile bleiben wollte?“
„Was suchst du denn?“
„Ach, da bin ich flexibel“, antwortete sie achselzuckend. „Ich habe gern mit Menschen zu tun, also wäre alles mit Kundenkontakt gut. Ich habe einen Abschluss in Soziologie, aber damit kann man ehrlich gesagt nicht so viel anfangen.“
„Soziologie, sagst du? Auf welchem College warst du denn?“
Ihr Blick wurde unsicher, und sie sah ihn nicht an, als sie sagte: „Äh, Harvard.“
Erstaunt zog er die Augenbrauen hoch. „Dann bist du wahrscheinlich für alles hier überqualifiziert.“
Aber sie winkte ab. „Also, ich nehme, was ich bekommen kann. Und wie gesagt, wahrscheinlich bleibe ich auch gar nicht lange in der Gegend.“
„Ich weiß zufällig, dass jemand für das Touristenzentrum gesucht wird. Früher war es das Naturkundemuseum, aber die Stadt hat vor kurzem beschlossen, es mit der Touristeninformation zusammenzulegen. Das hier ist eine Kleinstadt, und die Meinungen darüber gehen stark auseinander, aber die Einzelheiten erspare ich dir. Meine Tante leitet das Zentrum, und sie sucht jemanden, der Touristen begrüßt, Karten verkauft, informiert, Tipps gibt – aber wie gesagt, dafür bist du wahrscheinlich überqualifiziert …“
„Ach, ich glaube, das könnte mir Spaß machen, und außerdem würde ich dadurch auch mehr über die Gegend hier erfahren. Irgendwann musst du mir mal etwas über die Kontroverse erzählen, die du erwähnt hast. So etwas finde ich immer spannend.“
Spannend. Ja, genau so fand er sie auch. Er nahm einen Stift aus seiner Brusttasche und war gerade dabei, Tante Trudys Handynummer auf eine Serviette zu schreiben, als das Telefon klingelte. Das konnte in diesem Moment auch jemand anders übernehmen.
Er schob ihr die Serviette zu und sagte: „Wenn du magst, kannst du sie ja mal anrufen. Sag ihr, dass du ihre Nummer von mir hast, und lass dich nicht davon abschrecken, dass sie etwas schroff wirkt.“
Strahlend steckte sie die Serviette ein und sagte: „Danke, das mache ich.“
„Telefon, Zac“, rief in dem Moment eine der Kellnerinnen.
Lucy rutschte von dem Barhocker herunter, hängte sich ihre Tasche über die Schulter und sagte: „So, jetzt lasse ich dich mal lieber wieder arbeiten. Vielleicht sieht man sich ja mal.“
„Kann schon sein“, entgegnete er lächelnd.

Ein Summen holte ihn jetzt aus der Vergangenheit zurück, und er lehnte sich auf seinem Schreibtischsessel zurück. Gegenüber auf dem Sofa regte sich Lucy im Schlaf, wurde dann aber wieder ruhig. Ihre Augen waren immer noch geschlossen.
Zac blinzelte kurz, um die Reste der schönen Erinnerungen zu verscheuchen. Es war wirklich ein krasser Übergang von dem ersten aufregenden Treffen zu den jüngsten Ereignissen. Sich in Lucy zu verlieben war einfach gewesen wie das Atmen. Das Entlieben war da schon sehr viel schwerer.

ACHT
Während Lucy im Büro auf und ab ging, schaute sie immer wieder zu Zac hinüber, der gerade mit dem County-Standesamt telefonierte. Um Punkt neun hatte er dort angerufen.
Sie zog die Hose aus dem Krankenhausfundus hoch, die zwar am Po gut saß, aber in der Taille viel zu weit war. Sie brauchte unbedingt einen Gürtel. Oder Hosenträger.
„Ja“, sagte Zac. „Okay … ich weiß nicht … vielen Dank.“
Es folgte eine lange Pause, und seiner Miene war nicht mehr zu entnehmen als dem, was er gesagt hatte. Er fuhr sich mit der Hand übers Kinn, und in der Stille war das kratzige Geräusch seines Dreitagebartes zu hören.
So gern sie auch etwas über ihr Leben in Portland erfahren wollte – sie sehnte sich nach anständig sitzenden Klamotten und einem gutgefüllten Bankkonto –, war ihr auch ziemlich beklommen zumute bei dem Gedanken daran, was Zac vielleicht herausfinden könnte.
„Ja, ich bin noch da“, sagte Zac jetzt ins Telefon.
Er sah sie nicht an, konnte es offenbar kaum erwarten, sie endlich wieder loszuwerden. Aber das war ja im Grunde auch nicht weiter verwunderlich nach dem, was sie sich geleistet hatte. Ihr Herz raste, als sie jetzt zu ihm hinschaute und seine Gesichtszüge betrachtete, die wie gemeißelt wirkten. Bei diesem Anblick war sie auch damals schon sofort dahingeschmolzen.
Er hatte maskuline Brauen über den tiefliegenden Augen, diesen ernst dreinblickenden grauen Augen, die vom einen zum nächsten Augenblick plötzlich aufleuchten konnten. Er hätte nämlich auch eine alberne Seite und konnte sie so zum Lachen bringen, dass sie Bauchweh bekam.
Seit sie wieder da war, hatte er ihr allerdings nicht einmal ein Lächeln geschenkt, sondern war schrecklich distanziert, so als wäre er fest entschlossen, sie auf gar keinen Fall näher an sich heranzulassen.
Sie begriff immer noch nicht richtig, was eigentlich los war. Wie konnte es sein, dass sie noch genau die alten Gefühle für Zac hatte, gleichzeitig aber in Portland ein Verlobter auf sie wartete? Wie hatte sie sich überhaupt in jemand anderen verlieben können?
Das war doch eigentlich gar nicht möglich, und sie weigerte sich auch, es zu glauben. Wer auch immer der Mann dort sein mochte, er konnte unmöglich so ihr Herz erobert haben wie Zac. Sie wollte keinen anderen. Sie wollte diesen anderen Mann nicht lieben und mit ihm leben.
Aber gleich würde Zac am Telefon den Namen dieses Mannes erfahren, und dann würde er mit ihr zu seinem Truck gehen, sie zurück nach Portland bringen und sie dort bei einem völlig Fremden absetzen.
„Ja“, sagte Zac.
Mit heftigem Herzklopfen blieb sie vor seinem Schreibtisch stehen. Das Pochen hinter ihren Schläfen war inzwischen so schlimm, dass ihr richtig schwindelig war. Am liebsten hätte sie auf den „Gespräch-beenden“-Knopf an dem Telefon gedrückt, denn sie wollte den Namen ihres Verlobten in Portland gar nicht wissen, und sie wollte auch nicht wieder weg aus Summer Harbor und von Zac.
„Verstehe“, hörte sie Zac sagen. „Wann?“ Sein Mund war angespannt, und er hatte Ober- und Unterkiefer fest aufeinandergepresst, während er mit dem Sachbearbeiter am anderen Ende der Leitung sprach. „Gut. Vielen Dank für Ihre Hilfe“, beendete er das Gespräch und legte den Hörer mit Nachdruck wieder auf die Station, den Blick fest auf die Schreibtischplatte gerichtet.
„Sie haben dort gerade einen Computerausfall“, sagte er schließlich, woraufhin Lucy einmal kurz und heftig ausatmete.
Gott sei Dank. Eine Gnadenfrist. Vielleicht nur eine kurze, aber sie würde nehmen, was sie bekommen konnte.
„Sie hoffen, dass der Fehler im Laufe des Tages behoben wird.“
„Sie hoffen es?“, fragte sie nach.
Er warf ihr einen durchdringenden Blick zu und sagte: „Sie beheben ihn“, als ob er das mit purer Willenskraft erreichen könnte.
„Und was – was machen wir bis dahin?“, fragte sie.
„Ich muss mich um mein Lokal kümmern. Du solltest … vielleicht ein bisschen schlafen oder so.“
„Es ist gar nicht so leicht zu schlafen, solange meine gesamte Zukunft ungewiss ist“, entgegnete sie darauf und merkte selbst, wie sich in ihren Tonfall ein Hauch von Ärger mischte.
„Du hast doch gehört, was der Arzt gesagt hat, oder? Du solltest die Sache nicht auf die leichte Schulter nehmen. Vielleicht kommt dein Gedächtnis ja zurück, wenn du …“
„Ich will es gar nicht zurück!“, platzte es da aus ihr heraus.
Er blinzelte sie an, und in dem sonst unergründlichen Blick seiner grauen Augen flackerte ganz kurz Überraschung auf.
„Ich will nicht! Ich will nicht zurück nach Portland. Ich will gar nicht wissen, welcher Name auf dem blöden Aufgebot steht, und ich will mein Gedächtnis …“
„Das haben wir doch schon alles …“, versuchte er, sie zu unterbrechen.
„… auch gar nicht zurück“, beendete sie ihren Ausbruch.
Sie starrten sich an, und dann legte sich Schweigen wie ein dicker Nebel über sie. Und es war, als ob sich derselbe dicke Nebel auch auf ihren Verstand legte, denn sie hatte Mühe, sich auf ihre Gedanken zu konzentrieren. Ständig entwischten sie ihr.
Ihre pochenden Kopfschmerzen taten ein Übriges, denn sie forderten ihre gesamte Aufmerksamkeit.
Zacs Stuhl knarrte, als er jetzt aufstand und um den Schreibtisch herum zu ihr kam.
Endlich. Plötzlich hatte sie nur noch diesen einen Gedanken, dass er sie gleich umarmen würde. Sie wollte sich bei ihm anlehnen und so tun, als wäre nichts passiert. Ihr Herz schlug noch schneller, als er jetzt näher kam und sie auf ihn zu ging … aber er ging einfach an ihr vorbei zur Tür.
Mit einem leisen Wimmern atmete sie aus, und ihr kamen die Tränen, sodass sie alles verschwommen sah, aber sie würde nicht weinen, nein, auf gar keinen Fall. Sie würde nicht weinen!
Also zählte sie die Bücher in seinen Regalen, um sich abzulenken. Es waren nicht viele, also ordnete sie sie in Gedanken auch noch alphabetisch. Wieso sollte sie sich aufregen, wenn er doch offenbar sein Leben einfach fortsetzte und ignorierte, dass sie in einer tiefen Krise steckte?
Da konnte sie doch genauso gut die Sache selbst in die Hand nehmen und einen Plan machen. Sie hatte zwar eine Erinnerungslücke, aber sie war ja nicht völlig hilflos. Als Erstes würde sie jetzt in ein Geschäft gehen und sich Kleidung besorgen, die ihr passte, dann einen Lockenstab, Haarfestiger und einen Lippenstift kaufen – und danach würde sie sich bestimmt schon viel besser fühlen …
Aber dann fiel ihr wieder ein, dass sie ja keinen einzigen Cent besaß, also war sie im Grunde doch ziemlich hilflos. Zumindest bis sie wieder in Portland war.
Zack kam jetzt zurück in sein Büro, blieb stehen und streckte ihr seine Hand hin, in der zwei Tabletten lagen. In der anderen Hand hielt er ein Glas Wasser.
Ihr kamen beinah wieder die Tränen, weil er so nett zu ihr war. Was stimmte nur nicht mit ihr? Wieso war sie so nah am Wasser gebaut?
Sie nahm die Tabletten, lehnte sich gegen den Schreibtisch, und Niedergeschlagenheit legte sich wie ein schwerer Mantel auf sie, sodass sie plötzlich den Wunsch verspürte, auf der Stelle in einen langen, tiefen Schlaf zu fallen. Sie hätte nicht gedacht, dass Vergessen so anstrengend war.
Zac steckte die Hände in die Hosentaschen, und Lucy spürte seinen Blick auf sich, aber sie erwiderte ihn nicht. Sie wollte nicht, dass er sah, wie verletzlich sie war, während gleichzeitig diese dicke hohe Mauer zwischen ihnen stand.
„Lucy“, sagte er, und sein Ton klang so furchtbar vernünftig. „Ich weiß, dass das hier schwer ist, aber die vergangenen sieben Monate sind nun mal Realität, ob es dir gefällt oder nicht. Du hast dein Leben fortgesetzt, genau wie ich, und die Tatsache, dass du dich an nichts mehr erinnerst, ändert nichts daran, dass es nun mal passiert ist. Je früher wir die Sache klären, desto schneller können wir beide weitermachen.“
„Und was ist, wenn mein Gedächtnis gar nicht wiederkommt?“
„Das würde doch auch nichts an dem ändern, was passiert ist. Du hast einen Job, in den du wieder zurückkannst, und Menschen, denen du etwas bedeutest.“
„Aber sie bedeuten mir nichts“, entgegnete sie mit einem leisen Schniefen.
Ein klitzekleiner Teil in ihr war mit dieser Behauptung allerdings nicht einverstanden, denn schließlich war sie ja immer noch dieselbe Person wie vor ihrem Sturz, und irgendwo tief in ihrem Inneren musste ihr an diesem anderen Mann, der wahrscheinlich gerade fast wahnsinnig war vor Sorge um sie, etwas liegen. Egal, ob sie sich an ihn erinnerte oder nicht, sie war es ihm schuldig, ihn zu informieren, was mit ihr los war.
„Ich habe noch mal über gestern nachgedacht“, sagte Zac jetzt. „Vielleicht war es ja gar nicht der Tag deiner Hochzeit, denn wieso hättest du dann allein in diesem Lokal sein sollen? Vielleicht warst du ja nur bei einer Anprobe für dein Brautkleid. Hast du dort irgendwo in der Nähe ein Brautmodengeschäft gesehen?“
„Keine Ahnung“, sagte sie und schob die Angst beiseite, die in ihr aufstieg. Brautmodenläden hatten doch eigene Toiletten. Vielleicht konnte sie nicht mehr richtig denken, seit sie sich den Kopf gestoßen hatte, aber es gab nur eine logische Erklärung dafür, weshalb sie in dem Lokal gewesen war.
„Vielleicht hattet ihr das Aufgebot ja noch gar nicht bestellt. Soweit ich weiß, gibt es gar keine vorgeschriebene Frist mehr zwischen Aufgebot und Hochzeit. Man kann auch sofort heiraten.“
Im Grunde war ihr klar, dass es nicht so war, aber trotzdem klammerte sie sich an diesen Gedanken wie an einen Strohhalm. „Ja, das stimmt“, sagte sie deshalb.
„Aber das werden wir ja heute Nachmittag erfahren.“

Zac gab die Bestellung an die Küche weiter und brachte frische Getränke an Tisch elf. Marci hatte ihre letzten beiden Schichten nicht antreten können, weil sie immer noch krank war.
Der Mittagstrubel war beinah vorbei, aber bald war Anpfiff beim Spiel der Red Sox, und das bedeutete, dass es wieder voller werden würde, denn zu den Nachmittagsspielen kamen oft die Rentner aus der Gegend vorbei. Sie verzehrten zwar meist nicht viel, aber Zac mochte es, wenn sie da waren.
Als das Lokal aufgeräumt und wieder hergerichtet war, kam die Abendschicht. Bei einem Blick auf die Uhr fiel Zac ein, dass er jetzt schnellstens beim Standesamt des Countrys anrufen musste. Er hatte so viel zu tun gehabt, dass er darüber beinah die Zeit vergessen hatte. Zumindest redete er sich das ein. Vielleicht war es aber auch so, dass er tief in seinem Inneren Lucy noch gar nicht wieder gehen lassen wollte.
Du bist ein echter Masochist, Callahan.
Er warf den Lappen hin, den er benutzt hatte, um über die Bar zu wischen, und ging langsam in sein Büro. Er würde das jetzt hinter sich bringen, und zwar sofort.
Er wählte also die Nummer, die er sich auf einem Zettel notiert hatte, und es dauerte ewig, bis er mit der richtigen Person verbunden war, und er erfuhr schließlich, dass die Computerpanne tatsächlich behoben war.
Halleluja.
Während er darauf wartete, dass die Sachbearbeiterin das Aufgebot aufrief, ging er nervös in seinem Büro hin und her. Die seichte Musik, mit der er während der Wartezeit bedudelt wurde, sollte wahrscheinlich beruhigen, bewirkte aber genau das Gegenteil. Seine Nerven lagen blank.
Dann hörte die Musik abrupt auf, und die Sachbearbeiterin fragte: „Sind Sie noch da, Mister Callahan?“
„Ja, ich höre.“
„Ich habe das Aufgebot gefunden. Soll ich Ihnen eine Kopie faxen?“
„Ja, das wäre großartig.“ Er gab ihr seine Faxnummer und fragte: „Was meinen Sie denn, wie lange das dauern wird?“
„Ich schicke es sofort ab, wenn ich aufgelegt habe.“
„Vielen Dank für Ihre Mühe“, sagte Zac, beendete das Gespräch und steckte sein Handy wieder in die Tasche. Dann ging er zum Faxgerät hinüber und wartete, die Hände in die Hüften gestemmt, auf das Fax. Sobald er den Namen von Lucys Verlobtem wusste, würde er dessen Telefonnummer googeln, aber vielleicht stand sie ja sogar auf dem Aufgebot. Ob es wirklich so einfach sein konnte?
Und vielleicht würde der Kerl ja sogar kommen und Lucy abholen. Bei diesem Gedanken hatte Zac allerdings ein mulmiges Gefühl im Bauch. Konnte er sie einfach mit jemandem wegfahren lassen, den er gar nicht kannte? Vielleicht sollte er …
Nein, schalt er sich selbst. Du hast doch gar nichts mehr mit ihr zu tun.
In dem Moment kam das Fax aus dem Gerät, und er überflog es.
Brad Martin, Portland, Maine. Alter: 29 Jahre. Weiß. Bingo.
Er ging den Gang hinunter und klopfte an Lucys Tür.

„Brad Martin“, sagte Zac im selben Moment, als sie von innen die Tür öffnete. Dabei sah er sie intensiv an, und die silbernen Sprenkel in seinen Augen sprühten Funken.
Lucy stand in der Tür und war sich sehr bewusst, dass sie völlig zerzaust und ungeschminkt dastand. Diese Tabletten machten so schläfrig. Vielleicht war das ja auch der Grund, weshalb sie keinen klaren Gedanken fassen konnte.
„Was hast du gerade gesagt?“, fragte sie.
„Brad Martin. Sagt dir der Name irgendwas?“
„Äh… nein, nicht dass ich wüsste.“
„Bist du ganz sicher?“
„Ja. Ich habe den Namen noch nie gehört. Heißt er so? Mein Verlobter?“
Er hielt einen Zettel hoch und erklärte: „Sie haben euer Aufgebot gefaxt.“
„Zeig mal“, sagte sie, nahm ihm das Blatt aus der Hand und überflog es. Brad Martin. Sie runzelte die Stirn. Brad Martin. Der Name sagte ihr absolut gar nichts.
„Vielleicht ist sein vollständiger Name ja Bradley“, versuchte er es und klang dabei gleichzeitig drängend und hoffnungsvoll.
Sie schüttelte den Kopf und schaute noch einmal auf das Blatt, bevor sie es ihm zurückgab. „Nein, ich kann mich nicht an den Namen erinnern. Tut mir leid.“
Daraufhin wandte er sich wieder zum Gehen, und sie folgte ihm in sein Büro, wo er sich hinter den Schreibtisch an den Computer setzte.
Sie trat hinter ihn und sah, wie er den Namen in die Suchmaschine eingab und dabei die Suche auf die Gegend um Portland eingrenzte. Kurz darauf hatte er 27 Ergebnisse.
„Na toll“, sagte er seufzend.
„Schau doch mal. Da steht auch immer das Alter dabei.“ Wieso hilfst du ihm denn jetzt auch noch?
Er beugte sich vor und scrollte die Liste durch. „Es ist kein Brad Martin dabei, der 29 Jahre alt ist“, sagte er kurz darauf. „Aber der hier ist 28. Das müsste er dann doch sein, oder?“
„Schon möglich.“
Er nahm das Telefon in die Hand und begann die Nummer einzugeben.
Ihr Herz schlug heftig. „Warte mal. Wen rufst du denn jetzt an? Und was willst du sagen?“, fragte sie.
Er schaute kurz zu ihr hin und antwortete: „Ich? Ich werde gar nichts sagen. Schließlich ist er ja nicht mein Verlobter …“ Er wählte die Nummer zu Ende und gab ihr dann das Telefon.
Mit Panik in der Stimme fragte sie: „Was soll ich denn sagen?“
„Frag ihn, ob er weiß, wer dran ist. Wenn er es tatsächlich ist, erkennt er dich bestimmt an der Stimme.“
Ihre Panik war ihr offenbar anzusehen, denn sein Blick wurde ein bisschen freundlicher. „Er ist sicher erleichtert, von dir zu hören.“
„Hallo?“, meldete sich eine Männerstimme am anderen Ende der Leitung.
Sie merkte, dass sie plötzlich einen Kloß im Hals hatte, und brachte kein Wort heraus. Hilfesuchend schaute sie zu Zac. War er das? Der Mann, mit dem sie verlobt war? Der Mann, den sie eigentlich lieben sollte? Aber müsste sie dann nicht wenigstens seine Stimme wiedererkennen?
„Hallo?“, fragte die Stimme noch einmal, jetzt schon ein wenig ungeduldig. Oder vielleicht auch erwartungsvoll und erfreut.
„Hallo, Brad, bist du das?“
„Lucy? Lucy, bist du es?“
„J… ja.“
Am anderen Ende der Leitung war ein lauter Fluch zu hören und dann: „Hast du eine Ahnung …“ Doch er unterbrach seinen Ausbruch selbst durch einen tiefen Seufzer. „Wo bist du?“
Sie zögerte plötzlich, es ihm zu sagen. „Ich … ich bin oben im Norden. Ich hatte einen Unfall und habe eine Kopfverletzung. Ich kann mich an nichts mehr erinnern.“
„Das weiß ich schon, weil ich mich mit dem Krankenhaus in Verbindung gesetzt habe. Sie suchen dich, Lucy.“
„Wer?“
„Wer dich sucht? Na, die Polizei. Alle. Ich habe eine Vermisstenanzeige aufgegeben.“
„Die Polizei?“, fragte sie entgeistert und sah Zac an, der daraufhin die Augenbrauen zusammenzog.
„Ich sage gleich der Polizei Bescheid, dass du wiederaufgetaucht bist. Wieso hast du mich denn nicht angerufen? Ich habe mir solche Sorgen gemacht“, sagte er.
„Ich habe doch schon gesagt, dass ich mich an nichts erinnern kann“, erklärte sie.
Daraufhin folgte ein so langes Schweigen in der Leitung, dass sie fast gefragt hätte, ob er noch am Apparat sei.
„Was soll das heißen – an nichts?“, fragte er schließlich.
„Ich … ich kann mich an die vergangenen siebeneinhalb Monate nicht mehr erinnern.“
Wieder Schweigen. Dann: „An gar nichts?“
„Nein. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich nach Portland gezogen bin, nicht daran, dass ich dich kennengelernt habe, und auch an kein einziges Date. Wir mussten ziemlich lange am Computer recherchieren, um überhaupt deinen Namen herauszubekommen.“
„Das ist nicht dein Ernst, oder?“
Irgendetwas an seinem Ton kam ihr merkwürdig vor, aber ihre Wahrnehmung war auch noch nicht wieder so wie vor dem Sturz, und außerdem war er wahrscheinlich immer noch in einer Art Schockzustand wegen ihres plötzlichen Verschwindens.
„Du erinnerst dich nicht mehr an unsere Hochzeit?“, fragte er völlig fassungslos.
„Nein. Das Erste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich auf dem Fliesenboden der Damentoilette in einem kleinen Lokal wieder zu mir gekommen bin.“
„Wird … also kommt dein Gedächtnis denn zurück?“, fragte er.
„Das kann keiner sagen. Es ist möglich, aber nicht sicher. Ich hatte Angst und bin … ich bin nach Norden gefahren.“
„Ich komme und hole dich ab. Wo bist du denn?“
Sein Angebot erschreckte sie. Ihr war klar, dass das albern war, aber er hatte irgendetwas an sich, das ihr gar nicht gefiel – etwas Berechnendes.
Das bildest du dir sicher nur ein, Lucy. Er war dein Verlobter, um Himmels willen.
„Vielen Dank, aber das brauchst du nicht. Ich möchte lieber erst einmal eine Weile hierbleiben. Ich brauche noch Ruhe und muss mich erholen.“
Zac schüttelte entschieden den Kopf und formte mit den Lippen ein Nein, während Brad versuchte, sie dazu zu überreden, zurückzukommen. In ihrem Kopf begann es jetzt wieder zu pochen. Brad argumentierte weiter, aber sein scharfer Ton tat ihr in den Ohren weh, sodass sie beschloss, das Gespräch zu beenden.
„Ich muss jetzt aufhören, Brad“, sagte sie und unterbrach ihn in seinem Redefluss.
„Aber du kannst doch nicht einfach wegbleiben, Lucy. Du hast hier einen Job und Freunde … und mich. Lass mich doch …“
„Ich rufe dich wieder an“, sagte sie zum Abschluss und legte dann auf, bevor er weiterreden konnte. Ihr Herz raste, und sie hatte Mühe zu atmen.
„Du musst wieder zurück, Lucy“, sagte Zac. „Du hast dort eine Wohnung oder ein Haus, einen Job, und all dein Geld ist …“
„Ich weiß! Das werde ich auch!“ Aber sie würde nicht zurück zu Brad gehen. Sie war Leute so leid, die ihr sagten, was sie zu tun hatte. Sie wusste, dass sie wieder zurückmusste, denn hierzubleiben und sich bei Zac durchzuschnorren war auch keine Option. Doch bevor sie irgendeine weitere Entscheidung traf, musste sie erst noch einiges klären.
„Warum hast du ihm denn nicht gesagt, wo du bist?“, fragte Zac sie erstaunt.
„Das weiß ich selbst nicht so genau.“ Sie rieb sich die Schläfen und fuhr fort: „Ich wollte einfach nicht, dass er es weiß. Irgendwie mag ich ihn nicht.“
Zac grinste und machte sich mit seinem Blick über sie lustig. „Na ja, irgendwas an ihm muss dir ja gefallen haben.“
Daraufhin straffte Lucy die Schultern und sagte: „Das ist nicht lustig, Zac. Du bekommst doch, was du willst, und wirst mich los. Also … halt doch einfach mal die Klappe.“
Und mit diesen Worten stürmte sie aus dem Büro und ging wieder auf ihr Zimmer. Sie nahm noch einmal zwei Tabletten, ließ sich dann auf die Bettkante sinken und schloss die Augen.
Wahrscheinlich würde sie in zwanzig Minuten wieder in einen tiefen Schlaf fallen, aber das war ihr nur recht. Langsam war es ihr lieber, nichts mehr mitzubekommen.

NEUN
Als sie in Portland ankamen, war es schon spät. Einen Teil der Strecke hatte Lucy vor sich hin gedöst, froh darüber, einfach vergessen zu können. Sie mochte gar nicht an den Moment denken, wenn Zac wieder abfahren würde, und schon allein bei dem Gedanken, ihn dann nie mehr wiederzusehen, wurde ihr so eng ums Herz, dass sie kaum Luft bekam.
Sie betrachtete ihn jetzt aus dem Augenwinkel in dem Licht der Straßenbeleuchtung, die sein maskulines Profil hervorhob. Unter seinen Augenbrauen und den Wangenknochen lagen tiefe Schatten. Sein Mund war zusammengekniffen und ganz schmal. Nie wieder würde sie diesen Mund küssen, nie wieder spüren, wenn er ihr zärtlich über die Wange strich, nie wieder die Sicherheit seiner starken Umarmung erleben.
Sie hatte gedacht, vielleicht doch noch etwas Zeit schinden zu können, als Zac ihre Adresse nicht hatte ausfindig machen können, und ihn angefleht, Brad nicht noch einmal anzurufen.
Aber er hatte noch ein As im Ärmel gehabt – seine Cousine Abby, die in Indiana als Privatdetektivin arbeitete. Sie hatte nicht einmal eine Stunde gebraucht, um Lucys Adresse herauszubekommen, eine Wohnung in der Park Street 6, das lag im Stadtzentrum.
Zac fuhr jetzt von der Hauptstraße ab in ein Wohngebiet. Er lenkte den Wagen mit beiden Händen langsam durch die dunklen Straßen. Irgendwann ging das Wohngebiet in ein Geschäftsviertel über mit höheren Gebäuden und Ampeln an jeder Ecke – doch nichts von alledem kam ihr bekannt vor. Sie versuchte, sich ihre Wohnung vorzustellen, aber vergeblich. Und dann fiel ihr noch ein anderes Problem ein.
„Moment mal. Wie sollen wir denn überhaupt in meine Wohnung kommen?“, fragte sie.
Er räusperte sich und sprach dann das erste Mal seit vielen Kilometern:
„Wir finden bestimmt den Hausmeister.“
„Und was ist, wenn er nicht da ist?“
„Dann fragen wir bei den Nachbarn. Vielleicht hast du dort ja einen Schlüssel deponiert, so, wie du es auch in Summer Harbor gemacht hast.“
„Und was, wenn nicht?“ Er würde sie ja wohl nicht einfach vor der verschlossenen Tür sitzen lassen, oder?
„Abby hat mir im Laufe der Jahre ein paar Tricks beigebracht, sodass ich so ziemlich jede Tür aufbekomme.“
Er bog jetzt in die Park Street, bremste ab und fuhr so langsam, dass er die Hausnummer lesen konnte. Sie waren in dem Block mit den 300er-Nummern, also gab er wieder mehr Gas. Schon bald kamen sie in einen Abschnitt mit Reihenhäusern aus Backstein. Hohe, schmale Gebäude, die eng aneinandergebaut waren.
Plötzlich nahm er den Fuß vom Gas und schaute mit zusammengezogenen Brauen und angespanntem Mund nach vorn.
Sie folgte seinem Blick und sah eine Gruppe von Menschen, die sich an der Eingangstreppe zu einem der Häuser versammelt hatte.
„Oh nein!“, sagte er.
„Was ist denn los?“, hörte er sie von hinten.
„Gibt es einen Hinter …? Ach, ist egal.“
Als er an dem Gebäude vorbeifuhr, schauten die Leute ihrem Wagen hinterher. Ein paar von ihnen standen auf, und ein Mann schwang sich eine Kamera auf die Schulter. Lucy bemerkte einen weißen Van mit dem Namen eines Senders und einen Kleinbus mit einem unleserlichen Logo darauf.
Ein Stück weiter die Straße hinunter parkte Zac am Bordstein und stellte den Motor aus.
„Was ist denn los? Ist das das Haus, in dem ich wohne?“
Doch er antwortete nicht, sondern schaute zu ihr nach hinten in die Dunkelheit und erklärte: „Folgendes machen wir jetzt: Wir gehen sehr schnell an ihnen vorbei, und du bleibst immer ganz nah bei mir und sagst nichts. Kein Wort, kapiert?“
„Glaubst du etwa, dass die meinetwegen da sind?“
Er stieß einen sehr langen Seufzer aus und antwortete: „Dein Verlobter muss der Polizei Bescheid gesagt haben, dass du wiederaufgetaucht bist. So etwas wird dann meistens veröffentlicht. Du bist als vermisst gemeldet, hast dein Gedächtnis verloren, und außerdem bist du Audrey Lovetts Großnichte. Das ist wahrscheinlich Sensation genug. Bist du bereit? Wir müssen schnell sein.“
Nein! Himmel, nein, sie war nicht bereit! Aber Zac war schon ausgestiegen und kam um den Wagen herum, um ihr herauszuhelfen.
Er öffnete die Tür von außen und nahm sie beim Arm. Sie hatte weiche Knie und schwankte leicht, als sie schnurstracks auf den Pulk von Menschen zugingen. Ihr Herz raste, sie bekam kaum Luft und klammerte sich an Zacs Arm fest, weil sie ihn als Stütze brauchte.
Als sie näher kamen, drehten sich die Reporter zu ihnen um und kamen mit Mikrofonen und Kameras bewaffnet auf sie zu. Blitzlichter blendeten sie, sodass sie blinzeln musste und sich an Zac drängte, der seinen Arm um sie legte und sie an sich zog.
Und dann war die Meute auch schon bei ihnen.
„Stimmt es, dass Sie Ihr Gedächtnis verloren haben, Lucy?“
„Wo sind Sie gewesen, Lucy?“
„Was können Sie uns über Ihren Unfall sagen?“
„Wer ist der Mann bei Ihnen, Lucy?“
„Kein Kommentar“, knurrte Zac nur, zog seine Schultern ein und ging einfach durch die Gruppe der Journalisten hindurch.
Lucy musste beinah rennen, um mit ihm Schritt zu halten, und als sie die Eingangstreppe erreichten, stolperte sie neben ihm die Stufen hinauf.
„An was können Sie sich erinnern, Lucy?“
„Wie ist Ihre Prognose?“
„Wieso sind Sie von Ihrer Hochzeit weggelaufen?“
„Sie werden ,die Ausreißerbraut‘ genannt. Möchten Sie dazu etwas sagen?“
Sie schlüpfte rasch zur Tür hinein ins Haus und ging schnurstracks zur Treppe. Hinter ihnen fiel die Tür ins Schloss und sperrte alle weiteren Fragen aus. Zac blieb ganz nah bei ihr, als sie einen Treppenabsatz hinaufgingen und dann noch einen.
Oben angekommen, war sie völlig außer Atem.
„Was ist mit dem Hausmeister?“, fragte sie ihn keuchend.
Er holte zwei kleine Werkzeuge aus der Tasche und antwortete: „Wir gehen gleich zu Plan C über.“
Lucy schaute die Treppe hinunter zum Eingang, während er mit dem Schloss beschäftigt war, weil sie Angst hatte, die Reporter würden die Tür eindrücken. Die Fragen der Leute verfolgten sie. Wie lange sie dort draußen wohl noch ausharren würden? Ob sie jetzt hier in dem Haus festsaß?
Ausreißerbraut?
„Vielleicht sollten wir doch lieber den Hausmeister holen. Sein Name und die Telefonnummer stehen bestimmt bei den Briefkästen unten.“
Zac hielt einen Moment inne, schaute dann zu ihr hoch und fragte: „Du erinnerst dich an die Briefkästen?“
„Nein … das habe ich nur vermutet.“
Die Enttäuschung über ihre Antwort war ihm deutlich anzumerken. Er machte sich wieder mit seinem Werkzeug an die Arbeit und brummte: „Ich habe es sowieso gleich geschafft.“
Ein paar Minuten später war die Tür tatsächlich auf. Sie betraten die Wohnung, in der es nach neuem Teppichboden und Zitrone roch. Zac schloss die Tür hinter ihnen und ruckelte am Türknauf.
„Du brauchst ein besseres Schloss.“
Sie betrat jetzt das Wohnzimmer und schaute sich die schicke fremde Einrichtung an. Die Wände waren taubengrau gestrichen, auf dem Boden lag weißer Teppichboden. Das anthrazitfarbene Ledersofa sah aus, als wäre es zum Bestaunen da und nicht, um darauf zu sitzen, und an der Wand hingen ein hübschgerahmter Blumendruck von Georgia O’Keefe und eine Skyline von einer Stadt – Portland, nahm sie an. Es war eine hübsche Wohnung, aber ganz anders, als er es bei ihrem Geschmack erwartet hätte.
Sie spürte Zacs Anwesenheit, als er den Raum betrat. „Nett hier. Kommt dir irgendwas bekannt vor?“, fragte er.
Sie schüttelte den Kopf. „Das ist doch alles gar nicht mein Stil, Zac. Und außerdem kann ich mir so etwas gar nicht leisten. Bist du sicher, dass das hier meine Wohnung ist?“
„Wenn nicht, dann wären doch nicht all die Journalisten hier.“
„Klar, da hast du recht.“ Sie hoffte, dass ihr Hirn bald wieder richtig funktionierte.
Er ließ den Blick durch den Raum schweifen und sagte: „Vielleicht hast du es ja möbliert gemietet.“ Dann ging er zu einem Tisch hinüber, während sie weiterging in einen kleinen Flur, von dem ein hübsches Schlafzimmer und ein schickes Bad mit einer großen Wanne abgingen. In der Tür zum Bad blieb sie stehen, und ihr Blick fiel auf ihre rote Dose mit Haarfestigerschaum und die vertraute Haarbürste. Sie nahm beides in die Hand und entdeckte dann auch noch ihre Reinigungsmilch.
Zac tauchte in der Tür auf, und sein Blick ging zu den Gegenständen in ihren Händen. Sie spürte, wie sie rot wurde, und legte die Sachen mit zitternden Händen einzeln wieder auf den marmornen Waschtisch.
Du drehst langsam durch, Lucy.
„Ich habe auch ein paar Sachen gefunden“, sagte er und hielt einige Briefumschläge hoch. „Post. Sieht aus wie Kontoauszüge, ein paar Rechnungen und ein Gehaltsscheck.“
„Ein Gehaltsscheck? Von wem denn?“, fragte sie.
„Irgendetwas, das sich Vacasa nennt.“
Sie nahm den Scheck und runzelte die Stirn. Sie hatte von dieser Firma noch nie etwas gehört. Und auch der Betrag auf dem Scheck gab ihr Rätsel auf. Selbst wenn es nur ein Wochengehalt war, reichte es nicht, um sich eine Wohnung wie diese leisten zu können.
„Ich versteh das alles nicht“, sagte sie nur kopfschüttelnd.
„Wahrscheinlich hast du noch einen Zweitjob gehabt. Lass uns mal nachschauen, ob wir irgendwo Autoschlüssel finden.“
Sie folgte ihm durch einen winzigen Essbereich zurück ins Wohnzimmer und dann in die Küche. Vielleicht hatte ja Brad die Wohnung bezahlt. Aber sie konnte sich eigentlich nicht vorstellen, dass sie sich von einem Mann hatte aushalten lassen – doch alles andere ergab keinen Sinn.
„Bingo“, sagte Zac in dem Moment, nahm eine Lederhandtasche, die sie nicht kannte, vom Küchentresen und gab sie ihr.
„Aber wieso sollte denn meine Handtasche hier sein?“, fragte sie. „Hätte ich die nicht auf jeden Fall mitgenommen?“
Auf diese Frage reagierte er nur mit einem Achselzucken.
Nein, natürlich nicht, denn sie hatte sicher zu ihrem Brautkleid passend ein kleines weißes Täschchen dabeigehabt. Und wahrscheinlich einen kleinen Koffer oder eine Reisetasche, denn schließlich hatte sie sich ja für die Hochzeit umziehen müssen.
Ausreißerbraut.
Doch sie schob diesen Gedanken weg, während sie den Inhalt der Handtasche durchging. „Wahrscheinlich ist mein Wagen doch gar nicht hier“, sagte sie im selben Moment, als ihre Finger auf die gezackten Ränder von Schlüsseln stießen. Sie zog einen Schlüsselbund aus der Tasche, an dem drei Schlüssel und die Fernentriegelung für einen Buick hingen.
Aber sie fuhr einen Mini Cooper und hatte noch nie den Luxus einer Fernentriegelung gehabt. Wieder runzelte sie die Stirn und sagte: „Das sind bestimmt nicht meine.“
„Ich wette, sie gehören dir“, widersprach er.
Dann ging er zum Fenster und spähte erst durch die geschlossenen Gardinen, bevor er sie ein ganz kleines Stückchen zurückzog. „Die Reporter sind immer noch da.“
Sie trat hinter ihn, sodass sie seinen würzigen Duft riechen konnte und einmal tief einatmete, um ihn in Erinnerung zu behalten.
Zac richtete die Fernentriegelung jetzt auf die Straße hinaus, drückte dann auf den Kopf, und bei einer Buick-Limousine, die ein Stück die Straße hinunter geparkt war, leuchteten kurz die Scheinwerfer auf.
„Bingo“, sagte er nur und gab ihr die Schlüssel zurück.
Ihre Blicke begegneten sich, während das Licht der Deckenlampe auf sein gutaussehendes Gesicht fiel. Ob er sie wirklich allein hier zurücklassen würde und sie ihn dann für immer verloren hätte?
Wie konnte das alles nur passieren, Gott? Ich liebe ihn doch so sehr.
Er räusperte sich jetzt und rieb sich mit der einen Hand den Nacken. „Vielleicht solltest du in der Handtasche nachschauen, ob nicht auch ein Handy drin ist. Es müssten eigentlich unsere Nummern und ebenso die SMS gespeichert sein. Vielleicht hilft dir das ja, dich wieder zu erinnern.“
„Mein Handy war nicht in der Tasche“, erklärte sie.
„Klar. Wahrscheinlich hast du es bei dir gehabt, als du gestürzt bist. Du solltest morgen früh noch mal in dem Lokal anrufen und nachfragen, ob es dort gefunden wurde.“
Sie nickte nur abwesend, denn sie erinnerte sich nicht einmal mehr an den Namen des Lokals und hatte auch keine Ahnung, wo es war. Sie würde deshalb also noch einmal Brad anrufen müssen, ob es ihr gefiel oder nicht. Vielleicht konnte er ihr ja auch sagen, ob sie eine gute Freundin hatte, damit sie jetzt nicht so allein war. Und so traurig.
„Was glaubst du, was sie damit gemeint haben, Lucy?“, fragte Zac und unterbrach sie in ihren Gedanken. Sie schaute ihm in die silbrigen Augen und kostete die Zärtlichkeit in seinem Blick aus. „Was meinen die mit ,Ausreißerbraut‘?“
Sie riss sich von seinem Blick los, weil er sie unruhig machte. Er hatte so eine Art, ihr das Gefühl zu geben, sie völlig zu durchschauen, bis tief in ihr Innerstes hinein. Irgendwie musste er sie ja geliebt haben.
„Woher soll ich denn das wissen?“, antwortete sie.
„Ach ja“, sagte er fast entschuldigend, rückte etwas von ihr weg und steckte die Hände in die Hosentaschen. Sein Blick wanderte noch einmal durch die unpersönlich, fast steril wirkende Wohnung und dann wieder zurück zu ihr.
„Dann wäre ja so weit alles geklärt, oder? Ich mache mich mal wieder auf den Weg.“
Als sie ihn zur Wohnungstür brachte, schlug ihr Herz zum Zerspringen, und sie spürte einen so heftigen Adrenalinstoß, dass nicht nur ihr Herz raste, sondern auch ihre Arme und Beine zitterten.
„Möchtest du vielleicht noch etwas trinken?“, fragte sie ihn.
„Es ist schon spät, und ich habe noch eine lange Fahrt vor mir“, antwortete er nur.
„Vielleicht noch etwas für unterwegs? Ein bisschen Eistee?“ Eistee hatte sie bestimmt im Haus.
„Nein danke.“
Sie folgte ihm und kämpfte gegen den verrückten Drang an, ihn am Hemd zu packen und zurückzuzerren. Oder einen Satz zu machen und die Wohnungstür zu blockieren.
Aber er liebte sie nicht mehr, wollte nichts wie weg und zurück in sein Lucy-loses Leben in Summer Harbor. Und was hatte sie? Eine Wohnung, die sie nicht kannte, in einer fremden Stadt, einen Verlobten, an den sie sich nicht erinnern konnte, und, ach ja, eine Horde Klatschreporter vor ihrer Haustür. Sie spürte, wie Panik in ihr aufstieg, und hatte einen dicken Kloß im Hals.
Zac war jetzt an der Wohnungstür angekommen und öffnete sie, drehte sich dann noch einmal zu ihr um und sah sie mit seinen kühlen, stahlgrauen Augen an.
Offenbar war ihr anzusehen, wie ihr gerade zumute war, denn sein Blick wurde ein ganz klein wenig weicher. „Du schaffst das schon, Lucy. Du weißt jetzt, wo du arbeitest, du hast deinen Wagen und auch Geld und deinen … Verlobten.“
Ich liebe ihn aber nicht, sondern ich liebe dich.
„Ich habe dir seine Telefonnummer auf den Tisch gelegt. Du solltest ihn anrufen. Er hilft dir bestimmt dabei, alles zu klären.“
Doch sie registrierte gar nicht, was er sagte, sondern starrte ihn nur an und flehte innerlich, dass er bliebe. Wieso wurde sie eigentlich von allen verlassen? Was stimmte nicht mit ihr?
Wieder stieg Panik in ihr auf, und sie hörte ihr Blut im Rhythmus ihres Herzschlags in ihren Ohren rauschen. Nicht betteln, Lucy. Bettele ihn nicht an.
Das Weiche in seinem Blick verschwand wieder, und er sah sie kalt an. Sein Kinn sah hart und entschlossen aus und sein Mund verkniffen. Sosehr sie sich wünschte, er möge sie noch ein letztes Mal in die Arme schließen – wahrscheinlich würde es sich anfühlen, als umarmte sie eine Marmorstatue. Und sie glaubte nicht, dass sie eine weitere Zurückweisung würde ertragen können.
„Denk daran, sofort wieder hinter mir abzuschließen“, sagte er mit belegter Stimme. „Mach’s gut, Lucy.“
Ihre Lippen bebten, sodass sie sich darauf beißen musste und ihm nur einmal ganz kurz zunicken konnte. Mehr schaffte sie nicht.
Und dann war er weg. Die Tür fiel ins Schloss wie schon bei so vielen anderen vor ihm.

ZEHN
Zac stieß die Eingangstür von Lucys Apartmenthaus auf und drängte sich durch die Meute der Paparazzi.
„Wo ist Lucy?“, rief jemand.
„Verraten Sie uns, wer Sie sind?“
„Wo ist sie seit Samstag gewesen?“
„Sind Sie der Grund, weshalb sie Brad vorm Altar hat stehenlassen?“
Zac schwieg verbissen zu diesem Bombardement von Fragen, den Blick starr geradeaus gerichtet. Rasch legte er den Weg vom Haus zu seinem Truck zurück und war froh über die Stille, die ihn umgab, als er wieder im Wagen saß.
Die Reporter standen immer noch am Eingang zu Lucys Haus. Er war ihnen offenbar nicht wichtig genug, dass sie ihn verfolgten, aber bei Lucy war das eine andere Sache.
Das ist nicht dein Problem.
Doch jetzt hatte er wieder das Bild von Lucys Gesicht vor Augen, als er gegangen war.
Sie war gespenstisch blass gewesen und hatte Panik im Blick gehabt. Entschlossen schob er das Bild von sich und fuhr los, aber sein Herz schlug wie wild, und er hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch.
Sie ist eine erwachsene Frau. Sie kommt schon zurecht.
Als er ein paar Minuten später auf dem Highway war, gab er Gas und schaltete das Radio ein. Es lief ein klagender Countrysong, und er suchte rasch einen anderen Sender mit heiterer Musik.
Lucy war wieder dort, wo sie hingehörte, und er auf dem Weg zurück in die Normalität. Auch wenn seine eigene Normalität nicht gerade berauschend war, konnte er damit leben. Das tat er ja schließlich schon, seit sie weg war. Scherben aufzukehren war nie besonders schön, und auch wenn sie eine weitere Kerbe in seinem Herzen hinterlassen hatte, nun … es würde schon wieder heilen. Irgendwann. Er hatte ganz vergessen, wie anziehend er ihren Südstaatenakzent immer gefunden hatte, ihre blauen Augen und das schöne Gefühl ihrer kleinen Hand in seiner großen.
Aber als sie sich vorhin in der Wohnung umgeschaut hatte, die ihr offenbar völlig fremd war, hatte sie wie schützend die Arme um ihre Mitte geschlungen und unendlich verloren gewirkt.
Sie hat doch ihren Verlobten. Der wird ihr schon beistehen.
Er musste aufhören, sich Gedanken um Lucy zu machen. Also drehte er das Radio lauter und versuchte, sich mit der Countrymusic abzulenken.
Inzwischen war es schon fast elf Uhr abends, Zeit für die Spätnachrichten. Ob sie wohl Lucys Geschichte bringen würden und schon bald die ganze Stadt über ihr Privatleben Bescheid wusste?
Warum sind Sie von Ihrer eigenen Hochzeit weggelaufen, Lucy? Sie werden ,die Ausreißerbraut‘ genannt.
Er runzelte die Stirn, während er vor sich auf die Straße starrte und die Worte der Reporter wie Soldaten durch seinen Kopf marschierten. Ob es wohl stimmte, was sie gesagt hatten? War sie deshalb allein in dem Lokal gewesen, wo sie gestürzt war? Hatte sie zum zweiten Mal einen Bräutigam am Altar stehengelassen? Der Kerl tat ihm fast ein bisschen leid.
Aber ein wenig beruhigte ihn dieser Gedanke auch, denn wenn er nicht der Einzige war, den sie hatte sitzenlassen, dann konnte es ja nicht nur an ihm liegen – nicht an ihnen –, sondern das Problem lag bei ihr.
Doch er schalt sich sofort für diesen Gedanken, denn es ging hier doch jetzt gar nicht um ihn, sondern es ging um Lucy.
Lucy, die keinen Verlobten mehr hatte.
Und wieso hatte der Typ am Telefon eigentlich nicht einmal erwähnt, dass Lucy ihn am Tag der Hochzeit hatte sitzenlassen? Das war schließlich eine nicht ganz unwesentliche Information. Und Zac wusste doch so gut wie nichts über den Mann. Die Tatsache, dass er mit Lucy verlobt gewesen ist, bedeutete ja nicht automatisch, dass er ein grundehrlicher Mensch war. Und da sie ihn noch nicht sehr lange gekannt haben konnte, war doch auch nicht auszuschließen, dass er ein richtiger mieser Typ sein konnte. Vielleicht hatte sie ihn ja deshalb abserviert.
Und wenn er etwas vor ihr geheim gehalten hatte, wie konnte sie dann wissen, dass er ihr nicht noch jede Menge andere Lügen auftischte – besonders jetzt, da sie sich an die letzten sieben Monate ihres Lebens nicht mehr erinnern konnte? Sie war jedenfalls zurzeit unglaublich angreifbar und verletzlich.
Und dann lässt du einfach zu, dass er ihr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist?
Sein Herz schlug jetzt schneller, und sein Atem ging in kurzen Stößen.
Tu’s nicht, Mann. Fahr nicht zurück.
Er packte das Lenkrad fest mit beiden Händen und wünschte, er hätte jetzt seinen Vater anrufen können. Der hatte nämlich die Fähigkeit gehabt, schnell und sicher den Kern einer Sache zu erkennen und deutlich zu machen, worum es eigentlich ging. Er hätte gewusst, was Zac jetzt tun sollte. Aber er war nicht mehr da, und Zac musste allein entscheiden.
Lucy gehörte nicht nach Summer Harbor, und sie hatte ihm schon einmal das Herz gebrochen. Daran hatte ihn Beau gestern Abend noch einmal erinnert, als er kurz vorbeigeschaut hatte, und danach in regelmäßigen Abständen per SMS. Er hatte Zac gedrängt, Lucy so schnell wie möglich wieder nach Portland zu bringen, denn er wusste, dass sie Zacs Kryptonit war.
Aber dann sah er wieder ihr Gesicht vor sich, als er gegangen war. Ihre Lippen hatten gebebt, und sie hatte Tränen in den Augen gehabt, als sie ihm die letzten Worte zugeflüstert hatte.
Im Grunde war ihm klar, dass er es einfach nicht fertigbrächte, sie dort allein zu lassen. Er schlug einmal heftig mit der flachen Hand aufs Lenkrad und dann noch einmal. Blöd, dumm …
Dann wechselte er auf die rechte Spur, fuhr bei der nächsten Ausfahrt wieder vom Highway ab und hoffte, dass er nicht gerade den größten Fehler seines Lebens machte.

Als es an der Tür klopfte, sprang Lucy vor Schreck auf, und ihr Herz begann wieder zu rasen. Hatten es die Reporter jetzt doch irgendwie geschafft, ins Haus zu gelangen? Als sie vor ein paar Minuten Zac hinterhergeschaut hatte, waren sie jedenfalls noch vorm Haus gewesen.
Vielleicht war es ja auch Brad, ihr Verlobter, der irgendwie erfahren hatte, dass sie wieder da war.
Hoffentlich nicht, denn sie fühlte sich im Moment wirklich nicht in der Lage, mit ihm fertig zu werden.
Sie ging durch das Wohnzimmer und den kleinen Flur, um durch den Spion zu schauen. Sie brauchte ja nicht zu öffnen. Sie legte also nur ganz leicht die Fingerspitzen an die Tür, beugte sich dann vor und machte große Augen, als sie Zac dort stehen sah. Er schaute zu Boden und sah extrem angespannt aus.
Zac! Ihr war völlig egal, weshalb er noch einmal zurückgekommen war, und sie war so froh, ihn zu sehen, dass sie heftiges Herzklopfen bekam und mit zitternden Händen die Tür öffnete.
Er fixierte sie mit seinem Blick, in dem irgendetwas aufblitzte – war es Zorn oder Frust?
Sie sah ihn an, um vielleicht einen Hinweis in seiner Miene zu finden, weshalb er zurückgekommen war, aber sein Blick war undurchdringlich.
Ihr Mund war ganz trocken vor Aufregung, und die Worte blieben ihr im Hals stecken. Hoffnung brach sich Bahn.
„Pack ein paar Sachen“, sagte er schließlich schroff. „Und beeil dich.“
Überrascht atmete sie aus und fragte: „Nimmst du mich mit nach Hause?“
„Du kommst mit mir“, sagte er angespannt. „Aber nur, bis dein Gedächtnis wieder da ist.“
Die Anspannung, von der sie gar nicht gewusst hatte, wie stark sie war, fiel von ihr ab, und stattdessen erfasste sie ein heiteres, beinah schwindelerregendes Gefühl. Sie spürte, wie ihr die Tränen kamen, und presste sich eine Hand auf ihr pochendes Herz.
„Komm, mach schon“, sagte er knapp. „Diese Geier sind immer noch da draußen, und ich möchte heute Nacht wenigstens noch etwas Schlaf bekommen.“
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